Aus dem Leben eines saechsischen Husaren

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Zweiter Abschnitt.

Marsch nach Polen im Jahre 1811. ? Eröffnung des Feldzugs in Rußland 1812 und Rückzug in den Monaten Januar und Februar 1813.

Es war zu Anfange des Sommers 1811, als das sächsische Husarenregiment, nachdem es vorher mobil gemacht worden, Ordre zum Marsch bekam. Dasselbe, bestand aus 8 Escadrons und war, außer den zum Stabe gehörigen Personen und den Officieren, 1016 Mann und Pferde stark. Der Oberst von Engel commandirte dasselbe und der Rittmeister von Taubenheim die Escadron, bei welcher ich stand. Abermals mußte ich von meiner Mutter scheiden, ohne zu wissen, ob ich sie jemals wieder sehen würde, denn man sprach schon damals stark von einem bevorstehenden Kriege mit Rußland, es läßt sich daher denken, daß der Abschied zwischen Mutter und Sohn nur ein sehr wehmüthiger sein konnte.

Nach mehrern Märschen und Rasttagen, gelangten wir in die Gegend von Mühlberg, wo Cantonnirquartiere bezogen wurden. Unsere Escadron kam nach Cröbeln, einem Dorfe zwei Stunden von Mühlberg gelegen, zu stehen, wo es viel Haidegrütze, auch Blinzen aus Haidegrützemehl gebacken, gab, welche letzteren recht gut schmeckten, wenn sie warm, mit guter frischer Butter bestrichen, genossen wurden. Obgleich die Felder größtentheils sandig waren, denn wo Haidekorn gebaut wird, giebt es nur einen magern Boden, so waren wir doch mit unsern Quartieren in diesem Dorfe zufrieden, denn die Einwohner desselben, waren freundlich und zuvorkommend gegen uns.

Nach einem von dem Generalcommando erlassenen Tagesbefehle sollte von jedem Regimente ein Fourier auf mehrere Tage nach Mühlberg commandirt werden, um dort im Bureau des Generalstabes die vorkommenden Schreibereien zu besorgen, da der König von Sachsen die sämmtlichen zum Marsch nach Polen bestimmten Truppentheile an Infanterie, Cavallerie und Artillerie, besichtigen wollte, weshalb solche zu einer mit einem Manöver verbundenen Revue, bei Mühlberg zusammengezogen werden sollten. Von dem Obersten hierzu commandirt, fuhr ich, nachdem ein Wagen requirirt worden war, sofort nach Mühlberg ab, denn mein Pferd konnte ich deshalb nicht mitnehmen, da ich zu dessen Abwartung und Beaufsichtigung dort, mit Schreibereien beschäftigt, keine Zeit hatte. Angekommen in Mühlberg wurde ich dem Chef vom Generalstabe überwiesen, wo ich Ordres ausfertigen und Listen aufstellen mußte, welche das bevorstehende Manöver betrafen. An dem hierzu bestimmten Tage schickte mir der Wachtmeister durch einen Husaren ein anderes, mir nicht gehöriges Pferd, auf welchem ich nach Cröbeln zurückreiten sollte, da man mit dem meinigen einen Unterofficier beritten gemacht hatte, dessen Pferd krank geworden. Das mir überbrachte Thier war unter dem Namen: ?der Kanonenschimmel in der Escadron, mithin auch mir, sehr wohlbekannt und hatte diese Benennung deshalb bekommen, weil dieser Schimmel das Schießen nicht vertragen, mithin nur zu Ordonanzritten gebraucht werden konnte. Obgleich ich nun zwar die Unart dieses Pferdes hinlänglich kannte, so wollte ich doch auch das Manöver als Zuschauer gern mit ansehen, weshalb ich in die Gegend ritt, wo dasselbe stattfinden sollte. So lange nicht geschossen wurde, ging das Pferd gut, als aber der König kam und die ganze Artillerie denselben mit einer starken Geschützsalve begrüßte, machte es gewaltige Bocksprünge und gebehrdete sich wie toll. Da ich es endlich nicht mehr zu halten vermochte, so sprang dasselbe mit gewaltigen Sätzen einem seitwärts gelegenen Holze zu, wo es nicht eher stand, bis es in dem dichten Buschwerke sich so verwickelt hatte, daß es weder vor noch rückwärts konnte, bei jedem Geschützknall aber heftig zitterte. Nur mit vieler Mühe hatte ich mich auf dem Pferde bei dessen Eindringen in das Buschwerk, erhalten können, indem die Zweige rechts und links mir in das Gesicht schlugen, nun aber, da es wie eingekeilt ruhig da stand, rutschte ich herunter, um dasselbe aus dieser Stellung zu befreien, was denn endlich auch nach.vielen Anstrengungen gelang. Hierauf bestieg ich meinen sogenannten Kanonenschimmel wieder und trabte in der nächsten Richtung auf Cröbeln zu, da ich bei der Unart dieses Pferdes, darauf verzichten mußte, das Manöver mit anzusehen, auch ging dasselbe nun, nachdem es das fatale Schießen nicht mehr hörte, ganz gut.

Von den rückkehrenden Husaren wurde ein komischer Vorfall erzählt, der sich beim Manöver zugetragen haben sollte. Ein Landpfarrer hatte nämlich früher ein ausrangirtes Cavalleriepferd gekauft und war darauf nach Mühlberg geritten, um das Manöver mit anzusehen. Wie sein Pferd aber die Signale der Reitertrompeten hört, so läßt sich dasselbe nicht mehr halten, sondern sprengt auf das Husarenregiment zu und drängt sich in die Reihen desselben hinein. Der Pfarrer, welcher es, ohnerachtet aller Anstrengungen die er macht, nicht wieder herausbringen kann, muß daher zur großen Belustigung der Zuschauer, alle Schwenkungen und Attaquen des Regiments gezwungen mitmachen, wobei er erst seinen Hut und dann seine Perücke verliert, aber auch noch so manche Rippenstöße im Gedränge von den Husaren mit bekommt, deren Reihen er durch das unbefugte Eindrängen seines Pferdes, in Unordnung gebracht hat.

Nachdem das Husarenregiment in Cröbeln und den umliegenden Dörfern einige Zeit gestanden hatte, bezog dasselbe nicht weit davon andere Cantonnements. Es gewährt den Soldaten wenigstens eine Abwechselung, wenn die Quartiere von Zeit zu Zeit verändert werden. Schon die Erwartung auf dem Marsche, was für ein Quartier er nun bekommen werde, spannt seine Aufmerksamkeit und wenn er sich auch mitunter getäuscht findet, indem das neue Quartier manchmal schlechter ist, als das alte, so ist es doch eine andere Oertlichkeit, die ein neues Interesse in ihm erweckt. Unsere Escadron kam nach Nieska, der Regimentsstab aber stand in Frauenhain, wo jeden Tag der Befehl abgeholt werden mußte. Auch mich traf einstmals die Reihe zu diesem Geschäfte und es wurde mir das zu solchen Ritten bestimmte sogenannte Ordonanzpferd, welches aber nicht mehr der Kanonenschimmel war, vorgeführt, um darauf in das Stabsquartier zu reiten. Dieses Pferd war schon ziemlich alt und etwas steif auf den Füßen, dabei hatte es einen Fehler an dem einen Auge, und war in Folge desselben, scheu, es mußte daher immer straff im Zügel gehalten werden. Beim Stabe angekommen, dictirte der Regimentsadjutant den Befehl, wonach von jeder Escadron bestimmte Listen am andern Tage eingereicht werden sollten. Damit nun diese bald angefertigt und zur rechten Zeit beim Stabe eintreffen konnten, beeilte ich meinen Rückweg und ließ mein altes und steifes Ordonanzpferd etwas stark traben. Dasselbe scheute sich aber vor einer Wasserpfütze, die der Regen in einer Vertiefung quer über den Weg gebildet hatte und, indem ich dasselbe zum Fortgehen anspornte, machte es einen Satz links, um die Pfütze zu umgehen, verwickelte sich aber dabei mit seinen steifen Beinen und stürzte auf den, neben dem Wege befindlichen, erst umgepflügten Acker, so, daß ich mit dem linken Fuße unter das Pferd zu liegen kam. Es war noch gut, daß dasselbe sich nicht lange auf demselben herum wälzte, sondern gleich wieder in die Höhe sprang und stehen blieb, auch ich erhob mich schnell, um wieder aufzusitzen. Beim Sturze, wie das Pferd auf mein linkes Bein aufschlug, fühlte ich einen kurzen stechenden Schmerz im Fußgelenke, als wenn man mit einer Stecknadel hinein gestochen hätte. Anfangs ging es beim Weiterreiten noch ziemlich gut, später aber bemerkte ich eine schmerzhafte Spannung im linken Fuße, welche so heftig wurde, daß ich denselben im Steigbügel nicht mehr zu halten vermochte, sondern bügellos herunter hängen lassen mußte. In unserm Dorfe angekommen, traf ich zufällig den Escadronchirurgus auf der Straße, erzählte ihm den Vorfall und bat denselben bald in mein Quartier zu kommen und den verletzten Fuß zu untersuchen. Nachdem man mich vom Pferde gehoben hatte, denn heruntersteigen konnte ich nicht mehr, kam er auch sogleich, der Fuß war aber schon so angeschwollen, daß der Stiefel nicht davon abgezogen, sondern aufgeschnitten werden mußte. Bei der weitern Untersuchung fand denn nun der Chirurgus, daß ich das Fußgelenke bei dem Sturze verrenkt hatte und bemerkte, daß wenn der Fuß auf einen Stein oder einen sonstigen harten Gegenstand zu liegen gekommen wäre, derselbe ohnfehlbar gebrochen sein würde. Nachdem derselbe Einreibungen und Umschläge verordnet, wurde ich zu Bette gebracht, in welchem ich, unter vielen Schmerzen, fast drei Wochen ausharren mußte, dann aber, wie ich wieder aufstehen konnte, die erste Zeit in Pantoffeln und mit Hülfe eines Stockes mich nur mühsam fort zu bewegen vermochte. Nach Verlauf von mehrern Wochen brachen wir aus unsern Cantonnements wieder auf und marschirten nach Elsterwerda, wo der Regimentsstab sich einquartierte, die Escadrons aber in den umliegenden Orten für längere Zeit Quartiere bezogen. Die Escadron bei der ich war, kam nach Ruhland, einem Städtchen an der schwarzen Elster zu stehen, wo ich mein Quartier bei einem Bäcker bekam. Wir wurden von den dortigen Einwohnern freundlich aufgenommen und gut verpflegt. Da mir nach Vollendung meiner Dienstgeschäfte, immer noch viel Zeit übrig blieb; so ging ich mit dem Escadronschirurgus Frick öfters auf die Jagd, der ein großer Liebhaber derselben war. Die schwarze Elster fließt in vielen Krümmungen durch die Aue nur langsam dahin, es hatten sich daher an ihren sumpfigen Ufern verschiedene, mit Rohr, Schilf und Buschholz bewachsene Lachen gebildet, in welchen sich wilde Gänse und Enten aufhielten. Obgleich wir nun zunächst auf diese Jagd machten, so ließen sie uns doch selten auf Schußweite heran kommen und wenn wir ja einmal so glücklich waren, eine Ente zu schießen, so fiel sie in das mit Rohr und Schilf dicht bedeckte Wasser zurück und wir hatten das leere Nachsehen, da wir keinen Hühnerhund besaßen, der die geschossene Ente aus dem Wasser hätte holen können. Der Besitzer einer an der Elster ganz isolirt gelegenen Mühle, bei dem wir öfters einkehrten, gab uns auf die Klage: daß wir nicht schußrecht ankommen könnten, den Rath: in seinen Kahn zu steigen, uns darin nieder zu legen und so lange ganz ruhig liegen zu bleiben, bis derselbe ohngefähr 1000 Schritte, in welcher Entfernung von der Mühle wir viele wilde Gänse auf einer mit Wasser umschlossenen Wiese bemerkten, auf der Elster fortgeschwommen wäre, worauf wir dann schnell uns mit den Flinten erheben und sofort auf die Gänse Feuer geben sollten. Obgleich wir nun diesen Rath genau befolgten, in die Nähe der wilden Gänse angekommen, schnell aufsprangen und unsere Gewehre auf dieselben abschossen, so hatten diese doch, durch ihre ausgestellten Schildwachen aufmerksam gemacht, sich schon erhoben und so weit entfernt, daß unsere Schüsse sie nicht mehr erreichen konnten. Ein anderes Mal waren wir jedoch glücklicher, indem ein Bauer, welcher Dünger auf seinem Acker fuhr, uns sagte, daß unter der Heerde zahmer Gänse, welche wir auf einem Stoppelfelde ohnweit eines Dorfes bemerkten, auch drei wilde Gänse sich befänden. Wenn wir daher, nachdem er seinen Dünger abgeladen hätte, hinter seinen leeren Wagen hergehen wollten, so würden wir auf Schußweite den wilden Gänsen nahen können. Dies thaten wir denn auch und gingen hinter dem abgeladenen Wagen her, die Gewehre zum Anschlagen bereit haltend. Wir waren jedoch kaum in die Nähe der Heerde gelangt, so erhoben sich auch die drei wilden Gänse schnell in die Luft, zu gleicher Zeit feuerten wir aber unsere beiden Schüsse auf sie ab, wovon der eine wohl getroffen haben mußte, denn wir sahen, zu unserer Freude, eine von diesen Gänsen wieder herab kommen. Dieselbe war aber blos flügellahm geschossen worden und es machte uns noch viele Mühe, ehe wir sie in unsere Gewalt bekamen, denn sie konnte schnell laufen. Nach genauer Untersuchung fanden wir jedoch leider, daß diese wilde Gans ein altes und dürres Thier war, dessen zähes Fleisch, als sie den andern Tag gebraten wurde, fast nicht genossen werden konnte. Da nun unsere Jagd wenig Ausbeute und Vergnügen gewährte, der Förster solche auch nicht mehr gestatten wollte, so gaben wir dieselbe ganz auf.

Das Husarenregiment marschirte hierauf, nachdem dasselbe längere Zeit in und bei Elsterwerda gestanden, in die Gegend von Bautzen, wo es anderweite Cantonnirquartiere während des Winters bezog. Der Regimentsstab blieb in Baruth, die Escadrons aber wurden in die nächst gelegenen Dörfer gelegt, unsere Escadron kam nach Gröditz zu stehen. In diesem Orte gab es viele Wenden, welche nur wenig deutsch verstanden, der Pfarrer mußte daher auch jeden Sonntag in der wendischen Sprache eine Predigt halten. Die Wenden, ein kräftiger und sonst gutmüthiger Menschenschlag, haben ihre eigenthümlichen Gebräuche bei Taufen, Hochzeiten und Begräbnissen, auch ihre Lebensweise und Kleidung war eine andere, als in den Länderstrichen, wo wir zeither gewesen waren. Die wendische Sprache hat viele Ähnlichkeit mit der polnischen, so werden die gewöhnlichen Lebensmittel, wie Brod, Branntwein, Bier, Butter, Milch, Eier und Wasser im Wendischen eben so bezeichnet, wie ich sie schon in Polen benennen hörte, nämlich: Cleba, Wottky, Biba, Masla, Milka, Geicka und Wody. In der Schenke setzte es oft blutige Köpfe, denn wenn der Wende etwas angetrunken ist, so wird er, bei seinem lebhaften Temperamente, leicht streit- und zanksüchtig. So habe ich mehrmals gesehen, daß sie mit den steinernen Bierkrügen in wilder Wuth auf einander losschlugen, auch die Stuhlbeine wurden öfters als Angriffs- und Schlagwaffe benutzt. Bei einer ausbrechenden Schlägerei, war es daher das Beste, sich schnell zu entfernen, da man sonst im Tumulte etwas weg bekommen konnte. Mein Quartier hatte ich bei einem wendischen Einwohner, welcher ein kleines Bauergut besaß, in welchem die Stube hell und reinlich war. Da jeder Wirth seinen Soldaten zu verpflegen hatte, so behagte mir nun zwar anfangs die Art und Weise, wie die Speisen zubereitet und genossen wurden, nicht sonderlich, später aber gewöhnte ich mich mehr daran. Statt des Kaffees wurde jeden Morgen zuerst eine mit etwas Milch vermischte Mehlsuppe genossen, dann ein Topf Kartoffeln auf das Tischtuch ausgeschütttet und solche ohne Butter, blos mit Salz verzehrt. Um den Tisch herum saß nicht nur der Wirth mit seiner Frau und den Kindern, sondern auch der Knecht und die Magd. Mittags kam entweder Milchhirse, Grütze oder Graupen und nur Sonntags etwas geräuchertes Fleisch auf den Tisch, wozu flache hölzerne Teller ohne erhöhten Rand herumgegeben wurden, um darauf das Fleisch schneiden zu können. Auch wurde eine eigenthümliche Speise öfters aufgetragen, welche in klein geschnittenen weißen Feldrüben bestand, die in einem Fasse zur Gährung gebracht worden waren, wodurch sie einen säuerlichen, nicht eben unangenehmen, Geschmack bekommen hatten. Abends gab es entweder eine dicke Kartoffelsuppe oder wieder ganze Kartoffeln. Jeder Tischgenosse hatte seinen bestimmten Platz, und an der Wand waren besondere kleine Fächer der Reihe nach angebracht, in welchen Messer und Gabel nach dem Gebrauche von jedem derselben wieder aufbewahrt werden mußten. Obgleich nun der Wende wenig Fleisch genießt und seine Speisen nur mager zubereitet sind, so bleibt er doch kräftig dabei und erreicht in der Regel ein hohes Alter, ein Beweis, daß nur einfache und mäßige Lebensweise den Menschen gesund und rüstig zu erhalten vermag. Gelegentlich hatte ich den Besitzer der Wassermühle in Gröditz kennen lernen und war von demselben eingeladen worden, ihn öfters zu besuchen. Da dieser Müller ein Deutscher und sonst nicht ungebildet war, auch sein gastfreies Haus mir zu jeder Zeit offen stand und ich gern darin gesehen wurde, so war ich oft in dieser Mühle und habe dort manchen langen Winterabend sehr angenehm zugebracht.

Anfangs März 1812 ging der Oberstleutnant von Rayski von unserm Regimente nach Großenhain ab, um die zur Completirung der sächsischen Armee ausgehobenen Recruten dort zu übernehmen und an die einzelnen Regimenter zu vertheilen. Hierzu wurde auch ich mit commandirt, um die bei diesem Aushebungsgeschäft vorkommenden Schreibereien zu besorgen. Die Recruten kamen in einzelnen Transporten aus den verschiedenen Kreisen in Großenhain an, wo sie zuerst von dem Regimentsarzt untersucht und dann auf das Rathhaus vor die Aushebungscommission gebracht wurden, welche bestimmte, bei welchen Truppentheilen und Regimentern die ausgehobenen Mannschaften eingestellt werden sollten. Diese Commission bestand unter dem Vorsitze des Oberstleutnant von Rayski aus Officieren von allen Waffengattungen. Derselbe wollte nun seinem Regimente gern die schönsten Leute zuwenden, weshalb er, wenn der vorgerufene Recrut ein hübscher Bursche war, denselben mit den Worten freundlich anredete: ?Nun, mein Sohn, wozu hast du Lust, zur Cavallerie oder Infanterie? worauf denn der Angeredete mit einem Seitenblicke auf mich fast jedesmal erklärte: daß er gern Husar werden möchte. Die Recruten kannten mich nämlich alle, da ich viel mit denselben zu verkehren hatte, indem ich nicht nur das National jedes Einzelnen aufnehmen, sondern auch bei den Untersuchungen derselben gegenwärtig sein mußte, um das Urtheil des Regimentsarztes über ihren körperlichen Zustand in die Listen einzutragen, nämlich ob sie für den Militairdienst tüchtig befunden worden waren oder nicht. Auch lag mir das Geschäft ob, die diensttüchtig befundenen Recruten auf dem Rathhause unter das dort aufgestellte Maaß treten zu lassen, um ihre Größe nach sächsischen Zollen zu ermitteln. Hierbei kam es denn oft vor, daß ich von den Recruten, welchen meine Husarenuniform sehr gefiel, mit Bitten sehr bestürmt wurde, es bei dem Oberstleutnant vermitteln zu wollen, daß sie dem Husarenregimente zugetheilt würden, was ich denn auch wohl mitunter that, wenn es hübsche Leute waren, die mir zu Husaren besonders passend schienen. Da nun aber dadurch und die freundlichen Ansprachen des Oberstleutnants an die Recruten, die besten Leute dem Husarenregimente zugetheilt wurden und zuletzt fast jeder Recrut Husar werden wollte, so sahen sich die zur Kommission gehörigen übrigen Officiere veranlaßt, bei dem Oberstleutnant darauf anzutragen, daß ich von den mir zeither übertragen gewesenen Geschäften entbunden werden möchte, indem sie behaupteten, daß nur durch meine Anwesenheit die Recruten zu dem immer häufiger vorkommenden Wunsche, Husar zu werden, veranlaßt würden. Obgleich nun zwar der Oberstleutnant diesen Antrag zurückwies, so fand ich mich nun doch bewogen, meine Verwendungen einzustellen, auch der Oberstleutnant unterließ seine Ansprachen an die Recruten. Viele von den dazumal ausgehobenen und den Regimentern zugetheilten jungen Leuten fanden ihren Tod später in Rußland, und selbst so manche von denen, die auf ihre dringende Bitte und meine Verwendung damals in das Husarenregiment eingestellt worden waren, haben ihr Vaterland nicht wieder gesehen.

Während ich in Großenhain commandirt war, hatte das Husarenregiment in der Gegend von Guben anderweite Cantonnirquartiere bezogen. Nach beendigtem Aushebungsgeschäfte ging ich wieder zu meiner Escadron zurück, welche in dem Dorfe Niemaschkleba, 3 Stunden von Guben, stand, woselbst auch eine Compagnie Schützen einquartiert war. Als ich zum ersten Male den Namen dieses Ortes hörte, war ich eben nicht sehr erfreut darüber, denn niema Cleba heißt auf wendisch und polnisch: ?kein Brod. Auf dem Hinwege war daher meine Phantasie geschäftig, sich diesen Ort, in welchen es nach seiner Benennung kein Brod geben sollte, als sehr ärmlich und elend darzustellen. Bei meiner Ankunft daselbst fand ich aber, daß es nicht so schlimm dort war, als ich mir vorgestellt hatte, denn obgleich das Dorf mit sandigen Feldern umschlossen war, so gab es doch reinliche Häuser darin, welche, wenn auch nicht auf Wohlhabenheit der Bewohner, doch aber auch nicht auf Armuth derselben schließen ließen. Die Verpflegung war in den Quartieren freilich etwas kärglich zugemessen, denn Kartoffeln gab es früh, Mittags und Abends in verschiedener Gestalt und Zubereitung, Fleisch kam selten auf den Tisch. Doch waren die Wirthe freundlich und gaben was sie hatten, weshalb denn auch die Soldaten, obgleich sie schmale Bissen bekamen, mit den Wirthen in Frieden und Eintracht lebten.

Es war gerade am Charfreitage, den 27. März 1812, als das Husarenregiment aus der Gegend von Guben aufbrach, die preußische Grenze überschritt und bis Scheegeln bei Crossen marschirte. Auch die übrigen sächsischen Truppen, welche unter dem Oberbefehle des Divisionsgenerals Grafen Reynier das siebente Armeecorps der großen französischen Armee bilden sollten, hatten sich gleichzeitig in Marsch gesetzt und bestanden damals bei ihrem Aufbruche aus der Gegend von Guben in


2 Divisionen Infanterie,

2 Divisionen Cavallerie und

6 Batterien Artillerie.


Diese Divisionen waren aus folgenden Truppenabtheilungen zusammengesetzt. Zur ersten Infanteriedivision gehörten die Regimenter Prinz Friedrich, Prinz Clemens, Prinz Anton und das erste Schützenregiment, jedes zwei Bataillone stark, ingleichen das Grenadierbataillon von Liebenau, zusammen also neun Bataillone. Die zweite Infanteriedivision bestand aus den Regimentern König und von Niesemeuschel, ingleichen dem zweiten Schützenregiment, jedes zwei Bataillone stark, ferner den drei Grenadierbataillonen, von Brause, von Spiegel und Anger, zusammen ebenfalls neun Bataillone. Zur ersten Cavalleriedivision gehörten die drei Regimenter, Prinz Clemens Ulanen, von Polenz Dragoner und Husaren, wovon die ersten zwei Regimenter jedes vier Escadrons hatten, das Husarenregiment aber acht Escadrons stark war. Die zweite Cavalleriedivision war zusammengesetzt aus den drei Regimentern, Garde du Corps, von Zastrow Cürassier und Prinz Albrecht Dragoner, wovon jedes vier Escadrons zählte. Die Artillerie bestand aus vier 6pfündigen Fußbatterien mit 24 Geschützen, zwei 6pfündigen reitenden Batterien mit 12 Geschützen und den bei jedem Infanterieregimente befindlichen vier Stück 4pfündigen Kanonen, zusammen also aus 56 Geschützen. Außerdem war noch ein Haupt-Artilleriepark und ein Pontontrain vorhanden. Das ganze sächsische Corps, welches gegen 21,000 Mann und 7000 Pferde zählte, hatte also zusammen 18 Bataillone Infanterie, wobei 4 Bataillone Schützen, 28 Escadrons Cavallerie und 6 Batterien Artillerie mit 56 Geschützen, wovon sich 26 Stück bei den 5 Infanterieregimenten befanden.

Der schon vor mehreren Jahren als Magistratsassessor in Freiburg an der Unstrut verstorbene ehemalige Stabssecretair Winkler, vom sächsischen Husarenregimente, hat von jener Zeit ab über den Marsch desselben nach Rußland, sowie während des Feldzugs daselbst, ein Tagebuch geführt und mir, als seinem vormaligen Regimentscameraden, einen Auszug davon mitgetheilt. Außer den Marschtagen und Orten, welche das Husarenregiment auf seinen Hin- und Herzügen passirte, enthält dieses Tagebuch auch noch so manche andere Bemerkungen über dasjenige, was sich nicht nur bei diesem Regimente, sondern auch bei andern Truppenabtheilungen zugetragen hat und welche Gefechte dabei vorgekommen sind. Da Winkler, vermöge seiner Stellung als Stabssecretair, immer in der Nähe des Regimentscommandanten und dessen Adjutanten sein konnte, so hatte derselbe Gelegenheit, von allen Begebenheiten eine genaue Kenntniß zu erlangen, weshalb denn wohl anzunehmen ist, daß das von ihm geführte Tagebuch ganz zuverlässige Angaben enthält.

Nach dem hieraus mir mitgetheilten Auszuge und den von mir selbst aufgezeichneten Notizen, kann ich daher bestimmt angeben, wo sich jeden Tag das sächsische Husarenregiment während des russischen Feldzuges befunden hat, und was sich Bemerkenswerthes dabei ereignete. Auch habe ich mit Zuhülfenahme meines Gedächtnisses, welches die in diesem verhängnißvollen Feldzuge vorgekommenen Begebenheiten treu aufbewahrte, alles das noch niedergeschrieben, dessen ich mich genau zu erinnern vermag, und was mir über die Stellungen und Bewegungen anderer Truppentheile und des Feindes sonst noch bekannt geworden ist. Wo nichts Bemerkenswerthes vorgekommen, werden blos die Marschtage und Orte ganz kurz bezeichnet werden.

Von Scheegeln brach das Husarenregiment, den 28. März 18l2, wieder auf und marschirte über Neubrück an dem Bober bis Nettkow. Am 29., als dem ersten Osterfeiertage, ging sodann dasselbe über Grünberg bis Sabor in Schlesien, wo Rasttag gehalten wurde. Den 31. überschritt die eine Hälfte des Regiments bei Neusalze die Oder und bekam Quartiere in Lippen, die andere Hälfte aber blieb noch diesseit dieses Flusses. Bei Neusalze wurde von den sächsischen Pontonieren eine Schiffbrücke über die Oder geschlagen zum Uebergange für die Infanterie, Artillerie und das Fuhrwesen. Nachdem ein Tag gerastet worden, marschirten wir den 2. April nach Tzschepplau bei Glogau, am 3. aber durch Fraustadt, den ersten polnischen Ort, bis Altlaube. Viele von denen, welche die polnische Grenze überschritten und dem deutschen Boden Lebewohl sagten, dachten wohl damals nicht, daß sie denselben nimmer wieder sehen sollten. Das Husarenregiment marschirte hierauf den 4. April nach Pawlowitz und den 5. nach Chosiescewize, wo Rasttag war.

Hier sollte der Husar Leidenfrost erschossen werden. Derselbe war nämlich mit dem Pferde von den Vorposten desertirt, aber wieder eingeholt und vor ein Kriegsgericht gestellt worden, welches ihn zum Tode verurtheilt hatte. Die zur Execution commandirten Truppen an Infanterie und Cavallerie, hatten daher vor dem Orte im freien Felde einen großen Kreis formirt, in welchen der Verurtheilte, bekleidet mit einem grauleinwandnen Hemde und dergleichen Mütze, geführt wurde, an welcher Bekleidung die Stirn und das Herz durch schwarze runde Flecke, als Zielpunkte, den zum Schießen commandirten Schützen markirt waren. Nachdem ihm das vom Kriegsgerichte gefällte Todesurtheil vorgelesen worden war, wurde derselbe dem Militairprediger übergeben, um ihn zu seinem nahen Ende vorzubereiten. Hierauf führte man den Todescandidaten an den Platz, wo das Urtheil vollzogen werden sollte, nämlich zur Stelle, wo sein Grab bereits gegraben und der in aller Eile zusammengezimmerte Sarg daneben gestellt worden war. Er wurde nun bedeutet, auf der ausgeworfenen Erde nieder zu knieen, so daß er das Grab, welches seinen Leichnam aufnehmen sollte, im Rücken hatte. Ehe derselbe aber niederkniete, richtete er mit fester Stimme noch folgende Worte an die in seiner Nähe im geschlossenen Kreise befindlichen Husaren: ?Cameraden, sollte ich einen von euch beleidigt haben, so vergebt es mir heute, wo ich auf immer von euch scheide?. Hierauf wurden ihm die Augen verbunden, die Hähne der Schützen knackten, sie legten die Gewehre an und warteten nur auf das Zeichen zum Feuergeben, als man in der Ferne einen Officier mit großer Eile heransprengen sah, welcher ein auf seinen Degen gestecktes weißes Tuch, hoch in die Luft schwenkte. Mit der Execution wurde daher so lange inne gehalten, bis dieser Officier den Kreis erreicht hatte, worauf derselbe mit starker Stimme, Gnade verkündete, da die Todesstrafe, höhern Orts, in vieljährige Festungshaft verwandelt worden war. Dem Verurtheilten wurde nun zwar sogleich die Binde von den Augen genommen; aber er war schon ganz besinnungslos und konnte nur dadurch zum Bewußtsein gebracht werden, daß der Chirurgus ihm etwas Liquor einflößte und die Stirne damit einrieb. Die Freude der Husaren war groß über die Begnadigung ihres Cameraden, welcher sonst immer als Soldat sich gut betragen hatte. Dieser konnte sich selbst nicht recht freuen, denn die letzten furchtbaren Augenblicke, wo er immer den Tod erwarten mußte, hatten sein Nervensystem so angegriffen und die Kraft des Geistes so gebrochen, daß er ganz gleichgültig und theilnahmlos die Verkündigung seiner Begnadigung anhörte. Dieses Drama, bei dem wir Soldaten, in Paradeaufstellung, die Zuschauer machen mußten, war sehr ergreifend für uns alle. Nachdem wir außer Reih und Glied getreten waren, wurde auf der Stelle eine Sammlung für den Husar Leidenfrost, welcher Name jetzt ganz zu seinem körperlichen Zustande paßte, veranstaltet und die reichlich gespendeten Gaben demselben sogleich eingehändigt. Noch denselben Tag führte man diesen Husaren zur Verbüßung seiner Festungsstrafe nach Sachsen ab und ich habe seitdem nichts wieder von ihm gehört oder gesehen. Hierauf marschirte das Regiment den 7. April durch Kobylin nach Krotoczyn, den 8. über Ostrowo bis Lifcowo, den 9. durch Kalisch nach Opatoweck, den 10. über Blaczkow bis Kobierzgecky, den 11. nach Brecznia und den 12. bis Burzenin, woselbst es zwei Ruhetage hatte. Das Hauptquartier war in Kalisch, wohin auch die 6. Escadron Husaren commandirt wurde, welche nun während des ganzen Feldzugs bei demselben blieb. Sodann marschirten wir den 15. April durch Widawa nach Krzeslaw, den 16. nach Suchcice, den 17. durch Petricau nach Lencznow und den l8. über die Pilicza, einem kleinen Flusse, nach Opoczno in Galizien, wo wiederum zwei Tage gerastet wurde.

Auf Befehl Napoleons, waren vor einigen Tagen die Regimenter Garde du Corps, Zastrow Cürassiere und Prinz Albrecht Dragoner, nebst einer berittenen 6pfündigen Batterie, unter Commando des Generalleutnant von Thielmann, zur großen Armee abgegangen. Das sächsische Corps verlor dadurch gegen 2000 Mann und Pferde, dasselbe bestand daher nur noch aus ohngefähr 19,000 Mann und 5000 Pferden.

Nach beendigter Rast ward wieder aufgebrochen und wir gingen den 21. April durch Pryczsucho nach Sockolmicky-Suchy, den 22., über Wolano bis Seredzice-bliscze, den 23. aber durch Iltze und Cassanow nach dem Städtchen Cioplow, wo das Husarenregiment auf längere Zeit ausgedehnte Cantonnierquartiere bezog. Die erste und zweite Infanteriedivision nebst der Artillerie, standen in der Umgegend von Radom, in welcher Stadt auch das Hauptquartier des General Reynier war. Unserer Escadron wurde das Dorf Janowiec angewiesen, welches nahe am linken Ufer der Weichsel lag. Obgleich die Quartiere in diesem dürftigen Orte so manches zu wünschen übrig ließen, so befand ich mich dort doch recht wohl, da ich vom gastfreundlichen Besitzer des Edelhofes, wo der Rittmeister von Taubenheim sein Quartier hatte, ein für allemal, zum Mittagsessen eingeladen war und dort immer einen gut besetzten Tisch fand. Da wir in diesem Orte bis zum 17. Mai blieben, mithin zu einer Zeit dort waren, wo der Frühling Wald und Flur mit frischem Grün geschmückt hatte, so ging ich an dem mit Buschholz und Bäumen besetzten Ufer der Weichsel und in den hübschen Parkanlagen des Edelhofes fleißig spazieren. Auch war ich oft in dem auf einer Anhöhe gelegenen Kruge, von welchem man eine gute Aussicht auf den ganzen Weichselstrom mit seinen verschiedenen Windungen und Krümmungen hatte. Der Besitzer des Kruges war, wie es in Polen immer der Fall ist, ein Jude, den ich als einen achtbaren Mann kennen lernte, welcher in seinem Hause auf Reinlichkeit, Ordnung und guten Meth hielt, ein Getränk, welches in jenem Lande häufig genossen wird und aus einem Gemisch von Honig und Wasser besteht, welches in Gährung gesetzt, dann auf Fässern so lange lagert, bis es hell und trinkbar geworden ist. Der Meth hat einen angenehmen und lieblichen Geschmack, berauscht aber leicht, besonders diejenigen, welche an den Genuß desselben nicht gewöhnt sind. Da ich öfters im Kruge war um Meth zu trinken, so wurde ich von der ganzen Familie nicht als Gast, sondern mehr als ein Freund des Hauses behandelt, weshalb denn auch, wenn des Sonnabends bei Anbruch der Nacht, die Lichter zum Sabbath angezündet wurden, ich bei der Feier desselben zugegen bleiben durfte.

In den ersten Tagen des Monats Mai 1812 hatte der König von Westphalen das Obercommando des rechten Flügels der großen französischen Armee übernommen. Hierzu gehörten:

 

das 5te Armeecorps, Polen, unter dem Fürsten Poniatowsky,

das 7te Armeecorps, Sachsen, unter dem Divisionsgeneral Reynier,

das 8te Armeecorps, Westphalen, unter dem Divisionsgeneral Vandamme,

das 4te Reservereitercorps unter dem General Latour-Maubourg.

 

Die Polen standen auf dem linken Flügel bei Warschau, die Sachsen bildeten bei Radom den rechten Flügel und die Westphalen zwischen der Pilicza und Warschau, das Centrum.

Den 18. Mai, als am zweiten Pfingstfeiertage, verließ das Husarenregiment seine zeitherigen Cantonnierquartiere, ging bei Gora über die Weichsel und marschirte sodann durch Pulawy, Koninskawola und Kurow nach Markuszow, den 19. aber nach Lublin, wo in den am Wieprz gelegenen Dörfern die Escadrons einquartiert wurden. Unser Regiment, welches von jetzt ab immer die Avantgarde hatte, sollte nämlich die verschiedenen Uebergänge über diesen Fluß beobachten. Den 2l. erfolgte der Marsch nach Brceczica-wielki, wo wir mehrere Tage stehen blieben, der Stab lag in Lysolay am Wieprz. Am 3. Juni wurde auf eingegangenen Befehl, der Rückmarsch in die Umgegend von Lublin wieder angetreten.

Unsere Escadron kam nach Luszow und ich mit dem Standartjunker Unruh in das Quartier bei einem dortigen Gutsbesitzer. Dieser Standartjunker war eine kräftige Husarengestalt und ich hatte mit ihm eine innige Cameradschaft geschlossen, da wir uns gegenseitig angezogen fühlten. Leider kehrte er aber aus Rußland nicht wieder zurück, indem derselbe späterhin in das Lazareth nach Warschau gebracht werden mußte und dort an einem nervösen Fieber sein Leben endete. Da in Luszow einige Tage gerastet werden sollte, wir beide aber in Lublin, welches nächst Warschau die bedeutendste Stadt in Polen ist, noch nicht gewesen waren, so entschlossen wir uns dieselbe näher zu besehen, da der Ort, wo wir im Quartier lagen, nur einige Stunden davon entfernt war. Der Wirth gab uns zur Hinfahrt einen kleinen offenen, nur mit einem Pferde bespannten Wagen und da wir selbst fahren wollten, so nahmen wir keinen von den Leuten unseres Wirthes mit. Die Fahrt ging rasch vorwärts, da die polnischen Pferde gute Läufer, die Wagen aber sehr leicht gebaut sind, denn an denselben findet man in Polen wenig Eisen und ich habe damals viele Wagen gesehen, an welchen die Räder keine eisernen Reifen hatten. In Lublin angekommen, ging ein Jeder von uns seinen Weg, um sich die Stadt nach allen Richtungen hin zu besehen, nachdem vorher verabredet worden war, daß wir uns zu einer bestimmten Stunde im Gasthofe wieder zusammen finden wollten, wo wir unsern Wagen und das Pferd eingestellt hatten. Der Standartjunker ließ aber lange auf sich warten und kam erst, als es schon zu dunkeln begann, denn er hatte einige gute Cameraden in Lublin getroffen und mit denselben Meth gezecht. Von diesem sonst angenehmen aber sehr berauschenden Getränke, mochte nun derselbe etwas zu viel genossen haben, denn ich bemerkte, daß ihm dasselbe ziemlich zu Kopfe gestiegen war. In diesem angetrunkenen Zustande konnte ich aber demselben die Lenkung unsers Fahrzeugs nicht wohl überlassen, um so weniger, da die Nacht anbrach. Nachdem daher angespannt war und ich mich nach dem Wege noch genau erkundigt, auch meinem Cameraden in den Wagen geholfen hatte, wo er sich sogleich niederlegte und fest einschlief, fuhr ich von Lublin nicht ohne Besorgniß fort, ob ich auch den rechten Weg in der Dunkelheit finden würde. Anfangs, wie ich noch denselben etwas erkennen konnte, ließ ich das Pferd scharf traben, später aber, als es finsterer geworden war und ich das Fahrgleis nicht mehr zu sehen vermochte, dasselbe nur im Schritte gehen. Nach einer ohngefähren Berechnung konnte ich wohl so ziemlich die Hälfte der ganzen Fahrt zurückgelegt haben, als es mir schien, daß das Pferd vom Wege abgekommen sein müsse, denn der Wagen wurde stark hin- und hergeworfen, er konnte daher nicht mehr im Fahrgleise sein. Es war nun jetzt die größte Vorsicht nöthig; ich hielt daher das Pferd an, stieg vom Wagen und suchte mit den Füßen und Händen durch Betastung des Bodens, das verlorne Fahrgleis wieder zu finden, welches ich denn endlich auch in einer kleinen Entfernung von dem Orte, wo ich den Wagen hatte stehen lassen, wieder fand. Um nun aber auf den wieder gefundenen Weg zu gelangen, mußte ich mit demselben eine kleine Anhöhe hinauf, hinter welcher rechts der Weg sich hinzog. Das Pferd am Zügel führend, ging ich neben her zu Fuße, um es vorsichtig auf die Straße zu leiten, mochte aber doch in der Dunkelheit, zu nahe an den Abhang gekommen sein, denn auf einmal machte das Pferd einen Satz, riß den Zügel mir aus der Hand und stürzte mit den Wagen die Anhöhe hinab. Ein Schreck fuhr mir durch alle Glieder, denn wie leicht konnte mein Camerad und selbst das Pferd bei dem Sturze des Wagens, beschädigt worden sein; ich eilte daher den Abhang gleich hinunter und fand den Wagen nicht weit vom Wege umgestürzt liegen, die Räder nach oben gekehrt, das Pferd schien keinen Schaden genommen zu haben, denn es stand ganz ruhig dabei. Das erste war, daß ich den Namen des Standartjunker rief, aber obgleich ich diesen Ruf mehrmals mit starker Stimme wiederholte, so erfolgte doch keine Antwort, was mich mit großer Besorgniß erfüllte, denn es schien, als wenn derselbe durch das schnelle Umschlagen des Wagens herausgeschleudert, und dabei so beschädigt worden sei, daß er meinen Ruf zu beantworten nicht vermöge. In der mich umgebenden Dunkelheit tastete ich nun mit meinen Händen in der Nähe des umgestürzten Wagens herum, fand jedoch meinem Cameraden nicht. Da er nun aber doch nicht ganz verschwunden sein konnte, so mußte derselbe, da er außerhalb nicht aufzufinden war, unter dem Wagen liegen, welche Vermuthung sich denn auch bestätigte, als ich mit der Hand darunter fühlte. Mit aller Kraft faßte ich ihn nun am Dollman, schüttelte ihn derb und rief dabei seinen Namen, worauf er, wie aus einem tiefen Schlafe erwachend, fragte: ?nun, was giebt es denn? und dann hinzufügte: ?warum weckst du mich denn auf, laß mich doch schlafen. Mit Freude hörte ich diese Worte, da ich hieraus abnehmen konnte, daß mein Reisegefährte in seinem tiefen Schlafe nicht einmal den Umsturz des Wagens bemerkt hatte, mithin auch nicht beschädigt sein konnte. Als ich ihm nun sagte, daß der Wagen umgefallen sei, so wollte er es doch Anfangs nicht glauben, bis er durch Betasten mit der Hand sich über zeugte, daß er auf dem Erboden unter demselben liege. Durch diesen Vorfall war nun mein Camerad ganz nüchtern geworden, da er einsah, welcher Gefahr er glücklich entgangen war. Denselben bei dem Wagen zurücklassend, ging ich nun in der Richtung fort, wo wir in der Ferne Hundegebell vernahmen, um, da dort ein Haus oder ein Dorf vermuthet werden konnte, die erforderliche Hülfe zu beanspruchen, indem der Wagen, wie sich nach einer nähern Untersuchung ergab, bei dem Umstürzen verschiedene Beschädigungen erlitten hatte, welche erst wieder hergestellt werden mußten, ehe wir unsere Fahrt fortsetzen konnten. Nach einer halben Stunde erreichte ich ein Dorf, und fand im Kruge einen Juden, dem ich mein Anliegen deutsch vortragen konnte. Derselbe bezeigte sich sehr dienstfertig, sendete gleich nach dem Edelhofe und ließ zwei Leute, mit Stricken versehen, holen, welche mich bis zum Orte des Unfalls begleiteten und den Schaden am Wagen so gut es sich in der Kürze machen ließ, herstellten, worauf wir die Fahrt nach unserm Dorfe fortsetzten und dort auch glücklich ankamen. Unser Wirth machte zwar kein freundliches Gesicht, als er seinen zerbrochenen, mit Stricken nur nothdürftig wieder zusammen gebundenen Wagen sah, doch erhob er keinen weitern Lärm darüber. Bei diesem Unfalle hätte auch ich großen Schaden nehmen können, wenn der Wagen auf die Seite, wo ich das Pferd führte, gestürzt wäre und mich den Abhang mit hinuntergerissen hätte.

Den 6. Juni brach das Husarenregiment wieder auf und marschirte nach Lubartow, und den 7. über den Wieprz nach Kock. Am 8. bekam dasselbe, während des Marsches, Contreordre und mußte wieder nach Kock zurück, worauf es den 9. nach Lubartow und den 10. nach Lublin ging, den 11. aber sich dem Flusse Wieprz wieder näherte und als Vorhut Quartiere in und bei Krzesimow bezog. Lublin war von der leichten Infanteriebrigade Sahr besetzt.

Durch diese rückgängige Bewegung wollte man dem österreichischen Hülfscorps, welches 30,0 Mann stark, unter dem Oberbefehle des Fürsten Schwarzenberg, auf Lublin im Anmarsche begriffen sein sollte, entgegen gehen und die Verbindung mit demselben herstellen. Obgleich wir aber in unserer Stellung bis zum 15. Juni verweilten, so sah man doch die Oesterreicher nicht kommen, welche sich also nicht sehr zu beeilen schienen.

Wie aus den eingezogenen Nachrichten hervorging, hatten die Russen unter dem Fürsten Bagration, zeither bei Wlodawa und Opalin am Bug gestanden, plötzlich waren sie aber rechts ab nach Brzesc marschirt, welche Stadt ebenfalls am Bug und der Straße nach Warschau liegt, hielten aber Lutzk noch besetzt. Um nun die Hauptstadt zu decken, brach das 7te Armeecorps schnell auf und näherte sich in Eilmärschen Warschau. Das Husarenregiment ging daher den 16. Juni nach Rokitno, den 17. über Lubartow und Kock nach Poitzdow, den 18. nach Plazow, den 19. über Zellechow nach Prawda, den 20. nach Kufftew und den 21. über Kalusczyn, Liw, Wengrow nach Sokolow. Die letzten beiden Orte, welche an der Straße von Warschau liegen, wurden von der leichten Reiterbrigade besetzt, das Husarenregiment hatte die äußerste Vorhut und stand in Sokolow. Die Infanterie lagerte hinter der Reiterei bei Praga und Okuniew ohnweit Warschau, die Weichsel im Rücken habend.

Da nach einem aus dem Hauptquartiere der großen Armee eingegangenen Befehle, die Festungen Praga und Modlin bis zur Ankunft der Oesterreicher gedeckt werden sollten, so wurden die Spitzen der Colonnen des 7ten Armeecorps nach Brok und Ostrolenka vorgeschoben. Demnach rückte das Husarenregiment den 23. Juni nach Mortcice, wo ein Bivouac bezogen wurde. Am 24. (Johannistag) passirte dasselbe den Bug und lagerte beim Städtchen Brok. Da bei dem schnellen Vorrücken eine Schiffbrücke über den Bug nicht geschlagen werden konnte, so mußten unsere Pferde denselben theils durchwaden, größtentheils aber schwimmend das jenseitige Ufer zu erreichen suchen. Dieser Fluß, ohngefähr so breit wie unsere Saale, hat nämlich viel tiefe Stellen und ein etwas stark strömendes Wasser. Es gewährte einen eigenthümlichen Anblick, diese schwimmenden Husaren durch den Bug ziehen zu sehen, indem blos die Köpfe der Pferde und der Oberleib der Reiter über dem Wasser sichtbar waren. Manche Pferde, welche nicht gut schwimmen konnten, kamen dabei in Gefahr mit ihren Reitern vom Strome fortgerissen zu werden, wurden aber von andern Cameraden, welche bessere Schwimmer hatten, in die Mitte genommen, und so an das jenseitige Ufer gebracht. Auch mir ging das Wasser fast bis unter die Arme, da mein Pferd im Schwimmen sich sehr schwerfällig und ungeschickt bezeigte, indem es mit den Füßen immer den festen Boden zu erreichen suchte, bei welchem Bestreben denn sein Hintertheil so tief untertauchte, daß ich nur noch den Zügel und den Kopf des Pferdes über dem Wasser zu halten vermochte, mich aber fest an dasselbe klammern mußte, um nicht vom Strome fortgerissen zu werden. Bis auf den Obertheil des Körpers ganz durchnäßt und die Stiefeln voll Wasser, kamen wir am jenseitigen Ufer an, wo wir an den Bivouacfeuern unsere Sachen wieder zu trocknen suchten.

Nachdem wir einen Tag bei Brok gerastet, marschirten wir den 26. Juni nach Jendrziejow. Die Oesterreicher sollten nun angekommen sein und bei Siedlce stehen, um die Festungen Modlin und Praga zu decken. Als wir am 27. Joblonka erreichten, ging aus dem Hauptquartiere der großen französischen Armee die von Napoleon erlassene Kriegserklärung ein, wonach die Feindseligkeiten gegen Rußland beginnen sollten. Von nun an hatten die Quartiere, mit seltenen Ausnahmen, ein Ende, denn überall wo wir hinkamen, bei Tage und bei Nacht, war die Erde unser Lager und der Himmel unser Obdach. Durch diese Kriegserklärung wurde der Untergang vieler tausend Menschen decretirt. Den 28. Juni gelangten wir nach Sokolly Kosciellni und blieben dort bis zum 30. Juni im Bivouac. Am 1. Juli ging das Regiment über die Narew, welche sich bei Modlin in die Weichsel ergießt, nach Suradz, einem Städtchen in demjenigen Theile Polens gelegen, welcher bei der frühern Zerstückelung dieses Landes, an Rußland gefallen. Die beiden sächsischen Infanteriedivisionen waren nebst der Artillerie von Zembrow aufgebrochen und folgten auf den weitern Märschen in gehöriger Entfernung ihrer Vorhut, welche die leichte Reiterbrigade bildete, wozu die beiden Regimenter Husaren und Polenz Dragoner gehörten. Diese leichte Reiterei hatte beim Vorrücken jedesmal die Avant-, beim Zurückgehen aber die Arrieregarde, auch wurde dieselbe beim Marsche der Infanterie zur Deckung ihrer Flanken, ingleichen zu Patrouillen und Recognoscirungen gebraucht, mithin war sie immer in Bewegung und hatte einen beschwerlichen Dienst. Denn während die andern Truppentheile in ihren Bivouacs der Ruhe pflegen konnten, war es die leichte Reiterei, welche die Lagerplätze durch ausgestellte Feldwachen und Vorposten, ingleichen durch Aussendung von Patrouillen, gegen einen feindlichen Ueberfall sichern mußte. Am meisten wurde das Husarenregiment, als das stärkste, in Anspruch genommen, da es, nach Abgang einer Escadron, welche fortwährend im Hauptquartiere des General Reynier blieb, noch aus 7 Escadrons bestand, während das Regiment Polenz Dragoner, nur 4 Escadrons hatte. Die Husaren lagerten hierauf den 2. Juli bei Bjelly, den 3. bei Sopotewo ohnweit Bialystock, marschirten sodann, nachdem sie einen Tag gerastet, den 5. über Grodock in Litthauen, bis Gribowszy, den 6. über Brzostowice bis Sziwilawize und den 7. über Wocowicze nach Paschuschicze. Der Corporal Herrmann war mit einigen Husaren als Patrouille nach Zelbia voraus gesendet worden, wurde aber dort von den Kosaken gefangen, welche sich in dem nahe bei diesem Orte gelegenen Walde, in den Versteck gelegt hatten. Auf diese unerwartete Nachricht, machte das Regiment gleich halt und marschirte in Linie auf, für den Fall, daß der Feind einen Angriff beabsichtige, was aber nicht geschah, obgleich wir einige Zeit in unserer schlagfertigen Stellung verweilten. Da wir nun auch durch die rückkehrende Recognoscirung erfuhren, daß die Kosaken Zelbia wieder verlassen hatten, so setzten wir unsern Marsch mit der größten Vorsicht fort, ohne von denselben weiter beunruhigt zu werden. Den 8. Juli kamen wir durch Zelbia und gingen bis Labrinowize.

Auf diesem Marsche entdeckten wir von dem Wege abwärts links im Walde, welcher sich bis Zelbia erstreckt, den Versteck, von welchem aus die Kosaken unsere Patrouille überfallen und gefangen genommen hatten. Nach dem Umfange des Lagerplatzes zu urtheilen, mochten es wohl gegen 100 Kosaken gewesen sein, welche dort auf der Lauer gelegen. Der Generalmajor von Gablenz hatte das Commando der Vorhut übernommen, welcher, außer der leichten Reiterbrigade, den beiden Regimentern Husaren und Polenz Dragoner, noch die reitende Batterie und ein Bataillon leichter Infanterie zugetheilt worden war.

Den 9. Juli marschirte das Husarenregiment über Socconice bis Slonim, wo eine halbe Stunde von dieser Stadt ein Bivouac bis zum 11. Juli bezogen wurde. Hier bekamen wir einige Fässer Bier aus Slonim geliefert, welches uns köstlich schmeckte, da wir lange dergleichen nicht genossen hatten. Den 12. Juli erfolgte die Fortsetzung des Marsches über Polenka bis Altmusch, den 13. durch Stolawicze nach Zernikow und den 14. durch Sznow bis Nieschwitz. Da wir zeitig bei diesem Orte ankamen und es ein schöner Sommertag war, so hatten einige Husaren ihre schmuzigen Hemden aus den Mantelsäcken hervorgeholt, um solche in einem. nicht weit von unserer Lagerstelle vorbeifließenden kleinen Wasser zu waschen, mußten aber solche noch ganz naß schnell wieder einpacken und aufsitzen, danach einer von der Feldwache eingegangenen Meldung, Kosaken sich in der Nähe gezeigt hatten, wie wir denn auch später mehrmals bei unserem harmlosen Waschen von denselben gestört wurden. Den 15. Juli marschirten wir nach Klotzschke, den 16. bis Slonco und gingen den 17. durch einen Theil der rokitnoschen Sümpfe bis Lipsk. Diese Sümpfe haben einen Umfang von mehreren Meilen und sind schwer zu passiren. Es mußten daher die Sapeurs mit Bedeckung voraus gesendet werden, um die Wege, so weit es möglich war, in einen gangbaren Stand zu setzen, welches dadurch bewirkt wurde, daß das Buschholz und die Zweige von den Bäumen abgehauen, daraus Faschinen gebunden und solche in die morastigen Stellen eingesenkt, darüber aber gefällte Baumstämme gelegt wurden. Der Marsch war daher in diesen Sümpfen mit vielen Schwierigkeiten verbunden und ging nur langsam vorwärts, ehe wir bis Lipsk kamen, wo einen Tag gerastet wurde.

Das österreichische Corps unter dem Fürsten Schwarzenberg hatte zeither den äußersten rechten Flügel der großen französischen Armee gebildet und bei Proczanna und Kobryn eine Stellung genommen. Die Sachsen standen mehr links bei Slonim, um die Verbindung zwischen den Oesterreichern und dem 5ten und 8ten Armeecorps (Polen und Westphalen) zu unterhalten. Nach einem aus dem Hauptquartiere der großen französischen Armee eingegangenen Befehle, sollte jedoch das sächsische Corps die Stellung der Oesterreicher einnehmen und letztere in die zeither inne gehabte Position der Sachsen rücken. Das Husarenregiment verließ daher den 19. Juli die unwegsamen rokitnoschen Sümpfe und marschirte über Ostrow nach Malavidy, den 20. aber durch Vytyn nach Lobierschize. Bis jetzt hatten die Russen sich nur defensiv verhalten und überall, wo wir hinkamen, fanden wir zwar ihre noch rauchenden Lagerstellen, sie selbst aber waren verschwunden. Es ist wohl anzunehmen, daß es damals schon in der Absicht der Russen lag, nicht nur durch die immerwährenden Hin- und Hermärsche uns zu schwächen, sondern auch den Krieg, bis zum Eintritt der rauhen Jahreszeit, in die Länge zu ziehen. Den 22. Juli rückten wir nach Koßzow, und kamen den 23. über Bereza nach Malecz. Auf den letzteren zwei Märschen wurden uns, nach längerer Zeit, wieder Quartiere angewiesen, um die durch die vielen Hin- und Herzüge auf schlechten und morastigen Wegen, sehr erschöpften Mannschaften und Pferde sich etwas erholen zu lassen, da der Feind sich nicht in unserer Nähe befand. Denn die Verpflegung war zeither, mit wenigen Ausnahmen, nur dürftig gewesen und stand nicht im richtigen Verhältnisse zu den Strapazen, welche wir durch die unausgesetzten starken Märsche bei großer Hitze und den immerwährenden Felddienst zu ertragen hatten. Da das zur Avantgarde gehörige Husarenregiment seine Marschrichtung nach den Bewegungen des Feindes abmessen und solche öfters verändern mußte, mithin heute nicht wissen konnte, wo es morgen sein Nachtlager halten würde, so war eine regelmäßige Verpflegung desselben aus Magazinen oder von den, dem Hauptcorps nachgefahrenen Proviantvorräthen, nicht wohl ausführbar. Es blieb daher auch den andern bei der Avantgarde befindlichen Truppentheilen lediglich überlassen, für ihre Verpflegung so viel als möglich selbst zu sorgen. Da nun aber die Gegenden, welche wir durchzogen, wenig bevölkert waren, mithin die Orte sehr weit auseinander lagen, so daß wir manchmal mehrere Stunden reiten mußten, ehe wir ein elendes Dorf erblickten, dessen Bewohner aber, wie es oft geschah, noch vor unserer Ankunft, mit ihren wenigen Vorräthen und dem Viehe sich schon in die Wälder geflüchtet hatten, so sah es um unsere Verpflegung sehr mißlich aus. Doch mußten wir immer noch froh sein, in diesen armseligen Hütten für die Nacht ein Obdach zu finden und unsern Pferden etwas zusammen gesuchtes Stroh und Heu vorlegen zu können. Noch schlimmer war es, wenn wir bei Anbruch der Nacht kein Dorf mehr erreichen konnten, mithin uns, wenn die Dunkelheit eingetreten war, gleich auf der Stelle lagern mußten, wo Halt gemacht wurde. Denn hier hatten wir weder Obdach noch Lebensmittel, auch mußten wir uns, da es an dürrem Holze fehlte, oft ohne Feuer behelfen und auf dem feuchten, mitunter auch vom Regen ganz durchnäßten Boden, ohne Lagerstroh hinstrecken. Sehr zu bedauern waren unsere Pferde, welche den ganzen Tag über, mit dem Reiter auf dem Rücken, sich hatten herum hetzen lassen müssen. Diese armen Thiere standen dann auch in ihrer Ermattung, oft mit niedergesenkten Köpfen da und schauten uns traurig an, was recht peinlich war, da wir ihnen das wohlverdiente Futter nicht reichen konnten. Doch dies alles war nur der Anfang von den Beschwerden, welche späterhin uns noch weit härter treffen sollten, denn jetzt war doch wenigstens die Witterung noch mild, mithin die Nächte nicht kalt, auch konnten wir den Pferden, wenn es keine Körner gab, doch noch etwas grünes Futter von den Feldern und Wiesen verschaffen. So gingen wir auch, wenn ein Dorf in der Umgegend sich befand, oft ziemlich weite Strecken dahin, um Stroh, Heu und dürres Holz daraus zu holen und die Lebensmittel sorgfältig aufzusuchen, welche die geflüchteten Bewohner etwa noch zurückgelassen hatten. Das Bivouacleben hat überhaupt viel Eigenthümliches und mitunter auch so manches Angenehme. Die lustig prasselnden Feuer, um welche sich Soldaten in verschiedenen Gruppirungen bewegten, und unter traulichen Gesprächen oder heimathlichen Gesängen entweder in ihren Feldkesseln eine Suppe kochten oder ein Stück Fleisch am Feuer brateten, gewährten ein interessantes Bild, besonders bei Nacht, wo diese Feuer den Umgebungen, Bäumen, Menschen und Pferden, eine eigentümliche Beleuchtung und Schattirung mittheilten. Es kann jedoch hier nur von einem Bivouac, während eines milden Sommerabends die Rede sein, wo der besternte blaue Himmel sich über dem Lager als freundliches Obdach wölbt, auch der Soldat etwas zu brocken und zu beißen hat, denn ohne diese Erfordernisse, bleibt das Bivouacleben ein trauriges und schweigsames. Besonders dann war ein lebendiger Verkehr im Lager zu bemerken, wenn wir einige Schaafe bekommen hatten, welche geschlachtet und deren Fleisch entweder gebraten oder gekocht wurde. Bei diesen Schlachten ging es nun aber nicht ganz regelrecht zu, das Thier wurde auf den Rücken geworfen, in dieser Lage festgehalten und ihm die Gurgel durchschnitten, sodann die Eingeweide herausgenommen und das Fell abgezogen. Bei diesen Geschäften mußte jeder mit Hand anlegen, so ungeschickt er sich auch dabei benehmen mochte. Um nun das Fleisch zu braten, wurden zwei hölzerne, oben mit Gabeln versehene starke Stäbe zu beiden Seiten des Feuers in die Erde gesteckt, oben quer über in beide Gabeln ein Stock gelegt und daran das Stück Fleisch, welches gebraten werden sollte, festgebunden, so daß dasselbe in der Schwebe hing und über dem Feuer hin und her gedreht werden konnte. Nun mußte einer von den Cameraden sich an dasselbe setzen und mit einem dünnen Stäbchen das über demselben hängende Fleisch, öfters drehen und wenden, damit es auf allen Seiten gehörig gar und braun wurde. Der Geruch, den dieses an mehreren Feuern bratende Fleisch durch den ganzen Bivouac verbreitete, war ein sehr angenehmer für unsere Nasen und wir konnten es kaum erwarten bis der Braten genießbar war, welcher uns dann auch delikat schmeckte, obgleich wir denselben nicht gehörig hatten salzen können. Denn es fehlte uns oft an Salz, so daß wir beim Kochen mehrmals Schießpulver zum Ersatz des Salzes verwenden mußten, welches freilich keinen angenehmen Geschmack, dem Gekochten aber ein schlechtes Ansehen gab, da es schwärzlich aussah, als wenn Ruß hineingerührt worden wäre. Beim Beziehen eines Bivouacs traten gewöhnlich 8 Mann zu einer Lagergenossenschaft zusammen, welche sich zur gemeinsamen Thätigkeit vereinigten, um Holz, Wasser, Stroh, Lebensmittel, Futter für die Pferde und sonstige Lagerbedürfnisse herbeizuschaffen, wobei jedem ein besonderes Geschäft übertragen wurde. In diesem cameradschaftlichen Zusammenleben lag viel Angenehmes, besonders waren wir lustig und guter Dinge auf dem Bivouac, wenn wir keinen Mangel litten und zufällig ein Fäßchen Branntwein in unsere Hände gefallen war, welches wir einem russischen Edelmanne aus seinem Keller entführt hatten.

Die Oesterreicher standen mit ihrer Hauptmacht bei Kobryn und hielten auf ihren beiden Flanken die drei Orte Brczesc am Bug, Iannowa und Pinsk besetzt, die Front nach Dywin und den Pinsker Sümpfen zugekehrt. Denselben gegenüber sollte der russische General Kamenskoy mit 12,000 Mann bei Kowel und der russische General Tormassow mit ohngefähr 20,000 Mann bei Dubno stehen, das uns zeither gegenüber gestandene russische Corps des Fürsten Bagration aber sich auf Minsk gezogen haben. Die Sachsen, welche, wie schon weiter oben bemerkt worden, auf dem Marsche waren, um die Oesterreicher in ihrer bisherigen Stellung abzulösen, nahmen in mehreren Colonnen ihre Richtung nach jenen von denselben zeither besetzt gehaltenen vier Punkten, kamen aber dadurch in eine sehr schwierige Lage. Denn das sächsische Corps, welches noch nicht ganz 18,000 Mann zählte, sollte in einer so ausgedehnten Stellung, welche von Brczesc bis Pinsk fast 19 Meilen betrug, gegen einen überlegenen Feind nicht nur das Herzogthum Warschau decken, sondern auch das weitere Vordringen desselben verhindern. Man mußte daher in dem französischen Hauptquartiere von der Stellung und Stärke der Russen schlecht unterrichtet gewesen sein, sonst würde man die Oesterreicher nicht abgerufen haben, welche, gegen 30,000 Mann stark, dem Feinde eher die Spitze bieten konnten, als das viel schwächere Corps der Sachsen, wobei nur wenig Reiterei war, wogegen die Russen bedeutende Cavallerie und namentlich viel Kosaken hatten. Dieser fühlbare Mangel an Reiterei bei den Sachsen soll auch den General Reynier mehrmals veranlaßt haben, bei Napoleon um eine Verstärkung derselben nachzusuchen, aber ohne Erfolg. Zur Ablösung der bei Kobryn unter dem General von Zechmeister stehenden Oesterreicher war die sächsische Infanteriebrigade, welche der Generalmajor von Klengel befehligte, mit 3 Escadrons Ulanen unter dem Oberst von Zeschwitz bestimmt und auch bereits dahin abgegangen. Diese Brigade bestand aus den beiden Infanterieregimentern König und von Niesemeuschel, welche 8 vierpfündige Regimentskanonen mit sich führten. Da der Bestand der Regimenter sich schon sehr vermindert hatte, so konnte diese Brigade, nach Abrechnung der nach Proczanna entsendeten zwei Compagnien, kaum noch etwas über 2000 Mann stark sein, mit Einschluß der Artilleristen. Die Vorhut des Generals von Gablenz sollte nach Iannowa rücken und diesen Ort besetzen, da Nachrichten eingegangen waren, daß die Russen beabsichtigten in dieser Richtung vorzudringen. Das Husarenregiment brach daher von Malecz auf und marschirte den 24. Juli über Kumbks und Bedzice nach Julatice.

Den 25. Juli ging in aller Frühe eine Recognoscirung von zwei Escadrons Husaren nach Iannowa, einer kleinen Stadt, ab. Dieselbe wurde aber noch ehe sie diesen Ort erreichte, von feindlicher Cavallerie angegriffen und zog sich, da dieselbe ihr überlegen war, auf die übrigen Escadrons zurück, welche der Recognoscirung in gehöriger Entfernung gefolgt waren. Beim weitern Vorrücken des Husarenregiments traf dasselbe nicht weit von Iannowa auf eine aus russischen Dragonern bestehende starke Reiterlinie. Gleich bei der ersten Attaque wurde zwar die feindliche Cavallerie zurückgeworfen, wir hätten aber für die Länge nicht Stand halten können, da letztere uns überlegen, auch Iannowa noch mit russischen Jägern besetzt war, wenn wir nicht durch das ankommende Regiment von Polenz Dragoner verstärkt worden wären. Bei diesem Reiterangriffe waren zwei Husaren getödtet und, außer 5 Husaren, noch der Rittmeister von Lindemann und der Leutnant von Reitzenstein verwundet worden. Nach baldiger Ankunft des Generals von Gablenz mit den übrigen Truppen der Vorhut, wurde der Feind nochmals attaquict und genöthigt Iannowa zu verlassen, welches nun unsere leichte Infanterie in Besitz nahm. Da sich die Russen zurückgezogen hatten und Iannowa von uns besetzt, mithin der Zweck unseres Marsches erreicht war, so bezogen wir ein Lager vor diesem Orte. Den 26. Juli Abends 10 Uhr bekam unsere Escadron Befehl aufzubrechen und mit einer Compagnie leichter Infanterie eine Recognoscirung in der Richtung des zurückgegangenen Feindes zu unternehmen. In aller Stille marschirten wir ab, da befohlen worden war, während des Marsches weder laut zu sprechen, noch sonst ein Geräusch zu machen. Bald kamen wir in einen großen finstern Wald, durch welchen die Straße führte. Die leichte Infanterie machte die Seitenpatrouillen und mußte sich, in gleicher Höhe mit uns vorwärts gehend, in dem dichten Walde über Baumwurzeln fallend oder sich an die Stirn rennend, mühsam eine Bahn brechen. So zogen wir denn in stockfinsterer Nacht, denn weder die Sterne noch der Mond beleuchteten unseren unwegsamen Pfad, still und heimlich dahin, als hätten wir es auf einen Ueberfall des Feindes abgesehen. Nur dann und wann ließen sich die hellen Töne eines Pfeifchens hören, welches jeder Unterofficier der leichten Infanterie, vorn an seiner Uniform mit einer Schnur befestigt, trug, um damit die erforderlichen Signale zum rechts oder links ziehen, zum vorwärts oder rückwärts gehen, seinen Leuten geben zu können. Nachdem wir einige Stunden geritten waren, hörten wir in einiger Entfernung vor uns einen gewaltigen Lärm, wobei wir ein verworrenes Getöse von Menschenstimmen und Gesang, dazwischen auch die gellenden Töne eines Dudelsackes unterscheiden konnten, eines musikalischen Instrumentes, welches in Rußland und Polen sehr beliebt ist, unsern Ohren aber nicht sonderlich behagen will. Wir machten daher gleich Halt und sendeten eine Patrouille ab, welche erforschen sollte, was dieser Lärm bedeute. Nach ihrer Rückkehr erfuhren wir, daß in dem vor uns liegenden Dorfe eine Bauernhochzeit mit Gesang und Tanz gefeiert werde, wobei es denn in Rußland sehr lärmend herzugehen pflegt, da der Wuttky [Wodka], wie dort der Branntwein benannt wird, bei solchen Festlichkeiten eine große Rolle spielt und so stark genossen wird, daß die Hochzeitsgäste sich immer in einem holden Taumel befinden. Wir ritten nun wieder vorwärts, fanden aber, im Dorfe angekommen, alles still; die Hochzeitsgäste waren plötzlich verschwunden und vermuthlich in den nahen Wald geflüchtet, denn man bemerkte im Orte kein lebendes Wesen mehr. So hatten wir denn durch unser unvermuthetes Erscheinen die ganze Hochzeit gestört und der lauten Fröhlichkeit war nun plötzlich eine düstere Stille gefolgt; die armen Leute dauerten mich daher sehr, daß wir sie von ihrem Feste verscheucht hatten. Der Marsch wurde nun gleich fortgesetzt, und wir kamen, ohne auf den Feind zu stoßen, den 27. Juli nach Tagesanbruch bei einem Dorfe an, wo etwas gerastet und dann weiter gezogen wurde. Um diese Zeit vernahmen wir in einer Entfernung von einigen Meilen starken Kanonendonner, der immer heftiger zu werden schien und welcher, wie wir später erfuhren, von Kobcyn herkam, wo die Klengelsche Brigade in ihrer dortigen Stellung von der Hauptmacht der Russen angegriffen worden war. Wie sich nun ergab, hatte letztere blos eine Scheinbewegnng auf Iannowa gemacht, um unsere Aufmerksamkeit von Kobryn abzulenken, welches sie, nachdem ihnen dies gelungen war, nun plötzlich von allen Seiten mit Uebermacht angriffen, um die sächsische Infanteriebrigade, welche diesen Ort besetzt hielt, abzuschneiden. Der dieselbe commandirende Generalmajor von Klengel, welcher auf die Meldung, daß starke russische Colonnen sich seiner Stellung näherten, vom General Reynier den ausdrücklichen Befehl bekommen hatte, unter allen Umständen Kobryn bis zum 28. Juli zu behaupten, hätte sich ohne diesen Befehl, wenn auch mit einigem Verluste, noch zurückziehen und dem Mißgeschick entgehen können, welches seine Brigade treffen sollte. Denn obgleich die Sachsen sich in Kobryn, wo ihnen alle Verbindung mit ihrem Corps abgeschnitten worden war, tapfer wehrten und diesen nach allen Seiten hin offenen und von dem heftigen Geschützfeuer der Russen theilweise in Brand gesetzten Ort gegen eine große feindliche Uebermacht zu behaupten suchten, so mußten sie doch endlich unterliegen und das Gewehr strecken, nachdem ihre Munition gänzlich verschossen war. Dieses Mißgeschick, welches die sächsischen Waffen betroffen, machte einen sehr niederschlagenden Eindruck auf uns alle und der freudige Muth, mit welchem wir zeither vorwärts gegangen, war durch diesen Unfall bedeutend herabgestimmt worden. Die Russen hatten sich zeither immer defensiv verhalten und wir sie nie zum Stehen bringen können; nun war von ihnen plötzlich die Offensive ergriffen und mit einem Schlage uns eine Brigade genommen worden. Außer der fehlerhaften, schon oben gerügten Anordnung, nach welcher das schwache Corps der Sachsen eine so lange Linie von fast 19 Meilen besetzen und gegen einen bedeutend überlegenen Feind behaupten sollte, der noch einmal so stark war, trug der Umstand auch mit zu jenem Unfalle bei, daß die Oesterreicher, obgleich die Sachsen noch nicht alle Punkte besetzt hatten, sich schnell auf Slonim zurückgezogen, da doch ihre Nachhut, wie zugesagt worden, noch einige Tage in der Nähe der Sachsen stehen bleiben sollte, was aber nicht geschehen war. Es wurde auch bei uns später erzählt, daß der österreichische General von Zechmeister, als er dem sächsischen General von Klengel seinen Posten in Kobryn übergeben, diesem auf seine Frage über die Stellung und Stärke des Feindes gesagt habe: ?Herr Camerad, es giebt halt hier gar keine Russen, denn ich hab noch keine gesehn, es sollen aber welche weit über Dywin hinaus stehen, diese, haben jedoch alle durch die Sümpfe hierher führenden Straßendämme durchstochen, mithin ist ein Angriff von daher nicht zu erwarten. Diese Nachrichten waren aber unrichtig, denn hätten die Russen da gestanden, wo sie der General von Zechmeister vermuthete, so konnten sie nach dem Abzuge der Oesterreicher die Sachsen nicht so schnell überfallen. Sogleich, nachdem der General Reynier die Meldung erhalten, daß der Posten in Kobryn bedroht sei, hatte derselbe zwar die bei ihm befindlichen Truppentheile in Gewaltmärschen die Richtung dahin nehmen lassen, es war aber schon zu spät, denn sie kamen erst 3 Meilen von Kobryn an, als bereits der Hauptschlag dort geschehen und die Klengelsche Brigade gefangen genommen worden war. Auch würde das, nach Abrechnung dieser Brigade, nur noch aus ohngefähr 15,000 Mann bestehende sächsische Corps, wenn es auch zeitiger angekommen wäre, gegen die bei Kobryn concentrirte Hauptmacht der Russen nichts haben unternehmen können, da die letzteren, nach spätern Nachrichten, dazumal gegen 36,000 Mann stark gewesen waren und alle nach Kobryn führende Straßen besetzt gehalten hatten. Um nun einem zu besorgenden Angriffe der Russen auf uns selbst auszuweichen und dadurch ferneren Verlusten zu entgehen, blieb dem General Reynier nichts weiter übrig, als mit seinem schwachen Corps sich in Eilmärschen auf Slonim zurückzuziehen und dort mit den Oesterreichern zu vereinigen, welche daselbst in der größten Ruhe lebten. In Folge des angeordneten Rückzugs brach das Husarenregiment aus dem Bivouac bei Drohyczin auf und rückte den 28. Juli über Kombks bis Sabiercz, den 29. bis Bereza, auf welchem Marsche, der bis spät in die Nacht fortgesetzt wurde, die Wege sehr schlecht waren, den 30. bis Sedlicze und den 31. in die Gegend von Roczanna. Hier ging die unangenehme Nachricht ein, daß Tages zuvor eine vom Regiment Polenz Dragoner unter dem Hauptmann von Krug entsendete Recognoscirung von 60 Mann bei Proczanna gefangen worden sei. Dieselbe war nämlich in der sehr waldigen Gegend plötzlich auf ein russisches Husarenregiment gestoßen, welches diese kleine Schaar sofort angegriffen und eingeschlossen hatte, so daß kein Mann entkommen konnte. Daß sich unsere Dragoner tapfer gewehrt haben müssen, geht daraus hervor, daß mehrere getödtet und fast die Hälfte davon mit dem Hauptmann von Krug verwundet worden waren, ehe sie gefangen wurden. Dieser Vorfall gab wieder den Beweis, daß unsere Cavallerie viel zu schwach gegen die feindliche war. Denn die Recognoscirungen und Patrouillen der Russen waren bei einem Zusammentreffen den unsrigen jedesmal sehr überlegen, weshalb denn wir auch immer Verluste erlitten.

Den 1. August erfolgte die Fortsetzung des Marsches bis Radziwilowize, eine Stunde von Slonim, woselbst wir uns mit den Oesterreichern vereinigten und drei Tage dort rasteten. Nachdem eine starke Recognoscirung in der Richtung von Roczanna abgegangen war, rückte das Husarenregiment den 4. August bis Iwascowowice und den 5. bis Potorosk. Die Oesterrcicher, welche nun mit den Sachsen gemeinschaftlich wieder vorgingen, hatten an diesem Tage Roczanna genommen und die Russen daraus vertrieben, welche von Kobryn aus uns gefolgt waren. Den 6. August wurde zwei Stunden von Nowidwor auf einer großen Ebene ein Bivouac bezogen. Hier fehlte es sehr an Trink- und Kochwasser, da ein Ort, wo wir uns solches hätten verschaffen können, nicht in der Nähe, der sandige Boden aber auf dem wir lagerten, von der großen Sonnenhitze ganz ausgetrocknet war. Es mußte deshalb das in einem großen Tümpel befindliche schlammige Wasser, welches schwärzlich aussah und worin große lange Würmer sich bewegten, zum Tränken der Pferde und auch zum Kochen benutzt werden, obgleich es faulig war. Wir litten daher bei einer bedeutenden Hitze großen Durst, den wir unter diesen Umständen nirgends zu stillen vermochten. Ueberhaupt kam es in den eingetretenen heißen Sommertagen mehrmals vor, daß wir auf unsern Lagerstellen kein genießbares Wasser vorfanden und oftmals die Pferde nicht gehörig tränken konnten, mithin auch auf Stillung unsers Durstes verzichten mußten, wenn wir nicht unreines und sumpfiges Wasser trinken wollten, welches mitunter selbst die Pferde verschmähten.

Den 7. August marschirte das Husarenregiment bis Nowowies, wo sich dasselbe zwischen diesem Dorfe und einem Walde auf einer Feldfläche lagerte. Wir fanden auf den der Gutsherrschaft gehörigen Feldern noch die geschnittenen Korngarben in Haufen zusammen geschichtet, welche als willkommene Beute gleich in Beschlag genommen, die Aehren den Pferden als Futter vorgelegt, das Stroh aber zur Errichtung von Hütten und zu Lagerstellen darin benutzt wurde. Eine solche Bequemlichkeit hatten wir uns lange nicht verschaffen können, weshalb denn auch gleich viele geschäftige Hände bemüht waren Hütten zu bauen und sich wohnlich einzurichten. Unsere frohe Stimmung steigerte sich bis zur Fröhlichkeit, als noch eine, der Gutsherrschaft ebenfalls gehörige Heerde Schaafe weggenommen und letztere unter die Escadrons vertheilt worden waren. Denn nun ging das Schlachten, oder richtiger gesagt, eine allgemeine Metzelei los, man sah die Husaren überall eifrig beschäftigt, den abgestochenen Thieren die Eingeweide auszunehmen, das Fell abzuziehen, die mit dem Säbel abgehauenen Stücken Fleisch in die am Feuer stehenden Feldkessel zu legen und dann, nachdem es gar gekocht, dasselbe mit vielen Behagen zu verzehren.

Den 9. August war eine von uns entsendete Patrouille auf einen Haufen Kosaken und Baschkiren gestoßen, hatte sich aber noch ohne Verlust zurückziehen können. Der eine Husar davon brachte einen Pfeil als Merkwürdigkeit mit, welchen ein Baschkire beim Rückzuge in seine Patrontasche geschossen hatte, wo er stecken geblieben und späterhin herausgezogen worden war. Dieser Pfeil hatte das starke Leder der Patrontasche ganz durchbohrt und würde den Husaren bedeutend verletzt haben, wenn ihn nicht dieselbe geschützt hätte. Da hiernach anzunehmen war, daß der Feind sich mehr in unsere Nähe gezogen habe, so wurde gegen Abend eine Escadron zur Verstärkung der Feldwache, welche am Ende des vor uns liegenden Waldes postirt war, abgesendet, wir aber legten uns, nachdem es Nacht geworden, in unseren Hütten zum Schlafen nieder, um einmal recht ordentlich der Ruhe zu pflegen. Doch dem sollte nicht so sein, denn kaum hatten wir zwei Stunden gelegen, so weckte uns der Donner eines starken Gewitters, welches sich unbemerkt herangezogen hatte und nun einen gewaltigen Platzregen herabströmen ließ. Wie froh waren wir, daß die Hütten uns ein, wenn auch nur nothdürftiges Obdach gewährten, denn der starke Regen drang durch jede kleine Oeffnung hindurch. Mit der Hütte in der ich mich befand, sah es schlimm aus, denn sie war über eine im Felde befindliche, zum Abflusse des Wassers bestimmte Furche errichtet worden, da man bei dem frühern klaren Himmel einen Regen nicht erwartet hatte. Das in Folge des anhaltenden Gewitters immer mehr anschwellende Regenwasser strömte daher in unsere Hütte und durchnäßte nicht allein das ganze Stroh auf den Lagerstellen, sondern verwandelte auch den Boden in einen förmlichen Morast, weshalb wir denn, nachdem das Gewitlter vorüber war, uns nicht wieder niederlegen konnten.

Den 10. August bei Anbruch des Tages hörten wir in der Richtung des vor uns liegenden Waldes und der dort aufgestellten Feldwache einzelne Gewehrschüsse fallen und nicht lange darauf ging von derselben die Meldung ein, daß ihre Vorposten von überlegener feindlicher Cavallerie zurückgedrängt worden wären, auch eine starke Colonne derselben sich der Feldwache selbst nähere. Hierauf wurde schnell aufgesessen und das Husarenregiment ging zur Unterstützung der Feldwache sogleich vor, zog sich am Rande des Waldes hin, wo wir, nachdem sich derselbe endigte, eine große, von beiden Seiten ebenfalls mit Wald umschlossene Fläche erblickten, auf welcher unsere Husaren schon mit der russischen Reiterei plänkelten. Hinter den Plänklerlinien der Russen sahen wir viel feindliche Cavallerie, aus Husaren, Dragonern und Kosaken bestehend, welche als Reserve aufmarschirt waren. Kaum aus dem Walde hervorgekommen, wurden wir auch gleich von der feindlichen Artillerie mit Kanonenschüssen begrüßt, welche aber nur wenig Schaden zufügten. Nur der Leutnant Busch vom Train, welcher zur reitenden Batterie gehörte, welche gleichzeitig mit uns angekommen war, wurde durch einen dieser Kanonenschüsse schwer verwundet, und starb später an den Folgen dieser Verwundung. Derselbe war früher Wachtmeister bei unserm Regimente gewesen und wurde allgemein bedauert. Unterdessen war auch das Regiment Polenz Dragoner herbeigekommen, und da die feindliche Cavallerie sich zum Angriff formirte, so geschah dies auch sogleich von unserer Seite, und das Zeichen zur Attaque wurde durch die Trompeter gegeben, welche überall schmetternd zum Angriff bliesen. Die Erde dröhnte unter den Hufen der im schnellsten Laufe wie ein Gewittersturm dahin brausenden Pferde, und die Luft wurde von dem Gerassel der Waffen und dem betäubenden Hurrahgeschrei der Russen erfüllt, als der Angriff begann. Es war vorauszusehen, daß wir beim ersten Zusammenstoß mit einer überlegenen feindlichen Cavallerie wenig ausrichten würden, da unsere Pferde durch die vielen starken Märsche und den immerwährenden Felddienst bei der Avantgarde schon entkräftet, auch von den Mannschaften so manche erkrankt oder gefangen worden, mithin beide Regimenter schon sehr geschwächt waren. So geschah es denn auch, daß unser erster Angriff von den Russen zurückgewiesen wurde. Aber deshalb hatten wir den Muth noch nicht verloren, die Husaren und Polenz Dragoner formirten sich unter dem Schutze unserer reitenden Batterie schnell wieder und warfen sich zum zweiten Male auf die russische Reiterei, worauf diese denn auseinander gesprengt und zum Rückzuge genöthigt wurde, dann aber in einiger Entfernung weiter rückwärts, eine beobachtende Stellung nahm. Bei diesem hitzigen Cavalleriegefechte hatten wir einige russische Husaren und Dragoner gefangen, aber auch von unsern Leuten wurden mehrere vermißt, und es waren viele davon verwundet worden. Nachdem der zweite Angriff gelungen war, sah ich den Unterofficier Zieger von unserer Escadron einen gefangenen russischen Husaren bringen, welchem er das ganze Kinn durch einen Säbelhieb herabgehauen hatte, so daß dasselbe blutig auf die Brust niederhing, was einem schauderhaften Anblick darbot. Nach diesem Gefechte bedrohten die unterdeß angekommenen Oesterreicher die rechte Flanke der Russen, weshalb diese sich eiligst auf Proczanna zurückzogen. Aus dem Hauptquartiere der großen Armee war der Befehl eingegangen, daß die vereinigten Oesterreicher und Sachsen das gegenüberstehende feindliche Corps des Generals Tormassow, welches von Kobryn aus uns gefolgt war, aus Volhynien zurücktreiben sollten. Die Oesterreicher hatten daher die Russen heute noch weiter verfolgt und den wichtigen Engpaß bei Koßebrod genommen.

Den 11. August rückte das Husarenregiment auf der Straße nach Brczesc bis Podobna vor, wo es in der Nahe dieses Dorfes mit den andern zur Vorhut gehörigen Truppentheilen sich lagerte. Vor unserer Front lag ein breiter, fast eine Stunde langer Sumpf, welcher sich von Gorodeczna ab, bei Podobna vorbei, bis an den rechts vor uns liegenden Wald erstreckte. Dieser Sumpf konnte nur bei den gedachten beiden Orten passirt werden, wo sich Uebergänge befanden. Bei Podobna angekommen sahen wir deutlich, daß die Russen eine feste Stellung auf den Anhöhen, welche sich jenseits dieses Sumpfes hinzogen, genommen hatten. Ihr rechter Flügel stand hinter dem Uebergange des Sumpfes bei Gorodeczna, welcher von demselben mit zahlreichen Geschützen besetzt war, das Centrum machte Front gegen den Sumpf und hatte den Uebergang bei Podobna ebenfalls mit Geschützen besetzt, ihr linker Flügel aber dehnte sich bis zu dem oben gedachten Walde aus. Durch eine von uns abgesendete Recognoscirung wurde ermittelt, daß der Sumpf bei diesem, vom Feinde unbesetzt gelassenen Walde, namentlich in der Gegend, wo die Straße nach Brczesc vorbeigeht, zu passiren sei, weshalb denn auch sogleich ein Bataillon leichter Infanterie von der Vorhut zur Besetzung dieses Waldes, als eines sehr wichtigen Punktes für uns, abgesendet wurde. Es ist nicht wohl zu begreifen, wie die Russen diesen Wald hatten unbesetzt lassen können, da doch derselbe ihren linken Flügel decken mußte. Das sächsische Corps lagerte bei Zabin, das österreichische aber hatte eine Stellung bei Gorodeczna genommen. Dem Vernehmen nach sollte das uns gegenüberstehende russische Corps des Generals Tormassow aus drei Infanterie- und zwei Cavalleriedivisionen bestehen. In der Nacht wurden wir plötzlich durch ein starkes Getöse, als wenn eine Masse Cavallerie herangesprengt käme, allarmirt und saßen schnell auf, da wir einen Ueberfall der Russen vermutheten, sahen aber mit Erstaunen eine Menge Pferde ohne Reiter angesetzt kommen, die, wie sich hernach ergab, zu einem österreichischen Husarenregimente gehörten, welches in unserer Nähe auch einen Bivouac bezogen hatte. Diese Pferde waren vermuthlich durch die Annäherung von Wölfen erschreckt worden, hatten sich von den Campirpfählen losgerissen und waren davongelaufen. Obgleich nun alles gethan wurde, um diese herrenlosen Pferde wieder einzufangen, so vermißte man am Morgen doch noch viele davon, die sich verlaufen hatten, den Oesterreichern waren daher durch diesen Vorfall mehrere Pferde verloren gegangen.

Am 12. August früh 7 Uhr brach das sächsische Husarenregiment aus seinem Lager auf und nahm als Spitze der Vorhut die Marschrichtung nach dem rechts vor uns liegenden Walde, welcher schon von unserer leichten Infanterie Abends vorher besetzt worden war. Nachdem wir den Sumpf dort passirt und eine Strecke im Walde vorgegangen waren, wurde Halt commandirt. Hier sahen wir den österreichischen General Zechmeister, welcher mit seinen Adjutanten vom Pferde gestiegen war und am Rande des Waldes mit einem Fernrohre die Stellung der Russen recognoscirte. Sobald dies geschehen war und der österreichische General sich wieder entfernt hatte, zogen wir weiter; kaum aber trat die Spitze der Avantgarde unsers Regiments aus dem Walde, als sie auch sogleich auf die russischen Vorposten, aus Ulanen bestehend, stieß. Letztere zogen sich sofort zurück, wir aber rückten im Trabe, hinter uns das Regiment Polenz Dragoner und eine reitende Batterie, aus dem Walde hervor. Bei Verfolgung der feindlichen Vorposten wurde ein Husar von unserer Avantgarde durch den Pistolenschuß eines russischen Ulanenofficiers getödtet, welcher ihn rückwärts auf seinen Verfolger, den Husaren, abgefeuert, nachdem dem letztern sein Pistol auf den feindlichen Officier gerichtet, versagt hatte.

Unterdessen hatten die Russen, nachdem sie unsern Angriff vom Walde her bemerkt, ihren zunächst desselben gestandenen linken Flügel schnell zurückgenommen und ihre Aufstellung so verändert, daß sie, statt früher gegen den Sumpf, jetzt gegen den Wald Front machten. Die beiden sächsischen Infanterieregimenter Prinz Friedrich und Prinz Clemens, bei welchem letzteren mein jüngster Bruder Philipp als Unterofficier stand, waren, nachdem sie aus dem Walde gekommen, im Geschwindschritte gefolgt und hatten sich mit ihren Regimentskanonen im Centrum der Schlachtlinie aufgestellt, ihnen links zur Seite sollte die österreichische Division Bianchi Stellung nehmen. Den äußersten linken Flügel, welcher sich an den Wald und den Sumpf lehnte, bildete die sächsische Brigade von Sahr, aus zwei Grenadierbataillons und dem zweiten leichten Infanterieregimente bestehend, während das erste den Wald besetzt hielt. Auf dem rechten Flügel standen die beiden Regimenter Polenz Dragoner und Husaren zur Brigade des Generalmajors von Gablenz gehörig, nebst einer reitenden und einer Fußbatterie. Später wurde der rechte Flügel noch durch die österreichische Reiterbrigade des Generals Zechmeister verstärkt, welche sich bis dahin hinter der Schlachtordnung als Reserve aufgestellt hatte. Die zwei Uebergänge bei Gorodeczna und Podobna bedrohte die Hauptmacht der Oesterreicher, welche noch jenseit des Sumpfes stand. Da die Infanteriedivision Bianchi erst Nachmittags auf dem Kampfplätze ankam und die Lücke in der Schlachtlinie auf dem linken Flügel ausfüllte, so konnte der General Reynier mit den Sachsen nicht eher zum eigentlichen Angriffe übergehen. Die Russen, welche unsern linken Flügel bald als den schwächsten erkannt hatten, setzten demselben heftig zu, und obgleich die Brigade Sahr, ingleichen das später zur Unterstützung derselben aus dem Walde herbeigezogene erste leichte Infanterieregiment sich tapfer hielten, so hatten doch diese Truppen bis zur Ankunft der Division Bianchi einen sehr schweren Stand, da die Angriffe der Russen auf den linken Flügel immer heftiger wurden, und obgleich jedesmal zurückgeschlagen, sich doch stets wieder erneuerten. Die im Centrum stehenden beiden sächsischen Infanterieregimenter Prinz Friedrich und Clemens kamen, wie ich von unserm rechten Flügel aus sehen konnte, nicht in das Gewehrfeuer, sondern wurden nur von der feindlichen Artillerie beschossen. Die langen Linien von Cavallerie, welche auf dem linken Flügel der Russen uns gegenüberstanden, ließen nicht lange auf sich warten, sondern griffen mit großer Heftigkeit an und drängten uns zurück. Es wurde daher die in Reserve gehaltene österreichische Brigade Zechmeister, wobei ein schönes ungarisches Husarenregiment mit grüner Uniform sich befand, schnell zur Unterstützung herbeigezogen und nun, in Gemeinschaft mit der österreichischen Reiterei die feindliche Cavallerie gänzlich zurückgeworfen.

Da es an diesem Tage sehr heiß und auf dem sandigen mit kleinen Hügeln bedeckten Boden kein Wasser zu finden war, so litten wir großen Durst, und man konnte den vielen Verwundeten, welche durch den Blutverlust sehr erschöpft waren, auf ihr flehendliches Begehren nicht einmal einen Schluck Wasser zur Erfrischung reichen. Der Kampf wüthete ohne Unterbrechung fort, bis die einbrechende Dunkelheit der Nacht demselben ein Ziel setzte. Die Luft erzitterte nun nicht mehr von dem dröhnenden Kanonendonner und dem prasselnden Gewehrfeuer; Freund und Feind, welche sich am Tage auf Leben und Tod bekämpft hatten, lagen jetzt erschöpft und schweigsam, wie die dunkle Nacht, sich gegenüber, um den Morgen zu erwarten, an dem der Kampf fortgesetzt und das Schicksal der Schlacht erst entschieden werden sollte, denn beide Theile behaupteten noch ihre am Schlachttage innegehabten Stellungen. Viele von denen, welche wohlgemuth und lebensfrisch heute zum Kampfe gezogen waren, sollten das freundliche Tageslicht nicht wieder schauen, denn sie lagen, von tödtlichen Geschossen getroffen, um zu schlafen den ewigen Schlaf. Alles war schweigsam wie im Grabe, nur das Wimmern und das schmerzliche Gestöne der vielen Verwundeten unterbrach die Stille der Nacht.

Nachdem die Vorposten ausgestellt worden, welche auf Flintenschußwute einander, gegenüberstanden, lagerte sich das Husarenregiment etwas weiter rückwärts am Rande des Waldes. Wegen der Nähe des Feindes war jedes Geräusch oder lautes Gespräch verboten, auch durften keine Bivouacfeuer angezündet werden, wir streckten uns daher abgemattet, hungrig und durstig auf den bloßen Boden hin, denn außer dem Wasser mangelte es auch noch an Lebensmitteln. Die große Müdigkeit drückte so manchen bald die Augen zu, aber zu mir wollte der Schlaf nicht kommen, denn ich fühlte mich durch das, was ich den Tag über erlebt hatte, sehr aufgeregt und trübe gestimmt. Auch gingen mir, ernste Gedanken im Kopfe herum, indem ich im Stillen die Betrachtung anstellte, wie so mancher von denen, welche jetzt sorglos schliefen, vielleicht schon morgen in dem wiederbeginnenden Kampfe umkommen würde. Kaum röthete im Osten die aufgehende Sonne den Himmel, als es lebendig im Lager wurde, denn es verbreitete sich mit Blitzesschnelle die Nachricht, daß die Russen ihre Stellung verlassen und unter dem Schutze der Nacht den Rückzug angetreten hätten. Wirklich sah man auch keinen einzigen Russen mehr, sie waren wie weggeblasen vom Schlachtfelde.

Diese hatten also unsern Angriff am andern Morgen nicht abwarten wollen, der wahrscheinlich auch zu ihrem Nachtheile ausgefallen sein würde, da sie während der Schlacht bedeutende Verluste erlitten, indem mehrere ihrer Munitionswagen von unsrer Artillerie in Brand geschossen worden waren, so daß solche mit großem Geprassel in die Luft flogen. Da ich das Infanterieregiment Prinz Clemens noch in derselben Stellung bemerkte, welche es gestern während der Schlacht inne gehabt, so wollte ich diesen Umstand nicht nur zu einem Besuche meines Bruders benutzen, sondern ihm auch dabei noch eine angenehme Ueberraschung bereiten. Derselbe hatte nämlich bei meinen frühern Besuchen, wenn sein Regiment in unsrer Nähe war, immer den Wunsch ausgesprochen, daß er gern Leinwand zu einem Paar Pantalons haben möchte, da seine grauen, mit grünen Streifen besetzten Tuchhosen sehr defect und unscheinbar geworden waren. Diese Leinewand hatte ich nun nach vielen Bemühungen mir endlich verschafft, indem ein Unterofficier von unsrer Escadron auf einer Patrouille Gelegenheit gefunden, von einem Juden dieselbe für 3 Vierziger, oder wie sie bei uns genannt wurden, Zwanzigkreuzer, zu erhandeln. Mit dieser Leinwand gedachte ich nun meinem Bruder ein Geschenk zu machen und ich stellte mir schon im Geiste die Freude vor, welche derselbe darüber haben würde. Schnell setzte ich mich daher zu Pferde und ritt auf das Regiment Prinz Clemens zu. Der Weg dahin führte mich über einen Theil des Schlachtfeldes, welches mit vielen Todten bedeckt war. Vorzüglich auf den Stellen, wo russische Munitionswagen von den Geschützkugeln unsrer Artillerie entzündet und zersprengt worden waren, sah ich viele verstümmelte Leichen liegen mit abgerissenen Armen und Beinen, oder aufgeschlitzten Bäuchen, aus welchen die Gedärme hervorhingen; ich eilte daher hinwegzukommen von diesem schauderhaften Anblicke und setzte meinen Weg fort. Bald hatte ich einen Soldaten vom Regiment Prinz Clemens ein, der sich auch das Schlachtfeld besehen hatte, und fragte denselben im Vorbeireiten, ob sein Regiment viel gelitten habe? worauf derselbe erwiderte, daß nur bei der achten Compagnie der Verlust bedeutend gewesen sei, indem von den Mannschaften derselben zwei Unterofficiere und acht Gemeine geblieben wären. Wie Frost durchschauerte mich eine düstere Ahnung, als ich vernahm, daß gerade bei derjenigen Compagnie, wo mein Bruder stand, zwei Unterofficiere geblieben sein sollten. Hastig fragte ich daher weiter: wie hießen diese Unterofficiere? und bei der Antwort des Soldaten, der eine davon nannte sich ?Goethe, wäre ich fast vor Schreck vom Pferde herabgesunken, so sehr hatte mich diese ganz unerwartete und so betrübende Nachricht wie ein Blitz aus heiterm Himmel getroffen. Versunken in Schmerz und tiefe Trauer, saß ich da mit niedergebeugtem Kopfe, weinte und klagte laut über das unglückselige Geschick, welches meinen Bruder in der Blüthe seines Lebens betroffen. Denn er war noch nicht ganz 21 Jahre alt, von kräftiger und hoher Gestalt, auch schon zur Versetzung in die Garde designirt, als ihn der Tod so plötzlich ereilte. Nur der Gedanke, ihn noch einmal zu sehen, gab mir Kraft und ich ritt auf sein Regiment zu, hörte aber, noch ehe ich dasselbe erreicht hatte, daß der Hauptmann von der 8ten Compagnie zu dem Feldwebel sagte: ?da kommt Goethe geritten, gehen Sie ihm entgegen mit der Nachricht, daß sein Bruder verwundet und in das Feldlazareth geschafft worden sei, damit ihm der traurige Anblick entzogen wird. Der Feldwebel trat auf mich zu, um das auszurichten, was der Hauptmann ihm aufgetragen. Aber ich wußte ja schon, welches unglückliche Geschick meinen armen Bruder betroffen hatte, deshalb bat ich nur, mich dahin zuführen, wo er liege, da ich gekommen sei, ihn noch einmal zu sehen. Hinter der Stellung des Regiments befand sich einiges Buschholz, dahin brachte man mich, und hier sah ich meinen Bruder todt ausgestreckt auf den Boden liegen, die linke Seite der Brust von einer Kanonenkugel zerrissen, welche auch den linken Arm zerschmettert hatte, die weiße Uniform ganz mit Blut bedeckt. Welch ein jammervoller Anblick war dies für mich, meinen Bruder, den ich durch die mitgebrachte Leinwand eine Freude hatte bereiten wollen, in einem solchen beklagenswerthen Zustande zu finden; ich kniete an seiner Seite nieder um zu beten und zu weinen, dabei streichelte ich ihm das Gesicht, wie ich es zu thun gewohnt war, als er noch lebte. Da die starke Schußwunde den Tod schnell herbeigeführt haben mußte, so hatten seine Gesichtszüge sich nicht schmerzhaft verzogen, sondern einen ruhigen Ausdruck behalten, als wenn er schliefe, ein Beweis, daß er nicht viel gelitten haben konnte, was mir noch einige Beruhigung gewährte.

Neben ihm lag der zweite Unterofficier, sein Unglücksgefährte, welchen eine Kanonenkugel die ganze obere Hälfte des Kopfes weggerissen hatte. Während ich da stand und den blutigen Körper meines Bruders anstarrte und jammerte, war sein Hauptmann hinzugetreten und sagte: wir haben einen braven Cameraden verloren, er hätte aber seinem traurigen Geschicke entgehen können, wenn er meine Warnung nicht unbeachtet gelassen. Denn wie sein Nebenmann, der hier liegende zweite Unterofficier, tödtlich getroffen wurde, rief ich Ihrem Bruder zu, er möchte schnell etwas weiter rechts treten, da die Geschütze in der Regel zweimal hintereinander feuern, ehe sie von neuem wieder gerichtet werden, mithin wo die erste Kugel Hinfahrt, die zweite nicht fern davon einschlägt. Ihr Bruder, fuhr der Hauptmann fort, erwiderte jedoch auf meinen Zuruf: ?wenn mich eine Kugel treffen soll, so trifft sie mich, ich mag stehen wo ich will, ich weiche daher nicht von meiner Stelle, er hatte aber kaum das letzte Wort ausgesprochen, als ihn die verhängnißvolle Kugel niederstreckte. Der herbeigekommene Feldwebel erzählte auch, wie sehr sich mein Bruder gefreut habe, als er gehört, daß die Russen nun endlich Stand hielten und daß es den andern Tag etwas Ernstliches setzen werde. Derselbe mußte also keine Ahnung gehabt haben von dem traurigen Schicksale, welches ihm so nahe bevorstand. Ueberhaupt verfolgte meinen Bruder ein seltenes Mißgeschick, denn schon im Feldzuge 1809 an der Donau gegen Oesterreich erhielt er gleich in der ersten Affaire einen Flintenschuß durch den rechten Schenkel, so daß er, um nicht in Feindes Hand zu fallen, von seinen Cameraden aus dem Gefechte getragen werden mußte, und hier in Rußland wurde derselbe ebenfalls beim ersten Male, wo er dem Feinde gegenüberstand, tödtlich verwundet, während ich das Glück hatte, in so manchen Gefahren bis jetzt ganz unverletzt zu bleiben. In der Ferne ließen sich nun die Trompeten meines Regiments vernehmen, welche zum Aufsitzen bließen, ich mußte daher eilen diesem Rufe zu folgen, drückte zum letzten Male die erkaltete Hand meines verewigten Bruders und schied mit um so größerer Rührung von ihm, als mir nicht einmal vergönnt war, so lange dort zu verweilen, bis seine irdische Hülle dem Schooße der Erde übergeben worden war. Wohl konnte ich mir denken, wie sein Begräbniß sein werde, nämlich, daß er mit Freund und Feind zusammen in eine Grube geworfen werden würde, wie es nach jeder Schlacht der Gebrauch ist, wo der Tod reiche Ernte gehalten hat, da dem Einzelnen wegen der Menge von Leichen, die das Schlachtfeld bedecken, ein besonderes Grab nicht bereitet werden kann. Bei einem solchen Begräbnisse ertönt kein Glockenklang und kein Sterbelied, Niemand von den Lieben des todten Kriegers steht um seine Gruft und weint eine Thräne des Schmerzes und der Trauer hinab, denn diejenigen, welche die todten Körper in die Grube hinabwerfen, kennen ja oft nicht einmal die Namen derselben. Auf dem Wege zum Regimente sah ich einen Officier vom Infanterieregimente Prinz Friedrich begraben und hörte auf meine Frage, daß es der Leutnant von Kauffberg sei, welcher mein Vetter war. Also hatte ich in dieser Schlacht nicht nur einen Bruder, sondern auch einen nahen Verwandten von mütterlicher Seite verloren. Es war dies der einzige Officier, welcher gestern in der Schlacht getödtet worden. Außerdem sollten noch 200 Mann geblieben, auch 19 Officiere und gegen 700 Mann verwundet worden sein.

Beim Husarenregimente angekommen, marschirte dasselbe sogleich als Avantgarde ab, um die auf dem Rückzuge nach Kobryn begriffenen Feinde zu verfolgen und die einzelnen Nachzügler aufzuheben. Es mochten wohl gegen 150 Russen sein, welche unserer Vorhut in die Hände fielen, dieselbe würde aber noch vielmehr Gefangene gemacht haben, wenn nicht der morastige Boden und die schlechten Wege uns an der schnellen Verfolgung behindert hatten. Den 13. August Abends kam das Husarenregiment bei Kobryn an und bezog ein Lager vor diesem Städtchen, in welchem die Brigade Klengel am 27. Juli von den Russen eingeschlossen und gefangen worden war. Dieser Ort hatte, wie wir sahen, durch das Geschützfeuer sehr gelitten, indem nicht nur viele Gebäude in Schutt und Asche lagen, sondern es waren auch die andern noch stehen gebliebenen Häuser fast alle beschädigt. Die Russen hatten auf ihrem Rückzuge alle Brücken hinter sich abgebrochen, diese mußten daher erst hergestellt werden, ehe die weitere Verfolgung fortgesetzt werden konnte, weshalb wir denn den 14. August noch bei Kobryn blieben. Hier wurde bekannt gemacht, daß eine Feldpost bald nach Warschau abgehen und alle Soldatenbriefe nach Sachsen mitnehmen werde, welche derselben übergeben werden würden. Um nun meine Mutter auf den großen Verlust allmälig vorzubereiten, der sie durch den Tod meines Bruders Philipp betroffen, schrieb ich ihr auf einer von einem Tambour mir dazu überlassenen Trommel, in kurzen flüchtigen Worten, aber mit schwerem Herzen, daß ihr Liebling in der Schlacht bei Podobna verwundet worden und in ein Lazareth gebracht worden sei. Wohl konnte ich mir denken, daß diese Nachricht meine arme Mutter sehr beängstigen und betrüben würde, doch vermochte ich nicht dieses Leid von ihr abzuwenden.

Nachdem alle durch die Sümpfe führenden Dämme und Brücken wieder hergestellt worden waren, brachen die Oesterreicher, welche bei Kobryn uns zur Linken standen, den 15. August auf, um die Russen, welche ihren Rückzug größtentheils nach Dywin fortgesetzt hatten, zu verfolgen, das sächsische Corps aber nahm gleichzeitig seine Richtung auf Brczesc. Das Husarenregiment marschirre daher heute durch die Mozinna bis Balkowa, den 16. August über den Bug bis Brczesc, den 17. bis Ruda, den 18. bis Sburasch, einem mit vielen Morästen umgebenen Orte, und den 19. durch die Endungen der rokitnowschen Sümpfe bis Rigow. Dieser Marsch war wegen der sehr morastigen Wege mit großen Schwierigkeiten verbunden. Die Dämme, welche durch die Sümpfe führten, waren größtentheils von einer so schlechten Beschaffenheit, daß sie erst, oft im Angesichte des Feindes, hergestellt werden mußten, ehe sie passirt werden konnten. Nicht nur unsere Pferde, sondern auch die bei der Avantgarde befindliche leichte Infanterie mußten große Strecken Weges bis über die Knie im Schlamme und Wasser waden, weshalb besonders letztere auf diesem beschwerlichen Marsche viel litt.

Den 20. August rückten wir in Volhynien ein und campirten bei Szacz bis mit 23. August, welchen Ort der Feind eben erst verlassen hatte, denn wir fanden noch rauchende Feuerstellen auf den Platzen, wo derselbe sein Lager gehabt. Zu den Bivouacfeuern hatten die Husaren dürres Holz aus diesem Orte herbeigeholt, und da zufällig auch einige Schweine in unsere Hände gefallen waren, so wurde geschlachtet, gekocht und gebraten, wie zu einem Festtage. Unter dem dürren Holze befand sich auch ein leerer Bienenstock, welchen man in einem Garten des Orts aufgefunden und mit herausgenommen hatte. Nachdem unser Feuer lustig in die Höhe loderte und in die dunkle Nacht hinausleuchtete, wurde ein Hinterviertel von dem geschlachteten Schweine mit Bindfaden an einen Stock befestigt und derselbe auf zwei gabelförmige Stützen gelegt, die zu beiden Seiten des Feuers in die Erde gesteckt waren, so daß das Stück Fleisch über demselben in der Schwebe hing. Der Unterofficier von Grassenburg hatte das Amt eines Bratenwenders übernommen, sich an das Feuer gesetzt, um mit einem dünnen Stäbchen das Stück Fleisch hin und her zu drehen, damit es auf allen Seiten gehörig gar und braun werden konnte. Da das Holz vom Bienenstocke wegen der in dasselbe eingedrungenen wachsartigen Theile vom Honig zwar sehr gut brannte, aber auch einen starken Rauch verbreitete, und der den Braten wendende vorgenannte Unterofficier gerade zufällig seinen Sitz und später seine Lagerstelle beim Feuer an einer Seite desselben genommen hatte, wohin der Luftzug den Rauch trieb, so sah dieser gute Camerad am andern Morgen, wie wir ihn naher betrachteten, wie ein Kohlenbrenner, oder mehr noch, wie ein geräucherter Schinken aus, indem nicht nur das Gesicht, sondern auch die weißen Schnüren und Borden an seiner Husarenuniform vom Rauche ganz schwarz geworden waren, was zu manchen Scherzen Veranlassung gab.

Den 24. August brach die Avantgarde wieder auf und marschirte bis Luboml, einer Stadt in Volhynien. Diesen Ort fanden wir noch von den Russen besetzt, welche aber sofort angegriffen und daraus vertrieben wurden. Am 25. August entwickelte sich ein bedeutendes Vorpostengefecht, welches jedoch mit dem Rückzuge der Russen endete, worauf sodann unser Lager eine Stunde weiter vorgeschoben und im Laufe des 26. und 27. August, als so lange wir in der Gegend von Luboml blieben, mehrmals verändert wurde. Seit einigen Tagen hatte ich mich schon etwas unwohl gefühlt, da ich mich erkältet haben mochte, was bei den angestrengten Marschen in großer Hitze und den immerwährenden Nachtlagern unter freiem Himmel auf feuchtem Boden bei Wind und Regen wohl leicht hatte geschehen können, ich ging daher zu unserm Escadronschirurgus Frick, um ihn von meinem Unwohlsein in Kenntniß zu setzen. Derselbe gab mir ein Brechmittel ein, dasselbe wollte aber, nachdem ich es schon ein Paar Stunden im Magen hatte, doch noch nicht wirken; ich ging daher wieder zum Chirurgus hin, welcher mir ein zweites Brechmittel gab, was jedoch ebenfalls ohne Wirkung blieb. Am andern Morgen mußte ich daher mit zwei im Leibe sitzengebliebenen Brechmitteln marschiren und fühlte mich nun erst recht krank, da ich fortwährend große Uebelkeiten verspürte. Wenn nun auch angenommen werden kann, daß diese Mittel dadurch, daß sie vielleicht lange im Medizinkasten mit herumgeschleppt worden waren, ihre Kraft verloren hatten, so würden sie doch auch selbst für den Fall, daß sie noch ganz kräftig gewesen wären, auf dem Bivouac ihre Wirkung verfehlt haben, wo man die erforderliche Diät nicht beobachten kann. Es war daher von dem Chirurgus gewiß etwas leichtsinnig gehandelt, mir in einer solchen Lage zwei Brechmittel hintereinander zu geben, um so mehr, da wir als Vorhut dem Feinde ganz nahe gegenüberstanden und jeden Augenblick einem Angriffe desselben entgegensehen mußten.

Am 28. August verließ das sächsische Corps sein Lager bei Luboml und marschirte bis Targowice, wo es wieder Stellung nahm. Die Vorhut, also auch das zu derselben gehörige Husarenregiment, bezog weiter vorwärts bei Turisk einen Bivouac, auf welchem wir bis mit dem 3. September blieben. Da die Russen ihren Rückzug weiter fortgesetzt hatten, mithin ein Angriff derselben nicht zu erwarten war, so benutzten wir diese seltene Ruhe, um unsern abgematteten Pferden die so nothwendige Pflege zu widmen. Sie wurden daher, was seit längerer Zeit nicht geschehen, abgesattelt und die Rücken derselben untersucht, wobei sich ergab, daß viele Pferde von den Sätteln so gedrückt waren, daß die in Eiterung übergegangenen Wunden sogar bis auf die Knochen reichten. Man kann sich daher den Schmerz dieser armen Thiere denken, welche in diesem Zustande Tag und Nacht ihre Reiter hatten tragen und dabei oft auch noch Futtermangel erdulden müssen. Zum großen Bedauern fand auch ich, daß mein Pferd auf seinem Rücken ebenfalls eine nicht unbedeutende wunde Stelle hatte, zu deren Heilung ich aber leider kein Mittel mir verschaffen konnte, da der vorhanden gewesene Vorrath von Salben und Umschlägen, welche für solche Fälle der Escadronsschmidt bei sich führte, schon vergriffen war. Es blieb mir daher nichts weiter übrig, als die wunde Stelle öfters mit kalten Wasser zu waschen, was freilich nur wenig helfen konnte. So war denn der Zustand von Pferd und Reiter ein sehr mißlicher, da auch ich mich fortwährend unwohl fühlte. Außer der unsern Pferden zugewendeten sorgfältigeren Pflege, wurde auch eine Generalwäsche vorgenommen. Wer daher von uns noch ein reines Hemde im Mantelsacke hatte, zog dasselbe an und ging mit dem abgelegten, welches von den vielem Schweiß und Schmutz durch die Länge der Zeit eine aschgraue in das Gelbe spielende Farbe angenommen hatte, nach dem nahen Teiche, um in dessen eben nicht sehr klarem Wasser die Wäsche zu beginnen; freilich nur eine nothdürftige, da hierbei die Hauptsache, Seife, fehlte.

Um die nach dem Großherzogthum Warschau führende Hauptstraße mehr zu decken, brach das sächsische Corps am 4. September von Targowice aus und marschirte nach Kuselin und Makowicze, wo dasselbe bis zum 22. September ein Hüttenlager bezog. Die gleichzeitig von Turisk aufgebrochene Vorhut ging den 4. September durch Kycelin bis Gimetrosky und den 5. September bis Torczyn, wo sie bis zum 2l. September blieb. Dieser Ort, bei welchem wir ein förmliches Lager bezogen und Feldhütten errichtet hatten, liegt in Volhynien, nicht weit vom, Styr, ohngefähr 60 Meilen von Warschau. Die Russen hatten ihren Rückzug über diesen Fluß fortgesetzt, alle darüber führenden Brücken hinter sich abgebrochen und am rechten etwas steilen Ufer desselben eine feste Stellung genommen, welche, da das diesseitige oder linke Ufer viele sumpfige und morastige Stellen hatte, auch von dem rechten mehr erhöhten Ufer beherrscht wurde, von unserer Seite nicht wohl angegriffen werden konnte. Nach den im österreichischen Hauptquartiere eingegangenen Nachrichten war ein großer Theil der russischen Armee, welche zeither in der Moldau gestanden, von dort aufgebrochen und im Marsche begriffen, um das uns gegenüberstehende Corps des Generals Tormassow zu verstärken. Es schien daher, als wenn letzterer die Ankunft dieser Verstärkung in seiner gedeckten Stellung am Styr erst abwarten wollte. Da es aber noch nicht gewiß war, welche Marschrichtung dieser Theil der Moldauarmee nehmen werde, so konnten die Oesterreicher und Sachsen sich nur darauf beschränken, den Feind durch ausgesendete Recognoscirungen zu beobachten und über jene Richtung bestimmtere Nachrichten einzuziehen. Die Oesterreicher hatten sich ebenfalls dem Styr genähert und das Hauptquartier derselben war in Golowy. Die von uns ausgesendeten Patrouillen trafen fast jedesmal auf überlegene feindliche Cavallerie, was denn manche Verluste herbeiführte. So wurde der Ingenieurhauptmann Geise, welcher beauftragt war den Styr und dessen Umgebung aufzunehmen, mit der ihm beigegebenen Bedeckung, dem Leutnant von Mangold und 15 Husaren von unserm Regimente, durch Kosaken überfallen und gefangen genommen. Es wurde daher, um fernern Verlusten vorzubeugen, eine combinirte mobile Colonne aus österreichischer und sächsischer Cavallerie unter dem Commando des österreichischen Generals Zechmeister gebildet. Der Major von Czettritz, welcher dieser mobilen Colonne mit einem Detachement Husaren und Polenz Dragoner zugetheilt worden war, fiel jedoch später in Nieswicz, bei einem unerwarteten Ueberfalle der Russen, mit dem Leutnant von Schirnding, unserm Escadronschirurgus Frick nebst zwanzig Husaren und Dragonern in Feindes Hand. Auch ein bei der mobilen Colonne befindliches österreichisches Chevauxlegerregiment hatte dabei bedeutende Verluste erlitten. Diese öftern feindlichen Ueberfälle, wobei wir immer Leute verloren, gaben einen Beweis von der großen Uebermacht der russischen Cavallerie, unter welcher sich namentlich viele Kosaken befanden, welche wie Spürhunde uns Tag und Nacht umschwärmten und unsere Bewegungen zu erlauschen suchten. Auch bildeten dieselben eine undurchdringliche Vorpostenkette, so daß unsere Patrouillen zuverlässige Nachrichten über Stellung und Stärke des Feindes nicht einzuziehen vermochten. Hierzu kam, daß wir der Wege und Sprache ganz unkundig waren und es schwer hielt einen zuverlässigen Boten zu bekommen, der uns durch die großen Waldungen und Sümpfe richtig führte, da, wenn wir ein Dorf erreichten, die männlichen Bewohner desselben daraus entflohen waren. Wurden wir aber eines russischen Bauern habhaft, so benutzte derselbe gewiß die erste Gelegenheit, um in den Wald zu entspringen. Obgleich nun durch diese gemachten Erfahrungen vorsichtig geworden, da wir den Boten mit einer Fouragierleine an ein Pferd banden, so kamen doch Fälle vor, daß er auch diese unbemerkt durchschnitten und sich in Freiheit gesetzt, oder wenn er daran behindert worden war, uns einen falschen Weg geführt hatte, auf welchen wir einigemal fast dem Feinde in die Hände gefallen wären.

Auch waren die russischen Edelleute, wie nicht anders erwartet werden konnte, die größten Spione, denn sie benachrichtigten sogleich ihre Landsleute von allen unsern Bewegungen durch im Geheimen abgesendete Boten. So kam es denn oft vor, daß wenn wir nach einem angestrengten Marsche uns bei einem Orte gelagert hatten und im Begriff waren es uns bequem zu machen und eine Suppe zu kochen, die Kosaken mit ihrem fatalen Hurrahgeschrei uns in dieser Ruhe störten, wir die Feldkessel ausschütten und aufsitzen mußten. Es konnte daher nur der Edelmann des Ortes, bei welchem wir campirten, die Kosaken von unserer Ankunft, Stellung und Starke sogleich benachrichtigt haben. Der Kosak spielt in der russischen Armee eine große Rolle, denn er ist es, der auf seinem kleinen aber dauerhaften Pferde jede Bewegung des Feindes ausspäht, denselben fortwährend beunruhigt, die Zufuhren desselben abschneidet und alle Nachzügler aufhebt, indem er plötzlich da erscheint, wo er gar nicht vermuthet wird. Stoßen die Kosaken auf regulaire Cavallerie, so greifen sie dieselbe selten an, sondern ziehen sich zurück, es müßte denn sein, daß die Uebermacht auf ihrer Seite wäre, wo sie dann mit großem Hurrahgeschrei, ihre langen Lanzen zum Stoße bereit, sich auf die feindliche Reiterei stürzen. Halt sich letztere aber fest geschlossen und den ersten Angriff aus, so werden die Kosaken einen zweiten nicht leicht wagen, sondern sich darauf beschränken, die feindliche Cavallerie zu umschwärmen und ihre Bewegungen zu beobachten. Der Kosak führt in seiner Heimath ein wahres Nomadenleben, Mann und Pferd sind an Strapazen und Entbehrungen gewohnt, weshalb denn beide im Kriege sich ganz in ihrem Elemente befinden. Rußland kann eine Menge sogenannter Bauerkosaken, wie sie zum Unterschiede von den regulairen benannt werden, in das Feld stellen und zwar mit wenigen Kosten, da jeder Kosak sein Pferd und eine Lanze mitbringt, mithin nur wenig zu seiner völligen Ausrüstung bedarf.

Den 16. September verbreitete sich die Nachricht, daß der russische General Langeron mit 15,000 Mann und einer bedeutenden Artillerie in Dubno eingetroffen sei, auch der General Tormassow aus dem Innern Rußlands mehrere tausend Mann Verstärkung an sich gezogen habe; es war daher bei der nunmehrigen großen Uebermacht des Feindes ein baldiger Angriff desselben zu erwarten. Auch bemerkte man in der feindlichen Stellung jenseit des Styr eine große Beweglichkeit, und es wurden mehrere Brücken über diesen Fluß von den Russen wieder hergestellt, was unzweifelhaft andeutete, daß sie die Offensive bald wieder ergreifen würden. Da ich seit dem Tage, wo ich die beiden Brechmittel eingenommen, solche aber ohne Wirkung geblieben waren, mich fortwährend unwohl gefühlt hatte und mein krankhafter Zustand sich immer mehr verschlimmerte, so sollte ich auf Anordnung des Regimentsarztes, welcher mich die letztere Zeit selbst behandelt hatte, in das Feldlazareth nach Wlodawa gebracht werden und mich ein ebenfalls kranker Husar dahin begleiten. Da wir beide jedoch noch zu reiten vermochten, so gab man uns zwei marode Pferde, auf welchen wir am 17. September unser Lager bei Torczyn verließen. Dem Husaren war noch ein stark gedrücktes Pferd zur Hand gegeben worden, welches derselbe, damit es geheilt würde, mit nach Wlodawa nehmen sollte. Daß zwei kranke Leute mit abgemagerten und kraftlosen Pferden keine großen Tagemärsche machen konnten, läßt sich denken, und so zogen wir denn auf der Straße, die über Kuselin, Turnsk, Luboml und Opalin nach Wlodawa führt, nur langsam dahin. Den 2l. September, also am fünften Tage unsers Marsches, sahen wir, aus einem Walde hervorkommend, die Stadt Wlodawa in der Entfernung von einer halben Stunde, am jenseitigen oder linken Ufer des Bug, vor uns liegen. Da jedoch die durch die Niederung dahinführende Straße von diesem ausgetretenen Flusse ganz überschwemmt war, so mußten wir um so mehr Bedenken tragen, durch diese lange Wasserfläche den Ritt fortzusetzen, als das Terrain uns ganz unbekannt war. Wir wendeten uns daher weiter rechts und verfolgten einen am Rande des Waldes dahinführenden Weg, welcher uns in das Dorf Koszary brachte, welches diesseits des Bug liegt. Hier hörten wir von dem Juden im Kruge, daß der von diesem Dorfe aus nach Wlodawa führende Fahrweg ohne Gefahr zu passiren sei? weshalb wir denn auch, dieser Angabe vertrauend, auf demselben fortritten. Wir hatten aber kaum eine Viertelstunde zurückgelegt und waren dem Bug etwas naher gekommen, als sich viele Wasserflächen auf unserm Wege zeigten, die wir zwar passirten, aber dann in einen mit diesem Flusse in Verbindung stehenden tiefen und breiten Hauptabzugsgraben geriethen, in welchem die Pferde schwimmen mußten, jedoch das jenseitige hohe Ufer dieses Grabens nicht zu ersteigen vermochten. Derselbe war so tief, daß von den Pferden nur die Köpfe über dem Wasser sichtbar waren und dasselbe uns bis unter die Arme reichte. Der Husar wäre in diesem starkströmenden Graben beinahe verunglückt, da sein Handpferd nicht vorwärts wollte, sondern ihn vom Pferde, worauf er ritt rückwärts bald herabgezogen haben würde, wäre ich nicht zu seinem Beistande herbeigeeilt. Nachdem wir auf der Seite des Grabens, wo wir hineingeritten, nach vielen Versuchen endlich wieder herausgelangt waren, hielt ich es doch für das Sicherste, nach dem Dorfe Koszary zurückzukehren, da ich in der Ferne noch große Wasserflächen bemerkte, welche wir erst hätten passiren müssen, um nach Wlodawa zu gelangen. In dem gedachten Dorfe angekommen, war es mein erstes Geschäft, den Juden darüber zur Rede zu stellen: wie er habe sagen können, daß der Weg nach Wlodawa ohne Gefahr zu passiren sei. Dieser war aber um eine Antwort nicht verlegen und behauptete, wir müßten den rechten Weg verfehlt haben, denn sonst hätten wir in den tiefen Abzugsgraben nicht gerathen können. Da wir bei dem Schwimmen der Pferde bis unter die Arme durchnäßt worden waren, auch die Stiefeln voll Wasser hatten, so ließ ich mir sogleich ein Quartier im Dorfe anweisen. Letzteres war aber von dem ausgetretenen Wasser des Bug so angefüllt, daß wir auf einem Kahne nach unserm Quartiere gefahren, die Pferde dagegen von einigen Einwohnern durch das Wasser dahin geritten werden mußten. Der Wirth nahm uns freundlich auf und sprach, was mir sehr lieb war, ein verständliches Deutsch, denn er hatte nach seiner Erzählung früher mehrere Jahre in Preußen gelebt. Von diesem erfuhren wir nun, daß der Weg nach Wlodawa, den wir hatten reiten wollen, bei großem Wasser gar nicht zu passiren sei und wir dadurch, daß wir umgekehrt, einer bedeutenden Gefahr entgangen wären. Im Stillen dankte ich den Himmel recht innig dafür, daß ich einer so großen Lebensgefahr mit meinem Husaren glücklich entkommen war, ließ mir eine Streu in der Stube machen und zog die nassen Kleider vom Leibe, damit solche an dem Ofen trocknen konnten. Der freundliche Wirth hatte uns sogleich eine gute Suppe kochen lassen, auch warme Decken gebracht, so daß wir uns jetzt ziemlich behaglich fühlten, nur der Husar bekam später einen starken Anfall von Fieber, so daß ihm die Zähne aufeinander klappten. Am andern Morgen wurden wir wieder mit dem Kahne nach dem etwas höher gelegenen Kruge gefahren, wo wir die Ankunft unserer Pferde erwarteten. Sodann brachte uns ein Bote auf einem Umwege nach der von einer ganz andern Seite nach Wlodawa führenden Hauptstraße, welche nicht überschwemmt, war, worauf wir bald in dieser Stadt anlangten. Nach unserer Ankunft meldeten wir uns sogleich bei dem Hauptmann von Oehlschlegel, welcher Commandant in Wlodawa war, und baten um Aufnahme in das Lazareth. Derselbe eröffnete uns jedoch, daß dasselbe ganz überfüllt sei, auch die Häuser in der Stadt schon überall mit Kranken belegt wären, wir also weder im Lazarethe noch im Orte ein Unterkommen finden könnten, sondern in den vor der Stadt errichteten Lagerhütten, wo sehr viele andere Kranke sich befänden, untergebracht werden müßten. Es wurde daher, nachdem unsere Pferde einigen im dortigen Depot befindlichen Cavalleristen zur Wartung und Pflege übergeben worden waren, auch uns eine solche Hütte angewiesen, die freilich ein geeignetes Obdach für Kranke nicht darbot, da sie etwas luftig erbaut war, mithin gegen die schon kalt gewordenen Nächte nicht schützte. Doch waren wir schon damit zufrieden, in unserer Hütte ein Strohlager zu finden, auf welches wir uns, hinstrecken und die so nöthige Ruhe genießen konnten. Bei den vielen Kranken aller Waffengattungen, welche in dem Lazarethe und den Häusern lagen, hatten die Aerzte so viel zu thun, daß sie die in den Lagerhütten befindlichen Kranken nur selten besuchen konnten, weshalb wir denn auch nur wenig Arznei bekamen. Uebrigens war im Lazarethe die Sterblichkeit sehr groß, da an einem darin ausgebrochenen und epidemisch gewordenen bösartigen Nervenfieber viele Menschen starben. Täglich sah ich einige Wagen mit Todten beladen, nach einem nicht weit von unserer Lagerhütte befindlichen Platze fahren, wo sie ohne weitere Ceremonie in eine große Grube geworfen und dann mit Erde bedeckt wurden. Es war daher gewiß gut, daß ich keinen Platz im Lazarethe gefunden hatte, wo ich von dieser bösen Krankheit leicht hätte ergriffen und ein Opfer derselben werden können.

Während ich mich nun in Wlodawa befand, hatten die Russen mit bedeutenden Streitkräften den Styr überschritten und unsere bei Torczyn aufgestellte Vorhut mit großer Uebermacht angegriffen und zurückgedrängt. Der General Reynier sah sich daher genöthigt, da auch der rechte Flügel der Sachsen bedroht wurde, am 22. September den Rückzug auf Turysk anzuordnen. Die Vorhut, welche der General von Gablenz zeither geführt, bildete nun unter dessen Commando, die Arrieregarde. Das hierzu gehörige Husarenregiment marschirte daher, nachdem das sächsische Corps den Tag vorher schon aufgebrochen war, den 23. September bis Saturni, den 24. durch Kycclin bis Makawoda, den 25. bis Turysk, den 26. bis Turiczanny, den 27. über Staffky, unter fortwährender Beunruhigung durch Kosaken, bis Stabozik, den 28. bis Luboml, den 29. (Michaelistag) über den Bug bis Oppelin, und den 30. bis Wlodawa. Hier schloß ich mich meinem Regimente sogleich an, da ich nach einer achttägigen Ruhe, mich wieder etwas erholt hatte. Bei dem beabsichtigten weitern Rückzuge, hätte ich auch in Wlodawa nicht länger bleiben können, da alle Kranke schleunig nach Warschau transportirt wurden, damit sie nicht den nachrückenden Russen in die Hände fallen sollten. Nur der Husar, welcher beim Durchreiten des großen Wassers vor Wlodawa, das Fieber bekommen hatte, konnte sich dem Regimente nicht anschließen, sondern kam mit auf den Krankentransport.

Das sächsische Corps hatte während eines mehrtägigen Rückzugs nur wenig Verluste erlitten und auf zwei bei Opalin und Koszary geschlagenen Schiffbrücken, den Bug überschritten, worauf dasselbe mit einem Theile des bei Wlodawa über diesen Fluß gegangenen österreichischen Corps, am linken Ufer des Bug seine Richtung nach Brczesc nahm, während eine österreichische Division auf dem rechten Ufer dieses Flusses dahin marschirte. Das linke Ufer des Bug, an welchem Wlodawa liegt, beherrscht mit seinen Anhöhen die am rechten Ufer desselben sich hinziehenden Niederungen. Von diesen Anhöhen konnte man sehr deutlich bemerken, daß der an jene Niederungen grenzende Wald, vom Feinde besetzt war und daraus bedeutende russische Cavallerie hervorrückte, welche, da sie die über den Bug geschlagenen Brücken schon überall abgebrochen fand, ihren Marsch am rechten Ufer desselben in der Richtung nach Brczesc fortsetzte, obgleich sie von den auf den diesseitigen Anhöhen aufgefahrnen Geschützen, bei ihrem Hervorkommen aus dem Walde, heftig beschossen wurde. Da sonach die feindliche Cavallerie sich durch unser Geschützfeuer nicht aufhalten ließ, so brach auch das Husarenregiment von Wlodawa auf und rückte den l. October bis Sobibor, den 2. bis Trocanca, den 3. über Sclavadicz bis Koddin und den 4. bis Therespol, welcher Ort ganz nahe bei Brczesc liegt und nur durch den dazwischen fließenden Bug davon getrennt wird. Der Chirurgus Rebentisch, welcher während des letzten Marsches etwas zurückgeblieben war, wurde vermißt und mochte wohl den Kosaken in die Hände gefallen sein, welche nun auch den Bug überschritten hatten und uns am linken Ufer desselben folgten. Nachdem das Husarenregiment am 5. und 6. October bei Therespol verblieben war, marschirte dasselbe den 7. October durch Brczesc, um eine Stellung jenseit dieser Stadt zu nehmen. Das sächsische Corps hatte den rechten Flügel, welcher sich an Brczesc lehnte, zur linken standen die Oesterreicher. Der Feind suchte durch verschiedene Scheinangriffe während des 8. und 9, October uns aus dieser so ziemlich gedeckten Stellung zu verdrängen, weshalb diese beiden Tage unter gegenseitigen Demonstrationen verstrichen, indem wir früh aus dem Bivouac in die Position rückten und Abends wieder den erstem bezogen. Hier ereignete sich der sehr bedauerliche Vorfall, daß ein Husar unseres Regiments von einem österreichischen Officier erstochen wurde. Dieser Husar, Namens Mitzschke, welcher Frau und Kinder in der Heimath hatte, war nämlich mit noch einigen seiner Cameraden von unserm Bivouac nach einem nahe gelegenen Dorfe gegangen, um sich etwas Lagerstroh dort zu holen. Indem sie nun in der Scheune des dasigen Edelhofes sich dasselbe zusammensuchen, kömmt ein österreichischer Officier dazu, welcher die Husaren darüber zur Rede setzt und verlangt, daß sie sich sofort entfernen sollen. Die Husaren gehen zwar, der eine davon will jedoch sein Bündelchen Stroh mitnehmen, was aber der österreichische Officier verbietet, und da jener es nicht zurücklassen will, so zieht dieser seinen Degen und sticht den Husaren auf der Stelle todt. Ein Schrei des größten Unwillens erklang durch das ganze Regiment, als die rückkehrenden Husaren diesen betrübenden Vorfall erzählten und wenn nicht unsere Officiere zur Ruhe gemahnt, auch der Regimentscommandeur zugesagt hätte, daß er die Untersuchung beantragen werde, so wären die Husaren in Masse nach diesem Dorfe geeilt, um sich Genugthuung zu verschaffen. Dieser Officier war übrigens, wie sich später herausstellte, ein Adjutant von einem österreichischen General gewesen, welcher letztere auf dem Edelhofe sich.einquartiert gehabt. Daß dieser bedauerliche Vorfall nicht geeignet sein konnte, das Band des guten Einvernehmens zwischen Sachsen und Oesterreichern fester zu knüpfen, läßt sich denken. Da die Russen durch alle ihre Scheinbewegungen, uns aus der Stellung bei Brczesc zu drängen, nicht vermocht hatten, so griffen sie mit ihrer ganzen Macht den linken Flügel an und gefährdeten dadurch die Rückzugslinie der Oesterreicher auf Brody. Es wurde daher von dem Fürsten Schwarzenberg und dem General Reynier gemeinschaftlich beschlossen, die zeither inne gehabte Stellung aufzugeben. In Folge dieses Beschlusses brach das Husarenregiment noch in der Nacht des 10. October auf und kam früh bei Tagesanbruch am 11. October jenseit der Lesna an, eines kleinen Flusses, welcher nicht breit, aber ziemlich tief ist. Die darüber führenden Brücken waren bis auf zwei bei Klinicki und Terebun, nach unserm Uebergange zerstört worden. Die Russen, nachdem sie den Aufbruch bemerkt, waren uns schnell gefolgt, und richteten hauptsächlich ihren Angriff auf die noch nicht ganz abgetragene Brücke bei Klinicki. Obgleich nun dieser Uebergangspunkt von den sächsischen Schützen und einer Batterie vertheidigt wurde, so war es doch der feindlichen Infanterie gelungen, eine unterhalb Klinicki befindliche zweite Brücke herzustellen und auf dieser die Lesna zu überschreiten. Die Russen waren zwar nach einem hartnäckigen Kampfe über diese Brücke wieder zurückgeworfen worden, dabei verlor aber der Major von Metzsch, welcher die feindlichen Jäger mit seinen Schützen immer weiter zurückdrängen wollte, das Leben, indem er von einer Kugel getroffen, todt vom Pferde sank und von den Russen fast noch ausgeplündert worden wäre, wenn nicht seine braven Schützen, durch einen erneuerten Angriff dies verhindert hätten. Da durch das starke feindliche Kanonenfeuer die Schützen abermals zum schnellen Rückzuge bis an den Rand des diesseitigen Waldes genöthigt worden waren, so konnten sie zwar den Leichnam des Majors nicht mit sich nehmen, es gelang aber später bei einbrechender Dämmerung einigen Schützen, denselben zurückzubringen und ihren hochverehrten Anführer nicht weit von der Stelle, wo er seinen Tod fand, mit ihren Seitengewehren und unter dem feindlichen Geschützkugeln ein nothdürftiges Grab zu bereiten. Auch der Oberstleutnant von Egidy wurde in dieser Affaire durch einen Schuß in die Brust tödtlich verwundet und starb einige Tage darauf; ich sah ihn noch von einigen Schützen aus dem Gefechte tragen. Da das waldige Terrain sich zu einer Bewegung für Cavallerie nicht eignete, so war blos Infanterie und Artillerie im Gefechte, das Husarenregiment hatte daher auf einer nicht weit von der Lesna befindlichen Anhöhe Posto gefaßt und war, da es an dem Kampfe nicht Theil nehmen konnte, abgesessen. Wir zündeten hier Feuer an, um uns etwas zu kochen, da wir seit dem Nachtmarsche, heute noch nichts genossen hatten, die Russen mochten aber jenseits der Lesna unsere Stellung bemerkt haben, denn sie beschossen uns heftig mit Granaten. Eine davon schlug nicht weit von unserm Feuer auf die Erde nieder, wir sprangen daher schnell auf die Seite, um aus der gefährlichen Nähe dieser Kugel zu kommen, da eine solche nach ihrem Aufschlagen, in der Regel nun erst recht ihre zerstörende Wirkung äußert, indem sie dann in kleine Stücken zerplatzt, welche, wohin diese treffen, Verwundungen oder Tod verbreiten. Obgleich diese Granate kurz nach unserer eiligen Entfernung explodirte, so hatten doch die umher geflogenen Stücken derselben, nur ein Pferd und einen Husaren, der sich nicht schnell genug entfernt, verwundet, jedoch nicht bedeutend. Das Husarenregiment nahm bald hierauf eine andere, weiter rückwärts gelegene, dem feindlichen Geschützfeuer nicht so ausgesetzte Stellung.

Die eingetretene Dunkelheit hatte zwar dem Gefechte ein Ende gemacht, da aber unsere Lage nicht so beschaffen war, daß wir am andern Morgen einem erneuerten Angriffe des Feindes mit Erfolg hatten die Spitze bieten können, so wurde noch in später Nacht der weitere Rückzug in aller Stille angetreten. Das Husarenregiment kam daher früh den 12. October bei Wollczin an, bezog einen Bivouac daselbst und marschirte sodann am 13. October über Nimerow bis Mielnik am Bug gelegen. Eine von uns abgesendete Patrouille war auf einen Pulk Kosaken gestoßen und hatte sich, von diesen heftig verfolgt, eiligst zurückziehen müssen. Nur ein Husar davon, Namens Leumner, war beim Rückzuge durch einen Lanzenstich im Rücken verwundet worden und mußte, obgleich die Spitze nicht tief eingedrungen war, auch die Wunde bei der Besichtigung nicht bedeutend schien, dennoch in das Lazareth geschafft werden, da er beim Athemholen über bedeutende Schmerzen im Rücken klagte. Hieraus geht hervor, wie gefährlich ein Lanzenstich ist, auch wenn er unbedeutend scheint.

Den 14. October wurde der Marsch den Bug entlang fortgesetzt, derselbe bei Sobibor überschritten und dann nicht weit von Kaluszyn campirt, des andern Tages, den 15. October, aber über Sarnacky bis Litemnicky marschirt. Während wir auf diesem Marsche bei einem Dorfe Halt machten, hatte man ein Faß Branntwein auf dem Edelhofe in Beschlag genommen und solches auf einen Wagen geladen, um es mit uns fortzuführen. Dem sollte aber nicht so sein, denn von unsern ausgestellten Vedetten ging die Meldung ein, daß viel feindliche Reiterei sich nähere. Das Faß Branntwein mußte unter diesen Umständen stehen bleiben. Um nun aber den Inhalt desselben, auf dessen Genuß die Husaren sich schon gefreut hatten, nicht den Kosaken zu überlassen, wurde eine Daube des Fasses, in welcher das Spundloch war, schnell eingeschlagen und ein jeder Husar suchte im Vorbeireiten seine Feldflasche durch Einschöpfen mit Branntwein zu füllen. Derselbe war übrigens stark und gut, denn er mochte wohl im Keller des Edelhofes lange gelegen haben, mithin sehr alt sein, da sich eine ordentliche Haut um denselben im Fasse gebildet hatte.

Den 16. October gingen wir über Korniza und Kopilany bis Swory, sodann den 17. October bis Biala, einer kleinen Stadt, bei der das sächsische Corps eine Stellung hinter den mit sumpfigen Ufern umgebenen Bialabach nahm, einen über denselben führenden Damm vor sich habend, über welchen die Straße nach Therespol Und Brczesc führte. Jenseits dieses Dammes und des genannten Baches befand sich ein großer Wald welcher, einige hundert Schritte davon entfernt, nach unserer Stellung zu einen Halbkreis bildete. An diesem Damme und einer über den Bach führenden Brücke stand eine kleine Mühle, bei welcher unsere Vorposten ausgestellt wurden, der Damm selbst aber, als der Uebergangspunkt dieses sumpfigen Terrains, war von der sächsischen leichten Infanterie besetzt. Eine nach der Besitznahme dieser Stellung unter dem Oberstleutnant von Lindenau vom Husarenregimente abgesendete Recognoscirung hatte zwar einige russische Mehlwagen weggenommen, aber über die Stärke des Feindes keine nähern Nachrichten einziehen können. Es wurde daher am 18. October früh eine zweite Recognoscirung aus Ulanen bestehend, unter dem Major von Seydlitz auf der Straße nach Therespol entsendet, welche aber auf überlegene feindliche Cavallerie stieß und, heftig verfolgt, sich auf unsere Stellung zurückziehen mußte. Der Feind rückte nun mit bedeutender Infanterie aus dem Halbkreise des jenseitigen Waldes hervor, warf unsere Vorposten bis an den Damm zurück und entwickelte eine starke Plänklerlinie, welche durch die am Rande des Waldes aufgestellten Infanteriemassen und die dort aufgefahrnen zahlreichen Geschütze unterstützt wurde. Da die leichte Infanterie, welche den Damm besetzt hielt, der nach unserer Stellung führte, zu schwach war um sich gegen die Uebermacht des Feindes dort behaupten zu können, so wurden zur Unterstützung derselben noch einige Bataillone vorgesendet, welche sich ebenfalls in eine Plänklerlinie, der feindlichen gegenüber, formirten. Das Husarenregiment war rechts hinter dem über den Morast führenden Damme und das Regiment von Polenz Dragoner links von demselben auf einer Feldfläche aufmarschirt. Beide Reiterregimenter wurden von der feindlichen Artillerie mit Haubitzen beschossen, welche aber wenig Schaden thaten, da die russischen Geschütze von unsern diesseits aufgefahrnen Batterien bald zum Schweigen gebracht wurden. Da das Plänklergefecht sehr hitzig zu werden begann, auch die feindliche Infanterie der unsrigen dort überlegen war, so ging das Regiment Prinz Friedrich mit einer Colonne österreichischer Infanterie bei der weiter links von unserer Stellung gelegenen zweiten Mühle über den Morast, um den Feind in seiner rechten Flanke anzugreifen, wodurch denn derselbe zum Weichen gebracht wurde, und auf seinem Rückzuge nach Zalesie von uns verfolgt, viele Gefangene verlor. Während dieses Flankenangriffs hatte der Leutnant von Zychlinski mit einer Abtheilung sächsischer leichter Infanterie oder Schützen, wie sie auch genannt wurden, den Russen eine zwölfpfündige Kanone genommen. Derselbe war nämlich auf unserm äußersten rechten Flügel an dem dort sich hinziehenden und mit dichtem Buschholz bewachsenen Morast postirt worden, um den Feind zu beobachten, als ihm ein Schütze meldete, daß in dem jenseitigen, nahe am Sumpfe gelegenen Walde auf einer Holzblöße eine russische Kanone aufgefahren werde. Der Leutnant und seine Leute durchwaden nun schnell den Morast und werfen sich, nachdem sie im Walde ungesehen vorgegangen, plötzlich auf die feindlichen Artilleristen, eben als sie-im Begriffe sind, die Kanone zu laden, und nehmen nicht nur die Bedienung gefangen, sondern auch das Geschütz mit der Bespannung weg. Als diese Kanone von den Schützen im Triumphe bei uns vorbei nach Biala gebracht wurde, sah das lange Rohr derselben noch ganz blank und neu aus, als wenn es noch nicht dazu gebraucht worden wäre Tod und Verderben zu schleudern. Die Sachsen hatten in dieser Affaire nicht unbedeutende Verluste erlitten, denn es sollten, wie gesagt wurde, einige Officiere und gegen 200 Mann geblieben und verwundet worden sein. Nicht nur an der Lesna, sondern auch in dem heutigen Gefechte hatte die sächsische Infanterie, welche wegen Beschaffenheit des Terrains allein an dem Kampfe thätigen Antheil nehmen konnte, sich sehr brav gehalten, weshalb dieselbe in einem vom General Reynier erlassenen und den Truppen mitgeteilten Tagesbefehle sehr belobt und die bewiesene Tapferkeit der leichten Infanterie darin besonders hervorgehoben wurde. Nachdem die Russen retirirt waren, besahen wir uns den Kampfplatz, auf welchem die beiden Plänklerlinien sich gegenüber gestanden. Derselbe war mit Todten bedeckt, unter welchen man auch viele russische Jäger bemerkte, die ganz leicht geschäftete Büchsen führten, welche aber sehr gut schossen. Sowohl diese, als die Patronen, deren viele auf dem Wahlplatze zerstreut herumlagen, konnten die englische Abkunft nicht verleugnen, denn die gezogenen Büchsen waren zierlich gebaut und das sehr feinkörnige Pulver befand sich in Patronenhülsen von schönem weißen Papier, während unser Pulver grobkörnig und zu den Patronenhülsen schlechtes Papier verwendet worden war. Die russischen Patronen wurden daher von unsern Schützen sorgfältig aufgelesen, auch nach den Büchsen der russischen Jäger sehr gesucht. Von einem unserer Husaren war nun auch eine solche Büchse gefunden und mitgenommen worden, ohne zu untersuchen, ob sie noch geladen und auch der Hahn gehörig in Ruhe gesetzt sei. Beim Abmarsche hatte der Husar die Büchse umgehängt; während des Reitens mochte nun wohl der Kolben an dem Mantelsacke aufgestoßen und dabei der Drücker am Schlosse berührt worden sein, denn die Büchse ging los und der Schuß verwundete leider! zwei in der Colonne reitende Husaren, den einen an der Achsel und den andern im Arm.

Das sächsische Corps war jetzt sehr zusammengeschmolzen, indem von den 18,000 Mann, aus denen es anfangs bestand, jetzt kaum noch 12,000 Mann unter den Waffen waren. Es fehlten daher gegen 6000 Mann, welche theils vor dem Feinde geblieben, theils gefangen, verwundet und krank in den Lazarethen lagen, oder darin bereits verstorben waren. Um den sehr ermatteten Truppen einige Ruhe zu gönnen, auch die Ankunft der aus Sachsen und Oesterreich abgesendeten Ersatzmannschaften abzuwarten, wurde beschlossen, daß beide Corps wieder über den Bug zurückgehen und eine Stellung auf dem linken Ufer desselben nehmen sollten, wodurch denn zugleich auch die unterbrochen gewesene Verbindung mit Warschau wieder hergestellt wurde. In Folge dieser getroffenen Disposition marschirte das Husarenregiment den 19. October bis Kopilany, den 20. über Loczice bis Czable unfern Sucollow, wo wir bis zum 28. Ortober blieben, den 29. aber wieder aufbrachen und über Skriczewo, Waczilow und Drohyczyn bis Simotize rückten, nachdem wir vorher bei Waczilow den Bug wieder überschritten hatten. Den 30. wurde gerastet. Eine von uns abgesendete Recognoscirung war bei Wisoky auf überlegene feindliche Cavallerie gestoßen, bei welchem Zusammenstoß ein Trompeter und neun Husaren von unserm Regimente gefangen wurden.

Den 3l. Ortober erfolgte die Fortsetzung des Marsches bis Mielnik am Bug, wo wir einen früher innegehabten Bivouac wieder bezogen. Da, wie schon weiter oben bemerkt worden, das sächsische Corps sehr zusammengeschmolzen war, so sollte auf Befehl Napoleons dasselbe durch die 32ste Armeedivision unter dem Commando des Divisionsgenerals Grafen Durutte verstärkt werden, welche denn auch heute ankam und sich theilweise mit uns vereinigte. Die Infanteriedivision, welche gegen 10,000 Mann stark sein sollte, aber nur gegen 9000 Mann zählte als sie zu uns stieß, bestand aus drei Regimentern Franzosen und einem Regiment Baiern, auch sollte ein Bataillon dabei sein, welches aus kriegsgefangenen Spaniern und Portugiesen gebildet worden war. Eine Verstärkung an Kavallerie wäre allerdings wünschenswerther gewesen; solche mochte wohl aber auch bei der großen Armee fehlen, weshalb diese uns nicht gesendet werden konnte.

Da sich die Nachricht verbreitete, daß der Feind einen Theil seines Heeres auf der Straße nach Slonim entsendet habe, diese Marschrichtung aber für die große französische Armee leicht hätte nachtheilig werden können, so wurde von den vereinigten Oesterreichern und Sachsen eine Flankenbewegung auf Bielsk beschlossen. Demnach rückte das Husarenregiment den 1. November bis Nochaczvn und den 2. durch Klitzczelli bis Dubize, wo einen Tag gerastet wurde. Auf diesem Marsche war der Fourier Schüßler, welcher mit unsern Regimentswagen vorausgegangen, nebst diesen und noch einigen Husaren in Feindes Hand gefallen. Auch verloren wir einige Tage vorher in einem Gefechte bei Telaticze einen ausgezeichneten Stabsofficier, den Major von Seydlitz vom sächsischen Ulanenregimente Prinz Clemens, welcher leider durch einen Schuß getödtet wurde. Derselbe war nämlich bei einer Recognoscirung auf den Feind gestoßen, hatte jedoch denselben sogleich angegriffen und zum Weichen gebracht. Beim Rückzuge desselben verfolgt nun der Major einen alten Kosaken, welcher letztere aber seine umgehängte Flinte, den Lauf rückwärts gekehrt, auf seinen Verfolger abfeuert und ihn durch die Brust schießt. Ein Ulan von der Schwadron des Majors hatte den Leichnam seines verehrten Commandeurs aus dem Gefechte gebracht, welcher den andern Tag feierlich beerdigt wurde.

Einige Ersatzmannschaften, geführt vom Major von Thümmel, waren aus Sachsen beim Corps eingetroffen. Da nach den uns zugekommenen Nachrichten die russische Moldauarmee unter dem Admiral Tschitschagow ihre Richtung auch nach Slonim genommen haben sollte, so war eine Beschleunigung unsers Flankenmarsches nothwendig. Das Husarenregiment brach daher den 4. November auf und kam, nachdem es Tag und Nacht marschirt, auch nur in kleinen Pausen Halt gemacht, den 5. früh bei Narewka an, zog aber nach einigen Stunden Rast weiter und erreichte Abends 10 Uhr das Dorf Wielky-krinky, wo das Regiment, da dieser forcirte Marsch für Mann und Pferd sehr anstrengend gewesen war, den 6. November Rasttag hielt. Auf diesen Nachtmärschen kam es oft vor, daß die Husaren vor Müdigkeit auf ihren Pferden einschliefen, auch die letztern wegen großer Mattigkeit stehen blieben, wodurch öftere Stockungen in der im Marsche begriffenen Colonne entstanden, denn bei der Dunkelheit der Nacht konnte man seine Vorderleute nicht erkennen. Auch waren die Wege, auf welchen wir durch Waldungen und sumpfige Gegenden zogen, äußerst schlecht; die Pferde rannten in der Finsterniß an die Bäume, stolperten über Baumwurzeln oder versanken fast in den Sümpfen, welchen sie zu nahe gekommen waren.

Den 7. November brach das Husarenregiment, welches seit einigen Tagen die Arrieregarde gebildet hatte, wieder auf und marschirte bis Perroczow, wo es den 8. und 9. blieb. Hier wurde die Escadron, bei welcher ich stand, zurück nach Wielky-krinky commandirt, welcher Ort hinter einem breiten Sumpfe liegt, an welchem sich jenseits die von Rudnia kommende und nach Perroczow führende Straße in einem zirkelförmigen Bogen hinzieht. Wir waren daher in dieser Stellung so ziemlich gedeckt, denn rechts hatten wir den vor dem Dorfe befindlichen langen Sumpf, links rückwärts einen ungefähr l600 Schritte von unserer Position entfernt liegenden Wald, welchen die Straße nach Perroczow durchschneidet, und vor uns am Eingange des Dorfes, da, wo die eben gedachte Straße in dasselbe einmündet, eine Brücke, die über einen breiten, mit hohen Ufern versehenen Wassergraben führte, in welchem das Wasser aus dem Sumpfe abfloß. An dieser Brücke, welche von uns abgetragen worden war, hatte der Rittmeister von Taubenheim seine Vedetten ausgestellt, die übrigen Husaren der schon sehr schwachen Escadron aber lagerten hinter dem Dorfe an der Straße nach Perroczow. Kurz nach unserer Ankunft in Wielky-krinky erkrankte plötzlich ein Husar so bedeutend, daß er noch in der Nacht starb und am Morgen darauf begraben werden mußte. Bald hierauf sahen wir aus dem jenseits des Sumpfes gelegenen Walde feindliche Cavallerie hervorkommen, welche Versuche machte, den Sumpf zu durchreiten. Da nun auch unsere Vorposten an der Brücke von der auf der Straße bis dahin vorgegangenen russischen Infanterie mit Flintenschüssen begrüßt wurden, so zogen wir uns, um von den über den Sumpf kommenden Kosaken, welche eine seichte Stelle, wo derselbe durchritten werden konnte, aufgefunden hatten, nicht abgeschnitten zu werden, nach dem hinter Wielky-krinky gelegenen Walde zurück, wo wir am Rande desselben so lange Front machten, bis wir bemerkten, daß eine uns überlegene Zahl feindlicher Kavallerie unterhalb des Dorfes den Sumpf bereits überschritten hatte und uns mit einem Angriffe bedrohte. Wir zogen uns daher auf der Perroczower Straße in den Wald zurück, verließen diese aber bald und verfolgten einen rechts abgehenden Seitenweg, welcher, wie wir schon wußten, ebenfalls nach Perroczow führte und etwas näher sein sollte, als die Hauptstraße dahin. Die feindliche Cavallerie war unterdessen schnell gefolgt, hatte jedoch in der Hitze des Nachsetzens den im Walde rechts abgehenden unscheinbaren Seitenweg, welchen wir eingeschlagen, unbeachtet gelassen und war auf der großen Straße in der gewissen Erwartung vorwärts geeilt, uns einzuholen, fand aber nur zwei sich verspätet habende sächsische Bagagewagen, welche sie wegnahm. Kaum waren wir jedoch in Perroczow angelangt, als auch die feindliche Cavallerie sich auf der dahin führenden großen Straße zeigte, von unserm Regimente aber sogleich angegriffen und zurückgeworfen wurde.

Den 10. November ging eine große Recognoscirung, aus Infanterie, Cavallerie und Artillerie bestehend, in der Richtung nach Rudnia ab, wobei eine Abtheilung Kosaken überfallen und gefangen wurde. Das Husarenregiment bezog sodann einen Bivouac bei Michalky und marschirte den 11. November wieder in die Gegend von Wielky-krinky. Unsere ausgesendeten Patrouillen hatten Abends am Walde nach Rudnia hin ein unbedeutendes Gefecht mit Kosaken, auf welche sie gestoßen waren.

Den 12. November wurde der Marsch bis Hornostowize fortgesetzt. Am andern Morgen bei Tagesanbruch waren unsere vor diesem Orte ausgestellten Vorposten vom Feinde heftig angegriffen und zurückgedrängt worden, wobei wir wieder einige Mann verloren. Die Russen hatten nämlich, um dieselben zu täuschen, die rothen Uniformen angezogen, welche sie den früher gemachten Gefangenen vom sächsischen Regiment Polenz Dragoner abgenommen, und so waren sie in dieser Verkleidung ganz nahe an unsere Feldwache herangekommen, hatten sich plötzlich auf diese geworfen und sie zum eiligen Rückzuge auf den Hauptposten genöthigt. Da nun aber auch letzterer durch mehrere im Anmarsche begriffene feindliche Colonnen bedroht war, so mußte der General von Gablenz mit seiner ganzen Truppenabtheilung auf Lapinica zurückgehen, wo das sächsische Corps eine Stellung genommen hatte. Der Feind war uns schnell gefolgt und hatte den auf den Höhen jenseit des bei diesem Orte vorbeifließenden Baches befindlichen Wald mit Infanterie stark besetzt, welcher von unsern Schützen sogleich angegriffen wurde. Obgleich nun der Kampf in diesem Walde bis zum Anbruch der Nacht dauerte, so war es doch der sächsischen Infanterie nicht gelungen, den Feind daraus zu vertreiben, vielmehr blieb ein großer Theil des Waldes im Besitz desselben. Das Husarenregiment hatte während des Infanteriegefechtes eine Stellung hinter Lapinica genommen und bezog daselbst, nachdem es dunkel geworden und das Schießen im Walde aufgehört, einen Bivouac. Die Nacht war sehr kalt und so ging ich mit einigen Husaren nach den nahe gelegenen Häusern dieses Orts, um dort unter einem schützenden Obdache gegen die schneidende Luft unsere von Frost steifen Glieder zu erwärmen, denn bis jetzt war eine solche Kälte noch nicht dagewesen, mithin waren wir derselben ganz ungewohnt. Nach langen Suchen fanden wir endlich ein am jenseitigen Ende des Dorfes gelegenes und vom Militär noch nicht besetztes Haus, denn auch andere Cameraden hatte die plötzlich eingetretene Kälte in das Dorf getrieben. Da die Bewohner des Hauses entflohen waren, so wurde schnell ein großes Feuer auf dem Heerde angemacht und wir befanden uns in der warmen Stube recht behaglich. Da wir die vorhergegangenen Nächte wenig geschlafen hatten, so versenkte uns die angenehme Wärme bald in einen süßen Schlaf, aus welchem ich nach einigen Stunden zuerst erwachte und sogleich die in der Stube auf herbeigeholtem Stroh liegenden Husaren zu ermuntern suchte, indem ich ihnen bemerklich machte, daß es nun an der Zeit sei, nach unserm Bivouac wieder zurückzukehren. Nur nach vielem Rütteln und Schütteln erwachten die Husaren aus ihrem festen Schlafe und verließen auf mein dringendes Zureden mit mir eiligst das Haus. Wie groß aber war unser Erstaunen, als wir kurz vor Tagesanbruch auf dem Bivouac ankamen und bis auf unsere an den Pfählen noch angebundenen Pferde alles still und leer fanden, denn das Regiment war schon abmarschirt! Die Verlegenheit war nun sehr groß, da wir nicht wußten, welche Richtung dasselbe genommen hatte, auch war es noch so finster, daß man nicht in die Ferne zu sehen vermochte. Zum Glück hatte es während der Nacht etwas geschneit und wir konnten, als der Tag anbrach, aus den Pferdetrappen im Schnee erkennen, nach welcher Gegend hin das Regiment gezogen war. Im schnellen Ritte beeilten wir uns nun diese Spur zu verfolgen und es gelang uns auch, dasselbe bald einzuholen. Wir waren einer großen Gefahr entgangen, denn kaum waren wir beim Regimente angelangt, so wurde auch schon die Arrieregarde desselben von den nachsetzenden Kosaken heftig angegriffen. Hätten wir daher in dem Bauerhause oder auf dem Bivouac einige Minuten länger verweilt, so würden wir als Nachzügler unfehlbar von denselben gefangen und rein ausgeplündert worden sein. Denn diese rohen Horden kannten keine Barmherzigkeit und behandelten die Gefangenen, welche das Unglück hatten in ihre Hände zu fallen, auf barbarische Weise. Es sind uns Fälle bekannt geworden, daß die Kosaken ihre Gefangenen bis auf das Hemde ausgezogen und ihnen auch noch die Stiefeln genommen haben, um sich selbst damit zu bekleiden, da die Sachen, welche die Kosaken auf dem Leibe trugen, nur Lumpen glichen, voller Schmutz und Ungeziefer. So wurden denn diese armen Gefangenen in bloßen Füßen und halb nackt, bei rauher Witterung, wie eine Heerde Vieh den ganzen Tag über fortgetrieben und mit dem Kantschuh ohne Erbarmen auf diejenigen losgehauen, welche vor Ermattung nicht mehr fort konnten. Aus dieser unmenschlichen Behandlung der Gefangenen läßt sich auch die Erscheinung erklären, daß viele von denselben nach abgeschlossenem Frieden nicht wieder in ihre Heimath zurückkehrten, denn sie waren auf dem Transporte umgekommen. Daß den Gefangenen, welche das Geschick traf, in die Hände der regulären russischen Truppen zu fallen, eine bessere Behandlung zu Theil wurde, läßt sich wohl annehmen.

Der General Reynier hatte den Rückzug nach Wolkowysk noch in der Nacht nach dem Gefechte im Walde bei Lapinica beschlossen, um sich den Oesterreichern, welche drei Tagemärsche von uns entfernt standen, mehr zu nähern, da wir zu schwach waren, um dem ganzen Corps des General Sacken, welches uns gegenüberstehen sollte, die Spitze bieten zu können. Das Husarenregiment, welches auf diesem Rückzuge wiederum die Nachhut übernommen hatte, war daher den 14. November noch vor Tagesanbruch abmarschirt, weshalb wir dasselbe, wie schon weiter oben bemerkt worden, nicht mehr auf dem Bivouac bei Lapinica vorfanden, als wir aus einem Hause dieses Orts dahin zurückkehrten. Nachdem die Kosaken, welche die Arrieregarde des Husarenregiments angegriffen hatten, zerstreut worden waren, setzte dasselbe seinen Marsch fort, während es wieder zu schneien anfing und ein scharfer Wind uns die Schneeflocken in das Gesicht trieb. In Wolkowysk angekommen, bezogen wir ein Lager hinter dieser in einem Thale gelegenen und auf zwei Seiten mit Anhöhen eingeschlossenen Stadt, durch welche ein Bach fließt, welcher die Wolkowiec genannt wird, wovon dieser Ort seinen Namen bekommen haben mag. Es war das erste Mal, daß wir auf einem hart gefrornen und mit Schnee bedeckten Boden unser Lager aufschlagen mußten. Die Pfähle, woran die Pferde gebunden werden sollten, konnten nur mit vieler Mühe in den tief gefrornen Boden eingekeilt werden. Doch fehlte es nicht an Brennholz und Lagerstroh, ingleichen an Lebensmitteln und Fourage, welche Bedürfnisse aus der Stadt herbeigeschafft wurden. Auf den jenseits der Stadt gelegenen Anhöhen waren unsere Vorposten ausgestellt, die Zugänge des von allen Seiten ganz offenen Ortes aber von der leichten Infanterie besetzt, auch der rechte und linke Flügel unserer Stellung hinter der Stadt so viel wie möglich gedeckt. Da ein anderer Ort nicht in der Nähe lag, in welchem das Hauptquartier hätte untergebracht werden können, so war von dem General Reynier Wolkowysk, welches mehr auf den Vorposten lag, zur Aufnahme desselben bestimmt worden. Auch hatten einige Generale und Stabsofficiere von den Truppentheilen, welche unweit der Stadt lagen, in den dem Lager zunächst gelegenen Häusern derselben sich ein Obdach verschafft, da die Kälte sehr empfindlich geworden war. Gegen Abend wurde den Truppen ein Tagesbefehl bekannt gemacht, wonach, da der Feind ganz in unserer Nähe sei, die Pferde, nachdem sie abgefüttert worden, gleich wieder aufgezäumt werden sollten. Auch wurde darin befohlen, daß jedes Regiment noch heute die rückständigen Löhnungsgelder in der Kriegskasse, welche sich ebenfalls in Wolkowysk befand, zu erheben und an die Mannschaften auszuzahlen habe. Vermuthlich wollte man dadurch die Kriegskasse für den Fall entleeren, daß sie in feindliche Hände fallen sollte, woraus hervorging, daß unsere Lage eine unsichere und gefahrvolle sei. Der Oberstleutnant von Lindenau, welcher Präses der Wirthschaftscommission vom Husarenregimente war, beauftragte mich, da der Fourier, welcher die vorkommenden Geschäfte bei dieser Commission zeither besorgt hatte, krank geworden, die rückständigen Löhnungsgelder des Regiments in der Kriegskasse gegen eine von ihm unterschriebene Quittung in Empfang zu nehmen. Nachdem ich bei dem Husaren, welcher die Besorgung meines Pferdes übernommen, bestellt hatte, daß er mir in einem Feldkessel etwas warme Suppe bis zu meiner Rückkehr aufheben sollte, ging ich, wie es schon Nacht geworden war, mit einigen mir beigegebenen Husaren, welche das empfangene Geld heraustragen sollten, nach der Kriegskasse in Wolkowysk und übernahm dort die quittirte Geldsumme, wobei sich leider mehrere 500 Thaler-Beutel befanden, in welchen lauter Zweigroschenstücke verpackt waren. Mit den Geldsäcken auf dem Bivouac angekommen, meldete ich mich sogleich bei dem Oberstleutnant von Lindenau, welcher kein Haus in der Stadt bezogen, sondern sich eine Strohhütte in der Nahe des Regiments hatte errichten lassen, vor welcher ein kleines Feuer brannte. Es handelte sich jetzt nur noch darum, wo ich das Geld aufzählen sollte, da dies auf dem mit Schnee bedeckten Boden nicht geschehen konnte, auch die Hütte zu diesem Geschäfte nicht Räumlichkeit genug darbot. Der Oberstleutnant ließ daher durch zwei Husaren eine Gartenthür ausheben und nahe an das Feuer legen, worauf ich denn das Aufzählen begann, welches freilich nur in kniender und gebückter Stellung möglich war, wobei mir der Rauch des Feuers sehr lästig fiel. Bei diesen großen Unbequemlichkeiten, konnte das Zählgeschäft nur langsam von Statten gehen, um so mehr, als es größtentheils Zweigroschenstücke waren und mir bei der bedeutenden Kälte die Finger oft so erstarrten, daß ich sie erst am Feuer erwärmen mußte. Sobald ich die für eine Escadron bestimmte Summe aufgezählt hatte, so nahm sie der dazu commandirte Unterofficier in Empfang, welcher dann hiervon die rückständigen Löhnungen an die einzelnen Mannschaften derselben auszahlte. Nachdem ich mit der Auszahlung bis zur 8ten Escadron gekommen war, bemerkte ich jedoch mit Schrecken, daß in dem letzten Beutel, nach seiner Schwere zu urtheilen, nicht mehr so viel Geld befindlich sein könne, als diese Escadron zu empfangen habe, ich meldete dies daher dem Oberstleutnant, welcher zeither in der Hütte gesessen und das Auszählen der Beutel stillschweigend mit angesehen hatte. Derselbe war, nachdem er den Beutel selbst in die Höhe gehoben, ebenfalls meiner Meinung. Damit nun aber das Fehlende genau ermittelt werde, so zählte ich den Beutel rein aus und so fand sich denn, daß 70 Thaler an der Summe mangelten, welche der letzten Escadron bestimmt war. Da ich jedesmal die Vorsicht gebraucht hatte, die aufgezählten Beträge von den zur Empfangnahme derselben kommandirten Unterofficieren erst genau nachsehen zu lassen, ehe ich denselben solche vorzählte, so konnte ein Irrthum von meiner Seite nicht vorgekommen sein. Um nun den Ersatz dieses Betrages in der Kriegskasse zu fordern, wurde ich von dem Oberstleutnant dahin gesendet, welcher mir noch auftrug, dort zu sagen, daß die Beutel in seiner Gegenwart richtig ausgezählt worden wären. Es konnte wohl schon bald Mitternacht sein, als ich in der Kriegskasse ankam, wo bis auf die Schildwache alles im tiefsten Schlafe lag; ich ließ den Kassirer wecken und trug ihm vor, was mir aufgetragen war. Derselbe eröffnete mir jedoch, noch schlaftrunken die Augen reibend, daß er den Ersatz der bei Auszählung eines Beutels sich ergebenden fehlenden Summe nur dann leisten könne, wenn die Etikette desselben vorgezeigt und zugleich bescheinigt werde, daß das darauf bemerkte Gewicht vor der Eröffnung des Beutels gehörig geprüft, auch derselbe in Gegenwart von Zeugen richtig ausgezählt worden sei. Da mir nun damals die Kassenbestimmungen noch nicht so bekannt sein konnten, als ich solche später kennen zu lernen Gelegenheit hatte, wonach es ganz in der Ordnung war, daß der Kassirer die Etikette forderte, auf welcher jedesmal die im Beutel befindliche Summe und der Name des Einzählers angegeben sein muß, so konnte ich nach der Sachlage einen Ersatz nicht wohl beanspruchen, da ich die Etiketten von den geöffneten Beuteln nicht aufgehoben, sondern der Wind solche entweder auf dem Lagerplatze herumgestreut oder in das Feuer geführt hatte; ich mußte daher wieder abgehen, ohne den Ersatz der fehlenden 70 Thaler empfangen zu haben. Nachdem ich bei der Rückkunft dem Oberstleutnant über den ungünstigen Erfolg meiner Sendung Meldung gemacht, beschloß derselbe, diesen Fall der Generalintendantur anzuzeigen, sobald wir etwas mehr Ruhe haben würden. Hungrig und durchfroren kam ich nach Mitternacht bei der Lagerstelle an, wo mein Pferd stand, und freute mich, als ich an dem ziemlich niedergebrannten Feuer einen Feldkessel bemerkte, worin ich etwas warme Suppe fand, die ich begierig zu verzehren begann. Die Husaren hatten sich um das Feuer herum gelagert und schliefen fest; auch ich bereitete mir, nachdem ich die Suppe verzehrt, ein Lager, so gut es gehen wollte, konnte aber nicht so recht in den Schlaf kommen, da es ziemlich kalt, ich auch noch etwas aufgeregt war. Wie ich vermuthlich früh gegen 3 Uhr eben im Begriff sein mochte einzuschlafen, hörte ich auf der Anhöhe jenseit Wolkowysk, wo unsere Vorposten standen, einen Schuß fallen; da dieß nun aber nichts Seltenes war, so beachtete ich denselben nicht weiter. Kurz darauf vernahm ich jedoch in derselben Richtung, Pelotonfeuer und hinterher ein verworrenes Getöse, was mir wie ein fernes Hurrahgeschrei klang. Dieser Lärm war mir sehr bedenklich, denn er deutete einen Ueberfall unserer Vorposten an, ich sprang daher sogleich in die Höhe und weckte die am Feuer noch fest schlafenden Husaren. Das Schießen und Geschrei wurde immer heftiger, denn unsere Vorposten waren wirklich vom Feinde überfallen und auf Wolkowysk zurückgeworfen worden. Im Lager lief daher alles, aufgeschreckt durch diesen ganz unerwarteten Ueberfall, durch einander, um auf die verschiedenen Commandostimmen sich zu sammeln. Kaum war bei unserm Regimente das Signal zum Aufsitzen gegeben worden, als auch schon die Kugeln der russischen Jäger, welche sich um die Stadt herumgeschlichen hatten, uns begrüßten. Auch ich war schnell zu meinem Pferde geeilt, hatte dasselbe bestiegen und spornte es an, dem Regimente zu folgen, welches eben abmarschirte, um eine Stellung weiter rückwärts zu nehmen. Das Pferd ging aber nicht vom Platze, ich mochte es spornen, so viel ich wollte, denn ich hatte in der Eile vergessen, es vom Pfahle loszubinden, ich mußte daher, da jeder längere Verzug mir hätte nachtheilig werden können, indem die Kugeln der russischen Jäger über den Bivouac sausten, den Strick schnell mit dem Säbel durchhauen und sprengte dann dem Regimente nach. Unterdessen waren die Russen gleichzeitig mit unsern zurückgeworfenen Vorposten in Wolkowysk eingedrungen und das dort befindliche Hauptquartier hatte sich mit der Kriegskasse in größter Eile daraus flüchten müssen, wobei der General Reynier fast gefangen worden wäre. Auch wurde die Fahne des zweiten Bataillons vom Regiment Prinz Friedrich von feindlicher Infanterie genommen, welche sich in der Dunkelheit mit dem Rufe: ?schießt nicht, wir sind Sachsen zwei Compagnien dieses Bataillons, welche in der Stadt den Uebergang einer Brücke besetzt gehalten, genähert und sich dann ganz unvermuthet auf diese geworfen hatte. Obgleich nun die Russen zum Weichen gebracht wurden, so war doch während des Gefechts mit Bajonet und Gewehrkolben im dichten Handgemenge und in der Finsterniß, die Fahne dem Träger derselben vom Feinde entrissen worden. Einigen zur Unterstützung vorgesendeten Bataillonen gelang es, die Stadt, in welcher schon mehrere Häuser brannten, theilweise zu behaupten und dadurch den Feind von dem beabsichtigten Angriffe auf unsere Hauptstellung selbst abzuhalten. Es gewährte einen imposanten Anblick in der noch herrschenden Dunkelheit, diese brennende Stadt leuchten zu sehen, in welcher heftig geschossen wurde und Stimmen in verschiedenen Sprachen durch einander schrieen, denn es kämpften Franzosen, Russen und Deutsche darin.

Den l5. November bei Tagesanbruch entwickelte der Feind bedeutende Angriffscolonnen gegen den linken Flügel, als den schwächsten Punkt unserer Stellung. Eine zahlreiche feindliche Cavallerie ging über die Brücke bei der Mühle, welche an dem durch Wolkowysk fließenden Bache liegt, und griff unsere, sich ihr entgegenstellende viel schwächere Reiterei, bestehend aus Husaren und Polenz Dragonern, an, die zwar nach dem ersten Zusammenstoße weichen mußten, bei der zweiten Attaque aber, unter dem kräftigen Beistande einer reitenden Batterie, die feindliche Reiterei zurückdrängten. Auf dem ersten Rückgange des Husarenregiments hatte der Oberst und Commandeur desselben, von Engel, mehrere Lanzenstiche bekommen und war vom Pferde gesunken, auch bereits schon in Feindes Hand, als sein Sohn, welcher als Volontair sich bei diesem Regimente befand, unter dem Rufe: ?Cameraden, rettet euren Obersten, mit den Husaren wieder in den Feind setzte und seinen Vater glücklich befreite. Derselbe mußte aber zur Heilung seiner zahlreichen Wunden nach Warschau gebracht werden und es übernahm der Oberstleutnant von Lindenau das Commando des Regiments. Im Laufe des Tages wiederholte der Feind seine Angriffe auf unsern linken Flügel, jedoch ohne Erfolg, da derselbe schon verstärkt worden war. Dabei erdröhnte der Boden von dem Kanonendonner der auf den Anhöhen der Stadt sich gegenüber stehenden zahlreichen Geschütze. Der Unterofficier Daniel vom Husarenregimente, welches, während die Infanterie um den Besitz von Wolkowysk kämpfte, auf einem weiter rückwärts gelegenen Höhenzuge aufmarschirt war, wurde von einer Kanonenkugel getödtet, auch verlor das Regiment mehrere Pferde durch das feindliche Geschützfeuer. Die seit einigen Tagen eingetretene Kälte hatte jetzt einen so hohen Grad erreicht, daß selbst das Blut, welches an den Verwundeten herabströmte, zu Eis gefror. Unsere Lage war daher eine sehr traurige, da es auch an Nahrungsmitteln, Holz und Lagerstroh fehlte, denn die Russen hatten Wolkowysk, woraus sie einige Mal vertrieben worden waren, doch wieder in Besitz genommen, mithin konnten wir die erforderlichen Bedürfnisse uns nicht mehr aus diesem Orte beschaffen. Auch mangelte uns das Trinkwasser, welches der aufgeweichte Schnee ersetzen mußte. Die auf diesen Ueberfall folgende Nacht ist mir immer unvergeßlich geblieben; es gehörte wirklich viel Muth und Ausdauer dazu, um nicht ganz zu verzweifeln. Etwas weiter rückwärts von der am Tage innegehabten Stellung hatten wir uns bei einer bedeutenden Kälte auf den mit Schnee bedeckten Boden hingestreckt, ohne ein Feuer zu haben, an dem wir unsere steif gefrornen Glieder hätten erwärmen können. Auch fehlte es an Nahrungsmitteln und Futter für die Pferde und doch sollten wir unter diesen mißlichen Umständen den am andern Morgen zu erwartenden Angriffen des Feindes muthig entgegentreten. Wie oft hatte ich mir schon früher gewünscht, den kleinen Schweinestall zur Disposition zu haben, welcher ganz unbeachtet und verachtet im Hofe meines Garnisonquartiers in Artern stand, um darin einmal so recht ruhig unter Dach und Fach ein paar Stunden ungestört schlafen zu können! Denn ein Mensch, der seinem Körper den Schlaf versagen muß, welchen er doch zu seiner Erhaltung so dringend bedarf, lebt nur halb, er wankt dahin wie ein Schatten, ohne Kraft und Energie, abgestumpft für alles, was ihn umgiebt, besonders dann, wenn der Körper bei Entbehrung des Schlafes, auch noch Anstrengungen und Mangel an Nahrung ertragen muß. Mehrere Nächte hatte ich nun nur wenig, die vorige Nacht aber, wo ich das Geld auszuzahlen hatte, gar nicht geschlafen, der oft gehegte Wunsch, den oben erwähnten Schweinestall benutzen zu können, steigerte sich daher in dieser schweren Prüfungsnacht zum sehnlichsten Verlangen. Auch gab es viele traurige Gesichter unter uns und ich sah so manchen Husaren, welcher, selbst wenn es uns schlecht ging, sonst seine gute Laune nicht verlor und dabei noch zu mancherlei Spaßen aufgelegt war, in dieser Nacht die Hände falten und für sich still beten, der vielleicht unter andern Verhältnissen nicht an das Gebet gedacht haben würde; so wurde auch hier das Sprüchwort wahr: ?Noth lehrt beten. Weder in guten noch in bösen Tagen habe ich das Gebet unterlassen, wozu mich mein Vater frühzeitig angehalten, denn er sprach sein Morgen- und Abendgebet jedesmal laut und ich mußte dasselbe auch thun. Diese fromme Sitte hatte sich meinem jugendlichen Gemüthe so eingeprägt, daß ich in allen meinen spätern Lebensverhältnissen solche immer geübt und das Gebet Abends und Morgens nie vergessen habe, ich mochte nun im Bette oder unter dem freien Himmel liegen. Das Gebet hat mich auch, namentlich in den Stunden der Gefahr und des großen Elends in Rußland, vor Verzweiflung bewahrt und mir Kraft gegeben, auf Gott zu vertrauen und alles Ungemach muthig zu ertragen.

Der General Reynier hatte unsere gefährliche Lage wohl erkannt und eingesehen, daß wir uns gegen einen viel stärkern Feind für die Länge nicht würden halten können. Derselbe hatte daher einen Officier an den Fürsten Schwarzenberg, welcher mit dem österreichischen Corps zwei Tagemärsche von uns entfernt bei Slonim stand, gesendet und diesen um eine Diversion gegen die Stellung der Russen ersuchen lassen. Am Morgen des 16. November erneuerten letztere ihre Angriffe auf unsere Stellungen, die wir bis jetzt noch behauptet hatten, und der Tag wollte sich unter fortgesetzten Kämpfen schon neigen, als die langersehnte Hülfe nahte, gerade zur Zeit, wo der Feind unsern linken Flügel nochmals heftig angriff. Mit großer Freude vernahmen wir den fernen Kanonendonner der Oesterreicher in der rechten Flanke des Feindes und bemerkten auch bald auf den jenseitigen Anhöhen eine große Beweglichkeit unter den Russen, welche sich zum Rückzuge anschickten. Gleichzeitig wurde von einigen Bataillonen der französischen Division Durutte, unterstützt von unserer ganzen Artillerie, ein Angriff auf Wolkowysk gemacht, welches wieder in Brand gerathen war, und die Russen nun endlich ganz daraus vertrieben. Die Verluste der Sachsen, während der letzten zwei Tage, sollte gegen 30 Officiere und 500 Mann betragen, welche theils getödtet, theils verwundet oder gefangen worden waren.

Die Russen hatten, heftig verfolgt von den Oesterreichern, ihren eiligen Rückzug auf Swislocz genommen. Nachdem die Brücken und Dämme wieder hergestellt waren, brach auch das sächsische Corps den 17. November früh zur Verfolgung des Feindes von Wolkowysk auf, wobei das Husarenregiment die Spitze der Avantgarde hatte. Dasselbe konnte jedoch, durch die schlechten Wege behindert, nur bis Sokolnicky gelangen, woselbst wiederum ein Bivouac bezogen werden, mußte, obgleich die Kälte noch bedeutend war. Den 18. wurde die Verfolgung des Feindes bis Wielky-krinky und den 19. bis Swislocz fortgesetzt, wobei viele Gefangene gemacht wurden. In dem letztern Orte hatte das Husarenregiment zum ersten Male wieder Quartiere bezogen, leider war aber außer Dach und Fach nichts darin zu haben, da die Einwohner ihre armseligen Hütten verlassen und die etwa noch vorhanden gewesenen wenigen Lebensmittel mit sich fort genommen hatten. Hier wurde denn der Generalintendantur die Anzeige gemacht, daß an den vor dem Ueberfalle bei Wolkowysk aus der Kriegskasse erhobenen Löhnungsgeldern 70 Thaler gefehlt hatten und der Ersatz derselben beantragt. Der Oberstleutnant von Lindenau fügte nach dieser Anzeige die eigenhändige Bescheinigung hinzu, daß die Auszählung der Beutel in seiner Gegenwart von mir richtig erfolgt sei. Nach einigen Tagen ging hierauf die Antwort von dem Generalintendant, Oberst von Ryssel, ein, daß die angestellten Ermittelungen ergeben hätten, wie aus dem einen Beutel, welchen das Husarenregiment mitbekommen habe, an jenem Tage 70 Thaler zu einer andern Zahlung herausgenommen, aber auf der Etikette abzuschreiben vergessen worden waren. Die Kriegskasse hatte daher die Anweisung erhalten, den Ersatz zu leisten, was auch hernach geschah, womit denn diese, mir unangenehme Gelddifferenz nun beseitigt war. Den 20. ging das Husarenregiment, um den Feind weiter zu verfolgen, über Rudnia bis Hallein, wo den 21. Rasttag gehalten wurde, um den erschöpften Truppen, nach den gehabten großen Anstrengungen, die nöthige Ruhe zu gestatten.

Die zwei leichten Infanterieregimenter wurden an diesem Tage, ihrer Schwäche wegen, in ein Regiment formirt. Auch die Husaren und Polenz Dragoner, welche jedesmal entweder die Avantgarde oder Nachhut übernehmen mußten, jenachdem das Corps vor oder rückwärts ging, hatten durch den immerwährenden Felddienst und die anstrengenden Märsche sehr gelitten, weshalb der Bestand dieser beiden Reiterregimenter bedeutend zusammengeschmolzen war. Von den Pferden, welche selten abgesattelt und ihre Rücken untersucht werden konnten, waren viele stark gedrückt und die offenen Wunden in Eiter und Knochenfraß übergegangen. Auch an meinem Pferde, welches einen etwas hohen Widerrist hatte, mithin leichter gedrückt werden konnte, da ein Sattelbock selten darauf paßt, fand ich beim Absatteln, daß die frühere wunde Stelle auf seinem Rücken sich sehr ausgebreitet und der Eiter schon den Knochen angegriffen hatte, weshalb ich dasselbe nicht länger reiten konnte. Mit großer Rührung schied ich von diesem guten Pferde, welches mich Tag und Nacht durch so viele Gefahren und Mühseligkeiten hindurch getragen hatte, und mit betrübten Blicken betrachtete ich das als ein Bild des Jammers vor mir stehende, bis auf Haut und Knochen abgemagerte arme Thier. Wie es fortgeführt wurde, drehte es noch einmal seinen Kopf traurig nach mir um, als wolle es für immer von mir Abschied nehmen; ich habe dasselbe seit dieser Zeit nicht wieder gesehen, da es am unheilbaren Knochenfraße geendet hat. Durch das Pferd eines krank gewordenen und in das Lazareth gebrachten Husaren wurde ich wieder beritten gemacht.

Den 22. November erfolgte die Fortsetzung des Marsches bis Szereczow, wo wir erst spät in der Nacht ankamen. Hier waren uns, was so selten geschah, einige Schweine in die Hände gefallen, welche sofort geschlachtet und, nachdem sie ausgeweidet worden, in Stücken zerhauen wurden. Schon standen die Feldkessel am Feuer, um uns heißes Wasser zum Abbrühen der Borsten an den Fleischstücken zu bereiten, als der Unstern ganz unerwartet die Kosaken, diese Unholde, herbeiführte, welche mit ihrem unhöflichen Hurrahgeschrei unsere harmlose Beschäftigung störten. Die Feldkessel mußten daher schnell ausgeschüttet und die einzelnen Stücken Fleisch mitsammt den Borsten bis zu einer ruhigeren Zeit eiligst in den Futtersäcken aufbewahrt werden. So waren wir denn durch den unberufenen Besuch der Kosaken nicht nur um unser gutes Abendbrod, nämlich ein Stück gebratenes Schweinefleisch gekommen, sondern wir mußten auch noch mehrere Stunden hindurch zu Pferde sitzen, da die Kosaken, obgleich sie jedesmal zurückgetrieben wurden, doch immer wieder ihre Angriffe erneuerten. Erst nachdem es Tag geworden, zogen sie sich ganz zurück. Das Husarenregiment brach nun auch auf und marschirte den 23. November bis Reczyce, wo ein großer Edelhof war, auf dem es Lebensmittel und Futter für die Pferde gab, was uns in ein großes Wohlbehagen versetzte, da wir an diesen Bedürfnissen zeither immer Mangel gelitten. Auch hatten wir die mit Stroh angefüllte große Scheune des Edelhofes zu einem Nachtlager ausersehen und freuten uns schon auf den lange entbehrten Genuß eines ruhigen Schlafs unter Dach und Fach. Nachdem es Nacht geworden und mein Pferd versorgt war, ging auch ich in die Scheune, um mir ein Lager darin zu bereiten. Dies war jedoch sehr schwierig, da schon viele Husaren von den vorhandenen Räumlichkeiten Besitz genommen hatten; ich mochte daher in der Dunkelheit mich rechts oder links wenden, so berührte ich überall, entweder mit den Füßen oder den Händen, einen von unsern Husaren, der schon in tiefen Schlaf versunken war und sich über Störung desselben beklagte. Nach vielem Herumtappen fand ich endlich doch noch ein kleines Plätzchen in einer Ecke der Scheune, wo ich mir schnell ein Lager von Stroh zurecht machte und auch gleich darauf fest einschlief, denn die vorige Nacht hatte ich, wie gesagt, ohne Schlaf zugebracht. Bald jedoch sollte unsere Ruhe auch hier gestört werden, denn ich mochte noch nicht lange gelegen haben, als ein wildes Getöse und dazwischen knallende Flintenschüsse, auch das Geschrei: ?auf, ein Ueberfall, uns aus dem süßen Schlafe aufscheuchte. Das ganze Stroh in der Scheune wurde lebendig, als die Husaren schnell hervorkrochen, um nach ihren außen angebundenen Pferden zu eilen und aufzusitzen. Unterdessen hatte die von einer zahlreichen feindlichen Cavallerie überfallene Feldwache sich auf unsere Position zurückziehen müssen, die nachsetzende russische Reiterei wurde aber hier von den wirksamen Flintenschüssen unserer leichten Infanterie, welche den Edelhof besetzt hielt, kräftig empfangen und zum Rückzuge genöthigt. Während dieses Ueberfalls ging in einem ungefähr zwei Stunden hinter uns gelegenen Orte, welcher, wie wir hernach erfuhren, Wusznia hieß, ein großes Feuer auf, welches den nächtlichen Himmel röthete. Da die hinter der Vorhut gelegenen Orte von den übrigen Truppen des sächsischen Corps besetzt waren, so lag die Vermuthung nahe, daß gleichzeitig auch dort ein Ueberfall vom Feinde versucht worden, in dessen Folge das Feuer ausgebrochen sei. Es wurde daher sogleich eine starke Recognoscirung nach dem brennenden Orte abgesendet, welche bei ihrer Rückkehr die Nachricht brachte, daß auf dem dortigen Edelhofe, wo unser Generalstab sich einquartirt gehabt, ein großer Stall in Brand gerathen sei, wobei mehrere jenem gehörige Pferde, welche man nicht zeitig genug aus dem brennenden Gebäude hatte fortbringen können, umgekommen wären.

Den 24. November beim Aufbruche von Reczyce hatte die Kälte einen hohen Grad erreicht, und da die von den Russen zerstörten Brücken erst wieder herzustellen, auch die Wege sehr schlecht waren, so konnte das Husarenregiment Tarnow, als den Bestimmungsort seines heutigen Marsches, nicht mehr erreichen, sondern mußte, nachdem es in die Nacht hinein marschirt, auf einer mit Wald umgebenen großen Schneefläche sein Nachtlager aufschlagen. Da es keinen Ort in der Nähe gab, so fehlte es an Lebensmitteln, Futter für die Pferde, Stroh und Brennholz, denn die mit den Säbeln abgehauenen grünen Zweige und Aeste wollten, aller angewendeten Mühe ungeachtet, nicht brennen, sondern verbreiteten blos einen starken Rauch, der mehr belästigte als erwärmte. Auch an Wasser mangelte es, da alle Gräben fest zugefroren waren, wir auch, ohne Feuer den Schnee in unsern Feldkesseln nicht schmelzen konnten; es blieb daher nichts weiter übrig, als zur Stillung unseres Durstes den Schnee im Munde aufzuthauen. Man kann sich denken, welche traurige Nacht wir bei dieser strengen Kälte, umgeben von Schnee und Eis, ohne Feuer und Nahrungsmittel, zubringen mußten, denn am Morgen des 25. November, wo wieder aufgebrochen werden sollte, waren wir fast alle steif gefroren und in einem solchen miserablen Zustande, daß mancher von uns nur mit vieler Mühe sein Pferd zu besteigen im Stande war. Da die schlechten Wege fortdauerten, auch Mannschaften und Pferde sehr erschöpft waren, so kamen wir erst am Abend in der Gegend von Korniza an, wo eine halbe Stunde seitwärts von diesem Orte wiederum im Schnee unser Nachtlager aufgeschlagen wurde. Jedoch war es hier etwas besser als am vorigen Abend, denn es konnten doch aus dem Dorfe Stroh und trockenes Holz, auch einige Lebensmittel und Futter herbeigeschafft werden, freilich nur mit vieler Anstrengung. Wegen Mangels an Wasser, da auch hier alles zugefroren, das aus dem Dorfe herbeigeholte aber schon unterwegs durch die große Kälte in Eis verwandelt worden war, mußte Schnee in die Feldkessel gethan und solcher am Feuer geschmolzen werden, ehe wir etwas kochen konnten. Eine von uns ausgesendete Recognoscirung hatte den Russen mehrere mit Schiffszwieback beladene Wagen abgenommen und dieser war in Ermangelung des Brodes unter die Mannschaften des Husarenregiments mit vertheilt worden. Da nun aber dieser Zwieback, unter dem man sich nicht etwa ein feines Gebäck denken darf, sehr hart und nicht gut zu beißen war, so konnte derselbe nur zu Suppen verbraucht werden, da er in dem heißen Wasser weich und breiartig wurde. Nachdem das Schneewasser, welches, allerdings so manche schmutzige Beimischung erhalten hatte, zum Kochen gekommen, wurde eine Quantität von diesem Zwieback hineingethan und statt des mangelnden Salzes etwas Schießpulver beigemischt. So war denn eine Suppe ohne Salz und Schmalz, die eben nicht sehr appetitlich aussah, fertig, welche aber doch von uns begierig genossen wurde, um nur etwas Warmes im Magen zu haben. Wohl hatte ich einen von den sogenannten Gourmands [Liebhabern aller Tafelgenüsse.], die nur künstlich zubereitete Leckerbissen genießen wollen und alles tadeln, was ihrem verwöhnten Gaumen nicht behagt, sehen mögen, welche Gesichter derselbe nur bei dem blosen Kosten dieser mageren, im unreinen Wasser gekochten und vom Pulver geschwärzten Suppe geschnitten haben würde. Alle diese Leckermäuler hätte man nur mit nach Rußland senden sollen und sie würden dort von ihren eingebildeten Genüssen gründlich kurirt worden sein. Wie gut war es, daß mein Vater von Jugend auf mich daran gewöhnt hatte, alles zu essen, was auf unsern Tisch kam! Seit langer Zeit hatten wir auch den Tabak entbehren müssen, an dessen Genuß wir doch so sehr gewöhnt waren. Wenn wir daher während des Marsches an Weidenbäumen vorüber ritten, so streiften wir oft die dürren Blatter von den Zweigen derselben ab und stopften sie in unsere Pfeifen. Freilich brannten und rochen sie sehr schlecht, aber wir begnügten uns schon damit, wenn nur der Rauch sich um die Nase kräuselte. Auch wurde in Ermangelung von dürren Baumblättern sogar klein geriebenes Stroh in die Pfeifen gestopft.

Den 26. November traf das sächsische Corps in Brczesc ein und bezog in dieser Stadt bis mit dem 28. November Quartier. Die Vorhut, welche jetzt der Obristleutnant von Lindenau commandirte, da der erkrankte Generalmajor von Gablenz nach Warschau abgegangen war, nahm mit dem Husarenregimente eine Stellung an der Straße nach Rudnia. Bei unserem schnellen Vordringen hatte der Feind ein Lazareth, worin einige hundert Kranke lagen, in Brczesc zurücklassen müssen, auch sonst noch auf seinem Rückzuge, von den Sachsen und Oesterreichern eifrig verfolgt, bedeutende Verluste erlitten.

Den 29. und 30. November bezog das Husarenregiment in Treczen Quartiere. Eine unter dem Major von Watzdorf auf der Straße nach Ratno entsendete Recognoscirung hatte dem Feinde mehrere Munitionswagen abgenommen. Nach einem aus dem Hauptquartiere der großen französischen Armee eingegangenen Befehle sollte das über den Niemen gegangene russische Corps des Admiral Tschitschagow, welches bereits Minsk besetzt hatte, von den Sachsen und Oesterreichern genau beobachtet und dem weitern Vordringen desselben Einhalt gethan werden. Wir mußten daher die bis jetzt fortgesetzte Verfolgung des auf dem Rückzuge begriffenen Sackenschen Corps einstellen und durch einen Flankenmarsch die Richtung nach Slonim wieder einschlagen. Demnach rückte das Husarenregiment den 1. December von Treczen nach Stepanky und den 2. bei Podobna vorbei nach Czerezew. Der letztere Marsch führte uns über das jetzt in tiefen Schnee eingehüllte Schlachtfeld, auf welchem mein Bruder begraben lag und wo so viele von den damals umgekommenen Cameraden, in fremder Erde, fern von den lieben Ihrigen, eine Ruhestätte gefunden. Jetzt hatte sich über diese Gefilde, welche am Schlachttage vom Kanonendonner erdröhnten, während die Luft ein wüthendes Kampf- und Mordgeschrei erfüllte, ein himmlischer Friede gesenkt und der Schnee über dieses Todtenfeld sein weißes Leichentuch ausgebreitet. Nicht konnte ich von diesem Schlachtfelde scheiden, ohne ein stilles und herzliches Gebet für die Seelenruhe meines abgeschiedenen Bruders an den Allvater im Himmel zu richten und demselben dafür innig zu danken, daß er mich in allen Gefahren bis jetzt so gnädig beschirmt hatte.

Den 3. December wurde der Marsch durch Szerezew nach Stariwola, den 4. nach Czenie und den 5. bis Czerniezno fortgesetzt. Seit dem l4. November, wo die Kälte mit dem ersten Schneefall eintrat, hatte dieselbe nicht nur fortgedauert, sondern auch die letztern Tage, sich bis auf 24 Grad gesteigert. Die Mannschaften und Pferde litten daher sehr auf den beschwerlichen, nur selten durch einen Ruhetag unterbrochenen Märschen und wenn auch manchmal ein elendes Dorf Abends erreicht wurde, so waren doch die Quartiere darin sehr schlecht, indem sie blos ein nothdürftiges Obdach gewährten, da die Einwohner selbst nur wenig besaßen oder sich mit den noch vorhanden gewesenen Lebensmitteln nach den Wäldern geflüchtet hatten. In dem Theile von Rußland, welchen wir durchzogen, lagen nämlich die Dörfer nicht so nahe beisammen, wie in Deutschland, sondern sehr weit aus einander, mithin konnten wir bei Anbruch der Nacht nicht immer einen Ort erreichen, sondern mußten oft auf dem Schnee kampiren. Hierzu kam, daß unsere Uniformstücke, welche wir seit dem 23. Juni, wo der erste Bivouac bezogen wurde, also über fünf Monate lang, Tag und Nacht auf dem Leibe getragen und damit oft auf dem blosen Erdboden, in Nässe und Schmutz, hatten liegen müssen, sehr unscheinbar und defect geworden waren. So zeigten die Husarenpelze, Reithosen und Mantel nicht nur viele zerrissene Stellen, sondern auch große Brandlöcher, welche letzteren durch die herumsprühenden Funken der Bivouacfeuer entstanden waren. Auch befanden sich fast alle Stiefeln in einem sehr desolaten Zustande, indem das Oderleder derselben starke Risse bekommen hatte und mit Bändern oder Stricken nolhdürftig zusammengehalten werden mußte, wenn es nicht ganz auseinanderfallen sollte. Diese Calamität war dadurch herbeigeführt worden, daß beim Trocknen der im Regen oder Schnee ganz durchnäßten Stiefeln, und um die erkalteten Füße zu wärmen, solche etwas nahe an das Bivouacfeuer gehalten worden waren, die Hitze daher das nasse Oberleder zu schnell getrocknet und zusammengezogen hatte, worauf es dann später brach. Durch das Zusammenschrumpfen des Oberleders waren nun die Stiefeln so enge geworden, daß man Strümpfe nicht mehr hineinziehen konnte, sondern sich darauf beschränken mußte, etwas Stroh in dieselben zu legen und solche an die blosen Füße zu ziehen. Dieses letztere hatten auch diejenigen Husaren schon früher thun müssen, welche die durch Lange der Zeit abgenutzten und unbrauchbar gewordenen Strümpfe nicht durch neue hatten ersetzen können. Auch ich war in derselben üblen Lage, in meinen verengten Stiefeln keine Strümpfe mehr tragen zu können, obgleich ich noch ein paar im Mantelsacke hatte; ich mußte daher ebenfalls wie fast alle Husaren die Stiefeln an die blosen Füße ziehen, nachdem vorher etwas Stroh hinein gelegt worden war. Obgleich nun meine Füße oft ganz erstarrt und ohne Gefühle waren, so habe ich doch nur einige Fußzehen erfroren, wogegen Fälle vorkamen, daß Officiere, welche, wie wir bei Brczesc standen, sich Pelzstiefeln angeschafft, in solchen doch die ganzen Füße erfroren hatten. Um einen größeren Schutz gegen die Kälte zu haben, hatten viele Husaren sich mit russischen Bauerpelzen versehen und solche über die zerrissenen und halbverbrannten Uniformen gezogen. Auch wurden Pelzstreifen, welche die Ohren bedeckten, an den Czakos befestigt und wer keine warmen Handschuhe besaß, wickelte Pelzlappen um die Hände. In diesen verschiedenartigen Anzügen, mit zerfetzten Mänteln behangen oder in schmutzige, von mancherlei üblen Gerüchen duftende Bauerpelze eingehüllt, zogen wir nun dahin durch die schneeigen Gefilde Rußlands und sahen, von dem Rauche der Bivouacfeuer ganz geschwärzt, Lappländern ähnlicher denn Husaren. Auch würde Niemand aus der Heimath uns, mit den sonst netten Uniformen, jetzt in diesen elenden Anzügen wieder erkannt haben. Um das Bild der Jammergestalten zu vollenden, waren die abgezehrten Gesichter mit starken struppigen Bärten bewachsen, in denen so mancher Schmutz wohl hängen mochte, da von Rasiren oder Waschen im Bivouac bei einer so großen Kälte nicht die Rede sein konnte und wenn auch Gelegenheit dazu vorhanden gewesen wäre, so würde doch Niemand von uns seinen Bart, welcher das ganze Gesicht bedeckte, abgeschnitten haben, da dieser ja dasselbe vor der Kälte mit schützen mußte. Ungeachtet aller dieser angewendeten Schutzmittel gegen die kalte und schneidende Luft kam es doch vor, daß Nasen, Ohren und Füße eine Beute des Frostes wurden, auch manche von den Feldwachen ausgestellten Vedetten, wenn sie abgelöst werden sollten, erfroren waren, was gar nicht auffallend erscheint, wenn man bedenkt, daß wir beim Mangel an gehörigen Nahrungsmitteln und einer warmen Bekleidung mit unsern abgemagerten Körpern einer so heftigen Kälte zu widerstehen nicht immer im Stande sein konnten. Manche Husaren suchten sich, in Ermangelung von gekochten Speisen, durch den Genuß von Branntwein zu erwärmen, wenn wir, was aber selten geschah, ein Fäßchen davon bekommen hatten. Denn die Gegenden, in welche wir kamen, waren nicht allein von uns, sondern auch von den Russen schon mehrmals durchzogen, mithin alle Lebensmittel darin aufgezehrt worden. Wenn dieser Schnaps, welcher nur von Körnern gebrannt wurde und sehr stark war, denn man kannte damals die Kartoffelbrennerei dort noch nicht, in den leeren Magen kam, so erwärmte derselbe zwar für den ersten Augenblick, aber es folgte darauf, wie es nicht anders sein konnte, eine große Müdigkeit. In diesem abgespannten Zustande war nun der Körper der Gefahr des Erfrierens um so mehr ausgesetzt; dies bedachten aber die armen Husaren nicht, die durch den so seltenen Genuß des Branntweins nur ihrem Körper gütlich thun wollten, obgleich mehrere Beispiele das Schädliche dieses Genusses bei großer Kalte ihnen anschaulich gemacht hatten. Denn wir sahen so Manchen, der etwas viel Branntwein zu sich genommen, in einiger Zeit darauf, während des Marsches, in eine große Ermattung fallen, vom Pferde steigen und zurückbleiben, wo er in der starken Kalte unrettbar eine Beute des Todes wurde. Auch habe ich selbst gesehen, daß einem Husaren, welcher in dem Genusse des Branntweins unmäßig gewesen war, der Spiritus förmlich aus dem Munde herausbrannte, was seinen Tod herbeiführte.

In diesem kläglichen Zustande peinigte aber noch Ungeziefer unsere elenden und abgemagerten Körper, welches jener Franzose durch die folgende naive Beschreibung näher zu bezeichnen suchte: ?sind sich kleine Thier, nicht von die hopp, hopp, sondern von die doucement marschir. Dieses Ungeziefer, welches wir in den elenden Dorfhütten aufgelesen und wohl auch mit den russischen Bauerpelzen als Zugabe bekommen haben mochten, hatte sich dadurch, daß wir uns nicht gehörig reinigen und weiße Wasche anlegen konnten, so stark vermehrt, daß unsere Anzüge davon wimmelten. Es ließ uns keine Ruhe, sondern zwickte Tag und Nacht unsere fleischlosen Körper, besonders an den Stellen, welche vom Bivouacfeuer erwärmt wurden, was uns in der Ruhe sehr störte. Denn auf der hintern, dem Feuer nicht zugekehrten Seite des Körpers saß dieses Geschmeiß ganz ruhig, weil es dort kalt war; drehte man sich aber mit jener Seite dem Feuer zu, um dieselbe auch zu erwärmen, so entwickelte es eine große Lebendigkeit und peinigte den Körper so lange, bis man, sich wieder auf die andere Seite legte und die Kälte dort dem unverschämten Treiben desselben ein Ende machte. Um diese grausamen Gäste los zu werden, hatten manche Husaren sich eine Salbe von Quecksilber verschafft, womit sie die bloße Haut einrieben, was aber dem Körper sehr schädlich war. Andere dagegen hatten wieder Bänder, mit dieser Salbe bestrichen, um den Leib gebunden, welches letztere auch ich that, jedoch bald wieder unterließ, da ich bemerkte, daß jenes Mittel den Körper ebenfalls angriff, das Heer des Ungeziefers aber nicht verminderte.

Das Husarenregiment brach von Czerniezno wieder auf und rückte den 6. December bis Blachosczinna und den 7. nach Czytne. In diesen Tagen hatte die Kälte eine Höhe von 26 Grad erreicht, bei welcher wir es auf den Pferden nicht mehr auszuhalten vermochten, sondern während des Marsches absitzen und solche führen mußten, um uns durch das Gehen nur etwas zu erwärmen. Die Kälte war so groß, daß der warme Hauch, wie er aus Nase und Mund kam, sogleich gefror. Unsere stark behaarten Gesichter waren daher mit einem schneeähnlichen Reife, wie wir ihn im Winter oft an den Zweigen der Baume bemerken, ganz bedeckt, auch die Pelzlappen an den Ohren und die Vorstöße unserer Pelze damit überzogen, so daß, wenn das Regiment Halt machte. Niemand seinen Nebenmann mehr erkannte. Selbst an den Pferden konnte man keine Farbe der Haare erkennen, denn diese waren ebenfalls ganz mit Reif bedeckt, so daß alle wie Schimmel aussahen. Auch durfte man die Handschuhe nicht von den Händen abziehen, da letztere von der großen Kalte sogleich erstarrten.

Nachdem das Husarenregiment bis zum 10. December in Czytne gerastet, marschirte dasselbe bei fortdauernder Kälte den 11. nach Roczanna und blieb dort bis zum 13. December. Hier gingen die ersten wenig erfreulichen Nachrichten von dem Rückzuge der großen französischen Armee ein. Das sächsische Corps konnte nun unter diesen veränderten Umständen den beabsichtigten Marsch auf Slonim nicht weiter fortsetzen, sondern mußte, um das Herzogthum Warschau zu decken, eine Stellung am Bug nehmen, wohin denn auch dasselbe seine Richtung nahm; die Oesterreicher aber zogen sich auf Bialystock zurück. Der getroffenen Disposition gemäß marschirte das Husarenregiment den 14. December über Christianpol nach Roskowize, den 15. durch Proczanna nach Sachiec und den 16. durch Czerezew nach Podobna, wo einige Ersatzmannschaften aus Sachsen zu uns stießen, welche wir sehr nöthig bedurften. Auf diesem Marsche gab es viel Glatteis und da die Hufeisen unserer Pferde nicht geschärft waren, so stürzten viele derselben mit ihren Reitern hin. Auch mein Pferd glitt mit mir auf dem Eise aus, ich war aber so glücklich gefallen, daß ich außer einer unbedeutenden Contusion keinen weitern Schaden genommen hatte. Nachdem ein Husar beim Stürzen den Schenkel gebrochen, mußte abgesessen werden, um die Pferde über die besonders glatten Eisstrecken zu führen. Den 17. December wurden Quartiere in Podliscze bezogen und den 18. durch Starawies nach Turenicze marschirt, dann aber vom 19. bis mit 23. December eine Stellung in und bei Terebun genommen.

Die Vorposten des Husarenregiments hielten während dieser Zeit die Ufer der Leszna besetzt, auch wurden Allarmstangen auf verschiedenen Punkten errichtet. Da wir hier einige Tage Ruhe hatten, so mußte ich im Quartiere des Oberstleutnant von Lindenau die nöthigsten Schreibereien besorgen. Demselben mochte wohl das traurige Schicksal der großen französischen Armee schon bekannt sein, das aber, um den Muth der Soldaten nicht zu schwächen, den sächsischen Truppentheilen verschwiegen wurde. Denn ich entnahm aus seinen hingeworfenen Aeußerungen, daß das Vertrauen auf den siegreichen Fortschritt der französischen Waffen, welches ihn zeither nie verlassen hatte, nun zu wanken begann und derselbe jetzt mit weniger Zuversicht auf einen glücklichen Ausgang dieses Feldzuges hoffte. Während ich mit Schreiben beschäftigt war, bemerkte ich, daß der Oberstleutnant einen Knopf von seiner Weste abschnitt und seinem Bedienten, welcher Peter hieß, mit dem Auftrage gab, in dem nahe gelegenen Städtchen Pratulin warme Strümpfe zu kaufen. Da ich bezweifelte, daß derselbe für einen unscheinbaren Knopf etwas bekommen werde, so erklärte mir der Oberstleutnant, wie dieser Knopf nicht so werthlos wäre, als er scheine, denn unter dem Ueberzuge sei ein Goldstück verborgen, was sein Peter wohl wisse. Zur Erläuterung setzte derselbe noch hinzu, daß er, um bei einer etwaigen Gefangenschaft nicht ganz ohne Geld zu sein, Goldstücke von dem Westenzeuge habe überziehen und als Knöpfe aufnähen lassen. Dieser Oberstleutnant war überhaupt ein biederer Mann, zwar strenge im Dienste und mitunter etwas aufbrausend, aber dabei gutmüthig und leutselig, weshalb ihn denn seine Husaren auch sehr lieb hatten, denn er sorgte für sie wie ein Vater für seine Kinder und trug alle Beschwerden wie ein gemeiner Husar. Den 24. December (Christabend) marschirte das Husarenregiment durch Wollczyn nach Ponnicky, den 25. (ersten Weihnachtstag) nach Mielnik, den 26. (zweiten Weihnachtstag) nach Ueberschreitung des zugefrornen Bug bis Sarnicky und den 27. nach Loczice, wo den 28. December Rasttag gehalten wurde. Wohl gedachten wir des herrlichen Weihnachtsfestes, an welchem unsere Lieben in der fernen Heimath einander durch Geschenke erfreuten, nur uns wollte Niemand eine Gabe der Liebe darreichen, denn wir zogen ja zerlumpt und elend in einem fremden Lande herum unter ganz unbekannten Leuten und hatten Mühe, die tägliche Nahrung uns zu verschaffen.

Das sächsische Corps zählte jetzt kaum noch 8000 Mann, welche unter den Waffen waren, worunter es aber auch noch viele halb kranke Leute gab. Die Oesterreicher hatten Bialystock geräumt und sich auf Pultusk gezogen, die Russen aber Brczesc besetzt; ihre Patrouillen streiften bis Zalesic. Einige hundert sächsische Kranke, welche im Lazareth zu Bialystock gelegen, waren noch vor dem Abmarsch der Oesterreicher fortgeschafft worden und es hatten blos einige schwer Verwundete und Kranke, welche nicht zu transportiren waren, dort zurückgelassen werden müssen. Da die Stellung des sächsischen Corps noch zu ausgedehnt war, so mußte dasselbe sich mehr concentriren. Das Husarenregiment marschirte daher den 20. December nach Boity bei Morty und dann, da das sächsische Corps sich noch weiter auf Warschau zurückzog, den 2. Januar 18l3 durch Morty nach Siedlice, wo es bis zum 5. Januar stehen blieb. Die Russen versuchten an diesem Tage einen Ueberfall auf unsere in Morty stehenden Vorposten, welcher aber durch die Wachsamkeit derselben vereitelt wurde.

Den 6. und 7. Januar war das Husarenregiment in Chodow und den 8. und 9. in Niewiska. Der Generalmajor von Gablenz, welcher bis zu seiner Herstellung sich in Warschau aufgehalten hatte, traf wieder beim Corps ein und übernahm das Commando der Arrieregarde, welche aus Husaren, Polenz Dragonern und leichter Infanterie mit drei reitenden Geschützen bestand; auch waren einige polnische Ulanen und Voltigeurs von der Division Durutte, der Nachhut zugetheilt worden. Dieselbe marschirte den 10. Januar durch Makaboda nach Wengrow. Wir waren kaum in dieser Stadt angelangt, als auch schon unsere auf der Straße nach Sokolow ausgestellten Vorposten mehrmals von den Kosaken angegriffen wurden. Vor Wengrow, durch welches ein kleines Wasser, die Liwiec genannt, fließt, befinden sich in der Richtung nach Sokolow waldige Anhöhen, welche sich nach einem, mit Waldungen umschlossenen großen Wiesengrunde zu abdachen, der sich bis nach Liw erstreckt, einem Dorfe, welches ohngefähr tausend Schritte rechts seitwärts von Wengrow an der über Pniewnik und Stanislawo nach Warschau führenden Straße liegt. Diesen Wiesengrund durchschlängelt die Liwiec und nimmt dann ihren Lauf nach Liw und Wengrow. Schon während der Nacht war der vor dieser Stadt befindliche Wald vom Feinde stark besetzt worden und am 11. Januar bei Tagesanbruch sah man bedeutende Massen von Cavallerie und Infanterie aus demselben hervorrücken und sich zum Angriffe formiren. Auch in dem oben beschriebenen, uns mehr rechts gelegenen Wiesengrunde zeigten sich viele Kosaken, welche, wie gar nicht zu bezweifeln war, die Absicht hatten, die hinter Liw nach Warschau führende Straße, auf welcher wir uns nur zurückziehen konnten, noch vor unserer Ankunft zu besetzen und dadurch uns abzuschneiden. Obgleich nun die drei Geschütze, welche in Liw aufgestellt waren, die aus dem Wiesengrunde herankommenden Kosaken sogleich heftig beschossen, so konnten sie doch nicht zum Weichen gebracht werden. Der General von Gablenz war unterdessen von Wengrow nach Liw zurückgegangen und hatte die dort befindliche Brücke über die Liwiec besetzt, in der Absicht, den Feind von dem Uebergange derselben abzuhalten. Die zahlreiche russische Cavallerie ging jedoch unterhalb Liw über die zugefrorne Liwiec, wodurch wir uns zum weitern Rückzuge genöthigt sahen, da auch die durch den Wiesengrund gekommenen Kosaken sich schon der hinter uns gelegenen Warschauer Straße genähert hatten. Die uns sehr überlegene feindliche Reiterei, welcher wir nur wenig Cavallerie, zwei schwache Compagnien Infanterie und drei Geschütze entgegenstellen konnten, griff nun von allen Seiten heftig an, wurde aber durch die Kartätschenschüsse unserer Geschütze und das Flintenfeuer der Infanterie noch in einer gewissen Entfernung gehalten, so daß wir unsern Rückzug auf Pniewnik fortsetzen konnten. Dort trafen wir auf einen starken Unterstützungsposten von der Division Durutte und waren nun in den Stand gesetzt, dem uns verfolgenden Feinde größere Streitkräfte entgegenzustellen, wodurch sich jedoch derselbe von seinen hartnäckigen Angriffen noch nicht abhalten ließ, da es in seiner Absicht liegen mochte, uns aufzureiben, noch ehe wir das Hauptcorps erreicht haben würden. Dies wollte jedoch den Russen, obgleich sie uns heftig zusetzten, nicht gelingen, da wir immer mehr Verstärkung bekamen. Der Verlust während unsers Rückganges war nicht bedeutend und bestand blos aus einigen Todten, Verwundeten und Vermißten, welche letztere wohl in Gefangenschaft gerathen sein mochten. Auf diesem Rückzuge von Liw nach Pniewnik wäre ich fast den Kosaken, welche uns eifrig verfolgten, in die Hände gefallen. Die Straße war nämlich auf vielen Stellen mit Glatteis bedeckt und ich konnte mein Pferd, welches sehr zaghaft war, wenn es über das Eis gehen sollte, nicht schnell genug vorwärts treiben, weshalb ich denn einer von den letzten Reitern des hintersten Zuges war und schon das Hurrahgeschrei der nachsetzenden Kosaken hörte, als zufällig die im Rückgehen begriffene Colonne wieder Front machte und die Kartätschenschüsse unserer Geschütze die feindliche Cavallerie zurückscheuchte.

Dieser ernste Angriff auf unsere Nachhut ließ vermuthen, daß der Feind es nicht dabei bewenden lassen, sondern einen Hauptschlag auf das sächsische Corps ausführen werde. Dasselbe zog sich daher, um sich noch mehr zu concentriren, näher gegen Warschau zurück. Demnach ging das Husarenregiment den 12. Januar nach Kniffnicky und traf den 13. in Dobre ein, wo es bis zum 25. cantonnirte, ohne vom Feinde sehr beunruhigt zu werden. Nur die von uns ausgesendeten Patrouillen und Recognoscirungen stießen manchmal auf feindliche Streifschaaren, wobei unbedeutende Gefechte vorfielen. Die sächsische Infanterie stand hinter uns in Stanislawow und den umliegenden Dörfern. Am 24. und 25. bemerkte man in den feindlichen Stellungen eine große Beweglichkeit, die Russen griffen überall unsere Vorposten an und drängten sie zurück, weshalb der General Reynier den weitern Rückzug gegen Warschau hin anordnete, da das sehr geschwächte sächsische Corps gegen den viel stärkern Feind nichts unternehmen konnte, auf die Unterstützung der Oesterreicher aber nicht zu rechnen war, da sie zu entfernt von uns standen. Das Husarenregiment ging daher den 26. auf Stanislawow zurück, wo es bis zum 28. verblieb. Hier wurde ich von dem Oberstleutnant von Lindenau auf einem requirirten Schlitten nach Warschau gesendet, welches nur 4 Meilen von Stanislawow entfernt ist, um verschiedene Geschäfte und Einkäufe für ihn dort zu besorgen. Die Schlittenfahrt ging rasch vorwärts und bald sah ich Warschau vor mir liegen, welches ich seit dem April 1809, wo ich das letztemal darin gewesen, nicht wieder gesehen hatte. Aber wie verändert fand ich dasselbe gegen damals, wo das lebenslustige Getreibe der Menschenmenge durch die Straßen wogte! Es schien mir, als wenn diese Stadt jetzt von ganz andern Menschen bewohnt würde, denn sie zogen in sich gekehrt, still ihres Weges dahin, was sonst nicht die Art der überaus lebhaften polnischen Bewohner war. Hier bekam ich nun die ersten sichern Nachrichten von dem traurigen Schicksale der großen französischen Armee. Dieselbe hatte schon im October 1812 den Rückzug von Moskau nach Smolensk angetreten, war Ausgangs November in einem kläglichen Zustande über die Berezyna gegangen und es hatten die Trümmer dieser ehemaligen großen Armee, nachdem sie Wilna passirt und den Niemen überschritten, in der zweiten Hälfte des December Königsberg erreicht. Die Polen, welche große Hoffnungen zur Wiederherstellung ihres Reiches, welches Napoleon ihnen verheißen, an die Siege der großen französischen Armee geknüpft hatten, sahen mit Vernichtung derselben auch ihre Erwartungen getäuscht und sich nun eine sichere Beute der Russen werden. Daher ließ sich die Niedergeschlagenheit erklären, welche ich auf allen Gesichtern der Polen in Warschau bemerkte. Da nach diesen wenig erfreulichen Nachrichten eine große französische Armee gar nicht mehr existirte, so lag die Besorgniß sehr nahe, daß die Russen nun mit ihrer ganzen Macht sich auf das schwache, ungefähr noch gegen 6000 Mann starke Corps der Sachsen werfen und dasselbe aufzureiben versuchen würden, was allerdings keine ermuthigende Aussicht gewährte. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die große französische Armee namentlich auf ihrem unheilvollen Rückzuge viel mehr gelitten hat als die Truppentheile, welche zum sächsischen Corps gehörten. Man mag aber auch bedenken, daß letzteres ebenfalls viele Strapazen zu ertragen hatte und bei großer Kälte und so manchen Entbehrungen fast zwei Monate langer gegen die Uebermacht des Feindes kämpfen mußte.

In Warschau besorgte ich nun die mir aufgetragenen Geschäfte und fiel mir wahrem Heißhunger über die dort zum Verkauf ausgestellten Eßwaaren her, um mich für die langen Entbehrungen zu entschädigen. So ging ich denn unter anderm auch zu einem deutschen Glaser, den ich schon während meines ersten Aufenthaltes in Warschau im Jahre 1808 kennen lernte, welcher neben dem Betriebe seines Handwerks noch eine Schank- und Speisewirthschaft etablirt hatte. Hier ließ ich mir einen tüchtigen Heringssalat machen, der früher dort immer sehr gut zu haben war, und trank nachher eine Flasche vortreffliches Bier dazu. Obgleich ich alles mit vielem Wohlbehagen und gutem Appetite verzehrte, so verspürte ich doch am Abende, als ich zum ersten Male nach langer Zeit mich wieder in ein Bett legen wollte, einiges Unwohlsein, denn ich mochte meinen zusammengetrockneten und ausgehungerten Magen mit etwas zuviel Speise und Trank angefüllt haben, was seine sehr geschwächten Verdauungskräfte zu stark in Anspruch genommen hatte. Freilich hätte ich nur allmälig meinen Magen an kräftigere Nahrungsmittel gewöhnen und anfangs die strengste, bei vorhandenem Ueberflusse an Speisen für mich Ausgehungerten doppelt schwere Enthaltsamkeit üben sollen. Die Folgen meiner Unmäßigkeit waren nicht ausgeblieben und sollten sich noch fühlbarer machen, denn am Morgen nach meiner Abreise von Warschau befand ich mich sehr unwohl und kam ganz krank in Stanislawow an, wo ich nach abgestattetem Berichte über die vollzogenen Aufträge mich in meinem Quartiere sogleich auf die Streu legen mußte.

Den 29.Januar früh beim Abmarsche nach Ocuniew war ich noch so krank, daß ich mein Pferd nicht besteigen konnte; der Oberstleutnant von Lindenau ließ mich daher auf einen Deckelwagen des Regiments legen, welcher mit verschiedenen hölzernen Kisten und Kasten beladen war. Denn derselbe wollte, wie er mir sagte, mich deshalb nicht in das Lazareth nach Warschau bringen lassen, weil darin ein bösartiger Typhus ausgebrochen sei, welcher die dahin gebrachten Kranken schnell ergreife und hinwegraffe. Diese fast väterliche Sorge und Theilnahme um mein Geschick rührte mich sehr und obgleich ich in diesem Deckelwagen auf den dort befindlichen harten Gegenständen ein schlechtes Lager hatte und bei den holprigen Wegen darin so herumgeworfen wurde, daß mir alle Glieder am Leibe wehe thaten, so war ich doch sehr froh, daß ich nicht in das Lazareth geschafft worden war.

Den 30. Januar, an dem der Marsch nach Pudcziska fortgesetzt wurde, hatte sich die Kälte etwas vermindert.

Denn 3l. Januar gingen wir oberhalb Warschau über die zugefrorne Weichsel nach Sielce. Das Eis dieses Stromes war so stark, daß unsere Geschütze hinüber gehen konnten.

Den 1. Februar marschirten die Husaren mit einer reitenden Batterie durch Warschau nach Blonie, wo den andern Tag gerastet wurde. Während des Zuges durch diese Stadt konnte ich nichts sehen, da ich auf dem Deckelwagen lag und mich darin, aufzurichten nicht im Stande war.

Bei der großen Uebermacht und dem Andrange des Feindes war vorauszusehen, daß das sächsische Corps sich auch hier nicht lange würde halten können. Es wurde daher die schnelle Räumung des in Warschau befindlichen sächsischen Lazareths, worin über 1500 Kranke und Verwundete liegen sollten, angeordnet und solche nach Kalisch abgeführt. Die schweren Kranken mußten zurückgelassen werden und fielen später den Russen bei der Besetzung von Warschau in die Hände, welche sie als Kriegsgefangene behandelten. Die Oesterreicher waren zeither von den Russen gar nicht beunruhigt, sondern nur durch bloße Scheinbewegungen gegen ihre beiden Flügel zum Rückzuge auf Warschau genöthigt worden; es schien daher, als wenn hinsichtlich dieses allmäligen Rückganges ein gegenseitiges Uebereinkommen getroffen worden wäre. Daß die Oesterreicher absichtlich von den Russen geschont wurden und ein einstweiliger Stillstand zwischen beiden Heeren eingetreten war, ging aus so manchen Vorfällen unzweifelhaft hervor. Eine gleiche Schonung wollten jedoch die Russen den Sachsen nicht zu Theil werden lassen, vielmehr wurden unsere Vorposten fortwährend mit Heftigkeit angegriffen, was diesen, da sie sich immer in Bereitschaft halten mußten, sehr beschwerlich fiel, um so mehr, als die Kälte wieder stärker geworden war. Um den sächsischen Truppentheilen einige Ruhe zu gönnen, sah sich daher der General Reynier veranlaßt, beim Fürsten Schwarzenberg darauf anzutragen, daß von den Oesterreichern, welche in Warschau eingerückt waren, die Vorposten übernommen würden. Das sächsische Corps zog sich nun, nachdem es noch zwei schwache Bataillone Infanterie zur Besetzung der Festung Modlin abgesendet hatte, auch der schwache Rest des Infanterieregiments Prinz Friedrich zur neuen Formirung nach Sachsen abgegangen war, ganz auf das linke Weichselufer zurück. Das Husarenregiment marschirte daher den 3. Februar nach Bolimow und den 4. bis Lobicz, wo den andern Tag gerastet wurde. Ferner den 6. nach Solkowize, wo wir ebenfalls einen Rasttag hatten. Nach eingegangenen Nachrichten waren die beiden russischen Armeecorps der Generale Winzingerode und Dochtorow schon vor einigen Tagen bei Plock an der Weichsel eingetroffen und die große russische Armee im Anmarsche begriffen, auch die Festung Thorn vom Feinde bereits eingeschlossen. Ferner halten die beiden russischen Corps der Generale Sacken und Miloradewicz sich dem rechten Weichselufer jenseits Warschau sehr genähert. Der Fürst Schwarzenberg, welcher diese Stadt bis jetzt besetzt gehalten, sah sich daher genöthigt, dieselbe zu räumen und solche mit Praga den Russen zu überlassen, worauf sich die Oesterreicher nach Gallizien hinter die Pilica zurückzogen. Da nun diese, ohne von den Russen verfolgt worden zu sein, sich vom Kriegsschauplatze ganz entfernt hatten, auch von der sogenannten großen französischen Armee schon lange nichts mehr zu hören und zu sehen war, so blieb nur noch das schwache sächsische Corps, dem sich einige französische Infanterie und polnische Ulanen angeschlossen hatten, übrig, welches den Angriffen des von allen Seiten heranrückenden überlegenen Feindes die Spitze bieten sollte. Unter diesen Umständen, und da auch die bei Plock und Thorn stehenden Russen unsere rechte Flanke bedrohten, war es nothwendig, den beabsichtigten Rückzug auf Kalisch mehr zu beschleunigen. Das Corps brach daher den 8. Februar auf und es marschirten die Husaren bis Lenczyce. Die Colonne des Generalmajors von Gablenz, bestehend aus den schwachen Ueberresten der beiden Cavallerieregimenter von Polenz Dragoner und Husaren, etwas leichter Infanterie, einer reitenden Batterie und einem Detachement polnischer Ulanen, hatte zeither auf dem Rückzuge die rechte Flanke des sächsischen Corps gedeckt. Während des heutigen Marsches wurde nun diese Seitencolonne von den zwischen Warschau und Thorn über die Weichsel gegangenen Russen sehr beunruhigt, es mußte daher öfters Halt gemacht und der zudringliche Feind zurückgewiesen werden. Dabei war der Deckelwagen, auf dem ich krank lag, einigemal in Gefahr, von den Russen genommen zu werden und schon befürchtete ich in die Hände derselben zu fallen, als ich durch eine im Wagendeckel befindliche Lücke einen Trupp mit Lanzen bewaffneter Reiter in der Ferne bemerkte, welche auf den Wagen zu sprengten. Wie sie näher herankamen, sah ich jedoch zu meiner großen Beruhigung, daß es keine Kosaken, sondern polnische Ulanen waren, mithin meine Besorgniß unbegründet gewesen sei. Ein eigenthümliches Gefühl ergriff mich in meiner hülflosen und verlassenen Lage in diesem Wagen, wenn ich das Schießen, Hin- und Hersprengen der Reiter vernahm, ohne zu sehen und zu wissen, wie das Gefecht enden werde. Denn jeden Augenblick mußte ich gewärtig sein, daß die überall herumschwärmenden Kosaken den Wagen als gute Beute in Beschlag nehmen, mich ausziehen und dann in meinem kranken Zustande halb nakt auf dem Erdboden liegen lassen würden. Schon einmal war der Trainknecht, welcher den Regimentswagen fuhr, nahe daran, die Stränge abzuschneiden und sich mit den Pferden zu flüchten, als glücklicher Weise ganz unvermuthet noch ein Trupp Husaren von unserm Regimente ankam, um den Wagen zu schützen und weiter zu escortiren.

Den 9. Februar marschirten wir bis Orczewsko und den 10. durch Unicjow nach Przygonna. Da ich wegen Mattigkeit und der steif gefrornen Glieder mich im Wagen nicht in die Höhe richten konnte, so mußte ich jedesmal, wenn das Regiment den Ort seiner Bestimmung erreicht hatte, vom Wagen gehoben werden. Einstmals aber hatte man dies zu thun ganz vergessen und ich würde gewiß noch lange darauf haben liegen müssen, wenn nicht der Oberstleutnant von Lindenau, welcher sich immer sehr theilnehmend gegen mich bezeigte, an den Wagen herangekommen wäre, um sich selbst zu überzeugen, ob ich heruntergebracht worden sei. Da nun dies nicht geschehen, so war er sehr ungehalten darüber, daß man mich in der Kälte noch so lange auf dem Wagen hatte liegen lassen und gab Befehl, mich sofort herabzunehmen und in ein Haus zu tragen. Dadurch, daß ich über acht Tage lang auf den hölzernen Kisten des Wagens hatte liegen und bei den hartgefrornen holprichen Wegen alle Stöße darauf aushalten müssen, waren meine Achseln und die Hüftknochen ganz wund geworden und schmerzten mich sehr, denn das wenige Stroh, welches man über die Kasten gebreitet hatte, war nicht hinreichend, mir auf diesen harten Gegenstanden ein weiches Lager zu gewähren. Unter diesen mißlichen Umständen, und da ick keine gehörige Diät beobachten, auch mich vor Erkältungen nicht hüten konnte, hatte sich mein krankhafter Zustand sehr verschlimmert.

Den 11. Februar erreichten wir Slodkowo. Alle Vorposten wurden heute von den Russen heftig angegriffen und zurückgedrängt, weshalb der General Reynier sich veranlaßt sah, den Rückzug des sächsischen Corps auf Kalisch noch mehr zu beschleunigen, um dort eine gedrängtere Stellung zu nehmen. Auch wurde in dem heutigen Tagesbefehle angeordnet, daß alle bei den verschiedenen Truppentheilen noch befindlichen Kranken und Verwundeten des andern Tages nach Schlesien und Sachsen transportirt werden sollten. Der Oberstleutnant von Lindenau, welcher mich von diesem Befehle in Kenntniß setzte, eröffnete mir, daß er mich nun nicht länger zurückhalten dürfe, es auch für mich gut sei, wenn ich bei den bedrohlichen Anzeichen eines baldigen und heftigen Kampfes mit den Russen in Sicherheit gebracht würde, damit ich dann unter besserer Pflege und mit mehr Zeit und Ruhe meine Herstellung abwarten könne. Dabei versprach er mir noch, darauf zu sehen, daß ich einen guten Wagen bekäme.

Den 12. Februar früh wurden in Wolnow, wohin das Husarenregiment noch in der vorigen Nacht gerückt war, die requirirten Bauerwagen mit den vorhandenen Kranken beladen, welche sodann nach Kalisch abfuhren. Auf meinen Wagen hatte man noch einen kranken Husaren, Namens Blumenstengel, gebracht, welchen ich gut kannte, da er zur zweiten, in Artern garnisonirenden Escadron gehörte. Nachdem alle Kranken und Verwundeten, welche sich noch beim Regimente befunden, auf den Transport gebracht worden, hatte sich der Bestand desselben so vermindert, daß nur noch gegen 100 Mann diensttüchtig waren und das Husarenregiment seiner Schwache wegen in eine Escadron formirt werden mußte. Von den 8 Escadrons, aus denen es ursprünglich bestand, war daher nur noch eine übriggeblieben. Wird nun angenommen, daß der Ersatz, welchen das Husarenregiment während des Feldzugs einigemal aus Sachsen bekommen, mindestens aus 100 Mann bestanden habe, so fehlten bei diesem Regimente, da es über 1000 Reiter stark ausmarschirte, jetzt aber vor Kalisch nur noch 100 zählte, fast 1000 Mann, welche theils geblieben, gefangen, erfroren und verwundet worden, krank in den Lazarethen lagen oder darin bereits verstorben waren. Durch das Mißgeschick des Krieges war also das Husarenregiment sehr zusammengeschmolzen und ich konnte daher froh sein, daß ich noch einer von den Wenigen war, die bis vor Kalisch dem Regimente hatten folgen können.

Nachdem die Wagen in dieser Stadt angekommen, wurden die Kranken für die Nacht in ein Gebäude gebracht. Am Morgen des 13. Februar, wo wieder aufgebrochen werden sollte, kamen noch viele Wagen mit Kranken und Verwundeten von andern sächsischen Truppentheilen in Kalisch an, so daß nun der ganze Krankentransport jetzt wohl mehr als 60 Wagen zählen mochte. Zur Bedeckung derselben war ein Officier mit einer Abtheilung sächsischer Infanterie commandirt worden, unter der sich mehrere Unterofficiere befanden, welche nach Sachsen zurückgehen sollten, um bei Ausbildung der Rekruten und einer neuen Formation der Armee mit verwendet zu werden. Auch einige Chirurgen waren beim Transporte befindlich. Die polnischen Bauerwagen sind sehr klein und unbequem eingerichtet; so lange daher ich und der Husar, mit welchem ich von Wolnow hierher gefahren war, einen Wagen allein hatten, so fanden wir gerade so viel Räumlichkeit darauf, als wir bedurften, um uns in liegender Stellung bequem ausstrecken zu können. In Kalisch bekamen wir aber bei der Abfahrt leider noch zwei Gefährten, da die gestellten Wagen zur Aufnahme der vielen Kranken nicht ausreichend waren, mithin solche stärker besetzt werden mußten. Der eine davon gehörte zum Regiment Polenz Dragoner und der andere war ein Schütze von der leichten Infanterie. Beide waren verwundet, der erste hatte nämlich einen Hieb in den Arm und der zweite einen Schuß durch die Hand, sonst befanden sie sich, die Verwundungen abgerechnet, noch ziemlich munter. Dieser Zuwachs war uns freilich nicht angenehm, weil dadurch der Raum auf dem Wagen so beschränkt wurde, daß wir uns weder drehen noch wenden konnten, ohne einander zu berühren. Da ich und der andere Husar so krank waren, daß wir weder sitzen noch stehen konnten, so überließen uns zwar die andern zwei Gefährten so viel Räumlichkeit, um uns legen und etwas ausstrecken zu können. Es ließ sich aber nicht wohl vermeiden, daß, wenn der Wagen auf den schlechten Wegen hin- und herwanktete, die beiden Fahrgenossen, welche größtenteils stehen mußten, entweder auf uns geworfen wurden, oder uns mit ihren Füßen traten, was eine große Belästigung war. Unsere Wagencolonne konnte seit der Abfahrt von Kalisch wohl 3 Stunden Weges zurückgelegt haben, als wir eine starke Kanonade hinter uns, in der Richtung nach dieser Stadt zu, vernahmen, die uns sehr beunruhigte. Nach den von dem verstorbenen Stabssecretair Winkler mir mitgetheilten Notizen aus seinem Tagebuche war nämlich den 13. Februar Vormittags das schwache sächsische Corps, welches mit Hinzurechnung der dabei befindlichen Franzosen von der Division Durutte und einiger polnischen Ulanen, kaum noch 6000 Mann unter den Waffen hatte, von den Russen mit großer Uebermacht auf allen Seiten angegriffen worden und hatte sich von den besetzt gehaltenen Dörfern mit bedeutendem Verluste auf Kalisch zurückziehen müssen. Da es auch hier sich nicht behaupten konnte, so hatte dasselbe am 14. Februar den weitern Rückzug über Raszkow, Kobylin, Rawicz und Guhrau nach Glogau fortgesetzt und auf den Dörfern bei dieser von den Franzosen besetzten Festung Cantonnirquartiere bezogen. Die Seitencolonne des General von Gablenz, zu welcher auch der Rest des Husarenregiments gehörte, war von den Russen ganz abgeschnitten worden und mußte, da jede Verbindung mit dem sächsischen Corps durch das schnelle Vordringen des Feindes unterbrochen worden war, sich noch am Abend nach dem Gefechte bei Kalisch über Opatowek, Brzeziny und Grabow nach Ostrenzow, auf deutsch: Schildberg, zurückziehen, wo die Colonne nach einem sehr beschwerlichen Nachtmarsche am Morgen des 14. Februar anlangte. Ein vom General Reynier abgesendeter Officier brachte hier dem General von Gablenz den Befehls mit seiner abgeschnittenen Colonne die Richtung auf Radomsk zu nehmen und sich an das dort stehende österreichische Corps anzuschließen. Dieselbe brach daher den 16. Februar auf und setzte ihren Marsch über Kempen, Broska, Klowotzka, Biala, Sorambize nach Kumecpol fort, wo die Colonne den 20. Februar ankam und dort das auf den umliegenden Dörfern in der größten Ruhe cantonnirende österreichische Corps erreichte. Nach einigen gehaltenen Rasttagen bekam der General von Gablenz eine im österreichischen Hauptquartiere ausgefertigte Marschroute nach der Gegend von Krakau, wo derselbe mit den zu seinem Commando gehörigen Truppentheilen, bis zu dem im April erfolgten Rückmarsche nach Sachsen, Cantonnirquartiere bezog.

Nun kehre ich wieder zu unserer Wagencolonne und zur Zeit zurück, wo wir am Morgen des 13. Februar den starken Kanonendonner von Kalisch her vernahmen, nachdem wir erst vor einigen Stunden dort abgefahren waren. Da man nicht wissen konnte, wie dieser Kampf enden werde, welcher, nach der starken Kanonade zu urtheilen, sehr heftig sein mußte, so wurde, um uns von dem Kampfplatze immer weiter zu entfernen, die Fahrt auf alle Weise beschleunigt und nicht nur den ganzen Tag, sondern auch noch in die Nacht hinein fortgesetzt. Das anhaltende, nur durch wenige Pausen unterbrochene Fahren im offenen Wagen auf schlechten Wegen und in kalter Nachtluft hatte mich sehr angegriffen, meine Hände und Füße waren von der Kälte ganz erstarrt, auch fühlte ich bedeutende Kopf- und Rückenschmerzen. Mein Leidensgefährte, der Husar Blumenstengel, hatte während dieser Fahrt ebenfalls viel gelitten, aber nur dann und wann einige Klagelaute ausgestoßen, sonst lag er ziemlich ruhig, aber in einem sehr abgespannten Zustande da. Wenn ich sein blasses und abgezehrtes Gesicht im Stillen betrachtete, so fühlte ich mich vom innigsten Mitleid ergriffen, obgleich ich selbst krank und elend war. Es mochte gegen 10 Uhr Abends sein, als wir nach einer Fahrt über Ostrowo in Sulmierzyce, fast 6 Meilen von Kalisch entfernt, anlangten, wo übernachtet werden sollte. Nachdem Halt gemacht worden, wurde ich und der Husar Blumenstengel von dem Wagen gehoben, in ein Haus getragen und auf eine Streu gelegt, welche uns in der Stube bereitet worden war. Da wir aus Mangel an Appetit nichts zu essen begehrten, so begaben sich auch die Bewohner des Hauses bald zur Ruhe und ließen uns beide in der Stube allein zurück. Da ich, obgleich sehr matt, dennoch nicht schlafen konnte, so bemerkte ich spät in der Nacht, wie der neben mir liegende Husar sehr unruhig wurde und unter Aechzen und Stöhnen sich auf der Streu herumwälzte, dann aber das bekannte Kirchenlied: ?Meinen Jesum laß ich nicht mit heller und kräftiger Stimme zu singen begann. Blumenstengel gehörte nämlich zu dem im Regiment gebildeten Sängerchor und besaß einen hübschen Tenor, weshalb er denn auch die Soloparthieen sang. Nach einiger Zeit, nachdem von ihm der Anfang dieses Liedes mehrmals wiederholt worden war, wurde er ganz stille und da ich glaubte, daß er nun eingeschlafen sei, so wollte ich ihn durch eine Frage über sein Befinden nicht stören. Am andern Morgen, den 14. Februar noch vor Tagesanbruch, kamen die Soldaten von der Bedeckung, um uns auf den Wagen zu bringen, aber wie groß war meine Bestürzung, als der Husar Blumenstengel neben mir todt gefunden wurde, denn er war in der Nacht verschieden und hatte sich in den ewigen Schlaf gesungen! Dieser plötzliche und unerwartete Tod meines Leidensgefährten, den ich gar nicht für so gefährlich krank gehalten, erregte die wehmüthigsten Gefühle und die größte Besorgniß in mir, denn wie leicht konnte auch mich ein so schneller Tod ereilen, fern von meiner Heimath und den theuren Lieben! Ganz entmuthigt und höchst niedergeschlagen brachte man mich auf den Wagen und die Fahrt wurde heute über Zduny, Jutroszyn bis Sarne fortgesetzt. Während derselben kam es mehrmals vor, daß der laute Ruf von einem oder dem andern Nagen sich hören ließ: ?Hier ist einer todt, worauf von den Andern die trockene und theilnahmlose Antwort erfolgte: ?werft ihn herunter, was denn auch während des Fahrens sogleich geschah, da man es gar nicht für nöthig hielt, bei dem Herabwerfen eines Todten den Wagen halten zu lassen, auch bei der eiligen Fahrt jede Stockung in der Colonne vermieden werden sollte. So hatten die erlebten Jammerscenen, Noth und Elend, das Gefühl für Menschlichkeit in der Brust der Soldaten abgestumpft, daß sie ganz gleichgültig mit ansehen konnten, wie ein todter Camerad auf die Straße herabgeworfen wurde und dort unbegraben liegen blieb. Im Stillen knüpfte ich an diese traurigen Vorfälle die ernste Betrachtung, wie bald es kommen könne, daß auch einmal von unserm Wagen ein gleicher Ruf ertöne und ich als ein Todter herabgeworfen werde. Es war übrigens nicht zu verwundern, daß während des Transports von den Kranken mehrere starben, denn sie hatten nicht nur ein schlechtes Lager auf diesen elenden Fuhrwerken und waren dem scharfen Luftzuge ausgesetzt, sondern man konnte ihnen auch, da die anhaltende Fahrt durch eine kurze Rast nur selten unterbrochen wurde, die erforderliche Pflege nicht angedeihen lassen und sie mit wärmenden Suppen oder Medizin versehen. Wir mußten indeß noch froh sein, daß die Kälte seit ein paar Tagen etwas nachgelassen hatte, denn sonst würden gewiß viele Kranke, welche keine warme Bekleidung hatten, auf diesen offenen, nur mit etwas Stroh belegten Wagen erfroren sein. Die Bekleidung war nämlich fast bei allen in einem erbärmlichen Zustande. So hatte ich über meinen ganz zersetzten Husarenpelz einen kurzen russischen Bauerpelz gezogen, welcher unzählige Brandlöcher vom Bivouacfeuer zeigte, dann ein paar zerrissene Reithosen und mit Stricken zusammengebundene Stiefeln an, in welche ich statt der Strümpfe etwas Stroh gelegt hatte. Eine kleine Fouragirmütze, deren Farbe einmal blau gewesen war, bedeckte meinen Kopf und einige daran befestigte Pelzlappen die Ohren, denn den Mantel, welcher blos noch aus einigen Tuchfetzen bestand, hatte ich schon langst nicht mehr brauchen können. Obgleich dieser beschriebene Anzug nur ein sehr nothdürftiger genannt werden konnte, so gab es doch viele Kranke, welche noch schlechter bekleidet waren als ich und die selbst einen halb verbrannten Bauerpelz, wie ich einen solchen besaß, noch entbehren mußten.

In Sarne, einem Städtchen, kamen wir nach einer Fahrt von fast 7 Meilen erst in der Nacht an; die Wagen fuhren in einen Hof, in dem ein langes Gebäude stand, welches ehemals ein Kloster gewesen sein sollte. In diesem Gebäude, worin schon ein Lazareth gewesen sein mochte, da alle Räume noch mit altem Stroh bedeckt waren, wurden die Kranken untergebracht. Es schien auch, als wenn wir hier längere Zeit bleiben sollten, denn bald, nachdem wir uns auf das Stroh gelagert, kam ein Militairarzt, begleitet von einem Unterofficier und Lazarethwärter, in unsere Stube und befragte die Kranken der Reihe nach, wie sie lagen, nach Namen, Alter, Geburtsort und Charge. Die Antworten wurden von dem Unterofficier aufgeschrieben und der Krankenwärter, welcher eine große Flasche Medizin trug, die, wie ich nachher schmeckte, viel Kampher enthielt, gab dann jedem Kranken einen Löffel davon. Es mußte dies also ein Universalmittel sein und wir schluckten diese Tropfen begierig hinunter, da es die erste Medizin war, welche wir seit der Abfahrt von Kalisch bekommen hatten. Wie ich so auf der Streu lag, machte ich die unangenehme Bemerkung, daß ganze Schaaren von Ungeziefer auf meinen blauen Reithosen ungenirt herumspazierten. Die Aussicht war allerdings nicht reizend, auf diesem mit Ungeziefer bedeckten alten Stroh noch die Nacht zubringen zu müssen. Während ich nun gegen das Andringen dieser unverschämten Gäste mich mit beiden Händen wehrte, wurde von zwei Lazarethwärtern ein großes hölzernes Gefäß hereingebracht, woraus sie kleine blecherne Näpfe füllten und sodann den Kranken mit einem Löffel reichten. Auch ich bekam eine Portion, welche aus gekochtem Grütze bestand, konnte aber nur wenig davon genießen, da mein Magen zu schwach war, um das Genossene zu behalten. Indem ich versuchte, ein wenig zu schlafen, würde die Thüre plötzlich aufgerissen und hereingerufen: ?Auf, schnell zu Wagen, die Kosaken kommen. Dieser unerwartete Ruf ging allen durch Mark und Bein, da wir geglaubt hatten, hier ganz sicher zu sein. Mit Anstrengung aller meiner wenigen Kräfte suchte ich an die Thüre zu gelangen, denn alles strömte, von einem gewissen Schrecken ergriffen, auf solche zu und so kam ich denn im Gedränge, mehr getragen als gehend, die Treppe glücklich hinunter, wo man uns schnell auf die Wagen hob. Nachdem wir in der kalten Nachtluft fast eine Stunde auf ihnen verweilt hatten, kam die von unserer Bedeckung abgesendete Patrouille mit der Nachricht zurück, daß das Geschrei von den Kosaken nur durch ein Mißverständniß veranlaßt worden sei. Die Kranken wurden also wieder von den Wagen genommen und in die verlassenen Stuben zurückgebracht. Nun vermißte ich erst mit großem Bedauern meinen Mantelsack, diesen allen Begleiter auf allen meinen Zügen, in welchem ein Hemd und noch andere Kleinigkeiten befindlich waren. Derselbe mochte wohl im Gedränge mir unter dem Arme, wo ich ihn trug, entfallen sein und obgleich ich durch einen Lazarethwärter danach suchen ließ, so wurde er doch nicht aufgefunden und ich habe ihn seitdem nicht wieder zu Gesicht bekommen. Alles, was ich besaß, bestand daher nur noch aus meinem zerlumpten Anzuge. Da es hinsichtlich der Kosaken doch nicht so recht sicher sein mochte, so wurde der Plan eines längeren Aufenthaltes der Kranken in Sarne aufgegeben.

Die Wagencolonne brach daher den 15. Februar früh wieder auf, um die Fahrt über Rawicz nach der schlesischen Grenze fortzusetzen. Bei derselben befand sich nun auch ein mit Ochsen bespannter Wagen, auf welchen ich bei der heutigen Abfahrt zufällig gebracht wurde, was mir unangenebm war, da Ochsenfuhren, wie bekannt, sich nur langsam fortbewegen. Hierzu kam, daß die Ochsen vor unserm Wagen noch von der gestrigen Fahrt ermüdet waren, daher öfters stehen blieben oder sich sogar legten und daß dann die Peitsche des polnischen Bauers nicht vermögend war, dieselben eher zum Aufstehen und Fortgehen zu bewegen, bis sie gehörig ausgeruht hatten. Durch diesen oftmaligen Aufenthalt war denn unser Ochsenwagen der letzte vom ganzen Transporte geworden. Es mochten wohl zwei Stunden verflossen sein, seitdem die Wagencolonne durch Rawicz gegangen war, als einige Reiter davor, welche in diesem Orte sich etwas verweilt, eiligst uns nachgesprengt kamen und die Nachricht brachten, daß man jenseits Rawicz auf der Straße von Tarne her Kosaken bemerkt habe. Diese Nachricht theilte sich wie ein Lauffeuer der ganzen Colonne mit und verbreitete überall Schrecken und Bestürzung. In wilder Hast zerstreuten sich die Wagen nach allen Richtungen hin, um den gefürchteten Kosaken zu entgehen, welche, wie man wohl mit Grund annehmen konnte, die Aufhebung dieser Wagencolonne beabsichtigten. Die Infanteriebedeckung, welche unserem als dem letzten Wagen vom ganzen Transporte folgte, eilte, wie sie von der Annäherung der Kosaken hörte, sich weiter vorn anzuschließen, indem der Officier erklärte, daß er sich bei unserm langsamen Ochsenwagen, welcher sehr weit zurückgeblieben sei, nicht langer aufhalten könne, wir möchten daher für unser ferneres Fortkommen selbst sorgen. Auf dem Wagen befanden sich nun außer mir noch zwei Schützen und ein Trompeter von den Dragonern, welche drei Personen aber nur leicht verwundet waren. Diese hatten kaum die Nachricht von der unwillkommenen Nähe der Kosaken und die Erklärung des Officiers vernommen, als sie auch sogleich den Wagen halten ließen, schnell herabsprangen und unter vielen Verwünschungen gegen die Kosaken auf einem in den nahen Wald führenden Seitenwege davon eilten. Da ich ganz unvermögend war, mich zu erheben, so blieb ich allein auf dem Wagen zurück. Der polnische Bauer, welcher nun gern auch denselben mit seinen Ochsen in Sicherheit bringen wollte, stand an der Seite desselben und sah mich mit Blicken an, als wollte er sagen: ?Nun, was soll denn mit dir werden, warum gehst du nicht auch herunter, damit mein Wagen leer wird? Seine Gedanken errathend winkte ich denselben zu mir heran und indem ich mit schwacher Stimme die Worte an ihn richtete: ?Procze Klopka, auf deutsch: ?bitte, Bauer, machte ich Gesticulationen mit meinen beiden Armen, als wenn ich in die Höhe gehoben sein wollte. Dies hatte der Pole recht gut begriffen, denn er packte mich sogleich mit seinen kräftigen Fäusten und hob mich vom Wagen herab. Da ich aber nicht stehen konnte, so legte er mich auf den Erdboden nieder, drehte eiligst seinen Wagen um und fuhr auf einem Seitenwege davon. Eine Weile lag ich auf dem kalten noch mit Schnee bedeckten Boden da; indem ich aber bedachte, daß ich hier doch nicht lange liegen bleiben könnte und daß, wenn die Kosaken kamen, es mir sehr schlecht ergehen werde, so stellte ich mehrere Versuche an, um auf die Beine zu gelangen, aber vergebens. Denn außer einer großen Mattigkeit fühlte ich in den Fußsohlen einen so stechenden Schmerz, als wenn lauter Stecknadeln darin wären. Ein Glück für mich war es, daß ich mich schon ganz nahe an der schlesischen Grenze befand und daß das Dorf,- welches ich ungefähr eine Viertelstunde weit vor mir liegen sah, schon preußisch war, wie ich nachher erfuhr.

Um zu diesem Dorfe, dessen Namen mir entfallen ist, zu gelangen, blieb mir nun nichts weiter übrig, als zu versuchen, ob ich durch Kriechen auf Händen und Füßen dasselbe zu erreichen vermöchte. Dieses allerdings nur langsame und sehr beschwerliche Fortbewegen konnte ich jedoch nicht lange aushalten, sondern blieb bald erschöpft liegen, um dann immer wieder von neuem einen weitern Versuch zu beginnen. Durch die vielen Wagen unserer Colonne, welche das vorliegende Dorf in größter Eile passirt hatten, waren die Bewohner desselben veranlaßt worden, aus ihren Häusern auf die Straße zu kommen, um etwas Näheres darüber zu erfahren. Einige davon hatten nun vom Dorfe aus bemerkt, wie ich auf dem Wege nach demselben mich nur kriechend fortbewegte, und daraus geschlossen, daß ich ein zurückgebliebener Kranker von der geflüchteten Wagencolonne sei. Zwei Einwohner kamen mir daher eine ziemliche Strecke Wegs entgegen, hoben mich vom Boden auf und brachten mich, in die Mitte nehmend, nach ihrem Dorfe, was denselben viel Mühe verursachte, da sie bei meiner großen Schwäche mich abwechselnd tragen mußten. In einem Hause ließen sie mir sogleich eine warme Suppe kochen, aber leider konnte ich nichts davon genießen, da mein Magen so schwach war, daß er den ersten Löffel der hinuntergeschluckten Flüssigkeit sogleich wieder von sich gab.

Diese beiden gutmüthigen Einwohner, welche auf Befragen von mir gehört hatten, daß ich ein sächsischer Husar sei und aus Rußland käme, bedauerten nun sehr, daß sie mich in diesem kranken Zustande nicht länger behalten könnten, denn bei der Ankunft der Kosaken würde es mir übel gehen, wenn sie mich hier fänden. Sie meinten daher, daß es gut sei, wenn ich sobald als möglich das Dorf verließe und von der Landstraße abwärts weiter fortzukommen suchte, indem es wahrscheinlich wäre, daß auf der letzteren die Kosaken vorrücken würden. Da ich diesen Rathschlägen nur beistimmen konnte, so hatte man schnell einen Wagen herbeigeschafft, welcher mich nach dem nächsten, links seitwärts von der Straße gelegenen Orte bringen sollte. Bei dem Abschiede, den ich unter herzlichen Danksagungen von diesen guten Leuten nahm, gaben sie mir noch eine warme Decke mit, deren ich mich auf dem Wagen bedienen sollte. Im ersten Dorfe fand ich wieder mitleidige Seelen, welche mir einen andern Wagen gaben, und so wurde ich von Ort zu Ort heute noch bis Trachenberg gefahren, wo ich ein gutes Quartier bekam. Ueberhaupt muß ich hier der Gutmüthigkeit und Gastfreundlichkeit rühmend gedenken, welche ich mit wenigen Ausnahmen auf meinem elenden Zuge durch Schlesien fast überall gefunden habe. Wie ich in meinem Quartiere hörte, war ein großer Theil von unsern Krankenwagen schon heute Vormittag in Trachenberg angekommen; dieselben hatten aber nach kurzem Verweilen die weitere Fahrt auf der nach Breslau führenden Straße eiligst fortgesetzt; welche Richtung die übrigen Wagen genommen, konnte ich jedoch nicht erfahren. Hier sagte man mir auch, auf Befragen, daß der Weg nach Sachsen über Steinau näher sei, als wenn ich über Breslau gehen würde, welche letztere Stadt noch 6 Meilen von hier entfernt war. Seit langer Zeit hatte ich wieder ein wenig geschlafen und auch einige Löffel Suppe genießen können. Leider war es aber schlimm, daß am Morgen des 16. Februar, als ich von Trachenberg meinen Weg nach Steinau, wohin noch 4 Meilen sein sollten, fortsetzen wollte, ich keinen Wagen bekommen konnte, indem alle disponiblen Pferde gestern zum schnellern Fortschaffen der Krankenwagen hatten gestellt werden müssen. Da ich nun aber auch hier nicht länger verweilen durfte, denn man sprach schon wieder von Annäherung der Kosaken, so blieb mir nichts weiter übrig, als zu versuchen, ob ich bis auf das nächste, ungefähr eine halbe Stunde an der Straße nach Steinau gelegene Dorf zu Fuße gelangen könnte, indem ich hoffte, dort vielleicht einen Wagen zu bekommen. Nachdem man mir einen Stock gegeben, auf den ich mich stützen konnte, trat ich meine kleine Fußwanderung mit schwankenden und langsamen Schritten nach jenem Dorfe an, denn es fehlte mir an Kräften, auch waren meine Füße angeschwollen und schmerzten beim Gehen sehr. Seit gestern war Thauwetter eingetreten und dadurch der Schnee weich und wässerig geworden, weshalb ich einen unsichern Tritt hatte. Auch mußte ich, wenn ich ein paar langsame Schritte mit Hülfe meines Stocks vorwärts gethan, immer wieder stehen bleiben und ausruhen, denn auf den Boden konnte ich mich nicht setzen, da derselbe durch das Thauwetter ganz durchnäßt worden war. Ueber eine Stunde lang hatte ich durch Anstrengung meiner wenigen Kräfte mich bemüht, vorwärts zu kommen, aber nur erst ein kleines Stück vom Wege nach dem Dorfe zurücklegen können, ich verzweifelte daher fast, daß ich im Stande sein würde, dahin zu gelangen, da meine Ermattung immer größer wurde. So kam ich an einen durch Windwehen mit Schnee ganz angefüllten Hohlweg und indem ich auf dem noch hervorragenden schmalen Rand desselben vorbeizukommen suchte, mochte ich wohl durch meinen schwankenden und unsichern Tritt der Hohle zu nahe gekommen sein, denn plötzlich glitt ich mit beiden Füßen in den tiefen Schnee derselben hinab, so daß mein ganzer Körper bis an den Kopf davon bedeckt war. Zu kraftlos, um mich aus dem Schnee, in welchem ich wie eingekeilt lag, wieder hervorarbeiten zu können, blieb mir nichts weiter übrig, als mich in das unvermeidliche Schicksal ruhig zu ergeben und nach so vielen überstandenen Trübsalen hier mein Ende zu erwarten, denn ich hatte nun alle Hoffnung zur Erhaltung meines Lebens aufgegeben. Im Geiste nahm ich daher noch einen bewegten Abschied von meiner armen Mutter, die nun auch mich verlieren, mithin von ihren drei Söhnen keinen einzigen mehr behalten sollte, der ihr im Alter eine Stütze gewähren könnte. Denn mein jüngster Bruder verlor sein Leben in der Schlacht bei Podobna und der älteste Bruder hatte schon vor mehrern Jahren eine Seereise angetreten, seitdem aber nichts von sich hören lassen, mithin war anzunehmen, daß auch er nicht mehr lebe. Kurz nachdem ich dieses gedacht, mußte ich das Bewußtsein verloren haben, denn ich weiß nicht, wie lange ich im Schnee dieser Hohle gelegen haben mag. Noch sollte ich aber nicht untergehen, denn die gütige Vorsehung sendete mir einen Retter in der Person eines Chirurgen von der sächsischen Infanterie. Dieser war nämlich, nachdem die Krankenwagen auf den Ruf: ?die Kosaken kommen sich nach allen Richtungen hin geflüchtet, davon abgekommen und suchte nun auf die Breslauer Straße zu gelangen, wo er einige Wagen vom Transporte wieder anzutreffen hoffte. Sein Weg hatte ihn, wie er mir nachher erzählte, zufällig zum Hohlwege gebracht, in welchen ich unter dem Schnee begraben lag. An der über denselben noch hervorragenden Militairmütze hatte derselbe nun erkannt, daß es ein sächsischer Husar sei, welcher hier liege. Er hatte mich hierauf mit vieler Mühe, da ich schon ganz steif und leblos gewesen, aus dem Schnee hervorgezogen und mir einige Tropfen Liquor eingeflößt, auch die Schläfe damit eingerieben, worauf ich wieder zum Bewußtsein gekommen war. Indem ich dem Retter in der höchsten Noth meinen herzlichsten Dank stammelte, führte er mich in das vorliegende, kaum noch eine Viertelstunde entfernte Dorf, wo ich in einem Hause etwas ausruhen konnte. Nachdem dies geschehen, verschaffte mir jener einen Wagen, der mich nach Winzig, einer kleinen Stadt, welche an der Straße nach Steinau liegt, bringen sollte, da er der Ansicht war, daß ich bei meiner großen Körperschwäche einer baldigen Ruhe und Pflege durchaus bedürftig sei, welche ich in dem nähern Steinau eher finden könne, als in dem entfernteren Breslau. Nachdem ich auf den Wagen gebracht worden und der Chirurgus mir noch etwas Liquor eingeflößt, verließ er mich, um seinen Weg auf der Straße nach Breslau fortzusetzen, wohin der größte Theil von den Krankenwagen gegangen war. Leider habe ich damals vergessen, nach dem Namen dieses edlen Mannes zu fragen, denn ohne seine Hülfe hätte ich nimmer das Tageslicht und meine Heimath wieder erblickt. In Winzig gab man mir bereitwillig einen andern Wagen und so wurde ich heute noch bis Kunzendorf gefahren, von welchem Dorfe man ungefähr eine halbe Viertelstunde bis zur Oder und dem Fährhause hat, wo nach Steinau übergesetzt wird, welche Stadt am linken Ufer dieses Stromes liegt. Bei meiner Ankunft in Kunzendorf hörte ich jedoch, daß die Oder in Folge des eingetretenen Thauwetters nicht mehr zu passiren sei, indem das Wasser schon über dem Eise stehe. Es war mir nun aber sehr daran gelegen, heute noch nach Steinau zu gelangen, da, wenn die Oder von mir passirt war, ich von den Kosaken, über deren Annäherung auch hier gesprochen wurde, nichts mehr zu befürchten hatte. Auch hoffte ich in dieser Stadt eine bessere Pflege zu finden, als in einem Dorfe, wo ich so lange hätte bleiben müssen, bis der Eisgang vorbei und die Passage über die Oder wieder frei geworden war, worüber, wie die Leuten meinten, wohl 8 bis 10 Tage vergehen könnten, indem bei einem Eisgange dieser Strom fast jedesmal austrete und die umliegende Gegend unter Wasser setzte. Da ich unter diesen Umständen keine Zeit zu verlieren hatte, ein Wagen aber nicht gleich zu bekommen war, so entschloß ich mich schnell, bis an das Fährhaus, obgleich die Leute mir davon abriethen, zu Fuße zu gehen, um wenigstens den Versuch zu machen, ob ich noch über die Oder kommen könne. Nur nach vieler Anstrengung erreichte ich im langsamen und schwankenden Schritte endlich das Fährhaus und bat die Männer dort, mich über die Oder zu bringen. Wie groß aber war meine Bestürzung, als diese mein Begehren geradezu abschlugen, indem sie erklärten, wie es gefahrvoll sei, das in Folge des anhaltenden Thauwetters mürbe gewordene Eis zu betreten, über welchem, wie ich selbst sehen könne, bereits viel Oberwasser stehe, welches durch die Risse des Eises gedrungen sei. Obgleich ich dringend bat, sie möchten nur einen Versuch machen, so blieben die Fährleute doch bei ihrer Weigerung, indem sie noch bemerkten, daß jeden Augenblick sich das Eis in Bewegung setzen könne. Nur einer von diesen Männern schien mich besonders mit mitleidigen Blicken zu betrachten; an diesen wendete ich mich daher und da er hörte, daß ich aus Rußland käme, ich ihm auch meine ganze Baarschaft, welche noch in 6 preußischen Groschen bestand, geben wollte, wenn er mich über die Oder brächte, so ließ er sich endlich dazu bereitwillig finden. Derselbe nahm eine lange Ruderstange und sondirte erst vorsichtig das unter dem Wasser befindliche Eis, ob es zum Betreten noch fest genug sei. Dann schritt er vor mir her, während ich ihm folgte, aber genau die Stellen betreten mußte, wo er das Eis, nach erfolgter Untersuchung mit der Stange, noch fest gefunden hatte, und so brachte er mich denn glücklich an das jenseitige Ufer. Obgleich ich bei diesem Gange über das Eis der Oder bis über die Knöchel, an manchen Stellen aber sogar fast bis an die Waden in das Wasser hatte treten müssen und letzteres in die zerrissenen Stiefeln überall eingedrungen war, auch ich vor Kälte bebte, so war ich doch froh, am jenseitigen Ufer nun in Sicherheit zu sein, da bei der jetzigen Beschaffenheit des Stromes die Kosaken solchen mit ihren Pferden nicht überschreiten konnten. Noch in der darauf folgenden Nacht setzte sich das Eis der Oder in Bewegung und wurde dadurch die Passage völlig unterbrochen; es war daher gut, daß ich mich durch die vorhandenen Schwierigkeiten von dem Uebergange dieses Stromes, welcher nun eine Scheidewand zwischen mir und den Kosaken bildete, nicht hatte abhalten lassen. Wenn ich meinen damaligen krankhaften und kraftlosen Körperzustand bedenke, so ist es mir heute, wo ich dieses schreibe, noch ein Räthsel, wie ich unter solchen elenden Umständen das über dem Eise stehende kalte Oderwasser habe durchwaden können. Der Mensch kann aber viel ertragen, wie ich dies aus eigner Erfahrung kenne. Da Steinau nahe an dem linken, etwas ansteigenden Ufer der Oder liegt, so kam ich bald dahin und es wurde mir auf meine Bitte ein Quartier angewiesen, wo ich eine liebevolle Pflege fand. Denn die Wirthin kochte mir nicht nur sogleich eine kräftige Biersuppe, welche, da ich von Kälte erstarrt war, mich etwas erwärmte, obgleich ich nur wenig davon genießen konnte, sondern der Wirth, welcher ein Tischler war, gab mir auch ein paar Hosen und Stiefeln, um die meinigen, die ganz durchnäßt waren, ausziehen und trocknen zu können. Wie gern wäre ich bei meinem erschöpften Zustande einige Tage bei diesen guten Leuten geblieben, denn ich war des immerwährenden Herumziehens herzlich satt, aber noch sollte ich keine Ruhe haben.

Den 17. Februar früh fuhr ein Wagen vor mein Quartier und da ich darauf einige sächsische Soldaten bemerkte, welche, wie mir mein Wirth sagte, sich von den bei Rawicz zerstreuten Krankenwagen hierher geflüchtet hätten und einen Tag eher hier angekommen wären als ich, so war ich der Meinung, daß dieser Wagen dazu bestimmt sei, uns weiter zu transportiren. Nachdem ich darauf gebracht worden war, erfuhr ich jedoch, daß derselbe uns nach dem in Steinau befindlichen Lazarethe bringen sollte, welche Nachricht mich mit Besorgniß erfüllte. Denn ich hatte oftmals gehört, daß ein großer Theil von den in die Lazarethe geschafften Kranken an den dort herrschenden epidemischen Fiebern gestorben wäre, meine Abneigung gegen die Lazarethe war daher sehr groß und tief eingewurzelt. Dazu kam, daß ich mich mit unwiderstehlicher Gewalt nach meiner Heimath hingezogen fühlte, wo ich bei meiner Mutter eine liebevollere und bessere Pflege finden konnte als unter ganz fremden Menschen. Daher entschloß ich mich schnell, nicht in das Lazareth zu gehen, ließ den Wagen halten, der schon auf dem Wege dahin war, und mich von demselben herunter heben, indem ich dem Führer desselben versicherte, wie ich nicht so krank wäre, daß meine Aufnahme in das Lazareth nothwendig sei. Es enthielt diese Versicherung nun allerdings eine große Unwahrheit, denn ich fühlte mich im Gegentheile zu derselben jetzt immer noch sehr krank und matt, glaubte aber unter den obwaltenden Verhältnissen, mir diese Nothlüge wohl gestatten zu dürfen. Bei meinem Wirthe hatte ich mich nun schon gestern über den nächsten Weg nach Sachsen erkundigt und derselbe mir die Städte Lüden, Haynau und Bunzlau bezeichnet, über welche ich gehen müsse, auch mir gesagt, daß das erste Dorf auf der Straße nach Lüden zu Tauer heiße und nur eine halbe Stunde von Steinau entfernt sei. Dieses Dorf hoffte ich, obgleich ich sehr kraftlos war, dennoch zu erreichen und dort auch mitleidige Menschen zu finden, welche mir wieder einen Wagen geben würden; ich lenkte also meine Schritte darauf zu. Der Weg war, da ich mich auf einer Landstraße befand und nur noch an einzelnen tiefen Stellen etwas Schnee lag, zwar gut, aber dennoch konnte ich mich wegen zu großer Mattigkeit nur sehr langsam vorwärts bewegen und brauchte über zwei Stunden Zeit, um die kleine Strecke von einer halben Stunde zurückzulegen. Dazu kam noch, daß ich eine heftige Diarrhoe bekommen hatte, welche mich sehr beunruhigte und am Vorwärtsgehen behinderte, da ich öfters auf die Seite gehen mußte. Diesen lästigen Krankheitszufall, welcher meine noch wenigen Kräfte ganz aufzuzehren drohte, hatte ich wohl dem Umstande beizumessen, daß ich am Tage vorher beim Uebergange der Oder durch das Wasser waden mußte, wodurch ich mir eine starke Erkältung zugezogen. Bei meiner Ankunft in Tauer war ich so erschöpft, daß ich keinen Schritt mehr vorwärts thun konnte, und so bekam ich, nicht allein von Mitleid getrieben, sondern wohl auch aus Rücksicht darauf, daß ich dort krank liegen bleiben und dadurch der Gemeinde zur Last fallen könnte, schnell einen Wagen, der mich zum nächsten Dorfe brachte. Diese letztere Rücksicht mochte wohl auch hauptsächlich die Veranlassung sein, weshalb die andern Orte, welche ich auf meiner Tour durch Schlesien nach Sachsen berührte, mich gleich nach meiner Ankunft schnell weiter bringen ließen. Denn was sollte auch die Ortsbehörde mit einem kranken Soldaten machen, dem sie im Dorfe nicht einmal ein passendes Local zu seinem Unterkommen anweisen, auch ihm die erforderliche ärztliche Hülfe nicht gewähren konnte?

Von Ort zu Ort gefahren, kam ich gegen Abend in Haynau an, wo man mich gleich in das Stadtkrankenhaus brachte. Durch das anhaltende Rütteln und Schütteln des Wagens auf der heutigen Fahrt, welche wohl 5 Meilen betragen mochte, war ich sehr angegriffen worden und die Schwäche so groß, daß ich auf dem Wagen ohne Fühlung lag. Es konnte daher nur wohlthätig für mich sein, daß man im Krankenhause, ehe ich auf ein Lager gebracht wurde, mich vorher erst einem Reinigungsverfahren unterwarf. Der Arzt, welcher Abends mich besuchte und, nachdem er sich von meinem Krankheitszustande unterrichtet, mir etwas Medizin verschrieb, schüttelte bedenklich den Kopf, als er hörte, daß ich beabsichtige, morgen weiter zu fahren. Auf meine Bitte versprach er zwar mir auf den andern Tag einen Wagen zu verschaffen, aber mit einer sehr besorglichen Miene, als wollte er sagen: ?du wirst nicht weit mehr kommen. Wie der Arzt zugesagt, kam den 18. Februar früh ein einspänniger Wagen vor das Krankenhaus gefahren, ich ward sogleich auf denselben gebracht und fort ging es nach Bunzlau, welches 3½ Meile von Haynau noch entfernt ist. Wie am gestrigen Tage, so geschah es auch heute: ein jeder Wagen fuhr nur bis zum nächsten Orte, wo ich einen andern bekam, um mich schnell weiter zu bringen, da man überall Bedenken trug, mir bei meinem kranken und elenden Zustande einen längern Aufenthalt zu gestatten. Auch mochte wohl befürchtet werden, ich könnte während desselben sterben und dann hätte der Ort noch die Begräbnißkosten tragen müssen. Diese Besorgniß entnahm ich nicht nur aus den hier und da laut werdenden Aeußerungen, sondern auch aus den bedenklichen Gesichtern der Ortsbewohner, welche mich zwar mit vielem Mitleid betrachteten, aber doch auch im Stillen den Wunsch hegen mochten, mich sobald wie möglich aus ihrem Orte entfernt zu sehen, um der Kosten eines langwierigen Krankenlagers oder eines Begräbnisses enthoben zu sein. Während der heutigen Fahrt hatte meine Diarrhoe etwas nachgelassen und es konnte wohl sein, daß die Medizin, welche ich gestern Abend bekommen, eine Besserung bewirkt hatte und daß auch die Ruhe auf einem guten Lager mir sechr dienlich gewesen war, dock fühlte ich beim Mangel an Appetit immer noch eine große Mattigkeit und einen stechenden Kopfschmerz.

In Bunzlau angekommen, fuhr man mich, auf Anweisung eines am Thore stehenden Polizeibeamten, gleich nach dem Lazarethe, obgleich ich dringend um ein Quartier bat, welches aber verweigert wurde. Man brachte mich im Lazarethgebäude eine hohe Treppe hinauf in einen großen, mit Stroh bedeckten Saal, auf welchem an den Wänden herum schon viele kranke sächsische Soldaten, von allen Waffengattungen, lagen, worunter ich auch einen Husaren von unserm Regiment bemerkte. Diese Kranken waren, wie ich nachher hörte, aus einem Lazarethe in Polen nach Schlesien geschafft worden und erst gestern hier angekommen. Da dieselben alle Plätze im Saale schon besetzt hatten, so war nur noch ein kleiner Raum an der Thür übrig geblieben, wohin man mich auf altes, wie es schien, schon lange im Gebrauch gewesenes Stroh legte, denn dasselbe war durch die öftere Benutzung fast so klar geworden wie Heckerling. Nun dachte ich mir gleich, daß dieses alte Stroh, worauf schon viele Kranke gelegen haben mochten, eine Menge Ungeziefer beherbergen werde und ich sollte auch bald durch den Augenschein davon überzeugt werden, denn es dauerte nicht lange, so war meine zerlumpte Bekleidung ganz damit bedeckt. Da nun aber nur dann eine Aussicht vorhanden war mich von diesem Ungeziefer befreien zu können, wenn das alte Stroh, in welches dasselbe sich eingenistet, fortgeschafft würde, ersuchte ich einen Lazarethwärter um etwas frisches Stroh. Dieses Verlangen wurde jedoch von demselben abgelehnt, indem er meinte, daß, wenn ich solches bekäme, dann auch die andern Kranken frisches Stroh begehren könnten, ein ausreichender Vorrath, um alle damit versehen zu können, aber nicht vorhanden sei. So mußte ich mich also in die unvermeidliche Notwendigkeit fügen, von diesem Ungeziefer, womit ich schon vor meiner Ankunft in diesem Lazarethe so reichlich versehen war, die Nacht über mich peinigen zu lassen. Dasselbe war auch so zudringlich, daß ich einzelne davon, welche mir im Gesicht herum spatzierten, in der Dunkelheit mit der Hand greifen und auf die Seite in eine Ecke der Thür werfen konnte. Zufällig hatte ich aber dort meine alten Pelzhandschuhe hingelegt und am andern Morgen sah ich zu meinem Leidwesen, daß diese überall vom Ungeziefer wimmelten, denn alle, welche ich während der Nacht dahin deportirt, hatten sich in diesen Handschuhen festgesetzt. Da es durch die Thüre, an welcher ich lag, sehr hereinzog und ich auch die Nacht über einigemal hatte aufstehen und die Treppe hinunter nach dem Appartement im Hofe tappen müssen, ferner das Ungeziefer mich nicht hatte schlafen lassen, so konnte es nicht anders kommen, als daß ich mich am Morgen des 19. Februar wieder kränker fühlen mußte. Nachdem eine Mehlsuppe ausgetheilt worden war, wurde von den Krankenwärtern bekanntgemacht, daß wir noch heute nach Görlitz in das dort errichtete Lazareth transportirt werden würden, wenn die Wagen ankämen, die uns dahin bringen sollten. Der eine Husar, den ich schon gestern unter den Kranken bemerkt hatte, kam nun auf mich zu und erzählte mir, daß die sächsische Grenze nur noch 2 Meilen von hier entfernt sei und da er dann nach seinem Geburtsorte nicht mehr weit habe, so wollte er sich nicht erst in das Lazareth nach Görlitz schaffen lassen, sondern versuchen, seine Heimath zu erreichen, wo er bei seinen Verwandten eine bessere Pflege haben könne als im Lazarethe. Derselbe fragte mich daher, ob ich mit ihm gehen wolle, indem er noch versicherte, die Wege, welche nach der sächsischen Grenze führten, genau zu kennen. Bei der großen Abneigung, die ich gegen alle Lazarethe hegte, erklärte ich ihm, daß ich zwar gern bereit wäre, mich ihm anzuschließen, meine Mattigkeit aber so groß sei, daß ich nur eine ganz kleine Strecke des Tages über würde zurücklegen können. Der Husar meinte jedoch, daß, wenn wir nur erst die sächsische Grenze erreicht hätten, er dann wohl Bekannte finden würde, die uns einen Wagen verschafften. Diese Aussicht beseitigte mein Bedenken und ich entschloß mich schnell, ihm zu folgen. Es war aber nöthig, daß wir uns nun eiligst entfernten, noch ehe die Wagen angekommen, denn sonst würde man uns nicht fortgelassen haben. Wir schlichen daher, einer nach dem andern, aus dem Lazarethe fort, meine von Ungeziefer strotzenden alten Pelzhandschuhe zurücklassend, welche ich, abgesehen von ihrer üblen Bequartierung, schon wegen der vielen darin befindlichen Löcher doch nicht länger mehr hätte brauchen können.

Da wir die Landstraße nach Görlitz, welche die Krankemwagen passiren mußten, nicht wohl verfolgen konnten, ohne von der dabei befindlichen Bedeckung angehalten zu werden, so gingen wir von der Stadt aus, die Landstraße links lassend, gleich dem nächsten, eine Stunde von Bunzlau gelegenen Dorfe Dobrau zu, freilich nur mit unsichern und schwankenden Schritten, wobei wir nur langsam vorwärts kommen konnten, da wir uns auch öfters hinsetzen und ausruhen mußten. Mein Gefährte, welcher nicht so matt in den Füßen war als ich, unterstützte mich beim Gehen und so wandelten wir beide mühsam unseres Weges dahin, einer den andern führend. Wir mochten wohl kaum die Hälfte der Entfernung nach dem Dorfe zurückgelegt haben, als mich plötzlich ein bedeutender Schwindel erfaßte und, obgleich mein Gefährte mich zu halten versuchte, ich doch hinstürzte und eine lange Zeit liegen bleiben mußte, ehe ich mit dessen Hülfe mich wieder in die Höhe richten konnte. Als wir endlich das Dorf Dobrau erreicht hatten, waren wir gänzlich erschöpft und bedurften der Ruhe sehr, weshalb wir um ein Quartier baten, welches uns auch bereitwillig angewiesen wurde. Da man aus unserm lumpigen Anzuge wohl schließen mochte, daß wir nicht frei von Ungeziefer wären, so machte die Wirthin uns blos eine Streu in die Stube, worauf wir uns sogleich legten. Während der Nacht bekam mein Camerad einen bedenklichen Zufall; er stöhnte heftig, als wenn er keine Luft bekommen könne, dabei warf er sich unter Klagen über große Beängstigungen auf der Streu unruhig hin und her. Besorgt über diesen Zustand fragte ich ihn, ob ich die Wirthsleute wecken sollte, was er aber verneinte.

Den 20. Februar wären wir nun gern noch in diesem Quartiere geblieben, um einen Tag auszuruhen, aber der Wirth, welcher in der Kammer neben der Stube geschlafen, und aus dem nächtlichen Gestöhne und dem Zwiegespräche auf unserer Streu entnommen hatte, daß mein Gefährte kränker geworden sei, war schon zum Ortsschulzen gegangen und hatte diesem vermuthlich die Notwendigkeit vorgestellt, daß wir sobald wie möglich weiter geschafft würden. Denn in aller Frühe kam ein mit zwei Ochsen bespannter Wagen vor unser Quartier, auf welchen wir gebracht und nach Siegersdorf gefahren wurden. Da man uns hier nicht gleich einen andern Wagen geben konnte, die sächsische Grenze aber nur noch eine halbe Stunde von diesem Orte entfernt sein sollte, so zog es uns mit großer Sehnsucht dahin. Wir beschlossen daher zu Fuße unsere Wanderung bis zum ersten Dorfe jenseits der sächsischen Grenze fortzusetzen. Beim Ueberschreiten derselben warfen wir uns mit großer Rührung auf die Kniee nieder und küßten den vaterländischen Boden, welchen nur wenige von den nach Rußland gezogenen sächsischen Streitern wieder betreten sollten. Die Freude welche wir darüber empfanden, nun wieder in unserm lieben Sachsen zu sein und das Anwehen der vaterländischen Luft hatten unsere Kräfte wunderbar gestärkt und so steuerten wir mit frischem Muthe auf das Ziel unserer heutigen Wanderung, das Dorf Waldau, zu welches wir zwar mit langsamen Schritten, aber doch glücklich ereichten. Wir waren die ersten Heimkehrenden aus Rußland welche von den Bewohnern dieses Dorfes erblickt wurden. Sie sammelten sich daher um unsere elenden Gestalten und betrachteten uns mit vielem Mitleiden, auch wurde uns gleich ein Quartier bei einer schon etwas bejahrten Wittwe angewiesen, welche ein Häuschen und etwas Feld besaß. Die Wirthin, als sie uns in diesem jammervollen Zustande sah und hörte, daß wir sächsische Husaren wären und aus Rußland kämen, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. Auch entstürzten Thränen ihren Augen, als sie die hastige Frage an uns richtete, ob wir nicht wüßten, wie es ihrem lieben Sohne, dessen Namen sie nannte, ergangen sei, welcher mit dem Cürassierregiment von Zastrow auch nach Rußland marschirt wäre. Leider konnten wir diese Frage der besorgten Mutter nicht beantworten, denn gedachtes Regiment gehörte zur schweren Reiterbrigade des General von Thielmann, welche der großen französischen Armee zugetheilt worden war. Mehrmals bemerkte ich, wie die Augen der Wirthin mit kummervollen Blicken auf unsern kranken und abgezehrten Gestalten hafteten und sie dann vor sich hinseufzte: ach Gott! wie mag es wohl meinem armen Sohne jetzt gehen? Möchte er doch auch bald heimkehren und auf seinen Wegen überall gute Menschen finden! Diese Frau, welche uns so liebevoll pflegte, als wäre sie unsere Mutter, dauerte mich sehr, wenn ich bedachte, daß sie ihren einzigen Sohn, welcher eine Stütze in ihrem Alter sein sollte, vielleicht nimmer wieder sehen werde, da er seinen Tod in Rußland gefunden. Denn nach eingegangenen Nachrichten, die ich aber der Wirthin verschwieg, um ihren Kummer nicht noch zu vermehren, hatte das Cürassierregiment von Zastrow bei Erstürmung der großen Schanze in der Schlacht an der Moskwa sehr viel gelitten, indem fast drei Viertel von den Mannschaften dieses schönen Regiments dort getödtet oder verwundet worden waren.

Den 21. Februar brachte uns ein Wagen von Waldau nach Hennersdorf, eine Stunde von Görlitz gelegen. Da wir wegen großer Schwäche der Ruhe sehr bedurften, mithin, um jede Anstrengung zu vermeiden, nur kleine Touren machen konnten, so ließen wir in diesem Orte uns wieder ein Quartier geben. Abends theilte mir der Husar mit, daß sein Geburtsort nur noch einige Stunden von hier entfernt sei, weshalb er sich morgen früh von mir trennen müsse, um den nächsten Weg dahin zu verfolgen. Mit Bedauern vernahm ich, daß dieser gute Camerad, welcher, obgleich selbst krank, mich auf den kleinen Fußwanderungen immer so treulich unterstützt hatte, mich bald verlassen werde- und daß ich nun wieder allein fortzukommen suchen müsse. Wie sehr wünschte ich, daß auch meine Heimath nicht mehr fern sein möchte, um endlich die Ruhe und Pflege zu finden, welche mein kranker und ermatteter Körper dringend forderte! Noch hatte ich aber einen Weg von 30 Meilen zurückzulegen, ehe ich nach Artern zu meiner Mutter kommen und dort in den ersehnten Hafen der Ruhe gelangen konnte. Wenn ich meine Kraftlosigkeit bedachte, so verzweifelte ich fast, daß ich im Stande sein werde, eine so weite Reise zu vollenden.

Am Morgen des 22. Februar nahm ich herzlichen Abschied von meinem treuen Gefährten, welcher nun auf der nächsten Straße seiner Heimath zusteuerte. Seitdem habe ich ihn nicht wieder gesehen , er mag daher wohl ein Opfer seiner Krankheit geworden sein. Da ich in Hennersdorf nur einen Wagen bis Görlitz, als dem nächsten Orte, bekommen sollte, ich aber befürchten mußte, daß, wenn ich dort ankäme, man mich in das Lazareth bringen würde, welches ich doch durchaus vermeiden wollte, so entschloß ich mich, zu Fuße weiter zu wandern und zwar nach einer Richtung hin, in welcher ich Görlitz nicht berührte. Der Wirth, als er meinen Entschluß vernahm, diese Stadt zu umgehen, sagte mir, daß ich in diesem Falle den Weg über Rosenfeld, Markersdorf und Reichenbach verfolgen müßte, um dann wieder auf die nach Bautzen führende Straße zu gelangen. Nach Rosenfeld sollte die Entfernung nur eine Stunde betragen, ich trat daher, nachdem der Wirth mir den dahin führenden Weg noch näher beschrieben hatte, meine Wanderung an. Bald sollte ich aber bereuen, diese Fußtour unternommen zu haben, denn nicht nur war der Weg weiter, als der Wirth angegeben, sondern auch so sehr holprig, daß ich mich nur mühsam fortbewegen konnte, da auch meine Kräfte ganz erschöpft waren. Sehr abgespannt und matt kam ich in Rosenfeld an und hoffte dort wieder ein Quartier zu bekommen, um ausruhen zu können. Dem sollte aber nicht so sein, denn man gab mir ungefordert sogleich einen Wagen, der mich weiter nach Markersdorf bringen sollte. Vermuthlich hatte mein kranker Zustand und die Besorgniß, daß ich in diesem der Gemeinde zur Last fallen möchte, die Ortsbehörde vermocht, mich auf einem Wagen weiter fahren zu lassen. Aber auch in Markersdorf wollte man mich nicht behalten, sondern ich bekam dort ebenfalls sogleich einen Wagen, welcher mich nach dem Städtchen Reichenbach brachte. Da es nun fast dunkel geworden, als ich daselbst anlangte, so mußte man mir für die Nacht schon ein Unterkommen verschaffen, was auch bereitwillig geschah.

Den 23. Februar früh wurde die Fahrt auf den gestellten Wagen, wie gestern, von Ort zu Ort über Löbau bis nach Bautzen ununterbrochen fortgesetzt. Obgleich ich, durch das anhaltende Fahren sehr angegriffen, mehrmals, wenn in einem Dorfe angehalten wurde, um Anweisung eines Quartiers bat, so wurde ich doch ohne Verzug von einem Wagen auf den andern geladen und schnell weiter gebracht, da man überall Bedenken trug, mir einen längern Aufenthalt zu gestatten. Wenn nun auch auf der einen Seite mir es angenehm sein mußte, durch die Bereitwilligkeit, mit welcher die Wagen gestellt wurden, mein Fortkommen beschleunigt zu sehen, so war es mir doch aber auch schmerzlich, wenn ich mitunter wie ein Pestkranker gemieden und wegen meines elenden Aussehens nur ungern in ein Haus aufgenommen wurde. Doch habe ich auch sehr viele gute Menschen gefunden, die sich nicht vor mir scheuten, sondern unter Bezeigung ihres herzlichen Mitleids mich freundlich aufnahmen und pflegten.

Auf der Straße zwischen Löbau und Bautzen holte der Wagen, auf dem ich lag, einen sächsischen Schützen von der leichten Infanterie ein, welcher in einem ärmlichen Anzuge des Weges dahin wandelte. Sobald der Wagen in seine Nähe gekommen war, blieb er stehen und bat, ihm einen Platz darauf zu vergönnen, was denn auch auf meine Fürsprache der Wagenführer gestattete. Der Schütze erzählte mir nun im Weiterfahren, daß er auch aus Rußland komme und als Invalide entlassen sei, weil er einen Schuß durch die rechte Hand bekommen und dabei zwei Finger verloren habe. Derselbe sah nun zwar auch sehr elend und abgezehrt aus, war aber doch dabei noch ziemlich munter, nur beklagte er seine verstümmelte Hand. So hatte denn ein günstiger Zufall mir wieder einen Reisegefährten zugeführt, worüber ich sehr froh war. In Bautzen angekommen, ließen wir den Wagen vor das Rathhaus fahren; mein Gefährte, welcher mehr Kräfte hatte als ich, stieg die Treppe hinauf um sich ein Quartier für uns beide anweisen zu lassen. Mit dem Quartierbillet hatte man ihm auch noch eine schriftliche Anweisung auf einen Wagen, welcher uns des andern Tages weiter bringen sollte, eingehändigt, mit dem Bedeuten, daß dieser Zettel morgen früh dem auf dem Markte anwesenden Polizeibeamten nur vorgezeigt zu werden brauche, worauf uns dieser von den dort in Bereitschaft stehenden Wagen einen solchen zu unserer Benutzung überweisen würde. Froh darüber, daß wir nun auch der Sorge über das weitere Fortkommen des folgenden Tages enthoben waren, legte ich mich zeitig nieder, da sich ein heftiger Kopfschmerz bei mir eingestellt hatte, auch ich ein eigenthümliches Frösteln durch den ganzen Körper verspürte.

Am Morgen des 24. Februar ging der Schütze gleich nach dem Markte, um sich gegen Vorzeigung der Anweisung einen Wagen geben und solchen dann an unserm Quartier vorfahren zu lassen. Der dort befindliche Beamte nimmt nun zwar die Anweisung in Empfang, eröffnet aber dem Schützen, daß der Major von Spiegel gestern Abend in Bautzen angekommen sei, welcher den Befehl habe, alle aus Rußland zurückkehrende kranke Soldaten anzuhalten und in das daselbst errichtete Lazareth bringen zu lassen, weshalb wir uns bei diesem zu melden hätten. Dieser Vorfall, welchen der Schütze bei seiner Rückkunft referirte, war mir nun höchst unangenehm. Denn nur nach großen Mühen und Anstrengungen war ich dem Lazarethe, in welches man mich in Steinau und Görlitz hatte bringen wollen, glücklich entgangen und nun sollte ich, unter so manchen Mühseligkeiten endlich bis hierher gelangt, dennoch demselben nicht entgehen. Der Schütze, welcher aus meinen Aeußerungen entnahm, daß ich keine Lust habe, mich in das Lazareth bringen zu lassen, erklärte, wie auch er nicht gesonnen wäre, sich bei dem Major zu melden, da er zwar sehr abgemagert, aber eigentlich nicht krank, auch seine Heimath von Dresden nicht mehr fern sei, welche er bald zu erreichen hoffe. Seinem Vorschlage, zu Fuße bis auf das nächste Dorf zu gehen und zu versuchen, ob wir dort einen Wagen bekommen könnten, stimmte ich um so lieber bei, als ich doch nun wieder einen Gefährten hatte, der mir nöthigenfalls die erforderliche Unterstützung gewähren konnte. Sofort wandelten wir nun, ohne angehalten zu werden, zum Stadtthore hinaus auf das nächste, eine halbe Stunde entlegene Dorf Rattwitz zu. Unsere vielfachen Bemühungen, hier einen Wagen zu erlangen, waren leider vergebens, wir mußten daher unsere Fußtour bis nach dem eine gute Stunde weiter entfernten Orte Göda fortsetzen. Diesen Weg, auf welchem wir nun langsam dahin schritten, hätte ich ohne die thätige Unterstützung meines neuen Gefährten nicht vollenden können. Denn ich war zu sehr abgemattet, auch plagte mich die Diarrhöe wieder, ich mußte daher oft stehen bleiben und, um nur etwas ausruhen zu können, mich hinsetzen. In Göda waren wir jedoch so glücklich, wieder einen Wagen zu bekommen und von Ort zu Ort weiter gefahren zu werden, bis Weissig, welches noch eine Meile von Dresden liegt. Da es schon Nacht zu werden begann, als wir in diesem Dorfe ankamen, so wurden wir in ein Quartier gebracht und den 25. Februar früh weiter gefahren. Eine Stunde vor Dresden verließ mich mein Gefährte, um nun den Weg in der Richtung rechts nach seiner nur einige Meilen noch entfernten Heimath fortzusetzen, ich war daher wieder ganz allein und fühlte mich traurig gestimmt. Auch wurde die Besorgniß in mir rege, daß, wenn ich nach Dresden käme, man mich nicht fortlassen, sondern in das Lazareth bringen werde. Um diesem mir abermals drohenden Geschick zu entgehen, verließ auch ich kurz vor dieser Stadt den Wagen und ging, dieselbe links lassend, auf der am rechten Elbufer nach Meißen führenden Straße weiter. Eine günstige Fügung des Himmels wollte es, daß, nachdem ich fast eine halbe Stunde langsam auf dem Wege dahin gewandelt war, mehrere mit sächsischer Infanterie besetzte Wagen dieselbe Straße hinter mir her kommen mußten. Solche gehörte nämlich zu einem Commando, bestehend aus einem Officier, mehreren Unterofficieren und Soldaten, welche, wie ich nachher hörte, nach Torgau gehen sollten, um dort bei der neuen Formirung der sächsischen Truppen mit verwendet zu werden. Mein matter und schwankender Gang mochte schon in der Ferne die Aufmerksamkeit dieser Soldaten auf mich gelenkt haben. Denn sobald der erste Wagen an mich herangekommen war und der darauf befindliche Officier aus den einzelnen, an mir herumhänqenden Fetzen der Husarenuniform erkannt hatte, von welchem Regimente ich sei, ließ er sogleich halten und befragte mich, woher ich käme? Als derselbe hörte, daß ich aus Rußland zurückkehre, und mich in einem so elenden Zustande sah, so gebot er, von Mitleiden bewegt, daß mich einige Soldaten auf seinen Wagen heben sollten, da ich zu schwach war, um denselben besteigen zu können. Durch die Güte dieses menschenfreundlichen Officiers kam ich wieder drei Meilen vorwärts bis Zehren, einem Dorfe, jenseits Meißen gelegen, woselbst das Commando Quartiere bezog und mir auch ein solches anweisen ließ. Die Wirthin, welche sich besonders sehr theilnehmend gegen mich bezeigte, fragte sogleich, was ich zu essen wünsche. Ich bat, da ich feste Speisen noch gar nicht vertragen konnte, um eine mit Ingwer gewürzte Biersuppe, welche bei Diarrhöe gut ist, an welcher ich seit gestern wieder litt. Leider konnte ich aber auch hiervon nur wenig genießen, da mir ganz übel darauf wurde. Die Räumlichkeit in diesem Hause war sehr beschränkt, da sich unten nur eine Stube befand, in welcher ein Bett stand, worin die beiden Wirthsleute schliefen. Es wurde mir daher Abends eine Streu in derselben gemacht. Ehe ich mich aber hinlegte, bat ich den Wirth, eingedenk meiner Diarrhöe, die mich öfters nöthigte, des Nachts aufzustehen, mir ein Geschirr außen vor die Stubenthüre in eine Ecke der Hausflur hinzustellen, was derselbe auch that. Die Wirthsleute löschten das Licht aus und gingen dann zu Bett, bald darauf hörte ich auch ein nicht angenehmes Duett von schnarchenden Tönen, woraus ich schloß, daß sie schon fast eingeschlafen waren. Obgleich ich mich auf meinem Strohlager hin und her wendete, so blieb doch der Schlaf fern von mir, weshalb ich die beiden Eheleute beneidete, welche einen ganz gesunden Schlaf hatten, während ich die Wohlthat desselben entbehren mußte. Ein heftiges Poltern im Leibe kündigte mir an, daß ich ein Bedürfniß zu befriedigen habe; ich erhob mich daher nur mit Anstrengung von meiner Streu, tappte im Finstern nach der Stubenthüre und, nachdem ich solche geöffnet, auf die Ecke hin, wo ich wußte, daß das Geschirr stand. Plötzlich überfiel mich jedoch ein solcher Schwindel, daß ich hin stürzte, ohne mich wieder erheben zu können. Durch diesen Lärm, denn ich war auf das Geschirr gefallen und hatte dasselbe zerbrochen, waren die Wirthsleute erwacht und ich hörte den Wirth zu seiner Frau sagen: ?dieser Mann scheint sehr krank zu sein und wird wohl nicht mehr weit kommen, worauf dieselbe erwiederte: ?steh doch auf und hole den armen Menschen herein. So geschah es auch, der Wirth kam heraus, hob mich in die Höhe und brachte mich wieder in die Stube auf die Streu zurück; dabei fragte er mich, ob ich sonst noch etwas begehre, was ich jedoch verneinte. Noch in dieser Nacht bekam ich den ersten Fieberanfall, der so heftig war, daß die Zähne auf einander klappten, was mich sehr beunruhigte, da ich einen solchen starken Frost, welcher alle Glieder durchbebte, noch nicht gehabt hatte. Den 26. Februar früh, wo das Commando aufbrechen wollte, brachte mich mein Wirth, da ich allein zu gehen nicht vermochte, auf den Platz, wo die Wagen zur Abfahrt bereit standen. Heute fuhren wir durch Oschatz bis Calbitz, einem zwei Stunden jenseits der gedachten Stadt gelegenen Dorfe, wo das Commando Halt machte und sich wieder einquartieren ließ. In der Nacht bekam ich in dem mir angewiesenen Quartiere wieder einen starken Fieberanfall, welcher mich heftig durchschüttelte, so daß ich nur wenig schlafen konnte.

Am Morgen des 27. Februar eröffnete mir der Officier, daß das Commando heute nun den nächsten Weg über Dahlen nach Torgau einschlagen werde, ich aber, um nach Leipzig zu gelangen, die Straße nach Wurzen verfolgen müsse, er habe daher gleich noch einen Wagen requirirt, welcher mich nach dieser Stadt bringen werde. Nachdem ich diesem Officier für die liebevolle Theilnahme, welche er mir bewiesen, den herzlichsten Dank gesagt, fuhr ich ab und kam gegen Mittag in Wurzen an. Gern wäre ich hier geblieben, da mein erschöpfter Zustand der Ruhe dringend bedurfte, doch schien Niemand meine Bitte um Anweisung eines Quartiers berücksichtigen zu wollen, denn ich bekam sogleich einen andern Wagen, der mich ohne Aufenthalt nach dem ersten an der Straße gelegenen Dorfe brachte, und so gelangte ich, wieder von Ort zu Ort gefahren, Nachmittags bis Leipzig. Aus abermaliger Besorgniß, daß, wenn ich dort ankäme, man mich nach dem Lazarethe bringen möchte, ließ ich wieder eine Strecke vor dem Thore den Wagen halten und mich herunterheben, worauf ich die mir bekannte Promenade um die Stadt herum gleich auf Lindenau zu ging, wo ich zu bleiben gedachte. Die Leute, welche mir begegneten, betrachteten mit Erstaunen und Mitleiden meine Jammergestalt, denn ich sah einem mit Lumpen behangenen und sich nur mühsam fortbewegenden Knochengerippe ähnlicher als einem Menschen. In Lindenau wankte ich, durch den kleinen Fußweg von Leipzig heraus sehr matt geworden, in den an der Chaussee stehenden Gasthof, um mich nach der Wohnung des Ortsschulzen zu erkundigen, welchen ich bitten wollte, mir ein Quartier anzuweisen. Der Kellner, den ich deshalb befragte, betrachtete mich und die unter dem russischen Bauerpelze hervorragenden Fetzen meiner Uniform mit vieler Aufmerksamkeit und nachdem derselbe von mir gehört, daß ich vom sächsischen Husarenregimente sei und aus Rußland komme, seufzte er tief auf und brach mit wehmuthsvoller Gebehrde in die Worte aus: ?ach Gott! wie mag es meinem armen Vater dort ergangen sein? Von dem Kellner erfuhr ich nun, daß auch sein Vater, der Wachtmeister Helle, mit dem sächsischen Husarenregimente nach Rußland marschirt sei, seitdem aber keine Nachricht von sich gegeben habe. Zwar kannte ich den letzteren wohl, da er aber bei einer andern Escadron stand, so war ich selten in seine Nähe gekommen, weshalb ich denn auch dem Sohne über das Befinden seines Vaters, welches Schicksal ihn betroffen und ob er noch lebe oder in diesem furchtbaren Feldzuge umgekommen sei, nichts Näheres mittheilen konnte. Mit herzlicher Theilnahme heftete der junge Helle seine Augen auf meine elende Gestalt und ich mußte ihm erzählen, wann und wo, auch in welchem Zustande ich das Regiment verlassen. Als ich mich in das Dorf begeben wollte, um mir ein Quartier anweisen zu lassen, ließ er dies nicht geschehen, sondern brachte mich in ein freundliches Stübchen, worin auch ein Bett stand. Der Gedanke, daß ich heute in einem solchen schlafen sollte, machte mich glücklich und ich vergaß im Vorgefühl dieses lange entbehrten Genußes meinen kranken und miserablen Zustand. Der Bettwärme ganz entwöhnt, war jedoch mein Schlaf sehr unruhig und ich fühlte mich am Morgen nicht davon gestärkt. Der gute Kellner hatte mich so liebevoll gepflegt, als wenn ich sein eigener Vater wäre, von dem Wirthe aber wurde weder für die Stube, noch für das, was mir gereicht worden, eine Bezahlung gefordert, welche zu leisten ich auch außer Stande gewesen wäre, da ich nicht einen rochen Pfennig besaß. Der Gasthofsbesitzer hatte mir bereitwillig einen von seinen Wagen gegeben, welcher mich den 28. Februar Vormittags nach Rückmarsdorf, dem ersten an der Straße gelegenen Orte, brachte, wo ich ein anderes Fuhrwerk bekam und, so von Dorf zu Dorf gefahren, bis Tragart gelangte, welches eine halbe Stunde vor Merseburg liegt. Da in diesem nur kleinen Orte nicht gleich ein anderer Wagen zu bekommen war, so wies man mir ein Quartier an, in welchem ich wieder die Ruhe genießen konnte, die mein entkräfteter Körper so nöthig bedurfte. Leider mußte ich, um ein dringendes Bedürfniß zu befriedigen, in der Nacht von meiner Streu, auf welcher mir ein Lager in der Stube bereitet worden war, aufstehen und da ich die Localität in diesem Hause nicht kannte, in der Dunkelheit mühsam nach dem Hofe tappen und dort in der kalten Nachtluft verweilen, was sehr unangenehm war und mir wieder einen heftigen Fieberschauer zuzog. Behufs meines weitern Transports hatte man einen einspännigen Wagen beschafft, der mich den 1. März früh bis Merseburg vor das dasige Rathhaus am Markte fuhr. Da ich zu schwach war, um hinaufgehen zu können, so hatte der Geschirrführer auf meine Bitte es übernommen, in meinem Namen um einen andern Wagen zur Weiterfahrt nachzusuchen, welchen ich denn auch bald bekam. Wie die Tage vorher, so geschah es auch heute: ich wurde nämlich bei meiner Ankunft in jedem Orte von dem Wagen herabgenommen und auf einen andern geschafft, welcher mich sodann ohne Verzug weiter brachte. Denn auch in den Orten, welche ich heute berührte, mochte man wohl meines kranken und elenden Aussehens wegen Bedenken tragen, mir einen längern Aufenthalt zu gestalten. So gelangte ich schnell vorwärts und kam nach einer Fahrt über die Dörfer Wünsch, Barnstedt, Kleineichstedt, Ziegelrode, Schönewerda und Kalbsrieth gegen Abend bei der sogenannten Oelmühle an, welche nur noch eine Viertelstunde von Artern entfernt liegt. Die Gefühle, welche mich beim Erblicken der Thurmspitzen meines Garnisonortes ergriffen, lassen sich nur empfinden, aber nicht beschreiben. An der gedachten Mühle, in welcher ich früher oft gewesen war, da auch Schenkwirthschaft darin betrieben wurde, ließ ich halten und mich vom Wagen herunterheben. Denn ich wollte in derselben so lange verweilen, bis es dunkel geworden wäre, da ich meines verwilderten und elenden Aussehens wegen mich schämte, Artern am Tage zu betreten. Indem ich nun der mir wohl bekannten Schenkstube mich näherte, trat mir vor der Thür der Wirth entgegen und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, als wenn er mich fortweisen wollte. Da ich jedoch bat, daß man mir vergönnen möchte, nur eine halbe Stunde hier auszuruhen, so wieß er mich in ein kleines, neben der Mühle befindliches Gemach, welches zum Aufenthalte für das Gesinde bestimmt war, und ging wieder von dannen, ohne nur zu fragen, ob ich etwas begehre. Also für einen Bettler oder Vagabunden mochte der Müller mich gehalten haben, welche man nicht gern in die Stube läßt. Mein Aeußeres mußte daher noch viel schlechter beschaffen sein, als ich mir gedacht, da mich dieser Mann, bei dem ich doch früher von Artern aus öfters als Gast in seiner Schenkwirthschaft gewesen war, nicht wieder erkannt hatte. So saß ich denn allein und traurig gestimmt in diesem düstern Gemache, in welchem ich nur das eintönige und lärmende Klappern der Mühle vernahm. Da dasselbe nicht geheitzt war, so fror mich sehr, auch fühlte ich im Körper daß das Fieber wieder im Anzuge sei, ich beschloß daher, obgleich es noch etwas hell war, doch meine Wanderung nach Artern anzutreten, da ich auch eine heftige Sehnsucht nach meiner Mutter empfand. Langsamen Schrittes wankte ich des Wege dahin und schlug die Augen nieder, wenn mir Jemand begegnete, damit man mich nicht erkennen sollte. Am Thore der Altstadt in Artern wendete ich mich rechts und ging hinter der Stadtmauer herum bis an eine Lücke, durch welche ich an das innere Thor gelangte.

In dieser erbärmlichen, mit Ungeziefer bedeckten Kleidung, das Gesicht mit einem unförmlichen und verwilderten Barte ganz bedeckt, abgezehrt bis auf Haut und Knochen, hielt ich mit langsamen und schwankenden Schritten, gestützt auf einen Stock, meinen kläglichen Einzug in Artern. Frisch und gesund, keck in die Welt schauend, war ich stolz zu Rosse im Jahre 1811 ausgezogen, krank und elend, mit Lumpen bedeckt, kehrte ich wie ein Bettler am Stocke wieder heim, nachdem ich gegen 70 Meilen von Kalisch bis Artern unter vielen Mühseligkeiten und Beschwerden, in einem kranken und kraftlosen Zustande, bei rauher Februarluft und mangelhafter Bekleidung hatte zurücklegen müssen. Nur der gnädigen Obhut des Himmels hatte ich es zu danken, daß ich bei so manchen Gefahren, welche mein Leben bedrohten, nicht untergegangen, sondern glücklich bis hierher gekommen war. Die Leute, welche mir in Artern begegneten, blieben staunend stehen und sahen mir nach, ich aber schlich mit gesenktem Kopfe langsam weiter. So kam ich an einem Gasthofe vorüber, in welchem ich früher öfters auch verkehrt hatte. Der Besitzer, ein Fleischer, mit Namen Schwarze, sah aus dem Fenster und ich bot ihm beim Vorübergehen einen guten Abend, er dankte aber so gleichgültig, als wäre ich eine ihm ganz fremde Person. Mit unsichern Schritten wankte ich daher dem Fenster näher und fragte mit schwacher Stimme, ob er mich nicht mehr kenne? Nein, war die Antwort. Als ich nun meinen Namen sagte, war dieser Mann über meine elende Gestalt ganz außer sich, er schlug die Hände zusammen und rief: ?Ei du lieber Himmel, wie sehen Sie aus, so dürfen Sie ihre Mutter nicht überraschen, denn sonst könnte dieselbe vor Schreck den Tod haben: kommen Sie herein, damit solche auf Ihre, unter so kläglichen Umständen erfolgte Heimkehr erst vorbereitet werden kann. Während man mir eine Biersuppe bereitete, da vor Fieberfrost mir die Zähne auf einander klappten, sendete Schwarze ein Dienstmädchen zu meiner Mutter, um ihr sagen zu lassen, daß Jemand im Gasthofe sei, welcher sie zu sprechen wünsche. Dem Mädchen war nun zwar ausdrücklich verboten worden, meinen Namen zu nennen oder von meiner Ankunft etwas zu erwähnen, aber sie mochte doch wohl davon geplaudert haben, denn meine Mutter war dem Mädchen mit eiligen Schritten gefolgt, riß die Thüre auf und fragte, nachdem sie in die Stube getreten war und sich hastig darin umgesehen: ?wo ist mein Sohn? Obgleich ich nur ein paar Schritte von ihr auf dem Stuhle saß, so erkannte sie mich in meiner jammervollen Gestalt doch nicht eher, als bis ich mich erhob und ihr mit den Worten entgegen wankte: ?Hier bin ich ja, liebe Mutter. Nun folgte eine Scene, die sich nur denken, in Worten aber nicht beschreiben läßt. Sie umschlang mich mit beiden Armen unter dem schmerzlichen Ausrufe: ?Ach mein armer Sohn! wie elend siehst du aus, dir muß es sehr schlecht ergangen sein; wie danke ich Gott, daß ich dich wieder habe! Dabei weinte sie bitterlich und betrachtete meine abgemagerte und zerlumpte Gestalt mit vieler Wehmuth. Um kein Aufsehen zu erregen, warteten wir in einem abgelegenen Stübchen des Gasthofes, bis es ganz dunkel geworden war und begaben uns nach der mir wohl bekannten Wohnung am Markte, welche wir schon vor meinem Ausmarsche inne gehabt. Darin angekommen, war die erste Frage meiner Mutter: ?was macht dein Bruder Philipp? Diese Frage schnitt mir in die Seele und setzte mich in große Verlegenheit. Sollte ich derselben, die mich krank und elend vor sich stehen sah und deshalb sehr betrübt war, sagen, daß ihr Liebling vom feindlichen Geschoß tödtlich getroffen, schon lange in Rußlands Erde sein Grab gefunden und durch diese traurige Nachricht ihren Jammer auf das Höchste Steigern? Nein, ich vermochte dies nicht, sondern stammelte verlegen und mit verhaltener Wehmuth, daß, seitdem derselbe verwundet und in das Lazareth geschafft worden, es mir an Gelegenheit gefehlt habe, mich nach seinem Befinden erkundigen zu können. Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust, als ahne sie, was ich aus Schonung ihr verschwiegen.

Nachdem meine Mutter weiße Wäsche herbeigeholt, entledigte ich mich schnell des nur noch aus blosen Lumpen bestehenden Anzuges. Alles wurde sogleich in den Hof geschafft und der zerfetzte russische Bauerpelz an dem dort befindlichen Schweinestalle, welchen ich mir oft in Rußland zum Obdache gewünscht hatte, aufgehängt, da meine Mutter mit Schrecken bemerkte, daß diese Sachen überall von Ungeziefer bedeckt waren. Wie wohl that es mir, daß ich nach so langer Zeit mich wieder ordentlich waschen, ein weißes Hemde anziehen und in einem guten, reinlichen Bette liegen konnte, auch daß ich von dem ekelhaften Ungeziefer befreit wurde, welches mich zeither so sehr gepeinigt hatte. Die rührende Scene des Wiedersehens meiner Mutter und das viele Sprechen hatten meine, an sich schon schwachen Nerven sehr aufgeregt, so daß ich die Nacht über nur wenig schlafen konnte; auch mochte wohl das ungewohnte Liegen in einem warmen und weichen Federbett zu dieser Schlaflosigkeit mit beigetragen haben. Es schien überhaupt, als wenn die Krankheit, nachdem ich in Ruhe und Pflege gekommen, nun erst recht mit aller Wuth ausbrechen wollte, denn gegen den Morgen hin bekam ich wieder einen starken Fieberanfall und befand mich so unwohl, daß ich das Bett nicht verlassen konnte. Es wurde daher der Dr. Piper sogleich herbeigerufen, welcher meinen Zustand untersuchte und mir Medicin verschrieb. Meine Mutter, welche den Arzt bis an die Hausthüre begleitet, war sehr niedergeschlagen, als sie zurückkam, denn derselbe hatte ihr gesagt, daß ich das Nervenfieber habe und sehr krank sei. Der Doctor kam in der ersten Woche jeden Tag zweimal und gab sich viele Mühe, den Fortschritt der Krankheit zu hemmen, aber vergebens, denn sie wurde so heftig, daß ich mehrere Tage ohne Besinnung lag und in meinem Kopfe es fortwährend tobte, als wenn Mühlräder darin herumgingen. Der Arzt hatte, wie ich später erfuhr, überall, wo er nach meinem Befinden befragt worden war, geäußert, wie ich an einem bösartigen Nervenfieder so krank darniederliege, daß keine Hoffnung zu meinem Aufkommen mehr vorhanden sei. Der Umstand, daß mich der Arzt aufgegeben hatte, mochte wohl auch die Veranlassung sein, weshalb derselbe in der zweiten Woche nur selten kam, dann aber blos an die Stubenthüre pochte und meine Mutter herauskommen ließ, um sie über meinen Zustand zu befragen. Aus den Thatsachen, daß der Doctor die Stube, in der ich krank lag, nicht mehr betrat, keine Medicin verschrieb, sondern nur verordnete, daß meine Mutter im Zimmer fleißig mit Weinessig sprengen sollte, ließ sich nun auch folgern, daß er meine Krankheit für ansteckend hielt, weshalb denn auch Niemand von den vielen Bekannten, welche ich in Artern hatte, mich besuchen wollte und selbst das Haus, in dem wir wohnten, von den Leuten gemieden wurde. Wenn mir die Besinnung auf kurze Augenblicke wiederkehrte, sah ich stets meine arme Mutter neben mir am Krankenlager sitzen, ihr abgehärmtes und blasses Gesicht traurig auf mich geheftet, denn sie kam Tag und Nacht nicht von meinem Bette weg, da sie Niemand bekommen konnte, der mich warten wollte, vermuthlich aus Furcht vor der ansteckenden Krankheit. Es geht doch nichts über die mütterliche Liebe, die kein Opfer zu groß findet, wenn es sich um die Krankenpflege ihrer Kinder handelt.

Während bei mir das Leben mit dem Tode rang, war ein aus Artern gebürtiger Soldat vom Infanterieregimente Prinz Clemens, bei welchem auch mein Bruder Philipp gestanden, aus Rußland zurückgekehrt und von demselben erzählt worden, daß letzterer in der Schlacht bei Podobna geblieben sei. Dies hatte meine Mutter erfahren, als sie, während ich einige lichte Augenblicke hatte, ausgegangen war, um einige Bedürfnisse einzukaufen. Noch höre ich das herzzerreißende Jammergeschrei, mit welchem dieselbe in die Stube trat und im höchsten Schmerze ausrief: ?ach Gott, mein armer Philipp ist todt! Sie warf sich auf einen Stuhl und weinte bitterlich, mich von Zeit zu Zeit mit großer Rührung anblickend, wobei sie denken mochte: dich werde ich wohl auch bald verlieren, dann aber hülflos und verlassen in der Welt dastehen. Mehrere Tage hierauf hatte ich in der Nacht einen sonderbaren Traum: es war, als wenn mein in Rußland gebliebener Bruder Philipp vor meinem Bette stände in seiner weißen Uniform mit grünen Aufschlägen und mir freundlich die Hand reichte. Am Morgen erzählte ich meiner Mutter diesen Traum, sie weinte aber sehr und sagte: ?mein lieber Sohn, dein Bruder wird dich wohl bald nachholen. Aber gerade von dem, was sie befürchtete, geschah das Gegentheil, denn von nun an war die Wuth der Krankheit gebrochen und obgleich es noch sehr im Kopfe tobte und ich einen gewaltigen Schmerz in den Füßen fühlte, so konnte ich doch nach einigen Tagen, mich im Bette wieder etwas drehen und in die Höhe richten. Aber noch lange dauerte es, ehe meine Kräfte sich so weit wieder erholt hatten, daß ich, gestützt auf einen Stock, mit langsamen Schritten in der Stube auf und abwandeln, auch später mir im Freien eine kleine Bewegung machen konnte. Mein erster Ausgang war zum Arzte, um ihm meinen Dank abzustatten. Derselbe freute sich, mich völlig wieder hergestellt zu sehen, sagte mir aber selbst, daß er an meinem Aufkommen gezweifelt hätte, da mein Körper zu kraftlos und erschöpft gewesen sei, um der sehr heftigen Krankheit widerstehen zu können. Wie gut hatte es der Himmel gefügt, daß ich in kein Lazareth gekommen war, denn dort hätte ich die liebevolle Pflege nicht finden können, welche mir meine Mutter gewährte, und ich wäre unfehlbar ein Opfer meiner wüthenden Krankheit geworden. Noch heute, wo ich dieses schreibe, verehre ich dankbar die gütige Vorsehung, welche mich unter so vielen Gefahren gnädig beschirmte und glücklich in die mütterlichen Arme führte, wo ich wieder gesunden sollte. Darum möge der Mensch nicht verzagen, wenn Leiden und Trübsale über ihn hereinbrechen, sondern hoffend und vertrauend aufschauen zum Himmel, welcher die Geschicke der Menschen mit Weisheit und Güte zu ihrem Besten lenkt!

 


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