Aus dem Leben eines saechsischen Husaren

----------









Dritter Abschnitt.

Hin- und Herzüge im Jahre 1813 bis zu meiner Anstellung im Civildienste 1816.

Nachdem meine Gesundheit wieder hergestellt war, ging ich im Mai 1813 nach Dresden ab, um mich dort zum Wiedereintritt in den Dienst zu melden, vorher aber ließ ich mir vom Dr. Piper in Artern ein Zeugniß darüber ausstellen, daß ich dort krank gelegen. In Dresden angekommen, meldete ich mich bei dem Stadtcommandanten General von Gersdorf, der mich an die sächsischen Cavalleriedepots verwies, welche in Pirna standen. Hier bekam ich ein gutes Quartier bei dem Gerichtsdirector Lohmann, dessen Frau gestorben, der Sohn aber Senator bei dem Stadtrathe war und mit seiner Schwester beim Vater lebte. Vorn heraus hatte ich eine hübsche Stube mit einem weiß überzogenen Bette, bekam früh Kaffee und aß Mittags an dem Tische meines Wirthes, nur für Frühstück und Abendbrod mußte ich selbst sorgen. Das Einzige, was mir in diesem Quartiere nicht so recht behagen wollte, war der Umstand, daß Vater und Sohn ganz entgegengesetzten politischen Ansichten huldigten. Der erstere neigte sich nämlich zu den Franzosen hin, indeß der letztere für die Verbündeten war und jene haßte. Bei Tische lenkte sich das Gespräch jedesmal auf Politik, obgleich ich bemüht war, demselben eine andere Richtung zu geben, und nun kam ich immer in Verlegenheit, da sich Vater und Sohn an mich wendeten, um über ihre politischen Streitigkeiten meine Ansicht zu hören. Da ich mich zu den politischen Anschauungen des jüngern Lotzmann mehr hinneigte, so wurde dessen Vater oft heftig und verbitterte mir dadurch den Mittagstisch, welcher immer sehr gut besetzt war. Sonst verlebte ich dort recht angenehme Tage, da Pirna, nahe am Ufer der Elbe gelegen, so manche hübsche Umgebungen hat, auch die sächsische Schweiz nicht fern davon liegt.

Anfangs Juni trafen mit der Truppenabtheilung des Generalmajors von Gablenz, welche, bei Kalisch abgeschnitten, sich nach Galizien hatte zurückziehen müssen, auch die kleinen Ueberreste vom Husarenregimente bei Pirna ein, wo sie in Burkartswalde Cantonnirquartiere bezogen.

Im Juli rückte ein Bataillon französischer Garde in Pirna ein, lauter junge, aber schöne Leute, denn die alte Garde war ja in Rußland umgekommen. Mein Wirth bekam hiervon einen Officier, welchen die Haushälterin in meine Stube wies, da ein anderes Zimmer jetzt nicht disponibel war. Es ging nun nicht wohl an, daß ich mit dem französischen Officiere diese Stube, in welcher nur Raum für ein Bette war, gemeinschaftlich bewohnen konnte. Da ich mit dem Wirthe und seinem Sohne, welche beide verreist waren, deshalb nicht Rücksprache nehmen konnte, so blieb mir nichts weiter übrig, als gleich auf das Rathhaus zu gehen und dort um Anweisung eines andern Quartiers für mich zu bitten, welches ich denn auch bei einer Wittwe bekam, deren Haus nahe an der Elbe lag, so daß ich diesen Strom von meiner Stube aus ganz bequem übersehen konnte, was sehr angenehm war. Später wurde mir zwar von Lotzmanns angetragen, daß ich wieder zu ihnen ziehen möchte, da sie den französischen Officier wollten ausquartieren lassen, aber der politische Zwist, welcher zwischen Vater und Sohn immer ausbrach, ließ mich nicht wünschen, ein Quartier wieder zu beziehen, wo diese Streitigkeiten mir oft sehr peinlich gewesen waren. Wie ich später erfahren, hat die Tochter des Gerichtsdirectors Lohmann, ein kräftiges und hübsches Mädchen, einen russischen Officier, welcher dort längere Zeit im Quartiere gelegen, geheirathet und ist, nach erfolgtem Frieden, mit diesem nach Rußland gegangen.

Die Cavalleriedepots blieben so lange in und bei Pirna stehen, bis Oesterreich gegen Frankreich den Krieg erklärt hatte, welches am 12. August 1813 geschah, worauf denn die Depots über Dresden, Meißen und Lommatzsch nach Mügeln marschirten, wo sie auf einige Zeit Quartiere bezogen. Da auch die umliegenden Dörfer belegt wurden, so kam ich mit einem Wachtmeister, Namens Rietz, vom Dragonerregimente Prinz Johann, auf ein nahe bei Mügeln gelegenes Rittergut Schweta in das Quartier, wo wir eine sehr gute Verpflegung fanden.

Die am 26. August bei Dresden erfolgte Schlacht hatten zwar die Oesterreicher verloren, dagegen die Franzosen durch die spätere Gefangennahme des Generals Vandamme mit seinem ganzen Corps bei Culm am 29. August einen großen Verlust erlitten, auch war die Schlacht bei Großbeeren am 23. August verloren gegangen. Die Franzosen befanden sich daher in einer mißlichen Lage, als auch die Verbündeten im Rücken derselben bedeutende Streifcorps entsendet hatten, welche Geschütze und Transporte wegnahmen, auch viele Gefangene machten. Unterdessen waren die sächsischen Cavalleriedepots von Mügeln wieder aufgebrochen und hatten sich über Leipzig, Merseburg, Querfurt und Sangerhausen bis Roßla zurückgezogen, wo sie längere Zeit stehen blieben. Hier wurde ich von dem Major von Nostitz, welcher die sämmtlichen Cavalleriedepots, bestehend aus Dragonern, Husaren, Cürassieren und Ulanen, commandirte, nach Querfurt gesendet und angewiesen, dort, bis auf weitere Ordre, Nachrichten über die feindlichen Streifcorps einzuziehen und, im Falle sich solche nähern sollten, sogleich hiervon Meldung zu machen. In Querfurt bekam ich in dem am Markte gelegenen Gasthause, damals die Garküche benannt, eine Stube vorn heraus zum Quartiere angewiesen.

Es konnte wohl in der Mitte des Septembers sein, als ein Mann in mein Quartier kam und mir sagte, daß ein Herr, der auf dem Rathhause sei, mich sprechen wolle. Sogleich ging ich hin und fand dort einen Officier, welcher, wie mir bewußt, in Merseburg zeither stationirt gewesen war. Von diesem erfuhr ich nun, daß er die gedachte Stadt schnell habe verlassen müssen, da plötzlich Kosaken dort eingerückt wären, weshalb er denn im Begriffe stehe, zu den Depots abzugehen. Da es nun wahrscheinlich sei, daß die Kosaken weiter vordringen und auch bald hier sein würden, so rieth mir der Offizier, nicht lange mehr in Querfurt zu verweilen, indem ich sonst in Gefahr käme, abgeschnitten zu werden. Der Major von Nostitz hatte mir jedoch beim Abgange nach Querfurt die gemessene Instruction ertheilt, nicht eher diese Stadt zu verlassen, bis ich mich von der Annäherung des Feindes überzeugt hätte. Indem ich dies dem Offiziere sagte, erklärte ich ihm auch, daß ich hiernach meinen Posten nicht eher verlassen dürfe, bis ich durch den Augenschein die gewisse Ueberzeugung erlangt hätte, daß die Kosaken sich Querfurt wirklich näherten, auch hoffte ich in diesem Falle, noch zu entkommen, da mir die Wege hier herum nach allen Richtungen hin genau bekannt wären. Nachdem der Officier abgereist war, rückte kurz darauf eine Abtheilung baierscher Jäger mit einigen Dragonern und Bagagewagen in Querfurt ein, die, wie ich hörte, von Torgau kamen und nach Baiern zurückgehen wollten. Diese Truppen, welche sich Quartiere anweisen ließen, waren in der am 6. September erfolgten Schlacht bei Dennewitz mit gewesen und erzählten, daß die Franzosen, Baiern und Sachsen dabei große Verluste erlitten und sich bis Torgau hätten zurückziehen müssen.

Obgleich ich nun durch das Einrücken dieser Jäger in etwas gedeckt war, so legte ich mich doch nicht ohne Besorgniß zu Bette, welche, wie sich später ergab, auch nicht unbegründet gewesen. Bei Tagesanbruch hörte ich die Signalhörner der Baiern zum Sammeln blasen und sie dann vom Markte, wo sie sich formirt, abmarschiren. Dieselben konnten aber kaum zur Stadt hinaus sein, als sich ein gewaltiger Lärm erhob und eine Menge Kosaken mit großem Hurrahgeschrei auf den Markt angesprengt kamen. Als ich diese berüchtigten, mir immer mißliebig gewesenen Töne vernahm, sprang ich mit einem Satze aus dem Bette und eilte an die Fenster, durch welche ich sah, daß der ganze Marktplatz von diesen ungebetenen Gästen bedeckt war. Die Thüre aufreißend, rief ich den Hausknecht herbei, dem ich sagte, daß er das Sattelzeug von meinem Pferde unter das Stroh verstecken, mir aber einen Rock von dem Wirthe schnell bringen sollte. Unterdessen verbarg ich die sämmtlichen Uniformstücken, Säbel und Pistolen sogleich im Bettstrohe und schnitt meinen Schnurrbart mit der Scheere ab, was das Werk einiger Minuten war. Hierauf zog ich den vom Hausknechte herbeigebrachten Fleischerrock des Wirthes eilig an, der aber allerdings nicht so recht passen wollte, da letzterer länger und stärker war, als ich. Während dem hatten die Kosaken den Marktplatz wieder geräumt, um die abgezogenen Baiern zu verfolgen. Nur 3 Mann waren zurückgeblieben und hielten vor unserm Gasthause, welches sie durch das Aushängeschild für ein solches erkannt haben mochten. In lang gedehnten, rauhen Lauten riefen sie fortwährend nach Schnaps, ihrem Lieblingsgetränke, dessen deutsche Benennung sie sich recht gut gemerkt hatten. Da ich Niemanden sah, der ihr Begehren erfüllte, und besorgen mußte, daß sie die Geduld verlieren, absteigen und in das Haus dringen möchten, dieses aber meine Sicherheit hätte gefährden können, so eilte ich schnell die Treppe hinunter in die Gaststube.

Da ich keinen Menschen darin fand, denn der Wirth und seine Leute hatten sich aus Furcht versteckt, so ergriff ich die erste Flasche Schnaps, welche im Schranke stand, nahm zwei Gläser in die Hand und ging damit an die Hausthüre zu den Kosaken, welchen ich fleißig einschenkte. Diese ließen es sich auch wohl schmecken, da ich zufällig gerade eine Flasche mit Doppelkümmel ergriffen hatte. Die Rolle, welche durch das merkwürdige Zusammentreffen so eigenthümlicher Verhältnisse mir zugefallen, war in der That eine sehr sonderbare, wenn ich bedachte, daß ich diesen rohen Kriegern mich jetzt dienstwillig bezeigen mußte, welche mir in Rußland als Feinde gegenüberstanden und uns nimmer Ruhe noch Rast gönnten, weshalb ich denn auch die vor mir haltenden, mit der Verzehrung des ihnen dargereichten Doppelkümmels beschäftigten Kosaken noch mit stillem Ingrimme betrachtete. Abgesehen hiervon konnte aber auch mein keckes Beginnen mir sehr nachtheilig werden, wenn dieselben an meiner blauen, mit schwarzen Streifen besetzten militairischen Reithose und den Stiefeln mit Sporen erkannt hätten, daß ich ein Kavallerist sei, denn dann würden sie mich gleich gepackt und als Gefangenen mit fortgeschleppt haben. Zum Glücke war der Fleischerrock meines Wirthes etwas lang, auch hatten die Kosaken nicht viel Zeit, Betrachtungen über meine Person anstellen zu können, denn es kam ein Bagagewagen, welcher sich etwas verspätigt haben mochte, mit zwei baierschen Dragonern, als Bedeckung, aus einem Gehöfte am Markte gefahren. Sobald die Kosaken dies sahen, so stürmten sie mit ihrem gewöhnlichen Hurrahgeschrei darauf zu, die beiden Baiern machten jedoch gleich Front, indeß der Wagen weiter fuhr, und streckten jenen ihre Pistolen ruhig entgegen, worauf die Kosaken zurückwichen, die Baiern aber wieder Kehrt machten und ihrem vorausgesendeten Wagen nachsprengten. Nun setzten auch erstere wieder hinterher, bis die Baiern abermals Front machten und durch das Entgegenstrecken der Pistolen ihre Verfolger wiederum zurückscheuchten. Da der Bagagewagen mit seiner Bedeckung eine vom Markte aus abführende Seitengasse erreicht hatte, so konnte ich nicht mehr sehen, was sich weiter damit zugetragen. Dieser Vorfall, wo drei Kosaken sich von zwei baierschen Dragonern zurücktreiben ließen, giebt wieder einen Beweis, wie wenig erstere in einem offenen Kampfe gegen regulaire Cavallerie auszurichten vermögen.

Nachdem auf dem Marktplatze kein Kosak mehr zu sehen war, ließ ich von dem Hausknechte, welcher seinen Versteck wieder verlassen, gleich einen Boten herbeiholen,. den ich nach Frankenhausen, wo jetzt unsere Depots standen, senden wollte, um diese von der Ankunft der Kosaken in Querfurt zu benachrichtigen, da ich außer Stande war, die Meldung davon selbst zu überbringen. Denn wie ich hörte, waren alle Stadtthore von denselben besetzt, der Haupttrupp aber zur Verfolgung der Baiern abgegangen, welche die Straße nach Allstädt eingeschlagen hatten. Es war daher leicht möglich, daß die Kosaken, nachdem es mit den Baiern abgemacht war, entweder ihren Marsch gleich über Artern nach Frankenhausen fortsetzten, oder in Querfurt blieben; in beiden Fällen war mir aber der Weg zu den Depots abgeschnitten, weshalb denn unter diesen Umständen nichts weiter übrig blieb, als einen expressen Boten dahin abzusenden. Diesem händigte ich einen Zettel ein, auf welchen ich blos geschrieben hatte: ?Heute Morgen, kurz nach Tagesanbruch, sind die Kosaken in Querfurt eingerückt. Diese Notiz war deshalb von mir so kurz gefaßt worden, weil der Bote, wenn er am Orte seiner Bestimmung angekommen war, über die beim Einrücken der Kosaken vorgekommenen nähern Umstände, auf Befragen, mündlich die erforderliche Auskunft geben konnte. Denselben instruirte ich nun dahin, wenn er am Thore angehalten würde, nicht zu sagen, wohin er gehe, auch sollte derselbe Niemandem den Zettel zeigen, sondern, nachdem er in Frankenhausen angekommen, solchen gleich beim Major von Nostitz abgeben, welcher ihm dann auch das Botenlohn zahlen würde. Nach Abfertigung des Boten hörte ich vor der Stadt schießen, ich ging daher auf das Schloß, von wo aus man die jenseitige Anhöhe, über welche die Straße nach Allstädt führt, vollständig übersehen konnte. Die Baiern hatten dort ein Viereck formirt und die Kosaken umschwärmten dasselbe von allen Seiten mit großem Hurrahgeschrei, aber sobald jene Feuer gaben, so zerstoben diese nach allen Richtungen hin. Obgleich nun die Kosaken mehrmals ihre Angriffe erneuerten, so wollte es ihnen doch nicht gelingen, das Viereck zu durchbrechen, dasselbe bewegte sich vielmehr auf der Straße weiter und machte nur manchmal Halt, um die zudringlichen Kosaken durch Flintenschüsse zurückzuweisen. Endlich gaben letztere die Verfolgung der Baiern ganz auf und zogen sich wieder nach der Stadt, nachdem sie noch einige Patrouillen in verschiedenen Richtungen hin abgesendet hatten.

Auf den Schloßhofe traf ich den Unterofficier Grimm vom Regiment Polenz Dragoner, welcher Invalidität wegen entlassen worden war; mit demselben ging ich vor das Nebrasche Thor, wo die Kosaken sich gelagert hatten. Nach einer ungefähren Zählung konnten es wohl gegen 200 Mann sein, welche, wie ich von einigen Bürgern hörte, heute früh von Nebra gekommen waren, um die Baiern, von deren Marsch auf Querfurt sie Kenntniß bekommen haben mochten, aufzuheben, was aber nicht gelungen war. Gegen Mittag saßen die Kosaken auf und marschirten in der Richtung auf Nebra zurück, nachdem sie die Posten, welche die Stadtthore besetzt gehalten, an sich gezogen. Obgleich nun zwar die ausgesendeten Patrouillen, wovon auch eine die nach Artern führende Straße eingeschlagen hatte, noch nicht zurück waren, so fand ich es doch bedenklich, noch länger in Querfurt zu verweilen, da leicht der Fall eintreten konnte, daß ein anderes feindliches Streifcorps diese Stadt wieder besetzte und mir nochmals den Rückweg zu den Depots in Frankenhausen abschnitt. Den Unterofficier Grimm ersuchte ich daher, mein Pferd schnell zu satteln, während ich die Husaren-Uniform aus dem Bettstroh hervorzog und solche anlegte, sodann aber eilig das Pferd bestieg und davonritt. Die Chaussee von Querfurt nach Artern führt nun zunächst nach Ziegelrode, vorher aber am Leimbachschen Gasthofe vorbei, welcher eine Viertelstunde links seitwärts vom Dorfe Leimbach ganz isolirt liegt. Diese Straße durfte ich aber nicht verfolgen, da ich auf derselben der rückkehrenden Kosakenpatrouille hätte begegnen können; ich ritt daher vom Querfurter Schlosse aus gleich rechts ab auf das Dorf Leimbach zu, die Chaussee nach Artern links lassend. Wie mir wohl bekannt war, führte nämlich von dem genannten Dorfe aus ein Weg durch das Holz nach Ziegelrode, auf welchem ich die Chaussee gar nicht berührte, mithin vor einer Begegnung der Kosaken sicher war. Wie ich aus dem Schlosse, welches auf einer Anhöhe liegt, hervorkam und den Leimbacher Gasthof sehen konnte, bemerkte ich, daß fünf Kosaken an demselben hielten, um vermuthlich dort ihre immer durstigen Kehlen zu laben. Unverwandt waren meine Augen auf die Bewegung derselben gerichtet, denn sie konnten, wenn sie mich bemerkten, eher nach Leimbach gelangen als ich und mir den Weg dahin abschneiden. Indem ich nun so dahin ritt, meine Blicke auf den Leimbacher Gasthof und die dort haltenden Kosaken gerichtet, holte ich einen Knaben ein, welcher auch nach Leimbach wollte. Derselbe ging eine Strecke neben meinen Pferde her und ich fragte ihn so Manches, namentlich auch über den Weg, der von Leimbach aus durch das Holz nach Ziegelrode führen sollte. Während des Gesprächs drehte sich der Knabe einmal um und rief: ?Hinter Sie kommen ja auch noch Reiter; hierauf rasch mich umschauend, erblickte ich mit Schrecken vier Kosaken, in einer Entfernung von ungefähr 300 Schritten hinter mir. Dies sehen, meinem Pferde beide Sporen in die Seite setzen und den Zügel schießen lassen, war nur das Werk eines Augenblicks und so ging es fort, daß die Funken stoben, Roß und Reiter schnoben. Hinter mir hörte ich nun das Hurrahgeschrei der Kosaken, welche ebenfalls scharf zuritten, um mich einzuholen, aber vergebens, denn ich hatte einen tüchtigen Renner. Nur war ich darüber besorgt, daß mein Pferd in seinem schnellen Laufe auf dem abschüssigen, durch den Regen etwas schlüpfrig gewordenen Lehmboden ausgleiten und stürzen möchte, was aber zu meinem Glück nicht geschah. So hatte ich fast im Fluge das Dorf Leimbach und den von da aus nach dem Holze führenden Weg erreicht, auf welchem ich rastlos fortjagte. Am Rande desselben angekommen, machte ich Halt und schaute mich nach den Kosaken um, welche ich aber nicht mehr hinter mir, sondern am Dorfe erblickte, wie sie, eben um dasselbe herum reitend, ihre Richtung nach dem Leimbacher Gasthofe nahmen. Sie mochten daher schon am Ende des Dorfes meine weitere Verfolgung aufgegeben haben, da ich nicht nur einen großen Vorsprung hatte, sondern auch im Holze mich ihnen leicht unsichtbar machen konnte. Es war gewiß eine gnädige Fügung des Himmels, daß ich auf dem Wege nach Leimbach jenen Knaben einholen, dieser sich zur rechten Zeit umsehen und mich auf die Gefahr aufmerksam machen mußte, welche mich im Rücken bedrohte. Denn kam dies nicht alles so, dann hätten sich die Kosaken mit ihren kleinen, nur leise auftretenden Pferden so nahe an mich herangeschlichen, daß ich ihnen nicht entkommen konnte und so wäre ich, ihren Klauen in Rußland glücklich entgangen, noch hier in Thüringen eine sichere Beute derselben geworden.

Im Holze kam ich auf einen, wie es schien, nur wenig befahrnen Weg, welcher viele Bogen machte und von andern Wegen oft durchkreuzt wurde. Unterdessen hatte es auch wieder angefangen zu regnen und es schüttelten die Aeste und Zweige, welche ich im Reiten berührte, ihre daran hängenden Wassertropfen reichlich auf mich herab, so daß ich davon ganz durchnäßt wurde. Nachdem ich fast eine Stunde, lang mich im Walde herum getrieben hatte und die Erwartung hegte, nun bald bei Ziegelrode aus demselben zu gelangen, kam ich zu meinem großen Erstaunen und Mißbehagen wieder an derselben Stelle aus dem Holze heraus, wo ich hineingeritten war, ich hatte daher, durch die vielen Kreuzwege irre geworden, den rechten Weg ganz verfehlt. Es blieb mir nun nichts weiter übrig, als die Chaussee, welche weiter links durch das Holz nach Ziegelrode führte, aufzusuchen und dieselbe vorsichtig zu verfolgen. In dem gedachten Dorfe erfuhr ich, daß die Kosakenpatrouille mit einem Boten über Landgrafrode nach Allstädt abgegangen sei, ich war nun also vor einer Begegnung derselben auf meinem Wege nach Artern so ziemlich sicher. Diesesmal kam ich in einem bessern Zustande dort an als früher, wo ich aus Rußland zurückkehrte, und ritt gleich nach dem Hause in der Altstadt, wo meine Mutter jetzt wohnte, um dieselbe vom Pferde herab nur kurz zu begrüßen, da ich heute noch nach Frankenhausen mußte, mithin in Artern nicht lange verweilen konnte. In letzterer Stadt stand auch ein Cürassierunterofficier und zwei Mann, welche von den Depots als vorgeschobener Posten dort stationirt worden waren. Der erstere sah eben zum Fenster seines Quartiers heraus, als ich über den Markt reiten wollte, und fragte mich, was es Neues gebe? Als ich ihm sagte, daß die Kosaken heute früh in Querfurt gewesen, auch eine Abtheilung davon nach Allstädt gegangen sei, so rief er: ?Ei! da muß ich auch gleich satteln lassen und abmarschiren.

Erst nach Anbruch der Nacht kam ich in Frankenhausen an, wo ich mich sofort zu dem Major von Nostitz begab, um meine Ankunft zu melden. Als ich in die Stube desselben trat, bemerkte ick den von mir heute Morgen aus Querfurt abgesendeten Boten, an welchen der Major, meinen Zettel in der Hand haltend, einige Fragen richtete. Denselben kam meine Ankunft recht gelegen und ich mußte nun, nachdem der Bote abgefertigt war, alle vorgekommenen Einzelheiten beim Einrücken der Kosaken in Querfurt referiren. Hierauf ließ der Major durch seine Ordonnanz die bei den Depots noch befindlichen Stabsofficiere zusammenrufen, um mit ihnen zu berathen, was nun unter diesen Umständen zu thun sei. Auch ich mußte gegenwärtig bleiben, um die Fragen dieser Herren beantworten und die sonst etwa noch geforderte Auskunft ertheilen zu können. Nachdem ich nochmals alles hatte erzählen müssen, was sich in Querfurt zugetragen, auch die Versammelten gehört hatten, daß eine Abtheilung Kosaken nach Allstädt gegangen sei, so wurde beschlossen, noch in dieser Nacht mit den Depots aufzubrechen und die Marschrichtung auf Langensalza zu nehmen. Da ich von Anbruch des Tages ab bis zur Nacht immer in Thätigkeit gewesen und durch den scharfen Ritt von Querfurt bis Frankenhausen etwas ermüdet war, so wurde mein Pferd zur Hand gegeben, mir aber auf einem Bagagewagen ein Platz angewiesen. Nach diesem Nachtmarsche kamen die Depots des andern Tages früh in Langensalza an, wo sie längere Zeit zu bleiben gedachten. Kurz darauf ging die Nachricht ein, daß bei Roßla, in welchem Orte früher diebDepots eine Zeit lang gestanden, sich Kosaken gezeigt hätten, woraus zu vermuthen war, daß die Verfolgung unserer Depots wohl in der Absicht der Russen liegen mochte und daß sie, um ihren Zweck zu erreichen, auf dem nächsten Wege von Roßla aus über Kelbra und Sondershausen sich Langensalza nähern würden, wo die Depots sich jetzt befanden. Von dem Major von Nostitz wurde ich daher beordert, mit einem mir noch beigegebenen Husaren nach Sondershausen abzugehen, um dort über die weitern Bewegungen dieses feindlichen Streifkorps Nachrichten einzuziehen und solche durch expresse Boten ihm sogleich zu melden. Da nun auf dem Wege dahin ein Zusammentreffen mit feindlichen Reiterabtheilungen zu besorgen war, so konnten wir nur langsam und vorsichtig die Straße verfolgen, namentlich wenn wir in ein Holz kamen, in welchem man eine sehr beschränkte Umsicht hat. Dabei versäumte ich auch nicht, die Leute, welche uns begegneten, zu befragen, ob sie von Kosaken oder anderer Cavallerie etwas gesehen oder gehört hätten, was jedoch immer verneint wurde.

So erreichten wir denn unangefochten Sondershausen und ritten gleich vor das Rathhaus, um uns ein Quartier anweisen zu lassen. Kaum war ich aber in die Expedition getreten, als auch schon der Fürst von Schwarzburg-Sondershausen durch einen Trabanten fragen ließ, was für Truppen eingerückt wären, worauf ihm zur Antwort gegeben wurde: ?sächsische Husaren. Wie ich nun hörte, hatte man uns für Preußen gehalten, wegen der Ähnlichkeit unserer Uniformen mit denen eines preußischen blauen Husarenregiments. Nachdem wir unser Quartier bezogen, ging ich aus, um mich von der Umgebung und Oertlichkeit dieses Städtchens und der in dasselbe führenden verschiedenen Wege näher zu unterrichten. Dabei erfuhr ich denn auch, daß heute Kosaken und preußische Cavallerie in Kelbra, welcher Ort drei Stunden von Sondershausen entfernt ist, gewesen wären; die Richtung, in welcher sie wieder abmarschirt, konnte mir jedoch Niemand mit Gewißheit angeben. Wie ich in das Quartier zurückkam, fand ich schon einen expressen Boten von Langensalza vor, welcher mir eine Ordre des Major von Nostitz einhändigte, in der ich angewiesen wurde, nach Ansicht derselben sogleich wieder von Sondershausen aufzubrechen und den Depots nachzufolgen, welche noch heute dort abmarschiren und die Richtung über Gotha, Schmalkalden und Meiningen nach Schleusingen nehmen würden, da ein feindliches Streifcorps von Frankenhausen her sich Langensalza nähere. Deshalb sollte ich auch, um nicht demselben in die Hände zu fallen, auf einem Umwege über Mühlhausen die Depots zu erreichen suchen. Ein Blick auf die Landkarte, welche ich mir gleich hatte geben lassen, überzeugte mich jedoch, daß dieser Umweg ein sehr großer sei; ich beschloß daher den Versuch zu machen, ob ich auf dem nähern Weg über Langensalza die Depots einzuholen vermöchte. Der Husar hatte unterdessen die Pferde gesattelt, wir setzten uns sogleich auf und ritten heute noch bis Almenhausen, wo wir, da es schon ganz dunkel war, uns ein Quartier geben ließen, den andern Tag aber in aller Frühe weiter marschirten. Wie wir durch das eine Stunde von Langensalza gelegene Dorf Merrleben gekommen waren, bemerkte ich auf einem an der Straße vor uns gelegenen Hügel, um welchen dieselbe sich in einem Bogen herum zog, zwei Reiter, wovon der eine abgesessen war und, wie es schien, uns mit einem über, das Pferd gelegten Fernrohre beobachtete, kurz darauf aber sich wieder zu Pferde setzte und mit dem andern Reiter vom Hügel verschwand. Damit wir nun nicht etwa in einen Hinterhalt fallen möchten, denn ich konnte nicht sehen, was hinter dem Hügel, welcher die Straße verdeckte, vorging, so ließ ich den Husaren auf derselben fortreiten, ich aber sprengte über das Feld gerade auf den Hügel zu und die Anhöhe hinauf, wo ich sah, daß jene zwei Reiter, welche dort gehalten hatten, eiligst den Weg nach Langensalza verfolgten.

Nach diesem Vorgange ließ sich nun wohl annehmen, daß die gedachte Stadt schon von feindlichen Truppen besetzt sei, weshalb wir uns denn auch nur mit vieler Vorsicht derselben näherten. Auf Befragen der uns begegnenden Leute, welche aus der Stadt kamen, erfuhr ich jedoch, daß in Langensalza weder Russen noch Preußen wären, welche Angabe sich auch bestätigte, als wir dort einrückten. Die zwei Reiter, welche vor uns her nach der Stadt geeilt waren, wie wir bei unserer Ankunft in derselben vernahmen, ein Chirurgus und ein baierscher Dragoner gewesen, die zu einigen Bagagewagen gehörten, welche aber Langensalza schnell wieder verlassen hatten, nachdem jene zwei Reiter die Nachricht dort verbreitet, daß preußische Husaren kämen. Wir waren nämlich von denselben irrthümlich für Preußen gehalten worden, als sie uns vom Hügel herab erblickt. Da man in der Stadt schon von Annäherung der Kosaken munkelte, mir auch daran gelegen sein mußte, die Depots bald zu erreichen, so konnte unser Aufenthalt in Langensalza nur kurz sein und sich blos darauf beschränken, den Pferden etwas Futter vorzulegen, worauf wir sogleich wieder aufbrachen und den Weg nach Gotha fortsetzten. Erst am dritten Tage nach unserm Abgange von Sondershausen konnten wir die Depots auf ihrem Marsche von Meiningen nach Schleusingen einholen. Nachdem ich mich bei dem Major von Nostitz gemeldet, wurde ich von demselben angewiesen, den Depots in der Entfernung von einer halben Stunde mit meinem Husaren als Nachhut zu folgen.

In Schleusingen richteten die Depots sich auf ein längeres Bleiben ein; auch ich suchte es mir in meinem Quartiere recht bequem zu machen. Aber noch sollte ich keine Ruhe haben, denn kurz nach dem Einrücken wurde ich zum Major von Nostitz beschieden, welcher sein Quartier im Gasthause zum grünen Baume am Markte genommen hatte. Derselbe kündigte mir an, daß ich morgen nach Ilmenau abgehen und dort bis auf weitere Ordre stationirt bleiben müsse, um Nachrichten über die Bewegung und etwaige Annäherung feindlicher Truppen von Arnstadt, Weimar und Rudolstadt her einzuziehen und ihm hiervon sogleich Meldung zu machen. Es war auffallend, daß nur ich jedesmal commandirt wurde, um auf einem vorgeschobenen Posten den Kundschafter zu machen, da doch bei den verschiedenen Depots noch viele Unterofficiere vorhanden waren, welche auch dazu hätten beordert werden können. Der Major mochte nun aber wohl seine besondern Gründe haben, daß er mir nur einen solchen Posten anvertraute; ich hütete mich daher auch, deshalb eine Unzufriedenheit zu äußern, denn der Soldat soll nicht raisonniren, sondern Ordre pariren. Des andern Tages brach ich in aller Frühe von Schleusingen auf und traf mit einem Dragoner vom Regiment Polenz, welchen ich mit mir nehmen sollte, in Ilmenau, dem bestimmten Stationsorte, ein. Diese zum Großherzogthum Weimar gehörige Stadt liegt drei Meilen von Schleusingen entfernt in einer angenehmen Gegend am Thüringer Walde, hat kristallhelles, gutes Wasser und eine reine, sehr gesunde Bergluft. Auch befand sich dort ein schöner Felsenkeller, mit vortrefflichem Lagerbier angefüllt, welches im Schießhause ausgeschenkt und auswärts stark verfahren wurde. In dieser freundlichen Stadt verlebten wir recht angenehme Tage, denn die Quartiere waren gut, unsere Geschäfte aber beschränkten sich blos darauf, jeden Tag Spatzierritte auf den nach Rudolstadt, Weimar und Arnstadt führenden Straßen zu machen, um in den daran gelegenen Orten Erkundigungen über Truppenbewegungen einzuziehen.

Es konnte wohl in der ersten Hälfte des Octobers 1813 sein, als ich auf den Rathskeller in Ilmenau kam und dort den Boten traf, welcher wöchentlich einmal nach Weimar ging und eben erst von daher zurückgekommen war. Auf meine Frage, was es Neues gebe, erzählte derselbe, daß er russische und preußische Cavallerie in Weimar gesehen habe, welche heute dort eingerückt sei. Diese Nachricht war so wichtig, daß ich sogleich nach meinem Quartiere eilte, den Dragoner satteln ließ und ihm dann die unterdessen niedergeschriebene Meldung an den Major von Nostitz einhändigte, um damit nach Schleusingen zu reiten. Am andern Tage kam derselbe zurück, brachte noch einen Husaren, mir aber die Ordre mit, daß ich bis Stadt Ilm, auf der Straße nach Weimar zu, öfters sollte patrouilliren lassen und alles schleunig melden, was ich über die weitere Marschrichtung der dort eingerückten feindlichen Truppen erfahren möchte. Um nähere Erkundigungen einzuziehen, ritt ich heute allein noch bis Stadt Ilm und eine große Strecke darüber hinaus, konnte aber nur soviel erfahren, daß Russen und Preußen sich gestern in Weimar befunden hätten; ob sie aber noch dort wären oder wohin sie sich gewendet, darüber vermochte ich keine näheren Nachrichten zu erlangen. Wie ich an dem darauf folgenden Tage von einer Recognoscirung zurückkehrte, fand ich einen expressen Boten mit einer Ordre von Schleusingen vor, in welcher ich benachrichtigt wurde, daß die Depots morgen in aller Frühe dort abmarschiren und sich weiter auf Coburg zurückziehen würden. Zugleich bekam ich die Anweisung, mit meinen beiden Mann noch heute von Ilmenau aufzubrechen und in Hinternach, eine Stunde vor Schleusingen gelegen, einzutreffen, auch dort so lange zu bleiben, bis die Depots des andern Tages früh abmarschirt wären, worauf ich sodann denselben in einer gewissen Entfernung als Nachhut folgen sollte. Nachdem ich die Ordre gelesen und dem Boten eine Bescheinigung über den Empfang gegeben hatte, erzählte derselbe zu meinem großen Erstaunen, daß, wie er heute vor Tagesanbruch von Schleusingen fortgegangen und auf das erste Dorf gekommen wäre, er in demselben viele Reiter getroffen habe, welche die dort im Quartiere gelegenen Mannschaften von unsern Depots gewaltsam aus den Häusern geholt und fortgeführt hätten. Fast wollte ich es nicht glauben, aber nachdem ich den Boten über alle Einzelheiten befragt und gehört hatte, daß mehrere von den Reitern ganz fremd gesprochen und, wie er in der Dämmerung des anbrechenden Tages bemerkt, auch Lanzen geführt hätten, so konnte ich nicht länger zweifeln, daß die Depots heute früh mußten überfallen worden sein. Hiernach traf ich nun meine Vorsichtsmaßregeln. Da uns auf der nach Schleusingen führenden Landstraße leicht eine feindliche Streifpartei hätte begegnen können, so durften wir schon der Sicherheit wegen selbige nicht passiren, sondern mußten einen Seitenweg über Stützebach und Veßra einschlagen, auf welchem man, ohne die Landstraße zu berühren, auch nach Schleusingen gelangen konnte.

Nachdem ich einen Boten requirirt hatte, der uns die uns unbekannten Waldpfade führen sollte, marschirten wir Nachmittags von Ilmenau ab. Da der Weg über Berge und durch große Waldungen sich hinzog, so war er sehr beschwerlich und wir kamen erst nach Anbruch der Nacht in Veßra an, wo von den Leuten bestätigt wurde, was ich schon vermuthet hatte, nämlich, daß die Depots heute Morgen in Schleusingen plötzlich überfallen und gefangen worden waren. Mein Pferd, sechs Jahre alt und von Farbe braun, hatte auf dem holprigen und steinigen Wege ein Hufeisen verloren und sich den Fuß verletzt, weshalb dasselbe sehr lahmte, wie ich nach Veßra kam, was mir sehr unangenehm war. Nach kurzem Aufenthalte ließ ich mir in diesem Orte einen andern Boten mit einer Laterne geben, der mich in der Nacht bis Hinternach brachte, wo ich, nach der erhaltenen Ordre, eintreffen sollte. Vor diesem Dorfe angekommen, fand ich es doch bedenklich, sogleich hinein zu reiten, denn es konnten ja feindliche Truppen darin sein. Daher ließ ich Halt machen, den Boten seine Laterne auslöschen und von demselben den Ortsrichter herausholen, welchen ich erst über alles genau befragen wollte, was heute früh mit den Depots in Schleusingen geschehen war und ob das feindliche Streifcorps sich noch dort befinde, oder wohin es marschirt sei? Als der Ortsvorsteher herausgekommen, richtete ich mehrere Fragen an denselben, die aber mit großer Zurückhaltung von ihm beantwortet wurden, woraus ich entnahm, daß er ungewiß darüber sei, zu welchen Truppen wir gehörten; ich sagte ihm daher, daß wir Sachsen wären, worauf er ohne Rückhalt alles erzählte, was ich wissen wollte. Wir erfuhren nun auch, daß das vor uns liegende Dorf Hinternach vom Feinde zwar jetzt nicht mehr besetzt sei, eine Viertelstunde über dasselbe hinaus aber die Vorposten desselben ständen, das feindliche Corps dagegen sich auf einer großen Wiese vor Schleusingen gelagert habe. Von dem Richter ließ ich mir nun ein Quartier anweisen, aus welchem man hinten hinaus in den Wald gelangen konnte, für den Fall, daß unser Aufenthaltsort dem in der Nähe befindlichen Feinde bekannt werden sollte. Die Pferde wurden in den Stall gebracht und blieben gesattelt stehen, die zum Bauergute führenden Hofthüren aber fest verschlossen; auch wurde während der Nacht Niemand aus- noch eingelassen. Da ich mich nun von der Stellung und Stärke der feindlichen Cavallerie selbst überzeugen, auch nähere Nachrichten über die Depots einziehen wollte, so ließ ich mir früh von meinem Wirthe einen Baueranzug geben und ging, nachdem ich solchen angelegt und den Dragoner und Husaren bedeutet hatte, bis zu meiner Rückkehr sich ruhig zu verhalten, kurz vor Tagesanbruch zum Dorfe hinaus auf Schleusingen zu. Auf dem Wege dahin bemerkte ich keine Vorposten, auch fand ich die vom Ortsrichter bezeichnete Wiese ganz leer, da die feindlichen Reiterschaaren schon in aller Frühe wieder abgezogen waren. In Schleusingen angekommen, war ich überrascht, zu sehen, wie auf dem Marktplatze die Depotmannschaften von allen Waffengattungen, als: Cürassiere, Ulanen, Dragoner und Husaren, bunt durcheinander wogten, wie in Wallensteins Lager. Mit Verwunderung betrachteten mich die Kameraden, zu denen ich getreten war, in meinem Baueranzuge und ich mußte ihnen erzählen, wie ich dazu gekommen sei. Hierauf theilten sie mir auch das Nähere über die gestrige Begebenheit mit. Ein feindliches Streifcorps, unter den Majoren von Colomb und von Hellwig, hatte nämlich früh, noch vor Tagesanbruch, die Depots plötzlich überfallen, Waffen und Pferde weggenommen, den gefangenen Mannschaften aber unter dem abgeforderten Versprechen, in diesem Kriege gegen die Verbündeten nicht dienen zu wollen, Urlaubspässe nach ihrer Heimath ausgefertigt, wohin denn die auf dem Markte versammelte Schaar abzugehen im Begriffe war. Wie ich nun hörte, war das feindliche Streifcorps von Königsee, welches fünf Stunden seitwärts von Ilmenau liegt, gekommen, hatte von dort ab in einem Nachtmarsche die Wege über die Berge passirt und war kurz vor Anbruch des Tages bei Schleusingen angekommen. Jetzt war es mir begreiflich, daß ich von der Annäherung dieser feindlichen Abtheilung in Ilmenau keine Nachricht bekommen und wie es möglich gewesen, daß die Depots hinter mir hatten gefangen werden können. Hierauf ging ich zum Major von Nostitz in den Gasthof zum grünen Baum, um demselben zu melden, daß ich in dem mir in der Ordre bestimmten Dorfe Hinternach gestern Abend mit meinen beiden Mann richtig eingetroffen sei und nun seine weitern Befehle erwarte. Sobald derselbe mich in einem Baueranzuge in die Stube treten sah, rief er: ?Ei! Sie sind wohl schlecht angekommen, man hat Ihnen sogar die Uniform ausgezogen. Derselbe glaubte nämlich, daß ich auch in Feindes Hand gefallen und meiner Uniform beraubt worden sei, bis ich ihm erzählte, daß ich den Baueranzug nur deshalb angelegt hätte, um unerkannt nach Schleusingen zu gelangen, da ich nicht habe wissen können, daß das feindliche Streifcorps bereits schon wieder abmarschirt gewesen. Nachdem der Major seine Zufriedenheit darüber geäußert, daß die zum Commando gehörigen drei Pferde erhalten worden waren, wurde ich von demselben angewiesen, solche von Hinternach herein zu bringen und mich dann wieder bei ihm zu melden. Dort angekommen, traf ich in unserm Quartiere mehrere Ortsbewohner, welche die Pferde kaufen wollten, da, wie sie meinten, solche doch den Kosaken noch in die Hände fallen würden. Die ziemlich hohen Gebote wies ich mit Entschiedenheit zurück, indem ich diesen Leuten bemerklich machte, wie ich durchaus nicht zugeben könne, daß ein oder das andere dieser drei Pferde verkauft werde, da sie nicht unser Eigenthum wären, sondern dem Staate gehörten. Ohne auf die weitern Vorstellungen der Kauflustigen zu achten, gab ich sogleich das Zeichen zum Aufsitzen und zum Abmarsche nach Schleusingen, wo ich dem Major unsere Ankunft meldete. Derselbe eröffnete mir nun, daß, obgleich wir nicht gefangen worden waren, doch nichts weiter übrig bleiben werde, als daß auch wir, gleich den andern Depotmannschaften, mit Urlaubspässen versehen, in unsere Heimath entlassen würden. Auch sollte ich das Pferd, welches ich zeither geritten, mit dahin nehmen, jedoch unter der Bedingung der Wiedergestellung, wenn es zum Dienste später eingefordert werden sollte. Obgleich ich nun dasselbe recht gern behalten hätte, so mußte ich doch Bedenken tragen, eine Gewährleistung dafür zu übernehmen. Denn auf dem Wege nach Artern, wohin ich den Urlaubspaß ausstellen lassen mußte, da meine Mutter dort wohnte, konnte ich leicht feindlichen Streifcorps begegnen, welche mir das Pferd genommen hätten. Außerdem lahmte dasselbe auch noch bedeutend, wie ich auf dem letzten Ritte bemerkt hatte, und ich mußte unter diesen Umständen das wohlgemeinte Anerbieten des Majors ablehnen, welcher nun unsere drei Pferde nach dem Voigtlande sendete.

Mit einem Passe versehen, die Wäsche und noch einige wenige Sachen in ein Bündel gepackt, trat ich wie ein Handwerksbursche, das Ränzel auf dem Rücken, zu Fuße den Marsch auf Ilmenau an, um von da über Weimar, Cölleda und Heldrungen meinen Weg nach Artern fortzusetzen. In Ilmenau kehrte ich gleich in einem Gasthofe ein, welcher sich am Eingange der Stadt befand, um dort zu übernachten, denn ich schämte mich, in meinem jetzigen Aufzuge das Innere der Stadt zu betreten, deren Einwohner mich so oft zu Rosse hatten herumstolziren sehen. So wechseln die Schicksale der Menschen wie Tag und Nacht, denn erst gestern war ich an der Spitze meiner Mannschaften im Waffenschmucke zu Pferde von Ilmenau ausgezogen und schon heute kehrte ich ohne Waffen, allein und zu Fuße dahin zurück.

Zwischen Cölleda und Heldrungen traf ich am zweiten Tage auf einige Kosaken, welche mich anhielten und, da sie meinen Paß, den ich vorzeigte, nicht lesen konnten, nach dem nächsten Posten brachten. Der Officier desselben war aber ebenfalls nicht im Stande, die Schriftzüge desselben zu entziffern, denn er drehte den Paß nach allen Seiten hin und her und hielt denselben einmal so verkehrt in der Hand, daß das Siegel oben war und die Buchstaben auf den Köpfen standen. Endlich kam ein anderer Officier herbei, welcher etwas deutsch lesen konnte und nun in russischer Sprache den Inhalt des Passes übersetzte, worauf ich von dem Officiere entlassen wurde, obgleich die Kosaken, welche sich meines Bündels gern bemächtigt hätten, dazu lange und verdrüßliche Gesichter machten. Wie gut war es daher, daß ich mein Pferd von Schleusingen nicht mitgenommen hatte, denn dasselbe würde nicht freigegeben, sondern weggenommen worden sein. Nach diesem Vorfalle verließ ich, aus Vorsicht, um den Kosaken nicht wieder zu begegnen, die gewöhnliche Straße und suchte auf Seitenwegen über Heldrungen nach Reinsdorf zu gelangen, welcher letztere Ort nur noch eine kleine Stunde von Artern entfernt ist. In einem Schenkhause dieses Dorfes blieb ich so lange, bis es Abend zu werden begann, da ich am Tage nicht nach Artern hineingehen wollte. Also war es nun das zweite Mal, daß ich zu Fuße meinen Einzug daselbst halten mußte, diesmal aber doch nicht in so elenden Umständen, als das erste Mal, wie ich aus Rußland zurückkehrte. Meine Mutter war sehr überrascht, als ich des Abends mit einem Bündel plötzlich in ihr stilles Gemach trat, doch freute sie sich sehr über meine gesunde Wiederkehr und ich mußte ihr nun erzählen, wie alles so gekommen sei.

Während meines nur kurzen Aufenthalts in Artern wurde vom 16. bis 18. October 1813 die große Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen. Die Sachsen waren während derselben in die Reihen der Verbündeten übergegangen und die Franzosen hatten am 19. October ihren Rückzug auf Freiburg angetreten. Das Husarenregiment war nach dem Uebergange dem Heere der Verbündeten bis Eisenach gefolgt, kehrte aber dann nach Leipzig zurück, wo sich die sächsischen Truppen unter dem Commando des Generals von Ryssel sammeln und hernach eine Stellung an der Mulde nehmen sollten. Hierauf übernahm der vor Uebergabe der Festung Torgau in russische Dienste getretene Generalleutnant von Thielmann das Obercommando der sächsischen Truppen und verlegte sein Hauptquartier nach Leipzig, woselbst die neue Formirung und Ausrüstung der sächsischen Armee auf alle Weise beschleunigt wurde.

Als das Husarenregiment, welches nur aus 3 Escadrons bestand, von Eisenach zurück durch Artern kam, meldete ich mich sogleich bei dem Major von Fabrice, welcher dasselbe jetzt commandirte. Von diesem wurde ich jedoch angewiesen, in Querfurt, woselbst das Regiment Nachtquartiere beziehen, des andern Tages aber Rasttag halten würde, mich anderweit bei ihm zu melden. Am folgenden Morgen verließ ich daher Artern um mich nach Querfurt zu begeben, wo mir der Major eröffnete: daß, da ein überzähliges Pferd nicht vorhanden sei, womit ich beritten gemacht werden könnte, mir es ferner an Waffen fehle und auch meine Montirungsstücken nicht in completem Zustande wären, ich vorerst nach den Cavalleriedepots gehen müsse, die sich jetzt in Grimma befänden, welche Stadt zum Sammelplatze aller unberittenen Mannschaften bestimmt sei. Hierauf wurde mir eine Marschroute ausgefertigt, mit welcher ich dahin abging. In Grimma angekommen, übertrug mir der Major Heinze, welcher das Depot vom Husarenregimente commandirte, die dabei vorkommenden Schreibereien, Führung der Listen und Rechnungen. Da ich jedoch, selbst bei dem größten Fleiße, damit allein nicht fertig werden konnte, so wurde mir noch ein anderer Fourier als Gehülfe beigegeben. Nicht lange nach meiner Ankunft in Grimma trafen auch die drei Pferde wohlbehalten dort ein, welche früher von Schleusingen nach dem Voigtlande gesendet worden waren, worunter ich denn auch zu meiner Freude das Pferd wieder sah, welches ich damals geritten hatte. Unter den vielen in der Schlacht bei Leipzig verwundeten und nach Grimma in die dort errichteten Lazarethe geschafften Soldaten der verbündeten Heere war ein bösartiges Nervenfieber ausgebrochen, welches auch die Ortseinwohner ergriffen hatte. Fast in jedem Hause lagen Leute am Nervenfieber krank und es starben viele daran. Auch in meinem Quartiere wurde die älteste Tochter und ein Sohn meines Wirthes, welcher Oberacciseeinnehmer war, davon befallen, kamen aber nach einem schweren Krankenlager noch glücklich durch.

Da die bei den verschiedenen Cavalleriedepots in Grimma befindlichen Mannschaften nicht beritten gemacht werden konnten, weil es an Pferden sehr mangelte, so hatte die sächsische Staatsregierung mit einigen Dessauer Roßhändlern einen Contract über Lieferung von 600 Pferden abgeschlossen zu dem Preise von 100 Thlr. pro Stück, welche in Leipzig gestellt werden sollten. Mit Uebernahme derselben wurde eine Commission beauftragt, welche aus dem in der Armee als Pferdekenner wohl bekannten Major Hofmann von Altenfels von den Cürassieren als Präses, dem Mojor von Brandenstein und einem Roßarzte bestand. Außerdem waren noch mehrere Unterofficiere von den Cavalleriedepots zu besondern Dienstleistungen bei der Pferdeübernahme commandirt, mir aber wurde als Fourier die Besorgung der dabei vorkommenden Schreibereien übertragen. Es war Anfangs November, als ich mit dem Major Hofmann von Grimma nach Leipzig fuhr, wo auf seinen Wunsch uns beiden im Gasthofe zur goldnen Säge auf dem Grimmaischen Steinwege ein Quartier angewiesen wurde, da der Major hinsichtlich der Geschäftsbeziehung, in der ich zu ihm stand, mich in seiner Nähe haben wollte. Zu jener Zeit war in dieser sonst verkehrreichen und lebhaften Stadt kein angenehmer Aufenthalt, denn ein verheerendes Nervenfieber wüthete nicht allein in den vielen Lazarethen, welche mit den in der Schlacht bei Leipzig verwundeten Soldaten übergefüllt waren, sondern diese tödtliche Seuche war auch in die Bürgerhäuser eingedrungen und raffte viele Menschen weg, so daß die Straßen vom Morgen bis zum Abend mit Leichenwagen immer bedeckt waren. Dazu kam, daß noch viele todte Pferde von der Schlacht her auf den Feldern um Leipzig herum lagen und die Luft verpesteten, da sie noch nicht alle hatten eingescharrt werden können. Um die Atmosphäre von den schädlichen Beimischungen zu reinigen, wurden auf Anordnung der Sanitätsbehörde an den Straßenecken Haufen von Pferdemist aufgeschüttet und solche dann in Brand gesteckt, was zwar einen starken Rauch, aber eben keinen angenehmen Geruch verbreitete. Ueberall in den öffentlichen Lokalen war die heitere, gesellige Unterhaltung verstummt und hatte einer gewissen Niedergeschlagenheit Platz gemacht, welche auf allen Gesichtern stark ausgeprägt war. Nur hier und da hörte man mit traurigen Gebehrden die Opfer aufzählen, welche der unerbittliche Tod im Laufe des Tages wiederum gefordert.

Im Hause zum Kurprinzen wurden die Pferde übernommen und zwar jeden Tag eine bestimmte Zahl derselben. Der Major Hofmann von Altenfels verfuhr bei deren Auswahl mit Strenge und großer Sachkenntniß, weshalb denn so manche von den vorgeführten Pferden, als für den Cavalleriedienst nicht geeignet, zurückgewiesen wurden. Im Kurprinz befand sich ein langer Hof, an dessen beiden Seiten die Ställe waren, in welchen sich die zur Ablieferung bestimmten Pferde befanden. Die Lieferanten, welche alle Mittel und Kunstgriffe anwendeten, um mitunter auch ein schlechteres Pferd durchzubringen, scheiterten jedoch in ihren Bestrebungen, da den scharfen Blicken des Majors von Hofmann nichts entging. So gebrauchten sie auch das gewöhnliche Mittel, die Pferde zu pfeffern, nämlich denselben Pfeffer unter den Schweif zu streuen, damit sie lebhafter werden sollten. Sobald der Major ein solches Pferd vorführen sah, so rief er gleich: ?Marsch in den Stall zurück, das Thier hat Pfeffer! Die Lieferanten ließen ferner die Pferde, wenn sie aus den Ställen gebracht wurden, gleich traben und galoppiren, auch mußten einige zur Seite stehende Leute solche mit den Peitschen noch antreiben. Beides untersagte jedoch der Major ernstlich und verlangte, daß die Pferde jedesmal zuerst im Schritte vorgeführt werden sollten, da im langsamen Gange die Beschaffenheit der Füße eines Pferdes besser beurtheilt werden könne, als im schnellen Laufe desselben.

Die während eines Vormittags übernommenen Pferde mußten jedesmal auf den Marktplatz gebracht und dem Oberst von Ryssel, welcher damals Generalintendant der sächsischen Armee war und am Markte sein Quartier hatte, vorgeführt werden. Einstmals war derselbe mit der Beschaffenheit der übernommenen Pferde nicht recht zufrieden und fragte bei einem solchen, welches ihm eben vorgeführt wurde, den Major von Hofmann mit einer eigenen Betonung: ?Soll dies auch ein Cavalleriepferd sein? worauf derselbe mit starker Stimme, daß alle, die herum standen, es hören konnten, erwiederte: ?Herr Oberst, ich kann Ihnen, als Cavallerieofficier, auf Ehre versichern, daß dieß ein ganz gutes Reiterpferd ist. Diese Antwort, welche ohne Zweifel darauf hin zu deuten schien, daß der Oberst, als Infanterieofficier, die Qualität eines Cavalleriepferdes nicht genau zu beurtheilen vermöge, mochte nun diesen wohl unangenehm berührt haben, denn ich sah, daß er sich gleich herumdrehte und seitdem ein gewisses gespanntes Verhältniß zwischen diesen beiden Stabsofficieren bemerkbar war. Am andern Morgen nach diesem Vorfalle wurde dem Major von Hofmann während der Pferdeübernahme im Kurprinz plötzlich unwohl. Die Lieferanten ließen gleich Glühwein herbeibringen, wovon derselbe zwar etwas genoß, sich aber, da es ihm hierauf nicht bester geworden war, doch in das Quartier zurückbegeben mußte, nachdem er mir noch aufgetragen hatte, alles, was heute bei dem Vorführen der Pferde auf dem Markte sich begeben werde, ihm sogleich zu melden.

Als bei unserer Ankunft daselbst der Oberst von Ryssel den Major von Hofmann nicht sah, so fragte er, wo derselbe sei, worauf der Major von Brandenstein ihm meldete, daß er während der Übernahme krank geworden wäre. Der Oberst bezeigte sich heute noch unzufriedener als gestern über die schlechte Beschaffenheit der übernommenen Pferde und sendete einen Adjutanten an den General von Thielmann, welcher auch am Markte sein Quartier hatte, um ihm dies melden zu lassen. Derselbe kam dann auch gleich und ließ sich die Pferde nochmals vorführen, worauf sechs Stück davon, als zum Reiterdienst nicht qualificirt, ausgeworfen und den Lieferanten wieder zurückgegeben wurden. Es mochte nun wohl sein, daß letztere, nachdem der Major Hofmann krank geworden, so manches Pferd mit eingeschmuggelt hatten, welches derselbe, wäre er bei der Uebernahme zugegen gewesen, nicht angenommen hätte. Nach meiner Rückkehr in die goldne Säge ging ich gleich nach dem Zimmer des Major, um ihm zu rapportiren, was auf dem Markte sich zugetragen. Derselbe lag im Bette und rief mir beim Eintreten, mein bedenkliches Gesicht betrachtend, gleich entgegen: ?ich kann es mir schon denken, daß es heute schlecht gegangen ist. Nachdem ich nun alles erzählt hatte, was auf dem Markte vorgekommen und daß dort sechs Pferde wieder ausgeworfen worden wären, knirschte er vor Unwillen mit den Zähnen und sagte: ?wäre ich nur dabei gewesen, es hätte gewiß anders kommen sollen; hierauf drehte er sich unmuthig im Bette nach der Wand zu.

Nachmittags, eben, wie ich unten in der Gaststube war, kam ein Soldat von der sächsischen Grenadiergarde und brachte eine Ordre an den Major Hofmann von Altenfels; ich nahm solche in Empfang und ging damit hinauf. Als ich in die Stube desselben trat und ihm die Ordre mit dem Bemerken, daß solche eben ein Gardist gebracht, überreichen wollte, verlangte derselbe, daß ich sie öffnen und ihm vorlesen solle, dabei bemerkend, daß nach dem, was auf dem Markte vorgegangen, ich so gut wie er wissen könne, was in dieser Ordre stehen werde, nämlich ein Tadel hinsichtlich der Pferdeübernahme, welchen er jedoch nicht verdient habe. So war es denn auch; der Oberst von Ryssel schrieb darin, daß der General von Thielmann sein großes Mißfallen über die schlechte Beschaffenheit der heute übernommenen Pferde bezeigt und befohlen habe, daß künftig mit mehr Sorgfalt solche ausgewählt werden sollten. Am Schlusse dieser Ordre wurde dem Major noch eröffnet, daß er sich der Pferdeübernahme morgen wieder zu unterziehen, aber auch bereit zu halten habe, nach Beendigung derselben zum mobilen Corps abgehen zu können. Derselbe hörte scheinbar ruhig im Bette zu, aber ich sah, wie er die Hände krampfhaft zusammenballte und bei der Schlußeröffnung der Ordre schmerzlich mit dem Kopfe schüttelte, als wolle er damit andeuten, daß er nicht zu dem mobilen Corps kommen werde. Am andern Morgen ließ mich der Major durch seinen Diener rufen und trug mir auf, zu dem Oberst von Ryssel zu gehen und demselben zu melden, daß er durch Krankheit behindert werde, der heutigen Pferdeübernahme beiwohnen zu können; dabei klagte derselbe sehr, über Schwindel im Kopfe. Als ich dem Oberst dies meldete, schien derselbe die Krankheit nicht für so ernstlich zu halten und mochte wohl denken, daß der Major durch deren Vorschützung sich der Pferdeübernahme entziehen wolle. Da ich aber versicherte, daß derselbe im Bette liege und sehr über Schwindel im Kopfe klage, so beauftragte der Oberst seinen Adjutanten, den Oberstleutnant von Glaser an Stelle des Major Hofmann zum Präses der Uebernahme-Commission schleunig zu beordern.

Schon gestern war ein Arzt zugezogen worden und von diesem hatte der Besitzer des Gasthauses, welcher Winkler hieß, erfahren, daß der Major das Nervenfieber habe. Darüber war nun dieser gute Mann ganz außer sich, denn er befürchtete, daß Niemand mehr in seiner goldenen Säge einkehren würde, wenn die Leute erfahren sollten, daß ein Nervenfieberkranker darin liege. Aus Besorgniß, daß auch er von dieser Krankheit ergriffen werden möchte und um sich Courage zu verschaffen, trank, derselbe den ganzen Tag über viel Wein. Auch ich mußte oft mit ihm zechen, da er meinte, daß der Wein gesund und ein Mittel gegen Ansteckung sei, den ich daher um so eher trinken müsse, als ich öfters bei dem kranken Major wäre. Der Diener des letzteren wollte, als auch er gehört, daß sein Herr das Nervenfieber hätte, nicht länger bei demselben bleiben, sondern hatte, aus Furcht vor Ansteckung, seinen Abschied gefordert. Der Major ließ mich daher gegen Abend rufen und sagte mir, daß sein Johann, welcher so lange bei ihm treu ausgehalten habe, jetzt fort wolle, wo er gerade dessen Beistand in seiner Krankheit am nöthigsten bedürfe. Da er jedoch denselben nicht zurückhalten könne, so möchte ich ihm seinen rückständigen Lohn auszahlen und demselben auch noch ein gutes Dienstzeugniß ausfertigen. Der Major gab mir nun den Schlüssel zu seinem Bureau, um das erforderliche Geld daraus zu entnehmen und das Zeugniß zu schreiben. Nachdem dies geschehen und der Johann abgefertigt worden war, trug mir der Major auf, an den Depotcommandanten in Grimma zu schreiben und diesen zu ersuchen, daß er ihm bald einen ordentlichen Mann sende, welcher zur Uebernahme der Stelle seines abgegangenen Dieners bereit, auch dazu passend sei. Denn der Cürassier, welcher noch beim Major war, hatte den Stalldienst und die Pferde zu besorgen, er könnte daher nicht wohl zur Bedienung desselben gebraucht werden. Nachdem ich auch dieses Schreiben aufgesetzt und von dem Cürassier hatte zur Post tragen lassen, blieb ich noch so lange beim Major, bis jener zurückkam, worauf derselbe den Platz am Bette des Kranken einnahm, um die Nacht bei demselben zu wachen; ich aber ging auf meine Stube. Gegen 3 Uhr des Morgens wurde heftig an meine Thüre geklopft und auf meine Frage, wer da sei, vernahm ich die Stimme des Cürassiers, welcher außen rief: ?Kommen Sie schnell herüber; der Major ist soeben verschieden. Bestürzt über diese ganz unerwartete Nachricht, denn das Befinden des Kranken war mir gestern Abend, als ich ihn verließ, gar nicht bedenklich erschienen, eilte ich sogleich hinüber und fand diesen starken und kräftigen Mann, welcher noch in den besten Lebensjahren stand, entseelt in seinem Bette liegen. Gerührt betrachtete ich seine auch im Tode noch freundlich gebliebenen Gesichtszüge und es war mir nicht, als wenn ich einen Vorgesetzten, sondern einen lieben Freund verloren hätte, denn der Verstorbene behandelte seine Untergebenen mit vieler Herzensgüte und Humanität. Der Cürassier erzählte mir nun, wie der Major die letzte Zeit ganz ruhig gelegen und zu schlafen geschienen, dann sich aber plötzlich in die Höhe gerichtet und mit hastiger Stimme zu ihm gesprochen habe: ?Hörst du nichts? Es poltert im Stalle gewaltig, die Pferde müssen sich losgemacht haben, geh hinunter und lege sie wieder an. Hierauf hätte sich der Major auf die andere Seite gelegt und habe dann kein Lebenszeichen von sich gegeben. Nachdem es Tag geworden, benachrichtigte ich den Wirth von dem Verscheiden des Majors und ging auch sogleich zu dem Oberst von Ryssel, um ihm den Tod desselben zu melden. Derselbe war sehr überrascht von dieser Nachricht, auch bemerkte ich in seinem Gesichte den Ausdruck lebhafter Theilnahme. Nachdem ich dem Obersten noch so manches über diesen schnellen Todesfall hatte erzählen müssen, wurde ich von demselben angewiesen, alles zu besorgen, was zum Begräbniß erforderlich sei. Auch sollte ich ein genaues Verzeichniß der von dem Major hinterlassenen Sachen anfertigen und solches dem mir namentlich bezeichneten Auditeur übergeben, welcher mit der Nachlaßregulirung beauftragt werden würde. Am Morgen des Begräbnißtages kam eine Abtheilung von der sächsischen Grenadiergarde, welche beordert war, den Sarg bis auf den Gottesacker zu begleiten und dort die gebräuchlichen Ehrensalven über das Grab zu feuern. Außer dieser Militairbegleitung war ich der einzige Leidtragende, welcher dem Sarge bis zur Ruhestätte folgte. Nach dem Begräbnisse ließ der Wirth alle Räume in seiner goldenen Säge stark mit Weinessig durchräuchern, das Zimmer, in welchem der Major verstorben war und in dem sein Nachlaß noch aufbewahrt wurde, wollte, außer mir, aber Niemand betreten, aus Furcht vor Ansteckung. Die verzeichneten Sachen mußte ich in Kisten verpacken und nach einem vom Auditeur mir angewiesenen Lokal, wo noch andere Militaireffecten aufbewahrt wurden, schaffen lassen. Daß ich, der immer in der Nähe des verstorbenen Majors gewesen, vom Nervenfieber nicht ergriffen worden war, mochte wohl seinen Grund darin haben, daß ich mich nicht scheute und dann auch diese Krankheit bei meiner Rückkehr aus Rußland in Artern schon hatte überstehen müssen.

Unterdessen nahm die Pferdeübernahme unter dem Vorsitze des Oberstleutnant von Glaser jeden Tag ihren regelmäßigen Fortgang; das Husarendepot aber war von Grimma nach Heldrungen abgegangen. Der Major Heinze sendete daher den Fourier Bethge, welcher mich ablösen sollte; der Oberstleutnant wollte mich aber vor Beendigung der Uebernahme nicht fortlassen. Dieser Stabsofficier, eine hohe und kräftige Gestalt, rauchte so stark Tabak, daß ich des Morgens beim Eintritt in sein Zimmer vor den gewaltigen Rauchwolken, welche dasselbe anfüllten, seine Person gar nicht erkennen konnte. Er rief jedesmal: ?Hier bin ich, worauf ich denn durch den dichten Qualm auf die gehörte Stimme zuschritt und den Oberstleutnant gewöhnlich auf dem Sopha sitzend fand, wo er aus einem colossalen Meerschaumkopfe mit vielem Wohlbehagen dicke Rauchsäulen in die Höhe wirbelte. Manchmal bot mir derselbe auch eine Pfeife an, um mit ihm zu rauchen, aber ich lehnte sie jedesmal höflichst ab, da mir, der ich zwar auch an diesen Genuß gewöhnt war und des Morgens eine Pfeife schmauchte, ein solcher Qualm in der Stube doch nicht behagen wollte. Froh war ich, nach beendigter Pferdeübernahme Leipzig verlassen zu können, in dem das pestartige Nervenfieber fortwüthete und durch die zahlreichen Opfer, welche dasselbe hinwegraffte, überall Schrecken und Trauer verbreitete, so daß der Frohsinn des Lebens aus dieser sonst so lebendigen und angenehmen Stadt ganz entschwunden zu sein schien.

In Heldrungen bieb das Husarendepot langere Zeit stehen und ich übernahm, von Leipzig dort angekommen, wieder dabei die gewöhnlichen schriftlichen Arbeiten. Später wurde dem Generalmajor von Liebenau das Obercommando der sämmtlichen Cavalleriedepots übertragen und ich im März 1814 zu demselben nach Artern commandirt, wo sich das Stabsquartier befand. Der General, welcher vormals als Oberst ein Cürassierregiment befehligt hatte, stand schon in vorgerückten Jahren, war aber sonst noch eine rüstige Gestalt, dabei seine Sprache etwas derb und offen, so daß ein Jeder, der mit ihm verkehrte, gleich wissen konnte, woran er war. Soldat mit Leib und Seele, hielt er streng auf den Dienst und rügte jeden Verstoß dagegen. So saß ich einstmals in seinem Zimmer am Schreibtische, um eine eilige Ordre auszufertigen, als der Sohn des Generals, welcher sich als Freiwilliger bei der sächsischen Elitencavallerie engagirt hatte, in Militairuniform rasch in die Stube trat und mit dem Ausrufe: ?mein Vater! auf ihn zustürzen wollte. Derselbe rief ihm jedoch ein donnerndes Halt entgegen und fragte: ?Was hast du als Soldat erst zu thun? worauf der Sohn in militairischer Haltung, die rechte Hand an den Czako gelegt, meldete, daß er vom Marschquartiere Voigtstedt aus nach Artern beurlaubt worden sei, um seinen Vater zu besuchen. ?Jetzt, sagte derselbe, ?hast du deine Schuldigkeit als Soldat erfüllt; nun komm in meine Arme, denn ich heiße dich herzlich willkommen und mit diesen Worten drückte der General den Sohn kräftig an seine Brust.

Alle im Laufe des Tages von den Depots eingehenden Meldungen und Berichte sendete der General durch seine Ordonnanz in mein Quartier, um solche in ein Geschäftsjournal einzutragen und das Erforderliche darauf zu expediren. Derselbe hatte bestimmt, daß ich jeden Morgen 8 Uhr ihm die Ausfertigungen zur Unterschrift vorlegen und diejenigen Sachen zum Vortrage bringen sollte, welche von ihm bei dem Präsentatum dazu bezeichnet worden waren. Eilige Sachen dagegen mußten nach dem Eingange sofort bearbeitet und ihm die Verfügungen darauf gleich vorgelegt werden. Während des Vortrages ging der General in der Stube auf und ab, eine Cigarre rauchend, und bestimmte, was auf die einzelnen Sachen expedirt werden sollte, worauf ich nach dem Vortrage mich gleich an seinen Schreibtisch setzte, um die Ausfertigungen auf der Stelle zu entwerfen, solche von ihm unterschreiben zu lassen und sodann zum Abgange zu befördern. Nach beendigten Geschäften wurde ich öfters von dem General zur Mittagstafel eingeladen, an welcher, außer seiner Frau und Tochter, welche auch nach Artern gekommen waren, noch dessen Adjutant Graf von Holzendorf Theil nahm. Anfangs fühlte ich mich etwas genirt, doch bald legte sich meine Schüchternheit, da es gemüthlich und heiter an dieser Tafel herging und ich fast wie ein Mitglied der Familie behandelt wurde. Nur wenn ich dem Weinglase nicht so recht zusprechen wollte, äußerte sich der General unzufrieden darüber und stieß mich mitunter wohl auch mit seinem Ellbogen in die Seite, wenn ich gerade neben ihm meinen Platz angewiesen bekommen hatte, um mich an das Trinken zu erinnern, wobei er einmal scherzhaft äußerte: ?Da hatte mein voriger Sekretair eine andere Kriegsgurgel, bei dem lief es hinab, wie in einen Stiefelschaft.

Nachdem ich einige Zeit beim Commandostabe der Cavalleriedepots die Schreiberei besorgt hatte, fand ich einstmals unter den von der Ordonnanz mir überbrachten Sachen auch eine an mich gerichtete, vom 31. März 1814 datirte und vom Adjutanten selbst ausgefertigte Ordre vor, worin der General mir eröffnete: daß er als einen Beweis seiner Zufriedenheit mit meiner zeitherigen Geschäftsführung mir den Titel eines Stabssekretairs beigelegt und hiervon die sämmtlichen Cavalleriedepots in Kenntniß gesetzt habe. Diese Dienstauszeichnung freute mich sehr, da es die erste war, die mir zu Theil wurde.

Anfangs April kam der Generalleutnant von Thielmann in Artern an und blieb dort einige Wochen, um als Oberbefehlshaber der sächsischen Truppen durch seine Gegenwart die Ausrüstung und Mobilmachung der bei den Depots befindlichen noch diensttüchtigen Leute mehr zu beschleunigen. Derselbe hatte einen Sekretair, der Lemaitre hieß, welchen ich oft unterstützen mußte, wenn er mit seinen Arbeiten nicht allein fertig werden konnte. So wurde ich denn von zwei Seiten in Anspruch genommen: einmal hatte ich die bedeutenden Geschäfte beim Commandostabe der Cavalleriedepots zu besorgen und dann auch noch jenem Sekretair eine Aushülfe zu gewähren. Auf meine Vorstellung, daß ich unter diesen doppelten Geschäftsverhältnissen nicht mehr im Stande sei, durchkommen zu können, wurde vom General von Liebenau noch ein Fourier von den Depots in Heldrungen gefordert, welcher mich unterstützen sollte. Derselbe hatte sich nun zwar nach seiner Ankunft in Artern bei dem General gemeldet, zu mir aber war er nicht gekommen, obgleich dieser ihn an mich gewiesen hatte. Den andern Morgen fragte mich der General nach diesem Fourier und da er hörte, daß derselbe noch nicht bei mir gewesen sei, wurde er unwillig und schickte seine Ordonnanz gleich fort, denselben herbeizuholen. Letztere kam nach einiger Zeit mit der Nachricht zurück, daß sie den Fourier erst nach langem Suchen im Rathskeller gefunden, wo er in einer Nebenstube im angetrunkenen Zustande auf einer Bank gelegen. Der General wurde nun sehr böse und ertheilte den Befehl, daß dieser Trunkenbold gleich in Arrest gebracht und dann wieder zu seinem Depot zurückgeschickt werden sollte, mir aber trug er auf, eine Ordre zu entwerfen, in welcher sein ernstes Mißfallen darüber ausgesprochen werde, wie man einen solchen unzuverlässigen und dem Trunke ergebenen Mann zu ihm habe commandiren können.

Als der Generalleutnant von Thielmann zur mobilen sächsischen Armee nach Frankreich abging, wollte derselbe mich mit dahin nehmen und bei seinem Commandostabe anstellen. Dies lehnte ich jedoch ab, da ich des immerwährenden Herumtreibens müde war und mich nach einem ruhigen Wirkungskreise sehnte, auch mein Körper von den in Rußland ausgehaltenen Strapatzen und dem später überstandenen heftigen Nervenfieber sich noch sehr geschwächt fühlte. Aus diesen Gründen sah ich mich denn auch veranlaßt, den Antrag des Generalmajor von Liebenau, welcher ebenfalls zur mobilen Armee nach Frankreich abging und mich mit dahin nehmen wollte, nochmals abzulehnen.

Nach dem Abgange dieses Generals übernahm nun der Oberst von Lindenau das Commando der sämmtlichen Cavalleriedepots in Artern, bei dem ich die zeither mir übertragen gewesenen Geschäfte fortführte. Der Stabssekretair Sturm, welcher beim Hauptequipirungsdepot der Cavallerie in Heldrungen angestellt war, hatte kurz hierauf eine Civilanstellung als Steuereinnehmer in Wahrenbrück bekommen. Auf den Vortrag des Oberst von Lindenau wurde nun von dem Generalintendant von Ryssel mir die, durch den Abgang des Sturm erledigte Stelle eines Stabssekretair bei dem gedachten Equipirungsdepot vom 1. November 1814 ab definitiv übertragen. Nachdem ich meine Entlassung vom Husarenregimente bekommen, ging ich daher nach Heldrungen zur Uebernahme dieser neuen Stelle ab. Das Hauptequipirungsdepot hatte, wie schon die Benennung andeutet, alle Gegenstände zu beschaffen, welche zur Ausrüstung von Mann und Pferd der verschiedenen Cavallerieregimenter erforderlich waren, die Entreprisecontracte mit den Lieferanten abzuschließen und über die Kosten der Anschaffungen Rechnung zu legen. Dabei waren zwei Regimentsquartiermeister angestellt, wovon der eine, Hauptmann Hentsch von den Cürassieren, die Equipirungsangelegenheiten der schweren und der Rittmeister Schiefer von den Husaren die der leichten Cavallerie zu besorgen hatte. Auch befanden sich noch mehrere Unterofficiere dabei, welche zu verschiedenen Dienstleistungen dahin commandirt waren. Nach einiger Zeit ging das Hauptequipirungsdepot von Heldrungen nach Weißenfels ab, wo die Böden des zum dortigen Schlosse gehörigen sogenannten Reitstalles zur Aufbewahrung der verschiedenen Militaireffecten benutzt wurden.

Bei der im Juni 18l5 erfolgten Abtretung des Herzogthums Sachsen war auch mein Geburtsort, Weißensee in Thüringen, mit an Preußen gefallen. Vermöge meiner dienstlichen Stellung beim Hauptequipirungsdepot gehörte ich nun zu keinem Regimente mehr, sondern als Militair-Wirthschaftsbeamter zur Generalintendantur der sächsischen Armee. Es stand mir daher die Wahl frei, ob ich in Sachsen bleiben wollte oder nicht, denn nur die Unterofficiere und Soldaten, welche in den abgetretenen Landestheilen geboren waren, mußten aus der sächsischen Armee entlassen und Preußen überwiesen werden. Da ich jedoch die Abtretung, meines Geburtsortes als einen Wink des Schicksals betrachtete, den ich nicht unbeachtet lassen dürfe, so faßte ich den Entschluß, in Preußen Dienste zu nehmen. Zuvor fragte ich aber bei dem ehemaligen Generalintendant von Ryssel, welcher jetzt Preußischer Generalmajor und Chef der 4. Section des in Dresden eingesetzten Generalgouvernements von Sachsen war, erst an, ob ich eine meinen damaligen dienstlichen Verhältnissen angemessene Anstellung in der preußischen Armee bekommen könne. In dem hierauf an mich erlassenen Schreiben vom 4. Juni 1815 wurde mir von demselben nicht nur diese Zusage ertheilt, sondern ich auch aufgefordert, den 8. Juni, an welchem Tage das Generalgouvernement von Dresden nach Merseburg verlegt werden würde, mich dort persönlich bei ihm zu melden, wo dann das Weitere mündlich besprochen werden sollte. Als ich an dem bestimmten Tage mich dem Generalmajor von Ryssel in Merseburg vorstellte, dem ich schon persönlich bekannt war, eröffnete mir derselbe, wie er beabsichtige, mich bei der vierten Section des Generalgouvernements, zu welcher die Militairangelegenheiten gehörten, anzustellen; ich möchte daher sogleich um meine Entlassung aus sächsischen Diensten nachsuchen und, wenn ich solche erhalten, mich dann wieder bei ihm melden. Da nun das mit dieser Anstellung verbundene Einkommen bedeutend höher war als dasjenige, welches ich zeither beim Haupt-Equipirungsdepot bezogen hatte, beim Generalgouvernement auch mehr Aussicht zu einer dauernden Civilversorgung vorhanden war, so trug ich kein Bedenken, die mir angebotene Stelle anzunehmen, weshalb ich denn nach der Rückkunft in Weißenfels sofort mein Entlassungsgesuch einreichte. Der Oberst von Lindenau, welcher auch zugleich Commandant vom Haupt-Equipirungsdepote der Cavallerie war, nahm jedoch dasselbe eben nicht sehr freundlich auf, sondern suchte mich durch eindringliche Vorstellungen davon abzubringen. Denn er sah es nicht gern, daß ich in preußische Dienste gehen wollte, auch hatte ich seit mehreren Jahren mit ihm in nahen Geschäftsbeziehungen gestanden und mir dabei immer seine Zufriedenheit zu erwerben gewußt. Obgleich es mir nun zwar auch leid that, den Oberst verlassen zu müssen, welcher in Rußland während meiner Krankheit und sonst bei andern Gelegenheiten sich immer sehr theilnehmend gegen mich erwiesen hatte, so mußten doch diese Gefühle den Rücksichten auf die dauernde Begründung meiner zukünftigen Existenz weichen; ich blieb daher bei meinem Entlassungsgesuche stehen. Da ich aber vom Haupt-Equipirungsdepot nicht eher entlassen werden konnte, bis die Rechnung aus meiner letzten Verwaltungszeit gelegt war, so beeilte ich mich, solche aufzustellen, und meldete mich sodann, nachdem ich am 16. Juni 1815 meine Entlassung aus den sächsischen Diensten bekommen hatte, beim Generalmajor von Ryssel in Merseburg. Ehe ich jedoch in seinem Bureau angestellt werden konnte, mußte ich erst nach Querfurt gehen, um bei dem dort stehenden Landwehr-Ulanenregimente die Geschäfte eines Rechnungsführers bis zur Ankunft des Leutnants Krebs, welchem diese Stelle definitiv bestimmt war, interimistisch zu verwalten. Hierauf kehrte ich wieder nach Merseburg zurück und übernahm die vom General von Ryssel mir übertragenen Geschäfte. Bald hernach ging jedoch letzterer zur Armee nach Frankreich ab und der Generalmajor von Bismark übernahm das Militaircommando.

Im Jahre 1816 erfolgte die Auflösung des Generalgouvernements und an dessen Stelle trat die neu errichtete Königlich preußische Regierung in Merseburg. Schon immer war es mein sehnlichster Wunsch gewesen, bald zu einer Civilversorgung zu gelangen. Der Generalmajor von Bismark hatte mich daher, auf meine Bitte, kurz vor Aufhebung des Gouvernements dem zum Organisationscommissarius der neuen Regierung ernannten Präsidenten von Schönberg zu einer Anstellung dabei dringend empfohlen, welche mir denn auch zu Theil wurde. Anfangs eine Zeit lang in verschiedenen Bureaus beschäftigt, kam ich hernach in die Rechnungs-Controle, wo ich als Regierungscalculator und Sekretair angestellt, nach mehreren Jahren aber als Kreissteuer-Einnehmer nach Naumburg versetzt wurde.

So war denn nun meine militairische Laufbahn geschlossen, während welcher ich, in einem Zeitraume von neun Jahren, mancherlei Schicksale erlebt und mich oft in eigenthümlichen Situationen befunden hatte. Indem ich jetzt nochmals alles überdenke, was mir in meinem vielbewegten Soldatenleben Gutes und Schlimmes begegnete, kann ich nicht schließen, ohne des gnädigen Schutzes dankbar zu gedenken, welchen der Himmel mir in so manchen gefahrvollen Lagen hat zu Theil werden lassen.

 

 


Akzeptieren

Diese Website benutzt Google Analytics um seinen Nutzen zu messen. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren