Aus Kroatien: Skizzen und Erzählungen

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1Aus Kroatien: Skizzen und Erz?hlungen

The Project Gutenberg EBook of Aus Kroatien, by Arthur Achleitner

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Title: Aus Kroatien Skizzen und Erzählungen

Author: Arthur Achleitner

Release Date: April 30, 2005 [EBook #15734]

Language: German

Character set encoding: Unicode UTF-8

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Aus Kroatien

Skizzen und Erzählungen

von Arthur Achleitner

Leipzig 1920

Inhalt.

Zum Geleit
Drei Regimentsbefehle
Des Popen Meisterstück
Waldkultur
Kroatische Glanzkohlen
Auf Forstinspektion
Feuerstein und Schwefelfaden
Sprachliches Durcheinander
Von der Sann zur Korana
Eine Wahl ohne Ochsen, ohne Wein
Die tausendjährige Linde

Zum Geleit.

Ein Vierteljahrhundert hindurch hatte ich Kopf, Herz, Hand und ? Füße der Schilderung der Alpenwelt und ihrer Bewohner gewidmet mit dem erfreulichen Erfolg, daß die deutsche Leserwelt es gewöhnt geworden war, beim Anblick meines Namens auf Büchern sofort an die ? Alpen zu denken. Freundschaftliche Beziehungen führten dann über die Grenzen des bisherigen Arbeitsgebietes der deutschen Berge; es kam zum Studium von Land und Volk der interessanten Bergslovenen in der südlichen Steiermark; eine Studienreise durch Dalmatien usw. erweckte den Wunsch, den Südosten kennen zu lernen. Sehnsucht und noch viel mehr: Trotz, weil man mich schon in jungen Jahren vor ? Kroatien und Slavonien ?gewarnt,? diese Länder höhnisch als ? ?Halbasien? bezeichnet hatte.

Der Gewissenhaftigkeit wegen war für die Studienreise durch Dalmatien und Montenegro usw. die kroatische Sprache erlernt worden. Mit der zur Verständigungsmöglichkeit ausreichenden Kenntnis dieses auf heimatlichem Boden verspotteten, aber gar nicht übel klingenden Idioms ausgerüstet, kam es zunächst zu einer Automobilreise durch Kroatien bis zum südlichsten Zipfel dieses in manchen Bezirken märchenschönen Landes, der Küste entlang wieder herauf nach Fiume, worauf der Entschluß zu einem längeren Aufenthalt auf kroatischem Boden gefaßt wurde. Gütige Einladungen seitens des gastfreundlichen Adels führten von Schloß zu Schloß; es begann ein Wandern von einer curia nobilis zur andern, von Dorf zu Dorf mit geschultem Blick für landschaftliche Schönheit und Wildbestand, mit rasch erweiterten Kenntnissen in der Geschichte des Landes, mit der sozusagen Spürnase für echtes Volksleben. Der beste Begleiter war jedoch das ? Fundglück.

Die südslavische Gastfreundschaft mutet märchenhaft an; das Schönste an ihr ist für den Forscher und Schriftsteller, daß sie willig gibt, was sie hat: die Chronik des Hauses. Wo das Geschriebene nicht hinreichte, half liebenswürdige Aussprache, das Erzählen alter Familienglieder in Schlössern, Edelsitzen, Dörfern.

Monatelang ein Schöpfen, ein Sammeln fesselnder ?Stoffe? mit verjüngender Schaffensfreude.

Als mit der Ausarbeitung begonnen wurde, vernichtete der Krieg alles.

Mittlerweile hat der Federfuchser die Grenze des Greisenalters überschritten. Und Kroatien gehört jetzt nicht mehr zu Ungarn, sondern zur Dr?ava S H S, d. h. zum Staate Srbska (serbisch) Hrvatska (kroatisch) Slovenska (slovenisch).

Ob und wie lange die Verbindung dieser bedeutungsvollen drei Buchstaben währen wird, das zu untersuchen, ist nicht meine Aufgabe. ?Zärtliche Liebe? hat die drei ? nicht vereinigt. Auch das gegenseitige Sprachverständnis ist nicht so innig, als man den Fernstehenden glauben machen will. Es hat das hintere S Mühe, sich mit dem vorderen S zu verständigen, weil der Dialekt ausschlaggebend und zu sehr abweichend ist; das H vergeht das vordere S gut, das hintere aber nur dann, wenn der Slovene nach der Schrift sehr rein spricht. Wobei politisch dem H nicht das vordere, sondern das hintere S sympathischer ist aus Gründen, die in der Vergangenheit wurzeln.

Aus Kroatien haben Briefe den Weg in meine Arbeitsstube gefunden, allen Hindernden zum Trotz. Den Bitten lieber Freunde, wenigstens einen Teil des gesammelten ?Stoffes? aus dem Kroatenlande verarbeitet der deutschen Leserwelt zu unterbreiten, komme ich umso lieber nach, als das treue Gedenken Freude bereitete, der Wunsch auf kroatischer Seite, dem Deutschen einen Blick in die alten und neuen Verhältnisse Kroatiens zu gewähren, Beachtung verdient.

Die ?Stoffe? sind zu Skizzen und Erzählungen verarbeitet; ehrlich, gewissenhaft, ohne jede ?Schönfärberei?.

München, im März 1920.

Arthur Achleitner.

Drei Regimentsbefehle.

Im Süden Kroatiens, Lika (d. h. Abgrenzung, Grenzland), herrscht die Melancholie des Karstes. Das Gebiet ist zwar noch begrünt, doch die wenigen schmalen Flußtäler mit Wasserläufen, die plötzlich im Boden verschwinden, unterirdisch weiterlaufen und unvermittelt wieder zutage treten, sind tief eingerissen. Düster und völlig kahl ragen aus diesem Karstlande Felsberge auf, die den Eindruck der Traurigkeit noch steigern. Nur wenige Täler und Mulden, Dolinen genannt, erweisen sich in der Lika als fruchtbringendes Ackerland.

Um die Zeit zu Ende der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts mußten die Bauern als Soldaten der Likaner Militärgrenze von den Offizieren geradezu gezwungen werden, den Boden zu bearbeiten, wobei Ackergeräte aus uralter Zeit benutzt wurden. Die Bevölkerung, besonders jene der serbisch-orthodoxen Konfession, verhielt sich trotz Androhung schwerer Strafen gegen jede Verbesserung im Ackerbau ablehnend. Besonders ?bockbeinig? zeigten sich die Menschen im Gebiet der stahlblauen Korana, in der Umgebung des Kompagnie-Städtchens S. Mager der Boden, dafür blutgetränkt infolge der vielfachen räuberischen Einfälle der bosnischen Türken. Freudlos die Gegend, öd das Städtchen in türkischer Bauart und mit vielen Mühlen einfachster Art und verfallenen Getreideschuppen aus napoleonischer Zeit. Die märchenhaftblaue Korana prahlt just hier mit hinreißender Schönheit in überraschenden Wasserstürzen; doch kommt dieser Wasserzauber inmitten tiefer Melancholie nur bei hellem Sonnenlichte zur Geltung. Grauer Himmel und Regenschauer verwandeln diese Gegend in eine abschreckende Öde und Wildnis, die auf das Gemüt erschütternd wirkt.

Des schlechten Ertrages aus dem Ackerbau wegen hatten die Offiziere des Likaner Grenzregimentes ihre stetige Not mit der männlichen Bevölkerung der oberen Lika; schön und hochgewachsen waren (und sind heute noch) die Männer, prächtige Gestalten und brauchbare, mutige Soldaten, aber für die Bodenbearbeitung hatten sie keinen Sinn, und nur unter Zwang ließen sie sich, stets je acht Mann, vor einen Pflug spannen, um an Stelle der fehlenden Ochsen die Feldbearbeitung vorzunehmen. Auf Schritt und Tritt mußten den Likanern der Profos und Unteroffiziere folgen.

Zufolge Regimentsbefehles bauten die Kompagnie-Offiziere und Stationskommandanten auf den militäreigenen Grundstücken um jene Zeit Kartoffeln zum Zwecke, die bäuerlichen Grenzsoldaten mit dieser Frucht bekannt zu machen, die Leute zu veranlassen, den Kartoffelanbau in der Lika allgemein einzuführen. Auch die Kompagnie im Städtchen S. hatte im Frühjahre den Regimentsbefehl zugemittelt erhalten, verschärft mit der ?gepfefferten? Bemerkung des zu Karlstadt residierenden Obersten K., daß die Offiziere zu S. ?alles und mit Beschleunigung aufzubieten haben, den Kartoffelbau erfolgreich einzuführen?. Gehorsam hatte der dienstälteste Hauptmann Attilius Tonidandel, ein sehr bärbeißig aussehender, doch gutmütiger und witzig veranlagter Herr, im Küchengarten bei seinem Wohnhause ?Krompir? (Grundbirne, Erdapfel) anbauen lassen, im Dienstwege aber schriftlich beim Regimentskommando angefragt, ?wie mit Beschleunigung erfolgreich? die Kartoffel bei den Grenzsoldaten ?beliebt? gemacht werden solle.

Diese ?gehorsamste?, in Wahrheit etwas boshafte Anfrage war ohne Antwort geblieben. Deshalb kümmerte sich Hauptmann Tonidandel nicht weiter um den Befehl, noch weniger um die ?gepfefferte? Bemerkung des Regimentskommandanten, und Herr Attilius ließ die ?Krompir? Stauden wachsen, wie sie wollten.

In der Stabskanzlei des todlangweiligen Garnisonstädtchens ?mopste? sich eines melancholischen Herbsttages Tonidandel wieder ganz erschrecklich, als unerwartet und sehr aufgeregt sein Freund, der jüngere Hauptmann Adolar Pegan, ein kleiner, dicker Mann, eintrat, atemringend grüßte und fürchterlich in einem Gemisch von deutschen und serbischen Worten über die verdammten Grenzer fluchte. Und stöhnend erstattete Pegan Kapport, daß in den Ackern nicht eine einzige Grundbirne vorgefunden werden konnte; daher der größte Teil der Kompagnie Stockprügel erhalten habe. Pfeifend und rasselnd holte Pegan, der einen Satthals hatte, Atem. Herr Attilius Tonidandel blieb ruhig auf dem zerrissenen Ledersessel sitzen, lachte vergnügt und fragte, was denn die Teufelskerle mit dem gratis verabreichten ?Kartoffelsamen? getan hatten.

Herr Pegan rief erbost. ?Schnaps wollten sie brennen, die Sramjes
(Schandkerle)! Das ist ihnen aber nicht gelungen!?

?Glaub ich gern! Kann es den Kerls auch nicht verübeln, daß sie von ?Krompir? nichts wissen wollen! Mir persönlich ist ein knusperig gebratenes Spanferkel allemal lieber als der schönste Erdapfel!?

Pfeifenden Atems schmetterte Pegan aus dem dicken Halse. ?Aber Befehl ist Befehl! Regimentsbefehl dazu! Und der Oberst hat zuweilen den Teufel im Leib! Ganz totprügeln kann ich die Kerle doch nicht lassen! Was aber machen, Herr Bruder??

?Ruhig abwarten, Herr Hauptmann und Bruder! Abwarten, bis es dem Chef beliebt, Antwort auf meine Frage vom Mai zu geben! Der Oberst hat sich seither Zeit gelassen, also tun wir desgleichen! Nur nichts überhudeln, Herr Bruder! Und nicht aufregen, lieber Pobratim (Wahlbruder)! Darüber, wie unsere Grenzer zu Liebhabern der Erdäpfel gemacht werden können, soll sich nur das Regimentskommando oder Exzellenz, der alles wissende und nie sichtbare General in Agram, den Kopf zerbrechen! Wir tun es nicht in dem öden Nest außerhalb der Welt!?

Ein Posthornsignal wurde hörbar. Die militärische Poststaffette aus
Karlstadt war in S. angekommen, die täglich einmal die Befehle des
Regimentskommandos überbrachte.

Und Tonidandel schickte den Kompagnieschreiber Jovo hinab, den
Postbeutel in Empfang zu nehmen. Dann wandte sich Attilius gelassen zum
Freunde Pegan und bewirtete ihn mit einem Gläschen guten
Pflaumenschnapses (Slibowitz).

Pegan dankte und leerte das Glas auf einen Schluck. Und mit seiner fetten Stimme beteuerte er. ?Pobratim! Bleibt ewig wahr in Kroatien: ?Der beste Witz ist der ? Slibowitz.? Auf Dein Wohl, Herr Hauptmann!?

?Weiß schon, wie es gemeint ist: repetatur! Ist das einzige lateinische
Wort, das in meinem Gedächtnisse haften geblieben ist! ?ivio pobratim!
(Hoch Bruder!)? Und Attilius schenkte das Glas abermals voll, mit so
ruhiger Hand, daß kein Tropfen daneben floß.

?Danke, Herr Hauptmann! Ich staune über deine ruhige Hand. Noch mehr bewundere ich aber deine Gelassenheit. Wo doch die ? Wische von der Regimentskanzlei soeben angekommen sind! Sicherlich für uns im ?Exil? wieder unangenehme Befehle, lästige Aufträge, Rackereien. Er aber, der solus altissimus sitzt bequem in Karlstadt!?

?Still, Bruder! Nicht aufregen über Dinge, die wir nicht ändern können, und für die wir die Verantwortung nicht zu tragen haben. ? Noch ein Stamperl (Gläschen) gefällig? Alle guten Dinge sind ihrer drei.?

Obwohl der Kompagnieschreiber Jovo die Posttasche hereinbrachte und über ihre ?Leibigkeit? etwas disziplinwidrig maulte, ließ sich Tonidandel im Einschenken des dritten Gläschens nicht beirren. Lediglich zu Jovo meinte er. ?Maul halten, Schreiber, denn dich hat es nichts zu kümmern, ob die Tasche dick oder mager ist! ? Prosit! Du sollst leben, Herr Hauptmann!?

Jovo grinste und zog sich in seine anstoßende Stube zurück.

?So, nun wollen wir sehen, was uns das Regimentskommando mitzuteilen hat. Setz dich, Bruder, auf daß du nicht hinfallst, so der Herr Oberst teufelt!? Gemächlich nahm Attilius die Schriftstücke heraus, eines nach dem andern, und legte sie auf den wurmstichigen Tisch. Beim Anblick eines Aktenstückes, dessen besonderer Umschlag mit drei roten Kreuzen als ?eilig? bezeichnet war, meinte Attilius sarkastisch: ?Ah, der Herr Oberst belieben zu pressieren!?

Pegan drängelte auf Bekanntgabe des eiligen Befehles.

?Zeit lassen, Bruder! Nur nicht aufregen, nicht pressieren! Alles Unheil beim Militär kommt vom Überhudeln.? Langsam entfaltete Tonidandel das Schriftstück und las es durch.

?Darf ich wissen, Herr Hauptmann?? rief Pegan neugierig und ängstlich.

?Freilich! Also hör zu! Der gnädige Herr Oberst belieben uns mitzuteilen: ?Nachdem das Generalat mit Dienstbefehl vom ? angeordnet hat, daß die Grenzsoldaten wenn nötig unter Zwangsanwendung zum Erdäpfelbau angehalten werden sollen, ihnen Kartoffelsamen unentgeltlich verabreicht wurde, sieht sich das Regimentskommando veranlaßt zu befehlen, daß sämtliche Militärstationskommandanten in der Lika den jeweiligen Stare?ina[1] unauffällig zu einem Erdäpfelessen einladen. Des weiteren erfolgt andurch der Befehl, daß die Herren Offiziere den Grenzsoldaten bezüglich der reifen Erdäpfel Gelegenheit zum Verschaffen geben!? ? Unterschrift wie immer unleserlich, uns aber bekannt, lieb und teuer!? Tonidandel lachte trocken und fügte dann die Frage bei, ob der Bruder Pegan den interessanten Regimentsbefehl verstanden habe.

Schon während der Vorlesung des Schriftstückes hatte sich der zappelige Hauptmann Pegan erhoben. Nun stapfte er auf Tonidandel zu und bat um Ausfolgung des Schriftstückes. ?Um den rätselhaften Befehl zu verstehen, muß ich ihn schon selber lesen!? Hastig überflog Pegan den Ukas. Dann legte er das Schriftstück auf den wurmstichigen Tisch und stöhnte mit fettiger Stimme: ?Daß wir den Stare?ina mit Krompir bewirten sollen, ist verständlich und auch mir einleuchtend. Leicht durchführbare Sache: Beeinflussung der Gemeindevorsteher durch Gaumenkitzel und Magenfüllung; einer sagts dem andern, und so kommts unter d Leut! ? Was ich aber nicht verstehe, ist der dunkle Sinn des zweiten Befehlsteils: Gelegenheit zum Verschaffen geben! Was meint der Oberst mit diesen sonderbaren vier Worten? Mir ein Rätsel!?

Tonidandel reichte dem Freunde Pegan abermals ein Stamperl Slibowitz mit den Worten. ?Stärke dich, Bruder, auf daß dein militärisches Gehirn erleuchtet werde! Apropos: Wie lange dienst du schon in der Grenze??

?Fragen der Herr Kommandant dienstlich??

?Nein! Privatim und als Freund und Bruder.?

?Na, dann wisse! Sechs Jahre diene ich auf ? halbasiatischem Boden mit der Sehnsucht nach Rückkehr auf europäischen Grund!?

Sarkastisch meinte Tonidandel. ?Sechs Jahre! Hm! Da wundert es mich, daß du neben der Tapferkeit und Rauflust unserer Grenzer den Kern ihres Wesens, ihre Haupteigenschaft außer Dienst noch nicht kennen gelernt hast!?

?Wieso? Was meinst du, Bruder? Worin besteht die Haupteigenschaft der
Grenzer?? Neugierig richtete Pegan den Blick auf den Freund und
Vorgesetzten.

?Die hervorstechendste Eigenschaft unserer Grenzer werde ich dir nicht nennen! Du sollst sie aus der Praxis kennen lernen, um sie dann für deine Lebenszeit in der Erinnerung zu behalten! Auf Wiedersehen heut abend präzis sieben Uhr auf meiner Bude! Präzis sieben, ja nicht später! Laut Regimentsbefehl!?

?Schon wieder ein Rätsel? Was ist los? Weshalb forderst du ?präzises Erscheinen? zu einer Stunde, die doch mit dem Dienst nichts zu tun haben kann??

?Will ich dir als Dienstgeheimnis anvertrauen! Wir zwei essen punkt sieben Uhr privatim eine gebratene Gans, um dreiviertel acht Uhr aber essen wir dienstlich militärärarische Erdäpfel mit unserem Stare?ina laut Regimentsbefehl! Verstanden, Herr Bruder?!?

Lachend sicherte Hauptmann Pegan sein pünktliches Erscheinen zum privaten Abendessen zu. Schluckte noch etwas Slibowitz und verabschiedete sich vom Vorgesetzten. ?

Kompagniekommandant Tonidandel bewohnte ein kleines, einstöckiges, verwahrlostes Haus im oberen Teile des Städtchens S., bestehend aus drei engen und niederen Zimmern, einer finsteren Küche und einer Vorratskammer. Zu dem Häuschen, daß Attilius spöttisch nach kroatischem Brauch ?curia nobilis? nannte, gehörte ein Küchengarten, der sich bergan dehnte, etwas Gemüse und völlig verwilderte Kartoffelstauden enthielt. Vor Jahrzehnten mochten die Wohnzimmer das letztemal weiß getüncht, der Fußboden mit Holz belegt worden sein. Jetzt waren die Dielen vermorscht; in den feuchten Ecken gedieh der Hausschwamm. Doch der Fußboden war nach Brauch und Vorschrift mit weißlichgelbem Sand bestreut, der unter jedem Schritt knirschte. Dem Himmel allein konnte bekannt sein, von wo und von wem die Möbel stammten; der runde, schlecht polierte Tisch, die uralten, mit geschossenem Wollstoff überzogenen Stühle, ein blinder Spiegel in wurmstichigem Holzrahmen, ein gräßlich geschweiftes, mit Stroh gefülltes Sofa und davor ein ausgefranster Teppich.

Im engen Raume, den Tonidandel ?Speisesaal? nannte, befand sich das einzige gediegene Möbel des Hauses: ein Auszugtisch. Dazu sechs wackelige Stühle, eine Kredenz mit Gläsern, Geschirr von Steingut und Zinn.

In diesem, von vier Unschlittkerzen ?feenhaft? erleuchteten ?Saale? erwartete Tonidandel, vor dem ?herrschaftlich? mit einem Linnen gedeckten Auszugtische stehend, seinen Gast Pegan. Durch das Häuschen zog der verlockende Duft einer gebratenen Gans.

Als auch Tonidandel diesen Duft in die knotige Nase bekam, öffnete er nicht nur die Fenster des ?Speisesaales?, sondern auch die Haustüre, um den Bratenduft möglichst rasch entweichen zu lassen.

Bis zur Ankunft Pegans war jeder verräterische Duft verflüchtigt, aber dafür qualmten im Speisezimmer die zu Stumpen herabgebrannten Unschlittkerzen, die der Offiziersdiener schleunigst erneuern mußte.

Kurz fiel die Begrüßung des Gastes aus. Tonidandel verwies auf die
Notwendigkeit einer späteren Verabreichung des ?Bilikum?
(Willkommtrunkes), so der Stare?ina gekommen sein werde. ?Weißt, lieber
Bruder, für uns beide ist jetzt die Hauptsache, daß wir uns mit
Gansbraten satt essen, und zwar vor der Ankunft des Bürgermeisters und
vor dem dienstlichen Erdäpfeldiner!?

?Capsico!? rief Hauptmann Pegan mit seiner fetten Stimme. Die knusperig gebratene und von der Köchin gut zerteilte Gans wurde aufgetragen. Der Diener füllte dann die großen, unförmlichen Gläser mit fast schwefelgelbem, doch vorzüglichem kroatischem Weine und verschwand auf einen Wink Tonidandels. So schnell verzehrten die Offiziere die ?ärarische? Gans, als stünde in der nächsten Viertelstunde Alarm und Abmarsch des Bataillons bevor. Tonidandel war überhaupt ein Schnellesser und rasch gesättigt; Pegan hingegen gehorchte lediglich dem Drängen des Kameraden, kaute kaum und verschlang die Brocken. Der Diener wurde gerufen und mußte rasch abtragen, hernach lüften und die Kerzen mit der Scheere putzen.

?Hinaus!? befahl der Gebieter, der nun die vorhanglosen Fenster schloß.

?Ich muß sagen, lieber Bruder, daß mir dieses Essen im Eilmarschtempo wahrscheinlich nicht gut bekommen wird!?

?Weiß schon, worauf du anspielst! Mußt aber auf den ? Slibowitz warten!
Nimm einen kräftigen Schluck vom Weine! Und behalte im Gedächtnis. Kein
Ton darf verraten werden, daß wir soeben auf Regimentsunkosten eine Gans
verzehrt haben!?

?Sehr wohl, Herr Chef! Die Sache wird immer mysteriöser!?

?Im Laufe des Abends wird dir alles klar werden!?

Auf die Minute genau erschien der Stare?ina im Hause. Ein hochgewachsener Likaner, breitschulterig, helläugig, gutmütig. Wenn die blonden Haare nicht überlang gewesen wären, hätte man diesen Südslaven für einen Deutschen halten können. Unbegrenzten Respekt vor der Militärmacht verriet sein unterwürfiges, demütiges Verhalten. Der Vorsteher, seines Zeichens ein Schmiedmeister, faßte die ihm gewordene Einladung nicht als besondere Ehre und Auszeichnung auf; er schien zu glauben, daß er befohlen war, zu ungewöhnlicher Stunde einen außerordentlichen und unangenehmen Befehl des Stadtkommandanten entgegenzunehmen. Ängstlich begrüßte er die Offiziere; unterwürfig fragte er in schlecht verständlichem Deutsch nach den Befehlen und Wünschen des Herrn Kommandanten.

Tonidandel beruhigte den Vorsteher sogleich mit dem Hinweise, daß es sich tatsächlich um eine Einladung, nicht um eine militärdienstliche Angelegenheit handle. ?Ich feiere nämlich heute meinen Namenstag und will an meinem freilich mager bestellten Tische liebe Gäste haben! Meinen Freund und Kameraden Herrn Hauptmann Pegan und den Stare?ina!?

Der Vorsteher richtete sich überrascht auf und warf einen forschenden Blick auf den Gebieter. ?Zu viel der hohen Ehre! Ich nicht wissen, gnädiger Herr, wie ich kommen dazu!? Mit überschwenglicher Höflichkeit stammelte der Schmiedmeister seine Glückwünsche zum Namensfeste, wobei er beteuerte, bis zur Stunde nicht gewußt zu haben, daß der Herr Kommandant den Taufnamen ?Raphael? führe.

Hauptmann Pegan platzte heraus. ?Hab ich auch nicht gewußt!?

?Das ist nebensächlich! Nun wollen wir dem Stare?ina das ?Bilikum? reichen!? Tonidandel füllte einen Pokal mit Wein, hielt eine kleine Ansprache an den Gast, der sich so wohl fühlen möge im Hause wie im eigenen Heim, und reichte dann dem Pokal dem Vorsteher, der aufrecht stehend den Willkommspruch angehört hatte, sich nun verbeugte, den Pokal entgegennahm, einen Segenspruch für den Hausherrn feierlich sprach und den Pokal auf einen Zug leerte.

Die Offiziere leerten ihre gefüllten Gläser gleichfalls bis zur
Nagelprobe.

?Und nun zu Tisch!?

Während die Herren sich setzten, trug der Diener eine Schüssel voll
Kartoffeln herein.

Trotz der großen Befangenheit richtete der Likaner einen neugierigen und forschenden Blick auf den Inhalt der Schüssel. Und dabei rutschte ihm die Frage heraus: ??to je to?? (Was ist das?) Tonidandel füllte den Teller des Vorstehers mit Kartoffeln und sprach schmunzelnd. ?Erst essen! Die Erklärung wird alsbald folgen! Greif zu, Herr Hauptmann!?

Die Offiziere nahmen aus der Schüssel, doch nur je eine Kartoffel und aßen mit gut geheuchelten Appetit.

Zögernd griff der Stare?ina zu, beguckte das ihm fremde Gericht, stocherte daran und schnupperte vorsichtig. Da er sah daß die Offiziere das seltsame Zeug wirklich verzehrten, gewann der Vorgesteher doch so viel Vertrauen, ein Stück davon in den breiten Mund zu schieben.

?Was wir da essen, sind Erdäpfel, Krompir, lieber Stare?ina! Erdäpfel, was wachsen in unserem Küchengarten! Wirklich Erdäpfel, die aber die Grani?ari[2] nicht essen wollen!?

Der Vorsteher hatte rasend schnell eine zweite Kartoffel gegessen und rief geradezu frohlockend. ?To je guska! Das ist Gans! Schmecken nach Gansbraten sehr gut! Prozim! (Ich bitte!) Darf ich noch mehr davon essen??

Der Kommandant erwiderte lachend. ?Nur zu! Alles dürfen Sie essen! Bis
Ihnen die Ohren stauben! Der Stare?ina soll sich ja überzeugen, daß die
Erdäpfel wirklich sehr gut schmecken!

Für die Lika mit ihrer häufigen Hungersnot wird es ein Segen sein, wenn der Anbau der ausgezeichneten Erdäpfel allgemein durchgeführt wird!?

Gierig verzehrte der Vorsteher die Kartoffeln. Schmatzend wie ein Fischotter beim Fischfraß. Dann aber hielt er inne und sprach. ?Bitt ich schönstens, Herr Kapetan! Seltsam find ich, daß schmecken dieser Erdapfel so stark nach Gans! Wahrhaftig wie gebratene Gans! Schmecken jeder Erdapfel so?!?

Dem Hauptmann Pegan ging ein Licht auf; ein Lächeln umspielte seine
Lippen.

Völlig ernsthaft und im Tone der Belehrung erwiderte der Kommandant: ?Es gibt drei verschiedene Sorten von Erdäpfeln, lieber Stare?ina! Eine Sorte heißt ?Schneeflocken?, weil dieser Erdapfel weiß und mehlig ist wie Schnee! Eine andere Sorte heißt ?Rosenkartoffel? von wegen der rosaroten Farbe! Was Sie eben gegessen haben, ist der ?Gänse-Erdapfel?, weil er nach Gänsebraten schmeckt! Ganz so, wie es in Deutschland einen ? Gänsekohl gibt!?

?Wunder Gottes!? rief staunend der Vorsteher. ?Das sein prachtvoll!
Schmecken herrlich! Der Banus in Agram und der Zar (Kaiser) in Wien
können nicht Besseres essen! Und der Ganserdapfel machen so prachtvolle
Durst!?

Während sich Hauptmann Pegan vor Lachen krümmte, versicherte Tonidandel schmunzelnd: ?Das ist ja das Schönste an einem Erdapfel! Und den von ihm erzeugten Durst wollen wir nun löschen mit Wein! Trinken wir auf das Wohl des Chefs unseres Likaner Grenzregiments, der zum Segen des Grani?ari die Erdäpfel bei uns einführen will! Der Herr Oberst lebe hoch!?

??ivio!? rief der Vorsteher, der sich gleich den Offizieren erhoben hatte.

Die Gläser klangen und wurden geleert.

?Nie in meinem Leben haben mir der Wein so gut geschmeckt wie heute auf den Gans-Erdapfel! Herr Kommandant wissen ja, wie selten unsereiner zu wirklichem Gansbraten kommen! Aber nun werden wir bekommen guten Ersatz für wirkliche Gans durch Erdapfel, was auch so nach Gans schmecken!? Hoch und heilig gelobte der Vorsteher, all seinen Einfluß im Städtchen und bei den Dorfältesten des Bezirkes aufzubieten, um den Leuten diese Wundergabe, den nach Gansbraten schmeckenden Erdapfel, zugänglich zu machen. Im nächsten Frühjahre werde sicherlich in der Lika alles diese Erdapfelsorte anbauen, vorausgesetzt, daß man Samen und Knollen davon vom Regiment erhalte.

?Soviel die Leute wollen, sollen sie bekommen!?

?Tausend Dank, Gnaden Herr Kommandant! Ich werde predigen davon, wie gut, sehr gut sein besonders der Gans-Erdapfel! Ich sein überzeugt, daß ganze Bevölkerung sich bemühen wird, diese Erdapfel sich zu ? verschaffen!? Ein listiger und zugleich fragender Blick streifte den Hausherrn.

Tonidandel verriet in keiner Weise, daß er die Bedeutung dieses Likaner
Ausdrucks kannte. Absichtlich ignorierte er die listige Anspielung des
Vorstehers, der auf den Busch hatte klopfen wollen.

Auf ?Regimentsunkosten? wurden noch etliche Krüge Weines geleert. Bevor aber der glückselige Vorsteher den Zungenschlag bekam, hob der Hausherr die Sitzung mit dem Bedeuten auf, daß frühmorgens die Kompagnie ausrücken müßte, daher die Nachtruhe erwünscht sei.

?Schon in aller Frühe rücken Herr Kapetan aus?? fragte blinzelnd der
Vorsteher beim Abschied.

?Ich nicht! Aber die Kompagnie! Und nun ?Gute Nacht?, lieber Stare?ina!?

Mit einiger Mühe brachte der Kommandant den schwatzhaft und überschwenglich gewordenen Gast zur Haustüre und auf den Heimweg.

Im Speisezimmer bei trübem Licht der Kerzenstumpen fragte Pegan den
Vorgesetzten, ob die Kompagnie wirklich in aller Frühe ausrücken müsse.

?Aber keine Idee, lieber Bruder! Ich habe das nur gesagt, um den
Vorsteher und meine Erdäpfel los zu werden!? rief lachend der Hausherr.

?Was! Die Erdäpfel willst du los werden? Wieso denn??

?Ja! Es wird keine Stunde währen und im Küchengarten wird dann kein
Erdapfel mehr zu finden sein!?

?Nicht möglich! Du mußt Wachen aufhellen, den Diebstahl verhindern!?

?O nein, lieber Bruder! Im Gegenteil! Es wird mich sehr freuen, wenn
sich unsere Grani?ari, allen voran der Stare?ina, in dieser Nacht meine
Erdäpfel ? ?verschaffen?! Du mußt nämlich wissen, lieber Bruder, daß der
Grenzer niemals stiehlt; er ?verschafft sich? nur eine ihm nicht eigene
Sache! Und da im Regimentsbefehl deutlich zu lesen ist, daß wir den
Grani?ari ?Gelegenheit zum ? Verschaffen? geben sollen, rühre ich
ordergemäß keinen Finger, so unsere Grenzer sich heute nacht sämtliche
Erdäpfel aus meinem Küchengarten holen!?

?Ah! Jetzt verstehe ich alles! Die Erdäpfel hast du mit der Gans braten lassen, damit?.?

?Stimmt! Und jetzt verlöschen wir das Licht; im Dunkel der Nacht wollen wir vom rückwärtigen Zimmer aus beobachten, wie sich die Grani?ari die Gänsekartoffeln holen!?

So geschah es.

Am Morgen stellte Kommandant Tonidandel in Gegenwart des Hauptmanns Pegan dienstlich fest, daß im Küchengarten nicht eine Kartoffel mehr zu finden war. Diese ?Konstatierung? erfolgte zum Zwecke, daß dienstlich an das Regimentskommando der ? Vollzug des Befehles gemeldet werden konnte. Pegan unterschrieb das Dienstschreiben als Zeuge.

Tonidandels Hoffnung, mit einem Erdäpfel-Befehl so bald nicht mehr belästigt zu werden, erfüllte sich vollauf; denn der Regimentschef schien sich zu beruhigen mit der Vollzugsmeldung. Und die Grenzer wollten von den Kartoffeln nichts wissen, weil die ?verschafften? Erdäpfel aus dem Kompagnie-Küchengarten nicht nach ? Gänsebraten schmeckten.

Und bei den Grani?ari galt es fürder ausgemacht, daß der Stare?ina ein ?großer Lügner? sei?.

* * * * *

So zurückgezogen, gesellschaftlich abgeschlossen Kommandant Tonidandel im Städtchen lebte, ab und zu besuchte er doch den Prota (Erzpriester der griechisch-orthodoxen Gemeinde), einen ehrwürdigen Greis mit schneeweißem Bart und langem Silberhaar, im Pfarrhause. Sowohl der ruhige Prota wie seine Gattin, die stille Po?a (Poscha), besonders aber die liebliche Tochter Maca (Matza, Marie) waren dem bärbeißigen Kompagniekommandanten überaus sympathisch. Tonidandel fühlte sich wohl bei dieser Familie, zumal ihm der Prota, der, wie alle Stände in der Militärgrenze, unter dem Militärgesetz und der Militärverwaltung stand, nie Unannehmlichkeiten, Verdruß oder Scherereien verursacht hatte. Gelegentlich vom Prota geäußerte Worte über die drückende Militärdidaktur, über den Despotismus des Regimentschefs nahm Tonidandel umso weniger übel, als der Kompagniekommandant doch selbst seine eigene, nicht gerade rosige Meinung über den gewalttätigen Chef hatte.

So saß denn Tonidandel etliche Tage später an einem Abend im kahlen, doch behaglich erwärmten Wohnzimmer des Pfarrhauses und kneipte mit dem Prota vom Weine, den der Kommandant vorher ins Haus gesandt hatte. Der Erzpriester mit kümmerlichem Einkommen war so arm, daß er den hohen Gast nicht hätte entsprechend bewirten können. Deshalb schickte Tonidandel mit der Besuchsansage stets Wein, Slibowitz, zuweilen auch kalten Aufschnitt ins Pfarrhaus.

So auch diesmal. Und wie die Herren nach der Begrüßung der Damen gemütlich beisammen saßen, erzählte Tonidandel vergnügt die Geschichte von den Gänsekartoffeln, und zugleich sprach er die Hoffnung aus, für die Dauer seiner Dienstzeit mit ?Erdäpfel-Befehlen? verschont zu bleiben.

Der ehrwürdige Prota wagte kaum ein Lächeln. Würdevoll schloß er sich der Hoffnung des Kommandanten an und leerte auf die Erfüllung des Wunsches Tonidandels sein Glas.

?Ist recht so, lieber Prota! Ich hoffe aber noch mehr, nämlich die endliche Berufung unter Vorrückung nach ? Europa!?

?Bog daj!?[3] rief der Erzpriester und hob die Augen zur geschwärzten Decke. Und nachdem er die Unschlittkerze geputzt hatte, wagte er die sanft vorgebrachte Bemerkung, daß sich bei bescheidenen Ansprüchen doch auch in der weltentlegenen Lika leben lasse. ?Besser freilich vielleicht im Provinzial!?[4]

?Glaub Er das nicht, lieber Prota!? erwiderte eifrig der Kommandant. ?In mancher Beziehung sind die Zustände bei uns in der Grenze sogar besser! Wir haben doch nicht die Rechtsbeugungen der adeligen Gutsbesitzer, nicht die Willkürherrschaft der autonomen Komitate, nicht die Gier und Leidenschaft politischer Hitzköpfe im Provinzial!?

Milde sprach der Erzpriester im Silberhaar. ?Das nicht, gnädiger Herr!
Aber dafür den Despotismus des Regimentskommandanten!?

?Das muß man als etwas Selbstverständliches hinnehmen! Das Volk der Grenze so gut wie wir Offiziere! Übrigens haben wir in der Grenze immer noch mehr Rechtssicherheit als das Provinzial!?

Ergebungsvoll stimmte der Prota zu. ?Euer Herrlichkeit belieben recht zu haben! Nur dürfte die Härte des Militärgesetzes nicht zu bestreiten sein.?

?Warum ?Härte???

?Halten zu Gnaden, Herr Kommandant! Hart ist es für uns Serbokroaten, weil die Auditore (Militärrichter) Fremde sind, unsere Sprache nicht verstehen, auf Dolmetscher angewiesen sind, die zwar Kroatisch gut, Deutsch hingegen nur ungenügend können! Ich meine, daß die beiderseitige Sprachunkenntnis gefährliche Folgen für Leben, Freiheit und Eigentum der Angeklagten hat und noch haben wird!?

?Hm! Ist ja richtig, aber wir zwei können das nicht ändern! Na zdravje!?[5]

Demütig dankte der Prota für diese Ehre. Und mit bebender Hand führte er sein Glas zum Munde.

?Recht so, lieber Prota! Muß sagen, daß ich recht zufrieden mit Ihm bin! Der einzige Pope im ganzen Bezirk, der mir noch keinen Verdruß bereitet hat!?

?Ich danke gehorsamst für diese Anerkennung! Dennoch zittere ich schier jeglichen Tag, daß doch einmal Unheil über mich kommen werde?.?

?Warum? Hat Er denn von früher her etwas auf dem Kerbholz??

?Nicht schlimm, Euer Herrlichkeit aufzuwarten! Nur einen üblen Auftritt hat es vor Jahren gegeben, als wir zur Vorstellung vor dem damaligen neuen Regimentskommandanten, einem Deutschen, nach Oto?ac (Ototschatz) befohlen waren und vom Militärchef bös angefahren wurden, daß wir Erzpriester Feinde des Kaisers und Österreichs seien?.?

?Wieso??

?Der Oberst warf uns vor, daß wir in unseren Kirchenbüchern für den Zar von Rußland beten, nicht für den Kaiser von Österreich!?

Interessiert rief Tonidandel. ?Was? Ist das wahr??

?Ja und nein, Euer Herrlichkeit aufzuwarten! Die Erklärung ist leicht zu geben! Unsere Kirchenbücher müssen in ? Rußland gedruckt werden, weil die österreichische Regierung nicht erlaubt, daß unsere orthodoxen Bücher in Österreich gedruckt werden! So ist es denn ganz erklärlich, daß in den in Rußland gedruckten Büchern der Name des dortigen Landesherrn steht. Selbstverbindlich beten wir aber für den Kaiser von Österreich, für unseren Landesherrn!?

?Weiter!?

?Jener Oberst steifte sich aber darauf, daß es in den Büchern ?Zar?, nicht ?Kaiser? heißt! Ich als Sprecher der Erzpriester habe den gestrengen Kommandanten aufmerksam gemacht, daß man in der slavischen Sprache das Wort ?Kaiser? nicht kennt, nicht anders nennen kann als ?Zar?! Zar ist gleichbedeutend mit Kaiser! Zum Schluß der denkwürdigen Audienz hatte ich gebeten, es möge der Oberst bewirken, daß unsere Kirchenbücher in Österreich gedruckt werden dürfen; dann werde sicher der Name unseres österreichischen Zaren = Kaisers gedruckt werden!?

?Was geschah dann??

?Wir wurden ziemlich ungnädig entlassen! Der Oberst schien nicht recht zu glauben, was ich ihm sagte! Und seither befürchte ich immer, daß man mir meinen Freimut verübeln, mich hinterdrein bestrafen, um meine so kärgliche Stelle bringen werde!?

?Mut, lieber Alter! Jener Oberst ist längst nach ? Europa versetzt, also hat es für den Prota von S. keine Gefahr! Und selbst im Falle, daß sich unser gestrenger Chef um diese verjährte Geschichte unerwarteterweise kümmern sollte, werde ich für den Prota schon einzutreten wissen! Jawohl! Prosit!?

Erfreut, von dieser alten Sorge befreit, griff der alte Erzpriester zum Glase, dankte für die Zusicherung des Wohlwollens und der Unterstützung und leerte das Glas auf das Wohl des gnädigen Kompagniekommandanten.

Spät wurde es an diesem Abend, bis Tonidandel sich verabschiedete und sporenklirrend seiner Behausung zustapfte.

In der Kompagniekanzlei erschien der Kommandant am andern Tag erst zur
Stunde, da die Militärstaffette die Post von Karlstadt brachte.

Mit einigem ?Haarweh? behaftet, sah Tonidandel den Einlauf durch, langsam, ohne Interesse, verdrossen. Stutzig wurde er, als er einen neuen Befehl des Regimentskommandos in Händen hielt, ein Dienstschreiben an alle Militärstationen des Likaner Bezirks mit dem Wortlaute. ?Sollten sich bei den Militärstationen alte Pfaffen vorfinden, sind diese, wohlverwahrt im Verschlag, dem Regimentskommando unverweilt abzuliefern.? Die unleserliche, doch wohlbekannte Unterschrift des Chefs stand unter diesem verblüffenden Befehl.

Zweimal las Tonidandel dieses Schriftstück sehr aufmerksam. Dann pfiff
er durch die Zähne. Wie weggeblasen war nun das ?Haarweh?. Und in seinen
Augen glänzte eine seltsame Freude. Wie Donnerrollen klang der Ruf:
?Jovo, hereinkommen!?

Der Kompagnieschreiber Jovo erschien, erwies stramm die Ehrenbezeugung.
?Zu Befehl, Herr Kommandant!?

?Da! Vorlesen diesen Regimentsbefehl!?

Jovo nahm gehorsamst dieses Schriftstück und las es mit geschraubter Stimme laut vor. Beim Worte: ?Pfaffen? stockte er, las es zweimal und hielt verblüfft inne. Seine Augen waren groß wie Pflugräder geworden. Und der Mund stand so weit offen, daß ein Leiterwagen hätte hineinfahren können.

?Noch einmal vorlesen das Wort!? donnerte der Kommmandant.

Gehorsam las Jovo: ?Alte Pfaffen vorfinden!?

?Gut! Du bestätigst also, daß ?Pfaffen? geschrieben und zu lesen ist!?

?Zu Befehl, Herr Kommandant, ja! Es steht deutlich geschrieben:
Pfaffen!?

?Gut! Geh in das Pfarrhaus und hole den Prota! Das ist der einzige alte
Pfaffe[6], den wir hier haben! Abtreten!?

Eine Viertelstunde später stand der ehrwürdige Greis vor dem
Kompagniekommandanten. Verschüchtert, demütig, zitternd.

Herr Tonidandel bedauerte die Belästigung des alten Erzpriesters und machte den Prota mit dem Inhalt des überraschenden Regimentsbefehles bekannt. Dabei hatte der Kommandant ein Wetterleuchten in den Augen. Und seine Lippen umzuckte ein Lächeln vergnüglichsten Spottes, unverfälschter Schadenfreude.

Bebenden Tones erklärte sich der Prota bereit, sofort nach Karlstadt zu gehen trotz der alten steifen Beine und des weiten Weges und sich beim Regimentskommandanten auf Grund des Befehles gehorsamst zu melden. ?Ich bitte Euer Herrlichkeit nur um eine Abschrift des Befehles zu meiner Legitimation bei der Vorstellung!?

?Aber nein, lieber Prota! Das ist unmöglich! Tut mir sehr leid! Befehl ist Befehl! Jeder Befehl muß befolgt werden, buchstäblich und gehorsamst befolgt! Demnach muß ich eine Kiste beschaffen lassen, einen Verschlag, wie es im Dienstschreiben heißt! In diesem Verschlag muß der Prota von S. dem Regimentskommando eingeliefert werden! Laut Befehl!?

?Bog, bog!?[7] jammerte der Erzpriester beweglich und rang die Hände.

?Nur ruhig, lieber Prota! Ich bin kein Freund von Grausamkeiten, hasse jede Brutalität! Demnach verfüge ich, daß der Prota bis eine Viertelstunde des Weges vor Karlstadt inmitten des Militärpiketts auf dem Wagen fährt, dort aber in die Kiste kriecht und im befohlenen ?Verschlag? nach Karlstadt in die Regimentskanzlei gebracht wird! Halte Er sich bereit! In einer Stunde geht der militärische Transport ab! Pelz mitnehmen, Prota, denn es ist verdammt frisch! Wünsche wohl zu speisen!?

Der alte Erzpriester hatte eine Träne im Auge und bittere Angst im Herzen, als er die Kanzlei verließ und zum Pfarrhause wankte. Jovo mußte den merkwürdigen Befehl abschreiben, worauf der Kommandant die Kopie verglich und den Wortlaut mit Unterschrift und Dienstsiegel beglaubigte. Die Abschrift erhielt der Transportführer eingehändigt behufs Legitimierung dieses ? Pfaffentransportes. Dazu scharfe Befehle betreffend schonendster Behandlung des Prota, der erst kurz vor Karlstadt in die Kiste einzuschließen sei.

Auch dieser Unteroffizier, ein Grani?ar aus der Korbava, machte ein höchst verblüfftes Gesicht und große Augen. Der Mund stand weit offen.

Mit einer Bedeckung von sechs Mann Grenzsoldaten in voller Wehr, mit scharfen Patronen und ?aufgepflanztem Bajonett?, in der Mitte der zweispännige Wagen mit dem Prota und der Kiste, ging unter Führung des Korporals der seltsame Transport ab.

Im Städtchen S. zerbrach man sich die Köpfe darüber.

Tonidandel rieb sich in seiner curia nobilis sehr vergnügt die Hände.
Den armen Prota als Opfer hoffte er später entschädigen zu können. Dem
Regimentschef aber gönnte Attilius den unausbleiblichen Ärger von ganzem
Herzen.

Behaglich speiste der Kommandant zu Mittag, schlief auch noch ein
Stündchen. Dann aber erteilte er Befehl, daß morgen ab acht Uhr früh ein
berittenes Pikett marschbereit zu sein habe, und zwar zu seiner
Begleitung auf dem Ritt nach Karlstadt. Denn Attilius ahnte etwas?.

Noch vor Tagesbeginn bei dichtestem Karstnebel traf auf dampfendem Pferde ein Meldereiter in S. ein, der dem Kompagniechef einen Befehl überbringen sollte. Tonidandels Diener ließ aber auftragsgemäß den erwarteten Meldereiter nicht vor und verwies ihn in den Stall mit dem Bedeuten, daß der Befehl erst um acht Uhr überreicht werden dürfe.

Lautete doch Tonidandels Leibspruch. Nur nichts überhudeln beim Militär.

Punkt acht Uhr ritt der Kommandant wohlbewaffnet mit Sattelpistolen und mit dem Regimentsbefehl betreffend Ablieferung des alten Pfaffen im Waffenrocke, begleitet von sechs berittenen Grani?aren nach Karlstadt ab. Gemächlich und trotz des Karstnebels recht vergnügt. Zeitweilig im Trabe, meist aber im Schritt! Nur nichts überhudeln!

Wütend zum Bersten wartete der Oberst K., ein graubärtiger, dicker Herr mit struppigen Haaren und sehr liebebedürftigem Herzen, auf den Kompagniekommandanten, über den sich ein militärisches Gewitter sondergleichen entladen sollte. Wegen Verhöhnung des Vorgesetzten!

Tonidandel wurde ?angehaucht und zusammengestaucht,? daß die Fenster in der Regimentskanzlei klirrten. Attilius stand wie aus Erz gegossen, muckste nicht und ließ den Regimentschef nach Herzenslust wettern, schimpfen, fluchen und drohen.

Bis der Oberst keinen Atem mehr hatte, nach Luft rang und stöhnte.

Dann sprach Tonidandel. ?Zu Befehl, Herr Oberst! Befehl ist Befehl! Hier ist der mir zugegangene Regimentsbefehl! Ich bitte gehorsamst, das Originalschriftstück lesen zu wollen!?

Knirschend vor Wut griff der Oberst nach dem Dienstschreiben und las es zornfunkelnden Auges. Und heiseren Tones stieß er hervor: ?Allerdings! Es steht ?Pfaffen? geschrieben! Herr Hauptmann hätten aber doch unschwer den ? Schreibfehler erkennen können und sollen! Statt ?Pfaffen? muß es heißen: Waffen! Wo bleibt die Intelligenz? Wo das höhere Erfassen? Den Kerl von Regimentsschreiber laß ich in Eisen legen! Ich danke, Herr Hauptmann!?

?Zu Befehl, Herr Oberst!? sprach Tonidandel, salutierte stramm und schloß dabei die vergnügt lachenden Augen.

?Danke! Werde das nicht vergessen! Auch nicht den Auflauf der
Bevölkerung in Karlstadt bei Einlieferung des Prota in einer ? Kiste!
Schauderhaft! Eine Blamage für mich, die ich Ihnen zu verdanken habe!?

?Bedaure sehr, Herr Oberst! Befehl ist Befehl! Ich bin seit vierzig
Jahren gewohnt, Befehle genau nach Vorschrift zu befolgen! Ich bin?.?

?Des Teufels sind Sie, Herr! Danke, Herr Hauptmann!?

Tonidandel verbiß das Lachen und griff nach der Türklinke. Da trat der zornige Oberst an Tonidandel heran und zischte ihm ins Ohr: ?Und was ich Ihnen nie vergeben werde, ist, daß ich das arme Opfer Ihrer Bosheit entschädigen mußte! Mit hundert Gulden! Scheußlich!?

?Das freut mich?.?

?Was? Auch das noch!?

?? für den Prota, der ein bettelarmer Mann ist und die hundert Gulden als Wohltat empfanden wird! Ich werde ihm fünfzig Gulden schenken! Gehorsamst guten Tag, Herr Oberst!? Damit drückte sich Tonidandel zur Tür hinaus und lachte ein stilles, beseligendes, göttliches Lachen der reinsten Schadenfreude?.

Auf die Rache des Regimentschefs, der mit der Sendung des ?Pfaffen in der Kiste? so schön verulkt worden war, harrte Attilius Tonidandel gleich nach seiner Ankunft in S. Aber der erwartete Gegenstreich erfolgte nicht. Sogar die Regimentsbefehle blieben aus. Diese Tatsache bestärkte Tonidandels Überzeugung, daß sich die Institution der Militärgrenze bereits überlebt habe und reif zur Aufhebung geworden sei. Mit dieser Auffassung eilte der Kommandant, was er nicht wissen konnte, den Ereignissen um reichlich vierzig Jahre voraus.

Tag für Tag brachte die Militärpost von Karlstadt die leere Tasche aus der Regimentskanzlei. Darob wurde Hauptmann Tonidandel nun doch stutzig und nachdenklich. Und je mehr er grübelte, desto mehr kräftigte sich die Überzeugung, daß der reingelegte Oberst diese stille Zeit zur Ausbrütung eines besonderen Racheplanes benützen werde.

Furcht kannte Tonidandel als alter ?Haudegen? nicht; er war bereit, jeden Stoß des ihm aufsässigen Chefs kräftig aufzufangen und tüchtig zu erwidern. Umkehren den Spieß im richtigen Augenblick und zustoßen, auf daß der Oberst abermals in den Sand fliegt. Mißlich konnte die ?Vergeltung? des Chefs nur dann werden, wenn sie in die Winterszeit fallen würde. Den schrecklichen Winter in der Lika mit fürchterlichen Stürmen und ungeheurem Schneefall kannte der Kommandant seit Jahren und genauer, als ihm lieb war.

Eines trüben Tages, da schüchterne Schneeflocken zaghaft in die blaugraue Korana fielen, brachte die Militärpost endlich einen Regimentsbefehl aus Karlstadt an den Kommandanten der Kompagnie. In größter Spannung las Tonidandel sehr aufmerksam das Dienstschreiben Wort für Wort, lauernd wie ein Luchs, erwartungsvoll wie nie im Dienstleben an der Militärgrenze. Doch nichts von ?Revanche? war zu finden, keine ?Falle? zu entdecken. Nicht einmal ein Schreibfehler ähnlich Pfaffen = Waffen.

Geradezu harmlos war der Auftrag, einen Dorfpopen im Bezirke wegen ungenügender Führung der Tauf-, Ehe- und Sterberegister zur Verantwortung zu ziehen, Ordnung zu schaffen und über das Ergebnis der Untersuchung sowie Strafantrag an das Regimentskommando erschöpfend zu berichten. Der zweite Teil des Dienstschreibens enthielt den Befehl zur Aufstellung von Detachements in mehreren, eigens benannten Dörfern, von sogenannten Räuberkommandos zur Unterdrückung von Räubereien.

Diesen Befehl las Tonidandel immer wieder, wobei er sich an den Kopf griff. Der Zweck dieses Befehles war unfaßlich, denn seit Jahrzehnten gab es in der Lika keine Räuber mehr; Leute, auch Grani?ari, die ?sich etwas verschaffen? bei guter Gelegenheit, genug, aber keine Räuber. Sinn und Zweck soll aber ein Befehl haben!

Tonidandel fragte sich, ob in diesem Teile des Befehls vielleicht die ?Revanche? stecke, ob in der Aufstellung von Räuberkommandos die Rache des Regimentschefs zu suchen sei. Nichts war zu entdecken, der Befehl im ersten Teile harmlos, in der anderen Hälfte unsinnig und zwecklos, da es keine Räuber gab. ?Aber Befehl ist Befehl!?

Vorsichtig wollte Tonidandel vorgehen, mißtrauisch, ohne Fehler, ohne
Übergriffe.

Ungewöhnlich konnte der Auftrag zur Kontrolle der Amtsführung eines
Dorfpfarrers nicht genannt werden; denn der Militärverwaltung in der
Militärgrenze war alles unterstellt: Männer, Frauen und Kinder, alle
Stände, Klerus, Stadtbürger und Landvolk. Demnach war das
Regimentskommando nicht nur ?kompetent?, sondern auch verpflichtet, die
Dienstgeschäfte der Pfarrer zu überwachen, Ordnung zu schaffen,
besonders dann, wenn Beschwerden eingelaufen waren.

Tonidandel vermutete, daß just über den im Befehle genannten Popen namens Vid (Veit) Denunziationen in Karlstadt eingelaufen sein dürften, und daß dieser Pope möglicherweise kein ordnungsgemäß geprüfter Priester von normaler Ausbildung, sondern nur ein Protektionskind ohne Fachbildung sein werde.

In diesem Falle war besondere Vorsicht angezeigt, um nicht gegen den ?
Protektor zu verstoßen.

Tonidandel ersah aus der Bezirkskarte, daß die ?Inspektions?reise zum Amtssitz des Popen Vid mindestens drei Tage beanspruchen werde. Er übertrug daher die Dienstgeschäfte der Kompagniekommandantur dem Hauptmann Pegan und trat dann mit üblicher Bedeckung die Reise zu Pferd an.

Ein erbärmliches Nest war das Dorf; die Holzhäuser tief im Boden steckend, meist nur ein Gelaß enthaltend, mit Stroh oder Dünger gedeckt. Der Fürsorge der Militärverwaltung entsprachen nur die Kirche und die steingefügten Häuser für den Popen und für die Schule.

Der langhaarige und bärtige Pope Vid sprang wie ein gehetzter Hirsch herbei, als Hauptmann Tonidandel mit sechs Soldaten am Pfarrhause hielt. Überschwenglich und untertänig begrüßte der Pope den ?erlauchten? und gnädigen Herrn, völlig nach Domestikenart, unterwürfig und kriechend.

Barsch fragte Tonidandel in dem üblichen Gemisch von Militärdeutsch und Likaner Kroatisch, ob der Pope Vid heiße und der Pfarrer dieses Dorfes sei.

?Gehorsamst aufzuwarten, gnädiger Herr! Ich bin der Pope dieses Dorfes auf Empfehlung des hochwürdigsten Archimandriten durch die Gnade des erlauchten Chefs des Likaner Regiments, des gnädigsten Herrn Oberst K. in Karlstadt! Womit kann ich Euer Hochwohlgeboren dienen! Ich bitte um die hohe Ehre, die Schwelle meines Hauses überschreiten zu wollen!?

Den Hinweis auf die Ernennung zum Popen durch den Regimentschef K. hielt Tonidandel einstweilen für eitel Prahlsucht. Sein Pferd und die Bedeckungsmannschaft schickte der Offizier in das Dorfgasthaus. Und sofort machte sich Tonidandel an die Erledigung der Dienstgeschäfte, die für einen Offizier ebenso seltsam wie lästig waren.

Der Forderung, die Register (Pfarrmatrikel) vorzulegen, suchte sich der
Pope zu entziehen mit dem Hinweise, daß er ? kein Freund von
Schreibereien sei und um keinen Preis der Welt den gnädigen Herrn
Kommandanten belästigen wolle.

Scharf bestand Tonidandel auf der Vorlage der Pfarregister. Der Pope wand und krümmte sich. Und er jammerte: ?Halten zu Gnaden, erlauchter Herr Hauptmann! Die Matrikel, so Euer Herrlichkeit wünschen, ist ganz überflüssig, also nicht vorhanden!?

?Waaas? Wieso??

?Halten zu Gnaden, Erlaucht! Li ja ba? tako![8] Ganz überflüssig! Wird ein Kind geboren, so taufe ich es, das Kind ist da, braucht also nicht aufgeschrieben werden, weil es da ist! Stirbt einer in meiner Gemeinde, so ist er weg; den Toten schreibe ich nicht auf, weil er eben weg ist!?

?Prachtvoll!? höhnte Tonidandel.

?Danke gehorsamst für diese Anerkennung Euer Erlaucht! Sie freut mich sehr!?

?Und die Hochzeiten! Werden diese auch nicht aufgeschrieben??

?Nur die Namen, von wegen der Gebühren, wenn die Paare nicht gleich bezahlen! Die Zahlung ist die Hauptsache! Wovon soll ein armer Pop leben??

?Eine interessante Wirtschaft in einem Pfarramt!?

?Ich danke untertänigst! Aber interessant ist bei mir nichts, das
Einkommen schlecht!?

?Wo hat Er denn studiert??

?Gehorsamst aufzuwarten, beim Archimandriten!?

?Wie? Unbegreiflich! Zeig Er mir seinen Lehrbrief!?

?Halten zu Gnaden, Herrlichkeit! Ich besitze ein solches Dokument nicht!?

?Tod und Teufel! Also hat Er Theologie gar nicht gelernt!?

?Zu dienen, Erlaucht! Der hochwürdigste Archimandrit hat mich höchstpersönlich unterrichtet, hat mich gelehrt: Messe lesen, Predigen, alle praktischen Funktionen, die ein Pop wissen und ausüben muß! Ganz praktisch, nur praktisch! Ein Dokument hierüber haben mir der hochwürdigste Archimandrit nicht auszufertigen geruht!?

?Warum hat Ihn der Archimandrit in so auffallender Weise sozusagen ? abgerichtet??

?Aus Dankbarkeit!?

?Wie? Was? Wie kommt ein Archimandrit dazu, einem Menschen wie Ihm ? so sonderbar zu Dank verpflichtet zu sein??

?Das kann ich Euer Herrlichkeit nur ins ? Ohr sagen, denn es muß das ein
Geheimnis bleiben!?

Und ehe der Offizier diese widerliche Zudringlichkeit verhindern konnte, hatte ihm der Pope das ? Geheimnis ins Ohr geflüstert.

Erst starrte der Hauptmann den sonderbaren ?Pfarrer? an, verblüfft in hohem Maße; dann aber lachte Tonidandel, daß ihm das Wasser aus den Augen schoß.

Zum Schlusse dieser denkwürdigen Pfarrmatrikelkontrolle bestand der
Offizier auf der Einhändigung des Ernennungsdekretes.

Dieses Dokument lieferte der Pope ersichtlich ungern, zögernd und wider
Willen ab.

Ein Blick auf Dienstsiegel und Unterschrift. Und Tonidandel frohlockte.
Es stimmte genau; der Oberst K., kein anderer, hatte dieses Monstrum von
Theologen zum Pfarrer ernannt. Und den Popen Vid mußte er völlig
vergessen haben: denn sonst würde er den Hauptmann nicht auf das ?
Protektionskind gehetzt, Kontrolle und Bestrafung angeordnet haben.

Wegen der weiteren Erledigung dieser Angelegenheit, erklärte der
Offizier, daß ein Bescheid dem ? ?Pfarrer? schriftlich zugehen werde.
Das Ernennungsdekret nahm er mit.

Wie zu Stein erstarrt blieb der Pope stehen, als der Hauptmann lachend das Pfarrhaus verließ?.

Zwei Tage später schrieb Tonidandel in der Kanzlei zu S. den gewünschten Bericht an das Regimentskommando in Karlstadt. Zwar nicht ?erschöpfend?, aber sarkastisch, knapp und sehr verständlich. Der Inhalt lautete ungefähr: Eine Pfarrmatrikel gibt es im Dorfe ?. nicht; der mit Dekret des Regimentskommandanten, des Herrn Oberst K. zum ? Pfarrer ernannte Ja?a Vid war früher durch viele Jahre Kutscher beim Archimandriten ?., der den Vid aus Dankbarkeit zum Popen abrichtete, weil der Vid niemals einen ? Lohn für seine Kutscher- und Hausknechtsarbeit erhalten hat. Deshalb besitzt der Vid auch keinen theologischen Lehrbrief und keine theologischen Kenntnisse. Vid behauptet, daß der Archimandrit ihn dem Herrn Regimentschef empfohlen habe. Die Bestrafung wegen ungenügender Matrikelführung wolle das hohe Regimentskommando vornehmen.

Bezüglich der Errichtung von Räuberkommandos wird gehorsamst bemerkt, daß es im Dienstbereiche des Kompagniekommandos S. Räuber nicht gibt.

Deshalb wird gehorsamst um Angabe der Dörfer gebeten, in die zwecklos
Detachements gelegt werden sollen?.

Lachend fügte Tonidandel diesem Schriftstück das Dienstsiegel des
Kompagniekommandos und seine Unterschrift bei.

Das Städtchen S. und die Lika wurden bald darauf eingeschneit, von allem Verkehr gänzlich abgeschnitten. Wochen vergingen. Und als erstmals wieder auf Schlitten die Militärpost aus Karlstadt nach S. kam, enthielt die Posttasche unter anderm ein Schriftstück, das den Befehl zur Aufstellung von Räuberkommandos widerrief und dem Kompagniekommando mitteilte, daß Oberst K. unter Beförderung zum Generalmajor nach Wien versetzt worden sei. Also war Hauptmann Tonidandel seinen ?Befehlsgeber? und Peiniger los geworden.

Fußnoten:

[1] Stare?ina (gesprochen Starjeschina) = Oberhaupt, Gemeindesvorsteher, Bürgermeister, Dorfältester, auch Befehlshaber. Es muß der Stare?ina nicht immer ein alter Mann sein, soll sich aber in ?gesetzten? Jahren befinden. Der Südslave verehrt nur den Alten, der in bester Lebenskraft voll und ganz seinen Mann gestellt, Großes geleistet hat.

D.V.

[2] Grani?ari (Granitschari) = Grenzsoldaten, granica = Grenze.

[3] ?Gott gebe es!?

[4] Die unter der Militärverwaltung stehende Bevölkerung der Militärgrenze nannte Zivilkroatien damals ?Provinzial? und liebäugelte mit den dortigen Verhältnissen.

[5] ?Zur Gesundheit!?

[6] Der Ausdruck ?Pfaffe? hatte damals noch nicht die üble Bedeutung wie jetzt.

[7] ?Gott! Gott!?

[8] ?Es ist wirklich so!?

Des Popen Meisterstück

Als Kommandant Tonidandel von der Grenzerkompagnie S. auf Regimentsbefehl (unterzeichnet: ?K.?) die Untersuchung gegen den Dorfpopen Vid wegen ungenügender Führung der Pfarrmatrikel durchgeführt und dieses sonderbaren ?Pfarrers? Ernennungsdekret mitgenommen hatte, verlebte der Pope Vid begreiflicherweise schwere Tage bitterster Angst in Erwartung der Strafe und der Absetzung. Denn soviel Verstand besaß Ja?a Vid noch von seiner Tätigkeit als Rosselenker her, daß er selbst die Belassung auf seinem Posten für unmöglich hielt, nachdem in seine Führung der Pfarrgeschäfte von militärischer Seite ?hineingeleuchtet? worden war. An der Entlassung von kurzer Hand zweifelte Vid keinen Augenblick; sie konnte nur noch die Frage weniger Wochen sein und hing zeitlich davon ab, wann der Kompagniekommandant den Rapport schreiben, das amtliche Schriftstück beim Regimentskommando in Karlstadt eintreffen und Oberst K. dazu kommen werde, das Aktenstück zu erledigen.

Den ersten Tag nach Tonidandels Abzug verlebte der Pope in völliger Verzweiflung. Der zweite Tag verging in dumpfem Hinbrüten. Am dritten Tage dämmerte im ?pfarrlichen? Kutschergehirn der Gedanke auf, daß das bittere Unheil vielleicht abgewendet werden könnte, wenn ?man? den allmächtigen Regimentskommandanten bei besonders guter Laune antreffen, ihm ein besonders schönes Pferd ?vorführen? und kniefällig um Belassung auf dem Posten trotz mangelhafter Registerführung und früherer Kutschertätigkeit bitten würde.

Mit einer gewissen Findigkeit, die der Logik nicht entbehrte, kam Vid zu der Folgerung, daß der Regimentsgewaltige ihn nicht zu hart bestrafen könne, nachdem doch der Oberst in eigener Person den Kutscher zum ? Pfarrer ernannt hatte. Schuld des Popen konnte es nicht sein, falls etwa der Archimandrit dem Regimentskommandanten verschwiegen haben sollte, daß Vid früher des Archimandriten Rosselenker gewesen. Wußte dies aber der Oberst, hatte er trotzdem die Ernennung vollzogen, so durfte er, nun durch die ?Stocherei? des Kontrolloffiziers der Tatbestand ?aktenmäßig? geworden, nicht so grausam sein, den Popen, sein Protektionskind, davonzujagen.

Am vierten Tage beschäftigte sich Vid mit dem Verhalten des Hauptmannes gegenüber dem ins Ohr geflüsterten Geheimnis. Der Pope fragte sich, warum der Offizier sich krümmte und so schrecklich lachte, daß ihm das Wasser aus den Augen schoß? Die ?Beförderung? des Kutschers zum Popen mochte in fremden Augen ungewöhnlich erscheinen; Vid erblickte in ihr nichts anderes als die Tilgung einer Dankesschuld. Verjagt der Oberst den Popen vom Pfarrposten, so wird der Archimandrit entweder für eine andere Stelle sorgen oder den rückständigen Kutschersold bezahlen müssen?.

Weshalb aber lachte der Offizier so unbändig? Ist er vielleicht ein Feind des Regimentskommandanten? Will er ihm mit der Aufdeckung des Geheimnisses, daß Vid früher ? Kutscher gewesen, einen besonderen Streich spielen? Darüber Näheres und Sicheres zu erfahren, bestand keine Möglichkeit. Doch eines erriet Vid gefühlsgemäß: eine Hauptrolle werde und müsse seine Tätigkeit als ? Rosselenker spielen. Dieses ?Gefühl? lenkte auf den Gedanken, die Gunst des Regimentskommandanten neuerdings, und zwar durch ? Pferde zu gewinnen. Der arme schlechtbezahlte Dorfpope besaß jedoch keine Pferde, konnte solche nicht kaufen. Ein schönes wertvolles Roß schon gar nicht. Und ein ? Pope konnte ein Prachtroß auch nicht ? ?verschaffen?. Nur darüber ? reden könnte er mit einem Besitzer oder mit einem Sachverständigen in der Pferdebeurteilung.

Eigentümer schöner Pferde gab es im Dorfe nicht, wohl aber im nächsten größeren Orte. Sachverständige im Heimatsdorfe genug. Gleich der nächste Nachbar des Pfarrhauses, der Mirko, stand im Rufe eines Pferdekenners, der freilich viel schwätzte; doch erzählte die Fama von ihm, daß er ? nachts auf geheimnisvollen Gängen sehr schweigsam, stumm wie das Grab, sei.

Nicht über die beunruhigende Sache betreffend die drohende Absetzung,
nur über ? Pferde wollte der Pope mit Mirko sprechen. Bei nächster
Gelegenheit fragte also Vid, wie doch eigentlich die kavalleristische
Episode im ?Provinzial? bei der Landwehr gewesen sei.


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