Briefe auf einer Reise aus Lothringen

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Zwölfter Brief

Pyrmont, den 18ten Junius.

Seit drey Tagen wandle ich hier unter einem Haufen von Menschen aus allerley Gegenden umher, die theils Gesundheit, theils Zerstreuung und Freude suchen; indessen ist, wie ich es erwartet hatte, die Gesellschaft in diesem Jahre, wenigstens bis jetzt, noch nicht so groß, wie sie sonst zu seyn pflegt, weil alles nach den Rhein-Gegenden hinströmt.

Sie kennen, mein Lieber! Pyrmont und die schöne bergige Gegend umher; also kein Wort darüber! Ich habe einige alte Bekannte hier angetroffen und ihnen das Lebewohl gesagt, denn morgen fahre ich nach Meinberg. Es kömmt mir zuweilen der Gedanke ein, vor meiner Abfahrt nach Amerika mich in den Zeitungen allen meinen Freunden zu gütigem Andenken zu empfehlen. Wenigstens wäre der Einfall nicht so sonderbar wie der des Freyherrn Ecker von Eckhofen, der am vorigen ersten Januar im hamburgischen Correspondenten seinen sämtlichen Bekannten ein fröhliches Neujahr wünschte.

Diesen Brief werde ich in Meinberg fortsetzen. Bis dahin, bester Freund! leben Sie wohl.

 

Meinberg, den 20sten.

Der Anblick so vieler gebrechlichen, leidenden Menschen, die hier nicht, wie in Pyrmont, sich unter einem großen Haufen solcher Personen verlieren, die bloß ihres Vergnügens wegen hinreisen, ist in der That für den gefühlvollen Menschenfreund nichts weniger wie angenehm. Indessen erheitert dann wieder der Gedanke, daß so Mancher Rettung, Hilfe oder wenigstens Erleichterung seiner Plagen hier findet. Übrigens zieht der geschickte Brunnen-Arzt wohl ebensoviel Kranke nach Meinberg wie die mineralische Quelle. Viele bedienen sich auch gar nicht des Bades, sondern der Arzeneyen des Geheimenraths Trampel. Aber das Wasser hat doch wundersame Kräfte, und man wird wenig kalte Quellen finden, deren Ausdünstungen einen so reichen Gehalt mineralischer Theile verrathen. Wenn man zu dem mit einer Befriedung umgebnen Brunnen hinabsteigt und nur wenig Secunden dasteht, fühlt man, wie von unten herauf eine wohlthätige Wärme sich in allen Gliedern des Cörpers verbreitet. Bückt man sich aber so, daß der Kopf nicht mehr, über dem eingeschlossenen Bezirke, der freyen Luft ausgesetzt ist, so pressen die mephitischen Dünste den Augen Thränen aus und betäuben endlich die Sinne. Mein Hund, der mit mir hinuntergelaufen war, weil er die Gefahr nicht kannte (denn die hiesigen Hunde lockt man vergebens herbey), fiel nach einem paar Minuten sinnlos hin, erholte sich aber gleich wieder, sobald er in die freye Luft getragen wurde. Vögel und Insecten holen den Tod, wenn sie sich hierher verirren. Für die Gemächlichkeit der Cur-Gäste ist gesorgt; Zimmer, Betten, Speisen und Getränke, alles ist reinlich, gut und wohlfeil; auch finden Fremde, die zum Vergnügen hierherkommen, besonders des Sonntags Veranstaltungen zu Tanz und Spiel. Eine Art von Garten, der aus Alleen, Hecken und Buschwerken besteht und in oder an welchem alle Gebäude liegen, dient den Cur-Gästen zum gewöhnlichen Spaziergange. Außerdem aber hat man auch in der umliegenden Gegend Gelegenheit, sich zu vergnügen. Hierher rechne ich die kleinen Lustreisen nach Detmold, das nur eine kurze Meile von Meinberg entfernt liegt und von woher ich soeben zurückkomme.

Detmold ist eine nicht große, nicht schön gebauete Stadt, aber es wohnen viel gute, gesellige und einige sehr gebildete, interessante Menschen hier. Der General-Superintendent Ewald und Passavant, die Beyde Ihnen nicht unbekannt seyn können, stehen als Prediger bey der reformierten Haupt-Kirche, sind vertrauete Freunde und arbeiten gemeinschaftlich daran, durch ihre seelenvollen Kanzel-Vorträge auf Herz, Kopf und Sitten der Gemeinde zu wirken. Ich kenne Beyde schon lange, habe aber noch nie einen geistlichen Redner gefunden, der meinem Gefühle nach in solchem Grade wie Ewald die Gabe hätte, zu rühren, zu überzeugen und, wo es der Gegenstand fordert, zu erschüttern. Was er sagt und wie er es sagt, so reißt es die Zuhörer aller Classen hin. Es ist alles im höchsten Grade populär, ohne gemein und platt zu werden; Ton, Anstand und Gebärden-Sprache nehmen unwiderstehlich ein, ohne je in das Theatralische zu fallen. Ganz so brillant ist Passavants Vortrag nicht; aber der edle, gefühlvolle, feine, liebenswürdige Character des Mannes liegt offen da, wenn er redet. Beyde Freunde haben auch Mittel gefunden, in den sonst so kalten öffentlichen reformierten Gottesdienst mehr Herzlichkeit und Würde zu legen. Ein gut besetztes Singe-Chor wechselt im Gesänge mit der Gemeinde ab und fällt, bey vorzüglich nachdrucksvollen Stellen in den Predigten, unvermuthet mit kräftigen Versen aus einem Liede ein. Auch für die Verbesserung der Landschulen sorgt Ewald unermüdet. Da er an der Spitze der Geistlichkeit im ganzen Lande steht und von der Regierung unterstützt wird, so findet er nicht die Schwierigkeit, die wohl in andern Provinzen nöthigen Verbesserungen im Wege stehen; allein er verfährt auch bey allen Neuerungen mit einer Vorsicht, die ihm allgemeines Zutraun und Folgsamkeit zusichert.

Einige zum fürstlichen Schlosse gehörige Gebäude sind neu und schön gebauet; auch die Neustadt mit der darinliegenden Alexanders-Burg, welche von der verwitweten Fürstin bewohnt wird, hat ein freundliches Ansehn. Nach dieser Seite hin findet man denn auch nahe bey der Stadt die herrlichsten Spaziergänge, besonders bey dem sogenannten krummen Hause, wo der vorige Landesherr durch die geschmackvollen Pflanzungen und Anlagen der ohnehin dort so schönen Natur zu Hilfe gekommen ist. Übrigens ist noch die Gegend von Detmold merkwürdig durch die Schlachten der Römer gegen die Teutschen, besonders durch die Niederlage des Heers, das Varus gegen unsre tapfern Voreltern anführte.

Ich denke, morgen mit Tages Anbruche von hier nach Hannover zu reisen, wo dann sogleich dieser Brief auf die Post geschickt werden soll. Möchte er Ihnen nur keine Langeweile machen, sondern Sie überzeugen, wie viel Vergnügen bey jeder Unterhaltung mit Ihnen empfindet Ihr etc.

 

Dreyzehnter Brief

Hannover, den 28sten Junius.

Acht Tage hindurch, von denen ich drey im Bette zugebracht, habe ich die Feder liegen lassen. Eine kleine Verkältung, der ich mich auf der Reise von Meinberg hierher ausgesetzt hatte, zog mir ein Flußfieber zu, welches jedoch nicht so heftig wurde, daß ich der Hilfe ein Arztes, Wundarztes noch Apothekers bedurft hätte; wäre das aber der Fall gewesen, so würde ich hier in Hannover doch keine ängstliche Unruhe für mein Leben empfunden haben. Wo man so edle, geschickte, sanfte und menschenliebende Männer, wie Wichmann, Lampe und Andreä sind, zu Hilfe rufen kann, da darf man schon gutes Muths mit dem dürren Knochenmanne, er packe uns auch an, wie er wolle, den Kampf beginnen. Ich nenne nur diese Drey, weil sie auch auswärts bekannt sind; denn außerdem hat diese Stadt noch mehr sehr würdige Ärzte, die sich, soviel ich weiß, nicht grade durch Schriften berühmt gemacht haben, aber, bey ihrer Sorgfalt für das Wohl der Nebenmenschen, darum nicht weniger verehrungswerth sind. Überhaupt scheint es nicht, als wenn Schriftstellerey hier so sehr Ton wäre wie in manchen andern Provinzen von Teutschland, und doch habe ich, sooft ich diese Reise gemacht, und auch jetzt Wieder, die Bemerkung erneuert, daß man in wenig Städten unter den Geschäftsleuten aller Art so viel fein cultivierte, unterrichtete Männer antrifft und die an ausgebreiteter Belesenheit manche eigentliche Literatoren vom Handwerke beschämen könnten, wie hier, in Braunschweig und überhaupt in Niedersachsen. Das bringt dann Geist und Leben in die geselligen Cirkel, besonders in die kleinern; und was kann reizender seyn, als des Abends an einem runden Tische, mit einer auserlesenen Gesellschaft so gebildeter Menschen, ein sokratisches Mahl zu halten, von welchem alles eitle Gewäsche verbannt ist; wo Philosophie des Lebens und wissenschaftliche Kenntnisse und Theorie der schönen Künste und feine Critic den Gegenstand der Unterhaltung ausmachen und den reinsten Genuß gewähren; wo man seine Gedanken gegen bessere austauschen, seine nicht bestimmten Ideen berichtigen kann.

Wo feiner Witz, wo echte, heitre Laune
Das ernste Wort der Weisheit würzt;
Wo Lästerung und niedre Schadenfreude
Kein fröhliches Gespräch entweyhn;

und wo, wenn man die Gesellschaft verläßt, man nie jene unerträgliche Leere oder jene Betäubung fühlt, die wir gewöhnlich von Schmausereyen mit nach Hause bringen, die uns mißlaunig und noch am folgenden Morgen zur Arbeit untüchtig macht! Ich habe das Glück gehabt, bey sehr verehrungswürdigen Damen hier in Hannover und in einigen Häusern in Braunschweig manchen Abend auf diese Weise recht froh hinzubringen, und man muß zum Lobe des schönen Geschlechts sagen, daß es grade jene Damen sind, welche den Ton, zu solchen Gesellschaften auch Personen von verschiednen Ständen einzuladen, hier unter dem Adel eingeführt haben.

Übrigens sind die festgesetzten Assembleen der abgesonderten Rang-Ordnungen hier noch wie vormals getrennt, und es scheint nothwendig, daß sie getrennt bleiben. Hannover ist nicht so klein, daß Ein Haus ohne Ungemächlichkeit alles, was man des gens comme il faut nennt, fassen könnte, und doch auch nicht groß genug, um, ohne jemand zu beleidigen, sich unbemerkt aus dem ganzen Haufen den Cirkel seiner Gesellschaft zu wählen. Es ist also nothwendig, daß man sich bestimmte Grenzen setze; und da scheint es doch am natürlichsten zu seyn, daß man hierbey auf Verhältnisse von Familien, Stand und gleicher Lebensweise Rücksicht nehme. Indessen sind diese Grenzen nicht so strenge gezogen, daß nicht sehr oft mehrere Classen sich zu gemeinschaftlichem Vergnügen vereinigen sollten. Ohne von den vorhin erwähnten Soupers zu reden, so versammeln sich in den männlichen Clubs Personen aus allen gesitteten Ständen, und Piquenicks, Concerte und andre Parthien von der Art bringen auch die Damen von verschiedner Rang-Ordnung zusammen. Wenn ich eben den Ausdruck: Personen von gleicher Lebensweise gebraucht habe, so habe ich dadurch nicht feine Lebensart bezeichnen wollen, denn wahrlich, bey der Sorgfalt, die hier auf Erziehung verwendet wird, sieht man darin keinen andern Unterschied, als den natürliche Talente, Anlagen, Empfänglichkeit und höchstens die mehr oder mindern Glücks-Umstände bewirken können, denn sie treffen hier Damen bürgerlichen Standes an, die an jedem Hofe die Rolle einer Oberhofmeisterin übernehmen könnten.

Das hannöverische Militair gewährt einen angenehmen Anblick; von den Waffen-Übungen und kriegerischen Evolutionen verstehe ich wenig, doch scheinen mir die Soldaten darin sehr geschickt. Allein das weiß ich, daß es größtentheils schöne Leute, daß sie sehr vortheilhaft gekleidet sind und daß das Corps der Officiere aus gebildeten, geschickten, feinen, gesitteten und bescheidnen Männern und Jünglingen besteht. Hierzu tragen nicht wenig die beyden Militair-Schulen bey, deren Eine vorzüglich der Artillerie gewidmet ist. In beyden aber werden alle Haupt- und Hilfs-Wissenschaften gelehrt, die einen vollkommnen Kriegsmann bezeichnen; jedem Officiere ist vergönnt, an dem Unterrichte Theil zu nehmen; von Zeit zu Zeit werden öffentliche Prüfungen angestellt, und Diejenigen bleiben nicht unbemerkt, die sich durch Fleiß und gute Fortschritte auszeichnen. Unter den geschickten, bey diesen Militair-Schulen angesetzten Lehrern muß ich Ihnen den Hauptmann Scharnhorst nennen, den ich seiner gründlichen Kenntnisse, seiner edeln Bescheidenheit und seines sanften Characters wegen gleich hochschätze.

Uberhaupt verdient die Sorgfalt der Regierung für die Bildung der Mitbürger lauten Beyfall. Welche große Summen werden nicht jährlich auf die Universität Göttingen verwendet! und das nicht etwa bloß zu Besoldung der geschickten und berühmten Männer, die man als Professorn dahin beruft, sondern auch zu Vervollkommnung der einzigen Bibliothek in ihrer Art, zu Anschaffung aller Hilfsmittel für die Studierenden in den verschiednen Fächern und zu Verschönerung der Stadt. Ich war vor zwey Jahren dort, fand alles umgeschaffen, eine Menge schöner neuer Häuser erbauet und hatte die Freude, meinen alten, lieben Lehrer, den würdigen geheimen Justizrath Böhmer, diesen verehrungswerthen, noch immer muntern und in seinem Berufe unermüdet thätigen Greis wiederzusehn.

Das Gymnasium in Ilfeld und die Ritter-Academie in Lüneburg haben kürzlich eine gänzlich veränderte, unserm Zeitalter angemessenere Verfassung bekommen. Nicht weniger Aufmerksamkeit wird der Menge größerer und kleinerer Stadt-Schulen gewidmet. Was aber in so manchen Ländern leider! gänzlich vernachlässigt wird, nämlich der Unterricht und die Bildung des Landvolks, ist hier nicht weniger ein Gegenstand der landesväterlichen Sorgfalt. Das hiesige Schulmeister-Seminarium kann allen ähnlichen Anstalten zum Muster dienen. Der verstorbne würdige Koppe hat große Verdienste um die Verbesserung dieses Seminariums, und der jetzige Inspector, Herr Hoppenstedt, ein Mann von Kopf und Herz, besitzt alles, was dazu gehört, einem solchen Werke vorzustehn.

Die Stadt ist seit der Zeit, daß ich nicht in diesen Gegenden gewesen bin, so verschönert worden, daß ich manche Theile derselben kaum wiedererkannt habe. Wälle sind abgetragen. Gräben ausgefüllt und auf diesen Plätzen Alleen gepflanzt, englische Gärten angelegt und Häuser erbauet; schöne, neue steinerne Bogen stehen an der Stelle der alten fürchterlichen Zugbrücken, und finstre, gothische Gebäude, wodurch die freye Aussicht versperrt wurde, sind weggerissen. Für die Gesundheit der Einwohner wird nicht weniger wie für die Annehmlichkeit gesorgt. Durch die Hauptstraßen der Stadt geht ein unterirdischer Canal, in welchem fließendes Wasser allen Unrath aus den Gassen-Rinnen und was sonst hineingeleitet ist, mit sich fortnimmt und in den Leine-Strom führt. Der Canal ist so geräumig, daß man in einem Nachen darauf unter der Erde hinfahren kann. Dies kostbare, zu Reinigung der Luft und zur Hilfe bey Feuersgefahren gleich nützliche Werk fällt niemand in die Augen; das Steinpflaster bedeckt es, und keine prahlerische Inschrift, wie man sie in mancher andern Stadt, wenn von einer ähnlichen Anstalt die Rede wäre, gewiß irgendwo angebracht haben würde, macht darauf aufmerksam. Ich habe Ihnen schon einmal bey einer andern Gelegenheit gesagt, daß dies der Character aller hannoverschen Anlagen und öffentlichen Gebäude ist, nämlich daß sie dauerhaft, nützlich und zweckmäßig gemacht werden, ohne ein Schild dabey auszuhängen, das laute Bewundrung erzwingen oder Aufsehn erregen sollte.

Die Erleuchtung der Stadt in den Herbst- und Winter-Monaten ist sehr gut und überhaupt die Polizey, was die Reinhaltung der Straßen, Feuer-Ordnung und dergleichen betrifft, vortrefflich. Die Anstalten bey Feuers-Noth sind durch gemeinschaftliche Abrede der sämtlichen hiesigen Krämer vervollkommnet worden. Sie haben nämlich eine Anzahl großer Säcke verfertigen lassen und unter sich ausgetheilt; sobald nun in dem Hause oder in der Nachbarschaft eines ihrer Amts-Genossen Feuer ausbricht, eilen sie Alle mit ihren Säcken hin. Jeder hat seine verabredete bestimmte Arbeit; der Eine nimmt die Handelsbücher in Empfang, der Andre füllt diese Ware in seinen Sack, der Dritte jene. In kurzer Zeit ist alles ausgeräumt, und der Eigenthümer weiß, an wen er sich zu halten hat.

Hannover ist nach Verhältnis seiner Größe stark bevölkert, besonders die Altstadt; die Menge der Equipagen aber beweist, daß auch viel wohlhabende Leute hier wohnen. Sie gehören größtentheils in Bedienung stehenden Personen, die sehr gut besoldet werden; allein, wie fast aller Orten, so reißt auch hier der Luxus jeder Art unter den Einwohnern aller Classen ein, obgleich es damit in manchen Artikeln noch nicht so weit getrieben wird wie in Hamburg. In Braunschweig ist dies weniger der Fall; einige sehr reiche Häuser machen zwar großen Aufwand; aber der Mittelstand und die geringem Stände leben einfach und mäßig, und der Hof, bey welchem es übrigens an nichts fehlt, was Anstand und guter Geschmack fordern können, geht darin mit gutem Beyspiele vor ? Doch das alles werden Sie ja in der nächsten Messe selbst sehn.

Die hiesige königliche Büchersammlung ist nur in dem Fache der Geschichte, besonders der vaterländischen, ansehnlich. Übrigens wird, wie es sehr vernünftig ist, mehr an die göttingensche Bibliothek verwendet.

Die schönen Künste werden nicht vernachlässigt; die Regierung läßt talentvolle Maler auf königliche Kosten reisen: es wird ein Orchester unterhalten; unter den hiesigen Music-Liebhabern sind Einige, die mit Tonkünstlern vom Handwerke wetteifern könnten, und der Hof gibt einer teutschen Schauspieler-Gesellschaft nebst der Erlaubnis, auf dem Opern-Theater im Schlosse spielen zu dürfen, jährlich einen ansehnlichen Zuschuß an barem Gelde.

Dieser Brief, denke ich, ist nun lang genug; auch will ich ihn jetzt schließen und auf die Post schicken. Wenn Ihnen meine Geschwätzigkeit zuweilen lästig wird, so haben Sie Nachsicht mit mir in Betracht der wahren Freude, die ich empfinde, sooft ich mich mit Ihnen unterhalten und beschäftigen kann! Gönnen Sie mir diese, und seyn Sie versichert, daß niemand Ihnen herzlicher und hochachtungsvoller zugethan ist wie Ihr etc.

 

Vierzehnter Brief

Celle, den 30sten Junius.

Es war nicht eigentlich in meinem Plane, hierherzureisen, aber ich bin leicht zu verführen; ein guter Mann, den ich in Hannover kennenlernte und der hier Geschäfte hatte, schlug mir vor, ihn zu begleiten; so fuhr ich denn auf ein paar Tage mit.

Wir kamen gestern mittag hier an und speisten in unserm Gasthofe an der Wirthstafel. Außer einigen einheimischen Tischgästen war noch ein Fremder gegenwärtig; ein junger Mann, dessen Gesichtsbildung mir sehr gefiel und der neben mir zu sitzen kam. Mein Reise-Gefährte hatte gleich nach dem Essen Geschäfte in der Stadt; wir verabredeten, daß ich zu Hause bleiben und seine Rückkunft erwarten wollte, um dann mit ihm in ein Concert zu gehn; die Übrigen gingen gleichfalls fort, bis auf den Fremden nach, der, als er sah, daß ich blieb, Lust zu haben schien, mir Gesellschaft zu leisten und ein Gespräch, in welches wir miteinander gerathen waren, fortzusetzen. Ich glaubte Züge von Schwermuth auf des jungen Mannes Gesichte gelesen zu haben, und das machte mich neugieriger, wie ich sonst zu seyn pflege, ein wenig genauer von seiner Lage unterrichtet zu werden. Er war ohne Mühe zu bewegen, mir seine Begebenheiten zu erzählen, vielmehr schien es, als fühlte sein Herz ein Bedürfnis, sich mitzutheilen; ich ermunterte ihn also dazu, bestellte noch eine

Flasche guten Wein, und er berichtete mir, was ich Ihnen hier aufzeichnen will, nicht um Ihre Sammlung trauriger menschlicher Geschichten unnützer Weise zu vermehren, sondern, wie Sie hernach hören werden, weil ich Ihnen das Vergnügen zugedacht habe, einem guten Jünglinge bessere Aussichten zu eröffnen.

Herr F*** ist der Sohn eines Mannes, der in der Hauptstadt des Fürsten von *** einen beträchtlichen Tuchhandel en Gros und en Detail trieb. Er hatte die Lieferung für den Hof und für die Häuser der Vornehmen, welche zu ihren eignen Kleidern und zu den Livreen ihrer Bedienten die Waren bey ihm ausnahmen. Dies Gewerbe hatte ihn in Wohlstand versetzt; allein niemand ist mit seiner Lage zufrieden; man beneidet andre Stände, ohne zu bedenken, daß jeder seine geheimen Plagen hat; dem alten F*** mißfielen manche Dinge bey seinem Handel: der geringe Grad von äußerer Achtung, den man leider! in den Residenzen den Leuten bezeugt, die nicht in öffentlichen Ämtern, nicht in den Diensten der Fürsten stehen; der Übermuth, mit welchem ihm, dem freyen Manne, die sogenannten Gelehrten, die Hof-Sclaven und Miethlinge, ja! jeder unbedeutende Schreiber bey einem Collegio begegnete; die Abhängigkeit seines Gewerbes von der Mode; die Bücklinge, die er machen mußte, um seine Kunden nicht zu verlieren; das Creditgeben und andre Unannehmlichkeiten. Er glaubte also, für seinen Sohn (außer einer Töchter sein einziges Kind) recht väterlich zu sorgen, wenn er ihn studieren ließ, damit er einst in die höhern Classen hinaufrücken und den Vorzug genießen könnte, mit einem Degen an der Seite in den Zimmern der Großen einen Katzenbuckel zu machen. Seine Frau, die sehr eitel war und Aufwand und Glanz liebte, bestärkte ihn in dem Vorhaben. Sobald er diesen Entschluß gefaßt hatte und der junge F*** so weit war, daß er seine Studien auf der Universität beginnen konnte, fing der Vater nach und nach an. seine Handlung weniger emsig zu treiben, machte Anstalt, seine ausstehenden Schulden einzucassieren, und wollte dann von seinen Renten in Ruhe leben.

Allein von diesem Augenblicke an verfolgte ihn zahlloses Unglück; seine Tochter, welche von der Mutter, statt still, häuslich und bürgerlich erzogen zu werden, in alle Comödien, Concerte, auf Mascaraden, Bälle und wo sie nur irgend ihrem Stande nach erscheinen konnte, war geführt, an Müßiggang und Romanen-Lectüre gewöhnt worden, hatte einen Liebeshandel mit einem Werbe-Officier angefangen, der sie entführte und, da der alte F*** nun nichts mehr von ihr wissen wollte, ihm ein Capital abnöthigte, wogegen sie Verzicht auf die väterliche Erbschaft thun mußte; ein paar Bankerotte von Leuten, mit denen er große Geschäfte gemacht hatte, brachten ihn um zwey andre Capitale. Die vornehmen Herrn, welche ihm beträchtliche Summen schuldig waren und denen es nie an Louisdor fehlte, wenn sie am Pharao-Tische saßen, die auch ihre Pferde-Lieferanten und ihre Maitressen pünctlich und reichlich bezahlten, ließen doch bey den Kaufleuten und Handwerkern immer darauf los in das Buch schreiben und fanden es sehr grob, wenn ein Solcher sich unterstand, seine Rechnung einzugeben und um Bezahlung zu bitten. Diejenigen unter ihnen, deren Casse wirklich nicht leer war, glaubten doch das bare Geld besser nützen zu können.

Statt des gehofften Wohlstandes also rettete der alte F***, als er seinen Handel aufgab, nur ein sehr geringes Vermögen, das durch die fortdauernde Verschwendung seiner Frau gänzlich schmolz, und als er bald aus Gram und Langerweile starb und seine theure Ehehälfte ihm in wenig Wochen nachfolgte, erbte sein Sohn außer einigen bey den hohen Herrschaften ausstehenden, nicht einzutreibenden Schulden kaum so viel, daß er seine Studien in Leipzig vollenden konnte. Ein nachlässiger Vormund, und der auch, seiner bürgerlichen Verhältnisse wegen, nicht den Muth hatte, die Forderungen seines Mündels ernstlich geltend zu machen, vollendete das Werk, ihn in Armuth zu stürzen.

Der junge F*** hatte seine Zeit auf der Universität nicht verschwendet; er hatte sich gründliche juristische Kenntnisse erworben; nebenher aber ein wenig von der verführerischen Muse der Dichtkunst in das Garn gelockt, machte er Verse und lieferte manches Blatt zu den kleinen, artigen Musen-Almanachs, die einen so vorzüglichen Beweis von der Vervollkommnung unsrer Dichtkunst geben.

Er wollte nun bald Leipzig auf immer verlassen, um, wie er sich schmeichelte, durch die Freunde seiner Eltern in der Vaterstadt ein Ämtchen zu erhalten; allein eine Reise, die er vorerst in den Ferien dahin unternahm, zerstörte diese Hoffnung; er wurde kalt und trocken empfangen; man rieth ihm zu advocieren; da er aber, wenn er sich dazu entschlossen, vorerst aus seiner Tasche hätte leben müssen und sein Vormund ihn mit seiner gänzlichen Armuth bekanntmachte, kehrte er traurig nach Leipzig zurück, ungewiß, was er nun beginnen sollte.

In dieser Zeit kam der Herr Justiz-Minister von *** zur Messe dahin. Er war, wie bekannt, ein großer Rechtsgelehrter, hatte aber auch die Eitelkeit, für einen schönen Geist gelten zu wollen und als Mäcenat andre schöne Geister zu beschützen. Weil ein solcher Mann, wenn er einen Ort besucht, wo eine Universität ist, nicht verfehlt, sein Licht bey den Professorn leuchten zu lassen, denen mehrentheils nicht viel mit dem Besuche eines so vornehmen Gelehrten gedient ist, weil die Weisern unter ihnen ihre Zeit besser anzuwenden wissen, die Andern aber weniger geneigt zu seyn pflegen, Weyhrauch auszuspenden, wie selbst Weyhrauch zum Opfer anzunehmen, so zeigte er denn auch seine hohe Person allen dortigen Männern von Ruf und Bedeutung. Einer unter Diesen, der dem Herrn F*** sehr gewogen war, nützte den Zeitpunct, um seinen jungen Freund zu empfehlen. Der Justiz-Minister wünschte ihn zu sehn, fand Wohlgefallen an ihm und versprach ihm seine Protection: »Kommen Sie«, sagte er, »zu uns nach ***! Ich will Ihnen Wohnung und Tisch geben; und was sonst zu Ihrem Unterhalte erforderlich ist, können Sie durch Advocieren erwerben. Ich will Sie bestens empfehlen, und wenn Sie erst ein paar Processe mit Erfolg geführt oder eine Curatel erlangt haben, ist Ihr Glück gemacht. Vielleicht kann ich auch in der Folge noch mehr für Sie thun; aber ich bin der Mann nicht, der größere Versprechungen gibt, wie er gewiß zu halten versichert seyn kann.« Herr F*** nahm mit der lebhaftesten Dankbarkeit dies Anerbiethen auf und folgte seinem Gönner nach ***.

Wenn es darauf ankömmt, die Bedürfnisse ärmerer Leute zu berechnen, so pflegen die vornehmen und reichen Herrschaften nicht sehr richtig zu calculieren. Unser Herr Minister glaubte seine Großmuth aufs höchste anzustrengen, indem er dem jungen Manne Tisch und Wohnung gab; daß aber mehr zum menschlichen Leben gehört wie ein Obdach und eine Mahlzeit; daß in einer Stadt Kleider, Schuhe, Wäsche, Friseur und kleine unerwartete Ausgaben auch Geld wegnehmen; daß alle diese Bedürfnisse verdoppelt werden, wenn man sich täglich in dem Hause eines Ministers mit einigem Anstände zeigen muß; das fiel ihm nicht ein, und, die Wahrheit zu gestehn, der junge Mann hatte das auch nicht überlegt.

Freylich sollten ihm die Mittel dazu durch die versprochne Praxis verschafft werden; allein die Art, wie ihn sein Beschützer gelegentlich empfahl und wie überhaupt die Großen sich mehrentheils der Sachen ihrer Schutzbedürftigen annehmen, war eben nicht gemacht, ihm glänzende Aussichten von dieser Seite zu eröffnen. »Apropos!« pflegte wohl der Minister zuweilen in Gesellschaft zu sagen. »Apropos! wenn Sie einmal einen wichtigen Proceß haben, so nehmen Sie doch den geschickten jungen Menschen, den ich aus Leipzig mitgebracht habe, zu Ihrem Advocaten an!« Einige Reverenze waren dann die gewöhnliche Antwort. Man hatte Zutraun zu gewissen ältern Sachwaltern, die schon im Rufe standen; und dabey blieb es. Zuweilen einmal verlor sich wohl ein armer Bauer zu unserm Advocaten und ließ sich von ihm eine Supplic aufsetzen. Ging es aber an die Bezahlung, so war der Mensch so dürftig, daß der gute F*** sich noch reich und gutherzig genug fühlte, ihm unentgeltlich zu dienen.

Dazu kam, daß der Herr Minister für seine Wohlthaten gewaltig viel Rücksichten forderte. F*** mußte fast immer zu Hause seyn, um bey dem ersten Winke erscheinen zu können, wenn es darauf ankam, holprige Verse zu lesen und zu bewundern, die sein Mäcen in den Erholungsstunden zusammengeleimt hatte. Dies raubte ihm auch die Gelegenheit, sich in der Stadt Bekanntschaften zu erwerben.

Ein kleines Sümmchen Geldes hatte er noch aus dem väterlichen Schiffbruche gerettet; dies war, nach Abzahlung einiger unbedeutenden Schulden in Leipzig und nach Bestreitung der Reisekosten, bis auf einige Louisdor geschmolzen. Dieser Rest ging nun auch bald durch die Finger, und endlich wurde, in noch immer fortwährender Hoffnung einer ausgebreiteten Praxis, manches hie und da auf Rechnung ausgenommen. Allein F*** ist ein rechtschaffner Mann; er verabscheuete den Gedanken, Schulden zu machen, wovon er ungewiß war, ob er sie je würde bezahlen können. Desfalls beschloß er, seine Verlegenheit ohne Rückhalt seinem Gönner zu entdecken und sich von ihm Rath zu erbitten.

Er hatte diesen Vorsatz grade an einem Abende gefaßt, als der Minister ihn zu sich rufen ließ. Seine Excellenz hatte nämlich mit gewaltigen Geburtsschmerzen den ersten Gesang eines Heldengedichts: die pariser Bluthochzeit betitelt, zur Welt gebracht und wünschte nun, daß der junge F*** das Kindlein ein wenig streicheln und anlächeln möchte. Doch bat er ihn eigentlich sehr dringend, recht offenherzig seine Meinung darüber zu sagen, es mit auf sein Zimmer zu nehmen und, wie er, jedoch nur schmunzelnd, hinzufügte, ohne Umstände wegzustreichen, was ihm nicht edel, nicht dichterisch, nicht harmonisch genug vorkäme. Der arme F***, unerfahren in der Sprache der Großen, hielt diese Erlaubnis oder vielmehr Bitte für ernstlich gemeint, steckte das Product ein, empfahl sich und ging sogleich an die Arbeit.

Nun waren diese Verse von allen hochadligen Versen, die je unter der Sonne sind geschrieben worden, selbst die des Herrn von Trenck und die meinigen nicht ausgenommen, vielleicht die schlechtesten. Da sie aber nächstens gedruckt werden sollten, so hielt es der junge Mann wirklich für Pflicht gegen seinen Wohlthäter, in der Critic strenge zu seyn. Zwar unterstand er sich nicht, in dem schon in das Reine geschriebnen Hefte etwas auszustreichen; aber er legte einen Bogen voll Bemerkungen hinzu und überreichte am folgenden Abende beydes ehrerbiethig dem stiftmäßigen Dichter. Seine Excellenz lächelte freundlich, als sie den einliegenden Bogen bemerkte, denn sie hoffte, es würde sich auf demselben Herr F*** recht im Lobe seines Gönners ausgebreitet haben: »Gut, gut, mein lieber F***!« sprach der Minister, »ich habe jetzt nicht Zeit; ich möchte Ihre Critic gern recht mit Muße lesen. Kommen Sie morgen früh um acht Uhr wieder! da wollen wir weiter davon reden.«

Der junge Mann ging am andern Tage zu der bestimmten Stunde hin; und da ihm sein Haupt-Anliegen mehr am Herzen lag wie das Gespräch über ein schlechtes Gedicht und er fürchtete, es möchte vielleicht abermals eine Störung vorfallen, wenn er nicht den ersten Augenblick ergriffe, fing er gleich, sobald er sich dem Stuhle Seiner Ecxellenz genähert hatte, mit den Worten an: »Ich muß es wagen, Ihro Ex -«. Als er dies Ex über seine Lipen gebracht hatte, wendete sich der Minister mit einem Gesichte zu ihm hin, das freylich nicht geschickt schien, ihm Muth und Hoffnung zu geben. Dennoch fuhr F*** fort zu reden; er dankte seinem Beschützer für die vielfachen Wohlthaten, die er in seinem Hause genossen, suchte es ihm aber anschaulich zu machen, daß er dennoch in der Residenz bey der geringen Praxis nicht auskommen könnte. Endlich entdeckte er ihm, daß er fünfzig Thaler Schulden hätte und sich auf keine Weise weder zu rathen noch zu helfen wüßte.

»Dachte ichs nicht!« rief der Minister, noch ehe F*** gänzlich geendigt hatte. »Dachte ichs nicht, daß es so gehn würde? Erfahrung hätte mich klüger machen sollen. Das ist immer das Ende vom Liede. wenn man sich aus gutem Herzen mit solchen jungen Herrn einläßt. Hätte man besser gewirthschaftet und fleißiger gearbeitet und sich nicht ganz darauf verlassen, daß andre Leute für alles sorgen sollen, so brauchten wir jetzt nicht zu lamentieren. Aber es scheint, als wenn man lieber andrer Leute Arbeiten critisiert wie selbst Hand anlegt. Nun sitzen wir da.«

Der junge Mann wollte Vorstellungen machen, wurde aber nicht zum Vortrage gelassen. »Sey Er nur still, junger Herr!« hieß es. »Ich verstehe alle Worte. Die fünfzig Thaler will ich bezahlen, des Publicums wegen; auch ist ja des Herrn critische Arbeit an meinem Gedichte unter Brüdern so viel werth. Dann sehe Er sich in Gottes Namen nach einer andern Versorgung um! Ich rathe allenfalls, vorn Recensieren zu leben; dazu scheint der Herr große Anlagen zu haben.« u. s. f.

Herr F*** empfand bey dieser Spott-Rede, was jeder Mann von Ehre dabey müßte empfunden haben. Er stand einen Augenblick bey sich an, ob er die fünfzig Thaler annehmen sollte; doch da er nur die Wahl hatte, entweder von einem schlechten Manne gedemüthigt zu werden oder ehrliche Gläubiger zu betrügen, machte er aus der Noth eine Tugend, nahm das Geld, bezahlte seine Schulden, verkaufte sein bestes Kleid und seine Uhr, um noch ein wenig Reisegeld zu erlangen, und verließ die Stadt, ohne eigentlich zu wissen, wohin und mit welcher Aussicht für die Zukunft. In Leipzig, wo er einst im Wohlstande gelebt hatte, wollte er sich ungern sehn lassen; und da in der Gegend von Celle einer seiner Verwandten wohnte, der ihm immer viel Theilnehmung gezeigt hatte, beschloß er, zu Diesem vorerst seine Zuflucht zu nehmen; als er aber dahin kam, fand er ihn gleichfalls verarmt.

Nun war guter Rath theuer; indessen durfte er keine Zeit verlieren, indem seine kleine Casse zusehends schmolz. In dieser äußersten Noth schien ihm nur Ein Weg offenzustehn; er wollte nämlich, unter fremdem Namen, Schauspieler werden, bis die Vorsehung ihm eine andre Aussicht eröffnen würde. Jetzt war er im Begriffe, von hier nach Pyrmont zu gehn und dort dem Schauspiel-Director Großmann seine Dienste anzubiethen.

Sie können Sich leicht vorstellen, mein Lieber! daß ich eifrig wünschte, den wackern jungen Mann von diesem Vorhaben abzuhalten, und da mirs sogleich einfiel, daß Sie mir in Ihrem letztern Briefe aufgetragen hatten, mich auf meiner Reise nach einem Privat-Secretair für Ihren Herrn Oheim umzusehn, so beschloß ich, einen Theil der vorigen Nacht dazu anzuwenden, daß ich Ihnen diese Geschichte ausführlich mittheilte, damit Sie genau wissen möchten, wer der Mann ist, den ich Ihnen hiemit empfehle und, wie Sie es mir erlaubt haben, gleich mit der fahrenden Post zu Ihnen schicke. Diesen Morgen hat er mir überzeugende schriftliche Beweise von der Wahrheit seiner Erzählungen und von seiner bisherigen untadelhaften Aufführung vorgewiesen, und bey einer kleinen Prüfung, die ich mit ihm angestellt habe, hat er mich auch von Seiten seiner Kenntnisse vollkommen befriedigt. ? Der gute Mensch ist fast außer sich vor Freuden, und ich bin es nicht weniger, ihm geholfen zu haben. Noch heute reist er ab. Er wird Ihnen diesen Brief überreichen und zugleich mündlich sagen, wie sehr sich nach dem Augenblicke unsrer Zusammenkunft sehnt Ihr etc.

 

Fünfzehnter Brief

Hannover, den 2ten Julius.

Gestern bin ich von Gelle zurückgekommen; doch werde ich nicht länger hier verweilen, sondern noch heute in das Bad bey Nenndorf reisen. Nun noch ein paar Worte über Celle!

Die Stadt ist klein; nur durch die angenehmen Vorstädte wird sie ausgedehnt. In diesen Vorstädten wohnt der größte Theil der angesehensten Einwohner, Personen, welche zu dem Ober-Appellationsgerichte und zu den andern hiesigen königlichen Collegien gehören. Ihre Häuser haben fast alle hübsche Gärten; man glaubt eine Reyhe von Landgütern zu sehn, ungefähr wie in Wandsbek bey Hamburg, das Sie kennen. Einige wohlhabende Einwohner haben da reizende Pflanzungen in englischem Geschmacke angelegt. Hierdurch vereinigt Celle, besonders im Sommer, ungeachtet der öden Gegend umher mit den geselligen Stadt-Freuden die Annehmlichkeiten des Landlebens. Man athmet in diesen Vorstädten eine gesunde, frische Luft und lebt zwangloser wie mitten in der Stadt.

Weil in Celle der Cirkel der Personen von feinerer Erziehung nicht so groß wie in Hannover ist, so nimmt man auch weniger Rücksicht auf den Unterschied der Stände, und die Gesellschaften sind gemischter. Es herrscht aber in denselben ein so geschliffner, angenehmer und leichter Ton, und man ist so zuvorkommend höflich, gastfrey und aufmerksam gegen Fremde, daß man sich nicht ohne traurige Empfindungen von so würdigen, guten Menschen trennt. Der Herzog Ernst von Mecklenburg, Bruder der Königin von Großbritannien, trägt durch sein leutseliges Betragen und überhaupt durch seine liebenswürdigen Eigenschaften nicht wenig dazu bey, diesen geselligen Ton zu unterhalten.

Da in das Ober-Appellations-Gericht als den höchsten Gerichtshof in den hannöverischen Ländern die Geprüftesten und Geschicktesten aus andern Collegien eingesetzt werden, so findet ein Mann, der Wissenschaften liebt, in der Unterhaltung mit Diesen und ihren Familien Nahrung für Geist und Herz. Viele von ihnen sind nicht bloß in dem Fache der Rechtsgelehrsamkeit erfahren, sondern vereinigen damit auch mannigfaltige andre Kenntnisse. Einer derselben, der Herr von Ramdohr, kann Ihnen nicht unbekannt seyn, da er sich vorzüglich durch sein von Kennern der Kunst sehr geachtetes, mühsames Werk über die Schätze der Malerey in Italien berühmt gemacht hat.

Noch ein Gegenstand, der in Celle meine Aufmerksamkeit angenehm beschäftigte, war das Erziehungs-Institut des würdigen Predigers Wichmann. Hier erhält eine Anzahl bürgerlicher und adliger Knaben die sorgsamste Bildung und den zweckmäßigsten Unterricht in Wissenschaften, Künsten, alten und neuen Sprachen, um dann besser und gründlicher vorbereitet, wie es in den mehrsten neuen Anstalten von der Art zu geschehn pflegt, auf die Universität gehn zu können. Das Institut liegt auch in einer der Vorstädte; es ist eine Freude, die gesunden, heitern Gesichter dieser Knaben zu sehn, die den Winken des Vaters und der Mutter Wichmann mehr aus Liebe wie aus Schuldigkeit zu folgen scheinen und bey denen auch nichts versäumt wird, um fein gesittete Menschen aus ihnen zu ziehn, indem man ihnen den Zutritt zu den angesehensten Häusern verschafft. Herr Lenz, ein Mann, den jeder, der ihn kennt, liebt und hochschätzt, leistet bey diesem verdienstvollen Geschäfte dem guten Wichmann treulich Hilfe. Übrigens wird den Kindern der Unterricht leicht, faßlich und angenehm gemacht, ohne die berüchtigte Spiel-Methode anzuwenden; man gewöhnt sie, ernsthafte Sachen ernsthaft zu behandeln, sorgt aber für Abwechselung der Gegenstände, für nöthige Erholung und für solche cörperliche Bewegung und Übung, die sich für ihre künftige Bestimmung schicken.

Von dem Schlosse in Celle mit seinem Garten und dem Monumente der Königin Mathilde sage ich Ihnen nichts; auch nicht von den übrigen öffentlichen Gebäuden, unter denen das Zucht- und Irrhaus das einzige von Bedeutung und der Mühe werth ist, daß ein Mann, den die leidende Menschheit interessiert, es in Augenschein nehme.

Mein Fuhrwerk steht angespannt vor der Thür, um mich nach Nenndorf zu bringen, wo ich in drey Stunden zu seyn hoffe. Könnte ich doch dort, mein theuerster Freund, ein paar Wochen an Ihrer Seite verleben! In wenig Tagen wird nun der junge F*** bey Ihnen seyn und Ihnen meinen letztern Brief überreichen. Desfalls will ich auch diesen noch nicht auf die Post schicken, sondern ihn in Nenndorf fortsetzen.

 

Nenndorf, den 5ten Julius.

Ich habe beschlossen, bis zu Ende dieses Monats hierzubleiben; der Aufenthalt gefällt mir; die Gesellschaft ist in diesem Jahre grade nicht größer und nicht kleiner, wie ich sie mir wünsche; ich habe Muße, da ich erst im September mich einzuschiffen gedenke; meine Gesundheit bedarf Ruhe und einer ernstlichen Cur; ich will also hier den Pyrmonter Brunnen trinken und vielleicht auch baden. Meine Einrichtung dazu ist gemacht, und ich bin in meinem kleinen, freundlichen Stübchen schon so zu Hause, als wenn ich mein Lebenlang hier wohnen wollte.

Sie wissen, daß dieses Bad erst seit wenig Jahren recht bekannt und von dem jetzigen Landgrafen von Hessen in solchen Stand ist gesetzt worden, daß Cur-Gäste sich hier aufhalten können. Die Gegend umher ist bergig und außerordentlich reizend. Dieser Theil der Grafschaft Schaumburg macht überhaupt eine der schönsten und reichsten Besitzungen des Landgrafen aus. Er hat dem Bad-Orte zuerst den Namen Nenndorf gegeben. Zwischen den beyden Dörfern Groß- und Klein-Nenndorf, im Amte Rodenberg gelegen, wurde diese Quelle ehemals vielfältig mit dem ziemlich unbedeutenden mineralischen Brunnen verwechselt, der zunächst bey dem Städtchen Rodenberg liegt. Hierin ist vielleicht die Ursache zu suchen, weswegen der vorige Landgraf Friedrich, mancher Vorstellungen ungeachtet, nichts zur Aufnahme dieses Bad-Orts gethan hat. Der jetzige Herr ist desto thätiger gewesen; in kurzer Zeit hat man hier eine Anzahl großer, schöner Gebäude wie Schwämme aus der Erde wachsen gesehn. Ohne massiv zu seyn, haben sie das Äußere davon, sind in einem edeln Styl gebauet und nach einem einfachen Plane so geordnet, daß das Ganze einen angenehmen Anblick gewährt. Ziemlich große verpflanzte Bäume sind in Alleen gesetzt und ringsumher Buschwerke in englischem Geschmacke angelegt worden ? Kurz! was sich mit Anstrengung und ungeheurem Kosten-Aufwande hat zwingen lassen, das hat der Fürst möglich gemacht. Freylich aber lassen sich die Operationen der Natur nicht gewaltsam beschleunigen; es fehlt daher noch viel daran, daß diese neue Pflanzungen hinlänglichen Schatten gewähren sollten; wer aber seine Spaziergänge nur ein wenig weiter in der Gegend umher ausdehnen will, findet in der Nachbarschaft dieses Bezirks schattige und kühle Ruheplätze.

Die sämtlichen Gebäude, welche die beyden Quellen umgeben, deren eine vorzüglich als Trink-, die andre als Bade-Wasser ihre Kraft zeigt, liegen am Abhänge eines Hügels, und Wenn man diesen ersteigt, hat man von allen Seiten eine der weitesten und herrlichsten Aussichten vor sich. Außer den Thürmen von Hannover erblickt man noch eine zahllose Menge andrer Städte, Dörfer, das Steinhuder Meer mit der darin liegenden bückeburgischen Festung Wilhelmstein und überhaupt eine höchst malerische Landschaft, in welcher ehrwürdige Berge die reizendsten Thäler begrenzen.

Die hiesigen asphaltischen Schwefel-Quellen sind nicht von der Art wie wohl manche andre, die nur aus fürstlicher Huld mit dem Titel von Mineral-Wassern begnadigt worden, sondern sie enthalten reichlich Schwefel, Schwefelleber-Luft, Erdharz, Luftsäure, aufgelöste Kalk-Erde, flüchtiges alcalisches, vitriolisches, bittres Koch-, Glauber- und anders Salz. Dies beweisen schon der äußerst durchdringende Geruch und Geschmack und die sorgsam angestellten Versuche des geschickten Brunnen-Arztes, der ein eignes Werk darüber geschrieben hat. Und dies Wasser ist in unerschöpflich großer Menge vorhanden. Seine herrlichen Kräfte werden in jedem Jahre durch außerordentliche Curen bestätigt. Vorzüglich scheint es in allen rheumatischen, gichtischen und podagrischen Zufällen seine Wirkung zu zeigen. In manchen Fällen hingegen glaube ich (doch darf ein Laye darüber nicht urtheilen), daß man Ursache habe, sehr vorsichtig in der Anwendung zu seyn; es ist ein Wasser, mit dessen innerm und äußerm Gebrauche wohl nicht zu scherzen seyn mag. Besonders sollte man es nicht wagen, ohne Bewilligung desjenigen Arztes, der die Natur und das Übel des Kranken aus dem Grunde kennt, sich zu lange fortgesetztem, häufigen Baden und Trinken zu entschließen; es ist nicht möglich, daß ein Brunnen-Arzt, wenn ihm seine Patienten gänzlich fremd sind, dies in der kurzen Zeit gehörig beurtheilen könne.

Übrigens hätte der Landgraf zu dieser Stelle keinen Mann wählen können, der sich besser dazu schickte wie der Hofrath und Professor Schröter. Seine Geschicklichkeit im medicinischen Fache ist den Kennern der Kunst bekannt. Dabey ist er ein menschenfreundlicher, lieber, dienstfertiger, lebhafter, in seinem Berufe unermüdet thätiger Mann.

Die Einrichtung der Bäder, die unter seiner Direction gemacht worden, ist vortrefflich, sowohl, was die gewöhnlichen als was die Douche- (oder Touche-) und endlich die Dampf-Bäder betrifft; und da ihrer eine große Menge ist, man auch die Kessel Tag und Nacht heiß erhält, so kann auf Verlangen jeden Augenblick eines angelassen werden.

Das Verdienst, welches sich der Landgraf hier um die leidende Menschheit erworben hat, ist um so größer, je leichter man es berechnen kann, daß die großen Summen, welche er dazu verwendet hat, nie wieder durch den Ertrag herausgebracht werden können. Der festgesetzte Preis für die Wohnungen und Bäder ist äußerst billig; die Zimmer sind hübsch und zum Theil geschmackvoll meubliert, die Betten gut und reinlich; für Ordnung und Polizey wird durch einen Burggrafen, der ein höflicher und dienstfertiger Mann ist, und überhaupt für die Gemächlichkeit und Pflege der Cur-Gäste auf alle Weise gesorgt. Einige Säle, wovon der eine von außerordentlicher Größe ist, sind theils zum Tanzen, Spielen, Speisen und andern gesellschaftlichen Vergnügungen bestimmt, theils dienen sie bey schlechtem Wetter, wie wir es leider! jetzt häufig haben, den Spazierengehenden zum Zufluchtsorte ? Kurz! alles, was von Seiten der Herrschaft geleistet werden kann, ist und wird geleistet. Weniger zufrieden hat man, wenigstens in diesem Jahre, Ursache, von der Tafel und dem Weine zu seyn, weil diese Artikel verpachtet sind und man, nach Verhältnis des Preises, von dieser Seite nicht so gut bedient wird, wie es wohl seyn sollte. Übers Jahr wird es vielleicht besser damit eingerichtet werden; diesmal muß man mit der Entschuldigung vorlieb nehmen, daß die geringere Anzahl der Cur-Gäste es unmöglich macht, die Pachtgelder herauszubringen, wenn man nicht schlechtere Ware liefern will.

Böhmische Musicanten, von denen ein Paar recht brav spielt, fiddeln und blasen uns bey Tische und in der Allee etwas vor; übrigens nöthigt uns das veränderliche Wetter, auf weite und lange Spaziergänge Verzicht zu thun; Schauspieler sind diesmal nicht hier; und so muß man sich denn mehrentheils in den Häusern die Zeit vertreiben, so gut man kann.

 

Den 7ten.

Ich habe doch einige freundliche Sonnenblicke genützt, um mit einem sehr guten, lieben Manne, dem Hofrathe von S*** aus B***, den ich hier kennengelernt habe, einen Spaziergang nach Rodenberg bey dem andern Brunnen zu machen. Das Wasser dieser Quelle ist sehr hell, enthält Kochsalz, salzige Magnesia, Bittersalz, Glauber-Salz und luftsaure Kalkerde. Über dem Brunnen ist ein kleines Gebäude errichtet, und ringsumher sind Hecken, Linden- und Castanien-Alleen gepflanzt, die, wie es heißt, bis nach Nenndorf fortgeführt werden sollen.

 

Den 10 ten.

Ich kannte die Festung Wilhelmstein im Steinhuder See nur aus dem Kupferstiche, das vor einem Stücke des Journals von und für Teutschland steht; heute bin ich mit einer kleinen Gesellschaft dahin gefahren gewesen. Die Anlage rührt von dem vortrefflichen Grafen von der Lippe-Bückeburg her, der sich um Portugal so verdient gemacht hat und einer der größten, edelsten und in aller Rücksicht ausgezeichnetesten Männer unsers Zeitalters war. Man sah damals die Erbauung dieser Festung wie ein kostbares Spielwerk an; indessen hat sie doch kürzlich bey einem gewissen, allgemein bekannten Vorfalle nützliche Dienste geleistet. Der dort commandierende Officier hat uns, nachdem wir zu ihm übergeschifft waren, mit der höflichsten Bereitwilligkeit herumgeführt. Unterdessen wurde im Dorfe unser Mittagsmahl, das größtentheils aus Fischen bestand, zubereitet; worauf wir dann ganz zufrieden von dieser kleinen Lustfahrt hierher zurückkehrten.

Da mich der Postbothe soeben gefragt hat, ob ich ihm keine Briefe mitzugeben hätte, und ich Sie einmal daran gewöhnt habe, wöchentlich ein Paquet von mir zu erhalten, so will ich diese Blätter einsiegeln und an Sie abgehn lassen. Gott behüte Sie, mein Lieber!

 

Sechzehnter Brief

Nenndorf, den 18ten Julius.

Ein so unthätiges Leben, wie ich es hier führe, contrastiert sehr mit meiner gewöhnten Lebensweise; und doch fühle ich, wie heilsam und nöthig mir diese Ausspannung ist. Ich wende alle Sorgfalt auf meine Cur, um mich zu der großen Seereise und zu meinem neuen Berufe abzuhärten; auch befinde ich mich schon besser wie in langer Zeit. Man sage, was man will, so ist doch unter allen Unglücksfällen, die den Menschen treffen können, ein siecher Cörper das Härteste.

Was sind des Lebens schönste Tage,
Gesundheit! ohne Dich?
Es fliehen Muth und muntre Laune,
Wo Deine Kraft nicht wirkt.

Der darbt im Schoß des Überflusses,
Den Schmerz, den Krankheit plagt;
Mit Unlust blickt sein mattes Auge
Auf heitre Scenen hin.

Der Mund versagt den Dienst zum Lächeln;
Der Freude Morgenroth
Wirft auf die totenbleiche Wange
Nicht Einen hellen Strahl.

Gesundheit! edelster der Schätze!
Solange Du mir bleibst,
Dünk ich in einer kleinen Hütte
Mich groß und neidenswerth;

Und trage still und ohne Murren
Der Sorgen schwerste Last
Und geh der Zukunft froh entgegen,
Wenn Deine Hand mich hält.

Ich schicke Ihnen, mein Lieber! hier die gedruckten Verzeichnisse der Curgäste. Sie werden daraus sehn, daß die vortreffliche, allgemein geliebte und verehrte Herzogin von Mecklenburg-Schwerin mit ihrem Gefolge und einer Anzahl andrer Mecklenburger, davon Einige nur ihrer guten Fürstin wegen sich hier aufhalten, den größten Theil der diesjährigen Gesellschaft ausmacht.

Wenn man dem wahren Hoftone von ganzem Herzen das Wort reden lernen will, so muß man den zum Beyspiele nehmen, der unter den Personen herrscht, von welchen diese menschenfreundliche, kluge, kenntnis- und talentvolle Fürstin umgeben ist und die sich größtentheils nach ihr gebildet haben. Es ist in der That sehr widrig zu sehn, wie dieser Ton, insofern man Braunschweig und noch ein paar Residenzen ausnimmt, an den teutschen Höfen immer seltner wird. Statt da Leute zu finden, welche durch Menschenkenntnis, die sie auf Reisen und im Umgange mit den Edelsten und Gebildetsten sich zu erwerben Gelegenheit gehabt, ihre Sitten verfeinert und gemildert hätten; duldender, gefälliger, vorsichtiger und schonender geworden wären; dabey die Gabe besitzen sollten, jedes Gespräch zu beleben, über ihre Launen und Leidenschaften Meister zu seyn, dem kleinsten Gegenstande Interesse zu geben, die Unterhaltung durch Wohlredenheit in mehrern Sprachen und durch feinen Witz zu würzen, kurz! jedermann zu gewinnen, sich verbindlich zu machen und ihm Gelegenheit zu geben, sich in vortheilhaftem Lichte zu zeigen, ohne darum an innerer Würde, Eigenthümlichkeit des Characters und äußerm Anstände zu verlieren; die endlich ihre glückliche Muße genützt hätten, um durch Lectüre und Studium Kenntnisse und Talente zu erlangen; trifft man jetzt an den mehrsten Höfen geist-, seelen- und herzlose Geschöpfe, fade Stutzer, aufgeblasene Windbeutel oder Wollüstlinge an, die sich an Zoten ergötzen, gefräßige Schwelger, verbuhlte, übertünchte Dirnen oder Menschen, welche eine Freude darin suchen, einem Fremden mit Übermuthe zu begegnen, ihn in Verlegenheit zu setzen oder sich gar nicht um ihn zu bekümmern; oder unwissende, plumpe Caricaturen; oder hämische, gefährliche, ränkevolle Spürer; oder glattzüngige, falsche Complimenten-Schneider; oder Solche, denen der Hunger und die Langeweile aus den Augen blickt; oder niedrige Sclaven, denen die Schulden und die Furcht, gestürzt zu werden, böse Launen gibt. Diese sind es, gegen die ich so oft declamiere, wenn ich über Hofschranzen eifre; nicht aber jene hochachtungswerthe Personen, deren Umgang jedem Manne von Kopf und Herz angenehm und lehrreich seyn muß.

 

Den 20sten.

Ich komme soeben von Rehburg zurück, wo in diesem Jahre vorzüglich viel Cur-Gäste sich aufhalten. Die Mehrsten derselben pflegen gewöhnlich Hannoveraner zu seyn; und doch sollten billig die sehr guten Einrichtungen, welche man dort für Kranke und Gesunde gemacht findet, die schöne Gegend und die unzweifelhaft wohlthätige Wirkung des mineralischen Wassers mehr Fremde dahin ziehn. Die Wohnungen sind besser wie in den mehrsten Bädern, die ich kenne, Speise und Trank so, daß niemand Ursache haben kann zu klagen, und die Spaziergänge und Aussichten umher äußerst reizend.

Indessen fand ich doch diesmal in Rehburg auch viel Personen aus Bremen, mit denen ich Bekanntschaft zu machen suchte, weil ich bald selbst in diese Reichsstadt kommen werde. Ich fragte auch nach dem dortigen würdigen Dom-Prediger N*** und hörte mit Vergnügen, daß er sich wohl befindet und daß er sich der allgemeinen Achtung und Liebe erfreuet, deren er so würdig ist. Wenn Gelehrsamkeit, edle Denkungsart, lebhafte Wärme für alles, was gut und groß ist, treue Berufs-Erfüllung, unermüdet thätiger Eifer für das Glück der Mitmenschen, Wahrhaftigkeit und Gradheit, prunklose Wohlthätigkeit im Stillen, Unterstützung und Beförderung jeder nützlichen Anstalt ein Recht auf diese Empfindung geben können, so hat gewiß der gute N*** die gerechtesten Ansprüche auf die Verehrung seiner Zeitgenossen. Ich hoffe, ihm das bald von ganzem Herzen mündlich sagen zu können, denn da ich grade Gelegenheit finde, mit einem Manne Gemeinschaft zu machen, der ein leeres Fuhrwerk aus Bremen verschrieben hat, um übermorgen dahin abzureisen, und meine beynahe dreywöchige Cur nun geschlossen ist, so verlasse ich Nenndorf; und nicht eher werden Sie wieder etwas von mir hören, bis ich Ihnen sagen kann, daß auf Ihre Gesundheit ein Glas alten Weins in der Rose ausgeleert hat Ihr etc.

 

Siebenzehnter Brief

Bremen, den 30sten Julius.

Nun ergreife ich endlich einmal wieder die Feder, mein theuerster Freund! um Ihnen Nachricht von mir zu geben. Bis hierher haben mich Zerstreuungen und Geschäfte nicht dazu kommen lassen. Meinen amerikanischen Freund M*** fand ich schon hier, und da hatten wir dann mit einander und mit hiesigen Kaufleuten so vielerley zu verabreden und zu verhandeln, daß die Zeit uns äußerst schnell zu verfliegen schien. Die Nachmittage und Abende aber und auch manche Mittage wurden in Gesellschaft der gastfreyen Bremer hingebracht. ? Doch ich will den Faden meiner Erzählung da wieder anknüpfen, wo ich ihn zu Ende meines vorigen Briefes abgerissen habe.

Von der Wahl meines Reise-Gesellschafters hatte ich alle Ursache, zufrieden zu seyn. Er ist ein verständiger Mann, dessen Gespräche die Lücke ausfüllten, die durch den Mangel an reizenden Gegenständen von Außen in mir entstand. Der Weg von Nenndorf hierher ist nichts weniger wie angenehm; wir fuhren über Wunstorf, Nienburg und Hoya. In letzterm Orte, dem einzigen auf diesem Striche, dessen Lage hübsch ist, brachten wir die Nacht zu und wurden ziemlich gut bewirthet. In den Dorf-Schenken hingegen, in denen wir, um Pferde und Menschen zu erquicken, zuweilen anhalten mußten, ekelte uns der abscheuliche Schmutz und die schlechte Kost so, daß wir lieber, ohne etwas anzurühren, vor der Hausthür sitzen blieben, bis wieder angespannt wurde. ? Welch ein Abstand gegen die freundlichen Dorf-Wirthshäuser in den Rhein-Gegenden, selbst da, wo keine große Landstraße vorbeyführt!

Man fährt auf diesem Wege oft durch Befriedungen, die gemacht sind, damit das Vieh nicht auf die Felder komme. Da sind dann, wo der Graben der Straße wegen unterbrochen ist. Schlagbäume gesetzt, und zwar in so großer Anzahl, daß man jeden Augenblick anhalten muß, um einen derselben öffnen zu lassen. Nun steht immer bey einem solchen Schlagbaume ein ganzer Haufen von Kindern, die sich darum reißen, ein Trinkgeld für dies Geschäft zu verdienen. Das Geld gäbe man nun wohl ganz gern, damit die Bedienten nicht jedesmal absteigen dürfen; allein da die Kinder vom frühen Morgen an bis in die Nacht hier aufpassen, so ist es ärgerlich zu denken, daß eine Menge Knaben und Mädchen auf diese Weise sich an Müßiggang und Betteley gewöhnt und daß die Orts-Obrigkeiten diesem Unwesen nicht abhelfen.

Ich habe mich hier in Bremen in einen Gasthof einquartiert, der an einer sehr lebhaften Straße gelegen ist; Sie wissen, daß ich gern viel thätige Menschen durcheinander hin- und herwandeln sehe.

Die Bevölkerung von Bremen soll in den letztern Zeiten ein wenig abgenommen haben; man zählt jetzt ungefähr vierzigtausend Einwohner, welches freylich im Verhältnisse mit dem Umfange wenig ist; allein die Neustadt hat auch große, unbebauete Plätze.

Der Weser-Strom fließt in zwey Armen mitten durch die Stadt, wodurch sie in die Alt- und Neustadt getheilt wird. Die Magistratspersonen und die mehrsten der angesehensten Kaufleute wohnen in der Altstadt. Doch haben Viele von ihnen Garten- und Sommer-Häuser in der Neustadt, und da diese im Winter ganz leerstehen, so herrscht dann in manchen Straßen eine öde Stille, dagegen stecken die kleinen Häuser in andern Gassen gepropft voll von Handwerksleuten, geringen Krämern und Fabricanten, Taglöhnern u.d.gl.

Am liebsten möchte ich hier in der Altstadt an der sogenannten Schlacht wohnen, wo die Ankunft und Abfahrt und das In- und Ausladen der Fahrzeuge auf der Weser einen Anblick voll angenehmer Abwechselung gewährt. Größere Schiffe können nicht bis hieher kommen; sie bleiben theils in dem kleinen Hafen bey Vegesack, theils noch tiefer unten, bey Brake, Elsfleth etc. liegen und schicken und holen ihre Waren in kleinern Barken von und nach Bremen. Ich habe vorgestern eine kleine Wasserfahrt da hinunter gemacht; allein ich finde die Ufer an beyden Seiten nichts weniger wie malerisch, gar nicht zu vergleichen mit denen am Rhein, Main, an der Elbe und Donau.

Überhaupt ist die Gegend weit um Bremen herum platt und gewährt dem Auge wenig Vergnügen. Auch gibt es vor den Thoren der Stadt keine beträchtlich große und schöne Gärten, besonders keine öffentliche wie vor Leipzig, Hamburg, Wien, München und andern Städten, wo Leute von verschiednen Classen sich zu gemeinschaftlichen geselligen Freuden versammelten. Zum Ruhme von Bremen aber sey es auch gesagt, daß es hier, nach Verhältnis, weniger müßige Menschen gibt. Die reichsten und angesehensten Einwohner besitzen jedoch, eine oder ein paar Meilen von der Stadt entfernt, schöne Landgüter, Häuser und Vorwerke, wo sie sich im Sommer von ihren Geschäften zu erholen und ihre Freunde zu bewirthen pflegen.

Die Bauart, besonders der altern Häuser in der Stadt, gefällt mir gar nicht. Von Außen hohe, unförmliche Façaden mit einer so ungebührlichen Menge von Fenstern, eines neben dem andern, daß man füglich sagen könnte, es seyen gläserne Häuser. Inwendig große Haus-Fluren, wodurch sehr viel Platz verloren geht, der zu Wohnungen hätte verwendet werden können. Daher kömmt es dann, daß man wenig Reyhen von Chambres à plein pied antrifft. Zu den einzeln gelegnen Zimmern muß man noch obendrein mehrentheils auf kleinen, schmalen Treppen hinaufsteigen. Bey manchen Gebäuden kann diese Einrichtung vielleicht Vortheil gewähren, wenn

der Bewohner Waren-Handlung treibt, bey den mehrsten hingegen ist sie, nach der Lebensweise der jetzigen Zeiten, besonders für Die, welche große Gesellschaften bey sich bewirthen, nicht bequem. Die neuerlich erbaueten Häuser haben diese Fehler nicht und verrathen einen bessern Geschmack; doch vermisse ich an den mehrsten derselben einen reinen Styl der Bauart, sehe da gewölbte Fenster, durch geschnittene Giebel, unförmliche Gesimse, Mißstand in den Verhältnissen u.d.gl. Die Börse, das neue lutherische Waisenhaus und einige Privathäuser machen davon eine angenehme Ausnahme.

Die Policey ist vorzüglich gut; kein Bettler ist in und um Bremen zu sehn, besonders seit der neuerlichen Verbesserung der Armen-Anstalten. Und zwar werden diese Bettler nicht, wie wohl in andern Städten, mit leerem Magen über die Grenze dem lieben Nachbar zugeführt, sondern es wird dafür gesorgt, daß sie hier arbeiten und essen können. Wenn ich Ihnen in der Folge etwas von der ganz außerordentlichen Wohlthätigkeit der Bremer sagen werde, wovon ich täglich neue Thatsachen erfahre, so werden Sie diesen guten, menschenliebenden Bürgern ihre Hochachtung nicht versagen können. Das alles aber geschieht ohne großen Lärm, und Sie sehen hier nicht beständig ein Heer von laurenden Policey-Dienern und Bettel-Vögten durch die Gassen schleichen, die den um Almosen Flehenden mißhandeln, wenn er sich nicht mit ihnen abfindet, und die oft ärgere Gauner sind wie die Menschen, gegen welche sie ausgeschickt werden. Juden sind hier gar nicht als Einwohner geduldet, und auch fremde Juden dürfen nur in der Zeit des Freymarkts, unter gewissen Bedingungen, ihr Verkehr treiben. Die Feuer-Anstalten sind vortrefflich. Von der Erleuchtung der Stadt kann ich nicht urtheilen, weil es Sommer ist. Das große Wasserrad an der ersten Brücke versieht eine beträchtliche Anzahl von Häusern beständig mit Weser-Wasser, welches zu manchen häuslichen Bedürfnissen besser wie das Brunnen-Wasser ist. Der Mechanismus ist sehr einfach; der Strom treibt das Rad, an welchem Rinnen befestigt sind, die das Wasser beym Herumdrehen schöpfen und dann oben in ein großes steinernes Behältnis ausgießen. Von daher wird es durch Röhren unter der Erde hin in die Häuser geleitet. Wer eine gewisse Abgabe zur Unterhaltung des Werks bezahlt, kann sich in seiner Wohnung diese Bequemlichkeit verschaffen. Das Gebäude, worin das Rad sich befindet, hat die Inschrift:

Volue pater, ciui tradam tua dona, Visurgis!

Den Preis der Lebensmittel finde ich nach den Erkundigungen, die ich eingezogen habe, bey Weitem nicht so hoch wie in Hamburg und selbst geringer wie in Hannover. Specerey-Waren und Weine sind wohlfeil, weil man sie zu Schiffe aus der ersten Hand haben kann.

Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß es hier eine nach Verhältnis der Größe der Städte gegeneinander ebenso beträchtliche Anzahl reicher Handelshäuser gibt und die ebenso wichtige Geschäfte nach allen Handelsplätzen von Europa hin treiben wie in den übrigen Hanse-Städten; aber der Luxus ist um vieles geringer, selbst was die Besetzung der Tafel bey großen Gastmahlen betrifft; die Sitten sind einfacher und das Familien-Band enger. Sehr viel trägt hierzu mit der Umstand bey, daß weniger müßige Fremde Veranlassung haben, hierher- oder hierdurchzureisen. Doch von den Sitten der hiesigen Einwohner werde ich Ihnen mehr sagen, wenn ich erst längere Zeit hier werde zugebracht haben. Vier Wochen würden wohl über meinen Aufenthalt überhaupt hingehn, allein ich bin schon öfter hier gewesen. Jetzt noch etwas von andern Dingen!

Es gibt kaum zwey oder drey Miethkutscher hier; dagegen aber sehr viel eigne Equipagen, unter denen einige geschmackvoll und schön sind. Nun ist es aber zur Gewohnheit geworden, daß Diejenigen, welche keine Kutschen und Pferde halten, ihre Bekannten um Herleyhung der ihrigen bitten, welches sich nicht wohl abschlagen läßt, um so weniger, da hierauf die Kutscher wie auf eine sichre Einnahme zu rechnen pflegen. Der, welchem diese Wohlthat erzeigt wird, gewinnt nichts dabey; für das Geld, was er dem fremden Kutscher geben muß, würde er einen Miethwagen haben können, wenn es eine hinlängliche Anzahl derselben hier gäbe. Über diesen wäre er, was Zeit und Ort betrifft, Meister, ohne jemand Verbindlichkeit zu haben. Der Verleyher hingegen muß dafür, daß sein Kutscher ein Trinkgeld bekömmt, seinen schönen Wagen, seine Livree, seine Pferde und sein Geschirr dem Wetter preisgeben; und die Beybehaltung dieser Gewohnheit verursacht, daß keine größere Anzahl von Miethkutschern sich hier festsetzt. In Hamburg (das aber freylich auch sehr viel größer, wo die Bevölkerung stärker ist und wo sich das ganze Jahr hindurch eine so große Menge von Fremden aufhält) ist es ganz anders; da zählt man über zweyhundert eigne Equipagen und eine sehr beträchtliche Anzahl von Miethkutschern, deren einer oft vierzehn und mehr Fuhrwerke zugleich im Gange hat: und dazu kommen noch die sogenannten Stühl-Wagen, deren immer einige, solange die Thore geöffnet sind, vor demselben halten, um auf den ersten Wink jedermann für eine Kleinigkeit nach Altona und jenseits Altona, auch nach Wandsbek, Hamm, Horn u.s.f. zu bringen.

Ich erfahre soeben, daß ich diesen Brief heute fortschicken kann; gestern war der eigentliche Posttag; aber ich wußte das nicht. Länger möchte ich nicht gern warten, damit Sie doch wissen, daß ich hier bin. Ich empfehle mich, mein Lieber! Ihrer mir über alles theuren Freundschaft und bleibe von ganzem Herzen Ihr etc.

 

Achtzehnter Brief

Den 4ten August.

Daß es hier sehr guten alten Rheinwein gibt, wissen Sie vermuthlich; aber daß ich gestern mit M*** und einigen hiesigen Freunden im Rathskeller (welcher allein das Privilegium hat, Rheinwein zu verkaufen) diese Panacäe gekostet und überaus heilsam gefunden, das habe ich die Ehre Ihnen hiermit zu melden. Der erste Grund zu diesem Schatze wurde gelegt durch die ziemlich wohlfeile Ankaufung eines ganzen Weinlagers, das in den Rhein-Gegenden verhandelt wurde. Andre ausländische Weine waren aber längst vorher schon im Keller, zum Vortheil des Stadt-Aerariums, ausgeschenkt worden. Nach jenem guten Kaufe hat man von Jahren zu Jahren den Vorrath durch Anschaffung alter und junger Rheinweine vermehrt. Es gibt hier in der sogenannten Rose (einer besondern Abtheilung im Keller) so alten Wein, daß man berechnet hat, es komme, wenn man den Ankaufspreis, die verlornen Zinsen, dann wieder die Zinsen von den Zinsen, endlich den Auffüll-Wein und andre Unkosten in Anschlag bringt, jede Quartier-Flasche voll über tausend Thaler zu stehn. Dieser Wein aber wird auch gar nicht verkauft, sondern nur bey Feyerlichkeiten und, auf Befehl des Präsidenten, für Kranke hergegeben. Man trägt sich mit der Anecdote, daß bey der Wahl und Krönung des Kaisers Joseph man von Frankfurt aus nach Bremen um alten Rheinwein geschrieben habe. Jeder von den Herrn des Raths erhält jährlich ein bestimmtes Maß von der mittlem Gattung als einen Theil der Besoldung; auch wird fremden Fürsten und Ministern Ehrenwein geschenkt, und bey Gastmahlen, die der Magistrat auf der Börse gibt, wird Rheinwein von allerley Güte gereicht. Dennoch ist der Überschuß, welcher der Stadt aus den Raths-Keller-Rechnungen zufließt, nicht unbeträchtlich. Einige kleine und große Zimmer, die in diesem unterirdischen Bacchus-Tempel befindlich sind, dienen theils Einheimischen und Fremden, die hier zechen und etwa ein Gericht frisch gebratner Neunaugen essen wollen (welches mir aber, im Vorbeygehn zu sagen, eine ungesunde und nicht einmal so wohlschmeckende Kost zu seyn scheint wie die eingemachten), zum Aufenthalte, theils an gewissen Tagen in der Woche den Herrn des Raths zu einem freundschaftlichen Versammlungs-Orte.

Unter dem Chor der Domkirche ist der Blei-Keller; eine Benennung, die daher rühren soll, weil darin wäre das Bley gegossen worden, womit vormals das Dach der Kirche bedeckt gewesen. Dieser Keller hat die Eigenschaft, daß darin tote Cörper nicht verwesen, sondern wie Mumien eintrocknen. Indessen gewähren doch die wenigen Cörper, welche da in Särgen stehen, einen widrigen Anblick, weil, besonders durch das Einfallen der Nasen-Knorpel, die Gesichter sehr verunstaltet sind.

 

Den 5ten.

Ich habe diesen Mittag ein Getränk oder vielmehr eine Art Creme genossen, die in England unter dem Namen Sillabub bekannt ist, aber, soviel ich weiß, in Teutschland wenig verfertigt wird. Die Zubereitung ist indessen sehr einfach: Man vermischt eine halbe Flasche voll Rhein- oder Franzwein mit einer viertel Flasche voll Sect und ebensoviel süßen Milch-Rahm, thut dazu den Saft von einigen Citronen und nach Belieben Zucker, der auf diesen Citronen ist abgerieben worden. Dies alles wird zu Schaum geschlagen und in Gläser gefüllt. Versuchen Sie das, lieber Freund! es wird Ihnen wohlschmecken.

Sowenig ich übrigens, zu meiner Freude, eigentlich ausländische Sitten im Ganzen hier herrschen sehe, so finde ich doch einige holländische und englische Gewohnheiten eingeführt. Dahin gehört außer dem Trinkgeldgeben in den Häusern, wo man gespeist hat, noch der sehr ungesunde häufige Gebrauch der Feuer-Kästchen für die Frauenzimmer, bey irgend kühlem Wetter (jedoch freylich nicht in der jetzigen Jahrszeit), und das nicht nur etwa bloß in der Kirche, sondern auch in den Häusern, wo zuweilen in einer Gesellschaft an alle anwesende Frauenzimmer durch die aufwartende Magd dergleichen Feuer-Stübchen herumgereicht werden. Auch rechne ich dahin die stillschweigende Verabredung, daß niemand vor Ablauf des Jahrs den Weinhändlern, Krämern, Handwerksleuten etc. seine Schulden bezahlt, ja! daß man Mühe hat, vor dem Neujahrstage eine Rechnung zu erhalten. Dies gewährt freylich den Nutzen, daß der eine Theil das ganze Jahr hindurch sein bares Geld nützen kann und der andre gewiß ist, daß er am Ende desselben eine große, unversplitterte Summe in die Hände bekömmt, ungerechnet, daß ihm auch viel Zeit erspart wird, weil er nicht jeden Augenblick einzelne Posten aus den Büchern auszuziehn und darin durchzustreichen braucht; allein es hat auch den Nachtheil, daß es zu unvorsichtigem Creditgeben und Schuldenmachen verleitet, um so mehr, da der Bremer gutmüthig ist und leicht, selbst unbekannten Leuten, aufs Wort hingibt.

Die einzige Silber-Münze, welche man außer feinen Drittel-und Zweydrittel-Stücken hier im täglichen Umlaufe sieht, sind die Grote, deren zweyundsiebenzig auf einen Thaler gehen; allein man gibt sie auch inThalers-Rollen aus, und auf guten Glauben hin läuft oft eine solche Rolle ungezählt durch so viel Hände, bis endlich das Papier durchgeschabt ist. Selten findet sich dann, daß einmal ein Grot an der Summe fehlt. Die Stadt läßt dies Geld nicht hier, sondern auswärts, wenn ich nicht irre, in Hamburg münzen.

Das Militair besteht aus einem Bataillon Infanterie und trägt rothe Röcke mit weißen Aufschlägen. Zum Commandanten pflegt die Stadt einen Officier zu wählen, der schon in einem andern Corps mit Ehre gedient hat.

Nicht nur die Herrn des Raths, sondern auch die Elterleute (Vorsteher der Kaufmannschaft), Advocaten, Procuratoren und überhaupt Alle, die ein bürgerliches oder kirchliches Amt verwalten, tragen in Geschäften und bey Feyerlichkeiten schwarze Kleider und Mäntel nebst weißen Kläppchen am Halse. Das finde ich anständig und ehrwürdig; allein sie müssen auch dazu große Knoten-Perücken aufsetzen; und das ist, besonders für jüngere Personen, die ihr dickes Haar mit diesem Gebäude bedecken, vor allem im Sommer äußerst drückend. Durch eine gemeinschaftliche Verabredung ließe sich, wie ich glaube, dieser beschwerliche Überrest der alten Sitten abschaffen. Wenigstens sollte es erlaubt seyn, sein eignes Haar rund, in Locken frisiert, zu tragen; denn das ist auch wahr, daß ein Zopf oder Haarbeutel zu einem Mantel nicht wohl paßt.

Die herrschende Religion (ein Ausdruck, den ich so ungern brauche, weil er mir dem Geiste des Christenthums so ganz entgegenzuseyn scheint) ist hier die reformierte. Aus diesen Glaubens-Verwandten besteht auch der Magistrat. Doch ist kein Gesetz vorhanden, welches einen Lutheraner von dem Vorzuge, in den Rath zu kommen, ausschlösse. Ehemals ist dies auch öfter der Fall gewesen; daß aber jetzt, da die reformierten Familien einmal im Besitze sind, diese lieber auf ihre Glaubens-Verwandten bey den Wahlen Rücksicht nehmen; wer kann ihnen das verdenken? Übrigens haben die Lutheraner in Bremen den Genuß aller Vortheile und Rechte wie die übrigen Bürger; nur weigern ihren Kindern einige Handwerker den Eintritt in die Zunft. So unbillig dies ist, so wenig wird man hieraus Veranlassung nehmen können, der Regierung einen Vorwurf zu machen, wenn man bedenkt, mit welchen Schwierigkeiten in Teutschland die Abschaffung der Mißbräuche in den Zünften verknüpft ist; besonders in Reichsstädten, wo diese steif und fest auf ihre alten Privilegien und sogenannten Rollen, möchten diese auch aus den finstersten Zeiten herrühren, zu halten pflegen und bey der geringsten Reform unangenehme tumultuarische Scenen von den Handwerks-Gesellen zu besorgen sind.

Es ist bekannt, daß der König von England, als Herzog von Bremen, hier alle Rechte des ehemaligen Erzbischofs und des Capitels durch seine in der Stadt eingesetzten Beamte verwalten läßt. Der hannoversche Stadtvogt muß den Stab brechen, wenn ein Verbrecher zum Tode verurtheilt werden soll. Das erzbischöfliche Palatium, die ehemaligen geistlichen Curien und andre hannoversche Gebäude und Plätze genießen, nebst den Bewohnern derselben, gewisse Rechte und Befreyungen, die durch Vergleiche bestimmt und festgesetzt sind. Das Personale des hannoverschen Etats ist ansehnlich, und es gehören dazu auch die Prediger an der königlichen Dom-Kirche, unter denen Einer Superintendent und Consistorialrath in Stade ist, die Lehrer an der Domschule und einige Schulmeister. Es steht also das lutherische Kirchen-, Schul- und Armenwesen unmittelbar unter hannoverschem Schutze, und alle Stadt-Einwohner dieses Bekenntnisses sowie die in den benachbarten Dörfern machen die Dom-Gemeinde aus, welche vormals aus mehr wie fünfzehn- bis zwanzigtausend Seelen bestand, jetzt aber nicht völlig so stark ist. Der Dom ist ein altes, ehrwürdiges gothisches Gebäude; die königliche Regierung hat von jeher dafür gesorgt, daß die Prediger- und Schullehrer-Stellen mit würdigen und geschickten Subjecten sind besetzt worden; auch hat eine Menge verdienstvoller verstorbner und noch lebender Geschäftsmänner und Gelehrter in allen Fächern der hiesigen Domschule und dem damit verbundnen Athenäo ihre erste Bildung zu danken. Ich nenne unter Diesen nur allein den Doctor Olbers, einen Mann, der schon als Student sich durch seine großen astronomischen Kenntnisse berühmt gemacht hat. Jetzt lebt er als Arzt hier und ist seiner großen Geschicklichkeit in diesem Fache und seines edeln, menschenliebenden und bescheidnen, sanften Characters wegen von seinen Mitbürgern allgemein verehrt und geliebt. Er hat als Arzt einen seltnen Scharfblick und eine gleich unermüdete Thätigkeit in seinem Berufe, bey Reichen wie bey Armen. Der Kranke glaubt seine Leiden schon zur Hälfte gehoben, wenn er die freundliche, tröstende Stimme dieses theilnehmenden Retters hört. Das Studium der Astronomie füllt jetzt nur seine Erholungsstunden aus, und er hilft zuweilen seinem berühmten Freunde, dem in der Nähe, in Lilienthale wohnenden Oberamtmann Schröter, in den Beobachtungen der Himmelscörper, besonders des Mondes, über dessen Oberfläche dieser wahrhaftig große Mann uns noch kürzlich mit einem vortrefflichen Werke beschenkt hat.

Die catholischen Glaubensgenossen halten ihren Gottesdienst in des kaiserlichen Residenten, Reichshofraths, Freyherrn von Vrints Hause ? einem Hause, wo Menschenliebe, Wohlthätigkeit und echte Gastfreundschaft einheimisch sind. Dieser Geist der Liebe und Duldung scheint dann auch auf den beyden Geistlichen zu ruhn; wenigstens sind die jetzigen seltene Beyspiele unter ihren Amtsbrüdern und tragen keine Spur von Pfafferey. Auch leben die Prediger der drey Bekenntnisse hier in Bremen in der brüderlichsten Eintracht und nehmen gemeinschaftlich an erlaubten und anständigen gesellschaftlichen Vergnügungen Theil.

 

Den 7ten.

Zum Lobe der hiesigen städtischen Regierungs-Verfassung glaube ich nichts bessers sagen zu können, als daß seit 1428, da sie also ist gegründet worden, nicht die geringste Gärung unter den Bürgern gewesen, welche dahin abgezielt hätte, eine Veränderung darin zu bewirken. Im Jahre 1533 sind freylich einige Unruhen vorgefallen; allein diese betrafen doch nur kirchliche Angelegenheiten; und was man nachher von dieser Art erlebt hat, waren unbedeutende, leicht zu stillende Zunft-Händel.

Der Rath besteht aus vier Bürgermeistern, wovon Einer halbjährig das Präsidium führt, zwey Syndicis und aus vierundzwanzig Senatoren, die theils Gelehrte, theils Personen aus der Kaufmannschaft sind. Dieser Rath ist in vier Quartiere oder Collegia getheilt; zu jedem derselben gehört ein Bürgermeister und sechs Senatoren. Ist der ganze Magistrat versammelt, so heißt das die Wittheit, wozu nicht, wie Büsching in seiner Erdbeschreibung sagt, Mitglieder aus der übrigen Bürgerschaft gezogen werden; denn wenn dies geschieht, so nennt man das einen Bürger-Convent. Außerdem theilt sich wieder der ganze Rath in besondre Committees, indem theils zwey und zwey, theils einzelne Glieder desselben gewissen Departements vorstehen, z.B. bey dem Schulwesen, dem Militair, den Unter-Gerichten, dem Ober-Gerichte, dem Wasserbaue u.s.f. Diese Vertheilung der Geschäfte wird theils durch die Anciennität bestimmt, theils geschieht sie durch jeden Bürgermeister in seinem Quartiere, nach den besondern Neigungen und Fähigkeiten der einzelnen Rathsglieder in diesem oder jenem Fache. Nicht alle Departements sind gleich einträglich; überhaupt aber sind die Einnahmen, auch der altern Senatoren und derer, welche am mehrsten besondre Departements haben, nicht so beschaffen, daß ein Mann aus bloßem Eigennutze eine solche Stelle suchen kann, um so weniger, da er gleich bey Antritt seiner Stelle mit Inbegriff des Schmauses, den er der ganzen Bürgerschaft geben muß, ein paar tausend Thaler Unkosten hat; die Bürgermeister stehen, wie das billig ist, höher. Die Stadt hat von jeher sehr gelehrte und würdige Männer unter den Herrn ihres Raths gezählt; auch geschickten Fremden ist, wenn sie sich hier Verbindungen zu verschaffen wissen, der Weg zur Wahl nicht versperrt.

Der Magistrat wählt freylich seine neuen Mitglieder nur unter sich, ohne Zuziehung der Bürgerschaft; allein es ist dafür gesorgt, daß dies Vorrecht in keinen Mißbrauch ausarten könne. Gewisse bestimmte Grade der Verwandtschaft, in denen ein Candidat mit Einem der Senatoren oder Bürgermeister steht, schließen ihn von der Möglichkeit aus, in den Rath zu kommen. Ist nun eine Stelle erledigt, so werden die vier Wahlherrn durch das Los ernannt. Diese werden dann, wie im Conclave, eingeschlossen und berathschlagen sich miteinander. Können sie binnen vierundzwanzig Stunden, in welcher Zeit sie sonst niemand sprechen noch das Zimmer verlassen dürfen, nicht über ein Subject einig werden (indem nämlich die Stimmen unter zwey Competenten getheilt sind), so gesellt ihnen die indes versammelte Wittheit, abermals durch das Los, einen Fünften zu, welcher entscheidet.

Auch über die Grenzen der Gewalt des Raths ist Büsching fälschlich berichtet worden. Kein neues Fundamental-Gesetz darf gemacht, nicht das Geringste in der Constitution verändert und keine neue Auflage darf ausgeschrieben werden ohne Zusammenberufung und Beystimmung des Bürger-Convents: Policey-Verordnungen gibt der Magistrat für sich. In diesem Convente hat jeder dazu berufene Bürger eine Stimme. Aber ebensowenig entscheidet die allgemeine Entschließung der Bürgerschaft, wenn der Rath nicht einwilligt, und in beyden Fällen bleibt die vorgeschlagne Neuerung ausgesetzt, bis man sich gegenseitig überzeugt hat. Bey allen Cassen (einige unbedeutende ausgenommen) sind Deputierte von der Bürgerschaft angesetzt; der dabey die Direction führende Rath rührt kein Geld an, sondern hat nur die Oberaufsicht, und die sämtlichen Rechnungen werden den Ausschüssen der Bürgerschaft vorgelegt. Manche Einnahmen laufen grade in die Casse der Elterleute, welche ein besonders Collegium ausmachen, das sich auf dem Schüttinge, einem alten Gebäude dem Rathhause gegenüber, versammelt.

Wer unter dreytausend Thalern im Vermögen hat, bezahlt kein Geschoß, sondern wird nach Verhältnis seines Gewerbes und nach billigen Grundsätzen mit einer andern Abgabe belegt. Wer aber mehr wie dreytausend Thaler besitzt, taxiert sich selber, nach Gewissen; und zum Ruhme der hiesigen redlichen Bürger sey es gesagt (in Hamburg ist es grade ebenso), aus Patriotismus bezahlt Jeder eine größere Summe, wie ihm auferlegt werden könnte, wenn sein Vcrmögens-Zustand strenge untersucht würde. Der geringste Geschoß ist ein Achtzehntheil Procent; allein die Bedürfnisse des Staats erfordern immer eine stärkere Auflage. Ein Achttheil Procent pflegt ungefähr vierundzwanzigtausend Thaler einzutragen. Außerdem sind noch die Häuser mit einigen Abgaben belegt; auch wird eine Consumtions-Steuer erhoben.

 

Den 8ten.

Ich sprach gestern von dem Patriotismus der hiesigen Einwohner bey Angabe und Verzinsung ihres Vermögens. In der That sieht man davon in einigen teutschen Freystaaten, wo die Bürger gewiß sind, daß die Gelder nur zum allgemeinen Besten verwendet werden, Beyspiele, die man vergebens in Residenzen und in solchen Reichsstädten suchen würde, wo die Herrn Patricier nach Gutdünken schalten und walten. Ein gewisser Kaufmann in Hamburg ließ ein neues Haus bauen und auf dasselbe einen kleinen Thurm (ein Belvedere) setzen. Indem nun das Gebäude aufgeführt wurde, deutete ihm der Magistrat an: daß die Errichtung eines solchen Thurms gegen die Gesetze sey und daß, wenn er seinen Vorsatz ausführte, er Strafe werde geben müssen. Der Mann war reich, wollte sich die Freude nicht versagen, das Belvedere hinzustellen, und vollendete also den Bau. Nun kündigte ihm der Magistrat an: er müsse zehntausend Mark Strafe bezahlen. Ohne lange über die Summe zu zanken, von welcher man ihm gewiß, wenn er gebeten hätte, den größten Theil würde erlassen haben; überzeugt, daß er unrecht gehandelt hatte und daß jene Summe zum gemeinen Besten verwendet werden würde; ließ er antworten: man solle nur die zehntausend Mark in der Bank auf seinem Namen abschreiben lassen. Um diesen letztern Ausdruck zu verstehn, müssen Sie wissen, daß die Kaufleute in Hamburg ihr bares Geld in die Bank niederzulegen pflegen. Die Summen werden dann in den Büchern, wo Jedem von ihnen gewisse Blätter gewidmet sind, auf seinen Namen notiert. Hat nun der Kaufmann A. an den Kaufmann B. Ein paar tausend Mark zu bezahlen, so läßt er auf dem Blatte, wo sein Eigenthum notiert steht, so viel wegstreichen, welches dagegen auf das Blatt des Herrn B. geschrieben wird.

Man segnet noch hier in Bremen das Andenken eines gewissen unlängst verstorbnen Bürgermeisters Schmidt, den man als einen sehr edeldenkenden, patriotischen Mann schildert. Er soll bey einer gewissen Gelegenheit zum Nutzen des Staats zwanzigtausend Thaler von seinem eignen Vermögen aufgeopfert haben, ohne daß dies je öffentlich zur Sprache gekommen ist. Noch erzählt man, daß er bey einer andern Gelegenheit seiner Vaterstadt durch seine Klugheit vierzigtausend Thaler erspart habe. Im siebenjährigen Kriege nämlich hatte der Befehlshaber der französischen Kriegsvölker der Stadt Bremen jene Summe als Contribution zu bezahlen auferlegt. Es war zur Zeit, da die Convention in Kloster Zeven geschlossen war, die nachher aber für ungültig erklärt wurde. Die französischen Commissarien waren in der Stadt, um das Geld einzutreiben, und nachdem man vergebens allerley Mittel versucht hatte, wenigstens Aufschub zu erhalten, mußte endlich Anstalt zur Zahlung gemacht werden; schon saß auf dem Rathhause der Bürgermeister Schmidt an einem Tische, den Commissarien gegenüber, und hatte die Beutel mit Gelde neben sich liegen. Indessen hatte der edle Mann zuverlässige Nachricht, daß binnen einem paar Stunden ein Courier ankommen und Nachrichten bringen sollte, welche die Franzosen bewegen würden, schleunig abzuziehn und ihre Forderung im Stiche zu lassen. Er fühlte keinen Beruf, ihnen noch vierzigtausend Thaler mit auf den Weg zu geben; es kam aber darauf an, Zeit zu gewinnen. Der Bürgermeister begann also, das Geld mit äußerster Langsamkeit zu zählen und zwischendurch die Commissarien in weitläufige Gespräche zu verwickeln, indes er von Zeit zu Zeit ängstlich durch das Fenster auf die Gasse blickte, um zu sehn, ob der Courier noch nicht bald ankäme; allein Dieser blieb aus, als schon die letzten hundert Thaler gezählt wurden. Nun wurde ein Meisterstreich erfordert, wenn das Geld gerettet werden sollte. Schmidt fand auch hierzu Mittel; er entspann abermals eine Unterredung, die er so zu lenken verstand, daß sie immer lebhafter werden mußte. Dabey gerieth er in verstellte Hitze und wurde endlich so ungestüm, daß er im Feuer der Gesticulation den Tisch mit dem Gelde umwarf. Jetzt ging das Zählen von Neuem an, und indes erschien der Courier. ? Auf einmal änderte der Bürgermeister den Ton, strich das Geld wieder ein und schickte die Commissarien mit leeren Händen fort.

Sollten diese Anecdoten auch nicht ganz wahr seyn (wie denn verschiedne Personen, die ich darum gefragt habe und denen die Sache eigentlich nicht hätte unbekannt bleiben müssen, nichts davon wußten), sollten sie, sage ich, auch nicht ganz wahr seyn, so beweisen sie doch, wie man dünkt, daß Schmidt ein Mann gewesen, der einer solchen Handlung fähig war, weil man sie von ihm erzählen durfte; und es macht wahrlich einer Stadt Ehre, wenn darin, wie ich es hier oft bemerke, auf den Namen guter Menschen edle Handlungen erlogen werden, statt daß man sonst in der Welt so geneigt ist, durch ärgerliche Märchen dem Rufe auch der vortrefflichsten Männer aus Neid und Schadenfreude Flecken anzuhängen. Überhaupt finde ich hier das Publicum sehr willig, dem wahren Verdienste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und kleine Schwachheiten zu übersehn ? Doch was den Character der Bremer betrifft, darüber will ich Ihnen in meinem nächsten Briefe manches sagen, was Ihrem guten Herzen Freude machen wird.

Jetzt werde ich diese ziemlich lange Epistel auf die Post geben; denn ich denke, daß Sie Sich vielleicht schon zu Ihrer Reise nach Braunschweig anschicken. Früher wie in etwa vierzehn Tagen kann ich nicht daraufrechnen, Sie dort zu umarmen. Vorher sende ich noch dahin ein Paquet an Sie ab und erwarte eines von Ihnen. Bereiten Sie, mein Bester! mir indes eine liebreiche Aufnahme bey unsern edeln Freunden Campe und Trapp und reden mit diesen würdigen, biedern Männern zuweilen ein gutes Wort von Ihrem etc.

 

Neunzehnter Brief

Bremen, den 10ten August.

Es ist eine Zeitlang wirklich Ton gewesen, in manchen Journalen von der Reichsstadt Bremen wie von einem Orte zu reden, wohin die Aufklärung noch gar nicht gedrungen wäre und wo die Menschen für nichts wie Geld-Gewinn, Essen und Trinken und alten, reichsstädtischen Bocksbeutel Sinn hätten. Ich weiß nicht, ob irgendein paar schöne Geister, deren großen Verdiensten man vielleicht hier nicht volle Gerechtigkeit hat widerfahren lassen wollen, sich durch dergleichen Schmähungen an dem Publico zu rächen gesucht haben; aber das weiß ich, daß die guten Bremer, theils aus Bescheidenheit, theils weil sie es nicht für der Mühe werth gehalten, auf jene Beschuldigungen nicht viel geachtet haben und ihren stillen Gang fortgegangen sind.

Wenn wahre Aufklärung darin besteht, daß die Menschen bey Ausbildung ihres Verstandes vorzüglich die Anwendung ihrer Kenntnisse auf ihren Beruf im bürgerlichen Leben vor Augen haben; wenn man einer Stadt nicht den Vorwurf von Barbarey und Verfinsterung machen darf, wo es eine Menge wahrhaftig gelehrter und in allen Zweigen nützlicher Wissenschaften erfahrner Männer gibt; wenn derjenige Grad von Cultur der wünschenswertheste ist, welcher nicht auf Unkosten der Sittlichkeit und echter teutscher Redlichkeit erkauft wird, so gehört Bremen gewiß unter die aufgeklärten Städte.

Allein durchreisende Fremde haben oft gesagt, daß sie hier in Gesellschaften einen gewissen leichten Ton im Umgange, Lebhaftigkeit und Witz in der Unterhaltung vermissen ? und sie haben Recht gehabt. Indessen ist diese Erscheinung nicht schwer zu erklären. Ein geschärfter Witz und eine gewisse angenehme Geschwätzigkeit sind Kinder des Müßiggangs, des vervielfältigten Studiums der schönen Wissenschaften und des häufigen Umgangs mit Fremden, die bloß aus Vergnügen reisen. Nun gibt es hier wenig unthätige Menschen, wenige, welche Schöngeisterey und Mode-Lectüre zu einem Haupt-Gegenstande ihres Bestrebens machen; endlich liegt Bremen so außer dem Striche, den die durch Europa kutschierenden müßigen Zugvögel zu nehmen pflegen, daß mehrentheils nur solche Fremde hierherkommen, die Handlungs-Geschäfte führen. Folglich werden die Köpfe der hiesigen Einwohner nicht häufig mit jenen angenehmen Kleinigkeiten und lustigen Schwänken angefüllt, sondern sind mehr auf ihre Berufs-Geschäfte und auf ernsthafte Gegenstände gerichtet. Kömmt es Ihnen aber darauf an, unter vier Augen oder in einem kleinen Cirkel verständiger Männer ein sokratisches Gespräch über philosophische Materien oder über solche, die in ein einzelnes wissenschaftliches Fach schlagen, über Politic, Handel und Manufacturen zu führen, so finden Sie dazu vielleicht mehr Gelegenheit hier wie in manchen Städten, wo jenes oberflächliche Geschwätz und eine gewisse Polyhistorey für Zeichen der feinsten Cultur gelten.

Dennoch aber haben die Bremer Sinn für die Freuden einer mit muntrer Laune, feinem Witze und Scharfsinne gewürzten Unterhaltung, und was das Lesen neuerer Bücher betrifft, so wenden einige Lese-Gesellschaften und Leyh-Bibliotheken allen Fleiß an, auch hier die Köpfe, die Phantasie und die Herzen der jungen Leute durch den Geist unsrer tausend und abermal tausend Romanen, Comödien, Ritter- und andrer Märchen zu verschrauben.

Eine Stiftung, wie man sie vielleicht in keiner einzigen teutschen Stadt findet, ist das schon seit einer Reyhe von Jahren bestehende Museum oder die physicalische Gesellschaft; eine Anzahl von Personen, theils Gelehrte, theils Kaufleute, die jetzt schon über hundertundsiebenzig stark ist und ihre neuen Mitglieder durch Ballotieren wählt, bezahlt nämlich jeder von ihnen jährlich zehn Thaler, wofür ein großes Versammlungs-Haus mit einem daranstoßenden Garten gemiethet worden und in demselben eine täglich sich mehrende Bibliothek, ein Naturalien-Cabinet, eine Sammlung von Instrumenten, Modellen u.d.gl. aufgestellt ist. Täglich vom Morgen bis zum Abend sind einige Zimmer bereit und im Winter geheizt, um jedes Mitglied zu empfangen, das Lust hat, hier zu lesen, oder andre Unterhaltung sucht. Alle bedeutende in- und ausländische politische und gelehrte Zeitungen und Journale liegen dann bereit, und Jeder bringt interessante Nachrichten, die er durch Privat-Correspondenz erfahren hat, mit in die Gesellschaft. Des Montags wird abwechselnd von zwölf Mitgliedern, die sich dazu verbindlich gemacht haben, eine Vorlesung über irgendeinen wissenschaftlichen Gegenstand gehalten, aus der Naturgeschichte, Historie, Astronomie etc. Der Vortrag wird so eingerichtet, daß er auch für die unstudierten Zuhörer interessant seyn kann.

So sehr nun die Bremer wahrhaftig nützliche Kenntnisse schätzen und ihre Ausbreitung zu befördern suchen, so wenig macht hier ein Windbeutel oder Abentheurer mit brotlosen Künsten sein Glück. Blanchard wollte hier eine Luftfahrt halten; man antwortete ihm: man verlange den theuren Spaß nicht zu sehn.

Schauspieler-Gesellschaften sind wohl ehemals auf kurze Zeit hier gewesen; allein seit einer Reyhe von Jahren hat man Bedenken gefunden, einem Directeur zu erlauben, hier Vorstellungen zu geben. Diejenigen im Magistrate und der Bürgerschaft, welche dagegen waren, führten folgende Gründe an: »In einer Stadt, die so groß ist wie Hamburg und wo immer eine Menge von müßigen Fremden sich aufhält, scheinen solche öffentliche Belustigungen nothwenige Übel; hier hingegen ist das nicht der Fall. Freylich nehmen die Schauspieler selten Geld mit aus der Stadt; allein es wird aus den Händen der ärmern Classe arbeitender Bürger in die der Gastwirthe, Schneider, Putzhändler, Friseurs, Maler u.s.f. gespielt. Doch der ehrliche Handwerksmann und der Dienstbothe tragen nicht nur ihr Geld dahin, sondern auch ihre kostbare Zeit. Um auf den unbequemen Galerien einen leidlich guten Platz zu bekommen, drängen sie sich schon um drey Uhr in das Haus und bleiben sechs Stunden lang dort, statt daß sonst diese Menschen nach vollbrachter Arbeit höchstens auf ein paar Abend-Stunden in das Wirthshaus gehen. Was die Wirkung unsrer teutschen Theater auf die Sittlichkeit betrifft, so wird man wohl nicht leicht beweisen können, daß jemand durch ein Schauspiel moralisch gebessert worden wäre. Unglücklich für das folgende Leben aber ist gewiß schon mancher gute Jüngling und manches junge Mädchen durch den Aventüren-Geist und die romanhaften Begriffe geworden, wovon fast alle unsre Schauspiele voll sind. Welche Unanständigkeiten ferner auf den Galerien und auf den dunkeln Plätzen vor den Schauspielhäusern vorzugehn pflegen, das weiß Der, welcher die Menschen aller Stände zu beobachten Gelegenheit gehabt hat; wie ausschweifend endlich die mehrsten Schauspieler und Schauspielerinnen leben ? wer weiß das nicht? Wir waren bis jetzt froh, daß unsre Söhne und Töchter noch nicht den Grad von Aufklärung erlangt hatten, dessen Mangel man uns vorwarf. Wir sind froh, daß wir grobe Coketterie noch nicht unter unsern Frauenzimmern eingerissen finden; daß selbst der Pöbel nicht öffentlich Ausschweifungen treibt und daß es hier wenig allgemeine Versammlungs-Örter gibt, die dazu Gelegenheit darreichen könnten. Also lasse man den Residenzen, wo die Menschen entweder schon so corrumpiert oder durch die bessere, erhöhete Aufklärung schon so gegen Verführung von der Art gewaffnet sind, daß für sie nichts mehr zu befürchten ist ? Diesen Residenzen und den sehr großen Städten lasse man ihre ihnen zum Bedürfnisse gewordenen Schauspiele, Mummereyen, Fastnachtsspiele und Meß-Vergnügungen aller Art, wodurch auch viel Fremde hingezogen werden! Unsre Bürger und Hausmütter sind noch nicht soweit, daß sie fünf bis sechs Stunden täglich ihren Geschäften entziehn könnten.«

So sprach man, wie ich höre, noch vor kurzem hier, und offenherzig gesagt, ich kann diese Bemerkungen nicht unrichtig finden. [Daß öffentliche Schauspiele in Städten, die keine Residenzen, nicht sehr groß und weniger mit Fremden, mit Garnisonen und mit müßigen Leuten angefüllt sind, billig nicht geduldet werden sollten, hat der Herausgeber dieser Briefe von jeher behauptet und würde es behaupten, wenn auch sein Bruder Schauspiel-Director wäre; denn Wahrheit bleibt Wahrheit. Allein er dringt seine Meinung niemand auf, würde auch, wenn er in dem Falle wäre, etwas zu Ertheilung einer solchen Concession beytragen zu können und seine Pflicht ihn nicht aufriefe, nicht entgegenarbeiten, wie es denn immer sein Grundsatz bleibt: über jeden Gegenstand freymüthig seine Meinung zu sagen, die einmal eingeführte Ordnung der Dinge aber, wenn der größere und stärkere Theil sie einmal nicht anders haben will, ungestört zu lassen und selbst mit in das Glied zu treten, wohin man ihn zu stellen gut findet, wenn durch seine unbedeutende Absonderung nichts gewonnen würde.] Indessen scheint sich jetzt die Stimmung verändert zu haben, und man sagt, daß nächstens ein Schauspielhaus erbauet und eine Gesellschaft herkommen werde.

Seit einem paar Jahren war ein Gesellschafts-Theater hier errichtet, welches aber nun eingehn wird. Da auf demselben nur Personen von feiner Erziehung und guten Sitten spielten: da man in der Auswahl der Stücke vorsichtig zu Werke ging: da man selten spielte; da man nur solche Zuschauer zuließ, die ihrer Lage nach, weniger ängstlich mit Zeit und Geld zu geizen brauchten; da endlich, nach Abzug der Unkosten, der Überschuß zu wohlthätigen Zwecken verwendet wurde, so konnte man diesem kleinen Institute jene Vorwürfe wohl nicht machen. Ob aber auch die Vervielfältigung solcher Privat-Theater eine sehr nützliche Sache sey, mag ich doch nicht entscheiden. Wenigstens würde ich unter den jungen Leuten denen, welchen ich keinen sehr bestimmten Character zutrauen könnte, nur selten erlauben, eine Rolle zu übernehmen.

Music ist hier sehr beliebt; es gibt öffentliche und Privat-Concerte, in welchen man Musiker vom Handwerke und Liebhaber mit Fertigkeit und Geschmack die Meisterstücke der neuesten Tonsetzer vortragen hört.

Die hiesigen Schulen haben immer in sehr gutem Rufe gestanden, sowohl das reformierte Gymnasium wie die königliche Domschule; allein auch hier fängt man an, kleine Privat-Erziehungs-Institute, Philanthropinlein und After-Schulen anzulegen, zum Schaden der öffentlichen, die nothwenig sinken müssen, wenn dieser Modewuth nicht durch patriotische Vorkehrungen gesteuert wird. Freylich ist es sehr bequem, wenn so ein Candidat [Man wird doch verstehn, daß hier nicht die Rede von allen Instituten dieser Art ist. Selbst hier soll es, wie ich höre, würdige junge Gelehrte geben, denen die Eltern ihre Kinder, wenn sie Bedenken tragen, dieselben in die öffentlichen Schulen zu schicken, sicher anvertraun können.], statt sein Brot unbequem und mühsam als Hauslehrer oder durch Ertheilung von Privatunterricht in fremden Häusern zu erwerben, eine Anzahl Knaben in seinem Hause versammeln und ihnen da aus seinen Bilder-Büchern und Elementar-Werken die Quintessenz aller menschlichen Wissenschaften in nuce reichen kann. Zwar wird da auf die Vorbereitungs-Wissenschaften und auf das Studium der Alten wenig Rücksicht genommen, allein die Eltern staunen doch und segnen den großen Mann, der ihre achtjährigen Kinder dahin bringt, daß sie zu Hause über die Begattung der Fische, über den großen Mogul, den Colibri, die Unsterblichkeit der Seele, über Papiermühlen, über die Himmelscörper u.d.gl. plaudern können. Man meint auch, daß sie mehr beschäftigt und genauer beobachtet werden, wenn sie ihre Unarten in den umschlossenen kleinen Höfen hinter den Wohnungen ihres Pädagogen treiben. Fällt es nun aber endlich einem Vater ein, den Knaben, damit er auf die Universität ziehn könne, noch eine Zeitlang in die höhern Classen der Schule zu schicken, so zeigt sichs, daß er im Grunde noch nichts gelernt hat, und man ist verlegen, wie man ihn mit den andern Schülern in die Reyhe bringen will.

Die hiesigen Ärzte geben ein seltnes Beyspiel von Verträglichkeit und Entfernung alles Brot-Neides. Die Angesehensten unter ihnen fragen einander in wichtigen Fällen um Rath, und wenn Einer zu seiner Erholung auf ein paar Wochen verreisen will, übernehmen die Andern indes die Sorgfalt für seine Kranken.

Ich habe mich genau nach den unangenehmen Auftritten erkundigt, die vorgegangen seyn sollten, als man kürzlich die allgemeine Beichte in der könglichen Domkirche einführte, wovon in einem Journale zur Verkleinerung eines sehr rechtschaffenen Mannes so viel Lärm gemacht wurde, und habe erfahren, daß ? nicht Ein wahres Wort daran ist, daß folglich der Redacteur keinen sehr sichern Correspondenten haben muß. Nachdem die Herrn Prediger mit derjenigen Vorsichtigkeit, die eine solche Haupt-Veränderung erfordert, ihre Zweifel, Einwürfe und Einschränkung der königlichen Regierung vorgetragen haben und diese die Sache untersucht und die Hindernisse gehoben hat, ist die neue Einrichtung sehr bald, ohne Fehde und Zwist, zu Stande gekommen.

 

Den 11ten.

Ich glaube, Ihnen, lieber Freund! gestern genug gesagt zu haben, um zu beweisen, daß es hier in Bremen mit der Aufklärung nicht so schlimm aussieht, wie man zuweilen dem Publico vorgespiegelt hat; jetzt will ich noch etwas von der Gutmüthigkeit und Wohlthätigkeit der hiesigen Einwohner reden.

Daß hier eine seltene Bonhomie, Treuherzigkeit, Dienstfertigkeit und Gastfreundschaft herrschen; daß Reinigkeit und Einfalt der Sitten in allen Ständen, Häuslichkeit und Familien-Band noch sehr respectiert und gehegt werden; daß der Luxus, in Verhältnis des wirklich hier anzutreffenden Reichthums, keine zu große Fortschritte gemacht hat ? das alles glaube ich Ihnen schon erzählt zu haben. Die Gutherzigkeit der Einwohner äußert sich aber vorzüglich auch in wohlthätigen Handlungen. Es hält gar nicht schwer, wenn die Rede davon ist, einen armen Studierenden zu unterstützen, in wenig Stunden unter einigen Kaufleuten eine Unterzeichnung zu Stande zu bringen, die ihn drey Jahre hindurch auf Universitäten gegen Mangel schützt. Ein einheimischer junger Portrait-Maler hat große Talente, erwirbt aber nicht so viel, daß er mit frohem Muthe arbeiten und Fortschritte in seiner Kunst machen kann; ein guter Mann erfährt das und läßt nun, ohne eben ein warmer Liebhaber von Schildereyen zu seyn, dreyßig von seinen Bekannten durch diesen Künstler malen. Ein Mechanicus hat eine vortreffliche Maschine erfunden; er hofft, damit den von einer Academie ausgesetzten Preis zu erringen: Nach vieljähriger Anstrengung und großen Kosten windet ihm die Cabale den verdienten Preis aus den Händen; ein bremischer Bürger kauft ihm die Maschine ab und setzt das Ding auf den Boden seines Hauses.

Vor kurzem wurde einigen Mitgliedern der lutherischen Gemeinde der Vorschlag gethan, durch Unterzeichnung einen kleinen Fond zu Errichtung einer Witwencasse für die Lehrer bey der Domschule zusammenzubringen. Mit großer Bereitwilligkeit wurde dieser Antrag aufgenommen; der edle N***, der alles Gute mit Wärme betreibt, war hierbey nicht nur thätig, sondern machte selbst, aus seinem eignen Vermögen, sich zu einem Legate verbindlich. Ein mcnschenliebender Kaufmann folgte seinem Beyspiele. Ein seiner prunklosen Wohlthätigkeit wegen bekannter reformierter Glaubensgenosse both unaufgefordert einen Beytrag an. Die königliche Regierung vollendete das Werk durch Verwilligung einer ansehnlichen Summe, und die Sache kam schnell zu Stande.

Am thätigsten zeigt sich der Geist der hiesigen Wohlthätigkeit bey Versorgung und Verpflegung der Armen und Waisen. Das Armenwesen in den einzelnen Kirchsprengeln wird von den gewählten Diaconis der Gemeinden verwaltet. Angesehene und reiche Kaufleute machen sich eine Ehre daraus, unentgeltlich einen großen Theil ihrer Zeit und ihrer Kräfte diesem edeln Geschäfte zu widmen; auch sammeln sie in den Kirchen, indem sie mit dem Klingelbeutel herumgehen. Das allgemeine Armen-Institut, woran Reformierte und Lutheraner Theil haben, konnte vormals seine jährlichen Ausgaben nie mit den einlaufenden Beyträgen bestreiten. Es wurden daher Schulden gemacht, welche nach einiger Zeit durch die Auflage eines neuen Geschosses getilgt werden mußten. Jetzt ist ein neuer Etat formiert; man hofft auszukommen, wenn die Sammlung, welche wöchentlich in allen Häusern angestellt wird, jährlich die Summe von 20000 Rthlr. vollzählig macht. Jeder Bürger hat sich daher um so williger zu einem bestimmten wöchentlichen Beytrage unterzeichnet, da er hierdurch von allen Haus- und Straßen-Betteleyen ist befreyet worden.

Das neue lutherische Waisenhaus ist von den drey hier befindlichen der äußerlichen Bauart nach das schönste. Dieser Bau ist gleichfalls zum Theil durch eine Unterzeichnung zu Stande gekommen, die in kurzer Zeit 30000 Rthlr. herbevschaffte. Für die Gesundheit, Zufriedenheit, Reinlichkeit, für die zweckmäßige Bildung und einen vernünftigen Unterricht der Kinder wird hier so väterlich gesorgt, daß wahrlich die Einrichtung zum Muster dienen kann und man mit Freuden hier 150 Menschen, mit Inbegriff der Aufseher, Lehrer etc. aus der Hand der Mildthätigkeit versorgt und sie Alle froh und gesund sieht. Man rechnet, wenn ich nicht irre, den jährlichen Unterhalt eines Kindes auf 30 Rthlr. Die lutherischen Diaconi, welche sich dieser Anstalt mit unverdrossenem Eifer annehmen und von denen jährlich Einer die Verwaltung hat, halten mit Hilfe ihrer Gattinnen die genaueste Aufsicht darüber. Sind die Kinder so weit geführt, daß sie in den Dienst oder zu einem Handwerker in die Lehre gehn können, so werden sie, mit Rücksicht auf ihre Fähigkeiten und Neigungen, untergebracht und mit einer kleinen Ausstattung entlassen. Außer den Summen, welche durch freywillige Geschenke und Vermächtnisse eingehen, werden zweymal im Jahre in der Domkirche Becken ausgestellt, auf welche Jeder unbemerkt seine Gabe legt; und sollten Sie es denken? Da kömmt an einem solchen einzelnen Sonntage nie unter 1 000 Rthlr., oft über 1100 Rthlr. ein. In dies Haus werden nur die Kinder verstorbner Bürger aufgenommen. Die lutherischen Freyschulen unterhält der Klingelbeutel der Dom-Kirche.

Ich muß abbrechen; ein angenehmer Abend erwartet mich in dem Cirkel der liebenswürdigen Familie des biedern, thätigen, dienstfertigen, menschenliebenden O. P. M. A***, der mir so viel treuherzige, echte teutsche Gastfreundschaft und Güte beweist, daß ich dessen gewiß lebenslang eingedenk bleiben werde ? Morgen ein Mehreres!

 

Am 12ten.

Das hiesige Hospital oder Krankenhaus wurde 1689 errichtet, ohne daß demselben der geringste Fond angewiesen wurde, 150 Rthlr. jährlich ausgenommen, die von einer andern Stiftung dieser Art herrührten. Es scheint, daß man sich im Voraus versichert gehalten, Bremens Bürger würden ein so unentbehrliches und nützliches Institut nicht untergehn lassen; und hierin hat man auch nicht geirrt, denn im Jahre 1774, als so weit die mir mitgetheilten Nachrichten reichen, waren in dem Zeiträume von 85 Jahren an Vermächtnissen und andern Einflüssen dem Hause zugegangen: 1099101/3 Rthlr., und zwar an Beyträgen der Reformierten 85 296 Rthlr. 70½ Gr. und von Lutheranern 24613 Rthlr. 25½ Gr. Die Zinsen dieser ersparten 109910 Rthlr. 24 Gr. also wurden zum Unterhalte des Hauses verwandt; das übrige noch Erforderliche ist aus andern Quellen herbeygeschafft worden. Die aufgenommnen Kranken verhalten sich in den letzten 5 Jahren, wovon ich Nachricht habe, von beyden Bekenntnissen also, daß die Anzahl der Reformierten 33/8 gegen 91/3 Lutheraner war.

Das Armenhaus wurde 1696 zu bauen angefangen, ohne einigen Fond dazu zu haben und also bestimmen zu können, woher die Ausgaben zu dem Baue, noch weniger zu der Unterhaltung der aufzunehmenden Armen sollten hergenommen werden. Aber auch hier half die Wohlthätigkeit der bremischen Bürger, so daß beyde Zwecke erreicht werden konnten; und im Jahre 1775 hatte man ein Capital von 73671 Rthlr. 2 Gr. auf Zinsen ausstehn. Der angefangne Bau wurde 1710 mit Erbauung der Kirche geendigt und hat gekostet 33623 Rthlr. 13½ Gr., welche sämtlich durch milde Gaben zusammengebracht worden ? eine Summe, die nach dem damaligen Werthe des Geldes und des Vermögens der Einwohner um so viel mehr wie ansehnlich kann betrachtet werden, weil schon 1698, noch vor vollendetem Baue, das Haus mit Armen besetzt war, welche 1714 bereits bis auf eine Anzahl von 500 gestiegen, einen jährlichen Aufwand von 13 bis 14000 Rthlr. erforderten, wofür auch mußte gesorgt werden. In unsern Tagen, wo die Willfährigkeit zu Geld-Ausgaben eine andre Richtung genommen, wo man es in den mehrsten Städten lieber dem Luxus und den Zerstreuungen opfert als der Wohlthätigkeit darbringt, würde man wohl fast aller Orten Den für einen Phantasten halten, der nur den Gedanken äußerte, eine solche wichtige Unternehmung ohne allen Fond anzufangen. Ja! selbst hier in Bremen, so sehr sich auch die Stadt noch von dieser Seite auszeichnet, würde wohl jetzt ein solcher Plan nicht durchzusetzen seyn. Zu den in spätem Zeiten errichteten Freyschulen, wovon ich hernach reden werde, ist zwar auch ein Beträchtliches zusammengebracht worden, und die neuerlich veranstaltete Unterzeichnung zu Aufrechterhaltung des Armen-Instituts macht der Wohlthätigkeit der Bürger Ehre (obgleich freylich, da nunmehro alle Betteley aufhört, der größte Theil der Einwohner im Grunde weniger gibt, wie er ehemals an einzelnen Almosen ausspendete), allein im Ganzen hat doch auch hier der Eifer, die Noth der Mitbürger zu mildern, besonders was die Testamente betrifft, gegen vorige Zeiten sehr abgenommen ? Doch ich kehre zu dem Baue des Armenhauses zurück. Um zu zeigen, wie das Geld dazu in so kurzer Zeit hat herbeygeschafft werden können, gebe ich hier nur die drey Sammlungen an, die von den Diaconis in der Stadt vorgenommen werden. Die im Jahre 1696 brachte 11 812 Rthlr. 9 Gr. ein; die zwey Jahre nachher angestellte 4738 Rthlr. 36 Gr. und im Jahre 1710 die dritte 716 Rthlr. 5 Gr.

Wenn ich nun das, was der Bau und die aufgenommenen Armen bis 1775 gekostet, zusammenziehe, so kömmt schon eine ansehnliche Summe heraus; aber sie wird noch vergrößert, wenn man die 18 bis 1 900 Rthlr. die jährlich von dem Hause an Arme außer demselben ausgetheilt wurden, wie billig in Rechnung bringt ? Hier ist eine kurze Übersicht davon.

Der Bau des Hauses hat gekostet: 33623 Rthlr. Zu Bewohnern des Hauses kann man im Durchschnitte 225 Personen annehmen; diese zu 45 Rthlr. gerechnet, macht jährlich 10225 Rthlr. aus; und in einem Zeiträume von 77 Jahren, nämlich bis 1775, eine Summe von 787325 Rthlr. Die Austheilungen an Arme schlage ich nur jährlich an zu 1 800 Rthlr.; dieses in 77 Jahren beträgt 138600 Rthlr. Hierzu das oben durch Ersparung gesammelte Capital von 73671 Rthlr.; beläuft sich das Ganze auf 1 033219 Rthlr. oder im Durchschnitte jährlich auf 13418 Rthlr. Freylich sind die Zinsen von dem ersparten Capitale nach und nach mit eingeflossen; allein dagegen sind auch manche Unkosten und Abgaben, besonders die Baukosten, gar nicht gerechnet, welche letztere allein im Jahre 1763, als die Engländer das Haus durch Verlegung ihres Hospitals in dasselbe sehr verwüstet hatten, 6 100 Rthlr. betrugen.

Bey Weitem der größte Theil dieser Gaben wurde im Verborgnen gereicht, ohne daß man davon Ruhm zu erhalten hoffen konnte. Nur bey den Vermächtnissen war die öffentliche Bekanntmachung nicht zu vermeiden.

Ungefähr zwey oder drey Jahre vorher war auch ein löbliches Institut, nämlich das sogenannte Mannhaus errichtet worden, worin für den Unterhalt von zwölf Männern gesorgt wird. Es scheint aber, als wenn man dieses bey Errichtung des Armenhauses aus den Augen verloren hätte; denn obgleich es Anfangs reichlich begabt worden, so kann es sich doch jetzt aus seinen Einkünften nicht erhalten, sondern die Eintretenden müssen eine gewisse Summe von 5, 6, bis 800 Rthlr. nach dem Unterschiede der Jahre erlegen, doch sind 24000 Rthlr. erspart, wovon die Zinsen zum Haushalte verwendet werden. Die Männer bewohnen das erste Geschoß im rechten Flügel des Armenhauses. Dies schien einem guten Bürger vor etwa zwölf Jahren nicht ehrenwerth genug für dies Institut; er setzte es also zu seinem Erben ein und verlangte, daß mit dem Gelde ein Haus gekauft werden sollte. Die Erbschaft betrug etwa 5000 Rthlr.; allein das Haus ist nicht gekauft worden; ich weiß nicht warum? Vermuthlich kann man es für den Preis nicht groß genug haben.

Die neuen reformierten Freyschulen sind im Jahre 1770 errichtet worden. Am 27sten März desselben wurden die ersten 300 Rthlr. dazu gegeben, im Junius 1790 betrug schon das auf Zinsen und in gekauften Häusern angelegte Capital 13676 Rthlr. 63½ Gr., ohne was noch sonst eingegangen und zur Unterhaltung verwendet worden war.

Von den drey Waisenhäusern habe ich schon geredet; außerdem aber gibt es hier auch noch eine Menge andrer milder, zum Theil reichlich versorgter Stiftungen.

Und das sey denn genug über die Reichsstadt Bremen, die ich nun bald verlassen werde und in welcher ich, wie ich mich schmeicheln darf, Freunde zurücklasse! Gern hätte ich noch einen kleinen Seitensprung nach Oldenburg gemacht, um. da meine Augen doch wohl nie wieder in meinem Leben einen Fürsten sehn werden, den Eindruck mit nach Amerika zu nehmen, den der Anblick eines so weisen und guten Fürsten, wie der Herzog von Oldenburg ist, auf mich machen würde; aber meine Zeit ist zu kurz abgemessen, da ich den 3ten des künftigen Monats unfehlbar in Hamburg seyn muß, weil ich an diesem Tage mit M*** und unsern Leuten eingeschifft werden soll; ich eile also soviel möglich zu Ihnen nach Braunschweig, wohin dieser Brief heute vorauslaufen soll. Übermorgen reise ich ab; mein vieljähriger, redlicher Freund, der Doctor B***, begleitet mich bis Verden, wo wir vom Mittage bis zum andern Morgen bleiben werden, um die kleine Gesellschaft zu besuchen, die jetzt eine halbe Stunde Weges von der Stadt, bey einer mineralischen Quelle in kleinen Häusern, die seit einigen Jahren erbauet sind, sich aufhält und dort die Bade-Cur braucht. In Hannover halte ich mich gar nicht auf; also hoffe ich schon am 16ten abends das Glück zu haben, Sie zu umarmen und Ihnen zu sagen etc.

 

 


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