Bekenntnisse. Erster Theil

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1712 ? 1719

Ich beginne ein Unternehmen, welches beispiellos dasteht und bei dem ich keinen Nachahmer finden werde. Ich will der Welt einen Menschen in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich selber sein.

Ich allein. Ich verstehe in meinem Herzen zu lesen und kenne die Menschen. Meine Natur ist von der aller, die ich gesehen habe, verschieden; ich wage sogar zu glauben, nicht wie ein einziges von allen menschlichen Wesen geschaffen zu sein. Bin ich auch nicht besser, so bin ich doch anders. Ob die Natur recht oder unrecht gethan hat, die Form, in der sie mich gegossen, zu zerbrechen, darüber wird man sich erst ein Urtheil bilden können, wenn man mich gelesen hat.

Möge die Posaune des jüngsten Gerichtes ertönen, wann sie will, ich werde mit diesem Buche in der Hand vor dem Richterstuhle des Allmächtigen erscheinen. Ich werde laut sagen: Hier ist, was ich gethan, was ich gedacht, was ich gewesen. Mit demselben Freimuthe habe ich das Gute und das Schlechte erzählt. Ich habe nichts Unrechtes verschwiegen, nichts Gutes übertrieben, und wenn ich mir etwa irgend eine unschuldige Ausschmückung habe zu Schulden kommen lassen, so muß man das meiner Gedächtnisschwäche zu Gute halten, um deren willen ich gezwungen war, hier und da eine Lücke auszufüllen. Ich habe als wahr das voraussetzen können, was meines Wissens wahr sein konnte, nie jedoch das, von dessen Unwahrheit ich überzeugt war. Ich habe mich so dargestellt, wie ich war, verächtlich und niedrig, wann ich es gewesen; gut, edelmüthig, groß, wann ich es gewesen: ich habe mein Inneres enthüllt, wie du selbst, o ewiges Wesen, es gesehen hast. Versammle um mich die unzählbare Schaar meiner Mitmenschen, damit sie meine Bekenntnisse hören, über meine Schwächen seufzen, über meine Schändlichkeiten erröten. Möge dann jeder von ihnen seinerseits zu den Füßen deines Thrones sein Herz mit dem gleichen Freimuth enthüllen, und schwerlich wird dann auch nur ein einziger wagen, zu dir zu sprechen: Ich war besser als jener Mensch!

Ich bin im Jahre 1712 zu Genf von der Bürgerin Susanne Bernard, Ehefrau des Bürgers Isaak Rousseau geboren. Da der dem letzteren zugefallene Antheil an dem sehr mäßigen Vermögen seiner Eltern, in welches sich fünfzehn Geschwister zu theilen hatten, sich fast auf nichts belief, so sah sich mein Vater zur Erwerbung seines Lebensunterhaltes lediglich auf das Uhrmacherhandwerk angewiesen, in welchem er große Geschicklichkeit besaß. Meine Mutter, Tochter des Predigers Bernhard, war reicher, denn sie zeichnete sich durch Klugheit und Schönheit aus. Nicht ohne Mühe hatte mein Vater deshalb ihre Hand erhalten. Ihre Liebe zu einander hatte fast mit ihrem Leben begonnen; schon im Alter von acht bis neun Jahren lustwandelten sie alle Abende zusammen in den Weingärten; mit zehn Jahren konnten sie nicht mehr ohne einander leben. Seelenverwandtschaft und Übereinstimmung der Charaktere befestigte dann noch in ihnen das Gefühl, welches die Gewohnheit erzeugt hatte. Beide, gefühlvoll und liebebedürftig, warteten nur auf den Augenblick, in einem andern die nämliche Anlage zu finden, oder dieser Augenblick wartete vielmehr auf sie selbst, und jedes von ihnen verschenkte sein Herz an das erste, welches bereit war, es anzunehmen. Das Schicksal, welches sich ihrer Leidenschaft entgegenzustellen schien, gab derselben nur neue Nahrung. Der junge Mann, der nicht in den Besitz seiner Geliebten gelangen konnte, verzehrte sich vor Schmerz; sie überredete ihn, einige Zeit das Vaterland zu verlassen, um sie zu vergessen. Er ging auf die Wanderschaft, aber vergebens und kehrte verliebter als je zurück. Auch sie, an der sein Herz hing, hatte ihm Liebe und Treue bewahrt. Nachdem sie diese Probe bestanden hatten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich ewig zu lieben. Sie schworen es sich, und der Himmel segnete ihren Schwur.

Gabriel Bernard, der Bruder meiner Mutter, verliebte sich in eine der Schwestern meines Vaters, aber sie gab ihm ihr Jawort nur unter der Bedingung, daß ihr Bruder die Hand seiner Schwester erhielte. Die Liebe brachte alles in Ordnung, und die beiden Hochzeitsfeste wurden an demselben Tage gefeiert. So wurde mein Onkel der Gatte meiner Tante, und ihre Kinder wurden in doppelter Beziehung meine Geschwisterkinder. In jeder der beiden Familien wurde gegen Ende des Jahres ein Kind geboren. Dann trat noch einmal eine Trennung ein.

Mein Onkel Bernard war Ingenieur; er ließ sich anwerben und diente unter dem Prinzen Eugen im Reiche und in Ungarn. Bei der Belagerung und in der Schlacht von Belgrad zeichnete er sich aus. Mein Vater reiste dagegen nach der Geburt meines einzigen Bruders nach Konstantinopel, wohin er als Uhrmacher des Serails berufen war. Während seiner Abwesenheit wurden der Schönheit, dem Geiste und den Talenten Für ihren Stand besaß sie eigentlich zu glänzende, da ihr der Prediger, ihr Vater, welcher sie anbetete, eine höchst sorgfältige Erziehung gegeben hatte. Sie zeichnete, sang und begleitete sich dazu auf der Laute; sie war ziemlich belesen und machte ganz leidliche Verse. Die unten angeführten dichtete sie während der Abwesenheit ihres Bruders und Mannes sofort aus dem Stegreife, als auf einem Spaziergange, den sie mit ihrer Schwägerin und den Kindern der Entfernten machte, jemand sie wegen der langen Trennung bedauerte:

Die beiden Herrn, die fern jetzt weilen.
Sind lieb und werth uns immerdar,
Denn Liebe rechnet nicht nach Meilen.
Die Gatten sind uns Brüder zwar,
Doch auch ein edles Vaterpaar.
meiner Mutter vielfache Huldigungen dargebracht. Am eifrigsten machte ihr Herr de la Closure, der französische Resident, den Hof. Seine Leidenschaft muß in der That groß gewesen sein, da er noch dreißig Jahre später von Rührung ergriffen wurde, als er mir von ihr erzählte. Um sich aller dieser Umwerbungen zu erwehren, hatte meine Mutter noch eine größere Stütze
als ihre Tugend allein: sie liebte ihren Gatten zärtlich, und drängte ihn zurückzukehren. Er ließ alles im Stich und kehrte heim. Ich wurde die traurige Frucht dieser Rückkehr. Zehn Monate später wurde ich als ein schwächliches und kränkliches Kind geboren. Ich kostete meiner Mutter das Leben, und meine Geburt war mein erstes Unglück.

Ich habe nicht erfahren, wie mein Vater diesen Verlust ertrug, so viel aber weiß ich, daß er sich nie darüber tröstete. Er glaubte sie in mir wieder zu sehen, ohne deswegen vergessen zu können, daß ich sie ihm geraubt hatte. So oft er mich umarmte, merkte ich an seinen Seufzern, wie an seiner krampfhaften Umschlingung, daß sich ein bitterer Kummer seinen Liebkosungen, die dadurch nur um so zärtlicher wurden, beigesellte. Wenn er zu mir sagte: »Jean Jacques, laß uns von deiner Mutter reden,« so antwortete ich ihm: »Du hast also Lust zu weinen, Vater,« und dieses Wort allein entlockte ihm schon Thränen. »Ach,« sagte er dann seufzend, »gieb sie mir wieder, tröste mich über sie, fülle die Lücke aus, die sie in meinem Herzen gelassen hat! Würde ich dich so lieben, wenn du nur mein Sohn wärest?« ? Vierzig Jahre nach ihrem Verluste ist er in den Armen einer zweiten Frau gestorben, aber mit dem Namen der ersten auf den Lippen und mit ihrem Bilde auf dem Grunde seines Herzens.

So waren die Urheber meiner Tage. Von allen Gaben, mit denen der Himmel sie ausgestattet hatte, ist ein gefühlvolles Herz, die einzige, welche sie mir hinterließen; während es aber für sie die Quelle des Glückes gewesen war, wurde es für mich die Quelle des Unglücks während meines ganzen Lebens.

Bei meiner Geburt war ich kaum lebensfähig; man hatte wenig Hoffnung, mich zu erhalten. Ich brachte den Keim eines Leidens mit auf die Welt, welches die Jahre entwickelt haben und das mir nicht nur hin und wieder eine kurze Ruhe gönnt, um sich mir dafür auf andere Weise um so grausamer fühlbar zu machen. Eine Schwester meines Vaters, ein liebenswürdiges und kluges Mädchen, pflegte mich mit so großer Sorgfalt, daß ihr meine Rettung gelang. In dem Augenblicke, da ich dieses schreibe, ist sie noch am Leben, im Alter von achtzig Jahren einen Mann pflegend, der jünger als sie, aber durch die Trunksucht heruntergekommen und geschwächt ist. Liebe Tante, ich verzeihe dir, mich am Leben erhalten zu haben, und bedaure, dir am Ende deiner Tage nicht die zärtliche Sorge vergelten zu können, die du am Beginn der meinigen an mich verschwendet hast. Diese Tante hieß Frau Conceru. Im März 1767 setzte ihr Rousseau eine Rente von 100 Fr. aus, die er auch in der größten Noth mit der gewissenhaftesten Pünktlichkeit auszahlte. Auch meine Wärterin, Jacqueline, ist noch am Leben, gesund und kräftig. Die Hände, welche mir die Augen bei meiner Geburt öffneten, werden sie mir bei meinem Tode zudrücken können.

Ich fühlte, ehe ich dachte; das ist das gemeinsame Schicksal der Menschheit. Ich erfuhr es in einem höheren Grade als andere. Ich erinnere mich nicht, was ich bis zu einem Alter von fünf oder sechs Jahren that. Ich weiß nicht, wie ich lesen lernte; ich entsinne mich nur noch meiner ersten Lectüre und wie sie auf mich wirkte; von dieser Zeit an beginnt mein ununterbrochenes Selbstbewußtsein. Meine Mutter hatte Romane hinterlassen. Wir, mein Vater und ich, fingen an, sie nach dem Abendessen zu lesen. Zuerst handelte es sich nur darum, mich durch unterhaltende Bücher im Lesen zu üben; aber bald wurde das Interesse so lebhaft, daß wir abwechselnd unaufhörlich lasen und selbst die Nächte bei dieser Beschäftigung zubrachten. Wir konnten uns nicht überwinden, vor Beendigung eines Bandes aufzuhören. Mitunter sagte mein Vater, wenn er gegen Morgen die Schwalben schon zwitschern hörte, ganz beschämt: »Laß uns zu Bette gehen, ich bin noch mehr Kind als du.«

Auf diesem gefährlichen Wege eignete ich mir nicht allein in kurzer Zeit eine außerordentliche Gewandtheit im Lesen und Auffassen an, sondern auch ein für mein Alter ungewöhnliches Verständnis der Leidenschaften. Während es mir noch an jedem Begriffe von den wirklichen Verhältnissen fehlte, hatte ich bereits einen Einblick in die Welt der Gefühle gewonnen. Ich hatte nichts begriffen, aber alles gefühlt. Var ... alles gefühlt, und die eingebildeten Leiden meiner Helden haben mir in meiner Jugend hundertmal mehr Thränen entlockt, als ich später über meine eigenen vergossen habe. Die unklaren Vorstellungen, die ich nach einander in mich aufnahm, konnten der Vernunft, die ich noch nicht hatte, zwar nicht schädlich sein, aber sie waren doch die Ursache, daß die meinige ganz eigenartig wurde, und brachten mir über das menschliche Leben höchst wunderliche und schwärmerische Begriffe bei, von denen mich Erfahrung und Nachdenken nie haben vollkommen heilen können.

1719 ? 1723

Die Romane hatten wir bis zum Sommer 1719 ausgelesen. Der folgende Winter verschaffte uns Abwechselung. Da uns die Bibliothek meiner Mutter nicht mehr Neues bot, nahmen wir zu den Büchern unsere Zuflucht, die uns aus der Erbschaft ihres Vaters zugefallen waren. Glücklicherweise befanden sich darunter gute Bücher, und das ist leicht erklärlich, da sie zwar von einem Geistlichen, und noch dazu einem gelehrten, worauf man damals großes Gewicht legte, aber doch einem Manne von Geschmack und Geist angeschafft worden waren. Die Geschichte der Kirche und des deutschen Kaiserreichs von Le Sueur, Bossuets Vorlesungen über die allgemeine Weltgeschichte, Plutarchs Lebensbeschreibungen berühmter Männer, die Geschichte Venedigs von Nani, Ovids Verwandlungen, La Bruyère, die Himmelskörper von Fontenelle, seine Todtengespräche, sowie einige Bände von Molière wurden in das Arbeitszimmer meines Vaters hinübergebracht und täglich las ich ihm, während er sich seiner Beschäftigung hingab, daraus vor. Ich fand eine eigenthümliche und in diesem Alter vielleicht nie wieder vorkommende Freude daran. Besonders wurde Plutarch meine Lieblingslectüre. Der Genuß, mit dem ich ihn immer und immer wieder las, heilte mich ein wenig von den Romanen, und bald zog ich Agesilaos, Brutus und Aristides dem Orondates, Artamenes und Juba vor. Durch diese fesselnde Lectüre und die Gespräche, welche sie zwischen meinem Vater und mir hervorriefen, entwickelte sich in mir jener freie und republikanische Geist, jener unzähmbare und stolze Charakter, der, unfähig Unterjochung und Knechtschaft zu ertragen oder mit anzusehen, mich mein Lebenlang gefoltert hat, und noch dazu zumeist in Verhältnissen, die am wenigsten danach angethan waren, ihm Erfolg zu versprechen. Unaufhörlich mit Rom und Athen beschäftigt, gleichsam im steten Verkehre mit den großen Männern derselben lebend, selbst geborener Bürger einer Republik und Sohn eines Vaters, dessen stärkste Leidenschaft die Vaterlandsliebe war, entflammte mich sein Beispiel; ich hielt mich für einen Griechen oder Römer; ich versetzte mich in die Lage der Person, deren Lebensbeschreibung ich las; bei der Erzählung der Züge von Ausdauer und Unerschrockenheit, die mich ergriffen hatten, leuchteten meine Augen auf und wurde meine Stimme kräftiger. Als ich eines Tages die bekannte Geschichte von Scävola erzählte, erschraken alle Anwesende, als sie sahen, wie ich mit einem Male aufsprang und die Hand über ein Kohlenbecken hielt, um ihnen seine That zu veranschaulichen.

Ich hatte einen Bruder, der sieben Jahre älter war als ich. Er lernte das Geschäft meines Vaters. Bei der grenzenlosen Liebe, die man für mich hegte, wurde er ein wenig vernachlässigt, und ich kann das keineswegs billigen. In seiner Erziehung machten sich die Nachwehen dieser Vernachlässigung bemerkbar. Er zeigte vor der Zeit einen Hang zu einem ausschweifenden Leben. Man gab ihn bei einem andern Meister in die Lehre, bei dem er nicht weniger muthwillige Streiche verübte, als im väterlichen Hause. Ich sah ihn fast nie, ich kann kaum sagen, ihn gekannt zu haben, aber trotzdem liebte ich ihn zärtlich, und er erwiderte meine Liebe, so viel ein Gassenbube etwas lieben kann. Ich erinnere mich, daß ich mich einmal, als ihn mein Vater derb und im Zorne züchtigte, ungestüm zwischen beide warf und ihn fest in meine Arme schloß. Auf diese Weise schützte ich ihn mit meinem Leibe, indem ich die ihm zugedachten Schläge erhielt, und ich blieb so hartnäckig in dieser Stellung, daß mein Vater endlich Gnade vor Recht ergehen ließ, sei es nun durch mein Geschrei und meine Thränen entwaffnet, oder um mich nicht mehr zu mißhandeln als ihn. Endlich gerieth mein Bruder auf so traurige Abwege, daß er plötzlich davon lief und verschwand. Einige Zeit nachher erfuhr man, daß er sich in Deutschland befände. Er schrieb nicht ein einziges Mal. Seit jener Zeit hat man nichts von ihm gehört, und so bin ich der einzige Sohn geblieben.

Ließ bei diesem armen Knaben die Erziehung viel zu wünschen übrig, so war dies bei seinem Bruder nicht der Fall. Kindern von Königen hätte keine größere Sorgfalt bewiesen werden können, als ich mich deren in meinen ersten Jahren zu erfreuen hatte, ? angebetet von meiner ganzen Umgebung, und was viel seltener ist, als ein geliebtes, aber nicht als ein verzogenes Kind behandelt. Auch nicht ein einziges Mal bis zu meinem Austritt aus dem väterlichen Hause hat man mich mit den andern Kindern allein auf der Straße umherlaufen lassen; niemals hatte man in mir einen jener launischen Einfälle zu unterdrücken oder zu befriedigen, welche man dem Charakter zuschreibt, während sie doch lediglich eine Folge der Erziehung sind. Ich hatte die Fehler meines Alters: ich plauderte gern, aß viel, log auch bisweilen. Ich wäre im Stande gewesen Obst, Bonbons, Eßwaaren zu stehlen; aber nie habe ich Freude daran gefunden, Jemandem ein Leid zuzufügen, Schaden anzurichten, andere zu beschuldigen oder arme Thiere zu quälen. Ich erinnere mich jedoch, einmal den Topf einer unserer Nachbarinnen, einer Frau Clot, während sie dem Gottesdienste beiwohnte, verunreinigt zu haben. Ich bekenne sogar, daß ich bei dieser Erinnerung noch immer lachen muß, weil Frau Clot, im Uebrigen eine ganz gute Frau, die brummigste Alte war, die ich in meinem ganzen Leben gekannt habe. Das ist die kurze und wahrhafte Geschichte aller meiner kindlichen Uebelthaten.

Wie hätte ich schlecht werden können, wenn ich nur Beispiele von Sanftmuth vor Augen und die besten Menschen von der Welt um mich hatte? Mein Vater, meine Tante, meine Wärterin, meine Verwandten, unsere Freunde, unsere Nachbarn, kurz meine ganze Umgebung, gehorchte mir zwar, liebte mich aber, und ich liebte sie wieder. Mir wurde so wenig Gelegenheit gegeben, auf meinem Willen zu bestehen, und ich fand so wenig Widerspruch, daß es mir gar nicht in den Sinn kommen konnte, Eigenwillen zu zeigen. Ich kann beschwören, daß ich, bis ich mich unter den Willen eines Meisters beugen mußte, nicht gewußt habe, was eigensinnige Launen sind. Außer der Zeit, die ich bei meinem Vater mit Lesen oder Schreiben zubrachte, und derjenigen, in welcher mich meine Wärterin spazieren führte, war ich beständig bei meiner Tante und saß oder stand neben ihr, um zuzusehen, wie sie stickte, oder ihrem Gesange zu lauschen, und das genügte mir bei meiner Anspruchslosigkeit. Ihr Frohsinn, ihre Sanftmuth, ihr anmuthiges Gesicht haben mir so lebhafte Eindrücke hinterlassen, daß ich noch immer ihre Mienen, ihren Blick, ihre Haltung vor mir sehe; ich entsinne mich ihrer Schmeichelworte, ich vermöchte noch ihre Kleidung und Frisur zu beschreiben, ohne die beiden Locken zu vergessen, welche ihr schwarzes Haar an den Schläfen bildete, wie es die damalige Mode verlangte.

Ich bin überzeugt, daß ich ihr den Geschmack oder vielmehr die Leidenschaft für die Musik verdanke, die sich erst viel später in mir entwickelt hat. Sie wußte eine erstaunliche Menge Melodien und Lieder, die sie mit schwacher, aber sehr wohlklingender Stimme sang. Die Seelenheiterkeit dieses vortrefflichen Mädchens ließ weder in ihr noch in meiner Umgebung je ein träumerisches Sinnen oder trübe Gedanken aufkommen. Der Reiz, der in dem Gesange meiner Tante für mich lag, war so gewaltig, daß mir nicht allein mehrere ihrer Lieder stets im Gedächtnis geblieben sind, sondern daß mir sogar jetzt, wo ich es fast ganz verloren habe, je älter ich werde, immer wieder andere, die ich seit meiner Kindheit völlig vergessen hatte, erinnerlich werden und einen unbeschreiblichen Zauber auf mich ausüben. Sollte man es glauben, daß ich alter Knabe, von Sorgen und Mühen aufgerieben, mich bisweilen dabei ertappe, wie mir, als ob ich ein Kind wäre, die Thränen in die Augen treten, wenn ich eines dieser Liedchen mit schwacher und zitternder Stimme vor mich hinsinge? Namentlich befindet sich eines darunter, dessen Melodie mir vollkommen wieder eingefallen ist; dagegen kann ich mich, so viel Mühe ich mir auch gegeben habe, auf die zweite Hälfte der Worte nicht mehr besinnen, obgleich ich mich der Endreime dunkel erinnere. Der Anfang und das Wenige, was ich noch behalten habe, lautet:

Tircis, je nose
Ecouter ton chalumeau
Sous lormeau;
Car on en cause
Déjà dans notre hameau.
- - - - - - - - -
- - - - un berger
- - - - sengager
- - - - sans danger
Et toujours lépine est sous la rose.

Tircis, unter der Rüster
Hör ich nicht länger die Melodei
Deiner Schalmei,
Schon geht ein Geflüster
Im Dorf von unserer Liebelei.

Dieses in Paris unter der Arbeiterklasse allgemein bekannte Lied, heißt eigentlich:

Tircis, je nose
Ecouter ton chalumeau
Sous lormeau;
Car on en cause
Déjà dans notre hameau.
Un cœur sexpose
A trop sengager
Avec un berger,
Et toujours lépine est sous la rose.

Umsonst frage ich mich, worin eigentlich der rührende Reiz liegt, den mein Herz bei diesem Liede empfindet. Es ist eine Seltsamkeit, die ich mir nicht zu erklären vermag, allein es ist mir vollkommen unmöglich, es bis zu Ende zu singen, ohne von meinen Thränen unterbrochen zu werden. Hundertmal habe ich mir vorgenommen, nach Paris zu schreiben, um mich nach dem Reste der Worte erkundigen zu lassen, falls sie dort noch irgend jemand kennen sollte. Aber ich bin fast sicher, daß das Vergnügen, welches mir die Rückerinnerung an dieses Lied gewährt, zum Theil verschwinden würde, wenn ich den Beweis in Händen hätte, daß es auch andere als meine arme Tante Susanne gesungen haben.

So waren meine ersten Gefühle bei meinem Eintritt in das Leben; so begann sich in mir jenes so stolze und doch auch wieder so zärtliche Herz zu bilden oder zu zeigen, jener weichliche, aber doch unzähmbare Charakter, der, beständig zwischen Schwäche und Muth, Weichlichkeit und Kraft schwankend, mich bis zu diesem Augenblick in Widerspruch mit mir selbst gesetzt hat und die Ursache ist, daß ich mir Enthaltsamkeit und Genuß, Vergnügen und Mäßigung gleich wenig nachsagen kann.

Diese Erziehungsweise wurde durch ein Ereignis unterbrochen, dessen Folgen auf mein ganzes übriges Leben voll Einfluß waren. Mein Vater hatte mit einem Herrn Gautier, Hauptmann in französischen Diensten und fast mit dem ganzen Rathe verschwägert, eine Rauferei. Dieser Gautier, ein frecher und ehrloser Mensch, hatte aus ihr eine blutige Nase davon getragen, und um sich zu rächen, klagte er meinen Vater an, auf städtischem Gebiete den Degen gezogen zu haben. Mein Vater, den man gefänglich einziehen wollte, verlangte, daß man den Ankläger nach dem Gesetze eben so gut wie ihn in das Gefängnis führte. Da er dies nicht durchzusetzen vermochte, verließ er lieber Genf und wohnte während seiner übrigen Lebenszeit außerhalb seines Vaterlandes, als daß er in einem Punkte nachgab, bei dem ihm Ehre und Freiheit gefährdet schienen.

Ich blieb unter dem Schutze meines Onkels Bernhard, der damals bei den Festungsbauten von Genf Anstellung gefunden hatte, zurück. Seine älteste Tochter war todt, aber er hatte einen Sohn von meinem Alter. Wir wurden beide bei dem Pfarrer Lambercier in Vassey in Kost gegeben, um dort neben dem Latein all jenen nichtssagenden Kram zu lernen, ohne den man sich eine richtige Erziehung gar nicht denken zu können scheint.

Zwei auf dem Lande verlebte Jahre nahmen mir etwas von meiner römischen Schroffheit und verliehen mir wieder Kindlichkeit. In Genf, wo man mir nichts aufgab, arbeitete und las ich gern, und hatte daran fast meine einzige Freude; in Vassey flößten mir die vielen Arbeiten Lust zum Spielen ein, bei dem ich Erholung fand. Das Landleben war mir etwas so Neues, daß ich seiner Genüsse gar nicht müde werden konnte. Ich faßte für dasselbe eine so große Vorliebe, daß sie nie wieder völlig in mir erloschen ist. Die Erinnerung an jene glücklichen Tage, die ich auf dem Lande zubrachte, hat mich in jeder Lebenszeit bis zu der, welche mir die Rückkehr auf das Land wieder gestattete, mit Sehnsucht nach ihm und seinen Freuden erfüllt. Herr Lambercier war ein sehr vernünftiger Mann, der, ohne unsern Unterricht zu vernachlässigen, uns doch nicht mit Aufgaben überbürdete. Als Beweis für die Richtigkeit seiner Methode kann der Umstand dienen, daß ich trotz meiner Abneigung gegen allen Zwang doch nie mit Unlust meiner Unterrichtsstunden gedacht habe, und daß, wenn ich auch nicht gerade viel von ihm lernte, ich mir doch das Wenige ohne Mühe aneignete, und davon nichts vergessen habe.

Der Einfachheit dieses ländlichen Lebens verdanke ich ein unschätzbares Gut, indem es mir das Herz für die Freundschaft öffnete. Bis dahin hatte ich wohl edele, aber doch nur eingebildete Empfindungen gekannt. Die Gewohnheit, friedlich zusammen zu leben, verband mich innig mit meinem Vetter Bernhard. In kurzer Zeit hegte ich für ihn freundschaftlichere Gefühle, als einst für meinen Bruder, und nie sind diese erloschen. Er war ein hoch aufgeschossener, sehr schwächlicher und zarter Knabe, eben so sanft von Gemüth wie schwächlich von Körper, welcher die Vorliebe, die man für ihn als den Sohn meines Vormundes im Hause hatte, nicht allzu sehr mißbrauchte. Unsere Arbeiten, unsere Vergnügungen, unsere Neigungen waren die nämlichen. Wir waren allein, wir waren von demselben Alter, und jeder von uns bedurfte eines Genossen; durch unsere Trennung würde man uns gewissermaßen vernichtet haben. Obgleich uns wenig Gelegenheit gegeben war, unsere gegenseitige Anhänglichkeit an den Tag zu legen, so war sie doch außerordentlich innig, und wir konnten nicht allein keinen Augenblick von einander getrennt leben, sondern konnten uns auch nicht einmal die Möglichkeit einer dereinstigen Trennung vorstellen. Alle beide bei freundlichem Entgegenkommen leicht zu lenken und, sobald uns kein Zwang auferlegt wurde, willig und dienstfertig, befanden wir uns stets über alles im Einverständnis. Wenn ihm, so lange wir unter den Augen unserer Erzieher waren, von denselben ein gewisser Vorzug vor mir eingeräumt wurde, so hatte ich, wenn wir allein waren, wieder einen solchen vor ihm, was das Gleichgewicht herstellte. In unseren Lehrstunden sagte ich ihm vor, wenn er seine Aufgabe nicht weiter wußte; war meine Arbeit beendigt, so half ich ihm bei der seinigen, und bei unsern Spielen und Zerstreuungen war ich bei meinem lebhafteren Sinn immer der Tonangeber. Kurz, unsere beiden Charaktere vertrugen sich so gut, und die Freundschaft, welche uns vereinigte, war so aufrichtig, daß wir während unseres mehr als fünfjährigen Aufenthalts zu Vassey und Genf fast unzertrennlich waren. Wir schlugen uns zwar oft mit einander, aber nie brauchte man uns auseinander zu bringen, nie währte eine unserer Streitigkeiten länger als eine Viertelstunde, und auch nicht ein einziges Mal verklagten wir uns gegenseitig. Mögen diese Bemerkungen auch, wenn man will, kindisch erscheinen, so sind sie doch für ein in der Kinderwelt fast einzig dastehendes Beispiel bezeichnend.

Das Leben in Vassey gefiel mir so wohl, daß es bei längerer Dauer bestimmend auf meinen Charakter eingewirkt haben würde. Die zärtlichen, liebevollen, friedlichen Gefühle bildeten die Grundlage desselben. Ich bin überzeugt, daß nie ein Individuum unserer Gattung von Natur weniger Eitelkeit besaß als ich. In Augenblicken der Begeisterung wurde ich von erhabenen Gemüthsregungen ergriffen, aber ich sank sofort wieder in meine Schlaffheit zurück. Von allem, was mir nahte, geliebt zu werden, war mein sehnlichstes Verlangen. Ich war sanft, mein Vetter gleichfalls; auch die, welche uns erzogen, waren es. Zwei volle Jahre war ich weder Zeuge noch Opfer einer heftigen Empfindung. Alles nährte die natürlichen Anlagen meines Herzens. Ich kannte keine größere Wonne, als jedermann mit mir und allen Dingen zufrieden zu sehen. Stets werde ich dessen eingedenk bleiben, wie mich bei der Kinderlehre in der Kirche, wenn ich einmal beim Aufsagen des Katechismus stockte, nichts mehr in Verwirrung setzte, als die Zeichen von Unruhe und Aerger, welche auf Fräulein Lamberciers Gesichte deutlich hervortraten. Dies allein betrübte mich mehr als die Scham über meine öffentlich an den Tag gelegte Unwissenheit, wie sehr ich auch unter diesem Gedanken litt; denn so wenig ich auch für Lob empfänglich war, so war ich es doch um so mehr für Beschämung, und ich kann hier versichern, daß ich weniger durch die Erwartung der Vorwürfe des Fräulein Lambercier beunruhigt wurde, als durch die Furcht, sie zu betrüben.

Gleichwohl fehlte es ihr im Nothfalle eben so wenig wie ihrem Bruder an Strenge; aber da diese fast in jedem Falle gerechte Strenge nie das Maß überschritt, so schmerzte sie mich zwar, ließ aber keinen Gedanken an Widersetzlichkeit in mir aufkommen. Ich litt unter dem Gefühle zu mißfallen mehr als unter der Strafe, und das Zeichen der Unzufriedenheit bereitete mir größere Qualen als die körperliche Züchtigung. Es setzt mich in Verlegenheit, mich deutlicher darüber auszusprechen, allein ich halte es für nöthig. Eine wie ganz andere Strafweise würde man gegen die Jugend in Anwendung bringen, wenn man die Nachwirkungen der jetzt Üblichen, deren man sich immer unterschiedslos und oft unvorsichtig bedient, besser einsähe! Die große Lehre, welche man einem eben so allgemeinen als verderblichen Beispiele entnehmen kann, bestimmt mich, es anzuführen.

Da Fräulein Lambercier uns mit der Liebe einer Mutter zugethan war, nahm sie auch deren Gewalt über uns in Anspruch und trieb dieselbe mitunter so weit, daß sie uns auch, wenn wir es verdient hatten, wie eine Mutter ihr Kind, züchtigte. Ziemlich lange ließ sie es bei der Drohung bewenden, und diese Androhung einer mir ganz neuen Strafe versetzte mich in großen Schrecken; aber nach ihrer Erduldung fand ich sie weniger schrecklich, als ich sie mir in der Erwartung vorgestellt hatte, ja, was noch eigenthümlicher ist, diese Züchtigung flößte mir noch größere Zuneigung zu der ein, die sie mir ertheilt hatte. Es gehörte sogar die ganze Aufrichtigkeit dieser Zuneigung und meine natürliche Folgsamkeit dazu, um mich davon zurückzuhalten, absichtlich eine Unart zu begehen, die in gleicher Weise hätte geahndet werden müssen; denn der Schmerz und selbst die Scham war mit einem Gefühle von Sinnlichkeit verbunden gewesen, das in mir eher das Verlangen, es von derselben Hand von Neuem erregt zu sehen, als die Furcht davor zurückgelassen hatte. Da dies ohne Zweifel von einer vorzeitigen Regung des Geschlechtstriebes herrührte, würde ich allerdings in der nämlichen Züchtigung von der Hand ihres Bruders nichts Angenehmes gefunden haben. Allein bei seinem Charakter brauchte ich nicht leicht zu befürchten, daß er bei Ertheilung der Strafe seine Schwester vertreten würde, und wenn ich es trotzdem vermied, eine Züchtigung zu verdienen, so geschah es lediglich aus Besorgnis, Fräulein Lambercier zu erzürnen; denn so große Gewalt übt die Zuneigung, selbst wenn sie nur ein Ausfluß der Sinnlichkeit ist, auf mich aus, daß sie letztere stets in Schranken hält.

Die Wiederholung der körperlichen Strafe, der ich, ohne sie zu fürchten, aus dem Wege ging, geschah ohne mein Verschulden, das heißt ohne daß ich sie absichtlich veranlaßt hätte, und ich kann sagen, daß ich sie getrost und nicht ohne einen geheimen Reiz über mich ergehen ließ. Aber dieses zweite Mal war auch das letzte, denn Fräulein Lambercier, die ohne Zweifel an irgend einem Zeichen gemerkt hatte, daß diese Züchtigung ihren Zweck nicht erfüllte, erklärte, daß sie mit einer solchen Bestrafung nichts mehr zu thun haben wollte, da dieselbe sie zu sehr ermüdete. Bis dahin hatten wir in ihrem Zimmer geschlafen und im Winter sogar hin und wieder in ihrem Bette. Zwei Tage später erhielten wir ein besonderes Schlafzimmer, und ich genoß von nun an die Ehre, auf die ich gern verzichtet hätte, von ihr als erwachsener Knabe behandelt zu werden.

Wer sollte glauben, daß diese in einem Alter von acht Jahren von der Hand eines Mädchens von dreißig Jahren empfangene Züchtigung über meine Neigungen, meine Begierden, meine Leidenschaften, über mich selbst für meine ganze übrige Lebenszeit entschieden hat und noch dazu in einer Weise, daß gerade das Gegentheil der von ihr erwarteten Folgen hervorgerufen wurde? Von dem Augenblicke des Erwachens meiner Sinnlichkeit an verirrten sich meine Begierden dergestalt, daß sie, da sie sich auf das, was ich empfunden hatte, beschränkten, nie den Antrieb fühlten, etwas Anderes zu suchen. Trotz meines fast von meiner Geburt an sinnlich erhitzten Blutes hielt ich mich bis zu dem Alter, in dem sich auch der kältesten und am langsamsten heranreifenden Naturen entwickeln, von jeder Befleckung rein. Lange gepeinigt, ohne zu wissen wovon, verschlang ich mit brennenden Augen schöne Mädchenerscheinungen; unaufhörlich stellte meine Einbildungskraft mir ihr Bild wieder vor die Seele, einzig und allein um sie mir in der Ausübung des Strafakts zu zeigen, und eben so viele Fräulein Lambercier aus ihnen zu machen.

Selbst nach erreichter Mannbarkeit hat mir dieser eigenthümliche und verdorbene, ja an Verrücktheit streifende Geschmack, der sich nie verloren hat, die Sittenreinheit bewahrt, die er mir dem Anschein nach hätte rauben müssen. Wenn je eine Erziehung keusch und züchtig war, so war es sicherlich die, welche ich erhalten habe. Meine drei Tanten waren nicht allein von musterhafter Sittsamkeit, sondern auch von einer Zurückhaltung, welche die Frauen schon seit lange nicht mehr kennen. Mein Vater, der sehr lebenslustig war, aber bei seinen Galanterien noch der alten Mode huldigte, hat in Gegenwart der Frauen, die er am meisten liebte, nie ein Wort über die Lippen gebracht, welches dem jungfräulichsten Wesen hätte Schamröthe auf die Wangen treiben können, und wol nirgends hat man die Rücksicht, die man den Kindern schuldig ist, weiter getrieben als in meiner Familie und meiner Gegenwart. Bei Herrn Lambercier fand ich in dieser Hinsicht die gleiche Vorsicht, und hier wurde eine sonst sehr gute Magd um eines etwas schlüpfrigen Wortes willen, das ihr uns gegenüber entschlüpft war, entlassen. Nicht allein hatte ich bis zu meinem Jünglingsalter keine klare Vorstellung von der Vereinigung der Geschlechter, sondern die verworrene Vorstellung davon stellte sich mir auch nur unter einem ekelhaften und widrigen Bilde dar. Oeffentliche Dirnen flößten mir einen Abscheu ein, der mir bis zu dieser Stunde treu geblieben ist; einen Wüstling konnte ich nicht ohne Verachtung, ja nicht ohne Schrecken sehen. Bis zu diesem Grade hatte sich mein Widerwille gegen jede Ausschweifung gesteigert, seitdem ich einmal in Klein-Sacconex auf einem Gange durch einen Hohlweg auf beiden Seiten desselben Gruben gesehen, in denen, wie man mir sagte, derartige Leute ihre Orgien feierten. So oft ich daran dachte, fiel mir unwillkürlich das Gebahren der Hunde in der Brunstzeit ein, und schon bei der blosen Vorstellung davon empörte sich mein Herz.

Diese mir durch die Erziehung eingeimpfte Vorstellung, an sich schon geeignet, die ersten Ausbrüche eines leicht entzündlichen Temperamentes aufzuhalten, wurde, wie gesagt, durch die Wendung unterstützt, welche das erste Erwachen der Sinnlichkeit in mir nahm. Mit meinen Gedanken nur immer bei dem weilend, was ich empfunden hatte, wußte ich trotz der oft sehr lästigen Wallungen des Blutes meine Begierden nur auf die Art der Wollust zu lenken, die mir bekannt war, ohne mich je derjenigen zuzuwenden, die man mir verhaßt gemacht hatte, und die doch, ohne daß ich es im geringsten ahnte, mit der andern im engsten Zusammenhange stand. In meinen thörichten Einbildungen, in meinen erotischen Tollheiten, in den überspannten Handlungen, zu denen mich dieselben nicht selten trieben, mußte mir in der Einbildung das andere Geschlecht seine Hilfe leihen, ohne daß ich je auf den Gedanken gerieth, daß es zu einer anderen Dienstleistung geeignet sei, als zu der, zu welcher ich es heranzuziehen brannte.

Auf diese Weise habe ich nicht allein trotz eines sehr feurigen, sehr wollüstigen, sehr früh entwickelten Temperamentes dennoch das Alter der Mannbarkeit erreicht, ohne andere sinnliche Genüsse zu verlangen oder zu kennen, als die, von denen Fräulein Lambercier sehr unschuldiger Weise eine Vorstellung in mir erweckt hatte, sondern es mußte mir auch, als ich im Laufe der Jahre zum Manne herangereift war, das, was mich hätte verderben müssen, zu meinem Schutze dienen. Mein alter kindlicher Geschmack verlor sich nicht etwa, sondern verschmolz im Gegentheile dergestalt mit dem andern, daß ich ihn nie aus meinen sinnlichen Begierden entfernen konnte; und diese Narrheit hat mich in Verbindung mit meiner angeborenen Schüchternheit bei den Frauen stets sehr wenig unternehmend gemacht, weil ich weder alles zu sagen wagte, noch alles zu thun vermochte, indem die Art von Genuß, wovon der andere in meinen Augen nur als das letzte Ziel galt, von dem, welcher ihn ersehnte, nicht verlangt, noch von derjenigen, von der die Erfüllung abhing, errathen werden konnte. So habe ich mein Leben lang trotz aller Gelüste den Personen gegenüber, die ich am meisten liebte, geschwiegen. Unfähig, meinen Geschmack einzugestehen, befriedigte ich ihn durch den Umgang mit Persönlichkeiten, die ihn in mir wach erhielten. Vor einer herrischen Geliebten auf den Knien liegen, ihrem leisesten Winke nachkommen, sie um Verzeihung anflehen, das waren für mich selige Genüsse, und je mehr meine lebhafte Einbildungskraft mir das Blut erhitzte, desto mehr hatte ich das Aussehen eines blöden Liebhabers. Eine derartige Liebeswerbung erzielt begreiflicherweise keine schnellen Erfolge und ist der Tugend der Frauen, denen man seine Huldigungen darbringt, nicht sehr gefährlich. Ich habe deshalb wenig besessen, allein dessenungeachtet auf meine Weise, das heißt in der Einbildung viele Genüsse gehabt. So hat mir gerade meine Sinnlichkeit, die meinem schüchternen Wesen und meinem schwärmerischen Geiste entsprach, die Unschuld meiner Gefühle und die Reinheit meiner Sitten bewahrt, und gerade mit Hilfe desselben Geschmacks, der mich, wenn ich ein wenig frecher aufgetreten wäre, vielleicht in die gemeinsten Wollüste hineingezogen hätte.

Ich habe den ersten Schritt, der mir am schwersten geworden ist, in das düstre und schmutzige Labyrinth meiner Bekenntnisse gethan. Nicht das Geständnis dessen, was verbrecherisch ist, kostet am meisten Ueberwindung, sondern die offene Einräumung dessen, was lächerlich und beschämend ist. Von nun an bin ich meiner sicher; nachdem ich den Muth gehabt habe, so viel zu sagen, kann mich nichts mehr zurückhalten. Wie schwer mir solche Geständnisse angekommen sind, kann man daraus schließen, daß ich es nie in meinem Leben habe über mich gewinnen können, meine Tollheit denen zu bekennen, die ich doch mit einer so rasenden Leidenschaft liebte, daß ich nicht zu sehen und zu hören vermochte, daß ich völlig außer mir gerieth und mein ganzer Körper von einem krampfhaften Zittern befallen wurde. Auch in den Stunden der innigsten Vertraulichkeit hatte ich nicht das Herz, sie um Gewährung der einzigen Gunsterweisung zu bitten, die mir zu den übrigen noch fehlte. Diese ist mir nur einmal in meinen Kinderjahren von einem Mädchen meines Alters zu Theil geworden, und noch dazu ging von diesem der Vorschlag aus.

Indem ich so bis zu den ersten Eindrücken meines Gefühllebens zurückgehe, finde ich Elemente, die, so unvereinbar sie auch bisweilen erscheinen, doch gemeinschaftlich dazu beigetragen haben, eine gleichmäßige und einfache Wirkung in ausgeprägtesten Farben hervorzubringen. Wieder andere finde ich, die, dem Anschein nach die nämlichen, durch das Zusammentreffen gewisser Umstände so verschiedene Verflechtungen herbeigeführt haben, daß man nie auf die Vermuthung kommen könnte, daß diese Elemente in irgend einem Zusammenhange ständen. Wer sollte zum Beispiel glauben, daß auf dieselbe Quelle, aus der Wollust und Sinnlichkeit in mein Blut geströmt sind, eine der kräftigsten Triebfedern meiner Seele zurückzuführen ist? Indem ich bei dem Gegenstande, welchen ich so eben besprochen habe, noch einen Augenblick verweile, wird sich der Leser sogleich überzeugen, daß derselbe auch einen andern, gar sehr verschiedenen Eindruck ausgeübt hat.

Eines Tages lernte ich in dem an die Küche stoßenden Zimmer allein meine Aufgabe. Die Magd hatte die Kämme des Fräulein Lambercier auf die Kaminplatte zum Trocknen gelegt. Als sie zurückkam, um sie zu holen, zeigte es sich, daß an einem derselben die Zähne auf einer ganzen Seite ausgebrochen waren. Wer konnte der Thäter gewesen sein? Außer mir war kein anderer in das Zimmer getreten. Man verhört mich; ich läugne, die Kämme auch nur berührt zu haben. Herr und Fräulein Lambercier scheinen in ihrem Verdachte einig zu sein; beide ermahnen mich, dringen in mich, drohen mir; ich bleibe hartnäckig beim Läugnen; allein da alles zu sehr gegen mich sprach, kehrte man sich nicht an meine Betheuerungen, obgleich es das erste Mal war, daß sie mich über eine solche Keckheit im Lügen ertappt hatten. Die Sache wurde, wie sie es verdiente, ernst genommen. Die Büberei, die Lüge, die Halsstarrigkeit schienen gleicher Strafe werth! aber diesmal war es nicht Fräulein Lambercier, welche sie an mir vollzog. Man schrieb an meinen Oheim Bernard: er kam. Mein armer Vetter hatte sich ein anderes, nicht weniger schweres Verbrechen zu Schulden kommen lassen; eine und dieselbe Züchtigung wurde über uns verhängt. Sie war furchtbar. Hätte man das Heilmittel in dem zugefügten Leid selber gesucht und meine auf Abwege gerathene Sinnlichkeit für immer ertödten wollen, so hätte man es gar nicht besser anstellen können. Auch ließ mich letztere lange Zeit in Ruhe.

Trotzdem war man nicht im Stande mir das Geständnis, welches man verlangte, zu entreißen. Wiederholentlich vorgenommen und furchtbar mißhandelt, blieb ich unerschütterlich. Ich hätte den Tod erlitten und war dazu entschlossen. Selbst die Gewalt ermüdete, vor dem teuflischen Starrsinn eines Kindes, denn so nannte man meine Beharrlichkeit. Endlich ging ich aus dieser grausamen Prüfung zerfetzt, aber siegreich hervor.

Seit diesem Vorfalle sind jetzt fast fünfzig Jahre verstrichen, und ich brauche nicht zu fürchten, für dieselbe That von Neuem bestraft zu werden; nun wohl, im Angesichte des Himmels erkläre ich, daß ich unschuldig war, daß ich den Kamm weder zerbrochen noch auch nur berührt hatte, daß ich gar nicht in die Nähe der Kaminplatte gekommen war, und daß ich nicht einmal daran gedacht hatte. Man frage mich nicht, wie dieser Schaden geschehen ist, ich weiß es nicht und kann es nicht begreifen; nur so viel weiß ich mit größter Bestimmtheit, daß ich daran unschuldig war.

Man denke sich einen im gewöhnlichen Leben schüchternen und lenksamen, aber in der Leidenschaft feurigen, stolzen, unbeugsamen Charakter; ein stets von der Stimme der Vernunft geleitetes, stets mit Milde, Billigkeit, Freundlichkeit behandeltes Kind, welches nicht einmal einen Begriff von der Ungerechtigkeit hat und nun zum ersten Male eine so furchtbare gerade von Seite der Leute erleidet, die es liebt und am meisten achtet: welcher Umsturz der Begriffe, welche Verwirrung der Gefühle, welche Umwälzung in seinem Herzen, in seinem Kopfe, in seinem ganzen sich eben erst entwickelnden Geistes- und Seelenleben! Ich sage, man denke sich das alles, wenn man es im Stande ist; denn ich für meine Person fühle mich wenigstens unfähig, die geringste Spur von dem, was damals in mir vorging, aufzufinden und zu verfolgen.

Ich hatte noch nicht Vernunft genug, um einzusehen, wie sehr der Anschein mich verurtheilte, und um mich an die Stelle der anderen zu versetzen. Ich beharrte auf der meinigen, und alles, was ich fühlte, war die Härte einer furchtbaren Strafe für ein Vergehen, welches ich nicht begangen hatte. Der körperliche Schmerz war mir trotz seiner Heftigkeit wenig empfindlich; ich fühlte nur den Unwillen, die Wuth, die Verzweiflung. Mein Vetter, der in einem ziemlich ähnlichen Fall war, und den man für einen unabsichtlichen Fehler wie für eine vorsätzliche That bestraft hatte, versetzte sich nach meinem Beispiele in Wuth und quälte sich so zu sagen in dieselbe leidenschaftliche Aufwallung hinein wie ich. Das Bett mit einander theilend, umarmten wir uns beide unter krampfhaften Wuthausbrüchen; wir erstickten; und wenn unsere jungen Herzen, ein wenig erleichtert, ihrem Zorne Luft machen konnten, dann richteten wir uns im Bette auf und fingen beide an hundertmal mit aller Kraft zu schreien: carnifex, carnifex, carnifex!

Noch jetzt fühle ich, indem ich dies niederschreibe, meinen Puls stärker schlagen. Jene Augenblicke würden mir stets gegenwärtig sein, lebte ich auch hunderttausend Jahre. Dieses erste Gefühl von Gewalttätigkeit und Ungerechtigkeit ist mir so tief in der Seele eingeprägt geblieben, daß alle Vorstellungen, welche sich daran knüpfen, wieder die erste Aufregung in mir hervorrufen; und dieses Gefühl, das ursprünglich mich nur persönlich berührt, hat in sich selbst solche Kraft gewonnen und sich so vollkommen von jedem persönlichen Interesse losgelöst, daß mein Herz bei dem Anblicke oder der Erzählung, jeder ungerechten Handlung, an wem und wo sie auch immer verübt werde, auflodert, als ob ich selbst unter ihr zu leiden hätte. Wenn ich die Grausamkeiten eines schonungslosen Tyrannen, die schlau angelegten Schlechtigkeiten eines schurkischen Priesters lese, würde ich mich gern aufmachen, um diese Elenden zu erdolchen, sollte ich auch hundertmal dabei zu Grunde gehen. Ich habe mich oft in Schweiß gesetzt, um im Laufe oder mit Steinwürfen einen Hasen, eine Kuh, einen Hund, ein Thier zu verfolgen, welches ich ein anderes lediglich deshalb quälen sah, weil es sich stärker fühlte. Diese leichte Erregbarkeit kann mir angeboren sein, und ich glaube, es ist so; allein die unauslöschliche Erinnerung an die erste Ungerechtigkeit, die ich erduldet, war zu lange und zu tief damit verbunden, um nicht wesentlich zu ihrer Verstärkung beizutragen.

Damit hatte die Heiterkeit meiner Kindheit ihr Ende erreicht. Von diesem Augenblicke an hörte ich auf mich eines reinen Glückes zu erfreuen, selbst heute fühle ich noch, daß die Erinnerung an die Seligkeit meiner Kindheit hier vorüber ist. Wir waren dort, wie man uns den ersten Menschen darstellt, noch im irdischen Paradiese, aber ohne ferner Genuß davon zu haben. Es war scheinbar noch dieselbe Lage, und in Wirklichkeit doch ein ganz anderes Sein. Die Anhänglichkeit, die Achtung, die Herzlichkeit, das Vertrauen verband die Zöglinge nicht mehr mit ihren Erziehern; wir betrachteten sie nicht mehr wie Götter, die in unsern Herzen lasen; wir schämten uns weniger darüber, Böses zu begehen, und hatten größere Furcht, beschuldigt zu werden; wir begannen uns zu verbergen, uns aufzulehnen, zu lügen. Alle Laster unseres Alters vernichteten unsere Unschuld und gaben unsern Spielen einen häßlichen Anstrich. Selbst das Land verlor in unsern Augen den Reiz einer sanften Einfachheit, der zum Herzen geht; es schien uns öde und düster; es hatte sich wie mit einem Schleier bedeckt, der uns die Schönheiten desselben verhüllte. Wir hörten auf, unsere kleinen Gärten, unsere Pflanzen, unsere Blumen zu pflegen. Wir scharrten nicht mehr leicht die Erde auf und jauchzten vor Wonne, wenn wir den Keim des Samenkornes, das wir ausgestreut hatten, entdeckten. Wurden wir dieses Lebens überdrüssig, so wurde man auch unser überdrüssig; mein Onkel nahm uns weg, und wir schieden von Herrn und Fräulein Lambercier, unser gegenseitig satt und unsere Trennung wenig bedauernd.

Fast dreißig Jahre sind seit meinem Scheiden von Vassey verflossen, ohne daß mir der Aufenthalt daselbst in einer Reihe einigermaßen zusammenhängender Erinnerungen in angenehmer Weise vor der Seele geschwebt hätte; seitdem ich aber die reifen Jahre überschritten habe und mich dem Alter nähere, fühle ich, wie diese Erinnerungen, während die anderen erlöschen, von Neuem erwachen und sich meinem Gedächtnisse mit Zügen einprägen, deren Reiz und Stärke von Tage zu Tage zunehmen, als ob ich im Gefühle des dahin schwindenden Lebens es wieder bei seinen Anfängen zu erhaschen suchte. Die geringsten Vorfälle aus jener Zeit erfreuen mich nur deshalb, weil sie aus jener Zeit sind. Was die Oertlichkeiten, Personen, Stunden anlangt, erinnere ich mich jedes einzelnen Umstandes. Ich sehe die Magd oder den Knecht im Zimmer beschäftigt, eine Schwalbe zum Fenster hereinfliegen, eine Fliege sich auf meine Hand setzen, während ich meine Lection aufsage; ich sehe die ganze Einrichtung des Zimmers, in dem wir uns aufhielten; rechts das Arbeitszimmer des Herrn Lambercier; einen Kupferstich, sämmtliche Päpste darstellend, einen Barometer, einen großen Kalender, Himbeeren, welche aus einem sehr hoch gelegenen Garten auf der Rückseite des Hauses das Fenster beschatteten und bisweilen bis in das Zimmer hineinragten. Ich weiß gar wohl, daß es für den Leser kein großes Bedürfnis ist, dies alles zu wissen, aber mir ist es ein Bedürfnis, es ihm zu sagen. Weshalb sollte ich nicht wagen, ihm eben so alle kleinen Anekdoten aus jenem glücklichen Alter zu erzählen, deren Erinnerung mich noch immer mit lebhafter Freude erfüllt! Besonders fünf oder sechs .. Gehen wir einen Vergleich ein. Ich schenke euch fünf, aber eine einzige bedinge ich mir aus, vorausgesetzt, daß ihr sie euch so umständlich wie möglich von mir erzählen laßt, damit ich ein desto längeres Vergnügen daran habe.

Wenn ich nur das euere suchte, könnte ich die wählen, wie Fräulein Lambercier am Rande einer Wiese einen so unglücklichen Fall that, daß sie sich dem vorüberfahrenden Könige von Sardinien in ihrer ganzen Blöße zeigte; aber die von dem Nußbaume auf der Terrasse ist für mich ergötzlicher, da ich eine Rolle darin spielte, während ich bei jenem Purzelbaume nur den Zuschauer abgab; ich gestehe, daß ich auch nicht das geringste Wort fand, mich über einen Unfall lustig zu machen, der, so komisch er auch an sich war, mich um einer Person willen betrübte, die ich wie eine Mutter und vielleicht noch mehr liebte.

So höret denn, ihr neugierigen Leser der großen Geschichte von dem Nußbaume auf der Terrasse, dieses schreckliche Trauerspiel und erwehret euch des Schauders, wenn ihr könnt!

Links beim Eintritte befand sich vor dem Hofthore eine Terrasse, auf der man des Nachmittags häufig saß, obgleich sie keinen Schatten hatte. Um ihr diesen zu verleihen, ließ Herr Lambercier einen Nußbaum daselbst pflanzen. Das Einpflanzen dieses Baumes geschah mit großer Feierlichkeit; die beiden Pensionäre waren seine Pathen, und während die Grube zugeworfen wurde, hielten wir unter dem Gesange von Triumphliedern jeder den Baum mit einer Hand. Um ihn zu bewässern, wurde rings um seinen Fuß eine Art Graben gemacht. Eifrige Zuschauer dieses Begießens, bestärkten wir, mein Vetter und ich, uns täglich in dem sehr natürlichen Gedanken, es wäre schöner einen Baum auf eine Terrasse zu pflanzen, als eine Fahne auf eine Bresche, und wir beschlossen uns diesen Ruhm zu verschaffen, ohne ihn zu theilen, mit wem es auch wäre.

Zu dem Zwecke schnitten wir ein Steckreis von einer jungen Weide und pflanzten es auf der Terrasse, acht oder zehn Fuß von dem majestätischen Nußbaume. Wir versäumten nicht, um unsern Baum ebenfalls eine Grube zu machen; die Schwierigkeit war nur, uns das nöthige Wasser zu ihrer Füllung zu verschaffen, denn das Wasser kam aus ziemlicher Ferne, und man ließ uns nicht hinlaufen, um welches zu holen. Gleichwohl bedurften wir es durchaus für unsere Weide. Wir wandten alle Arten von List an, um uns einige Tage lang Wasser für sie zu verschaffen, und das gelang uns so wohl, daß wir sie ausschlagen und kleine Blätter treiben sahen, deren Wachsthum wir von Stunde zu Stunde maßen, überzeugt, sie würde, trotzdem sie noch nicht einen Fuß hoch war, nicht säumen, uns Schatten zu geben.

Da unser Baum uns so vollkommen in Anspruch nahm, daß er uns zu jeder geistigen Anstrengung, zu jedem Lernen unfähig machte und wir wie geistesabwesend waren, und da man, nicht begreifend, was in uns vorging, uns kürzer hielt als sonst, so sahen wir den verhängnisvollen Augenblick nahen, wo uns das Wasser fehlen würde, und waren in der Erwartung, unsern Baum vor Dürre eingehen zu sehen, völlig trostlos. Endlich brachte uns die Noth, die Mutter der Erfindsamkeit, auf einen glücklichen Einfall, um den Baum und uns vor einem sichern Tod zu bewahren, nämlich darauf, unter der Erde eine Rinne anzulegen, die der Weide heimlich einen Theil des um den Nußbaum gegossenen Wassers zuführte. Trotz all des Eifers, mit dem wir dieses Unternehmen betrieben, gelang es uns anfangs nicht. Wir hatten das Gefälle so schlecht angelegt, daß das Wasser nicht lief; die Erde stürzte ein und verstopfte die Rinne; die Oeffnung füllte sich mit Schlamm; alles ging verkehrt. Nichts machte uns muthlos: labor omnia vincit improbus. Wir legten unsere unterirdische Leitung und den Graben um die Weide tiefer, um das Wasser in Fluß zu bringen; aus Schachtelböden schnitten wir kleine schmale Brettchen, von denen die einen hinter einander flach hingelegt und andere von beiden Seiten im Winkel über sie gestellt, uns für unsere Leitung einen dreieckigen Kanal verschafften. Vor der Oeffnung brachten wir dicht neben einander kleine Holzstäbchen an, die eine Art Gitter oder Geflecht bildeten und den Schlamm und die Steine zurückhielten, ohne dem Wasser den Durchfluß zu verwehren. Die Erde, mit der wir unser Werk wieder sorgfältig bedeckten, traten wir recht fest, und an dem Tage, an welchem endlich alles fertig war, erwarteten wir mit Bangigkeit, zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, die Stunde des Begießens. Nach Jahrhunderten des Harrens rückte endlich diese Stunde heran: Herr Lambercier kam gleichfalls wie gewöhnlich, diesem Akte beizuwohnen, während dessen wir uns beide hinter ihm hielten, um unsern Baum zu verbergen, dem er zum größten Glücke den Rücken zuwandte. Kaum war der erste Eimer Wasser ausgegossen, so sahen wir schon, wie etwas davon in unsere Grube lief. Bei diesem Anblick verließ uns die Klugheit; wir begannen Freudenschreie auszustoßen, die zur Folge hatten, daß sich Herr Lambercier verwundert umblickte, und das war schade, denn ihm wurde die große Freude zu Theil, wahrzunehmen, wie gut die Erde des Nußbaumes war und wie gierig sie sein Wasser einsog. Betroffen über die Entdeckung, daß es sich zwischen zwei Becken theilt, schreit er seinerseits verwundert auf, blickt sich um, bemerkt den Schelmenstreich, läßt sich schnell eine Hacke bringen, macht einen Hieb, schleudert zwei oder drei Stücke von unsern Brettchen in die Höhe und unter dem lauten Rufe »eine Wasserleitung! eine Wasserleitung!« führt er nach allen Seiten unbarmherzige Schläge, deren jeder uns ein Stich ins Herz war. In einem Augenblicke waren die Brettchen, die Leitung, die Grube, die Weide, alles zerschlagen, alles aufgewühlt, ohne daß während dieses ganzen schrecklichen Vorganges ein anderes Wort über die Lippen gekommen wäre, als jener Ausruf, den er unaufhörlich wiederholte. »Eine Wasserleitung,« schrie er, alles zertrümmernd, »eine Wasserleitung, eine Wasserleitung!«

Man glaubt vielleicht, die Geschichte hätte für die kleinen Baumeister einen üblen Ausgang genommen. Man irrt sich: alles war damit beendigt. Herr Lambercier ließ gegen uns kein Wort des Vorwurfs fallen, machte uns kein finstres Gesicht und redete mit uns nicht mehr darüber; ein wenig später hörten wir ihn sogar bei seiner Schwester aus vollem Halse lachen, denn Herrn Lamberciers Lachen konnte man weithin hören. Noch erstaunlicher aber war, daß wir uns nach dem ersten Schrecken selbst nicht sehr betrübt fühlten. Wir pflanzten übrigens einen andern Baum und gedachten oft des traurigen Endes des ersten, indem wir einander emphatisch zuriefen: eine Wasserleitung, eine Wasserleitung! Bis dahin hatte ich hin und wieder Anwandlungen von Stolz gehabt, wenn ich Aristides oder Brutus war. Jetzt regte sich zum ersten Male in mir eine unverkennbare Eitelkeit. Im Stande gewesen zu sein, eine Wasserleitung mit unsern eigenen Händen zu bauen, einem Steckreis dieselbe Pflege wie einem großen Baume erwiesen zu haben, schien mir die höchste Staffel des Ruhmes. Mit zehn Jahren hatte ich ein richtigeres Urtheil darüber als Cäsar mit dreißig.

Die Erinnerung an diesen Nußbaum und an die kleine Geschichte, die sich an ihn knüpft, hat sich in mir so treu erhalten oder ist in mir von Neuem erwacht, daß einer meiner angenehmsten Pläne auf meiner Reise nach Genf im Jahre 1754 der war, Vassey zu besuchen, um die Denkmale meiner kindlichen Spiele und namentlich den lieben Nußbaum wieder zu sehen, der damals schon ein drittel Jahrhundert alt sein mußte. Ich war beständig so umlagert, so wenig Herr meiner selbst, daß ich keine Zeit zur Befriedigung dieses Wunsches finden konnte. Es ist wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sich mir je wieder eine Gelegenheit dazu darbietet; indessen ist mit der Hoffnung dieser Wunsch nicht in mir erstorben, und ich bin fast überzeugt, fände ich je bei der Rückkehr nach diesen theuren Orten meinen lieben Nußbaum noch vor, würde ich ihn mit meinen Thränen netzen.

Nach Genf zurückgekehrt, brachte ich, bis man über meine Zukunft bestimmen würde, zwei oder drei Jahre bei meinem Oheim zu. Da er seinen Sohn für die Ingenieurkunst bestimmte, ließ er ihn ein wenig im Zeichnen unterrichten und lehrte ihn selbst die Elemente des Euklid. Das alles lernte ich mit ihm und fand Gefallen daran, besonders am Zeichnen. Inzwischen überlegte man, ob man einen Uhrmacher, einen Sachwalter oder einen Geistlichen aus mir machen sollte. Ich wäre am liebsten Geistlicher geworden, denn predigen hielt ich für etwas sehr Schönes; aber die kleine Rente aus dem Vermögen meiner Mutter, die ich mit meinem Bruder zu theilen hatte, reichte für mein Studium nicht hin. Da bei dem Alter, in welchem ich mich befand, die Wahl eines Berufes noch nicht sehr dringend war, blieb ich vorläufig bei meinem Oheim, die Zeit fast verlierend und nicht unterlassend, wie es billig war, ein ziemlich hohes Kostgeld zu zahlen.

Mein Oheim, der wie mein Vater den Vergnügungen sehr ergeben war, verstand nicht, sich von seinen Pflichten leiten zu lassen und kümmerte sich um uns ziemlich wenig. Meine Tante war eine pietistische Frömmlerin, die lieber Choräle sang, als daß sie über unsere Erziehung wachte. Man ließ uns eine fast völlige Freiheit, von der wir nie Mißbrauch machten. Stets unzertrennlich, genügten wir einander, und nie versucht, mit den Gassenjungen unseres Alters zu verkehren, nahmen wir keine der leichtfertigen Gewohnheiten an, zu welchen der Müßiggang uns hätte verleiten können. Es ist sogar Unrecht von mir, uns für müßig auszugeben, denn nie im Leben waren wir es weniger, und das Glückliche dabei war, daß all die Zerstreuungen, denen wir uns nach einander mit Leidenschaft hingaben, uns im Hause zusammen beschäftigt hielten, ohne daß wir uns auch nur versucht fühlten, auf die Straße hinabzugehen. Wir machten Vogelbauer, Pfeifen, Drachen, Trommeln, Häuser, Knallbüchsen, Armbrüste. Wir verdarben die Werkzeuge meines guten alten Großvaters, um nach seinem Vorbilde Uhren zu machen. Unsere Hauptlust bestand darin, Papier zu besudeln, zu zeichnen, zu tuschen, zu illuminiren und Farben zu verklecksen. Ein italienischer Marktschreier, Namens Gamba-Corta, kam nach Genf; wir gingen einmal hin, um ihn zu sehen, und wollten darauf nicht mehr zu ihm gehen. Aber er hatte ein Puppenspiel, und wir fingen an Puppen zu machen; seine Puppen spielten komödienartige Stücke, und wir fertigten Komödien für die unsrigen an. Unkundig, wie wir die heisere Stimme des Polichinell hervorbringen sollten, suchten wir sie durch Kehllaute nachzuahmen, um diese wunderschönen Komödien spielen zu können, die unsere gutmüthigen armen Verwandten die Geduld hatten anzusehen und anzuhören. Aber als eines Tages mein Oheim Bernard vor der versammelten Familie eine sehr schöne, von ihm selbst verfaßte Predigt vorgelesen hatte, wandten wir den Komödien den Rücken und begannen Predigten zu schreiben. Ich gestehe, daß diese Einzelheiten nicht sehr unterhaltend sind; allein sie beweisen, wie vortrefflich unsere erste Erziehung geleitet sein mußte, daß wir, obgleich wir in so zartem Alter fast Herren unserer Zeit und unsrer selbst waren, uns so wenig versucht fühlten, damit Mißbrauch zu treiben. Wir hatten so wenig Bedürfnis, uns Spielgenossen zu verschaffen, daß wir selbst die Gelegenheit dazu unbenutzt ließen. Auf unseren Spaziergängen sahen wir ihren Spielen zu ohne das Verlangen, ja sogar ohne den Gedanken, daran Theil zu nehmen. Die Freundschaft erfüllte unsere Herzen so vollkommen, daß unser Zusammensein hinreichend war, um uns in den einfachsten Beschäftigungen die höchste Freude finden zu lassen.

Daß man uns unzertrennlich sah, zog die Aufmerksamkeit auf sich, um so mehr, als mein Vetter sehr groß und ich sehr klein war, so daß wir ein ziemlich drollig zusammengelesenes Pärchen bildeten. Seine lange hagere Gestalt, sein kleines bratapfelartiges Gesicht, sein sanftes Aussehen, sein lässiger Gang riefen den Spott der Kinder hervor. In der dortigen Volkssprache gab man ihm den Beinamen Barna Bredanna, und so oft wir ausgingen, hörten wir rings um uns her nichts als Barna Bredanna. Er erduldete dies ruhiger als ich. Ich ärgerte mich, ich wollte eine Prügelei anfangen; das war es gerade, was die kleinen Buben wünschten. Ich theilte Hiebe aus und bekam Hiebe. Mein armer Vetter stand mir nach besten Kräften bei; aber er war schwach; mit einem Faustschlage wurde er zu Boden gestreckt. Nun wurde ich wüthend. Obgleich ich indessen eine tüchtige Tracht Prügel bekam, so hatte man doch nicht mir, sondern Barna Bredanna zu Leibe gehen wollen, aber in Folge meiner nicht zu bändigenden Wuth nahm das Uebel so zu, daß wir nur noch während der Schulstunden auszugehen wagten, aus Furcht, von den Schülern verhöhnt und verfolgt zu werden.

Ich zeige mich bereits als Verteidiger der Unterdrückten. Um ein echter Paladin zu sein, fehlte mir nur eine Dame; ich hatte gleich ihrer zwei. Von Zeit zu Zeit ging ich meinen Vater in Nyon, einem Städtchen im Waadtlande, zu besuchen. Mein Vater war sehr beliebt, und auch auf seinen Sohn wurde dies Wohlwollen übertragen. Während der kurzen Zeit, in der ich mich bei ihm aufhielt, kam man mir überall freundlich entgegen. Namentlich eine Frau von Vulson überhäufte mich mit Liebkosungen, und um das Maß voll zu machen, nahm mich ihre Tochter als ihren Verehrer an. Man kann sich denken, was das zu sagen hat, ein Verehrer von elf Jahren für ein Mädchen von zweiundzwanzig. Aber alle diese Schelminnen haben eine Lust daran, kleine Puppen auf solche Weise vorzuschieben, um die großen dahinter zu verbergen, oder um sie durch die Darstellung eines Spieles, das sie so reizend zu machen wissen, anzulocken. Ich für meine Person erblickte zwischen ihr und mir kein Mißverhältniß und nahm die Sache ernst; ich gab mich ihr von ganzem Herzen oder vielmehr Kopfe hin, denn nur mit letzterem war ich verliebt, obgleich ich es bis zum Wahnsinn war und meine Leidenschaft, meine Erregtheit, meine Wuthausbrüche, Auftritte zum Todtlachen hervorriefen.

Ich kenne zwei Arten von sehr verschiedener und doch sehr wahrhafter Liebe, die fast nichts gemein haben, obgleich die eine wie die andere sehr heiß ist, und alle beide sich von der zärtlichen Freundschaft unterscheiden. Mein ganzes Leben lang bin ich zwischen diesen beiden so verschiedenartigen Liebesarten getheilt und sogar von beiden gleichzeitig erfüllt gewesen; denn zum Beispiel in der Zeit, von welcher ich rede, hatte ich, während ich Fräulein von Vulson so öffentlich und so tyrannisch in Beschlag nahm, daß ich die Annäherung keines Mannes an sie duldete, zwar ziemlich kurze, aber ziemlich vertrauliche Zusammenkünfte mit einem kleinen Fräulein Goton, bei welchen sie die Gewogenheit hatte, die Schulmeisterin zu spielen, und dies war alles. Aber dies alles, das in Wahrheit für mich alles war, erschien mir als das höchste Glück, und schon den Werth des Geheimnisses fühlend, obgleich ich es nur wie ein Kind zu gebrauchen verstand, vergalt ich dem ahnungslosen Fräulein von Vulson das Bestreben, mich zum Deckmantel ihrer anderen Liebschaften zu machen, in gleicher Weise. Allein zu meinem großen Kummer wurde mein Geheimnis entdeckt oder von Seiten meiner kleinen Schulmeisterin weniger gut als von der meinigen bewahrt, denn man zögerte nicht, uns zu trennen. Var ... uns zu trennen, und einige Zeit darauf hörte ich bei meiner Durchreise durch Coutance auf dem Rückwege nach Genf kleine Mädchen mir halblaut nachrufen: Goton tictac Rousseau.

Es war in der That eine sonderbare Person, dieses kleine Fräulein Goton. Ohne schön zu sein, hatte sie ein Gesicht, das man kaum wieder zu vergessen im Stande war und an das ich noch immer denke, oft viel zu sehr für einen alten Narren. Namentlich ihre Augen standen nicht mit ihrem Alter im Einklang, und eben so wenig ihr Wuchs und ihre Haltung. Sie konnte eine sehr Achtung gebietende und stolze Miene annehmen, wie ihre Rolle es verlangte, und das hatte eben den ersten Gedanken daran unter uns hervorgerufen. Aber das Eigenthümlichste an ihr war eine schwer zu begreifende Mischung von Keckheit und Zurückhaltung. Sie erlaubte sich mir gegenüber die größten Freiheiten, ohne mir je eine gegen sich zu gestatten; sie behandelte mich genau wie ein Kind. Das bringt mich zu dem Glauben, daß sie entweder schon aufgehört hatte, eines zu sein, oder daß sie es im Gegentheile noch selber genug war, um in der Gefahr, welcher sie sich aussetzte, nur ein Spiel zu sehen.

Jeder dieser beiden Personen gehörte ich gleichsam ganz und so vollkommen an, daß ich bei der einen nie an die andere dachte. Uebrigens hatten die Gefühle, mit denen sie mich erfüllten, keine Aehnlichkeit mit einander. Ich würde mein ganzes Leben an Fräulein von Vulsons Seite zugebracht haben, ohne je an eine Trennung von ihr zu denken; aber wenn ich zu ihr kam, war meine Freude ruhig und blieb stets von aller Erregung frei. Ich liebte sie besonders in großer Gesellschaft; die Scherze, die Neckereien, die Eifersüchteleien sogar hatten etwas Anziehendes, etwas Fesselndes für mich. Stolzer Triumph beseelte mich, wenn sie mich vor erwachsenen Nebenbuhlern, die sie zu quälen schien, bevorzugte. Ich empfand wohl Qualen, aber sie waren mir lieb. Die Beifallserweisungen, die Ermuthigungen, das Gelächter entflammten mich und feuerten mich an. Ich wurde erregt, ich wurde witzig; in einer Gesellschaft kannte meine Liebe keine Schranken; mit ihr allein würde ich gezwungen, kalt, vielleicht gelangweilt gewesen sein. Gleichwohl hatte ich eine zärtliche Zuneigung zu ihr, ich litt, wenn sie krank war, ich würde meine Gesundheit dahingegeben haben, um die ihrige wiederherzustellen, und das will viel sagen, wenn man bedenkt, daß ich aus Erfahrung sehr wohl wußte, was Krankheit, und was Gesundheit zu bedeuten hat. Fern von ihr, dachte ich an sie, sie fehlte mir; war ich bei ihr, thaten ihre Liebkosungen meinem Herzen wohl, erregten aber nicht meine Sinnlichkeit. Ich war ohne Nachtheil vertraulich mit ihr. Meine Einbildungskraft ging über das, was sie mir gewährte, nicht hinaus; allein ich hätte nicht ertragen können, sie anderen eben so viel erweisen zu sehen. Ich liebte sie wie ein Bruder, war aber eifersüchtig auf sie wie ein Liebhaber.

Auf Fräulein Goton würde ich es ebenfalls gewesen sein und zwar wie ein Türke, wie ein Rasender, wie ein Tiger, wenn ich mir nur hätte vorstellen können, sie wäre im Stande einem Andern die gleiche Behandlung angedeihen zu lassen, die sie mir gewährte; denn selbst dies war eine Gnade, die man auf den Knien erbitten mußte. Dem Fräulein von Vulson näherte ich mich mit aufrichtiger Freude, aber ohne Verlegenheit, während ich, sobald ich Fräulein Goton nur erblickte, nichts mehr sah; alle meine Sinne waren verwirrt. Zu der ersten war ich zutraulich ohne Vertraulichkeit; der anderen gegenüber war ich dagegen selbst inmitten der größten Freiheiten eben so schüchtern wie aufgeregt. Ich glaube, bei einem allzu langen Zusammensein mit ihr wäre ich gestorben; mein Herzklopfen würde mich erstickt haben. Ich fürchtete in gleicher Weise ihnen zu mißfallen, aber gegen die eine war ich zuvorkommender und gegen die andern folgsamer. Um nichts in der Welt hätte ich Fräulein von Vulson wehe thun mögen; aber hätte Fräulein Goton mir befohlen, mich in die Flammen zu stürzen, so bin ich überzeugt, daß ich ihr augenblicklich gehorcht hätte.

Meine Liebelei, oder vielmehr meine Zusammenkünfte mit letzterer dauerten nicht lange, zum großen Glücke für sie wie für mich. Obgleich meine Verbindung mit Fräulein von Vulson nicht die gleiche Gefahr darbot, so sollte doch auch sie mit einer Katastrophe enden, nachdem sie ein wenig länger gewährt hatte. Das Ende solcher Verhältnisse sollte immer einen romantischen Anflug haben und Stoff zu schmerzlichen Herzensergießungen geben. War mein Verkehr mit Fräulein von Vulson auch weniger lebhaft, so war er vielleicht doch fesselnder. Bei jeder Trennung vergossen wir Thränen, und es ist eigentümlich, in welche trostlose Leere ich mich versenkt fühlte, nachdem ich sie verlassen hatte. Nur von ihr konnte ich reden, nur an sie konnte ich denken; mein Verlangen nach ihr war aufrichtig und lebhaft; aber ich glaube, daß im Grunde dieses heiße Verlangen nicht sie allein zum Gegenstande hatte, sondern daß auch die Vergnügungen, deren Mittelpunkt sie war, mir unbewußt ihr gutes Theil daran hatten. Um die Trennungsschmerzen zu mildern, schrieben wir uns Briefe, rührend zum Steinerweichen. Endlich hatte ich den Triumph, daß sie es dort nicht länger aushalten konnte und um mich zu besuchen, nach Genf kam. Das verdrehte mir den Kopf natürlich völlig; ich war die beiden Tage, die sie daselbst zubrachte, trunken und närrisch. Als sie abfuhr, wollte ich mich hinter ihr her ins Wasser stürzen, und lange erfüllte ich die Luft mit meinem Geschrei. Acht Tage darauf schickte sie mir Bonbons und Handschuhe, was mir sehr schmeichelhaft gewesen wäre, hätte ich nicht gleichzeitig erfahren, daß sie vermählt wäre, und daß die Reise, welche sie angeblich mir zu Ehren angetreten hatte, nur zum Einkauf der Brautkleider unternommen war. Ich will meine Wuth nicht schildern; man kann sie sich denken. In meinem edlen Zorne schwur ich, die Treulose nie wieder zu sehen, nach meiner Vorstellung die fürchterlichste Strafe für sie. Gleichwohl starb sie nicht daran; denn als ich zwanzig Jahre später während eines Besuches bei meinem Vater mit ihm auf dem See spazieren fuhr, fragte ich, wer die Damen wären, welche ich in einem Boote in unserer nächsten Nähe bemerkte. »Wie,« erwiderte mein Vater lächelnd, »sagt es dir nicht dein Herz? Es ist deine alte Liebe, es ist Frau Cristin, Fräulein von Vulson.« Zittern überfiel mich bei diesem fast vergessenen Namen: aber ich befahl den Schiffern zu wenden, denn obgleich sich mir jetzt eine günstige Gelegenheit darbot, mich zu rächen, so verlohnte es sich, wie ich dachte, doch nicht der Mühe, meineidig zu werden und einen Hader, den ich vor zwanzig Jahren hatte, mit einer Frau von vierzig von Neuem zu beginnen.

1723 ? 1728

So verlor sich, bevor über meinen Beruf entschieden war, die kostbarste Zeit meiner Jugend in Kindereien. Nach langen Ueberlegungen, wozu mich meine natürlichen Anlagen besonders befähigten, entschloß man sich endlich für das, wozu ich die geringsten besaß, und brachte mich bei einem Herrn Masseron, dem Stadtschreiber unter, damit ich unter ihm, wie Herr Bernard äußerte, das edele Geschäft eines Procurators erlernte. Diese Bezeichnung mißfiel mir im höchsten Grade. Die Aussicht, auf unedle Weise dereinst Thaler aufzuhäufen, verletzte meinen Stolz nicht wenig; die Beschäftigung kam mir langweilig, unerträglich vor; die nöthige Pünktlichkeit, der damit verbundene Zwang verleideten sie mir vollends, und nur mit Abscheu, der von Tage zu Tage wuchs, betrat ich die Kanzlei. Herr Masseron, der mit mir wenig zufrieden war, behandelte mich seinerseits mit Verachtung, indem er mir unaufhörlich meine Trägheit, meine Dummheit vorwarf und mir alle Tage wiederholte, mein Oheim hätte ihm versichert, daß ich tüchtige Kenntnisse besäße, während ich in Wahrheit nichts wüßte: er hätte ihm einen brauchbaren Jungen versprochen und ihm nur einen Esel übergeben. Endlich wurde ich wegen meiner Dummheit schimpflich aus der Kanzlei entlassen und die Schreiber des Herrn Masseron sprachen es laut aus, ich wäre zu nichts gut, als die Feile zu handhaben.

Da in solcher Weise über meinen Beruf bestimmt war, wurde ich in die Lehre gegeben, allein nicht bei einem Uhrmacher, sondern bei einem Graveur. Die Verachtung des Stadtschreibers hatte mir eine sehr geringe Meinung von mir beigebracht, und ich gehorchte ohne Murren. Mein Meister, Herr Ducommun, war ein junger roher und heftiger Mensch, der es in sehr kurzer Zeit erreichte, mich um alle Jugendfreude zu bringen, mein sich nach Liebe sehnendes und lebhaftes Naturell zu ertödten und mich auch geistig auf den Standpunkt herabzudrücken, auf den mich meine Vermögensverhältnisse verwiesen, auf den eines Lehrjungen. Mein Latein, meine Kenntnisse des Alterthums, meine Geschichte, alles war auf lange Zeit vergessen; sogar die Erinnerung war mir daran geschwunden, daß es Römer in der Welt gegeben hatte. Besuchte ich meinen Vater, so fand er nicht mehr seinen Abgott in mir; für die Damen war ich nicht mehr der galante Jean-Jacques, und ich fühlte selbst so wohl, daß Herr und Fräulein Lambercier in mir ihren früheren Schüler nicht wieder erkannt haben würden, daß ich mich schämte, mich ihnen zu zeigen, und sie seitdem nicht wieder gesehen habe. Die gemeinsten Neigungen, die schändlichsten Ungezogenheiten traten an die Stelle meiner liebenswürdigen Zeitvertreibe und verwischten sogar die Erinnerung an dieselben. Trotz der rechtschaffensten Erziehung muß ich doch eine große Neigung zur Entartung gehabt haben; denn das alles trat reißend schnell ohne alle Anstrengung ein, und nie wurde ein so frühreifer Cäsar so schnell zum Laridon.

Das Handwerk an sich mißfiel mir nicht; am Zeichnen hatte ich großes Gefallen; die Arbeit mit dem Grabstichel war mir eine angenehme Beschäftigung, und da der Uhrmacher von dem Graveur nicht allzu hohe Leistungen verlangt, so hatte ich Hoffnung, es zur Meisterschaft zu bringen. Ich würde vielleicht dazu gelangt sein, wenn mich nicht die Rohheit meines Meisters und der übertriebene Zwang mit Widerwillen gegen die Arbeit erfüllt hätten. Ich stahl ihr Zeit ab, um während derselben Beschäftigungen gleicher Art zu treiben, die aber für mich den Reiz der Freiheit hatten. Ich schnitt Medaillen, die wir, ich und meine Kameraden, als Ritterorden tragen wollten. Mein Meister ertappte mich bei dieser unerlaubten Arbeit und prügelte mich derb durch, da er vorgab, ich übte mich in der Falschmünzerei, weil unsere Medaillen das Wappen der Republik zeigten. Ich kann es beschwören, daß ich keine Vorstellung von falschem Gelde hatte und eine sehr unklare von echtem. Ich wußte besser, wie römische As verfertigt wurden als unsere Drei-Sous-Stücke.

Die Tyrannei meines Meisters machte mir die Arbeit, die ich sonst geliebt haben würde, endlich unerträglich, und impfte mir Laster ein, die ich sonst gehaßt hätte, wie das Lügen, das Faulenzen, das Stehlen. Nichts hat mich den Unterschied zwischen kindlicher Abhängigkeit und sklavischer Knechtschaft besser gelehrt als die Erinnerung an die Veränderungen, welche diese Zeit in mir hervorbrachte. Von Natur schüchtern und blöde, lag mir kein Fehler je ferner als die Frechheit. Allein ich hatte mich einer anständigen Freiheit zu erfreuen gehabt, die bis jetzt nur stufenweise eingeschränkt war und endlich ganz aufhörte. Bei meinem Vater war ich dreist, bei Herrn Lambercier zwanglos, bei meinem Oheim bescheiden; bei meinem Meister wurde ich furchtsam, und von dem Augenblick an war ich ein verlorenes Kind. An eine vollständige Gleichheit in der Lebensweise mit meinen Vorgesetzten gewöhnt, kein Vergnügen kennend, zu dem ich nicht zugelassen wäre, kein Gericht sehend, von dem ich nicht meinen Antheil erhalten hätte, keinen Wunsch fühlend, dem ich nicht Worte verleihen durfte, kurz, alle Regungen meines Herzens offen bekennend: man urtheile selbst, was aus mir in einem Hause werden mußte, wo ich nicht den Mund zu öffnen wagte, wo ich den Tisch verlassen mußte, nachdem erst ein Drittel der Gerichte aufgetragen war, und das Zimmer, sobald ich nichts darin zu thun hatte; wo ich, unaufhörlich an meine Arbeit gefesselt, Gegenstände des Genusses nur für Andere und der Entbehrung für mich allein sah; wo der Anblick der Freiheit des Meisters und der Gehilfen die Schwere meiner Knechtschaft noch erhöhte; wo ich bei Streitigkeiten über Dinge, die ich am besten wußte, den Mund nicht zu öffnen wagte, kurz, wo alles, was ich erblickte, für mein Herz ein Gegenstand der Begehrlichkeit wurde, lediglich weil ich an nichts Antheil hatte. Verschwunden war die Ungezwungenheit, der Frohsinn, die glücklichen Einfälle, die mich ehedem so oft bei meinen Versehen der Strafe hatten entgehen lassen. Ich kann nicht ohne zu lachen daran zurückdenken, wie ich eines Abends bei meinem Vater, als er mich zur Strafe für einen Schelmenstreich ohne Nachtessen zu Bette schickte, mit meinem armseligen Stückchen Brot durch die Küche ging und den sich am Spieße drehenden Braten sah und roch. Alle waren um den Herd versammelt; jedem mußte ich beim Vorbeigehen gute Nacht wünschen. Als ich die Runde vollendet hatte und dem Braten, der so prächtig aussah und so köstlich roch, einen verstohlenen Blick zuwarf, konnte ich mich nicht erwehren, mich vor ihm ebenfalls ehrfurchtsvoll zu verbeugen und mit kläglichem Tone zu ihm zu sagen: »Gute Nacht, Braten!« Dieser naive Einfall machte einen so komischen Eindruck, daß man mich zum Abendessen dableiben ließ. Vielleicht hätte er bei meinem Meister eben so viel Glück gehabt, aber sicherlich wäre er mir bei ihm nicht gekommen oder ich hätte ihn nicht auszusprechen gewagt.

So lernte ich im Geheimen Gelüste haben, meine wahre Gesinnung verhehlen, mich verstellen, lügen und endlich stehlen; ein Gelüst, von dem ich bis dahin nie eine Anwandelung gehabt hatte und von dem ich mich seitdem nicht wieder habe ganz frei machen können. Das Begehren und die Ohnmacht führen stets dazu. Deshalb sind alle Diener Diebe und müssen alle Lehrburschen es sein. Sobald sie aber heranwachsen und in die nämliche und gleiche Lage kommen, in der ihnen alles, was sie sehen, erreichbar ist, verlieren letztere diesen schändlichen Hang. Da ich nicht dasselbe Glück gehabt, habe ich auch nicht denselben Vortheil daraus ziehen können.

Fast immer sind es gute, aber übel geleitete Gesinnungen, welche die Kinder den ersten Schritt zum Bösen thun lassen. Trotz unaufhörlicher Entbehrungen und Versuchungen hatte ich bei meinem Meister schon länger als ein Jahr verweilt, ohne mich entschließen zu können, etwas zu nehmen, nicht einmal Eßwaaren. Der Antrieb zu meinem ersten Diebstahle war Gefälligkeit, aber eröffnete anderen das Thor, die keinen so lobenswerthen Zweck hatten.

Mein Meister hatte einen Gehilfen, Namens Verrat, zu dessen in der Nachbarschaft liegendem Hause ein ziemlich entlegener Garten gehörte, der sehr schönen Spargel lieferte. Dieser Umstand rief bei Verrat, dem es ewig an Geld fehlte, Lust hervor, seiner Mutter gleich beim ersten Stechen Spargel zu stehlen und zu verkaufen, um für das Geld einige gute Frühstücke herzurichten. Da er sich nicht selbst der Gefahr aussetzen wollte und auch nicht die nöthige Gewandtheit besaß, fiel seine Wahl zur Ausführung seines Planes auf mich. Nach einigen vorhergehenden Schmeicheleien, die mich um so mehr gewannen, da ich ihren Zweck nicht erkannte, schlug er es mir vor, als ob es ihm eben erst eingefallen wäre. Ich erhob lebhaften Widerspruch; er hörte nicht auf, in mich zu dringen. Ich habe Liebkosungen nie widerstehen können; ich ergab mich. Alle Morgen stach ich den schönsten Spargel und brachte ihn auf den Molard, wo irgend eine brave Frau, die es mir ansah, daß ich ihn gestohlen hatte, mir es auf den Kopf zusagte, um ihn billiger zu bekommen. In meiner Angst nahm ich jeden Preis, den sie mir bot, an und brachte Verrat das Geld. Alsbald verwandelte es sich in ein Frühstück, das ich herbeischaffen mußte und das er mit einem andern Gehilfen theilte, denn ich für meine Person hatte an einigen Resten völlig genug und rührte ihren Wein nicht einmal an.

So ging es einige Tage fort, ohne daß ich nur auf den Einfall kam, den Dieb zu bestehlen, und von Verrat den Zehnten von dem Ertrage seines Spargels einzuziehen. Ich führte meine Spitzbüberei mit der größten Redlichkeit aus; mein einziger Beweggrund war, dem Anleiter zu meinem Vergehen eine Gefälligkeit zu erweisen. Wäre ich jedoch ertappt worden, welche Schläge, welche Schmähungen, welche grausame Behandlung hätte ich zu erdulden gehabt, während der Elende mich Lügen gestraft und Glauben gefunden hätte, ich aber für die Dreistigkeit, ihn zu beschuldigen, doppelt so hart gezüchtigt worden wäre, da er Gehilfe und ich nur Lehrbursche war! Auf diese Weise rettet sich in jedem Stande der schuldige Starke auf Kosten des unschuldigen Schwachen.

So lernte ich, daß Stehlen nicht so entsetzlich wäre, wie ich geglaubt hatte, und bald verwerthete ich meine Erfahrung so gut, daß nichts von allem, wonach mir gelüstete, vor mir sicher war, sobald ich es erreichen konnte. Ich erhielt bei meinem Herrn keineswegs schlechte Kost, und die Enthaltsamkeit wurde mir nur dann schwer, wenn ich sah, wie schlecht er sie beobachtete. Die Sitte, die jungen Leute vom Tische fortzuschicken, wenn das aufgetragen wird, was sie am meisten reizt, scheint mir ganz darauf angelegt, sie eben so leckerhaft wie diebisch zu machen. Ich wurde in kurzer Zeit beides, und für gewöhnlich befand ich mich dabei sehr wohl, zuweilen jedoch, wenn ich ertappt wurde, auch sehr übel.

Noch immer muß ich mit innerm Schauder und doch auch wieder mit Lachen an eine Apfeljagd denken, die mir theuer zu stehen kam. Die Aepfel lagen auf dem Boden einer Speisekammer, welche durch ein hoch angebrachtes Gitterfenster von der Küche aus Licht erhielt. Als ich mich eines Tages allein im Hause befand, stieg ich auf den Backtrog, um in dem Garten der Hesperiden diese köstliche Frucht zu betrachten, die mir unerreichbar war. Ich holte den Bratspieß, um zu sehen, ob er bis zu ihnen langte: er war zu kurz. Ich verlängerte ihn durch Anbinden eines andern, für kleines Wild bestimmten Spießes, denn mein Meister war ein Jagdliebhaber. Mehrere Male stach ich ohne Erfolg; endlich merkte ich mit Entzücken, daß ich einen Apfel aufgespießt hatte. Ich zog sehr bedächtig; schon berührte der Apfel das Fenster; ich stand auf dem Sprunge, ihn zu ergreifen. Wer aber vermag meinen Kummer zu schildern! Der Apfel war zu groß, er ging nicht durch das Gitter. Was erfand ich nicht alles, um ihn hindurchzuziehen! Ich mußte mir Stützen verschaffen, um den Bratspieß in seiner Lage zu erhalten, ein Messer, lang genug, um den Apfel zu zerschneiden, eine Latte, um ihn zu halten. Mit Geschicklichkeit und Zeit gelang es mir wirklich, ihn zu theilen, so daß ich hoffen konnte, die Stücke nun eines nach dem andern hindurchzuziehen; aber kaum waren sie getrennt, als sie auch schon beide in die Speisekammer hinabfielen. Mitleidiger Leser, theile meinen Kummer!

Ich verlor nicht den Muth; aber ich hatte viel Zeit verloren. In der Besorgnis überrascht zu werden, schiebe ich einen hoffentlich glücklicheren Versuch auf den folgenden Tag auf und setze mich wieder eben so ruhig an die Arbeit, als hätte ich nichts begangen, ohne an die beiden verrätherischen Zeugen zu denken, die in der Speisekammer gegen mich sprachen.

Da sich mir am nächsten Tage wieder eine günstige Gelegenheit darbot, mache ich einen neuen Versuch. Ich steige auf meine Bank, ich verlängere den Bratspieß, ich ziele; schon bin ich im Begriff hinunterzustechen ... Unglücklicherweise schlief der Drache nicht; plötzlich öffnet sich die Thür zur Speisekammer; mein Meister tritt heraus, kreuzt die Arme, blickt mich an und sagt: »Nur tapfer darauf los!« ... Die Feder entsinkt meinen Händen.

Da ich unaufhörlich Mißhandlungen zu erdulden hatte, wurde ich dafür bald weniger empfindlich; sie kamen mir zuletzt wie eine Art Ausgleichung für das Stehlen vor, die mir das Recht verlieh, es fortzusetzen. Anstatt rückwärts zu schauen und die Strafe ins Auge zu fassen, blickte ich voraus und dachte nur an Rache. Ich wähnte, die Schläge, die ich als Dieb erhielt, berechtigten mich, es zu sein. Ich hielt Stehlen und Gezüchtigtwerden für etwas zu einander Gehörendes und gewissermaßen ein Ganzes Bildendes, und meinte, erfüllte ich das dabei, was von mir abhing, so könnte ich die Sorge für das Uebrige meinem Meister überlassen. In dieser Anschauung verlegte ich mich ruhiger als zuvor auf das Stehlen. Ich sagte mir: Was kann schließlich davon die Folge sein? Ich werde geprügelt werden. Sei es! Das ist mir beschieden!

Ohne gierig zu sein, esse ich gern; ich bin lüstern, aber kein Leckermaul. Zu viel andere Neigungen ziehen mich von dieser ab. An meinen Gaumen habe ich immer nur gedacht, wenn mein Herz müßig war, und das ist mir in meinem Leben so selten begegnet, daß ich nicht viel Zeit gehabt habe, an gute Bissen zu denken. Deshalb beschränkte ich meine Diebstähle nicht lange auf Eßwaaren, sondern dehnte sie bald auf alles aus, was mich reizte; und wenn ich kein förmlicher Spitzbube wurde, so liegt der Grund darin, daß mich das Geld nie in große Versuchung geführt hat. In der gemeinsamen Werkstätte hatte mein Meister einen besonderen verschließbaren Raum für sich; ich fand das Mittel, die Thüre desselben unmerkbar zu öffnen und wieder zu verschließen. Dort brandschatzte ich seine guten Werkzeuge, seine besten Zeichnungen, seine Stempel, kurz alles, woran ich Gefallen fand und was er stets bestrebt war, mir nicht zugänglich zu machen. Im Grunde waren diese Diebstähle sehr unschuldig, da sie ja nur gemacht wurden, um ihm in seinem eigenen Dienste wieder zu Gute zu kommen; aber ich schwelgte in Wonne, diese Kleinigkeiten in meiner Gewalt zu haben; ich glaubte ihm mit seinen Werken auch sein Talent zu stehlen. Uebrigens fanden sich daselbst in Kästchen Stückchen Gold und Silber vor, kleine Schmucksachen, Werthstücke, Münzen. Hatte ich vier oder fünf Sous in der Tasche, so war es viel: und trotzdem habe ich nie etwas davon berührt, ja ich erinnere mich nicht einmal, je in meinem Leben einen begehrlichen Blick darauf geworfen zu haben; ich sah es eher mit Bangen als mit Lust. Ich bin überzeugt, daß ich diesen Abscheu vor einem Diebstahl an Geld und Geldeswerth großenteils meiner Erziehung verdankte. Es verknüpften sich damit geheime Vorstellungen von Schande, Gefängnis, Züchtigung und Galgen, die mich mit Schauder erfüllt hätten, wäre die Versuchung an mich herangetreten; während ich in meinen Streichen nur Schelmenstücke erblickte, was sie in der That auch nur waren. Dies alles konnte mir höchstens eine tüchtige Tracht Prügel von Seiten meines Meisters eintragen, und darauf war ich im voraus vorbereitet.

Aber noch einmal, ich hatte gar kein so großes Gelüst, um mich erst überwinden zu müssen; es gab in mir nichts zu bekämpfen. Ein einziges Blatt schönes Zeichenpapier war für mich verlockender als das Geld, um ein Ries davon zu laufen. Diese Wunderlichkeit beruht auf einer der Eigentümlichkeiten meines Charakters; sie hat so großen Einfluß auf meine Lebensweise gehabt, daß sie einer Erklärung bedarf.

Ich habe sehr heftige Leidenschaften, und während sie mich bewegen, kommt nichts meinem Ungestüm gleich: ich kenne keine Schonung, keine Rücksicht, keine Furcht, keinen Anstand mehr; ich bin schamlos, frech, gewaltthätig, unzähmbar; keine Scham hält mich auf, keine Gefahr schreckt mich zurück; außer dem Gegenstande, der mich allein beschäftigt, ist das Weltall nicht mehr für mich da. Aber das alles währt nur einen Augenblick, und schon der nächste schleudert mich in die Vernichtung. Betrachtet mich in der Ruhe, da bin ich die Gleichgiltigkeit und Schüchternheit selbst; alles macht mich kopfscheu, alles muthlos; eine Fliege, die vorübersummt, erfüllt mich mit Angst; ein Wort, das ich sprechen, eine Bewegung, die ich machen soll, erregt meiner Trägheit Schauder; Furcht und Verschämtheit knechten mich dermaßen, daß ich mich den Augen aller Sterblichen entziehen möchte. Wenn es handeln gilt, weiß ich nicht, was thun; wenn es reden gilt, weiß ich nicht, was sagen; wenn man mich anblickt, verliere ich die Fassung. Wenn ich in Leidenschaft gerathe, stehen mir die Worte bisweilen zu Gebote; aber in gewöhnlichen Unterhaltungen finde ich keine, auch gar keine Ausdrücke; schon allein um deswillen, weil ich zu reden genöthigt bin, sind sie mir unerträglich.

Dazu kommt, daß keine meiner herrschenden Neigungen auf käufliche Dinge gerichtet ist. Es ist mir nur um reine Freuden zu thun, und das Geld vergiftet sie alle. Ich liebe zum Beispiel die der Tafel; da ich aber weder den Zwang der guten Gesellschaft noch die Schmausbrüder der Wirthshäuser auszustehen vermag, so kann ich sie nur mit einem Freunde genießen; denn allein, das ist mir nicht möglich; dann beschäftigt sich meine Einbildungskraft mit anderen Dingen, und das Essen gewährt mir keinen Genuß. Wenn mein erhitztes Blut nach Frauen Verlangen trägt, hat mein erregtes Herz noch größeres Verlangen nach Liebe. Käufliche Weiber würden für mich allen Reiz verlieren; ich zweifle sogar, ob ich es über mich gewinnen könnte, sie zu gebrauchen. So ist es mit allen Genüssen, die mir erreichbar sind; bieten sie sich mir nicht umsonst dar, finde ich sie fade. Ich liebe die Güter allein, die nur dem Ersten, der sie zu genießen versteht, zu Theil werden.

Das Geld hielt ich nie für so werthvoll, wie man es ausgiebt. Noch mehr, ich habe es sogar nie für zweckmäßig gehalten: an sich selbst ist es zu nichts gut; um Genuß davon zu haben, muß man es verwandeln; man muß kaufen, handeln, oftmals sich betrügen lassen, tüchtig zahlen, um schlecht bedient zu werden. Ich wünsche eine in jeder Beziehung gute Waare; für mein Geld bin ich sicher eine schlechte zu erhalten. Ich kaufe theuer ein frisches Ei, es ist alt; eine schöne Frucht, sie ist unreif; ein Mädchen, es ist verdorben. Ich liebe guten Wein; aber woher ihn beziehen? Von einem Weinhändler? Wie ich es auch anfangen mag, er wird mich vergiften. Verlange ich durchaus gut bedient zu werden, welche Mühe, welche Verlegenheiten habe ich dann! Ich muß Freunde, auch Geschäftsfreunde haben, Aufträge ertheilen, umherlaufen, warten, und bin am Ende oft doch noch betrogen. Welche Mühe mit meinem Gelde! Meine Furcht vor derselben ist größer als meine Liebe zu gutem Weine.

Während meiner Lehrzeit wie später bin ich tausendmal in der Absicht ausgegangen, irgend eine Leckerei zu kaufen. Ich gehe auf den Laden eines Weißbäckers zu, am Zahltische bemerke ich Frauen; ich glaube schon zu sehen, wie sie lachen und sich unter einander über das kleine Leckermaul lustig machen. Ich gehe an einer Obsthändlerin vorüber, ein verstohlener Blick fällt auf schöne Birnen, ihr Duft ist verlockend; zwei oder drei junge Leute in der Nähe sehen mich an; ein Mann, der mich kennt, steht vor seinem Laden; ich sehe aus der Ferne ein Mädchen kommen: ist es nicht die Hausmagd? Meine Kurzsichtigkeit täuscht mich tausendmal, alle Vorübergehende halte ich für Bekannte; überall lasse ich mich einschüchtern, durch irgend ein Hindernis zurückhalten; mit meinem Schamgefühle wächst meine Lüsternheit, und schließlich gehe ich wie ein Narr wieder nach Hause, von Begierde verzehrt und mit den Mitteln, sie zu befriedigen, in meiner Tasche, aber ohne den Muth, etwas zu kaufen.

Ich würde mich in die abgeschmacktesten Einzelheiten verlieren, wollte ich die Verlegenheit, die Scham, den Widerwillen, die Unannehmlichkeiten, den Verdruß aller Art schildern, die mir stets die Verwendung meines Geldes brachte, ob sie nun durch mich oder durch andere geschah. In dem Maße, wie sich der Leser in meine Lebensbeschreibung hineinliest und meinen Charakter erkennt, wird er dies alles herausfühlen, ohne daß ich mir die Mühe zu machen brauche, es ihm erst zu sagen.

Hat man diese Kenntnis erlangt, so wird man ohne Mühe einen meiner scheinbaren Widersprüche begreifen, daß sich nämlich in mir ein fast schmutziger Geiz mit der größten Verachtung des Geldes vereinigt. Es ist für mich ein so wenig bequemes Gut, daß es mir nicht einmal in den Sinn kommt, es mir, wenn ich es nicht habe, zu wünschen, und daß, sobald ich es habe, ich es lange aufhebe, ohne es auszugeben, weil ich es nicht nach meinem Gefallen zu verwenden verstehe; bietet sich indessen eine bequeme und angenehme Gelegenheit dar, so benutze ich sie so wohl, daß sich meine Börse leert, ehe ich es gewahre. Suchet übrigens bei mir nicht die Eigenthümlichkeit der Geizhälse, aus Prahlerei zu verschwenden; ganz im Gegentheil, ich verschwende im Geheimen und zum Vergnügen; weit davon entfernt, mir die Verschwendung zum Ruhme anzurechnen, verberge ich sie. Ich fühle so vollkommen, daß mir das Geld unnütz ist, daß ich mich seines Besitzes fast schäme und noch mehr seiner Verwendung. Hätte ich je hinreichendes Einkommen zu einem bequemen Leben gehabt, so würde ich mich nie versucht gefühlt haben, geizig zu sein, davon bin ich völlig überzeugt. Ich würde mein ganzes Einkommen verbrauchen, ohne nach seiner Vermehrung zu streben; allein meine unsichere Lage setzt mich in Besorgnis. Ich bete die Freiheit an; ich empfinde vor Geldverlegenheit, vor Sorge, vor Abhängigkeit Abscheu. So lange ich noch Geld in meiner Börse habe, ist meine Unabhängigkeit gesichert; es überhebt mich der Sorge, mir über die Aufbringung, neuer Mittel den Kopf zu zerbrechen, eine Notwendigkeit, die mir stets schrecklich war; aus Furcht, ich könnte es zu Ende gehen sehen, halte ich es zusammen. Das Geld, welches man besitzt, ist das Mittel zur Freiheit dasjenige, welchem man nachjagt, das Mittel zur Knechtschaft. Deshalb bin ich sehr genau und begehre nichts.

Meine Uneigennützigkeit ist also nichts als Trägheit; die Freude am Besitze ist geringer als die Mühe des Erwerbs; und meine Verschwendung ist wieder nur Trägheit; bietet sich die Gelegenheit dar, in angenehmer Weise zu verschwenden, kann man sie nicht allzusehr ausnutzen. Ich werde weniger von Geld als von Sachen in Versuchung geführt, weil zwischen dem Gelde und dem Besitz des Gewünschten stets ein Verbindungsglied vorhanden ist, während sich zwischen der Sache und ihrem Genusse ein solches nicht vorfindet. Ich sehe die Sache, sie reizt mich; wenn ich nur das Mittel sehe, sie in meinen Besitz zu bringen, so reizt es mich nicht. Ich habe deshalb gestohlen, und stehle bisweilen noch Kleinigkeiten, die mich reizen, und die ich lieber nehme als erbitte. Aber ich erinnere mich nicht, je in meinem Leben, weder in der Jugend noch in dem Mannesalter, jemandem einen Heller genommen zu haben, einen einzigen Fall vor noch nicht fünfzehn Jahren ausgenommen, wo ich sieben Livres und zehn Sous stahl. Dieser Vorfall verdient erzählt zu werden, denn es zeigt sich in ihm eine prächtige Mischung von Unverschämtheit und Dummheit, an welche ich selber kaum zu glauben vermöchte, handelte es sich um jemand anderes als um mich.

Es war in Paris. Ich ging gegen fünf Uhr mit Herrn von Francueil im Palais-Royal spazieren. Er zieht seine Uhr heraus, wirft einen Blick darauf und sagt zu mir: lassen Sie uns in die Oper gehen. Ich bin bereit: wir gehen. Er nimmt zwei Billete zum Amphitheater, giebt mir eines davon und geht mit dem andern vor mir her. Als ich nach ihm eintrete, finde ich die Thüre versperrt. Ich schaue hinein, ich sehe alle stehen; ich denke, ich würde mich in dieser Menge recht wohl verlieren oder wenigstens Herrn von Francueil auf den Wahn bringen können, daß ich mich darin verloren habe. Ich gehe hinaus, nehme meine Contremarke, dann das Geld zurück und mache mich aus dem Staube, ohne daran zu denken, daß sich, noch ehe ich die Thür erreicht, schon alle Welt gesetzt hatte, und Herr von Francueil nun augenscheinlich bemerkte, daß ich nicht mehr da war.

Da meiner Natur nie etwas ferner lag, als ein solcher Zug, so zeichne ich ihn auf, um den Beweis zu liefern, daß es Augenblicke von einer Art Wahnsinn giebt, in denen man über die Menschen nicht nach ihren Handlungen urteilen muß. Nicht gerade das Geld an sich, sondern die Benutzung desselben hatte ich stehlen wollen; je weniger es ein Diebstahl war, desto mehr war es eine Schändlichkeit.

Ich würde mit solchen Einzelheiten kein Ende finden, wollte ich all den Wegen nachgehen, auf denen ich während meiner Lehrlingszeit von der Erhabenheit des Heroismus bis zu der Gemeinheit eines Taugenichtses abwärts ging. Nahm ich indessen auch die Laster meines Standes an, so war es mir doch unmöglich, die Neigungen desselben völlig anzunehmen. Ich fühlte bei den Vergnügungen meiner Kameraden Langeweile, und als mir der allzu große Zwang auch noch Widerwillen gegen die Arbeit einflößte, langweilte mich alles. Das erweckte in mir wieder Lust zum Lesen, die ich seit langer Zeit verloren hatte. Dieses Lesen, auf das ich einen Theil meiner Arbeitszeit verwandte, wurde ein neues Verbrechen, das mir neue Züchtigungen zuzog. Dieser Hang, der sich durch den Reiz des Verbotes nur noch steigerte, wurde zur Leidenschaft, ja bald zur Wuth. Die Tribu, eine berühmte Verleiherin von Büchern, versorgte mich mit Werken von allerlei Art. Gute wie schlechte, alles kam an die Reihe; auf eine Auswahl ließ ich mich nicht erst ein, ich las alles mit gleicher Gier. Ich las am Werktische, ich las, wenn ich ging, meine Aufträge auszurichten, ich las auf dem Abtritte und vergaß mich ganze Stunden darin, der Kopf schwindelte mir vom Lesen, ich that nichts mehr als lesen. Mein Meister lauerte mir auf, ertappte mich, schlug mich, nahm mir meine Bücher. Wie viele Bände wurden zerrissen, verbrannt, zum Fenster hinausgeworfen! Wie viele Werke blieben bei der Tribu unvollständig! Als ich nichts mehr hatte, sie zu befriedigen, gab ich ihr meine Hemden, meine Halstücher, meine Kleidungsstücke; meine drei Sous wöchentliches Taschengeld erhielt sie regelmäßig.

So ist denn doch, wird man sagen, das Geld nöthig geworden. Allerdings, aber erst, als mir das Lesen alle Thätigkeit geraubt hatte. Mich meiner neuen Neigung völlig überlassend, that ich nichts weiter und wollte nichts weiter als lesen. Dies ist hier wieder eine meiner charakteristischen Eigenthümlichkeiten. Mitten aus einer gewohnten Lebensweise reißt mich ein Nichts heraus, verwandelt mich, fesselt mich, kurz versetzt mich in Leidenschaft; und dann ist alles vergessen; ich denke nur an den neuen Gegenstand, der mich beschäftigt. Das Herz klopfte mir vor Ungeduld, das Buch, das ich in der Tasche hatte, zu durchblättern; ich zog es heraus, sobald ich allein war, und dachte nicht mehr daran, das Arbeitszimmer meines Meisters zu durchsuchen. Ich kann mir sogar kaum denken, daß ich noch gestohlen, selbst wenn ich kostbarere Leidenschaften gehabt hätte. Auf den gegenwärtigen Augenblick beschränkt, lag es nicht in meinem Charakter, derartig für die Zukunft zu sorgen. Die Tribu gab mir Credit; die Abzahlungen waren klein; und wenn ich mein Buch eingesteckt hatte, dachte ich an nichts mehr Das Geld, über das ich ehrlicher Weise verfügen konnte, zahlte ich dieser Frau eben so ehrlich aus, und wenn sie dringend wurde, so nahm ich nur zu meinen eigenen Sachen meine Zuflucht. Stehlen im voraus war eine zu große Vorsorge, und stehlen, um zu bezahlen, war nicht einmal eine Versuchung.

Die ewigen Scheltworte, die Schläge, die heimliche und schlecht gewählte Lektüre machten mich schweigsam und menschenscheu; meine Willenskraft begann darunter zu leiden, und ich wurde gar griesgrämisch. Bewahrte mich jedoch mein Geschmack nicht vor dummen und faden Büchern, so bewahrte mich mein Glück vor schmutzigen und unzüchtigen. Nicht, daß die Tribu, eine in jeder Hinsicht sehr gefällige Frau, sich ein Gewissen daraus gemacht hätte, mir dergleichen zu leihen; aber um mir ihren Werth fühlbar zu machen, nannte sie sie mir mit einer geheimnisvollen Miene, die mich gerade nöthigte, sie sowohl aus Widerwillen als aus Scham zurückzuweisen; und der Zufall war meiner keuschen Schamhaftigkeit so günstig, daß ich schon über dreißig Jahre zählte, ehe ich die Augen auf eines jener gefährlichen Bücher geworfen hatte, welche eine schöne Weltdame um deswillen für unbequem erklärt, weil man sie nur mit einer Hand lesen kann.

In weniger als einem Jahre erschöpfte ich den kleinen Laden der Tribu, und nun wurde mir die Muße in meinen Freistunden zu einer wahren Pein. Von meinen Kinder- und Gassenjungenneigungen durch den Hang zur Lektüre und durch die Bücher selbst geheilt, die, obwohl ohne Auswahl und oft schlecht, doch in meinem Herzen wieder edlere Gefühle erweckten, als meine gegenwärtige Lage in mir hervorgerufen hatte; von allem angewidert, was mir zugänglich war, und alles, was mich hätte reizen können, mir zu fern fühlend, sah ich nichts Mögliches vor mir, das mein Herz hätte angenehm berühren können. Meine seit lange erregte Sinnlichkeit verlangte einen Genuß, dessen Gegenstand ich mir nicht einmal zu denken vermochte. Von dem wirklichen Genusse war ich so weit entfernt, als hätte ich gar kein Geschlecht gehabt; und schon in mannbarem Alter und mich nach Liebe sehnend, dachte ich noch bisweilen an meine Liebeleien, aber darüber hinaus sah ich nichts. In dieser seltsamen Lage nahm meine unruhige Einbildungskraft eine Richtung, die mich vor mir selber rettete und meine erwachende Sinnlichkeit beruhigte. Sie gefiel sich nämlich darin, sich mit den Situationen zu nähren, die mich bei meiner Lektüre gefesselt hatten, sie vor meine Seele zurückzurufen, sie zu ändern, sie zusammenzustellen, sie mir so zurecht zu machen, daß ich eine der handelnden Personen wurde, die ich mir dachte, daß ich mich stets in solchen Verhältnissen erblickte, die mir nach meinem Geschmacke am angenehmsten waren; kurz, daß die eingebildete Lage, in die ich mich vollkommen versetzt hatte, mich meine wirkliche Lage vergessen ließ, mit der ich so unzufrieden war. Diese Liebe zu Gebilden der Phantasie und diese Leichtigkeit, unaufhörlich mit ihnen zu verkehren, verleideten mir völlig meine ganze Umgebung und ließen diesen Hang zur Einsamkeit in mir aufkeimen, der mir seit jener Zeit für immer geblieben ist. Man wird in der Folge mehr als einmal die eigenthümlichen Wirkungen dieser so menschenfeindlichen und scheinbar so unheimlichen Neigung sehen, die aber in Wahrheit einem zu liebreichen, zu liebevollen, zu zärtlichen Herzen entspringt, welches gezwungen ist, sich mit Phantasiegebilden zu nähren, weil ihm Wesen fehlen, die ihm verwandt sind. Augenblicklich halte ich es genügend, den Ursprung und die erste Ursache einer Neigung angegeben zu haben, die auf alle meine Leidenschaften mildernd eingewirkt und indem sie dieselben durch sich selbst niederhielt, mich immer träge gemacht hat, meiner Begierde nachzugeben, eben in Folge der Heftigkeit meines Verlangens.

In solcher Weise erreichte ich mein sechszehntes Jahr, unruhig, unzufrieden mit allem und mit mir selbst, ohne Lust zu meinem Berufe, ohne Vergnügungen meines Alters, verzehrt von Begierden, deren Endzweck ich nicht kannte; weinend, ohne Grund zu Thränen; seufzend, ohne zu wissen, weshalb; kurz mit Zärtlichkeit an meinen Luftgebilden hängend, da ich rings um mich her nichts sah, das für mich gleichen Werth gehabt hätte. Des Sonntags holten mich meine Kameraden nach der Predigt zum Spielen ab. Ich wäre ihnen gern entschlüpft, wäre ich es im Stande gewesen; waren ihre Spiele jedoch einmal im Zuge, so war ich aufgelegter und ging weiter als irgend ein anderer; eben so schwer in Bewegung zu bringen als zurückzuhalten. Das war immerdar meine Natur. Bei unseren Spaziergängen außerhalb der Stadt ging ich immer vorwärts, ohne an die Umkehr zu denken, falls nicht Andere anstatt meiner daran dachten. Zweimal wurde ich dabei betreten. Die Thore waren bei meiner Heimkunft geschlossen. Man kann sich denken, wie ich am folgenden Tage behandelt wurde; und beim zweiten Male wurde mir für das dritte Mal ein solcher Empfang in Aussicht gestellt, daß ich entschlossen war, mich ihm nicht auszusetzen. Dieses so gefürchtete dritte Mal fand dennoch statt. Durch einen verwünschten Capitain, Namens Minutoli, der das Thor, an welchem er die Wache hatte, regelmäßig eine halbe Stunde vor den andern schloß, wurde meine Vorsicht vereitelt. Ich war mit zwei Kameraden auf dem Heimwege. Eine halbe Stunde von der Stadt höre ich Retraite blasen, ich verdopple den Schritt; ich höre trommeln, ich laufe aus Leibeskräften; athemlos und in Schweiß gebadet lange ich an, das Herz klopft mir, schon aus der Ferne sehe ich die Soldaten auf ihren Posten; ich eile herbei, ich schreie mit erstickter Stimme. Es war zu spät. Zwanzig Schritt von der Außenwache entfernt, sehe ich die erste Zugbrücke sich heben. Zittern ergreift mich, als ich sehe, wie sich diese schrecklichen Hörner, das Unheil verkündende und verhängnisvolle Anzeichen des meiner wartenden unvermeidlichen Schicksales, in die Luft erheben.

In dem ersten Schmerzensausbruche warf ich mich auf das Glacis und biß in die Erde. Meine Kameraden, die über ihr Unglück nur lachten, faßten augenblicklich ihren Entschluß. Ich faßte auch den meinigen; aber dieser fiel anders aus. An Ort und Stelle schwur ich, nie zu meinem Meister zurückzukehren; und als sie am folgenden Morgen nach Oeffnung des Thores in die Stadt zurückgingen, sagte ich ihnen auf immer Lebewohl und bat sie nur, meinen Vetter Bernard im Geheimen meinen gefaßten Entschluß, so wie den Ort, wo er mich noch einmal sehen könnte, mitzutheilen.

Seit meinem Eintritt in die Lehre, durch welchen ich von ihm mehr getrennt wurde, hatte ich ihn seltener gesehen; trotzdem hatten wir uns einige Zeit lang des Sonntags getroffen; aber nach und nach hatte jeder andere Gewohnheiten angenommen, und wir sahen uns seltener. Ich bin überzeugt, daß seine Mutter viel zu dieser Veränderung beitrug. Er seinerseits war ein Kind der Hochstadt, des vornehmen Stadtviertels; ich dagegen, ein unbedeutender Lehrbursche, war nichts weiter als ein Kind des Armenviertels St. Gervais. Wir standen trotz unserer Abstammung nicht mehr auf gleicher Stufe; mit mir verkehren hieß sich verunehren. Dennoch hörte das freundschaftliche Verhältnis zwischen uns nicht völlig auf, und da er ein gutmüthiger Knabe war, so folgte er trotz der Warnungen seiner Mutter bisweilen seinem Herzen. Von meinem Entschluß in Kenntnis gesetzt, eilte er herbei, nicht um mir davon abzurathen oder ihn zu billigen, sondern um mir meine Flucht durch kleine Geschenke weniger beschwerlich zu machen, denn mit meinen eigenen Mitteln konnte ich nicht weit gelangen. Unter anderem schenkte er mir einen kleinen Degen, über den ich sehr entzückt gewesen war, und den ich bis Turin getragen habe, wo ich ihn aus Noth verkaufte, und wo er mir, wie man zu sagen pflegt, den Leib durchbohrte. Je mehr ich später über die Weise, wie er sich in diesem entscheidenden Augenblicke mir gegenüber betrug, nachgedacht habe, desto mehr bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß er dabei den Anweisungen seiner Mutter, vielleicht auch seines Vaters, folgte; denn sicherlich hätte er, handelte er nach seinem eigenen Herzen, sich bemüht, mich zurückzuhalten, oder wäre versucht gewesen, mir zu folgen. Aber nichts dergleichen geschah. Er ermuthigte mich eher zu meinem Vorhaben, als daß er es mir auszureden suchte; als er mich dann ganz fest entschlossen sah, schied er ohne viel Thränen von mir. Wir haben uns nie geschrieben und uns nie wieder gesehen. Es ist schade: er hatte in der That einen guten Charakter; wir waren geschaffen, uns zu lieben.

Ehe ich auf das Verhängnis meines Schicksals eingehe, möge man mir gestatten, die Augen einen Augenblick auf das zu richten, welches mich auf dem von der Natur vorgezeichneten Wege erwartet hätte, wenn ich in die Hände eines besseren Meisters gefallen wäre. Nichts stand mit meiner Gemüthsart mehr im Einklange und war geeigneter, mich glücklich zu machen, als der ruhige und niedrige Stand eines guten Handwerkers, besonders in gewissen Klassen, wie die eines Graveurs in Genf. Einträglich genug zur Führung eines sorgenfreien Lebens und doch nicht einträglich genug zur Ansammlung eines Vermögens, hätte dieser Stand meinem Ehrgeize einen hinreichenden Spielraum für den Rest meines Lebens gewährt und mich dadurch, daß er mir vollauf Zeit ließ, mich bescheidenen Neigungen hinzugeben, in meinem Kreise zurückgehalten, ohne nur ein Mittel darzubieten, aus ihm herauszutreten. Da meine Einbildungskraft reich genug war, um jedem Stande mit ihren Gebilden Reiz zu verleihen, und stark genug, um mich gleichsam nach Belieben von einem in den andern zu versetzen, so hätte mir wenig daran gelegen, in welchem ich mich in Wirklichkeit befand. Er hätte dem Orte, wo ich mir mein erstes Luftschloß erbaut hatte, nicht so fern sein können, daß es mir nicht leicht gewesen wäre, in ihm festen Fuß zu fassen. Daraus allein folgte, daß der einfachste Stand, der, welcher mit den wenigsten Plackereien und Sorgen verbunden war, welcher die meiste geistige Freiheit ließ, derjenige war, der sich für mich am besten eignete, und das war eben der meinige. Im Schooße meiner Religion, meines Vaterlandes, meiner Familie und meiner Freunde hätte ich ein friedliches und angenehmes Leben, wie es meinem Charakter ein Bedürfnis war, in der Einförmigkeit einer mir zusagenden Arbeit und einer meinem Herzen lieben Gesellschaft verbrachte. Ich wäre ein guter Christ, ein guter Bürger, ein guter Familienvater, ein guter Freund, ein guter Arbeiter, ein Mann in jeder Beziehung gewesen. Ich würde meinen Stand geliebt, ihm vielleicht Ehre gemacht haben, und nach einem geringen und einfachen, aber gleichmäßigen und angenehmen Leben friedlich im Schooße der Meinigen gestorben sein. Unzweifelhaft bald vergessen, würde ich doch wenigstens so lange, wie man sich meiner erinnert hätte, betrauert worden sein.

Statt dessen ... Welches Bild muß ich entwerfen! Ach, wir wollen das Elend meines Lebens nicht im Voraus berühren; ich werde meine Leser mit diesem traurigen Stoffe nur allzu viel beschäftigen.


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