Die Heilung durch den Geist

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Die erste Stufe

Der große heroisch-groteske Kampf der »Science« gegen die Wissenschaft beginnt als Idylle, als kleinbürgerliches Lustspiel.

In Lynn, demselben abseitigen banalen Schuhmacherstädtchen, wo Mary Baker seinerzeit den biedern Absatzflicker Hiram Craft zum Doktor der neuen Heilkunde ausbilden wollte, wohnt eine kleine nette Kinderlehrerin, Miß Susie Magoun. Sie hat ein Haus für ihre Privatschule gemietet, das erste Stockwerk soll dem Unterricht dienen, das zweite wünscht sie weiter abzugeben. Eines Abends nun, Anno 1870, erscheint ein junger Mann, er sieht aus wie ein Knabe und wieso auch nicht: Richard Kennedy ist ja nicht älter als einundzwanzig. Bescheiden verbeugt er sich und fragt (mit etwas Sand in der Stimme), ob sie diese fünf Zimmer an einen Arzt vermieten wolle. »Gern«, antwortet Miß Magoun, er suche wohl einen Ordinationsraum für seinen Herrn Vater? Da errötet der junge Kartonagearbeiter über das ganze Gesicht: Nein, er selbst sei der Doktor, und fünf Zimmer benötige er für seine Praxis, weil mit ihm auch eine ältere Dame wohnen wolle, die »ein Buch schreibe«. Miß Magoun sieht den jungen Flaumbart zunächst etwas verblüfft an. Aber schließlich, Lynn liegt in Amerika, und Amerika kennt nicht unser akademisch-bürokratisches Vorurteil gegen die Jugend. Dort sieht man einem Menschen in die Augen, und da dieser junge Bursche einen offenen und klaren Blick trägt und überdies sich sauber und anständig präsentiert, willigt sie ein. In den nächsten Tagen rücken die neuen Mieter an. Viel Gepäck brauchen die beiden die Treppe nicht hinaufzuschleppen, gerade zwei billig gekaufte Betten, einen Tisch, ein paar Stühle, sonst bloß allerdürftigsten Kram. Und daß sies mit dem Gelde nicht sonderlich dick haben, erweist augenfällig die Tatsache, daß der junge Mediziner sich zunächst als Handarbeiter betätigt, höchst eigenhändig die Tapeten ankleistert, die Zimmer bürstet und fegt. Dann aber ? historisches Datum, Juli 1870! ? heftet der einundzwanzigjährige Flaumbart an einen Baum vor dem Hause seine Tafel: »Dr. Kennedy«. Und damit ist die erste Praxis der Christian Science eröffnet.

Eine Tafel an einen Baum heften und sich kurzerhand Doktor titulieren, nun, das bedeutete damals nichts sonderlich Auffälliges in einem Lande, das solche Selbstpromotionen noch freisinnig erlaubte. Erstaunlich wird erst die Folgeerscheinung dieses resoluten Vorgangs, nämlich, daß schon in derselben Woche einige Patienten bei dem frischetablierten »Doktor« vorsprechen. Und noch erstaunlicher: sie scheinen gar nicht unzufrieden mit seiner Kunst, denn in der zweiten Woche rückt noch zahlreichere Kundschaft an und abermals mehr in der dritten. Am Ende des Monats Juli geschieht das erste Wunder der Christian Science: der frisch aus dem Ei gepellte »Doktor« Kennedy kann von seinen Einnahmen bereits prompt und pünktlich seinen Zins bezahlen. Und Wunder über Wunder: die Kurve des Erfolgs steigt immer schärfer an von Woche zu Woche. Im August muß die Patientenreihe sich schon im Vorzimmer anstellen, im September die Schulstube der Miß Magoun zeitweilig als Wartezimmer ausgeliehen werden. Wie mit einem Lasso hat die neue Methode der Company Kennedy & Baker die ganze Kundschaft der Stadt Lynn von den Ärzten zu sich herübergerissen, Dutzende drängen sich täglich zur »neuen« Kur. Uns freilich, die wir bereits die Praxis des Dr. Quimby kennen, scheint die Methode des Doktor Kennedy nicht gar so neu, denn sie wiederholt bis in die letzte Einzelheit die erprobte Suggestionskur des braven Uhrmachers von Portland. Genau wie jener setzt sich der Kartonagedoktor Kennedy zu seinen Patienten, reibt mit befeuchtetem Finger ihre Schläfen und raspelt dann die ganze metaphysische Litanei herunter, wie sie ihm seine Meisterin eingelernt: »daß der Mensch göttlich sei, und da Gott nicht das Böse wolle, so könne alles Böse, so könne Schmerz und Krankheit nicht wirklich vorhanden sein. Dies seien nur mentale Vorstellungen, ein Irrtum, von dem man sich befreien müsse.« Mit der manischen und zähen Beharrlichkeit, die ihm Mary Baker ins Herz gehämmert, spricht und spricht und spricht er seine Sprüchlein in alle Kranken so unbedingt überzeugt hinein, als ob er schrankenlose Gewalt über ihr Leiden hätte. Und die Sicherheit dieses sympathischen, klaräugigen und durch seine Schlichtheit glaubwürdigen Menschen geht tatsächlich auf die meisten seiner Patienten befreiend über. Einfache Männer aus dem Volke, Schuharbeiter, kleine Beamte und Angestellte, die zu ihm kommen, fühlen sich nach wenigen Stunden von ihren Schmerzen entlastet, und ? warum klare Tatsachen leugnen oder entstellen? ? eine ganze Reihe von längst Aufgegebenen, eine Frau, die an Tuberkulose leidet, ein Mann mit Lähmung, verdanken dieser »metaphysischen Kur« momentane Schmerzlinderung, einige behaupten sogar, völlig gesundet zu sein. So spricht sichs rasch in den achtzig oder hundert Straßen von Lynn herum, dieser frisch hereingeschneite Doktor Kennedy sei wirklich ein ganz famoser Bursche, der quäle einen nicht mit Instrumenten, Drogen und teuern Mixturen, und wo er nicht helfe, da schade er zumindest nicht. Ein Kranker rät dem andern, wenigstens einmal die funkelnagelneue »mentale« Methode zu probieren. Und das Resultat steht bald unbestreitbar da. Innerhalb von ein paar Wochen hat die neue Science in Lynn glatt gesiegt, man kennt und rühmt den Doktor Kennedy als einen ganzen Kerl.

Aber nur Kennedy nennt und rühmt man bis jetzt. Daß rückwärts im nachbarlichen Zimmer eine noch straffe halbalte Frau sitzt, von der jener Strom des Willens eigentlich ausgeht, daß einzig ihre geballte Energie diesen jungen Praktikus wie eine Puppe dirigiert, daß jedes seiner Worte von ihr eingelernt, jeder Handgriff von ihr angeordnet und errechnet ist, das ahnt vorläufig niemand in Lynn. Denn während der ersten Wochen bleibt Mary Baker vollkommen unsichtbar. Wie eine Eule, grau und still, hockt sie tagsüber in ihrem Zimmer, schreibt und schreibt an ihrem geheimnisvollen Buch, an ihrer »Bibel«. Nie betritt sie den Ordinationsraum ihres Golem, selten wechselt sie ein Wort mit den Hausgenossen, bloß ein schmaler schweigsamer Schatten geistert manchmal zum Staunen der Kranken von Tür zu Tür. Aber Mary Bakers Geltungstrieb ist zu mächtig, als daß er ihr erlaubte, auf die Dauer im Hintergrund zu bleiben; nichts will, nichts kann sie mit andern teilen, am wenigsten den Erfolg. Erstaunt, erschüttert sieht die seit Jahren verlachte, verhöhnte, verspottete Frau endlich an fremden Menschen die praktische Anwendbarkeit ihrer Methode bestätigt, und mit ungeheurer Ekstase überwältigt sie das Unverhoffte, daß jener Stein, den sie durch Zufall an ihrem tragischen Wege aufgriff, wirklich ein Magnetstein gewesen, ein »pierre philosophale«, erfüllt mit der magischen Macht, Seelen anzuziehen und Leiden zu lindern. Etwas von der wilden Lust, von dem begeisterten Staunen eines Konstrukteurs muß damals in ihr aufgeglüht sein, der eine Maschine theoretisch denkend am Schreibtisch entworfen hat und sie nun nach Jahr und Jahr zum erstenmal richtig und schöpferisch funktionieren sieht, etwas von der Beglückung eines Dramatikers, der sein geschriebenes Gebilde plötzlich von Menschen dargestellt und auf Menschen wirkend erlebt; in diesen Stunden schon mag erste Ahnung ihre betroffene Seele überstrahlt haben von den unermeßlichen Möglichkeiten, die in diesem Anfang lagen. Jedenfalls, von diesem ersten Einsatz des Erfolges an, erträgt Mary Baker das Dunkel nicht mehr. Soll sie dies große Geheimnis wirklich nur einem Einzigen, einem Kennedy anvertrauen, soll wirklich ihre »Entdeckung« auf Lynn beschränkt bleiben? Nein, die Wiederentdeckung des Glaubensgeheimnisses, mit dem einst Christus die Aussätzigen erlöste und Lazarus erweckte, eine solche göttliche Methode, sie muß als ein Evangelium über die ganze Menschheit hin verkündet werden! Ekstatisch erkennt Mary Baker ihr neues, ihr wahres Amt: Lehren und Verkünden! Und sofort beschließt sie, Apostel zu werben, Jünger, die, wie einstens Paulus die Botschaft Christi, nun ihre Heilslehre vom »Nichtvorhandensein der Krankheit« von einem Ende der Welt bis zum andern tragen.

Zweifellos, dieser erste Überschwang war bei Mary Baker-Glover ehrlich und echt; aber, obwohl bis ins Blut hinab überzeugt von ihrer Wahrhaftigkeit wie nur irgendein Glaubensprophet in Samaria und Jerusalem, bleibt die Amerikanerin in ihr unverändert doch Amerikanerin, Kind eines geschäftstüchtigen Jahrhunderts. Beglückt und ungeduldig, jetzt endlich ihr erlösendes »Geheimnis« an die Welt weitergeben zu können, denkt ihr praktischer Verstand nicht eine halbe Minute daran, diese Wohltat und Weisheit der Menschheit umsonst zu übermitteln; im Gegenteil, vom ersten Augenblick an trifft sie notarielle Vorkehrungen, ihre welterschütternde »Entdeckung« der Immaterialität der Welt genau so patentberechtigt in Dollars auszuwerten, als handele sichs um einen neuen Granatenzünder oder eine hydraulische Maschinenbremse. Von allem Anfang an hat Mary Bakers Übersinnlichkeit ein merkwürdiges Loch: unsern Körper, unsere Sinne, alles das verhöhnt sie als Schein; die Geldscheine dagegen nimmt sie gern als Realität. Von der ersten Stunde betrachtet sie ihre überirdische Eingebung gleichzeitig als ausgezeichnetes Mittel, um aus ihrer Verkündung der Irrealität des Bösen sehr gutes und allgültiges Geld zu schlagen. Zunächst läßt sie sich Karten ? sozusagen Geschäftskarten ? drucken:

MRS. M. GLOVER
Teacher of
Moral Science

»Moral Science« ? denn das errettende, das abschließende Wort »Christian Science« hat sie damals, 1870, noch nicht gefunden. Noch wagt sie nicht die Horizonte bis ins Himmlische, ins Religiöse abzustecken, noch glaubt sie ehrlich und redlich, nur ein neues wirksames Naturheilsystem, die verbesserte Quimby-Methode, zu lehren. Ausschließlich Ärzte ihres »mentalen« Systems beabsichtigt sie damals heranzubilden, handfeste »practitioners«, und dies geschieht zunächst in einem Lehrkurs von sechs Wochen, einem, wie wir sagen würden »Schnellsiederkurs«. Als Honorar setzt sie für ihre »inition«, für ihre Unterweisung in der neuen Methode zuerst einen einmaligen Betrag fest: hundert Dollar (später auf dreihundert Dollar erhöht), dazu freilich noch die vorsorgliche und geschäftskluge Verpflichtung, zehn Prozent aller Einnahmen an sie abzuführen. Man sieht: in der ersten Stunde des ersten Erfolges ist in dieser bisher lebensuntüchtigen Frau mit der frischen Spannkraft auch ein mächtiger, ein für immer unstillbarer Businessappetit erwacht.

Auf Schüler braucht sie nicht lange zu warten. Einige der von Kennedy geheilten Patienten, einige dieser Schuhmacher, Shopkeeper und Farmer, ein paar müßige Frauen lockt das Geschäft. Soll mans nicht wirklich riskieren, denken diese abgerackerten braven Kerle, hundert Dollar zu blechen, um bei dieser Mrs. Baker-Glover, die es einem so bequem macht, in sechs Wochen das Doktern zu lernen, während die andern, die einfältigen Ärzte fünf Jahre auf Universitäten herumkümmeln und sich, weiß Gott wie, plagen müssen? Gar so schwer kann diese Art Doktorei doch nicht sein, wenn sie ein solcher Flaumbart erlernt hat wie dieser einundzwanzigjährige Kartonagearbeiter, der jetzt schon allmonatlich seine tausend Dollar einsackt. Und Bildung, Vorbildung verlangt diese brave Sibylle honetterweise auch nicht, Latein oder ähnliche Faxereien: warum nicht diese bequemste aller Universitäten wählen? Ein vorsichtiger Kandidat erkundigt sich, ehe er seine hundert Dollar wagt, noch auf alle Fälle zuvor bei der Meisterin, ob nicht doch eine gewisse Kenntnis der Anatomie für den Studenten oder »healer« notwendig sei. Darauf antwortet Mary Baker sehr entschieden und stolz: Nein, durchaus nicht, dies sei eher ein Hindernis, denn Anatomie gehöre zur Knowledge (der irdischen Wissenschaft), die »Science«, die mentale Wissenschaft aber, zu Gott, und gerade dies wäre ihre Mission, die Knowledge durch die Science zu zerstören. Das genügt, auch den Bescheidensten zu beruhigen, und so setzen sich bald ein Dutzend dieser engstirnigen breitschulterigen Schuharbeiter auf die metaphysische Schulbank. Wahrhaftig, Mary Baker-Glover macht ihnen die »Science« nicht schwer: zwölf Lektionen, dann das Kopieren und Auswendiglernen eines Manuskriptes: »Fragen und Antworten«, das ? sie wird es später verzweifelt leugnen! ? im wesentlichen noch immer das alte abgeschriebene Exemplar von Vater Quimby ist. Nach der letzten Lektion spricht sie die wackern Schuhabsatzflicker oder Ladenschwengel mit »Doktor« an und damit frei: die Promotion ist vollzogen, ein neuer Mann kann sich eine Doktortafel an einen Baum heften und tapfer drauf los kurieren.

So sachlich mans erzählen mag, diese Kurse und Geschwindpromotionen Mary Bakers schmecken nach Farce und Lächerlichkeit. Aber hier berühren wir einen Kernpunkt in der Wirkungskraft dieser erstaunlichen Frau: ihr fehlt vollkommen jeder Sinn für das Lächerliche. Sie ist derart erfüllt von Selbstvertrauen, derart eingemauert und verschlossen in ihre Überzeugung, daß nie und niemals irgendein Einwand der Vernunft ihr an Hirn und Nerven herankann. Ihre Scheuklappenlogik ist stärker als die Logik der ganzen Welt. Was sie sagt, ist Wahrheit, was die andern sagen, Lüge. Was sie tut, ist tadellos, was die andern darüber denken, gleichgültig: wie ein Tank bis auf die kleinste Luke verpanzert, rollt ihre Selbstverzücktheit unaufhaltsam über allen Stacheldraht der Wirklichkeit. Eben aus dieser Unbelehrbarkeit der Vernunft stammt aber auch ihre frenetische, ihre unvergleichliche Leidenschaftskraft, hinreißend das Absurdeste zu lehren, und sie wächst ins Selbstherrlich-Despotische mit dem gesteigerten Erfolg. Seit Mary Baker bei Kranken nach ihrer Methode Erfolge erzielt, seit sie von ihrem Lehrpult die strahlenden, die erregten, die bezwungenen Blicke von hingegebenen Schülern gesehen, seit dieser Stunde braust dieser Frau das Blut so mächtig in Herz und Schläfen, daß sie zeitlebens keinen Einspruch mehr hört.

Dieses neugewonnene Selbstgefühl verwandelt in wenigen Wochen ihr Wesen bis in die unterste Zelle ihres Geblüts. Das Flackernde weicht dem Gebietenden, nun sie, die jahrelang als unnütze, ungehobene Fracht in einem untersten Laderaum des Lebens lag, oben, das Steuer in der Hand, auf der Kommandobrücke steht. Zum erstenmal hat sie, die so unerträglich lang Unproduktive, den gefährlichsten Rausch erlebt: Macht über Menschen. Endlich ist der Eisring um sie aufgetaut, endlich hat auch die Armut sie aus der würgenden Kralle gelassen: zum erstenmal seit fünfzig Jahren lebt sie nicht mehr von fremdem, sondern von selbstverdientem Geld. Endlich kann sie die geflickten, zerriebenen, vom Dunst der Entbehrung fettigen Fetzen von sich werfen und ihre hohe, gebietend gewordene Gestalt in ein schwarzes Seidenkleid hüllen. Bis tief unter die Haut durchschüttert fortan die vom Leben so lange ins Abseits Gedrückte die elektrische Energie des Selbstbewußtseins. Und mit fünfzig Jahren wird eine Frau jung, die mit zwanzig alt gewesen.

Aber geheimnisvolle Rache! Eine so plötzliche Durchblutung des Körpers mit neuer Lebenskraft, eine so gewaltsame Aufspannung und Verjüngung zeigt auch ihre Gefahr. Denn obwohl Prophetin, Lehrerin, Verkünderin, ist diese fünfzigjährige Frau innerlich Weib geblieben, oder vielmehr: sie ist es erst jetzt geworden. Etwas Unerwartetes ereignet sich. Dieser junge, unbedeutende Bursche Kennedy, ihr Schüler, hat ihrer Methode verblüffend schnell zum Triumph verholten. Er hat als Healer alles erfüllt, was eine Lehrerin von einem Schüler erhoffen konnte, und sogar alle Erwartungen weit übertroffen: zwei Jahre haben die beiden in ausgezeichneter Partnerschaft zusammen gearbeitet, und ein Bankkonto bezeugt des »practitioners« Tüchtigkeit, Redlichkeit, seinen rastlosen Fleiß. Aber sonderbar, statt daß dieser persönliche Erfolg Kennedys sie beglückte, beginnt er sie gegen ihren Kompagnon instinkthaft zu erbittern. Irgendein Gefühl, über das sich die puritanisch strenge Frau gewiß nie redlich Rechenschaft zu geben wagte, wird immer mehr von Kennedys Gegenwart aufgereizt, und allmählich färbt sich ihre Gefühlseinstellung zu ihm (wir verstehen psychologisch sofort: als Schutzfarbe) zu heimlicher Erbitterung um. Im Tatsächlichen wüßte sie nichts gegen ihn einzuwenden. Dieser junge nette Mensch verhält sich immer gleich höflich, dankbar, anteilnehmend, unterwürfig und respektvoll zu ihr, er hat alle Erwartungen erfüllt ? zumindest alle Erwartungen, die sie mit hellem Bewußtsein an diesen jungen, hübschen, sympathischen Menschen gesetzt hat; ? aber es scheint, daß ihr Unterbewußtsein, daß der bluthafte physiologische Instinkt der alternden Frau, ihrem eigenen wachen Willen unkontrollierbar, noch irgend etwas anderes von ihm erwartet hat. Gewiß, er ist höflich und nett und liebenswürdig zu ihr, aber nicht mehr, und außerdem ebenso höflich und nett und liebenswürdig zu den andern Frauen. Und irgend etwas (nie wird ihr Puritanismus zugeben, was dieses Etwas ist) erbittert sich heimlich gegen ihn in der fünfzigjährigen Frau, die über ihre Zimmertüre die Worte der Bibel geschrieben hat: »Thou shalt have no other Gods before me.«

Etwas bleibt aus, was sie von ihm erwartet und was ? das ist klar: die Frau, das fleischliche Weib in ihr fordert gleiche Verehrung wie die Lehrerin, ohne daß sie es wagt, weder sich noch ihn sinnlich offen ihren Wunsch ahnen zu lassen. Verdeckte und unterdrückte Gefühle aber entladen sich meist in andern Symptomen. Und da der nicht sehr kluge Kennedy noch immer nichts ahnt oder ahnen will, bricht plötzlich die verborgene Spannung als Komplementärgefühl des Eros, als nackter, wilder Haß heraus. Einmal, als sie abends zu dritt mit der nun verheirateten Susie Magoun gemütlich Karten spielen und Kennedy gewinnt, da explodiert die gestaute Spannung (auch beim Kartenspiel erträgt die Selbstherrliche nie, daß ein anderer die Oberhand behält). Mary Baker-Glover bekommt einen hysterischen Anfall: sie schlägt die Karten auf den Tisch, bezichtigt Kennedy, betrogen zu haben, und nennt ihn vor Zeugen Schwindler und Gauner.

Der brave Kennedy, durchaus kein Hysteriker, handelt wie ein klarer, rechtschaffener Mann. Er geht sofort in die gemeinsame Wohnung hinauf, holt aus dem Schreibtisch den Vertrag, zerreißt ihn, wirft die Fetzen ins Feuer und erklärt die bisherige Partnerschaft für immer gelöst. Darauf bekommt Mary Baker einen hysterischen Schock und fällt prompt ohnmächtig zu Boden. Aber der »Doktor« Kennedy, er, dem sie, wie die rosenrote Biographie verzweifelt schluchzt, »die physisch unerforschlichen und unfaßbaren Wahrheitsbegriffe tiefer und eingehender als irgendeinem andern Schüler erklärt hatte«, dieser brave Kennedy scheint inzwischen schon etwas praktische Medizin gelernt zu haben. Er nimmt die Ohnmacht nicht sehr tragisch und läßt die Hysterikerin ruhig auf dem Boden liegen. Am nächsten Tage rechnet er kühl seine Verbindlichkeiten ab, legt ihr sechstausend Dollar als Anteil für zwei Jahre gemeinsamer Heilkompanie auf den Tisch, nimmt den Hut und eröffnet seine eigene Praxis.

Diese brüske Trennung von Kennedy bedeutet innerhalb des Lebens der Mary Baker-Glover vielleicht die wichtigste seelische Entscheidung. Es ist weder ihr erster Zwist mit einem Lebenspartner noch der letzte, denn diese heftigen Loslösungen ereignen sich infolge ihrer despotischen Unverträglichkeit geradezu zwanghaft und ohne Unterlaß durch ihr ganzes Leben. Von niemandem, dem sie nahestand, weder von ihrem Mann noch von ihrem Sohn, von ihrem Stiefsohn, ihrer Schwester, ihren Freunden, konnte jemals diese unheilbar Hörige ihres Eigenwillens anders als im tödlichen Zwist scheiden. Hier aber war sie im innersten und dunkelsten Bezirk ihres Wesens verwundet, in ihrer Weiblichkeit. Und wie übermächtig das potipharische Gefühl der alternden Frau für diesen Schüler gewesen sein muß, erkennt man erst nachträglich, erst jetzt an dem schreienden, tobenden, in Krämpfen zuckenden, an dem tödlichen und bis zur Tollheit überreizten Haß, den sie allmählich als echte Hysterikerin bis ins Metaphysische, bis zum Zenit ihres Weltalls emporsteigert. Daß Kennedy, dieses Nichts, das sie aus der Kartonagefabrik hervorgeholt hat, ganz gemächlich ohne sie weiterleben kann, daß er seine, von ihr eingedrillte Praxis jetzt ohne ihre Mithilfe ein paar Straßen weit mit ausgezeichnetem Erfolg fortsetzt, dieser Gedanke peitscht ihren Stolz bis hart in den Wahnsinn hinein. In einer diabolischen Verzweiflung sinnt und sinnt sie unentwegt mit verbissenen Zähnen, wie sie den Untreuen vernichten und dem ehemaligen Kompagnon die »Science« wieder entreißen könne. Irgendwie muß sie, um ihn zu entlarven, ihren Anhängern beweisen, daß dieser Verräter an ihrem Herzen zugleich auch ein Verräter an der »Wahrheit«, seine Methode eine falsche, eine »mental malpractice« sei. Aber das geht logischerweise nicht gut an, plötzlich die Kennedymethode als »malpractice« zu verleumden, denn der brave Kennedy hat niemals auch nur einen Schatten einer selbständigen Idee gehabt, er weicht nicht einen Zoll von ihrer Instruktion ab, sondern übt Griff für Griff die Praxis so weiter, wie Mary Baker-Glover sie ihm eingetrichtert hat. Ihn einen Schwindler nennen, hieße zugleich die eigene Methode bloßstellen. Aber wenn Mary Baker etwas will, dann geht sie mit dem Kopf durch die Wand. Lieber wirft sie, nur um diesen pathologisch gehaßten Kennedy einen Betrüger, einen »malpractitioner« nennen zu können, ihr eigenes Verfahren in einem entscheidenden Punkte um ? über Nacht verbietet sie, was sie bisher allen ihren Schülern als unerläßliche Einleitungsphase der Behandlung vorgeschrieben: das Streichen der Schläfen mit angefeuchtetem Finger, den Druck auf die Kniee, also die körperlichhypnotische Vorbereitung der Glaubenssuggestion. Wer von nun ab einen Patienten körperlich berührt, begeht nach dieser plötzlich erlassenen neuen Papstbulle nicht nur einen Fehler gegen die »Science«, sondern ein Verbrechen. Und da der ahnungslose Kennedy munter die alte Methode weiterpraktiziert, wird das Interdikt gegen ihn geschleudert. Mary Baker stempelt ihn öffentlich als Verbrecher an der Wissenschaft, einen »geistigen Nero«, als »Mesmeristen«. Aber nicht genug an diesem persönlichen Racheakt: urplötzlich nimmt in ihrer pathologisch überreizten und überheizten Wut gegen den Abtrünnigen der friedliche Begriff Mesmerismus selbst einen dämonischen Charakter an: in ihrer Hemmungslosigkeit schreibt tatsächlich die überreizte Frau dem biedern Kennedy ? mitten im neunzehnten Jahrhundert ? satanischen Einfluß zu. Sie beschuldigt ihn, mit seinem Mesmerismus ihre eigene Heilkraft zu lähmen, mit geheimnisvollen telepathischen Strömungen durch seine Schwarzkunst Menschen krank zu machen und zu vergiften. Tatsächlich, man würde das 1878 nicht für möglich halten, aber diese Hysterikerin des Machtwillens rottet ihre Schüler zusammen, läßt sie einander an den Händen fassen und einen Kreis bilden, um die mesmeristischen Bosheitsstrahlen dieses »Nero« von sich abzuhalten. Tollheit, wird man sagen, unwahrscheinlich oder unwahr. Aber glücklicherweise steht dieses (später als beschämend weggelassene) Privathaßkapitel »Demonology«, in dem sie den »malicious animal magnetism« denunziert, in der zweiten Auflage ihres Werkes schwarz auf weiß zu lesen, drei Druckbogen so rabiat abergläubischen Unsinns, wie er seit dem Hexenhammer und den pseudokabbalistischen Schriften nicht mehr in Lettern gegossen wurde. Man sieht: auch im Gefühl genau wie in ihrem Glauben, wird diese Frau durchaus überdimensional, sobald es um ihre Ichgeltung geht. Sobald sie recht behalten will ? und sie will immer und überall recht behalten ? verliert sie jedes Rechtsgefühl und Maß. Prozeß auf Prozeß jagt sie dem Abtrünnigen auf den Hals; bald klagt sie auf vorenthaltenes Honorar, bald verleumdet sie ihn vor den Studenten, schließlich hetzt sie ihren eigenen Sohn, einen tölpeligen Landarbeiter, mit ihrer Wahnvorstellung dermaßen auf, daß er zu Kennedy in die Wohnung geht und den erschrockenen Heildoktor mit dem Revolver bedroht, wenn er nicht aufhöre, seinen »malignen mesmeristischen Einfluß« auf seine Mutter auszuüben. Immer unsinniger werden die Anklagen: bald hat Kennedy eine Art Todesstrahlen gegen sie gesandt, die ihre Kräfte lahmlegen, bald hat er Asa Eddy mit »mesmeristischem Arsenik« vergiftet, bald hat er ihre Wohnung mit magnetischen Teufeleien unerträglich gemacht ? wie epileptischer Schaum quellen hemmungslos solche Irrwitzigkeiten von ihrer zuckenden Lippe. Jedenfalls: für Jahre und Jahre hat dieser Abfall ihres ersten und geliebtesten Schülers die geheimste Gefühlszone der klimakterischen Frau verstört, und bis zu ihrem Tode ist sie strichweise immer wieder Beute des Verfolgungswahns geworden, Kennedy beunruhige, hemme und bedrohe sie auf telepathische und magnetische Weise. So behält trotz ihrer verblüffenden geistigen Leistung, trotz einer geschäftlich und taktisch geradezu genialen Organisationsarbeit, ihr persönliches Wesen ständig einen gewaltsam überspannten und pathologisch überreizten Unterton. Aber ein Werk wie das ihre, ganz auf Antilogik gegründet, wäre ja unmöglich aus einem völligen Gleichgewicht des Geistes und der Seele. Wie bei Jean Jacques Rousseau und unzähligen andern ist auch hier ein zur Gesundung der ganzen Menschheit ersonnenes Allheilsystem aus der Krankheit eines einzelnen gezeugt.

Niemals aber wirken solche tragische Zusammenstöße auf ihre Kampfkraft hemmend oder zerstörend, im Gegenteil, für sie gilt das Nietzschewort: »Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.« Haß und Widerstand verdoppeln in dieser Frau nur die Willensmuskulatur. Und gerade diese Krise mit Kennedy wird zum Geburtskrampf der eigenen Lehre. Denn indem sie von nun ab brüsk jede willensauflösende Berührung des Kranken verbietet, hat sie mit einem Riß ihre Methode von allen ihren mesmeristischen Vorgängern schöpferisch abgelöst; nun ist die Christian Science erst reine »Heilung durch den Geist«. Nur das Wort und der Glaube wirken jetzt ihre Wunder. Die letzte Brücke zur Logik, die letzte Bindung zu allen früheren Systemen ist abgebrochen. Jetzt erst geht mit ihrem harten, monomanischen Schritt Mary Baker ungehemmt ins Unbetretene, ins Absurde hinein.

Mary Baker-Eddys Lehre

Endlich, 1875, wird die jahrzehntelang unterirdisch geleistete Mühe dieser anonym lebenden und allzulange unscheinbaren Frau sichtbar. Denn in diesem Jahre veröffentlicht Mary Baker-Eddy (damals noch Mary Baker-Glover) jenes »unsterbliche« Buch, das ihre Theologie, Philosophie, Heilkunde, also die Wissenschaft dreier Fakultäten in ein System vereinigt, jenes Buch »Science and Health«, das noch heute Hunderttausenden und Millionen von Menschen als das wichtigste seit der Bibel gilt.

Dieses in mancher Hinsicht eigenartige und unvergleichbare Werk, wie es meist geschieht, mit einem geärgerten, verächtlichen oder mitleidigen Lächeln einfach als Unfug abzuweisen, geht nicht an. Alles, was eine Weltwirkung auf Millionen hervorbringt, ist wichtig zumindest im psychologischen Sinne, und schon die technische Entstehung dieses Bibelbuchs beweist eine ungewöhnliche Entschlossenheit des Geistes, einen in unseren Zeiten selten gewordenen Heroismus der Gesinnung. Man erinnere sich: seit dem Jahre 1867 schleppt eine von Zimmer zu Zimmer, von Tisch zu Tisch gehetzte Frau ein Manuskript in ihrem mageren Gepäck herum. Sie besitzt kein zweites Kleid in ihrem schäbigen Köfferchen, eine goldene Uhr und Kette sind ihre ganze Habe, sonst einzig nur diese vom Vorlesen und ununterbrochenen Umarbeiten längst mürb und schmutzig gewordenen Blätter. Anfänglich war dieses berühmte Manuskript nicht viel anderes als eine textgetreue Abschrift von Quimbys »Fragen und Antworten«, die sie erweitert und mit einer Einleitung versehen hatte. Aber allmählich überwächst die Einleitung den übernommenen Text, ihre Zutaten verselbständigen und erweitern sich mit jeder Niederschrift, denn nicht einmal, sondern zwei-, drei-, vier- und fünfmal pflügt die von ihrer Idee Besessene dieses phantastische Lehrbuch der Seelenallheilkunde vollkommen um und um und um. Nie kommt sie völlig damit zu Rand. Auch zehn, zwanzig, dreißig Jahre, nachdem es erschienen ist, wird sie immer wieder daran bessern und verändern, nie wird dieses Buch sie, nie sie dieses Buch völlig freigeben. 1867, als sie mit der Arbeit beginnt, beherrscht sie als blutige Dilettantin kaum die Orthographie, noch weniger die Sprache und am allerwenigsten geistig die ungeheuren Probleme, an die sie sich heranwagt: wie eine Schlafwandlerin taumelt sie mit geschlossenen Augen, in einem geheimnisvollen Traum befangen, die höchsten Zinnen, die schwindelndsten Grate philosophischer Problematik empor. Sie ahnt in ihrem Anbeginn nicht, wohin das Werk, wohin der Weg sie eigentlich führt, und noch weniger die Schwierigkeiten, die sie erwarten. Niemand ermutigt, niemand warnt sie. Im weitesten Umkreis kennt sie keinen Gebildeten, keinen Fachmann, mit dem sie sich besprechen könnte, und wie dürfte sie hoffen, irgendwo in der Welt für dieses krause Imbroglio einen Herausgeber zu finden! Aber mit jener herrlichen Besessenheit, die nie ein Fachmann, die immer nur der Außenseiter aufbringt, schreibt sie weiter und weiter und weiter in ihrem wirren Rausch prophetischen Selbstgefühls. Und was ursprünglich nur eine Ausschmückung von Quimbys Manuskript werden wollte, formt sich allmählich zu kreißendem Nebel, dessen geballter Finsternis sich schließlich der zuckende Stern eines einzigen Gedankens entringt.

Endlich, im Jahre 1874, liegt das Manuskript druckfertig vor. Die unerwarteten Erfolge bei Schülern und Patienten haben ihr Mut gemacht. Nun soll diese neue Botschaft, diese gesegnete Lehre zu allen gehen, in die ganze Welt. Aber selbstverständlich denkt kein Verleger daran, an dieses schillernde Zwitterding von Heilkunde und religiöser Mystik blankes Geld zu wagen. So heißt es, aus eigener Tasche die Druckkosten aufzubringen. In die eigenen Taschen allerdings ? man wird dies im weiteren Verlauf sehen ? greift Mary Baker auch zu Zeiten, wo sie voll und übervoll sind, um keinen Preis. Aber schon weiß sie um ihre Kraft, auf andere Menschen ihren Willen zu übertragen, schon hat sie gelernt, den fanatischen Glauben an sich und an ihr Werk bei andern in Hörigkeit und blindwütigen Opferwillen umzusetzen. Sofort erklären sich zwei Studenten bereit, die dreitausend Dollar vorzuschießen. Dank ihrer raschen Hilfe erscheint unter dem Titel »Science and Health« im Jahre 1875 zum erstenmal bei der Christian Science Publishing Company in Boston das Werk aller Werke, dies ? nach der Meinung ihrer Anhänger ? zweite Evangelium der Christenheit.

Diese erste Ausgabe, ein vierhundertsechsundfünfzig eng gedruckte Seiten starker, in grüne Leinwand gebundener Band, dessen Verfasserin sich damals noch Mary Baker-Glover nennt, zählt heute zu den Rarissimis des Buchhandels: in ganz Europa existiert wohl nur das eine Exemplar, das die Autorin als Geschenk an die Heidelberger philosophische Fakultät sandte, dieses für jeden Amerikaner oberste Tribunal in rebus philosophicis. Gerade aber diese unauffindbare, diese erste, die einzige von ihr allein und nicht von fremder Hand redigierte Fassung scheint mir die einzig gültige für eine psychologische Erkenntnis ihrer Gestalt, denn keine der späteren vier- und fünfhundert Ausgaben erreicht mehr annähernd den ursprünglichen und barbarischen Reiz dieses Originals. In den nächsten Ausgaben sind manche der wildesten Bocksprünge gegen die Vernunft, der gröbsten geschichtlichen und philosophischen Schnitzer von gebildeten Beratern ausgetilgt worden; außerdem hat ein ehemaliger Pfarrer namens Wiggins die harte Arbeit übernommen, das Sprachdschungel in ein korrektes Englisch geradezukämmen. Mählich und mählich wurden gerade die krassesten Unsinnigkeiten abgeschwächt, vor allem die erbitterten Angriffe auf die Ärzte. Aber was das Buch seitdem an Vernünftigkeit gewonnen, das hat es an Feurigkeit und herrlich-persönlicher Fraktur verloren; allmählich ist in den späteren Ausgaben aus dem Panther, der die Wissenschaft furios anspringt, eine Wildkatze, beinahe eine Stubenkatze geworden, die sich mit den andern Hausfreunden der modernen Gesellschaft, mit der Staatsmoral, mit der Bildung, mit dem kirchlichen Glauben gutmütig verträgt; wie jede Religion und jedes Evangelium, hat sich auch diese letzte neuzeitliche, die Christian Science, im Interesse einer ergiebigeren Seelenfängerei schließlich arg verwaschen, verbürgerlicht und verfälscht.

Gerade aber in der ersten und ursprünglichen Form gehört »Science and Health« zu den merkwürdigsten Büchern privater Theologie, zu jenen meteorischen Werken, die völlig zusammenhanglos, gleichsam aus fremden Himmeln mitten in die Zeit hineinschlagen. Gleichzeitig genial und absurd in seinem wilden Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Wollen, durchaus lächerlich in seiner kindlichen Illogik und doch verblüffend durch das Manisch-Mächtige seiner Einlinigkeit, hat dieser Kodex etwas durchaus Mittelalterliches an sich, etwas von der fanatisch religiösen Inbrunst aller theologischen Außenseiter wie Agrippa von Nettesheim und Jakob Böhme. Das Schwindlerische und das Schöpferische wechseln in wilden Rösselsprüngen, die gegensätzlichsten Einflüsse quirlen wirr durcheinander, Swedenborgs astrale Mystik überkreuzt sich mit banaler Populärwissenschaft aus Zehnpennybüchern, neben einem Bibelwort stehen Ausschnitte aus New Yorker Tageszeitungen, blendende Bilder neben den lachhaftesten und kindischsten Behauptungen: aber unleugbar, dieses Quirlen ist immer heiß, es glüht und zuckt und brodelt von geistiger Passioniertheit, es wirft die wunderbarsten Blasen, und wenn man lange in diesen ständig rotierenden, kochenden Glutkessel hineinstarrt, beginnen einem die Augen zu brennen. Man verliert den nüchternen Verstand, glaubt sich in Faustens Hexenküche und meint wie er, »hunderttausend Narren« sprechen zu hören. Dieses kreißende Chaos schwingt aber ununterbrochen um einen einzigen Punkt, immer und immer wieder hämmert Mary Baker-Eddy diesen ihren einen und einzigen Gedanken einem ins Hirn, bis man mehr betäubt als überzeugt kapituliert; rein als energetische Tat, als Leistung einer völlig unbelehrten, ungebildeten, unlogischen Frau muß man es großartig nennen, wie sie mit der Fieberpeitsche ihrer Besessenheit diese eine absurde Idee wie einen Kreisel immer und immer wieder herumjagt und Sonne, Mond und Sterne, das ganze Weltall um diese eine Idee wirbelt.

Was ist aber eigentlich dieser neue, unerhörte Gedanke, was diese göttliche, diese »divine« Science, die sie als erste »rendered to human apprehension«, die Mary Baker unserem beschränkten irdischen Verstand als erste angenähert? Was ist im Grunde die weltbewegende Entdeckung, die von der rosenroten Biographie mit den Thesen Newtons und Archimedes unbedenklich in eine Linie gestellt wird? Ein einziger Gedanke, jawohl, nur ein einziger Gedanke, zusammenfaßbar am besten in ihre Formel: »Unity of God and unreality of evil«, das will sagen: es gibt nur Gott, und da Gott das Gute ist, so kann es kein Böses geben. Demzufolge ist jeder Schmerz und jedes Kranksein völlig unmöglich und sein Scheinvorhandensein nur eine Falschmeldung der Sinne, ein »error« der Menschheit. »God is the only life and this life is truth and love and that divine truth casts out supposed error and heals the sick.« (Gott ist das einzige Leben und dieses Leben Wahrheit und Liebe, und diese göttliche Wahrheit beseitigt jede falsche Meinung und heilt die Kranken.) Krankheiten, Altern, Gebrest können also nur so lange den Menschen bedrängen, wie er verblendeterweise diesem törichten Wahn des Krankseins und Alterns Glauben schenkt, wie er sich ein mentales Bild von ihrem Vorhandensein macht. In Wahrheit aber (dies die große Erkenntnis der Science!) hat Gott nie einen Menschen krank gemacht: »God never made a man sick.« Krankheit ist also nur ein Wahnbild der Menschheit: gegen diesen gefährlich ansteckenden Wahn, nicht gegen die gar nicht mögliche Krankheit will endlich die wahre, die neue Heilkunst kämpfen.

Durch diese verblüffende Leugnung hat Mary Baker sich mit einem Ruck von allen ihren Vorgängern, sowohl in der Philosophie als in der Medizin, ja sogar in der Theologie losgelöst (denn schlägt nicht Gott selbst in der Bibel Hiob mit Seuche und Aussatz?). Ihre unmittelbaren Wegbereiter, Mesmer und Quimby, so sehr, so kühn sie auch Heilungsmöglichkeiten durch Suggestion verkündeten, sie nahmen normalerweise doch immerhin die Krankheit als ein Faktum, als unleugbaren Tatbestand. Die Krankheit war für sie vorhanden, sie war da, nun begann die Aufgabe, sie wieder wegzuschieben, die Schmerzempfindung und manchmal sogar das Leiden selbst zu überwinden, zu »overcome«. Sei es mit magnetischer Hypnose, sei es mit mentaler Suggestion, mühten sie sich redlich, dem Kranken durch seine schwerste Krise zu helfen »to help through«, immer aber bei ihrer seelischen Einwirkung bewußt, daß sie auch einem tatsächlich bestehenden Schmerz, einem menschlich leidenden Leibe gegenüberstanden. Mary Baker aber tut über diesen Standpunkt einen Siebenmeilenstiefelschritt glattweg ins Absurde, sie verläßt vollkommen den Boden und die Welt der Vernunft, sie stößt die Anschauung ihrer Vorgänger energisch um, indem sie die Sache einfach auf den Kopf stellt. »Unmöglich«, sagt sie, »kann der Geist auf den Körper wirken, »matter cannot reply to spirit«, denn ? Kopfsprung der Logik! ? es gibt ja gar keinen Körper. Wir Menschen sind nicht Materie, sondern göttliche Substanz, »man is not matter, he is the composed idea of God«. Wir haben keinen Körper, sondern träumen nur, ihn zu haben, und unser irdisches Dasein ist nichts als ein »dream of life in matter«, ein Traum von einem Dasein innerhalb der Materie. Man kann also Krankheiten gar nicht medizinisch heilen, weil sie nicht vorhanden sind, und darum ist nach dem neuen Evangelium Mary Baker-Eddys alle irdische Wissenschaft, alle Knowledge, alle Medizin, Physik, Pharmakologie ein unnötiger Unsinn und Irrtum. Wir können getrost unsere höchst überflüssigen Krankenhäuser und Universitäten mit Dynamit in die Luft sprengen: wozu all dieser kostspielige Aufwand für die Bekämpfung eines Wahns, einer Autosuggestion der Menschheit! Nur die Science kann dem Menschen helfen, indem sie ihn über seinen »error« aufklärt, indem sie ihm beweist, daß Kranksein, Altern und Tod überhaupt nicht existieren. Sobald der Kranke diese »truth«, diese unerhört neue Wahrheit begriffen und in sich aufgenommen hat, sind ja Schmerz, Geschwür, Entzündung und Gebrest ohnehin sofort verschwunden. »When the sick are made to realize the lie of personal sense, the body is healed.«

Unser armer irdischer, unser leider allzu wissenschaftlich erzogener Verstand steht zunächst ein wenig verblüfft vor dieser »holy discovery«, vor dieser heiligen, vor dieser unerfindlich tiefen Entdeckung Mary Baker-Eddys. Nun, man kann uns getrost allerhand Überraschtheit zubilligen. Denn seit dreitausend Jahren wissen wir alle Weisen, alle Philosophen des Morgen- und Abendlands, alle Theologen aller Religionen rastlos leidenschaftlich beschäftigt, gerade diesem Problem der Probleme nachzusinnen, wie Seele und Leib zusammenhängen. In unendlichen Variationen, mit einem unausmeßbaren Aufwand geistig passionierter Denkkraft sahen wir erlauchteste Geister sich um bloß winzige Erhellungen dieses Urgeheimnisses bemühen, und siehe da, 1875 löst ? ritsch, ratsch! ? mit einem einzigen kühnen Saltomortale über alle Vernunft hinaus diese resolute Geschwindphilosophin die Frage des psychophysischen Zusammenhangs, indem sie diktatorisch feststellt: »Soul is not in the body«, die Seele hat mit dem Körper überhaupt nichts zu tun. Wie einfach, wie einfach, wie rührend einfach! Das Ei des Kolumbus ist gefunden, das End- und Urproblem aller Philosophie gelöst ? jubilemus! ? und dies so mirakulös simpel durch Kastration der Wirklichkeit. Eine radikale Roßkur des Denkens ist durchgeführt, die alles Leiden im Leibe beseitigt, indem sie den Leib einfach als nicht vorhanden erklärt ? ein System, ungefähr so probat und unfehlbar, wie wenn man Zahnschmerzen damit erledigen wollte, daß man dem Zahnkranken den Kopf abhackt.

»Es gibt kein Kranksein« ? eine so toll-verwegene Behauptung aufzustellen, immerhin, das ist nicht schwer. Wie aber einen derartigen Aberwitz beweisen? Sehr einfach, sagt Mary Baker-Eddy, hört nur ein wenig gläubig zu, es ist ja so schrecklich einfach: Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbilde gemacht, und Gott ist, wie ihr wißt, das Prinzip des Guten. Folglich kann der Mensch nur göttlich sein, und da alles Göttliche gut ist, wie sollte da etwas so Böses wie Krankheit, Schwäche, Sterben und Altern in diesem Abbild Gottes Heimstatt finden können? Der Mensch kann sich höchstens einbilden, er kann sich allenfalls mit seinen lügnerischen Sinnen vorstellen, sein Körper sei krank, sein Leib werde schwach und alt, aber da er dies nur dank seiner Sinne vermag, die nicht unmittelbare Wahrnehmung des Göttlichen haben, so ist eben seine Meinung ein »error«, ein Irrtum, und nur dieser falsche Glaube verursacht seine Schmerzen, »suffering is self imposed a belief and not truth«. Gott selbst ist doch niemals krank, wie könnte da sein Ebenbild gebrestig sein, der lebende Spiegel der göttlichen Güte? Nein, die Menschen stehlen sich selber die Gesundheit durch den Unglauben an ihre Gottsubstanz. Kranksein bedeutet darum nicht bloß einen »error«, ein Fehldenken, es ist eigentlich sogar ein »Verbrechen«, weil ein Zweifel an Gott, eine Art Gotteslästerung, denn man unterstellt damit dem Allgütigen die Möglichkeit des Bösen, und Gott kann niemals etwas Böses verursachen, »God cannot be the father of error«. Und nun rollt das tolle Rad ihrer Logik sich wild überschlagend weiter: Seele ist mind, und mind ist God, und God ist spirit, und spirit ist wieder truth, und truth ist wieder God, und God ist wieder das Gute, und da es also nur das Gute gibt, gibt es kein Böses, keinen Tod, keine Sünde. Man sieht: die Beweistechnik Mary Bakers beruht einzig auf Rotation: es wird immer ein abstrakter Begriff neben den andern gesetzt, und die Wortbedeutungen werden so fakirhaft rasch und beharrlich im Kreise gedreht, daß man wie beim Roulette nicht mehr eins vom andern unterscheiden kann. Und dies Quidproquo wird durch die fünfhundert Seiten von »Science and Health« in so vielen behenden Umstellungen und Wiederholungen durcheinander gekurbelt, bis einem der Kopf wirbelt und man betäubt jeden Widerstand aufgibt.

Übertreibe ich? Trage ich am Ende böswilligerweise eine Illogik in ihr System, die in seinem innern Bau gar nicht enthalten ist? Nun, so will ich zur Probe den allerberühmtesten Satz, die sogenannte »unsterbliche These« Mary Baker-Eddys wortgetreu anführen, um deren »Entwendung« sie seinerzeit einen Schüler öffentlich vor Gericht verklagt hat. Dieser »unsterbliche« Satz lautet: »Es ist kein Leben, keine Wahrheit, keine Intelligenz und keine Substanz in der Materie. Alles ist unendliches Gemüt (mind) und seine unendliche Offenbarwerdung, denn Gott ist alles in allem. Geist ist unsterbliche Wahrheit, Materie ist ein sterblicher Irrtum. Geist ist das Wirkliche und Ewige, Materie ist das Unwirkliche und Zeitliche. Geist ist Gott und der Mensch sein Bild und Gleichnis, folglich ist der Mensch nicht materiell, er ist geistig.« Versteht man das? Nein? Um so besser. Denn gerade dies »credo quia absurdum« verlangt Mary Baker von uns, von der Menschheit. Gerade dies, daß wir endlich unseren verfluchten, unseren hochmütigen irdischen Verstand beiseite lassen. Unsere ganze dummdreiste »knowledge«, unsere vielgerühmte Wissenschaft, hat sie die Welt um einen einzigen Schritt weiter gebracht? Nein, die ganze Heilkunde seit Asklepios, Hippokrates und Galen hat null mal null geleistet. »Physiology has not improved mankind«, Diagnostik und Therapie hilft keinen Deut, zum Teufel mit ihr! »Physiology has never explained soul and had better done not to explain body.« Medizinwissenschaft bietet keine Erklärung für seelische Vorgänge und nicht einmal für die des Körpers. Deshalb sind nach der Meinung Mary Bakers Ärzte, diese »manufacturers of disease«, diese Krankheitsfabrikanten, wie sie sie höhnisch nennt, nicht nur unnütze, unnötige Gesellen, nein, sie sind im Gegenteil sogar Schädlinge der Menschheit, denn (sehr kompliziert diese Drehung!), indem sie sich anmaßen, Krankheiten behandeln zu wollen, wo es doch in Wahrheit, in der »truth«, gar keine Krankheiten gibt, verewigen diese Übeltäter den ansteckenden »error«, den schädlichen Irrwahn, daß es so etwas wie Krankheiten gäbe. Und ? nochmalige Drehung! ? indem die Menschen dank der berufsmäßigen Existenz solcher Krankheitsbehandler immer wieder ein Erinnerungsbild an Krankheit vor die Augen bekommen, glauben sie, krank werden zu können, und durch diesen Irrglauben fühlen sie sich wirklich krank. Also (nochmals: man bewundere diese kühne Wendung!) bringen eigentlich die Ärzte durch ihr Vorhandensein die Krankheit hervor, statt sie zu heilen: »Doctors fasten disease.« In der ersten, ursprünglichen und persönlichsten Phase der Christian Science lehnt Mary Baker-Eddy alle Ärzte, selbst die Chirurgen, als überflüssige Schädlinge der menschlichen Gesellschaft ab und erklärt ihnen entschlossen den Krieg: erst später, durch manche Mißerfolge und peinliche Prozesse belehrt, hat sie ihre Strenge gemildert und bei chirurgischen Fällen wie Beinbrüchen, Zahnextraktionen und schwierigen Geburten die gelegentliche Heranziehung solcher Krankheitsvermehrer geduldet. Im ersten und entscheidenden Anfang aber erkennt sie nur einen einzigen Arzt an und billigt seine Methode: Christus, »the most scientific man of whom we have any record«, er, der christliche Healer, der als erster ohne Drogen, Arzneien, Pinzetten und chirurgische Eingriffe die Blutflüssige und die Aussätzige heilte, er, der »niemals Krankheiten beschrieben und sie nur geheilt hat«, er, der den Gelähmten vom Siechenbette bloß durch das Wort emporrief: »Stehe auf und wandle!« Seine Methode war Heilung ohne Diagnose und Theorie einzig durch den Glauben. Seitdem haben achtzehnhundert Jahre diese einfachste und elementarste Heilungslehre verlacht und verkannt, bis eben sie, Mary Baker-Eddy, sein Werk dem Verständnis und der Ehrfurcht der Menschheit wiedergebracht habe. Deshalb gibt sie auch ihrer Wissenschaft den stolzen Namen »Christian Science«, weil sie als Ahnherrn und Meister nur Christus, als einziges Heilmittel nur Gott anerkennt. Je mehr einer ihrer Schüler, je mehr ein »healer« von dieser Methode Christi in sich verwirkliche, je weniger er sich um irdische Wissenschaft bekümmere, um so vollkommener werde seine Heilkraft sich offenbaren. »To be Christ-like is to triumph over sickness and death.« Es genügt, daß der Heiler dem Kranken den Leitgedanken der Christian Science als Überzeugung bis in die Seele suggeriert, nicht nur seine persönlich-individuelle Krankheit, sondern Krankheit überhaupt sei infolge der Gottähnlichkeit des Menschen in unserm Weltall nicht vorhanden ? damit beginnt und endet schon seine ganze Tätigkeit. Gelingt es ihm, diese Überzeugtheit wirklich überzeugend zu übermitteln, dann macht dieser Glaube wie ein Opiat sofort den Körper unfühlbar für alle Leiden und Schmerzen, die Suggestion zerstört mit dem Leidensbild auch dessen Symptome: »not to admit disease, is to conquer it« ? »die Krankheit leugnen, heißt sie überwinden«. Der Heiler hat also keinesfalls wie der Arzt die Symptome zu untersuchen, noch sich irgendwie ernsthaft mit ihnen zu beschäftigen, im Gegenteil, seine einzige Aufgabe bleibt, sie nicht zu sehen, sie nicht ernst zu nehmen, sondern als Wahngebilde, und den Patienten dahin zu bringen, daß er sie gleichfalls nicht mehr sieht und glaubt. Dann sind sofort ohne jede Untersuchung, ohne jeden Eingriff, ohne Behandlung Schwindsucht oder Syphilis, Magenkrebs oder Beinbruch, Skrofulose oder Blutzersetzung, alle diese Scheinerscheinungen irdischen Wahnes, beseitigt, und zwar einzig dank dieser geistigen Narkose mit Christian Science, dieses unfehlbaren Universalheilmittels der Menschheit, dieses »great curative principle«.

Ein wenig erholt von dem furchtbaren Keulenschlag des Nichtvorhandenseins unseres Körpers und der Lügenhaftigkeit unserer Sinne, dem »error« des Siechtums, Alterns und Sterbens, rafft sich die niedergeprügelte Vernunft allmählich schüchtern auf und beginnt die geblendeten Augen zu reiben. Wie, fragt man, es gibt keine Krankheit? All das ist nur »error« und »bad habit«, eine schlechte Gewohnheit, und doch liegen in jeder Stunde unseres Daseins Millionen Menschen in Krankenhäusern und Lazaretten, vom Fieber geschüttelt, von Eiter zerfressen, sich krümmend in Schmerzen, taub, blind, gepeinigt und gelähmt! Und seit tausend Jahren müht sich in stupidem Eifer eine einfältige Wissenschaft mit Mikroskop und chemischer Analyse und den kühnsten Operationen, diese gar nicht vorhandenen Leiden zu lindern und zu ergründen, wo der einfache Glaube an das Nichtvorhandensein zur Heilung glattweg genügte? Ganz unnützerweise werden also Millionen mit Operationen, Kuren und Medikamenten genarrt, indes all diese Qualen, sei es Milzbrand oder Gallenstein, Rückenmarkschwindsucht oder Blutfluß, doch spielend leicht durch das neue »principle« auszurotten wären? Kann so titanisch gehäufter Schmerz, dies zum Himmel getürmte Leiden Unzählbarer wirklich nur Blendwerk sein und Wahn? Darauf hat Mary Baker-Eddy eine einfache Antwort. »Jawohl«, sagt sie, »es gibt noch immer furchtbar viele Scheinkranke, aber nur weil die Menschheit noch nicht von der Wahrheit der christlichen Wissenschaft durchdrungen ist und weil die allergefährlichste Krankheit, nämlich der Glaube an die Krankheit, als permanente Infektion immer neue Individuen zu Leiden und Sterben verleitet.« Keine Epidemie der Menschheit erweise sich so verhängnisvoll wie dieser »error« von Kranksein und Sterben, denn jeder Mensch, der sich krank glaubt und über sein Leiden klagt, steckt einen andern mit dieser verhängnisvollen Vorstellung an, und so schleppt sich die Plage von Geschlecht zu Geschlecht fort. » Aber (ich zitiere wörtlich) so wie die Pocken durch die Serumimpfung allmählich eingeschränkt wurden, so kann diesem ?Unfug?, dieser schlechten Gewohnheit des angeblichen Krankseins und vorgeblichen Sterbens sofort Schach geboten werden.« Ist erst einmal die ganze Menschheit mit dem Glaubensserum der Christian Science durchgeimpft, dann ist die Zeit des Gebrestes vorbei, denn je weniger dieser Toren es geben wird, die an ihre Krankheit glauben, um so weniger Krankheit wird auf Erden sich ereignen. Aber solange dieser verderbliche Wahn bei der Mehrzahl noch verhält, so lange steht noch die Menschheit unter der Geißel von Siechtum und Tod.

Abermals staunt man auf. ? Wie, es gibt also auch keinen Tod? »Nein«, antwortet Mary Baker-Eddy entschlossen, »wir haben keinen Beweis dafür.« Man glaubt ja auch, argumentiert sie, wenn man ein Telegramm bekommt vom Tode eines Freundes, daß dieser wirklich gestorben sei, aber dieses Telegramm kann doch ein Irrtum, diese Nachricht falsch sein. Da unsere Sinne nur »error« vermitteln, nur Irrtum, so stellt unsere private Meinung vom Ableben des Leibes durchaus keinen gültigen Beweis dar. In der Tat spricht die Christian-Science-Kirche noch heute nie von Toten, sondern nur von »sogenannt« Toten, »so called dead«, und ein Verstorbener ist nach ihrer Auffassung nicht gestorben, sondern der Dahingegangene hat sich nur »our opinions and recognitions«, unserer irdischen Fähigkeit, ihn leiblich wahrzunehmen, entzogen. Ebenso entbehren wir noch heute jedes Beweises, verkündet Mary Baker des weitern in eiserner Konsequenz, daß Essen und Trinken dem Menschen zum Fortleben wirklich notwendig sei, und kein mitleidiges Lächeln der Physiologen kann ihren Starrsinn belehren. Führt man sie zu einem Leichnam, um sie von der Vergänglichkeit des Leibes zu überzeugen, so behauptet sie, bloß das »going out of belief« zu sehen, nur wahrzunehmen, daß dieses Individuum eben nicht stark genug an die Unmöglichkeit des Sterbens geglaubt habe. Tatsächlich sei ja auch der Glaube an unsere geistige Macht heute leider noch zu schwach, um aus der ganzen Menschheit diese »Epidemie« des Scheinkrankseins und Scheinsterbens auszurotten. Aber im Laufe der Jahrhunderte werde der Menschengeist durch immer leidenschaftlichere Anwendung der Christian Science, durch eine ungeheure potentielle Steigerung seiner Glaubensfähigkeit eine heute noch unausdenkbare Macht über unsere Leiblichkeit gewinnen: »When immortality is better understood, there will follow an exercise of capacity unknown to mortals.« Dann erst wird in der Menschheit dieser verderbliche Wahn von Krankheit und Tod erloschen und die Göttlichkeit auf Erden wiederhergestellt sein.

Mit dieser ebenso kühnen wie geschickten Drehung ins Utopische klinkt Mary Baker eine Türe leise auf, um in gewissen peinlichen Fällen aus ihrer Theorie herausschlüpfen zu können: wie alle Religionen schiebt auch die ihre den idealen Zustand aus der Gegenwart sanft ins Himmelreich der Zukunft hinüber. Man sieht, Nonsens zwar, hat dieser Nonsens durchaus Methode, und seine schreiende Illogik wird mit einer derart hartstirnigen Logik vorgebracht, daß sie schließlich wirklich etwas Ähnliches wie ein System zeitigt.

Ein System freilich, das in der Geschichte der Philosophie kaum einen andern Platz einnehmen wird als im Kuriositätenkabinett, das sich aber doch für seinen Nutzzweck zur Ankurbelung einer Massenhypnose als ausgezeichnet konstruiert erwiesen hat. Für die unmittelbare Wirkung einer Lehre wird leider immer ihre psychotechnische Hochspannung entscheidender als ihre intellektuelle Hochwertigkeit; und wie es zur Hypnotisierung keines Diamanten bedarf ? ein Splitter glitzernden Glases genügt zur völligen Bannung ?, so ersetzt bei geistigen Massenbewegungen ein primitiver, aber intuitiver Instinkt reichlich die fehlende Wahrheit und Vernünftigkeit. Alles in allem ? man soll sich Tatsachen nicht verschließen ? ist trotz seiner logischen Defekte der religiöse Suggestionsapparat Mary Baker-Eddys bis heute von keiner späteren Glaubenslehre an Weite der Wirkung übertroffen worden: damit allein bezeugt ihre Instinktpsychologie ihren unbedingten Rang. Man fälschte gröblich, wollte man das unleugbare Faktum unterschlagen, daß Tausende und Tausende von Gläubigen durch diese Christian Science mehr Hilfe empfangen haben als von diplomierten Ärzten, daß, wie Dokumente unbestreitbar erweisen, unter ihrer Suggestion Frauen ohne Schmerzen geboren haben, daß narkosefreie Operationen ohne Schmerz durchgeführt worden sind, weil die gläubigen Szientisten statt durch Chloroform durch dies neue geistige Betäubungsmittel »irreality of evil« gegen Schmerz unempfindlich geworden waren und daß der ungeheure Kraftzuschuß dieser Lehre unnennbar vielen die Lebenskraft gesteigert, den Lebensmut erneuert hat. Mitten in ihrer Übertreibung hat diese bei aller Wirrnis geniale Frau gewisse seelische Grundgesetze sehr richtig erkannt und in ihrer Praxis verwertet, vor allem die unleugbare Tatsache, daß jede phantasiemäßige Vorstellung eines Gefühls, also auch eines Schmerzes, in sich die Tendenz trägt, sich in Wirklichkeit umzusetzen, daß darum eine vorbeugende Suggestion oft die Furcht vor Erkrankung beseitigt, die fast ebenso gefährlich ist wie die Krankheit selbst. »The ills we fear, are the only one that conquer us«, einzig die Krankheit, die wir fürchten, bekommt über uns Macht ? hinter solchen Worten, mögen sie logisch anfechtbar und faktisch tausendmal widerlegbar sein, schimmert doch Ahnung seelischer Wahrheiten, und Mary Baker nimmt im Grunde Coués Lehre von der Autosuggestion vollkommen voraus, wenn sie sagt: »Die Kranken schädigen sich selbst, wenn sie sagen, sie seien krank.« Deshalb darf auch ein Practitioner ihrer Heilmethode niemals einem Patienten zugeben, daß er krank sei: »The physical affirmative should be met by a mental negative«, nie auch der Leidende sich selbst eingestehen, daß er Schmerzen empfinde, denn erfahrungsgemäß steigere die Selbstbeschäftigung mit dem Schmerze suggestiv den schon vorhandenen Schmerz. Ihre Lehre ist, ebenso wie jene Coués und Freuds, trotz der weiten geistigen Distanz doch aus demselben Reaktionsgefühl geboren, daß die moderne Medizin in ihrer physikalisch-chemischen Entwicklung die seelischen Heilkräfte, den psychischen »Gesundheitswillen« als Helfer zu lange mißachtet habe und daß nebst Arsen oder Kampfer dem menschlichen Organismus auch rein geistige Steigerungsmittel wie Mut, Selbstvertrauen, Gottvertrauen, tatkräftiger Optimismus als Vitalitätsinjektionen zugeführt werden könnten. Bei allem inneren Vernunftwiderstand gegen das therapeutisch Widersinnige einer Lehre, die Bazillen »by mind«, Syphilis mit »truth« und Arterienverkalkung mit »God« austreiben will, darf man nie ? wie erklärten sich sonst ihre Erfolge? ? den Energiekoeffizienten, der dieser Lehre erkenntnishaft zugrunde liegt, gänzlich außer Betracht lassen, und man handelte unredlich und wider die Wahrheit, wollte man die tonische Kraft gewaltsam wegleugnen, welche die Christian Science unzähligen Menschen in manchen Augenblicken der Verzweiflung durch ihre Glaubenstrunkenheit zugeführt hat. Mag sein, ein Rauschgift, bloß flüchtig wie Kampfer oder Koffein die Nerven belebend, nur vorübergehend der fortfressenden Kraft der Krankheit den Weg sperrend, aber oftmalig doch wirksam als Erleichterung, als von der Seele her dem Körper aufhelfende Macht. In Summa dürfte also die Christian Science ihren Anhängern mehr Hilfe gebracht haben als Schädigung. Und schließlich hat sie sogar der Wissenschaft geholfen, denn die Psychologie, je mehr und je ernster sie die erstaunlichen Wirkungen der Christian Science verfolgt, kann noch allerhand über Massensuggestion an ihren Wundern und Werken lernen: auch im geistigen Sinn war so dieses sonderbare Leben nicht vergebens gelebt.

Das allereigentlichste Wunder der Christian Science bleibt aber doch trotz allem und allem ihre erstaunlich rasche Ausbreitung, ihre für den nüchternen Verstand geradezu unfaßbare Lawinenwirkung des Erfolgs. Wie kommt es, muß man fragen, daß eine geistig so verschrobene, logisch dermaßen dünne und dilettantische Naturheillehre innerhalb eines Jahrzehnts sofort Hunderttausenden zum Himmelsgewölbe ihres Weltalls wurde? Welche Bedingtheiten befähigten gerade diese Theorie unter den zahllosen Weltdeutungsversuchen, die sonst nach wenigen Weltminuten wie Seifenblasen zerplatzen, eine Millionengemeinschaft um sich zu formen? Wie vermochte ein solches verworrenes, kryptoprophetisches Buch für Unzählige zum Evangelium zu werden, während sonst die mächtigsten geistigen Bewegungen meist nach einem Jahrzehnt in ihrer Stoßkraft ermatten? Immer wieder fragt sich die überraschte Vernunft vor diesem fabelhaften Suggestionsphänomen: welche besonderen Mittel der Weltwirkung hat bewußt oder unbewußt gerade diese Gründerin ihrem Werke eingebaut, daß einzig diese eine Sekte unter tausend wesensähnlichen so sieghafte Kräfte entfaltet, wie sie die Geistesgeschichte des letzten Jahrhunderts in ähnlicher Unwiderstehlichkeit ein zweites Mal kaum kennt?

Ich versuche zu antworten: der entscheidende verbreitungstechnische Faktor der Christian Science besteht in ihrer Handlichkeit. Erste Voraussetzung jeder rasch und weit um sich greifenden Idee bleibt erfahrungsgemäß, daß sie primitiv und auch für Primitive ausdrückbar sei, daß ihre Formel spitz und schnell wie ein Nagel mit einem einzigen Hammerschlag jedem Menschen in den Kopf eingetrieben werden kann. In einer altbiblischen Legende fordert ein Ungläubiger von einem Propheten als Preis für seine Bekehrung, er solle ihm den Sinn seiner Religion in so knapper Zeit erklären, wie er selbst auf einem Bein zu stehen vermöge. Derart ungeduldiger Anforderung auf stenographisch knappe Übermittlungsfähigkeit entspricht die Lehre der Mary Baker-Eddy vortrefflich. Auch Christian Science kann im wesentlichen erklärt werden, solange man auf einem Bein zu stehen vermag: »Der Mensch ist göttlich, Gott ist das Gute, folglich kann es nichts Böses wirklich geben, und alles Böse, Krankheit, Altern und Sterben ist nicht Wirklichkeit, sondern trügerischer Schein, und wer dies einmal erkannt hat, den kann keine Krankheit mehr befallen, kein Schmerz mehr quälen.« In diesem Extrakt liegt alles enthalten, und eine so allverständliche Grundformel stellt keine intellektuellen Ansprüche. Damit war die Science von vornherein befähigt, ein Massenartikel zu werden, handlich wie ein Kodak, eine Füllfeder, sie stellt ein absolut demokratisches Geistesprodukt dar. Und erwiesenermaßen haben ja zahllose Schuhmacher, Wollagenten und Handlungsreisende die christliche Heilkunde in den vorgeschriebenen zehn Lektionen tadellos erlernt, also in geringerer Zeit, als man benötigt, um ein anständiger Hühneraugenoperateur, Korbflechter oder Raseur zu werden. Christian Science ist jedermann geistig sofort eingängig, sie fordert weder Bildung noch Intelligenz noch irgendwelche menschlich persönliche Gereiftheit: dank dieser Grobschlächtigkeit wird sie von vornherein breiten Massen zugänglich, eine Everyman-Philosophie. Dazu kommt nun ein zweiter, psychologisch wichtiger Faktor: die Lehre Mary Baker-Eddys verlangt nicht das geringste Opfer an persönlicher Bequemlichkeit von ihrem Anhänger. Und ? jeder Tag bezeugt uns diese Binsenwahrheit je geringere moralische oder materielle Anforderungen ein Glauben, eine Partei, eine Religion an das Individuum stellt, um so weiteren Kreisen wird sie willkommen sein. Christian Scientist zu werden, ist in keinem Bezuge opfervoll, sondern ein ganz unverpflichtender, gar nicht belastender Entschluß. Mit keinem Wort, mit keiner Zeile verlangt dieses Dogma von dem neugewonnenen Schüler, er solle sein äußeres Leben ändern: ein Christian Scientist braucht nicht zu fasten, zu beten, sich einzuschränken, selbst nicht einmal Wohltätigkeit wird von ihm gefordert. Innerhalb dieser amerikanischen Religion ist es erlaubt, schrankenlos Geld zu verdienen, reich zu werden, die Christian Science läßt ruhig Cäsar, was des Cäsars, und dem Dollar, was des Dollars ist, ? im Gegenteil, unter den Anpreisungen der Christian Science findet sich auch die seltsame, daß diese »holy Science« die Bilanz vieler kaufmännischer Unternehmungen vermehrt habe. »Men of business have said, this science was of great advantage from a secular point of view.« Selbst ihren Priestern und Heilern gestattet diese kulante Glaubenssekte, kräftig Kasse zu machen: so ist der stärkste materielle Trieb des Menschen, der Geldtrieb, sinnvoll mit seinen metaphysischen Neigungen zusammengehalftert. Und ich wüßte wahrhaftig nicht, wie mans zuwege bringen könnte, für diese weitmaschigste aller Sekten, für die Christian Science, zum Märtyrer zu werden.

Drittens aber ? last not least ?: schaltet die Christian Science durch ihre kluge Neutralität einerseits jeden Zusammenstoß mit Staat und Gesellschaft aus, so zieht sie anderseits auch stärksten Zufluß aus den lebendigen Quellen des Christentums. Dadurch, daß Mary Baker-Eddy mit genialem Blick ihr geistiges Heilmedizinieren auf den Felsen der öffentlich anerkannten Kirche stellt und ihre »Science« mit dem jederzeit in Amerika allmagischen Wort »Christian« bindet, deckt sie sich gewissermaßen den Rücken. Denn niemand wagt so leicht, eine Methode Humbug oder Schaumschlägerei zu nennen, für die Christus als Vorbild und die Erweckung des Lazarus als sprechendes Zeugnis angerufen wird. Eine dermaßen fromme Ahnenschaft skeptisch ablehnen, hieße das nicht zugleich, die Heilungen der Bibel und die Wundertaten des Heilands bezweifeln? Mit dieser genialen Bindung ihrer Glaubenstheorie an das mächtigste Glaubenselement der Menschheit, an das Christentum, erweist allein schon diese Hellseherin der Wirkung ihre später so erfolgreiche Überlegenheit über alle ihre Vorgänger, über Mesmer und Quimby, die in ihrer Redlichkeit versäumten, ihre Methoden als göttlich inspirierte dazustellen, während es Mary Baker-Eddy schon durch die Namensgebung gelang, die ganzen latent flutenden Kräfte des amerikanischen Christentums in ihre Sekte aufzunehmen.

So paßt sich diese auf Asphalt gewachsene Weltanschauung nicht nur dem materiellen und moralischen Unabhängigkeitsbedürfnis des Amerikaners an, sondern sie stützt sich auch auf seine ganz in die staatskirchlichen Formeln des Christentums gebannte Religiosität. Aber darüber hinaus erreicht mit geradem, herztreffendem Stoß die Christian Science noch die unterste und eigentliche Seelenschicht des amerikanischen Volkes, seinen hellgläubigen, naiven, seinen herrlich leicht zu entflammenden Optimismus. Dieser Nation, die erst vor hundert Jahren sich selbst entdeckte und dann mit einem einzigen Ruck und Riß technisch die ganze Welt überflügelte, die über ihr eigenes ungeahntes Wachstum mit einer echten und rechten Jungenfreude noch immer wieder selbst erstaunt, einer so sieghaft realistischen Rasse kann kein Unternehmen zu kühn, kein Zukunftsglaube zu abstrus erscheinen. Warum sollte, da man in zwei Jahrhunderten durch seinen Willen so wundervoll weit gekommen, es unmöglich (weg mit dem Wort!) sein, Krankheit durch den Willen zu besiegen, warum sollte man nicht fertig werden auch mit dem Tod? Gerade das Exzentrische einer solchen Herausforderung der Willenskraft entsprach vortrefflich dem amerikanischen Instinkt, der nicht wie der europäische sich an zwei Jahrtausenden Geschichte mit Zweifel und Skepsis übermüdet hat: in dieser Lehre, die nirgends dem demokratischen Bürger sein Privatleben, sein Geschäft, seine Kirchengläubigkeit stört und doch gleichzeitig die Seele mit erhabener Hoffnung beflügelt, fühlte er leidenschaftlicher als je seine Energie, seine unbändige Kampflust herausgefordert, das Unwahrscheinliche auf Erden wahrzumachen. Eben, weil sie verwegener war als alle vorausgegangenen, fand diese kühnste Hypothese der Neuzeit so willige Heimstatt im Neuland der Welt, und Kirchen wuchsen in Marmor und Stein aus amerikanischer Erde, um diesen Glauben bis zum Himmel zu erheben. Denn allezeit bleibt es das liebste Geistspiel der Menschheit, sich das Unmögliche als möglich zu erdenken. Und wer immer sie anreizt zu dieser ihrer heiligsten Leidenschaft, der hat selber sein Spiel gewonnen.

Verwandlung in Offenbarung

Der Grundstein des Systems ist gelegt, nun kann sich der schöpferische Bau erheben, die neue Kirche, der ragende Turm mit den weithin hallenden Glocken. Aber in welchen liliputanischen Dimensionen, inmitten welcher lächerlichen Provinzquengeleien spielen sich die ersten formbildenden Jahre der jungen Lehre ab! Für den ungetreuen Kennedy ist ein Dutzend anderer Schüler eingesprungen, Uhrmachergehilfe der eine, Fabrikarbeiter der andere, dazu ein paar Spinsters, unverheiratete ältliche Mädchen, die mit ihrem Leben und ihrer Zeit nichts anzufangen wissen. Angestrengt sitzen sie vor den Pulten, die breitschultrigen, massigen Burschen und schreiben wie in einer Dorfschule mit schwerfälligen schwieligen Fingern die Leitsätze der »Science«, die ihnen die straffe, gebietende Frau von ihrem Holztisch her in die Feder diktiert; bewundernd lauschen sie, die Augen erhoben, den Mund halb offen, jeden Nerv vom Willen des Verstehens gespannt, ihrer heiß und zuckend von den Lippen fließenden Rede. Groteske Szenerie und rührend zugleich: in einer engen muffigen Stube, die nach abgetragenen Kleidern, nach grauer Mühsal und Armut riecht, in einem niedern ungeistigen Kreise gibt Mary Baker ihr »Geheimnis« zum erstenmal an die Menschheit weiter, und ein paar abgehalfterte proletarische Existenzen, die nichts wollen, als ihren zermürbenden Maschinendienst mit einem einträglicheren, bequemeren Beruf vertauschen, sie bilden die ersten Jünger, die noch ganz in Dunkel eingefaltete Keimzelle einer der mächtigsten Geistesbewegungen unserer neuzeitlichen Welt.

Dreihundert Dollar haben die simplen Jungen für ihre Lehrzeit zu zahlen, zwölf Lektionen zu nehmen, dann können sie ihren Hut über die Ohren stülpen und ihn Doktorhut nennen. Nach dieser Promotion könnte sich jeder seine Doktorei aufmachen und brauchte sich nicht länger um Mary Baker zu kümmern. Aber ein Unerwartetes ereignet sich: die Schüler kommen von ihrer Lehrerin nicht mehr los. Zum erstenmal offenbart sich die großartige Ausstrahlung, die von dieser Seelenaufrüttlerin, von dieser Seelenvergewaltigerin ausgeht, zum erstenmal die geheimnisvolle Magie, auch die beschränktesten und schwerblütigsten Naturen zu geistigen Leistungen aufzureißen, immer und überall Leidenschaft zu erwecken, grenzenlose Bewunderung oder erbitterten Haß. Ein paar Wochen nur, und ihre Schüler verfallen ihr mit Haut und Haar. Sie können nicht mehr reden, nicht mehr denken, nicht mehr handeln ohne ihre Seelenverwalterin, sie erhorchen Offenbarung aus jedem ihrer Worte, sie denken aus ihrem Willen. Allen Menschen, denen Mary Baker begegnet ? dies ihre unerhörte Macht!?, ändert sie das Leben, immer und überall treibt sie aus der Überkraft ihres Daseins ein ungeahntes Spannungsübermaß in fremde Existenzen hinein, Anziehung oder Abstoßung, immer aber Intensität. Bald beginnt ein Wetteifern unter ihren Schülern, ihr mit der untersten Quellkraft der Seele zu dienen, ein Furioso der Willenshingabe an ihren Willen. Nicht nur Lehrerin der Wissenschaft soll sie ihnen sein, wünschen diese hingerissenen Seelen, sondern Leiterin ihres ganzen Lebens, ? nicht nur die geistige, sondern auch die geistliche Führung drängen sie ihr zu. So geschieht es, daß am 6. Juni 1875 ihre Schüler zusammentreten und nachfolgende Entschließung dokumentarisch festlegen:

»Nachdem vor kurzem die unserer Zeit neue und allen anderen Verfahren weit überlegene Wissenschaft des Heilens durch ihre Entdeckerin Mary Baker-Glover in der Stadt Lynn eingeführt worden ist,

Und nachdem viele Freunde die gute Botschaft in der ganzen Stadt verbreitet und das Lebens- und Wahrheitsbanner, das vielen mit Krankheits- und Irrtumsketten Gefesselten die Freiheit erklärte, hochgehalten haben,

Und nachdem durch den boshaften und vorsätzlichen Ungehorsam eines einzelnen, der in der Liebe der Weisheit und der Wahrheit keinen Namen hat, das Licht durch Mißdeutungswolken und Geheimnisnebel verdunkelt und das Wort Gottes vor der Welt verborgen und auf den Straßen verlacht worden ist, so haben wir Schüler und Verteidiger dieser Philosophie, der Wissenschaft des Lebens, mit Mary Baker-Glover vereinbart, daß sie uns jede Woche am Sonntag predige und unsere Versammlungen leite. Und wir geloben einander hierdurch und erklären und geben bekannt, daß wir übereingekommen sind, für die Dauer eines Jahres die hinter unsere Namen gesetzte Summe zu bezahlen, vorausgesetzt jedoch, daß die von uns bezahlten Beiträge zu keinem andern Zweck verwendet werden als zur Unterstützung der genannten Mary Baker-Glover, unserer Lehrerin und Unterweiserin, ferner für die Miete eines geeigneten Saales.«

Nun folgen die Zeichnungen der acht Schüler: Elisabeth M. Newhall zeichnet 1.50 Dollar, Daniel H. Spofford 2 Dollar, andere meist nur 1 Dollar oder 50 Cent. Von dieser Summe werden wöchentlich 5 Dollar Mary Baker-Glover für ihre Predigten gezahlt.

Eine Stammtischrunde, wäre man versucht, lächelnd zu sagen, angesichts derart winziger Beträge. Aber dieser 6. Juni 1875 bildet einen Markstein in der Geschichte der Mary Baker, in der Historie der Christian Science; von diesem Tage an hat die Umfärbung einer persönlichen Weltanschauung in Religion begonnen. Aus Moral Science ist über Nacht Christian Science geworden, aus einer Schule eine Gemeinschaft, aus einer herumziehenden Heildoktorin eine göttliche Verkünderin. Sie ist von nun ab nicht mehr eine in Lynn zufällig etablierte Naturheilerin, sondern eine durch göttliche Fügung zur Erleuchtung der Seelen Gesandte. Abermals hat Mary Baker einen ungeheuren Schritt weiter nach vorwärts getan, indem sie ihre bisher bloß geistige Macht in eine geistliche verwandelt. Äußerlich geschieht zunächst ein kaum Wahrnehmbares: jeden Sonntag hält Mary Baker-Glover in einem gemieteten Zimmer Predigt für ihre Studenten, eine Stunde, zwei Stunden lang, dann wird auf dem Harmonium ein frommes Lied gespielt. Damit ist die fromme Morgenfeier zu Ende. Es scheint sich also kaum anderes ereignet zu haben, als daß zu den tausend und aber tausend winzigen Sekten Amerikas eine neue hinzugekommen ist. In Wahrheit bedingt aber diese Umfärbung einer ärztlichen Heilmethode in einen religiösen Glaubenskult eine völlige Verwandlung aller Voraussetzungen: ein Prozeß vollzieht sich am lichten Tage und in wenigen Monaten, der sonst bei allen Religionen Jahrzehnte und Jahrhunderte brauchte, nämlich ein irdischer Glaube setzt sich selbst als göttliches und darum unwiderlegliches Dogma ein ? ein Mensch verwandelt sich bei lebendigem Leibe in Mythos, in prophetisch-überweltliche Gestalt. Denn vom Augenblicke an, da sich die bloße Mind Cure, die Heilung durch Suggestion mit Kirchendienst bindet, da Mary Baker aus einem »practitioner«, aus einem Arzt am Leibe gleichzeitig zu einer Seelenpriesterin wird, Heilhandlung zu Kulthandlung, von diesem Augenblick an muß alles Irdische und Rationale in der Entstehung der Christian Science bewußt verschattet werden. Niemals darf eine Religion ihren Gläubigen als erfunden gelten von einem einzelnen irdischen Gehirn, immer muß sie von oberen, von unsichtbaren Welten niedergeschwebt, also »verkündet« worden sein; um des Glaubens willen muß sie behaupten, daß der von der Gemeinde Erwählte in Wahrheit ein von Gott selbst Erwählter sei. Die Kristallisation einer Kirche, die morphologische Verwandlung eines ursprünglich bloß hygienisch gedachten Gesetzes in göttliches Gebot, vollzieht sich hier so offen wie im chemischen Laboratorium. Zug um Zug können wir mitansehen, wie Legende die dokumentarische Geschichte der Mary Baker verdrängt, wie sich die Christian Science ihren Horeb der Verkündigung dichtet, ihren Tag von Damaskus, ihr Bethlehem und Jerusalem. Vor unsern Augen wird die »Entdeckung« der Science durch Mary Baker zu einer »Inspiration«, das von ihr verfaßte Buch zu einem heiligen, ihr atmendes Leben zu einem neuen Heilandswandel auf Erden.

Eine solche plötzliche Vergöttlichung erfordert selbstverständlich vor den Gläubigen einige nicht geringfügige Überarbeitungen in Mary Bakers Lebensbild: zunächst wird die Kindheit der zukünftigen Heiligen durch ein paar rührende Züge im Stil der Legenda aurea zielbewußt untermalt. Was muß eine echte und rechte Gottberufene schon als Kind gehört haben? Sie muß Stimmen gehört haben, wie Jeanne dArc und wie Maria die Botschaft des Engels. Mary Baker hat sie selbstverständlich (gemäß ihrer Selbstbiographie) vernommen, und zwar in ihrem achten Jahr. Nachts ertönt ihr der geheimnisvolle Anruf ihres Namens aus dem Weltall, und sie antwortet ? die Achtjährige! ? mit den Worten Samuels »Rede Herr, denn dein Knecht hört«. Eine zweite Analogie wird eingebaut zu Christi Gespräch mit den Schriftgelehrten: im zwölften Jahr vom Pastor geprüft, erschüttert das blonde, blasse Kind die ganze Gemeinde durch ihre frühe Weisheit. So vorsichtig präludiert, kann dann die bisherige »Entdeckung« der Wissenschaft leicht in eine »Erleuchtung« umgedichtet werden. Lange hat Mary Baker geschwankt, auf welches Datum sie den Augenblick der Begnadung ansetzen soll, bis sie sich endgültig entschließt, diese »Erleuchtung« auf das Jahr 1866 (vorsichtigerweise nach dem Ableben Quimbys) festzulegen. »Im Jahre 1866 entdeckte ich die Christus-Wissenschaft oder die göttlichen Gesetze des Lebens, der Wahrheit und der Liebe, und nannte meine Entdeckung Christian Science. Gott hatte mich viele Jahre hindurch gnädig für die Empfängnis dieser endgültigen Offenbarung des absoluten göttlichen Prinzips wissenschaftlich mentalen Heilens vorbereitet.« Die »Erleuchtung« geschieht nun nach der neu eingebauten nachträglichen Version folgendermaßen: Am 3. Februar 1866 gleitet Mary Baker (damals noch Patterson) in Lynn auf dem Pflaster aus, fällt hin und wird bewußtlos aufgehoben. Man bringt sie in die Wohnung, der Arzt erklärt (angeblich) ihren Fall für verzweifelt. Am dritten Tage, sobald der Arzt weggegangen ist, lehnt sie die Arznei ab und erhebt (nach ihren eigenen Worten) »ihr Herz zu Gott«. Es ist ein Sonntag, sie schickt die im Zimmer Anwesenden hinaus, nimmt die Bibel und schlägt sie auf, ihr Blick fällt auf die Heilung des Gichtbrüchigen durch Jesus. Sofort empfindet sie »den verlorenen Klang der Wahrheit aus der göttlichen Harmonie«, ehrfurchtsvoll erkennt sie das Prinzip seines christlichen Beispiels am Kreuze, als er ablehnte, den Essig und die Galle zu trinken, um die Qualen der Kreuzigung zu lindern. Sie erkennt Gott von Angesicht zu Angesicht, sie »berührt und handhabt ungesehene Dinge«, sie versteht diesen ihren Zustand als Kind Gottes, sie hört, wie er ihr zuspricht: »Meine Tochter, stehe auf!« Und sofort steht Mary Baker auf, kleidet sich an, tritt in das Wohnzimmer, wo ein Geistlicher und einige Freunde warten, schon tragisch bereit, ihr den letzten Trost auf Erden zu bringen. Nun stehen sie bestürzt vor dem auferstandenen Lazarus. Erst an diesem selbsterlebten Wunder habe sie, Mary Baker, in blitzhafter Inspiration das Universalprinzip des schöpferischen Glaubens erkannt.

Dieser schönen Legende widerspricht leider das eidlich beim Amte beschworene Zeugnis des Arztes, und noch drastischer erledigt sie ein handschriftlicher Brief Mary Baker-Eddys aus dem Frühjahr 1866, in dem sie noch Wochen später dem Nachfolger Quimbys, Dr. Dresser, verzweifelt von jenem Sturz und den schrecklichen Folgen für ihre Nerven schreibt und in dem sie (die angeblich längst Geheilte) ihn stürmisch anfleht, ihr nach der Quimby-Methode zu helfen. Aber Quimby? Wer ist denn Quimby? Dieser Name ist seit der Umfabrikation der Christian-Science-Entdeckung in eine überirdische Sendung mit einmal verschwunden. In der ersten Ausgabe von »Science and Health« gilt ihrem Wohltäter und Lehrer noch eine matte zufällige Zeile, dann aber leugnet mit verbissenen Zähnen Mary Baker bis zum letzten Atemzug, jemals von Quimby irgendeine Anregung empfangen zu haben. Vergebens, daß man ihr mit ihren eigenen hymnischen Artikeln aus dem »Portland Courier« auf den Leib rückt, vergebens, daß man ihre Dankbriefe veröffentlicht und mit photographischen Proben nachweist, ihre ersten Lehrmanuskripte seien nichts als glatte Kopieen seiner Texte, ? auf eine Frau, die unsere ganze Tatsachenwelt als »error« erklärt, macht kein Dokument Eindruck. Zuerst leugnet sie, überhaupt jemals seine Manuskripte verwertet zu haben. Und schließlich, in die Enge gedrängt, stellt sie die Tatsachen kühn auf den Kopf und behauptet, nicht Quimby habe sie, sondern sie habe Quimby über die neue Wissenschaft aufgeklärt. Nur Gott, nur seiner Gnade allein dankte sie ihre Entdeckung. Und kein Gläubiger verdiene diesen Namen, der an diesem Dogma zu zweifeln wage.

Ein Jahr, zwei Jahre, und die verblüffendste Verwandlung hat sich vollzogen: aus einer Laienmethode, der ihre »Entdeckerin« noch vor wenigen Monaten naiv ehrlich nachrühmte, daß man »mit ihr in kurzer Zeit sich ein gutes Einkommen schaffen könne«, ist im Handumdrehen göttliche Botschaft geworden, aus der fünfzigprozentigen Teilhaberin des Kartonagedoktors Kennedy eine inspirierte Prophetin. Mary Bakers unersättliches Selbstgefühl stellt sich von nun ab hinter einen unangreifbaren Wall, indem sie fürderhin jeden ihrer Wünsche einfach als göttliches Diktat ausgibt und auch für das verwegenste Verlangen Gehorsam im Namen ihrer himmlischen Sendung fordert. Jetzt heißt es zum Beispiel nicht mehr, ein Lehrkurs bei ihr koste dreihundert Dollar in guten marktgängigen Banknoten, sondern (wörtlich!!) schreibt sie: »Als Gott mich veranlaßte, einen Preis für meinen Unterricht im christlich-wissenschaftlichen Gemütsheilen festzusetzen«, habe »eine seltsame Vorsehung sie dazu geführt, diese Gebühr anzunehmen«. Ihr Buch (dessen Autorrechte sie grimmig genau einfordert) dankt sie nicht ihrem eigenen irdischen Verstande, sondern göttlicher Eingebung. »Nie würde ich wagen, zu behaupten, ich hätte jenes Werk geschrieben.« Widerstand gegen ihre Person bedeutet folgerichtig von nun ab Auflehnung gegen das »Göttliche Prinzip«, das sie auserwählt. Durch diesen Machtzuwachs ist über Nacht die Wirkung ihrer Persönlichkeit unermeßlich gesteigert: riesenhaft kann sich nun ihre Autorität aufrecken. Berauscht von dem neuen Gefühl ihrer Sendung, berauscht sie immer heißer ihre Hörer. Weil sie an sich selbst als ein Wunder glaubt, schafft sie sich Glauben: ein knappes Jahrzehnt noch, und Hunderttausende werden ihrem Willen gewonnen sein.

Die letzte Krise

Jede religiöse Bewegung wird unter Krisen und Spannungen geboren, immer umfiebert gewittrige Atmosphäre ihre Niederkunft in die Welt. Auch Mary Baker bringen jene schöpferischen Stunden der ersten Glaubensgestaltung gefährliche, ja sogar lebensgefährliche Erschütterung der Nerven. Denn zu jäh hat sich der phantastische Umschwung vom Nichts zur Allmacht vollzogen, ? gestern noch eine hoffnungslose Kranke, eine Almosenbettlerin, von Mansarde zu Mansarde gejagt, sieht sie sich plötzlich im Brennpunkt überschwenglicher Bewunderung, eine Heilbringerin, eine Heilige fast. Bestürzt, verwirrt, mit brennenden Nerven erfährt jetzt Mary Baker jenes merkwürdige Phänomen, von dem alle Nervenärzte und Psychologen zu berichten wissen, nämlich, daß bei jeder psychischen Behandlung die Patienten zunächst ihre eigene Unruhe, ihre Neurosen und Psychosen zurück auf den Arzt werfen und er die äußerste Gegenkraft aufbieten muß, um nicht selbst seelisch von diesen fremden Hysterieen überflutet zu werden. Mary Baker wird beinahe weggeschwemmt von diesem plötzlichen Erregungszudrang. Erschrocken, überrascht von dem zu großen, zu stürmischen Erfolg, sieht die Frau ihre Nerven so hohem Anspruch nicht gewachsen. Eine Atempause fordert sie darum, einen Augenblick Selbstbesinnens. Inbrünstig beschwört sie ihre Studenten, sie möchten von ihren unaufhörlichen Bekenntnissen, ihren Bitten und Fragen ablassen, sie ertrüge nicht dieses drückend nahe Herandrängen, dieses verzweifelte Sichanklammern. Sie möchten doch Mitleid haben, fleht sie ? sie ginge sonst selbst zugrunde: »Those, who call on me mentally, are killing me.« Aber der geistige Überschwang, den sie erweckt, kennt keinen Halt mehr. Mit heißem, brennendem Mund saugen ihre Schüler sich an ihr fest und trinken ihr die Kraft aus dem Leibe. Vergebens wehrt sie ab, flüchtet sogar einmal aus Lynn, »driven into wilderness«, vor dieser unerwarteten, ungewohnten Liebe und schreibt dann von ihrem Zufluchtsort: »Wenn die Schüler weiter an mich denken und mich um Hilfe bitten, werde ich schließlich mich schützen müssen, und zwar so, daß ich mich im geistigen Sinne durch eine Brücke, die sie nicht werden überschreiten können, vollständig von ihnen trenne.« Wie ein Verhungernder plötzlich gebotene Nahrung, statt sie gierig zu schlingen, angewidert erbricht, weil sein Magen durch überlange Entbehrung gereizt und unaufnahmsfähig geworden ist, so antwortet hier ein jahrzehntelang an Einsamkeit gewöhntes Gefühl gegen so plötzliche Bewunderung zunächst mit verzweifeltem Schrecken, mit zuckender Abwehr. Noch hat sie selbst das Wunder ihrer Wirkung nicht verstanden, und schon verlangt man Wunder von ihr. Noch fühlt sie sich kaum heil, und schon will man, daß sie Heilige und Allheilhelferin sei. Diesem wilden Bedrängtsein halten ihre Nerven nicht stand: mit fiebrigen Augen blickt sie nach allen Seiten nach einem, der ihr selber helfen könnte.

Dazu kommt bei dieser Frau klimakterischen Alters noch eine persönliche Unsicherheit. Mehr als ein Jahrzehnt abseits von Männern lebend, immer Witwe oder verlassen, war schon der erste junge Mensch, der räumlich an sie nahekam, Kennedy, ihr trotz seiner Gleichgültigkeit Bedrängnis geworden. Nun steht sie plötzlich von morgens bis nachts in loderndem Kreis von Männern, jungen Männern, und alle diese Männer verwöhnen sie mit Ergebenheit, mit Hingabe, mit Bewunderung. Erschütterten Herzens, leuchtenden Blicks schauen und schauern sie alle auf, kaum daß ihr Kleid die Schwelle streift; jedes Wort, das sie sagt, nehmen sie als Wahrheit, jeden Wunsch als Befehl. Aber gilt ? vielleicht nur im Unbewußten gestellte Frage! ? gilt diese männliche Verehrung ihr bloß als der geistigen Führerin, gilt sie vielleicht nicht auch der fleischlichen Frau? Unlösbarer Konflikt für ihre harte puritanische Natur, die seit Jahrzehnten sich selbst die Wünsche ihres Körpers verschwieg! Noch scheint, aufgestört durch Kennedy, das Blut der mehr als Fünfzigjährigen nicht völlig zur Ruhe gekommen: jedenfalls, ihr Verhalten zu den Studenten wird völlig gleichgewichtslos, ihr Benehmen wechselt, kalt und heiß, in einem fortwährenden Auf und Ab zwischen intimer Kameradschaft und hart abweisender Despotie. Etwas in ihrem sexuellen Leben ist bei Mary Baker nie ganz geradlinig gewesen: die Gleichgültigkeit, fast möchte man sagen, der Abscheu vor dem eigenen Kinde und der immer erneute Versuch, dieses fehlende Mütterlichkeitsgefühl durch Heirat oder Adoption von jüngern Männern auszugleichen, machen ihre Gefühlswelt sehr rätselhaft. Ihr ganzes Leben lang hat sie immer junge Männer um sich gebraucht, diese Nähe beruhigt und beunruhigt sie zugleich. Immer deutlicher von Woche zu Woche offenbart sich die unterirdische Verstörung in solchen geheim wünschenden Geboten, sich von ihr »abzuwenden«. Schließlich schreibt sie ihrem Lieblingsschüler Spofford, dem einzigen, den sie zärtlicher als die andern beim Vornamen »Harry« nennt, einen explosiven und sehr konfusen, einen in seiner verzweifelten Abwehr völlig verräterischen Brief: »Wollen Sie mich leben lassen, oder wollen Sie mich töten?« schreibt sie dem gänzlich Ahnungslosen, »nur Sie haben meinen Rückfall verschuldet, und ich werde nie davon genesen, wenn Sie sich nicht beherrschen und Ihre Gedanken von mir gänzlich abwenden. Kommen Sie nicht mehr zu mir zurück, ich werde nie einem Mann mehr glauben.«

»Ich werde nie einem Mann mehr glauben« ? so schreibt die Überreizte am 30. Dezember 1876 an Spofford. Aber bereits vierundzwanzig Stunden später, am 31. Dezember, wird eben derselbe Spofford durch ein neues Billett überrascht, in dem Mrs. Baker ihm mitteilt, sie habe ihre Ansichten geändert. Sie werde sich morgen mit Asa Gilbert Eddy, einem anderen Schüler, vermählen. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden hat sich Mary Baker in einen wilden Entschluß geworfen: vor dem völligen Zusammenbruch ihrer Nerven schauernd, klammert sie sich verzweifelt an einen Menschen, an irgendeinen, der ihr gerade zur Hand ist, nur um nicht in Irrsinn zu stürzen, und fordert sein Jawort heraus. An einen, an irgendeinen zufälligen unter ihren Schülern kettet sie sich fest, denn bisher hatte keiner in der Gemeinde das geringste Anzeichen einer besondern Neigung für den um elf Jahre jüngeren Studenten und vormaligen Nähmaschinenagenten, Asa Gilbert Eddy, diesen braven, etwas kranken Kerl mit klaren leeren Augen und einem hübschen Gesicht, bei ihr wahrgenommen und wahrscheinlich auch sie selber nicht. Jetzt aber, knapp vor dem Abgrund, reißt sie mit einem jähen Ruck diesen bescheidenen, unbedeutenden Mann an sich, einen Mann, der selbst bestürzt über die unverständliche Plötzlichkeit ihrer Neigung, dem gleichfalls verblüfften Spofford ehrlich erklärt: » I didnt know a thing about it myself until last night.« Aber selbstverständlich: wie wird ein Student sich gegen eine solche Auszeichnung durch die göttliche Meisterin auflehnen? Aus blinder Hörigkeit gehorcht er sofort ihrem ehrenden Antrag und holt noch selben Tags bei den Behörden die Heiratsbewilligung. Und einen Tag später? man erkennt Mary Bakers Willensungestüm an dem tollen Tempo, sich wieder zu verheiraten! ?, am Neujahrstage 1877, wird bereits diese ihre dritte Ehe geschlossen und während der Zeremonie noch rasch der Wahrheit ein kleiner Stoß versetzt, indem Braut und Bräutigam ihr Alter einhellig mit vierzig Jahren angeben, obwohl Eddy bereits fünfundvierzig und Mary Baker nicht weniger als sechsundfünfzig zählen. Jedoch, was bedeutet »chronology«, was eine kleine eitle Zahlenlüge bei einer Frau, die großzügig-verschwenderisch mit Ewigkeiten und Äonen rechnet, die unsere ganze irdische Wirklichkeit als eine törichte Sinnestäuschung verachtet? Zum drittenmal steht sie, die in ihrem Lehrbuch die Heirat theoretisch verworfen, vor dem Traualtar: diesmal aber gehört der neue Name, den sie in dieser Stunde erwirbt, nicht ihr allein, sondern der Geschichte. Als Mary Glover, als Mary Patterson hat niemand diese Farmerstochter aus Virginia geehrt und gekannt, ihre früheren Gatten sind spurlos der Zeitgeschichte entschwunden. Diesen neuen Namen aber, Mary Baker-Eddy, wirft sie über fünf Kontinente unserer Welt und schenkt als Brautgabe einem kleinen Nähmaschinenagenten, namens Eddy, die Hälfte ihres Ruhms.

Derlei schußhafte, derlei stoßhafte Entschlüsse in wahrhaften Schicksalsaugenblicken sind charakterologisch unendlich kennzeichnend für Mary Baker-Eddy. Die wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens entstehen bei ihr nie aus bewußt logischer Überlegung, sondern aus vulkanischen Energieausbrüchen, aus gleichsam krampfartigen Entladungen vom Unbewußten her. Geniehaft bald und bald wieder völlig wahnwitzig, entlädt sich ihre überreizte Nervenenergie immer in so jähen Entschlüssen, daß sie ihr waches Ich gar nicht dafür verantwortlich machen kann. Was natürlicher darum, als daß sie sich von einem Oben her inspiriert dünkt, daß sie ihre Nervenentladungen als Zündungen überirdischen Funkens ansieht und sich selbst als eine Auserwählte prophetischen Worts? Unablässig erlebt sie ja das Wunder, ihre schmerzhaftesten Unentschlossenheiten sich in einem plötzlichen Erkenntnisblitz lösen zu sehen, und zwar meist auf glücklichste Art. Denn fast immer trifft sie mit ihren Impulsivtaten und Improvisationen ins Schwarze: Mary Bakers Instinkt ist hundertmal klüger als ihre Vernunft, ihr Genie tausendmal größer als ihr Verstand. Auch in dieser entscheidenden Krise ihrer Weiblichkeit hätte sie bei sorgfältigster Vorausüberlegung keine therapeutisch klügere Nervenentlastung finden können als durch den Pistolenschuß und -entschluß, sich gerade einen so unselbständigen und stillen Menschen zum Lebensbegleiter zu wählen, einen Menschen, zwar dürr, aber gerade darum verläßlich wie ein fester Stock, auf den man sich beruhigt stützen kann. Ohne diesen ruhigen und beruhigenden Asa Gilbert Eddy, ohne diese sichere Rückendeckung hätte sie wahrscheinlich den Sturm der kritischen Jahre nicht überstanden.

Denn diese nächsten Jahre der Christian Science werden kritisch sein. Einen Augenblick hat es sogar den Anschein, als wollte die mühsam geschaffene Gemeinde sich auflösen, der Turm des Glaubens mitten im Bau noch einstürzen. Als Antwort auf ihre Heirat verläßt der in seinem Stolz getroffene Spofford, der Getreueste der Getreuen, der Mitarbeiter an »Science and Health«, den Kreis der Frommen und eröffnet wie Kennedy seinen eigenen Laden mit Christian Science in Lynn. Selbstverständlich schleudert die Meisterin ? ihre herrische Natur vermag keinen Abfall zu ertragen ? abermals die grimmigsten Bannflüche, auch ihm hängt sie Prozesse an den Hals. Auch gegen Spofford genau wie gegen Kennedy verbreitet sie die manische Anschuldigung, er übe telepathisch-böswilligen Ferneinfluß, er vergifte mit seinem M. a. M., seinem »malicious animal magnetism«, unschuldigen und ahnungslosen Menschen die Gesundheit. Mit allen Hunden des Hasses hetzt Mary Baker ja immer gerade am grimmigsten ihren entlaufenen Schülern nach, denn sie weiß, wie alle Kirchengründer ? man erinnere sich an den Haß Luthers gegen den »säuischen« Zwingli, an die Verbrennung Servets durch Kalvin wegen einer einzigen theologischen Meinungsabweichung ?, daß eben in der ersten Aufbaustunde einer Kirche jedes Schisma, jede Absplitterung von der Lehre das ganze Gebäude erschüttert. Aber alle diese historischen Überreiztheiten der ersten Kirchenkonzile muten noch gutmütig an gegen die Tollwut, gegen den rasenden Verfolgungsfanatismus einer Mary Baker-Eddy, dieser ewig Maßlosen. Unüberbietbar und unberechenbar in ihrer Passioniertheit, schreckt diese im Gefühl allezeit überdimensionale Frau auch vor offenen Irrwitzigkeiten nicht zurück, wenn sie einen Gegner vernichten will. Etwas Unglaubliches geschieht, eine Absurdität, wie sie seit hundert Jahren sich nicht in Amerika ereignet: ein regelrechter Hexenprozeß beschäftigt ein modernes Gericht. Denn so stark betäubt Mary Bakers Seelenübermacht den Verstand ihrer Anhänger, daß am 14. Mai 1878, mitten im neunzehnten Jahrhundert, eine der ihr mit Haut und Haar verfallenen und ihren Haß mithassenden Schülerinnen, daß die Szientistin Miß Lucretia Brown gegen Daniel H. Spofford öffentliche Klage einreicht, er habe ihr seit einem Jahre »durch seine Kraft und seine Kunst in unrechter und boshafter Weise und in der Absicht, ihr zu schaden, großes Leiden an Leib und Seele, heftige Rückgrat- und Nervenschmerzen und zeitweilige Geistesgestörtheit zugefügt«. Obwohl nun erwiesenermaßen Spofford die gute Jungfer Lucretia nie gesehen, nie gesprochen, nie ärztlich untersucht hat und es sich demnach einzig um den mittelalterlichen Zauberwahn telepathischer Verhexung des Malocchio hätte handeln können, wird dieser kurioseste Prozeß der Neuzeit doch bis vor den Richter gebracht. Der erklärt sich selbstverständlich in derlei kabbalistischen Dingen als unzuständig und schiebt lachend die Hexereianklage unter den Tisch. Nach dieser katastrophalen Blamage sollte, glaubt man, grenzenlose Heiterkeit die von »mentalem« Theologengezänk überhitzte Atmosphäre von Lynn entlüften. Aber Mary Baker-Eddy fehlt jeder Nerv für Lächerlichkeit, ihr ist es mit ihrem Glauben wie mit ihrem Haß verzweifelt ernst. Sie gibt nicht nach: Spofford und Kennedy müssen vernichtet werden. Plötzlich werden ihr Mann und ihr zweiter Lieblingsschüler Arens (gegen den sie übrigens später gleichfalls prozessierte) verhaftet unter der Anschuldigung, zwei Arbeitslose zu einem Attentat auf Spofford angestiftet zu haben. Vollkommen ist diese dunkle Angelegenheit niemals geklärt worden: jedenfalls beweist aber schon die bloße Tatsache einer gerichtlichen Mordanklage unmittelbar nach dem Hexereiprozeß, bis zu welcher tödlichen Erbitterung sich jene Glaubenszwistigkeiten hinaufsteigerten. Eine Klage jagt die andere, jeden Monat erscheint Mary Baker-Eddy in neuer Sache vor Gericht. Schließlich lächelt schon der Richter, sobald die hagere grauhaarige Frau erregt, mit verbissenen Lippen eine neue Beschwerde vorbringt: bald will ein Schüler nicht die rückständigen Dollars und Prozente zahlen, bald fordert ein Enttäuschter sein Lehrgeld zurück, bald hat man ihr einen Lehrsatz »entwendet«. Heute erklärt eine Schülerin, man habe sie nur blanken Unsinn gelehrt, und sie verlange Entschädigung, morgen klagt wieder Mary Baker einen abtrünnigen Szientisten auf Erlag der »inition« ? kurzum: in der Enge dieser Kleinstadtwelt zerstößt sich die übermächtige Gefühlsenergie dieses Dämons der Seelenkraft an den lächerlichsten Geldquengeleien und Krähwinkeleien. Und schon droht eines der merkwürdigsten geistigen Schauspiele der Neuzeit zur simplen Kurpfuscherposse herabzusinken.

Das spüren jetzt endlich auch die Schüler. Sie wittern die Lächerlichkeit in diesen Hexenbeschuldigungen, in dieser pathologischen »Daemonophobia« ihrer Führerin. Allmählich beginnt bei den lange Betäubten der Nerv des common sense wieder zu erwachen. Heimlich tun sich acht ihrer bisher treuesten Anhänger zusammen und beschließen, diesem ganzen dummen Haßwahn »malicious animal magnetism« innerhalb der Lehre nicht mehr zuzustimmen. Sie seien in die Science eingetreten, stellen sie gemeinsam fest, weil sie ihnen als Botschaft von der Allgüte und Alleingegenwart Gottes erschienen sei; nun habe ? wie jede Religion ? Mary Baker nachträglich noch den Teufel zu dem Gott in das Weltall hineinpraktiziert. Und diesen lächerlichen Teufel malicious animal magnetism, verkörpert durch solche Jammergestalten wie Spofford und Kennedy, in der allgöttlichen Welt Gottes anzuerkennen, weigern sie sich. So veröffentlichen die acht Veteranen der »Science« am 21. Oktober folgende Erklärung:

»Während wir, die Unterzeichneten, das Verständnis der Wahrheit, zu dem unsere Lehrerin, Mrs. Mary Baker-Glover-Eddy, uns verholfen hat, anerkennen und schätzen, sind wir durch göttliche Intelligenz dazu geführt worden, ihre Abweichung vom geraden und schmalen Wege (der allein zum Wachstum in den christusähnlichen Tugenden führt) mit Bedauern zu erkennen, was sich in häufigen Entrüstungen, in Liebe zum Geld und in der Neigung zu Heuchelei kundtut; wir können uns daher einer solchen Führerschaft nicht mehr unterordnen. Aus diesem Grunde erklären wir ohne die geringste Spur von Haß, Rache oder kleinlichem Groll im Herzen, sondern nur aus dem Gefühl der Pflicht gegen sie, gegen die Sache und gegen uns selber, ehrerbietigst unsern Austritt aus dem Schülerverein und aus der Kirche christlicher Wissenschaftler.«

Diese Erklärung fällt auf Mary Baker-Eddy wie ein Genickschlag. Sofort stürzt sie zu jedem der Abtrünnigen und fordert Rücknahme des Austritts. Da alle acht aber unbeugsam bleiben, will sie wenigstens vor ihrem eigenen rasenden Stolz recht behalten. Flink dreht sie den Spieß um und trifft (wie die rosenrote Biographie schweifwedelnd schreibt) »eine meisterliche Entscheidung«, indem sie den Ausgetretenen das Recht, eigenmächtig die Gemeinschaft zu kündigen, abstreitet, also den acht Schülern, die die Tür hinter sich zugeschlagen haben, gewissermaßen noch über die Gasse nachschreit, sie befehle ihnen, das Haus zu verlassen. Aber solche kleine Triumphe ihrer Rechthaberei können die entscheidende Tatsache nicht mehr ändern ? Mary Baker-Eddy hat in Lynn verspielt. Die Gemeinde zerfällt durch die ewigen Zänkereien, die Zeitungen reservieren der Christian Science bereits eine ständige Amüsierrubrik. Ihr Werk liegt in Trümmern. Als einzige Möglichkeit bleibt, es noch einmal aufzubauen an anderem Ort und auf festeren, breiteren Fundamenten. So wendet die verkannte Prophetin dem undankbaren Bethlehem den Rücken und siedelt nach Boston über, in das Jerusalem der amerikanisch-religiösen Geistigkeit.

Wieder einmal ? zum wievielten Male? ? hat Mary Baker-Eddy ihre Partie verloren. Aber gerade diese letzte Niederlage wird ihr größter Sieg, denn erst die erzwungene Übersiedlung bricht ihr freie Bahn. Von Lynn aus konnte ihre Lehre nicht ins Weite wachsen. Zu absurd in diesem engen Zirkel war das Mißverhältnis ihres Größenwahns und der Zwergigkeit des Widerstands. Ein Wille von der Größe Mary Bakers braucht Weite, um zu wirken, ein Glaube wie der ihre keinen Klüngel als Ackerboden, sondern eine ganze Nation: kein Heiland, erkennt sie, kann Wunder tun, wenn ihm tagtäglich die Nachbarn in die Werkstatt blicken, niemand Prophet bleiben im Eingewöhnten und Täglich-Vertrauten. Geheimnis muß das Wunderbare umschatten, immer kann Nimbus darum nur entstehen im Dämmerlicht der Abseitigkeit. Erst in einer Großstadt kann Mary Baker sich zu ihrer Wesensgröße entfalten.

Aber noch entschlossener will sie das Schicksal für diese entscheidende Aufgabe. Noch einmal, zum letztenmal, hämmert die alte harte Faust auf die Sechzigjährige los. Kaum wohnt sie sich in Boston ein, kaum legt sie das neue Fundament der Christian Science nun auf breiterem, tragkräftigerem Grunde, da trifft sie mörderischer Schlag. Von je war Asa Gilbert Eddy, ihr junger Gatte, brustleidend gewesen, einzig diese Gesundheitsschwäche hatte ihn erst Spofford und der Science zugetrieben; nun verschlechtert sich das Herzleiden rasch. Vergebens, daß Mary Baker-Eddy inbrünstiger als je ihre »Wissenschaft« an dem ihr wichtigsten Menschen anwendet, vergebens, daß sie die bei so viel Gleichgültigen erprobte »mentale« Kur gerade an diesem allernächsten versucht ? das ermattende Herz, die verkalkten Gefäße wollen sich nicht gesundbeten lassen. Und vor den Augen der angeblichen Wunderwirkerin lischt er allmählich dahin. Die Tausenden und Zehntausenden Gesundheit gebracht und verkündet, sieht ? tragisches Schicksal ? sich ohnmächtig vor der Krankheit des eigenen Gatten.

In diesem dramatischen Augenblick begeht Mary Baker-Eddy ? es ist für mich die menschlichste Sekunde ihres Lebens ? Verrat an ihrer Wissenschaft. Denn in ihrer Seelennot tut sie, was sie sonst allen andern tyrannisch verbietet: sie versucht nicht länger, ihren Mann »by mind« zu retten, sondern ruft einen wirklichen Arzt, Dr. Rufus Neyes, einen jener »confectioners of decease«, an des Sterbenden Bett. Einmal, ein einziges Mal kapituliert diese unbändige Seele vor ihrem ewigen Feind, vor der Wirklichkeit. Dr. Neyes stellt ein vorgeschrittenes Herzleiden fest, verordnet Digitalis und Strychnin. Aber es ist zu spät. Mächtiger als die Wissenschaft, mächtiger als der Glaube ist das ewige Gesetz. Am 3. Juni 1882 stirbt Asa Gilbert Eddy in Gegenwart derselben Frau, die vor Millionen von Menschen Krankheit und Tod für unmöglich erklärt hat.

Dieses eine und einzige Mal, am Sterbebett ihres eigenen Mannes, hat Mary Baker-Eddy ihren Glauben verleugnet: sie hat, statt ihrer eigenen Christian Science zu vertrauen, einen Arzt gerufen. Einmal hat vor dem gewaltigsten Gegner, vor dem Tod, auch diese Riesin des Willens die Waffe gesenkt. Aber nur eine knappe Sekunde lang. Kaum ist Asa Gilbert Eddy der letzte Atem von der Lippe geflossen, richtet die Witwe sich wieder auf, unbeugsamer, starrsinniger als je. Falsch nennt sie die durch Sezierung bestätigte Diagnose; nein, nicht durch eine Herzentartung sei Asa Gilbert Eddy gestorben, sondern durch »metaphysical arsenic«, durch ein »mental poison« vergiftet worden, und sie selber hätte ihn mit Hilfe der »Science« nur deshalb nicht retten können, weil damals durch mesmeristisch-telepathischen Einfluß Kennedys und Spoffords ihre eigenen Kräfte gelähmt gewesen seien. Wörtlich schreibt sie (um den peinlichen Effekt dieses Todes auf die Gläubigen abzuschwächen): »My husbands death was caused by malicious mesmerism ... I know it was poison that killed him, but not material poison, but mesmeric poison ... after a certain amount of mesmeric poison has been administered, it can not be averted. No power of mind can resist it.« Selbst auf dem Grabe ihres Gatten pflanzt sie noch die Fahne dieses fürchterlichen Unsinns vom magnetischen Ferngift auf, lächerlich und großartig absurd wie immer in ihren entscheidendsten Augenblicken.

Dies aber war ihre letzte Erschütterung. Den ersten Mann hat sie begraben, der zweite hat sie verlassen, nun liegt der dritte unter der Erde. Niemandem von nun ab mehr durch Liebe verbunden, keinem Ding der Welt durch Leidenschaft verschwistert, lebt sie seit dieser Stunde nur noch einer einzigen Sache: ihrem Werk. Nichts ist ihr geblieben aus sechzigjährigem Mühsal als dieser unerschütterliche, unbeugsame, dieser fanatische und phantastische Glaube an ihren Glauben. Und mit dieser ihrer unvergleichlichen Kraft erobert sie jetzt, eine Greisin, die Welt.

Christus und der Dollar

Einundsechzig Jahre zählt Mary Baker-Eddy, als sie vom Grab ihres dritten Mannes heimkehrt. Einundsechzig Jahre, Großmutteralter, in dem andere Frauen die schwarze Haube aufsetzen und still in einen Winkel schatten, ein Alter, da Menschen bereits erste Gleichgültigkeit und Müdigkeit überfließt, denn wie lange kann man noch wirken und für wen? Aber für diese erstaunliche Frau hat die Weltuhr anderen Schlag. Als Greisin kühner, klüger, hellsichtiger und leidenschaftlicher als jemals, beginnt Mary Baker-Eddy mit einundsechzig Jahren ihr wirkliches Werk.

Gegenkraft war immer ihre Kraft, einzig am Widerstand türmt sie ihre Stärke. Der Verzweiflung dankt sie ihre Gesundung, der Krankheit den Sinn ihres Lebens, der Armut den verbissenen Drang nach oben, dem Unglauben der andern ihren unzerbrechlichen Glauben an sich selbst. Daß Lynn, die Stadt ihrer Kirchengründung, sie verstieß, wird für den Hochbau ihrer Lehre sogar entscheidender Gewinn. Denn der Raum eines Schuhmacherstädtchens war zu eng für die Weite ihres Planens, dort konnte der ungeheure Hebel, mit dem sie die Welt aus den Angeln heben will, sich nicht genug tief eingraben in die Erde, dort war sie abgeschaltet von den großen Traktoren und Faktoren des Erfolgs. In Boston, beim Anblick der modernen geschäftlichen Stadt, wird ihr augenblicklich klar, daß man ihrer »mentalen« Idee alle materiellen und maschinellen Hilfsmittel der Technik, der Propaganda, der Reklame, der Presse und der geschäftsmäßigen Betriebsamkeit einbauen, dem geistigen Apparat gleichsam stählerne Räder unterlegen müsse, damit er wie Elias feuriger Wagen die Herzen der Menschen himmelan reiße.

So stellt sie ihren Bau in Boston sofort auf breitere Grundlage. Ärmlichkeit, das hat sie erkannt, schadet in dieser irdischen Welt: einem Unscheinbaren glaubt man keine Kraft. Nicht wie in Lynn eine einstöckige, schäbige Holzbude mietet sie deshalb, sondern kauft im besten Teile der Stadt, in der Columbus-Avenue, aus dem in Lynn reichlich verdienten Gelde ein dreistöckiges, granitenes Haus mit Empfangsräumen, Bildern und Teppichen und einem hübschen Salon. Der Lehrsaal wird nicht wie einst mit gehobelten Holzpulten garniert, sondern schmuck herausgeputzt, denn in Boston erwarten sie keine Absatzflicker mehr als Schüler, nicht solch plumpe schwerhufige Gesellen, sondern »refined people«; diese neue Kundschaft darf man nicht durch Dürftigkeit abschrecken. Auch außen bezeichnet ein neues Firmenschild mit breiter, silberner Platte die Hebung des sozialen Niveaus. Ein Wort wie »Teacher of moral Science«, Lehrer moralischer Wissenschaft, das klingt für Boston zu dünn, zu leise, zu bescheiden. Zu leicht könnte man damit auf eine Linie mit Kartenaufschlägerinnen, Telepathen und Spiritualisten geschoben werden. Darum nimmt die höhere Schule von vornherein einen höheren Namen an: die Christian Science ernennt sich zur Universität, zum »Massachusetts Metaphysic College«, in dem nach ihrer Ankündigung mit staatlicher Erlaubnis Pathologie, Therapeutik, Philosophie, Metaphysik und deren praktische Anwendung auf Krankheiten gelehrt werden. Über Nacht ist mit amerikanischen Geschwindigkeiten aus einer Winkellehrerin ein Universitätsdozent, aus der Doktorei eine Professur, aus dem »mentalen« Schnellsiederkurs eine staatlich bewilligte wissenschaftliche Pseudohochschule geworden.

Aber noch mehr als diese äußere Verwandlung ist die gleichzeitige Anpassung Mary Baker-Eddys an ihren eigenen Aufstieg zu bewundern: immer wächst diese Frau mit jedem Erfolg innerlich mit in die höheren geistigen und sozialen Sphären. Hier, wo sie als Hörerinnen Damen der Gesellschaft zu erwarten hat, gebildete ? oder sagen wir vorsichtiger: halbgebildete ? Leute, wirkt sie selbst in der besten »society« nicht eine Sekunde lang inferior oder provinzlerisch; schon bei der ersten Stufe wird ihre verblüffende Begabung zur Selbststeigerung sichtbar: sofort ist sie Lady und sogar für die gesellschaftlich Anspruchsvollsten eindrucksgebietend. Vornehm angezogen, empfängt in Boston, die vierzig Jahre sich in billiggeschneiderte Fetzen kleidete, die Gäste zum Tee in ihrem Salon. Jedem Gespräch weiß sie sich sieghaft gewachsen, und wenn sie Sonntags, weißseiden angetan, den Blick hell und stark unter dem langsam ergrauenden Haar, an das Rednerpult ihrer Kirche tritt, verstummt jeder Atem, so gebietend wirkt ihre majestätische Gestalt. Immer fühlen sich gleich nach den ersten Worten die Hörer von ihrer hinreißenden Beredsamkeit gepackt. In Rede und Schrift, in Lehre und Leben überspringt innerhalb eines Jahrzehnts diese Frau alle Hemmungen ihrer engen Herkunft, ihrer mangelhaften Bildung: sie lernt, ohne zu lernen, es strömt ihr wahrhaftig zu. Bald wächst Nimbus mit rauschendem Flügel um ihre Gestalt, immer leidenschaftlicher umdrängt sie Verehrung, aber aus den Erfahrungen von Lynn weiß die klug Beobachtende jetzt schon, daß man Nimbus einzig intakt erhält durch Distanz. Jetzt läßt Mary Baker-Eddy keinen Fremden mehr nah heran an ihr Leben, sie duldet nicht mehr, daß ihr Neugier in die Fenster blickt. Um so mächtiger dann die Wirkung, wenn sie ihren Hörsaal betritt oder Sonntags an dem Pult der Kirche erscheint: dann ist es immer, als ob sie aus einer Wolke von Geheimnis trete; zwischen ihr selbst und der Welt bleiben aber von nun ab lebendige Puffer eingeschaltet, ein Privatsekretär und Unterbeamte, die alle geschäftlichen, alle peinlichen Verhandlungen von ihr weghalten. Durch diese Unsichtbarkeit wird es als außerordentliche Auszeichnung gewertet, wenn sie ausnahmsweise einmal einen Schüler privatim empfängt oder Gäste in ihren Salon bittet: mitten in der Millionenstadt, mitten im Donner der Straßenbahnen, neben dem Lärm der Börse und dem wirbelnden Strömen geschäftiger Massen erbaut sich so allmählich eine Legende um ihre Person. Noch in Boston wird Mary Baker-Eddy schon Mythos aus einer Gestalt.

Hellsichtig aber erkennt sie, daß, wenn Stille und Verborgenheit die psychische Wirkung eines Namens erhöhen, die Lehre selbst wiederum Lautsein braucht, eine tönende Lunge. Das Amerika von 1890, an dem Großstadtbetriebe erkennt sie dies sofort, ist kein Land für stilles, für leises, für langsames Sichauswirken. Was dort Erfolg haben soll, muß mit hartem Dreschflegel, mit den lauten, hallenden, immer und immer wieder ins Hirn fallenden Schlägen der Reklame ins Bewußtsein der Masse eingehämmert werden. Auch eine neue Sekte muß dort lanciert, propagiert und plakatiert werden wie eine neue Seife, eine neue Füllfeder, eine neue Whiskymarke. Zu weit, zu breit ist unsere Welt geworden, als daß eine Botschaft wie in den Tagen der Menschheitsfrühe von Mund zu Mund weitergetragen werden könnte. Hier muß man für jede Botschaft ein Sprachrohr, ein Megaphon zur Verfügung haben, damit die Verkündigung bis hinüber nach Kentucky und Kalifornien, bis zum Ufer des Pazifischen Meeres dröhne. Alles Neue braucht im Jahrhundert der Druckerschwärze die Zeitung, und da die großen Blätter sich ihrer Lehre gegenüber gleichgültig verhalten, beschließt sie, als erstes und wichtigstes Propagandamittel ein eigenes Organ zu gründen, das »Christian Science-Journal«. Damit ist zum erstenmal der Raum überwunden, die Reichweite des Wortes von Lippe zu Ohr bis ins Unendliche gesteigert. Diese Gründung des »Christian Science-Journals« entscheidet sofort den Sieg der Christian Science: zum erstenmal erfahren jetzt Kranke in der Provinz, die nirgends Heilung gefunden haben, durch die breit abgedruckten Wunderkuren von der neuen medizinischen Universalmethode in Boston. Und Verzweifelten ist kein Weg zu weit. Bald wagen die ersten den Versuch. Von New York, von Philadelphia kommen Patienten herübergefahren, einige gesunden, und diese Gesundeten tragen die Lehre weiter. Anderseits inserieren die Healer der verschiedenen Städte, die ersten Evangelisten Mary Baker-Eddys, im »Journal« ihre Adressen, und nun greift mit immer rascherem Schwung Rad und Rad ineinander bei diesem neuen Traktor des Erfolgs. Denn jeder Healer hat, um seine Verdienstmöglichkeiten zu verbessern, das allerdringlichste Interesse, die Lehre und den Glauben an die Lehre möglichst zu verbreiten; jeder neue »Doktor« wirkt als neuer Propagandist für das »Christian Science-Journal«, er wirbt Abonnenten, verkauft Exemplare von »Science and Health«. Dadurch dreht sich das Rad immer schneller: durch diese neu geworbenen Leser kommen neue Patienten an das Massachusetts College, von den Gesundgewordenen ergreifen manche wieder die gute Möglichkeit, selber Healer zu werden, diese neuen Heiler werben wieder neue Abonnenten und neue Patienten ? so schwillt nach dem Schneeballsystem der praktisch ineinandergreifenden Interessen die Auflagenzahl der Zeitung, die Auflagenzahl der Bücher, die Summe der Gläubigen. Ist erst in einer Stadt irgendwo draußen ein erster Anhänger, so siedelt sich paar Monate später schon ein Healer an, dessen Patienten bilden eine Gemeinde, und dieserart geht es von Ort zu Ort: kurzum, das Kabel der Christian Science ist nun endgültig angeschlossen an die geistigen Nervenbahnen der Vereinigten Staaten. Deutlich kann man die unaufhaltsame Geschwindigkeit des Aufstiegs der Christian Science an den steigenden Zahlen und Zahlern nachmessen. 1883 drucken vierzehn Healer in »Christian Science-Journal« ihre Geschäftskarten ab, 1886 schon einhundertelf, 1890 bereits zweihundertfünfzig, außerdem treten in diesem Jahre schon dreiunddreißig Akademieen, also Unterschulen, in Kolorado, Kansas, Kentucky, in allen Departements Amerikas an die Öffentlichkeit. In gleichem Tempo vermehren sich die Auflagen der Bibel; 1882 erscheint das dritte, 1886 das sechzehnte Tausend von »Science and Health«, um die Jahrhundertwende dürften bereits dreihunderttausend Exemplare überschritten sein. Und aus all diesen plötzlich aufgetanen Umsätzen aus Büchern, der Zeitung, den Inseraten, den Universitäten und ihren Kursen, beginnen immer breitere Geldströme zu fließen, die sich alle im Kassabuch der »Mother Mary« vereinigen; diese Ziffern schwellen im Kubus von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Tausende und Hunderttausende Dollar Honorar für Universitätsunterricht, Hunderttausende für Buchhonorar, Hunderttausende in Form von Geschenken und Millionen Dollar an Spenden für die zu erbauenden Kirchen.

Diesen unverhofften Zustrom des Mammons von sich wegzuhalten, hat Mary Baker-Eddy niemals versucht; im Gegenteil, seit diese knochige und harte Greisinnenfaust einmal den Griff der Pumpe zwischen den Fingern spürt, läßt sie nicht ab, das goldene Blut bis auf den letzten Tropfen aus ihren Gläubigen zu pressen. Mit dem ersten verdienten Gelde ist unter den vielen Begabungen, die ein halbes Jahrhundert lang unsichtbar in Mary Baker schlummerten, auch ein geradezu genialer Geschäftssinn, eine maßlose Geldfreude erwacht. Mit der gleichen zähen Verbissenheit, wie sie jede Macht der Erde in ihre durstige Seele reißt, rafft sie nun Geld, die sinnlich sichtbarste Machtform unserer Welt. Je einträglicher die Christian Science sich erweist, um so geschäftsmäßiger wird sie von der nun überraschend welttüchtigen Führerin organisiert. Wie in einem gutgängigen Warenhaus gliedert sie nach dem Trustsystem immer neue Abteilungen ihrem Unternehmen an. Kaum findet »Science and Health« reißenden Absatz, sofort erhöht Mary Baker-Eddy den Verkaufspreis um fünfzig Cent und sichert sich von jedem Exemplar einen blanken Dollar als Copyright. Außerdem wird beinahe jede Auflage umgestaltet, denn die gläubigen Anhänger kaufen zu den früheren auch die neueste »endgültige« Fassung: damit wird jeder Stillstand im Absatz vermieden. Immer sichtbarer wird die Finanzorganisation hinter der Glaubenssache, eine ganze Industrie von Christian-Science-Artikeln setzt ein, Bücher, Broschüren, Vereinsabzeichen, »authentische Photographieen« Mary Baker-Eddys zu fünf Dollars das Stück, »Christian Science spoons«, gräßlich geschmacklose Silberlöffel mit ihrem Emailbild. Zu diesen Gewinnen aus Fabrikaten kommen noch die Dankgaben der Gläubigen an ihre Führerin, die sorgfältig zu Weihnachten und Neujahr im Journal veröffentlicht werden, um die weniger Eifrigen zu Spenden anzutreiben: das große Diamantkreuz, den Hermelinmantel, die Spitzen und Juwelen der Mother Mary, all das dankt sie diesem sanften Drängen. Seit Menschengedenken war nie ein geistlicher Glaube besser und rascher auf Gewinn umgebogen worden als die Christian Science vom Finanzgenie ihrer Begründerin: zehn Jahre Boston verwandeln die metaphysische Lehre von der Immaterialität der Welt in eine der materiell einträglichsten Unternehmungen Amerikas. Und Mary Baker-Eddy, vorgestern noch bettelarm, kann sich stolz zu Ende des Jahrhunderts schon Millionärin nennen.

Aber unvermeidbar: in je breitere Massen ein Gedanke einströmt, um so mehr verflüchtigt sich seine gleichsam radioaktive Substanz; jeder Glaube, der dem Geld oder der Macht dient, nimmt Schaden an seiner Seele. Verdienen hemmt überall das moralische Gewicht einer Leistung, so auch hier: mit dem Einschuß von Reklame, Geld und Propaganda und der dadurch bedingten Vergeschäftlichung der Christian Science hat Mary Baker-Eddy dem Teufel den kleinen Finger gereicht: bald hat er sie ganz in der Faust. Mit dieser sonderbaren Verkuppelung einer angeblichen Christusmethode mit vollgültigen Tausenddollarschecks beginnt ein Riß in der bisher fanatisch geraden Haltung Mary Baker-Eddys ? immer schwerer hält es, an ihre Gläubigkeit zu glauben, seit sie mit dem Glauben so gute Geschäfte macht. Denn für jedes redliche Gefühl bleibt Frömmigkeit unlösbar von Selbstpreisgabe, von Verzicht auf Irdisches: Buddha, der sein Königshaus verläßt und als Bettler in die Welt geht, zu lehren, Franziskus, der sein Kleid zerreißt und den Armen schenkt, jeder kleine jüdische Bibelgelehrte, der Geld und Gewinn verachtet und mit einer Krume Brot über den heiligen Büchern sitzt, sie alle überzeugen durch das Opfer und nicht durch das Wort. Nur über Armut und Entbehrung ging bisher der Weg aller Religionen ins Göttliche. Hier aber, in dieser neuen amerikanischen Religion, im Dogma Mary Baker-Eddys erscheint zum erstenmal ein zinsenträchtiges Bankkonto dem Propheten kein Ärgernis und die Berufung auf Christus kein Hemmnis, kräftig den Dollar zu raffen. An dieser Stelle klafft ein Riß im theologischen Weltsystem, und hier hat auch Mark Twain, der große Satiriker Amerikas, energisch eingehakt, um das Gebäude Mary Baker-Eddys umzulegen. In seiner glänzenden Streitschrift stellt er eine Reihe peinlicher Fragen an die neue Prophetin, die aus ihrer Verachtung der Materie über eine Million Mark jährlich in höchst »materiellen« Dollars einscheffelt. Warum, fragt er, stelle sie eigentlich, da doch ihr Buch »Science and Health« nach ihrer eigenen Aussage nicht von ihr geschrieben sei, sondern höherem Diktate entstamme, dies fremde Geisteigentum unter gerichtlichen Copyrightschutz und beziehe so Tantiemen, die eigentlich Gott gehören? Und wenn sie sich mit ihrer Methode auf die Heilungen Christi berufe, möge sie doch auch in der Bibel den zweiten Teil ihrer Analogie nachweisen, nämlich, daß Christus, wie sie und ihre Healer, jemals Geld oder Geldeswert für seine Heilungen durch den Geist verlangt habe. In amüsanter Form veranschaulicht er den Zwiespalt zwischen Theorie und Praxis, etwa indem ein wackerer Healer mit viel Pathos seinen Patienten belehrt, daß alles irreal sei, das Geschwür irreal, das ihn auf dem Beine brenne, der Schmerz irreal, der von dem Geschwür ausgehe, das Bein irreal und der Körper selbst irreal, an dem es hänge, der Mensch in diesem Körper irreal und die Welt irreal ? aber doch, wenn der Behandelte nicht sofort in baren und irdisch realen Dollars die Kur bezahlt, dann läuft der Healer unverweigerlich zu dem nächsten realen Bezirksgericht. Unerbittlich zergliedert Mark Twain die sonderbare Doppelliebe Mary Baker-Eddys sowohl zum Heiligenschein als zum Dollarschein und nennt schließlich eine Religion Heuchelei, die immer nur Geld für sich selbst einsackt, nie aber das Gebot der Wohltätigkeit lehrt oder ausübt. Sogar diesen geborenen und geschworenen Amerikaner, diesen Sohn eines Landes, wo Geschäftstüchtigkeit die Bürger nicht hindert, gleichzeitig gute Christen zu sein, widert dieser Geschäftstrust mit Glaubensartikeln an, diese allzu enge Verbindung zwischen Christus und Dollar, und er setzt seine ganze künstlerische Spottkraft ein, um mit dem Dynamit der Satire ihre Machtstellung rechtzeitig zu sprengen.

Aber was und wer kann eine Mary Baker-Eddy verwirren! Was sie sagt, bleibt Wahrheit, was sie tut, richtig. Niemals wird diese prachtvoll despotische Frau von irgendeinem Menschen dieser Erde Einspruch gegen ihr Tun und Denken anerkennen. So wie harte Hände für Machthalten und Raffen, so hat sie auch harte Ohren für jeden Widerspruch: über alles, was sie nicht hören will, weiß sie mit wirklicher Ehrlichkeit gut hinwegzuhören. An zwei Dinge insbesondere läßt ihr unerschütterlicher Eigenwille niemals rühren: an ihr Geld und an ihren Glauben. Nie wird sie deshalb ein Jota ihrer Überzeugung, nie einen Cent von ihren drei Millionen Dollar preisgeben. Und den ihr entgegengeschleuderten Vorwurf der Geldmacherei schnippt sie locker mit dem Finger weg. Ja, antwortet sie, es sei richtig, daß die Szientisten jetzt viel Geld verdienten, aber gerade dies beweise die Güte der Science. Daran erkenne man am besten die Notwendigkeit und den Triumph dieser Wissenschaft, daß ihre Verbreiter und Verkünder nicht mehr wie früher Mangel leiden müßten. »Now Christian Scientists are not indigent, and their comfortable fortunes are acquired by healing mankind morally, physically and spiritually.« Und wenn ihr damals Gott geboten habe, für Unterricht und Heilung Zahlung zu fordern, so habe sie nachträglich die Einsicht in dieses göttliche Gebot gefunden: nämlich dadurch, daß der Patient ein materielles Opfer bringe, steigere er erfahrungsgemäß seinen eigenen Glaubenswillen. Je schwerer das Opfer für ihn werde, um so mehr fördere er damit innerlich seine Heilung. Nein ? Geld bedeutet Macht, und keinen Strohhalm Macht läßt Mary Baker-Eddy jemals freiwillig aus den Händen; unbedenklich gegen jeden Widerspruch schaltet sie den Motor der Science an den elektrischen Strom »publicity« (Reklame), der alle Bewegungen und Unternehmungen unserer Gegenwart mit seiner unerschöpflichen Dynamik speist. Und tatsächlich gibt in Amerika ein beispielloser Erfolg ihrer gewaltsamen Seelenfängerei recht. Seit die Druckmaschinen in Hunderttausenden von Exemplaren ihre Worte verbreiten, seit eine Nachrichtenbelieferungsstelle die früher bloß persönliche Beeinflussung ins Anonyme steigert, seit in planhafter Organisation überall ins Nervennetz des Landes Umschaltungskontakte eingesetzt werden, wächst die Verbreitung der Lehre mit amerikanischen Geschwindigkeiten und überholt ihre kühnsten Erwartungen. Jede Woche, jeden Tag spannt sich der Radius weiter, längst umfaßt Mary Baker-Eddys geistiger Machtkreis nicht nur Boston, nicht bloß Massachusetts allein, sondern das ganze riesige Land vom Atlantischen bis zum Pazifischen Ozean. Wie im Jahre 1888, fünf Jahre nach der Eröffnung der »Universität«, Mary Baker-Eddy sich endlich entschließt, in Chicago eine öffentliche Heerschau ihrer Gläubigen abzuhalten, erlebt sie zum erstenmal den mystischen Rausch der Massenbegeisterung, den ersten vollgültigen, unbestreitbaren Sieg. Achthundert Abgeordnete der Christian Science hatte man erwartet, aber viertausend Menschen drängen in die Türen, um die »Bostoner Prophetin« (so nennt man sie bereits) leibhaftig zu sehen. Wie sie eintritt, erheben sich elektrisiert alle im Saal und jubeln ihr minutenlang zu. Einem solchen brausenden Begeisterungssturm kann sie kein hochmütiges Schweigen entgegenstellen. Obwohl es ursprünglich nicht in ihrer Absicht lag, muß sie doch dieser krampfig gespannten, dieser ehrfürchtigen Erwartung von viertausend Menschen etwas über den Sinn ihrer Lehre sagen. Zögernd betritt sie das Podium, sieht sinnend mit ihren grauen Augen in die Menge, dann beginnt sie unvorbereitet zu reden, langsam zuerst, aber der Überschwang der triumphalen Stunde reißt sie mit, und so leidenschaftlich, so begeistert und begeisternd entflammt sich ihr Wort, daß wie bei Lincolns berühmter Rede in Bloomington die Journalisten verabsäumen, mitzustenographieren. Niemals hat, so bezeugen einhellig ihre Getreuen, Mary Baker-Eddy großartiger zu ihren Hörern gesprochen, als da sie zum erstenmal den lebendigen Atem einer Masse bis an ihre Lippe fühlte, nie heißer und herrlicher als bei dieser ersten Heerschau. Atemlos horchen die Viertausend dieser immer höher, immer beschwingter aufrauschenden Rede, und dithyrambischer Tumult entsteht, kaum daß sie geendet. Hemmungslos stürzen die Menschen auf das Podium, Frauen strecken ihre gichtischen Arme aus und schreien: »Hilf mir!«, erwachsene Männer küssen ihre Hände, ihre Kleider, ihre Schuhe, und es bedarf äußerster Energie, damit Mary Baker-Eddy nicht von diesem Niedersturz besessener Begeisterung umgerissen und erdrückt werde. Die Situation wird gefährlich durch das Übermaß der Ekstase: man hört grelle Schreie des Schmerzes mitten im Jubel, seidene Kleider und Spitzen werden zerrissen, Juwelen verloren; wie Berauschte balgen sich die Gläubigen, ihre Hände oder nur den Saum oder eine Falte ihres Rockes zu berühren, um von dieser Berührung schon Genesung zu empfangen. Und nach dem offiziellen Bericht des »Christian Science-Journal« wurden elf Kranke in dieser Stunde bloß durch ihre Gegenwart vollkommen geheilt.

Dieses »Freudenfest des Geistes« im Juni des Jahres 1888 bringt Mary Baker den entscheidenden Sieg. Es erobert ihr Amerika. Nun aber verlangen ihre Gläubigen ein Denkmal dieses Triumphes. Sie verlangen, daß jetzt, da die unsichtbare Kirche so herrlich in den Seelen befestigt sei, sie sich auch äußerlich imposant in steinernen Quadern erhebe. Mit dieser geplanten Umwandlung einer geistigen Theorie in einen irdischen Tempel steht die Christian Science abermals vor einer neuen und gefährlichen Wendung. Und mit ihrem unfehlbaren Instinkt zögert Mary Baker-Eddy einige Zeit. In der ersten Ausgabe von »Science and Health«, in ihrer radikalen Epoche, hatte sie sich noch klar und ausdrücklich gegen sichtbare Gotteshäuser ausgesprochen und es sogar einen Fehler der Schüler Christi genannt, daß sie Organisationen und kirchliche Gebräuche einführten. »Churches rites and Ceremonies draw us to material things.« Kirchlichkeiten ziehen uns ins Irdische hinab, und Anbetung im Tempel ist nicht die wahre Anbetung, so hatte sie damals, 1875, geschrieben. Aber wie man ihr jetzt, 1888, ein eigenes Heiligtum, eine eigene Kirche zu bauen vorschlägt, kann »Mother Mary« der Versuchung ihrer Vergöttlichung doch nicht widerstehen. Nach einigem Schwanken gibt sie die Erlaubnis. Eiligst sammeln ihre Jünger Geld für den Bau, und nun ersteht, ich glaube, zum erstenmal seit den römischen Spätkaisern, ein Heiligtum für einen lebendigen Menschen. Zum erstenmal kann man an einer christlichen Kirche über der Stirnfront, wo sonst Widmungen für Gott oder einen der Heiligen eingemeißelt werden, den Namen einer Privatperson lesen: »A testimonial to Our Beloved Teacher, the Rev. Mary Baker-Eddy, Discoverer and Founder of Christian Science.« Den inneren Raum schmücken Aussprüche aus zwei heiligen Schriften, aus der Bibel und den gleichfalls schon kanonisierten Evangelien Mary Baker-Eddys. Das absonderlichste Sanktuarium des heiligen Hauses aber bildet unglaubhaft, aber wahr ? »The mothers room«, eine mit kostbaren Hölzern ausgelegte, mit Onyx und Marmor geschmückte Kapelle, die ihr als Wohnraum dienen soll, wenn sie zu Besuch in dieser Kirche weilt, und die niemand außer ihr benützen darf. Ewiges Licht brennt in diesem Räume, Symbol der ewigen Dauer der Christian Science. Und das Fenstermosaik ? in anderen Kathedralen Bilder aus dem Heiligenleben farbig veranschaulichend ? zeigt Mary Baker-Eddy in ihrer engen Mansarde sitzend, überleuchtet vom Sterne von Bethlehem. Gefährliche Vergötterung hat begonnen. Zum erstenmal in der Neuzeit haben gläubige Menschen einer lebenden Frau ein Heiligtum errichtet: kein Wunder, daß man sie bald selbst eine Heilige nennt.

Rückzug in die Wolke

In der Abendröte des neunzehnten Jahrhunderts schreitet noch ungebeugten Schritts eine alte Frau mit schlohweißen Haaren die höchsten Stufen zur Macht empor. Im sechzigsten Jahre ihres phantastischen Lebens hat sie den Aufstieg begonnen, im siebzigsten erreicht sie die goldene Höhe des Reichtums und des Ruhms. Aber noch lange ist der Gipfel nicht erreicht, unermüdlich, mit ehernem Herzen, strebt die maßlos Ehrgeizige höher empor und empor. Als sie von ihrem ersten öffentlichen Triumph, vom »Freudenfest des Geistes«, aus Chicago zurückkehrt, geht ein Schauer der Ehrfurcht durch die gläubige Gemeinde. Staunend scharen sich die Schüler um sie, fiebrige Erwartung hat sich aller bemächtigt: welche neue Wunder wird diese außerordentliche Frau noch vollbringen? Wird sie nicht in triumphaler Fahrt nun Stadt um Stadt des riesigen Amerika mit ihrer rauschenden Rede gewinnen, werden nicht Hunderte von Akademieen, Hunderte von Gemeinden im ganzen Lande auferstehen, ein Kongreß dem andern folgen? Alle Möglichkeiten, so fühlen sie, liegen jetzt offen in ihrer Hand. Sie braucht sie nur auszustrecken, um ganz Amerika an sich zu reißen.

Aber es beweist das außerordentliche psychologische Genie Mary Baker-Eddys, daß sie im entscheidenden Zeitpunkt immer das Unerwartetste und immer das Richtige tut. Im Augenblick, da die ganze Gemeinde von ihr neue Steigerung erwartet, gerade in dieser gespannten Stunde legt sie in scheinbar grandiosem Verzicht freiwillig alle Macht zu Boden; sie legt, vom Siege heimkehrend, die Waffen, die so ruhmreich erprobten, plötzlich aus der Hand. Drei Edikte sausen nieder, ihre Freunde verblüffend, ihre Anhänger verwirrend, drei Befehle, die dem geblendeten Blick ihrer Getreuen völlig sinnwidrig, ja sogar töricht erscheinen. Denn hemmen sie nicht das Werk, zerstören sie nicht den herrlich emporgestuften Bau? Das erste Edikt, 1889, befiehlt, das stärkste Bollwerk der Christian Science zu schleifen, die Universität, das Massachusetts Metaphysical College, zu sperren, »damit der Geist Christi unter seinen Schülern freiem Lauf habe.« Gleichzeitig wird auch die sichtbare Organisation der Kirche aufgelöst. Mit dem zweiten Edikt, 1890, entäußert sie sich jeder persönlichen Einmengung und Einflußnahme auf die Gestaltung der Gemeinde: »Man soll mich weder mündlich noch schriftlich um Rat fragen, wer in die Liste der auswärtigen Vertreter aufgenommen oder nicht aufgenommen werden soll, was im Journal veröffentlicht werden soll, über Uneinigkeiten, wenn solche unter den Schülern der christlichen Wissenschaft entstehen sollten, über die Aufnahme oder Ausschließung der Mitglieder der christlichen wissenschaftlichen Kirche oder die Behandlung der Kranken. Ich werde jedoch die ganze Menschheit lieben und für ihr Wohl arbeiten.« Feierlich legt damit die alte Kämpferin die Rüstung ab. Und das dritte Edikt meldet sogar, daß sie die Walstatt gänzlich verlassen habe und auf alle Ämter und Würden verzichte. Im Mai 1889 veröffentlicht das Journal, das wie Napoleons Moniteur sonst nur Siege meldete, die große Botschaft ihres Rückzuges in die Wolke: »Da unsere teure Mutter in Gott sich aus unserer Mitte zurückzieht und auf den Berg begibt, höhere Verkündigung zu empfangen und uns und den kommenden Generationen den Weg unserer wahren Bewußtheit in Gott zu zeigen, laßt uns da in Ehren und Schweigen verharren.« Tatsächlich löst sie ihren Hausstand in Boston auf, kauft ein abgelegenes Landhaus bei Concord, »Pleasant View« genannt, und entschwindet.

Ihre Schüler ergreift ein frommer Schauer vor so viel Weisheit und unvermuteter Demut. Mit diesem Verzicht auf die Macht, so fühlen sie, hat reiner als je Mary Baker-Eddy der Welt die Gleichgültigkeit gegen alles Irdische dargetan; wie Kaiser Karl ins Kloster St. Just, um einzig Gott zu dienen, so geht sie in klösterliche Einsamkeit; wie Ignazius von Loyola sein Schwert auf den Altar von Montserrat hingelegt, so gibt sie alle sichtbare Größe um der unsichtbaren dahin. Welch zerschmetternde Warnung für alle Verleumder, die wagten, eine Mary Baker-Eddy ehrgeizig, machthungrig, geldgierig zu nennen! Nun ist ihre Reinheit unwiderlegbar erwiesen und mit dieser Großtat ihr Glaube erst wahrhaftig geheiligt.

Aber welcher Irrtum der Arglosen! Nie hat diese Frau der griffigen Faust jemals ernstlich daran gedacht, Macht aus der Hand zu geben, nie weniger als in dieser Stunde ihres vorgetäuschten Verzichts. In Wahrheit bedeutet dieser Scheinrückzug die genialste taktische Tat der erprobten Kriegerin. Wenn sie jetzt ihr Werk zerschlägt, so geschieht es einzig darum, weil es zu groß, zu weit geworden ist, als daß sie es noch fest und gefügig in den Fingern fühlte. Sie zerbricht nur die bisherige Organisation, um sie neuer, straffer und vor allem autokratischer in die Faust zu bekommen, um noch mehr Herrin und Herrscherin zu werden als vordem. Denn in dem Maße, wie die Kirche ins Breite wuchs, hatte sie sich ihrer Autorität entzogen; zu lose, zu unabhängig, in persönlich unerreichter Distanz hatten sich einzelne Gemeinden und Universitäten gebildet, jede unter der Obhut eines zufälligen Leiters und Priesters. Wie leicht konnte es da geschehen, daß einzelne Gemeinden absplitterten, daß wie Kennedy und Spofford auch andere Diadochen ihres geistigen Alexanderreichs sich frech gegen ihre Herrschaft empörten, daß Jünger und Heiler sich selbständig machten! So beschließt sie, lieber die bisherige Ordnung völlig zu zerstören und härter, dauerhafter neu aufzubauen. Der horizontale Aufbau der Christian Church wird nach dem neuen Plan gewissermaßen durch einen vertikalen ersetzt, die Demokratie des Glaubens durch eine Hierarchie, durch eine Pyramide der Macht, die unverrückbar in die oberste Spitze ihres Willens mündet. Alle Kirchen, alle Gemeinden der Christian Science verlieren mit einem einzigen Erlaß ihre Selbständigkeit, sie werden völlig einer neugeschaffenen »Mutterkirche«, der »Mother Church«, unterstellt, deren »pastor emeritus« (am besten übersetzt: deren Papst) selbstverständlich Mary Baker-Eddy wird. Entscheidungen trifft freilich ein Konsistorium, aber wer ernennt seine Beisitzer? Mary Baker-Eddy. Wer kann die ungebärdigen Teilnehmer jederzeit ausschließen? Mary Baker-Eddy. Wer die Wahl des Präsidenten durch ein Veto ungültig machen? Abermals Mary Baker-Eddy, die sich auf diese geschickte Weise hinter dem Begriff »Mother Church« unsichtbar, aber in verzehnfacht wirkender Autorität versteckt. Ein eherner Dekalog wird geschaffen, der jede Selbständigkeit innerhalb der Kirche von nun ab aufhebt, die Prediger, die bisher frei und nach eigenem Gutdünken den Hörern die Probleme der Christian Science erörtern durften, abschafft und durch simple »reader«, bloße Vorleser, ersetzt: in den Kirchen dürfen keine andern als die Bücher Mary Baker-Eddys verkauft und nur ihre eigenen Worte unter genauer Angabe der Textstelle gesprochen werden ? damit ist von vornherein jede Ketzerei ausgeschlossen. Ebenso planvoll wird die Geldgebarung umgestellt. Alle Geldmittel wandern von nun ab in den Fonds der Mutterkirche, die zeitlebens niemand anders als sie selbst beherrschen kann. Zwar besteht auch hier pro forma ein sogenannter »board of directors« mit einem Präsidenten und Schatzmeister, aber wehe dem, der eigenen Willens sein wollte und nicht bedingungslos dem unsichtbaren und unwidersprechbaren der scheinbar Weltflüchtigen sich fügen! Sofort würde der große Bannfluch der Kirche auf ihn fallen aus jener Wolke, hinter der sich Mary Baker-Eddy unnahbar, unfaßbar verbirgt.

Von welchen Vorbildern Mary Baker-Eddy die Maße dieses völligen Neubaus ihrer christlichen Kirche genommen, liegt klar zutage: die angelsächsische Protestantin gliedert ihre Machtpyramide genau nach der Hierarchie der katholischen Kirche. Demzufolge fällt ihr im Lande der Demokratie mehr Macht zu als dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, dem immer wieder neu zu wählenden. Sie aber hat sich die wichtigsten Attribute des Papsttums erzwungen, Unabsetzbarkeit und Unfehlbarkeit. Nach diesem erfolgreichen Staatsstreich braucht sie nicht mehr zu fürchten, durch Abtrünnige in ihrer Selbstherrlichkeit geschwächt, durch Revolten beunruhigt, durch Proteste irritiert zu werden. Frei kann sie jetzt das Innere ihres Wesensgebots erfüllen: zu befehlen, statt zu beraten. Den Blitz des Bannfluchs in den Händen, unbefragbar, unerreichbar außer durch fromme Pilgerscharen oder für einzelne Erwählte, wohnt sie jetzt in ihrem neuen Vatikan, Pleasant View, die Aura des Geheimnisvollen um das Haupt. Nun kann sie lebendigen Leibes ihren Gläubigen zum Mythos werden, zur Legende, zum Symbol.

Dieser Rückzug aus Boston, aus der Sichtbarkeit und Erreichbarkeit täglichen Umgangs, hat sich als psychologischer Kernschuß erwiesen. Denn diese Selbst-Unsichtbarmachung erhöht nämlich nicht nur ihre Macht, sondern schützt sie auch vor einer peinlichen Situation. Ganz langsam war nämlich Mary Baker-Eddy in den letzten Jahren in einen der sonderbarsten Konflikte geraten, den man sich erdenken kann. Auf der Höhe des Erfolgs zählt sie siebzig bis achtzig, ein Alter, in dem man alt ist oder alt wird: unvermeidliches Geschehen. Und so erstaunlich frisch und tatkräftig Wille und Geist in ihr auch walten, so fügt sich doch der Körper der Heilmeisterin allmählich dem unumstößlichen Gesetz. Die Füße beginnen zu versagen, die Zähne fallen ihr aus, das Gehör ertaubt, manchmal erschlaffen die Nerven in plötzlichen Müdigkeiten ? Gebrechlichkeiten dies alles, die jede andere Achtzigjährige als selbstverständliche Alterserscheinungen offen eingestehen darf. Aber Verhängnis der allzu laut verkündeten Lehre! Einer Frau, einer einzigen auf Erden, gerade ihr, Mary Baker-Eddy, der Erfinderin der Christian Science, ihr allein unter den unzähligen Millionen Menschen ist es nicht erlaubt, jemals krank zu sein, jemals alt zu erscheinen, denn hat sie nicht selbst gelehrt, Altern, Sterben sei Nichtmehrvertrauen auf Gott? Wenn man dreißig Jahre lang der Welt verkündet und in Millionen Ohren posaunt hat, es sei leicht, »by mind« alle Krankheiten zu besiegen, dem Irrtum des Alterns, dem »Unfug des Sterbens« durch die Christian Science sieghaft zu entgehen, darf man sich nicht selbst im Zustande des Ergreisens ertappen lassen. Schon in den letzten Jahren hatten bereits einige Vorwitzige unter den Zuhörern, sooft sie mit einer Brille am Pulte erschien, die peinliche Frage hervorgeholt, warum die Meisterin der mentalen Kur ihre Weitsichtigkeit mit einer Brille, also mit irdischen Mitteln korrigiere, statt sie »by mind« zu heilen. Wie peinlich würde da erst die Frage, warum sie beim Gehen einen Stock gebrauche, warum sie, die bittere Feindin der Doktoren, ihre Zähne einem Zahnarzt anvertraue statt dem »mind«, warum sie ihre Schmerzen und Krämpfe mit Morphium lindern lasse! ? Um des Glaubens an ihren Glauben willen darf Mary Baker-Eddy, die große Entdeckerin der unfehlbaren Heilkunde, den alten Spruch nicht gegen sich sprechen lassen: »Medica, cura te ipsum«, Heilmeisterin, heile dich selbst! Darum also tut Mary Baker wie immer das Klügste, wenn sie von nun ab ihre Hinfälligkeit hinter der Legende frommer Weltflucht in Pleasant View verbirgt. Dort gönnen die herabgelassenen Fensterläden, der sorgfältig verschlossene Gartenzaun keinem fremden und profanen Blick Zugang in ihr persönliches Leben!

Hinter diesen abwehrenden Fensterläden von Pleasant View aber, hinter dem sorgfältig verriegelten Gitter, dem wunderschön geschorenen Rasen, der prunkvollen Säulenveranda, dieser »lieblichen Stätte der Abgeschlossenheit«, verbirgt sich in Wahrheit ein Heizhaus der Leidenschaften. Denn auch auf der Höhe des Triumphes findet dieser rastlos gespannte Geist keine Ruhe, noch immer geistert das alte Gespenst des Verfolgungswahns durch Tür und Wand, noch immer ist, die Tausende in ihrem Leben heilte, von den Schreckbildern des M. a. M., des Malicious animal Magnetism, nicht völlig geheilt. Auf lange Epochen der Nervenstille folgen immer wieder Nervenanfälle von besonderer Heftigkeit. Dann schmettern inmitten der Nacht die Klingeln durch das erschreckte Haus, Helfer müssen herbeistürzen und Mary Bakers Wahnvorstellungen oder Krämpfe mit freundlichem Zuspruch oder lindernden Injektionen beruhigen. Aber mehr noch als an diesen hysterischen Krisen des Körpers leidet diese Frau in der Seele an ihrer völligen und tragischen Einsamkeit. Ein ganzes Leben lang hat sich ihre selbstisch harte Natur nach einem Mann gesehnt, an den sie sich anlehnen, auf den sie sich stützen könnte, oder zumindest nach ein paar geistig hochwertigen Menschen angenehmen Umgangs. Aber tragisches Schicksal aller despotischen Naturen: immer wollen sie Menschen um sich haben, die sie selber schätzen können, und können doch nur Sklaven ertragen, gefügige Jasager, die sie selber verachten. So auch Mary Baker-Eddy. Allen ihren Trabanten und Vertrauten in Pleasant View fühlt sie sich fremd. »I and my folks here are distinct, I never take them into counsel.« Gehorsame Knechte, folgen sie ihren schroffen und sprunghaften Befehlen, ohne jemals zu widersprechen. Aber im geheimen sehnt sich die alte Kämpferin nach lebendigem Widerstand, es ekelt sie vor derart subalternen Naturen, und erschüttert schreibt sie einer Freundin, sie würde ein Vermögen darum geben, ein einziges Mal ein paar geistige, wirklich anregende Gefährten um sich sammeln zu können. Aber wer Kälte ausstrahlt, der kann nur Kälte erwarten, und restlos, rettungslos bleibt die alternde Frau allein mit sich selbst. »I am alone in the world like a solitary star«, sie weiß es schon, und doch immer wieder, immer aufs neue, bis zum letzten Stoß ihres Herzens hält sie Ausschau, die völlig Glücklose, nach einem Menschen, den sie lieben könnte. Dreimal hat sie es mit einem Gatten versucht, zwei sind ihr gestorben, einer hat sie verlassen. Dann erinnert sie sich im siebzigsten Jahr ihres Lebens mit einemmal, daß irgendwo weit in der Welt ein Sohn lebt, den sie aus ihrem eigenen Schoß geboren. Vielleicht kann sie in ihm den Siegelbewahrer ihres Willens finden: zu dieser Probe läßt sie ihn kommen. Aber nun rächt sich die alte Schuld liebloser Mutterschaft. Zu viele, zu verbrecherisch viele Jahre hatte sie dieses Kind gleichgültig und gleichmütig einer ungebildeten Dienstmagd überlassen, ohne sich jemals um seine Erziehung zu kümmern: nun steht ein breiter, schwerer Kleinfarmer aus dem Westen vor ihr und dreht den Hut verlegen in den Händen, ein Mann, ungebildet wie ein Karpfen, völlig ohne geistige Interessen, ein grob gesunder Klotz Mensch, der gutmütig, aber vollkommen unverständig seine stumpfen Augen aufhebt, wenn sie von ihrer christlichen Wissenschaft spricht. Widrig ist ihr sein dörfisches schlechtes Fuhrmannsenglisch, und nach ein paar Worten merkt sie schon, der kümmert sich den Teufel was um Metaphysik, er will eigentlich nichts von der plötzlich entdeckten Mutter, als daß sie ihm ein paar hundert Dollar zur Reparatur seiner Hütte leiht oder schenkt. Rasch verfliegt der mütterliche Traum, ernüchtert spürt sie, daß kein Gedanke und kein Gefühl ihr und diesem schweren Burschen gemeinsam sind oder jemals sein können. Und mit ihrer rauhen harten Hand beordert sie den so spät entdeckten Sohn eiligst wieder nach dem Westen zurück. Jedesmal wenn er späterhin den Besuch bei seiner millionenreichen Mutter erneuern will, weist sie ihn unerbittlich ab. »Ich muß in meinem Hause Ruhe haben«, schreibt sie grob, »es wird Dir in Boston nicht gefallen. Du bist nicht, wie ich Dich zu finden hoffte, und Du darfst nicht kommen.« Aber das verspätete Muttergefühl oder ein verschobenes erotisches Verlangen, einen jüngeren Mann um sich zu haben wie einst Kennedy, läßt in dieser unergründlichen gefühlskalten und gleichzeitig gefühlszerrissenen Frau noch immer nicht nach. Und da der eigene Sohn sie enttäuscht hat, sucht sie einen andern. Zur allgemeinen Überraschung adoptiert Mary Baker-Eddy im patriarchalischen Alter von siebzig Jahren einen jungen Arzt, Dr. Foster, als Sohn, der sich nun nach seiner neuen Mutter Dr. Foster-Eddy nennt: er soll das neue Kaiserreich des Glaubens mit der merkwürdigen Wahlmutter verwalten. Aber auch dieser hastig gewählte Kronprinz kann nicht lange die Übermacht ihres eifersüchtigen Herrscherwillens ertragen, auch er liebt zu sehr »das Leben im Fleische« und wird des wohl verständlichen Delikts beschuldigt, sich mit einer jungen Frau vergangen zu haben. Sofort schickt die neue Elisabeth, die neue Katharina auch diesen letzten Favoriten fort. So bleibt als einziger Getreuer ein gewisser Frye im Haus, gehorsamer Sklave, lautloses Faktotum, das die Kasse führt, die Geschäfte leitet, sich bei den Ausfahrten wie ein Diener auf den Kutschbock setzt und nachts ihr die Morphiuminjektionen verabreicht, ein Sklave ganz nach ihrem Sinn, nämlich ein blinder, gefügiger Automat ihres Willens, völlig ihr verfallen. Aber an ihm wieder haßt sie die Minderwertigkeit, die knechtische Dumpfheit und nennt ihn »the most disagreeable man that can be found«. Nein, Pleasant View ist nie, wie die rosenrote Biographie glauben machen will, eine Stätte des Friedens gewesen: selbst an Mary Baker-Eddys Schatten entzündet sich noch das Gras. Ewig herrscht Unruhe im Haus dieser ewig Unruhigen. Wie zwischen Schwertfisch und Polypen am lautlosen Grund des Meeres, unsichtbar und unerreichbar für die Welt, spielen sich hinter diesen verschlossenen Fensterläden die sonderbarsten Kämpfe ab. Nach außen Stätte der Weltflucht, Tempel der Stille, ein heiliger Pilgerort, verbirgt Pleasant View in Wahrheit wie das Haus Tolstois eine menschliche Hölle, bald lodernd in Leidenschaften, bald eisig von jener tragischen Einsamkeit, die jeden alternden Despoten umwittert.

Aber so elektrisch ihre Nerven bis zum Ende vibrieren, so ehern und unerschütterlich bleibt in dieser Frau der herrliche, der titanische Machtwille bestehen, den jeder Erfolg nur zu stärkerer Spannweite steigert. Nach jeder vulkanischen Erschütterung ihres Gefühlslebens schichtet sich der Krater ihrer eruptiven Natur höher und höher: mitten in Krisen und Krämpfen baut sie ? eine ungeheure Leistung in dem knappen Zeitraum zwischen ihrem siebenten und achten Jahrzehnt ? ihr unsichtbares Riesenreich über die Welt. Am Ende des Jahrhunderts hat die Bewegung der Christian Science bereits gigantischen Umfang angenommen. Schon nähert sich die Schülerzahl dem hundertsten Tausend, schon geht ihr Vermögen in die Millionen, und noch immer wächst das Werk, das in der Dachstube eines Absatzflickers vor vierzig Jahren begonnen; Kirchen in Marmor und Stein erstehen in den Städten, mit Sonderzügen, immer zehntausend Gläubige auf einmal, pilgern ihre Anhänger nach Concord, um nur eine Sekunde lang die verehrungswürdige Gestalt vom Balkon aus vor sich zu sehen. Aus England, aus Europa, aus Afrika melden sich neue Gemeinden an; nun braucht sie nichts mehr persönlich zu tun, alles tut ihr Nimbus für sie, die mechanisch weiterpumpende und Seelen an sich saugende Suggestion, die ihr Genie so weitschauend begründet hat. Ohne daß sie ein Wort spricht, ohne daß sie einen Finger zu rühren braucht, schleppt ihre Schülerin, Auguste Stetson, mit fanatischer Betriebsamkeit zu Jahrhundertanfang eine Million zweihundertfünfzigtausend Dollar zusammen, um in New York, gegenüber dem Zentralpark, auf dem kostspieligsten Grunde der Stadt, eine Riesenkirche der Christian Science aufzubauen, die Raum für fünftausend Personen in ihrem Marmorschiff und fünfundzwanzig Räume für Heiler enthält.

Aber gerade daß dies ohne ihre Hilfe geschehen, daß die Kirche in New York, dieses größte sichtbare Denkmal ihres Triumphs, ohne ihr Zutun entstanden, das reizt noch einmal Mary Baker-Eddys Ehrgeiz. Immer wütend gegen die Unfähigen unter ihren Schülern und Freunden, immer eifersüchtig auf die Begabten, gönnt sie Auguste Stetson nicht den Ruhm, sie, die Meisterin, überflügelt zu haben. Soll wirklich ihre ärmliche kleine Fünfzigtausend-Dollar-Kirche in Boston im Schatten bleiben dieses prächtigen Baues von New York? Soll man wahrhaftig schon meinen dürfen, Auguste Stetson sei Führerin und sie, Mary Baker-Eddy, bereits müde und abgedankt? Nein! Mary Baker-Eddy läßt sich nicht überbieten. Mit niemandem wird sie je Ruhm und Titel teilen, Tyrannin und Despotin bis zum letzten Hauch. Noch einmal soll die Welt die Macht und Kraft ihres Willens sehen!

So reckt, 1902, in ihrem einundachtzigsten Jahre, Mary Baker noch einmal die Hand. Mit der harten Geste Mosis schlägt sie auf den Felsen und fordert von dem Kongreß ihrer Getreuen zwei Millionen Dollar für den Bau einer neuen Mutterkirche in Boston. Zwei Millionen Dollar fordert die Frau, die vor vierzig Jahren ihre Wochenmiete von einem Dollar fünfzig Cent nicht bezahlen konnte, zwei Millionen Dollar, eine Summe, größer als irgendeine Gabe eines Volkes an einen König oder Kaiser dieser Welt. Aber dennoch ? Wunder ohnegleichen ? Mary Baker-Eddy hat befohlen, und die Riesensumme ist in wenigen Wochen aufgebracht. Knapp drei Monate, nachdem diese einzelne Frau zehn Zeilen des Befehls auf ein Blatt geschrieben, beginnen bereits tausend Arbeiter an dem großzügigen Bauwerk. Wie der Marmordom von Florenz sein Urbild, den früheren Dom, das heutige Baptisterium, mächtig überhöht, so überwächst nun mit strahlender Kuppel ein Riesentempel aus schneeweißem Marmor nicht nur die kleine, mit einemmal ärmlich anmutende »Mother Church«, sondern alle nachbarlichen Gebäude und selbst die Türme der Stadt, zu jener Zeit das schönste Gebäude Bostons und zweifellos eines der herrlichsten der Neuzeit, vor allem aber großartig als Denkmal geistiger Energie, weil aus der Erde gestampft von einer einzigen Frau im fünfundachtzigsten Jahre ihres Lebens.

1906, in eben diesem fünfundachtzigsten Jahre Mary Baker-Eddys, wird der Riesentempel eingeweiht. Eine so majestätische Feier hat selbst das alte Boston nie erlebt. In Schiffen und Sonderzügen, aus allen Richtungen kommen die Gläubigen heran. Da der Saal nur fünftausend Personen faßt und dreißigtausend an der heiligen Handlung teilnehmen wollen, muß von fünf Uhr morgens an sechsmal die große Zeremonie der Einweihung wiederholt werden. Mit Fahnen und Wimpeln ziehen die Delegierten aller Städte herbei, aus Havanna, aus London, aus Dresden, aus Paris, aus Kalifornien und Kanada. Dutzende von Rednern aus verschiedenen Ländern berichten in allen Sprachen und Idiomen der Welt von wunderbaren Heilungen der Christian Science; überwältigend wird Zeugenschaft abgelegt, wie viele Menschen von fern auf die eine Frau als die Retterin aus allen Nöten des Leibes und der Seele ehrfürchtig schauen; Tausende und Abertausende singen immer wieder die heilige, von Mary Baker-Eddy selbst gedichtete Hymne: »Shepherd, show me how to go«, Kinder heben in Chören ihre hellen begeisterten Stimmen, Boten eines neuen Geschlechts, Standarten wehen und Fahnen wie bei einem Sieg. Und in der Tat, seit Elisabeth von England und Katharina von Rußland hat keine Frau ähnlichen Triumph über die Welt erfochten, keine ein so sichtbares Monument ihrer Herrschaft auf Erden errichtet wie Mary Baker-Eddy, diese Königin durch ihren Willen, diese Herrscherin im eigenen Reiche und aus eigener Kraft.

Kreuzigung

Im fünfundachtzigsten Jahre steht ? Aufstieg ohnegleichen! ? Mary Baker-Eddy auf der höchsten Zinne ihrer Macht. Eine Riesenkirche in New York, ein Dutzend Kirchen und Universitäten in den Vereinigten Staaten, eine erste in Europa, im Herzen Londons, und nun noch, alle Häuser mit ihrer strahlenden Kuppel überragend, diese Zwei-Millionen-Dollar-Basilika in Boston ? welche Frau auf Erden hat in unserem Jahrhundert mit zwei welken Händen solche napoleonische Macht an sich gerissen? Der Bau dieser neuen Peterskirche ist ein Erfolg ohnegleichen ? aber vielleicht ein schon zu großer, ein zu herausfordernder Erfolg. Denn er lenkt mit einemmal die Aufmerksamkeit und vor allem das Mißtrauen eines ganzen Landes auf ihre Gestalt. Bisher hatte die breitere Öffentlichkeit Amerikas verhältnismäßig wenig auf Mary Baker-Eddy geachtet. Man redete ab und zu von ihrer Sekte, aber wie von hundert anderen, verwechselte die Christian Szientisten mit den Methodisten, den Baptisten und ähnlichen religiösen Kirchenanhängern. Vor diesem marmornen Riesenbau aber, der alle Zinnen und Dächer der Stadt hochmütig überragt, bleiben die Leute mit offenem Mund stehen: nichts imponiert ja in unserer Welt der Ziffern und Zahlen so sehr wie die arithmetische Mystik der Million. Mit einmal beginnt erregtes Flüstern und Fragen: wer ist diese rätselhafte Frau, die nur einen Finger zu rühren braucht, einen Aufruf zu schreiben, damit ihr in ein paar Wochen Millionen Dollar zuströmen? Wer ist diese Magierin, die im Nu solche Millionenkathedralen auf den schönsten und teuersten Plätzen Bostons und New Yorks wachsen läßt, wer ist sie? Die Zeitungen spüren dies Interesse und bringen große Beschreibungen, gleichzeitig schlägt das »Publicity office« der Christian Science kräftig die Trommel, um die allgemeine Neugier zu neuer Geldwerbung zu nützen. Gleichzeitig fahren aber auch die Feinde ihre Kanonen auf, die Ärzte erkennen die Gefahr, die ihrem Geschäft von einer weiteren Ausbreitung der Christian Science droht. Mark Twain veröffentlicht in Buchform seine Spottschrift und, aufgeweckt von dem Lärm, erfahren die Erben Quimbys, welche Summen die ehemalige Schülerin ihres Vaters und Großvaters durch seine Anregung gerafft. Sie veröffentlichen jene belastenden Briefe und Artikel, erklären die Idee der Christian Science für gestohlen, den Reichtum für usurpiert; ein Artikel, ein Angriff folgt dem andern. Plötzlich ist der Scheinwerfer der Öffentlichkeit grell auf ihre Person gerichtet und Mary Baker-Eddy die meistbesprochene Frau Amerikas.

Am Eröffnungstage der Basilika von Boston stehen Hunderte von Reportern mit gezückten Füllfedern bereit, ihr Auftreten zu schildern, zwei Dutzend Photographen, ihr Bild zu schnappen. Aber Enttäuschung! An ihrem höchsten Triumphtage erscheint Mary Baker in Boston nicht in ihrer Kirche. Erst verwundert man sich, dann beginnt bösartig verdächtiges Raunen und Reden, jene Mary Baker-Eddy, in deren Namen alle diese Kirchen gebaut würden, sei längst gestorben, und irgendeine anonyme Gruppe nütze ihr Firmenschild zu eigenen Geschäften aus. Mary Baker-Eddys hartnäckige Unsichtbarkeit verstärkt diesen Verdacht, denn unter den verschiedensten Ausreden werden alle jene, die jetzt nach Pleasant View kommen, um sie zu sehen, an der Tür weggeschickt, kein einziger dringt in das Heiligtum ihrer Gegenwart. Bald behaupten ihre Hausleute, die Meisterin sei »too busy«, zu beschäftigt, zu sehr in Arbeit vertieft, um empfangen zu können, bald wieder, sie habe Besuch, bald wehren sie ab, die große Lehrerin befinde sich in religiöser Versenkung und dürfe nicht gestört werden. Da schließlich die Neugier immer wilder zudrängt, verkündet in ihrem Namen das »Christian Science-Journal« die verzweifelte Bitte an ihre Anhänger, »sich nicht mit ihrer Person zu beschäftigen« ? »to look away from persortality and fix their eyes on truth«. Tragische Umkehr ? siebzig Jahre hat diese Frau nur eines gewollt, daß die Welt sich mit ihrer Person befasse; nun, da sie fünfundachtzig Jahre alt ist, müde und krank und zerfallen, nun, da sie sich zum erstenmal verbergen will, gerade jetzt fordert die Welt, sie zu sehen.

Seit dem Tage, da die Basilika über Boston leuchtet, ist Amerika neugierig auf Mary Baker-Eddy geworden. Und wie alle Sinne des Menschen hat auch die Neugier ein eigenes Organ: die Zeitung. Ein amerikanisches Daily Paper vom Range der »World« darf nicht dulden, daß ein einzelner Mensch in Amerika »Nein« sagt und sich weigert, seine Reporter zu empfangen, während die fünfhunderttausend Leser endlich doch schon wissen wollen, ob diese Frau lebt, ob sie schwachsinnig ist oder vollsinnig. Das Wort »unmöglich« billigt eine Redaktion dieses Ranges keinem Menschen der Erde zu; so wird zweien der verwegensten und gerissensten Auskundschafter der Auftrag gegeben, koste es, was es wolle, die verschlossenen Türen zum Allerheiligsten zu sprengen, sei es mit Dollars, sei es mit Dynamit, und genauen Bericht über Pleasant View und Mary Baker-Eddy zu liefern. Die beiden Geißelknechte reisen ab; zum Äußersten entschlossen. Sie wenden sich zunächst an die wichtigste Person des Hauses, an den Vermögensverwalter: der wehrt erschrocken ihrem Verlangen, aber sie drängen und drohen so lange, bis sie wenigstens einen flüchtigen Blick ins Haus tun dürfen. An dem ersten Tag ist ihnen überdies schon eine pikante Feststellung gelungen, nämlich, daß die verschleierte, weißhaarige Frau, die jeden Nachmittag im Wagen Mary Baker-Eddys die Spazierfahrten durch die Anlagen von Concord macht, gar nicht Mrs. Eddy ist, sondern eine untergeschobene Kammerzofe: herrliches Material! Als tüchtige Burschen blähen sie die paar gleichgültigen Einzelheiten zu einem Riesenskandal auf, in dem sie erzählen, Mary Baker-Eddy, die Meisterin der unfehlbaren Heilmethode und Besiegerin jeder Krankheit, sei vollkommen geistig und körperlich zusammengebrochen, ein willenloses Werkzeug in den Händen ihrer Umgebung.

Jetzt ist die Bombe explodiert. Verstört sammeln sich die Mitglieder des Christian-Science-Komitees zu einer Besprechung. Sie begreifen sofort, wie peinlich es für die Suggestivmacht der Science wäre, wenn sich tatsächlich durch das Megaphon der Blätter in ganz Amerika die Nachricht verbreitete, Mary Baker-Eddy, die Leugnerin der Krankheit und des Alters, sei geistig schwach und körperlich hinfällig. So flehen sie die Führerin an, den Glauben und die Kirchengemeinschaft zu retten, indem sie durch einen einmaligen Reporterempfang die Legende von ihrer Geistesschwäche und körperlichen Zerrüttung endgültig widerlege. In diesem Jahr 1906 ist Mary Baker-Eddy eine fünfundachtzigjährige Greisin. Sie hat dem Alter den unvermeidlichen Tribut gezahlt, sie sieht schlecht, sie hört schlecht, kein Zahn steht mehr in ihrem Munde, die Beine gehorchen ihr nicht: kein Gedanke muß dieser Stolzen und Selbstherrlichen darum schreckhafter ankommen, als solche Gebrechlichkeit vor fremden, vor feindseligen Menschen zu enthüllen. Aber in dieser verfallenen Ruine lebt noch urmächtig und unzerstörbar die alte Kraft, der dämonische Wille zur Selbstbehauptung. Da es um ihr Höchstes geht, um den Glauben an ihren Glauben, erklärt sie sich heroisch zur Folter bereit und stellt sich, fünfundachtzigjährig, freiwillig an den Marterpfahl eines Interviews.

Erschütternd rollt sich am 30. Oktober 1906 diese knappe Stunde ab: Die Journalisten haben mit dem »board of directors« vereinbart, bloß vier Fragen an Mary Baker-Eddy zu stellen:

1. Sind Sie in vollkommener Gesundheit?
2. Haben Sie einen andern Arzt als Gott?
3. Machen Sie täglich Ihre Ausfahrt?
4. Verwalten Sie selbst Ihr Vermögen, oder besorgt jemand anderes Ihre geschäftlichen Angelegenheiten?

Neun Reporter werden in den Salon geführt. Dort läßt man sie aufgeregt warten. Plötzlich wird ein Vorhang zum Nebenraum beiseite gezogen, und vor ihnen steht reglos (man wollte nicht das Schauspiel ihres mühseligen Gehens geben) Mrs. Eddy, sich festhaltend an der samtenen Portiere. Ihre eingefallenen Wangen sind bemalt, die pergamentene Haut gepudert, ein Hermelinmantel fällt um den fahlen Nacken, diamantene Kette umklirrt lose den faltigen Hals. Alle schauern vor diesem aufgezäumten Gespenst, vor diesem toten Cid in der Rüstung des lebendigen, vor dieser geschmückten und kolorierten Mumie. Einen Augenblick herrscht bedrücktes, beinahe mitleidiges Schweigen im Räume. Dann tritt eine Reporterin vor ? man hat aus Rücksicht Sibyl Wilbur gewählt, die spätere rosenrote Biographin, ? und die Geißelung beginnt mit der Frage:

»Sind Sie vollkommen gesund, Mrs. Eddy?«

Die Fünfundachtzigjährige macht ein angestrengtes Gesicht. Der Wortschall hat ihr ertaubtes Trommelfell nicht durchdrungen. Sie hat nicht verstanden.

»What ... what?« fragt sie.

Noch einmal, lauter, beinahe schreiend wiederholt die Reporterin die vereinbarte Frage. Jetzt hat Mrs. Eddy verstanden und antwortet:

»Ja, ja, ich bin gesund.«

Bei der zweiten Frage: »Haben Sie keinen andern Arzt als Gott?« versagt abermals das Gehör. Lauter muß die Frage wiederholt werden. Dann stammelt sie leise (obwohl sie in der Behandlung eines Zahnarztes steht) mit energisch abwehrender Geste:

»Nein, nein! Seine allmächtigen Arme sind um mich.« Die dritte Frage: ob sie täglich ausfahre, bejaht sie (gleichfalls unwahrhaftig) noch mit letzter Kraft. Aber bei der vierten Frage: ob jemand ihr Vermögen verwalte, vermag sie nicht mehr zu antworten. Ein nervöses Zittern überläuft ihren Leib, der Hut mit der großen Feder auf ihrem Kopf taumelt hin und her, die ganze Gestalt gerät ins Schwanken ? ein Augenblick noch, und sie muß zusammenbrechen. Rasch springen die Freunde zu und führen sie weg. Diese eine Sekunde nützt einer der rücksichtslosen Folterer, um knapp an sie heranzutreten und von nah in das zerfallene, gepuderte und geschminkte Gesicht mit den gebrochenen Augen zu spähen ? (dreißig Zeilen mehr für die Zeitung!). Er wird rasch zurückgestoßen. Damit ist das Interview zu Ende, Mary Baker-Eddy hat den ersten Grad der Folterung überstanden.

Aber man erspart ihr nicht den zweiten. Das Interview hat »eingeschlagen«. Nun weiß die Welt, daß Mary Baker-Eddy existiert: doppelt wild springt jetzt die Neugier sie an. Sofort will die Redaktion mehr von diesem schmackhaften Leserkaviar Mary Baker-Eddy und Christian Science für die unersättlichen Riesenspalten, sie will Material, Material, spannende, aufregende Details, packende Anekdoten über diese Frau, die selbst nur noch Ruhe will und Vergessenheit. Ein Dutzend Reporter, trefflich mit Scheckbüchern ausgerüstet, wird ins Land gesprengt, überall die Spur Mary Baker-Eddys in der Vergangenheit zu erforschen. Jede ihrer ehemaligen Wohnungen wird durchstöbert, jeder ihrer einstigen Schüler in Lynn photographiert, interviewt und vor den Notar geschleppt, damit er seine Angaben zu Protokoll gebe; verstaubte Gerichtsakten werden kopiert, ihre Feinde, ihre Freunde befragt, jeder Zeitungsartikel aus der grauen Quimby-Vorzeit triumphierend nachgedruckt. Bei dieser genauen Suche entdeckt nun ein Abgesandter unvermutet eine unüberbietbare Sensation, er entdeckt, daß die Heilige einen Sohn hat, einen verschollenen, ein Leben lang mißachteten und verlassenen leiblichen Sohn, George Glover, der irgendwo im Westen in ärmlichsten Verhältnissen lebt, während seine Mutter allein aus ihren Schriften vierhunderttausend Dollar im Jahre scheffelt. Welcher Fund für die Zeitung! Nun muß Mary Baker-Eddy mit Zins und Zinseszins die Schuld ihrer Unmütterlichkeit bezahlen, diesen Sohn fremden Leuten angehängt zu haben, ohne sich jahrzehntelang um ihn zu kümmern. Nun hat die vergeßliche Mutter allen Anlaß, zu bereuen, daß sie ihm seine bescheidenen Geldbitten abschlug. Denn ein gerissener Advokat, der Senator Chandler, saust eiligst im Expreßzug zu dem Sohn und hetzt ihn auf, seine Mutter, die ein Millionenvermögen besitze, lebe schwachsinnig in den Händen eines Clan. Er allein habe Anrecht auf ihr Geld, er solle doch Klage führen vor Gericht, es würde nichts kosten, er möge sich nur auf ihn verlassen. Dem armen Glover, der nie vom Reichtum seiner Mutter eine richtige Vorstellung hatte, fällt diese Botschaft wie Engelsmusik ins Haus. Natürlich wolle er diesen Banditen heimleuchten, die ihm den Weg zu seiner Mutter sperrten! Im vergangenen Jahr, als er sie um fünfhundert Dollar für seine kranke Frau ersucht, hätte gewiß einer dieser Lumpen seinen Brief unterschlagen. Und sofort schreibt er unter dem Diktat des Anwalts eine ruhige und höfliche Mitteilung, in der er seinen Besuch bei der geliebten Mutter ankündigt.

Dieser Brief wirkt in Pleasant View wie ein Erdbeben. Auf den ersten Blick sehen die führenden Männer im Christian-Science-Komitee die ungeheure Gefahr für den ganzen Glaubenstrust, wenn das hartherzige Verhalten Mother Marys öffentlich aufgerollt würde und jene sehr peinlichen und groben Briefe an ihren Sohn im Gerichtssaal zur Vorlesung gelangten. Donnerwetter, das würde den Heiligenschein ins Wanken bringen; eine Mutter, die sich jahrzehntelang nicht um ihr ehrlich eheliches Kind gekümmert! Nur keinen Prozeß! Lieber paktieren, lieber bezahlen! Sofort schickt man George Glover einen Boten entgegen, der ihm die so peinlich unmütterlichen Briefe abnehmen soll. Aber die hat vorsichtigerweise der gerissene Advokat in einem Safe deponiert: nein, jetzt muß der Clan von Pleasant View entlarvt werden, fordert er grimmig. Welches Angstfieber die leitenden Kreise schüttelt, kann man am Thermometer der Zahlen ablesen. Denn eben derselbe Vermögensverwalter Frye, der George Glover vor einem Jahr schäbige fünfhundert Dollar für seine kranke Frau verweigerte, will ihm nun plötzlich hundertfünfundzwanzigtausend Dollar ? jawohl, 125000 Dollar ? blank auf den Tisch legen, wenn er seine Klage zurückziehe.

Aber schon ist es zu spät, die Zeitung und der Anwalt lassen sich den Prozeß nicht mehr entgehen. Abermals erneuert sich die Tragik der Umkehr: dreißig Jahre lang hat Mary Baker-Eddy aus tollem Trotz und krankhafter Rechthaberei Prozesse über Prozesse geführt, ganze Türme von Akten liegen in Lynn und Amesbury als Zeugnis ihrer unbändigen, ihrer unbeugsamen Streitlust: jetzt aber, da sie, todmüde und krank, um jeden Preis öffentlichen Streit vermeiden will, jetzt wird er ihr gewaltsam aufgezwungen und diese private Causa gleichzeitig zum Prozeß gegen die christliche Wissenschaft aufgezäumt. Der zweite Grad der Folterung wird eingeschraubt. Vor Gericht erklärt Senator Chandler in seiner Anklage, Mary Baker-Eddy, die Entdeckerin der Christian Science, der »pastor emeritus«, sei eine schwachsinnige Person, und als Argument für diese »Dementia« führt er grausamerweise nicht nur ihr vorgerücktes Alter an, sondern behauptet, die von ihr verbreitete Lehre der christlichen Wissenschaft sei in sich selbst schon das beste und augenfälligste Zeichen ihres Irrwitzes, ihrer »delusion«.

»Die Welt«, beginnt Mr. Chandler seine Begründung, »ist den Astronomen, den Geologen, den Physikern, Chemikern, Naturwissenschaftlern und den Gesetzgebern des Landes bekannt. Mrs. Eddy dagegen, unter dem Einfluß ihres Irrwahns (delusion), behauptet, daß die Welt nicht vorhanden sei.« Dieser Irrwahn, fährt er weiter fort, führe zu anderen Absurditäten, so etwa, daß sie behaupte, auf eine wunderbare und überirdische Weise von Gott auserwählt zu sein, göttliche Offenbarungen zu empfangen und der Welt eine neue und unfehlbare Art der Krankenheilung zu bringen. Er verspottet und verhöhnt ihren pathologischen Glauben an den »malicious animal magnetism«, ihre lächerliche Teufelsangst, und behauptet, gestützt auf viele Einzelheiten, diese »Dementia« sei mit den Jahren progressiv geworden. Zum erstenmal wird der Glaube Mary Baker-Eddys unter das juridische Messer genommen und unbarmherzig vor der breitesten Öffentlichkeit seziert. Das Gericht faßt zunächst keinen Beschluß. Es hält sich gerechterweise zurück, die Lehre der Christian Science von vornherein als Zeichen von »insanity« und Mary Baker-Eddy deshalb als Närrin zu betrachten, sondern beschließt korrekt, zunächst eine amtlich-psychiatrische Untersuchung ihres Geisteszustandes vorzunehmen. Zwei Richter werden zu Mrs. Eddy geschickt, zwei Richter und ? furchtbarste Beleidigung! ? ein Irrenarzt, der ex officio den Befund aufnehmen soll, ob die Begründerin der größten Religionsgemeinde Amerikas, die Entdeckerin der Christian Science eine Paranoikerin sei oder nicht.

Mary Baker-Eddy erwartet nun der dritte, der schmerzhafteste Grad der Folterung. Im März 1907 wird die Sechsundachtzigjährige genötigt, den Irrenarzt und die beiden Richter in ihrem Haus zu empfangen. Aber selbst in Zerfall und Niedergang erweist sich diese eherne Frau immer herrlich, sobald es um ihren Glauben, sobald es um ihr Werk geht. Immer reißt Gefahr aus ihrem kranken, hinfälligen Leib eine letzte unerwartete Energiereserve, und in dieser Entscheidungsstunde offenbart sie noch einmal volle Klarheit und Kraft. Eine ganze Stunde lang wird sie ausgefragt, und zwar nicht über geistige und metaphysische Probleme, sondern man stellt die typischen Psychiaterfragen, wieviel Bäume sie in ihrem Garten habe, man prüft sie auf Jahreszahlen und Daten, man fragt ? furchtbarste Ironie! ? die Verkünderin der Irrealität alles Irdischen, auf welche Art sie ihr Geld anlege, ob sie ein Bankkonto oder Stadtanleihe oder Gouvernementbonds vorziehe. Mary Baker-Eddy nimmt alle Kraft zusammen, sie antwortet fest und klar. Die Inquisitoren haben sie in einem starken Augenblick getroffen, und das Bewußtsein, sie rette oder zerstöre ihr Werk, konzentriert noch einmal ihr fahriges und verworrenes Gehirn. Ohne ein Votum abzugeben, verlassen sie der Irrenarzt und die Richter: wahrscheinlich wäre ihre endgültige Entscheidung zugunsten der Tapferen ausgefallen. Aber Mary Baker-Eddys Freunde wollen keinen neuerlichen Prozeß, sie drängen auf Vergleich. So setzen sich die Anwälte schließlich zusammen und handeln ein Abstandsgeld für George Glover aus. Die Vertreter Mrs. Eddys bieten ihrem Sohn zweihundertfünfzigtausend Dollar und dem angenommenen Sohn, Dr. Foster, fünfzigtausend Dollar, falls sie sofort die Klage zurückziehen. Mit dieser Viertelmillion Dollar erklärt sich George Glover glücklicherweise zufrieden; einzig dank diesem Ausgleich in zwölfter Stunde ist die Nachwelt um die groteske Entscheidung eines amerikanischen Gerichts gekommen, ob die Christian Science eine göttliche Inspiration oder ein Produkt von Paranoia sei.

Nach diesen drei furchtbaren Geißelungen bricht Mary Baker-Eddy vollkommen zusammen. Ihre Nerven brennen wie Zunder, die alten Wahnvorstellungen vom »malicious animal magnetism« flirren wieder auf, denn nicht auf natürliche Weise könne man die Menschen so gegen sie aufgereizt haben, behauptet sie. Hinter diesen Verfolgungen verberge sich der Haß der Mesmeristen, ihr bösartiger Magnetismus. Wieder faßt sie der alte pathologische Verfolgungswahn an der Kehle. Plötzlich erklärt Mary Baker-Eddy, sie könne es in ihrem Hause in Pleasant View nicht einen Tag mehr aushalten, sie könne nicht mehr atmen, nicht mehr schlafen, nicht mehr leben darin, sie müsse fort, unbedingt und unverzüglich fort aus diesem mit Magnetismus verseuchten Heim. Wenn Mary Baker-Eddy etwas verlangt, wird auch unsinnigster Wunsch ihren Sklaven sofort Befehl. Mit Angst und geheimem Grauen fügen sie sich ihrem fieberigen Wahn. Für hunderttausend Dollar kaufen rasch ausgesandte Agenten eine neue Villa in Chestnut Hill bei Boston, und da Mary Baker-Eddy keinen Tag länger in ihrem »vergifteten« Haus von Pleasant View ausharren will, werden siebenhundert Arbeiter angenommen, die in Schichten Tag und Nacht wie die Tollen werken, nur um ein paar Stunden früher der von ihren Nerven Gequälten die Übersiedlung zu ermöglichen. Aber wie hat sich die Zeit gewandelt, wie anders vollzieht sich dieser Auszug von einer Residenz in die andere als jener einstige in Lynn, wo man der Hinausgejagten ihren hölzernen Koffer rücksichtslos hinaus in den Regen warf: jetzt wird ein Sonderzug bei der Verwaltung der Bahn bestellt, und mehr noch, diesem Sonderzug fährt ? nur der Zar Rußlands hat von allen Monarchen der Erde diese Vorsicht, diesen Luxus gekannt! ? eine leere Lokomotive voraus. Eine zweite Lokomotive folgt nach, um jede Möglichkeit eines Zusammenstoßes auszuschalten und dieses kostbare Leben der Welt möglichst lange zu erhalten. Denn in ihrem pathologischen Wahn vor dem animalischen Magnetismus fürchtet die Unselige selbst im Zuge eine tödliche Einwirkung ihrer Feinde. Abends langt sie in ihrem neuen Heim von Chestnut Hill an. Und seit diesem Tage bleibt der Vatikan von Pleasant View, die heilige Stätte, zu der Hunderttausende ehrfürchtig pilgerten, für immer verlassen.

Aber wunderbar: in Chestnut Hill weicht noch einmal die Wolke von ihren Sinnen, noch einmal sammelt sich die alte, unzerstörbare Kraft. Eine Leidenschaft bleibt bis zum letzten Atemzuge in dieser Frau lebendig, der riesenhafte Geltungswille. Wer sich gegen sie empört hat, der muß gebeugt werden! Eine Macht hat sich gegen ihre Macht erhoben, ein Wille gegen ihren Willen: die Zeitung, die Tageszeitung. Und sie duldet keine Macht außer sich und neben sich. Rache muß an den Reportern, Rache an den Redakteuren und Zeitungsbesitzern genommen werden. Sie sollen fühlen, daß eine Mary Baker-Eddy allein im Hundertmillionenland nicht von ihnen abhängig ist: sie wird sich ihre eigene Zeitung schaffen! Am 8. August 1908 ergeht an ihre Vermögensverwalter eine Bulle: »Es ist mein Wunsch, daß Sie sofort eine Tageszeitung herausgeben und sie ?Christian Science Monitor? nennen. Lassen Sie keine Verzögerung eintreten!« Wenn Mary Baker-Eddy Beschleunigung befiehlt, geschieht alles wie durch Zauberei. Am 19. September werden die christlichen Wissenschaftler aufgefordert, Beiträge zu zeichnen, ohne daß ihnen auch nur mit einem Wort gesagt wird, wofür. Aber ein Aufruf der Magierin genügt. Sofort strömen Gelder zu. Über Nacht werden die Miethäuser neben der Basilika niedergerissen, um einem mächtigen Neubau Platz zu machen, dem zukünftigen Zeitungshaus, und in wasserdichtes Segeltuch verhüllt, damit niemand das Geheimnis vorzeitig errate, werden die großen Rotationsmaschinen in den Riesenbau gebracht. Am 25. November dann, völlig unerwartet für alle, selbst für ihre Getreuen, erscheint die erste Nummer ihrer Tageszeitung, des »Christian Science Monitor«, der heute noch besteht, übrigens ? um der Wahrheit die Ehre zu geben ? eine ausgezeichnete, glänzend informierte, kulturell besonders hochstehende Zeitung, die über alle Angelegenheiten der irdischen Welt, über Politik, Literatur, Sport und Börse unparteiische Berichte bringt und ihre Zugehörigkeit zur Christian Science einzig durch die sehr sympathische Besonderheit bekundet, daß sie im Gegensatz zu den meisten Zeitungen häßliche und widrige Tatsachen, also Morde, Epidemieen, Skandalaffären, Verbrechen, möglichst aus dem Blickfeld schiebt und dafür alles Lebensfördernde, alles Gute und Erfreuende, betont ? eine Tendenz, die aufs glücklichste den vitalitätssteigernden Charakter der Christian Science ohne die peinlichen Übertreibungen des Dogmas verwirklicht.

Nun ist das Reich gefestigt. Wenn die Siebenundachtzigjährige zurückblickt, kann sie zufrieden sein. Alle ihre Gegner sind besiegt oder verschwunden; Spofford und Kennedy und ihr abtrünniger Mann Patterson leben irgendwo im Dunkel, namenlos und unbekannt, indes ihr eigener Name täglich höher in die Glorie aufsteigt. Der Wissenschaft, die sie bekämpfte, hat sie eine eigene entgegengestellt, eine Universität gegen die Universität, eine Kirche gegen die Kirchen, eine Zeitung gegen die Zeitungen ? was alle Welt für Wahn hielt, für ihre private Narrheit, lebt als Überzeugung in hunderttausend Seelen unlösbar verwurzelt. Alles hat sie erreicht, was zu erreichen war, alle Macht der Erde, der Zeit ist in ihre Hände gefallen. Und nur eine Frage besorgt noch die steinalte Frau: Wohin mit dieser Macht? Wer soll sie erben, wer sie verwalten? Die Blicke innerhalb der Gemeinde richten sich längst auf eine Gestalt, auf die treueste und hingebungsvollste ihrer Schülerinnen, auf Auguste Stetson, die mit ihrer unglaublichen Energie New York, die wichtigste Stadt, erobert und die meisten Millionen unter allen Heilern und Schülern für die heilige Sache gesammelt hat. Aber Mary Baker-Eddy ist eifersüchtig noch über ihr Leben hinaus. Gerade einer Frau, gerade einer Tüchtigen will sie ihr hohes Erbe nicht überlassen; kein Name darf und soll in der Christian Science gelten und bleiben als der ihre. So stößt sie, nur um die Wahl Auguste Stetsons für alle Zeit zu verhindern, nur damit jene nicht Erbin werden könne, im neunundachtzigsten Lebensjahre ? jawohl, im neunundachtzigsten mit ganz welken und gelähmten Händen ? hastig noch die treueste, die tüchtigste ihrer Schülerinnen aus der Kirche aus. Ein ganzes unerbittliches Leben lang hat ihr Selbstgefühl niemanden neben sich geduldet: so soll es bleiben in alle Ewigkeit! Darum wirft sie ihr Erbe lieber an Namenlose als an einen fremden Namen. Und tatsächlich, kein anderer gilt seitdem ihren Anhängern für heilig als der eine: Mary Baker-Eddy.

Bis zu ihrem neunundachtzigsten Jahre hat der Kampf dieser unbändigen Frau immer wieder Kraft gegeben. Aber nun hat sie gegen niemanden mehr zu kämpfen. Da endlich gewinnt das Alter, das vergeblich geleugnete, gewinnt das unzerstörbare Gesetz der Wirklichkeit Gewalt über sie. Sie schwindet hin, der greise Leib verfällt, oder, um in ihrem Sinn zu reden, »der sterbliche Traum von Leben, Substanz und Gemüt wird in der Materie schwächer«. Und am 4. Dezember liegt reglos auf den Kissen ihres Bettes »eine Körperhülle, die der Glauben verlassen hat«, die Leiche Mary Baker-Eddys. Einzig der Tod hat dieses eiserne Herz besiegt.

Aber für ihre Getreuen bedeutet jeder Tod nicht Fortsein, sondern nur Nicht-mehr-wahrnehmbar-Sein. Ohne Pathos und sichtliche Erschütterung, wie eine belanglose, nebensächliche Tatsache melden in den Christian-Science-Kirchen die Vorleser, daß Mary Baker-Eddy, neunzigjährig, »aus unserem Gesichtskreis geschieden sei«. Keine öffentliche Trauerfeier wird veranstaltet, keine pompöse Zeremonie. Und nur ganz wenige Auserlesene nehmen teil an der einfachen, gleichsam anonymen Bestattung, die durchaus unbetont und unbeachtet bleiben will, denn für den gläubigen Szientisten bedeutet der Tod kein Ende und die Verwandlung des Körpers keine wahrhafte Veränderung. Die »so called dead«, die sogenannte Tote, wird in einen stählernen Sarg getan, der Sarg in die Gruft und die Gruft mit Beton ausgefüllt. Zwei Tage lang, bis der Zement hart und undurchdringlich geworden ist, stehen besondere Wächter an dem Grabe: die Führer der Kirche haben sie eigens aufgestellt, um die überreizte Erwartung einiger Fanatiker zu widerlegen, Mary Baker-Eddy werde wie Christus die Grabplatte sprengen und am dritten Tage auferstehen. Aber kein überirdisches Zeichen ereignet sich. Es war kein Wunder mehr vonnöten. Denn der mit Vernunft nie völlig erklärbare Erfolg ihres Lebens, ihrer Lehre gehört selbst schon zum Wunderbarsten unserer an Wundern armen und darum ungläubig gewordenen Zeit.

Die Nachfolge

Unter dem überwältigenden Eindruck des unvergleichlichen Triumphzuges der Christian Science schmettert um die Jahrhundertwende Mark Twain seinen verzweifelten Warnungsruf über Amerika hin. In ein paar Jahren werde, wenn man keinen Widerstand leiste, diese Irrlehre das ganze Land, die ganze Welt erobern, denn ? so argumentiert, billig wie immer, der diesmal ernste Humorist ? Christian Science sei eine typische Wissenschaftslehre für Einfältige, und da bekanntlich vier Fünftel aller Menschen zu den Armen im Geiste gehörten, werde diesem metaphysischen Humbug der Sieg gewiß sein. Selbstverständlich hat sich Mark Twains etwas zu voreilige Voraussage ebensowenig erfüllt wie der messianische Glaube der Szientisten, mit ihrem Dogma werde »im Fortschritt der Welt eine neue Ära anbrechen«. Weder hat die Christian Science gesiegt, noch ist sie besiegt worden, sie hat sich still und mit gesenktem Schwert der Welt und ihrer Wissenschaft angepaßt: typisches Schicksal aller Revolutionen im Geiste! Jede Glaubensbewegung tritt nach anfänglichem Überschwang unvermeidlich in das duldsamere Stadium, wo sich der Glaube nicht mehr bewegt, wo er starr wird, aus Gestaltung Gestalt, aus Organismus Organisation: so auch die Lehre Mary Baker-Eddys. Noch immer gehören Hunderttausende dieser Weltanschauung an, die Zahl ihrer Anhänger mag nach dem Tode Mary Baker-Eddys sogar noch gewachsen sein. Aber entscheidend ist, daß das Dasein und Dabeisein dieser Hunderttausende sich völlig wirkungslos für die andern Millionen und aber Millionen ereignet ? ganz lautlos fließt, was unter Mary Baker-Eddy ein ungebärdig schäumender und die Gebiete der Wissenschaft gefährlich bedrohender Wildbach gewesen, nun innerhalb staatlich gedämmter Ufer geregelt dahin. Noch immer halten die Szientisten ihre frommen Meetings, noch immer werden dieselben Texte aus »Science and Health« in denselben Kirchen gelesen, noch immer erscheint in riesiger Auflage die Tageszeitung, der »Christian Science Monitor«, aber dieser Herold ruft nicht zum Streit gegen »physiology« mehr, er meidet in vornehmer Weise jeden Kampf, jede Streitigkeit. Man hört nichts mehr von Prozessen, von lauten Konflikten, auch der dröhnende Lautsprecher der »Publicity« ist verstummt und stiller Werbung von Mund zu Mund gewichen; mit dem Tode der großen Konquistadorin hat das Dogma vollkommen das Kämpferische ihres Temperaments verloren. Friedlich wirkt heute der »healer«, der Christian-Science-Helfer, neben dem diplomierten Arzt, reibungslos ordnet sich das neue religiöse Suggestionsverfahren in die moderne Psychologie und Psychiatrie: gleich unzähligen andern revolutionierenden Thesen und Theorien hat auch diese sich klugerweise mit engerem Bezirke beschieden. Sie ist nicht weitergeflutet, die Christian Science, sie ist nicht versiegt: sie ist starr geworden, Formel aus feuerflüssiger Form. Nach ihrem ersten leidenschaftlichen Ausbruch aus der vulkanischen Seele Mary Baker-Eddys ist die Lava wieder abgeflutet, und friedlich siedelt heute unter dem erloschenen Krater eine ruhige Gemeinde.

Keine Kraft aber, die einmal massenpsychologische Bewegung erschaffen, geht in unserem geistigen Weltall völlig verloren, kein Gedanke der Menschheit, wenn auch über die Vernunft weit hinausgetrieben, verliert auf die Dauer seine schöpferische Macht. Die Idee Mary Baker-Eddys ist nicht völlig mit ihrer Gestalt gestorben. Schon hielt man in Amerika längst die Diskussion über Christian Science, über die Heilung durch den Glauben für völlig erledigt, da kehrt von unvermutetem Ufer, von Europa her, die langsam hinübergewanderte Welle zurück: noch einmal stellt sich das Problem Mary Baker-Eddys, ob man durch den eigenen Glauben das eigene Gebrest überwinden könne, in den Theorieen Coués neuerlich der Wissenschaft. Zweifellos beeinflußt von den Gedanken der Christian Science, legt der Apotheker von Nancy die Heilung jedem Menschen selbst in die Hand, er schaltet sogar noch den von Mary Baker-Eddy geforderten Zwischenkontakt, den Healer, den Heilhelfer zwischen dem Patienten und seinem Leiden aus, indem er durch eine Persönlichkeitsspaltung den Suggerierenden und den Suggerierten in dasselbe Individuum setzt. Aber indem Coué genau wie seine Vorgängerin gleichfalls den Heilungswillen ausschließlich dem menschlichen Willen anheimgibt, leistet er dieser kühnsten Pilotin ins Übersinnliche Heroldsdienst und Gefolgschaft. Mögen also Mary Baker-Eddys einseitige Formulierungen in Zukunft auch weiter verändert oder gänzlich abgelehnt werden, entscheidend bleibt für ihre weltpsychologische Bedeutung nur eins: daß jenes Problem der Heilung durch den Glauben, von dieser Frau so schroff in die Mitte der Menschheit geworfen, nicht mehr zur Ruhe kommt. Damit hat jenseits von Richtig und Unrichtig diese Außenseiterin aller Gelehrtheit sich dauernden Rang unter den Wegbereitern der Seelenkunde gesichert und wieder einmal erwiesen, daß innerhalb der Geistesgeschichte das unbelehrte und unbelehrbare Ungestüm eines Laien für die Fortgestaltung von Ideen ebenso wichtig sein kann wie alle Weisheit und Wissenschaft. Denn schöpferische Unruhe zu schaffen, dies allein ist jedes neugeformten Gedankens erste Probe und Pflicht. Auch der Übertreiber und gerade er treibt vorwärts. Auch der Irrtum fördert durch seinen Radikalismus den Fortschritt. Wahr oder falsch, Treffer oder Niete ? jeder Glaube, den einmal ein Mensch dank der Wucht seines Wesens der Menschheit aufgezwungen, erweitert die Grenzen und verschiebt die Gemarkungen unserer geistigen Welt.

Sigmund

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