Acht Stunden Frist

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1. Kapitel.

Und doch überlistet.

Es war am Abend des Tages, an dem Robert Trimsay den Kerker als freier Mann verlassen und an dem Inspektor Greaper Artur Lewis zu einem Geständnis gezwungen hatte, was freilich nicht gerade schwer gewesen war.

Wir waren vorläufig bei Greaper abgestiegen. Er war Junggeselle und bewohnte im Stadtteile Castle unweit des Polizeigebäudes ein kleines Backsteinhaus, das in einem Garten einer engen Seitengasse lag.

Wir hatten uns erst einmal gehörig ausgeschlafen. Um ½ 8 abends nahmen wir dann ein Bad, kleideten uns an und gingen in den hübschen Garten hinab.

Der eine der Diener Greapers hatte uns gesagt, daß sein Herr hinten im Garten sei.

Der Detektivinspektor berichtete uns, was die Polizei alles unternommen hätte, um Lord Rallings habhaft zu werden.

»Ich war selbst zwei volle Stunden draußen in seiner Ruine und habe die drei bewohnbaren Räume dieses alten Steinkastens geradezu umgekrempelt, um irgend etwas zu finden, was mir einen Fingerzeig gegeben hätte, wo man ihn suchen könnte. Wir wissen ja von Lewis, daß die beiden mit dem Rennauto um 4 Uhr morgens hier in Bombay eintrafen. Ralling hat denn auch fraglos sein seltsames Heim auf den Westabhängen des Kumbala Hill (eine Hügelkette nordwestlich von Bombay parallel der Meeresküste) aufgesucht. Sein Bett ist jedoch nicht benutzt. Er hielt sich zwei indische Diener. Auch diese sind spurlos verschwunden. Ja, denken Sie, was ich dort fand: in einem Kämmerchen mit einer Geheimtür, das von Rallings Atelier aus zugänglich ist, lagen allerlei Dinge, die hier in Bombay im letzten Jahre als gestohlen gemeldet worden sind. Dieser Mensch hat ein vollständiges Doppelleben geführt. Er verkehrte in der besten Gesellschaft. Er war eine jener bestechenden Erscheinungen, die überall gefielen. Er trieb jeden Sport. Aber ? er spielte, und er spielte mit Pech. Die Bombayer Hautevolee wird schöne Augen machen, wenn sie jetzt erfährt, daß dieser Ralling nichts als ein Gentleman-Einbrecher war.«

»Hm ? Gentleman-Einbrecher?!« meinte Harst. »Er ist in meinen Augen ein Mörder, für dessen Untaten sich keinerlei Entschuldigungsgründe finden lassen. Ich würde diesen Schurken bei dem geringsten Widerstand genau so kaltblütig erschießen, wie er es ? aber als Verbrecher ? mit anderen tat.«

»Ja ? wenn Sie ihn finden, bester Harst,« sagte Greaper ernst. »Doch ich fürchte, er wird uns entwischen ? für immer.«

Wir standen vor einem der Orchideen-Beete. Rechts von uns, etwa sechs Schritt entfernt, war ein dichtes Gebüsch. Aus diesem Gebüsch ragte eine verwitterte, mindestens fünf Meter hohe Brahma-Statue heraus. Sie stellte den Gott in der üblichen Haltung mit untergeschlagenen Beinen dar. Die Figur bestand aus blaugrauem, offenbar gebranntem Ton und war stark beschädigt. Die Nase fehlte, ebenso ein Teil des diademartigen Kopfputzes. Sie mochte einst in grellen Farben bemalt gewesen sein. Diese Farben hatten sich aber nur in den Falten und Vertiefungen noch gehalten. Der über die Büsche hinwegragende Kopf und die Brust sahen daher wie gestreift aus. ?

»Ich werde ihn finden,« erklärte Harst nun. »Denn ich habe bisher noch stets gefunden, was ich suchte.«

Das klang durchaus nicht wie Prahlerei aus seinem Munde. Er hatte ja recht: ihm war bisher noch kein Verbrecher entgangen.

Jetzt nun geschah das, was wir drei niemals auch nur im entferntesten geahnt hatten:

Die Büsche rechts von uns rauschten. Wir drehten uns um. Dort stand ein schlanker, mittelgroßer Europäer, bartlos, schmales Gesicht, sonngebräunt, im karierten Sportanzug, eine ebensolche Mütze auf dem Kopf.

In der lässig erhobenen Rechten hielt er eine Pistole mit ziemlich langem Lauf.

»Guten Abend, meine Herren,« sagte er sehr höflich: »Ich warne Sie vor jeder Bewegung. Ich schieße nie vorbei. Inspektor Greaper kennt mich. Mein Name ist Edward Ralling. Ich war Ohrenzeuge Ihres Gesprächs, meine Herren. Es freut mich, daß Sie mich richtig einschätzen, Mr. Harst. Menschenleben spielen bei mir tatsächlich keine Rolle.«

Er machte eine kleine Pause.

Ich gab damals für unser Leben keinen Pfifferling. Ralling konnte uns niederschießen und verschwinden. Dann war er seinen schlimmsten Verfolger, Harald Harst, los.

»Ich möchte diese Unterredung nicht zu lange ausdehnen,« fuhr Edward Ralling fort. »Der Zweck meiner Anwesenheit ist der, Sie zu ersuchen, Mr. Harst, sich mit meiner Person in keiner Weise weiter zu beschäftigen. Ich weiß, Sie sind Gentleman. Wenn Sie mir, gleichzeitig für Ihren Freund Schraut, versprechen, nicht nach mir zu suchen, schone ich Sie beide. Inspektor Greaper ist für mich ungefährlich. Er ist fraglos ein sehr tüchtiger Beamter, aber ich habe ihn ja nun schon, was die vielen Einbrüche im letzten Jahre betrifft, so gründlich an der Nase herumgeführt, daß er hier ganz ausscheidet. Mit Ihnen beiden liegt die Sache anders. ? Ich bitte Sie also, Mr. Harst, sofort zu erklären, ob Sie die verlangte Zusage abgeben wollen. Ich gestatte Ihnen jedoch nur ein Ja oder Nein, keine sonstigen Bemerkungen. Antworten Sie mit Nein, dann sehe ich mich genötigt, sofort abzudrücken. Dann müssen Sie alle drei daran glauben.«

Mir trat der kalte Schweiß auf die Stirn.

Dieser Mensch da, der im rechten Auge ein randloses Monokel trug und mit uns redete, als handelte es sich um die gleichgültigsten Dinge von der Welt, drohte fraglos nicht umsonst.

Was würde Harald tun? Würde er sich auf diese Weise zwingen lassen, dieses Versprechen zu leisten? Es wäre doch ein Wahnsinn gewesen, hier mit Nein zu antworten und etwa anzunehmen, Ralling würde so großmütig sein und nicht schießen?!

So kam uns Greaper zu Hilfe.

»Lord Ralling,« sagte er mit vor Erregung bebender Stimme, »Sie sind nicht nur ein Mörder, sondern auch ein jämmerlicher Feigling ?«

Was er weiter noch diesem hartgesottenen, eleganten Schurke vorwarf, darauf achtete ich nicht mehr.

Ich stand etwa einen halben Schritt rechts hinter Harst. Unwillkürlich waren meine Augen nun auf sein Gesicht, auf seinen Mund gerichtet, der doch die Entscheidung fällen sollte. Und da sah ich nun etwas, das meine Aufmerksamkeit von Greapers gereizten Worten völlig ablenkte.

Haralds Blicke gingen jetzt nämlich offenbar an Ralling vorüber und hingen an einer Stelle des Gebüsches rechts von ihm. Er starrte so intensiv dorthin, daß dies auch Ralling nicht entgehen konnte.

Auch ich schaute nach jener Stelle. Ich sah dort auf einem Ast etwa anderthalb Meter über der Erde eine kleine, graugrüne Gestalt hocken: Greapers zahmen Affen namens Charly, ein sehr zutrauliches, kluges Tierchen.

Dieser Affe war?s, den Harald so durchdringend anstarrte.

Mein Blick wanderte nun blitzschnell wieder nach Harsts Gesicht zurück. ? Weshalb schenkte er Charly diese Beachtung?

Da ? ich bemerkte, wie seine Augen sich weiteten, wie etwas wie ein triumphierendes Lächeln um seinen Mund flog.

Dann ? dann regte Charly sich. Die Blätter und Zweige raschelten.

Und nun gewahrte ich auch, daß Rallings Antlitz Unruhe und Besorgnis ausdrückte. Er hatte bemerkt, daß Haralds Blicke an den Büschen neben ihm hafteten, hatte nun auch das Geräusch gehört. Umzudrehen wagte er sich nicht. Dann hätte er uns aus den Augen verloren.

Da ? ein Neues wieder: Harald rief Ralling zu:

»Die Partie steht jetzt gleich, Lord Ralling. Hinter Ihnen befindet sich Greapers Diener Tschama mit gespanntem Revolver. Jetzt rate ich Ihnen, keine Bewegung zu machen! Schießen Sie, schießt Tschama auch!«

Der zahme Affe kletterte höher. Wieder rauschten die Blätter.

Edward Ralling stand mit fest zusammengepreßten Lippen da. Sein rechter, erhobener Arm schwankte leicht. Man sah ihm an, was alles jetzt in ihm vorging.

»Die Partie steht gleich,« fuhr Harald fort. »Das heißt: Sie können einen von uns erschießen. In demselben Moment drückt aber auch Tschama ab. Sie verlieren also das Leben, weil Sie ein Leben auslöschen. Wir wollen, denke ich, unter diesen Umständen uns dahin einigen: Wir versprechen Ihnen, Sie jetzt entkommen zu lassen, nachdem Sie Ihre Pistole vor sich auf die Erde geworfen haben. ? Greaper, Sie sind doch einverstanden?«

Der Inspektor bewies Talent.

»Hm,« brummte er wie widerwillig, »eigentlich ist das Unsinn, Mr. Harst ?«

»Gestatten Sie!« rief Ralling da. »Es ist kein Unsinn. Einer von Ihnen beißt bestimmt ins Gras.«

»Gut, meinetwegen,« knurrte Greaper.

»So ? dann gebe ich Ihnen also die Zusicherung,« erklärte Harst, »daß wir Sie erst nach einer Stunde verfolgen werden. Werfen Sie mir Ihre Pistole vor die Füße ?«

Und ? Ralling tat es wirklich.

Harald hatte sich gebückt, hielt die Waffe nun in der Hand.

»Noch einen Moment, Lord Ralling ?«

Der hatte sich bereits umgeschaut, hatte nichts als den zahmen Affen bemerkt, erkannte, daß er überlistet worden war und fuhr mit einem Fluche wieder herum.

»Lord Ralling,« fügte Harald sehr ernst hinzu. »Unser Versprechen gilt, auch wenn kein Diener hinter Ihnen stand! Aber ? denken Sie jetzt daran: wir beide haben seit heute noch eine persönliche Rechnung wettzumachen. Ich weiß, Sie hätten uns drei niedergeschossen, wenn ich mit Nein geantwortet hätte. Sie verdienen keine Schonung. ? Heben Sie jetzt die Arme hoch. Gehorchen Sie! ? Schraut, untersuche seine Taschen, ob er noch eine Schußwaffe bei sich hat.«

Ich tat es. Ich fand nichts, nur ein Dolchmesser.

»Das mag er behalten,« meinte Harst. »So ? nun verschwinden Sie, Lord Ralling. Nach fünf Minuten suchen wir den Garten nach Ihnen ab. Und nach einer Stunde beginnt ? die Treibjagd auf Sie!«

Ralling ließ die Arme sinken, zog die Mütze und verbeugte sich.

»Mr. Harst, Sie sind ein Gentleman. Das habe auch ich heute am eigenen Leibe erfahren. Sie hätten mich festnehmen können. Ich glaubte tatsächlich, es stände jemand hinter mir in den Büschen. Sie haben diese Szene so glänzend gespielt, daß ich mich auch ergeben hätte, wenn Sie angedeutet haben würden, der ? nicht vorhandene ? Diener würde vielleicht auch zuerst mir eine Kugel in den Hinterkopf jagen. ? Leben Sie wohl, Mr. Harst. Ich werde Ihren Weg nicht mehr kreuzen, Ihnen nicht nachstellen. Mein Wort als englischer Lord darauf!«

Er setzte die Mütze auf, ging um das Gebüsch herum einen Seitenweg entlang und entschwand unseren Blicken. Wir schritten langsam dem Hause zu.

»Na ? was sagen Sie zu Ralling, bester Harst?« fragte Greaper. »Nun kennen Sie ihn ja. ? Uebrigens: die Sache soeben haben Sie wieder glänzend gemacht!« Greaper lachte. »Ich gebe ehrlich zu, ich wäre auf die Idee nie gekommen!«

Harald hatte Charly auf dem Arm und streichelte ihn.

»Der kleine Kerl hat uns aus der Patsche geholfen, Greaper! ? Hm ? was ich zu Ralling sage?! Darüber möchte ich später mal mit Ihnen reden.«

»Werden Sie mir helfen, ihn zu fangen?« ? Greaper fragte das so hastig, als ob er fürchtete, Harald könnte anderen Sinnes geworden sein.

»Gewiß. Meinen Sie, mich beeinflußt Rallings Ehrenwort, mir nicht nachzustellen?! ? Durchaus nicht!«

Er zog die Uhr.

»Noch anderthalb Minuten, Greaper. Dann suchen wir im Garten nach seinen Spuren. Wir müssen doch feststellen, wie er hier in diesen von Gebäuden umschlossenen kleinen Park eingedrungen ist.«

2. Kapitel.

Das Geheimnis des alten Fischers.

Es war jetzt genau 10 Minuten nach acht Uhr abends. Auch ich hatte nach der Uhr geschaut.

Der Diener Tschama, dessen »Geist« Harald vorhin zitiert hatte, kam uns entgegen und meldete, daß die Abendmahlzeit angerichtet sei.

»Wir haben noch etwas vor, Tschama,« erklärte Greaper. »Der Koch soll die Speisen warm halten. Nach zwanzig Minuten sind wir zur Stelle. Da ? nimm Mr. Harst den Affen ab und sperre ihn ein.«

Der Inder kehrte um und trug Charly davon.

»So ? nun vorwärts!« sagte Harald lebhafter. »Es ist gerade noch hell genug für diese Art Arbeit.«

Wir fanden nach kurzer Zeit die Stelle, wo Ralling über die hohe Mauer eines Nachbargrundstückes geklettert war. Dort stand eine verkümmerte Fächerpalme, deren Stamm sich oben an den Mauerrand gelehnt hatte. Im Grase am Fuße des Stammes waren Fußspuren von Stiefeln mit Absätzen zu bemerken. Von der bereits stark verwitterten, etwa fünf Meter hohen Mauer waren von oben Ziegelstückchen herabgefallen.

»Hinter der Mauer liegt der Hof der Firma Jefferson, Reisexport-Geschäft,« erklärte Greaper. »Die Mauer ist nicht lang, wie Sie sehen. Der Hof zieht sich aber bis zum Geschäftshause der Firma hin.«

Harald nickte. »Das da links ist wohl der Reisspeicher?« fragte er dann.

»Ja. Rechts wird der Hof von der Hinterfront des Olympia-Theaters begrenzt.«

»Dann können wir ja umkehren,« meinte Harst. »Ich habe Hunger. Ralling dort auf dem Grundstück zu suchen, ist zwecklos. Er ist fraglos längst über alle Berge. Außerdem ist ja auch die ihm gewährte Stunde noch nicht verstrichen. Ist sie um, geben Sie Ihren Leuten telephonisch Befehl, mal die Baulichkeiten der Firma Jefferson ganz genau zu durchstöbern. Es ist immerhin wichtig zu erfahren, wie Ralling von da auf die Straße gelangt ist.«

Wir setzten uns auf die Veranda, die Greaper nach dem Garten zu hatte anbauen lassen. Daß das Backsteinhaus sehr alt war, habe ich schon erwähnt. Es stammte noch aus der Zeit, als Bombay kaum 40 000 Einwohner hatte, aus dem Jahre 1830. Heute zählt die Stadt 750 000 Bewohner, darunter 12 500 Europäer, also eine verschwindend geringe Anzahl gegenüber den Farbigen.

Bei Tisch teilte uns Greaper mit, daß die Bombayer Zeitungen die Anwesenheit Harsts bereits in den Abendausgaben zusammen mit der sensationellen Wendung in dem Mordprozeß Trimsay durch spaltenlange Artikel gebührend gewürdigt hätten.

»Nun werde ich von Reportern überlaufen werden,« seufzte Harst.

Greaper lächelte. »Waren schon da, die Herren. Aber Tschama als Türhüter hat strengen Befehl, jeden abzuweisen.«

Bei Tisch bediente ein anderer Diener. Greaper hatte im ganzen sechs. Drei davon waren jedoch nebenbei Geheim-Polizisten. Die Leute schliefen in einem Anbau, den Greaper ebenfalls erst hatte errichten lassen, als er vor sechs Jahren das Grundstück erwarb.

Wir aßen gerade delikate Brathühner, als eine recht unangenehme Störung eintrat.

Der Diener stand abseits an dem Anrichtetisch und tat Eis in einen Sektkühler. Plötzlich rief er uns zu:

»Dort ? ein Fremder befindet sich im Garten ?«

Es war inzwischen dunkel geworden. Greaper hatte auch der Dienerschaft mitgeteilt, daß der gesuchte Mörder Ralling sich vorhin eingeschlichen gehabt hätte, und hatte sie ermahnt, den Garten scharf zu beobachten. Sowohl die drei eigentlichen Diener als auch die drei Detektive waren junge, stattliche Menschen und durchaus nicht furchtsam.

Kaum hatte der Diener diesen Warnungsruf ausgestoßen, als er auch schon blitzschnell und sehr geistesgegenwärtig nach dem an dem einen Verandapfeiler angebrachten Lichtschalter sprang und die beiden Lampen über dem Tische ausdrehte.

Das Licht erlosch und wir schoben unsere Stühle zurück, standen auf und blickten den hellen Hauptweg entlang, der mit Muschelkies bestreut war.

Dann auch schon Haralds Stimme:

»Halt ? bleiben Sie stehen!«

Die Gestalt ? es war offenbar ein Inder ? verharrte denn auch regungslos.

»Wer sind Sie?!« rief Harald wieder.

Inzwischen hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Ich erkannte, daß es fraglos ein älterer Hindu der ärmeren Volksschichten war.

»Sahib, der Diener hat mich viermal fortgewiesen,« erklärte der Mann demütig. »Ich wollte Sahib Harst etwas erzählen ?«

»Ein Reporter,« flüsterte Greaper. »So ein ganz gerissener, der sich verkleidet hat!«

»Wie heißt Du, und was bist Du?« wollte Harst wissen.

»Ich heiße Tomar, Sahib. Ich bin Fischer. Ich wohne am Strande unweit des Mahalukschmi-Tempels.«

»Was wolltest Du von mir, Tomar? Ich bin Harald Harst.«

»Mein Sohn ist bei der elektrischen Straßenbahn angestellt. Er hat in der Zeitung gelesen, daß Du jetzt bei Sahib Greaper wohnst. Da meinte er, ich solle Dich aufsuchen. Ich bin nun hinten über die Mauer geklettert. Das, was ich Dir erzählen will, würde ich nur Dir anvertrauen, Sahib. Es ist ein Geheimnis, das ich seit einem halben Jahr mit mir herumtrage. Nur mein Sohn weiß noch davon.«

»Schwindel, alter Freund!« brüllte Greaper jetzt. »Sie sind sicher der Reporter Tompkinson vom Bombay Rekorder. Sie haben schon viele solche Scherze sich geleistet. Es ist aber eine ziemliche Frechheit, über Mauern zu klettern und ?«

»Lassen Sie nur, Greaper,« fiel Harst ihm ins Wort. »Das Englisch, das der Mann da spricht, ist miserabel, aber echt. Das heißt: der Mann verstellt sich nicht! Immerhin: Vorsicht ist geboten ? Rallings wegen!«

Dann rief er dem Hindu zu: »Komm? auf die Veranda, Tomar, aber halte die Arme hoch. Ich habe hier etwas in der Hand, das Kugeln spuckt ?«

Das Licht wurde wieder eingeschaltet.

Der alte Inder kam langsam die Stufen hoch. Harst musterte ihn scharf.

»Gut, senke die Arme, Tomar,« meinte er nun. »Setz? Dich dort hin und erzähle.«

Ja ? das, was der graubärtige Hindu mit dem von Falten zerrissenen und vom Seewasser zerfressenen Gesicht uns nun erzählte, war wie ? ja ? wie ein Märchen aus Tausend und eine Nacht. Ich finde keine passendere Bezeichnung dafür.

Erst wollte er in Gegenwart des Detektivinspektors nicht recht mit der Sprache herausrücken. Als Greaper ihm dann aber versicherte, er würde alles nur als Privatmann, nicht als Beamter, mitanhören, begann er ohne Scheu zu reden:

»Sahib, mein Beruf ist schwer und gefährlich. Die Westküste der Insel ist von Riffen und Klippen umgeben. Meist ist der Wind ungünstig, und dann haben wir bei Kumbala Hill stets eine schlimme Brandung. Es gibt nur wenige Stellen in den Riffbarrieren, wo man mit einem Fischerkahn aufs Meer hinauskann, ohne fürchten zu müssen, das Leben zu verlieren. Nordwestlich des Mahalukschmi-Tempels, von dem Du wohl sicher schon gehört hast, liegen ein paar größere Klippen. Man kann sie kleine Inselchen nennen. Sie heißen die Padschwara-Klippen, was so viel bedeutet wie die »Unzugänglichen«. Er sind im ganzen drei Inselchen. Sie schließen ein fast rundes Wasserbecken ein. Es ist vielleicht 200 Meter groß. (Er meinte 200 Meter Durchmesser.) Dort sammeln sich viele Fische. Es ist das der beste Fischgrund der ganzen Küste. Die Padschwara-Klippen werden sehr selten von Menschen betreten. Sie ragen steil aus dem Meere auf wie Mauern. Und oben sieht man nichts als übereinandergeworfene Felsblöcke. Man muß schon ein sehr guter Kletterer sein, um hinauf zu gelangen. Es gibt dort jedoch nichts zu holen, Sahib. Nur Seevögel nisten dort. Abends kreisen die Möwen in dichten Schwärmen zu tausenden über den Inselchen. Eine davon, die westliche, ist zugleich die größte und hat genau Dreieckform. Sie ist vielleicht achtzig Meter breit. (Er meinte die Seitenlänge des Dreiecks. Wir stellten nachher fest, daß diese Insel tatsächlich ein gleichseitiges Dreieck darstellte.) Auf ihr steht gerade in der Mitte ein kleiner Tempel. Jetzt ist er längst eingestürzt und von Gestrüpp überwuchert. In der Mitte der Trümmer steht eine Brahma-Statue. Vorhin im Garten hier sah ich eine ähnliche in den Büschen. Die auf der Insel ist nur größer. Aber sie ist sehr beschädigt. Man kann nun von dem Becken zwischen den Inseln aus die Statue zur Hälfte etwa sehen, da es auf der Insel etwas wie eine Kluft gibt, die sich von der Mitte nach Osten hinzieht. Es war im September des vorigen Jahres, Sahib, als ich es zum ersten Male bemerkte ?«

Tomar schwieg eine Weile.

»Sahib,« meinte er dann, »Du wirst es mir vielleicht nicht glauben. Aber ? ich habe es viele Male gesehen.«

»Was denn?« fragte Harst etwas ungeduldig.

»Nun, ? es saß auf dem Kopfe der Statue eine Frau in einem weißen Kleide oder einem weißen Mantel. Sie hatte langes, helles, aufgelöstes Haar. Der Wind wehte das Haar hin und her ?«

»Wann erblicktest Du die Gestalt zum ersten Male, Tomar? Am Tage oder nachts?«

»Nachts, Sahib, nachts. Stets nur nachts. Wir haben hier bei klarem Himmel sehr helle Nächte, auch wenn der Mond wieder zusammengeschrumpft ist. ? Mein Sohn glaubte mir es nicht. Dann ist er nachts mit mir hinausgefahren. Und schließlich im November hatte er Glück. Es war Mondschein. Und da saß die Frau wieder auf dem Kopfe der Brahma-Statue. Wir sind in jener Nacht die Steilufer hinaufgeklettert. Aber wir fanden nichts. Und dasselbe taten wir noch zweimal. Die Frau war verschwunden. Versteckt kann sie sich nicht haben. Es gibt keine Verstecke dort. Die Insel ist ja so klein. Und Scharmi, mein Sohn, versteht zu suchen. Er ist hartnäckig.«

»Ist das alles?« fragte Harald etwas enttäuscht.

»Nein, Sahib, nein, ? das Wunderbare kommt erst. Im November fischte ich einmal allein in dem Becken. Ich nehme sonst meine Tochter als Gehilfin mit. Aber sie war damals krank.«

»Dann hat auch Deine Tochter die Frau gesehen?«

»Ja. Aber meine Tochter ist doch nur ein Weib, Sahib.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung, die so recht kennzeichnend für die Stellung der indischen Frauen und Töchter war.

»Ich bemerkte also damals nachts die Frau abermals. Ich fuhr langsam auf das Inselchen zu. Und dann, Sahib, dann geschah das Seltsame. Die Frau wurde kleiner und kleiner, war plötzlich weg, und an ihrer Stelle erblickte ich nur ganz kurze Zeit, wenige Sekunden, einen Mann ? einen weißen Sahib, der einen Korkhelm trug. Ich habe sehr gute Augen, Sahib Harst ?«

»Dieser Mann verschwand dann auch?« fragte Harald jetzt mit deutlicher Spannung.

»Ja. Auch er wurde kleiner und kleiner. Bis nichts mehr von ihm übrig war.«

»Er wird an der Statue herabgeklettert sein, Tomar, genau wie die Frau,« meinte Harst und beugte sich vor, um des alten Fischers Gesicht besser beobachten zu können.

»Nein, Sahib. Der Mann hatte einen weißen Anzug an. Und ich hätte sehen müssen, wenn er an der Statue vielleicht hinabgeklettert wäre. Sie steht mit dem Gesicht nach hinten, nach dem Becken zu. Und man könnte von vorn an ihr herabsteigen. Der Rücken ist ganz glatt. Da hat man keinen Halt, Sahib. Vorn sind die Arme und die Falten des Gewandes, auch die untergeschlagenen Beine. Hinten gehen Statue und der Unterteil in eins über.«

»Hast Du diesen Mann nochmals bemerkt, Tomar?«

»Nein, Sahib. ? Ich muß aber noch etwas erwähnen. Und mein Sohn Scharmi sagte mir, ich solle dies ja nicht vergessen. Bevor die Frau so wie durch Zauberei verschwand, hörte ich einen Schrei. Er kam von dem Inselchen her. Ob die Frau ihn ausgestoßen hat, weiß ich nicht.«

»Einen Schrei? Drücke Dich genauer aus, Tomar. War es ein Hilferuf?«

»Vielleicht, Sahib. Der Schrei war so laut und gellend, daß die Möwen unruhig wurden und aufstiegen.«

»Und er kam aus der Richtung der Statue, Tomar?«

»Ja, Sahib. Und: ich möchte fast behaupten, es war eine weibliche Stimme. Jedenfalls war es ein Mensch, der da so laut schrie.«

Harald langte nach einer frischen Zigarette. Nach den ersten Zügen fragte er:

»Weshalb glaubtest Du, Tomar, daß Deine Erzählung mich interessieren würde?«

Der alte Fischer machte ein ganz verdutztes Gesicht.

»Nun es ist doch sicher ein Geheimnis dabei, Sahib,« erklärte er darauf etwas verwirrt. »Scharmi hat in den Zeitungen viel über Dich gelesen. Du bist doch ein Sahib, der solche Erlebnisse liebt.«

Harald lächelte.

»Das ist richtig, Tomar. ? Noch einige Fragen. ? Fischst Du in dem Becken dort allein? Kommen noch andere Fischer dorthin?«

»Nein, nein, Sahib. Niemand. Es ist schwer, in das Becken hineinzugelangen. Die Durchfahrten zwischen den Inselchen sind mit Riffen gespickt.«

»Hast Du dort nie ein anderes Boot bemerkt?«

»Nie, Sahib. Ich fische dort auch absichtlich nur nachts. Es soll niemand auf die gute Stelle aufmerksam werden. Und ich bitte auch Sahib Greaper sehr, dieses mein Geheimnis zu verschweigen.«

»Keine Sorge,« nickte der Inspektor. »Da hast Du eine andere Zigarre, Tomar. Wirf nur den Rest weg.«

»Hast Du jemals in der Nähe der kleinen Inseln ein verdächtiges Fahrzeug bemerkt?« forschte Harst weiter.

»Ebenfalls nicht, Sahib.«

»Wie bist Du auf den Gedanken gekommen, durch den Hof der Firma Jefferson hier in den Garten einzudringen?«

»Ich liefere für den Wächter der Firma die Fische, Sahib. Er wohnt in einem Anbau des Reisspeichers auf dem Hof, und er hatte mir mal gesagt, daß die Mauer den Garten des Sahibs Greaper begrenze.«

»Der Gedanke kam Dir also ganz zufällig, Tomar?«

»Ja. Ich wollte Dich doch gern sprechen. Ich bin sehr arm. Und Du bist reich, Sahib. Ich glaubte, Du würdest ?«

Er schaute zu Boden. ? Harst lachte leise auf.

»Du willst ein wenig verdienen bei diesem Besuch, Tomar,« meinte er. »Du hast ganz recht. Deine Erlebnisse zwischen den Padschwara-Klippen sind etwas wert. ? Hier ? nimm das. Später sollst Du noch mehr erhalten.« Er warf ihm eine indische Goldmünze in den Schoß.

Der Alte konnte sich gar nicht genug tun mit Dankesworten.

»Wann gingst Du zu dem Hofwächter der Firma Jefferson?« fragte Harst dann.

»Um halb acht vielleicht, Sahib. Er sagte mir, ich solle noch warten. Es waren noch Angestellte und Arbeiter auf dem Hofe.«

»So?! Bis wann denn?«

»Bis halb neun etwa. Es mußte noch Reis für einen Dampfer in Säcke gefüllt werden.«

»Da war es auf dem Hofe wohl sehr lebhaft? Ich meine, es eilten fortwährend Leute hin und her.«

»So ist es, Sahib. Ich habe noch mitgeholfen. Ich erhielt dafür etwas.«

»Wurden Wagen vor dem Speicher beladen?«

»Auch das. Sahib Jefferson stand selbst die ganze Zeit dabei. Es mußte alles sehr schnell gehen.«

»Hm ? ob da wohl ein Mensch unbemerkt über den Hof schlüpfen konnte, der von hier aus über die Mauer geklettert war?«

Tomar schaute Harst verblüfft an.

»Ein Mensch? Von hier aus? ? Nein, jedenfalls so lange ich auf dem Hofe war, konnte niemand vorüber. Ich hätte ihn sehen müssen. Der Hof ist lang wie eine Straße, und zu beiden Seiten sind doch die Mauern von Häusern. Vielleicht hätte ein Inder, ein Arbeiter sich unbemerkt zwischen die anderen mischen können. Aber auch das ist wohl kaum möglich gewesen. Jemand, der von der Mauer so zwischen ½ 8 und ½ 9 hergekommen wäre, mußte auffallen.«

Ich verstand, was Harald feststellen wollte. Edward Ralling war um 10 Minuten nach acht Uhr etwa über die Mauer geflüchtet, nachdem Harst ihn so großmütig hatte entweichen lassen. Und ? Ralling als Europäer hätte doch von den Arbeitern unbedingt bemerkt werden müssen! ?

Harst gab dem alten Fischer jetzt noch eine Zigarre mit auf den Weg. ? »Erwarte uns um ½ 12 heute vor dem Mahalukschmi-Tempel,« sagte er. »Und mache Dein Boot bereit. Sprich aber zu niemandem über diesen Besuch hier bei mir; nur Dein Sohn darf es wissen. Nun geh?, Tomar.«

Greaper läutete nach einem seiner Diener, der den Alten dann hinausgeleitete.

3. Kapitel.

Auf der Klippe.

»Was halten Sie von Tomars Erzählung?« fragte Harald den Inspektor.

»Hm, eine tolle Gesichts. Lügen sind das nicht. Das merkte man. Noch toller ist aber das andere. Verdammt ? wo ist denn Ralling geblieben? Ueber den Hof des Jefferson kann er doch unmöglich geflüchtet sein!«

»Aber die Spuren an der Palme,« warf ich ein.

»Ist die Mauer sehr dick, Greaper?« meinte Harst nachdenklich. »Kann sie hohl sein?«

»Hohl? Nein. Ausgeschlossen. Sie denken an irgend so etwas wie einen geheimen Schlupfwinkel. Woher sollte Ralling den kennen?«

»Hm, wissen Sie denn, Greaper, ob er zum ersten Male hier auf Ihrem Grund und Boden war?!«

»Wie meinen Sie das, Harst?« Der Inspektor wurde aufmerksam.

»Ich meine, daß Ralling in Ihrem Garten sehr gut Bescheid gewußt haben muß. Ueber die Mauer ist er jedenfalls nicht geflüchtet und vielleicht auch gar nicht auf diesem Wege gekommen. Es ist jetzt ja dunkel, und wir können den Garten nicht nochmals absuchen. Aber morgen werden wir es tun. ? Wem gehörte dieses Haus, bevor Sie es kauften?«

»Einem Landsmann von mir, einem Arzte namens Webster. Er war ein Sonderling. Seine Tochter starb ihm hier ? er war Witwer, und da zog er vor sechs Jahren nach England.«

»Und der Besitzer vor Webster?«

»Ein Brahmane, der sich als Kaufmann versuchte. Er hat auch das Haus bauen lassen. Die Mauer steht vielleicht schon länger. Und meine Brahma-Statue noch länger. Sie ist noch eine Erinnerung an Bombays älteste Zeit. Ein Teil des Stadtteiles Castle steht auf einer Ruinenstadt. Teilweise hat man die alten Fundamente jetzt bei den neuen Geschäftspalästen mit benutzt.«

Harald zog seine Uhr. »Beinahe elf, Greaper. Wie lange fährt man im Auto bis zum Mahalukschmi-Tempel?«

»Zwanzig Minuten etwa. ? Ich kann leider nicht mitkommen, Harst. Ich habe mir die Sache überlegt: ich werde durch meine Beamten meinen Garten absuchen lassen, mit Hilfe von Laternen. Ebenso auch das Grundstück des Jefferson. Ich darf nichts versäumen, Ralling zu fangen, zumal die Zeitungen hier sofort über uns Polizeileute herfallen, wenn wir einen Verbrecher nicht umgehend erwischen.«

Harst schwieg. Greaper ließ für uns ein gutes Mietauto holen. ? Wir nahmen wie stets unser Handwerkszeug: Taschenlampe, Ersatzbatterien, Dolchmesser, Clementpistole und reichlich Rauchvorrat mit.

»Seien Sie vorsichtig,« warnte Greaper noch beim Abschied. »Sauber ist die Geschichte auf der Padschwara-Klippe fraglos nicht. Ich möchte so gern mit. Aber der verdammte Ralling!« ?

Unser Kraftwagen glitt jetzt durch die südwestlichen, breiteren Straßen des Eingeborenenviertels Black Town, bog dann in die westlichen, eleganten Villenvororte ein.

Harald hatte dem indischen Chauffeur befohlen, fünfhundert Meter vor dem berühmten Tempel, der eine ganze Anzahl Bauten umfaßt, zu halten. ? Es ging bergan. Dann lag plötzlich das Meer vor uns. Hier hielt das Auto.

Harst bezahlte den indischen Chauffeur. Es war ein bloßer Zufall, daß ich noch einen Eingeborenen wahrnahm, der jetzt wie ein Schatten in die Büsche schlüpfte. Der Mensch mußte sich hinten an dem Gepäckhalter des offenen Kraftwagens festgeklammert gehabt haben.

»Harald!« rief ich und deutete mit der Hand die Richtung an.

Harald sagte nichts. Er mußte den Menschen jedoch noch wahrgenommen haben.

Das Auto wendete und fuhr davon.

»Die Sache fängt faul an,« meinte Harald nun. »Der Kerl hat doch fraglos Greapers Haus beobachtet. Ob es ein Spion Rallings ist? Daß Ralling hier ihm blind ergebene gute Freunde hat, nimmt ja auch Greaper an. ? Es war ein Inder, das habe ich noch erkannt. Ein kleiner, hagerer Mensch. Sehr unbequem, der Bursche! Na ? auf dem Wasser wird er uns kaum folgen können.«

Wir gingen auf den Tempel zu, der sich auf einer viereckigen Landzunge erhebt.

Tomar hockte am Straßenrande, kam uns nun schnell entgegen.

»Sahib, ich habe mein Boot dort drüben festgemacht! Wir können sofort absegeln. Der Wind ist günstig,« begrüßte er uns freudig.

Bis zum Strand hinunter waren es keine hundert Meter. Harst erklärte dem Fischer, daß ein Mensch uns nachschleiche. Ob es nicht eine Möglichkeit gebe, ihn abzuschütteln.

Der Alte überlegte. »Ja, Sahib. Folgt mir nur,« sagte er dann. Er bog in einen Hain von Palmen ab. Es war, da der Mond nur einen schwachen Wolkenschleier hatte, ziemlich hell.

Tomar begann zu laufen. Im Trab verschwanden wir in dem einstigen Hofe eines ehemaligen Gebäudes. Der Alte lief auf einen noch zum Teil erhaltenen Torbogen zu. In dem Gemäuer klaffte ein meterbreiter Riß. Harst hatte schon seine Taschenlampe eingeschaltet. Es ging über Geröll abwärts in einen großen Keller, weiter durch unterirdische Gewölbe, dann wieder aufwärts über eine Steintreppe und durch ein Mauerloch.

Das Meer blinkte zu unseren Füßen.

Wir eilten im Schatten von Büschen zu einer kleinen Bucht hinab. Hier lag Tomars Fischernachen, ? plump, breit, nach Fischen stinkend.

Harald half rudern. Das Segel hißten wir erst später. Bis zu den Padschwara-Klippen waren es knapp drei Kilometer. Man erkannte die grauschwarzen Felsen schon von weitem. Sie sind von Riffen, mehrfach umgürtet. Tomar steuerte. Das große Segel trieb das schwere Fahrzeug ruhig dahin. Neben uns schäumte das Wasser über die lauernden Felsspitzen hinweg. Dann steuerten wir von Nordwest in die Durchfahrt zwischen zwei der Padshwaras, zwischen die Unzugänglichen, hinein, dann hatten wir Tomars »Brotstelle«, seine Fischgründe erreicht. Das Wasserbecken war wirklich fast kreisrund. Nur die Größe hatte Tomar vorbeigeschätzt. Der Durchmesser betrug höchstens 150 Meter.

Der Nachen wurde an eine Stelle gesteuert, von der aus wir die Brahma-Statue gut sehen konnten.

Nun ? man erblickte von ihr nur den oberen Teil, etwa von den Hüften ab. Wenigstens von dieser Stelle aus. Tomar ließ einen kleinen Anker fallen, so daß wir nun von der auch hier herrschenden Strömung nicht abgetrieben werden konnten.

Es war jetzt ½ 1 Uhr nachts. Harald hatte sein Fernglas mitgenommen, stellte es nun auf die Statue ein und sagte dann:

»Wir werden das Inselchen erklettern. Tomar Du wirst uns den Weg zeigen. Dann kehre nach Hause zurück und hole uns etwas Brot und Früchte. Ich möchte den Tag über auf der Klippe bleiben. In der nächsten Nacht bringst Du uns dann zurück.«

»Sahib, Brot und Früchte habe ich stets mit. Man kann nie wissen, ob man nicht länger wegbleibt.«

»Sehr gut. Dann nehmen wir Deine Vorräte mit. ? Vorwärts nun. Warten, bis die Gestalt sich zeigt, ? falls sie sich überhaupt zeigt ? ist zwecklos.«

Die Kletterpartie vergesse ich mein Lebtag nicht. Wir mußten in einer Art Felskamin aufwärts. Wenn man hier abrutschte, war man seine gesunden Knochen für immer los. Da drang plötzlich von oben her, wo wir den Nachthimmel etwa fünf Meter über uns in breitem Strich schimmern sahen, ein gellendes Lachen, dann ein noch lauteter Schrei zu uns herab.

Tomar, der schon dicht am oberen Ende des Felskamins sich befand, machte halt.

»Hörtest Du, Sahib,« rief er leise.

»Weiter!« befahl Harald. »Leg? Dich oben aber flach hin, Tomar ?«

Die Felsspalte mündete etwa 18 Meter westlich der Statue am Rande der Trümmerstätte des einstigen Tempels. Auch wir hatten uns nun neben Tomar geschoben, lagen dicht nebeneinander.

»Du kannst jetzt wieder hinunter in Dein Boot,« flüsterte Harst dem Alten zu. »Morgen nacht findest Du Dich wieder ein. Geh? auch zu Inspektor Greaper und sage ihm, daß wir hier geblieben sind.«

Der Fischer tauchte wieder in dem Felskamin unter.

Wir waren allein.

»Was nur hinter dieser Geschichte stecken mag,« flüsterte Harald. »Das Lachen und der Schrei kamen aus weiblicher Kehle. Vorläufig wollen wir uns hier nicht wegrühren. Vielleicht geschieht irgend etwas. ? Ich habe doch genügend Phantasie: aus diesem Geheimnis hier vermag ich mir keinen Vers zu machen.«

Dicht vor uns wucherten zwischen den weit umhergestreuten Mauerresten jene Riesendisteln und stachligen Rankengewächse, die jeden Schutthaufen in Indien zieren. Manche dieser Distelstauden waren wie dünne Bäume.

Ueber diese Stätte der Verwüstung ragte riesig und plump die Brahma-Statue hinaus. Um den mächtigen Sockel lagen ein paar größere Mauerreste herum. Die Schlingpflanzen hatten den Sockel zum Teil umsponnen.

Wir hatten die Statue halb im Profil vor uns. Der ungeheure Kopf mit der diademartigen Haube saß fast ohne Hals auf dem Rumpf. Das vom Mondlicht jetzt hell beschienene Gesicht des Gottes mit dem eigenartigen Grinsen, das die meisten Brahma-Bildnisse zeigen, wirkte abstoßend häßlich.

»Das Ding ist etwa 8 Meter hoch,« meinte Harst. »Es hat fraglos mal in der Halle des Tempels gestanden. Es dürfte ebenfalls aus gebranntem Ton bestehen wie Greapers Gartengötze. ? Reich? mir doch mal den Sack mit den Lebensmitteln her. Aber leise. Ich habe Hunger.«

Das konnte ich von mir nicht behaupten. Dieses Inselchen behagte mir nicht. Wenn ich den Götzen anschaute, wenn ich den Blick über seine hämisch grinsenden Züge hingleiten ließ, dann hatte ich das dumpfe Gefühl: diese Sache hier läuft nicht gut ab!

Mit einem Male flüsterte Harald dann: »Du ? mir ist da soeben ein Gedanke gekommen! Und weißt Du, wodurch?«

»Die Frage ist wohl überflüssig!«

»Nun ? durch München!«

»Wodurch?! München?!«

»Ja. Du gibst doch zu, daß man hier an München erinnert wird.«

»Deine Witze sind heute etwas schwach!«

Auf diese meine Bemerkung erwiderte er nichts.

Dann ? es war mittlerweile halb zwei Uhr geworden, wie meine Taschenuhr mir verriet, erklärte ich, daß mir bereits alle Knochen vom Liegen derart weh täten, daß ich mich aufrecht setzen müßte.

Wieder erhielt ich keine Antwort. ? Ob ich etwa ein wenig eingenickt gewesen war?!

Hm ? merkwürdig, daß Harald nichts erwiderte. Und ? es war jetzt auch so dunkel plötzlich! Die Statue mit dem ekelhaft grinsenden Gesicht ragte da nur noch wie ein grauer Klumpen empor.

Ich wandte den Kopf nach links. Das Genick war mir ganz steif. Und die Augenlider waren wie Blei. Ich hatte fraglos geschlafen.

Harst lag nicht mehr neben mir.

Das machte mich mit einem Schlage munter.

Der Mond hatte sich hinter einer Wolke verkrochen. Es war Sturm aufgekommen. Er heulte von Westen her in kurzen Stößen über die hohe, unheimliche Klippe. Ich hörte die See an den Riffen draußen toben. Die hohen Distelstauden schwangen hin und her, und ihre harten Blätter rieben sich knisternd aneinander. ?

Wo war Harst?

Ich richtete mich halb auf, schaute um mich. Meine linke Hand faßte etwas Rundliches, Hartes. Es war Haralds Fernglasfutteral.

Wo stecke er? Hatte er die Gelegenheit benutzt und war, als ich schlief, allein weitergekrochen?! Wohin aber?! Hier gab es doch nichts zu untersuchen! Jetzt nachts wäre das doch ganz zwecklos gewesen.

Da ? die Wolke hatte den Mond freigegeben. Nicht ganz. Aber es war mit einem Male heller geworden.

Ich kniete jetzt. Ich schaute unwillkürlich wieder nach dem riesigen Götzenbildnis hin.

Mein Kopf schnellte zurück. Es war, als hätte mir jemand einen Hieb vor die Stirn versetzt. Und doch: nur meine Augen hatten meinem Hirn etwas zugeleitet, das mir doch eigentlich gar nicht so überraschend hätte kommen dürfen.

Auf dem breiten Schädel des Götzen saß ein Mensch ? ein Mann! ? Ich konnte nur die Konturen seiner Gestalt wahrnehmen. Er hatte sich weit nach vorn gebeugt.

Kaum hatte ich dieses Bild erst richtig erfaßt, als die Wolkenschleier das Mondlicht schon wieder stärker absperrten.

Es wurde allmählich dunkler. Die Konturen des Menschen da oben verschwammen. Und ? ja, der alte Fischer hatte ganz recht! ? und dieser Mann da oben schrumpfte nun allmählich zusammen.

Jetzt war nichts mehr von ihm übrig.

Und ? abermals ward es da hell, ? heller noch, als vorhin. Ich sah jetzt auch wieder das scheußliche Gesicht, sah den Leib über den untergeschlagenen Beinen, die über der Brust gekreuzten Arme.

Nur ? von dem Manne sah ich keine Spur mehr.

Das Ganze wirkte wie ein Spuk; wie ein Traumbild, das uns im Schlafe die Nerven vibrieren macht.

4. Kapitel.

Wie Stuart Tompkinson sich vorstellte.

Wo ist Harald? ? Wieder schoß mir die Frage durch den Kopf. Und gleichzeitig merkte ich, daß diese Umgebung, die so geheimnisvoll, so unheilschwanger war, meinen Herzschlag immer mehr beschleunigte.

Angst?! ? Nein! ? Das, was ich empfand, war mit Furchtgefühl nicht verwandt. Es war das Bewußtsein, hier allein zu sein, die Erkenntnis, ohne Harald hier nichts ausrichten zu können. Es war eben die Einsicht, daß ich nur an Harsts Seite so leidlich Herr meiner Nerven war.

Wenn ihm etwas zugestoßen war?! Wenn hier vielleicht Leute in der Verborgenheit hausten, die ihn jetzt in ihrer Gewalt hatten?!

Da kam die Sorge, die Angst, ? aber nur um ihn, um sein Leben! ? Ich langte in die Tasche, nahm die kleine Clement heraus, schob die Sicherung zurück.

Was doch so das kühle Metall, der Kolben der Pistole, dessen Kälte sich den heißen Fingern mitteilt, alles vermag! Und dazu der Gedanke: Du hast neun Schuß zur Verfügung, brauchst nur neunmal abzudrücken! Und ? Du triffst auch! Das hast Du ja schon bewiesen!

Mein Herzschlag wurde langsamer.

Der Mond war jetzt ganz hinter der Wolke hervorgetreten. Ich konnte alles ringsum genau unterscheiden.

Ich kroch vorwärts. So, wie ich?s von Harald gelernt hatte. Mit aller Vorsicht. Erst tastete ich vor mir den Boden ab. Dann erst hob ich das eine Knie nach, dann das andere.

Ich näherte mich der Brahma-Statue. Da lagen mir so und so viele Mauertrümmer im Wege. Ich umging sie, machte Bogen, kroch im Zickzack. Und so und so oft hielt ich an und horchte.

Horchen?! Bei diesem Konzert des ständig anwachsenden Sturmes?! Und bei diesem Knistern und Rauschen der großen Disteln, diesem Brüllen der Brandung?!

Ja ? ich versuchte es wenigstens. Mehr aus alter Gewohnheit von ähnlichen Abenteuern her, wenn ebenfalls wie jetzt alle Sinne sozusagen auf der Lauer lagen und irgend etwas wahrnehmen wollten, ? irgend etwas!

Abermals hatte ich mich zwischen zwei Mauerklötze geklemmt und ruhte aus und horchte.

Ah ? war da nicht rechts von mir etwas polternd zu Boden gefallen? Hatte das nicht geklungen, als ob ein Stein von einem Mauerstück herabgeplumpst und ein wenig weitergerollt war?

Ein paar kleinere Disteln boten meinem Kopfe Deckung. Ich spähte dorthin ? dort nach rechts.

Und sah ? sah einen kleinen Kerl in Eingeborenentracht, einen Inder, mit einem winzigen Turban auf dem Schädel, der ihm aber bis ins Genick reichte.

Ah ? also doch irgend ein Halunke, der hier herumschlich! Vielleicht einer von denen, die Harald jetzt in den Klauen hatten!

Der Kerl kniete und spielte Wendehals, spähte hierhin, spähte dorthin.

Ob er etwa mich suchte?!

Da ? er schlich vorwärts. Es lag dort jedoch der Rest einer Mauer. Dieser wollte er nach links ausweichen.

Ich bemerkte schnell: Wenn ich mich noch ein Meter vorschob, mußte er dicht an mir und einem Mauerblock vorbei, hinter den ich mich legen konnte.

Und ? es gelang: jetzt tauchte sein Kopf auf. Ein Sprung, und ich hing ihm am Halse, drückte ihn gleichzeitig zu Boden, lag auf ihm.

»Wenn Du Dich nicht still verhältst, erwürge ich Dich!« drohte ich mit dem Gesicht du über seinem Kopf. »Verstehst Du englisch? Nicke, wenn ja ?«

Er nickte. ? Ich lockerte die Hände. Er japste wie ein halb Ertrunkener.

Ich hatte die Clement in der rechten Jackentasche.

»Liegst Du nicht ganz ruhig, schieße ich!« flüsterte ich wieder und hatte rasch die Pistole herausgeholt und sie ihm ins Genick mit der Mündung gedrückt.

Auch die Linke nahm ich von seinem Halse weg. Er konnte nun ganz frei atmen, konnte sich melden, ? und er tat es auch!

»Sie gestatten, daß ich mich vorstelle, Mr. Schraut,« raunte er gegen den Erdboden. Aber ich verstand doch jedes Wort. »Mein Name ist Tompkinson, Reporter Stuart Tompkinson vom Bombay Rekorder. Sie können nur Mr. Schraut sein. Harst wiegt nichts so viel wie Sie. Bitte befreien Sie meinen Kadaver von Ihren zwei Zentnern, Mr. Schraut, oder aber Sie werden mir ein paar Rippen ausflicken lassen müssen. Ich will nur gestehen: ich war es, der sich hinten an Ihr Auto gehängt hatte. Vielleicht haben Sie schon von mir gehört. Man nennt mich in ganz Indien den Reporterkönig ?«

Das war ja eine nette Ueberraschung! ? Allerdings hatte ich von Tompkinson schon so manches vernommen, und nicht nur von Greaper, der ja den alter Fischer zuerst für Tompkinson gehalten hatte. Stuart Tompkinson war tatsächlich berühmt, die indischen Zeitungen brachten häufig allerlei Abenteuer von ihm.

Ich beeilte mich, meine 185 Pfund von seinem »Kadaver« herabzuwälzen. Er richtete sich auf, rieb sich mit der Linken die Rippen und streckte mir die Rechte hin.

»Freue mich, Sie auf so angenehme Art kennen zu lernen, Mr. Schraut.«

Sein tiefbraun gefärbtes, mageres Gesicht lächelte ganz heiter. »Sehen Sie, nun kriege ich doch einen Artikel für mein Blatt zusammen,« fügte er hinzu. »Ein Glück daß ich so frech war, ein kleines Segelboot loszuketten und Ihrem Fischerkahn nachzufahren. Ja, der Stuart Tompkinson! Der ist smart!«

Dann, nachdem wir einen kräftigen Händedruck ausgetauscht hatten, deutete er auf die Brahma-Statue.

»Was hat es mit dem Tonklotz eigentlich für eine Bewandtnis? Ich bin erst eine Viertelstunde hier auf diesem verwünschten Felsen. Ich lag vorhin dort drüben. Und da sah ich einen Menschen oben auf dem Götzenschädel hocken. Dann verschwand der Mensch ?«

»Wäre es nicht besser, wir würden uns anderswo aussprechen?« meinte ich. ? Wir krochen also wieder ein Stück zurück bis wir zwischen Mauerstücken ein sicheres Plätzchen gefunden hatten. Hier setzten wir uns nieder.

»Wo steckt Mr. Harst?« fragte der kleine Reporter.

»Keine Ahnung. Ich war eingenickt. Als ich erwachte, war er weg.«

»Und weshalb sind Sie beide hierhergekommen? Sie müssen hier doch irgend was besonderes vorhaben.«

Ich überlegte.

»Wenn Sie Schweigen geloben, sollen Sie alles erfahren, Mr. Tompkinson,« erklärte ich dann.

»Sie haben mein Wort. Auch Reporter müssen oft sehr verschwiegen sein, Herr Schraut.«

Ich erzählte ihm nun alles, was der alte Tomar uns mitgeteilt hatte. Tompkinson hörte still zu. Dann sagte er:

»Gut, daß Sie mich hier getroffen haben. Ich weiß nämlich etwas, das selbst Greaper scheinbar unbekannt ist. Sonst hätte er es Ihnen beiden gegenüber erwähnt. Dieses Inselchen heißt in alten Sanskriturkunden, die in der Stadtbibliothek in Bombay aufbewahrt werden, Vinduprana. Das bedeutet so viel als »Eiland der Heiligen«. In diesen Sanskritschriften, deren Uebersetzungen ich studiert habe, wird behauptet, daß diese riesige Felsmasse hier hohl sei. Es sollen sich in ihr Tempelräume befinden. Nun ? etwa ein Dutzend Altertumsforscher haben dieses Eiland untersucht. Zuletzt war vor drei Jahren Professor Holgerson aus London hier. Er hat ein dickes Buch nachher geschrieben und nachzuweisen versucht, daß es hier nichts zu suchen gibt, daß eben dieses Inselchen nicht das in den Urkunden Vinduprana genannte sein könne. ? So, das weiß ich über diese Klippe. Greaper kümmert sich um so was nicht. Der züchtet Orchideen.«

Er machte eine kleine Pause.

»Da ? der neue Tag beginnt, Mr. Schraut,« sagte er nun. »Die Morgendämmerung kommt. In einer halben Stunde ist es hell. Dann werden wir Ihren Freund vielleicht finden.«

»Und ? was halten Sie von dem Weibe und den gellenden Schreien, Mr. Tompkinson?«

»Keine Ahnung. Jedenfalls wirkte es ziemlich unheimlich, wie der Mensch vorhin dort auf der Brahma-Statue so spurlos verduftete.«

Wir schwiegen jetzt eine ganze Weile und beobachteten, wie der Mond mehr und mehr verblaßte, wie jenes fahle, erste Tageslicht erschien, das etwas so eigentümlich Unheimliches an sich hat, wenn man es im Freien und in der Einsamkeit auf sich wirken läßt.

Der riesige Götze stand kaum zehn Meter vor uns. Ich schaute zu ihm nach oben, schaute ihm in das grinsende Antlitz. ?

Tompkinson stopfte sich seelenruhig eine kurze Pfeife und begann zu rauchen. Er hatte das reine Totenkopfgesicht, so mager war er. Und vorn im Munde hatte er statt der Zähne nur blinkende Goldplomben.

Er stand auf und reckte sich.

»Suchen wir,« meinte er.

Wir gingen bis an den Sockel des Götzen. Dieser Sockel war ein mächtiges, glatt behauenes Felsstück. Allerlei Inschriften zierten den viereckigen Stein.

Mit einem Male bückte Tompkinson sich und hob drei Zigarettenstummel auf.

»Das ? sind Reste von seinen Mirakulum ?«

»Na ? dann hat er offenbar hier auf dem Sockel gesessen und geraucht,« meinte der kleine Reporter. »Ich begreife nur nicht, wo er hingeraten sein kann. Für alle Fälle nehmen Sie Ihre Knallbüchse wieder zur Hand, Mr. Schraut. Harmlos ist die Geschichte hier ja fraglos nicht. Ich führe nie eine Waffe bei mir. Ich brauche sie nicht. Ich schlage mich schon überall mit meinem Mundwerk durch.«

Wir durchstöberten nun jede Ritze der Plattform dieses Inselfelsens; wir bogen Distelbüsche auseinander, wir suchten hinter jedem Schutthaufen.

»Tolle Sache!« meinte Stuart Tompkinson. »Vielleicht hat man Harst über den Rand der Klippe in die See geworfen, nachdem man ihn durch einen Hieb betäubt hatte. Sie müssen doch zugeben, Mr. Schraut: Hier ist er nicht!«

Wir saßen jetzt wieder auf dem Steinsockel des Götzen. Ich rauchte eine Zigarre. Aber sie schmeckte mir nicht. ? Der Sturm war wieder abgeflaut. Die Sonne war über den Hügeln des Kumbala Hill längst aufgegangen. Dort drüben lag das Festland, ? nein, die Insel Bombay und die große Hafenstadt gleichen Namens.

»Er muß hier sein, Mr. Tompkinson!« erwiderte ich auf des kleinen Reporters letzte Aeußerung. »Wenn er hier an derselben Stelle drei seiner Mirakulum geraucht hat, dann fühlte er sich auch sicher. Harald Harst raucht nicht, wenn er fürchtet oder auch nur fürchten zu müssen glaubt, daß ihm jeden Moment irgend etwas zustoßen kann; er raucht nur, wenn er nachdenken will oder wenn er die Lage bereits so weit geklärt hat, daß ?«

An dieser Stelle kam die Unterbrechung.

Ich hatte ziemlich laut gesprochen. Ich erregte mich etwas bei dieser Verteidigung meiner Ansicht.

Die Unterbrechung kam von oben.

5. Kapitel.

Edward Rallings Ende.

»Du hast ganz recht, mein Alter,« ertönte Haralds Stimme über uns. »Ich bin hier!«

Wir fuhren hoch, starrten zum Schädel des Götzen hinauf. Dort saß Harst. Sein Gesicht war etwas fahl. Die graue Reisemütze hatte er ins Genick geschoben. Auf seiner Stirn lagen die drei charakteristischen Falten: bei ihm stets ein Zeichen heftiger innerer Erregung oder eines besonders scharfen Nachdenkens.

Dann begann er an der Vorderseite des Götzen herabzuklettern. Als er vor uns stand, reichte er Tompkinson die Hand.

»Nicht wahr, Sie machten gestern abend unsere Autofahrt mit ? als blinder Passagier,« sagte er. Seine Stimme war hart und gleichsam brüchig. »Wie sollten Sie jetzt sonst auf diesem Eiland sein?! Jedenfalls hatte der Mann, der gestern in die Büsche schlüpfte, den Turban genau so tief um den Kopf geschlungen. Sie haben hellblondes Haar, Mr. Tompkinson. Das mußte verdeckt werden.«

Nun gab er auch mir die Hand. »Du bist wieder meinetwegen in Sorge gewesen, lieber Alter. Es war aber keine Gefahr dabei. Nur ? meine Nerven hat es mitgenommen.«

»Wie bist Du soeben so unbemerkt auf den Götzen hinaufgelangt?« platzte ich heraus. Ich denke, jeder hätte diese Frage schleunigst gestellt.

»Natürlich ist Mr. Harst hinter uns an der Rückseite der Figur emporgeklettert,« warf der Reporter hin. »Wie sonst?! Allerhand Achtung, daß Sie das so geräuschlos fertig brachten.«

Harald antwortete nicht, sondern setzte sich auf den Sockel. »Nehmen Sie doch auch wieder Platz,« meinte er. Er holte sein Zigarettenetui hervor.

»Bitte ? bedienen Sie sich ebenfalls, Mr. Tompkinson. Ich habe noch sechs Stück da. Vier bleiben dann für mich. ? So, da haben Sie auch Feuer. ? Dir schmeckt diese Wiedersehenszigarette, mein Alter. Sie würde Dir genau so wenig schmecken wie mir, wenn Du das Geheimnis dieses Felsens kennen würdest. ? Mr. Tompkinson, wie lange sind Sie schon in Bombay als Reporter tätig?«

»Zwölf Jahre, ? nein, zwölfeinhalb.«

»So, dann müßten Sie Bescheid wissen. Besinnen Sie sich: ist mal aus Bombay oder überhaupt hier aus der Nähe eine junge Europäerin entführt worden?«

»Nein. Das heißt, es sind doch zwei entführt worden, aber die widerstrebenden Eltern haben dann die Heirat gestattet.«

»Merkwürdig,« murmelte Harst sinnend. »Woher sie nur sein mag?!«

»Wie lange lebt Edward Ralling bereits in Indien?« fragte er dann nach einer Weile.

»Hm ? sieben Jahre etwa ?«

»Er ist ein großer Lebemann und Frauenfreund gewesen ? neben allem anderen. Denken Sie nach, Mr. Tompkinson. Hatte Ralling mal eine Liebschaft, die einen gewissen romantischen oder sensationellen Beigeschmack hatte?«

Der Reporter kniff die Augen zusammen und strengte sein Hirn offenbar sehr an.

»Ja« sagte er schließlich. »Vor Jahren ? es ist lange her ? soll ihn einmal ein ergrimmter Vater mit der Reitpeitsche bearbeitet haben. Es war das ein Sonderling, der nur für seine Tochter lebte, der sie ängstlich von aller Welt abschloß. Man munkelte, sie solle geistig nicht ganz normal gewesen sein. Nichts Schlimmes dieser geistige Defekt. Nur so etwas stark überspannt und ? zu dummen Streichen geneigt. Seiner Zeit war Edith Webster hier eine Weile in aller Munde. Sie soll sehr schön gewesen sein.«

»Webster?« fragte Harst schnell. Dann sprang er auf. »Ah ? das wäre ja die Brücke nach drüben, nach Bombay! ? Mr. Tompkinson, der Vater dieser Edith war wohl Arzt und besaß einst das alte Häuschen, in dem Greaper jetzt wohnt.«

»Richtig, nun fällt es mir ein. Greaper hat ja damals das Haus gekauft, als Webster nach London zog.«

»Greaper erzählte uns, daß Websters Tochter hier gestorben sei,« sagte Harald hastig. »So ist es doch?«

»Ja, sie soll aus Liebesgram dahingesiecht sein. Webster nahm die Leiche in einem Zinksarge mit nach England.«

»Hat jemand Edith Webster als Leiche gesehen?«

Tompkinson schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Webster wird ja wohl den Totenschein allein ausgestellt haben. Verkehr hatte er nicht. Seine Praxis beschränkte sich auf Eingeborene. Er war sehr reich und nahm nie Honorar. Die Inder Bombays verehrten ihn wie einen Heiligen.«

Harald warf den Zigarettenrest weg. Er stand vor uns, sagte nun langsam:

»Ralling ist eine Bestie in Menschengestalt. Eines von den Ungeheuern mit dem Benehmen des Gentleman. Er hat Edith Webster aus Rache entführt ? für immer verschwinden lassen. Sie ist das Weib, das Tomar hier auf dem Kopfe der Brahma-Statue erblickt hat. Und Lord Ralling war es, den er ein andermal dort oben sah.« Er sprach sehr schnell.

Ich merkte, wie ihn all dies erregte.

»Diese Klippe ist größtenteils hohl,« fuhr er fort.

»Also doch!« riefen Tompkinson und ich wie aus einem Munde.

Harald schaute uns an. »Was soll das?!«

Der kleine Reporter erzählte von den Sanskrit-Urkunden und dem dicken Buche des Professors aus London.

»Der Professor hat nur nicht zu suchen verstanden,« meinte Harst. »Es gibt doch einen Zugang zu den Höhlentempeln hier. Nur ist er auf echt indische Weise der großen Menge verheimlicht worden. Die Inder waren Künstler im Ersinnen von Geheimtüren und ähnlichem. ? Doch ich will nun zunächst erklären, wie ich den Zugang fand. Der Besuch Tomars bei Greaper und des Alten Bericht über die einstige Tätigkeit auf dem Hofe der Firma Jefferson gab mir die Gewißheit, daß Ralling nach der ganz spannenden Szene vor Greapers Brahma-Statue, bei der das Aeffchen Charly eine nicht unwichtige Rolle spielte, unmöglich über den Hof der Firma geflüchtet sein könnte. Ich hatte nun, als wir von der Besichtigung des sich an die Mauer anlehnenden Palmbaumes nach dem Hause zurückkehrten, im Vorübergehen noch einen Blick auf den Götzen im Gebüsch geworfen und am Halse des Götzen, besser dort, wo das Gewand oben die Brust so faltig umschloß, etwas wahrgenommen, das ich später nachprüfen wollte. Es war das ein kleiner Zweig, der scheinbar in die Falten eingewachsen war, der also mit der Spitze in den Götzen hineinzureichen schien. Das wichtige hierbei war, daß dieser Zweig vorher, als Ralling mit uns vor dem Götzen und dem Gebüsch stand, nicht in dieser eigentümlichen Weise mit der Spitze in die Falten des Gewandes eingeklemmt gewesen war. Es war ein Seitenzweig eines der längsten Schößlinge eines der Büsche, sogar des einzigen Schößlings, der so hoch hinauf reichte. Ich hatte mir die Statue doch vorher schon angesehen. Und da wäre mir das eingeklemmte Zweiglein nie entgangen. Nachher aber war ein solches Zweiglein in die Figur scheinbar eingewachsen. ? Dann kamen Schraut und ich hierher. Wir lagen dort drüben. Und da fiel mir wieder dieser Zweig ein. Gleichzeitig dachte ich an die berühmte Münchener Bavaria, das riesige Erzstandbild auf der Theresienwiese, in dem man bis in den Kopf hinaufklettern kann.«

»Ah ? ich begreife jetzt alles!« rief ich. »Deshalb also Deine Bemerkung über München!«

»Ja ? deshalb! ? Du schliefst dann ein, mein Alter. Und da sagte ich mir: die beiden Statuen des Gottes in Greapers Garten und hier sind bis auf die Größe völlig gleich. Könnte es da nicht auch möglich sein, daß man hier bei dieser Figur ein Zweiglein einklemmen kann?«

Tompkinson fuchtelte mit den Armen herum, rief: »Kopf und Hals der Statue sind als Deckel gearbeitet! Es muß so sein. Daher verschwanden das Weib und der Mann auch so, als ob sie zusammenschrumpften! Sie krochen eben in das Innere des Götzen hinein!«

»Ganz recht. Und ich war der Mann, den mein guter Alter in der Nacht dort oben bemerkte und verschwinden sah. ? Es war also der eingeklemmte Zweig, der mich auf den richtigen Weg führte. Ralling war eben nicht aus dem Garten geflüchtet, sondern war in den Götzen hinab geklettert, hatte aber aus Unachtsamkeit beim Schließen des »Deckels« den Zweig eingeklemmt. Er kannte also dieses Deckel-Geheimnis von Greapers Statue. Und er wird es fraglos von Edith Webster erfahren haben, diesem armen, jetzt wahnsinnigen, völlig ergrauten und verblühten Weibe, das er all die Jahre hier auf der Klippe in den Gewölben des Tempels gefangen gehalten hat. ? So, nun wollen wir sie herausholen, die Aermste, die den Schurken in ihrer geistigen Umnachtung noch immer liebt und die mir freiwillig nicht folgen wollte. Sie ist harmlos. Sie sitzt da und stiert vor sich hin, antwortet auf nichts, plappert nur immer: »Edward, komm?, ? Edward, sei gut zu mir ?«

Harald stieg als erster hinauf. Es gab da an der Brust des Götzen eine verborgene Feder. Schob man sie zurück, so konnte man Kopf, Hals und ein Stück der Brust nach hinten so weit umklappen, daß eine Oeffnung frei wurde, die selbst einen korpulenten Menschen durchließ.

Der Götze war nur außen von gebranntem Ton. Innen bestand er aus einer Metallschicht. In diese waren Stäbe eingelassen.

So gelangten wir schließlich über eine Steintreppe in die zu unterirdischen Tempelhallen umgestalteten Hohlräume der Klippe. Ein kleinerer Raum war Edith Websters Wohnung. Aus Brettern roh zusammengeschlagene Möbel standen hier ? ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett, ein schrankartiger Kasten. In einer Ecke stand ein zweiter Tisch mit einem Petroleumkocher, Geschirr und anderen Dingen. ? Auf dem ersten Tische brannte eine Petroleumlampe.

Aber: die Wahnsinnige war nicht mehr da!

Wir begannen zu suchen. Harst fand dann einen Gang, der nach der Nordseite der Klippe führte. Plötzlich schimmerte uns Tageslicht entgegen. Der Gang endete in einer Grotte, die vom Meere bespült wurde.

Eine sprungbrettartige Felsnase streckte sich über den Rand der Grotte in die See hinaus. Weiterhin stand ein förmlicher Wald dichter Klippen und schützte die Grotte gegen Sicht vom Meere aus. Daher war sie bisher auch nicht entdeckt worden. Niemand vermutete hinter den Klippen diese Aushöhlung des Felsens; niemand kannte den Gang, der in die Gewölbe führte. ?

Auf dieser Felsnase stand ein Weib ? Edith Webster! Sie mußte die Lichtkegel unserer Taschenlampen bemerkt haben. Sie hatte den Kopf zurückgedreht.

»Miß Webster!« rief Harald. »Ich soll Sie von Edward Ralling grüßen ?«

Er wollte sie nur zutraulich machen, wollte durch Rallings Erwähnung das verhindern, was nun doch erfolgte.

Edith Webster stieß eine gellende Lache aus. Dann ? stürzte sie sich ins Wasser ? mit dem Kopf voran, ? verschwand.

Es war gerade die Zeit, wo die Ebbe einsetzte. Die Wasser in der Grotte strömten rückwärts. Harald hatte noch nach der Wahnsinnigen getaucht. Sie mußte aber wohl gegen eine Zacke unten am Grunde mit dem Kopfe geprallt und ohnmächtig geworden sein. Die Strömung zog sie weiter hinweg. ? Ihre Leiche ist nie gefunden worden.

Harald untersuchte die Grotte genauer. Man erkannte an verschiedenem deutlich, daß hier sehr oft ein Boot gelandet war. Es war dies also Edward Rallings Anlegestelle gewesen, wenn er die Wahnsinnige in ihrem Kerker besucht und mit Lebensmitteln und anderem versorgt hatte. ?

Stuart Tompkinsons Boot lag noch dort, wo er es in der Nacht an der Steilküste des Inselchens befestigt gehabt hatte.

Wir verließen nun Vinduprana, das Eiland der Heiligen, das ein verrohter Schurke als Gefängnis für die benutzt hatte, die ihn bis zum letzten Atemzuge liebte.

Um 7 Uhr morgens waren wir bei Greaper. Harald führte den Inspektor, ohne vorher lange Erklärungen abzugeben, in den Garten zur Brahma-Statue, kletterte an ihr empor und deutete auf den noch immer eingeklemmten Zweig.

»Ich wette, Ralling ist noch hier unten. Es muß unter der Statue auch hier Gewölbe geben wie auf Vinduprana.«

Er klappte Kopf, Hals und Bruststück der Figur zurück, beugte sich über die Oeffnung. Wir sahen, daß er plötzlich leicht zusammenzuckte. Dann rief er hinab:

»Ralling ? noch eine Frage: War Edith Webster bereits wahnsinnig, als Sie sie in den Gewölben von Vinduprana einsperrten? Entführten Sie sie aus Rache, weil Doktor Webster Sie mit der Reitpeitsche aus dem Hause gejagt hatte?«

Die Antwort hörten wir nicht.

Aber wir hörten gleich darauf einen schwachen Knall, ?

Harald rief uns zu: »Er hat sich selbst gerichtet. Er hat das Mädchen, behauptet er, aus Liebe entführt. Aber sehr bald soll dann der Wahnsinn bei ihr ausgebrochen sein.« ?

Telegraphische Anfragen in London ergaben, daß Doktor Webster dort vor einem Jahre gestorben war. ? Das Grab seiner Tochter wurde polizeilich geöffnet. Der Sarg war leer. ?

Der alte Tomar wurde von Harst so reich beschenkt, daß er sich ein anderes Häuschen mit einem Stück Ackerland kaufen konnte. Tompkinson schrieb drei lange Artikel über seine Erlebnisse auf der Klippe Vinduprana. Wir haben mit ihm zusammen noch einen Kriminalfall aufgeklärt, den ich als zweite Erzählung im nächsten Bande bringe. ?

Eine Woche später traf Lord Erverlyn, erst halb genesen, in Bombay ein. Er brachte einen Bekannten mit, dem wir dann folgende Abenteuer zu verdanken hatten. Es war dies:

Der Klub der XII


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