Briefe auf einer Reise aus Lothringen

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Siebenter Brief

Frankfurt, den 26sten May.

Als ich im Begriff war, von Heidelberg abzureisen, und nur noch auf die Ankunft des Fuhrwerks wartete (denn ich habe keinen eignen Wagen mit auf die Reise genommen), wandelte ich in dem Vorhause des Gasthofs auf und nieder. Ein sauber gekleidetes, hübsches junges Frauenzimmer trat herein, machte mir im Vorbeygehn eine anständige Verneigung und fragte dann ein paar Leute, die im Hofe standen, ob man ihr nicht eine Retour-Kutsche oder irgendeine andre Gelegenheit, um wohlfeilen Preis nach Frankfurt zu kommen, anweisen könnte. Man sagte ihr: der Herr dort stehe im Begriff, dahin zu reisen; man wisse aber nicht, ob er geneigt sey, jemand mitzunehmen. Ich hörte diese Unterredung in einiger Entfernung an und beäugelte nun noch einmal das Frauenzimmer vom Kopfe bis zu den Füßen, indem ich erst mit mir selbst ausmachen wollte, ob ich ihr anständigerweise meine Gesellschaft anbieten könnte. Sie hatte indes auch den Kopf nach mir hingewendet und schien ihre Bescheidenheit um Rath zu fragen, ob sie mir die Bitte vortragen dürfte oder nicht. Ihre hellen, freundlichen blauen Augen hatten schon zur Hälfte den Antrag gethan, als, mit Vorsatz oder durch Ungefähr, ein kleines, zierliches, in Atlas gekleidetes Füßchen schelmisch unter dem Rocke hervorblickte und mich vollends bestimmte, diesem Antrage auf halbem Wege entgegenzukommen.

»Mademoiselle!« sagte ich, indem ich mich ihr näherte. »Ich habe einen zweysitzigen Wagen gemiethet. Mein Bedienter hat Platz auf dem Bocke. Wenn ich es also wagen dürfte ?« »Sie sind gar zu gütig«, erwiderte sie. »Ich fürchte, Ihnen beschwerlich zu seyn. Wollten Sie aber die Gefälligkeit haben: Sehr gern würde ich einen Theil der Unkosten ?« »Was reden Sie von Unkosten und Beschwerden? Wer würde nicht gern mit Ihnen durch die ganze Welt und, müßte es seyn, sogar in jene Welt hineinreisen, sollte er dies Glück auch noch so theuer erkaufen?« ? Sie verneigte sich und lächelte mit Anstand; der Kutscher kam bald, und wir fuhren ab.

An einem schönen Frühlings-Tage durch die reizende Bergstraße zu fahren; den balsamischen Duft der Blüten einzuhauchen; nach allen Seiten hin die schönsten Gegenstände zu erblicken; hier eine Kettenreyhe von Gebirgen, mit Weinstöcken und Obstbäumen und Wald, in so malerischer Abwechselung besetzt; auf den Gipfeln alte zerstörte Ritterschlösser; dort die weite Ebene ? ein unübersehbarer Garten! und in der Entfernung die Städte und Dörfer ? Bedarf es mehr, um das Herz zu sanften Empfindungen zu stimmen? Aber nun machen Sie vollends diese Paradies-Fahrt an der Seite eines hübschen freundlichen Mädchens, in einem engen, zweysitzigen, geschlossenen Wagen, wo Sie bey jedem kleinen Stoße, den die Räder auf einem Steine machen, den der schadenfrohe Satanas nicht umsonst in den Weg gelegt hat, bey der kleinsten Bewegung ihrer Arme der liebenswürdigen Nachbarin näher kommen, wo Sie den Anblick der romantischen Gegend durch das offne Seiten-Fenster nicht genießen können, ohne die hellen Strahlen aus einem Paar sanften, lieblichen Augen aufzufangen ? So will ich doch sehen, ob Sie, bey aller Ihrer Philosophie, nicht anfangen sollen, heimlich mit den drey geistlichen Feinden zu capitulieren. In solchen Bedrängnissen pflegt ein Mann von Ehre, von feinerm sittlichen Gefühle und der, wie ich, Achtung für das weibliche Geschlecht hat, verlegen um den Stoff zu einer Unterhaltung zu seyn, die weder trocken und langweilig wird, noch einen gefährlichen sentimentalen Schwung nimmt. Einige bescheidne Fragen über den Zweck der Reise meiner Gefährtin halfen mir vorerst aus der Noth, und ihre Geschichte, die übrigens nicht reich an Abentheuern war, reichte nebst einigen kleinen Episoden glücklicherweise hin, bis wir nach Heppenheim kamen, wo wir im Posthause ein leichtes Mittagsmahl verzehrten und eine Flasche Wein dazu ausleerten, den ich seines gewürzhaften Geschmacks und der milden Fröhlichkeit wegen, in die er, mäßig getrunken, versetzt, Ihnen, wenn Sie einmal in diesen Gegenden reisen sollten, hiermit bestens empfohlen haben will.

Meine Gefährtin war die Tochter eines Kaufmanns aus Offenbach, dem heitern Städtchen am Main, wo die edle Witwe des würdigen Canzlers La Roche jetzt wohnt, die mit ihrer Feder zur Bildung ihrer weiblichen Leserinnen so viel beygetragen und den Gewinnst ihrer Schriftstellerey auf so beneidenswerthe Art verwendet hat, indem sie sich dadurch die Mittel erleichterte, einem durch schändliche Pfaffen-Cabale seines Amts entsetzten Gatten und ihren liebenswürdigen Kindern mehr Gemächlichkeit des Lebens zu verschaffen. In diesem Städtchen, sage ich, war meine Gefährtin zu Hause. Sie hatte eine Verwandtin in Heidelberg besucht und wollte nun zurück nach Offenbach reisen. Ihre Eltern und, fügte sie zutraulich hinzu, ihr Bräutigam, ein junger Fabricant, würden sie in Frankfurt abholen. Dies war der einfache Stoff zu ihrer Geschichte, die sie durch Einmischung kleiner Neben-Umstände, Schilderungen und Bemerkungen kunstlos, aber angenehm ausdehnte. Ich muß mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu bezeugen, daß mirs lieb war zu hören, daß sie eine Braut wäre. Dies löschte nicht nur jeden Gedanken eines Abentheuers in mir aus und überzeugte mich, daß ich in keine verächtliche Gesellschaft gerathen war, sondern es hob auch alle Verlegenheit, allen unrechten Zwang von meiner Seite auf, indem sie nun sans conséquence für mich wurde. Von ihrer Seite bemerkte ich keinen Schatten von falscher Zurückhaltung; sie war immer gleich heiter und zutraulich. Die Frauenzimmer in dem südlichen Theile von Teutschland sind in ihrem äußern Betragen viel gefälliger, obgleich darum nicht mehr und nicht weniger verderbt wie die in den nördlichen Gegenden. Sie sind lebhafter, ohne deswegen leichtfertiger zu seyn, erlauben auch wohl im geselligen Umgange den Mannspersonen kleine, unschuldige Freiheiten, denen sie aber zu rechter Zeit Grenzen zu setzen wissen. In einigen Städten von Niedersachsen und Westfalen hat die äußere steife, hölzerne Sittsamkeit der Mädchen den Anstrich wahrer Grobheit. Sie wissen nicht, ob sie auf der Gasse unsern Gruß mit einer Verbeugung erwidern sollen oder nicht, weil sie fürchten, ein Dritter könnte glauben, sie ständen in sehr genauer Bekanntschaft mit uns. So dankt ein junges, unbedeutendes Mädchen einem Manne von Stande, der sie grüßt und der, wenn er nicht ihres Vaters Freund wäre, das kleine Geschöpf gar nicht bemerken würde, mit einem gnädigen Kopfnicken, das sie kaum einem Lakayen biethen sollte. Das ist nun freylich der Fall bey Frauenzimmern, denen es an wahrer Lebensart, an Contenance fehlt; aber in den Rhein-Gegenden und andern Theilen von Ober-Teutschland kömmt diese ungezwungne Höflichkeit und gute Haltung aus einem unbefangenen Herzen und ersetzt den Mangel an feinerer Cultur.

Auf der Reise von Heppenheim bis Darmstadt war unsre Unterhaltung nicht sehr lebhaft; das gute Kind schlief fast den ganzen Weg hindurch. Es war vermuthlich früher wie gewöhnlich aufgestanden, denn wahrlich! Sie würden mir Unrecht thun, wenn Sie mir Schuld gäben, ich hätte sie durch Stillschweigen oder langweilige Gespräche in den Schlummer gewiegt. Vielmehr war unser Dialog Anfangs recht beseelt und wie unter nahen Verwandten oder Leuten, die sich seit vielen Jahren kennen.

Bey der Frage des Kellners im Gasthofe in Darmstadt: ob wir ein zweyschläfriges Bette oder zwey einschläfrige beföhlen, erröthete die kleine Braut; ich antwortete statt ihrer und gab sie aus Scherz für meine Nichte aus. Wir speisten abends an der Wirthstafel, wo ich Gelegenheit hatte, mein Ansehn als Oheim geltend zu machen, indem ich durch ein paar ernsthafte Worte meine Gefährtin von den Zudringlichkeiten eines jungen Officiers befreyte.

Es sieht jetzt in Darmstadt viel lebhafter aus wie zu den Zeiten des vorigen Landgrafen; der jetzige hat seinen Hofstaat und das Militair vermehrt und sorgt für die Verschönerung der Stadt.

Aus Gefälligkeit gegen das junge Frauenzimmer trat ich hier in Frankfurt im goldnen Löwen ab, wo sie ihre Verwandten erwartete. Sie waren schon da und haben sie nun mitgenommen ? Feine, gute Leute; nur der Bräutigam wollte mir nicht gefallen; ich ihm auch nicht, wie ich glaube, denn er eilte gewaltig, mit seiner Braut fortzukommen, als Diese sich ein wenig aufhielt, um mir noch einmal zu danken.

Ihren freundschaftlichen Brief, mein Bester! erhalte ich in diesem Augenblicke, auch einen von unserm M***, worüber ich Ihnen nächstens mehr sagen will; heute bin ich nicht dazu aufgelegt, denn mit diesen angenehmen Briefen zugleich empfing ich die Nachricht von dem Tode meines vieljährigen Freundes *** in ***. Ich wußte, daß er sehr krank war, doch hoffte ich ihn noch einmal in meinem Leben wiederzusehn. Dies verändert ein wenig meinen Reiseplan. Frankfurt verlasse ich schon morgen wieder; es ist mir hier zu geräuschvoll; die bevorstehende Kaiserwahl zieht eine Menge Fremde hierher und in die benachbarten Bäder. Pyrmont, Meinberg und Nenndorf werden diesmal wenig besucht werden, und das bewegt mich, nach einem von diesen Örtern zu gehn; denn ich liebe nicht das Getümmel da, wo man Gesundheit und Gemüthsruhe holen will. Noch kann ich nicht bestimmen, von woher ich Ihnen zuerst schreiben werde; wo ich aber auch bin, da bleibt Ihnen die herzlichste Hochachtung und Freundschaft gewidmet von Ihrem etc.

 

Achter Brief

Hersfeld, den 30sten May.

Man that mir in Frankfurt den Vorschlag, ich sollte meine Coffer und andre Päckereyen, welche ich bis dahin von Metz aus durch Fuhrleute fortgeschafft hatte, nur noch bis Hersfeld auf diese Weise befördern, dann aber sie hier in ein Schiff laden und so auf der Fulda und Weser nach Bremen bringen lassen. Ich fand diesen Plan nicht nur recht gut, sondern beschloß auch, selbst zu Wasser, wenigstens bis Hameln, mitzugehn. Sie sehen also, werthester Freund! woher es kommt, daß ich Ihnen heute aus dieser kleinen, in der That nicht sehr reizenden hessischen Provinzial-Stadt schreibe. Indessen war diese Stadt einst nicht unbeträchtlich, war der Sitz eines geistlichen Fürsten, und die Rudera der Domkirche, welche im siebenjährigen Kriege gänzlich verwüstet wurde, zeugen noch von der ehemaligen Größe und Pracht. Die Gegend um Hersfeld ist bergig, doch nicht ohne Annehmlichkeit; sie wird durch den Fluß belebt, der sich im Thale zwischen den Bergen hinschlängelt.

Vermuthlich werde ich hier noch einige Tage lang auf mein Gepäcke warten müssen ? Immerhin! Ich eile nicht, streife indes vielleicht ein wenig in der Nachbarschaft umher, wo ich einige Bekanntschaft habe, bin mit Büchern versehn und werde mit Ihrer Erlaubnis, mein Lieber! mir manchen Augenblick durch schriftliche Unterhaltung mit Ihnen versüßen.

Während der ziemlich langweiligen Fahrt von Frankfurt hierher habe ich mir einen sehr frohen Genuß zu verschaffen gewußt: Ich habe Forsters Ansichten vom Niederrheine im Wagen durchgelesen. Dies Meisterstück, sowohl was die Art der Darstellung und die herrliche Diction als was die Wichtigkeit der Bemerkungen betrifft, ist denn nun abermals ein Geschenk, das der vortreffliche Verfasser dem Publiko macht, ganz des Mannes werth, der die seltenste Freymüthigkeit, Nüchternheit der Vernunft und Wahrheitsliebe mit Kraft, Feuer, Eleganz und Würde im Ausdrucke verbindet. Wir haben gewiß wenig Schriftsteller, die den Muth fühlen, so unbestochen von allen Vorurtheilen und kleinen Rücksichten zu sagen, was das Bedürfnis der Zeit erfordert. Aber wer wird nicht auch dabey den weisen, edeln Churfürsten bewundern, der so hell, so gerecht, so groß denkt, daß er de runbestochnen, aber leidenschaftlosen, bescheidnen Wahrheit keinen ängstlichen Zwang auflegt und nicht gestattet, daß Kurzsichtigkeit und niedre Cabale dem Manne den Mund verbinden, der seinen Schriftsteller-Beruf nach Gewissen erfüllt, sondern ihn gegen jede unwürdige Neckerey schützt? Man erstaunt über Forsters Thätigkeit, wenn man die Summe der Werke überrechnet, die seit einigen Jahren, theils als Ubersetzungen, theils als eigne Arbeiten, aus seiner Feder geflossen sind. Kaum sollte man begreifen, wie er Zeit genug gefunden hätte, um nur einmal mit dem mechanischen Geschäfte des Hinschreibens fertigzuwerden; und dennoch sind diese Werke alle so gefeilt, als wenn er über jedes derselben eine halbe Lebenszeit gebrütet hätte.

Das Andenken an meinen verewigten Freund, dessen Tod ich Ihnen neulich meldete, folgt mir noch überall. Wohl bin ich an Trennung aller Art gewöhnt und, im Begriff in einen andern Welttheil zu ziehn, ist es ja ohnehin ungewiß, ob ich nicht von Allem, was mir in Europa theuer und werth ist, auf immer Abschied nehmen muß; auch kann ich mich kaum mehr betrüben, wenn der Tod einen guten, geraden Mann von den Plackereyen dieser Welt befreyet; allein gern hätte ich doch den guten *** noch einmal in diesem Leben an mein Herz gedrückt. Der Weg, den er von seiner Jugend an gewandelt, war nicht mit Rosen bestreut gewesen; jetzt, am Ende seiner Lautbahn, hatte er endlich, wie es schien, eine bessere Aussicht vor sich. Da hätte er nun freylich wohl noch ein Weilchen so fortschlendern können ? aber es hat nicht seyn sollen, und weil alles gut ist, so mag denn auch dies gut seyn. Mein Freund diente in seinen Jünglingsjahren am Hofe. Das war nun nicht der Boden, auf welchem eine solche Pflanze gedeyhen konnte; auch wurde er von den Hofschranzen, diesem um sich fressenden, verderblichen, fruchtleeren Unkraute, so niedergedrückt, daß er ihnen endlich das Feld räumte. Seit dieser Zeit versuchte er es auf mancherley Weise, den Schauplatz der bürgerlichen Gesellschaft wieder in Frieden und Ehren zu betreten, nicht sowohl aus Eitelkeit, um eine glänzende Rolle zu spielen, als vielmehr aus Thätigkeitstriebe und dem Verlangen, Andern nützlich zu werden. Aber es gibt Menschen, auf deren Handlungen eine unglückliche Fatalität ruht. Was sie auch unternehmen und wie sie es auch anfangen mögen, so mißlingt es, wird hintertrieben, gemißdeutet, getadelt. Man erlaubt ihnen nicht einmal, heimlich Gutes zu thun. Jeder ihrer Schritte wird ausgespäht, beleuchtet und, wenn es möglich ist, zum Bösen ausgelegt. Wo die Handlung selbst eine solche Auslegung nicht verträgt, da greift man die Bewegungsgründe an, und wo beydes unmöglich ist, da vergräbt man das Andenken der guten That in tiefes Stillschweigen. So ging es auch meinem Freunde beynahe sein ganzes Leben hindurch. Aller Orten stieß er mit seinem lebhaften, offnen Character gegen kalte, neidische, schadenfrohe Menschen an, die ihm entgegenarbeiteten, ihn verleumdeten und verfolgten. Seine schwachen Seiten wurden aufgedeckt, seine kleinen Übereilungen wie Verbrechen ausposaunt; von seinen edlen Zügen hingegen und von unzähligen guten Handlungen schwieg Jeder. Seine Dienstfertigkeit, seine liebevolle Hingebung, sein Vertrauen mißbrauchten die Schelme. Er, der nur für Andre lebte und sichs nie zweymal sagen ließ, wo er helfen konnte, wurde von allen Seiten mit Bitten und Anforderungen bestürmt; allein durch jeden neuen Liebesdienst gewann er einen Feind mehr. Mit schändlicher Undankbarkeit wurde ihm gelohnt, und sah er sich ja einmal aus Unvermögen gezwungen zu verweigern, dann schrie jedermann über seine Ungefälligkeit, und alles, was er vorher Gutes gethan hatte, wurde auf Rechnung der Heucheley und Eitelheit geschrieben. Er ließ jedermann seinen Gang gehn; an ihm aber wurden alle Schafsköpfe zu Hofmeistern und Vormündern. Trat er aus dem gemeinen Gleise heraus, um einen einsamen, unschädlichen Nebenpfad zu gehn, so deutete der Pöbel aller Classen mit Fingern auf ihn; fügte und schmiegte er sich in alle Convenienz-Formen hinein, so erlangte er darum nicht mehr; niemand wollte das bemerken, und seine Talente konnten ihm die zeitlichen Vortheile nicht einbringen, die den elendesten Pinseln im Schlafe zufielen. In glänzenden Lagen drangen sich ihm Scharen von sogenannten Freunden auf, die sich durch ihre Verbindung mit ihm selbst äußere Ehre zu geben hofften; ging es ihm hinderlich, so schlich der Haufen dieser Schmeichler leise davon oder verkaufte ihn gar an seine Feinde. Nahm sich aber ja einmal Einer von ihnen ungebeten seines Rufs an, so warf er ihm diese Gerechtigkeits-Pflicht wie eine übergroße Wohlthat und Aufopferung vor. Müde endlich dieses ewigen Kampfes gegen Bosheit, Dummheit, Neid und Undankbarkeit, zog er sich in eine zwanglose Einsamkeit zurück. Zwar blieb er auch hier nicht ungeneckt, und schon sein Ruf war sein Verbrechen (denn sobald er nur einen Ort verließ und dort niemand mehr im Wege stand, ließ jedermann ihm Gerechtigkeit widerfahren), aber seine Gemüthsruhe wurde weniger dadurch gestört. Die dienstfertigen Freunde, die, um sich dadurch bey ihm Gewicht zu geben, ihm nur selten das Gute, aber fleißig das Böse hinterbrachten, welches von ihm gesagt wurde, fertigte er mit lachendem Munde ab und ging seinen Gang fort. Dennoch war er kein Menschenfeind geworden; sein Herz war noch immer warm und theilnehmend.

Dies Herz schlug hoch in seiner Brust
Bey eines Bruders Leide
Und theilte unschuldsvolle Lust
Mit unverstellter Freude.

Ihn jammerte der Creatur;
Ihn kränkte wilde Härte;
Mit Eifer folgte er der Spur
Von echtem Menschenwerthe.

Es hielts für seine schönste Pflicht,
Sein äußres Glück, sein Leben,
Fürs Wohl der Welt, für Wahrheits-Licht,
Mit Freuden hinzugeben.

Er hob und milderte so gern
Die Sorgen dieses Lebens;
Ihn bat um Hilfe, nah und fern,
Kein Biedermann vergebens.

Aufs strengste seinem Worte treu,
Stets thätig, sanft, bescheiden,
Von eiteln Vorurtheilen frey,
Getrost in bittern Leiden,

Traf ihn von Neidern mancher Schlag
Geduldig, ohne Klagen;
»Laßt uns«, sprach er (»Sie sind nur schwach«),
»Sie brüderlich ertragen!«

Wohl tränkte er, bey frohem Muth,
Einmal in Spott die Waffen,
Um gegen schlimmer Feinde Wuth
Sich kurze Ruh zu schaffen;

Doch reichte ihm der Schalk die Hand,
So war im Augenblicke
Das Herz versöhnt! der Groll verschwand,
Und er vergaß der Tücke.

Nun ruht dies gute sanfte Herz

Im Grabe, frey von Sorgen;
Verwischt ist jede Spur von Schmerz,
Wie Thau am Frühlings-Morgen.

Der Arme, den er einst erquickt,
Weyht seiner Asche Thränen;
Auf des Geliebten Urne blickt
Der Freund, mit bangem Sehnen.

 

Den 6ten Junius.

Ich bin von meinen Wanderschaften in der Gegend umher zurückgekommen; in Gesellschaft eines alten Bekannten, eines Officiers, der den Krieg in Amerika mitgemacht hat und gern dort geblieben wäre, habe ich diese kleine Reise unternommen. Jener unglückliche Krieg, so verderblich er wohl für die Bevölkerung und den Flor des hessischen Landes gewesen ist, hat doch viel zu Bildung der Officiere beygetragen, und das war in der That so übel nicht, da die Feld-Regimenter theils viel Officiere aus dem Land-Adel haben, bey welchem leider! die erste Erziehung oft sehr vernachlässigt wird, theils der Ton im hiesigen Militair vormals ein wenig rauh war.

Was die Erziehung und Cultur in Hessen überhaupt betrifft, so bekenne ich, daß man darin noch sehr hinter den Nachbarn rund umher zurücksteht; aber der beste Wille ist da; an natürlichen Anlagen fehlt es dem Hessen auch gar nicht; eine jovialische, gute und witzige Laune, Dienstfertigkeit und Gastfreundschaft sind Tugenden, die ihm eigen scheinen. Hie und da, wo an einem Orte ein thätiger, aufgeklärter Mann wohnt und wo nicht Armuth, Furcht und Druck die Thätigkeit hemmen, da macht auch die Cultur gute Fortschritte. Man findet fast in allen Gegenden von Hessen in den Städten und auf dem Lande Lese-Gesellschaften gestiftet. Freylich werden dadurch, wie jetzt überhaupt in Teutschland, mehrentheils nur Romane, Schauspiele, Märchen u.d.gl. In Umlauf gebracht; allein man wählt doch auch zuweilen andre wichtigre Werke, besonders Reisebeschreibungen, an welchen der Geschmack gleichfalls durch den amerikanischen Krieg ist befördert worden.

Zur Music hat der Hesse viel Anlage; allein die Schulmeister auf dem Lande sind größtentheils so erbärmlich unwissende Leute, daß die Musiken in den Dorf-Kirchen, wobey an Festtagen auch einige verstimmte Saiten- und Blasinstrumente und ein baufälliges, schlecht gespieltes Positiv die rauhen Nasen-Stimmen von einem halben Dutzend alter und junger Bauern zu begleiten pflegen, dem Geheule einer Herde hungriger Wölfe gleichen. Die Wahl der Stücke ist der Aufführung würdig; es sind verstümmelte Motetten von teutschen Tonsetzern, die zu Anfange dieses Jahrhunderts sich an den Musen versündigt haben. In den angrenzenden sächsischen Ländern ist es ganz anders; da hört man zuweilen in einem kleinen Dorfe einen geschickten und gesitteten Schulmeister mit drey von seinen Bauern ein Quartetto von Haydn leidlich genug vortragen. Doch sind mir einige hessische Volks-Melodien, die in Spinn-Stuben und sonst bey der Arbeit gesungen werden, aufgefallen. Sie waren melodisch und einige recht herzergreifend. Zuweilen, in einzelnen Stellen, wo die Harmonie leicht zu finden war, wurden sie zweystimmig gesungen. Ich habe eins davon aufgeschrieben; nur thut es mir leid, daß ich die Worte aus der abscheulichen gemeinen hessischen Mundart nicht enträthseln konnte. Es ist aber eine Art von Romanze und fängt an: »Du schwarzbraunes Mädelein!« u. s. f. Hier ist die Melodie:


Andante

Andante 

Unsre kleine Reise machten wir zu Pferde; mein Freund hält deren drey, wovon eins sein Reitknecht bestieg. Wir sind auch jenseits der hessischen Grenze gewesen. Den ersten Tag brachten wir zur Hälfte bey einem Beamten zu, dessen Tochter nach Tische von der übrigen Gesellschaft gebeten wurde, uns ein wenig von ihrer musicalischen Kunst hören zu lassen. (Ich hatte sorgfältig vermieden, das Gespräch auf das Clavier zu lenken, welches ich da stehn sah und für dessen Eröffnung mir längst bange gewesen war.) Das junge Mädchen setzte sich nun hin und spielte eine Sonate von Kalkbrenner ? in der That nicht ohne Ausdruck; ich hatte viel weniger erwartet. Schade, daß das Instrument und die Composition (Es war eine von Kalkbrenners ersten Arbeiten) nicht viel werth waren. Das Frauenzimmer war nicht schön, hatte pechschwarze Haare, aber ihre Gesichtsbildung zeigte etwas Angenehmes, und sie war in Kassel erzogen. Sie hatte die Bescheidenheit, gleich nach Endigung der Sonate aufzustehn; allein nun setzte sich ungebeten ein großer Lümmel von Candidaten hin, der den Hauslehrer vorstellte, fing an zu spielen und zu singen. Da kamen die Lieder: »Die Göttin süßer Freuden« und »O! Jüngling sey so ruchlos nicht« ? Es war ein Jammer anzuhören; ich winkte meinem Freunde, und wir machten Anstalt zur Abreise; nur war mein Hut nirgends zu finden. Das ganze Haus wurde durchsucht; endlich sah man ihn in den Händen des elfjährigen, ungezognen Knaben unsers Herrn Amtmanns, der damit im Hofe am Brunnen stand. Als ich ihn wiederbekam, war er durch und durch naß ? weiß der Himmel, was für einen hydraulischen Versuch der Junge damit gemacht hatte. Er bekam zwar in meiner Gegenwart ein paar nachdrückliche Ohrfeigen vom Papa; aber davon wurde der Hut nicht trocken, und ihn so aufzusetzen, daran war nicht zu denken. Ich ersuchte also den Herrn Amtmann, mir einen von seinen Hüten zu leyhn, den ich durch einen Bothen zurückzuschicken versprach. Jetzt erwartete ich, wenigstens einen solchen zu erhalten, der ein wenig nach neuerer Weise aufgestutzt wäre; allein der Beamte, der es recht gut zu machen meinte, ließ seinen großen Staatshut herbeyholen ? ein Filz-Gebäude von sechs Zollen Höhe mit einer breiten, ausgezackten, goldnen Tresse und einer pferdehaarnen Cocarde! Es half nichts, daß ich ihn dringend bat, mir doch nur einen schlechtem runden Hut, allenfalls vom Herrn Informator, mitzugeben ? ich mußte mich entschließen, die große Pyramide auf meinen Kopf zu thürmen; und so ging der Zug von dannen. Indessen erwarb mir dieser pomphafte Aufzug so viel Ansehn, daß jeder Bauer seine Mütze vor mir abzog, als wir durchs Dorf ritten, während mein Begleiter nebst seinem Reitknechte zu meinem innigen Ärger laut über mich lachte, sooft er mich ansah, und mich versicherte, ich sähe aus wie der Scharfrichter von Hersfeld an feyerlichen Executions-Tagen.

Auf einem adligen Gute machte ich die Bekanntschaft eines braven alten Cavaliers, der aber die Eigenheit hat, sich und alle lebendige Wesen, die ihn umgeben, mit Arzeneyen aller Art gegen wirkliche und vermeintliche Krankheiten zu waffnen. Sagt jemand beyläufig in seiner Gegenwart, ihm sey kalt, so rennt er fort und holt ein Gläschen mit Tropfen. »Es ist ein kleiner Fieber-Anfall, lieber Herr Vetter!« spricht er dann (in Hessen nennen sich fast alle Edelleute Vettern). »Es ist nur ein kleiner Fieber-Anfall; nach diesen Tropfen wird Ihnen schon besser werden.« Und dann hilft nichts davor; der Trank muß hinunter. Das geht so weit, daß, wenn ein ganz fremder Mann zu ihm kömmt, der etwa ein wenig kränklich aussieht, er, ohne zu fragen, ob ihm wirklich etwas fehle oder nicht, ihm im Caffee oder auf andre Weise irgendeine Arzeney beybringt. »Glauben Sie mir«, sagt er dann, wenn der Fremde fort ist, »solche Leute nehmen das ganze Jahr hindurch nichts ein, wenn man es ihnen nicht auf solche Weise einpracticiert.« Mir war bange (denn ich sah wirklich ein wenig blaß aus), er möchte auch mir etwa heimlich mit einer kleinen Abführung unter die Arme greifen. Desfalls wählte ich das Mittel, gleich nach meiner Ankunft, kurz vor Tische, über Leib-Schmerzen zu klagen; so kam ich doch mit einer Portion Pomeranzen-Tropfen davon, die mir recht wohl bekamen.

Man erzählte hier allerley Anecdoten von einem benachbarten Edelmann, der sich durch sonderbare Einfälle ausgezeichnet, wie er sich dann neulich comisch genug an einem Advocaten rächte, der ihn sehr betrogen hatte. Er besaß nämlich in seinem Dorfe ein Wirthshaus, das er eben neu hatte bauen lassen. Da ließ er nun ein Schild und auf demselben den Advocaten, äußerst ähnlich, aber in abscheulicher Caricatur, malen und darunter die Worte »Wirthshaus zum Advocaten N. N.« (den Namen des Mannes). Der Rechtsgelehrte, aufgebracht über diesen Schimpf, verklagte den Edelmann; allein Dieser entschuldigte sich damit, daß ja Könige und Kaiser sich müßten gefallen lassen, ihre Bildnisse also verunstaltet vor den Häusern hängen zu sehn. Er habe den Mann dadurch ehren wollen, und seine Schuld sey es nicht, daß die Malerey nicht besser gerathen. Nun wurde er freylich verurtheilt, das Schild abzunehmen; allein er hatte doch den Triumph genossen, seinen Feind eine Zeitlang öffentlich in effigie aufgeknüpft zu haben, denn dem Rahmen, darin das Bild hing, hatte er auch, durch Weglassung des untern Theils, die Gestalt eines Galgens geben lassen.

Morgen, mein Lieber! lasse ich mich nebst meinen Sachen einschiffen und schwimme gemächlich die Fulda hinunter nach Kassel. Ich umarme Sie in Gedanken und bin etc.

 

Neunter Brief

Morschen, den 7ten Junius, abends.

Die erste Tagesreise zu Wasser ist zurückgelegt. Bis hierher zeigen die Weser-Ufer wenig interessante Gegenstände; die kleinen Städte, Flecken und Dörfer im Hessen-Kasselschen haben ein trauriges, ödes, schmutziges Ansehn. Armuth und Gewerblosigkeit blicken aller Orten hervor; nicht die geringste Spur von Wohlstand und fröhlicher Betriebsamkeit! Wie sehr verschieden von dem Zustande der lachenden, freundlichen Dörfer am Rheine, in der Pfalz, in der Bergstraße und um Frankfurt und Hanau herum, die mit ihren steinernen weißen Häusern und regelmäßigen Straßen kleinen Städten gleichen! Es gibt Gegenden in Hessen, wie z.B. die von Eschwege und Wanfried, an der Werra, wo uns weniger das Bild der Dürftigkeit und Niedergeschlagenheit auffällt und wo auch Gewerbe, Handel und Schiffahrt mit einigem Erfolge getrieben zu werden scheinen; aber hier an der Fulda, besonders je weiter man sich vom Strome entfernt, erblickt man nur mühselige und unlustige Anstrengung des Landmanns, gegen die natürlichen und auferlegten Lasten zu kämpfen. Da hängt ein armer Bauer mit seinen pflügenden Ochsen am jähen Abhänge eines steinigen Berges, um einen undankbaren Erd-Fleck zu umwühlen und ihm einige sparsam wachsende Körner zu entlocken (in den Thälern nahe am Flusse wird ziemlich gute Frucht gezogen), und das Vieh ist klein und dürre.

Das Fahrzeug, das ich gemiethet habe, ist ein großer Nachen, über welchen her man aus einigen Spriegeln und Segeltuche eine Bedeckung angebracht hat. Zwar muß ich, wenn ich aufrecht stehn will, unter diesem Dache hervorkriechen, aber sitzend haust sichs ganz gut darunter. Ein Brett, über zwey von meinen Koffern gelegt, ist mein Sopha; auf eben diese Weise habe ich den Tisch gebauet, der so groß ist, daß auf der einen Seite mein Clavier stehn kann, indes die andre Hälfte zum Schreiben und Speisen dient. Mein Bedienter hat sich auf ähnliche Weise eingerichtet, und im Hintertheile habe ich aus einer Matratze und einem Mantel ein Lager bereitet, auf welchem ich, wenn ich des Sitzens müde werde, ein wenig ausruhn kann. Übrigens habe ich Vorräthe zur Nahrung für Leib und Seele mitgenommen: Bücher, Tinte, Federn, Wein, kalten Braten u.d.gl.

Diesen Mittag hielt ich in Breitenbach an. Es ist da noch ein ziemlich artiges Wirthshaus, wo ich mir aus meinem Braten ein Ragout zusammenbuchstabieren konnte, wozu der Wirth eine Milch-Suppe und einen Pfannekuchen fügte. Ein Verwalter aus der Nachbarschaft, der da Geschäfte hatte, kehrte gleichfalls ein und gerieth bald mit mir in Unterredung. Er mischte viel fremde Wörter ein, die er sonderbar genug verstümmelte. Sein Herr wollte auf seinem Gute bauen lassen und hatte ihn hierhergeschickt, um mit einigen Ouvertüriers zu reden. Der Landgraf Wilhelm der Achte war, wie er sagte, in seinen letzten Tagen in eine Art von Liturgie verfallen. Hier im Wirthshause sey nicht viel zu haben, meinte er, aber man müsse ad integrim so vorliebnehmen.

In Rotenburg wohnt der Landgraf von Hessen-Rheinfels, dessen Bruder der einzige teutsche Prinz ist, welcher die französischen Dienste nicht verlassen hat, wofür er nun Monsieur Hesse heißt. Das Städtchen hat kein unfeines Ansehn mit seinem Schlosse, wovon der eine Flügel neu gebauet ist. Auch wohnen hier einige sehr wackre Leute, die zum Theil bey den Collegien angesetzt sind. Ich habe einen vieljährigen Freund unter ihnen, einen sehr edeln, geschickten und verständigen Mann, den ich auf einige Augenblicke besuchte, um ihm das Lebewohl zu sagen.

Die Landschaft um Rotenburg her hat doch etwas Malerisches; die Berge liefern einen angenehmen Anblick ? Schade, daß es keine Weinberge sind! Hier und in der Nachbarschaft wohnen einige Leinwand-Händler, die im Lande aufkaufen und dann beträchtliche Versendungen im Großen machen.

Das Dorf, in welchem ich diese Zeilen schreibe und bis morgen früh bleiben werde, besteht aus zwey Theilen, die Alt- und Neu-Morschen genannt werden, zusammen aber ein höchst schmutziges Nest ausmachen, obgleich sogar ein fürstliches Schloß hier ist, wo sich der verstorbene Landgraf Friedrich mit einigen seiner Hofleute zuweilen ein paar Wochen hindurch aufzuhalten pflegte, wenn er der Langeweile aus dem Wege reisen wollte. Es fängt an, ein wenig zu regnen; das ist keine gute Aussicht für meine morgende Reise ? Doch man soll ja nicht für den kommenden Tag sorgen.

 

Den 8ten, frühmorgens.

Das Wetter hat sich aufgeklärt; wir haben den schönsten Morgen; die Nachtigallen schlagen lieblich, und ich steige mit recht frohem Herzen wieder in mein Schifflein.

Und nun, da ich in diesem Schifflein an meiner künstlichen Tafel sitze und meinen Caffee mit recht gutem Rahm vor mir stehn habe, lasse ich mir eine Pfeife Tabac stopfen, ziehe diesen Brief aus der Tasche hervor und fange wieder an zu schreiben. Ich will Sie aber diesmal von Amerika unterhalten. Sie wissen, daß mein Freund M*** schon seit zwey Jahren dort wohnt und jetzt nur zurückgekommen ist, um seine Familie nachzuholen. Die Gegend, wo er sich niedergelassen hat und wo auch ich mich ansiedeln werde, heißt der Genesee-District und liegt am Ontario-See, den englischen Besitzungen in Canada gegenüber ? Freylich ein wenig entfernt von den großem Städten der vereinigten Staaten, jedoch in der Nachbarschaft von großen und kleinen Strömen; und da man jährlich mit unermüdetem Fleiße an Canälen und Landstraßen arbeitet, so wird bald der Weg nach Neu-York und von der andern Seite nach der neuanzulegenden Stadt Columbia hin, in welcher künftig der General-Congreß seinen Sitz haben wird, kaum den Namen einer Reise verdienen.

Der Erdboden in diesem Genesee-Districte ist höchst ergiebig; die üppigste Vegetation macht, wenn erst einmal der Boden von einem Theile seiner Waldungen wird befreyet seyn, die Arbeit des Landmanns zu einem Spielwerke. Eines der wichtigsten und einträglichsten Producte ist der Saft aus dem Zucker-Ahorn-Baume, der hier in großer Menge wächst. Schon ist die Anzahl der Colonisten in diesem Districte seit Jahres-Frist auf siebentausend Menschen angewachsen, die sich der vollkommensten Sicherheit und bürgerlichen Freiheit erfreuen und, wenn sie sich bis zu zwanzigtausend Menschen vermehren, sich eine eigne Regierungs-Verfassung wählen dürfen, insofern sie sich nur an den allgemeinen Staats-Cörper anschließen. Hier ist schon der Unterschied zwischen Lutheranern und Reformierten aufgehoben, und eine Gemeinde, die ganz aus Leuten besteht, die nach Calvins Lehre unterrichtet sind, nimmt ohne Anstand einen lutherischen Prediger zu ihrem Seelsorger an.

Zu welchem Flor in allen Theilen der bürgerlichen Glückseligkeit die nordamerikanischen Staaten in der kurzen Zeit seit dem geschlossenen Frieden emporgestiegen sind, das ist wohl im Allgemeinen dem Staatskundigen bekannt; aber daß Wissenschaften und Cultur und Wohlstand und Handel und Schiffahrt und Policey und Gesetzgebung mit solchen Riesenschritten fortrücken, daß dagegen die mühseligen, hochbelobten Anstalten in manchen so künstlich administrierten Ländern gar nicht genannt zu werden verdienen ? das weiß nicht Jeder, und doch kann das Schicksal der Staaten von Nord-Amerika Dem, welcher Menschen-, Völker- und Länderkunde zu seinem Studium macht, gewiß nicht gleichgültig seyn. Ich habe mir daher einen Plan ausgedacht: Das brittische Museum, Minerva, Schlözers Staats-Anzeigen und manche andre Zeitschriften liefern uns statistische Bruchstücke über den Zustand der europäischen Staaten; ein amerikanisches Archiv oder Magazin oder Journal ? wie man es denn nennen möchte! ? haben wir noch nicht. Wie wäre es also, wenn Sie Sich dies Verdienst um das teutsche Publicum machten? Ich könnte Ihnen die neuesten gelehrten und politischen Zeitschriften und Intelligenz-Blätter, die in Amerika herauskommen, vierteljährig schicken und dabey vielleicht von Mitgliedern des Congresses selbst die genauem, sich dort concentrierenden Nachrichten von dem Wachsthum der Bevölkerung, von neuen öffentlichen Anstalten und Anlagen, urbar gemachtem Erdreiche, Ausbreitung des Handels, der Manufacturen (womit es jedoch vorerst noch langsam geht, solange es an Händen fehlt und also das Taglohn theuer ist) und von den Fortschritten aller Art von Cultur mitgetheilt bekommen. Geheimnisse wird man gewiß aus diesen Dingen nicht machen, wie in einigen europäischen Staaten. Dazu ist man zu weise, hat zu gesunde Begriffe von wahrer Politic und darf sich keiner öffentlichen Rechenschaft schämen. Überlegen Sie diesen Plan, mein Lieber! Mündlich, bey unsrer Zusammenkunft in Braunschweig, wollen wir weitläufiger darüber reden.

 

Gegen Abend, in Kassel.

Wir kamen heute vor Mittag nach Melsungen, einem salva venia schmutzigen hessischen Landstädtchen. Ich fühlte keinen großen Trieb, diesen Ort in der Nähe zu sehn, der Schiffer hatte indessen bey einer Mühle angelegt, da ich dann ausstieg und den Müller bat, mir und meinem Bedienten die Zubereitung einer leichten Mittags-Mahlzeit in seiner Küche zu erlauben. Er hielt kein Wirthshaus, war aber sogleich bereit, mir zu willfahren. Die Frau schaffte Kohl, Milch und Eyer herbey und scherzte über meine Anstalten, selbst Hand anzulegen bey der Zubereitung dieser Speisen. Es war eine wackre, höfliche Familie; alles war höchst reinlich und anständig in ihrem Hause, und nur mit Mühe konnte ich ihnen bey meiner Abfahrt eine Kleinigkeit zur Bezahlung aufdringen.

Näher bey Kassel wird die Gegend malerischer; Guxhagen, mit seinem kleinen Duodez-Hafen, liegt recht reizend. Das Wetter war angenehm kühl; Nachtigallen und andre Vögel wetteiferten in frohen Liedern. Rechter Hand ließen wir die Söhre, einen schönen Wald, liegen, vor welchem sich längs dem Ufer hin ein schmaler, lieblicher Wiesengrund ausdehnt. Dann sieht man, ein Stündchen von Kassel, Kreyenhagen liegen ? ein kleines Lustschloß des Landgrafen, mit einer angenehmen Linden-Allee.

Vor einer Stunde bin ich hier angekommen; es ist noch früh am Tage; ich will bis zum Abend-Essen ein wenig in der Stadt umherwandeln. Hier werde ich mich, da ich allerley Geschäfte habe, einige Tage aufhalten. In Münden muß ich doch ein anders Schiff nehmen; also lasse ich das Fahrzeug mit meinen Sachen morgen dahin schwimmen und reise zu Lande nach. Diesen Brief trage ich selbst auf die Post. Je näher ich den Gegenden komme, wo Sie, theuerster Freund! leben, desto größer wird mein Verlangen, Ihnen bald mündlich zu sagen etc.

 

Zehnter Brief

Kassel, den 11ten Junius.

Der verstorbene Landgraf Friedrich beschäftigte sich einen großen Theil seines Lebens hindurch mit dem Bestreben, aus seiner Residenzstadt Kassel eine der glänzendsten Städte zu machen. Es fehlte ihm auf keine Weise an Talenten und Kenntnissen; er hatte einen richtigen Blick, gute Beurtheilungskraft, redete und schrieb einige Sprachen in großer Vollkommenheit. Er zeichnete sehr gut, besaß mathematische Wissenschaften, feine Kunstkenntnisse, war gereist, reiste noch in seinem Alter und hatte also auswärts viel Schönes gesehn. Dabey war er gutmüthig, keiner vorsätzlichen Härte noch Rachsucht fähig und hatte ein Herz für Freundschaft und Wohlwollen. Wenn er bey dem Allen, besonders in großen Cirkeln, zurückhaltend und stumm war, nicht die Gabe hatte, das, was er wußte, mit Leichtigkeit und zu rechter Zeit anzuwenden, so lag das an den Eindrücken, die ihm von einer fehlerhaften Erziehung übrigblieben. Er war scheu, furchtsam, schwach, ohne Zuversicht zu sich selber und seiner innern Würde, floh alles, was Anstrengung und Aufopferung erforderte, gerieth oft in die Hände böser Rathgeber und Lieblinge, die ihn mißtrauisch gegen bessere Menschen machten.

Bald nach Endigung des siebenjährigen Kriegs fing der Landgraf an, die ersparten englischen Subsidien, wovon ihm noch große Summen nachgezahlt wurden, zu Verschönerung seiner Stadt anzuwenden. Es wurden Wälle niedergerissen. Graben ausgefüllt, neue Gassen und Plätze angelegt, und wer Geld hatte und sich angenehm machen wollte, mußte ein Haus bauen. Kassel schien ein Mittelding zwischen Paris und Berlin werden zu sollen. Er suchte Fremde hineinzuziehn, selbst fürstliche Häuser wie z.B. den Hof von Hessen-Rheinfels, von Hessen-Philippsthal und die berüchtigte alte Prinzessin von Soubise. Schauspiele und Feste aller Art lockten die Reisenden; große italienische, große französische Opern, Opera comique, französisches Schauspiel, großes, heroisches Ballet, öffentliche, freye Maskenbälle, Jagden, Concerte bey Hofe u. d. gl. m. Kassel bekam jährlich zwey Messen, womit es aber nicht fort wollte; der Landgraf stiftete neue Collegien, Academien, Lotterien, ein Lotto und zwey Ritterorden, unterhielt einen, der Anzahl nach, königlichen Hofstaat, und die Stadt wimmelte von schönen, prächtig gekleideten Officieren und Soldaten. Da waren Garden aller Art zu Fuß und zu Pferde; manche Corps hatten beynahe soviel Officiere wie Gemeine, und zuweilen waren in seiner Armee über zwanzig Generale. Reiche und liebenswürdige Fremde nahmen, verführt durch diesen Glanz, an seinem Hofe oder im Militair Dienste. Ein leichter, freyer Umgang, aber zugleich auch ein hoher Grad von Libertinage verbreiteten sich unter alle Stände; hierzu trug hauptsächlich das Heer von Ausländern, besonders von Franzosen und Italienern, viel bey, die der Landgraf vorzüglich begünstigte. Wie die Zugvögel kamen die Abentheurer in Schwärmen herangezogen, um hier Fütterung und ein lustiges Leben zu finden. Sie kamen in allerley Aufzuge, mit erborgten Namen, Titeln und Kleidern behängt. Da waren Marquis und Chevaliers, Grafen, Brigadiers u.s.f. Zuweilen, wenn Einer von ihnen einen Brocken wegfischte, den ihm der Andere mißgönnte, deckte Dieser die Genealogie seines Widersachers auf oder lieferte Beyträge zu seiner Biographie; und dann gab es manche scandalöse Scenen. Es waren auch Geisterseher und Goldmacher unter ihnen, mit denen sich der Landgraf weniger aus wahrem Wunderglauben wie aus Langerweile einließ. Einige solcher Ausländer wußten sich einträgliche Stellen zu erbetteln, wozu sie nicht die geringsten Fähigkeiten hatten; der Eine ließ sich zum Bibliothecar, der Andere zum Directeur des plaisirs, der Dritte zum intendant des bâtiments, der Vierte zum gentilhomme de la vénerie machen, und ein Fünfter übernahm die Aufsicht über Fabriken.

Der jetzige Landgraf fand Berge Goldes im Schatze, aber Dürftigkeit und Elend in allen Gegenden seines Landes. Er fing damit an, den Residenz-Boden von den exotischen Gewächsen zu reinigen; die Franzosen verloren sich; es wurden Einschränkungen in dem Aufwände am Hofe gemacht, Orchester und Schaupieler verabschiedet und alles öconomisch, sehr öconomisch eingerichtet. Ein Theil der Schulden, die nicht einzutreiben waren, wurde den Unterthanen erlassen, wie ich aus den Zeitungen weiß.

Hier in Kassel finde ich den geselligen Ton nicht mehr so leicht und froh gestimmt; die Leute kommen mir verschlossen, furchtsamer und niedergeschlagner vor wie ehemals. Viel verdienstvolle Officiere, besonders Fremde, haben den Abschied genommen. Die Ursachen von diesem Allen sind mir unbekannt.

Für die Wissenschaften thut der jetzige Herr dadurch etwas, daß er die Universität Marburg in Aufnahme zu bringen sucht, geschickte Lehrer hinzieht und Diesen gute Besoldungen gibt.

Viel glücklicher wie der verstorbene Landgraf ist er in seinem Bauwesen und in der Anlage seiner Gärten und Pflanzungen. Alle Gebäude, die unter der vorigen Regierung errichtet worden, sind entweder voll von Fehlern gegen die reine Architectur oder liegen an den unvortheilhaftesten Plätzen, oder contrastieren, sey es nun von Außen oder von Innen, mit dem Zwecke ihrer Bestimmung; die Garten-Anlagen aber zeigten etwas Kleinliches und Gemeines. Der nun regierende Landgraf hat aus dem schönen Park oder der sogenannten Aue bey Kassel das unbedeutende Heckenwerk und alles, was der Einfalt und Größe des Plans nicht angemessen war, ausrotten lassen. Auf dem Weißensteine sind die unwürdigen Schnitzeleyen, die Geburtstags-Kuchen-Zierathe, das Bretter- und Lattenwerk und alle solche Nürnbergiana weggeräumt; die Riesen-Anlage, die schöne Cascade, wird in einem erhabnen, männlichen Style fortgesetzt und die Gegend umher so behandelt, daß sie die großen Eindrücke nicht schwächt. Am Fuße des Berges wird ein prächtiges Schloß gebauet, wovon die beyden Flügel schon da stehen, deren innere Einrichtung nebst dem Ameublement der Majestät des Ganzen entspricht. Bey allen diesen Arbeiten werden, soviel möglich, einheimische Künstler und Handwerker angestellt, und alles wird mit Schnelligkeit und Feuer betrieben. Auch für Verbesserung der Landstraßen wird gesorgt und über die Polizey in den Städten gewacht.

Ich erzähle Ihnen übrigens nichts von Kassel und seinen Herrlichkeiten; Sie kennen ja das alles. Meine hiesige Geschäfte werden bald beendigt seyn. Ich wollte noch einen Bedienten vor meiner Abreise nach Amerika annehmen, der mit der Feder umzugehn wüßte; mein Gastwirth schlug mir einen vor, den ich zu mir bestellen ließ. Diesen Morgen, als ich grade Briefe schrieb, erschien derselbe und fing an, mir ein Register seiner Talente darzulegen. »Die Hauptsache, mein Freund!« sagte ich, indem ich in meiner Arbeit fortfuhr (denn die Post war im Begriff abzugehn, und ich wollte meine Briefe erst siegeln und fortschicken), »die Hauptsache, worauf es mir ankömmt, ist, daß Er fertig und sauber schreibe. Kann Er mir Seine Hand zeigen?« Auf einmal fuhr der Schöps mir mit seiner schmutzigen Tatze unter die Augen. Ich war nun sehr versucht, mich mit dem Kerl nicht weiter einzulassen; aber was konnte der arme Tropf davor, daß ich durch Metonymien redete? Hätte ich nicht Handschrift statt Hand sagen sollen? Bey genauerer Prüfung fand ich gerade den Menschen an ihm, den ich suchte, und wir wurden unsers Handels einig.

In Ländern, wo die Soldaten schlecht bezahlt werden, sind sie außerordentlich erfinderisch in kleinen Spitzbübereyen. Als ich gestern zu Fuß durch einige Gassen der Stadt spazierte, sah ich ein paar Musketiere ein solches Schelmstück ausführen. Ein Bauer brachte ein kleines Fuder Holz zu Markte; ein Soldat schlich hinter dem Wagen her und zog behutsam ein Stück heraus, das er auf die Erde hinlegte. Nachdem der Bauer etwa noch hundert Schritte gefahren war, rief Jener nach und zeigte ihm das Verlorne, worauf er umkehrte, seinen Wagen stehn ließ und nach dem Orte zurückging. Indes nun der Bauer das nach seiner Meinung Herabgefallne wieder aufnahm und dem Soldaten für seine Sorgfalt dankte, näherten sich zwey andre Cameraden dem Wagen, nahmen ein paar große Stücke herunter und liefen damit fort.

Der Landgraf ist mit einem Theile seiner Kriegsvölker an den Rhein gezogen, um die Grenzen gegen französische Einfälle zu decken.

Ich habe auf übermorgen ein kleines Fuhrwerk bestellt, um nach Münden zu fahren; von dort aus werde ich meine Reise zu Wasser fortsetzen. Dieser Brief möge Sie gesund und vergnügt finden! das ist der herzlichste Wunsch Ihres etc.

 

Elfter Brief

Hameln, den 15ten, abends.

Schon wieder, theuerster Freund! um einige Meilen der Gegend näher, wo Sie leben und weben! Ich lasse nun meine Päckereyen auf der Weser nach Bremen spedieren und fange meine Streifereyen zu Lande an.

Meine beyden Briefe aus Kassel werden Sie, wie ich nicht zweifle, erhalten haben, und das hoffentlich unerbrochen, denn ich bin ein so unbedeutendes Geschöpf, daß man wohl meine Correspondenz keiner großen Aufmerksamkeit würdigen wird.

Vorgestern gegen Abend kam ich nach Münden und ergötzte mich bis in die Dämmerung hinein an dem Anblicke der herrlichen romantischen Gegend; auch besah ich die nahegelegene Glashütte. Es gibt wenig kleine Städte im Hannöverischen, in welchen soviel Betriebsamkeit und Wohlhabenheit herrschen wie in Münden. Da gilt auch noch im täglichen Handel und Wandel der leichtere Münzfuß, und Tagelohn und Lebensmittel stehen in geringem Preisen wie mitten im Lande.

In Münden fangen die neuen hannöverischen Straßendämme an, die, wenngleich in einigen Gegenden der Boden verhindert, daß sie denen im Reiche gleichkommen, doch zur großen Gemächlichkeit des Handels und aller Gewerbe dienen. Sie sind mit einem ungeheuren Kosten-Aufwande angelegt, da man an manchen Stellen das Erdreich beträchtlich hat erhöhn müssen und die nöthigen Materialien nicht aller Orten in der gehörigen Güte zu haben sind. Alle öffentliche hannöverische Anstalten tragen das Gepräge prunkloser Solidität; bey dieser ist zugleich für die Annehmlichkeit der Reisenden, besonders der Fußgänger, gesorgt. Es sind zu beyden Seiten der Straße Bäume gepflanzt und hie und da Ruheplätze mit Bänken und kleinen schattigen Lauben angelegt.

Gestern früh fuhr ich in einem bedeckten Nachen, in welchem ich mehr Gemächlichkeit wie in dem vorigen hatte, von Münden ab. Reizende, malerische Gegenden ließ ich an beyden Ufern liegen; ich hatte einen frohen, genußvollen Tag. Um mich nicht unterweges zu Mittage aufzuhalten, hatte ich einige Mund-Vorräthe mitgenommen, die mir mein ehrlicher Schiffer auf seinem kleinen Feuer-Herde zubereiten half. Und so brachte ich dann ein paar Gerichte zu Stande, die, wenn sie nicht den Gaumen eines Lucullus gekitzelt haben würden, doch wenigstens nichts von den giftigen Eigenschaften der höllischen Polenta des großen Friedrichs hatten, gegen welche der *** von *** so gräßlich eifert, obgleich seine literarischen Polente eine ebenso satanische Kochkunst verrathen. Eine Flasche voll guten rothen Weins, den ich in Münden gekauft hatte, wurde bey der Mahlzeit ausgeleert, und bald fühlte ich mich in eine heitre, behagliche Stimmung versetzt.

Ich genoß in ganzer Fülle den wonnevollen Anblick der Natur-Schönheiten, der verschiednen Schattierungen von Grün, der immer abwechselnden Formen der Gebirge, der friedlich liegenden Dörfer, unten am Ufer ? Hat doch der liebreiche Schöpfer dafür gesorgt, daß kein irgend bebaueter Theil des Erdbodens ohne alle Annehmlichkeiten, ohne Reize für Den ist, der zu genießen und sich zu beschäftigen versteht und nicht in sich selber den Keim mürrischer Unzufriedenheit herumträgt. Ehe mich das Zusammentreffen so mancher Umstände und Rücksichten bestimmte, Europa gänzlich zu verlassen, stand ich oft bey mir im Zweifel, welche Gegend von Teutschland ich für den Rest meines Lebens zu meinem Aufenthalte wählen und ob ich das Landleben oder die Stadt, und wenn jenes, ob ich eine bergige oder eine flache Gegend wählen sollte? Immer wenn ich dann in Gedanken mir Bilder von Örtern vorhielt, die ich kannte und schön gefunden hatte, kam mir die letzte Landschaft, deren einzelne Annehmlichkeiten ich mir zergliederte, reizender wie die übrigen vor. Wie ruhig, wie glücklich muß man nicht in so einem stillen, freundlichen Dörfchen, am Ufer eines großen Stroms, besonders am Rhein oder an der Elbe gelegen, leben können! Welche Wonne, wenn ich da an einem schönen Morgen auf die Spiegelfläche des Wassers schaue, bald kleine Fischboote dahingleiten sehe, bald ein großes Fahrzeug mit vollen Segeln majestätisch aus der Ferne hervortreten oder (am Rhein und Main) eine Jacht, mit frommen Wallfahrenden besetzt, die in volltönenden Hymnen dem Schöpfer aller Dinge beym Aufgange der Sonne ihr Dankopfer bringen. An beyden Ufern stimmen, wo sie vorbeyfahren, die Dorf-Glocken zu ihren Melodien ein, und Berge und Felsen hallen wider von dem gutgemeinten Gesänge der einfältigen Pilger. Oder wenn an einem erquickenden Sommer-Abende, im Schatten einer ehrwürdigen uralten Eiche hingelagert, die muntern Herden mir vorüber dem nächtlichen Lager zueilen, zwischen ihnen der gutmüthige Bauer nach vollbrachter Feld-Arbeit den Pflug nach Hause führt und, nachlässig auf seinem Pferde hängend, ein Volks-Liedchen pfeift, indes im nahegelegenen Dorfe der Rauch aus den kleinen Schornsteinen die Sorgfalt der Hausmütter ankündigt, ihre Gatten mit einer nahrhaften Schüssel zu bewirthen.

Das Landleben hat so manche Vorzüge ? Weniger Luxus, weniger Bedürfnisse, also auch weniger Nahrungs-Sorgen. Man wandelt zwanglos und frey seinen Gang fort, darf sich nicht krümmen unter dem eisernen Joche unzähliger Conventionen, Moden und Complimente, wird nicht bey jedem Schritte beobachtet und schief beurtheilt. Das Herz wird nicht abgestumpft für edle Gefühle; es empfindet in voller Kraft das Bedürfnis und das Glück der Freundschaft und Liebe. Ein neues Buch, das der Freund aus der Stadt schickt, wird begierig verschlungen, der Besuch eines guten, verständigen Mannes ist so herzlich willkommen, denn man schwelgt nicht immer in abwechselnden Freuden aller Art, wie in der Stadt; man hat Zeit, zu genießen und zu verdauen; Entbehrung macht diesen Genuß schmackhafter. Man ist nicht so ekel und strenge, raisonniert sich nicht die Empfindungen aus der Seele; Sättigung und Überdruß scheren nicht mit dem haarscharfen Messer der Critic jeden kleinen Keim des Vergnügens weg. Man tanzt fröhlich nach einer verstimmten Geige und spielt ohne Widerwillen mit dem Schulmeister ein Duetto und denkt sichs leicht dazu, wie es besser vorgetragen klingen würde.

Auch der Winter hat seine Reize. Wer die Jagd liebt, treibt sich den Tag über umher; und wenn er abends müde und hungrig in die Heymath zurückkömmt, wie erquickt ihn dann der wohlthätige Ofen, sein bequemer Nachtrock, sein Großvater-Stuhl und die dampfende Schüssel! In einen großen Schlitten gepackt, von vier raschen Pferden gezogen, besucht des Sonntags die ganze Familie den Gastfreund in der Nachbarschaft, wird liebreich empfangen und bewirthet und kehrt froh und heiter zurück. Der Tag, wenn die Zeitungen ankommen, bringt neue Lebhaftigkeit in der Unterhaltung. Da wird gecannengießert; der Pastor loci weist den Pariser Pöbel nach den Grundsätzen der practischen Philosophie zurecht; der Amtmann widerlegt die National-Versammlung aus dem Jure publico, und der Hauslehrer declamiert dagegen über die Rechte der Menschheit. Aber das Interesse des Volks und der Fürsten wird bey Seite gesetzt, wenn die Zeit des Einschlachtens herannaht. Da gilts, wer die mehrsten Pfunde gewonnen hat. Dem Nachbar wird, nebst einer höflichen Empfehlung, eine Schüssel voll Würste geschickt, oder er wird eingeladen zur fetten Mahlzeit. Der Krug und die Flasche gehen tapfer herum; die Physiognomie des geistlichen Herrn wird behaglich, die Stirn entfaltet sich, ein Westenknopf nach dem andern muß springen; die Finger werden geleckt, und die alten Universitäts- und Campagnen-Späße kommen zur Sprache.

Bergige Gegenden haben nun wieder ihre eignen Annehmlichkeiten: die heitre, reine Luft; die leichte, muntre, gesellige Stimmung der Bewohner; die herrlichen Aussichten über die zu den Füßen liegenden Landschaften hin; die romantischen Wälder, die rieselnden Quellen; die majestätischen Schönheiten der Natur, in Aufthürmung großer Felsen-Massen, und, wo Bergwerke sind, diese ganz eigne Art von Thätigkeit und der gutmüthige Frohsinn der Bergleute ? Haben Sie je eine Zeitlang auf dem ehrwürdigen Harze zugebracht, so erinnern Sie Sich gewiß dieser Tage noch mit Vergnügen.

Aber nun dagegen das Bild einer großen, volkreichen Handelsstadt! Alles lebt und wirkt hier. Interessant für den Menschen-Beobachter ist es, öffentliche Örter, Versammlungsplätze, Gasthöfe, Caffeehäuser und Schauspiele zu besuchen. Da liefert der große Zusammenfluß von Fremden und Einheimischen jeden Augenblick neuen Stoff zu Bemerkungen. Man hört die wichtigsten Nachrichten aus allen Ländern, kann unter dem Haufen wählen, sich an Gelehrte, Künstler, Kaufleute, Edelleute, Abentheurer oder Müßiggänger anschließen. Und will man auch nur aus seinem Fenster auf das Gewühle thätiger Menschen hinabsehn, so hat man jeden Augenblick eine neue, sich immer verändernde Scene vor Augen. Unbemerkt und ganz nach seiner Weise darf man in einer solchen Stadt leben, mit Aufwände oder in der größten Einschränkung. Ein einzelner Mann kann, wenn er es anzufangen versteht, nirgends um so geringen Preis seine mäßigen Bedürfnisse befriedigen wie hier und, hat er Kenntnisse und Talente, nirgends so vortheilhaft damit wuchern. Hat er sich einen Namen gemacht, geben ihm Eigenschaften des Kopfs und Herzens und die Gabe, sich im geselligen Umgange beliebt zu machen, gerechte Ansprüche auf Achtung und Aufmerksamkeit, so bekömmt er bald Zutritt in den größten Häusern: niemand fragt nach seiner Geburt, nach seinem Vermögen, und er bedarf nicht des sauer zu erbettelnden Schutzes der Großen.

Nur in kleinen Landstädten, in Residenzen von mittlerer Größe und überall da, wo ein kleinstädtischer Ton herrscht, ist es dem Manne von Würde im Character schwer, sich eine glückliche und bequeme Lage zu bereiten. Wenn der geringste meiner Schritte controlliert wird; wenn Menschen, die von tötender Langeweile geplagt werden, ohne Unterlaß Gericht über mich halten, mich bald für einen Sonderling, bald für einen gefährlichen Menschen erklären und das ganze Publicum durch ihre elenden Klatschereyen gegen mich einnehmen; wenn der Ruf, in dem ich bey dem großen Haufen stehe, und die Art, wie ich behandelt werde, von dem Blicke abhängt, dessen mich ein pinselhafter kleiner Sultan oder ein hämischer, auf meine bessern Kenntnisse neidischer Wesir oder Hofschranze würdigt; wenn dann meine sogenannten Freunde mir täglich die Ohren von den nachtheiligen Gerüchten übertäuben, die sich von mir verbreitet haben und sichs zum Verdienste anrechnen, daß sie, ungebeten, sehr oft zu meiner Erniedrigung und zu meinem Schaden, sich Meiner haben annehmen müssen, so ist es wahrlich schwer, den Seelen-Frieden nicht einzubüßen und am Ende den Glauben an seinen eigenen Werth, den edeln männlichen Stolz, nicht zu verlieren ? Und dennoch gibt es auch hier Mittel, sich eine freye, ruhige Existenz zu verschaffen. Handelt man nur immer gleich fest, vorsichtig und consequent, achtet der kleinen, unwürdigen Neckereyen und Klatschereyen nicht und weiß sich zu rechter Zeit gefürchtet zu machen, so kann man auch in dieser Lage frohen Genuß haben. Kurz:

Wohl dem glücklichen Manne, der reine Wonne des Lebens
Weise und nüchtern zu schmecken versteht!
Freundliche Rosen entsprossen dem dürren, steinigen Boden,
Wenn ihn sein leichter Fußtritt berührt.
Ihm ist die Wüste nicht öde; ein Strauch, ein bescheidenes Pflänzchen,
Fesselt des stillen Beobachters Blick;
Schwierigkeit schreckte ihn nicht; der Weg über Berge und Felsen
Führt doch zuletzt in ein liebliches Thal.
Frieden und Freude nur findet, wer in dem schuldlosen Herzen
Friedens- und Freudens-Keime bewahrt;
Unempfängliche Seelen entweichen der Langenweile
Selbst in Elysiums Fluren nicht.

Doch ich kehre zu meiner Reise-Beschreibung zurück. Wir ließen an beyden Ufern einige hübsche Dörfer liegen. Veckerhagen, Würgassen, Lauenförde und andre, deren Namen ich vergessen habe. Das hohe Schloß Fürstenberg gewährt einen ehrwürdigen Anblick. Hier hat der Herzog von Braunschweig eine vortreffliche Porcelain-Fabric; man vermißt an der Arbeit weder Feinheit des Stoffs noch Schönheit der Formen und der Malerey. Es werden auch Büsten von berühmten Männern, en bisquit, verkauft, das dem von Seve nichts nachgibt. Die Lage von Fürstenberg ist reizend; es weideten grade Ziegen am Berge, und das vollendete, der Gegend das Ansehn einer Schweizer-Landschaft zu geben. Die Stadt Höxter ist ein altes, schmutziges, winkliges, unfreundliches Nest. Dann aber kommt Corvey, ein prächtig gebauetes Kloster, wo unter der Aufsicht eines gefürsteten Abts eine große Anzahl wohlbeleibter Mönche gefüttert wird.

Hinter Corvey öffnet sich die Gegend; ein schönes Amphitheater lag nun vor mir ausgedehnt. Auch die einzelnen, längs dem Ufer hin stehenden Weidenbäume machen eine malerische Wirkung. In Holzminden brachte ich die Nacht zu. Es ist ein freundliches, lebhaftes Städtchen, zu dessen Aufnahme, so wie überhaupt zum Flor seines Landes, der edle Herzog von Braunschweig väterliche Sorgfalt anwendet. Der Wohlstand, welcher sich während seiner Regierung in dem Lande verbreitet hat, das er durch Krieg und schlechte Verwaltung verarmt und verschuldet fand, fällt jedem Reisenden in die Augen. Auch fühlen sich seine Unterthanen glücklich, segnen ihn, und er kann ruhig schlafen, wenn auch der Revolutionsgeist sich in Teutschland verbreiten sollte.

Als ich von Holzminden abfuhr, war das Wetter ein wenig trübe, doch klärte sichs gegen Mittag zu meiner Freude auf, denn nun wurde die Gegend immer interessanter. Einen majestätischen Anblick gewähren: das alte Schloß bey Polle; nachher, linker Hand, die hoch aufgethürmten Felsen-Wände; ein Bach, der bey der Deichmühle hervorstürzt; dann zur rechten Seite abermals Felsen, die reizend contrastieren mit den von Fußwegen durchschnittenen, grün bewachsenen Bergen. Wir fuhren auch bey einer angenehmen kleinen Insel vorbey, sahen hierauf Bodenwerder liegen und gegenüber eine schön gepflanzte Reyhe von Bäumen. Bey Grohnde, einem hannöverischen Amte, mit dem dazugehörigen Dorfe, hielt mein Schiffer ein wenig an, und da ich am Ufer einen artigen Garten und vor demselben an der Mauer ein paar fein gekleidete Frauenzimmer sitzend wahrnahm, stieg ich aus, hoffte durch meine Erscheinung die weibliche Neugier zu reizen und mich ein Weilchen mit ihnen zu unterhalten; allein ich wurde diesmal in meiner Erwartung getäuscht. Schon fing ich an, im Gehen mein Halstuch in Ordnung zu bringen, meine Hand-Krausen hervorzuziehn, mein Gesicht in ehrerbiethig freundliche Falten zu legen und auf ein Bewillkommnungs-Compliment zu studieren ? Von Odysseus, von Kalypso, von Sirenen, von Nymphen und dergleichen wollte ich reden ? aber als ich aufblickte, waren sie indes zurück in das Haus gegangen. Es ist mehrmals von Andern die Bemerkung gemacht worden, daß die Hannoveraner größtentheils so gestimmt sind, daß sie den Fremden eher ausweichen, als daß sie sich ihnen aufdringen sollten, wie es wohl in manchen andern Gegenden von Teutschland geschieht. Man würde Unrecht haben, wenn man diesen Zug wie ein Zeichen von Blödigkeit, Ungeselligkeit oder Menschenscheue deuten wollte. Der Grund eines solchen Betragens liegt vielmehr, wie ich glaube, in dem Gefühle der Unanständigkeit, kindische Neugier und Vorwitz zu zeigen, und in einem gewissen Stolze, der sich empört gegen den Verdacht, den man haben könnte, als sey der Anblick eines Fremden oder überhaupt fremder Objecte in diesen Gegenden etwas Neues und überraschendes. Wo es auf menschenfreundliche Dienstleistungen ankömmt, da bleibt der Hannoveraner, wenn sich ein Fremder an ihn wendet, gewiß selten zurück; auch ist wahre Gastfreyheit keine unbekannte Tugend in diesem Theile von Teutschland. Übrigens lieben die Hannoveraner ihr Vaterland, ihre Landesleute und haben ein günstiges Vorurtheil vor alle einheimische Einrichtungen ? ein sichers Zeichen, daß es ihnen wohlgeht, daß sie sich einer vernünftigen bürgerlichen Freyheit erfreuen und daß so wenig der Geist des Auswanderns wie der des Umstürzens hier Verwirrung anrichten wird, solange die Regierung fortfährt, nach so milden Grundsätzen wie bisher zu verfahren.

Hameln ist die beträchtlichste Festung in den churfürstlichen Ländern, vorzüglich durch das nahe dabey auf einem Berge gelegene Fort George. Es ist für Kenner und Layen der Mühe werth, die kostbaren hier angelegten Werke über und unter der Erde, an welchen noch immer gearbeitet wird, soviel es erlaubt ist, in Augenschein zu nehmen. Sollte, wie jeder Menschenfreund wünschen wird, auch nie der Fall eintreten, daß ein feindlicher Einfall die Güte dieser Anlagen auf die Probe setzte, so hat die Befestigung von Hameln mit seinem Fort doch den großen Nutzen, daß die hannöverischen Ingenieurs sich in ihren Berufs-Geschäften üben. Die schwere Arbeit dabey geschieht durch Karren-Gefangene, indem der größte Theil der Verbrecher, welchen diese Strafe zuerkannt wird, hierhergeschickt wird.

Morgen lasse ich meine Päckereyen nach Bremen einschiffen; ich selbst werde eine kleine Reise nach Pyrmont und Meinberg machen, wo ich mein Reise-Journal weiter fortsetzen werde. Nehmen Sie indes die Versicherung der wärmsten Freundschaft gütigst auf, mit welcher etc.

 


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