Christa Ruland

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Christa an Anne Marie.

»Liebe, liebe Anne Marie, bitte, bitte, nicht böse sein, daß ich Dir nicht aus den Flitterwochen heraus (dummes, leichtfertiges Wort) ausführlich, wie Du mich batest, geschrieben habe. Ich wußte ja, was Du lesen wolltest: »Adrian macht mich unaussprechlich glücklich.« Gewiß, ich liebe ihn. Warum hätte ich ihn sonst geheiratet? obwohl man mitunter heiratet, weil man keinen Mut hat, nicht zu heiraten, oder weil es sich eben so macht. Und Du, hinterlistiges Schwesterchen, hast Dein Händchen ja hübsch dabei im Spiel gehabt.

Wie beschreibe ich Dir nur mein Glück? Es ist wohl unbeschreiblich, nicht weil es so groß ist, aber ? es ist so vieles Komplizierte dabei. Du weißt ja, ich finde Adrian schön. Sein weiches, dunkelblondes Haar, seine zarten Mädchenlippen, seine schlanke Jünglingsgestalt. Und vor allem seine romantischen Augen, die blaublumenhaften, die wie aus der Ferne blicken.

Auf der Hochzeitsreise hatte ich ein so eigentümliches Gefühl, als wäre, was ich da erlebte, nur eine erdichtete Geschichte, die mich in ? ja ? in großer, herzbeklemmender Spannung erhielt, und wenn ich wieder nach Hause käme, würde das eigentliche Leben seinen Fortgang nehmen, und alles würde natürlicher und gemütlicher verlaufen.

Er war während der Reise von zartester Aufmerksamkeit, vielleicht etwas zu kavaliermäßig. Er ersparte mir auch die kleinste Anstrengung. Ich hatte aber ab und zu das Bedürfnis mich anzustrengen. Verweichlichung macht nervös.

Und als ich nun wieder daheim war ? so ganz daheim war ich doch nicht. Mama hatte die Einrichtung durchaus im Rulandstil besorgt, nur weniger kostspielig, keine Gobelins und Kunstwerke, aber sehr hübsch alles, persische Teppiche, Blumen, allerliebste Sächelchen. Im Ganzen eine poetisch zugestutzte, harmonische Wohlhabenheit. Der Vater hatte als spezielles Hochzeitsgeschenk ein Harmonium geliefert, um, wie er sagte, nach etwaigen Zankduetts ein purifizierendes Seelensolo anzustimmen. Ein Harmonium hatte ich mir vor Jahren einmal gewünscht, den Wunsch seitdem aber vergessen. Die Wohnung sieht sehr nach etwas aus. Ob nach mir? Am besten gefällt mir Adrians Zimmer. Er hat seine Junggesellen-Möbel behalten, altmodisch und kunstreich geschnitztes rötliches Mahagoni. Schön passen dazu ein paar feine Kupferstiche und alte Porträts mit dem Parfüm von Ahnensälen. Distinguierte Einfachheit.

Denke Dir, ich kann mich immer noch nicht entschließen, meine eleganten Ausstattungskleider zu tragen. Alle meine alten Sachen habe ich mitgenommen, und die trage ich am liebsten; ich komme mir dann weniger verheiratet vor, noch nicht so für alle Zeit an einen bestimmten Ort eingepflanzt, und als könnte ich noch frei durch den Garten des Lebens streifen. Unsinn! Als ob ich bei Mama frei gewesen wäre! Und doch hat die vage Vorstellung von einer großen, neuen Freiheit zu meiner Ehebereitwilligkeit beigetragen.

So ? nun hast Du wohl schon zwischen den Zeilen gelesen, daß ich mich noch ein wenig fremd mit Adrian fühle, so ein bischen wie verzaubert in eine Gegend, wo man Weg und Steg noch nicht kennt. Aber sie wird schon kommen, die Vertrautheit, die anheimelnde Herzlichkeit. Vielleicht sind es gerade die flacheren, die konventionellen Menschen, die sich leicht in eine so neue, vertrauteste Vertrautheit finden. Am Tag vor der Hochzeit noch eine große Distance zwischen uns, eine Vorsicht in Wort und Gebärde, eine Scheu vor liebkosender Berührung. Und nun plötzlich ? ? dieses engste Beieinandersein, Tag und Nacht. Es fehlen da Uebergänge. Zuweilen läßt mich die Vorstellung, daß er mich im Schlafe sieht, nicht einschlafen. Ich weiß nicht, wie ich im Schlaf aussehe, vielleicht unangenehm. Es ist, als gehörte mir mein Schlaf nicht mehr. Du weißt, ich schlief sonst nicht gern im Dunkeln. Jetzt muß es ganz, ganz dunkel sein.

Alles, was ich da schreibe, ist geschraubt, ich weiß es. Das kommt, weil es ein Flitterwochenbrief sein soll. Wenn unsere Wahrhaftigkeit in die Tinte gerät, so kommt sie etwas verdunkelt wieder heraus. Ich suche aus der Tinte zu retten, was zu retten ist. Ja, ja, ich liebe ihn, meine Gefühle aber haben so etwas Glimmendes, Anfachungsbedürftiges. Kein Zugwind. Die Luft ist lau.

O, Anne Marie! Anne Marie! es ist oft eine so zornige Scham in mir ? ich kann es nicht sagen ? Du mußt es erraten. Und ich trage es ihm nach, daß ich mich schäme.

Siehst Du, meine liebe, liebe Schwester, an jenem Verlobungsabend, als der Mond so wunderbar erschien ? ich stand auf der Veranda ? und er mir sein schönes Gesicht zuwandte, da überkam mich ein rasendes Verlangen, mich an seine Brust zu werfen, mich ihm ganz und gar zu vermählen. Aber das zwingend Natürliche geht ja immer nicht, es geht nicht. Und er kam ja auch nicht, er kam nicht. Aber warte nur, warte, es wird alles schon werden, denn eine große und ehrliche Lust ihn zu lieben, hat

Deine Christel.«

 

Und zwei Monate später schrieb sie:

»Anne Marie! Anne Marie! sie sind vorbei, die Flitterwochen. Gott sei Dank! schon drei Monate verheiratet! Nun brauche ich kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen, um so weniger, da Du mich doch so dringend ersuchst, aus meinem Herzen keine Mördergrube zu machen. Also heraus! all ihr antiadrianischen Gefühle. Erschrick nicht! ich liebe ihn. Ich fasse meine Klagen gegen ihn in einen Satz zusammen: Er ist zu fein für mich, zu fein. Es ist da etwas in seiner Art und Weise ? ich kann es nicht genau definieren, das ? ja, es schüchtert mich ein. Etwa seine angeborene Vornehmheit, der gegenüber ich mir so rasselos vorkomme? Wir können es nicht leugnen, Anne Marie, unsere Eltern sind doch eigentlich Parvenüs. Mama hat die guten, anmutigen Formen erst erlernt. Sie fühlt sie als Besitz und ist stolz darauf. Und der liebe Vater ? zu einem Reserveleutnant reichts bei ihm nicht.

Ich bleibe immer in einer gewissen Distance von Adrian, was bei manchen häuslichen Angelegenheiten unbequem ist. Zuweilen komme ich mit dem Wirtschaftsgeld nicht aus und bringe es doch nicht über die Lippen, mehr zu fordern. Und ich kann ihm doch nicht statt Seezunge oder Steinbut einen Schellfisch vorsetzen. Er würde es gleich merken und mit einer berückenden Liebenswürdigkeit sagen: »Ah ? Schellfisch!«

Ach Anne Marie, so lange das Geld eine so große Rolle in der Welt spielt, gerät man mit seiner Adelsmenschlichkeit in unangenehme Klemmen.

Bringt die Köchin ? es geschieht selten ? etwas Mißratenes auf den Tisch, so sieht er mich an, gleichgültig, vielleicht eine ganz kleine Nüance zu gleichgültig, und ? ich verkrieche mich förmlich vor seinem Blick. Ich bin so leicht verzagt. Unser Epikuräer hätte gesagt: »Aber Christelchen, Christelchen, was für ein Fraß.« Und ich hätte ihm schnell einen hübschen, braunen Eierkuchen backen lassen, den er so gern mit Citronensaft ißt. Der Adrian, der ist überhaupt zu vornehm für Eierkuchen.

Neulich holte mich Maria Hill zu einer Volksversammlung ab. Als ich nach Hause kam, wußte ich gleich, was das Zittern seiner Nasenflügel bedeutete, und warum er ? unmerklich zwar ? von mir abrückte.

Ich komme von der Vorstellung nicht los, daß er mich mit seiner gelassenen Vornehmheit angreift, und ich müßte mich dagegen zur Wehr setzen. Und er thut doch eigentlich garnichts. Nur können seine stummen Lippen so beredt sein, wenn sie ein klein wenig zu geschlossen sind oder leise zucken. Mißbilligt er etwas, so ist es eine kaum wahrnehmbare Nüance in der Stimme, vielleicht ein zu leiser, oder ein zu nachlässiger Ton ? und ich bin gekränkt.

Ich habe den Eindruck, daß er mir weit überlegen ist, und er sagt doch nichts, was meine Bescheidenheit rechtfertigt. Sein Wille beherrscht mich, ein stiller, zäher, passiver Wille, der mir immer, auch wenn er kein Wort sagt, fühlbar ist, wie die Prinzessin unter 12 Unterbetten die Erbse fühlte.

Wenn er ausgeht und mit dem Cylinder in der Hand in mein Zimmer tritt, habe ich im ersten Augenblick immer den Eindruck: da kommt jemand, Dich zu besuchen. Und oft wenn ich an ihn denke, hat er in meiner Vorstellung den chapeau claque unter dem Arm.

Er ist kein Errater von Stimmungen. Wenn meine Sinne wie in Harmoniumtönen vibrieren, intoniert er ein Scherzo, das zu leicht, oder eine Bachsche Fuge, die zu schwer für mich ist. Er kommt nicht darauf, daß in mir etwas vorgehen könnte, was in mir nicht vorgehen sollte. Sage ich etwas, was er in keiner seiner Denkrubriken unterbringen kann, so lächelt er fein und schickt mich auf den Mars.

Anne Marie, wenn ich die Hand aufs Herz lege, ? nein, ich bin bis jetzt »im Garten der Ehe nicht hinaufgewachsen«. Im Gegenteil, ich erwerbe sogar einige schlechte Eigenschaften, die ich früher nicht hatte. Ich werde trotzig, rachsüchtig, hinterlistig, boshaft. Ich thue aus Trotz und Bosheit manches als Reaktion gegen seine ostentative Noblesse. Und hinterher thut mir dann meine Ordinärheit so leid. So recht mit Absicht brauche ich zuweilen ein vulgäres Wort wie: Fatzke, Mumpitz, Puschel (hörst Du Vaterchen reden?). Neulich fehlte nicht viel, und ich hätte »Schweinerei« gesagt, brachte es aber dann doch nicht fertig.

Der Vater hat uns ja an drastische Ausdrucksweise und Kraftworte gewöhnt. Adrians subtile Art, sich auszudrücken, gefällt mir eigentlich, aber manchmal auch nicht. Als der Vater neulich kam ? der böse Epikuräer kommt so selten ? da hörte ich gern, was früher meinen zarten Ohren mißfiel.

Er traf Julia bei mir, und als sie fort war, ließ er wieder seinem Haß gegen Schriftstellerinnen freien Lauf.

Er mißbilligt meine Intimität mit ihr, nur weil sie Schriftstellerin ist. (Habe ich Dir denn schon geschrieben, daß Mama sie jetzt ? auf Konto ihrer möglichen späteren Berühmtheit ? in ihrem Salon empfängt?) Die Schriftstellerinnen samt und sonders wären Gift und nichts anderes als Wegelagerinnen, die einem bis in die geheimsten Winkel hinein auflauern, um Honorar aus einem zu schinden. Da wären ihm die Schwiegermütter noch lieber. (Er hat gar keine.) Kein Weib, das sich mit Druckerschwärze verunreinige, könne je wieder rein werden. Ein Schriftsteller studiere gründlich, was er schreiben wolle. Zola habe sich wochenlang in Fabriken aufgehalten, ehe er über Industrielles schrieb. So arbeiteten Männer. Frauen, die schlügen im Konversationslexikon nach. Könnten sie durchaus ihren Thatendrängen nicht widerstehen, so sollten sie Stuhlbeine drechseln, Wände tünchen u.s.w. Vaterchen meint es natürlich nicht so ernst, er ist nur geistreich.

In Bezug auf Julia hat er nicht so ganz unrecht. Sie könnte recht gut die Lücken ihrer Bildung noch ausfüllen. Sie mag nicht. Immer noch lernen, lernen, jetzt, da alles in ihr zur Produktion dränge. Inzwischen entschwände ihr ja das Leben.

Zuweilen stürmt sie wie ein Wirbelwind in unser lärmloses, auf leise Töne gestimmtes Haus. Adrian behandelt sie mit einer konzentrierten, ich möchte beinah sagen, giftigen Höflichkeit. Er verbeugt sich vor ihr eine kleine Linie zu tief. Die arme, sonst so redebeflissene Julia wird ganz kleinlaut und verschüchtert in seiner Gegenwart.

Maria Hill dagegen ist ihm sympathisch, hauptsächlich wohl wegen ihrer Chemie, ein Zweig der Naturwissenschaften, den er selbst gern kultiviert hätte.

Mich amüsieren Julias Tollheiten. Ich suche sie aber zu dämpfen, aus Furcht, Adrian könnte etwas davon hören. Und richtig, neulich, als sie gar zu arg tollte, schickte er den Diener: »Ob etwas geschehen sei?« Ich wurde rot vor dem Diener. Das heischte Rache. Als er wie gewöhnlich vor seinem Gang ins Ministerium in mein Zimmer trat, überraschte ich ihn durch eine Cigarette, die ich so recht in flotter Halbweltsmanier rauchte, in einen Fauteuil geflegelt, den Kopf hintenüber, die Beine übereinander geschlagen, den kokett chaussierten Fuß von mir gestreckt.

Er sah mich ironisch an und wollte das Zimmer verlassen.

»Bitte, schlage die Thür nicht hinter Dir zu,« sagte ich, obwohl ich wußte, daß er nie dergleichen that. Da kam er schnell zurück, riß mir die Cigarette fort, und ? ich finde kein feineres Wort ? küßte mich ab, so ganz wild und toll drauflos, wie im Lied der wilde Knabe sein Mädchen küßt, und ? er sagte »Mädel« zu mir, nicht einmal süßes Mädel. Ich war empört, aber nicht so sehr, wie ich hätte denken sollen.

Beim Abendessen blinzelte ich ihn von der Seite an, ob er anders sein würde als sonst, aber nein, vielleicht war er ein klein wenig liebenswürdiger, als hätte er ein Unrecht gut zu machen. Behalte mich lieb.

Christa.«

 

»Du, Anne Marie, ich fange jetzt an, ernsthaft zu studieren. Adrian ist nicht so geschmacklos, mir das Hören auf der Universität zu verbieten. Wenn ich aber im Fortgehen die Thür zu seinem Zimmer aufmache und ihm zunicke: »Adieu, lieber Adrian,« so ruft er mir mit übertriebenem Ernst nach: »Lerne nur brav.« Und ich ziehe mit dem Gefühl eines gescholtenen Schulmädchens ab.

Neulich hatte die Vorlesung eine halbe Stunde länger als gewöhnlich gedauert. Ich kam zum Mittagessen zu spät nach Hause. Er saß im Speisezimmer und las die Zeitung. »Gnädige Frau haben auswärts gespeist?« Er sagte es sehr freundlich. »Nein, ich habe einen Wolfshunger.« »Du bist vielleicht gegen gemeinsame Mahlzeiten?« »Beinah. Wenigstens halte ich sie nicht für eine sittliche Notwendigkeit. Du schickst mich ja mit Vorliebe ? wenn wir verschiedener Meinung sind ? auf den Mars, als auf einen höheren Stern. Und siehst Du, auf dem Mars ? es steht in dem wunderhübschen Buch »Zwischen zwei Welten« ? da gilt gemeinschaftliches Essen für unanständig.«

»Ah ? darum frühstückst Du seit einiger Zeit allein?« »Nicht darum. Du stehst ja viel später auf als ich. Bis vor kurzem habe ich mich 1 ? 2 Stunden mit der Sehnsucht nach dem Frühstück beholfen, nun eben nicht mehr.«

»Du fürchtest, daß eine Plauderei am Morgen der Wichtigkeit Deines Tagewerks die Weihe nehmen könnte?«

Ich mochte nicht mehr essen. Kalten Spott kann ich nicht vertragen.

Seine Korrektheit macht mich zuweilen ungeduldig, und doch ? sonderbar, ich habe mich an seine äußerste Soigniertheit so gewöhnt, daß die leiseste Abweichung davon mich stört. Einmal waren in seinem blonden Bart ein paar Krümchen, oder was es sonst war, hängen geblieben; garstig kam es mir vor. Es widerstrebte mir sogar, ihn darauf aufmerksam zu machen. Dem lieben Epikuräer hätte ich die Eindringlinge gleich herausgezupft.

Ich meinte, ich könnte vertrauter mit ihm werden, wenn er ? wenigstens im Hause ? sich etwas legerer trüge. Da habe ich ihm zu Weihnachten einen Sammetrock geschenkt. Er belächelte den hübschen Braunen, zog ihn aber doch ab und zu aus Kourtoisie an. Er stand ihm nicht. Und als er ihn bald wieder bei Seite legte, war es mir recht.

Uebrigens, seit einiger Zeit leben wir ziemlich gesellig, auf Wunsch Adrians, der es seiner Stellung schuldig zu sein glaubt, und dann machte es sich auch so von selbst. Gesellschaften kosten so viel Zeit. Und mir bringen sie weder Anregung noch Amüsement, noch Heiterkeit, nicht einmal Befriedigung der Eitelkeit, denn eitel bin ich nicht und ich gefalle auch den Leuten nicht besonders, schweigsam wie ich bin. Mir fehlt das Talent zu reden, wenn ich nichts zu sagen habe. Es interessiert mich auch garnicht, wie mein Tischherr zur Rechten die Chinawirren lösen würde, und die Neugierde meines Nachbars zur Linken, wie der neue König von England sich machen wird, teile ich auch nicht.

Gewiß trifft man in den Gesellschaften auch hervorragende Menschen. Aber sie schreiben ihre Bücher und malen ihre Bilder zu Hause, und bei Gänseleberpastete und Fasanen in Schlagsahne erzählen sie Anekdoten und sagen Nichtigkeiten. Es ist immer, als sähe man in diesen Menschenansammlungen den Wald vor Bäumen nicht. (Das Bild paßt garnicht.) Der Einzelne wird von der Masse aufgesogen. Meine ungesellige Natur habe ich von Vaterchen geerbt, der sich ja selbst den Beinamen »Meidegast« zugelegt hat.

Alle Welt raisonniert auf unsere Art der Geselligkeit mit ihrem umständlichen Apparat, und alle Welt hört nicht auf, Gesellschaften zu geben und zu besuchen, zu welcher »Allewelt« ich auch gehöre.

Freilich, das Bild, das solche Gesellschaften bieten mit ihrer Lichtfülle, mit seltenen und schönen Blumen, den funkelnden Krystallen und Silbergeräten, ist reizvoll. Die wunderschönen modernen Damentoiletten tragen dazu bei, diese flittrigen, schillernden, schlangenhäutigen, glitzernden, duftigen, phantastisch zerfahrenen Gewänder, leuchtend wie Sonne, Mond und Sterne. Sphinxhaft, als wollte das Weib noch zu guterletzt, ehe die realisierte Emanzipation sie als Vollmenschen in das große Arbeitsfeld der Menschheit eingliedert, sich auf ihr intimes Nurweibtum konzentrieren.

Viele dieser schlanken Gestalten ? Unterkleider sind ja ziemlich abgeschafft ? sehen wie Blumen aus, die aus schlanken Stengeln emporgewachsen sind, und man hat die Wahl zwischen weißen Lilien, roten Mohnblumen, seltsam verschnörkelten Orchideen oder wild tollen Chrysanthemen. Ich hatte mich auch einmal entzückend phantastisch blumenhaft angethan. Als aber Adrian fragte, ob ich mich für einen wohlthätigen Zweck verkleidet hätte, rüstete ich wieder ab.

Mama hält mich natürlich für namenlos glücklich im Besitz des Barons von Lützow, um so mehr, da er Aussicht hat, nächstens Legationsrat zu werden. Der Vater aber, der schlaue Seelenspäher, der feine, feine Gedankenleser, der findet, daß ich mehr melancholisch als glücklich aussehe, was wahrscheinlich daher käme, daß ich noch immer auf Madamchen Abseits posiere, anstatt mich einzureihen. Er gebrauchte ein Bild: Da ist irgend ein Fest. Lange Wagenreihen nähern sich dem Festhaus. Einige ungeduldige Rosselenker fahren aus der Reihe heraus, in der Meinung, daß sie dann schneller ans Ziel gelangen. Aber das Auge des Polizisten wacht. Die Vorwitzigen müssen bis zuletzt warten.

So ein Lämmchen, (was ich sein soll), das Löwengedanken haben möchte und nur »Bäh« machen könne! Die Löwengedanken wären dem Wolf ganz egal; so lange das Lamm nicht brüllen lerne und nur bäh mache, fräße er es doch.

Adrian ist ja nun zwar kein Wolf, aber er frißt mich doch ? nicht ganz.

Neulich im Theater sahen wir das erschütternde Drama eines Norwegers. Nach jedem Aktschluß frenetisches Händeklatschen, und als die Begeisterung ihren Höhepunkt erreicht hatte: Getrampel. Ich zuckte unter dem Lärm zusammen.

»Was ist Dir?« fragte Adrian.

Hast Du nicht, Anne Marie, bei tiefer Ergriffenheit im Theater ein Gefühl, als müßtest Du Dich von Deinem Sitz erheben, schweigend, als ginge eine Majestät vorüber, oder wie bei einer kirchlichen Handlung? Das sagte ich ihm ungefähr. Und seine Antwort:

»Wie nannte Dich doch Dein Vater?«

Ach unser lieber Epikuräer! Er nennt mich wohl Madame Abseits, aber er versteht mein Abseitiges so gut. Adrian versteht überhaupt nichts Abseitiges. Der wertet nie etwas um. Für ihn hat Nietzsche vergebens gelebt und geschrieben.

So, nun habe ich mich ausgeklagt ? vorläufig ? bis er wieder etwas ausfrißt ? ja ? ich sage absichtlich ausfrißt. Zu meiner Erholung sage ichs, nun gerade. Sei nicht böse.

Dein Christelchen.«

 

»Liebe Anne Marie, eigentlich ? ich knüpfe an die letzten Worte meines vorigen Briefes an ? frißt er alle Tage etwas aus. Er zehrt an mir, damit, daß er mich im großen und ganzen verneint. Ich habe nicht zu sein, wie ich bin ? nein ? ganz anders, nicht die alleinige, nur einmal in der Welt daseiende Christa, sondern die Frau Baronin Adrian von Lützow ? eine Begleiterscheinung des Herrn Barons. Und trotzdem ? trotzdem, ich liebe ihn, und ich finde sein Herz nicht! Weil es auch immer in Toilette ist, wie er selbst? Es giebt Menschen, die kann man sich so gut in all ihrer Schönheit nackt vorstellen, andere dagegen nur wohlgekleidet, ihre Nacktheit käme einem unanständig vor. Zu den letzteren gehört Adrian, der immer aus-und inwendig Wohlgekleidete, der glatte Assessor im Auswärtigen Amt. Ich gleite förmlich an seiner Glätte ab.

Wie der Vater, so hält er auch alle, die anders denken wie er, für Kranke, mindestens für Sonderlinge. Der Vater freilich dachte oft garnicht, wie er zu den ken glaubte. Adrian aber, der denkt allemal mit unbeirrbarer unerschütterlicher Sicherheit das, was er denkt; seine Ahnen helfen ihm dabei.

Apropos Ahnen: Eine Großtante von ihm, die Gräfin Oertzen, hält sich für einige Monate in Berlin auf, sie ist in Ostpreußen begütert. Eine kokette Urahne: silberweißes, zierliches Gelock, Hörrohr unter rosenrotem Federfächer, schleppende Sammet- oder Atlasgewänder. Ganz Anmut und Lächeln. Liebliche Worte auf der Zunge. Eine liebreizende Greisin. Ihr Kammerdiener hat eine Art Tonsur, sieht wie ein Abbé aus und trägt ein Sammetkäppchen. Die Kammerjungfer spricht nur französisch.

Sie schüchtert mich ein, die liebreizende Greisin. Sie ist hauptsächlich ihrer Nichte wegen nach Berlin gekommen, der Geheimen Legationsrätin von Bracht, die nach dem Tode ihres Mannes ? er starb vor einigen Monaten ? hierher gezogen ist.

Sehr fromm ist Justine von Bracht. Sie hält alle für böswillig, die keinen Glauben haben. Sie wollen nicht glauben, die Schufte! Sie lechzt nach einem himmlischen Jerusalem und liebt englisch gebratenes, blutiges Beefsteak mit englischem Senf, und starke Weine liebt sie auch, besonders Yquem und Burgunder. Und boshaft ist sie auch, hat aber nicht den Mut ihrer Bosheit. Nur was dieser oder jener über diese oder jene gesagt hat, bringt sie zur Kenntnis des Nebenmenschen, teils um die Schlechtigkeit der Gesellschaft damit zu illustrieren, teils um ihre sittliche Entrüstung daran auszulassen. Und dabei kann sie ihre schmunzelnde Lust an den Geschichten ? besonders an den erotischen ? nicht verbergen. Und gewöhnlich schließt sie ihre lüsternen Geschichten, indem sie die Hände faltet und ausruft: »Gott, Gott! was für Zustände!«

Ich amüsiere mich über sie. Sie hat Geist. Von einer etwas frech dekolletierten Dame sagte sie: »Sie hat Blößenwahn.« Neulich, in einer Gesellschaft, sei dieser Dame eine Ohnmachtsanwandlung zugestoßen. Glücklicherweise war ein Arzt in der Gesellschaft. Er riet der Gnädigen, schnell nach Hause zu fahren, sich anzuziehen und zu Bett zu gehen.

Man spricht von der Dame A. Frau von Bracht weiß aus authentischer Quelle: B., der angetraute Gatte von A., findet seine Gattin mit C. in einer Situation, in der er sie nie hätte finden sollen. (Frommer Augenaufschlag der Berichterstatterin.) B. ersucht C., das Lokal zu verlassen, und als er fort ist, sagt er zu A.: »Und Dir sage ich, C. wird nie mehr zu kleinen Diners eingeladen, nur zu den großen Abfütterungen.« »Gott! Gott! was für Zustände!«

Dieses Haus würde sie natürlich nie mehr betreten, um so weniger, da die Menüs dort nicht auf der Höhe ihrer Ansprüche ständen: Hecht, Kalbsbraten, Plinsen. Einmal wäre sogar Mayonnaise von Büchsen-Hummer vorgekommen.

Von den Diners pflegt sie kleine Blumensträußchen mit nach Hause zu nehmen, für ihre leeren Vasen; sie sagt aber, weil sie weißen Flieder und gelbe Tulpen so sehr liebe. Sie liebt aber auch goldbraune Chrysanthemen und rosenrote Anemonen.

Auch nachmittags, zu meiner Theestunde, komme ich mit den zufälligen Gästen auf keinen grünen Zweig. Man ist dabei so durchaus in Gottes Hand, daß man nie weiß, wen einem die Theestunde bescheren wird. Man fährt zusammen, wenn es klingelt. Gestern z.B. ließ ich mich in einer Anwandlung von Menschenhaß und in Erwartung einiger Lästigen verleugnen. Die Reue folgte dem Menschenhaß auf dem Fuße, denn nun kamen gerade sehr nette Leute.

Wie soll man es einrichten? Dem Geschmack des Dieners kann ich es doch nicht anheim geben, wen ich empfangen soll, da bleibt nur ? entweder ? oder, in welchem Fall ich mich immer lieber für das »oder« entscheide.

Unter den netten Leuten, um die ich neulich kam, war Jutta Engelhart. Erinnerst Du Dich ihrer? In der Schule waren wir befreundet, später kam sie mir aus dem Gesicht, ich hörte nur, sie sei ein arges Weltkind geworden. Nun habe ich sie einige Male in Gesellschaft getroffen, und wir haben uns wieder angefreundet. Den alten Adam aber ? die Mondaine ? hat sie gänzlich ausgezogen und ist in eine neue Haut geschlüpft, eine der alten diametral entgegengesetzte. Sie scheint sich immer nach einer Säule umzusehen, an die sie sich lehnen, nach einem Grabmal, auf das sie sich setzen kann. Sie sucht nach einer Erlöseridee, aber einer ganz neuen. Da sie bis jetzt keine gefunden, hält sie Umschau nach einem Meister, dem sie Jünger sein kann. Ob es Nietzsche oder Buddha sein wird ? sie ist noch unschlüssig. Einen Sataniker à la Huysmans zöge sie vielleicht vor, die aber gedeihen auf deutschem Boden noch nicht. Anselmas Sataniker, der einzige, den ich kenne, ist auch kein gelernter, nur ein improvisierter. Und so in Zweifel versunken, hat sie sich vorläufig zu Stephan George entschlossen und ist Ephebin geworden. Du bist ungebildet genug, um nicht zu wissen, was das ist. Siehst Du, Anne Marie, alle feineren und freieren Geister haben heutzutage ein fieberhaftes Verlangen, sich aus der Menge herauszuheben, aus den Thälern des Schattens hinauf zu den sonnenbeglänzten (lieber noch mondscheinverklärten) Gipfeln. Und da sie als einzelne meist zu schwach für ein solches Unternehmen sind, so schließen sie sich in Gruppen oder Gemeinschaften zusammen, eine Art Stangenscher Expeditionen, ins Geistige übertragen.

Die Epheben nun, die stehen im Zeichen der Seele, exclusive aller gröberen, materiellen Momente. Das heißt, Seele ist noch ein zu bestimmt umrissener Begriff, ihre Seelen lösen in Farbe, Duft und Ton sich auf wie eine Perle ? aber eine echte ? in Wein ? aber feinste Marke. Stimmung ist Seele, Seele ist Stimmung. Sie dressieren sich auf Körperlosigkeit, um ihrem Astralleib näher zu kommen.

Ich habe Landschaften von Jutta gesehen ? sie ist nämlich Malerin. Ihre Bäume, Berge, Wasser, Wolkenmassen, nichts als in süßen Farbenharmonieen zerfließender Aether. Auf der Astralebene denke ich mir die Gegenstände so. Die Farben gleichen Tönen, goldgedämpfte Lichter spielen hinein, nichts ist fest, greifbar, mit einem Wort: furchtbar apart.

Jutta ist so stolz darauf, daß sie Nachts nicht schlafen kann, weil die Gestalten ihrer schöpferischen Einbildungskraft in wildem Reigen nächtlings ihr Lager umkreisen, bald Dämonen, bald Seraphisches.

Ihre Erscheinung deckt sich ungefähr mit ihrer Wesensart. Das kleine Gesichtchen, nett aber unbeträchtlich ? Nebensache. Aber der Rahmen! eine aschblonde Mähne von phänomenaler Fülle. Hals, Arme, Hände lilienweiß, die Haut so dünn, man sieht das Blut hindurchrinnen. Und schlank, schlank ist sie, und knochenlos auch. Das ist eigentlich selbstverständlich bei den Epheben. Nahrhaft dürfen sie nicht leben. Noblesse oblige.

Vor bestimmten Bildern, bestimmten Dichtungen halten sie Andachten ab. Ueber alle andersgearteten Kunstleistungen lächeln sie hinweg.

Neulich, als Jutta nicht wußte, was sie lesen sollte, wollte ich ihr mit Bismarcks Memoiren aushelfen. Nein ? nicht diese Memoiren, die läse ja jetzt alle Welt, Epheben lesen nur, was nicht alle Welt liest.

Man erzählt, wenn sie sich irgendwo im Namen ihres Meisters versammeln, so stände vor jedem Platz in einem Kelchglas ? einem Lechterschen natürlich ? eine weiße Lilie, aber einen langen Stengel muß sie haben. Einmal fand eine solche Versammlung bei Jutta statt. Stephan George selbst oder einer seiner Jünger las in tiefem Kirchenglockenton seine Verse.

Als sich aber herausstellte, daß Juttas bläuliches Kleid um einen Soupçon zu blau war, wurde die Vorlesung unterbrochen und erst wieder aufgenommen, nachdem sie durch einen Kleiderwechsel sich der Umgebung angestimmt hatte.

Ein andermal waren in diesen Kreis profane Elemente geraten, die die Stimmung verdarben. Nach ihrer Entfernung versuchte man durch eine poetische Vermummung die verlorene Stimmung wieder einzufangen. Requisiten: Ausgedrehtes elektrisches Licht, schwarze Schleier, mit Kerzen ? von Wachs ? in den Händen, vom bleichen Mondlicht umflossen, ein Umzug durch die Gemächer. Epheben haben nur Gemächer, keine Zimmer, wie sie auch nur Gewänder, aber keine Kleider tragen.

Uebrigens fehlt es dieser Gruppe nicht an Genie und Tiefe, nur etwas Pose und viel Bewußtheit ist dabei. Sie hat Geist, aber eigentlich mehr Geister, oder eigentlich nur die Schatten von Geistern. In ihren Farben ist Glut und Zartheit, die Glut aber wie durch Milchglas schimmernd, die Zartheit florschleierhaft. Ihre Musik: Aeolsharfen, womöglich in alten Burgen über Ruinen gespannt, oder Glockenläuten, aber wie aus weiten Fernen, oder von versunkenen Glocken, oder Orgelklänge von geweihter Jenseitigkeit. Daß Bälge dabei getreten werden, ist nicht angenehm. Sie kleiden sich entzückend. Auch eine Reform der männlichen Trachten streben sie an.

Du müßtest den Vater über diese Richtung toben hören. Was? mit der Klangfarbe der Worte wolle man Stimmung, wolle man Hohes, Tiefes, Unermeßliches ausdrücken? Wäre ja Rückkehr zum Urstand, zur Tierheit, wo der Löwe durch Brüllen schreckt, die Grille Sehnsucht zirpt, u.s.w. Er wundere sich nur, daß diese Leute im gemeinen Sonnenlicht spazieren gehen anstatt Mitternachtssonnen abzuwarten.

Alle Extreme würden von Poseurs oder Einfältigen vertreten. Wenn ihm z.B. jemand sagte, er dürfe keinen Tropfen Alkohol mehr trinken, der flöge zur Thür hinaus. Dietrichs Augen ? er war bei Vaters Philippika zugegen ? glänzten vor Entzücken und er schenkte sich das dritte Glas schweren Rotweins ein.

Nachdem Epikuräerchen sich aber weidlich ausgetobt, ließ er sich aus der Buchhandlung Stephan Georges Gedichte holen. Und fürder habe ich ihn nie mehr schimpfen hören. Ich habe den Lieben im Verdacht, daß ihm die Gedichte ausnehmend gut gefallen haben. Ich weiß es ja, er hat das feinste Verständnis für seelische Subtilitäten, er will es nur nicht Wort haben, der Trotzkopf. Adrian ist auch dieser Poesierichtung abgeneigt, er läßt sich aber Georges Gedichte nicht aus der Buchhandlung holen.

Wie ich dazu stehe? Mir sind die Epheben sympathisch, sehr sogar. Sie ziehen mich unwiderstehlich an mit ihrer konzentrierten Psychenhaftigkeit. Ich möchte aus Herzensgrunde gern Ephebin sein. Aber ? ich kann nicht. Mir fehlt wieder einmal der Glaube. Es ist so reiner, gedämpfter Glanz bei ihnen, so holde Dämmerung, so feierliche Stille; in die Niederungen vulgären Gesellschaftstreibens steigen sie niemals hinab, und niemals fahren sie zweiter Klasse mit der Eisenbahn, immer nur erster, auch wenn sie gar kein Geld haben. Aber auch in dieser Gemeinschaft wird man auf bestimmte Ideen und Anschauungen eingeschworen. Immer Massenpsyche, wenn die Masse auch nur aus hundert Menschen besteht. Und ich bin für absolute Freiheit.

Ach Adrian und Freiheit! Dabei fällt mir Julia ein. Ich kriege immer einen Schreck, wenn die liebreizende Ahne bei mir ist und Julia in meinen Salon platzt, denn platzen, prasseln, zischen oder rauschen, anders thut es dieser Feuerbrand nicht.

Die Gräfin, die gehört hat, daß sie Schriftstellerin ist, fragt natürlich, was sie augenblicklich dichte? »Mich selbst,« antwortet sie; Sie müsse sich wenigstens ausschreiben, da das Ausleben, ? was der Schriftsteller doch eigentlich wie das liebe Brot brauche ? leider immer noch auf Schwierigkeiten stoße. Bei der unbeträchtlichsten Flottigkeit hieße es gleich: unmoralisch, womöglich lüderlich. »Das heißt, wenn wir uns im lebendigen Zustand ausleben wollen. Thun wir es als Romanheldinnen ? ja Bauer, das ist ganz was Anderes. Da rast das Lesepublikum vor Entzücken über die Auslebedamen. Es geht ihm garnicht toll genug zu, und der Autor sackt Geld und Ruhm ein. War nicht in diesem Winter der Roman: »Renate Fuchs« das Ereignis der Saison? und dieses in der Erotik so flinke, flinke Mädchen, die Renate, wurde von den vornehmsten Kritikern als ein Ausbund schönster, ursprünglichster Weiblichkeit gepriesen; träfen die Herren aber im Leben mit diesem Ausbund zusammen, sie würden ihren Frauen und Töchtern verbieten, ihr auf zehn Schritte nahe zu kommen.«

Ich machte Julia ein warnendes Zeichen und bemerkte, daß durchaus nicht jedermann von dem Roman entzückt wäre. Ich dachte dabei an den Vater, der von dem Buch sagte: »es wäre das talentvollste Blech, das er je gelesen.«

Die Gräfin hatte verwundert und verständnislos zugehört, unwillkürlich aber rückte sie weiter von Julia fort. Die bemerkte es: »Warum rücken Sie denn von mir fort? die Distance zwischen uns ist schon groß genug. Sie denken, wie man vor 150 Jahren dachte; ich denke, wie man in 50 Jahren denken wird.«

Die liebreizende Ahne fragte trotz des angelegten Hörrohrs: »Was sagten Sie?«

»Nichts, was Sie verstehen könnten,« antwortete Julia unartig.

Die Vorwürfe, die ich ihr später über ihre Rücksichtslosigkeit der alten Dame gegenüber machte, wehrte sie mit ihrem unentwegten Radikalismus ab: Ach was ? alt! ob alt oder jung, das wäre ihr ganz egal. »Ehrfurcht vor dem Alter! Unsinn! sie haben doch kein Verdienst, daß sie alt geworden sind. Und daß ihre etwaigen liebenswerten Gaben dabei flöten gegangen sind, giebt ihnen doch auch keinen Anspruch auf Ehrebietung. Mitleid, na ja, weil sie ja doch bald im Grabe ruhen! Hu!«

Julia schüttelte sich. Sie hat eine nervöse Angst vor dem Tode.

Julia interessiert Dich nicht besonders, aber Adrian! Du! Du! (Neckton.) Du willst immer von ihm hören ? Gutes: Warte nur, im nächsten Brief. Addio.

Christelchen.«

 

»Dieser Brief, Anne Marie, soll wirklich mit Adrian anfangen, aber ? na lies nur.

Es sind fortwährend kleine Reizungen und Reibungen, die mich nervös machen, und da thue und sage ich oft aus Trotz und übler Laune Manieriertes, Exzentrisches, über das mein besseres Ich sich nachträglich ärgert, obwohl bessere Ichs sich nicht ärgern sollten. Er mag mich nun gewiß erst recht nicht. Wenn er will, ich soll anders sein als ich bin, so kann er ja auch anders sein, als er ist.

Du fragst so bänglich, ob ich etwa unglücklich bin? Aber nein.

Du, Anne Marie, ich kriege jetzt einen Ehrgeiz, der sich gewaschen hat. Ich will auch schöner werden, so schön, daß Adrian überrascht sein soll, so schön, wie Du es bist, Du Prinzessin Immerschön. Ich habe nur so eine Sonntagshübschheit. Welke, kranke Frauen, die ich kenne, wenden Gesichtsmassage an, um blühender, frischer auszusehen. Ich bin klüger, ich weiß, die Schönheit muß von innen kommen, jeder Tropfen Blut hat Teil daran. Darum viele, viele rote Blutkörperchen, darum Gesundheit ? erste Bedingung, Gesichtsmassage kann nebenher laufen. Statt Nerven ? Nerv. Mein schwaches Herz soll stark werden, mein Blut soll lernen zu strömen wie ein Fluß, den der Wind peitscht, es soll tanzen wie ein Waldbach.

Ich unternehme weite Radfahrten, meist mit Maria Hill, seltener mit Julia, nie mit Anna Rötter ? von wegen der Pumphosen.

Ist das Wetter zu schlecht um auszuradeln, so laufe ich bei offenen Fenstern im Sturmschritt durch die ? sagen wir Gemächer und mache Lungenübungen dabei, u.s.w. u.s.w.

O, ich bin klug und weise, oder ? solltest Du die Weise sein und recht haben, wenn Du sagst, ich lebte wie in einer Hängematte, immer in Bewegung, hin und her, und käme dabei doch nicht vom Fleck?

Gott sei Dank, die Stricke einer Hängematte zerschneidet eine gewöhnliche Schere, die Parzen brauche ich darum nicht zu bemühen, und ich laufe vorwärts ? wohin? Nietzsche sagt (der muß schon heiser vom vielen Zitiertwerden sein), »am besten läuft man, wenn man nicht weiß wohin.«

Es ist nicht leicht, zu wissen, wohin man laufen möchte. Nietzsche sagt: (ich sage ja, er sagt immer) »Wenn es einen Gott gäbe, wie könnte ich es aushalten, kein Gott zu sein.« Ich sage: wie halte ich es aus, immer dieselbe zu sein, wenn es so viele herrliche Seelengegenden giebt, und man möchte sich doch um keine bringen. »Zwei Seelen wohnen ach in neiner Brust.« (Diesmal sagt Goethe anstatt Nietzsche, ich glaube, es giebt überhaupt außer Goethe und Nietzsche niemand.)

Zwei Seelen? nein, in meiner Brust wohnen mindestens ein Dutzend, eine ganze Kollektion von Seelen. Die Männer, die haben höchstens zwei, manchmal nur eine; das liegt daran, daß sie von jeher nur auf ein bestimmtes Fach geaicht worden sind. Entweder sie hobeln immer, oder sie machen immer Musik, treiben immer Mathematik oder gucken immer durch Fernröhre in die Sterne. Die Einseitigkeit ist ihnen zur zweiten Natur geworden, ihre erste ist gewiß auch ganz anders. Meine zwölf Seelen aber ? siehst Du, die eine will ins Metaphysisch-Transcendental-Mystische sich versteigen. Eine andere möchte renaissancefürstinnenhaft in Brokatgewändern durch Paläste rauschen. Eine dritte schlüpfte gerne wohl ? ab und zu ? in ein goldsträhniges, lilientragendes Engelsbild. Ach ja, ich möchte rein sein, rein wie frischgefallener Schnee, und dann möchte ich wieder garnicht so übermäßig rein sein, weil Schnee mir so leblos, so tot vorkommt. Und Momente habe ich ? freilich nur wenn kalter kalter Nord (siehe Adrian) mich anweht und ich friere ? wo ich selbst vor einer Bajadere nicht zurückschrecke, die ein Gott mit in seinen Himmel reißt. (Gott! wenn Adrians Großtante oder seine Kousine diesen Brief läsen!) In selbstkenntnisreichen Stunden finde ich in mir etwas von Anselma, von Julia, von Maria Hill, auch von Klarissa. Diese Klarissa mit ihren Nervenzuständen interessiert mich ausnehmend. Wie ich gern ? wenigstens zeitweise ? eine Ephebin gewesen wäre, so möchte ich auch eine Sensitive sein, obwohl das eigentlich mehr Qual als Plaisir zu machen scheint. Es ist auch wohl nur, weil ich, wie Vaterchen sagt, immer für das Abseitige bin.

Klarissa ist melancholisch, träumerisch, oft traurig; traurig auch über ihre Gemütlosigkeit. Ihrer Familie steht sie kühl gegenüber, durch ihr seltsames Wesen ihr ganz entfremdet.

Sie hat Maria, der sie sich innig anschließt, mitgeteilt, sie müsse sich oft besinnen, wie ihre Mutter, ihre Geschwister aussähen, als wären es Menschen, die sie einmal gekannt und dann vergessen habe, ein Gefühl, das sie zuweilen auch in betreff ihrer eigenen Person habe. Als Kind kam sie sich mitunter alt, ganz alt vor. Fragte man sie, wie alt sie sei, so wußte sie nicht, war sie hundert oder zehn Jahr alt? Vage und unbestimmt schwebte ihr vor, als hätte sie schon Unendliches erlebt, könne sich nur nicht darauf besinnen.

Zuweilen, wenn sie gut und traumlos geschlafen, erwacht sie heiteren Sinnes, wachen Geistes. Frisch und froh geht sie im Morgenglanz durch die betauten Alleen des Gartens hinaus auf die Dorfstraße, Luft und Sonnenschein trinkt sie in vollen Zügen. Am Ende der Dorfstraße steht ein starker Eichbaum. Ein Specht hackt in den Stamm sein eintöniges: tap, tap! Und plötzlich ist ihr, als höre sie Nägel in einen Sarg schlagen, die in die Höhe gereckten Zweige der Eiche scheinen ihr die ausgestreckten Arme eines Verzweifelnden. Die Tautropfen Thränen, die von den Zweigen rieseln. Alles umflort. Ihr Frohsinn erloschen.

So jähem Wechsel ist sie beständig unterworfen.

»Mir ist,« sagte sie einmal, »als wäre ich auf einer Reise eingeschlafen, und wo ich hatte aussteigen wollen, bin ich vorbei gefahren. Und als ich endlich erwachte, war ich in einem fremden Lande ? und nun weiß ich den Weg zurück nicht.«

Sie lernt und arbeitet in der Akademie ganz fleißig. Es interessiert sie aber nicht. Lieber sitzt sie stundenlang auf einem Platz, ohne etwas zu thun. Sie macht sich Gedankenspiele, wie ich in meiner Kindheit. Es sind aber eigentlich nur Schattenspiele, Schatten, hinter denen das eigentliche Leben sich verbirgt. Zuweilen sieht sie die Schatten leuchtend.

Sie begreift nicht, was die Menschen an dem Leben so interessant finden. Wenn es nichts Höheres, nichts Besseres giebt, was soll denn das ganze Leben?

Ihre Nerven sind von einer ganz unwahrscheinlichen Feinheit und Reizbarkeit. Sie reagieren auf Dinge, die andere nicht wahrnehmen. Sie fühlt unter anderem heraus, wenn Julia von ihrem Geliebten kommt. Sie rückt dann so weit als möglich von ihr fort. Immer aber schmiegt sie sich Maria an. Eines Tages aber hielt sie sich auch von ihr fern. Ob sie ihr etwas übel genommen habe, fragte die Chemikerin. »Nein.« Aber sie bat Maria, nach Hause zu gehen und sich ins Bett zu legen, sie wäre ja krank.

Maria protestierte lachend. Sie fühle sich kerngesund.

Am nächsten Tage erkrankte sie an Influenza.

Julia behauptet, Klarissa hätte einen chronischen Seelenschwips. Seelenschwipse mag ich. Du auch?

Christel.«

 

»Ich schrieb Dir, Anne Marie, daß ich Gesellschaften nicht mag, aber große, prunkvolle Feste, die mag ich, ab und zu wenigstens; Feste, wo ? um mich banal auszudrücken ? die Schönheit auf dem Thron sitzt, wo ein ganzes Orchester von Tönen der Freude hohe Säle durchbraust.

So ein Fest gab unser Krösus, der Industriekönig Hammerfeld. Seine geistreiche Frau, die die Griechin ? nein, die Helenin posiert, mit einem Stich ins Decadence-Römerhafte, eignete sich für dieses Karnevalsfest, das im Zeichen des Dionysos stehen sollte.

Ich hatte mir etwas ganz der Gelegenheit Entsprechendes ausgedacht. Als rote, aber feuerrote Bacchantin setzte ich die Menschheit, die mich von der Seite nicht kannte, in Erstaunen. An den epheuumwundenen Spazierstock Adrians hatte ich meine langstielige Lorgnette befestigt. Im Haar, um die Schultern Weinlaub.

Die Frauen fast alle waren schön. Jutta, Julia, Maria Hill. Anselma prächtig ? eine Messalina, gebändigt durch den Malberuf.

Und schön war das Fest, übermütig, förmlich orgiastisch. Bunte Guirlanden elektrischen Lichts zogen sich vom Kronenleuchter durch den ganzen prachtvollen Saal. Schlangen, Confetti, rote Nelken schwirrten durch die Luft. Grazien, Musen, Faune durchschwirrten einen Lorbeerhain.

Der Geist des Kostüms kam über mich. Ich denke mir, Du müßtest so gewesen sein, wie ich an diesem Abend war.

Auf einer zauberhaft geschmückten kleinen Bühne wurde ein kurzes Festspiel aufgeführt: Gesang, wie Walkürenrufe, aber aus dem Venusberge herausgeschmetterte, entzückende Reigen halbnackter Ballettänzerinnen, Bocksprünge der Faune.

Wahrhaft dithyrambisch der Moment, als Dionysos selbst, auf goldstrahlendem Wagen sitzend, erschien, von jauchzenden Evoe-Rufen empfangen.

Alle erhoben sich von den Sitzen, Blumen und Lorbeerzweige regneten auf den Zug nieder, und ein Hauch antiker Lebensfreude bemächtigte sich der Menschheit. Dafür, daß die Bande frommer Scheu sich einigermaßen lösten, sorgten Faune, Silenen, Bacchanten. Ein berauschendes Ganze.

Ich stand einen Augenblick dicht an dem Triumphwagen und da ? mänadenhaft, das Abenteuer, das ich hatte. War es Zufall oder beabsichtigte Schelmerei ? der Thyrsusstab eines der Bacchanten auf dem Triumphwagen verwickelte sich in meiner gelösten Mähne. Trotz der schmerzlich kläglichen Evoes, die ich ausstieß, zog und zog mich der freche Bacchant an den Haaren zu sich heran, schlang den Arm um mich und ? da saß ich auf dem goldenen Gefährt neben ihm. Er war sonderbar kostümiert: Roter Frack, weiße Weste, Puffärmel, Weinlaub um Haar und Schulter. Rosig geschminkt. Ein Jüngling schien er mir, ähnlich dem Faun des Praxiteles. Dunkles Gelock, das ihm in die weiße Stirn fiel. Tiefe kleine schwarzblaue Augen, die ab und zu auffunkelten. Und bartlos war er. Oder glich er mehr einem Tannhäuser? Ein Zug leidvoller Leidenschaft war in seinem Gesicht.

Er heftete sich für den ganzen Abend an meine Sandalen, mit niemand mehr sprach er, auch mit mir wenig, nur ab und zu ein paar Worte, glühlichtähnliche, lustfunkelnde, und doch von einem tragischen Hauch gestreifte, welcher Hauch ja auch bei den echten antiken Dionysosfesten mitvibrierte.

Wir amüsierten uns aber ausgezeichnet in diesem Gewoge von Lust und Pracht, in dem vollen Verstehen dieses Dionysischen Außersichgeratens.

Ob er sich in mich verliebt hat? Ich hoffte es.

Zwei Tage nach dem Fest besuchte er mich, obwohl ich ihn garnicht dazu aufgefordert hatte. Er sagte kein Wort der Erklärung oder Entschuldigung. Er kam, als wäre das selbstverständlich.

Wir waren wohl Beide gleichermaßen erstaunt, als wir uns wiedersahen. Der Sprung aus dem antiken Lorbeerhain in den modernen Salon, wo eine hübsche Frau eine Tasse Thee servierte, war zu weit, obwohl ich ein reizvolles Empirekleid anhatte. Und er? dem Faun des Praxiteles sah er kaum noch ähnlich, war zu alt dazu. Furchen in der Stirn. Bittere Falten um den Mund. Der Anzug etwas nachlässig, aber den Augen angenehm. Kein funkelnder Bacchantenblick mehr. Kalte, scharfe, zuweilen eisspitzenscharfe Augen. Und verliebt schien er auch nicht mehr ? der Treulose.

Er heißt Frank Richter, ist Schriftsteller, ? ach Gott ? Journalist sogar! Hauptsächlich Kritiker.

Er verhielt sich bei diesem ersten Besuch schweigsam. Wir waren auch kaum zehn Minuten allein. Jutta Engelhart kam.

Auch bei den nächsten Besuchen, die er in kurzen Zwischenräumen abstattete, blieb er wortkarg. Ich hatte aber den Eindruck, daß er beobachtete, das Terrain rekognoszierte.

Als er allmählich mitteilsamer wurde, bestätigte er ausdrücklich meinen Eindruck. Hätte ich nicht gehalten, was ich auf dem Fest versprochen, er wäre einfach fortgeblieben. Es habe sich nun aber herausgestellt, daß ich wie geschaffen für ihn sei.

»Wozu?« fragte ich neugierig.

Erstens als Schülerin zur Verwertung seines pädagogischen Talents, das eminent sei. Zweitens als Busenfreundin. Eine klaffende Gemütslücke bei ihm lechze nach Ausfüllung. Als Aequivalent wolle er mir gern Schutzgeist oder Seelenschutzmann sein, indem ich dessen sehr benötigt sei, denn ich gehöre zu den thörichten Jungfrauen, die ihr Oel verbrennen, ehe der Bräutigam kommt. Auch zeigte ich eine fatale Neigung, die längst abgethane und begrabene femme incomprise wieder aufleben zu lassen. Er wäre auch gespannt, zu sehen, wie weit ich die Wahrheit vertrüge. ...

»Also ein Probekaninchen für Ihre Menschenkenntnis?«

»Ja.«

Wunderst Du Dich über die schnelle Intimität mit diesem Mann? Mit Frank Richter muß man entweder ganz intim werden oder ihn völlig ablehnen. Er sagt Dinge ? wenn Adrian sie sagte, würden sie mich tief verletzen. Bei Frank Richter finde ich sie natürlich. Beide sind ganze Persönlichkeiten. Schlüge der eine oder der andere Töne an, die außerhalb seiner Persönlichkeit lägen, so wäre es, als ob ein Fremder sich bei mir eindrängen wollte.

Wie Adrian zu meinem Journalisten steht? Er kann ihn decidiert nicht leiden. Er nennt ihn den »Proleten.« Ich weiß nicht warum, wahrscheinlich weil er regelmäßig vergißt, den Fisch mit dem Fischbesteck zu essen, oder weil er nie einen Cylinder trägt, auch bei Begräbnissen nicht.

Und der liebe Vater erst, Du weißt ja, wie er den Journalismus haßt. Um so recht seine Geringschätzung auszudrücken, sagt er neuerdings immer »Schournalismus«, das »Sch« zornig betonend. Warum das »Sch« so verächtlich ist, weiß ich nicht.

Ja, ich wollte Dir doch von Adrian schreiben. Kommt im nächsten Brief. Heute Schluß.

Deine Christel.«

 

»Liebste Anne Marie, Du willst mehr von meinem Busenfreund wissen? kenne ich ihn denn schon au fond?

Das nur weiß ich: er gehört zu den Unzufriedenen, die ein Hühnchen mit dem lieben Gott pflücken, daß er sie gerade so geschaffen, wie sie sind. Sie wollten doch ganz anders sein. Und in harter Arbeit schaffen sich diese Selbstschöpfer um, schaffen sich neu, immer im Kampf mit ihrer Natur.

Er ist Jesuit. Er lügt kalt, frech, wenn er es für zweckmäßig hält. Dem Pöbel nur die Wahrheit, die er verdient.

Pathos ist in seinem Hohn, seiner Ironie, brünstiger Weltschmerz. Ein zorniger Mensch. Zorn in seiner Trauer, Zorn in seinen Melancholieen. Seine Nerven liegen gleichsam hautlos, schutzlos. Berührt Kaltes, Feindliches sie, so zucken sie jäh und elektrisch und entbinden einen Strom von Qual und Haß.

Und dann sind seine Worte eine Peitsche, die Wunden reißt. Ein andermal begleitet er mit Flöte und Harfe die Gesänge der Dichter. Und kommt ein König, so stößt er in die Posaune, er meint aber, es käme gewöhnlich kein König. Seine Macht freut ihn, aber er übt sie nicht mit gutem Gewissen. Er weiß es selbst nicht, aber er leidet an den Wunden, die er schlägt.

Möchtest Du ein Kritiker sein, Anne Marie? ich nicht. Man ist ja da wie auf einem Schlachtfelde. Die Feder ein Schwert, die Tinte Gift, das Papier das Blutgerüst, und die zu Köpfenden meist fleißige, strebsame, ehrbare Leute.

Er bildet und feilt unablässig an seinem Stil. Ein schöpferischer Stil; er gleicht dem Netz einer Spinne, mit ihren kunstvoll verschlungenen, ineinander und durcheinander laufenden zarten und doch starken Fäden. Die Opfer, die sich darin verfangen, kommen nicht wieder los. Aber er selbst hat nichts von einer Spinne. Er lauert nicht und wartet nicht ab. Er packt zu mit Blut- und Geistesgier.

Aber auch Stunden der Weihe hat er. Wenn er von Dichtern spricht, die er liebt ? es sind deren nicht viel. Dann wird er zum Psalmisten, und hohe Lieder quellen aus seiner Brust. Dann liebe ich ihn. Zuweilen ist er auch naiv, kindlich. Er kann so fremd um sich schauen und sich so wundern. Dann liebe ich ihn auch. Du merkst, ich liebe ihn zu zwei Dritteln. Mit dem letzten Drittel gehört dieser Faust (nie hat es mehr Fauste gegeben als in unserem Zeitalter), irgend einem Bösen, ich weiß den Namen des Bösen noch nicht.

Ich fragte ihn, wieso er Journalist (beinah hätte ich auch Schournalist gesagt), geworden wäre. Er erklärte es sehr einfach: »Als Jüngling ließ ich Gedichte drucken, umstürzlerische Dithyramben, meine tiefsten Ueberzeugungen, meine Religion. Ich kriegte nicht einmal Honorar dafür ? und ich hungerte damals ? aber sechs Wochen Gefängnis, wegen groben Unfugs. Schauerlich wars. Leben oder sterben, aber nicht die Marter eines Zwischenstadiums. Ich hatte im Gefängnis das Gefühl, als hätte man mich an den Beinen aufgehängt.

Wäre ich bei dem Idealismus und der Ueberzeugungstreue geblieben, glauben Sie, ich dürfte hier neben Ihnen sitzen ? was doch eine konzentrierte Lebensfreude für mich ist ? mit einem abgeschabten Rock, weißen Nähten an den Ellenbogen und einem Loch im Stiefel? von den Strümpfen garnicht zu reden. Ihr Portier schon hätte mir nachgeschrieen: »Hintertreppe.« Und meinen Sie, ich könnte in einer gemeinen Kneipe bei Knackwurst und Fusel, wozu mein ideales Honorar allenfalls ausreichen würde, zur Hölle niederfahren, wiederauferstehen und ins Paradies kommen, was doch zu den Requisiten eines Dichters gehört?«

Er blieb ein paar Minuten schwer atmend, mit zuckenden Lippen, wie in sich versenkt. Dann schüttelte er die Schwere ab, griff nach meiner Hand und preßte sie heftig, nicht liebkosend, nein, um mir weh zu thun! Und mit spöttischem Pathos perorierte er: »Und da habe ich die Dichterkrone vergraben, meinen Purpurmantel versetzt, und färbe nun mein billiges Fell mit dem Blut der dichtenden Nebenmenschen ? rot.«

Er ließ meine Hand los und stand auf: »Und nun gehöre ich zu denen, die dem Publikum ihr Denken liefern, wie ihnen der Schuhmacher die Schuhe macht. Wir Zeitungsschreiber sind die modernen Rattenfänger. Wir pfeifen, und das Publikum tanzt!«

Ein unglücklicher und ein bedeutender Mensch, der Frank Richter. Ein Prototyp der Zerfahrenheit unserer Zeit und voll Heißhunger nach einem Manna und Ambrosia, das vom Himmel fällt.

Liegt nicht in uns allen, die wir nicht zu den Dutzendmenschen gehören, etwas von diesen Seelenwirren? in mir und in Julia, in Anselma? und nicht auch in Dir, Anne Marie?

Nicht ein Zeitsymptom dieses höhnische Sichselbstironisieren, und das doch nur wie ein verzweifeltes Umsichschlagen mit Flügeln ist, die zornig den Staub aufwühlen, weil sie die Schwungkraft verloren haben? Nicht ein Zeitsymptom dieses prasselnde Witzfeuer, das ein Weinen der Seele übertäubt? Lästerungen auf den Lippen, während unser Auge nach dem Himmel schielt?

Und dann plötzlich der graue, müde Widerwille vor diesen blassen, cynischen Negationen. Fieberschauer mit Paroxysmen folgen, die ungeheure Sehnsüchte entbinden, die Sehnsucht auch, den Weltgeist an einem Zipfel zu erfassen, hinter ein tiefes, tiefes Geheimnis zu kommen, es Gott zu entreißen, und in der höchsten Wollust des Erkennens zu vergessen ? was? den Tod?

Wies Epikuräerchen so schön einmal sagte: »Wenn Ihr den Tod nicht abschaffen könnt, alles Andere ist Blech! Blech!« Das Wort Blech hat er gern.

Wundere Dich nur nicht, wenn mein Stil sich ändern sollte und ich nächstens reden werde, wie mir der pathetische Schnabel gewachsen ist. Darum bin ich oft schweigsam. Ich will geistreich sein dürfen, in Bildern sprechen, dabei ein bischen gestikulieren (ich muß immer auf meine Hände achten, damit sie nicht in die Höhe fahren) und das alles gilt doch für affektiert, lächerlich.

Aber nein, Du willst doch von Adrian hören, und nun ist in diesem langen Brief immer nur von dem Frank Richter die Rede. Aber im nächsten Brief. Theochen gehts nicht gut? Arme, arme Anne Marie. Ich umarme Dich zärtlich.

Christel.«

 

»Ich komme aus Anselmas Atelier. O Anne Marie, ein Tag, der schrecklich zu Ende ging. Klarissa war nicht gekommen. Es beunruhigte uns einigermaßen. Maria hatte sie vor einigen Tagen auf der Straße getroffen, traurig und erregt, um einer Blume willen, zu der sie mystische Beziehungen unterhielt. Sie pflegte ihr Blaublümlein auf das sorgfältigste. Sie liebte es, flüsterte mit ihm. Sie glaubt an Pflanzenseelen und daran, daß ihr Schicksal irgendwie gerade mit dieser Pflanze verknüpft sei. Seit einiger Zeit gefiel ihr das Aussehen der Pflanze nicht. Sie mochte ihr noch so viel Wasser und Sonne geben, das Köpfchen sank tiefer, und die Knospen neben der verblühenden Blume verkümmerten.

»Meine Blume ist krank,« hatte sie zu Mariage sagt. »Stirbt sie, so zieht sie mich nach sich.«

Ueber die Bilder vergaß man bald der mystischen Klarissa. Vier Bilder sind es, durch eine schmale Holzleiste miteinander verbunden. Ich beschreibe sie Dir, so gut ich kann.

Erstes Bild: In einem Rosengarten, vor einem klaren Teich, in dem Rosenblätter schwimmen, steht ein Liebespaar. Eine zarte Weide neigt sich tief zum Wasser nieder. Unter der Weide eine weiße Marmorbank. Die Jungfrau in fließendem Goldhaar, mit einem rosigen Gewand angethan, drückt das Gesicht in den Kelch der Rose, die sie in der Hand hält, und doch fühlt man, daß sie lauscht und mit dem Duft der Blume die Worte des Jünglings an ihrer Seite einsaugt. In Morgenlicht ist das Bild getaucht.

»Wie ein Minnelied mit Harfenbegleitung habe ich es empfunden,« sagte Anselma.

Julia meinte, sie hätte darunter schreiben sollen: »O, daß sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe.«

Anselma zog den Vorhang vom zweiten Bilde fort.

Die Sonne ist eben untergegangen. Der Himmel gleicht einer Serpentindame, die die Falten ihres weiten Gewandes in brennend lachender Pracht weit auseinander spreizt. Die Rosen glühen in dunklem Purpur. Das junge Weib ? auf diesem Bilde ist es Julia sprechend ähnlich ? scheint vorwärts zu schreiten. Das Kleid ist ihr von den Schultern geglitten, oder vielmehr, sie hat es heruntergerissen, denn noch krampft sich ihre Hand in den Ausschnitt des Kleides. Es muß windig sein. Offenbar hat der Wind ihr hochgekämmtes Haar zerzaust, daß eine Strähne ihr ins Gesicht fällt; er weht ihr Kleid nach hinten. Die brennend roten, wie gefärbten Lippen sind halb geöffnet, die Zähne schimmern blitzend hindurch. Alles auf dem Bilde hat einen blutigen Ton, das Haar, das Gewand, das Innere der vibrierenden Nasenflügel. Selbst die Augen erscheinen rötlich, mit einer Flamme, die herauszüngelnd, in glühender Gespanntheit jemandem entgegenwächst. Sie rufen förmlich, sie schreien ? nach wem? Ganz in der Ferne das schwache Schattenbild einer männlichen Gestalt.

Das dritte Bild: Fast Nacht. Das Gebüsch schwarz, durchschimmert vom Licht der Johanniskäferchen. Der Himmel voller Sterne. Auf üppigem Rasen liegt das Weib ? nackt. In reiner Weiße leuchtet der Körper aus der tiefen Dämmerung. Krampfhaft hat sie mit der einen Hand hinter sich in einen Rosenbusch gegriffen, ein Dorn ist ihr in den Arm gedrungen, und ein Blutstropfen rinnt über den weißen Arm. Der zurückgeworfene Kopf trägt den Ausdruck höchster Wollust. Zur Leda kommt die zeugende Liebe als Schwan. Statt des Schwans hat Anselma einen Feuerstrahl gewählt, der, aus der Höhe kommend, den Schoß des Weibes durchdringt.

»Wenn Euer Blut im heißen Atem dieser Sommernacht nicht entbrennt, so habe ich nicht erreicht, was ich wollte,« flüsterte Anselma. Das vierte Bild.

Ein großes Wasser. Es ist das Meer, denn die Wellen wogen. Auf einer Düne, an einer breiten Kiefer lehnend, steht der Jüngling des ersten Bildes, satt, zufrieden lächelnd. Er raucht eine Cigarette. Er sieht noch nicht, was wenige Schritte weiter aus wogenden Wellen auftaucht: Ein Kopf im letzten Stadium der Agonie. Die fast weißen Augen erloschen, die schweren triefenden Haare, die bläulichen Lippen schon von einem Hauch der Verwesung gestreift, nicht mehr fähig, etwas Anderes auszudrücken als das Sterben, und sterbend sehen sie noch den Jüngling.

Der Ausdruck dieser Sterbenden ist ergreifend. Wir standen alle eine Weile stumm vor den Bildern. Wir wußten nicht, was wir sagen sollten. Julia, die überhaupt wenig Interesse für die bildenden Künste hat, sah mich fragend an. Ich suchte in mir ein Urteil und fand es nicht. Ich wußte nur das Eine: ich wäre lieber gestorben, als daß ich solche Bilder gemalt oder sie gar ausgestellt hätte. Um keinen Preis hätte ich sie zugleich mit einem Manne sehen mögen. Und doch war ich nicht sicher, ob es vielleicht nur die Fremdartigkeit, die unerhörte Kühnheit der Wahl eines solchen Stoffes waren, die mich abstießen. Aber nein, das war es doch nicht. Ich dachte an Tizians Bild: Jupiter und Semele, das ich immer wieder mit Entzücken sehen kann, ohne eine Spur innerer Abwehr. Mit welcher höchsten künstlerischen Vollendung wird da der Vorgang dargestellt ? schattenhaft nur, traumbildartig, ein Traum der Wollust, von Göttern geträumt.

Dergleichen geht über Anselmas Kraft. Und doch lag ihre ganze Seele in den Bildern.

Eine beklommene Stimmung, eine schwüle Stille herrschte in unserem kleinen Kreis. Endlich stotterte ich etwas gezwungen, sie müsse wohl merken, daß wir ihre Kühnheit noch nicht verdaut hätten. Die Bilder seien zu bedeutend, um sofort ein Ramschurteil darüber abzugeben. Sicher hätte vor zwanzig Jahren keine Frau derartige Bilder malen können, und sicher wäre auch, daß sie sie hätte malen müssen, da sie in ihrer Seele lebten.

Maria bemerkte, daß die Sterbende auf dem Bilde garnicht mehr Julia, wohl aber Klarissa ähnlich sähe.

Mit einem sonderbar schwülen Blick streifte die Malerin ihr Modell. Die Julia passe nur für das Lebendigste. Das Sterben überlasse sie gern Anderen.

Anselma blickte düster. Sie empfand den Mißerfolg. Wir zögerten, sie zu verlassen. Der Maria Hill kam ein Einfall. Sie hatte ein Manuskript bei sich, das sie eben in eine Redaktion tragen wollte. Ob sie es vorlesen dürfe. Es stände in einem gewissen Zusammenhange mit den Bildern. Nur ganz kurz, wenige Schriftseiten (Honorar fünf Mark), es finge ein bischen pathetisch an ? die Einleitung müsse immer etwas knallen.

»Und der Schluß auch,« meinte Julia.

»Abwarten.«

Man war wie erlöst. Jawohl, man wollte es hören.

Der Vorhang wurde über die Bilder gezogen.

»Uebergangstypen« hieß der Titel des Aufsatzes. Und Maria las:

»Das Neue Weib,« ein Stich- und Schlagwort der Zeit. Es ist noch nicht fertig ? das neue Weib. Wohl seit einem halben Jahrhundert schon hat die unaufhaltsam vorwärts-aufwärtsdrängende Zeit die Funken einer neuen großen Erkenntnis nach allen Himmelsgegenden hin gesprüht, und wo sie geeignetes Material fanden, da schwälten und glimmten sie weiter, bis der günstige Wind der letzten Jahrzehnte sie zu einer roten Flamme entfacht hat, die ihren Schein über alle civilisierten Länder wirft.

Die große Erkenntnis ist die Neuwertung der Frau. Eine rote Flamme, eine flackernde, wie vom Sturm erfaßte, eine gierige, die überall Nahrung sucht, weil sie noch klein ist, und sie will wachsen, wachsen; zu einer weißen, reinen, großen Flamme will sie werden, einer unauslöschbaren.«

Marie hielt tiefaufatmend inne, uns anlächelnd, als wäre sie froh, das Pathos hinter sich zu haben. Dann fuhr sie fort:

»Ein hoffnungsfrohes Frühlingsregen ist vorläufig noch diese Bewegung, mit allen Symptomen der Jugend, der Unruhe, der glühenden Ungeduld, der alles zu langsam, viel zu langsam geht. Wir, die junge Generation, wir stehen alle noch wie auf einer Brücke, die Brücke ruht nicht auf festgefügten Pfeilern, darum schwankt sie, und sie hat auch kein Geländer, und wir schwanken mit, und wer nicht sicher auftritt und nicht schwindelfrei ist, stürzt leicht hinab. Schon sind die neuen Ideen lebendig, und die alten sind noch nicht tot.

Es ist ein Zwiespalt in uns Werdenden zwischen dem Altererbten und dem Neuerrungenen. Was seit so vielen Generationen Recht und Brauch war, hat sich unserer Gesinnung einverleibt, es ist beinah Instinkt bei uns geworden. Wir haben noch die Nerven der alten Generation und die Intelligenz und den Willen der neuen. All die alten Anschauungen und Vorurteile, sie heften sich an unsere Sohlen, eine Art sanfter Furien oder Medusen, die unser Wollen zwar nicht versteinern, aber doch lähmen. Mit einem Wort: wir sind Uebergangsgeschöpfe.

Von den neuen jungen Mädchen will ich reden. Es giebt unter dieser vorwärtsdrängenden weiblichen Jugend sehr verschiedene Kategorieen. Die vornehmste Kategorie, das sind die Stürmerinnen und Drängerinnen, denen die höchsten Aufgaben, die Lösungen von Lebens- und Welträtseln gerade nur gut genug sind. Manche dieser jungen Mädchen sind Kometen, mit allen Anzeichen, sich, anstatt auszuleben, auseinanderzuleben, mit den Symptomen nebelhafter Zerfahrenheit, willkürlicher Ausstrahlungen und der Möglichkeit leuchtender Zersplitterung.«

Christa errötete, als Marias Blick sie flüchtig streifte.

»Eine zweite Kategorie ist auf der Flucht vor dem Nichtleben. Es sind diejenigen, die sich um jeden Preis ausleben wollen, in fieberhafter Eile, als wollten sie, was alle früheren Generationen versäumt, nachholen. Das sind die Entlaufenen, Entstürzten, Dahinrasenden.«

Julia, die sich getroffen fühlte, machte der Vorleserin eine lange Nase.

»Bei dieser Kategorie möchte ich eine, glücklicherweise nur kleine, Gruppe junger Mädchen erwähnen, eine Abart, die, von dem zündenden Funken der Freiheitsschwärmerei erfaßt, auf ein taubes Gleise geraten sind. Sie gehören meist zu den oberen Zehntausend und sind durch irgend welche perverse Einflüsse, sei es durch die Atmosphäre im elterlichen Hause, sei es durch Bücher, oder ? und das ist die Hauptgefahr ? durch einen Vetter außer Rand und Band geraten. (Habt Acht auf die Vettern, haltet diese allzu zärtlichen Verwandten von den Kousinen fern.) Diese demi-vierges sind zumeist unbegabte und sinnlich veranlagte Naturen, junge Hexen, die kreuz und quer küssen und sich küssen lassen; zügellos, von naiver Frechheit in ihren Reden. Die Männer amüsieren sich königlich mit ihnen, sagen aber hinter ihrem Rücken: »das sind ja unmögliche Mädchen,« heiraten sie aber, wenn sie ein klingendes Aequivalent für ihre gefährliche Erotik bieten. Ihre gesellschaftliche Stellung schützt sie vor dem Allerschlimmsten.

Eine andere bedeutsame Kategorie bilden die mit Energie, Thatkraft, Wirklichkeitssinn Ausgestatteten, die erkannt haben, daß die Macht der Weg ist, der zum Ziele führt. Das sind die Agitatorinnen, das sind die Rednerinnen auf den Tribünen, in Vereinen, Volksversammlungen. Es sind die Ruferinnen im Streit. Heut Kämpferinnen, werden sie morgen Siegerinnen sein.

Wieder eine andere Kategorie junger Mädchen ringt nach Selbständigkeit, entweder weil sie das Leben im elterlichen Hause nicht ertrugen, oder auch nur aus einem starken, allgemeinen Unabhängigkeitsdrang. Aus irgend einem äußeren oder inneren Grunde rechnen sie nicht auf die Eheversorgung, ihre Bildung hat mit der höheren Töchterschule abgeschlossen.

Aus kleinen Städten oder vom Lande kommen sie in die Großstadt und suchen nun bald hier, bald da eine kleine Stellung auszufüllen, als Sekretärin bei einem Gelehrten, oder in einem Bureau, beim Ordnen einer Bibliothek, beim Unterrichten kleiner Kinder; bescheiden nehmen sie, was sich ihnen bietet, sich mit der Genugthuung begnügend, auf eigenen Füßen zu stehen. Bemerkenswerte innere und äußere Vorteile erwachsen ihnen aus ihrer Thätigkeit kaum. Sie befinden sich eben auf der Zwischenstation von der Hörigen zur Freien.

Wohin in der Frauenwelt unser Blick fällt, überall ein sehnsüchtiges Ringen, hinaus aus den stillen Binnenwässern in offene große Meere. Entscheidende Schlachten stehen noch bevor. Jahrzehnte werden noch ins Meer der Ewigkeit rollen, ehe Minerva das Schwert aus der Hand legt, um der Viktoria die Palme zu reichen.«

»Ha! es knallt!« flüsterte Julia Christa ins Ohr.

»Wir alle, wir erleben nicht die Zeit, wo die Kometen sich zu Sternen verdichten, wo die Schwarmgeister sich ansiedeln werden. Auf der Schwelle des gelobten Landes werden wir wie Moses sterben. Aber auch gleich dem Moses haben wir hungernde Scharen durch die Wüste bis an die Thore des Neulandes geführt. Ob Moses zufrieden starb?«

Maria faltete das Manuskript zusammen.

Anselma hatte der Vorlesung nur ein halbes Ohr geliehen. Ihre Gedanken waren augenscheinlich bei ihren Bildern. Für sie hatte die ganze Frauenbewegung kein Interesse. Kunst und Liebe ? nichts anderes gab es für sie. Bei den anderen fand der Vortrag vollen Beifall, nur Christa meinte, Maria hätte erwähnen müssen, daß es auch schon jetzt sehr wohlgelungene Exemplare der »Neuen Frau« gäbe. Z.B. Maria Hill selbst.

»Ach ja, das ist wahr,« sagte Maria etwas verlegen, mit dem schalkhaft lieben, seitlichen Blich nach oben. »Ich bin schon oft als ein Musterknabe (pardon wegen des männlichen Bildes) dieser Species dem Publikum vorgeführt worden. So recht stimmt es aber auch mit mir nicht. Die Studienzeit in Zürich, die war ja wunderschön; das Lernen und Wachsen im Erkennen, die frischfröhliche Kameradschaft mit den Studenten! Das bißchen Verliebtheit, das hier und da mit unterlief, förderte nur die Studien. Aber nachher ? die Trockenheit des Berufs, sieben bis acht Stunden im Laboratorium bei meist mechanischen Arbeiten, ohne Aussicht, in absehbarer Zeit vorwärts zu kommen, Docentin an der Universität, oder sonstwie selbständig zu werden. Ueberall Riegel, Hindernisse, die einem Mut und Freudigkeit nehmen. Nein, ich bin nicht zufrieden, aber garnicht. Das war nicht ganz die Freiheit, die ich meinte, auch in mir ist noch etwas vom betrübten Moses. Bei der Mechanik dieses Arbeitslebens geht etwas in mir zu Grunde ...«

»Geht es denn vielen Männern besser?« warf Anselma ein.

»Was geht es mich an, wenn sie es ertragen? Wahrscheinlich sind wir anders organisiert wie sie, wir ertragen es eben nicht. Glaubt mir, es ist immer noch, als ruderten wir im Kahn hinter einem großen Dampfschiff her, (Männer am Steuer), immer in Gefahr, in die Wellen des großen Schiffes zu geraten und zu kentern. Lest doch nur, wie die absurdesten Phrasen über die hehre Mission des Weibes ? die natürlich zwischen den vier Wänden Platz zu greifen hat ? von Beifall umtost werden.«

Die sonst so ruhige Maria zerknitterte zornig das Manuskript in ihrer Hand.

Julia, die an dem seit einer halben Stunde zurückgedrängten Redefluß halb erstickte, rief jetzt, indem sie wie ein kleines Kind den Finger hochhob: »Bitte, bitte, erlaubt mir einen kleinen Epilog. Ueberschrift: »Die Brüder«. Man lachte. Die Brüder waren ihre bête noir, das wußte man.

»Sie haben gut lachen, Maria, in der Schweiz, wo das Rütli liegt, und die Freiheit nur selten durch Schutzmänner verhindert wird, auf den Bergen zu wohnen, da mögen die Brüder besser geraten, aber in Berlin und Umgegend bis nach Dresden ...«

Man wollte keine Vorreden hören.

Sie stellte sich auf eine Fußbank, schüttelte ihre Löwenmähne und begann, anfangs mit rhetorischem Pathos:

»Es strebt der Mann nach Freiheit, das Weib nach Sitte.« Aus dem Schatz ewiger Wahrheiten eine der citiertesten. Lebte Goethe heut, er müßte diese ewige Wahrheit umarbeiten ? nein, umkehren. »Es strebt das Weib nach Freiheit, der Mann nach Sitte,« wenn wir von gewissen unsittlichen Divertissements absehen.

Seht den Jüngling auf der Universität. Sittenkodexe schreiben ihm seine Lebensführung vor, bestimmen, was er zu thun oder zu lassen hat. Und er gehorcht ? freudig. Der Kodex befiehlt ihm: trinke! nein: saufe! saufe! saufe! Einer meiner Brüder, dem Bier nicht schmeckt und der es auch nicht verträgt, beklagte sich bei mir bitter über diesen Zwang. »Trinke Selterwasser in den Kneipen,« riet ich ihm. Seine Antwort: eine gellende Lache. Der Kodex befiehlt ihm: pauke! pauke! pauke! und er schreibt ihm vor, wo er sich beleidigt zu fühlen und seine Ehre mit den Prachtschmissen, auf die er lebenslänglich so stolz ist, wieder einzulösen hat. Er reicht auf eine ganz bestimmte Art die Hand zum Gruß mit weitabstehendem, rechtwinklig gebogenen Ellenbogen, die Hand verquer. So ziemt es sich für edle Jünglinge. Sie sind zum großen Teil konservativ und antisemitisch, diese edlen Jünglinge, und ? Gegner der Frauenbewegung. Aus den Tempeln der Wissenschaft graulen sie durch Strampeln und Trampeln (siehe Halle), die jungen Mädchen heraus, in den Tempeln der Venus huldigen sie ihnen massenhaft. So ziemt es dem edlen deutschen Jüngling. Er durstet nach Bier, die Jungfrau durstet nach Freiheit. Er zwängt seinen Hals in einen Strangulierapparat von Kragen, der ihm die Respiration hemmt, sie schafft das Korsett ab und alles sonst Einschnürende. »Es strebt das Weib nach Freiheit, der Mann nach Sitte.«

Mit beifallheischendem Blick stieg Julia von der Fußbank nieder. Der Beifall aber blieb uns Allen in der Kehle stecken. Etwas Schreckliches geschah.

Totenbleich, irren Blickes stürzte Klarissa herein. Man gab ihr ein Glas starken Weins zu trinken, und allmählich brachte man aus ihr heraus, was geschehen war. Sie hatte einen Taxameter genommen, um zu Anselma zu fahren. Auf dem Wege dahin rasten die Wagen der Feuerwehr an ihr vorüber. Als sie an die Schillstraße kam, konnte der Wagen nicht weiter. Unter dem düster lodernden Feuer der Pechfackeln bewegte sich seltsam lautlos eine Menschenmenge.

Sie entlohnte den Kutscher und wollte den Weg zu Fuß fortsetzen. Da teilte sich die Menschenmenge. Eine Tragbahre wurde sichtbar. Ein Mensch, einer von der Feuerwehr, lag darauf, das Gesicht schwarz. Tot. Feuerwehrmänner im roten Dampf der Fackeln schritten der Bahre zur Seite. Ein Leichengepränge wie aus Dantes Hölle.

Klarissa wollte durch eine andere Straße zum Kurfürstendamm gelangen. Die Füße versagten ihr den Dienst. Sie sah eine Droschke zweiter Klasse langsam daherkommen. Auf dem Bock saß merkwürdigerweise neben dem Kutscher noch ein Mann in einem umgekehrten Schafspelz. Kein anderes Gefährt war zu sehen. Sie stieg in die Droschke. Das langsame Fahren steigerte ihre Nervosität. Endlich war sie zur Stelle. Sie hatte, um das Geldstück zu suchen, den Handschuh abgestreift. Indem sie dem Kutscher das Geld hinaufreichte, berührte sie seine Hand. Sie war kalt wie Eis. Das Geld entrollte seiner Hand, fiel klirrend zu Boden. Nun erst bemerkte Klarissa, daß der Kutscher festgebunden war. Die starren Augen standen offen. Der Kopf wackelte hin und her. Ein Toter. Und der mit dem Schafspelz, der ihn wohl zur Unfallstelle bringen sollte, hatte sich mit der Totenfahrt noch schnell die paar Groschen verdienen wollen.

Schauerlich! Die Toten drängten sich um sie. Und als sie oben bei Anselma die Klingel gezogen, da habe sie bemerkt, daß sie die Gestalt eines Kreuzes hatte.

Klarissas Atem ging schnell, fieberhaft. Sie lehnte, während sie sprach, an der Staffelei, dabei hatte sich die Hülle ein wenig verschoben. Ihr Blick fiel auf die Sterbende im Wasser, auf diesen Kopf, der ihr ähnelte. Sie zuckte ein paar Mal wie in Krämpfen und stürzte dann mit einem markerschütternden Schrei zu Boden. Wir bemühten uns, sie wieder zum Bewußtsein zu bringen. Vergebens. Auch einem Arzt, der aus der Nachbarschaft herbeigeholt wurde, gelang es nicht. In einem Wagen mußte sie endlich nach Hause geschafft werden. O schrecklich, Anne Marie, vier Tage sind seitdem verflossen. Der Hausarzt der Tante, bei der sie wohnt, konstatierte den Tod. Alle Vorbereitungen zum Begräbnis wurden getroffen. Der junge Arzt aber, der sie zuerst behandelt, widersetzte sich. Die sicheren Symptome des eingetretenen Todes fehlten. Möglicherweise läge ein langandauernder Starrkrampf, eine Art Scheintod, vor, wie er bei Sensitiven vorkäme.

Ist es nicht sonderbar, daß man meist die Erlebnisse hat, die unserer Geistesart entsprechen, förmlich, als riefe unsere Seele sie herbei. Mir wären sicher diese Toten nicht begegnet. Maria, die immer kluge und helle, meint freilich, es wären nur Totenvisionen gewesen. Der Feuerwehrmann mit dem Leichengepränge wie aus Dantes Hölle, würde wohl nur betäubt und der tote Kutscher nur schwer betrunken gewesen sein. So etwas wie tote Kutscher, mit denen man noch sechzig Pfennige verdienen wolle, käme in Berlin nicht vor.

Wir alle warten nun mit schmerzlicher Spannung auf die Lösung des Dramas. Im nächsten Brief erfährst Dus.

Christel.«

 

»Denke, denke, liebe Anne Marie, der junge Psychiater hat recht gehabt. Klarissa ist wieder zum Leben erwacht. Fast eine Woche hat der starrkrampfartige Zustand angedauert. Sie hat alles gehört, was während der Zeit um sie herum gesprochen wurde. Sie hat den Vorbereitungen zu ihrem Begräbnis beigewohnt. Ihr muß zu Mut gewesen sein, wie einem, der zur Hinrichtung abgeführt wird. Sie ist mit ihrer Tante und dem Arzt nach dem Süden abgereist. Er hofft sie ganz gesund zu machen.

Könnte ich doch mit nach dem Süden. Ich möchte auch von einer Krankheit gesund werden, einer Krankheit ohne Namen. Es ist etwas fiebrig Schleichendes, Nervenannagendes, eine intellektuelle Reizbarkeit, die mich verzehrt. Ein inbrünstiges Heraussehnen tief innerer Kräfte, ein stachelndes, hochstürmendes Wollen, mit dem das Können nicht Schritt hält, und dieses Nichtkönnen ? ? ach, ich finde, ich bin eine lebendige Illustration zu Maria Hills Schilderung des heutigen Frauentums. Es ist ein Kampf neuer Morgenröten gegen alte Dämmerungen. Unser Frühling ist da, aber noch rascheln an unseren Bäumen so viele dürre Herbstblätter. Die Frauenseele hat noch so viel Restbestände aufzuarbeiten.

Es ist auch nicht wahr, es ist falsch, ganz falsch, daß die Zeitströmung mit der neuen Frau wäre. Sie erringt wohl ein Recht nach dem andern, aber man gewährt es ihr notgedrungen, widerwillig, mit heimlichen Vorbehalten. Das gilt selbst von den radikalsten Parteien, die auf ihr Programm die absolute Freiheit der Frau schreiben, ein Programm, das Vernunft und Gerechtigkeit ihnen diktieren, ihr Herz aber protestiert heimlich. Ja, das Gemüt der Welt ist noch immer auf Seiten der alten Frau. (Natürlich der alten jungen.)

Und wer nicht ein Kraftmeier ist, den lähmt diese Widerwilligkeit und Scheelheit, und da hat man ? ich wenigstens ? immer das Gefühl, als zerränne, was wir thun, ins Leere.

Uebrigens, wer weiß, vielleicht wachse ich mich noch zu einem Kraftmeier aus. Vorläufig aber quält mich das böse Gewissen wegen meiner Weltüberflüssigkeit.

Vom Zeitcharakter bin ich natürlich auch angekränkelt. Der ist von einer so ungeheuren Ungeduld und Sehnsucht durchtränkt. Ein so leidenschaftliches Tempo auf allen Gebieten. Die Maler stürzen sich nur so in die Farbentöpfe, die Musiker in die Tonmassen. Und mancher, der bestimmt war, auf Schalmeien oder Flöten zu blasen, stößt Walkürenrufe in die Welt. Die Schriftsteller thun es nicht unter Himmeln oder Höllen. (Letztere ziehen sie vor.) Diese Ungeduld fiebert auch aus ihrem Stil heraus. Sie denken gleichsam stenographisch. Kurze Sätze. Lauter Punkte. Die Prädikate lassen sie fort. Sie sprechen wie atemlos, in Glühlichtern, Schlagworten, Bildern. Nur keine langen Definitionen. Alles muß rauschen, schäumen, fliegen, splittern, lodern oder wenigstens radeln. Und wer keine Flügel hat und kein Automobil, und kein Geld, um in Luxuszügen die Welt zu durchrasen, der kann sich begraben lassen. Aber das thue ich noch lange nicht. Trotz dem, was ich vorhin sagte, meine Flügelhoffnungen stehen in Blüte. Addio, Du Liebe.

Christel.«

 

»In meinem vorigen Briefe, Anne Marie, erwähnte ich meine Weltüberflüssigkeit. Im Hinblick auf dieses soziale Malheur hatte ich schon daran gedacht, mich mit Mama am blauen Kreuz zu beteiligen. Was das ist? Es giebt jetzt blaue, grüne, gelbe Kreuze neben dem altbekannten roten, und alle sind das Symbol irgend einer Wohlthätigkeitsunternehmung. Du glaubst garnicht, Anne Marie, wie das Volk jetzt Mode ist. Jeder bekümmert sich um sein Wohlergehen. Die konservativen Kreise sorgen sich besonders um sein Seelen heil, daß es gottesfürchtig werde und ablasse von der Roheit.

Und wer soll diese Ethisierung besorgen? Der Volksschullehrer. Und wie macht er das? Durch den Religionsunterricht. Die sittliche Besserung wird mit Gesangbuchliedern und Bibelsprüchen auswendig gelernt und den schwachen Gedächtnissen eingebläut. Ach Gott, der arme, unwissende Wurm von Volksschullehrer, von Pädagogik und Erziehung hat der ja keinen Schimmer.

Ei, Ihr lieben Leute, macht Humboldts, Schleiermachers oder Tolstois zu Volksschullehrern, oder wenigstens die besten der intelligentesten Pädagogen, wenn Ihr Resultate wollt. Aber Keile und Bibelsprüche! Ob ich wohl das Zeug zu einer solchen Lehrerin hätte! Ein schönes Amt wäre es. Ich würde nur die Luft in den Klassen nicht vertragen. Erinnerst Du Dich, wie wir immer schnell die Fenster aufrissen, wenn Martha und Else Walter bei uns gewesen waren, so imprägniert waren ihre Kleider mit dem Armeleutedunst aus den Schulen. Da alles möglich ist, verfällt der Staat vielleicht mit der Zeit auf eine zweckentsprechende Klassenventilation.

Wie sehr das Volk jetzt Mode ist, siehst Du an Mama, die mitthut. Wenigstens an einem Zipfel ihres tailor made-Kleides ist sie von der Zeitströmung erfaßt. Sie hat mit einigen anderen Damen ? Frau Thal heim ist auch dabei ? in Berlin O. in einer häßlichen Fabrikgegend einen Laden eröffnet, eine Art Konditorei oder Restaurant, wo für einen Minimalpreis eine Tasse Kakao, Thee, Milch, Haferbrei oder Kaffee mit Schrippe verabreicht wird, um dem Alkoholgenuß der Arbeiter zu steuern. Die Damen selbst übernehmen abwechselnd die Bedienung, den Einkauf, Buchführung u.s.w. Du solltest sehen, wie seelenvergnügt die Mama in den Taxameter steigt, mit einem dunklen Wollenrock und einer bescheidenen Blouse angethan. Die umfangreiche Schürze, die dazu gehört, trägt sie ? nicht etwa verschämt eingewickelt ? nein, offen über dem Arm. Die Damen kommen sich wie verkleidet vor. So was macht Spaß, und die Fünfpfennig-Schokolade ? mit Schrippe ? brauchen sie nicht zu trinken.

Auch einem andern Verein ist Mama beigetreten, der elegante, abgelegte, aber noch brauchbare Kleider sammelt, um sie ? ebenfalls für einen Minimalpreis ? armen kleinen Provinzschauspielerinnen zukommen zu lassen, zum Stopfen der trüben Quellen, aus denen sonst ihre Garderoben fließen. Und Mama durchforscht und durchstöbert nun ihre Garderobenschränke und giebt Sachen her, von denen sie sich früher um keinen Preis getrennt hätte, auch um unsertwillen nicht.

Ja, ganz Berlin W. ist von dem Ehrgeiz gepackt, an der sozialen Arbeit teilzunehmen. Ethos selbst wandelt durch die Villenstraßen Berlins. Etliche gehen in die Blindenanstalten und lesen den Kindern vor, wieder andere gründen Vereine für Hauspflege u.s.w. Und es ist erlogen, wenn neulich jemand sagte: Diese Wohlthätigkeitstanten thäten nichts als sich versammeln und Thee trinken. Epikuräerchen gehört nicht zu den letzten, die Witze über das »Gethue« reißen. Die Armen-Schokolade, sagt er, kochten die Ritterinnen vom blauen Kreuz mit Menschenliebe, und sie schmückten ihr Heim mit den Lastern, die sie dem Volk abgewöhnen wollten u.s.w. Völlig unangebrachte Witze. Gewiß, vielfach äußerliches Gethue, aber doch kein unfruchtbares. Ich meine, was der Mensch thut, aus welchen Motiven immer, es wirkt schließlich auf seine Gesinnung zurück. Bei Mama ist es ganz augenscheinlich. Denke, neulich hat das brave Mamachen zwei Volksschullehrerinnen nicht nur eingeladen, sie hat ihnen sogar feinste Theeküchelchen und Sandwichs ? prima Qualität ? vorgesetzt, während sie doch sonst Gästen, die sie für inferior hält, nur mit billigem, wenn auch nahrhaftem Streußelkuchen aufwartete, in der Meinung, daß solche Leute immer Hunger hätten.

O Anne Marie, glaube, etwas Neues, Großes ist im Werden. Ich habe Gesichte wie Klarissa. Schlafende Psychen wachen auf. Spatzenzeug kriegt Adlerflügel, die Haare der Simsons, der großen Rächer, wachsen, wachsen.

Philister hütet Euch! Du brauchst Dich nicht zu hüten, mein Aennchen Mariechen, Du bist nicht philiströs. Ich habe Dich sehr lieb.

Deine Christel.«

 

»Ich merke es wohl, Du ? beinah mehr Schwägerin als Schwester, Du bist für Adrian eifersüchtig auf meinen Freund. Er ist Dir ein Dorn im Auge. Keine Furcht, daß ich für diesen Luchsäugigen, Giftzüngigen mein Herz entdecke. Er ist zu sehr Dorn, er sticht, aber besticht nicht! (Arg witzig? nicht?) Der Vater mag ihn auch nicht. Seinen Geist vergleicht er mit Windmühlenflügeln. Was eben noch oben ist, wäre im nächsten Augenblick unten und umgekehrt. Viel Wind machten sie ja, und wer ihnen zu nahe käme, den zermalmten sie wohl auch gelegentlich, besonders wenn es eine unbesonnene kleine Frau wäre.

Der arme Frank. Er zermalmt am ehesten noch sich selbst. Es liegt oft düster, nachtschwarz auf ihm. Er macht Andeutungen, als müßte er etwa das Rad des Sisyphos rollen. Der Grund seiner Seele birgt Sentimentalitäten. Ein Unglücklicher, Anne Marie, und für den habe ich doch am Ende mein Herz entdeckt. Ich kann ihm ja helfen. Auch mit meinen häuslichen Talenten. Die schießen mit einer Ueppigkeit ins Kraut, das ich selbst darüber staune.

Der arme Frank hat nie einen Menschen gehabt, der für seine Behaglichkeit gesorgt hätte. Ich bereite jetzt selbst Thee und Kaffee. Das lernt zwar jeder im Umsehen, die gute Hausfrau aber weiß dabei zu individualisieren und Thee und Kaffee auf den Menschen ? respektive den Gast ? zu stimmen. Mein Theetisch ist ein kleines Kunstwerk. In Stimmungseffekten leiste ich Außerordentliches. Requisiten: Vorgeschobene Butzenfenster, Kaminfeuer, bräunlich gelbe oder bräunlich rote Vorhänge. Blumen selbstverständlich. Und jeden Tag andere! Und meine Liebenswürdigkeit auch jeden Tag von anderer Kouleur. Das heißt, das kommt ganz von selbst, von meiner Chamäleonnatur.

Und wenn dann die Falten auf seiner Stirn sich glätten, wenn so ein einfaches, menschlich frohes Lächeln um seinen bittern Mund spielt und der Thee ihm so gut schmeckt, ? er bringt es zuweilen auf fünf Tassen (die Küchelchen dazu hole ich selbst aus der Stadt), dann empfinde ich es warm, es thut gut, sehr gut, für Andere zu sorgen. Man verschafft sich einen ganz durchtriebenen Genuß mit dem Behagen und dem Glück, das man Anderen bereitet.

Siehst Du, Anne Marie, ich meine, eine gute Hausfrau sein, das heißt Verstand, Güte, und Geschmack haben. Das Können dabei ist ganz minimal. Die gute Hausfrau kommt direkt aus dem Herzen.

Dem Adrian kann ich auf diesem Gebiete kaum etwas leisten. Er ist von jeher so verwöhnt worden, da auf dem fetten Gut in Ostpreußen, wo seine Wiege stand. (Frau von Brachts stand auch da.) Ihm fehlt auch der Sinn für feine kleine Nüancen in der intimen Häuslichkeit. Ob der Samovar kupfrig golden strahlt und ich selbst, rosenfingrig, das siedende Wasser auf den Thee gieße, oder ob der Diener ihn fix und fertig aus der Küche bringt, das ist ihm gleich.

Weißt Du, was mich bei meinem Freund am meisten anzieht? Daß er Adrian so entgegengesetzt ist. Bei ihm, dem immer Wildbewegten (mit Pausen schwüler Windstille), ruhe ich förmlich von der glatten Stille meines Gatten aus. Tritt er ins Zimmer, so habe ich das Gefühl, als käme ich aus Stubenluft ins Freie; ein Freies freilich, wo keine Feld- und Wiesenblumen blühen und keine Mittagssonne glänzt, vielmehr ein Freies unter dem Nachthimmel, viel Sternschnuppen, Wetterleuchten, Glühkäferchen in schwarzen Büschen, überhaupt Phosphorescierendes. Und ein weiter, weiter Horizont.

Ich brauche Frank Richter, ich brauche ihn. Er stöbert mich aus der Eingewiegtheit meiner Hängematten-Existenz auf. Es ist Dir gewiß auch schon passiert, Anne Marie, daß Du schlaff oder gedankenlos durch die Leipziger- oder Potsdamer Straße gingest. Da mußt Du über den Damm, mitten durch das entsetzliche Gewühl von elektrischen Bahnen, Omnibussen, Droschken u.s.w. Und fort ist alle Schlaffheit und Gedankenlosigkeit. Mit erregter intensiver Wachheit spähst Du nach allen Seiten hin, um der Gefahr des Ueberfahrenwerdens zu entgehen. Aehnliches geht bei mir vor, wenn Frank Richter da ist. Ich werde, mag ich vorher matt und schläfrig gewesen sein, gleichsam elektrisch. Meine Gehirnnerven vibrieren, spannen sich, um in dem Kreuzfeuer von Gedanken und Gefühlen, das er über mich hinsprüht, nicht zu unterliegen.

O, mein Prolet packt mich derb an. Wenn ich so flau und banal daherrede, wie man es eben thut, gleich fordert er Gründe, warum ich dieses oder jenes denke und sage, und scheint es ihm thöricht, so fährt er auf: »Das haben Sie in der Agramer-Brille gelesen.« Ein von ihm ersonnenes Winkelblatt, als Symbol aller engen, krähwinklerischen Ansichten und Urteile.

In ihm ist ein Ueberlaufen, ein Elementares, und zugleich raffinierteste Geistigkeit, ein Haß auch gegen den Pöbel, den vornehmsten nicht ausgenommen, auch wenn er in der ersten Fauteuilreihe im Parnaß sitzt, auch gegen den Pöbel in seiner eigenen Brust. Ich fühle oft in ihm eine Glut, die wie Feuer unter einer Eisdecke schimmert. Und ich bin dann immer gespannt, ob das Feuer durchbrechen wird.

Ob er mich liebt? Ich glaube: nein. Wundert mich eigentlich.

Er weiß natürlich nicht, daß Adrian ihn den Proleten nennt. Er rächt sich instinktiv dafür. Wenn er von Adrian zu mir spricht, sagt er immer: »Ihr fremder Herr«, obgleich ich ihm doch erklärt habe, daß ich Adrian liebe.

Er behauptet, es nicht zu glauben. Und unbefugterweise zeichnete er neulich das Charakterbild meines Mannes. Nach ihm wäre Adrian ein Dutzendmensch. Nicht dumm und nicht intelligent, nicht kalt und nicht warm. Lau. Als ein Herr Müller oder Schulz würde er wahrscheinlich ein angenehmer, liebenswürdiger, wohl auch bescheidener Herr sein, guter Durchschnitt. Als Abkömmling hoher Ahnen genüge ihm das nicht, und wie die gräfliche Großtante ihr Hörrohr hinter rosenroten Straußenfedern, so verberge er seine Unbeträchtlichkeit hinter kühler Reserviertheit, hinter überlegenem Lächeln und einer sterilen ungeschmeidigen Feinheit. Seine Ahnen ständen immer hinter ihm und heischten etwas von ihm. Er litte unter ihnen, wie unbedeutende Söhne unter ihren berühmten Vätern leiden. Sein Ehrgeiz: Botschaftssekretär in Rom oder London. Nicht in Paris. Er wäre ein alter Herr, meine aufwärtsdrängende Jugend beschäme ihn, irritiere ihn.«

Nicht wahr, Anne Marie, so schaut unser Adrian doch nicht aus, wenn ich auch nicht bestimmt sagen kann, weß Art und Stamm er ist, jedenfalls vom Stamme derer, die geliebt werden, ob auf Konto seiner romantischen Augen und seiner schlanken, feinen Frauenhände, das weiß ich nicht. Seine Sphäre zieht mich an. In der Politik nennt man es Imponderabilien, mit denen gerechnet werden muß. Du ? Du ? ich sage nicht, was ich denke.

Deine Christel.«

 

»Liebe Anne Marie, Du willst wissen, wovon wir denn eigentlich immer miteinander reden, ich und mein Freund. Ach, von allem, was Menschenherz erhebt, von allem, was Menschenbrust durchbebt, viel auch von der Zukunft, und in schwungvollen Momenten vom Allerzukünftigsten. Was redeten wir z.B. gestern. Ich melde, was mir gerade im Gedächtnis geblieben ist. Du mußt Dir aber dabei seine temperamentvollen Gesten denken, das jähe, wetterleuchtenartige Aufblitzen seiner schwarzen Augen, die Sturzwellen seiner Beredsamkeit, unter denen er nicht selten begräbt, was eben noch blühend lebte. Zuweilen steht er am Fenster und muschelt etwas in sich hinein, als ob er zu sich selber oder jemand da draußen spräche, so etwas Verfluchendes, Weltniederschmetterndes. Und dann mit erschreckender Plötzlichkeit eilt er auf mich zu, ergreift meine Hand oder mein Kleid, meine Schärpe und schreit:

»Widersprechen Sie mir nicht.«

»Ich thue es ja nicht.«

»Nicht antworten heißt widersprechen.«

Einmal fragte ich ihn, wie ihm mein Kleid gefiele. Ich hatte nämlich ein neues, wunderschönes Kleid an. Façon Teagown. Weicher, dicker englischer Sammet. Eine Farbe, als wenn in einen Tautropfen der letzte Schimmer der untergehenden Sonne fällt, und ganz unwahrscheinliche, weiße, pelzartige Lichter hat es.

»Ihr Kleid ist wonnig, mild, herrlich.« Und liebkosend strich seine Hand über den Sammet.

»Ich falle doch damit aus der Mode.«

»Nicht ganz. Sie sind vielmehr eine Toilettenkassandra. Sie ahnen die kommende Mode voraus. Sie inaugurieren sie. Und das ist das Geheimnis, billig, ganz billig, süperb, elegant, reizvoll, originell zu sein. Sich aus der Menge herausheben, darauf kommts überhaupt an. Ein feines, listiges Talent, oder ein Genie, das die Moden antecipiert, ob Kleider-, ob Geistes- oder Seelenmoden. Es giebt auch Erdball-und Weltallsmoden, die kosmischen Gesetze sinds. Nach ewigen, ehernen Gesetzen durchläuft alles ? Damenkleider ebenso wie die Gestirne ? denselben Kreislauf, und Anfang und Ende schließen sich immer von neuem zusammen.«

»Wenn doch nach ewigen Gesetzen alles so kommt, wie es kommen muß,« bemerkte ich, »warum haben Sie denn neulich wieder den armen Dichterjüngling allerneuester Richtung ? noch dazu ein Protégé von Mama ? in Ihrer Tinte ersäuft? Sie wissen doch,« fügte ich schmeichlerisch hinzu, »Ihre Tinte ist wie das schwarze Meer, wer hineingerät, kommt darin un.«

Und er: »Nach demselben ehernen Gesetz wie jener dichtet, kritisiere ich ihn. Uebrigens, die neue Richtung ist dabei gleichgiltig. Es giebt gegenwärtig gar keine bestimmte Richtung. Alle Tonarten wirren durcheinander: Trompeten, Flöten (auch Radauflöten), Waldhorn, Harmonium, Orgel. Ich wünschte, die nächste Nouveauté auf dem litterarischen Markt wäre tiefes Schweigen, Sturz der Presse, Erlösung von den Zeitungen, auf daß der hirngeknebelte Mensch aufatmend sagen kann: Ich denke wieder, darum bin ich.«

Als hörte ich Väterchen reden. Erinnerst Du Dich, er behauptete immer, wenn er die politischen und sozialen Ansichten der Leute kennen lernen wolle, erledigte er die Sache immer mit einer einzigen Frage: »Welche Zeitung lesen Sie?«

»Wir erleben diesen Tag des Herrn nicht,« antwortete ich meinem Freund.

»Nein. Vorläufig sind die litterarischen Schlauköpfe, die Spekulanten, die mit ihrem Hirn wuchern, am Ruder. Die, die auf dem Anstand stehen und nach Ideen pürschen, die zünden, Ideen, die lukrativ sind.«

»Warum hecken Sie denn nichts Neues aus, eine neue Moral zum Beispiel.«

»Aber Christa, Nietzsche ist früher aufgestanden als ich.«

»Na dann kehren wir die Sache um: Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo, zur Einfachheit der ersten Katakombenchristen.«

»Der Roman ?Quo vadis? ist nicht nur schon geschrieben, es sind auch schon ein Dutzend Imitationen im Druck. Und der Satanismus von Huysmans und Gefolgschaft ? abgethan, und die schaudernden Gefühle in heiligen Hainen, Griechentum, Nirvanaversunkenheit, alles schon dagewesen, um Ben Akibas unermeßlich weises Wort zu gebrauchen.«

»Auch auf dem Gebiet der Erotik nichts Neues?« Er besann sich einen Augenblick.

»Doch. Die Prostituierte als das Weib an sich, das eigentliche, echte Weib. Einige Schriftsteller strecken schon, wenn auch verblümt, die Fühler nach dieser Seite aus, soweit es die Polizei erlaubt.«

»Das glaube ich nicht.«

»Warum nicht? Sind alle, die die Harems-, die orientalische Auffassung vom Weibe haben, so sehr weit von dieser Weibauffassung entfernt? Ein Schopenhauer, ein Nietzsche? Und die Jungfrau, die um der lebenslänglichen Versorgung willen die Ehe ohne Liebe eingeht, nimmt sie nicht ein Pauschquantum, anstatt von Fall zu Fall zu verhandeln?«

»Brechen wir die Erotik ab,« sagte ich. »Ich liebe nämlich solche Gespräche nicht, man weiß nie, ob es bei dem ?parler damour? bleiben wird. Tausend Grüße Dir und Theo.

Christel.«

 

»Anne Mariechen, ach ? wirklich? Ich fange an Dir fürchterlich zu werden mit meinen trockenen Denkereien? Aber das liegt mir ja gar nicht.

Neulich Abend konnte ich nicht einschlafen. Die erste Stunde war eigentlich wunderhübsch. Mein Inneres quoll förmlich von hübschen Einfällen über; nur daß ich sie alle am anderen Morgen vergessen haben würde, that mir so sehr leid. Eine drollige Beobachtung machte ich. Ich war schon im Einschlafen, sah schon die Traumgebilde, und wußte mich doch im Bett, und mit meinen wirklichen, nichtschlafenden Augen schielte ich in die Traumwelt hinein, überlistete sie förmlich, wie jemand etwas genießt, das gar nicht für ihn bestimmt ist ? und ich blickte von meinem Bett aus in einen wunderbaren Märchensaal, wo auf einem Hintergrund von Feuer sich weiße Marmorgestalten bewegten. Ach wie schade, dachte ich, nun schläfst du gewiß gleich ein.

Siehst Du, so genußgierig bin ich, das helle Wachen des Geistes möchte ich und zugleich die Phantasiegebilde einer Künstlerseele.

Viel helles Wachen danke ich Frank Richter. An der Gemeinsamkeit unseres Denkens und Fühlens wächst unsere Intimität. Siehst Du, Anne Marie, ich war zuweilen nahe daran, mich für verrückt zu halten, wenn ich mich für eine Sache begeisterte oder sie verabscheute, und ich erfuhr von aller Welt eine kalte, oft höhnische Ablehnung. Und da kommt einer, der denkt und empfindet wie ich, und der befreit mich von der Pein geistiger Verlassenheit.

Und besonders ist es die gemeinsame Entrüstung, die uns verbindet, viel mehr als die Gemeinsamkeit der Begeisterung. Für die Begeisterung findet man eher Genossen, auch hat man seltener Gelegenheit, in sie hineinzugeraten. Es geschieht gar nicht so viel Herrliches in der Welt.

Worüber wir uns denn immer so entrüsten?

Aber, Anne Marie, hätten wir sonst keinen Stoff, wir lesen doch Zeitungen, die bieten eine Ueberfülle. Wenn wir fanden, daß einer unschuldig ins Zuchthaus wandern mußte, wenn ein Bube aus Parteipolitik für schnöden Judaslohn alle Segel aufspannte, um einen Unschuldigen unter das Beil zu bringen, wenn ein Lehrer kleine Kinder mißhandelte, wenn ? ? ich höre lieber auf, ich könnte Bogen mit diesem Brennstoff für unser Entrüstungsfeuer füllen. Was uns nicht zum wenigsten empört, ist die Lauheit der Menschen den größten Schändlichkeiten gegenüber.

Ja, Mariannchen, wundervoll ist eine solche Verschwisterung der ? gestatte mir das Wort ? Seelen, die ja ein bischen Verliebtheit von seiner Seite nicht auszuschließen brauchte, es auch vielleicht nicht thut.

Trotz der Köstlichkeit dieses Geistesbündnisses sehne ich mich doch zuweilen nach intellektueller Unschuld. Mit Frank bin ich immer in anstrengender Höhenluft, und gern wiegt man sich auch einmal zur Abwechselung weich und mollig in Gefühlswellen.

Warum sollte ich nicht einmal in die Kirche gehen? Und ich ging in die Kirche. Unerfreuliches Wetter wars. Regen. Gleich wie ich eintrat, wars mir, als käme ich aus dem Regen in die Traufe. Vollgepfropft war die häßliche, kahle kleine Kirche, Mensch an Mensch, auf allen Gesichtern der stumpf ergebene Ausdruck von Leuten, die Sonntags in die Kirche gehen wie Alltags an die Arbeit. Sie saßen in feuchten Regenanzügen mit tröpfelnden Schirmen, eine muffige, dicke Luft verbreitend. An langen Messingstangen, wie in untergeordneten Kneipen, hingen die Gaslampen. Spucknäpfe waren auch da, wenn ich nicht irre. Und mein Sinn stand nach hochgewölbten Kuppeln, geweihten Wachskerzen, schimmernden Säulen.

Ein merkwürdig asketischer Einfall, diese nüchterne Häßlichkeit der protestantischen Gotteshäuser, als ob es Nacht sein müßte, wo Gottes Sterne strahlen. Wir können an den Sinnen nicht vorbei. Wir sind nicht Buddhas, nicht Heilige. Die Kirche ist Gottes Kleid, ein feierlich erhabener Faltenwurf stände ihr an, nicht bettelhafte Dürftigkeit. Die Katholiken verstehen es besser. Nicht schön und ergreifend die Vorstellung, daß eine feierliche Welt der Schönheit die Mühseligsten und Aermsten aufnimmt, wenn sie aus dem grauen Elend ihrer Kammern in die Tempel treten?

Weißt Du, Anne Marie, ich bin überzeugt, giebt es auf dem Mars noch Götter, ihre Tempel müßten von so unsagbarer Schönheit sein, daß selbst Wagners kühnste Dekorationsträume bloße Schemen daneben wären. Uebrigens die Spucknäpfe nehme ich zurück. Sie beruhen vielleicht auf einem Irrtum meinerseits.

Ich verließ gleich wieder die Kirche, nahm einen Wagen und fuhr ins Hospital, wo ich unsere alte, kranke Näherin besuchen wollte. Der Regen hatte aufgehört. Warmer, schöner Sonnenschein. Im Garten des Hospitals, den ich passieren mußte, war voller Frühling, alles frisch, maigrün. Die Sonne funkelte in den Tautropfen der knospenden Bäume. Auf einer Bank unter einem blühenden Apfelbaum saßen ein Mann und eine Frau. Sehr alte Leute. Sie hielt die Hände im Schoß gefaltet. Er las ihr aus der Bibel vor.

Ich setzte mich neben sie; sie nickten mir freundlich zu und er las ruhig weiter, die Stelle aus dem Buch Daniel, die von der Wiederkunft des Messias handelt.

Er war zu Ende und klappte die Bibel zu. Eine Weile saßen sie still in sich versunken. Dann sagte die Greisin: »Wir waren beide sehr krank. Gott der Herr hat uns gesund gemacht, er will, daß wir den Messias noch sehen. Wir sind Adventisten.«

Bei Gott, Anne Marie, sie warteten auf den leibhaftigen Jesus Christus, der heute, morgen, übermorgen, sicher in der allernächsten Zeit kommen würde. Und nur deshalb hatte der liebe Gott sie gesund gemacht. Und aus jeder Furche dieser alten Gesichter leuchtete Glückseligkeit, förmlich seelenübernährt sahen sie aus.

Ja, das war intellektuelle Unschuld, rührende, ergreifende. Aber nein, nicht rührend. Plötzlich kam es wie Wut über mich, und mit einem Gefühl des Hasses blickte ich in diese fettgläubigen Gesichter. Wohnt denn das Glück immer nur in den engsten Gehirnen?

Er drängte mich fort von dieser intellektuellen Unschuld. Ich vergaß die Kranke, die ich hatte besuchen wollen, und fuhr nach Hause. Er, der Frank, wartete schon auf mich. Ich schrie ihn gleich an:

»Seien Sie geistreich, furchtbar geistreich. Beweisen Sie mir, daß der Messias schon auf dem Wege nach Berlin ist....«

Ich erzählte ihm mein Glaubens-Abenteuer. Er revanchierte sich mit der Anekdote von einem sterbenden Atheisten der, als ein Geistlicher ihn eindringlich zu Jesus Christus bekehren wollte, die Hand ans Ohr legend, fragte: »Wie war doch der Vorname?«

Ich fand die Anekdote geschmacklos.

Wie konnte er überhaupt wagen, mir Anekdoten zu erzählen! Er war mir für den Augenblick verleidet, bis auf seinen Vornamen, durch seine Vornamen-Anekdote. Frank, warf ich ihm vor, klänge rauh, gebieterisch, absolut. Adrian dagegen ? in dem Namen läge ein zärtliches Pathos, ein Flügelschlag der Sehnsucht.

Darauf machte er eine abfällige Bemerkung über Adrian, und darauf hätte ich ihm beinahe gesagt: Sie sind ja ganz dickfellig, wenn Sie nicht merken, daß Adrian Sie nicht ausstehen kann. Ich sagte aber nur, es thäte mir sehr leid, daß mein Mann keine Sympathie für ihn habe, und ich fing an, Adrian herauszustreichen. Ich machte es wie die Mütter, die erst über ihre Kinder klagen, stimmt aber der Zuhörer ein, so werden sie böse auf ihn und verteidigen, was sie eben erst verklagt haben.

Die meisten Leute, mit denen wir verkehren, suchen ihren Ton ein wenig auf Adrians Art und Weise zu stimmen. Mein Journalist denkt nicht daran. Er läßt sich, wenn mein Gatte anwesend ist, erst recht in seiner Art gehen. Es irritiert mich in Adrians Gegenwart. Ich bemühe mich, ihm seine Ungebührlichkeiten abzugewöhnen. Ohne Erfolg. Z.B. tritt jemand ein, den er nicht mag, so empfiehlt er sich mit einer unartigen Plötzlichkeit. Einem andern gegenüber hüllt er sich in verletzendes Schweigen, und zuweilen ? und das ist das Schlimmste ? wird er höhnisch, zornig, wenn jemand etwas sagt, das sein Gefühl oder seinen Verstand beleidigt. Und er ist so oft beleidigt. Oft mag er nicht über die Straße gehen, weil ihn der Anblick häßlicher und plumper Menschen verletzt. Bei der geringsten Berührung zucken seine Nerven schmerzhaft.

Wenn ich ihm Vorwürfe mache, lacht er mich aus. Er habe seine eigenen Sitten, nicht die des Barons von Lützow oder irgend eines Anderen. Er verlange ja auch nicht, daß Andere sich nach seinen Sitten richten. Das geschmeidige Einknicken der Eigenheit zu Gunsten Anderer endige meistens bei Geßlers Hut.

Seit einiger Zeit meidet Adrian den Salon, wenn der Prolet da ist. Nur neulich, als einige Leute kamen, die ihn interessierten, blieb er.

Frank Richter machte mir ostentativ den Hof, was mir wohlthat, weil es in Adrians Gegenwart geschah. Als die anderen Gäste gingen, begleitete Adrian sie hinaus und kam nicht wieder. Nun fand ich das Kourmachen fad.

»Sprechen wir von etwas anderem,« sagte ich.

»Besseres als die Liebe, im Notfall auch nur die gesprochene, giebt es nicht.«

»Das sollen Sie mir erst beweisen.«

Und plötzlich ergriff er meine beiden Hände und riß mich empor, so heftig, daß es mir weh that. In unwillkürlicher Abwehr schlug ich nach ihm.

Er hatte mich schon losgelassen. Er verschränkte die Arme fest im Rücken, als wolle er sich selbst fesseln. Eine leise Furcht beschlich mich, die Fesseln könnten nicht halten.

Etwas verhalten Gewaltthätiges war in seinen Zügen. Seine Augen schwarz, bösflammig. Er atmete tief auf und trat ans Fenster, abgekehrt von mir. Schweigend starrte er eine Weile hinaus. In schweren, langsamen, unaufhörlichen Flocken fiel ? im April ? der Schnee, ein weißblumiger, weicher Vorhang, der, allmählich vom Himmel niederrollend, die Welt da draußen begrub.

Als er sich mir wieder zuwandte, trug sein Gesicht einen schwermütigen Ausdruck.

»Sehen Sie, Christa, wenn ich Sie vorhin in meine Arme genommen hätte, das wäre intellektuelle Unschuld gewesen. Das heißt, wenn es Unschuld geben könnte, so lange wir Eltern haben. Schon vor der Geburt sind wir oft verurteilt.«

So bleich sah er aus und so finster blickte er, als er das sagte. Es that mir weh. Ich reichte ihm die Hand. Da wurde er gleich wieder dreist.

»Warten Sie nur, warten Sie, ich bete Sie doch noch an meine Brust, wie der Prediger Sang in »Ueber unsere Kraft« sein Weib vom Krankenlager aufbetete.«

»Aber sie starb an dem Wunder.«

»Ueber allen Wundern des Glaubens die Wunder der Liebe.«

Er sagte beten. Höchstens könnte er eine Frau an seine Brust reden.

Es scheint aber, er liebt mich nun doch. Ich wußte von Anfang an, daß es so kommen würde.

Er stand schon in der Thür, kam aber noch einmal zurück.

Uebrigens habe er sich schon längst vorgenommen, mir einmal eine Generalpauke zu halten.

Hier die Pauke, ziemlich wortgetreu, ? Gott sei Dank ? kurz:

Ich wäre gerade so gewohnheitsblind und taub wie alle andern. Wie sie, klammerte ich mich mit rührender Anhänglichkeit an die von Urvätern ererbten Denk- und Gefühlsgewohnheiten, liebe, alte, bequeme Bekannte.

Ich wollte ihm auseinandersetzen, daß ich mich frei von Gewohnheitsvorurteilen wüßte.

Er ließ mich nicht zu Worte kommen. Er wisse, was ich sagen wolle. Natürlich gehörte ich zu den kühnen Freidenkern, die sich für ungeheuer fortgeschritten halten, wenn sie ein Mädchen, das ein Kind gekriegt hat, nicht ohne weiteres verdammen, und einen Dieb und Mörder mit der Unfreiheit des menschlichen Willens und aus den sozialen Zuständen heraus erklären, Dinge, die sich eigentlich für jeden, dessen Ethik nicht in den Kinderschuhen stecke, von selbst verständen. Zu unterscheiden aber, was in unserem Empfinden, in unseren ethischen Begriffen auf Gewohnheit und Tradition beruhe und was uns unserer Natur und Eigenheit nach zukomme, sei so schwer, als durch noch unbefahrene klippen- und sandbankreiche Meere ein eigenes Fahrzeug selbst zu steuern. Wie viel bequemer, sich von großen Schiffen, die ihre erprobten, klippensicheren Bahnen ziehen, ins Schlepptau nehmen zu lassen. Es gäbe in unserem Zeitalter nur zwei Genies, die so gefährliche Fahrten unternommen hätten. Der eine: Nietzsche. Der Andere- »ich bringe Ihnen sein Buch, wenn Sie reif dazu sind. Sie haben Geist, denken Sie über die Gewohnheitsblindheit nach. Glauben Sie, es war ein Ihrer Natur entspringender, keuscher Stolz, daß Sie mich schlugen? Sie schlugen nur aus Zorn, weil Sie »nein« sagen mußten. Mußten? Kindskopf!«

Es machte mich böse, was er sagte.

»Ich möchte Sie wieder schlagen.«

»Ob das die richtige Methode wäre, hinter die Wahrheit zu kommen? Ein Schlag ins Wasser. Er löscht kein Feuer.«

Ich werde wohl künftig vorsichtiger sein müssen, damit es gar nicht erst zum Brennen kommt. Nicht, Anne Marielein? Lasse nur in Deinem nächsten Brief Adrian grüßen. Das hat er so gern.

Deine Christel.«

 

»Anne Mariechen! Anne Mariechen! Franks Pauke hat auf mich gewirkt, sehr sogar. Ich bin in ein unstätes, ganz wüstes Experimentieren verfallen. Meine Seelenzustände interessieren Dich wahrscheinlich gar nicht? Ich muß sie mir aber vom Halse schreiben. (Seelenzustände vom Halse schreiben ? auch ein Bild.) Auf Monologe kriegt man keine Antwort. Im Zwiegespräch mit Dir, Du meine allerliebste, liebe Schwester, fällt Dir-oder vielleicht auch mir ? etwas ein. Kein schreckhaftes Bild von Sais entrolle ich Dir, und ob ich mich überhaupt ganz entrolle? Das ist sone Sache. ? Von Adrian nichts Neues. Ganz lieb und ein klein bischen steif, wie immer.

Kinder werde ich, wie es scheint, nicht bekommen. Es käme mir auch beinah unnatürlich vor. Weiß nicht, warum. Ich wünsche mir auch keine. Sags niemand, sonst heiße ich gleich ein Unweib. Für die Kinder, die ich nicht bekomme, ists eine gute Chance. Wie und wozu sollte ich sie erziehen? Sie würden gewiß so artig, so artig geraten wie Adrian.

Also die erwähnten Seelenzustände datieren von dem Gespräch über die Gewohnheitsblindheit. Mit dieser Blindheit scheint mein Prolet recht zu haben. Ich denke darüber nach und mache Entdeckungen ? kleine Miniaturentdeckungen nur ? und gerate doch darüber in ein wahres Entdeckungsfieber. Höre! ich glaube eine Methode gefunden zu haben, um die Binde von meinen Augen ? wenigstens zu lockern. Nämlich: ich versuche Menschen, Dinge, Zustände so zu sehen, als sähe ich sie zum ersten Mal, so einigermaßen wie ein Wilder (aber ein Wilder mit Gymnasialbildung), der im Urwald einschläft und in Berlin oder Paris aufwacht, gänzlich ohne Anempfundenes und Angedachtes, ohne erworbene Ideen. Ich schaffe das »man« ab. Statt »man sagt ? man ist der Meinung« sage ich nun: »Ich.« Und bei Gott, ich fange an, die Dinge ? nicht alle zwar ? zu sehen, als sähe ich sie zum ersten Mal.

Merk auf: da komme ich z.B. an einem Schlächterladen vorbei. Ein frischgeschlachteter Hammel hängt draußen an einem Haken. Das Blut träufelt noch aus dem Innern des Tieres auf die Steinfliesen der Ladenschwelle. Daneben steht der Geselle mit der weißen, blutigen Schürze. Ich bleibe wie gebannt stehen. Ich sah, was ich ziemlich gleichgiltig hundert Mal schon gesehen, zum ersten Mal vollbewußt, und ich sah es mit einem Schauder des Abscheus. (Am Ende würde der Wilde mit Gymnasialbildung gar nicht geschaudert haben, besonders nicht, wenn es ein Kannibale gewesen wäre.) Und von solchen blutigen Leichnamen essen wir. Ich fühlte Ekel. Ich bin Vegetarierin geworden. Das heißt, bei Tisch lege ich noch etwas Fleisch auf meinen Teller. Ich habe nicht gern, wenn Adrian mich auf den Mars schickt. Zuweilen esse ich auch noch ein paar Bissen davon. Aus einem Kotelett einen casus belli zu machen, käme mir pedantisch vor.

Ja, Frank Richter hat Recht. Darum ist das Reisen in ferne, fremde Länder so nützlich und fruchtbar. Da sehen wir alles frisch, mit neuen Augen, hören mit neuen Ohren. Gewiß könnten wir auch zu Hause uns ebenso bereichern. Die Gewohnheit aber, dieselben Dinge immer wieder zu sehen, hat unsere Sinne eben abgestumpft.

Ich laufe nicht mehr gedankenlos durch die Straßen. Ich blicke aufmerksam nach rechts und nach links, und nicht blos wegen der Gefahr, von der Elektrischen überfahren zu werden. Ich sehe die Prachtbauten der Warenhäuser ? königliche Paläste. Sie sollen der Berechnung schlauer Spekulanten ihre Existenz verdanken, sollen einen unlauteren Konkurrenzkampf gegen die Kleinhändler bedeuten, die sie zu Grunde richten. Ich dachte auch hier um und ich begriff, daß es wirklich Paläste sind, die eine Königin baute: die Industrie. Die jeweiligen Besitzer sind nur ihre Handlanger, wenn sie selbst es auch nicht wissen. Gewiß, sie werden die Kleinhändler aufsaugen, wie die Maschinen im Beginn ihres Zeitalters die erste Arbeitergeneration zu Grunde richteten.

Mein Blick, der früher den sausenden Zügen der Elektrischen gleichgiltig gefolgt war, sah ihnen jetzt mit Ehrfurcht nach. Auch dieser großartige Kulturbesitz wird andere Erwerbszweige vernichten. Die überflüssigen Kleinhändler werden aussterben und auch die überflüssigen Pferde.

Gewiß war auch das Talglicht (vom Kienspan gar nicht zu reden) böse, als das Oel aufkam, und das Oel war böse auf das Petroleum, als es von ihm verdrängt wurde, und nun setzt das elektrische Licht das Petroleum auf den Aussterbeetat. Wir Menschen werden ja auch, damit neues Leben Raum gewinne, vom Tod aufgesogen. Wir murren zwar ? ich sehr ? müssen aber doch still halten.

Gedankenspiele! Ihr habt mich ja schon ausgelacht, als ich, noch ein Kind, meine Spiele so nannte. Lache nur wieder.

An einem andern Tag sah ich einen Wagen mit Müllabfuhr vor einem Hause stehen. Männer in hohen Stiefeln, vor Schmutz starrend, Mißduft um sich verbreitend, trugen den Abhub aus den Wohnungen. Bisher war ich ihnen, mein Kleid zusammenraffend, möglichst aus dem Wege gegangen, ohne einen Blick oder einen Gedanken an die Sache zu verschwenden. Ich sah es nun zum ersten Mal. Mit Neugierde blickte ich in diese stumpfen, grauen Gesichter. Und diese schwere, schauderhafte Arbeit verrichten sie Tag für Tag, Jahr für Jahr. Und sie ertragens? Und die Gesellschaft hat den Mut, sie ihnen aufzubürden, ohne ein Aequivalent? O ja, sie findet es sogar selbstverständlich, wie es selbstverständlich ist, daß der Frosch im Sumpf lebt.

Von der Politik verstehe ich rein gar nichts. Für einen Menschen gäbe es da gewiß auch viel Erstaunliches, Ungeheuerliches.

Ich war neulich im Reichstag. Eine stürmische Sitzung. Wie redeten denn diese vom Volk Auserlesenen! Sie redeten mit Fäusten. Sie spieen Gift und Galle gegeneinander, und ihre gegenseitigen Beschimpfungen fanden nur an der Glocke des Präsidenten eine Schranke. Ist das Volk wirklich so wahnsinnig gewesen, solche Interessenpolitiker, solche Verräter, Schufte u.s.w. zu wählen? Und sind sie es nicht, warum taxieren sie sich gegenseitig so? Man hat mir gesagt, das wäre gar nicht so böse gemeint, in den Frühstückshallen drückten sie sich freundlichst die Hände. Alles nur Parteimanöver. Zweck: die Wahrung der Heiligtümer der Nation. Warum wollen diese Jesuiten denn die andern Jesuiten nicht ins Land lassen? Und die frommsten Parteien, sie sind nicht die faulsten im Schimpfen.

Weißt Du, Anne Marie, was ich im Reichstag einführen würde? Vor jeder Sitzung müßte eine Stelle aus der Bibel gelesen werden, die eine Quintessenz von Christi Lehre von der Brüderlichkeit enthält. Oder: an den Wänden müßten solche Sprüche stehen ? mattfarbig. Eine elektrische Leitung könnte sie mit dem Präsidentensitz verbinden, und wenn einer der Auserwählten sich so recht bruderfeindlich aufführte, zöge der Präsident die Strippe, und der passende, den Bruderfeind zur christlichen Ordnung rufende Spruch müßte ? ein flammendes Menetekel ? an der Wand sich zeigen. Zum Präsidenten aber wäre der Weiseste und Beste der Parlamentarier zu wählen, einer, der Ethiker ist vom Scheitel bis zur Sohle. Sollte sich unter den 396 Abgeordneten nicht ein einziger wahrer Christ befinden?

Ach ? ich wäre es nicht. Im Gegenteil, wie oft, oft müßte auch einer für mich die Strippe ziehen und mir leuchtende Menetekels an die Wand malen.

Ich sehe mich ja auch selber neu. Die Gewohnheit hat uns auch gegen unser eigenes Selbst abgestumpft. Wir kennen uns ja von Geburt an. Wir sind uns nicht mehr interessant. Wir sind aber interessant.

Ich sehe, daß ich dabei war, mich immer mehr dem Adrian anzupassen. Ich fing schon an, mich nach sei nem Geschmack zu kleiden, zuweilen war ich von Frau von Bracht nicht mehr zu unterscheiden. Ich beobachte mich. Alle Augenblicke rufe ich mich an: »Du lügst ja schon wieder! Da unterschlägst Du ja Deine Meinung, blos um nicht aus dem Rahmen zu fallen, Du redest ja immerzu, auch wenn Du nichts zu sagen hast, Sprechmaschine Du, die von sich giebt, was man in sie hineingefüttert hat.« Und oft überrasche ich mich bei einer grinsenden, einladenden Liebenswürdigkeit allen möglichen unangenehmen Leuten gegenüber.

Und diese Baronin Adrian von Lützow nannte Vater einmal Madam Abseits. O Vaterchen, Vaterchen, sie hat elend eingepackt. Sie war im begriff, in der Ehe zu versimpeln.

Und die Ehe sehe ich nun auch neu. Verheiratet sein! nach alter Denkgewohnheit heißts: Zwei sollen eins sein! Seltsamste, wundergläubigste Vorstellung! Barer Unsinn wärs in der Mathematik, und ists auch sonst. Ja, mein Gott, warum sollen denn zwei eins sein, die vielleicht, wie Adrian und ich, so grundverschieden von einander sind? Siehst Du, Anne Marie, ich glaube an diesem Einsseinsollen scheitern so viele Ehen, wenigstens diejenigen, in denen die Frau eine Individualität ist. Und ist es nicht urkomisch (ulkig würde Dietrich sagen), daß die dezidiertesten Weiblichkeitsschwärmer, diejenigen, die das Einssein der Gatten als die vornehmste sittliche Eheforderung aufstellen, in demselben Atem die weitgehendste intellektuelle ? und Seelenverschiedenheit von Mann und Weib zu einem Naturgesetz stempeln?

Sage, warum verkünstelt, verschraubt und kompliziert man Zustände und Beziehungen, die so einfach sein könnten?

Ich kann mir vorstellen, daß ich einen herzgütigen, bibelfrommen, einfachen Landpastor lieben und heiraten könnte, mit all meinem Radikalismus. Teilte ich auch seine Ansichten, seine Weltanschauung nicht, es bliebe wohl noch so viel, so viel an ihm zu lieben. Aber eins mit ihm sein! Das käme mir wie eine Mißgeburt vor, etwa wie ein Kalb mit einem Hasenkopf, das man für Geld zeigt, oder wenigstens wie die siamesischen Zwillinge, bei denen ein physiologisches Malheur zusammenfügte, was Gott getrennt haben wollte.

Die Zweiheit in der Ehe wird die Parole der Zukunft sein. Ueber der Pforte der »Neuen Ehe«, die die Heißsporne der Frauenbewegung so begeistert verkünden, werden die Worte stehen: Ich bin ich und Du bist Du, eins sind wir in der Liebe.

Vielleicht wäre meine Ehe mit Adrian glücklich geworden, wenn er mich nicht durchaus so hätte haben wollen, wie ich nun einmal nicht war und nicht sein konnte. Ich fühle immer den Zaum, mit dem er mich zügelt, und schiebe ich ihn bei Seite, so schmerzt die Stelle noch, wo er gedrückt.

Sage, Anne Marie, ist das nicht auch eine merkwürdige Sitte, daß Mann und Frau so nah beieinander schlafen, daß ihr Atem sich berührt. In vielen Ländern sogar in einem Bett. Selbst in ganz schlechten Ehen, die voll Hader und Zank sind, ist es so. Erinnert das nicht an die groteske mittelalterliche Strafe für alte, zänkische Weiber, deren Köpfe man in ein Doppelbrett klemmte, und zwar so, daß sie sich in nächster Nähe immer in die Augen sehen mußten?

Adrian und ich, wir zanken und hadern nicht, und ich habe mich doch an diese enge Gemeinschaft nicht gewöhnen können.

Ich benutzte einen Influenzaanfall, um mir ein anderes Schlafzimmer einzurichten. Und dabei blieb es denn. Ich wußte, daß er kein Wort darüber verlieren würde. Habe ich nicht recht?

Dein Christelchen.«

 

»Na ja, Du herzliebe Kleine, habe ichs nicht gleich gesagt? meine Seelenzustände sind Caviar für Dich. Ich lese es ja zwischen den Zeilen aus Deinem letzten Brief heraus, daß Du so ein bischen heiteren Gesellschaftsklatsch möchtest, weil es Dir doch so traurig geht. Aber Anne Mariechen, nehme ich das Gesellschaftstreiben in die Feder, giebts gleich Bosheiten, das heißt, eigentlich sinds gar keine Bosheiten, eher das Höhnen eines Ernsthaften über Allzunärrisches.

Ich übersehe das Wochenrepertoire meiner häuslichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen, und mir grausts. Jeder Tag ist bis zum Rande gefüllt. Eine wahre Jagd, aber nicht nach dem Glück. Zu A.s muß ich gehen, weil die Spitzen der Diplomatie dort sind. Adrian will es. B.s sind nicht zu umgehen, weil wir da schon zweimal abgesagt haben. Eine dritte Absage verbietet der Anstand. In das Komité für Hauspflege muß ich eintreten, weil die hervorragendsten Gemahlinnen aus den oberen Zehntausend dabei sind. Adrian will es. Dieses oder jenes Konzert, dieses oder jenes Theater darf ich mir nicht schenken ? na ja, eben weil alles da ist, was ein bischen was ist.

Sogar bei Thalheims muß ich ab und zu eine Einladung annehmen, Mama will es, weil der Herr, der durchaus nicht Kommerzienrat werden will, ein so nahrhafter Klient vom Vater ist. Und schlage ich einen Schriftstellerinnen-Kaffee bei Julia aus, so legt sie es mir als Hochmut aus. Da läßt man hilflos die Arme sinken. Die Sklavin der Welt, wie sie leibt und lebt, das bin ich.

Siehst Du, Anne Marie, wenn ich mich frage, was ist eigentlich der Kern dieses Gesellschaftslebens, so finde ich nur zweierlei: Eitelkeit und Erotik. Eitelkeit, das ist zwar ein gefräßiges, aber meist doch ein gutmütiges Ungeheuer, es frißt aus der Hand, nährt sich bescheiden wie die Flamme von allem, was man ihm hinwirft, auch von Unrat. Es beißt selten, was die Erotik oft thut.

Die Vorstellung, jahrein, jahraus, bis ich mit dem Kopf wackle (obwohl ich mir vorgenommen habe, nie damit zu wackeln), diesen eleganten Schlendrian mitzumachen, kommt mir ganz verwunderlich vor. Zugeben muß ich freilich, daß ich mich zuweilen amüsiere, entweder wenn ich aus purer Langeweile mich verstelle und kokett thue, wo man mir dann rasend den Hof macht, oder wenn Geister à la Bracht oder Adelheid Thalheim ihre tiefsten Gedanken aussprechen. Das amüsiert, wie wenn man die Fliegenden Blätter oder den Simplicissimus liest. Die Bracht bringe ich gern ? aus Bosheit ? auf Litteratur. Sie sagt dann so hübsche Sachen. Einen sehr guten Roman fand sie miserabel, weil ein Atheist darin vorkäme. Ueber Fontanes Effi Briest brach sie gänzlich den Stab. Warum? darauf kommst Du nicht. Weil doch keine Frau so dumm sein würde, die Briefe ihres Liebhabers in ihrem Nähtischchen aufzubewahren.

Und ihre Entrüstung über Hauptmanns Fuhrmann Henschel! Einem für einen ganzen Abend Fuhrknechte zuzumuten ? dégoûtant.

Zu Thalheims gehe ich übrigens nicht ungern. Als Tischherr ist er mir geradezu angenehm. Er reißt so kindliche Witze und erschrickt dann immer selbst so drollig darüber, und kein Mensch hat Respekt vor ihm, selbst die Diener nicht. Neulich, in einer Gesellschaft, winkt er einem Lohndiener, der eine Languste präsentiert: »Nur heran mit der langen Juste,« worauf der Lohndiener äußert: Gerade so habe er sie eben auch in der Küche genannt. Und nachher, als er ihm den Braten reicht, sagt er: »Fasan.« Sein sechzehnjähriges Töchterchen wetzte einigermaßen die Scharte des Papas aus, indem sie einen anderen Diener, der Champagner eingoß, fragte: »Welche Marke?«

Frau Adelheid ? Du weißt, sie ist Jüdin ? ist so stolz auf ihren Verkehr, weil nämlich fast ausschließlich ? Du denkst: Christen bei ihr verkehren? nein, höher hinauf ? fast nur Antisemiten. Die Sorte scheint sie für noch viel vornehmer zu halten als den gemeinen Arier. Ach, ich vergaß, sie sind ja garnicht mehr Juden. Sie haben sich kürzlich taufen lassen, obwohl die boshafte Bracht meint, er mauschele noch so mit Armen und Beinen, daß der protestantische Pfaffe, der ihn taufte, ein Stümper gewesen sein müsse. Bei solchen Witzgelegenheiten vergißt die fromme Dame ihre Frömmigkeit. Gelegentlich einer Komiteesitzung zu einem Wohlthätigkeitskonzert stellte es sich heraus, daß sie sich in das Komitee hatte aufnehmen lassen, ohne zu wissen, wem die Wohlthätigkeit galt. Sie trat dann freilich wieder aus, aber nur, weil eine Breslauer Jüdin dabei war. Das »Breslau« betonte sie so stark, daß man annehmen mußte, sie hielt Breslau dabei für einen erschwerenden Umstand. Ueberhaupt bei jeder Gelegenheit stichelt sie auf Jehova, als auf den persönlichen Feind des einzigen und wahren, des »von Brachtschen« Gottes.

Als ich am vorigen Montag ihren Jour besuchte, schämte sie sich so vor mir, daß sonst niemand kam, und war dann noch viel beschämter, als zur späten Stunde doch noch eine Dame erschien, aber leider nur eine ganz nebensächliche, einfache Kaufmannsgattin. Als die, durch den kühlen Empfang geniert, bald wieder ging, suchte Frau von Bracht ihr in meinen Augen dadurch ein Relief zu geben, daß sie von ihrem Sohn erzählte, der sich unter tragischen Umständen erschossen habe.

Neulich auf einem glänzenden Rout bei dem amerikanischen Gesandten schenkte mir eine der feinsten Excellenzen die Ehre einer Unterhaltung. Ganz alt war sie, gewesene Beauté, grinsend, sehr gefärbt, sehr dekolletiert, hofdamenhaft. Die Unterhaltung verlief ungefähr so: »Ihr Gatte ist Offizier?« »Nein, Legationsrat.« »Ah, das einzig mögliche Civil für uns. Die wegen ihrer Verdienste in Kunst und Wissenschaft Geadelten zählen nicht.«

Sie teilte mir auch mit: auf das erste Fest der Künstler- und Schriftstellervereinigung habe sie nur ihren Mann geschickt, der sich überzeugen sollte, ob »man« hingehen könne. Auf dem zweiten war sie dann. »Da war Graf Brucks mit Frau, wissen Sie, der Fredi, und auch zwei Minister waren da, sonst allerdings niemand.« ? Es waren 200 Menschen anwesend. Nein, Anne Marie, daß es das noch giebt, zu amüsant oder zu deprimierend.

So! mehr Klatsch weiß ich wirklich nicht. Werde wohl auch kaum mehr welchen ansammeln, da ich, Vaterchen nachschlagend, entschlossen bin, mich zum Meidegast auszubilden. Nein, Anne Marie, im Gesellschaftsleben kann man seinen Charakter nicht verfeinern, nicht ethisieren. Und das möchte ich doch gern, sehr gern. Fürchte nicht, daß ich gleich Uebermensch werden will. In meinen Ethisierungsbestrebungen ist feine Selbst- und Genußsucht. Mißmut, Gereiztheit, Aerger schadet uns selbst ja am meisten. Merke ich, daß diese bösen Geister Besitz von mir nehmen wollen, so lese ich schnell Verse von Stefan George, oder ich lasse meine Hände in einem seidenweichen Wagalaweia über die Harmoniumtasten gleiten, und sieh ? da liegt meine Gereiztheit wie in goldenen Netzen eingewiegt, und über meine Zornwogen rinnts wie Oel.

Mitunter brauchts auch nur eine Blume zu sein, die ich aus einer Vase nehme und deren stille Schönheit mich beschämt. Meinst Du, Baldriantropfen thätens auch? Ja, ja, aber die wirken so physisch (mir liegt das Psychische mehr) und sie riechen auch so giftig.

Ich komme vielleicht heute gerade auf so etwas, weil ich geärgert worden bin ? von Adrian. Erstlich bin ich überhaupt böse auf ihn, weil ich um seinetwillen die Universität aufgegeben habe. Ich hätte es Dir schon geschrieben, ich schämte mich aber. An seinem passiven, zähen Widerstand bin ich gescheitert. Etwas thun, wozu ein Anderer immer scheel sieht, das geht über meine feinen Nerven. Und noch etwas ? gestern ereignete es sich. Daß die liebreizende Urahne ? Adrians Großtante ? ganz leer ist, hatte ich längst gemerkt; ihre so graziös hinschleppenden Atlasgewänder aber hatten mich fasziniert, ihre schlanke Anmut auch. Zu allen Nichtigkeiten, die sie vorbrachte, hatte ich stets verbindlich gelächelt und »Ja« gesagt. Als sie aber nun gestern wieder einmal so recht fossil Ahnenhaftes, ärgerlich Thörichtes vorbrachte, da lächelte ich nicht verbindlich und sagte nicht ja, sondern nein. Und als sie ging, küßte ich ihr nicht die Hand, was ich um so lieber unterließ, da ich mir schon einigemal an ihren blitzenden Ringen die Lippen verletzte.

Ich hatte aber ein unbehagliches Gefühl, als sie so erstaunt aussah und mich etwas eilig verließ.

Adrian sagte mir nachher, seine verehrungswürdige Großtante fände mich überreizt und riete mir, etwas für meine Nerven zu thun. Er bäte mich, nie die Rücksicht, die ich ihrem Alter und ihrem Stand schulde, aus den Augen zu lassen.

»Ach, sie ist so langweilig und so leer.«

Und er, mit dem feinen, leisen Lächeln, wie er es lächeln kann: »Dein Prolet (das »Dein« betonend) hat Dich verwöhnt.«

Bei Tisch sprach er kein Wort. Er war böse. Er blickte nur beim Essen mit einem eigentümlichen Ausdruck auf meine Hände. Ich wußte gleich, er fand etwas in meiner Handhabung von Messer und Gabel, das auf den Mangel hoher Ahnen schließen ließ. Das reizte mich. Und ich sagte in einem lebhaften Ton irgend etwas, das ihn auch reizen konnte. Darauf er, auffallend leise: »Sprich nicht so laut.« Es war, als hätte mir jemand zugerufen: »Pöbel.« Thränen schossen mir in die Augen. Ich ließ das Essen im Stich und ging aus dem Zimmer.

Anne Marie, wenn ich nun wirklich ein gräßlicher Plebejer wäre! Kann ichs wissen?

Er hat so spitze kleine Dolche. Ich hätte wohl keinen Aristokraten heiraten sollen. Die bringen zu viel Vergangenheit mit, und ich und meinesgleichen, wir tragen zu viel Zukunft in der Brust.

Um meiner Zornwallung Herr zu werden, hätte einer Blume stille Schönheit nicht genügt. Ich nahm einen Wagen und fuhr zum Nationalmuseum. Zu den Böcklins wollte ich. Aus der unseligen Verärgertheit heraus zum »Gefilde der Seligen«. Als ich ans Museum kam, war es ? ich hätte es wissen können ? längst geschlossen. Es fing an zu tröpfeln. Ich trat unter den bedeckten Säulengang, der das Museumterrain nach der Spree zu abschließt. Ich war dort nie gewesen. Du gewiß auch nicht. Ein ganz verwunderliches, wie verschollenes Klein- und Stillleben bot sich meinen Augen. Jenseits der Spree sah es aus, als wäre die Welt dort mit Brettern vernagelt.

Schwärzliche, invalide Kähne ruhten träge auf dem Wasser, mit Stricken, Steinen und allerhand Handwerkszeug angefüllt. Am Ufer schüchterne, halb schon im Keim erstickte Versuche von Vegetation: ein wenig vertretenes Gras, trockenes, verstaubtes Gesträuch. Dazwischen kleine, sonderbare, barackenartige Häuschen, der Putz abgebröckelt, mit plumpen, kleinen Holzthüren. Einige hatten einen Giebel, der von vier Säulchen getragen wurde, als hätte die Museumsnachbarschaft sie zu etwas Künstlerischem angestachelt. Hinter einem lückenhaften Bretterzaun ein kleiner Platz für Ablagerung von Steinen. Auch ein paar häßliche Hinterhäuser lagen in meinem Gesichtskreis, und ein schmutziges, verwittertes Höfchen mit einem Durcheinander von Trottoirplatten, Schuppen, Brettern, Steinen, Gipsscherben. Alles verärgert wie ich selbst, eingerostet, verschollen, als wäre diese große Rumpelkammer unter Gottes freiem Himmel seit Hunderten von Jahren hier vergessen worden.

Mit den Böcklins war es also nichts. Vielleicht das Theater? Sieben Uhr. Noch reichlich Zeit. Das Residenztheater ist nicht weit. »Die Dame von Maxim«, das äußerst frivole Stück paßte mir gerade. Es war Adrian ganz recht. Ich fuhr hin. Es war schon dämmerig. Laternen und Bogenlampen brannten noch nicht. Gewöhnlich fährt man, sich ausruhend, gedankenlos durch die Stadt. An dem Tage frappierten mich die Bilder von sinnverwirrender Buntheit, die in diesem geräuschvollen Stadtteil an mir vorüberglitten, wo das Aelteste und Neuste in Bauart und Straßenlinien zusammenstoßen. Neben palastartigen Gebäuden Baugerüste und ärmliche Häuschen, die an das einstige Schifferdorf erinnerten. Graue, ernste, altertümliche Häuser und neue, häßliche, lange Fabrikgebäude, denen man es von außen abliest: »Hier wird geschuftet.« Könnte man den Façaden dieser Häuser nicht einen, wenn auch noch so billigen Schein des Schönen geben, den Adel der Arbeit zu symbolisieren?

Neben Schnapsbutiken Läden voll prangender Blumen. Schwerfällige Lastwagen, Omnibusse, Pferdebahnen, elegante Equipagen. Von der Brücke aus blickte ich auf die Spree mit ihrem emsigen Schiffstreiben. Und im Zwielicht erschien mir diese ungeheure Menschenmenge, die da in den Straßen auf- und abrannte, fast spukhaft, sinnlos, ein Füllsel der Großstadt. Und über dem Häuser- und Menschengewirr stieg die rosige Mond empor, und die leuchtende Vornehmheit des stillen Gestirns über dem durch- und ineinanderhastenden Ameisengewimmel war wie eine wundermilde Gebärde Gottes, die all meine Verärgertheit, das Kribbeln und Krabbeln im Gehirnchen fortzauberte. Wirklich, Anne Marie, man sollte nur öfter in den Himmel sehen, die Seele folgte wohl den Augen.

Noch ehe ich an die Blumenstraße gelangte, ließ ich den Wagen umkehren. Wie kleinlich, Adrian kränken zu wollen. Und aufrichtig gesagt, es wäre mir auch wahrscheinlich sehr ungemütlich gewesen, so allein ? in der Dame von Maxim.

Addio, Schwesterchen.«

 

Christa erhielt einen Brief von Anne Marie.

 

 

Ein Unwohlsein ? nicht der Rede wert ? fesselt mich ein paar Tage ans Bett. Bei dieser Thatenlosigkeit am hellen lichten Tage im Bett kriegt auch der Gesundeste Testamentsgedanken. Bin ich wieder die Gesundeste, so komme ich zu Euch. Ich käme so gern, so gern, wenn ? ? Ach, Ihr seid ja nicht glücklich, Ihr Bösen. Zwischen Euch steht ein Schatten. Ich kenne ihn, ein blasser, dünner Schatten nur. Er soll fort. Es muß klar werden zwischen Euch. Glücklich sollt Ihr sein (womöglich selig). Daß meine Hände, die ich segnend über Euch strecke, ein bischen mager geworden sind, wird dem Segen nichts schaden.

Zeige Adrian diese Zeilen. Er soll Dir alles, aber alles sagen. Ich wills.«

 

Christa, nachdem sie den Brief gelesen, stützte den Kopf in die Hände und starrte auf das Papier. Sie zweifelte nicht, Adrian liebte Anne Marie. Hatte sie es nicht immer gewußt? es vielleicht nur nicht wissen wollen?

Mit dem Brief in der Hand ging sie in sein Zimmer.

Das Fenster stand offen. Im Kamin brannte ein Feuer. Ein kühler Frühlingstag wars. Sie gab ihm den Brief.

Sie beobachtete ihn, während er las. Er blieb scheinbar ruhig, nur las er viel zu lange an den wenigen Zeilen.

Er sinnt über das, was er sagen soll, dachte sie.

Langsam legte er den Brief bei Seite. Dann ging er im Zimmer auf und ab, und im Gehen sagte er zögernd, unsicher, mit unterdrückter Bewegung:

»Frage!«

»Du hast Anne Marie geliebt?«

»Ja.«

»Du liebst sie noch?«

»Ja.«

Er blieb am Fenster stehen mit verfinstertem Gesicht. Diese Scene war ihm entsetzlich. Er zerknitterte mit einer zornigen Gebärde den Brief in seiner Hand.

»Du warst ihr Geliebter?«

»Nein. Niemals.«

Christa zweifelte nicht einen Augenblick. Sie wußte, er log nicht.

»Ich weiß, wie Anne Marie auf diesem Gebiet denkt, und ? Theodor. Du hättest es sein können.«

Adrian schwieg.

»Du, Du wolltest es nicht.«

»Es liegt nicht in den Traditionen unserer Familie, durch Hinterthüren fremdes Gehöft zu beschleichen und zu stehlen.«

»Warum ließ sich Anne Marie nicht scheiden?«

»Aus Güte. Es wäre der Tod ihres Gatten gewesen. Sie hat es oft genug ausgesprochen: Sie liebt Theodor wie ihr Kind.

»Warum hast Du mich geheiratet?«

Adrian zuckte zusammen. Er ertrug dieses Examen nicht länger. Er suchte nach seinem Hut, fand ihn nicht gleich.

Christas Herz begann wild zu schlagen. Ihre tiefe Erregung gab ihrer Stimme einen starken, gebieterischen Ton:

»Warum hast Du mich geheiratet?«

Und wie ermattet antwortete er, wider Willen, leise: »Sie wollte es.«

»Ohne Liebe, aus Gefälligkeit gegen Anne Marie hast Du mich zu Deinem Weibe gemacht.« Alles Blut schoß ihr ins Gehirn. »Du ? Du ?«

Sie wollte sagen: Du hast mich prostituiert, aber nur stammelnde Laute kamen von ihren Lippen. Er stand dicht vor dem Kamin, sie fühlte ein wildes, schier unbezähmbares Verlangen, ihn hineinzustoßen in die Flammen. Mit geballten Händen trat sie einige Schritte zu ihm heran und ? ? plötzlich lag sie in seinen Armen, schluchzend, sich auflösend in einem namenlosen Weh. Er preßte sie an sich, und seine Lippen erstickten ihr Schluchzen. Der Sturm in ihrer Brust wehte sie zusammen. Durch das Fenster rieselten rosenrote Mandelblüten auf sie nieder.

War das Anne Maries Testament?

 

Später in ihrem Zimmer blieb sie lange wie betäubt. Wie? das war die Antwort gewesen auf eine tötliche Kränkung? War sie wie die russischen Bäuerinnen, deren Zärtlichkeit durch die Knute des Gatten angefeuert wird? Sagt man nicht, daß Grausamkeit und Wollust verwandt sind! Ja, in der Wollust ist auch etwas Zerreißendes, ein Vernichtenwollen.

Ihr war, als wäre an irgend jemand ein Ehebruch oder ein Liebesbruch begangen worden.

Von Adrian an Anne Marie? oder von ihr an ? ihre Gedanken huschten an dem Namen vorbei.

Im Augenblick der Leidenschaft hatte er ein Wort geflüstert. Sie hatte es nicht verstanden. Wie eine heiße Liebkosung wars gewesen. Sie sann. Ihre Augen wurden starr. Mit einem Mal wußte sie das Wort: »Anne Marie!«

Die Glut, die in ihr noch nachgezittert, erlosch. Sie fröstelte. Ihre Lippen fingen an zu brennen. Die Erinnerung an den Vergifteten im Tiergarten wurde wach. Sie hüllte sich in ihren Mantel und ging hinaus in den erleuchteten Tiergarten. Es war schon ganz einsam dort.

Durch den Schleier bildeten all die elektrischen Bogenlampen flimmernde Kreuze. Sie wandelte durch eine Kreuzallee. Schlug sie den Schleier zurück, so verschwanden die Kreuze und verwandelten sich in große stille Monde, die von allen Seiten den Dahinwandelnden mit sanfter Feierlichkeit grüßten. Ueber der breiten Bellevue-Allee hingen die Lampen quer über dem Weg in der Luft ? Riesenperlenschnüre.

Die vornehme Villenstraße begrenzt auf der einen Seite den Park. Die elektrischen Birnen in den Zimmern und die Laternen vor den Portalen durchglühten mit ihrem rötlichen Licht die schwarzen Baummassen und schufen einen Zauberwald aus dem bei Tageslicht so korrekten Tiergarten.

Das Standbild der Königin Luise mit der steinernen Rose an der Brust war fast taghell beleuchtet. Der Rasen davor sah unnatürlich grün aus, giftig grün.

Auf der kleinen Brücke nahe dem Denkmal blieb Christa stehen und sah hinab in den schwarzen Teich. Gerade in die Mitte des Teichs fällt der Reflex einer jenseits aufgehängten Flamme ? ein Stern, der aus der dunklen Tiefe heraufschimmernd geheimnisvoll lockt. Und immer gleiten über den Teich zwei Schwäne, lautlos ? stolz.

Sie neigte sich über das Gitter, und die ganze Melancholie der Welt starrte sie an aus dem schwarzen Wasser mit den zwei weißen Schwänen.

Und der Chor der stillen Monde begleitete die Elegie in ihrem Herzen.

Mit Bitterkeit, fast mit Ekel sann sie: was ist die Liebe! Niemand hat sie je definieren können. Der Vater nannte sie »das psychologische Zentralmysterium«. Adrian liebte sie aus Gefälligkeit gegen Anne Marie, sie ihn in eifersüchtigem Haß.

Unmeßbar, unwägbar, die erotischen Attraktionen. Vielleicht ist ihre Erklärung so einfach, daß der Stolz auf unser hohes Menschentum sich gegen diese nüchterne Einfachheit sträubt. Vielleicht sind sie nichts, als die magnetische, zaubergewaltsame Wirkung physischer Emanationen ? Ausströmungen ? des einen Menschen auf den andern. Reichenbach hat das »Od« entdeckt. Od nennt er diese Ausströmungen, und er beweist an zahllosen Sensitiven ihre anziehende oder abstoßende Wirkung. Es schien ihr durchaus möglich, daß man einen Menschen, dem man eigentlich gar nicht gut ist, in einer gegebenen Stunde rasend lieben kann. Eine kopf- und herzlose Liebe, geboren aus der Werdekraft drängender Frühlingssäfte. Kein Singen und Sagen ? ein Schrei der Liebe. In Frühlingsschauern der Natur umarmt Semele einen Schatten. Das vielleicht ein Symbol der Liebe?

Ja ? nie möchte sie ein Kind anders als in der Ekstase des Frühlingsrausches empfangen.

Und der, der die Liebe beschränken will, beschränkt er nicht die Entwickelung der Menschheit?

Und plötzlich fiel ihr etwas schwer aufs Herz. Ein dumpfes Ahnen. Sie lief, lief, als wollte sie einer beängstigenden Vorstellung entrinnen.

 

Als sie nach Hause kam, war eben eine Depesche eingetroffen: Theodor Stern war tot. Gotthold Ruland konnte wegen eines wichtigen Prozesses nicht abkommen. So verstands sich fast von selbst, daß Adrian Frau Harriet nach Tirol begleitete. Noch am Abend reisten sie ab. In der großen Erregtheit, die das Ereignis und das voraussichtliche Wiedersehen mit Anne Marie mit sich brachte, nahm er nur einen flüchtigen und befangenen Abschied von Christa.

Fast unmittelbar nach dem Begräbnis kehrte er mit Frau Harriet zurück. Die Mutter hatte bei ihrer Tochter bleiben wollen. Anne Marie hatte es nicht gelitten. Sie brauche vorläufig absolute Einsamkeit. Sie wolle auch keine Briefe von zu Hause, auch von Christa nicht, nichts, nichts, nur Ruhe.

Sie hatte sich geweigert, Adrian zu sehen. Er kam verdüstert zurück, in tiefer Trauer, als käme er vom Begräbnis einer geliebten Person. Er hatte auch etwas begraben. Christa ahnte, was in ihm vorging. Anne Marie war frei, er nicht.

Die Brücke, die sich zwischen ihr und ihm zu bilden schien, war wieder abgebrochen.

Es giebt wenig Verhältnisse im Leben, dachte sie, die einen Stillstand vertragen. Vorwärts oder rückwärts. In unserer Ehe hätten wir uns allmählich näher kommen müssen, oder wir mußten uns mehr und mehr voneinander entfernen. Das letztere ist geschehen. Er merkt es wohl kaum. Und merkt er es endlich, und er ruft mich vielleicht zurück, so bin ich möglicherweise schon zu weit von ihm fort und ich höre seinen Ruf nicht mehr.

Daß es Frank war, der sie weiter und weiter von Adrian fortlockte, gestand sie sich nicht ein.

 

Frank kam nun fast täglich. Meist in der Dämmerstunde zum Thee. Er suchte Christa in politische Gedankengänge einzuführen und für seine ehrgeizigen Pläne zu interessieren. Bald war sie ganz bei der Sache. Er wollte sich in den Reichstag wählen lassen. Seine politischen Aufsätze machten seit einiger Zeit Aufsehen, erregten, je nachdem, begeisterte Zustimmung oder Entrüstung. Hervorragende Persönlichkeiten erkannten seine ungewöhnliche politische Capacität, waren aber weit entfernt, ihm als Politiker Geburtshilfe zu leisten. Er hatte kein geschlossenes Parteiprogramm. Er sah sich als Führer einer Partei, die erst noch zu gründen war. Eine radikale Partei mit Hinzuziehung des rechten Flügels der Sozialdemokratie. Der linke stieß ihn ab. Nicht weil er zu radikal war, aber wegen seiner starren Dogmatik und weil er ab und zu noch mit Schlagwörtern und Phrasen operierte. Das haßte er. Daß seine Chancen gering waren, wußte er. Weder Talent zur Intrigue, noch Geschmeidigkeit, noch Freunde, noch Konnexionen standen dem Einsamen zu Gebot. Reüssierte er nicht, so sollte der zweite Plan zur Ausführung kommen. Die Gründung eines großen politischen Blattes. Eine Zeitung, rein, vornehm gehalten wie eine Tempelhalle, aus der er das schachernde Gesindel fortgeißeln würde.

»Ha, ich verstehe, Herkules reinigt den Augiasstall der Presse.«

Sie liebte es, Frank ein wenig zu ironisieren. Er ließ es sich gern gefallen, wie der Löwe das Spiel eines Kätzchens, und rächte sich dann dafür durch irgend eine heimlichleise Liebkosung.

Er setzte ihr auseinander, welch eminenten Einfluß eine solche Zeitung auf die Kulturwelt gewinnen könne, in einem Zeitalter, wo die Presse eine kaiserliche Macht sei.

Christa blinzelte ihn schelmisch an. »Hm! eine Kaiserin absolut, wenn ? u.s.w. Wofür mußten denn Euer Gnaden brummen?«

Er zuckte zusammen.

»Wir werden die Kunst lernen, den Dolch unter Blumen zu verbergen.«

»Gott! ich glaube, Sie denken sich schon verschiedene Dolche aus und vergiften sie noch obendrein. Ihr Temperament ist Ihr Feind. Immer gleich wollen Sie unter Säulen Philister begraben ? Simson Sie!«

»Den liebte Dalila.«

Seine Augen waren blau geworden und weich ihr Blick.

»Aber Frank, wir reden doch Politik.«

Sie erwogen gemeinsam, ob sie beide vielleicht als Redner auf einem Wanderzug durch Deutschland Propaganda für ihre Ideen machen sollten, was gleichbedeutend gewesen wäre mit den vorbereitenden Schritten zu einer Reichstagskandidatur.

Christa war Feuer und Flamme für den Plan.

Die Idee der Volksrednerin tauchte in ihr wieder auf. Bald aber ließ sie den Kopf hängen. Ihr Wissen würde nicht ausreichen. Sie hatte ja so bald die Studien wieder aufgegeben. Und dann ? sie sagte es nicht ganz ernsthaft ? müßte sie nicht vorher ihrem Mann und der Ehe entlaufen? Na, vielleicht thäte sie es auch.

Etwas lag in ihrem Ausdruck, das dem Ernst des Gegenstandes nicht entsprach.

Er sah sie an. Sie lag hintenüber in einem Fauteuil, das ganze zartgliedrige Persönchen im weißen, fließenden Gewand, in den dunklen Sammet hineingeschmiegt. Ein holdes Tanagrafigürchen mit dem entzückend geistreichen Profil, dem weichen Mund und den träumerischen Augen. Eher eine asketisch angehauchte Muse als eine draufgängerische Agitatorin, dachte er.

Er nahm ihre Hand, küßte die feinen Finger ? an dem einen trug sie einen Ring mit einem Rubin ? und schüttelte langsam und lächelnd den Kopf. »Sie ermachens nicht, Tanagrapüppchen! Wer sich das Morphium abgewöhnen will, stirbt leicht an der Entziehungskur. Unsere Einkapselung in die Gesellschaftsordnung mit ihrem Zubehör von Gesetzen und Kodexen ist eine Art Narkotisierung. Ja, wenn Sie ein Herkules von Charakter, oder ein halbtotgepeinigter, rachedürstender Simson wären (mit dem mich zu vergleichen Sie eine so ausgesprochene Neigung haben), dann ließe sich über die Sache reden. Also ? lieber auf die Eselsbrücken! zu den Kompromissen! Die Gesellschaft selbst scheint ja die Gesetzesbande, in die sie z.B. die Liebe, die freiheitsüchtigste und beflügeltste aller Wesenheiten, hineingeknechtet hat, als ein Naturwidriges zu empfinden. Drückt sie nicht beide Augen zu, wenn wir auf Schleichwegen, durch Hinterthüren ins Freie gelangen wollen? Eine große Schmuggelgesellschaft, die Kulturwelt.«

»Schmuggeln die Adelsmenschen auch, Frank?«

Die Frage reizte ihn sichtbar. Mit einer souveränen Gebärde, als wäre, mit der Erdkugel Ball zu spielen, ihm eine Kleinigkeit, sagte er voll Hohn:

»Um dieser Welt willen ein Martyrium auf sich nehmen! Wer ist sie denn, diese Welt! die Menschheit hat ihren Größenwahn wie der Einzelne, den Wahn, daß sie um jeden Preis existieren muß. Warum muß sie denn? Sie hält sich für das enfant gâté des Weltalls, und ist vielleicht nur ihr enfant terrible

»Mit einem Wort,« sagte sie spöttelnd, »die Welt ist eine Art Ueberbrettl.«

Und sie duckte sich in ihren Armsessel, als fürchte sie, von ihm gescholten zu werden.

Er strich sanft über ihren Scheitel.

»Nun, Christa, sind wir ein bischen Herkules oder Simson?«

»Ach nein.« Es kam kleinlaut heraus. »Die Lust zum Davonlaufen ist mir schon vergangen, obwohl ich gar nicht so viel dabei riskierte wie andere. Die sinken gewöhnlich von Stufe zu Stufe, meistens weil sie kein Geld haben. Mir bliebe immer noch mein Vater. Der ließe mich nicht im Stich. Was mich schreckt, das sind die Gefährten, die man da draußen träfe, wüste Gesellen mit der Pose der Genialität, aber gänzlich ohne diese; und sie nennen ihre Wüstheit Loslösung von Vorurteilen. Meinen Sie nicht, Frank, es müßten gerade die Vornehmsten, die Adelsmenschen sein, die Seelenaristokraten, die sich zuerst in souveränem Stolz von der Gesellschaftsknechtung emanzipierten, vorausgesetzt natürlich, daß sie die »Umwertung aller Werte« in ihrem Denken bereits vollzogen haben. Aber diese Vollwüchsigen ? es fällt ihnen nicht ein, ihr Leben und Denken in Einklang zu bringen. Wozu der Zukunft die Kastanien aus dem Feuer holen? Sie haben die Zwangsehe mit der Vernunft abgeschafft, denken aber nicht daran, in einer freien Ehe zu leben. Sie sind Atheisten, bleiben aber in der Kirchengemeinschaft, bleiben, obwohl sie auf die Kirchensteuer fürchterlich schimpfen. Und so auf allen Gebieten. Und da sollte ich ? ach Gott, ich glaube, ich habe nicht einmal zum Ibsenschen Menschenfeind Talent.«

Frank sah sie mit leuchtenden Blicken an.

»Ich bringe Ihnen das Buch, von dem ich sprach.«

 

Ein Verwandter Adrians war zum Botschafter in Konstantinopel ernannt worden. Man bot Baron Lützow eine hervorragende Stellung in der Gesandtschaft an. Er teilte Christa nur die Thatsache des Anerbietens mit. Er hatte sich Bedenkzeit erbeten. Er hoffte Christas Zustimmung zu gewinnen, die eine Lösung ihrer Beziehungen zu Frank Richter bedeuten würde. In einer ganz neuen Umgebung, unter neuen Lebensbedingungen würde sie vielleicht eher vergessen und ? vergeben.

Die Vorstellung, daß Christa eines Ehebruchs fähig sei, war für ihn ausgeschlossen. Aber die Mißdeutung, die ihr Verhältnis zu Frank in der Gesellschaft erfahren mußte, peinigte ihn. Dazu kam, daß dieser Mann ihm persönlich widerwärtig war. Eine stolze Scheu hatte ihn gehindert, jemals mit ihr über ihre Beziehungen zu Frank zu sprechen.

Die Aussprache in der Botschaftsangelegenheit verschob er von einem Tage zum andern. Er war nicht einig mit sich, was er thun sollte, wenn sie »nein« sagte.

Inzwischen geschah etwas für ihn Schicksalvolles.

 

Monate waren verstrichen, seit Christa den letzten Brief an Anne Marie geschrieben. Ab und zu war eine nichtssagende Karte der Schwester an die Mutter eingelaufen, die nichts Beunruhigendes enthielt. Christa war überzeugt, daß Anne Marie sich in einer tiefen Gemütsdepression befände. Sie selbst hatte ein großes inneres Erlebnis gehabt, vielleicht konnte sie ein Echo davon in der geliebten Schwester erwecken und ihr damit neuen Lebensmut geben. Und sie schrieb ihr:

»Du meine traurige Schwester, meine Vielgeliebte; lange, lange habe ich geschwiegen. Ich wußte wohl, Du wolltest keine Briefe, ich hätte aber doch geschrieben, wenn nicht ? ? O Anne Marie, meine Gedanken gingen andere Wege. Ein Stern ist über mir aufgegangen. Der Stern ist ein Buch. Frank Richter hat es mir gegeben. Stirners: »Der Einzige und sein Eigentum.« Und nun schreibe ich Dir. Ich will Dich mit emporreißen auf meinem Flug, heraus aus Deinem Grabgewölbe, hinein in den Ozon, der um meine Berggipfel weht. Es war für mich, die philosophisch Ungeschulte, nicht leicht, das Buch zu lesen. Als ich es bei Seite legte, fiel mir eines Dichters Wort ein: »Ein jeder ist geboren, König zu sein und Priester der eigenen Gottesnatur.«

Von wenigen Stellen abgesehen, ist es kalt, nüchtern geschrieben, und ist doch wie ein Leuchtturm, der weithin über Weltmeere und Wüsten sein großes stilles Licht ergießt.

Ein gewaltiges Buch. Ein Jungbrunnen für Zeitalte, eine Majestät ohne Purpur und Krone, die alle Pseudoherrscher in den Staub zwingt. Ein Titane, der nicht nur einen Himmel stürmen will, der hundert Himmel wirklich stürmt.


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