Aus dem Leben eines saechsischen Husaren

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Erster Abschnitt.

Engagement beim sächsischen Husarenregimente. ? Marsch nach Warschau im Jahre 1808. ? Feldzug 1809 in Polen und Sachsen. ?

Den 24. März 1789 wurde ich zu Weißensee in Thüringen geboren, wo mein Vater, August Christoph Goethe, Sergeant bei dem dort in Garnison stehenden Infanterieregimente Prinz Clemens war.

Derselbe stammte aus Wiehe, einer kleinen Stadt in der sogenannten güldenen Aue gelegen, wo er im Juli 1749 geboren ward und woselbst dessen Vater, Gottfried Christian Goethe, die Profession eines Färbers betrieb. Mein Vater, in fast gleichem Alter mit dem Dichter Johann Wolfgang Goethe in Weimar, welcher letztere am 28. August 1749 in Frankfurt geboren und 1782 in den Adelstand erhoben wurde, mußte mit demselben verwandt gewesen sein; in welchem Grade, kann ich jedoch nicht näher bestimmen und nur so viel angeben, daß mein Vater, wie ich noch Schulknabe war, oft von Verwandten sprach, welche wir in Frankfurt am Main hätten. Diese Verwandtschaft erscheint auch um so wahrscheinlicher, als nach einem Aufsatze im Frankfurter Conversationsblatte vom 28. August 1849. No. 204. Seite 8l4 des Dichters Großvater, Friedrich Georg Goethe, am 7. September l657 in Artern geboren ward, wo dessen Vater als Hufschmiedemeister lebte, die Vorältern meines Vaters aber in Wiehe, welche beide Orte nur 2½ Stunden auseinander liegen, wohnten, auch der Geschlechtsname: ?Goethe nach dieser Schreibart in beiden Orten nicht weiter vorkommt.

Mein Vater, welcher, nachdem er vom Militair abgegangen war, eine kleine Anstellung bei der Accise in Lobstädt und später in Borna bekommen hatte, starb zeitig, wie ich noch bei dem Accisinspertor Zeidler in Kirchberg war, wohin ich gleich nach meiner Confirmation gebracht wurde, um mich dort für das Expeditionsfach auszubilden. Später kam ich in die Expedition des Acciscommissarius Porst in Pegau, wo ich aber nur zwei Jahre blieb, da meine Freiheit dort sehr beschränkt war. Denn außer den Geschäftsgängen in der Stadt durfte ich in der Woche nie ausgehen oder einen Spaziergang machen; nur Sonntags nach der Kirche war mir erlaubt, zwei Stunden des Nachmittags mich im Freien zu bewegen. Diese klösterliche Eingezogenheit verleidete mir den längern Aufenthalt in diesem sonst sehr achtbaren Hause. Da ich nun viel Lust zum Militair in mir verspürte, so schrieb ich an den Standartjunker Nerrlich, welcher bei den Husaren in Wiehe stand und meinen verstorbenen Vater gekannt hatte, daß ich Willens sei, mich bei dem Husarenregimente zu engagiren, wenn Aussicht vorhanden wäre, daß ich als Fourier dabei angestellt werden könne. Nerrlich hatte meinen Brief an den Oberst des Regiments Damm von Pflugk abgegeben worauf mir der Rittmeister Freiherr von Czettritz schrieb, daß er von dem Obersten, welchem meine Handschrift gefallen, den Auftrag erhalten habe, mir zu eröffnen: daß zwar für den Augenblick die Stelle eines Fouriers im Regimente nicht offen sei, ich jedoch bei der ersten Erledigung einer solchen berücksichtigt werden solle, bis dahin aber als Husar mich engagiren müsse, um den Dienst kennen zu lernen. Wollte ich daher hierauf eingehen, so möchte ich sobald als möglich nach Artern kommen und mich persönlich bei ihm melden. Die in diesem Schreiben mir eröffnete Aussicht und die vorherrschende Neigung zum Soldatenstande bestimmten schnell meinen Entschluß; ich legte daher den empfangenen Brief meinen Principal gleich vor und bat um meine Entlassung. Derselbe war aber eben nicht sehr erfreut über mein Begehren und suchte mich durch eindringliche Vorstellungen von meinem gefaßten Entschlusse abzubringen, indem er mir auseinandersetzte, daß zwar der Soldatenstand äußerlich glänzend erscheine, aber sehr viele Schattenseiten habe, namentlich der Soldat im Kriege großen Gefahren ausgesetzt sei und so mancherlei Beschwerden ertragen müsse. Ferner, daß, wenn ich noch einige Jahre in seiner Expedition bliebe, er mir durch seine Vermittelung eher zu einer festen Anstellung bei der Accise verhelfen könne, als wenn ich Soldat würde. Doch alle diese wohlgemeinten Vorstellungen konnten mich von dem einmal gefaßten Entschlusse nicht abbringen, denn die jugendliche Phantasie war sehr geschäftig, mir das Bild eines Husaren recht reizend darzustellen. Hätte ich damals ahnen können, welche Drangsale mich später im russischen Feldzuge erwarteten, so hätte ich diesen Vorstellungen gewiß mehr Gehör geschenkt, was ich, daß es nicht geschehen in diesem unglücklichen Feldzuge oft bitter bereut habe. Da nun der Acciscommissair Porst sah, daß alles Zureden vergeblich sei, so entließ er mich denn endlich, nachdem er mir ein Dienstzeugniß ausgestellt hatte, worin unter Anderem auch gesagt wurde: ?daß, nachdem ich mir nützliche Kenntnisse erworben und mich für das Expeditionsfach brauchbar gemacht hätte, ich nun meiner Neigung zum Militair folgen wolle.

Nachdem ich von meinem würdigen Principal, den ich später von Merseburg aus im Jahre 1824 in Leipzig besucht habe, Abschied genommen, schritt ich, das Ränzel auf dem Rücken, zum Pegauer Stadtthore hinaus, freudig und wohlgemuth, denn ich fühlte mich frei, wie ein Vogel in der Luft, da ich der Fesseln entledigt war, die mich zeither an das Haus des Principals gekettet hatten. Wenn ich bedachte, daß mein Lieblingswunsch, Husar zu werden, nun bald in Erfüllung gehen sollte, so kannte mein Entzücken keine Grenze mehr und ich jubelte laut in die Lust hinein. So zog ich denn froh und glücklich meines Weges dahin, die Richtung auf Weißenfels nehmend, kam aber in Freiburg an der Unstrut, wo ich zu übernachten gedachte, sehr ermüdet an, da ich einen Weg von fast 5 Meilen zurückgelegt hatte, eine so starke Fußwanderung aber nicht gewohnt war. Im Gasthofe am Markte, wo ich einkehrte, konnte ich nur eine Streu zu meinem Nachtlager bekommen, da die vorhandenen Betten von andern Reisenden schon in Beschlag genommen worden waren. Der Jubel, mit welchem ich heute Morgen Pegau verlassen, war jetzt ganz verstummt, denn es schmerzten mich nicht nur die Füße sehr, welche ich wund gegangen, sondern ich konnte auch auf der ungewohnten Streu nur wenig schlafen.

Von Freiburg aus führt der Weg nach Artern über Bibra und Wiehe, auf welchem ich denn auch des andern Tages weiter wanderte. Heute sollte mich aber wieder ein anderes Mißgeschick treffen. Unbekannt mit der Gegend, die ich durchzog, war ich nehmlich zwischen Bibra und Wiehe vom rechten Wege abgekommen und in einer ganz falschen Richtung fort gegangen, bis ich durch Leute, welche mir begegneten, zurecht gewiesen wurde, nachdem ich schon einen Umweg von zwei Stunden gemacht hatte. Es vereinigten sich sonach manche Fatalitäten auf meinem Wege zum Husarenregimente; daher schien es, als wenn ich dadurch einen kleinen Vorgeschmack von den Widerwärtigkeiten bekommen sollte, welche mich später im Laufe meines Soldatenlebens erwarteten.

Es war im November 1806, wenige Wochen nach der Jenaschen Schlacht, als ich in Artern ankam und mich in einem Alter von noch nicht vollen 18 Jahren beim sächsischen Husarenregimente daselbst engagirte, welches, nachdem Sachsen für neutral erklärt worden war, seine alten Standquartiere in Thüringen wieder bezogen hatte. Nachdem ich mich bei dem Rittmeister Freiherrn von Czettritz gemeldet, sodann von dem Regimentsarzt untersucht und gesund befunden worden war, wurde ich dem Oberst und Regimentscommandeur Damm von Pflugk vorgestellt. Derselbe theilte mich seiner in Artern stehenden Escadron zu, von welcher er Chef war und die der Rittmeister von Czettritz commandirte, worauf ich als Husar eingekleidet und vom Auditeur auf die Kriegsartikel verpflichtet wurde. Bei meiner vorherrschenden Neigung zum Soldatenstande hatte ich deshalb bei dem Husarenregimente Dienste genommen, weil dasselbe mit seinen glänzenden Uniformen mir besonders wohl gefiel und dann dieses Regiment außer den bei Errichtung desselben im Jahre 179l von den Dragonern und Cürassieren dazu abgegebenen Stammmannschaften größtentheils aus Freiwilligen bestand. So gab es bei dem Husarenregimente Studenten, Kaufleute, Oekonomen, Schauspieler, Handwerker, mithin Leute aus allen Ständen, die sich freiwillig bei demselben engagirt hatten. Der Andrang war so groß, daß sie, wenn die Escadrons schon vollzählig waren, nicht gleich einrangirt werden konnten, sondern einstweilen als übercomplette Recruten wieder beurlaubt werden mußten. So hatte manche Escadron gegen 20 und 30 solche überzählige Recruten auf Urlaub und es wurde, wenn eine Stelle in der Escadron offen geworden war, jedesmal der passendste unter diesen Beurlaubten ausgesucht und zum Dienst einberufen, wobei hauptsächlich darauf gesehen wurde, daß es hübsche und ansehnliche, nicht ganz unbemittelte Leute waren, welche neben ihrer Löhnung noch einen kleinen Zuschuß zu verzehren hatten. Daß ich bei meiner Ankunft in Artern gleich einrangirt wurde, konnte wohl nur dem Umstande beizumessen sein, daß ich vorher mich schriftlich beim Regimente zum Eintritte gemeldet und hierauf vom Rittmeister von Czettritz die Zusicherung meiner sofortigen Einstellung, erhalten hatte.

Das Husarenregiment war sehr stark und bestand aus 1065 Mann und 1002 Pferden. Hiervon gehörten:

 

a. zum Stabe

b. zu den 8 Escadrons

1 Chef

8 Rittmeister

1 Oberster

8 Premierleutnants

1 Oberstleutnant

8 Sousleutnants

2 Majors

8 Cornets

1 Regiments-Quartiermeister

8 Wachtmeister

8 Pferde

2 Adjutanten

8 Seconde-Wachtmeister

8 Pferde

1 Auditeur

1 Regimentsfeldscheer

8 Standartjunker

8 Pferde

1 Stabsfeldscheer

8 Feldscheers

? Pferde

1 Stabsfourier

8 Fouriers

8 Pferde

1 Stabstrompeter

1 Pferd

72 Corporals

72 Pferde

1 Roßarzt

1 Pferd

8 Vice-Corporals

8 Pferde

1Sattler

8 Trompeter

8 Pferde

1 Büchsenmacher

8 Schmiede

? Pferde

1 Profos

880 Husaren

880 Pferde

17 Mann

2 Pferde

1048 Mann

1000 Pferde

 

Das Regiment hatte folgende Standquartiere, als: Artern, wo der Stab und 2 Escadrons, Cölleda, Wiehe, Schloß Heldrungen, Roßleben, Kindelbrück und Gebesee, wo die übrigen 6 Escadrons garnisonirten. Die Pferde waren von polnischer Race, da das Regiment seine Remonte aus Polen geliefert bekam, wo die jungen Thiere eingefangen und gekoppelt nach Sachsen gebracht wurden. Es hielt sehr schwer und kostete viele Mühe, diese unbändigen Thiere, welche das wilde Herumstreifen in den Wäldern Polens gewohnt waren, zu zähmen und zu dressiren, denn sie machten sich durch Beißen und Schmeißen nach hinten und vorn oft sehr unangenehm, wenn ihnen Jemand zu nahe kam. So konnte, um nur einen Fall anzuführen, ein neu angekommenes, sehr bösartiges Remontepferd nur mit vieler Mühe in den Stall gebracht werden, ließ aber den Husaren, dem es zugetheilt worden war, nicht hinein, indem es, wenn derselbe die Stallthüre aufmachte, wie ein Hund auf denselben zusprang und ihn zu beißen suchte. Es mußte daher in der ersten Zeit über dem Stalle ein Brett von den Dielen des Vorbodens in die Höhe gehoben und durch diese Oeffnung das Futter in die Krippe herabgeschüttet werden, bis dieses böse Thier nach und nach ruhiger geworden war. Bei der Dressur dieser polnischen Remontepferde, wozu man die besten Reiter in der Escadron bestimmte, trugen letztere so manche oft erhebliche Verletzungen davon, denn es kamen beim Stürzen oder Durchgehen der Pferde, außer leichteren Quetschungen, noch Verrenkungen der Fußgelenke oder Beinbrüche vor. Auch war es nicht selten, daß die Corporals und Husaren, welche immer zum Zureiten der Remontepferde gebraucht worden waren, Leistenbrüche bekommen hatten und deshalb Bruchbandagen tragen mußten. Ich habe selbst einen Corporal gekannt, welcher einen doppelten Leistenbruch hatte, aber doch seinen Abschied nicht nehmen wollte, sondern nach wie vor mit der angelegten Bruchbandage seinen Dienst verrichtete. War diese Remonte aber auf der Reitbahn erst gehörig ausgearbeitet worden, so gab es keine bessern Pferde für die leichte Cavallerie, als eben diese polnischen, denn sie waren dann flüchtige Renner und zeigten eine große Ausdauer.

Bei meinem Eintritte in das sächsische Husarenregiment hatte dasselbe weiße Dollmans mit blauen Aufschlägen, Kragen, Borden und Schnüren, hellblaue Pelze mit schwarzem Vorstoße, weiße Borden und Schnüren, rothe Schärpen mit weißen Knöpfen, hellblaue Säbeltasche mit dem weißgarnirten Namenszuge des Monarchen, schwarze hohe Filzmützen, die daran befindlichen und mit dem Escadronszeichen versehenen Flügel blau gefüttert, mit weißer Bordeneinfassung, weißem Cordon und Federstutz, blaue Mäntel, kurze ungarische Stiefeln mit weißen Quasten. Bei Paraden oder sonst im Dienste zu Fuß wurden weiße wildhäutene Leder- oder Tuchhosen angelegt, die Reithosen waren von blauem Tuch mit schwarzen Streifen an den Seiten und Lederbesatz, auch waren die Schabracken blau. Die Officiere trugen bei Paraden dieselbe Uniform mit silbernen Schnüren und Cordonquasten, außer denselben aber nur einen ungarischen hellblauen Ueberrock mit schwarzem Kragen und Aufschlägen, weißen Borden und Rundschnüren besetzt, einen dreieckigen Hut mit Federstutz, Cordon und Cocarde. Im Jahre 1810 wurden die ungarischen Filzmützen, ingleichen die weißen Dollmans und Hosen abgeschafft, an deren Stelle das Regiment Czakos mit Federstutz, hellblaue Dollmans mit weißen Borden und Schnüren, auch dergleichen Tuchhosen mit weißen Streifen bekam.

Wer von den beim Regimente eingetretenen Freiwilligen die Geldmittel hatte, ließ sich Uniformen von feinerem Tuch und besserem Pelzbesatze machen, welche außer dem Dienste getragen werden konnten. Da die runden ungarischen Filzmützen den Nacken gegen Hieb und Stich nicht gehörig deckten, so wurden von den Husaren lange und starke Haarzöpfe, auch außer dem Schnurrbarte noch zwei Seitenlocken im Gesicht getragen, was denselben ein verwegenes und wildes Ansehen gab. Wen daher die Natur mit einem starken Haarwuchse begabt hatte, war stolz darauf und widmete demselben eine sorgfältige Pflege, da ein schönes Haar als eine besondere Zierde im Regimente betrachtet wurde.

Nach meiner Einkleidung begann nun das Exerciren zu Fuß und zu Pferde. Jeden Abend vor 8 Uhr kam der Unterofficier, zu dessen Corporalschaft ich gehörte, vor mein Quartier und ließ den Ruf vernehmen: ?Husar Goethe worauf ich mit einem starken: ?Hier antwortete und an die Hausthüre eilte, um die vom Rittmeister für den andern Tag ausgegebenen Befehle zu vernehmen. Da hieß es nun: ?Morgen früh 8 Uhr auf die Reitbahn mit Sack und Pack, das Pferd wohl gestriegelt, das Sattelzeug reinlich, Anzug propre: Nachmittags 3 Uhr zum Fußexerciren auf dem Rieth an der Salpeterhütte, mit Carabiner, Säbel und Patrontasche, alles gut geputzt. Das Exerciren zu Fuß erstreckte sich auf Parademärsche, Griffe und Wendungen, Fechten mit dem Säbel, Uebungen im Schießen, was mir alles nicht sehr schwer wurde. Dagegen fand ich am Exerciren zu Pferde wenig Gefallen, denn ich war früher nie auf ein Pferd gekommen und sollte nun jetzt auf der Reitbahn stundenlang damit herumtraben und galoppiren, alles nach den Regeln der Reitkunst, mit fest anliegenden Schenkeln, gerader Haltung und regelrechter Führung der Zügel. Zu den Pferden, auf welchen die Recruten das Reiten lernen sollten, wurden gewöhnlich harte Gänger genommen, welche ihre besondern Mucken hatten, so daß ich nach den beendigten Reitstunden am ganzen Körper wie zerschlagen war. In der ersten Zeit, wo ich noch ohne Steigbügel reiten mußte, um mich an einen festen Sitz zu gewöhnen, griff ich, als mein Pferd einstmals üble Laune hatte, sich bäumte und hinten ausschlug, in der Angst meines Herzens nach dem Sattelknopfe, um mich daran fest zu halten, welche unerlaubte Selbsthülfe aber von dem Corporal, welcher den Reitunterricht ertheilte, streng getadelt und mir ein für allemal untersagt wurde. Mit dem Exerziren zu Fuß und zu Pferde Vormittags und Nachmittags war aber noch nicht die ganze Tagesarbeit vollbracht, sondern ich mußte auch noch den Stalldienst lernen, das Pferd striegeln, Futter schütten und tränken, mich im Satteln, und Packen üben, das Sattelzeug reinigen, die Streu in Ordnung halten, Säbel, Caräbiner und Pistolen putzen, auch die Montirungsstücken rein machen, damit, wenn der Corporal zur Visitation kam, welches des Tages ein, auch zweimal geschah und zwar gewöhnlich zur Zeit des Futterschüttens, derselbe alles in guter Ordnung fand. Daß bei diesen vielfachen Beschäftigungen während des Tages wenig Zeit zu meiner Erholung übrig blieb, läßt sich denken, weshalb denn auch, wenn ich Abends sehr ermüdet mich zu Bette legte, das Husarenleben mir nicht mehr so reizend erscheinen wollte, als ich es mir früher vorgestellt. Doch hatte dasselbe auch wieder so manche angenehme Seiten, denn ich fühlte mich als Soldat nicht nur freier und selbstständiger, sondern es gewährte mir auch viel Vergnügen, wenn ich im Husarendollman, den klirrenden Säbel an der Seite und die klingenden Sporen an den ungarischen Stiefeln, in gemessenen Schritten und militärischer Haltung einher stolziren, frisch und keck in die Welt schauen konnte. Der Unterofficier zu dessen Corporalschaft ich gehörte, hieß Apitzsch und war früher Oekonom gewesen. Derselbe behandelte mich gut, war aber im Dienste etwas strenge. Diesen Mann sehe ich noch immer im Geiste lebhaft vor mir stehen, eine kräftige und schöne Gestalt mit einem großen Schnurrbarte und zwei zierlich gedrehten Seitenlocken im Gesichte, dabei von gemessener militairischer Haltung, stets sauber und nett angezogen, so daß sich an seinem ganzen Anzuge nirgends ein Fältchen zeigte. Dieser Mann erschien mir immer als die wahrhafte Mustergestalt eines Husaren, welche ich stets mit vielem Wohlgefallen betrachtete. Da ich mit der humanen Behandlung, welche jener als mein nächster Vorgesetzter mir angedeihen ließ, zufrieden zu sein alle Ursache hatte, so schenkte ich ihm, als ein Zeichen meiner Dankbarkeit, eine Stammliste von unserer Escadron, welche ich sauber und zierlich angefertigt hatte, worüber sich derselbe sehr freute. Diese Stammlisten im Octavformate mußten nämlich das National eines jeden Mannes der Escadron in tabellarischer Form enthalten, als: Vor- und Zunamen, Alter, Religion, Geburtsort, Größe nach Zollen, Zahl der Dienstjahre, Charge und Bezeichnung der Feldzüge. Von 127 Unterofficieren und Husaren, aus welchen die Escadron bestand, hatte ich daher die einzelnen Nationals in diese Stammliste aufzunehmen, was eine mühsame Arbeit war, mir aber eben nicht sehr schwer wurde, da ich in meinen frühern Dienstverhältnissen im Bureau des General-Acciscommissair Porst zu Pegau schon Gelegenheit gehabt hatte, mich in tabellarischen Arbeiten zu üben. Die dem Corporal Apitzsch von mir geschenkte Stammliste fand so vielen Beifall, daß auch der Rittmeister und Wachtmeister eine solche zu haben wünschten, weshalb ich meine wenigen Freistunden zur Anfertigung derselben verwenden mußte. Da ich nun für diese Arbeiten nichts bekam, von der geringen Löhnung eines Husaren aber nur mit der größten Einschränkung zu leben vermochte, ich auch auf einen Zuschuß von meiner Mutter, welche als Wittwe selbst in einer hülfsbedürftigen Lage sich befand, nicht rechnen konnte: so mußte ich mir noch durch Notenschreiben, da ich früher Unterricht auf dem Clavier und der Violine gehabt hatte, einen kleinen Nebenverdienst zu erwerben suchen, weshalb ich denn, wenn das Exerciren beendigt, die Hausarbeit und der Stalldienst besorgt war, oft spät noch in der Nacht bei der Oellampe saß, um entweder Stammlisten anzufertigen oder zu schreiben. Meine damalige Lage war daher eben nicht sehr beneidenswerth, hatte aber doch das Gute, daß ich mich frühzeitig an eine nützliche Thätigkeit gewöhnte, was mir in den spätern Lebensverhältnissen sehr zu Statten gekommen ist. Denn ich lernte meine Kräfte brauchen und solche zu meinem fernern Fortkommen in der Welt anwenden, da ich von Niemandem eine Unterstützung zu erwarten hatte, mithin lediglich auf mich selbst gewiesen war.

In dieser Zeit ereignete sich auch der Fall, daß zwei Brüder, mit Namen Herrndorf, Bauerssöhne aus der Gegend von Dresden, mit der Post in Artern ankamen, um sich beim Husarenregiment zu engagiren. Es waren hübsche und kräftige Bursche, welche auch mit Geld wohl versehen waren, weshalb denn der Oberst sich bewogen fand, beide ausnahmsweise bei seiner Escadron einstweilen als überzählig einstellen zu lassen. Beim Exerciren zu Fuß waren diese nun meine Nebenleute geworden, was mir lieb war, da ich durch solche zwei lustige Cameraden bekommen hatte, welche in das einförmige Thun und Treiben auf dem Exercirplatze mehr Leben brachten. Ein jeder von diesen beiden Brüdern hatte seine Säbeltasche jedesmal mit einem guten Frühstück angefüllt, welches, wenn nach den Commandoworten des Corporals: ?Gewehr ab, rührt euch, eine Pause beim Exerciren eingetreten war, von denselben aus ihren Säbeltaschen hervor geholt und verzehrt wurde, wovon auch der Corporal und ich jeder seinen Theil bekam. Dieses gute Leben sollte aber bald ein Ende nehmen, denn der Vater dieser beiden Brüder, welche ohne dessen Einwilligung Dienste genommen hatten, war ihnen nachgereist und hatte, mit der Post in Artern angekommen, sogleich beim Oberst die Entlassung derselben aus dem Grunde begehrt, weil er dem einen sein Gut übergeben, dem andern aber ein Besitzthum im benachbarten Dorfe gekauft habe, in welchem Falle, nach den damaligen sächsischen Gesetzen, wegen Ansäßigkeit die Entlassung vom Militair gefordert werden konnte. Der Oberst, welcher in seiner Escadron gern die schönsten Leute hatte, wollte aber beide Brüder nicht losgeben, sondern wenigstens einen davon zurückbehalten, womit denn endlich auch, nach vielem Zureden, der Vater sich zufrieden erklärt. Es war aber schwer, denjenigen zu bestimmen, welcher mit demselben wieder nach Hause zurückkehren sollte, da beide gern beim Regimente bleiben wollten. Da nun selbst auf die Vorstellung des Vaters keiner von seinen beiden Söhnen mit ihm heim ziehen will, so erklärt denn endlich der Oberst, unter Zustimmung des Vaters, daß nur das Loos zwischen beiden entscheiden müsse, welcher von ihnen hier bleiben oder mit dem Vater gehen solle. Derjenige aber, den das letztere Geschick betroffen, war sehr niedergeschlagen und traurig, als er von mir Abschied nahm, denn er wäre gar zu gern beim Regimente geblieben, wo es ihm so wohl gefallen hatte.

Nachdem ich zu Fuße ausexerzirt hatte, sollte ich nun zum erstenmale auf die Wache ziehen. Nur war man des Zopfes wegen in Verlegenheit, da meine Haare noch nicht lang genug gewachsen waren, um einen solchen daraus formiren zu können, weshalb denn der Corporal mir einen falschen Zopf vor der Wachtparade einbinden mußte, da ein solcher durchaus nicht fehlen durfte. Das Band, welches denselben an meine Haare befestigte, mochte sich unbemerkt gelockert haben, denn wie ich mit der Ablösung über den Markt nach der Hauptwache marschirte, hatte sich der eingebundene Zopf abgelöst und war auf das Straßenpflaster gefallen. Ein solches Ereigniß war noch nicht da gewesen und erregte zu damaliger Zeit, wo der Kamaschendienst überall noch streng gehandhabt wurde und der Zopf dabei eine bedeutende Rolle spielte, großes Aufsehen. Der Corporal, welcher mir den falschen Zopf eingebunden, wurde daher gleich darüber zur Rede gesetzt, kam aber noch mit einem kleinen Verweise davon, da er die Schuld auf meine noch zu kurzen Haare schob. So endete denn dieses komische Zopfdrama damit, daß der Flüchtling herbeigebracht und mir nochmals an den Haaren im Nacken fest gebunden wurde und zwar so derb, daß er sich nicht wieder ablösen konnte. Später bekam ich ein so starkes und langes Haar, daß ich von andern Husaren, welche keinen so reichlichen Haarwuchs hatten, deshalb öfters beneidet wurde, denn mein hellblondes und seidenartiges Haar wallte, in einen mächtigen Zopf gebunden, weit auf den Rücken herab. Zu jener Zeit war nicht allein der Zopf, sondern auch der Stock mit dem Soldatenstande eng verwachsen, denn man konnte sich dazumal keinen Soldaten ohne Zopf und Stock denken. Bei jedem Vergehen wurden Stockschläge als Strafe dictirt und selbst die Corporals konnten bei Nachlässigkeiten, z. B. unterlassenem Futterschütten oder wenn das Zeug nicht gehörig geputzt war, aus eigener Machtvollkommenheit sogleich auf der Stelle, den nachlässigen Husaren mit einer gewissen Zahl Hiebe bestrafen. Zu diesem Behufe führte denn auch jeder Corporal im Dienste ein spanisches Rohr als Zeichen seiner Würde. Dieses Prügelsystem wurde aber bei den Husaren nicht mit solcher Strenge ausgeübt, als bei den andern Regimentern, welche keine Freiwilligen, sondern nur ausgehobene Leute hatten. Jedem Regimente war nämlich damals ein besonderer Werbedistrict zugetheilt, in welchem die Ortsbehörden größtentheils nur solche Subjecte zur Einstellung in das Militair überwiesen, welche den Gemeinden lästig fielen und die sie daher, als der Faulheit und Liederlichkeit ergeben, gern los sein wollten, indem dazumal der Soldatenstand gewissermaßen als eine Correctionsanstalt betrachtet wurde. Man konnte also wohl annehmen, daß die Mannschaften der Regimenter welche, sich in den ihnen angewiesenen Werbedistricten recrutiren mußten, aus der Hefe des Volks größtentheils zusammengesetzt waren, weshalb denn auch zu jener Zeit der Soldatenstand nicht so geachtet war, wie jetzt, wo namentlich in Preußen ein Jeder verpflichtet ist, im Militair zu dienen, das Stockregiment aufgehört hat und durch angemessenere Strafen mehr auf das Ehrgefühl des Soldaten eingewirkt wird.

Das Tragen des Zopfes und Stockes war übrigens damals nicht allein bei dem Militair üblich, sondern diese Sitte auch in alle andern Schichten der menschlichen Gesellschaft eingedrungen. So schritt der ehrbare Bürger am Sonntage mit wohl gepudertem Haarzopfe und einem spanischen Rohre, an dem ein zierlicher Knopf mit einer großen Quaste nicht fehlen durfte, gravitätisch zur Kirche oder in seine geselligen Vereine. Es ist daher nicht zu billigen, wenn man die damalige Sitte, Zopf und Stock zu tragen, jetzt auf alle Weise lächerlich zu machen sucht und mit einer verhöhnenden Verächtlichkeit darauf zurückblickt. Im Fortschreiten der Zeit haben sich zwar so manche andere Sitten und Gebräuche der menschlichen Gesellschaft aufgedrungen, welche aber schlimmer sind als die unschuldigen Zöpfe und Stöcke es waren, welche unsere Vorfahren als eine Zierde und als gewisse Erfordernisse der damaligen Zeit trugen. Denn wo ist die edle Einfachheit, Sparsamkeit und Häuslichkeit, der Fleiß und fromme, bescheidene Sinn unserer Vorfahren hingekommen? Verschwunden sind sie mit dem Zopfe und Stocke, an deren Stelle die sogenannte Aufklärung gewisse andere üble Zustände eingeschmuggelt hat, als da sind: Trägheit, Hang zum Luxus und Wohlleben, so daß die Einnahmen mit den Ausgaben in den Familien nicht im Einklange stehen, Unzufriedenheit mit allen staatlichen und bürgerlichen Einrichtungen, Mangel an religiösem Sinne, Mißmuth der arbeitenden Klassen, welchen der Lohn ihrer Händearbeit nicht mehr genügt, sondern die scheel auf den Wohlhabenden blicken und lieber mit diesem theilen als arbeiten möchten. Jede Zeit hat ihre Uebelstände, aber die damalige, wo von den ehrbaren Bürgern noch Zopf und Stock getragen wurde, war in vieler Hinsicht besser als die jetzige, wo man über beide den Stab bricht, nicht bedenkend, daß unsere Nachkommen wieder so manche Gebräuche und Sitten, worauf wir uns viel einbilden, sonderbar und lächerlich finden werden, denn Sitten, Gewohnheiten und Gebräuche ändern sich mit den Zeiten.

Das Officiercorps des Husarenregiments, welches größtentheils aus gebildeten und humanen Männern bestand, war dem Prügelsystem eben nicht sehr geneigt, wie so manche Vorfälle zeigten. Dasselbe suchte nicht nur die Stöcke nach und nach zu beseitigen, sondern brachte es auch dahin, daß den Corporals untersagt wurde, von denselben einen eigenmächtigen Gebrauch zu machen. Durch diese Anordnung ging nun der eigentliche Zweck verloren, welcher mit dem Tragen dieser Stöcke verbunden war, und es verschwanden schon damals viele derselben im Regimente. Nur die alten Corporals, welche sich nicht gern von ihren spanischen Röhren trennen mochten, trugen solche noch fort, bis sie sich durch folgenden Vorfall zur Ablegung derselben auch veranlaßt fanden. Der Rittmeister von Niesemeuschel hatte nämlich seinen Wachtmeister Sterzel, welcher das stärkste Rohr im Regimente führte und damit bei jeder Gelegenheit tüchtige Hiebe austheilte, dasselbe für einen hohen Preis abgekauft und darauf vor seinen Augen gleich zerhacken lassen, woraus denn nicht allein der Wachtmeister, sondern auch die Corporals ersahen, daß der Rittmeister die Stöcke nicht mehr leiden könne, worauf nicht allein in dieser, sondern auch in den andern Escadrons, nachdem dieser Vorfall dort bekannt geworden, zur Freude der Husaren alle Stöcke verschwanden und das damit getriebene Unwesen ein Ende hatte.

Außer den Stockschlägen gab es auch noch andere Strafen beim Regimente, als: einfachen Arrest, Krummschließen, Satteltragen und Steigleder. Das Satteltragen war eine strenge Strafe und es konnte kein Husar damit belegt werden, wenn er nicht vom Militärarzt vorher untersucht und von ihm bescheinigt worden war, daß der dazu Verurtheilte vermöge seiner Körperconstitution diese Strafe auszuhalten im Stande sei. Es wurde ihm nun ein Stallbaum über die eine Achsel gelegt und an jedes Ende desselben ein completter Sattel mit den Pistolen in den Halftern gehängt. In dieser balancirenden Stellung mußte nun der Verurtheilte mehrere Stunden hinter einander vor der Hauptwache stehen, was, da der Rücken und die Brust dabei sehr angegriffen wurden, selbst robuste Körper nicht lange auszuhalten vermochten, mithin dann die Strafe auf mehrere Tage und Stunden vertheilt werden mußte.

Steigleder wurden bei Desertionen von dem Regimentsgericht erkannt, dabei aber unterschieden, ob der Deserteur blos seine Montirungsstücken oder auch noch das Pferd nebst Sattel und Zeug mitgenommen hatte. Desertionen kamen in Artern nicht selten vor, da der hannoversche Ort Bisenrode ohnweit Berga an der Nordhäuser Straße nur 5 Stunden von Artern entfernt war, welche mit einem guten Pferde bald zurückgelegt werden konnten. Es kam sogar einmal vor, daß, während die Wachtparade Mittags auf dem Markte versammelt war, ein Husar die Frechheit hatte, vorbei zu sprengen, um zu desertiren. Obgleich nun zwar einige Corporals sich schleunigst auf die Pferde warfen und den Deserteur verfolgten, so war es ihnen doch nicht gelungen, denselben noch vor Bisenrode einholen zu können, da er ein sehr gutes Pferd gehabt hatte. War bei einem wieder erlangten Deserteur auf Steigleder erkannt, so stellte sich bei der Execution die Mannschaft in zwei Reihen auf, den vom Sattelzeuge ausgeschnallten Steigriemen in der Hand. Auf Commandowort: ?Steigleder heraus trat nun der Verurtheilte seinen schweren Gang, aber nur im langsamen Schritte durch die Reihen an, da derselbe von zwei Corporals, wovon der eine mit rückwärts gekehrter Säbelspitze vor ihm her ging und der zweite mit vorgehaltener Säbelspitze ihm nachfolgte, am schnelleren Gehen verhindert wurde. Dabei hatte man demselben eine Bleikugel in den Mund gegeben, damit er sich im Gefühle des heftigen Schmerzes die Zunge nicht verletzen möchte. Schritt vor Schritt empfing er nun von jedem Manne in beiden Reihen einen Hieb mit dem Steigriemen auf den entblößten Rücken, welcher schon im ersten Gange roth und blau, nach dem zweiten Gange aber schwarz aussah und sehr aufgeschwollen war. Hatte der Verurtheilte seinen schweren Gang vollendet, so wurde er in das Lazareth geschafft, dort von dem Chirurgus der schrecklich zerlästerte Rücken aufgeschnitten um das geronnene Blut zu beseitigen, was eine sehr schmerzhafte Operation noch war. Denn von den Steigledern wird der Rücken nicht so aufgerissen als bei dem Spießruthenlaufen, welche letztere Strafe nur bei der Infanterie vorkam.

Nachdem einige Monate im Garnisondienste verstrichen waren, wurden mir die Geschäfte des Fouriers bei der Escadron interimistisch übertragen, da der Fourier Thieme, eines Pastors Sohn, krank geworden war. Gleichzeitig übergab mir auch der Oberst von Pflugk, ein alter guter Mann, welcher durch eine in der Jenaer Schlacht erhaltene Verwundung im Gesichte am Schreiben behindert war, die Führung seiner Privatrechnungen und Correspondenzen, wofür mir derselbe eine besondere monatliche Zulage bewilligte. Auch der Regiments-Adjutant Freiherr von Lindemann nahm meine Dienste in Anspruch, indem ich nicht nur die an das Generalcommando einzureichenden periodischen Rapporte nebst den dazu gehörigen Tabellen auf das Reine schreiben, sondern auch noch bei dem von den Officieren des Regiments gebildeten Privattheater, welches von dem Regimentsadjutanten geleitet wurde, die einzelnen Rollen aus den aufzuführenden Stücken extrahiren und noch so manche sonstige Dienstleistungen dabei übernehmen mußte, für welche Mühwaltungen ich übrigens sehr gut honorirt wurde und freien Zutritt bei den Vorstellungen hatte.

Nach dem Absterben des Fouriers Thieme wurde auf den Vortrag des Obersten vom Generalcommando meine Anstellung als Fourier genehmigt. Durch die Erhöhung meiner Löhnung und die Nebenverdienste war ich nun in den Stand gesetzt, meine Mutter, welche sich in einer hülfsbedürftigen Lage befand, zu mir nehmen und für ihren Unterhalt sorgen zu können, was immer mein sehnlichster Wunsch gewesen war. Als Fourier hatte ich nicht nur alle bei der Escadron vorkommende Schreibereien zu besorgen und die Listen zu führen, sondern auch die Löhnungen an die Mannschaften auszuzahlen und die Kriegsartikel bei Paraden vorzulesen.

Im Frieden von Tilsit 1807 war das Herzogthum Warschau aus abgerissenen Stücken vom Königreich Preußen neu gebildet und unter die Souverainetät des Königs von Sachsen gestellt worden. Derselbe wollte nun im Jahre 1808 einige Zeit in Warschau residiren, es wurde daher eine Abtheilung sächsischer Truppen mobil gemacht, welche im Frühjahre des gedachten Jahres nach Warschau marschiren und während der Anwesenheit des Königs dort als Besatzung verbleiben sollten. Hierunter befanden sich auch zwei combinirte Escadrons Husaren, wozu die besten Mannschaften und Pferde im Regimente ausgewählt werden sollten. Auch mich traf das Loos zum Marsche, indem ich einer von diesen beiden Escadrons als Fourier zugetheilt wurde. Obgleich ich nun darüber froh war aus dem fortwährenden Einerlei des Garnisonlebens heraus zu kommen, so ging mir doch das Schicksal meiner armen Mutter sehr zu Herzen, welche, nachdem sie erst nur kurze Zeit bei mir gewesen war, durch meinen Marsch nach Polen in ihre frühere hülfsbedürftige Lage wieder zurück versetzt wurde. Der Abschied zwischen Mutter und Sohn war daher ein sehr rührender und obgleich ich ihr versprach, von Zeit zu Zeit zu schreiben und von meiner ersparten Löhnung etwas zu senden, so konnte doch dies zu ihrem Lebensunterhalte nicht ausreichend sein, da ich von der blosen Löhnung, selbst bei der größten Einschränkung, nur wenig sparen konnte, auch bei der großen Entfernung zwischen Thüringen und Warschau, welche über 100 Meilen beträgt, die Sendungen und Correspondenzen vielen Schwierigkeiten unterworfen waren. Mit schwerem Herzen und besorgt über das Schicksal meiner guten Mutter, stieg ich zu Pferde, sie aber begleitete die Escadron neben meinem Pferde hergehend, eine große Strecke über Artern hinaus, bis ich sie bat, umzukehren und nicht ganz zu verzagen, sondern auf Gott zu vertrauen, der gewiß helfen und uns gesund wieder zusammenführen werde. Nachdem wir unter Thränen nochmals Abschied genommen hatten, marschirte unsere Escadron bis in die Gegend von Wiehe als dem ersten Marschquartiere, wo auch die zweite Escadron sich mit uns vereinigte und der Major von Gablenz das Commando beider übernahm. Den folgenden Tag wurde der weitere Marsch nach der vorgeschriebenen Route durch Sachsen und Schlesien bis an die polnische Grenze fortgesetzt und solche bei Fraustadt überschritten, wo wir Nachtquartier hatten. Von hier marschirten wir dann über Lissa, Rawicz, Krotoszyn, Ostrowo, Lencziz nach Gora an der Weichsel, als dem vorläufigen Endpunkte unseres Zuges, da wir hier so lange Standquartiere beziehen sollten, bis der König von Sachsen in Warschau eingetroffen sein würde. Auf dem Marsche durch Polen wurde ich mit zwei Husaren vorausgesendet um Quartiere zu machen, ingleichen Fourage und Lebensmittel für die Escadrons zu beschaffen. Da ich und die beiden Husaren von der polnischen Sprache nichts verstanden, so wäre die Ausführung des mir übertragenen Geschäfts mit vielen Schwierigkeiten verbunden gewesen, hätte ich nicht in den polnischen Orten hier und da Juden angetroffen, welchen ich mich in deutscher Sprache verständlich machen konnte und, die ich als Dollmetscher gebrauchen konnte. Denn Münze, Maaß, Gewicht und Lebensweise waren hier ganz anders als in Sachsen. So hatte, um nur ein Beispiel anzuführen,

ein polnischer Groschen den Werth von 1½ Pfennig,

ein polnischer Gulden den Werth von 5 Neugroschen.


Die Juden, von welchen es fast in jedem polnischen Orte einige giebt, treiben allerlei kleine Handelsgeschäfte, Schlächterei und Bäckerei, auch haben sie die Schenkwirthschaft im Kruge, wie die Dorfschenke dort benannt wird. Es kann nicht im Zwecke dieser Schrift, mithin auch nicht in meiner Absicht liegen, ein vollständiges Bild von Polen, wie ich es während des Durchmarsches gefunden habe, zu entwerfen, ich beschränke mich daher nur auf folgende kurze Bemerkungen darüber.

Die kleinern Städte in Polen sind unansehnlich, haben weder Umfassungsmauern noch Straßenpflaster, weshalb denn auch der Schmutz bei Regenwetter sehr groß darin ist, da überhaupt auf Reinlichkeit der Straßen in Polen nicht viel gehalten wird. Die Häuser, welche man in diesen Städten findet, sind in weit schlechterem Zustande, als die Gebäude unserer Dorfbewohner in Sachsen. Schlimmer noch sieht es mit den polnischen Dörfern aus, denn hier bestehen die Häuser nur aus von Lehm aufgeführten Hütten, worin eine einzige Stube ist, in welcher Menschen und Vieh zusammen ungenirt im Schmutze wohnen und schlafen, denn von Dielen ist keine Rede. Diese Stuben gleichen daher mehr Viehställen als menschlichen Wohnungen. Statt der Fenster sind einige mit bretternen Schiebläden versehene Oeffnungen in der Mauer angebracht, welche, wenn es kalt ist oder des Nachts, zugeschoben werden. In einer Ecke der Stube befindet sich eine Art Ofen von Lehm, in welchem ein Kamin mit Kochheerd angebracht ist, auf dem das Feuer selten ausgeht, denn an Holz ist kein Mangel in Polen. Da es aber an einem Schornsteine fehlt, indem blos ein Loch im Dache zum Abzuge des Rauches vorhanden ist, so verbreitet sich derselbe durch die ganze Stube und bildet nach oben, dem Loche des Daches zu, eine Rauchatmosphäre, welche den Augen und der Nase sehr beschwerlich fällt und nur dadurch vermieden werden kann, daß man mit gekrümmtem Rücken und gesenktem Haupte beim Gehen darunter hinwegzukommen sucht. Ein Stuhl, Tisch oder Bette ist in einer solchen Hütte nicht anzutreffen, eine einfache hölzerne lange Bank repräsentirt das ganze Meublement, welche zum Essen benutzt wird, indem die Familie sich auf den Boden um diese Bank herum lagert und mit großen hölzernen Löffeln das fast alle Tage vorkommende Gericht, Klosky genannt, verzehrt. Die Zubereitung desselben ist ganz einfach, es wird nämlich ein Topf mit Wasser an das Feuer gesetzt, dann etwas Mehl in eine Schüssel gethan, Wasser darauf gegossen und davon ein Teig geknetet, wie es bei den Mehlklösen geschieht. Sobald das Wasser kocht, werden von diesem Teige einzelne Stücken abgerissen und in den Topf geworfen, welcher nun so lange am Feuer stehen bleibt, bis diese Teigklumpen gar sind. Hierauf wird das Gericht in eine Schüssel geschüttet, etwas Milch oder Milca, wie der Pole sagt, als Gemächte darüber gegossen und dasselbe dann mit etwas grobem Brode, welches dem westphälischen Pumpernickel ähnlich sieht, verzehrt. Dieses Brod ist nämlich sehr schwarz, oft noch mit Kleie, ganzen und halben Körnern vermischt und schlecht ausgebacken, namentlich in solchen Dörfern, in deren Nähe es keine Mühlen giebt, wo also jeder Bewohner sich aus dem Getreide sein Mehl selbst bereiten muß. Hierzu benutzen sie einen runden hölzernen Klotz, in welchem oben eine Oeffnung ausgehöhlt und darin ein Stein, ähnlich unsern Schleifsteinen, angebracht ist. In diese Oeffnung werden die Körner geschüttet und durch den, mittelst einer Vorrichtung in Bewegung gesetzten Stein zerrieben. Diese Verfahrungsart ist zwar einfach, aber sehr mangelhaft, indem dadurch kein Mehl, sondern nur eine Art Schrot, wie es in Sachsen zum Viehfutter verbraucht wird, gewonnen werden kann, weshalb denn auch das durch dieses Verfahren erlangte Mehl mit halben und nur oberflächlich zerquetschten Körnern vermischt ist. An Sonn- und Festtagen wurde als Gemächte zum Klosky oder Kapusty (Sauerkraut), ausnahmsweise ein Stück Speck gebraten, welcher aber so entsetzlich stank, daß den deutschen Nasen dieser pestilenzialische Geruch unausstehlich war. Da es in den Häusern keine Feueressen giebt, so muß nämlich der Speck an der Luft getrocknet werden, wo er stinkig und von zahlreichen Maden durchwühlt wird.

Daß es in den polnischen Dörfern, welche nach der deutschen Grenze zu oder in der Nähe einer großen Stadt liegen, nicht so schlecht ist, läßt sich denken, auch sind die Gebäude der Edelleute etwas besser eingerichtet und gleichen im Allgemeinen, mit wenigen Ausnahmen, so ziemlich unsern Bauerhöfen. Bei der großen Unreinlichkeit jedoch, die überall in den polnischen Dörfern vorherrschend ist, indem der gemeine Pole und selbst oft auch der geringere Edelmann von Reinlichkeit des Körpers, Kämmen und Waschen gar keine Idee hat, kann es an allerlei Ungeziefer dort nicht fehlen, welches nicht allein in den Bauerhütten, sondern auch beim Edelmann in Menge angetroffen wird. So hatte ich einstmals bei einem solchen mich einquartiert, als während des gemeinschaftlichen Abendessens, an welchem die Familie Theil nahm, einige dieser kleinen Thiere gemächlich auf dem Tischtuche auf und ab spazierten, der Wirth aber, nachdem er dies bemerkt, solche ganz gleichgültig, ohne sich darüber zu ereifern, mit der Hand vom Tischtuche herabstrich.

Polen hat größtentheils einen fruchtbaren Boden, welcher, selbst bei weniger Düngung und vernachlässigter Bearbeitung, doch noch reichliche Früchte trägt. Es war mir daher auffallend, daß bei dem Productenreichthum dieses Landes, das Volk in einer drückenden Armuth lebte, was wohl seinen Grund in der Leibeigenschaft haben mochte, welche dazumal noch nicht aufgehoben war. Denn der ganze Grund und Boden der Ortsflur, mit allem, was darauf befindlich, gehörte dem Edelmann des Dorfes, welcher nach seinem Belieben hiervon einzelne Theile den Einwohnern zur Bewirthschaftung überlassen konnte, wofür diese wieder schwere Frohndienste dem Edelmanne leisten mußten. Nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Vieh wurden zu jener Zeit diese armen Bauern von den Edelleuten behandelt und bei dem geringsten Vergehen mit harten Strafen belegt, auch fehlte es nicht an Fußtritten und Schlägen. So war ich selbst Augenzeuge, wie ein Edelmann einen mit Lumpen bedeckten Bauer, wegen eines kleinen Vergehens, mit der Faust in das Gesicht schlug, daß diesem armen Manne Maul und Nase blutete, derselbe aber mit blutendem Gesichte vor dem Edelmanne auf die Kniee nieder fiel und diesem für eine so empörende Mißhandlung noch den Rockschoß küssen wollte, obgleich er von demselben mit dem Fuße stark gestoßen wurde. Daß bei einer solchen, die Menschenwürde verletzenden barbarischen Behandlung der gemeine Pole nur mit hündischer Unterwürfigkeit und Furcht dem Edelmanne sich naht, die Wirtschaft und den Ackerbau vernachlässigt, auch bei einer äußerst schlechten Kost nur dem unmäßigen Genusse des Branntweins fröhnt und dadurch die moralische Würde des Menschen ganz aus den Augen verliert, liegt in diesen eigenthümlichen Verhältnissen, in welchen der Edelmann zu den gemeinen Polen steht. Wenn ich hier von Edelleuten im Allgemeinen gesprochen habe, welche mitunter selbst in drückenden Verhältnissen und oft schlechter leben müssen als unsere Bauern in Sachsen, so meine ich darunter nicht den höhern polnischen Adel, denn dieser zeichnet sich größtentheils nicht nur durch Reichthum, sondern auch mehrseitige Bildung, Gastfreundlichkeit und humanere Behandlung seiner Bauern vor der zahlreicheren Klasse der kleineren Edelleute vortheilhaft aus. ? Seit dem Jahre 1808, wo das Husarendetachement nach Polen marschirte, mag es dort wohl anders und besser geworden sein, namentlich in den zu Preußen gehörigen polnischen Provinzen, da dessen Regierung es sich hat angelegen sein lassen, die dort sehr zurück gebliebene Cultur zu beleben, die Leibeigenschaft aufzuheben, den Ackerbau und die Schulen zu verbessern, auch das Verhältniß der Gutsherren zu den Einsassen so zu regeln, daß letztere nicht der blosen Willkür derselben preisgegeben werden.

Auf dem Marsche durch Polen wurden größtentheils die Städte zu Nachtquartieren bestimmt, da in solchen die erforderliche Verpflegung für Mann und Pferd leichter zu beschaffen war als auf den elenden Dörfern. Nach der Ankunft der Escadrons wies ich denselben die für sie in Bereitschaft gesetzten Quartiere an, lieferte die erforderliche Anzahl von Portionen und Rationen an die zur Empfangnahme derselben commandirten Unterofficiere ab und marschirte dann mit meinen beiden Husaren gleich wieder fort, um noch denselben Tag das nächste für die Escadrons auf den folgenden Tag bestimmte Nachtquartier zu erreichen und dort wieder die Quartier- und Verpflegungsangelegenheiten zu reguliren. Nach der vorgeschriebenen Marschroute hatte ich einstmals in zwei Dörfern Quartier zu machen, da eine Stadt in der Nähe nicht gelegen war. Bei meiner Ankunft konnte ich aber weder die erforderliche Fourage noch die nöthigen Lebensmittel für die Escadrons beschaffen, da beide Dörfer ganz ärmlich waren und die Bewohner derselben selbst nur wenig zu leben hatten. Daher sah ich mich genöthigt, in dem einige Stunden von diesen Dörfern gelegenen Städtchen Cenczyc, wo sich nach eingezogener Erkundigung ein Magazin befinden sollte, die für die Escadrons erforderlichen Portionen und Rationen zu fassen. Wie ich mit den Wagen dort ankam, wollte aber der Magazinverwalter nur auf die Quittung unsers Commandeurs, des Majors von Gablenz, die von mir begehrten Bedürfnisse verabreichen, weshalb ich eiligst einen Husaren den im Anmarsche begriffenen Escadrons entgegensendete, um für die von mir schon aufgesetzten Quittungen schleunigst die Unterschrift des Majors zu erlangen. Durch diesen Aufenthalt war indeß viel Zeit vergangen, ehe ich die ersten beiden beladenen Wagen unter Escorte der Husaren nach den Marschquartieren absenden konnte. Den dritten und letzten Wagen wollte ich selbst begleiten, weshalb ich denn, nachdem derselbe auch beladen und das Geschäft im Magazine nun abgemacht war, mit demselben abfuhr, nachdem ich vorher mir einen Sitz in den darauf befindlichen Heubündeln zurecht gemacht und den polnischen Bauer noch bedeutet hatte, daß er schnell zufahren solle, indem ich ihm auf polnisch zurief: ?Klopka prentkow zu deutsch: ,,Bauer, fahre schnell! Ermüdet von den körperlichen Anstrengungen, war ich jedoch auf diesen Heubündeln bald eingeschlafen und als ich wieder erwachte, bemerkte ich zu meinem Schrecken, daß der Wagen still stand, die Pferde davon abgespannt waren und auf einer nahen Wiese graseten, der Bauer selbst aber sich unter einen Baum hingestreckt hatte und schlief. In meinem gerechten Unwillen darüber, daß derselbe gerade im Gegensatze zu meinem Verlangen, schnell zu fahren, die Pferde hatte ausspannen und solche grasen lassen können, wurde der Pole ziemlich unfreundlich von mir angelassen und nachdem der Wagen wieder bespannt war, die Fahrt so schleunig wie möglich fortgesetzt. Es konnte aber nicht fehlen, daß ich unter diesen mißlichen Umständen erst sehr spät im Marschquartiere ankam, wo die Escadrons schon vor mehreren Stunden eingerückt waren und mit Ungeduld die Ankunft meines Wagens erwartet hatten, um die darauf befindlichen Vorräthe vertheilen zu können, weshalb ich denn eben nicht mit den freundlichsten Gesichtern empfangen wurde. Da ich nun die Verpflegungsgegenstände erst gehörig übergeben mußte, so ließ ich meine beiden Husaren nach Strykow, als dem nächsten Marschquartiere, immer voraus reiten, mit dem Bemerken, daß, sobald meine Geschäfte beendigt wären, ich nachkommen würde. Der Weg nach dem kleinen Städtchen Strykow wurde mir vom Juden als nicht schwierig dargestellt und so beschrieben, als könne ich denselben gar nicht verfehlen, vermutlich in der Absicht, damit ich nicht noch einen Boten fordern sollte, da meine Husaren schon einen solchen mitgenommen hatten. Um nun durch Requisition eines solchen keine Zeit weiter zu verlieren, da es schon spät am Nachmittage war, ritt ich allein fort, kam aber nach einigen Stunden, nachdem es dunkel zu werden begann, vor einen großen, unabsehbaren Wald, in welchen zwei gleich befahrne Wege, aber in abweichender Richtung, führten. Meine Verlegenheit war daher sehr groß, als ich nun nicht wußte, welchen Weg ich einschlagen sollte, indem ich keine Spuren von den Tritten der vorausgegangenen Husarenpferde zu entdecken vermochte. Die immer mehr zunehmende Dunkelheit forderte jedoch einen schnellen Entschluß, und so wählte ich ohne weiteres Besinnen den Weg rechts, auf dem ich rasch vorwärts trabte. Nachdem ich eine kurze Zeit im Walde geritten, umgab mich jedoch eine solche Finsterniß, daß ich keinen Baumstamm mehr zu unterscheiden vermochte, auch selbst den Weg nicht mehr sehen konnte, von dem ich übrigens, wie ich mit Schrecken bemerkte, bald abgekommen sein mußte, da das Pferd immer gegen die Bäume anrannte. Um den Weg wieder zu finden, stieg ich daher vom Pferde und tappte, dasselbe am Zügel hinter mir her führend, in der Finsterniß mit der Hand auf dem Erdboden herum, aber vergebens, denn nirgends konnte ich Spuren von Pferdetritten oder ein Fahrgleis entdecken, weshalb es denn nun außer allem Zweifel war, daß ich den Weg verloren und mich im Walde verirrt hatte. In dieser für mich sehr unangenehmen Lage blieb mir nichts weiter übrig, als im schauerlichen Dunkel des Waldes, ohne Feuer und Lebensmittel, mein einsames Nachtquartier aufzuschlagen, weshalb ich denn aus Besorgniß eines Anfalls von Wölfen, die es damals in den polnischen Wäldern noch häufig gab, den blanken Säbel in die, eine, den Zügel meines Pferdes aber in die andere Hand nahm und mich an einem großen Baume niedersetzte, um wenigstens mir den Rücken zu sichern und in dieser Stellung den Anbruch des Tages abzuwarten. Obgleich ich sehr ermüdet war, so kam doch in dieser für mich sehr langen und schauerlichen Nacht kein Schlaf in meine Augen. Auch mein Pferd blieb munter und war sehr unruhig, indem es bei dem kleinsten Geräusch im Walde sich bäumte und mit den Hinterfüßen um sich schlug, vermuthlich in der Absicht, die im Dunkeln herumschleichenden Wölfe, welche des Nachts immer auf Beute ausgehen, und die wohl unsere Anwesenheit ausgewittert haben mochten, zu verscheuchen. Die polnischen Pferde, zu welcher Race auch das meinige gehörte, da fast das ganze Regiment mit solchen beritten gemacht war, haben nämlich den eigenthümlichen Instinct, die Nähe von Wölfen sogleich zu wittern und um diese zu verscheuchen, in den Steppen, wo sie noch im wilden Zustande herumlaufen, die Gewohnheit, sich bei Annäherung von Wölfen in einem runden Kreise mit den Köpfen zusammen zu stellen und fortwährend nach hinten auszuschlagen, welches letztere denn auch bei jedem kleinen Geräusch mein kluges Thier that und dadurch vielleicht sich und mich vor dem Anfall der Wölfe rettete. Um das Bestreben meines treuen Pferdes, diese Bestien abzuwehren, zu unterstützen, schlug ich mit dem Säbel fortwährend auf die eiserne Scheide und machte durch Rufen und Schreien einen in den Wald hinein schallenden großen Lärm. Wie froh war ich, als das anbrechende Tageslicht sich auf die Wipfel der Bäume hernieder senkte und diese immer mehr erhellt wurden. Mein Pferd war nun ruhiger geworden und sah mich mit seinen klaren und treuen Augen an, als wollte es sagen: nun mache, daß du fort kommst. Noch war es etwas dämmerig, als ich, von dem langen Sitzen und der kalten Nachtluft ganz steif geworden, mich erhob und, das Pferd hinter mir her am Zügel führend, die lichten Stellen des Waldes aufsuchte, um entweder den verlornen Weg oder den Ausgang des Waldes zu finden, als ich zu meiner großen Freude Töne wie fernes Hundegebell vernahm, weshalb ich denn ohne Säumen meine Schritte nach jener Richtung hinlenkte, wo mir dasselbe herzukommen schien. Nach einer Stunde war ich auch so glücklich, das Ende des Waldes zu erreichen und in einer nicht sehr großen Entfernung einige Häuser zu erblicken, auf welche ich sofort querfeldein zusprengte. Dort angekommen, sah ich, daß diese einzelnen Häuser zu einem kleinen Dorfe gehörten, und erfuhr, daß auch ein Jude darin wohne, welcher mir auf Befragen sagte, daß ich von dem Wege nach Strykow sehr weit abgekommen wäre und noch froh sein könne, aus diesem großen Walde, welcher einige Meilen im Umfange habe, und worin es viele Wölfe gebe, so glücklich wieder herausgekommen zu sein. Um aber nicht wieder den Weg zu verfehlen, ließ ich mir nun schnell einen reitenden Boten geben und sprengte über Stock und Stein, daß die Funken stoben und Roß und Reiter schnoben, bis ich Strokow erreicht halte. Meine voraus gesendeten beiden Husaren hatten viel Sorge um mich gehabt, waren aber so klug gewesen, hinsichtlich der Quartiere und Verpflegung alles vorläufig zu reguliren, so daß ich das Wenige, was noch zu thun übrig war, vor dem bald darauf erfolgenden Einrücken der Escadrons abmachen konnte.

Auf dem weitern Marsche kam nichts Bemerkenswerthes vor, nur hatte ich so manche Verdrüßlichkeiten mit den Juden, welche, wie es oft geschah, die Lieferung der Portionen und Rationen übernommen hatten und bei diesem Geschäfte dadurch, daß die gelieferten Gegenstände in der Quantität und Qualität geringer waren, als sie sein sollten, mich beschmuggeln wollten, indem sie es wahrscheinlich für keine Sünde hielten, einen christlichen Söldner, wie wir von ihnen immer genannt wurden, zu betrügen. Bei Uebernahme der Lieferungen mußte ich daher sehr aufpassen, wenn ich mein richtiges Quantum haben wollte.

Das Städtchen Gora war den beiden Escadrons zum vorläufigen Standquartiere bestimmt, mithin nach dem Eintreffen dort unser Marsch beendigt. Dieser Ort liegt nahe am linken Ufer der Weichsel, fünf Meilen von Warschau, hat ein katholisches Kloster und eine Synagoge, da es viele Juden dort giebt. Mein Quartier erhielt ich bei einem polnischen Edelmanne, der aber sehr herunter gekommen war, da er nur ein schlechtes Häuschen besaß und von einer kleinen Anstellung im Kloster lebte. Da wir Fourage und Lebensmittel geliefert bekamen, so hatte der Wirth nichts weiter zu gewähren, als Quartier und Holz zum Kochen, welches letztere von den Husaren selbst besorgt wurde, da die polnische Kochkunst unsern Gaumen nicht behagen wollte, auch hinsichtlich der Reinlichkeit so manches zu wünschen übrig ließ. Jenseits der Weichsel, am rechten Ufer derselben, lag der Theil von Galizien, welcher zu Oesterreich gehört; es gab dort guten und billigen Ungarwein, weshalb wir uns manchmal über die Weichsel setzen ließen, um uns ein paar Flaschen von diesem herrlichen Gewächse in den benachbarten galizischen Orten zu verschaffen.

Es waren mehrere von unsern Husaren an der Ruhr erkrankt und da diese Krankheit auch noch andere ergriff, so mußte im Kloster ein Lazareth zur Aufnahme der vielen Kranken eingerichtet werden, in welchem mehrere starben. Auch ich bekam einen bedeutenden Ruhranfall und sollte schon nach dem Lazarethe gebracht werden, als die Krankheit etwas nachließ, daher der Transport dahin von dem Escadronchirurgus nicht mehr für nöthig erachtet wurde. Der Wachtmeister Glaser von der zweiten Escadron, welcher ebenfalls die Ruhr bekommen hatte und nach Warschau in ein Lazareth geschafft worden war, verstarb dort kurze Zeit darauf. Vom Major von Gablenz wurde ich commandirt, die nachgelassenen Sachen des Verstorbenen in Empfang zu nehmen. Zu diesem Behuf wurde mir der bei der Escadron befindliche Deckelwagen gegeben, auf welchem mich ein Trainknecht nach Warschau fahren sollte. Unterwegs zerbrach jedoch ein Rad am Wagen, ich mußte daher solchen im nächsten Orte stehen lassen und einen andern von der Gutsherrschaft requiriren. Bei meiner Rückkunft hatte der Dorfschmidt das zerbrochene Rad nothdürftig wieder zusammengeflickt, so daß ich mit dem stehengebliebenen Wagen meine Rückfahrt fortsetzen konnte.

Da in Gora ein Wochenmarkt war, so hatte ich Gelegenheit, die polnischen Bauern beobachten zu können, welche ihre wenigen Erzeugnisse, die größtentheils in etwas Getreide und Honig bestanden, zu Markte brachten, habe aber dabei allerdings keine erfreuliche Ansicht von einem polnischen Marktverkehre bekommen. Erstens war der Schmutz auf dem nicht gepflasterten Marktplatze, besonders wenn es geregnet hatte, sehr groß, da an ein Kehren oder Reinhalten desselben nicht gedacht wird. Dann haben die polnischen Bauern die üble Gewohnheit, einen Theil des Geldes, welches sie aus dem Verkaufe ihrer Erzeugnisse gelöset haben, sogleich zu vertrinken und in einem sehr betrunkenen Zustande auf der Straße herumzutaumeln und Spectakel zu machen. Alle Schenkwirthschaften, deren es in Gora viele gab, waren mit trinkenden, lärmenden oder zankenden Bauern ganz angefüllt, wobei ein Leierkasten beliebte National-Gesänge oder Tänze aufspielte. Es kam oft vor, daß die zechenden Bauern sich so stark betrunken hatten, daß sie auf der Straße mitten im Kothe liegen blieben, um ihren Rausch auszuschlafen, was ich selbst mehrmals gesehen habe.

Nachdem der König von Sachsen in Warschau angekommen war, marschirten wir im September 1808 von Gora dahin ab. Bei unserer Ankunft daselbst wurden wir von dem polnischen General, Fürsten Poniatowsky, auf dem sächsischen Platze gemustert und führten dann einige Evolutionen vor ihm aus, worauf die Husaren der beiden Escadrons in der sogenannten Missionair-Kaserne, die Pferde dagegen in den am sächsischen Platze befindlichen Stallungen, untergebracht, die Officiere aber in Bürgerhäusern einquartiert wurden. Auch mir und dem zweiten Fourier Suppe, sowie dem Chirurgus Rebentisch wurde ein Quartier nicht weit vom sächsischen Platze angewiesen, wo uns der Hausbesitzer eine große Hinterstube einräumte. Der König von Sachsen residirte mit der Prinzessin Auguste auf dem Schlosse, der alten Residenz der frühern polnischen Könige. Die beiden Escadrons Husaren waren von ihm zu seiner Leibwache bestimmt worden, weshalb denn jeden Tag eine Escadron im Parade-Anzuge die Schloßwache beziehen und alle Eingänge zum Schlosse und in die innern Gemächer besetzen mußte. Jeder von den auf der Wache befindlichen Husaren bekam jedesmal zur Ergötzlichkeit ein Quart gutes Bier und ein weißes Brödchen, die Officiere aber Wein. Bei einer solchen Wache kam folgender sonderbarer Fall vor: Ein Husar, welcher als Posten vor die Gemächer der Prinzessin Auguste noch spät Abends aufgeführt worden war, hatte, da in den Zimmern nach 10Uhr alles stille geworden war, in der Meinung, daß sich die Prinzessin mit ihren Kammerfrauen zur Ruhe begeben habe, seine Waffen und die Patrontasche abgelegt und sich auf dem gebohnten Fußboden hingestreckt, um ein wenig zu schlafen. Bald darauf hört er jedoch Fußtritte in dem Zimmer, vor dem er Wache stehen soll, springt daher schnell in die Höhe, gleitet aber auf dem glatten Fußboden aus und stürzt in dem Moment nieder, als die Prinzessin Auguste die Thür öffnet und heraustreten will. Dieselbe, darüber erschrocken, kehrt nun wieder um, sendet aber gleich darauf eine Kammerfrau heraus, welche dem Husaren einen Speciesthaler überbringen und sich erkundigen soll, ob er durch den Fall Schaden gelitten habe, welches letztere jedoch nicht geschehen war. Dem Husaren mußte nun aber sehr daran gelegen sein, daß dieser Vorfall nicht zur Kenntniß der Officiere gelangte, er hatte daher die Kammerfrau gebeten, Niemandem hiervon etwas zu sagen. Sie mußte aber doch nicht geschwiegen haben, denn der Husar kam in Untersuchung und wurde dafür, daß er als Wachtposten die Waffen abgelegt und, statt zu wachen, geschlafen habe, strenge bestraft.

Warschau hat gegen 160,000 Einwohner, mit Einschluß des Militairs; darunter befinden sich ohngefähr 30,000 Juden. Der Handel in Polen, sowohl in den Städten als auf den Dörfern, liegt größtentheils in den Händen der Juden, da der Pole für kaufmännische Geschäfte wenig Sinn und Geschick hat. Als eigentliche Handelsstädte von Bedeutung können nur Warschau und Lublin genannt werden, wo Messen sind. In Warschau befinden sich auch mehrere deutsche Handwerker, welche auf ihrer Wanderschaft dahin gekommen sind und sich dort etablirt haben; so waren wir oft bei einem deutschen Glaser, welcher nebenbei auch noch eine Schenkwirthschaft hatte. Außer vielen Kaffeehäusern, Lustgärten und Promenaden giebt es noch eine Menge Schenkwirthschaften und einige Hundert Droschken in Warschau, auch fehlt es nicht an Theatern, Bällen und Conzerten dort, mithin ist kein Mangel an Gelegenheit zu Vergnügungen aller Art. In der Nähe liegen die beiden schönen Lustschlösser Belvedere und Laziensky, deren hübsche Parkanlagen sehr besucht wurden. Der Pole liebt Tanz, Musik und Gesang leidenschaftlich, weshalb denn auch die Nachtwächter in Warschau von 10 Uhr Abends ab die Straßen mit Drehorgeln durchziehen, auf welchen sie die beliebtesten. National-Lieder und Tänze aufspielen, auch sich dazu mit einem Tambourin begleiten lassen. Wenn um diese Zeit noch eine frohe Gesellschaft in einem Schenklocale beisammen saß, so wurde öfters der vorbeiziehende Nachtwächter hereingerufen um zum Tanze aufzuspielen, wozu die Schenkmädchen oder Schenkarka, wie sie auf polnisch heißen, engagirt wurden. Auch wir Husaren vergnügten uns auf diese Weise manchmal, wenn wir bei der Bierflasche froh geworden waren, versäumten aber dadurch auch oft die Polizeistunde, so daß wir einigemal von den Militairpatrouillen, welche die Schenklocale Abends nach 10 Uhr revidirten, an das Zuhausegehen erinnert werden mußten. Anfangs wollte es mit den polnischen Nationaltänzen nicht recht gehen, indem wir die besondern Stellungen und Wendungen nicht genau kannten, aber bald lernten wir mit Hülfe der Polinnen, welche flotte Tänzerinnen sind, uns eben so rasch drehen, rechts und links changiren, auch stimmten wir, wenn einigemal herum getanzt war, in den Gesang eines Verses aus einem polnischen Nationalliede mit ein, worauf sodann der Tanz wieder begann. Da die Polinnen gelehrige Schüler an uns hatten und wir uns dabei so flink wie möglich machten, so tanzten sie recht gern mit uns.

Warschau hat außer der Alt- und Neu-Stadt noch mehrere Vorstädte, unter denen sich die neue Welt und die Krakauer Vorstadt besonders auszeichnen. Gegenüber von Warschau, am rechten Ufer der Weichsel, liegt Praga, eine Stadt von ungefähr 800 Häusern und etwa 4000 Einwohnern. Dieselbe ist durch eine Schiffbrücke mit Warschau verbunden und wie eine Vorstadt zu betrachten, auch durch den polnischen Unabhängigkeitskrieg im Jahre 1784 und die Erstürmung Suwarows berühmt geworden. Außer Praga mit seinen nicht unbedeutenden Festungswerken, waren dazumal in Polen noch zwei Festungen vorhanden, nämlich Zamosk und Modlin, letztere am Einflusse des Narew in die Weichsel gelegen. In Praga waren die Magazine befindlich, wo die Fourage für unsere Pferde jedesmal in Empfang genommen werden mußte. Die Portionen, bestehend aus Brod, Fleisch, Branntwein, Gemüße und Salz, wurden aus einem andern Magazine in Warschau, hinter dem Sächsischen Platze gelegen, verabreicht und zur Empfangnahme derselben für beide Escadrons jedesmal einer von uns beiden Fouriers commandirt, so daß ich einen Tag um den andern die Fassung zu bewirken hatte. Da der Magazinverwalter ein französischer Beamter war, so mußten auch die Quittungen über die Zahl der Portionen von uns in französischer Sprache ausgestellt werden. Daß wir bei diesen Fassungen die besten und größten Fleischstücken zu unsern Portionen aussuchten, läßt sich denken. Anfangs gaben wir das Fleisch und Gemüße unsern Wirthsleuten zum Kochen, aber bald machten wir die Bemerkung, daß die Quantität und Qualität des gekochten Fleisches immer geringer war. als wir es geliefert hatten, weshalb wir uns denn entschlossen, das Kochen selbst zu übernehmen und dazu den in dem Ofen unserer Stube befindlichen Kamin zu benutzen. Da der Chirurgus Rebentisch, welcher mit in unserm Quartier war, seine Portion in der Caserne zubereiten ließ, mithin sich uns nicht anschloß, so kam ich mit meinem Cameraden, dem andern Fourier, dahin überein, daß jeder von uns eine Woche um die andere das Kochen besorgen sollte. Ein verwöhnter Gaumen würde freilich so manches an unserer Kocherei auszusetzen gehabt haben, denn als Anfänger kannten wir die Regeln der Kochkunst noch wenig, auch kam es wohl vor, daß bald zu viel oder zu wenig Salz und Schmalz zu den Speisen verwendet worden war. Denn in Warschau gab es nur Steinsalz, welches aus den Salzgruben von Wieliczka auf der Weichsel heruntergebracht wurde, welches viel stärker salzte, als unser weißes körniges Salinensalz. Da wir uns jedoch auf bloße Hausmannskost beschränkten, ein Gericht Fleisch mit Gemüse, so kamen wir durch fortgesetzte Uebung bald dahin, dasselbe schmackhaft bereiten zu können. Statt des Kaffees wurde jeden Morgen eine Wassersuppe gekocht und, mit dem übrig gebliebenen Fette des Fleisches geschmalzt. Derjenige von uns, welcher die Woche hatte, mußte daher zeitiger aufstehen und das Frühstück bereiten; ich machte mir deshalb öfters den Spaß, wenn mein Camerad, der Suppe hieß, die Woche hatte, denselben früh zu wecken und ihm zu sagen: ?Suppe, steh auf und koche Suppe. Da das mit den Portionen gelieferte Gemüse, Grütze und Graupen, uns für die Länge nicht recht mehr munden wollte, so wurden zur Abwechselung auf dem Markte andere Gemüse angekauft, womit wir entweder den Husaren, welcher unsere Sachen reinigte, beauftragten, oder den Einkauf selbst besorgten. Einstmals war ich auch auf dem Markte und fand dort Würste zum Verkauf ausgestellt, welche ganz so wie unsere Blutwürste aussahen; ich kaufte daher sogleich eine davon und eilte damit in unser Quartier, um den seltenen Fund mit meinem Cameraden zu verzehren, wir fanden aber bei dem Aufschneiden, daß der Darm leider nur mit Blut und Grütze gefüllt war, wie es in Polen gebräuchlich ist, auch der Inhalt schon übel zu riechen begann.

So lange es noch nicht kalt war, ging alles gut, beim Eintritt des Winters und einer starken Kälte hatten wir aber unsere Noth mit der großen Stube, die nicht warm werden wollte, da der unförmliche, von blosem Lehm aufgeführte Ofen schlecht heizte. Das Holzquantum, welches der Hausmann jeden Morgen uns brachte, wollte auch für den ganzen Tag nicht ausreichen, weshalb wir, um mehr Holz zu bekommen, demselben ein kleines Geldgeschenk machten, worauf er uns dann jedesmal noch eine Quantität davon brachte. In unserer Stube standen zwei Bettstellen mit Strohsäcken, in der einen schlief ich mit meinem Cameraden, in der andern der Chirurgus. Da nun aber keine Deckbetten vorhanden waren, so mußten wir unsere Pferdedecken dazu benutzen, in welche wir uns denn jeden Abend förmlich einwickelten und bemüht waren, einander gegenseitig zu erwärmen. Denn die Kälte hatte einen so hohen Grad erreicht, daß die Fenster ganz dick mit Eis bedeckt waren und auch den Tag über nicht aufthauen wollten. Dabei wurden wir von unserm Stubengenossen, dem Chirurgus, auch oft noch im Schlafe gestört, indem derselbe gewöhnlich sehr spät in der Nacht in einem eben nicht nüchternen Zustande zu Hause kam, nach vielen mißlungenen Versuchen endlich sich Licht anzündete und dann in der Stube eine Zeit lang auf und ab ging, ehe er sich zu Bette legte. Wir sahen uns daher genöthigt, diese Störung, welche fast jede Nacht vorkam, uns ernstlich zu verbitten und, da er von seiner üblen Gewohnheit nicht ablassen wollte, auf die Ausquartirung dieses unruhigen und störenden Stubengenossen anzutragen, welche denn auch erfolgte. Ueberhaupt war dieser Mann ein eigenthümliches Exemplar von einem Chirurgen oder Feldscheer, wie sie damals mitunter noch benannt wurden. Dem Branntwein, welchen er spashafter Weise Rachenputzer zu nennen beliebte, sehr ergeben, trank er ihn schon von früh Morgens an nüchtern statt Kaffee, und wenn wir unsere Suppe verzehrten, langte er aus seinem Medizinkasten eine große Schnapsflasche hervor, um von Zeit zu Zeit einen derben Schluck daraus zu nehmen, wobei er seine Witze über unsere Wassersuppe machte. War der Anzug vollendet und die Schnapsflasche wieder im Medizinkasten eingeschlossen, so begab er sich in die Stadt, und wir sahen ihn gewöhnlich erst spät in der Nacht, und zwar betrunken, wieder, wo er uns im Schlafe störte. Kam er ja am Tage zu Hause, so geschah es, um die Leute, welche seine ärztliche Hülfe beanspruchten, und die er zu gewissen Stunden in sein Quartier bestellt hatte, abzufertigen und zwar vor der Stubenthür auf der Hausflur, damit wir von seinen Curen nichts hören oder sehen sollten. Da nun aber in seinem Medizinkasten außer der großen Schnapsflasche an Medicamenten wenig oder gar nichts vorhanden war, so sahen wir ihn oft in der Stube etwas Kalk von den Wänden auf ein Papier kratzen, solches zusammenfalten und dann den außerhalb harrenden Kranken, welches gewöhnlich Deutsche waren, als Pulver zum Einnehmen reichen. Ueber ein so betrügerisches und gewissenloses Beginnen, wodurch Leben und Gesundheit der Hülfesuchenden gefährdet wurde, machten wir ihm oft sehr bittere Vorwürfe, und da wir die Leute auch gelegentlich warnten, so brachten wir es dahin, daß Niemand mehr die Hülfe dieses ganz demoralisirten und unwissenden Mannes suchte, der nur ganz dürftige Kenntnisse in der Chirurgie besaß und von innern Curen gar nichts verstand. Denn die Feldscheerer damaliger Zeit hatten wenig wissenschaftliche Bildung, da sie größtentheils aus dem Stande der Barbiere hervorgegangen waren. So hatte jener, um nur ein Beispiel anzuführen, dem in der Caserne krank gewordenen Corporal Klausnitzer, welcher ein starker Mann und ein eben so starker Esser war, eine Masse Thee verschrieben, den er fortwährend trinken, dabei aber keine andere Nahrung weiter zu sich nehmen sollte. Es lag auf der Hand, daß dieser Thee einen Magen, der an kräftige Speisen gewöhnt war, für die Länge sehr erschlaffen und den Kranken schwächen mußte. Einstmals besuchte ich diesen Corporal in der Caserne und fand ihn hinter einer großen Schüssel sitzen, eifrig beschäftigt, eine Flüssigkeit, in welche große Stücken Commißbrod eingebrockt waren, herauszulöffeln. Auf meine Frage: was er da esse? sagte er mir: der Feldscheer hätte ihm Thee verschrieben, welchen er den ganzen Tag über trinken solle, dieser habe aber seinen Magen so erschlaft, daß er sich genöthigt gesehen, um nur etwas Festes in denselben zu bekommen, Commißbrod in den Thee zu brocken und dann solchen als Suppe zu verzehren, gegen welches Verfahren der Feldscherr auch nichts zu erinnern gefunden habe. Dieser Fall giebt nun einen Beweis, wie wenig derselbe von der sachgemäßen Behandlung einer Krankheit verstehen mochte, da der Kranke eher wußte, was ihm zuträglich sei, als der Arzt, welcher ihn kuriren wollte.

Daß es auch in Warschau nicht an schlechtem Gesindel fehlte und freche Diebstähle vorkamen, läßt sich denken. So wollte man unter andern den Rittmeister von Wollkopf, welcher die eine Escadron Husaren commandirte, in seinem Quartiere am hellen Tage bestehlen. Derselbe war nemlich zum Mittagstische gegangen, der Bediente aber hatte die schmuzige Wäsche zur Waschfrau getragen, vorher jedoch die Thüren gehörig verschlossen. Nachdem derselbe wieder zurückgekehrt, die Treppe hinauf gestiegen ist, bemerkt er mit Erstaunen, daß die Zimmerthüren offen sind und ein Mensch vor dem Kleiderschranke in der zweiten Stube steht, damit beschäftigt, die sehr werthvolle, mit Silber gestickte Paradeuniform seines Herrn herauszunehmen. Der Diener springt nun schnell auf den Kerl los und hält denselben so lange fest, bis auf sein Geschrei um Hülfe der Wirth herbeikommt, worauf der Dieb gebunden wird, um an die Polizeibehörde adgeliefert zu werden. Obgleich, wie mir selbst bewußt, in diesem Hause zwei sehr böse Hunde waren, welche einen Fremden nicht eher die Treppe hinauf gehen ließen, bis der Wirth auf ihr Bellen herbeikam und sie abrief, so versicherte doch derselbe, daß die Hunde vorher ganz ruhig gewesen wären und er auch von der Unterstube aus Niemand habe in das Haus gehen sehen. Bei dem Diebe, einem Juden von 20 Jahren, fand man bei der Durchsuchung seiner Taschen jedoch weder Nachschlüssel noch Dittriche, konnte daher nicht begreifen, wie derselbe die Thüren, ohne diese Hülfsmittel, habe öffnen können. Der Dieb behauptete nun zwar, die Thüren offen gefunden zuhaben, wogegen der Bediente betheuerte, daß solche gehörig verschlossen gewesen wären, welches letztere auch wahrscheinlicher war, da er die Schlüssel noch in der Tasche gehabt.

Schon im Laufe des Sommers hatte man den beschlossenen Bau einer neuen hölzernen Brücke über die Weichsel nach Praga, gleich oberhalb der Schiffbrücke, begonnen, solchen auch noch vor dem Eintritte des Winters beendigt und die Brücke dem öffentlichen Verkehr übergeben. Obgleich nun zu dieser sehr gutes Kernholz verwendet, auch die Pfeiler durch viele vor denselben eingerammelte starke Stämme gesichert worden waren, so hörte man doch so manche Zweifel darüber äußern, ob die Brücke einem Eisgange, welcher auf der Weichsel immer sehr heftig ist, widerstehen werde, und es wurden von den Polen bedeutende Wetten für und wieder gemacht. Die Bodenfläche dieses bei Warschau sehr breiten Stromes besteht nämlich größtentheils aus lockerem Triebsande, welcher, da man keinen festen Grund darin findet, zum Bau einer Brücke nicht wohl geeignet ist. Es war im Februar 1809, als nach eintretenem Thauwetter sich eines Morgens die Sage verbreitete, der Eisgang habe die neue Brücke zerstört. Um mich selbst davon zu überzeugen, ging ich sogleich dahin, wo ich dann auch fand, daß die Eisschollen das große mittlere Stück der Brücke, einige Hundert Schritte lang, fortgerissen hatten und nur noch zwei Enden derselben an den beiden Ufern stehen geblieben waren. Da auf dieser Brücke stets drei Militairposten standen, zwei an den beiden Enden und einer in der Mitte derselben, so wäre der Soldat, welcher den letztbezeichneten Posten hatte, bei der in der Nacht erfolgten Zertrümmerung der Brücke fast verunglückt, hätten ihn nicht die heftigen Stöße, welche dieselbe von den anstürmenden Eismassen bekommen, aufmerksam gemacht und er sich noch zur rechten Zeit an das eine Ende der Brücke geflüchtet. Denn kaum war er dort angekommen, als dieselbe auch schon unter großem Krachen zusammenstürzte und im Strome verschwand.

In den ersten Tagen des April 1809 ging die uns allen sehr angenehme Ordre zum Rückmarsche nach Sachsen ein, denn der König war schon im Herbste 1808 nach Dresden zurückgekehrt. Gleichzeitig aber trat ein ganz unerwartetes Ereigniß ein, durch welches der angeordnete Rückmarsch der sächsischen Truppen verhindert wurde. Zwischen Oesterreich und Frankreich war nämlich der Krieg plötzlich ausgebrochen und in Folge desselben der österreichische Erzherzog Ferdinand mit einer Armee von 60,000Mann in Polen eingedrungen, um auf Warschau los zu gehen, da Polen und Sachsen zu den mit Frankreich verbündeten Ländern gehörten. Der polnische Obergeneral Fürst Poniatowsky, derselbe, welcher im October l8l3 bei Leipzig in der Elster seinen Tod fand, raffte daher in der größten Eile alle in und um Warschau stehende sächsische und polnische Truppen zusammen, um mit diesen gegen die Oesterreicher zu marschiren. Obgleich die Sachsen, Infanterie, Artillerie und die zwei Eskadrons Husaren, zusammen wohl gegen 3000 Mann stark sein mochten, so hatte doch der Fürst, mit Einschluß der polnischen Truppen, nicht mehr als gegen 30,000 Mann zusammenbringen können, welche er den Oesterreichern entgegen stellen konnte, mithin waren letztere an Streitkräften uns doppelt überlegen. Am Abende vor dem Abmarsche, war der Fürst Poniatowsky mit einem Adjutanten noch in den Stallungen am sächsischen Platze gewesen, wo unsere Pferde standen, und hatte bestimmt, daß der Husar, welcher gerade die Stallwache hatte, ihm folgen sollte, weshalb derselbe gleich abgelöst werden mußte. Dieser Husar, an dem der Fürst ein besonderes Wohlgefallen abgeschlossenen Frieden beim Regimente wieder ein.

Es war ein kaltes und rauhes Aprilwetter, mit Schneegestöber untermischt, als unsere beiden Escadrons Husaren bei Tagesanbruch aus Warschau marschirten, um statt nach Sachsen zu gehen, dem Feinde entgegenzurücken. Die Wege waren grundlos auf denen wir dahin zogen, da es seit mehrern Tagen abwechselnd gefroren, gethaut, geregnet und geschneit hatte, es mußten daher auch einige polnische Geschütze einstweilen stehen bleiben, da sie bis an die Achsen im Moraste versunken waren. Der Marsch auf diesen bösen Wegen war um so beschwerlicher, als uns ein scharfer Wind die Schneeflocken in das Gesicht trieb, so daß man nicht gut vorwärts sehen konnte, die Pferde aber bis an die Knie im Schlamme waden mußten. Dieser Anfang des Feldzugs, war allerdings nicht geeignet, uns mit großen Hoffnungen, hinsichtlich eines guten Ausgangs desselben, zu erfüllen. Gegen Mittag wurde auf einer großen Feldfläche Halt gemacht und uns solche zum Bivouac angewiesen. Es kam mir und so manchen unter uns, welche das Bivouacleben noch nicht kannten, sonderbar vor, daß wir unterm freien Himmel übernachten sollten und zwar auf einem kalten und sehr durchnäßten Boden, ohne Feuer und ohne eine andere Decke, als das Himmelszelt, denn ein Dorf oder Holz war nicht in der Nähe, auch mangelte es an Lebensmitteln. Obgleich vor unserm Ausmarsche in Warschau befohlen worden war, die Portionen und Rationen, welche wir noch auf einen Tag vorräthig haben mußten, mit auf dem Marsch zu nehmen, so hatten doch viele das Fleisch und Brod während desselben, schon verzehrt, in der irrigen Voraussetzung, daß es überall, wo wir hinkommen würden. Quartiere mit Verpflegung geben werde. Auch ich hatte nur noch ein ganz kleines Stückchen abgekochtes Fleisch bei mir, aber kein Brod, weshalb ich mich bei Einbruch der Nacht hungrig auf den kalten Erdboden hinstrecken mußte und froh war, als bei Tagesanbruch der Marsch weiter fortgesetzt wurde. Das Wetter war besser geworden, auch trafen wir heute auf unserm Marsche einige Dörfer, wo wir Lebensmittel und Fourage fanden. Während das Hauptcorps die Marschrichtung nach Raczyn nahm, sollten unsere beiden Escadrons Husaren die rechte Flanke desselben decken, weshalb wir mit demselben in gleicher Höhe vorwärts gingen und einige Patrouillen aussendeten, um die Stellung des Feindes zu erforschen. Erst gegen Abend stieß eine von diesen Patrouillen auf ungarische grüne Husaren und wurde von diesen, bis zu unsern Vorposten verfolgt. Da der Feind in der Nähe und ein Angriff desselben zu besorgen war, so mußten beide Escadrons schnell aufsitzen und sich in zwei Linien formiren, auch wurde befohlen, daß jeder Husar genau nachsehen sollte, ob der Carabiner und die Pistolen gehörig geladen wären. Während dies geschah und einzelne Schüsse auf den Vorposten sich vernehmen ließen, hielt der Commandeur, Major von Gablenz, eine kurze Anrede an uns, in der er die gewisse Erwartung aussprach, daß wir, bei einem Zusammentreffen mit dem Feinde, uns gewiß brav halten würden. Es war ein eigenthümliches Gefühl, welches mich erfaßte, als ich zum erstenmale mit Schuß- und Hieb-Waffen auf fremde Menschen losgehen sollte, welche ich im meinen Leben nicht gesehen und die mir nichts zu Leide gethan hatten. Nachdem wir fast eine Stunde lang, in geschlossenen Reihen, den Angriff des Feindes erwartet hatten, von den Vorposten aber die Meldung einging, daß derselbe sich etwas zurückgezogen habe, so wurde, da es nun Nacht geworden war, aus Vorsorge, ein anderer seitwärts gelegener und mehr gedeckter Bivouacplatz bezogen, auch die Vorposten anders ausgestellt. Ferner ward befohlen, daß, nachdem die Pferde abgefüttert worden, solche gleich wieder aufgezäumt werden und jeder Husar mit dem Zügel in der Hand, bei seinem Pferde wachsam bleiben sollte, um bei einem etwaigen nächtlichen Ueberfalle, sogleich aufsitzen zu können. Jedes Geräusch und das laute Sprechen war untersagt worden, auch durfte kein Feuer angemacht oder Tabak geraucht werden. Denn wir befanden uns in der Nähe von ungarischen Husaren, welche kühn und unternehmend sind, auch war die Nachricht eingegangen, daß bei einem zwei Stunden entfernt liegenden Dorfe, sich bedeutend viel feindliche Cavallerie gelagert hätte. Obgleich ich dem Befehle zu Folge, nach dem Abfüttern auch mein Pferd aufgezäumt und die Zügel um den rechten Arm geschlungen, mich neben dasselbe hingesetzt hatte, so mochte ich doch, da ich die vorige Nacht schlaflos zugebracht, bald in einen festen Schlaf gefallen sein. Denn wie noch vor Anbruch des Tages, den Pferden Futter gereicht werden sollte, fand ich beim Erwachen mit großen Schrecken, daß sich mein Pferd losgemacht hatte und verschwunden war. Im Schlafe mochten nun wohl die Zügel meinem rechten Arme entfallen sein, so daß es dem Thiere leicht geworden war, sich frei zu machen. Die Verlegenheit war sehr groß, als ich dasselbe bei der noch herrschenden Dunkelheit unter den andern Pferden nicht auffinden konnte, in einer Stunde aber abmarschirt werden sollte. Denn ohne Pferd hätte ich den Escadrons nicht folgen können, wäre daher in die Gefahr gekommen, der nachrückenden feindlichen Cavallerie in die Hände zu fallen. Auf die gestern Abend noch an den Fürsten Poniatowsky gemachte Meldung, daß wir auf den Feind gestoßen waren, hatte nämlich die rückkehrende Ordonanz die Ordre überbracht, uns ohne Vorzug mehr in die Nähe des Hauptcorps zurückzuziehen. Nach vielen Herumsuchen gelang es mir endlich, da es heller geworden war, mein Pferd zu entdecken, welches auf einem seitwärts gelegenen, mit Buschholz bewachsenen, Rasenplatze, in behaglicher Ruhe graßte. Nachdem ich dasselbe gefaßt und die durch das Herumschleifeu zerrissenen Zügel nothdürftig wieder zusammengeknüpft hatte, schwang ich mich sogleich auf, um den soeben abmarschirenden Cameraden mich anzuschließen. Da wir auf unserm Rückmarsche von der feindlichen Cavallerie nicht beunruhigt worden waren, so wurde einige Stunden rechts von Raczyn auf einer freien, waldlosen Fläche ein Bivouac bezogen und die Feldwache an einer vor uns liegenden Anhöhe postirt. In dieser Stellung deckten wir die rechte Flanke des bei Raczyn stehenden Hauptcorps. Hierauf wurde der Corporal Jork mit einigem Husaren als Patrouille abgesendet, um Nachrichten über die Stellung des Feindes einzuziehen. In dem ersten, eine Stunde von unserer Feldwache entfernten Dorfe, steigt nun dieser mit seinen Husaren vor dem Kruge ab, um darin zu frühstücken, da ihm der Wirth, ein Jude, auf Befragen gesagt hatte, daß in der ganzen Umgegend weder Oesterreicher noch Ungarn bemerkt worden wären, versäumt aber dabei die militairische Vorsichtsmaßregel, einen Husaren von seiner Truppe unterdessen auf der Straße vor dem Dorfe als Vedette aufzustellen. Während nun die Pferde außen vor dem Kruge angebunden stehen und die Mannschaft darinnen gemächlich frühstückt, sprengen plötzlich zwei ungarische grüne Husaren um die Ecke des Kruges herum, prallen aber unter dem Rufe: ?Bassam Teremtete, gleich wieder zurück, als sie die angebundenen Pferde erblicken und unsere Husaren mit gezogenen Säbel aus dem Hause stürzen sehen. Letztere werfen sich nun schnell auf die Pferde und der Corporal ruft, ihnen zu: ?drauf, wir müssen diese beiden Ungarn haschen, und fort geht es im vollen Jagen hinter ihnen her. Letztere hatten aber, da die ungarischen Pferde gute Läufer sind, bereits einen zu großen Vorsprung gewonnen, als daß sie von unsern Husaren hätten eingeholt werden können. Statt nun von der hitzigen Verfolgung dieser beiden feindlichen Reiter abzustehen, läßt der Corporal solche eine halbe Stunde weit noch fortsetzen, bis sie, aus einem Walde gekommen, in nicht großer Entfernung, eine starke Abtheilung ungarische Husaren erblicken, welche nun gleich auf unsere Patrouille losgehen. Der Corporal hatte nun zwar, sobald er jene bemerkt, sofort zum schleunigen Rückzuge commandirt, und die Patrouille würde den nachsetzenden ungarischen Husaren wohl auch so ziemlich entkommen sein, hätte nicht das Pferd, welches der Corporal ritt, was zufällig ein deutsches war, seine Dienste versagt und wäre stehen geblieben. Statt nun allein zurückzubleiben und sich in das unvermeidliche Schicksal der Gefangenschaft zu ergeben, ruft derselbe seinen Husaren zu: ?Cameraden, laßt mich nicht im Stiche, worauf denn diese, welche noch hätten entkommen können, sich um ihren Corporal schaaren, von den anstürmenden viel zahlreichern ungarischen Husaren aber gleich übermannt und gefangen werden. Ein Husar Schnell war der einzige, welcher von der ganzen Patrouille davon kam und unsere Vorposten erreichte, bis wohin derselbe von zwei ungarischen Husaren verfolgt wurde, die noch ihre Pistolen, ohne zu treffen, auf ihn abgeschossen hatten, als sie, die Nähe unserer Feldwache bemerkend, die weitere Verfolgung aufgeben mußten. Dieser Husar war, wie er nachher erzählte, bei seinem Corporal zurückgeblieben, hatte aber sogleich eingesehen, wie das kleine Häuflein gegen eine so große feindliche Uebermacht, sich nicht würde halten können, weshalb er denn aus dem Gemenge zu entkommen gesucht, dabei aber von einem ungarischen Husaren einen Hieb durch die doppelte Filzmütze und den daran befindlichen starken ledernen Schirm bekommen hatte, durch welchen auch noch die rechte Seite des Gesichts stark verletzt worden war. Ohnerachtet dieser bedeutenden Verwundung war es ihm aber doch gelungen sein Pferd herumzuwerfen und im vollen Jagen zu entfliehen. Fast ohnmächtig kam dieser Husar auf unserm Bivouac an, der rechte Backen hing wie ein Lappen auf die Brust herab, seine Uniform und das Sattelzeug war ganz mit Blut bedeckt, daß durch den starken Ritt überall hingespritzt war. Der ungarische Husar, welcher diesen Hieb gethan, mußte eine sehr scharfe Klinge geführt haben, denn der doppelte Filz und der starke lederne Schirm, der durch sie gespalten worden war, glänzte, als wenn der Schnitt mit einem Barbiermesser gemacht worden wäre. Der Husar Schnell wurde hierauf, nachdem er verbunden worden war, in das Lazareth nach Warschau gebracht.

Da während dieses Vorfalls sich ein anhaltender und heftiger Kanonendonner in der Richtung nach Raczyn zu, vernehmen ließ, so sendete der Major von Gablenz einen Corporal an den Fürsten Poniatowsky, um diesen nicht nur die Gefangennahme unserer Patrouille zu melden, sondern auch um weitere Verhaltungsbefehle nachzusuchen. Gegen Abend kam derselbe mit dem Befehle des Fürsten zurück, daß wir uns der eben erst angekommenen Escadron polnischer Lanziers anschließen und mit dieser, bei Anbruch der Nacht, den Rückzug in aller Stille auf der Straße nach Warschau zu antreten sollten. Es mußte daher die Schlacht bei Raczyn verloren gegangen sein, was bei der großen Uebermacht der Oesterreicher, sich voraussehen ließ, wir aber sollten, um nicht abgeschnitten zu werden, die Nacht benutzen, um uns nach Warschau durchzuschleichen. Sobald es daher finster geworden war, setzten wir uns in Marsch, die polnischen Lanziers voran und wir uns denselben anschließend. Still und stumm zogen wir im Dunkel der Nacht dahin, wie ein Leichenzug, da das Reden und, sogar das Feueranschlagen und Tabakrauchen verboten war. Nach einem mehrstündigen Marsche sahen wir eine halbe Stunde seitwärts rechts Raczyn liegen, welches noch in vollen Flammen stand, da in der Nähe dieses Ortes, der Kampf sehr heftig gewesen war. Bei Anbruch des Tages kamen wir glücklich vor Warschau an, und wurden von den nach der Schlacht bereits dahin zurückgezogenen polnischen und sächsischen Truppen, freudig empfangen, da man uns schon verloren gegeben, und angenommen hatte, daß wir gefangen worden wären. Nur fehlte noch unsere Arrieregarde, welche, wie wir hernach erfuhren, in der Dunkelheit der Nacht vom rechten Wege abgekommen war und fast den Feinden in die Hände gefallen wäre, hätte nicht der dieselbe führende Lieutenant Meckel seinen Irrthum noch recht zeitig bemerkt und seine Leute geräuschlos wieder zurück auf den rechten Weg geführt, ohne erkannt worden zu sein. Denn unter den ungarischen Husaren gab es auch ein blaues Regiment, welches fast eben so uniformirt war, wie wir. Um die nach unserer Ankunft bei Warschau vermißte Arrieregarde aufzusuchen, wurde sogleich eine starke Patrouille ausgesendet und der Jubel war groß, als dieselbe nach zwei Stunden mit der Arrieregarde bei uns eintraf, denn bei der letztern waren auch die Handpferde der Officiere, auf welchen sich ihre ganze Bagage befand. In Warschau erfuhren wir ganz bestimmt, daß die Schlacht bei Raczyn verloren gegangen sei, und die vereinigten Polen und Sachsen dabei viel Verluste erlitten hatten. Eine Folge davon war nun, daß das umfangreiche Warschau mit unsern geringen Streitkräften gegen eine überlegene Macht nicht mehr behauptet werden konnte, auch hörten wir, daß der Fürst Poniatowsky eine Kapitulation mit den Oesterreichern bereits abgeschlossen habe, wonach diese des folgenden Tages Warschau besetzen würden. Diese Stadt mußte daher noch vor der Besetzung durch die Oesterreicher, von den Polen und Sachsen geräumt werden, die erstern stellten sich daher einige Meilen von Warschau als Observationscorps auf, die letztern aber suchten auf einem Umwege nach Sachsen zu gelangen. Nachdem die sächsischen Truppen einen Bivouac vor dem Marymonter Schlage bezogen, marschirten sie gegen Abend durch Warschau auf einer Schiffbrücke über die Weichsel nach Praga, und setzten ihren Marsch auf dem rechten Ufer dieses Stromes ohne Aufenthalt während der Nacht in aller Stille fort, da man besorgte, die Oesterreicher möchten uns bei Plock, wo wir über die Weichsel wieder zu gehen beabsichtigten, durch einen forcirten Marsch auf dem linken Weichselufer, zuvorkommen. Bei diesem zweiten nächtlichen Zuge, wo die beiden Husarenescadrons die Avantgarde hatten, kam es oft vor, daß die Reiter, welche schon die vorige Nacht keine Ruhe gehabt hatten, auf ihren Pferden einschliefen und halten blieben, wodurch eine Stockung in der Colonne entstand. Auch rennten in der Dunkelheit der Nacht die Pferde an einander oder gegen die Bäume, da wir einen großen Wald durchzogen. Gegen Morgen kamen wir vor der Festung Modlin, später von den Russen Neu-Georgiewsk benannt, an, welche am Zusammenflusse der Narew und der Weichsel liegt und lagerten, bis eine Schiffbrücke geschlagen worden, einstweilen auf dem Felde, welches vom Regen sehr durchnäßt war. Hier wurde ich gegen Abend mit drei Husaren commandirt, nach Plock vorauszugehen und dort Verpflegung für Mann und Pferd zu beschaffen, auch einen passenden Lagerplatz aufzusuchen. Zwei Nächte hatte ich gar nicht geschlafen, es war daher ganz natürlich, daß mir in der dritten Nacht, während des Reitens, die Augen zufielen und ich mich vor Müdigkeit kaum auf den Sattel mehr halten konnte, sondern mit dem Oberkörper bald rechts, bald links schwankte, gerade wie ein Rohr, was der Wind hin und her bewegt. Meinen Husaren, welche schon alte gediente Leute und mehr gewohnt waren, auf dem Pferde ihr Schläfchen abzumachen, sagte ich daher, sie möchten nur immer fortreiten, ich wolle blos eine halbe Stunde absitzen und ein wenig nicken, dann aber schnell nachkommen. Kaum war ich aber abgestiegen und hatte mich auf den Boden gesetzt, den Zügel des Pferdes um meine rechte Hand geschlungen, als mich der Schlaf mit unwiderstehlicher Gewalt erfaßt haben mochte, denn beim Erwachen konnte ich mich anfangs gar nicht recht besinnen, wie ich an diesen Ort gekommen sei, bis mir meine Sendung nach Plock einfiel und ich mit Schrecken bemerkte, daß mein Pferd davon gelaufen war. Obgleich ich, da der Tag schon angebrochen, nach allen Richtungen hinschaute, so konnte ich doch dasselbe nicht entdecken, meine Verlegenheit war daher sehr groß, als ich weder ein Dorf noch einen Menschen in der Nähe sah, auch nicht einmal mehr wußte, wo ich gestern Abend hergekommen war und wohin die Straße nach Plock führe. Zum langen Besinnen war jedoch keine Zeit, ich lief daher auf dem Wege eiligst fort, hatte aber gerade die falsche Richtung eingeschlagen, denn nicht lange war ich gegangen, als ich zwei Wagen begegnete, worauf ein sächsischer Infanterieofficier mit seinen Soldaten saß, von dem ich erfuhr, daß er mit seiner Mannschaft in gleicher Angelegenheit nach Plock commandirt worden wäre, um für die dort eintreffende Infanterie, die Verpflegung vorläufig zu reguliren, ein herrenloses Pferd aber auf der Straße ihnen nicht begegnet sei. Seine Einladung auf den einen Wagen Platz zu nehmen, wurde von mir bestens acceptirt, da ich fahrend schneller nach Plock gelangen konnte, auch die Hoffnung hatte, mein Pferd dort wieder zu finden, welches jedenfalls den andern Husarenpferden nachgelaufen war. Auch mußte ich froh sein, daß mir diese Wagen noch zur rechten Zeit begegnet waren, denn sonst hätte ich auf der eingeschlagenen Richtung des Weges, den im Anmarsche begriffenen Escadrons begegnen müssen, was mir sehr unangenehm gewesen wäre, da ich ohne Pferd eine lächerliche und zugleich traurige Rolle gespielt haben, auch der Empfang von Seiten des Commandeurs, nicht eben der freundlichste gewesen sein würde. Nachdem wir zwei Stunden schnell zugefahren waren, sahen wir in der Ferne ein Dorf und vor demselben einen Mann, welcher ein Pferd hielt, wie freute ich mich daher, als wir näher hinzukamen und ich dasselbe als das Meinige erkannte. Sogleich sprang ich vom Wagen, setzte mich auf und fort ging es im scharfen Trabe auf Plock zu, welches ich bald erreichte und wo ich alles, was mir aufgetragen worden war, mit Hülfe meiner Husaren, schnell besorgte.

Den folgenden Tag setzten wir den weitern Rückmarsch durch Polen nach Sachsen fort, wo wir in einigen Dörfern bei Dresden vorläufig Cantonnirquartiere bezogen. Nachdem wir hier mehrere Tage verweilt, ging plötzlich ganz unerwartet eine Ordre ein, wonach beide Escadrons Husaren, mit Ausschluß der maroden Pferde und kranken Mannschaften, am andern Tage früh bei den Pulvermühlen ohnweit Dresden eintreffen und dort die weitern Befehle erwarten sollten. Angekommen auf diesem, uns bestimmten Rendezvous, wo wir auch eine Abtheilung Schützen und etwas Artillerie schon vorfanden, marschirten wir in der Richtung nach Pirna ab auf der dahin führenden Straße. Die sächsische Armee und die übrigen sechs Escadrons Husaren, standen damals an der Donau gegen Oesterreich. In Pirna wurden aber keine Quartiere bezogen, sondern wir mußten noch denselben Tag über Zehista nach Berggieshübel marschiren, wo wir, ohnweit dieses Städtchens, uns gegen Abend an einer mit Holz bewachsenen Anhöhe lagerten. Da kein Feuer angemacht werden durfte, auch jedes Geräusch verboten war, so folgerten wir hieraus, daß ein Feind in der Nähe sein müsse. An diesem Tage hatte der Oberst von Thielmann, später General in russischen und dann in preußischen Diensten, das Commando über die combinirte Truppenabtheilung übernommen. Früh, noch ehe der Tag graute, wurde aufgebrochen, in einem Walde aber, den wir passirten, Halt gemacht und befohlen, die Pistolen zu laden, worauf wir, nachdem dies geschehen, weiter marschirten. Nicht lange danach fiel ein Schuß vorn bei unserer Avantgarde und nun ging es auf Commando gleich im Trabe vorwärts, auch sahen wir bald einen schwarzen Husaren am Wege halten, welchen unsere Avantgarde gefangen genommen hatte, dieß waren also die Feinde gegen welche unser Zug gerichtet war. Der Herzog von Braunschweig-Oels hatte nämlich mit Genehmigung Oesterreichs, ein Corps von 1000 schwarzen Husaren, die einen Todtenkopf vorn an der Mütze trugen, einigen hundert Jägern, welche ebenfalls schwarz uniformirt waren und 150 reitenden Artilleristen, errichtet. Von den Vorposten dieses bei Aussig stehenden Corps, war das an der böhmischen Grenze gelegene Dorf Peterswaldau besetzt, ihre Feldwache aber bis an den sächsischen Ort Hellendorf vorgeschoben worden. Im scharfen Trabe ging es nun schnell vorwarts bis Peterswaldau, wo eine Escadron auf den Anhöhen vor diesem Orte aufmarschirte, die andere aber in denselben hineinsprengte, um die Ausgänge schnell zu besetzen. Da dieser Ueberfall dem Feinde ganz unerwartet gekommen und dabei der größte Theil ihrer Feldwache bei Hellendorf von uns gefangen worden war, so hatten die in Peterswaldau einquartierten schwarzen Husaren nicht einmal so viel Zeit gehabt, auf den ersten Lärm die Pferde satteln zu können, weshalb denn solche von unsern Leuten einzeln in den Ställen gefangen genommen wurden. Der Rittmeister, welcher das in Peterswaldau stehende feindliche Detachement commandirte, war, sobald er das Schießen auf den Vorposten gehört und unsere in den Ort hereinsprengenden Husaren bemerkt, zur Hinterthür seines Quartiers hinausgeflüchtet, seinen Cartouche und die Brieftasche mit einigen österreichischen Guldenscheinen zurücklassend. Beide Gegenstände hatte der Corporal Kopitz von unserer Escadron an sich genommen, als er mit der Pistole in der Hand in das Zimmer gestürmt war, um den Rittmeister gefangen zu nehmen. Der Wirth hatte gemeint, daß derselbe nicht weit gekommen sein könne, da er erst kurz vorher das Haus verlassen habe. Hierauf wird nun zwar jedes Behältniß in demselben, den Seitengebäuden, Keller und Bodenräumen von den unterdeß noch hinzugekommenen andern Husaren genau durchsucht, der feindliche Officier aber nicht gefunden, welcher vermuthlich in das gleich hinter dem Dorfe befindliche Holz sich geflüchtet haben mochte. Nachdem fast das ganze feindliche Husarendetachement gefangen worden war, denn nur wenige davon hatten entkommen können, marschirten wir über Peterswaldau hinaus und lagerten nicht weit von einem großen Walde, durch welchen die Straße nach Aussig führte. Unsere Vorposten, welche darin aufgestellt waren, wurden jedoch bald durch den von Aussig mit Uebermacht heranrückenden Feind, zurückgedrängt und der Wald von österreichischen Ulanen, schwarzen Husaren und Jägern besetzt, welche letzteren, von den Bäumen gedeckt, uns heftig beschossen. Der österreichische General Am Ende hatte nämlich von seiner Regierung den Befehl, die Operationen des Herzogs von Braunschweig mit seinem Corps zu unterstützen. Wäre dieß von jenem auf recht kräftige Weise geschehen, so hätten die wenigen sächsischen Truppen, welche, da die Armee an der Donau focht, größtentheils nur aus zusammengerafften Depotmannschaften bestanden, gegen die vereinigten Oesterreicher und Braunschweiger, gar nichts unternehmen können. Da das Schießen aus dem Walde uns sehr belästigte, so wurde ich vom Major von Gablenz an den Oberst von Thielmann gesendet, denselben hiervon Meldung zu machen und um eine Abtheilung Schützen zu bitten, welche den Wald vom Feinde wieder säubern sollten, da wir uns sonst dort nicht länger mehr halten konnten. Um mich des erhaltenen Auftrags zu entledigen, sprengte ich auf Peterswaldau zu, fand jedoch, ehe ich diesen Ort erreichte, den Oberst schon unterwegs an der Spitze eines Detachements Schützen und zweier Kanonen, welche derselbe zur Unterstützung uns zuführen wollte. Sobald die Schützen bei uns angekommen waren, gingen sie, formirt in eine Plänklerlinie, gleich auf den Wald los, worauf sich ein bedeutendes Gewehrfeuer in demselben entspann, aber endlich mit Vertreibung des Feindes daraus, endigte. Da nun aber zu erwarten stand, daß derselbe in verstärkter Zahl bald wieder kommen würde und der Zweck, die auf sächsischem Gebiete stehenden feindlichen Vorposten zu vertreiben, erreicht war, so ließ der Oberst den Rückzug nach Pirna antreten, wo wir mit den Gefangenen und erbeuteten Pferden ankamen, ohne vom Feinde verfolgt oder beunruhigt worden zu sein. Bei diesem Gefechte hatten wir blos einige Verwundete und einen Vermißten, welcher letztere beim Zurückdrängen unserer Vorposten aus dem Walde, in Feindes Hand gefallen war.

In Pirna blieben wir einige Tage stehen und ich bekam ein Quartier am Markte, bei einem Hausbesitzer, der gewöhnlich dort unter dem Namen: ?Katzenzeibig bekannt war, weil derselbe eine Menge Katzen zu seinem Vergnügen und aus Liebhaberei unterhielt. Einstmals wollte ich mit dem Wirthe etwas sprechen und kam zufällig in ein Gemach, wo derselbe eben seine Katzen zu Mittag fütterte. Bei meinem unerwarteten Eintritt, machte er ein sehr verlegenes und verdrüßliches Gesicht, denn es mochte ihm unangenehm sein, daß ich in dieses geheime Zimmer eingedrungen war, in welches, wie Mir die Köchin später sagte, sonst Niemand Zutritt hätte. Da ich nun einmal da war, so konnte er mich doch, Anstands halber^ nicht gleich wieder gehen heißen, ich besah mir daher die versammelte Katzengesellschaft, welche aus einigen 20 Stück in allen Farben und Größen bestand, die aus einem, in der Mitte der Stube, aufgestellten großen runden Napfe, ihr Mittagsmahl gemüthlich verzehrten, wobei der Wirth alle ihre Bewegungen aufmerksam beobachtete und sich über den guten Appetit seiner Schützlinge freute. Obgleich ich einigemal versuchte, zur Zeit der Hauptfütterung in dieses Gemach wieder zu gelangen, so fand ich dasselbe doch jedesmal verschlossen. Nach eingegangenen Nachrichten hatte sich der Herzog von Braunschweig mit seinem Corps nach Gabel in Böhmen gezogen, die drei Stunden davon gelegene sächsische Stadt Zittau aber von einer Abtheilung seiner schwarzen Husaren besetzen lassen. Wir brachen daher von Pirna wieder auf und marschirten über Hohnstein nach Rumburg in Böhmen, wo wir Mittags ankamen und nahe vor der Stadt auf einem frisch umgepflügten Acker uns lagerten, da ein anderer passender Platz nicht vorhanden war. Hierauf wurde ich commandirt, die erforderlichen Portionen und Rationen für die Husarenescadrons zu requiriren, weshalb ich mich in die Stadt begab, nachdem ich mein Pferd einen Husaren übergeben hatte. Während ich meine Geschäfte in Rumburg besorgte, zog ein sehr starkes Gewitter heran, welches, wie ich nach meiner Rückkehr sah, eine große Zerstörung auf unserm Lagerplatze angerichtet hatte. Durch den, gleich einem Wolkenbruche, in Strömen herabfallenden Regen, war nämlich der gepflügte Acker in einen förmlichen Sumpf verwandelt worden, in welchem Mann und Pferd bis an die Knie im Schlamme herum wadeten. Auch hatte mein Pferd seine Unart nicht lassen können und sich wieder, losgemacht, obgleich der Husar, den ich es übergeben, dasselbe an einen Campirpfahl fest angebunden gehabt. Durch das heftige Donnern und Blitzen noch scheuer geworden, war es mit noch andern Pferden, die sich auch frei gemacht, auf dem Lagerplatze herum gesprungen und hatte sich zu allem Ueberflusse, einigemal im Schlamme gewälzt, so daß es, als dasselbe eingefangen wurde, mir ganz unkenntlich erschien, indem es von oben bis unten, ganz mit Schlamm bedeckt war, und man die blaue Farbe der Schabracke, gar nicht mehr erkennen konnte. Alle, welche während dieses Unwetters, im Lager gewesen, waren ganz durchnäßt, die Sonne wurde daher mit vieler Freude begrüßt, als sie, nachdem die Wetterwolken sich verzogen, wiederum freundlich auf uns hernieder schaute und mit ihren warmen Strahlen die Durchnäßten trocknete. Den andern Tag marschirten wir bis Seifhennersdorf, ohngefähr 3 Stunden von Zittau, wo Halt gemacht und eine Patrouille abgesendet wurde, um über den Feind nähere Nachrichten einzuziehen. Nach deren Rückkunft setzten wir den Marsch nach Zittau weiter fort, da diese Stadt noch von den schwarzen Husaren besetzt, das Hauptquartier des Herzogs von Brannschweig aber in Gabel, nahe der sächsischen Grenze, sein sollte. Die Husaren hatten die Avantgarde und marschirten auf einem, für Cavallerie wenig geeigneten, sehr steinigen Wege, immer bergan, bis wir auf die Höhe gelangten, wo man die Aussicht in die große ebene Fläche hat, in welcher Zittau liegt. Hier erblickten wir ohngefähr eine Viertelstunde von der Stadt, die feindlichen Vorposten, welche, nachdem sie uns bemerkt, gleich nach Zittau hineinsprengten. Wie wir hernach erfuhren, soll sogar auf dem Kirchthurme daselbst ein Posten gestanden, solcher aber blos die Chaussee nach Herrnhuth beobachtet haben, da man unser Vorrücken nur auf dieser Straße erwartet hatte. Bei dem Erblicken der feindlichen Vorposten waren auch wir im scharfen Trabe schnell vorwärts gegangen, um Zittau zu erreichen, noch ehe sich die schwarzen Husaren formirt hätten. Einzelne Schützen hielten mit dem einen Arme unsere auf den Pferden sitzenden Husaren umschlungen, den Fuß auf den Steigbügel gestemmt, um so schneller mit vorwärts zu kommen. Es waren auch, wie ich hernach hörte, von diesen mit unsern Husaren gleichzeitig in Zittau angelangten Schützen, einige feindliche Reiter, welche sich hatten flüchten wollen, von den Pferden in ihrem schnellen Laufe herunter geschossen worden. Kurz vor der Stadt verfolgte die erste Escadron Husaren, wobei auch ich mich befand, einen rechts abführenden Weg, auf welchen wir die von Zittau nach Gabel führende Chaussee erreichen und alle aus ersterem Orte sich flüchtende schwarze Husaren, abschneiden wollten, während die zweite Escadron gerade auf Zittau losging. Die erste, zum Umgehen der Stadt bestimmte, Escadron, erreichte jedoch ihren Zweck nicht, denn ohne einen Führer, hatten wir den nächsten Weg, nach der Chaussee, verfehlt und kamen erst auf derselben an, als schon ein Theil von den in Zittau gestandenen schwarzen Husaren solche passirt und sich nach Gabel zu geflüchtet hatte. Die zweite Escadron war, ohne die Thore besetzt zu finden, schnell in Zittau eingedrungen und hatte mehrere feindliche Husaren, theils auf dem Markte, wo sie sich hatten sammeln wollen, theils in den Quartieren, gefangen genommen. Eine Stunde vor dem Ueberfalle, war noch der Herzog von Braunschweig in Zittau gewesen, er wäre daher in unsere Hände gefallen, hätte er länger dort verweilt. Bei der Verfolgung des Feindes auf der Chaussee nach Gabel zu, hatte der Lieutenant von Feilitzsch von einem schwarzen Husarenofficier einen Säbelhieb über den Czako erhalten, welcher zwar durchgedrungen war, aber nur die Kopfhaut etwas verletzt hatte, andere Verwundungen waren nicht vorgekommen. Die Nacht lagerten wir hinter Zittau, an der über Herrnhuth und Bautzen nach Dresden führenden Chaussee, die Feldwache war vor der Stadt auf der Straße nach Gabel zu postirt. Außer den gewöhnlichen Bivouacwachen, lagen alle, ermüdet von den am Tage gehabten Anstrengungen, im tiefsten Schlafe, als um Mitternacht unsere Feldwache von den schwarzen Husaren und Jägern überfallen und auf Zittau zurückgeworfen wurde, wobei einige Mann in Feindes Hand fielen. Der Herzog wollte also uns seinen Gegenbesuch machen, hatte aber allerdings ein unpassende Zeit, nämlich Mitternacht dazu gewählt, wo man doch bekanntlich keine Besuche empfängt, während wir am hellen Mittage seine Leute in Zittau begrüßt hatten. Gleich nachdem die ersten Schüsse vor der Stadt gefallen, war alles in unserm Lager munter und schnell auf den Beinen, denn ein nächtlicher Ueberfall hat etwas grauenhaftes, da man in der Dunkelheit oft weder Freund noch Feind zu unterscheiden vermag. Auch ich sprang von meinem Lager, welches ich mir hinter einem Zaune auf einem mit Gras bewachsenen Platze, ausgewählt hatte, eilig auf, um vor allen Dingen mein Pferd, welches neben mir angebunden war, aufzuzäumen, konnte aber zu meiner großen Verlegenheit, das Hauptgestelle, welches ich doch an den Zaun gehängt hatte, nicht sogleich finden, bis ich nach vielen Suchen endlich entdeckte, daß es über denselben hinüber gefallen war. Nachdem ich schnell aufgezäumt und mich aufgesetzt hatte, um dahin zu reiten, wo die Escadrons hinter der Stadt sich bereits formirt hatten, bemerkte ich jedoch mit Schrecken, daß mein Pferd bedeutend lahm ging. Dort angekommen, ließ ich durch den Fahnenschmidt dasselbe sogleich untersuchen, wo es sich denn fand, daß es während des scharfen Rittes am gestrigen Tage auf einem bergigen und steinigen Terrain ein Hufeisen verloren hatte, auch der Huf selbst etwas beschädigt war. Bei einer feindlichen Attaque wäre ich mit meinem lahmen Pferde schlimm weggekommen, zum Glück aber unterblieb sie und da wir bis zum Tagesanbruch ganz ruhig hinter Zittau aufmarschirt standen, so hatte der Schmidt noch so viel Zeit meinem Pferde ein Notheisen aufzuheften, wodurch dasselbe wieder in den Gang kam. Da wir zu schwach waren, um Zittau behaupten zu können, so hatten wir eine Stellung hinter der Stadt an der nach Herrnhuth führenden Chaussee genommen und das vor uns befindliche Stadtthor mit Schützen besetzt, auch waren auf der Chaussee zwei Kanonen aufgefahren mit den Mündungen nach dem Thore zu gerichtet. Das Schießen hatte schon seit längerer Zeit aufgehört und es war völlige Stille eingetreten, der Oberst von Thielmann hatte daher die Absendung einer Patrouille von einem Corporal und sechs Husaren befohlen, welche in die Stadt reiten sollten, um zu erforschen, ob der Feind dieselbe noch besetzt halte oder solche verlassen habe. Bei dem Aufrufe: ?Freiwillige vor rückten auch gleich fünf Husaren mit dem Corporal aus der Linie heraus, es fehlte also an der bestimmten Zahl, nur noch ein Husar. Der Rittmeister sagte daher: ?will denn nicht noch einer vorkommen? worauf ein schon bejahrter Husar, dessen Namen mir entfallen ist, mit den Worten sich den Freiwilligen anschloß: ?nun wenn noch einer fehlt, so will ich mit. Gerade dieser eine Husar kehrte aber leider nicht wieder zurück. Die Patrouille war nämlich durch das von den Schützen besetzt gehaltene Thor in die Stadt geritten, hatte aber nicht lange darin verweilen können, da die feindlichen Husaren alle nach dem Marktplatze führende Straßen, besetzt gehabt, auch die schwarzen Jäger aus den Häusern auf unsere Patrouille geschossen hatten. Der Corporal commandirt daher schnell zum Rückzuge, der alte Husar kommt aber in der Dunkelheit von seinem Truppe ab und gelangt erst in die Nähe des Thores, nachdem die Patrouille schon heraus ist und die Schützen dasselbe wieder besetzt haben. Diese hören nun kurz darauf einen Weiter auf das Thor zu sprengen und da sie denselben in der Nacht für einen feindlichen halten, so schießen sie ihn, noch ehe er ganz heran gekommen, vom Pferde herunter. Nachdem es Tag geworden und der Feind Zittau wieder verlassen hatte, fand man den Husaren in der nach dem Thore führenden Straße, todt liegen. Dieser aus einem unseligen Irrthume von unsern Schützen erschossene Husar, wurde allgemein bedauert, um so mehr, als er ein guter Soldat war und eine Frau mit Kindern in der Heimath hinterließ. Obgleich wir nach Tagesanbruch noch einige Stunden in unserer Stellung verblieben, so wurden wir doch vom Feinde nicht angegriffen, wir marschirten daher über Herrnhuth nach Bautzen und bezogen einen Bivouac vor dieser Stadt. Gleich nach unserer Ankunft wurde ich zum Oberst von Thielmann commandirt, welcher ein Quartier in der Stadt genommen hatte. Wie ich mich bei ihm meldete, saß er gerade mit seinem Adjutanten bei Tische, ich mußte mich sogleich an einen andern Tisch setzen und mein Schreibegeräthe hervorlangen, welches ich immer in einer Kapsel bei mir trug, worauf der Oberst, während er speißte, mir den Rapport an das Generalcommando in Dresden über den Streifzug dictirte, welchen wir nach Zittau gegen das Braunschweigsche Corps unternommen hatten. Dabei ließ er mir auch einige Glas Wein einschenken, damit ich, wie er sagte, keine Noth leide. Noch hatte ich nicht viel nieder geschrieben, als sich die Thür aufthat und der mir wohl bekannte Corporal Peickwitz von unserer Escadron mit der Meldung an den Oberst heran trat: ?daß der Feind so eben zum Angriffe heran rücke. Die militärische Haltung in welcher derselbe seine Meldung machte, ingleichen der ruhige und sichere Ausdruck seiner Worte, ließen mich in die Richtigkeit des gemeldeten Ereignisses, keinen Zweifel setzen. Der Oberst jedoch sah den Corporal scharf an und ohne sich durch seine Meldung im Essen stören zu lassen, sagte er zu demselben ganz kurz: ?gut worauf der Corporal in gerader Richtung wieder zur Thür hinaus schritt, wie er herein gekommen war. Nun fragte mich der Oberst, wie dieser Corporal heiße? und nachdem ich dessen Namen genannt, sagte derselbe, daß dieser Mann betrunken gewesen und in diesem Zustande eine falsche Meldung gemacht habe, wofür er strenge bestraft werden müsse. Der Oberst dictirte mir daher gleich eine Ordre an unserm Commandeur, dem Major von Gablenz, nach welcher der Corporal Peickwitz, dieses Vergehens wegen, sofort arretirt und zum gemeinen Husaren degradirt werden sollte. Obgleich ich versuchte den Oberst milder zu stimmen, indem ich vorstellte, wie dieser Mann sonst ein ordentlicher Soldat und dem Trunke gar nicht ergeben sei, so blieb es doch bei der einmal ausgesprochenen Strafe, mit deren sofortigen Vollstreckung der gegenwärtige Adjutant beauftragt und deshalb sogleich mit der betreffenden Ordre in das Lager gesendet wurde. Nachdem meine Geschäfte beim Oberst beendigt waren fand ich bei meiner Rückkunft dem Corporal Peickwitz schon arretirt und zum gemeinen Husaren degradirt. Da ich denselben als einen guten Cameraden kannte, so dauerte er mich sehr, ich ging daher zu ihm hin, wo er mir, höchst niedergeschlagen über das ihm betroffene Mißgeschick, erzählte: wie er in Bautzen einige frühere Schul- und Universitäts-Freunde unvermuthet getroffen und diese ihn mit starken Weinen tractirt hätten, welche bei der Freude des Wiedersehens, ihm schnell zu Kopfe gestiegen wären, so daß er zuletzt gar nicht mehr gewußt, was er gethan habe. Dieser Corporal war nämlich als Student von der Universität abgegangen und freiwillig in das Husarenregiment eingetreten fast zu gleicher Zeit, wo ich mich auch bei demselben engagirte. Auf Verwendung des Major von Gablenz wurde jedoch die Degradation desselben, nach einigen Wochen wieder aufgehoben.

Früh brachen wir aus unserm Lager bei Bautzen auf, marschirten durch Dresden und bezogen in den Dörfern bei Nossen so lange Quartiere, bis wir wieder Ordre zum Vorrücken bekamen. Auf unserm Marsche nach Dresden, wohin die beiden Escadrons anderweit beordert worden waren, wurde ich mit zwei Husaren vorausgesendet, um einen passenden Lagerplatz dort zu ermitteln und die erforderlichen Verpflegungsgegenstände zu requiriren. Indem ich nun mit meinen beiden Husaren auf der Chaussee vorwärts ritt, begegnete uns ohngefähr zwei Stunden von Dresden ein Mann auf einem mit Schweiß bedeckten Pferde, der auf Befragen: weshalb er so eile? erzählte, daß die schwarzen Husaren, deren Vorposten nicht weit von hier ständen, ihm sein Pferd hätten nehmen wollen, weshalb er stark zugeritten, aber auch eine Strecke von denselben verfolgt worden sei. Auf weiteres Befragen, erfuhr ich von diesem Manne, welcher ein Gutsbesitzer in dortiger Gegend zu sein schien, daß ein österreichisches Corps unter dem General Am Ende heute von Dippoldiswalda in Dresden eingerückt wäre und sich mit den Truppen des Herzogs von Braunschweig vereinigt hätte. Diese Nachrichten wollten nun zu meiner Sendung gar nicht recht passen, ich konnte aber doch hierauf nicht gleich wieder umkehren, sondern mußte mich zuvörderst von der Wahrheit dieser Angaben, erst selbst überzeugen. Zu diesem Behufe ließ ich die Pistolen laden und ritt mit aller Vorsicht, indem ich einen Husaren zwei hundert Schritte als äußerste Spitze voraussendete, so lange vorwärts, bis ich nach einer halben Stunde die von den schwarzen Husaren auf der Dresdner Chaussee ausgestellten Vorposten sah, hinter welchen einige Trupps Cavallerie bemerkbar waren. Da ich mit meinen paar Mann gegen die feindlichen Vorposten nichts unternehmen konnte, auch sah, wie von der Feldwache eine Abtheilung zu unserer Verfolgung abgesendet wurde, so ließ ich gleich rechtsumkehrt machen und im scharfen Trabe unsern Rückmarsch so lange fortsetzen, bis wir unsere beiden Escadrons erreichten, welche im Marsche nach Dresden begriffen waren. Nachdem ich dem Major von Gablenz alles gemeldet hatte, was ich gesehen und gehört, machten die Escadrons Halt und bezogen einen Bivouac vor dem Dorfe Gorbitz an der Straße nach Dresden, zugleich wurde eine Patrouille zur Beobachtung des Feindes abgesendet, auch eine Feldwache ausgesetzt. Die andern Truppen, bestehend aus einigen Abtheilungen Schützen, Cürassieren und Dragonern mit einer halben Batterie Artillerie, hatten sich hinter uns auf beiden Seiten der Dresdner Chaussee, das Dorf Gorbitz im Rücken habend, gelagert. Wegen der Nähe des Feindes, denn die Vorposten standen sich auf Schußweite einander gegenüber, war befohlen, daß jeder Cavallerist nach dem Abfüttern sein Pferd gleich wieder aufzäumen und sich davon nicht entfernen sollte, auch durften keine Feuer angemacht werden. Wie der Tag graute, ritt der Oberst von Thielmann mit seinem Adjutanten und einigen Ordonanzen auf der Chaussee nach der Feldwache zu, kam aber in kurzem Galoppe bald wieder zurück und commandirte schon von ferne: ?Aufgesessen. Indem wir eiligst zu Pferde stiegen, brachten die schwarzen Husaren auch schon unsere Feldwache getrieben. Die Artillerie, Infanterie und übrige Cavallerie hatte sogleich den Rückmarsch durch Gorbitz angetreten, derselbe ging aber nur langsam von Statten, da im Dorfe eine Protze von einem unserer Geschütze entzwei gegangen und solche stehen geblieben war, wodurch die Straße beengt und der Marsch der Truppen sehr aufgehalten wurde. Unsere Escadron hatte, als Arriergarde, eben den Rückzug nach dem Dorfe angetreten, als sie auch schon von den anstürmenden schwarzen Husaren mit Uebermacht angefallen und am Eingange des Dorfes sehr gedrängt wurde, wobei die letzten von unsern Leuten übel weg kamen, da es dort Schüsse und Hiebe setzte. Bei dieser Gelegenheit wurde auch der Corporal Kopitz von unserer Escadron, welcher bei dem Ueberfalle in Peterswaldau die Sachen eines feindlichen Rittmeisters erbeutete und unvorsichtiger Weise dessen Cartouche umgehängt hatte, vom Pferde gehauen und starb im Lazarethe zu Dresden, wohin er geschafft worden war. Nachdem wir unter vielen Schwierigkeiten das Dorf passirt hatten, marschirte die Cavallerie hinter demselben schnell auf, um den andringenden schwarzen Husaren die Spitze zu bieten, auch der Infanterie und Artillerie Zeit zu verschaffen, eine Strecke Weges zurückgehen zu können. Hier war es, wo der Oberst von Thielmann an uns heran gesprengt kam und sagte: ?Husaren, im Dorfe ist eine zerbrochene Protze stehen geblieben, auch diese soll der Feind nicht haben, also Freiwillige vor, welche selbige herausholen. Obgleich nun das Dorf von den schwarzen Husaren besetzt war, so stürmte doch auf diese Anrede, sogleich ein Trupp Freiwilliger hinein und die Protze ward glücklich herausgebracht. Während dem waren zwei Patrouillen ausgesendet worden, welche aber bald mit der Meldung zurückkehrten, daß nach unsern beiden Seitenflanken schwarze Husaren und österreichische Ulanen im Anzuge begriffen wären, weshalb wir, um nicht umgangen und abgeschnitten zu werden, sogleich unsern weitern Rückmarsch antreten mußten, worauf der Feind in einer geringen Entfernung uns beobachtend folgte. Wie wir so unseres Weges dahin zogen, kam ein wahrscheinlich betrunkener schwarzer Husar auf unsere Marschcolonne allein losgesprengt und wurde, da er sich nicht wollte gefangen geben, von einem unserer Dragoner vom Pferde geschossen. Von dem Feinde nicht sehr gedrängt, aber zu schwach, um gegen das vereinigte Oesterreichisch-Braunschweigsche Corps etwas unternehmen zu können, zogen wir uns an diesem Tage noch bis in die Gegend von Nossen zurück, wo wir die Nacht über an einem Walde bei Etzdorf lagerten. Früh wurde der weitere Marsch über Waldheim, Rochlitz und Geithain nach Borna, dann über Pegau bis in die Gegend von Weißenfels fortgesetzt, wo in den Dörfern jenseits der Saale Quartiere bezogen wurden, um den Heranmarsch der westphälischen Truppen abzuwarten, welche sich mit uns vereinigen sollten. Nachdem letztere angekommen waren, ging es wieder vorwärts nach Leipzig zu, welches der Herzog von Braunschweig mit seinem Corps besetzt hatte. Bei Markranstädt wurde von den Husaren, welche die Avantgarde hatten, Halt gemacht, um die Ankunft unserer übrigen und der westphälischen Truppen zu erwarten und dann mit denselben vereint auf Leipzig loszugehen. Während dessen kam auf unsern Vorposten ein schwarzer Husarenofficier mit einem Trompeter als Parlamentair an, durch welchen der Herzog von Braunschweig erklären ließ, daß er Leipzig morgen in aller Frühe freiwillig räumen werde, wenn er heute nicht angegriffen würde. Der Oberst von Thielmann fertigte jedoch den Parlamentair gleich auf der Chaussee mit dem kurzen Bescheide ab: daß. wenn das Braunschweigsche Corps nicht binnen einer Stunde Leipzig geräumt hatte, dasselbe ohne Weiteres von uns angegriffen werden würde, wobei der Oberst die Uhr zog und auf den Weiser zeigte. Nachdem der Parlamentair sich schnell wieder entfernt hatte und die bestimmte Stunde verstrichen war, setzten wir unsern weitern Marsch auf Leipzig fort. Bei Lindenau angekommen, wurde Trab commandirt und so ging es im scharfen Ritte durch Leipzig, welches kurz zuvor von den Feinden geräumt worden war, weshalb wir denn auch so manchen Nachzügler auf der Straße nach Grimma noch ereilten, in welcher Richtung das Braunschweigsche Corps sich zurückzog. Von den schwarzen Jägern hatten einzelne, die sich verspätet, in den Kornfeldern sich versteckt, wurden aber von unsern nachfolgenden Schützen aufgesucht und gefangen genommen.

Der Herzog von Braunschweig zog sich mit seinem Corps auf Nossen zurück und vereinigte sich daselbst mit den Oesterreichern, welche dort eine Stellung genommen hatten. Der Generalmajor von Dyherrn übernahm das Obercommando der sächsischen Truppen. Hinter Etzdorf stießen unsere Husaren auf die feindlichen Vorposten, welche den auf unserer linken Flanke sich hinziehenden Wald mit Jägern stark besetzt hielten, die aber sich auf den Haupttrupp zurückgezogen, nachdem sie von unsern herbeigekommenen Schützen daraus vertrieben worden waren. Da die Oesterreicher und das Braunschweigsche Corps eine feste Stellung genommen hatten und nicht weichen wollten, so marschirten die Sachsen und Westphalen in Schlachtordnung auf und es schien zu einem ernsten Kampfe kommen zu wollen, indem schon die Artillerie vorgegangen war und sich gegenseitig begrüßte. Die feindlichen Geschützkugeln erreichten jedoch unsere Reihen nicht, auch platzten ihre Granaden vor unserer Front, ohne Schaden zu thun. Dieses unbedeutende Vorpostengefecht wurde jedoch vom Feinde, nachdem wir durch eine Diversion seine beiden Flanken bedroht hatten, bald abgebrochen, indem derselbe seinen Rückzug fortsetzte und nur noch einmal bei Wilsdruff Front machte, aber seine Stellung nicht behaupten konnte. Vor diesem Orte wurde eine Abtheilung österreichische Infanterie vom Corps des General Am Ende gefangen, diese hatte an ihren Mützen die Buchstaben: B. L. W. was eigentlich Böhmische Landwehr heißen sollte. Einer von diesen Gefangenen machte aber den Witz und gab auf Befragen: was diese drei Buchstaben bedeuten sollten? zur Antwort: ?solche sollen halt heißen: Bruder lauf weg. Diese Gefangenen, denen blos die Waffen genommen worden waren, schienen sich überhaupt ganz wohl bei uns zu befinden. Der Feind setzte seinen Rückzug über Dresden nach Böhmen fort und wir folgten ihm bis Pirna, wo aber die bei unserer Avantgarde befindlichen westphälischen Truppen sich beharrlich weigerten über die böhmische Grenze zugehen, weshalb sie zurückgesendet werden mußten, die sächsischen Husaren und Schützen aber Quartiere in Pirna bezogen. Unterdessen hatte der österreichische Kaiser, durch das siegreiche Vordringen der französischen Armee, sich genöthigt gesehen, am 12. Juli 1809 mit Napoleon einen Waffenstillstand abzuschließen, in welchen das Corps des Herzogs von Braunschweig-Oels aber nicht mit eingeschlossen war. Dasselbe trennte sich daher sofort von den Oesterreichern, verließ Böhmen und ging in Eilmärschen über Altenburg, Jena, Halle, Quedlinburg und Halberstadt nach Braunschweig, um von dort auf dem nachsten Wege die See zu erreichen und sich dann nach England einzuschiffen, was denn auch dem Herzog von Braunschweig vollkommen gelang, obgleich derselbe von französischen, westphälischen und holländischen Truppen heftig verfolgt wurde. Auch die Sachsen hatten auf die Nachricht, daß das Braunschweigsche Corps Böhmen verlassen habe, zur Verfolgung desselben, sich von Pirna aus schnell wieder in Marsch gesetzt und gingen durch einen Theil des Erzgebirges, über Frauenstein, Schneeberg, Kirchberg und Schleiz bis Jena, ohne aber dieses Corps erreichen zu können, da dasselbe schon einen zu großen Vorsprung gewonnen hatte. Die sächsischen Truppen stellten daher jede weitere Verfolgung desselben ein und marschirten wiederum nach Dresden zurück, wo die Husaren in den nicht weit davon an der Elbe gelegenen Dörfern Laubegast, Tolkewitz und Strießen Cantonnirquartiere bezogen. Die Oesterreicher unter dem General Am Ende waren nach Böhmen zurückgegangen. Nicht lange hernach ging die wichtige Nachricht von den zwischen Frankreich und Oesterreich abgeschlossenen Frieden ein. So war denn der Feldzug von 1809 beendet und obgleich die sächsischen Truppenabtheilungen, welche gegen das Braunschweigsche Corps und die mit demselben vereinigten Oesterreicher, agirten, keine großen Lorbeeren errungen hatten, so hatte doch jeder Soldat seine Schuldigkeit gethan und es kann ihm nicht zum Vorwurfe gereichen, daß er für einen Zweck hatte fechten müssen, der allerdings ein besserer hätte sein können, als er wirklich war.

Die Quartiere in Laubegast, einem wohlhabenden Dorfe, waren gut und wir befanden uns alle dort recht wohl. Mein Quartier hatte ich mit vier Husaren bei dem Ortsrichter bekommen, dessen Gehöfte nahe am Ufer der Elbe lag, so daß ich von der Oberstube, die mir der Wirth überwiesen hatte, das schöne Elbthal mit den gegenüber liegenden Weinbergen, den Wiesen und Obstgründen genau übersehen konnte. Die Husaren hatten ein besonderes Local im untern Stock. Da unser Wirth einen Kahn besaß, welchen auch wir benutzen durften, so fuhren wir damit öfters auf der Elbe herum, was ein angenehmes Vergnügen gewährte und brachten es durch öftere Uebung zu einer solchen Fertigkeit im Rudern, daß wir mit großer Sicherheit über die Elbe hinüber und herüber fahren konnten. Eines Abends nach Mitternacht machte der Nachtwächter einen gewaltigen Lärm mit seinem Horne, indem er fortwährend schauerliche Töne in die Nacht hinein bließ. Da ich dessen Signale nicht genau kannte, dachte ich erst, daß das Feuer im Orte sei, bemerkte aber, wie ich zum Fenster heraus sah, daß über der Elbe ein Weinbergshaus brannte. Nachdem ich sofort die Husaren ermuntert, bestiegen wir eiligst den Kahn, ruderten schnell über die Elbe und eilten dem brennenden Hause zu, um zu helfen, wo es nöthig sei. Im schnellen Laufe bald dort angekommen, fanden wir ein ganz isolirt stehendes, aber schön gebautes Weinbergshaus vom Feuer ergriffen und die wenigen Bewohner, welche, wie wir später hörten, aus dem Winzer und seiner Familie bestanden, beschäftigt, ihre eigenen Sachen zu retten. Da die Flammen schon überall das Dach ergriffen hatten und mächtige Feuersäulen daraus in die Höhe stiegen, so sprangen wir schnell die Treppe hinauf, um aus dem obern Stockwerke herunter zu schaffen, was noch gerettet werden konnte. Wie erstaunten wir aber, in den obern Zimmern die schönsten und kostbarsten Meubles zu finden. Vorzüglich waren mehrere große Spiegel von bedeutendem Werthe vorhanden, weshalb wir denn auch diese zuerst fortschafften und dann mit der Rettung der übrigen werthvollen Gegenstände uns so lange beschäftigten, bis wir durch den eindringenden Rauch daran verhindert wurden. Erst nachdem das Gebäude vom Feuer völlig ergriffen und nicht mehr zu retten war, kamen die Spritzen und Hülfsmannschaften von den nächsten, aber allerdings etwas entfernt liegenden, Orten herbei, sie konnten daher nicht viel mehr thun, als das Gebäude ruhig niederbrennen lassen. Da auch wir nichts mehr helfen konnten, so begaben wir uns wieder nach Laubegast zurück. Dort hörten wir vom Wirth, daß das abgebrannte Weinbergshaus dem Oberkammerherrn Grafen von Marcolini in Dresden gehört habe. Der Letztere hatte nun von dem Winzer, welcher das Erdgeschoß des abgebrannten Gebäudes bewohnte, erfahren, daß bald nach Ausbruch des Feuers, ein Fourier mit vier Husaren von Laubegast herübergekommen wären und sich bei Rettung der Meubles sehr thätig bezeigt hätten. Von dem Oberkammerherrn war daher gleich des andern Tages an unsern Rittmeister geschrieben und derselbe ersucht worden, diesen Mannschaften nicht nur seinen Dank zu sagen für die geleistete thätige Hülfe, sondern auch dem Fourier und jeden Husaren ein von ihm bestimmtes Geldgeschenk als eine kleine Gratification zu verabreichen. Der Rittmeister machte dies den versammelten Leuten unserer Escadron bekannt und forderte mich auf, die Husaren namentlich zu bezeichnen, welche mit beim Feuer gewesen wären, was ich denn auch that, indem ich zugleich die mir zugedachte Gratification ablehnte und bat, solche mit unter die vier Husaren gleichmäßig zu vertheilen, da ich für eine Hülfe, welche ich als Mensch zu leisten verpflichtet gewesen, kein Geldgeschenk annehmen könne.

Nachdem wir noch einige Zeit in Laubegast gestanden hatten, marschirten wir in unsere Standquartiere nach Thüringen zurück, wo ich in Artern, nach einer Abwesenheit von 1½ Jahren, meine Mutter wieder sah, welche sich sehr freute, daß ich gesund und munter zurückkehrte. Nun nahm das Garnisonleben wieder seinen Anfang, welches einförmig, einen Tag wie den andern, sich in seinem gewöhnlichen Gleise fortbewegte. Mit unserer Uniformirung wurde später eine Veränderung vorgenommen, statt der weißen Dollmans und Lederhosen, bekamen wir blaue Dollmans mit weißen Schnüren und blaue Tuchhosen. Ferner wurden die ungarischen Filzmützen abgeschafft, an deren Stelle aber Czakos eingeführt und dadurch den Haarzöpfen das Todesurtheil gesprochen, denn diese mußten nun alle abgeschnitten werden, worüber diejenigen Husaren, welche einen schönen Haarwuchs und ihren Zopf mit vieler Vorliebe gepflegt hatten, sehr jammerten. Auch mir that es sehr leid, daß mein hübscher Zopf der Vernichtung anheim fallen sollte. Da sich manche Husaren von ihrem Haarzopfe durchaus nicht trennen konnten oder wollten, so durfte ihnen Niemand mit der mörderischen Scheere zu nahe kommen.

Aber auch dieser Widerstand wurde auf schlaue Weise dadurch besiegt, daß man diesen Hartnäckigen, wahrend sie schliefen, einen derben Schnitt in den Zopf machte, von welcher tödtlichen Wunde derselbe nicht wieder genesen konnte, sondern, da er nur noch an einigen Haaren hing, nun ganz abgeschnitten werden mußte. So nahm denn mit einem Male die berüchtigte Zopfperiode ein schnelles, tragisches Ende. Nach Einführung der blauen Dollmans bekamen die Fouriers als Auszeichnung ihrer Charge, eine breite silberne Tresse, welche auf dem linken Oberarme in schräger Richtung befestigt war, wie dieselbe auch in der französischen Armee getragen wurde. Die Wachtmeister hatten zwei silberne Tressen auf dem Unterarme, die Corporals aber, welche nun in den Listen als Unterofficiere geführt wurden, statt dieser Tressen, weiße Borden.

Eines Tages wurde ich commandirt den andern Morgen mit einen Husaren nach Cölleda zu reiten, um die Löhnungsgelder für die Escadron, beim Stabe, welcher von Artern dahin verlegt worden war, in Empfang zu nehmen. Da in den Standquartieren die Fouriers nicht beritten waren, so sendete mir der Wachtmeister Maul früh morgens ein Pferd, welches aber nicht der Husar selbst brachte, dem es gehörte, sondern ein anderer, da jener krank war. Wie ich aus meinem Quartiere trat, stand das Pferd ganz fromm vor der Thür da, wie ein Lamm. Nachdem ich mich aufgesetzt, fand ich jedoch die Steigbügel etwas zu kurz, weshalb ich den Husaren, welcher das Pferd gebracht, aufforderte, solche ein Loch langer zu schnallen. Während dieß derselbe thun wollte, machte aber das Pferd plötzlich und ganz unerwartet, einen gewaltigen Satz, riß den Husaren über den Haufen und sprengte mit mir davon im schnellsten Laufe. Obgleich ich die Zügel scharf anzog, so konnte ich das Pferd doch nicht zum Stehen bringen, da ich noch nicht recht bügelfest war, sondern es schoß über den Markt, wo ich wohnte, hart an der Rathhausecke vorbei, an der ich noch hätte großen Schaden nehmen können, nach der Altstadt zu, wo der Husar im Quartiere lag, dem das Pferd gehörte. Auf diesem konnte, ich aber nicht sitzen bleiben, einmal, weil ich dasselbe nicht mehr zu zügeln vermochte und dann, weil sich voraus sehen ließ, daß das Pferd nach seinem Stalle rennen würde, zu welchem, wie mir bekannt war, nur eine ganz niedrige Thüre führte, ich hätte daher sehr beschädigt werden können, wenn es mit mir in den Stall eingedrungen wäre. Es blieb mir also nichts weiter übrig, als daß ich vom Pferde, während dem schnellen Laufe desselben, herab zukommen suchte, was ich denn auch ohne Verzug dadurch bewirkte, daß ich meinen rechten Fuß über den Rücken des Pferdes an meinen linken zog, mit beiden Händen die Mähnen desselben erfaßte und so in dieser mehr hängenden Stellung, mich auf der linken Seite des Pferdes herab gleiten ließ. Ein Glück war es, daß, obgleich ich im Fallen sehr stark auf das Straßenpflaster aufschlug, ich doch, einige Quetschungen abgerechnet, ohne größere Verletzungen davon kam, nur meine eiserne Säbelscheide, auf die ich gefallen, war ganz krumm gebogen. Nachdem ich mir einen andern Säbel verschafft, mußte der Husar das davon gelaufene Pferd wieder herbei holen, welches, wie ich richtig voraus gesehen, gleich nach dem Stalle seinen Lauf genommen hatte. Der kranke Husar ließ mir nun sagen, daß sein Pferd eine besondere Unart habe, indem wenn es beim Besteigen nicht gleich etwas in Trab gesetzt werde, dasselbe durchgehe. Daher sollte ich die Steigbügel vorher erst richtig schnallen lassen, dann schnell aufsitzen, die Zügel aber nicht straff anziehen, so würde alles gut gehen, was sich denn auch bestätigte, denn das Pferd ging nach Cölleda hin und zurück, ganz zu meiner Zufriedenheit. Uebrigens gab es beim Regimente viele Pferde, welche besondere Unarten hatten, die aber nur der Husar kennen konnte, welcher das Pferd längere Zeit geritten hatte. Das polnische Pferd ist zwar mitunter ein bösartiges, aber auch ein kluges und gelehriges Thier, welches seinem Reiter viel Anhänglichkeit bezeigt und schon am Tritte hört, wenn derselbe dem Stalle naht, indem es dann ihn mit einem freudigen Wiehern begrüßt.

Der Fourier hatte, außer den von ihm zu führenden Listen, auch über alle bei der Escadron vorkommende Nachlaßsachen, Verheirathungen und Verabschiedungen, ingleichen bei Untersuchungen über Vergehen, die erforderlichen schriftlichen Verhandlungen aufzunehmen und die Eingaben zu entwerfen, welche, nachdem letztere vom Rittmeister unterschrieben worden, dem Regimentscommando zur weitern Verfügung überreicht wurden. So mußte ich einstmals in einer Untersuchung gegen einen Husaren, welcher seinen Cameraden ein Hemde entwendet hatte, die Uebersicht des Thatbestandes, oder spezies facti aufnehmen, worauf der Regimentsauditeur, auf Grund dieser summarischen Aufnahme, die weitere Untersuchung einleitete. Dieser Husar, welcher noch jung und von guter Familie, aber etwas liederlich und leichtsinnig war, mußte sein Vergehen strenge büßen, denn er wurde mit Stockprügeln bestraft und schimpflich vom Regimente entfernt.

Es war das Erstemal, daß ich auch zu einem Sterbenden gerufen wurde, um seinen letzten Willen aufzunehmen. Der Unterofficier Boch wollte nämlich über seinen Nachlaß verfügen, der blos in Wäsche und einigen noch guten Uniformstücken bestand, welche letztere er sich selbst angeschafft hatte, weshalb solche sein Eigenthum waren. Im Quartiere desselben angekommen, fand ich bereits den Wachtmeister Maul dort, den Kranken aber schon dem Tode nahe, denn seine Brust hob sich gewaltig auf und nieder, wobei er stark röchelte. Doch überzeugten wir uns durch einige an ihn gerichtete Fragen, daß er noch bei voller Besinnung sei, weshalb ich mich denn gleich an den Tisch neben dem Krankenbette setzte, und auf dem mitgebrachten Papiere, die erforderliche Verhandlung schnell aufzusetzen begann, welche von dem Kranken nach erfolgtem Vorlesen, noch mit zitternder Hand unterschrieben wurdet worauf er auf sein Bette zurücksank und plötzlich verschieden war. Diese Scene ergriff mich sehr, da der Verstorbene ein guter Camerad gewesen war, mit dem ich immer einen freundlichen Verkehr unterhalten hatte. Niemand von den fern wohnenden Verwandten war bei seinem Hinscheiden zugegen, um ihn die letzten Liebeserweisungen zu bezeigen, nur ich und der Wachtmeister konnten diese Pflicht erfüllen und haben sie auch treulich geübt, indem wir für ein anständiges Begräbniß sorgten.

Der Major von Lindenau commandirte die beiden Escadrons Husaren, welche in Artern standen, und hatte sein Quartier am Markte, dem Hause gerade gegenüber, wo ich mit meiner Mutter wohnte. Da ich außer meinen Geschäften in der Escadron, auch noch die Schreibereien bei dem Major zu besorgen hatte, wofür ich eine kleine Zulage bekam, so blieb mir wenig Zeit zu andern Dingen übrig. Auch konnte ich mich nicht gut aus meiner Wohnung entfernen, da, wenn der Major mit den Fingern an seinem Fenster trommelte, welches das verabredete Zeichen war, daß er mich verlange, ich sogleich zu ihm hinüber gehen mußte, da er kein Freund von langem Warten war.

Eines Morgens sah ich, wie der Major sehr heftig an das Fenster klopfte, ich eilte daher sogleich hinüber, und fand denselben in großer Bewegung, da seine Frau so eben an den Folgen der ersten Entbindung verstorben war. Ganz trostlos und unfähig etwas vorzunehmen, bat er mich, den Verwandten der Verstorbenen, diesen Todesfall anzuzeigen. Während ich nun die nöthigen Briefe schrieb, ging der Major in der Stube auf und nieder und jammerte laut über den ihn betroffenen großen Verlust. Obgleich leicht aufbrausend und heftig, dabei auch strenge im Dienst, war dieser Stabsofficier, wie ich oft zu beobachten Gelegenheit hatte, doch sonst ganz gutmüthig und human, so daß sich seine Untergebenen über ihn zu beklagen, keine Ursache hatten. Denn er duldete nicht, wenn der Soldat maltraitirt oder gar mit Schlägen mißhandelt wurde, wie folgender Vorfall beweist. Es war nämlich an einem Nachmittage, als ich durch das gewöhnliche Zeichen am Fenster, zu dem Major beschieden wurde. Wie ich hinüber kam, fragte mich derselbe, ob ich über den ihm hinterbrachten Fall: wornach ein Unterofficier von unsrer Escadron einen Husaren beim Futterschütten so heftig über den Rücken gehauen habe, daß die Klinge entzwei gesprungen sei, etwas Näheres wüßte und den Namen des Unterofficiers angeben könne? weil er denselben exemplarisch bestrafen und den immer noch vorkommenden Prügeleien nun ein Ende machen wolle. Da ich jedoch von diesem Vorfalle nichts gehört hatte, so mußte ich die an mich gestellte Frage verneinen, worauf der Major seiner Ordonanz Befehl ertheilte den Wachtmeister und die sämmtlichen Unterofficiere der betreffenden Escadron sogleich herbei zu holen. Nachdem sie angekommen waren, mußten sie einen Kreis schließen, worauf er mit mißbilligenden Worten des Vorfalls gedachte und dann denjenigen Unterofficier zur Nennung seines Namens aufforderte, welcher sich so weit hätte vergessen und seinen Säbel auf dem Rücken eines Husaren zerschlagen können. Es wollte sich aber keiner von den Anwesenden hierzu melden, worauf denn der Major commandirte: ?Säbel heraus da er an der zerbrochenen Klinge den Schuldigen zu entdecken hoffte, aber alle Säbel waren unbeschädigt, denn der zerbrochene war gegen einen andern schon umgetauscht worden. Nun wurde aber der Major heftig und forderte den Schuldigen zum letztenmale auf sich zu nennen, mit dem Bemerken, daß er dessen Namen schon noch heraus bringen und dann es ihm schlecht gehen werde. Hierauf trat der Unterofficier S. aus dem Kreise und bekannte reumüthig seine Schuld, wurde aber vom Major hart angelassen, bekam sogleich Arrest und mußte zur Strafe einige Wochen bei der Wachtparade jedesmal fünf Schritte hinter der Reihe der Unterofficiere stehen, in welcher seine Stelle als Lücke offen gelassen wurde. Der Major suchte überhaupt bei seinen Strafen mehr auf das Ehrgefühl der Soldaten zu wirken, weshalb auch die Stockschläge nur bei ehrlosen Vergehungen, wie z. B. Diebstahl ec. noch vorkamen, das Satteltragen und Krummschließen aber nach und nach ganz abgeschafft wurde. So hatte ein Unterofficier F. sich gegen die Subordination vergangen und wurde zur Strafe dafür auf einige Zeit zum gemeinen Husaren degradirt.

Mit der Feder ging es etwas langsam beim Major, dagegen war er der Sprache in der Art mächtig, daß er einen logischen Satz geläufig dictiren konnte. So kam vom Regimentscommando ein Befehl, daß für jeden Garnisonort ein Reglement, wie sich die Mannschaften beim Ausbruch eines Feuers zu verhalten hätten, eingereicht werden sollte. Der Major sagte mir daher, daß ich den andern Tag etwas zeitig kommen möchte, damit wir gleich an die Entwerfung dieses Feuerreglements gehen könnten. Während ich nun des folgenden Tages am Tische saß, dictirte mir der Major, in der Stube auf und ab gehend, was ich schreiben sollte. Nach jedem beendigten Abschnitte mußte ich ihm das Niedergeschriebene vorlesen, wobei er entweder daran noch etwas änderte, oder es bei dem Geschriebenen bewenden ließ. Auf einmal machte er die Bemerkung, daß, wo eine Feuerordnung gemacht werde, auch etwas zum Löschen da sein müsse, worauf er seinen Diener Peter herbeirief, um eine Flasche Wein zu holen, welche wir gemeinschaftlich tranken. Der Major war auch sehr leutselig gegen die untere Klasse seiner Soldaten, ich habe oft gesehen, daß er sich mit dem Husaren unterhielt, der als Schildwache vor seinem Quartiere stand, indem er nach allen seinen Verhältnissen fragte. War es ein hübscher, ansehnlicher Mann, der auch gehörig antworten konnte, so ließ er ihn den andern Tag, nachdem er von der Wache abgelöst war, gewiß kommen, um ihn ein Geldgeschenk zu verabreichen. Auch gegen mich war der Major sehr freundlich, wie oft wurde ich von ihm zum Mittagstische eingeladen, wobei es Wein und verschiedene Speisen gab, denn er liebte eine gutbesetzte Tafel und heitere Unterhaltung dabei, ich habe daher manchen Mittag sehr angenehm dort zugebracht. Meine Mutter sah es jedoch nicht gern, daß ich so oft bei dem Major speißte, denn sie meinte, ich würde der einfachen Hausmannskost, die sie mir nur vorsetzen könne, ganz entwöhnt werden, ich konnte aber doch die Einladung desselben, welche gut gemeint war, nicht wohl abschlagen.

 


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