Balladen und Romanzen

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Biographisches Vorwort.

Adam Mickiewicz, geboren 1798 zu Nowogrodek (Neuenburg) in Litthauen, besuchte, als der Sohn armer adeliger Eltern, das Gymnasium zu Minsk, bezog bereits im 16. Lebensjahre, als Regierungs-Stipendiat die Universität Wilna, um Mathematik und Physik, später Philosophie, Geschichte und Literatur zu studiren, und wirkte 1820 bis 1822 als Lehrer der lateinischen und polnischen Sprache zu Kowno. In dieser Zeit dichtete er die in einer neuen deutschen metrischen Uebertragung hier vorliegenden » Ballady i Romanse«, und gab die erste Sammlung derselben, sowie sein erstes Epos » Grazyna« nebst dem II. und IV. Theile seiner » Dziady«, als die ersten siegverkündenden Heroldsrufe des Kampfes der Romantiker mit den Klassikern in Polen, im Jahre 1823 in Wilna heraus, wohin er zurückgekehrt war, um unter Lelewel seine wissenschaftliche Ausbildung zu vollenden.

Nachdem der Dichter, als Mitglied der bei der Regierung mißliebigen Verbindungen der »Philareten« und der »Strahlenden,« in Wilna längere Zeit festgehalten, und später in das Innere Rußlands verwiesen worden war, machte er in der Verbannung eine Reise nach Odessa, und dichtete hier seine » Sonette aus der Krim« (Deutsch von Gustav Schwab im »deutschen Musenalmanach« 1833, und von Peter Cornelius in der »Universal-Bibliothek« No.76, Leipzig, Philipp Reclam jun.). Diese Gedichte verschafften ihm eine Stelle im Gefolge des Gouverneurs Fürsten Galizin, welcher ihn mit sich nach Moskau nahm, woselbst die Sonette 1826 erschienen. Sie wurden in fast alle Sprachen Europas übersetzt und erregten unter seinen Landsleuten eine wahre Begeisterung für den jungen Dichter.

Im Jahre 1828 gab er in St. Petersburg eine geschichtliche Erzählung aus Litthauens und Preußens Vorzeit heraus, deren Schauplatz die alte Kreuzherren-Veste Marienburg abgibt. Es ist dies sein berühmtes Epos » Konrad Wallenrod« (Deutsch von K. L. Kannegießer, Leipzig 1834. F. A. Brockhaus, ferner von Werner ? Nabieluk, von Otto Koniecki, und endlich von Dr. Albert Weiß. Bremen. 1871, F. Kühtmann, »Miniaturbibliothek«.) Im Jahre 1829 bereiste Mickiewicz Deutschland, wo er Goethes Bekanntschaft machte, und die Schweiz, wo er mit dem Lyriker Sigismund Krasinski, seinem berühmten Landsmanne, zusammentraf. 1830 lebte er in Rom und schrieb daselbst seine » Ode an die Jugend.« (Deutsch von Carl von Blankensee, in »Ad. Mick. sämmtlichen Werken,« im ersten (und einzig erschienenen) Theile: »Gedichte,« unter denen sich auch die »Balladen und Romanzen« befinden. ? Berlin 1836, Naucksche Buchhandlung.) In Rom ergab sich der Dichter leider, unter dem Einflusse Montalemberts, dem Mystizismus.

Nach dem Aufstande von 1831 ging er nach Dresden, und 1832 nach Paris, wo er den 4. Theil seiner Dichtungen herausgab, deren 3 erste Theile hier bereits 1828 erschienen waren. Hier heirathete er 1833 Celina Szymanowska, deren Mutter den Altmeister Goethe durch Schönheit und Anmuth, wie durch Gesang und Spiel in Karlsbad entzückte, und deren Schwester, bedeutender als Celina, durch ihr Talent als Malerin Theophil Lenartowicz Muse ward, jenes berühmten Bildhauers in Florenz, welcher seiner ihm leider durch die neidischen Götter nur allzufrüh entrissenen Gattin nicht nur die poetische Anregung, sondern auch die praktische Unterweisung in der bildenden Kunst verdankte, während Celina die Muse Mickiewicz nur zu bald verstummen machte. Nachdem er in den Jahren 1832 bis 1834 den dritten Theil der » Dziady«, die » Bücher der polnischen Pilgerfahrt«, den » Giaur«, und endlich sein Meisterwerk, das Epos » Pan Tadeusz« (Deutsch von Spazier, Leipzig 1836) geschaffen, hatte er den Zenith seiner Größe erreicht. Seine späteren Dichtungen sind nur noch ein schwacher Abglanz der früheren. Er glänzte zwar noch durch seine Beredtsamkeit, vertiefte sich aber mehr und mehr in mystische Grübeleien, und wurde in den letzten Jahren seines Lebens zu allen geistigen Arbeiten untauglich.

1839 wurde er Professor der lateinischen Literatur zu Lausanne, 1840 Professor der slavischen Sprachen zu Paris. 1838 gab er daselbst die erste Gesammtausgabe seiner Werke in 8 Bänden, 1845 die zweite, inclusive der Vorlesungen über slavische Literatur ( Cours de la litérature slave 1840-1844. Deutsch, 4 Bände, Leipzig 1843-1849) in 12 Bänden heraus. 1848 ging er wieder nach Italien und Rom, um dort polnische Legionen zu organisiren. 1852 wurde er von Napoleon III. zum Bibliothekar am Arsenal ernannt. 1855 trat er in türkische Kriegsdienste und starb in Constantinopel am 28. November desselben Jahres. Seine letzte Ruhestätte aber fand er, wie seine berühmten Landsleute Niemcewicz und Kniaziewicz, auf dem Friedhofe von Montmoreney.

Eine deutsche Gesammtausgabe der Werke von Adam Mickiewicz existirt bisher nicht. Die im Jahre 1836 von Carl von Blankensee begonnene ist, wie bereits bemerkt, nicht über den ersten Theil hinausgekommen. Man kann zwar schon jetzt ? m. A. der noch niemals vollständig erschienen Dziady ? sämmtliche Werke des Dichters in zum Theil recht guten Uebersetzungen zusammenstellen, aber dergleichen Einzelübertragungen verzetteln sich nur zu leicht, und die bisher erschienenen haben es nie zu einer zweiten Auflage gebracht. Trotz der Berühmtheit des Namens Mickiewicz hat das deutsche Publicum eine allgemeine Theilnahme für denselben bisher nicht kundgegeben. Und doch kann nur eine Gesammtausgabe seiner Werke den Genius eines Dichters zum klaren Verständnisse und zur vollen Würdigung bringen.

Möchte eine solche, wie er sie im höchsten Grade verdient, dem polnischen Dichterfürsten, welcher sich der lebhaftesten Anerkennung eines Goethe und eines Alexander von Humboldt zu erfreuen hatte, recht bald beschieden, und ? möchte es vorliegendem schlichten Bausteine eines bescheidenen Mitarbeiters am Bau einer Weltliteratur im Sinne des deutschen Großmeisters, hierbei mitzuwirken vergönnt sein.

Gumbinnen, am 5. Januar 1874.
Dr. Albert Weiß.

Romantik.

Me thinks i see ? where?
? In my minds eye.
Shakespeare.

Mich dünkt, ich sehe ? wo?
? Vor meines Geistes Augen.

»Höre, lieb Mädchen!«
? Aber sie hört nicht ?
»Heller Tag ist es! Da ist das Städtchen!
Niemand ist bei dir, wirst ja gestört nicht.
Was denn um dich greifst und fassst du?
Wen begrüßest du? Was hast du?« ?
? Aber sie hört nicht ?.

Bald, gleich todtem Steingebilde,
Starr ist ihr der Blick, der wilde;
Bald läßt das Auge sie schweifen,
Bald rinnt die Thräne der Kleinen;
Will etwas fassen und greifen,
Lachen bald muß sie, bald weinen.

»Du, mein Jaschek, kommst bei Nacht noch,
Du, noch im Tod mir Getreuer?
Mutter lauscht zuweilen! Sacht doch!
Komm nur! Hier ists nicht geheuer!

Laß sie nur lauschen, wenn ich dich habe ?
Aber ? du liegst ja im Grabe!
Bist du gestorben? ? Mir ist so bange ?
Bange? ? Was thäte mein Jasch mir zu Leide?
Ach! Und er ist es? An Augen und Wange,
Kenn ich ihn wieder, am schimmernden Kleide!

Ach, wie die Wangen dir gleißen!
Hu! Und wie starr ist die Hand dir, die kalte ?
Komm, daß auf meinem Schooß ich dich halte,
Küsse den Mund mir, den heißen!

Hu! Wie muß dort es kalt sein im Grabe,
Das dich vorm Jahr mir entrissen! ?
Nimm mich doch mit. Wenn ich dich nicht mehr habe,
Mag von der Welt ich nichts wissen.

Schlecht bei den Menschen mir geht es:
Wein ich, so spotten sie meiner;
Sprech ich, ach! Keiner versteht es,
Seh ich was, sieht es hier Keiner!

Komm doch bei Tage! ? Ob ich nur träume?
Nein! Nein! Dich halt ich umfangen!
Jasch, du verlässst mich im Bangen?
Hast ja noch Zeit, Jasch, o säume!

Mein Gott! Der Hahn kräht im Städtchen,
Morgenroth blinkt durch die Scheiben:
Kannst du denn gar nicht mehr bleiben? ?
Jasch! O, ich unglücklich Mädchen!«

So mit dem Liebsten koset die Kleine,
Folgt ihm, dann aufschreit und fällt sie;
Angstruf und Fall anlockt im Vereine:
Bald ist von Menschen umstellt sie.

»Betet für Beide,« sich Stimmen erheben,
»Denn uns umschweben die Seelen!
Sagt, wo die Käthe, kann Jaschek da fehlen,
Der sie geliebt, wie sein Leben?«

Ich auch das hörte, ich auch so meinte,
Betete für sie und ? weinte.

»Höre, lieb Mädchen,« schallt es, im Kreise
Läßt es den Mahnruf ergehen:
»Traut meinem Glase, glaubt einem Greise,
Nichts ist hier, gar nichts zu sehen!

»Geister sind Schenkenpöbels Geschöpfe,
Thoren sie schmieden im Lande:
Faselt ein Mädchen, glauben es Tröpfe,
Hohn spricht das Volk dem Verstande!«

»Das Mädchen fühlt!« Entgegn ich ihm bescheiden;
»Die Menge glaubt es ihm aus Herzensgrunde.
Gefühl und Glauben acht ich mehr, die Beiden,
Denn Alles, was des Klüglings Glas erkunde.

Das Volk wird todte Wahrheit nie verstehen:
Du siehst die Welt im Staub, im Stern die Kerze;
Willst Wunder du voll Lebenswahrheit sehen,
Hab nur ein Herz und blick hinein ins Herze!«


Der Switez-See.

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Ballade.

(An Michael Wereszczako.)

Wer du auch nahest Pluzyns dunklem Walde
Jemals durch Nowogrods Auen,
Anhalt die Rosse, geh nicht von der Halde,
Ohne den See zu beschauen.

Hell mit dem breiten Schooß der Switez funkelt
Weithin in riesigem Kreise.
Glatt, ob auch Wildniß rings ihn dicht umdunkelt,
Glänzt er gleich spiegelndem Eise.

Wenn du bei Nacht ihm nahest aus der Ferne,
Seewärts die Blicke nur richte:
Zu Häupten dir und Füßen siehst du Sterne,
Monde mit doppeltem Lichte.

Weißt nicht, ob gläsern dort die ebne Strecke
Himmelan unter dir steige,
Ob sich des Himmels hochgewölbte Decke
Gläsern zu Füßen dir neige.

Da du den Blick nicht kannst zum Jenseits heben,
Trennst du nicht Gipfel vom Grunde,
Du scheinst im Luftkreis mitten frei zu schweben,
Gleichwie in bläulichem Schlunde.

So mag bei Nacht in schönen Jahreszeiten
Täuschung dem Blick wol behagen,
Doch Nachts die Ufer einsam zu umschreiten,
Kaum wird der Kühnste es wagen.

Was tummeln da sich oft für Spukgestalten,
Was macht der Satan für Streiche ?
Nur zitternd hör ich munkeln es die Alten,
Denk ich es Nachts ? ich erbleiche.

Oft lärmt es drinnen, wie in einem Städtchen,
Flammen und Rauch ringsum wallen,
Kampfruf der Krieger, Jammerlaut der Mädchen,
Waffen und Glocken erschallen.

Jäh mit dem Rauch ist aller Lärm verflogen,
Rauschts nur im Tann, an den Rainen,
Leis nur, wie betend, flüstern die Wogen,
Leis, wie wenn Mägdelein weinen.

Was das bedeute? Wer kann es erklären?
Niemand noch war auf dem Grunde.
Umgehn im Volke Sagen viel und Mähren,
Doch wer erforscht ihre Kunde?

Ein Herr auf Pluzyn, dessen Ahnen waren
Herren des Switez und Erben,
Des Räthsels Lösung endlich wollt erfahren,
Klarheit sich wollt er erwerben.

Daß in der Stadt er in das Werk es setze,
Aufwand und Kosten nicht scheut er,
Zweihundert Fuß tief stricken läßt er Netze,
Kähne zu bauen, gebeut er.

Ich mahnt ihn: Gut kann solch ein Werk nur enden,
Ward es mit Gott unternommen!
Zu Messen mancher Kirche gab er Spenden,
Probst aus Cyryn mußte kommen.

Der stellt ans Ufer sich im Meßgewande,
Segnet die Arbeit, und winket.
Kaum schallt die Losung, stößt man ab vom Lande,
Rauschet das Netz und versinket.

Sinkt, und das Schwimmholz zerrt es mit hernieder,
Bis es die Wogen verschlingen ?
Spannt sich das Tauwerk ? leise rauscht es wieder.
Schwerlich der Fang wird gelingen.

Schon beide Flügel sie zum Ufer zogen,
Jetzt nur noch ziehn sie am Hamen;
Sagt ich, welch Spuk sie fischten aus den Wogen,
Niemand doch spräch dazu: Amen!

Und doch kein Spuk war, was im Netz gefangen:
Lebend ein Weib kam zur Stelle!
Korallenlippen, schneeig weiße Wangen,
Feucht war das Haar noch, das helle.

Sie eilt zum Ufer. Und indeß die Einen
Starr, sich nicht regen vom Orte,
Zu wilder Flucht die Andern sich vereinen;
Spricht sie die gütigen Worte:

»Jünglinge, wisset: hier ist eingedrungen
Nimmer noch straflos ein Nachen;
Jeglichen Waghals hat die Flut verschlungen,
Keiner entging ihrem Rachen.

»Auch dich, Verwegner, dich und die Genossen,
Längst schon die Flut euch umschlösse,
Wenn du nicht wärest unserm Land entsprossen,
Nicht unser Blut in dir flösse.

»Ist auch die Neugier strafbar, wie die Sünde,
Doch, weil mit Gott ihr begonnen,
Will er, daß euch mein Mund vom See verkünde
Wunder, wie nie sie ersonnen.

»Hier, wo auf Stellen, heute tief versandet,
Lattig und Rohr sich verbreiten,
Wo just mit euern Rudern ihr gelandet,
Hob eine Stadt sich vor Zeiten.

»Switez, durch Männer einst so reich an Thaten,
Als auch an Schönheit durch Frauen,
Hatt hier, vom Fürsten Tuhan wohlberathen,
Jahre der Blüte zu schauen.

»Nicht dieser Wildniß Bilder voll von Schauern,
Rings zu erblicken hier waren:
Herüber schauten Nowogrodeks Mauern,
Litthauens Hauptstadt vor Jahren.

»Als einst der Russe hier, der Zar, berannte
Mendog auf Tod und auf Leben;
Befiel ganz Litthaun Schrecken: es erkannte,
Mendog sich müss ihm ergeben.

»Mendog, deß Heer an weitentlegnen Stätten,
Schrieb meinem Vater entschlossen:
Tuhan, die Hauptstadt kannst nur du mir retten ?
Eile, beruf die Genossen.

»Tuhan kaum las, was ihm der Fürst verkündet,
Ruft er zum Kampfe die Streiter;
Fünftausend Mann sind treu mit ihm verbündet,
Trefflich bewaffnete Reiter.

»Tuhans Standarten schon am Thore blinken,
Hörner erschallen im Trosse,
Tuhan nur zögert, läßt die Arme sinken,
Sprenget zurück nach dem Schlosse.

»Spricht zu mir: Soll ich Fremden zum Entsatze,
Eigenen Herd überweisen?
Switez, du weißts, hat Schanzen nicht am Platze,
Nur unsre Brust, unser Eisen.

»Soll unser winzig Heer ich gar noch theilen,
Sind wir dem Freunde nichts nutze;
Wer bleibt, wenn Alle wir zum Kampfe eilen,
Töchtern und Frauen zum Schutze?« ?

? »Du zagst zur Unzeit, Väterchen, ihm sag ich,
Ruhm dir winkt ? wolle du gehen.
Gott wird uns schützen! Hab ? im Schlummer lag ich ?
Heut seinen Engel gesehen.

»Switez umkreisend, ließ sein Schwert er glänzen,
Deckt es mit goldenen Schwingen;
Sprach: Wenn die Männer fern sind an den Grenzen,
Schutz will den Frauen ich bringen. ?

? »Tuhan vernimmt es, folget seinem Trosse;
Kaum ist die Dämmrung gefallen,
Hört man durch Klirren und Gestampf der Rosse
Hurrah! den Schreckruf erschallen.

»Der Sturmbock dröhnend sprengt des Thores Reste;
Speere dicht hageln hernieder;
Und Greise, Mütter, Kinder nach der Feste
Zitternd heimkehren sie wieder.

»Sie schrein um Hilfe: Laßt das Thor verschließen,
Hinter uns herstürmt die Bande!
Ach, laßt uns lieber eignes Blut vergießen ?
Tod nur erlöst uns von Schande!

»Da jäh in Wahnsinn wandelt sich ihr Schrecken:
Schichten sie Stöße von Schätzen,
Drauf Schwamm und Zunder ? schon die Flammen lecken
Rufen sie voller Entsetzen:

»Fluch! Wer nicht selbst sich tödtet auf der Stelle!«
Wie ichs, zu wehren, auch eile,
Sie knien, den Nacken beugend auf der Schwelle;
Andre schon greifen zum Beile.

»Anhebt der Frevel. Eil ich zu den Horden,
Die mich mit Ketten beladen?
Oder soll gottlos ich mich selber morden?
Fleh ich zum Herren der Gnaden:

»Herr, können nicht entgehn wir Feindesnöthen,
Möge der Tod uns gelingen!
Mag lieber deines Blitzes Strahl uns tödten,
Lebend das Grab uns verschlingen!

»Urplötzlich scheint mich grelles Licht zu blenden;
Tag hat die Nacht überwunden.
Bestürzt den Blick will ich zu Boden wenden ?
Unter mir ist er verschwunden.

»Also entflohen wir der Schande Grauen;
Siehst du die Blumen im Kreise?
Das sind die Töchter Switez und die Frauen
Umschuf sie Gott sich zum Preise
!

»Weiß ihre Blüten, gleichwie Falter schimmern,
Schweben sie über den Wogen.
Grün ihre Blätter, gleichwie Tannreis, flimmern,
Blinkt es von Schnee überflogen.

»Der Tugend Bilder, mit dem Prachtgewande
Unschuld im Tod noch sie schmücket;
Still leben sie und dulden nimmer Schande,
Menschenhand nimmer sie pflücket.

»Der Zarerfuhrs, und seine Russenkrieger;
Sah er die Blüten erglänzen,
Wollte gar Mancher pflücken sie als Sieger,
Helm sich und Schläfen bekränzen;

»Doch wer den Arm nur in die Tiefe reckte, ?
Graus war die Kraft dieser Blüten ?
Jählings ihn Krankheit schwer darniederstreckte,
Tödtlich alsbald war ihr Wüthen.

»Ob auch die Zeiten tilgten die Geschichte,
Hielt sich die Mähr noch nach Jahren;
Das Volk noch heut sie feiert im Gedichte ?
Nennt heut die Blüten noch ? Zaren.« ?

Sprachs, und verschwunden war sie auf der Stelle,
Nachen und Netze verfallen.
Wildniß erbraust nur, an den Strand die Welle
Schäumt nur mit Rauschen und Schwallen.

Aufthat der See sich, klaffend bis zum Grunde;
Spähest umsonst nach ihr nieder:
Sie ist versunken in der Wogen Schlunde ?
Nie von ihr hörte man wieder.


Die Switez-Maid.

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Ballade.

Wer ist der Knabe, stattlich zu schauen?
Wer ist die Maid ihm zur Seiten?
Dort an des Switez Ufern, des blauen,
Langsam im Mondlicht sie schreiten.

Blumen zum Kranz dem Mägdelein gibt er,
Beeren im Korb ihm die Kleine;
Sicher ist er: ihr Einziggeliebter,
Sicher ist sie: ganz die Seine.

Unter dem Lärchbaum sehn auf der Halde
Sie sich bei Sternengeflimmer:
Er ist ? der Jäger drüben vom Walde,
Sie ist ? erforscht ward es nimmer.

Nie, wo sie herkam und hinging, vernommen,
Nie ihre Spur ward gefunden:
Stets ist, wie Froschkraut im Sumpf, sie gekommen,
Stets wie ein Irrlicht, verschwunden.

»Sage mir, Schöne, habe die Gnade ?
Wozu Geheimniß betrieben? ?
Sag mir, auf denen du kamest die Pfade,
Wo ist das Haus deiner Lieben?

»Schwand doch der Sommer, welkten die Blätter,
Stürmts doch und regnet im Lande ?
Soll deiner Ankunft, trotzend dem Wetter,
Immer ich harren am Strande?

»Willst, wie ein Spuk, durch Wälder du eilen
Immer, gleich flüchtigem Rehe?
Nimmer bei dem, der liebt dich, verweilen?
Bleib, o Geliebte, nicht gehe!

»Fern nicht mein Hüttchen steht dort, das enge,
Mitten im Hasel-Reviere:
Milch und auch Früchte hab ich in Menge,
Vorrath an Wild und Gethiere!« ?

? »Halt, o Verwegner! Männer im Scherze
Schmeicheln, wie Nachtigallschlagen;
Doch, wie ein Füchslein, schlau ist ihr Herze ?
Ließ ich vom Vater mir sagen.

»Mehr muß, als eurer Glut ich kann trauen,
Fürchten ich euer Bethören:
Könnt ich auf deine Treue wol bauen,
Wollt ich dein Flehen erhören?« ?

Knieet der Knabe, wühlt sich im Sande,
Schwört bei der Hölle Gewalten,
Schwört bei des Mondes Strahlengewande ?
Doch, wird den Schwur er auch halten?

? »Halt ihn, o Jäger! Rath laß dir geben!
Wer nicht hält, was er geschworen,
Weh ihm, ach, wehe! ? hier schon im Leben
Geht ihm die Seele verloren!« ?

Sprachs, auf der Halde länger nicht weilend,
Schmückt mit dem Kranz sich die Kleine,
Grüßt noch den Jäger fern, und enteilend,
Schwand, wie gewohnt, sie im Haine.

Jäger will folgen, zögert und stehet,
Kann ja den Flüchtling nicht fassen;
Jäh, wie ein Windhauch, ist sie verwehet ?
Er bleibt allein und verlassen.

Er bleibt allein ? in Wildnissen mitten
Schwankt ihm der Fuß, und Morästen.
Rings ist es still ? nur unter den Schritten
Raschelts von welkenden Aesten.

Irrenden Schrittes wankt er am Raine,
Irrenden Blickes er spähet.
Wild nur der Sturmwind braust durch die Haine,
Wogt nur die Flut und sich blähet.

Bläht sich und woget ? wallt es im Schlunde ?
? Anblick, o nimmer gesehen ?
Sieht aus des Switez silbernem Grunde
Hold eine Maid er erstehen.

Bleich sind die Wangen, feucht, wie die Rosen
Morgens, sinkt Thau drauf hernieder.
Hüllen, so leicht, wie Nebel, umkosen
Wehend die göttlichen Glieder.

»Lieblicher Knabe, stattlich zu schauen,« ?
Lockt ihn das Mägdlein zur Seiten ?
»Was an des Switez Ufern, des blauen,
Hast du bei Mondlicht zu schreiten?

»Was um die Wilde klagst du, die Spröde,
Die dich verlockt auf die Haide,
Sie, die verließ im Sehnen dich schnöde,
Gar dich verspottet im Leide?

»Lieber laß kosen uns miteinander,
Ende dein Seufzen und Klagen,
Komme doch, komme! Tanzen selbander
Wir, von Krystallen getragen.

»Oder willst, wie ein Schwälbchen, du munter
Streifen sie nur mit den Schwingen?
Oder willst, wie ein Fischlein, hinunter
Tagelang plätschernd, du dringen?

»Aber zur Nacht in silbernem Bette,
Unter des Spiegels Gezelten,
Bieten dir Wasserlilien die Stätte,
Träumst du von göttlichen Welten!« ?

Schimmert die Schwanenbrust aus dem Kleide
Schweigend zu Boden er starret ?
Schwebenden Schrittes nähern sich Beide:
»Komm, die Geliebte dein harret!«

Bald, wie ein Regenbogen im Kreise,
Blinkts, wenn die Luft sie durcheilet;
Bald wieder Tropfen, silberne, leise
Sprühts, wenn die Flut sie zertheilet.

Hineilt der Jäger, steht dann und säumet,
Möcht ihr wol folgen, der Süßen ?
Doch eine Woge flutet und schäumet
Leise vom Strand ihm zu Füßen.

Also verlockt sie, neckisch ohn Ende,
Ihn, bis sein Herz sie berückte,
Wie die Geliebte, wenn sie die Hände
Heimlich des Liebenden drückte.

Jäh hat der Jäger Liebchen vergessen,
Heiligen Schwur, der Verstockte!
Jäh ins Verderben eilt er, vermessen,
Folgt er dem Reiz, der ihn lockte.

Eilet und spähet, spähet und eilet,
Bis in den Wogen sie ruhten ?
Fern von des Ufers Bucht schon er weilet,
Kost schon inmitten der Fluten.

Drückt in den Seinen schneeige Hände,
Sieht schon die Aeuglein erglänzen,
Reicht schon den Rosenlippen die Spende,
Schwebt schon in munteren Tänzen ?

Da weht ein Lüftchen; Nebel entschwindet,
Täuscht ihn mit trügendem Scheine;
Jäger verwundert spähet und ? findet
Vor sich ? die Maid aus dem Haine.

»Wo blieb dein Schwur, der Rath, dir gegeben?
Wer nicht hält, was er geschworen,
Weh ihm, ach wehe! ? hier schon im Leben
Geht ihm die Seele verloren!

»Dir nicht geziemt es, in Tiefen zu dringen,
Plätschernd in silbernen Fluten;
Jäh deinen Leib wird Erde verschlingen,
Löschen im Blick dir die Gluten.

»Doch deine Seele, dort unterm Stamme
Soll ein Jahrtausend sie fühlen
Ewig die Qualen höllischer Flamme,
Nichts soll sie löschen, dich kühlen!«

Jäger vernimmt es, schwanket zum Raine,
Irrenden Blickes er spähet;
Wild nur der Sturmwind braust durch die Haine,
Wogt nur die Flut und sich blähet.

Bläht sich und woget ? wallt es im Schlunde,
Strudel im Strome sich drehen,
Oeffnen sich weit, bis ? jählings im Grunde
Jüngling und Mägdlein vergehen.

Tosen die Fluten, schäumen die Wogen
Heut noch im dämmernden Scheine:
Kommen zwei nichtige Schatten gezogen ?
Jüngling und Maid im Vereine.

Er unterm Lärchbaum klagt auf der Halde,
Sie tanzt im Flutengeflimmer.
Er ist ? der Jäger drüben vom Walde,
Sie ist ? erforscht ward es nimmer.


Das Fischlein.

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Ballade.

Vom Hofe, vom Dorf, von den Linden
Betrübt kommt ein Mägdlein gegangen;
Ihr Haar gibt sie preis allen Winden,
Und Thränen ihr netzen die Wangen.

Wo Fluß sich und Weiher vereinen,
Die Wiesen all gehen zu Ende,
Da bleibt sie still stehn um zu weinen,
Zu ringen die schneeigen Hände.

»Ihr Schwestern all, die ihr bewohnet
Den Switez da drunten im Grunde,
Wie schnöd meine Lieb er belohnet,
Vernehmt der Verrathenen Kunde:

»Hab ganz mich dem Herren geweihet,
Der Treue mir einst hat geschworen ?
Heut hat er die Fürstin gefreiet,
Und ? Kryscha ist ewig verloren.

»Mag liebend er auch sie umfahen,
Mag kosen er auch mit der Schönen,
Doch mirsoll der Heuchler nicht nahen,
In meinem Herzleid mich zu höhnen.

»Was ist noch, ihr Schwestern, beschieden
Verrathener Lieb hier auf Erden?
So nehmet mich hin denn in Frieden ?
Doch was soll, mein Kind, aus dir werden?« ?

Sie spricht es und weint; mit den Händen
Verhüllt sie der Aeugelein Gluten;
Und stürzt, ihre Qualen zu enden,
Vom Strand in die schäumenden Fluten. ?

Vom Wald her, aus schimmerndem Schlosse
Der Kerzen viel tausend erglänzen;
Zur Hochzeit im jubelnden Trosse
Musik schallt zu fröhlichen Tänzen.

Doch wie es auch schallet und klinget,
Im Wald hört man Wimmern und Klagen:
Ein Diener, ein treuer, dort bringet
Ein Kindlein im Arme getragen.

Er lenket zum Wasser die Schritte,
Wo dichter die Weiden dort stehen,
Die Windung entlang in der Mitte,
Wo kaum noch der Fluß ist zu sehen.

Anhält er im Winkel beklommen,
Ausruft er mit kläglichem Weinen:
»Komm, Kryscha, o wolle doch kommen!
Wer sonst reicht die Brust deinem Kleinen?« ?

? »Hier bin ich, im Strom, auf dem Grunde,« ?
Antwortet ein Stimmchen ihm leise ?
»Der Kies frißt an Aeuglein und Munde,
So kalt ists, wie unter dem Eise.

»Auf Kies und Gestein muß ich liegen,
Fortreißen mich Wassergewalten;
Ich esse Korallen und Fliegen,
Ich trinke den Frühreif, den kalten.«

Der Diener noch einmal, beklommen,
Ausruft er mit kläglichem Weinen:
»Komm Kryscha, o wolle doch kommen,
Wer sonst reicht die Brust deinem Kleinen?«

Da leis die Krystallflut durchschlüpfet
Etwas und kommt näher gezogen:
Leicht trübt sich das Wasser: es hüpfet
Ein Fischlein hoch über den Wogen.

Wie flaches Gestein, wenn im Schwunge
Den Händen des Knaben entweicht es,
Also unser Fischlein: im Sprunge
Den Spiegel des Wassers bestreicht es.

Das Fischlein, ein goldig geflecktes,
Hat Flossen, goldschimmernd vor Allen,
Ein Kopf, wie ein Fingerhut, deckt es,
Mit Aeuglein, so blank, wie Korallen.

Die Schuppen abwirfts, die durchfeuchtet;
Mit Mägdeleinaugen es winket,
Goldhaar fließt vom Scheitel und leuchtet;
Ein Nacken, ein schwellender, blinket.

Milchäpflein der Busen, der frische,
Das Antlitz gleicht rosigem Hauche,
Der Gürtel den Flossen der Fische ?
So schwimmt es zum Strand unterm Strauche.

So nimmt sie das Kind auf die Arme,
Nicht müd, an die Brust es zu schmiegen,
Die schimmernde, mütterlich warme:
»Mein Kind! Laß in Schlummer dich wiegen!«

Als so sie gestillet sein Weinen,
Im Korb an den Ast sie es hänget;
Und wieder die Glieder, die feinen,
Das Köpfchen, zusammen sie zwänget.

Ein Panzer sie wieder bedecket;
Seitwärts wieder Flossen sich schwingen.
Da plätschert es: wo sie sich strecket,
Aufwallen die Bläschen und springen.

Ob Spät- oder Frühroth erglommen,
Kaum gab ihr der Diener das Zeichen,
Im Switez die Maid kommt geschwommen,
Die Brust ihrem Kindlein zu reichen.

Was nahet einst Abends dem Grunde,
Kein Kindlein auf waldigen Strichen?
Vorüber ist längst seine Stunde ?
Kein Diener kommt heute geschlichen.

Heut kann er nicht; heut an der Seite
Versteckt muß ein Weilchen er warten;
Der Herr, in der Gattin Geleite,
Lustwandelt zum Fluß aus dem Garten.

Umkehrt er drum, kauert zur Seiten
Im dichtesten Waldesgehege;
Er wartet umsonst: denn sie schreiten
Zurück nicht auf nämlichem Wege.

Aufsteht er zum Fernrohr zu winden
Die Hand, durch die Spalte zu schauen ?
Nichts sieht er; den Tag nur entschwinden,
Die Dämmrung hernieder nur grauen!

Er harrt, bis die Sonne zur Rüste,
Anzündet die Nacht ihre Sterne;
Da nahet er wieder der Küste,
Und späht in die neblige Ferne.

Gotts Wunder! Von höllischen Mächten
Welch Anblick wird nun ihm erschlossen:
Nur Gräben und Sand ihm zur Rechten,
Wo kaum noch das Flüßchen geflossen.

Gewänder nur liegen zur Seite,
Zerstreut und ein Spiel allen Winden:
Vom Herrn, in der Gattin Geleite,
Auch nicht eine Spur ist zu finden.

Gestein nur ? dem Blick kaum er trauet ?
Im Flußbett sich sieht er entfalten,
Gar wunderlich ist es erbauet,
So gleicht es ? zwei Menschengestalten.

Erstaunt hats der Diener gesehen,
Er kann sich vor Schrecken nicht fassen;
Ein, oder zwei Stündchen vergehen,
Eh er hat vernehmen sich lassen:

»Komm, Kryscha, o wolle doch kommen!« ?
»Komm, Kryscha!« So schallts in die Runde.
Umschaut er umsonst sich beklommen:
Nichts zeiget sich, nichts gibt ihm Kunde.

Er starrt nach dem Graben, dem Steine,
Und trocknet den Schweiß von den Wangen,
Nickt dreimal, als ob er wol meine:
»Ich weiß, was hier vor sich gegangen!«

Dann nimmt auf den Arm er die Waise,
Hohnlacht er noch wild eine Weile,
Gebete dann murmelt er leise,
Und heimwärts er schreitet in Eile.


Die Heimkehr des Vaters.

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Ballade.

Geht, Kinder, Alle an die Säule treten
Wollt vor der Stadt auf dem Raine,
Auf euern Knieen unterm Kreuze beten,
Gläubigen Sinns im Vereine.

»Nicht kommt Liebvater, ob ich treu in Zähren
Tag und Nacht harre mit Schrecken,
Austraten Ströme, Wölf im Wald und Bären,
Räuber ihm drohn an den Ecken!«

Die Kinder Alle an die Säule treten
Drauß vor der Stadt auf dem Raine,
Aus ihren Knieen unterm Kreuz sie beten,
Gläubigen Sinns im Vereine.

Den Staub sie küssen: Sei gebenedeiet,
Vater und Geist sammt dem Sohne!
Dreieinigkeit, dein Name sei geweihet ?
Ewig auf heiligem Throne!

Manch Ave, Credo, Paternoster sendet
Aufwärts die Schaar auf den Knieen,
Als Rosenkranz und Zehngebot beendet,
Büchlein hervor Alle ziehen.

Und Litaneien ihr, der ewig Reinen,
Bruder, der Aeltere singet:
»Schütz unsern Vater!« stimmen ein die Kleinen,
»Du, die da Hilfe nur bringet!«

Da rasselts fernher, wie von nahnden Wagen,
Kaum daß den Klang sie vernommen,
Die Kinder schreien im Entgegenjagen:
»Vater, lieb Vater wird kommen!«

Der Kaufmann sieht sie, freudetrunken naht er,
Fliegt fast vom Wagen hernieder;
»Ha! Sehntet ihr euch auch nach euerm Vater?
Sehn wir auch Alle uns wieder?

»Sind Mutter, Tante wohl? Im Haus sie Alle?
Mitbring im Korb ich Rosinen!« ?
Bald der, bald Jener ruft mit Jubelschalle,
Freude verklärt ihre Mienen.

»Fahrt ihr nur vorwärts!« heißt er den Genossen,
»Ich geh zur Stadt mit den Kleinen!« ?
Er geht, da ? ist von Räubern er umschlossen:
Zwölf ihn umringen, den Einen,

Mit langen Bärten, Blicken, wild verschmitzten,
Blutig-besudelten Kitteln;
? Im Gürtel Dolche, blanke Säbel blitzten, ?
Fäuste sie schwangen mit Knitteln.

Die Kinder schreien, die der Vater bebend
Birgt unterm Mantel in Falten:
Bleich mit den Dienern er, die Hand erhebend,
Fleht zu den wilden Gestalten:

»Die Wagen nehmt, und was wir auf dem Leibe,
Und nur laßt froh uns vereinen,
Den Gatten raubet nicht so jungem Weibe,
Macht nicht zu Waisen die Kleinen!«

Nicht hört der Schwarm sie. Einer, spannt vom Wagen
Schon und entführet die Pferde;
»Geld« rufen Andre. Mit dem Säbel schlagen
Dritte die Diener zur Erde.

Da, »Halt!« ertönt es von des Führers Munde,
Stob auseinander die Bande,
Vater und Kinder sind befreit zur Stunde:
»Furchtlos zieht weiter im Lande!«

Ihm dankt der Kaufmann: »Dank nicht will ich haben,
Doch laß vom Räuber dir sagen,
Wär das Gebet nicht deiner frommen Knaben,
Ich hätt aufs Haupt dich zerschlagen.

»Nur durch die Kinder du dem Tod entgingest,
Sie nur das Leben dir schenken;
Bevor noch ihnen deinen Dank du spendest,
Hör mich und woll es bedenken:

»Ich und die Meinen hatten kaum vernommen,
Daß vor der Stadt hier am Raine
Ein Kaufmann werde heut vorüberkommen,
Lauerten wir dort im Haine.

»Da seh die Hände ich zu ihrem Gotte
Kinder im Dickicht erheben ?
Ich hör es ? anfangs lach ich auf und spotte,
Mitleid dann macht mich erbeben.

»Ich hörs ? die Keule mir entsinkt ? mir eilet
Heimwärts der Geist, denn ich habe
Daheim ein Weibchen, und daheim mir weilet
Lieblich, wie dieser, ein Knabe.

»Mich rufts zum Walde. Kinder, wollet treten
Oft vor der Stadt auf dem Raine
Zur Säule, knien, für meine Seele beten,
Beten für mich im Vereine!« ?


Marylas Grabhügel.

Romanze.

(Nach einem litthauischen Volksliede.)

Ein Fremder, ein Mädchen, Jasch, die Mutter, die Freundin.

Der Fremde.

An der Niemenbucht, der blauen,
Auf den weiten, grünen Auen,
Wessen Hügel dort erglänzet?
Weißdorn seinen Fuß bekränzet,
Himbeerstrauch und wilder Flieder,
Rasengrün bedeckt die Raine,
Blumen ihm die Stirn umflechten,
Und ein Faulbaum ziert die Mitte.
Pfade dreifach gehn hernieder:
Nach der Hütte der Eine,
Und der Zweite zur Rechten,
Und zur Linken der Dritte;
Bin zu Kahn herbeigeschwommen,
Mägdlein, gern hätt ich vernommen,
Wessen Hügel dort erglänzet?

Das Mädchen.

Wollt das ganze Dorf befragen,
Wird das ganze Dorf bekunden:
Aus dem Hüttchen dort getragen,
Hat Marie hier Ruh gefunden.
Rechtshin jenes Pfades Spuren
Traten aus des Hirten Schritte,
Links ? der Freundin; durch die Fluren
Wankt die Mutter in der Mitte.
Wenn das Frühroth kaum erglommen,
Werden sie zum Hügel kommen.
Bergt im Holzstoß euch zur Seiten,
Hört mit an ihr banges Klagen,
Laßt sie euerm Blick erscheinen:
Rechts ? der Liebste naht beklommen;
Links ? die Freundin seht ihr schreiten;
Und die Mutter in der Mitte.
Blumen all sie tragen,
Gehn mit leisem Schritte,
Und weinen.

Jasch.

Marie! So spät zu kommen!
Noch konnten wir uns grüßen,
Noch herzen nicht, und küssen, ?
Das Frühroth ist erglommen!
Dein Liebster harrt in Sorgen ?
Verschliefst du heut den Morgen?
Bist etwa gar mir böse?
Maryla! Mich erlöse,
O, komm! Wo bleibst du heute?
Nein! Kannst dich nicht verschlafen,
Kannst deinen Jasch nicht strafen ?
Bist ja des Todes Beute!
Dich bannt das Grab für immer,
Und, der sich dein erfreute,
Dein Liebster, schaut dich nimmer.
Ging ehedem ich schlafen, das war mein Erquicken,
Daß ich, Marie, erwachend, werde dich erblicken. ?
Ich schlief, trotz Mißgeschicken.
Jetzt leg ich hier mich schlafen, von den Menschen ferne,
Wenn ich im Traum dich sehe, meiner Augen Sterne
Auf ewig schlöss ich gerne!
Wirthschaftlich war ich immer, eh mein Glück geschieden:
Mich lobten alle Leute;
Der Vater war zufrieden ?
Wie grämet er sich heute:
Ich frage nach keiner Seele,
Ob im Felde das Korn vergehe,
Ob der Nachbar Garben stehle,
Ob das Heu vom Schober wehe,
Ob der Wolf das Vieh verzehr ?
Maryla! Du bist ja nicht mehr!
Mir schenkt ein Haus der Vater,
Ausstatten reich mich that er,
Zurieth er mir zur Ehe,
Zuredeten Berather,
Umsonst war ihr Begehr ?
Maryla! Du bist ja nicht mehr!
Ich bins ja nicht im Stande!
Weißt, was ich thu? Ich gehe
In ferne, fremde Lande,
Da wird mich Keiner finden,
Der mich wird suchen gehen:
Will von der Welt verschwinden,
Zum Russen will ich stehen,
Den Garaus macht mir der ?
Maryla! Du bist ja nicht mehr!

Die Mutter.

Warum ich schlief so lange
Bis auf dem Feld die Leute?
Weil ich nach dir mich bange,
Marie, wer weckt mich heute?
Ich, die die Nacht durchweinet,
Schlief, seit die Sonne scheinet.
Mein Simon nüchtern eilet ?
Ihn rührt mein Leid ? mich wecken mocht er nimmer ?
Aufs Feld vor Tagesschimmer;
Indeß beim Mähn er weilet,
Und läßt die Sense fliegen,
Will auf dem Grab ich liegen.
Was soll zu Haus ich? Weinen?
Wer ruft uns nun zum Essen?
Wer sitzt, wo du gesessen? ?
Ach! Keinen hab ich ? Keinen!
Als du noch warst zu Hause,
Zum Himmel ward die Klause:
Bei uns zur Abendfeier,
Zur Saat, zum Erntekranze,
Das ganze Dorf zur Leier
Sich dreht im frohen Tanze ?
Jetzt ist im Haus es öde:
Du fehlst ? man flieht uns schnöde.
Der Hof vermoost ? die Pfosten
Stehn öd, die Angeln rosten:
Gott uns verließ, und Menschen ringsumher ?
Maryla! Du bist ja nicht mehr!

Die Freundin.

Frühmorgens wir dies Plätzchen
Am Wasser uns erwählten,
Wenn wir von unsern Schätzchen
Einander uns erzählten.
Jetzt ist es aus, das Plätzchen öd und leer ?
Maryla! Du bist ja nicht mehr!
Wer wird auf mich noch bauen?
Wem soll ich mich vertrauen?
Ach! Seit dein treues Lieben
Nicht Leid und Freud mehr theilet,
Ist Schmerz nur, Schmerz geblieben,
Und jede Lust enteilet!

Der Fremde.

Der Fremde hörts mit Bangen;
Im Aug die Thränen rannen,
Er trocknet sich die Wangen,
Und schwimmt im Kahn von dannen.


Den Freunden.

(Mit der Ballade: »Das mag ich leiden.«)

Horch! Eins! zwei, drei ? schon schlägt die zwölfte Stunde.
Schweigen erfüllt mich mit Schauern;
Im Kloster hör ich bellen nur die Hunde,
Sturm nur umheulen die Mauern.

Tief in den Leuchter brennt das Licht hernieder,
Bald wird es dämpfen die Flammen ?
Noch einmal flackern sie und löschen wieder,
Glimmen und fallen zusammen.

Mich graust! ? Und doch die Stunde, heut voll Schrecken,
Himmlisch strahlt einst mir ihr Schimmer,
Erinnerungen, süße, könnt ich wecken!
Fort ? sie entschwanden für immer.

Kaum Glück und Tröstung fand ich wo im Buche,
Müde schon leg ichs bei Seite,
In selgem Sinnen dann mein Heil ich suche,
Bis zum Erwachen ich schreite.

Manchmal mich holde Truggebilde blenden,
Liebchen, die Freunde, die alten ?
Aufspring ich, spähend ? Ach, an allen Wänden
Schuf nur mein Schatten Gestalten.

Zur Feder lieber greif ich, doch im Sinnen,
Wirrt sich der Geist mir ohn Ende ?
Und will den Freunden ich ein Lied beginnen,
Weiß ich nicht, ob ichs vollende.

So mag entschwundnen Lenzes süß Gedenken,
Winterlich Lied, dich durchziehen!
In Schreck und Wonnen soll es euch versenken:
Spuk ja besingts und ? Marieen.

Wer mit dem Pinsel Ruhm sich will erringen,
Male getreu ihre Züge;
Wer sich als Sänger will unsterblich singen ?
Stoff gibt sie ihm zur Genüge.

Ich, ob ich all das auch im Herzen trage,
Suche nicht Ruhm, nur noch ? Frieden,
Zur Kurzweil lieber sing ich euch und sage,
Was einst mit ihr mir beschieden.

Das Wort, verrathend zarte Herzenstriebe,
Suchte Marie zu vermeiden:
Sagt ihr auch Einer hundertmal: Ich liebe!
Sagte sie kaum: Mag dich leiden!

Drum einst in Ruta, da in nächtger Weile
Alle zur Ruhe schon gingen,
Zur guten Nacht anhob ich, ihr in Eile
Diese Ballade zu singen:

Kowno, 27. Dec. 1821.


Das mag ich leiden!

Ballade.

Maryla, sieh! dort wo der Wald zu Ende,
Rechts von dem Weidengehege, ?
Nach links sich breitet lieblich Thalgelände,
Vornan der Bach mit dem Stege, ?

Ein altes Kirchlein steht, drin horsten Eulen;
Glocken im Stuhl dicht daneben;
Himbeergesträuch umwuchert seine Säulen,
Drunter sich Gräber erheben.

Bewohnen Teufel es? Verdammte Seelen? ?
Niemand wird Nachts ohne Zagen, ?
Die ältsten Leute selbst es nicht verhehlen, ?
Je zu betreten es wagen.

Kaum hat die Schleier Mitternacht gewoben,
Aufspringt das Kirchlein mit Schallen,
Im Dickicht rauschts; vom morschen Stuhle droben
Glocken von selbst hört man hallen.

Manchmal auch bleiche Flämmchen rings sich zeigen,
Donner auf Donner dann krachen;
Von selbst aus Gräbern morsche Särge steigen,
Spuk hört man schwirren und lachen.

Am Weg hier ohne Kopf liegt eine Leiche,
Da rollt ein Kopf in die Runde:
Den Mund, die Augen öffnend, speit der bleiche
Flammen aus Augen und Munde.

Dort läuft ein Wolf; kaum willst du ihn verjagen,
Schwebt, wie ein Aar, er auf Schwingen;
Eh, vor Entsetzen du ein Kreuz geschlagen,
Ha! ha! den Wolf siehst du springen.

All das mit Grauen Nachts sieht jeder Wandrer,
Flucht, daß den Weg er beschritten:
Des Einen Deichsel bricht, umwirft ein Andrer,
Lahm wird das Pferd einem Dritten.

Ich, ob Andreas warnte mich, der Alte,
Oft auch mit mahnenden Worten,
Weil ich der Teufel lach, von Spuk nichts halte,
Ritt oft und ging an den Orten.

Einst auf der Ruta-Brücke, nächtger Weile,
Stehn mir die Pferde vorm Wagen;
Mag sie der Führer noch so sehr zur Eile
Treiben mit Rufen und Schlagen:

Sie stehn ? bis jählings mir von dannen sausen,
Brechend die Deichsel, die beiden;
»Auf freiem Felde Nachts allein zu hausen,« ?
Ausruf ich ? » Das mag ich leiden

Kaum rief ichs, seh ich ein Gespenst voll Bangen
Vor mir die Fluten durchschwimmen:
Weiß sind die Kleider, weiß, wie Schnee, die Wangen,
Flammen die Schläfen umglimmen.

Will ich entfliehn ? zu Boden muß ich fallen,
Sträubt sich das Haar mir vor Zagen;
»Gelobt sei Jesus Christ!« nur kann ich lallen;
Hör ichs »In Ewigkeit!« sagen.

»Mensch, wer du seist auch, nimm des Dankes Spende,
Du hast erlöst mich hienieden;
Sei Glück dir bis zum fernen Lebensende,
Frieden dir ewig beschieden!

»Sieh! Meine Seele, schon ein Raub des Bösen,
Bald wird am Himmel sich weiden!
Vom Fegefeuer konnte mich erlösen
Nur das Wort: » Das mag ich leiden

»Bis kräht der Hahn, die Sternlein all verglommen
Droben am Himmel, erzählen
Will meine Mähr ich dir ? zu Nutz und Frommen:
Stoff magst daraus du dir wählen.

»Als in der Welt ich lebt, der ich entstammte,
Hieß ich Maryla vor Zeiten;
Mein Vater war, der Erste hier im Amte,
Mächtig und wacker im Streiten.

»Sein höchster Wunsch war meine Hochzeitsfeier;
Jung war ich, reich meine Habe;
Von allen Seiten lockt herbei mir Freier
Schönheit und glänzende Gabe.

»Ob meinem Stolz auch schmeichelt ihre Menge, ?
Daß ich so Vielen gefalle ?
Doch, neigten sie vor mir sich im Gedränge ?
Alle verachtet ich, Alle.

»Auch Joseph kam, ein Jüngling noch an Jahren,
Schüchtern, doch willig zum Guten;
In Liebes worten zwar noch unerfahren,
Fühlt er doch heiß ihre Gluten.

»Hinschwand der Aermste fast vor meinen Augen,
Nächte durchweint er und Tage:
Aus seinen Schmerzen konnte Lust ich saugen,
Lachen der jammernden Klage.

»Sprach er: Ich gehe! weinend, rief ich: Gehe!
Ging er, und ? dort in dem Grabe
Am Flüßchen ruht ? er starb vor Liebeswehe ?
Den ich verschmähte, der Knabe.

»Seitdem bot keine Freude mir das Leben:
Reue nicht kann es versüßen;
Was todt ist, kann kein Mittel wiedergeben,
Zeit mir nicht blieb, es zu büßen.

»Einst als zur Nacht ich mit den Eltern plaudre,
Kracht es, wir schrecken zusammen:
Joseph erscheint als Geist mir, daß ich schaudre,
Gleichwie vor höllischen Flammen.

»Er packt, erstickt mich mit des Rauches Säulen,
Schleppt mich zur Höll an die Pforte,
Wo unter Zähneklappern ich und Heulen
Höre die grausigen Worte:

»? Du weißt, das Weib ? so hats dem Herrn gefallen ?
Stellt Er dem Manne zur Seite,
Daß es versüße ihm das Erdenwallen,
Wonnen, nicht Schmerz ihm bereite.

»Und doch, als hättest du ein Herz von Steine,
Worte der Liebe erflehte
Von dir noch keine Menschenseele; keine
Rührte dich je durch Gebete.

»Vom Fegefeuer lange, lange Jahre,
Grausame, Nichts soll dich scheiden,
Bis daß ein Mann auf Erden offenbare
Dir das Wort: Das mag ich leiden!

»Dich bat einst Joseph, nur dies Wort zu sagen,
Thränen oft mochts ihm erwecken:
Jetzt flehe du, mit Thränen nicht und Klagen ?
Sondern mit Spuk und mit Schrecken!« ?

»Er sprachs und zog mich nach des Schreckens Stätten ?
Jahre heut hundert verliefen ?
Bei Tag gefoltert, Nachts befreit von Ketten,
Fleh ich aus höllischen Tiefen.

»Im Kirchlein Nachts auf Josephs Grab zu bleiben,
Grausig für Himmel und Erde,
Bin ich verdammt, mit Wandrern Spuk zu treiben,
Wechselnd so Kleid, wie Geberde.

Wandrern und Reitern brech ich Hals und Beine,
Führ sie in Sümpf und in Heiden;
Mir flucht ein Jeder, schmäht, wenn ich erscheine,
Du nur riefst: Das mag ich leiden!

»Dafür soll fallen dir des Schicksals Schleier,
Sollst du die Zukunft erspähen:
Auch du siehst einst eine Marie als Freier,
Aber ?
« Die Hähne schon krähen.

Sie winkt nur, und ihr Auge blinkt vor Wonne ?
Zart, wie ein Hauch, so vergeht sie;
Bleich, wie ein Wölkchen vor der Morgensonne,
Treibt es der Zephyr, verweht sie.

Heil steht mein Wagen auf der Wiese mitten,
Auf! ? Doch eh ich ihn betreten,
Für alle Fegefeuerseelen bitten
Muß und drei Aves ich beten.


Frau Twardowska.

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Ballade.

Ha! das ißt und trinkt und schmauchet,
Tanzt über Tisch und auf Bänke!
Ha! ha! ha! daß Alles rauchet,
Fast demolirt wird die Schenke.

Auch Twardowski sitzt darunter,
Stemmt, wie ein Pascha, die Seiten:
»Leutchen!« ruft er, »laßt euch munter
Kurzweil und Schrecken bereiten!«

Ein Soldat! (den Heiden spielt er,
Wettert und flucht bis zum Rasen),
Ihm ums Ohr den Säbel zielt Er,
Und der Soldat wird ? zum Hasen.

Vom Gericht ein Advocat (er
Führt still den Löffel zum Munde),
Klappernd nur mit Geld ihm naht Er ?
Der Advocat wird zum ? Hunde.

In die Stirn dem Schuster-Tropfe
Trichter drei bohrt Er ? drei Klapse, ?
Und ein halb Faß aus dem Kopfe
Sticht Er von ? Danziger Schnapse.

Kaum geleert sein Gläschen hat Er,
Pfeift es und zischt es darinnen!
»Was, zum Henker, hier Gevatter« ?
Rust Er ? »was willst du beginnen?«

Teufel sitzt im Glas: dem Grunde,
Feist wie ein Deutscher, entsteigt er,
Zieht das Hütchen, in die Runde,
Tief vor den Gästen sich neigt er.

Wuchs zwei Ellen, eh gefallen
Er auf den Boden vom Glase:
Hahnenfüß und Sperberkrallen
Zeigt er, und krumm ist die Nase.

»Ah! Twardowski, lebst noch immer?« ?
Hurtig ihm naht er im Sprunge ?
»Grüß dich, Bruder! Kennst mich nimmer?
»Bin ja Mephisto, mein Junge!

»Auf dem Blocksberg hast, Geselle,
Mir doch die Seele verschrieben,
Deine Schrift auf Ochsenfelle
Ist mir als Schuldschein verblieben.

»Dir zu dienen, meinen Schaaren
Hab ich zwei Jahre befohlen;
Dann gen Rom du solltest fahren,
Dort aber wollt ich dich holen.

» Sieben Jahr sind heut vergangen,
Schuldschein verlor schon im Preise,
Du, der Hölle Schreck und Bangen,
Denkest nicht mehr an die Reise.

»Doch die Rache, selbst die lahme,
Trieb dich in unser Gehege:
» Rom« ist dieser Schenke Name ?
Hier ich Arrest auf dich lege!«

Flink zur Thür Twardowski dränget
Auf ein solch Dictum acerbum;
Teufel ihn am Kontusch zwänget:
»Wo ist dein nobile verbum?«

Was hier thun? Ist schwer zu rathen:
Will schon den Kopf nimmer rühren;
Doch ? vielleicht mit den Tractaten
Kann in die Eng ich ihn führen.

»Im Contract, wie du erfahren,
Ward auch der Punkt aufgenommen:
Wirst nach so und so viel Jahren
Nach meiner Seele du kommen.

»Bleibt das Recht mir unverholen,
Dreimal zum Dienst dich zu zwingen,
Und du mußt, was ich befohlen,
Bis auf das Jota vollbringen.

»Schau das Roß im Schenkenschilde ?
Maler auf Leinwand es schufen ?
Will besteigen ich, das wilde,
Scharren mir solls mit den Hufen.

»Dreh mir eine Peitsch aus Sande,
Damit das Rößlein ich treibe;
Bring im Wald ein Haus zu Stande,
Darin beim Futtern ich bleibe.

»Füll mit Nußkernen sein Fachwerk ?
Auf den Karpathen hoch thron es;
Judenbärte nimm zum Dachwerk,
Decke mit Samen vom Mohn es.

»Einen Zoll dick, lang drei Zolle ?
Ganz nach dem Maß dieser Zwecken ?
Du in jedes Mohnkorn wolle
Brettnägel dreifach mir stecken.«

Springt Mephisto ? bringts zu Stande:
Putzt das Roß, füttert und tränkt es;
Dreht ihm eine Peitsch aus Sande,
Fertig ists, eh man noch denkt es.

Sitzt Twardowski auf dem Renner,
Prüft, wie er geht und sich wendet,
Reitet Trab, Galopp als Kenner, ?
Da ist das Haus auch vollendet.

»Du, Herr Teufel, siegtest! Gnade!
Aber ? noch gibt es ein Zweites:
Hier in diesem Becken bade,
Wasser darin ist, geweihtes

Teufel krümmt sich, flucht verstohlen,
Bleich ist, mit Schweiß er beladen ?
Doch der Diener, wie befohlen,
Muß bis zum Halse ? sich baden.

Dann, wie aus der Schleuder schnellend,
Schnaubt er: Brr! schüttelt sich wieder:
»Jetzt bist du der Unsre!« gellend
Ruft er, »Mir sengt ich die Glieder!«

? »Eins nur noch, und dann nichts weiter
Teufel, jetzt bist du verloren ?
Das ist Frau Twardowska« ? schreit er,
»Die ich zum Weib mir erkoren!

»Bei Beelzebub ein Jährchen
Wohnen will gern ich, statt deiner,
Wenn, mit ihr vereint zum Pärchen,
Du hier ausharrest, statt meiner.

» Ihr zu schwören Lieb und Treue,
Feierlich heut dich verpflicht ich;
Brichst den Pact du, sonder Reue
Unsre Verträge vernicht ich.«

Teufel hörts mit halben Ohren,
Späht nur, wo Rettung ihm winke ?
Kaum, die ihm zum Weib erkoren,
Sah er ? schon naht er der ? Klinke.

Auch Twardowski naht, ihn drängend:
Thür nicht noch Fenster erreicht er ?
Durch das Schlüsselloch sich zwängend ?
Damals, wie heut noch ? entweicht er.


Tukaj
oder
die Freundschaftsproben.

Ballade.

????????

I.

»Laßt mich sterben ? ohne Zagen!
Wollt erleichtern Euch die Mühe:
Wer da starb, ob spät ob frühe,
Den erwecken keine Klagen!
Herr von Gütern und von Vesten,
War berühmt durch Gold und Macht ich;
Meine Schlösser Tag und Nacht ich
Freunden offen hielt und Gästen. ?
Mensch, die Macht ist leere Mythe,
Schlösser, Namen sind ? ein Hauch nur;
Groß ist ? nichts, die Größe ? Rauch nur:
Seht! Ich sterb in Jugendblüte! ?
Rastlos ich nach Weisheit suchte,
Eilend über Land und Meere,
Fand in Büchern manche Lehre,
Die als Schatz ich eifrig buchte ?
Mensch, die Wissenschaft ist Mythe,
Weisheit, Name sind ? ein Hauch nur;
Groß ist ? nichts, Verstand ist ? Rauch nur:
Seht! Ich sterb in Jugendblüte! ?
Heilgen Glauben nie verlacht ich,
Herzensrein war meine Jugend,
Ich belohnte stets die Tugend,
Und den Kirchen Opfer bracht ich ?
Mensch, die Frömmigkeit ist ? Mythe,
Glaube, heilger Nam ? ein Hauch nur;
Heilig ? nichts, die Tugend ? Rauch nur:
Seht! Ich sterb in Jugendblüte!
Grausam, Schöpfer, ist dein Walten:
Werd ich schon so früh begraben,
Wozu mußt ich Diener haben?
Soll nicht Lohn die Treu erhalten? ?
Lieb auch hast du mir gegeben,
Und der Freundschaft milde Sonne ?
Tod vergiftet alle Wonne ?
Lebt denn wohl für dieses Leben!«

So, von Diener Hand getragen,
Tukaj, unter lauten Klagen,
Abschied nimmt zu Aller Kummer,
Schließt das Aug im ewgen Schlummer.

Horch! Da dröhnt es überm Dache,
Daß des Schlosses Mauern beben:
Einen greisen Fremdling schweben
Sieht man mitten im Gemache.

Haare grau die Schläfen decken,
Lang der Bart wallt zu den Knieen,
Furchen tief die Stirn durchziehen,
Und die Hand sich stützt am Stecken.

Tukaj von der Lagerstelle
Aufstehn heißt er, mit sich gehen;
Obre Säle, Wachen, Wälle,
Weit schon hinter sich sie sehen;
Gehn hinaus in Nacht und Regen,
Sehn des Mondes Silberwangen
Nebelschleier bald umfangen,
Bald die Wolkenschicht sich legen;
Gehn dahin durch tiefe Schluchten,
Wüstenein in Ried und Rohre,
Durch Hnelicas düstre Moore,
Koldyczewos blaue Buchten.
Wo, von Wildniß rings umgeben,
Schwarz der Bodens fahl die Wipfel,
Kiesbedeckt bis an den Gipfel,
Sich Zarnowos Höhn erheben,
Kniet auf einem Grab der Greise;
Blitzt sein Auge, glüht die Wange;
Dreimal pfeift und ruft er leise,
Zeigt hinab vom Bergeshange:

»Tukaj, auf dem Steg dich halte
Nach der Hütte dort im Schilfe:
Polel wohnt darin, der Alte,
Seine Weisheit bringt dir Hilfe.
Gott, der dich mit süßen Banden
Hat durch Wissenschaft und Tugend
Eng verknüpft den Erdenlanden,
Sterben läßt dich in der Jugend ?
Doch nicht woll in Furcht erbeben!
Mittel will ich dir bereiten:
Dienern, Freunden, Gattin leben
Jahre sollst du, Ewigkeiten.
Ich zuerst will Menschenblicke
Diese Mittel offenbaren,
Doch ? so wollens die Geschicke:
Zwei nur dürfen sie erfahren.
Wähle drum dir einen Zweiten,
Wenn, im Glauben und Vertrauen,
Du auf ihn zu allen Zeiten
Kannst, wie auf dich selber bauen.
Triffst dus ? wirst du niemals sterben,
Fehlst dus ? harret dein Verderben!« ?

? »Alter, mit dem Sehermunde
Sprichst du nur in Dunkelheiten ?
Gib mir deutlicher die Kunde!« ?

? »Wähle du dir einen Zweiten!
Geh mit Kopf zu Rath und Herzen:
Leib und Seele gilt es eben,
Ist er treulos ? Höllenschmerzen;
Ist er treu dir ? ewig Leben ?
Kannst du einem Diener trauen? ?«

Tukaj wagt nichts drauf zu sagen:
Kann auf fremden Sinn man bauen?
Diener sind gar oft verschlagen ?

? »Deinem Weibe, deinem Liebchen?« ?
? »Ja ?« ? Da stockt er, starrt hernieder;
? »Ja ?« ? Schon stockt und starrt er wieder;
Zweifel seine Seele quälen:
? »Meinem Weibe, meinem Liebchen?« ?
Ja, er glaubt es ? Wieder Zagen
Fühlt er: »Doch mein Weib, mein Liebchen« ?
Scham und Bangigkeit ihn quälen;
Wieder sinnt er, will schon wählen,
Und doch wagt er nichts zu sagen.

? »Stirb denn! Und du konntest wagen? ?
Laß den wilden Wunsch in Frieden!

Traust du Niemand mehr hienieden,
Darf die Welt dich länger tragen?« ?

Sinnt er. ? »Kannst auf Niemand bauen?
Dienern, Gattin, Freund nicht trauen?« ?

Sinnt er. Eh er sichs versehen,
Schwärzen sich des Himmels Räume;
Donner rollen. Büsch und Bäume,
Sumpf und Fels mit grellem Strahle,
Selbst der See, in Flammen stehen,
Und der Boden wankt im Thale.

Ehe Blitz und Donner enden ?
War es Gottes-, Satans-Wille? ?
Fand im Bett sich, in der Stille
Tukaj in der Seinen Händen.

Fern nur: »Du hast keinen Zweiten« ?
Rufts ? »auf den du aller Zeiten
Kannst wie auf dich selber bauen,
Dem du kannst in Allem trauen!«

II.

»Ha! Ich hab den Freund gefunden!«
Tukaj ruft, der todtengleiche;
Seine Stirn sich färbt, die bleiche,
Und im Aug ihm blitzt Gesunden:
Tukaj, kaum dem Grab entrissen,
Rafft, zum Staunen der Doctoren,
Sich empor von seinem Kissen,
Geht umher wie neugeboren.
Den Tractat aus Ochsenfelle,
Drauf, von Höllenmacht getrieben,
Zaubersprüche Teufel schrieben,
Tukaj sieht, springt auf, erfaßt ihn,
Setzt sich dann, und liest mit Hast ihn:

»Wird der Mond im Viertel stehen,
Mußt zum Wald am Berg du gehen:
Einen Stein dort findest, eine
Weiße Wurzel unterm Steine;
Fühlst du nahen Todes Grauen,
Laß den Leib in Stücke hauen,
Dort im Fluß die Wurzel quellen
Und darein die Glieder stellen;
Seele wird und Leibeshülle
Dir erstehn in Jugendfülle;
Dieses Mittels Zauber geben
Dir, so Tod, als ewig Leben!«

Folgt die Vorschrift, die genaue,
Wie man Kopf und Fuß zerhaue,
Wie man Wasser schöpf im Flusse,
Wie viel Wurzel zu zerreiben;
Als Postscript enthält das Schreiben
Diese Clausel noch zum Schlusse:

»Wenn, den du gebraucht, der Zweite,
Daß die Salb er dir bereite,
Doch, von uns in schwacher Stunde
Noch verführt, gibt Andern Kunde;
Wenn gesalbt dein Körper nimmer
Ward zur Zeit, die wir befahlen, ?
Schwand der Wurzel Kraft für immer,
Harren dein der Hölle Qualen.
Willst du also doch es wagen,
Sei als Einverständnißzeichen
Es Mephisto übertragen,
Den Tractat zu überreichen.
So gewarnt vor unsern Ränken,
Wolle dich zur Zeit bedenken.
Manu properia. Gegeben
Sabbath früh. Im Erebus
Lucifer. (Und dicht daneben
Hadramelach ? steht am Schluß).

Tukaj mocht es nahe gehen:
Deß hat er sich nicht versehen;
Mit der Hand den Bart sich kraut er,
Reibt die Stirne, rümpft die Nase,
Prüft die Schrift mit seinem Glase,
Schnupft zweimal nach seiner Weise;
Mit dem Blick den Boden streifend
Bald, und bald zur Decke schweifend,
Wägt das Pergament er leise;
Wieder scheel hernieder schaut er,
Sinnt und liest, und sinnend wieder,
Knirscht er mit den Zähnen, brummet,
Seufzt und stöhnt und surrt und summet,
Haut die Faust zum Tisch hernieder,
Läuft umher, wie toll im Hirne;
Sinnend wieder bleibt er stehen,
Schwenkt die Hand: » So mags geschehen
Läuft, die Hand fest an der Stirne,
Dann, als obs das Leben gelte;
Wieder setzt er sich zum Sinnen, ?
Niemand dieserhalb ihn schelte ?:
Schlecht mit Teufeln ist beginnen!

Also denkt er: Ewig Leben,
Oder in des Teufels Krallen ?
Doch kein Wörtchen läßt er fallen,
Nur die Lippen leis ihm beben.
Doch nicht Zeit ist mehr, zu schwanken;
Drum entfernt die Hausgenossen
Tukaj, der sich eingeschlossen
In die Werkstatt der Gedanken.
Lange den Tractat noch, lange,
Eh daran das Siegel hängt er,
Ihn zu prüfen, mit der Zange
Ernster Ueberlegung zwängt er.
Bald im Tiegel des Vergleiches
Schmelzt er alle Aehnlichkeiten,
Bald das Messer, kühnen Streiches,
Senkt er in Verschiedenheiten;
Bringt all das, wie Wachs, zum Flusse,
Seiht draus ein Extract zum Schlusse,
Prüft von außen es und innen,
Bis er spricht nach langem Sinnen:

»Welches immer auch die Ränke,
Die, wie ich gehört, im Spiele,
Wenge seiens, oder Viele ?
Dreifach nur ich mir sie denke:
Will man zum Verrath verleiten,
Muß vom Rath zur That man schreiten;
Will es nicht durch Geld gelingen,
Muß man es durch Schreck erzwingen:
Also kurz, daß ich zum Ende
Mich des Syllogismus wende,
Dreierlei nur dräut Verderben:
Vorwitz, Habgier, Furcht vor Sterben.
Wer nicht täuscht in den drei Lagen,
Harterprobt, mir mein Vertrauen,
Nur auf ihn kann ohne Zagen
Ich, wie auf mich selber bauen!« ?

Tukaj, mit dem Schluß zufrieden,
Tinte sucht und Sand, danieden
Seine Sündenschrift zu schreiben;
Nicht zu eilig mag ers treiben:
Nächtlich Dunkel deckt den Himmel,
Und die Tinte ? dichter Schimmel.
Kerzen drum vor allen Dingen
Läßt, und frische Tint er bringen.
Schmerzt der Arm ihm, muß er reiben;
Härchen in der Feder sitzen:
Mit dem Spalt ist nicht zu schreiben,
Muß er wischen, muß er spitzen.
Lange grübelnd, bleibt er stehen,
Endlich schreibt er: Mags geschehen!
Auch den Namen schnell geschrieben!
Doch ein Stündchen mag verstreichen,
Eh er setzt das erste Zeichen:
Kopf und Feder wird zerrieben;
Weiter kann er nichts erreichen,
Nur ein T ?, und dicht daneben
Noch vier kleine Punkte ? schweben.

Doch, wie mocht er wol erschrecken,
Als das g im Wort » geschehen«
Blähn er sich an allen Ecken
Sieht, und krümmen sich und drehen,
Dann erheben sich und schwellen,
Und wie Teig von Hefen quellen,
Bis sichs wölbt am untern Theile,
Wie ein Bäuchlein, gar nicht übel;
Oben wächst ein Kopf in Eile,
Dick, wie ein gewaltger Kübel,
Dran ein Hals, nach Wespenart;
So mit geisterhaftem Schritt,
Pferdefuß und Hahnentritt,
Adlernas und Ziegenbart,
Flügeln, wie ein Mühlenrad,
Und mit stieren Blicken naht ?
Mag ein Wort verrathen es ?
Meister Mephistopheles.

Tukaj, selber noch nicht weiß er,
Ob ihn gehn, ob sitzen heiß er ?,
Hüpft herbei der kühne Springer,
Faßt ihn flugs am kleinen Finger;
In die Haut das Messer setzt er,
Und mit Blut die Feder netzt er,
Drückt die Feder in die Hand ihm.
Führt zum Schreiben sie gewandt ihm,
Bis er schreibt U-K-A-J ?
Kaum doch sieht er: TUKAJ stehen,
Teufel grinst ? entschlüpft ? hi! hi!
Jetzt versuch ihm zu entgehen!


Die Lilien.

Ballade.

???????

(Nach einem Volksliede)

O, Frevel, kaum zu sagen!
Die ihren Mann erschlagen,
Die Frau, verscharrt im Haine
Beim Quell ihn unterm Raine;
Zum Grabe Lilien bringt sie,
Die pflanzt und also singt sie:
»So hoch, ihr Blumen, sprießet,
Als tief ihn Nacht umschließet ?
So tief ihn Nacht umschließet,
So hoch, ihr Blumen, sprießet.

Und die den Mann erschlagen,
Mit Blut befleckt, zu jagen
Beginnt durch Flur und Matten,
Bergauf, bergab, durch Wälder.
Schon wirft die Dämmrung Schatten:
Nur Wind durchsaust die Felder,
Nur Krähen krächzen Lieder,
Und Eulen schrein hernieder.

Sie lenkt zum Bach die Schritte,
Wo heut die Clause noch
In alter Buchen Mitte,
Da klopft sie: Poch! Poch! Poch!

»Wer da?« ? Der Riegel klirrte;
Der Clausner sieht bei Lichte
Das Weib, das Wahn verwirrte,
Mit starrem Angesichte;
Die Wang ist welk, die bleiche,
Das Aug ist blutigroth;
So ruft die geistergleiche:
»Mein Mann ? ist todt!«

? »Sei Gott mit dir im Bunde!
Was gehst auf irren Wegen,
Allein zur Abendstunde,
Du, Weib, im Wald, im Regen?«

? »Im Wald dort an den Wogen
Mein Schloß erglänzt ins Weite ?
Mein Mann ist ausgezogen
Mit Boleslaw zum Streite.
Manch Sommer ist verglommen ? ?
Glatt ist der Pfad der Tugend ? ?
Er ist nicht heimgekommen ? ?
Jung war ich unter Jugend: ?
Ich brach den Schwur dem Braven ? ?
Weh! meinem armen Haupte ? ?
Hart sind des Königs Strafen ? ?
Kehrt heim der Todtgeglaubte? ?

»Er kehrt nicht heim! Ha! Ha!
Sieh! Dieses Blut! Dies Messer!
Ich, Alter, weiß das besser:
Mit ihm ists aus! Ja! Ja!
Ich gab dir offen Kunde,
Drum sprich mit heilgem Munde:
Soll ich Gebete sagen? ?
Zum Ablaß gehn? ? Zum Schlunde
Der Hölle? ? Fackeln tragen? ?
Daß meines Frevels Schrecken
Mag ewig Nacht bedecken?« ?

? »Weib!« spricht darauf der Alte,
»Empfindest du nicht Reue,
Nur Furcht, daß Strafe walte,
Geh! Dich des Lebens freue;
Laß ab von Furcht und Schrecken!
Wer soll den Mord entdecken?
Gott fügt es, daß die Thaten,
Die heimlich sich begeben,
Dein Mann nur kann verrathen,
Und der verlor sein Leben!« ?

Die Frau hats froh vernommen;
Spornstreichs, wie sie gekommen,
Bei Nacht nach Hause jagt sie,
Niemand ein Wörtchen sagt sie.
Die Kinder stehn am Thore,
Und »Mutter!« schallts im Chore,
»Kommt Vater nicht vom Jagen?« ?
? »Der Selge? ? So zu fragen!« ?
Sie weiß nicht mehr, was sagen:
»Er blieb noch dort im Walde,
Heimkehrt er heut noch, balde.«

Die Kinder seiner harrten,
Sie haben voll Erwarten
Acht Nächte aufgesessen,
Und endlich ihn ? vergessen.

Die Frau vergißt ihn schwerer;
Die Sünd im Herzensgrunde
Macht banger es und leerer;
Kein Lächeln naht dem Munde,
Kein Schlummer schließt die Lider:
Denn oft bei nächtger Weile,
Im Hofe pochts in Eile;
Dann schleicht es auf und nieder,
Und ruft, »Ihr Kinder«, innig,
»Seht, euer Vater bin ich!« ?

Die Frau schläft immer schwerer;
Die Sünd im Herzensgrunde
Macht banger es und leerer;
Kein Lächeln naht dem Munde.

? »Lauf, Hanka, lauf! Ich glaube,
Hufschlag hab ich vernommen;
Die Brücke schwankt im Staube,
Sieh! Ob nicht Gäste kommen?
Die Straße geh zum Walde,
Ob sie nicht kommen balde?« ?

? »Sie kommen schon! Sie winken!
Staub wirbelt dicht am Schlosse;
Schon scharfe Schwerter blinken,
Schon wiehern muntre Rosse:
Ich kenne schon am Kleide
Des Selgen Brüder Beide!« ?

? »Frau Schwägerin, wie geht es?
Wie mit dem Bruder steht es?« ?
? »Mit dem ists schlecht bestellt,
Längst schied er von der Welt!« ?
? »Wie? Wann?« ? »Vor einem Jahre ?
Er fiel im Kampf ?« ? »Bewahre!
Man log! Sei du zufrieden,
Längst ist der Kampf entschieden!
Der Bruder kehret wieder,
Gesund sind seine Glieder!«

Sie hört es, staunt, und schwanket,
Bis sie zu Boden wanket;
Die Wang ist welk, die bleiche,
Das Aug ist blutigroth;
So ruft die geistergleiche:
»Wo ist mein Mann? ? Ha! todt!«
Dann fragt sie, freudetrunken,
Vor Lust nur umgesunken:
»Wo habt ihr ihn gesehen?
Wann wird er vor mir stehen?« ?

? »Heimkehrt er mit uns Beiden:
Er ist vorausgegangen,
Zu trösten dich im Leiden,
Die Ritter zu empfangen;
Heimkehrt noch heut er, balde,
Er fand gewiß im Walde
Nicht Weg, noch Steg vor Bäumen;
Laß einen Tag uns säumen,
Nach ihm die Diener schicken ?
Bald wirst du ihn erblicken!« ?

Sie schicken in die Runde,
Sie warten Tag und Stunde;
Sie weinen, wollen gehen,
Als es umsonst geschehen.

Da kommt die Frau geschritten:
»Laßt euch, ihr Brüder, bitten,
Der Herbst ist schlecht zur Reise;
Drum nicht von dannen eilet
In Sturm und Schnee und Eise;
Ein wenig noch verweilet!«

Sie warten. Winter schwindet,
Kein Bruder mehr sich findet;
Sie hoffen wohlgemuther,
Der Lenz belohn ihr Mühen;
Doch längst im Grabe ruht er,
Darauf die Blumen blühen.

»So hoch, ihr Blumen, sprießet,
Als tief ihn Nacht umschließet!«
Sie sehn den Lenz entfliehen,
Und denken nicht ans Ziehen.

Bewirthet doch bei Tische
Die Wirthin sie, die frische.
Sie warten, wollen gehen,
Wenn Sommers Düfte wehen;
Ein Jahr verrinnt indessen,
Der Bruder ist ? vergessen.

Bewirthet doch bei Tische
Die Wirthin sie, die frische.
Und Liebe bald erfaßte
Die Zwei, bei ihr zu Gaste.
Sie nährt die Hoffnung Beiden,
Zu Beider Lust und Leide;
Von ihr will Keiner scheiden,
Nicht freien kann sie Beide ?
Bis endlich sie sich einen.
Und vor der Frau erscheinen:

? »Frau Schwägerin, wir wagen,
Ein Wörtchen dir zu sagen:
Umsonst wir hier erwarten
Den Bruder, den Erharrten:
Dich schmücket jede Tugend,
Schad wärs um deine Jugend;
Drum dich der Welt vermähle.
Der Brüder Einen wähle!« ?

So sprechen sie, beklommen
Von Eifersucht und Neide;
Zu nahe bald sie kommen
Mit Blick und Wort sich Beide;
Der Kopf ist wie benommen,
Das Schwert fliegt aus der Scheide.

So sieht die Frau sie wüthen,
Sie weiß nicht, wies verhüten:
Drum kurze Frist erfleht sie,
Und nach dem Walde geht sie.
Sie lenkt zum Bach die Schritte,
Wo heut die Clause noch
In alter Buchen Mitte,
Da klopft sie: Poch! Poch! Poch!
Erzählt dem Greis die Sache,
Und fragt ihn, was sie mache?

»Ach, wie die Brüder einen?
Es frein um mich die Beiden,
Und Beide mag ich leiden:
Wen nehm ich zu dem Meinen?
Ich habe kleine Kinder,
Und Hab und Gut nicht minder ?
Kann keinen Mann ich finden,
Muß mein Vermögen schwinden;
Doch mir erblüht hier, Wehe!
Kein Glück mehr in der Ehe!
Gott läßt die Strafe walten,
Mich foltern Spukgestalten:
Wenn ich in Schlummer sinke,
Klipp! Klapp! aufspringt die Klinke,
Und hören muß und sehen
Ich seufzen sie und gehen,
Wenn ich erwacht, die bleiche,
Mit Blut befleckte Leiche ?
Husch! Husch! Am Bette schwebt sie,
Ein blutig Messer hebt sie,
Sprüht aus dem Munde Flammen,
Und preßt mich fest zusammen ?
Genug, genug des Grausen!
Ich kann hier nimmer hausen:
Denn mir erblüht hier, Wehe!
Kein Glück mehr in der Ehe!« ?

? »O, Tochter!« spricht der Alte,
»Wie auch Sein Strafen walte,
Erhört doch Gott im Schmerze
Ein reuig Sünderherze:
Geheimen Spruch erfahre ?
Gern will ich ihn entdecken ?
Starb auch dein Mann vorm Jahre ?
Ich will noch heut ihn wecken!« ?

? »Vorüber sind die Zeiten ?
Wie? Vater, ? ihn, der todt? ?
Uns trennt für Ewigkeiten
Dies Messer, blutigroth.
Wol muß ich Strafe tragen,
Und will es, ohne Zagen, ?
Kann ich den Spuk nur jagen.
Will Hab und Gut nicht sehen,
Will in ein Kloster gehen,
In Waldesnacht und Noth ?
Vorüber sind die Zeiten:
Nicht weckst du, Greis, was todt ?
Uns trennt für Ewigkeiten
Dies Messer, blutigroth!« ?

Der Alte seufzt im Sinnen,
Vom Aug ihm Thränen rinnen;
Er ringt die Händ im Bangen,
Verhüllt sich Stirn und Wangen:
? »So freie denn aufs Neue,
Die Spukgestalt nicht scheue!
Was todt, das schläft auf immer ?
Vom Grab, das du ihm schufest,
Ersteht dein Gatte nimmer,
Es sei ? daß du ihn rufest!« ?

? »Doch, wie die Brüder einen?
Wen nehm ich zu dem Meinen?« ?
? »Laß, wen du nimmst von Beiden,
Gott und das Loos entscheiden:
Mag Jeder früh verstohlen
Vom Feld sich Blumen holen,
Nach seiner Wahl, sie winden
Zum Kränzlein, daran binden
Daß du erkennest, wessen
Der Kranz ? ein Zeichen dessen;
Das leg im Gotteshause
Er auf des Altars Clause;
Und ? wessen Kranz du wählest,
Mit dem du dich vermählest!« ?

Die Frau hats froh vernommen;
Schon denkt sie an die Ehe,
Kein Spuk mehr schafft ihr Wehe;
Mag, was da immer, kommen,
Sie weiß, ihn rufen werde
Sie nimmer aus der Erde.
Froh, daß sie Rath vernommen,
Spornstreichs, wie sie gekommen,
Bei Nacht nach Hause jagt sie;
Niemand ein Wörtchen sagt sie.
Bald läuft sie, ohne Weilen
Durch Wald und Flur zu eilen,
Bald steht sie still, zu lauschen:
Ihr ist, als ob sie jage
Jemand, ins Ohr ihr klage
Durch Nacht und Waldesrauschen:

» Ich bin dein Mann! Dein Mann

Still steht sie, sinnt, zu lauschen ?
Zu Berg die Haar ihr stehen;
Aufrafft sie sich, zu gehen,
Sie wagt nicht umzuschauen,
Sie hört im Busch mit Grauen,
Es klagen dann und wann:
» Ich bin dein Mann! Dein Mann!« ?

Bald schlägt die Sonntagsstunde,
Die Zeit zum Hochzeitsbunde.
Kaum, daß die Sonn erglommen,
Die beiden Brüder kommen;
Die Frau sie nach Gebühren,
Zur Trau im Brautzug führen
Bis zu des Altars Grunde;
»Den ersten Kranz ich wähle! ?
Seht, reicht ihn in die Runde:
Ein Lilienkranz! Von Wem?
Wer ist mein Mann? Mit dem
Ich heute mich vermähle?« ?

Da tritt der Aeltre vor;
Vor Freude glühn die Wangen,
Das Herz pocht vor Verlangen:
»Dies Blümlein ich erkor,
Als ichs zum Kranz gewunden,
Mein Bändchen flocht ich ein ?
Mein Zeichen ist gefunden ?
Mein ist es ? du bist mein!« ?

? »Du lügst!« ? Ausruft der Zweite,
»Nur vor die Kirche schreite,
? Da kannst du auf der Auen,
Wo ich es pflückte, schauen,
Will zeigen dir die Stelle:
Am Grabe, bei der Quelle,
Im Hain am Wiesenrain ?
Mein ist es ? du bist mein!« ?

Auf denn zum Waffentanze!
Ihr Recht behaupten Beide,
Das Schwert entfährt der Scheide,
Sie hauen auf sich ein,
Sie zerren Beid am Kranze:
» Mein ist er ? er ist mein.« ?

Da kracht die Thür im Thurme,
Die Kerze lischt im Sturme;
Weiß naht, sie sehens bange,
Wie wenn ein Spuk erscheine,
Sein Geist, bekannt am Gange;
Still steht und blickt der Grimme,
Und ruft mit Grabesstimme:
» Mein ist er ? du die Meine!
Mein Grab so zu berauben!
Mir legt die Stola an!
Weib, ohne Treu und Glauben,
Ich bin dein Mann, dein Mann!
Mein Grab so zu zerzausen!
Hört, Brüder, es mit Grausen:
Mein ist das Kränzelein!
Das Morden eingestellt!
Mein ist es ? Ihr seid mein ?
Folgt mir in jene Welt!«

Das Kirchlein bis zum Grunde
In allen Fugen kracht;
Die Decke stürzt, im Schlunde
Versinkt es ewger Nacht.
Die Erde hats verschlossen,
Und Blumen drüber sprossen ?
»So hoch, ihr Blumen, sprießet,
Als tief ihn Nacht umschließet!«


Der Spielmann.

Ballade.

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????????

(Nach einem Volksliede.)

Wer ist der Bettler? Seht, wie der graue
Bart ihm erglänzt bis zum Passe;
Knaben ihn führen, zwei, von der Aue
Langsam dahin durch die Gasse.

Anstimmt die Leier er, um zu singen;
Sie auf dem Dudelsack pfeifen;
Lass ich den Alten näher mir bringen,
Hier auf den hügligen Streifen.

»Alter, beim Spiel hier wolle du weilen:
Zusaat begehn wir im Feste;
Was Gott gegeben, wollen wir theilen,
Herberg im Dorf ist für Gäste!«

Hört es der Alte, naht, und sich neigend,
Setzt er sich nieder am Raine;
Seitwärts die Knaben setzen sich, schweigend,
Lauschen dem frohen Vereine.

Trommeln erdröhnen, Pfeifen ertönen,
Feuer rings flackern aufs Beste;
Zechen die Alten, tanzen die Schönen ?
Zusaat begehn sie im Feste.

Trommeln und Pfeifen nimmer ertönen,
Alle verlassen die Flammen;
Schaaren die Alten sich und die Schönen
Rings um den Spielmann zusammen.

»Spielmann willkommen! Sehen dich gerne,
Kamst ja zu festlichem Tage;
Herführt dich heute Gott wol von ferne;
Rast dir und Wärme behage!«

Führt man zum Feuer ihn und zu Tische,
Speisen ihm, liebliche, winken:
»Ist dir gefällig Fleisch, oder Fische?
Meth auch ein Glas kannst du trinken!

»Dudelsack sehn wir, Leier euch tragen;
Laßt sie zu Dritt uns erschallen;
Wollen euch Kober füllen, und Magen,
Dankbar uns zeigen euch Allen!«

? »Still! Wenn ihr wollet, bald soll es klingen!«
Ruft er und klatscht in die Hände;
»Aber was soll ich, Kinder, euch singen?« ?
? »Wähle du selbst uns die Spende!« ?

Aber zur Hand den Becher erst nimmt er;
Meth soll, erwärmend, ihn laben;
Blinzelnd die Leier prüft noch und stimmt er,
Singt dann ? einstimmen die Knaben:

? »Folgend dem Niemen weit durch die Lande,
Streif ich hinan und hernieder
Wiesen und Wälder, Dörfchen am Strande,
Singe dem Volk meine Lieder.

»Alle, mir lauschend, um mich sich schaaren,
Keiner doch wird mich verstehen;
Keiner wird meinen Kummer erfahren,
Weiter muß, weiter ich gehen.

» Die mich versteht, würd weinen und klagen,
Würd auch wol weinen mich sehen,
Würd in die weißen Hände sich schlagen, ?
Weiter nicht braucht ich zu gehen.« ?

Schweigt er, daß, eh das Spiel er beendet,
Flüchtig die Flur er beschaue,
Seitwärts die starren Blicke gewendet; ?
Fern da wer steht auf der Aue?

Steht da ein Mägdlein: Kränze gewunden
Hat, und gelöst sie aufs Neue;
Vor ihr der Jüngling, treu ihr verbunden,
Annimmt als Pfand sie der Treue!

Frieden der Seel ihr ruht auf den Wangen;
Erdwärts die Blicke sich senken;
Freude verräth sie nimmer, noch Bangen:
Eins nur erfüllt all ihr Denken.

Leis, wie des Halmes Büschel erbeben,
Mag auch kein Lüftchen sich regen,
So ihres Busens Hüllen sich heben,
Mag auch kein Ach! ihn bewegen.

Zieht sie ein Zweiglein, welk schon am Saume,
Fremd hier zu Land, aus der Hülle;
Prüft es, wirfts fort, murrt leis wie im Traume,
Als ob mit Zorn sies erfülle.

Wendet das Haupt sie, eilt von der Stelle,
Blickt dann empor wie zum Beten;
Thränen im Auge glänzen ihr, helle,
Rosen ins Antlitz ihr treten.

Spielmann, noch schweigend, anklingt nur leise;
Sie nur, als wolls sie verschlingen,
Anstarrt das Falkenauge, das greise,
Als woll ins Herz es ihr dringen.

Wieder zur Hand den Becher erst nimmt er;
Meth soll, erwärmend, ihn laben;
Blinzelnd die Leier prüft noch und stimmt er,
Singt dann ? einstimmen die Knaben:

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????????

»Wem schlingst du das Brautkränzelein
Aus Lilien, Thymian und Rosen?
Ach! Glücklich muß der Jüngling sein,
Schlingst du ihm das Brautkränzelein!

Dem Liebsten wol für süßes Kosen?
Du weinst, wirst roth ? gestehs nur ein,
Ihm schlingst du das Brautkränzelein
Aus Lilien, Thymian und Rosen!

Schlingst auch nur ihm das Kränzelein
Aus Lilien, Thymian und Rosen,
Harrt doch in Lieb ein Andrer dein,
Schlingst Jenem auch das Kränzelein!

Dem Andern lass die Thrän allein,
Das Wangenroth der Losen,
Schlingst Jenem auch das Kränzelein
Aus Lilien, Thymian und Rosen!« ?

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Da erschallt Lärmen; fragende Worte
Wirr in der Schaar sind erklungen:
»Sang man dies Lied doch schon hier am Orte,
Wann ward, wer hat es gesungen?« ?

Mahnet des Alten Hand sie, zu schweigen:
»Kinder, o hört meine Worte;
Der es ersonnen ? will ich euch zeigen ?
Stammt vielleicht hier aus dem Orte.

»Als in die Fremde zog ich vor Jahren,
Königsberg mir zu beschauen,
Kam auf dem Floß ein Hirt auch gefahren,
Stammt hier aus Litthauens Gauen.

»Stets war er traurig über die Maßen,
Niemand den Grund hat vernommen;
Endlich die Seinen hat er verlassen,
Heim ist er nimmer gekommen.

»Oft, wenn erhellte Frühroth, das hehre,
Oder der Vollmond die Lande,
Sah ich ihn einsam irren am Meere,
Oder auch waten im Sande.

»Fels unter Felsen, Qualen den Klüften
Mocht er in Nacht und in Grauen,
? Feind allen Menschen ? Seufzer den Lüften,
Thränen den Fluten vertrauen.

»Trat ich einst zu ihm. Traurig er schaute,
Floh aber nicht, wie vor Zeiten;
Sagt ich ihm gar nichts, stimmte die Laute,
Sang, und griff voll in die Saiten.

»Weint er viel Thränen, nickt mit dem Haupt mir,
Daß er am Spiele sich weide;
Drückte die Hand mir ? ich ihm ? und ? glaubt mir ?
Bitterlich weinten wir Beide.

»Bald wir bekannt einander uns waren,
Freunde sogar schon nach Wochen;
Er immer schwieg, wie gewohnt er seit Jahren,
Ich auch hab wenig gesprochen.

»Dann, als der lange Gram an ihm zehrte,
Kaum er sich konnte noch regen,
Hatt ich, als Diener und als Gefährte,
Ihn in der Krankheit zu pflegen.

»Vor meinen Augen welken ihn sah ich;
Rief an sein Bett mich der Stille:«
? »Bald meinem End ? ich fühle das ? nah ich:
Gott wills ? geschehe sein Wille!

»Nutzlos die Jugend ließ ich verrinnen ?
Dies nur gefehlt ich hier habe ?
Doch ohne Kummer geh ich von hinnen:
Lebend schon lag ich im Grabe.

»Seit dieser Fels mit wilden Verstecken
Barg mich vor menschlichen Blicken,
Fragt ich nichts nach der Welt, nach Geschicken,
Mocht ich Erinnrung nur wecken.

»Du, der getreu mir blieb bis zum Grabe« ?
Sprachs, und mir drückt er die Hände ?
»Da, zu belohnen dich, ich nichts habe,
Nimm, was als Dank ich dir spende:

»Kennst ja das Liedchen, das ich gesungen
Oft, wenn ich weinte vor Grimme;
All seine Worte sind dir erklungen,
Weißt, wie ichs sang, auch die Stimme.

»Nimm dieser Flechte schimmernde Haare,
Nimm auch dies Zweiglein Cypressen;
Lerne das Liedchen ? jenes verwahre:
Alles ists, was ich besessen.

»Geh, wo des Niemen Wogen dort rauschen,
Sie, die ich nie mehr erblicke,
Triffst du vielleicht; dem Lied wird sie lauschen,
Hören des Zweigleins Geschicke,

»Führen ins Haus dich, danken dem Greise ?
Sag« ? ? Schon das Aug ist gebrochen;
? »Heilige Jungfrau!« ? lispelt er leise,
Doch hat nur halb ers gesprochen.

»Schon im Verscheiden, zuckend vor Schmerze,
Sprechen noch will er ? vergebens ?
Zeigt nach der Gegend er, auf sein Herze,
Gleichwie zur Zeit seines Lebens.« ?

Abbricht der Spielmann, späht in der Menge,
Preis gibt den Zweig er den Winden;
Doch schon ist nimmer in dem Gedränge
Sie, die er suchet, zu finden.

Fern nur Gewänder steht er noch wehen,
Tücher, ums Antlitz gewunden;
Fern mit dem Jüngling sieht er sie gehen ?
Schon sind im Dorf sie verschwunden.

Flugs zu dem Alten Alle sie laufen,
Eifrig »Was war das?« zu fragen;
Nichts aber wußt er ? wußt ers, dem Haufen
Mocht er vielleicht es nicht sagen.


Auf der Lauer.

Ukrainische Ballade.

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Von des Gartens Balkon her
Nach dem Schloß eilt voll Hohn der
Wojewode mit Wettern und Fluchen;
Tritt zum ehlichen Bette ?
Aber leer ist die Stätte
Der Genossin ? umsonst ist sein Suchen.

Senkt den Blick er zur Erde;
Mit des Zornes Geberde,
Seinen Bart er sich dreht, den ergrauten;
Dann die Aermel von Seide
Sich abstreift er vom Kleide,
Und läßt rufen Na-um, den Vertrauten:

»Kosack! Nacht ists zur Stunde,
Und nicht Wächter noch Hunde
Sind im Garten am Thor mir auf Wache:
Nimm die Dachstasch; dir hole
Die Haiduckenpistole,
Die gezogene Büchs mir vom Fache!«

So, bewehrt sonder Gleichen,
Sie zum Garten sich schleichen,
Zum Spalier an des Altaus Geländer;
Dort im dämmernden Scheine
Sitzt ein Weib auf dem Raine,
Hell ihr schimmern die Linnengewänder.

Sie verhüllt mit der Rechten
Sich die Aeuglein, die Flechten,
Und den Flor, der den Busen umschmieget;
Mit der Linken, ohn Ende
Von sich abwehrt die Hände
Sie des Manns, der zu Füßen ihr lieget.

Er umschlingt ihre Füße,
Lispelt leis: »O, du Süße!
Hab ich Alles denn, Alles verloren?
Hat dein zärtliches Drücken,
Deinen Schmerz, dein Entzücken
Selbst der Herr Wojewod sich erkoren?

» Dich nur lieb ich seit Jahren ?
Von dir fern, trotz Gefahren,
Dich nur lieb ich, ? vertraure mein Leben ?
Liebt er nicht dich, du Holde,
Er nur klirrt mit dem Golde ?
Und du willst dich ihm ewig ergeben?

»Dieser Greis soll am Abend,
Sich am Schwanenbett labend,
Auf den Schooß mit dem Haupte dir sinken?
Soll von Lippen und Wangen,
Die erglühn vor Verlangen,
Mir verbotene Wonnen dir trinken?

»Der auf treulichem Rosse,
Ich bei Mondlicht zum Schlosse
Hergesprengt bin trotz Wetter und Tosen ?
Soll mit Seufzern und Grüßen
Ich dir wünschen, der Süßen,
Gute Nacht! nur, und ? glückliches Kosen?« ?

Aber nimmer schon hört sie,
Wie er leise beschwört sie,
Immer neu, daß sie sein sich erbarme;
Als die Kraft ihr entschwunden,
Ihre Hand überwunden,
Sinkt, ermattet sie ? ihm in die Arme.

Auf die Kniee sich strecken
In des Dickichts Verstecken
Wojewod und Kosack; die Patrone
Aus dem Paß ziehn hervor sie,
Beißen ab, um ins Rohr sie
Mit dem Ladstock zu stoßen voll Hohne.

Flüstert »Herr!« der Kosacke,
»Ob der Teufel mich packe ?
Auf die Kleine kann nimmer ich schießen:
Als den Hahn just ich spannte,
Mich der Schreck übermannte,
Auf die Pfanne sah Thränen ich fließen!« ?

? »Still! Du Schuft von Haiducken!
Soll ich lehren dich mucken?
Nimm aus Lissa dies Pulver, das reine ?
So! Abtrockne die Pfanne,
Füll das Zündloch, und spanne ?
Dann ihr Haupt gilt es, oder ? das deine!

»So! ? Rechts! ? höher! ? halt! ? Still noch!
Laß mich schießen ? Ich will doch
Ihren Buhlen selbst weihen dem Tode!« ?
Halt! ? Zu spät! Nur ein Knacken ?
Und vom Schuß des Kosacken
Sinkt, durchbohrt, hin der ? Herr Wojewode!


Die Flucht.

Ballade.

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Heim nicht kehrte, der zum Streite
Heut vorm Jahre zog ins Weite ?
Schad um dich wärs, junge Maid ?
Sprach der Fürst, und schritt zur Freit.

Fürst am Hofe schwelgt beim Schmause ?
Mägdlein weint in stiller Clause;
Ihre hellen
Aeuglein schwellen
Heut, wie zwei getrübte Quellen;
Ihrer Wangen
Glut vergangen
Ist, wie Mond im neuen Lichte ?
Kraft und Anmuth gehn zu nichte.

Mutter härmt sich drob, verborgen;
Fürst die Trauung läßt besorgen.

Hochzeitsgäste nahn dem Hause;
»Führt mich nicht zum Traualtare ?
Tragt mich lieber auf der Bahre
Nach des Friedhofs stiller Clause ?
Lebt er nicht, muß ich verderben;
Mutter, wirst vor Gram du sterben!«

Priester will zum Beichtstuhl schreiten ?
»Tochter, laß dich vorbereiten!«

Naht die Muhme mit Geflüster:
»Vorbereiten?
Albernheiten!
Fort mit Priester! Fort mit Küster!
Glaub der Muhme du, der Alten,
Denn die Muhm ist viel gescheidter:
Lattig hat sie, Farrenkräuter,
Und du hast des Liebsten Gaben ?
Zauberkräfte sollst du haben:
Schling zur Schlange flugs sein Haar,
Schmelz in Eins der Ringlein Paar,
Saug am Finger Blut dir, klar; ?
Fluchen wir dem Schlangen-Haar,
Blasen durch der Ringlein Paar,
Führt er dich zum Traualtar!« ?

Geht sie weiter;
Und der Reiter
Ihr Beschwören
Muß erhören:

Schon entsteigt er kaltem Schrein ?
Fürchtest dich nicht, Mägdelein?

Still im Hof ists, wach im Schlosse
Nur das Fräulein ?; schallt vom Dache
Mitternacht ?; stumm ist die Wache;
Lauscht das Fräulein ? Hufschlag? Rosse? ?
Nur die Doggen heulen heiser ?
Leiser immer, immer leiser.

Horch! Da knarrt das Hofthor ? wandern
Leise hört sies durch die Hallen;
Oeffnen, eine nach der Andern,
Sich drei Thüren ohne Schallen:
Eintritt, ganz in Weiß, ein Reiter,
Schleicht bis an ihr Bett sich weiter.

Zeit verfliegt im süßen Bunde ?
Wiehrt ein Rößlein ? Zeiger knarren ?
Eulenruf! ? Horch! Hufe scharren ?
»Leb denn wohl! Schon schlug die Stunde!
Oder steig mit auf das Roß,
Bin ich ewig dein Genoß!«

Rastlos weiter
Sprengt der Reiter
Durch Gebüsch und Mondenschein ?
Fürchtest dich nicht, Mägdelein?
Windschnell trägt das Roß durch Felder
Sie dahin, und stumme Wälder;
Still ists; aufgescheucht im Traume,
Krächzt die Krähe nur vom Baume;
Nur vom Lager leuchten ferne
Grimmen Wolfes Augensterne.

»Auf! Galopp! Mein Roß, Galopp!
Tief der Mond in Wolken sinkt;
Auf! bevor er wieder blinkt,
Gilts noch Felsen zehn, hop! hop!
Flüsse zehn ? neun Höhn hinan;
Noch ein Stündchen, kräht der Hahn!«

? »Wohin führst du mich?« ? »Zum Hause,
Fern nach Mendogs lichten Auen;
Tags den Weg kann Jeder schauen,
Nachts nur dunkel ist der grause!« ?
? »Hast ein Schloß du?« ? »Schloß und Kammern,
Doch die Thür ist ohne Klammern!« ?

? »Liebster, nicht das Rößlein sporne,
Kaum noch halt ich mich im Bügel« ?
? »Halte dich am Sattel vorne,
Mit der Rechten fass die Zügel. ?
? Doch was hast du in dem Tüchlein?« ?
? »Ach, den »Hausaltar«, mein Büchlein!«

? »Zeit nicht ist zum Aufenthalte:
Gähnt ein Schlund doch vor dem Pferde;
Man verfolgt uns ? Hufschlag schallte ?
Schnell! Das Büchlein wirf zur Erde!« ?

Von der Last befreit, der Reiter
Sprengt im Flug zehn Klaftern weiter.

Sprenget ohne Pfad im Rohre;
Rings ists öd ? Irrlichter glänzen
Sieht er vor sich, folgt den Tänzen
Ueber Gräber hin und Moore;
Folgt den Spuren durch die Auen:
Führer ihm in Nacht und Grauen
Sind die Flämmchen nur, die blauen.

? »Welch ein Weg! Sei auf der Hut hier,
Wo kein Mensch ist, kein Gehege!« ?
? »Sank der Muth dir? ? Weg ist gut hier:
Denn wer flieht, geht krumme Wege.
Keine Spur uns führt zum Schlosse,
Dem zu Fuß naht kein Genosse:
Denn der Reiche kommt zu Wagen,
Und der Arme wird getragen!

»Auf! Galopp! Mein Roß, Galopp!
Frühroth flammt im Osten bald;
Noch ein Stündchen, heißt es: halt!
Eh die Morgenglocke schallt,
Gilts noch Felsen zwei, hop! hop!
Flüsse zwei ? zwei Höhn hinan;
Bald zum Zweiten kräht der Hahn!« ?

? »Liebster, halt das Roß im Zaume!
Sieh! Es scheut sich, springt zur Seite,
Dicht vorbei an Fels und Baume!
Ach! wenn ich heruntergleite!« ?

? »Was für Taschen hast du hängen,
Liebchen, da, und was für Schnüre?« ?

? »Schatz, zu heiligen Gesängen
Rosenkränz am Skapuliere!« ?

? »Fort damit! An Abgrunds Rande
Schwankt der Renner, wie geblendet;
Wie er bebt, sich seitwärts wendet!
Liebchen, fort mit all dem Tande!« ?

Von der Furcht befreit, der Reiter
Sprengt im Flug fünf Meilen weiter:
»Ist das nicht die Kirchhofs-Mauer?« ?
»Meinem Schloß dient sie zum Schutze.« ?

»Doch die Kreuz und Grabesschauer?« ?
? »Kreuze? Thürme sinds zum Trutze ?
Nur die Mauer noch, die Schwelle,
Sind auf ewig wir zur Stelle!

»Halt, mein Roß! Halt an, mein Roß!
Brachst durch Fels und Strom dir Bahn,
Kamst noch, eh gekräht der Hahn,
Und erbebst hier, mein Genoß? ?
Ach, ich weiß, warum ? dich reuts:
Dir, wie mir, schafft Weh ? das Kreuz

? »Liebster, warum willst du halten?
Daß mich eisig Thau bespüle? ?
Hüll mich in des Mantels Falten,
Daß mich Morgenwind nicht kühle!« ?

? »Liebchen, fühl an meine Stirne,
Laß sie ruhn in deinen Armen:
Mir ein Feuer flammt im Hirne,
Steine könnten dran erwärmen ?
Doch was trägst von Stahl am Bande?« ?
? »Schatz, ein Kreuz aus Mutterhänden!« ?
? »Pfeilspitz und mit scharfen Enden? ?
Wang und Stirn mir stehn im Brande ?
Fort mir mit dem ehrnen Tande!« ?

Fiel das Kreuz, versank im Schlunde;
Reiter preßt die Maid zusammen,
Roß fast menschlich Hohn lacht; Flammen
Sprühn aus Reiters Aug und Munde;
Ueber Mauern wild sie springen ?
Kräht der Hahn, die Glocken klingen:
Sind, eh Frühmess hat begonnen,
Reiter, Roß und Maid ? zerronnen ?
Oede stehn auf Kirchhofs Fluren
Gräber rings mit Kreuzen, Steinen;
Stein und Kreuz nur fehlt dem Einen:
Dem ? mit frisch zerwühlten Spuren.
Priester lang am Grabe saß
Und ? zwei Seelen Messe las.


Die drei Budrys.

Litthauisch. Ballade.

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Drei Söhne, die kecken
Litthauischen Recken,
Zum Schloßhof ruft Budrys, der Alte:
»Heraus führt die Rosse,
Schärft Schwert und Geschosse,
Und Jeder im Sattel sich halte!

»In Wilna Fanfaren
Verkünden den Schaaren:
Drei Züg in die Welt sind befohlen:
Olgierd befällt Reußen,
Fürst Kiejstut in Preußen
Die Deutschen, und Skirgiel die Polen.

»Jung seid ihr, im Stande,
Zu dienen dem Lande ?
Geb Litthauens Gottheit euch Segen!
Ich kann nicht mitthaten,
Ich kann euch nur rathen:
Zieht hin denn ihr drei auf drei Wegen!

»Zieh aus im Vereine
Mit Olgierd der Eine,
Zum Ilmen vor Nowogrods Mauern:
Viel Zobelbesätze
Und Münzen und Schätze
Vom Kaufmann dort kann er erlauern.

»Mit Kiejstut der Zweite
Ausziehe zum Streite,
Zermalme die Hunde, die Ritter;
Such Bernstein im Sande,
Im Priestergewande
Demanten und goldene Flitter.

Folg Skirgiels Schritte
»Zum Niemen der Dritte:
Der Hausrath ist arm zwar in Polen,
Doch sind um so werther
Die Schilder und Schwerter ?
Die Tochter dort mag er mir holen!

» Polinnen vor allen
Gefangnen gefallen,
Wie Kätzchen, bei Spiel mir und Tänzen:
Milchweiß sind die Wangen;
Schwarzwimprig behängen,
Wie Sterne die Aeuglein erglänzen.

»Drum ließ ich vor Jahren,
Als jung wir noch waren,
Nur mit einer Polin mich trauen;
Ob längst sie im Grabe,
Noch heut ich mich labe,
Gedenk ich der Schönsten der Frauen!«

So gibt zu den Wegen
Er ihnen den Segen;
Zu Rosse von dannen sie jagen.
Herbst, Winter vergehen,
Kein Sohn läßt sich sehen ?
Im Kampf glaubt sie Budrys erschlagen.

Durch Schnee stürmt zum Schlosse
Ein Krieger zu Rosse;
Was birgt er im Mantel verstohlen?
»Hast Rubel im Kübel,
Aus Nowgrod? Nicht übel!« ?
? »Nein, Vater, die Tochter aus Polen

Durch Schnee stürmt zum Schlosse
Der Zweite zu Rosse;
Was birgt er im Mantel verstohlen?
»Hast Bernstein im Kübel,
Aus Deutschland? Nicht übel!« ?
? »Nein, Vater, die Tochter aus Polen

Durch Schnee stürmt zum Schlosse
Der Dritte zu Rosse;
Voll Beut auch der Mantel des Dritten?
Doch eh er sie zeigte,
Der Alte sich neigte,
Und ließ zu ? drei Trauungen bitten.


Der Renegat.

Türkische Ballade.

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Welt, was in Iran jüngst sich begeben,
Hör es, mein Lied soll beginnen:
Auf seines Harems Kaschmir-Geweben
Ernst sitzt der Pascha im Sinnen.

Griechin, Tscherkessin singen ihm Lieder ?
Aeuglein mit Saphirgefunkel ?
Eine Kirgisin tanzt auf und nieder ?
Aeuglein, wie Eblis so dunkel.

Pascha den Turban über die Augen
Schob sich; nichts hört er, noch sieht er,
Scheint, wie im Traum nur am Tschibugg zu saugen:
Wolken draus, duftende, zieht er.

Da vor dem Glücksthor lärmt es, und schweigend
Oeffnen die Hüter der Pforte:
Einführt die neue Sklavin, sich neigend,
Ruft Kislar-Aga, die Worte:

»Herr, du, deß Glanz kein Stern hier zu Lande
Je wird im Divan erreichen,
Wie die Demanten im Sternengewande
Vor Aldeboran erbleichen,

»Stern du des Divan, zu mir heut dich wende,
Botschaft verkünd ich dir, gute:
Lehistans Wind, dein Diener, mit Spende
Naht dir, mit neuem Tribute.

»Nimmer solch Blümlein im Garten der Wonne
Stambuls Sultanen erblühte:
Stammts aus dem Lande doch nordischer Sonne,
Dem all dein Sehnen erglühte!«

Da fällt der Schleier, der sie umfangen,
Alles klatscht Beifall und Dank ihm;
Pascha, nur einmal schaut ihre Wangen ?
Schläft er? ? Der Tschibugg entsank ihm!

Sinkt auch der Turban, er selbst sinkt zur Seite ?
Sklaven, zu wecken ihn, nahten:
Blau sind die Lippen, leblos ins Weite
Starrt der Blick des ? Renegaten!


Alpujarras.

Ballade.

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(Aus »Konrad Wallenrod« IV. Seite 73.)

Lagen in Trümmern schon maurische Reste,
Eisen ihr Volk schon beschwerte;
Hielt sich allein noch Granada, die Feste,
Ob sie die Pest auch verheerte.

Hielt nur Almansor, und die er erkoren,
Schloß Alpujarras im Thurme;
Spaniens Standarten schon wehn vor den Thoren,
Morgen schon geht es zum Sturme.

Dröhnten beim Aufgang der Sonne Musketen,
Stürzten die Schanzen am Walle;
Blinkten schon Kreuze von Minareten ?
Kam auch die Festung zu Falle.

Sah wol Almansor, ob kühn er sich wehre,
Doch ihm erliegen die Schaaren:
Schlug er sich mitten durch Schwerter und Speere,
Floh, und entkam den Gefahren.

Und auf des Schlosses Ruinengesteine,
Mitten im Schutt und auf Leichen,
Sitzen die Spanier und baden im Weine,
Theilen den Raub sich, den reichen.

Drauß sei aus fremden Landen ein Ritter ?
Meldet der Wächter der Runde ?
Schleunig Gehör bei den Führern erbitt er,
Bringe gar wichtige Kunde.

Das war Almansor, der maurische Recke;
Spanien sich zu ergeben,
Ließ er im Stiche die sichern Verstecke,
Flehte nur noch um sein Leben.

»Spanier!« ruft er, »mit demüthgen Mienen
»Hab Eure Schwell ich betreten;
»Ferner nur Eurem Gott will ich dienen,
»Glauben an Euren Propheten.

» Araber ? Fürst, ich, gestoßen vom Throne ?
»Ruhm soll der Welt es verkünden ?
»Will als Vasall mich fremdländischer Krone
»Euch, meinen Siegern, verbünden!«

Spanier geben dem Muthe die Weihe:
Da sie Almansor erkannten,
Herzt ihn der Führer, sie nach der Reihe
Alle Genossen ihn nannten.

Wieder Almansor sie Alle begrüßend,
Nahte dem Führer der Runde;
Und, ihn umhalsend und herzend und küssend,
Hängt er ihm zärtlich am Munde;

Stürzt dann, als ob das Leben ihm schwinde,
Nieder mit Jammergeberde,
Schlingt um des Spaniers Fuß eine Binde,
Zerrt ihn zu sich an die Erde.

Anstiert er Alle mit Blicken, mit irren ?
Bleich sind und bläulich die Wangen ?
Grauenhaft lacht er; die Lippen ihm schwirren ?
Blut hat die Augen umfangen ?

»Seht, Ihr Giauren, seht, wie ich keuche! ?
»Wißt Ihr, woher ich mich wandte? ?
»Ha! Aus Granada ? Ich bracht Euch die Seuche,
»Die mich als Boten entsandte!

» Gift in die Seel ich Euch impfte mit Küssen,
» Gift ? und das wird Euch verderben! ?
»Kommt nur und seht! Mit dem Tod muß ichs büßen ?
»Aber auch Ihr müßt so sterben!«

Reckt er die Arme, krümmt sich im Schmerze,
Möchte die Spanier Alle
Schmieden zu ewger Umarmung ans Herze;
Lacht er mit höhnischem Schalle.

Lacht ? schon zu End ists ? die Lider sich spalten ?
Noch ist der Mund nicht geschlossen ?
Also hat ewig die Züge, die kalten,
Höllisch dies Lachen umflossen.

Fliehn auch die Spanier feig aus den Gassen,
Folgt doch die Pest ihren Wegen;
Eh Alpujarras Gebirg sie verlassen,
Ist auch der Rest ihr erlegen.


Der Zauberspiegel.

Ballade.

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(Aus »Dziady« I. Theil, Seite 7.)

Thor und Thüren sprengt im Schlosse
Twardowski, und irrt durch die Hallen,
Läuft vom Thurm zum Erdgeschosse ?
Welch Spuk hat ihn dort überfallen!

Moderdüft im Keller wehen ?
Welch Wunder! Wer büßt an den Stätten?
Ewig muß am Spiegel stehen
Ein Mensch dort, geschmiedet in Ketten:

Menschenähnlich zwar gestaltet,
Doch Mensch nur noch ist er zum Scheine:
Theil für Theil ? ein Zauber waltet ?
Wird mälig verwandelt zum Steine.

Stein ist bis zur Brust er worden,
Doch noch auf den Wangen ihm glühen
Mannesmuth und Lust am Morden;
Im Aug ihm Gefühle noch sprühen.

»Wer bist du, Beklagenswerther,
Der wagte zu nahen den Thoren,
Da zerschellt so viele Schwerter,
Die Freiheit so Viele verloren?« ?

? »Wer ich bin? Die Welt schon machten
Mein Schwert und mein Namen erzittern;
Groß an Macht, an Ruf zu achten,
Entstamm aus Twardow ich den Rittern

? »Aus Twardowo? ? Meiner Zeiten
Nie hörte den Namen ich nennen,
Nicht in Schlachten noch in Streiten,
Bei Ritterturnieren und Rennen.

»Weiß nicht, meine Haft, wie lange
Sie mag im Verließ hier schon währen;
Du sollst, der mit frischer Wange
Du kamst aus der Welt, mirs erklären:

»Sprich, ob Olgierd, wie vor Jahren,
Als Feldherr litthauischer Krieger,
Noch zersprengt der Deutschen Schaaren,
Die Steppen zerstampft noch als Sieger?« ?

? »Olgierd? ? Jahre schon zweihundert
Seit seinem Hinscheiden entschwanden;
Aus der Enkelschaar, bewundert
Als Held, ist Jagiello erstanden.« ?

? »Wie? Was hör ich? ? Noch zwei Worte:
Du irrtest auf wechselnden Pfaden,
Hast, Twardowski, nicht die Orte
Besucht an des Switez Gestaden?

»Nicht gehört die Mähr ertönen
Von Porajs gewaltigem Hiebe?
Von Maryla, seiner Schönen,
Die einst er vergöttert in Liebe?« ?

? »Jüngling, Nein! Wohin ich schaute
Vom Niemen zum Dniepr-Gestade,
Poraj traf und seine Traute
Ich nirgend auf wechselndem Pfade.

»Zeitverlust ist all dein Fragen:
Wenn ich dem Gestein dich entrissen,
Wirst du in die Welt dich wagen,
Bald selbst, was du fragtest mich, wissen.

»Kenn ich doch des Spiegels Tücken:
Ein Sprüchlein nur brauch ich zu lallen,
Nur den Spiegel zu zerstücken,
So wird dir die Maske entfallen!« ?

Spricht es, zielt, mit jähem Hiebe
Den Spiegel zu schlagen in Splitter;
Ruft der Jüngling: »Mir zu Liebe,
Halt ein! Ich beschwöre dich, Ritter!«

»Von der Wand den Spiegel hänge,
Und gib ihn mir selbst in die Hände,
Daß ich meine Fesseln sprenge,
Und selber die Qualen mir ende!« ?

Nimmt er, was er längst erharret ?
Noch ists, als ob Thränen er weine ?
Küßt den Spiegel ? und ? erstarret,
Bis ganz er verwandelt zum ? Steine.


Der Vampyr.

(Aus »Dziady« II. Theil, Seite 23.)

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Stillsteht das Herz, schon ist die Brust erkaltet,
Das Auge trüb, die Lippe starr, die bleiche:
Noch auf der Welt, für sie nicht mehr gestaltet,
Was ist das? Ach! ? eine Leiche.

Der Hoffnung Geist verleiht ihr wieder Leben;
Umstrahlt von der Erinnrung Sternenlichte,
Schau! ihrer Jugend Land zurückgegeben,
Späht sie nach trautem Gesichte.

Aufathmet neu die Brust, die schon erkaltet;
Das Auge glüht, die Lippe bebt, die bleiche:
Neu auf der Welt, doch für sie nicht gestaltet,
Wie? Ist ein Vampyr die Leiche?

Wer nah dem Kirchhof wohnt, kann nicht verhehlen,
Daß sich der Vampyr läßt alljährlich wecken;
Abwälzt das Grab am Tag er aller Seelen,
Nahet, den Menschen ein Schrecken.

Erst bei des vierten Sonntags Frühgeläute
Heimkehrt, entkräftet von der Nacht, er wieder;
Mit blutger Brust, als sei durchbohrt sie heute,
Steigt in die Gruft er hernieder,

Der Vampyr, Nachtmensch ? habt ihr nichts vernommen?
Noch Mancher lebt, der einst ihn mitbegraben:
In früher Jugend ist er umgekommen,
Selbst soll entleibt er sich haben.

Jetzt mag gewiß ihn ewge Strafe quälen;
Ausathmet Flammen er mit Klaggeflüster;
Ihn sah und hörte ? ließ ich mir erzählen ?
Jüngst noch ein alternder Küster.

Entstiegen war der Vampyr kaum der Erde,
Zum Morgenstern er seine Blicke wandte;
Mit kalten Lippen, jammernder Geberde,
Aufwärts die Klag er entsandte:

»Verwünschter Geist, was fachst aufs Neu du immer
Im Erdenpfuhl den Funken mir des Lebens?
Erloschen kaum, was, trügerischer Schimmer,
Strahlst du mir wieder vergebens?

»O, traurig Loos, und doch ? ich habs verschuldet:
Sie wiedersehn, erkennen ? von ihr scheiden,
Alljährlich dulden, was ich einst erduldet,
Jährlich den Tod muß ich leiden!

»Im Volk muß irren ich, um dich zu suchen,
Fliehn das Asyl, das mich geschirmt seit Jahren ?
Was kümmerts mich, daß mir die Menschen fluchen? ?
Lebend schon hab ichs erfahren.

»Als du mir nah, nicht dürft ich mich dir zeigen,
Wie ein Verbrecher; hören deine Worte,
Alltäglich hören mußt ich, und doch ? schweigen,
Gleichwie, mein Grab, deine Pforte!

»Verlacht einst ward ich von der Jugend Schwarme:
Sie nannten Thorheit, Uebermuth mein Bangen;
Manch Greis mich quälte, schloß mich in die Arme:
Rath sollt ich, klugen, empfangen.

»Anhört ich ihren Rath, gleichwie ihr Lachen,
Hätt ich doch selbst mich besser kaum betragen:
Mich selbst würd Uebermuth verdrießlich machen,
Lachen auch ich würd der Klagen.

»Ein Andrer dacht, ich wolle dich nur kränken,
Und seinem Adelsstolze that ich wehe;
Doch that ? des Anstands mocht er wol gedenken, ?
Er, als ob ers nicht verstehe.

»Ansprach ich ihn, zu stolz, ihn auszufragen ?
Denn schweigen kann ich, wenn ich schweigen sehe ?
Drum that, wollt ungefragt er Antwort sagen,
Ich, als ob ichs nicht verstehe.

»Doch wer mir meine Sünde nicht vergeben,
Im Antlitz kaum den Hohn konnt unterdrücken,
Und wer mir, lächelnd nur mit Widerstreben,
Mitleidig wandte den Rücken ?

»Nur dem vermocht ich nimmer zu verzeihen! ?
Mit Klagen nimmer ich den Mund befleckte;
Verachtung nicht einmal ihm könnt ich weihen,
Wenn er mein Lachen erweckte.

»Das fühl ich heut, da fremder Welt erscheinen
Ich muß als Spukgestalt, die Nacht durchwandern:
Mit Teufelsbannen geißeln mich die Einen,
Scheu vor mir fliehet: die Andern.

»Mit Stolz und Mitleid quälen sie mich Alle,
Wenn höhnisch lachend nicht den Blick sie senken;
Warum muß ich, der ich zu Einer walle,
Schrecken sie All, oder kränken?

»Doch mag es sein! Ich geh im alten Gleise:
Mitleid durch Spott, und Spott durch Mitleid büße! ?
Nur du dem Vampyr gnädig dich erweise:
Liebchen, wie einst mich begrüße.

»Verzeih mir, sieh mich an, gib gute Kunde,
Daß einmal noch ich ganz dir angehöre;
Vergangner Tage Traum dir eine Stunde
Glücklicher Gegenwart störe!

»Vielleicht, daß doch dein Blick, der sonnengleiche,
Sich nicht entsetzt vom Haupt des Todten wende,
Dein Ohr die Reden aus dem Todtenreiche
Höre geduldig zu Ende,

»Mir folgend, wenn die flüchtigen Gedanken,
Die Bilder längstvergangner Zeit durchirren,
Wie wenn des Schlinggewächses grüne Ranken
Alternd Gemäuer umschwirren.« ?


Der Faris.

Kasside, zu Ehren des Emir Tadsch-Ul-Fechr, Johann Kozlow zum Andenken.

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Froh, wie das Schiff, wenn es das Land verlassen,
Und wieder auf Krystall-Flut kommt gezogen,
Des Meeres Brust mit Rudern vor Wonne möcht umfassen,
Den Schwanenhals sanft wiegen auf den Wogen,
Arabiens Sohn, von den felsigen Stufen
Mein Roß in die Steppen ich lenke:
Leis zischt es im Sand von den tauchenden Hufen,
Wie wenn in Wasserströme der Stahl sich glühend senke.
Schon schwimmt mein Roß im Sandmeer, schon theilt, den Blick voll Gluten,
Die Brust des Delphinen feinkörnige Fluten:

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Schneller immer, wie im Fluge,
Scheint es auf dem Kies zu schweben;
Immer höher, bis zum Buge
Sich aus Wolken Staubs zu heben.
Mein Rappe gleicht den Wolken, die dunkel dort sich thürmen,
An seiner Stirn die Blässe an Pracht dem Morgensterne,
Gibt preis die Straußenmähne er willig allen Stürmen,
Und wirft mit weißen Hufen den Blitz er in die Ferne.
Weißhuf, trage kühn den Reiter
Ueber Berg und Wälder weiter!

Palme lockt mit Frucht und Blüte
Mich umsonst in ihren Schatten ?
Tief verbirgt die Schamesglühte
Sich auf der Oase Matten:
Weiter! Und wie höhnisch Lachen,
Läßt ihrer Blätter Rauschen sie meinem Stolz erschallen.

Den Saum der Wüstengrenze rings Felsen überwachen,
Beschaun mit wilden Blicken den kühnen Beduinen;
Nachäffen sie vom Huf das letzte Widerhallen,
Drohen mir mit Schreckensmienen:

»Wohin jagt der Sinnberaubte!
Schlummer nicht in Zeltes Schooße,
Palmen nicht mit grünen Haaren,
Schutz dort bieten seinem Haupte
Vor des Sonnenspeers Gefahren ?
Nur das Himmelszelt, das große,
Wölbt sich, wo nur Felsen nächtgen,
Nur die Sterne ziehn, die prächtgen!«

Doppelt wird das Roß getrieben ?
Ganz umsonst ist all ihr Drohen;
Bis die Felsen all, die hohen,
Die im Rücken mir geblieben,
Fern, in Reihen, langgestreckten,
Bergend sich, einander deckten.
Ein Geier hört ihr Dräuen, und blind vertraut er ihnen,
Daß in der Wüste fangen er kann den Beduinen;
Nachstürmt er, mich verfolgend, wild schlägt er mit den Schwingen,
Und will mit schwarzem Kranze dreimal mein Haupt umschlingen.

»Leichen«, krächzt er, »spür ich, Leichen!
Thoren seid ihr, sonder Gleichen!
Reiter, suchst im Sand du Spuren?
Weißhuf, suchst du Weidefluren?
Spart die Mühe, Roß und Reiter ?
Kommt bis hieher und nicht weiter!
Jeder Pfad verweht im Sturme,
Und verwischt die eignen Spuren:
Nahrung bieten kaum dem Wurme,
Nicht dem Rosse diese Fluren,
Hier, wo nur die Leichen nächtgen,
Nur die Geier ziehn, die mächtgen!« ?

So krächzt er, höhnisch streifend mich mit den scharfen Klauen,
Und dreimal Aug in Auge wir starr einander schauen.
Wer bebt zuerst? ? Der Geier; schon war er hoch entflogen,
Bevor ich, ihn zu strafen, noch spannte meinen Bogen.
Und als ich, mir im Rücken, nachspähend ihn entdeckte,
Hochschwebet in den Lüften ? ein Punkt ? der Graugefleckte;
Der Sperlings- ? Falter- ? Mücken-Gleiche
Schmilzt endlich ganz dahin im Aetherreiche ?
Weißhuf, trage kühn den Reiter!
Fels und Geier ziehen weiter!

Da seh ich vor der Sonne sich eine Wolke thürmen,
Mir nach mit weißem Fittig sie durch die Bläue stürmen;
Sie will wol gar am Himmel als solch ein Jäger gelten,
Wie icheinst in der Steppe Welten?
Ueber meinem Haupte schweifend,
Mich bedroht sie, also pfeifend:
»Wohin jagt der Sinnberaubte!
Dort wird Nichts den Durst ihm letzen,
Keine Wolke wird ihn netzen,
Staub ihm wirbeln überm Haupte;
Dort auf Wüsten, unbebauten,
Rauscht kein Bach mit Silberlauten:
Thau, noch eh er eingedrungen,
Hat der Wind ihn schon verschlungen!« ?

Doch ich den Lauf verdopple ? umsonst ist all ihr Drohen:
Ermüdet ist die Wolke dem Himmelszelt entflohen;
Träge seh ich sie sich dehnen,
Tief an Felsenklippen lehnen.
Als sich mein Blick noch einmal verächtlich zu ihr wendet,
Hat sie am ganzen Himmel schon ihren Lauf vollendet;
Ich sah aus ihren Zügen, was sie im Herzen drohte:
Zorn sie färbt, das gelblichrothe
Gallengift der Eifersuchten,
Bis schwarz, wie eine Leiche, sie barg sich in den Schluchten.
Weißhuf, trage kühn den Reiter!
Wolk und Geier ziehen weiter!«

Jetzt mit Blicken, sonnenklaren,
Kann ich rings umher mich wenden;
Erd und Himmel nimmer senden
Hinter mir Verfolgerschaaren;
Schläft Natur doch, traumbefangen,
In der Elemente Mitte;
Kennt noch nicht des Menschen Tritte,
Kennt noch, wie das Wild, nicht Bangen,
Dessen Rudel arglos stehen,
Wenn zuerst sie Menschen sehen.

Bei Gott! Ich bin der Erste doch nicht im sandgen Meere:
Dort schimmern Zelte, gleich verschanztem Heere.
Ob sie verirrt sind, oder im Hinterhalte schleichen?
In Weiß so Roß, als Reiter, hu! grausige Gestalten!
Ich nah ? sie stehn; ich rufe ? sie schweigen ? das sind Leichen!
Aus dem Sand der Sturm ? ich ahne ?
Grub die alte Karavane:
Noch auf Kameel-Skeletten sich die der Reiter halten;
Aus der Kiefer losem Rande,
Aus der Augenhöhlen Grunde
Wälzt sich eine Flut von Sande,
Raunt mir zu die Schreckenskunde:
»Beduine! Eilst verwegen
Dem Huragan du entgegen?« ?
? »Furcht nicht kenn ich! Immer heiter!
Weißhuf, trage kühn den Reiter
Hin durch Leichen ? Samum weiter!«

Huragan ? will im Flugsand erst einsam sich ergehen,
Als Fürst der Wirbelwinde, dann ? Afrika durchwehen, ?
Da macht er Halt; von ferne erspäht er mich, und ? staunend,
Sich wirbelt er im Kreise, zu sich die Worte raunend:
»Wer wagt es, von den Winden, den jüngern Brüdern, meinen,
Mit gar so niederm Fluge, mit der Gestalt, der kleinen,
Mein Erbland zu betreten mitten in meinem Reiche?« ?
Laut brüllend kommt gezogen der Pyramidengleiche:
Dann, als er sieht den ? Menschen, ohn alle Furchtgeberde,
Stampft er mit dem Fuß die Erde,
Und zerwühlt Arabiens Auen,
Und ? packt mich, wie ein Vöglein der Greif, mit seinen Klauen;
Sengt mich mit des Hauches Gluten,
Wälzt mich in des Staubes Fluten,
Zerrt mich auf, und stürzt mich nieder,
Schüttet Sand mir auf die Glieder ?;
Spring ich auf, und kämpf, und beiße;
Seine Glieder, seinen Rücken,
Seinen sandgen Leib zerreiße
Wüthend ich zu tausend Stücken.

Wol will in einer Säule Huragan mir entfliehen,
Doch kann er kaum zur Hälfte sich meinem Arm entziehen,
Strömt herab in sandgem Regen,
Muß wie ein Wall, ein Leichnam, sich mir zu Füßen legen.

Aufathm ich! Stolzen Blickes, aufschau ich zu den Sternen:
Mit goldnen Aeugelein aus weiten Fernen
Alle nur nach mir sie schauen,
Denn, außer mir, wer wandelt noch hier auf diesen Auen?

Aus voller Brust hier athmen! O, welche Seligkeiten!
Athmen aus der Brust, der breiten!
Kaum kann solchen Athemzügen
Ganz Arabiens Lust genügen!

Mit vollem Blick hier schauen! O, welche Seligkeiten!
O, wie glitt mein Blick so gerne
In die weite, weite Ferne!
Von der Welt er mehr erkannte,
Als der Horizont umspannte.

Ausbreiten hier die Arme! O, welche Seligkeiten!
Der ganzen Welt entgegen sie streckt ich voll Verlangen,
Vom Auf- zum Niedergange sie glaubt ich zu umfangen;
Stets tiefer mein Gedanke eindrang im Aetherraume,
Und höher, immer höher, bis zu des Himmels Saume, ?
Ein Bienlein, das den Stachel verwirkt ? mit ihm das Leben,
Ließ ich den Sinn gen Himmel ? mit ihm die Seele ? schweben!


Die Schlüsselblume.

Primula veris.

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Kaum die ersten Lerchenlieder
Himmelan, wie Glocken, klangen,
Primel, Blumen-Erstling, wieder
Dir die goldnen Hüllen sprangen.

Ich:

Blümlein, kamst zu früh zu Tage:
Boreas noch wehet Flocken;
Weiß noch starren Höhn und Hage,
Noch ist nicht der Eichwald trocken!

Senk der goldnen Aeuglein Blicke:
Birg dich in der Mutter Schooße,
Daß nicht eisbeperlte Schloße
Oder Reifes Zahn dich knicke!

Blume:

Faltern gleich, mir fliehn die Tage:
Morgens ? Leben; Mittags ? Sterben:
Monden ich im Herbst entsage,
Einen Lenztag zu erwerben.

Suchst ein Götterangebinde?
Willst du Freund und Liebchen schmücken?
Meine Blüten nimm, und winde
Dir ein Kränzlein zum Entzücken.

Ich:

Tief im Gras, im wilden Haine,
Sproßtest du, o holde Blume ?
Ohne Glanz und Hoheit, Kleine,
Was gereicht dir so zum Ruhme?

Nicht des Frühroths Farbenfülle,
Nicht der Tulpe bunte Bänder,
Nicht der Lilie zarte Hülle,
Nicht der Rose Prachtgewänder.

Wähl ich dich zum Kranz vor Allen!
Doch woher dies Selbstvertrauen?
Wirst den Freunden du gefallen?
Wird dich gern die Liebste schauen?

Blume:

Freunden bin ich stets willkommen,
Als des jungen Lenzes Englein:
Was kann Prunk der Freundschaft frommen?
Schatten liebt sie, wie mein Stenglein!

Ob ich werth der Liebsten Hände;
Schön-Marylka dir erkläre:
Für die erste Knospe spende
Sie mir nur die erste ? Zähre!


Wilija.

Litthauisches Volkslied.

(Aus »Konrad Wallenrod.«)

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Wilija, unsrer Ströme Mutter, schmücken
Goldheller Grund, ein Antlitz zum Entzücken ?
Litthauens Maid, kommt schöpfen sie gegangen,
Ihr Herz ist reiner, holder ihre Wangen.

Wilija strömt in Kownos trautem Grunde,
Narzissen blühn und Tulpen dort im Bunde ?
Litthauens Maid lag unsrer Knaben Blüte
Zu Füßen, die wie Tulp und Rose glühte.

Wilija nicht nach Kownos Blumen schmachtet,
Nur mit dem Niemen sucht sie Liebesbande ?
Litthauens Maid nicht Litthauns Knaben achtet,
Sie liebt den Jüngling nur aus fernem Lande.

Wilija faßt der Riemen starken Armes,
Durch Klippen trägt er sie und wilde Leere,
Preßt an die kalte Brust sein Lieb, sein warmes,
Und ? stirbt, mit ihm vereint, im tiefen Meere.

Litthauens Maid, der Fremdling hat entzogen
Auch, Aermste, dich der Heimath deiner Lieben;
Auch du versinkst in des Vergessens Wogen,
Nur trauriger, da du ? allein geblieben.

Zu warnen Herz und Strom, wem sollts gelingen?
Die Maid wird ? lieben, die Wilija ? fließen:
Wilija wird des Niemen Flut verschlingen,
Die Maid im Kerker Thränen viel vergießen.


Jägerlied.

(Aus »Dziady.«)

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Vom Gipfel zum Grunde,
Durch grünende Hallen,
Laut bellen die Hunde,
Die Hörner erschallen.

Aus flüchtigem Rosse
Den Falken erreicht er,
Mit blankem Geschosse
Dem Donnerer gleicht er,

Der Jäger, stets heiter,
Ob Mord er auch sinne,
Der listige Reiter,
Beim Waidwerkbeginne.

Die Höhn und die Felder
Willkommen ihm geben:
Der König der Wälder,
Der Jäger soll leben
!

Bergan und hernieder,
Wohin er geschossen,
Da flattert Gefieder,
Und Blut ist geflossen.

Wer sinnt, ohne Schrecken
Den Keiler zu jagen?
Wer wird an den Recken,
Den Bären sich wagen?

Die Vöglein, die armen,
Wer fängt sie in Schlingen?
Wer nimmt ohn Erbarmen
Als Zier sich die Schwingen?

Die Höhn und die Felder
Willkommen ihm geben:
Der König der Wälder,
Der Jäger soll leben
!


Lied.

(Aus »Dziady« Seite 18.)

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O, daß doch deinen Geist bekränze
Ein Körper, ob er, leicht zerfallen,
Auch nur in Iris-Farben glänze,
Ob in der Quelle Lichtkrystallen!

O, daß du, Glanzgestalt, dem Trauten
Noch lange schimmerst vor dem Blicke,
Dein Mund mit Paradieseslauten
Noch sein Ohr lange, lang erquicke!

Mich blenden deiner Augen Sterne ?
Doch strahle nur, du meine Sonne!
Sirene, sing ? ich steh von Ferne,
Und träume mich in Himmelswonne!


Volkslied.

?????(?)?????

(Aus »Dziady« Seite 10.)

Ringe die Händchen nimmer, noch weine!
Schad ist um Händ und Aeuglein es, Kleine:
Händchen noch können Andere drücken,
Aeuglein noch Andre himmlisch entzücken.

Tauben, ein Pärchen, flog aus dem Walde,
Habicht, als Dritter, folgt ihm zur Halde:
Täubchen, blick aufwärts! ? Ducke dich nieder!
Naht auch dein Tauber mit Silbergefieder? ?

Weine nicht! Kummer kann dich verwirren!
Hörst du den neuen Tauber nicht girren?
Füßchen mit Sporen, Hälschen mit Kränzen ?
Siehst es nicht bläulich schillern und glänzen? ?

Röslein und Veilchen blühten im Grunde,
Reichten die Hand sich zum duftigen Bunde ?
Kamen die Köhler, fällten die Eiche:
Röslein war ? Wittwe; Veilchen war ? Leiche!

Weine nicht! Kummer wirrt die Gedanken!
Freu der Narzisse du dich, der schlanken:
Unter den Blumen strahlt sie von Ferne,
Hell, wie der Mond inmitten der Sterne.

Ringe die Händchen nimmer, noch weine!
Schad ist um Händ und Aeuglein es, Kleine:
Den du beweinst, dein Auge beglücken
Nimmer wird er, noch das Händchen dir drücken!

Händchen ein schwarzes Kreuz muß ihm tragen,
Aeuglein den Platz ihm im Himmel erfragen ?
Ihm gib, du junge Wittwe, zu ? Messen,
Uns gönn ein Wort nur: Lern ihn vergessen!


Erläuterungen.

1. Zu »Frau Twardowska«

Die Situation, mit welcher der Dichter seine Ballade beginnt, ist (nach Blankensee S. 56.) ganz der Volkssage von Twardowski, dem polnischen Faust, entnommen, welche Jenen jedoch nicht so leichten Kaufes davon kommen läßt. ? Als der Teufel dem Twardowski den Bruch seines Ehrenwortes vorwirft (und zwar mit den der Sage entnommenen und daher jedem Bauer bekannten lateinischen Worten), wirft Twardowski ein unschuldiges Kind, welches er zu seinem Schutz wider den Bösen an sich gerissen, in die Wiege zurück, und der Teufel fährt nunmehr ohne Weiteres mit ihm ab.

2. Zu »Tukaj«

Von Mickiewicz rühren nur die beiden hier folgenden Theile der Ballade her. Mit seiner Bewilligung hat aber Odyniec die Ballade in einem dritten Theile zu Ende geführt. (Blankensee S. 63. 187 und Folge.)

3. Zu »der Spielmann«

Paß: Der polnische Ausdruck für Gürtel.

Das Triolett »Wem schlingst du das Brautkränzelein?« ist aus Thomas Zans Gedichten entlehnt. (Blankensee S. 97.)

4. Zu »Die Flucht«

Vorliegende Sage ist dem Volke in allen christlichen Ländern bekannt, aber von den Dichtern verschiedenartig bearbeitet worden. Bürger schuf aus ihr seine berühmte » Lenore.« Da Mickiewicz das deutsche Volkslied unbekannt war, konnte er nicht wissen, in wie weit Bürger Styl und Handlung geändert hat. Mickiewicz bearbeitete vorliegende Ballade nach einem Volksliede, welches er einst in Litthauen polnisch singen hörte. Plan und Inhalt behielt er getreulich bei; aber von den Versen des Volksliedes waren ihm kaum einige Gedächtnisse geblieben, und diese dienten ihm als Muster des Styles.

5. Zu »Der Renegat«

Diese Ballade ist ursprünglich eine beim Abschiede von den Freunden gesungene Improvisation, welche nachträglich nur hie und da in der Form etwas geändert wurde. (Blankensee S. 166.)

Beifall klatschen (S. 77.) ein europäischer Ausdruck. Im orientalischen Geiste müßte man sagen: »Der ganze Hof legte den Finger des Staunens auf den offenen Mund des Schweigens.«

6. Zu »Der Faris«

a. Faris, der Reiter, bei den Beduinen gleichbedeutend mit Ritter, Chevalier.

b. Emir Tadsch-Ul-Fechr: Graf Waclaw Rzewuski.

c. Mein Rappe gleicht etc. bis Ferne (S. 86.) Diese vier Verse sind einem arabischen Tetrastichon entnommen, dessen Uebersetzung sich in den Noten zu Lagranges »Arabischer Anthologie« befindet.

d. » Leichen,« krächzt er, »spür ich, Leichen!« S.87. ? Im Oriente herrscht allgemein der Aberglaube, daß die Geier den Tod aus der Ferne wittern, und daher einen Menschen, der sterben soll, umkreisen. In der That, kaum ist ein Wanderer gestorben, so zeigen sich unversehens einige Geier. (Blankensee S. 203 und Folge.)

e. Huragan, S. 89., nach dem amerikanischen: Urikan, das ist ein furchtbarer tropischer Sturm. Weil er überall in Europa bekannt ist, wählten wir ihn, statt den arabischen Bezeichnungen: Samum, Serfer, Asys u. s. w., in der Bedeutung eines Sturmes, oder einer Windhose, welche bisweilen ganze Karavanen verschüttet. Die Perser nennen ihn: Girdebad.

Ende.

 


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