4. Sonett

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Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET IV

  

DAS VIERTE SONETT

DEPUIS quAmour cruel empoisonna
Premierement de son feu ma poitrine,
Tousiours brulay de sä fureur diuine,
Qui un seul iour mon c?ur nabandonna.
SEITDEM der Gott zuerst das ungeheuer
glühende Gift in meine Brust mir sandte,
verging kein Tag, da ich davon nicht brannte
und dastand, innen voll von seinem Feuer.
Quelque trauail, dont assez me donna,
Quelque menasse et procheine ruine:
Quelque penser de mort qui tout termine,
De rien mon c?ur ardent ne sestonna.
Ob er mit Drohungen nach mir gehascht,
mir Mühsal auflud, mehr als nötig, oder
mir zeigte, wie es endet: Tod und Moder,
mein Herz in Glut war niemals überrascht.
Tant plus quAmour nous vient fön assaillir,
Plus il nous fait nos forces recueillir,
Et tousiours frais en ses combats fait estre:
Je mehr der Gott uns zusetzt, desto mehr
sind unsre Kräfte unser. Wir verdingen
nach jedem Kampf uns besser als vorher.
Mais ce nest pas quen rien nous fauorise,
Cil qui les Dieus et les hommes.mesprise:
Mais pour plus fort contre les fors paroitre.
Der uns und Göttern übermag, ist denen
Geprüften nicht ganz schlecht: er will sie zwingen,
sich an den Starken stärker aufzulehnen.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET XI

  

DAS ELFTE SONETT

O dous regars, ô yeus pleins de beauté,
Petis iardins, pleins de fleurs amoureuses
Ou sont dAmour les flesches dangereuses,
Tant à vous voir mon ?il sest arresté!
O Blicke, Augen aller Schönheit voll,
wie kleine Gärten, die in Liebe stehen:
was hab ich lange da hinein gesehen,
obwohl ich eure Pfeile meiden soll.
O c?ur felon, ô rüde cruauté,
Tant tu me tiens de façons rigoureuses,
Tant iay coulé de larmes langoureuses,
Sentant lardeur de mon c?ur tourmenté!
Zweideutiges Herz, du hältst mich grausam fest
mit deinem Starrsein, deinem fürchterlichen,
wie viele Tränen hast du mir erpreßt,
wenn ich mein Herz, das brennt, mit dir verglichen.
Donques, mes yeus, tant de plaisir auez,
Tant de bons tours par ses yeus receuez:
Mais toy, mon c?ur, plus les vois sy complaire.
Ihr Augen, ja, je mehr ihr dorthin schaut,
je mehr wird euch des Anblicks Lust vertraut;
doch du mein Herz, wenn sie sich ganz verlieren
Plus tu languiz, plus en as de souci,
Or deuinez si ie suis aise aussi,
Sentant mon ?il estre à mon c?ur contraire.
in ihrem Schauen, hast davon nur Qual.
Wie soll ich ruhig sein ein einziges Mal:
dein Glück ist nicht vereinbar mit dem ihren.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET XX

  

DAS ZWANZIGSTE SONETT

PREDIT me fut, que deuois fermement
Vn iour aymer celui dont la figure
Me fut descrite: et sans autre peinture
Le reconnu quand vy premierement:
MlR ward gewahrsagt, daß ich einmal sicher
den lieben werde, den man mir beschrieb.
Und da er kam, erkannt ich ihn: wie glich er
dem vorgesagten Bild. Ich sah, es trieb
Puis le voyant aymer fatalement,
Pitié ie pris da sä triste auenture:
Et tellement ie forcay ma nature,
Quautant que lui aymay ardentement.
ihn sein Verhängnis, und er tat mir leid
in seiner Liebe blindem Abenteuer:
so hielt ich denn auch mich für ihn bereit
und gab mir Mühe zu dem gleichen Feuer.
Qui nust pensé quen faueur deuoit croitre
Ce que le Ciel et destins firent naitre?
Mais quand ie voy si nubileus aprets,
Wer hätte nicht gedacht, es müßte gut
fortschreiten, was Geschick und Himmel wollten?
Doch wenn ich denke, was für Donner grollten
Vents si cruels et tant horrible orage:
Ie croy questoient les infernaus arrets,
Qui de si loin mourdissoient ce naufrage.
und wie es sich umzog von allen Seiten:
mein ich, die Hölle hätte nicht geruht,
mir diese Untergänge zu bereiten.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET XVIII

  

DAS ACHTZEHNTE SONETT

BAISE mencor, rebaise moy et baise:
Donne men un de tes plus sauoureus,
Donne men un de tes plus amoureus:
Ie ten rendray quatre plus chaus que braise.
KÜSS mich noch einmal, küß mich wieder, küsse
mich ohne Ende. Diesen will ich schmecken,
in dem will ich an deiner Glut erschrecken,
und vier für einen will ich, Überflüsse
Las, te pleins tu? ça que ce mal iapaise,
En ten donnant dix autres doucereus.
Ainsi meslans nos baisers tant heureus
Iouissons nous lun de lautre à notre aise,
will ich dir wiedergeben. Warte, zehn
noch glühendere; bist du nun zufrieden?
O daß wir also, kaum mehr unterschieden,
glückströmend ineinander übergehn.
Lors double vie à chacun en suiura.
Chacun en soy et son ami viura.
Permets mAmour penser quelque folie:
In jedem wird das Leben doppelt sein.
Im Freunde und in sich ist einem jeden
jetzt Raum bereitet. Laß mich Unsinn reden:
Tousiours suis mal, viuant discrettement,
Et ne me puis donner contentement,
Si hors de moy ne fay quelque saillie.
Ich halt mich ja so mühsam in mir ein
und lebe nur und komme nur zu Freude,
wenn ich, aus mir ausbrechend, mich vergeude.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET XVII

  

DAS SIEBZEHNTE SONETT

IE fuis la vile, et temples, et tous lieus,
Esquels prenant plaisir à touir pleindre,
Tu peus, et non sans force, me contreindre
De te donner ce questimois le mieus.
ICH flieh die Stadt, die Kirchen, jeden Ort,
wo ich dich sehe, wo du dich beklagst
und, wie du bist, gewaltsam, immerfort
dem näher kommst, was du zu fordern wagst.
Masques, tournois, ieus me sont ennuieus,
Et rien sans toy de beau ne me puis peindre:
Tant que tachant à ce desir esteindre,
Et un nouuel obget faire à mes yeus,
Turniere, Spiele, Maskenzüge: nichts
von alledem ist mit dir zu vergleichen.
Ich suche meinen Wünschen auszuweichen
und, von dir abgekehrten Angesichts,
Et des pensers amoureus me distraire,
Des bois espais sui le plus solitaire:
Mais iaperçoy, ayant erré maint tour,
daß etwas dem Verliebtsein mich entrisse,
verlier ich im Gehölz mich hin und her;
doch alles ist gemacht, damit ich wisse:
Que si le veus de toy estre deliure,
Il me conuient hors de moymesme viure,
Ou fais encor que loin sois en seiour
Ich müßte, um dich wirklich aufzugeben,
aus mir hinaus und außer meiner leben:
denn als Entfernter bist du dort noch mehr

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET V

  

DAS FÜNFTE SONETT

CLERE Venus, qui erres par les Cieus,
Entens ma voix qui en pleins chantera,
Tant que ta face au haut du Ciel luira,
Son long trauail et souci ennuieus.
O Venus in den Himmeln, klare du,
hör meine Stimme; denn solang du dort
erscheinst, wird sie, ganz voll, dir immerfort
die lange Arbeit singen, die ich tu.
Mon ?il veillant satendrira bien mieus,
Et plus de pleurs te voyant gettera.
Mieus mon lit mol de larmes baignera,
De ses trauaus voyant témoins tes yeus.
Mein Aug bleibt sanfter wach, wenn du es siehst,
und seine Flut wird strömender und fließt
viel leichter hin in meine Lagerstatt,
wenn seine Mühsal dich zum Zeugen hat
Donq des humains sont les lassez esprits
De dous repos et de sommeil espris.
L?endure mal tant que le Soleil luit:
zur Zeit, da Schlaf und Ausruhn wohlgemeint
die Menschen hinnimmt, die sich müd gedacht.
Ich, ich ertrag, solang die Sonne scheint,
Et quand ie suis quasi toute cassee,
Et que me fuis mise en mon lit lassee,
Crier me faut mon mal toute la nuit.
das, was mir weh tut, und wenn ich zum Schluß
zu Bette geh, fast wie entzwei: ich muß
das, was mir weh tut, schrein die ganze Nacht.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET VII

  

DAS SIEBENTE SONETT

ON voit mourir toute chose animee,
Lors que du corps Tarne sutile part:
Ie suis le corps, toy la meilleure part:
Ou es tu donq, ô ame bien aymee?
MAN sieht vergehen die belebten Dinge,
sowie die Seele nicht mehr bleiben mag.
Du bist das Feine, ich bin das Geringe,
ich bin der Leib: wo bist du, Seele sag?
Ne me laissez par si long temps pamee,
Pour me sauuer apres viendrois trop tard.
Las, ne mets point ton corps en ce hazart:
Rens lui sä part et moitié estimee.
Laß mich so lang nicht in der Ohnmacht Trage
Sorge für mich und rette nicht zu spät.
Was bringst du deinen Leib in diese Lage
und machst, daß ihm sein Köstlichstes enträt?
Mais fais, Ami, que ne soit dangereuse
Cette rencontre et reuuë amoureuse,
Lacompagnant, non de seuerite,
Doch wirke so, daß dieses Sich-Begegnen
in Fühlbarkeit und neuem Augenschein
gefahrlos sei: vollziehs nicht in verwegnen
Non de rigueur: mais de grace amiable,
Qui doucement me rende ta beaute,
Iadis cruelle, à present favorable.
und herrischen Erschütterungen: nein,
laß sanfter in mich deine Schönheit gleiten,
die gnädig ist, um länger nicht zu streiten.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET XIX

  

DAS NEUNZEHNTE SONETT

DlANE estant en lespesseur dun bois,
Apres avoir mainte beste assenee,
Prenoit le frais, de Nynfes couronnee:
Iallois resuant comme fay maintefois,
DlANA, atemlos von manchem Tier,
stand weit im Wald in einer stillen Lichtung,
und ihre Nymphen kamen heiß zu ihr.
Ich ging wie immer träumend, ohne Richtung
Sans y penser: quand iouy une vois,
Qui mapela, disant, Nynfe estonnee,
Que ne tes tu vers Diane tournee?
Et me voyant sans arc et sans carquois,
und dachte nicht daran. Da rief mir eine:
Nymphe! Was schaust du so? Nimmst du nicht teil?
Diana wartet. Aber da sie meine
Hände gewahrte, Bogen nicht noch Pfeil
Quas tu trouué, ô compagne, en ta voye,
Qui de ton arc et flesches ait fait proye?
Ie manimay, respons ie, à un passant,
in ihnen, staunte sie: Was ist geschehn?
Hat man dir Bogen und Geschoß genommen?
Ach, sagte ich, das hat mich überkommen:
Et lui getay en vain toutes mes flesches
Et larc apres: mais lui les ramassant
Et les tirant me fit cent et cent bresches.
ich folgte Einem, und im Handumdrehn
warf ich die Pfeile. Und den Bogen nach.
Er hob sie auf und traf mich hundertfach.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET IX

  

DAS NEUNTE SONETT

TOUT aussi tot que ie commence à prendre
Dens le mol lit le repos desiré,
Mon triste esprit hors de moy retiré
Sen va vers toy incontinent se rendre.
GLEICH wenn ich endlich abends so weit bin,
daß ich im weichen Bett des Ruhns beginne,
zieht sich der arme Antrieb meiner Sinne
aus mir zurück und mündet zu dir hin.
Lors mest auis que dedens mon sein tendre
Ie tiens le bien, ou iay tant aspiré,
Et pour lequel iay si haut souspiré;
Que de sanglots ay souuent cuidé fendre
Dann glaub ich an die Zartheit meiner Brüste
das, was ich ganz begehre, anzuhalten,
und so begehre, daß mir ist, als müßte
mein Schrein danach, wo es entsteht, mich spalten.
O dous sommeil, ô nuit à moy heureuse
Plaisant repos, plein de tranquilité,
Continuez toutes les nuiz mon songe:
O Schlaf, der nachgibt, Nacht für mich gemeinte,
innige Stillung, glückliche Genüge,
halt vor für aller meiner Nächte Traum.
Et si iamais ma poure ame amoureuse
Ne doit auoir de bien en verité,
Faites au moins quelle en ait en mensonge.
Ist für das immer wieder mir Verneinte
in dieser vollen Wirklichkeit nicht Raum,
so laß es mir gehören in der Lüge.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET XVI

  

DAS SECHZEHNTE SONETT

APRES quun tems la gresle et le tonnerre
Ont le haut mont de Caucase batu,
Le beau iour vient, de lueur reuétu.
Quand Phebus ha son cerne fait en terre,
WENN Wetter eine Zeit und Hagelschauer
oben den hohen Kaukasus umfing,
kommt langsam wieder schönes Licht zur Dauer.
Und Phöbus, wenn er seinen vollen Ring
Et lOcean il regaigne à grand erre:
Sa seur se montre avec son chef pointu.
Quand quelque tems le Parthe ha combatu,
Il prent la fuite et son arc il desserre.
vollendet hat, tritt rückwärts in die Wogen
und läßt die schmale Schwester an die Reih.
Sogar des Parthers Kampfwut geht vorbei,
er flieht zuletzt und schleppt den schlaffen Bogen.
Vn tems tay vu et consolé pleintif,
Et defiant de mon feu peu hatif:
Mais maintenant que tu mas embrassee,
War eine Zeit, da schien dir mein Gefühl
(ich tröstete dich manchmal) unentschlossen;
doch jetzt, seit ich in deinen Armen war
Et suis au point auquel tu me voulois,
Tu as ta flame en quelque eau arrosee,
Et es plus froit questre ie ne soulois.
und dort, wo du mich wolltest, ganz und gar:
hast du dein Feuer plötzlich fortgegossen
und bist, wie ich es niemals konnte, kühl.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET XXIV

  

DAS VIERUNDZWANZIGSTE SONETT

NE reprenez, Dames, si iay aymé:
Si iay senti mile torches ardantes,
Mile trauaus, mile douleurs mordantes:
Si en pleurant iay mon tems consumé,
ACH, meine Liebe, werft sie mir nicht vor,
ihr Damen: daß mich tausend Brände brannten
und tausend Schmerzen mich ihr eigen nannten
und daß ich weinend meine Zeit verlor.
Las que mon nom nen soit par vous blamé.
Si iay failli, les peines sont presentes,
Naigrissez point leurs pointes violentes:
Mais estimez quAmour, à point nommé,
Hängt meinem Namen keinen Tadel an.
Ich unterlag, doch der mich überwunden,
der Gott, liegt in der Luft. Seid still. Er kann
mit einem Male, wenn er euch gefunden,
Sans votre ardeur dun Vulcan excuser,
Sans la beauté dAdonis acuser,
Pourra, sil veut, plus vous rendre amoureuses:
ohne daß er Adonis und Vulkan
herabbemühe, euch so heftig nahn,
daß ihr nicht anders könnt, als mehr noch lieben.
En ayant moins que moy docasion,
Et plus destrange et forte passion.
Et gardez vous destre plus malheureuses.
Und vielleicht ruht er dann nicht eher, bis
ihr rasend seid, und häuft das Hindernis
und treibt euch ärger, als er mich getrieben.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET XII

  

DAS ZWÖLFTE SONETT

LUT, compagnon de ma calamité,
De mes soupirs témoin irreprochable,
De mes ennuis controlleur veritable,
Tu as souuent auec moy lamenté:
LAUTE, Genossin meiner Kümmernis,
die du ihr beiwohnst innig und bescheiden,
gewissenhafter Zeiger meiner Leiden:
wie oft schon klagtest du mit mir. Ich riß
Et tant le pleur piteus ta molesté,
Que commencant quelque son delectable,
Tu le rendois tout soudein lamentable,
Feignant le ton que plein auoit chanté.
dich so hinein in diesen Gang der Klagen,
drin ich befangen bin, daß, wo ich je
seligen Ton versuchend angeschlagen,
da unterschlugst du ihn und töntest weh.
Et si te veus efforcer au contraire,
Tu te destens et si me contreins taire:
Mais me voyant tendrement soupirer,
Und will ich dennoch anders dich verwenden,
entspannst du dich und machst mich völlig stumm.
Erst wenn ich wieder stöhne und mich härme,
Donnant faueur à ma tant triste pleinte:
En mes ennuis me plaire suis contreinte,
Et dun dous mal douce fin espérer.
kommst du zu Stimme, und ich fühle Wärme
in deinem Inneren; so sei es drum:
mag sanft als Leiden (was stets Leid war) enden.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET VIII

  

DAS ACHTE SONETT

IE vis, ie meurs: ie me brule et ine noye.
Iay chaut estreme en endurant froidure:
La vie mest et trop molle et trop dure.
Iay grans ennuis entremeslez de ioye:
ICH leb, ich sterb: ich brenn und ich ertrinke,
ich dulde Glut und bin doch wie im Eise;
mein Leben übertreibt die harte Weise
und die verwöhnende und mischt das Linke
Tout à un coup ie ris et ie larmoye,
Et en plaisir maint grief tourment iendure:
Mon bien sen va, et à iamais il dure:
Tout en un coup ie seiche et ie verdoye.
mir mit dem Rechten, Tränen und Gelächter
Ganz im Vergnügen find ich Stellen Leides,
was ich besitz, geht hin und wird doch ächter:
ich dörr in einem, und ich grüne, beides.
Ainsi Amour inconstamment me meine:
Et quand ie pense auoir plus de douleur,
Sans y penser ie me treuue hors de peine.
So nimmt der Gott mich her und hin. Und wenn
ich manchmal mein, nun wird der Schmerz am größten,
fühl ich mich plötzlich ganz gestillt und leicht.
Puis quand ie croy ma ioye estre certeine,
Et estre au haut de mon desiré heur,
Il me remet en mon premier malheur.
Und glaub ich dann, ein Dasein sei erreicht,
reißt es mich nieder aus dem schon Erlösten
in eine Trübsal, die ich wiederkenn.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET XV

  

DAS FÜNFZEHNTE SONETT

POUR le retour du Soleil honorer,
Le Zéphir, lair serein lui apareille:
Et du sommeil leau et la terre esueille,
Qui les gardoit lune de murmurer
DER Sonne, eh sie wiederkommt, zu Ehren
erhebt sich leicht der reine Morgenwind.
Wasser und Erde, siehe, sie erwehren
sich schon des Schlafes, der das eine lind
En dous coulant, lautre de se parer
De mainte fleur de couleur nompareille
Ia les oiseaus es arbres fönt merueille,
Et aus passans fönt lennui moderer:
hinrinnen ließ und stärker, lichterloher
die andre blühen machte. Im Geäst
jubeln die Vögel, dies nicht ruhen läßt,
und wer vorübergeht, wird davon froher.
Les Nynfes ia en mile ieus sesbatent
Au cler de Lune, et dansans lherbe abatent:
Veus tu Zéphir de ton heur me donner,
Und Nymphen: in den kühlen Wiesen, die
noch Mondschein haben, sind sie schon am Spiele.
Günstiger Frühwind, wenn es dir gefiele,
Et que par toy toute me renouuelle?
Fay mon Soleil deuers moy retourner,
Et tu verras sil ne me rend plus belle.
daß ich mich selbst auch neu an dir belebe.
O tu nur, daß sich meine Sonne hebe,
und du sollst sehn: ich werde schön wie nie.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET III

  

DAS DRITTE SONETT

O longs desirs, ô esperances vaines,
Tristes soupirs et larmes coutumieres
A engendrer de moy maintes riuieres,
Dont mes deus yeus sont sources et fontaines:
LANGES Verlangen, Hoffnung ohne Sinn,
Geseufz und Tränen so gewohnt zu fließen,
daß ich fast ganz in den zwei Strömen bin,
in welche meine Augen sich ergießen.
O cruautez, ô durtez inhumaines,
Piteus regars des celestes lumieres:
Du c?ur transi ô passions premieres,
Estimez-vous croitre encore mes peines?
O Härten von entmenschter Grausamkeit,
himmlisches Licht, das karg zu schaun geruhte;
und immer noch im abgelehnten Blute
zunehmend das Gefühl der frühsten Zeit.
Quencor Amour sur moy son arc essaie,
Que nouueaus feus me gette et nouueaus dars;
Quil se despite, et pis quil pourra face:
Als litt ich nicht genug. So mag noch schlimmer
der Gott an mir den Bogen proben. Pfeil
und Feuer verschwendet er sich selber zum Verdruß:
Car ie suis tant nauree en toutes pars,
Que plus en moy une nouuelle plaie,
Pour mempirer ne pourroit trouuer place.
Denn ich bin so versehrt und nirgends heil,
daß keine neue Wunde an mir nimmer
die Stelle fände, wo sie schmerzen muß.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET XIV

  

DAS VIERZEHNTE SONETT

TANT que mes yeus pourront larmes espandre,
A lheur passé auec toy regretter;
Et quaus sanglots et soupirs resister
Pourra ma voix, et un peu faire entendre:
SOLANGE meine Augen Tränen geben,
dem nachzuweinen, was mit dir entschwand;
solang in meiner Stimme Widerstand
gegen mein Stöhnen ist, so daß sie eben
Tant que ma main pourra les cordes tendre
Du mignart Lut, pour tes graces chanter:
Tant que lesprit se voudra contenter
De ne vouloir rien fors que toy comprendre:
noch hörbar wird; solange meine Hand
die schöne Laute von so lieben Dingen
kann singen machen, und sich unverwandt
mein Geist dir zukehrt, um dich zu durchdringen:
Ie ne souhaitte encore point mourir.
Mais quand mes yeus ie sentiray tarir,
Ma voix cassee, et ma main impuissante,
so lang hat Sterben für mich keinen Sinn.
Doch wenn ich trocken in den Augen bin,
die Stimme brüchig wird, die Hand nicht mag,
Et mon esprit en ce mortel seiour
Ne pouuant plus montrer signe damante:
Priray la mort noircir mon plus cler iour.
und wenn mein Geist mir hier die Kraft entzieht,
durch die ich mich als Liebende verriet:
so schwärze mir der Tod den klarsten Tag.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET XIII

  

DAS DREIZEHNTE SONETT

OH si iestois en ce beau sein rauie
De celui là pour lequel vois mourant:
Si auec lui viure le demeurant
De mes cours iours ne mempeschoit enuie:
O wär ich doch entrückt an ihn, gepreßt
an seine Brust, für den ich mich verzehre.
Und daß der Neid mir länger nicht mehr wehre,
mit ihm zu sein für meiner Tage Rest.
Si macollant me disoit, chere Amie,
Contentons nous lun lautre, sasseurant
Que ia tempeste, Euripe, ne Courant
Ne nous pourra desioindre en notre vie:
Daß er mich nähme und mir sagte : Liebe,
wir wollen, eins im anderen genug,
uns so versichern, daß uns nichts verschiebe:
nicht Sturm, nicht Strömung oder Vogelflug.
Si de mes bras le tenant acollé,
Comme du Lierre est larbre encercelé,
La mort venoit, de mon aise enuieuse:
Wenn dann, entrüstet, weil ich ihn umfasse,
wie sich um einen Stamm der Efeu schweißt,
der Tod verlangte, daß ich von ihm lasse:
Lors que souef plus il me baiseroit,
Et mon esprit sur ses leures fuiroit,
Bien ie mourrois, plus que viuante, heureuse.
Er küßte mich, es mündete mein Geist
auf seine Lippen; und der Tod war sicher
noch süßer als das Dasein, seliglicher.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET II

  

DAS ZWEITE SONETT

O beaus yeus bruns, ô regars destournez,
O chaus soupirs, ô larmes espandues,
O noires nuits vainement atendues,
O jours luisans vainement retournez:
O braune Augen, Blicke weggekehrt,
verseufzte Luft, o Tränen hingegossen,
Nächte, ersehnt und dann umsonst verflossen,
und Tage strahlend, aber ohne Wert.
O tristes pleins, ô desirs obstinez,
O tems perdu, ô pemes despendues,
O mile morts en mile rets tendues,
O pires maus contre moi destinez.
O Klagen, Sehnsucht, die nicht nachgibt, Zeit
mit Qual vertan und nie mehr zu ersetzen,
und tausend Tode rings in tausend Netzen
und alle Übel wider mich bereit.
O ris, ô front, cheueus, bras, mains et doits:
O lut plemtif, viole, archet et vois:
Tant de flambeaus pour ardre une femmelle!
Stirn, Haar und Lächeln, Arme, Hände, Finger,
Geige, die auf klagt, Bogen, Stimme, ? ach:
ein brennlich Weib und lauter Flammen-Schwinger.
De toy me plein, que tant de feus portant,
En tant dendrois diceus mon c?ur tatant,
Nen est sur toy vole quelque estincelle.
Der diese Feuer hat, dir trag ichs nach,
daß du mir so ans Herz gewollt mit allen,
und ist kein Funken auf dich selbst gefallen.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET XXIII

  

DAS DREIUNDZWANZIGSTE SONETT

LAS! que me sert, que si parfaitement
Louas iadis et ma tresse doree,
Et de mes yeus la beauté comparee
A deux Soleils, dont Amour finement
WAS hilft es mir, daß du so meisterhaft
mein Haar besangst und sein gesträhntes Gold,
und daß du diese meine Augen hold
wie Sonnen nanntest, deren reine Kraft
Tira les trets causez de ton tourment?
Ou estes vous, pleurs de peu de duree?
Et Mort par qui deuoit estre honoree
Ta ferme amour et itere serment?
der Gott benutzt, dich innig zu verstören?
Wo sind die Tränen, die dir schnell vergingen?
Wo ist der Tod? Ich höre dich noch schwören,
er einzig könne deine Liebe zwingen.
Donques cestoit le but de ta malice
De masseruir sous ombre de seruice?
Pardonne moy, Ami, à cette fois,
Das also war der Sinn von deiner List,
mir, da du mir dies alles zugetragen,
Eintrag zu tun. Laß auch dirs heute sagen
Estant outree et de despit et dire:
Mais ie massure, quelque part que tu sois,
Quautant que moy tu soufres de martire.
und dich im Zorn schon um Verzeihung bitten
für dieses Wort. Es bleibt mir unbestritten:
Du quälst dich so wie ich, wo du auch bist.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET XXI

  

DAS EINUNDZWANZIGSTE SONETT

QUELLE grandeur rend lhomme venerable?
Quelle grosseur? quel poil? quelle couleur?
Qui est des yeux le plus emmieleur?
Qui fait plus tot une playe incurable?
WIE muß der Mann sein, Farbe, Haar und Wuchs,
damit er ganz gefalle? Welche Blicke
begegnen nirgends eines Widerspruchs?
Wer fügt die Wunden zu, die die Geschicke
Quel chant est plus à lhomme conuenable?
Qui plus penetre en chantant sa douleur?
Qui un dous lut fait encore meilleur?
Quel naturel est le plus amiable?
nicht heilen können? Welches Lied allein
hat alle Macht der Welt? Wer kommt am weitsten,
wenn er ihn singt, in seinen Schmerz hinein?
Und was für Dinge sind es, die uns reizten?
Ie ne voudrois le dire assurément,
Ayant Amour forcé mon iugement:
Mais ie say bien et de tant ie massure,
Ich bin entscheidend nicht in solchen Sachen,
die Liebe hat mein Urteil in der Hand.
Ich weiß nur eins: der schönste Gegenstand
Que tout le beau que lon pourroit choisir,
Et que tout lart qui ayde la Nature,
Ne me sauroient acroitre mon desir.
und alle Kunst, die die Natur erhöhte,
vermöchten nimmer, wenn man sie mir böte,
mir meine Sehnsucht sehnender zu machen

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET VI

  

DAS SECHSTE SONETT

DEUS ou trois fois bienheureus le retour
De ce cler Astre, et plus heureus encore
Ce que son ?il de regarder honore.
Que celle là receuroit un hon iour,
ZWEI-dreimal selig jenes Wiederkehren
des starken Sterns. Und seliger noch das,
worauf er weilt. Du, die er anstrahlt, laß
dir einen Tag der Herrlichkeit bescheren.
Quelle pourroit se vanter dun bon tour
Qui baiseroit le plus beau don de Flore,
Le mieus sentant que iamais vid Aurore,
Et y feroit sur ses leures seiour!
Mit einer Wendung möge Morgenluft
sich zu den offnen Blumen Florens senken,
ihr ganzes Atmen dir herüberschwenken
und deinen Lippen lassen ihren Duft.
Cest à moy seule à qui ce bien est du,
Pour tant de pleurs et tant de tems perdu:
Mais le voyant, tant luy feray de feste,
Keine verdient dies Glück, wie ichs verdiene
für viel verweinte und verlerne Zeit.
Wie tat ich schön mit ihm, wenn er erschiene;
Tant emploiray de mes yeus le pouuoir,
Pour dessus lui plus de credit auoir,
Quen peu de tems feroy grande conqueste.
ich müßte Größres über ihn vermögen
und hielte meine Augen so bereit,
daß sie ihn schnell und sieghaft niederbögen.

Rainer Maria Rilke

Die Vierundzwanzig Sonette der Louïze Labë

SONNET X

  

DAS ZEHNTE SONETT

QUAND iaperçoy ton blond chef couronné
Dun laurier verd, faire un Lut si bien pleindre,
Que tu pourrois à te suiure contreindre
Arbres et rocs: quand ie te vois orné,
SEH ich dein Haupt, das blonde, schöngekrönt,
und deiner Laute Klagen, so beflissen,
daß Bäume ihr und Felsen, hingerissen,
nachdrängen möchten, wo sie tönt;
Et de vertus dix mile enuironné,
Au chef dhonneur plus haut que nul atteindre:
Et des plus hauts les louenges esteindre:
Lors dit mon c?ur en soy passionné:
seh ich dich selbst inmitten deiner Kraft
auf alle Art den größten Preis erreichen
und immer aufglühn und die andern bleichen,
so sagt sich meines Herzens Leidenschaft:
Tant de vertus qui te font estre aymé.
Qui de chacun te font estre estimé,
Ne te pourroient aussi bien faire aymer?
Kann so viel Eignung, Tugend und Talent,
die macht, daß jeder gleich für dich entbrennt,
dich selber nicht am Ende lieben machen?
Et aioutant a ta vertu louable
Ce nom encor de mestre pitoyable,
De mon amour doucement tenflamer?
Zu deinen tausend Titeln käme dies:
daß deine Liebe sich erbitten ließ,
sich an der meinen zärtlich zu entfachen.

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