Die Heilung durch den Geist

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Der Vorausgänger und seine Zeit

 

Über nichts wird flüchtiger geurteilt als über den Charakter des Menschen, und doch sollte man in nichts behutsamer sein. Bei keiner Sache wartet man weniger das Ganze ab, das doch eigentlich den Charakter ausmacht, als hier. Ich habe immer gefunden, die sogenannten schlechten Leute gewinnen, und die guten verlieren.

Lichtenberg

 

Ein Jahrhundert lang hat Franz Anton Mesmer, dieser Winkelried der modernen Seelenheilkunde, auf der Schandbank der Schwindler und Scharlatane gesessen neben Cagliostro, dem Grafen Saint-Germain, John Law und anderen Abenteurern jener Zeit. Vergebens protestiert schon der strenge Einsam unter den deutschen Denkern gegen dieses entehrende Verdikt der Universitäten, vergebens rühmt Schopenhauer den Mesmerismus als »die vom philosophischen Standpunkt aus inhaltsschwerste aller gemachten Entdeckungen, auch wenn sie einstweilen mehr Rätsel aufgibt, als sie löst«. Aber welches Urteil wäre schwerer umzustoßen als ein Vorurteil? Üble Rede spricht sich unbedenklich nach, und so gilt noch immer einer der redlichsten Forscher unter den Deutschen, gilt ein kühner Alleingänger, der, von Licht und Irrlicht geheimnisvoll geführt, einer neuen Wissenschaft die Spur gewiesen hat, als zweideutiger Phantast, als unlauterer Schwärmer, und all dies, ohne daß man sich rechte Mühe genommen, zu überprüfen, wie viele wichtige und weltverändernde Anregungen uns aus seinen Irrtümern und längst überwundenen Anfangsübertreiblichkeiten erwachsen sind.

Mesmers Tragik: er kam zu früh und kam zu spät. Die Epoche, in die er eintritt, ist eben, weil sie sich auf ihre Vernunft so hahnenstolz viel zugute tut, eine der Intuition völlig abholde, jene (abermals nach Schopenhauers Wort) »superkluge« Epoche der Aufklärung. Auf den Dunkelsinn des Mittelalters, den ehrfürchtig und verworren ahnenden, war gerade der Flachsinn der Enzyklopädisten gefolgt, der Alleswisser, wie man dies Wort wohl am sinnfälligsten übersetzt, jene grobmaterialistische Diktatur der Holbach, La Mettrie, Condillac, der das Weltall als interessanter, aber noch verbesserungsfähiger Mechanismus und der Mensch bloß als kurioser Denkautomat galt. Mächtig aufgeplustert, weil sie keine Hexen mehr verbrannten, die gute alte Bibel als einfältiges Kindermärchen dargetan und dem lieben Gott mit der Franklinschen Leitung den Blitz aus der Hand genommen hatten, erklärten diese Aufklärer (und ihre schwachbeinigen deutschen Nachtänzer) alles für absurden Wahn, was man nicht mit der Pinzette packen, nach der Regeldetri beweisen konnte, derart mit dem Aberglauben auch jedes Samenkorn Mystik aus ihrem glashellen, glasklaren (und ebenso zerbrechlichen) Weltall des Dictionnaire philosophique hinausfegend. Was nicht als Funktion mathematisch nachweisbar war, dekretierte ihr flinker Hochmut als Phantom, was man mit den Sinnen nicht fassen konnte, nicht etwa bloß als unfaßbar, sondern glattweg für nicht vorhanden.

In eine so unbescheidene, unfromme, einzig ihre eigene selbstgefällige Ratio vergötternde Zeit tritt nun unversehens ein Mann mit der Behauptung, unser Weltall sei keineswegs ein leerer, unbeseelter Raum, ein totes, teilnahmsloses Nichts ringsumher um den Menschen, sondern ständig durchdrungen von unsichtbaren, unfaßbaren und nur innerlich fühlbaren Wellen, von geheimnisvollen Störungen und Spannungen, die in dauernder Überleitung einander berührten und belebten, Seele zu Seele, Sinn zu Sinn. Unfaßbar und vorläufig unbenannt, vielleicht dieselbe Kraft, die von Stern zu Stern strahle und im Mondlicht Schlafsüchtige lenke, könne dies unbekannte Fluid, dieser Weltstoff, von Mensch zu Mensch weitergegeben, Wandlung bei seelischen und körperlichen Krankheiten bringen und derart jene höchste Harmonie wiederherstellen, die wir Gesundheit nennen. Wo der Sitz dieser Urkraft sei, wie ihr wahrer Name, ihr wirkliches Wesen, dies freilich vermöge er, Franz Anton Mesmer, nicht endgültig zu sagen; vorläufig nenne er diesen wirkenden Stoff ex analogia Magnetismus. Aber man prüfe doch selbst, bittet er die Akademieen, drängt er die Professoren, welchen erstaunlichen Effekt diese Behandlung durch bloßes Bestreichen mit den Fingerspitzen hervorbrächte; man untersuche doch endlich einmal mit unvoreingenommenem Blick alle die krankhaften Krisen, die rätselhaften Zustände, die geradezu zauberhaften Heilungen, die er bei Nervenverstörungen einzig durch magnetische (wir sagen heute: suggestive) Einwirkung erzeuge. Jedoch die professorale Aufgeklärtheit der Akademieen weigert sich hartnäckig, auf all diese von Mesmer vorgezeigten und hundertfach bezeugten Phänomene auch nur einen einzigen unbefangenen Blick zu tun. Jenes Fluid, jene sympathetische Übertragungskraft, deren Wesen man nicht deutlich erklären kann (schon verdächtig dies!), steht nicht im Kompendium aller Orakel, im Dictionnaire philosophique, folglich darf nichts Derartiges vorhanden sein. Die Phänomene, die Mesmer vorweist, erscheinen mit nackter Vernunft nicht erklärbar. Folglich existieren sie nicht.

Er kommt um ein Jahrhundert zu früh, Franz Anton Mesmer, und er kommt um ein paar Jahrhunderte zu spät. Die Frühzeit der Medizin hätte seine abseitigen Versuche mit aufmerksamem Anteil begleitet, denn die weite Seele des Mittelalters hatte Raum für alles Unbegreifliche. Sie vermochte noch kindhaft rein zu staunen und der eigenen inneren Erschütterung mehr zu glauben als dem blanken Augenschein. Leichtgläubig, war diese Zeit doch zutiefst glaubenswillig, und nicht absurd wäre darum ihren Denkern, weder den frommtheologischen noch den profanen, Mesmers Dogma erschienen, daß zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos, zwischen Weltseele und Einzelseele, zwischen Stern und Menschheit stofflich verwandte, transzendente Beziehung walte, ja ganz selbstverständlich sogar seine Anschauung, daß ein Mensch auf den andern zauberkräftig einwirken könne durch die Magie seines Willens und wissende Prozedur. Ohne Mißtrauen also, mit neugierig aufgetanem Herzen hätte jene faustisch universale Weltkunde Mesmers Versuchen zugeblickt, und ebenso beurteilt wieder die neuzeitliche Wissenschaft die meisten der psychotechnischen Wirkungen dieses ersten Magnetiseurs weder als Gaukeleien noch als wunderhaft. Gerade weil wir Tag für Tag, ja fast Stunde für Stunde überrascht werden von neuen Unglaublichkeiten und Wundern innerhalb der Physik und Biologie, zaudern wir sehr lange und gewissenhaft, ehe wir heute ein gestern noch Unwahrscheinliches unwahr nennen, und tatsächlich ordnen sich viele von Mesmers Erfindungen und Erfahrungen unserm jetzigen Weltbild ohne Schwierigkeit ein. Daß unsere Nerven, unsere Sinne geheimnisvollen Gebundenheiten unterliegen, daß wir »ein Spiel sind von jedem Druck der Luft«, suggestiv beeinflußbar von unzähligen äußeren und inneren Impulsen, wer denkt dies heute noch zu bestreiten? Lehrt uns, denen ein gesprochenes Wort noch in ebenderselben Sekunde über Ozeane herüberschwingt, nicht jeder neue Tag wieder neu, daß unser Äther beseelt ist von unfaßbaren Vibrationen und Lebenswellen? Nein, wir erschrecken durchaus nicht mehr vor Mesmers bestrittenstem Gedanken, daß unserem individuellen Sein eine ganz einmalige und bestimmte Eigenkraft entströme, die weit über das Ende des Nervs hinaus in beinahe magischer Weise bestimmend auf fremden Willen und fremdes Wesen einwirken könne. Aber Verhängnis ? Mesmer ist zu früh gekommen oder zu spät: gerade jenes Zeitalter, in das er das Unglück hat hineingeboren zu werden, besitzt für dunkel ehrfurchtsvolles Ahnen kein Organ. Nur kein Clair-obscur in seelischen Dingen: Ordnung vor allem und schattenloses Licht! Gerade dort also, wo das geheimnisvolle Zwielicht von Bewußt und Unbewußt sein schöpferisches Übergangsspiel beginnt, erweist sich das kalte Tagauge dieser Vernunftwissenschaft völlig blind. Und da sie die Seele nicht als gestaltende und individuelle Macht anerkennt, so kennt auch ihre Medizin in dem Uhrwerk Homo sapiens einzig Schädigungen der Organe, einen kranken Leib, niemals aber eine Erschütterung der Seele. Kein Wunder, daß sie darum für ihre Verstörungen nichts anderes weiß als die barbarische Baderweisheit: Purgieren, Aderlassen und kaltes Wasser. Geistesgestörte schnallt man auf das Drehrad, kurbelt sie so lange um, bis ihnen der Schaum vom Mund läuft oder prügelt sie bis zur Erschöpfung. Epileptikern pumpt man den Magen mit Quacksalbereien voll, alle nervösen Affekte erklärt man als einfach nicht existent, weil man ihnen nicht beizukommen weiß. Und als jetzt dieser unbequeme Außenseiter Mesmer durch seine magnetische und deshalb magisch erscheinende Einflußnahme solche Erkrankungen erstmalig lindert, da dreht die entrüstete Fakultät die Augen weg und behauptet, nichts gesehen zu haben als Gaukelei und Betrug.

In diesem verzweifelten Vorpostengefecht um eine neue Psychotherapie steht Mesmer vollkommen allein. Seine Schüler, seine Helfer sind noch um ein halbes, ein ganzes Jahrhundert zurück. Und tragische Erschwerung dieses Alleinseins ? nicht einmal ein vollgewichtiges Selbstvertrauen panzert diesem einsamen Kämpfer den Rücken. Denn nur die Richtung ahnt Mesmer, er weiß noch nicht den Weg. Er fühlt sich auf der rechten Spur, fühlt sich durch Zufall einem Geheimnis, einem großen und fruchtbaren Geheimnis brennend nah und weiß doch, er kann es nicht allein lösen und völlig entschleiern. Erschütternd darum, wie dieser Mann, den leichtfertige Nachrednerei ein Jahrhundert lang als Scharlatan verrufen, gerade bei den Ärzten, seinen Kameraden, um Beistand und Hilfe bittet; nicht anders als Kolumbus vor seiner Ausfahrt mit seinem Plan des Seeweges nach Indien von Hof zu Hof irrt, so wendet sich Mesmer von einer Akademie an die andere und bittet um Interesse und Mithilfe für seine Idee. Auch bei ihm wie bei seinem großen Entdeckerbruder steht ein Irrtum am Anfang seiner Bahn, denn noch ganz eingesponnen in den mittelalterlichen Wahn des Arkanums, meint Mesmer mit seiner magnetischen Theorie das Allheilmittel, das ewige Indien der alten Arzneikunde, gefunden zu haben. In Wahrheit hat er längst, sich selber unbewußt, unendlich mehr entdeckt als einen neuen Weg ? er hat wie Kolumbus einen neuen Kontinent der Wissenschaft gefunden mit ungezählten Archipelen und noch lange nicht durchforschten Geländen: die Psychotherapie. Denn alle die heute erst aufgeschlossenen Domänen der neuen Seelenkunde, Hypnose und Suggestion, Christian Science und Psychoanalyse, sogar Spiritismus und Telepathie liegen in jenem Neuland, das dieser tragisch Einsame entdeckte, ohne selbst zu erkennen, daß er einen anderen Erdteil der Wissenschaft betreten hat als jenen der Medizin. Andere haben seine Reiche gepflügt und Saat gewonnen, wo er den Samen in die Brache gestreut, andere den Ruhm geerntet, indes sein Name von der Wissenschaft verächtlich auf dem Schindanger der Ketzer und Schwätzer verscharrt ward. Seine Mitwelt hat ihm den Prozeß gemacht und ihn verurteilt. Nun reift die Zeit, mit seinen Richtern zur rechten.

Bildnis

1773 berichtet Vater Leopold Mozart seiner Frau nach Salzburg: »Letzten Posttag habe ich nicht geschrieben, weil wir eine große Musik bei unserem Freunde Mesmer auf der Landstraße im Garten hatten. Mesmer spielt sehr gut die Harmonika der Miß Dewis, er ist der einzige in Wien, der es gelernt hat, und besitzt eine viel schönere gläserne Maschine, als Miß Dewis selbst hatte. Wolfgang hat auch schon darauf gespielt.« Man sieht, sie sind gute Freunde, der Wiener Arzt, der Salzburger Musiker und dessen berühmter Sohn. Schon einige Jahre vordem, als der berüchtigte Hofoperndirektor Afligio (der später auf der Galeere endete) die erste Oper des vierzehnjährigen Wolfgang Amadeus »La finta semplice« trotz kaiserlichen Befehls nicht zur Aufführung bringen wollte, springt, kühner als Kaiser und Hof, der musikalische Mäzen, Franz Anton Mesmer ein und stellt sein kleines Gartentheater für das deutsche Singspiel »Bastien und Bastienne« zur Verfügung, derart nebst seinem anderen Ruhm das unvergängliche Verdienst sich in der Geschichte sichernd, das erste Opernwerk Wolfgang Amadeus Mozarts aus der Taufe gehoben zu haben. Diese Freundestat vergißt der kleine Wolfgang nicht: in allen Briefen erzählt er von Mesmer, immer ist er am liebsten bei seinem »lieben Mesmer« zu Gast. Und als er im Jahre 1781 ständig Aufenthalt in Wien nimmt, fährt er im Postwagen geradeaus vom Schlagbaum in das vertraute Haus. »Ich schreibe dies im Garten Mesmers auf der Landstraße«, so beginnt sein erster Brief an den Vater vom 17. März 1781. Und in »Cosi fan tutte« hat er dem gelehrten Freund später das bekannte humoristische Denkmal gesetzt. Noch heute und wohl in Jahrhunderte hinein begleitet ein munteres Rezitativ die Verse über Franz Anton Mesmer:

» Hier der Magnetstein
Solls euch beweisen.
Ihn brauchte Mesmer einst,
Der seinen Ursprung nahm
Aus Deutschlands Gauen
Und so berühmt ward
In Francia.
«

Aber nicht nur ein gelehrter Herr, ein kunstfreudiger und menschenfreundlicher, ist dieser sonderbare Doktor Franz Anton Mesmer, er ist auch ein reicher Mann. Wenige im Wiener Bürgerstande besaßen damals ein so wunderschönes, heiter geselliges Haus wie jenes Landstraße 261, wahrhaftig ein Klein-Versailles am Donaustrand. In dem weiten, geräumigen, beinahe fürstlichen Garten entzücken die Gäste allerhand unterhaltsame Vergnüglichkeiten im Stile des Rokoko, kleine Boskette, schattige Baumgänge mit antiken Statuen, ein Vogelhaus, ein Taubenschlag, jenes kokette (leider längst verschollene) Naturtheater, in dem die Premiere von »Bastien und Bastienne« stattfand, ein rundes Marmorbassin, das später bei den magnetischen Kuren höchst merkwürdige Szenen sehen wird, und auf einer kleinen Anhöhe ein Belvedere, von dem man weit über die Donau in den Prater blicken kann. Kein Wunder, daß die plauderfrohe und genießerische Wiener Gesellschaft sich gern in diesem schönen Hause zusammenfindet, denn dieser Doktor Franz Anton Mesmer zählt zu den allerhochansehnlichsten Bürgern, seit er die mehr als dreißigtausend Gulden schwere Witwe des Hofkammerrates van Bosch geheiratet hat. Seine Tafel steht täglich (wie Mozart erzählt) allen seinen Freunden und Bekannten offen, man trinkt und ißt vortrefflich bei diesem hochgelehrten und jovialen Mann und entbehrt auch der geistigen Genüsse nicht. Hier hört man, lange vor dem Druck und meist eigenhändig vom Notenblatt gespielt, die neuesten Quartette, Arien und Sonaten von Haydn, Mozart und Gluck, den intimen Freunden des Hauses, aber auch das Neueste von Piccini und Righini. Wer dagegen vorzieht, von geistigen Dingen zu sprechen, statt Musik zu hören, der findet gleichfalls auf jedem Gebiet an dem Hausherrn einen universal gebildeten Partner. Denn dieser vorgebliche Schwindler Franz Anton Mesmer hat selbst unter Gelehrten Format; schon damals, als er ? Sohn eines bischöflichen Jägers, am 23. Mai 1734 zu Iznang am Bodensee geboren ? zu weiterer Ausbildung nach Wien übersiedelt, ist er bereits emeritierter Studiosus der Theologie in Ingolstadt und Doktor der Philosophie. Aber das genügt diesem unruhigen Geiste noch lange nicht. Wie weiland Dr. Faustus will er die Wissenschaft an allen Ecken fassen. So studiert er in Wien zunächst noch Jura, um sich zum Schlusse endgültig der vierten Fakultät, der Medizin, zuzuwenden. Am 27. Mai 1766 wird Franz Anton Mesmer, obwohl bereits zwiefacher Doktor »autoritate et consensu illustrissimorum, perillustrium, magnificorum, spectabilium, clarissimorum Professorum« auch zum Doctor Medicinae feierlich promoviert; eigenhändig unterschreibt das Lumen der theresianischen Wissenschaft, der hochberühmte Professor und Hofmedikus Van Swieten, sein Doktordiplom. Jedoch Mesmer, durch seine Heirat ein reicher Mann, will keineswegs aus seinem Heilpermiß gleich Dukaten münzen. Er hat keine Eile mit seiner ärztlichen Praxis und verfolgt lieber als gelehrter Dilettant die entlegensten Entdeckungen der Geologie, Physik, Chemie und Mathematik, die Fortschritte der abstrakten Philosophie und vor allem der Musik. Er spielt selbst sowohl Klavier wie Violoncello, führt als erster die Glasharmonika ein, für die dann Mozart ein eigenes Quintett komponiert. Bald zählen die musikalischen Abende bei Mesmer zu den beliebtesten des geistigen Wien, und neben der kleinen Musikstube des jungen Van Swieten am Tiefen Graben, wo jeden Sonntag Haydn, Mozart und später Beethoven erscheinen, gilt das Haus Landstraße 261 als das erlesenste Refugium für Kunst und Wissenschaft.

Nein, dieser vielverleumdete Mann, den man später so böswillig als medizinischen Außenseiter und ahnungslosen Quacksalber verunglimpfte, dieser Franz Anton Mesmer ist nicht der erste beste, das spürt jeder sofort, der ihm begegnet. Schon äußerlich fällt der wohlgebaute, breitstirnige Mann in jeder Gesellschaft durch seinen hohen Wuchs und sein imposantes Gehaben auf. Wenn er mit seinem Freunde Christoph Willibald Gluck in Paris in einem Salon erscheint, wenden sich alle Blicke neugierig diesen beiden deutschen Enakssöhnen zu, die um Haupteslänge das gewöhnliche Maß überragen. Leider zeichnen nur unzulänglich die wenigen erhaltenen Bilder den physiognomischen Eindruck; immerhin, man sieht, das Antlitz ist harmonisch und schön gestaltet, saftig die Lippe, voll und fleischig das Kinn, prächtig gewölbt die Stirn über den stahlhell klaren Augen; wohltuende Sicherheit strahlt von diesem mächtigen Manne aus, der in unverwüstlicher Gesundheit patriarchalisches Alter erreichen wird. Nichts irriger darum, als sich in dem großen Magnetiseur einen Zauberer, eine dämonische Erscheinung mit flackerndem Blick und diabolischen Blitzfeuern, einen Svengali oder Doktor Spallanzani vorzustellen ? im Gegenteil, was alle Zeitgenossen einhellig als Kennzeichen hervorheben, ist seine gesättigte, unerschütterliche Geduld. Mehr schwerblütig als heißblütig, mehr zäh als sprunghaft wild, beobachtet der wackere Schwabe (»er forcht sich nit«) bedächtig die Phänomene, und so wie er durch ein Zimmer geht, breitbeinig, schwer und klobig, mit festem und gemessenem Schritt, so geht er langsam und entschlossen in seinen Forschungen von einer Beobachtung zur anderen weiter, langsam, aber unerschütterlich. Er denkt nicht in blendenden, blitzenden Einfällen, sondern in vorsichtigen, aber dann unumstößlichen Schlüssen, und kein Widerspruch, keine Erbitterung kann seine dickhäutige Ruhe erschüttern. Diese Ruhe, diese Zähigkeit, diese große, beharrliche Geduld bedeutet Mesmers eigentliches Genie. Und nur seiner ungewöhnlich bescheidenen Zurückhaltung, seiner ehrgeizlosen und umgänglichen Art ist das historische Kuriosum zu danken, daß ein gleichzeitig bedeutender und reicher Mann in Wien nur Freunde hat und keinen Feind. Allgemein rühmt man seine Kenntnisse, sein anspruchslos sympathisches Wesen, seine offene Hand und seinen offenen Sinn: »Son âme est comme sa découverte simple, bienfaisante et sublime.« Sogar seine Kollegen, die Wiener Ärzte, schätzen Franz Anton Mesmer als vortrefflichen Medikus ? freilich nur bis zum Augenblick, da er die Kühnheit besitzt, eigene Bahnen zu gehen und ohne Zustimmung der Fakultät eine weltbewegende Entdeckung zu machen. Dann ist es plötzlich mit der Beliebtheit zu Ende, und ein Kampf um Sein oder Nichtsein beginnt.

Der zündende Funke

Im Sommer 1774 reist ein vornehmer Ausländer mit seiner Frau durch Wien, und diese bittet, von einem plötzlichen Magenkrampf befallen, den bekannten Astronomen Maximilian Hell, einen Jesuitenpater, er möge ihr zu Heilzwecken einen Magneten in handlicher Form anfertigen, den sie sich auf den Magen legen könnte. Denn daß dem Magneteisen besondere Heilkraft innewohne, diese für uns etwas seltsame Annahme, gilt der magischen und sympathetischen Medizin der Vorzeit als unbezweifelbare Tatsache. Schon das Altertum hat das eigenwillige Verhalten des Magneten ? Paracelsus nennt ihn später den »Monarchen aller Geheimnisse« ? immer wieder erregt, weil dieser Außenseiter unter allen mineralischen Elementen ganz besondere Eigenschaften zeigt. Denn während Blei und Kupfer, Silber, Gold und Zinn und das gemeine, gleichsam unbeseelte Eisen ohne jedes Eigenleben nur der Schwerkraft gehorchen, äußert dieses eine und einzige Element unter allen etwas Seelenhaftes, eine selbständige Aktivität. Der Magnet zieht das andere, das tote Eisen herrisch an sich heran, er vermag als einziges Subjekt innerhalb der bloßen Objekte etwas wie persönlichen Willen auszudrücken, und unwillkürlich läßt sein selbstherrliches Gehaben vermuten, er gehorche anderen als den irdischen ? vielleicht astralen ? Gesetzen des Weltalls. Zur Nadel gespitzt, hält er unbeirrbar seinen eisernen Finger dem Pol entgegen, Führer der Schiffe und Wegweiser der Verirrten: so scheint es wirklich, als ob er eine Erinnerung seines meteorischen Ursprunges innerhalb der irdischen Welt bewahre. Derart auffallende Besonderheiten bei einem einzigen Metall mußten natürlich von allem Anfang an die klassische Naturphilosophie faszinieren. Und da der menschliche Geist dazu neigt, ständig in Analogieen zu denken, so schreiben die Ärzte des Mittelalters dem Magneten eine sympathetische Macht zu. Jahrhundertelang proben sie herum, ob er nicht befähigt sei, so wie Eisensplitter auch manche Krankheiten aus dem menschlichen Leibe an sich heranzuziehen. Wo aber Dunkelheiten walten, da drängt sofort der Versuchergeist des Paracelsus mit leuchtendem Eulenauge neugierig heran. Seine unstet schweifende, bald gauklerische, bald geniale Phantasie verwandelt unbedenklich diese wirre Vermutung seiner Vorgänger in pathetische Gewißheit. Seinem leicht entzündlichen Geist scheint es sofort verbürgt, daß neben der »agtseinischen«, der im Bernstein wirkenden Kraft (also der noch ganz unmündigen Elektrizität), diejenige des Magneten das Vorhandensein einer siderischen, einer sternverbundenen Natur im irdischen, im »adamitischen« Leib kundtue, und sofort reiht er den Magneten in die Liste der unfehlbaren Heilmittel ein. »Ich behaupte klar und offen aus dem, was ich vom Magneten erfahrungsgemäß erprobt habe, daß in ihm ein so hohes Geheimnis verborgen liegt, ohne welches man gegen viele Krankheiten gar nichts ausrichten kann.« Und an anderer Stelle schreibt er: »Der Magnet hat lange vor aller Augen gelegen, und keiner hat daran gedacht, ob er weiter zu gebrauchen wäre und ob er, außer daß er das Eisen an sich zieht, auch noch andere Kräfte besitze. Die lausigen Doktores werfen mir oft unter die Nase, ich wollte den Alten nicht folgen; aber in was soll ich ihnen folgen? Alles, was sie vom Magneten gesagt haben, ist nichts. Legt das, was ich davon sage, auf die Waage und urteilt. Wäre ich blindlings den anderen gefolgt und hätte nicht selbst Versuche angestellt, so würde ich ebenfalls nicht mehr wissen, als was jeder Bauer sieht, als: er zieht das Eisen an. Allein ein weiser Mann soll selbst untersuchen, und so habe ich gefunden, daß der Magnet außer dieser offenbaren, einem jeden in die Augen fallenden Kraft, das Eisen anzuziehen, noch eine verborgene Kraft besitzt.« Auch darüber, wie der Magnet zu Heilzwecken anzuwenden sei, gibt Paracelsus mit seiner gewohnten Unbedenklichkeit genaue Anweisungen. Er behauptet, daß der Magnet einen Bauch (den anziehenden) und einen Rücken (den abstoßenden Pol) besitze, so daß er, richtig angelegt, seine Kraft durch den ganzen Körper leiten könne, und diese Behandlungsart, die wirklich ahnend die Form des noch lange nicht entdeckten elektrischen Stromes vorausnimmt, nennt der ewige Hahnenkamm »mehr wert als alles, was die Galenisten ihr Leben lang gelehrt haben. Hätten sie anstatt ihrer Ruhmredigkeit den Magneten vor sich genommen, sie hätten mehr ausgerichtet als mit all ihren gelehrten Klappereien. Er heilt die Flüsse der Augen, Ohren, Nase und äußeren Glieder. Auf diese Art heilt man auch offene Schenkel, Fisteln, Krebs, Blutflüsse der Weiber. Der Magnet zieht ferner die Brüche und heilt alle Rupturen, er zieht die Gelbsucht aus und die Wassersucht zurück, wie ich oft in der Praxis erfahren habe; allein es ist unnötig, den Unwissenden alles ins Maul zu kauen.« Unsere heutige Medizin wird diese rasselnde Ankündigung freilich nicht sehr ernst nehmen; aber was Paracelsus einmal gesagt, gilt seiner Schule noch durch zwei Jahrhunderte als Offenbarung und Gesetz. So pflegen und züchten seine Schüler mit vielem anderen bombastischen Unkraut aus Paracelsus magischer Hexenküche auch ehrfürchtig die Lehre von der Heilkraft des Magneten. Sein Schüler Helmont und nach ihm Goclenius, der 1608 ein ganzes Lehrbuch »Tractatus de magnetica cura vulnerum« veröffentlichte, verfechten auf Paracelsus Treu und Glauben hin leidenschaftlich die organische Heilkraft des Eisenmagneten, und so geht neben der offiziellen Medizin schon damals die magnetische Kurmethode als unterirdische Strömung durch die Zeit. Von einem dieser namenlosen Nebenläufer, von irgendeinem verschollenen Anhänger der sympathetischen Heilkunde mag dann jener Magnet der reisenden Ausländerin verordnet worden sein.

Der Jesuitenpater Hell, an den sich der fremde Patient wendet, ist Astronom und kein Arzt. Ihn kümmerts nicht, ob der Magnet tatsächlich eine Heilwirkung bei Magenkrämpfen ausübe oder nicht, er hat nur den Magneten formentsprechend zu schweißen. Das tut er pflichtgemäß. Gleichzeitig berichtet er aber seinem Freunde, dem gelehrten Doktor Mesmer, von dem ungewöhnlichen Fall. Mesmer nun, semper novarum rerum cupidus, immer lernbegierig, neue Methoden der Wissenschaft zu erfahren und zu erproben, bittet seinen Freund Hell, ihn auf dem laufenden zu erhalten über den Effekt der Kur. Kaum hört er, daß tatsächlich die Magenkrämpfe der Kranken völlig aufgehört hätten, so besucht er die Patientin und staunt über die sofortige Linderung, welche die Anlegung des Magneten zur Folge hatte. Die Methode interessiert ihn. Sofort beschließt er, sie jetzt seinerseits auszuproben. Er läßt sich nun ebenfalls von Hell Magnete ähnlichen Formats anfertigen und macht damit bei einer Reihe von anderen Patienten Versuche, indem er ihnen den hufeisenförmigen bestrichenen Stahl bald auf den Hals, bald aufs Herz, immer aber auf den leidenden Körperteil legt. Und sonderbar ? in einigen Fällen erzielt er damit zu seiner eigenen Überraschung nie erwartete, nie geahnte Heilungserfolge, besonders bei einem Fräulein Österlin, die er auf diese Art von ihren Krämpfen heilt, und bei dem Mathematikprofessor Bauer.

Ein argloser Kurpfuscher würde nun sofort den Mund weit aufreißen und spektakulieren, er habe einen neuen Gesundheitstalisman gefunden: das Magneteisen. Es scheint ja so sonnenklar, so einfach ? man braucht also bei Krämpfen und epileptischen Zuständen den Kranken nur rechtzeitig das zauberische Hufeisen auf den Leib zu legen, unbesorgt um das Wie und Warum, und siehe, das Mirakel der Genesung ist vollbracht. Aber Franz Anton Mesmer ist Arzt, Wissenschaftler, Sohn eines neuen Zeitalters, das in kausalen Zusammenhängen denkt. Ihm genügt nicht die augenfällig bewiesene Feststellung, daß der Magnet bei einer ganzen Reihe seiner Patienten beinahe magisch geholfen: als ernster, denkender Arzt will er eben, weil er nicht an Wunder glaubt, sich selbst und den andern erklären, warum dieses geheimnisvolle Mineral solche Wunder wirkt. Mit seinem Experiment hat er bisher nur einen Nenner der Rätselheilung in Händen: den oftmaligen Heileffekt des Magneten; zum logischen Schlüsse braucht er aber noch die andere Ziffer, die kausale Begründung. Dann erst wäre das neue Problem für die Wissenschaft nicht bloß gestellt, sondern auch schon gelöst.

Und sonderbar: ein verteufelter Zufall scheint ihm und gerade ihm dies andere Ende in die Hand gespielt zu haben. Denn eben dieser Franz Anton Mesmer hat doch vor beinahe zehn Jahren, 1766, den Doktorgrad mit einer sehr merkwürdigen, mystisch gefärbten Dissertation erworben, benannt »De Planetarum influxu«, in welcher er unter dem Einfluß mittelalterlicher Astrologie eine Wirkung der Gestirne auf den Menschen annahm und die These aufstellte, daß irgendeine geheimnisvolle Kraft »durch weite Räume der Himmel ergossen, auf das Innerliche jeder Materie einwirke, daß ein Uräther, ein geheimnisvolles Fluidum den ganzen Kosmos und damit auch den Menschen durchdringe«. Dieses Urfluidum, dieses Endprinzip, bezeichnete der vorsichtige Studiosus damals nur höchst unbestimmt als die »gravitas universalis«, die allgemeine Schwerkraft. Diese seine eigene jugendliche Hypothese hatte der gereifte Mann wahrscheinlich längst vergessen. Aber als Mesmer jetzt bei dieser zufälligen Kur durch den Stahlmagneten, der doch als Meteorstein gleichfalls von den Sternen stammt, so unerklärbaren Einfluß ausgeübt sieht, da schießen plötzlich diese beiden Elemente, das Empirische und das Hypothetische, die durch Magnetauflage geheilte Patientin und die These der Dissertation zu einer einheitlichen Theorie zusammen ? jetzt glaubt Mesmer seine philosophische Annahme durch jene sichtbare Heilwirkung unwiderlegbar bestätigt und meint für jene unbestimmte »gravitas universalis« den richtigen Namen zu wissen: die magnetische Kraft, deren Anziehung der Mensch ebenso gehorcht wie die Sterne des Weltalls. Das Magnetische ist also, so jubelt voreilig freudig seine Entdeckerlust, die »gravitas universalis«, jenes »unsichtbare Feuer« des Hippokrates, jener »spiritus purus, ignis subtilissimus«, der als schöpferische Allflut den Äther des Weltalls ebenso wie die Zelle des menschlichen Körpers durchströmt! Die Brücke, die langgesuchte, welche die Sternenwelt der Menschheit verbindet, scheint ihm in seiner Zufallstrunkenheit gefunden. Und er fühlt stolz und erregt: wer sie mutig überschreitet, der betritt ein unbekanntes Land.

Der Funke hat gezündet. Durch die zufällige Berührung eines Experiments mit einer Theorie kommt bei Mesmer ein Gedanke zur Explosion. Aber der erste Schuß geht in vollkommen falsche Richtung. Denn in seiner voreiligen Begeisterung meint Mesmer, mit dem Magneteisenstein selbst schon klipp und klar das Universalremedium, den Stein der Weisen, gefunden zu haben: ein Irrtum, ein offenbarer Trugschluß bildet Anlaß und Ausgang seines Weges. Aber dieser Irrtum ist ein schöpferischer. Und da Mesmer ihm nicht blindwütig nachstürmt, sondern seinem Charakter gemäß zögernd, Schritt für Schritt fortschreitet, kommt er trotz seines Umweges weiter. Er wird noch viele krumme und dumme Wege gehen. Aber jedenfalls, während die anderen breit und schwer auf ihren alten Methoden hocken, tappt dieser Einsame im Dunkel nach vorwärts und tastet langsam aus kindlichen und mittelalterlichen Vorstellungen in den geistigen Gedankenkreis der Gegenwart hinüber.

Die ersten Versuche

Nun hat Franz Anton Mesmer, bisher nur simpler Arzt und Liebhaber der schönen Wissenschaften, einen Lebensgedanken, oder vielmehr der Gedanke hat ihn. Denn bis zu seinem letzten Atemzug wird er als unnachgiebiger Forscher diesem Perpetuum mobile, dieser Triebkraft des Alls nachsinnen. Sein ganzes Leben, sein Vermögen, sein Ansehen, seine Zeit setzt er von nun einzig an diese seine Uridee. In dieser Hartnäckigkeit, dieser starren und doch glühenden Unbelehrbarkeit liegt Mesmers Größe und Tragik, denn was er sucht ? das magische Allfluid ? kann er niemals klar beweisbar finden. Und was er findet ? eine neue Psychotechnik ?, das hat er gar nicht gesucht und zeitlebens nie erkannt. So erlebt er eigentlich ein ganz verzweifelt ähnliches Schicksal wie sein Zeitgenosse, der Alchimist Böttger, der in seiner Gefangenschaft chemisches Gold anfertigen will und dabei durch Zufall das tausendmal wichtigere Porzellan entdeckt: da wie dort entsendet der Urgedanke nur einen wichtigen seelischen Antrieb, und die Entdeckung entdeckt sich gleichsam selbst in dem leidenschaftlich fortgetriebenen Experimentieren.

Mesmer hat im Anfang nur die philosophische Idee eines Allfluids. Und er hat den Eisenmagneten. Aber der Leistungsradius des Magneten ist verhältnismäßig gering, das sieht Mesmer schon bei den ersten Versuchen ein. Seine Anziehung wirkt bloß einige Zoll weit, und doch läßt Mesmers mystisches Ahnen sich nicht irremachen im Glauben, er verberge weit stärkere, gleichsam latente Energieen, die man kunstvoll hervorlocken und durch richtige Anwendung steigern könne. So beginnt er die kuriosesten Künsteleien. Statt wie jener Engländer bloß ein einziges Hufeisen auf die schmerzende Stelle zu legen, appliziert er seinen Kranken zwei Magnete, einen links oben, einen rechts unten, damit in geschlossenem Strom das geheimnisvolle Fluid den ganzen Leib lebendig durchstreiche und so in Ebbe und Flut die gestörte Harmonie wiederherstelle. Um seine eigene mithelfende Influenz zu vermehren, trägt er, in einem Ledersäckchen eingenäht, selbst einen Magneten um den Hals, und nicht genug an dem, er überträgt diesen kraftspendenden Strom auf alle erdenklichen Gegenstände. Er magnetisiert Wasser, läßt die Kranken darin baden und davon trinken, er magnetisiert durch Bestreichen Porzellantassen und Teller, Kleider und Betten, er magnetisiert Spiegel, damit sie das Fluid weiterstrahlen, er magnetisiert Musikinstrumente, damit auch die Schallschwingung die Heilmacht fortleite. Immer fanatischer verrennt er sich in die fixe Idee, man könne (ähnlich wie später die elektrische Kraft) die magnetische durch Leitung weiter übermitteln, auf Flaschen ziehen und in Akkumulatoren sammeln. So konstruiert er schließlich den berüchtigten Gesundheitszuber, das vielverspottete »Baquet«, ein zugedecktes großes Holzschaff, in dem zwei Reihen von Flaschen, die mit magnetisiertem Wasser gefüllt sind, konvergent zu einem Stahlstab laufen, von dem der Patient einzelne bewegliche Überleitungsspitzen an seinen Schmerzpunkt hinführen kann. Um diese magnetische Batterie reihen sich die Kranken, Fingerspitze an Fingerspitze ehrfürchtig haltend, zur Kette, weil Mesmer erprobt haben will, daß die Durchleitung durch mehrere menschliche Organismen den Strom abermals verstärke. Aber auch die Experimente am Menschen genügen ihm nicht ? bald müssen schon Katzen und Hunde daran glauben; schließlich werden sogar die Bäume in Mesmers Park und jenes Wasserbassin magnetisiert, in dessen zitternden Spiegel die Patienten andächtig ihre entblößten Füße tauchen, den Bäumen durch Seile mit den Händen verbunden, während der Meister gleichzeitig auf der gleichfalls magnetisierten Glasharmonika spielt, um mit ihren zarten und schmiegsamen Rhythmen die Nerven dem Universalbalsam gefügiger zu machen.

Unsinn, Schwindel und Kinderei, sagt selbstverständlich unser Gefühl von heute entweder entrüstet oder mitleidig zu diesen tollen Extratouren: hier wird man tatsächlich an Cagliostro und die anderen Zauberdoktoren erinnert. Mesmers erste Experimente stolpern ? wozu hier eine Beschönigung? ? völlig ratlos, völlig hilflos im krausen Dickicht mittelalterlichen Unkrauts herum. Uns Nachfahren erscheint es natürlich eitles Possenspiel, magnetische Kraft auf Bäume, Wasser, Spiegel und Musik durch bloßes Bestreichen übertragen und damit Heilwirkungen erzielen zu wollen. Aber man messe, um nicht in Ungerechtigkeit zu verfallen, doch einmal redlich die physikalische Situation jener Zeit. Drei neue Kräfte reizen damals die Neugier der Wissenschaft an, drei Kräfte, kinderklein alle drei, jede ein Herkules in der Wiege. Durch den Papinischen Topf, durch die neuen Maschinen Watts konnte man gerade eine erste Ahnung von der motorischen Kraft des Dampfes haben, von der gewaltigen Energiefülle der atmosphärischen Luft, die früheren Geschlechtern bloß als passives Nichts, als ein unfaßbares farbloses Weltgas galt. Ein Jahrzehnt noch, und zum ersten Male wird das erste Luftschiff einen Menschen über die Erde erheben, ein Vierteljahrhundert noch und zum ersten Male das Dampfschiff das andere Element, das Wasser, besiegen. Damals aber ist diese ungeheure Macht der gepreßten oder entleerten Luft einzig in Laboratoriumsexperimenten wahrnehmbar, und ebenso winzig und schüchtern offenbart sich die Elektrizität, dieser Ifrit, damals noch in der winzigen Leydener Flasche verschlossen. Denn was gilt 1775 als elektrische Wirkung? Noch hat Volta nicht seine entscheidende Beobachtung gemacht, nur aus spielzeughaft kleinen Batterieen vermag man ein paar unnütze blaue Funken und schwächliche Kraftschläge auf den Knöchel überspringen zu lassen. Das ist alles, was Mesmers Zeit von der schöpferischen Kraft der Elektrizität weiß, genau so viel oder so wenig wie vom Magnetismus. Aber doch muß ein dumpfes Ahnen damals in der menschlichen Seele herrlich drängend gewesen sein, daß die Zukunft dank einer dieser Kräfte, vielleicht vermittels des gepreßten Dampfes, vielleicht mit jener elektrischen oder magnetischen Batterie die Form der Welt ändern und den zweibeinigen Säugetieren die Herrschaft über die Erde für Millionen Jahre sichern werde ? ein Ahnen jener selbst heute noch unermessenen, von Menschenhand gebändigten Energieen, die jetzt unsere Städte mit Licht überschütten, die Himmel durchpflügen und den Schall vom Äquator zum Pol im infinitesimalen Bruchteil einer Sekunde hinüberholen. Gigantische Gewalten sind in diesen winzigen Anfängen keimhaft geballt: das fühlt schon damals die Welt, das fühlt Mesmer ? nur daß er, wie der Prinz im »Kaufmann von Venedig«, in seinem Mißgeschick das falsche Kästchen von den dreien greift und die ungeheure Expansionserwartung der Zeit gerade an das schwächste Element, an den Magneten, wendet, ? ein Irrtum unleugbar, aber doch ein zeitbegreiflicher, ein menschlich begreiflicher.

Erstaunlich sind also nicht Mesmers erste Methoden, sein Spiegelbestreichen, sein magnetisches Bassin ? erstaunlich ist für uns bei seinem Verfahren nur die unvorstellbare therapeutische Wirkung, die ein einzelner Mann mit diesem nichtigen Magneteisen hervorbringt. Aber selbst diese scheinbaren Wunderkuren erweisen sich, psychologisch richtig gewertet, als gar nicht so wunderbar; denn wahrscheinlich, ja gewiß, ist seit Anbeginn aller Medizin die leidende Menschheit viel öfter durch Suggestion geheilt worden, als wir ahnen und die Heilkunde zuzugeben geneigt ist. Welthistorisch erweislich war noch nie eine medizinische Methode so widersinnig, daß nicht doch durch den Glauben an sie den Kranken eine Zeitlang geholfen worden wäre. Unsere Großväter und Ahnen sind durch Mittel geheilt worden, über die unsere Medizin von heute mitleidig lächelt, eben dieselbe Medizin, deren Behandlungsarten wiederum die Wissenschaft der nächsten fünfzig Jahre mit dem gleichen Lächeln als unwirksam und vielleicht sogar gefährlich abtun wird. Denn wo immer überraschende Heilung sich vollzieht, hat die Suggestion ungeahnt mächtigen Anteil. Von der Beschwörungsformel der Antike bis zum Theriak und gekochten Mäusedreck des Mittelalters und zum Radiumstab etwa eines Zeileis danken alle Behandlungsmethoden aller Zeiten ein Großteil ihrer Wirkung dem im Kranken aufgerufenen Gesundheitswillen und dies in so hohem Grade, daß eigentlich das jeweilige Vehikel dieses Heilglaubens, ob Magnet oder Blutstein oder Injektion, bei vielen Erkrankungen fast gleichgültig ist gegenüber der vom Kranken dem Heilmittel entgegengesendeten Kraft. Es ist also nicht wunderhaft, sondern durchaus logisch und natürlich, daß immer die zuletzt entdeckte Kur die unerwartetsten Erfolge erzielt, weil ihr als der noch unbekannten das Höchstmaß von Hoffnung bei den Menschen helfend entgegenkommt: so auch bei Mesmer. Kaum daß sich die Heilwirkung seiner Eisenmagneten bei einzelnen besonderen Fällen kundgibt, läuft das Gerücht von Mesmers Allwirksamkeit durch Wien und über das ganze Land. Von nah und fern pilgert man zum Magus am Donaustrand, jeder will mit dem wundertätigen Magneten bestrichen werden. Vornehme Magnaten berufen den Wiener Arzt auf ihre Schlösser, in den Zeitungen erscheinen Berichte über die neue Methode, man streitet, man bestreitet, man verhimmelt, man beschimpft Mesmers Kunst. Aber Hauptsache: jeder will sie erproben oder von ihr wissen. Gicht, Zuckungen, Ohrensausen, Lähmungen, Magenkrämpfe, Menstruationsstörungen, Schlaflosigkeit, Leberschmerzen ? die hundertfältigsten Krankheiten, die bisher jeder Behandlung spotteten, werden geheilt durch sein Magneteisen; Mirakel über Mirakel ereignet sich in dem bisher nur vergnüglichen Haus auf der Landstraße 261. Nach kaum einem Jahre, seit jener reisende Ausländer die Neugier Mesmers auf das Zaubermittel gelenkt, ist der Ruhm des bisher unbekannten Arztes schon so weit über Österreich hinausgedrungen, daß aus Hamburg, aus Genf, aus den entlegensten Städten Doktoren ihn bitten, ihnen die Anwendungsart seiner angeblich so wirksamen Magnetkur zu erklären, damit sie selbst seine Versuche fortsetzen und ihrerseits sorgfältig überprüfen könnten. Und ? gefährliche Versuchung für Mesmers Selbstgefühl! ? beide Doktoren, denen der Wiener Arzt sich brieflich anvertraut, sowohl der Dr. Unzer in Altona als auch der Dr. Harsu in Genf, bestätigen vollinhaltlich die großartige Heilwirkung, die sie nach Mesmers Methode mit Hilfe des Magneten erzielt hätten, und sie beide lassen spontan eine begeisterte Schrift über die mesmerischen Kuren drucken. Dank solcher überzeugt gegebener Anerkennungen findet Mesmer immer mehr leidenschaftliche Adepten, schließlich beruft ihn sogar der Kurfürst nach Bayern. Was sich in Wien so überraschend kundgetan, bewährt sich ebenso verblüffend in München. Dort erzielt die Magnetauflegung bei völliger Lähmung und Augenschwäche des Akademierats Osterwald einen so aufsehenerregenden Erfolg, daß der Akademierat 1776 in Augsburg einen Bericht über seine Heilung durch Mesmer in Druck gibt: »Alles, was er allhier bei verschiedenen Krankheiten geleistet, läßt vermuten, daß er der Natur eines ihrer geheimsten Triebwerke abgesehen habe.« Klinisch genau schildert der Genesene den verzweifelten Zustand, in dem ihn Mesmer gefunden und wie mit einmal die magnetische Kur ihn zauberisch von alteingewurzelten Leiden erlöst habe, die bisher keiner ärztlichen Heilung zugänglich gewesen. Und um jedem möglichen Einspruch der Ärzte von vornherein zu begegnen, schreibt der vernünftige Akademierat: »Wollte jemand sagen, die Historia mit meinen Augen sei eine bloße Einbildung, so bin ich es zufrieden und verlange von keinem Arzt der Welt mehr, als daß er es zuwege bringe, daß ich mir fest einbilde, gesund zu sein.« Unter dem Eindruck dieser unwidersprechlichen Erfolge wird zum ersten (und letzten) Male Mesmer offiziell anerkannt. Am 28. November 1775 ernennt die kurbayerische Akademie Mesmer feierlich zu ihrem Mitglied, »denn sie ist vergewisset, daß die Bemühungen eines so vortrefflichen Mannes, der seinen Ruhm durch besondere und unwidersprechliche Proben einer so unerwarteten als nützlichen Gelehrsamkeit und Entdeckungen verewigt hat, zu ihrem Lustre viel beitragen werde«. Innerhalb eines einzigen Jahres ist der vollkommenste Sieg erfochten, Mesmer könnte zufrieden sein: eine Akademie, ein Dutzend Ärzte und Hunderte von geheilten und ekstatisch dankbaren Patienten bezeugen unwidersprechbar die Heilkraft des Magneten.

Aber wunderbar: gerade in dem Augenblick, da unbeeinflußte Zeugen Mesmer recht geben, gibt er sich selber unrecht. Innerhalb dieses einen Jahres hat er in der Rechnung schon den Anfangsfehler erkannt, nämlich, daß es gar nicht das Magneteisen sei, das in seiner Hand wirke, sondern die Hand selbst. Daß also seine erstaunliche Influenz auf die Menschen nicht vom toten Mineral ausgehe, mit dem er manipuliere, sondern von ihm, dem lebenden Menschen, daß gar nicht der Magnet der Gesundheitszauberer war, sondern der Magnetiseur. Mit dieser Erkenntnis hat das Problem plötzlich eine neue Richtung bekommen: ein weiterer Vorstoß noch, und die wirkliche, die persönliche Wirkungskausalität könnte erkannt sein. Jedoch Mesmers geistige Spannkraft ist nicht groß genug, ein ganzes Jahrhundert zu überspringen. Nur Schritt für Schritt kommt er weiter auf seinen Irrwegen und Umwegen. Aber: indem er ehrlich und entschlossen seinen Zauberstein, den Magneten, wegwirft, hat er sich aus dem magischen Pentagramm mittelalterlichen Wunderkrams befreit; der Punkt ist erreicht, wo seine Idee uns verständlich und fruchtbar wird.

Ahnungen und Erkenntnisse

Wann Mesmer diese entscheidende historische Umstellung in seiner Behandlungsweise vornimmt, ist auf den Tag nicht mehr festzustellen. Aber bereits sein dankbarer Patient Osterwald berichtet im Jahre 1776 aus Bayern, daß »Dr. Mesmer dermalen seine meisten Kuren ohne alle künstlichen Magnete, durch bloßes teils mittelbares, teils unmittelbares Berühren der leidenden Teile vollführe«. Es hat also im ganzen nicht einmal ein Jahr gedauert, bis Mesmer bemerkte, das Magneteisen sei völlig überflüssig bei den sogenannten magnetischen Kuren. Denn auch wenn er bloß mit der Hand solche Striche polauf, polab die Nerven entlang manipuliert, empfinden die Kranken die ganz gleiche Steigerung oder Linderung. Mesmer braucht seine Patienten nur anzurühren, und schon spannen sich die Nerven zu jähen Zuckungen, schon äußert sich ohne jedes Instrument oder Medikament eine erst erregende und dann beruhigende Veränderung der Krankheit im Organismus. So kann er nicht länger daran zweifeln: es wirkt aus seiner Hand unbedingt etwas ganz Unbekanntes, etwas noch viel Geheimnisvolleres als der Magnet, für das weder bei Paracelsus noch in der alten oder der zeitgenössischen Medizin eine Erklärung zu finden ist. Und erstaunt steht der Finder vor seinem eigenen Fund: er hat statt der magnetischen eine neue Methode entdeckt.

Nun sollte eigentlich Mesmer redlicherweise sagen: »Ich habe mich geirrt, der Magnet hilft keinen Deut, alle Kraft, die ich ihm zuschrieb, kommt ihm in Wirklichkeit nicht zu, und jene Heilwirkung, die ich zu meinem eigenen Staunen täglich erziele, beruht auf mir selber unverständlichen Ursächlichkeiten.« Und selbstverständlich müßte er sofort aufhören, seine Kuren weiterhin magnetische zu nennen und die ganze groteske Apparatur der geladenen Flaschen, der präparierten Zuber, der verzauberten Tassen und Bäume als völlig überflüssigen Hokuspokus abräumen. Aber wie wenige Menschen in der Politik, in der Gelehrsamkeit, in der Kunst, in der Philosophie, wie wenige, auch die tapfersten, haben jemals den Mut, klar einzugestehen, ihre Anschauung von gestern sei Irrtum und Unsinn gewesen! So auch Mesmer. Statt deutlich die unhaltbare Theorie von der Heilkraft des Magneten aufzugeben, wählt er einen krummen Rückzug; er beginnt nämlich mit dem Begriff »magnetisch« zweideutig herumzuoperieren, indem er erklärt, es sei zwar richtig, daß der Mineralmagnet nichts helfe, aber was bei seinen Kuren wirke, sei gleichfalls Magnetismus, ein »animalischer« Magnetismus, die zu jener Geheimniskraft des toten Metalls analoge Kraft im lebendigen Menschen. Sehr umständlich und verworren bemüht er sich, so zu tun, als ob sich damit in seinem System nichts Wesentliches geändert habe. Aber in Wahrheit bedeutet dieser neueingeschobene Begriff »animalischer« Magnetismus (gewöhnlich höchst unglücklich mit »tierischer« Magnetismus übersetzt, statt mit »Lebensmagnetismus«) etwas himmelweit Verschiedenes von der bisher verkündeten Metallotherapie, und man muß von diesem Augenblick an scharf aufmerken, um sich nicht durch die künstlich geschaffene Wortgleichheit verwirren zu lassen. Magnetisieren heißt von 1776 an bei Mesmer also nicht mehr: mit einem Magneteisen berühren oder beeinflussen, sondern einzig und allein: die von den Nervenenden der Finger ausstrahlende menschliche Geheimkraft (die »animalische«) auf andere Menschen wirken lassen. Und wenn sich bis zum heutigen Tage die Praktiker dieser sympathetischen Streichbehandlung noch immer Magnetopathen nennen, so führen sie diesen Namen vollkommen zu Unrecht, denn wahrscheinlich hat kein einziger von ihnen überhaupt ein Magneteisen im Hause. Ihre ganze Behandlung beruht ausschließlich auf Persönlichkeitswirkung, auf suggestiver oder fluidaler Therapie.

Seinen gefährlichsten Irrtum hat Mesmer also ein Jahr nach seiner ersten Entdeckung schon glücklich hinter sich; aber wie schön, wie bequem war jener Irrtum gewesen! Damals meinte Mesmer noch, es genüge bei Krämpfen oder Nervenkrisen, dem Leidenden ein Magneteisen auf den Leib zu legen, ein wenig kunstvoll hin und her zu streichen, und der Kranke war genesen. Jetzt aber, da diese bequeme Illusion von der Zauberleistung des Magneten zunichte geworden ist, steht der Forscher wieder ratlos vor seiner eigenen, täglich mit bloßen Händen neu erzielten Zauberwirkung. Denn welchem Element entstammt eigentlich diese Wunderwirkung, die entsteht, wenn er seinen Kranken die Schläfen streicht, wenn er sie mit seinem Atem anhaucht, wenn er durch gewisse Kreisbewegungen die Muskeln entlang jenes geheimnisvolle plötzliche Nervenzittern, jene überraschenden Zuckungen erregt? Ist es ein Fluid, eine »force vitale«, die von ihm, von dem Organismus Franz Anton Mesmers ausgeht, und neue Frage: Geht diese besondere Stromkraft nur von seiner besonderen Natur oder von jedem beliebigen Menschen gleichmäßig aus? Kann man sie steigern durch den Willen, kann man sie verteilen und durch andere Elemente verstärken? Und wie geschieht diese Kraftübertragung? Auf seelischem Wege (animistisch) oder vielleicht als chemische Ausstrahlung und Ausdünstung kleinster unsichtbarster Partikelchen? Ist sie irdisch, ist sie göttlich, diese Kraft, ist sie physisch oder physikalisch oder geistig, kommt sie von den Sternen, oder ist sie eine feinste Essenz unseres Blutes, ein Produkt unseres Willens? Tausend Fragen überfallen mit einmal den schlichten, gar nicht sehr klugen und nur hingebungsvoll beobachtenden Mann, tausend Fragen, denen er sich nicht gewachsen weiß und deren wichtigste ? nämlich, ob die sogenannten magnetischen Heilungen auf animistischem oder fluidistischem Wege erfolgen ? auch heute noch nicht hinlänglich beantwortet ist. In welches Labyrinth ist er da arglos geraten, seit er jener Ausländerin die unsinnige Kur mit dem Magnethufeisen nachgeahmt, wie weit hat ihn dieser anfängliche Irrweg geführt! Noch jahrelang sieht er keine Lichtung. Nur eines ist Mesmer gewiß, nur eines weiß er jetzt aus erstaunter Erfahrung, und darauf baut er nun seine ganze Lehre: stärker als alle chemischen Medikamente kann oft der lebendige Mensch einem andern durch seine Gegenwart und nervenmäßige Beeinflussung in manchen Krisen helfen. »Von allen Körpern in der Natur wirkt auf den Menschen am allerwirksamsten der Mensch selbst.« ? Krankheit ist nach seiner Auffassung eine Störung der Harmonie im Menschen, eine gefährliche Unterbrechung des rhythmischen Ablaufs zwischen Ebbe und Flut. Aber es lebt in jedem Menschen eine innerste Heilkraft, der Gesundheitswille, jener ewige Ur- und Lebenstrieb, alles Kranke auszuscheiden, und diesen Gesundheitswillen (den tatsächlich die mechanistische Medizin allzulange mißachtet hat) durch magnetische (wir sagen: suggestive) Einflußnahme zu steigern, sei Aufgabe der neuen magnetischen Heilkunde. Nach Mesmers psychologisch vollkommen richtiger Auffassung, die dann in der Christian Science ihren Superlativ erfährt, kann der seelische Heilungswille, der Gesundheitswille tatsächlich Wunder an Genesung tun: Pflicht des Arztes ist deshalb, dies Wunder herauszufordern. Der Magnetopath lädt gewissermaßen nur die erschöpften Nerven zum entscheidenden Stoß, er füllt und stärkt die innere Verteidigungsbatterie des Organismus. Man möge aber bei diesen Versuchen, die Lebenskraft zu steigern, mahnt Mesmer, nicht erschrecken, wenn die Krankheitssymptome, statt sofort abzuklingen, im Gegenteil anfangs heftiger, konvulsivischer würden, denn gerade dies sei die Aufgabe jeder richtigen magnetischen Behandlung, jede Krankheit bis in ihre äußerste Spitze, bis zur Krise und zum Krampf emporzutreiben; unschwer erkennt man in dieser berühmten »Krisentheorie« Mesmers den alterprobten Teufelsexorzismus des Mittelalters und die Austreibemethoden des ihm wohlbekannten Pater Gaßner. Ohne daß er es ahnt, übt Mesmer seit 1776 regelrechte suggestive und hypnotische Kuren, und das Urgeheimnis seiner Erfolge liegt vor allem in der Vehemenz seiner besonders stark und eindrucksvoll ausstrahlenden, seiner beinahe magischen Persönlichkeitskraft. Aber immerhin, so wenig Mesmer auch über das Wirkende seiner Wirkung weiß ? einige sehr wichtige Wahrnehmungen zur Seelenkunde sind diesem seltsamen Eigenbrötler schon in jenen ersten Jahren gelungen, die dann für die weitere Entwicklung bahnbrechend geworden sind. Vor allem beobachtet Mesmer, daß mehrere seiner Patienten besonders magnetempfindlich (wir würden sagen: suggestional oder medial), andere völlig unempfindlich veranlagt sind, daß also bestimmte Menschen als Willenssender, bestimmte als Willensempfänger wirken; steigert man aber die Anzahl der Teilnehmer, so entwickelt sich eine Verstärkung mit Hilfe der Massensuggestion. Mit solchen Beobachtungen erweitert Mesmer geradezu ruckhaft die Differenzierungsmöglichkeiten der damaligen Charakterologie; völlig unerwartet wird das Spektrum der Seele durch diese neue Belichtung anders und farbenreicher zerlegt. Man sieht: eine Unzahl neuer Anregungen wirft so ein einzelner unberatener Mann, der ohne seinen Willen in ein ungeheures Problem gestolpert ist, mitten hinein in seine Zeit. Aber niemand kann ihm eine Erklärung geben für das eigentlich noch heute ungelöste Phänomen, dank welcher Kunst es einzelnen, besonders begabten, gleichsam medizinisch-magischen Naturen gelingt, bloß mit der aufgelegten Hand und der atmosphärischen Wirkung ihrer Persönlichkeit Heilungen zu erzielen, auf die selbst die abgründigste und aufgeklärteste Wissenschaft keinen Reim weiß.

Die Kranken aber, sie fragen nicht nach dem Fluid und dem Wie und Warum, sie drängen, ungestüm vom Ruf der Neuheit, der Sonderheit verlockt, in Scharen heran. Bald muß Mesmer in seinem Haus auf der Landstraße ein eigenes magnetisches Hospital einrichten; sogar aus fremden Ländern kommen Leidende, seit sie von der berühmten Heilung der jungen Demoiselle Österlin gehört und die überströmenden Dankschriften seiner anderen Patienten gelesen haben. Für Musik und galante Gartenspiele ist jetzt im Hause Landstraße 261 die Zeit vorbei: Mesmer, der bisher von seinem Doktordiplom keinen praktischen Gebrauch gemacht, arbeitet fieberhaft von früh bis nachts mit Stäbchen, Baquets und den sonderbarsten Vorrichtungen in seiner neuen Gesundheitsfabrik. Um das Marmorbassin im Garten, in dem früher Goldfische munter spielten, sitzen jetzt in geschlossener Kette die Bresthaften und tauchen andächtig die Füße in das heilwirkende Wasser. Jeder Tag meldet einen neuen Triumph der magnetischen Kuren, jede Stunde bringt neue Gläubige, denn das Gerücht von Wunderheilungen sickert durch Fenster und Türen; bald spricht die ganze neugierige Stadt von nichts anderm als diesem wiedererstandenen Theophrastus Paracelsus. Aber inmitten aller Erfolge bleibt einer nüchtern: der Meister Mesmer selber. Noch immer zögert und zögert er, trotz des Drängens seiner Freunde, sich über dieses wunderträchtige Fluid endgültig zu äußern; nur in siebenundzwanzig Leitsätzen deutet er vage eine erste Theorie des animalischen Magnetismus an. Doch er weigert sich beharrlich, die anderen zu belehren, solange er fühlt, daß er das Geheimnis der eigenen Wirkung erst selbst erlernen muß.

Der Roman des Fräuleins Paradies

In gleichem Maße, wie Franz Anton Mesmer in Wien an Ruhm gewinnt, verliert er an Beliebtheit. Die ganze geistige Gesellschaft, die Gelehrten und Professoren haben ihn gern gehabt, den vielwissenden, dabei gar nicht ehrgeizigen, den reichen und überdies gastfreundlichen, den umgänglichen und niemals hochmütigen Mann, solange er als unschädlicher Dilettant mit neuen Ideen spielte. Nun, da es Mesmer Ernst wird und seine neuartigen Heilkuren Sensation erregen, spürt er auf einmal bei seinen ärztlichen Berufsgenossen einen erst geheimen und allmählich offenen Widerstand. Vergebens, daß er seine einstigen Kollegen in seine magnetische Klinik bittet, um ihnen zu beweisen, daß er nicht mit Quacksalbereien und Alfanzereien, sondern mit einem begründeten System operiere ? keiner der geladenen Professoren und Doktoren will sich mit den sonderbaren Heilungsphänomenen ernstlich auseinandersetzen. Diese Art Therapie mit bloßen Fingerspitzen ohne klinische Eingriffe, ohne Medikamente und ordinierte Mittel, dieses Manipulieren mit Zauberstäbchen und magnetischen Zubern erscheint ihnen, man kann es verstehen, nicht sehr seriös. Bald spürt Mesmer eine scharfe Zugluft von rückwärts im Nacken. »Die Kälte, mit der man meine ersten Ideen hier aufnahm, setzt mich in Erstaunen«, schreibt er in jenen Tagen nach München. Er hatte redlich gehofft, bei den großen Gelehrten seiner neuen Heimatstadt, bei seinen früheren wissenschaftlichen Freunden und Musikpartnern wenigstens Einspruch oder Diskussion zu finden. Aber die einstmals so kollegialen Academici sprechen gar nicht mit ihm, sie spotten und höhnen nur, überall begegnet er einem Von-vornherein-Ablehnen, das ihn erbittert. Im März 1776 berichtet er abermals an den Sekretär der kurbayerischen Akademie der Wissenschaft, seine Idee sei in Wien »wegen ihrer Neuheit fast allgemein Verfolgungen ausgesetzt«, und zwei Monate später verstärkt er diese Klage: »Ich fahre noch immer fort, physikalische und medizinische Entdeckungen in meinem Fach zu machen, aber der Erwartung, mein System erläutert zu sehen, kann ich um so weniger dermalen Genüge leisten, als ich mich hier mit der niederträchtigsten Schikane unaufhörlich herumbalgen muß. Man erklärt mich hier für einen Betrüger und alle, die mir glauben, als Narren so geht es der neuen Wahrheit.«

Das unabänderliche Schicksal des Zufrühgekommenen hat ihn ereilt: der unsterbliche Konservativismus der Fakultäten wittert und befeindet in ihm erbittert eine nahende Erkenntnis. Unter der Hand beginnt in Wien ein geheimes konzentrisches Kesseltreiben gegen die magnetischen Kuren: in französischen und deutschen Zeitschriften erscheinen ? selbstverständlich ohne Unterschrift aus Wien gesandte Aufsätze, die Mesmers Methode lächerlich machen. Aber noch muß der Haß durch Hintertüren gehen, denn für einen offenen Angriff bietet Mesmers persönlich untadeliges Verhalten keinen rechten Angriffspunkt. Ihn Schwindler, Ignoranten, einen unzuständigen Kurpfuscher zu nennen, geht nicht an bei einem Doktor zweier Fakultäten, der seit mehr als einem Jahrzehnt die Unterschrift von Autoritäten wie Van Swieten und Van Haen auf seinem ärztlichen Diplom trägt. Wegen geldgieriger Beutelschneiderei vermag man ihm gleichfalls keinen Strick zu drehen, weil dieser reiche Mann den Großteil seiner Patienten vollkommen kostenlos behandelt. Und am allerpeinlichsten: nicht einmal als Großmaul oder Windbläser kann man ihn diskreditieren, denn Mesmer übersteigert nicht im geringsten die Tragweite seiner Entdeckung. Niemals behauptet er (wie etwa später Mary Baker-Eddy mit der Christian Science), eine Universaltherapie gefunden zu haben, die jede andere medizinische Behandlung überflüssig mache; sorgfältig einschränkend stellt er fest, daß sein animalischer Magnetismus direkt nur bei Nervenkrankheiten helfe und allenfalls erst auf indirektem Wege ihre körperlichen Folgeerscheinungen beeinflussen könne. So fordert es einigermaßen Geduld für den heimlich angesammelten Unmut seiner Kollegen, dem verhaßten Neuerer ein Bein zu stellen.

Endlich ergibt sich die langgesuchte Gelegenheit. Die Entscheidung bringt die Episode des Fräuleins Paradies, ein kleiner Roman und ohne Mühe in ein wirkungsvolles Drama zu verwandeln, denn selten war in einer Krankheitsgeschichte die Szene derart effektvoll gestellt. Maria Theresia Paradies, ein hochtalentiertes junges Mädchen, gilt seit ihrem vierten Lebensjahr durch eine Lähmung der Sehnerven als unheilbar erblindet, und ihre besondere Begabung im Klavierspiel macht sie in Wien allbekannt. Die Kaiserin hat höchstpersönlich ihre Patenschaft übernommen. Sie bewilligt den Eltern des musikalischen Wunderkindes eine Pension von zweihundert Golddukaten und läßt es außerdem auf ihre Kosten weiter ausbilden; späterhin hat Fräulein Paradies viele Konzerte gegeben, eines sogar in Mozarts Gegenwart, und eine große Anzahl ihrer unveröffentlichten Kompositionen liegen noch heute in der Wiener Bibliothek.

Dieses junge Mädchen wird nun zu Mesmer gebracht. Vordem hatten sie bereits erste Augenärzte Wiens, der bekannte Starstecher Professor Barth und der Hofmedikus Stoerk, jahrelang schulmäßig ohne Resultat behandelt. Aber gewisse Anzeichen (konvulsivisches Zucken in den Augen, die dann immer aus den Höhlen hervortraten, ein Milz- und Leberleiden, das irrsinnsähnliche Anfälle hervorrief) lassen vermuten, daß die Blindheit des Fräuleins Paradies nicht auf einer Zerstörung des Sehnervs beruhte, sondern bloß auf einer seelisch bedingten Verstörung. Versuchsweise führt man sie zu Mesmer, der bei ihr eine Erschütterung der allgemeinen Nervenkonstitution feststellt und deshalb ihren Fall als einen durch seine Methode möglicherweise heilbaren erklärt. Um genau die Fortschritte seiner magnetischen Kur überwachen zu können, nimmt er das junge Mädchen in sein Haus, wo er es kostenlos gleichzeitig mit zwei anderen Patientinnen magnetisch behandelt.

Bis zu diesem Punkt stimmen alle zeitgenössischen Berichte tadellos überein. Aber eine vollkommene Gegensätzlichkeit klafft von jetzt an zwischen den Aussagen Mesmers, der behauptet, ihr das Augenlicht beinahe vollkommen wiedergegeben zu haben, und denen der Professoren, die jedwede angebliche Besserung als Gaukelei und »Einbildung« ableugnen. (Dieses Wort »Imagination« spielt von nun ab eine entscheidende Rolle bei allen akademischen Beurteilungen Mesmers.) Selbstverständlich wird es heute, nach hundertfünfzig Jahren, nicht leicht fallen, zwischen zwei so schroff gegensätzlichen Behauptungen zu entscheiden. Für die Ärzte spricht, daß Maria Theresia Paradies auch späterhin nie mehr ihr Augenlicht erlangte, für Mesmer dagegen nebst der Zeugenschaft der Öffentlichkeit jener handschriftliche Bericht, den der Vater der jungen Blinden verfaßte und der mir zu anschaulich erscheint, als daß man ihn glattweg als erfunden abtun könnte. Denn ich kenne wenige Dokumente, die psychologisch dermaßen aufschlußreich die erste Entdeckung der Lichtwelt durch einen von seiner Blindheit allmählich geheilten Menschen schildern, und es würde einen größeren Dichter und Psychologen erfordern als den alten Hofsekretär Vater Paradies oder eine so unpoetische Natur wie Mesmer, um derartig subtile und seelenkundige Beobachtungen erfinden zu können. Der Bericht lautet im wesentlichen: »Nach kurzer, kräftiger, magnetischer Behandlung Herrn Doktor Mesmers fing sie an, die Konturen der ihr vorgestellten Körper und Figuren zu unterscheiden. Der neue Sinn war aber so empfindlich, daß sie diese Dinge nur in einem sehr dunkeln, mit Fensterläden und Vorhängen wohlverwahrten Zimmer erkennen konnte. Wenn man bei ihren, schon mit einer fünffach übereinander gelegten Binde verhüllten Augen mit einem angezündeten Licht nur flüchtig vorüberfuhr, so fiel sie, wie vom Blitz gerührt, schnell zu Boden. Die erste menschliche Figur, die sie erblickte, war Herr Dr. Mesmer. Sie betrachtete ihn und die verschiedenen schwankenden Bewegungen seines Körpers, die er vor ihren Augen, sie zu prüfen, machte, mit vieler Aufmerksamkeit. Sie entsetzte sich einigermaßen darüber und sprach: ?Das ist fürchterlich zu sehen! Ist das das Bild des Menschen?? Man führte auf ihr Verlangen einen großen Hund im Hause vor, der sehr zahm und immer ihr Liebling war, sie besah ihn mit gleicher Aufmerksamkeit. ?Dieser Hund?, sagte sie hierauf, ?gefällt mir besser als der Mensch; sein Anblick ist mir weit erträglicher.? Vorzüglich waren ihr die Nasen in den Gesichtern, die sie sah, sehr anstößig. Sie konnte sich darüber des Lachens nicht enthalten. Sie äußerte sich darüber folgendermaßen: ?Mir kommt es vor, als wenn sie mir entgegendrohten und meine Augen ausstechen wollten.? Seitdem sie mehrere Gesichter gesehen, gewöhnt sie sich besser daran. Die meiste Mühe kostet es sie, die Farben und Grade der Entfernung kennen zu lernen, da sie in Absicht auf den neugeschaffenen Sinn des Gesichtes ebenso unerfahren ist und ungeübt als ein neugebornes Kind. Sie irrt sich nie in dem Abstand einer Farbe gegen die andere, hingegen vermengt sie deren Benennung, besonders wenn man sie nicht auf die Spur führt, Vergleichungen mit Farben anzustellen, die sie schon kennen gelernt hat. Bei Erblickung der schwarzen Farbe erklärt sie, das sei das Bild ihrer vorigen Blindheit. Diese Farbe erregt auch immer bei ihr einen gewissen Hang zur Melancholie, der sie während der Kur oft ergeben war. Sie brach in dieser Zeit vielfältig in plötzliches Weinen aus. So hatte sie einmal einen so heftigen Anfall, daß sie sich auf ein Sofa warf, mit den Händen rang, die Binde abriß, alles von sich stieß und unter jämmerlichem Klagen und Schluchzen sich so verzweifelt gebärdete, daß Madame Sacco oder sonst jede berühmte Aktrice kein besseres Muster zur Vorstellung der durch den äußersten Kummer geängstigten Person hätte abnehmen können. Nach wenigen Augenblicken war diese traurige Laune vorüber, und sie nahm ihr voriges gefälliges und munteres Wesen gleich wieder an, obschon sie bald darauf in den nämlichen Rückfall aufs neue geriet. Da in den ersten Tagen des sich verbreitenden Rufes von ihrem Wieder-Sehen ein starker Zulauf von Verwandten, Freunden und den vornehmsten Standespersonen geschah, so wurde sie unwillig darüber. Sie äußerte in ihrem Unmut sich einstmals gegen mich: ?Woher kommt es, daß ich mich jetzt weniger glücklich finde als vormals? Alles, was ich sehe, verursacht mir eine unangenehme Bewegung. Ach, in meiner Blindheit bin ich weit ruhiger gewesen!? Ich tröstete sie mit der Vorstellung, daß ihre jetzige Bewegung allein von der Empfindung der fremden Sphäre herrühre, darinnen sie schwebe. Sie werde aber so gelassen und zufrieden als andere werden, sobald sie des Sehens mehr gewohnt sein würde. ?Das ist gut?, antwortete sie, ?denn sollte ich immer bei Ansichtigwerden neuer Dinge eine der jetzigen gleiche Unruhe empfinden, so wollte ich lieber auf der Stelle zur vorigen Blindheit zurückkehren.?

Da der neuempfangene Sinn sie in den ersten Stand der Natur versetzte, so ist sie ganz vom Vorurteil frei und benennt die Sachen bloß nach dem natürlichen Eindruck, womit sie auf sie wirken. Sie urteilt sehr wohl von den Gesichtszügen und schließt daraus auf die Gemütseigenschaften. Die Vorweisung eines Spiegels brachte ihr viel Verwunderung; sie konnte sich gar nicht darein finden, wie es zuginge, daß die Fläche des Spiegelglases die Objekte auffangen und sie dem Auge wieder vorstellen könne. Man führte sie in ein prächtiges Zimmer, wo sich eine hohe Spiegelwand befand. Sie konnte sich darin nicht genug satt sehen. Sie machte die wunderlichsten Wendungen und Stellungen vor demselben, besonders aber mußte sie darüber lachen, daß das im Spiegel sich zeigende Bild bei Annäherung ihrer Person gegen sie trat, hingegen bei ihrer Entfernung ebenfalls zurückwich. Alle Objekte, die sie in einer gewissen Entfernung bemerkt, kommen ihr klein vor, und sie vergrößern sich in ihrem Begriffe nach dem Maße, als sie ihr nähergerückt werden. Da sie mit offenen Augen einen Bissen gerösteten Brotes zum Munde führte, schien ihr solcher so groß, daß sie ihn nicht in den Mund bringen zu können glaubte.

Sie wurde darauf zu dem Bassin geführt, welches sie eine große Suppenschüssel nannte. Die Spaliergänge auf beiden Seiten schienen ihr nebenher zu gehen, und auf dem Rückwege nach den Zimmern glaubte sie, das Gebäude käme ihr entgegen, woran ihr die beleuchteten Fenster besonders wohl gefielen. Des folgenden Tages mußte man, um sie zu befriedigen, sie bei Tageslicht in den Garten bringen. Sie besah alle Gegenstände wieder aufmerksam, aber nicht mit so viel Vergnügen als am vorigen Abend. Sie nannte den vorbeifließenden Donaustrom einen langen und breiten weißen Streifen, sie deutete genau die Orte an, wo sie den Anfang und das Ende des Flusses sah. Die in einer Entfernung von etwa tausend Schritten jenseits des Flusses stehenden Bäume der sogenannten Praterau glaubte sie mit ausgestreckten Händen berühren zu können. Da es ein heller Tag war, konnte sie das freie Sehen im Garten nicht lange aushalten. Sie selbst verlangte, ihre Augen wieder zu verbinden, weil die Empfindung des Lichtes ihrem schwachen Sinn noch zu scharf ist und ihr einen Schwindel verursache. Ist sie nun wieder verbunden, so getraut sie sich ohne Führung keinen Schritt vorwärts zu tun, da sie doch vormals in ihrer Blindheit in dem ihr bekannten Wohnzimmer umhergegangen ist. Die neue Zerstreuung der Sinne verursacht, daß sie beim Klavier schon mehr Nachsinnen beobachten muß, um ein Stück zu spielen, da sie vordem große Konzerte mit der größten Richtigkeit fortspielte und zugleich mit den Umstehenden sich im Gespräch unterhielt. Mit offenen Augen wird es ihr jetzt schwer, ein Stück zu spielen. Sie beobachtet alsdann ihre Finger, wie sie über die Klaviere weggaukeln, verfehlt aber dabei die meisten Claves.«

Macht diese klare, geradezu klassische Darstellung den Eindruck einer Tatsachenfälschung? Kann man wirklich annehmen, eine ganze Reihe von angesehenen Augenzeugen habe sich so vollkommen narren lassen und den Zeitungen über eine Wunderheilung berichtet, ohne sich, zwei Straßen weit, vom Zustande der vormals Blinden zu überzeugen? Aber eben um des Lärmes willen, den diese magnetische Kur erregt, mengt sich die Ärzteschaft erbittert ein. Denn diesmal ist Mesmer in ihr eigenstes, persönlichstes Gebiet vorgedrungen, und insbesondere der Augenarzt und Starstecher, Professor Barth, bei dem Fräulein Paradies jahrelang vergebens Heilung gesucht hatte, eröffnet einen erbitterten Feldzug gegen die unerwünschte Behandlung. Er behauptet, Fräulein Paradies sei noch als blind zu betrachten, »weil sie die Namen der ihr vorgelegten Dinge oft nicht weiß und häufig verwechselt« ? ein psychologisch sehr erklärbarer und sogar wahrscheinlicher Irrtum bei einer jahrelang Blinden, die Gegenstände zum erstenmal wahrnimmt, an sich also gar nicht stichhaltig. Aber die Offiziellen sind in der Übermacht. Zunächst verhindert das Eingreifen der einflußreichen Ärzte Mesmers Absicht, seine bereits auf dem Wege der Heilung befindliche Patientin der Kaiserin Maria Theresia persönlich vorzustellen, und immer heftiger bemühen sich die gereizten Kollegen, Mesmer an der Fortführung der magnetischen Kur zu hindern. Mit welchem Recht? muß man allerdings objektiverweise fragen. Denn selbst im ungünstigsten Fall kann die suggestive Kur bei Fräulein Paradies den toten Sehnerv nicht noch toter machen, eine Blinde nicht noch blinder. Ein Rechtsgrund, dem graduierten Arzt mitten in seiner Behandlung die Patientin zu entziehen, läßt sich also mit bestem Willen aus keinem gesetzlichen Paragraphen ableiten. Und da überdies Fräulein Paradies selbst treu an ihrem Heilhelfer hängt, schlagen Mesmers Gegner einen krummen Weg ein, um ihm das kostbare Versuchsobjekt zu entziehen: sie machen dem Vater und der Mutter Paradies grimmige Angst, wenn ihre Tochter nun wirklich sehend würde, dann ginge die kaiserliche Gnadengabe von jährlich zweihundert Dukaten sofort verloren und sei es vorbei mit der einzigartigen Attraktion einer blinden Klavierspielerin. Dieses Argument des gefährdeten Geldes wirkt augenblicklich auf die Familie. Der Vater, bisher Mesmer vollkommen ergeben, sprengt mit Gewalt die Tür des Hauses, fordert von Mesmer seine Tochter auf der Stelle zurück und bedroht ihn mit gezogenem Säbel. Aber merkwürdigerweise ist es nicht der Arzt selber, der ihre Freigabe verweigert. Im Gegenteil, Fräulein Paradies, an ihren Heilmeister, sei es medial, sei es erotisch, gebunden, erklärt strikt, nicht zu den Eltern zurückzukehren, sondern bei Mesmer bleiben zu wollen. Das erbittert wiederum die Mutter, sie stürzt in maßloser Wut auf das ungehorsame Mädchen los, das lieber zu dem fremden Mann als zu den Eltern hält, prügelt die Wehrlose und mißhandelt sie so fürchterlich, daß sie in Krämpfe fällt. Aber trotz aller Befehle, Drohungen und Schläge gelingt es nicht, das standhafte Fräulein Paradies zu bewegen, ihren Helfer (und vielleicht Liebhaber) zu verlassen. Sie bleibt in der magnetischen Klinik: Mesmer hat einen Sieg erfochten, freilich einen Pyrrhussieg. Denn infolge dieser Aufregungen und Gewalttätigkeiten erlischt der mühsam gewonnene matte Lichtschein. Die Kur muß wieder von vorn anfangen, die verstörten Nerven zu beleben. Aber so lange läßt man Mesmer nicht Zeit. Schon hat die Fakultät die schwersten Geschütze aufgefahren. Sie mobilisiert den Erzbischof, den Kardinal Migazzi, die Kaiserin und den Hof und, wie es scheint, auch die allergewaltigste Instanz des theresianischen Österreichs: die hochberühmte Sittenkommission. Professor Stoerk als Vorsitzender des österreichischen Medizinwesens erteilt im Auftrag der Kaiserin die Parole, dieser »Betrügerei ein Ende zu machen«. So bricht Staatsgewalt die Macht des Magnetiseurs über sein Medium. Mesmer muß sofort die Kur unterbrechen und Fräulein Paradies trotz ihrer verzweifelten Klagen in ungeheiltem Zustand wieder den Eltern ausliefern. Die weiteren Folgen dieser peinlichen Affäre sind mangels einschlägiger Akten nicht eindeutig zu bestimmen. Entweder wurde Mesmer von Amts wegen mehr oder minder dringlich aus Österreich als »lästiger Ausländer« abgeschoben, oder er hatte seinerseits genug von der Wiener medizinischen Kollegenschaft. Jedesfalls, er gibt sofort nach der Affäre Paradies sein prächtiges Haus Landstraße 261 auf, zieht aus Wien weg und sucht sich zuerst in der Schweiz, dann in Paris eine neue Heimat.

Die Wiener Fakultät kann zufrieden sein, ihr Ziel ist erreicht. Sie hat den unbequemen Eigenbrötler weggeräumt, die ersten Ansätze einer zwar unklaren, aber doch den modernen Begriffen schon angenäherten psychotherapeutischen Behandlung diskreditiert und (wie sie meint: für die ganze Welt) erledigt. Jetzt herrscht in rebus psychologicis an der Wiener Fakultät wieder ein und ein Viertel Jahrhundert herrliche Ruhe, bis dann abermals solch ein lästiger Neuerer kommt, Sigmund Freud mit der Psychoanalyse, den ihre Professoren mit dem gleichen Vorurteil und dem gleichen Zorn bekämpfen, diesmal glücklicherweise mit bedeutend geringerem Erfolg.

Paris

Das achtzehnte Jahrhundert denkt und lebt kosmopolitisch. Noch stellt die Wissenschaft, die Kunst Europas eine einzige große Familie dar, noch ist für den geistigen Menschen die gegenwärtige bornierte Abschließung von Staat zu Staat nicht erfunden. Der Künstler wie der Gelehrte, der Musiker wie der Philosoph wandert damals ohne jede vaterländische Hemmung von einer Residenz zur anderen, überall zu Hause, wo er sein Talent und seihe Mission auswirken kann, allen Nationen, Völkern und Fürsten gleich williger Freund. Deshalb bedeutet es für Mesmer keinerlei besondere Entschließung, von Wien nach Paris zu übersiedeln, und von der ersten Stunde an braucht er diese Umstellung nicht zu bereuen. Seine aristokratischen Patienten aus Österreich öffnen ihm das Haus der Gesandtschaft, Marie Antoinette, auf alles Neue und Sonderbare und Unterhaltsame lebhaft eingestellt, verspricht ihm ihre Unterstützung, und Mesmers zweifellose Zugehörigkeit zu der damals allmächtigen Freimaurerei führt ihn sofort ins Zentrum der französischen Geistigkeit. Außerdem begegnet seine Lehre einem ausgezeichneten Augenblick. Denn gerade dadurch, daß Voltaire und die Enzyklopädisten mit ihrem aggressiven Skeptizismus den Kirchenglauben aus der Gesellschaft des Dix-huitième herausironisierten, hatten sie das ewig im Menschen unzerstörbare Glaubensbedürfnis statt zu Boden geschlagen (»écrasez linfâme!«) nur auf allerhand sonderliche Abwege und in mystische Schlupfwinkel gedrängt. Nie war Paris neuerungssüchtiger und abergläubischer als in jenen Tagen der beginnenden Aufklärung. Seitdem man die Legenden der biblischen Heiligen nicht mehr glaubt, sucht man sich selbst neue und sonderbare Heilige und entdeckt sie in den scharenweis heranströmenden rosenkreuzerischen, alchimistischen und philalethischen Scharlatanen, denn alles Unwahrscheinliche, alles der offiziellen Schulwissenschaft kühn Entgegengesetzte findet in der gelangweilten und auf philosophische Mode frisierten Pariser Gesellschaft begeisterten Empfang. Bis in die höchsten Kreise dringt die Leidenschaft für Geheimwissenschaft, für weiße und schwarze Magie. Madame de Pompadour, die Staatslenkerin Frankreichs, schleicht nachts aus einer Seitentür der Tuilerien zu Madame Bontemps, um sich aus Kaffeesatz die Zukunft wahrsagen zu lassen; die Herzogin von Urfé läßt sich (man lese es bei Casanova nach) einen Baum der Diana bauen und dabei auf höchst physiologische Weise verjüngen; die Marquise de lHôpital wird von einem alten Weib in ein abgelegenes Lokal gelockt, wo ihr Luzifer in Person bei einer schwarzen Messe vorgestellt werden soll; aber während die gute Marquise und ihre Freundin splitternackt den angekündigten Teufel erwarten, macht sich die Gaunerin mit ihren Kleidern und ihrer Börse davon. Die angesehensten Männer Frankreichs schauern vor Ehrfurcht, wenn der sagenhafte Graf von Saint-Germain beim Souper sich höchst raffiniert verspricht und seine Tausendjährigkeit damit verrät, daß er von Jesus Christus oder Mohammed als von persönlich Bekannten redet. Gleichzeitig erfreuen sich die Wirte und Herbergsleute von Straßburg voller Stuben, weil der Prinz von Rohan den gerissenen sizilianischen Gauner Balsamo, der sich Graf von Cagliostro nennt, in einem der vornehmsten Palais der Stadt beherbergt. Mit der Postkutsche, in Sänften und auf Reitpferden kommen aus allen Richtungen Frankreichs die Aristokraten heran, um von diesem analphabetischen Quacksalber sich Tränke und Zaubermittel zu kaufen. Hofdamen und blaublütige Fräuleins, Fürstinnen und Baroninnen richten in ihren Schlössern und Stadthotels alchimistische Küchen ein, und bald wird auch das eigentliche Volk von der Epidemie des Wunderwahns ergriffen. Kaum verbreitet sich die Nachricht von mehrfachen Wunderheilungen am Grabe des Archidiakonus von Paris auf dem Friedhofe von Saint-Médard, so umlagern sofort Tausende den Kirchhof und geraten in die wildesten Zuckungen. Keine Absonderlichkeit scheint damals zu toll, kein Wunder wunderbar genug, und nirgendwann war es Schwindlern leichter gemacht als in dieser gleichzeitig vernünftlerischen und sensationsgierigen Zeit, die sich jeden Nervenkitzel kauft, jeder Narretei hastig zuschwört, jeder Zauberei gläubig-ungläubig verfällt. So hatte ein Arzt mit einer neuen Universalmethode sein Spiel eigentlich schon von vornherein gewonnen.

Aber Mesmer (immer wieder muß dies betont werden) will durchaus nicht einem Cagliostro oder Saint-Germain die goldenen Stollen im Bergwerk der menschlichen Dummheit abgraben. Graduierter Arzt, sehr stolz auf seine Theorie, Fanatiker seiner Idee, ja sogar ihr Gefangener, will und wünscht er nur eines vor allem: von der offiziellen Wissenschaft anerkannt zu werden. Er verachtet den wertvollen und einträglichen Enthusiasmus der Modemitläufer: ein zustimmendes Gutachten eines einzigen Akademikers wäre ihm wichtiger als das Geschrei von hunderttausend Narren. Aber die hochmögenden Professoren setzen sich mit ihm durchaus nicht an den Experimentiertisch. Die Berliner Akademie hat auf seine Ausführungen nur lakonisch geantwortet »er sei im Irrtum«, der Wiener medizinische Rat ihn öffentlich einen Betrüger genannt; man begreift also seine geradezu verzweifelte Leidenschaft, endlich eines redlichen Urteils gewürdigt zu werden. Sein erster Weg, kaum daß er im Februar 1778 in Paris eintrifft, geht zu Le Roy, dem Präsidenten der Akademie der Wissenschaften; durch ihn läßt er dringlichst alle Mitglieder einladen, sie möchten ihm die Ehre erweisen, seine neuartige Behandlung in seinem vorläufigen Hospital von Créteil (nahe von Paris) auf das strengste zu überprüfen. Vorschriftsmäßig bringt der Präsident den Antrag zur Debatte. Aber anscheinend hat die Wiener Fakultät schon vorgeheizt, denn die Akademie der Wissenschaften erklärt kurz und knapp ihre Abneigung, sich mit Mesmers Experimenten zu befassen.

So leicht gibt nun ein Mann nicht nach, der, leidenschaftlich durchdrungen von der Überzeugung, der Welt etwas sehr Wichtiges und Neues dargetan zu haben, eine wissenschaftliche Idee wissenschaftlich gewürdigt sehen will. Sofort wendet er sich jetzt an die neugegründete Medizinische Gesellschaft. Dort kann er als Arzt sein unbestreitbares und unumstößliches Recht fordern. Abermals erneuert er sein Angebot, in Créteil seine geheilten Patienten vorzuführen und jeder Frage willige Auskunft zu geben. Aber auch die Medizinische Gesellschaft zeigt wenig Neigung, sich in Gegensatz zu ihrer Schwestergesellschaft in Wien zu stellen. Sie weicht der unbequemen Einladung mit dem fadenscheinigen Vorwand aus, sie könne Heilungen nur in solchen Fällen beurteilen, wo sie den vorhergehenden Zustand der Patienten gekannt habe, und dies sei hier nicht der Fall.

Fünfmal hat nun Mesmer versucht, bei allen Fakultäten der Welt Anerkennung oder zumindest aufmerksame Überprüfung seines Systems zu erzwingen: unmöglich konnte man gerader, ehrlicher, wissenschaftlicher handeln. Jetzt erst, da die gelehrten Klüngel ihn durch ihr Schweigen verurteilten, ohne in die Akten und Fakten Einblick genommen zu haben, jetzt erst wendet er sich an die höchste und entscheidendste Instanz: an die Öffentlichkeit, an alle Gebildeten und Interessierten, indem er 1779 in französischer Sprache seine »Abhandlung über die Entdeckung des tierischen Magnetismus« in Druck gibt. Mit beredten und wirklich redlichen Worten bittet er um Hilfe für seine Versuche, um Anteil und Wohlwollen, ohne mit einer Silbe Wunder und Unmöglichkeiten zu versprechen: »Der tierische Magnetismus ist gar nicht, was die Ärzte unter einem geheimen Mittel sich denken. Er ist eine Wissenschaft, welche ihre Gründe, Folgen und Sätze hat. Das Ganze ist bis auf diese Stunde unbekannt, ich gebe es zu. Aber eben deswegen wäre es widersprechend, mir Leute zu Richtern geben zu wollen, welche nichts von dem verständen, was sie zu beurteilen sich unterfingen. Nicht Richter, Schüler muß ich haben. Eben darum geht meine ganze Absicht dahin, von irgendeiner Regierung öffentlich ein Haus zu erhalten, um darin Kranke in die Kur zu nehmen, und wo man mit leichter Mühe, ohne fernere Unterstellungen besorgen zu dürfen, die Wirkungen des tierischen Magnetismus vollständig beweisen könnte. Dann wollte ich es über mich nehmen, eine bestimmte Anzahl von Ärzten zu unterrichten, und es der Einsicht derselben Regierung überlassen, wie allgemein oder eingeschränkt, wie schnell oder langsam sie diese Erfindung verbreiten wollte. Sollten meine Vorschläge in Frankreich verworfen werden, so würde ich es zwar ungern verlassen, allein es wird doch gewiß geschehen. Werden sie allerorten verworfen, so hoffe ich doch immer, ein Ruheplätzchen für mich zu finden. Eingehüllt in meine Rechtschaffenheit, sicher vor allen Vorwürfen meines Gewissens, werde ich rings um mich einen kleinen Teil der Menschheit sammeln, der ich so sehr allgemeiner nützlich zu sein gewünscht habe, und dann wird es Zeit sein, niemanden als mich selbst über das, was ich zu tun habe, um Rat zu fragen. Wenn ich anders handelte, so würde der tierische Magnetismus wie eine Mode behandelt werden. Jeder würde damit zu glänzen und mehr oder weniger, als wirklich ist, darin zu finden suchen. Man würde ihn mißbrauchen, und sein Nutzen würde in ein Problem ausarten, dessen Auflösung vielleicht erst nach Jahrhunderten stattfände.«

Ist dies die Sprache eines Scharlatans, das Flunkern oder Faseln eines unredlichen Menschen? Allerdings, ein beschwingter Unterton klingt schon in dieser Verlautbarung des bisherigen Bittstellers mit: Mesmer spricht zum erstenmal die Sprache des Erfolges. Denn bereits in diesen wenigen Monaten hat seine Methode der suggestiven Behandlung von Nervenleiden wichtige Anhänger und einflußreiche Bundesgenossen gefunden, vor allem ist Charles Deslon, der Leibarzt des Grafen dArtois, öffentlich mit einer Broschüre an seine Seite getreten. Mit ihm ist der Weg zum Hofe endgültig gebahnt, gleichzeitig wirbt eine Palastdame der Königin Maria Antoinette, durch Mesmer von einer Lähmung genesen, bei ihrer Herrin für ihren Helfer. Der hohe Adel, Madame von Lamballe, der Prinz von Condé, der Herzog von Bourbon, der Baron Montesquieu und insbesondere der Held des Tages, der junge Marquis von Lafayette, bekennen sich leidenschaftlich zu seiner Lehre. Und so beginnt trotz der feindseligen Haltung der Akademie, trotz des Mißerfolgs in Wien, auf Befehl der Königin die Regierung direkt mit Mesmer zu verhandeln, um den Urheber solcher weittragenden Ideen an Frankreich zu fesseln; der Minister Maurepas bietet ihm in höherem Auftrag ein lebenslängliches Gehalt von zwanzigtausend Livres an, ferner zehntausend Livres für Wohnung, freilich erst auszahlbar, sobald drei für den Staat ausgebildete Schüler den Nutzen der Magnetotherapie anerkennen würden. Aber Mesmer hat es satt, sich abermals und abermals mit dem engstirnigen Vorurteil der Fachgelehrten herumzuschlagen, er läßt sich auf keine Verhandlungen mit Wenn und Aber mehr ein, er nimmt keine Almosen. Stolz lehnt er ab: »Ich kann mich mit einer Regierung nie in einen Vertrag einlassen, wenn nicht zuvor die Richtigkeit meiner Entdeckung ausdrücklich auf eine unverwerfliche Art anerkannt wird.« Und so stark ist Mesmer, der aus Wien ausgewiesene, in Paris nach zwei Jahren magnetischer Kuren schon geworden, daß er als Drohung aussprechen kann, er werde Paris verlassen, und in diesem Sinn der Königin ein Ultimatum stellt: »Ausschließlich aus Respekt für Ihre Majestät biete ich Ihr die Gewißheit, meinen Aufenthalt in Frankreich bis zum 18. September zu verlängern und bis zu diesem Datum meine Kuren allen jenen Kranken angedeihen zu lassen, die mir weiterhin Vertrauen schenken. Ich suche, Majestät, eine Regierung, die die Notwendigkeit anerkennt, nicht leichtfertig in die Welt eine Wahrheit einführen zu lassen, die durch ihren Einfluß auf die menschliche Physis Veränderungen hervorbringt, welche von Anfang an durch rechtes Wissen und die rechte Kraft kontrolliert und in einem wohlwollenden Sinne gelenkt werden müssen. In einer Sache, die die ganze Menschheit angeht, darf das Geld in den Augen Ihrer Majestät nur in zweiter Linie in Betracht kommen; vierhunderttausend oder fünfhunderttausend Franks zu einem solchen Zwecke angewandt, haben nichts zu bedeuten. Meine Entdeckung und ich selbst müssen mit einer Großzügigkeit belohnt werden, die des Monarchen würdig ist, an den ich mich binde.« Dieses Ultimatum Mesmers wird nicht angenommen, wahrscheinlich infolge des Widerstandes Ludwigs des Sechzehnten, dessen normalnüchterner und sparsamer Sinn sich gegen alle phantastischen Experimente auflehnt. So macht Mesmer Ernst; er verläßt Paris und begibt sich auf deutsches Reichsgebiet, nach Spa.

Aber eine andere ist diese herausfordernde Selbstverbannung als jene aus Wien, die einer Flucht oder Ausweisung verzweifelt ähnlich sah. Wie ein Potentat, wie ein Prätendent verläßt er das Reich der Bourbonen, und ein ganzer Schwarm begeisterter Anhänger begleitet den verehrten Meister in sein freiwilliges Exil. Noch mehr aber bleiben in Paris und Frankreich zurück, um dort für ihn zu wirken. Allmählich erreicht die allgemeine Entrüstung, daß man einen solchen Mann wegen der Intrigen der Fakultät gleichgültig aus Frankreich habe ziehen lassen, wahre Fiebergrade. Dutzendweise erscheinen Schriften zu seiner Verteidigung. Zu Bordeaux predigt von der Kanzel herab der Pater Hervier in offener Kathedrale das Dogma des Magnetismus; Lafayette, knapp vor der Abreise nach Amerika, teilt Washington als Wichtigstes mit, daß er den Amerikanern außer Gewehren und Kanonen für den Unabhängigkeitskampf noch die neue Lehre Mesmers bringe (un docteur nommé Mesmer, ayant fait la plus grande découverte, a fait des élèves, parmi lesquels votre humble serviteur est appelé un des plus enthousiastes ... Avant de partir, jobtiendrai la permission de vous confier le secret de Mesmer, qui est une grande découverte philosophique). Und geschlossen stellt sich die Freimaurerei, die auch in der Wissenschaft alles Neue und Revolutionäre genau wie in der politischen Sphäre verteidigt, hinter ihren Bruder. So erzwingen gegen die Regierung, gegen den König, gegen das medizinische Kollegium, gegen die Akademie diese begeisterten Anhänger Mesmers Rückkehr nach Paris unter den von ihm gestellten Bedingungen: was der König Mesmer verweigert, bieten ihm nun Adel und Bürgerschaft aus eigener Kraft. Eine Reihe seiner Schüler, an der Spitze Bergasse, der bekannte Advokat, gründen eine Aktiengesellschaft, um dem Meister die Möglichkeit zu gewähren, eine eigene Akademie gegen die königliche zu eröffnen; hundert Anhänger zeichnen je hundert Louisdors, »pour acquitter envers Mesmer la dette de lhumanité«, wogegen sich Mesmer verpflichtet, sie in seiner Wissenschaft auszubilden. Kaum aufgelegt, sind die magnetischen Aktien schon vergriffen, in zwölf Monaten bereits 340 000 Livres gezeichnet, bedeutend mehr, als Mesmer ursprünglich verlangt hatte. Außerdem schließen sich seine Schüler in jeder Stadt zu einer sogenannten »Harmonischen Gesellschaft« zusammen (Société de lHarmonie), und zwar je eine in Bordeaux, in Lyon, Straßburg, Ostende, eine sogar in den Kolonien, in San Domingo. Im Triumph, gebeten, beschworen, gefeiert und begrüßt, ein ungekrönter Herrscher eines unsichtbaren Geisterreichs, kehrt Mesmer wieder nach Frankreich zurück. Was ihm ein König verweigert, hat er sich aus eigener Kraft geschaffen: Freiheit der Forschung, Unabhängigkeit des Daseins. Und wird die offizielle, die akademisch eingeschworene Wissenschaft ihm den Krieg erklären, nun ist Mesmer bereit.

Mesmeromanie

Mesmer, der alle Erregungszustände mit seiner magnetischen Methode zu beschwichtigen verspricht, bringt zunächst selbst eine neue Erregungskrankheit nach Paris: die Mesmeromanie. Seit Jahrzehnten hat nichts den Faubourg Saint-Germain, jene gute Gesellschaft von damals und immer, die sich in ihrem Luxus langweilt, dermaßen in Leidenschaft, ja sogar in einen Paroxysmus der Begeisterung versetzt, wie die magnetische Heilpraxis. Mesmer und der Magnetismus werden in wenigen Monaten in Paris la grande mode, le dernier cri. Vor seiner luxuriösen Wohnung auf der Place Vendôme stehen von Morgen bis Abend die Karossen und Kabrioletts des Adels; es warten Lakaien in den Hausfarben der ersten Familien Frankreichs bei den wappengeschmückten Tragsesseln; und da die Ordinationsräume sich für so unerwarteten Andrang als zu eng erweisen und nur drei große Gesundheitszuber für die gut zahlenden Patienten zur Verfügung stehen, mietet man sich schon Tage vorher einen Platz am Baquet voraus, so wie heute eine Opernloge zu einer Premiere. Da aber Philanthropie gleichfalls zur Zeit Mode ist, stellt Mesmer auch Baquets ? freilich kleinere ? für die minder Begüterten auf, denn jeder, reich oder arm, soll dieses Heilmittels der »Harmonie« teilhaftig werden. Einzig Kranke mit offenen Wunden, zweifellose Epileptiker, Geisteskranke und Verstümmelte schließt er von der Kur aus, redlich damit bekennend, daß er nur von den Nerven her Besserung im Gesamtbefinden erzielen, nicht aber die Struktur des Organismus durch ein Wunder ändern könne.

In diesen magnetischen Räumen und bald auch in einem eigenen Palais, dem Hôtel Bouillon in der Rue Montmartre, das sich Mesmer als Klinik einrichtet, drängen sich nun fünf Jahre lang Patienten aus allen Ständen, wirkliche und eingebildete Kranke, Neugierige und Snobs jedes Standes. Jeder neugierige Pariser ? und welcher Pariser der guten Gesellschaft wäre es nicht? ? muß unbedingt einmal das mirakulöse Fluidum an sich selbst erprobt haben, und man rühmt sich dann in den eleganten Salons dieser nervenprickelnden Sensation etwa mit derselben dilettantischen Oberflächlichkeit, wie man heute beim Five oclock tea von der Relativitätstheorie oder der Psychoanalyse spricht. Mesmer ist Mode, und seine von ihm sehr ernst gemeinte Wissenschaft wirkt darum auf die Gesellschaft nicht als Wissenschaft, sondern als Theater.

Daß tatsächlich etwas beabsichtigt Theatralisches in der Aufmachung seiner Kuren liegt, hat Mesmer niemals geleugnet, im Gegenteil sogar offen einbekannt. »Mes procédés, sils nétaient pas raisonnés, paraîtraient comme des grimaces aussi absurdes que ridicules, auxquelles il serait en effet impossible dajouter foi.« Er weiß als guter Seelenkenner, daß jede Glaubensheilung zur Verstärkung ihrer Wirkung eines gewissen magischen oder religiösen Zeremoniells bedarf: so umgibt er aus psychologischer Überzeugung seine Person mit einer magischen Aura; wie jeder seelenkundige Arzt erhöht er seine Autorität durch Geheimnis. Schon der Raum selbst wirkt auf den Besucher durch sein besonderes Arrangement beunruhigend und erregend. Die Fenster sind mit Vorhängen abgedunkelt, um ein dämmerndes Clair-obscur zu schaffen, schwere Teppiche und Wandvorhänge dämpfen den Schall, Spiegel reflektieren von allen Seiten das golden getönte Licht, sonderbare symbolische Sternzeichen reizen die Aufmerksamkeit, ohne sie zu befriedigen. Unbestimmtes steigert immer die Erwartung, Geheimnis die Spannung, Schweigen und Verschweigen die mystische Gefühlskraft; darum werden in Mesmers Zauberstube alle Sinne, Auge, Ohr und Gefühl auf die raffinierteste Weise gleichzeitig beschäftigt und gereizt. In der Mitte des hohen Raumes steht breit wie ein Brunnen der große Gesundheitszuber. In tiefem Schweigen, wie in einer Kirche, sitzen atemlos die Kranken um diesen magnetischen Altar, keiner darf sich bewegen, kein Laut darf gesprochen werden, um die Spannungsschwingung im Räume nicht zu stören. Von Zeit zu Zeit bilden auf ein Zeichen hin die um den Zuber Gereihten die berühmte (später von dem Spiritismus übernommene) magnetische Kette. Jeder berührt die Fingerspitzen seines Nachbarn, damit der vermeintliche Strom, durch die Überleitung von Körper zu Körper verstärkt, die andächtige Reihe durchflute. In dieses tiefatmende, von keinem Wort, nur manchmal von leichten Seufzern unterbrochene Schweigen klingen vom Nebenzimmer her unsichtbare Akkorde eines Klaviers oder zarte Vokalchöre; manchmal spielt sogar Mesmer selbst auf seiner Glasharmonika, um durch sanfte Rhythmen die Erregung zu beschwichtigen oder durch eindringlichere wieder zu steigern. So wird eine Stunde lang der Organismus mit magnetischer Kraft geladen (oder, wie wir neuzeitlich sagen würden: die suggestive Spannung vorbereitet durch den Nervenreiz der Monotonie und Erwartung). Dann tritt endlich Mesmer selbst herein.

Er tritt ein, ernst, ruhig, langsam, mit hoheitsvoller Gebärde, Ruhe ausstrahlend in die allgemeine Unruhe, und kaum daß er den Kranken naht, läuft schon leises Zittern wie von anklingendem Wind durch die Kette. Er trägt eine lange lila Seidenrobe, an Zoroaster erinnernd oder an die Tracht indischer Magier, und ernst, ganz in sich zusammengefaßt wie ein Tierbändiger, der mit einer winzigen Gerte in der Hand nur durch seine Willensmacht den Ansprung bändigt, schreitet er mit seinem dünnen Eisenstäbchen von einem Kranken zum andern. Bei einem bleibt er stehen, fragt ihn leise nach seinem Leiden, dann streicht er mit seinem Magnetstab in bestimmter Richtung die eine Seite des Körpers hinab, die polare wieder empor, während er gleichzeitig scharf und dringend den erwartungsvollen Blick des Kranken festhält. Bei manchen unterläßt er überhaupt jene Berührung mit dem Stäbchen und umkreist nur, eine unsichtbare Aura in die Luft zeichnend, bedeutungsvoll die Stirn oder das Zentrum des Schmerzes, immer aber mit starrer Pupille die Aufmerksamkeit auf den Leidenden konzentriert und damit dessen Aufmerksamkeit festbannend. Während dieser Prozedur halten die andern ehrfürchtig den Atem an, und man hört eine Spanne Zeit nichts in dem weiten, mit Teppichen gedämpften Raum als seinen langsamen Schritt und manchmal einen erleichterten oder gepreßten Atemzug. Aber gewöhnlich dauert es nicht lange, und einer der Kranken beginnt unter Mesmers Berührung zu zittern, konvulsivisches Zucken springt über seine Glieder, er fängt an zu schwitzen, zu schreien, zu seufzen oder zu stöhnen. Und kaum hat sich bei diesem Ersten ein ersichtliches Zeichen der nervenaufrüttelnden Kraft eingestellt, so vermeinen die andern in der Kette Angeschlossenen gleichfalls schon die berühmte, die heilbringende »Krise« zu spüren. Elektrisch flattern in der festgeschlossenen Reihe die Zuckungen weiter, eine Massenpsychose bricht aus, ein zweiter, ein dritter Patient verfällt in Krämpfe, und plötzlich ist der Hexensabbat vollkommen. Einige wälzen sich mit verdrehten Augen in Zuckungen auf dem Fußboden, andere beginnen grell zu lachen, zu schreien, zu schlucken, zu stöhnen, manche tanzen, von Nervenkrämpfen hin und her gerissen, wie Teufel, andere scheinen ? all diese Beobachtungen sieht man auf den zeitgenössischen Stichen übersichtlich dargestellt ? unter dem Einfluß des Stäbchens oder unter Mesmers eindringlichem Blick in Ohnmacht oder hypnotischen Schlaf gesunken. Ein stilles und stummes Lächeln auf den Lippen, liegen sie teilnahmslos in kataleptischer Starre da, und dazwischen spielt die Musik von nebenan weiter, um die gespannten Zustände noch höher und höher zu steigern, denn nach Mesmers berühmter »Krisentheorie« muß jede nervös bedingte Krankheit auf den höchsten Punkt ihrer Entwicklung getrieben, gewissermaßen ausgeschwitzt werden, um dem Körper Heilung zu ermöglichen. Die von der Krise allzu heftig Ergriffenen, die Schreienden, die Tobenden und in ihren Zuckungen sich Windenden, werden von den Dienern und Hilfsmagnetiseuren rasch hinübergebracht in ein dick ausgepolstertes, schalldicht abgeschlossenes Nebenzimmer, die »salle de crises«, um dort beruhigt zu werden (was natürlich hundert Spottschriften Gelegenheit gab, zu behaupten, nervöse Damen würden dort auf höchst physiologische Weise beruhigt). Die erstaunlichsten Szenen ereignen sich alltäglich in Mesmers Zauberkabinett: Kranke springen vom Zuber auf, reißen sich aus der Kette, erklären sich für gesundet; andere werfen sich in die Kniee und küssen dem Meister die Hände, andere wieder flehen ihn an, den Strom noch einmal zu verstärken, sie noch einmal zu berühren. Allmählich wird der Glaube an die Magie seiner Persönlichkeit, an seine persönliche Zauberkraft für seine Patienten eine Art religiösen Wahns und er selbst zum Heiligen und Heilhelfer unzähliger Menschen. Kaum daß Mesmer auf die Straße tritt, laufen ihm Bresthafte entgegen, nur um seine Kleider zu berühren; Fürstinnen und Herzoginnen bitten ihn kniefällig um seinen Besuch; die zu spät Gekommenen, die keinen Zutritt zu seinem Baquet erlangt haben, kaufen sich zu ihrem Privatgebrauch sogenannte kleine Zuber, »petits baquets«, um sich nach seiner Methode zu Hause selbst magnetisieren zu können. Und eines Tages erlebt Paris das Narrenspiel, daß mitten auf der Fahrbahn der Rue Bondi sich Hunderte von Menschen mit Seilen an einen von Mesmer magnetisierten Baum anbinden und auf die »Krise« warten. Niemals hat ein Medikus einen so rapiden und rauschenden Erfolg erlebt wie Mesmer; fünf Jahre lang spricht die Gesellschaft in Paris von nichts anderem als von seinen magnetisch-magischen Kuren.

Aber nichts Gefährlicheres kann einer werdenden Wissenschaft geschehen, als daß sie Mode wird und Gesellschaftsschwatz. Wider seinen Willen gerät Mesmer in ein gefährliches Quidproquo: als redlicher Arzt wollte er der Forschung ein neues Heilverfahren zeigen, und nun gibt er in Wirklichkeit der Mode und den Überallmitläufern ein gefälliges Thema für ihre müßige Langweile. Man debattiert für Mesmer oder gegen ihn mit dem gleichen inneren Unernst wie für Gluck oder Piccini, für Rousseau oder Voltaire. Außerdem verschiebt ein so kantharidisches Zeitalter wie das achtzehnte Jahrhundert jede Angelegenheit sofort ins Erotische: die Herren vom Hofe suchen als Hauptwirkung des Magnetismus eine Belebung ihrer nachgelassenen Manneskräfte, den Damen schwätzt man nach, daß sie in der salle de crises höchst natürliche Nervenkühlung suchten. Jeder kleine Skribler wirft jetzt seine dumme, ekstatische oder verächtliche Broschüre in den Streit, Anekdoten und Pamphlete pfeffern den ärztlichen Zwist literarisch auf, schließlich bemächtigt sich sogar das Theater der Mesmeromanie. Am 16. November 1784 spielen die italienischen Schauspieler des Königs eine Posse, betitelt »Les docteurs modernes«, in der Radet, ein Dichterchen dritten Ranges, den Magnetismus zur Farce macht. Aber er kommt damit übel an, denn die Fanatiker Mesmers lassen nicht einmal im Theater über ihren Heiland spaßen. So schicken die Herren aus den hohen Familien ? natürlich zu nobel, sich selbst die Lippen zu bemühen ? ihre Lakaien ins Theater, damit sie das Stück auspfeifen. Mitten während der Vorstellung wirft ein königlicher Staatsrat eine gedruckte Broschüre zur Verteidigung des Magnetismus aus einer Loge unter die Zuschauer, und als der unkluge Autor Radet am nächsten Tage den Salon der Herzogin von Villerois besuchen will, läßt sie ihm glatt durch ihre Diener die Tür weisen: sie empfange ein Individuum nicht, das gewagt habe, »den neuen Sokrates als Aristophanes zu verspotten«. Von Tag zu Tag steigert sich die Tollheit, und je mehr Unberufene sich mit dem neuen Gesellschaftsspiel beschäftigen, um so grotesker und tollwütiger überbieten sich die Übertreibungen; in Gegenwart des Prinzen von Preußen und in Anwesenheit sämtlicher Magistratspersonen in voller Amtstracht magnetisiert man in Charenton ein altes Pferd. In den Schlössern und Parks entstehen magnetische Haine und Grotten, in den Städten geheime Zirkel und Logen, es kommt zwischen den Anhängern und Verächtern zu offenen Prügeleien, sogar zu Duellen ? kurzum, die von Mesmer beschworene Kraft überflutet ihre eigentliche Sphäre, die Medizin, und erfüllt ganz Frankreich mit einem gefährlich ansteckenden Fluid von Snobismus und Hysterie: der Mesmeromanie.

Die Akademie greift ein

Angesichts einer so tollwütig um sich greifenden Epidemie geht es nicht länger an, Mesmer wissenschaftlich als nicht vorhanden zu betrachten. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des animalischen Magnetismus ist aus einem Stadtgespräch zu einer Staatsangelegenheit geworden, der erbitterte Streit muß endlich vor dem Forum der Akademie entschieden werden. Das geistige Paris, der Adel hat sich fast restlos für Mesmer entschlossen, am Hofe steht die Königin Marie Antoinette unter dem Einfluß der Prinzessin von Lamballe völlig auf seiner Seite, alle ihre Palastdamen vergöttern den »göttlichen Deutschen«. Nur ein einziger im Bourbonenschloß blickt mit unerschütterlichem Mißtrauen auf das magische Treiben: der König. Gänzlich unneurasthenisch, die Nerven eingepolstert in Phlegma und Speck, ein rabelaisischer Fresser, ein guter Verdauer, vermag Ludwig der Sechzehnte einer seelischen Heilkur wenig Neugier abzugewinnen; und als Lafayette vor seiner Abreise nach Amerika sich bei ihm abmeldet, spottet der gutmütige Monarch ihn wohlgelaunt aus, »was wohl Washington sagen würde, daß er sich zum Apothekerlehrling des Herrn Mesmer hergegeben habe«. Er liebt eben keine Unruhe und keine Aufgeregtheiten, der gute, feiste König Ludwig der Sechzehnte, aus ahnungsvollem Instinkt verabscheut er Revolutionen und Neuerungen auch auf geistigem Gebiet. Als sachlicher und gründlicher Ordnungsmensch wünscht er darum, daß endlich einmal Klarheit in diesem endlosen Gezänke um den Magnetismus geschaffen werde; und im März 1784 unterschreibt er einen Kabinettsbefehl an die Gesellschaft der Ärzte und die Akademie, sofort den Magnetismus in seinen nützlichen wie schädlichen Folgeerscheinungen amtlich zu untersuchen.

Einen imposanteren Ausschuß, als die beiden Gesellschaften für jenen Anlaß erwählten, hat Frankreich selten gesehen: fast alle seine Namen sind heute noch weltberühmt. Unter den vier Ärzten befindet sich ein gewisser Dr. Guillotin, der sieben Jahre später jene schöne Maschine erfinden wird, die alle irdischen Krankheiten in einer Sekunde heilt: die Guillotine. Unter den anderen Namen leuchtet ruhmvoll jener Benjamin Franklins, des Erfinders des Blitzableiters, Baillys, des Astronomen und späteren Bürgermeisters von Paris, Lavoisiers, des Erneuerers der Chemie, und Jussieus, des berühmten Botanikers. Aber alle Gelehrsamkeit läßt diese sonst wunderbar weitsichtigen Geister nicht ahnen, daß zwei von ihnen, der Astronom Bailly und der Chemiker Lavoisier, wenige Jahre später ihren Kopf unter die Maschine ihres Kollegen Guillotin legen werden, mit dem sie jetzt freundschaftlich vereint den Mesmerismus untersuchen.

Eile widerspricht der Würde einer Akademie, Methodik und Gründlichkeit sollen sie ersetzen. So dauert es einige Monate, ehe die gelehrte Gesellschaft das endgültige Votum verfaßt. Ehrlich und redlich erkennt dieses amtliche Dokument zunächst die unleugbare Wirkung der magnetischen Kuren an. »Einige sind ruhig, still und verzückt, andere husten, spucken, fühlen einen leichten Schmerz, eine lokale Wärme am ganzen Leib und haben Schweißausbrüche, andere sind von Konvulsionen geschüttelt. Die Konvulsionen sind außerordentlich in ihrer Zahl, Ausdauer und Kraft. Sobald sie bei einem beginnen, äußern sie sich gleichfalls bei den anderen. Die Kommission hat solche gesehen, die drei Stunden gedauert haben, sie sind vom Auswurf eines trüben, schleimigen Wassers begleitet, das die Gewalt dieser Anstrengungen herausreißt. Man sieht auch einzelne Blutspuren darin. Diese Konvulsionen sind charakterisiert durch rasche und unbeherrschte Bewegungen aller Glieder und des ganzen Körpers, Krämpfe in der Kehle, Zuckungen in der Bauchgegend (hypochondre) und Magengegend (épigastre), in Verwirrtheit und in Starre der Augen, grellen Schreien, Aufstoßen, Weinen und wilden Lacherregungen; ihnen folgen dann lange Zustände der Ermüdung und Trägheit, Niedergeschlagenheit und Erschöpfung. Der kleinste, unvermutete Lärm läßt sie zusammenschrecken, und man hat bemerkt, daß Veränderungen in Ton und Takt der auf dem Pianoforte gespielten Melodieen die Kranken beeinflussen, so daß ein rascheres Tempo sie noch mehr anregt und die Wildheit ihrer Nervenausbrüche steigert. Nichts ist erstaunlicher als das Schauspiel dieser Konvulsionen; wenn man sie nicht gesehen hat, kann man sich davon keinen Begriff machen. Man ist jedenfalls überrascht, einerseits über die Ruhe einer Reihe von Kranken und wiederum die Erregung bei den anderen, über die verschiedenen Zwischenfälle, die sich immer wiederholen, und die Sympathie, die sich zwischen den Kranken bildet; man sieht Kranke, die einander zulächeln, zärtlich miteinander sprechen, und dies mildert ihre Krämpfe. Alle sind dem unterworfen, der sie magnetisiert. Ob sie auch in einer scheinbaren Erschöpfung sind, sein Blick, seine Stimme holen sie sofort heraus.«

Daß also Mesmer auf seine Patienten suggestiven oder sonstigen Einfluß übt, ist nun amtlich bescheinigt. Irgend etwas, stellen die Professoren fest, ist da im Spiel, etwas Unerklärliches und ihnen trotz aller Gelehrsamkeit Unbekanntes. »Man kann nach diesen ständigen Wirkungen eine gewisse Kraft nicht ableugnen, die auf die Menschen wirkt, sie beherrscht und deren Träger der Magnetiseur ist.« Mit dieser letzten Formulierung hat die Kommission eigentlich den Finger schon ganz nahe an dem heiklen Punkt: ihr fällt sofort auf, daß diese überraschenden Phänomene vom Menschen, von der besondern Persönlichkeitswirkung des Magnetiseurs ausgehen. Ein Schritt noch weiter gegen diesen unerklärlichen »rapport« zwischen Magnetiseur und Medium, und hundert Jahre wären übersprungen, das Problem in den Gesichtswinkel der modernen Betrachtung gerückt. Aber die Kommission tut diesen einen Schritt nicht. Ihre Aufgabe ist, laut königlichem Reskript festzustellen, ob ein magnetisch-animalisches Fluid, also ein neues physikalisches Element existiere oder nicht. Schulmäßig genau stellt sie darum nur zwei Fragen, groß A und groß B, erstens, ob dieser animalische Magnetismus überhaupt nachweisbar, zweitens, ob er als Heilmittel nützlich sei: »denn«, argumentiert sie more geometrico, »einerseits kann wohl der animalische Magnetismus existieren und nicht nützlich sein, aber keinesfalls kann er nützlich sein, wenn er nicht existiert.«

Nicht um den geheimnisvollen Kontakt zwischen Arzt und Patienten, zwischen Magnétiseur und Medium ? das ist, um das eigentliche Problem ? bemüht sich also die Kommission, sondern einzig um die »présence sensible« des geheimnisvollen Fluids und dessen Nachweisbarkeit. Kann man es sehen? Nein. Kann man es riechen? Nein. Kann man es wägen, tasten, messen, schmecken, unter dem Mikroskop beobachten? Nein. Also stellt die Kommission zunächst diese Nichtwahrnehmbarkeit für die äußern Sinne fest. »Sil existe en nous et autour de nous, cest donc dune manière absolument insensible.« Nach dieser nicht sehr schwierigen Feststellung geht die Kommission daran, zu untersuchen, ob wenigstens eine Wirkung dieser unsichtbaren Substanz nachweisbar sei. Zu diesem Behufe lassen sich die Experimentatoren zunächst einmal selbst magnetisieren. Aber auf Skeptische und Kerngesunde wirkt bekanntermaßen suggestive Behandlung so viel wie gar nicht. »Keiner von uns hat etwas gefühlt und zumindest nichts, was als Reaktion des Magnetismus erklärt werden könnte; ein einziger hat am Nachmittag eine Nervenreizung empfunden, aber keiner von uns ist zur Krise gekommen.« Nun schon mißtrauisch geworden, untersuchen sie die unbestreitbare Tatsache der Wirkung bei den anderen mit gesteigerter Voreingenommenheit. Sie stellen den Patienten eine Reihe von Fallen; sie reichen zum Beispiel einer Frau mehrere Tassen, von denen nur eine einzige magnetisiert ist, und tatsächlich irrt sich die Patientin und wählt eine andere Tasse als die magnetisierte. Damit schiene die Wirkung als Schwindel, als »Imagination«, als Einbildung erwiesen. Aber gleichzeitig müssen die Akademiker doch zugeben, daß bei ebenderselben Patientin sofort eine Krise entsteht, sobald der Magnetiseur selbst ihr die Tasse hinreicht. Die Lösung liegt also abermals ganz nah und eigentlich schon auf der flachen Hand: sie müßten jetzt logischerweise feststellen, daß jene Phänomene durch einen besonderen Kontakt zwischen Magnetiseur und Medium und nicht durch eine mystische Materie entstehen. Aber wie Mesmer selbst, so lassen auch die Akademiker das schon auf die Finger brennende Problem der Persönlichkeitswirkung durch suggestive oder fluidale Wesensübertragung links liegen und beschließen nur feierlich die »nullité du magnétisme«. Wo man nichts sieht, nichts fühlt, nichts riecht, ist nichts vorhanden, erklären sie, und jene merkwürdige Wirkung beruhe einfach auf Imagination, auf bloßer Einbildung ? was natürlich nur ein sehr danebengängerisches Wort für den übersehenen Begriff der Suggestion ist.

Mit dieser feierlichen Nichtexistenzerklärung des Magnetismus erledigt sich selbstverständlich auch die zweite Frage nach der allfälligen Nützlichkeit der magnetischen (wir sagen psychischen) Behandlung. Denn eine Wirkung, für welche eine Akademie die Ursache nicht weiß, darf um keinen Preis vor der Welt als nützlich oder heilsam gelten. So behaupten die Sachverständigen (das heißt, diejenigen, die diesmal von der eigentlichen Sache nichts verstanden haben), die Methode des Herrn Mesmer bedeute eine Gefahr, weil diese künstlich erzeugten Krisen und Konvulsionen chronisch werden könnten. Und in einem Satz bedenklich langen Atems fällen sie schließlich ihr Verdikt: »Nachdem die Kommissäre erkannt haben, daß das Fluidum des animalischen Magnetismus durch keinen unserer Sinne wahrgenommen werden kann, da es keine Wirkungen weder auf sie selbst ausübte noch auf die Kranken, die sie ihm unterworfen haben, da sie feststellten, daß die Berührungen und Streichungen nur selten günstige Veränderungen in der Körperlichkeit hervorgebracht haben und immer gefährliche Erschütterungen in der Einbildungskraft, da sie auch anderseits bewiesen haben, daß auch die Einbildung ohne Magnetismus Krämpfe erzeugen kann und der Magnetismus ohne Einbildung nichts, haben sie einstimmig beschlossen, daß nichts den Beweis eines magnetisch-animalischen Fluidums gibt und daß dieses nicht feststellbare Fluidum infolgedessen ohne Nutzen ist, daß die gewaltsamen Wirkungen, die man bei der öffentlichen Behandlung bemerkt hat, teils auf die Berührung zurückzuführen sind, auf die dadurch erregte Einbildung und die automatische Einbildung, die uns gegen den eigenen Willen zwingt, Vorgänge, die auf unsere Sinne wirken, zu wiederholen. Gleichzeitig fühlt sie sich verpflichtet, beizufügen, daß diese Berührungen, die immer wiederholte Heranziehung zur Krisenerzeugung schädlich sein kann und daß der Anblick solcher Krisen gefährlich wird durch den Zwang zur Nachahmung, den die Natur uns auferlegt hat, und deshalb jede öffentliche Behandlung auf die Dauer nur gefährliche Folgen haben kann.«

Diesem öffentlichen Bericht vom 11. August 1784 schließt die Kommission an den König noch einen handschriftlichen Geheimbericht bei, der in düsteren Worten auf die Gefahren für die Sittlichkeit durch die Nervenreizung und die Vermischung der Geschlechter hinweist. Mit diesem Votum der Akademie und dem gleichfalls grimmig absprechenden Bericht der Ärztekammer ist für die gelehrte Welt die psychische Methode, die Heilung durch Persönlichkeitsbeeinflussung, endgültig erledigt. Es hilft nichts, daß ein paar Monate später die Phänomene des Somnambulismus, der Hypnose und der medialen Willensbeeinflussung entdeckt und durch viele Versuche unwiderlegbar sonnenklar vorgeführt werden, daß sie die ganze intellektuelle Welt in eine ungeheure Aufregung versetzen: für die Pariser gelehrte Akademie gibt es, nachdem sie einmal im achtzehnten Jahrhundert ihre Meinung schriftlich dargelegt hat, bis knapp ins zwanzigste Jahrhundert hinein keine suggestiven und übersinnlichen Phänomene. Als ihr um 1830 ein französischer Arzt neuerdings den Beweis vorführen will, lehnt sie ab. Sie lehnt selbst noch ab, als 1840 Braid mit seiner »Neurypnologia« die Hypnose bereits längst zu einem selbstverständlichen Werkzeug der Wissenschaft gemacht hat. In jedem Dorfe, in jeder Stadt Frankreichs, Europas, Amerikas zeigen seit 1820 in vollgedrängten Sälen schon Laienmagnetiseure die überraschendsten Beeinflussungen, kein Halb- und Viertelgebildeter versucht mehr, sie zu leugnen. Aber die Pariser Akademie, eben dieselbe, die Franklins Blitzableiter und Jenners Pockenimpfung verworfen, die Fultons Dampfboot eine Utopie genannt, beharrt in ihrem unsinnigen Hochmut, dreht den Kopf weg und behauptet, nichts zu sehen und nichts gesehen zu haben.

Und so dauert es genau hundert Jahre, bis endlich der französische Gelehrte Charcot 1882 durchsetzt, daß die erlauchte Akademie von der Hypnose offiziell Kenntnis zu nehmen geruht; so lange, hundert geschlagene Jahre, hat das fehlgängerische Votum der Akademie über Franz Anton Mesmer in Paris eine Erkenntnis verzögert, die bei gerechterer, klarerer Aufmerksamkeit schon 1784 die Wissenschaft hätte bereichern können.

Der Kampf um die Berichte

Wieder einmal ? zum wievielten Male? ? ist die seelische Heilmethode von der akademischen Justiz niedergekämpft. Kaum veröffentlicht die Medizinische Gesellschaft ihr abweisendes Urteil, so bricht im Lager der Gegner Mesmers heller Jubel aus, als sei nun für ewige Zeiten jede Heilung auf seelischem Wege erledigt. In den Buchläden verkauft man amüsante Kupferstiche, die den »Sieg der Wissenschaft« auch für Analphabeten sinnfällig darstellen: von blendender Aureole umstrahlt, entrollt dort die Gelehrtenkommission das Vernichtungsdekret, und vor diesem »siebenmal glühenden Licht« entfliehen, auf einem Hexenbesen reitend, Mesmer und seine Schüler, jeder mit einem Eselskopf und Eselsschwanz geziert. Ein anderes Blatt zeigt die Wissenschaft, Blitze schleudernd gegen die Scharlatane, die über den zerbrochenen Gesundheitszuber stolpernd zur Hölle stürzen; ein drittes bildet mit der Unterschrift: »Nos facultés sont en rapport« Mesmer ab, einen langohrigen Esel magnetisierend. Dutzende von Spottschriften erscheinen, auf den Straßen singt man ein neues chanson:

Le magnétisme est aux abois,
La faculté, lAcadémie
Lont condamné tout dune voix
Et même couvert dinfamie.
Après ce jugement, bien sage et bien légal,
Si quelque esprit original
Persiste encore dans son délire,
Il sera permis de lui dire:
Crois au magnétisme ... animal!

Und ein paar Tage hat es wirklich den Anschein, als sei durch den wuchtigen Schlag mit dem akademischen Zepter Mesmer wie einst in Wien nun auch in Paris endgültig das Genick zerschmettert. Aber man schreibt 1784; zwar ist das Gewitter der Revolution noch nicht ausgebrochen, doch Unruhe und Auflehnung geistern bereits gefährlich in der Atmosphäre. Ein Dekret, vom allerchristlichsten König gefordert, von der königlichen Akademie feierlich erlassen ? unter dem Sonnenkönig hätte niemand einem so zerschmetternden Bannfluch zu trotzen vermocht. Aber unter dem schwachen Ludwig dem Sechzehnten bedeutet ein königliches Siegel keine Sicherheit mehr vor Spott und Diskussion; der revolutionäre Geist ist längst in die Gesellschaft eingedrungen und stellt sich gern in leidenschaftlichen Widerspruch zur königlichen Meinung. So flattert ein erbitterter Schwarm Verteidigungsschriften auf Paris und Frankreich nieder, um Meister Mesmer zu rechtfertigen. Advokaten, Ärzte, Kaufleute, Mitglieder des höchsten Adels veröffentlichen unter ihrem vollen Namen dankbare Berichte über ihre Heilungen, und inmitten laienhaften und leeren Geschreibsels entdeckt man in diesen Pamphleten manches klare und kühne Wort. So fragt J. B. Bonnefoy vom chirurgischen Kollegium in Lyon energisch an, ob die Herren von der Akademie denn eine bessere Behandlungsart zu bieten hätten? »Wie verhält man sich denn bei Nervenkrankheiten, diesen heute noch vollkommen unbekannten Krankheiten? Man gibt kalte und warme Bäder, aufpeitschende, erfrischende, erregende oder beruhigende Mittel, und keines dieser ärmlichen Palliative hat bisher ähnlich erstaunliche Wirkungen hervorgebracht, wie die psychotherapeutische Methode Mesmers.« In den »Doutes dun Provincial« beschuldigt ein Anonymus die Akademie, aus hochmütiger Borniertheit dem eigentlichen Problem überhaupt nicht nahe getreten zu sein. »Es ist nicht genug, meine Herren, daß Ihr Geist sich über Vorurteile des Jahrhunderts erhebt. Es wäre auch nötig, das Interesse des eigenen Standes um der Wohlfahrt willen zu vergessen.« Ein Advokat schreibt prophetisch wahr: »Herr Mesmer hat auf der Grundlage seiner Entdeckungen ein großes System aufgebaut. Dieses System ist vielleicht ebenso schlecht wie alle ihm vorausgegangenen, denn es ist immer gefährlich, auf die ersten Ursachen zurückzugreifen. Aber wenn er unabhängig von diesem System auch nur einige verstreute Ideen klargelegt hat, wenn nur irgendeine große Wahrheit ihm ihre Existenz dankt, so hat er das unveräußerliche Recht auf den Respekt der Menschen. In diesem Sinne wird er einer späteren Zeit gelten, ohne daß alle Kommissionen und Regierungen der Welt ihm sein Verdienst nehmen könnten.«

Aber Akademieen und gelehrte Gesellschaften diskutieren nicht, sie entscheiden. Sobald sie eine Entscheidung getroffen haben, belieben sie über jeden Einwand mit Hochmut hinwegzusehen. Jedoch in diesem einen besonderen Fall geschieht ihr etwas sehr Peinliches und Unerwartetes ? nämlich aus ihren eigenen Reihen erhebt sich ein Mann zur Anklage, ein Mitglied der Kommission und nicht das geringste, nämlich der berühmte Botaniker Jussieu. Auf Befehl des Königs hat er den Versuchen beigewohnt, sie gründlicher und vorurteilsloser vorgenommen als die meisten und darum bei dem endgültigen Votum seine Unterschrift unter die große Bannbulle verweigert. Dem geschärften Blick des Botanikers, der gewohnt ist, auch die winzigsten und unscheinbarsten Fäden und Samenspuren mit ehrfürchtiger Geduld zu beobachten, ist der schwache Punkt der Untersuchung nicht entgangen, nämlich daß die Kommission sich mit den Windmühlenflügeln der Theorie herumgeschlagen und deshalb ins Leere getroffen hat, statt von einer zweifellos vorhandenen Wirkung der mesmerischen Kur nach ihren möglichen Ursachen zu forschen. Ohne sich auf die Phantastereien Mesmers einzulassen, auf sein Magnetisieren von Bäumen, Spiegeln, Wasser und Tieren, stellt Jussieu einfach das Neue, Eigentliche und Erstaunliche fest, daß bei dieser neuen Kur irgendeine Kraft auf den Kranken wirkte. Und obgleich er ebensowenig wie die anderen die Tastfühlbarkeit, die Augensichtbarkeit dieses Fluidums festzustellen vermag, läßt er logisch richtig die Möglichkeit eines Agens offen, »das sich von einem Menschen auf den andern übertragen lasse und oftmals auf diesen letzteren eine sichtliche Einwirkung übe«. Welcher Art dieses Fluidum sei, ob magnetisch oder psychisch oder elektrisch, darüber wagt dieser redliche Empiriker keinerlei selbstherrliche Vermutung. Möglicherweise, sagt er, könne es die Lebenskraft selbst sein, die »force vitale«, aber jedenfalls, eine Kraft sei hier unzweifelhaft im Spiele, und es wäre die Pflicht vorurteilsloser Gelehrter gewesen, dieser Kraft und dieser Wirkung nachzugehen, statt mit einem verschwommenen und vagen Wort wie Imagination ein erstmalig zutage tretendes Phänomen von vornherein zu leugnen. Eine so unerwartete Rückendeckung durch einen völlig unparteiischen Mann bedeutet für Mesmer einen gewaltigen moralischen Rückhalt. Nun ergreift er selbst die Offensive, richtet eine Beschwerde an das Parlament, daß die Kommission sich bei ihrer Begutachtung einzig an Deslon gewandt habe, statt ihn, den wahren Entdecker der Methode, zu befragen, und verlangt eine neue unvoreingenommene Untersuchung. Aber die Akademie, glücklich, den peinlichen Fall endlich abgeschoben zu haben, antwortet mit keinem Wort. Von dem Augenblick, da sie ihr Votum in Druck gegeben, ist nach ihrer Meinung die Anregung, die Mesmer der Wissenschaft gegeben, unwiderruflich erledigt.

Jedoch in dieser Affäre hat die Pariser Akademie nun schon einmal eine unglückliche Hand. Denn gerade in dem Augenblick, da sie das unerwünschte und unerkannte Phänomen der Suggestion bei der medizinischen Tür hinausgeworfen hat, kommt es bei der psychologischen wieder herein. Eben das Jahr 1784, in dem sie das zauberverdächtige Naturheilverfahren mit ihrem Gutachten hinzurichten meint, ist in Wahrheit das Geburtsjahr der modernen Psychologie: denn eben in diesem Jahre entdeckt Mesmers Schüler und Mithelfer Puységur das Phänomen des künstlichen Somnambulismus und hebt damit die unterirdischen Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele in neues Licht.

Der Mesmerismus ohne Mesmer

Immer erweist sich das Leben einfallsreicher als jeder Roman. Kein Künstler hätte für das tragische Mißgeschick, das Mesmer ein Leben lang und weit über den Tod hinaus unerbittlich verfolgt hat, ein ironischeres Symbol erfinden können, als daß dieser verzweifelte Sucher und Versucher gerade seine entscheidendste Entdeckung nicht selber entdeckt, daß also, was man seitdem Mesmerismus nennt, weder die Lehre des Franz Anton Mesmer ist noch sein Fund. Gerade diejenige Kraftäußerung, die für die Kenntnis der seelischen Dynamik entscheidend geworden ist, er hat sie zwar als erster hervorgerufen, aber ? Verhängnis! ? er bemerkt sie nicht. Er sieht sie, und zugleich übersieht er sie. Da aber nach allgemein gültigem Übereinkommen eine Entdeckung nicht jenem zugehört, der sie vorbereitet, sondern dem, der sie festhält und formuliert, so fällt der Ruhm, zum erstenmal durch Hypnose die seelische Beeinflußbarkeit des Menschen bewiesen und damit jenes ungeheure Zwischenreich zwischen Bewußt und Unbewußt aufgehellt zu haben, nicht Mesmer zu, sondern seinem getreuen Schüler, dem Grafen Maxime de Puységur. Denn in dem fatalen Jahre 1784, da Mesmer um seine geliebten Windmühlen, um das magnetische Fluid, sich mit Akademieen und gelehrten Gesellschaften herumschlägt, veröffentlicht dieser Schüler einen durchaus sachlichen, vollkommen nüchternen »Rapport des cures opérées à Bayonne par le magnétisme animal, adressé à M. labbé de Poulanzet, conseiller-clerc au parlament de Bordeaux, 1784«, der an unleugbaren Tatsachen eindeutig klarmacht, was der metaphysische Deutsche vergebens im Kosmischen und seiner mystischen Allflut gesucht.

Die Experimente Puységurs sprengen von ganz unvermuteter Seite den Eingang zur seelischen Welt. Von den frühesten Zeiten her, im Mittelalter wie im Altertum, hatte die Wissenschaft mit immer neuem Staunen die Erscheinung des Mondsüchtigen, des somnambulen Menschen als ein Geschehnis außerhalb der Regel betrachtet. Immer wieder wird ja unter Hunderttausenden oder Millionen normaler Naturen einer dieser sonderbaren Nachtwandler geboren, der, im Schlaf vom Mondblick getroffen, geschlossenen Auges von seinem Bette aufsteht, geschlossenen Auges, ohne zu sehen, ohne zu tasten, Treppen und Leitern zum Dach emporsteigt, dort die halsbrecherischesten Kanten, Dächer und Firste mit geschlossenen Lidern überklettert und dann wieder zu seinem Ruhelager zurückkehrt, ohne am nächsten Tage die geringste Ahnung und Erinnerung an seine nächtliche Irrfahrt ins Unbewußte zu empfinden. Vor diesem einen augenfälligen Phänomen versagten bis zu Puységur alle Erklärungen. Geisteskranke konnte man diese Art Menschen nicht nennen, denn im wachen Zustand übten sie tüchtig und verläßlich ihr Handwerk. Als Normale konnte man sie gleichfalls nicht ansehen, widersprach doch ihr Verhalten im somnambulen Schlaf allen gültigen Gesetzen der Naturordnung; denn wenn ein solcher Mensch mit geschlossenen Augen im Dunkel schreitet und doch mit geschlossenen Lidern, mit völlig verdeckter Pupille, ohne waches Tagauge die kleinsten Unebenheiten bemerkt, wenn er die gefährlichsten Steige (die er wach nie bewältigen würde) in nachtwandlerischer Sicherheit dahinschreitet, wer führt ihn da, daß er nicht fällt? Wer hält ihn, wer erhellt ihm den Sinn? Welche Art inneres Auge hinter den geschlossenen Lidern, welcher andere antinormale Sinn, welcher »sens intérieur», welches »second sight« führt diesen Wachträumer oder Traumwachen wie einen geflügelten Engel über alle Fährnisse hinweg? So fragten sich immer wieder die Gelehrten seit dem Altertum: tausend, zweitausend Jahre lang stand hier der forschende Geist vor einem jener magischen Lebensspiele, wie sie die Natur immer wieder von Zeit zu Zeit in die geregelte Ordnung der Dinge wirft, als wollte sie mit einer solchen unfaßbaren Abweichung von ihren sonst allgültigen Gesetzen die Menschheit wieder an die Ehrfurcht vor dem Irrationalen erinnern.

Da plötzlich, sehr unbequem und unerwünscht, stellt ein Schüler dieses verteufelten Mesmer und nicht einmal ein Arzt, sondern ein simpler Liebhabermagnetiseur, durch unwiderlegbare Experimente fest, daß diese Erscheinung des Dämmerzustandes kein einmaliger Lapsus im Arbeitsplan der Natur sei, keine isolierte Abweichung wie ein Kind mit einem Ochsenkopf oder siamesische Zwillinge innerhalb der Myriadenreihe der menschlichen Normalität, sondern ein organisches Gruppenphänomen, und ? noch wichtiger und noch peinlicher! ? daß man diesen somnambulen Zustand der Willensauflösung und des unbewußten Tuns im magnetischen (wir sagen: hypnotischen) Schlafe fast bei allen Menschen künstlich hervorrufen könne. Puységur, ein vornehmer, reicher, der Mode entsprechend höchst philanthropisch gesinnter Graf, war schon früh und sehr leidenschaftlich für die Lehre Mesmers gewonnen worden. Aus humanem Dilettantismus, aus philosophischer Neugier übt er ohne Entgelt auf seinem Landgut von Buzancy magnetische Kuren nach den Vorschriften des Meisters. Seine Kranken sind durchaus keine hysterischen Marquisen und dekadente Aristokraten, sondern Kavalleriesoldaten, Bauernjungen, grober, gesunder, unneurasthenischer (und darum doppelt wichtiger) Versuchsstoff. Wieder einmal hat sich eine Reihe Heilbedürftiger an ihn gewandt, und der philanthropische Graf müht sich, der mesmerischen Vorschrift getreu, bei seinen Kranken möglichst heftige Krisen zu erzeugen. Aber auf einmal erstaunt, ja erschrickt er. Denn ein junger Schäfer namens Victor, statt auf die angewandte magnetische Streichung mit den erwarteten Zuckungen, Konvulsionen und Krämpfen zu antworten, wird ganz simpel müde und schläft friedlich unter seinen streichenden Händen ein. Da dieses Verhalten der Regel zuwiderläuft, nach welcher der Magnetiseur doch vor allem Konvulsionen hervorrufen soll und nicht Schlaf, versucht Puységur, den Tölpel aufzurütteln. Aber vergebens! Puysegur schreit ihn an ? der Bursche rührt sich nicht. Er schüttelt ihn, aber sonderbar, dieser Bauernjunge schläft einen ganz anderen Schlaf als den normalen. Und plötzlich, als er ihm nochmals anbefiehlt, aufzustehen, steht der Bursche wirklich auf, beginnt ein paar Schritte zu gehen, aber mit geschlossenen Augen. Trotz der geschlossenen Lider benimmt er sich vollkommen wie ein Wacher, wie ein Vollsinniger, ohne daß der Schlaf von ihm gewichen wäre. Er ist am hellichten Tage ein Somnambuler, ein Schlafwandler geworden. Verblüfft sucht Puységur nun mit ihm zu sprechen, ihn auszufragen. Und siehe, der Bauernjunge antwortet aus seinem Traumzustand vollkommen klug und klar auf jede Frage, und sogar noch in einer gewählteren Sprache als sonst. Puységur, erregt über das neuartige Geschehnis, wiederholt das Experiment. Und in der Tat: nicht nur bei dem jungen Schäfer gelingt es, solches Schlafwachen, solchen Wachschlaf durch magnetische (richtiger suggestive) Behandlung zu erzwingen, sondern auch an einer ganzen Reihe anderer Personen. Puységur, leidenschaftlich von der unerwarteten Entdeckung gepackt, setzt seine Versuche jetzt mit doppeltem Eifer fort. Er gibt sogenannte posthypnotische Befehle, das heißt, er befiehlt dem im Schlafzustand Befindlichen nach seinem Erwachen bestimmte Handlungen vorzunehmen. Und tatsächlich, die Medien führen auch bei zurückgekehrtem normalem Bewußtsein die ihnen im somnambulen Zustand gegebenen Aufträge vollkommen befehlentsprechend aus. Nun braucht Puységur nur in seiner Broschüre die erstaunlichen Vorgänge aufzuzeichnen, und der Rubikon zur modernen Psychologie ist überschritten, das Phänomen der Hypnose erstmalig fixiert.

Selbstverständlich trat bei Puységur die Hypnose nicht zum erstenmal in der Welt in Erscheinung, sondern nur zum erstenmal in bewußte Erscheinung. Schon Paracelsus berichtet, daß in einem Kärntner Kloster die Mönche die Aufmerksamkeit der Kranken bei der Behandlung durch blitzende Gegenstände ablenkten; im Altertum finden sich seit Apollonius von Tyana Spuren hypnotischen Verfahrens. Jenseits der menschlichen Bezirke, im Tierreich, war der festhaltende und Erstarren verursachende Blick der Schlange längst bekannt, und selbst das mythologische Symbol der Meduse, was bedeutet es andres als Lähmung des Willens durch suggestive Gewalt? Nur war diese Zwangslähmung der Aufmerksamkeit noch niemals als Methode angewendet worden, nicht einmal von Mesmer selbst, der sie durch sein Bestreichen und Fixieren unzähligemal unbewußt geübt. Oftmals war ihm zwar aufgefallen, daß manche seiner Patienten unter seinem Blick oder seinen Streichungen plötzlich schwere Augen bekamen, gähnten, erschlafften, daß ihre Lider nervös zu zittern begannen, sich langsam senkten; sogar der zufällige Zeuge Jussieu schildert in seinem Bericht einen solchen Fall, wie ein Patient mit geschlossenen Augen plötzlich aufsteht, andere Patienten magnetisiert, mit geschlossenen Augen wieder zurückschreitet, sich still auf seinen Platz setzt, ohne von seiner eigenen Tätigkeit etwas zu ahnen, Traumwandler am hellen Tage. Dutzendmal, hundertmal vielleicht hat Mesmer in den vielen Jahren seiner Praxis solches Erschlaffen gesehen, solches In-sich-selbst-Hinabsinken und Fühlloswerden. Da er aber einzig die Krise suchte, einzig die Konvulsion als Heilungsmittel zu erzwingen anstrebte, sah er an solchen merkwürdigen Dämmerzuständen beharrlich vorbei. Hypnotisiert von seiner Idee des Allfluids, indes er selbst hypnotisiert, starrt dieser Mensch des Mißgeschicks immer nur auf diesen einen Punkt und verliert sich in seiner Theorie, statt nach Goethes allerweisestem Worte zu handeln: »Das Höchste wäre zu begreifen, daß alles Faktische schon Theorie ist. Man suche nicht hinter den Phänomenen, sie sind selbst die Lehre.« So übersieht Mesmer den Königsgedanken seines Lebens, und derart fällt, was der kühne Vorausgänger gesät, einem anderen als Ernte zu. Das entscheidende Phänomen der »Nachtseite der Natur«, das hypnotische, hat ihm sein Schüler Puységur unter der Hand wegentdeckt. Und strenggenommen heißt der Mesmerismus darum gewissermaßen ebenso ungerechterweise nach Mesmer wie Amerika nach Amerigo Vespucci.

Die Weitwirkung dieser einen, scheinbar winzigen Beobachtung aus Mesmers Werkstätte hat sich für die Zukunft als kaum übersehbar erwiesen. Über Nacht hat sich der Beobachtungsraum nach innen erweitert, gleichsam eine dritte Dimension ist gefunden. Denn indem an diesem simplen Bauernjungen in Buzancy festgestellt wird, es gebe in der menschlichen Denkwelt zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Schlaf und Wachen, zwischen Vernunft und Trieb, zwischen Wollen und Willenszwang, zwischen Bewußt und Unbewußt noch eine ganze Anzahl gleitender, schwankender, schwebender Zustände, ist eine erste Differenzierung jener Sphäre eingeleitet, die wir Seele nennen. Jenes an sich höchst geringfügige Experiment legt unwiderleglich dar, daß selbst die ungewöhnlichsten, die scheinbar meteorisch aus dem Raum der Natur herausstürzenden Seelenphänomene ganz bestimmten Normen gehorchen. Schlaf, bisher einzig als negativer Zustand, als Abwesenheit des Wachseins und darum als schwarzes Vakuum empfunden, verrät in diesen neu entdeckten Zwischenstufen des Wachschlafes und Schlafwachens, wieviel geheime Kräfte im menschlichen Gehirn jenseits der bewußten Vernunft tätig gegeneinander spielen, und daß gerade durch die Ablenkung der zensurierenden Bewußtheit das seelische Leben sichtbarer in Erscheinung tritt ? ein Gedanke, hier nur unbeholfen angedeutet, den die Psychoanalyse hundert Jahre später zu schöpferischer Entfaltung bringt. Alle geistigen Erscheinungen erhalten durch diese Umschaltung auf das Unbewußte einen vollkommen neuen Sinn, unzählige Anregungen drängen nach durch die mehr dank eines Zufalls als durch wissende Menschenhand aufgerissene Tür ? »durch den Mesmerismus ist man zum erstenmal genötigt, die Phänomene der Konzentration und Dekonzentration, der Müdigkeit, Aufmerksamkeit, der Hypnose, der nervösen Krisen, der Simulation zu untersuchen, die dann alle zusammen die moderne Psychologie darstellen« (Pierre Janet). Zum erstenmal kann die Menschheit vieles, was ihr bisher als übersinnlich und magisch galt, mit klaren Sinnen als logisch begreifen.

Diese plötzliche Erweiterung des inneren Weltraumes durch die winzige Beobachtung Puységurs erregt sofort maßlose Begeisterung bei allen Zeitgenossen. Und es fällt schwer, die geradezu unheimlich schnelle Wirkung zu schildern, die der »Mesmerismus« als die erste Kenntnis von bisher okkulten Phänomenen bei allen Gebildeten Europas hervorruft. Eben war die Herrschaft über die Ätherwelt durch Montgolfier errungen und durch Lavoisier die chemische Ordnung der Elemente neu entdeckt; jetzt war dazu noch ein erster Einbruch ins Übersinnliche gelungen: kein Wunder, daß überschwengliche Hoffnung die ganze Generation ergreift, nun endlich werde dies Urgeheimnis Seele sich gänzlich enthüllen. Dichter und Philosophen, die ewigen Geometer der geistigen Reiche, sind die ersten, die, kaum daß die unbekannten Ufer erkundet sind, vordringen in die neuen Kontinente: eine dunkle Ahnung sagt ihnen, wieviel unerschlossene Schätze aus dieser Tiefe zu heben sind. Nicht mehr in Druidenhainen, in Femehöhlen und Hexenküchen sucht die Romantik das Romantische und Außerordentliche, sondern in diesen neuen sublunaren Sphären zwischen Traum und Wachheit, zwischen Willen und Willenszwang. Von allen deutschen Dichtern fühlt sich der stärkste, der tiefsichtigste, Heinrich von Kleist, am gewaltigsten von dieser »Nachtseite der Natur« angeblickt. Da wesensgemäß jeder Abgrund ihn anzieht, so ergibt er sich völlig der Lust, sich schöpferisch in diese Tiefen zu werfen und gerade die schwindligen Zustände auf der Kippe zwischen Wachen und Traum dichterisch darzustellen. Mit einem Ruck, mit der für ihn typischen Stoßkraft dringt er gleich bis in die untersten Geheimnisse der Psychopathologie vor. Niemals ist ein Dämmerzustand genialer geschildert worden als in der »Marquise von O.«, niemals Darstellungen von Somnambulismus gleichzeitig so klinisch vollkommen und zugleich differenziert erdichtet wie im »Käthchen von Heilbronn« und im »Prinzen von Homburg«. Während Goethe, damals schon bedächtig, nur mit gemessener Neugier von fern die neuen Funde verfolgt, drängt die Jugend, die Romantik leidenschaftlich heran. E. T. A. Hoffmann, Tieck und Brentano, in der Philosophie Schelling, Hegel, Fichte bekennen sich leidenschaftlich zu dieser umwälzenden Auffassung, Schopenhauer findet im Mesmerismus das entscheidende Argument für das zu beweisende Primat des Willens über die wache Vernunft. In Frankreich gibt Balzac in seinem »Louis Lambert«, seinem persönlichsten Buche, geradezu eine Biologie der weltgestaltenden Willenskraft und beklagt, daß die Größe der Entdeckung Mesmers ? »si importante et si mal appréciée encore« ? noch nicht überall durchgedrungen sei. Jenseits des Meeres schafft in kristallischer Klarheit Edgar Allan Poe die klassische Novelle der Hypnose. Man sieht: wo immer die Wissenschaft eine Ritze in der schwarzen Geheimniswand des Weltalls aufreißt, strömt wie ein farbiges Gas sofort die Phantasie der Dichter ein und belebt die neuerschlossene Sphäre mit Geschehnis und Gestalten, immer beginnt ? Freud das Beispiel in unseren Tagen! ? mit der Erneuerung der Psychologie auch eine neue psychologische Literatur. Und wäre auch jedes Wort, jede Theorie, jeder Gedanke Mesmers hundertmal falsch gewesen (was noch sehr zu bezweifeln ist), so hat er doch schöpferischer als alle Gelehrten und Forscher seiner Zeit die Wegrichtung einer kommenden und längst notwendigen Wissenschaft gewiesen, indem er den Blick des nächsten Geschlechts dem Geheimnis des Seelischen entgegenlenkt.

Die Tür ist aufgestoßen, Licht flutet herein in einen noch niemals wissend erhellten Raum. Aber es geschieht wie immer: kaum daß irgendwo eine Pforte zum Neuen sich auftut, so drängt mit den ernsten Forschern gleichzeitig schon ein wirrer Klüngel von leichtfertig Neugierigen, von Schwärmern, Narren und Schwindlern hinein. Denn heilig und gefährlich zugleich eignet der Menschheit der Wahn, sie könne mit einem Ruck und Sprung die Grenzen des Irdischen überschreiten und sich dem Weltgeheimnis verbinden. Wird ihr irgendwo nur um einen Zoll der Wissensraum erweitert, so hofft ihre vertrauensselige Ungenügsamkeit immer schon, mit dieser einzelnen Erkenntnis bereits den Schlüssel zum ganzen Universum zu halten. So auch diesmal. Kaum ist die Tatsache aufgedeckt, daß im künstlich erregten Schlaf ein Hypnotisierter Fragen beantworten könne, so glaubt man schon, Medien könnten alle Fragen beantworten. In gefährlicher Übereilung werden die Traumseher sofort zu Hellsehern erklärt, Wach-Träume gleichgesetzt mit prophetischen Wahr-Träumen. Ein anderer, ein tieferer, der sogenannte »innere« Sinn des Menschen werde an dieser Bezauberung wach. »In dem magnetischen Hellsehen bekommt jener Geist des Instinkts, der den Vogel über das Meer führt, in ein Land, das er nie sah, des Instinkts, der das Insekt zu prophetischem Wirken für die Brut treibt, die noch nicht geboren ist, verständliche Sprache: er steht unseren Fragen Rede und Antwort« (Schubert). Wörtlich verkünden die Übertreiber des Mesmerismus, »in dem Krisenzustand können die Somnambulen die Zukunft schauen, ihre Sinne können sich auf jede Distanz hin in allen Richtungen ausdehnen«. Sie können wahrsagen, weissagen, durch Introspektion (eine besondere Art des Insichschauens) in diesem Zustand das Innere ihres eigenen und jedes fremden Leibes wahrnehmen und daher Krankheiten unfehlbar diagnostizieren. Sie können unbelehrt in der Trance Lateinisch, Hebräisch, Aramäisch und Griechisch reden, nie gehörte Namen nennen, die schwierigsten Rechenaufgaben spielend lösen; ins Wasser geworfen, gehen Somnambulen angeblich nicht unter; ihr Wahrsagegeist vermag Bücher, die ihnen geschlossen und versiegelt auf den nackten Körper gelegt werden, »mit der Herzgrube« zu lesen; sie können gleichzeitige Vorgänge in anderen Weltteilen mit tagheller Deutlichkeit schauen, vor Jahrzehnten begangene Verbrechen durch ihr Geträume entlarven ? kurzum, kein Hokuspokus ist zu absurd, daß man sich ihn von den Medien nicht vorzaubern ließe. Man führt die Somnambulen in Keller, in denen angeblich Schätze verborgen sind, und gräbt sie bis zur Brust in die Erde, damit ihr medialer Kontakt Gold oder Silber auffinde. Oder man stellt sie mit verbundenen Augen mitten in eine Apotheke, damit sie dank ihres »höheren« Sinnes die rechte Medizin für den Kranken ahnen, und siehe, sie wählen blind unter den Hunderten von Arzneien die einzig wohltätige. Das Unglaublichste wird unbedenklich den Medien zugeschrieben, alle okkulten Phänomene und Praktiken, die noch heute in unserer wachen Welt geistern, das Hellsehen, Gedankenlesen, die spiritistische Geisterbeschwörung, die telepathischen und teleplastischen Künste, sie alle stammen aus jenem Anfangsenthusiasmus für die »Nachtseite der Natur«. Es dauert nicht lange, und ein neuer Beruf kommt in Schwung: der professionelle Somnambule. Und da ein Medium um so höher eingeschätzt wird, je verblüffendere Offenbarungen es produziert, so steigern Taschenspieler und Simulanten auf kaltem Wege durch Tricks und Betrug ihre »magnetischen« Kräfte ins Ungeheuerliche. Bereits zu Mesmers Zeit beginnen jene famosen spiritistischen Abendunterhaltungen im verdunkelten Zimmer mit Julius Cäsar und den Aposteln; kräftig werden Geister beschworen und »realisiert«. Alle Leichtgläubigen, alle Faselhänse und Verkehrtreligiöse, alle Halbdichter wie Justinus Kerner und Halbgelehrten wie Ennemoser und Kluge behaupten und beschwören Wunder über Wunder des künstlichen Schlafwachens; höchst begreiflich darum, daß vor ihren lauten und wirklich oft läppischen Überspanntheiten die Wissenschaft erst ungläubig die Achseln zuckt und sich schließlich verärgert abwendet. Allmählich wird der Mesmerismus im neunzehnten Jahrhundert zu einer verrufenen Sache. Immer macht zu viel Lärm um einen Gedanken ihn nicht verständlich. Und nichts treibt jede schöpferische Idee in ihrer Wirkung verhängnisvoller zurück als ihre Übertreibung.

Heimkehr in Vergessenheit

Armer Mesmer! Niemand ist über den tumultuarischen Einbruch des nach ihm benannten Mesmerismus entsetzter als er selbst, der unschuldige Wortvater. Wo er redlich eine Heilmethode aufzuforsten suchte, tobt und stampft jetzt in maßloser Verzückung ein bacchantischer Schwärm leichtfertiger Nekromanten, Pseudomagier und Okkultisten, und durch die unselige Namensgebung Mesmerismus fühlt Mesmer sich für den moralischen Flurschaden verantwortlich. Vergebens wehrt sich der Schuldig-Unschuldige gegen die ungerufenen Nachfolger: »In dem Leichtsinn, in der Unvorsichtigkeit derjenigen, welche meine Methode nachahmen, liegt die Schuld vieler Vorurteile, die sich gegen mich erhoben haben.« Aber wie seine eigenen Übertreiber dementieren? Seit 1785 ist der »animalische Magnetismus« Mesmers überrannt und erschlagen vom Mesmerismus, seinem brutaleren Bastard. Was die vereinten Feinde, Akademie und Wissenschaft, nicht zustande gebracht, haben seine wüsten und lärmenden Nachtreter glücklich erreicht: für Jahrzehnte gilt Mesmer jetzt als leichtfertiger Gaukler und Erfinder einer Jahrmarkt-Scharlatanerie.

Vergebens protestiert, vergebens kämpft ein paar Jahre der lebendige Mensch Mesmer gegen das Mißverständnis Mesmerismus: aber immer behält der Irrtum von Tausenden gegen einen einzelnen recht. Alle sind jetzt gegen ihn: seine Feinde, daß er zu weit gegangen, seine Freunde, daß er ihre Übertreibungen nicht mit übertreibt, und vor allem verläßt ihn die bisher so hilfreiche Zeit. Die Französische Revolution schwemmt mit einem Ruck Mesmers jahrzehntelange Arbeit in Vergessenheit. Eine Massenhypnose, weit wilder als die Konvulsionen vor dem Baquet, schüttelt das ganze Land, jetzt nimmt statt Mesmers bloß magnetischen die Guillotine ihre unfehlbaren Stahlkuren vor. Jetzt haben sie keine Zeit mehr, die Prinzen und Herzoginnen und aristokratischen Philosophen, geistreich über das Fluid zu plaudern, zu Ende sind die Séancen in den Schlössern und die Schlösser selbst zerstört. Freunde und Feinde, die Königin und den König, Bailly und Lavoisier, fällt das gleiche geschliffene Eisen. Nein, vorbei ist die Zeit, da man sich philosophisch über Heilmagie und ihre Meister erregte, jetzt denkt die Welt nur an Politik und vor allem an den eigenen Kopf. Mesmer sieht seine Klinik veröden, das Baquet verlassen, die mühsam verdiente Million Franken zerblättern zu wertlosen Assignaten, nichts bleibt ihm als das nackte Leben, und selbst dieses erscheint bedroht. Bald wird ihn das Schicksal seiner deutschen Landsleute Trenck, Cloots, Kellermann, Adam Lux belehren, wie locker ein ausländischer Kopf während des Terrors an seinem Halsknorpel hängt, und daß ein Deutscher besser tut, seinen Aufenthalt zu wechseln. So schließt Mesmer sein Haus und flüchtet im Jahr 1792, völlig verarmt und vergessen, vor Robespierre aus Paris.

Hic incipit tragoedia. Über Nacht aus Ruhm und Reichtum gerissen, achtundfünfzigjährig und allein, verläßt ein enttäuschter müder Mann die Stätte seiner europäischen Triumphe und weiß nicht, was beginnen und wo sein Haupt zur Ruhe legen. Die Welt braucht, die Welt will ihn plötzlich nicht mehr, ihn, den sie gestern noch wie einen Heiland gefeiert und mit allen Ehren und Huldigungen überschüttet. Ist es nicht ratsamer, jetzt in der stillen Heimat am Bodensee bessere Zeiten abzuwarten? Aber dann erinnert er sich, daß er in Wien noch ein Haus hat, das ihm durch den Tod seiner Frau zugefallen ist, das schöne Haus auf der Landstraße; dort hofft er die rechte Rast für sein Alter und sein Studium zu finden. Fünfzehn Jahre, so meint er, müssen doch genügen, um auch den heißesten Haß müde zu machen. Die alten Ärzte, seine Feinde von einst, liegen längst im Grab, Maria Theresia ist gestorben und zwei Kaiser nach ihr, Joseph II. und Leopold ? wer denkt da noch an die unglückselige Affäre des Fräuleins Paradies!

So glaubt er, in Wien auf Ruhe hoffen zu dürfen, der alte Mann. Aber die hochlöbliche Hofpolizeistelle Wien hat ein gutes Gedächtnis. Kaum angelangt, am 14. September 1793, wird »der berüchtigte Arzt« Doktor Mesmer schleunigst vorgeladen und nach seiner »vorhergehenden Ubikation« befragt. Da er angibt, nur in Konstanz und »dasiger Gegend« gewesen zu sein, werden sofort im Amtssprengel Freiburg »sachdienliche Erkundigungen« über seine »bedenklichen Gesinnungen« eingezogen, der altösterreichische Amtsschimmel beginnt zu wiehern und setzt sich in Trab. Leider treffen vom Stadthauptmann in Konstanz günstige Nachrichten ein, daß Mesmer sich dort »untadelhaft betragen« und »sehr einsam gelebt« und »niemand in bezug auf irrig gefährliche Grundsätze« etwas bemerkt habe. So muß man warten, um ihm, wie seinerzeit im Falle des Fräuleins Paradies, einen festeren Strick zu drehen. Tatsächlich, es dauert nicht lange, und bald wird eine neue Affäre aufgezäumt. Im Hause Mesmers wohnt im Gartenpavillon eine Prinzessin Gonzaga. Als höflicher, wohlerzogener Mann macht Dr. Mesmer dieser seiner Mieterin einen Anstandsbesuch. Da er aus Frankreich kommt, spricht die Prinzessin natürlich über die Jakobiner und äußert sich über sie in denselben Ausdrücken, wie man heute in denselben Kreisen von russischen Revolutionären spricht. In ihrer Entrüstung bezeichnet sie ? ich zitiere wörtlich den französisch verfaßten Spitzelbericht ? »ces gueux comme des régicides, des assassins, des voleurs«. Mesmer nun, obgleich selbst vor dem Terror geflüchtet und obwohl er sein ganzes Vermögen durch die Revolution verloren hat, findet als geistiger Mensch solche Definierungen einer welthistorischen Kulturbegebenheit doch etwas zu simpel und sagt etwa, schließlich kämpften diese Leute doch für die Freiheit, und sie seien persönlich keine Diebe, sie besteuerten eben die Reichen zugunsten des Staates, und Steuern hebe der Kaiser ja schließlich auch ein. Die arme Prinzessin Gonzaga fällt beinahe in Ohnmacht. Da ist ja ein leibhaftiger Jakobiner im Hause! Kaum daß Mesmer die Türe zuklinkt, stürzt sie mit der Schreckensnachricht zu ihrem Bruder, dem Grafen Ranzoni, und zum Hofrat Stupfel; gleich ist auch (wir sind in Altösterreich) ein Naderer zur Stelle, ein angeblicher »Chevalier« Desalleur, den der Polizeibericht freilich nur als einen »gewissen« Desalleur bezeichnet (sie dürfte mehr von ihm wissen). Dieser Spitzel sieht eine herrliche Gelegenheit, ein paar Bankozettel zu verdienen, und schreibt sofort einen submissesten Bericht an die allerhöchste Kabinettskanzlei. Dort beim Grafen Colloredo das gleiche aschgraue Entsetzen: ein Jakobiner in der braven Stadt Wien! Kaum kehrt Seine Majestät, der Gotterhaltekaiser Franz, von der Jagd zurück, so übermittelt man ihm schonend die furchtbare Nachricht, daß ein Anhänger »der französischen Zügellosigkeit« in seiner Residenz hause, und Seine Majestät »resolviert« sofort, daß eine genaue Untersuchung anzustellen sei. So wird »mit Vermeidung alles Aufsehens« am 18. November der arme Mesmer in einen abgesonderten Arrest des Polizeihauses gebracht.

Aber wieder einmal zeigt sich, wie dumm man tut, voreilig Spitzelberichten zu trauen. Der Immediatbescheid der Polizei an den Kaiser erweist sich als reichlich lendenlahm, denn es »erhellet aus der gepflogenen Untersuchung, daß Mesmer jener staatsgefährlichen frechen Reden weder geständig noch derselben auf rechtsbeständige Art überwiesen sei«, und recht kläglich schlägt in seinem »alleruntertänigsten Vortrag« der Polizeiminister Graf Pergen vor, daß Mesmer »mit einer nachdrücklichen Warnung und scharfem Verweise zu entlassen sei«. Was bleibt da dem Kaiser Franz übrig, als die »allerhöchste Resolution« zu verlautbaren: »Mesmer ist des Arrestes zu entlassen und, da selber selbst sich äußert, von hier in die Gegend seines Geburtsortes baldigst abzureisen, so ist darauf zu wachen, daß solcher alsogleich abreise und sich während der Zeit seines noch so kurzen Aufenthaltes in keine verdächtigen Reden einlasse.« Aber bei dieser Entscheidung fühlt sich die hochlöbliche Polizei nicht sehr wohl. Schon vorher hatte der Minister mitgeteilt, daß die Verhaftung Mesmers »bey seinen Partheygängern, deren er hier mehrere hat, nicht geringe Bewegung verursache«; nun fürchtet man, Mesmer werde öffentliche Beschwerde gegen die infame Behandlung einlegen. So verfaßt »ad mandatum Excellentissimi« die Polizeihofstelle noch folgendes Aktenstück zur Vertuschung der Affäre, das als Musterbeispiel altösterreichischen Kurialstils in ein Museum gehört. »Da Mesmers Entlassung nicht für einen Beweis seiner Unschuld gelten kann, indem er durch die gekünstelte Verdrehung angezeigtermaßen von ihm geäußerter bedenklicher Reden sich keineswegs von dem gegen ihn zurückbleibenden Verdacht ganz gereinigt hat, derohalben auch mit der wirklichen Ankündigung des consilii abeundi bloß in der Rücksicht verschonet worden ist, weil er sein Vorhaben, ohne Verschub sich wegbegeben zu wollen, von selbst dringend vorgestellet hat: so ist zu erkennen zu geben, daß die Eindruckung nicht statthabe, auch Mesmer wohl tuen würde, von irgendeiner öffentlichen Rechtfertigung abzustehen und vielmehr die gelinde Behandlung, so ihm widerfuhr, zu erkennen.« Die »Eindruckung«, die Veröffentlichung findet also nicht statt, die Affäre wird vertuscht, und zwar so gründlich, daß man hundertzwanzig Jahre von diesem abermaligen Hinauswurf Mesmers aus Wien nichts erfuhr. Aber die Fakultät darf zufrieden sein: jetzt ist der unbequeme Medikus für immer in Österreich erledigt.

Wohin nun, alter Mann? Das Vermögen ist verloren, in der Heimat Konstanz lauert die kaiserliche Polizei, in Frankreich tobt der Terror, in Wien wartet das Stockhaus. Krieg, unaufhörlicher, mitleidsloser Krieg aller Nationen gegen alle flutet vor und wieder zurück über alle Grenzen. Und ihn, den greisen geprüften Forscher, den verarmten vergessenen Mann, ekelt dieser tolle Tumult der Welt. Er will nur Stille und eine Handvoll Brot, um sein begonnenes Werk in immer erneuten Versuchen zu erproben und der Menschheit endlich seine geliebte Idee offenbar zu machen. So flüchtet Mesmer in das ewige Asyl des geistigen Europas, in die Schweiz. Irgendwo in einem kleinen Kanton, in Frauenfeld, läßt er sich nieder und übt, um sein Leben zu fristen, ärmliche Praxis. Jahrzehntelang lebt er dort im Dunkel, und niemand in dem winzigen Kantönli ahnt, daß der grauhaarige stille Mann, der dort an Bauern, Käsern, Schnittern und Dienstmägden seine medizinische Kunst ausübt, derselbe Dr. Franz Anton Mesmer ist, den Kaiser und Könige bekämpft und umworben, in dessen Räumen sich der Adel und die Ritterschaft Frankreichs gedrängt, gegen den sämtliche Akademieen und Fakultäten Europas sich ereifert und über dessen Lehre Hunderte von Schriften und Broschüren in allen Sprachen gedruckt und geschrieben wurden, mehr wahrscheinlich als über irgendeinen seiner Zeitgenossen, selbst Rousseau und Voltaire. Keiner seiner vormaligen Schüler und Getreuen sucht ihn auf, und wahrscheinlich hat all diese Jahre des Dunkels kein einziger seinen Namen und seinen Aufenthalt gewußt, so völlig duckt sich der Einsame in den Schatten dieses kleinen entlegenen Bergdorfs und verbringt dort unablässig wirkend die schwere napoleonische Zeit. In der ganzen Weltgeschichte findet sich kaum ein Beispiel, daß ein Mann derart plötzlich vom rauschendsten Wellenrücken des Ruhms so tief in den Abgrund der Vergessenheit und der Unauffindbarkeit gestürzt ist; kaum irgendwo in einer Biographie steht die völligste Verschollenheit so nahe dem erstaunlichsten Triumph wie in diesem merkwürdigen und geradezu einzigen Geschick Franz Anton Mesmers.

Nichts aber bewährt besser den Charakter eines Menschen als die Goldprobe des Erfolgs und die Feuerprobe des Unglücks. Nicht frech, nicht prahlerisch während seines unermeßlichen Ruhmes, zeigt sich der alternde Mann in seinem Vergessensein großartig bescheiden und voll stoischer Weisheit. Ohne Gegenwehr, fast möchte man sagen: gern tritt er in das Dunkel zurück und macht nicht den mindesten Versuch, noch einmal die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Vergebens rufen ihn 1803, also nach einem ganzen Jahrzehnt des Verborgenseins, ein paar der treugebliebenen Freunde in das wieder beruhigte und bald kaiserliche Paris zurück, er solle dort seine Klinik wieder auftun, neue Schüler um sich sammeln. Aber Mesmer lehnt ab. Er will nicht mehr Streit, nicht mehr Gezänk und Gerede; er hat seine Idee in die Welt geworfen, möge sie dort schwimmen oder untergehen. In edler Resignation antwortet er: »Wenn ich trotz meiner Anstrengungen nicht so glücklich war, meine Zeitgenossen über ihr eigenes Interesse aufklären zu können, so habe ich doch die innere Befriedigung, meine Pflicht gegen die Gesellschaft erfüllt zu haben.« Nur für sich, still und ungesehen, völlig anonym setzt er seine Versuche fort und fragt nicht mehr, ob sie der lärmenden oder gleichgültigen Welt etwas gelten: die Zukunft und nicht diese Zeit, so ahnt er prophetisch, wird seinem Wirken Gerechtigkeit widerfahren lassen und erst nach seinem Tode seine Idee zu leben beginnen. Keine Ungeduld spricht aus seinen Briefen, keine Klage um den verloschenen Ruhm und das verlorene Geld, sondern nur die heimliche Sicherheit, die jeder großen Geduld zugrunde liegt.

Aber nur irdischer Ruhm kann auslöschen wie ein Licht, nie ein lebendiger Gedanke. Einmal ins Herz der Menschheit gesenkt, überwintert er auch in ungünstigster Zeit, um unvermutet wieder aufzublühen; keine Anregung geht dem ewig neugierigen Geiste der Wissenschaft völlig verloren. Die Revolution, die Napoleonskriege haben die Anhänger Mesmers zersprengt, den Zulauf der Anhänger verscheucht; und oberflächlich betrachtet, möchte man glauben, die noch unreife Saat sei durch den Schritt der militärischen Kolonnen rettungslos zertreten. Doch ganz verborgen wirkt, ohne daß Mesmer, der Vergessene, selber es ahnt, seine ursprüngliche Lehre mitten im Welttumult bei einigen Schweigsamen weiter. Denn wunderbarerweise steigert gerade die Kriegszeit bei nachdenklichen Naturen das Bedürfnis, sich vor der Roheit und Gewalttätigkeit der Umwelt ins Geistige zu flüchten; ewig bleibt das schönste Symbol des wahren Gelehrten Archimedes, der unablenkbar, während die Soldatenrotte schon in sein Haus eindringt, seine Kreise weiterzeichnet. So wie Einstein mitten in unserem Weltkrieg sein die Welt verwandelndes geistiges Prinzip unbeirrt durch die Bestialität der Epoche errechnet, so sinnen, während die Truppen Napoleons quer durch Europa marschieren, die Landkarte alljährlich ihre Farbe ändert, während Dutzende von Königen abgesetzt und neue zu Dutzenden geschaffen werden, ein paar kleine Ärzte in den entlegensten Provinzen über den Anregungen Mesmers und Puységurs und wirken gleichsam im Kellergewölbe der Konzentration in seinem Sinne weiter. Alle diese Männer arbeiten einzeln in Frankreich, in Deutschland, in England, meist wissen sie nicht voneinander, und keiner weiß von Mesmer, dem Verschollenen, und Mesmer nicht von ihnen. Gelassen in ihren Behauptungen, vorsichtig in ihren Schlüssen prüfen und überprüfen sie die von Mesmer klargelegten Tatsachen, und gleichsam unterirdisch, auf dem Wege über Straßburg und durch Lavaters Briefe aus der Schweiz dringt die neue Methode weiter. Besonders in Schwaben und in Berlin mehrt sich das Interesse; der berühmte Hufeland, Leibarzt am preußischen Hofe und Mitglied aller Gelehrtenkommissionen, wirkt persönlich auf den König ein. So beschließt endlich in Berlin eine Kabinettsorder die Ernennung einer Kommission zur neuerlichen Überprüfung des Mesmerismus.

1775 hatte sich Mesmer zum erstenmal an die Berliner Akademie gewandt: man erinnert sich, mit wie kläglichem Erfolg. Nun, da fast vierzig Jahre später, 1812, dieselbe Stelle den Magnetismus zu überprüfen begehrt, ist der eigentliche Anreger des Problems, ist Mesmer schon so völlig vergessen, daß bei dem Wort Mesmerismus niemand mehr an Franz Anton Mesmer denkt. Ganz überrascht blickt die Kommission auf, als plötzlich eines ihrer Mitglieder in der Sitzung den allernatürlichsten Antrag stellt, man möchte doch den Entdecker des Magnetismus, Franz Anton Mesmer, selber nach Berlin berufen, damit er seine Methode rechtfertige und erkläre. Wie, staunen sie da auf einmal alle ? Franz Anton Mesmer lebt noch? Aber warum schweigt er so vollkommen, warum tritt er jetzt, da der Ruhm auf ihn wartet, nicht stolz und triumphierend vor? Niemand kann es sich erklären, daß ein so großer, so weltberühmter Mann sich derart bescheiden und still in die Vergessenheit zurückziehen konnte. Sofort geht eine dringende Einladung an den Kantönliarzt in Frauenfeld, die Akademie mit seinem Besuche zu beehren. Empfang beim König winkt ihm, Aufmerksamkeit ganz Deutschlands, vielleicht sogar triumphale Ehrenrettung nach unsäglich erduldetem Unrecht. Aber Mesmer lehnt ab, er sei zu alt, sei zu müde. Er wolle nicht mehr zurück in den Streit. So wird am 6. September 1812 Professor Wolfart als königlicher Kommissär zu Mesmer entsendet und bevollmächtigt, »den Erfinder des Magnetismus, Herrn Dr. Mesmer, um Mitteilung alles dessen, was zur näheren Bestätigung, Berichtigung und Aufklärung dieses wichtigen Gegenstandes dienen kann, zu ersuchen und den Zweck der Kommission auf seiner Reise möglichst zu fördern«.

Professor Wolfart reist sofort ab. Und nach dreißig Jahren Geheimnis erhalten wir endlich wieder Nachricht von dem verschollenen Mann. Wolfart berichtet:

»Meine Erwartungen sah ich durch die erste persönliche Bekanntschaft mit dem Entdecker des Magnetismus übertroffen. Ich fand ihn in seinem von ihm selbst ausgesprochenen wohltätigen Wirkungskreise beschäftigt. In seinem hohen Alter schien das Umfassende, Helle und Durchdringende seines Geistes, sein unermüdeter, lebendiger Eifer, sich mitzuteilen, sein ebenso leichter als seelenvoller, durch die Behendigkeit der Gleichnisse durchaus eigentümlicher Vortrag sowie die Feinheit seiner Sitten, die Liebenswürdigkeit seines Umgangs um so bewundernswürdiger. Nimmt man dazu einen Schatz positiver Kenntnisse in allen Zweigen des Wissens, wie sie nicht leicht ein Gelehrter vereint, und eine wohlwollende Güte des Herzens, welche sich in seinem ganzen Sein, in seinen Worten, seinen Handlungen und Umgebungen ausspricht, nimmt man dazu noch eine tätige, fast wunderbare Kraft der Einwirkung auf Kranke bei dem durchdringenden Blick oder der bloß still erhobenen Hand, und alles das durch eine edle, Ehrfurcht einflößende Gestalt gehoben, so hat man in den Hauptzügen ein Bild von dem, was ich an Mesmer als Individuum fand.« Ohne Rückhalt schließt Mesmer dem Besucher seine Erfahrungen und Ideen auf, er läßt ihn an Krankenbehandlungen teilnehmen und übergibt seine gesammelten Aufzeichnungen Professor Wolfart, damit er sie der Nachwelt überliefere. Jede Gelegenheit, sich vorzudrängen, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, aber lehnt er mit wirklich prachtvoller Gelassenheit ab. »Da mir nur noch eine kleine Strecke auf dem Pfade meines Lebens zu durchlaufen übrig ist, so kenne ich keine wichtigeren Geschäfte, als den Überrest meiner Tage allein der praktischen Anwendung eines Mittels zu weihen, dessen ungemeinen Nutzen mich meine Beobachtungen und Erfahrungen gelehrt haben, damit mein letztes Wirken die Anzahl der Tatsachen vermehre.« So ist uns nun unvermutet noch ein abendliches Bild dieses merkwürdigen Mannes gegeben, der alle Phasen des Ruhmes, des Hasses, des Reichtums und der Armut und schließlich der Vergessenheit durchmessen, um in voller Überzeugtheit von der Dauer und Bedeutung seines Lebenswerks gelassen und groß dem Tode entgegenzugehen.

Seine letzten Jahre sind die eines Weisen, eines ganz geklärten und geprüften Forschers. Geldsorgen bedrängen ihn nicht mehr, denn die französische Regierung hat ihm eine Rente als Entschädigung für die verlorene Million Franken entwerteter Staatspapiere auf Lebenszeit gewährt. So kann er, unabhängig und frei, in die Heimat zurückkehren, an den Bodensee, und so symbolisch den Kreis des Daseins abschließen. Dort lebt er als eine Art kleiner Landedelmann einzig seiner Neigung, und diese Neigung bleibt bis an sein Ende dieselbe: der Wissenschaft, der Forschung mit immer erneuten Versuchen zu dienen. Hell im Augenlicht, klar im Gehör und lebendig im Geiste bis zum letzten Augenblick, übt er seine magnetische Kraft bei allen, die vertrauend zu ihm kommen; oftmals fährt er mit Pferd und Wagen stundenweit, einen interessanten Kranken zu sehen und womöglich nach seiner Methode zu heilen. Dazwischen experimentiert er physikalisch, modelliert und zeichnet, und nie versäumt er das allwöchentliche Konzert bei dem Fürsten Dalberg. In diesem musikalischen Kreis rühmen alle, die ihm begegnen, die außerordentliche universale Bildung dieses immer aufrechten, immer geruhigen und großartig gelassenen Greises, der mit mildem Lächeln von seinem einstigen Ruhm und ohne Haß und Erbitterung von den hitzigsten und gehässigsten seiner Gegner spricht. Als er am 5. März 1814, achtzigjährig, sein Ende herannahen fühlt, läßt er sich noch einmal durch einen Seminaristen auf seiner geliebten Glasharmonika vorspielen. Es ist immer noch dieselbe, auf der sich der junge Mozart in seinem Hause auf der Landstraße versucht, dieselbe, der Gluck in Paris neue und ungekannte Harmonieen entlockt hat, dieselbe, die ihn auf allen Reisen und Irrfahrten seines Lebens und nun bis in den Tod begleitet. Seine Millionen sind zerstoben, sein Ruhm hat sich verwölkt: nach allem Lärm, nach all dem wüsten Gerede und Gestreite um seine Lehre ist dem alten Einsiedler nichts geblieben als dieses Instrument und seine geliebte Musik. So geht unerschütterlich gläubig, daß er zurückkehre in die Harmonie, in die Allflut, ein Mann, den der Haß als eitlen Scharlatan und Schwätzer verächtlich geschildert, wie ein wahrhaft Weiser in den Tod, und sein Testament bezeugt rührend den Willen nach völliger Vergessenheit, nämlich, daß er ohne Prunk, ganz wie ein anderer Mann begraben werde. Dieser letzte Wunsch erfüllt sich. Keine Zeitung meldet der Welt seinen Hingang. Wie irgendein Unbekannter wird auf dem wunderbaren Friedhof von Meersburg, wo auch die Droste-Hülshoff ruht, ein alter Mann begraben, dessen Ruhm einst die Welt erfüllte und dessen wegbereitende Leistung erst unsere Zeit wieder zu begreifen beginnt. Freunde lassen ihm einen symbolischen Grabstein errichten, einen dreieckigen Marmorblock mit mystischen Zeichen, Sonnenuhr und Bussole, die allegorisch die Bewegung in Raum und Zeit darstellen sollen.

Aber es ist das Schicksal des Ungewöhnlichen, immer wieder den Haß der Menschen zu erregen: boshafte Hände beschmieren und zerstören die Sonnenuhr und die Bussole, diese ihnen unverständlichen Zeichen auf Mesmers Grabstein, so wie unverständige Schreiber und Forscher seinen Namen. Jahre müssen vergehen, ehe man den gestürzten Stein über seinem Grabe neuerdings würdig aufrichtet, und abermals Jahre, bis endlich eine wissendere Nachwelt sich seines verschollenen Namens und des Vorausgängerschicksals dieses großen deutschen Arztes besinnt.

Die Nachfolge

Immer entsteht geistige Tragik, wenn ein Fund genialer ist als sein Finder, wenn ein Gedanke, den ein Künstler, ein Forscher faßt, ihm nicht faßbar wird und er ihn halbgestaltet aus den Händen lassen muß. So Mesmer. Er hat eines der wichtigsten Probleme der Neuzeit angepackt, ohne es zu bewältigen, er hat eine Frage in die Welt geworfen und sich selbst vergeblich um die Antwort gequält. Aber Fehlgänger, ist er doch immerhin Vorausgänger, Wegbahner und Zielbereiter, denn unleugbare Tatsache: alle psychotherapeutischen Methoden von heute und ein gut Teil aller psychotechnischen Probleme gehen kerzengerade auf diesen einen Mann, Franz Anton Mesmer, zurück, der als erster sichtbar die Gewalt der Suggestion mit einer zwar anfängerischen und umwegigen Praxis bewiesen, aber doch immerhin bewiesen gegen das Gelächter, den Hohn und die Verachtung einer bloß mechanischen Wissenschaft. Dies allein erhebt schon sein Leben zur Leistung, sein Geschick in die Geschichte.

Mesmer hat als erster geschulter Arzt der Neuzeit die Wirkung erlebt und immer wieder hervorgerufen, die von einer suggestiven Persönlichkeit, von ihrem Nahsein, Sprechen, Reden und Befehlen auf erschütterte Kranke heilsam ausgeht ? er vermochte sie nur nicht zu deuten und sah in dieser ihm unverständlichen seelischen Mechanik noch mittelalterliche Magie. Ihm fehlt (wie allen seinen Zeitgenossen) der entscheidende Begriff der Suggestion, jener seelisch heilkräftigen Kraftübertragung, die (über diesen Punkt gehen noch heute die Meinungen auseinander) entweder durch Fernwirkung des Willens oder durch Ausstrahlung eines inneren Fluids sich vollzieht. Seine Schüler rücken schon näher an das Problem heran, jeder von einer anderen Richtung: es bildet sich eine sogenannte fluidistische und eine animistische Schule; Deleuze, der Vertreter der fluidistischen Theorie, bleibt Mesmers Anschauung von der Ausdünstung eines körperlichen Nervenstoffes, einer Substanz getreu, er glaubt ? wie die Spiritisten an die Telekinese und manche Forscher an die Odlehre ?, daß tatsächlich eine organische Absonderung unseres körperlichen Ichstoffes möglich sei. Der animistische Schüler Mesmers, der Chevalier Barbarin, leugnet wieder jede Stoffübertragung des Magnetiseurs auf den Magnetisierten und sieht nur eine rein seelische Weiterleitung des Willens in das fremde Bewußtsein. So benötigt er gar nicht die Mesmersche Hilfshypothese des unergründlichen Fluids. »Croyez et veuillez« ist seine ganze Zauberformel ? eine Auffassung, die dann die Christian Science, die Mind Cure und Coué glatt übernehmen. Immer mehr aber dringt seine psychologische Erkenntnis durch, daß Suggestion einer der entscheidendsten Machtfaktoren aller seelischen Beziehungen sei. Und diesen Prozeß des Willenszwanges, der Willensvergewaltigung, kurzweg der Hypnose, stellt 1843 Braid in seiner »Neurypnologie« endlich experimentell und völlig unwidersprechlich dar. Schon einem deutschen Magnetiseur namens Wienholt war es 1818 aufgefallen, daß sein Somnambule rascher einschlief, sobald er selbst einen bestimmten Rock mit glänzenden Glasknöpfen trug. Aber dieser ungelehrte Beobachter entdeckte da noch nicht den entscheidenden Zusammenhang, daß durch diese Ablenkung des Auges auf das Glänzende die Müdigkeit des äußeren Sinnes und damit die innere Nachgiebigkeit des Bewußtseins gefördert werde. Braid übt nun als erster praktisch die Technik, durch kleine, blitzende Kristallkugeln den Blick des Mediums voraus zu ermüden, ehe er mit seinen suggestiven Streichungen einsetzt: damit ist die Hypnose als technische und geheimnislose Handlung und Behandlung in die so lange mißtrauische Wissenschaft eingeführt. Zum erstenmal wagen jetzt Universitätsprofessoren in Frankreich ? allerdings vorerst nur bei Geisteskranken ? den verlästerten und verfemten Hypnotismus im Hörsaale anzuwenden, Charcot in der Salpêtrière in Paris, Bernheim an der Fakultät von Nancy. Am 13. Februar 1882 wird (freilich ohne auch nur mit einer Silbe des ungerecht Abgewiesenen Erwähnung zu tun) Mesmer in Paris rehabilitiert, indem die Suggestion ? vormals Mesmerismus genannt ? als wissenschaftliches Hilfsverfahren von derselben Fakultät anerkannt wird, die ihn hundert Jahre lang in die Acht getan hat. Nun der große Bann gebrochen ist, stürmt die lange gehemmte Psychotherapie von Erfolg zu Erfolg. Als Schüler Charcots kommt ein junger Nervenarzt, Sigmund Freud, an die Salpêtrière und lernt dort die Hypnose kennen ? sie wird ihm zur Brücke, die er bald hinter sich verbrennt, sobald er das Reich der Psychoanalyse betreten, auch er also im dritten Erbschaftsgrad noch Fruchtgenießer von Mesmers scheinbar ins Dürre geschleudertem Samen. Ebenso schöpferisch wirkt sich der Mesmerismus auf die religiösen und mystischen Seelenbewegungen der Mind Cure und der Autosuggestion aus. Nie hätte Mary Baker-Eddy ihre Christian Science begründen können ohne Kenntnis des »veuillez et croyez«, ohne die Überzeugungstherapie Quimbys, der seinerseits wieder vom Mesmer-Schüler Poyen seine Anregung empfing. Undenkbar wäre der Spiritismus ohne die von Mesmer zuerst angewendete Kette, ohne den Begriff der Trance und der damit verbundenen Hellsichtigkeit, undenkbar die Blavatsky und ihre theosophische Gilde. Alle okkulten Wissenschaften, alle telepathischen, telekinetischen Experimente, die Hellseher, die Traumsprecher stammen in letzter Linie aus Mesmers »magnetischem« Laboratorium. Eine ganz neue Art der Wissenschaft beginnt aus der verlästerten Überzeugung dieses verschollenen Mannes, man könne durch suggestive Einwirkung die Seelenkräfte im Menschen zu Leistungen steigern, wie sie durch schulmäßig medizinische Behandlung nie erreichbar seien, ? eines Mannes, der redlich in seinem Wollen, richtig in seinem Ahnen war und nur irrig im Erklärungsversuch seiner eigenen wichtigen Tat.

Aber vielleicht ? wir sind vorsichtig geworden in einer Zeit, da eine Entdeckung die andere überrennt, da die Theorieen von gestern schon über Nacht welk werden und jahrhundertealte sich plötzlich erneuern ? vielleicht irren sogar diejenigen, die heute noch hochmütig Mesmers bestrittenste Idee eines übertragbaren, von Mensch zu Mensch strömenden Persönlichkeitsfluidums ein Phantasma nennen, denn möglicherweise verwandelt sie die nächste Weltstunde unvermutet in Wahrheit. Wir, denen ohne Draht und Membran ein gesprochenes Wort in eben derselben Sekunde aus Honolulu oder Kalkutta ins Ohr schwingt, wir, die wir den Äther von unsichtbaren Sendungen und Wellen durchschüttert wissen und gerne glauben, daß noch unzählige solcher Kraftstationen von uns ungenützt und unerkannt im Kosmischen wirken, wir haben wahrhaftig nicht mehr den Mut, von vornherein die Anschauung abzulehnen, daß von lebendiger Haut und erregtem Nerv beeinflussende Strömungen ausgehen, wie sie Mesmer unzulänglich »magnetische« nannte, daß in den Beziehungen von Mensch zu Mensch vielleicht nicht doch ein Prinzip, ähnlich dem »animalischen Magnetismus« wirksam sei. Denn warum sollte die menschliche Körpernähe, dieselbe, die einer erloschenen Perle wieder den Glanz und die leuchtende Lebenskraft erneut, nicht tatsächlich eine Aura von Wärme oder Strahlung um sich entwickeln können, die auf andere Nerven erregend oder beruhigend wirkt? Warum nicht wirklich zwischen Körpern und Seelen sich geheime Strömungen und Stauungen ereignen, Anziehungen und Abstoßungen, Sympathie und Antipathie zwischen Individuum und Individuum? Wer wagt in dieser Sphäre heute ein kühnes Ja oder ein freches Nein? Vielleicht wird eine mit immer verfeinerten metrischen Apparaten arbeitende Physik morgen schon nachweisen, daß, was wir heute als bloß seelische Kraftwelle annehmen, doch etwas Substanzhaftes, eine tatsächlich sichtbare Wärmewelle, eine elektrische oder chemische Auswirkung darstellt, wägbare und meßbare Energie, daß wir also sehr ernst nehmen müssen, was unsere Vorväter als Narrheit belächelt. Vielleicht, vielleicht hat also auch Mesmers Gedanke von der schöpferisch ausstrahlenden Seelenkraft noch eine Wiederkehr, denn was ist Wissenschaft anderes als die unablässige Taterfüllung uralter Menschheitsträume? Jede neue Erfindung enthüllt und bestätigt immer nur Ahnungen eines einzelnen, zu allen Zeiten ging jeder Tat ein Gedanke voraus. Die Geschichte aber, zu eilig, um gerecht zu sein, sie dient immer nur dem Erfolg. Nur die Leistung rühmt sie, die glorreich vollendete, nicht den kühnen, den mit Unmut und Undank verfolgten Versuch. Nur den Beender preist sie, nicht die Beginner, einzig den Sieger hebt sie ins Licht, die Kämpfer wirft sie ins Dunkel: so Mesmer, den ersten der neuen Psychologen, der unbedankt das ewige Schicksal des Zufrühgekommenen auf sich nahm. Denn immer wieder erfüllt sich der Menschheit ältestes und barbarisches Gesetz, einst im Blute und heute noch im Geiste, jenes unerbittliche Gebot, das zu allen Zeiten verlangte, die Erstlinge müßten geopfert werden.

Mary

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