Aurelia oder der Traum und das Leben

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I.

D/ER Traum ist ein zweites Leben. Ich habe nie ohne zu schaudern durch die Elfenbein- oder Horntore dringen können, die uns von der unsichtbaren Welt scheiden. Die ersten Augenblicke des Schlafes sind das Bild des Todes. Eine nebelhafte Erstarrung ergreift unsern Gedanken, und wir können den genauen Augenblick nicht feststellen, wo das Ich in einer andern Form die Tätigkeit des Daseins fortsetzt. Ein ungewisses unterirdisches Gewölbe erhellt sich allmählich und aus dem Schatten der Nacht lösen sich in ernster Unbeweglichkeit die bleichen Figuren, welche den Vorhof der Ewigkeit bewohnen. Dann nimmt das Bild Form an, eine neue Helligkeit erleuchtet diese Erscheinungen in wunderlichem Spiel: ? es öffnet sich uns die Welt der Geister.

Swedenborg nannte diese Visionen »Memorabilia«; er verdankte sie öfter der Träumerei als dem Schlaf; der »goldene Esel« des Apulejus, die »göttliche Komödie« Dantes, sind die dichterischen Vorbilder dieser Studien über die menschliche Seele. Ich will nach ihrem Beispiel versuchen, die Eindrücke einer langen Krankheit niederzuschreiben, die sich ganz in den Mysterien meines Geistes abgespielt hat; ? und ich weiß nicht, warum ich mich des Ausdrucks »Krankheit« bediene, denn niemals habe ich mich, was mich selbst betrifft, wohler gefühlt. Mitunter hielt ich meine Kraft und meine Fähigkeit für verdoppelt. Es schien mir, als wüßte und verstände ich alles, die Einbildungskraft brachte mir unendliche Wonnen. Soll man bedauern sie verloren zu haben, wenn man das, was die Menschen Vernunft nennen, wiedererlangt hat?

Jene »vita nuova« hat für mich zwei Phasen gehabt. Diese Aufzeichnungen beziehen sich auf die erste. ? Eine Dame, die ich lange geliebt hatte, und die ich Aurelia nennen werde, war für mich verloren. Die Umstände dieses Ereignisses, das einen so großen Einfluß auf mein Leben haben sollte, sind unwichtig. Jeder kann aus seinen Erinnerungen die herzzerreißendste Gemütsbewegung, den fürchterlichsten Schicksalsschlag der Seele hervorsuchen; man muß sich da entschließen zu sterben oder zu leben; ? ich werde später sagen, warum ich nicht den Tod gewählt habe. Die ich liebte, hatte mich verurteilt, ich war eines Vergehens schuldig, für das ich keine Verzeihung mehr erhoffen konnte; so blieb mir nichts übrig, als mich den niedrigen Betäubungen zu ergeben; ich heuchelte Freude und Sorglosigkeit, ich durchkreuzte die Welt und jagte unsinnig hinter Wechsel und Laune her; vor allem gefielen mir die Trachten und absonderlichen Sitten entfernter Völkerschaften. Es war mir, als ob ich so die Vorbedingungen von Gut und Böse verschob, die Ausdrücke sozusagen für das was wir Franzosen »Gefühl« nennen.

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»Welche Verrücktheit,« sagte ich mir, »eine Frau, die dich nicht mehr liebt, so platonisch zu lieben! Daran ist meine Lektüre schuld; ich habe die Erfindungen der Dichter ernst genommen, und ich habe mir aus einer gewöhnlichen Persönlichkeit unseres Jahrhunderts eine Laura oder Beatrice gemacht . . . . . . Auf zu andern Abenteuern und dieses wird bald vergessen sein!« ? Der Taumel eines fröhlichen Karnevals in einer Stadt Italiens verjagte all meine melancholischen Gedanken. Ich war so glücklich über die Erleichterung, die ich empfand, daß ich all meinen Freunden meine Freude mitteilte, und in meinen Briefen gab ich das als beständigen Geisteszustand aus, was nur fieberhafte Überreizung war.

Eines Tages kam in die Stadt eine Frau von großem Ruf, die mit mir Freundschaft schloß, und da sie gewohnt war zu gefallen und zu blenden, zog sie mich mühelos in den Kreis ihrer Bewunderer. Nach einer Abendgesellschaft, wo sie gleichzeitig natürlich und von einem Reiz erfüllt gewesen war, dessen Einwirkung alle spürten, fühlte ich mich in einer Weise in sie verliebt, daß ich keinen Augenblick zögern wollte an sie zu schreiben. Ich war so glücklich, mein Herz einer neuen Liebe fähig zu fühlen! . . . . . . Ich borgte in dieser künstlichen Begeisterung dieselben Ausdrücke, die so kurze Zeit vorher mir gedient hatten, um eine wahrhafte und lang empfundene Liebe zu schildern. Als der Brief abgesandt war, hätte ich ihn zurückhalten mögen, und ich begann in der Einsamkeit von dem zu träumen, was ich eine Entweihung meiner Erinnerungen nannte. ?

Der Abend gab meiner neuen Liebe den ganzen Zauber des vorhergehenden Tages wieder. Die Dame zeigte sich empfänglich für das, was ich ihr geschrieben hatte, wobei sie einiges Erstaunen über meine plötzliche Glut erkennen ließ. Ich hatte an einem Tage mehrere Grade der Gefühle übersprungen, die man für eine Frau mit dem Schein der Aufrichtigkeit fassen kann. Sie gestand mir, daß es sie erstaune und zugleich mit Stolz erfülle. Ich versuchte sie zu überzeugen; aber was ich ihr auch immer sagen wollte, ich konnte in der Folge in unsern Unterhaltungen den rechten Ton meines Briefstils nicht mehr wiederfinden, so daß ich gezwungen war ihr mit Tränen zu gestehen, daß ich mich geirrt hätte, indem ich sie täuschte. Meine rührenden Geständnisse hatten immerhin einigen Reiz, und eine in ihrer Milde viel stärkere Freundschaft folgte auf vergebliche Zärtlichkeitsversicherungen.

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II.

S/PÄTER begegnete ich ihr in einer anderen Stadt, wo sich die Dame befand, die ich immer noch ohne Hoffnung liebte. Ein Zufall machte sie miteinander bekannt, und die erste hatte zweifellos Gelegenheit, die, welche mich aus ihrem Herzen verbannt hatte, in Hinsicht auf mich zu rühren, so daß ich sie eines Tages, als ich mich in einer Gesellschaft befand, an der auch sie teilnahm, auf mich zukommen und mir die Hand entgegenstrecken sah. Wie soll ich diesen Schritt und den tiefen traurigen Blick beschreiben, mit dem sie ihren Gruß begleitete? Ich glaubte darin die Verzeihung für die Vergangenheit zu lesen. Der göttliche Ausdruck des Mitleids gab den einfachen Worten, die sie an mich richtete, einen unaussprechlichen Wert, wie wenn sich etwas Religiöses in die Süßigkeiten einer bis dahin profanen Liebe gemischt hätte und ihr den Stempel der Ewigkeit aufdrückte.

Eine gebieterische Pflicht zwang mich nach Paris zurückzukehren, aber ich faßte sogleich den Entschluß, nur wenige Tage dort zu bleiben und zu meinen beiden Freundinnen zurückzueilen. Die Freude und die Ungeduld versetzten mich in eine Art Betäubung, die sich mit der Sorge für die Geschäfte verwickelte, die ich zu beenden hatte. Eines Abends, gegen Mitternacht, ging ich wieder die Vorstadtstraße entlang, wo sich meine Wohnung befand. Als ich zufällig die Augen aufhob, erkannte ich die Nummer des Hauses, die durch einen Gasarm erleuchtet war. Diese Zahl war die meines Alters. Gleich darauf sah ich, als ich den Blick wieder senkte, vor mir eine Frau von fahler Gesichtsfarbe mit hohlen Augen, die mir die Züge von Aurelia zu haben schien. Ich sagte mir: »Ihr, oder mein Tod wird mir angekündigt!« Aber ich weiß nicht, warum ich bei der letzten Annahme stehen blieb und ich erschreckte mich mit der Idee, daß es am folgenden Tag um dieselbe Stunde sein würde.

In dieser Nacht hatte ich einen Traum, der diesen Gedanken in mir befestigte. Ich irrte in einem weitläufigen Gebäude, das aus mehreren Sälen bestand, von denen die einen dem Studium gewidmet waren, während die andern der Unterhaltung oder philosophischen Diskussionen dienten. Ich blieb voll Interesse in einem der ersten stehen, wo ich meine alten Lehrer und Mitschüler zu erkennen glaubte. Die Stunden über die lateinischen und griechischen Schriftsteller nahmen ihren Fortgang mit diesem eintönigen Gemurmel, das ein Gebet zur Göttin Mnemosyne zu sein scheint. ? Ich ging in einen andern Saal, wo philosophische Vorträge stattfanden. Ich nahm einige Zeit teil daran, dann ging ich hinaus, um mein Zimmer in einer Art Gasthaus mit ungeheuren Treppen zu suchen, das voll war von geschäftigen Reisenden.

Ich verirrte mich mehrere Male in den langen Gängen und als ich eine der Mittelgalerien kreuzte, wurde ich von einem seltsamen Schauspiel überrascht. Ein Wesen von unermeßlicher Größe ? ob Mann oder Frau weiß ich nicht ? hielt sich mühsam über dem Raum in der Schwebe und schien sich zwischen dem dichten Gewölk zu überschlagen. Da es ihm an Atem und Kraft gebrach, fiel es endlich mitten in den dunkeln Hof, wobei es mit seinen Flügeln am Dach und an den Balustraden bald hängen blieb und bald sich stieß.

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Ich konnte es einen Augenblick betrachten. Es war in hochroten Tönen gefärbt und seine Flügel schillerten in tausendfach wechselndem Widerschein. In seinem langen Kleid mit antikem Faltenwurf glich es dem Engel der Melancholie von Albrecht Dürer. Ich konnte mich nicht enthalten, Schreie des Entsetzens auszustoßen, die mich plötzlich aufweckten.

Am folgenden Tag beeilte ich mich, alle meine Freunde aufzusuchen. Ich sagte ihnen in Gedanken Lebewohl und ohne ihnen etwas von dem zu verraten, was meinen Geist beschäftigte, erörterte ich mit Wärme mystische Gegenstände; ich erstaunte sie durch eine besondere Beredsamkeit; es kam mir vor, als wüßte ich alles und als enthüllten sich mir die Geheimnisse der Welt in diesen erhabenen Stunden.

Am Abend als die verhängnisvolle Stunde sich zu nähern schien, sprach ich mit zwei Freunden am Tisch eines Klubs über Malerei und Musik und erklärte von meinem Standpunkt aus die Entstehung der Farben und den Sinn der Zahlen. Einer von ihnen, namens Paul ***, wollte mich nach Hause begleiten, aber ich sagte ihm, daß ich nicht heim ginge. »Wo gehst du hin?« frug er mich. »NACH DEM ORIENT.« Und während er mich begleitete, suchte ich am Himmel nach einem Stern, den ich zu kennen glaubte, wie wenn er einigen Einfluß auf mein Geschick hätte. Nachdem ich ihn gefunden, setzte ich meinen Weg fort und folgte den Straßen, in deren Richtung er sichtbar war. Ich ging sozusagen meinem Geschick entgegen und wollte den Stern beobachten bis zu dem Augenblick, wo der Tod mich treffen würde. Als ich indessen an eine Kreuzung von drei Straßen gelangt war, wollte ich nicht mehr weiter gehen. Es schien mir, als wenn mein Freund eine übermenschliche Kraft entfalte, um mich zu veranlassen, den Platz zu wechseln; er wuchs vor meinen Augen und bekam die Züge eines Apostels. Ich glaubte zu sehen, wie der Ort, wo wir uns befanden, sich erhob und die Form seines städtischen Aussehens verlor. Die Szene verwandelte sich in einen Hügel, den ungeheure Einsamkeit umgab; sie zeigte den Kampf zweier Geister wie eine biblische Versuchung.

»Nein!« sagte ich, »ich gehöre nicht deinem Himmel an. Auf diesem Stern sind die, welche mich erwarten. Sie waren schon vor der Offenbarung, die du angekündigt hast. Laß mich zu ihnen, denn die ich liebe weilt an jenem Ort und dort sollen wir uns wiederfinden.«

III.

H/IER hat für mich das begonnen, was ich das Hineinwachsen des Traums in das wirkliche Leben nennen will. Von diesem Moment gewann alles mitunter ein doppeltes Aussehen ? und zwar ohne daß das Denken jeder Logik entbehrt und das Gedächtnis die geringsten Einzelheiten dessen, was mir widerfuhr, verloren hätte. Nur meine scheinbar sinnlosen Handlungen waren dem unterworfen, was man nach der menschlichen Vernunft »Illusion« nennt.

Der Gedanke ist mir sehr häufig gekommen, daß sich in gewissen ernsten Augenblicken des Lebens ein solcher Geist der äußern Welt plötzlich in der Gestalt einer alltäglichen Person verkörperte und auf uns wirkte oder zu wirken versuchte, ohne daß diese Person Kenntnis davon hatte oder eine Erinnerung daran bewahrte.

Mein Freund hatte mich verlassen als er sah, daß seine Anstrengungen nutzlos waren und hielt mich zweifellos für die Beute irgendeiner fixen Idee, die das Gehen beruhigen würde. Als ich allein war, erhob ich mich mit Anstrengung und machte mich wieder auf den Weg, wobei ich der Richtung des Sternes folgte, auf den ich den Blick unaufhörlich heftete. Ich sang im Gehen eine geheimnisvolle Hymne, deren ich mich aus einem früheren Leben zu entsinnen glaubte und die mich mit unsäglicher Freude erfüllte. Gleichzeitig legte ich meine irdischen Kleider ab und streute sie um mich aus. Der Weg schien stets anzusteigen und der Stern größer zu werden. Dann blieb ich mit ausgebreiteten Armen stehen und erwartete den Augenblick, wo die magnetisch in den Strahl des Sterns gezogene Seele sich vom Körper trennen würde. Da fühlte ich einen Schauer; die Sehnsucht nach der Erde und denen, die ich dort liebte, griff mir ans Herz; ich beschwor innerlich den GEIST, der mich anzog, so inbrünstig, daß es mir schien als sänke ich wieder zu den Menschen zurück; ? ich geriet unter Soldaten, die die Nachtrunde machten. Da hatte ich die Idee, daß ich sehr groß geworden sei, und daß ich durch eine Flut von elektrischen Kräften alles niederwerfen würde, was sich mir näherte. Es war etwas Komisches in der Sorgfalt, mit der ich meine Kräfte im Zaum hielt und das Leben der Soldaten, die mich aufgehoben hatten, verschonte.

Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es die Aufgabe eines Schriftstellers ist, aufrichtig zu schildern, was er in den ernsten Lebensumständen empfindet, und wenn ich mir nicht ein Ziel steckte, das ich für nützlich halte, würde ich hier aufhören und nicht versuchen das zu beschreiben, was ich dann in einer Reihe von vielleicht sinnlosen oder gewöhnlichen, krankhaften Visionen empfand.

Ich lag ausgestreckt auf einem Feldbett und glaubte zu sehen, wie der Himmel sich entschleierte und sich in tausend Ausblicken von unerhörten Herrlichkeiten öffnete. Das Schicksal der befreiten Seele schien sich mir zu enthüllen, wie um mir Bedauern darüber einzuflößen, daß ich wieder mit allen Kräften meines Geistes auf der Erde Fuß fassen wollte, die ich zu verlassen im Begriff war. Ungeheure Kreise zeichneten sich in die Unendlichkeit ab wie die Ringe auf dem Wasser, das der Fall eines Körpers beunruhigt; jede Region war von strahlenden Gestalten bevölkert und färbte, bewegte und löste sich abwechselnd auf, und eine sich immer gleiche Gottheit warf lächelnd die heimlichen Masken ihrer verschiedenen Inkarnationen von sich ab und floh endlich unergreifbar in die mystische Helle des Himmels Asiens.

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Dieses himmlische Gesicht machte mich durch eines jener Phänomene, die jedermann in gewissen Träumen gefühlt hat, nicht gleichgültig gegen das, was um mich herum vorging. Ich lag auf einem Feldbett und hörte, wie die Soldaten sich um mich herum von einem Unbekannten unterhielten, den man wie mich aufgegriffen hatte, und dessen Stimme in dem gleichen Saal widerhallte. Durch eine sonderbare Vibrationswirkung schien es mir, als ob diese Stimme in meiner Brust mitklänge, und daß meine Seele sich sozusagen verdoppelte, wobei sie sich deutlich zwischen der Vision und der Wirklichkeit teilte. Einen Augenblick hatte ich den Gedanken mich mit Anstrengung nach dem herumzudrehen, von dem die Rede war; dann zitterte ich bei der Erinnerung an eine in Deutschland wohlbekannte Überlieferung, wonach jeder Mensch einen DOPPELGÄNGER hat, und daß, wenn er ihn sieht, sein Tod nahe sei. ? Ich schloß die Augen und kam in einen verwirrten Geisteszustand, wo die eingebildeten oder wirklichen Gestalten, die mich umgaben, in tausend flüchtige Erscheinungen zerbarsten. Einen Augenblick sah ich nahe bei mir zwei meiner Freunde, die nach mir fragten. Die Soldaten wiesen auf mich; dann öffnete sich die Tür und jemand von meiner Gestalt, dessen Gesicht ich nicht sah, ging mit meinen Freunden hinaus, die ich vergeblich zurückrief: »Aber man irrt sich«! schrie ich, »sie sind gekommen, um mich zu holen und ein anderer geht mit ihnen fort!« ? Ich lärmte so, daß man mich in Arrest brachte. Dort blieb ich mehrere Stunden in einer Art Stumpfheit; endlich kamen die beiden Freunde, die ich schon ZU SEHEN GEGLAUBT HATTE und holten mich mit einem Wagen ab. Ich erzählte ihnen alles, was sich ereignet hatte, aber sie leugneten, in der Nacht gekommen zu sein. Ich aß ziemlich ruhig mit ihnen zu Abend, aber je näher die Nacht herankam, desto deutlicher schien es mir, daß ich dieselbe Stunde zu fürchten hätte, die mir am Abend vorher fast verhängnisvoll geworden wäre. Ich verlangte von einem von ihnen einen orientalischen Ring, den er am Finger trug und den ich für einen alten Talisman hielt. Ich knüpfte ihn mit einem seidenen Tuch um den Hals und bemühte mich den Stein, einen Türkisen, auf den Punkt meines Nackens zu drehen, wo ich Schmerzen fühlte. Meiner Ansicht nach war es dieser Punkt, bei dem die Seele zu entfliehen in Gefahr war und zwar in dem Augenblick, wo ein gewisser Strahl des Sterns, den ich am Vorabend gesehen hatte, in Beziehung zu mir mit dem Zenith zusammentreffen würde. Sei es Zufall, sei es die Wirkung meiner starken Voreingenommenheit, ich stürzte zur selben Stunde wie am Vorabend wie vom Blitz getroffen nieder. Man legte mich auf ein Bett und während langer Zeit verlor ich den Sinn und den Zusammenhang der Bilder, die sich vor mir abrollten. Dieser Zustand dauerte mehrere Tage. Ich wurde in eine Heilanstalt verbracht. Viele Verwandte und Freunde besuchten mich, ohne daß ich Kenntnis davon gehabt hätte. Der einzige Unterschied, der für mich zwischen Wachen und Schlafen bestand, war, daß sich während des Wachens alles vor meinen Augen umformte; jede Person, die sich mir näherte, schien verändert, die materiellen Dinge hatten etwas wie einen Halbschatten, der ihre Form umgestaltete, und die Spiele des Lichts, die Verbindungen der Farben lösten sich auf, so daß sie mich in einer beharrlichen Folge von miteinander verbundenen Eindrücken hielten. Dadurch, daß ich träumte, waren sie mehr von den äußeren Elementen befreit und verloren nicht an Wahrscheinlichkeit.

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IV.

E/INES Abends glaubte ich ganz bestimmt, an die Ufer des Rheins versetzt zu sein. Gegenüber von mir befanden sich finstere Felsen, deren Perspektive sich im Schatten andeutete. Ich trat in ein freundliches Haus, durch dessen weinumwachsene grüne Läden ein Strahl der untergehenden Sonne fiel. Es schien mir, als kehrte ich in eine bekannte Wohnung zurück, nämlich in die eines Onkels mütterlicherseits, eines flämischen Malers, der seit mehr als einem Jahrhundert tot war. Entwürfe zu Bildern waren hie und da aufgehängt, einer davon stellte die berühmte Fee dieses Gestades dar. Eine alte Magd, die ich Margarete nannte und die ich seit der Kindheit zu kennen wähnte, sagte zu mir: »Wollen Sie sich nicht auf das Bett legen? Denn Sie kommen von weit her, und Ihr Onkel wird spät zurückkommen; man wird Sie zum Abendessen wecken.« Ich streckte mich auf einem Bett mit Säulen aus, das mit blauem, groß und rotgeblumtem Tuch drapiert war. Gegenüber von mir hing an der Wand eine bäurische Uhr und darauf saß ein Vogel, der mit mir wie ein Mensch zu reden anhub. Und ich hatte den Gedanken, daß die Seele meines Ahnen in diesem Vogel sei; aber ich war ebensowenig erstaunt über seine Sprache und seine Gestalt als darüber, daß ich mich ein Jahrhundert zurückversetzt sah. Der Vogel sprach zu mir von lebenden oder zu verschiedenen Zeiten verstorbenen Familienmitgliedern, wie wenn sie gleichzeitig existierten und sagte zu mir: »Sie sehen, Ihr Onkel hat Sorge getragen, SEIN Bildnis im voraus zu machen . . . jetzt lebt SIE mit uns.« Ich richtete die Augen auf eine Leinwand, die eine Frau in altdeutscher Tracht darstellte, die sich über das Flußufer beugte und den Blick auf einen Busch Vergißmeinnicht heftete.

? Indessen wurde die Nacht immer dichter, und das Aussehen, die Laute und die Stimmung der Orte verwischten sich in meinem schläfrigen Geist; ich glaubte in einen Abgrund zu stürzen, der die Erdkugel durchschnitt. Ich fühlte mich schmerzlos von einem Strom geschmolzenen Metalls fortgetrieben und tausend ähnliche Flüsse, deren Färbungen die chemischen Verschiedenheiten anzeigten, durchfurchten den Schoß der Erde wie die Gefäße und Adern, die sich zwischen den Gehirnlappen schlängeln. Alle strömten, kreisten und zitterten so, und ich hatte das Gefühl, daß diese Flüsse aus lebenden Seelen im Molekularzustand beständen, und daß die Geschwindigkeit dieser Reise allein mich verhinderte ihn zu erkennen. Eine bleiche Helligkeit zog allmählich in diese Kanäle ein und ich sah endlich einen neuen Horizont sich wie eine gewaltige Kuppel erweitern, wo sich Inseln abzeichneten, die von leuchtenden Fluten umgeben waren. Ich befand mich auf einer von diesem sonnelosen Tag erleuchteten Küste, und sah einen Greis, der das Land bestellte. Ich erkannte in ihm denselben, der mit der Stimme des Vogels zu mir geredet hatte, und sei es, daß er mit mir sprach, sei es, daß ich ihn in meinem Innern verstand, es wurde mir klar, daß die Vorfahren die Gestalt gewisser Tiere annehmen, um uns auf der Erde zu besuchen, und daß sie so als stumme Beobachter den Phasen unserer Existenz beiwohnen.

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Der Greis verließ seine Arbeit und begleitete mich bis zu seinem Haus, das sich in der Nähe erhob. Die Landschaft, die uns umgab, erinnerte mich an einen Teil von Französisch-Flandern, wo meine Eltern gelebt haben und wo sich ihre Gräber befinden; das von Gebüschen umgebene Feld am Waldrand, der benachbarte See, der Fluß und der Waschplatz, das Dorf mit seiner ansteigenden Straße, der Hügel aus dunkelm Sandstein und die Büschel aus Ginster und Heidekraut, ? alles das war ein verjüngtes Bild der Orte, die ich geliebt habe. Nur das Haus, in das ich trat, war mir unbekannt. Ich begriff, daß es in ich weiß nicht welcher Zeit bestanden hat und daß in der Welt, die ich eben besuchte, das Gespenst der Dinge das des Körpers begleitete.

Ich trat in einen geräumigen Saal, wo viele Menschen versammelt waren. Überall entdeckte ich bekannte Gesichter. Die Züge der toten Verwandten, die ich beweint hatte, fanden sich in anderen wieder, die mir, in altmodischen Kleidern, denselben väterlichen Empfang bereiteten. Sie schienen zu einer Familientafel vereinigt zu sein. Einer dieser Verwandten kam auf mich zu und umarmte mich zärtlich. Er trug ein altertümliches Gewand, dessen Farben verblichen schienen, und sein lächelndes Antlitz unter den gepuderten Haaren hatte einige Ähnlichkeit mit dem meinen. Er schien mir ausgesprochener lebendig zu sein als die andern und sozusagen in freiwilligerem Rapport mit meinem Geist. ? Es war mein Onkel. Er hieß mich neben sich sitzen, und eine Art Verbindung stellte sich zwischen uns her; denn ich kann nicht sagen, daß ich seine Stimme gehört hätte; nur in dem Maße, als ich meine Gedanken auf einen Punkt richtete, wurde mir sogleich seine Bedeutung klar, und die Bilder wurden vor meinen Augen so bestimmt wie belebte Gemälde.

»Es ist also wahr,« sagte ich mit Entzücken, »wir sind unsterblich und behalten hier die Bilder der Welt, die wir bewohnt haben. Welch ein Glück zu denken, daß alles was wir geliebt haben, immer um uns herum bestehen wird! Ich war des Lebens recht müde!« . . .

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»Freue dich nicht zu früh,« sagte er, »denn du gehörst noch der oberen Welt an, und du hast noch rauhe Prüfungsjahre zu bestehen. Der Aufenthalt, der dich entzückt, hat selbst seine Schmerzen, Kämpfe und Gefahren! Die Erde, die wir bewohnt haben, ist stets der Schauplatz, wo sich unsere Geschicke knüpfen und lösen; wir sind die Strahlen des zentralen Feuers, das sie belebt und das sich schon abgeschwächt hat« . . . . ? »Ach was!« sagte ich, »die Erde könnte sterben und wir würden von dem Nichts verschlungen?« ? »Das Nichts«, sagte er, »besteht nicht in dem Sinn wie man es meint; aber die Erde ist selbst ein materieller Körper, dessen geistiger Extrakt die Seele ist. Die Materie kann nicht mehr zugrund gehen als der Geist, aber sie kann sich verändern nach dem Guten und nach dem Bösen. Unsre Vergangenheit und unsre Zukunft sind eins. Wir leben in unsrer Rasse und unsre Rasse lebt in uns.«

Dieser Gedanke leuchtete mir sogleich ein, und wie wenn sich die Mauern des Saales auf unendliche Perspektiven geöffnet hätten, schien es mir als sähe ich eine ununterbrochene Kette von Männern und Frauen, in denen ich enthalten war und die ich selbst waren. Die Trachten aller Völker, die Bilder aller Länder erschienen gleichzeitig deutlich, wie wenn sich meine Beobachtungsfähigkeiten vervielfacht hätten, ohne sich zu verwirren; dies geschah durch ein Wunder des Raums gleich dem der Zeit, das ein Jahrhundert voll Taten in eine Traumminute zusammenpreßt. Mein Befremden wuchs als ich sah, daß diese ungeheure Menge nur aus Personen bestand, die sich im Saal befanden und deren Bilder sich vor meinen Augen in tausend flüchtigen Erscheinungen getrennt und verbunden hatten.

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»Wir sind sieben«, sagte ich zu meinem Onkel.

»Das ist tatsächlich«, sagte er, »die typische Zahl jeder menschlichen Familie und im Falle der Ausdehnung sieben mal sieben oder mehr.«

Ich kann nicht hoffen, diese Antwort verständlich zu machen, die für mich selbst sehr dunkel geblieben ist. Die Metaphysik versorgte mich nicht mit Ausdrücken für die Beobachtung, die von den Beziehungen dieser Personenzahl zur allgemeinen Harmonie herrührte. Man begreift wohl im Vater und der Mutter die Analogie der elektrischen Naturkräfte, aber wie soll man die individuellen Zentren feststellen, die sie ausströmen, wovon sie ausströmen wie eine animische Gesamtfigur, deren Zusammensetzung gleichzeitig mannigfaltig und begrenzt wäre? Geradesogut könnte man von der Blume Rechenschaft fordern für die Zahl ihrer Blütenblätter oder für die Einteilung ihrer Krone, . . . . von der Erde für die Formen, die sie bildet, von der Sonne für die Farben, die sie schafft.

V.

A/LLES um mich herum wechselte seine Gestalt. Der Geist, mit dem ich mich unterhielt, hatte nicht mehr dasselbe Aussehen. Es war ein junger Mann, der von nun an mehr von mir die Gedanken erhielt, als daß er sie mir mitteilte . . . War ich zu weit in jene Höhen gestiegen, wo einen der Schwindel erfaßt? Ich glaubte zu verstehen, daß solche Fragen dunkel oder gefährlich seien selbst für die Geister der Welt, die ich damals wahrnahm. Vielleicht untersagte mir auch eine höhere Macht die Nachforschungen. Ich sah mich in den Straßen einer stark bevölkerten, unbekannten Stadt umherirren. Ich bemerkte, daß sie von hügeligen Rücken durchzogen und von einem ganz mit Wohnstätten bedeckten Berg beherrscht war. Zwischen dem Volk dieser Hauptstadt unterschied ich gewisse Menschen, die einer besonderen Nation anzugehören schienen; ihre lebhaften, entschlossenen Mienen, der energische Ausdruck ihrer Züge veranlaßten mich, an die unabhängigen und kriegerischen Gebirgs- oder Inselvölker zu denken, die wenig von Fremden besucht werden; indessen war es mitten in einer großen Stadt, mit einer gemischten und gewöhnlichen Bevölkerung, wo sie ihre wilde Eigenart aufrecht zu erhalten wußten. Wer waren denn diese Menschen? Mein Führer ließ mich abschüssige und lärmvolle Straßen erklimmen, die von den verschiedenartigen Geräuschen der Tätigkeit widerhallten. Wir stiegen noch lange Reihen von Treppen empor, hinter welchen sich die Aussicht erschloß.

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Hie und da sah man mit Gitterwerk bekleidete Terrassen, kleine, in geebneten Zwischenräumen angelegte Gärtchen, Dächer, leicht gebaute Pavillons, die mit launiger Geduld bemalt und ausgehauen waren; Fernsichten, die durch lange Streifen von kletterndem Grün miteinander verbunden waren, verführten das Auge und erfreuten den Geist wie der Anblick einer köstlichen Oase einer unbekannten Einsamkeit oberhalb der Wirrnis jener von unten kommenden Geräusche, die hier nur mehr ein Gemurmel waren. Man hat oft von geächteten Völkern gesprochen, die im Schatten der Totenstädte und der Grüfte leben. Hier war zweifellos das Gegenteil der Fall. Ein glückliches Geschlecht hatte sich diesen Zufluchtsort geschaffen, den Vögel, Blumen, reine Luft und Helle liebten. »Das sind«, sagte mir mein Führer, »die alten Bewohner dieser Berge, die die Stadt beherrschen, in der wir eben weilen. Lange haben sie hier gelebt, hatten einfache Sitten, liebten sich und waren gerecht und behielten die natürlichen Tugenden der ersten Erdentage. Das benachbarte Volk ehrte sie und richtete sich nach ihnen.«

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Von dem Punkt, wo ich mich eben befand, stieg ich meinem Führer folgend hinunter und gelangte in eine dieser hohen Behausungen, deren vereinte Dächer einen so sonderbaren Anblick boten. Es schien mir, als ob meine Füße sich in die aufeinanderfolgenden Schichten der Gebäude verschiedener Zeitalter eingrüben. Diese Gespenster der Bauten deckten immer wieder andere auf, wo sich der eigentümliche Geschmack jedes Jahrhunderts zeigte und das war wie der Anblick von Nachgrabungen, die man in den antiken Städten vornimmt, außer daß alles luftig, lebendig und von tausend Lichtern durchspielt war.

Endlich befand ich mich in einem geräumigen Zimmer, wo ich einen Greis vor einem Tisch mit ich weiß nicht was für einem Handwerk beschäftigt sah. Im Augenblick, als ich die Tür durchschritt, bedrohte mich ein weißgekleideter Mann, dessen Gesicht ich schlecht unterschied, mit einer Waffe, die er in der Hand hielt; aber der, welcher mich geleitete, machte ihm ein Zeichen sich zu entfernen. Es schien, als wolle man mich verhindern, das Geheimnis dieser Abgeschiedenheit zu durchdringen. Ohne meinen Führer zu fragen, begriff ich intuitiv, daß diese Höhen und gleichzeitig diese Tiefen der Zufluchtsort der primitiven Bergbewohner waren. Sie trotzten stets der überschwemmenden Flut der Rassenanhäufung und lebten hier einfach von Sitten, liebend und gerecht, geschickt, stark und erfinderisch, ? und als friedfertige Besieger der blinden Massen, die so oft ihr Erbteil überfallen hatten.

Wie? weder verderbt, noch vernichtet, noch Sklaven, rein, obwohl sie die Unwissenheit besiegt haben, im Wohlstand von den Tugenden der Armut erfüllt! ? Ein Kind ergötzte sich am Boden mit Kristallen, Muscheln und gravierten Steinen und machte zweifellos aus dem Studium ein Spiel. Eine bejahrte aber noch schöne Frau beschäftigte sich mit den Sorgen des Haushalts. In diesem Augenblick traten mehrere junge Leute lärmend ein, als ob sie von ihren Arbeiten heimkehrten. Ich war erstaunt, sie alle in Weiß gekleidet zu sehen; aber das war, wie es scheint, nur eine Täuschung meiner Augen. Um mir das klar zu machen, begann mein Führer ihre Kleidung als lebhaft farbig zu beschreiben, wobei er mir zu verstehen gab, daß sie in Wirklichkeit so wäre. Das Weiß, das mich befremdete, kam vielleicht von einem besonderen Glanz, von einem Lichterspiel, wobei sich die gewöhnlichen Farben des Prismas vermischten.

Ich ging aus dem Zimmer und befand mich auf einer in einen Ziergarten verwandelten Terrasse. Hier gingen junge Mädchen und Kinder spazieren und spielten. Ihre Kleider erschienen mir weiß wie die andern, aber sie waren mit rosa Stickereien verziert. Diese Geschöpfe waren so schön, ihre Züge so lieblich und der Glanz ihrer Seele leuchtete so lebhaft durch ihre zarten Formen, daß sie alle eine Art Liebe ohne Bevorzugung und ohne Begierde einflößten, die den ganzen Taumel der grenzenlosen Jugendleidenschaften zusammenfaßte.

Ich kann das Gefühl nicht wiedergeben, das ich inmitten dieser entzückenden Wesen empfand, die mir teuer waren, ohne daß ich sie kannte. Es war wie eine primitive und himmlische Familie, deren lächelnde Augen die meinen mit sanfter Teilnahme suchten; ich fing an heiße Tränen zu weinen, wie in Erinnerung an ein verlorenes Paradies. Da fühlte ich bitter, daß ich nur Reisender in dieser zugleich fremden und geliebten Welt war, und ich zitterte bei dem Gedanken, daß ich ins Leben zurückkehren müsse. Umsonst drängten sich die Frauen und Kinder um mich wie um mich zurückzuhalten. Schon verschmolzen ihre hinreißenden Formen in wirren Nebeln; diese schönen Gesichter erbleichten, diese bestimmten Züge, diese schimmernden Augen verloren sich in einem Schatten, wo noch der letzte Strahl des Lächelns leuchtete . . . . . .

So war diese Vision oder so waren wenigstens die Haupteinzelheiten, die ich in Erinnerung behalten habe. Der kataleptische Zustand, in dem ich mich mehrere Tage lang befunden hatte, wurde mir wissenschaftlich erklärt und die Berichte derer, die mich so gesehen hatten, versetzten mich in eine Art Gereiztheit als ich sah, daß man der Geistesverirrung die Bewegungen und Worte zuschrieb, die für mich mit den verschiedenen Phasen einer logischen Kette von Ereignissen zusammenfielen. Ich liebte mehr die meiner Freunde, die aus geduldiger Gefälligkeit oder in Folge ähnlicher Gedanken mich zu langen Erzählungen der Dinge veranlaßten, die ich im Geist gesehen hatte. Einer von ihnen sagte weinend zu mir: »Nicht wahr, es gibt einen Gott?« ? »Ja«, sagte ich voll Begeisterung zu ihm. Und wir umarmten uns wie zwei Brüder dieses mystischen Vaterlandes, das ich geschaut hatte. ? Welches Glück fand ich zuerst in dieser Überzeugung! So war der ewige Zweifel an der Unsterblichkeit der Seele, der die besten Geister angreift, für mich entschieden. Kein Tod mehr, keine Traurigkeit, keine Unruhe! Die, welche ich liebte, Eltern, Freunde gaben mir sichere Zeichen ihres ewigen Lebens, und ich war von ihnen nur noch durch die Stunden des Tages getrennt. Die der Nacht erwartete ich in einer sanften Schwermut.

VI.

E/IN Traum, den ich außerdem hatte, bestärkte mich in diesem Gedanken. Ich befand mich plötzlich in einem Saal, der zu der Wohnung meines Ahnen gehörte. Der Raum schien sich nur vergrößert zu haben. Die alten Möbel strahlten in wunderbarem Glanz, die Teppiche und die Vorhänge waren wie neu hergestellt, ein Tageslicht, dreimal leuchtender als der natürliche Tag, drang durch Fenster und Tür und in der Luft lag eine Frische und ein Duft wie an einem ersten lauen Frühlingsmorgen. Drei Frauen arbeiteten in diesem Zimmer und stellten ohne ihnen genau zu gleichen Verwandte und Freundinnen meiner Jugend vor. Es schien mir, als wenn jede von ihnen die Züge von mehreren dieser Personen in sich vereinte. Die Umrisse ihrer Gestalten wechselten wie die Flamme einer Lampe und jeden Augenblick ging etwas von der einen in die andere über; das Lächeln, die Stimme, die Farbe der Augen, des Haars, die Gestalt, die vertrauten Bewegungen vertauschten sich wie wenn sie dasselbe Leben gelebt hätten, und jede war so eine Zusammensetzung von allen, gleich jenen Typen, die die Maler nach mehreren Modellen bilden, um eine vollendete Schönheit darzustellen.

Die älteste sprach zu mir mit zitternder, melodischer Stimme, die mir aus meiner Jugend bekannt vorkam, und ich weiß nicht, was sie zu mir sagte, was mich durch seine tiefe Richtigkeit verblüffte. Aber sie lenkte meine Gedanken auf mich selbst, und ich sah mich in einen kleinen, braunen Anzug von altertümlichem Schnitt gekleidet, der ganz mit der Nadel gewirkt war und dessen Fäden so fein waren wie Spinneweben. Er war gefällig, zierlich und mit süßen Düften getränkt. Ich fühlte mich ganz verjüngt und ganz geputzt in diesem Kleidungsstück, das aus ihren Feenhänden hervorging und ich dankte ihnen errötend, wie wenn ich noch ein kleines Kind gewesen wäre, das vor großen, schönen Damen steht. Da stand eine von ihnen auf und wand sich nach dem Garten.

Jeder weiß, daß man in Träumen nie die Sonne sieht, obwohl man oft die Überzeugung einer viel intensiveren Helligkeit hat. Die Gegenstände und die Körper leuchten aus sich selbst. Ich sah mich in einem kleinen Park, wo sich die Spaliere zu Bogenlauben formten, die mit schweren schwarzen und weißen Weintrauben behängt waren; in dem Maße, als die Dame, welche mich führte, unter diesem Laubengang vorwärts ging, veränderte der Schatten der gekreuzten Gitter für meine Augen seine Formen und seine Umhüllung. Sie kam endlich darunter hervor und wir befanden uns in einem offenen Raum. Darin bemerkte man kaum noch die Spur alter Wandelgänge, die ihn früher kreuzweise durchschnitten hatten. Die Pflege war seit langen Jahren vernachlässigt und verstreute Setzlinge von Klematis, Hopfen, Geißblatt, Jasmin, Efeu und Osterluzei verbreiteten zwischen den kräftig gewachsenen Bäumen ihre langen lianenartigen Schlingen. Zweige neigten sich mit Früchten beladen bis zur Erde und zwischen schmarotzerhaft wuchernden Grasbündeln waren einige Gartenblumen aufgeblüht, die in den Zustand der Verwilderung zurückgefallen waren. Hie und da erhoben sich dichte Gruppen von Pappeln, Akazien und Fichten, aus deren Innern man altersgeschwärzte Statuen hervorschauen sah. Ich bemerkte vor mir eine Anhäufung von Felsen, die mit Efeu bewachsen waren, aus denen ein lebhafter Quell entsprang, dessen harmonisches Geplätscher in einem Bassin von stehendem Wasser widerhallte, das mit breiten Seerosenblättern halb verschleiert war.

Die Dame, der ich folgte, enthüllte ihre schlanke Gestalt mit einer Bewegung, welche die Falten ihres schillernden Taftkleides schimmern ließ, und umfaßte graziös mit ihrem nackten Arm den langen Stengel einer Stockrose; dann fing sie unter einem klaren Lichtschein zu wachsen an, so daß nach und nach der Garten ihre Gestalt annahm, und die Blumenbeete und Bäume, die Rosetten und Girlanden ihre Kleider wurden, während ihre Gestalt und ihre Arme ihre Umrisse den purpurnen Himmelswolken ausprägten. So verlor ich sie in dem Maß, wie sie sich verwandelte, aus den Augen, denn sie schien sich in ihrer eigenen Größe zu verflüchtigen. »O, fliehe nicht,« rief ich aus, »denn die Natur stirbt mit dir!«


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