Briefe auf einer Reise aus Lothringen

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Erster Brief.

 

Metz, den 2ten May, 1792.

Es ist nun fest bey mir beschlossen, theuerster Freund! auf immer verlasse ich diese Gegenden. Der Traum von einem ruhigen, sorgenfreyen Leben, das ich hier zu führen dachte, ist verschwunden; ich sehe voraus, daß man in allen französischen Provinzen bald Scenen erleben wird, gegen die sich mein Herz empört. Von allen Seiten her droht Krieg; die innere Gärung ist allgemein; und sollten sich fremde Mächte thätig in diese Angelegenheiten mischen, wie es nun den Anschein hat, so dürften wohl Elsaß und Lothringen der Schauplatz eines Krieges werden, den gegenseitige Erbitterung und die Stimmung, in welcher jetzt die französische Nation ist, zu einem der blutigsten unsers Jahrhunderts machen können. Ich will also fort von hier, ehe dies Gewitter ausbricht.

Wem sein Beruf ins Schlachtfeld winkt,
Der folge dieser Bahn!
Er geh, wo Schwert und Lanze blinkt,
Mit kühnem Schritt voran!

Der schmetternden Trompete Klang
Sey seine Melodie,
Der Donner und der Schlachtgesang
Ihm süße Harmonie!

Er wanke nicht, wenn hier und dort
Der Freund, der Bruder fällt;
Er schreite über Leichen fort
Und kämpfe, wie ein Held!

Mich reizt des Sieges Lorbeer nicht,
In Bürgerblut getränkt;
Mein Herz folgt einer mildern Pflicht,
Die meinen Wunsch beschränkt.

Ein stilles Plätzchen such ich mir,
Wo goldner Frieden thront;
Wo, fern von Glanz und Ruhmbegier,
Bescheidne Einfalt wohnt;

Wo, an des Freundes sanfter Hand,
Auf einer sichern Bahn,
Vom großen Haufen unerkannt,
Ich traulich wandeln kann;

Wo mich Aurorens Morgengruß
Aus süßem Schlummer weckt;
Wo mich, im fröhlichen Genuß,
Kein Waffenlärm erschreckt;

Wenn Studium, wenn Wissenschaft
Den heitern Geist erhebt
Und wenn der Musen Zauberkraft
Mein weiches Herz belebt,

Indes mir manche freye Zeit
Mein Saitenspiel verkürzt
Und froher Muth und Mäßigkeit
Mein leichtes Mahl mir würzt.

Ein solches Plätzchen will ich mir suchen, oder es ist vielmehr schon gefunden, denn, kurz von der Sache! ich bin fest entschlossen, mit unserm gemeinschaftlichen Freunde M*** nach Nord-Amerika zu ziehn. Mein kleines Vermögen habe ich in bares Geld und Wechsel verwandelt. Es ist unmöglich, besser mit einer solchen Summe zu wuchern, als wenn man dafür in jenem glücklichen Welttheile Ländereyen kauft, die von Jahre zu Jahre im Preise steigen. Will man diese noch mit Holz bewachsenen Äcker auch gar nicht urbar machen, sondern nachher in demselben Zustande wieder verkaufen, so kann man doch sein Capital vielleicht nach kurzer Frist verdoppelt zurückziehn. Das ist aber nicht mein Zweck; ich will ein Landmann werden ? der erste, natürlichste, nützlichste und glücklichste Stand in der menschlichen Gesellschaft! Ich nehme Knechte und Mägde mit mir; dann scheint mir zu dieser patriarchalischen Einrichtung nichts zu fehlen außer einer braven Hausfrau, und Diese sollen Sie mir unter den sächsischen Mädchen aussuchen.

Noch bin ich nicht ganz bestimmt, in welcher Gegend von Amerika ich mich ansiedeln will; darüber muß ich erst Rücksprache mit M*** nehmen, den ich zu Ende des August-Monats in Hamburg oder Bremen finden und mit ihm im September die Reise machen werde. Bis dahin habe ich mir vorgesetzt, noch ein wenig in Teutschland herumzuziehn. Sehen Sie Sich indes unter den Töchtern des Landes nach einer Gefährtin für mich um! Haben Sie dann etwas auf der Spur, so geben Sie mir einen Wink, und ich eile zu Ihnen. Auf jeden Fall aber hoffe ich, Sie in der August-Messe in Braunschweig zu umarmen, um von Ihnen Abschied zu nehmen und mir Ihren Segen zu erbitten. Eines so guten Mannes Segen wird mich auf dem Meere vor Sturm bewahren und meine Unternehmungen in fernen Welttheilen begünstigen.

Morgen gehe ich von hier, und macht es Ihnen keine Langeweile, so schicke ich Ihnen vielleicht von Zeit zu Zeit einige Bemerkungen über die Örter, die ich durchreisen werde. Leben Sie wohl!

 

 

Zweyter Brief

Saarbrück, den 5ten May.

Sie sind nie in diesen Gegenden gewesen, mein Lieber! und so erlauben Sie mir denn, Ihnen eine kleine Schilderung von der Stadt zu entwerfen, in der ich seit vorgestern mich umhertreibe.

Saarbrück, diesseits der Saar, und St. Johann, jenseit des Flusses, sind durch eine neue, schöne Brücke verbunden und machen Eine Stadt von ziemlichem Umfange aus. Die Häuser, besonders in dem diesseitigen Theile, sind durchaus massiv, manche darunter in gutem, reinem Geschmacke gebauet, und die Gassen, deren einige breit sind und gerade laufen, haben ein freundliches Ansehn. Unter den Einwohnern scheint Wohlstand zu herrschen; auch trifft man hier Kaufmannshäuser an, deren Handel nicht unbedeutend ist, da außer der großen Straße aus Frankreich nach Teutschland die schiffbare Saar ihnen auch Gelegenheit gibt, ihre Waren zu Wasser in die Mosel und von da auf dem Rheine nach Holland zu versenden; Steinkohlen und Eisen sind, wie bekannt, wichtige Landesproducte.

Die Einwohner von St. Johann stehen, in Ansehung der Höflichkeit, ein wenig mit den Sachsenhäusern in Frankfurt am Main in gleichem Rufe; in Saarbrück selbst hingegen habe ich die Leute immer sehr gesittet und gegen Fremde zuvorkommend und gastfrey gefunden. Was mich noch freuet, ist, daß ungeachtet der Nachbarschaft von Frankreich sich hier unter den Bürgern aller Classen so viel teutsche Gradheit und Biederherzigkeit erhalten haben. Hierin geht ihnen der regierende Fürst mit gutem Beyspiele vor, der, obgleich er selbst so lange in französischen Diensten gewesen ist ? (Sein Haus besaß vor der Revolution ein eignes, sehr schönes, ausgezeichnetes Infanterie-Regiment in denselben, und ein anders von schwerer Cavallerie wurde für ihn errichtet) dennoch der Gallomanie und Nachahmungssucht, wovon die Rheingegenden so sehr angesteckt sind, äußerst feind ist. An seinem Hofe wird fast immer teutsch geredet; er hat ein Liebhaber-Theater errichtet, auf welchem er selbst, wenn er gesund ist (seit einiger Zeit ist er unpäßlich), die gute Fürstin, der Hof und zuweilen Fremde, die sich hier aufhalten, vaterländische Stücke aufführen. Außer dem kleinen Schauspiel-Saale, der im Schlosse ist, hat der Fürst noch ein sehr geschmackvolles großes Comödienhaus in der Stadt zu diesem Gebrauche erbauen lassen. Ich habe mehrmals von Metz aus diesen Vorstellungen beygewohnt und manche Schauspiele in großer Vollkommenheit aufführen gesehn.

Das hiesige Schloß gehört mit zu den schönsten Fürsten-Wohnungen in Teutschland. Es besteht aus einem Corps de logis mit zwey Flügeln und einigen Neben-Gebäuden, liegt, nach der Stadt zu, an einem freyen Platze, wo es sehr gut in die Augen fällt, und hat an zwey andern Seiten, über einen geschmackvoll eingerichteten Schloßgarten hinaus, eine herrliche Aussicht in die umliegende schöne Gegend.

Neben dem Schlosse ist noch ein sogenannter Wintergarten angelegt, den ich Ihnen genauer beschreiben muß. Über einem niedlichen Bosquette ist ein großes Haus gebauet, oder vielmehr in einem weitläufigen Gebäude sind Pflanzungen angelegt. Die Säulen, worauf dieser ungeheure Saal ruht, sind mit Baumrinde bekleidet und scheinen also Bäume zu seyn; die Decke, wo sie hie und da durch das Gebüsch hindurch sichtbar wird, ist wie der Luft-Himmel gemalt; Fenster und Öfen sind durch Hecken und Bäume maskiert, so daß man mitten im Winter die Täuschung hat, an einem schönen Sommertage in einem kleinen englischen Garten spazierenzugehn. Da findet man dann vielerley Arten ausländischer und einheimischer Stauden, Gewächse, Blumen, Früchte; Vögel fliegen in den Gebüschen herum und beleben mit ihrem wilden Gesänge die Scene; in einer kleinen Grotte sprudelt frisches Wasser, und das Ganze ist in der That überraschend, wenn rund umher die Erde mit Schnee bedeckt ist, die entblätterten Bäume traurig dastehen und man dann in dies Gebäude tritt und auf einmal zurück in den Julius-Monat gezaubert wird.

Der regierende Fürst lebt mit seiner jetzigen vortrefflichen Gemahlin, die er sich, mit Hinwegsetzung über die elenden Convenienzen von Stand und Geburt, nach seinem Herzen gewählt hat, ein glückliches häusliches Leben, wovon so wenig Fürsten einen Begriff haben. Er erfüllt dabei pünctlich seinen Beruf und geht keinen Abend zur Ruhe, ohne alles gelesen und überlegt zu haben, was ihm eingereicht worden ist und am folgenden Tage entschieden und ausgefertigt werden soll; Ordnung, weise Sparsamkeit und strenge Gerechtigkeit bezeichnen jeden seiner Schritte, und dennoch ist sein Hofstaat glänzender und sein Gefolge zahlreicher wie an manchen viel größern Höfen ? Soviel kömmt auf eine weise Einrichtung und ordentliche Verwaltung der Finanzen an!

Der vorige Fürst bauete viel, brachte Handel, Fabriken und Manufacturen in Aufnahme; allein dies geschah mit einem so großen Kosten-Aufwande, daß, als sein Herr Sohn, der jetzige Fürst, zur Regierung kam, eine kaiserliche Commission unvermeidlich schien. Es fand Dieser aber Mittel, eine solche Landplage zu entfernen; er setzte eine gewisse jährliche Summe zur Tilgung der Schulden fest, welche von der Zeit an nicht nur pünctlich abgetragen, sondern noch überschritten wurde, und jetzt bleibt, wenn alles etatmäßig bezahlt ist, immer noch eine Jahrs-Einnahme im Voraus in den Gassen liegen, obgleich die Anzahl der Dienerschaft und der übrige Aufwand sich von Jahre zu Jahre eher vermehrt wie vermindert haben.

Einige geschickte Männer, welche die Geschäfte führen, sind gut besoldet, und am Hofe nehmen Fremde, die einiges Vermögen haben, bey freyer Tafel, Wohnung, Fourage für Pferde und andern Vortheilen, mit nicht starker Gage gern einen Titel an, vermehren durch einen anständigen Aufwand den Glanz, um ein Leben zu führen, wie sie sichs in keiner andern Lage angenehmer wünschen könnten. Die herrschaftliche Tafel ist vortrefflich; es fehlt am Hofe an keiner Art von Vergnügung, nach den verschiedenen Jahrszeiten, als: Jagd aller Gattung, Fischfang, Schauspiele, Concerte, Tanz, Spiel, Mascaraden, Schlittenfahrten, Land-Partien, nützlicher Unterhaltung und Lectüre. Dabey herrscht in diesen Cirkeln ein freyer Ton, mit Würde und Anstand verbunden. Der Fürst liebt fröhlichen Scherz und gute Laune, ehrt Kenntnisse, ist selbst sehr unterrichtet, belesen und witzig. Seine Dienerschaft ist ihm herzlich zugethan, obgleich sie ihn auch fürchtet, aber seine Güte und sein Zutraun sind auch schon oft gemißbraucht worden, und nicht selten erntet er von Leuten, die er aus dem Staube emporgehoben hat, für seine Wohlthaten niedrigen Undank und Verleumdung ein; aber er verzeyht, erträgt und scheint es nicht zu bemerken, solange sichs irgend aushalten läßt.

Außer dem Kreis-Contingente unterhält der Fürst eine Garde, die aus schönen Leuten besteht und geschmackvoll gekleidet ist, und einige Reiter. Was mich, der ich nichts vom Soldatenwesen verstehe, am mehrsten dabey interessiert, ist die vorzüglich gute türkische Music auf der Parade. Sie ist besser und vollständiger besetzt wie die, welche die französischen Schweizer-Regimenter ehemals hatten. Unter andern sind Posaunen und Serpents dabey, die herrliche Wirkung machen. Warum wird wohl, besonders in Teutschland, das letztere Instrument so wenig gebraucht? Vogler hat in seinen schwedischen Opern beyde zu rechter Zeit anzuwenden gewußt, und es ist keinem Zweifel unterworfen, daß sich im hohen Styl gewaltig viel damit machen läßt.

Die Post in das teutsche Reich geht ab, und ich denke, mein Brief ist lang genug. Ich schließe ihn mit der Versicherung etc.

 

Dritter Brief

Saarbrück, den 6ten May.

Kaum ist mein Brief an Sie, mein theuerster Freund! fort, so fange ich schon wieder einen neuen an. Ich wandre jetzt ein wenig in der hiesigen Gegend herum, die in der That durch die schöne Abwechselung von Bergen und anmuthigen Thälern reizend ist und mit der ich noch wenig bekannt war, weil ich immer nur im Winter hier gewesen bin.

Der Ludwigsberg ist eine Anhöhe, kaum eine Viertelstunde weit von hier entfernt. Auf derselben liegt ein niedliches Lustschloß, das dem Fürsten einen Theil des Sommers hindurch zum Aufenthalte dient und von woher man die Stadt übersieht. Das Schloß ist klein, aber geschmackvoll gebauet, eingerichtet und verziert. Kürzlich hat der Fürst auch ein schönes massives Orangerie-Haus daselbst aufführen lassen. Dann sind hier noch Ställe und andre Gebäude. Die Hof-Cavaliere aber wohnen in kleinen Nebenhäusern, welche zerstreuet liegen und von Außen verschiedne Formen haben. So sieht man in einem Wäldchen einen Holzstoß und wird überrascht, wenn man in demselben ein paar hübsche Zimmer für den Hofmarschall eingerichtet findet. An einem andern Platze hat eine ähnliche Wohnung von Außen die Gestalt einer Eisgrube. Auf einer Wiese im Thale steht ein Fuder Heu; man ahnet nicht, daß sonst etwas darinnen verborgen seyn könnte; aber nun thut sich eine Thür im Hintertheile des Wagens auf; man zieht eine kleine Treppe hervor, öffnet die versteckten Seiten-Fenster und hat dann einen Speisesaal vor sich. Überhaupt ist bey den Anlagen mancher artiger und neuer Einfall angebracht; die Spaziergänge scheinen von der Natur selbst eingerichtet zu seyn, und selten wird man die ängstliche Hand der Kunst gewahr. Eine Einsiedler-Capelle ist von einem Gottes-Acker umgeben; auf demselben liegen alte bemooste Leichensteine mit Inschriften, und diese Inschriften enthalten Anspielungen auf kleine characteristische Züge der Personen des Hofes (als wären sie gestorben und lägen hier begraben), mit viel Witz entworfen, doch so, daß niemand dadurch gekränkt werden kann. Manche Gegenden des Gartens, wo die Aussicht beschränkt ist oder die sonst öde scheinen möchten, sind durch Gruppen von bekleideten menschlichen Figuren belebt. Da findet man zum Beyspiel an dem Rande eines Bassins, auf einer Wasch-Bank, einige Wäscherinnen, die lebendig zu seyn scheinen, mit ihrer Arbeit beschäftigt. Da steht neben einem Felsen Moses, der, wenn man eine gewisse Stelle berührt, mit seinem Stabe an den Felsen schlägt, aus welchem dann Wasser hervorquillt. Allein der Fürst, dessen Geschmack sehr ekel ist, hat einige Dinge dieser Art doch für kleinliche Spielwerke gehalten und sie wegräumen lassen, wodurch Platz für den englischen Garten gewonnen ist. Nur in dem schönen Tannenwäldchen sind verschiedne Gegenstände dieser Art stehngeblieben, wie unter andern eine Höhle, auf welche man unvermuthet stößt und in derselben eine Gesellschaft Zigeuner gelagert findet.

Auf dem Hall-Berge, einer etwas beträchtlichen Anhöhe, ungefähr drey Viertel-Stunden weit von der Stadt entlegen, steht das Lustschloß Mon plaisir. Die Anlagen, welche hier gemacht worden, sind in einem andern Geschmacke und hie und da regelmäßiger wie die auf dem Ludwigsberge. Die eine Seite des Hügels ist mit Weinstöcken bepflanzt, mehr um im Herbste dem Hofe ein angenehmes Fest zu geben, das eine Weinlese vorstellt, wie in der ernstlichen Absicht, hier trinkbaren Wein zu ziehn. Der Straßendamm, auf welchem man bis zu dem Gipfel des Hügels gelangt, ist an beyden Seiten mit Laternenpfählen besetzt. Das Schloß ist klein, aber artig eingerichtet. Der menschenfreundliche Fürst hat über ein Camin im Speisesaale eine Inschrift setzen lassen, wovon ich nur die letzte, einladende Zeile behalten habe: Je veux, que mon plaisir soit le plaisir des autres.

Es fehlte ehemals auf dem Berge an Wasser; der Oberjägermeister, ein würdiger Mann, fand eine Quelle, und nun ist vor dem Schlosse ein Bassin angelegt, in welches sich aus einer Urne diese Quelle ergießt; auf der Urne aber ist zu lesen: daß der Freund und Oberjägermeister des Fürsten das Verdienst der Auffindung dieser Quelle habe, wofür ihm sein Herr hierdurch seine Dankbarkeit bezeugen wolle. Solche kleine Züge sind dem Beobachter um so willkommner, je gewöhnlicher es ist, daß Fürsten immer alles selbst gethan haben wollen und die Geschichte mit den Inschriften in die Wette lügt, um das Verdienst von wohlthätigen Anstalten und großen Anlagen auf die Rechnung der Regenten zu schreiben, die gar nichts, nicht einmal das Geld, dazu hergegeben haben, indes die Namen der wahren Schöpfer, Erfinder und Vollender solcher Werke und der geschickten Künstler, die daran gearbeitet haben, nach wenig Jahren gänzlich in Vergessenheit kommen. Morgen und die folgenden Tage hindurch werde ich mit einem paar Herrn vom Hofe eine kleine Reise in die Nachbarschaft machen, sodann den Jägersberg sehn und von da wohl schwerlich wieder hierher zurückkommen. Aus Zweibrücken erhalten Sie also den nächsten Brief von Ihrem etc.

 

Vierter Brief

Zweibrücken, den 11ten May.

Recht schmerzlich war mir der Abschied von meinen Freunden in Saarbrück. Ich fuhr indessen den 7ten mit meiner Gesellschaft nach Dudweiler. Dort hat der Fürst ein Haus, wohin er einmal des Jahrs zu gehn pflegt, um in den reich besetzten Teichen in seiner Gegenwart fischen zu lassen. Es wird dann eine ländliche Mahlzeit gehalten, die größtentheils aus diesen gefangnen Fischen besteht und von welcher aller städtischer Zwang und Prunk verbannt sind. Auf einländischem Porcelain wird gespeist. Es ist nämlich in Ottweiler eine Fabric angelegt, in welcher eine Art weißes Stein-Porcelain verfertigt wird, das mit dem englischen sowohl was die Güte, als was den wohlfeilen Preis, die Dauer, Feuerfestigkeit und die Schönheit der Formen betrifft, wetteifern kann. Der Fürst läßt die Speisen in den Casserolen von dieser Masse, in welchen sie gekocht worden, auftragen.

In Dudweiler ist auch eine ansehnliche Stuterey; das Merkwürdigste daselbst aber ist ein brennender Berg, nämlich eine Anhöhe, auf welcher nun schon seit beynahe hundert Jahren der Boden beständig heiß ist. Des Nachts und wenn man mit einem Stocke in die Erde stößt, kommen kleine Flämmchen hervor. Diese Erscheinung: rührt ohne Zweifel von dem unter-irdischen Brande eines Steinkohlen-Bergwerks her, woraus nun, da man es aufzurühren nicht wohl wagen darf, nichts weiter wie Alaun gewonnen wird.

Wir fuhren des andern Morgens nach Jägersberg, einem Jagdschlosse des Fürsten. Dies Schloß liegt hoch, von Waldung umgeben, die zu einem Parforce-Jagd-Park eingezäunt ist, am Abhänge des Berges aber, unmittelbar an den englischen Garten stoßend, das Dorf Neukirchen. Die hintre Seite des Schlosses hat die Aussicht auf Terrassen, die, den Berg hinab, fast bis zu den beträchtlichen Eisenhütten fortgeführt sind, welche im Thale liegen. Das massive Gebäude ist in der Form eines halben Mondes gebauet, hat auf den beyden Flügeln nur ein Erdgeschoß, da hingegen in der Mitte noch eine Etage aufgesetzt ist. Jeder Gegenstand, den man hier erblickt, hat Bezug auf die Jagd, welche der Fürst vormals, mehr wie jetzt, außerordentlich liebte. Oft hat ein Hirsch die nachsetzenden Jäger zwölf Stunden Weges weit gelockt (denn Sie wissen vermuthlich, daß nach den Conventionen der Parforce-Jäger bey Verfolgung des Wildes keine Grenze respectiert wird). Als ich das erstemal in Saarbrück war, fand ich den Marstall mit dreyhundert Pferden besetzt, wovon ein großer Theil zu diesem Vergnügen bestimmt war. Piqueurs und Hunde verstehen ihr Handwerk, und der Aufzug bey der Parforce-Jagd ist glänzend. Das Schloß ist von Außen gänzlich bekleidet mit einer ungeheuren, daran festgenagelten Menge von Geweyhen der gejagten Hirsche. Der Hof bringt den Herbst hier zu, und dann ist von nichts wie von Jagd die Rede. Hier bedient sich der Fürst auch eines Silber-Services, wovon die Knöpfe der Terrinen und Glocken in Gestalt von Hirsch- und Schweinsköpfen gearbeitet sind. Einige Zimmer aber sind verziert mit Tafeln, aufweichen man hinter Glas das Verzeichnis der in jedem Jahre parforce gejagten Hirsche sauber eingeschrieben sieht, nebst den genauem Nachrichten von den dabey vorgefallnen Umständen. ? So hat doch der arme Hirsch den Trost, daß die Geschichte seines Märtyrer-Todes verewigt wird und die Wand eines Fürsten-Palastes ziert.

So gut wirds nicht dem armen Büchermacher,
Den heißer Trieb des Nachruhms plagt,
Wenn ihn das Heer gelehrter Widersacher
Am Helicon parforce jagt.

Es wittert bald der Recensenten Meute
Des unberufnen Autors Pfad,
Der, kraftlos, sich, der wilden Jagd zur Beute,
Im Lorbeer-Wald verloren hat.

Kaum streckt der Wicht aus Phöbus heilgem Haine
Voll Angst den leeren Kopf hervor;
So packt ihn schon ein Critiker beym Beine
Und dort ein Aristarch beym Ohr.

Er fiele gern von so berühmten Händen,
War nur sein Lohn Unsterblichkeit
Und trotzte nur sein Nam an goldnen Wänden
Der traurigen Vergessenheit.

Nun aber wird, als war er nie gewesen,
Kein Mund zu seinem Lob bewegt.
Sein anders Ich, sein Werk wird ungelesen
Zu Pfeffer-Tüten hingelegt.

Mit Hoffmann*, Mees** und . . . .*** Fragmenten
Hat sein Octavband gleiches Glück ?
So kläglich gehts den Männern von Talenten;
So hart verfolgt sie das Geschick!

[* Ein großer Schriftsteller in Wien.]

[** Meese, oder Masius; ein berühmter Welt-Reformator und Religions-Vereiniger.]

[*** Ein menschenliebender und bescheidner Arzt, weiser Politiker und gewissenhafter Geschichtsschreiber, der seit einiger Zeit, sehr unschuldig, viel von der allgemeinen Undankbarkeit des Publicums hat leiden müssen.]

 

Auch die teutsche Jagd und die Reyher-Beize liebte vormals der Fürst von Nassau sehr, und zu jeder dieser Arten von Jagd wird vom ganzen Hofe eine besondre Uniform getragen. Zuweilen verirren sich Wölfe durch die vogesischen Gebirge in das Saarbrücksche und werden dann aufgetrieben und geschossen.

Das Schloß in Jägersberg ist, besonders was die Zimmer des Fürsten betrifft, geschmackvoll meubliert. Mir gefiel unter andern die Einrichtung eines Schlafzimmers, in welchem dem Fenster gegenüber ein erhöheter Alcoven angebracht ist. Die Rückwand dieses Alcovens besteht gänzlich aus einem großen Spiegel. Vor diesem steht dann das Bette so, daß der Fürst, wenn er in demselben liegt, die durch das Fenster in dem Spiegel sich darstellende Gegend wie ein Landschafts-Gemälde zur Seite erblickt.

Mein Weg von Jägersberg nach Heidelberg zu führte mich bey dem Carlsberge, dem gewöhnlichen Aufenthalte des zweibrückschen Hofes, vorbey. Nun hatte man mir so viel von der Pracht und der Vortrefflichkeit der Anlagen erzählt, die man dort bewundert, daß ich neugierig war, diese Schätze mit eignen Augen zu sehn. Ich wußte aber, daß niemand ohne ausdrückliche Erlaubnis des Herzogs sich dem Carlsberge nähern, viel weniger seine Merkwürdigkeiten besehn darf. Deswegen hatte ich mir dann, durch eine fürstliche Verwendung von Saarbrück aus, diese Erlaubnis auszuwirken gesucht und auch erlangt. Meine Reisegesellschafter erboten sich, mich bis dahin zu begleiten. Es mußte aber der vom Herzoge ausgefertigte Verwilligungs-Befehl namentlich auf sie mit ausgedehnt seyn, wenn sie nicht von dem Vergnügen, das dortige Schloß und die Anlagen in Augenschein zu nehmen, ausgeschlossen werden sollten. Nachdem dies alles in Ordnung gebracht war, fuhren wir gestern früh von Neukirchen oder Jägersberg ab. Der Weg führt beständig durch umzäumte Parforce-Parks, die dem Herzoge von Zweibrücken gehören, in welchen selbst Dörfer liegen, deren Einwohner sich dann, so gut sie können, mit dem Wildbrete um ihre Producte vergleichen.

Der Herzog war gerade abwesend, und wir hatten daher volle Muße, den Carlsberg zu besehn. In der That ist die Pracht, welche da im Schlosse herrscht, unglaublich; man sagt, der Kaiser Joseph selbst sey darüber erstaunt. Der Reichthum der mit dem seltensten Geschmacke angebrachten Vergoldungen, Spiegel, Kronleuchter u.d.gl. blendet die Augen. Man sieht da Stühle, wovon, wie man mich versichert hat, das Stück fünfzig neue Louisdor kostet. Was man sonst nur als Seltenheiten einzeln in Cabinetten aufgestellt sieht, findet man hierzu Meubles verwendet. Kostbare Sammlungen von ausländischen Vögeln sind für viel tausend Gulden gekauft; dann hat man den Vögeln die Federn ausgezogen und diese Federn in atlassene Tapeten eingewirkt, mit Beybehal-tung der Vorstellung von den Thieren, denen sie angehört haben. Nach diesem Verhältnisse ist alles Übrige dort groß und prachtvoll: man rechnet die Anzahl der Pferde, welche der Herzog hält, auf fünfzehnhundert; ein Cabinet sah ich auf dem Carlsberge, worin eine Sammlung von mehr als tausend seltenen Pfeifenköpfen verwahrt wird; eine Menagerie von Katzen aller Gattungen, deren Anzahl allen Glauben übersteigt und - kurz! es ist der Mühe werth, dies Feen-Schloß mit seinen Schätzen zu sehn.

Nach einem leichten Mittagsmahle, das wir im Wirthshause einnahmen, trennte ich mich von meinen gütigen Freunden. Sie ritten nach Saarbrück zurück, und ich fuhr hierher, wo ich gestern gegen Abend ankam. Da mich nichts hier aufhält und diese Stadt außer einigen hübschen Gebäuden, die ich bey einem Spaziergange über den schönen Platz, an welchem das Schloß liegt, bemerkt habe, soviel ich weiß, nichts enthält, was meine Aufmerksamkeit fesseln könnte, so reise ich in einer halben Stunde von hier. Vorher gebe ich diesen Brief auf die Post, der Ihnen nur noch sagen soll, daß ich lebenslang etc.

 

Fünfter Brief

Heidelberg, den 17ten May.

Kaiserslautern, wo ich die Nacht zubrachte, weil ich dort mit jemand zu reden hatte, scheint jetzt noch öder wie ehemals, seitdem die Cameral-Schule von da hierher nach Heidelberg verpflanzt worden ist. Bis Kaiserslautern läßt man zur linken Seite einige angenehme Ebenen liegen; von dort aus aber, bis nach Dürkheim, ist die ganze Gegend bergig, aber höchst reizend. Dürkheim liegt auf einer dieser Anhöhen, und aus dem dort befindlichen Schlosse des Fürsten von Leiningen hat man eine angenehme Aussicht, die aber doch nicht zu vergleichen ist mit der, die in dem unfern von da gelegnen Städtchen Neustadt an der Haardt und in dem Dorfe Herxheim, wo der Baron von Reineck ein Gut hat, Jeden bezaubert, der empfänglich für die Schönheiten der Natur ist. Sie kennen meine Vorliebe für die Pfalz; in diesem schönen Lande, und besonders in Freinsheim, Herxheim, Deidesheim, und zu einer andern Zeit in Monzingen und Kreuznach, in Monsheim, in Weinheim, in Bretten und Zeizenhausen, habe ich glückliche, heitre Tage verlebt. Einst, von Kummer aller Art tief niedergebeugt und zum Mißmut hinabgesunken, machte ich eine Fuß-Reise in der Pfalz umher, zur Zeit der Weinlese, und fand in den Armen theilnehmender Freunde, in dem Genüsse unschuldiger ländlicher Freuden, in dem Anblicke der paradiesischen Natur-Scenen und in der freundlichen Aufnahme, die ich in der ganzen Nachbarschaft umher bey gastfreyen, frohen Menschen genoß, den verlornen Frieden wieder. Ich wohnte bey Freunden, die in dieser der Fröhlichkeit gewidmeten Zeit so viel Zuspruch hatten, daß unsre jovialische Gesellschaft vielleicht mehr Wein des Tages über austrank, wie des Abends gekeltert wurde. Des Morgens nach dem Frühstücke ging die ganze lustige Bande hinaus zum Trauben-Lesen, die dann in großen Gefäßen auf Karren nach Haus gefahren wurden. Mittags speiste man mit so gutem Appetit, wie man ihn von Menschen erwarten kann, die sechs Stunden lang in freyer Luft gearbeitet haben. Nachmittags ging wieder das Traubenlesen an; abends aber, wenn draußen nichts mehr zu schaffen war, zog man nach Hause. Da setzten sich dann die altern Damen und Herrn zum Cartenspiele, und wir andern jungen Leute gingen hinunter in den Hof, wo die Kelter stand. Hier war ein Lämpchen aufgehängt, das zugleich den Arbeitern Licht gab und den kleinen Grasplatz erleuchtete, auf welchem wir nach einer einzigen Geige, die ein alter Invalide aus dem Dorfe spielte, lebhafter und mit fröhlicherm Herzen herumsprangen, wie wenn uns im vergoldeten Saale, bey dem Scheine der Wachskerzen auf cristallnen Cronleuchtern, des Churfürsten Oboisten-Chöre die Ohren betäubt hätten. Das Haus war klein; nur während dieser Jahrszeit pflegte sich mein Wirth mit seiner Familie da aufzuhalten, und der Gäste waren Viele; sie wurden zum Theil bei den guten Nachbarn einquartiert; auch behalf man sich, so gut es gehn wollte. Leute, die sich nie in ihrem Leben vorher gesehn hatten, schliefen, zuweilen zu zwey Paaren, in Einem Zimmer. Des Morgens, wenn die ganze Gesellschaft sich zu gleicher Zeit ankleiden wollte, fand sich oft nicht ein Plätzchen, wo man ungesehn Wäsche wechseln konnte. Da stellte sich dann Der, welcher diese Operation vorhatte, in eine Ecke, und die Andern mußten auf ein gegebnes Zeichen sich mit den Gesichtern nach der gegenseitigen Wand hinkehren.

So zwanglos verstrichen die kurzen Tage! aber einen so leichten Ton im Umgange kennt man auch nur in den Wein-Ländern. In den nördlichen Gegenden von Teutschland, wo Bier und Branntwein und eine Menge materieller Speisen und die feuchte Luft die Menschen träge, schwerfällig, mißlaunig und bedenklich macht, da wird alles abgemessen und abgecirkelt, und während man sorgfältig überlegt, ob dieser oder jener kleine, unschuldige Schritt sich mit den unzähligen Conventionen und Rücksichten vereinigen läßt, entflieht der Augenblick des Genusses ? Glückliche Pfälzer! und wieviel glücklicher noch würdet Ihr in Eurem Paradiese seyn, wenn nicht die schwere Hand des ? Doch, ich will mich nicht in politischen Betrachtungen vertiefen; es ist ja schon so oft und viel darüber geseufzt, gesprochen, geschrieben, gedruckt worden ? Auch werden sich die Zeiten ändern; ich gehe indessen nach Amerika.

Mein erster Gang, als ich hierher nach Heidelberg kam, war zu meinem alten Freunde L*** R*** von St***. In seiner Gesellschaft habe ich diese Tage zugebracht und werde wohl bis in die künftige Woche hinein mich hier aufhalten. Vor meiner Abreise schreibe ich Ihnen noch einmal und wiederhole die Versicherung der herzlichsten Hochachtung, mit welcher etc.

 

Sechster Brief

Heidelberg, den 20sten May.

Ich unternehme es nicht, Ihnen die Schönheit der Gegend von Heidelberg zu schildern, die schon so manche Feder, so manche Zunge, so manchen Pinsel und so manchen Grabstichel in Bewegung gesetzt hat. Bezaubernd ist die romantische Lage dieser Stadt, an dem Ufer des lebhaften Neckars hingestreckt, der hier, aus dem freundlichen Neckarthale hervor, zwischen einer doppelten Kettenreyhe von schönen, majestätischen Bergen hindurcheilt. Diese Berge, in so mannigfaltigen Formen, bald von Granit-Felsen aufgethürmt, bald mit Weinstöcken besetzt, neben welchen man auf schmalen Treppen zu kleinen Lusthäusern hinaufsteigt; zwischendurch Obstbäume, Apricosen, Mandeln; dann ein Wäldchen von Castanien, die hier sehr gut reifen; auf dem Gipfel eines der Berge die Rudera einer Tempelherrn-Capelle, von woher man mehr wie neunzig Städte und Dörfer zu seinen Füßen liegen sieht; gegenüber, diesseits des Flusses, die herrlichen weitläufigen Uberreste des durch Feindes Hand und Wetter-Schlag zerstörten Schlosses; die dort von der Höhe herabgeschleuderte Hälfte des gesprengten Thurms, in welchem vielleicht mancher unglücklicher Gefangener seine lästigen Lebenstage durchseufzt hat; und nun der Anblick von dem Altane dieses Schlosses hinab auf das Stadtthor, in Gestalt eines alten Triumphbogens errichtet, auf die lange Stadt mit ihren großen, zum Theil prächtigen öffentlichen Gebäuden und Klöstern, auf die neue, massive, kühne, mit königlichem Aufwände gebauete Brücke. Endlich die ganze Gegend, unterwärts, ehe man zwischen die Berge gelangt, die reizende Ebne nach Mannheim, Schwetzingen, Rohrbach etc. hin; jenseits des Ufers, längs der Bergstraße, die einladenden, freundlichen Örter Neuenheim und Handschuhsheim; oberwärts, wo das Thal enger wird, die Aussicht nach dem nahegelegnen Neckargemünd; zu beyden Seiten aber, links das Stift Neuburg und weiter hinauf in dem Gebirge das Dorf Ziegelhausen mit seinen friedlichen, an rieselnden Bächen, im Schatten des Waldes, so heimlich auf eine halbe Meilenstrecke hin zerstreuet liegenden Häusern, Hütten, Feldern und Wiesen; diesseits des Ufers, in der wildesten Gegend, von dickem Gehölze umgeben, der Wolfsbrunnen, eine reiche Quelle, die aus dem Felsen hervorsprudelt, dann drey untereinander liegende Forellen-Teiche anfüllt, endlich aber bey Schlierbach sich in den Neckar ergießt ? Das alles sind Gegenstände, die unwillkürlich zu sanften und hohen Empfindungen hinreißen. Es wird einem bald so leicht, so wohl, und dann wieder so bange, so schauerlich um das Herz. Man fühlt sich gestimmt bald zu heitrer Laune und einfacher ländlicher Fröhlichkeit, bald zu erhabnen Schwingungen der Seele, zur staunenden Bewundrung und tiefen Anbetung, je nachdem man hier oder dort steht und wandelt, seine Augen hie oder dahin richtet. Es gibt Gegenden in Teutschland, die, wenn ich so reden darf, einen üppigem Anblick gewähren, wo Natur und Kunst gemeinschaftlich eine unermeßliche Tafel voll gehäufter Schätze vor uns hingelegt haben, wie zum Beyspiel die Landschaft, welche man auf dem Schloß-Berge in Oppenheim und die, welche man von Hochheim aus überschauet; aber keine vielleicht hat eine solche Mannigfaltigkeit von Gegenständen in den schönsten Contrasten aufzuweisen wie die von Heidelberg.

Es wimmelt jetzt hier von französischen Flüchtlingen, welche die gerettete Beute aus den Diebes-Magazinen des vormaligen Despotismus im Auslande verzehren, den Preis der Lebensmittel vertheuren und zur Dankbarkeit für den Schutz, dessen sie sich erfreuen, ihren Beschützern mit Verachtung begegnen, den Ton angeben und die Jugend zu ausländischen Thorheiten verleiten. Ich gönne ihnen nichts wie den Neckarwein, den sie hier trinken, denn der hat für mich etwas sehr widriges, dahingegen die Weine, welche in andern Gegenden der Pfalz und in der Bergstraße wachsen, lieblich und gewürzhaft schmecken.

Heidelberg war aber auch schon, ehe diese Fremdlinge sich hier einnisteten, bevölkert genug, obgleich einige Häuser, die zur Zeit, als die Stadt eine Residenz war, von den Großen des Hofs bewohnt wurden, leer standen. Das Personal der Universität, womit, wie ich Ihnen schon einmal erzählt habe, jetzt die hohe Cameralschule verbunden ist, und die Garnison beleben die Stadt. Auch tragen die Fabriken und Manufactu-ren, die ich in diesen Tagen an der Seite meines Freundes L*** R*** besehn habe, das ihrige dazu bey. Die beträchtlichste darunter ist die Seiden-Spinnerey. Das Verdienst der Anlage und Aufnahme derselben hat allein die Rigaische Familie. Mit einem oder einem Paar Kesseln fing man an, und jetzt, nach ungefähr fünfundzwanzig Jahren, sind deren schon mehrere hundert im Gange, wobey eine mehr wie doppelt so große Anzahl Menschen, besonders arme Mädchen aus der Stadt und vom Lande, ihr Brot finden. Es ist eine Wonne anzusehn, wie Diese, in langen offnen Galerien, längs dem Garten hin, in der Reyhe fröhlich ihre Arbeit treiben und dabey in Chören Lieder singen, die der gute Rigal für sie hat dichten und componieren lassen. Und das ist kein Gebrülle, wie man es in den Spinnstuben und auf dem Felde im nördlichen Teutschlande hören muß, sondern ein harmonischer, zweystimmiger und dreystimmiger Gesang von Mädchen, deren einige recht hübsch sind, aus reinen Kehlen, mit Methode vorgetragen, wie denn überhaupt in der Pfalz die Music bis in den niedrigsten Ständen in großer Vollkommenheit getrieben wird.

Jedes pfälzische Dorf ist verbunden, eine bestimmte Anzahl Maulbeer-Bäume zu ziehn. Dagegen haben sie die sichre Aussicht, die Blätter in der Fabric zu verkaufen, wo sie zu Fütterung der Würmer gebraucht werden. Ehemals verarbeitete man in Heidelberg viel seidne Stoffe, Strümpfe, Halstücher u.d.gl. Man ist aber davon zurückgekommen und hat gefunden, daß es vortheilhafter ist, die Seide roh zu verkaufen. Von dieser Seide wird in Frankfurt, ihrer vorzüglichen Güte wegen, der Centner mit neunhundert bis tausend Gulden, folglich um hundert Gulden theurer wie die italienische bezahlt.

Nahe an der Seiden-Spinnerey ist eine Wachsbleiche angelegt, und vor dem Mannheimer Thore wird viel Krapp gezogen, den man in der schön und zweckmäßig erbaueten Fabric nahe bey der Stadt zur Farbe zubereitet. Vor dem Carlsthore liegt die Leder-Fabric, welche ansehnlichen Absatz hat; in der Stadt selbst werden noch papierne Tapeten von verschiedner Güte um billige Preise verfertigt; die Cattun-Fabric und eine andre, in welcher Gobelin-Tapeten gewirkt wurden, sind eingegangen.

Es ist jetzt eine Gesellschaft teutscher Schauspieler hier; ich habe mich verleiten lassen, einer ihrer Vorstellungen beyzuwohnen; aber bis an das Ende konnte ich es darin nicht aushalten. Es wundert mich, daß die hiesigen Einwohner durch die Nachbarschaft des vortrefflichen Theaters in Mannheim ihren Geschmack so wenig verfeinert haben, daß sie geduldig ein schlechtes, unnatürliches Spiel, eine falsche Declamation und Sprachfehler ohne Zahl ertragen können. Zwar, was die Sprache betrifft, so nimmt man es damit in den Rhein-Gegenden so genau nicht. Die mehrsten Menschen hier schreyen in einer Mundart, von der man nicht recht weiß, ob man sie für teutsch oder wofür sonst halten soll, und schreiben so incorrect, daß wahrscheinlich ein Dorfschulmeister in Sachsen sich keine solche Sprachfehler verzeyhn würde, wie in dem ganzen Striche von Straßburg oder von Metz bis Kassel in Hessen haufenweise in den Werken der Schriftsteller, in gedruckten Verordnungen u.d.gl. angetroffen werden. Es scheint auch, als hätten die Leute gar kein Gehör. Sie verwechseln ohne Unterlaß ö und e, ä und e, ü und i, eu und ei und accentuieren ganz falsch. Auf eben diese Weise verstümmeln sie auch die ausländischen Sprachen, und es ist sonderbar genug, daß man im nördlichen Teutschlande reineres Französisch redet wie an der Grenze von Frankreich. So legt man zum Beyspiel in Lothringen, Elsaß, Saarbrück etc. immer das Gewicht auf die erste Sylbe des Worts, welches der Rede eine unerträgliche Eintönigkeit gibt. Selbst in den französischen Infinitiven, die sich mit einem langen er endigen, und in den Wörtern, welche am Ende ein scharfes é haben, legen sie doch den Accent auf die erste Sylbe, zum Beyspiele in rammener, bonté u. s. f.

Der Director der hiesigen Schauspieler-Gesellschaft selbst verwechselte immer mir und mich, dem und den. Mein Nachbar im Parterre, den ich darauf aufmerksam machte, versicherte mich (als wollte er mir einen Vorwurf über meinen Tadel machen): der Director sey doch ein sehr ehrlicher Mann. »Und was kümmert mich sein Privat-Character?« erwiderte ich ihm. »Hier ist die Rede von seiner Kunst.« Das ist das Widrigste bey unserm Theaterwesen, daß Menschen ohne Erziehung, Cultur und Weltton das Schauspieler-Leben erwählen, um nachher Helden, Fürsten, Minister und Hofcavaliere vorzustellen, indes sie nur mit Leuten aus den niedrigsten Classen umgehen. Und da nun in Teutschland die Erziehung und der Ton unter Personen von verschiednen Ständen viel mehr wie in Frankreich und England gegeneinander abstehen und ein Rang den andern so weit von sich entfernt hält, so kann ein Mann, der in der großen Welt lebt, unmöglich anders wie mit Widerwillen auf unsern Theatern solche Rollen darstellen sehn. Auch geben sich die Directoren nicht einmal die Mühe, sich nach den üblichen Gebräuchen zu erkundigen. Trägt eine Exelangs oder Tirchleicht (denn so hört man auf unsern Theatern fast immer Excellenz und Durchlaucht aussprechen) ein Ordensband, so hat sie es immer über dem Rocke hängen, als wenn ein großer Galatag bey Hofe gefeyert würde. Im Zimmer setzen die Leute den Hut auf, und wenn der Fürst in Emilia Galotti mit Marinelli abgeht, muß Jener sich die Thür selbst öffnen, und der Cammerherr läßt das geschehn. Die Tabacs-Dose ist das Haupt-Kennzeichen des vornehmen Mannes und muß aus der Noth helfen, wenn man mit den Händen nirgends hin weiß. Soll der Hut unter dem Arme getragen werden, so legt man ihn, wie ein Pflaster, auf den Magen und kneipt nur eine Spitze davon mit dem hölzernen Ellenbogen. Der Stutzer sitzt in Gegenwart der Damen mit übereinandergeschlagnen Beinen da, und was dergleichen Unanständigkeiten mehr sind. Doch das alles möchte noch hingehn, wenn nur bey der Auswahl der Stücke Rücksicht auf den sittlichen Einfluß genommen würde. Da meinen aber die Herrn Directoren, wenn nur keine Zoten darin vorkämen, so wäre alles gut. Ob aber unter ehrliche Bürgermädchen und Jünglinge romanhafte Begriffe, Hang zu Abentheuern und Intrigen verbreitet werden, darum bekümmern sie sich sehr wenig; allein die Policey sollte sich desto mehr darum bekümmern.

Morgen, mein Lieber! reise ich von hier über Darmstadt nach Frankfurt und hoffe dort einen Brief von Ihnen mit der angenehmen Versicherung zu finden, daß Sie nicht vergessen haben Ihren etc.

 


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