Die Heilung durch den Geist

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Das Leben und die Lehre

Der geheimnisvollste Augenblick eines Menschen ist die Bewußtwerdung seines Persönlichkeitsgedankens, der geheimnisvollste im Raume der Menschheit die Geburt ihrer Religionen. Wie eine einzige Idee, ausgehend von einem einzelnen, rauschhaft überströmt in Hunderte, Tausende und Hunderttausende, wie ein solcher zufälliger Funke gleich einem Steppenbrand plötzlich die Erde in den Himmel lodern läßt, derlei Momente offenbaren sich immer als die wahrhaft mystischen, die herrlichsten der Geistesgeschichte. Aber meist ist der Quellpunkt solcher religiöser Strömungen späterhin nicht mehr aufzugraben. Vergessen hat ihn verschüttet, und so wie der einzelne Mensch späterhin selten mehr die Sekunde seiner innersten Entscheidungen, so weiß die Menschheit selten den Ausgangsaugenblick ihrer Glaubensleidenschaften.

Glücksfall darum für all jene, die Psychologie der Massen und des Individuums lieben, daß wir endlich einmal aus nächster Nähe Entstehung, Wachstum und Ausbreitung einer mächtigen Glaubensbewegung Zug um Zug beobachten können. Denn die Christian Science entstand erst knapp am Rande unseres Jahrhunderts, in der Sphäre elektrischen Lichts und asphaltierter Straßen, innerhalb einer taghellen Epoche, die kein Privatleben und kein Geheimnis mehr duldet, die unbarmherzig genau mit ihrem journalistischen Meldeapparat die geringste Bewegung verzeichnet. Bei dieser religiösen Heilmethode können wir zum erstenmal die Wachstumskurve an der Hand von Verträgen, Prozessen, Scheckbüchern, Bankkonten, Hypotheken und Photographieen von Tag zu Tag verfolgen, zum erstenmal das Wunder oder Wunderbare einer seelischen Massensuggestion ins psychologische Laboratorium nehmen. Und daß im Falle der Mary Baker-Eddy ungeheuerste Weitwirkung, ja Weltwirkung von einer philosophisch kindlichen und erschreckend einfachen Idee ausgeht, daß hier wirklich ein Sandkorn Intellekt eine Lawine ins Rollen bringt, gerade dies Mißverhältnis macht das Wunder ihrer Weltverbreitung nur noch wunderbarer. Wenn andere große Glaubensbewegungen in unseren Tagen, wenn Tolstois urchristlicher Anarchismus, wenn Gandhis Nonresistance auf Millionen von Menschen bindend und steigernd gewirkt haben, so können wir dies Überströmen in abertausend Seelen immerhin verstehen, und was mit hellem Sinn verständlich ist, wirkt doch im letzten Sinn niemals wunderbar. Bei diesen großen Geistesmenschen kam Kraft aus Kraft, aus starkem Antrieb starke Wirkung. Tolstoi, dieses herrliche Gehirn, dieses bildnerische Genie gab eigentlich nur sein lebendiges Wort, seine Gestaltungskraft an die formlos im russischen Volke umschweifende Idee der Auflehnung gegen die Staatsautorität, Gandhi formulierte im letzten nichts anderes als die uralte Passivität seiner Rasse und ihrer Religion in eine neue Aktivität um; beide bauten sie auf Grund uralter Überzeugungen, beide trug die Strömung der Zeit. Von beiden könnte man sagen, nicht sie drückten einen Gedanken aus, sondern der Gedanke, das blutgeborne Genie ihrer Nation sich in ihnen, und so bedeutet es kein Wunder, vielmehr das absolute Gegenteil von Wunder, das ist: streng logische und gesetzmäßige Wirkung, daß ihre Lehre, einmal ausgesprochen, Millionen ergriff. Mary Baker-Eddy aber, wer ist sie? Irgendeine Frau, irgendeine, weder schön noch hinreißend, nicht ganz wahr, nicht ganz klug, dabei nur halb- oder viertelgebildet, ein isoliertes anonymes Individuum ohne jede ererbte Stellung, ohne Geld, ohne Freunde, ohne Beziehungen. Sie stützt sich auf keine Gruppe, auf keine Sekte, sie hat nichts in der Hand als eine Feder und nichts in ihrem höchst mittelmäßigen Gehirn als einen Gedanken, einen einzigen Gedanken. Alles ist vom ersten Augenblick an gegen sie: die Wissenschaft, die Religion, die Schulen, die Universitäten und mehr noch, die natürliche Vernunft, der »common sense«, und kein Land erscheint zunächst für eine derart abstrakte Lehre ungünstigere Siedlungsfläche als ihre Heimat, als Amerika, die sachlichste, nervenkälteste und unmystischeste aller Nationen. All diesen Widerständen hat sie nichts entgegenzusetzen als ihren zähen, hartnäckigen, beinahe stupid hartnäckigen Glauben an eben diesen Glauben, und einzig mit ihrer monomanischen Besessenheit macht sie das Unwahrscheinliche wahr. Ihr Erfolg ist absolut antilogisch. Aber gerade Widersinn gegen die Wirklichkeit ist ja immer das sichtlichste Symptom des Wunderbaren.

Sie hat nichts als einen einzigen und noch dazu sehr fragwürdigen Gedanken, diese eisenstirnige Amerikanerin, aber sie denkt nichts als diesen einen Gedanken, sie hat keinen anderen als diesen einen Standpunkt. Aber auf ihm beharrt sie, die Beine fest gegen die Erde gestemmt, unbeweglich, unerschütterlich, gegen jeden Einspruch taub, und hebt mit ihrem winzigen Hebel eine Welt aus den Angeln. In zwanzig Jahren schafft sie aus einem metaphysischen Wirrwarr eine neue Heilkunde, eine von Millionen Anhängern geglaubte und ausgeübte Wissenschaft mit Universitäten, Zeitungen, Lehrern und Lehrbüchern, schafft sie Kirchen mit marmornem Riesendom, einem Synedrion von Predigern und Priestern, und sich selbst ein Privatvermögen von drei Millionen Dollar. Aber darüber hinaus gibt sie noch der ganzen zeitgenössischen Psychologie gerade durch ihre Übertreibungen einen Ruck nach vorwärts und sichert sich ein gesondertes Blatt in der Geschichte der Seelenkunde. An Wucht der Wirkung, an Schnelligkeit des Erfolges, an Zahl ihrer Anhänger hat diese eine, halbgebildete, halbgeistige, nur halbgesunde und auch charaktermäßig zweideutige alte Frau alle Führer und Forscher unserer Zeit übertroffen: niemals ist in unserer Lebensnähe von einem einzelnen Menschen mittleren Ranges so viel geistige und religiöse Unruhe ausgegangen wie von der erstaunlichen Existenz dieser amerikanischen Farmerstochter, »the most daring and masculine and masterful woman, that has appeared on earth in centuries«, wie sie im Zorne ihr Landsmann Mark Twain nennt.

Dieses phantastische Leben Mary Baker-Eddys ist zweimal dargestellt worden, in beiden Fällen vollkommen gegensätzlich. Es gibt eine offizielle Biographie, eine kirchlich approbierte, von der geistlichen Leitung der Christian Science kanonisierte; mit einem eigenhändigen Handschreiben hat der »pastor emeritus«, hat also sie selbst, Mary Baker-Eddy, dies ihr eigenes Lebensbildnis der gläubigen, der allzu gläubigen Gemeinde empfohlen; so müßte, meinte man, diese Biographie der Miß Sibyl Wilbur, eine durchaus redliche sein; in Wirklichkeit ist sie der Erztypus einer byzantinischen Schönfärberei. In dieser Biographie, die zur Erbauung und Bestärkung der bereits Überzeugten von Sibyl Wilbur »in der Art des Markus-Evangeliums« ? ich zitiere wörtlich ? geschrieben ist, erscheint die Entdeckerin der Christian Science mit einem Heiligenschein und in rosenrotem Licht (darum führe ich sie im Laufe dieser Studie immer nur kurz als die rosenrote Biographie an). Erfüllt von göttlicher Gnade, mit überirdischer Weisheit begabt, Sendbote des Himmels auf Erden, Ausbund der Vollendung, tritt Mary Baker-Eddy makellos unserem unwürdigen Blick entgegen. Alles, was sie tut, ist wohlgetan, alle Tugenden des Gebetbuchs werden auf sie gehäuft, ihr Charakter erglänzt in den sieben Regenbogenfarben gütig, fraulich, christlich, mütterlich, menschenfreundlich, bescheiden und milde; alle ihre Widersacher dagegen offenbaren sich als stumpfe, niedrige, neidische, lästerliche, verblendete Menschen. Kurzum, kein Engel ist so rein. Tränenfeucht das gerührte Auge, blickt die fromme Schülerin zu dem durchaus auf heilig frisierten Bildnis auf, dem jeder irdische (und darum charakteristische) Zug auf das sorgfältigste wegretuschiert ist. In diesen güldenen Spiegel haut nun die andere Biographin, Miß Milmine, resolut mit dem dürren Knotenstock der Dokumente hinein, sie arbeitet ebenso konsequent in Schwarz wie jene in Rosa. Bei ihr enthüllt sich die große Entdeckerin als gemeine Plagiatorin, die ihre ganze Theorie einem ahnungslosen Vorgänger aus dem Schreibpult gestohlen, als pathologische Lügnerin, bösartige Hysterikerin, berechnende Geschäftsmacherin, als eine abgefeimte Megäre. Mit bewundernswertem Reporterfleiß ist alles an Zeugnissen herangeschleppt, was das Heuchlerische, Verlogene, Durchtriebene und grob Geschäftsmäßige ihrer Person, was das Sinnlose und Lächerliche ihrer Lehre derb unterstreicht. Selbstverständlich wird diese Biographie von der Gemeinde der Christian Science ebenso grimmig verfolgt wie die rosenrote leidenschaftlich angepriesen. Und durch eine merkwürdige geheime Transaktion sind fast sämtliche Exemplare aus dem Handel verschwunden (und auch eine soeben erschienene dritte Biographie, die Frank A. Dakins, wurde sofort bei den meisten Buchhändlern aus den Schaufenstern geholt).

So stehen sich Evangelium und Pamphlet, also rosenrot und pechschwarz, entschlossen gegenüber. Aber sonderbar: für den unparteiischen Beobachter dieses psychologischen Falles vertauschen die beiden Bücher merkwürdig ihre Wirkung. Gerade die Biographie der Miß Milmine, die um jeden Preis Mary Baker-Eddy lächerlich erscheinen lassen will, macht sie psychologisch interessant; und gerade die rosenrote Biographie mit ihrer platten, maßlosen Vergötterung macht diese durchaus interessante Frau unheilbar lächerlich. Denn der Reiz ihrer komplizierten Seele liegt eben und einzig in dem Gemengtsein dieser gegensätzlichen Veranlagung, in der unnachahmlichen Verstricktheit von geistiger Naivität mit praktischem Geldblick, in der einmaligen Paarung von Hysterie und Berechnung. So wie Kohle und Salpeter, durchaus ungleichartige Elemente, wenn in richtigem Verhältnis gemengt, Pulver ergeben und eine ungeheure Explosivkraft entwickeln, so entsteht hier durch diese einmalige Mischung mystischer und kommerzieller, hysterischer und psychologischer Begabung eine ungeheure Geballtheit, und vielleicht hat trotz Ford und Lincoln, trotz Washington und Edison Amerika keinen geistigen Typus hervorgebracht, der die Doppelgeleisigkeit des amerikanischen Idealismus und der amerikanischen Welttüchtigkeit so sinnfällig zum Ausdruck bringt wie Mary Baker-Eddy. Freilich, ich gebe es zu, in einer karikaturistischen Verzerrung, in einer geistigen Donquichotterie. Aber so wie Don Quichotte in seiner traumhaften Überspanntheit, in seiner narrenhaften Unbelehrtheit trotz allem und allem den spanischen Hidalgo-Idealismus plastischer der Welt versinnlicht hat als alle ernstgemeinten Ritterromane seiner Zeit, so lehrt uns diese gleichfalls für das Absurde heldenhaft-närrisch kämpfende Frau besser die amerikanische Romantik verstehen als aller offizieller Katheder-Idealismus eines William James. Jeder Don Quichotte des Absoluten, das wissen wir längst, hat einen Narren, einen Sparren im Leibe, und immer trottet hinterher auf seinem braven Esel der ewige Sancho Pansa, die banale Vernünftigkeit. Aber wie jener de la Mancha im sonnverbrannten kastilischen Land den Zauberhelm Mambrin und die Insel Barataria, so entdeckt diese hartknochige, diese unbelehrbare Frau aus Massachusetts zwischen Wolkenkratzern und Fabriken, mitten in der harten Zahlenwelt der Börsenkurse, Banken, Truste und Kalkulationen wieder einmal das Königreich Utopia. Und wer immer die Welt einen neuen Wahn lehrt, der hat die Menschheit bereichert.

Vierzig verlorene Jahre

Ein kleines einstöckiges, ungetünchtes Holzhaus in Bow, nahe von Concord: die Bakers haben es mit eigenen Händen gebaut, mittlere Farmersleute, nicht arm, nicht reich, angelsächsischen Ursprungs und über hundert Jahre schon ansässig in New Hampshire. Der Vater, Mark Baker, ein wuchtiger Bauer, sehr streng, sehr fromm, sehr starrsinnig, den Schädel hart wie die Faust; »you could not more move him than you could move old Kearsarge« sagen die Nachbarn von ihm, das heißt, man kann ihn so wenig wankend machen wie den alten Berg Kearsarge, der dort im Lande steht. Diesen steinernen Starrsinn, diese unrüttelbare Willensheftigkeit hat auch sein siebentes Kind, Mary Baker (geboren 16. Juli 1821), von ihm geerbt, nicht aber dazu die muskelharte Gesundheit, das gute Gleichgewicht. Ein fahriges, schwächliches, bläßliches, nervöses Mädchen, wächst sie heran, empfindlich und sogar überempfindlich. Schreit einer laut, sofort zuckt sie zusammen, jedes scharfe Wort regt sie unmäßig auf: nicht einmal die normale Distriktsschule vermag sie durchzuhalten, denn sie kann das Scharren und Lärmen der Nachbarskinder nicht vertragen. So läßt man den Zärtling schonungsvoll zu Hause, erlaubt Mary zu lernen, was sie gerade will, und das ist, man mag sichs denken, nicht übermäßig viel auf einer abseitigen amerikanischen Farm, meilenweit von Dorf und Stadt. Durch Schönheit fällt die kleine Mary nicht besonders auf, obwohl die Pupillen, rund und groß, manchmal in seltsam unruhigem Stahlgrau flimmern und ein straffer fester Mund ihr schmales Gesicht energisch zusammenhält. Aber Auffallen, gerade das will sie ja, gerade darum ist es diesem sonderbaren, diesem eigenwillig nervösen Kind vor allem zu tun. Überall und immer will sie auffallen, anders erscheinen als die andern: sehr früh zeichnet sich dieser vorherrschende Zug in ihrem Charakterbilde ab. Von Anfang an will sie als etwas »Höheres«, etwas Besonderes gewertet werden, und zu diesem Zweck weiß das kleine Farmermädel zunächst nichts Besseres, als die Preziöse zu spielen. Sie gibt sich ein »superior air«, erfindet sich einen eigenwilligen Gang, gebraucht im Gespräch allerlei absurde Fremdwörter, die sie heimlich aus dem Lexikon herausfischt und munter im falschen Wasser schwimmen läßt; in Kleidung, Haltung und Benehmen hält sie auf Abstand von der allzu »gewöhnlichen« Umgebung. Aber amerikanische Farmer haben nicht viel Sinn und Zeit, derlei Künstlichkeiten bei einem Kinde zu bemerken: niemand bewundert und bestaunt die kleine Mary ? was also natürlicher, als daß dieser rückgestaute Geltungswille (man wird sehen: einer der stärksten des Jahrhunderts) zu gröberen Mitteln greift, um sich sichtbar zu machen? Jeder Machttrieb, der nicht nach außen kann, stößt nach innen und verbiegt und zerreißt zunächst die eigenen Nerven. Nun hatten schon vor den Pubertätsjahren die kleine Mary häufig Konvulsionen, Krämpfe und ungewöhnliche Erregbarkeiten befallen. Und da sie bald merkt, daß man ihr bei solchen Anfällen im Hause besondere Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit zuwendet, schalten die Nerven ? bewußt oder unbewußt, diese Grenze ist biegsam ? immer häufiger solche hysterische »fits« ein. Sie hat oder sie heuchelt (nochmals: wer kann je die echten Erscheinungen der Hysterie von den gespielten genau unterscheiden?) Angstanfälle und grelle Halluzinationen; urplötzlich stößt sie gellende Schreie aus und stürzt wie leblos hin. Schon vermuten die Eltern Epilepsie bei dem sonderbaren Kinde, aber der herbeigerufene Arzt schüttelt zweifelnd den Kopf. Er nimmt die Sache nicht übermäßig ernst; »Hysteria mingled with bad temper« lautet seine ein wenig spöttische Diagnose. Und da diese Anfälle sich häufig wiederholen, ohne je gefährlich zu werden, und höchst verdächtigerweise gerade dann einsetzen, wenn Mary ihren Willen behaupten oder fremde Forderung abwehren will, wird sogar der klinisch ungelehrte Vater allmählich mißtrauisch. Als sie nach einer erregten Szene wieder einmal starr und steif zu Boden fällt, läßt er sie ruhig liegen, ohne sich weiter zu kümmern, und geht an seine Arbeit; abends heimgekehrt, sieht er sie, ohne daß ihr jemand emporgeholfen hätte, ruhig in ihrem Zimmer sitzen und ein Buch lesen.

Jedenfalls, eines erreicht sie mit diesen Nervenspielen (oder besser: dem Spielenlassen ihrer Nerven) und gerade das, was sie zuinnerst gewollt: sie erzwingt sich eine Sonderstellung im Haus. Sie muß nicht wie die Schwestern scheuern, kochen, nähen, melken, nicht wie die Brüder hinaus auf das Feld, sondern sie kann sich schon frühzeitig von der »gewöhnlichen«, der täglichen, der banalen Frauenarbeit drücken. Und was dem fünfzehnjährigen Mädchen bereits bei den Eltern gelingt, das setzt diese Frau überall und gegen alle durch. Nie, auch in den Jahren bitterster Entbehrung und entsetzlichster Notdurft, wird Mary Baker jemals gewöhnliche, haushälterisch-weibliche Arbeit verrichten. Vom ersten Anfang an weiß sich zielbewußt ihr innerster, geheimster Wille eine »besondere« und höhere Lebensführung durchzusetzen. Von allen Krankheiten ist zweifellos die Hysterie die intelligenteste, die dem innersten Persönlichkeitstrieb verbundenste, in Zustoß und Abwehr versteht sie immer die geheimste Wunschlinie eines Menschen zu offenbaren: darum wird keine Macht der Erde jemals erzwingen, was Mary Baker, diese Willensmeisterin, im Innersten nicht will. Während die Schwestern sich in Stall und Acker abrackern, liest diese kleine amerikanische Bovary Bücher und läßt sich pflegen und bemitleiden. Sie hält still, solange man ihrem Willen nicht in die Quere kommt; versucht man sie aber zu etwas zu nötigen, was ihr nicht genehm ist, so schaltet sie sofort ihre »fits«, ihre »tantrums« ein und läßt die Nerven spielen. Schon unter dem elterlichen Dach ist diese herrschsüchtige, diese solipsistische Natur, die sich keiner Umwelt anpassen oder einpassen will, kein angenehmer Hausgenosse. Und ganz gesetzhaft wird dieser tyrannische Selbstwille unaufhörlich und überall Spannungen, Konflikte und Krisen erzeugen, denn Mary Baker duldet kein Nebensich, sondern nur Unterwerfung unter ihr ungeheuer gespanntes Ich, dem ein Weltall als Raum kaum genügt.

Eine unbehagliche, eine gefährliche Hausgenossin also ist und bleibt sie, die scheinsanfte, die scheinstille Mary Baker. Darum betrachten die bravbürgerlichen Eltern den Weihnachtstag 1843 als Doppelfeiertag, da Washington Glover, kurz »Wash« genannt, ein netter junger Kaufmann, ihnen die Zweiundzwanzigjährige aus dem Hause in die Kirche holt. Nach der Trauung fahren die jungen Gatten in die Südstaaten, wo Glover sein Geschäft hat, und während dieses kurzen Zwischenspiels einer leidenschaftlichen jungen Ehe mit dem strammen, heitern Wash hört man nichts von Halluzinationen und Hysterieen. Marys Briefe sprechen ausschließlich von restlosem Glück und atmen Gesundheit; wie unzähligen ihrer Schicksalsgenossinnen hat das sinnlich gerade Zusammensein mit einem kräftigen jungen Mann ihr die flirrenden Nerven völlig zusammengenietet. Aber die gute, gesunde Zeit dauert für sie nicht lange, knapp anderthalb Jahre, denn schon im Jahre 1844 rafft das gelbe Fieber Wash Glover in South Carolina innerhalb von neun Tagen hinweg. Mary Baker-Glover bleibt in einer furchtbaren Lage zurück. Das bißchen Geld, das sie in ihre Ehe mitgebracht, ist verloren, hochschwanger und verzweifelt steht sie in Wilmington vor dem Sarge ihres Gatten und weiß nicht, wohin. Glücklicherweise kratzen Freimaurerkameraden ihres Mannes ein paar Dutzend Dollar zusammen, so daß man die Witwe wenigstens bis nach New York zurückspedieren kann. Dort holt sie der Bruder ab, und kurz darauf bringt sie im Hause der Eltern einen nachgeborenen Sohn zur Welt.

Das Leben hat es nie gut mit Mary Baker gemeint. Dreiundzwanzig Jahre alt, wirft sie die Welle zum erstenmal zurück an die Stelle ihrer Ausfahrt; nach jedem Versuch zur Selbständigkeit wird sie bei ihrer Familie stranden: bis zu ihrem fünfzigsten Jahre ißt Mary Baker nie anderes als geschenktes oder erbetteltes Brot, bis zum fünfzigsten Jahre schläft sie immer in fremdem Bett, sitzt sie an fremdem Tisch. Gerade sie, so stark im Willen, ohne eigentlich zu wissen, was sie will, so rasend stolz ohne die geringste Berechtigung oder Leistung, gerade sie muß immer wieder mit dem geheimen Gefühl ihrer Außerordentlichkeit gleichgültigen und nach ihrer Überzeugung unterwertigen Menschen zur Last fallen. Erst nimmt der Vater die junge Witwe auf, dann siedelt sie zu ihrer Schwester Abigail über; dort bleibt sie ganze neun Jahre, ein immer peinlicherer und lästigerer Gast. Denn seit Wash Glover tot ist, reißen der jungen Witwe wieder die Nerven durch, und obwohl ungebetene Kostgängerin, tyrannisiert sie durch ihre Erregbarkeit den ganzen Haushalt. Niemand wagt ihr zu widersprechen, um nicht ihre »fits« herauszufordern; die Türen müssen mit Sorgfalt geschlossen werden, alle im Haus auf den Fußspitzen gehen, um die »Kranke« zu schonen. Manchmal irrt sie starren Blicks wie eine Nachtwandlerin durch die Zimmer, manchmal bleibt sie tagelang im Bett im Zustand vollkommener Unbeweglichkeit, behauptet, nicht gehen, nicht stehen zu können, jede Bewegung tue ihr weh. Ihr eigenes Kind schafft sie eiligst aus dem Hause, diese harte Seele will sich nicht um irgendein Fremdes bekümmern, sei es auch ihr eigen Fleisch und Blut: ihr unruhiges Ich kennt keine andere Beschäftigung als die mit sich selbst. Die ganze Familie muß ihr mit Aufmerksamkeit fronen, jeder ihrem irrlichternden Willen nachspringen: wie jener »Nigger vom Narzissus« in dem bekannten Roman von Conrad bedrückt sie schon durch ihr passives, duldendes Dasein, durch ihr Leise-im-Zimmer-Liegen und Geschont-sein-Wollen die ganze Familie. Schließlich erfindet sie sich eine besondere Manie. Sie entdeckt, daß ihre Nerven einzig beruhigt würden, wenn man sie in einer Hängematte hin und her schaukle. Selbstverständlich ? man tut alles, nur um vor ihr Ruhe zu haben ? wird ein solches Schaukelsofa angeschafft, und den Gassenjungen von Tilton winkt jetzt neuartiger Verdienst, nämlich für ein paar Penny pro Stunde Mary Baker-Glover auf und nieder zu schaukeln. Das klingt, nüchtern wiedererzählt, wahrscheinlich spaßhaft, wird aber in Wahrheit furchtbarer Ernst. Je mehr sie klagt, um so schlechter wird ihr Befinden, denn infolge ihrer seelischen Unbefriedigtheit wird auch der körperliche Zustand Mary Bakers in diesen neun Jahren zusehends besorgniserregender. Ihre Schwäche, ihre Müdigkeit nehmen durchaus pathologische Formen an: schließlich kann sie nicht mehr allein die Treppe hinuntergehen, die Muskeln versagen, und der Arzt vermutet bereits Rückenmarkslähmung. Jedenfalls, 1850 ist Mary Baker-Glover ein vollkommen lebensunfähiges Geschöpf, eine Dauerkranke; ein Krüppel.

Wieviel ist nun an diesen unleugbaren Lähmungserscheinungen der jungen Witwe wirkliches, körperliches Leiden, wieviel bloß Willens- und Einbildungsprodukt? Dies zu entscheiden, forderte viel Verwegenheit, denn die Hysterie, diese genialste Komödiantin der pathologischen Welt, kann mit den allerglaubhaftesten Symptomen ebenso den Schein der Krankheit darstellen wie die Krankheit selbst. Sie spielt mit dem Leiden, aber dieses Spiel geht oft gegen ihren Willen manchmal in Wirklichkeit über; und der Hysteriker, der ursprünglich nur den andern eine Krankheit glaubhaft machen wollte, muß schließlich selbst daran glauben. Darum muß man verzichten, in einem derart verhaspelten Falle aus dem Abstand von fünfzig Jahren unterscheiden zu wollen, ob jene kataleptischen Zustände Mary Bakers tatsächliche Lähmungen oder nur Nervenflucht in die Krankheit gewesen sind. Verdächtig bleibt immerhin, daß sie mit ihrem Willen manchmal plötzlich Herrin ihrer Gebreste zu werden versteht; eine Episode aus ihren späteren Lähmungsjahren gibt da allerhand zu argwöhnen: sie liegt wieder einmal starr in ihrem Bett, hilflos, ein machtloser Krüppel, da plötzlich hört sie, wie ihr (späterer) Mann unten um Hilfe schreit. Er ist in Streit geraten und wird von seinem Gegner anscheinend gefährlich bedroht. Und siehe: mit einem Ruck springt die vollkommen Gelähmte aus dem Bett und läuft die Treppe hinunter, ihm beizustehen. Solche Zwischenfälle (dieser blieb nicht der einzige) lassen vermuten, daß Mary Baker eigentlich schon früher die gröbsten Erscheinungen ihrer Lähmung durch den Willen hätte überwinden können, aber vermutlich will sie nicht, oder es will noch nicht in ihr. Wahrscheinlich weiß (tief unter der Bewußtseinsschicht) ihr egozentrischer Instinkt, daß man von ihr, der Kostgängerin, im Zustand offenkundiger Gesundheit sofort häusliche Leistung fordern würde, tätige Mitarbeit. Aber sie will ja niemals mit andern, für andere, neben anderen arbeiten, und um ihre Unabhängigkeit zu bewahren, igelt sie sich mit elektrisch geladenen Stachelspitzen in ihre Krankheit ein: zweifellos operiert hier die Hysterie wie so oft als Defensive urinnerlichsten Schicksalstriebs: als Flucht in die Krankheit. Und diesen Nervenwall um ihr geheimstes Ich vermag niemand zu durchbrechen; lieber läßt dieser eiserne Wille sich den Leib zerstören, als sich fremdem Wunsche zu biegen.

Welche ungeheuerliche seelische Beeinflussungskraft aber schon damals in diesem hinfälligen, brüchigen Körper bereitlag, davon gibt diese erstaunliche Frau 1853 eine verblüffende Probe. Damals, in ihrem zweiunddreißigsten Jahr und dem neunten ihrer Witwenschaft, taucht in Tilton ein wandernder Zahnarzt auf, ein »Doktor« eigener Fakultät, Dr. Daniel Patterson, eine rechte Frauenarzt- und Vollbartschönheit. Mit seiner großstädtisch übertriebenen Eleganz ? er trägt immer schwarzen Schlußrock und sorgfältig gebügelten Seidenzylinder ? gewinnt dieser Brummel der Steppe mühelos die höchst unverwöhnten Frauenherzen von Tilton. Aber ? man staune! ? er bekümmert sich nicht um die Üppigen, die Tüchtigen und die Reichen: ihn bezaubert einzig die bettlägerige, blasse, kränkliche, nervöse Frau, der gelähmte Krüppel. Denn wenn Mary Baker etwas sein will, kann sie es sofort werden, so auch bezaubernd, und von ihrer leidend lächelnden Milde geht für den breitschultrig derben Mann ein Reiz aus, der ihn unlösbar gewinnt. Schon am 21. Juni 1853 bietet er ihr seine Hand.

Ward in solchem Zustand je ein Weib gefreit? Daniel Pattersons Braut ist damals so völlig in ihrer Lebenskraft gebrochen, daß sie nicht einmal die paar Schritte zur Kirche hinüberzugehen vermag. Resolut hebt der baumlange Bräutigam die Gelähmte vom Sofa und trägt sie die Treppe hinab. Vor der Haustür wird sie in einen Wagen verfrachtet und erst als Mistreß Patterson auf den Armen ihres Mannes wieder in ihr Zimmer zurückgetragen. Aber die Last, die er so leichthin auf seinen Arm genommen, liegt nun jahrelang schwer auf seinem Leben. Doktor Patterson braucht nicht lange, um zu entdecken, welch unbequemem Temperament, welch beschwerlicher Gattin er sich verbunden hat: bei jeder Übersiedlung muß die ewige Patientin auf den Wagen geladen werden und mit ihr das unentbehrliche Schaukelsofa; im Wirtschaftlichen erweist sie sich derart untauglich, daß Patterson trotz ärmlichen Einkommens eine Haushälterin aufnehmen muß. Die Heldin ihrer eigenen Träume indes »vertieft sich in Bücher«, wie die rosenrote Biographie bewundernd sagt, das heißt, sie liegt neurasthenisch müde auf der Ottomane oder im Bett und liest Romane; statt ihren Sohn aus erster Ehe ins Haus zu nehmen, der irgendwo im Westen bei ungebildeten Dienstleuten geistig zugrunde geht, treibt sie Okkultismus und schmökert in Zeitungen, manchmal skribelt sie für Provinzblätter sentimentale Aufsätzlein und Gedichte. Denn auch in der neuen Ehe wird das Eigentliche in ihr noch immer nicht wach. In ihrer ohnmächtigen Lethargie hofft und träumt ihre verworrene Eitelkeit unaufhörlich von irgend etwas Großem, etwas Bedeutendem, und so wartet unbeschäftigt, untätig und doch der Berufung geheimnisvoll gewiß, eine der genialsten Begabungen des Jahrhunderts jahrelang auf das Stichwort, auf die ihr zubestimmte Rolle. Aber jahrelang, beinahe noch zehn Jahre, bleibt ihr immer nur dieselbe, die eintönige der unheilbar kranken, der bedauernswerten, der von allen Ärzten und Freunden als unrettbar aufgegebenen, der »unverstandenen« Frau. Sehr bald merkt auch der gute Patterson, was manche vor ihm und alle nach ihm erfahren, daß man auf die Dauer mit dieser Willensdespotin, mit dieser krampfhaft auf Bewunderung erpichten Frau nicht bequem leben kann. Immer ungemütlicher wird ihm Heim und Ehe. Zunächst verlängert er über Gebühr seine Wanderreisen: schließlich bietet 1863 der ausbrechende Bürgerkrieg ihm willkommenen Anlaß, sich völlig aus der Ehe zu drücken. Er zieht als Arzt der Nordarmee ins Feld, wird aber gleich bei dem ersten Gefecht gefangen und bis Kriegsende interniert. Mary Baker-Patterson bleibt genau so allein und mittellos zurück wie vor zwanzig Jahren als Witwe Glovers. Abermals stößt das Wrack an den alten Strand, abermals fällt sie wieder ihrer Schwester ins Haus. Nun, in ihrem vierzigsten Jahre, scheint ihr Schicksal endgültig in Armut und Provinzlerei begraben, ihr Leben erledigt.

Denn vierzig Jahre ist nun Mary Baker alt und weiß noch immer nicht, wozu und für wen sie lebt. Der erste Mann liegt unter der Erde, der zweite sitzt tausend Meilen weit in Gefangenschaft, ihr eigenes Kind lebt irgendwo bei fremden Leuten, und noch immer ißt sie Almosenbrot an fremden Tischen, keinen liebend und von keinem geliebt, das unnötigste Menschenwesen zwischen dem Atlantischen und Pazifischen Ozean. Vergeblich sucht sie sich zu beschäftigen. Sie unterrichtet ein bißchen in Schulen, aber ihre Nerven halten keine geregelte Tätigkeit durch, sie liest Bücher und schreibt Artikelchen für hinterwäldlerische Provinzblätter; aber ihr tiefer Instinkt weiß genau, daß solche Papierkrümelei noch nicht das Rechte, nicht das Ureigentliche ihres Wesens erlöst. So lungert sie zwecklos und mißlaunig im Hause ihrer Schwester herum, und vermauert liegen tief unten und unsichtbar die ungeheuerlichen, die dämonischen Kräfte dieser rätselhaften Frau. Und je mehr sie ihre äußere Lage als widersinnig, je klarer die Einundvierzigjährige ihr Frauenschicksal als endgültig erledigt empfindet, um so mehr gärt und fährt die gestaute und verbogene Lebenskraft, die noch niemals erlöste, in ihrem Körper um. Immer heftiger entladen sich die Nervenkrisen, immer schmerzhafter zerren die Zuckungen und Krämpfe, immer starrer werden die Lähmungen. Schon kann sie selbst an ihren besten Tagen keine halbe Meile mehr zu Fuß gehen, ohne zu ermüden. Immer blasser, immer schwächer, immer matter und regungsloser liegt sie im Bette, ein ohnmächtiges Stück Menschenleib, eine chronisch Kranke, sich selber zum Ekel und allen andern zur Last. Die Ärzte haben den Krieg mit ihren Nerven aufgegeben, vergebens hat sie die abwegigsten Experimente, Mesmerismus und Spiritismus, alle Kräuter und Kuren versucht; nun setzt die Schwester noch auf eine letzte Karte und schickt sie in eine Kaltwasserheilanstalt, nach New Hampshire. Aber die Kur dort verschlechtert nur ihren Zustand, statt ihn zu verbessern. Nach zwei Behandlungen vermag sie überhaupt keinen Schritt mehr zu gehen; entsetzt erkennt sie sich als endgültig verloren, kein Mensch, kein Arzt kann sie also retten! Ein Wunder, ein leibhaftiges Wunder müßte geschehen, um sie, die gelähmte, seelisch und körperlich zerstörte Frau noch einmal zu einem lebendigen Menschen zu machen.

Und auf dieses Wunder, auf diesen Wunderhelfer wartet und hofft mit aller Glut der Verzweiflung, mit allen Kräften ihres fanatischen Herzens Mary Baker nun im einundvierzigsten Jahre ihres bisher nutzlos gelebten Lebens.

Quimby

Von Wundern und einem veritablen Wunderhelfer geht allerdings schon seit einiger Zeit in New Hampshire verworrenes Raunen und Reden: ein Arzt namens Phineas Pankhurst Quimby soll zauberhafte und unvergleichliche Kuren vollbringen, und zwar dank einer neuen und geheimnisvollen Methode. Dieser Heilhelfer wende weder Massage noch Medikamente noch Magnetismus noch Elektrizität an, und dennoch gelange er, wo die andern Ärzte und ihre Mittel versagten, spielend zum Ziel. Aus dem Gerücht wird Gerede, aus dem Gerede Gewißheit. So dauert es nicht lang, und von allen Seiten des Landes strömen Patienten zu diesem Wunderdoktor nach Portland.

Dieser sagenhafte Doktor Quimby nun, dies sei zunächst festgestellt, ist durchaus kein Doktor, kein gelernter Lateiner und graduierter Mediziner, sondern nur ein ehemaliger Uhrmacher aus Belfast, Sohn eines armen Eisenschmieds. Fleißiger, kluger, tüchtiger Handwerker, hat er, weiß Gott wieviel Uhren schon geduldig verfertigt, da kommt im Jahre 1838 auf seinen Wandervorträgen ein Dr. Poyen nach Belfast und zeigt zum erstenmal öffentlich hypnotische Experimente. Dieser französische Arzt, ein Schüler Mesmers (überall in der Welt begegnet man den Spuren dieses außerordentlichen Mannes), hat mit seinen hypnotischen Vorführungen ganz Amerika in Bewegung gesetzt, und den unvergänglichen Niederschlag jener Neugier nach der »Nachtseite der Natur« finden wir in den aufregenden Novellen Edgar Allan Poes. Denn der amerikanische Boden, scheinbar nüchtern und dürr, wird eben, weil ganz ungepflügt, ausgezeichnetes Saatfeld für alle übersinnlichen Bestrebungen. Hier erklären nicht wie im skeptischen Europa zu Mesmers Zeit gelehrte Akademieen und königliche Gesellschaften auch die augenfälligsten suggestiven Übertragungsphänomene hochmütig ablehnend als bloße »Einbildung«, und der naiv optimistische Sinn der Amerikaner, denen von vornherein nichts unmöglich scheint, öffnet sich neugierig diesen unvermuteten Anregungen. Eine ungeheure spiritualistische (und bald spiritistische) Welle läuft hinter den Vorträgen des französischen Mesmeristen her, in allen Städten, allen Dörfern werden seine Vorführungen besucht und leidenschaftlich erörtert. Auch der kleine Uhrmacher Quimby gehört zu den vollkommen Faszinierten. Er besucht jeden Vortrag, kann sich nicht satt sehen an diesen Bezauberungen durch Hypnose, in seinem Wissensdrang reist er dem Doktor Poyen von Ort zu Ort nach, bis schließlich dieser breitschulterige, sympathische Mensch mit seinen harten und klugen amerikanischen Augen dem Doktor Poyen unter allen Zuhörern besonders auffällt. Er untersucht ihn und stellt sofort eine unverkennbare aktiv hypnotische Begabung fest. Mehrmals verwendet er ihn, um Medien in Schlaf zu versetzen, und erstaunt erkennt Quimby bei dieser Gelegenheit seine eigene, bisher unbekannte Fähigkeit zur Willensübertragung. Entschlossen läßt der energische Handwerker die Uhrmacherei und verwandelt seine suggestiven Fähigkeiten in ein Gewerbe. In einem fünfzehnjährigen Deutschen namens Lucius Burgmayr entdeckt er ein ideales Medium; die beiden, er als aktiver Magnetiseur, Burgmayr als fügsam funktionierendes Suggestionsobjekt, tun sich zusammen. Und von nun ab zieht der neue Doktor mit seinem Burgmayr im Lande herum wie ein Wahrsager mit seinem Affen oder seinem Papagei und übt mit ihm in Dörfern, Weilern und Städten eine sonderliche Art von Medizinkur, nämlich hypnotisch-hellseherische Therapie.

Diese neue Heilmethode des Uhrmachers Quimby beruht in ihrem Anfang auf jenem längst überwundenen Wahn des frühen Mesmerismus von der angeblichen Fähigkeit der Somnambulen zur Introspektion, zum Einblick in ihr eigenes Inneres. Bekanntlich war gleich nach der Entdeckung des Wachschlafes die Meinung aufgekommen, jeder Hypnotisierte vermöge hellsichtig alles zu beantworten, was man von ihm erfrage, Zukunft oder Vergangenheit, Sichtbares und Unsichtbares ? warum sollte er da nicht auch die unsichtbar in einem andern verborgene Krankheit wahrnehmen und ihre Heilmöglichkeiten bestimmen können? Statt einer klinischen Diagnose, wie sie sonst jeder Behandlung vorausgeht, setzt der von seiner medialen Kraft überzeugte Quimby die hellseherische Diagnostik ein. Seine Methode ist eigentlich sehr einfach. Er schläfert zunächst vor dem Publikum seinen Lucius Burgmayr ein. Sobald dieser sich in Trance befindet, wird ihm der Kranke vorgeführt, und aus seinem Traumschlaf heraus weissagt Burgmayr mit geschlossenen Augen das Leiden und verordnet, gleichfalls aus seinem Traumschlaf heraus, die richtige Medizin. Mag uns diese Art der Diagnostik auch etwas heiter anmuten und weniger verläßlich erscheinen als Blutuntersuchungen und Röntgenbilder, immerhin, es ist nicht zu leugnen, viele Kranke werden merkwürdig berührt, aus dem Munde eines Traumsprechers ihr Leiden und dessen Heilmittel gewissermaßen vom Jenseits her bestimmt zu hören. Überall finden sich Patienten in Menge, und die Limited Company Quimby & Burgmayr macht ausgezeichnete Geschäfte.

Nun also brauchte der gute »Doktor«, nachdem er einen so famosen Trick gefunden, nur weiter an seiner Karre zu ziehen und weiterhin auf Teilung mit seinem wackern Medium zu medizinieren. Aber dieser Quimby, wenn auch ungebildet und wissenschaftlich mit Verantwortlichkeit nicht belastet, ist im Grunde seiner Natur durchaus kein Schwindler, sondern ein ehrlicher und redlich suchender Mensch voll übersinnlicher Neugier. Ihm genügt es nicht, jetzt weiterhin Dollars einzuscheffeln mit dieser grotesken Methode; der alte Uhrmacher, der gelernte Mechanikus in ihm gibt nicht Ruhe, ehe er nicht herauskriegt, wo eigentlich das innerste Triebrad dieser verblüffenden Heilwirkungen steckt. Endlich gewährt ihm ein Zufall hilfreichen Wink. Wieder einmal hat sein Burgmayr in der Trance einem Patienten Arznei verordnet, aber der Kranke ist ein so armer Teufel, daß für ihn das geweissagte Mittel zu kostspielig wäre: so unterschiebt Quimby ein billigeres als das von Burgmayr prophezeite. Und siehe da: es gibt gleiche Heilwirkung. Damals überkommt Quimby zum erstenmal der schöpferische Verdacht, es seien gar nicht die Trance und die hypnotische Weissagung und nicht die Pillen und Tränke, welche die Heilung vollbrächten, sondern einzig der Glaube der Kranken an diese Pillen und Tränke ? die Suggestion oder die Autosuggestion ganz allein verübe die Gesundheitszauberei, kurzum, er macht die gleiche Erfahrung wie Mesmer seinerzeit beim Mineralmagneten. Genau wie jener schaltet er zunächst einmal versuchsweise das Zwischenglied aus; wie jener auf den Mineralmagneten, so verzichtet er auf die Hypnose. Er löst den Vertrag mit seinem Medium Burgmayr, läßt die ganze hellseherische Schlafkunst beiseite und gründet seine Behandlung einzig auf bewußt suggestive Einwirkung. Seine Heilmethode, die sogenannte Mind Cure (die Mary Baker später zur Christian Science umformt und als ihre eigene von Gott inspirierte Entdeckung ausgibt), ist im Grunde sehr einfach. Quimby ist bei seinen eigenen Hellsehererlebnissen zur Erkenntnis gelangt, daß viele Krankheiten auf Einbildung beruhen und man das Leiden am besten beseitige, indem man den Glauben des Kranken an seine Krankheit zerstöre. Die Natur muß sich selber helfen, und der Seelenarzt ist nur da, um sie in dieser Selbsthilfe zu bestärken. Deshalb behandelt Quimby von nun ab seine Patienten nicht mehr nach dem normal üblichen Verfahren, welches Leiden mit medizinischen Mitteln bekämpft, sondern indem er die Krankheitsvorstellung seelisch ausschaltet, das heißt: indem er seinen Patienten die Krankheit einfach ausredet. In Quimbys gedrucktem Geschäftszirkular heißt es wörtlich: »Da meine Praxis verschieden ist von aller andern medizinischen Praxis, will ich betonen, daß ich keine Medizinen gebe und nicht äußerlich behandle, sondern mich zu dem Patienten setze, ihm erkläre, was ich von seiner Krankheit halte, und diese meine Erklärung bedeutet bereits die Kur. Wenn es mir gelingt, die irrige Einstellung zu verändern, so verändere ich auch das Fluidum in seinem Körpersystem und stelle die Wahrheit wieder her. Meine Kur ist die Wahrheit.« Der naive und doch nachdenkliche Mann ist sich natürlich vollkommen bewußt, daß er mit dieser Heilmethode die Grenzen der Wissenschaft verlassen und sich in die Sphäre der religiösen Wirkung begeben habe. »Sie fragen mich«, schreibt er, »ob meine Praxis zu irgendeiner bekannten Wissenschaft gehöre. Darauf antworte ich: nein! Sie gehört zu einer Weisheit, die über den Menschen selbst steht, die vor achtzehn Jahrhunderten gelehrt wurde. Seither hat sie niemals mehr einen Platz im Herzen der Menschen gehabt, aber sie ist in der Welt, und die Welt weiß es nur nicht.« Auch diesen Hinweis auf Jesus, als den ersten »healer«, den ersten Seelenarzt, hat also Quimby schon vor der Christian Science formuliert, mit dem Unterschied freilich (dies merken die feindseligen Kritiker Mary Bakers nicht), daß Quimby nur eine Individualbehandlung ausübte, die zum Untergrund die sympathische und suggestive Macht seiner Person hatte, während Mary Baker, weit kühner und absurder, die Leugnung des Krankseins und die Allmacht des Glaubens über den Schmerz zu einem System ausbaut, das die ganze Welt zu erklären und zu verbessern sich unterfängt.

Die neue Praxis Phineas Quimbys, obwohl oft zauberhaft in der Wirkung, hat in sich nichts von Zauberei. Der gute, grauhaarige Mann mit den vertrauenswürdig klaren und doch festen Pupillen setzt sich dem Kranken gegenüber, nimmt dessen Kniee kräftig zwischen die seinen, streift und reibt ihm mit angefeuchteten Fingern den Kopf (letzte Reste magnetisch-hypnotischer Einflußnahme zu Konzentrationszwecken), dann läßt er sich das Leiden schildern und redet es dem Patienten auf das beharrlichste aus. Er untersucht die Symptome nicht wissenschaftlich, sondern schiebt sie durch Leugnung einfach weg, er schaltet das Schmerzempfinden nicht mit Linderungsmitteln aus dem Körper, sondern suggestiv aus dem Gefühl. Etwas billig, etwas primitiv wird man sagen, dieses Heilen bloß durch die Behauptung: es tut nicht weh. Sehr bequem, die Krankheit zu leugnen, statt sie zu behandeln; aber tatsächlich liegt zwischen der Methode des Uhrmachers von 1860 und jener wissenschaftlich hochanerkannten des Apothekers Coué von 1920 doch nur ein Schritt. Und an Erfolgen fehlt es dem unbekannten Quimby so wenig wie seinem berühmten Nachfolger: Tausende von Patienten drängen sich zu Quimbys »Mind Cure«, schließlich muß er sogar Fernkuren, sogenannte »absent treatments«, mit Briefen und Zirkularen einführen, weil sein Sprechzimmer den Andrang der Besucher nicht mehr faßt und der Ruf des Allheildoktors sich über den ganzen Bezirk zu verbreiten beginnt.

Auch zu dem Ehepaar Patterson in ihrem kleinen Dorfe in New Hampshire war schon vor Jahren Nachricht von dieser wunderbaren Science of Health des Exuhrmachers Quimby gedrungen, und im Jahre 1861, knapp vor seiner Abreise in die Südstaaten, schreibt der »Doktor« (oder vielmehr gleichfalls Nichtdoktor) Patterson am 14. Oktober an den Wunderarzt, ob er nicht einmal nach Concord herüberkommen könnte. »Meine Frau ist seit einer Reihe von Jahren infolge einer Rückenmarkslähmung ein Krüppel, sie kann nur halbseits aufsitzen, und wir möchten in diesem Falle Ihre wunderbare Kraft erproben.« Aber die riesige Praxis erlaubt dem Wundertäter derartige Reisen nicht: er lehnt höflich ab. Doch Mary Baker klammert sich verzweifelt an diese letzte Genesungshoffnung. Ein Jahr später ? Patterson sitzt damals schon bei der Südarmee im Gefängnis ? sendet die Bettlägerige noch fanatischer, noch inbrünstiger ihren SOS-Ruf. ob er nicht kommen könne, »sie zu retten«. Wörtlich schreibt sie (dieselbe, die später den Namen Quimbys aus allen ihren Schriften gestrichen hat): »Ich muß Sie vor allem persönlich sehen! Ich habe volles Vertrauen in Ihre Philosophie, wie sie in Ihren Zirkularen dargestellt ist. Können, wollen Sie mich besuchen? Ich muß sterben, wenn Sie mich nicht retten können. Meine Krankheit ist chronisch, ich kann mich nicht mehr umwenden und von niemand bewegt werden als von meinem Mann. Ich bin jetzt die Beute fürchterlichster Qualen, bitte, helfen Sie mir! Verzeihen Sie alle Fehler dieses Briefes, ich schreibe im Bett und ohne Umstände.« Abermals kann Quimby nicht kommen, und zum drittenmal schreibt ihm die Verzweifelte, diesmal aus ihrer Wasserheilanstalt, ob er meine, daß sie die Reise zu ihm wagen dürfe. »Nehmen Sie an, ich hätte genug Vertrauen, um zu Ihnen zu fahren, meinen Sie, daß ich Sie erreichen könnte, ohne an den Folgen dieser Reise zugrunde zu gehen? Ich bin so erregt, daß ich hoffe, ich könnte Sie noch lebendig erreichen. Aber die Frage ist, würde Ihre Hilfe dann ausreichend sein, um mich wieder aufzurichten?« Auf diesen erschütternden Appell antwortet Quimby, sie solle nur ohne Bedenken die Reise wagen.

Nun fehlt noch eins: das Geld für die Reise. Abigail, die sonst allbereite Schwester, bringt nicht das geringste Zutrauen zu diesem obskuren Doktor Eisenbart auf, der ohne Eingriffe und Behandlung einzig »by mind«, also durch den Geist, heilt. Sie ist dieser ewig neuen Narreteien ihrer Schwester endgültig müde. Streng erklärt sie, für einen solchen ausgekochten Schwindel gebe sie keinen Penny. Aber wenn Mary Baker, dieser eiserne Kopf, etwas will, dann zerbricht und zertrümmert sie jeden Widerstand. Einzeln pumpt sie sich die Handvoll Dollars von Freunden, von Bekannten, von Fremden, Stück um Stück. Endlich ist das Löse-, das Erlösegeld beisammen, endlich kann sie Ende Oktober 1862 ein Billett kaufen und nach Portland fahren. Von dieser Reise weiß man nichts Näheres als dies: vollkommen ausgelaugt und zerbrochen langt die Lahme in der fremden Stadt an. Das logisch Natürlichste wäre nun, vor der ärztlichen Befragung ein wenig zu rasten. Aber diese wilde Seele gönnt sich keine Ruhe, unermeßliche Energieen strömen ja immer dieser großen Fanatikerin zu, wenn ihr Wille etwas wirklich will. Geradeswegs vom Bahnhof, müde, erschöpft, verstaubt, schleppt sie sich sofort zum International Hotel, wo Dr. Quimby seine Doktorei eingerichtet hat, und tatsächlich, bis zum ersten Treppenabsatz reicht noch ihre Kraft. Dann kann die Gelähmte nicht mehr weiter. So tragen, so stützen sie die Hausdiener und andere zufällige Helfer. Sie schleifen, sie heben die blasse, dürre Frau Stufe um Stufe empor. Die Zimmertür wird aufgerissen, der hilflose Körper hineingeschoben; machtlos sinkt sie in den Sessel, ein Krüppel, ein zerstörter, zerbrochener Rest eines Menschen. Und flehend wendet sich ihr geängstigter Blick dem milden grauhaarigen Manne entgegen, der sich zu ihr setzt, ihre Hände, ihre Schläfen streichelt und sanft Trost zuzusprechen beginnt.

Und eine Woche später ? o Wunder! ? ist eben dieselbe Mary Baker, dieser von allen Ärzten mit Achselzucken aufgegebene Krüppel, vollkommen gesund. Locker und frisch gehorchen ihr die Muskeln, die Sehnen, die Glieder. Sie kann wieder gehen und laufen, sie klettert die hundertzehn Stufen des Stadtturms von Portland in leichten Sprüngen hinauf, sie spricht, sie fragt, sie jauchzt, sie jubelt, sie glüht, eine strahlende, verjüngte, beinahe schöne Frau, bebend von Tätigkeitsdrang und erfüllt von einer neuen Energie, ? einer Energie ohnegleichen selbst in ihrem Vaterlande Amerika. Einer Energie, die bald selbst Millionen Menschen bezwingen und sich hörig machen wird.

Psychologie des Wunders

Wie fällt das Blaue am hellichten Tag vom Himmel, wie konnte sich ein solches Wunder ereignen, das aller ärztlichen Regel, aller gesunden Vernunft spottet? Vor allem, meine ich, durch die restlose Bereitschaft Mary Bakers für das Wunder. Wie der Blitz nicht frei aus der Wolke zuckt, sondern eine besondere Geladenheit und polare Gespanntheit der Atmosphäre vorausbedingt, so verlangt das Wunder, um sich zu ereignen, immer eine bestimmte Prädisposition, einen nervös und religiös entzündeten Seelenzustand: nie geschieht an einem Menschen ein Wunder, der es nicht innen längst leidenschaftlich erwartet hätte. Man weiß und hat es gelernt: »Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind«, aber auch diese Art geistiger Zeugung erfordert eine Polarität wie jene von Mann und Weib; wenn der Glaube der Vater, so ist gewiß die Verzweiflung die Mutter des Wunders: nur aus der Begattung von schrankenlos gläubiger Erwartung und gleichzeitig völligster Ausweglosigkeit erlangt es auf Erden Gestalt. Mary Baker aber, sie steht gerade damals an jenem Oktobertag 1862 auf dem Tiefpunkt der Verzweiflung: Phineas Quimby war ihr letzter Einsatz, die paar Dollars in der Tasche ihr letztes Geld. Sie weiß, gelingt diese Kur nicht, so gibt es für sie keine Hoffnung mehr. Niemand wird ihr Geld leihen zu neuen Versuchen, hoffnungslos gelähmt wird sie dahinsiechen müssen, allen Menschen unwillkommen, ihrer Familie zur Last und sich selber zum Abscheu. Rettet sie dieser nicht, so rettet sie niemand mehr. Darum beseelt sie jetzt das geradezu dämonische Vertrauen der Verzweiflung, die Kraft aller Kräfte; mit einem Ruck entringt sie ihrem zerrütteten Körper jene elementare Macht der Seele, die Mesmer den Gesundheitswillen nannte. Im letzten: sie wird gesund, weil ihr Instinkt hier die letzte irdische Möglichkeit erkennt, gesund zu werden; das Wunder geschieht, weil es geschehen muß.

Und dann: bei dieser Probe war die innerste seelische Disposition Mary Bakers endlich einmal blank herausgefordert. Von ihrer frühesten Jugend an hat diese amerikanische Farmerstochter genau wie ihre Ibsensche Schwester auf das »Wunderbare« gewartet. Immer hat sie geträumt, durch sie und an ihr müsse sich einmal etwas Außerordentliches ereignen, alle ihre verlorenen Jahre waren nur Vorlust gewesen, traumschwelgerischer Vorausgenuß dieses magischen Augenblicks. Von ihrem fünfzehnten Jahre an hat sie sich dem Wahne bereitgehalten, mit ihr habe das Schicksal noch etwas Besonderes vor. Nun steht sie vor der Probe. Humpelt sie lahm zurück, so wird die Schwester sie verlachen, man wird das geliehene Geld zurückfordern, und ihr Leben ist endgültig vertan. Wird sie aber geheilt, so ist ein Wunder an ihr geschehen, »das« Wunderbare, und (Traum der Kindheit schon!) man wird sie bewundern. Alles wird sie sehen und sprechen wollen, endlich, endlich wird sich die Welt für sie interessieren und zum erstenmal nicht wie bisher aus Mitleid, sondern voll bewundernden Aufblicks, weil sie ihre Krankheit auf magische, auf übernatürliche Weise überwunden hat. Von den Tausenden und Tausenden Hilfebegehrender Amerikas, die sich innerhalb von zwanzig Jahren an den Wunderdoktor Quimby wandten, war deshalb vielleicht keine für eine Genesung auf psychischem Wege so sehr vorausbestimmt wie Mary Baker.

Hier fließen also ein redlicher Heilungswille von Seite des Arztes und ein leidenschaftlicher, ein titanischer Wille, gesund zu werden, von Seite des Patienten stürmisch zusammen. Deshalb ist eigentlich bei der ersten Begegnung die Genesung bereits vollbracht. Schon wie der ruhige, ernste, freundliche Mann mit seinen grauen befriedenden Augen sie anblickt, schon dies beruhigt sie. Und es beruhigt sie seine kühle Hand, die ihr magnetisch über die Stirn streift, und vor allem beruhigt sie, daß er sich von ihrer Krankheit erzählen läßt, daß der Fall ihn interessiert. Denn Interesse, danach dürstet sie ja, diese »unverstandene« Kranke. Jahrelang war sies gewohnt, daß alle Menschen ihrer Umgebung mühselig den Gähnkrampf in den Backen verhielten, wenn sie von ihren Gebresten erzählte; nun sitzt ihr zum erstenmal jemand gegenüber, der ihr Leiden ernst nimmt, und es schmeichelt ihrem Ehrgeiz, daß man gerade sie mit einem geistigen Prinzip, von der Seele her, heilen will, daß endlich, endlich also ein Mensch in ihrer mißachteten Persönlichkeit seelische und geistige Kräfte sucht. Gläubig hört sie Quimbys Erläuterungen an, sie trinkt seine Worte in sich, sie fragt und läßt sich fragen. Und über dem leidenschaftlichen Interesse für diese neue, für diese geistige Methode vergißt sie ihre eigene Krankheit. Ihr Körper vergißt, lahm zu sein oder Lahmheit hervorzubringen, ihr Krampfzustand entspannt sich, rascher, röter rollt das Blut in ihren Adern, die Fiebrigkeit ihrer Erregung teilt sich als Vitalitätssteigerung den ermatteten Organen mit. Aber auch der gute Quimby hat allerhand Grund zu staunen. Gewohnt, daß seine Patienten, meist schwerhüftige Arbeiter und Werkleute, offenen Mundes und offener Seele gutgläubig seiner Suggestion nachgeben, und sobald sie Erleichterung gefunden, ihre paar Dollars hinlegen, ohne weiter an ihn und seine Methode zu denken, sieht er sich plötzlich einer Frau gegenüber, einer besonderen, einer literarischen Frau, einer »Authoress«, die mit allen Poren seine Worte inbrünstig in sich saugt, endlich nicht eine dumpfe, sondern eine neugierig passionierte Kranke, die nicht bloß rasch-rasch gesunden will, sondern auch verstehen, warum und wieso sie gesundet. Das schmeichelt dem ehrgeizigen, braven Uhrmacher mächtig, der seit Jahren ernst, redlich und sehr einsam um seine »Wissenschaft« ringt, der gleichfalls bisher niemanden auf Erden fand, seine krausen und sonderbaren Gedanken mit ihm durchzusprechen. Da wirft ihm nun ein guter Wind diese Frau ins Haus, die sofort ihre ganze neugewonnene Lebenskraft in geistiges Interesse umsetzt: sie läßt sich von ihm erzählen und alles erklären, seine Methode, seine Kur, sie bittet ihn um Einblick in seine Notizen, seine Aufzeichnungen, seine Manuskripte, in denen er ziemlich unbeholfen seine vagen Theorieen hingekritzelt hat. Für sie aber werden diese Zettel Offenbarungen: sie kopiert (sehr wichtig dieses Detail!) jeden einzelnen, Blatt um Blatt, besonders jene Schrift »Fragen und Antworten«, die die Quintessenz von Quimbys Methode und Erfahrung bildet; sie fragt, sie diskutiert, sie holt aus dem guten Quimby alles heraus, was er zu sagen hat. Mit dem ihr eigenen Ungestüm bohrt sie sich ein in seine Theorieen und Gedanken und saugt aus ihnen eine wilde, eine fanatische Begeisterung. Und eben diese Begeisterung Mary Bakers für die neue Gesundheitskur verschafft ihr eigentlich die neue Gesundheit. Zum erstenmal empfindet diese egozentrische Natur, die an nichts und niemandem hingebenden Anteil nahm, deren Erotik durch ein überhitztes Selbstgefühl verschoben, deren Mutterinstinkt durch überreizten Selbstwillen erdrückt war ? zum erstenmal empfindet jetzt Mary Baker eine richtige Leidenschaft, eine geistige Passion. Und eine elementare Leidenschaft erweist sich immer als bestes Ventil für Neurosen. Denn nur weil Mary Baker ihre Nerven bisher nicht in geraden hellen Bahnen zu beschäftigen wußte, nur deshalb beschäftigten sich die Nerven so bösartig mit ihr. Jetzt aber spürt sie zum erstenmal ihre zersprengte, ihre unterdrückte Lebensleidenschaft so völlig in sich zusammengeballt, daß sie keine Zeit mehr hat, an anderes zu denken, keine Zeit also mehr für ihre Krankheit, ? und kaum daß sie für ihre Krankheit keine Zeit mehr hat, ist die Krankheit verschwunden. Frei ausstoßend, kann sich jetzt ihre gestaute Lebenskraft entladen in schöpferischem Tun: Mary Baker hat endlich ihre Aufgabe entdeckt in ihrem einundvierzigsten Jahr. Seit diesem Oktober 1862 hat dieses verbogene, verschrobene Leben zum erstenmal Richtung und Sinn.

Ein frommer Taumel ergreift sofort den auferstandenen Lazarus, die vom Tode Erweckte: herrlich scheint ihr das Dasein, seit es einen Sinn hat. Und dieser Sinn ist von nun ab: allen von sich und der neuen Lehre zu erzählen. Als sie nach Hause zurückkehrt, steht sie als eine andere vor ihrer alten Welt: sie ist interessant geworden, endlich, endlich beschäftigt man sich mit ihr. Alle Menschen staunen sie an, das ganze Dorf redet von nichts als von ihrer Wunderheilung. »Ich bin für alle, die mich ansehen und die mich einst gekannt, ein lebendiges Denkmal Ihrer Kraft«, schreibt sie jubelnd an den Meister. »Ich esse, ich trinke und bin fröhlich und fühle mich als ein entkommener Gefangener.« Aber daß Schwestern, Tanten, Verwandte, daß alle Nachbarn sie als Kuriosum bewundern, das ist dieser maßlosen Seele schon nicht mehr genug nein, das ganze Land, die ganze Welt soll die Botschaft erfahren, die ganze Menschheit wissen von dem Wundermanne zu Portland! Sie kann nichts anderes mehr denken, nichts anderes mehr reden. Sie überrennt ihre Bekannten und die Fremden auf der Straße mit leidenschaftlichen Erzählungen, sie hält öffentliche Vorträge über die »cure principles« des neuen Heilands, und in ihrem Provinz-Käseblatt, dem »Portland Courier«, veröffentlicht sie eine begeisterte Schilderung ihrer »Auferstehung«. Alle Kuren, schreibt sie dort, hätten versagt, Magnetismus, Kaltwasser, Elektrizität, alle Ärzte sie aufgegeben, weil sie das wahre, das geniale neue Heilprinzip noch nicht erkannt. »Die mich behandelten, glaubten, daß es eine Krankheit unabhängig vom ?mind?, vom Geist gäbe. So konnte ich nicht weiser sein als meine Meister. Jetzt aber, zum erstenmal, kann ich das ganze Prinzip begreifen, welches Dr. Quimbys Werke ausmacht, und in gleichem Verhältnis, als ich diese Wahrheit verstehe, schreitet meine Genesung fort. Die Wahrheit, welche er in den Kranken setzt, heilt den Kranken, ohne daß dieser es ahnt, und der Leib ist, sobald er vom Lichte erfüllt wird, nicht länger mehr gebrestig.« In ihrer aufgesprengten, von fanatischer Übertreibung gischtenden Begeisterung zögert sie nicht, den neuen Heiland Quimby sofort mit Christus zu vergleichen: »Christus heilte die Kranken, aber nicht mit Quacksalbereien und Medizinen. Und da Quimby so spricht, wie nie ein Mann vor ihm sprach und vor ihm heilte seit Christus, ist er nicht dadurch eins mit der Wahrheit? Und ist er selbst es nicht, der in ihm lebt? Quimby wälzte den Stein vom Grabe des Irrtums, auf daß die Gesundheit auferstehen möge ? aber wir wissen, daß das Licht in der Finsternis leuchtet und die Finsternis es nicht begreift.«

Derart fromme Vergleiche scheinen dem Konkurrenz-Käseblatt, dem »Portland Advertiser«, doch ein wenig gotteslästerlich auf einen alten Uhrmacher angewandt, und so streut die Zeitung schleunig Salz auf diese Gärung eines fanatischen Gemüts. Schon beginnen die Leute heimlich den Kopf zu schütteln über die närrische Rhapsodin. Aber Spott und Hohn, Unglauben und Zweifel, alle diese Widerstände der wachen Vernunft, haben von nun ab keine Macht mehr über die berauschte Seele Mary Bakers. Quimby, Quimby, Quimby und die Heilung durch den Geist, das bleibt jetzt jahrelang ihr einziger Gedanke, ihr einziges Wort. Kein Stauwerk der Vernunft kann diesen Strom mehr aufhalten. Der Stein ist im Rollen und wird zur Lawine werden.

Paulus unter den Heiden

Der stärkste Mann ist immer der Mann eines einzigen Gedankens. Denn alles, was er an Kraft, an Tatkraft, an Willen, an Intelligenz, an Nervenspannjung in sich aufgespeichert enthält, setzt er einzig und allein in diese eine Richtung ein und erzeugt damit eine Wucht, der selten die Welt widersteht. Mary Baker ist eine dieser vorbildlichen Monomaninnen innerhalb der Geistesgeschichte: sie besitzt vom Jahre 1862 an nur noch einen einzigen Gedanken, oder vielmehr sie wird von ihm besessen. Sie sieht nicht nach rechts und links, sie geht nur vorwärts, vorwärts, vorwärts in die eine und einzige Richtung. Und sie wird nicht eher innehalten, als diese Idee der Heilung durch den Geist nicht ihr Land, nicht die Welt erobert hat.

Allerdings: was sie durchsetzen, was sie zunächst erreichen will, das ist ihr in jenem rauschhaften Anfangsaugenblick noch nicht klar. Sie hat noch kein System, keine Lehre ? dies formt sich erst später ?, nur ein fanatisches Dankbarkeitsgefühl, ihr und gerade ihr sei es auferlegt, das Apostolat Quimbys auf Erden zu verkünden. Aber schon dieser Vorsatz, diese einheitliche Zusammengespanntheit des Willens genügt, um die fahrige, ewig bettlägerige, konvulsivische Frau körperlich und seelisch völlig zu verwandeln. Ihr Gang strafft sich auf, ihre Nerven spielen in zielhafter Kraft zusammen, aus der gehemmten Neurasthenikerin bricht unwiderstehlich die niedergestaute Machtnatur heraus und mit ihr eine Fülle tätiger Talente. Über Nacht ist aus einem sentimentalen Blaustrumpf eine energische, geschickte Schriftstellerin, aus einer müden Dulderin eine hinreißende Rednerin, aus der gebrestig Klagenden eine leidenschaftliche Agitatorin für die Gesundheit geworden. Und je mehr sie jetzt an Macht gewinnt, um so mehr Macht und Wirkung wird diese Heißhungrige wollen, im fünfzigsten und sechzigsten Jahre lebendiger, vitaler und tüchtiger als mit zwanzig und dreißig.

Von dieser erstaunlichen Verwandlung scheint zunächst einer nicht übermäßig entzückt, nämlich der aus der Kriegsgefangenschaft endlich heimgekehrte Gatte, Dr. Patterson. Schon früher bekam es ihm nicht sonderlich wohl, mit einer nervösen, launenhaften, immer Aufmerksamkeit fordernden und ewig bettlägerigen Hysterikerin unter einem Dach zu leben, aber immerhin, dies hatte der Abgehärtete noch gutmütig erduldet: vor der Gesundeten aber, vor der plötzlich Selbstbewußten, vor der fanatischen Prophetin und Verkünderin zieht er sich ängstlich zurück. Lieber zahlt er zweihundert Dollar im Jahre als Lebenszuschuß und verzichtet auf weitere häusliche Gemeinschaft; nach einigen heftigen Auseinandersetzungen verschwindet er für alle Zeit aus der Ehe und läßt sich scheiden. Die rosenrote Biographie wirft selbstverständlich dieser heiklen Episode einen Schleier um, sie erläutert dies Zerwürfnis in psalmodierendem, moralinsaurem Lesebuchton: »Es war keine leichte Aufgabe, ihren schönen, ungeschliffenen Gatten richtig zu lenken, dessen Natur nach den Fleischtöpfen, dem Tand und Flitter einer Gefühlswelt strebte und auf den Anmut und Licht wenig Eindruck machte.« Aber merkwürdig, von dieser »Anmut«, von diesem »Licht« der Mother Mary scheint auch die jahrelang hilfreiche Schwester nichts zu merken. Auch sie kann die herrschsüchtig befehlshaberische Art der plötzlich Gesundeten nicht länger ertragen: es kommt zu heftigen Szenen, die dazu führen, daß Mary Baker genötigt wird, sich anderweitig nach einem Heim umzusehen. Seit jenem Tag sind die beiden Schwestern einander nie mehr begegnet: auch mit der Familie hat die Unduldsame die letzte Bindung zerrissen.

Mit fünfzig Jahren steht also Mary Baker neuerdings allein in der Welt; ihren ersten Mann hat sie begraben, der zweite hat sie verlassen, ihr Kind lebt irgendwo meilenweit in der Fremde. Allein steht sie im Leben, sie hat kein Geld, keinen Beruf, keine Tätigkeit; was Wunder, daß ihre Armut bald fürchterlich wird. Oft vermag sie in ihrem schäbigen Boardinghaus nicht die anderthalb Dollar wöchentlicher Miete pünktlich zu zahlen, jahrelang kann sie sich kein Kleid kaufen, keinen neuen Hut, keine Handschuhe. Cent um Cent will die winzigste Ausgabe zusammengeklaubt sein. Jahrelang noch muß, ehe sie den großartigsten Aufstieg einer Frau im neunzehnten Jahrhundert erlebt, diese unbeugsame Kämpferin für das Absurde in die letzten Erniedrigungen, in die unterste Notdurft des Lebens hinab.

Sich einzunisten, oder sagen wir es unverhohlener: zu schmarotzen, das bleibt jetzt, da Mary Baker immer noch mit der gleichen hochmütigen Beharrlichkeit jede haushälterische, jede »banale« Arbeitsmöglichkeit von der Hand weist, ihre einzige Rettung vor dem Verhungern. Nie hat sie in diesen Elendsjahren anders als durch geistige Arbeit und nie für etwas anderes als für ihre Idee gelebt. Und nichts bezeugt großartiger ihr psychologisches Genie und die unwiderstehliche Suggestivwucht ihres Wesens, als daß sie trotzdem in all diesen Jahren des »Dornenpfads« (so werden diese Jahre der Heimatlosigkeit im offiziellen Evangelium benannt) immer wieder freiwillige Kostgeber findet, die voll Ehrfurcht diese Heimatlose in ihr Haus laden. Fast ausschließlich sind es arme Leute, arm an Geld und arm an Geist, die aus einer rührenden Liebe für das »Höhere« den Umgang mit dieser merkwürdigen Prophetin als Auszeichnung empfinden und mit Speise und Trank bezahlen. Überall in der ganzen Welt verstreut, in jeder Stadt, in jedem Dorfe, jedem Weiler unseres Erdballs gibt es ja dieselbe (sehr sympathische) Gattung Menschen dumpf religiösen Gefühls, die mitten in oder neben ihrem täglichen Beruf das Geheimnisvolle des Daseins tiefinnerlich ergreift und beschäftigt, Menschen, gläubig geartet, aber nicht stark genug, sich selbst einen Glauben zu schaffen. Diese Art, meist reiner, rührender, nur etwas schwächlicher Naturen, die alle unbewußt nach einem Mittler verlangen, von dem sie sich führen und leiten lassen wollen, bildet immer und allerorts den besten Boden für alle neureligiösen Sekten und Lehren. Ob Okkultisten, Anthroposophen, Spiritisten, Szientisten, Bibelerklärer oder Tolstoianer, alle bindet sie ein einheitlicher metaphysischer Wille, die dunkle Sehnsucht nach einem »höheren Sinn« des Lebens; alle werden sie darum dankbare und hörige Schüler eines jeden, der, ob Schöpfer oder Schwindler, die mystische, die religiöse Kraft in ihnen steigert. Solche Menschen wachsen überall und immer wieder heran in den Steppen des Flachlandes wie in den Mansarden der großen Städte, in den verschneiten Weilern der Alpen und in den Dörfern Rußlands, und gerade das scheinbar realistische amerikanische Volk ist besonders reich an solchen religiösen Zellen, denn in unablässiger Erneuerung setzt dort der protestantisch harte Glaube neue blühende Schößlinge von Sekten an. Tausende und Hunderttausende wohnen noch heute dort in den Riesenstädten oder verstreut über die endlosen Gevierte, denen die Bibel noch immer das wichtigste und einzige Buch und ihre Auslegung die eigentliche Sinngebung des Lebens bedeutet.

Bei solchen religiös-mystischen Naturen findet Mary Baker in ihren Armutsjahren immer wieder Unterkunft. Bald ist es ein Schuhmacher, der abends müde von seiner mechanischen, geistlähmenden Fabrikarbeit etwas vom »Höheren« lernen und mit irgend jemandem die Worte der Bibel auslegen will, bald ein altes vertrocknetes Frauchen, dem es vor dem Tode frostet und für die jede Botschaft von Unsterblichkeit schon Tröstung bedeutet. Diesen arglosen, in eine stumpfe Umwelt eingedrängten geistig-ungeistigen Menschen wird die Begegnung mit Mary Baker zu einem Erlebnis. Ehrfürchtig-unverständig hören sie ihr zu, wenn sie an dem mager bestellten Abendtisch ihnen von wunderbaren Heilungen erzählt. Ehrfürchtig staunen sie ihr nach, wenn sie dann in ihrer Dachkammer verschwindet, um an ihrer geheimnisvoll angekündigten »Bibel« bei der flackernden Petroleumlampe die ganze Nacht zu schreiben. Kann man weniger tun, als einer solchen Botin geistigen Worts, die nirgends Heimat hat in der irdischen Welt, ein Bett knapp unter dem First einzuräumen, einen Tisch für die Arbeit, einen Teller, damit sie nicht Hunger leide? Wie die frommen Bettelmönche des Mittelalters, wie die russischen Gottespilger zieht Mary Baker in jenen Jahren von Haus zu Haus; aber niemals empfindet diese dämonisch selbstbesessene Frau sich durch diese Gastlichkeit entehrt oder verpflichtet, nie hat sie das Gefühl, Almosen zu empfangen. Niemand hat in diesen Jahren der Abhängigkeit ihr Haupt gebeugt, ihr Selbstgefühl auch nur einen Augenblick erniedrigt gesehen.

Nirgends aber vermag sie sich lange zu halten. Bei arm oder reich, in Mansarden oder später in ihrem marmornen Haus, in Entbehrung oder Reichtum, bei der Familie, bei Freunden und Fremden, überall erfüllt sich nach kurzer Frist ihr tragisches Lebensgesetz, nämlich daß der Spannungsüberdruck ihres Willens jede Gemeinschaft mit andern zersprengt. Unverweigerlich führt ihr herrscherisches Auftreten, ihr tyrannischer Eigenwille allerorts zu Ärgernissen. Konflikt mit der Welt ist ihr Schicksal, Unfriede mit allen Menschen die unausweichliche Folge ihrer hemmungslosen Rechthaberei; so jagt sie das Dämonische von Tür zu Tür, von Stadt zu Stadt, aber immer weiter, weiter, weiter! Eine Zeitlang findet sie auf ihrer Odyssee durch alle Meere des Elends Unterkunft bei einem gewissen Hiram Graft in Lynn, tagsüber Schuh- und Absatzflicker erster Qualität, abends nach Jakob Böhmes und Hans Sachsens Art Sinnierer und Metaphysiker Schon hat sie ihn für ihre göttliche Heilslehre so weit begeistert, daß er die Schusterei lassen will und ein großes Inserat in die Zeitung gibt, er, Dr. Hiram Craft, wisse alle Krankheiten nach einer neuen Methode zu heilen und sei bereit, jedem das Geld zurückzuerstatten, bei dem er nicht Erfolg erziele. Aber die ehrsame Frau des zukünftigen Doktors, die weiterhin den Herd reiben, die Mahlzeiten kochen, schneidern und Schuhe putzen muß, während der metaphysische Eindringling jede Mithilfe hochmütig verweigert, kommt auf den Verdacht, diese alte dürre Frau wolle ihr mit solchen verfluchten Narreteien den Mann ausspannen. So schlägt sie plötzlich auf den Tisch und sagt: »Sie oder ich!« Und über Nacht steht Mary Baker wieder heimatlos auf der Straße. Was nun geschieht, würde man einem Roman nicht glauben. Mary Baker, plötzlich von Tisch und Bett gejagt, weiß niemanden, der sie aufnehmen will. Ein Boardinghaus kann sie sich nicht leisten, mit der Familie ist sie zerfallen, wirkliche Freunde hat sie sich nie zu erwerben gewußt. So geht sie mit der Kühnheit der Verzweiflung geradeswegs auf eine Villa los, wo Sarah Wentworth, eine alte Frau, wohnt, im ganzen Ort als leidenschaftliche Närrin und Spiritistin bekannt. Dort klopft sie an die Tür. Sarah Wentworth öffnet persönlich und fragt, was sie wolle. Darauf sagt Mary Baker, der Geist habe ihr geboten, hierher zu kommen, weil dies ein reines, harmonisches Haus sei, ein »nice harmonious house«. Kann nun eine rechte Spiritistin jemanden wieder auf die Straße werfen, den der Geist gesandt hat? So sagt Sarah Wentworth schlicht: »Glory to God! Come right in!« und nimmt für eine Nacht die Wildfremde zu sich. Aber Mary Baker bleibt nicht nur eine Nacht, sie bleibt Tage und Wochen, sie bemächtigt sich der alten Frau durch die Heißflüssigkeit ihrer Rede, durch die flackernde Glut ihres Temperaments. Vergebens sucht auch hier der Gatte den Eindringling wieder hinauszudrängen, aber er kommt (wer vermöchte das!) gegen den Willen Mary Bakers nicht auf, bis endlich viele Monate später der Sohn Hilfe bringt. Nach Amesbury zurückgekehrt, findet er sein Elternhaus in einen spiritistischen Narrenturm verwandelt, den Vater verzweifelt. Sofort steigt ihm das Blut in die Stirn, er macht nicht viel Federlesens, sondern sagt grob zu Mary Baker, sie möge sich zum Teufel scheren. Die weigert sich zunächst, denn hier im Hause fühlt sie sich längst Herrin geworden. Der junge Wentworth jedoch ist ein handfester, gar nicht spiritualistischer Bursche, er kümmert sich nicht lang um ihre leidenschaftlichen Proteste, wirft einfach ihre Sachen in den Holzkoffer, stemmt ihn auf die Schultern und schleppt ihn auf die Straße ? und dort steht Mary Baker wieder allein und fremd in einer strömenden Regennacht ohne Unterkunft. Triefend kommt sie zu einer andern Spiritistin, zu einer Kleidernäherin, Miß Sarah Bagley; dort findet sie für kurze Zeit Aufnahme, dann geht es wieder weiter und weiter. In keiner der Familien aber, wo sie Unterkunft findet, vermag sie sich dauernd einzunisten, überall findet sich bald ein Gatte, ein Sohn, der den herrischen Gast hinausweist. Und dieses grauenvolle Martyrium von Haus zu Haus, von Tür zu Tür dauert vier volle Jahre.

Was Mary Baker in diesen vier Jahren an menschlicher Erniedrigung erlitten, verschweigt sowohl ihre Selbstbiographie als das offiziöse Machwerk: törichterweise! Denn gerade Mary Bakers hohe Haltung in den elendsten Notdürftigkeiten gibt ihr menschliche Größe. Und nichts beweist sieghafter ihre Charakterfestigkeit, ihre zähneverbissene, rasende Entschlossenheit als dieser heilige Ingrimm, der sie völlig unempfindlich macht gegen die groben Ansprüche und Anwürfe der Menschen. Ihr innerstes Sein ist dermaßen erfüllt und überfüllt von ihrer eigenen Idee, daß sie für nichts anderes Raum und Gefühl hat. Obwohl mit allen Hunden gehetzt, von Geldsorgen gepeinigt, unterbricht sie nicht einen einzigen Tag ihr fanatisches Denken und Umdenken ein und desselben Gedankens. Von Straße zu Straße schleppt sie in ihrer lächerlichen, kleinbürgerlichen Reisetasche die schon vergilbten und zerfallenden Blätter ihres kostbaren Manuskriptes; Tage und Nächte schreibt und ändert und verbessert sie jedes Blatt mit jener halluzinatorischen Werkbesessenheit, die gerade dem Künstler und Geistmenschen unbedingte Bewunderung einflößen muß. Hundertmal hat sie Schuhmachern, Schlossern, Arbeitern und alten Frauen diese Texte vorgelesen und erklärt, immer in der Hoffnung, nun sei ihr Gedanke faßbar, ihre Glaubenslehre verständlich. Aber niemanden findet sie, der sie wirklich versteht.

Allmählich wird diese drückende Schwangerschaft des unausgetragenen Gedankens zur Qual. Die Frucht, sie fühlt es, ist reif und drängt hinaus, und doch kann sie, trotz der rasenden Krämpfe und Spannungen, sie nicht selbst in die Welt abstoßen. Denn in einer geheimnisvollen Selbstkenntnis ihrer innersten Natur weiß sie, daß ihr selbst die Kunst der Heilwirkung versagt ist. Ein Heilmensch, ein Healer, ein Practitioner zu werden, erfordert Ruhe, Überlegenheit, Geduld, jene einheitliche, stetig gute, jene wärmeausstrahlende Kraft, wie sie selber sie vorbildlich an ihrem Meister Quimby erlebte. Sie aber, Unruhemensch par excellence, sie kann nicht beruhigen. Sie kann nur erhitzen, nur entflammen, nur Geist zum Geiste wirken, nicht aber Fiebergluten niederhalten, nicht wirkliche Schmerzen lindern. So muß ein anderer, ein Zeuge, ein Mittler, ein Helfer gefunden werden, ein männliches Prinzip, das ihre Geistlehre in Wirkung verwandelt. Und nach diesem einen Menschen, dem sie den heißen Atem ihrer Gläubigkeit einhauchen kann, damit er selbst dann ruhig und kühl ihre Vorschriften durchführe, nach diesem sieht sie nun leidenschaftlich aus, Jahre und Jahre lang. Aber vergebens! Der schwere Tölpel, der Schuhmacher Hiram Craft, dem sie ihre Tricks mit Mühe in sein dumpfes Gehirn eingedrillt, hat lieber zu seiner dummen Frau gehalten; die andern, denen sie ihre Kraft zu übertragen suchte, Sarah Bagley und Mrs. Crosby, zeigten träge Herzen und nichts von dem heiligen Elan der Überzeugtheit und darum des Überzeugens. In allen diesen niedern Proletarier- und Kleinbürgerhäusern hat sie den Mittler nicht gefunden. So wendet sie sich ins Weite und inseriert am 4. Juli 1868 in der spiritistischen Zeitschrift »Banner of light« zwischen obskuren Handlesern, Hellsehern, Sektierern, Astrologen und Kartenaufschlägerinnen ihr erstes öffentliches Angebot, gegen »pay«, also gegen Bezahlung, das große Geheimnis der psychischen Heilkunde jedem Beliebigen zu übermitteln. Dieser historische Appell, die erste Fanfare eines heute noch nicht beendeten Krieges, sei hier originalähnlich reproduziert:

ANY PERSON desiring to learn how to teach the sick, can receive from the undersigned instruction, that will enable them to commence healing on a principle of science with a success far beyond any of the present modes. No medicine, electricity, physiology or hygiene required for unparalleled success in the most difficult cases. No pay is required unless the skill is obtained.

Address Mrs. MARY B. GLOVER

Amesbury. Mass. Box 61.

Aber anscheinend hat niemand geantwortet. Und wieder gehen zwölf, gehen vierundzwanzig Monate dieses noch immer vergebens gelebten Lebens nutzlos dahin.

Endlich, im fünfzigsten Jahre ihres Daseins, gelingt es ihr, einen Menschen zu finden. Kläglich jung allerdings ist er, dieser Johannes Evangelista, knapp einundzwanzig Jahre, von Beruf Arbeiter in einer Kartonagefabrik und benannt Richard Kennedy: für ihre Absicht hätte sie eigentlich einen festeren, älteren, imposanteren Mann gewünscht. Aber drei Viertel des Lebens hat diese Frau schon vertan, jetzt bleibt nicht mehr Zeit, noch lang zu warten, zu wählen. Und da die Erwachsenen nicht auf sie hören, da sie alle zu klug, zu vorsichtig, zu rechnerisch ihre kühnen Pläne bespötteln, setzt sie ihre letzte Karte auf diesen Knaben. Vor zwei Jahren hatte sie ihn kennen gelernt im Hause der Mrs. Wentworth, und der bescheidene Junge war ihr aufgefallen, weil er als einziger von allen andächtig zuhörte, wenn sie von ihrer Lehre erzählte (und sie kann ja von nichts anderem erzählen Tag um Tag, Nacht für Nacht). Vielleicht hat der kleine unbedeutende Bursch ebensowenig verstanden wie die andern, wenn diese sonderbare, diese fanatische Frau von »mind« und »materia« mit heißen hastigen Lippen sprach, aber immerhin, er hatte wenigstens mit Ehrfurcht zugehört, und sie hat beglückt gefühlt: hier ist ein junger Mensch, der erste, der ihr und ihrer Lehre glaubt. Nun, da er einundzwanzig Jahre zählt und sie fünfzig, überrascht sie ihn mit dem Vorschlag, er solle eine Heilpraxis auf Grund ihrer neuen unfehlbaren Methode eröffnen. Selbstverständlich sagt der kleine Kartonagenarbeiter nicht nein. Für ihn bedeutet es kein Risiko, einen Fabrikkittel ablegen und sich ohne akademische Mühseligkeiten in einen Universalarzt verwandeln zu dürfen, im Gegenteil, er fühlt sich hochgeehrt. Ehe die beiden, ein sonderbares Paar, ausziehen, die Welt zu erobern, schließen sie noch flink einen geschäftlich genauen Kontrakt: Mary Baker verpflichtet sich, Richard Kennedy ihre »Science«, ihre Wissenschaft, zu lehren, wogegen er seinerseits verspricht, unterdes für ihren Lebensunterhalt zu sorgen und die Hälfte aller Einnahmen aus seiner Praxis an sie abzuführen. Ein Stempelpapier mit fünfzig zu fünfzig Prozent ist also das erste historische Dokument der Christian Science. Und von diesem Augenblick an bleiben das metaphysische und das materielle Prinzip, bleiben Christus und der Dollar in der Geschichte dieser amerikanischen Heilslehre unlösbar verbunden.

Dann packen sie einen kleinen Koffer ? er faßt ihre ganze Habe ? und scharren das Geld für den ersten Monat zusammen. Wieviel das Grundkapital jener Heilpraxis betrug, weiß man nicht genau, vielleicht zwanzig Dollar, vielleicht dreißig oder fünfzig, keinesfalls viel. Mit diesem Minimum wandern sie hinüber in die nachbarliche kleine Stadt Lynn, eine grauhaarige Frau, ein flaumbärtiger Knabe. Und eines der merkwürdigsten Abenteuer des Geistes, eine der weitest ausgreifenden Bewegungen der Neuzeit hat begonnen.

Bildnis

Nun, da nach endlosen Schattenjahren in Farmerhäusern und Mansardenstuben Mary Baker endlich ins Licht tritt, einen raschen Blick in ihr Antlitz! Eine hohe und dürre, eine harte und knochige Figur, mit ihrer strengen, maskulinen Linie an die andere willensmächtigste Frau unseres Jahrhunderts, an Cosima Wagner, erinnernd. Ungestüm die Bewegungen: ein ungeduldig vorstoßender Gang, nervös ausfahrende Hände und in der Diskussion ein befehlshaberisch aufgestraffter Nacken, als trüge sie Helm und Schwert. Weiblich allein an diesem wie aus amerikanischem Stahl gehärteten Wesen das volle kastanienbraune Haar, das sich dunkelflutend oberhalb der faltenlosen Stirne teilt und rückwärts in warmen Locken bis auf die Schultern fließt: sonst kein einziger Zug Wärme und Weichheit. Diesen bewußten Willen zum Männischen, Mönchischen unterstreicht noch besonders die Kleidung. Puritanisch streng bis zum Hals hinaufgeknöpft, mit einer Art Pastorenkrause dünn besetzt, verbirgt diese künstliche Kutte alle fraulichen Formen hinter unerbittlichem Schwarz oder gleichgültigem Grau, und als einziger Schmuck droht, gleichfalls allem Sinnlichen wehrend, ein großes goldenes Kreuz. Schwer kann man sich eine Frau von so harter Haltung als liebend Hinschmelzende, als mütterlich Tändelnde denken, schwer auch diese merkwürdig runden, diese tiefgrauen Augen jemals Heiterkeit spiegelnd oder lässig verträumt. Alles in dieser königlich hochmütigen und gleichzeitig gouvernantisch strengen Gestalt bedeutet Vorstoß, Gewaltwillen, Wucht, gesammelte, gestaute, konzentrierte Energie. Selbst vom photographischen Blatt spürt jeder den suggestiv gebietenden Blick dieser Amerikanerin noch stark und gefährlich auf sich zustoßen.

So selbstsicher, so hoheitsvoll erscheint (oder erzwingt sich) Mary Baker, wenn sie in die photographische Linse blickt, wenn sie vor Menschen spricht, wenn sie sich beobachtet fühlt. Wie sie wirklich war, mit sich im Zimmer allein, können wir nur aus vertraulichen Berichten ahnen. Denn hinter dieser stählernen Maske, hinter dieser blanken und beinernen Stirn zucken ganz besonders heiß vibrierende, furchtbar gespannte und überspannte Nerven: dieselbe hinreißende Kraftpredigerin, die in Riesensälen Tausende von Kranken und Verzweifelten mit Gesundheitsglauben und frischer Lebenskraft zu erfüllen weiß, sie wird selbst immer wieder hinter ihrer verschlossenen Tür von Konvulsionen geschüttelt, eine von Angstvorstellungen verstörte Neurasthenikerin. Ein eiserner Wille ist hier auf spinnwebdünne Nerven gespannt. Schon die leiseste Schwingung bringt diesen überempfindlichen Organismus in Gefahr. Die geringste hypnotische Einwirkung lähmt ihre Energie, das winzigste Quentchen Morphium genügt, sie einzuschläfern, und fürchterliche Dämonen treiben ihr Spiel in dieser Heldin und Heiligen: nachts schrecken manchmal ihre Hausgenossen auf von gellen Hilferufen und müssen die Verstörte mit allerhand geheimen Mitteln beruhigen. Merkwürdige Anfälle suchen sie immer wieder heim. Irren Blicks tappt sie dann durch die Zimmer und entlädt in wilden Schreien und Krämpfen ihre mystischen Qualen, die niemand, am wenigsten sie selbst begreift. Typisch für sie und viele unter den Seelenärzten: die Magierin, die Tausenden Heilung brachte, sich selbst hat sie niemals völlig geheilt.

Aber nur hinter verschlossenen Türen, im allergeheimsten Konventikel verrät sich das Pathologische ihrer Natur. Nur die treuesten Genossen wissen den tragischen Preis, den sie jahrelang für ihre stählerne Haltung, für ihre äußerliche Unbeugsamkeit und Unerschütterlichkeit bezahlte. Denn im Augenblick, da sie vor die Öffentlichkeit tritt, reißt sich ihre Zerfahrenheit mit einem Ruck zusammen: immer wenn ihre Urkraft, ihr maßloser Geltungswille, in Frage kommt, schießt wie der elektrische Strom in den schwarzen Kohlenfaden der Lampe plötzlich lodernde Energie aus ihrem Geist in Muskel und Nerv und überströmt ihr ganzes Wesen mit faszinierendem Licht. Im Moment, da sie weiß, daß sie Menschen bezwingen muß, bezwingt sie sich selbst und wird bezwingend: wie ihre Intelligenz, ihre Rednergabe, ihre Schriftstellerei, ihre Philosophie, so ist auch die imposante Wirkung ihrer äußeren Erscheinung nicht Naturgeschenk, sondern Willensprodukt, Triumph der schöpferischen Seelenenergie. Immer wenn sie etwas durchsetzen will, stößt sie die Gesetze der Natur in ihrem Körper um, herrisch lehnt sie sich auf gegen die »chronology«, gegen die sonst unerbittliche Norm der irdischen Zeit. Mit fünfzig Jahren wirkt sie wie dreißig, mit sechsundfünfzig gewinnt sie sich einen dritten Gatten, und noch im Urgroßmutteralter hat sie kein Irdischer außer ihrem Geheimsekretär jemals hinfällig gesehen. Nie wird sich ihr Stolz je bei einer Schwäche ertappen lassen, nur im Ornat ihrer Vollkraft darf die Welt sie erblicken. Einmal liegt sie, achtzigjährig, von Konvulsionen gemartert im Bett, eine zahnlose, kraftlose Greisin, die Wangen gehöhlt von Schlaflosigkeit, die Nerven vibrierend von Angstzuständen, da meldet man die Ankunft der Pilger aus ganz Amerika, eigens hergewandert, um sie zu begrüßen. Und sofort rüttelt die Herausforderung ihres Selbstgefühls den Körper auf. Wie eine Gliederpuppe läßt das zitterige Großmütterchen sich kostbare Toilette umtun, die Wangen mit Karmin schminken, dann stützt, dann schiebt man sie auf ihren rheumatischen Beinen Schritt um Schritt hin zum Balkon. Vorsichtig wie etwas Zerbrechliches schleift und hebt man die zerbröckelnde Mumie bis zur geöffneten Tür. Aber kaum daß sie draußen auf dem Balkon steht, oberhalb der frommen Menge, die ehrfürchtig die Häupter entblößt, da reckt sich stolz ihr Nacken, feurig und leicht fährt das Wort aus dem welken Munde, die Hände, eben noch an das eiserne Gitter geklammert, um Halt zu haben, nun fahren sie wie wilde Vögel vor ? an dem eigenen Wort spannt sich der geknickte Leib, und ein Sturm von Kraft durchbraust ihre königlich aufgereckte Gestalt. Unten blicken die Menschen mit heißen Augen, sie beben vor diesem Elementarausbruch rednerischer Weißglut. Und weit im ganzen Land erzählen sie dann von der Jugendfrische, von der leibhaftig gesehenen Kraft dieser bezeugten Meisterin über Krankheit und Tod, indes man hinter der Balkontür wieder mühsam ein uraltes, verhutzeltes Weiblein auf das Ruhebett zurückschleppt. So täuscht Mary Baker-Eddy ? nicht nur die Zeitgenossen, sondern sogar die Natur selbst ? durch Geistesleidenschaft über ihr Alter, über ihre Schwächen und Gebreste hinweg, immer macht sie in jeder Entscheidungsstunde innerhalb der Welt wahr, was sie selbst im Innersten wahr haben will. Kein Zufall darum, daß gerade eine so unerschütterliche Seele in einem so zerbrechlichen Leib es gewesen, die den Glauben ersonnen, der Wille eines Menschen müsse stärker sein als Krankheit und Tod, kein Zufall auch, daß dies Apostolat von der Allmacht des Willens gerade aus dem Lande gekommen, das noch vor einem Jahrhundert erst seine Wälder gerodet und Wüsteneien in Metropolen verwandelt hat. Und wollte man sie in ein Bildnis fassen, diese eisenharte, geradlinige, diese das Wort Unmöglich blank verlachende amerikanische Energie, ich wüßte kein besseres sinnliches Symbol als den hochgereckten Nacken und die herrlich entschlossenen, die herausfordernd ins Unsichtbare ausschauenden Augen dieser unfraulichsten Frau.


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