Bayrische Erzählungen

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Im Übelamenwald

Der Riese Türsch hauste einsam in einer Mooskluft, und die lag so abgeschieden in der Wildnis, dass dort nicht einmal ein Vogel nisten wollte und Sonne und Mond in der verstrüppten Gegend ihren Schein verloren.

Vorzeiten war der Türsch nicht gar so mutterallein. Da lebte noch, von ihm getrennt durch verworrene Wälder und unwegsame Bergzüge, ein zweites Geschöpf seines ungetümen Schlages, und dem warf er alle sieben Jahre über das Gebirg hinweg seinen gläsernen Ring zu, und wieder nach sieben Jahren, nachdem das Kleinod genüglich bestaunt worden war, flog es in die läppischen Hände des Riesen heim. Die Leute vor dem Wald sahen oft das Glas hoch über den Himmel funkeln und verschillern und sinken in die Einöde. Doch einmal kehrte es nimmer zurück, und da hörte man den mächtigen Mann weithin heulen: »Runsa! Runsa!« Aber die Riesin meldete sich nimmer. Und so scholl oft, wenn der Mond nachts den Bergen am Nacken saß, die raue Klage: »Runsa! Runsa!«

Hernach blieb er lange verschollen und still, und die Bauern meinten, er habe den Schlaf, des er im Winter wie ein Bär mondenlang pflog, nun auch mit dem Tod vertauscht, und so wuchs denen vor dem Wald das Herz: sie wagten sich näher an die Wildnis heran, die sie des launischen und gewalttätigen Riesen wegen gescheut hatten. Sie bauten auch eine weidlichen Kirchturm hin und hängten zwei Glocken darein, die gaben ein zartes Geläute, die eine sang Seide, die andere Samt. Doch der Riese witterte bald den fremden Klang, er rieb sich den Schlaf aus den Wimpern, reckte sich auf und rannte spornstreichs dem Geläute zu, und als ihm der Turmknopf so eitel golden entgegen glitzerte, so deuchte es ihn in seiner gewaltigen Einfalt, das blitzgelbe Ding sei der Ursprung all des linden Klingklangs, und er brach den Turmknopf ab und trug ihn heim in die Kluft.

Darob wandelte nun die Siedler herseits und jenseits des Gebirges wiederum die alte Angst vor dem groben, mutwilligen Riesen an, sie zogen sich in heimlichere Landstriche zurück und ließen Turm und Dorf verfallen.

Nur ein Köhler blieb unerschrocken. Er drang mit seinem rußigen Tagwerk immer tiefer und tiefer in die Öde ein, die der Übelamenwald hieß, weiß sie so rau und verrufen war.

Der Riese ritt zuweilen auf einer entwurzelten Tanne an dem Meiler vorbei, guckte mit blödem Gelächter dem Köhler zu, sprach wohl auch hin und wieder den Mann mitleidig an: »Erdwürmel! Erdwürmel!« und ritt dann auf dem ungefügen Steckenross weiter seiner Lust nach.

Einst nächtens pochte er an das Dach der Siedelei und begehrte: »Flugs, Erdwürmel, gib mir die gelinke Hand!«

Der Köhler reckte eine eiserne Schaufel zur Tür hinaus, und der Riese zog den steinernen Fäustling aus, packte die Schaufel und presste sie treuherzig und zerdrückte sie ganz und gar. »Du bist stark, Erdwürmel«, lobte er. »Welche Kraft magst du erst in der gerechten Hand haben!«

Hernach zeigte sich der Türsch lange nimmer, an die dreißig Jahre nicht oder noch länger, Gott weiß es, und mochte wohl schlafen und vermoosen in seiner Schlucht.

Indes alterte der Köhler, und seine Brut wuchs heran, zwei Kerle, Wolftriel und Urch, und ein Mädchen.

Die Buben unterwies er, wie sie den Meiler bauen und hüten sollten, und lehrte sie das Wildbret fangen und braten. Und weil er nie ein holdes Wort an sie verlor und niemals von sich selber uns seinem Leben erzählte, so wussten die Brüder nicht, ob er ihr Vater oder der Ähnel oder gar ein noch fernerer Vorfahr war.

Um das Mädchen kümmert sich der Alte nicht, und sie war doch ein helles Wunderwerk, eine gerade, hochbeinige Magd mit feurig flimmerndem Haar und lieblichem Antlitz, indes die Brüder klein, knochig, schmutzig und verbartet waren, dem Alten gleich.

Weil sie anders war und ihre Schönheit die Hässliche befremdete, hielten die drei Männer das Mädchen für missartet, sie redeten sie nur selten an und gaben ihr, die sie für ganz unwichtig und unwürdig hielten, nicht einmal einen Namen. Die Männer brieten sich das erbeutete Fleisch selber, melkten selber die Hirschkühe aus und verrichteten jegliche Arbeit allein, also hatte die Namenlose nichts zu tun, und die feiernden Hände blieben ihr fein und die Haut schneeweiß im Schatten des Waldes, und sie lebte in ihrer Schönheit gedankenlos dahin. Sie blieb unbemannt, weil kein Knabe von ihr wusste, und wenn auch einer draußen vor dem Wald von ihrem hellen Wunderreiz erfahren hätte, er hätte sich vor den stockfinsteren Augen der Brüder weislich gehütet und sich den bangen Weg zu ihr verdrießen lassen.

Die Welt blieb ihr fremd, und nur wenn einer der Brüder mit dem Hirsch zum Hammerschmied, der eine Tagweide entfernt wohnte, die Kohlen führte und hernach ein Staunen heimbrachte, das lange nicht aus seinem Blick wich, da ahnte sie die Menschenwelt voll strahlender, unbeschreiblich seliger Dinge und Ereignisse, und sie dachte über die verschlossene Ferne nach, bis ihr das Herz schwer ward.

Einst im hohen Sommer, der Hund glomm am Himmel, und das Wasser rann weiß unterm Mond, da schlief das Köhlerkind im Wald, und es träumte ihr gar fremd und schön, so dass sie erwachte, und sie schaute die lichte Nacht und die sterndurchflirrten Schirme der Tannen und konnte sich des Traumes nimmer erinnern, ob sie auch noch so vieldarüber nachsann. Da legte sie das trunkene Haupt wieder ins Moos und schlief und spann den Traum weiter.

Als der Morgen anglühte und alles Gebirg im Tau lag, kam ein Fremdling auf weißem Ross durch die rauen Täler geritten. In seinem Helm brannte ein Kleinod, das fasste jeden Glanz des jungen Lichtes in sich. Seines Schildes Wappentier war ein Falke, der mit offenen Fängen aufwärts stieg.

Der Ritter sah die schöne Jungfrau ruhen und atmen. Da verließ er sein Ross, kniete neben sie hin und lauschte, wie sie lebte und wie ihre Brust ging und ihr leiser Hauch.

»Bist di eine Moosfrau?« flüsterte er. »Bist du ein Holdes oder ein Unholdes?« Und um zu erproben, ob sie Gottes Geschöpf wäre oder tückische Blendnis, legte er ihr den Kreuzgriff seines Schwertes auf die Brust.

Sie schauderte vor der Kühle des Stahles und erwachte.

Nun frohlockte er, dass sie das Kind eines Menschen war, und sie sah den fremden Ritter vor sich knien, strahlend von seiner Waffen Licht, mit schmaler, kühner Nase und freundlichem Mund, darüber der Flaum funkelte, sah die dichten Locken aus dem Eisenhut niederringeln auf die Schultern, sah das unbekannte, weiße Tier an den Baum gebunden und äsen im hangenden Laub. Die Welt war zu ihr gedrungen.

Er aber schaute ihre stillen, morgenklaren Augen und verlor sich darin wie in eine blaue, grundlose Flut.

»Mich dürstet viel«, sagte er.

Da ward sie ihm wunderhold, und sie tauchte die Hände in eine Mulde, darin der Berg seine reine, kühle Ader goss, und schöpfte daraus, und er trank aus ihren Händen das Wasser bis auf den lebendigen Grund.

Dann legte er den gleißenden Harnisch ab, tat den Helm ins Moos, und über dem strengen Wappenschild nickten die Wipfel zärtlicher Blumen.

»Ich will dich küssen«, sagte er.

Sie verstand nicht, was er begehrte.

Lächelnd nahm er ihre Hand in die Seine. »Wie viel Finger hast du daran, Schönste?«

Sie hatte über ein solches Rätsel niemals nachgedacht und wusste geraume Zeit nicht Antwort, und weil sie nur bis sieben zählen konnte, ? sie hatte dies am Sternbild des Elches gelernt, ? so fürchtete sie, ihre Kunst reiche nicht aus, und darum zählte sie flüsternd und verzagt und bog dabei immer zierlich den gezählten Finger ein, dass sie nicht irr werde: »Eins, zwei, drei, vier, fünf.« Und als sie bei dem letzten Wort die Lippen spitzte, drückte der Ritter hastig die seinen darauf. Nun hatte sie begriffen, und sie öffnete ganz schmal ihren Mund, bog sich zu ihm und küsste ihn brennend wieder.

Der Tag funkelte in den Wald, in den Lüften war ein Lachen, Lichtlein kringelten fröhlich im wandernden Brunn, und der Knabe drückte die Jungfrau mit zarter Kraft ins Moos zurück.

»Ich fürchte dich«, bebte sie.

Er sagte: »Das sollst du nicht.«

Die Erde flog himmelan, der Himmel sank ihr entgegen.

Das Leben der beiden ward eins.

In dem Augenblick, da sie von ihm empfing, schoss ein bunter, wundervoller Vogel aus den Bäumen nieder, tauchte die Brust ins Wasser, schrie auf und entflog.

Doch das weiße Ross schüttelte die betaute Mähne, scharrte ungeduldig den Grund und wieherte. Da setzte der Ritter den Helm auf, und darunter war seine Stirn verfinstert und ernst: »Das Tier mahnt mich. Leb wohl! Gedenke mein!«

Er fragte die Namenlose nicht, wer sie sei; er nannte nicht seinen Adel und seine Burg. Aus dem Sattel sich beugend, küsste er sie noch einmal.

Sie rief ihm nach: »Komm wieder!«

Ein Fels wiederholte: »Komm wieder!« An der Tannenwand verhallte es: »Komm wieder!«

Sein Harnisch glomm ferne zwischen den Stämmen. Das weiße Ross verleuchtete.

Sie stand unbeweglich, bis die Sonnenluft des lautlosen Mittags im Walde zitterte.

Trauernd sah sie an jenem schönsten Tag die Sonne scheinen, als verlöre sich diese für immer in den Wildnissen. Viele Tage hoffte sie keiner Wiederkunft.

Unter den Morgentannen harrte sie, und der stumme Wald half ihr warten. Sie sprach mit einem Baum wie mit dem Liebsten; der Wind rührte den Wipfel, und sie ward mit Tau besprengt. Falter flackerten, küsste die Blumen und flogen davon. Ihre fünf weißen Finger zählte sie immer wieder, bis es Abend wurde. Der Reiter kam nicht.

Sie saß die Nacht wach, der Mond stieg und versank. Ein Bär ging vorüber, seine Augen funkelten feucht. Des Hirsches Hufschlag klang am Fels.

Kränze band sie und warf sie in den Bach, das er sie zuflösse dem gerüsteten Mann. Oft leuchtete sie mit flammendem Scheit in die Nacht hinaus. Der Reiter kam nicht. Die Nächte aber schenkten ihr Träume, die wie Geschmeide waren und ihren Wunsch erfüllten. Ihr Leben war nur mehr ein Abglanz dieser Träume.

Sie träumte, der Geliebte käme im Herbst, Reif silberte der Handschuh, Reif lag in den Locken, Reif in des Rosses Mähne, und golden, feuerfarben und purpurn tanzte das Laub um ihn nieder.

Doch der Mond wuchs, seine Hörner stießen zusammen, und er siechte wieder. Der Sommer ward alt, keine frohen Lieder waren verflattert. Einbrach der Herbst, das Gras erblich, müde Ahornflügel wehten nieder in des Mädchens Schoß.

Übers Gebirg reisten wilde Kraniche, in den Eichen hingen die Geier und klagten. Die Berge versammelten die Wolken um ihr Haupt. Unsägliche Schwermut wob an feinen, trägen Nebeln.

Nun träumte das Mädchen, der Ritter käme im Winter daher auf seinem spiegelblanken Tier, durch die verschneite Schlucht trabe er unter schneegebeugten Bäumen, verschneit Waffen und Wehr, Eis in den Locken, Glut an der Lippe. Der Winter drang an. Ferne Höhen leuchteten silberblau, tief lag der Schnee und sperrte allen Weg. Rabengesang störte die weiße Stille. Oft erschütterte ein ungeheurer Sturm die Wildnis.

Das Mädchen fühlte verwundert, wie ihr Leib sich änderte, wie unbeholfen und müd er wurde, und sie schrieb dies ihrer leidvollen Sehnsucht zu. niemand sagte ihr, was an ihr sich ereignete; der Köhler und seine Gesellen hatten unwissende Augen.

Aber sie stand im tiefen Schnee und träumte, der helle Mann reite im seidenen Maienwind zu ihr, bekränzt mit blauen Blumen und Sidergrün, bekränzt Steigbügel und Sattel und das hohe, schnaubende Tier, ein Veilchenkränzlein um den Helm, ein reitender Blumenstrauß.

Der Schnee zerfloss. Wieder sang der Steinridel, wieder blühten die Osterblumen, weißblustige Stauden leuchteten, und der Urhahn spielte.

Da erfassten seltsam wilde Schmerzen das Mädchen, in unsagbare verworrenen Ahnugen flog sie von der Köhlerstätte und versteckte sich gleich einem ängstlichen Tier in den Felsenschrannen des Klammergesprenges.

Gewunden unter ihrer Pein, lag sie in der sprühenden Schlucht, die Wellen glitzerten vorüber, und immer wieder schrie sie mitten in den Schmerzen ihres zerreißenden Leibes: »Komm wieder!« als müsse der vom Getöse fallender Frühlingswaser erstickte Ruf den Geliebten erfassen irgendwo in den Tälern der Welt und ihn mit starkem Zauber zurückführen.

Sie schleppte sich in eine Höhle.

Drain saß ein Uhu. Der aufgestörte Vogel ward unruhig. Seine riesigen Sterne schwammen schwarz in den rötlichen Augen, langsam senkte er die Lider, langsam hob er sie wiederum und starrte das Weib ernst und durchdringend an. ?

Also gebar sie das Kind. ?

Am selben Tag strich der Wolftriel durchs Klammergespreng, einen Bären zu töten. Als der Wind die Schlucht niederflog, schnupperte der Mann und roch Blut. Hastig kroch er, immer wieder witternd, das trümmerüberbrückte Bett des Baches empor, tiefer in die Klamm hinein.

In einem Steinriss fand er die Schwester blass und erkaltet, und, in ihr Becken gebettet, wimmerte ein fremdes, winziges Mägdlein.

Er verrammelte die Höhle, drin die Leiche lag, mit schweren Steinen und trug das Kind heim.

*

Der alte Köhler zog das Dirnlein mit Hirschenmilch auf, und als es gezahnt hatte und laufen konnte, überließ er es sich selber.

Auch der Wolftriel und der Urch fanden nicht Zeit für die Kleine. Sie übermannte den Wolf und jagten das rote Wild, sie leimten Vögel und stellten den listigen Fischen nach, sie suchten im Übelamenwald das taube, liegende Holz und schleiften es zur Kohlstätte, warteten wortlos des Meilers, setzten, zerstörten und kühlten ihn und taten den Mund nur auf, die Waldmäuse zu verfluchen, die ihnen die Hütte streitig machten.

So setzte das Mädchen das Leben ihrer Mutter fort. Niemand herzte, niemand schlug sie. Von den Waldtieren lernte sie die Scheu, und von der Welt wusste sie gar nichts, denn in ihre Entlegenheit drang nicht der Schall geweihter Glocken, nicht der Jagdschrei noch Gekläff hetzender Bracken, und kein Pechschaber, kein Säumer verirrte sich her, wo nur der Hirsch seinen Wandel und die Wildsau ihre Furt hatte und der Felsengeier einsam wanderte über die waldige Ödnis.

Unter Bäumen und Felsen und wildem Getier erwuchs sie, sie arbeitete nichts und lebte müßig sich selber wie die Blumen im Moos. Unter den mürrischen Männern, die ihrer kaum achteten, lernte sie nicht reden, und weil sie darum allerweilen schwieg, schalten die andern sie die Törin.

Doch konnte sie überaus schön und weich pfeifen. Das hatte sie frühzeitig gelernt, als sie einmal die Laute des Sturmes nachahmte, und nun war es, sie trüge eine Amsel in der Brust. In ihrer weltunbewussten Seele drängten sich sonderbare Weisen wie Vögel mit zusammengedrückten Schwingen im Nest und warteten, bis sie die Lippen spitzte und die Zunge zittern ließ. Dann schwangen sich die feinen Pfiffe in Klüft und Geäst und suchten alle Öhrlein der Einöde auf, die das verwundert oder misstrauisch lauschten.

Die Welt der Törin war Laub und Baum und fallendes Wasser, antwortender Fels und Gewölk, das ruhelos übers Tal glitt. Ihre Spiele glichen nicht denen anderer Kinder. Sie ritt auf dem Hirsch oder lagerte unter sanften Schlangen oder rannte mit dem Wolkenschatten um die Wette und mit dem Flug der Raben. Manchen Winkel voll Veiglein wusste sie im Gebirg, und wenn in den Tannen rote Rosen blühten, schleckt sie den wilden Honig. Den Donnerkeil suchte sie in blitzgetroffenen Bäumen und den Widerhallt im dämmernden Wald, sie pflückte den Ginsterbrand vom Stein und blaue Blumenschellen, die watete in dem goldenen Kies der Gießbäche, die das Gebirg eilig verließen, oder ließ sich die kalten, weißen Wasser des Klammerfalles auf den Nacken springen, der nicht bräunte in Sommer und Luft, sondern weiß blieb wie die Blüte der Schlehe. Auf einsamen Felsen weilte sie und grüßte mit gebreiteten Armen Sonne und Mond und Wind.

Einmal saß sie nachts unter einer großen Tanne, di wegen ihrer überragenden Höhe von den Köhlern der Turmbaum genannt wurde, und sie sah droben in den Zweigen die Sterne hangen wie funkelnde Früchte. Da verlangte sie mit heißer Lust danach, und sie kletterte auf den Baum, die Sterne zu pflücken. Als sie damals droben hing im letzten Wipfel und die Sterne entrückt fand hoch über alle Höhen und unfassbar in kalte Fernen versunken, ward sie zum ersten Mal traurig: sie hielt die Welt für ein verschlossenes Rätsel, und in jeder Erscheinung schien ihr ein Trug zu lauern. So ward sie noch scheuer und verirrte sich völlig in dem Dämmer der eigenen Seele.

In die Köhlerei kam sie fast nur, wenn sie hungerte.

Sie verabscheute den Alten und sein schmutziges Gezücht, das, blinzelnden Kobolden ähnlich, mit den Schürstangen um den Meiler huschte, ihr graute vor dem Wolftriel und dem Urch, die die breiten Eichen brachen und die hellen Vögel knickten und stumm machten, die das dampfende Fleisch mit den Zähnen vom Bratspieß rissen und einander mit den Knochen des Bärenbratens bewarfen und beschädigten; ihr graute vor dem Wolftriel, den sie oft blutig aus dem Gestrüpp treten sah, wenn er einem reißenden Tier die Stange in den Rachen gestoßen hatte, sie fürchtete das wetterfinstere Gebälk der Hütte und den Anger dahinter, der mit Gebeinen besät lag wie der Fressplatz eines Wolfes.

Fremd und still wuchs das Mädchen heran und war bald um Hauptes Länge höher als die Männer.

Der Alte aber wurde von Sommer zu Sommer müder und wunderlicher und geschwätziger, seine Stirn verrunzelte immer wirrer, die Hände zitterten ihm immer heftiger. Und wenn er nun abends am glosenden Meiler die Kohlenwacht hielt, geschah es oft, dass er sich nach einem Menschen sehnte, und darum rief er so lange in die Düsterung hinein, bis die Törin zu ihm kam.

Da lehrte er sie Flachs spinnen oder versuchte ihr etwas zu erzählen. Weil er aber nichts wusste und ihm auch aus dem eigenen eintönigen Leben nimmer viel einfiel, so schwätzte er allerlei blaues Zeug über den Riesen.

»Einmal hat mein Vater in der Neumondnacht Kohlen geführt, eine einrossige Fuhr, und ist dem Türschen in die Nase hinein gefahren, hat gemeint, er ist im Hohlweg im Pimpernellwald. Da hat der Türsch niesen müssen, und die ganze Fuhr ist weithin geflogen, und das Ross hat sich den Kragen gebrochen.«

Das Mädchen hörte zu und sah ohne Regung in den Rauch, der faul aus dem Meiler quoll und im Mond schimmerte. »Hol mit Wolfsgelös, Törin«, bettelte dann der Alte. »Ich will mir damit die Augen salben, sie rinnen mir. Ich erzähl dir dafür vom Türschen.«

Und hatte sie ihm den Wolfskot gebracht, so begehrte er: »Brat mir einen Hirschziemer, brat mir ihm mürb, meine Zähne taugen nimmer. Ich erzähl dir dafür vom Türschen.«

Wenn er dann mühselig das Fleisch kaute, raunte er vor sich hin: »Der Türsch schläft jenseits des Berges. Er ist solang wie der Hannestag im Sommer, elf Ellbogen hoch. Sein Maul ist fünfhalb Schuh breit, ein Zahn drin wiegt hundert Lot. Der Kuckuck ist sein Herrgott.«

Der Alte fraß und würgte und fing plötzlich an zu husten, dass er schier an dem Mahl erstickte. Teilnahmslos kauerte das Mädchen neben ihm.

»Törin, du bist gut«, stammelte er, »aber die zwei Bärenhäuter gönnen mit den Bissen nimmer, möchten ihn mir noch aus dem Schlund reißen.«

In der Hütte drin röchelte der Wolftriel im Schlaf. Jäh erhob sich das Mädchen, als wolle sie fliehen.

»Bleib«, befahl der Alte, »ich erzähl dir vom Türschen. Der Türsch ist alt, viel älter als ich, er stammt aus dem Steinalter her, dazumal ist er langsam aus der Erde herausgewachsen. Der Türsch ist dumm, viel dümmer als ich, er kennt nit Brot und nit Feuer, er frisst Steine, als ob sie Käs wären. Dem Müller von Hammern hat er das Mühlrad gestohlen, hat es für ein Spinnrad gehalten, hat damit spinnen wollen. Ei, wie ist der Türsch dumm!«

Der Köhler kicherte in sich hinein und lachte und lachte immer lauter, bis er sich abermals verhustete und das Gekaute von sich spie.

Dem Mädchen ekelte, und sie ließ ihn allein.

Als ihre Brüste sich zu wölben begannen und der schmale Kindermund sich entfaltete, wurden die Weisen, die sie pfiff, immer herber, ihr ward leid um sich selbst, und sie wusste nicht warum. Seltsam bewegt gab sie sich oft dem silbernen Regen preis oder sie starrte vergessen in das lohende Abendgold und lauschte, wie buhlerisch die Amsel sang. Geheimnisvoll stäubten die Bäume. Schwermut fiel nieder aus zögerndem Gewölk.

Täglich stieg sie auf die hohe Tanne, ließ sich vom Wind neigen und blickte in den grundlosen Raum empor, wo die Wolken ihre Farben wechselten, und spähte dorthin, wo der Himmel versank, und alles war ihre ein dunkles Rätsel.

Unbegreiflich waren ihr die Sternenschwärme, die über die verdüsterten Wälder kreisend aufzogen, unbegreiflich die schwimmenden, blendenden Gefilde, die irgendeine verhüllte Macht über den Himmel scheuchte, unbegreiflich, dass eine Nacht der andern die Sonne in den Schoß war über das Tal hinweg, unbegreiflich die ewige Wanderschaft des Wassers in Tiefe und Fremde. Sie verstand das Feuer nicht, betrachtete es mit ahnendem Schauder und hielt es aller argen Gewalten trächtig; sie konnte nicht fassen, warum der Dorn ausgrünte und in rotem Prunk stand und dann schweigend alles wieder vergehen und verwehen ließ, was schön war. Sie blieb sich selber dunkel und wusste nichts von sich.

Die Bäume hielt sie für weise, weil sie so hoch waren und so stumm. Den Mond hielt sie für eine Freveltat, weil er so bleich und scheu dahin schlich über die schwarzen Schatten. Sie belastete die Dinge mit Geheimnissen, die nicht bestanden, und mit Taten, die nie getan. Die Welt schien ihr geflochten aus lauter regellosen und einander widersprechenden Zufällen, und das einzige Gesetz war der große, beharrliche Wald.

Von ihrer Tanne aus spähte sie über einen Bergsattel weit ins Land, das sie nie betreten hatte, und sie fasste mit dem Auge, das dem des Sperbers überlegen war, den goldigen Schimmer bewohnter Stätten, und ihre Sehnsucht spannte träumerisch den Bogen in die Ferne.

Einmal hing sie eine ganze zuckende, schwere Donnernacht geklammert in dem Wipfel, der Sturm schleuderte ihn hin und her; der Mond, der droben verstümmelt gedroht, war im Gewölk zugrunde gegangen; Wildfeuer schlug nieder, und sie hing ohne Schrecken in dem Aufruhr und starrte hinaus ins Menschenland, wo eine glutrote, lebendige Säule in der Finsternis ragte.

Die Törin war sonderbar schön geworden: ihre Arme schimmerten weißer als die Haut der Birke, ihr Nacken blendete, wenn sie nachts an einem Baum lehnte und den Mond betrachtete, der aus dem Berg blühte und die Reise anhub über die Wildnis.

Oft fühlte sie die Adern in sich und stand in das rätselhafte Brausen ihres Blutes verloren. Und oft wachte sie aus dem Schlaf und merkte, dass sie sich im Traum das Haar geflochten hatte. Dann rannte sie wohl auf einen Waldanger und regte die Arme, als wolle sie im Mondlicht schwimmen. Waldtierlein grasten, Sterne regneten, die Blumen fieberten in der schwülen Sommernacht, und die Törin saß schlaflos im Moos, bis die Sonne den Tau entzündete und erwachte Vögel durcheinander lachten und greinten. Sie wähnte, sie müsse nun immerfort so leben und träumen.

Einst im Herbst stieg sie den tiefen Riss des Klammerbaches empor. Es war noch kein Schnee gefallen, aber ein ungewöhnlich früher und schwerer Frost war eingebrochen, und der Wasserfall lag versteint und gleißte.

Da hörte sie es rascheln im gefrorenen Gras. Sie duckte sich hinter eine Staude, fürchtend, Hirsche, die den Brautlauf übten, kämen daher mit bösen, feurigen Augen und schüttelten wütend das krause Geweih und dröhnten aus zottiger Kehle. O, sie war ohnmächtig geworden, als sie einmal diese Tiere hatte buhlen sehen, und fürchtete sich nun vor dem Schauspiel, dass sie entsetzte.

Doch als ihre Nüstern den Wind prüften, roch es wie nach einem Wolf, und sie erkannte, dass es der Wolftriel war, der von der Jagd kam, und sie hielt still und ließ ihn vorüber.

Hernach betrat sie neugiervoll den Steig, den sich der Mann auf seinen Birschgängen gebrochen und wovon er immer grobe, rotgefleckte Fische heimgebracht hatte.

Sie ging lange bergan. Auf einem Wetterbaum hockte ein dauender Geier, und im Tal hörte sie einen Wolf grob und seine Wölfin hell heulen. Sonst begegnete ihr nichts Lebendiges.

Auf einmal roch sie Eis, viel Eis.

Aus dem Wald tretend, stand sie an einem gewaltigen Felsensee.

Der See war blank überfroren. Hinter ihm strebte eine ungeheure Wand auf, Tannen düsterten davon nieder und funkelten aus dem Eisspiegel wider.

Die Törin trat auf das Eis und sah erschrocken ihr Widerbild darin schreiten, sah es zum ersten Mal, denn die hüpfenden Wildbäche des Gebirges, die fallenden, prallenden Wasser und der wallende Hausbrunn, die ihr vertraut waren, entbehrten der spiegelnden Ruhe.

Nun nahm sie im Eis das holde Antlitz wahr und die edle Bewegung der Glieder und hielt das Bild für eine liebliche Schwester, die hier unter der gläsernen Decke in den See gebannt war und nicht heraus konnte.

Und wie die Törin über den See schritt, der schwarz war wie dunkles Glas und klar bis auf den tiefsten Grund hinab, so ging sie dahin wie in Lüften, darunter das Nichts hängt, und unter ihren Füßen wandelte rastlos das liebliche Gespenst.

Das Eis krachte. Aber sie wusste nicht um die Gefahr.

Lange kniete sie auf dem Eis und vertiefte sich in des eigenen Bildes sehnsüchtiges Geisterantlitz, das halb lächelnd, halb ernst war und dadurch zauberhaft auf sie selber zurück wirkte. Dunkel gehemmt, wagte sie nicht, das Eis zu zertrümmern, um die andere zu befreien.

Dann brach der Winter ein mit sperrenden Schneemassen, und Rotten von Wölfen wechselten durch die Klammerschlucht und umstellten die Kohlstätte.

Als im zögernden Frühling gewaltige Tauwasser zu Tal schossen, die Welt sich wieder mit Farben rüstete und der Kuckuck anlangte, als im Bergwald wieder der junge Mai lauschte und die Steige gangbar wurden, suchte das Mädchen den geheimnisvollen Spiegel heim.

Wie ein dunkler, schwermütiger Kristall war der See dem Gebirge eingesetzt. Hoch droben auf der Wand stieben zersetzte Tannen auf, glänzten feuchte Felsen, blinkte letzter Schnee. Und in dem großen Spiegel fand die Törin die Geisterschwester wieder, greifbar nahe und dennoch durch eine furchtbare Bestimmung unerfassbar den sehnsüchtigen Händen.

Zuweilen schimmerte in der Tiefe ein sanftes, grünes Licht wie von milder Leuchte. Mit seinen in unsäglicher Zartheit gespiegelten Bäumen und Wolken und Farben schien der See eine kleiner, edlere Welt in sich zu tragen, und die Törin wäre nur zu gern in diese sanfte, entrückte Geisterlandschaft hinab getaucht, in diese zitternden, ungewissen, wundersamen Felswälder, um drunten mit der Fremden zu spielen, die sie glücklicher ahnte als sich selbst.

Doch schreckte sie immer irgendein Geschehnis zurück, so dass sie sich nie mit der Gespielin vereinen konnte. Da barst einmal droben ein Fels, zersplitterte die Tannen, polterte nieder, empörte den See und ertrank darin. Da glotzte ein Fisch mit kalten Augen aus der Tiefe, oder er sprang hoch und wies den glitzernden Bauch. Da senkten sich wilde Schwäne nieder, rastend im Wanderflug. Oder es kräuselte sich auf einmal silbrig und zart die Oberfläche unter des Windes Gang, oder lagerte die Wand plötzlich drohender, und der Nebel führte davor den lautlosen Geisterreigen und malte sich dahin grauend in den veränderten Wassern. Oder es schwamm ein zerrissener, bleicher Baum feierlich und erschreckend in der Strömung daher.

Sie weinte sie denn ihre weißen Tränen in die Flut und griff verlangend hinab, und im verstörten Spiegel erlosch der geliebte Schatten.

Und der launische See lag bald in seiner Bläue dem Himmel verschwistert, bald düsterte er schwer in sich hinab und nahm all das strenge, ernste Grün auf, das die Bäume in seinen Schoß gossen. Die Törin aber saß davor, verloren in ihr Bild und pfiff ihm ihre herben Weisen vor, und erst wenn sich die Tiefen nachtfinster verschlossen, wich sie von dem Schattensee.

Die Sonnwend kam, spärlicher ward der Vogelsang und verlor sich. Und einmal, als sich die Sonne aus dem Gebirge hob, die Erde in Tau dampfte und die Törin unter einer schwarzgrünen Tanne schlief, kam ein Fremdling auf müdem Ross durch die rauen Täler geritten. Sein Wappentier war ein Falke, der mit offenen Fängen aufwärts stieg. In seinem Helm saß ein zersprungenes Kleinod, sein Schild war von harten Streichen zerschlitzt, und sein Harnisch rostete. Der Bart, mit grauen Fäden durchsponnen, floss ihm breit über das Brusterz; das Auge war dunkler worden, seit er vor langer Zeit gesprengt durch den Übelamenwald.

Er sah die Jungfrau ruhen und atmen, und er wähnte, es sei dieselbe, die er einstmals in taugrüner Stunde hier an derselben Stelle geküsst. Sie war nicht gealtert, sie war viel schöner und strahlender als vormals, das Antlitz schmäler und edler, edler auch das Maß ihrer Glieder. Üppiger lockten die Lippen. Blaues Geäder dämmerte durch die weiße Haut, und ihre Hände lagen schlank ineinander verflochten auf der lebendigen Brust. Blüten, vom Tau beseelt und beseligt, umstanden ihr Lager; das unschlüssige Wunderspiel eines Pfaufalters umirrte sie wie ein Wunsch, der seines Zieles nicht gewiss ist.

Weiße, überschwängliche Wolken leuchteten durch die Wipfel. Der Sommerwald war todstill. Nur eine Biene sang. Der eiserne Mann sah lange das Mädchen an. Dann neigte er das Kinn auf den Panzer und flüsterte: »Nichts zweimal!« Ein schwarzer Waldvogel krähte auf.

Da graute dem Ritter jäh vor dem schönen Gespenst, das nicht altern konnte, er spornte sein greises Ross und ritt davon.

Sein Harnisch verglomm fern zwischen den Stämmen.

*

Der alte Köhler verfiel immer mehr. Er tat keinen Handgriff mehr, vergaß sein Gewerbe und lungerte den lieben, langen Sommer faul auf der Laubstreu. Die Gesellen spürten seine Ohnmacht und gehorchten seinen immer kindischer werdenden Befehlen nur mehr, wenn es ihnen behagte.

Einmal schaffte er an: »Der Turmbaum muss weg! Er passt mir nit in den Wald, er ist zu hoch.«

»Er ist steinalt und könnt morsch werden«, nickte der Urch.

»Wie bärtig und zottig er ist! Putzen wir ihn weg!«

Als nun Wolftriel ausholte und die Axt in den hochbejahrten Baum trieb, dröhnte auf einmal der Boden, es stampfte und schnaufte und stürmte, als fahre der ewige Jäger mit seinem Gejaid daher.

»Der Türsch ist wach«, kreischte der Alte.

Schon trollte der Riese heran, ein Kerl so gewaltig wie der gefährdete Baum. Die Tannenrauschten, daran er streifte. Gebüsch knackte und prasselte unter seinem Fuß. Die mächtigen Nüstern stießen Rauch in den kühlen Tag.

»Der Wald erschillt«, stammelten die wulstigen Lefzen, deren obere von einer Hasenscharte zerrissen war. »Das Beil hat mich geweckt. Lasst mir mein Kräutel stehen!«

Der alte Köhler hinkte herbei. »Warum sollen wir den Baum nit schlagen? Er tragt nit guldene Zapfen, und es stehen solche noch tausend im Wald.«

»Brecht den Wiftel nicht!« lallte der Riese. »Ich bin so viel Jahr alt, als die Nadeln hangen am Pechelbaum. Brecht ihn nit! Sunst weiß ich mein Jahrzahl nimmer.«

»Wie alt bist du?« fragte der Urch.

Der Riese lachte blöd. »Ich bin in den Tölpeljahren.«

»Urch, renn in die Hütte, hol einen Brand!« flüsterte der Köhler.

Der Wolftriel zog die Stirn in harte Falten, schwang die Axt und hieb trutzig in die Kerbe, die er bereits geschlagen hatte.

Da bleckte der Türsch seinen Eberzahn, er sträubte die Brauen, packte sein steinernes Messer und fauchte: »Lass ab, Kohlruß! Den Bauch schlitz ich dir auf.«

»Wo ist die Runsa?« kicherte der Köhler. »Hat sie dir das gläserne Ringlein gestohlen? Weinst du noch allweil drum?«

Altes, ungefüges Leid ergriffe den Riesen: des Frevels an seinem Baum vergessend, röhrte er: »Die Runsa ist hin!«

Der Urch kam gerannt, einen knatternden Kienbrand schwingend, und gellte: »Feurio! Feurio!«

Ängstlich sah der Türsch das Unheimliche nahen. »Wie es flodert! Wie es Flunken schmeißt!« staunte er. Schritt um Schritt trat er hinter sich zurück, und als die Flamme nur mehr einen Beilwurf weit war, drehte er sich jäh um, gab Fersengeld, und die Wildnis rauschte hinter ihm zusammen.

Der Urch zerdrückte den Brand in der hürnernen Hand.

»Wunderalt mag er sein, der Türsch!« meinte er.

»Ehmals hat er den Kirchturm von Neuern entrückt und die Wildsäue an den Schwänzen zusammengebunden«, schwätzte der Alte. »Mein Vater hat ihn einmal liegen sehen bei guter Sonne zwischen den Bergen Ötwech und Zwereck, dort hat er sich den Nabel gesonnt, der Alberne, darein hat er einen gläsernen Stein gesetzt.«

Der Wolftriel fuhr auf, seine Augen flammerten: »Den Stein nehm ich ihm.«

»Ich mag ihn haben«, rief der Urch.

»Ich fang den Türsch, ich heb das Nest aus«, zischt der Wolftriel.

Ihre Stimmen kreuzten sich wie feindselige Spieße.

Der Alte rief: »Ihr müsst ihn fangen, eh die Sonne den Berg hinunter fährt. In der Nacht ist er viel stärker als bei Lichten.«

»Wir wollen es tun«, grinsten die Brüder.

Sie stürzten rasch die hohe Tanne, dass sie schütternd und prasselnd zu Boden schlug, drei andere mit sich reißend. Dann sägten sie den Stamm in Blöcke und zwängten in einen der gewaltigsten Klötze einen Keil.

»Jetzt leg ich dem Türschen einen Speck auf die Falle«, lachte der Urch, tat eine Wildsau, die sein Bruder gefällt hatte, an den Spieß und briet sie.

Als der Duft aufstieg und sich in den Wald schlug, schlich der Riese daher, gelockt und betäubt von dem kräftigen Geruch. Seine Nüstern brausten. »Das Wildbret will ich schlünden«, lechzte er, »mich hungert.«

Der Wolftriel deutete auf den verkeilten Klotz. »Erst hilf mir, das Holz da auseinander zwingen. Ich bin zu matt.«

»Wohl helf ich dir, Notnagel«, rief der Ungestüme fröhlich, tappte hin und fuhr mit den Fingern in die Fuge. Im Hui riss der Wolftriel den Heil heraus, da stand der Türsch geklemmt.

Vor Schmerz brüllte er auf und wollte sich befreien, und da es ihm missriet, den Klotz zu zerreißen, entrann er mit ihm in den Wald.

Die beiden Gesellen schämten sich wie Raubtiere nach misslungenem Sprung.

»Alle neun Donner!« schalt der Wolftriel seinen Bruder. »Du bist schuld, dass er davon ist. Du hast den Klotz zu klein gewählt.«

»Wir hätten den Schelm in einen Felsen einzwicken sollen«, murrte der Urch. »Ich betrüg ihn denoch um seinen groben Leib!« Und er schüttelte den alten Köhler bei den Schultern. »Was rätst du mir, Herrlein?«

Der Alte saß auf dem Strunk des Turmbaumes, sein Gesicht war schon ganz vermoost,nur die Augen funkelten noch drin aus zwei kleinen Löchern. Er schneuzte sich in den Ellbogen und murmelte, er wisse keinen Rat.

»Der müde Simsam taugt nit zu solchem Werk«, rief der Wolftriel verächtlich. »Er hat noch keinen umgebracht.«

»Oho!« prahlte der Alte auf. »Wie mein Vater nimmer hat Holz hacken können und wie ihm die Jahre das Haar genommen, hab ich ihm eine Grube gegraben, hab ihn hineingelegt und fein warm zugedeckt mit Rasen. ?Duck dir, Vater, duck dich!? hab ich ihm gesagt.«

»Du taugst nimmer, Herrlein«, beharrte der Wolftriel grausam, »du bist müßig gangen den ganzen Sommer. Dein Blut ist schon sauer, deine Kraft schabab.«

»Nein, nein, ich bin noch frisch«, wehrte der Alte ab.

Der Urch grollte: »Im Winter hast du den besten Sitz am Feuer, wir anderen müssen frieren. Du solltest doch einmal das Hinfahrtshemd anlegen.«

»Wollt ihr mich vom Herd schaffen? Soll ich auf dem Stein vor der Tür liegen im Winter? Das Wetter schlag euch ins Aug!« fluchte der Alte und schleppte sich davon.

*

Die Tage, die damals übers Gebirge kamen, waren sommerlich warm, trotzdem dass sich mancherorten die Birken schon verfärbten und geheime Glut im Laub ward.

Verhaltener sausten die Kronen, silberner und keuscher rieselten die Quellen. Je und je stand ein dunkler Baum starr eingegossen in den stillen, goldenen Herbst.

Die Törin badete im weißen Fall des Klammerbaches, der blendend wie ein Brautschleier niederhing; das Gestäub umsilberte und umrauschte siebenfarben den jungen Leib. Sie wusch sich die langen rotgoldenen Haare und ließ sie schwimmen, sie wusch sich die hohen Brüste, und dann ruhte sie und pfiff laut und weich.

Weißgrünes Wasser, ratlos nach jähem Sturz, irrte zurück und ging im Wirbel. Eintönig scholl das Gesaus der Klamm. Mitten in einem süßen, bangen Pfiff brach die Törin ab. Über ihr am felsigen Ufer hatte sich das Gebüsch geteilt, ein urfremdes, riesiges Scheusal glotzte herab und rief: »Pfeift ein Amixel so hellauf? Bist du ein Vogel?«

Betroffen stand sie ob des ungestalten Mannes. Aus dem schartigen Maul wuchs ihm das Haar, von den Brauen wucherte es aufwärts über die Stirn, überall wildes verfilztes Haar, nur aus dem Scheitel glänzte eine kahle Beule. Die Hände hatte er blutig.

Er kauerte droben hin und wühlte verlegen im Bart.

»Dein Antlitz ist nit rußig, deine Augen glinzen.«

Sie hörte die Schmeichelei nicht. Sie deutete verstört auf seine roten Hände. Schreien konnte sie nicht.

An den Brauenvorsprüngen, die gleich drohenden Felsen über seinen Augen hingen, zuckte es, die dicken Lefzen verzerrten sich. »Sam mir der Donner! Dem Kohlruß hab ich die Hirsche zerrissen. Drum blut ich.«

Läppisch griff er nach ihr hinab.

Ihr ekelte vor den roten, abscheulichen Fingern, schrill schrie sie auf.

»Was wimpelst du, feins Tierlein?« schmeichelte er. »Bist gar so kungunderwinzig!«

Fliehend watete sie durchs dunkle Wasser.

Wie eine Schlange schlüpfte sie in ein Steinloch.

Der Riese hob die Felsplatten auf und wälzte sie fort und grub lange nach ihr, um sie zu haschen und mit ihr zu spielen. Aber seine Finger waren zu ungeschickt, er fand sie nicht.

*

Die Köhler schäumen vor Wut, als sie das Aas ihrer vermissten Hirschkühe auf dem Dach der Meilerhütte sahen. Sie wussten gleich, wer ihnen die Tiere zerfetzt hatte, sie fanden die Fährte des Riesen im Tau.

Am selben Tag blieb der Klammerbach aus, und der Brunn, der bei der Köhlerei in den Einbaum fiel, versiegte.

»Der Türsch hat den Berg ausgesoffen«, greinte der Alte, »er tut uns alles zu Possen. Jetzt müssen die Mühlen feiern und die Hämmer, das Wasser wird lang nit rinnen.«

Inder die Gesellen einen neuen Meiler mit Reisig begrasten, saß der Köhler am Rand des leeren Troges und ließ die Füße müßig baumeln. Der Urch, in dem der Groll wühlte ob des metzgerischen Riesen, hielt in der Arbeit inne und lugte eine Weile dem Alten zu. »Hilf uns, Herrlein!« rief er unwillig.

»Ich kann nix mehr heben, ich kann mich nimmer bucken«, raunzte das Herrlein. »Ich bin müd, die ganze Nacht hab ich kein Aug nit zugetan. Die Trud hat mit ihren zwei langmächtigen Armen durchs Dach gegriffen und hat mich gedrosselt.«

»So rat uns, wie wir den Türschen abtöten sollen!«

»Mein Hirn ist leer, ich weiß nix«, mummelte das Herrlein, saß mit schlaffem Mund und nickte schier noch während des Redens ein.

Die Brüder lauerten schief hin in das Gesicht des Alten, das voll grünlicher Flecken war, als schimmele es.

»Er seufzt nur mehr, sonst kann er nix. Er nutzt nimmer«, zürnte der Wolftriel. »Die Nase rinnt ihm, das Moos wachst ihm im Bart. Alt ist er und kalt.«

»Duck dich, Vater, duck dich!« stieß der Urch durch die Zähne. Da stierten sich die zwei an mit finsteren Augen, dahinter finstere Hirne gärten, sie nickten sich grässlich zu, und ein heiserer Vogel schnarrte, als wäre er mit ihnen einverstanden.

Kurz danach in einer Frühe schaufelten die Brüder den Karren voll der hölzernen Kohle.

»Fahrt ihr zum Schmied?« fragte der Alte. »Nehmt mich mit!«

Der Wolftriel aber reichte ihm eine Axt. »Du bleibst daheim. Du wärst ob deines Alters den Schmiedkindern zum Spott. Doch den Meiler sollst du hüten, dass das Feuer nit ausbricht, und mit der Axt da sollst du die Föhre stürzen, der der Turmbaum den Wipfel zerbrochen hat.«

»Mir tun die Flechsen weh«, weigerte er sich, »die Gicht zieht mir den ganzen Leib zusammen.«

Sie ließen ihn klagen und zogen selbander den Karren in die ferne Schmiede.

Todmüde kamen sie wieder n den Übelamenwald heim und hatten vor den Wagen eine Kuh gespannt und ein volles Fass aufgeladen.

Das Herrlein stand vor dem Meiler, die Augen scheu wie ein Rossdieb, und seines Gesichtes blasse Angst schimmerte durch Schmutz und Bart hindurch.

Der Wolftriel flackerte ihn an: »Die Föhre steht noch!«

»Ich hab nimmer können«, flennte der Alte, »die Kraft ist nimmer da, die vielen Jahre haben mich vermüdet.«

Der Urch schalt: »Der Bach ist leer! Kein Tropfen im Einbaum! Wir sollen die Äxte schleifen. Wo nehmen wir das Wasser dazu her?«

»Was habt ihr mir mitgebracht, meine Büblein? Was ist im Fässlein drin?« geiferte lüstern der Alte.

»Nix für dich.«

»Dann melkt mir die Kuh! Ihr Euter strotzt.«

»Die Milch willst du uns auch noch wegsaufen, du nutzloser Mann? Hol dich der Hinker!«

Das Herrlein watschelte zu dem Fass, betastete es mit den dürren Fingern, schnüffelte daran und leckte an dem Zapfen.

»Greif das Fass nit an!« drohte der Wolftriel. »Es gehört dem Türschen.«

»Ihr wollt den groben Schroll mit Branntwein lohnen?« klagte der Alte. »Er verdient ihn nit. Gebt ihn mir, dass ich Kraft krieg!«

Die Männer trieben ihn weg.

Als die Sonne zu Rast gegangen war, schütteten sie das Fass in den Brunntrog, waffneten sich hernach in der Hütte mit Schürbaum und Hacken und lauerten.

Die Finsternis rann aus dem Wald, und es wurde kühl. Ein Kauz hohnjauchzte, und im Gebirge huben die geilen Hirsche zu röhren an. Der Meiler schwelte in der Nacht.

Der Türsch ließ nicht lange warten. Er brach aus der Wildnis, neigte sich über den Einbaum und roch.

Heute stank das Wasser nach Feuer. Hatte eine Flamme drin gebadet?

Er scheute sich zu trinken: die Köhler waren heimtückisch. Mühsam bedachte er sich. Jeweilen näherte er die stumpfe Nase dem Trog und sog wild und gierig den Dunst des Trankes ein. Aber immer wieder riss er den zottigen Schädel zurück, das Gelüst zähmend, und sann schwerfällig nach und ahnte, dass er sich hüten müsse vor den drei Erdwürmern. Es mochte wohl Eisenwasser sein im Einbaum, die Rußigen schleifen drin ihr hartes Werkzeug, das den trotzigen Wald anfällt und niederbeißt. Eisen, stärker, schärfer, gefährlicher als Stein, Eisen hat in dem Trog da gebadet. Eisenwasser, hei, das müsste wohl stark machen, dass man die Berge aus ihren Nestern rütteln und die Täler mit Felsen zuriegeln und Felsen nach den Plätzen schleudern könnte, wo das Feuer eingekäfigt ist und der Rauch steigt! Hei, so einen ungeheuren Berg zu werfen tief ins Land hinein, wo der falsche, kluge Mensch sich mit Mauern schützt und seine festen Türme gepflanzt hat! Hei, mitten darein den Osser zu schleudern!

Der Türsch warf die Hände über sich, als müsse er aus den Lüften die rasende Kraft erpacken, die er sich wünschte.

»Eisenwasser macht stark.« Mit diesem Gedanken besiegte er sein Misstrauen. Er bückte sich und hob den Trog an die Lefzen.

Eine Flamme rann ihm in den Leib. Sein Hals brannte, sein Herz zuckte. Nun schien der Trunk in seine Adern zu münden und an des Blutes statt drin zu kreisen. Und süß war das Eisenwasser, namenlos süß!

Der Bart troff dem Riesen, die Augen wurden ihm glasig vor Lust, den Atem benahm es ihm. Er musste innehalten im Trunk.

Mit jähem Ruck tauchte jetzt der Mond über den Wald und stand, ehe er noch gewarnt werden konnte, auf einem dürren Wipfel festgespießt. Der Türsch gähnte, als wolle er ihn verschlingen, und langte mit den Armen nach ihm.

Da machte sich der Mond schmächtig, als wolle er sich durch die engen Stämme schleichen und auskneifen, und er krümmte sich demütig wie ein Sichlein und war auf einmal verhuscht. Nun war alles finster, die Berge gespensterten unsicher, und dem Riesen dunkelte es vor den Augen.

»Des Mondes bin sich verlustig«, seufzte er.

Doch da hing die gelbe Scheibe wieder in Fülle droben und blendete ihm ins Gesicht. Und der Mond murrte etwas, schnitt eine grelle Fratze und erbrach eine helle Lache über die Kohlstätte.

»Bist du wieder da, Rädlein«, zürnte der Türsche. »Sam mir der Donner, ich schür dich auf!« Er hauchte den Mond an, dass er trüb anlief.

Nach solchem Spiel schien es dem Riesen an der Zeit, seinem Durste weiter zu frönen. Er hob behutsam wieder den Einbaum, keinen Tropfen zu vergeuden, und goss sich ihn bis auf die letzte Neige in die Gurgel. Sogleich fühlte er ein wirbelndes Feuer in sich, und Kraft bedrückte ihn, die sich messen wollte, und Übermut schwoll überwallend auf, und in solcher Bedrängnis wusste er sich keinen fröhlicheren Ausweg, als dass er den scheuntorbreiten Hosenlatz auftat und seinen Brunnen ließ in den leeren Trog.

Dann hob er das Knie, klatschte auf die Schenkel, tanzte tölpisch und wackelte dazu mit dem Kopf, rülpste und redete in einer knorrigen, verwitterten, ungelenken Sprache allerhand Läppereien oder sang aus rauer Drossel ein ungereimtes, verrücktes Lied:

»Beiß Bixbaum, beiß Buxbaum,
beiß bexbuxbirnbaumern Bein!«

Dabei stolperte er über einen Scheithaufen, taumelte und fiel hin. So oft er sich aufraffen wollte, so oft kollerte er wieder zurück. Schließlich wünschte er gar nimmer, auf die Beine zu kommen, das Liegen tat ihm wohl, und ihm war, eine Wolke fließe ihm durchs Hirn und verhülle alles, was ihm je das Leben versauert hatte. »Das Wasser ist stärker als ich«, lachte er.

Da regte es sich im Schatten.

Der Mond stutzte und hielt in seiner Auffahrt inne.

Der Trunkene horchte.

»Reckt der Rabe den Flittich? Pflodert der Schuhu?« lallte er.

Droben im Wald schrie ein rasender Hirsch, und sein Nebenbuhler erwiderte ihm.

Der Wolftriel und der Urch sprangen herdann.

Mit Stricken und Ketten flochten sie dem ungefügen Mann die Füße zusammen; in ihren berußten Joppen, mit ihren langen, spitzen Nasen hüpften sie wie zwei Nachtraben um ihn.

Er wehrte sich nicht. des süßen Trankes voll, liebte er die Gesellen, die sich um ihn mühten, und hielt sich für geliebt und fürchtete keine Gefahr für sich. Das Treiben der beiden schien ihm ein harmloses und ergötzliches Schelmenstück, daraus er zwar nicht klug wurde, das aber des Zuschauens wert war, und so hielt er lachend und geduldig still, als der Wolftriel ihm den Hals an eine gewaltige Wurzel festband.

»Ist das rinnend Feuer von dir, Schürigankel?« fragte ihn der Riese. »Es sei dir vergolten, du sollst noch siebzehn Jahre leben!«

Nun hinkte auch das Herrlein herzu und leuchtete mit einer Fackel das gefesselte Ungeheuer an.

»Furkel mit nit vor dem Bart, Erdwürmel!« bat der Trunkene schläfrig.

Doch der Alte erwiderte: »Du wunderalter Türsch, sag mir das Kräutel, das gegen den Tod gewachsen ist, sonst seng ich dir die Augen aus!«

»Enzigon und Pimmelwurz wachsen gen den Tod, am Dornstag muss man sie brocken«, kicherte der Riese. »Das weiß ich, aber ich sag es dir nit.«

Der Wolftriel war ungeduldig. »Ich stoß ihm den Schädel ab. Was soll das Geschwätz?« raunte er dem Bruder zu.

Doch der Urch wehrte ihn zurück, er hätte gern manches erfahren von dem Riesen.

»Woher kommst du, du gewaltiger Mannsmensch?« fragte er.

»Aus dem dummen Land komme ich.«

»Frisst du auch Leut?«

»Die Rösser haben ein feines Fleisch, das haltet an im Darm, sonderlich die Hufe.«

»Hast du eine Seel im Leib, Türsch?«

»Nix hab ich, ich bin hohl. Drum gib mir Eisen? Das macht stark. Eisen will ich schmecken.«

»Das sollst du«, brüllte der Wolftriel. Er war nimmer zu bändigen und hackte mit der Axt wütend auf den Riesen ein, und dieser staunte über die Schmerzen, die ihn nun so plötzlich nach den Wonnen des Trunkes überfielen, und sah mitten in seiner Tötung, wie der Mond sich auf einen Ast niederließ und dort ruhesam einschlief wie ein geplusterter, satter Vogel.

Auf einmal erkannt der Türsch, dass etwas Ungeheuerliches, Schreckliches, dass ein fahler Frevel an ihm geschah, er wand sich und bot sich und schnaufte, dass den Köhlern der Ruß aus dem Bart stob, und schrie grauenhaft auf, und sein Schrei überschwoll allen Lärm die Wälder, die von der Hirschbrunft dröhnten.

Unter den Streiche des Wolftriel kugelte ihm der Kopf auf den versengten Rasen der Kohlstätte, und die Köhler steckten den Kopf auf den Wipfel eines Baumes. Dort riss er noch einmal das blutende Maul auf und rief rau und wehmütig übers Gebirg hin: »Runsa!«

Die Mörder suchten am Leib des Erschlagenen das Kleinod, davon das Herrlein gefaselt hatte, und als sie es nicht fanden, schalten sie den Alten ob seiner Lügen und hießen ihn schlafen gehen auf die Streu.

Hernach zerhackten sie den Leichnam wie einen gefällten Baum. Die Trümmer schleiften sie mit großer Mühe in ein Dickicht.

Bei diesem Werk begegnete ihnen die Törin. Sie hatte den Schrei gehört, sie roch etwas Schwüles, Entsetzliches, einen finsteren Duft, wie sie ihn noch nie wahrgenommen.

Die Männer wischten sich die bluteigen Finger in die Bärte und starrten das Mädchen an. Sie war schier nackt, und ihre Haut war in der Finsternis von grauenhafter Helle, wie eine Blendblume durchbrannte sie die Nacht.

Da erkannten die beiden jäh, dass das Mädchen zu ihren Jahren gekommen war, und sie standen gebannt und waren erregt wie Glut, darein ein Schürbaum gestoßen.

Der Wolftriel trat an sie heran, fasste sie mit den feuerharten Fingern und betrachtete sie mit gefährlich langem Blick. Sein Hauch stand sie an: »Hallo, willst du dem Türschen sein Herz fressen?«

Der Griff schmerzte sie, sie wand sich los. Sie fühlte, dass die zwei Männer mehr zu scheuen waren als der Wolf im Winter.

*

Der Wolftriel und der Urch hatten mit Stangen Löcher in den glosenden Meiler gestoßen, dass die Luft durchziehe. Nun stolperten sie mürrisch und mit triefenden Schläfen in die Hütte.

Der Alte aß gerade. Er tat hastig und gierig, als habe er schon tagelang gehungert, und der schmutzige Bart hing ihm dabei in die Milch hinein. Ihn verdross es, dass die Gesellen das Behagen seines Mahles störten, verlegen strich er sich durch den wirrverfilzten Schopf, und seine Augen fragten misstrauisch von einem zum andern.

Der Wolftriel rasselte ihn an: »Du ewiger Fraß!«

Der Alte ward feuerrot, ein rauer Husten erschütterte ihn, und er hustete, was er in Mund und Schlund hatte, wieder in die Schüssel zurück. »Neidest du mit das Tröpflein?« ächzte er.

»Bei der Schüssel hältst du dich weidlich, da füllst du dich an wie eine Zecke. Aber einen Baum kannst du nimmer stürzen!«

»Ich bin noch frisch!« schrillte der Köhler. Seine Augen irrten unruhig in den engen Löchern umher, als wollten sie daraus entspringen, und standen auf einmal wie ertötet unter dem unbarmherzigen Blick des Urch.

»Ihr tut mir nix«, lächelte er blöd und grübelte mit dem Finger im Ohr. »Es reißt ja ein Wolf den andern nit, außer es ist Hunger im Wald. Ich weich ja bald. Trage nur Geduld mit mir!«

Am Schemel spann die Törin, den Rocken zwischen den weißen Schleier von Traum und unklarer Sehnsucht, und sie hörte nicht, was um sie vorging.

Plötzlich aber war ich, als träfe ein glühender Stich ihr Knie. Sie schrak auf und sah, wie die Gesellen ihr Fleisch angafften mit wütendem Durst.

»Was schaut ihr die Törin an wie märzige Kater?« zeterte der Alte. »Schert euch zum Kohlhaufen!«

Der Wolftriel richtete sich auf wie ein Erwachender, über seiner Nase gruben sich tiefe, böse Falten lotrecht in die Stirn. »Alter, deine Zeit ist da«, knurrte er, »wir wollen dich von der Erde tun, wie es der Brauch verlangt.«

Das Herrlein ward grau wie Baumrinde. Er wehrte sich, er fletschte die ausgefaulten Zähne, holte die letzte Neige seiner versiegenden Kraft aus sich uns stieß mit den dünnen Armen, mit den müden Beinen um sich. Doch die beiden überwanden ihn rasch und schleppten ihn zur Tür hinaus.

Jetzt bettelte er: »Lasst mich! Diesen Winter leb ich nimmer aus.«

»Das hast du schon oft gelogen«, erwiderte der Urch. »Der Tod rupft dich heuer wieder nit ab. Wir trauen dir nimmer.«

»Ich bin noch frisch«, sagte der Köhler weinerlich, »ich verwillig mich nit in euer Tun.«

»Du musst daran«, sprach der Wolftriel, »du bist ein alter Mann, der nimmer kann. Und nimmer nutz, nimmer lieb.«

»Ich will euch wieder helfen, das Holz verkohlen und Tannenstöcke ausgraben und die Bäume werfen. Ich will wieder jungen«, gelobte er heulend.

Späte Krähen flatterten und schrien rack rack, die schwarzen Flügel schlugen.

Die Männer zerrten den Alten in den Wald zu einer frisch aufgerissenen Grube. Er zittert, dass er sich kaum mehr in den Knien halten konnte. »Ihr bösen Buben, ruht mit euern Schwänken!« greinte er.

»Herrlein, es ist so bräuchlich. Wir tun nit unrecht.«

Er stöhnte. »Ich weiß es. Aber ich will noch nit hinein.«

»Gib dich drein, Herrlein! Du hast schon lang genug gelebt.«

Am Rand der Grube kam es noch zu einem kurzen Kampf, dann stießen sie ihn hinab, und drunten wehrte er mit den krummen, gelähmten Händen, mit den entkräfteten Armen den Schutt ab und den Wasen, der auf ihn niederfiel. Vor Wut zischte er wie eine Natter, die fahle Zunge spielte zwischen den zerbrochenen, geschwärzten Zähnen. »Der Blick soll euch erglasen!« fluchte er. »Was versteckt ihr mich unter der Erde? Ich hab mich noch nit satt gelebt.«

Die Männer droben hatten Herzen wie Sperber. »Deck ihn nur fest zu, dass er nimmer fliehen kann«, spornte der eine den andern.

Sie stürzten gleichmütig die Schollen auf ihn hinab und töteten reuelos, bedenkenlos wie Tiere. »Leg dich hin und stirb!« mahnten sie das Herrlein.

Als der Alte halb verschüttet lag, ergab er sich in sein Los und sagte beruhigt und versöhnt: »Achtet nur auf den Meiler, dass das Feuer nit drausschlägt!« Hernach schwieg er und ward verhüllt.

»Wir hätten ihn tiefer im Wald vergraben sollen, dass er nit heimfinde«, meinte der Urch.

Die Törin schaute von Ferne zu und dachte vergebens nach, warum die zwei den schmutzigen Alten verscharrten, der sie das Spinne gelehrt und ihr von dem Türschen erzählt hatte, und warum er sich gar so unbändig widersetzte.

Es dämmerte. Die Berge dräuten einander wie dunkle Unholde, die sich zum Zweikampf aufrufen. Nebel flossen aus der Klammerschlucht, rankten um die Baumspitzen und blieben dran hangen. Fahle Dünste schlichen durch die Stämme. Im Gewölk brannte noch eine Welle ein höllisches Feuer und verscholl dann hinter dem Nebel.

Der Urch ging auf die Törin los. Sein Gesicht war voller Krusten, der Schnauzbart strahlte ihm steif von der Lippe ab wie einem Waldkater. Er war übel gewachsen und auf der Brust voll hässlicher Haare.

»Greif sie nit an!« drohte ihm Wolftriel. »Sonst erhau ich dich.«

»Dass dich der Wolf nage! Mir gehört sie auch«, knirschte der andere.

Der Wolftriel brüllte: »Sie ist mein!«

Die wilden Adern strotzten ihnen an der Stirn, zum Springen prall vor Hass, ihre Finger krümmten sich spielerisch und würgten die Bilder ihrer Hirne. Sie tappten nach den Schürstangen und schlugen auf einander los. Nach den ersten unbarmherzigen Hieben floh der Urch in den Wald, und der Wolftriel sprang ihm nach.

Das Mädchen blieb allein auf der Kohlstätte.

Wie ein launisches Gespenst stieg der Rauch aus dem Meiler, schwermütig und bedrückend ragte der halb verschleierte Wald, die Wipfel wie gelähmt, die Äste ohne Sang, die Luft ohne Laut. Auf einer Staude stand der düstere Vogel Wendehals, öffnete toll den Schnabel, drahte den Kopf wie eine gereizte Otter und zischte nach der Törin.

Ihr Antlitz war verschlossen, das grüne Auge zu Smaragd versteinert.

Im Wald schlugen die Stangen gegen einander. Die Zwei rauften lange.

Endlich war es still.

Der Wolftriel taumelte mit blutigem Schürbaum aus dem Dickicht, hinter sich eine rote Fährte. Er leckte sich die Wunden.

»Koch Tannenzapfen, Törin!« ächzte er. »Mit dem Sud sollst du mir die Schrunden waschen.«

Scheu trat sie zu dem Mordmann hin.

Von seinen Wunden trunken, wirr von ihrer Nähe, fasste und presste er sie mit zerstörendem Grimm an sich. Seine Augen klafften gleich schwarzen Schluchten, und ihr war, sie würde in diese verschlingenden Augen hinein gerissen und müsse drin verschwinden. Solche Augen hatte der Wolf, wenn er lechzend der Wölfin nachtrollte, so stierte der Hirsch, wenn er im Vorherbst schnauend seine Kühe ritt. Ein fremdes Grauen schüttelte das Mädchen, die Brust jagte ihr. Ihr dämmerte verworren auf, was Fürchterliches der Mann begehrte.

»Meine Hitze miss sich kühlen«, stammelte er. Er holte wild Atem, seine Schläfen belebten sich scheußlich, die Aderrünste darauf schwollen und zuckten. »In mir brennt es«, klagte er, »aus dem Maul muss es mir flackern.« Die eigenen Worte entzündeten ihn, wie eine Flamme in sich zurückschlägt.

Sie sah das verzerrte, missfarbene Gesicht hart vor sich, die hässliche, spitze Nase, die knechtisch niedere, beschmutzte Stirn, die siedenden, wüsten Augen. Ihr Blut schrak zurück, sie stieß den Mann mit jäher Kraft von sich.

Wieder tappe er nach ihr mit den schweißigen, schier kreisrunden Händen, mit den kurzen, verwahrlosten Fingern, die mit Warzen besät waren. Sein Hirn lallte, seine Zunge lag lahm.

Dreimal jagte er sie um den Meiler. Immer näher kam er ihr. Ihr toste das Herz.

Aus dem Übelamenwald stieg dumpf und hohl das Röhren eines Brunsthirsches und schwoll und zürnte empor, ward röchelnde Wut und fiel wieder, und der Nachhall spukte verstöhnend in der Wildnis.

Da sprang die Törin auf den Meiler hinauf und versank.

Eine Flamm fauchte heraus, und der Meiler stand loh.

Mit verbissenen Zähnen kroch der Wolftriel ins Moos. Das Blut schlich ihm aus dem Leib, und die Erde verschlang es.

Die rote Lohe aber brannte tagelang einsam für sich hin, uns als sie nichts mehr zu verzehren hatte, fraß sie sich selber auf.

Der Knochenbrecher

In die verlassene, halb ausgebrannte Burg Bayreck nistete sich der Ritter Knochenbrecher ein, ein Landschreck ärgster Art, ein kalter Wegelagerer. Die Burg, die dem wenig urbaren und meist wildwüchsigen Land drunten Hut und Schutz hätte bieten sollen, wurde ein räuberisches Bussardnest.

Der Knochenbrecher plagte und schatzte die armen, grauen Dörfer. Bauer, her mit der Kuh! Euterfleisch will ich haben. Bauer, back Brot! Schaff Milch! Bauer, bring einen Kessel Fische!« Sein Türmer beobachtete das Tal, und rührte sich drunten etwas, so ritt der Knochenbrecher mit seinem plündernden Volk den nackten Berg hinunter, lauerte am struppigen Wettertann in den Hohlgasen, packte den fahrenden Kaufherrn und griff ihm nach der Geldkatze und klauste die Gefangenen in einen engen Felsenkeller, darin sie fast erstickten. Das Lösegeld ließ er sich oft in Pfeffer und anderen scharfen Gewürzen entrichten, die er gern genoss, und dann jagte er die Gefangenen mit abgehauenen Daumen davon.

Allösterlich suchte der Knochenbrecher ein bayerisches Klösterlein heim, drin war an breitem Balken eine mächtige Waage aufgehangen. Er stieg in die eine Schale und ließ das Opfer in die andere einen feisten Bären legen, den er selbst erjagt hatte. Und wenn der Ritter dann in seiner Schale hoch stieg, fühlte er sich aller Schuld erledigt und berechtigt, sein altes Treiben mit grünen Kräften wieder anzuheben. Aus jenem Kloster brachte er ein Kartenspiel mit heim: die Asse drin waren des Heilands Boten: Sankt Peter und Sankt Paul, Sankt Jakob und Sankt Hänslein; die Könige waren die Heiligen Drei aus dem Morgenland und der Kinderfresser Herodes; die Ober die himmlischen Streiter und Reiter und Schwertleute Michel, Jürg, Martin und Sebastian; die Unter die vier Evangelienschreiber, lauter feine und gewichtige Bilder. Der Knochenbrecher mischte die Heiligen tüchtig durcheinander, spielte lärmend mit seinen Knechten und nahm dies für Hochamt und Gebet.

Weil seine Gewalt dem Richter die Waagschale aus der Hand schlug und den Landfrieden störte, waren ihm der böhmische König und die nachbarlichen Städte nicht gewogen und drohten, seine Burg zu sengen und zu sprengen. Darum wollte er, sich den Rücken zu stärken, durch eine kluge Heirat starke Freunde und Beisteher gewinnen. Frau Melosine, eine Riesenbergerin und bereits zwiefache Wittib, wagte es mit ihm. sie war ein turmgerades, breites Weib, das Mieder hielt ihr kaum die üppigen Brüste in Schach. Zu Lichtmess, als die Bärinnen im Gebirge brünstig wurden, traten die beiden in den seligen Stand der Ehe. Auf der Riesenburg wurde geheiratet. Da schlemmte und schlampampte der Knochenbrecher mit seinen Schwägern und geriet dabei mit ihnen um des Brautschatzes willen überzwerch. Von solch wilder Hochzeit hatte man noch nie erfahren, die Gäste balgten sich auf den Dielen, und selbst die Braut schlug mit den derben Fäusten darein. Schließlich klirrte der Knochenbrecher mit seinen unschlachtigen Pfundsporen die Stiege hinunter und ritt in großem Unmut mit seiner Frau Melosine von hinnen.

Sie ritten durch die rauen Hallihallowälder, die Fichten standen wie schwarze Schwerter gegen den Mond gerückt. Der Wind wetzte sich am Eichenast, und die Gäule trampelten durch den Schnee.

Droben stand der Turm von Bayreck, verräuchert noch vom alten Brand, doch stolz und steif und noch wehrlich genug. Aber als Freu Melosine darin einkehrte, verschlug es ihr den Atem: die Stuben waren dumpfe Löcher, wacklige Leitern führten von Geschoß zu Geschoß, ein Fass war der Tisch, ein Stein der Stuhl, und Rauch wallte durch das ganze Haus. Frau Melosine hustete sich schier das Herz aus dem Hals. So schlimm hatte sie sich die Wirtschaft nicht gedacht. Und des Ritters Hunde, rotaugige Bärenbeißer, himmelten vor dem Kamin, knaufelten an kahlen Knochen, kratzten sich das Ungeziefer und stanken. Und die Knechte standen überall im Weg, grobe Tölpel mit neugierigen, bretternen Gesichtern.

»In welches Werwolfsnest hab ich mich gesetzt!« klagte die Braut.

Er tat die eisernen Handschuhe ab und lachte: »Es schmeckt dir wohl oder übel, du bleibst bei mir!«

Das Brautbett war eitel Stroh. Doch hing davor ein kostbarer flandrischer Teppich, darein war Gott Amor gewirkt, der mit dem Pfeil auf den Schoß eines Fräuleins zielte.

Die Ritterin kochte, um dem Bräutigam zu beweisen, welch rüstige Hausfrau sie sei, eine Erbsensuppe, schlug einen Eidotter und schnitt gebähte Semmeln und gebratene Äpfel darein. Solches war ihm neu und macht ihn fröhlich. Sein Koch hatte nur eine abscheulich schmeckende Ölsuppe oder zähes, hirschenes Wildbret auf den Tisch gestellt oder einen Wildsaukopf mit scharfem Senf. Hurtig ließ der Knochenbrecher Wein auftragen und pfefferte ihn heftig, auf dass er Durst und Löschung zugleich schaffe.

»Trink!« rief er der Frau zu.

Sie aber wiegte sich in den wuchtigen Hüften. »Meinem ersten Mann hab ich das Bier verboten, meinem zweiten den Wein«, sagte sie tückisch.

Er grolpste sie an: »He, du willst gar das Heft führen im Haus?!

Sie lachte ihm böse in den Bart: »Mein erster ist in einer Woche kirr geworden, mein anderer an einem Tage.«

Da stand er vor ihr, grelläugig, die Lippen dünn und grausam, das Haar brandgelb, das Herz wolfswild. »Kein Weib wird drei Männern zum Teufel«, sagte er. »Kriegt sie zwei unter sich, der dritte zahlt ihrs heim!«

Sie lag wütend und mit weinenden Augen zu Bett und hörte im Stockwerk unter sich die Wüstlinge die Becher stürzen und die trunkene Mette singen. Dabei übten die Eulen grässliche Nachtmusik, und der Wind heulte mit. Fürwahr, solch bitterer und karger Brautnacht hatte sich Frau Melosine nicht versehen!

Als der Lärm unleidlich wurde, erhob sie sich und fuhr wie ein gereizter Foltergeist durch die Stuben. Sie betrat den Knochenbrecher, wie er und einer seiner Knechte, sich bei den Nasen haltend, tanzten. »Was soll die Narretei?« rief sie scharf.

Der Ritter trank ihr zu. Sie schlug ihm den Krug aus der Hand.

Da fiel er über sie her. »Du Frau Nimmerfried, du schlimme Rippe, du Gräuel, du bissige Natter!« fluchte er.

Der unholde Mann ließ sie in einem Käfig droben zum Turm hinaushängen. Sie wünschte ihm die Hölle an den Hals, sie drohte, ihm die Suppe mit Gift zu würzen. Weit in den Tälern drunten hörte man sie brüllen. Der Ritter aber bestellte schleunig einen Fiedler und einen Pfeifer, und sie Mussten zu ihrem Geschrei ihre hübschen Tänze aufspielen.

Hernach brach ein Unwetter ein, Schnee und Sturm. Der morsche Käfig schwankte bedenklich in den Lüften, und das Weib zeterte heiser: »Ich geh wieder. Lass mich fort! Zwei Narren vertragen sich nicht!«

Nach neun Monden, da sie ein geduldiges, zahmes Weib geworden, kam sie in Kindsnöten. Das kleine Männlein wollte just der Quere aus dem Mutterleib, und daran gingen beide zugrunde.

Der Knochenbrecher übte seine Plünderei weiter. Er Stäubte den Krämern die Pfeffersäcke. Er hielt mit seinen Missgesellen im Hinterhalt und beraubte die Bußbrüder, die gen Heiligenblut reisten. Er nahm wallfahrenden Bauern das silberne Kühlein weg, das sie in der Leonhartskirche opfern wollten, die Viehsterbe abzuwenden.

Da sagte ihm die Städte Taus und Klattau ab und schickten ihm einen Boten mit dem Brief, drin sie Fehde anmeldeten.

Auf sein Schlachtschwert gestützt, inmitten seiner Wildschweinbeller, und der Rotte der Knechte, befahl der Knochenbrecher dem Boten: »Lies mir den Zettel vor! Ich kann nicht lesen!«

Der Sendling entfaltete die Rolle und hub an, wie die von Klattau und die von Taus ihn als einen Feind des Kreuzes Christi und der Menschheit betrachteten ? da tat der Ritter einen Rülps ? und wie sie seine falschen Griffe und schnöden Schwänke ahnden und ihn zuschanden stoßen und ihn auf den Tisch legen und vierteilen wollten wie eine Sau.

Langsam richtete sich der Knochenbrecher auf, seine Gelenke krachten, alle Sehnen an ihm spannten sich, bis er zitterte. Seine Augen waren blaues Wetterlicht. Er entriss dem Boten den Entsagebrief und schlug ihn ihm ums Maul. »Der Speier soll sein eigenen Gewöll fressen!« schrie er. »Ja, friss den Fetzen, friss ihn in aller Teufel Namen!« Und er zwang den Mann mit dem Schwert, die Schrift zu schlucken, stückweise hinabzuwürgen.

Binnen einer Woche lagerten die Städter um die Burg, den Stoßfalken wollten sie ausheben. Der Berg Osser trug einen fahlen Nebelhut, im sumpfigen Tal von Freihöls gellten die Frösche.

Der Knochenbrecher setzte sich rücklings ins Fenster, dem Feind zum Spott. »Sie werden uns nicht aushungern«, sagte er. »Fleisch ist genug vorhanden. Erst essen wir die Katzen, hernach die Ratzen.«

Mit einem Pfeil schoss er denen drunten eine pergamentene Urkunde hinunter, drin setzte er sie feierlich zu seinen Erben ein und vermachte ihnen seinen letzten Kot.

Der Hauptmann drunten schwur bei den Rippen der Erzengels Michael, den Schimpf zu strafen.

Schon der erste Stückschuss traf, und Bayreck brannte.

Der Knochenbrecher fluchte, er wolle die Burg wieder aufbauen und das Blut der Städter dazu in den Kalk mischen. Lange hielt er sich in dem feurigen Turm, und als er endlich heraussprang, war er voller Brandblasen, als wäre er in des Teufels Bratröhre gesteckt. Er wehrte sich grimmig. Fechten konnte er nicht, nur wüst darein schlagen. Wie ein hauender Eber stand er.

Die Städter überwältigten ihn, banden ihn reitlings auf einen Ochsen, ketteten ihm die Füße unter den Bauch des Tieres zusammen und schafften ihn fort. Es war ein schmerzhafter Ritt.

Zu Prag türmte man ihn in den Dalenturm ein. Um seinen brandgelben Kopf, um sein hartes Genick sollte er kommen. Der Beichtvater vermahnte ihn zur Reue.

»Pfui Teufel, kotz Harung!« lachte der Ritter.

Nun hielt ihm der Mönch vor, wie unerträglich heiß die Hölle sei. Er deutete auf eine Kerze, die in dem düsteren Keller flackerte. »Da haltet Eure Hand drein und kostet. Die Hölle ist aber noch tausendmal heißer.«

Da reckte der verstockte Mann die Linke in das Licht. Wohl zuckte er anfangs auf, dann aber hielt er mit teuflischer Beharrlichkeit, die Lippe zum Spott gekräuselt, die Hand ins Feuer, lange, lange, bis ihm das Fleisch bis zum Bein hin schmolz und der entsetzte Mönch ihm die Kerze entriss. »Es ist zu ertragen«, lachte der Ritter.

Auf einem schwarzen Tuch zwischen Kreuz und Licht kniend, sollte der Knochenbrecher enthauptet werden. Höhnisch grinste er den Richter und das schaugierige Volk an. Als ihm aber der Henker mit feuchtkalter Hand über den Nacken in den Schopf huschte, schoss ihm der Schrecken ins Blut. Er sprang auf, raufte mit dem Hinrichter, schlug ihm das Schwert aus den Händen und hätte ihm bald ein Leides getan. Die Knechte hatten zu schaffen, ehe sie ihn niederzwangen.

Und da der Henker den enthalsten Schädel hob und der Menge zeigte, öffnete sich noch einmal der schmale Mund des Gerichteten und spie auf das Volk hinunter.

Faust im Böhmerwald

Auf dem Weg, so man Salz übers Gebirge säumte ins ungesalzene böhmische Land, fuhr ein Schlitten durch die weitschichtige Wildnis. Vorüber an dem waldverlorenen Hochgericht von Grafenau, wo der Mond durchs Galgenholz lugte, brausten in tollen Sätzen die rußschwarzen Rosse, ihre Augen sprühten grelle Strahlen, ihre Nüstern warfen Funken aus, Glut blühte auf, wohin sie huften, und die Furchen, die das Fahrzeug schnitt, zitterten bläulich im Schnee. Wenn die Gäule an einem geweihten Kreuzbild vorüber sollten, schraken sie schroff zurück und tobten, als wollten sie aus den Strängen springen, die Zäume durchbeiße oder die Deichsel knicken, und der am Bock peitschte mit abgewandtem Gesicht darein in die wahnsinnigen Hengste und trieb sie gewaltsam vorüber an dem drohenden Holz.

Kein Säumer, kein Waldreiter begegnete ihnen. Die turmhohen Tannen, die den Weg rahmte, waren wie und schwer von Schnee und hangendem Eis und leuchteten wie Silbermauern im Geflirr der kalten, zuckenden Sterne und des öden Mondes. Mitunter überfiel ein wilder Windstoß den Wald, oder ein Baum tastete mit gespenstischem Arm über die Straße, die frechen Hahnenfeder am Hut des Fuhrknechtes streifend, und der Fuhrknecht duckte sich und fluchte mörderisch, wenn ihm der Schnee ins Gesicht rieselte oder etwa die Geißelschnur sich verfing im überhangenden Gezweig.

Über Wirrwarr und Zersplitterung eines von Stürmen entwurzelten, hingeschleuderten Waldes herein dämmerte der Berg Lusen, gekrönt von einer ungeheuren, burgartigen und zerzackten Felsmauer, die sich ins Gestirn verstieg.

Die Rosse trabten nun gemächlicher, sie überschritten einen Bach, der in Eis geschmiedet war, und wieherten die Ödenein wach, als witterten sie einen nahen Stall. Der Reisende im Schlitten richtete sich plötzlich auf, wölbte die Hand hinterm Ohr und horchte; ihm schien es, ein Pfiff sei irgendwo erklungen, und nach seiner Waffe fühlend, erwartete er, dass Lauerer den Gäulen in die Zügel fielen.

Der Fuhrknecht ließ es sich nicht bekümmern. Er deutete mit der Geißel auf die zerrissenen, scharfen Schreckenszinnen hinüber, drehte sich nach seinem Herrn um und lachte heiser: »Droben am Lusen hockt der Teufel, sein Schwanz hängt herab ins Tal und reicht weit über Berge und Wurzeln hinein ins Reichensteiner Land. Wir müssen sein achten, dass wir ihn mit darüber fahren, er ist kitzlich.«

»Fahr zu, Umsbraus!« erwiderte der Herr kurz, der Scherz hatte bei ihm keine Gnade gefunden.

Scharf schnalzte die Peitsche und biss, die Rappen griffen aus, und wieder traten die finsteren Tannen hart an den Weg, die Winternacht verschattend und verdüsternd; und als die Fahrt sich um einen Felsriegel krümmte, sprang der Mondschein jäh in die Waldschlucht und blendete die Hengste, und ehe der Knecht Umsbraus sie zurückreißen konnte, rannten sie in einen verknorrten, starken Baum, der quer über die Straße lagerte, und überschlugen sich und wälzten sich aufschreiend in den Strängen.

Hastig stieg der Umsbraus vom Schlitten. Er merkte gleich: der Baum war nicht unter der anspringenden Wucht des Sturmes gefallen, sondern mit Bedacht abgesägt und sein Sturz über die Straße gelenkt worden.

Bevor er noch an die stöhnenden Gäule Hand anlegte, hörte er es knacken im Gestrüpp. Da verzerrten sich seine dünnen, spöttischen Lippen, er höhlte die Hände wie ein Horn und reif darain: »Herzu, herzu! Helft!«

Sogleich löste sich eine Gestalt aus dem Tannenschatten, ein dicker, einhüftiger Mensch watete eilfertig daher durch den Schnee. Trotz des vollen Mondes trug er eine Stocklaterne, und diese leuchtete in ein verschlagenen, feistes Gesicht zurück und schimmerte einen zweiten Kerl an, der baumlang und dürr und dunkel an einem Spieß lehnte.

Der Umsbraus lärmte wie ein Landsknecht und grüßte den Mann unter der Laterne mit Schimpf und Verwünschungen. »Willkommen, du kupferstichige Nase, du Wanst mit dem Gaunerkopf! Hast du die Mausfalle da aufgerichtet?«

Der Dicke tat beleidigt. »Ich trag keinen schlechteren Kopf auf dem Hals als du«, murrte er. »Ein Gauner mag der und jener sein, ich aber bin der ehrlichste Wirt Veit Hundspiss, und wenn du heut Hilfe und ein Dach zu Häupten begehrst und nit umkommen und verderben willst in der Wildnis, so red gebührlicher mit mir!«

Des Fuhrknechtes Grobheit schlug sogleich in zierliche Worte um, und er hub mit gelinder Stimme zu bitten an: »Hilf unsern Gäulen auf die Füße, du Biedermann! Wir müssen in dringlichem Geschäft nach Prag und dürfen die Zeit nit vertrendeln.«

»Ihr müsst entweder zu Fuß weiter reiten oder die Nacht in meiner Herberg verschlafen«, erwiderte unfreundlich der Wirt. »Um Umschweif von vielen Stunden ist keine Einkehr, kein Weiler und kein Wagner, der euch die Deichsel flickt. Und dann schaut zu, ob sich eure Rösser nit die Rippen eingestoßen haben!«

Nun meldete sich der Herr, der schweigend im Schlitten gesessen. »Guter Freund, geleit uns in deinen Nobiskrug, ich vergelt es dir«, sagte er.

Veit Hundspiss leuchtete mit dem Licht den Fremdling an. Dieser sah vornehm und bleich aus, sein voller Bart war ganz silbern vom Reif, und in dem mit schneeweißem Fuchs verbrämten Pelz und dem Marderhut glich er einem fahrenden Waldgrafen.

Hurtig lüpfte der Wirt die Zottelkappe und konnte sich nimmer genug tun in buckelnder Demut. »Meine Herberg steht Euch offen, edler Herr«, redete er. »Es schläft heut zwar Gesindel mit dem Gaukelsack in der Kammer, aber sie müsse sie schleunig räumen, sie mögen nächtigen, wo es sie lüstet, und ihre Zauberei anderweit üben. Ihr sollte bedient werden, Herr, wie es Euch nirgendwo ergangen ist.« Er grinste, und sein Knecht, der wie ein langer Pfahl hinter ihm in den Schnee gerammt schien, grinste mit.

»Räumt den Baum aus dem Weg!« befahl nun der Fremde. Veit Hundspiss war trotz seines schwer schlotternden Bauches flink beim Zeug, und mit seinem knochigen Knecht und dem Umsbraus warfen sie sich an den sperrenden Baum, hoben und rückten ihn und schoben ihn im Husch aus der Bahn.

»Fuchs noch einmal!« wunderte sich der Knecht, »der Baum ist so leicht wie eine Vogelfeder gewichen.«

»Der Wind hat ihn vorwärts gerissen«, meinte der Wirt

Der Umsbraus aber sagte: »Ei, wie lügst du! Mit Säge und Axt hat einer das Bäumlein über den Weg gelegt, dass er sein bitteres Bier und seinen sauern bayerischen Wein an den Mann bringe.«

»Dass dich Gottes Knochen schänd! Du plauderst gar ungereimt daher«, polterte der Wirt.

Der Umsbraus funkelte mit seinem gelben, höhnischen Gesicht ihn sonderbar überlegen an. »Tritt zurück, Hundspiss! Dein Atem stinkt, dir fault der Schlund. Von dir hat mir jüngst geträumt, du bist mit deinem hainbüchenen Knecht selbzweit auf einem Galgenast geritten.«

Der Knecht spuckte sich in die Hände und rieb sie, als wolle er anpacken. »He, du mit der Feder am Hut, ich nehm sie dir herunter. Wer bist denn du? Halt dein Maul, sonst wachsen wir grob zusammen!«

»Lass ihn lästern, Ül!« beschwichtigte Veit Hundspiss seinen Gesellen. »Wenn er das Geld klingen und die Goldfüchse springen lässt, mag er pfeifen nach Willkür.«

Der ritterliche Herr ward ungeduldig. »Macht ein End, sonst erfrier ich bei lebendigem Leib! Schalt er.

Da sahen sie nach den Tieren.

Das Sattelross war nimmer zu retten, es war zu hart gestürzt und hatte sich überdies noch einen starken, spitzen Ast in die Brust gestoßen, es röchelte und zuckte nur noch schwach an den Flanken.

Der andere Hengst hatte sich bloß einen Vorderfuß gebrochen, und der Umsbraus schnitt ihn mit seinem Schwert aus dem Gestänge, riss ihn vom Boden auf und führte ihn am Zügel. Die Augen des schwarzen Viehes gleißten, sein Hauch rauche im Mondlicht, abenteuerlich hüpfte es auf den drei unversehrten Beinen dahin.

Der stockdürre Ül wand sich einen Strick um den Leib, schirrte sich an die geborstene Deichsel und zog mit weit ausgreifenden Schritten und schrägem Leib, indes der Wirt schnaubend hinten anschob. Steil und dunkel saß der Fremde im Schlitten.

Bald hatten sie die Schenke erreicht. Sie sah hinter dem verfaulten, verwahrlosten Zaun und mit den dicken Mauern und den engen, vergitterten Fenstern feindselig und wenig wirtlich darein. Auf dem windschiefen, schroffen Dach raunzte ein Kater.

»Ein sauberer Tümpel!« rief der Umsbraus.

Veit Hundspiss verwahrte sich. »Mein Keller ist wohlbestellt«, prahlte er, »drin saust der Most, drin lagert schillernder Wein und rotes Bier. Meine Scheuer ist voll rauem Futter für die Rösslein der treibenden Säumer.«

Die niedere Tür, darüber der Kopf eine Wildsau genagelt hing, ward völlig ausgefüllt von der Wirtin, einem vierschrötigen Weib mit weitem, grellem Mund. Sie wischte sich die Hände in ihr rotes Schoßtuch und reckte neugierig den Hals.

Ihr Mann herrschte sie an: »Gib dem Herrn vom besten Würzschnaps, dass er sich erwärme!«

»Für dich Rossbuben ist leicht etwas gut«, krächzte der Wirt. »Der Teufel spicke dich!«

»Mal den Teufel nit über die Tür!« warnte der mit der Hahnenfeder.

»Ich fürcht ihn nit.«

Derweil der Ül dem frechen Fuhrknecht den Stall wies, dass er das kranke Tier drin einstelle, trat der Fremde hoch und stolz in die Schenkstube.

Drin brannte ein übles Inseltlicht und verpestete die Luft. Der Raum war öd und ohne Behagen. Hinter dem wackligen, mit Pfützen verunsauberten Tisch lehnte eine zerbrochene Bank an der Wand, der Herd schien Kälte auszustrahlen, an den Mauern zog die Feuchte sichtbar in die Höhe, und die rostigen Stangen der Fenstergitter erweckten das Gefühl, als stünde man in einem Schuldturm gefangen. Ein zersprungener Topf, drin eine dürre, krumme Staude umkam, machte die öde Stube nicht heimlicher.

Drüben im Dachgeschoss stritten Stimmen gen einander.

»Was geschieht über uns?« fragte der Fremde die Wirtin, die eben ein Stämplein Branntwein auf den Tisch setzte. Sie rieb sich die Hände an den Hüften trocken. Mit den kalten, stechenden Augen, der flachen Nase und dem weiten Mund ähnelte sie einer Schlange.

»Ein Possentreiber liegt droben mit seinem Weib in der Herberge, ein kärglicher Gumpel- und Gaukelsmann. Er muss aus dem Bett«, sagte sie. »Solches Gelichter hat in keiner Hand nix, man sollt ihnen schier was schenken.«

Der morsche Tisch wackelte, dass der Branntwein in dem klebrigen Glas überschwappte. Der Fremde rührte es nicht an.

Im Dachgeschoss hörte man den Wirt alle Teufel fluchen. Und bald tat sich die Tür auf, und der verscheuchte Gaukler drückte sich herein, die Lippen blau vor Kälte, erbittert über die Erniedrigung, und hinter ihm wankte sein Weib, halb trunken noch vom Schlaf, daraus sie unbarmherzig gerissen, scheu und mit fallenden Tränen, und drückte ein Säugkindlein an ihren Leib, der wieder gesegnet war.

»Edler Herr, die Kammer droben ist für Euch frei«, lud der Wirt ein. »Euern Mantelsack hab ich schon hinauf geschafft.

Der Fremde klomm die steile, bresthafte Stiege empor und stieß eine niedere, vor Feuchtigkeit verschwollene Tür auf.

Er leuchtete die schimmlig riechende Dachstube ab. Das schmutzige, anwidernde Bett schien noch zu rauchen von dem Leib der Schwangeren. Die Tür hatte nicht Schloss noch Riegel, das Fenster war gewaltig vergittert.

Am Fußboden war ein schwarzer Fleck.

Blut!

*

Stolz rauschte der Fremde wieder in die Schenkstube, Straußfedern und Perlenschnur im Barett, um die Schultern einen dunkelsamtenen Mantel, Gurt und Schwert mit Silber beschlagen.

Die Wirtin, die gerade eine kleine Pfeffermühle drehte, vergab sich und schielte lüstern nach den Perlen, und ihr Mann watschelte, als er der fürstlichen Kleider gewahr wurde, auf den einwärts gebogenen Füßen heran, fröhlich und treuherzig grüßte er mit dem einen Auge, über das andere hatte er ein Häutlein gespannt. Der Strumpf war ihm in keiner Eile von den Waden gerutscht, und er scharwenzelte und seufzte: »Euer Gestrengen, ich bin euer dienstbeflissener Knecht Veit Hundspiss.«

Der Gaukler kauerte mit seiner Sippe in einem Winkel auf dem Estrich und blinkte feindlich den Mann an, der ihn verdrängt hatte und ihn mit dem Prunk seines Gewandes die Armut doppelt bitter empfinden ließ.

Es war eingeheizt worden, die brennenden Scheite krachten und Knatterten im Herd, doch war das feuchte, ungastliche Gemach darum nicht erfreulicher.

Der Fremde ging mit schönen, adeligen Schritten mehrmals auf und ab, dann verweilte er vor der Freu des Gauklers. »Du magst mit Recht verdrießlich sein, weil ich dich um das warme Lager gebracht habe, Weib«, sagte er. »Geh hinauf und schlaf! Ich bleibe diese Nacht wach.«

Sie schaute ihn mit unbewegter Miene an und erwiderte nicht.

Der Gaukler nahm für sie das Wort. »Sie ist taub, seit sie das Kind geboren, und versteht nur mich allein und nur dann, wenn sie mir die Rede mit den Augen vom Mund liest.«

Ahnend, dass die Männer von ihrem Gebrechen sprachen, sagte sie leidmütig mit stiller, müder Stimme: »Alle Nacht schütt ich meine Zähren vor Gott aus, weil ich das Kindel nit hören kann.«

»So ein kleines Wesen heischt einen Heuwagen voller Müh«, sprach der Gaukler unwirsch. »Und jetzt will schon wieder ein zweites zur Welt. Der winzigen Ware wird allweil mehr.«

Wieder verstand sie seinen unmutigen Mund, und mit blassem Lächeln suchte sie ihn zu begütigen und schmeichelte: »Ein kleines Kindel, ein liebes Stundel!«

»Das Elend haftet an uns, seitdem wir beinander sind«, murmelte er, »am Montag haben wir geheiratet, um Dienstag sind wir betteln gangen.«

»Warum treibst du statt deines jämmerlichen Possenwerkes nicht ein ergiebiges Gewerb, das dir die Schüssel füllt und vier Wände um dich baut?« tadelte ihn der Fremde.

Der Gaukler schnellte empor, straffte die Knie und warf die Schultern hoffärtig zurück, Stolz flog seine Stirn an, die schwarzen Brauen rückten zusammen. »Ich bin der Zauberer Basilides de Silva Bohemica«, brüstete er sich. Dann aber schrumpfte er, als habe er sich in diesem beträchtlichen Aufwand von Hoffahrt vergeudet, in seinem Kleinmut zurück, senkte kraftlos die übergraute Stirn und bettelte: »Wenn ihr es verstattet, reicher Herr, trag ich um geringen Liedlohn Euch zu Lust und Kurzweil meine Kunst vor.«

»Kannst du auf dem Kopf einer Stecknadel tanzen?« fragte der Fremde mit gelindem Spott. »Kannst du des Teufels Schwanz wie ein Seil werfen vom Lusen bis zum Rachelfels und darüber schreiten? Schüttelst du Gold aus deinem zerflickten Ärmel und trägst es dann von hinnen, reicher als die Augsburger Kaufleute?«

Der Gaukler Basilides tat, als dringe der Spott nicht an ihn. Er kramte aus seinem Schnappsack einen kleinen Becher und hielt ihn nach mancherlei bedeutenden Gebärden unter seine Nase, da spritzte lichter Wein heraus und füllte das Glas.

Hernach griff er in die Luft, als wolle er eine Fliege haschen, und hielt augenblicks einen gesalzenen Hering in Händen. »Der Fisch ist von der Tafel Seiner Würden des hochmächtigen Kaisers Maximilian, von Nürnberg schickt er ihn mir zu, dass ich mich dran erquicke«, prahlte er, riss den Hering enzwei und fraß ihn samt Gräten und Schwanz.

»Der Fisch sei dir gesegnet, Meister Basilides!« rief der Fremde. »Wirtin, schmor ihm ein Hühnlein rösch! Ihn mag hungern, er hat Luft gefressen.«

Schon machte sich der Schwarzkünstler am Herz zu schaffen, mit dem Leib verdeckend, mit schnellen Gebärden verhüllend, was er vorbereitete, bis er sich jäh mit einem Teller voll auffahrendem Feuer umwandte. »Des Kaisers Fisch macht mich dürsten«, sprach er und trank die Flamme. Es war zu merken, wie sie in seinem Mund hineinschlug und die Kehle hinab glitt, als er daran würgte. Der Teller war leer.

»Nun hast du wacker gesoffen, du armer Specht!« nickte der vornehme Herr.

Basilides war mit seinen Künsten noch nicht zu Ende. Er schnallte sich einen dünnen Degen um, und sogleich erhob sich sein Weib in der Mühsal ihres schweren Leibes und stellte sich vor ihn hin.

Das Kind, das den Schoß der Mutter mit dem rauen Estrich hatte vertauschen müssen, hub erbärmlich an zu weinen. Sie hörte es nicht.

Als Basilides den Degen am Heft fasste und ihn aus der Scheide reißen wollte, brachte er ihn nicht heraus, wie heftig er daran auch zerrte.

»Der Schwertleinfeger Rost hat dir wohl die damastene Klinge verhaftet«, spöttelte der Fremde.

Betreten starrte der Schwarzkünstler ihn an. »Herr, ein höheres Wissen hemmt mich«, flüsterte er.

Doch als er noch einmal anriss, blitzte die Klinge heraus, und er bohrte sie in sein Weib, dass ihr die Spitze am Rücken wieder herfür sah. In stummer Geduld, hilflos, mit hängenden Armen, ungeschickt in ihrer Verunstaltung, stand das arme Frauenbild. Hinter ihr schrie das Kind immer kläglicher, und sie vernahm es nicht.

Die Wirtsleute waren des Geschreies bald überdrüssig und hätten ihm gern den Garaus gemacht, wenn sie nicht gesehen hätten, wie sehr der reiche Mann an dem Schnickschnack des armen Schwartenhansen Gefallen fand, und so stopfte sich Veit Hundspiss die Finger in die Ohren, und sein Weib zischte nach dem Kinde hin, es zu beruhigen. Als Basilides den Degen wieder aus der Brust der Frau zog, drohte ihn der Fremde an: »Das hast du Tausendkünstler jetzt mit böser Hilfe verbracht. Gib acht, dass dich der Henker nicht so hart dehnt, bis dein Bündnis offenbar wird! Gib acht, dass dich der Hexenhammer nicht zermalmt!«

»Der Teufel hilft mir nit«, beteuerte der Schwarzkünstler. »Ich bin so hurtig, dass meinen Griffen dass flinkste Aug nit folgen kann. Es ist ja alles nur blauer Dunst, und das sag ich Euch, Herr, weil ich merke, dass Ihr meiner Kraft auf den Grund schauet.«

Der Herr zog einen goldenen Siegelring vom Finger und bot ihn dem Gaukler. »Du kannst nun noch zwei Künste, du schluckst den Degen und zauberst im Hut einen Rossknollen um in einen Apfel. Ich erlass dir jenen und dies. Nimm den Ring, Joss Säufuß!«

Der Mann erschrak tief. »Wer seid ihr, dass ihr da im fremden Gebirge meinen rechten Namen wisst und mein Treiben?« Er starrte den Ring an, darein ein Name geschnitten stand, las und ward blass und erkannte den rätselhaften Fremden.

»Meister«, stammelte er und wich in Ehrfurcht vor ihm zurück, »o dass ich Euch begegnet bin! Euer Ruf fliegt über alle Welt. Und da ich Euch gefunden und Ihr Euch, ob auch mit höhnischem Mund, ergötzt hat an des fahrenden Mannes Blendspiel, so bitt ich Euch tausend Mal, weiset mit ein Endlein Eurer hoch beschrienen Kunst!«

Der Meister nickte in wunderlicher Laune Gewähr.

Im selben Augenblick krachte es schrecklich, als sei eine Pulvermühle in die Luft gegangen, und hernach rollte es polternd droben im Dachgeschoss. Alle rissen entsetzt die Augen empor, ob nicht der Hut des Teufels durch die Decke stoße.

»Scheibt einer Kegel droben?« stotterte der Wirt.

Der Fremde erwiderte: »Ach nein, mein Leibknecht zieht sich nur die Stiefel aus, er mag dabei einen Hosenjauchzer getan haben.«

»Ich will schauen, ob ihm nix zugestoßen ist«, rief die Wirtin eifrig. »Das Getös ist gar arg gewesen.«

Die taube Gauklersfrau wusste nichts von dem Lärm. Über ihr Kind geneigt, sah sie an dessen verzogenem, bitterem Mündlein, dass es weinte. Da ordnete sie ihm die Windeln, fatschte es frisch und wiegte es: »Klag nit, kriegst bald ein liebes Schwesterlein!«

*

Der Umbraus stand droben auf der Stiege, als die Wirtin kam. Er hatte seinen breiten Hut abgelegt, und sie merkte, dass er Schläfen und Scheitel kahl trug, doch hatte er ein spitziges Zierbärtlein am Kinn und eine kühne Widdernase, seine Augen glänzten wie Tollkirschen, und so gefiel er sich wohl.

»Was begehrst du von mir?« raunte er ihr zu. »Sind dir dein Mann und der Knecht nimmer genug? Suchst du noch dritten, der dir das Bett wärme?«

»Ei, warum nit?« erwiderte sie dreist, und als er sie um die stämmigen Hüften packte, legte sie sich schwer in seinen Arm und seufzte: »Mir ist die Zeit lang in der öden Gegend, wo nix als Schnee und Sturm und Saus ist, so dass man nit lachen und nit weinen kann. Ich bin es satt.« »Ja, Ehe und Langweil schlafen im selben Bett«, sagte der Umsbraus nachdenklich.

Schmeichelnd wühlte sie sich in den kecken Gesellen hinein und zischelte: »Dein Herr trabt doch daher, ein Schwert trägt er wie ein Feldmarschall. Er führt wohl eine ganze Saublatter voll Wildemannsgulden bei sich?«

Der Spitzbärtige nickte feierlich. »Mein Herr ist der Silberkämmerer des deutschen Königs. In seinem Keller liegen Fässer voll Edelstein. Die Mauern seines Schlosses sind hohl und mit Batzen gefüllt, die in Silber geschlagen sind, und wunderklar klirrt es, wenn man durch seine Zimmer geht. Wenn ich dir einen solchen Batzen schenk, was gibst du mir dafür?«

»Du bist aller Schelmen voll«, kicherte sie und kletterte flugs die Treppe hinab.

Sie trat vor die Haustür und lauschte in den Schnee hinaus. Der lange Ül rannte den Säumerweg daher, die Augen voll verglasten Grausens, hart den Atem von sich stoßend, wankend.

»Hast du das verreckte Ross abgehäutet?« fragte das Weib.

»Wenn es bis morgen liegt, zerfetzen es die Wölfe.«

»Es ist schon halb verfault gewesen und hat abscheulich gestunken«, erzählte keuchend der Knecht. »Ich denk mir: ?Stink du zu!? und knie mich mit dem Messer auf das Vieh und will ihm die Haut abstreifen. Da hebt sich der Rosskopf, tut die verwesten Augen auf und redet: ?Ül, du kitzelst mich. Steh ab!? Und wie ich vor lauter Grausen zustech, als müsst ich den Tod erstechen, schreit es: ?Mordjo, du Lump! O weh, ich hab dir nix getan!? Da bin ich auf und davon.«

»Du rappelst, Ül, oder du bist besoffen.«

»Um tausendhundertgotteswillen, nüchtern bin ich wie der Fisch im Bach! Aber das Luder mag ein anderer schinden, ich trau mich nimmer hin.«

Von dem halblauten Wortwechsel gelockt, schlurfte Veit Hundspiss zur Tür heraus, und nachdem er gewiss war, dass kein unberufenes Ohr da war, begann er mit den beiden heimlich und hämisch zu tuscheln, und er und sein Weib wisperten dringlich auf den Knecht ein, der immer wieder bedenklich den birnförmigen Kopf schüttelte und ablehnte, was die beiden ihm antrugen für diese Nacht, bis die Wirtin ihn herrisch anzischte: »Du gibst ihm einen Schlag!« und dann kehrte sie sich zu ihrem Mann: »Und du gibst ihm einen Stich!«

»Sie sollen die Herberg mit ihrer Haut zahlen«, sagte der Wirt. »Nur der Leibknecht ist zu scheuen, von dem geht es heiß und kalt zugleich weg.«

»Du Schlapphals du!« schimpfte sie. »Den Umsbraus nehm ich auf mich, den neunhäutigen Gauch.«

Damit ging sie ins Haus.

Eifersüchtig glotzte der Knecht ihr nach und ließ die Lippen hängen. »Wenn ein Kerl aus Stahl und Eisen ist, ein Weib mach ihn mürb«, brummte er.

Der Wirt schlich eben durch den engen Flur, da kollerte der Umsbraus holterpolter die Stiege herab.

»Weh, da fall ich mit den Hals entzwei auf dieser Hühnersteige!« heulte er, und sich aufraffend, erwischte er den Wirt bei der Hand. Darin blinkte ein scharfes Stichmesser.

»Ein Kalb will ich töten gehen«, stotterte Veit Hundspiss.

Der Umsbraus tätschelte ihn auf den feisten Rücken. »Tu es! Morgen schlemmen wir. Stell uns Nierenbraten hin und Aal und gefüllte Krapfen! Doch vor allem schaff mir einen Trunk, mein Gaum ist ausgebrannt von der langen Fahrt.« Trällernd trat er in die Schenkstube.

Der Gaukler teilte sich eben mit seinem Weib in ein Stück grünenKäse und einen kargen Brotrest; der Hunger fiel sie nächtens an, weil sie am Abendimbiss gespart hatten. Der Fremde war in die Kammer hinauf gestiegen.

Nun setzte der Umsbraus die Ellbogen in den Tisch, dass es krachte, und reckte die Beine von sich und gähnte.

»Wohlan, ein frischer Trunk macht die Leber gesund!« rief Veit Hundspiss und rückte ihm einen Krug hin.

Der Umsbraus kostete. »Pfui!« schalt er, »das Bier hat ein rindsgallenbitteres Geschmäcklein. Den Plansch mag die Wildsau draußen über der Tür saufen.«

Im Husch sprang er zu dem Schiebfensterlein und riss es auf. Da grunzte und schnaubte es draußen, ein scheußlich borstiger, bewehrter Schweinskopf mit teuflischen Augen reckte den Rüssel herein und schlampte das Bier, das ihm der unheimliche Gast hinhielt, und verschwand wieder.

»Verfluchtes Blendwerk!« tobte der Wirt. »Wer verhext mir das Haus?«

Der Umsbraus beschwichtigte ihn, indem er einen breiten Taler wie einen Kreisel über den Tisch tanzen ließ. »Still, du Zeterwanst, sonst leg ich dir Fünffingerleinkraut auf die Wangen. Da hol dir den Taler und trag Wein auf! Der Durst verwildert mich.«

Veit Hundspiss rief in den Flur hinaus, und der Knecht trottete mit einem Becher Wein daher.

»Bringst du Vernetscher oder Albaner oder Zyperwein?« fragte der heikle Gast.

»Du scheinst mit deinem Fuhrwesen weitum gereist zu sein, da du nach solch milden Dingen begehrst«, schmeichelte der Wirt. »Der Wein vor dir ist ein rasses Gesöff, an der Donau gewachsen. Und nun sauf, über hundert Jahr ist deiner weder Haut noch Haar.«

Der Umsbraus senkte die Nase bedachtsam an das Glas und schnüffelte, hernach schwenkte er es und trank der Wirtin zu: »Dem schönsten Frauenzimmer gebührt die Ehr!« Sie öffnete die blutroten Lippen und regte sie, als tränke sie mit.

Der Ül sah den beiden zu und schnitt ein langes, böses Gesicht, und der fremde Kerl schüttete ihm jäh den Wein darein und wetterte den Triefenden an: »Du Erzbub willst mich vergiften, es ist ja eitel Schwefel in der Suppe drin!«

Veit Hundspiss zügelte den lange bezwungenen Grimm nimmer. »Fahr hin, wenn es dir nit behagt die mir!« zeterte er. »Es sind schon feinere Herren als du eingekehrt bei mit und haben sich begnügt und waren allen Lobes voll über Keller und Köchin. Du Schleckerer, du Kläffer, du Kräkler, du Lästerer, was begehrst du da im frostigen Gebirg? Sollen die Datteln und die Feigen aus dem Schnee dir in den Darm wachsen, du Bruder Wind? Fällt so ein Zapfenbub mir ins Haus, der in Sankt Überall Tag und Nacht im Luder gelegen, und will meiner spotten. Wer bist denn du, dass du so gewaltige Sprüche tust?«

»Ich bin der Knecht meines Herrn, und mein Herr hat in Spanien bei einem Sarazenen die Hexerei studiert.«

»Nun, so trag der Teufel dich samt deinem Herrn durch den Rauchfang davon!«

»Sag des Teufels Namen nit eitel, Vetter Veit! Du wirst einmal in der Höll sitzen und Äpfel braten.«

»Höll hin und Höll her! Ich red, wie ich will, und tu, was mich freut«, brüllte Veit Hundspiss. »Und die Pfaffen mögen auf der Kanzel predigen und plärren; mir macht keiner weis, dass nach dem Leben da ein anderes kommt.«

*

Der Himmel lag aufgeschlagen wie das Buch eines Zauberers, darin Höllen- und Geisterzwang und kräftige Schatzheberformeln vermerkt sind: Dreiecke und Stäbe und andere geheimnisträchtige Silberzeichen flimmerten verwirrend nieder, stiegen über den eisigen Wald oder versanken darein. Starr ragte ein Schattenwipfel in das Bild des Bären, und hin und wieder flammte der Nord in gespenstisch zuckendem Licht.

Um Mitternacht gingen sie hin, wo die Saumstraße von einem abgekommenen, schon längst verwucherten Steig geschnitten wurde, der sich in ein Moor verlor und den nur mehr die Irrlichter beschritten. Dieser Ort schien dem fremden Meister vor jeglicher Störung geschützt und tauglich, dem Gaukler seine Kunst zu zeigen, die er unter bloßem Himmel üben wollte, denn sie war so gewaltig, dass sie das Haus zersprengt hätte.

Das taube Weib ging mit. In dumpfer Angst um das Heil ihres Gefährten hatte sie das Kind in der Schenke schlafend zurückgelassen und klammerte sich nun bang an den Arm des Mannes.

Hintenher schlichen der Wirt Hundspiss und der Ül, sie hielten den Fremden für einen ausgefeimten Schatzsucher und wollten ihm sein Tun und seine Beschwörungen abluchsen, um selber in den Besitz der glitzernden Güter zu gelangen, die noch unreif unter der Erde warteten. Wie sich die beiden unbemerkt wähnten und heimlich in die Fußstapfen der anderen traten, war handkehrum der Umsbraus neben ihnen, so dass sie wie erwischte Diebe erschraken.

»Kommt nur mit und schaut euch die anmutigen Wunder des Meisters an!« lud der Schalk die beiden ein. »Ich flöt euch dazu ein Liedlein.«

Seine Nase wuchs und ward immer länger, sie bekam kleine Löcher und war auf einmal eine angewachsene Schalmei, darauf fingerte er, ein Löchlein zudrückend und wieder ein zweites freigebend, und blies mit verwegenen, grellen Pfiffen ein tolles Stück, dass dem zweiten ein Grausen über die Haut flog.

Und wie er so spukhaft auf der eigenen Nase schalmeite, rollte ein Rad aus dem Gestrüpp quer über den Weg, darauf war ein blutiger Mann geflochten.

»Das bis du gewesen, Ül«, wispelte der Wirt.

Der Knecht stammelte: »Nein, du bist drauf gehangen, Veit Hundspiss, ich hab dich an dem fetten Bauch erkannt.«

Während sie offenen Maules wie verstörte Träumer stierten, deutete der Umsbraus mit der schalmeienden Nase empor in die Wipfel. Sie folgten seinem Wink mit angstweiten Augen.

In einer uralten Eiche droben öffnete sich ein Fenster, ein rothaariger Schädel mit krummem Bart reckte sich an einem ellenlangen, dürren Hals aus dem Baum, lachte grässlich herab und warf seinen Auslug wieder hastig zu, und der Baum war verschollen, und es war ihm nichts Sonderliches anzumerken.

»Der Henker von Grafenau!« stöhnte der Knecht.

»Hört denn das Mummenspiel heut nimmer auf?« verwahrte sich der Wirt, er bebte, und die Kiefer klapperten ihm. »Du treibst allzu viel Gespenstes, Umsbraus. Lass deine Flausen und Schnacken! Wir sind ehrbare Leut.«

Der Schalmeier aber warnte: »Sei still, Holzessigwirt, und sieh zu, dass du nit stolperst!«

Da lag ein Mensch zwerch über den Weg und fahl im Mond, ein Messer in der Brust. Ihm zu Häupten hockte eine Eule und klagte.

Veit Hundspiss und der Ül forschten in das verzerrte Gesicht, fuhren zurück und schritten schließlich mit hoch gezogenen Beinen über den Leichnam.

»Da liegt er und ist doch schon lange verscharrt im Moor«, lallte der Ül.

Den Wirt schüttelte es. »Es friert mich. Ich hab das kalte Fieber, mir schlottert das Hirn.

»Lirum, larum, lasst euch nit äffen!« tröstete der Umsbraus. »Die Nacht spinnt jedem sein Gespenst. Es ist alles Plunder.«

Inzwischen waren der Meister und die Gaukelsleute an dem Platz angelangt, wo die Wege kreuzweis über einander lagen. Der Lusen leuchtete wie eine verschneite Götzenburg durch eine schmale Waldlücke herein.

»Ihr seid glücklich, weil ihr wissend seid, Meister«, seufzte der Gaukler.

Der Meister entgegnete: »Du bist glücklich, weil du noch sehnsüchtigen Herzens bist.«

»Ihr fahret auf fremden Meeren, landet an seltenen Inseln, Herr; Ihr schauet gegenwärtig, was geschehen ist in ältester Zeit; Ihr könnet leben in Vergangenem und Künftigem. Ich Joss Säufuß fahr mit dem armseligsten Gefährt, dem Hundsfuhrwerk, über Land, nächtige in Winkelschenken und muss tölpischen Bauern die Welle kürzen mit manch kläglichem Kniff.«

»Ein sanftes Weib lieb dich, Basilides, ein zartes Kind hast du zu schützen«, erwiderte der Fremde.

Der Gaukler sah schmerzlich die taube Genossin an.

Der Meister ergab sich nun dem Anblick des ungeheuerlich funkelnden, reichen Himmels, sein Leben schien für eine Weile auszusetzen, und er stand erstorben wie einer der winterlichen Bäume rings.

Erst als der Umsbraus die zwei verwirrten Gäuche herbeigeschafft hatte, regte er sich wieder und begann, seine Zauber zu wirken.

Mit dem silbernen Schwert, darein allerhand geheimnisinnige Zeichen gegraben waren, riss er einen Kreis um die geringe Gemeinde und sprach dämmerhafte, fremdländische Wörter halblaut vor sich hin, bis er endlich wild und klingend aufschrie, als zerreiße ihn ein furchtbarer Schmerz: »Es sei!«

Die starren Bäume rings belebten sich, sie rauschten mit den schweren Kronen und wichen in weitem Ring zurück, und als sie wieder standen, umschlangen sie sich mit den Stämmen, verflochten sich mit dem Geäst und bildeten eine undurchdringliche, eissilberne Mauer, und nur ein enges Tor ließ den Weg offen, der zu der Waldschenke führte.

Mitten in dem Zauberkreis sprang ein klares Wasser auf, immer höher spielte der schlanke Wunderbrunnen, bis er den Mond am Himmel erfasst und damit gaukelte, ihn bald in unermessliche Höhen treibend, um ihn dann wiederum beängstigend tief sinken zu lassen, bis er dem Wasser entglitt und zerscherbend auf die Erde fiel. Die Splitter drangen in den Boden ein wie köstliche Samen, und daraus wuchs mitten in Schnee und knirschendem Frost des rauen Gebirges ein himmlischer Wald, ein Eiland der Wonne, das nichts vom Winter wusste.

Ein stetes, reines und freundliches Licht drang aus unbekanntem Ursprung. Aus den Angern der auf einmal weit gewordenen Landschaft quollen berückende Blumen und strebten in frischer Knospenlust auf, hoch loderten Rosenbäume, und die freudigen Rosen daran flüsterten mit dem lauen Wind. Brünnlein pulsten zu Füßen schöner, denkwürdiger Bäume, die sich bräutlich in weißes Duftgewölk verhüllten oder hoffend und erfüllt zugleich selige Blüte und köstliche, saftschwere Frucht am selben Zweige trugen. Goldäpfel glühten, Wein rankte um schlanken Lorbeer, und in smaragdenen und purpurnen Perlen schillerte Traube an Traube. Seltsame Bäume trugen als Haupt eine einzige schöne Blume. Wundervolle Farben verknüpfen sich mit wundervollen Klängen; himmelblau gefiederte Vögel hüpften und schlüpften durch die Äste und redeten mit milden, lieblichen Menschenstimme herab, und selbst die nordisch herben, zäunenden Tannen durchdrang der Zauber, und sie leuchteten, mit fremdem, edelm Obst befrachtet.

Der Gaukler führte staunend sein staunendes Weib durch den üppigen Garten. »Wir sind im Paradies«, frohlockte er, »lass uns allzeit da bleiben!«

Veit Hundspiess und sein Knecht lugten unruhig umher, sie hätten gern die verführerisch tief hangenden Äste geplündert, allein der Kerl mit der langnasig vertrackten Fastnachtslarve hängte sich an sie und schalmeite ihnen die Ohren voll, und sie scheuten seine schlimme Blendkunst, umso mehr als sich dem Wirt ein großer Vogel mit Scharlachkehle und gelben Augen auf die Achsel setzte, gellend auf ihn einschrie und mit dem Schnabel an seine Stirn klopfte, als wolle er Würmer daraus ziehen, und sich lange nicht verscheuchen ließ.

Durch die holden, immer reicher aufbrechenden Blüten drängte sich ein Regenbogen, und der Meister fasste das Perlengeleucht mit der Hand, rollte es zu einem Schneckenreif zusammen und ließ es wieder zurückschnellen an den Himmel, wo es sanft in sich verglühte.

Aus einer hellen, weich geformten Wolke hingen grüne, mit strahlenden Blüten gesegnete Ranken, wuchsen nieder ins funkelnde Gras, fassten Wurzel und trugen nun die mütterliche Wolke wie Säulen ihr Krondächlein.

Bunte Lustvögel schwebten an seidenen Fäden aus dem Himmel heraus, von unsichtbaren Händen geschaukelt, und einer davon schlug holder und wehsamer denn eine traurige Nachtigall.

Immer schöner und schöner wurde es, und als die Menschen wie im Rausch durch Rosen und Wein und Lorbeer wandelten, da verlor auf einmal das Auge der tauben Freu den himmlischen Garten, und sie sagte: »Ich will zu meinem lieben Kindel, es könnt weinen.«

Der Gaukler fasste sie rau beim Arm und zwang sie, au f seine Lippen zu sehen, auf dass sie ihn nur recht gut verstehe. »Lass den Buben, er schläft, und bleib! Wir sind im Paradies!« beschwor er sie. »Wir haben es verdient nach hartem Weg. Bleib und freu dich!«

Sie schüttelte das sanfte Haupt. »Mein Kindel könnt weinen, ich muss es wiegen.«

Er erboste, rüttelte sie wie eine, die aus törichtem Traum geweckt werden soll, und schrie: »Geh nur aus dem Kreis, die Geister werden dich zerreißen!«

Doch sie sprach mit entwanderter Seele: »Mein Kindel könnt weinen.«

Furchtlos überschritt sie den Kreis, der die lauernden Mächte der Hölle zurückbannte, und ging zu dem Tor. Es geschah ihr kein Leides.

»Mit einem sicheren Ring ist sie gegürtet«, flüsterte der Meister.

Das klare Bernsteinlicht ward immer heller und heller, bis alles in lauterem Golde floss. Es war, Gottes Herz habe sich geöffnet. Die stolzen Bäume neigten sich vor der Mutter, die zu ihrem Kinde ging, die Rosen fielen zu ihren Füßen hin und füllten ihr Gewand mit wonnigsten Duft, Lilien wuchsen unter ihrer Ferse, und durch die Tannen wehte ein heiliger Klang. Und als die Frau in der Ferne wallte, verblich das hohe Licht, als wäre es von ihr ausgegangen und ginge wieder mit ihr dahin, und nur dort, wo sie nun verschwand, leuchtete die Luft noch von ihr wie eine fromme Silberspur.

Mit vergessenem Blick, die Hände übers Herz gekreuzt, sah ihr der fremde Gewaltige nach.

Der Umsbraus brach die Stille und grinste seinen zwei Gesellen zu: »Jetzt ist euch das Paradies aus dem Mond gefallen. Nur die Natter fehlt darin, ich hol sie euch.« Und im Hui war der Schelm entwischt.

Der Zauberer aber reckte die Arme waagrecht, er stand starr wie ein aufgerichtetes Kreuz und murrte einen scharfen, gefährlichen Zwang.

Darob versank der selige Wonnegarten in den Grund, und die vereisten Tannen umzingelten die Ödstatt.

Nun begannen droben die Gestirne nach einem geheimnisvoll gedämpften Saienspiel zu tanzen. Entlegene Sterne fanden und umkreisten und vereinten sich, Zwillingsgestirne schieden sich und flogen anderen zu, immer umgeistert von den halblauten Harfen, und mitten durch all diese Bewegung schwang im Gleichmaß, ein mächtiges Pendel, der Mond feierlich hin und her. Und die Sterne ordneten sich zu Kränzen und seltsam verschlungenen Bändern, bis sie schließlich allesamt einen ungeheuren, die ganze Himmelsgewölbe überspannenden Drudenfuß bildeten.

Wieder stand der Meister im Brodem seiner Bannsprüche und hob die Arme steil wie in Dräuung über das Haupt.

Im Flug ballten sich die Lichter droben um den Nordstern zu einem goldenen Klumpen, der verließ mählich den Himmel. Da lastete ein furchtbares Dunkel.

Ungewitter kochten, Sturm brach herein, elmsfeurige Wipfel beugten sich krachend bis zur Erde. Wolken rissen sich auf, Donnerstrahlen stießen wie feurige Schwerter wider einander.

Ein wahnsinnig sich verästelnder, grüner Blitz lag am Himmel und erstarrt. Nun grellten droben sein Runsen, als wäre die Himmelsfeste zersprungen, und in dem gespenstischen Schimmer des gefrorenen Blitzes bewegten sich die plumpen Berge, wälzten sich oder krochen wie finstere Lurche dahin. Das steile, krönende Gefels am Lusen, das burgartig hernieder gedüstert, zerfiel mit gewaltiger Gebärde trümmernd in sich und sandte ein brausendes Getöse aus, als stürzten Himmel und Erde in einander.

»Herrgott, halt mich unter deinem Schild!« betete der Gaukler. »Es naht gen den Jüngsten Tag.«

Den drei Männern war, der maßlose Lärm drehe ihnen das Hirn zu den Ohren heraus, und voll Angst, nun könnten die empörten Geister den Kreis des verwegenen Beschwörers durch reißen, warfen sie sich zu Boden und gruben die Gesichter in die Erde.

Der Meister ließ die Arme sinken und rief: »Genug!«

Bleich war er wie der Schnee zu seinen Füßen und müd und traurig.

Da fanden sich die Männer liegen im unwirtlichen Tann, der Sturm hatte sich gesetzt, und die Sterne leuchteten in ihrer ewigen Unberührbarkeit, in ihren alten Bildern, als wäre nichts geschehen.

Aufgewühlt bis ins Innerste, schritt der fahrende Mann neben dem Zauberer dahin.

»Meister, Ihr könnt alles, der Zorn der Hölle ist Eurer Macht überlassen wie die Gnade des Himmels«, stammelte er. »O, was sind meine unwürdigen Schwänke gegen Eure Kraft! Ich saufe brennenden Weingeist, ich drücke den Schwamm verstohlen an die Nase, dass der Wein rinne. Ihr zerbrecht Gebirge, Ihr zieht das Gestirn herab.«

»Du sollst zufrieden sein, Basilides. Ich will dir einen Beutel schenken, drin das Gold wächst.«

»Nicht Gold der Steine möchte ich kennen und der atmenden Geschöpfe, ausgründen möchte ich, wie Sonne und Mond und das Sterngewölb laufen, im Gestirn erforschen das Schicksal der Menschen und Himmel und Hölle in einem Tag durchfliegen wie du.«

»Glaubst du, Basilides, du würdest stille, wenn du alles wüsstest?«

»Mag kommen, was will! Meister, ich ruf Euch an: lehrt mich Euer Wissen!«

Der Fremde sagte: »Auch ich habe überschauen wollen das unüberschauliche All und hindurch blicken wollen durch die Dunkelheit alles Stoffes ins verborgene, stille, klare Antlitz des Geistes, der formend dahinter steht. Ich habe alle Siegel brechen wollen von den Geheimnisses und den Punkt gesucht, wo ich die Welt aus ihren Angeln drehen kann, die Fabelstelle, wo ich das Unhebbare aufhebe. Hohe Macht ist mir worden. Doch des Menschen Seele stillt sich nie. Wär ihm die Fülle des Erdkreises gegeben, er hätte nicht genug, er zitterten nach der Krone Gottes, und krönte diese ihm die gierige Stirn und hätte er das Sternenall unter seinem Willen bis hinaus in die letzten Dämmer der Unendlichkeit, seinem flackernden Wusch wäre nicht genug getan. Lass ab, o Mensch! Lass ab, Joss Säufuß!«

Der Gaukler presste sich die kalte Hand auf die brennende Stirn, heiser flehte er: »Herr, nimm mich zu deinem Schüler, zu deinem Knecht! Ich könnt dir dienen und danken wie keiner, ich könnt für dich mich schleudern in des Teufels glühendes Bett.«

»Willst du werden, was ich bin, Mensch? Sieh, zwei Jahre noch währt mein Leben. Gott hat mich verstoßen, der Hölle bin ich verpflichtet. Für mich gibt es nur noch Verzweiflung. Die Erde erquickt mich nimmer, der Tod ist mir kein Labsal, er wartet auf mich mit äußerstem Schrecken.«

Der Gaukler schauderte. »Meister, noch hast du Zeit. Tu Buße! Schrei auf zum barmherzigen Gott!«

»Ich kann nimmer, gebunden bin ich mit eisernem Schwur. Ich darf nimmer beten zu dem, der mich ob der Übermaßes meiner Sünden verschmäht. Und nimmer darf ich ein gutes Werk tun, sonst muss ich ein Jahr der teuern Frist hingeben, die mich noch von der ewigen Verdammung scheidet. Ich kann nichts als verzweifeln.«

Aber der Gaukler schleuderte sich, besessen von seinem Wunsch, vor die Knie des Meisters, krallte sich in dessen Mantel und schrie leidenschaftlich: »Und dennoch! Herr, betracht mein hartseliges Leben! Ich hab keine Heimat, ich bin nit ehrlich, mein Leben ist verstoßen, mein Weg läuft ins Elend. Hilf mir! Ich verlang nit Glück. Nur lehr mich dein Wissen.«

»Dies ist mein Wissen«, flüsterte der Meister und entblößte die Brust. Sie war grauenhaft zerfleischt und schwärte, und giftige Würmer fraßen daran. »Betrachte mein heilverlorenes Leben, Mensch, und merke an meinem Leid, wie glücklich du bist!«

Vor diesem Anblick verstummte der Gaugkler.

*

Auf der untersten Treppe kauerte das taube Weib, eine vergessene Laterne brannte trüb, aber das Kind, das die Mutter an der Brust wärmte, war vom Strahlenschein der Liebe umflossen. Sie schaukelte es zart und schmeichelte ihm mit weicher Stimme: »Ei, du mein Büblein, was sollst du mir werden? Ein König sollst du werden, das Krönlein überm nussbraunen Haar, und sitzen auf goldenem Schemel, und die Magd soll dir auftragen süße Mandelkerne und warme Milch, und der Schneider näht dir ein samtenes Mäntlein, und der Schuster misst dir zwei Schuhe an, einen goldenen und einen silbernen, und weiße Federn sollen dir wehen vom Hut, Herzallerschönster.«

Sie nahm nicht wahr, dass ihr Gefährte und der Zauberer zurückgekommen waren und lauschten, was sie halb redete, halb sang.

»Schön ist das Wildtäublein, du bist viel schöner. Ach, du hast keine Wiege! Doch die Knie deiner Mutter sind deine Wiege. Ach, du hast keine Stube! Doch der Mantel deiner Mutter ist deine Stube. O ihr zwei weißen Füßlein, ihr milchweißen, schneeweißen Füßlein, wohin wollt ihr einstmals laufen? Sagt es mir! Lauft nit zu weit von mir, ich bitt euch! Ich will euch weisen auf grünen, weichen Rasen, will dir dort die glitzernden Schneckhäuser suchen. Zeig mir deine Zähnlein! Hast du schon drei feine Elfenbeinlein. Ihr zarten Zähnlein, ihr sollt gute Dinge beißen, tanzen sollt ihr in weichem Brot! Und du süßes Mündlein, heller sollst du singen als alle Schnäbel im Tann! O weh, das Mütterlein ist taub, darf nit hören, wenn das Mündlein singt, hört nit, wie es lacht und weint!«

Der Zauberer griff an die Brust, als fräßen die Qualen wilder und unbarmherziger daran, kämpfend flog sein Atem, sein Leib zuckte. Ein eisiger Flügel peitschte sein Hirn, böse Geisterstimmen warnten und drohten. Zurück!

Himmel und Hölle rangen.

Stöhnend trat er vor, begegnete dem schuldlosen Auge des Kindes, dem schmerzlichen Antlitz der tauben Frau. Sie fuhr auf und wehrte ihn ab von ihrem Kleinen. Das Kind erschrak vor dem fremden Mann und weinte.

Mit tiefem Blick sah er das Weib an, er berührte ihr Ohr und sagte: »Heilige Frau!«

Da wich sie zurück und lehnte entsetzt, entgeistert vor ihm an der Wand, und brach auf einmal in strahlendes Glück aus, und schluchzend drückte sie das Büblein an sich: »Kindel, o ich hör wieder, ich hör dich!«

Ihre Verklärung floss auf den fremden Mann über, er fühlte es, und als dürfe dies nicht sein, ging er scheu hinaus in die Dunkelheit.

*

Indessen war der Umsbraus mit der vor Neugier tollen Wirtin am Kreuzweg angelangt, und als sie statt des wollüstigen Gartens die nackte Öde sah, wo Veit Hundspiss und sein Knecht wie angefroren warteten, da greinte sie: »O du Lügenbub, wie hast du mir mit süßen Sprüchen das Herz gekitzelt, und da ich dir gefolgt bin, steh ich genarrt vor dem kahlen Mond in dem verdammten Waldloch!«

Der Umsbraus ringelte sich verlegen den Spitzbart um den Finger. »Wir haben uns verspätet«, meinte er. »Doch sollst du nit leer heimgehen, schönstes Frauenzimmer, ich will dir weilen, was dir den Mut erfreut.«

Im Mondlicht zückte er sein blaues, breites Schwert und reckte es hoch über sich. Da drehte sich der Schatten, der an seine Füße gebunden war, in rastend schneller Flucht um ihn.

»Das heißt artig gespielt, du Wetterskerl!« lobte ihn der Wirt. »Erlustig uns noch ein wenig, doch nit mit abscheulichem Donner und Strahl, wie es dein Herr getan hat!«

»Freudig dien ich dir«, rief der Umsbraus. Sein Eisen pfiff, der Wirtin Kopf sprang vom Hals und rollte ins Gebüsch. Hurtig bückte sich der Unheimliche danach, raffte ihn auf und fügte ihn, ohne dass ein Tropfen Blut geronnen wäre, hexendi, pexendi wieder an den Leib.

Verzückt öffnete sie die Augen und seufzte: »Wie gut ist das gewesen! Tu es mir noch einmal!«

»Erst will ich die zwei Mannsleut auf eine kleine Weil entkopfen, sie sollen erfahren, wie die Seligkeit schmeckt. Her mit dir, Ül!«

Der Knecht stierte blöd darein und hielt willenlos den dünnen Hals hin, der Umsbraus bog sich zurück, holte aus und schlug zu. Grinsend, mit gebleckter Zunge, lag der Kopf am Boden.

»Jetzt du, Veit Hundspiss!«

»Ich nit, ich um kein Wunder nit. Ich bin ein Wehleider. Üb die Henkerskunst an dir selbst! Trau, schau, wem!«

»Es schmerzt nit, versuch es!« lockte sein Weib.

Ein feiges Lächeln spielte an seinen Lippen. »Ich verlang nit danach. Ich bin nit wunderwitzig.«

Da sah sie ihn an mit grausam kaltem Blick. »Du Hundskragen«, zischte sie, »du willst ein Mann sein und meinen Leib genießen!«

Wie der Hase im Griff des Geiers wand er sich, das Hirn wirbelte ihm, kraftlos schnappte er in die Knie und kroch zu dem Hexer hin und winselte, sich in die verschneite Erde krallend, ein lästerlich feiges Gebär. Mit schwerem Schwung fuhr das Schwert in den Wulstnacken.

Die abgehackten Schädel lagen neben ihren Leibern und schnitten Fratzen, als ob sie lachten.

»Wir schicken die Köpfe dem Eisenvater nach Grafenau, er soll sie hübsch sauber balbieren«, riet der Umsbraus. »Hernach setzen wir sie ihnen wieder auf.«

Ein böser Stern schoss sein Gift hernieder, tückisch rispelte und wispelte der Wind, und die Finsternis glotzte aus dem Tann.

Des Weibes pechschwarze Augen irrlichterten. »Wir lassen die zwei liegen«, raunte sie, »du erdrosselst deinen Herrn, und wir säckeln sein Geld ein und leben in Kurzweil dahin.«

Der Umsbraus funkelte vor Lust, doch wehrte er ab: »O du Höllriegel, das dürfen wir nit tun.«

Sie legte den Finger an die grellen Lippen und besann sich. »Ei, so will ich den zweien die Köpfe zurecht setzen«, begehrte sie.

Die Unholdin kniete hin, packte den Schopf der Ül und tat den birnförmigen Schädel mit den weiten Ohren auf den Hals ihres Mannes, hernach fügte sie dessen rundes Glatzköpflein an des Knechtes dürren Hals.

Die Männer taumelten empor und tappten betäubt nach einem Halt.

*

In dem Waldwirtshaus hub ein wüster Rummel an.

Der lange Leib des Ül, der nun als Knauf des Wirtes Kugelkopf trug, rannte aus dem Stall, und als er den Fremden im Schlitten sitzen und den Umsbraus mit den Mantelsäcken daher kommen sah, gröhlte er : »Fahrt nur hin, ihr Teufelsbanner, und nehmt euer verhextes Ross mit. Ein Fuder Heu hat es schon verschluckt und fünf Malter Hafer, jetzt frisst es die hölzerne Raufe. Es frisst mir noch das Haus zusamm. Das höllische Feuer frisst auf ihm.«

Der Feiste mit dem hohlwangigen Schädel des Ül humpelte aus der Tür. »Zahlen müsst ihr! Wollt ihr mit der Zeche dahin reisen und mich notdürftigen Herbergsvater prellen?«

»Wir schenken dir dafür das Ross«, erwiderte der Umsbraus und stieg auf den Bock, »wir lassen es dir als Segen im Haus.«

»Wie kann euer Fuhrwesen reisen ohne Deichsel, ohne Ross?« staunte der Lange, und er gebot dem Dicken: »Ül, zieh den höllischen Postklepper aus dem Stall. Ein Spittel stift ich, wenn mir der aus dem Haus ist.«

»Du bis der Knecht«, rief der andere, »dein Amt ist es, dass du den Fremden aufwartest. Und das Ross bleibt im Stall.«

»Ich bin der Veit Hundspiss«, kreischte der Lange. »Wer will mir auf meinem Grund und Boden eine Arbeit heißen?«

Während die zwei Tod und Teufel und Gottes Wunden bunt durcheinander fluchten und die Wirtin mit aufgestemmten Armen behaglich die Rauferei erwartete, wuchs aus dem Schlitten eine Deichsel, und deren Ende schwoll zu einer gläsernen Kugel, darin ein glühendrotes Riesenauge schwamm. Die Deichsel selber war mit einer fahlen Haut überspannt, darunter blutgeschwellte Adern sich regten, und schickte sechs dürre, missgestaltete Beine tastend zum Boden hinab, und als diese mit den kralligen Klauen die Erde erreicht hatten, johlte der Umsbraus auf, sein Gesicht erschwarzte, Fuhrwerk und Fuhrmann verschmolzen zu einem höhnischen, schwefelgrell umzackten Scheusal, und mit flammenden Kufen hob sich der Schlitten aus dem Schnee und brauste über die Wipfel davon.

Indes der Gaukler mit Weib und Kind und Karren eilends floh und im Stall er rasende Hengst tobte, als wolle er seinem Herrn in die Lüfte nach, warfen sich die vertauschten Köpfe schreiend ihre Frevel vor.

»Du Erzmörder, du Raubvogel, sei du in meinem Haus bist, ist eitel Mordjo im Brauch. Gewürgt und gestochen hast du, du kannst es nit leugnen.«

»Du Neidbart, du vergönnst mir das Weib nit, drum verleumdest du mich. Und hast doch du die Toten verscharrt im Keller. Die Schergen hetz ich dir auf den Hals.«

Der Wildsaukopf über der Tür grunzte und bleckte die Hauer, die Wirtin lachte wie toll, und die ergrimmten Männer stürzten mit Messer und Knüttel auf einander los.

*

Fern zwischen den Silbermauern des Waldes reiste der Gaukler mit seiner Sippe gen Grafenau. Der mürrische Mond blickte kalt herab, wie Stahl schnitt die Luft, und die Schritte ächzten im Schnee, als beklagten sie ihre Wanderschaft. Es fror bis ins Mark der Berge.

Durch eine Waldlücke lauerte der niedergetrümmerte Lusen, ein Wahrzeichen dieser unheimlichen Nacht.

»Der Wind ist uns gram«, seufzte der fahrende Mann. »Ein hungriger Hund zieht uns den Karren, und unser Weg währt lang. O das wir Menschen sind ohne Heim und Heimat!«

Die Frau aber, über ihr Kind geneigt, flüsterte fröhlich: »Ich hör es schnäufeln.«

»Ja, du hörst wieder«, sagte ihr Gefährte bedenklich, »weißt du aber, ob dir nit zum Fluch wächst, was dir der Zauberer geschenkt hat? Ob dir nit Höllenkunst das Ohr aufgetan hat?«

Sie erwiderte gläubig: »Nit Höllenkunst hat mir geholfen. Ein heiliges Mitleid ist aus dem Himmelreich gefallen wie reinster Tau.«

Auf einer Höhe rasteten sie, denn der Mann war erschöpft, und der Zughund lechzte unter seiner Plage.

Plötzlich raunte der Gaukler: »Weib, kehr dich um, doch erschrick nit!«

Sie schaute in die Schlucht zurück. An jener Stelle, wo sie das Wirtshaus wussten, stieg es rot und wild und flackernd empor.

»Schau nit zu lang ins Feuer!« riet der fahrende Mann und fasste nach der Deichsel, dem Hund zu helfen.

Sie folgte mühsam dem Gespann. Und als sie zu einem Hochkreuz kamen, daran die ewige Barmherzigkeit genagelt hing, sagte sie: »Ich will beten für die arme Seele des Doktors Faust.«

Die kalte Hölle

Das Volk des obersten Feldhauptmanns Jörg Frundsberg zog, alten Ruhm zu erneuern, wiederum mit Spießen und Falkaunen gen Lombardia. Der Kaiser schickte sie aus, die Anschläge des römischen Stuhles zu strafen, und so reisten sie mit lachendem Trutz wider des Papstes Strahl und Bann, ihm das Land Romandiola zu nehmen, die üppigen Städte dort zu brandschatzen und die Welt zu schrecken mit Feuer und Eisen.

Als sie durch das raue Alpengebirge schritten, fügte es sich, dass im nebelnden Tag zwei Knechte des Nachtrabes von dem Heerzug abkamen und in ihrem Verlangen, sich wieder zu ihrem Fähnlein zu finden, immer tiefer in ein enges Seitental sich vergingen. Es war Herbst, das Laub schied sich von den Zweigen, der Atem dampfte, und die beiden waren missmutig ob ihres Irrweges.

Der Ältere von ihnen erzählte, dem anderen die Weile zu kürzen, wie die kaiserlichen Knechte im vergangenen Krieg im Trientinischen Gebirge die verschlossenen Klausen an der Etsch aufgesprengt und sich in venedisch Land ergossen und Friaul geplündert hätten, wie sie anfangs in Armut, Frost und Hunger gewandert und hernach sich in Seide gekleidet und geschwelgt, den Wein Reintal in den Malwasser geschüttet und köstliche Meerschnecken gegessen hätten.

Es waren zwei unerschrockene, kriegsgierige Gesellen mit brieten Schlachtschwertern und hohen Spießen: der eine, der Rauhut, schritt in voller, gedrungener Mannheit; der andere, der Iring, frisch, biegsam und jung, tat dir harte Reise zum ersten Mal, gewillt für den Kaiser zu raufen und den starken Leib darzustrecken.

Der Rauhut stieß zuweilen in ein gewaltiges Stierhorn. Das hatte er einst, da des Frundsberg herzhafte Knaben den Schweizer bei Melagnano geworfen, aus der gekrapften Faust eines Urner Reisläufers gelöst, und jetzt brüllte es und rief nach Leuten, die des Weges kundig wären. Doch der Stier brüllte vergebens, und nur die verschleierten Felsen antworteten.

Erst kurz vor der heimgehenden Sonne lichtete sich das Düster, und das erste, was die Männer grüßte mit drohendem Gruß, waren Rad und Galgen, die, auf einem Mäuerlein errichtet, kündeten, dass hier einer berechtigt war, die Leute zu hängen, die ihm nicht behagten. An dem Balken schlotterte ein zerfetzter, halbverdorrter Kerl.

Der Rauhut schwor fluchend Gottes Grind und Schweiß ob solchen Willkommens, indes der Iring, obwohl des Tötens nimmer unerfahren, ein eisiges Rieseln im Nacken spürte und sich mit Ekel abwandte.

Aus dem eilig zerfließenden Nebel drangen nun die Umrisse von Mauern, und als die scheidende Sonne durchstieß, zeigte sich ein wohl berüstetes Städtlein, das am Grunde eines Kessels ruhte, jäh und grässlich von dem enthüllten Hochgebirge umringt, in dessen letzten, unzugänglichen Höhen ein Eisfeld fremd ergrellte, als wäre es nimmer Erdenland.

Da meinte der Rauhut, er habe schon einmal hier in dieser Wolfsgrube geweilt, und das wilde Eis droben sei seinen Augen nicht fremd. Doch wusste er nichts Genaues darüber zu sagen und ergrimmte darüber, dass sein Hirn nichts mehr fest halte, und schalt, es sei Zeit, dass er das Gras röte auf breiter Heide, denn ein rechtschaffener Landsknecht dürfe nicht alt werden.

Sie traten in den Ort und stolzierten, prunkend mit Straußfedern und buntem Gewand, durch ein menschenleeres Gässlein, das längs der Stadtmauer zu einem kleinen Platz hinführte und dort von einem Haus versperrt wurde, das über dem Tor ein Gemälde führte, Hans und Grete im Paradeis: der Mann, die Blöße mit einem Ahornblatt bedeckt, das Weib verhüllt hinter ihrem langen, gelben Haar, und zwischen beiden um den Baum die Schlange geringelt, das sündige Obst im Maul.

Der junge Iring betrachtete das Bild. Wie schamhaft die Eva sich in ihrem wilden Haar verbarg! Er ehrte die züchtigen Frauen, und es tat ihm immer leid, dass ihrer gar wenig zu sein schienen im Tross des Heeres. Und wie der schnöde Lindwurm gleißte! O verschmähtest du doch den Apfel, feine Paradeiserin!

Der Rauhut wusste auch von dieser frommen Märe nimmer viel. Ihm dämmerte nur, dass ein Engel mit der Flamme in der Faust das genäschige Paar aus dem Lustgarten vertrieben habe. Der Krieg ließ dem Rauhut wenig Zeit, von göttlichen Dingen zu reden: viel lieber rief er den Teufel an, dessen Name sich gar mild von der Zunge löste. Aber nun erinnerte er sich, dass er in der Schenke zum Paradeis schon einmal gezecht habe, damals habe der Wirtin Mägdlein, obzwar erst zwei Ellbogen hoch, mit zauberhaft zierlichen Schritten getanzt, so dass man staunend kaum die Augen davon zu wenden vermocht habe; wie behext habe sich das Kind gedreht und nicht aufhören wollen, bis die Mutter es gewaltsam fortgetragen habe.

Darauf dachte der Iring, jenes Mägdlein werde heute schon viel längere Beine haben und damit weit verführerischer tanzen denn vormals. Des war der Rauhut neugierig, und er stieß mit dem Spieß das Tor auf und ging ins Haus. Der junge Rottbruder aber, todmüde von dem Irrweg, streckte sich auf die Bank unter dem Paradiesbild hin, das Kinn sank ihm auf die Brust, und schon schnarchte er sanft. Bald hernach kam ein verrufenes Fräulein des Weges, sie sah den schönen, reisigen Knaben schlafen, und, frohlockend, fremdes Volk im Ort zu wissen, rüttelte sie ihn wach. »Bist gegrüßt mit deinem wunderlangen Spieß! Wer bist du?«

Der Iring rieb sich verdrossen die Augen. »Der Spieß ist dem Landsknecht kein Geschmeid. Lass mich! Bin müd.« »Solch jung Blut sollte nit schlafen. Die hübsche Nannina bin ich. Die Zeit vergeht nit in dem schläfrigen Städtel.« »Bist eine Venusnonne?« murrte er. »Ich mag dich nit.«

»Versäum nit Weibergunst!« warnte sie. »Wer Gottes feinstem Geschöpf absagt, wird einmal mit der kalten Pein gestraft dort droben auf dem gebannten Berg.«

Der Iring staunte zu den vereisten Felsenknäufen hinauf, die schier höher waren, als die Geier fliegen konnten. »Dorthin komm in nit«, sagte er versonnen. »Ich geh ins warme Land Italia. Und du plauderst Märlein.«

»Es ist wahr, Mann. Der Wirt aus dem Paradies da ist gesehen worden, wie er mit einer Hakenstange und vermummt in Fuchspelz und Fäustlingen am Tag nach seinem Begräbnis in die Verwunschenheit hinaufgestiegen ist. Schlecht gemessen hat er den Wein. Er muss es ewig büßen.«

»Ewig büßt man nur in der Höll.«

»Droben ist die Höll«, sagte sie eifrig.

»Dirn, die Höll ist eine heiße Burg.«

Sie krauste die Stirn. »Droben die Alm ist mit Eis übergossen. Dort treibt der Teufel die verdammten Seelen auf die Weide.«

»Fürcht mich nit davor, Dirn. Bin gewohnt, gut Wetter und argen Wind zu tragen, wie es sich just schickt. Hab oft die Wacht gehalten in kalter Nacht, schier angefroren an den Spieß.«

»Du kennst nur die irdische Kälte, Knechtlein. Aber dort droben heulen die Büßer in den Nächten, heulen wölfisch, frieren mit den Knien ans Eis.«

»Ei, so mögen sie doch wieder heruntersteigen, Nannina. Müssen sie denn wie die Steinblöcke hausen? Mögen sie sich in einer Almhütte wärmen! Oder dürfen sie das nit? Morgen steig ich die Schrofen hinauf und schau ihnen zu.«

»Verfrevel dich nit, Gesell! Wenn ein Lebendiger hinauf will, donnert das Eis und klüftet sich, die Schründe speien ungestüm das Wasser aus und die unverwesten Leichen von Menschen, die seit uralters verschollen sind.«

»Fürcht mich nit vor der kalten Höll. Doch der Tod ist mir nit im schroffen Eis gesetzt«, sagte er hochfährtig. »Auf breiter Heide weist er mir die Zähne. Und unser Geschütz, die grimme Godel, die Sumserin und die Drometterin orgeln mich in den Schlaf.«

»Sind drei grobe Schätzlein«, kicherte sie.

»Heb dich davon!« rief er. »Mag dich nit und keine.«

»Was lauerst du dann vor dem Paradeis da? Du Schelm weißt gar wohl, dass die Eva drin wohnt.«

»Die ist noch klein, kaum zwei Ellbogen hoch«, sagte er träumerisch.

»Du schwänkischer Vogel, jetzt kenn ich dich!« schalt die Nannina. »Ist ein Mann wie der andere, Fuchs wie Fuchs. Aber dass du das verwirrte Mägdlein leiden magst?«

»Wie meinst du das?«

»Die Eva ist von Sankt Veitens Tanz besessen. Wenn du ihr zuschreist: ?Tanz, so muss sie tanzen, bis die umfällt.«

»Verleumde frisch die andere! Weiberbrauch!« sagte der Iring verächtlich.

»Wenn du es nit glaubst, so versuch es, Knecht!«

»Bin nit neugierig. Will sie nit kennen lernen.«

»Würdest anders reden, Knecht, wenn du sie schautest.«

Er lachte rau. »Kann ein Weib nit buhlen, so kuppelt sie.« Da keifte die Nannina: »Du hast noch die Grannen überm Maul statt des Bartes, Büblein, und willst aller Weiber kennen.«

»Was klebst du an mir?« zürnte er. »Geh!«

Der Rauhut trottete aus dem Tor heraus. »Das Tanzfräulein hab ich wieder gefunden. Zwei lange Zöpfe trägt sie, die Brust ist wohlberüstet. Doch, Bruder, du bist auch nit verwaist. In dem Städtel da hält der Teufel Weiber feil.«

»Bleibt bei uns, ihr Spießleut!« flötete die Nannina.

»Morgen müssen wir fort«, sagte der alte Landsknecht.

»Über die Alpenklausen, eh der Schnee fällt.«

»Bist du auch so einer, dem das Herz in einem Mühlstein eingenäht ist?« greinte sie. »Ei, so flick dir den Fäustling und fahr zur kalten Höll!«

Der Rauhut hörte sie nicht. »Iring, schau dir die Eva an! Stolz und demütig zugleich ist sie wie die Jungfrau bei der Verkündigung.«

»Bin hundsmüd«, sagte der Iring kurz. »Mag kein Weib. Sind alle falschen Sinnes. Geh auch du von hinnen, Nannina!« drohte er. »Und Gott schenk dir ein fein gut Jahr!« Sie zog sich beleidigt zurück.

»Dass du heut so brauserisch bist!« wunderte sich der Rauhut.

Der Iring deutete auf das Gemälde über dem Tor und redete: »Das ist der schöne Gotteswald. Das ist Adam. Das ist Eva. Das die Otter. Der Apfel ist die Sünde. O Eva, nimm ihn nit! Die Otter wispelt. Hör sie nit an, Weib! Vertreib deine Kinder nit aus dem Garten! Seht, sie reißt den Apfel vom Ast! Sie genießt von der Frucht. Sie beut sie dem Mann zum Biss. Weh über Weh, Mensch! Dorn und Distel ist nun dein Garten. Die Erde ist hart. Der Tod ist dir aufgerissen als ein Schrecken.« Er kehrte sich seinem Rottbruder zu. »Warum ich so brause? Bin traurig. Hat mir just geträumt, ich wandere einsam im Nebel, und da stößt aus dem grausen Dunst ein Spieß wider mich. Ach, vielleicht sucht mich der Tod?«

»Traum ist Trug«, tröstete der Rauhut.

»Möchte nit allzu früh sterben. Möcht recht stark und fröhlich leben.«

»Wein und Weiber wachsen allerorten, Iring.«

»Nit so, nit so, Rauhut. Anders möcht ich leben. Weiß nur nit wie. Hab einst vor dem Streit den Stab hinter mich geworfen, mich vom Leben losgesagt, tapfer und schier ohne Besinnen. Aber jetzt denk ich: ein rechtes Leben wünscht, dass es alleweil und immer dauere.«

»Was kalmäuserst du, Iring? Da iss von dem weißen Brot! Hab es dir aus der Stube gebracht. Das Mägdlein drin traut sich nit heraus, es fürchtet uns.« Und der Rauhut bot ihm das Brot und sein Messer dazu, das war aus Steyrer Eisen geschmiedet und trug das Bild eines Wolfes eingerissen. »Ein gefräßiges Messer!« scherzte er. »Es fährt durch Stein und Bein. Eine Wolfzunge. Ist aber noch jungfräulich. Hat noch kein Blut gesoffen.«

Der Stahl war scharf, fest stak er im Griff.

*

Das Städtlein war seit altersher den Grafen von Gailoh zu eigen, sie waren befugt, hier zu sitzen über Leben und Tod. Doch war dies Recht geknüpft an die seltsame Bedingnis, dass sie jährlich zum Mindesten einen Missetäter mussten köpfen oder hängen lassen, und unterbliebe dies auch nur ein einziges Jahr, so käme den Gailohern das Blutrecht abhanden und fiele dem Herzog des Landes zu.

Indes nun bisweilen mancher Sommer so fruchtbar an Schelmen gewesen, dass der Freimann hier oft drei oder mehr Hälse hatte abhauen können, ging sein Ämtlein jetzt den Krebsgang. Zwar übte das Gesindel noch immer eifrig, was rad- und galgenwürdig war, und ließ sich allerorten hängen und kürzen, nur die Mausfalle in dem entlegenen Alpental mied es, und so bestand, sonderlich unter dem derzeitigen Grafen Eitelhund, die Sorge zurecht, dass der hiesige Rabenstein einmal zwölf Monde lang leer und ledig stünde und die Gerichtsbarketi aus den Händen der Gailoher glitte. Hatte doch Graf Eitelhund im vergangenen Jahr sogar einer nachbarlichen Stadt um schweres Geld einen galgenreifen Dieb abkaufen müssen, um das altehrwürdige Recht nicht zu schädigen und aufzuheben.

Ob auch seine Schergen sich redlich mühten, eines Armesünderlings habhaft zu werden, bleib dennoch alles erfolglos: die Böswichter gebärdeten sich dem Grafen zum Trutz wie ehrliche Leute, keiner brach mit zuckendem Schwert den Landfrieden, keiner stahl, kein Metzger verkaufte Hundsaas für Stierfleisch, und keine gefallene Magd presste ihrem Bankert das Gürglein ab, und so war das Blutrecht bedenklich gefährdet, zumal schon das Jahr hochherbstlich abrollte.

Also fragte der Graf bei seinem gelehrten Rat an, dem Doktor der römischen Rechte Tatatantrus, der sich in jungen Jahren noch Mehlbeutel geschrieben, und dieser riet ihm zunächst, kurzerhand einen bresthaften Bettelmann einfangen und als Landschädling henken zu lassen. Doch da entblößte Graf Eitelhund sein schwüles Herz und verbat sich das: er wolle keineswegs seinen guten Galgen mit einem dürren, überjährten Fechtbruder verschänden, sondern er verlange nach einem gesunden, baumfesten Kerl, der sich gegen den Henker wehre und mit dem Tod raufe und unter dessen Gewicht sich das Joch des Hochgerichtes biege.

Und so ergingen sich auch heute der Graf und der Doktor unter solch besorglichen Reden, und der Gailoher bestand wieder auf seinem Geschmack. »Jeder Wurm trägt sein Freudlein, und auch mich macht es fröhlich, wenn ein stattlicher Bengel zum Tode gewiesen wird, es sei trocken oder feucht. Was anderen weh tut, schau ich gern. Sonderlich gleißenden Blut.«

Der Rat Taratantrus beeilte sich mit Salbung zu erwidern: »Ich verstehe Euch wohl, edler Herr. Richten ist höchstes Amt. Und Christi köstlichster Glanz wird sichtbar werden am Jüngsten Tag, wo ihm das Schwert aus dem Mund fährt und er richtet die Lebendigen und die Toten.«

Gern hätte er noch etliches hinzugefügt, auf dass seine Gelehrsamkeit durchgeleuchtet hätte, allein da trat die Hübschlerin Nannina herzu und fasste den Grafen am Wams.

Weil aber diesen just seine gefährdete Gerichtsbarkeit beschäftigte, verdrossen ihn ihre glimmenden Augen und ihr schillerndes Venushaar, und er stieß sie unfreundlich von sich.

»Seid ihr meiner satt?« schmollte sie. »Ihr stoßet mich, und ich könnt doch alles zu Liebe tun.«

Er lachte grimmig. »Willst du mir ein Liebes tun, du lüsterne Geiß, so lass dich hängen. Es wär ergötzlich, wenn ich einmal ein Weib zappeln sähe.«

Da schalt sie: »Lasst mich schmächtig Fräulein in Frieden! Greift liebe nach den Knechten, die vor dem Paradeishaus lärmen!«

Hastig zog darauf der Graf seinen gelehrten Rat durch das Gässel zu dem entlegenen Winkel, und dort sahen sie von fern die zwei fremden Gesellen das weiße Brot brechen.

Und als der Gailoher sie in ihrer Kraft und Männlichkeit sitzen sah, raunte er dem Begleiter zu: »Schau dort den Stierhals! Der könnt meinen Henker schnaufen machen. Das sind Buben, die hauen den Satan in die Pfanne. O könnt ich alle zwei kriegen! Mit allen Ehren tät ich sie richten lassen, mit Pfeifen und Trummeln!«

Eben sprang der Jüngere der Knechte auf und stieß mit dem Fuß gegen die Tür. »Wein!« rief er.

Da trat ein Mädchen über die Schwelle, überaus schön und zart, und sagte ängstlich: »Es nachtet. Ich bitt euch, kommt morgen bei klarem Tag. Dann schenk ich euch frischen Wein.«

Betroffen von ihrer lieblichen Angst und ihrer Schönheit, bat der Iring: »Feinskind, schenk mir deiner hellen Augen Schein!«

»Bin ehrlichen Leuten ihr Kind«, entgegnete sie. »Ihr seid zu fürchten, habe böse Waffen an.«

»Wie heißt du?«

»Wie die droben neben dem Baum. Eva.«

»Eva!« Er griff nach ihrer Hand.

»Rühr mich nit an!« wehrte sie sich. »Ich leid es nit.«

»Dem Wirt sein Fräulein ist sonst nit so zimperlich«, rief er voller Übermut. »Lass mich heut bei dir schlafen!«!

Sie verhüllte das Gesicht und wandte sich, ins Haus zu gehen.

»Bleib, Eva!« rief der Iring. »Bleib! Will nimmer so reden.«

Sie stand gebannt und lächelte. Sie trat ihm einen Schritt näher. »Hast buntes Gewand«, lächelte sie.

Er darauf: »Den Regenbogen hab ich geplündert.«

»Hast einen langen Pilgramstab, Bub.«

»Greif ihn nit an! Er beißt.«

»Was tust du damit?«

»Totstechen!« sagte er. Er lehnte den Spieß an die Mauer.

»Das sollst du nit tun.«

»Warum nit? Schicken uns doch die großen Herren dazu aus.«

»Gott will das nit. Er könnt dich strafen.« Sie spähte ins Gebirge zu dem Gletscher hinauf, darüber letztes versprengtes Abendlicht huschte, indes es im Tal schon dämmrig war.

Der Landsknecht folgte ihrem Blick. »Meinst du, ich werde auch dort hinauf verwunschen wie der Wirt zum Paradeis?«

Sie sagte ernst: »Die Leut flüstern, mein Vater sei in die kalte Höll kommen. Ist nit wahr. Aber meine Mutter, wie sie die falsche Lüge gehört hat, das er droben geistere, sie hat nimmer Ruh gefunden, und einmal ist sie von uns gegangen. Ein Gamsjäger hat sie zuletzt irren sehen durchs Eis. Mir ist leid.«

»Tätest du mir auch folgen ins Eisland hinauf?« fragte der Iring.

Sie sagte nicht nein. Sie sagte nur schüchtern: »Du bist mir fremd.«

»Wär ich aber dein Bruder?«

Der Rauhut hatte dem seltsamen Gespräch zugehört, das fast mehr mit den Augen als mit dem Mund geführt worden. Jetzt hub er an: »Ein altversungenes Lied von Bruder und Schwester fällt mir ein.« Und er sang mit groben Stimme:

»?Ihr Herren, ach liebste Herren mein,
Lasst mich erlösen mein armes Brüderlein!
Ich will euch geben viel Gold und Gut,
Wie mirs mein Vater hinterlassen tut.?
?Kein Gold und kein Gut, und das nehmen wir nit,
Außer du rennst neunmal nackend um den Ring,
Ja neunmal nackend ums Galgenhaus,
So kannst du lösen deinen Bruder aus!?«

Das Mädchen legte in großer Scham den Arm über die Augen.

»Du Übeltäter, jetzt hast du sie betrübt!« schalt der Iring seinen Gesellen.

»Das ist geschehen und wahr«, verteidigte sich der Rauhut.

»Das ist allweil den Jungfern ihr Recht, und die Schwester ist nackend gelaufen und hat den Bruder erlöst.«

»Eher sterben!« murmelte die Eva entsetzt.

»Herz und Blut könnt ich für dich dargeben!« sagte der Iring zu ihr. »Und du nit?« Er brauste hoch. »Stell dich nit dumm, Dirn! Bist doch schon in Tanzhäusern gewest.«

»Lass mich, lass mich!« bettelte sie in ahnender Angst.

Er herrschte sie an: »Tanz mit mir!«

»Ich kann nit. Kann nur mit mir selber tanzen. Aber jetzt geh ich. Der Ähnel drin vermisst mich. Sieh, er macht schon in der Stube drin Licht!«

Aber der Iring, sich der Rede Nanninas besinnend, befahl in grausamem Übermut: »Tanz!«

Wahrhaftig, sie gehorchte, so hub an zu tanzen. Zuerst wiegte sie sich leise wie eine unschuldige Blume uns schien einer inneren Musik zu lauschen, dann aber hüpfte sie hoch empor, sprang und sprang, schien manchmal zu schweben und drehte sich immer wilder und heftiger, die Augen mit unsäglicher Angst erfüllt.

Den Iring erbarmte sie. »Lass nun! Es ist genug.«

Sie hörte ihn nicht. immer toller schleuderte sie sich hoch, immer atemloser.

Da traten der Gailoher und sein Rat aus dem Torbogen, wo sie sich lauernd versteckt gehalten.

»Ein geschmeidig Tierlein!« raunte der Graf. »Wie sie die Glieder wirft! Dass ich dies feine Wildbret nie gesehen hab!«

»Selten kommt ihr in den Armutswinkel her, edler Herr«, sagte der Doktor Taratantrus. »Ja, so hat das Kind des Herodes getanzt, als sie den Gottestäufer ums Haupt gebracht hat.«

»Mich bringt sie ums Hirn. Sankt Venus, hilf!« murmelte der Gailoher. »Was wollen die plumpen Knechte mit ihr? Solch feines Reh ist für einen edleren Jäger.«

Mit einem irren Schrei brach die Tanzende zusammen.

Der Iring beugte sich zerknirscht über sie und schrie: »Sei nit tot! Hab nit gewusst, dass du dich von Sinnen tanzest. Verzeih mir!«

Sie hob das blasse, holde Gesicht aus der Betäubung.

»Ich bin dir nit herb.«

»Wüsst ich ein Kraut, das dich mri machte traut!« rief er.

»Es bedarf nit Zaubers«, sagte sie.

»Du Wunderliche, hab dir doch weh tan!« Und verloren ist das fremde und ergreifende Wesen des Mädchens«, wiederholte er leise. »Es bedarf nit Zaubers.«

Aber da stand plötzlich der Gailoher mitten unter ihnen, ein hagerer, abgeschwelgter Lüstling, und er befahl der Eva: »Stell den besten Wein bereit, Kellnerin! Graf Eitelhund kehrt morgen bei dir ein.«

Sie fuhr erschrocken auf. »Ich geh. Der Großvater soll nit greinen. Ach Gott, es ist schon finster worden.«

Der Doktor Taratantrus rührte ihr leise an die Schulter.

»Hüt dich vor den zwei Knechten da, Eva! Sind Gewaltleut, verderben und verheeren das Land. Feuern die Scheuern an. Stoßen Mauern und Türme ein.«

»Verrücken dir das Schürzlein, Jungfer«, grinste der Graf.

Heiß fuhr der Iring ihn an. »Willst du mit mir anbinden? Stell dich vor meine Fuchtel!«

»Nit brausen!« bat die Eva. Sie streichelte flüchtig die Hand, die sich zum Schwertgriff legte.

Dann verschwand sie im Haus.

»Willst du allein anspinnen mit der Paradeisdirn, Knecht?« näselte der Gailhofer hochfährtig. »Das Weib ist für allermann geschaffen.«

Der Iring sprang hart an ihn hin. »Red anders!« schrie er.

Rauflustig gesellte sich der Rauhut dem Freund. »Her! Her!« brüllte er

»Graf, lasst ab!« warnte der Doktor. »Die zwei haben nichts zu verlieren als ihre verwogene Haut.«

Mit einer stumm drohenden Gebärde ging der Gailoher.

Der Iring aber packte seinen Spieß und stellte sich im Mondlicht vor die Schwelle des Paradeises.

Er wachte die ganze Nacht. Den Tierstern sah er steigen, hinfahren und niedergleiten. Hoch droben warnten die silbernen Felsen.

Der Morgenstern entbrannte.

Der Spieß in der Hand des Knechtes war bleich vor Reif.

*

In der Frühe kam der Iring in die Stube.

Die Eva stellte ihm die Suppe auf den Tisch. »Dass du draußen gestanden bist in der eisigen Nacht!« flüsterte sie.

Er nahm sie freudig bei der Hand. »Glück her zu mir!«

Sie entriss sich ihm.

Da sagte er traurig: »Dein Herz ist steil wie ein Turm. Nit zu nehmen.«

»Hab dich doch aus allem Herzen gern«, lächelte sie. »Aber was bist du vor meinem Haus gestanden die ganze kalte Nacht?«

Er seufzte: »Eva, ich fürcht um dich.«

Sie erschrak. Sie flüsterte: »Ja, mir graust vor dem Grafen!«

»Warum? Du kennst ihn?«

»Vor Jahren ist er einmal zu uns ins Haus kommen. Meiner schönen Schwester wegen. Der Vater ist tot gewesen, die Mutter tot, der Ähnel alt und müd. Dem Grafen kann keiner wehren, er ist der Herr in dieser Stadt. Die Schwester hat sich müssen von ihm küssen lassen. Der Kuss ist ihr widerwärtig gewesen. Sie ist bald danach aus Ekel gestorben.«

»Gottes Flamm!« zürnte der Knecht auf. »Ich schlag ihn tot. ? O, wer schützt dich? Ich muss weit fort in den Krieg.«

»Kehr bald wieder!« bat sie. »O, dass du in den harten Krieg musst! Mir tun sie leid, die da mit dem Mund auf die Erde fallen. Ihre Blutstropfen tun mir leid. Was treibt dich hin, wo Schwert gegen Schwert haut, wo sie schreien und einander anspringen wie reißend Getier, Männer, die einander nie gekannt?!«

»Eva, die Schlacht ist ehrliche Gewalt, der Starke stellt sich offen gegen den Starken. Da schlag her! Da stich her! Da schieß her! Die Schlacht ist schön. Aber es gibt noch schnöde Gewalt. Mir bangt um dich, Eva. Du tanzest, und der Teufel steht im Dunkel dabei und lauert. Tanz nimmer, Eva! Tanz nimmer! Schwör mir, dass du nimmer tanzest vor fremden Augen!«

»Was hilft mir das? Wenn mich einer anschreit; muss ich tanzen«, sagte sie traurig.

»Ein Schwur macht stark. Du wirst alles gegen den aufbieten, der dich zum Tanz zwingen will. Drum schwör mir! Schwör bei dem schwersten, bei dem letzten Ding, bei deinem, bei meinem Tod! Dann scheid ich leichter von dir.«

Da erhob sie feuchten Auges und ihn fromm anblickend die Finger: »Bei meiner letzten Hinfahrt schwör ich ?«

Der Rauhut stand in der Tür. »Schwörst ewige Treue, Jungfer?« lachte er. »Tu es nit! Die Ewigkeit ist länger, als du glaubst. Und du, Iring? Bist du nit erfroren? Derweil ich im warmen Heu geschnarcht hab, hast du bei lebendigem Leib die kalte Höll erlitten vor einer Jungfer Kammertür. He, Eva, füll uns den Krug, eh wir weiter reisen über die wilden Klausen!«

Als die Eva gehorsam ging, Wein zu holen, sagte der Iring: »Jetzt wird mir die Reise schwer.«

»Hat dich die Liebe gefangen, Bruder? Weißt du, was lieben heißt? Narr dort, Narr da!«

»Sie ist nit so wie die anderen.«

»So nimm sie mit in den Krieg!«

»In den Krieg? Unter Tross und Huren? Nimmer!«

»Ein lauteres Feuer kann nit schmutzig werden.«

»Nimmer!«

»Du bist eifersüchtig. Du zerkrallst dir jetzt schon das Herz.«

»Wer nit eifert, der liebt nit«, sagte der Iring.

»Du eiferst gegen den Grafen. Der hat gestern feurige Augen gemacht wie eine Kircheule. Lass das Weib! Ist eines wie das andere. Glaub mir!«

»Für sie leg ich die Hand in rinnendes Erz!«

»Kann man in eines Menschen Herz schauen wie durch ein Glas? Das Weib hat den Mann ums Paradeis gebracht. Geh vors Haus, sezt dir die Augen auf und schau die Mauer an! Dort steht es geschildert. Aller Übel übelstes ist das Weib. Iring, kannst du bleiben? Wenn wir deutschen Knechte vor dem Kampf hinknien, den Staub von uns schütteln und zu Gott schreien, er soll uns fröhlich fechten lassen, wenn wir die Spieße senken gen den Feind, ? willst du da hocken unter den dürren Gevattern und Pfennigwetzern? Indes wir mit herrlicher Gewalt übers Land fahren und die Welt nehmen, willst du da liegen bei deinem Weib?«

Der Iring seufzte: »Ich will gehen, ich will bleiben.«

»Willst du deinen Rottgesellen allein ziehen lassen? Wir haben einander allweil beigestanden vor Stich und Hieb. Bist du krank? Bis du wirr?«

Der Iring schlug auf den Tisch. »Ich lauf mit dir!«

*

Der Gailoher kam mit seinen Knechten, den Iring zu fangen. Der Iring hat zwar die Waffe nicht gehoben und den Stadtfrieden nicht gebrochen, aber der Doktor Taratantrus, der pfiffige Federfuchs, wird schon wissen, wie man ihm den Strick dreht.

Der Doktor schmeichelte: »Wie Ihr schreitet, o Jupiter dieser Stadt! Wie ein brennender Löwe! Wie die erzürnte Gerechtigkeit selber!«

»Heut noch muss der Stab gebrochen werden über den dreisten Buben!« sagte der Gailoher. »Meiner Väter Freibrief muss gültig bleiben, mein Recht über Galgen und Rad bleibe gewahrt!«

»Wir wollen den fremden Knecht stellen, edler Herr. Vielleicht, ich hoffe es, sticht er einen von unseren Leuten über den Haufen.«

»Nun rasch ins Paradeishaus!« befahl der Graf.

Der Doktor girrte: »Hat der Flügelgott mit Bolz und Bogen sich an Euer kühnes Herz gewagt, Herr? O, es ist wie in den Zeiten der alten Völker. Die Götter steigen nieder zu den Töchtern der Menschen und führen ihr heiteres Spiel. Ja, die Jungfer gestern hat trefflich getanzt. Wie eine jener Raserinnen mit dem Weinlaubstab.«

»Betasten will ich ihre Flanke, die im Tanz gezuckt!« glühte Graf Eitelhund. »O, wenn einmal die Scham von ihr abfällt! Es ist seltsam, Doktor, dass mich zweierlei mit gleich hoher Lust erfüllt: das Weib und der Tod der Männer. Zwar werden die Leute in der Stadt finster scheuen, wenn sich heute beides erfüllt. Doch was tut das mir?!«

»Jupiter nahm die flankenstarken Töchter der Griechen und verlor doch nicht die Ehrfurcht des Volkes, die Opfer rauchten ihm nach wie vor, und seine Pfaffen wurden feist. Herr, in dieser Stadt seid Ihr das Gesetz. Dem Mächtigen ist alles erlaubt. Die Welt wird Eure Taten und Wünsche ehren.«

Der Graf trat allein in die Stube des Paradeishauses.

Ungestüm starrte er das erblassende Mädchen an. »Ich kenn dich, es ist manches Jahr her, da ich dich gesehen. Und doch kannst du es nicht sein.«

»Bin meiner Schwester ähnlich. Soll ich Euch Wein bringen? Unser Wein ist viel zu schlecht für einen hohen Herrn.«

»Deine Schwester? Lass den Wein! Bring mir die Schwester!«

»Sie ist gestorben ? damals ? nach Eurem Kuss.«

»Ja, jetzt erinnere ich mich. Seither hab ich das Haus da nimmer besucht. An meinem Kuss ist sie gestorben? Vor Lust?«

»Nein. Aus Abscheu.«

Der Gailoher loderte sie an. »Graut dir auch vor mir? Du schweigst? So will ich dich küssen mit dem Mund, davor dir ekelt. Du wirst stärker sein als deine Schwester. Du stirbst nicht daran.«

»Herr, redet nit so! Oder ich renn aus dem Haus!«

»Bist du in der Nacht auch so keusche gewesen?« höhnte er. »Und soll mir verschlossen sein, was dem Spießbuben erlaubt ist? Wer bin ich, und wer ist er? Den Bauern ist er entronnen, die Säue hat er in die Eicheln getrieben. Und du willst seine Metze werden? Kennst du der Landsknechte verruchtes Volk? Sie hausen türkisch, brändeln, morden!«

»Der Iring aber nit«, sagte sie gläubig.

»Ihr Feldschrei ist: ?Weiber her!? Ihre kurze Treue stellen sie heute auf die einen und morgen auf die andere.«

»Der Iring aber nit.«

»Der Iring aber nit und allweil nit!« schrie der Graf wütend. »Soll er mir immer im Weg stehen? Ich schaff ihn weg. Kennst du den Mann mit der Blutfeder auf dem Hut? Mit dem roten Wams? Dem breiten Schwert an der Hüfte? Der Henker soll deinen Buben schlafen legen!«

Sie stöhnte auf, ihre Knie wankten. »Das ? könnt Ihr nit tun!«

»Das tu ich. Er hat mich bedroht. Sterben soll er. Doch du, ? du könntest ihn retten.«

»Wie könnt ich das?«

»Hört,Dirn! Meiner Finger glühen nach dir Sei mein, du Paradeistürlein! Hernach mag er laufen, wohin er will!« Und er ergriff die in Grauen Gebannte. »Wenn du schreist, stirbt er!«

Willenlos wie eine Ohnmächtige hing sie in seinem Arm. Da hob sich eine Falltür in der Stube. Der Iring sprang aus dem Versteck herauf.

»Ha, Besuch aus der Unterwelt!« stammelte der Graf überrumpelt. »Versinke wieder!«

Der Landsknecht ließ die Tür krachend hinter sich zurückstürzen. »Lass sie frei, Gailoher!«

Der Graf ermannte sich wieder. »Braus mich nicht an mit deinem bäuerlichen Geschrei! Ich hab eine scharfen Knecht bei mir!« Er deutete auf sein Schwert. »Hüt dich! Es geht dir an den Hals!«

Der Iring zog vom Leder. »Das Leben gilt mir nichts!«

»Zeigst du den Bleckzahn, Knechtlein? Hau zu! Doch wisse: die Dirn da hat sich mir von selber ergeben! Eine Jungfer ist keine Felsenburg.«

»Eva!« rief der Iring. »Das lügt er. Sag es ihm in die Zähne, dass er lügt!«

Aber sie schwieg.

»Ich glaub nit, dass Untreu der Welt Königin ist. Sag, Eva, dass er gelogen hat!«

Aber sie schwieg.

Da fiel er aus und schlug dem Gailoher das Schwert aus der Hand.

Kreischend verschanzte sich der Graf hinter dem Tisch. »Ich bin wund!«

Die Stube war auf einmal von Bewaffneten gefüllt.

Der Iring schlug wie ein Tobsüchtiger um sich.

»Schmeißt mir den Stier!« befahl der Graf.

Einer umfasste den jungen Knecht von hinten. Die Waffe wurde ihm entwunden, er wurde gebunden.

Der Doktor Taratantrus drängte sich herzu. »In den Turm mit dem Buben! Hundert Staffeln tief! Herr Graf, Ihr blutet?«

»Die Wunde ist nur leicht«, sagte der Gailoher.

»Das genügt. Rünstige Wund, der Täter darf nicht bleiben gesund. Seinen Schädel hat er verspielt. Eines Hauptes zu lang ist er. Man soll ihn stutzen!«

»Sei bedankt für den Hieb, Landsknecht!« spottete Graf Eitelhund. »Du wahrst mit damit mein Gericht. Ihr Männer, geht mir sanft mit ihm um! Zerrt ihn nicht! Er hat mir ein wohlgefällig Werk getan. Und gebt ihm ein reichlich Mahl, eh er enthalst wird. Landsknechte fressen gern.«

»Stecht mich gleich nieder, Ihr Helpartierer!« rief der Iring, gegen seine Fessel ringend. »Bin ein gefangener Mann. Der Teufel trilliert. Ich will seinen Spott nit hören.«

»Reicht ihm gebackenen Fisch! Und ein jungfröhlich Weib dazu! Die Nannina! Sie soll ihm Zeit und Sorge scheuchen! Er soll nicht ungeduldig sein. Morgen ist alles vorbei. Morgen ist in meinem Haus ein Festtag. Der Henker soll das Hochgerüst mit Fichtenreisig zieren! Noch eins: das Volk ist nicht zuzulassen! Ich henke für mich, nicht für andere. Das Richten ist ein Schauspiel der Herren. Meine Freuden teil ich nicht gern. Führt den Kerl ab!«

Dann winkte Graf Eitelhund der Eva, die wie versteint stand. »Auf baldigen Trost, Jungfer!« Und er rauschte davon.

Der Doktor trippelte hinter ihm her. »Homo homini lupus!« murmelte er gelehrt. »Der Mensch dem Menschen ein Wolf!

*

Das eiserne Sünderglöckel läutete hart und nüchtern, da führten sie ihn zum Tor hinaus. Es war ein kühler, überklarer Morgen, der Gletscher droben hing drohend nahe.

Der Freimann mit seinen Knechten trieb den Iring wie ein Stück Vieh daher.

Der Gailoher hatte seine Freude an dem Armensünder. Wie stark und gelenkig dieser nun auf dem Gerüst sich reckte, ein Bursch wie ein Rammklotz, ein ehernes, stolzes Genick, eiserne Rippen, die Adern voller Blut. Er wird lange zucken! Der Gailoher war fröhlichen Gewissens. Der Spruch war nach allen Rechten gefällt, ein Fürsprech bestellt worden, allen Formen war entsprochen. Nun konnte das süße Schauspiel anheben!

Niemand war zugegen, als der Graf mit seinem gelehrten Rat, seinen Hellepartnern, dem Henker und dessen Gesinde.

Da weilte nun der Iring vor dem Block, und er wäre doch lieber gestorben im Gras und Grein der Kampfflur und auf ehrlichen Spießen zu Grab getragen worden. Doch was frommen die Wünsche der Menschen? So setzte er trotzig die Zähne in die Lippe und wartete des Schlages.

Aber als er die stolzen Berge und die hohen, beschneiten Klüfte starren und den Gletscher funkeln sah, da raunte er in tiefster Lebenssehnsucht: »Ei, ich soll jetzt sterben? Ich kann ja nit. Ich begreif das nit.« Und er suchte die gefesselten Hände freizuringen.

»Halt still!« mahnte der Henker. »Ergib dich! Es dauert nit lang, Brüderlein! Bist bald auf dem Anger Warteinweil vor der Himmelstür, wo dich die seligen Landsknechte erwarten.«

Im selben Augenblick drängten sich durch das Gebüsch zwei Menschen heran, der Rauhut und die Eva. Ehe die Wächter sie hinderten, standen sie vor dem Rabenstein.

Die Eva sank vor dem Grafen nieder. Weiß und schön war sie wie eine Salige Frau, die von den Gemshöhen niedersteigt.

»Herr, sterbensleid ist mir um den Buben. Um meinetwillen soll er sterben!« weinte sie.

»Das Schelmenhaupt muss fallen!« sagte er kalt.

»Vom Schwert will ich ihn lösen nach altem Recht und Brauch. Gebt mir ihn heraus!«

»Wie willst du ihn lösen?«

»Neunmal lauf ich um den Rabenstein«, stammelte sie.

»Du willst mit kleiner Münze kaufen«, spottete der Graf.

»Edler Herr«, erklärte der Doktor Taratantrus, »sie will nackend laufen. Nuda!«

Sie kniete vor dem Gailoher, sie brannte vor Scham wie eine Fackel. Sie verging vor der Gier seiner Blicke.

»Willst du das tun, Dirn?« rief er heiser.

Sie schlug die Augen nieder und nickte.

»Wohlan, nackend sollst du tanzen um den Stein! Mir zur Lust. Dann mag der Galgenbruder frei sein. Lass deine weißen Arme leuchten! Zieh dir das Hemdlein übern Hals! Lass die Brüstlein heraus rollen!«

»Erst löset dem Landsknecht die Stricke!« sagte sie.

Der Graf winkte. Da knotete der Peinmann dem Iring die Fessel auf.

Hoch atmete der Knecht. »Gailoher«, rief er, »ich will nit durch Unflat gerettet sein! Ich will deine Gnade nit. Ich begehr den Tod.«

»Du nimmst, was ich dir gebe«, entgegnete herrisch der Graf. »Die Dirn soll nackend springen.«

»Gailoher, ich bin verurteilt worden, ich hab ein Recht an dem Tod. Und du, Eva, ich will nit, dass du dich entblößest vor aller Welt!«

Schweigend löste sie das Band ihrer Schürze. Das Schürzlein fiel ins Gras.

Er erhob lauter die Stimme. »Eva, willst du tanzen und Eid und Treue brechen?«

Sie ließ den Kittel fallen. Sie winkte schmerzlich mit der Hand.

Da rief er: »Jetzt erkenn ich dich, Eva! Du hast treu und untreu mit mir gespielt. Du schnödes Herz, hast mich mit List umsponnen. Aber deine falsche Kunst zerrinnt. Ich sag mich los von dir, schamlose Hure du! Dir fällt es leicht, dich auszuziehen!«

Sie stöhnte auf und griff nach ihrem weißen Hemd.

Jetzt sprang der Rauhut mit wilden Sätzen hinauf aufs Gerüst. Das Wolfsmesser schwang er, er trug keine andere Waffe bei sich. »Ich helf dir, Bruder. Wir zwei stehen hinter demselben Schild!«

Der Iring riss ihm das Messer aus der Faust, starrte zu der wilden Felshöhe hinauf, und dann stieß er es sich mit einem gellen Trotzjauchzer mitten ins Herz.

Der Graf Eitelhund erblasste. Er wandte sein Ross und sprengte davon.

Hingekauert nahm die Eva das sterbende Haupt in den Schoß.

»Du hast mir den Tod aufgetan«, schnob der Iring sie an.

»Du hast mich mit um mein irdisch Heil gebracht ? und ums Himmelreich!«

Ihre Tränen stürzten über sein Gesicht.

»Wahn über Wahn!« stöhnte er. »Es ist keine Treu auf Erden. Gott, lass mich ? nimmer ? wiederkehren!«

Sie legte ihren Mund auf seine veratmenden Lippen und atmete seinen Fluch in sich und seine fliehende Seele.

Fluch verweht im Wind. Die Liebe bleibt.

*

Fahles, unirdisches Dämmer. Höchste Öde, den Irdischen unzugänglich. Eishölle. Der Gletscher schimmert schwach. Die Stille knirscht.

Eine furchtbare Kälte. Glühender Frost. Urweltfrost. Es gibt kein Maß dafür.

Zuweilen fliegt Nebel wild von Fels zu Fels, verdeckt die Schrofen, verhüllt das Gestirn, das keinen Trost weiß, und zerfließt wieder. Dann zuckt der Himmel von Schecklichtern, von Blutsternen, von Geisterschein, aus äußerstem Norden quellend, oder er wölbt sich ungeheuerlich erstarrt. Eine Gestalt wandelt abgrundnahe um eine Eissäule. Ein Mensch und doch nicht Fleisch und Blut. Ein Verdammter. In seiner Brust steckt ein Messer.

Wie lange schon kreist er um die Säule? Seit gestern? Seit tausend Jahren? Seit je und immer? Die Zeit verwest hier nicht. Hier waltet die grausame, eintönige Ewigkeit.

Fröstelnde Gespenster wehen vorbei, verschwinden in den Klammen. Schemen klettern felsan, stürzen, schreien. Einer kriecht auf den Knien dahin, heult vor Frost, sucht irgendwo Zuflucht davor. Schon heult er fern aus der Tiefe. »Immer, immer, immer!« heult er. Der Gailoher. Und die Flüche der Gepeinigten erwachen und erwidern die Qualschreie aus verlorenen Schluchten und Höhlen.

Der Büßer aber geht schweigend im Ring um die Säule.

Es wird wieder still. Nur manchmal kracht das mächtige Eis auf. Und die Nebel erheben sich wieder.

Jetzt steigt ein düsterer Zug den Jochweg herauf. Pfeifen und dumpfe Sturmtrommeln tönen. Eine Wallfahrt mit langen Spießen und sausenden, geschlitzten Gewändern. Ein borstiger Eisenwurm. Eiszapfen in den blutigen Bärten. Hohl klingt es, mit Geistermund gesungen, das Lied von Friaul uns Siebentod.

Voran einer, zerschnitten und zerschunden, den Leib voll harten Wunden. Er stößt den Spieß ins Eis. Ein Mann, einst verbrüdert dem an der Säule. Der Rauhut.

Der Rauhut hält bei dem Säulengänger an. »Ich kenn dich, gleißender Geist, erinnert er sich.

»Du kennst das Messer in mir«, erwidert es wie aus weiter, dunkler Ferne.

»Iring! Auch du in der kalten Höll?!«

Tiefes Grauen belebt die Stimme des Büßers. »Leiden muss ich, bis es Gott genug ist.«

»Siebentausend Jahr?« fragt der Rauhut.

»Tausendmal länger«, murmelt das Berggespenst.

Aus den Schlünden erhebt sich der Jammer. Ach! Ach! Ach! Er zerschellt am Eis, er zersplittert an dem Frost.

»Woher?« fragt der Büßer.

Der Landsknecht haucht in die Hände. »Verdammt, der Frost beißt durch Mark und Bein! Möchte lieber in der lohen Höll knotzen! Woher ich komm? Aus Rom. Der Frundsberg hat die Feste beschädigt mit Feuer und Schwefel. Dem Papst hat er den heiligen Stuhl umgestoßen. Juchhui!«

Der Totenzug trommelt vorüber.

»Kalt! Kalt!« klagt der Rauhut. »Was steigst du nit zur Almhütte nieder und wärmst dich, Iring?«

»Kann nit. Darf nit.«

»Geifernd Feuer ist holder. Teufel, bind mich an deine Flamme.«

»Wohin, Rauhut?«

»Mit dem Spieß will ich dem Satan sein Tor sprengen und hernach den Höllenbrei wacker umrühren.«

»Rottgesell, ich bitt dich, reiß mir das Messer aus der Brust!« flüstert der Büßer. »Es schmerzt mehr als der Frost, ist Eis und Glut zugleich. Ich selber bring es nit heraus.«

Der alte Landsknecht zerrt an dem Griff. Er zerrt ungestüm. Er zerrt vergebens. »Es steckt zu fest, Iring. Meine Kraft versagt. Zu wild hast du dir es ins Herz gestoßen.«

Eine Lawine donnert getal.

Der Rauhut lauscht selig. »Hörst du es? Die Trummel wirbt. Landsknecht singen. Ich muss hin. Juchhui!«

Er rennt den andern nach.

»Barmherziger Gott!« klagt der Büßer auf. »Schick mir Feuer! Umhüll mich damit! Durchbohr mich damit! Glüh mich weiß! O mich friert!«

Verzweifelt schlägt er die Stirn an die Säule. »Gott, lass meine unsterbliche Seele sterben! O Qual, ohne Aufhör zu sein! Gott, antworte mir! Oder bist du hier erfroren?«

Wie ein Geier schreit er nach Gott. An dem Eis erstirbt Schrei und Frage.

Müde umarmt er die Säule. Ist es nicht wie heimliches Leben drin? Wirken drin nicht Säfte der Erde? Trug! Eis, Eis, alles Eis!

Er schläft ein.

Er schreckt schnell wieder auf.

Hat das Eis gerufen? Oder ein Stein gestöhnt? Schreit die Nacht nicht selber auf vor Not?

Er horcht in das leere Gebirg.

Ein süßer Ton erklingt. Seinen Namen hört er rufen:

»Iring! Iring! I ? ring!«

Vom schneidenden Grat weht ein Leuchten nieder. Kommt ein Strahlenbote Gottes?

»Iring! Ich such dich.«

Eine schwebt daher in langem, weißem Gewand. Sie leuchtet ihn an. »Find ich dich da?« spricht sie zu ihm.

Seine Augen, die starr gewesen wie wilde, trübe Steine, beleben sich. »Salige Fraue!« bebt er.

»Ich komm aus Gott«, sagt sie.

»Wie ist dein Weg?«

»Über die ganze Erde bin ich gangen, rot ist sie vom Blut meiner Fersen. Die Sterne hab ich besucht, hab sie gefragt, wo du bist. Die Sterne sitzen auf güldenem Schemel. Den Steig bin ich gangen von der Sonne zum Mond. Die Sonne spinnt wildes Gold, der Mond mildes Silber. Keines hat gewusst, wo du weilst. Über den Regenbogen bin ich gangen, sind mir noch davon die Füße bunt. Bin kommen vors Nobishaus, da schlagen die heißen Flammen heraus. Du bist nit drin gewest. Keiner hat mir gesagt, wo du bist. Mein Herz hat mich zu dir gewiesen. Iring, weißt du, dass ich ohne Schuld bin?«

Er nickt leise. »Den Toten ist alles klar«, raunt er.

»Iring, warum büßest du? Dein Herz ist rein gewest, hat nichts verschuldet.«

»Leiden muss ich, Eva, weil ich dir nit hab vertraut. Vergib mir, dass ich dir weh tan hab! Und geh wieder! Du sollst nit frieren in deinem zarten Himmelshemdlein.«

Sie aber lehnt sich lächelnd an seine Brust, sie greift nach dem Messer und zieht es sanft und schmerzlos heraus. Sie schleudert es in den Abgrund.

Da war alle Qual vorüber. Da zersprang das Eis des Gletschers mit der Stätte und berührte allen Grund, weiches, hohes Gras grünte, Vögel flogen, und Falter funkelten.

Die Säule wurde zum weit ausgreifenden heiligen Apfelbaum, und an seinen Zweigen schimmerte die unschuldige Frucht. Für eine Weile verklärte sich die Eishölle.

Fern sang ein verflogener Engel ein Heimwehlied.

Alles Leben will ewig sein.

Und die Seelen des Büßers und des liebenden Weibes begegneten einander auf der Brücke des gleichen Gebetes. »Gott erneue uns! Lass uns wieder hinunter zur schönen, sternumkränzten Erde! Fülle uns wieder die Augen mit irdischem Licht! Lass uns noch einmal leben und durch Glück und Leid wandern und wieder zueinander finden!«

Das Weib griff in das Laub über sich und reichte dem Mann den Apfel. Sie aßen davon und aßen sich daran das neue Leben. Sie wussten sich vermählt und wieder zusammengegeben in künftiger Zeit.

Und so lösten sie sich zu Glanz auf und kehrten heim.

Zur selben Stunde wurden tief im Menschental drunten ein Knabe und ein Mädchen geboren.


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