Christian Hofman von Hofmanswaldau

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9Christian Hofman von Hofmanswaldau

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SEINEM HOCHVEREHRTEN LEHRER UND FREUNDE

HERRN PROFESSOR DOCTOR

MAX FREIHERRN VON WALDBERG

IN BLEIBENDER DANKBARKEIT

DER VERFASSER.

Einleitung.

Was für England der ?Euphues und seine Nachahmer, was der Gongorismus fttr Spanien, der Marinismus fttr Italien und Frankreich, das ist für Deutschland die zweite schle-sische Schule geworden. Sie bildet die breite, schon stark versandete Ausmündung jener eigenartigen Bewegung, die gleich einer Überschwemmung oder besser einer Epidemie die einzelnen Literaturen durchzog und deren Gegenstück in der gleichzeitigen Kunst der Barockstil mit all seinen Überladenheiten und Verzerrungen darstellt; und so spät die ganze Richtung erst auf deutschem Boden Eingang fand, um so intensiver war ihre Wirkung, um so grassierender ihr Auftreten. Nahezu ein halbes Jahrhundert dauerte ihre einflussreiche Rolle auf dem deutschen Pamass, und bis in die ersten Ansätze unserer klassischen Literaturperiode reichen ihre letzten erkennbaren Ausläufer. Sie hat uns nichts grosses und nichts bleibendes hinterlassen, keine auserwählten Talente zu den ihrigen gezählt: aber ihr unbestreitbares Verdienst ist ein negatives: denn durch die unvermeidliche und starke Reaktion, die sie als natürliche Folge nach sich zog, veranlasste sie jene kräftige Purgation des herrschenden Geschmacks, die sich dann in Gottsched und der Poetik der Schweizer vollzog, und gab so gewisseimassen die unentbehrliche Prämisse zu dem folgenden klassischen Zeitalter unserer Nationalliteratur.

Man hat es nicht mit Unrecht schon häufig bemängelt, dass zwischen einer ersten und zweiten schlesischen Schule unterschieden werde, weil weder für jene ein terminus ad quem, noch für diese ein sicherer terminus a quo zu finden sei. Aber trotz dieser mangelnden äusseren Berechtigung sei hier mit Entschiedenheit ftlr die Beibehaltung dieser hergebrachten Teilung eingetreten, die im Grunde genommen doch

eine natürliche und innerlich begründete bleibt, sobald man von der rein geographischen Bedeutung des Ausdrucks abstrahiert. Nimmt man Opitz und Fleming als die Repräsentanten der ersten schlesischen Schule, so gehören ihr mehr oder weniger alle Dichter dieser Zeit ? mit Ausnahme etwa Zesens und der Pegnitzschäfer ? an, jener Richtung also, die völlig auf der Poetik von Ronsard und Scaliger basiert, ebenso schwerfällig in ihren Gedanken, als philiströs in ihren Lebensanschauungen. Deutlich tritt dann um die Mitte des Jahrhunderts eine Wandlung gleichzeitig an verschiedenen Punkten ein, eine Neigung zum Aussergewöhnlichen, Gesuchten, zum potenzierten Ausdruck des poetischen Gedankens, zum stärkeren, grelleren Auftragen der Farben. Da beginnt in seinen Trauerspielen und -Gedichten Gryphius seine Centnerworte spielen zu lassen, streuen in der Prosa des Romans der blumenreiche Zesen, in der Lyrik der sächsische Hofpoet D. Schirmer, ihre kandierten Süssigkeiten aus, schlägt in seinen Liebesgedichten der Niedersachse Schwieger einen neuen, derb-lasciven, an erotischen Bildern reichen Ton an, während Angelus.Silesius als cherubinischer Schwärmer des Heilands Bild mit dem Weihrauch einer betäubenden, mystischen Meta-phorik umgiebt. Daneben eröffnet der emsige Blumenorden an der Pegnitz eine poetische Buntwirkerei künstlichster Art, eifrig bestrebt, den spröden Stoff der deutschen Sprache schmiegsam und biegsam zu machen, freilich nur für den Bedarf des eigenen poetischen Kunstgewerbes und nur zu dem Zwecke, den Cultus der poetischen Form auf Kosten des Inhalts aufs äusserste zu treiben.

Merklich tritt schon hier der Einfluss der Italiener in Aktion, der seit dem Eindringen des Welschtums während der Kriegsjahre immer stärker zu werden begonnen hatte, und schliesslich fand sich denn auch diejenige Persönlichkeit auf dem deutschen Parnasse, die aus den eben angeführten Einzelerscheinungen das Facit zog und sich bedingungslos unter den Einfluss Italiens und vor allem seines gefeiertsten Talentes, Marino, stellte: Hofmanswaldaü! Er signalisiert das lärmende Auftreten des poetischen Schwulstes in der deutschen Literatur, wie Marino in Italien, Gongora in Spanien. Er galt schon seinen Zeitgenossen als der epochemachende Begründer einer

neuen ?Schreibart oder Schule und muss darum auch bei uns dafür gelten, wiewohl wir uns darttber klar sind, dass diese neue Schule nur als Ausartung der ?reinen opitzianischen und ganz und gar auf deren Schultern stehend erscheint. Er verführte durch sein Beispiel eine grosse Anzahl mehr oder minder begabter Poeten, ihm auf die Pfade ein^ tiberheizten, oft bis ins Unsinnige gesteigerten Metaphorik zu folgen, sich mit einem unbekümmerten ?aprfes nous le dringe! über die Zweifel hinwegzusetzen, was auf diesem Wege aus der deutschen Poesie schliesslich werden solle. Als er starb, war die neue schillernde Manier noch in voller Ausbreitung begriffen und beherrschte einige Jahre lang die gesamte poetische Produktion; aber um die Wende des Jahrhunderts schon waren die einsichtigeren Anhänger seiner Schule zur Erkenntnis gekommen, dass sie sich in eine Sackgasse verrannt hatten und schworen ihm ab. Nur die Minderzahl, fast durchgehends unbedeutende Poetaster, blieben der alten Richtung getreu, in der mit Hülfe eines ausreichenden Vorrats erborgter Bilder und Wendungen der absolute Mangel eigener Gedanken wie bei keiner anderen bemäntelt und vertuscht werden konnte. Erst mit dem Aussterben dieser zweiten Generation ging 6s mit der Aera des Schwulstes vollends zu Ende.

Aus alledem darf man wohl ohne weiteres die Berechtigung herleiten, zwischen einer ersten und zweiten schlesischen Schule historisch genau zu scheiden. Mag sich diese traditionelle Bezeichnung auch nicht eben durch allzu grosse Genauigkeit empfehlen: da sie sich einmal eingebürgert hat, liegt kein Grund vor, ihr dieses Bürgerrecht zu nehmen. Was man noch am. ehesten dagegen geltend machen kann, wäre der Einwand, dass die sog. erste schlesische Schule eigentlich gar keine spezifisch schlesische zu nennen sei, sondern lediglich die zweite, deren Schauplatz im grossen ganzen auf Schlesien beschränkt blieb. Aber dadurch, dass das geistige Haupt dieser ganzen Epoche, dass Opitz selbst von Geburt ein Schlesier, dass Gryphius, der doch in vieler Hinsicht noch der älteren Schule angehört, dass andere Poeten dieser Richtung, wie Logau, Tscherning, Czepko u. a., seine Landsleute waren, endlich dadurch, dass Schlesien während des ganzen siebzehnten Jahrhunderts in schöngeistigen Dingen tonangebend,

eine Art deutsches Attica war, verliert auch dieser Widerspruch seine Stichhaltigkeit. Darum mag die alte Einteilung, wie wir sie ererbt von unsern Vätern haben und wie sie noch immer in allen Schulen gelehrt wird, mit Fug und Recht beibehalten werden, ohne dass sie als unwissenschaftlich, als Eselsbrücke fdr Laien und Ignoranten zu gelten braucht.

Es geht aber mit dieser Art von Schulen, wie mit denen in der Philosophie oder bildenden Kunst: um ein Bild von ihnen zu haben, braucht man nur ihren Meister zu kennen, der recht wie ein Focus alle ihre charakterischen Eigenheiten vereinigt, ihre Schwächen wie ihre Vorzüge. In diesem Sinne ist der zweiten schlesischen Schule ihr volles Recht noch nicht widerfahren und ihre wichtigste Erscheinung bis zur Stunde noch ohne diejenige wissenschaftliche Berücksichtigung geblieben, die man dem höchstens ebenbürtigen Lohenstein in fast zu reichlicher Weise hat widerfahren lassen: eine geschlossene Untersuchung über Hof maus waldau hat seither noch völlig gefehlt»)

Aus dieser Erwägung hervorgegangen, hofft die vorliegende Arbeit, so weit sie es vermag, eine vorhandene Lücke auszufüllen und damit einen ziemlich verjährten Posten aus dem Debet der Literaturgeschichte auszutilgen. Sie will ein Versuch sein, die in vieler Beziehung eigenartige Persönlichkeit des schlesischen Dichters einer eingehenden, literarischen Würdigung zu unterziehen, sein Bild im poetischen Rahmen der gleichzeitigen Produktion zu fixiren, seinen Wert oder Unwert in bestimmten Grenzen festzustellen, gelegentliche Vorurteile und Irrtümer, die sich über ihn gebildet haben, zu berichtigen und aufzuklären, insbesondere aber sein oft verkanntes Verhältnis zu den ausländischen Literaturen durch eine vergleichende Kritik auf das richtige Mass zurückführen, ? das alles, so weit es eben der enggesteckte Umfang einer Monographie zulässt. Dass sie neben der grossen Zahl vortrefflicher Einzel- und Gesamtuntersuchungen aus dem Gebiete des 17. Jahrhunderts von Witkowsky, Kerckhoff, Oesterley, Tittmann, von Waldberg, Borinski u. a. m. einen schweren Stand haben wird, verhehlt sich der Verfasser keineswegs, aber es fehlt ihm auch jegliche Pretension, sieh ihnen an die Seite zu stellen.

Zum Schlüsse ist es dem Verfasser eine angenehme Pflicht, allen denen, die sich für das Zustandekommen der Arbeit ? die ursprünglich zu Promotionszwecken entstand ? interessiert und sie durch Rat und That gefördert haben, den wärmsten Dank an dieser Stelle auszusprechen: insbesondere Herrn Prof. Dr. von Waldberg in Heidelberg, dem statt alles andern das erste Blatt dieses Buches eine unzureichende Dankeserstattung sein möge; Herrn Prof. Dr. Michael Bernays in Karlsruhe, dessen liebenswürdiger Rat dem Verfasser noch wertvoller wurde, als die reichen Sehätze seiner Privatbibliothek; endlich den Herren Prof. Dr. Max Koch und Stadbibliothekar Dr. Markgraf zu Breslau für ihre bereitwillige persönliche Unterstützung bei Beschaffung des Quellenmaterials. Gleicherweise bin ich den Bibliotheksverwaltungen zu Berlin, Breslau, Dresden, Heidelberg, Karlsruhe, München für ihr Entgegenkommen dankbar verpflichtet.

Berlin, Ende März 1891.

Der Verfasser.

Leben.

Am Weihnaehtstage des unheilschwangeren Jahres 1617 wurde dem kaiserlichen Rat und Kammer-Secretarius Johannes Hoftnan von Hoftnanswaldau^) zu Breslau ein Sohn geboren, der in der Taufe ? wohl mit Bezug auf die gemeinchristliche Bedeutung seines Geburtstages ? den Namen Clyistian erhielt. Seine Mutter hiess Anna Nagelin und war die Tochter eines würdigen Breslauers Patriziers. Sie starb schon früh, ehe der Knabe noch sein achtes Lebensjahr erreicht hatte, ohne ihrem Gatten andere Nachkommen geschenkt zu haben. Auch die zweite Mutter, die der verwitwete Rat seinem Kinde gab, wurde nach kaum einjährigem Ehestand vom Tode ereilt, und dieser, sowie ein dritter Bund, den er nachmals einging, blieben überhaupt kinderlos 3).

Man darf annehmen, dass der junge Hoftnan als einziger Sohn und Erbe eines hochangesehenen und seit 1612 durch Kaiser Matthias erblich geadelten Hauses die denkbar sorgfältigste und gewissenhafteste Erziehung genoss. Der Vater selbst scheint ein hochgebildeter und in allen geistigen Gebieten und Wissenszweigen wohl erfahrener Mann gewesen zu sein, dem die Wohlfahrt des einzigen Sohnes die erste und heiligste Sorge seines Lebens war. In seinem gastlichen Hause verkehrten die Koryphäen der Gelahrtheit, die höchsten bürgerlichen Beamten, die vornehmsten Edelleute der Stadt und ihrer Umgebung. Galt doch Breslau zu jener Zeit vor andern deutschen Städten als das Eldorado des deutschen Geistes, als das vornehme ?Oder-Athen, in dem die Pflege von Kunst und Poesie nicht minder als die einer humanistischen Polyhistorie in vollster Blttte stand, so dass man von ihm wohl sprach als ?illa non Metropoli Silesiae modo, sed Elegantiarum omnium Microcosmo *). In solchen weltmännisch - höfischen Kreisen nun wuchs der begabte Knabe empor und die mannigfaltigen

Eindrücke, die er während seiner Sehuljahne im -Vaterhause empfing, blieben bestimmend für sein ganzes Leben und seine geistige Entwicklung ttberhaupt.

Übereinstimmend wird denn auch von der ausserordentlichen Frühreife berichtet, von dem unstillbaren Wissensdurst, der raschen durchdringenden Fassungsgabe, der scharfen Gedächtniskraft, die ihn auszeichneten. ?Er lemete in seiner Kindheit in einer Stunde mehr, sagt Lohenstein in seiner bekannten Gedächtnisrede, ?als Andere in einer Woche, von ihm selbst so viel als andere von ihren Lehrern. Ganz in ähnlichem Sinne spricht sich auch der Rektor Elias Thomas*), eine dem Dichter später sehr nahe stehende Persönlichkeit, in einem Redeakte aus, den er zur Jahresfeier von dessen Tode im Frühjahr 1680 veranstaltete. Und sogar den grossen Bober-schwan begeisterte der hoflfhungsvoUe Knabe zu einem langgedehnten Hymnus in lateinischen Jamben, worin dem Besungenen in phrasenreichen Worten ein glänzendes Augurium gestellt wird**).

An den kindlichen Spielen und Freuden seiner Altersgenossen nahm er selten thätigen Anteil und zog jederzeit ihrer Gesellschaft die seiner Bücher vor. In seinem neunten Jahre war der Theuerdank sein erwähltes Lieblingsbuch: an ihm lernte er zuerst, wie er selbst in der Vorrede seiner Werke erzählt, ?die Silben zehlen. Später entzückten und fesselten ihn zumeist die homerischen Epen. Der vielgewandte Held des trojanischen Krieges wurde das Ideal seiner Knabenträume, und die Beschreibung seiner abenteuerlichen Fahrten riefen frühe eine unbezähmbare Reiselust in ihm wach. Vor Allem zog der Orient mit all seinen exotischen Wundem märchenhafter Pracht seine leicht erregbare Fantasie mächtig an; ihn mit eigenen Augen sehen zu dürfen, blieb noch lange einer seiner höchsten Wünsche, und hätte nicht der Zwang der Verhältnisse und das Veto des Vaters ihn gehindert, so wäre er nach Vollendung seiner abendländischen Reisen auch noch nach dem Osten gepilgert. Das Beispiel Flemings und der Bericht des Olearius mochte ihm damals gerade eine solche Fahrt besonders reizvoll erscheinen lassen).

Inzwischen erhielt er seine wissenschaftliche Ausbildung auf dem Gymnasium St. Elisabeth, wo der auch als Dichter

bekannte Christoph Colerus^ und der Rektor der Anstalt, Elias Major, ein intimer Freund seines Vaters, seine wichtigsten Lehrer waren. Nach Ablauf seiner Schulzeit kam er nach Danzig zu dem gleichfalls seinem Vater attachierten, nachmaligen Rektor des akademischen Gymnasiums Joh.Möchinger^), dem ?Plato Borussiacus, wie er wohl genannt zu werden pflegte. Dieser treffliche und humane Schulmann, dessen Briefe an seinen Schüler durchweg im Tone väterlicher Herzlichkeit gehalten sind, schloss gleich von Anfang an den angehenden Studiosen in sein Herz und widmete ihm die liebevollste Fürsorge und Förderung. Gleichzeitig wandte ihm auch Martin Opitz, der bekanntlich die letzten Jahre seines Lebens ebenfalls in det handelsberühmten Weichselstadt verbrachte und den jungen Hofinan, wie sich zeigte, schon von klein auf kannte, seine Protection und Freundschaft zu, so dass dieser eine Zeitlang täglicher Gast in des Dichters Hause war. Von dem freundschaftlichen Wohlwollen und der Art, wie Opitz die Begabung seines Schützlings zu schätzen wusste, legt insbesondere ein uns erhaltener Brief beredtes Zeugnis ab, den er diesem nachmals nach Leyden schrieb»).

Wann jene Übersiedlung nach Danzig erfolgte, lässt sich mit Genauigkeit nicht sagen. Nur so viel steht fest, dass sich Hofmanswaldau im Herbst des Jahres 1638 über Lübeck und Hamburg nach Leyden begab, um hier die damals in ihrer höchsten Blüte stehende Universität zu beziehen. In seiner Gesellschaft befand sich ein Danziger Studiengenosse, Friedrich Heinrichsson, und ein anderer aus Breslau, mit Namen Webersky, vermutlich sein nachmaliger Schwager. Seine akademischen Studien umfassten teils juristische, worin Maestertius, teils philologische Disciplinen, worin Vossius, Sal-masius (Saumaise), Barlaeus u. a. seine Lehrer waren. Ursprünglich scheint er ausschliesslich zur Juristerei bestimmt gewesen zu sein: ein alter Hausfreund in Breslau, Nicolaus Henel von Hennenfeld (dem nachmals das erste von Hofinans-waldaus Begräbnisgedichten galt), schrieb ? in Form eines Briefes an die Adresse des Vaters ? ein kleines Vademecum für den Leydener Studiosen, worin diesem in gedrängter Kürze das Pensum seiner Studien und eine Hodegetik ihror Bewältigung fasslich und systematisch dargelegt wurde*®).

In Leyden weilte Hofmanswaldan dreizehn Monate, wie Lohenstein ausdrücklich angiebt; dann trat die längst gewünschte Möglichkeit an ihn heran, sich nach der Sitte seiner Zeit und seines Standes auf Reisen zu begeben. Noch zu Ausgang des Jahres 1639 machte er sich, ungeachtet des strengen Winters, in der Begleitung eines vlämischen Edelmanns, des Fürsten von Fr^monville, auf den Weg, zunächst nach England, dessen Sprache er hier erst an Ort und Stelle erlernte, dann nach Paris, wo ein längerer Aufenthalt genommen wurde. Hier scheint er jedoch ausschliesslich in gelehrten Kreisen verkehrt zu haben ? Lohenstein nennt insbesondere Hugo Grotius, der damals schwedischer Gesandter am Pariser Hofe war ?; von persönlichen Berührungen mit den Dichter-grössen und Schöngeistern des Hotel de Rambouillet verlautet nirgends etwas und nicht ein einziger der uns erhaltenen Briefe weist auf derartige direkte Beziehungen hin. Dann ging die Reise über Lyon nach Welschland: Genua, Pisa, Siena und zuletzt nach der ewigen Stadt selbst, deren Kunstschätze sein archäologisches Interesse mächtig fesselten. Dort weilte er noch, als ihn der Wunsch des alternden Vaters in die Heimat zurückberief, worauf er nicht ohne Selbstüberwindung und viel zu früh für seine Reiselust den Heimweg antrat. Dieser führte mit grossen Stationen über Florenz, Bologna, Ferrara, Venedig zuletzt noch nach Wien; als er aber von hier aus noch mit dem ihm befreundeten kaiserlichen Gesandten von Greiffenklau nach Konstantinopel reisen wollte, widersetzten sich die Seinen mit Entschiedenheit, und so langte er nach vier- oder fünflähriger Abwesenheit im Juli 1641 wieder bei den heimatlichen Penaten an^*).

In welcher Eigenschaft er hier in den nächsten Jahren gelebt hat, steht dahin; wahrscheinlich gab er sich zur Vollendung seiner Ausbildung wissenschaftlichen und literarischen Studien hin, wobei ihm die praktisch erworbenen Sprachkenntnisse jedenfalls sehr zustatten kamen. Von den geselligen Freuden seiner lebenslustigen Vaterstadt scheint er sich mindestens in dieser Zeit ziemlich ferne gehalten und namentlich eine für sein Alter befremdliche Antipathie gegen Breslaus Schönen an den Tag gelegt zu haben. Wenigstens neckt ihn ein Brief seines Freundes Heinrichsson^^) weidlich dafür aus

und setzt ihm zu, nach dieser Seite etwas weniger enthaltsam zu sein. ?Denke an den grossen Alexander, heisst es in dem übrigens recht witzigen (lateinischen) Briefe, ?der nicht nur ttber Darius, sondern auch über eine Roxane triumphierte, und sich beide Siege in ^anz gleicher Weise zur Ehre rechnete.

Ob sich Hofmanswaldau diese freundschaftliche Mahnung zu Herzen genommen, bleibt ungewiss; jedenfalls dauerte es noch fast anderthalb Jahre, bis er sich entschloss, eine Tochter seiner Vaterstadt als Gattin heimzuftthren, auch dann noch mehr einem Wunsche der Seinigen gehorchend, als dem eigenen Trieb, wie dies gelegentliche Hinweise in Mochingers Briefen genugsam erraten lassen. Das Mädchen seiner Wahl oder das man fttr ihn gewählt, hiess Marianne Webersky von Webertzig, und die über sechsunddreissigjährige Ehe, die er bis an sein Ende mit ihr geführt hat, scheint allem nach eine ungetrübt glückliche und gesegnete gewesen zu sein. Vier Kinder entsprangen ihrer Verbindung, drei Söhne und eine Tochter. Die letztere starb in jungen Jahren; von den Söhnen überlebten die älteren beiden den Vater, der jüngste starb schon wenige Tage nach seiner Geburt, wofür uns ausser den genealogischen Nachrichten auch zwei Trauergedichte aus der Feder des älteren Gryphius Zeugnis geben ^ 3).

Im Februar des Jahres 1643 wurde die Hochzeit gefeiert; aber auch dann scheint der junge Ehemann noch längere Zeit ohne die Fessel eines bürgerlichen Berufs geblieben zu sein. Erst 1647 führen ihn städtische Urkunden im Dienste der Stadt, als ?scabinus an, und nachdem er auf der Schöflfen-bank ordnungsgemäss aufgerückt war, 1657 als Senator. In dem gleichen für ihn ereignisreichen Jahres hatte er sich als Gesandter des Breslauer Rats an die kaiserliche Hofstatt zu begeben, um die Stundung einer Contribution von beträchtlicher Höhe zu erwirken. Leopold I. erhob ihn aus diesem Anlass zum kaiserlichen Rat und entliess ihn und seine Begleiter mit gnädigem Bescheid. Gleichwohl musste er im Jahre 1660 ein zweites Mal ganz zu demselben Zwecke in diplomatischer Sendung an den Hof, und ein drittes Mal finden wir ihn im Winter 1669/70 in der Kaiserstadt, diesmal in der Sache eines kommunalen Autoritätenstreits mit den Breslauer Kapuzinern

und Bernhardinern, die er gleichwie die früheren Missionen zugunsten seiner Vaterstadt zu ftthren wusste^^).

Diese letzte Gesandtschaft war von Allen die längste und schwierigste. Die brieflichen Rapporte, die Hofmanswaldau regelmässig in jeder Woche, teils offiziell, teils privatim nach Hause sandte, sind uns noch in Abschriften erhalten und geben ein recht anschauliches und zum Teil ergötzliches Kulturbild von der verdriesslichen Zopfigkeit des damaligen Kanzleiwesens, wie überhaupt von dem Leben und Treiben der höheren Wiener Gesellschaft jener Zeit. Dem mobilen Geiste unseres Dichters musste die ttbermässige, btireaukratische Umständlichkeit ganz besonders widerstreben, und es klingt sehr begreiflich, wenn er dann und wann seinem Unmut in einem Stossseufzer Luft macht, wie mit den Worten: ?Ich muss wohl sagen, das eine negotiation, so bald etwas vor Sich, bald etwas hinter Sich rücket, bald etwas naher zur Hand kommet, bald auch wieder zurückgezogen wird und wie Irrlichter uns vor Augen schwebet, auch den Jovialischsten Man melancholisch machen kan.

Den Höhepunkt seiner städtischen Carrifere erreichte Hofmanswaldau im Jahre 1677, als er nach dem Tode des Ratspräses Johannes von Götz am dritten März dieses Jahres zum Nachfolger desselben bestimmt wurde. Eine besondere Auszeichnung seitens der Bürgerschaft oder des Rats darf man darin nicht sehen ^J^): es war ein regelrechtes Avancement und entspraT^h in der Form ganz und gar dem Herkommen; doch scheint er allerdings beim Antritt des Präsidiums die allgemeinen Sympathien in ungewohnt hohem Grade besessen zu haben. Seine Amtsführung in dieser verantwortlichen Stellung war denn auch eine ausnehmend glückliche und erfolgreiche, wie alle gleichzeitigen und späteren Zeugnisse einhellig bestätigen. Wir besitzen u. a. ein panegyrisches Gedicht eines ungenannten Verfassers, das eigens auf den Ablauf seines ersten Amtsjahres (März 1678) gedichtet wurde ^^). Aber sein zunehmendes körperliches Leiden vergönnte ihm keine lange Wirksamkeit in seinem neuen Amte. Schon im Frühjahr 1678 fühlte er sich, einmal dem Tode so nahe, dass er von seinen Freunden Abschied nahm und ganz gefasst sein rasches Ende erwartete. Dann erholte er sich noch einmal zu völliger Ge-

suiidheit und schien noch einem hohen Alter entgegenzugehen. Allein in der Morgenfrtthe des 18. Aprils 1679 ereilte ihn ein plötzlicher Tod^), der von der gesamten Bürgerschaft als ein allgemein empfundener, schwerer Verlust wahrhaft aufrichtig betrauert wurde. Am 30. desselben Monats fand die feierliche Beisetzung mit gebührendem Gepränge statt, wobei Lohenstein seine oft genannte und als ein rhetorisches Meisterstück ihrer Zeit vielbewunderte Gedächtnisrede hielt, Mtihlpfort, Gry-phius u. a. ihre Epitaphien und Begräbnishymnen dichteten. ?

Die spärlich sickernden Nachrichten, die der vorstehenden kleinen Lebensskizze zugrunde liegen, steuern auch für die Persönlichkeit des Dichters nur eine Reihe von einzelnen kleinen Zttgen bei, aus deren Zusammensetzung sich sein Charakterbild erst ergiebt, wenn auch freilich nur in den allgemeinen Umrissen einer Silhouette. Er war, wie sich schon zeigte, ein entschieden begabter, aufgeklärter, weltmännisch gebildeter Kopf, von aufgewecktem Wesen und lebhaftem Temperament. Im Verkehr mit seinen Mitmenschen besass er eine faszinierende Liebenswürdigkeit, die ihm insbesondere in manchem Dilemma seines städtischen Berufs vortrefflich zustatten kam: keiner verstand es so rasch wie er, verwickelte Streitsachen zu entscheiden und zu schlichten, Verbrecher und Sünder durch eindringliche Mahnung auf bessere Wege zu bringen. Der seltenen Redegewandtheit, über die er in solchen Fällen verfügte, hatte er auch die wiederholten Erfolge seiner diplomatischen Sendungen zu verdanken. Bei seinen Freunden und Bekannten galt er deshalb von jeher als das, was schon sein Name sagte, als ein richtiger ?Hofmann ? ein Wortspiel, das in der Form der beliebten Schmeicheleien verschiedentlich in den an ihn gerichteten Briefen wiederkehrt. Dennoch scheint ihm jeglicher Standeshochmut gänzlich ferne gelegen zu haben und seine private Wohltätigkeit gegen Arme galt als stadtbekannt. Sein Familienleben war geordnet und. glücklich, gross der Kreis seiner näheren Freunde und Verehrer.

Insbesondere liebte er es, jüngere Leute zu protegieren und mit Rat und Tat kräftig zu unterstützen. Lohenstein nennt ihn geradezu den ?Mäcenas der Breslauer studierenden Jugend. Bezeugt ist in dieser Richtung besonders sein Ver-

hältnis zu den jungen Brtidörn v. Reichel, den Söhnen eines frtth verstorbenen Freundes, dessen von Hofmanswaldau gehaltene Gedächtnisrede sich im Anhang seiner Begräbnis-Gedichte befindet. Diese beiden fanden an ihm einen selten pflichteifrigen und selbstlosen Vormund, und noch ihre späteren Briefe spiegeln eine pietätvolle Verehrung fttr den. Freund ihres Vaters wieder. Er schickte sie zuerst seinem bewährten, alten Mochinger nach Danzig, in dessen Hause sie als Pensionäre lebten, sodann auf Reisen, von wo sie ihm regelmässig ttber ihr Thun und Lassen berichten mussten. Wir besitzen noch eine kleine lateinische Broschüre, die viel später erst ? im Jahre 1700 ? im Druck erschien ^), worin er einem dieser jungen Freunde ganz ähnliche Anleitungen auf den Weg zur alma mater mitgiebt, wie es bei ihm selbst einst Nicolaus Henel gethan. Andere stattete er fttr ihre Reisen mit Empfehlungen an auswärtige Freunde und Bekannte aus, die er selbst sich auf seiner Bildungsreise erworben hatte.

Mehrfach bekleidete er die Wttrde eines städtischen Scholarchen und liess sich das Gedeihen der verschiedenen Schulen, namentlich des einst von ihm selbst besuchten Elisabethengymnasiums derart angelegen sein, dass er häufig unvermutet persönlich erschien, um den Gang des Unteirrichts zu überwachen. Seine Religiosität und Gottesfurcht wird einhellig gerühmt. Als glaubenseifriger Protestant besuchte er fleissig die Kirche und liebte es, hin und wieder mit seinen Freunden gelehrt-theologische Gespräche zu führen. Fragen höherer Art, wie die nach der Herkunft des Menschen und dem Fortleben der Seele nach dem Tode, beschäftigten ihn namentlich in seinen späteren Krankheitsjahren sehr stark.

Zu seinen Freunden zählten in erster Linie eine Anzahl Breslauer RatsheiTen und Patrizier, die Reichel, Haunold, Artzat, Sebysch, Burchard u. a. m., deren Familien zum Teil noch heute blühen; femer seine Anhänger auf poetischem Gebiet, Mühlpfort, Assig, Chr. Gryphius. Den älteren Gryphius dürfte er in Leyden bereits gekannt haben, doch scheinen zu ihm, wie zu Lohenstein erst nachmals engere Beziehungen geknüpft worden zu sein. Mit einzelnen auswärtigen literarischen Grössen, mit G. Ph. Harsdörffer, mit Giovanni Loredano^») unterhielt er brieflichen Verkehr. Sein Verhältnis zu Opitz und

Ettlinger, Hofman v. Hofmanswaldau. 2

Mochinger, wie zu seinem Jugendfreund Heinrichsson ist schon charakterisiert.

Von seiner Polyhistorie und staunenswerten Kenntnis aller fremden Literaturen geben nicht sowohl seine Zeitgenossen, Lohenstein an der Spitze, Zeugnis, als auch seine eigene Vorrede zu der Sammelausgabe seiner Werke von 1679, in der er eine kurze Entwicklungsgeschichte der Literaturen des Auslands entrollt und danach auch die deutsche Dichtung von Otfried bis auf die eigene Zeit Revue passieren lässt. Freilich zeigt er in der Beurteilung der zeitgenössischen Literatur eine bemerkliche Kritiklosigkeit, wenn er die poetische Begabung von Fleming und Rist auf eine Stufe stellt und von dem ersteren nicht mehr zu sagen weiss, als dass er ?ein Sonett gar wol geschrieben. Andrerseits lässt es immerhin auf eine verständnisvolle Beschäftigung mit der alt- und mittelhochdeutschen Literatur schliessen, wenn hier Konrad von Wttrz-burg (den er zeitlich als den ersten ansetzt!), Walther, Wolfram und Reinmar als die beachtenswertesten Erscheinungen hervorgehoben werden. Und die vollste Anerkennung verdient. es, dass er zu einer Zeit, da alles Urwüchsige und Volkstümliche als pöbelhaft verschrieen war, dem poetischen Talente des Hans Sachs mit warmen Worten gerecht wird, während dieser noch geraume Zeit darauf in Wemikes und Posteis literarischer Fehde als beleidigendes Vergleichsobjekt fungieren musste. Wie kurios darum den Zeitgenossen dieses völlig* ungewohnte Urteil erschien, beweist es, wenn D. G. Morhof 20) es ausdrücklich zitieren zu müssen glaubt, wie überhaupt gerade für ihn Hoftnanswaldau die einzige Quelle, zur Kenntnis altdeutscher Dichtung gewesen zu sein scheint. Von den fremden Literaturen war dieser, als ein Kind seiner Zeit, mit der französischen und italienischen am meisten vertraut und sprach und schrieb beide Sprachen vollkommen mühelos, ebenso das Lateinische. Englisch lernte er nach Lohensteins Bericht bei seinem Aufenthalte auf den britischen Inseln; Spanisch dagegen hat er weder zu sprechen noch zu lesen verstandene^), was für die Frage der Einwirkung spanischer Autoren auf seine Dichtung von bestimmender Wichtigkeit bleibt.

Sein Äusseres verriet den Sanguiniker und Lebemann: eine starke, untersetzte Figur, sinnliche, aufgeworfene Lippen,

lebhaft blickende, dunkle Augen, ? so zeigen ihn die beiden Porträts, die uns von ihm erhalten sind, deren eines ihn als Senator, das andere als Präses darstellt 22). Der epikuräische, behagliche Lebensgenuss scheint ihm Bedürfnis und Gewohnheit gewesen zu sein. Dass er insbesondere einen guten Tisch und Keller fachmännisch zu schätzen verstand, geht gelegentlich aus den Briefen hervor, die er von Wien aus nach Hause schrieb. Daneben besass er eine eigentümliche Schwäche für Wohlgerüche aller Art und liess sich gerne kostbare Essenzen und Parfüms aus dem Auslande mitbringen oder Rezepte dazu mitteilen. Von dieser Vorliebe ist denn auch ein bemerkliches Stttck in die Technik seiner Dichtung übergegangen, die wie keine andere ihre Metaphern vorwiegend aus dem Gebiete des Geruchs- und Geschmackssinns zu wählen pflegt 23).

In diesei Weise gestaltet sich das Lebens- und Charakterbild Hoftnanswaldaus, wie es sich aus einer Reihe zerstreuter Nachrichten und Notizen mit einiger historischer Sicherheit rekonstruieren lässt, ein Bild, das zweifellos bei weitem sympathischer und freundlicher anmutet, als dasjenige, das übelwollende oder oberflächliche Beurteiler sich wohl sonst aus seiner poetischen Eigenart zu bilden pflegen. Eb wird sich noch zeigen, dass eben diese Dichtungen auch nicht den geringsten nachteiligen Rückschluss auf Charakter und Sittlichkeit ihres Verfassers zulassen, wie dies manche seiner Gegner fttr richtig hielten. Die Kritik aber, die über ihn abzuurteilen hat, darf sich hierzu nicht auf den Richterstuhl einer modernen Moral und Aesthetik, sondern muss sich in erster Linie auf einen rein historischen Standpunkt stellen, um sich zu fragen, wie weit die Dichtung Hoftnanswaldaus im Geiste des ganzen Zeitalters und insbesondere in fremdländischen Einflüssen ihre Begründung und Rechtfertigung findet, ? ein Gebot, das gerade ihm gegenüber selbst von neueren Literarhistorikern häufig arg missachtet worden ist.

2*

Dichtungen.

Wie die meisten seiner Zeit war auch Hofmanswaldau erst in zweiter Linie Dichter; er war, wie Dusch 2*) ihn einmal nennt, ein ?Mitglied der mob of gentlemen who write with ease, d. h. sein btti*gerlicher und häuslicher Beruf stand ihm jederzeit voran, die Dichtung blieb stets nur Sache der blossen Müsse und Liebhaberei. Damit erklärt es sich, dass die zahlreichen Briefe aus seinem Nachlass fttr den Literarhistoriker nur sehr geringfügige Ausbeute liefern und sich ttber seine poetische Thätigkeit so gut wie ganz ausschweigen. Mit den steigenden Ansprüchen, die seine kommunalen Obliegenheiten an ihn stellten, wird sie ohne Zweifel allmählich zurückgedrängt und behindert worden sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach fällt daher die Hauptepoche seiner dichterischen Fruchtbarkeit in die vierziger und fünfziger Jahre, in eine Zeit also, da die mannigfachen Eindrücke und Anregungen seiner Reise noch frisch waren und da er ? wenigstens zu Anfang ? noch ohne die Fessel eines städtischen Amtes lebte. Sicher ist zum mindesten, dass in eben diesen Jahren die beiden grossen Übersetzungen von Biondis Roman ?LEromena und von Th^ophiles ?mort de Socrate entstanden, wofür die Stelle eines späteren Briefes an HarsdörfFer vom 30. September 1649 2&) den bestimmten Beweis giebt. Der Dichter erwähnt hier diese beiden Werke als seine ersten, ?etzliche Jahre zuvor entstandenen und sagt von sonstigen Versuchen aus jener Zeit: ?Die Reimkunst betrefende, so habe ich gleichfahls einen kleinen Versuch gethan, wie weit sich meine Gemttths Kräften erstrecken möchten, und dafem sich etzliche ungereimte Reimen für meines Herrn Augen sehen lassen dürfen, so will ich hier von den Thränen meinen Anfang machen. Mit diesen ?Thränen ? einer durch Tansillo und Marino neugeschaffenen Spezies geistlicher Gedichte ? ist ohne

Zweifel die Ode ?Thränen Johannis unter dem Kreutze gemeint, die in den gedruckten Werken unter der Rubrik ?Poetische Geschicht-Reden wieder vorkommt.

Von den übrigen Dichtungen lässt sich eigentlich nur noch flir die dritte grössere Übersetzung, diejenige des ?pastor fido von Guarini, ein genaues Datum der Entstehung feststellen. Die Handschrift von 1659 nämlich, die noch erhalten ist,2«) enthält ein nachmals ungedrnckt gebliebenes Vorwort des Übersetzers, das vom Weihnachtstage 1652 datiert ist, einer Zeit, zu der er sich, aus anderen Anzeichen zu schliessen, auch sonst viel mit italienischer Literatur beschäftigt haben dürfte.^) Diese Epoche ist schon um deswillen von grösserer Bedeutung, weil sich in ihr vermutlich der allmähliche Übergang zum Marinismus vollzog, der dann alle seine späteren Gedichte beherrscht. In die ftlnfziger Jahre sind daher aus demselben Grunde ausser dem ?getrewen Schäfer auch noch die satirischen Grabschriften und die meisten nicht-erotischen lyrischen Gedichte zu setzen. Für diese letzteren lässt sich vereinzelt sogar der Tag der Abfassung noch ungefähr ermitteln: beispielsweise gilt das erste der Begräbnisgedichte ?Auf den Tod eines vornehmen Freundes dem schon erwähnten Henel von Hennenfeld, der nach urkundlichem Ausweis Mitte Juli 1656 in Breslau verstarb, und diesem Datum des Gedichtes entspricht ein stilistischer Vergleich desselben mit den vorhin genannten ?Thränen Johannis. Dass auch die ?poetischen Grabschriften noch zu Ende dieses Dezenniums entstanden, wird sich bei deren Besprechung zu ergeben haben. Am spätesten jedenfalls sind die ?Helden-Brieffe abgefasst, die samt den meisten Gedichten der gleich zu nennenden Neukirchischen Sammlung das höchste an metaphorischem Schwulste leisten, was von ihrem Autor überhaupt bekannt ist. Das eine der erhaltenen Manuscripte giebt uns auch hierüber verhältnismässige Gewissheit: seine Vorrede, in der das Werk einer unbekannten hohen Dame zu Füssen gelegt wird, ist am 16. Dezember 1663 geschrieben, die einzelnen Briefe daher sicher im Laufe dieses Jahres entstanden, ? mit Ausnahme eines einzigen, der erst später hinzukam.

Auf die letzten flinfzehn Jahre seines Lebens verteilen sich die wenigen noch übrigen Gelegenheits- und geistliche

Gedichte in einer nicht näher kontrolierbaren Weise; doch wird in dieser Zeit dem stark beschäftigten Ratsherrn und späteren Präses kaum noch viel Gelegenheit und Müsse geblieben sein, den Hippogryph zu tummeln. Ein Jahr vor seinem Tode erst entschloss er sich zu einer Herausgabe seiner poetischen Werke, soweit er sie auf das Zureden seiner Freunde und Verehrer für die Öffentlichkeit bestimmte. Es waren dies in der Reihenfolge ihres ersten Abdrucks die folgenden:

Der getrewe Schäfer.

Poetische Geschieht-Reden.

Hochzeit - Gedichte.

Begräbniss - Gedichte.

Geistliche Oden und Vermischte Gedichte.

Heldenbrieffe.

Der sterbende Socrates.

Poetische Grabschrifften. Indessen ereilte ihn der Tod, ehe noch die Ausgabe zum Druck gelangte, und so kam es, dass in der ersten kurz darauf erschieneneu Auflage dieser ?Deutschen Übersetzungen und Gedichte noch die Vorrede von ihm selbst verfasst war, während am Schlüsse des sehr stattlichen Bandes schon die Leichenrede Lohensteins, die Carmina von Mtthlpfort und Chr. Gryphius, sowie ein lateinisches Epitaphium ? sämtlich auf seinen Tod ? angefügt sind.^»)

Die ganze Ausgabe scheint von Lohenstein besorgt zu sein, der bei dieser Gelegenheit dem ?getrewen Schäfer den ursprünglich fehlenden Prologo des Originals, unter dem Titel ?Der vorredende Alpheus, voransetzte. Das Ganze sollte sonach eine Art Denkmal für den Verstorbenen darstellen, wie denn auch Neumeister in seiner Dissertation 2») über die Dichter des 17. Jahrhunderts sich dazu versteigt, auf diese Hinterlassenschaft Hofmanswaldaus das Horazische ?Exegi monumentum in vollem Ernste anzuwenden. Wie stark ttbrigens das Buch begehrt und gelesen wurde, zeigt die stattliche Zahl von Auflagen, die es bis 1730 erlebte. Bei einzelnen derselben wechselt die oben gegebene Reihenfolge nach Willkür; die gelegentlichen Vermehrungen des Inhalts sind geringfügig; eine Trauerrede, die der Dichter am 19. Juli

1646 auf den Vater geiner Mttndel, HeiTn von Reichel, gehalten hatte, sowie sechzehn, musikalisch recht schätzbare Melodieen zu den geistlichen Oden, deren Componist nicht bekannt ist.

Im Jahre 1695 noch unternahm es auf Veranlassung eines spekulativen Verlegers Benjamin Neukirch, zahlreiche einzelne, handschriftlich zerstreute Gedichte hochgestellter Personen und einiger bekannterer Dichter, insbesondere von Hof-manswaldau, Lohenstein, Mühlpfort, S. Dach, Assig, Abschatz, Neumeister, Besser, Chr. Gryphius u. a. zu sammeln und nebst sehr vielen eigenen herauszugeben. Unter dem tönenden Titel ?Herrn von Hofmanswaldau und anderer Deutschen auserlesene und bissher ungedruckte Gedichte erschien im genannten Jahre der erste Teil dieser Anthologie; ihm folgten sechs weitere Bände in ungleichen Zeiträumen. Der ftthrende Name Hofmanswaldaus war dabei wenig mehr als buchhändlerische Reclame, was schon die Figur des Titelkupfers ? eine vollbusige Schöne, die aus aller Lungenkraft in die hochgehaltene Trompete stösst ? zur Genüge versinnbildlicht; jedenfalls zeigt auch hier die Menge der Auflagen 30)^ dass die Spekulation mit diesem bewährten Namen vollauf geglückt sein muss.

Es mag gleich hier schon bemerkt sein, dass im allgemeinen der Anteil Hofmanswaldaus an den Gedichten dieser Sammlung ganz entschieden überschätzt wird. Das ganze ziemlich wttste Werk enthält von Hofmanswaldau selbst rund nur etwa hundert Gedichte auf ebenso vielen Seiten, wovon allein zwei Drittel auf den ersten und weitere dreissig auf den zweiten Band entfallen; die übrigen fünf Bände führen jeweils noch eines oder zwei Gedichte seines Namens an der Spitze, um das Decorum des Titels wenigstens einigermassen zu wahren. Sämtliche Nummern der Sammlung, die das Monogramm C. H. V. H. als Zeichen ihrer Echtheit tragen, sind in einem Sammelmanuscripte der Dresdener Hofbibliothek handschriftlich erhalten. Als ein Irrtum von einschneidendster Bedeutung für die Beurteilung des Dichters überhaupt muss es darum bezeichnet werden, dass von jeher, und selbst von genauen Kennern dieser Literaturepoche, eine sehr grosse Anzahl weiterer in Bd. IV und V enthaltenen Gedichte, die mit der Chiffre C. H. versehen sind, gleichfalls Hoftnanswaldau zu-

gesehrieben zn werden pflegen 5*). Da die Anzahl dieser letzteren derjenigen der Hoftnanswaldauisehen gleichkommt, wenn nicht sie ttbeiirifft, so kann es nicht nachdrücklich genug betont werden, dass der Verfasser dieser Gedichte unmöglich mit Hoftnanswaldau identisch sein kann, so sehr er auch in Stil- und Geschmacksrichtung diesem manchmal gleichen mag. Zum Beweise dafür hat man einfach nötig, die erste Ausgabe von Band IV (1704) der Sammlung zu vergleichen (die Goe-deke nicht anführt), in welcher derselbe Anonymus C. H. die Vorrede als Herausgeber unterzeichnet, wodurch jede Vermutung, dass Hofinannswaldau auch hinter diesen Initialen stecke, in sich selbst zerfällt. Auf eine philologische Kritik, die zu ganz demselben Resultate führt, kann deshalb hier verzichtet werden. Es ist aber schon in Anbetracht dessen, dass die Gedichte von C. H. zu den obscönsten der Sammlung gehören, von der äussersten Wichtigkeit, den Verdacht der Vaterschaft von Hoftnanswaldau nachdrücklich fern zu halten. Die Chiffre C. H. v. H. kann im grossen ganzen ? so weit das erhaltene Manuscript Glauben verdient ? als zuverlässig gelten; ein gelegentlicher Irrtum, wie bei dem Gedicht ?Als die Venus neulich sasse, kann dafür kaum ins Gewicht fallen32).

Neukirchs persönlicher Anteil an seiner Sammlung war übrigens nicht sowohl der eines persönlichen Herausgebers als eines kritischen Redakteurs. ?Sonsten habe ich mir die Kühnheit genommen, erklärt er selbst in seiner Vorrede, ?so wohl in den HoflFmannswaldauischen Sachen, als auch in der Venus des Herrn von Lohenstein, dasjenige, was unrecht geschrieben war, zu verbessern, das ausgelassene zu- ersetzen, und etliche hohe Gedanken, so sie vielleicht ihrer damahligen Jugend wegen nicht recht bedacht, in Ordnung zu bringen. Man muss es ihm aber zugestehen, dass er von diesem Privileg keinen allzu unbescheidenen Gebrauch gemacht und die Mehrzahl der Stücke mit seinem Rotstifte verschont hat; nur eine kleinere Gruppe musste sich grössere Änderungen gefallen lassen, oft von so radikaler Art, dass der grosse Ramler selbst seine Freude daran gehabt hätte. Als Beispiel möge hier der Anfang eines Sonetts ?An Flavien, als sie etliche Lieder von der Welt Eitelkeit sang in beiden Fassungen folgen:

Hofmanswaldan:

Wenn Dein Rubinen-Mund die Eitelkeit der Welt, Den Ungegründen Glantz unss vor das Ohre leget, So schaut man, wie Dein Thon die Stimme selbst beweget, Und durch ein süsses Bandt den Geist gefangen hält. Der Honigseim, so jetzt von Deiner Zungen fällt, Wirckt, dass der reine Zug des Himmels sich beweget. Der Zucker, so Dein Trieb den Wolken gleiche traget. Wird dem» was göttlich ist, zum Opfer vorgestellt.

Neukirch:

Wenn dein rubinen-mund die eitelkeit der erden,

Den glantz, durch welchen hier so viel betrogen werden,

Geliebte Flavia, uns für die äugen legt,

So weiss ich ofiFtmahls nicht, wofür ich dich erkennen,

Ob ich dein wesen soll gött- oder menschlich nennen?

So heflftig war mein geist durch deinen thon bewegt.

Sieht man hier davon ab, dass in Neukirchs Umschrift die ursprüngliche Sonettform zerrissen wird, so muss man das Bemtthen anerkennen, mit dem er die schwülstige Unverständ-lichkeit des Originals in leidlich verständliches Deutsch zu bringen trachtet: vom ästhetischen Standpunkte wird man darum dieses Eingreifen schwerlich verdammen können 3^).

Mit grösserem Rechte wurde es Neukirch von verschiedenen Seiten schwer zum Vorwurf gemacht, dass er diese Gedichte, die Hoftnanswaldau selbst absichtlich von einer Veröffentlichung geflissentlich zurückgehalten hatte, und die bei der vorherrschenden Lascivität ihres Inhalts nicht eben geeignet waren, seinem Rufe zu nützen, dem Drucke übergab. Gegen diesen Protest nahm ihn eine besondere kleine Schrift nachdrücklich in Schutz, die 1708 in der Zeitschrift ?Schlesiens fliegende Bibliothek erschien^*). Der anonyme Verfasser dieser Apologie redet darin dem angegriffenen Neukirch in folgender Weise das Wort: ?Ein zu der Teutschen Ruhm geratener Sohn unseres Schlesiens, den der Leser kennt, so offte er ein Blat umwendet, wofür ich dieses setze, hat in billiger Betrachtung der Hoheit der deutschen Poesie, welches doch alle Deutschen, wollen sie seiner edlen Mutter rechte Kinder seyn, beobachten möchten, die übrigen Blätter, welche in der missgünstigen Hände guten Theils herumflogen, nebst andern guten Tichtem ihren zusammen gelesen, vor dem gänzlichen

Verderben verwahret, und zur vergnttgenden Ergöteung rechtschaffener Tichter solcher Ewigkeit den Druck übergeben, mit einem Worte den durch seinen (Hofmanswaldaus) doch noch frühzeitigen Tod nicht völligen Abriss vollenden wollen. Aber wag vor Schmähungen hat er nicht dieses wohlgemeinten und zu der Ehre der Poesie gereichenden Zweckes wegen ausstehen, und was vor Verdriesslichkeit hat er nicht über sich nehmen müssen? Bald hat man auf anderer Angaben das ganze Werk verbothen, bald dem Verleger übel nachgeredet, bald hat es ein unverantwortlich Beginnen, bald wider den Willan des Herrn von Hoflfmanswaldau gehandelt seyn sollen, bald ein Schimpf des höchstseligen Autoris geheissen, bald auch gar eine lügenhaflfte Vorstellung unter seinem Namen seyn sollen.

Gegen alle diese Punkte nimmt der Verfasser Neukirch angelegentlichst in Schutz und erklärt die verpönte Sammlung für durchaus löblich und korrekt, ?weil nicht bewust ist, dass der seel. Herr jemahlen Sachen guten Freunden gegeben, dass sie andern nicht solten gezeiget werden. Diese Argumentation ist freilich um so schwächer, als Hofmanswaldau selbst wiederholt seine Abneigung gegen eine Veröflfentlichung seiner Werke kundgegeben und sicher seinen guten Grund hatte, eine ganze Kategorie seiner Gedichte von der Sammelausgabe seiner Werke prinzipiell auszuschliessen. Über diese Frage wird noch an anderer Stelle zu reden sein.

Neben den verschiedenen poetischen Werken existiert sodann noch eine kleine Sammlung von Gelegenheitsreden, die Christian Gryphius im Jahre 1702 im Verein mit einer Anzahl eigener oratorischer Musterbeispiele herausgab.^^) Es sind teils Hoehzeitstoaste, teils. Leichenreden, alle in derselben eigenartigen, parabolischen Einkleidung und nicht ohne einen gewissen weltmännischen Esprit gehalten, wie ihn der Gelegenheitsredner ganz besonders bedarf. Einige Zweifel an der Echtheit des Ganzen dürfen immerhin Platz finden, wenn man das auflfallend späte Erscheinen der kleinen Sammlung in Betracht zieht und den Umstand, dass ähnliche Reden Hofmanswaldaus nirgends sonst in seinen Werken und Manuskripten vorkommen oder in gleichzeitigen Nachrichten und Briefen auch nur andeutungsweise erwähnt werden.

Ferner besitzt die* Breslauer Stadtbibliothek noch ein Exemplar jener früher genannten kleinen Schrif;^ in lateinischer Sprache, in welcher Hofmanswaldau einem seiner jungen Freunde eine kurze Methodologie des akademischen Studiums entwickelt und worin er ihm von Philosophen allein Baco, von Dichtern vor allem Scaliger empfiehlt. Der anonyme Herausgeber, dem irgend ein Zufall das Manuscript in die Hände gespielt haben mag, gesteht in seiner Vorrede, nicht zu wissen, für wen und bei welchem Anlass das Schriftchen entstanden. Doch ist dessen Echtheit vollkommen damit erwiesen, dass der Verfasser sich darin wiederholt auf die ähnliche Dedi-kationsschrift bezieht, die einst (1638) Nicolaus Henel fttr ihn Selber geschrieben. Im Übrigen entbehrt auf dieses kleine Opus gleich dem zuvor genannten jeder literargeschichtliehen Bedeutung.

Sonach gruppieren sich Hoftnanswaldaus Dichtungen in fünf verschiedene Gattungen:

Übersetzungen,

Geistliche und ernste Gedichte,

Weltlich - erotische Gedichte,

Epigramme,

Heldenbriefe, und diese Reihenfolge entspricht auch im Allgemeinen der Chronologie, nach welcher die einzelnen Gedichte dem Anscheine nach entstanden sein müssen. Roman und Drama hat er überhaupt nicht kultiviert: zu solch lang ausgesponnenen Werken fehlte ihm bei seinem lebhaften Naturell, um einen populären Ausdruck zu gebrauchen, das Sitzfleisch. Die Übersetzung des pastor fido scheint mir ? aus stilistischen Differenzen zu schliessen ? auch nur parthieenweise entstanden zu sein und von Theophiles ?mort de Socrate wunderte er sich später selbst, wie er in seiner Jugend ?ein so traurig und unlustiges Werk habe zu Ende bringen können. ^e)

So viel ist sicher, dass uns trotz der verhältnismässig reichlichen Überlieferung doch nur ein Teil dessen erhalten ist, was aus Hofmanswaldaus ?amberreichem Kiel geflossen ist, namentlich von seinen leichter geschürzten, erotischen Dichtungen. Zunächst ist die Annahme begründet, dass von den zahlreichen Gedichten, die von ihm im Umlauf waren,

nur ein bescheidener Bruchteil zu der Zeit noch existiert haben dürfte, als Neukirch und sein Verleger darauf fahndeten; daher wohl auch die geringe Anzahl der echten Nummern in seiner Anthologie. Erdmann Neumeister, der in seiner Dissertation das Erscheinen von Neukirchs Sammlung als unmittelbar bevorstehend ankündigt, erzählt geradezu*^) von vierzig Oden erotischen Inhalts, die er handschriftlich in Händen hatte, und die nach seinen Andeutungen zu schliessen nicht unter den von Neukirch veröffentlichten enthalten sein können. Sodann klagt ein späterer Autor, den der Verfasser der schon zitierten ?Vertheidigung etc. gelegentlich anftlhrt, dass so vieles und gerade das schönste von Hofmanswaldaus Liebes-poesieen von diesem selbst vernichtet worden sei.**) Endlich teilt noch dieser selbst in der Vorrede zu seinen Werken beiläufig mit, dass er ehedem eine grössere, erst begonnene Arbeit, (worin nach Neumeisters Zeugnis die Schrecken des grossen Krieges episch dargestellt werden sollten), aus Mangel an Geduld und der ihm unentbehrlichen Anregung seitens seiner Freunde den Flammen übergeben habe.

Übersetzungen.

Drei grössere Werke aus fremden Zungen, zwei italienische und ein französisches, hat Hoftnanswaldau in der Frtthzeit seines dichterischen Wirkens ins Deutsche übertragen. Es gehörte zu den bezeichnenden Neigungen seines Zeitalters, die Werke fremder, insbesondere italienischer Autoren dem Publikum in seiner Muttersprache zugänglich zu machen. Den entscheidenden Anstoss dazu hatte die Tasso-Übersetzung Dietrichs von dem Werder gegeben, die 1625 herauskam. Ihr folgte 1634 Harsdörffers Übertragung von Loredanos. ?Dianea, im nächsten Jahre, gleichfalls von Dietrich v. d. Werder übersetzt, der Orlando des Ariost, 1648 die erste Petrarca-Übersetzung von Ludwig Fürsten von Anhalt, ? zu geschweigen einer Anzahl anderer Verdeutschungen der dii minorum gentium, die nebenher gingen.

Dürfen wir der Reihenfolge glauben, die Hofmanswaldau selbst gelegentlich angiebt, so war die Übersetzung der ?Ero-mena des Biondi, (die nachmals auch J. W. Stubenberg, der ?Unglückselige, übersetzte), die älteste dieser Arbeiten. Die

vollständige Handschrift davon ist erhalten und befindet sich zur Stunde samt der des ?sterbenden Sokrates auf der fürstlichen Majoratsbibliothek zu Schloss Fttrstenstein i. Schi. Im Druck ist das Werk überhaupt nicht erschienen, und da es der Dichter selbst nochmals von der Gesamtausgabe seiner Werke ausschloss, da es überdies einer seiner frtthesten literarischen Versuche gewesen sein muss, ist die Annahme erlaubt, dasB es selbst für jene Zeit wenig gelungen ausgefallen sein mag.**)

Dieser ersten Übersetzung folgte diejenige von Th^ophile de Viaus ?mort de Socrate, eines zu seiner Zeit viel gelesenen und als moral-philosophisehes Werk geschätzten Buches. Das Original seinerseits ist nichts mehr und nichts anderes, als eine ziemlich freie Übertragung von Platos Phädon, reichlich durchsetzt mit allerlei geschmacklosen und hahne-bttchenen lyrischen Einlagen, durch die der tiefsinnige Dialog des attischen Philosophen einen eigentümlichen ?Saltomortale in die Opemwelt zu machen scheint. Hofmanswaldau übersetzte es mit peinlicher Treue, Wort um Wort, auch in Metrik und Reimfolge der Verse streng dem Originale folgend, im Ganzen . keineswegs ungeschickt. Die schwierige, namentlich bei Th6ophile ziemlich verworrene Materie lässt sich in seiner Darstellung recht wohl verfolgen, und die Wiedergabe bleibt durchweg klar und verständlich, soweit das die weitschichtige Umstandsprosa jener Zeit überhaupt zuliess.*^)

Die eingestreuten lyrischen Intermezzi dagegen bleiben hinter dem Original noch ganz erheblich zurück und durch das Bestreben einer möglichst wortgetreuen Übersetzung häufig überhaupt ohne erfassbaren Sinn und Verstand. Oder was soll man zu Reimereien sagen wie der folgenden (S. 56):

Der reine Trieb kan solche Würckung machen, Dass er erlangt die Eigenschafft der Sachen, Die weder Zeit noch Zufall ändern kan, Das ist das Thon, dem sich der Geist ergiebet, So nimmermehr dem Wesen unterthan, Dem von Natur Verwandelung beliebet.

Was mit dieser und zahlreichen ähnlichen Stellen gemeint ist, darüber kann nur jeweits das Nachlesen des französischen Textes den erforderlichen Aufschluss geben.*^)

Bedeutungsvoller in jeder Art und schon um seines Originales willen bekannter geworden, ist das dritte Werk des Übersetzers Hofinanswaldau, der ?getreue Schäfer. Gua-rinis ?pastor fido, wiewohl schon 1590 erschienen, war noch immer die erwählte Lektüre des schöngeistigen Deutschlands und namentlich der Damenwelt von Stande. In zierlichen Duodez- oder Elzevire-Ausgaben fand er sich in zahllosen Exemplaren in aller Welt verbreitet, gehörte er zu den ständigen Requisiten eines vornehmen Boudoirs, so gut wie Flacon oder Puderquaste.^2) Eine überaus reiche Übersetzungsliteratur trug ganz besonders zu dieser enormen Verbreitung bei: Frankreich allein zählte im 17. Jahrhundert acht Übersetzungen verschiedener Verfasser.**) Auch in deutschem Gewände war die beliebte ?tragicommedia pastorale vor HoAnanswaldau schon zwei Mal erschienen, das erste Mal (1619) von Eilgerus Mannlich, das zweite (1636) von Statins Ackermann übersetzt,**) dort in Knittelversen Hans Sachsscher Manier, hier in schulmässiger Prosa. Für den verfeinerten Geschmack eines Opitzianers konnte von diesen Übersetzungen natürlich keine als genügend gelten, und von diesem Gesichtspunkt aus sah sich Hofinanswaldau vollkommen berechtigt, eine dritte, seiner Meinung nach bessere Verdeutschung zu unternehmen.

Die älteren Arbeiten kannte er sehr wohl und ignorierte sie keineswegs. In der nur handschriftlich erhaltenen Vorrede heisst es darüber ausdrücklich: ?Ich weis gar wol, das solche Arbeit längst vor mir zwey andere übernommen, dehren einer zwahr in gebundener, der andere aber in freyer Rede uns ietzgedachtes Stück schawen lassen, doch hoff ich, dass, wie Ihnen Ihr Beginnen niemand wehren können, mir auch meine Feder neben der Ihrigen zu versuchen unverbothen sein wird. Nachdem freilich dann seine eigene Übersetzung in Freundeskreisen so übertriebenen Beifall gefunden, begnügt er sich in der Gesamt-Vorrede zu seinen Werken mit der kühlen Bemerkung: ?Ich verachte nicht derselben Arbeit, lobe aber auch nicht die meinige.

Dazu hatte er denn auch freilich sehr wenig Grund, nach unserem heutigen Urteil wenigstens. Von der schmiegsamen, melodischen, wohllautenden Sprache des Originals, von dessen eigenartiger Anmut und reizvollen Leichtigkeit blieb auch

seine Übertragung, so gut wie die frttheren, so weit entfernt, wie die damalige deutsche Schriftsprache überhaupt von dem schmelzenden Idiom der Italiener, wie ein gleichzeitiger Holzschnitt etwa von den Werken eines Tizian oder Palma. Und was dort Eleganz, Grazie, Schönheit der Formen, ist hier zur plumpen Manier, zur blossen Verskttnstelei, zum gequälten Metaphorenwerk geworden, entstellt und farblos, wie ein bunt-schillenider Falter, dem man den Staub von den Flttgeln genommen.

Auch dieser spätesten Übersetzung lässt sich eigentlich mit Überzeugung nur das eine Gute nachsagen, dass sie sich mit löblicher Treue an den Text des Originals hält, wenn das anders so bedingungslos als ein Vorzug gelten darf; denn in dem bemerklichen Bestreben, dem Wortlaute des Italienischen mit möglichster Gewissenhaftigkeit zu folgen, erweist auch sie sich fast durchweg als mechanische, kleinmeisterliche Arbett. Die Sprache ist bereits massig durclsetzt mit jenen gesuchten und nur zu oft falschen Metaphern, wie sie sich in den späteren Dichtungen Hofinanswaldaus in so unerträglichem Masse breit machen, und wie sie hier ? was bemerkt werden muss ? auch an solchen Stellen auftreten, wo das Original keinerlei Anregung dazu giebt. Ein Beispiel ftlr viele:

Guarini: Misero Aminta! che da lei füi poscia E sprezzato.e fuggito si, chudirlo Ne vederlo mai piü Tempia non volle.

Hofmanswaldau: Amintas, der forthin nicht besser wird geacht, Als Kertzen bei der Sonn, und Spiegel bei der Nacht.

In solchen Fällen pflegt, wie diese Stelle am besten zeigt, der gewissenhafte Interpret sogar seinem obersten Prinzip untreu zu werden und das Geleis der wörtlichen Übersetzung zu verlassen, ein Beweis, dass die Vorliebe für metaphorische Ausdrucksweise unter italienischem Einflüsse schon merklich bei ihm eingedrungen war.

Nicht selten ftlhrt ihn diese Manier schon zur direkten Banalität:

In meinem Herzen hängt ein Band,

So Lieb und Hass so kräffdg hat verbunden, ?

sagt die eifersttchtige Gorisca, um den Kampf von Liebe und Hass in ihrem Herzen zu veranschaulichen, und im schönsten Kanzleistil peroriert sie über Mirtillos, des ?treuen Schäfers, angebliche Untreue:

Wird denn hergegen auch erwogen,

Wie sein verhärter Geist auf fremde Felder lenckt, etc.

Ähnlich heisst es an benachbarter Stelle statt einfach: so hat es der Himmel beschlossen ?

So hat des Yerhängniss Finger diese Bande zugerichtet, und ganz in der späteren überladenen Manier werden etwa die ?dolcezze amarissime dAmore mit dem bombastischen ?Liebes-Zucker, da man schauet tausend Wermuths Tropflfen rinnen tibersetzt.

Immerhin sind solche Stellen im Vergleich zu den späteren Ausschreitungen noch vereinzelt; im übrigen ist die Sprache so platt und trocken als möglich, und von der gemeinen Prosa nur äusserlich durch die Reime und den lüetrisehen Rhythmus zu unterscheiden. Für den letzteren selbst fehlt jeglicher einheitliehe Tenor: Jamben, Trochäen und Daktylen, Alexandriner und Kurzzeilen lösen sich in bunter Willkür ab, je nachdem das eine oder das andere Yersmass dem übersetzenden Dichter am nächsten lag. Dadurch erhalten seine Verse zu allem andern auch einen merkwürdig schwankenden und schaukelnden Klang-Charakter, der ihnen keineswegs zum Vorteil gereicht. Beispielsweise beginnt der Monolog der Nymphe Amarillis (Atto III) folgendermassen:

Myrtillo, Myrtillo, mein einiges Leben,

Könntest Du nur einen Blick itzt zu derer Hertze schicken,

Die Du die herb Amarillis genennet,

So würdest Du genug erblicken

Wie itzt ihr Hertze brennet.

Das sind nicht weniger als vier verschiedene Metra innerhalb fünf Verszeilen! Und ganz ebenso regellos ist die Anordnung der Endreime, die sich ad libitum bald unmittelbar folgen, bald überschlagen, bald wieder durch vier und fünf Verse getrennt sind. Eine strengere Ausnahme von dieser ungebundenen Willkür maclien allein die Chöre oder ?Reihen der Aktschlüsse, in denen die lyrische Liedform des Originals jeweils auch für die Übersetzung das Vorbild abgab.

Die Abfassung des Werkes fällt, wie zuvor schon gezeigt, in das Jahr 1652; wenigstens ist vom Weihnaehtstage dieses Jahres (an dem der Dichter sein ftinfunddreissigstes Lebensjahr vollendete) die vorhin zitierte Vorrede des Breslauer Manuscripts datiert. Dieses selbst, von fremder Hand ge-schrieben,^^) trägt am Schlüsse das Datum 1659. Es erschien erstmals 1678, noch zu Lebzeiten des Verfassers, aber ohne sein Wissen und Zuthun, und im nächsten Jahre nach seinem Tode (?mit Bewilligung des Authoris, wie es daraufhin auf dem Titelblatte hiess) in den ?Deutschen Übersetzungen und Gedichten. Dieser letztere Druck weicht aber infolge einer gründlichen Überarbeitung, die der Dichter vermutlich noch in seinen letzten Lebensjahren vornahm, erheblich von der handschriftlichen Fassung und dem unerlaubten ersten Drucke ab.*«) Auch fehlt der ersten Ausgabe der Prologo des Originals, den erst Lohenstein in einer eigenen Übersetzung nachträglich hinzufligte.

Bei den Zeitgenossen scheint Hoftnanswaldaus Arbeit lebhaftesten Beifall gefunden zu haben; daftlr sprechen gelegentliche Erwähnungen in den Briefen seiner Freunde,*^) und verschiedentliche Einzeldrucke aus späteren Jahren geben Zeugnis von seiner grossen Verbreitung. Noch Neumeister erklärt die Übersetzung für weitaus trefflicher, als alle andern, auch als diejenige von Abschatz,*^) wiewohl Hofinanswaldau dieser letzteren, die einige Jahre nach der seinigen entstand, vor der eigenen Arbeit ausdrftcklich den Preis zuerkannt haben wollte.*^) Und Christian Gryphius lässt in seinem Trauergedicht auf des Dichters Tod das ?bethränte Breslau von ihm rühmen:

Der Guarini schwieg vor meines Pindus Singen,

Sein Schäfer schmückte sich mit unsrer Landestracht.

Am seltsamsten aber muss es ftlr den Kenner der italienischen Dichtung klingen, wenn der grosse Morhof ^<^) von Hoftnanswaldaus ?treuenSchäfer orakelt: dass er ?fast mit grösserer Zierlichkeit tibersetzet, dann er geschrieben; dann er die Keime hinzugethan und also viel mehr Wercks in der Übersetzung gefunden, als der Autor in der Erfindung, der sich an keine Reime gebunden (!). Erschreckender und drastischer als mit diesem Urteil einer der höchsten literarischen

Ettlinger, Hof man v. Hofinanswaldaii. 3

Autoritäten jener Epoche, kann die desolate Geschmacklosigkeit des ganzen Zeitalters überhaupt nicht illustriert werden.

Leider war es nicht mehr zu ermitteln, ob Guarinis Schäferdrama in dieser Fassung auf deutschem Boden eine szenische Aufführung erlebt hat. Während uns ftir die Acker-mannsche Übertragung eine Darstellung auf der Dresdener Hofbtihne ftir das Jahi* 1653 durch Neumeister bezeugt ist, fehlen ähnliche Erweise für die vorliegende Übersetzung. Nur ein einziges Mal wird sie überhaupt in ihrer Eigenschaft als Drama genannt: in Gottscheds ?Nöthigem Vorrath zur Geschichte der deutschen dramatischen Dichtkunst, der^*) hier die schlechte erste Ausgabe von 1678 zitiert, allerdings in der unrichtigen Annahme, dass es sich dabei um die Übersetzung von Abschatz handle.

Späterhin hat Hofinanswaldau nichts grösseres mehr übersetzt. Geduld, Zeit und Neigung gingen ihm in gleicher Weise dazu ab, und seinen Widerwillen gegen alle ähnlichen Arbeiten spricht er in der Vorrede zu den Heldenbriefen unumwunden aus, ?indem, wie er schreibt, ?diese dienstbare Arbeit mehr Mühe als Ruhm mit sich bringet, und wann es mit rechten Augen angesehen, und nach rechter Eigenschafft ausgesprochen werden soll, nichts als eine Abschrift aus einer fremden in die Mutter-Sprache zu nennen ist.

Geistliche und ernste Gedichte.

Von den Gedichten geistlichen und vermischten Inhalts sind in der Sammel-Ausgabe von 1679 fünf grössere mono- dramatische Poeme unter dem gemeinsamen Titel ?Poetische Geschicht-Reden zusammengefasst. Sie entstammen deutlich untersc^eidbaren Zeiträumen. Die ?Thränen Johannis unter dem Creutze (die 1649 an Harsdörffer geschickt wurden; ? s. oben), die ?Klage Hiobs und ?Cato sind offenbar wesentlich älteren Datums als die ?erleuchtete Maria Magdalena und die ?Thränen der Tochter Jephte. Für das Gedicht der Maria Magdalena giebt die Handschrift insofern einen gewissen Anhaltspunkt, als sie sich zwischen der von 1659 datierten Abschrift des ?getreuen Schäfers und den einige Jahre später entstandenen Heldenbriefen im selben Bande befindet. Das wichtigere und ausschlaggebende Moment für

die verschiedene Datierung giebt aber auch hier die Differenz der poetischen Sprache.

Die drei älteren nämlich sind noch ziemlich streng . in jener ?reinen Schreibart gehalten, die Hofinanswaldau an seinem früheren Meister Opitz so sehr geschätzt und von diesem übernommen hatte. Die beiden geistlichen darunter kommen im Stil und in der Wahl ihrer Ausdrücke der geistlichen Lyrik des älteren Gryphius noch am nächsten, namentlich durch ihre düster-pathetische Färbung und eine gewisse Vorliebe für schwere Metaphern und Bilder: die ?bleiche Angst, der ?schwartze Bach des Todes, Blut, Eiter, Zähren, Wunden u. dgl. Die ?Klage Hiobs geht sogar unmittelbar auf ein gleichnamiges Gedicht von Gryphius zurück, das dieser seinerseits wieder aus einer neulateinischen Ode des Bauhusius^*-) übersetzt hatte, nur dass Hofinanswaldau sich starke Kürzungen dabei erlaubt hat.^^) Auch das dritte Gedicht, eine Art versifizierten Monologs des sterbenden Cato, gemahnt zuweilen deutlich an die massive Wucht der Gryphischen Dramensprache, wie etwa mit folgender Stelle:^)

Mein Blut, so hier versoheusst, wird Dir zur Sündfluth werden Und, Caesar, Deinen Bubm vertUgeii von der Erden, Mein Blut das ziert mich mehr, als Dich die Siegerfahn.

Ich kann an dir o Eom, nicht mehr die Augen weiden, Dein Nothstand ist mein Tod, dein Jammer ist mein Leiden, Dies unterschreib ich hier mit Eisen und mit Blut.

Ganz anders muten dem gegenüber die beiden später verfassten Gedichte an, beide unverkennbar unter starker Einwirkung des italienischen Schwulstes entstanden. Die Neigung zu spitzfindigen Antithesen und falschen Bildern ist in beiden, besonders aber in der ?erleuchteten Maria Magdalena bereits völlig zur Manier geworden. Diese letztere, ziemlich umfängliche Dichtung ? einundflinfzig Stanzen in Alexandrinern ? möchte ich direkt auf eine Anzahl von Canzonen und Madrigalen Marinos zurückfahren, die sich unter dem Sammeltitel ?Maddalena pentita im zweiten Teile von dessen ?Lira finden.*^) Freilich ist Hofinanswaldau in seiner Darstellung ungleich ausflihrlicher und episch breiter: aber inhaltlich decken sich beider Dichtungen

3*

ganz und gar, und überdies sprechen ftir eine Entlehnung eine Anzahl ttbereinstimmender Stellen, wie die folgenden Anfangsstrophen, denen in allen Einzelheiten derselbe Gedanke zugrunde liegt:

Marino:

Tanti folgori e rai

0 somme Sei di tue luci serene

La mia debile vista ahi non sostiene

Ond io chaugel notturno, e talpa homai

Han fatto ombre d* error!,

Minyolo a tuoi splendori.

Hofmanswaldau: 0 Sonne, die du itzt hoch an dem Himmel gläntzest Die du Berg, Thal und Wald mit deinem Strahl umkrimtzest, Bist nur ein Blitz vor mich, ein Zeiger meiner Noth: Ich wünsche nichts als Nacht und Klarheits-arme Thäler, Als Decken meiner Angst und Blendung meiner Fehler, Dein Licht belebt die Welt, mir dreut es Spott und Tod.

Fttr die ?Thränen.der Tochter Jephte hat die gelegentlich geäusserte Vermutung Friebes*«) viel Wahrscheinlichkeit ftir sich, der die äussere Anregung hierzu einer ?Oratio Jephtae filiam immolaturi des niederländischen Neulateiners Caspar Barlaeus^^) zuerteilen will. Dies liegt schon deshalb nahe, weil auch einer der Heldenbriefe, wie sich zeigen wird, mit einem Gedichte des Barläus in deutlicher Beziehung steht, und femer, weil aus einer Briefstelle Mochingers hervorgeht, dass Hofinanswaldau mit dem niederländischen Dichter bekannt war,^^) der überdies noch zur Zeit seiner Leydener Studien in Holland als geschätzter Dichter und Gelehrter lebte. Der Stil dieses und des letztgenannten Gedichtes ist, wie gesagt, schon der tropenreiche Schwulst der späteren Epoche, von dem noch in einem zusanmienfassenden Capitel die Rede sein wird.

Der gleichen Periode, zum mindesten einer späteren Zeit, als die Übersetzungen, gehören auch die Begräbnis-Gedichte in ihrer Mehrzahl an; ein kleiner Teil zerstreut sich noch über die sechziger Jahre. Es sind durchgängig die üblichen Gelegenheitsgedichte, auf den Tod nahestehender Personen oder auch im Auftrag anderer verfasst, meist die gangbaren Betrachtungen über die Vergänglichkeit alles Irdischen enthaltend.

Dies Thema ist in seiner Doppelseitigkeit besonders bezeichnend ftir die gleichzeitige Dichtung, weil es gleichsam als Leitmotiv nicht sowohl der geistlichen als der weltlich-erotischen Lyrik immer und immer wieder angeschlagen wird, dort zu religiöser Erbauung, hier zur Stimulation der Lebensfreude und des sinnlichen Genusses bestimmt. So kann es kommen, dass ganz dieselben Schlagworte und Bilder in ihrer Wiederkehr beiden, völlig heterogenen Zwecken dienen mttssen.

Eine gewisse Stereotypie des Anfangs fällt zunächst in die Augen, wenn man die ersten Zeilen einzelner dieser Gedichte vergleicht:

Mein Freund, der kleine Brief geht neben dir im Leide (S. 20). Mein Freund, wo ist die Zeit, da unsre grüne Jugend (S. 2S). Mein Freund, so schau ich dich in Thränen fast zerfliessen (S. 4*2). Mein Freund, verzeihe nur, dass ich vor deine Wunden (S. 53).

Eine ganz entsprechende Erscheinung wird sich bei den Hochzeitsgedichten erweisen.

Wo es sich nun um den Heimgang solcher Personen handelt, die dem Dichter im Leben wirklich teuer waren, finden sich unter dem Wüste gequälter und bombastischer Phrasen wohl auch Herzenstöne wirklicher Trauer. So spricht beispielsweise aus dem ?Trauergedicht bey Absterben eines vertrauten Freundes ^*^) vielfach eine warme und ungeheuchelte Empfindung zu uns, wenn er sich wehmütig die Zeiten ihrer gemeinsamen Jugendspiele und Eeisen ins Gedächtnis zurttckruft. Sehr viel affektierter in ihren überschwenglichen Schmerzens-äusserungen erscheint dagegen eine ?Wechselrede zwischen bekümmerten Altern, der natürlichen Regung und der Christlichen Geduld, die augenscheinlich (Anfang der fünfziger Jahre) auf den raschen Tod seines jüngstgeborenen Söhnchens Hans Ferdinand gedichtet ist, den auch Gryphius besungen (s. oben S. 14). Auch ftir einige andere Gedichte dieser Kategorie, bei der Namen- und Todesjahr noch zu ermitteln war, ergiebt sich als Zeit der Abfassung die Mitte der fünfziger Jahre; die andern sind, wie bemerkt, im Laufe der späteren Zeit vereinzelt entstanden, lassen auch da und dort durch ihren Inhalt erkennen, dass der Dichter zur Zeit ihrer Abfassung keiner mehr von den Jüngsten war. Wir finden diese daher auch alle in der schweren impressionistischen Manier

gehalten, von der sieh Hofinanswaldau, nachdem er sie einmal angenonmien, nirgends mehr hat losmachen können.

Insbesondere kennzeichnet sie die leidige Art und Weise, wonach ein und derselbe Gedanke in unzähligen Wiederholungen bis zum Überdruss variiert und umschrieben wird. Bei dem schier unerschöpflichen Arsenal von Bildern und Metaphern, über das der Dichter verfügt, fällt es ihm leicht genug, immer neue, seltsamere Einkleidungen für denselben Begriflf zu finden. Am prägnantesten zeigt sich diese Kunst oder Künstelei in der Form des sogenannten Ikons,«^) auch ?Abriss oder ?Abbildung genannt, das aus nichts anderem besteht, als aus der unermüdlichen Erneuerung des selben BegriflFs in immer anderer Gestalt, so lange bis er ganz und gar zu Tode gehetzt ist. So erscheint ihm die Welt unter anderm als

Ein Spiegel ohne Grund, ein Saal von schlechtem Lichte, Ein weissgetiinchtes Grab, ein stets verkapt Gesichte, Ein Kercker, wo man lacht, ein goldnes Wtirge-Band, Ein Eiss, darauf man fallt, ein Wohnhauss voller Schrecken, Ein Apfel voll Gewürm, ein Zeug von tausend Flecken, Ein goldner Distelstrauch, ein schöner Trttbesand, etc. etc.

Die Ausführung dieses Lieblingsgedankens ? auch hier dreht es sich um die Vergänglichkeit alles Irdischen ? findet sich mit ganz denselben Mitteln noch mehrfach unter den ?Vermischten Gedichten der Sammlung. Dabei fällt wiederum die Gleichförmigkeit der Anfangszeilen auf:

Was ist die Lust der Welt? Nichts als ein Fastnachtsspiel;

Was ist die Welt, und ihr berühmtes Gläntzen?

Was ist die Welt, ein Ball voll Unbestand;

Was ist dieses Rund der Erden, als ein Spielplatz voller Schein;

Was ist das grosse Nichts, so Welt und Erde heissct;

Was Erd und irdisch heist, zerstöhrt den Rost der Zeit;

Was dies, so wir den Erdkloss nennen, u. s. w.

hebt er immer wieder an, um dann in der eben charakterisierten Weise eine Schilderung der vanitas vanitatum auf Erden zu entwerfen, und sinkt dabei gänzlich zur banausischen Wortspielerei herab, hinter der man vergeblich nach einem einzigen tieferen Gedanken forscht. Wie wenig der Dichter selbst bei diesen Charfreitagspoesieen mit seiner persönlichen Empfindung beteiligt ist, dafür geben zwei kleinere Oden

dieser Gruppe den schlagendsten Beweis, die mit offenbarer Absicht ganz symmetrisch gebaut und unmittelbar hinter einander gestellt sind. Die eine preist die Wollust und Sinnenfreude im Brusttone vollster Überzeugung als den idealen Lebenszweck der Menscheit, die andere redet genau antiphonisch der Tugendhaftigkeit mit Eifer und Wärme das Wort:»») ein rechter Beweis, wie innerlich fremd doch eigentlich dem Dichter der Inhalt und die Tendenz seiner Gedichte in jedem einzelnen Falle sein musste, wenn er ? wie das auch sonst geschieht ? mit derselben Gewissenhaftigkeit völlig entgegengekehrte Dinge ohne Unterschied zum Gegenstande poetischer Verherrlichung erhebt.

Zum noch besseren Verständnis dieser in der Dichtung des siebzehnten Jahrhunderts oft beobachteten Thatsache dient eiii Vergleich der eben besprochenen Kategorie von Gedichten mit der folgenden, in der wiederum genau das entgegengesetzte Ideal seinen durchgehenden poetischen Ausdruck findet, als dasjenige, was die geistlichen ernsten Gedichte beherrscht.

Weltlich-erotische lyrik.

Wiederholt schon wurde es bemerkt, dass Hofmanswaldau in der Literaturgeschichte mehr als berüchtigte, denn als berühmte Persönlichgkeit figuriert. Zu diesem zweifelhaften Rufe haben ihm in erster Linie seine erotischen Gedichte, nächst ihnen die Heldenbriefe verhelfen, in denen eine auf dem deutschen Pamasse vorher kaum gelegentlich gewagte Lascivität ihr Wesen treibt. Es sind insbesondere die Gedichte der Neukirchschen Sammlung, die von den meisten unserer Literarhistoriker als ein Popanz der Unzucht und Gemeinheit auf den Index gesetzt zu werden pflegen. Aber wenn schon es niemand ableugnen kann, dass verschiedene dieser wemg erquicklichen Gedichte das Anathem modemer Gesittung in der That verdienen, ? ihre geringe Anzahl steht gleichwohl in keinem vernünftigen Verhältnis zu der Schwere der Vorwürfe, die sie immer von neuem haben über sich ergehen lassen müssen. Auch eine genauere Prüfung wird unter einigen hundert Gedichten kaum zwanzig finden, die durch frivole Anspielungen sexueller Art einer nicht allzu prüden Censur zum Opfer fallen dürften.

Man verwechselt im allgemeinen Hofmanswaldau zn oft; mit seiner Schule; im besonderen geschieht das auf Grund dieser siebenbändigen ,Sammlung, die so ungerechtfertigter Weise seinen Namen trägt. Schon weiter oben ist auf den gemeinschaftlichen Irrtum hingewiesen worden, der auch die zahlreichen, meist sehr schmutzigen Gedichten von C. H. auf sein Conto setzt, und in ähnlicher Weise scheint man ihn auch sonst fttr die häufigen poetischen Sttnden verantwortlich zu machen, die andere, ungenannte Teilnehmer der Sammlung begangen haben. So wird z. B. in der weit ttber Verdienst populär gewordenen Königschen Literaturgeschichte ein durch seine alberne Metaphorik höchst monströses, anonymes Gedicht des zweiten Teils unter Hofinanswaldaus Namen zitiert, und nach Bouterweks Darstellung wäre sogar das berttchtigste Gedicht jener Sorte, ?Ruhestatt der Liebe, oder: die Schooss der Geliebten, (N. S. I, S. 173) das Werk des schwer verleumdeten Dichters, während als dessen Verfasser ganz zweifellos J. V. Besser feststeht.

Es kommt femer in Frage, ob wir überhaupt bei der literarischen Würdigung einer zu ihrer Zeit hochgeschätzten Persönlichkeit eine Kategorie von Gedichten in Betracht ziehen dürfen, die der Verfasser mit bewusster Absicht und prinzipiell einer Veröffentlichung entzog? ? Nach dem Codex der heutigen literarischen Kritik darf ja doch jeder nur für das öffentlich verantwortlich gemacht werden, was er selbst als seines Geistes Kind an die Oeffentlichkeit gegeben! Von diesem Standpunkt aus muss denn auch Hofinanswaldaus erotische Lyrik beurteilt werden, wenn man gerecht sein will. Was uns die Sammlung von ihm bietet, sind Gelegenheitsschöpfungen, wie sie in zeitweiligen Müsse- oder ?Nebenstunden einerseits unter der Einwirkung eines behaglichen Wohllebens, andererseits angeregt durch ähnliche Erscheinungen der italienischen und französischen Literatur entstanden sein mögen. Vom Schreibtisch des Dichters wanderten sie einzeln in die Hände vertrauter Freunde und gälte ndiesen als anmutige Proben eines weltmännischen, politen Geistes, der französische Eleganz und italienisches Temperament in deutschen Keimen zu vereinen suchte, ? ohne dass es einem von ihnen auch nur von ferne in den Sinn kam, den allgemein geachteten Ratsherrn und

Familienvater um dieser Gedichte willen der Sittenlosigkeit zu bezichtigen. Fern von dem galanten Treiben des Louvre und der kleineren italienischen Fttrstenhöfe fand man wohl eher eine gewisse naive Freude daran, auch in den eigenen engbtlrgerlichen Verhältnissen dem epikuräischen Lebensgenüsse einen Altar zu bauen, ohne thatsächlich daran zu denken, diese lascive Moral auch praktisch zu bethätigen, wie dies doch in den romanischen Ländern in zügellosester Weise geschah. Dass die endlosen Jahre des grossen Religionskrieges, die alle Teile des Reichs mit Horden fremden Kriegsvolks überschwemmten und das gesamte geistige Leben auf Dezennien hinaus untergruben, auch die Begriffe von Moral und Sittlichkeit wesentlich gelockert und zum Schwanken gebracht hatten, darf dabei in letzter Linie gleichfalls nicht vergessen werden.

Unseren Dichter, der die ausländischen Literaturen und ihre weitgehende Entwicklung eben so wohl kannte, als den niedrigen Stand der deutschen Dichtung, mochte es reizen, den Koryphäen jener Nationen, den Marino, Loredano, Testi, den Th^ophile, Saint-Amant, Le Pays u. A. nachzueifern, zumal er persönlich ein aufrichtiger Bewunderer von deren Werken war. In seinem Briefe an G. Ph. Harsdörfer beklagt er es lebhaft, dass ?die Musen, nachdem sie aus Grichenland vertrieben, nunmehr an den Apenin, die Sene und etzliche wenig anderer Orter dienstbarer Weise gebunden sein müsten, und nur wo die Pomeranzen einheimisch, ihre Kraft auslassen könten. Und noch deutlicher äussert er sieh an anderer Stelle: ?Im übrigen, so wünsche ich das unsere Dichter, sobisher alzusehr an Hochzeit und begräbniss lidem... geklebet, nunmehr weiter schreiten und dermahleins versuchen mögen, ob uns dan dasjenige was Ariosto Tasso Marino bey den Welschen und andere bey anderen verrichtet, ganz und gar verboten seyn solte.*

Aus diesen Zeilen spricht der ehrliche Wunsch, die deutsche Literatur auf eine der ihrer Nachbarländer würdige Entwicklungsstufe gehoben zu sehen; und man begreift, dass es nicht etwa ein blosses cynisches Vergnügen am Obscönen war, das die Entstehung der inkriminierten Gedichte veranlasste, sondern ein verblendetes, aber gut gemeintes Bestreben, es um jeden Preis dem Ausland nachzuthun, wie es ja für jene Zeit so

ansserordentlieh typisch ist. Unterstützt wurde dies Bestreben bei Hofinanswaldan durch eine ungewöhnliche Form-gewantheit, die ihn die Verse leicht und spielend erfinden liess, derart dass selbst sein schärfster und ttberzeugtester Gegner, Christian W^ernike,«^) von ihm meinte: ?Ich gestehe es mit Freuden, dass wenn dieser scharfsinnige Mann in die Welschen Poeten nicht so sehr verliebt gewesen wäre .... so würden wir vielleicht etwas mehr als einen deutschen Ovidius an ihm gehabt haben.

Nicht mit Unrecht hat man schon wiederholt Hofmans-waldau mit einem späteren deutschen Dichter, mit Wieland, verglichen: sie haben manches gemein. Auch bei ihm ging der erotisch-lasciven Epoche eine kürzere des nüchtern-moralischen Stils voraus, auch bei ihm besteht der eigenthümliche Contrast zwischen dem Menschen und dem Dichter, der sie beide zu Zeiten unschuldigerweise in Verruf gebracht hat. Nur dass Wieland selbst in seinen Verirrungen ein liebenswürdiges, wenn auch ungezogenes Genie bleibt, während bei der Poesie Hofmanswaldaus die Grazien meist ausgeblieben sind. ?Ein Jahrhundert später geboren, hätte er ein Wieland werden können, wird ihm nachgesagt;«^) und dem liesse sich wohl hinzufügen, dass Wieland ? der mit seinem Vorläufer die Vorliebe für Franzosen und Italiener teilte ? hundert Jahre früher ein Hofinanswaldau geblieben wäre. Diesem letzteren wird gewiss Niemand sein poetisches Talent absprechen wollen: wir sahen noch eben, dass selbst der kritische Nachrichter der zweiten schlesischen Schule, Christian Wemike, ihm dieses in hohem Grade zuerkannte. Aber er liess sich ohne jedes Maass und weise Beschränkung zu der schillernden, hyperbolischen und metaphorischen Manier Marinos und seiner Schule verleiten und blieb darin stecken, wie in den üppig wuchernden, bunten Schlinggewächsen eines tropischen Urwalds. Unter der Wucht und Massenhaftigkeit dieses poetischen Floskeln- und Arabaskenwerks musste notwendigerweise jeder poetische Gedanke ersticken oder unkenntlich und ungeniessbar werden. ?

Kehren wir nach diesem Exkurse zu den weltlich-erotischen Gedichten zurück, so scheiden sich diese in zwei leicht erkennbare Gruppen: in Hochzeitsgedichte und in erotische Ge-

dichte im engeren Sinne. Die Hoehzeitsgedichte sind bis auf eines, das seinen Platz in dem vierten Bande der Sammlung gefunden hat, in den ?Deutschen Übersetzungen und Gedichten enthalten. Bei den meisten lässt sich ein regelmässig wiederkehrendes Schema feststellen, das der Dichter bei Marino vorfand und in die deutsche Gelegenheitsdichtung einführte. Das stereotype Personal setzt sich aus Venus, Amor und den beiden Liebenden zusammen. Meist wird dann der kleine Oott von der Mutter beauftragt, die Liebenden zusammen zu führen, oder er thut das aus eigenem Antrieb, immer aber schliesst die Sache damit, dass Amor das Hochzeitspaar vor den Thron der Mutter geleitet und dass diese sodann eine ermunternde Ansprache an die Beiden richtet, in der die be-kanDte Tendenz des ?freut Euch des Lebens jeweils ihren Ausdruck findet. Dabei giebt sich auch hier wiederum ein Bohematischer Zusammenhang durch die Gleichheit der Anfangszeilen auch äusserlich wieder:

Die Gottin, in der Schooss der wilden Fluth entsprossen,

(Hoehzeitsgedichte S. 5) Die Göttin, so die Welt und alle Hertzen bindet (ebenda, S. 24), Die Göttin, so die Welt ihr zinsbar hat gemacht (ebenda, S. 41) Die Göttin, der die Welt so Brand als Opfer raucht

(N. S. IV. S. 142). Bei dem zuletzt angefahrten Gedichte ist die Einwirkung von Marinos Epithalam ? Venere pronuba «*) auf Schritt und Tritt beiherkbar. Den Eingang bildet eine detaillierte Schilderung der schlafenden Venus und ihrer Reize (die ?schlafende Schönheit war schon durch den Einfluss des ?Adone ein beliebtes Thema der galanten Lyrik geworden, «5) dann erscheint Amor mit dem eroberten Paare auf der Bildfläche, ftlr das er der Mutter Segen erbittet und erhält. Zum Schlüsse führen Genien und Amoretten einen Reigen um die Liebenden auf, begleitet von einem Hymnus auf deren Liebesbund. Marino selbst hat die erste Hälfte seines Gedichts klärlieh Wort für Wort aus Claudian übersetzt; auch ein anonymer Dichter der Neu-kirchschen Sammlung hat seinerseits «<*) das lateinische Gedicht ins Deutsche übertragen, nur dass er ? gewissenhafter als der grosse italienische Plagiator ? den ausdrücklichen Vermerk ?Nach des Claudiani Lateinischen an die Spitze setzte. Dies nur als beiläufiges Beispiel für die merkwürdigen Entlehnungen,

Kreuzungen und Wiederentlehnungen, wie sie in jener Zeit geistiger Rechtlosigkeit so häufig waren.

Unter den eigentlich erotischen Gedichten der Neu-kirchschen Sammlung sind zunächst mehrere^) als älteren Datums auszuscheiden, einmal deshalb, weil sie den bekannten schwülstigen Stil der späteren Epoche noch nicht aufweisen, andererseits aber, weil in ihnen vom Liebesgenuss, der das durchgängige Thema der ttbrigen Gedichte bildet, noch so gut wie gar nicht die Rede ist. Auch diese andern Stücke sind, wie wir sahen, nicht eben gross an Zahl; der grössere Teil findet sich im ersten Bande unter den ?Galanten Gedichten und ?Verliebten Arien. Es sind teils kleine Episteln (?An Flavien, ?An Algerthen, ?An Arbinen u. dgl.), teils titellose Arien und Madrigalien, teils endlich Gelegenheitssonette allerlei Art.

Die Episteln«*) enthalten umständliche, mit vielem pre-tiösem Schwulst umkleidete Liebesversicherungen. Der eigene Liebesgram und die unübertrefflichen Reize der grausamen Schönen müssen zu ganzen Ketten von Antithesen und Metaphern herhalten; und der formelhafte Schluss dieser, wie der meisten galanten Gedichte ist regelmässig die Bitte um Erhörung und Gewährung der letzten Gunst, ? meist in Form eines Concetto oder einer epigrammatisch gespitzten Pointe. Gelegentlich legt der Dichter diese poetischen Briefe wohl auch andern Personen unter. Er lässt z. B. zwei männersüchtige junge Mädchen ihren ?einsamen Zustand beklagen und spendet ihnen in einer Antwortepistel den gewünschten Trost, ? natürlich in derselben drastisch - frivolen Weise, wie sie nun einmal für die Gattang von Gedichten beliebt war. Oder er hält in der Art jener früher charakterisierten ?Abrisse eine Lobrede ?an das liebwertheste Frauenzimmer, worin er den Brüsten, als dem edelsten Teile weiblicher Schönheit ein panegyrisches Preislied singt und mit Hilfe von einigen fünfzig mehr oder minder gewagten Metaphern all ihren schätzenswerten Eigenschaften mit vieler Gründlichkeit gerecht zu werden sucht (N. S. II, If.). In derselben Form und mit ganz den gleichen poetischen Mitteln giebt er an anderer Stelle etwa einen ?Abriss eines Verliebten (N. II, S. 66) oder einen ?Entwurflf der Liebe (N. II, S. 248) oder die ?Abbildung einer

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tugendhaften Wittib (N. I, S. 218), immer unerschöpflich in neuen Umschreibungen, neuen Vergleichen. Was ein unglttcklich Liebender nach ihm nicht alles sein kann, davon nur eine kleine Probe:

Er ist ein krancker, den ein sinnlich fieber plaget, Ein Jäger so allzeit auf einem hirsche jaget, Ein wetter-hahn, der stets nach einem winde steht, Ein schif, so ungehemmt nach Cypris hafen geht. Ein märterer der brunst, den freund und feind belachet. Ein Morpheus, der ihm selbst bey tage träume machet. Ein arm gefangener, der seine fessel liebt, Und seinen hencker ehrt, wenn er ihm streiche giebt etc.

Eine andere Reihe von Gedichten ahmt jene Art von Gelegenheitssonetten nach, wie sie in Italien vor allem Marino, in Frankreich fast alle galanten Dichter mit besonderer Vorliebe zur Anwendung brachten. Es sind kleine poetische Momentaufnahmen, Genrebilder, die meist schon im Titel die Situation bezeichnen, auf die sie gedichtet sein sollen: ?Als Flavia auf das Land ?reisete, ?Er ist ein unglttckseliger Wecker, ?Er sähe sie ttber Feld gehen, und ähnliches. Marino scheint auch hier verschiedentlich das nächststehende Vorbild gewesen zu sein: wenigstens kehren eine Reihe seiner Überschriften und die darin enthaltene Situationen bei Hof-manswaldau wieder:

?Sie nähete ein weisses Tuch ? Donna che fila (Lira III, 33); ?Auf ihre schwartze Kleidung ? Donna vestita di nero; ?Auf ihre Ohrgehänge ? Pendenti; ?Als Flavia etliche Lieder sang ? Cantatrice crudele, etc.

Den Sonetten ?Sie weinete und ?Auf ihre Thränen entsprechen solche gleichen Inhalts bei Marino, und die Situation des obscönen Sonetts ?Er schauete der Lesbie durch ein Loch zu ist ganz konform derjenigen in Marinos Lira III, 23: ?Donna che si lava le gambe.

Natürlich darf auch diesen Sonetten eines nicht fehlen, was gerade für die Lyrik der Galanten eminent bezeichnend ist, ? die Pointe.««) Seitdem die fremdländische galante Literatur in Deutschland Eingang und Einfluss genommen, galt auch hier die Pointe als das unentbehrlichste Ingrediens jedes ge-

lungenen Gedichtes, welcher Art es auch immer sein mochte, und gerade Hofinanswaldau hatte ein unleugbares Greschick in der Erfindung epigrammatisch geschärfter Schlusswendungen, wie sich noch bei Besprechung seiner Epitaphien zeigen wird. Auch bei seinen rein lyrischen Gedichten mid selbst bei den Heldenbriefen fehlt die obligate Schlusspointe fast nirgends; meist hat sie dann die beliebte Form des Oxymorons oder einer besonders starken Antithese.

Mehr aber als auf all den bisher besprochenen Gebieten ging Hofmannswaldau in der strophischen Lyrik seine eigenen und theilweise neuen Wege, auf die ihn wiederum die Einwirkung der galanten Produktion in den romanischen Ländern geftthrt haben mag. Hier sehlägt er mitunter Töne einer aussehweifenden und begehrlichen Sinnlichkeit an, wie sie in dieser unverhttllten Nacktheit vordem noch nicht in deutschen Poesien gehört worden waren. Die Freuden des geschlechtlichen Genusses, die intimen und intimsten Heize des weiblichen Körpers bilden mehr oder weniger deutlich den Gegenstand dieser Gruppe von Gedichten, ihre Tendenz die Verherrlichung der freien Liebe, der Venus vulgivaga. Das horazische ?carpe diem wird auf alle nur mögliche Weise variiert, um die Geliebte zur Gewährung erotischer Wttnsche zu bewegen, die Vergänglichkeit der Schönheit, die kurze Dauer des menschlichen Lebens inmier aufs neue betont. Hier war es wiederum Marino, dessen ähnliche Maximen auf Hofmanswaldau den vorwiegend bestimmenden Einfluss ausübten. Auch er hat ? und zwar mit ganz derselben sittlichen Tendenz ? die Nichtigkeit und Flüchtigkeit des Erdenlebens nicht oft genug in Worte fassen können, um daraus jeweils mit verdoppeltem Nachdruck die Mahnung entspringen zu lassen, das kurze Leben beizeiten und ohne mönchische Skrupel zu geniessen; nirgends aber vielleicht eindringlicher und poetisch wirkungsvoller als in einigen Stanzen des ?Adone (Canto Vn, 70 f.), die der Sirene Lusinga in den Mund gelegt sind:

Voi che cercando gite, anime liete, Fior di piacer per la stagion gentile, Cogliete con man provida cogliete Fresca la Rosa insu TAprir dAprile,

Pria che quel foco che negli occhi avete Freddo ghiaccio divegua e cener vile Pria che caggian le perle al dolce riso E com^ Crespo il orin, sia Crespo il viso.

Un lampo e la belt4, letate an ombra

N^ sa fermar lirreparabil fuga.

Tosto le pompe di Natura ingombra,

Invida piuma inginriosa ruga.

Rapido il tempo si dilegua e sgombra,

Cangia il pel, gli occhi oscura, il sangiie asciuga

Amor non men di lui veloci ha i vanni

Fugge cofior del volto il fior degli anni.

Ganz dieselbe gleissnerisehe und oberflächliche Moral predigt auch die Lyrik Hofmanswaldaus an zahlreichen Stellen,) und nicht nur die Ähnlichkeit der Gedanken sondern auch die ganze ttbliche Terminologie weist unverkennbar auf Marines Vorbild zurttck; so in dem Sonett ?Vergänglichkeit der Schönheit (N. S.I, S. 14)^1), wo. es heisst:

Es wird der bleiche tod mit seiner kalten band ^ Dir endlich mit der zeit um deine brüste streichen, Der liebliche corall der lippen wird verbleichen, Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand, Der äugen süsser blitz, die kräffte deiner band, Für welchen solches fällt, die werden zeitlich weichen, Das haar, das itzund kan des goldes glantz erreichen. Tilgt endlich tag und jähr als ein gemeines band.

Und aus solchen Betrachtungen heraus stellt er dann die entsprechenden Mahnungen an seine Schöne, gleich der folgenden (N. S. I, S. 36):

Albanie gebrauche deine zeit Und lass den liebes-lüsten freien zügel; Wenn uns der schnee der jähre hat beschneyt. So schmeckt kein kuss, der liebe wahres Siegel Im grünen May grünt nur der bunte klee,

Albanie.

Höchster Sinnengenuss gilt als Inbegriff aller erreichbaren Glückseligkeit. Der Leib des begehrten Weibes ist das ?gelobte Land, das ?Paradies, in das man einzugehen wttnscht, ein ?Sarg in dem man lebendig begraben sein möchte, ein

?Auszug engelsgleicher Lüste, und ähnlieh mehr. Der wird selig: vor allen gepriesen,

Dem so das glUoke blüht, der so es bruder nennet, Dem eine runde brüst kan pfUhl und polster seyn, ?

ganz wie es bei Marino im Anschluss an die vorhin zitierte Stelle des Adona heisst:

Saggio colui chentro un bei seno accolto Goda il firutto del ben, che gli 6 concesso.

Daneben gaben auch französische Dichter da und dort das Vorbild fttr die Stoffe von Hofmanswaldaus Erotik ab, insbesondere Th^ophile, Saint-Amant, CoUetet u. a.; zum wenigsten nimmt bei diesen das sexuelle Element eine ähnliche, wenn auch nicht so bevorzugte Stelle ein, wie bei ihm, wie sie ja selbst wieder mehr oder weniger direkt unter dem Banne des grossen Italieners stehen. Das wirklich Obscöne dagegen, wie es Hofinanswaldau mehrfach keineswegs vermeidet, hat er wohl weniger von Marino und seinen Nachahmern, als aus den mannichfachen poetischen Blutenlesen, wie sie zu jener Zeit unter den verschiedensten Bezeichnungen den französischen Büchermarkt beherrschten: ?La Muse coquette; ?Le cabinet satirique; ?Le Pamasse satirique, u. v. a.^) Derartig schamlosen Priapeen und Bordellpoesien gegenüber, wie sie namentlich am Hofe Heinrichs IV. in Schwang gekommen waren, erscheint Hofinanswaldau freilich mit einigen wirklich obscönen Stellen noch zahm genug; aber sicher ist es, dass Rückwirkungen dieser Spezies von Gedichten, die zum Teil sogar von den beliebtesten und geachtetsten Dichtem der Zeit herrührten, in seiner eigenen Lyrik zu suchen sind.

Diesen Einfluss in seinen unqualifizierbaren Einzelheiten nachzuweisen, mag mir füglich erlassen bleiben. Nur eines der gelinderen Beispiele mag hier seine Stelle finden. Wenn es danach in einem galanten Gedichte Hofinanswaldaus (N. S. II, S. 37) nicht eben sehr zweideutig heisst:

So lass doch zu, dass auf der Venus-au

Ein brtinstger geist dir knieend Opffer bringet,

SO geht dieses Bild unzweifelhaft auf ähnliche lascive Vergleiche der Franzosen zurück, wie:^)

Tons les galans doivent pour thonorer A deux genoux te venir adorer.

Derartig offene Anspielungen auf sexuelle Einzelheiten erlaubt sieh Hofinanswaldau noch an verschiedenen anderen Stellen,^*) finden sich in den französischen Anthologien auf jeder Seite. Marino selbst geht nur in ganz seltenen Fällen derart ttber die Grenze des Erlaubten, wie beispielsweise in dem schon einmal erwähnten Sonett*) ?Donna che si lava le gambe oder in dem strophischen Gedichte ?Amori nottumi; sein Einfluss kommt daher gerade nach dieser Richtung weniger in Betracht.

Neben den Reflexionen ttber die kurze Dauer irdischer Schönheit und den daraus folgenden Aufforderungen hedonistischer Art, ist es das gewöhnliche Thema dieser Gedichte, über die Grausamkeit der spröden Geliebten zu klagen. War dies doch die verbreitetste und älteste Form galanter Liebeslyrik überhaupt, schon in den Zeiten des Minnesanges. Nur dass nunmehr die Klagen und brünstigen Seufzer des Dichters ausschliesslich die ungestillten Wünsche nach dem körperlichen Besitze der Geliebten zum Ausdruck bringen. Mit den idealen Gefühlen der Petrarkischen Lyrik, mit der blümeranten Zierlichkeit der Pegnitzschäfer hat diese Poesie nichts zu thun: sie bleibt auch da noch immer starke Erotik, wo sie elegisch wird.

Mit einer gewissen Vorliebe wird den Liebesklagen des schmachtenden Liebhabers häufig eine nächtliche Szenerie beigegeben, um den Eindruck seiner Verlassenheit zu erhöhen. Bald liegt der Unglückselige schlaf- und ruhelos auf dem zerwühlten Lager, bald träumt er in hitzigen Visionen von der Dame seines Herzens bald wieder vermeint er im Halbschlaf ihren ersehnten Besuch zu empfangen, um dann mit leeren Armen enttäuscht zu erwachen. Auch diese verschiedenen Situationen alle finden sich bei Marino und seinem Kreise mit Vorzug behandelt, wenn auch gerade bei so allgemein gebräuchlichen poetischen Mitteln von einer direkten Beeinflussung oder Nachahmung nicht wohl die Rede sein darf.

Dagegen ist das weibliche Ideal, wie es uns in der Lyrik Hofmanswaldaus entgegen tritt, ganz seinem romanischen Vorbilde nachgeahmt. Es ist keine bebänderte

Bttlinger, Hoftnim y. Hofiniuuwaldfta. 4

und gepuderte Schäferin, keine keusche, anmutige Nymphe; es ist die Lucinde der Bomantiker ins Galante übersetzt, der Gegenstand rein sinnlichen Begehrens. Der anbetende Cultus der körperlichen Reize steht so durchgängig im Vordergrund, dass jede Spur einer holden Weiblichkeit bei diesem Idealbilde völlig verloren geht. Nicht als die würdige Gefährtin des Mannes erscheint hier das Weib, sondern allein und nur allein als das Objekt seiner sexuellen Wünsche, als Veiireterin ihres Geschlechts im physischen Sinne. Auf der einen Seite also ein blasphemischer Götzendienst des Fleisches, eine übertriebene Vergötterung der angebeteten Schönheit, ? auf der andern die denkbar grösste, sittliche Entwürdigung des Ewig-Weiblichen, das gleichsam als nur zum leichtfertigen Hetärentum bestinunt und geboren erscheint! ?

Über das innere Verhältnis des Dichters zu dem bedenklichen Inhalte seiner einzelnen Gedichte war schon vorher die Rede; auch dass ihre Veröffentlichung in verschiedenen Kreisen missbilligendes Aufsehen erregte, ist an anderer Stelle bereits erwähnt worden. Neukirch nennt insbesondere einen Professor zu Thom, der gelegentlich einer öffentlichen Disputation über Plinius (I) die Autorschaft Hofinanswaldaus fttr diese Poesien mit Bänden und Füssen wegstreiten und den Herausgeber selbst als deren Verfasser darzustellen bemüht war. Ganz in ähnlichem Sinne eifert ein nachmals (1734) erschienenes Werk: ?Die unerkannte Sünden der Poeten, das den Breslauer Gymnasiallehrer Scheibel zum Verfasser hatte, vom sittlich-religiösen Standpunkt aus gegen die ?Hofinans-waldauische Sammlung und erklärt die Verfertiger der darin enthaltenen ?verliebten Gedichte der göttlichen Gnade für verlustig, weil sie ?nothwendig einen wollüstigen, fleischlichen Sinn haben müssten. Auch die wiederholt angeführte ?Ver-theidigung der Hofinannswaldaus verliebten Gedichte weiss von einer Streitschrift zu erzählen, in der dem längst begrabenen Dichter noch im Tode ?eine rasende Gewissensmarter geweissagt wurde. Diese Apologie seblst macht gleichzeitig die ergötzlichsten sophistichen Bocksprünge in dem Bestreben, ihren Schützling von jeder auf ihm lastenden Beschuldigung rein zu waschen, und findet als ultima ratio für seine scheinbare Unsittlichkeit folgende merkwürdige Begründung: ?Endlich

bedenke man, heisst es ganz ernsthaft, ?ob nicht der seelige Herr von Hoftnanswaldan yiehnahl in einem andern Verstände eines und das andere gesehrieben, als es itzo mancher verstehen möchte, der die geheimen Umstände nicht weiss, und ob er nicht in etlichen die Eitelkeit und Abscheulichkeit thörichter Weiber mit lebenden Farben abzumahlen, und desto verhaster zu machen, eines solchen Pinsels sich bedienen müssen, dadurch sie rechtschaffen getroffen werden.

Diese naive Erklärung wird wohl wenig genug Gläubige gefunden haben: sie war ausserdem vollkommen ttberflttssig. Hofinanswaldau selbst hat sich in seiner Vorrede zu den Heldenbriefen, in denen gleichfalls das erotisch-obscöne Element dann und wann zum Durchbruch kommt, in der ihm eigenen drastischen Weise darüber ausgelassen, wie blitzwenig ihm an der etwaigen sittlichen Entrüstung einzelner Pedanten und Moralphilister liege: ?Dafeme auch etliche Allzuscharfsichtige mich, dass ich nicht einer von den Jüngsten und Mtlssigsten dieser freyen Gedanken halber scheel ansehen dürften, so bin ich wahrlich dessentwegen in schlechten Sorgen. Wer mein G^müthe kennet oder kennen will, wird nichts ungleiches aus meinen Briefen Schlüssen können, um die anderen, die wegen ihres vergälten Urtheils oder Richtgierigkeit etwas wiedriges daraus zu entspinnen begehren, bekümmere ich mich so wenig, als um die Hofjunkern des grossen Mogols, oder um die Mohren in den Zuckermühlen, von denen mir schwerlich einer viel wird schaden können.

Auch ftlr diese bezeichnende Ansicht mochte ihm Marino vorbildlich sein, der sie zu Beginn von Cantö VTH des ?Adone in die folgenden formschönen Verse gefasst hat:

Sia modesto 1Autor; che sien le carte Men pudiohe talhor curar non deve. Loso de vezzi el vaneggiar der arte 0 non e colpa, 6 pur la colpa 6 lieve. Chi da le rime mie dAmor consparte Vergogne miete ö scandalo riceve Condanni 6 scusi il giovenil errore, Che soscena ^ la penna, 6 casto U core.

Der Dichter dieser Zeilen spricht zwar auch nur ganz und gar pro domo, aber seine Anschauung ist typisch ftlr die ziemlich excessiven literarischen Prinzipien seiner Zeit im all-

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gemeinen und HofinanswaldauB im besonderen, der sichtlich unter ihrem Einflnss steht.

Auffallend ist ttbrigens die aussergewöhnliche Mannigfaltigkeit lyrischer Strophenformen, die Hoftnanswaldau bei einer verhältnismässig geringen Zahl von Gedichten entwickelt. Ausser Sonett und Alexandriner finden sich bei etwa vierzig Arien, Madrigalen und Kondeaux fast ebenso viele, nach Strophenbau und Metrum unter einander verschiedene Formen, eine Vielgestaltigkeit, wie sie ähnlich wohl nirgends vorher bei andern Dichtern zutage tritt. In der Erfindung dieser Liedformen verfuhr Hofmanswaldau ziemlich selbständig: zu den schon existierenden und gangbar gewordenen fügte er aus eigenen Mitteln eine ganze Reihe neuer Strophentypen hinzu, die dann in den Kreisen seiner Nachahmer ? namentlich in der Neukirchschen Sammlung und dem schlesischen Helikon ? da und dort wieder zur Verwendung gelangten.

Epigramme.

Ein besonderer Liebling der Renaissance-Literatur, zunächst in Italien, war das Epigramm, im besonderen die poetische Grabschrift.*) Wie schon von dem epigrammatisch zugespitzten, pointierten Charakter der galanten Lyrik überhaupt die Sprache war, so galt es naturgemäss noch als höhere Kunst, ein Bonmot, ein geistreiches Concetto u. dgl. in den engen Raum eines Vierzeilers einzupacken und so seine sinnreichen Einfälle gleichsam in der Nuss zu präsentieren. Solche ?Einfälle oder Concetti spielen, wie bekannt, in der Dichtung jener Zeit eine ganz hervorragende Rolle, und die Sucht, es den Welschen gerade darin nachzuthun, hat die deutschen Poeten ? Hofmanswaldau in erster Reihe ? oft auf die merkwürdigsten Wege und Abwege geftthrt. Indessen besass gerade er das ftlr jeden Epigrammatiker unerlässlichste Postulat in nicht gewöhnlichem Grade: einen gewissen natürlichen Mutterwitz, der bei ihm freilich mehr den Charakter harmloser Jovialität, als die Schärfe satirischer Lauge zeigt. Seine Briefe namentlich weisen gelegentlich Züge eines liebenswürdigen, familiären Humors auf; seine Reden in den früher erwähnten ?Deutschen Rede-Übungen mögen für ihre Zeit Meisterstücke launiger Gelegenheits-Speechs gewesen sein;

seine Vorreden zu seinen Werken, gedruckte wie ungedrackte, geben gleichfalls unverkennbare Proben dieser Veranlagung, Die Wendung in einer derselben, ?dass die Blattern und verliebt zu seyn unter die Krankheiten gehöre denen wenig entgehen können, scheint sogar eine Zeit lang geflügeltes Wort gewesen zu sein, wenn man dies anders daraus schliessen darf, dass es noch in späteren Jahren nach ihm zitiert wird.?)

Zu dieser natürlichen Gabe trat nun als äusserer Anstoss die Bekanntschaft mit Marinos begabtestem Schüler, Giovanni Loredano, und dessen vielgelesenen Epitaphien hinzu, nach deren Muster Hofinanswaldaus Grabschriften entstanden. Im Verein mit Pietro Michiele hatte Loredano im Jahre 1635 das erste Hundert seiner Epitafii giocosi unter dem Titel ?II cimi-terio erscheinen lassen, denen sich in den folgenden Jahren noch weitere drei Centurien anschlössen. Sie zeichnen sich durch ihren aristophanischen Witz und eine starke Vorliebe für grobianische Cynismen aus und enthalten nicht bloss Grabschriften auf fingierte menschliche Tote, sondern auch auf allerhand Tiere und selbst auf abstrakte Begriffe, wie die Treue u. ähnl. Der Form nach zerfallen sie in solche, die der Dichter zu sprechen scheint, und in solche, die dem Begrabenen selbst in den Mund gelegt werden.

Hierin, sowie in der äusseren Anordnung der Hundertzahl ist Hofinanswaldau den Italienern gefolgt. Die Zeit der Abfassung seiner Epigramme ist ungefähr das Jahr 1660. Sie kursierten vermutlich gleichzeitig in verschiedenen Abschriften im Kreise seiner Bekannten, und dabei ist allem Anscheine nach eine derselben durch Indiskretion in unberufene Hände geraten. Wenigstens erschienen die Hundert Epitaphien kurz darauf ohne Willen und Wissen ihres Verfassers und ohne dessen Namen im Druck. Dieser letzte Umstand im Verein mit der Lüderlichkeit der ganzen Ausgabe nötigten dann den Dichter, sehr entgegen seinen Prinzipien sein Werk selbst zu veröffentlichen, wofern er beizeiten sein rechtmässiges Geistesgut ftlr seinen Namen und sein Interesse in Anspruch nehmen wollte.

Im Jahre 1663 erschien diese von ihm selbst besorgte Ausgabe unter dem Titel:

^Christian Hofmans von Bresslau Spiel-Ersiimliche Sterbens-Gedanken; das ist: hundert, in kortz langmässigen Yierzeilen Heimen bestehende deutsche Grabe-Schriften/

Eb war dies, wie schon früher bemerkt, das einzige seiner Werke, das zu seinen Lebzeiten nnter seinem vollen Namen erschien. In der Vorrede des Verlegers wird die Veröffentlichung der Epigramme in dem eben ausgeführten Sinne motiviert und lebhaft Klage geführt, dass diese schon vorher von unberufener Seite ?mit vielfältiger unziemlicher Wort-Verstümmelung unter fast liederlicher Titul-Figur des fliegenden Wanders-mannes, mit lauter unförmlichen närrischen Zusatz^ herausgegeben worden seien. Von dieser äusserst seltenen Ausgabe findet sich meines Wissens nur noch auf der Breslauer Stadtbibliothek ein Exemplar vor, das (ohne Ort und Jahr) den vollen Titel ftthrt:

^Centuria Epitaphiorum sive Joco-Seria, d. i. Hundert auserlesene und sinnreiche Grabschriften, von Anfang der Welt, bis auf noch lauffenden Seculum, von so wohl Tapfem als Untapfem Helden und Heldinen entworffen, und in zierlich gevierte Reimen verfasset: Vom fliegenden Wandersmann Zeit seiner Wanderschaft kolligiret und gesamlet. ? Gantz neu herausgegeben.**

Das kleine Buch wimmelt in der That von den gröbsten Druckfehlern und willkürlichen Zusätzen aller Art. Beispielsweise lautet die Überschrift des 95. Epigramms anstatt ?Grab eines Pauem ? ?eines Pfauen, wodurch natürlich der ganze beabsichtigte Sinn in die Brüche geht. Dem half denn die zweite, authentische Ausgabe durch eine gründliche Kedaktion ab. Doch ist auch sie nur selten noch zu finden, da sie bald darauf durch die Aufnahme der Grabschriften in die ?Deutschen Übersetzungen und Gedichte überflüssig wurde.

In dieser dritten und letzten Fassung endlich^ sind aus den ursprünglichen hundert Epitaphien hundertdrei geworden, eine kleinere Anzahl der älteren ist weggeblieben und durch neue ersetzt, dem ganzen eine etwas geänderte Reihenfolge gegeben. Von den weggebliebenen Epigrammen ? sechzehn an der Zahl ? findet sich ein Teil in Neukirchs Sammlung I, 86 f. wieder. Auch Neumeister giebt in seiner Dissertation ein Dutzend Epigramme zur Probe, von denen einige überhaupt sonst nicht zum Druck gelangten.

Wie bei Loredano gruppieren sieh die kleinen Gedichte in solche anf historische und mythologische Personen, solche auf Vertreter gewisser gesellschaftlicher Stände und menschlicher Thorheiten und endlich solche auf allerhand Getier. Bei der ersteren dieser Gattungen wird regelmässig auf ein bekanntes Ereignis aus dem Leben der Toten, auf ihren Beruf oder Charakter angespielt, bei der zweiten Gruppe bildet zunächst der Gegensatz zwischen der Lebensweise und der Art ihres Todes die nötige Pointe. Manchmal wird diese wohl auch durch ein blosses Wortspiel erzielt, wie etwa in der Grabschrift der jungfräulichen Königin der Briten:

Ich habe Krön und Schwerdt, doch keinen Mann getragen, Es mag mein Königreich von meinen Thaten sagen. Die Todten reden nicht, wer hört den faulen Leib? Ich sage nichts als diess: Hier ruht ein Englisch Weib. In andern Epigrammen muss die auch sonst äusserst beliebte Form des Oxymorons den pointierten Schluss ergeben oder auch eine geschickte Antithese. So lautet denn z. B. die Grabschrift ?eines Pastart-Kindes eben so witzig als frivol: Wo meine Mutter liegt, da bin ich auch begraben, Ich wolte nicht bey ihr mein Leich-Begräbniss haben, Nicht unlieb hätt* ich mich zum Vater hinverfdgt. Ich wüste wo er lag und weiss nicht, wo er liegt. Die stofflichen. Einwirkungen Loredanos lassen sich gerade noch so weit verfolgen, um diesen Einfluss zur Gewissheit zu machen. Nahezu ein Dritteil von Hoftnanswaldaus Epigrammen führt Aufschriften, die meist wiederholt bei Loredano vorkommen^); und von diesen wiederum deckt sich rund ein Dutzend auch dem Inhalt nach mit gleichnamigen Sprttchen des Cimiterio^). So lauten zwei entsprechende Epigramme auf Judas dem Verräter bei den beiden Dichtern wie folgt:

Loredano (11, 14): In quest Avello oscuro ^ sepellita, Priva de Talma una vil salma ignuda, üsci pel .... al traditor di Giuda, Che la gola dal laccio era impedita.

Hofmanswaldau (5): Der Strang umbfing den Hals, der schwartze Geist die Seele, Itzt ruht der schnöde Rest in einer schnöden Hole, Ich bin ein Märtyrer, der viel Gefährten spührt, Geld, Teufel, Pfa£f und Geitz, hat mich darzu geführt.

Oder sie setzen einer Kupplerin die folgenden Zeilen auf den Stein:

Loredano (III, 32):

Di settanf anni qui sepolta io fai.

Che quaranta ne vissi a i gast! miei:

Poi die Putta Mezzana al fin mi fei,

E vissi il testo a le dolcezze altrui.

Hofmanswaldau (92): Die Jugend hab ich stets mit Bulen zugebracht Als nun das Alter kam und meiner Jugend Nacht, So war ich Kohlen gleich, die junges Holz entzünden, Die Asche wird man noch umb diese Gegend finden!

Von den übrigen übereinstimmenden Nummern fällt noch besonders das Epigramm auf Lucretia (Hofin. 36, Loredano IV, 92) durch die fast wörtliche Nachahmung der sehr obscönen Pointe auf. 8).

Im Ganzen kann jedoch von einer unselbständigen Abhängigkeit, von einer Ausschlachtung des italienischen Vorbilds nicht wohl die Rede sein. Auch sind die andern grossen Epigrammatiker dieser Epoche ? von den Deutschen Logau, von Neulateinem der grosse Owenus ? ohne direkten Einfluss auf Hgftnanswaldau geblieben, obwohl von Owens Epigrammen ganz um dieselbe Zeit (1657) eine neu revidierte Ausgabe bei dessen Breslauer Verleger Fellgiebel herauskam. Er selbst lehnt jeden Zweifel an seiner Originalität in der Vorrede der ?Spielersinnlichen Sterbens-Gedanken mit aussergewöhnlichem Nachdruck ab und erklärt, seine Epigramme seien ?mehren-theils fantastische Grabschriften, an denen jeder erkennen müsse, dass sie schwerlich ?in einem Gehinie jung worden, so ganz und gar einen Kalbskopff zum Meister gehabt hat. Und, fährt er weiter fort, ?solte ja meine Ungeschicklichkeit durch dieses mein Versuchen an den Tag kommen, so weiss ich, dass ich mich der Worte, so jener berühmte Genueser über seinen Pallast schreiben Hess, mit gutem Fuge werde gebrauchen können: Hier ist nichts geborgetes!

Heldenbriefe.

Es muss der Lyrik der Galanten entschieden als ein häufig verkanntes Verdienst angerechnet werden, dass sie durch ihr eifriges Streben nach Neuem und Originellem in Sprache

«nd Form befrachtend auf die gesamte literarische Produktion der Folgezeit gewirkt hat. Auch Hofmanswaldau teilte, wie sich versteht, dieses allgemein herrschende Bestreben. Er war der Überzeugung, dass man zu einer Zeit, wo der Markt mit poetischer Ware derart überschwemmt war, wo ?die schönsten Blumen auch in gemeinen Eräutergärten, und die seltsamsten Zeuge fast in allen Erahmen zu finden, *^) notwendigerweise auf Neues, Ungebrauchtes sinnen müsse. Und dies führte ihn denn darauf, eine Eunstform für die deutsche Dichtung urbar zu machen, die man vordem nur bei den Alten und bei einzelnen Ausländem gekannt hatte: die Heroide oder ? wie er selbst es verdeutscht ? den Heldenbrief^^).

Auch von dieser Gattung seiner Poesieen betont der Dichter, dass es ?eigene Arbeit und nichts entlehntes sei, giebt aber doch unmittelbar darauf zu, dass dazu ?Ovidius sein Anführer gewesen. Ovid galt und gilt noch immer als der eigentliche Begründer der Heroidendichtung. Vor ihm findet sich nur noch bei Properz ein Ansatz dazu in dem Schreiben der Arethusa an Lycotas (Lib. IV, Eleg. III). Aus Ovid schöpfte dann zunächst der bedeutendste italienische Heroidendichter der Renaissance, Antonio Bruni*^)^ i^ Frankreich, wo auch der prosaische Brief firühzeitig zur galanten Eunstform erhoben und eifrig gepflegt wurde, fand auch die poetische Briefform rasche Verbreitung und in Dorat, Colardeau, Blin de Sainmore, späterhin noch in De la Harpe u. a. ihre Vertreter 8<). Auch England besass zu Anfang des Jahrhunderts in Drayton und Hervey bekannte Heroidendichter. Dagegen fehlte in Deutschland die Pflege dieser höchst zeitgemässcn Spielart von Gredichten noch so gut wie ganz. Nur Joh. Peter Titz hatte gelegentlich in seinem ?Sendschreiben Enemons an Rhodope einen Anlauf genommen, sie einzuführen»&). Die neulateinischen Heroiden des Humanisten Eoban Hesse dagegen können in diesem Zusammenhang völlig ausser Betracht bleiben, da sie rein geistlichen Inhalts sind und mit den nachmaligen Heldenbriefen der Galanten kaum mehr als den Gattungsnamen gemein haben.

Die Frage, wer von den verschiedenen Heroidendichtem des Auslands für Hofmanswaldau den Anstoss gegeben habe, sich ebenfalls auf diesem Gebiete zu versuchen, ist schon mehrfach berührt worden. Waldberg»«) stellt die Vermutung

auf, dass vielleicht der gelegentliehe Scherz Voitures, seiner Dame mit Benutzung einer historischen Maske zu schreiben, diese Anregung gegeben haben dürfte. Friebe,«^) der diese Hypothese ohne gewichtigen Grund perhorresciert, will dagegen in einem Briefpaare von Caspar Barlaeus das Urbild der Heldenbriefe sehen. Es ist dies eine ?Epistola Ammonis ad Thamaram Sororem und die zugehörige ?Responsio Thamarae ad Ammonis epistolam, ein Stoflf, den auch Erdmann Neumeister und Ziegler nachmals in der gleichen Form bearbeitet haben. Daraus, dass es sich dabei um den Incest zweier Geschwister, also um ein moralisch anstössiges Thema handelt, leitet Friebe auch einen inneren Zusammenhang mit den ähnlich behandelten Heldenbriefen Hofmanswaldaus ab.

Nun lässt sich zwar gegen keine dieser Vermutungen etwas positives einwenden, gegen die letztere um so weniger, als eine Bekanntschaft Hofmanswaldaus mit Barläus schon an anderer Stelle begründet wurde und noch weiterhin deutlich werden wird. Indessen behält die ganze Frage denn doch nur einen akademischen Wert, so lange man sich auf derart vereinzelte und entlegene Präcedenzfälle beruft, wie es diejenigen bei Voiture und Barläus doch sind. Ich möchte darum diesen andern eine dritte Vermutung entgegensetzen, die immerhin einen starken Grad von Wahrscheinlichkeit für sich hat: dass nämlich Hofmanswaldaus Vorbild ? wenn er anders ausser Ovid ein solches gehabt haben soll ? der schon genannte englische Dichter und Zeitgenosse Shakespeares Michael Drayton gewesen sein dürfte.

Die Gründe für diese Annahme sind verschiedener Art. Zunächst steht ganz fest, dass Hoftnanswaldau Drayton, dessen ?Englands Heroicall Epistles 1630 zu London erschienen, gekannt und gelesen hat; denn er erwähnt ihn neben Spenser und Johnson ausdrücklich in dem grossen Dichterkatalog, den die Vorrede zu den ?Deutschen Übersetzungen enthält. Und ein zweites Mal nennt er ihn in seinem Hochzeitscarmen ?Die versöhnte Venus (S. 32), wo er als die fine fleur erotischer Poesie aufzählt:

Marinens Wunder-Buch, Guarinens treues Pfand, Was Drayton, TheophU und Samtamann erfand.

Ab^ ein zweites and wichtigeres Moment spricht noch mehr fttr Draytons Einwirkung; auch seine Briefe sind durch die Bank Briefe fürstlicher Personen an niedriger stehende: König Heinrich II. und Rosamunde, König Johann und Matilda, Jane Gray und Lord Gilford Dudley, u. s. w. Dadurch gerade erhalten sie jene charakteristische Färbung, die auch Hoftnans-waldaus Briefen eigen ist, und die eben aus der durchgängigen Standesungleichheit der Liebenden resultiert. Auch bei dem letzteren ist es in den meisten Fällen die ?schlechte Magd, die dem hochgestellten Herrn auf dessen schriftliche Liebeswerbung antwortet. So beginnt der Brief von Zuchtheimine an Tugenand:

Ein Brieflein Deiner Magd fällt hier zu Deinen Füssen

Und wiinschet: Tugenand sei alles Segens voll,

wie etwa bei Drayton Rosamnnde an König Heinrich schreibt:

If yet thine Eyes (Great Henry) may endure

These tainted Lines drawn with a hand impure, etc.

Doch kann das Verhältnis auch das umgekehrte sein, so dass der Mann der Niedrigerstehende von beiden ist, wie bei Jane Gray und Lord Dudley, bei Eginhard und Emma. Aber fast immer, wie gesagt, besteht das charakteristische Verhältnis von Hoch und Nieder, und diese Übereinstimmung bei beiden Dichtem ist viel zu aufiFäUig, als dass sie ttbersehen werden dürfte.

Dazu kommt noch eine starke Ähnlichkeit in der Wahl der technischen Mittel, insbesondere des Eingangs; dieser schildert, wie bei dem englischen, so bei dem deutschen Dichter jeweils die Empfindungen, die den Schreibenden bewegen, oder ? bei der Antwort ? die ihn beim Empfange des andern Briefes bewegt haben.

Ich weiss nicht was dein Brieff vor Regung in mich Jaget, beginnt das Schreiben Rudolfs an Ermegarden, und im gleichen Briefe (S. 46) heisst es weiterhin:

Mich däucht, ein süsser Dafnpf stieg ans dem kleinen Schreiben, Es griff ein Nebel mich und meine Kräften an, Ich fühlte mich alsbald durch eine Regung treiben, Der auch die Herrschaft selbst muss werden unterthan.

Oder Zuchtheimine hebt in ihrer Antwort auf Tugenands Brief mit folgenden Worten an:

Ich schreibe, wie gesagt, doch mit verwörrten Sinnen, Ich bin nicht Adlers Art, mich blendt der Sonnen Licht, Ich weiss nicht, wie mir ist und was ich soll beginnen. Vor Strahlen deiner Gunst kenn* ich mich selber nicht.

Ganz derselben Mittel pflegt sich auch Drayton zur Einleitung seiner Briefe zu bedienen. Man vergleiche etwa mit dem eben gehörten einen Briefanfang, wie den folgenden von Matilda an König Johann:

No sooner I receivd thy Letters here,

Before I knew from whom or whence they were,

But sudden feare my bloudlesse veynes doth fill,

As some divining of some future ill:

And in a shivering extasie I stood,

A chilly coldness ran through all my Blood, etc.

Die prosaische Einleitung, die Hofinanswaldau jedem einzelnen seiner Briefe giebt, ist bei Drayton durch ein kurzes ?Argument in Versen ersetzt, während die jeweils am Schlüsse angeftthrten prosaischen Anmerkungen für die Erläuterung wissenswerter Einzelheiten Sorge tragen. Man hat darum nicht erst nötig, diese Einleitungen auf den Vorgang von Titz zurückzuftlhren, dessen schon erwähntes ?Sendschreiben ebenfalls mit einen prosaischen Vorberichte beginnt. Näher liegt es jedenfalls, auf die ?Argomenti der italienischen Dichter, Marinos im ?Adone und ?Strage de glinnocenti und im besonderen Loredanos in seinen Novelle amorose hinzuweisen, in denen ebenfalls jeweils der Briefwechsel zweier Liebenden die wichtigste KoUe spielt.

Dagegen geht es unzweifelhaft wieder auf Draytons Vorgang zurück, wenn Hofmanswaldau gleich diesem nur Briefpaare produciert. Einzelbriefe kennt er überhaupt nicht, und darum muss ihm gerade hierin der ebenso konsequente englische Dichter näher stehen, als Ovid, der nur bei dreien unter einundzwanzig Briefen auch die Antwort hinzugiebt. Endlich aber hat auch Drayton, ganz ebenso wie Hofinanswaldau,^s) seine Stoffe ausschliesslich der vaterländischen Geschichte entnommen ? letzterer macht in seiner Vorrede auf diesen Umstand mit besonderem Nachdruck auftnerksam ? und auf alle biblischen, mythologischen und antiken Liebesgeschichten verzichtet. Dieses gemeinsame Prinzip im Verein mit den übrigen angeführten Übereinstimmungen darf wohl ohne weiteres

den Ansschlag geben, um den anmittelbaren EinfluBS Draytons auf Hofmanswaldaus Heroidendichtung zu erweisen, eine literarische Beziehung, die schon deshalb besonderes Interesse verdient, weil eine Einwirkung von englischer Seite ? vom Drama abgesehen ? zu jener Zeit immerhin vereinzelt steht.

Es sind im Ganzen vierzehn Paare solcher Heldenbriefe, die Hofinanswaldau verfasst hat. Davon enthält die in Breslau befindliche Handschrift zwölf, die Dresdeners^) von 1663 dreizehn (mit den Briefen Siegerichs und Rosemundens) und in einem späteren Anhang das vierzehnte Paar (Abälard und Heloise), das sonach als das am spätesten verfasste gelten darf Die Briefe haben in den Handschriften noch eine andere Folge, als im späteren Druck, wo sie mit Abrechnung des letzten Paares in historisch-chronologischer Zeitfolge angeordnet sind. Ausserdem tragen sie im Manuskript noch alle die wirklichen Namen ihrer erlauchten Verfasser, die der Dichter nachmals, als er den Druck vorbereitete, mit ttbertriebener Vorsicht durch die entsprechende Anzahl mehr oder weniger durchsichtiger Pseudonyme ersetzte oder, wie er sich ausdrückt, durch ?eine dicke Masqne verhängte, aus Furcht, er möchte die Standes-empfindlichkeit hochgestellter Personen verletzen. So wurde aus Herzog Ferdinand ein Tugenand, aus Philippine (Welser) eine Zuchtheimine, aus Herzog Albrecht ein Herzog Un-genand, aus Agnes Bemauerin eine Agnes Bernin, u. s. f Die verschiedenen Pseudonyme hat später Neumeister in seiner Dissertation aufgedeckt, dem vermutlich eine dieser älteren Handschriften bekannt und zugänglich war.»**)

Von dem Charakter und der Beschaffenheit der klassischen Heroide weichen Hofinanswaldaus Heldenbriefe ganz merklich ab, weniger in der äusseren Anlage, als ihrem ganzen inneren Zwecke nach. Bei Ovid trägt jeder einzelne Brief seine Motivierung in sich selbst; in jedem besonderen Falle ist die Situation gleichsam dramatisch derart zugespitzt, dass der Brief selbst nur als ihre naturgemässe Folge erscheint, etwa wie im klassizistischen Drama die Spannung der phycho-logischen Entwicklung durch einen längeren Monolog ausgelöst zu werden pflegt. Wenn bei ihm die schöne Briseis dem göttlichen Achilleus schreibt, so geschieht es, weil sie sein grollendes Fembleiben nicht länger erträgt und ihn um jeden

Preis zur Vernunft bringen möchte. Wenn Dido dem Aeneas ihren Brief als Boten sendet, so thut sie es, um den letzten Abschied von ihm zu nehmen, ehe sie in den selbstgewählten Tod geht. Und in dieser Art hat jeder der ovidischen Briefe seine ganz bestimmten logischen Voraussetzungen, seine dramatische Exposition, deren folgerichtigen und notwendigen Fortgang er darstellt

Anders bei Hofmanswaldau. Er erzählt zunächst in einem prosaischen Vorbericht die ganze Geschichte seines Liebespaares von Anfang bis zu Ende. Dann greift er irgend eine halbwegs geeignete Situation aus ihren Liebesleben heraus, um sie durch Brief und Antwort zu illustrieren. In einigen Fällen wird der Briefwechsel ganz an den Anfang der Begebenheiten verlegt, so dass zuerst der Liebende seine Liebeswerbung vorbringt, hierauf die Geliebte diese in mehr oder minder verheissungsvollen Worten erwiedert. Solche Werbebriefe schreiben: Eginhard an Emma, Przetislaus an Jutta, Balduin an Judith, Siegreich an Rosemunde, Tugenand an Zuchtheimine. Bei andern Briefen wieder ist die Situation mitten aus dem Gange der Erzählung herausgegriffen und fasst irgend einen Vorfall in sich, der für das Schicksal der Liebenden entscheidende Bedeutung hat. So dreht sich das Schreiben Herzog Tibalds an die schöne Lettice von Hort um deren Entführung auf ein entlegenes Schloss, die der Fürst hatte ins Werk setzen lassen; so macht der Brief des Grafen von Gleichen seiner Gemahlin die heikle Mitteilung von der zweiten Ehe, die er im Morgenland geschlossen; so fordert endlich Adelinde ihren Cicisbeo Holdenreich in einem dringlichen Schreiben auf, sie von ihrem alten Gemahl zu befreien und sich selbst an dessen Stelle zu setzen. Eine dritte Gruppe bilden sodann diejenigen Briefe, denen der Höhepunkt genossenen Liebesglttckes vorangegangen ist, und die darum ? wenigstens die weiblichen ? im Tone eines elegischen oder eifersüchtigen Schmerzens gehalten sind. Algerthe klagt über Reiniers Untreue, Agnes Bemin über das rauhe Geschick, das sie zur Gefangenen macht, Abälard über die körperliche Misshandlung, die ihm seitens der Verwandten Heloisens zuteil geworden.

Bei alledem fehlt doch immer der eigentliche dramatische

Charakter, der Ovids Herolden auBziechnet, die alle sozusagen anfs Stichwort einsetzen. Hofmanswaldans Briefe haben vielmehr ganz die episch breite, stagnierende Dar-stellnngweise, wie sie die Zostandspoesie der Galanten anch sonst kennzeichnet. Es ist immer dieselbe dutzendfach aufgeschichtete Umschreibung derselben Stimmung, derselben Gefühle, die zugunsten frostiger Wortspiele und spitzfindiger Concetti auf jeden Ausdruck wirklicher und elementarer Leidenschaft verzichtet. Ansätze zu einer Charakterisierung der schreibenden Helden und Heldinnen finden sich nur ganz spärlich und vereinzelt, wirklich tiefe poetische Empfindung überhaupt an keiner Stelle. Im selben Masse, als die Begriffe fehlen, stellt sich ein hohler Schwall von Worten und Metaphern ein, der nicht selten den baarsten Unsinn zutage fördert.

Wir wollen einen Sitz von Tugend-Liljen bauen. Daran kein schwartzer Fleck verwehrter Lüste klebt,

schreibt Heloise dem verzweifelten Abälard zum kargen Tröste, und die nordische Hippolita Algerthe, schliesst die Klage über ihre verlorene Keuschheit mit den gewählten Worten:

Doch wer die Wollust-See ihm hat belieben lassen, Dem muss der Jammer-Strand nur nicht zuwider seyn.

Man kann wohl sagen, nirgends feiert der berüchtigte, marinistische Stil Hofmanswaldans solche Orgien, wie in diesen ehemals vielbewunderten Briefen, nirgends häuft er seine ausschweifendsten Bilder und Tropen in solch erdrückender Masse auf- und nebeneinander, nirgends jagen sich Hyperbeln, Metaphern, Oxymoren und Concetti in solch bedenklicher Weise, wie gerade hier. Mit vieler Härte, aber nicht mit Unrecht tadelt darum Dusch in seinen Bildungsbriefen diese Heldenbriefe als ?die magersten Historien, worin allenthalben die äusserste Theuerung an Gedanken, das fadeste Gewäsch, die albernste Sprache herrschet; ohne Wahl der Umstände, ohne Geschmack, und, was von seinem Stande am meisten zu bewundem ist, ohne Sitten und Würde.

Die letztere Bemerkung richtet sich mit Schärfe gegen die Verwertung des erotisch-sinnlichen Elements, das fast in jedem der Briefe gelegentlich seine Stelle findet, insbesondere bei der letzten der drei vorhin geschiedenen Gruppen. Das^

stärkste in dieser Kichtung leisten ohne Zweifel die Briefe von Abälard und Heloise, deren bekannter Anlass schon von Haus aus ziemlich obseöner Natur war und bei der Hofmans-waldau eigen drastischen Darstellung zu allerlei unzweideutigen Aussprüchen Gelegenheit geben musste:

Dein Abälard ist nicht, was er zuvor gewesen, Er flösst dir künftig nicht die Zucker-Tropflfen ein, Da kannst bey mir nicht mehr die Liebes^Apfel lesen, Dich heisst man ohne Lost, mich ohne Erä£ften. seyn

Solchen und ähnlichen anzüglichen Stellen gegenüber klingt es denn recht naiv, wenn der Dichter selbst in der Vorrede zu seinen Werken von diesen Briefen erklärt: ?Und wird kein Ohr oder Auge, wie zärtlich und empfindlich es seyn mag, durch ein zu schlipflferig oder zu kühnes Wort beleidigt oder beflecket werden können. Man kann aber gleichzeitig auch daraus die Lehre ziehen, dass bei solchen für unser Empfinden höchst anstössigen Stellen der Dichter jener Zeit entweder nichts schlimmes gefunden, oder doch nur mit seiner Feder beteiligt war. In dem Streben, dies dem Leser stets gegenwärtig zu halten, geht er gelegentlich in der Einleitung zu Eginhards Brief (und noch verschiedene Male anderwärts) so weit, die in ihrer Übertreibung etwas scheinheilige Erklärung abzugeben: ?Was sie in solcher Zusammenkunft mit einander abgeredet, und wie sie ihre Stunden wohl angewendet werden haben, lass ich einen, der iemahls * recht verliebt gewesen, und in dergleichen Gelegenheit, wie Eginhardt und Emma sich befunden, urtheilen, ich weiss nichts davon.

Über die äussere Form und Anordnung der Heldenbriefe ist noch die besondere Bemerkung zu machen, dass sie alle ohne Ausnahme aus je hundert Alexandrinern bestehen»*) eine Gleichmässigkeit des Zuschnitts die ihresgleichen in der Literatur jener Zeit nicht findet. Der Dichter scheint für diese Zahl gerade bei seinen poetischen Briefen eine besondere Vorliebe gehabt zu haben. Er verwendet sie ausserdem in seinem ?Trauerschreiben an einen guten Freund (Begräbnis-ged. S. 20) und in der darauf folgenden ?Betrachtung eines offenen Sarges. Und er spricht es geradezu aus, dass er diese Zahl mit Absicht einhält, in der galanten Epistel ?Wohl-

meyne nde Gedanken über den Geburtstag der Blessine (N. S I, S. 6), wo es heisst:

? Blessine, weist du auch, warum ich dieses schreibe, Warum dir meine Faust itzt hundert Reime schickt?

In den gleichzeitigen Poetiken ist von dieser Hundertzeilen-Porm nirgends etwas anzutreffen, ebenso wenig, wie gesagt, bei andern Dichtern vor Hofmanswaldau. Dagegen hat Ziegler in getreuer Nachahmung seines Meisters bei seinen eigenen Heroiden diese Form ebenfalls adoptiert.»^) Allem nach handelt es sich dabei um eine rein private, arithmetische Spielerei Hofinanswaldaus, die aber ausserordentlich bezeichnend dafür ist, welch übertriebenen Wert man auch hier oft auf die nichtigsten Ausserlichkeiten legte, um dafür die Freiheit des poetischen Schaffens schonungslos drauf und dranzugehen, ? nicht anders, wie es bei den Ambos-, Kreuz- und Reichsapfelgedichten der Pegnitzschäfer der Fall war.

Die Stoffe seiner Heroiden will Hofmanswaldau ?aus allerhand Geschichtbüchem, darinnen sie sich, recht zu sagen, gleichsam verstecket, ausgezogen haben. Seine Quellen im einzelnen zu verfolgen, lohnt hier nicht der Mühe.^^) Nur für den ersten Briefwechsel zwischen Eginhard und Emma scheint mir eine gelegentliche Vermutung Friebes^^) Wahr-, scheinlichkeit zu haben, der die Anregung dazu auf ein lateinisches Gedicht dej Caspar Barlaeus zurückführen will: ?Virgo jivÖQOifOQOQ Sive Emmae Caroli Magni filiae Eginardum Scriptorem, amasium suum humeris portantem fata et Nup-tiae.^>^) In der That folgt Hofinanswaldaus Erzählung nicht nur in allen Einzelheiten derjenigen des Niederländers, sondern dieser erwähnt auch ausdrücklich die Briefe, welche die Lieben gewechselt haben sollen und mag gerade damit wohl den Anstoss zur Abfassung der Heroide gleichen Inhalts gegeben haben.^«) Kleine textliche Übereinstimniungen legen diese Vermutungen besondersnahe. Hier wie dort verwünscht die Prinzessin ihre königliche Abkunft, die ihrer Liebe zum Hemmnis wird,

? quin saDguinis odit Nomina splendoremque sui, titulosque decusque Ipse suum*metuit . . .

Ettlinger, Hofman V. HofmaBiwaldau. 5

Bei Hofmanswaldau:

Des Vaters Eronen-Gold, sein Purpur, seine Schätze, * Das ist mir leichter Roth, ich tref es unter mich.

Oder Emmas Brief erzählt an einer andern Stelle:

Dann wollt ich deinen Brief in tausend Stücke reissen ?

mit einer dentlichen Reminiscenz an das lateinische Gedieht, in dem es entsprechend heisst:

? dnbitat, num quae jam scripta fuissent, Confodiat . . .

Von ähnlichen gelegentlichen Anregungen gerade dieses neulateinischen Dichters war ja auch frtther schon die Rede.

Die Heldenbriefe sind ttbrigens auch das einzige Werk Hofmanswaldans, von dem eine Übersetzung in fremder Sprache existiert. Im Jahre 1700 noch kam zu Stockholm eine schwedische Übertragung heraus:

Hielte Bref, och nägre andre sinrike poetiske Diktar | Pä Tyska sammanskrefhe af Christian von Hofmanswaldau | Och nu mera förswenskade. Stockholm 1700.

Ausser den Heldenbriefen, die nicht vollzählig sind, enthält der Band Übersetzungen der ?Erleuchteten Maria Magdalena (Den uplyste Maria Magdalena) und der ?Thränen der Tochter Jephte (Jephte Dotters Tärar).»^)

Hofmanswaldaiis Stil.

Wie glücklich ist der Mann, der sich vom Wind ernährt,

Und Wolle von dem Schnee, gleich wie von Schafen, schert;

Der zu Dukatengold der Sonne Strahlen schlägt;

Und in ein Spinngeweb ein Bild der Dichtkunst prägt;

Der Marmor und Albast aus Briisf und Händen haut.

Und ein Eskurial dem Ruhm zur Wohnung baut;

Der Edelstein und Stern ans seiner Feder spritzt,

Und dessen Muse nichts als Muac und Amber schwitzt;

Der in dem Aug Agat, in Thränen Perlen findt.

Und aus den Disteln Zeug der Lust zum Schlafrock spinnt;

Der dem Betrug aus Rauch Helm, Schild und Panzer schmiedt,

Und wie ein Sonntagskind Nichts in Person oft sieht:

Wie glücklich ist der Mann, der seiner Not vergisst,

Nicht Durst noch Hunger fUhlt, weil er von Sinnen ist.

Also geisselt der Preusse Christian Wemike in seinen ?Überschriften «*) den faror poeticus der schlesisehen Dichter, und als berufener Satiriker hat er mit scharfem Blick die schlagendsten Schwächen und Fehler ihres Stils in wenige Zeilen gedrängt. Was aber hier den Schlesien! überhaupt gilt näturgemäss im Besonderen auch Hofmanswaldau selbst, der schon damals als der Begründer einer neuen Schule geiiiannt und gefeiert wurde, als der ej noch heute gilt. ?Der Herr von Hoftnanswaldau, sagt Neukirch im Vorbericht seiner Sammlung, ?hat ihm gantz einen anderen Weg, als Opitz und Gryphius erwehlet; indem er sich sehr an die Italiener gehalten, und die liebliche Schreibart, welche nunmehr in Schlesien herrschet, am ehesten eingef ühret Auch an anderer Stelle wird ihm in dieser Weise schon von seinen Zeitgenossen eine epochemachende Stellung in der deutschen Literatur angewiesen; insbesondere rühmte man ihm das Verdienst nach, die deutsche Sprache zuerst auf eine derartige Höhe der Vollkommenheit zugeführt zu haben, dass sie der französischen odör italienischen kaum mehr nachstehe. *^)

Nach alledem bleibt es nun die Sache einer näheren Untersuchung, festzustellen, welche wirklich neuen Elemente Hoimanswaldau der deutschen Dichtung zugeführt hat, und welches dabei seine Beziehungen zu gleichzeitigen und älteren Dichtem einheimischen sowohl, als französischen und italienischen, gewesen sind. Erst ein eingehender Überblick stoflf- und sprachvergleichender Art kann eine endgiltige literarische Würdigung des Dichters ermöglichen. ?

Jede Periode der Decadence in Literatur und Kunst kennzeichnet sich im Wesentlichen alseine mehr oder minder starke Verschiebung des Schwerpunktes zwischen Inhalt und Form. ?Wie der Luxus einZeichen ist, dass das Regiment zugrunde geht, so.ist auch der Luxus in den Sprachen ein Zeichen ihres Verderbens, sagt Morhof in seiner bekannten Poetik und fügt hinzu: ?Welches man zu dieser Zeit von der Teiitschen Sprache mit gutem Grunde sagen kann. Auch diese, fttr einen Zeitgenossen Lohensteins sehr vernünftige Bemerkung richtet sich, obgleich der direkte Hinweis vermieden ist, in erster Linie auf Hof manswaldau und die Schule, der er ? oder besser, die ihm zugerechnet wird. Die absolute, brutale Souveränetät des blossen Worts auf Kosten alles poetischen und logischen Sinnes, der poetische Nominalismus, wenn der Ausdruck gestattet sein soll, ist nirgends wieder in dieser Weise zur vollendeten Thatsache geworden, wie bei ihm. Es ist förmlich, als wolle er zeigen, wie reich und wechselvoll das Material der deutschen Sprache doch eigentlich ist, und wie viele Worte sie besitzt, nur um ein und denselben Begriff wiederzugeben und zu ijmschreiben. Die kurze, treffende Bezeichnung eines Gegenstandes wird verpönt, die entlegenste, verworrenste mit Absicht aufgesucht. Um grösser, erhabener zu erscheinen, schreitet die Dichtung nur noch auf den Stelzen künstlicher Bilder und Metaphern einher. Werden dann diese Metaphern auch noch, wie es häufig geschieht, in ihrer Zusammensetzung verschiedenen Gebieten entnommen, so entsteht mitunter eine Verwirrung der Begriffe, bei der die Grenzen einer sinnvollen Verständlichkeit nur allzu häufig überschritten werden.

Dazu tritt ein naheliegendes Bestreben, alles dem Auge des Lesers zu versinnlichen. Abstraktes im Lichte konkreter

Deutlichkeit darzustellen. Eigenschaften des Charakters und Temperaments, Empfindungen und Gefühle, alles wird in dieser Weise aus höheren Regionen in das Souterrain eines niedrigen Sensualismus gezogen. Da heisst etwa die Unschuld ?weisser Atlas oder ?reine Seide, die Tugend ein ?reines Öl, das Unglttek ?Kummer-Brod, Furcht ein ?dickes Eiss, die Verleumdung ?speyet Gallen und ?haucht mit Schwefeldunst an, die Reue ist ?eine dürre Wüste, Liebe der ?Zucker reiner Hertzen, u. dgl. m. Aber auch die konkreten Begriffe selbst müssen es sich gefallen lassen, durch Metaphern der gesuchtesten Art ersetzt zu werden: ?trinkbares Gold sind die Küsse der Geliebten, ihre Augen ?schwartze Kertzen, die Schultern ?warmer Schnee, die Lippen scheinen ?mit Rosenblut bespritzt, die Brüste heissen Marmorballen, Schneegebürge, u. s. f.

Der Gebrauch dieser Metaphern findet in verschiedenen, schwächeren oder stärkeren Abstufungen statt. Die einfachste Gattung ist die, bei welcher ein Epitheton zum Hauptwort gemacht wird, dem das eigentliche Nomen erst als Apposition zur Seite tritt. So heisst es statt: die goldnen Haare ? ?der Haare Gold, statt: deine rosigen Wangen ? ?die Rosen deiner Wangen; ?der Stirne Helfifenbein, anstatt: die Stirne, weiss wie Elfenbein. Diese umschreibende Manier wuchert dann in der Praxis weiter: es wird auf die ursprüngliche Zusammengehörigkeit von Metapher und Nennwort keine Rücksicht mehr genommen und statt dessen ein Wort eingesetzt, das selbst wieder nur durch sein Attribut mit dem Hauptwort in Beziehung tritt. ?Der Bossheit Russ sei ein ;Beispiel dieser Art. Hier lässt sich die Metapher Russ nicht mehr einfach in ein Adjektiv zurückverwandeln, wie jene andern Metaphern-. Gold, Rosen etc. Die Auflösung des metaphorischen Ausdrucks lautet schon weitläufiger: die Bosheit, die einen anzuschwärzen sucht, wie es der Russ thut. ?Der Jugend Rose: die Jugend, die noch in ihrer Blüte steht, gleich der Rose. ?Dein Stern der Freundlichkeit, soll heissen: Deine Freundlichkeit, die mir gleich einem Sterne erstrahlt.

Sehr treffend wird diese letztere, ungemein häufig gebrauchte Manier und ihre Missstände durch Morhof charakterisiert:*®^) ?Die teutschen Adjektiva, erklärt er, ?sein gar so unbändig, dass sie nicht woU in den üblichen Reimgebänden stattfinden.

Derohalben wann die Italiäner ein metaphorisches epitheton setzen, so muss man im Deutschen das adjectivum in ein sub-stantivum verwandeln und solches gleichsam in abstracto setzen, welches dann eine Weitläufftigkeit der Rede und ein frembdes Wesen veruhrsachet: da man bissweilen zwey oder dreymahl einige Zeilen lesen muss, ehe man den Verstand erreichen kann.

Dann kompliziert sich das Bild noch mehr und knüpft überhaupt nicht mehr, an das Nennwort selbst, sondern ein begleitendes Verbum actionis an: ?Es schmeltzt der Seelen hartes Eiss. Hier bezieht sich die Metapher Eis allein auf das Verbum schmelzen. ?Des Briefes Wo Icke hat ein guter Freund vertrieben. Die Metapher Wolke für Brief hätte an sich keinen Sinn; erst als Glied des Satzganzen gewinnt sie die ersichtliche Bedeutung. In dieselbe Kategorie gehören weiter Ausdrücke, wie: ?Der Sinnen Schif soll mich in solche Länder führen (N. S. II, 1); Die Sonne deiner Lust weiss nichts vom Untergehn (N. S. 1, 5); Auf diesen runden Grund (die Brust) hat mancher Geist gebauet, der seiner Wollust Schloss itzt in der Asche schauet (Büss. Magd.), u.dgl.m.

War nun bis dahin das eigentliche Grund- und Bedeutungswort der Metapher noch immer wenigstens als Satzglied vorhanden, so geht sie noch weiter, auch darauf zu verzichten und für den eigentlichen Begriff ausschliesslich die bildliche Übertragung einzusetzen. Die Sterne heissen ?die bleichen Buhler schwartzer Zeit, die Perle ?des Thaues rundes Kind, das Herz erscheint als ?Trauersaal, wo die Gedanken mich als Leiche schon beweinen. Dahin gehört ferner ein grosser Teil jener eigentümlichen Gleichnisse, wie sie das Ikon oder der ?Abriss mit sich brachte, von dessen Anwendung schon früher die Rede war, wenn etwa die Liebe ein ?bittrer Honigsaft oder das Spiel ein ?Zunder zu dem Zancken genannt wird.

Die Übrigen der dort enthaltenen Tropen bilden eine letzte, äusserste Gruppe der Metaphorik, die man füglich mit dem Worte Hypermetaphern bezeichnen kann, oder mit Morhof ?metaphorae frigidae. Bei diesem gewagtesten Grade des übertragenen Ausdrucks ist der äussere Zusammenhang des Bildes mit seinem Original so gut wie ganz verloren

gegangen und das tertium comparationis bildet nur noch irgend ein gemeinsames Aecidens, das obendrein noch meist entsetzlich weit hergeholt erscheint. Wenn da z. B. die weiblichen Brüste mit Jägern, Fallstricken, Körben etc. verglichen oder meta-phorisiert werden, so weiss kein Mensch zunächst, wo hier die Gemeinsamkeit stecken soll. Deshalb braucht der Dichter für jeden dieser seltsamen Vergleiche einen besonderen Com-mentar:

Zwey Jäger, welche zahm und wilde Thiere ftUlen, Wo keines wird verschont, was nur zu fangen taagt,

Zwey aufgestellte Garn und Schlingen freyer Sinnen, Aus denen gar kein Mensch, wie khig er ist, entreisst.

Zwey Körb, in welchen man bloss Marcipan feil triiget. Nach deren Süssigkeit die Lippen lechzend schreyn

Gleich ausschweifend zeigt sich noch eine andere Spezies von Metaphern, die in der Form von Antithesen zum Ausdruck kommen. Ein Brief, der ?Gall und Honigseim in seinem Schoss enthält, erscheint noch eher verständlich, als der abstruse Ausdruck: ,.Es schickt sich Aloe zu Bisam-Kugeln nicht (Judith an Bald. S. 76), was nicht mehr bedeuten soll, als: Trauer schickt sich [nicht zur Freude. Um seiner Schönen das Compliment zu machen, dass ihre Anwesenheit ihn überall und immer glücklich mache, versichert der Dichter:

Du weist am besten mir die Geister zu erwecken. Und legst in Sand und Eis beblümte Gärten an.

Und um ihr die Vergänglichkeit ihrer jugendlichen Schönheit recht anschaulich zu machen, prophezeit er, dass ?der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand.

Hier zeigt sich nun gerade so recht deutlich, wie oft zugunsten einer spitzfindigen Antithese auf jeden poetischen und vernünftigen Sinn kaltblütig verzichtet wird. Denn dass die Schultern einer schönen Dame mit warmem Schnee verglichen werden, lässt sich als ein der Zeit gemässer, pretiöser Ausdruck wenigstens noch verstehen; wieso aber dann diese selben Schultern im Alter kaltem Sande gleichen sollen, darüber müsste sich vermutlich, der es geschrieben, am meisten den Kopf zerbrechen. Bei dieser ganzen Art des poetischen Effekts kam es eben auf gar nichts weiter an, als einen möglichst stark abstechenden Gegensatz zu bringen; alles andere war

dagegen Nebensache: also auch hier ein unnatürliches Übergewicht der äusseren Form ttber den inneren Gehalt! ?

Jede Metapher neigt schon von Haus aus zur Übertreibung. Die Haare der Liebsten mit Gold, ihren Hals mit Schnee und Elfenbein zu vergleichen, ist an sich schon ein Hyperbel. Aber diese Art genügt dem galanten Dichter noch lange nicht für seinen Zweck, sich wirksam auszudrücken. Ihm ist es nicht genug, den Leib seiner Flavia mit der Weisse des Marmors zu vergleichen, er nennt ihn ein Marmel-Meer; die Brust gleicht nicht bloss einer Lilie an Farbe, sie ist ein ganzer ?Liljen-Garten; der Leib heisst nicht einfach krank oder gebrechlich, sondern gleich ?ein Spital, darin der Geist muss krancken. Um die uferlose Grösse seiner Liebe anzudeuten, spricht er von seiner ?Liebes-See und klagt, dasB ihn die ?Unglücks-Wellen qo heftig anfallen, dass er ihnen nicht Stand halten könne l^^^

Diesen quantitativen Hyperbeln reihen sich, in ungleich grösserer Zahl solche an, die eine qualitative Steigerung des Ausdrucks bezwecken. Sie sind unter allen Mitteln sprachlicher Technik das weitaus häufigste. In ihre Kategorie rücken vorweg alle die zahllosen Vergleiche mit Zucker, Amber, Bisem, Zibeth, Julep, Alicant, und wie die wohlriechenden und -schmeckenden Stoffe alle heissen mögen, durch deren reichlichen Consum die zweite schlesische Schule im buchstäblichen Sinne berüchtigt geworden ist. Sie sind derart in den Sprachgebrauch Hofmanswaldaus übergegangen, dass sie durchweg und ohne weiteres für den Begriff des Angenehmen, Erquickenden u. s. w. eintreten. ?Der Zucker dieser Stunde heisst es einmal vom genossenen Liebesglück, ein ?Julep»2) halbverwundter Hertzen wird die Nacht genannt, weil sie dem Liebenden meist günstig zu sein pflegt.

Mich hiess die Höflichkeit Canari-Zucker hoffen,

ruft an einer andern Stelle der enttäuschte Liebhaber aus, als er seiner Dame zärtliche Vorwürfe über ihre Sprödigkeit macht, und im gleichen Gedicht rühmt er den Brief, den sie ihm geschrieben, mit den entzückten Worten:

Wie ist dein schöner Brief doch mit Zibeth bestrichen Und wie verschwenderisch ist deiner Worte Pracht:

Ein jede Sylbe will nach Mose und Ambra riechen So dich zur Herrscherin und mich zum Sklaven macht.

Natürlich fehlt es auch nach der entgegengesetzten Richtung nicht an derartigen hyperbolischen Ausdrücken. Alles Bittere, Schmerzliche heisst Wermuth oder Aloe, alles Hässliche, Nichtige Asche, Staub, Koth, Sand, dann mit besonderer Vorliebe ?Ziegel-Grauss, u. ähnl.

Eigentümlich ist dabei die Vorliebe Hofinanswaldaus für alle nur denkbaren kulinarischen Vergleiche und Wendungen. Die Zeitwörter ?schmecken und ?speisen sind statistisch als die häufigst gebrauchten in seiner Lyrik nachzuweisen. Als besonders bezeichnendes Beispiel hiefür nehme man folgende Stelle des Gedichts ?Er ist unglückselig (N. S. 1, 347), wo es heisst:

Ich muss mit Kummer-Brod die matte Seele speisen

Das Thränen-Wasser ist mein Muskateller-Most

Ich muss beständiglich durch scharfe Dornen reisen;

Die Schmertzen sind mein Tranck, das Unglück meine Kost.

Dagegen erscheint ihm die Welt am schönsten ?

Wenn Lieb und Lust ein Essen uns bereitt

Das wiederholt am besten pflegt zu schmecken. (N. S. I, 37.)

Die Geliebte wird aufgefordert, der ?Welt ambrierte Frttchte zu gemessen, ihr Mund ist ein ?starker Himmels-Wein, ein ?Alikant des Lebens, ihre Brust ein ?kräftig Himmel-Brod, das die Verliebten schmecken, ?ein süsser Honigseim, den matte Seelen lecken, ?zwey Fässer, welche sind mit Julep-Saflft erfüllet, ?zwey Körb, in welchen man bloss Marcipan feil traget u. s. w. Noch gewagter klingt es, wenn Emma ihren Brief an Eginhard mit der Wendung beschliesst, sie ?schmecke allbereit die hochgewünschten Stunden ihres Beisammenseins, oder wenn es den hoffenden Siegreich däucht, er ?schmecke schon die süsse Götter-Speise, die Gott den Menschen auch vor Menschen machen heisst, nachdem er seiner Zuversicht auf eine günstige Antwort mit den Worten Ausdruck gegeben:

Ich weiss, du wirst mir nichts als Zucker tibersenden, Der wol mit Würden kann auf meiner Tafel stehn.

Unterstützt wird diese seltsame Art der Metaphörisierung durch den naheliegenden Vergleich des erotischen Verlangens

mit Hunger und Durst, seiner Befriedigung aber mit Essen und Trinken. Dem Liebenden wird geraten, massig im Genüsse zu sein und ?seinen Hunger nicht mit voller Kost zu stillen; denn ? wie es an anderer Stelle heisst ? ?wer täglich Zucker käut, spürt keine Lieblichkeit. Bald dttnkt es ihn, als schmecke er noch ?den süssen Liebes-Most, bald schmachtet er geduldig.

Verschluckt die Hoffiiungs-Kost und tränkt sich in Gedanken. Von der Unbeständigkeit des launischen Glttcks klagt er, es

Speisst die Verliebten oft mit leeren Fleisch-Pasteten Und ob es seinen Wein gleich etwas schmecken lässt. So fliesst er mehrentheils nur nnsre Lost zu tödten.

Verdruss ?deckt ihm den Tisch, Verwirrung der Gedanken ist ?seine Morgen-Kost und auch sein Abend-Brod. und hat er einmal der Geliebten alle seine kühnen Wünsche eröflftiet, so schliesst er seinen Brief mit der schmackhaften Wendung:

Doch dieses Alles sind nur hohle Wunsch-Pasteten Und Schüsseln mit der Kost der Hoffnung angefüllt; Durch leere Becher wird kein heisser Durst gestillt:

Abälard endlich ? um diese kleine Blütenlese zu beschliessen ? beklagt in wehmütigen Worten die Zeit, da ihm das Glück noch lächelte, also:

Ich ass aus seiner Hand ambrierte Mandel-Kuchen, Es tränckte mich mit nichts als Moskateller-Most, etc.

Eine weitere, besondere Rolle im Gebrauche solcher Metaphern spielt der Kuss mit seinen Freuden,»**) der hier recht eigentlich ?Speise und Trank des Liebenden vertritt, als das äusserliche Symbol des Genusses.

Der ist, wie mich bedäucht, nicht seiner Seele werth,

Dem nicht das Zucker-Brod auf deinen Lippen schmeckt,

schreibt Graf Holdenreich der mit ihrem Gatten unzufriedenen Adelinde. Anderwärts erfreut sich der Liebende des Besitzes seiner Schönen und ?kriegt auf Honig-Küss kandierte Küsse wieder. Der Mund selbst heisst ein ?Becher von Rubinen, eine ?Schale, mit Küssen angefüllt. Ein Kuss, der ?nach dem Herzen schmeckt, gilt für

? eine alte Kost, ein Paradies-Gerichte, So Adam fertig fand, aus seinem Schlaf erweckt.

Die Zunge, die bei den Kusspoesien der Galanten naturgemäss ebenfalls eine grosse Rolle spielt, kann ?des Ambers Lieblichkeit verleihen. Die Kttsse selbst heissen wohl auch geradezu ein ?ambrierter Saflft, und um die poetische Gewttrzkrämerei auf ihre Höhe zu führen, heisst es von den Freuden einer bevorstehenden Schäferstunde (N. S. I, S. 378):


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