Christa Ruland

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Christa Ruland

 

Frau Justizrätin Harriet Ruland hatte ihren Jour. Ihre Erscheinung, vom Kopf bis zu den Füßen, war von vollendeter Eleganz, ebenso wie das zierliche Theetischchen ? japanisch, mit Elfenbein eingelegt ? und der Salon selbst, dem nichts zu fehlen schien. Da waren die bildhübschen Bibelots, die Gobelins, die persischen Teppiche, die alten Stickereien, die übergroßen Chrysanthemen und originellen Orchideen in allerhand phantastischen Vasen mit symbolisch-figürlichen Verzierungen, und als Perlen ? echte Kunstwerke.

Jeder, der diesen Salon betrat, hatte den Eindruck: hier empfängt eine Weltdame par excellence Gleich darauf aber drängte sich die Frage auf: wo aber wohnt die Frau? Es fehlte diesem glanzvollen Salon doch etwas: das Intime, die individuelle Physiognomie. Er war oder schien die Sonntagsschöpfung eines stilgeschickten Dekorateurs, der über große Mittel verfügt. Etwas zu Absichtliches war in der vollkommenen Harmonie der Farben und Formen.

Frau Harriet Ruland warf einen prüfenden Blick über den Theetisch, ordnete die Früchte in dem Korb von Silbergeflecht und verbreiterte auf den Majolikatellern die Küchelchen und Sandwichs, damit sie quantitativer wirken sollten. Sie war eine zugleich ehrgeizige und sparsame Hausfrau.

An einem Nebentischchen, in der Nähe des Fensters, war der Theekessel an die elektrische Leitung angeschlossen. Das blasse, überschlanke junge Mädchen, das am Fenster stand, wartete auf das Sieden des Wassers.

Frau Harriet wandte sich zu ihrer Tochter: »Du sollst sehen, Christa, heute, gerade wo ich Migräne habe, werden wir einen ausverkauften Salon haben. Geselligkeit ist wirklich ein Stück Arbeit.«

»Warum hast Du denn diesen Jour eingerichtet, Mama?«

»Man erkauft damit die Freiheit der sechs übrigen Tage.«

»Du brauchst ja die Leute, die Du nicht magst, garnicht einzuladen.«

»Ach,« seufzte Frau Harriet, »man mag ja die meisten Leute nicht. Womit soll man den Salon füllen?«

»Muß man ihn denn füllen?«

Frau Harriet zuckte die Achseln.

Ein Mangel an Harmonie zwischen Mutter und Tochter sprang sofort in die Augen. Die Mutter war lebhaft in jeder Bewegung, mit immer wechselndem Mienenspiel. Junges, Kampfbereites, Lebenheischendes war in ihrer Art. Die Tochter trug ein kühles, stilles Wesen zur Schau; zuweilen klang es wie verhaltene Ironie aus ihrem Ton. Sie widersprachen sich meist, wenn Christa überhaupt auf die Bemerkungen ihrer Mutter reagierte. Meist redete die Mutter, und die Tochter schwieg.

Nach einer Pause sagte das junge Mädchen: »Es sind doch Deine Jours, Mama, warum muß ich immer dabei sein?«

»Warum? weil es chik ist, daß ein junges Mädchen den Thee bereitet. Wozu hat man denn seine Töchter?«

»Ah ? dazu!« Christa sah ihre Mutter etwas mokant an.

Der Blick reizte Frau Harriet: Herr Gott, es wäre doch jetzt mit der Elektrischen keine Arbeit, Thee zu machen. Gott sei Dank wäre die Zeit des Samowar vorüber.

Durch die offene Thür, die zum Speisezimmer führte, fiel Christas Blick auf den Samowar von dunklem Kupfer, der, auf dem Büffet aufs Altenteil gesetzt, nur noch ein beschauliches Dasein führte.

»Poetischer und anheimelnder war er doch als der nüchterne elektrische Kessel.«

»Wenn Du Dich verheiratest, schenke ich ihn Dir.«

Christa fuhr zusammen. Da war ja Mama bei ihrem Steckenpferd. Sie bestieg es resolut. Unfaßlich, was Christa an dem jungen Mann ? er warb seit einem halben Jahr um sie ? auszusetzen habe? worauf sie denn warte? bei ihrem Charakter sei es durchaus wünschenswert, daß sie heirate.

»Wie ist denn mein Charakter, Mama?«

»Schwierig.«

»Und da hoffst Du, daß Dein junger Mann der rechte Petrucchio sein wird, um die böse Käte zu zähmen?«

Jedenfalls habe der Betreffende alle Eigenschaften, die sich eine Mutter für das Glück ihrer Tochter wünschen könne, sie würde keinen Zweiten finden, der so für sie passen würde.

»Aber Mama, woher weißt Du denn, wer für mich paßt, da Du doch ein ganz anderer Mensch bist als ich, mit ganz anderen Ansichten und anderem Geschmack. Du wirst doch nicht zu den altmodischen Müttern gehören wollen, die böse auf ihre Töchter sind, wenn sie sich nicht verheiraten.«

Eine solche Bemerkung würde sich Anne Marie nie erlaubt haben, die habe auf ihren Rat hin geheiratet und sei glücklich geworden.

Das Glück Anne Maries ? der älteren Rulandschen Tochter ? war ein immer wiederholtes Argument der Mutter, um Christa für die Ehe zu begeistern. Man hatte damals über die Heirat allerhand Glossen gemacht. Da aber niemand etwas Bestimmtes wußte, verstummte allmählich das Gerede.

Die Heirat Anne Maries mit dem fünfzigjährigen Theodor Stern war in der That das Werk Frau Harriets. Stern, sehr reich, sehr angesehen, war Inhaber eines der ersten Eisenwerke Deutschlands.

So sehr Frau Harriet ihre älteste Tochter liebte, war sie doch scharfsichtig genug, um ihre Charakterfehler richtig zu taxieren und zu ? fürchten. Von diesem Schmetterling konnte man allerhand Tollheiten gewärtigen. Und eine Tochter im Hause, die ihren Ruf verloren, paßte ihr nicht. Also ? fort mit ihr in die Ehe. Bei Christa waren leichtsinnige Streiche unwahrscheinlich. Dieses Mädchen aber mit ihren kritischen Mienen, ihrer ablehnenden Haltung genierte sie. Also ? fort mit ihr in die Ehe.

 

Der Justizrat Gotthold Ruland hatte die Einnahme eines Millionärs. Er ersparte aber kein nennenswertes Vermögen. Der Bedarf im Haushalt war enorm. Er dachte nicht daran, sich irgend einen Genuß ? und nur die ausgewähltesten Dinge bereiteten ihm Genuß ? zu versagen. Aber auch Frau Harriet legte keinen Wert auf ein großes Erbe für die Kinder. Sie glaubte das Schicksal dieser Kinder in der Hand zu haben. Ihre Herrschaft über sie hielt sie für unfehlbar, ihre berechnende Klugheit auch. Ihr Schicksal sollte eine glänzende Heirat sein, eine Partie um jeden Preis.

 

Die für Christa so unliebsame Unterhaltung wurde durch den Diener unterbrochen, der Frau Felix Thalheim meldete. Die Dame, die Gattin eines steinreichen Bankinhabers, wurde von der Hausfrau mit ausbündiger Liebenswürdigkeit empfangen.

Litt Frau Harriet darunter, daß sie noch nicht Geheimrätin war, so wartete Frau Adelheid Thalheim noch viel ungeduldiger auf die einfache Rätin. Geradezu unwahrscheinlich, daß Felix, ihr Gatte, der doch einen förmlichen Wohlthätigkeitssport trieb, es noch nicht einmal zum Kommerzienrat gebracht. Die arme Betrogene ahnte nicht, daß dieser Felix hinter ihrem Rücken den Titel ein für allemal abgelehnt hatte.

Frau Thalheim war in ihrer äußeren Erscheinung so ultramodern wie die Hausfrau, nur ihre Haltung war steifer. Sie vertrat einen Typus, der zwar noch existiert, aber schon im Aussterben begriffen ist: Die Naturtoilettendame. Sie ging ohne Rest in ihren Kleidern auf. Wie man von einem Reisenden erzählt, der die ganze Erde nur auf Schlachtfelder absuchte, so spürte sie in allem, was sie sah, Toilettenmotiven nach. Im Zoologischen Garten lernte sie an den Papageien Farbeneffekte. Theater, Gemäldegallerien waren für sie nur Ausstellungen von Kleiderfaçons. Der Anblick einer Schneelandschaft im Abendsonnenschein reifte in ihr den Plan zu einem schneeweißen Kostüm mit rötlich goldenem Besatz.

Sie gehörte zu den Leuten, die sich an Menschen und Dinge nur leicht anleben, die leben und sterben, ohne sich je auf sich selbst besonnen zu haben. Sie fühlte sich aber dabei schön zufrieden, und amüsierte sich, soweit es ihre Toilette nicht derangierte.

Ihr Ruf war makellos. Man sagte ihr mit Recht eine Idiosynkrasie gegen Hüte der vorigen Saison nach, und da ihr Gatte durchaus verlangte ? so sagte sie ? daß sie zu jedem Kostüm einen passenden Hut trage, mußte sie enorm viel Hüte anschaffen, was ja insofern ein Segen war, als sie mit ihren abgelegten Hüten verschiedenen armen Verwandten unter die Arme greifen konnte.

Christa bereitete den Thee mit einer Langsamkeit, die ihre Mutter ungeduldig machte. In derselben langsamen Weise reichte sie dann den Thee. Es lag etwas Mechanisches in ihren Bewegungen, doch waren sie von einer ernsten Anmut, wie wenn eine Prinzessin Dienste leistet, für die sie nicht geschaffen ist.

Als Frau Adelheid ihr die Tasse abnahm, bemerkte sie verwundert das excentrische Kostüm des jungen Mädchens. Christa trug ein Kleid von rosarötlichem Sammet, eine Farbe von süßer, weicher Milde, die wie eine Liebkosung berührte. Eine prangende, orientalische Stickerei faßte den runden Ausschnitt und die langen, bis auf die Mitte der Hand reichenden Aermel ein. Aus dieser leuchtenden bunten Stickerei stieg blumenhaft der schlanke, etwas zu lange Hals, auf dem wie auf einem zarten Stiel das kleine feine Köpfchen zu schwanken schien.

Frau Adelheid fand, sie sähe wie eine Märchenprinzessin aus. Ob sie Abends in Gesellschaft oder in die Oper ginge? »Nein.« ? »Sie müssen wissen,« nahm Frau Harriet das Wort, »das ist Christas Hauskleid. Sie trägt es alle Tage, geht sie aber in Gesellschaft, so zieht sie sich möglichst langweilig und konventionell an, das Kleid bis ans Kinn geschlossen. Sie kann es garnicht geschlossen genug kriegen, das scheint de rigueur, wenn man originell sein will. Als Kind schon wollte sie Sonntags, wenn sie schön geputzt war, mit der Kinderfrau nicht auf die Straße gehen, sie schäme sich so vor den Leuten.«

Christa schwieg. Frau Adelheid hatte Takt genug, von dem Thema abzulenken, indem sie die Schneiderinnenfrage anschnitt, wobei sich herausstellte, daß sie endlich die Silbermeier, ihre bisherige Schneiderin, abgeschafft habe; die wollte nämlich nicht mehr zum Anprobieren kommen, weil ihr die Thalheimschen zwei Treppen zu hoch waren, und da die berühmte Silbermeier ihre drei Treppen nicht abschaffen wollte, verzichtete Frau Adelheid auf die Silbermeier, wozu sie eigentlich verpflichtet war, um Felix willen, der ihr nur noch Pariser Toiletten erlauben wollte.

Frau Harriet fand es unpatriotisch, das Geld ins Ausland zu tragen.

O, sie wäre nicht für Lokalpatriotismus. Es sei ihr ein Bedürfnis, zwischen den Nationalitäten versöhnend zu wirken.

»Und sind doch Antisemiten?«

»Aber nur aus Ueberzeugung,« beteuerte sie.

Nachdem die Toilettenfrage von der Dame, die noch nicht Rätin war, hinreichend ventiliert worden, brachte die Dame, die noch nicht Geheimrätin war, die Litteratur ? ihre eigenste Domaine ? aufs Tapet, wobei sich herausstellte, daß Frau Adelheid sich auf diesem Gebiete naivster Unkultur erfreute. Da Bücher keine Hüte waren, gehörte es nicht zu ihren Gepflogenheiten, sie zu kaufen. Sie erkundigte sich in der Leihbibliothek immer nach den Romanen, die am meisten gelesen wurden, und die las sie.

Frau Harriet benutzte die Gelegenheit, um ihren litterarisch geschulten Geist leuchten zu lassen, wurde aber verstimmt, als sie ein paarmal dem Blick Christas begegnete, der, wie sie meinte, mit malitiösem Ausdruck auf ihr ruhte. Unausstehlich, daß dieses Mädchen dieselben Journale las wie sie. Zwar versteckte sie sie in der Regel, vergaß es aber auch oft. Von einer belesenen Tochter immer belauert zu werden, ? mein Gott, man ist doch keine Spinne, die immer alles aus sich selber heraus arbeitet.

Frau Adelheid, die höflicherweise das schweigsame junge Mädchen ins Gespräch ziehen wollte, fragte nach dem Stand ihrer Studien.

»Ich besuche die Gymnasialkurse nicht mehr. Mama will, daß ich zum Diner zu Hause bin. Sie mag nicht, daß man mir nachserviert. Sie hält das für eine Untergrabung des Familienlebens.«

Sie sagte das gleichmütig, ohne Anstrich von Spott.

»Habe ich nicht recht?« verteidigte sich Frau Harriet, »ja, wenn die Kurse in den Vormittag fielen, aber Nachmittags von 4?7 Uhr. Und um 6 ist unsere Dinerstunde. Zu der Zeit kann ich auch weder die Jungfer, noch den Diener entbehren, die sie doch hinbringen und abholen müßten.«

»Da natürlich ein einundzwanzigjähriges Mädchen nicht allein über die Straße gehen kann,« sagte Christa mit demselben kalten Gleichmut.

»Nein, das kann sie nicht, wenn sie das Glück hat, zu den oberen Zehntausend zu gehören.«

Die Thür wurde aufgerissen, und wie vom Wind hereingeweht, erschien eine nicht mehr ganz junge, ungemein interessant aussehende Dame, die von der Hausfrau gönnerhaft und obenhin begrüßt wurde: die Malerin Anselma Sartorius.

Anselma Sartorius war vorläufig noch nicht berühmt, Geld hatte sie keins. Frau Harriet hatte ihr kürzlich notgedrungen ein Bildchen abgekauft ? für ein Hinterzimmer natürlich. Unberühmter Leute Bilder waren nicht für den Salon, selbst wenn diese Bilder Kunstwert gehabt hätten. Uebrigens hatten Anselmas Bilder noch keinen Kunstwert.

Als sie sich Frau Harriet näherte, lag in ihrem Gang etwas von der geschmeidigen, sich schlängelnden Vorwärtsbewegung junger Tiger. Sie hatte große, glühende Augen. Atlasglatte, schwarze Scheitel rahmten ihr ganz weißes Gesicht ein. Unter ihren Bekannten hieß sie »der Vampyr«.

Anne Marie war der Meinung, Anselma dichte sich einen Dämon an, und spiele mit diesem imaginären Kobold wie ein Kind mit der Puppe. Christa aber glaubte an Anselmas Dämon und lauschte mit intensivem Interesse ihren Seelenentblößungen.

Die Malerin lebte wie in einem feurigen Dunst, flatterte, haschte, ahnte, glühte, durstete und brütete auf einsamen Spaziergängen über süperben Plänen. Die belebtesten Straßen Berlins, wo es rasselte, brauste und wie in einem Hexenkessel um sie her brodelte und brandete, das war für sie die rechte, die tiefste Einsamkeit. Da schritt sie hindurch, wie Orpheus durch die Unterwelt, die Harfe im Arm, dithyrambische Akkorde auffangend, Entwürfe koncipierend.

Sie malt einen Todesengel durch Wolken brausend, die mächtigen schwarzen Flügel vom letzten Sonnenstrahl angeglüht, aus den Augäpfeln weiße Blitze sprühend. Sie malt ein üppiges Gastmahl: Nero in einer säulengetragenen marmornen Halle, Rosen fallen von der Decke, purpurne Gewänder, funkelnde Weine in rubinfarbenen Kelchgläsern ? Schönheit, Rausch. Auf der Schwelle zum Saal steht ein Gespenst, verhüllt in ein schleppendes, weißes Gewand. Unter der Kapuze ein furchtbares Gesicht, die Augen zinnoberrot: Die Pest. Oder sie malt eine Judith in den Armen des Holofernes, wie sie den Kopf mit dem Ausdruck einer begeisterten Priesterin emporwirft, den Kopf, der von dem Leibe nichts weiß.

Das heißt, sie malte das alles in Gedanken, in Wirklichkeit brachte sie es nur zu flüchtigen Skizzen. Die Ausführung wurde ihr schwer, es fehlte ihr an Technik. Ihre Schulung war eine dürftige und dilettantische gewesen. Die Akademie war jungen Mädchen nicht zugänglich, die Ateliers der ersten und vornehmsten Maler waren der mittellosen Malerin zu teuer. Sie hatte im Gewerbemuseum nach Gyps gezeichnet und hier und da dieses oder jenes Atelier besucht. In einem dieser Ateliers hatte sie Christa kennen gelernt.

»Sie müssen eine phantasiereiche Schneiderin haben,« bemerkte nach der ersten Begrüßung Frau Adelheid mit einem Blick auf das lockere, halb griechische Gewand, das die Malerin trug. »Darf man ihren Namen wissen?«

Anselma lachte. »Ich und eine Schneiderin! ich bin meine eigene Schneiderin und behelfe mich meistenteils mit Stecknadeln. Dieses mein Gewand ist aus einem alten Cachemirshawl meiner Großmutter zusammengenestelt.«

Wie üblich, fragte man auch alsbald, was Anselma unter dem Pinsel habe. Sie legte den Finger an die Lippen: »Ein Geheimnis.«

Frau Adelheid hielt es für notwendig, ihre warnende Stimme zu erheben: Fräulein Sartorius möchte sich um Gottes Willen nicht einer der neusten Richtungen zuwenden, wo man vor den Bildern immer nicht weiß, ob man lachen oder sich ärgern solle. Da habe sie neulich in einem Kunstsalon ganz verrücktes Zeug gesehen, von einem Holländer ? Toroop hieße der malende Herr.

»Ja, ganz verrückt,« bekräftigte Frau Harriet, »dieser lächerliche Linienapostel mit seinen symbolischen Skeletten und tollgewordenen Strichen, die sich in grotesken Totentänzen verrenken.« Auf dem Bilde Sphinx z.B., da kribbele und krabbele es von reihenweis liegenden oder hockenden Geschöpfen, eine ganz neu erfundene Sorte von Geschöpfen, eine Art heruntergekommenener Mumien; und alle sähen unter ihren gelblichen Kapuzen wie Kürbisköpfe aus, in die man ein paar Linien gezeichnet, die Gesichter bedeuten sollen.

»Ich teile Ihre Ansicht nicht, gnädige Frau,« sagte Anselma. »Mich packen diese Bilder mit ihrer stilisierten Erhabenheit, wie tragische Chorgesänge. Gerade auf dem Bilde ?Sphinx?. Alle diese unzähligen völlig gleichen Arme und Hände, die alle mit den gleichen abwinkenden rhythmischen Gebärden sich gegen die Sphinx emporrecken, wirken wie langgezogene Weherufe, die in unendlichen Echos wiederhallen, Traumbilder eben Gestorbener, deren Hirn noch nicht erkaltet ist. Ein Losreißen vom Irdischen in schmerzlich brünstiger, mystischer Frommheit.«

Christa nickte Anselma zu. »Ja, das finde ich auch. Stilles Grauen schleicht einem bei diesen Geister-Hallucinationen durch die Seele. Ein Rausch der Askese sind sie.«

»Natürlich,« spöttelte Frau Harriet. »Christa ist immer anti, selbst wo es sich um grimassierende Kürbisköpfe handelt.«

»Fräulein Julia König wünsche das gnädige Fräulein zu sprechen,« meldete der Diener.

Julia, eine Studienfreundin von Christa, war in Ungnade bei Frau Harriet und wurde, als nicht fein genug, von ihr im Salon nicht empfangen. Anselma sprang auf: das träfe sich gut. Sie habe etwas mit Fräulein König zu bereden.

Das junge, und das nicht mehr ganz junge Mädchen verließen den Salon.

 

Frau Adelheid sah ihnen mit einem leichten Kopfschütteln nach, einem sehr leichten, ein stärkeres hätte ihre Frisur derangieren können. Ihr Ton war etwas hoch, als sie sagte: »Ihre Tochter, liebe Freundin, entwickelt sich ja ? sie suchte nach einem Wort ? recht interessant.«

»Gott ja doch,« war die mißlaunige Antwort, »aber es ist noch nicht aller Tage Abend. Ich habe noch immer erreicht, was ich wollte. Eigentlich begreife ich nicht, wie ich zu dieser Tochter komme. Vielleicht,« meinte sie nachdenklich, »mein Mann hat in der Jugend gedichtet, und meine eigene Mutter zeichnete Köpfe nach Gyps; eben als sie zur Oelfarbe übergehen wollte, heiratete sie. Gräßlich, wie man seit Ibsens Gespenstern pietätloserweise immer seine Eltern kontrolliert.«

»Es ist Ihnen doch so gut gelungen, Anne Marie zu einer vollendeten jungen Weltdame zu erziehen.«

»Ja, Anne Marie!« Frau Harriets Augen leuchteten auf. »Da war ein guter Fonds vorhanden. Ich brauchte nur herauszulocken, was in ihr steckte. Aber Christa! ich denke noch immer mit Schrecken an ihr erstes Gesellschaftsdebüt. Da war ein Baron von außerhalb, den wir eingeladen hatten, ein schüchternes, ganz junges Bürschchen, ganz fremd in unserem Kreis. Er drückte sich in den Ecken herum, Christa sollte sich seiner annehmen. Sie wollte nicht. Sie wisse nichts mit ihm zu reden. So ganz obenhin sage ich: Fange damit an, ihn zu fragen, wie ihm Berlin gefällt. Was thut Christa? Sie marschiert stramm auf ihn los, pflanzt sich gerade vor ihm auf, donnert ihn an: ?wie gefällt Ihnen Berlin?? und ? schwenkt wieder ab.«

Und dabei habe sie es doch an mütterlichen Lehren und Ermahnungen, an Eifer, ihr Gesellschaftsroutine beizubringen, ? inklusive ganz diskreter Andeutungen wie sie ? in feinster Weise natürlich ? kokettieren dürfe ? in keiner Weise fehlen lassen. Eine anmutige Haltung, Munterkeit, Liebenswürdigkeit, wie eine Konversation zu führen, ein zierliches, elegantes Briefchen zu schreiben sei, (letzteres halte sie für einen Hauptpunkt in der Töchtererziehung), für alles das habe sie versucht, das störrische Mädchen ? ?

»Abzurichten!« schaltete Frau Adelheit taktlos ein.

Förmliche Gesellschaftsproben habe sie mit ihr abgehalten. Bei Tisch und auf Spaziergängen sei abwechselnd französisch und englisch gesprochen worden. Und was das Mädchen gekostet! Die Graziestunde, jede Woche einmal eine kunstgeübte Haarwäscherin und eine Maniküre, warme Bäder mit Essenzen selbstverständlich u.s.w. »Sagen Sie selbst,« schloß sie das Eigenlob ihrer Erziehungskunst, »kann die vorsorglichste Mutter mehr für ihre Tochter thun?«

Mit aufrichtiger Bewunderung sagte die Dame, die noch nicht Rätin war: »Nein!« Ob vielleicht das junge Mädchen in der Wahl ihres Umganges nicht vorsichtig wäre? z.B. dieses Fräulein Sartorius mit ihrem komischen Putz...

Frau Harriet verteidigte die Malerin. Wenn Frauen kein Geld hätten, dann zögen sie sich eben malerisch an.

Frau Adelheid begriff umsoweniger Christas Sonderbarkeiten, da sie doch für ungewöhnlich klug gelte. Man sage allgemein, sie habe den Geist des Vaters geerbt.

Es beleidigte Frau Harriet, daß die Tochter nur den Geist vom Vater geerbt haben sollte, und sie sagte etwas spitz: »Wenigstens hat sie meines Mannes Eigenschaft, allen Leuten die Wahrheit zu sagen, das heißt Unangenehmes, welches letztere sich ja allerdings meistens mit der Wahrheit deckt.« Ihr Mann habe Christa den Beinamen »Madame Abseits« gegeben, weil sie immer anders wollte, als alle Andern, immer, wie er sich ausdrückte ? anti ? sei.

Ein neuer Besuch, der gemeldet wurde, unterbrach die Unterhaltung.

 

Daß Gotthold Ruland auch Christas Nase »anti« fand ? abseits von der Rulandschen Familiennase, die sich nichts heraus nahm ? hatte Frau Harriet nicht erwähnt. Diese Nase hätte nicht größer sein dürfen; sie sprang etwas vor, fein und scharf geschnitten, wie gemeißelt, an der Spitze etwas kantig, im Profil kaum merklich gebogen, die Nasenflügel leicht gebläht; förmlich eine dionysisch genußsüchtige Nase, meinte der Vater. Zu dieser geistreichen Nase paßten die graugrünlichen Augen nicht recht, die unter tiefen, breiten Augendeckeln halb versteckt, leicht einen träumerischen, wie nach innen horchenden Ausdruck annahmen. Zuweilen sprach sie mit geschlossenen Augen; schlug sie sie dann, auf irgend einen Anlaß hin, groß und voll auf, so war die Wirkung dieser leuchtenden Sterne berückend.

Wie Frau Harriet jetzt das erwachsene Mädchen nicht verstand, so hatte sie auch früher das Kind nicht verstanden. In ihren Augen war Christa von jeher trotzig, impertinent und boshaft gewesen, ohne Sinn für Wohlanständigkeit und gute Sitte. Und sie hatte sich so viel Mühe gegeben, die Keuschheit in der jungen Seele zu pflegen. Nie durfte das Brüderchen mit den Schwestern, als sie noch alle drei Babys waren, in einem Zimmer schlafen. Umsonst. Eines Tages überraschte sie Christa, als sie mit kleinen Jungen Pferd spielte. Die Jungen hatten sich nackt ausziehen müssen, weil Pferde keine Kleider trügen. Und die Unanständigkeit solcher Nacktheit hatte sie nicht einmal begriffen.

Zu Frau Harriets Erziehungsprizipien gehörte das Prügeln eigentlich nicht. Christas Trotz aber schien ab und zu diese Strafart herauszufordern. Einmal war sie wegen ihrer Unordentlichkeit gescholten worden. »Aber Mama,« sagte das impertinente Kind, »der Lehrer in der Schule hat doch gesagt, die Kinder erben alles, auch alle Fehler, von den Eltern, oder auch von den Großeltern. Warum schimpfst Du mich denn so aus? Die Großmama wird sich im Grabe umdrehen, weil Du mich wegen ihrer Unordnung so heruntermachst.« Darauf die Prügel. Das Kind vergoß keine Thräne und gab keinen Laut von sich, sie sah die Mutter immer nur mit großen, drohenden Augen an, so daß ? wie Frau Harriet sich später ausdrückte ? einem die Lust zum Prügeln ganz verging. Und mit einem Male sagte sie zornsprühend: »Warum dürfen alte Leute so junge Kinder schlagen?« Frau Harriet war empört. Sie alt! eine Frau von kaum 30 Jahren.

 

Es giebt Kinder, die immer Tragisches erleben, das heißt, alltägliche Dinge verwandeln sich für sie in tragische Ereignisse. Ein Vögelchen, das aus dem Nest gefallen und das sie tot finden, ein gruseliges Märchen, das sie von einer wirklichen Begebenheit nicht unterscheiden. Ein solches Kind war Christa, ein gesundes zwar, aber ein zart organisiertes, naiv und altbärtig zugleich, und über die Maßen sensibel. Sie begrüßte einmal eine Verwandte, die den Kindern Bonbons mitzubringen pflegte, mit den Worten: »Guten Morgen, Frau Bonbon,« schämte sich aber sogleich so sehr ihrer niedrigen Gefräßigkeit, daß sie in heftiges Weinen ausbrach.

Ein anderes Mal hatte sie sich die Erlaubnis erquält, aus einem Automaten Chokolade zu entnehmen. Sie dürfe aber die Chokolade nicht essen, sagte ihr Fräulein, weil es schlechtes Zeug wäre, an dem die Kinder sich den Magen verdürben; sie solle sie einem armen Kinde schenken.

Dem ersten ärmlich gekleideten Kinde, das ihnen begegnete, gab Christa die Chokolade. An der Straßenecke aber blieb sie stehen, und ehe ihr Fräulein es hindern konnte, lief sie zu dem Kinde zurück: es soll die Chokolade wieder hergeben. Das arme Kind hatte sie schon aufgegessen. Christa konnte sich garnicht beruhigen. Nun würde das arme Kind krank werden. Sie schlug auf ihr Fräulein los, die wäre schuld daran. Und aus der Küche holte sie ein paar giftig grüne Aepfel, die zum Kochen bestimmt waren, und fraß sie mit der Schaale in sich hinein. Nun gerade wollte sie auch krank werden.

An ihren Geburtstagen versteckte sie sich. Sie hatte Furcht vor den Geschenken, das heißt, die Geschenke hatte sie gern, aber den umständlichen Apparat dabei, daß sie so feierlich ins Zimmer gerufen wurde, alles bewundern, den Eltern um den Hals fallen und sich schön bedanken mußte. Sie war immer froh, wenn die Ceremonie vorüber war. Und erst wenn sie im Zimmer wieder allein war, hatte sie die richtige, intensive Kinderfreude an den Geschenken.

Ueberhaupt interessierten die Menschen sie nicht. Alles andere in der Natur war ihr befreundeter, vor allem die Tierwelt, wenigstens so lange bis ihre Sensibilität dieser Liebe ein Ziel setzte. Im Sommer in einem Seebad hatte sie mit einer kleinen Freundin Marienwürmchen von den Blättern abgesucht. Sie nannte sie Mariechens. In einer Schachtel trug sie sie glückselig nach Hause. Sie bohrte Löcher in die Schachtel, damit die Mariechens Luft bekämen, und alle halbe Stunde öffnete sie die Schachtel, um zu sehen, ob sie noch lebten. Als sie aber eines Tages bemerkte, wie ganze Haufen dieser Tiere auf toten Fischen herumkrabbelten, und man ihr sagte, daß sie sich davon nährten, warf sie alle ihre Mariechens zum Fenster hinaus.

Eine Zeitlang hatte sie auch den Ameisen liebevoll nachgespürt, bis sie diese munteren Tierchen auf großen Käfern und Regenwürmern als Massenmörder betraf, die ihre Opfer grausam zu Tode quälten. Selbst die hübschen kleinen Vögelchen fraßen ja lebendige Würmer. »Ich kann nicht leiden, was Andere auffrißt,« sagte sie.

Die Tierwelt war ihr verleidet, und sie wandte sich anderen Naturgebilden zu. Alles hielt sie für lebendig, auch die unorganischen Dinge. Sie glaubte Anne Marie nicht, daß das Wasser kein Leben hätte. Es lief doch und bewegte sich, und es murmelte, und manch mal am Meer brüllte es sogar.

Seitdem sie in der Märchenwelt heimisch geworden, wo es von Blumengeistern, von verzauberten und erlösten Dingen wimmelte, wollte sie auch erlösen. Sie blies bis zur Atemlosigkeit auf ein Eisstück. Das tote Wasser, das da hineingezaubert war, wollte sie wieder lebendig machen. »Warum machst Du denn solchen Unsinn?« fragte Anne Marie. »Ich mache mir Gedankenspiele,« sagte sie.

Sie hatte gesehen, wie jemand auf einen Kieselstein schlug, bis Funken daraus sprühten. Aha, da in den Stein hinein war also Feuer gezaubert. Sie sann, wie sie den Zauber lösen könne. Ja, wenn sie so stark wäre, wie der liebe Gott. Der bohrt sich ein Loch in himmelhohe Felsen, und da kommen Flammen heraus, und die nennt man Vulkan. Wäre das Feuer tot, so könnte es doch nicht Andere verbrennen und das Essen gar kochen.

Sie starrte oft stundenlang in den Kamin, auf das Knistern und Prasseln des Holzes lauschend. Sie wollte die Feuersprache lernen. Jemand sagte damals von ihr: »das ist ja ein ganz verseeltes Geschöpfchen.«

Ihre Kinderfrau und später ihre Fräuleins konnte sie mit Fragen umbringen. Wie es im Paradiese aussähe, ob die Engel sich auch Sonntags putzten, und ob ihnen die Flügel angewachsen wären. Was denn aus den leeren Särgen würde, in denen die Gestorbenen gelegen? »Aber sie bleiben doch darin,« sagte die Kinderfrau. »Aber nein, Kinderfrau, sie werden doch Engel und kommen in den Himmel.«

Zum Weihnachtsfeste bekamen die Kinder gemeinschaftlich einen wundervollen Pfau geschenkt, der lief zu ihrem Entzücken durch den ganzen langen Speisesaal. Als Christa aber einmal sah, wie der Vater ihn in die Hand nahm, ihn umdrehte, und mit Geklirr eine Schraube in seinem Bauche aufzog, war der Zauber für sie gebrochen. Sie bekam sogar Angst, in ihrem Leibe könnte auch eine solche Schraube sein, und wenn sie im Bett einschlief, dann wäre eben die Schraube abgelaufen, und wenn nun der liebe Gott vergäße, sie am nächsten Morgen wieder aufzuziehen, so wäre sie gewiß tot.

Ihre Neugierde erstreckte sich auch auf ihre eigene kleine Person. Sie mochte zehn Jahre alt sein, als sie, an einem stürmischen Tage, im Seebad einen Fischer bat, sie in seinem Kahn mit aufs Wasser zu nehmen. Ob sie sich sehr ängstigen würde, das wollte sie erfahren. Und sie ängstigte sich fürchterlich, fand aber nachher, daß die Angst eigentlich wunderschön gewesen war.

Je älter Christa wurde, je mehr wuchs ihr grüblerischer Erkenntnisdrang, ihre Neigung, an Menschen, Dingen, an sich selbst Kritik zu üben. Alles wollte sie verstehen, alles kennen lernen. Zum Entsetzen der Mutter bestand sie sogar darauf, bei der Entbindung der Schwester zugegen zu sein, eine Unkeuschheit, die ? nach Frau Harriets Ansicht ? mit der Idee des Aktzeichnens ihren Höhepunkt erreichte.

 

Christa hatte ihren Vater sehr lieb, ihre Schwester Anne Marie auch, aber ihre Mutter und ihren Bruder Dietrich, die hatte sie nicht lieb. Der Vater war ihr sehr interessant, die Mutter nicht im mindesten. Sie wußte genau, was Mama bei dieser oder jener Gelegenheit sagen würde. Sie achtete auf den Wechsel in ihren Zügen, auf das, was sie sprach, wie sie sich bewegte, und sie wunderte sich über ihre erkünstelte Lebhaftigkeit, wie glatt ihr die konventionellen Lügen über die Zunge gingen und wie sie ihre Gäste, je nach dem Wert, den sie ihnen beimaß, einfach oder splendid bewirtete.

Frau Harriet war eine typische Persönlichkeit. Ihre Mutter hatte den fossilen Einfall gehabt, sie Henriette taufen zu lassen, ein Name, der gelegentlich in Jette entartete. Sie korrigierte den mütterlichen Mißgriff, indem sie die Henriette in Harriet umwandelte, ebenso wie sie Christine (nach der Mutter ihres Gatten so genannt) in Christa veredelte.

Die Frau Justizrätin war ganz und gar ein Kunstprodukt: Selbstmache, eine bescheidene nur, denn sie begnügte sich, eine Kopie der Modelle zu sein, die sie bewunderte. Nüchternen, praktischen Sinnes, war sie außer Stande, selbst etwas zu ersinnen, zu erfinden. Sie begeisterte sich immer nur für das Allermodernste, gleichviel ob Hüte, Dichter, Komponisten, Kleiderfaçons. Wäre entsagende Tugend und Rindfleisch Mode geworden, sie hätte auch das mitgemacht. Sie trug Haartrachten, die sie entstellten, weil sie Mode waren. Seitdem in der Modewelt das Croquetspiel dem Lawn-Tennis gewichen war, rührte sie keine Croquetkugel mehr an. Sie war der Gegensatz einer Unzeitgemäßen, allzu zeitgemäß.

Sie galt für schön, war es auch, wenn sie es sein wollte. Gelegentlich, im Geheimen, wenn niemand sie sah, konnte sie auch häßlich sein. Die Inscenierung war bei ihr Hauptsache. Die Mithilfe der Natur bestand in reichem, dunkelblondem Haar, einem klaren Teint, lebhaften braunen Augen und festen, weißen Zähnen. Sie sah prachtvoll gesund aus.

Ihre bedeutenden Charaktereigenschaften: Energie, Temperament, Konsequenz, verschwendete sie an einen unbezähmbaren, kleinlichen Ehrgeiz. Um eine glänzende Rolle in der Gesellschaft war es ihr zu thun. Ihr Salon, das war der Spiegel, der ihr den eigenen Wert zurückstrahlte. Ihr Haus sollte der Mittelpunkt einer erlesenen Gesellschaft sein, sie wollte einen Salon à la Rambouillet, oder wenigstens à la Rahel Varnhagen. Sie kaufte Bilder von berühmten Malern, nicht um der Bilder, sondern um der Künstler willen, die ihren Salon schmücken sollten. Geniale junge Dichter durften ihre Erstlingswerke in ihrem Salon vorlesen; nicht selten verließen sie ihn mit Größenwahn geimpft. Sie verlor ihre Ziele nie aus den Augen, arbeitete ihre Pläne bis ins kleinste Detail aus, nichts war ihr Nebensache, und sie erreichte fast immer, was sie erreichen wollte.

Ihre Ehe war in den ersten Jahren kinderlos gewesen, trotz der jederzeit wohlausgerüsteten Kinderstube. Sie kriegte aber auch den renitenten Klapperstorch klein. Allmählich kamen die Kinder, in größeren Zwischenräumen, ein Sohn und zwei Töchter, und nach einer zwölfjährigen Pause wurde der jetzt achtjährige Heinz geboren.

Ihr Hauptziel aber, den Salon à la Rambouillet, erreichte sie nicht. Es fehlte ihr an Kritik und echtem Geist. Sie konnte Allzusterbliche von Unsterblichen nicht unterscheiden. Die Allüren der Genialität nahm sie für die Genialität selbst, eine Tagesberühmtheit für einen Klassiker der Zukunft. Eine langweilige Excellenz war ihr des Titels wegen erobernswert.

Christa sah, daß ihre Mutter immer Komödie spielte. Und es kam ihr so sonderbar, so unerklärlich vor, daß diese Frau ihre Mutter war. Sie grübelte darüber. Es konnte doch nicht wahr sein, daß die Kinder die Eigenschaften der Eltern erben. Sie fand in sich nichts ihnen Verwandtes. Und Anne Marie und sie ? was hatten sie Gemeinsames? Es mußte da wohl noch etwas anderes geben, wovon selbst die Allergelehrtesten nichts wissen.

Und der Vater ? ja ? da war doch etwas ihr Verwandtes, sie konnte es aber nicht definieren. Sie studierte ihn förmlich, geizte nach seinem Lob. Sie genoß seinen Geist wie eine Delikatesse. Freilich kam sie allmählich auch hinter seine Schwächen. Sie erkannte den starken Dualismus seiner Natur.

Gotthold Ruland schämte sich eigentlich ? trotz Lessing ? seines Vornamens, er hätte gern seinen zweiten Namen, Fritz, an die Stelle des Rufnamens gesetzt; ein heimlicher Aberglaube hielt ihn davon zurück, so, als könnte ihm Gott dann nicht mehr hold sein.

Er hatte Geist und Witz, viel Geist. Er war ein vollendeter Skeptiker, mit kleinen Intermezzos rückläufiger Sentimentalitäten. Er konnte Aeußerungen thun, die cynisch klangen, obwohl er allerwegen für eine Moral eintrat, die mitunter an die rigorosen Bestimmungen der Lex Heinze streifte. Er handelte aber auch danach ? meistens wenigstens.

Als junger Mann hatte er sozialistische Gesinnungen und künstlerische Neigungen gehegt, und dabei einen brennenden Ehrgeiz, in die Höhe zu kommen, in die höchste Höhe. Allmählich aber erlahmte seine Flugkraft, und er bequemte sich zu einem Aufstieg auf breiter, ebener Chaussee, und je weiter er es in seiner Carriere brachte, je mehr dachte er sich seine früheren radikalen Ansichten ab. Er wurde mit der Zeit ganz konservativ, indem er sich unbewußt der Denkweise seiner Klientel, die hauptsächlich aus der Aristokratie bestand, anpaßte. Er wollte vergessen, was er früher gedacht und geplant, und allmählich vergaß er es wirklich, mit der ganzen Hingebung des Renegaten.

Einen inneren Widerspruch ließ er nicht aufkommen, obwohl er zuviel Geist hatte, um sich nicht ab und zu zu ertappen. Ein feiner Lebenskünstler war er, der sein Gewissen in der Gewalt hatte und nie verlegen war, für sein Denken und Handeln ethische Motivierungen zu entdecken. Und belästigte ihn doch einmal eine innere Stimme, er hatte immer ein Schweigegeld bereit, das von seinem berechnenden Verstand bestritten wurde. Er war sein eigener, sehr geschickter Anwalt. Als Rechtsanwalt hatte er gelernt und lernen müssen, auch eine schlechte Sache mit scharfen Verstandesmitteln zu verteidigen. Das kam dem Lebenskünstler zu gut. Sein flacherer Geist bekämpfte unausgesetzt den tieferen, bis der letztere unterlag und es nur noch ab und zu aus der Tiefe emporklang wie von versunkenen Glocken.

Er schliff fortwährend an den scharfen Ecken seines Verstandes, damit sie ihn nicht selbst verletzten, hielt sich aber dadurch schadlos, daß er die Nebenmenschen, soweit ihn sein berechnender Verstand nicht warnte, mit der ganzen Wucht seiner Geisteswaffen anfiel, und zuckten die Getroffenen schmerzhaft zusammen, so war ihm der Anblick der Verletzten unbehaglich. Entweder sorgte er sofort für ein Pflaster, oder er kehrte ihnen den Rücken.

Wie Cäsar keine hageren Leute, so wollte er keine Unglücklichen und Elenden um sich sehen. Er bemerkte einmal wie ein armer alter Mann auf der Straße ein Stückchen Brot aus dem Straßenschmutz nahm und es gierig aß. In wütender Rede ereiferte er sich gegen den Schmierfinken, beschleunigte aber unwillkürlich seine Schritte, und als er den »Schmierfinken« an der Straßenecke einholte, drückte er ihm ein Fünfmarkstück in die Hand.

Wer ihm imponierte, gewann schnell Einfluß auf ihn, es imponierten ihm aber nur Leute, die den Erfolg auf ihrer Seite, die der Welt Anerkennung abgezwungen hatten. Ein Genie ohne Erfolg hätte ihn kalt gelassen, obwohl er befähigt gewesen wäre, es zu erkennen. Er war ein Weltgläubiger.

Interessante Vorkommnisse gab es für ihn nur in den Kreisen, die er für maßgebende hielt. Er hatte ein eigentümliches, unschönes, sich überhebendes Lächeln, wenn man in seiner Gegenwart von den Angelegenheiten oder Schicksalen von Leuten sprach, die für ihn sans conséquence waren, ein Lächeln, das sagen sollte: wie kommt Ihr dazu, mich von Hinz und Kunz zu unterhalten. Hinz und Kunz existieren für mich nicht.

Er war willensstark innerhalb des Gebietes, wo er seiner Macht sicher war, oder wenn es galt, Unannehmlichkeiten oder lästige Ansprüche von sich fern zu halten. Seine Kraft erlahmte aber an jedem energischen Widerstand, teils weil er trotz seiner tyrannischen Ader von Hause aus garnicht willenskräftig war, teils weil ihm die Sicherheit der eigenen Meinung fehlte. Er hatte ein heimliches Mißtrauen gegen sich selbst.

Karge Mittel im elterlichen Hause hatten ihm keine Muße für andere als die notwendigen Fachstudien gelassen. Als Student hatte er durch Privatstunden seine Existenz bestreiten müssen. Und er empfand den Mangel einer breiten wissenschaftlichen Ausbildung peinlich. Zwar war er, wie seine Gattin, ein Anbeter des Erfolges, er war ehrgeizig und eitel wie sie, bei ihm aber galt alles seiner Person. Harriet kämpfte wie eine Löwin für den Ruhm ihres Salons, er war bei ihr Selbstzweck. Hatte sie eine erlauchte Persönlichkeit ? auf welchem Gebiet immer ? für ihren Salon eingeheimst, so strahlte sie in Befriedigung, mochte die Erlauchtheit sich auch gar nicht um sie kümmern, mochte sie ihr unsympatisch sein.

Gotthold Ruland kam es immer nur auf den Genuß an, den er persönlich von einer Sache hatte, ihr auf den Schein für Andere. Sie machte sich z.B. nicht viel aus Luxus. Roter Plüsch und Oeldruckbilder hätten es auch gethan. Ausgewählte Speisen schmeichelten ihrem Gaumen nicht, sie hatte sogar eine ausgesprochene Neigung für Hausmannskost und genierte sich nur vor der perfekten Köchin, dieser Vorliebe freien Lauf zu lassen. Sie brauchte das Auserlesene für ihre Gesellschaften, ihr Gatte brauchte es für sich.

Sie glaubte in ihrer Beschränktheit blindlings an sich, traute sich alles zu und erinnerte sich nie, woher sie ihren Geist, ihre Urteile und Ansichten bezog. Er hatte Stunden von feinster, peinlichster Selbstkenntnis.

Uebrigens imponierte ihm seine Gattin in ihrer Tüchtigkeit und Energie. Er nannte sie öfter im Scherz »Lady Macbeth«.

Frau Harriet hatte für die Geistreichigkeit ihres Mannes nicht viel übrig. Anne Marie auch nicht, trotzdem sie dem Vater geistesverwandter war als Christa. Sie hatte seine Selbstsucht, seinen skeptischen Esprit, nur mit mehr Grazie und ? Falschheit. Sie war eine geistige Tänzerin, während seinem mit Reflexionen belasteten Geist ein gut Teil Erdenschwere anhaftete. Wenn sie vom Vater sprach, sagte Anne Marie immer: »der Epikuräer«. Gelegentlich machte sie sich sogar über ihn lustig, z.B. als er verlangte, daß man am Bußtag ernsten Betrachtungen nachhängen oder am Todtensonntag auf den Kirchhof gehen sollte. Sie schlug die Hände über den Kopf zusammen: »Kinder, Kinder! was soll das werden! Sogar für den lieben Gott hat Papachen neuerdings etwas übrig.«

Dietrich fand, der Vater hätte recht; was ihn beträfe, er würde am Sonntag auf den Kirchhof gehen, (hinterher ging er heimlich doch nicht hin) und er würde am Bußtag ... und überhaupt ... Er machte eine geringschätzig abwehrende Bewegung, als wäre, was er noch zu sagen hätte, doch zu hoch für weibliche Fassungskraft.

Dietrich war ganz der Sohn seiner Mutter. Ohne weiße Schuhe Lawn-Tennis zu spielen, wäre ihm ebenso unmöglich gewesen, als im Ueberrock zu erscheinen, wo der smoking am Platz war, und daß jemand zu Austern Rotwein trinken könne, hielt er für Banausentum.

Anne Marie zog ihn am Ohr: »Brüderlein fein, Brüderlein fein, wie heißt doch der Vers in Eurem Kommersbuch? ?Ob ich auch Collegien schwänze, fehlt ich im Kommershaus nie. Brüder, ehrt das Burschenleben ? Brüder, s ist so eng begrenzt. Darum laßt die Lehr Euch geben: Pauket wacker, sauft und schwänzt.?« Dietrich zog den Mund in die Breite, zischte durch die Zähne: »Mädels!« und wütend schoß er zur Thür hinaus.

»Himmelsstürmer! Titane!« spottete Anne Marie ihm nach. »Und son Brüderchen studiert nun Kunstgeschichte. Warum? wahrscheinlich als Vorwand um ? natürlich in Luxuszügen ? Kunstreisen zu unternehmen und Italien, Griechenland und Umgegend durch sein elegantes Reisekostüm und seine Codexigkeit aufzuregen.«

Christa fand, daß Dietrich eigentlich typisch sei für die modernen Jünglinge, die ja meistens Streber oder Sportsmen wären.

»Weißt Du, Anne Marie, es interessiert Dich zwar nicht, aber ? es ist so: Wir Mädchen treten jetzt die Erbschaft der Jünglinge von ehemals an. Wir sind jetzt die ideale Jugend, wir der Frühling. ....«

»Titanidchen, Dummchen! rege Dich nur nicht auf. Es kommt ja doch immer ganz anders.«

»Das hast Du vom Vater, immer Asche aufs Feuer. ...«

»Damit kein Schaden geschieht,« lachte Anne Marie.

Gotthold Ruland liebte seine jüngere Tochter mehr als die ältere, vielleicht weil er in ihr den feurigen Elan seiner Jugendjahre wieder erlebte, das fliegende Hinaufverlangen zu irgend welchen Idealen, die er jetzt freilich als Seelenentgleisungen verspottete. So oft aber diese Töne angeschlagen wurden, immer klang eine Harfensaite in ihm mit.

Schon einige Jahre vor ihrer Einsegnung stand eins bei Christa fest: sie wollte etwas werden, etwas Bedeutendes. Fast alle ihre Mitschülerinnen wollten auch etwas werden. Es lag in der Zeitströmung. In ihrem 14. Jahre hatte sie mit begeisterter Anteilnahme ein paar klassische Stücke im Theater gesehen und sich ganz mit der Vorstellung durchdrungen, daß die Bretter nicht nur die Welt, sondern alles Glück und allen Ruhm bedeuteten.

Ein Gedichtchen, das sie verfaßt, trug sie dem Vater zu seinem Geburtstag mit feierlichem Pathos vor. Er lobte Vortrag und Dichtung. Sie dürfe sich eine Gnade ausbitten. Umgehend forderte sie seinen Segen für ihre Theaterlaufbahn. Der Vater lachte. Anne Marie habe ja sogar Tänzerin werden wollen. Derselbe Thatendrang, nur eine andere Couleur. Hie Tanzbein! hie Seelentänze!

Sie wollte schmollen.

Uebrigens ? er habe garnichts dagegen. Es brauche doch aber nicht gleich heute zu sein. Vorläufig bei der schönen Winterzeit solle sie ihren mimischen Furor auf dem Eise entladen.

Er schenkte ihr zu diesem Zweck ein Paar der teuersten und modernsten Schlittschuhe. Vom Theater war nicht mehr die Rede.

 

Als Christa mit Anselma in ihr Zimmer trat, lag Fräulein Julia König auf dem Teppich, unter dem Kopf ein orientalisches Kissen. Sie sah dunkelrot aus und rollte die Augen, halb in Pose, halb in wirklichem Zorn.

Christa ging schnell auf sie zu: »Wie siehst Du denn aus? was ist geschehen?«

Julias Nasenflügel blähten sich, sie knirschte: »Die Gymnasialkurse ? ich muß sie aufgeben, wie Du.«

»Auch wegen der Familiendiners?«

»Spotte nur noch. Nein, blos darum, eben darum, Mamachen will es. Ich soll nach Hause kommen. Was soll ich denn so früh in Dresden?«

Julia war kaum mittelgroß, weich von Gliedern, knochenlos. Die blauen, ein wenig hervorquellenden Augen blickten herausfordernd, begehrlich, zupackend. Immer löste sich ein Geriesel von Locken aus ihren Flechten, und sie liebte es, mit ihren kleinen, vollen Händen in ihrer blonden Mähne zu wühlen. Den Mund hielt sie meist halb geöffnet. Und diese durstigen Lippen mit den leicht vorgeschobenen weißen Zähnen machten den Eindruck, als hätten sie immer Lust zu beißen oder zu küssen. Ihr Gang war breithüftig, wiegend, allzu weiblich. In ihrer ganzen Erscheinung lag etwas Weichwelliges, Vollblühendes, Ueppiges, beinah Feistes.

Sie war 24 Jahre alt und sehr hübsch. Sie trug ein weißes Kleid. In dem Kleid aber waren Flecke.

Sie hatte es im Hause ihrer Eltern, einer korrekten Beamtenfamilie, nicht ausgehalten: ein Haus, wo man nur Familienblätter las, wo man Abends um den runden Familientisch handarbeitete; und zum Abendessen gabs immer dünnen Thee und kalten Aufschnitt. Ein Familienleben, wie es im Buch steht.

Sie hatte so lange mit den Eltern gehadert, bis man ihr endlich, kampfesmüde, die Gymnasialkurse in Berlin gestattete. Eine möglichst billige Pension, wo sie sich nicht sattessen konnte, wurde für sie ausfindig gemacht.

Und nun rief man sie zurück, teils weil die Geldmittel knapp wären, teils weil sich glänzendere Aussichten ? so schrieb die Mutter ? für sie böten. Den Glanz kannte sie: ein älterer Witwer mit einer gutgehenden Fabrik und einigen ungezogenen Rangen. Sie dächte garnicht daran, sich ins Bockshorn jagen zu lassen. In verschiedene Zeitungen hätte sie schon Annoncen rücken lassen. Die erste beste Stellung nähme sie an, selbst bei Familien, wo es Abends auch nur dünnen Thee und kalten Aufschnitt geben würde.

Julia aß sehr gern, möglichst viel Fleisch, und sie trank auch gern, aber nicht dünnen Thee, lieber Wein, und wenn sie ihn nicht haben konnte, allenfalls Bier, aber echtes.

Sie sprang auf, schüttelte die Mähne und reckte die Arme in die Höhe, im Gefühl ihrer Kraftfülle.

»Ich lasse mich nicht klein machen. Ich will mein eigenes Leben haben. Uns Jungen gehört die Zukunft. Entweder sind die Eltern unsere Alliierten, oder ? wir werden ohne sie fertig. Meine Mutter ist eine entfernte Verwandte von mir. Mein Vater nicht einmal das. Er kennt mich nicht, ich kenne ihn nicht. Meine Mutter hat mir erzählt, daß ihr Mann ? was mein Vater ist, ? nach meiner Geburt sechs Wochen kein Wort mit ihr geredet habe, weil ich, das Aelteste, ein Mädchen, nicht ein Bub geworden war.«

Christa stimmte ihr zu, daß die halben und viertel Erlaubnisse der Eltern greulicher wären als ein resolutes Nein.

»Nicht wahr? Das Nein treibt uns unter Umständen zur Verzweiflung, und Verzweiflung gebiert kühne Entschlüsse, z.B. das Auskneifen. Christa aber ist ein Feigling. Gott, wie sie mager ist,« lachte die üppige kleine Julia, »man weiß garnicht, wie das noch enden wird. Wachse nur nicht schief.«

»Was soll ich denn aber thun?«

»Los von Muttern!«

»Ich habe ja gar kein Geld.«

»Ich auch nicht. Geld haben wir Mädchen ja nie. Unsere Brüder sind dazu da, es zu kriegen. Wenn unsere Eltern für uns ein Uebriges thun, so schicken sie uns auf ein Jahr in eine Pension, in die Schweiz oder nach England for accomplishment. Die Brüderchen, wenn sie auf die Universität ziehen, kommen von jedem Zwang los, wir sollen erst recht gezähmt werden. Was von Natur und freiem Wesen uns noch anhaftet, soll abgeschliffen werden. Unter die Glasglocke mit uns! Und sind wir wieder zu Hause und ? schauderhaftes Wort ? mannbar, so fahndet das ganze Haus auf einen Mann für uns. Und dabei nimmt man den Mund so voll von unseren immensen Gefühlen ? besonders wenn man uns den Verstand absprechen will ? von unserer natürlichen, schönen Wildheit und Ursprünglichkeit, aber ? alles unter der Glasglocke!«

Sie riß das Fenster auf, als brauche sie mehr Luft. »Ich habe sie, ich habe sie ? die immensen Gefühle, die schöne ursprüngliche Wildheit ? ich zerschlage sie ? die Glasglocke.« Sie sah sich nach einer Glasglocke um; da keine vorhanden war, begnügte sie sich mit der symbolischen Handbewegung Natürlich, das habe er garnicht anders erwartet, des Zerschlagens.

»Julia spielt wieder einmal die Rabiata,« sagte Anselma.

Sie war aber schon wieder nicht mehr rabiat, sank vielmehr faul auf den Teppich zurück. Kleine Locken ringelten sich wie Schlangen in ihre Stirn hinein.

»Ach ja, wir ? Esel ist wohl zu hart, also Schafe ? wir haben förmlich das Gefühl, Böses zu thun, wenn wir Abends allein über die Straße gehen, oder wenn wir in einer Conditorei eine Tasse Chokolade trinken und dabei den Blick eines Mannes ? aushalten. Ich breche mit diesen Albernheiten, ich breche ...« Sie hielt inne, etwas geniert von der Art, wie Anselma sie anstarrte.

»Warum starrst Du Julia so an?« fragte Christa.

»Weil sie mein nächstes Modell sein wird.«

»Modell, wozu? zu einer Herodias? einer Hero? Wie ich Dich kenne, muß Tod und Liebe dabei sein. Der Tod ist übrigens jetzt furchtbar modern.«

»Was ich malen will, ist so kühn, so neu, Ihr würdet es nicht fassen.«

»Nehmen Sie doch Christa zum Modell. Ihr Kopf ist viel interessanter als der meine.«

Das ist er. Sie aber, Julia, sind eine ganze, ungebrochene Persönlichkeit. Ein Vollweib. Christa ist schon allzu sehr von des Gedankens Blässe angekränkelt, mir zu kompliziert. Sehen Sie sich doch dieses unregelmäßige, widerspruchsvolle Gesicht an.«

»Bin ich wirklich so kompliziert?«

»Das bist Du. Etwas blaublumige Romantik, etwas Iphigenie mit den dazu gehörigen Tempelhallen, die phrygische Mütze stülpst Du Dir auch gelegentlich auf. Und für Mystik bist Du, und Häckels Welträtsel gefallen Dir auch, und an die Abstammung des Menschen vom Affen glaubst Du.«

»Da hätte ja Mama recht,« sagte Christa mit einem etwas erkünsteltem Lächeln, »wenn sie mich ein Chamäleon nennt.«

»Einiges spricht allerdings für das Chamäleon,« bekräftigte Julia. »Sie wissen es vielleicht nicht, Anselma: Erst will sie Schauspielerin werden. Ihre ganze Seele brennt dramatisch, sie deklamiert, daß die Wände wackeln. Sie decouvriert sich Papachen. Papachen erlaubt es nicht. Wahr oder nicht?«

»Ungefähr!«

»Sie kuscht. Dann will sie Krankenwärterin, Nonne oder so etwas Aehnliches werden. Papachen sagt wieder nein. Darauf entdeckt sie ihr künstlerisches Talent. Wie es zum Aktzeichnen kommen soll, schaudert Mamachens Innere auf. Es geht ihr dabei zu bloß zu, und kein Mann würde ein Mädchen heiraten wollen, das ... u.s.w. Sie hört auf, weißes Blatt zu sein, was ein Hauptvergnügen für den Mann scheint, manche sollen nur wegen der Weißblätterigkeit heiraten. Also diesmal hats Mama nicht erlaubt. Sie merken schon, Anselma, daß Mama und Papa es immer abwechselnd nicht erlauben. Die fromme Christa legt das Aktzeichnen zu dem Uebrigen.«

»Weißt Du, Julia,« unterbrach Christa sie nachdenklich, »ich glaube, ich hätte als Bildhauerin nichts Besonderes geleistet. Darum ließ ich mich erst garnicht in einen Kampf mit Mama ein.«

»Ach was, lappétit vient en mangeant, und das Talent kommt beim Arbeiten. Darauf ein neuer Anfang: die Gymnasialkurse. Nach einem Jahr schnappts schon wieder, Sie wissen schon, wegen der Dinerstunde.«

Anselma, die fürchtete, daß Christa sich verletzt fühlen könnte, fragte, um das Gespräch zu wechseln, ob Julia schon eine Stelle in Aussicht habe.

Mehr als eine. Sie nähme aber eine Stelle nur auf kurze Zeit an, um über die erste Geldlosigkeit fortzukommen.

»Und was dann, Julia?«

»Sehr einfach. Ich werde Schriftstellerin. Dazu gehört Gott sei Dank keine Erlaubnis. Im Notfalle wählt man ein Pseudonym.«

Sie war schon halb getröstet. Sie wollte gleich Papier kaufen und Notizbücher, die Schriftsteller immer bei sich haben, um alles zu notieren.

Christas Einwendungen begegnete sie damit, daß sie ihr Sofakissen an den Kopf warf. Sie hatte ab und zu einen Drang, sich irgendwie auszutoben. Sie schwang sich auf das Fensterbrett, baumelte mit den Beinen und verlangte eine Cigarette. Christa hielt für sie immer Cigaretten bereit. Mit Behagen blies sie zierliche Rauchringe durch die Nase.

»Ja, Christa, wenn ich wie Du wäre, da hätte ich schon mein Billet nach Dresden ? dritter Klasse natürlich ? gelöst. ? Weißt Du, mir zu Liebe werde doch auch Schriftstellerin. Aber ? ach Gott nein, Du willst ja Volksrednerin werden.«

»Eine schöne Volksrednerin, die keine Gelegenheit hat, das Volk kennen zu lernen.«

»Borge Dir von Eurem Küchenmädchen ein Umschlagetuch, und hinaus ins feindliche Volk, in die Wärmehallen, ins Asyl für Obdachlose, in die Verbrecherkeller...«

»Ohne männliche Begleitung? Wir können ja nicht einmal allein reisen.«

Julia sprang vom Fensterbrett und warf die Cigarette fort. »Meinst Du, wir könnten das alles nicht? Gebt mir Insektenpulver und einen Revolver, und ich kanns. Nicht etwa wie Du aus verstiegenem Altruismus, ? so ein allgemeiner Menschenfreund bin ich nun einmal nicht ? man kann aber derartige Abenteuer auch für Novellen und Romane wundervoll verwerten. Die soziale Frage ist augenblicklich in den Romanen ebenso interessant wie ? sie zog das Mündchen rund zusammen zu einem Pfiff ? die Lübe.«

»Ja Du! Aber es hat nicht jeder Dein Temperament und...«

Julia rollte die Augen ? den »schönen Wahnsinn« zu markieren, und sträubte ihr Haar auseinander. »Kinder, wenn ich nun wirklich ein Genie wäre! dann brauchte ich all Euren Bildungskrimskrams nicht. Vor dem Genie heben sich die Dächer aller Menschenwohnungen ab, es ist hellsehend, fernsehend u.s.w. Das weiß ich bestimmt, in meinen tiefsten Seelengründen ? was man so unter der Schwelle des Bewußtseins nennt ? geht es unsterblich zu. Es fehlt nur noch, daß mir ein Gott giebt, zu sagen, was ich fühle, und das »Sagen« will ich lernen. So unaufgetaute Posthörner, so scheintote Genies giebts gewiß viele, besonders unter den Frauen, es liegt nur so tief, das Geniale, tief wie in einem Sarge, und wir können den Deckel nicht heben. Ein Blitz muß kommen, ihn zu sprengen. Betet für mich, betet, daß mein Blitz komme! Ach, im Nietzschestil möchte ich reden. Warum ist der ein Genie? Er hat den Deckel gehoben, und all seine Seelenherrlichkeiten quellen in niegesehener Pracht aus dem Sarge.«

Sie hatte unwillkürlich die Aermel aufgestreift, verschränkte die runden, schönen Arme im Genick, und durch das Fenster flogen ihre Blicke zu dem Glasdach, auf dem die Sonne funkelte.

»O Königin, das Leben ist doch schön!« Sie ließ sich wieder auf den Teppich niedersinken und löste ihren Gürtel. Alles war ihr zu eng geworden.

»Ich möchte vor Vergnügen mit den Beinen strampeln, thue es aber nicht, weil Ihr so gräßlich wohlerzogen seid. Und da in Deiner Garderobe, Christa, doch kein Panterfell und kein Thyrsusstab ist, also wohl aus einer richtigen Orgie nichts werden wird, so hätte ich gerne eine Tasse Thee, aber mit Zubehör.«

Christa klingelte nach dem Thee. Sie liebte diese quellende Seelenüppigkeit in Julia, dieses wallende Ueberschäumen des Temperaments. Anselma verschlang das liegende schöne Weib fast mit ihren Blicken.

»Wissen Sie, Julia, die schwarzen und grünen Lorbeeren würden Ihnen garnicht stehen. Einen roten Rosenkranz auf Ihrer blonden Mähne! Auch Aphrodite braucht Genies. Liebe ist die Quintessenz von allem. Füllt Bände damit! Füllt Bände!«

Julia blinzelte sie von der Seite an und sagte neckisch: »Die Quintessenz in Ihren Werken oder in Ihrem Leben?«

Anselma lächelte in sich hinein. »Vielleicht gehört beides zusammen.«

Der Diener brachte Thee und Kuchen und Früchte für die jungen Mädchen. Die Unterhaltung wurde friedlicher und harmloser.

 

Als die jungen Damen endlich gingen, war es Christa lieb. Sie hatte genug von ihnen. Und dann erschrak sie, daß sie genug von ihnen hatte, von ihren Freundinnen! Hatte die Mutter auch darin recht? war sie wirklich gemütlos, wankelmütig, ungeduldig, treulos? War sie im begriff, schief zu wachsen?

Sie trat ans Fenster. Sie hätte sehr gern ein Zimmer mit einem schönen Ausblick gehabt, in Gärten etwa. Ihr Fenster aber ging in den Hofraum. Eine hohe Mauer war im Sommer dürftig mit Blattpflanzen berankt, im Winter kahl. Ueber die Mauer weg sah man die Dächer anderer Häuser, auch eine große Glaskugel auf einem Hause der Nachbarschaft, und in der Ferne die Conturen des schlanken Matthäikirchturms. In den Lüften zogen sich unzählige Telephondrähte von einem Dach zum andern. Die Kurbeln in den Drähten sahen wie verflogene Vögelchen aus. Fuhr der Wind in die Drähte, so klang es wie feine, ferne Harfentöne. Auch auf die Hinterfront einer Reitbahn sah sie. Im glatten Mauerwerk befand sich ein großes, atelierartiges Fenster, zur Seite zwei kleinere, eirunde. Abends wurde die Reitbahn mit elektrischem Bogenlicht erleuchtet. An Winterabenden erklang zuweilen von daher Musik. Damen und Herren ritten da unter Militärmusik Quadrillen. Mit der Zeit gewann sie Geschmack an dem Ausblick. Es ließ sich da allerlei hineinphantasieren.

Sie trat vom Fenster zurück. Ihre Blicke schweiften im Zimmer umher. Sie mußte lächeln, als ihr einfiel, was für Veränderungen sie im Laufe von zehn Jahren mit der Ausstattung dieses Zimmers vorgenommen hatte. Zu ihrem 12. Geburtstag hatte sie sich leidenschaftlich einen Kanarienvogel und einen Blumentopf mit lauter roten Rosen gewünscht. Alles sollte um sie her froh, warm, gemütvoll sein. Ein paar Jahre später wollte sie von dem Vogel und den roten Rosen nichts mehr wissen. Sie schmückte ihr Zimmer mit Lithographieen von Heiligen, stellte ein Kruzifix auf den Tisch und erbat und erhielt die Erlaubnis, das Stübchen weiß tünchen zu lassen. Das war die Zeit der Vorbereitung zur Konfirmation. Sie las die Bibel und Heiligengeschichten und dachte es sich wunderschön, eine Märtyrin zu sein, womöglich gleich mit sieben Schwertern in der Brust, oder wenigstens Nonne, wogegen freilich der Umstand sprach, daß sie evangelisch war; vielleicht würde sie katholisch werden. Das wußte sie aber noch nicht.

Diese Stimmung hielt bis ungefähr ein Jahr nach ihrer Einsegnung an. Inzwischen hatte sie viel gelesen, gelernt, erfahren, ihre Anschauungen wandelten sich, ihre Gläubigkeit schwand dahin, und mit ihr die Heiligenbilder, das Kruzifix, die weißen Wände und die Märtyrersehnsucht. Das Zimmer wurde rot tapeziert, das Kruzifix durch die Venus von Milo ersetzt, die Heiligenbilder durch eine Radierung der Toteninsel und anderer Böcklins, die sich wunderschön von der roten Tapete abhoben. Ein Kupfergefäß mit blaßrosa Astern stand auf dem Tisch. Die Decke auf dem Tisch war von verschossenem, altrotem Sammet; ein seltsam schlangenartig sich windendes Muster in hellerem Rot, kabbalistischen Zeichen ähnlich, durchzog den Sammet. Auf dem Kaminsims eine Vase von irisierendem Metall in Form einer Blume. Eine Schlange wand sich vom Fuß der Vase hinauf zu einer kleinen Psyche, die sich über den Rand des Kelches neigte. Das war ihre Aschenurne, da hinein that sie allerhand zum Andenken an Gestorbenes, oder auch an Lebendes, das für sie tot war. Sie besaß viele Bücher. Ihr ganzes Taschengeld gab sie für Bücher aus. Sie ging in alle Kunstsalons, sie sah alle Ibsenschen Stücke, und überall, wo sie eine Tiefe ahnte, tauchte sie hinab, oft ganz verzweifelt, wenn sie nicht alles verstand. Die allermodernsten Dichter waren ihr die liebsten: Stefan George, Hofmannsthal, Maeterlinck; Dichter, aus deren Schriften sie ein Geisterhauch streifte, in denen die Seelen ohne wesentliche Leibhaftigkeit sich berührten, wo aus azurnen Himmelshöhen Erzengel Miserere sangen, oder aus purpurnen Tiefen in tötlicher Schönheit Schatten stiegen, die unaussprechliche Geheimnisse wußten.

Und nun ? war sie nicht schon wieder in einer Umwandlung begriffen?

Christa that sich selber Unrecht, wenn sie sich für eine treulose Kreatur hielt. Von Kindheit an war ein Hang in ihr, den Dingen auf den Grund zu kommen. Und glaubte sie ihn entdeckt zu haben, und bot er ihr nichts Außerordentliches, so verlor sie darüber die Freude am Ganzen. Sie verstand es nicht, die Schönheit einer Oberfläche oder liebenswürdige Einzelheiten im Charakterbild eines Menschen zu genießen. An Julia waren ihr die oft geschmacklosen, zu grellen Toiletten störend, überhaupt daß sie keinen Geschmack hatte, und daß zuweilen ein vulgärer Zug in ihrem Gesicht oder in ihrer Redeweise sich bemerkbar machten. Und heut nun gar die Flecke in ihrem weißen Kleide.

Ja, entschieden, in den letzten Jahren war eine Veränderung in den beiden jungen Mädchen vorgegangen. War das noch dieselbe Anselma, die früher, ganz Begeisterung für die Kunst, nach nichts anderem in der Welt fragte? sicher, etwas war mit ihr geschehen, wovon Christa nichts wußte. Die Freundinnen hatten also doch wohl eine Mitschuld an ihrer Treulosigkeit, und sie war kein so arges Chamäleon.

Es giebt Menschen, die eigentlich für ein anderes geistiges und örtliches Klima als das ihnen vom Schicksal zugewiesene geboren wurden, und sie experimentieren nun und zerquälen und verrenken sich die Seele, um zu den Quellen zu gelangen, wo ihre Lebenswasser rinnen. Aus dem ungeeigneten Erdreich ziehen sie nicht Mark und Kraft genug, um auch widrigen Winden entgegen gerade emporzuwachsen; sie lassen sich vielmehr von ihnen da und dorthin treiben, bald steigen, bald fallen sie, oder sie halten sich schwebend wie verloren im leeren, unendlichen Raum.

Solch ein Mensch war Christa.

Wie sollte dieses junge Geschöpf einfach und gerade emporwachsen zwischen einem Vater und einer Mutter von so entgegengesetzter Artung, die beide mit ihrer ganzen Persönlichkeit auf sie drückten, dieser Mutter, deren Sinn ganz und gar auf extremste Weltlichkeit gerichtet war, und diesem skeptischen Vater, der mit dem Gefühl allgemeiner Wurstigkeit auf das Gewimmel der Menschen herabsah.

Bei den Gesprächen und den kleinen Häkeleien zwischen den Eltern ? er pflegte seine Gattin heiter zu verspotten ? war Christa oft zugegen, immer beobachtend, staunend, alles im Gedächtnis behaltend, Schlüsse daraus ziehend.

Was sie bei Anselma neuerdings abstieß, war das stark ausgesprochene Erotische in ihrer Wesensart; das mochte Christa nicht. In den Romanen überschlug sie oft die Seiten, wo heiße Liebesszenen geschildert wurden. Ein Ereignis in ihrem Leben spielte da hinein. Sie dachte jetzt daran. Jede Einzelheit jener Begebenheit trat ihr vor die Seele.

Sie hatte von jeher, was ihr in die Hände fiel, gelesen, auch Bücher, die nur für reife und reifste Geister geschrieben waren. Sehr früh erregte das Verhältnis der Geschlechter zueinander ihren Erkenntnisdrang. Sie forschte, und es blieb ihr nichts verborgen. Dabei bewahrte sie zwar die Unschuld der Sinne, hätte aber doch sehr gern die Liebeswonnen, die ja in allen Romanen die Hauptrolle spielten, kennen gelernt.

Als Kind hatte sie einmal tiefe, tiefe Löcher in die Erde gegraben, tagelang immer gegraben, weil man ihr gesagt, im Innern der Erde wäre alles Feuer. Zu dem Feuer wollte sie gelangen. Nun wollte sie zu einem andern Feuer in sich selber gelangen. Und sie grub ? grub.

Der Hauslehrer ihres Brüderchens, ein junger Philologe, hatte sich in sie verliebt. Das stille Schmachten des jungen Mannes, das sie wohl bemerkte, schmeichelte ihr und erregte ihr neugieriges Wohlgefallen. Das war der erste, der das Weib in ihr sah. Sie beobachtete mit Spannung, wie allmählich sein stilles Glühen einen leidenschaftlichen Charakter annahm. Dabei redeten sie nie miteinander, mit schweigendem Gruß gingen sie aneinander vorüber. Ihre Haltung ihm gegenüber war nicht gerade ermutigend, aber noch weniger ablehnend.

Unmerklich wurden die gegenseitigen Grüße ausdrucksvoller. Als sie wieder einmal im Korridor Grüße austauschten, wandte sie sich in der Thür noch einmal nach ihm um, ihre Blicke trafen sich, er eilte auf sie zu mit einer flehenden Gebärde ? sie entschlüpfte. Gott, dachte sie, wie bin ich kalt, und ich hielt mich doch für eine feurige Natur.

Rulands hatten bald darauf ein Diner gegeben, zur Feier von Anne-Maries Hochzeitstag, eine etwas drollige Feier, denn Anne-Maries Gatte war nicht dabei. Der lag an einem Gichtanfall zu Bett. Anne Marie war eine halbe Stunde vor dem Diner gekommen. Sie wollte noch mit Christa plaudern. Die Schwestern liebten sich, trotz der Grundverschiedenheit ihrer Naturen.

Frau Harriet irrte sich, wenn sie Anne Marie ganz für ihr Werk hielt. Scheinbar aus demselben Holz geschnitzt wie sie, wich sie doch wesentlich von ihr ab. Sie verhielt sich zur Mutter, wie ein fein ausgeführtes Kunstwerk zu einer Fabrikware. Bei der Mutter war alles gröber, auf den Effekt berechnet. Der Tochter Intelligenz war höher, sie verband damit Witz, Findigkeit, Raffinement. Es war soviel ursprüngliche Natur in ihr, daß es selbst der Dressur der Mutter nicht gelungen war, sie auszutreiben. Anne Marie war reizend, mit dem kleinen, süßen Mund, durch den die Zähne ein wenig hindurchschimmerten. Die Augen, schwarze, leuchtende Perlen, fast liderlos; feines, schwarzes Gelock fiel ihr bis zu den Augen. Wie sich das zarte, weiche Kinn am Halse ansetzte, war berückend. Lebensfroh, klug, vornehm, weltlich der Ausdruck dieses Kopfes.

Ihre Toilette an dem Tage war wie immer reizvoll pikant. Ein lichtes Kleid von weicher changeant-Seide, die in Regenbogenfarben spielte: blau, grün, rot, gelb; aber nur wie das zarte Echo eines Regenbogens flossen die Farben ineinander, diskret, leise, ganz blaß getönt. Keine Blume, kein Schmuck, nur sehr dekolletiert war sie.

Christas hohes, gesticktes weißes Battistkleidchen fand sie für eine Sechzehnjährige zu sehr à la Baby. Und wenn schon ? denn schon. Und sie entflocht ihr die Zöpfe, so daß ihr das Haar in natürlichem Gelock über die Schulter fiel, streifte ihre zu langen Aermel etwas auf, zupfte am Ausschnitt des Kleides, bis das zarte Hälschen ein wenig frei wurde, und mit kleinen Sträußen rosenroter Mandelblüten, die sie aus einer Vase nahm, putzte sie das Kleid auf.

»So, nun kannst Du den Frühling vorstellen, mit der Verpflichtung, drauflos zu blühen und Dich zu verlieben.«

»In wen denn, Anne Marie?«

Anne Marie riß drollig weit die Augen auf, erhob den Zeigefinger über den Kopf und flüsterte geheimnisvoll: »Im Grund des Champagnerkelches (Kelch klingt besser als Glas) wirst Du sein Bild sehen.«

»Giebts heut Champagner?«

»Selbstverständlich. Also, frühlingshaft übermütig, unverfroren, naiv, besonders naiv. Das gefällt enorm.«

»Aber ich bin doch garnicht naiv. Ich bin doch ernst.«

»Ernst! Unsinn! Ernst ist schwer, eine Art milden Alpdrückens, ich muß dabei immer an den Erdball denken mit seinem Gesetz der Schwere, das mich ja eigentlich garnichts angeht. Leicht sein! es giebt nichts Rentableres. Denke Dir einmal eine dünne Eisdecke oder eine sumpfige Stelle, höchst gefährlich zu passieren. Du schreitest ganz langsam, bedächtig, zögernd, Schritt für Schritt darüber, ? plumps, liegst Du im Graben, da fressen Dich die Raben. Ich aber, ich tanze darüber hin, kaum berühren die Füße den Boden. Im Handumdrehen bin ich drüben. Ach, und es wimmelt ja im menschlichen Leben von dünnen Eisdecken und sumpfigen Stellen.«

Während sie sprach, hatte sie sich auf die Fußspitzen gestellt. Sie pfiff eine Melodie und tanzte um das »langweilige Einsegnungsbaby« herum.

»Wie schön Du bist!« sagte Christa, »daß Du aber Deinen kranken Mann am Hochzeitstage allein läßt, ist garnicht schön.«

»Ist erst recht schön.« Und immer noch tanzend, sang sie: »Mein Mann der hat das Zipperlein. Etsch! warum ist er so alt! Lieblos, daß ich ihn allein lasse? Er freut sich ja wie ein Kiebitz, wenn ich nach Hause komme, mich an seine verbundene Zehe setze, und ihm erzähle, wie es war. Ich schmücke alles herrlich aus, besonders meine Courmacher ? er hat einen Bombenspaß, und ich übe mich dabei im Esprit. Immer alles praktisch ausnutzen ? das habe ich von Mamachen geerbt.«

Die ersten Gäste kamen. Frau Harriet hatte ausnahmsweise den jungen Hauslehrer eingeladen, zum Teil als Belohnung, weil er an seinem Zögling mehr als seine Pflicht that, und dann paßte er der Hausfrau gerade als Tischherr für eine unerhebliche Nichte, die schwer unterzubringen war. Der Zufall wollte, daß er Christa zur Linken saß. Zur Rechten hatte sie einen ebenso berühmten wie schweigsamen Maler. Sie langweilte sich. Der Hauslehrer wurde von der unerheblichen Nichte im Gespräch festgehalten. Nur ab und zu, wie von einer inneren Macht gezwungen, wendete der junge Mann den Kopf zu Christa hin, und sie sah die verhaltene, zitternde Erregung in seinen Zügen.

Der Diener machte mit dem Champagner zum zweiten Mal die Runde. Christa trank nicht. Ihr Blick schweifte über die Tafel. Wohin ihre Augen fielen, überall leuchtende Augen, rote Lippen und Wangen. Waren das dieselben jungen Damen, die vor dem Diner so ausdruckslos umherstanden, ab und zu wie auf Kommando ein paar konventionelle Worte wechselnd. Alles schien nun aus dem konventionellen Geleise herauszustreben, die Damen wurden augenscheinlich immer dekolletierter. Warum lachten sie nur so? Es war wie eine Tischmusik von Klarinetten und Trillern. Witzreden stiegen wie Leuchtkugeln auf, hier und da wurde auch mit Feuer über Kunst, Theater, Gefühlsprobleme debattiert. Vor allem aber war es ein Fluidum von Zärtlichkeit, das die heiße, parfümierte Luft durchzitterte, noch latent, gebunden, man hatte aber den Eindruck, ein Zugwind ? und Flammen würden entlodern.

Der junge Philologe redete nicht mehr mit seiner Nachbarin. Er blickte Christa an, intensiv. Sie fühlte es wie das Ausstrahlen einer Wärme, die sie belästigte.

Ihre Augen suchten Anne Marie. Die hielt den Kopf ein wenig hintenüber, das Glas Champagner an den Lippen, mit einem Seitenblick, einem schmachtend listigen, streifte sie ihren Nachbar. Christa kannte ihn flüchtig. Ein ostpreußischer Aristokrat: Adrian von Lützow. Er gefiel ihr. Sie konnte nicht sagen, warum. Sie empfand ein leichtes Mißbehagen, daß er allzunah sich zur Schwester hinneigte. Er schien ihren Anblick in sich zu trinken.

Und plötzlich wurde Christa von einer ungeduldigen Neugierde erfaßt. Wie? wenn sie nun auch Champagner tränke, ob sie sich dann aus dem langweiligen Einsegnungsbaby in ? ja, in was verwandeln würde?

Und sie, die bis dahin den Wein gemieden, weil schon ein halbes Glas sie betäubte, sie trank schnell, in kleinen Pausen, drei bis vier Glas Champagner, von einem Glas zum andern die Wirkung erspähend. Und sie kam, sie kam ? die Wirkung. Keine Langeweile, keine Abspannung mehr. Sei fühlte förmlich, wie das Thermometer in ihrem Blut stieg, wie ihre Lippen heiß, ihre Augen leuchtend wurden. Es kam ihr eine Lust zu reden, Kühnes, Begeistertes, ? gleichgiltig was ? zu lachen, gleichgiltig worüber. Ein starkes, köstliches, zärtliches Wohlgefühl durchströmte sie. Der verliebte Jüngling zu ihrer Linken empfand instinktiv die Veränderung, die mit ihr vorging. Und nun redete er, leise, stammelnd, er redete von seiner Liebe. Wie den Champagner, so sog sie seine Worte ein, und blickte in seine schönen, blauen, schwärmerischen Augen.

Als man vom Tisch aufstand, war ihr taumelig. Es wurde getanzt. Sie lag fest in seinen Armen, er tanzte mit ihr in ein Nebenzimmer hinein. Er flüsterte. Sie verstand die Worte nicht und wußte doch, was er sagte. Sein ganzes Wesen redete die Sprache einer unbezähmbaren Leidenschaft. Er umschlang sie inniger. Ihr Köpfchen sank zurück, und sie verging in einem ohnmächtigen Gefühl von schaudernder Süße. Ihre Lippen neigten zu einander ...

Adrian von Lützow stand auf der Schwelle. Sein Blick traf das Paar mit einer kalten Verwunderung. Der Contretanz hatte begonnen, zu dem er mit Christa engagiert war. Sie verließ mit ihm das Zimmer. Bald darauf war das Fest zu Ende.

Christa war kaum imstande, sich auszukleiden; sie sank in die Kissen und schlief sofort fest ein. Am andern Morgen als sie wach geworden, lag sie noch eine Weile im Bett, dem Spiel der Sonnenstrahlen auf dem Fußboden, auf den Möbeln folgend. Dabei hatte sie die dumpfe Empfindung, daß etwas Besonderes, sehr Wichtiges geschehen sei. Was denn? Sie brauchte einige Zeit, ehe ihre Erinnerung ganz wach wurde. Mit einem Ruck saß sie aufrecht im Bett. Was da geschehen, das war ja fürchterlich, lächerlich, nicht zu glauben! Sie, Christa, eine betrunkene Jungfrau! Pfui! Sie schüttelte sich in heftigem Widerwillen. Wie sollte sie das wieder los werden!

Sie vermied seitdem jede Begegnung mit dem jungen Lehrer. Er schrieb ihr glühende Briefe. Die ersten beantwortete sie nicht. Als er aber nicht aufhörte zu schreiben, fühlte sie instinktmäßig, daß sie etwas Entscheidendes thun müsse, um ihn gründlich zu ernüchtern. Und in großen, groben, beinahe ungezogenen Buchstaben schrieb sie: »Vergessen Sie doch die Kleine, die hatte ja einen Schwips!«

Der junge Mann gab seine Stellung im Rulandschen Hause auf. Sie sah ihn nicht wieder und hätte das Erlebnis wohl mit der Zeit vergessen, wenn ...

Das Schicksal sorgte dafür, daß es eine blutige, unaustilgbare Spur in ihrer Seele hinterlassen sollte.

Ungefähr vier Wochen nach jenem Diner machte Christa, wie es oft geschah, einen Spaziergang im Tiergarten. Die Jungfer ihrer Mutter begleitete sie. In der Natur eine fahle, graue Stimmung. Die Bäume schon ziemlich kahl, die braunen, eingetrockneten Blätter muffig feucht. Ein stumpfes, stagnierendes Wässerchen, von dürren Blättern zugedeckt. Ein paar späte Schwäne auf dem Wasser, die langen Hälse gesenkt. So gleichgiltig war alles, so müde. Die Farbe der Tannensträucher verdrossen und verstaubt. Und Christa ging auch so gleichgiltig hin, weiter und weiter. Ein Wimmern drang an ihr Ohr. Sie gingen den Lauten nach und kamen an den freien Platz, auf dem die Bildsäule der Flora steht, die auf der Schulter einen Korb mit Blumen und Früchten trägt. Es sah aus, als wollte sie die Rose in der ausgestreckten Hand dem Jammernden schenken, der da auf einer Bank sich unter Qualen krümmte. Er hörte die Schritte der Nahenden, das Aechzen wurde ein herzzerreißendes Schreien: »Ein Arzt! Gift! leben! nicht sterben! ich will nicht! leben!«

Er hob den Kopf ein wenig und starrte mit seinen herausgequollenen Augen Christa an. Mit namenlosem Entsetzen erkannte sie den jungen Lehrer. Die Jungfer stürzte auf ihren Wink fort, um Hilfe zu holen. Christa ergriff seine Hände und versuchte etwas zu stammeln. Plötzlich sprang der Sterbende auf. Er riß sie an sich, wütend, rasend, und mit seinen vergifteten Lippen küßte er sie. Dann fiel er hintenüber und röchelte nur noch.

Eine halbe Stunde später wurde ein Toter fortgeschafft.

Unmittelbar darauf fühlte Christa, wie ihre brennenden Lippen anschwollen. Sie wurde krank, sehr krank, tagelang lag sie im Fieber. Als das Fieber gebrochen war, dachte und grübelte sie über das, was geschehen. Aus Liebe hat er sich das Leben genommen. Was ist denn das ? diese Liebe, die in den Tod treibt? Er kannte sie doch kaum. Sie fand keine Erklärung. Später, wenn sie älter und klüger geworden, würde sie es wohl finden.

Sie wollte in keinen Spiegel sehen, sie glaubte bestimmt, ihre Lippen müßten blau sein ? wie die seinen damals ? entsetzlich anzusehen.

Und als sich später der Spiegel nicht vermeiden ließ, sah sie, was kein Anderer bemerkte: ihre Lippen waren unnatürlich rot, vielleicht wirkten sie auch nur so brennend in dem Gesichtchen, das so bleich geworden war.

Im Laufe der Jahre verblaßte zwar die Erinnerung allmählich, aber bei irgend einer Gelegenheit tauchte sie wieder auf.

Sie wurde bewußter, nachdenklicher, grüblerischer. Auch ihre Gesundheit wurde nicht wieder so blühend, wie sie vordem gewesen. Sie war oft nervös.

Als sie genesen war, trug sie das Erlebnis schwermütig, wie ein Schuldbewußtsein, mit sich herum. Nach etwas Stillem, Frommem, Entsagungsvollem stand ihr Sinn, nach einem Thun, als läse sie eine Messe für den unseligen Selbstmörder, als müßte sie mit Gebeten ihre vergifteten Lippen entsühnen. Sie trug schwarze Kleider, von etwas phantastischem Schnitt allerdings, einen breiten, weißen Kragen, ein goldenes Kreuz auf der Brust, glattgescheiteltes Haar, ganz priesterliche Jungfrau.

Sie suchte den Vater in seinem Wohnzimmer auf. Es sah nicht wie der Arbeitsraum eines praktischen Juristen aus, wenn man von einem großen, massiven geschnitzten Eichentisch absah, der mit Schriften und Broschüren bedeckt war. Eher war es der Wohnraum eines Weltmannes, der Litteratur und Kunst liebt. Die Bücher in den großen offenen Schränken waren sämtlich elegant und in harmonischer Farbenstimmung eingebunden. Inmitten des größten der Schränke war eine Nische eingelassen, in der die Büste Bismarcks stand. Er verehrte ihn grenzenlos. Jedes einzelne Stück in dem Gemach (der Raum durfte das vornehme Wort für sich in Anspruch nehmen) war wertvoll.

Die Oelgemälde, darunter wieder ein Bismarck, (Lenbachsches Original), die Broncen, alles war er sten Ranges. Seltsamerweise fanden sich aber zwischen den Werken bewährter Meister, eines Schönleber, Lenbach u.s.w., einige Bilder allermodernsten Gepräges, gewissermaßen eingeschmuggelt: ein mystisches Waldleben von Lechter, eine Farbensymphonie von Hofmann und sogar ein kleines Bildchen von Heran lugte aus einem verstohlenen Winkel. Ein Symptom seines dualistischen Wesens. Neben leichter Pedanterie, die sich in der symmetrischen Anordnung der Möbel zeigte, war etwas Feminines in der Ausstattung des zu eleganten Zimmers.

Von Natur weichherzig, suchte er dieser Weichherzigkeit, die seinem Egoismus in die Quere kam, Herr zu werden. Er stand gewissermaßen immer hinter sich und hämmerte auf sein Herz: »Landgraf, werde hart.«

Christa wollte ihren Vater um die Erlaubnis bitten, Krankenwärterin zu werden. Sie fiel gleich mit der Thür ins Haus. Gotthold Ruland schien von dem Entschluß seines Töchterchens nicht sehr impressioniert. Er lehnte sich in den hochlehnigen altdeutschen Lederstuhl zurück und sagte freundlich: »Ausgeschlossen.«

»Es ist das einzig Richtige für mich, Vater, und wenn ich erkannt habe, was das Richtige ist, so muß ich doch darnach handeln.«

Der Vater nahm die Brille ab und sah sie mit dem starren, eigentümlich hypnotisierenden Blick an, der den Brillenträgern eigen ist. Er hatte merkwürdige Augen, von derselben lichten graugrünen Farbe, wie die Tochter. Sie schienen transparent, und hatten lange aufgebogene Wimpern, berückende Frauenaugen.

»Hm! richtig erkannt, das heißt bei Euch komischen kleinen Frauenzimmern, unrichtig gelesen. Ihr erlest Euch ja Eure Ansichten aus Büchern und Zeitungen. Wie die Fliegen fallt Ihr auf jede Seelenanzapfung rein. Heut hypnotisiert Euch Tolstoi, morgen unterliegt Ihr Nietzschescher Suggestion.«

»Aber die habe ich ja garnicht gelesen, Vater!«

»Eine Infektion, die Dir also noch bevorsteht. Was ist es denn? Nachwehen der Konfirmation? Richtig. Zu Weihnachten hattest Du Dir ja einen Christus ? aber einen von Elfenbein mit Gold, ? und eine Bibel, aber mit altem Messingbeschlag gewünscht ? war beides enorm teuer. Also: Psalmen, Bergpredigt, Altruismus ? Jesus Christus. Da sitze ich und warte darauf, daß Deine Mutter sich dieser allerneuesten Mode bemächtigen soll, und da kommst Du daher. Es ist ja jetzt eine wahre Hausse in Christussen. Aus Kirche und Bibel wandert er in die Romane und Feuilletons. Kaum ein Buch, wo er nicht der Held ist oder wenigstens im Hintergrund die Drähte zieht. Ein Jesusrausch ? notabene ohne Konsequenzen für die Lebensführung.«

Christa hielt den Kopf gesenkt und hörte zu. Sie wußte, der Vater liebte es nicht, unterbrochen zu werden. Er sprach gern, im Bewußtsein, daß er geistreich sprach; es machte ihm nichts aus, wenn seine Reden für den vorliegenden Fall nicht paßten, er redete um der Rede willen.

Er hob ihr Köpfchen in die Höhe. »Du wirst ja alle Tage magerer, willst kein Fleisch essen, nach Himbeerwasser mit Milch schreit Deine Seele, werde Dir wohl diesmal zum Geburtstag eine Lilie ? so eine millionäre doppelgefüllte Riesenlilie schenken müssen, und zu Mamas Geburtstag lasse ich Dich als präraphaelitische Madonna malen.«

Christa drückte das Kreuz an ihre Lippen. ? »Ich will Krankenwärterin werden, Vater!« Die Thränen schossen ihr in die Augen.

»Du willst! So!« er besann sich einen Augenblick. »Gebiete Deinen Thränen, teures Kind. Im Grunde, ich habe ja garnichts gegen die Krankenwärterin. Nimm vorläufig einen Kursus in der Krankenpflege und sammle Kräfte für Deinen schwärmerischen Beruf. Vorläufig bist Du noch zu schwach, um etwa einen fetten Patienten im Bett umzudrehen oder bei einer schweren Operation, wo das Blut in Strömen fließt, das Waschbecken zu halten.«

Christa wurde totenblaß, er gab sich den Anschein, es nicht zu bemerken.

»Also ? um Kräfte zu sammeln, wirst Du Reitstunde nehmen.« Er legte seine Hand auf ihren glatten Scheitel: »Nun, Madamchen Abseits, bin ich ein moderner Vater? nicht immer den Herzenswünschen meiner Kinder willfährig und gehorsam?«

Christa verließ den Vater in etwas deprimierter Stimmung. Anne Marie hatte recht. Der Vater, hatte sie gesagt, verdünne und entzaubere mit seinen starren Porzellanaugen immer alles, sie hüte sich daher, ihm zu zeigen, was sie für sich behalten wolle.

Christa ertappte sich plötzlich darauf, daß sie sich auf die Reitstunde freute.

Es war eine kluge, wohlüberlegte Taktik Rulands, seinen erwachsenen Kindern nie auf seine Autorität hin etwas zu untersagen. Er begnügte sich damit, Asche auf ihr Feuer zu streuen.

Am nächsten Tage schon begann die Reitstunde. Nach vier Wochen war Christa eine gute und anmutige Reiterin. Es machte ihr sehr viel Vergnügen ? das Reiten. Wenn das Wetter günstig war, unternahm der Vater mit ihr lange Spazierritte in den Grunewald.

Sie nahm aber auch einen Kursus in der Krankenpflege. Gotthold Ruland dachte: Doppelt angespannt reißt nicht, und er spann eine kleine Intrigue mit einem ihm befreundeten Arzt. Der bot Christa an, da sie doch Krankenwärterin werden wolle ? sich die Sache in seiner Klinik einmal anzusehen und ihm dabei leichte Handreichungen zu leisten. Freudig willigte Christa ein. Sie wurde ohnmächtig von der Wahlstatt getragen. Zu einem zweiten Versuch entschloß sie sich nicht.

Was nun? Sie hatte in der Schule zu den besten Zeichnerinnen gehört. Warum sollte sie nicht Malerin werden? Aber nein, nicht Malerin ? etwas Kühneres, Packenderes, noch nicht Abgeleiertes ? also Bildhauerin. Da es dem Modeanstand nicht widersprach, erlaubte man ihr, in den Ateliers hervorragender Künstler ihre Studien zu machen.

Hier lernte Christa Anselma Sartorius kennen. Sie sahen sich täglich in den Ateliers, bis das Verbot des Aktzeichnens die ganze künstlerische Laufbahn Christas wieder in Frage stellte.

Es kam die Zeit, wo sie mit wahrer Inbrunst las. Am liebsten Tolstoi und Nietzsche. Sie begriff selber kaum, wie sie zu gleicher Zeit diese Beiden mit ihrer gegensätzlichen Weltanschauung in sich aufnehmen konnte; Nietzsche, den absolutesten Individualisten, und Tolstoi, den absolutesten Altruisten. Aber es war so. Sie dachte darüber, ob es keine Versöhnung zwischen diesen beiden Menschheitsidealen geben könnte. Wer ein Apostel dieser Versöhnung sein könnte! er wäre ein Messias der Zukunft.

Um in diesem Gedankenkreis heimisch zu werden, mußte sie noch viel lernen, viel studieren. Die Gymnasialkurse sollten die erste Stufe sein. Und von da zur Universität. Und auch dieser Plan, den sie so fest im Auge gehabt, war am Widerstand ihrer Mutter gescheitert, die für alles und jedes, was ihre Töchter thaten, nur einen einzigen Gesichtspunkt hatte: Wird es ihrer Verheiratung nutzen?

Während Christa ihren Erinnerungen nachhing, war es dämmerig geworden. Ihre Blicke flogen durch das Fenster über die Telephondrähte hinweg, die vom Reflex der untergegangenen Sonne noch warm erglühten, hinauf zu dem rosig überhauchten Himmel. Sie versank in Träumerei. Im Zimmer, auf dem Bild der Toteninsel waren nur noch die dunklen Cypressen und die weiße Priestergestalt erkennbar. Sie träumte sich dahin, wo die schwarzen Cypressen stehen und die weißen Priester gehen.

Allmählich verblaßte das Rosenlicht. Es dunkelte. Drüben in der Reitbahn wurden die elektrischen Bogenlampen entzündet. Sie raffte sich empor. »Du hast keine Zeit zum Träumen. Albernes Geschmachte, dieses Weben mondscheiniger Gefühlsfäden. Ich kenne Dich. Das Bogenlicht da im Reitstall ? nur weil es ein Stall ist ? spinnst Du zusammen mit dem Stern, der über dem Stall zu Bethlehem aufging, den Königen ein Leitstern. Du bist kein König, kaum mehr als eine höhere Tochter, und da drüben in der Krippe liegt gemeiner Hafer. Auf, Wurm! Zielbewußt werden! Etwas sein! Vorher aber ? Arbeit ? Arbeit!«

Sie machte Licht und schleppte sechs bis sieben Bücher herbei. Welches zuerst? Sie sann ? ?

Musik in der Reitbahn. Leichte Schneeflocken wirbelten nieder, als bewegten sie sich rhythmisch nach den melodischen Klängen, und die großen elektrischen Flammen tauchten den weißen Schnee in Silbertöne. Der Winternachtstraum einer schönen Impressionisten-Seele.

Sie schaltete das Licht wieder aus. Das war zu schön.

In dem jungen Mädchen kämpfte andauernd ihr künstlerisches Schauen der Dinge mit ihrem Erkenntnisdrang. Es fehlte ihr an Stätigkeit und Orientierungstalent, an fester, starker Wurzelung.

Etwas kam hereingehuscht, geräuschlos wie der Wind ein Rosenblatt ins Zimmer weht. Das Etwas drückte auf den elektrischen Knopf. Und da stand Anne Marie, ganz glitzernd und knisternd von dem Schmelzbesatz ihrer originellen Toilette. Sie wäre schon lange drüben bei Mama gewesen, hätte nur auf das Fortgehen der Freundinnen gewartet. Ob Papa ihr schon Raison von wegen der Heirat beigebracht?

»Gott sei Dank, nein!«

Na, dann käme sie als Ouverture zu dem Bravourstück, das der Epikuräer loslassen würde.

Sie warf sich in den Schaukelstuhl. Sie brauchte immer Bewegung, und wenn sie nicht aktiv sein konnte, wenigstens eine passive.

»Willst Du mir wirklich zureden, jemanden zu heiraten, von dem ich nicht viel mehr weiß, als daß er ein netter Mensch ist mit einigen gehörigen Schmissen auf der Wange und zu großen, knochigen Händen?«

»Vergiß seine Hauptzierde nicht: Reserveleutnant in der Garde.«

»Und wäre er ein richtiger Leutnant, es bliebe ein gefährliches Hazardspiel, das eigentlich, wie das am grünen Tisch, verboten sein sollte.«

»Na ja, es ist ja sehr zu bedauern, daß es für die Ehe keine Versuchskaninchen zum Experimentieren giebt. Ich rate Dir, nimm ihn ? vorläufig ? den netten Assessor.«

»Vorläufig?«

»Das Uebrige findet sich ? später. Möglicherweise sogar die Liebe für ihn. Nämlich: die meisten Frauen sind ihren Männern gut, was Unbeteiligte in Betreff einzelner Exemplare oft garnicht begreifen. Und es muß schon ? darf ich mich roh ausdrücken? ? ein Patentekel sein, oder er muß sie mißhandeln, wenn sie ihn nicht mögen soll, das bringt die Ehe so mit sich. Siehst Du, als ich Theodor nehmen sollte, habe ich drei Nächte nicht schlafen können im Kampf mit meiner Liebe ? die hieß, wenn ich mich recht erinnere, Willi ? der hatte nichts und war nichts, und da siegte Mama und mein Verstand, und jetzt ...«

»Liebst Du Deinen Mann?«

»Nein, ich bin in einen Andern verliebt. Und dieser gesegnete Theodor schenkt mir zu Weihnachten rosaseidene Hemden ? berauschend, ? die förmlich nach einem Abenteuer schreien.«

Sie rückte den Schaukelstuhl so, daß sie in den Spiegel sehen konnte.

Christa wurde in der Schwester Seele hinein rot. »Ich bin nicht Deine Richterin, aber ? wie kannst Du nur ? kannst Du ?«

Anne Marie lachte. »Wenn mich jemand fragte, wie stehts mit Deiner Moral? so würde ich antworten: mein Bruder bläst die Flöte, mit welchem Bruder ich Dich meine. Ach Schwesterseele, mir schwant, daß ich noch einmal als büßende Magdalene ...«

Sie zog das Haar über die Stirn, schnitt eine fromme Grimasse und blickte dabei in den Spiegel. »Greulich steht mir die Zerknirschung.« Und ihr Spiegelbild apostrophierend: »Fürchten Sie nichts, Madamchen, vorläufig noch lange nicht.«

Ein Unwille stieg in Christa auf. Unwillkürlich griff sie nach dem Album mit den Klingerschen Radierungen.

Anne Marie strich das Haar wieder zurück, schlang ihre Arme rückwärts um die Stuhllehne und streckte tief aufatmend die Brust heraus.

»Siehst Du, Christa, ich habe meine köstlichen Weibinstinkte bewahrt ? Gott, sind die jetzt Mode, besonders in den Schriften gegen die Frauenemanzipation. Dein Nietzsche schwärmt ja auch vom Instinktweib. Ich bin stark und gesund wie ein junger Eichbaum, dem thun ein paar Schmarotzerchen ? damit meine ich natürlich meine Faibles für das Ewig-Männliche ? nichts. So ein Baum schüttelt sich, und immer in gleicher Pracht steht er da. Ist er hoch gewachsen, weiß seine Krone garnichts von dem bischen Gekrabbele um seinen Stamm herum.«

Sie nickte zum Spiegel: »Habe ich recht, Madamchen? Du freilich, mit Deinem pauvren Blut ... nimm Eisen, das hilft zwar nichts ... Du, ich habe neulich in der Schrift eines berühmten Mediziners gelesen: Das Weib wäre tierähnlich, und der liebe Gott habe es in seiner Weisheit zum Nutzen und Frommen der Menschheit also geschaffen, und die Schrift schließt mit den Worten: »Fort mit dem Intellektualismus des Weibes.« Ich schließe mich dem Vorredner an: Fort mit dem Intellektualismus!«

Sie blinzelte die Schwester von der Seite an, machte ein süßes Kindergesicht und sagte: »Aber ein so arges Tier bin ich doch garnicht!«

Sie konnte nicht anders, als kokett sein, selbst mit der Schwester war sies. Sie reckte den Hals, um in Christas Album zu sehen. »Was beguckst Du denn da? Ach die Bilder des Todes! Gott, wohl als Gegengift gegen meine lebendige Verworfenheit? Totenklänge!«

Sie lehnte sich hintenüber in den Schaukelstuhl und ließ ihre Schuhchen auf den Zehenspitzen balancieren. »Du weißt, ich bin tanzwütig. Spielt kein höheres Instrument auf, tanze ich auch nach einem Leierkasten; und mir schwant ? zum zweiten Mal, seitdem ich hier sitze, schwant mir etwas ? selbst mit dem Tod mache ich noch ein Tänzchen.«

»Würdest Du auch tanzen, wenn ich einen Choral spielte?«

»Das weiß ich nicht. Siehst Du, als ich noch nicht ganz erwachsen war, da wollte ich immer gerade das, was ich nicht durfte. Heut ist meine Devise ? wenn auch Devisen nur noch auf alten Wappen vorkommen ?: Ich darf, was ich will.«

Christa wollte etwas sagen.

Anne Marie sprang vom Stuhl und hielt ihr den Mund zu: »Tugendprotz! Still! Weißt Du, Christel, ich glaube, Du wärst so recht etwas für den Gaumen eines Psychologen; man liebt jetzt das Rätselaufgeben; sie zu lösen, versucht man gar nicht, dann wären es ja keine Rätsel mehr und hätten weiter keinen Reiz. Du willst eine Ausnahme sein?«

»Ich will nichts sein.«

»Na gut, Du bist eine Ausnahme. Du denkst und denkst! Du liebe Güte, es giebt schon so viele ewige Ideen und tiefe Gedanken in der Welt, ob Du noch einige hinzufügst ist dem Weltall ? ich sage ja nicht schnuppe, sondern einfach egal. Und wer weiß auch, ob sie so besonders sind, Deine Ideen? so unzeitgemäß, so übermenschenhaft, wie Du sie möchtest.«

»Mit den Wölfen heulen, das sollte ich ? nicht?«

»Als ob es immer Geheul und Wölfe sein müßten! Im Gegenteil. Es geht meistens dabei ganz sanft und melodisch zu. Du verstehst nur nicht, zwischen den Zeilen zu lesen. Weißt Du, Christel, Du mit Deinem Allesdurchbohrenwollenden und im Grunde Nichts durchbohrenden Gefühlen bist eine Plebejerin, unvornehm bis in die Knochen. Immer nörgelst Du an Dir herum, horchst in Dich hinein und giebst Dir eine Zensur.«

Sie sah nach der Uhr. »Ich gehe und hinterlasse Dir drei Sinnsprüche ? bitte zu bemerken, nicht Devisen ? Erstens: Abwarten, es kommt ja doch immer ganz anders. Zweitens: Lies zwischen den Zeilen. Drittens: Das Dritte habe ich im Augenblick vergessen, wird mir schon wieder einfallen. Findest Du nicht, ich spreche ja förmlich in Glühlichtern. Eigentlich eine recht komische Art, um Dir Raison in Betreff des netten Assessors beizubringen. Schluß: Nimm ihn! Nimm ihn!«

Die Wiederholung des »Nimm ihn« sprach sie mit feierlichem Accent. Und langsam, mit pathetischer Gebärde, die Hand gegen Christa ausstreckend, schritt sie langsam, mit auf burleske Wirkung abzielenden Schritten zur Thür hinaus. Von draußen erklang ihr silbernes Lachen.

Christas Blick hing noch an der Radierung in ihrer Hand. »Zeit und Ruhm.« Ueberwältigend die symbolische Gestalt der Zeit, das Antlitz wie von Blitzen gemeißelt, das Auge weit hinausschweifend, abgrundtief, wie gesättigt von des Weltalls Jammer, und von grandioser Fühllosigkeit der eherne Fuß, der zertritt.

Christa fühlte sich mit kräftig zärtlichem Griff von hinten umfaßt. Es war Anne Marie. Kätzchenhaft war sie wieder hereingeschlichen. »Mir ist der dritte Sinnspruch eingefallen: Die Erde stürzt ja doch einmal in die Sonne. Christa, wenn ich Dich nicht so gräßlich lieb hätte! Ich möchte Dich zerbrechen ? zerbrechen, Du Spiegel, in dem ich meine Häßlichkeit sehe.« Und fort war sie.

 

Der Auseinandersetzung mit ihrem Vater sah Christa mit Ruhe entgegen. Sie wußte ja: alle seine Reden ? wenn sie etwas von ihm wollte, ? fingen immer an mit den Worten: »Ausgeschlossen«, und endigten mit dem Satz: »Uebrigens habe ich nichts dagegen.« Sie kannte ihren Vater gut, auch in seinen Schwächen.

Gotthold Ruland benutzte mit Vorliebe sowohl zu seinen gemütlichen Plaudereien, wie zu seinen ernsteren Auseinandersetzungen mit Christa, ihre gemeinschaftlichen Spazierritte. Daher kam es, daß sie im Sommer intimer zueinander standen als im Winter. Man konnte beim Reiten beliebige wünschenswerte Pausen eintreten lassen, jenachdem die Gangart von Wotan und Brunhild ? so hießen die Pferde ? wechselte.

Es war an einem Morgen des Vorfrühlings, als sie durch die Alleen des Tiergartens trabten, schweigend, bis sie den Grunewald erreichten. Da draußen war alles ganz wach und morgenfrisch. Die kleinen Wasser, an denen sie vorüberkamen, von krystallener Durchsichtigkeit. Auf dem Gras noch der weißsilbrige Glanz des Morgennebels. Von den Bäumen leises, melodisches Tröpfeln. In langen Zügen atmeten sie die ozonreiche Luft.

»Der Morgen ist eigentlich zu schön,« sagte der Vater, »um Dir, ? Mama hat es mir eingeschärft ? Raison beizubringen.«

Ein Vogel hob sich trillernd in die Lüfte.

»Und sieh, Vater, da hätten wir auch schon die Lerche im Aetherblau. Behelfen wir uns auch mit Jubilieren.«

»Erst das Geschäft, und dann das Vergnügen.«

Gotthold Ruland nahm augenscheinlich die Sache nicht mit dem gehörigen väterlichen Ernst.

»Na, Christelchen, heiraten wir, oder heiraten wir nicht?«

»Wir heiraten nicht.«

»Hast Du Dir überlegt, daß Du den Korb möglicherweise einem künftigen Finanzminister giebst?«

»Hat er das Zeug dazu?«

»Das hat er.«

»Gräßlich, Vater. Da käme ich am Ende zu Hofe und würde mich benehmen wie das Lorle in Dorf und Stadt, wofür die heutige Menschheit keinen Geschmack hat.«

Der Vater machte seiner Mißbilligung durch einen scharfen Trab Luft und nahm dann das Gespräch mit der Miene des überlegenen, wohlwollenden und weisen Weltmannes wieder auf.

»Man wartet wohl auf die große Liebe?«

»Vielleicht.«

»Ich will ihr ja ihren momentanen Seelenzauber nicht absprechen. Schillers: »O, daß sie ewig grünen bliebe« u.s.w., hat uns allen einmal in den Gliedern gesteckt, aber ? ich bin ein Mann der Realitäten. Du bist ein starker Geist, Christel, so was man strong minded nennt. Du weißt Bescheid, und ich kann mit Dir reden, wie mit meinesgleichen. Siehst Du, Kind, Liebe oder Verliebtheit ? es kommt auf eins heraus ? hat ? weil Du es bist, will ich mich poetisch ausdrücken ? eine kurze Blüte. Hat einmal Amor ? um bei der Poesie zu bleiben ? Hymen die Fackel gereicht, so ? nun so ?« Er konnte nun doch nicht mit der Tochter wie mit seinesgleichen reden und suchte nach subtilen Worten, um ihr die Derbheit seiner Meinung zu insuinieren.

»Nun, so magert Psyche, der man vorher alles in die Schuhe geschoben, zusehends ab, und die Sache nimmt mehr ? ? u.s.w.«

Er wurde wieder verlegen. »Mit einem Worte ? wen Du liebst, kannst Du vor der Ehe garnicht wissen. Es kommt nachher meist ganz anders u.s.w.«

Er gab dem Pferde einen leichten Gertenschlag: »Pegasus hop!«

»Na, lieb Väterchen, weiter. Die Liebe also ?«

»Die verhält sich zu den sonstigen Gemüts- und Geistesbethätigungen wie der Gesang zu dem gesprochenen Wort. Gesang kann ja wunderschön sein, aber immer Tristan und Isolde? und meistens ist es auch nur Operettengesang. Ihr Kindsköpfe haltet nun diese blühenden Seelenschauer für das Essentielle. Man heiratet aber nicht auf Wochen und Monate, sondern fürs Leben. Für das Eheglück spielt die Liebe eine unbeträchtliche Nebenrolle, die Hauptrolle: der Charakter des Erwählten. In jüngeren Jahren war ich als Richter im Departement der Scheidungen beschäftigt. Es steht mir also umfassendstes Material zu Gebote. Dreiviertel aller Scheidungen kamen unter solchen vor, die sich aus Liebe geheiratet, ja es waren unter diesen Scheidungskandidatinnen zwei, die sich ihre Gatten erst durch Selbstmordversuche erobert hatten.«

»Möglich, daß Du recht hast, Vater. Ich heirate aber doch lieber nicht. In der Ehe ist man immer wie Obst am Spalier, ich aber ...«

»Du möchtest Dich ausleben. Ich kenne das Stichwort.«

»Ja ? ausleben, auswachsen, hochwachsen, so hoch es immer geht, bis in den Aether hinein ? Aufstieg zum Mars.«

»Und möchtest etwas Bedeutendes werden?«

»Natürlich.«

»Was denn? eine Kassandra, Pythia, oder mindestens ? Aerztin?«

»Fehlgeschossen, da noch eher eine Hypatia.« Sie bog sich soweit vom Sattel ab, zu ihm hin, daß sie beinah vom Pferd fiel, und flüsterte ihm ins Ohr: »Eine priesterliche Jungfrau will ich werden.«

Sie trabte darnach eine kurze Strecke voraus. Während er ihr langsam folgte, dachte er: wunderlich, wie sich diese kleinen unbeträchtlichen Dinger jetzt herausmachen mit Lebensanschauungen und Weltauffassungen.

Als sie wieder nebeneinander ritten, betonte er etwas ironisch: »Priesterliche Jungfrau! Du hast »Frederique« von Marcel Prevost gelesen.«

Christa rümpfte geringschätzig das Näschen: »Du wirst nicht glauben, Vater, daß dieses Buch mich beeinflußt hat. Nein, höheren Orts habe ich mich mit den Ideen inficiert, nach denen ich leben will. Du fragtest mich einmal, ob ich Nietzsche gelesen. Ich sagte nein. Jetzt, Vater, habe ich ihn gelesen. Vorher war ich, wie wir Mädchen fast alle: eine Art Spieluhr, die nur die bekannten Stücke ableiert.«

»Ich denke: Obst am Spalier?«

»Ist dasselbe. Da erbrausten über mich seine Schriften wie Orgelton und Glockenklang, und die Glocken läuteten zu dem Gebet: Herr, erlöse mich von dem Spieluhr-Gebimmle und Gewimmre. Ich lebte bis dahin im Dunstkreis derer, die da waren, seitdem leben wir Jungen in der Morgenröte der Kommenden. Schopenhauer war der Erzieher Nietzsches, Nietzsche ist unser aller Erzieher, er hat uns ein geistiges Neuland entdeckt. Ich liebe ihn ? ich liebe ihn!«

Und in der Vorahnung eines fürchterlichen rhetorischen Ausbruchs von Seiten des Vaters gab sie dem Pferde einen starken Schlag: »Fliege, Wotan, fliege!« Und im Galopp sauste sie davon.

Als der Vater sie einholte, befand er sich in der That in hochgradiger Erregung. »Dein Nietzsche! Euer Nietzsche! Ein geistiger Obergigerl. Er zieht sich eine grüne Hose an, eine rote Weste und einen blauen Rock und dekretiert: Das ist die Zukunftsmode. Und Ihr Abseitigen, Querköpfigen, Ihr sperrt Augen und Ohren auf und ruft: Heil dem Obergigerl der Zukunft! Gift ist er! Gift! Auf die Teufelsinsel mit ihm und allen seinen Jüngern und Aposteln! Moderne Geister wollt Ihr sein? Eure Modernität besteht darin, daß Ihr eine Gänsehaut kriegt, wenn von Glauben, Kirche, Autorität die Rede ist. Geflügelte Hanswürste seid Ihr, Unterweltsaspiranten, Sumpftaucher, Hefensammler!« Im Eifer schlug er auf Christas Pferd los, daß es einen Seitensprung machte.

»Aber ich liebe doch auch Tolstoi, Vater, der ist der reinste Gegensatz von Nietzsche, nehmen wir den mit auf die Teufelsinsel?«

»Ja, samt allen Altruisten à la Tolstoi. Kranke sind es. Weil sie nur noch Wassersuppen vertragen können, würzen sie sie mit Menschenliebe, Hyper-Edelsinn, sterilen Allgemeinheiten. Mich entnerven schon die Worte: moderner Geist, moderne Richtung. Erlösung, Auferstehung ? auch Schlagwörter. Komet sein, neblige Dunsthülle, nur kein Kern.«

Christa gab Brunhild eins mit der Reitpeitsche.

»Was erlaubst Du Dir?«

»Schlägst Du meinen Wotan, schlage ich Deine Brunhild.«

»Und besonders Ihr Frauenzimmer mit dem Vogelgehirn, Ihr panscht ein bischen Christus, Budha, Sozialismus zusammen, eine Dosis Mystik, einen Gran Morphium, ein paar heilige Parsivalklänge, aber dazu ein Kleid für 800 Mark und Gesichtsmassage, die Sitzung à 7 Mark!«

»Wenn Du so schimpfst, Vater, kommst Du nicht in den Himmel.«

»Wenn ich Petrus vorstelle, daß ich weder die Kreuzersonate gelesen, noch die »Weber« gesehen, noch mich für Zarathustra begeistert habe, schließt er schon auf.«

Christa war es lieb, daß das Gespräch eine humoristische Wendung nahm.

»Es fehlte Dir wirklich nur noch, Christel, daß Du »Genossin« würdest.«

»Ist schon im Anzuge. Bin eben dabei, Marx, Engels und Lassalle zu studieren und zu finden, daß Du zu viel verdienst, Vater.«

Das war für den gefeierten Rechtsanwalt zu viel Er zog so heftig die Kandare an, daß das Pferd sich bäumte und er Mühe hatte, es zu beruhigen. Er schäumte wie Brunhild.

»Bleibt mir vom Hals mit Eurem Sozialismus. Willst Du wissen, was der sozialistische Arbeiter ist? Der Proletarier, der stolz darauf ist, daß seine Stiefel Löcher haben und nicht geputzt sind, der sich seine Pauverté für eine Tugend anrechnet und innerlich darüber erbost ist. Sozialistische Einrichtungen! Natürlich in jeder Werkstatt eine Chaiselongue und Kaminfeuer, und jeder Arbeiter nicht nur Sonntags sein Huhn im Topf, nein auch seinen Aal in Aspik und seine Gänseleberpastete ...«

»Und vergiß das Trüffelmus nicht,« ergänzte Christel seine Rede. »Aber Vater, Du sprichst ja wie der satte Bourgeois, und glaubst doch selber nicht an die Gänseleberpastete.«

Sie wußte, der Vater wurde um so heftiger und lauter bei solchen Anlässen, je nötiger er es hatte, eine innere Stimme, die sich wider ihn erhob, zu betäuben. Sie hatte die Empfindung, er litt in solchen Augenblicken. Sie drängte liebevoll ihr Pferd an das seine, zog ein Stückchen Zucker aus der Tasche und gab es Brunhild. Wehmütig und schelmisch zugleich sah sie dem Vater dabei in die Augen. Es war, als habe er selbst den Zucker erhalten, er wurde ruhiger.

»Du bist und bleibst eine kleine Libelle.«

»Wieso Libelle?«

»Die besteht eigentlich nur aus Flügeln, großen, glitzernden, transparenten Flügeln. Das Körperchen dünn, ganz dünn, ein Fädchen nur. Um aber auf unser Gespräch zurückzukommen, ist es nicht wirklich traurig, daß diese Leute, die Proletarier, immer nur an Besitz, an Geld denken? Das Gemüts- und Geistesleben ist doch von ganz anderen Faktoren abhängig als von der materiellen Grundlage, nämlich von der inneren Zufriedenheit, die die Ursache der wahren Harmonie und des Glückes der Menschheit ist.«

Christa lachte auf. »Aber Vater, ein Plagiat. Das hat ja neulich ein hoher Beamter ? ich glaube der Postdirektor ? seinen Untergebenen gesagt, als sie eine Zulage verlangten.«

Gotthold Ruland wurde etwas verlegen. »Mag sein, es ist deshalb nicht weniger wahr. Ich sage Dir, Kind, es giebt nur zweierlei wahre Werte im menschlichen Dasein: Der Glaube, vor dem ich mich in Ehrfurcht beuge, und die Wissenschaft, für die ich die höchste Schätzung habe. Alles andere ? entweder suchen die Menschen dabei ihren Vorteil ? es sind Geschäftsmachenschaften, oder ? Puschel. Ob Anarchist, Sozialist, ob Menschheitsbruder, von Gutzeit und Dieffenbach bis zu Tolstoi ? Poseure sinds, Gift. Ihr Alle, die Ihr für das Abseitige, Verstiegene, Genialisch-mystisch-ephebische Euch ins Zeug legt ? Ihr wollt mit dem Kopf durch die Wand. Die Wand ist aber festgemauert. Die Löcher kriegt Euer Kopf. Und nun gar Ihr Weibchen, Ihr habt Euch aufscheuchen lassen aus Euren hübschen, bequemen Nestern und flattert nun umher und sucht den Weg zu den Gipfeln und Adlerhorsten. Sperlinge Ihr! Schwarmgeister!«

Brunhild schien beleidigt und legte zu einem eigenmächtigen Galopp aus. Wotan folgte. Sie galoppierten eine Weile schweigend. Dann aus der wohligen Wärme und einem Kraftgefühl heraus sagte Gotthold Ruland: »Uebrigens im Grunde, ich habe nichts gegen die priesterliche Jungfrau. Ich warne Dich aber. Von Deinem 25. Jahre ab nenne ich Dich, anstatt Madame Abseits, Altjüngferchen Abseits!«

»Einverstanden, Vater.«

Versöhnt und vergnügt langten sie zu Hause an, Frau Harriet bei dem Glauben lassend, daß der Vater der Tochter Raison beigebracht habe.

 

Christa war kein starker Charakter, der Ueberredung anderer nicht unzugänglich. Aber mehr noch wurde ihr der Eigenwille durch die Unzufriedenheit der Anderen vergällt. Selbst Dietrich fiel dabei ins Gewicht. Die vergrollte Stimmung ihrer Umgebung ertrug sie schwer. Der junge Mann gefiel ihr ja auch ganz gut. Eine große Liebe wollte sie garnicht. Seitdem ? seitdem verband sie damit immer die Vorstellung von Selbstmord und Betrunkenheit.

Christa neigte zum Jawort. Da hörte sie ? die Mutter erzählte es ihr in der Voraussetzung, daß es ihr Interesse steigern würde ? daß der junge Mann ein sehr ernstes Duell gehabt und den Gegner schwer verwundet habe.

»Warum?« fragte Christa kalt.

Das wisse sie nicht. Jedenfalls hätte ihn der Ehrenkodex dazu gezwungen, weil er Reserveleutnant sei ? bei der Garde.

Als er am andern Tage im Hause erschien, fragte sie gleich: »Sie haben sich duelliert?« Er verneigte sich schweigend. »Haben Sie Ihren Gegner zur Strecke gebracht?«

»Nicht ganz,« sagte er und lächelte dabei selbstgefällig. Dieses Lächeln ? wahrscheinlich ein Lächeln der Verlegenheit ? empörte Christa. Sie sah mit Widerwillen auf seine großen, knochigen Hände. »Ich kondoliere Ihnen, Herr Reserveleutnant.«

»Wozu?«

»Daß Sie bei dem Totschlag nicht geschickter verfahren sind.«

»Christa!« rief die Mutter entsetzt.

Der junge Mann war totenblaß geworden. Grußlos verließ er das Zimmer.

 

Frau Harriet trug der Tochter das Geschehene nach. Ihr Verhältnis zu ihr wurde seitdem schroffer, liebloser.

War sie wirklich feig? Sie wollte sich aufraffen, um nicht schief zu werden, wie Julia es voraus sah. Auch ohne Gymnasialkurse würde sie Mittel und Wege finden, die Universität zu besuchen. Sie ergriff die erste günstige Gelegenheit, der Mutter ihren Plan auseinanderzusetzen.

Frau Harriet wollte in einem Warenhause Einkäufe machen. Christa erbot sich ? was sie sonst nicht that ? sie zu begleiten. Sie wußte, die Mutter war nie zugänglicher, als wenn sie hübsche und preiswerte Anschaffungen in Aussicht hatte. Auch würde sie selbst im Gewühl der Straßen unbefangener, mutiger mit der Mutter reden können, als im tete à tête im Salon.

Die Mutter nahm die Sache nicht ernst. Sie glaubte nicht daran, daß es einem jungen Mädchen aus distinguierter Familie »Spaß« machen könne, sich mit Hunderten von männlichen Kretis und Pletis stundenlang in schlechter Luft zusammenzupferchen.

Was die Mama denn fürchte, etwa daß sie mit einem dieser Kretis oder Pletis davonlaufen würde?

Sie fürchte nichts, halte aber die Sache für indiskutabel. Wer ihr denn die verschrobenen Ideen eingeblasen habe?

Christa zwang sich zu einem schelmischen Ton. Ob sie etwa wieder mit der erblichen Belastung von der Großmutter her kommen solle? (Die spukte in der Familientradition als eine psychologische Abnormität.) In der Theosophie nenne man solche ererbte Sündenschuld »Karma«. Ob Mamachen einen Vortrag über »Karma« hören wolle?

Mamachen dankte für Karma. Karma wäre Blödsinn. Anne Marie, die doch soviel Esprit habe, würde nie auf die Universität verfallen sein.

»Es thut mir ja leid, Mama, daß ich nicht Anne Marie bin. Was wolltest Du denn auch mit zwei Anne Marieen?«

»Heirate doch, dann kannst Du thun, was Du willst.«

Christa zuckte nervös zusammen. Ein böses Wort, das ihr auf die Lippen kam, drängte sie zurück. Sie lief der Mutter davon.

Laufe nur, dachte Frau Harriet. Sie fühlte sich ihrer Sache sicher. Vor dem Herbst konnte von einem ernsthaften Studium Christas nicht die Rede sein. Zwischen Frühjahr und Herbst lag die lange Sommerreise. Auf diese Reise baute die so eifrig auf ihre Schwiegermutterschaft bedachte Dame ihren Plan. Des kleinen blutarmen Heinz wegen mußte man sich auf ein Ostseebad beschränken. Dahin würde dann auch Anne Marie mit ihrem kränkelnden Mann kommen. Die Justizrätin hatte eben wieder etwas in petto.

 

In den Frühjahrsmonaten kam Christa oft mit ihren Freundinnen zusammen. Nur Anselma war wie verschollen. Die arbeitete rastlos. Julia saß ihr. Beide beobachteten unverbrüchliches Schweigen.

Zu dem Freundinnenkreis gehörten auch Klarissa Wendler und Maria Hill. Maria war eine ungemein sympathische Erscheinung. Ein liebes Kindergesicht mit rosigen Wangen und lockigem, dunkelblonden Haar. Von der klaren, runden Stirn konnte man die guten Gedanken ablesen. Seit zwei Jahren hatte sie ihre Studien in Zürich ? Mathematik und Chemie ? beendet. Lange hatte sie vergebens nach einer Stellung gesucht, die sie für ihre Existenz brauchte. Endlich fand sie, auf die Fürsprache eines Freundes der Familie hin, einen bescheidenen Platz in einem Privat-Laboratorium. Sie war dort täglich 7 bis 8 Stunden beschäftigt, vorwiegend mit mechanischen Arbeiten. Sie hatte auszuführen, was der Chef ihr auftrug.

Bei denen, die sie kannten, galt sie für einen reinen und vollen Typus der »Neuen Frau«. Christa hatte sie lieb. Sie war klug wie der Tag, heiteren Temperaments, energisch, klar, vielseitig. Kunst, Litteratur, soziale Fragen, alles interessierte sie lebhaft. Ihr Gemüt war so reich wie ihr Verstand. Sie unterstützte einen Bruder auf der Universität.

Ein ganz leichter Flaum von Studentinnentum lag auf ihrem Wesen, die Art, wie sie die Beine übereinanderschlug, wie sie eintrat, keck und etwas schüchtern zugleich, wohl in dem Bewußtsein, als ein Fräulein Doktor noch immer als eine Rarität auffällig zu sein. Offenbar hielt ihre äußere Sicherheit nicht Schritt mit der inneren. Wenn sie denkend etwas auseinandersetzte, hatte sie einen eigentümlichen Blick: das Köpfchen seitwärts geneigt, ein wenig schielend nach oben blickend, als richte sie ihre Worte an ein imaginäres Oberwesen in der Höhe. Das gab ihr etwas verlegen Schelmisches. Es war aber nur eine Angewohnheit, die ihr gut stand. Ihre Kleidung war einfach, geschmackvoll, äußerst sorgfältig. Phantastisches oder Auffallendes vermied sie.

Ganz anders Klarissa, ein stilles, sonderbares Mädchen, das auf Christa eine starke Anziehung ausübte. Ihr Denken und Empfinden gehörte einer mystischen Welt. Die Sensitivität lag in ihrer Familie. Ihre Seele schien wie schwebend in einem Körper, von dem sie am liebsten garnichts gewußt hätte. Merkwürdigerweise war dieser Körper von vollendetem Ebenmaß. Nur der Ausdruck der blauen Augen, die bald starrten, bald wie aufgeschreckt umherirrten, verrieten eine ungewöhnliche Seelenverfassung. Christa sah wohl, daß Klarissa nicht normal war, wahrscheinlich krank. Aber diese Sensitive mit ihren übersinnlichen Wahrnehmungen gab ihrem Nachdenken einen weiten Spielraum. Ihre rätselhaften physischen Abnormitäten erschienen ihr wie Wegweiser zu Ländern, die noch nicht entdeckt sind.

 

Julia hatte inzwischen mit Feuereifer die Schriftstellerei in Angriff genommen. Ein paar kleine Novellen waren zurückgewiesen worden. Sie war wütend. Die Novellen wären spannend, großartig. Und sie erzählte ihren Freundinnen den Inhalt. Sie verlor den Mut nicht. Man sagte ihr, sie müsse selbst in die Redaktionen gehen, durch ihre Persönlichkeit wirken. Und sie ging in die Redaktionen, und die Wirkungen, sowohl litterarische wie persönliche, blieben nicht aus. Freilich, einer der Redakteure schlug ihr vor, mit ihm zu soupieren. Dabei ließen sich litterarische Geschäfte gemütlicher abwickeln. Ein anderer suchte sie in ihrem Zimmer auf.

Seitdem sie schriftstellerte, war sie von einer glühenden Unrast, ein wahrer kleiner Vesuv, der ab und zu seinen Ausbruch haben mußte. Abenteuer brauchte sie wie das liebe Brot, und sie flossen ihr nur so zu. Sie hatte etwas von einer kleinbürgerlichen Bacchantin. Statt des Pantherfells nahm sie auch mit einem Hasenfell fürlieb. Eine geborene Vagabundin, aber sie vagabundierte lieber durch die Restaurants, Theater (der Wintergarten hatte einen besonderen Charme für sie) als durch die Natur, durch die Gedanken- und Geisterwelt. Trotzdem schwärmte sie auch für Nietzsche, das heißt, sie blätterte nur in seinen Schriften und schrieb sich Stellen für ihren Gebrauch aus.

Sie liebte es, schwungvoll zu sein und hinterher Würste mit Mostrich zu essen. Neben all ihren Seelenbränden und ihrem Temperament bewahrte sie viel nüchterne Berechnung.

Sie erhielt einen bösen Brief von zu Hause. Sie solle sofort heimkehren. Ihr zweiter Bruder habe sich entschlossen Offizier zu werden. Eine Schwester, die sich in der Welt herumtreibe, sei geeignet seiner Carriere zu schaden. Entweder habe sie zu gehorchen, oder ? ? ?

Die Gedankenstriche, die auf das »oder« folgten, waren so dick unterstrichen, daß Julia den Leutnant in spe im Verdacht dieser Tintenverschwendung hatte.

Sie war außer sich, redete sich in einen förmlichen Haß gegen ihre Familie hinein. Alles wuchs bei ihr gleich ins Maßlose: Zorn, Haß, Liebe. Immer war sie bis zu den Zähnen gewappnet, um sich zu wehren, zu rächen. Es war ein Glück für ihre Feinde, daß Blutrache höchstens noch in Korsika und Sardinien vorkommt. Die wäre ihr Fall gewesen. Sie bäumte sich auf im Trotz gegen diese Familie, und die unmittelbare Folge war, daß sie zum ersten Male die Einladung eines Redakteurs zu einem Souper annahm.

Dietrich Ruland hatte es von einem Kommilitonen, der Julia in dem Restaurant gesehen, erfahren. Er hinterbrachte es seiner Schwester.

Julia war mit dem Familienbrief zu Christa gelaufen. Sie traf dort Klarissa Wendler. Ihre Anwesenheit hinderte sie nicht, ihren Grimm gegen die Familienbande auszutoben.

Familie! Familie! Um das Familienglück zu fördern, solle sie einen älteren fremden Witwer heiraten. Und dieser ältere fremde Witwer brauche sie ebenfalls zur Förderung des Familienglücks, nämlich um seine Kinder zu erziehen. Der Elende! Einfach verliebt war er in sie. Warum heiratete er denn nicht die Kousine, die jetzt bei den Kindern war, die ihn liebte und die das Zeug zu einer Mustermutter hatte.

»Ach Gott, ach Gott, Christa,« schloß sie ihre Jeremiade, »Du sollst sehen, die Geschichte endet mit einem regelrechten, wenn auch gänzlich aus der Zeit fallenden Familienfluch.«

Christa brachte die Sache mit dem Souper im Restaurant zur Sprache, in der Meinung, daß möglicherweise eine Verwechslung vorliege. Julia sah sie mit erkünsteltem Hochmut an.

»Natürlich. Es ist wahr. Unsittlich ? nicht? unfein? Wer findet das? Die Gesellschaft. Welche Gesellschaft? Dieselbe, die nicht wie ich, bei offener Scene ein Glas Bier mit einem Kameraden trinkt ? das ich notabene selbst bezahlt habe, o nein, die in einem chambre séparée champagnert. Wo liegt denn die Unsittlichkeit? Sind die Stühle in einem Restaurant vom Teufel besessen, ist das Bier in der Hölle gebraut? ...«

»Ich sage ja nicht unsittlich, Julia,« beschwichtigte Christa- »aber es ist so geschmacklos. Du hattest neulich ein weißes Kleid an, ein paar Flecke waren darin, die waren vielleicht von gutem Himbeersaft, und doch Flecke.«

»Mit Euren Bildern! Bilder! ein Hilferuf an die Phantasie, wenn der Verstand nicht langt. Und Geschmack! Geschmack! Ein Mauseloch, in das feige Unnatur kriecht. Wenn man aber ...«

»Ein Löwe ist,« unterbrach Christa sie lächelnd.

»Wenn man kein Esel ist, braucht man noch kein Löwe zu sein. Ich gehöre doch nun einmal zu den Kommenden, Du aber ? wenn ich offen sein soll ? zu den Hinkenden ? ja ? Du hinkst, wahrscheinlich auch blos in Mäuselöcher.«

Sie warf mit einer schwungvollen Gebärde das Haar von der Stirn zurück. »Du und Deinesgleichen, Ihr lichtet nie die Anker, um hinauszuschiffen in offene Meere ? ins unermeßlich Uferlose, in meerleuchtende Pracht, umhimmelt, umflogen ? ? giebt es Seeadler? ja? also von Seeadlern umflogen ...«

Da war wieder der plötzliche Umschlag ihrer Stimmung, aus dem schnoddrigen Berlinertum ins Nietzschehafte hinein, Stimmungswechsel, die die Redakteure und auch andere so pikant an ihr fanden.

Derbe Schritte auf dem Korridor wurden hörbar. Anna Rötter trat ein, eine Kleinstädterin, die schon seit Wochen bei ihrer Kousine Klarissa als Logierbesuch hauste.

Anna Rötter war eine Sportsdame, das heißt, mehr Sportsmädel, denn sie radelte in Pumphosen, die die feinere Gesellschaft längst von der Tagesordnung gestrichen hatte. Sie radelte übrigens nicht ganz zum Vergnügen, das Rad war ihr Beruf. Gelernt hatte sie nichts, anregenden Umgang fand sie in dem kleinen Nest nicht, aber ? Hysterie hatte sich eingestellt. Das Rad war für sie Rettung aus körperlicher und geistiger Versumpfung geworden. Sie trotzte in ihren Pumphosen allen öffentlichen und privaten Verunglimpfungen, und stolz zu Rad durchquerte sie Deutschland und schnupperte selbst ins Ausland hinein. Sie trat in den Radlerbund und gehörte damit einer Gemeinschaft an. An den verwegensten Wettfahrten nahm sie Teil. Sie hatte eine großartige Auffassung vom Rade. Es war ihr Geliebter. Als in einer Versammlung einem Redner beleidigende Worte gegen Radlerinnen entschlüpften, zwang sie ihn zur Abbitte. Arbeiter, die sich ihr höhnend in den Weg stellten, bedrohte sie mit der Peitsche.

Julia nannte sie die Lola Montez von Kyritz-Pyritz. Sie konnte sie nicht leiden und überließ ihr das Feld bei Christa.

 

Mehrere Monate hatte Christa von Julia nichts gehört, Karten, die sie ihr schrieb, waren unbeantwortet geblieben. Dann kam sie plötzlich, kurz vor der Abreise der Familie Ruland ins Seebad. Sie kam hereingerauscht, sehr elegant, mit einem leichten Parfümduft. Anfangs blieb sie, ganz gegen ihre Gewohnheit, wortkarg. Dann brach sie unvermittelt los: Der Familienfluch wäre pünktlich eingetroffen, zu pünktlich, zu einer Zeit, wo außer dem harmlosen Glas Bier mit dem Redakteur noch garnichts geschehen war. Da ? also ? man hatte ihr den Stuhl vor die Thür gesetzt. Nun wäre es ihnen recht, ganz recht....

Sie blieb vor der Toteninsel stehen: »Weiße Priester, schwarze Cypressen!« Die zusammengefalteten Hände gegen den Mund erhebend, mit dem Ausdruck einer etwas verunglückten büßenden Magdalena, starrte sie auf den Böcklin. Dann besann sie sich aber eines besseren, riß die Hände, als wären sie eine Fessel, auseinander und streckte die freigewordenen Arme fast jauchzend empor.

»Fort mit Gespenstern! Den Tod poetisieren! Wieder so ein Mauseloch, in dem Furcht und Grauen sich verstecken. Der Tod ist ja gerade der böse Bube, der uns lockt, das Leben so gierig zu umklammern. Ueber allen schwarzen, toten welschen Cypressen hoch die deutsche Linde, (unter Deutsch verstehe sie um Gotteswillen nicht alldeutsch). Nachtigallen in den Zweigen, in seinem Schatten eine Bank (braucht nicht weißer Marmor zu sein), und auf der Bank ? mit Lehne ? er und sie. Er aber kein priesterlicher weißer Sargtransporteur, nein ? ein lebensroter Jüngling ? am liebsten »die blonde Bestie«.

Sie ließ sich vor Christa auf ein orientalisches Kissen nieder. »Zu Deinen Füßen laß mich sitzen. Dich liebe ich. Erinnerst Du Dich, Christa, wie ich einmal, Deiner Meinung entgegen, behauptete, wir könnten alles, auch ohne den Mann? Ich habe renommiert. Wir können nichts ohne ihn. Und diese Männer, sie thun nichts umsonst, nicht einmal die Redakteure. Wenn man spröde ist, nehmen sie es so gräßlich übel. Und so kommt es denn, ganz allmählich ? sachte ? sachtchen ? ?. Und man hat doch Blut, und wir sind doch nicht alle Emilia Galottis, die einen Vater mit dem Dolch im Gewande besitzen, der sich erbitten läßt, selbigen in unseren entbrannten Busen zu stoßen, um die Flamme zu löschen. Wozu denn löschen?!«

Sie war aufgesprungen und lief im Zimmer umher, wie ein Tiger im Käfig. »Was, ich wäre unmoralisch? Aber unmoralisch sein, heißt sich auf seine Menschlichkeit besinnen. Und Ihr seid die Moralischen? Ihr? O, Ihr intakten, unberührten Jungfrauen, warum seid Ihr denn so rein, so keusch? Aus Reinheit, aus Keuschheit? Oho! Ihr schmachtet ja darnach ? wenn Ihr Temperament habt ? Euch in die Arme eines süßen Knaben ? klingt minniglich, nicht? ? zu schmiegen und Euch von ihm mit Haut und Haaren verspeisen zu lassen? Aber eine innere Stimme ? eine rostige ? raunt: Thus nicht! Deine Existenz steht auf dem Spiel. Der Geliebte selbst würde Dich mißachten. Die Moralischen, das sind die Vorsichtigen, die Berechnenden oder die Kalten. Aus Reinheit und Keuschheit? Und vom Tag des Ringwechsels an nicht mehr? Was ist denn seitdem in Eurem Seelenzustand geändert?! O, Ihr ? Ihr ? ?«

Sie brach plötzlich in Thränen aus. »Daß ich auch vor Dir lüge, Christa! Ich hätte ja gern ? vorher ? geheiratet, aber ? sie ? sie wollen doch immer nicht. Und dann ? Du kannst es nicht beurteilen, Christa, aber glaube mir, es ist für eine Schriftstellerin absolut notwendig, daß sie Welt und Menschen und die Liebe gründlich kennen lernt. Das Ergründen von ? nicht blos Seelenzuständen ist gewissermaßen das Handwerkszeug unseres Metiers. In des Lebens Tiefen müssen wir hinab und hinauf in seine Höhen.«

Und sie citierte Nietzsche: »Den größten Genuß vom Dasein einzuernten, heißt: Gefährlich leben. Baut Eure Städte an den Vesuv.«

Die arme Julia. Für die Tiefen fand sie Führer. Für die Höhen ? vorläufig ? nicht.

Beim Abschied umarmte sie Christa stürmisch. »Bleib Du mir treu, Du zartlieber Veilchenduft in meinem Bouquet von Orangenblüten. Ein bischen treu? ja?«

»Ja. Aber parfümiere Dich nicht mehr.«

Julia ließ Christa traurig zurück. Da war ein Mensch mit heißem Temperament und großer Begabung. Und er wird möglicherweise zu Grunde gehen. Woran? Sie konnte es nicht definieren, sie war nicht erfahren genug. Es fiel ihr nicht ein, Julia zu verdammen. Hatte sie ein Recht dazu? War sie nicht auch zuweilen aus Träumen erwacht, die ihr das Blut ins Gesicht trieben? Und immer war es derselbe junge Mann gewesen ? sie kannte ihn kaum ? dem die Zärtlichkeit ihrer Träume galt.

 

Vor ihrer Abreise ins Seebad sah Christa doch noch einmal Anselma. Man feierte den Geburtstag der Malerin im Atelier, wie es seit einigen Jahren üblich war.

Maria Hill hatte eine Freundin, eine junge Aerztin, mitgebracht, die sich auf der Durchreise flüchtig in Berlin aufhielt. Sie war Psychiaterin und kam von England, wo sie in den Hospitälern Studien gemacht hatte. Christa bewunderte die freie, elastische Kraft ihrer Bewegungen. Der Blick kühn, durchdringend, als erspähe er überall den Kern der Dinge. Zielbewußte Sicherheit war der Ausdruck ihres Wesens.

Christa lauschte jedem ihrer Worte. Sie sprach in kurzen Sätzen, scharf pointiert, ganz Nerv. Man hätte denken sollen, sie müsse abstoßend auf Männer wirken. In der That aber verliebten sich die Männer über Hals und Kopf in sie, was nur zum Teil auf Conto ihrer äußeren Erscheinung kam. Ein sympathisches Gesicht, eine schöne, ebenmäßige Gestalt, die Kleidung von flotter Grazie. Die Verliebtheit der Männer freilich war kurzlebig. Die souveräne Haltung, die süperbe Sicherheit und scharfe Logik der jungen Aerztin wurde ihnen bald unbequem. Dieser Weibtypus war ihnen noch zu fremd.

Anselmas Atelier war klein. Die angefangenen, jetzt verhängten, großen Bilder nahmen seine ganze Breitseite ein. Ein paar vertrocknete Palmen, halbwelke Blumensträuße in pompejanisch getünchten Kübeln, und allerhand schönfarbiges Gelump, teilweise von Anselma selbst mit dämonisch sezessionistischen Arabesken bemalt; Kissen, Teppiche, alles mehr oder weniger verschlissen und zerrissen, gaben dem Atelier den nötigen, etwas herausgequälten, phantastisch-poetischen Charme.

An der Wand hing die Kreidezeichnung und das Oelbild eines jungen Mannes. Ein häßlicher, aber geistvoller Kopf. Ein riesiger Haarbusch fiel in eine breite, vorspringende Stirn, die die Augen überwölbte, so daß sie dahinter wie aus einer Höhle herausglühten. Er war Dichter ? ein Sataniker. Alle wußten von seinen intimen Beziehungen zu Anselma.

Ehe man ins Atelier kam, mußte man die übrigen Räume der Wohnung passieren. Es schien schier unglaublich, daß sich so viel Sachen und Sächelchen in 4?5 kleine Löcher stopfen ließen: Möbelchen, Gypsfüße und Hände, Figürchen, meist defekte, Farbentiegel, alte verschmierte Paletten, bunte Papierfetzen, vertrocknete Guirlanden, dazwischen ein frischer Apfelblütenzweig, zerbrochenes Geschirr, ein rotes Atlasmieder, ein japanisches Gewand, zu irgend einem Kostümfest von ihr selbst bemalt. Auf einer alten Truhe hockte eine schwarze Katze mit funkelnden, lichtgrünen Augen. Sie hieß Alberich und bewachte, wie Anselma sagte, ihren Nibelungenschatz, der in der Truhe lag.

Und mitten durch diesen unentwirrbaren Krimskrams ? ein Chaos für entartete Proletarierpuppen nannte Julia die Räumchen ? schritt Anselma in einem langen, fließenden Gewand von lichtrosa Cachemir, in der Taille mit einem Band leicht zusammengehalten. Auf der Schulter eine weiße Taube, die gehörte ein für allemal zu ihr, wie der Adler zum Apostel Johannes, wie der Löwe und die Schlange zu Zarathustra.

»Gott, Gott!« rief Julia, »wo hat denn Dein Dämon hier Platz?« Anselmas Dämon war ein geflügeltes Wort.

Die junge Aerztin fragte, wo sie denn schlafe, koche, esse und was sie äße? Sie blickte etwas mißtrauisch auf die überschlanke Gestalt.

Anselma schob irgendwo einen löcherigen Vorhang zurück, da sah man einen Kochherd und ein paar Kochgeräte; in einem schmorte noch ein Restchen von etwas Undefinierbarem. Ihre Schlafstelle sei auf der Truhe oder auf der Chaiselongue im Atelier, je nach dem.

»Warum werfen Sie den ganzen Krempel nicht in den Kehricht? Ihre Wohnung ist ja ein Laboratorium für Bazillenzüchtung.«

Man war inzwischen ins Atelier gelangt, wo Maria anfing, die Chokolade zu kochen. Anselma meinte, die Chemikerin müßte das am besten verstehen.

Anselma klagte, sie habe ja keine Zeit, zu sondern und zu ordnen, aber wenn erst eine Gallerie ihre Bilder gekauft haben würde ? dann ? ja dann ? Aber ließe man sie denn aufkommen? sie müßte längst berühmt sein. Man arbeite gegen sie. Als sie im vorigen Jahr in Wien ausstellte, habe man sie in eine Linie mit den ersten Malern gestellt. In Deutschland aber müsse es Nacht sein, ehe ihre Sterne strahlten. Nacht, das hieße natürlich, wenn sie tot wäre.

Die Freundinnen schwiegen. Das Schweigen irritierte die Malerin.

»Natürlich, ich sehe Euch ja an, was Euch auf den Lippen schwebt: Arme Anselma Sartorius! Größenwahn!«

»Aber doch nicht heut an Deinem Geburtstage,« beschwichtigte Christa, »und wenn auch, im Größenwahn liegt Vornehmheit. Er setzt ein hohes Ziel, ein Ideal voraus, mit dem wir uns einfach identifizieren.«

»Ja, ganz einfach,« warf die Aerztin ein, »nur täuscht sich der Größenwahn über die Distance, die ihn von seinem Idealbild trennt. Uebrigens zuweilen ist eine Einspritzung von etwas Größenwahnserum für Dünnknochige und Muskelschwache ? in Romanen heißen sie müde Seelen, ? ein gutes Heilmittel.«

Maria war der Ansicht, daß Größenwahn sich so ziemlich mit der allseitig gebilligten Lebenslüge decke, die vor Ibsen schon Nietzsche als eine Art Lebenselexir entdeckt habe. Und sie schlug vor, einen gehäuften Löffel Schlagsahne auf das Wohl des Zwillingspaares Größenwahn und Lebenslüge in die Chokolade zu thun, wogegen Anselma protestierte, da die Schlagsahne dann zur zweiten Tasse Chokolade nicht reichen würde, was wiederum Julia sehr kalt ließ, da es nicht darauf ankäme, lange, sondern tüchtig drauflos zu leben, und sie zöge eine Tasse Chokolade mit zwei Löffel Schlagsahne zwei Tassen mit je einem halben Löffel Sahne vor.

Klarissa Wendler, über deren Ausbleiben man sich schon gewundert hatte, trat ein, hastig, mit flackernden Augen. Es war ihr etwas Unheimliches passiert. Sie war durch die Leipzigerstraße gegangen. Plötzlich verschwamm alles vor ihren Augen, als wenn ein Nebeldunst es allmählich einhüllte. Und wie bei einer Wandeldekoration tauchte ein anderes Bild auf, eine Landschaft, die sie kennt, eine Allee von Edeltannen, die zu einem epheuumrankten Wohnhaus führt ? ihre Heimat. Und die Glocken der Dorfkirche läuten. Und ebenso allmählich, wie das Bild aufgetaucht, verschwindet es wieder, und sie steht im hellen Sonnenlicht in der Leipzigerstraße, vom schnurrenden Kreischen der elektrischen Wagen umtost. Einem der Ihrigen drohe eine Gefahr, ganz sicher. Sie habe gleich eine Depesche geschickt.

Man suchte sie zu beruhigen. Wahrscheinlich wäre daheim Kuchen gebacken, und der Duft wäre ihr in die Nase gestiegen. Sie blieb aber verstört. Man besann sich auf ein heiteres Gesprächsthema, teils wegen des Geburtstages, teils um Klarissa zu erheitern.

»Sprechen wir doch vom »Neuen Weibe« oder von der alten Liebe, das ist immer hübsch,« rief Julia. Apropos, Liebe: Wie Christa mit dem Assessor stände, wollte man wissen.

Sie erzählte das Vorgefallene. Wahrscheinlich würde sie garnicht heiraten.

Die unentwegt radikale Julia legte sich sofort gegen die Ehe ins Zeug und fand es merkwürdig, daß die junge Generation, die mit allen möglichen Vorurteilen aufräumen möchte, mit Duell, Krieg, Kapital, Monarchie, ja sogar mit den Krankheiten, denn je älter jetzt die Greise würden, je länger lebten sie noch, der Ehe aber ginge man um den Bart. Ueberall Umsturz, Neubildung, die Ehescheidungen erschwere man noch.

Sie wandte sich zu Maria: »Na, und Sie Chemikerin, die Sie ja so recht eigentlich die »Neue Frau« repräsentieren, wie stehen Sie zu diesem grauen, beim Volk meistenteils ein blau und grünes Elend?«

Maria gab zu, daß allerdings die meisten Ehen entweder im Venusberg oder im Bureau eines Rechtsanwalts geschlossen würden, das heißt, aus Verliebtheit oder um materieller Vorteile willen.

Julia nickte leidenschaftlich. »O, wie wahr!«

»Und deshalb gerade,« fuhr Maria fort, »braucht man das Standesamt, als Deckmantel für unlautere Mogelei, und das Religiöse, um das Allerprofanste zu verheiligen. Eine echte Ehe, die ist ja ganz von selbst Ehe, auch ohne amtliche Treuschwüre. Aber man traut unserm herzigen, ehrlich gemeinten »ich will!« nicht, und pfropft ein schmiedeeisernes »Du mußt« darauf.«

»Also auch Sie, kluge Maria,« triumphierte Julia, »Sie pfeifen wie ich auf die Ehe?«

»Doch nicht,« antwortete Maria kühl. »Im Gegenteil, ich sehe keinen Grund, um einer Form willen die Welt vor den Kopf zu stoßen und meine Angehörigen tötlich zu kränken. Ich bin doch Chemikerin und nicht Reformatorin, und nicht leichtfüßig genug, um in Weltrisse zu springen.«

Julia in ihrer Enttäuschung schlang ein so großes Stück Kuchen herunter, daß sie sich daran verschluckte, und würgend gluckste sie den christlichen Wunsch hervor: Maria möchte in ganz gemeiner Wald- und Wiesenverliebtheit mit einem Fatzke hereinfallen, und sich dann in einer Radauehe wie ein Frosch im Trocknen verzappeln. Und beim Aussprechen dieses Wunsches sah sie so schadenfroh aus, als wäre sie bereits Zeugin von Marias Verzappelung.

Die Chemikerin hielt ein solches Hereinfallen ihrerseits für unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, fintemalen der Mensch sich im Lauf des Lebens mehr als einmal häute und ein liebenswerter Jüngling sich zu einem Rauhbein oder einem unangenehmen Philister auswachsen könne. In einer dürren, schlechten Ehe würde sie nicht einen Tag bleiben, wenigstens ? nicht ein Jahr. Solche Ehen möchten für einen Mann möglich sein, für die Frau mit den subtileren Nerven ? nicht. Es käme ihr kindisch, degoutant, unsittlich vor, einen verzeihlichen Jugendirrtum mit seinem ganzen Leben bezahlen zu wollen: eine narrenhäuslerische Selbstkreuzigung.

»Ha! Selbstkreuzigung!« rief Julia. »Bleistift her, damit ichs niederschreibe. (Sie trug den Bleistift immer bei sich.) Es soll der Titel meines ersten Romans sein, oder soll ich ihn »Die Märtyrer der Sitte« nennen?«

Man lachte und mißbilligte, daß sie auf einen Titel hin einen Roman fabrizieren wollte.

»Ich sehe schon,« sagte sie schmollend, »ich bin hier die einzige Larve unter fühlenden Brüsten.«

»Klarissa scheint auch keine fühlende Brust,« bemerkte Maria.

Klarissa hatte nur ab und zu den Kopf geschüttelt, sonst keinen Anteil an der Unterhaltung genommen. Was sollte denn das alles? Liebe ? Ehe ? das ging sie nichts an.

Die junge Aerztin faßte Klarissa scharf ins Auge. Das schwarze Kätzchen mit den grünen Augen kam ins Atelier geschlichen, und mit einem Sprung saß es auf Klarissas Schoß. Sie streichelte das schnurrende Tier, freute sich an den Funken, die aus dem Fell sprühten, und wurde ganz böse, als die Anderen die Funken nicht sehen wollten.

Als man die Aerztin fragte, ob sie nicht doch, trotz ihres anstrengenden Berufes, einmal heiraten würde, zuckte sie hochmütig die Achseln. Eine höchst unwichtige Angelegenheit für sie. Vielleicht habe sie, wie Julia König, die Ehe für sich abgeschafft.

»Ach,« murrte Julia, »wenn man das nur ungestraft könnte. Sie richten einen ja immer gleich hin. Knurre nicht, Pudel!« fuhr sie die miauende Katze an. »Ja, wenn man berühmt wäre! Wer fragt eine große Künstlerin nach ihrem Ehering? Fast alle berühmten Liebespaare sind unverheiratet geblieben. Sie, Maria, brauchten in Ihrer Chemie z.B. nur künstliche Herstellung von Lebensmitteln ? etwa aus Holzfasern ? zu erfinden....«

»Und mir läge dann ob,« fiel die Aerztin spöttisch ein, »die menschlichen Verdauungsorgane für die Holzpillenernährung zurecht zu operieren.«

»Lächerlich kann man alles machen. Fassen wir eine Resolution: Wir alle, die wir hier im Namen der Kunst und Wissenschaft ? Christa, Du kannst Dich weinend aus unserem Bunde stehlen ? versammelt sind: Unsere Losung sei fortan der Lorbeer.....«

»Und wir pfeifen auf die Myrte,« ergänzte Maria lachend.

»Beeile Dich nur recht mit Deiner Berühmtheit, Julia,« sagte Anselma, »daß Du nicht zu alt für die Geliebte in einem berühmten Liebespaar wirst.«

»Du weißt ja aus Erfahrung,« gab Julia boshaft zurück, »wie schwer es einem weiblichen Genie wird, durchzudringen.«

Sie verstand den strafenden Blick Christas und lenkte ein. Uebrigens habe sie neulich in der Schrift einer berühmten Frau gelesen, warum das Weib es so selten zur Genialität bringe. Sie wisse die Stelle auswendig. »Hört!« Und sie zitierte: »Wenn der geniale Mann dazu getrieben wird, die Höhen und Tiefen des Lebens zu messen, geschieht es ihm nicht selten, daß er auch jene Sphären tangiert, welche in der Strophe geschildert werden: Hier liege ich im Rinnstein und betrachte meine alten Schuh. Die weiblichen Genies werden selten in einer ähnlichen Situation getroffen.« Und dann sagt die Dame noch, daß nie einer groß geworden wäre als Religionsstifter oder Denker, als Dichter und Prophet ohne seine Verwandtschaft mit Luzifer und Prometheus, ohne Abhängigkeit vom Teufel und seinem eigenen Fleisch.

»Da habt Ihrs! bändigen wir also unsere Ethik, damit die Hölle zu ihrem Recht kommt. Ueberhaupt immer ethisch sein! das geht ja garnicht.«

Die jungen Damen wollten von der Höllenintimität nichts wissen. Uebrigens stimme die Sache nicht, meinte Maria; auf dem deutschen Parnaß wenigstens behelfen sich die Genies meist ohne Rinnstein. Die Rausch- und Haschischdichter, die Alkoholisten seien Ausnahmen.

Sie hielt inne mit einem Blick auf Anselma. Der Sataniker, dessen Bild da hing, war ein solcher Haschischdichter.

Anselma schnäbelte lächelnd mit der weißen Taube. Sie ließ das Tierchen erst um ihren Kopf flattern, dann steckte sie ihm eine Rose in den Schnabel, und langsam schwebte die Taube, als wäre sie sich einer inhaltschweren Mission bewußt, zu dem Bilde des Satanikers und ließ die Rose auf den Rahmen fallen.

Man klatschte Beifall.

»Ich weiß schon,« sagte Christa, »Du heiratest doch noch Deinen Dichter.«

Klarissa aber rief plötzlich: »Die Taube blutet!« Sie blutete aber nicht. Wahrscheinlich hatte der Reflex eines roten Lampenschirms sie getroffen. Julia, die hinter dem Vorhang verschwunden war, trat mit einer Mandoline im Arm heraus: »Die Harfenjule wünscht ein Lied zu singen.« Und sie krähte lustig eine flotte Ueberbrettl-Tollheit.

Beim Abschied teilte Anselma den Freundinnen mit, daß ihre Bilder Anfang Winters vollendet sein würden. Und sie lud sie jetzt schon zur Vorbesichtigung ein.

Im Hinausgehen flüsterte Klarissa der Aerztin zu: »Und die Taube hat doch geblutet.«

 

Anfang Juli begab sich die Familie Ruland ins Seebad. Theodor Stern saß den Tag über in der Sonne im Rollstuhl und befand sich besser als in der Stadt. Der kleine Heinz war glückselig am Strand. Er machte aus Sand kleine Kähne und verkaufte sie für Bonbons an andere Kinder.

Ungefähr 14 Tage später erschien Adrian von Lützow, von Frau Harriet und Anne Marie freudig empfangen. Theodor verfiel seitdem sichtlich. Sie machten zu Dreien weite Spaziergänge: Anne Marie, Christa und Adrian. Frau Harriet blieb lieber im Strandkorb und beaufsichtigte Heinz und Theodors Rollstuhl.

Adrian von Lützow gefiel Christa. Es schien ihr, als ginge eine angenehme, erfrischende Kühle von ihm aus. In ihrem Geschmack, ihren Eindrücken von Natur und Menschen stimmten sie überein, in ihren sozialen Anschauungen, in ihren politischen und litterarischen Urteilen nicht. Die diskrete und anmutige Art seiner Ausdrucksweise aber überbrückte die Gegensätze.

War Adrian um Anne Maries willen gekommen? Liebte er sie? Der Gedanke beschäftigte Christa. So gut paßten die Beiden zusammen. Anne Marie mit ihrer frisch-frohen Natürlichkeit, ihrem originellen Uebermut taute, was frostig in ihm war, auf. Sie entband ihn von einer Ungeschmeidigkeit, einer Gemessenheit, die mitunter an Steifheit grenzte.

Christa lernte ihn von seinen liebenswürdigsten Seiten kennen.

Anne Marie verspottete ihn mit seiner unausstehlichen, langweiligen, angeadelten Vornehmheit und nannte ihn »mein hoher Herr«. Ein Mann müsse auch den Mut haben, sich einmal lächerlich oder unangenehm zu machen, und er würde ihr sympathischer sein mit einem Loch im Strumpf und einem Purzelbaum, den er im Sande schösse, als mit seiner Graz-i-e. Sie legte den Accent auf i und e. Und wenn er nicht ab und zu die »blonde Bestie« herauskehre, (Blondheit allein thäte es nicht) so glaube sie nicht an seine Raubritterabkunft und zähle ihn zum Train in den Heerscharen der Aristokratie.

Er kehrte aber die blonde Bestie nicht heraus, was sich für einen Assessor im Auswärtigen Amt wohl auch nicht schickte. Er hatte eigentlich Naturwissenschaft studieren wollen, ließ sich dann aber von seiner Familie zur diplomatischen Carriere überreden.

Anne Marie trieb allerhand Tollheiten und Schelmereien mit ihm. Anfangs wehrte er sich gegen ihre Ausfälle, unterlag aber bald ihrem Zauber, nur die Purzelbäume schoß er nicht, und auch das Kneippsche Barfußgehen lehnte er ein- für allemal ab. Im Schweiße seines Angesichts aber und in Hemdärmeln mußte er graben, dem kleinen Heinz an seiner Sandburg bauen helfen. Einmal zwang sie ihn sogar, Blaubeeren, nicht nur zu sammeln, sondern sie auch zu essen. Auf die blauen Lippen war es abgesehen. Er bekam aber keine blauen Lippen, was sie für Taschenspielerei erklärte. Er saß im Strandkorb, und schwaps, stürzte sie von hinten den Strandkorb über ihn; daß er auf allen Vieren darunter hervorkriechen mußte, war der Spaß dabei. Sie tanzte, wenn der Mond schien, am Strande: »die Birchpfeiffersche Grille rediviva!« sagte sie.

Theodor durfte in seinem Rollstuhl zusehen, und sie zeigte sich ängstlich besorgt um ihr Theochen, wickelte ihn in ihren Shawl, damit er sich nicht erkälten sollte, steckte ihm Chokoladen-Katzenzungen, die sie immer bei sich trug, in den Mund. »Theo ist mein Kind,« sagte sie, »das muß ich pflegen.«

Das alte Kind wurde fahl, sah aber doch mit Entzücken auf seine Gattin, die wie ein leuchtender Nachtschmetterling in ihrem weißen Kleide in der Mondglut über den Strand huschte.

Christa kam sich so schwerfällig neben dieser Fee vor. Wie natürlich, wenn Adrian sie liebte. Sie würde sich wahrscheinlich von Theochen scheiden lassen und dann den Herrn von Lützow heiraten.

 

Ein Wetterumschlag. Es regnete und regnete. Tagelang. Theodor Stern konnte Regenwetter nicht vertragen. Er lag mit heftigen Schmerzen krank im Rollstuhl und jammerte: »Wäre ich tot.«

Anne Marie rückte ihm die Kissen zurecht und that ihm dabei weh. Er sah sie böse an. Sie wollte die Mutter rufen, die es besser verstände. Das wollte er nicht. Er wurde sanft und flehend: »Habe nur noch eine kleine Weile Geduld mit mir. Siehst Du denn nicht ? es ist der Anfang vom Ende. Ich sterbe.«

Sie wandte sich blitzschnell ihm zu. In den aufgerissenen Augen hatten sich die Pupillen erweitert mit dem Ausdruck atemloser Spannung.

»Anne Marie! Anne Marie!« Es war ein so schneidender Weheruf, daß ihr das Herz davor stille stand.

Zu ihrem Entsetzen war er aufgesprungen. Einen Augenblick stand er aufrecht, er, der seit Monaten an den Beinen gelähmt war. Drohend hob sich seine Hand: »Du ? Du!« Hilflos brach er zusammen. Er weinte.

Sie kniete vor ihm, legte ihren Kopf an seine Brust. »Theo, mein lieber armer Theo! denke nur das nicht, nur das nicht!« Sie weinte mit ihm. »Ich verlasse Dich nicht ? nie, ich liebe Dich.« Sie trocknete seine Augen und küßte ihn auf den Mund. Eine stille, inbrünstige Freude breitete sich über seine Züge. Er schlummerte ein.

Der arme Theodor liebte seine Frau leidenschaftlich. Der Todkranke begehrte das reizende Weib. Er rüttelte verzweifelt an der Kette, an die seine Krankheit ihn schmiedete, und sie schnitt nur um so tiefer in sein Fleisch. Tantalusqualen! sie zerstörten ihn.

Als später der Arzt kam, hatte Anne Marie eine lange Unterredung mit ihm. Das Resultat war: Bei Vermeidung aller Aufregungen und bei sorgfältiger Pflege könne Theodor Stern noch viele Jahre leben.

 

Am nächsten Tage, als das Wetter sich aufgehellt, machte Anne Marie einen langen, einsamen Spaziergang mit Adrian. Am Abend sagte sie zur Schwester: »Wunderst Du Dich über meine Intimität mit Adrian? Es ist nicht, was Du denkst. Ich habe nur ein Geheimnis mit ihm. Aber ? sie lächelte ? ein wehes Lächeln ? es ist nichts so fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen, oder auch an den Mond.«

Die Pflege Theodors gab ihr den Vorwand, es einzurichten, daß Christa jetzt oft allein mit Adrian Strand- und Waldspaziergänge unternahm. Sie sprachen wenig, die Beiden. Sie empfand ein warmes Behagen, an seiner Seite zu gehen. Das gemeinsame innige Genießen der Natur schuf eine Intimität zwischen ihnen. Einmal verirrten sie sich im Walde. Er ging, um den Weg zu suchen. Sie setzte sich auf einen abgeholzten Baumstamm. Es war so still, lautlos. Nur das leise Summen der Wespen, der Duft des Haidekrauts und des Nadelholzes. Die Kiefern ragten an dieser Stelle hoch und schlank in den Aether, beinah cypressenartig.

Er blieb lange aus. Mit sehnsüchtiger Angst spähte sie nach ihm. Da plötzlich stand er hinter ihr. Er war auf einem andern Weg zurückgekommen. Sie jauchzte auf, und erschrak gleich darauf über dieses Jauchzen. Liebte sie ihn? Sie nahm seinen Arm nicht und blieb an dem Tage unruhig und in sich gekehrt.

Einige Tage später gingen sie durch den Wald, über hügliges Terrain, bis sie zu einem kleinen freien Platz gelangten, von dem aus man weit über das Meer hinaus sah. Er breitete seinen Plaid aus, und Christa setzte sich auf den Boden. Er lehnte an einem Baum. In seidiger Schönheit rann das Meer. Lichtfunken glitzerten in spielerischem Gekräusel darüber hin. Rosige Schleier am Himmel, am Saum des Horizonts duftiges Violet. Und wie die Sonne tiefer sank, wurde das Meer ein einziges golden bläulich seliges Schimmern von unaussprechlicher Zartheit. Ein Ausklingen der Farbe wie Geisterhauch, wie ein weiches Fächeln mit Palmen, ein Singen des Meeres ? sein Schwanenlied. Und die Sonne sank tiefer noch. Ein kleines Schiff, vom letzten Sonnenstrahl getroffen, glitt ? ein leuchtender Rubin ? über den bläulichen Atlas des Wassers. Vom schlanken Mast wehte weithin ein schwarzer Rauchschleier.

Eine wunderbare Stimmung kam über die Beiden. Unwillkürlich schlangen sich ihre Hände ineinander. Und dann war der Schleier verweht. Rubin und Gold erloschen, und immer leiser und zarter verklang die Farbe ? ein Kindeslächeln, ehe der Schlaf es umfängt ? süßestes Piano ? ade! ade!

Er kniete neben ihr, umschlang sie mit dem Arm und küßte sie mit einer so leisen Berührung seiner Lippen, wie das Abendlicht das Meer küßte. Eine tiefe, ihm ganz hingegebene Innigkeit durchdrang sie. Aneinandergeschmiegt gingen sie durch die Walddämmerung langsam nach Hause.

Im Gärtchen vor der Villa stand Anne Marie. Ihr Blick streifte Adrian. Er nickte unmerklich.

Der Vater sei angekommen, verkündete sie, etwas Außerordentliches sei ihm passiert, das heißt eigentlich mehr der Mama, bei Tisch würde es sich enthüllen. Christa müsse sich aber der Feststimmung zuliebe in Wichs werfen, mindestens ein weißes Gewand. Christa ging sich umzukleiden.

Als sie eine halbe Stunde später in das Speisezimmer trat, sah sie nur strahlende Gesichter. Der Vater umarmte sie, gegen seine Gewohnheit, zärtlich. Theodor Stern hatte sich im Rollstuhl an den Tisch fahren lassen und drückte ihr die Hand mit einer Kraft, daß sie fast erschrak. Auf dem Tisch stand Champagner. Sie schauderte. Seit jenem tragischen Ereignis hatte sie einen Widerwillen gegen Champagner. Nun erfuhr sie es gleich: Der Vater war Geheimrat geworden. Die Mutter sah so schön aus, wie sie sie außerhalb des Salons noch nicht gesehen hatte.

Gegen Ende des Mahls erhob sich Frau Harriet, hielt eine anmutige kleine Rede und brachte einen Toast aus auf den lieben funkelnagelneuen Geheimrat und ? auf das Brautpaar.

Christa sah sich unwillkürlich um. Welches Brautpaar? »Adrian und Christa!«

Ein Zittern überlief Christa. Wie einer Traumwandelnden war ihr, die man zu laut anruft. Eine Blüte war entknospt, die zum Aufblühen noch nicht reif war.

»Aber,« stammelte sie. Sie sah hilflos, geängstigt aus, blickte von einem zum andern ? lauter glückliche Gesichter. Sie stand wie unter einem Bann, sagte nichts. Alle umarmten sie. Adrian küßte ihr die Hände.

Sie sah ihm gerade in die Augen. Ja ? ein liebenswerter Mensch.

Anne Marie war sprühend, fast zu sprühend. Sie trank viel Champagner und behauptete, sie hätte sich Adrian glühend zum Schwager gewünscht.

Als Christa ihr Zimmer betrat, stieg der Mond in halber Sichel rot aus dem Meere auf. Als er höher kam, floß sein Licht in dunklem, matten Silber am Rand des Meeres hin. Das Meer rauschte ? ein Choral, und dazwischen ein leises Getön wie von fernen Flöten, oder war es ein Echo des Rauschens? oder nur ein Vibrieren der Nacht?

Sie blieb mitten im Zimmer stehen, in einer Flut von Mondlicht. Die Veranda vor dem Zimmer war durch eine Säule gestützt. Immer höher stieg der Mond. Durch den Vorhang der Veranda blickte sie auf seine breite Silberbahn im Wasser.

Könnte es am Meer in Venedig schöner, magisch berückender sein? Die Säule erglänzte wie von weißem Marmor. Ihr war, als stünde sie in einem Palazzo an den Lagunen, und sie wäre eine Renaissance-Fürstin, die auf die Ruderschläge der Gondel lauscht, die den Geliebten zu ihr tragen.

Unter dem Balkon stand eine dunkle Gestalt und blickte empor, ob zu ihr, ob in den Sternenhimmel? Es war Adrian. Ihre Seele rief ihn: Komm!

Ein Süden, eine Glut durchzitterte die Nacht. Sie streckte die Arme hinaus. Er sieht sie nicht. Er geht weiter ? weiter. Er entschwindet.

Langsam beginnt sie das Haar aufzulösen, die Kleider abzulegen. Eine unwiderstehliche Lust kommt ihr, in der reinen, wehenden Nachtluft nackt ihre Glieder zu baden. Kleider kommen ihr unnatürlich vor, dürftig, unfürstlich zu diesem Vermählungsfest von Nacht, Schönheit und Liebe. Aber ? sie scheut sich vor dem Mond, vor dem großen, silberstrahlenden Auge. Sie schlingt ihre Arme um die Säule, und an den weißleuchtenden, kalten Stein schmiegt sie die feinen, zarten Glieder.

»Adrian!«

 

Als Christa am andern Morgen unter einem grauen, bewölkten Himmel erwachte, fühlte sie sich beklommen, ernüchtert, verdrossen. Warum war sie verdrossen? Sie liebte doch Adrian, oder ? ?

Und plötzlich ging es wie ein elektrischer Schlag durch ihr Gehirn: Wie? wenn all das Gestrige auch nur eine Trunkenheit gewesen wäre wie damals ? damals mit dem Champagner ? nur eine andere Trunkenheit, eine intensivere, feinere. Wenn die zärtlich holde Schönheit der Natur sie berauscht hätte! Schönheit und Liebe sind verwandt und spinnen Fäden hinüber und herüber. Man kann sich auch in Nektar berauschen. Die Sonne gestern im Untergehen sang einen Psalm der Liebe. Sie hatte eingestimmt. Und da war er da ? Adrian. Was sie jetzt fühlt, sie weiß es nicht recht, sicher aber nichts von dem jauchzenden Glück einer eben verlobten Braut.

Als sie dann zum Frühstück hinunterging und alle so froh waren, die Sonne durch das Gewölk brach und auf ihrem Platz die schönsten Rosen lagen, da kam eine Weichheit über sie, etwas Stilles, Sanftes, Ergebenes. Und als sie dann später an Adrians Arm, am Strand entlang wandernd, in vollen Zügen die Seeluft einatmete, dachte sie: ob sanfte Hingebung, Unterordnung doch vielleicht des Weibes Glück sind?

 

Anne Marie war der Meinung, die Hochzeit müsse in kürzester Zeit stattfinden, etwa in vier Wochen, und zwar in der kleinen Dorfkirche des Ortes. Ein paar Stunden später Beginn der Hochzeitsreise ? Dampferabfahrt nord- oder südwärts.

Sie insuinierte Christa: Wenn man der Mutter Zeit ließe, würde sie einen riesigen Hochzeitsspektakel in Szene setzen, mit zwölf Gängen, unzähligen Toasten und den weitläufigsten Tanten und Onkels, eine Vorstellung, die Christa erschreckte.

Anne Marie setzte ihren Plan bei der Mutter durch. Die Aussicht, während der Hochzeitsreise des jungen Paares Ausstattung und Wohnungseinrichtung ohne jeden Einspruch besorgen zu können und dabei der Welt zu zeigen, daß sie in sechs Wochen zu leisten im stande war, wozu andere viele Monate brauchten, trug zur Willfährigkeit Frau Harriets bei.

Zwei Tage nach der Verlobung reiste Adrian ab, um das Aufgebot und die nötigen Papiere zu besorgen.

Als er fort war, geriet Christa in einen inneren Zwiespalt mit sich. Sie hatte doch nicht heiraten wollen. Die Schwester hatte recht: es kommt doch immer alles ganz anders als man denkt.

Anne Marie wich in diesen Wochen kaum von Christas Seite. Theodor war fast immer dabei. Er war von rührender Weichheit und plante großartige Hochzeitsgeschenke für seine Schwägerin. Anne Marie war zwar heiter ? ja lustig wie sonst, es war aber eine falsche Note in ihrer Heiterkeit.

 

Das Wetter war wieder unfreundlich geworden. Ein feiner, rieselnder Regen. Seit drei Tagen hatte Adrian keine Zeile geschrieben. Und Christa brauchte das Gefühl, daß sie ihn beglücke. War seine Neigung so lau, wozu dann das Ganze? Für die Fortsetzung ihrer Studien sah sie ohnedies Berge von Schwierigkeiten voraus. Von Studien, die sich auf das Volksleben bezogen, von ihrer Bethätigung als Volksrednerin konnte kaum noch die Rede sein, für sie, die Gattin des Freiherrn von Lützow! In der Ehe bilden Mann und Frau ja eine einzige Persönlichkeit.

Während sie trübe in die verregnete Landschaft hinausblickte, trat Frau Harriet mit einem Brief in der Hand in die Veranda.

»Von Adrian?« fragte Christa schnell.

Nein, vom Vater. Es handle sich um das Geld für die Ausstattung. Mit einem Mal wolle der Vater weniger herausrücken, als abgemacht worden sei. Unter diesen Umständen müßten die echten Spitzen an den Hemden wegfallen, es sei denn, daß Anne Marie, die ja immer eine offene Hand habe, einspränge.

Ein heftiger Unwille stieg in Christa auf. »Wenn die Sache so viel Umstände und Aerger macht, lösen wir doch die Verlobung wieder auf. Adrian ist gewiß einverstanden damit, und ich auch.«

Frau Harriet war empört; aufs gröbste ließ sie ihren Grimm an der Tochter aus. Ein Mädchen von 23 Jahren, (rachsüchtig machte sie Christa um ein Jahr älter) die grundlos, aus Unvernunft und böser Laune eine Verlobung zurückgehen läßt, würde keinen Zweiten finden, der das zweifelhafte Glück, sie heimzuführen, erstreben dürfte. Und eine Verlobung mit dem Baron Lützow! die weit über die Ansprüche hinausginge, die ein Mädchen, das kaum hübsch und nicht einmal liebenswürdig wäre, zu machen berechtigt sei. Geradezu gottlos sei ein solcher Treubruch.

»Du glaubst ja garnicht an Gott,« sagte Christa mit eisiger Kälte. »Was Dir nicht paßt, hast Du abgeschafft.«

»Wenigstens halte ich das vierte Gebot.«

»Und die andern Gebote?«

Zu ihrem Erstaunen sah Christa, daß die Mutter rot und blaß wurde. Sie standen sich einen Augenblick schweigend, voll inneren Zornes gegenüber. Plötzlich verstand Christa, was in der Mutter vorging. Einiges von dem Gerede gelegentlich der Verheiratung Anne Maries war zu ihren Ohren gekommen.

Wie? Die Mutter hielt es für möglich, daß sie, die Tochter, sich in so brutaler Weise als ihre Richterin aufspielen könne?

Eine dunkle Flamme rötete ihre Stirn. Gesenkten Hauptes verließ sie das Zimmer. Sie dachte nicht mehr an eine Entlobung. Nur nicht länger im Hause bleiben, nicht bei der Mutter.

 

Einige Tage vor der Hochzeit ? Adrian war eben angekommen ? reisten Sterns ab. Der Arzt hatte Theodor jede Aufregung aufs strengste untersagt. Sie wollten erst einige Wochen auf seinem Gut in Tirol zu bringen und dann nach dem Süden gehen.

Bei dem Abschied war Anne Marie ergriffen, wie Christa sie nie vorher gesehen, und zwischen Thränen und Lachen stammelte sie Drolliges und Trauriges durcheinander. Und Christa mußte ihr immer wieder versichern, daß sie Adrian liebe, sehr liebe. Schließlich fand sie einen schwachen Trost darin, daß die Erde ja doch einmal in die Sonne stürze.

 


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