Beobachtungen über Oesterreichs Aufklärung und Litteratur

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Beobachtungen über Oesterreichs Aufklärung und Litteratur.

Von
Blumauer.

Wien,
bey Joseph Edlen von Kurzbeck 1782.

In einem Staate, in dem von jeher Liebe zur Lektüre herrschte, in dem man von jeher die Schriften aller aufgeklärten Nationen las, um desto gieriger las, je mehr Schwierigkeiten die Neugierde der Leser reizten, in dessen aufgeklärterem Theile von jeher Grundsätze und Meinungen keimten, die jeder denkende Kopf wohl im Stillen hegen, aber nicht öffentlich ausbrechen lassen konnte, wo Wißbegierde dem starken Damm seit langer Zeit entgegen arbeitete, und dem Durchbrechen bereits nahe war; in so einem Staate mußte auf die Wegräumung der Hindernisse, und die Erweiterung der Preßfreyheit nothwendig eine Ueberschwemmung von Broschüren folgen.

Auf welchen hohen Grad schon vor dieser Epoche die Schreibbegierde der Schriftsteller des Landes gestiegen war, bewiesen die zahllosen Leichengedichte, Reden, Träume u. s. w. auf den Tod der seligen Kaiserinn, und der nicht zu bändigende Eifer, mit welchem viele derselben der Verstorbenen noch ins zweyte Jahr hinein nachleyerten. Der Werth dieser Gedichte, so verschieden er war, und so zweydeutig er allemal bey blossen Gelegenheitsgedichten seyn muß, eröffnete dennoch der inländischen Dichtkunst eine nicht zu verachtende Aussicht. Die Schreiblust war nun einmal rege, und sie schien nur eine kurze Zeit, wie in einer kurzen Sturm prophezeihenden Windstille zu lavieren, als ihr der Ruf der erweiterten Preßfreyheit auf einmal in die Segel blies. Die kleine Schrift: über die Begräbnisse, die am ersten von dieser grösseren Freyheit Gebrauch machte, war der Vorläufer, und gleichsam das Zeichen zum Angriff, das hundert Federn in Bewegung setzte. Man schrieb itzt, von allem, und über alles, man nahm den nächsten besten Gegenstand her, goß eine bald längere, bald kürzere, bald gesalzene, bald ungesalzene Brühe darüber, und tischte ihn dem damals noch sehr heißhungrigem Publikum zur Mahlzeit auf. Nichts war von nun an vor der rüstigen Feder der Autoren sicher: für 10. Kreuzer konnte man jeden Gegenstand, er mochte groß oder klein seyn, durchgebeutelt lesen, und ein vollständiges Verzeichniß all der Von und Ueber, die damals erschienen, würde ein Gemälde von der possierlichsten Komposition geben. Ich will zur Probe nur einige dieser Broschüren hersetzen:

Ueber die Stubenmädchen in Wien.

Ueber die Kammerjungfern.

Ueber die Bürgermädchen.

Ueber die Halbfräulein.

Ueber die Fräulein in Wien.

Das Lamentabel der gnädigen Frauen.

Ueber die Schwachheiten der gnädigen Frauen des leonischen Adels.

Ueber den hohen Adel in Wien.

Ueber Doktoren, Chirurgen und Apotheker.

Den Hausherren im Vertrauen etwas ins Ohr.

Ueber die Kaufleute in Wien.

Ueber die Dikasterianten.

Ueber die Stutzer in Wien.

Ueber die Kaufmannsdiener.

Ueber die Schneider.

Ueber die Bäcker.

Ueber die Peruckenmacher.

Ueber die Friseurs.

Der ehrliche Wastel mit dem Klingelbeutel.

An H. S*. Chef der Maulaffenloge auf dem Graben.

Ueber den Kleiderpracht im Prater.

Ueber die Unterhaltung bey der Tafel zu Schönbrunn.

Ueber den Schwimmer aus Tyrol beym Tabor.

Beurtheilung der Feuerwerke des Stuwer und Mellina.

Ueber die Hetze.

Kasperl, das Insekt unsers Zeitalters.

Ueber das Nationaltheater.

Ueber den Mißbrauch des Wörtchen Von und Euer Gnaden.

Ueber das Gratuliren.

Ueber die Kleidertracht.

Etwas für die schopfichten Wienerinnen.

Philosophie der Modeschnallen.

Ueber die Hochzeiten in Wien.

Das Gespenst auf dem Hofe.

Ueber den grossen Brand der Magdalenakirche.

Ueber den Selbstmord bey Gelegenheit des Friseurs, der sich erschoß.

Ist der Antichrist blau, oder grün?

Ueber die Bruderschaften.

Ueber die Kirchenmusik.

Ueber die Nonnen.

Ueber die Tracht der Ordensgeistlichen.

Ueber die Reliquien, Opfer und Mirakelbilder.

Von Abschaffung der Weihnachtsmetten.

Ueber die Universität in Wien.

Die Gelehrten im Nasenlande.

Der Glückshafen für gelehrte Maulaffen.

Ueber die zehn Kreuzer Autoren.

Kaufts allerhand! Kaufts allerhand! Kaufts lang und kurze Waar!

Alle diese Broschüren, davon die meisten in die Rubrik Makulatur gehören, und noch beyläufig dreymal so viel, erschienen voriges Jahr in einer Zeit von wenigen Monaten, wurden gekauft und gelesen. ? Sie sind den Titeln nach ein ziemlich vollständiges Repertorium über Wien; aber wehe dem, der daraus Wien beurtheilen wollte. Die meisten erschienen blos des Geldes wegen, waren in einem Tage fertig, am zweyten gelesen, und am dritten vergessen. Man glaube indessen ja nicht, daß man es bey einer Broschüre über einen Gegenstand bewenden ließ. Es war beynahe keiner, über den man nicht wortwechselte. Die Schrift: Ueber die Begräbnisse, die allerdings viel bessere Nachfolger verdient hätte, zog 21 Streitschriften nach sich, bey welcher Gelegenheit der Ehrw. P. P. Fast, Curatus zu St. Stephan mit zweyen von Amtswegen verfaßten Gegenschriften seine rühmliche Schriftstellerlaufbahn eröffnete. Die Beyträge zur Schilderung Wiens, eine in vielem Betracht merkwürdige Schrift, der zur Empfehlung nichts, als ein den Gegenständen mehr angemessener Ton fehlte, veranlaßte über 10. Streitschriften, und ihr haben wir den katholischen Unterricht des oberwähnten P. P. Fast in 10. Theilen, das Stück zu 7 Kreuzer zu danken, durch welchen der eifrige Herr Verfasser dem christlichen Fragbüchelunterricht des 16ten Jahrhunderts, der durch die neuen Normalbücher schon beynahe in Vergessenheit gesunken war, wieder auf die Beine geholfen hat.(1) Die Schrift: über die Stubenmädchen in Wien, von Herrn Rautenstrauch war eine der glücklichsten Autorspekulationen für ihn, und die Herren, welche sich an ihn anhiengen. 25 Broschüren schlugen sich für und wider diesen Gegenstand, und bewiesen deutlich, was für einen wichtigen Theil des Publikums die Stubenmädchen ausmachen müssen. Von dieser Zeit an giengen die Manufakturen der Tagesprodukte unermüdet fort, und in jedem Monate durfte man auf 50 bis 60 Broschüren sicher Rechnung machen. Jeder Vorfall, jede Tagesneuigkeit ward zur Broschüre, und die alles regierende Göttin Gelegenheit, die sonst Juvenale und Buttlers zu unsterblichen Werken des Geistes aufrief, amusirte sich in Wien damit, zwey Bogen langen Broschüren das Daseyn zu geben. Die Schriftsteller schienen den Geschmack des Publikums wohl getroffen zu haben, sie verlegten sich auf Persönlichkeiten, Familienvorfälle, u. d. gl., und Dinge, die sonst nur in vertrauten Kreisen und freundschaftlichen Unterredungen abgehandelt wurden, giengen itzt durch die Hände eines ganzen Publikums. Aber auch dieser Speisen ward man in die Länge satt, und als man minder gierig zuzugreifen anfieng, so war es eine Freude zu sehen, wie mancherley Schilde die Herren aushiengen, wie einer des andern Küche verlästerte, wie einer den andern Schmierer schalt, und wie jeder gegen den Schwall von Broschüren loszog, den er mit den seinigen vermehren half. Allein der Käufer wurden demungeachtet weniger, die Verleger behutsamer und eckler, und vermuthlich würde die sichtbar zunehmende Lauigkeit des Publikums den Schreibern nach und nach das Handwerk gelegt haben, hätte nicht die Ankunft des Pabstes dem ganzen Schriftstellerwesen eine neue Schnellkraft und eine andere Wendung gegeben.

Diese zweyte Epoche eröffnete der inländischen Litteratur eine tröstlichere, hellere Aussicht. Männer von bessern Köpfen standen auf, und selbst viele von denjenigen, deren Schriften bisher eben so unbedeutend waren, als die Gegenstände, welche sie behandelten, schienen nun zu beweisen, daß es ihnen vorher nur an Materie zum Schreiben gefehlet habe, und daß ihre Schreibsucht ihnen nicht Zeit ließ, auf eine bessere Wahl der Gegenstände zu denken. Freylich sucht der Schriftsteller von Beruf nicht erst den Stoff, wenn er sich hinsetzt zu schreiben, sondern der Stoff sucht ihn, und drängt ihn, wenn er den Mann findet, an das Pult; er nöthigt ihn, sich der Ideen, die sich über den einmal gefaßten Gegenstand in ihm entwickeln, zu entledigen, das, was er gedacht, beobachtet, entdeckt hat, seinen Lesern mitzutheilen, und das ists, was seinen Beruf zum Schreiben ausmacht. Es giebt zwar, wie bekannt, einen noch dringenderen Schriftstellerberuf, als diesen, einen Beruf, den man im Magen fühlt, aber den kennt man leider aus seinen Früchten, und nie war er vielleicht kenntlicher, als an den unzeitigen Gewächsen, die er in der ersten Periode der Preßfreyheit, auf dem österreichischen Boden hervorbrachte. ? Mit des Herrn Landraths Eybel Abhandlung: Was ist der Pabst? begann nun die neue bessere Periode der inländischen Schriftstellerey. Eine deutsche, selbst dem Volk verständliche Abhandlung über einen Gegenstand, der bisher entweder bloß lateinisch, oder nur von protestantischen Schriftstellern deutsch, aber immer nur für Sachkündige allein behandelt worden war, würde auch ohne die freymüthige Einschränkung der päbstlichen Rechte, die ihren Inhalt ausmachten, Aufmerksamkeit zu einer Zeit erregt haben, wo der Gedanke Pabst in den Köpfen einer halben Welt, und vor allen in denen des Wiener Publikums ein ausschließendes Recht zu walten hatte. Schon der Titel der Schrift war für das Volk, geistlichen und weltlichen, adelichen und bürgerlichen Standes, eine kühne vermessene Frage, unerhört in den älteren Katechismen, in welche man sich wohl jede andere Frage: nur niemals die: Was ist der Pabst? erlaubt hatte. Noch weit unverzeihlicher schien der Inhalt, und fast allgemein war die Empörung derjenigen, welche in ihren Klöstern eine freylich ganz andere Lehre über diesen Gegenstand eingesogen hatten. Aber was diese Zeloten am meisten wider den Verfasser empörte, waren dessen sieben Kapitel von Klosterleuten, die mit seiner Abhandlung über den Pabst zugleich erschienen, und gegen ihr unmittelbares Interesse gerichtet waren. Da sie nun gegen diese wenig oder nichts vorbringen konnten, so war es natürlich, daß ihnen die Schrift über den Pabst zum Ableiter ihrer Erbitterung dienen mußte. Sie donnerten von der Kanzel herab gegen den Verfasser, und P. Merz in Augsburg hielt in einer öffentlichen Kontroverspredigt Gericht über ihn. Nichts war bey dieser Gelegenheit lustiger anzusehen, als wie sich die Eiferer auf der Kanzel wandten, und krümmten, um dem Verfasser eins anzuhängen, ohne sich gegen die Grundsätze des Staats und der Censur, welche diese Schrift billigte, zu verstoßen. Aber noch eifriger, und folglich noch gröber waren sie mit der Feder. Ein jeder, der dagegen schrieb, nannte seine Lehre ächt und uralt, und bedachte unglücklicher Weise nicht, daß die Grundsätze des Mittelalters freylich, leider! uralt, aber die der ersten Kirche noch urälter, und folglich auch ächter seyen. Kurz über 70 Schriften zogen allein für und wider diesen Gegenstand zu Felde, und das Resultat aller Gegenschriften war, daß sie des Verfassers Abhandlung, statt sie zu widerlegen, bekannter, gesuchter, und folglich gemeinnütziger machten. Dieß bewies augenscheinlich der erstaunliche Absatz derselben, und die Eilfertigkeit, mit welcher sie ins lateinische und französische übersetzt ward. Sogar der Titel dieser Abhandlung schien Epoche zu machen; eine Menge Schriften erschienen von nun an in Gestalt von Fragen, und indeß der Verfasser selbst noch einige Gegenstände des Kirchenrechts auf diese Art behandelte, wimmelte es von fragenden Titeln. Man frug:

Was ist der Verfasser der Abhandlung: Was ist der Pabst?

Was ist der Kardinal?

Was soll der Pfarrer seyn?

Was ist die Religion?

Was ist die Kirche?

Was ist der Kaiser?

Was sind die Pflichten gegen Gott?

Was ist der Peter?

Was ist der Teufel?

Was sind die Wienerschriften überhaupt?

Und man würde vielleicht noch mehr gefragt haben, wenn das Antworten nicht so schwer wäre. Wenigstens machte ein Gegner dieser Herren Fragesteller die feine Bemerkung: daß ein Narr mehr fragen könne, als zehn Weise beantworten.

Noch eine Schrift, über welche bey Gelegenheit der Ankunft des Pabstes bis zum Eckel gestritten ward, war: Die Vorstellung an seine päbstliche Heiligkeit Pius VI. von Herrn Rautenstrauch. Der Ehrw. P. P. Fast, der sichs nun einmal zum Geschäft gemacht zu haben scheint auf der erzbischöflichen Warte die Aspekten der Aufklärung am Wienerhorizonte zu beobachten, konnte diesen Irrstern nicht unangehalten vorbeylassen. Er glaubte an demselben durch sein altes Sehrohr eine Menge Flecken wahrzunehmen, und, ohne erst zu untersuchen, ob diese Flecken nicht etwa an den Gläsern seines eigenen Tubus befindlich seyen, ereiferte er sich dagegen in einem Tone, der in den Zeiten, da man mit Fäusten schrieb, einem Weislinger Ehre gemacht haben würde. Herr Rautenstrauch, der keinem seiner Gegner gern das letzte Wort läßt, fieng an Episteln an ihn zu schreiben, deren keine unbeantwortet blieb; und hieraus entstand jener artige Briefwechsel, der, wenigstens von Seite des Ehrw. P. P. Fasts einen herrlichen Beytrag zu deutschen Epistolis obscurorum virorum abgeben würde. Unstreitig bleibt Herrn Rautenstrauch bey diesem ganzen Handel die Ehre einer ungleich grösseren Mässigung, und die noch grössere, der Verfasser einer Schrift zu seyn, wie seine Vorstellung ist.

Es erschienen in dieser zweyten Schriftstellerperiode, welche den Pabst zum Gegenstand hatte, noch mehrere sehr gut geschriebene Abhandlungen, deren Auseinandersetzung mich zu weit führen würde. Genug, aus allen zusammengenommen, ergiebt sich der Schluß, daß sich von dem jungen Nachwuchs der Autoren ? derjenigen versteht sich, die nicht Pfuscher sind ? wenn nicht Schreibbegierde allein sie leiten, und Ueberlegung die aufbrausende Hitze mässigen wird, noch viel Gutes hoffen läßt.

Mit dem Institute der Predigerkritiker begann für Wien eine neue Schriftstellerperiode, die sowohl wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes, als ihrer unstreitigen Gemeinnützigkeit merkwürdig ist. Wie wichtig die Rolle eines Predigers, und wie groß der Einfluß eines öffentlichen Redners auf das Volk von jeher gewesen sey, beweiset die durch alle Nationen und Alter immer gleich fortlaufende Erfahrung von den Sophisten Griechenlands an, bis auf die herumziehenden Bußprediger unserer Zeiten. Unzählig sind die Beispiele, daß eine schwärmerische Rede feige Memmen zu Helden, und gutwillige Schaafe zu reissenden Wölfen machte. Nicht selten haben Prediger ihre Macht über das menschliche Herz bis auf einen unerklärbaren Punkt getrieben; und daher kam es, daß man das, was sie von der Kanzel herab wirkten, so oft Mirakel nannte. Noch mehr: ein nur mittelmässiger Redner läßt an unmittelbarem Einflusse auf sein Volk selbst den beßten Schriftsteller weit hinter sich zurück. Nie wird ein Raynal seinen Lesern das werden, was Ziska auf seiner Tonne den Hußiten ward. Der Grund hievon liegt in der Natur der Sache. Der Redner hat nicht nur alle Vortheile des Schriftstellers, sondern er hat noch weit mehr, um auf sein Volk zu wirken. Die Art, mit welcher beyde ihre Gedanken und Empfindungen mittheilen, ist unendlich verschieden. Das Mittel zur Wirkung ist bey dem Schriftsteller nur der todte Buchstabe, bey dem Prediger das lebendige Wort: der Prediger ist gegenwärtig, um jedes seiner Worte durch Ausdruck und Geberde zu unterstützen, und wirkt also auf zween Sinne zugleich, der Schriftsteller ist abwesend, bleibt ungesehen, und kann nur auf einen Sinn wirken. Der Redner wirkt auf Tausende zugleich, und hat da den wichtigen Vortheil, daß der gerührte Zuhörer den ungerührten bewegt, und das Beispiel des größeren Theiles den kleineren mitansteckt. Den Schriftsteller liest jeder allein, und der Leser sieht keine Mitgerührten um sich, die seine Empfindung unterstützen oder heben könnten. Der Redner kann fortreissen, wo er will, und zurückhalten, wo es ihm beliebt, den Lauf des Schriftstellers kann jede Kleinigkeit hemmen, und seine Ruhepunkte werden mit einem Blick übersprungen. Das Publikum des Redners ist gleichartiger, es ist ihm mehr bekannt, um auf selbes zu wirken. Das Publikum des Schriftstellers ist die Welt, unendlich mannigfaltig an Denkart und Empfindungsvermögen, er kennt seine Leser nur nach dem allgemeinen Begriffe der Menschen, und hat nur entfernte, unbestimmte Mittel, um auf sie wirken zu können. Aus dieser Vergleichung, die allerdings noch weiter geführet werden könnte, wird es einleuchtend klar, daß der Prediger von ungleich grösserem Einfluß seyn müsse, als der Schriftsteller, daß dieser nur nach und nach Proselyten machen, jener aber augenblickliche Empörungen veranlassen, und folglich gefährlicher werden könne, und daher in einem Staate eine noch weit strengere Aufsicht verdiene, als selbst der Schriftsteller.

Diese allgemeinen Betrachtungen, die, wie alles Allgemeine, ihre Ausnahme, und Einschränkungen wohl haben mögen, machen die bisherige gänzliche Censursfreyheit aller öffentlichen Predigten sehr auffallend, aber noch auffallender die Klagen derjenigen, die sich berechtigt glauben, gegen ein Institut zu murren, welches allein diesen Mangel einer öffentlichen Aufsicht einigermaßen ersetzen kann. Seit der Zeit, da die Pfarrer den Besitz der Kanzel mit den Mönchen zu theilen anfiengen, ist eine solche Aufsicht um so nöthiger, da man weiß, was für Aberglauben und Irrthümer diese Gattung Prediger nicht selten unter dem Volke verbreitet, und wie oft sie den Predigtstuhl zum Pranger der Pfarrer, der Obrigkeiten, und selbst ihrer Zunftgenossen, gemacht haben. Ist also das Institut der Predigerkritiker von dieser Seite ein unentbehrlicher Zaum, so dient selbes zugleich von der andern Seite den Predigern zum Sporn, mehr Fleiß auf ihre Predigten zu verwenden, und den Orden selbst zum Antrieb, ihre Subjekte besser zu wählen, und keinem eine Kanzel zu vertrauen, welcher unfähig ist, derselben Ehre zu machen. Diese strenge Auswahl ist um so nöthiger, da man leider! aus Erfahrung weiß, was für Subjekte nicht selten die Kandidaten der meisten Mönchsorden waren. Wenigstens hat mich selbst ein würdiger Professor einst versichert, und mit Vorweisung seiner Schullisten überzeugt, daß er seit vielen Jahren her, von zwey- bis dreyhundert seiner jährlichen Schüler um die Hälfte des Jahrs immer ein Drittel mit Attestaten der zweyten oder gar dritten Klasse ausgemustert, und in die Kapuziner- und Franziskanerklöster abgesetzt habe.

So einleuchtend nun die Nothwendigkeit irgend einer Art von öffentlicher Aufsicht über die Prediger jedem unbefangenem Kopfe seyn muß, so nichtig sind andererseits die Gründe, welche die Vertheidiger einer unbeschränkten Kanzelfreyheit diesem Institute entgegen stellen. Alle ihre Gründe, in so mancherley Formen sie dieselben auch einkleiden, laufen immer in den Punkt zusammen: daß eine öffentliche profane Kritik das Ansehen des Worts Gottes entkräfte, und der Ehrerbietung, die man den Verkündern desselben schuldig ist, zuwider sey. Zween Einwürfe, die kaum einer Widerlegung werth sind. Erstens, ist wohl das alles Gottes Wort, was ein Prediger spricht? ich traue jedem Prediger zu viel Ehrerbietung gegen seinen göttlichen Lehrer zu, als daß ich je glauben wollte, daß einer kühn genug sey, dem allerweisesten Wesen seine oft so unlogischen Schlüsse, seine Läppereyen, seine lieblosen Ausfälle, und seinen Legendenkram als eigen Wort unterzuschieben. Sind zweytens selbst ihre Auslegungen des göttlichen Wortes immer logischrichtig, und dem Menschenverstande gemäß? man lese die wöchentlichen Wahrheiten der Kritiker, und man wird fast in jedem Stücke Beyträge zur Verneinung dieser Frage finden. Man halte die Textverdrehungen eines Bruder Gerundio(2) ja nicht für übertrieben. So ungereimt selbe sind, so gewöhnlich sind sie nicht nur bey spanischen, sondern auch bey deutschen Predigern. Man höre zum Beweis ein Beyspiel aus einer Wienerpredigt, welches eine kaum fünf Jahr alte Thatsache ist. Es war eine Fastenpredigt, in welcher der Prediger seine Zuhörer zur Enthaltung von Fleischspeisen ermahnte, und ihnen den Abscheu vor den Fastenspeisen benehmen wollte. Unter andern Beweisen führte er das Beyspiel des jungen Tobias an: wie derselbe mit dem Engel in die Ferne gegangen sey, ein Mittel für das verlorne Augenlicht seines Vaters zu suchen, und wie er, als ihm der Engel einen grossen Fisch gezeigt, vor demselben aus Furcht zurück gebebt, von dem Engel aber ermuntert worden sey, ihn herzhaft anzugreifen. »Also,« fuhr der Prediger ohne zu lachen fort, »also auch ihr, meine Zuhörer, fürchtet euch nicht vor dem Fisch, ergreifet ihn herzhaft, er wird euch nicht beissen, u. s. w.«. Jede Textverdrehung ist kraftlos für den Verstand, und leitet zu Trugschlüssen, die den Mann, der sie einsieht, empören, statt ihn zu überzeugen, jedes Legendenmärchen macht den Prediger in den Augen des vernünftigen Zuhörers entweder zum Heuchler, den er verachten, oder zum leichtgläubigen Kinde, das er bemitleiden muß. Und dieß ist, womit Prediger selbst ihr Wort entkräften: die Kritik thut das Gegentheil, sie will, daß Gottes Wort in dem Munde der Prediger nicht kraftlos werden soll. Und wie kann endlich eine öffentliche Rüge der Kanzelgebrechen der Ehrerbietung zuwider seyn, die man den Predigern schuldig ist? Jede Ehrerbietung, die nicht persönliches Verdienst zum Grunde hat, wird Satyre für den, dem sie erwiesen wird; man ehret den Mann des Kleides wegen. Die Kritik will den Predigern nicht ihre Ehre nehmen, sie will ihnen Ehre geben: und giebt sie nicht dem Ehre, dem Ehre gebührt? ? ?

Genug zur Apologie eines Institutes, dessen bescheidener Tadel nur dann aufhören kann, wenn die Prediger aufhören werden, ihm Stoff zum Tadel zu geben. ? Das Institut selbst war eigentlich eine bessere Nachahmung eines ähnlichen Institutes in Prag, die Geisel der Prediger genannt, das aber, weil es seinem Endzwecke in der Ausführung minder entsprach, aufhörte. Die blosse Ankündigung dieses Instituts in Wien erregte schon Aufstand. Der verjährte Besitz einer bisherigen gänzlichen Unfehlbarkeit auf der Kanzel sollte nun dem Urtheile weltlicher Richter ausgesetzt seyn? P. Pochlin, Lehrer der Beredsamkeit in dem erzbischöflichen Alumnate war der erste, der die blosse Ankündigung als eine Herausforderung ansah, und dem Feind, den er noch nicht kannte, beherzt vor die Stirne trat. Mit einem Feind anbinden wollen, den man noch nicht kennt, heißt nach der Regel der Kriegskunst ? Tollkühnheit, bey P. Pochlin war es, wie man aus seinem Fehdebrief, den er im Wienerdiarium seinen Gegnern zusandte, schliessen konnte, Selbstgefühl seiner Stärke, und Bewußtseyn seiner Unfehlbarkeit. Er lud seine sämmtlichen Gegner nach Vösendorf ein, um sich da mit ihnen auf der Kanzel zu messen, und das ungefähr in den Ausdrücken, deren sich einst der grosse Goliath gegen den kleinen David bediente. Die Gegner erschienen, die Predigt begann, und der Riese fiel noch vor dem ersten Stein aus der Schleuder seiner Kritiker. Er raffte sich auf, und zog nun als Schriftsteller aus, und fiel wieder, schwerer als zuvor. Er kam nun in Person eines Fleischhackers, und that zum drittenmal einen Fall, der nun deutlich bewies, daß es den Kritikern weit weniger Ehre gemacht habe, über so einen Gegner zu siegen, als es ihnen gemacht haben würde, wenn sie nach dem Fehdehandschuh eines Mannes, der so wenig Ritter war, gar nie gegriffen hätten.

So verdächtig nun P. Pochlin selbst durch diese Art zu streiten seine eigene Sache gemacht hatte, so fand er doch bald an dem mehrgedachten P. P. Fast einen würdigen Gehilfen. Dieser eifrige Mann, der den bisherigen Papierverderbern getreulich geholfen hatte, das weisse Papier zu vertheuren, und das gedruckte wohlfeiler zu machen, fand die Wachsamkeit der Censur über die Predigerwahrheiten unzureichend, und hielt es für Pflicht, über dieselben eine Art von Superrevisionsgericht zu halten. Es that dieß, und thut es noch itzt in seiner katholischen Prüfung der Predigerwahrheiten, die bereits auf 9. Stücke gediehen, und in seiner bekannten Urmanier geschrieben ist.

Noch weit mehr ward dieses Institut von der Kanzel herab angegriffen. Es ward bald der allgemeine Gegenstand der öffentlichen Kanzelreden, und die meisten Prediger zeigten selbst bey dieser Gelegenheit deutlich, wie sehr es ihnen zur Gewohnheit geworden sey, die geheiligte Stätte zum Tummelplatz persönlicher Leidenschaften zu machen, und wie wenig die Heiligkeit des Ortes vor Entheiligung sichere. Kurz, sie bewiesen selbst, wie sehr sie einer öffentlichen Aufsicht vonnöthen haben. Das Auffallendste bey dieser Sache war, daß Männer, die im Predigeramte beynahe grau geworden, die ein Recht zu haben glauben, sich jüngern Predigern zu Lehrern und Mustern aufwerfen zu dürfen, gerade die lautesten Beweise von jugendlicher Hitze, und gereizter Leidenschaft gaben, und bey dem ersten Anlasse des kleinsten Tadels so ganz vergassen, daß Sanftmuth und Bescheidenheit die wesentlichsten Eigenschaften eines Verkünders der Lehre Christi seyen. Kurz, Männer, die von Amts wegen uns ermahnen, Unbilden mit Geduld zu leiden, konnten die Wahrheit nicht vertragen, und zeigten uns von Neuem die leidige, weite Kluft, welche die Worte von den Werken trennet.

Nun ein paar Worte von der Predigerkritik selbst! Der Endzweck dieses Institutes ist zweyfach. Es soll ein Zaum und ein Sporn für die Prediger, und ein Belehrungs- und Verwahrungsmittel für die Zuhörer seyn. Der erste Endzweck fordert freymüthigen, bescheidenen Tadel, ohne Ansehung der Person, wo was zu tadeln ist, und gerechtes unpartheyisches Lob dessen, was Lob verdient. Der zweyte Endzweck fordert Aufklärung über Dunkelheiten, Zurechtweisung irriger Meinungen, Unterscheidung zwischen wesentlichen und unwesentlichen, nützlichen und schädlichen, abergläubischen und erbaulichen Religionsgebräuchen, genaue Kenntniß der geistlichen und weltlichen Gewalt, und der Gränzlinie zwischen beyden, und endlich das Zutrauen der Leser, dazu nur aufrichtige Wahrheitsliebe, Mässigung und Bescheidenheit ein gegründetes Recht geben können. Daß die Predigerkritiker viele dieser Forderungen erfüllen, ist unläugbar, aber auch eben so unläugbar ist es, daß sie noch weit mehr leisten könnten, als sie wirklich leisten. Wenigstens weiß ich nicht, was oft ein ganzer Bogen voll Persönlichkeiten von sich und den Predigern zur Erreichung des doppelten Endzweckes beytragen soll. Wozu die ewigen Repliken auf jeden Ausfall eines Predigers? Das Publikum weiß ohnehin, daß Prediger Menschen sind, und das alte Sprichwort: Wie man in den Wald schreyt, so hallts wieder ? so sehr es in der Schriftstellerwelt Mode ist ? soll wenigstens hier nicht statt haben. Der Schriftsteller, der von der Güte seiner Absichten überzeugt ist, hält sich bloß an die Sache, geht festen Schritts seinen Weg fort, und sieht nicht um nach dem Gebelle, das sich von dieser oder jener Seite hören läßt. Nebst einer grösseren Mäßigung wäre den Verfassern auch oft mehr Klugheit in Ausrottung der Vorurtheile, und Betreibung des Aufklärungsgeschäftes zu empfehlen. Sie scheinen hierinn oft zu hastig, und schneiden einen Knoten mitten entzwey, den sie nach und nach auflösen sollten. Das Werk der Aufklärung ist seiner Natur nach allmähligen Ganges: das Verlernen von Dingen, die einmal fest in den Kopf gehämmert sind, fodert viel mehr Zeit, als das Lernen; und Aberglaube und Vorurtheil, die leisen Ganges geschlichen kamen, und nach und nach unvermerkt Platz griffen, lassen sich nicht auf einmal aus ihrer Veste jagen, sie müssen so fortgeführt werden, wie sie gekommen sind. ? Diese Erinnerungen schienen mir nöthig zu seyn, für ein Institut, das alles erfüllen muß, was man seiner Natur nach davon erwarten kann.

Die übrigen kleineren Schriften dieser dritten Periode waren meist ein leidiges Durcheinander. Gegenstände der Religion fiengen wieder mit allerley Von und Ueber abzuwechseln an, und viele Schriften schienen nur der einmal in Gang gebrachten Schreibegewohnheit der Hände ihr Daseyn zu danken. Und da, wie natürlich, der Kopf den Händen nicht immer folgen kann, so paßten einige jede Gelegenheit ab, und suchten ihre Schreibmaterialien auf der Gasse. So bald der Pöbel was zu sprechen hatte, hatten sie was zu schreiben, und wie der Hunger gierig an einer harten Brodkruste nagt, so nagte ihre Schreibsucht heißhungrig an jedem Gassenspektakel. Die öffentliche Arbeit der geschornen Verbrecherinnen war ihnen ein willkommener Stoff. Sogar die Musen mußten sich von ihnen zu diesem Gegenstande brauchen lassen, aber die Lieder, welche sie zur Welt brachten, sahen leider eben so aus, wie die Musen, welche sie zu Gesängen begeistert hatten. Wobey sie noch die lächerliche Irrung begiengen, die Criminalverbrechen mit den Polizeybetretungen zu vermengen, und alle geschorne Verbrecherinnen für Gassenphrynen auszugeben, vermuthlich weil sie von ihren Gegenständen begeistert, es ihnen nicht ansahen, daß so eine Vermuthung die gröbste Satyre auf ihr eigenes männliches Geschlecht sey.

Dem unbefangenen Beobachter, der nun den gegenwärtigen Zustand des Schriftstellerwesens mit dem vorigen zusammenhält, und den Bezug desselben auf Religion, Staat, und Wissenschaften beobachtet, stellen sich von selbst folgende Beobachtungen dar.

Widerspruch war von jeher die Quelle neuer Entdeckungen in dem Reiche der Wissenschaften. Geschwindere Aufklärung, tiefere und gründlichere Kenntnisse, festere Ueberzeugung bey denen, auf deren Seite die Wahrheit ist, waren von jeher die unmittelbaren Folgen desselben. Der menschliche Geist gleicht einem Feuersteine, aus dem nur auf den Gegenschlag des Feuerstahles Licht fährt. Auf die nämliche Art, wie die Wilden in Amerika Feuer machen, erhielten die Europäer Aufklärung und Licht, sie rieben Geist auf Geist, wie jene Holz auf Holz. Widerspruche erzeugt Anstrengung des Geistes, öffnet neue Aussichten, treibt den Geist in unbekannte Gegenden, und verlängert und verstärkt die Kette des menschlichen Wissens. Die Geschichte aller Wissenschaften bestättiget diese Wahrheit. Wo man am meisten widersprach, rückte man am geschwindesten vorwärts, daher der in Vergleichung mit anderen Wissenschaften kaum glaubliche Vorsprung, den schon die Griechen in der Philosophie machten. Wie eine Sekte gegen die andere verlor, gewann die Philosophie. Eben so im Fache der Religion. Die beßten Schriften der Kirchenlehrer haben wir den Einwürfen ihrer Gegner zu danken; und daß in den finstern Zeiten des Christenthums der Widerspruch seine wohlthätige Wirkung verlor, das machten die römischen Censuren und Interdikte, die den menschlichen Verstand in Fesseln legten, und zur Unthätigkeit verdammten.

Wenn man nun diese Beobachtungen auf den Widersprechungsgeist unserer Zeloten, die sich gegen jeden neuen Vorschritt der Aufklärung, gegen jede zum Wohl der Menschheit gemachte Verordnung so sehr ereifern, anwendet, so ergiebt sich der Schluß, daß diese Herren Widersprecher selbst durch die Blössen, die sie in ihren Widersprüchen nothwendig geben müssen, und durch die tiefere Erörterung gewisser Dinge, die sie selbst veranlassen, sich ihren eigenen Fall bereiten, und an ihrer eigenen Grube arbeiten. Nichts ist lichtscheuer, als Aberglaube und Vorurtheil: sie bestanden von jeher nur durch den Schleyer von Ehrerbietung, der sie umgab, und der den Verstand des Layen immer in einer ehrfurchtsvollen Entfernung davon zurückhielt: ihre Vertheidiger selbst halfen den Schleyer wegziehen, und die Art, mit welcher sie für ihre Götzen sprachen, brachte dieselben vollends um das Bischen Ehrwürdigkeit, das ihnen der sonst tolerante Menschenverstand noch gelassen hatte. Indessen hat die Wahrheit Ursache, selbst ihren Gegnern zu danken, daß sie ihr durch ihre Widersprüche Gelegenheit verschaften, mit den Stralen ihres hellen Antlitzes die in heiligen Nebel gehüllten Popanzen, Aberglaube und Vorurtheil näher beleuchten zu dürfen.

Eine zweite Bemerkung, die sich jedem Beobachter des inländischen Schriftstellerwesens von selbst aufdringt, ist diese: daß die Schriftstellerschaft ? zumal in Wien ? von ihrer eigenthümlichen Würde sehr viel verloren, und zu einem beynahe verächtlichen Handwerk herabgesunken ist. So viel Officia sordida die Römer hatten, und so eine Menge Schrifterlinge auch die Klagen eines Juvenal und Horaz bey ihnen vermuthen lassen, so fiel es ihnen doch nie ein, diese Gattung Beschäftigung unter die Officia sordida zu zählen; bey uns aber ist das Barometer der öffentlichen Hochachtung für die Schriftstellerey bereits auf so einen Grad gefallen, daß dieselbe, wenn man eine Klassifikation aller Beschäftigungen, nach Grundsätzen des römischen Rechts festsetzen wollte, sehr wahrscheinlicher Weise unter die Officia Sordida zu stehen kommen würde. Die Ursache dieses auffallenden Unterschiedes scheint theils in dem Zahlverhältniß der schlechten Schriften gegen die guten, theils in der Beschaffenheit der Personen zu liegen, welche sich mit Schreiben abgeben.

Unstreitig überwiegt bey jeder schreibenden Nation die Anzahl der schlechten und mittelmässigen Schriften weit die Anzahl der guten; steigt aber die erstere so hoch, daß die letztere daneben zu verschwinden anfängt, so muß die Achtung für die kleinere Zahl in eben dem Grade abnehmen, wie das Uebergewicht der grösseren zunimmt. Der Grad des Verhältnisses zwischen beyden, ist immer der Maaßstaab des allgemeinen Urtheils, und das lesende Publikum gleicht einem Fischer, der, wenn er unter zehnmaligen Angelwerfen nicht einmal ein Fischchen fängt, diese Wasserstelle für fischlos hält, und weiter geht. Daß dieß der Fall der Wienerschriften sey, bedarf leider! keines Beweises. Von dem ersten April des vorigen Jahres an bis Ende September des gegenwärtigen, folglich in einer Zeit von 18 Monaten erschienen bloß allein in Wien 1170. Schriften, die Nachdrücke fremder Werke nicht mitgerechnet. Welch eine Zahl! und doch würde das Publikum noch um ein Paar hundert mehr zu sehen gekriegt haben, wenn es bloß auf den guten Willen der Autoren angekommen wäre. Angenommen nun, daß von diesen eilfhundert zwey und siebzig Schriften drey Viertheile ? welches doch für jeden Kenner derselben das allerglimpflichste Postulatum seyn muß ? mittelmäßiges, oder schlechtes Zeug waren, so entsteht daraus ein Verhältniß von 293 guten, gegen 879 entbehrlichen, oder gar schlechten Produkten. Wenn wir nun weiter annehmen wollen, daß eine Schrift in die andere gerechnet, nicht mehr, als 10 Kreutzer gekostet habe ? welches man in Rücksicht so vieler periodischen Schriften, und so vieler größeren Werke leicht annehmen kann, und wenn wir ferner voraussetzen, daß von jeder Schrift im Durchschnitt nur 200 gekauft worden sind, ? so geben uns die sämmtlichen bisher erschienenen Schriften eine Summe von baaren 39066 Gulden 40 Kreutzern. Wenn wir nun von dieser Summe drey Viertheile, welche auf Rechnung der entbehrlichen Schriften kommen, abziehen, so ergiebt sich daraus an unnütz verschwendetem Gelde eine Summe von 29299 Gulden 30 Kreutzern. Man rechne hiezu noch den mit Lesung dieser Schriften erlittenen Zeitverlust, und addire damit das Lucrum cessans von Ideen und Kenntnissen, mit welchen man während dieser Zeit den Verstand aus bessern Schriften hätten bereichern können, und urtheile dann, ob man dem Publikum die Verachtung und Geringschätzung so ganz und gar verargen könne, mit welcher dasselbe auf die heutigen Schriftstellerprodukte herabsieht. Indessen würde das Publikum sehr voreilig und ungerecht handeln, wenn es diese ganze unnütze Ausgabe bloß auf Rechnung der Autoren schreiben und glauben wollte, daß diese beträchtliche Summe von 29299 Gulden, nach Abzug der Druckkosten, ein reiner unverdienter Gewinn der Autoren gewesen sey. Nach dem hiesigen Verlegerfuß, der gerade für jene Autoren der schlechteste ist, die des Geldes am meisten bedürfen, fallen von jeder Schrift im Durchschnitt sicher zwey Drittheile reinen Gewinnstes in den Säckel derjenigen, die bey fremden Geistesgeburten Hebammendienste verrichten, das ist, die, um ein Geisteskind in die Welt zu setzen, ihre Hände, Maschinen und Windeln herleihen, oder sich wohl gar für den blossen Aufenthalt fremder Kinder in ihrem Gewölbe einen grössern Zins, als je in Wien für eine Wohnung gezahlt wird, abreichen lassen. Nach diesem Zweydrittelfuß also kömmt von den obenangeführten unnützverwendeten 29299 Gulden ein sicherer Betrag von 19533 Gulden auf Rechnung der Verleger. Eine Summe, die jene große Bereitwilligkeit allerdings begreiflich macht, mit welcher dieselben noch immer fortfahren, jeder unreifen Geburt ohne Rücksicht auf derselben künftiges Schicksal an das Tageslicht zu helfen, und sich der Schuld zu frühe entbundener Autoren theilhaftig zu machen.

Noch mehr als das bloße auffallende Verhältniß der schlechten Schriften gegen die guten schadet der Würde der Schriftstellerey die bekannte Beschaffenheit derjenigen, die sich mit Schreiben abgeben. Lesen und Schreiben können machte sonst die erforderlichen Eigenschaften des gemeinen Mannes aus, der bloß von Handarbeit lebt; itzt scheinen sie hinreichend, den Beruf des Schriftstellers zu machen, und so ist die Schriftstellerey zu einem Handwerk geworden, in dem jeder pfuscht, der gesunde und schreibfähige Hände hat. Pfuscherey veranlaßte von jeher den Verfall der Künste und Handwerke. Die wohlfeile, wiewohl schlechte Waare des Pfuschers, verschlägt die besser gearbeitete Waare des kunstgerechten Meisters, und dieser, weil ihm Niemand den grösseren Aufwand von Zeit und Mühe auf seine Arbeit bezahlen will, muß entweder darben, oder mit zum Pfuscher werden. Geschieht das, so nimmt mit der Güte der Arbeit ihr Werth ab, das Handwerk fällt, und mit selbem die Achtung, die man sonst dafür hatte. Der Einwohner des Landes sieht, daß er bey aller Wohlfeile der Waaren verliert, daß er nun alle Jahr neu anschaffen muß, was ihm sonst vier bis fünf Jahre gedauert hatte; er will wieder gute Waare, findet sie in seinem Lande nicht, kauft auswärts, und trägt das Geld aus dem Lande. Das ist beyläufig das Schicksal unserer inländischen Schriftstellerey. Es waren Zeiten, wo es bey uns wenig oder gar keine Schriftsteller gab, und der Lesebegierige mußte sich auswärts Nahrung seines Geistes suchen. Jetzt haben wir Schriftsteller die Menge, aber der Fall ist noch immer der nämliche, und wird es so lange bleiben, so lange zwey Drittheile der gesammten Schriftstellerzunft blosse Pfuscher sind. Bey den Handwerken hat man um den bösen Folgen der Pfuscherey vorzubeugen, die Zunft- und Innungsrechte eingeführt, welche den kunstgerechten Meister in dem ausschliessenden Besitz seiner Kunst handhabten, und den Pfuschern das Handwerk legten; die Schriftstellerey war in diesem Punkte von Anbeginn vogelfrey und ohne Schutz, und die Kritiker, die sich freylich manchmal des bedrängten Autorwesens annahmen, und sich den Eingriffen der Afterautoren entgegen stellten, waren von jeher eine viel zu schwache Schutzwehre, ein Volk von ihrem Gebiete hindan zu halten, welches nur zu gut wußte, daß die Waffen der Vertheidiger desselben nur Gänsespuhlen sind, und ihre Worte zwar den Ton, aber nicht das Vermögen einer gesetzgebenden Gewalt haben. Und dieser wehrlose Zustand der Schriftsteller ist es, der das Gebiet der Wissenschaften zum Tummelplatz jedes noch so unverschämten Federfechters macht, und der so viele litterarische Kleinhändler veranlaßte, ihre kurze Waare an allen Orten auszukramen. Der Name Schriftsteller hat durch die Leute, die ihn tragen, bereits so viel von seiner ursprünglichen Würde verloren, daß er anfängt entehrend zu werden, und wenns noch länger so fortgeht, Gefahr läuft, in Oesterreich eben so gut ein Schimpfname zu werden, als es der Name: Fur bey den Römern ward. Bald wird ein Autor, dem sein guter Name lieb ist, Anstand nehmen, mit Leuten dieses Gelichters einerley Kleid zu tragen, und in einer Gesellschaft zu erscheinen, die so übel berüchtigt ist. Er wird sich zurückziehen, und dem Pfuschergesindel ein Gebiet überlassen, von dem der gesittete Mann wie von einer Jedermannsschenke spricht. Das Publikum kann diesem Uebel allein zuvorkommen. Es ist der einzige Herr, den das Autorvolk als seinen Richter anerkennt, der einzige, dessen Gesetzen sich Schriftsteller und Pfuscher unterwerfen muß. Es herrschet unumschränkt über alle Werke des Geistes, und entscheidet über des Schriftstellers Leben und Tod. Wenn nun dieses Publikum, das im Schauspielhause seine Rechte so streng und unerbittlich ausübt, so leicht zum Mißfallen gereizt wird, und so geschwind fertig ist, ein langweiliges Stück, oder einen schlechten Schauspieler auf der Bühne auszuzischen; wenn dieses Publikum auf der grösseren Bühne der Litteratur eben so wenig seiner Rechte vergässe, die unberufenen Gauckler auf derselben nicht duldete, ihre Bockssprünge und Balgereyen nicht belachte, und das Possenspiel, das diese Schriftstellerbande wöchentlich zweymal im Wienerdiarium ankündiget, nicht theuer bezahlte, so würde die Pfuscherey von selbst aufhören, und die Schriftsteller würden ihr voriges Ansehen wieder erhalten.

Ueberhaupt trägt die hier eingerissene Mode alles, was man gedacht, beobachtet, oder entdeckt hat, flugs in Broschüren, oder kleinen fliegenden Blättern, in die Welt zu schicken, vieles zur Verkleinerung der Ehre unserer Litteratur bey. Diese Methode ist allerdings sehr nützlich, um richtige Begriffe und Meinungen von gewissen Gegenständen beym Volke in Umlauf zu bringen, aber von allen Sachen ohne Unterschied so was Summarisches auf einen, oder zween Bogen hinschreiben, heißt die Wissenschaften sehr geringfügig behandeln. Was ist leichter, als ein paar Bogen mit hundertmal gesagtem Zeuge vollzuschreiben, das Ding gedruckt unter einem Titel, der oft das Beste am ganzen Werk ist, am nächst besten Gewölbfenster eines Verlegers aushängen zu lassen: und dann auszurufen:


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