Bekenntnisse. Zweiter Theil

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1741

Nach zwei Jahren des Schweigens und der Geduld ergreife ich trotz meiner Vorsätze von neuem die Feder. Leser, halte dein Urtheil über die Gründe, welche mich dazu zwingen, zurück; du kannst darüber erst urtheilen, wenn du mich gelesen hast.

Man hat gesehen, wie meine Jugend in einem gleichförmigen und ziemlich genußreichen Leben ohne große Widerwärtigkeiten, aber auch ohne große Glücksfälle verlief. Dieses bescheidene Leben war zum großen Theile das Werk meines leidenschaftlichen, aber schwachen Charakters, der, weniger schnell etwas zu unternehmen als leicht zu entmuthigen, stoßweise aus der Ruhe kam, aber aus Ermattung und Neigung gleich wieder in sie verfiel. Fern von großen Tugenden und noch ferner von großen Lastern, führte er mich stets zu dem müßigen und ruhigen Leben zurück, für das ich mich geboren fühlte, und hat mir so nie vergönnt, zu etwas Großem, sei es im Guten oder im Bösen, zu gelangen.

Welch ein verschiedenes Bild werde ich bald zu entrollen haben! Das Schicksal, welches dreißig Jahre lang meinen Neigungen günstig war, arbeitete ihnen die dreißig nächsten Jahre hindurch entgegen, und man wird sehen, wie aus diesem beständigen Widerstreit zwischen meiner Lage und meinen Neigungen unerhörte Leiden und, mit Ausnahme der Kraft, alle Tugenden hervorgingen, welche dem Unglück zur Ehre gereichen können.

Den ersten Theil meiner Bekenntnisse habe ich völlig nach dem Gedächtnisse niedergeschrieben, und es kann daher nicht ausbleiben, daß ich manche Irrthümer darin begangen habe. Genötigt, den zweiten gleichfalls aus dem Gedächtnisse zu schreiben, werde ich deren wahrscheinlich noch weit mehr begehen. Die süßen Erinnerungen an meine schönen Jahre, die ich in eben so großer Stille wie Unschuld verlebte, haben mir tausend reizende Eindrücke hinterlassen, die ich mir gern immer von neuem zurückrufe. Man wird bald sehen, wie verschieden davon die Rückerinnerungen an meine spätere Lebenszeit sind. Sie mir wieder vor die Seele rufen, heißt ihre Bitterkeit erneuern. Anstatt jedoch den Gram über meine Lage durch diese traurigen Rückblicke noch zu erhöhen, vermeide ich sie soviel als möglich, und oft gelingt mir dies bis zu dem Grade, daß ich sie, selbst wenn ich sie nöthig habe, nicht wieder wach rufen kann. Die Leichtigkeit, mit der ich Leiden vergesse, ist ein Trost, welche mir der Himmel bei den Widerwärtigkeiten mitgegeben hat, welche das Schicksal eines Tages auf mich häufen sollte. Mein Gedächtnis, welches mir lediglich angenehme Dinge zurückruft, ist das glückliche Gegengewicht gegen meine in Furcht gesetzte Einbildungskraft, die mich nur eine schmerzliche Zukunft vorhersehen läßt.

Alle Papiere, welche ich gesammelt hatte, um mein Gedächtnis zu unterstützen und mir bei diesem Unternehmen als Leitfaden zu dienen, sind in andere Hände übergegangen und werden nie mehr in die meinen zurückgelangen.

Ich habe nur einen treuen Führer, auf den ich mich verlassen kann, das ist die Verkettung der Gefühle, die mein Wesen nach und nach gestaltet haben, und durch sie wieder die Verkettung, der Ereignisse, die ihre Ursache oder Wirkung gewesen sind. Ich vergesse mein Unglück leicht, aber ich kann meine Fehler nicht vergessen, und vergesse noch weniger meine guten Eindrücke. Ihre Erinnerung ist mir zu theuer, um sich je in meinem Herzen zu verwischen. Ich kann Thatsachen auslassen oder verschieben und mich in den Daten irren, aber ich kann mich nicht über meine Gefühle und über das irren, was ich unter ihrer Einwirkung gethan habe, und darum handelt es sich hauptsächlich. Der eigentliche Zweck meiner Bekenntnisse ist eine genaue Darlegung meines Innern in allen meinen Lebenslagen. Ich habe die Geschichte meiner Seele versprochen, und um sie treu niederzuschreiben, bedarf ich keiner anderen Erinnerungen; mir genügt, wie ich bisher stets gethan, die Einkehr in mich selbst.

Zum großen Glücke ist jedoch ein Zwischenraum von sechs bis sieben Jahren vorhanden, über den ich sichere Auskunft in einer abschriftlichen Sammlung von Briefen besitze, deren Originale sich in den Händen des Herrn Du Peyron befinden. Die Sammlung, welche mit dem Jahre 1760 schließt, umfaßt die ganze Zeit meines Aufenthalts in der Eremitage und meiner ernstlichen Zwistigkeit mit meinen sogenannten Freunden, eine denkwürdige Epoche in meinem Leben, welche die Quelle aller meiner übrigen Leiden wurde. Was die neueren Originalbriefe anlangt, die ich etwa noch habe und die sich nur auf eine kleine Anzahl belaufen können, so werde ich sie in die Sammlung, die viel zu umfangreich ist, als daß ich sie der Wachsamkeit meiner Argus zu entziehen hoffen dürfte, nicht aufnehmen, sondern ich werde von ihnen in diesem Werke selbst Gebrauch machen, sobald sie mir zur Aufklärung nöthig zu sein scheinen, sei es nun zu meinen Gunsten oder zu meinem Nachtheile, denn ich befürchte nicht, der Leser könnte vergessen, daß ich meine Bekenntnisse schreibe und sich dem Wahne hingeben, daß ich nur meine Rechtfertigung im Auge habe; aber er darf eben so wenig erwarten, daß ich die Wahrheit verschweige, wenn sie zu meinen Gunsten spricht.

Das Einzige übrigens, was dieser zweite Theil mit dem ersten gemein hat, ist die nämliche strenge Wahrheit; nur durch die Wichtigkeit der Thatsachen hat er eine größere Bedeutung. Dies ausgenommen kann er ihm in allem nur untergeordnet sein. Den ersten schrieb ich mit Lust und Liebe und in aller Behaglichkeit theils zu Wooton, theils im Schlosse Trye; alle Erinnerungen, welche ich wieder wach rufen mußte, waren eben so viele neue Genüsse. Ich kam unaufhörlich mit neuer Freude zu ihnen zurück und konnte meine Schilderungen ungestört wieder und wieder abändern, bis ich mit ihnen zufrieden war. Jetzt machen mich mein abnehmendes Gedächtnis und mein schwacher Kopf fast völlig arbeitsunfähig; nur gezwungen und mit einem von Angst bedrückten Herzen beschäftige ich mich mit dieser Arbeit hier. Sie bietet mir nur Leiden, Verrath, Treulosigkeiten, nur betrübende und herzzerreißende Erinnerungen dar. Ich möchte, was ich zu berichten habe, um alles in der Welt in der Nacht der Zeiten begraben können, und während ich wider meinen Willen genöthigt bin zu sprechen, ist mir noch der Zwang auferlegt, mich zu verbergen, List anzuwenden, mich zur Täuschung herzugeben und mich zu Dingen zu erniedrigen, für welche ich am wenigsten geboren war. Die Decke, die sich über mir wölbt, hat Augen; die Mauern, die mich umfangen, haben Ohren; von Spionen und eben so gehässigen wie wachsamen Aufsehern umringt, werfe ich unruhig und zerstreut in aller Hast einige unterbrochene Worte auf das Papier, welche ich kaum Zeit habe wieder durchzulesen, geschweige sie zu verbessern. Ich weiß, daß man trotz der ungeheuren Schranken, die man unaufhörlich um mich aufthürmt, doch immerdar besorgt ist, die Wahrheit könne durch irgend eine Schranke hindurchschlüpfen. Wie soll ich es anstellen, um sie hinausdringen zu lassen? Ich versuche es mit wenig Hoffnung auf Erfolg. Man urtheile selbst, ob dies dazu angethan ist, um daraus angenehme Bilder zu gestalten und ihnen eine recht anziehende Färbung zu verleihen. Deshalb mache ich diejenigen, welche meine Bekenntnisse weiter lesen wollen, darauf aufmerksam, daß sie bei der Lectüre nichts vor Langeweile schützen kann als das Verlangen, einen Menschen vollends kennen zu lernen, sowie die aufrichtige Liebe zur Gerechtigkeit und zur Wahrheit.

Am Schlusse des ersten Theils habe ich erzählt, daß ich mit Kummer nach Paris abreiste, da mein Herz noch immer an Charmettes hing, wo ich mein letztes Luftschloß erbaut hatte, aber in der festen Absicht, eines Tages zu Mamas Füßen, die dann sich selbst zurückgegeben sein würde, die Schätze, die ich mir erworben hätte, niederzulegen, da ich darauf rechnete, daß mir mein Musikplan zu einem sichern Vermögen verhelfen müßte.

Ich verblieb einige Zeit in Lyon, um dort meine Bekannten zu besuchen, nur einige Empfehlungen für Paris zu verschaffen, und meine geometrischen Bücher, die ich mitgenommen hatte, zu verkaufen. Alle Welt empfing mich freundlich. Herr und Frau von Mably legten ihre Freude an den Tag, mich wiederzusehen und luden mich öfter zu Tische ein. Ich machte bei ihnen die Bekanntschaft des Abbé von Mably, wie ich bereits die des Abbé von Condillac gemacht hatte, welche beide zum Besuche ihres Bruders gekommen waren. Der Abbé von Mably gab mir Briefe nach Paris mit, unter andern einen an Herrn von Fontenelle und einen andern an den Grafen von Caylus. Beide waren mir sehr angenehme Bekanntschaften, namentlich der Erstere, welcher mir bis zu seinem Tode beständig seine Freundschaft bewiesen und mir bei unseren Zusammenkünften unter vier Augen Rathschläge ertheilt hat, die ich nur besser hätte benutzen sollen.

Ich sah Herrn Bordes wieder, mit welchem ich schon vor langer Zeit bekannt geworden und der mich oft herzlich gern und mit aufrichtiger Freude verpflichtet hatte. Auch diesmal war er noch immer derselbe. Er besorgte den Verkauf meiner Bücher und gab mir nicht nur selbst gute Empfehlungsschreiben nach Paris mit, sondern verschaffte mir auch noch einige von andern. Ich sah den Herrn Intendanten wieder, dessen Bekanntschaft ich dem Herrn Bordes verdankte, und der dafür sorgte, daß ich auch die des Herrn Herzogs von Richelieu machte, der sich gerade zu jener Zeit in Lyon aufhielt. Herr Pallu stellte mich ihm vor. Herr von Richelieu empfing mich recht freundlich und forderte mich auf, ihn in Paris zu besuchen, was ich auch mehrmals that, ohne daß mir jedoch diese hohe Bekanntschaft, von der ich späterhin noch oft werde sprechen müssen, je in etwas nützlich gewesen wäre.

Ich sah den Musiker David wieder, der mir auf einer meiner vorhergehenden Reisen in großer Noth bereitwillig beigestanden hatte. Er hatte mir eine Mütze und Strümpfe geliehen oder geschenkt, die ich ihm nie wiedergegeben und er nie von mir zurückverlangt hat, obgleich wir uns nachher oft trafen. Ich habe ihm jedoch in der Folge ein Geschenk von ungefähr gleichem Werthe gemacht. Ich würde Besseres davon erzählen, wenn es sich hier um das handelte, was ich hätte thun sollen; aber es handelt sich hier um das, was ich gethan habe, und das ist leider nicht dasselbe. Ich sah den edlen und großmüthigen Perrichon wieder, und es geschah nicht, ohne daß er mir einen Beweis seiner gewöhnlichen Freigebigkeit gab, denn er machte mir dasselbe Geschenk, das er vorher dem edelen Bernard gemacht hatte, indem er meinen Platz in der Post bezahlte. Ich sah den Chirurg Parisot wieder, den besten und wohlwollendsten der Menschen; ich sah seine theure Godefroi wieder, die er seit zehn Jahren unterhielt und deren ganzes Verdienst fast nur in der Sanftmuth ihres Charakters und in ihrer Herzensgüte bestand, der man sich aber nicht ohne Theilnahme nähern und nicht ohne Rührung Lebewohl sagen konnte, denn sie befand sich in dem letzten Stadium der Schwindsucht, an der sie kurz darauf starb. Nichts giebt die wahren Neigungen eines Mannes besser zu erkennen, als der Charakter seiner Geliebten. Er müßte sich denn von Anfang an in seiner Wahl getäuscht haben, ober die, welcher er seine Neigung geschenkt, müßte in Folge eines Zusammentreffens von außerordentlichen Ursachen später ihren Charakter geändert haben, was durchaus nicht unmöglich ist. Wollte man diese Behauptung ohne Einschränkung gelten lassen, so müßte man Sokrates nach seiner Frau Xantippe und Dion nach seinem Freunde Calippus beurtheilen, was das unbilligste und unrichtigste Urtheil sein würde, das je gefällt ist. Uebrigens möge man sich hierbei jeder beleidigenden Anwendung auf meine Frau enthalten. Sie ist zwar beschränkter und leichter zu täuschen, als ich erwartet hatte; aber was ihren reinen, vortrefflichen und aufrichtigen Charakter betrifft, so ist derselbe meiner ganzen Achtung würdig und wird sie sich bewahren, so lange ich lebe. Hatte man die sanfte Godefroi gesehen, so kannte man den guten Parisot.

Ich war allen diesen ehrlichen Leuten Dank schuldig. Späterhin vernachlässigte ich sie alle, sicherlich nicht aus Undankbarkeit, sondern aus jener unüberwindlichen Faulheit, welche mir oft den Anschein der ersteren verliehen hat. Nie ist das Gefühl ihrer Freundlichkeit in meinem Herzen geschwunden, aber es würde mir weniger schwer gefallen sein, ihnen meine Erkenntlichkeit durch die That zu beweisen, als sie ihnen beständig zu versichern. Die Pünktlichkeit im Briefschreiben hat stets meine Kräfte überstiegen; sobald ich anfange, mich dazu aufzuraffen, zeigen mir Scham und Verlegenheit meine Schuld in einem noch schlimmeren Lichte, und ich bin nun erst recht außer Stande zu schreiben. Ich habe also Stillschweigen beobachtet und geschienen, sie zu vergessen. Parisot und Perrichon haben es nicht einmal beachtet, und ich habe sie stets als die nämlichen wiedergefunden; aber zwanzig Jahre später wird man an Herrn Bordes erkennen, bis zu welchem Rachedurst die verletzte Eigenliebe einen Schöngeist fortreißen kann, wenn er sich vernachlässigt glaubt.

Bevor ich Lyon verlasse, muß ich noch einer liebenswürdigen Persönlichkeit erwähnen, welche ich daselbst mit größerer Freude als je wiedersah, und die in meinem Herzen sehr zärtliche Erinnerungen zurückließ; es ist Fräulein Serre, von welcher ich im ersten Theil gesprochen habe, und deren Bekanntschaft ich während meines Aufenthaltes bei Herrn von Mably erneuert hatte. Da ich auf dieser Reise mehr Muße hatte, sah ich sie häufiger; ich verliebte mich in sie, und zwar sehr leidenschaftlich. Ich hatte einige Ursache zu glauben, daß sie mir nicht abgeneigt wäre; aber sie bezeigte mir ein Vertrauen, welches mir die Versuchung benahm, es zu mißbrauchen. Sie hatte nichts und ich eben so wenig; unsere Umstände waren einander zu ähnlich, als daß wir uns hätten verbinden können; und bei den Plänen, mit welchen ich mich trug, war ich weit davon entfernt, an eine Heirath zu denken. Sie theilte mir mit, daß ein junger Großhändler, Namens Genéve, ihr in ernstlicher Absicht den Hof machte. Ich sah ihn ein- oder zweimal bei ihr; er schien mir ein Ehrenmann und galt als ein solcher. Ueberzeugt, daß sie mit ihm glücklich sein würde, wünschte ich, daß er sie heirathen möchte, wie er auch später gethan hat; und um ihre unschuldige Liebe nicht zu stören, beeilte ich mich abzureisen, indem ich dieser reizenden Person von Herzen alles Gute wünschte. Leider sind meine Wünsche hienieden nur auf sehr kurze Zeit erfüllt worden, denn, wie ich in der Folge hörte, war sie schon nach Verlauf von zwei oder drei Jahren ihrer Ehe gestorben. Auf meiner ganzen Reise von einer zärtlichen Trauer erfüllt, fühlte ich und habe es seitdem, wenn ich daran zurückdachte, noch oft gefühlt, daß, wenn die Opfer, welche man der Pflicht und der Tugend bringt, auch schwer fallen, man dafür doch durch die süßen Erinnerungen, die sie in der Tiefe des Herzens zurücklassen, reichen Ersatz erhält.

In so ungünstigem Lichte ich Paris auf meiner vorhergehenden Reise gesehen hatte, in so glänzendem erblickte ich es auf meiner jetzigen, wobei ich allerdings von meiner Wohnung absehen muß, denn auf eine Adresse hin, die mir Herr Bordes gegeben hatte, stieg ich in dem Hotel Saint-Quentin in der Franziskanerstraße ab, in der Nähe der Sorbonne, in einer häßlichen Straße und in einem häßlichen Hotel, wo ich ein häßliches Zimmer erhielt. Trotzdem hatten daselbst sehr tüchtige Männer gewohnt, wie Gressel, Bordes, die Abbés von Mably, von Condillac und mehrere andere, von denen ich leider keinen mehr antraf. Statt ihrer fand ich daselbst einen Herrn von Bonnefond, einen hinkenden Krautjunker und händelsüchtigen Menschen, der den Puristen spielte. Ihm verdankte ich die Bekanntschaft des Herrn Roguin, jetzt des ältesten meiner Freunde, und durch ihn wieder wurde ich mit dem Philosophen Diderot bekannt, von dem ich in der Folge noch viel werde zu reden haben.

Ich kam in Paris im Herbste des Jahres 1741 mit fünfzehn Louisdor baarem Gelde, meinem Lustspiele Narciß und meinem Musikplane als einzigem Hilfsmittel an, und hatte folglich nur wenig Zeit zu verlieren, um so schnell wie möglich Nutzen aus ihnen zu ziehen. Ich beeilte mich, meine Empfehlungsbriefe abzugeben, von denen ich mir vielen Erfolg versprach. Ein junger Mann, der in Paris mit einem leidlichen Aeußern anlangt und in dem Rufe steht, Talente zu besitzen, ist stets einer guten Aufnahme sicher. Sie ward mir zu Theil. Sie gewährte mir zwar mancherlei Annehmlichkeiten, aber keinen größeren Vortheil. Unter allen Personen, denen ich empfohlen war, wurden mir nur drei nützlich: Herr Damesin, ein französischer Edelmann, zu der Zeit Stallmeister und, wie ich glaube, Günstling der Frau Prinzessin von Carignan; Herr von Boze, Secretär der Akademie der Inschriften und Conservator des Münzcabinets des Königs; und der Pater Castel, ein Jesuit und Verfasser des Augenklaviers. Alle diese Empfehlungen hatte ich mit Ausnahme des an Herrn Damesin gerichteten Briefes von dem Herrn Abbé von Mably erhalten.

Für das augenblicklich Nöthigste sorgte Herr Damesin durch zwei Bekanntschaften, die er mir verschaffte; die eine war die des Herrn Gasc, Parlamentspräsidenten von Bordeaux, der sehr gut Violine spielte, die andere die des Herrn Abbé von Léon, der damals in der Sorbonne wohnte. Er war ein sehr liebenswürdiger Edelmann, der in der Blüte seines Alters starb, nachdem er kurze Zeit in der Welt unter dem Namen eines Chevalier von Rohan geglänzt hatte. Beide hatten Lust bekommen, die Compositionslehre zu studiren. Ich unterrichtete sie einige Monate darin, was meine abnehmende Börse wieder kräftigte. Der Abbé von Léon gewann mich lieb und wünschte, ich sollte sein Secretär werden. Aber er war nicht reich und konnte mir alles in allem nur achthundert Franken anbieten. So leid es mir that, mußte ich sie zurückweisen, da sie für meine Wohnung, meine Nahrung und Kleidung nicht ausreichend waren.

Herr von Boze empfing mich sehr herzlich. Er liebte die Wissenschaft und war selbst sehr kenntnisreich, wenn auch ein wenig pedantisch. Frau von Boze hätte für seine Tochter gelten können; sie war blühend und spielte ein wenig die Herrin. Ich aß bisweilen bei ihnen. Man kann sich nicht linkischer und alberner betragen, als ich es ihr gegenüber that. Ihr ungezwungenes Auftreten schüchterte mich ein und ließ mein Benehmen nur noch lächerlicher erscheinen. Wenn sie mir einen Teller hinreichte, streckte ich die Gabel aus, um mir von dem, was sie mir anbot, blöde ein Stückchen zu nehmen, so daß sie den für mich bestimmten Teller einem Diener zurückgab, wobei sie sich umwandte, daß ich ihr Lachen nicht sähe. Sie hatte keine Ahnung, daß im Kopfe dieses Bauernjungen doch einiger Geist steckte. Herr von Boze stellte mich Herrn von Réaumure, seinem Freunde, vor, der an jedem Freitage, dem Versammlungstage der Akademie der Wissenschaften, bei ihm speiste. Er redete mit ihm von meinem Plane und von dem Wunsche, den ich hegte, ihn der Prüfung der Akademie zu unterwerfen. Herr von Réaumure übernahm es, den darauf bezüglichen Antrag zu stellen, der auch genehmigt wurde. An dem festgesetzten Tage wurde ich von Herrn von Réaumure eingeführt und vorgestellt, und noch an dem nämlichen Tage, den 22. August 1742, hatte ich die Ehre, der Akademie die Denkschrift vorzulesen, welche ich zu diesem Zwecke ausgearbeitet hatte. Obgleich diese erlauchte Versammlung sicherlich sehr Achtung gebietend war, fühlte ich mich in ihr doch weit weniger eingeschüchtert, als in der Gegenwart der Frau von Boze und ich zog mich bei dem Vorlesen und der sich daran schließenden Erörterung ganz leidlich aus der Sache. Die Denkschrift fand Beifall und ich erntete Glückwünsche ein, die mir eben so überraschend wie schmeichelhaft waren, da ich mir kaum zu denken vermochte, daß vor einer Akademie jemand, der kein Mitglied derselben war, gesunde Vernunft besitzen könnte. Mit der Prüfung meiner Vorlage wurden die Herren von Mairan, Hellot und von Fouchy beauftragt, alle drei sicherlich verdienstvolle Leute, aber von denen keiner musikalische Kenntnisse hatte, wenigstens nicht so viele, um im Stande zu sein, meinen Plan zu beurtheilen.

1742

Während meiner Berathung mit diesen Herren überzeugte ich mich mit der größten Gewißheit wie zu meinem höchsten Erstaunen, daß diese Gelehrten, wenn sie bisweilen weniger Vorurtheile als andere Menschen haben, dafür um so stärker an diesen wenigen hängen. Wie schwach und falsch auch der größte Theil ihrer Einwürfe war und mit wie durchschlagenden Gründen ich auch darauf entgegnete, wenn auch, wie ich gern zugebe, schüchtern und in schlechtgewählten Ausdrücken, so gelang es mir doch nicht ein einziges Mal, mich verständlich zu machen und sie zu befriedigen. Ich war stets über die Leichtigkeit erstaunt, mit welcher sie mich vermittelst einiger hochklingenden Redensarten widerlegten, ohne mich auch nur verstanden zu haben. Sie kundschafteten aus, ich weiß nicht wo, daß ein Mönch, der Pater Souhaitti, sich einst vorgenommen hatte, die Tonleiter durch Zahlen auszudrücken. Dies genügte zu der Behauptung, daß mein System nicht neu wäre. Die Sache an sich mag ja richtig sein; denn obgleich ich nie von dem Pater Souhaitti gehört hatte und seine Art, die sieben Noten des Kirchengesanges ohne Rücksicht auf die Oktaven zu schreiben, in keinerlei Weise verdiente mit meiner einfachen und bequemen Erfindung verglichen zu werden, jede nur denkbare Musik, Schlüssel, Pausen, Oktaven, Takte, Tempo und Werth der Noten, lauter Dinge, an welche Souhaitti nicht einmal gedacht hatte, auf leichte Weise mit Zahlen zu bezeichnen, so war es nichtsdestoweniger ganz richtig zu behaupten, daß er als der erste Erfinder der angegebenen Bezeichnung der sieben Noten betrachtet werden mußte! Aber abgesehen davon, daß sie dieser ursprünglichen Erfindung eine größere Wichtigkeit beilegten, als sie hatte, blieben sie auch dabei noch nicht stehen, und sobald sie von dem eigentlichen Kern des Systems reden wollten, schwatzten sie nichts als lauter Unsinn. Der größte Vortheil des meinigen war, das Transponiren und die Schlüssel unnöthig zu machen, so daß durch die blose Aenderung eines einzigen Anfangsbuchstabens vor der Melodie das nämliche Musikstück nach Belieben in jeder Tonart aufgeschrieben und darin transponirt war. Diese Herren hatten gewandte Notenleser in Paris sagen hören, daß die Methode des Transponirens nichts taugte. Hiervon gingen sie aus, um den augenscheinlichsten Vorzug meines Systems gerade als Einwand gegen dasselbe geltend zu machen, und sie fällten das Urtheil, daß meine Bezeichnung der Noten für die Vocalmusik zwar geeignet, für die Instrumentalmusik dagegen unpraktisch wäre. Umgekehrt hätte ihr Urtheil ausfallen müssen, wie sich auch gebührt hätte und meine Notenschrift wäre für die Vocalmusik gut und für die Instrumentalmusik noch besser. Auf ihren Bericht hin gewährte mir die Akademie ein Zeugnis voll sehr schöner Artigkeiten, aus denen hervorleuchtete, daß sie im Wesentlichen mein System weder für neu noch für zweckdienlich erachtete. Ich hielt es nicht für nöthig, das Werk, welches ich unter dem Titel »Abhandlung über die moderne Musik« herausgab, mit einem solchen Schriftstück zu zieren, zumal ich darin bei dem Publikum gegen dasselbe Verwahrung einlegte.

Bei diesem Vorfalle hatte ich Gelegenheit wahrzunehmen, wie die alleinige, aber gründliche Kenntnis einer Sache selbst einem beschränkten Kopfe eine größere Fähigkeit zu einer richtigen Beurtheilung derselben verleiht, als alle Einsicht, welche die Pflege der Wissenschaften gewährt, wenn man nicht gleichzeitig das besondere Studium, um welches es sich handelt, betreibt. Der einzige beachtungswerthe Einwand, welcher sich gegen mein System erheben ließ, wurde von Rameau gemacht. Kaum hatte ich es ihm auseinandergesetzt, als er die schwache Seite desselben sofort erkannte. «Ihre Zeichen,« sagte er zu mir, »sind in der Beziehung sehr gut, daß sie die Geltung der Noten einfach und klar bestimmen, die Pausen deutlich angeben und in der Verdoppelung stets das Einfache zeigen, lauter Dinge, für welche die gewöhnliche Notenschrift nichts thut; aber sie taugen insofern nichts, als sie eine Geistesthätigkeit verlangen, welche nicht immer der Schnelligkeit der Ausführung zu folgen vermag. Das Auge,« fuhr er fort, »überschaut mit einem Blicke die Stellung unserer Noten und macht diese Geistesthätigkeit deshalb überflüssig. Wenn zwei Noten, eine sehr hohe und eine sehr niedrige, durch eine Reihe dazwischen liegender Noten verbunden werden, so sehe ich auf den ersten Blick ihre stufenweise Verbindung mit einander; aber um bei Ihnen einen sicheren Ueberblick der ganzen Tonreihe zu gewinnen, muß ich notwendigerweise alle ihre Zahlen eine nach der andern lesen; der Ueberblick läßt sich jedoch durch nichts ersetzen.« Gegen diesen Einwurf schien sich nichts einwenden zu lassen, und ich gestand es sofort zu; obgleich er einfach und schlagend ist, gehört doch eine langjährige Uebung in der Kunst dazu, um auf ihn zu verfallen, und es ist deshalb nicht erstaunlich, daß er keinem der Akademiker in den Sinn kam; es ist im Gegentheil nur erstaunlich, daß alle diese großen Gelehrten, die so vielerlei Dinge wissen, so wenig verstehen, daß jeder nur über sein Fach urtheilen sollte.

Meine häufigen Besuche bei jenen drei Herren wie bei andern Akademikern gaben mir Gelegenheit mit den ausgezeichnetsten Vertretern der Literatur in Paris Bekanntschaft zu schließen; und diese Bekanntschaft hatte schon eine feste Gestalt angenommen, als ich mich später mit einem Male unter sie gerechnet sah. Nur mit meinem Musiksysteme beschäftigt, trug ich mich für den Augenblick hartnäckig mit dem Plane, durch dasselbe eine Revolution in dieser Kunst hervorzurufen und auf diese Weise zu einer Berühmtheit zu gelangen, die sich auf dem Gebiete der schönen Künste in Paris stets mit Vermögen vereint. Ich schloß mich in mein Zimmer ein und arbeitete zwei oder drei Monate mit einem unbeschreiblichen Eifer daran, die Denkschrift, welche ich in der Akademie vorgelesen hatte, zu einem für die Oeffentlichkeit bestimmten Werke umzuarbeiten. Die Schwierigkeit war, einen Buchhändler zu finden, der geneigt war, den Verlag meines Manuscriptes zu übernehmen, in Anbetracht daß die Anfertigung der neuen Notenzeichen einige Ausgaben erforderte, während die Buchhändler selten Lust haben, ihre Thaler den Anfängern an den Kopf zu werfen. Mir hingegen schien es nur ganz gerecht zu sein, daß mir mein Werk das Brot, welches ich während der Abfassung verzehrt hatte, wieder einbrächte.

Bonnefond verschaffte mir Quillau, den Vater, der mit mir einen Vertrag abschloß, nach welchem ich die Hälfte des Gewinnes erhalten, aber für die Kosten des Privilegiums allein aufkommen sollte. Dieser Herr Quillau hatte es so einzurichten verstanden, daß mir das Privilegium keine Ausgaben verursachte, ich aber von dieser Ausgabe auch nie einen Heller bekam, die wahrscheinlich einen unbedeutenden Absatz hatte, obgleich mir der Abbé Desfontaines versprochen, für sie Reklame zu machen, und auch die andern Journalisten sich ziemlich vortheilhaft über sie ausgesprochen hatten.

Das größte Hindernis, einen ernstlichen Versuch mit meinem Systeme zu machen, war die Furcht, daß man, sobald es nicht eingeführt würde, die zu seiner Erlernung nöthige Zeit verlöre. Ich wandte dagegen ein, daß, wollte man die Musik nach der gewöhnlichen Notenschrift erlernen, man noch immer Zeit gewinnen würde, wenn man sich erst mit der meinigen vertraut machte. Um hierfür einen thatsächlichen Beweis zu liefern, unterrichtete ich eine junge Amerikanerin, ein Fräulein Des Roulins, deren Bekanntschaft mir Herr Roguin verschafft hatte, unentgeltlich in der Musik. In drei Monaten war sie im Stande, jedwede Musik nach meinen Noten zu lesen und selbst vom Blatte zu singen, ja sogar besser als ich selbst, wenn sie von allzu großen Schwierigkeiten frei war. So schlagend dieser Erfolg auch war, blieb er doch unbekannt. Ein anderer hätte die Zeitungen damit erfüllt; aber mit dem geringen Talente, nützliche Erfindungen zu machen, verband ich nicht das noch größere, sie auch zur Geltung zu bringen.

So war denn mein Heronsball wiederum zertrümmert; allein dieses zweite Mal zählte ich dreißig Jahre und fand mich auf dem Pariser Pflaster, auf dem man nicht umsonst lebt. Der Entschluß, den ich in dieser Bedrängnis faßte, wird nur die in Erstaunen versetzen, welche den ersten Theil dieser Lebenserinnerungen nicht aufmerksam gelesen haben. Ich hatte eine Zeit eben so großer wie fruchtloser Aufregungen durchgemacht; ich mußte wieder Athem schöpfen. Anstatt mich der Verzweiflung zu überlassen, überließ ich mich ruhig meiner Trägheit und dem Walten der Vorsehung, und um ihr Zeit zu lassen, ihr Werk zu verrichten, begann ich, ohne mich dabei allzu sehr zu beeilen, die wenigen Louisdor, die mir noch blieben, zu verzehren, indem ich den Aufwand für meine sorglosen Vergnügen regelte, ohne ihn ganz einzustellen, und das Café nur noch einen Tag um den andern und das Theater blos zweimal wöchentlich besuchte. Bei den Ausgaben für Mädchen brauchte ich keine Einschränkung eintreten zu lassen, da ich für derlei in meinem ganzen Leben nicht einen Sous verschwendet habe, wenn nicht etwa ein einziges Mal, wie ich bald zu erzählen haben werde.

Die Sorglosigkeit, die Freudigkeit, die Seelenruhe, mit der ich mich diesem lässigen und einsiedlerischen Leben überließ, für welches meine Mittel keine drei Monate ausreichten, ist eine der Sonderbarkeiten meines Lebens und eine der Seltsamkeiten meines Charakters. Das dringende Bedürfnis, daß sich Fremde meiner annähmen, war gerade das, was mir den Muth raubte, mich zu zeigen, und die Notwendigkeit, Besuche abzustatten, machte sie mir in einem Grade unerträglich, das ich sogar davon Abstand nahm, die Akademiker und andere Gelehrte, bei denen ich schon in geselligen Verkehr getreten war, zu besuchen. Marivaux, der Abbé von Mably und Fontenelle waren fast die einzigen, zu denen ich noch bisweilen ging. Ich zeigte dem ersteren sogar mein Lustspiel Narciß. Es gefiel ihm und er hatte die Gefälligkeit, es zu überarbeiten. Diderot, jünger als sie, war ungefähr von meinem Alter. Er liebte die Musik und verstand ihre Theorie; sie bildete den Gegenstand unserer Unterredungen; er erzählte mir auch von den Werken, die er zu verfassen gedachte. Hierdurch wurde bald eine innigere Verbindung zwischen uns herbeigeführt, die fünfzehn Jahre gedauert hat und wahrscheinlich noch dauern würde, wenn ich mich nicht leider, und noch dazu ganz durch seine eigene Schuld, dem gleichen Berufe wie er zugewandt hätte.

Man würde sich nicht denken können, worauf ich diesen kurzen und köstlichen Zwischenraum, der mir noch blieb, ehe ich mir mein Brot erbetteln mußte, verwandte: auf das Auswendiglernen von Stellen aus Dichtern, die ich bereits hundertmal gelernt und eben so oft vergessen hatte. Jeden Morgen ging ich, einen Virgil oder einen Rousseau in der Tasche, gegen zehn Uhr in den Luxembourggarten und memorirte dort bis zur Eßstunde bald eine geistliche Ode und bald ein Hirtenlied, ohne mich dadurch abschrecken zu lassen, daß ich über das heutige Lernen das gestern Gelernte jedesmal wieder vergaß. Es war mir eingefallen, daß nach der Niederlage des Nicias bei Syrakus sich die gefangenen Athenienser durch den Vortrag der Dichtwerke Homers ihren Lebensunterhalt verdienten. Der Ausweg, den mir dieser Beweis von Gelehrsamkeit an die Hand gab, um mich vor Noth zu schützen, war, mein glückliches Gedächtnis der Art zu üben, daß ich alle Dichter auswendig wußte.

Ein anderes nicht weniger verläßliches Mittel bot mir das Schachspiel dar, dem ich die Nachmittage der Tage, an denen ich nicht das Theater besuchte, regelmäßig im Café Maugis widmete. Ich machte daselbst die Bekanntschaft des Herrn von Légal, eines Herrn Husson, Philidor, so wie aller großer Schachspieler jener Zeit, und wurde dadurch doch nicht geschickter. Gleichwohl zweifelte ich nicht, daß ich es schließlich darin weiter bringen würde als sie alle, und das mußte mir meiner Ansicht nach hinreichende Hilfsmittel gewähren. Welche Thorheit sich meiner auch bemächtigte, ich urtheilte über sie stets in gleicher Weise. Ich sagte mir: Der Erste in irgend einer Sache ist stets sicher gesucht zu werden. Ich will also alle übertreffen, gleichviel worin; ich werde gesucht werden, Gelegenheiten werden sich bieten, und mein Talent wird das Uebrige thun. Diese Kinderei war nicht der sophistische Ausfluß meiner Vernunft, sondern meiner Trägheit. Mich vor den großen und raschen Anstrengungen entsetzend, die ich hätte machen müssen, um mich zu ermannen, suchte ich meiner Trägheit zu schmeicheln, und bemäntelte das Schimpfliche derselben mit Schlußfolgerungen, die ihrer würdig waren.

So wartete ich ruhig das Aufhören meiner Geldmittel ab, und ich wäre, wie ich glaube, beim letzten Sou angekommen, ohne mich mehr zu beunruhigen, wenn mich nicht der Pater Castel, den ich mitunter auf dem Wege nach dem Café besuchte, aus meinem Stumpfsinn aufgescheucht hätte. Der Pater Castel war ein Narr, aber im Uebrigen ein gutmüthiger Mensch. Es that ihm leid zu sehen, wie ich mich so verzehrte, ohne etwas zu thun. »Da die Musiker und Gelehrten,« sagte er, »nicht singen wollen, wie Sie verlangen, so greifen Sie doch einmal nach etwas anderem und versuchen Sie, wie weit Sie es mit Hilfe der Frauen bringen. Mit ihnen wird es Ihnen vielleicht besser gelingen. Ich habe mit Frau von Beuzenval über Sie gesprochen; stellen Sie sich ihr vor und sagen Sie ihr, ich hätte Sie geschickt. Es ist eine gute Frau, die mit Freuden einen Landsmann ihres Sohnes und ihres Mannes kennen lernen wird. Sie werden bei ihr Frau von Broglie, ihre Tochter, eine sehr geistvolle Dame, antreffen. Auch mit Frau Dupin habe ich Ihretwegen Rücksprache genommen; überreichen Sie derselben Ihr Werk; sie hat Lust, Sie kennen zu lernen, und wird Sie gut aufnehmen. In Paris erreicht man nichts ohne die Frauen; sie sind die Curven, deren Asymptoten die Gelehrten bilden; sie nähern sich ihnen unaufhörlich, ohne sie je zu berühren.«

Nachdem ich diesen schrecklichen Frohndienst lange von einem Tage auf den andern aufgeschoben hatte, faßte ich endlich Muth und stellte mich Frau von Beuzenval vor. Sie empfing mich gütig. Als Frau von Broglie hereinkam, sagte sie zu derselben: »Das ist Herr Rousseau, meine Tochter, von dem uns der Pater Castel erzählt hat.« Frau von Broglie sagte mir viel Verbindliches über mein Werk und zeigte mir, indem sie mich an ihr Klavier führte, daß sie sich damit beschäftigt hatte. Als es nach ihrer Stutzuhr beinahe Eins war, wollte ich aufbrechen. Frau von Beuzenval sagte jedoch: »Sie haben sehr weit bis zu Ihrer Wohnung, bleiben Sie deshalb und speisen Sie hier.« Ich ließ mich nicht lange bitten. Eine Viertelstunde nachher entnahm ich aus einigen Worten, daß mich Frau von Beuzenval nur zu der Tafel ihrer Hausbeamten eingeladen hatte. Sie war eine herzensgute, aber äußerst beschränkte Frau, und noch ganz erfüllt von ihrem erlauchten polnischen Adel, hatte sie keine Vorstellung von den Rücksichten, die man dem Talente schuldig ist. Sogar bei dieser Gelegenheit beurtheilte sie mich mehr nach meiner Haltung als nach meinem Anzuge, der, wenn auch sehr einfach, doch sehr sauber war und keineswegs auf einen Menschen deutete, der an die Dienertafel gesetzt werden mußte. Schon seit zu langer Zeit kannte ich den Weg dahin nicht mehr, um jetzt noch Lust zu haben, ihn wieder zu lernen. Ohne meinen ganzen Verdruß merken zu lassen, sagte ich zu Frau von Beuzenval, daß mich ein kleines Geschäft, das mir so eben erst wieder eingefallen wäre, in meine Wohnung zurückriefe, und ich schickte mich an zu gehen. Frau von Broglie näherte sich ihrer Mutter und sagte ihr einige Worte ins Ohr, die ihre Wirkung hatten. Frau von Beuzenval erhob sich, um mich zurückzuhalten, und sagte: »Ich rechne darauf, daß Sie uns die Ehre geben werden, mit uns zu speisen.« Ich hielt es für thöricht, den Stolzen zu spielen, und blieb deshalb. Ueberdies hatte mich die Güte der Frau von Broglie gerührt und sie mir anziehend gemacht. Es gewährte mir große Freude, mit ihr zu speisen, und ich hoffte, daß sie es nach näherer Bekanntschaft mit mir nicht bereuen würde, mir diese Ehre verschafft zu haben. Der Herr Präsident von Lamoignon, ein intimer Freund der Familie, speiste ebenfalls daselbst. Er redete wie Frau von Broglie jene conventionelle Pariser Sprache, in der alles in kurzen Andeutungen, in versteckten Anspielungen ausgedrückt wird. Da gab es für den armen Jean Jacques keine Gelegenheit zu glänzen. Ich hatte so viel Vernunft, nicht invita Minerva den Liebenswürdigen und Geistreichen spielen zu wollen, und schwieg. Es wäre mein Glück gewesen, hätte ich immer so viel Klugheit besessen. Ich würde mich dann nicht in dem Abgrunde befinden, in dem ich augenblicklich bin.

Ich war trostlos über mein tölpelhaftes Wesen, weil es mich unfähig gemacht hatte, in den Augen der Frau von Broglie ihre mir erwiesene Freundlichkeit zu rechtfertigen. Nach der Tafel nahm ich zu meiner gewöhnlichen Hilfsquelle die Zuflucht. Ich hatte in meiner Tasche eine Epistel in Versen, die ich während meines Aufenthalts in Lyon an Parisot gerichtet hatte. Dieser Arbeit fehlte es nicht an Wärme; ich hob dieselbe durch die Art meines Vortrages noch mehr hervor und rührte sie alle drei zu Thränen. Beruhte es nun auf bloser Eitelkeit oder deutete ich die Blicke, die ich Frau von Broglie ihrer Mutter zuwerfen sah, wirklich richtig, sie schienen mir ihr zu sagen: »Nun, Mama, hatte ich nicht Recht zu behaupten, daß es schicklicher wäre, diesen Mann mit uns als mit unsern Kammerfrauen speisen zu lassen?« Bis zu diesem Augenblicke war mir das Herz ein wenig schwer gewesen; aber nachdem ich mich auf diese Weise gerächt hatte, war ich zufrieden. Frau von Broglie, die ihre günstige Meinung von mir ein wenig zu weit trieb, glaubte, daß ich in Paris Aufsehen erregen und ein Liebling der Frauen werden würde. Um mir bei meiner Unerfahrenheit eine Anleitung zu geben, schenkte sie mir die Bekenntnisse des Grafen ***. »In diesem Buche,« sagte sie zu mir, »besitzen Sie einen Mentor, dessen Sie in der Welt bedürfen werden. Sie werden gut daran thun, ihn bisweilen zu Rathe zu ziehen.« Länger als zwanzig Jahre habe ich dieses Exemplar aus Dankbarkeit gegen die Hand, aus der ich es empfing, aufbewahrt, aber freilich oft über die Meinung lachend, welche diese Dame von meinen Anlagen zur Galanterie zu haben schien. Seit meiner Lectüre dieses Buches wünschte ich mir die Freundschaft seines Verfassers zu erwerben. Diese Sehnsucht führte mich nicht irre: er ist der einzige wahre Freund, den ich unter den Gelehrten gehabt habe. Ich habe dies so lange geglaubt und war so fest davon überzeugt, daß ich nach meiner Rückkehr nach Paris gerade ihm das Manuscript meiner Bekenntnisse anvertraute. Der mißtrauische Jean Jacques hat nie an die Treulosigkeit und Falschheit glauben können, als nachdem er ihr Opfer geworden war.

Von diesem Augenblicke an rechnete ich darauf, daß mich die Frau Baronin von Beuzenval und die Fran Marquise von Broglie, die eine sichtliche Theilnahme für mich hegten, nicht lange ohne Hilfsquelle lassen würden, und ich täuschte mich nicht. Reden wir jetzt von dem mir bei Frau Dupin gestatteten Zutritt, der längere Folgen gehabt hat. Frau Dupin war bekanntlich eine Tochter Samuel Bernards und der Frau Fontaine. Man konnte sie und ihre beiden Schwestern die drei Grazien nennen. Die eine derselben, Frau de la Touche, war mit dem Herzog von Kingston nach England durchgegangen, und die andere, Frau von Arty, war die Geliebte und, was mehr sagen will, die Freundin, die einzige und aufrichtige Freundin des Prinzen von Conti, eine durch die Sanftmuth und Güte ihres liebenswürdigen Charakters wie durch die Anmuth ihres Geistes und die sich stets gleich bleibende Heiterkeit ihrer Laune anbetungswürdige Frau. Zu ihnen trat als die dritte Frau Dupin, die schönste von den Schwestern und die einzige, die in jeder Beziehung vorwurfsfrei dastand. Sie war der Lohn für die Gastfreundschaft des Herrn Dupin, welchem ihre Mutter sie nebst einer Stelle als Generalpächter und einem unermeßlichen Vermögen aus Dankbarkeit für die freundliche Aufnahme gab, die er ihr in seiner Provinz bereitet hatte. Als ich sie zum ersten Male sah, war sie noch eine der schönsten Frauen von Paris. Sie empfing mich an ihrem Putztisch. Ihre Arme waren nackt, ihre Haare aufgelöst, ihr Pudermantel in Unordnung. Ein solcher Empfang war mir völlig neu; mein armer Kopf hielt ihn nicht aus; ich werde verlegen, ich verliere die Fassung, kurz ich verliebe mich auf der Stelle in Frau Dupin.

Meine Verlegenheit schien mir bei ihr nicht zu schaden; sie schenkte ihr keine Beachtung. Sie nahm das Buch und den Verfasser gütig auf, sprach mit mir von meinem Plane wie eine unterrichtete Person, sang, begleitete sich auf dem Klaviere, behielt mich zum Essen bei sich und ließ mich bei der Tafel an ihrer Seite sitzen. Es bedurfte nicht so viel, um mich närrisch zu machen; ich wurde ganz närrisch. Sie erlaubte mir, sie zu besuchen; ich machte Gebrauch, ja Mißbrauch von dieser Erlaubnis. Ich ging fast täglich hin und speiste wöchentlich zwei- oder dreimal bei ihr. Ich brannte vor Begierde zu reden und wagte es doch nie. Mehrere Gründe steigerten noch meine natürliche Schüchternheit. Der Zutritt bei einer reichen Familie war eine offene Thür zum Glück; ich wollte in meiner Lage nicht Gefahr laufen, sie mir zu verschließen. So liebenswürdig Frau Dupin auch war, so war sie trotzdem ernst und kalt; ich fand in ihrem Auftreten nichts, was entgegenkommend genug gewesen wäre, um mich zu ermuthigen. Ihr Haus, in damaliger Zeit so glänzend wie kein anderes in Paris, war der Sammelplatz einer Gesellschaft, die nur etwas weniger zahlreich hätte sein müssen, um in jeder Beziehung eine ausgewählte zu sein. Sie liebte es, alle Leute bei sich zu sehen, welche Glanz um sich verbreiteten: die Großen, die Gelehrten, die schönen Frauen. Man fand bei ihr nur Herzoge, Gesandte und Ritter des heiligen Geistordens. Die Frau Prinzessin von Rohan, die Frau Gräfin von Forcalquier, die Frau von Mirepoix, die Frau von Brignolé, Lady Hervey konnten für ihre Freundinnen gelten. Herr von Fontenelle, der Abbé von Saint-Pierre, der Abbé Sallier, Herr von Fourmont, Herr von Bernis, Herr von Buffon, Herr von Voltaire gehörten zu ihrem Gesellschaftskreise und zu ihren Tischgästen. Wenn ihr zurückhaltendes Benehmen die jungen Leute nicht in hohem Grade anzog, so war ihre Gesellschaft nur um so auserlesener und Ehrfurcht gebietender, und der arme Jean Jacques konnte sich nicht schmeicheln, inmitten von diesen allen besonders zu glänzen. Ich wagte also nicht zu reden, da ich aber nicht länger schweigen konnte, wagte ich zu schreiben. Sie bewahrte meinen Brief zwei Tage, ohne mit mir von ihm zu sprechen. Am dritten Tage gab sie ihn mir zurück, wobei sie mir in einem frostigen Tone, der mich erstarren machte, einige Worte der Ermahnung sagte. Ich wollte reden, aber das Wort erstarb mir auf den Lippen; meine plötzliche Leidenschaft erlosch mit der Hoffnung zugleich, und nach einer förmlichen Liebeserklärung fuhr ich fort, mit ihr wie sonst zu verkehren, ohne ihr weiter etwas zu sagen, nicht einmal mit den Augen.

Ich hielt meine Thorheit für vergessen, allein ich täuschte mich. Herr von Francueil, der Sohn des Herrn Dupin und Stiefsohn seiner Gattin, stand mit ihr und mit mir ungefähr in gleichem Alter. Er hatte Geist, ein hübsches Aeußere und konnte bei Frauen auf Erhörung rechnen. Dem Gerüchte nach rechnete er bei seiner eigenen Stiefmutter darauf; vielleicht rührte dieses Gerede einzig und allein davon her, daß sie ihm eine sehr häßliche und sehr sanfte Frau gegeben hatte und mit allen beiden im besten Einvernehmen lebte. Herr von Francueil liebte und schützte die Talente. Uns führte die Musik zusammen, auf die er sich sehr gut verstand. Ich sah ihn oft und schloß mich ihm eng an. Plötzlich gab er mir zu verstehen, daß Frau Dupin meine Besuche zu häufig fände und mich bäte, sie auszusetzen. Diese unhöfliche Aufforderung hätte bei der Rückgabe meines Briefes an ihrer Stelle sein können; aber acht oder zehn Tage später kam sie, zumal keine neue Veranlassung vorhanden war, wie mir schien, völlig zur Unzeit. Dies rief eine um so eigentümlichere Lage hervor, weil ich Herrn und Frau von Francueil deshalb nicht weniger willkommen war als früher. Ich ging gleichwohl seltener hin und hätte meine Besuche vielleicht ganz unterlassen, wenn mich nicht Frau Dupin in einer unerwarteten Laune hätte bitten lassen, während acht oder zehn Tagen die Ueberwachung ihres Sohnes zu übernehmen, der einen anderen Hofmeister erhielt und während dieser Zwischenzeit ganz auf sich allein angewiesen war. Diese acht Tage verlebte ich in einer unaufhörlichen Qual, die mir allein das Vergnügen, Frau Dupin gefällig zu sein, erträglich machen konnte; denn der arme Chenonceaux hatte schon damals diese leidenschaftliche Hitze, die seine Familie beinahe entehrt hätte und der es zugeschrieben werden muß, daß er auf der Insel Bourbon starb. So lange ich bei ihm war, verhinderte ich ihn, sich selbst oder andern Schaden zuzufügen, das war aber auch alles, und ich brachte es obendrein nur mit großer Mühe zu Wege. Aber keine zweiten acht Tage hätte ich es noch übernommen, und hätte sich mir auch Frau Dupin selbst zum Lohne hingegeben.

Herr von Francueil gewann mich lieb, ich war sein Arbeitsgenosse, und wir begannen zusammen bei Rouelle einen Cursus in der Chemie. Um ihm näher zu sein, verließ ich mein Hôtel Saint-Quentin und schlug meine Wohnung in dem Ballhause der Straße Verdelet auf, welche die Straße Plâtière, in der Herr Dupin wohnte, durchkreuzt. Dort bekam ich in Folge einer vernachlässigten Erkältung eine Lungenentzündung, an der ich fast gestorben wäre. In meiner Jugend habe ich oft dergleichen entzündliche Krankheiten, Brustfellentzündungen und namentlich Bräuneanfälle gehabt, denen ich sehr unterworfen war und die ich hier nicht aufführen will, die mich aber alle dem Tode nahe genug haben ins Gesicht schauen lassen, um mich an sein Bild zu gewöhnen. Während meiner Genesung hatte ich Zeit über meine Lage nachzudenken und meine Schüchternheit, meine Schwäche und besonders meine Trägheit zu beklagen, die mich trotz des Eifers, der mich beseelte, an der Pforte des Elendes im steten geistigen Müßiggange erschlaffen ließ. Am Abend vor meiner Erkrankung war ich in eine Oper von Royer gegangen, welche man damals gab und deren Namen ich vergessen habe. Trotz meiner Voreingenommenheit für die Talente anderer, die mir stets ein großes Mißtrauen gegen meine eigenen eingeflößt hat, konnte ich mich doch nicht erwehren, diese Musik schwach, schwunglos und unmelodisch zu finden. Ich wagte mir bisweilen zu sagen: Ich halte mich für fähig, besseres zu leisten. Allein die schreckliche Vorstellung, die ich von der Composition einer Oper hegte, und die Wichtigkeit, die ich Musiker einem solchen Unternehmen beilegen hörte, schreckten mich augenblicklich wieder ab und jagten mir die Schamröthe über die Kühnheit meines Gedankens auf die Wange. Wo hätte ich übrigens jemanden gefunden, der mir den Text geschrieben und sich die Mühe gegeben hätte, die Worte nach meinem Belieben hin und her zu wenden? Diese Gedanken an Musik und Opern tauchten während meiner Krankheit von neuem in mir auf, und in der Fieberhitze componirte ich Lieder, Duette und Chöre. Ich bin sicher, zwei oder drei Stücke di prima intenzione gemacht zu haben, vielleicht würdig der Bewunderung von Meistern, wenn sie die Aufführung derselben hätten hören können. Ach, wenn man die Träume eines Fieberkranken aufzeichnen könnte, welche große und erhabene Sachen würde man dann bisweilen aus seiner Raserei hervorgehen sehen!

Diese Gedanken an Musik und Opern beschäftigten mich noch während meiner Genesung, wenn auch ruhiger. Da ich unaufhörlich und sogar wider meinen Willen daran denken mußte, wollte ich endlich darüber ins Klare kommen und es versuchen, für mich allein eine Oper zu schreiben, Worte und Musik. Es war keineswegs mein erster Versuch. In Chambery hatte ich eine tragische Oper unter dem Namen »Iphis und Anaxarete« geschrieben, die ich so vernünftig gewesen war, ins Feuer zu werfen. In Lyon hatte ich eine andere, »Die Entdeckung der neuen Welt«, gedichtet, die, nachdem ich sie Herrn Bordes, dem Abbé von Mably, dem Abbé Treublet und anderen vorgelesen hatte, dasselbe Ende nahm, obgleich ich bereits die Musik zum Prolog und zum ersten Akte vollendet und David mir, als er diese Musik sah, die Versicherung gegeben hatte, es befänden sich Stücke darin, würdig eines Buononcini.

Ehe ich diesmal die Hand ans Werk legte, nahm ich mir die Zeit, über meinen Plan nachzudenken. Ich entwarf den Plan zu einem heroischen Ballet, in dem ich drei verschiedene Gegenstände in drei nur lose zusammenhängenden Aufzügen, deren jeder einen besonderen musikalischen Charakter erhalten sollte, durchzuführen gedachte; und da ich zum Gegenstande eines jeden die Liebeshändel eines Dichters gewählt, so nannte ich diese Oper »Die galanten Musen.« In meinem ersten Aufzug, in kräftiger Musik gehalten, bildete Tasso den Mittelpunkt; in dem zweiten, in welchem zärtliche Melodien vorherrschten, Ovid; während der dritte, Anakreon mit Namen, die Heiterkeit des Dithyrambus athmen sollte. Ich versuchte mich zunächst an dem ersten Aufzuge und ließ mich von einem Eifer hinreißen, der mich zum ersten Male die Wonne empfinden ließ, welche das Schaffen auf dem Gebiete der Tonkunst gewährt. Im Begriff eines Abends gerade in das Opernhaus einzutreten, fühle ich mich plötzlich von meinen Gedanken so durchdrungen und beherrscht, daß ich mein Geld wieder in die Tasche stecke und nach Hause eile, um mich einzuschließen. Nachdem ich die Vorhänge sorgfältig herabgelassen, um das Tageslicht fern zu halten, lege ich mich zu Bette, und nun überlasse ich mich ganz der dichterischen und musikalischen Begeisterung und componire in sieben oder acht Stunden wie im Fluge den größten Theil meines Aktes. Ich muß offen gestehen, daß meine Liebe zu der Prinzessin von Ferrara (denn ich war in diesem Augenblick der Tasso), und meine edelen und stolzen Gesinnungen ihrem ungerechten Bruder gegenüber, mir eine hundertmal köstlichere Nacht gewährten, als wenn ich sie in den Armen der Prinzessin selbst verlebt hätte. Am Morgen erinnerte ich mich nur noch eines kleinen Theiles dessen, was ich geschaffen hatte; aber dieses Wenige, durch die Müdigkeit und den Schlaf überdies fast verwischt, ließ doch die Kraft des Ganzen noch erkennen, dessen spärliche Ueberreste es bildete.

Für dieses Mal führte ich die Arbeit nicht allzu weit fort, da ich durch andere Verhältnisse von ihr abgezogen wurde. Während ich mich der Familie Dupon anschloß, hatten mich Frau von Beuzenval und Frau von Broglie, die ich nach wie vor bisweilen besuchte, nicht vergessen. Der Graf von Montaigu, Hauptmann in den Garden, war unlängst zum Gesandten in Venedig ernannt worden. Er war ein Gesandter von der Mache Barjacs, Barjac war Kammerdiener des Cardinals von Fleury. dem er sehr emsig den Hof machte. Sein Bruder, der Chevalier von Montaigu, Kammerjunker des Kronprinzen, war ein Bekannter dieser beiden Damen und des Abbé Alary von der französischen Akademie, mit dem ich ebenfalls hin und wieder zusammentraf. Frau von Broglie, welche erfahren hatte, daß sich der Gesandte nach einem Secretär umsähe, schlug mich vor. Wir traten in Unterhandlung. Ich forderte fünfzig Louisdor Gehalt, was bei einer Stelle, in der man eine gewisse Rolle spielen muß, sehr wenig war. Er wollte mir nur hundert Pistolen bewilligen und verlangte, ich sollte die Reisekosten selbst bestreiten. Ein solches Anerbieten war lächerlich. Wir konnten nicht einig werden. Herr von Francueil, der sich Mühe gab, mich zurückzuhalten, trug den Sieg davon. Ich blieb, und Herr von Montaigu reiste ab, begleitet von einem andern Secretär, einem Herrn Follau, den ihm das Ministerium des Auswärtigen überlassen hatte. Kaum waren sie jedoch in Venedig, als sie sich schon entzweiten. Follau, welcher einsah, daß er es mit einem Narren zu thun hatte, ließ ihn in Stich, und nun wandte sich Herr von Montaigu, da er nur noch einen jungen Abbé, einen Herrn von Binis, hatte, welcher dem Secretär als Schreiber diente und dessen Stelle nicht auszufüllen im Stande war, wieder an mich. Sein Bruder, der Chevalier, ein Mann von Geist, verstand mich unter Hinweis auf die mit der Stelle eines Secretärs verbundenen Rechte so geschickt zu bearbeiten, daß ich mich endlich mit einem Gehalte von tausend Francs einverstanden erklärte. Als Reisekosten erhielt ich zwanzig Louisdor und reiste ab.

1743 ? 1744

Von Lyon aus hätte ich gern den Weg über den Mont Cenis eingeschlagen, um meine arme Mama auf der Durchreise zu besuchen, aber ich fuhr die Rhone hinab und schiffte mich in Toulon ein, sowohl wegen des Krieges und aus Sparsamkeit, als auch um mir einen Paß von Herrn von Mirepoix ausstellen zu lassen, der damals in der Provence commandirte und an den ich gewiesen war. Herr von Montaigu, der sich ohne mich nicht behelfen konnte, schickte mir einen Brief nach dem andern, meine Reise zu beeilen. Ein Zwischenfall verzögerte sie.

Die Pest herrschte damals zu Messina. Die englische Flotte hatte dort vor Anker gelegen und es wurde die Felucke durchsucht, auf der ich mich befand. Dies unterwarf uns, als wir nach einer langen und mühseligen Fahrt in Genua ankamen, einer Quarantaine von einundzwanzig Tagen. Man überließ es uns Passagieren, ob wir sie an Bord oder im Lazareth durchmachen wollten, in welchem wir jedoch, wie uns versichert wurde, nur die kahlen vier Wände finden würden, weil man noch nicht Zeit gehabt hätte, es zu möbliren. Alle wählten die Felucke. Die unerträgliche Hitze, der beschränkte Raum, die Unmöglichkeit, auf ihr frei umherzugehen, und das Ungeziefer bewogen mich, auf jede Gefahr hin, das Lazareth vorzuziehen. Ich wurde in ein großes, zweistöckiges, vollkommen kahles Gebäude geführt, in welchem ich weder Fenster noch Tisch, weder Bett noch Stuhl, ja nicht einmal eine Fußbank, mich zu setzen, noch ein Bund Stroh, mich darauf zu legen, vorfand. Man brachte mir meinen Mantel, meinen Nachtsack und meine beiden Reisekoffer, schloß dicke Thüren mit dicken Schlössern hinter mir zu, und ich blieb allein als unbeschränkter Herr, ganz nach Belieben von Zimmer zu Zimmer und von Stockwerk zu Stockwerk zu gehen, um überall die nämliche Einsamkeit und die nämliche Kahlheit zu finden.

Dies alles ließ mich doch nicht bereuen, dem Lazareth den Vorzug vor der Felucke gegeben zu haben, und wie ein zweiter Robinson begann ich mich für meine einundzwanzig Tage einzurichten, als ob es für die ganze Lebenszeit gegolten hätte. Zuerst überließ ich mich dem Vergnügen, Jagd auf die Flöhe zu machen, die ich in der Felucke aufgelesen hatte. Als ich nach öfterem Wechsel von Wäsche und Kleidungsstücken endlich von diesem Ungeziefer rein geworden war, ging ich zur Ausstattung des Zimmers über, welches ich mir erwählt hatte. Aus meinen Westen und Hemden machte ich mir eine ausreichende Matratze, aus mehreren Servietten, die ich zusammennähte, Betttücher, aus meinem Schlafrocke eine Decke und aus meinem zusammengerollten Mantel ein Kopfkissen. Der eine flach hingestellte Koffer bildete meinen Stuhl und der andere, den ich aufgerichtet hatte, mußte meinen Tisch abgeben. Ich langte Papier und Tintenfaß hervor und stellte ein Dutzend Bücher, die ich bei mir hatte, in Form einer Bibliothek auf. Kurz, ich machte mir es so bequem, daß ich es, wenn ich von den Vorhängen und Fenstern absehe, in diesem vollkommen kahlen Lazareth fast eben so angenehm hatte wie in meinem Ballhause in der Straße Verdelet. Meine Mahlzeiten wurden in sehr feierlichem Aufzuge aufgetragen; zwei Grenadiere mit aufgepflanztem Bajonett dienten ihnen als Geleit; die Treppe war mein Speisesaal, der Treppenabsatz gab sich zu meiner Tafel her, die Stufe darunter bot sich mir zum Sitze dar; und sobald mein Mahl aufgetragen war, gab man mir, während man sich zurückzog, mit einer Glocke das Zeichen, daß ich mich zur Tafel begeben könnte. Zwischen meinen Mahlzeiten ging ich, wenn ich nicht las oder schrieb, oder nicht an der Ausstattung meines Zimmers arbeitete, auf dem protestantischen Gottesacker, der mir als Hof diente, spazieren; oder ich bestieg ein durchbrochenes Thürmchen, welches auf den Hafen hinausging und von dem ich die Schiffe ein- und auslaufen sehen konnte. In dieser Weise verlebte ich vierzehn Tage, und würde dort die ganzen drei Wochen zugebracht haben, ohne mich auch nur einen Augenblick zu langweilen, wenn es dem Herrn von Jonville, dem französischen Gesandten, dem ich einen mit Essig durchräucherten, parfümirten und halb verbrannten Brief überreichen ließ, nicht gelungen wäre, meine Zeit um acht Tage abzukürzen; ich ging, sie bei ihm zuzubringen, und ich gebe gern zu, daß ich mich in seinem Hause angenehmer befand als in dem Lazareth. Er erwies mir viele Freundlichkeiten. Sein Secretär Dupont war ein guter Junge, der mich sowohl in Genua wie auf dem Lande in mehrere Häuser einführte, in denen man sich leidlich unterhielt. Ich knüpfte mit ihm Bekanntschaft an und trat später mit ihm in Briefwechsel, den wir sehr lange unterhielten. Darauf setzte ich auf angenehme Weise meine Reise durch die Lombardei fort. Ich sah Mailand, Verona, Brescia, Padua und kam endlich, vom Herrn Gesandten ungeduldig erwartet, in Venedig an.

Ich fand Haufen von Depeschen sowohl vom Hofe wie von anderen Gesandten, von denen er die chiffrirten Theile nicht hatte lesen können, obgleich er alle dazu nöthige Schlüssel besaß. Da ich nie auf einem Bureau gearbeitet und in meinem ganzen Leben keine von dem Minister angewandten Chifferschriften gesehen hatte, fürchtete ich anfangs in Verlegenheit zu kommen. Allein ich überzeugte mich, daß nichts einfacher war, und in weniger als acht Tagen hatte ich das Ganze dechiffrirt, was wahrhaftig nicht der Mühe werth war; denn abgesehen davon, daß die Gesandtschaft in Venedig schon überhaupt nicht viel zu thun hat, war er auch nicht der Mann dazu, daß man ihm auch nur die geringste Unterhandlung hätte anvertrauen mögen. Er hatte sich bis zu meiner Ankunft in großer Verlegenheit befunden, da er weder zu dictiren noch lesbar zu schreiben verstand. Ich war ihm sehr nützlich; er sah es ein und behandelte mich gut. Noch ein anderer Beweggrund trieb ihn dazu an. Nach der Verabschiedung seines Vorgängers, des Herrn von Froulay, der wahnsinnig geworden, war dem französischen Consul, Herrn Le Blond, die Fortführung der Geschäfte übertragen worden, und dieser leitete sie auch nach Ankunft des Herrn Montaigu weiter, bis er denselben vollkommen eingeweiht haben würde. Eifersüchtig darauf, daß ein anderer seine Geschäfte verrichtete, zu denen er sich doch unfähig fühlte, warf er doch seinen ganzen Groll auf den Consul, und unmittelbar nach meiner Ankunft nahm er ihm die Secretariatsgeschäfte der Gesandtschaft ab und übertrug sie mir. Sie waren von dem Titel unzertrennlich, und deshalb forderte er mich auf, ihn anzunehmen. So lange ich bei ihm war, sandte er unter diesem Titel stets nur mich an den Senat und andere Interessenten, und im Grunde war es sehr natürlich, daß er zum Gesandtschaftssecretär lieber jemand haben wollte, der von ihm allein abhängig war, als einen Consul oder einen vom Hof ernannten Bureaubeamten.

Dies machte meine Stellung ziemlich angenehm und hielt seine Edelleute, die ebenso wie seine Pagen und seine meisten Leute Italiener waren, davon ab, mir den Vorrang in seinem Hause streitig zu machen. Ich benutzte mit Erfolg das damit verbundene Ansehen, um sein droit de liste, das heißt das Asylrecht seines Hauses, gegen die mehrfach gemachten Versuche es zu verletzen, denen sich seine venetianischen Beamten zu widersetzen hüteten, in Kraft zu erhalten. Allein ich duldete auch nie, daß Banditen darin ihre Zuflucht fanden, obgleich ich daraus hätte Gewinn ziehen können, den Seine Excellenz gewiß gern mit mir getheilt haben würde.

Sie erdreistete sich sogar, die Gebühren für die mit dem Secretariat verbundenen Kanzleigeschäfte zu beanspruchen. Man war im Kriege; das verhinderte nicht die Ausstellung vieler Pässe. Für jeden dieser Pässe mußte an den Secretär, der ihn ausstellte und gegenzeichnete, eine Zechine entrichtet werden. Alle meine Vorgänger hatten sich diese Zechine ohne Unterschied von Franzosen wie von Fremden bezahlen lassen. Ich fand diesen Gebrauch ungerecht und, ohne Franzose zu sein, schaffte ich ihn für die Franzosen ab; von allen Uebrigen trieb ich jedoch die mir zustehende Gebühr so streng ein, daß ich sie von dem Bruder des Günstlings der Königin von Spanien, dem Marquis Scotti, der von mir ohne Einsendung der Zechine einen Paß verlangt hatte, einfordern ließ, eine Kühnheit, welche der rachsüchtige Italiener nicht vergaß. Seit Bekanntwerdung dieser Reform hinsichtlich der Abgabe für die Pässe erschienen, um solche zu erlangen, nur noch Schaaren angeblicher Franzosen, die sich in einem abscheulichen Kauderwelsch bald für Provencalen, bald für Picarden oder Burgunder ausgaben. Da ich ein ziemlich feines Gehör habe, ließ ich mich von ihnen nicht leicht hinter das Licht führen, und ich zweifle, daß mich auch nur ein einziger Italiener um meine Zechine gebracht oder ein einziger Franzose sie gezahlt hat. Ich hatte die Thorheit mit Herrn von Montaigu, der von keinem Dinge etwas wußte, von dem, was ich gethan hatte, zu reden. Bei dem Worte Zechine spitzte er die Ohren, und ohne mir seine Ansicht über die Aufhebung der Abgabe für die Franzosen zu äußern, verlangte er von mir, daß ich mit ihm über die anderen Abrechnung halten sollte, indem er mir Gewinnantheile gleichen Werthes versprach. Noch mehr über diese Niedrigkeit entrüstet, als von meinem eigenen Interesse angetrieben, gerieth ich in Zorn. »Nein, mein Herr,« sagte ich zu ihm, »möge Eure Excellenz behalten, was Ihnen gehört, und mir lassen, was mir zusteht; ich werde Ihnen nie auch nur einen Sou davon abgeben.« Da er sah, daß er auf diesem Wege nichts gewann, schlug er einen andern ein und schämte sich nicht, mir zu sagen, wenn ich die Einkünfte aus der Kanzlei bezöge, so wäre es auch nur gerecht, daß ich die Kosten derselben bestritte. Ich wollte mich über diesen Punkt nicht mit ihm zanken, und habe seitdem Tinte, Papier, Siegellack, Wachslichte und dergleichen bis zu dem Amtssiegel hinauf für mein eigenes Geld angeschafft, ohne daß er mir je auch nur einen Heller wieder erstattet hätte. Das hielt mich nicht ab, einen kleinen Theil von den Gebühren für die Pässe dem Abbé Binis, einem gutmüthigen Menschen, abzugeben, der weit davon entfernt war, auf dergleichen Anspruch zu machen. Wenn er gegen mich zuvorkommend war, so war ich nicht weniger artig gegen ihn, und wir haben stets in freundschaftlichem Verhältnisse zu einander gestanden.

Was die Führung der Geschäfte anlangte, so fand ich sie für einen Menschen ohne Erfahrung an der Seite eines Gesandten, der eben so wenig besaß wie ich und dessen Unwissenheit und Starrsinn noch obendrein wie zum Vergnügen allem entgegenarbeitete, was mir die gesunde Vernunft und meine geringen Kenntnisse für seinen und des Königs Dienst Vorteilhaftes eingaben, weniger schwierig, als ich befürchtet hatte. Das Vernünftigste, was er that, war, sich mit dem spanischen Gesandten, dem Marquis von Mari, einem gewandten und schlauen Manne, zu verbünden, der ihn, wenn er Lust gehabt, an der Nase herumgeführt hätte, der ihm indessen bei dem gemeinschaftlichen Interesse beider Kronen gewöhnlich guten Rath ertheilte, wenn der Andere seine Rathschläge nur nicht dadurch wieder verdorben hätte, daß er bei der Ausführung noch immer etwas von seiner eigenen Klugheit dazu that. Das Einzige, was sie gemeinsam hätten thun sollen, war, die Venetianer zur Beobachtung der Neutralität anzuhalten. Diese verfehlten auch nicht, die treue Wahrung derselben zu betheuern, während sie den österreichischen Truppen ganz öffentlich Munition und unter dem Vorwande, es wären Deserteure, sogar Rekruten lieferten. Herr von Montaigu, der sich, wie ich glaube, bei der Republik beliebt machen wollte, verabsäumte trotz meiner Gegenvorstellungen auch nicht, mich in allen seinen Depeschen die Versicherung geben zu lassen, daß sie nie die Neutralität verletzen würde. Der Eigensinn und die Dummheit dieses armen Mannes ließen mich jeden Außenblick die verschrobensten Dinge schreiben und thun, die ich in meiner Stellung nicht ablehnen konnte, die mir aber bisweilen mein Amt unerträglich und sogar fast unausführbar machten. So verlangte er zum Beispiel durchaus, daß der größte Theil seiner Depeschen an den König wie der an den Minister in Chiffern geschrieben würde, obgleich beide schlechterdings nichts enthielten, was eine solche Vorsicht nöthig machte. Ich stellte ihm vor, daß zwischen Freitag, an dem die Depeschen des Hofes eintrafen, und Sonnabend, an dem die unsrigen abgingen, nicht Zeit genug für die Anwendung der Chifferschrift so wie für die starke Correspondenz vorhanden wäre, die mir durch die rechtzeitige Absendung mit jenem Couriere aufgebürdet wurde. Er entdeckte ein bewunderungswürdiges Auskunftsmittel, nämlich das, schon am Donnerstage die Antwort auf die Depeschen, welche erst am nächsten Tage ankommen sollten, aufzusetzen. Dieser Gedanke schien ihm so glücklich, daß ich mich, was ich ihm auch über die Unmöglichkeit und Absurdität seiner Ausführung sagen konnte, nach ihm richten mußte. Während der ganzen Zeit meines Weilens bei ihm habe ich mir einige Worte, die er im Laufe der Woche flüchtig gegen mich äußerte, sowie einige ganz bedeutungslose Neuigkeiten, die ich bald da, bald dort auflas, aufzeichnen müssen, und dann nie verfehlt, ihm am Donnerstag Morgen einen nur auf dieses Material gestützten Entwurf der Depeschen zu bringen, die am Sonnabend abgehen sollten, vorbehaltlich einiger Zusätze oder Verbesserungen, die ich nach den am Freitag eintreffenden, auf welche die unsrigen ja als Antwort dienen sollten, in aller Eile machte. Auch noch eine andere sehr drollige Sonderbarkeit hatte er, die seiner Correspondenz etwas ungemein Lächerliches gab, nämlich die, jede Nachricht an ihre Quelle zurückzuschicken, anstatt sie ihren Lauf verfolgen zu lassen. Herrn Amelot zeigte er die Nettigkeiten vom Hofe an, Herrn von Maurepas die von Paris, Herrn von Havrincourt die von Schweden, Herrn De la Chetardin die von Petersburg und mitunter einem jeden gerade die, welche von ihm selber herrührten und die ich dann ein wenig anders einkleidete. Da er von allem, was ich ihm zum Unterzeichnen brachte, nur die Depeschen an den Hof flüchtig durchlas und die an die anderen Gesandten, ohne sie anzublicken, unterschrieb, war es mehr in meine Hand gelegt, sie nach meinem Geschmacke abzufassen, und ich ließ sich die Neuigkeiten darin wenigstens kreuzen. Allein es war mir unmöglich, den Depeschen, und wenn sie auch noch so richtig waren, eine vernünftige Wendung zu geben; ich mußte mich noch glücklich preisen, wenn es ihm nicht in den Sinn kam, aus dem Stegreife einige Zeilen seiner eigenen Weisheit einzuflicken, die mich nöthigten zurückzukehren, um in aller Eile die mit dieser neuen Dummheit geschmückte Depesche umzuschreiben, wobei seinem erhabenen Einfalle die Ehre der Chifferschrift zu Theil werden mußte, weil er sie sonst nicht unterzeichnet hätte. Hundertmal fühlte ich mich um seiner Ehre willen versucht, etwas Anderes als seine Worte zu chiffriren; aber in dem Bewußtsein, daß mich nichts zu einer solchen Untreue berechtigen konnte, ließ ich ihn auf seine Gefahr hin Blödsinn schreiben, damit zufrieden, mich ihm gegenüber mit allem Freimuth auszusprechen und wenigstens meinerseits meine Pflicht bei ihm zu erfüllen.

Das that ich beständig mit einer Redlichkeit, einem Eifer und einem Muthe, die von seiner Seite einen andern Lohn verdient hätten, als den, welcher mir schließlich dafür zu Theil wurde. Es war Zeit, daß ich einmal das war, wozu der Himmel, der mir einen glücklichen Charakter verliehen, wozu die Erziehung, die ich von der besten der Frauen erhalten, wozu die Ausbildung, die ich selbst mir gegeben, mich gemacht hatten, und nun war ich es. Lediglich auf mich selbst angewiesen, ohne Freunde, ohne Rathgeber, ohne Erfahrung, in fremdem Lande, einem fremden Volke dienend, mitten unter einer Schaar von Gaunern, die um ihres eigenen Besten willen und um das Aergernis eines guten Beispieles aus dem Wege zu schaffen, mich zu ihrer Nacheiferung anzureizen suchten, diente ich, weit entfernt, darauf einzugehen, Frankreich, dem ich nichts schuldig war, mit aller Treue und, wie es billig war, dem Gesandten mit noch größerer in allem, was von mir abhing. Tadellos auf einem ziemlich beobachteten Posten, verdiente und errang ich mir die Achtung der Republik, die aller Gesandten, mit denen wir in Briefwechsel standen, so wie die Liebe aller in Venedig wohnhaften Franzosen, ohne den Consul selbst auszunehmen, den ich zu meinem Leidwesen in Functionen ersetzte, welche, wie ich wußte, ihm gebührten, und die mir mehr Beschwerde als Vergnügen bereiteten.

Rückhaltslos sich dem Marquis Mari anschließend, der sich mit den kleinen Angelegenheiten, die zu seinen Pflichten gehörten, nicht befaßte, vernachlässigte Herr von Montaigu sie dermaßen, daß die in Venedig ansässigen Franzosen ohne mich nichts von einem Gesandten ihres Volkes wahrgenommen haben würden. Stets ungehört abgewiesen, wenn sie seines Beistandes bedurften, verloren sie endlich den Muth, ihn zu begehren, und weder in seinem Gefolge, noch an seiner Tafel, zu der er sie niemals lud, sah man noch einen von ihnen. Aus eigenem Antriebe that ich oft, was er hätte thun müssen; ich leistete den Franzosen, die sich an ihn oder mich wandten, jeden Dienst, der in meinen Kräften stand. In jedem andern Lande würde ich mehr gethan haben, aber da ich mich meiner amtlichen Stellung wegen an niemanden wenden konnte, der in Diensten stand, war ich oft gezwungen, meine Zuflucht zu dem Consul zu nehmen; und der Consul hatte, da er mit seiner Familie in Venedig ansässig war, Rücksichten zu beobachten, die ihn verhinderten, immer nach Wunsch zu handeln. Zuweilen ließ ich mich jedoch, wenn ich sah, daß es ihm an Muth fehlte und er nicht zu reden wagte, zu kühnen Schritten hinreißen, von denen mir mehrere geglückt sind. Namentlich eines erinnere ich mich, bei dem ich noch jetzt, wenn ich daran denke, lachen muß: man wird schwerlich vermuthen, daß ich es bin, dem die Pariser Theaterfreunde die Corallina und ihre Schwester Camilla verdankt haben, und doch ist es vollkommen wahr. Véronèse, ihr Vater, hatte sich mit seinen Kindern für die italienische Truppe engagiren lassen; nachdem er aber zweitausend Francs Reisegeld erhalten hatte, war er, anstatt abzureisen, ruhig bei dem Theater von San-Luca Es kann möglicherweise auch San Samuel gewesen sein. Die Eigennamen entfallen mir gänzlich. in Venedig eingetreten, wo Coralline, so jung sie auch noch war, große Bewunderung erregte. In seiner Eigenschaft als Oberkammerherr forderte der Herzog von Gesvres den Gesandten schriftlich auf, die Auslieferung des Vaters wie der Tochter zu verlangen. Herr von Montaigu gab mir den Brief und sagte zu mir statt jedes weiteren Auftrages: »Lesen Sie selbst!« Ich ging zu Herrn Le Blond und bat ihn, mit dem Nobile, welchem das Theater von San Luca gehörte, und der, wie ich glaube, ein Zustiniani war, zu reden, damit derselbe Véronèse, da er für den Dienst des Königs engagirt wäre, fortschickte. Le Blond, der sich den Auftrag nicht allzu sehr am Herzen liegen ließ, führte ihn schlecht aus. Zustiniani machte Ausflüchte und Véronèse wurde nicht fortgeschickt. Ich wurde ärgerlich. Es war die Zeit des Carnevals; ich nahm Mantel und Maske und ließ mich nach dem Palast Zustiniani fahren. Alle, die meine Gondel mit den Abzeichen des Gesandten ankommen sahen, wurden betroffen; nie war in Venedig etwas Aehnliches gesehen worden. Ich trete ein, ich lasse mich unter dem Namen duna siora maschera ... eines maskirten Herrn. anmelden. Sobald ich eingeführt bin, nehme ich die Maske ab und nenne mich. Der Senator erblaßt und steht wie bestürzt da. »Zu meinem Bedauern,« sagte ich zu ihm, »muß ich Eure Excellenz mit meinem Besuche belästigen; allein Sie haben an Ihrem Theater von San Luca einen Mann, Namens Véronèse, der für den Dienst des Königs engagirt ist und den man vergeblich von Ihnen verlangt hat; ich komme, um im Namen Seiner Majestät die Auslieferung desselben zu fordern.« Meine kurze Ansprache hatte Wirkung. Kaum war ich fortgegangen, als mein Mann eiligst den Staatsinquisitoren Bericht über sein Abenteuer abstattete, und diese wuschen ihm den Kopf. Noch am nämlichen Tage wurde Veronese verabschiedet. Ich ließ ihm sagen, ich würde ihn, wenn er nicht in acht Tagen abreiste, verhaften lassen, und er reiste ab.

Bei einer andern Gelegenheit riß ich den Kapitän eines Kauffahrteischiffes allein und fast ohne jemandes Beistand aus der Noth. Es war der Kapitän Olivet aus Marseille; den Namen des Schiffes habe ich vergessen. Seine Mannschaft hatte mit im Dienste der Republik stehenden Slavoniern Streit bekommen; Tätlichkeiten waren vorgefallen, und der über das Schiff verhängte Arrest wurde so streng durchgeführt, daß mit Ausnahme des Kapitäns es niemand ohne Erlaubnis betreten oder verlassen durfte. Der Gesandte, an den er sich wendete, wies ihn ab. Nun suchte er den Consul auf, der ihm jedoch sagte, das wäre keine Handelsangelegenheit, und er könnte sich deshalb nicht hineinmischen. Da er nicht wußte, was er anfangen sollte, kam er zu mir. Ich stellte Herrn von Montaigu vor, daß er mir gestatten müßte, dem Senat darüber Vorstellungen zu machen. Ich erinnere mich nicht, ob er darauf einging, und ich wirklich eine Note ergehen ließ, aber soviel erinnere ich mich wohl, daß ich, als meine Schritte vergeblich waren und das Embargo noch immer weiter dauerte, einen Entschluß faßte, der Erfolg hatte. Ich nahm den Bericht über diesen Vorfall in eine Depesche an Herrn von Maurepas auf und hatte noch Mühe genug, Herrn von Montaigu dahin zu bestimmen, daß er diese Stelle stehen ließ. Ich wußte, daß unsere Depeschen, so wenig es sich auch der Mühe lohnte, in Venedig geöffnet wurden; den Beweis lieferten mir einige Stellen, welche ich Wort für Wort in der Zeitung fand: eine Treulosigkeit, über die ich dem Gesandten umsonst dringend gerathen hatte sich zu beschweren. Als ich diese Plackerei in der Depesche erwähnte, war es meine Absicht, die Neugier der Venetianer dahin zu benutzen, ihnen Furcht einzujagen und sie dadurch zu bewegen, das Schiff frei zu geben, denn hätte man, um das zu erreichen, erst die Antwort des Hofes abwarten müssen, wäre der Kapitän noch vor ihrer Ankunft zu Grunde gerichtet gewesen. Ich that mehr, ich begab mich auf das Schiff, um die Mannschaft zu vernehmen. Ich nahm den Abbé Patizel mit mir, den Kanzler des Consulats, der allerdings nur sehr unlustig mitkam, in so hohem Grade besorgten alle diese armen Leute, das Mißfallen des Senats zu erregen. Da ich wegen des Verbotes nicht an Bord steigen konnte, blieb ich in meiner Gondel und nahm in derselben mein Protokoll auf, indem ich sämmtliche Leute der Bemannung mit lauter Stimme hinter einander verhörte und meine Fragen der Art stellte, daß ich ihnen nur Antworten entlockte, die ihnen günstig waren. Dieser ein wenig kühne Schritt hatte indessen einen glücklichen Erfolg, und das Schiff wurde lange vor der Ankunft der Antwort des Ministers frei gegeben. Der Kapitän wollte mir ein Geschenk machen. Ohne darüber Verdruß zu zeigen, klopfte ich ihm auf die Schulter und sagte: Kapitän Oliver, wähnst du, daß der, welcher von den Franzosen die herkömmlichen Paßgebühren nicht annimmt, fähig sei, ihnen den Schutz des Königs zu verkaufen?« Wenigstens wollte er mir jedoch an Bord seines Schiffes ein Gastmahl geben, welches ich auch annahm und zu dem ich den spanischen Gesandtschaftssecretär, einen gewissen Carrio mitnahm, einen geistreichen und sehr liebenswürdigen Mann, den man später als Gesandtschaftssecretär und Geschäftsträger in Paris gesehen hat, und dem ich mich nach dem Beispiele unserer Gesandten in inniger Freundschaft angeschlossen hatte.

Während ich so mit vollkommenster Uneigennützigkeit alles Gute, was ich irgend vermochte, that, würde es mir vorteilhaft gewesen sein, wenn ich es verstanden hätte, in alle diese kleinen Angelegenheiten auch genügende Ordnung und Pünktlichkeit zu bringen, um nicht hinter das Licht geführt zu werden und nicht anderen auf meine Kosten zu dienen. Allein in Stellungen, wie die meinige, in denen auch die kleinsten Fehler nicht ohne Folgen sind, war meine ganze Aufmerksamkeit lediglich darauf gerichtet, in keiner Weise gegen meinen Dienst zu verstoßen. In allem, was meine eigentlichen Pflichten betraf, war ich bis zu Ende von der größten Ordnung und der gewissenhaftesten Pünktlichkeit. Außer einigen Irrthümern, welche ich in übertriebener Eile beim Dechiffriren beging und über die sich die Beamten des Herrn Amelot einmal beklagten, hatte mir weder der Gesandte noch irgend jemand je auch nur eine einzige Nachlässigkeit in meinen Amtsgeschäften vorzuwerfen, was für eine sonst so nachlässige und so unbesonnene Person wie ich bin, gewiß bemerkenswerth ist. Aber in den Privatgeschäften, die ich übernahm, war ich mitunter vergeßlich und ließ es an der nöthigen Sorgfalt fehlen, und in meinem Gerechtigkeitsgefühle bin ich stets aus eigenem Antriebe für den Schaden aufgekommen, ehe jemand daran dachte, sich zu beschweren. Ich will davon nur ein einziges Beispiel anführen, welches mit meiner Abreise von Venedig in Zusammenhang steht, und dessen Folgen ich später in Paris empfunden habe.

Unser Koch Rousselot hatte aus Frankreich einen alten Schuldschein über zweihundert Franken, welchen einer seiner Freunde, ein Friseur, von einem venetianischen Edelmanne, Namens Zanetto Nani, für gelieferte Perücken empfangen hatte, mitgebracht. Rousselot übergab mir diesen Schuldschein mit der Bitte, den Versuch zu machen, ob sich nicht durch Vergleich wenigstens ein Theil dieser Summe retten ließe. Ich wußte es eben so gut wie er, daß es bei den venetianischen Nobili zur völligen Sitte geworden ist, die im Auslande gemachten Schulden nach ihrer Heimkehr nie zu bezahlen. Bei Anwendung von Zwang halten sie den unglücklichen Gläubiger so lange und unter so großen Kosten hin, daß er den Muth verliert und schließlich alles aufgiebt oder sich mit fast nichts abspeisen läßt. Ich bat Herrn Le Blond mit Zanetto zu reden; dieser gestand die Richtigkeit des Schuldscheines zu, ohne jedoch Zahlung zu leisten. Nach heftigem Streite versprach er endlich drei Zechinen. Als ihm Le Blond den Schuldschein brachte, waren die drei Zechinen nicht zur Stelle; er mußte warten. Während dieses Wartens kam ich plötzlich mit dem Gesandten in Streit, der meinen Austritt aus seinem Dienste herbeiführte. Die Papiere der Gesandtschaft ließ ich in der größten Ordnung zurück, aber Rousselots Schuldschein fand sich nicht vor. Herr Le Blond versicherte, ihn mir zurückgegeben zu haben. Ich kannte ihn als einen zu ehrlichen Mann, um seine Behauptung in Zweifel zu ziehen: aber es wollte mir durchaus nicht einfallen, was aus diesem Scheine geworden war. Da Zanetto die Schuld anerkannt hatte, bat ich Le Blond sich zu bemühen, die drei Zechinen gegen Quittung zu erhalten oder ihn zur Ausstellung eines neuen Scheines zu bewegen. Als aber Zanetto den Verlust des Scheines erfuhr, wollte er sich weder zu dem Einen noch zu dem Andern verstehen. Ich bot Rousselot die drei zur Einlösung des Scheines verabredeten Zechinen aus meiner eigenen Tasche an. Er wies sie zurück und forderte mich auf, mich in Paris mit dem Gläubiger, dessen Adresse er mir gab, zu vergleichen. Der Friseur, von dem Vorgefallenen in Kenntnis gesetzt, verlangte seinen Schuldschein oder sein volles Geld. Was würde ich in meiner Entrüstung nicht für die Wiedererlangung dieses verwünschten Scheines gegeben haben! Ich bezahlte die zweihundert Franken und noch dazu in eigener größter Noth. So floß dem Gläubiger durch den Verlust des Scheines die ganze Summe zu, während, wenn sich derselbe zum Unglück für ihn wiedergefunden hätte, Seine Excellenz Zanetto Nani nur mit großer Mühe zur Zahlung der versprochenen zehn Thaler hätte bewogen werden können.

Die Ueberzeugung, daß ich Talent für meinen Beruf besäße, beseelte mich mit Eifer für denselben. Wenn ich von dem Umgange mit meinem Freunde Carrio, mit dem tugendhaften Altuna, von dem ich bald werde zu reden haben, wenn ich von den höchst unschuldigen Erholungen des Markusplatzes und des Theaters, sowie von einigen Besuchen absehe, die wir fast stets zusammen abstatteten, so suchte ich mein Vergnügen lediglich in der Erfüllung meiner Pflichten. Obgleich meine Arbeit nicht sehr mühevoll war, zumal ich an dem Abbé von Vinis einen Gehilfen hatte, so war ich gleichwohl beschäftigt, da die Correspondenz sehr ausgebreitet war und wir uns im Kriege befanden. Ich arbeitete täglich einen guten Theil des Vormittags und an den Couriertagen mitunter bis Mitternacht. Die übrige Zeit widmete ich dem Studium des Berufes, in den ich eingetreten und in dem ich bei dem Erfolge in meiner Anfangsstellung auf eine noch vorteilhaftere Verwendung in der Zukunft mit Sicherheit rechnete. In der That gab es über mich nur eine Stimme, von der des Gesandten an, welcher meine Dienste laut lobte, nie gegen sie etwas auszusetzen hatte, und dessen ganze Wuth späterhin nur daher rührte, daß ich schließlich meinen Abschied verlangte, da meine eigenen Beschwerden unberücksichtigt blieben. Die Gesandten und Minister des Königs, mit denen wir in Briefwechsel standen, sagten ihm über die glänzende Befähigung seines Secretärs Schmeicheleien, die ihn angenehm hätten berühren müssen, während sie in seinem befangenen Kopfe eine gerade entgegengesetzte Wirkung hervorbrachten. Bei einer sehr wichtigen Angelegenheit wurde ihm namentlich eine ausgesprochen, welche er mir nie verziehen hat. Es lohnt sich der Mühe, den Vorfall näher zu erläutern.

Er war so wenig fähig, sich Zwang aufzuerlegen, daß er selbst am Sonnabende, an dem fast sämmtliche Couriere abgefertigt wurden, das Ausgehen nicht bis zur Beendigung der Arbeit aufschieben konnte, und unter fortwährendem Drängen, die Depeschen für den König und die Minister zu vollenden, unterzeichnete er sie in aller Hast und lief darauf, ich weiß nicht wohin, während er den größten Theil der anderen Briefe ohne Unterschrift ließ. Hierdurch wurde ich gezwungen, wenn es nur auf die Mittheilung von Neuigkeiten ankam, sie im gewöhnlichen Tagesberichte zu erwähnen; wenn es sich jedoch um königliche Dienstangelegenheiten handelte, war es durchaus nöthig, daß sie jemand unterzeichnete, und so unterzeichnete ich dann selbst. Dies that ich auch bei einer wichtigen Nachricht, die wir von Herrn Vincent, dem königlichen Geschäftsträger in Wien erhalten hatten. Es war damals, als der Fürst Lobkowitz nach Neapel marschirte und der Graf von Gages jenen denkwürdigen Rückzug ausführte, die schönste Kriegsthat des ganzen Jahrhunderts, die in Europa viel zu wenig beachtet ist. Die Nachricht meldete, daß ein Mann, dessen Signalement uns Herr Vincent beilegte, von Wien abreisen und über Venedig heimlich nach den Abruzzen geben sollte, mit dem Auftrage, bei dem Anrücken der Oestreicher einen Volksaufstand zu erregen. In der Abwesenheit des Herrn Grafen von Montaigu, der sich durch nichts aus seiner Ruhe stören ließ, theilte ich dem Marquis de lHopital diese Nachricht mit und zwar so rechtzeitig, daß das Haus Bourbon vielleicht nur diesem armen und so verhöhnten Jean Jacques die Erhaltung des Königreichs Neapel verdankt.

Als sich der Marquis de lHopital, wie es billig war, dafür bei seinem Collegen bedankte, erwähnte er dabei seines Secretärs und des von ihm der gemeinsamen Sache geleisteten Dienstes. Der Graf von Montaigu, der sich bei dieser Angelegenheit seine Nachlässigkeit vorzuwerfen hatte, glaubte in dem ihm abgestatteten Danke einen Vorwurf für sich zu sehen und sprach sich gegen mich sehr unwillig darüber aus. Ich war in der Lage gewesen, dem Grafen von Castellane, der Gesandter in Konstantinopel war, einen ähnlichen Dienst wie dem Marquis de lHôpital, wenn auch in einer weniger wichtigen Sache, zu erweisen. Da es nach Konstantinopel keine andere Postverbindung als vermittelst der Couriere gab, welche der Senat von Zeit zu Zeit an seinen Gesandten bei der Pforte sandte, so benachrichtigte man den französischen Gesandten von der Abreise dieser Couriere, damit er, wenn es ihm zweckdienlich schien, seinem Collegen auf diesem Wege Nachrichten zukommen lassen könnte. Diese Benachrichtigung traf gewöhnlich einen oder zwei Tage früher ein; allein man achtete den Herrn von Montaigu so wenig, daß man sich damit begnügte, nur der Form wegen eine oder zwei Stunden vor der Abreise des Couriers zu ihm zu senden, was mich wiederholentlich in die Notwendigkeit versetzte, die Depesche in seiner Abwesenheit aufzusetzen und abzuschicken.

Ich bekenne, daß ich die Gelegenheit, mich zur Geltung zu bringen, nicht vermied, aber ich suchte sie eben so wenig ohne Grund, und ich erblickte nichts Unrechtes darin, bei treuer Dienstführung auch nach dem natürlichen Lohne für gute Dienste zu streben, das heißt nach der Achtung derjenigen, die im Stande sind, sie zu beurtheilen und zu belohnen. Ich weiß nicht, ob meine Pünktlichkeit in der Erfüllung meiner Amtsgeschäfte meinem Gesandten einen gerechten Grund zur Klage gab, aber soviel weiß ich, daß es die einzige war, welche er bis zum Tage unserer Trennung ausgesprochen hat.

Sein Haus, das er nie gehörig einzurichten verstanden hatte, füllte sich mit Schurken; die Franzosen wurden in demselben übel behandelt, die Italiener gewannen die Herrschaft, und sogar unter ihnen wurden die guten Diener, welche der Gesandtschaft schon lange angehörten, sämmtlich schimpflich fortgejagt, unter andern der erste Edelmann der bereits bei dem Grafen von Froulay dieses Ehrenamt bekleidet hatte, ein gewisser Graf Peati, wie ich glaube, oder wenigstens ein Nobile sehr ähnlichen Namens. Der zweite Edelmann, den Herr von Montaigu sich erwählt hatte, war ein Bandit aus Mantua, Namens Dominico Vitali. Dieser Mann, welchem der Gesandte die Sorge für seinen Haushalt anvertraute, erlangte durch Speichelleckerei und elende Knauserei sein Vertrauen und wurde sein Günstling, zum großen Schaden der wenigen noch vorhandenen ehrlichen Leute, und namentlich des Secretärs an ihrer Spitze. Das klare Auge eines ehrlichen Mannes ist für die Spitzbuben stets etwas Beunruhigendes. Mehr hätte es nicht bedurft, um mir seinen Haß zuzuziehen; aber dieser Haß hatte noch eine andere Ursache, welche ihn bedeutend verschärfte. Ich muß diese Ursache erzählen, damit man mich verurtheile, wenn ich Unrecht hatte.

Der Gesandte hatte nach der allgemeinen Sitte in jedem der fünf Theater eine Loge. Regelmäßig nannte er beim Mittagsessen das Theater, welches er an diesem Tage besuchen wollte; nach ihm wählte ich, und die Edelleute verfügten über die anderen Logen. Beim Fortgehen nahm ich den Schlüssel der Loge, die ich gewählt hatte. Da Vitali eines Tages nicht da war, trug ich dem zu meiner Bedienung bestimmten Lakaien auf, mir den Schlüssel in ein Haus zu bringen, das ich ihm angab. Anstatt mir meinen Schlüssel zu senden, ließ mir Vitali sagen, daß er darüber verfügt hätte. Ich fühlte mich um so mehr beleidigt, als mir der Lakai seinen Auftrag vor der ganzen Gesellschaft mitgetheilt hatte. Am Abend wollte mir Vitali einige Worte der Entschuldigung sagen, die ich jedoch nicht annahm. »Morgen,« sagte ich zu ihm, »werden Sie, mein Herr, mich zu einer bestimmten Stunde in dem Hause, in dem mir der Schimpf zugefügt ist, und vor den Leuten, die Zeugen davon gewesen sind, um Entschuldigung bitten; andrenfalls verlassen Sie oder ich, was auch die Folgen sein mögen, dieses Haus.« Dieser entschiedene Ton machte Eindruck auf ihn. Er erschien zur bestimmten Stunde an dem bezeichneten Orte, um mir mit einer seiner würdigen Erbärmlichkeit seine Entschuldigungen öffentlich auszusprechen; aber er ergriff mit Muße seine Maßregeln und, während er die tiefsten Verbeugungen vor mir machte, arbeitete er auf echt italienische Weise dergestalt, daß er mich in die Notwendigkeit versetzte, den Abschied zu nehmen, nachdem er den Gesandten nicht hatte bewegen können, ihn mir zu ertheilen.

Ein so elender Mensch wie er war sicherlich unfähig, mein Wesen genau zu verstehen; allein er kannte mich so weit, als es sein Gesichtskreis zuließ. Er kannte meine Gutmüthigkeit und ungemeine Sanftmuth im Ertragen unabsichtlicher Kränkungen, wußte aber auch, daß ich bei absichtlichen Beleidigungen hochfahrend und rücksichtslos war, Anstand und Würde bei allem, was Schicklichkeit erheischte, liebte, und nicht weniger anspruchsvoll die mir gebührende Achtung verlangte, als ich bereit war, andern die ihnen gebührende zu erweisen. Dies suchte er als Handhabe zu benutzen und gelangte auch damit zum Ziele. Er kehrte im Hause das Unterste zu oberst; er entfernte daraus, was ich darin von Ordnung, Zucht, Sauberkeit und Regelmäßigkeit zu erhalten bestrebt gewesen war. Ein Haus ohne Frau bedarf einer etwas strengen Zucht, um der von der Würde unzertrennlichen Einfachheit die Herrschaft zu sichern. Er machte aus dem unsrigen bald eine Stätte der Schwelgerei und Liederlichkeit, ein Nest voll Spitzbuben und Wüstlingen. An Stelle des zweiten Edelmannes, dessen Entlassung er herbeigeführt hatte, gab er Seiner Excellenz einen eben so großen Schurken, wie er war, der ein öffentliches Bordell zum »Malteserkreuz« hielt; und diese beiden Schufte, die Hand in Hand mit einander gingen, waren eben so schamlos wie unverschämt. Außer dem Zimmer des Gesandten, in welchem auch nicht allzu große Ordnung herrschte, gab es keinen für einen anständigen Mann erträglichen Winkel im Hause.

Da Seine Excellenz nicht zu Abend speiste, hatte ich mit den Edelleuten des Abends eine besondere Tafel, zu welcher auch der Abbé von Binis und die Pagen herangezogen wurden. In der elendesten Garküche wird man reinlicher, anständiger, auf weniger unsauberem Tischtuche und mit reichlicheren und besseren Speisen bedient. Man gab uns ein einziges kleines, sehr dunkel brennendes Talglicht, zinnerne Teller und eiserne Gabeln. Was im Verborgenen geschah, hätte ich mir noch gefallen lassen, aber man entzog mir meine Gondel; unter allen Gesandtschaftssecretären war ich allein genöthigt, mir eine zu miethen oder zu Fuß zu gehen, und die Dienerschaft Seiner Excellenz stand mir nur noch zur Verfügung, wenn ich zum Senate ging. Uebrigens blieb von den Vorfällen in unserm Hause in der Stadt nichts verschwiegen. Alle Beamte des Gesandten erhoben lautes Geschrei. Dominico, die einzige Veranlassung von allem, schrie am lautesten, da er wohl wußte, daß die Rücksichtslosigkeit, mit der wir behandelt wurden, mir empfindlicher als allen Uebrigen war. Ich allein erzählte außer dem Hause nie etwas; aber ich beschwerte mich lebhaft bei dem Gesandten wie über alles andere, so auch über ihn selbst, der, heimlich von seinem Dämon angetrieben, mir täglich eine neue Kränkung zufügte. Zu großen Ausgaben gezwungen, um standesgemäß und wie meine Collegen zu leben, konnte ich keinen Sou von meinem Gehalte von ihm herausbekommen; forderte ich von ihm Geld, so sprach er mir von seiner Achtung und seinem Vertrauen, als hätte dies meinen Beutel füllen und für alles ausreichen müssen.

Endlich brachten es die beiden Schufte dahin, ihrem Herrn völlig den Kopf zu verdrehen, der ihm schon immer nicht auf der rechten Stelle gesessen hatte, und richteten ihn durch fortwährende schwindelhafte Ankäufe zu Grunde, bei denen sie ihm vorredeten, daß er die andern übervortheilt hätte. Sie ließen ihn an der Brenta einen Palast für das Doppelte des Werthes miethen, wobei sie den Ueberschuß mit dem Besitzer theilten. Die Zimmer desselben waren mit Mosaik ausgelegt und nach der Landessitte mit Säulen und Wandpfeilern von sehr schönen Marmorarten ausgeschmückt. Herr von Montaigu ließ das alles mit einem Getäfel von Tannenholz prächtig überkleiden, aus dem einzigen Grunde, weil in Paris die Gemächer so getäfelt sind. Aus ähnlichem Grunde entzog er unter allen Gesandten in Venedig allein seinen Pagen den Degen und seinen Dienern den Stock. So war der Mensch beschaffen, der vielleicht immer aus dem nämlichen Grunde mich nicht leiden konnte, einzig und allein im Hinblick darauf, daß ich ihm zu treu diente.

Ich hielt geduldig seine Geringschätzung, seine Rohheit und seine schlechte Behandlung aus, so lange ich darin nur üble Launen und keinen Haß zu erkennen glaubte: sobald ich aber darin die bewußte Absicht sah, mich um die Achtung zu bringen, die ich um meiner guten Dienstführung willen verdiente, war ich entschlossen, auf meine Stellung zu verzichten. Den ersten Beweis seines Uebelwollens erhielt ich gelegentlich eines Festmahls, welches er dem Herzog von Modena und seiner Familie, die sich in Venedig befanden, geben wollte, und an dem ich laut seiner Ankündigung nicht Theil nehmen sollte. Ich erwiderte gereizt, aber ohne leidenschaftliche Erregung, daß ich die Ehre hätte, täglich an seiner Tafel zu speisen, und es deshalb, wenn der Herr Herzog von Modena bei seinem Erscheinen meine Entfernung von derselben verlangte, ihm seine hohe Stellung und mir meine Pflicht geböte, ihm nicht zu willfahren. »Wie,« sagte er heftig, »mein Secretär, der nicht einmal Edelmann ist, beansprucht mit einem Herrscher zu speisen, wenn meine Edelleute es nicht dürfen!« ? »Ja, mein Herr,« versetzte ich, »das Amt, mit welchem mich Eure Excellenz beehrt hat, adelt mich, so lange ich ihm vorstehe, so sehr, daß ich sogar vor Ihren Edelleuten oder sogenannten Edelleuten den Vorrang habe und mir da der Zutritt offen steht, wo sie ihn nicht haben können. Sie wissen sehr wohl, daß ich an dem Tage, an welchem Sie Ihren öffentlichen Einzug halten werden, durch das Ceremoniel und eine uralte Sitte berufen bin, Ihnen im Staatskleide zu folgen und mit Ihnen im Palast des heiligen Markus zu speisen; und ich sehe nicht ein, weshalb ein Mann, der mit dem Dogen und dem Senat von Venedig öffentlich speisen darf und muß, nicht mit dem Herrn Herzog von Modena im Privatkreise essen sollte.« Obgleich sich dagegen nichts einwenden ließ, ergab sich der Gesandte keineswegs; aber wir hatten keine Gelegenheit, den Streit zu erneuern, da der Herr Herzog von Modena nicht erschien, um bei ihm zu speisen.

Von nun an hörte er nicht auf, mir Unannehmlichkeiten zu bereiten und mich zurückzusetzen, indem er sich bestrebte, mir die mit meiner Stellung verbundenen kleinen Vorrechte zu nehmen, um sie auf seinen lieben Vitali zu übertragen; und hätte er es sich unterstehen dürfen, ihn an meiner Stelle zum Senat zu senden, so hätte er es sicherlich gethan. Zur Abfassung seiner Privatbriefe berief er gewöhnlich den Abbé von Binis in sein Cabinet; er bediente sich seiner auch, um in Betreff der Angelegenheit des Kapitäns Olivet einen Bericht an Herrn von Maurepas aufzusetzen, in welchem er meiner, der doch allein damit zu thun gehabt hatte, nicht allein nicht erwähnte, sondern mir sogar die Ehre der Aufnahme des Protokolls raubte. Bei Einsendung einer Abschrift desselben schrieb er es nämlich Patizel zu, der nicht ein einziges Wort dabei gesprochen hatte. Er wollte mich seinem Günstlinge zu Liebe demüthigen, sich aber meiner nicht entledigen. Er sah ein, daß es ihm nicht mehr eben so leicht werden würde, für mich einen Ersatz zu finden wie für Herrn Follau, der seinen Charakter schon hinreichend geschildert hatte. Er bedurfte durchaus eines Secretärs, der wegen der Antworten des Senats Italienisch verstand, der ohne sein Zuthun alle seine Depeschen, alle seine Angelegenheiten besorgte, der mit dem Vorzuge, ihm gut zu dienen, die Erbärmlichkeit verband, seinen armseligen Edelleuten gegenüber den Augendiener zu spielen. Er wollte sich also meiner versichern und mich dadurch an sich fesseln, daß er mich von meiner und seiner Heimat fern hielt, ohne Geld, dorthin zurückzukehren; und vielleicht würde es ihm geglückt sein, hätte er es weniger auffallend angestellt. Aber Vitali, der andere Absichten hatte und mich zur Entscheidung zwingen wollte, setzte seinen Zweck durch. Sobald ich einsah, daß meine Mühe vergebens war, daß mir der Gesandte meine Dienste zum Verbrechen anrechnete, anstatt mir dafür Dank zu wissen, daß ich bei ihm nichts mehr zu hoffen hatte als häusliche Verdrießlichkeiten und dienstliche Ungerechtigkeit, und daß mir bei dem üblen Rufe, in den er sich überall gesetzt, seine bösen Dienste wohl zum Schaden, seine guten aber nicht zum Nutzen gereichen konnten, so verlangte ich von ihm kurz entschlossen meinen Abschied, obgleich ich ihm Zeit ließ, sich einen neuen Secretär zu verschaffen. Ohne darauf ja oder nein zu sagen, trieb er es immer in derselben Weise fort. Als ich sah, daß keine Veränderung zum Bessern eintrat, und daß er keine Anstalt traf, einen andern Secretär zu suchen, so schrieb ich an seinen Bruder und bat ihn unter ausführlicher Auseinandersetzung meiner Gründe Seine Excellenz zur Bewilligung meines Abschieds zu bewegen, indem ich hinzufügte, daß es mir unter keinen Umständen möglich wäre zu bleiben. Ich wartete lange Zeit und erhielt keine Antwort. Bereits begann ich in große Verlegenheit zu gerathen, als endlich der Gesandte einen Brief von seinem Bruder bekam. Er mußte sehr derb gewesen sein, denn obgleich bei dem Grafen leidenschaftliche Zornausbrüche häufig vorkamen, war ich nie Zeuge eines ähnlichen gewesen. Nach einem Strome der gemeinsten Beleidigungen beschuldigte er mich, als er nichts mehr zu sagen wußte, den Schlüssel zu seiner Chifferschrift verkauft zu haben. Ich fing zu lachen an und fragte ihn in spöttischem Tone, ob er sich einbildete, daß in ganz Venedig ein Mensch albern genug wäre, auch nur einen Thaler dafür zu geben. Diese Antwort versetzte ihn in schäumende Wuth. Er that, als ob er seine Leute herbeirufen wollte, um mich, wie er sagte, zum Fenster hinaus werfen zu lassen. Bis dahin war ich sehr ruhig gewesen; bei dieser Drohung bemächtigten sich jedoch Zorn und Unwillen meiner ebenfalls. Ich stürzte zur Thüre und, nachdem ich sie von innen verriegelt hatte, schritt ich ernst auf ihn zu und sagte: »Nein, Herr Graf, Ihre Leute werden sich nicht in diese Angelegenheit mischen; wir werden sie mit Ihrer Erlaubnis unter uns ausmachen.« Mein Auftreten und meine Miene beschwichtigten ihn augenblicklich; Ueberraschung und Schrecken prägten sich in seiner Haltung aus. Als ich sah, daß sich seine Wuth gelegt hatte, sagte ich ihm in wenigen Worten Lebewohl; darauf öffnete ich, ohne seine Antwort abzuwarten, wieder die Thür, ging hinaus und schritt langsam mitten durch die im Vorzimmer versammelten Leute, die mir, wie ich glaube, lieber gegen ihn als ihm gegen mich beigestanden hätten. Ohne erst in mein Zimmer hinaufzugehen, stieg ich sofort die Treppe hinab und verließ auf der Stelle den Palast, um ihn nicht mehr zu betreten.

Ich ging geradeswegs zu Herrn Le Blond, um ihm den Vorfall zu erzählen. Er zeigte sich darüber wenig überrascht; er kannte seinen Mann. Ich mußte zum Essen bei ihm bleiben. So unvorbereitet dieses Gastmahl auch war, so fiel es doch glänzend aus; alle Franzosen von Ansehen, die sich in Venedig aufhielten, fanden sich dazu ein; bei dem Gesandten ließ sich keine Seele sehen. Der Consul erzählte der Gesellschaft, wie es mir ergangen. Dieser Bericht wurde nur mit einem Schrei aufgenommen, der nicht zu Gunsten Seiner Excellenz hervorbrach. Der Graf hatte mein Guthaben nicht berichtigt, mir nicht einen Sou gegeben, und da sich meine Hilfsmittel auf einige Goldstücke, die ich bei mir trug, beschränkten, so war ich wegen meiner Heimkehr in Verlegenheit. Alle Börsen wurden mir zur Verfügung gestellt. Ich nahm ungefähr zwanzig Zechinen von Herrn Le Blond und eine gleichgroße Summe von Herrn von Saint-Cyr an, mit welchem ich nächst jenem am befreundetsten war. Allen Uebrigen dankte ich, und um öffentlich an den Tag zu legen, daß die Nation keine Mitschuld an den Ungerechtigkeiten des Gesandten hätte, wohnte ich bis zu meiner Abreise bei dem Kanzler des Consulats. Wüthend darüber, mich in meinem Unglück gefeiert zu sehen, und trotz seiner hohen Stellung selbst verlassen dazustehen, verlor Graf Montaigu völlig den Kopf und benahm sich wie ein Unsinniger. Er vergaß sich so weit, in einer Eingabe meine Verhaftung bei dem Senate zu beantragen. In Folge des Winkes, den mir der Abbé von Binis gab, entschloß ich mich, noch vierzehn Tage zu bleiben, anstatt, wie ich mir vorgenommen hatte, schon am zweiten Tage abzureisen. Man hatte meine Aufführung gesehen und gebilligt; ich wurde allgemein geschätzt. Die Signoria würdigte die wunderliche Eingabe des Gesandten nicht einmal einer Antwort und ließ mir durch den Consul sagen, ich könnte in Venedig, so lange es mir gefiele, bleiben, ohne mich über die Schritte eines Narren zu beunruhigen. Ich fuhr fort, meine Freunde zu besuchen und nahm von dem spanischen Gesandten, der mich sehr gut aufnahm, sowie von dem Grafen von Finochietti, dem neapolitanischen Gesandten, Abschied. Da ich letzteren nicht traf, schrieb ich an ihn, und er antwortete mir in der verbindlichsten Weise von der Welt. Endlich reiste ich ab und ließ trotz meiner Geldverlegenheit keine andern Schulden als die eben erwähnten Darlehen zurück und vielleicht fünfzig Thaler bei einem Kaufmann, Namens Morandi, welche Carrio zu berichtigen übernahm und die ich ihm nie zurückgezahlt habe, obgleich wir uns seitdem öfters wiedergesehen. Was jedoch jene beiden Darlehen anlangt, so habe ich sie ganz pünktlich abgetragen, sobald es mir möglich war.

Wir wollen nicht von Venedig scheiden, ohne ein Wort von den berühmten Lustbarkeiten dieser Stadt zu sagen oder wenigstens von dem sehr geringen Antheil, den ich während meines dortigen Aufenthalts daran nahm. Man hat gesehen, wie wenig ich im Verlaufe meiner Jugend den Freuden dieses Alters oder wenigstens dem, was man so nennt, nachgegangen bin. Mein Geschmack änderte sich zwar in Venedig nicht, aber meine Beschäftigungen, die mich sonst von ihnen zurückgehalten hätten, machten die einfachen Erholungen, die ich mir gestattete, desto reizender. Die vorzüglichste und mir angenehmste war der gesellige Verkehr mit geistreichen und angesehenen Männern, den Herren Le Blond, von Saint-Cyr, Carrio, Altuna und einem Forlaneser Mit diesem Namen bezeichnet man die Bewohner Friauls; er rührt von einem Tanze Namens Forlane her. Edelmann, dessen Namen ich zu meinem großen Bedauern vergessen habe und dessen Liebenswürdigkeit ich nie ohne Rührung gedenke. Von allen Menschen, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe, glich er mir dem Herzen nach am meisten. Wir waren auch mit zwei oder drei Engländern voll Geist und Bildung befreundet, die für die Musik eben so eingenommen waren wie wir. Alle diese Herren hatten ihre Frauen oder ihre Freundinnen oder ihre Geliebten; diese letzteren waren fast alle talentvolle Mädchen, bei welchen man musicirte oder tanzte. Man spielte dort auch wohl, aber sehr wenig, lebhafter Kunstsinn, mancherlei Talente und Vorliebe für das Theater machten uns diese Unterhaltung ungenießbar. Zum Spiele nehmen nur Leute, die sich langweilen, ihre Zuflucht. Von Paris hatte ich das Vorurtheil, welches man in jener Stadt gegen die italienische Musik hegt, mitgebracht, allein ich hatte auch von der Natur diese Reinheit des Gefühls erhalten, gegen die Vorurtheile nicht Bestand haben. Ich empfand für diese Musik bald die Leidenschaft, die sie allen Urteilsfähigen einflößt. Als ich Barcarolen hörte, begriff ich, daß ich bis dahin noch keinen rechten Gesang gehört hatte, und bald schwärmte ich für die Oper dergestalt, daß mich, der ich nur hören wollte, das Plaudern, Essen und Spielen in den Logen anwiderte, und ich mich oft von meiner Gesellschaft entfernte, um mir einen andern Platz zu suchen. Dort gab ich mich dann, ganz allein in meiner Loge eingeschlossen, trotz der Länge der Vorstellung dem Vergnügen hin, sie ungestört bis ans Ende zu genießen. Eines Tages schlief ich im Theater San Crysostomo ein und schlief weit fester, als ich im Bette gethan haben würde. Die rauschenden und glänzenden Arien weckten mich nicht; aber wer vermöchte die liebliche Empfindung zu beschreiben, mit der mich die süße Harmonie und der himmlische Gesang, der mich erweckte, erfüllten! Welches Erwachen, welches Entzücken, welche Begeisterung, als ich gleichzeitig Ohr und Auge öffnete! Ich wähnte mich im ersten Augenblicke in das Paradies versetzt. Die entzückende Stelle, deren ich mich noch erinnere und die ich mein Leben lang nicht vergessen werde, begann folgendermaßen:

Conservami la bella
Che si maccende il cor.

Ich wollte diese Arie durchaus haben; ich bekam sie und habe sie lange aufbewahrt, aber auf meinem Papiere stand sie nicht wie in meinem Gedächtnisse. Es waren wohl dieselben Noten, aber nicht derselbe Klang. Nur in meinem Kopfe kann diese göttliche Melodie so aufgeführt werden, wie sie es in Wirklichkeit an jenem Tage wurde, als sie mich erweckte.

Eine Musik, die nach meinem Geschmack alle Opernmusik sehr übertrifft und weder in Italien noch in der ganzen übrigen Welt ihres Gleichen hat, ist die der Scuole. Die Scuole sind Armenhäuser, eine Art Unterrichtsanstalten für mittellose junge Mädchen, denen die Republik später bei ihrer Verheirathung oder bei ihrem Eintritt in ein Kloster eine Ausstattung giebt. Unter den Talenten, die man bei diesen jungen Mädchen ausbildet, nimmt die Musik den ersten Rang ein. Alle Sonntage kommen in jeder der zu diesen vier Scuolen gehörenden Kirchen während der Nachmittagsgottesdienste Motetten mit großem Chor und großem Orchester zur Aufführung, componirt und geleitet von den größten Meistern Italiens und vorgetragen auf vergitterten Tribünen ausschließlich von Mädchen, von denen die älteste noch nicht zwanzig Jahre zählt. Ich kann mir nichts so Liebliches, nichts so Rührendes wie diese Musik vorstellen. Die bewunderungswürdigen Leistungen der Kunst, die vortreffliche Wahl der Gesänge, die Schönheit der Stimmen, die vollendete Sicherheit der Aufführung, alles wirkt in diesen entzückenden Concerten zusammen, einen Eindruck hervorzurufen, von dem die Welt gar nichts wissen will, gegen den sich aber schwerlich ein Menschenherz verschließen kann. Carrio und ich, wir versäumten nie diese Vesper in der Kirche der Bettelmönche, und wir waren nicht die einzigen. Die Kirche war stets voll von Musikfreunden, sogar die Opernsänger kamen, um ihren Kunstsinn nach diesen vorzüglichen Mustern zu bilden. Nur diese verwünschten Gitter, die blos Töne hindurchließen und mir die Engel von Schönheit, die sie verdientermaßen zierte, verbargen, waren mir unangenehm. Ich sprach von nichts anderem. Als ich eines Tages bei Herrn Le Blond davon redete, sagte er zu mir: »Wenn Sie so neugierig sind, diese kleinen Mädchen zu sehen, so ist es leicht, Sie zu befriedigen. Ich bin einer der Verwalter des Hauses; ich will Ihnen Gelegenheit geben, mit ihnen das Vesperbrot zu essen.« Ich ließ ihm keine Ruhe, bis er Wort gehalten hatte. Beim Eintritt in den Saal, der diese Schönheiten umschloß, nach deren Anblick ich so begierig war, fühlte ich einen Liebesschauer, wie ich ihn nie empfunden hatte. Herr Le Blond stellte mir eine dieser berühmten Sängerinnen nach der andern vor, deren Stimme und Namen mir bisher allein bekannt waren. »Kommen Sie, Sophie ...« Sie war abschreckend häßlich. »Kommen Sie, Cattina ...« Sie war einäugig. »Kommen Sie, Bettina ...« Die Blattern hatten sie entstellt. Fast nicht eine einzige war ohne ein recht hervortretendes Gebrechen. Der Schelm lachte über meine sichtliche Befremdung. Zwei oder drei kamen mir indessen leidlich vor, es waren aber nur Choristinnen. Ich war trostlos. Während des Vesperbrotes neckte man sie; sie wurden ausgelassen. Die Häßlichkeit schloß jedoch Anmuth nicht aus; ich nahm sie an ihnen wahr. Ich sagte mir: man singt so nicht ohne Seele; sie ist ihnen zu Theil geworden. Kurz, meine Anschauungsweise schlug so zu ihrem Vortheile um, daß ich beim Scheiden fast in alle diese Fratzen verliebt war. Ich wagte kaum zu ihren Vespern zurückzukehren. Ich wußte mich jedoch zu beruhigen. Ich fand ihre Gesänge noch immer hinreißend, und ihre Stimmen verliehen ihren Gesichtern einen so lieblichen Reiz, daß ich sie, meinen Augen zum Trotz, so lange sie sangen, beharrlich schön fand.

Die Musik kostet in Italien so wenig, daß es sich nicht der Mühe lohnt, selbst zu musiciren, falls man nicht ein großer Musikfreund ist. Ich miethete ein Klavier und für einen kleinen Thaler verschaffte ich mir vier oder fünf Mitspieler, mit denen ich einmal in der Woche die Stücke einübte, die mir in der Oper am meisten gefallen hatten. Auch ließ ich einige Symphonien aus meinen »galanten Musen« spielen. Ob sie nun wirklich gefielen oder man mir nur schmeicheln wollte, genug, der Balletmeister von Chrysostomo ließ mich um zwei derselben bitten, welche ich dann die Freude hatte, von diesem bewunderungswürdigen Orchester vorgetragen zu hören. Den Tanz hatte ein niedliches und ungemein liebenswürdiges Mädchen, die kleine Bettina, übernommen, die von einem unserer Freunde, einem Spanier Namens Fagoaga, unterhalten wurde, und bei der wir ziemlich häufig den Abend zubrachten.

Da ich jedoch gerade auf die Mädchen zu sprechen gekommen bin, so ist Venedig durchaus nicht die Stadt, wo man sie flieht. Hast du denn, könnte man mich fragen, in diesem Punkte gar nichts zu bekennen? Ei doch, etwas habe ich wirklich mitzutheilen und ich werde mich bei diesem Bekenntnisse derselben Offenheit befleißigen, die ich bei allen anderen bewiesen habe.

Oeffentliche Dirnen haben mir stets Ekel erregt, und in Venedig, wo mir meiner Stellung wegen der Zutritt zu den meisten Häusern der Republik versagt war, hätte ich mich doch nur auf solche angewiesen gesehen. Die Töchter des Herrn Le Blond waren sehr liebenswürdig, lebten aber sehr zurückgezogen, und ich achtete ihre Eltern zu sehr, um auch nur mit einem Gedanken nach ihnen begehrlich zu sein.

Ein junges Fräulein, die Tochter des königlich preußischen Agenten von Cataneo, wäre eher im Stande gewesen, mir Neigung einzuflößen; aber Carrio liebte sie so aufrichtig, daß er selbst an Heirath dachte. Er war vermögend, und ich besaß nichts; er hatte hundert Louisdor Gehalt, ich nur hundert Pistolen und außerdem, daß ich einem Freunde nicht ins Gehege kommen wollte, wußte ich, daß, wenn man auf Eroberungen ausgehen will, man überall und namentlich in Venedig mit einer reich gefüllten Börse versehen sein muß. Ich hatte die unselige Gewohnheit, meine Begierden zu befriedigen, nicht verloren, und zu beschäftigt, um die, welche das Klima einflößt, lebhaft zu fühlen, lebte ich fast ein Jahr in dieser Stadt so keusch, wie ich es in Paris gethan hatte, und ich bin nach Verlauf von achtzehn Monaten von dort zurückgekehrt, ohne mit dem schönen Geschlechte öfter als zweimal, und dies auch nur in Folge besonderer Veranlassungen, die ich erzählen will, Umgang gepflogen zu haben.

Die erste wurde mir durch den ehrenwerthen Edelmann Vitali einige Zeit nach jener förmlichen Entschuldigung, um die ich ihn mich zu bitten zwang, gegeben. Man redete bei Tafel von den Vergnügungen Venedigs. Die Herren warfen mir meine Gleichgiltigkeit gegen die verlockendste von allen vor, während sie die Anmuth der venetianischen Courtisanen rühmten und versicherten, daß sie in der ganzen Welt nicht ihres Gleichen fänden. Dominico meinte, ich müßte durchaus die Bekanntschaft der liebenswürdigsten von allen machen; er erbot sich, mich zu ihr zu führen, und sagte, ich würde zufrieden sein. Ich mußte über dieses dienstfertige Anerbieten lachen, und der Graf Peati, ein schon ältlicher und ehrwürdiger Herr, sagte mit größerer Offenheit, als ich bei einem Italiener erwartet hätte, daß er mich für zu verständig hielte, um mich von einer mir feindlich gesinnten Person zu Mädchen führen zu lassen. Ich hatte es wirklich nicht in Absicht, auch lag darin keine Versuchung für mich, und trotzdem ließ ich mich schließlich durch eine jener Inconsequenzen, die ich selbst kaum zu begreifen weiß, zu ihr hinschleppen gegen meine Absicht, meinen Wunsch und meine Vernunft, ja selbst gegen meinen Willen, einzig und allein aus Schwäche, aus Scham, Mißtrauen zu zeigen, und wie man dort zu Lande sagt, per non parer troppo coglione. Die Padoana, zu der wir gingen, hatte ein ziemlich hübsches, sogar schönes Aeußere, aber sie war keine Schönheit, wie sie mir gefiel. Dominico ließ mich bei ihr. Ich ließ Sorbet kommen, ließ sie etwas vorsingen und wollte mich nach einer halben Stunde entfernen, wobei ich einen Ducaten auf den Tisch legte; aber sie hatte die sonderbare Bedenklichkeit, ein Geschenk anzunehmen, das sie nicht verdient hatte, und ich die sonderbare Thorheit, ihre Bedenklichkeit zu heben. Ich kehrte nach dem Palast zurück, so überzeugt, daß ich übel angekommen wäre, daß ich sofort nach meiner Heimkunft den Wundarzt holen ließ, um ihn um Tisanen zu bitten. Nichts kann der unbehaglichen Gemüthsstimmung gleich kommen, in der ich mich drei Wochen lang befand; ohne daß irgend ein wirkliches Unwohlsein, irgend ein sichtliches Zeichen sie rechtfertigte. Ich konnte nicht begreifen, daß man ungestraft aus den Armen der Padoana kommen könnte. Sogar der Wundarzt hatte alle erdenkliche Mühe, mich wieder zu beruhigen. Er konnte nur dadurch zum Ziele gelangen, daß er mir einredete, ich hätte eine so eigentümliche Natur, daß ich nicht leicht angesteckt werden könnte, und obgleich ich mich vielleicht weniger als irgend ein anderer Mann dazu hergegeben habe, die Wahrheit seiner Behauptung zu erproben, so sehe ich sie doch deshalb für erwiesen an, weil meine Gesundheit in dieser Beziehung nie gelitten hat. Dieser Wahn hat mich indessen nie verwegen gemacht, und wenn mir die Natur diesen Vorzug in der That verliehen hat, so kann ich sagen, daß ich ihn nicht gemißbraucht habe.

Mein anderes Abenteuer, obgleich ebenfalls mit einer Courtisane, war sehr verschiedener Art sowohl hinsichtlich der Veranlassung als auch der Folgen. Wie ich bereits mitgetheilt, hatte mir der Kapitän Olivet an Bord seines Schiffes ein Mahl gegeben, wozu ich den Secretär der spanischen Gesandtschaft mitgenommen hatte. Ich rechnete darauf, mit Kanonenschüssen salutirt zu werden. Die Mannschaft bildete zu unserm Empfange Spalier, aber kein Schuß wurde abgefeuert. Um Carrios willen, der sich sichtlich ein wenig verletzt fühlte, war mir dies demüthigend, um so mehr, da man auf den Kauffahrteischiffen den Kanonensalut Leuten zugestand, welche mit uns sicherlich nicht auf gleicher Rangstufe standen; überdies glaubte ich von dem Kapitän eine Auszeichnung wohl verdient zu haben. Ich konnte mich nicht verstellen, weil es mir stets unmöglich ist, und obgleich das Mahl sehr gut war und Olivet einen sehr vortrefflichen Wirth machte, war ich bei Tische anfangs mißgestimmt, aß wenig und sprach noch weniger.

Bei der ersten Gesundheit erwartete ich wenigstens eine Salve: nichts. Carrio, der in meiner Seele las, lachte, als er mich wie ein Kind schmollen sah. Bald nach Beginn des Mahles, nehme ich wahr, daß eine Gondel naht. »Fürwahr, mein Herr,« sagt der Kapitän zu mir; »seien Sie auf Ihrer Hut, der Feind rückt an.« Ich frage ihn, was er damit sagen wolle; er antwortet mit einem Scherzworte. Die Gondel legt an, und ich sehe eine blendend schöne junge Person in höchst koketter Kleidung sehr schnell aussteigen, die in drei Sprüngen mitten im Eßsalon steht. Sie saß an meiner Seite, ehe ich noch bemerkt hatte, daß man dort ein Couvert für sie hingestellt. Sie war eben so reizend wie lebhaft, eine Brünette von höchstens zwanzig Jahren. Sie sprach nur italienisch; ihr Ton allein hätte hingereicht, mir den Kopf zu verdrehen. Mitten im Essen, mitten im Plaudern sieht sie mich an, betrachtet mich einen Augenblick scharf und mit dem Rufe: »O heilige Jungfrau, mein theurer Bremond, wie lange ich dich nicht gesehen habe!« wirft sie sich mir dann in die Arme, drückt ihren Mund auf den meinen und preßt mich an sich, als wollte sie mich ersticken. Ihre großen schwarzen orientalischen Augen schleuderten förmlich Feuerstrahlen in mein Herz, und obgleich die Ueberraschung mich zuerst etwas aus der Fassung brachte, so loderte meine Sinnlichkeit doch bald auf und zwar bis zu dem Grade, daß trotz der Zuschauer mich die Schöne bald selbst im Zaume halten mußte, denn ich war berauscht, oder vielmehr rasend. Als sie mich auf dem Punkte sah, auf dem sie mich haben wollte, beobachtete sie in ihren Liebkosungen mehr Maß, aber nicht in ihrer Lebhaftigkeit, und als sie sich herbeiließ, uns die wahre oder nur ersonnene Ursache dieser unbändigen Leidenschaftlichkeit zu erklären, sagte sie, daß ich einem Herrn von Bremond, dem toskanischen Zolldirector, täuschend gliche; sie wäre ganz vernarrt in ihn gewesen und liebe ihn noch immer; sie hätte ihn verlassen, weil sie eine Närrin wäre; sie nähme mich an seiner Stelle und wollte mich lieben, weil es ihr so gefiele; deshalb müßte ich sie auch lieben, so lange es ihr anstände, und wenn sie sich von mir wieder abwenden würde, sollte ich mich in Geduld fassen, wie ihr theurer Bremond gethan hätte. Und wie gesagt, so gethan. Sie nahm Besitz von mir, als wäre ich ihr Leibeigener, gab mir ihre Handschuhe, ihren Fächer, ihren Hut zu verwahren, befahl mir, hierhin oder dorthin zu gehen, dieses oder jenes zu thun, und ich gehorchte. Sie forderte mich auf, ihre Gondel zurückzuschicken, da sie sich der meinigen bedienen wollte, und ich that es. Sie verlangte, ich sollte Carrio meinen Platz einräumen, weil sie mit ihm zu reden hätte, und ich war folgsam. Sie plauderten sehr lange und ganz leise zusammen, und ich ließ sie gewähren. Sie rief mir, und ich kam zurück. »Höre, Zanetto,« sagte sie zu mir, »ich will nicht auf französische Weise geliebt werden, schon das würde gleich kein gutes Ende nehmen, im ersten Augenblicke der Langeweile geh deiner Wege; aber bleibe nicht auf halbem Wege stehen, das rathe ich dir.« Nach dem Mahle gingen wir, uns die Glashütte in Murano anzusehen. Sie kaufte eine Menge kleine Nippsachen, die sie uns ohne Umstände bezahlen ließ, aber überall gab sie Trinkgelder, die sich höher beliefen, als alle unsere sonstigen Ausgaben. Aus der Gleichgiltigkeit, mit der sie ihr Geld fortwarf und uns das unsrige fortwerfen ließ, konnte man ersehen, daß es keinen Werth für sie hatte. Wenn sie sich bezahlen ließ, geschah es, wie ich glaube, mehr aus Eitelkeit als aus Habsucht: den Preis, den man für ihre Gunst gab, legte sie sich zum Ruhme aus.

Am Abend brachten wir sie nach Hause zurück. Während ich mit ihr plauderte, bemerkte ich zwei Pistolen auf ihrer Toilette. »Ei,« sagte ich, eine ergreifend, »das ist ja ein Schönpflasterkästchen neuer Art; dürfte man wissen, wozu es dient? Ich kenne doch andere Waffen an Ihnen, die besser Feuer geben, als diese hier?« Nach einigen Scherzen in demselben Tone sagte sie in einem natürlichen Stolze, der sie noch reizender machte, zu uns: »Wenn ich Leuten, die ich nicht liebe, meine Gunst erweise, so lasse ich sie die Langeweile, welche sie mir bereiten, bezahlen; nichts ist billiger; aber wenn ich mich auch ihren Zärtlichkeiten geduldig überlasse, so will ich doch ihre Gewalttätigkeiten nicht geduldig ertragen, und ich werde den Ersten, der gegen mich fehlt, nicht verfehlen.«

Beim Scheiden hatte ich ihre Empfangsstunde am nächsten Tage von ihr erfahren. Ich ließ sie nicht warten. Ich fand sie in vestito di confidenza, in einem mehr als galanten Nachtkleide, wie man es nur in den südlichen Ländern kennt, und mit dessen Beschreibung ich keine Zeit verlieren will, obgleich ich mich desselben nur noch zu gut erinnere. Ich begnüge mich damit, anzugeben, daß ihre Manschetten und Busenkrausen mit einem Seidenstreifen eingefaßt waren, der einen reichen Besatz von rosafarbenen Schleifen hatte. Das scheint mir ein gutes Mittel, eine schöne Haut noch mehr zu heben. Später gewahrte ich, daß es in Venedig Mode war, und es bringt einen so reizenden Eindruck hervor, daß es mich Wunder nimmt, diese Mode noch nicht in Frankreich eingeführt zu sehen. Ich hatte keine Vorstellung von dem Sinnengenusse, der meiner wartete. In dem Entzücken, welches die Erinnerung an Frau von Larnage noch bisweilen in mir erweckt, habe ich ihrer erwähnt; aber wie alt und häßlich und kalt war sie gegen meine Zulietta! Man würde sich vergeblich bemühen, sich eine Vorstellung von den Reizen und der Anmuth dieses bezaubernden Mädchens zu machen, stets würde man von der Wahrheit weit entfernt bleiben; die jugendlichsten Klosterjungfrauen sind weniger frisch, die Schönheiten des Serail weniger lebhaft, die Houris des Paradieses weniger verführerisch. Nie bot sich dem Herzen und den Sinnen eines Sterblichen ein süßerer Genuß dar. Ach, wenn ich nur wenigstens verstanden hätte, ihn einen einzigen Augenblick voll und ganz auszukosten! ... Ich kostete ihn, aber ohne Reiz; alle seine Wonne stumpfte ich ab und ertödtete sie, als ob ich Freude daran fände. Nein, die Natur hat mich nicht zum Genusse geschaffen. Während sie in mein Herz das Verlangen nach einem solchen unaussprechlichen Glücke gelegt, hat sie gleichzeitig in meinen armen Kopf das Gift geträufelt, es mir zu vergällen.

Wenn es in meinem Leben einen Umstand giebt, der als ein treues Bild meines Charakters dienen kann, so ist es der, welchen ich zu erzählen im Begriff stehe. Die Klarheit, mit der ich mir in diesem Augenblicke den Zweck meines Buches vergegenwärtige, wird mich hier über alles falsche Schicklichkeitsgefühl hinwegsetzen, das mich von der Erfüllung desselben zurückhalten könnte. Wer ihr auch sein möget, die ihr einen Menschen vollkommen kennen lernen wollt, leset dreist die folgenden zwei oder drei Seiten; ihr werdet einen genauen Einblick in Jean Jacques Rousseaus Charakter gewinnen.

Ich trat in das Zimmer einer Courtisane wie in das Heiligthum der Liebe und der Schönheit; ich glaubte deren Gottheit in ihrer Person zu erblicken. Nie hätte ich geglaubt, daß man ohne Ehrfurcht und Achtung solche Empfindungen, wie sie sie mir einflößte, haben könnte. Kaum hatte ich bei den ersten Vertraulichkeiten den Werth ihrer Reize und Liebkosungen erkannt, als ich mich aus Furcht, ihre Frucht schon vorher zu verlieren, beeilen wollte, sie zu pflücken. Aber anstatt der Flammen, die mich verzehrten, fühle ich plötzlich eine tödtliche Kälte durch meine Adern fließen, meine Beine beginnen zu zittern, und, krankhaft erregt, setze ich mich nieder und weine wie ein Kind.

Wer würde wohl die Ursache meiner Thränen und das, was mir in diesem Augenblicke durch den Kopf ging, errathen können? Ich sagte mir: dieses Mädchen, das sich mir willenlos hingiebt, ist das Meisterwerk der Natur und der Liebe; Geist, Körper, alles in ihm ist vollendet; es ist eben so gut und edelmüthig, wie es liebenswürdig und schön ist; die Großen, die Fürsten müßten seine Sklaven sein; die Scepter müßten zu seinen Füßen liegen. Und trotzdem ist es eine elende liederliche Dirne, für jeden käuflich; der Kapitän eines Kauffahrteischiffes verfügt über dasselbe; es wirft sich mir an den Kopf, mir, der, wie es weiß, nichts besitzt, mir, dessen Werth, den es nicht zu erkennen vermag, in seinen Augen nichtig sein muß. Es liegt darin etwas Unbegreifliches. Entweder täuscht mich mein Herz, bezaubert meine Sinne und überliefert mich den Fallstricken einer unwürdigen Vettel, oder irgend ein geheimer mir unbekannter Fehler muß die Wirkung der Reize des Mädchens zerstören und diejenigen mit Widerwillen gegen dasselbe erfüllen, welche es sich streitig machen müßten. Mit einer merkwürdigen Anstrengung des Geistes begann ich nun diesen Fehler zu suchen, und es kam mir nicht einmal in den Sinn, daß er in einer venerischen Krankheit liegen könnte. Die Frische ihrer Haut, der rosige Anhauch ihrer Gesichtsfarbe, das blendende Weiß ihrer Zähne, die Reinheit ihres Odems, die über ihre ganze Person gebreitete Sauberkeit hielten mir diesen Gedanken so fern, daß ich, seit der Padoana noch immer im Zweifel über meinen Gesundheitszustand, eher darüber unruhig war, ob auch ich für sie gesund genug wäre; und ich bin völlig überzeugt, daß mich mein Vertrauen in dieser Hinsicht nicht täuschte.

Diese so rechtzeitig angebrachten Ueberlegungen regten mich dergestalt auf, daß mir die Thränen aus den Augen strömten. Zulietta, welcher dies sicherlich ein in dieser Lage ganz neues Schauspiel war, wurde einen Augenblick betreten. Aber nachdem sie einmal einen Gang durch das Zimmer gemacht und dabei an ihrem Spiegel vorübergeschritten war, begriff sie, und meine Augen bestätigten es ihr, daß Widerwille an dieser Grille keinen Antheil hätte. Es wurde ihr nicht schwer, dieselbe zu verscheuchen und diese kleine Beschämung zu vergessen; aber als ich eben in Begriff stand, ermattet auf diesen Busen zu sinken, der zum ersten Male den Mund und die Hand eines Mannes zu dulden schien, gewahrte ich, daß ihre eine Brust keine Warze hatte. Ich erschrecke, sehe genau hin und glaube zu bemerken, daß diese Brust nicht wie die andere gebildet ist. Sofort sinne ich nach, wie man eine Brust ohne Warze haben könne, und überzeugt, daß es von irgend einem bedeutenden Naturfehler herrühren müßte, hänge ich diesem Gedanken so lange nach, bis es mir klar wie der Tag wird, daß ich in der reizendsten Person, die ich mir vorzustellen vermochte, nur eine Art Ungeheuer in meinen Armen hielt, den Abschaum der Natur, der Menschen und der Liebe. Ich trieb die Dummheit so weit, von dieser warzenlosen Brust mit ihr zu reden. Anfangs nahm sie die Sache scherzhaft auf, und in ihrer muthwilligen Laune sagte und that sie Dinge, daß mich die Liebe hätte tödten müssen; da aber noch immer ein Rest von Unruhe in mir zurückgeblieben war, den ich ihr nicht verheimlichen konnte, sah ich, wie sie endlich erröthete, ihre Kleider wieder in Ordnung brachte, sich erhob und sich, ohne ein einziges Wort zu sagen, an das Fenster setzte. Ich wollte mich an ihre Seite setzen, sie entfernte sich, ließ sich auf einem Ruhebette nieder, stand schon den nächsten Augenblick wieder auf, und indem sie sich Luft zufächelnd im Zimmer auf und ab ging, sagte sie zu mir mit kaltem und verächtlichem Tone: »Zanetto, lascia le donne, et studia la matematica.«

Ehe ich sie verließ, bat ich sie um eine Zusammenkunft am nächsten Tage, die sie auf den dritten Tag verschob, indem sie mit einem ironischen Lächeln hinzufügte, Ruhe müßte mir ja ein Bedürfnis sein. Ich verbrachte diese Zeit in großer Unruhe, das Herz voll von ihren Reizen und ihrer Anmuth. Ich war mir meiner Albernheit bewußt und machte sie mir zum Vorwurfe, bedauerte die so übel angewandten Augenblicke, die ich zu den süßesten meines Lebens hätte machen können und sehnte mit lebhaftester Ungeduld die Stunde herbei, wo ich das Verlorene wieder gut machen könnte, und nichtsdestoweniger noch immer unruhig, wie sich die unvergleichlichen Eigenschaften dieses anbetungswürdigen Mädchens mit der Unwürdigkeit ihres Gewerbes in Einklang bringen ließen. Ich lief, ich flog zu der verabredeten Stunde zu ihr. Ich weiß nicht, ob ihr feuriges Temperament mit diesem Besuche zufriedener gewesen wäre, ihr Stolz wenigstens zuverlässig, und ich fand schon im voraus einen köstlichen Genuß darin, ihr auf alle Weise zu zeigen, wie ich mein Unrecht wieder gut zu machen wüßte. Sie ersparte mir diesen Beweis. Der Gondolier, den ich nach der Landung zu ihr hinaufschickte, berichtete mir, sie wäre schon den Tag vorher nach Florenz zurückgereist. Wenn ich meine ganze Liebe zu ihr nicht bei ihrem Besitz empfunden hatte, so fühlte ich sie gar schmerzlich jetzt bei ihrem Verlust. Mein unverständiges Bedauern hat mich nie verlassen. So liebenswürdig und reizend sie in meinen Augen auch war, konnte ich mich über ihren Verlust zwar trösten; worüber ich mich indessen nicht beruhigen konnte, das ist, wie ich gestehe, das quälende Gefühl, daß sie nur eine verächtliche Erinnerung meiner mit fortgenommen hat.

Das sind meine zwei Geschichten. Die achtzehn Monate, die ich in Venedig gelebt, haben mir nicht mehr Mittheilungswerthes gebracht; höchstens verdiente noch ein bloser Plan der Erwähnung. Carrio liebte die Frauen; überdrüssig, immer nur zu Mädchen zu gehen, die bereits an andere gefesselt waren, kam er auf den Einfall, auch an seine Person eins zu ketten; und da wir unzertrennlich waren, schlug er mir das in Venedig gar nicht seltene Abkommen vor, eins für uns beide zu unterhalten. Ich ging darauf ein. Es kam nun darauf an, ein ungefährliches zu finden. Er suchte so lange, bis er ein junges Mädchen von elf bis zwölf Jahren ausfindig machte, welches seine unwürdige Mutter verkaufen wollte. Wir gingen zusammen, sie zu besichtigen. Es schnitt mir in das Herz, als ich dieses Kind erblickte. Es war blond und sanft wie ein Lamm; man würde die Kleine nie für eine Italienerin gehalten haben. In Venedig lebt man mit sehr wenigem; wir gaben der Mutter etwas Geld, um damit den Unterhalt ihrer Tochter zu bestreiten. Diese hatte Stimme; damit sie einst in einem Talente eine Hilfsquelle fände, gaben wir ihr ein Spinett und einen Gesanglehrer. Dies alles kostete jedem von uns kaum zwei Zechinen monatlich und sparte uns mehr an andern Ausgaben; da wir indessen erst ihre vollkommene Entwickelung abwarten mußten, so war es immerhin eine kostspielige Aussaat, ehe an die Ernte gedacht werden konnte. Zufrieden jedoch damit, die Abende daselbst zuzubringen und mit diesem Kinde in aller Unschuld zu plaudern und zu spielen, unterhielten wir uns so vielleicht angenehmer, als wenn wir sie besessen hätten; so wahr ist es, daß das, was uns am meisten an die Frauen fesselt, weniger die Befriedigung der Sinnenlust ist als ein gewisser Reiz, den das Zusammenleben mit ihnen gewährt. Unmerklich gewann mein Herz die kleine Angoletta immer lieber, aber mit einer väterlichen Zuneigung, an der die Sinnlichkeit so wenig Antheil hatte, daß dieselbe in dem Maße, wie meine Liebe zunahm, immer mehr zurücktrat, und ich fühlte, daß ich vor einer Annäherung an dieses Mädchen bei seiner eingetretenen Reife wie vor einer abscheulichen Blutschande zurückgebebt wäre. Ich sah, wie die Gefühle des ehrlichen Carrio ihm unbewußt die gleiche Richtung nahmen. Wir erhielten uns, ohne uns dessen bewußt zu werden, nicht weniger süße, aber von den anfangs beabsichtigten sehr verschiedene Freuden, und ich bin gewiß, daß wir, wie schön diese arme Kleine auch hätte werden können, ihre Unschuld nicht verführt, sondern geschützt hätten. Die Katastrophe, die bald darauf in meinen Verhältnissen eintrat, ließ mir nicht die Zeit, an diesem guten Werke weiter Theil zu nehmen, und ich kann mir in dieser Angelegenheit nur über die Neigung meines Herzens Lob spenden. Kommen wir nun auf meine Reise zurück.

Als ich Herrn von Montaigu verließ, hatte ich zuerst die Absicht, mich nach Genf zurückzuziehen, bis mich ein besseres Schicksal, die Hindernisse beseitigend, mit meiner armen Mama wieder vereinigen könnte. Allein das Aufsehen, das unser Zerwürfnis erregt hatte, und die Dummheit des Gesandten, den Hof davon in Kenntnis zu setzen, bewog mich, persönlich dorthin zu gehen, um Rechenschaft über meine Handlungsweise abzulegen und Beschwerde über die eines Verrückten zu führen. Von Venedig aus theilte ich Herrn du Theil, dem nach Herrn Amelots Tode die auswärtigen Angelegenheiten interimistisch übertragen waren, meinen Entschluß mit. Ich reiste gleichzeitig mit meinem Briefe ab, nahm den Weg über Bergamo, Como und Domo und überstieg den Simplon. Zu Sion erwies mir Herr von Chaignon, der französische Geschäftsträger, viele Freundlichkeiten, und gleich zuvorkommend nahm mich Herr de la Cloture in Genf auf. Ich erneuerte daselbst die Bekanntschaft mit Herrn von Gauffecourt, von dem ich einiges Geld zu empfangen hatte. Ich war durch Nyon gereist, ohne meinen Vater zu besuchen. So außerordentlich schwer es mir auch fiel, hatte ich mich doch nicht entschließen können, mich nach meinem Mißgeschick meiner Stiefmutter zu zeigen, sicher, daß sie ihr Urtheil, ohne mich auch nur erst anhören zu wollen, fällen würde. Der Buchhändler Duvillard, ein alter Freund meines Vaters, warf mir dieses Unrecht lebhaft vor. Ich sagte ihm den Grund, und um es wieder gut zu machen, ohne ein Zusammentreffen mit meiner Stiefmutter befürchten zu brauchen, nahm ich einen Wagen, und wir fuhren zusammen nach dem Wirthshause in Nyon. Duvillard machte sich auf, meinen armen Vater zu holen, der auch schnell herbeigeeilt kam, mich zu umarmen. Wir aßen zusammen Abendbrot und nachdem wir einen Abend, der mein Herz mit Seligkeit erfüllte, zusammen zugebracht hatten, kehrte ich mit Duvillard, dem ich für die mir bei dieser Gelegenheit bewiesene Freundlichkeit stets Dankbarkeit bewahrt habe, früh am nächsten Morgen nach Genf zurück.

Mein kürzester Weg führte nicht über Lyon, aber ich wünschte es zu berühren, um eine äußerst gemeine Gaunerei des Herrn von Montaigu festzustellen. Ich hatte mir aus Paris eine kleine Kiste, deren Inhalt in einer goldgestickten Weste, einigen Paar Manschetten und sechs Paar weißseidenen Strümpfen und in nichts Weiterem bestand, kommen lassen. Auf den Vorschlag, den er mir selbst machte, ließ ich diese Kiste oder vielmehr dieses Kistchen, zu seinem Gepäck legen. In der Apothekerrechnung, die er mir als Zahlung meines Gehaltes einhändigen wollte und die er mit eigener Hand geschrieben hatte, befand sich der Vermerk, daß dieses Kistchen, welches er Ballen nannte, elf Zentner wöge, und er hatte mir deshalb das Porto zu einem unerhörten Preise angesetzt. Durch die Bemühung des Herrn Bois de la Tour, dem mich sein Oheim, Herr Roguin, empfohlen hatte, wurde nach den Douanenlisten zu Lyon und Marseille der Nachweis geführt, daß der in Rede stehende Ballen nur fünfundvierzig Pfund wog, und das Porto auch nur diesem Gewichte gemäß berechnet war. Diese amtlichen Urkunden fügte ich der Nennung des Herrn Montaigu bei und mit diesen wie mit einigen anderen Beweisstücken von gleicher Wichtigkeit versehen, begab ich mich nach Paris voll größter Ungeduld, von ihnen Gebrauch zu machen. Auf dieser ganzen langen Reise hatte ich zu Como im Wallis und auch sonst noch kleine Abenteuer. Ich sah mancherlei, unter andern die borromeischen Inseln, die eine besondere Beschreibung verdienten; aber es mangelt an Zeit, Spione umlagern mich, ich bin genöthigt, eine Arbeit, die Muße und Geistesruhe, die mir fehlen, verlangt, schnell und schlecht zu machen. Wenn die Vorsehung mir ihre Blicke je wieder zuwenden und endlich ruhigere Tage schenken sollte, so gedenke ich sie, wenn ich dazu im Stande bin, zur neuen Bearbeitung dieses Werkes oder wenigstens zu einem Nachtrage desselben anzuwenden, dessen es, wie ich fühle, sehr bedarf. Ich habe diesen Plan aufgegeben. ? (Diese Anmerkung befindet sich nicht in dem Original-Manuscripte.)

Das Gerücht von meiner Geschichte war mir vorausgeeilt, und bei meiner Ankunft überzeugte ich mich, daß in den Bureaux wie im Publikum alle Welt über die Tollheiten des Gesandten entrüstet war. Trotz dem allen, trotz der öffentlichen Stimme in Venedig, trotz der unwiderleglichen Beweise, die ich beibrachte, vermochte ich nicht Gerechtigkeit zu erlangen. Weit davon entfernt, Genugthuung oder Entschädigung zu erhalten, wurde ich sogar hinsichtlich meines Gehaltes dem Belieben des Gesandten überlassen, und zwar einzig und allein deshalb, weil ich als Fremdling kein Recht auf den Nationalschutz hätte und es sich nur um eine Privatangelegenheit zwischen ihm und mir handelte. Alle Welt stimmte mir darin bei, daß ich gekränkt, verkürzt, um das Meine gebracht wäre, daß der Gesandte überspannt, böse und ungerecht sein müßte und ihn diese Geschichte für immer entehrte. Aber was half mir das? Er war der Gesandte und ich nur der Secretär. Die einmal bestehende Ordnung, oder was man so nennt, brachte es mit sich, daß ich keine Gerechtigkeit erlangen durfte, und ich erlangte keine. Ich bildete mir ein, daß man mir, wenn ich gewaltigen Lärm schlüge und diesen Narren öffentlich, wie er es verdiente, behandelte, endlich Schweigen auferlegen würde, und das erwartete ich, fest entschlossen, erst nach gefälltem Urtheile zu gehorchen. Aber es gab damals keinen Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Man ließ mich schreien, man ermuthigte mich sogar dazu, man stimmte ein, aber die Geschichte blieb immer auf dem nämlichen Flecke, bis ich endlich, überdrüssig immer nur Recht und nie Gerechtigkeit zu bekommen, den Muth verlor und alles aufgab.

Die einzige Person, die mich nicht artig aufnahm, und von der ich diese Ungerechtigkeit am wenigsten erwartet haben würde, war Frau von Beuzenval. Ganz voll von den Standes- und Adelsvorrechten, war ihr der Gedanke unfaßbar, daß ein Gesandter gegen seinen Secretär Unrecht haben könnte. Diesem Vorurtheile entsprach der Empfang, den ich bei ihr fand. Ich fühlte mich über denselben so verletzt, daß ich ihr, nachdem ich ihr Haus verlassen hatte, sofort einen der stärksten und heftigsten Briefe schrieb, der vielleicht je aus meiner Feder geflossen ist, Folgendes Fragment dieses Briefes wird von Herrn Musset-Pathay angeführt: »Ich habe Unrecht, gnädige Frau, ich habe mich geirrt. Ich hielt Sie für gerecht; Sie sind von Adel, dessen hätte ich eingedenk sein sollen; ich hätte einsehen müssen, daß es für mich, einen Plebejer, unziemlich ist, gegen einen Edelmann aufzutreten. Habe ich Ahnen, habe ich Ansprüche? Kann es einem Menschen gegenüber, der keine Pergamente aufzuweisen hat, Billigkeit geben? ... Wenn es ihm (dem Herrn von Montaigu) an Seelengröße fehlt, so ist sie ihm eben bei seinem Adel nicht nöthig; wenn er sich in der sittenlosesten Stadt den sittlich Verkommensten zugesellt, wenn er mit Schurken verkehrt, wenn er selbst einer ist, so haben doch seine Ahnen für seine äußere Ehre gesorgt. und ich habe sie nie wieder besucht. Der Pater Castel nahm mich freundlicher auf, aber trotz seiner jesuitischen Schweifwedelei sah ich, daß er sich ziemlich getreu an einen der großen Grundsätze seiner Gesellschaft hielt, nämlich an den, den Schwächsten immer dem Mächtigsten aufzuopfern. Das lebhafte Gefühl der Gerechtigkeit meiner Sache und mein angeborener Stolz ließen mich diese Parteilichkeit nicht geduldig hinnehmen. Ich hörte auf, den Pater Castel und somit auch die Jesuiten zu besuchen, von denen ich ihn allein kannte. Übrigens flößte mir das tyrannische und intriguante Wesen seiner Ordensbrüder, das von der Gutherzigkeit des ehrlichen Pater Hemet so sehr abstach, einen solchen Widerwillen gegen einen Verkehr mit ihnen ein, daß ich seit jener Zeit keinen mehr von ihnen gesehen habe, wenn ich von dem Pater Berthier absehe, den ich zwei oder dreimal bei Herrn Dupin traf, mit welchem er angelegentlich an der Widerlegung Montesquieus arbeitete.

Beenden wir, um nicht mehr darauf zurückzukommen, was mir noch von Herrn Montaigu zu erzählen bleibt. Ich hatte ihm bei unsern Zwistigkeiten einmal gesagt, er hätte keinen Secretär, sondern einen Advokatenschreiber nöthig. Diesem Rathe folgte er und gab mir wirklich einen echten Advokaten, der ihn in weniger als einem Jahre um zwanzig- oder dreißigtausend Franken bestahl, zum Nachfolger. Er jagte ihn fort, ließ ihn ins Gefängnis sperren, jagte mit Lärm und Aufsehen seine Edelleute fort, gerieth überall in Zänkereien, mußte Beschimpfungen hinnehmen, die sich kein Knecht hätte gefallen lassen und mußte schließlich in Folge seiner Narrheiten abberufen werden. Man schickte ihn auf seine Güter, um seinen Kohl zu pflanzen. Wahrscheinlich war unter den Verweisen, die er vom Hofe bekam, sein Verhalten gegen mich nicht vergessen worden, wenigstens schickte er bald nach seiner Rückkunft seinen Haushofmeister zu mir, um meine Rechnung zu berichtigen und mir das Geld einzuhändigen. Es fehlte mir in diesem Augenblicke gerade an Geld; meine von Venedig herrührenden Schulden, Ehrenschulden, wenn es deren jemals gab, lagen mir schwer auf dem Herzen. Ich ergriff das sich mir darbietende Mittel, sie abzuzahlen, eben so wie den Schein des Zanetto Nani. Ich nahm, was man mir anbot; ich bezahlte alle meine Schulden und blieb wie vorher ohne einen Sou, aber von einer mir unerträglichen Last befreit. Seitdem habe ich von Herrn von Montaigu erst wieder bei seinem Tode reden hören, der öffentlich besprochen wurde. Möge Gott diesem armen Menschen den ewigen Frieden geben! Er war für den Beruf eines Gesandten gerade eben so geeignet, wie ich in meiner Kindheit zum Procurator geeignet gewesen wäre. Allein es hätte doch nur von ihm abgehangen, sich in seiner Stellung durch meine Dienstführung mit Ehren zu erhalten und mich schnell in dem Berufe zu befördern, zu welchem mich der Graf von Gouvon in meiner Jugend bestimmt hatte und zu dem ich mir erst in einem reiferen Alter aus eigenem Antriebe die Fähigkeit erworben hatte.

Die Gerechtigkeit und Fruchtlosigkeit meiner Klagen ließen in meiner Seele einen Keim von Entrüstung gegen unsere einfältigen bürgerlichen Einrichtungen zurück, bei denen das wahre öffentliche Wohl und die wahre Gerechtigkeit regelmäßig einer mir unerklärlichen, zwar scheinbaren Ordnung geopfert werden, die aber in Wirklichkeit der völlige Umsturz jeglicher Ordnung ist und der Unterdrückung des Schwachen und der Ungerechtigkeit des Starken nur die Bestätigung der öffentlichen Gewalt verleiht. Zweierlei hielt damals diesen Keim zurück, sich so zu entwickeln, wie er in der Folgezeit gethan hat; einmal der Umstand, daß es sich hierbei um mich handelte und daß das Privatinteresse, welches nie etwas Großes und Edles hervorgebracht hat, in meinem Herzen nicht jene göttliche Begeisterung entzünden konnte, die nur der Ausfluß der reinsten Liebe zum Gerechten und zum Schönen ist; und sodann der Reiz der Freundschaft, der durch die Macht eines süßeren Gefühls meinen Zorn mäßigte und beruhigte. In Venedig hatte ich einen Biscayer kennen gelernt, einen Freund meines Freundes Carrio und würdig der jedes Ehrenmannes zu sein. Dieser liebenswürdige junge Mann, den die Natur mit allen Talenten und Tugenden ausgestattet, hatte vor kurzem eine Kunstreise durch Italien vollendet, und da er wähnte, jetzt alles Sehenswerthe erschöpft zu haben, wollte er geraden Weges in sein Vaterland zurückkehren. Ich sagte ihm, daß für einen Mann seines Genies, der für die Pflege der Wissenschaften geschaffen wäre, die Künste nur eine Erholung bildeten, und ich rieth ihm, um Neigung für das Studium zu bekommen, eine Reise nach Paris und einen sechsmonatlichen Aufenthalt daselbst an. Er glaubte mir und ging nach Paris. Bei meiner Ankunft war er bereits da und erwartete mich. Da seine Wohnung für ihn zu groß war, bot er mir die Hälfte davon an; ich nahm sein Anerbieten an. Ich fand ihn von Eifer für die höheren Wissenschaften durchglüht. Nichts war für seine Fassungskraft zu hoch; mit wunderbarer Geschwindigkeit verschlang und verdaute er alles. Wie dankbar er mir war, seinem Geiste, den Wissensdurst ihm selber unbewußt verzehrte, diese Nahrung verschafft zu haben! Was für Schätze des Wissens und der Tugenden fand ich doch in dieser starken Seele! Ich fühlte, daß dies der Freund wäre, dessen ich bedurfte. Wir wurden vertraute Freunde. Unsere Geschmacksrichtungen waren nicht die nämlichen; wir stritten beständig. Beide eigensinnig, waren wir über nichts einig. Trotzdem konnten wir nicht ohne einander sein, und obgleich wir uns unaufhörlich widersprachen, hätte doch keiner den andern anders gewünscht.

Ignacio Emmanuel de Altuna war einer jener seltenen Menschen, die Spanien allein, wenn auch zu seinem Ruhme zu selten, hervorbringt. Er hatte nicht die heftigen Nationalleidenschaften seiner Heimat; von Rachgier war sein Geist eben so frei wie sein Herz von Verlangen nach Sinnenlust. Er war zu stolz, um rachsüchtig zu sein, und ich habe ihn oft mit größter Kaltblütigkeit sagen hören, daß ihn kein Sterblicher beleidigen könnte. Er war galant, ohne zärtlich zu sein. Er spielte mit den Frauen wie mit niedlichen Kindern. Gern war er bei den Geliebten seiner Freunde, aber ich habe nie eine bei ihm selbst gesehen oder ihm das Verlangen angemerkt, eine zu besitzen. Die Flammen der Tugend, die sein Herz durchglühten, ließen die Flammen der Sinnenlust nie in ihm auflodern.

Nach seinen Reisen hat er sich verheirathet; er ist jung gestorben und hat Kinder hinterlassen, und ich bin so fest wie von meinem eigenen Dasein überzeugt, daß seine Frau die erste und die einzige ist, die ihn die Freuden der Liebe kennen gelehrt hat. Aeußerlich war er fromm wie ein Spanier, aber seine Seele erfüllte die Frömmigkeit eines Engels. Außer mir habe ich, so lange ich athme, keinen andern Menschen als ihn kennen gelernt, der von einer so aufrichtigen Duldsamkeit beseelt gewesen wäre. Er hat nie jemanden nach seinen religiösen Ansichten gefragt. Ob sein Freund Jude, Protestant, Türke, Frömmler oder Atheist war, das kümmerte ihn wenig, sobald er nur ein rechtschaffener Mann war. Hartnäckig, starrköpfig bei gleichgiltigen Ansichten, war er dagegen, sobald es sich um Religion oder auch nur um Moral handelte, zurückhaltend, schwieg oder sagte einfach: »Ich habe nur für mich zu sorgen.« Es ist unglaublich, daß eine so große Seelenerhabenheit mit einem bis ans Kleinliche streifenden Sinn für Geringfügiges vereinbar sein kann. Er theilte und regelte die Tagesgeschäfte im voraus nach Stunden, Viertelstunden und Minuten und hielt diese Einteilung mit solcher Pünktlichkeit inne, daß er mitten im Lesen eines Satzes, hätte die Uhr plötzlich geschlagen, das Buch geschlossen hätte, ohne ihn zu vollenden. Von allen diesen so zerrissenen Zeitabschnitten widmete er den einen diesem, den andern jenem Studium; so hatte er bestimmte für Ueberlegungen, für die Unterhaltung, für die Messe, für Locke, für den Rosenkranz, für Besuche, für die Musik, für die Malerei, und weder Vergnügungen noch Versuchungen, noch der Wunsch jemandem gefällig zu sein, hätten diese Ordnung umstoßen können; lediglich eine zu erfüllende Pflicht hätte ihn dazu gebracht. Als er mir die Liste seiner Zeiteinteilung aufzählte, damit ich mich danach richtete, fing ich zu weinen an und schloß unter Thränen der Bewunderung. Nie fiel er jemandem lästig, noch duldete er eine Belästigung; die Leute, die ihn aus Höflichkeit belästigen wollten, fuhr er grob an. Er war hitzig, ohne verdrießlich zu sein. Ich habe ihn oft in Zorn, aber nie mißmuthig und trotzig gesehen. Nichts war heiterer als seine Laune; er verstand Scherz und scherzte selbst gern, er glänzte sogar dabei, da er das Talent besaß, sich in Epigrammen auszudrücken. Wenn man ihn anregte, lärmte und polterte er, daß man seine Stimme schon von weitem hörte; aber während er schrie, sah man ihn lächeln, und mitten in seinen leidenschaftlichen Aufwallungen brachte er irgend ein witziges Wort hervor, das alle Welt in Lachen ausbrechen ließ. Eben so wenig wie das spanische Phlegma besaß er das Aeußere eines Spaniers. Er hatte weiße Haut, rothe Wangen, hellbraunes, ja fast blondes Haar. Er war groß und wohlgebaut. Sein Körper war gleichsam der Tempel seiner Seele.

Dieser Weise, seinem Herzen wie seinem Geiste nach, hatte Menschenkenntnis und war mein Freund. Dies ist meine ganze Antwort für alle, die es nicht sind. Uns vereinigte ein so festes Freundschaftsband, daß wir den Plan faßten, unsere Tage zusammen zu verleben. In einigen Jahren sollte ich nach Ascoytia kommen, um bei ihm auf seinem Gute zu wohnen. Am Abende vor seiner Abreise wurden alle einzelnen Punkte dieses Vorhabens zwischen uns verabredet. Nur das fehlte, was auch in den bestberechneten Plänen nicht in der Menschen Hand liegt. Die späteren Ereignisse, meine Widerwärtigkeiten, seine Verheirathung, sein Tod haben uns für immer getrennt.

Man sollte meinen, daß nur die finsteren Anschläge der Bösen gelängen; die unschuldigen Pläne der Guten gehen fast nie in Erfüllung.

Nachdem ich die Unannehmlichkeit der Abhängigkeit erfahren hatte, nahm ich mir entschieden vor, mich ihr nicht wieder auszusetzen. Da ich die Pläne des Ehrgeizes, die ich bei sich darbietender Gelegenheit entworfen, schon gleich bei ihrem Entstehen scheitern gesehen, und deshalb den Muth verloren hatte, wieder in die Laufbahn einzutreten, die ich so glücklich begonnen und aus der ich nichtsdestoweniger herausgeschleudert war, kam ich zu dem Entschlusse, mich an niemanden mehr anzuschließen, sondern mir meine Unabhängigkeit zu bewahren und meine Talente selbst auszunutzen, deren Umfang ich endlich zu erkennen begann und von denen ich bisher eine allzu bescheidene Meinung gehabt hatte. Ich nahm wieder die Arbeit an meiner Oper auf, welche ich wegen meiner Reise nach Venedig hatte unterbrechen müssen, und um mich ihr nach Altunas Abreise desto ruhiger überlassen zu können, bezog ich wieder mein altes Hôtel Saint-Quentin, welches in einem abgelegenen Viertel und unweit des Luxembourg für mich zum ungestörten Arbeiten geeigneter war als die geräuschvolle Straße Saint-Honoré. Dort wartete meiner der einzige wirkliche Trost, welchen der Himmel mir in meinem Elende gespendet hat, und der allein es mir erträglich macht. Da die Bekanntschaft, in der ich ihn gefunden habe, nicht etwa eine blos flüchtige war, muß ich auf einige Einzelheiten über die Art ihrer Entstehung eingehen.

Wir hatten eine neue Wirthin, die aus Orléans stammte. Zur Verwalterin des Leinenzeuges nahm sie eine junge Landsmännin von ungefähr zwei- bis dreiundzwanzig Jahren, die eben so wie die Wirthin mit uns speiste. Dieses Mädchen, welches Therese Le Vasseur hieß, war von guter Familie, der Vater war Beamter an der Münze zu Orléans, die Mutter hatte ein Kaufmannsgeschäft. Sie hatten viele Kinder. Da die Münze zu Orléans ihre Arbeit einstellte, fand sich der Vater plötzlich auf das Steinpflaster gesetzt; die Mutter, welche durch Bankerotte Einbuße erlitten hatte, machte schlechte Geschäfte, zog sich vom Handel zurück und übersiedelte nach Paris mit Mann und Tochter, welche die Eltern und sich durch ihre Arbeit ernährte.

Als ich diese junge Dame zum ersten Male bei Tische erscheinen sah, fiel mir ihr sittsames Benehmen und noch mehr ihr lebhafter und sanfter Blick auf, wie ich nie einen ähnlichen gesehen habe. Außer Herrn von Bonnefond nahmen an der Mahlzeit einige irländische und gascogner Abbés und andere Leute ähnlichen Schlages Theil. Unsere Wirthin selbst hatte ein lustiges Leben geführt; ich war der Einzige, der anständig redete und sich eben so benahm. Man neckte die Kleine; ich übernahm ihre Verteidigung. Sofort fielen sie mit Witzeleien über mich her. Hätte ich auch nicht eine leicht zu erklärende Neigung für die arme Kleine gefühlt, so würden doch Mitleid und Widerspruchsgeist sie mir eingeflößt haben. Ich habe, namentlich den Frauen gegenüber, Anstand in Worten wie im Benehmen stets geliebt. Ich wurde offen ihr Vertheidiger. Ich sah, wie dankbar sie mir in ihrem Herzen für mein ritterliches Auftreten war, und ihre von der Erkenntlichkeit, welche ihr Mund nicht auszusprechen wagte, belebten Blicke wurden nur um so rührender.

Sie war sehr schüchtern; ich war es ebenfalls. Die nähere Bekanntschaft, welcher dieser gemeinschaftliche Charakterzug hinderlich zu sein schien, wurde gleichwohl sehr schnell angeknüpft. Die Wirthin, der es nicht entging, wurde wüthend, und ihre Grobheiten gereichten mir bei der Kleinen, die sich im Hause nur auf meinen Schutz angewiesen sah und deshalb, so oft ich ausging, nach der Rückkehr ihres Beschützers seufzte, zu um so größerem Vortheile. Unsere gegenseitige Zuneigung nahm bald den gewöhnlichen Verlauf. Sie glaubte in mir einen redlichen Mann zu erkennen; sie täuschte sich nicht. Ich meinerseits glaubte in ihr ein gefühlvolles und einfaches Mädchen, welches frei von Gefallsucht war, zu erkennen und täuschte mich eben so wenig. Ich erklärte ihr von vorn herein, ich würde sie nie verlassen, aber auch nie heirathen. Liebe, Achtung und unverstellte Aufrichtigkeit bahnten mir den Weg zum Siege, und weil ihr Herz zärtlich und redlich war, wurde ich glücklich, ohne daß ich es nöthig hatte, mit Ungestüm in sie zu dringen.

Die Besorgnis, die sie hegte, daß ich in ihr nicht das finden würde, was ich, wie sie glaubte, suchte, verzögerte mein Glück mehr als alles andere. Ich sah, wie sie, ehe sie sich ergab, bestürzt und verlegen war, voll Verlangen sich auszusprechen, ohne daß sie doch den Muth dazu fand. Weit entfernt, die wahre Ursache ihrer Verlegenheit zu ahnen, dachte ich mir eine sehr falsche, die mir ihren Wandel in sehr schlechtem Lichte erscheinen ließ, und in der Voraussetzung, daß sie mir zu verstehen geben wollte, meine Gesundheit könnte bei ihr Gefahr laufen, bemächtigte sich meiner eine gewisse Unruhe, die mich zwar nicht zurückhielt, mir aber doch mein Glück einige Tage lang vergiftete. Da wir uns gegenseitig nicht verstanden, waren unsere Unterhaltungen in Bezug auf diesen Punkt eben so viele Räthsel und mehr als lächerliche Mißverständnisse. Sie schien mich für halb närrisch zu halten, und ich wußte meinerseits nicht, was ich von ihr denken sollte. Endlich erklärten wir uns gegenseitig. Sie legte mir weinend das Geständnis ab, daß sie sich ein einziges Mal beim Austritt aus der Kindheit aus Unwissenheit durch einen schlauen Verführer habe bethören lassen. Sobald ich sie begriff, schrie ich laut auf: »Jungfrauschaft, wer wollte sie in Paris, wer wollte sie bei zwanzig Jahren suchen! Ach, meine Therese, ich bin allzu glücklich, dich züchtig und gesund zu besitzen, wenn ich auch das nicht fand, was ich gar nicht suchte.«

Anfangs hatte ich mir nur einen Genuß zu verschaffen gesucht. Ich sah, daß ich mehr als dies, daß ich eine Lebensgefährtin in ihr gefunden hatte. Ein kurzer Umgang mit diesem vortrefflichen Mädchen, ein wenig Nachdenken über meine Lage brachte mir die Ueberzeugung bei, daß ich, während ich nur an Genuß gedacht, viel für mein Glück gethan hatte. Ich bedurfte an Stelle des erloschenen Ehrgeizes eines leidenschaftlichen Gefühls, das mein Herz ausfüllte. Ich bedurfte, um es kurz heraus zu sagen, einer Nachfolgerin Mamas: da ich nicht mehr mit ihr leben durfte, hatte ich eine Person nöthig, die mit ihrem Zögling lebte, und in der ich die Einfachheit und Herzensfreundschaft finden konnte, die sie in mir gefunden hatte. Das ruhige Glück des häuslichen Lebens mußte mich für das glänzende Loos, dem ich entsagte, schadlos halten. Sobald ich ganz allein war, fühlte mein Herz sich leer, aber es bedurfte nur eines einzigen, es auszufüllen. Das Schicksal hatte mir das Herz geraubt, oder es mir wenigstens zum Theil entfremdet, für das die Natur mich geschaffen hatte. Seit jener Zeit war ich allein, denn für mich gab es zwischen allem und nichts nie ein Mittelding. In Therese fand ich den Ersatz, der mir nothwendig war; durch sie lebte ich so lange glücklich, wie ich es nach dem Lauf der Ereignisse nur irgend sein konnte.

Anfangs beabsichtigte ich, ihren Geist zu bilden: meine Mühe war verloren. Ihr Geist ist, wie ihn die Natur gemacht hat; Bildung und Pflege wurden ihm nie zu Theil. Ich erröthe nicht, es offen zu bekennen, daß sie es nie zum geläufigen Lesen gebracht hat, obgleich sie leidlich schreibt. Als ich in der Rue Neuve-des-Petits-Champs wohnte, hatte ich gerade meinen Fenstern gegenüber an dem Hôtel Pontchartrain das Zifferblatt einer Sonnenuhr, auf dem ich mich einen ganzen Monat bemühte, sie die Stunden unterscheiden zu lehren. Kaum kennt sie sie jetzt endlich. Sie hat sich nie nach der Reihenfolge der zwölf Monate im Jahre richten können und kennt kein einziges Zahlzeichen trotz aller Mühe, die ich mir gegeben habe, sie mit denselben vertraut zu machen. Sie versteht weder Geld zu berechnen, noch kennt sie den Preis irgend einer Sache. Das Wort, das ihr beim Reden hervorsprudelt, ist oft das Gegentheil von dem, was sie sagen will. Früher hatte ich mir einmal ein Verzeichnis von ihren Redensarten gemacht, um Frau von Luxembourg zu unterhalten, und ihre Verwechselungen sind in den Gesellschaften, in welchen ich mich bewegte, berühmt geworden. Allein diese so beschränkte und, wenn man will, auch so dumme Person ist in schwierigen Fällen eine ausgezeichnete Rathgeberin. In der Schweiz, in England, in Frankreich, in den kritischen Lebenslagen, die ich durchzukämpfen hatte, hat sie das, was ich selbst nicht sah, richtig erkannt; hat mir die besten Rathschläge ertheilt, hat mich Gefahren entrissen, in die ich mich blindlings stürzte, und vor Damen des höchsten Ranges, vor Großen und Fürsten haben ihre Gesinnungen, ihr klarer Verstand, ihre Antworten und ihr Betragen ihr die allgemeine Achtung erworben, während mir die freundlichste Anerkennung ihres Werthes, deren Aufrichtigkeit ich herausfühlte, zu Theil wurde.

Bei Personen, die man liebt, nährt das Gefühl nicht nur das Herz, sondern auch den Geist und man ist nicht sehr benöthigt, anderswo Nahrung für den Geist zu suchen. Ich lebte mit meiner Therese so angenehm wie mit dem genialsten Menschen von der Welt. Ihre Mutter, stolz darüber, einst im Hause der Marquise von Monpipeau erzogen zu sein, spielte den Schöngeist, wollte sie leiten und verdarb durch ihre Arglist die Harmlosigkeit unseres Verhältnisses. Der Aerger über diese störende Beeinflussung ließ mich einigermaßen die thörichte Scham überwinden, in der ich nicht den Muth hatte, mich mit Therese öffentlich zu zeigen, und wir machten kleine Spaziergänge auf das Land hinaus und nahmen daselbst einen frugalen Imbiß, wobei ich mich in der heitersten Stimmung befand. Ich sah, daß sie mich aufrichtig liebte, und das verdoppelte meine Zärtlichkeit. Diese süße Vertraulichkeit gewährte mir Ersatz für alles. Die Zukunft machte keinen Eindruck mehr auf mich oder nur den, daß sie die verlängerte Gegenwart wäre; ich wünschte mir nur die unaufhörliche Dauer der letzteren zu sichern.

Dieses Verhältnis machte mir jede andere Zerstreuung überflüssig und werthlos. Ich ging nur noch aus, um Therese zu besuchen; ihre Wohnung wurde fast die meinige. Dieses zurückgezogene Leben war für meine Arbeit so förderlich, daß meine ganze Oper, Text wie Musik, in weniger als drei Monaten fertig war. Nur einige Begleit- und Füllstimmen blieben mir noch zu vollenden. Diese handwerksmäßige Arbeit war mir sehr langweilig. Ich schlug deshalb Philidor vor, sie mir gegen einen Gewinnanteil abzunehmen. Er kam zweimal und componirte einige Füllstimmen im Akte des Ovid, konnte sich aber für einen erst in der Ferne liegenden und noch dazu unsichern Gewinn nicht an eine zeitraubende Arbeit fesseln lassen. Er kam nicht mehr wieder, und ich vollendete meine Arbeit selbst.

Nach Beendigung meiner Oper galt es nun, Nutzen aus ihr zu ziehen; dies verlangte größere Mühe als die Oper selbst. In Paris erreicht man nichts, wenn man für sich allein lebt. Ich gedachte mir durch Vermittelung des Herrn Poplinière, bei dem mich Herr Gauffecourt nach der Rückkehr von Genf eingeführt hatte, den Weg zu bahnen. Herr De la Poplinière war der Mäcen Rameaus; Frau De la Poplinière war seine ganz gehorsame Schülerin. Rameau machte so zu sagen in diesem Hause Regen und Sonnenschein. In dem Wahne, daß er dem Werke eines seiner Schüler mit Freuden förderlich sein würde, wollte ich ihm das meinige vorlegen. Er lehnte die Durchsicht unter dem Vorwande ab, daß er Partituren nicht lesen könnte und ihn dies zu sehr anstrengte. Frau De la Poplinière meinte hierauf, man könnte sie ihm ja aufführen lassen, und erbot sich, einige Musiker zur Ausführung einiger Stücke daraus in ihrem Hause zu versammeln. Ich verlangte nichts Besseres. Rameau gab verdrießlich seine Einwilligung, indem er unaufhörlich wiederholte, die Composition eines Menschen, der nicht das Kind eines Musikers wäre und die Musik nur aus sich selbst gelernt hätte, müßte wirklich etwas Reizendes sein. Ich schrieb schnell die Stimmen von fünf oder sechs der besten Stücke heraus. Man gab mir zehn Symphonisten und als Sänger Albert, Bérard und Fräulein Bourbonnais. Gleich von der Ouverture an begann Rameau durch seine übertriebenen Lobsprüche zu verstehen zu geben, daß sie nicht von mir sein könnte. Kein Stück ließ er vorübergehen, ohne Zeichen der Ungeduld von sich zu geben; aber bei einer Arie für Altstimme, deren Vortrag männlich und wohlklingend war und bei der auch die Begleitung glänzend ausfiel, konnte er sich nicht länger bezähmen. Mit einer Roheit, die bei jedermann Anstoß erregte, fuhr er mich barsch an und sagte, daß ein Theil dessen, was er gehört, von einem in seiner Kunst vollendeten Meister wäre, während das Uebrige von einem Stümper herrührte, der von der Musik auch nicht die geringste Ahnung hätte. Allerdings war meine Arbeit, ungleich und regellos, bald erhaben, bald sehr flach, wie es die eines jeden sein muß, der sich nur durch einige Geistesblitze über das Gewöhnliche erhebt und sich auf sein Wissen nicht stützen kann. Rameau behauptete in mir nur einen talent- und geschmacklosen Menschen zu erkennen, der sich mit fremden Federn schmückte. Die Anwesenden und namentlich der Hausherr dachten nicht so. Herr von Richelieu, welcher in jener Zeit Herrn, und wie man weiß, auch Frau De la Poplinière häufig besuchte, erfuhr von meinem Werke und wollte es ganz hören, mit der Absicht, es, wenn es seine Zufriedenheit erwürbe, am Hofe zur Aufführung zu bringen. Es wurde bei Herrn von Bonneval, dem Intendanten der Hoflustbarkeiten, mit großen Chören und großem Orchester auf königliche Kosten aufgeführt. Franc?ur dirigirte. Die Wirkung war überraschend. Der Herr Herzog hörte nicht auf laut Beifall zu klatschen und im Akte Tasso erhob er sich nach Beendigung eines Chores, kam auf mich zu und sagte, indem er mir die Hand drückte: »Herr Rousseau, das ist eine entzückende Harmonie! Ich habe nie etwas Schöneres gehört; ich werde dieses Werk in Versailles aufführen lassen.« Frau De la Poplinière, die zugegen war, sagte nicht ein Wort. Rameau hatte, obgleich er eingeladen war, nicht kommen wollen. Als ich Frau De la Poplinière am folgenden Tage in ihrem Boudoir meine Aufwartung machte, wurde mir ein sehr kalter Empfang zu Theil; sie sprach sich über mein Stück sehr wegwerfend aus und sagte mir, obgleich anfangs das bischen Klingklang den Herrn von Richelieu verblendet hätte, so wäre er doch vollkommen davon zurückgekommen, und sie riethe mir, mich nicht auf den Erfolg meiner Oper zu verlassen. Der Herr Herzog kam kurz darauf dazu und führte eine ganz andere Sprache gegen mich, sagte mir viel Schmeichelhaftes über meine Talente und schien mir nach wie vor geneigt, mein Stück vor dem König aufführen zu lassen. »Nur der Akt Tasso,« sagte er, »eignet sich nicht für den Hof; er bedarf einer Überarbeitung.« Auf dieses einzige Wort hin schloß ich mich in meiner Behausung ein und hatte an Stelle des Tasso in drei Wochen einen andern Akt ausgearbeitet, dessen Gegenstand der von einer Muse begeisterte Hesiod war. Ich hatte es verstanden, in diesen Akt einen Theil der Entwickelungsgeschichte meiner Talente einzuschalten und auf die Eifersucht anzuspielen, mit der sich Rameau sie zu beehren bemühte. In diesem Akte machte sich ein weniger gigantischer Schwung bemerkbar, aber es herrschte in ihm mehr Gleichmäßigkeit und Sorgfalt als in dem des Tasso; die Musik desselben war eben so edel und weit besser componirt, und wären die beiden andern Akte eben so gehaltvoll gewesen wie dieser, so würde das ganze Stück sicherlich bei der Aufführung einen ehrenvollen Erfolg erzielt haben; allein während ich mit den Vorbereitungen dazu beschäftigt war, vereitelte eine andere Unternehmung die Ausführung.

1745 ? 1747

In dem auf die Schlacht von Fontenoy folgenden Winter fanden in Versailles viele Festlichkeiten statt, unter andern wurden im Theater des Petites-Ecuries mehrere Opern aufgeführt. Zu ihnen gehörte auch Voltaires Drama »Die Prinzessin von Navarra« zu dem Rameau die Musik geschrieben hatte. Nachdem es vorher vollkommen umgearbeitet und dadurch wesentlich verbessert worden, hatte es den Titel »Das Fest Ramiros« erhalten. Diese neue Bearbeitung, welche von dem Originale mitunter bedeutend abwich, machte bei den Divertissements, sowohl was die Verse als auch die Musik anlangte, einige Aenderungen nöthig. Es kam nun darauf an, jemanden zu finden, der dieser doppelten Aufgabe gewachsen war. Da Voltaire, der sich damals in Lothringen aufhielt, und Rameau beide mit der Oper »Der Ruhmestempel« beschäftigt waren und es deshalb nicht persönlich übernehmen konnten, so dachte Herr von Richelieu an mich, ließ mir die Arbeit anbieten und sandte mir, damit ich ihren Umfang besser überschauen könnte, das Gedicht und die Musik, jedes für sich. Vor allem wollte ich jedoch nicht ohne Genehmigung des Verfassers an den Worten rühren und schrieb deshalb in dieser Angelegenheit an ihn einen sehr höflichen und sogar ehrerbietigen Brief, wie es sich ziemte. Darauf erhielt ich folgende Antwort, deren Original sich in dem Briefpacket A, Nr. 1 befindet.

Den 15. December 1745.

Sie vereinigen, mein Herr, zwei Talente, die bis zu dieser Zeit stets getrennt gewesen sind. Darin liegen für mich bereits zwei gute Gründe, Sie zu achten und lieb zu gewinnen. Es thut mir um Ihretwillen leid, daß Sie diese beiden Talente an ein Werk wenden, welches ihrer schwerlich würdig ist. Vor einigen Monaten befahl mir der Herr Herzog von Richelieu gebieterisch, im Handumdrehen eine kleine und schlechte Skizze von faden und nicht völlig ausgearbeiteten Scenen zu entwerfen, die zu Divertissements, welche für meine Arbeit gar nicht gemacht sind, zugestutzt werden sollten. Ich gehorchte mit größter Pünktlichkeit; ich arbeitete sehr schnell und sehr schlecht. Diesen elenden Entwurf sandte ich dem Herrn Herzoge von Richelieu, darauf rechnend, daß er davon keinen Gebrauch machen oder ihn mir doch zur Umarbeitung zurückschicken würde. Glücklicherweise ist er jetzt in Ihren Händen; Sie sind unumschränkter Herr darüber; ich habe die ganze Arbeit völlig aus den Augen verloren. Ich zweifle nicht, daß Sie alle Fehler, die bei einer so reißend schnellen Ausarbeitung einer einfachen Skizze unvermeidlich sind, verbessert und überall nachgeholfen haben.

So viel habe ich noch in der Erinnerung, daß, von andern Mängeln ganz abgesehen, in den Scenen, welche die Divertissements verbinden, nicht gesagt ist, wie die Prinzessin Grenadine aus einem Gefängnisse mit einem Male in einen Garten oder in einen Palast versetzt wird. Da ihr kein Zauberer, sondern ein spanischer Grande Feste giebt, so darf meines Bedünkens auch nichts durch Zauberei geschehen. Ich bitte Sie, mein Herr, Ihr Augenmerk recht auf diese Stelle richten zu wollen, von der ich nur noch eine verworrene Vorstellung habe. Sehen Sie, ob es nöthig ist, daß sich das Gefängnis öffne und man unsere Prinzessin aus diesem Gefängnisse in einen schönen goldenen und glänzenden Palast versetze, der besonders für sie hergerichtet ist. Ich weiß recht gut, daß dies alles äußerst nichtig und es unter der Würde eines denkenden Wesens ist, dergleichen unwichtige Dinge ernsthaft zu behandeln; allein da es nun einmal gilt, so wenig Mißfallen wie möglich zu erregen, so muß man ja selbst in ein schlechtes Operndivertissement so viel Vernunft, wie nur irgend möglich ist, hineinbringen.

Ich schenke Ihnen und Herrn Ballod in allem mein ganzes Vertrauen und rechne darauf bald die Ehre zu haben, Ihnen, mein Herr, meinen Dank aussprechen und die Versicherung geben zu können, wie sehr ich bin etc. etc.

Die große Höflichkeit dieses Briefes im Vergleiche zu seinen späteren, ziemlich stolzen Briefen an mich darf übrigens nicht Wunder nehmen. Er glaubte mich bei Herrn von Richelieu in großer Gunst, und die höfische Geschmeidigkeit, die man an ihm kennt, bewog ihn zu großer Rücksicht gegen einen Neuling, bis er die Höhe seines Ansehens besser kannte.

Von Herrn von Voltaire bevollmächtigt und aller Rücksichten gegen Rameau, der mir nur zu schaden suchte, überhoben, machte ich mich nun an die Arbeit und in zwei Monaten war mein Werk vollendet. Die Verse hatten nicht viele Aenderungen nöthig gemacht. Ich bemühte mich vor allem, daß man die Verschiedenheit des Stils nicht merkte, und war dünkelhaft genug zu glauben, daß mir dies gelungen wäre. Der musikalische Theil hatte mir dagegen längere und schwierigere Arbeit gemacht. Außerdem daß ich mehrere besondere Ausstattungsstücke und unter andern die Ouvertüre zu componiren hatte, zeigten sich auch alle Recitative, die mir überwiesen wurden, von ungemeiner Schwierigkeit, da ich oft in wenigen Versen und in sehr schnellen Uebergängen Symphonien und Chöre von sehr verschiedenen Tonarten mit einander verbinden mußte; denn damit mir Rameau nicht den Vorwurf machen könnte, seine Melodien verschlechtert zu haben, wollte ich keine ändern oder transponiren. Die Recitative gelangen mir. Sie waren durch den Ton gut hervorgehoben, voller Kraft und namentlich von vortrefflicher Modulation. Der Gedanke an die beiden großen Männer, denen man mich an die Seite zu stellen gewürdigt, hatte meine Geisteskraft gesteigert, und ich kann sagen, daß ich mich bei dieser undankbaren und ruhmlosen Arbeit, von der das Publikum nicht einmal etwas erfahren konnte, mit meinen Vorbildern fast immer auf gleicher Höhe hielt.

In dieser meiner Bearbeitung gelangte das Stück in der großen Oper zur Probeaufführung. Von den drei Verfassern war ich allein zugegen. Voltaire weilte in der Ferne, und Rameau kam nicht oder hielt sich verborgen.

Die Worte des ersten Monologes hatten etwas Trauerartiges; der Anfang lautete:

»Komm, Tod, und ende meines Lebens bittre Leiden!«

Die Musik hatte dem Inhalt natürlich angepaßt werden müssen. Trotzdem ergoß Frau De la Poplinière gerade darüber eine sehr abfällige Kritik, indem sie mich mit großer Bitterkeit beschuldigte, eine Begräbnismusik gemacht zu haben. Herr von Richelieu erkundigte sich klüglicherweise erst, von wem die Verse dieses Monologes herrührten. Ich legte ihm das mir übersandte Manuscript vor, welches den Beweis lieferte, daß sie von Voltaire wären. »In diesem Falle,« sagte er, »ist Voltaire allein der Schuldige.« Während der Probe erhielt alles, was von mir herrührte, der Reihe nach den schärfsten Tadel der Frau De la Poplinière und den Beifall des Herrn von Richelieu. Allein meine Gegner behielten doch das Uebergewicht, und ich wurde aufgefordert, einige Theile einer Umarbeitung zu unterziehen, über die ich mich mit Herrn Rameau in Einvernehmen setzen sollte. Durch ein solches Ansuchen um so mehr gekränkt, da ich Lobsprüche erwartet und sicherlich auch verdient hatte, kehrte ich heim, den Tod im Herzen. Von Anstrengung erschöpft, von Aerger verzehrt, sank ich auf das Krankenlager und war sechs Wochen lang außer Stande auszugehen.

Rameau, dem nun die von Frau De la Poplinière bezeichneten Aenderungen übertragen wurden, ließ mir die Ouvertüre zu meiner großen Oper abverlangen, um sie mit der von mir für jenes Stück umcomponirten zu vertauschen. Glücklicherweise merkte ich den Fallstrick und verweigerte ihre Herausgabe. Da bis zur Aufführung nur noch fünf oder sechs Tage waren, hatte er keine Zeit mehr, selbst eine zu machen, und mußte deshalb die meine lassen. Sie war im italienischen Stile gehalten, der damals in Frankreich noch ganz fremd war. Indessen fand sie Beifall, und ich erfuhr von Herrn von Valmalette, dem Haushofmeister des Königs, der als Schwiegersohn des Herrn Mussard mir verwandt und befreundet war, daß die Kenner mit meinem Werke sehr zufrieden gewesen wären, und es das Publikum nicht von Rameaus Arbeit hätte unterscheiden können. Dieser ergriff jedoch im Einverständnisse mit Frau De la Poplinière Maßregeln, damit man nicht einmal meinen Antheil an der Arbeit erführe. Auf dem zur Vertheilung an die Zuschauer bestimmten Textbuche, auf welchem sonst immer die Verfasser angegeben werden, wurde nur Voltaire genannt; Rameau wollte lieber seinen Namen unterdrücken, als ihn neben dem meinigen erblicken.

Sobald ich im Stande war auszugehen, wollte ich Herrn von Richelieu meine Aufwartung machen. Ich hatte die günstige Zeit verabsäumt, er war eben nach Dünkirchen abgereist, wo er die Einschiffung des nach Schottland bestimmten Corps anordnen und überwachen sollte. Nach seiner Rückkehr sagte ich mir zur Beschönigung meiner Trägheit, daß es nun zu spät wäre. Da ich ihn seitdem nicht wiedergesehen, so bin ich um die Ehre, die mein Werk verdiente, wie um das Honorar gekommen, das es mir hätte einbringen müssen; und ich hatte nichts davon als Zeitverlust, Mühe, Aerger, Krankheit und Kurkosten, ohne auch nur einen Sou Gewinn oder vielmehr Entschädigung zu erhalten. Es ist mir jedoch immer so vorgekommen, als ob Herr von Richelieu eine aufrichtige Zuneigung zu mir gehegt und von meinen Talenten günstig gedacht hätte; aber mein Unglück und Frau De la Poplinière brachten mich um die Früchte seines guten Willens.

Die Abneigung dieser Frau, der ich zu gefallen mich bestrebt und ziemlich regelmäßig die Aufwartung gemacht hatte, war mir unbegreiflich. Gauffecourt erklärte mir die Gründe. »Sie bestehen erstlich,« sagte er, »in ihrer Freundschaft für Rameau, dessen anerkannte Beschützerin sie ist und der keinen Nebenbuhler dulden will, und dann vor allem in einer Erbsünde, die Sie in ihren Augen verdammenswerth erscheinen läßt und die sie Ihnen nie verzeihen wird, nämlich, daß sie ein Genfer sind.« Darauf setzte er mir auseinander, daß der Abbé Hubert, ebenfalls ein Genfer und ein aufrichtiger Freund des Herrn De la Poplinière, sich bemüht, ihn von der Verheirathung mit dieser Frau, die er genau kannte, zurückzubringen, und sie deshalb nach der Heirath ihm wie allen Genfern einen unversöhnlichen Haß gelobt hätte. »Obgleich,« fügte er hinzu, »Herr De la Poplinière Sie lieb gewonnen hat, wie ich bestimmt weiß, so verlassen Sie sich doch nicht auf seinen Beistand. Er ist in seine Frau verliebt; sie haßt Sie, ist bösartig und listig: in diesem Hause werden Sie nie etwas ausrichten.« Ich ließ es mir gesagt sein.

Der nämliche Gauffecourt erwies mir ungefähr um dieselbe Zeit einen großen Liebesdienst. Ich hatte meinen tugendhaften Vater, der etwa sechzig Jahre alt geworden war, vor Kurzem verloren. Ich fühlte diesen Verlust weniger, als es zu einer andern Zeit der Fall gewesen wäre, wo mich die Verlegenheiten meiner Lage weniger beschäftigt hätten. Bei seinen Lebzeiten hatte ich die Auszahlung meines mütterlichen Erbtheiles, dessen geringen Zinsenertrag er für sich verwandte, nicht verlangt; nach seinem Tode hatte ich darüber keine Bedenklichkeiten mehr. Aber der Mangel an gerichtlichen Beweisen vom Tode meines Bruders machte eine Schwierigkeit, die Gauffecourt zu heben übernahm und durch die Vermittelung des Advocaten de Lolme auch wirklich hob. Da ich diese kleine Summe äußerst nöthig brauchte und die Eintreibung zweifelhaft war, so erwartete ich die entscheidende Nachricht darüber mit der lebhaftesten Ungeduld. Als ich eines Abends nach Hause kam, fand ich den Brief, der diese Nachricht enthalten mußte, und nahm ihn, um ihn zu öffnen, mit einem Zittern von Ungeduld, deren ich mich innerlich schämte. »Ach was,« sagte ich verächtlich zu mir, »sollte sich Jean-Jacques bis zu dem Grade von Eigennutz und Neugier unterjochen lassen?« Ich legte ihn auf der Stelle wieder auf den Kamin, entkleidete mich, legte mich ruhig zu Bett, schlief besser als gewöhnlich und erhob mich am folgenden Tage erst ziemlich spät, ohne weiter an meinen Brief zu denken. Beim Anziehen bemerkte ich ihn; ich öffnete ihn ohne Eile und fand einen Wechsel darin. Mehrerlei machte mir dabei Freude, aber ich kann schwören, daß ich mich am lebhaftesten darüber freute, mich besiegt zu haben. Zwanzig ähnliche Züge würde ich aus meinem Leben noch zu erzählen haben, aber ich habe es zu eilig, um alles berichten zu können. Einen kleinen Theil dieses Geldes schickte ich meiner armen Mama, wobei ich mit Thränen die glückliche Zeit zurückersehnte, wo ich ihr die ganze Summe zu Füßen gelegt hätte. Aus allen ihren Briefen ging ihre Noth hervor. Sie schickte mir Haufen von Recepten und Geheimmitteln, mit denen ich, wie sie behauptete, mein und ihr Glück machen könnte. Schon schnürte ihr das Gefühl ihres Elendes das Herz zusammen und machte ihren Geist beschränkter. Das Wenige, was ich ihr sandte, wurde die Beute der Schufte, die sich um sie drängten. Sie hatte keinen Nutzen davon. Das benahm mir die Lust, meine schon an sich dürftigen Mittel noch mit diesen Elenden zu theilen, zumal nach dem vergeblichen Versuche, den ich, wie ich später erzählen werde, machte, sie ihnen zu entreißen.

Die Zeit verging und das Geld mit ihr. Wir waren unser zwei, sogar vier, oder genau genommen, waren wir unser sieben oder acht; denn obgleich Therese von einer Uneigennützigkeit war, der sich wenige Beispiele zur Seite stellen lassen, so war doch ihre Mutter nicht wie sie. Sobald sie sich durch mich wieder mit dem Nöthigsten versehen sah, ließ sie ihre ganze Familie kommen, um, was für sie abgefallen war, mit ihr zu theilen. Schwestern, Söhne, Töchter, Enkelinnen, alles kam mit Ausnahme ihrer ältesten Tochter, die mit dem Vorsteher der Wagenfabrik zu Angers verheirathet war. Alles, was ich für Therese that, wurde ihr von ihrer Mutter für diese Hungerleider entzogen. Da ich es nicht mit einer habgierigen Person zu thun hatte und nicht unter der Gewalt einer wahnsinnigen Leidenschaft stand, machte ich auch keine Thorheiten. Zufrieden, Therese anständig, aber ohne Aufwand, gegen drückende Sorgen geschützt, zu unterhalten, duldete ich, daß alle Erträge ihrer Arbeit ihrer Mutter zu Gute kamen, und ich beschränkte mich nicht darauf; aber in Folge eines Verhängnisses, das mich verfolgte, wurde Therese von ihren Verwandten gerade eben so ausgebeutet wie Mama von ihren Gaunern, und ich konnte auf keiner Seite etwas thun, das der, für welche es bestimmt, Nutzen gebracht hätte. Es war eigenthümlich, daß die Jüngste unter den Kindern der Frau Le Vasseur, die einzige, die keine Ausstattung erhalten, die einzige war, die ihre Eltern ernährte, und daß diese Aermste, nachdem sie lange Zeit von ihren Brüdern, ihren Schwestern, ja selbst von ihren Nichten geschlagen worden war, jetzt von ihnen ausgeplündert wurde, ohne daß sie sich gegen ihre Diebereien besser vertheidigen konnte als gegen ihre Schläge. Eine einzige ihrer Nichten, Namens Goton Leduc, war ziemlich liebenswürdig und von einem ziemlich sanften Charakter, obgleich sie durch das Beispiel und den Unterricht der andern verdorben wurde. Da ich sie häufig beisammen sah, legte ich ihnen die Namen bei, die sie sich unter einander gaben; ich nannte die Nichte »meine Nichte« und die Tante »meine Tante«. Alle beide nannten mich ihren Onkel. Daher der Name Tante, mit welchem ich Therese seitdem beständig anredete, und den meine Freunde mitunter zum Scherze ebenfalls gebrauchten.

Man wird begreifen, daß ich keinen Augenblick zu verlieren hatte, um mich aus einer solchen Lage zu reißen. Da ich überzeugt war, daß mich Herr von Richelieu vergessen hatte, und ich von Seiten des Hofes nichts mehr hoffte, machte ich einige Versuche, meine Oper in Paris zur Aufführung zu bringen; allein mir traten Schwierigkeiten entgegen, deren Beseitigung viel Zeit erforderte, und ich gerieth von Tage zu Tage in größere Bedrängnis. Da kam ich auf den Gedanken, mein kleines Schauspiel »Narciß« beim italienischen Theater einzureichen. Es wurde angenommen, und ich erhielt dafür freien Eintritt, was mir große Freude gewährte; das war jedoch auch alles. Es gelang mir nie die Aufführung meines Stückes durchzusetzen, und überdrüssig, Schauspielern den Hof zu machen, sagte ich mich von ihnen los. Ich griff endlich zu dem letzten Mittel, das mir noch blieb, und zu dem einzigen, das ich hätte ergreifen sollen. Während meines Umganges mit dem Hause des Herrn De la Poplinière hatte ich das des Herrn Dupin vernachlässigt. Obgleich die beiden Damen verwandt waren, herrschte doch ein schlechtes Verhältnis zwischen ihnen, und sie besuchten sich nicht; es fand kein geselliger Verkehr zwischen den beiden Häusern statt, und Thieriot allein lebte in dem einen wie in dem andern. Er übernahm meine Wiedereinführung bei Herrn Dupin. Herr von Francueil beschäftigte sich damals mit Naturgeschichte und Chemie und legte eine Sammlung an. Ich glaube, er strebte nach einem Sitze in der Akademie der Wissenschaften; zu dem Zwecke beabsichtigte er ein Buch zu schreiben und hielt mich für geeignet, ihm bei dieser Arbeit hilfreich zu sein. Frau Dupin, die ihrerseits den Plan zu einem andern Buche entworfen, hatte auf mich ungefähr ähnliche Absichten. Sie hätten mich gern gemeinschaftlich zu einer Art Secretär haben wollen, und das war der Gegenstand der Unterhandlungen Thieriots. Ich verlangte vorher, Herr von Francueil sollte mir durch seinen und Jelyotes Einfluß eine Probevorstellung meines Stückes in der Oper erwirken. Er ging darauf ein. Die Proben meiner »Galanten Musen« fanden zuerst mehrmals in dem dazu bestimmten Saale, dann im großen Theater statt. Der Generalprobe wohnten viele bei, und einigen Stücken wurde lebhafter Beifall zu Theil. Trotzdem merkte ich während der von Rebel sehr schlecht dirigirten Vorstellung selbst, daß das Stück keine Aufnahme finden würde und daß es sogar ohne große Verbesserungen nicht aufführungsfähig wäre. Deshalb zog ich es, ohne ein Wort zu sagen und ohne mich einer Zurückweisung auszusetzen, zurück; aber aus mehreren Anzeichen erkannte ich deutlich, daß mein Stück, wäre es auch vollkommen gewesen, doch nicht durchgekommen sein würde. Herr von Francueil hatte mir wohl versprochen, die Probe desselben durchzusetzen, aber nicht die Annahme. Er hielt mir genau Wort. Bei dieser Gelegenheit wie bei vielen anderen habe ich immer wahrzunehmen geglaubt, daß weder ihm noch der Frau Dupin daran gelegen war, mich in der Welt einen gewissen Ruf erlangen zu lassen, vielleicht in der Besorgnis, daß man ihren Büchern sonst nachsagen könnte, sie hätten darin ihre Talente auf die meinigen gepfropft. Da mir Frau Dupin jedoch stets nur sehr mittelmäßige zugetraut und mich immer nur zum Aufschreiben ihrer Dictate oder zu gelehrten Forschungen benutzt hatte, so wäre dieser Vorwurf, namentlich in Bezug auf sie, sehr ungerecht gewesen.

1747 ? 1749

Dieser letzte Mißerfolg raubte mir vollends den Muth. Ich gab alle Pläne auf Emporkommen und Ruhm auf, und ohne fernerhin an wahre oder eingebildete Talente zu denken, die mir ein so dürftiges Durchkommen gewährten, wandte ich jetzt Zeit und Mühe nur darauf an, mir meinen und Theresens Unterhalt zu erwerben, es ganz denen anheimstellend, welche dafür zu sorgen übernommen hatten. Ich schloß mich deshalb völlig an Frau Dupin und Herrn von Francueil an. Dies versetzte mich nicht in großen Ueberfluß, denn mit acht- bis neunhundert Franken jährlich, die ich in den beiden ersten Jahren bezog, vermochte ich kaum meine dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen, da ich genöthigt war, mir in ihrer Nachbarschaft in einem ziemlich theuren Viertel ein möblirtes Zimmer zu miethen und am äußersten Ende von Paris, hoch oben in der Rue Saint-Jacques, eine andere Miethswohnung zu bezahlen, nach der ich mich in jedem Wetter fast alle Abende zum Abendessen begab. Ich arbeitete mich bald in meine neuen Beschäftigungen hinein und fand sogar Geschmack an ihnen. Ich trieb eifrig Chemie, hörte mit Herrn von Francueil darüber mehrere Vorlesungen bei Herrn Rouelle, und nun machten wir uns daran, über diese Wissenschaft, deren Anfangsgründe wir uns kaum angeeignet hatten, wohl oder übel Papier zu beschmieren. Im Jahre 1747 brachten wir den Herbst in der Touraine und zwar im Schlosse Chenonceaux zu, einem ehemals königlichen Palast am Cher, von Heinrich II. für Diana von Poitiers erbaut, deren verschlungene Namenszüge man noch heute an demselben bemerkt. Jetzt befindet es sich in den Händen des Herrn Generalpächters Dupin. An diesem schönen Orte unterhielt man sich ausgezeichnet, und da man dort zugleich sehr gut speiste, wurde ich feist wie ein Mönch. Man trieb viel Musik. Ich componirte mehrere Trios für Singstimmen, die ziemlich melodienreich waren, und auf die ich vielleicht in meinem Supplementsbande zurückkommen werde, wenn ich je einen solchen schreiben sollte. Auch Komödie wurde gespielt. Ich schrieb in vierzehn Tagen eine in drei Akten, der ich den Namen »Das unüberlegte Versprechen« gab. Das einzige Verdienstliche an ihr, die man unter meinen Papieren finden wird, ist die ausgelassene Heiterkeit, die durch dieselbe weht. Noch andere kleine Stücke schrieb ich daselbst, unter andern eines in Versen, »Die Allee der Sylvia«, nach dem Namen einer Allee, die sich im Parke an dem Ufer des Cher dahinzog. Durch alle diese vielfachen Beschäftigungen erlitten aber weder meine chemischen Studien noch meine für die Frau Dupin anzufertigenden Arbeiten Unterbrechung.

Während ich in Chenonceaux dick wurde, ging mit meiner armen Therese in Paris dieselbe Veränderung, wenn auch auf andere Weise, vor sich, und als ich zurückkam, fand ich das Werk, das ich in diesem Berufszweige geleistet hatte, weiter vorgerückt, als ich geglaubt. In Anbetracht meiner Lage würde mich dies in unendliche Verlegenheit versetzt haben, wenn mir nicht meine Tischgenossen den einzigen Ausweg, der mich ihr entreißen konnte, gezeigt hätten. Ich habe etwas so Wichtiges zu bekennen, daß ich nicht einfach genug dabei zu Wege gehen kann, weil ich mich durch irgend eine erläuternde Erklärung der zu berichtenden Thatsache entschuldigen oder anklagen müßte und ich hier weder das Eine noch das Andere thun darf.

Während Altunas Aufenthalt in Paris nahmen wir, er und ich, unser Mittagsessen nicht bei einem Speisewirthe, sondern gewöhnlich in unserer Nachbarschaft ein, der Sackgasse der Oper fast gerade gegenüber, bei einer Frau La Selle, der Gattin eines Schneiders, deren Tisch, so dürftig sie uns auch abspeiste, trotzdem wegen der guten und unverdächtigen Gesellschaft, welche sich an ihm zusammenfand, gesucht war. Es wurde nämlich kein Unbekannter zugelassen; man mußte durch einen der regelmäßigen Tischgäste eingeführt werden. Der Comthur von Graville, ein alter Wüstling voller Höflichkeit und Geist, aber demungeachtet ein unverwüstlicher Zotenreißer, wohnte daselbst und zog eine ausgelassene und glänzende Gesellschaft von jungen Gardeofficieren und Reitern der adligen Leibwache dorthin. Der Comthur von Nonant, Beschützer aller Opersängerinnen und Tänzerinnen, brachte wieder täglich alle Neuigkeiten aus der Theaterwelt hin. Die Herren Duplessis, Oberstlieutenant a. D., ein gutmüthiger und bescheidener Greis, und Ancelet, Dieser Herr Ancelet war es, dem ich ein in meiner gewöhnlichen Manier geschriebenes kleines Lustspiel, »Die Kriegsgefangenen« gab. Unmittelbar nach den Niederlagen der Franzosen in Bayern und Böhmen verfaßt, wagte ich es weder zu zeigen noch mich zu demselben zu bekennen, und zwar aus dem eigentümlichen Grunde, weil der König, Frankreich und die Franzosen vielleicht nie mehr und aufrichtiger gelobt worden sind als in diesem Stücke, und weil ich als Republikaner und anerkannter Unruhstifter nicht das Herz hatte, mich als Lobredner einer Nation zu bekennen, deren sämmtliche Grundsätze den meinen zuwiderliefen. Ueber die Unglücksfälle Frankreichs mehr betrübt als die Franzosen selbst, hegte ich Besorgnis, man könnte die Beweise einer aufrichtigen Liebe, deren Entstehen und Grund ich bereits im ersten Theile angeführt habe, mir als Schmeichelei und Gemeinheit auslegen, und schämte mich deshalb, sie zu veröffentlichen. Officier bei der adligen Leibwache, erhielten dort unter diesen jungen Leuten eine gewisse Ordnung. Auch Großhändler, Banquiers, Lieferanten kamen dorthin, aber nur gebildete und anständige, kurz nur solche, die in ihren Kreisen eine hervorragende Stellung einnahmen, wie Herr von Besse, Herr von Forcade und andere, deren Namen ich vergessen habe. Mit einem Wort: man sah dort nur Leute von guter Gesellschaft, alle Stände waren vertreten, nur Abbés und Juristen habe ich dort nie gesehen, und es war ein Übereinkommen, sie nie einzuführen. Diese ziemlich zahlreiche Tischgesellschaft war sehr heiter, ohne in Lärm auszuarten, und trieb allerlei Possen, ohne sich Gemeinheiten zu erlauben. Der alte Comthur verlor bei aller Schlüpfrigkeit seiner Erzählungen doch nie den geschmeidigen Ton des früheren Hofmannes, und nie entschlüpfte seinem Munde ein anstößiges Wort, wenn es nicht so drollig gewesen wäre, daß es selbst Frauen verziehen hätten. Er war für die ganze Gesellschaft tonangebend; alle diese jungen Leute erzählten ihre galanten Abenteuer in eben so freier wie anmuthiger Form, und an Geschichten von Mädchen fehlte es um so weniger, als ein förmliches Waarenlager von ihnen unmittelbar vor der Thür lag, denn von demselben Flure aus, der zu Frau La Selle führte, gelangte man auch in den Laden der Frau Duchapt, einer berühmten Modehändlerin, die damals sehr hübsche Mädchen beschäftigte. Diesen Laden pflegten unsere Herren vor oder nach dem Essen zu besuchen, um mit den Mädchen zu plaudern. Ich würde mich dort ebenso wie Andere unterhalten haben, wenn ich muthiger gewesen wäre. Ich brauchte nur wie sie einzutreten, wagte es aber nie. Auch nach Altunas Abreise aß ich ziemlich häufig bei Frau La Selle; dort hörte ich eine Menge sehr lustiger Anekdoten und nahm auch allmählich, zwar dem Himmel sei Dank nicht die Sitten, aber doch die Lebensregeln an, die ich dort herrschen sah. Verspottete Ehrenleute, hintergangene Ehemänner, verführte Frauen, geheime Entbindungen bildeten dort den gewöhnlichsten Gesprächsstoff, und wer am besten für die Bevölkerung des Findelhauses sorgte, dem wurde am meisten Beifall gezollt. Dies bestach mich; ich bildete meine Denkweise nach der, welche ich bei sehr liebenswürdigen und im Grunde auch sehr anständigen Leuten herrschen sah, und sagte mir: »Da es einmal Sitte des Landes ist, so kann man sie, wenn man darin lebt, auch befolgen.« Das war der Ausweg, nach dem ich suchte. Ich ergriff ihn entschlossen ohne das geringste Bedenken. Nur Theresens Bedenklichkeit hatte ich zu überwinden, die ich erst mit aller erdenklichen Mühe zur Annahme dieses einzigen Mittels, ihre Ehre zu retten, bewegen konnte. Da mir ihre Mutter, die sich überdies vor neuen Kindersorgen fürchtete, zu Hilfe kam, ließ sie sich endlich besiegen. Man wählte eine gewandte und zuverlässige Hebamme, eine gewisse Gouin, ledigen Standes, die an der Ecke von Saint-Eustache wohnte, um ihr die Ausführung des Planes zu übertragen, und als die Zeit gekommen war, wurde Therese von ihrer Mutter zu der Gouin geführt, um bei dieser ihre Entbindung abzuwarten. Ich besuchte sie dort öfter und brachte ihr zwei Karten mit dem gleichen Namenszuge, deren eine in die Windeln des Kindes gelegt wurde. Darauf wurde letzteres von der Hebamme in der gewöhnlichen Weise auf dem Bureau des Findelhauses abgegeben. Im folgenden Jahre der nämliche Uebelstand und das nämliche Auskunftsmittel, nur der Namenszug wurde fortgelassen; keine größere Bedenklichkeit meinerseits; keine größere Lust seitens der Mutter, auf diesen Wunsch einzugehen; sie gehorchte seufzend. Man wird späterhin alle Wandlungen, welche dieser unselige Schritt in meiner Denkweise wie in meinem Leben hervorgebracht hat, kennen lernen. Halten wir uns für jetzt an diesen ersten Zeitabschnitt. Die eben so bitteren und unerwarteten Folgen desselben werden mich nur zu sehr zwingen, darauf zurückzukommen.

In diese Zeit fällt meine erste Bekanntschaft mit Frau von Epinay, deren Name in diesen Denkwürdigkeiten oft genannt werden wird. Sie war ein geborenes Fräulein von Esclavelles und hatte sich vor Kurzem mit Herrn von Epinay, dem Sohne des Generalpächters von Lalive de Bellegarde, verheirathet. Ihr Gatte war eben so musikalisch wie Herr von Francueil. Auch sie war musikalisch, und die Leidenschaft für diese Kunst hatte unter diesen drei Personen eine innige Freundschaft geknüpft. Herr von Francueil hatte mich bei Frau von Epinay eingeführt, ich speiste mit ihm bisweilen zu Nacht bei ihr. Sie war liebenswürdig und zeichnete sich durch Geist und Talente aus; es war sicherlich eine vielversprechende Bekanntschaft. Aber sie hatte eine Freundin, ein Fräulein von Ette, die für boshaft galt und mit dem Chevalier von Valory lebte, dem man auch keine große Herzensgüte nachrühmte. Der Umgang mit diesen beiden Personen war, wie ich glaube, der Frau von Epinay nachtheilig, der die Natur nebst einem sehr begehrlichen Temperamente herrliche Eigenschaften verliehen hatte, es zu mäßigen oder vor sittlichen Verirrungen zu bewahren. Herr von Francueil flößte ihr einen Theil seiner Freundschaft für mich ein und gestand mir sein Verhältnis mit ihr, dessen ich deswegen hier nicht erwähnen würde, wenn es nicht so bekannt wäre, daß es nicht einmal Herrn von Epinay verborgen blieb. Herr von Francueil machte mir über diese Dame sogar im Vertrauen sehr seltsame Mittheilungen, die sie selbst mir nie gemacht hat, und von denen sie mich auch nie unterrichtet glaubte; denn darüber öffnete ich nie in meinem Leben den Mund und werde ihn auch weder ihr noch sonst jemand gegenüber nie öffnen. Die vertraulichen Mittheilungen, die Herr von Francueil Rousseau über Frau von Epinay machte, sind heutigen Tages für niemand mehr ein Geheimnis. Aus den unter dem Namen dieser Dame veröffentlichten Denkwürdigkeiten ersehen wir, daß Frau von Epinay durch Ansteckung ihres Mannes syphilitisch erkrankt war und nun ihrerseits ihren Geliebten angesteckt hatte, der beinahe gestorben wäre. Dieses mir von allen Seiten entgegengebrachte Vertrauen machte meine Lage sehr peinlich, namentlich Frau von Francueil gegenüber, die mich gut genug kannte, um nicht Mißtrauen gegen mich zu hegen, obgleich ich ein Verhältnis mit ihrer Nebenbuhlerin hatte. Ich tröstete nach bestem Vermögen diese arme Frau, der ihr Gatte die Liebe, die sie für ihn hatte, sicherlich nicht vergalt. Ich hörte jede dieser drei Personen einzeln an, bewahrte ihre Geheimnisse mit größter Treue, ohne daß mir eine der drei je eines der beiden andern zu entreißen vermochte, und ohne daß ich einer der beiden Frauen meine Liebe für ihre Nebenbuhlerin verhehlte. Frau von Francueil, die sich meiner zu vielerlei bedienen wollte, mußte sich entschiedene Weigerungen gefallen lassen, und Frau von Epinay, die mir einmal einen Brief zur Besorgung an Francueil übergeben wollte, erhielt nicht allein einen gleichen Bescheid, sondern auch die unumwundene Erklärung, daß sie, wollte sie mich für immer aus ihrem Hause los sein, nur zum zweiten Male eine ähnliche Bitte an mich zu richten brauchte. Ich muß Frau von Epinay Gerechtigkeit widerfahren lassen: dieses Auftreten schien ihr so wenig zu mißfallen, daß sie es sogar Francueil mit Lobsprüchen erzählte und mich später nicht weniger freundlich empfing als sonst. So bewahrte ich mir in den stürmischen Verhältnissen zwischen drei Personen, die ich zu schonen hatte, ja, von denen ich gewissermaßen abhängig war, und die ich von Herzen lieb hatte, bis ans Ende ihre Freundschaft, ihre Achtung und ihr Vertrauen, indem ich mich duldsam und gefällig, aber auch redlich und nachgiebig benahm. Trotz meines einfältigen und linkischen Wesens wollte mich Frau von Epinay zu den Festlichkeiten in der Chevrette, einem in der Nähe von Saint-Denis gelegenen Schlosse, welches Herrn von Bellegarde gehörte, hinzuziehen. Es befand sich in demselben ein Theater, auf welchem häufig gespielt wurde. Man übertrug mir eine Rolle, an der ich sechs Monate ununterbrochen lernte, und die ich mir bei der Aufführung doch von Anfang bis zu Ende souffliren lassen mußte. Nach dieser Probe bot man mir keine Rolle mehr an.

Gleichzeitig mit der Bekanntschaft der Frau von Epinay machte ich auch die ihrer Schwägerin, des Fräulein von Bellegarde, die bald Gräfin von Haudetot wurde. Zum ersten Male sah ich sie kurz vor ihrer Hochzeit; sie plauderte lange mit mir mit der ihr angeborenen reizenden Vertraulichkeit. Ich fand sie sehr liebenswürdig, war aber weit entfernt vorauszusehen, daß diese junge Person dereinst die Entscheidung meines Lebensschicksales herbeiführen und mich, wenn auch ganz unschuldigerweise, in den Abgrund hineinziehen würde, in dem ich mich heute befinde.

Obgleich ich seit meiner Rückkehr von Venedig eben so wenig von Diderot wie von meinem Freunde Roguin gesprochen habe, so hatte ich sie gleichwohl beide nicht vernachlässigt, und namentlich mit ersterem wurde das freundschaftliche Verhältnis von Tage zu Tage inniger. Wie ich eine Therese, hatte er eine Nanette; dies gab unserer beiderseitigen Lage eine Aehnlichkeit mehr. Der Unterschied bestand jedoch darin, daß meine Therese, eben so schön wie Nanette, ein sanftes Gemüth und einen liebenswürdigen Charakter hatte, der einen gebildeten Mann an sich fesseln mußte, während seine Freundin, zanksüchtig wie ein Fischweib, den Augen anderer nichts aufzuweisen hatte, was einen Ersatz für ihre schlechte Erziehung hätte gewähren können. Er heirathete sie dennoch. Das war recht gut, wenn er es versprochen hatte. Ich meinerseits, der ich kein ähnliches Versprechen abgelegt hatte, beeilte mich nicht, ihm nachzuahmen.

Auch an den Abbé von Condillac hatte ich mich angeschlossen, der in der Literatur eben so wenig Bedeutung hatte, wie ich selber, aber dazu geschaffen war, das zu werden, was er heute ist. Ich habe seine Begabung vielleicht zuerst erkannt und seinen Werth zu schätzen gewußt. Er schien an mir gleiches Gefallen zu finden, und während ich, auf meinem Zimmer in der Rue Jean-Saint-Denis in der Nähe der Oper eingeschlossen, meinen Akt Hesiod schrieb, kam er manchmal, um mit mir allein ein picknickartiges Mittagsmahl zu veranstalten. Er arbeitete damals an seinem ersten Werke, dem Versuche über den Ursprung der menschlichen Kenntnisse. Nach der Vollendung desselben entstand für ihn die Verlegenheit, einen Buchhändler zu finden, der den Verlag übernehmen wollte. Die Pariser Buchhändler sind gegen Anfänger anmaßend und hart, und die Metaphysik, welche damals kaum in die Mode zu kommen begann, bot keinen sehr anziehenden Gegenstand dar. Ich redete mit Diderot von Condillac und seinem Werke und vermittelte ihre gegenseitige Bekanntschaft. Sie waren dazu geschaffen, einander zu gefallen; sie gefielen sich. Diderot bestimmte den Buchhändler Durant zur Annahme des Manuscriptes, und der Abbé, dieser große Metaphysiker, erhielt für sein erstes Buch, und noch dazu fast aus Gnade, hundert Thaler, die er ohne mich vielleicht gar nicht erzielt hätte. Da wir in sehr entfernten Stadttheilen wohnten, so kamen wir drei einmal wöchentlich im Palais Royal zusammen und nahmen das Mittagbrot gemeinschaftlich im Hotel zum Blumenkorbe ein. Diese wöchentlichen kleinen Mahlzeiten mußten Diderot außerordentlich behagen, denn er, der sonst fast alle seine Rendezvous versäumte, Var ... versäumte, selbst die mit Frauen, blieb etc. blieb nie von einer derselben fort. Bei ihnen entstand in mir der Gedanke an die Gründung eines periodischen Blattes unter dem Titel »Der Spötter«, welches Diderot und ich abwechselnd schreiben sollte. Ich entwarf in flüchtigen Umrissen die erste Nummer, was mir die Bekanntschaft dAlemberts verschaffte, mit dem Diderot davon gesprochen hatte. Unvorhergesehene Hindernisse durchkreuzten unsern Plan, und er blieb liegen.

Diese beiden Schriftsteller hatten vor kurzem das Dictionnaire encyclopédique begonnen, welches anfangs nur eine Art Übersetzung von Chambers sein sollte, ungefähr der des Dictionnaire de Médecine von James ähnlich, welche Diderot so eben beendet hatte. Dieser wollte mich zur Betheiligung an dieser zweiten Unternehmung heranziehen und schlug mir den musikalischen Theil vor, dessen Bearbeitung ich übernahm und in den drei Monaten, die er mir wie allen übrigen Mitarbeitern bewilligt hatte, in höchster Eile und äußerst schlecht ausführte. Aber ich war der einzige, der zu der festgesetzten Zeit fertig war. Ich überreichte ihm mein Manuscript, das ich von einem Lakaien des Herrn von Francueil, einem gewissen Dupont, der sehr gut schrieb, hatte ins Reine schreiben lassen. Ich zahlte ihm dafür zehn Thaler aus meiner eigenen Tasche, die mir nie zurückerstattet sind. Diderot hatte mir seitens der Verleger eine Belohnung versprochen, von der später zwischen uns nie mehr die Rede gewesen ist.

Die Herausgabe der Encyclopädie wurde durch seine Verhaftung unterbrochen. Die »Philosophischen Gedanken« hatten ihm einige Unannehmlichkeiten zugezogen, die jedoch keine Folgen hatten. Einen übleren Erfolg sollte sein »Brief über die Blinden« für ihn haben. Er enthielt nichts, was man ihm hätte zum Vorwurfe machen können, als einige persönliche Anspielungen, über welche sich Frau Dupré von Saint-Maur und Herr von Réaumur beleidigt fühlten und um deren willen er in den vincenner Gefängnisthurm gesperrt wurde. Ich bin nicht im Stande, die Angst zu schildern, die mich beim Unglücke meines Freundes befiel. Meine unselige Einbildungskraft, die alles Ueble gleich von der schlimmsten Seite erblickt, erhitzte sich. Ich sah ihn schon in lebenslänglicher Gefangenschaft. Mir schwindelte fast der Kopf. Ich schrieb an Frau von Pompadour, um sie zu beschwören, ihm die Freiheit zu verschaffen oder mich mit ihm einsperren zu lassen. Ich bekam keine Antwort auf meinen Brief; er war zu wenig vernünftig, um eine Wirkung hervorbringen zu können, und ich schmeichle mir nicht, daß er zu den Erleichterungen beigetragen habe, die man einige Zeit nachher in der Gefangenschaft des armen Diderot eintreten ließ. Wenn sie aber noch einige Zeit mit der nämlichen Strenge gewährt hätte, so würde ich, davon bin ich überzeugt, am Fuße dieses unglückseligen Thurmes vor Verzweiflung gestorben sein. Wenn mein Brief übrigens wenig Erfolg gehabt hat, so habe ich mir auf ihn auch nicht sehr viel zu Gute gethan, denn ich erwähnte seiner nur gegen sehr wenige Leute und nie gegen Diderot selber.


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