Inselwelt - Erster Band

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Inselwelt. Erster Band, by Friedrich


The Project Gutenberg eBook, Inselwelt. Erster Band, by Friedrich Gerstäcker

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Title: Inselwelt. Erster Band Indische Skizzen

Author: Friedrich Gerstäcker


Release Date: March 22, 2011 [eBook #35651]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INSELWELT. ERSTER BAND***

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Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler und uneinheitliche Schreibweisen wurden korrigiert, bei Zweifeln wurde der Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet sich am Buchende, die zahlreichen Korrekturen bei falsch gesetzten oder fehlenden Anführungszeichen sind nicht extra aufgeführt.

Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:

Sperrung: =gesperrter Text= Antiquaschrift: Antiquatext


Inselwelt.

Gesammelte Erzählungen

von

Friedrich Gerstäcker.

Erster Band.

=Indische Skizzen.=


Leipzig, =Arnoldische Buchhandlung.= 1860.


Inhaltsverzeichniß vom ersten Bande.

I. In der Südsee.

Seite

Der Wallfischfänger 1

Die Bootsmannschaft 82

Der Schooner 168

II. Im Ostindischen Archipel.

Der Balinese 249

Der Menschentiger 313

Der Khris 374


I.

In der Südsee.

Der Wallfischfänger.

1.

In der weiten und bequemen Corallenbai von Monui, einer der Tonga-Inseln, ankerte im Januar des Jahres 18** ein englischer Wallfischfänger, die »Lucy Walker«, Provisionen, Holz und Erfrischungen einzunehmen, und da sich die Eingeborenen ziemlich freundlich gezeigt, hatte die Mannschaft in Abtheilungen Tag nach Tag Erlaubniß bekommen, an Land zu gehen und mit den Eingebornen zu verkehren.

Der Capitain selber, ein junger Mann, der seine erste Reise als Führer eines Schiffes machte, war viel zu entzückt von dem wundervollen Land, das er betreten, seine Freiheit nicht ebenfalls soviel als möglich benützen zu sollen, und unter den freundlichen Menschen, von dem alten Häuptling selber auf das herzlichste aufgenommen, vergingen die Tage in Zauberschnelle. Er schien zuletzt zwar ganz vergessen zu haben, daß er des Wallfischfanges wegen in diese Breiten gekommen und selber gehen müßte die Fische aufzusuchen, wenn er überhaupt deren fangen, und sein Schiff voll Öl bekommen wollte.

Die Scenerie allein trug aber nicht die Schuld. Hua, Toanongas liebliches Töchterlein, hatte sein Herz mit einer Leidenschaft entflammt, der er sich selber im Anfang nicht klar bewußt war, die aber mit jedem Tage mehr Überhand gewann. Ja, je mehr ihm Gelegenheit geboten wurde, sich dem Gegenstand derselben zu nähern, und je weniger nah er doch demselben dadurch kam, vergaß er zuletzt selbst seine Pflicht gegen sein Schiff sowohl, wie seine Mannschaft, um noch immer kurze Zeit länger in der verführerischen Nähe des holden Mädchens zu weilen.

Hua[1], nach ihrem heiteren, fröhlichen Wesen so genannt, sah den fremden jungen Mann gern bei sich, der ihr, der Tonga-Sprache vollkommen mächtig, noch von früheren Reisen her, viel von fremden Ländern und Völkern erzählen, und mit dem sie lachen und sich freuen konnte. An eine ernstere Neigung dachte sie nicht, denn sie wußte recht gut, daß solche Schiffe nur immer auf kurze Zeit an eine ihrer Inseln anlegten und dann wieder fortfuhren, vielleicht nie mehr zurückzukehren -- was hätte ihr seine Liebe genützt? Überdem war sie schon dem jungen Häuptling eines Nachbarstammes versprochen, der jeden Tag eintreffen konnte, sie abzuholen. Die Zeit bis dahin war ihr denn auch schon recht lang geworden, und etwas Erwünschteres hätte gar nicht kommen können, als das fremde Schiff mit den weißen, wunderlichen und doch so freundlichen Männern.

Toanonga befand sich am Besten dabei; der junge Engländer brachte, um ihn sich beliebt zu machen jeden Tag neue Geschenke, und er sah sich dadurch bald in dem Besitz einer so bedeutenden Anzahl von Nägeln, Glasperlen, kleiner Spiegel, Messer, Beile, Kattun, und vor allem Andern Tabak, dessen Gebrauch er auch schon kennen gelernt, daß er schon anfing, sich als einen Capitalisten zu betrachten, der sich nun bald von seiner beschwerlichen Häuptlingsschaft werde in das Privatleben zurückziehen können, von seinen Renten zu leben.

So angenehm nun aber auch ein solches Leben der Mannschaft des Wallfischfängers war, der sich, nach dem beschwerlichen Dienst an Bord, ein förmliches Paradies hier öffnete, so bedenklich schüttelten die Officiere -- Harpuniere und Bootsteuerer -- darüber den Kopf. Eine Zeitlang hatten sich diese wohl mit ruhigem Behagen dem Stillleben der Inseln hingegeben; als dies aber immer noch kein Ende zu nehmen schien, gedachten sie auch ihres eigenen Nutzens, und wünschten ihr Geschäft wieder aufzunehmen, wegen dem sie doch eigentlich an Bord gegangen waren: nämlich Geld durch den Fang der hier muthwillig versäumten Fische zu verdienen.

Zuerst erinnerte der erste Harpunier den Capitain, daß es später und später in der Jahreszeit würde, und sie schon gar nicht mehr daran denken dürften, ihrer ersten Absicht nach, Neuseeland anzulaufen. Die Mahnung half aber weiter nichts, als daß der Capitain noch einmal sechs Klaftern Holz bei den Eingebornen bestellte, zu denen diese, wie er recht gut wußte, fast eben so viele Wochen brauchten, es zu schlagen, und doch hatten die Leute an Bord schon jetzt alle Winkel und Ecken davon vollgestaut, -- doch traten endlich die Officiere zusammen und erklärten ihrem Vorgesetzten, daß sie ihm allerdings gehorchen und so lange hier bleiben müßten, wie er es für gut fände, daß sie aber bei ihrer Zurückkunft nach Liverpool jedenfalls Beschwerde oder vielmehr Klage auf Schadenersatz für versäumte Zeit gegen ihn einreichen würden, wenn er jetzt nicht bald wieder die Anker lichte.

Capitain Silwitch, so zum Äußersten getrieben und sich seinen Leuten gegenüber auch im Unrecht fühlend, beschloß nun einen entscheidenden Schritt zu thun, und Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten. Einer ihrer heidnischen Trauungsceremonien konnte er sich, als höchst unbedeutender Christ, leicht unterwerfen, und ehe er die Heimfahrt antrat, was noch ein paar Jahr dauern mochte, fand sich immer eine Gelegenheit, das Mädchen, wenn auch nicht genau an diese, doch vielleicht an eine der Nachbarinseln wieder abzusetzen -- mit nach Hause durfte er sie natürlich nicht nehmen.

Toanonga saß mit Hua auf einer großen, aus langem Gras feingeflochtenen Matte, vor seiner Hütte, im Schatten eines gewaltigen Toa-Baumes, der mit dem Duft seiner Blüten die ganze Nachbarschaft erfüllte. Es war ein reizender Platz, gerade an der Mündung eines kleinen, aus den Höhlen kühl und plätschernd niedersprudelnden Bergbachs, der sich die klare Bahn unter wehenden Palmen und über moosiges Gestein brach und Blumen und Früchte als Tribut dem Meere zuführte. Mächtige Cocospalmen schüttelten ihre federartigen, rauschenden Kronen über seiner Fluth und die hohen, stattlichen Mapebäume mit ihren breiten, magnolienartigen Blättern und wunderlich geformten Stämmen[2] deckten und beschatteten niedere Haine fruchtbeladener Orangen und Citronen und duftender Blütenbüsche, die durch sie gegen die sengenden Strahlen der Sonne geschützt wurden.

Das Haus des Häuptlings war nur wie das seiner geringsten Unterthanen aus trockenen, gelben Bambusstäben aufgerichtet, und mit Zuckerrohrblättern fest, aber doch luftig und vollkommen regendicht, gedeckt. Ein kleiner dabei angelegter und mit dicht gesteckten dünnen Stangen umzäunter Garten (eine Quantität wild herumlaufender Ferkel daraus fern zu halten, denen der Besuch des Hauses jedoch vollkommen frei zu stehen schien) enthielt Reihen gepflanzter Bananen und sogar einige Yams, und in feuchten Gruben gezogene Taro-Pflanzen, während dichtgesteckte Brotfruchtbäume, die jedoch auch überall wild gediehen, die Hauptnahrung der Insel anzeigten und ihre wohlthätigen Äpfel vor die Thür ihres Eigenthümers niederschütteln.

Toanonga schwelgte in der Verdauung eines eben genossenen vortrefflichen Frühstücks, eines mit heißen Steinen gerösteten Ferkels und Me[3], und dieser gleichsam eine höhere Weihe zu verleihen, hatte er einen Theil der erhaltenen Geschenke, besonders eine Anzahl Nägel und Glasperlen, einige Uniformknöpfe und vor allem Andern einen zerbrochenen Sporn, an dem das Rädchen aber noch gut war und wirbelte, vortrefflich vor sich ausgebreitet und betrachtete sie mit augenscheinlicher Genugthuung und Freude.

Capitain Silwitch hätte wirklich keinen glücklicheren Moment für seine Werbung treffen -- und keinen unglücklicheren Erfolg haben können.

Eine ganze Jagdtasche voll Geschenke für den König; Gegenstände, als ob ein Trödler seine Bude ausgeräumt und den Schutt zurückgeworfen, die Quantität vielleicht an den Eisenhändler zu verkaufen. Dazwischen fanden sich ein paar buntblitzende, blaue, großbeerige Glaskorallen, von enormem Gewicht; ein kleiner, gesprungener Rasirspiegel, eine unechte goldene Quaste von irgend einer Gardine, ein Argentan-Löffel und besonders eine plattirte Schuhschnalle bildeten aber die Hauptbestandtheile der Masse, die er, Hua dabei freundlich zulächelnd, vor dem erstaunten Hou -- Häuptling der Insel -- und auf die Matten zu den Knöpfen und Perlen schüttete.

»Tangaloa[4] segne mich!« rief der würdige Toanonga, als er die unvermutheten Schätze aus dem ganz unscheinbaren Lederbeutel auf sich förmlich herabregnen sah, ohne in dem Augenblicke eine Ahnung zu haben, welchem glücklichen Ereignisse er diese fabelhafte Freigebigkeit des fremden weißen Mannes verdanke, -- »der Fremde hat sein ganzes Canoe geplündert, die Augen seines Freundes mit seinen Schätzen glücklich zu machen, Si-li-wi« -- (eine natürliche Verunstaltung des Namen Silwitch, da die Insulaner nur sehr schwer zwei Consonanten hinter einander in einer Silbe aussprechen können) »soll Brotfrucht und Cocosnüsse, Bananen und Taro, Ferkel und Fische haben, so viel er will auf sein Schiff. Si-li-wi ist ein Ehrenmann und darf sich eine Gnade erbitten.«

»Und gebe Gott, daß du sie erfüllst, würdiger Greis,« sagte der junge Mann halb lachend, halb verlegen, »ich komme allerdings heute Morgen mit einer großen Bitte an dich, oder eigentlich an -- Hua an deiner Seite, deren Erfüllung mich unendlich glücklich machen würde.«

»An mich?« fragte Hua erröthend, während sie von ihrer Matte aufsprang und den Fremden überrascht ansah; »willst du noch mehr von den wunderlichen weiß- und rothgefleckten Corallen, die wir in der Bai da drüben gesucht? oder soll ich dir Perlen holen lassen, unten vom Grund herauf? Ich weiß auch --«

»Halt, halt, Mädchen, mach mich nicht toll mit deinen freundlichen Worten!« bat der junge Mann abwehrend. »Es ist mehr als alles Das, und nun, Toanonga, soll es auch heraus, denn lange Reden bin ich doch nicht im Stande zu machen. Hier sind die Geschenke, du sollst noch mehr haben, Tabak, Feuerwasser, Messer, Beile, Kattun -- auch ein Gewehr hab ich für dich bestimmt, das den Blitz und Donner in sich trägt, und womit du deine Feinde besiegen und dir unterthan machen kannst.«

»Mea fanna fonnua[5]?« rief Toanonga rasch, der bei der Aussicht auf solchen Besitz alles Andere in dem Augenblick vergaß. »Wäre nicht übel; Toanonga möchte ungemein gern Mea fanna fonnua haben.«

»Und du giebst mir Hua?« rief der Engländer rasch und freundlich.

»Hua?« sagte der alte Häuptling erstaunt, während das Mädchen bestürzt und erröthend dabei stand und kein Wort zu erwidern wagte. »Hua gehört nicht mein, kann ich nicht vergeben; gehört Tai manavachi, ist Tai manavachis ohana

»Ohana?« wiederholte der junge Mann bestürzt und erschreckt, denn das Wort bedeutet in der Tongasprache Braut sowohl als Frau. »Ohana? -- seit wann?«

»Bah, nicht so lange,« sagte der Alte kopfschüttelnd und die vor ihm ausgebreiteten Geschenke ein wenig mehr nach sich herüber schiebend, als ob er eine ungewisse Ahnung hätte, daß der Fremde, wenn er den angebotenen Tausch =nicht= eingehen wolle, diese am Ende auch wieder zurückziehen könne. »Muß heute oder morgen kommen, sie zu holen.«

»Holen? -- wohin?«

»Nach Tongatabu -- große Insel, großer Häuptling,« setzte der Alte mit einiger Selbstzufriedenheit hinzu; »wird Ohana dort und bekommt große Strecke Land.«

»=Wird= Ohana?« rief Silwitch aber, denn noch ein Strahl von Hoffnung dämmerte, also =ist= sie noch nicht seine Frau, und wenn mich Hua lieber hat, als den braunen Burschen, da denk ich, soll sie sich bei mir so wohl befinden, wie bei Tai manavachi, -- Und was sagt Hua selber? -- komm her Mädchen und sag deinem Vater, daß du mir gut bist und mich zum Mann haben willst.«

»Ich dich zum Mann haben?« lachte aber die Schöne schelmisch, während ihr ein noch höheres Roth Wangen und Nacken färbte, »und wer hat dir das gesagt, Muli[6]?«

»Nenn mich nicht =fremd=, denn ich bin es nicht mehr!« rief der Engländer bittend. »Wenn du es mir auch noch nicht mit klaren Worten gesagt, hat es doch jeder Zug deines Angesichts, selbst der Ton deiner Stimme, der Blick deines Auges schon gesprochen!«

»Und willst du hier bei uns bleiben auf der Insel, und dein Schiff verlassen?« frug der alte Häuptling vorsichtig.

»Mein Schiff verlassen? -- jetzt? -- nein, das geht nicht,« sagte der Fremde rasch, »ich muß nach Norden hinauf und Fische fangen, aber im nächsten Liha mua[7] komme ich zurück mit Hua, wieder bei Euch zu wohnen.«

»Mit Hua?« rief der Alte erstaunt und mit eigenthümlichen, halb ernsten, halb drolligen Zug um die Lippen -- der tolle Muli wärs im Stande. -- »Wolltest du das Mädchen mitnehmen auf dein Schiff?«

»Gewiß will ich,« rief der Seemann rasch, »und sie solls gut haben bei mir, und die Welt sehen. Toanonga, ich liebe deine Tochter so heiß und glühend, wie ich dir es gar nicht beschreiben kann, und du =mußt= sie mir zum Weibe geben.«

»=Muß= ich, so?« lachte der Alte gutmüthig; Hua aber, noch mehr erröthend, sagte leise und vorsichtig unter den halbgesenkten Wimpern zu ihm aufschauend.

»Und wenn Hua nun nicht will?«

»Du nicht wollen, Mädchen, und weshalb?« rief der junge Mann bittend.

»Und Tai manavachi

»Bah, Tai manavachi!« rief der Engländer verächtlich, »was schirt der =mich= -- er soll kommen und dich holen, wenn ich dich erst einmal habe.«

»Er ist ein tapferer Krieger!« rief aber der Alte jetzt rasch, »und hat seinen Namen danach bekommen. -- Schlimm für den Feind, dessen Fährte er folgt.«

Silwitch schüttelte den Kopf ärgerlich.

»Damit kommen wir nicht weiter,« rief er rasch; »ich frage dich, Toanonga, ob du mir Hua zum Weibe geben willst?«

»Warum frägst du nicht Hua selber, ob sie dich haben will?« sagte der Alte mit seinem trocknen Lachen.

»Weil ich ihrer Liebe gewiß bin,« rief der Engländer leidenschaftlich; »sie wird mit mir gehen, wenn =du= ihr die Erlaubniß giebst!«

»Frag sie,« war Alles, was Toanonga erwiderte. Der junge Engländer wandte sich rasch dem schönen Mädchen zu, und streckte den Arm nach ihr aus, aber Hua wich ihm rasch und entschlossen aus und rief:

»Nein -- nein -- ich bin die Braut eines Andern, fort mit dir, Pagalangi[8], was willst du von mir?«

»Hua!« rief aber der junge Seemann erschreckt. »Hua, ich kann nicht leben ohne dich und muß dich mein nennen, wende dich nicht ab von mir und sei mein Weib.«

»Du bist unser Freund gewesen,« sagte das Mädchen ernst und fast traurig mit dem Kopf schüttelnd, »und wir haben dich und die Deinen freundlich aufgenommen, was willst du mehr? Ich passe nicht zu euch, zu euren Sitten, eurer Sprache, eurer Religion, nicht zu den wilden Männern auf deinem Schiff. Ich will auf diesen Inseln bleiben, die meine Heimat sind.«

»=Meine= Einwilligung hast du,« lachte Toanonga in seiner trockenen Weise; »ich hab es dir vorher gesagt.«

»=Deine= Einwilligung hab ich, Toanonga?« rief Silwitch rasch und in furchtbarer Aufregung, durch den Spott vielleicht nur noch mehr gereizt.

»Ja, die hast du,« nickte der Alte lachend, »aber Hua will nicht.«

»Sei nicht so bös, weißer Mann,« sagte aber das Mädchen jetzt freundlich, ihm die Hand entgegenstreckend, »sieh, was würde Tai manavachi sagen, wenn er käme und fände mich als das Weib eines Andern; bliebest du selbst bei uns auf der Insel, die ich nun einmal nicht verlassen kann und will. Hua sieht dich gern, aber sie kann dir nie angehören.«

Silwitch nahm die Hand und drückte sie in heftiger Aufregung, barg dann die Augen kurze Zeit in seiner Linken, und Toanonga sah, wie er einen heftigen Kampf mit sich selber kämpfe; aber er bezwang sich und als er den Kopf wieder hob, sagte er ruhig und gefaßt:

»Es ist gut, Hua; wenn du mich nicht haben willst, kann ich dich nicht zwingen, aber -- ich hatte es gut mit dir gemeint und -- du hast mir weh -- recht weh gethan. Das ist jetzt vorbei und ich werde nun wieder fortsegeln von hier, und wahrscheinlich nie -- nie wieder zurückkehren, nach Monui -- Wirst du noch manchmal meiner dann gedenken?«

»Wenn ich ein Segel am Horizonte sehe, werde ich wünschen, daß es das deine ist,« sagte Hua in ihrer einfachen Herzlichkeit, ihm treu und kindlich dabei ins Auge schauend.

»Und wann willst du gehen, cowtangata[9]?« frug der Alte jetzt, anscheinend gleichgültig, aber vielleicht mit dem unbestimmten Wunsch, das Gespräch auf einen fernen Gegenstand zu bringen, und nicht auf die noch vor ihm ausgebreiteten Geschenke zurückzuführen, die er eines nach dem andern, vorsichtig und sorgfältig hinter sich und aus Sicht brachte.

»Ich weiß es noch nicht,« erwiderte der Engländer ruhig; »ich habe noch Holz bei deinen Leuten bestellt, das ich zuerst an Bord nehmen möchte. Willst du mich los sein?«

»Nein, nein, bewahre!« rief der Häuptling rasch und erschreckt; »du bist willkommen, so lange auf der Insel zu bleiben, wie es dir gefällt -- nachher kannst du gehen. -- Und wollen die Pagalangis selber ihr Holz schlagen?«

»Nein, ich habe deine Leute schon dafür bezahlt,« sagte der Engländer, »und glaube sie sind mitten in der Arbeit; bis morgen Abend soll ich es an Bord haben.«

»Es ist gut -- ich will es dir wünschen,« erwiderte der Alte mit einem etwas zweideutigen Lächeln. Ob es Silwitch aber bemerkte oder nicht, er schaute einen Augenblick sinnend vor sich nieder, nickte dann mit einem kaum unterdrückten Seufzer Hua, etwas lebendiger ihrem Vater zu, und schritt mit verschränkten Armen und gebeugten Hauptes langsam dem Strande zu, wohin er sein Boot beordert hatte, ihn wieder an Bord zu rudern.

2.

Die Bootsmannschaft hatte sich indessen, auf ihren Capitain wartend, die Zeit bestmöglichst vertrieben, Cocosnüsse abgepflückt, Orangen ausgesogen, getrunken, und sich dann, in den Schatten eines engverwachsenen Pandanus-Dickichts auf den bröcklichen, fast pulverisirten Corallenboden niedergeworfen, sich von den Anstrengungen des Fruchtsammelns zu erholen.

Es waren lauter englische Matrosen, und nur ein Schotte unter ihnen, Namens Mac Kringo, scherzweise gewöhnlich Lord Douglas genannt. Das Gespräch drehte sich aber natürlich um das herrliche Leben, das sie hier geführt und das, wie sie jetzt fast fürchten mußten, bald ein Ende nehmen würde, wenn sich der Capitain nicht, trotz den Officieren, noch einmal anders besänne und doch am Lande bliebe.

»Hols der Teufel, Jungen!« sagte der eine Matrose, den die andern seiner ungemein großen Vorliebe für Fische wegen und in einer sonderbaren Verwirrung der heiligen Schrift =Jonas= nannten, »wenn ich Capitain der »Lucy Walker« wäre, ich wollte den Teufel thun und ihr Kupfer so rasch wieder gegen Eisschollen reiben, wo ich selber hier einen solchen capitalen Hafen gefunden hätte. Der Böse mag sich die Wallfische selbst fangen, wenn er sie haben will, ich bin nicht eigennützig, und gönne ihm gern den Verdienst.«

»Das glaub ich, daß =du= den Wallfischen das Wort redest, Jonas,« lachte Mac Kringo, ihn von der Seite anblinzend, »bei dir ists alte Anhänglichkeit.«

»Ah bah, mein bonny scotsman,« brummte aber der Engländer, »wenn du nichts Besseres weißt, so bleib mit deinen abgedroschenen Witzen zu Hause; die sind auf meinem Namen schon lange stumpf geworden. Gieb uns aus deinem allzeit fertigen Hirn einen Rath, wie wir anständiger Weise hier bleiben können, denn zum Weglaufen ist die Insel zu klein, und ich will dir dann zugestehen, daß du wirklich Grütze im Kopfe hast. Bis dahin aber laß mich zufrieden, mit dem was du =glaubst= oder nicht; sag uns, was du =weißt=.«

»Guter Rath wäre da nicht das erstemal an Narren fortgeworfen,« brummte der unhöfliche Schotte ärgerlich in den Bart, »und wenn der liebe Gott herunterkäme und euch sagte, wie ihrs machen solltet, hättet ihr noch drei Bedenken und fünf Aber. Nein, geht mir fort; mit euch ist nichts anzufangen, und =wenn= ich das wüßte, ich behielts für mich.«

»Wenn er was wüßte,« spottete ein Anderer, »Legs« -- »Beine« -- von einem Paar etwas kurzer und eingebogener Extremitäten so genannt. »Lord Douglas thut wahrhaftig, als =ob= er etwas im Hinterhalt hätte und uns nun nicht für würdig hielt, die Geschichte mit anzuhören. Das ist das billigste Mittel jedenfalls, dick zu thun. Nein, Kinder, unsere Zeit ist abgelaufen und ich müßte mich, nach allen Vorbereitungen zu urtheilen, sehr irren, wenn wir nicht schon morgen Abend um diese Zeit wieder unsere regelmäßige Wacht gehen und uns die Hälse abdrehen, nach den Schwarzkitteln auszuschauen. Wasser und Provisionen sind genug an Bord, und auf das bestellte Holz kommts dann gerade auch nicht so sehr an, ob wir das einwerfen oder nicht. Der Raum ist überdies so voll, daß wirs eine Zeitlang mitten auf Deck und im Weg lassen müßten, und der erste Harpunier würfe die verfluchten Scheite eigenhändig über Bord, wenn er sich ein einzigesmal die Schienbeine daran stieße.«

»Ja, auf =unsere= Schienbeine würd es da auch nicht besonders ankommen,« knurrte ein Anderer, der den allerdings nicht empfehlenden Beinamen Lemon[10] hatte, weil er fortwährend und selbst bei seinem allerdings sehr seltenen Lachen genau solch ein Gesicht schnitt, als ob er ganz plötzlich aus Versehen in eine Citrone gebissen hätte. »Es ist eine verwünscht kuriose Einrichtung in der Welt, man mags betrachten wie man will, und wir armen Matrosen ziehen immer den Kürzern. Schon beim Vertheilen, wir haben den hundertzwanzigsten, der Capitain hat den achtzehnten Theil, und wer fängt die Fische, wir oder er?«

»Nun, =du= nicht, Lemon, mit deinem ewigen Raisonniren,« brummte der Schotte, »denn wenn dir nicht jedesmal beim Anrudern das Maul verboten würde, kämen wir auch jedesmal zu spät zum Zulangen.«

»Zankt euch nicht noch den letzten Tag, den wir vielleicht an Land sind,« fiel Jonas hier rasch ein, als er sah, daß Lemon boshaft darauf erwidern wollte; »hier, mit festem Boden unter uns, sind wir doch Alle gleich, und die vom Lande fragen nicht darnach, ob wir an Bord den achtzehnten oder hundertachzigsten Theil bekommen. Jungens, Jungens, mir bricht das Herz ordentlich, wenn ich daran denke, daß wir hier fort sollen.«

»Herzbrechen?« knurrte Lemon, »das wäre der Mühe werth; kommt auch gar nicht vor in der Welt, daß Einem das Herz bricht, und ich weiß nur einen einzigen Fall, wo wirklich einmal Jemand an gebrochenem Herzen gestorben ist.«

»Aus =deiner= Bekanntschaft?« rief Jonas ungläubig.

»Aus =meiner= Bekanntschaft,« erwiderte der Matrose ruhig; »es war der »lange Tom«, wie wir ihn nannten, der hatte in Bristol, wo wir damals vor Anker lagen, mit einem andern Kameraden, ich weiß nicht mehr um was, gewettet, er wollte einen verdammt schweren Wurfanker von seinem Dock bis zu dem, wo unser Schiff lag, ohne abzusetzen, tragen -- und er trug ihn auch, aber -- er lebte keine fünf Minuten mehr -- der Anker hatte ihm das Herz gebrochen.«

Die Anderen lachten, der Schotte blinzte Jonas aber heimlich und verstohlen mit den Augen an, und sah nach den Busch hinüber, ein Zeichen, das dieser zu verstehen schien, denn er warf erst einen flüchtigen Blick auf seine Kameraden, ob ihn Niemand beobachte, und nickte dann zurück, daß er kommen werde.

»Wenn mans so bedenkt,« sagte Legs nach einer kleinen Pause, die Augenbrauen fest zusammengezogen, und mit kleinen Stücken Coralle, die er vor sich aufnahm, nach einer noch unreifen, am Boden liegenden Orange werfend, »wenn mans so bedenkt, was wir da draußen in See für ein Hundeleben führen, Tag und Nacht in Arbeit und Gefahr, mit schlechter, salziger Schiffskost und knappem Grog, kein freundliches Gesicht zu sehen als Lemons, am Tag in einer Hundekälte zu rudern, daß Einem die Arme mit den Wurzeln ausreißen möchten, und Nachts die verdammten Stücken Blubber[11] an Deck zu werfen und auszukochen; einmal halberfroren, einmal halb verbrannt, und wenn man nachher von einer dreijährigen Reise zurück kommt, vielleicht noch mit zehn Pfund Sterling Schulden im Buch für Kleider und Schuhwerk, das man haben mußte die Zeit über, und dem Schiff zu bezahlen hat, als ob sie von Gold und Seide gewesen wären, -- nein, das soll verdammt sein. Und dann dagegen hier die rothen Schufte, was die für ein Götterleben in all ihren Bequemlichkeiten führen; nicht rühren thun sie die faulen Knochen, als vielleicht einmal auf einem Brotfrucht- oder Cocosnußbaum zu steigen, oder einen Fisch mit der Holzharpune aus dem seichten Wasser zu holen, die kleine Insel ist zum Überlaufen voll von hübschen Mädchen und man kann den ganzen Tag in Hemdsärmeln gehn. -- Hols der Henker, der liebe Gott hätte mir keinen größeren Gefallen thun können, als mich ebenfalls braun anzustreichen -- die Farbe hält besser, und was spart man an Überzügen.«

»Ich hätte auch nichts dagegen!« rief ein Anderer, mit einer feinen, kreischenden Stimme dazwischen, der eigentlich Roberts hieß, seines Organes wegen aber gewöhnlich »Pfeife« genannt wurde, »denn auf das Bischen Couleur wird Einem doch nichts zu Gute gethan; was will aber der Mensch machen? Wir müssen doch immer noch Gott danken, daß er nicht in den ganz schwarzen Topf gegriffen, denn dann wären wir geleimt gewesen, zeitlebens.«

»Bah, was sind wir besser als Sclaven?« brummte Legs; »die können doch wenigstens heirathen und an Land bleiben, und was können wir? Hol der Teufel das Seeleben; wenn man eine Weile draußen ist, gewöhnt man sich zuletzt daran, und es kommt Einem sogar manchmal ganz hübsch vor, wie man aber nur wieder den Fuß auf festes Land, und besonders auf =solches= Land setzt, ist auch der Teufel los und es zwickt und reißt Einen wieder, daß man sich ordentlich die Beine festhalten muß, nicht davon zu laufen.«

Der Schotte war indessen aufgestanden und am Strande hin, nach den einzelnen Cocospalmen hinaufschauend, als ob er sich eine Nuß aussuchen wolle, langsam in den dichten Busch geschlendert, der den Corallenboden begrenzte, und Jonas erhob sich ebenfalls, zog sich den Bund seiner Segeltuchhose auf, spuckte sein Priemchen aus und biß ein frisches ab und setzte sich den auf der Erde verschobenen Hut wieder fester auf das in kleine, krause Löckchen gedrehte Haar.

»Nun, dir wird wohl die Zeit lang,« sagte Pfeife, sich noch bequemer ausstreckend und ein Bündel Cocosnußbast unter den Kopf schiebend, weicher darauf zu liegen, »ich kanns abwarten -- zum Henker, daß man nun nicht einmal das Glück hat, an irgend einer solchen Corallenbank hier -- und Zeug ist genug da -- ordentlich auf den Strand und fest zu kommen. Das wäre doch ein kapitaler Spaß, wenn wir nachher eine Colonie gründeten und uns häuslich einrichteten -- ich weiß auch, wen ich heirathete.«

»Ja, wenn wir einmal auf den Strand kommen,« knurrte Lemon dazwischen, »so kannst du dich drauf verlassen, daß es auch im Schnee und Eis und ohne Fausthandschuh ist; unser Glück kenne ich; rennen wir aber =nicht= auf, so magst du Gift darauf nehmen, Kamerad, daß die »Lucy Walker« droben noch drei volle Jahreszeiten[12] herumschwimmt, und nachher immer noch nicht voll ist. Ich habe =meine= Hoffnung jetzt auch nur auf nächsten Winter gesetzt, da wird »der Alte« schon dafür sorgen, daß wir wieder hier anlaufen.«

Jonas hatte sich indessen, ohne weiter Theil an dem Gespräch zu nehmen, ebenfalls langsam und scheinbar ohne besondern Zweck von der in dem Pandanusschatten gelagerten Gruppe entfernt, und hier an einem Busch schüttelnd, dort sich einen Zweig niederbiegend und vielleicht abbrechend, kam er nach und nach aus Sicht. Dann aber eine Richtung einschlagend, die ihn näher dorthin brachte, wo Mac Kringo vor ihm verschwunden war, traf er auch diesen bald, seiner harrend, unter einer kleinen Gruppe von Cocospalmen und Casuarinen, von wo aus er ihm winkte hinanzukommen.

»Was zum Teufel hast du denn nur, Douglas,« sagte Jonas kopfschüttelnd, als er das geheimnißvolle Wesen des Kommenden sah. »Du willst doch nicht etwa auskneifen, mein Bursche? -- das gib auf, denn du weißt nicht, wie dick der Capitain mit dem alten Häuptling ist, und wie er überhaupt nur auf eine anständige Entschuldigung wartete, noch länger hier liegen zu bleiben; der holte dich wieder und wenn er die ganze Jahreszeit darum versäumen sollte.«

»Schrei doch nicht, als ob du ein Segel draußen bei einem steifen Nordwester anrufen müßtest, Mate,« brummte der vorsichtige Schotte mit gedämpfter Stimme; »es fällt mir nicht ein, solchen tollen Gedanken zu haben, aber -- hättest du was dagegen, Kamerad, wenn wir hier an Land blieben und Brotfrucht und Schweinefleisch rösteten, wie Christen, anstatt hinter den alten, schmierigen Fischen herzufahren, wie ein Trupp Narren, und für andere Leute, die zu klug sind, selber zu gehen, Brennöl zu holen? -- Hättest du was dagegen, mir zu helfen einen gescheuten Gedanken auszuführen, bei dem wir nicht die geringste Gefahr laufen, wenn wir -- das Maul halten und unser eigenes Geheimniß bewahren können?«

»Frag mich, ob ich lieber Grog trinke, als Salzwasser,« knurrte der Matrose; »laß die Vorrede und komm zur Sache, wenn du wirklich was hast, denn der Alte kann alle Augenblicke herunter kommen und pfeifen und dann müssen wir fort.«

»Gut, Jonas, ich will keine Umschweife machen,« sagte der Schotte leise, vorsichtig noch einmal dabei den Blick umherwerfend, »aber schweigen mußt du können, denn ein Bischen Gefahr ist am Ende doch dabei.«

»Unsinn, -- ich werde mir nicht selber die Schlinge machen, in die sie mich hängen wollen,« sagte der Matrose mürrisch über die vielen Vorreden.

»Nun, gut denn,« flüsterte der Schotte, »hast du die beiden Wraks gesehen, die vor Honolulu lagen, wie wir dort waren?«

»Die Wraks von den zwei Wallfischfängern? -- gleich am Eingang vom Hafen?«

»Dieselben.«

»Ja wohl; und was ist mit denen?«

»Du weißt, wie sie dorthin gekommen sind.«

»Es ist Feuer an Bord ausgebrochen, und die Schiffe sind verbrannt.«

»Und die Mannschaft?«

»Blieb nachher an Land, bis sie sich auf andere Schiffe verdingte,« brummte Jonas, »so haben sies mir da wenigstens erzählt; aber was hat das mit uns zu thun.«

»Wirst gleich hören, Kamerad; wer hat die Schiffe angesteckt?«

»Angesteckt?«

»Nun ja, glaubst du, daß ein Schiff im Hafen so leicht von selber zu brennen anfängt?« lachte der Schotte, »nein, wenn dus denn nicht weißt, will ich dirs sagen; die Leute der beiden Wallfischfänger haben sich den Gefallen selber gethan, und was in der weiten Welt hindert uns hier, daß wir nicht dasselbe thun?«

»Was uns hindert? -- unser Hals,« sagte Jonas kopfschüttelnd, dem die Idee zu rasch gekommen war, sie sogleich vollständig begreifen zu können, »weißt du, mein Junge, daß sie uns einfach an die Raanocke[13] aufhängen, wenn sie uns dabei erwischen?«

»Wenn sie uns erwischen, ja,« lachte der Schotte, »wer hat denn aber die erwischt, die die Schiffe in der Bai von Honolulu angesteckt haben, heh? -- Wer =kann= uns denn nachher überführen, wenn wir unsere Sache nur einigermaßen klug anfangen. Nein, Jonas, mit einem Schwefelholz haben wirs in der Gewalt, uns einen Aufenthalt auf diesen Inseln zu sichern, so lang wie er uns behagt, und ich glaube, unser Alter selber wär ganz damit einverstanden, wenn er sichs nur eben dürfte merken lassen.«

»Aber die Andern?« sagte Jonas, schon halb unschlüssig mit der verführerischen Aussicht vor sich, dem traurigen Leben an Bord eines Wallfischfängers auf so leichte Art plötzlich enthoben zu werden.

»Würden uns auch nicht verrathen,« meinte der Schotte, »brauchen aber auch gar Nichts davon zu erfahren; Muth haben sie doch nicht genug, dafür einzustehen, und ein Paar von ihnen trau ich nicht eine Schiffslänge aus Sicht; Pfeife besonders, der Hallunke, ist mir ein Dorn im Auge, und bleiben wir länger hier, spiel ich dem auch noch einmal einen Possen.«

»Und meinst du wirklich?«

»=Meinen=, Jonas?« rief Mac Kringo unwillig, »was ist da noch zu meinen dabei? Etwas Einfacheres gibts auf der Welt nicht, und wenn du nur den zehnten Theil so viel Courage hast, wie ich dir früher zugetraut, so verlieren wir kein Wort weiter über die Sache, und schlafen morgen Abend hier in einem Bambushaus am Strand in -- besserer Gesellschaft als dem dumpfigen Blubberloch von einem Logiskasten. -- Nun, was sagst du, ja oder nein?«

»Und wann soll das geschehen?« frug Jonas leise.

»Sobald wir die Gelegenheit dazu finden; wahrscheinlich heute Abend mit Dunkelwerden, wenn der Koch sein Schaffen[14] fertig hat. Sie sitzen dann Alle oben an Deck, die Officiere, die an Bord sind, kriechen auch nicht draußen herum, und Einer kann unten Alles besorgen, während der Andere nur oben Wache hält, daß er ein paar Minuten ungestört bleibt; du magst Wache stehen, ich will selber das Übrige in Ordnung bringen. Bist du damit zufrieden?«

»Hols der Teufel, ja!« sagte Jonas, sich im Voraus bei dem Gedanken an den Erfolg die Hände reibend, »stecken wir den alten Blubberkasten vor seinem Anker an. Wetter noch einmal, was der für eine famose Fackel machen wird!«

»Aber ruhig und keine Silbe zu --«

»Unsinn!« brummte Jonas; »werde mich hüten -- wenn wir aber nur unsere Sachen retten könnten.«

»Nimm dich in Acht!« warnte ihn der Schotte, »damit hat sich schon Mancher verrathen; wenns einmal brennt, ja, dann so schnell wie möglich, und für ein Canoe in der Nähe will ich schon sorgen; aber vorher keine Hand angerührt. Wenn =die= klug sind, da wollen wir nicht dumm sein.«

»Gut denn, heute Abend --«

Ein gellender Pfiff von der Gegend her, in welcher ihr Boot lag, unterbrach ihr Gespräch, und Mac Kringo dem Andern zuwinkend, daß er sich wieder dorthin begebe, wo er hergekommen, damit sie nicht zusammen zum Strand zurückkehrten, lief rasch durch eine kleine Lichtung hin, die freie Corallenbank weiter oben zu erreichen.

»Hallo, hier Douglas, Seelöwen und Haifische, wo steckt Ihr?« rief ihm der Capitain, der in seinem Boot stand und ungeduldig nach ihm ausgeschaut zu haben schien, schon von Weitem entgegen; »was habt ihr im Busch zu thun, wenn ihr auf Bootswacht seid? -- Wo ist Jonas?«

»Ich wollte nur --«

»Ach, da kommt er; herein mit euch, -- Wetter noch einmal, das faule Leben hier an Land scheint euch zu behagen; wartet, ich will euch Beine machen, wenn ich euch wieder draußen in See habe, daß die Glieder gelenk werden. Auf euere Sitze da vorn -- sind wir flott?«

»Alles in Ordnung, Sir --«

»Stoßt ab denn, und legt euch in die Riemen[15], meine Jungen. Ist schon Holz heut von Land an Bord geschafft?«

»Nein, Sir!« sagte Jonas, der gleich hinten im Boot vor dem Capitain saß, während die rasch eingesetzten Riemen das scharfgebaute Boot pfeilschnell durch den glatten Wasserspiegel trieben; »haben nichts gesehen.«

»Schon gut -- macht nichts!« lautete die kurze Antwort, und wenige Minuten später lief das Boot unter die niederhängende Fallreepstreppe. Der Capitain sprang an Bord und die Leute wollten damit unter ihre Krahnen gehn, es wie gewöhnlich aufzuheben, die Ordre aber lautete: es im Wasser zu lassen, da es wahrscheinlich gleich wieder gebraucht würde.

3.

Einer der Ungeduldigsten an Bord war der erste Harpunier, ein junger, kräftiger Irländer aus Galvay-Bai und dort erst kurz vor seiner Abreise verheirathet. Ihm brannte natürlich der Boden unter den Füßen, und er wollte das Schiff wieder in See haben, Beute zu machen und nach Hause zurückzukehren. Was half =ihm= das müßige Leben hier an Land.

Mit diesem hatte der Capitain, als er an Bord zurückkehrte, eine längere Unterredung, die den Wünschen des jungen Iren auch vollständig entsprochen haben mußte, denn er kam bald nachher mit fröhlichem Gesicht gleich hinter dem Capitain an Deck und beorderte seine Bootsmannschaft, sich fertig zu halten, kurz vor Sonnenuntergang an Land zu rudern, etwas dort abzuholen. Die vier Matrosen mit dem Bootsteurer, die er befehligte, waren ebenfalls seine Landsleute, und die Schiffsmannschaft hatte deshalb das Boot auch das Irische getauft.

An Bord der »Lucy Walker« herrschte indessen rege Geschäftigkeit; ein paar zum Ausbessern niedergeholte Segel wurden wieder angeschlagen, Taue gespließt, Pardunen angespannt, das Deck klar gemacht und überhaupt Manches vorgenommen, das auf einen baldigen Aufbruch schließen ließ. Als zwei der Leute deshalb, Legs und Pfeife, dem Capitain selber, der mit raschen Schritten auf seinem Quarterdeck auf- und abging, um kurzen Urlaub an Land baten, der ihnen, in einzelnen Abtheilungen natürlich, fast noch gar nicht verweigert worden war, schlug es ihnen dieser rund ab und schickte sie wieder nach vorn an ihre Arbeit.

»Siehst du,« flüsterte da der Schotte seinem Kameraden Jonas, mit dem er oben in den Marsen etwas nachzusehen hatte, zu, »siehst du, mein Junge, daß ich eine gute Nase habe? Es ist die höchste Zeit für uns, unser kleines Geschäft in Ordnung zu bringen, denn ich möchte jetzt kein Maul voll Tabak gegen eine monatliche Löhnung wetten, daß wir nicht morgen Früh mit Tagesanbruch Anker auf und Segel gesetzt hätten. Der Alte dahinten zeigt wenigstens den besten Willen, aber wir Beide, denk ich, sollen ihm noch einen Strich durch die Rechnung machen. Das wär ein schöner Spaß, so auf einmal, ohne nur Abschied von unsern Freunden und Mädchen am Land zu nehmen, wieder auf und davon und draußen herumrackern; nai my bonny child, hier sind auch noch Leute, die ihre Stimme dabei abzugeben wünschen, wenn sie auch nur eben den hundertzwanzigsten Theil bekommen von dem Fang und das Ganze mit ihrem Schweiß und Mark bezahlen sollen.«

»Am Ende will er gar noch heut Abend fort,« sagte Jonas leise; »nachher wären wir aber die Angeführten.«

»Nein, das nicht,« beruhigte ihn der Schotte; »ich habe gehört, daß er sich das Irische Boot bestellt hat, gegen Sonnenuntergang mit an Land zu fahren, und dann kommt er immer vor vier Glasen[16] nicht wieder zurück; aber auf morgen Früh hat ers abgesehen. Er frug uns ja auch, als wir von Land zurückkamen, ob sie Holz an Bord gebracht hätten. Bah, so viel für deine Berechnungen,« -- und er schnalzte höchst selbstzufrieden mit den Fingern.

Jonas hatte indessen seine Arbeit oben beendet und mußte hinunter, wohin ihm der Schotte bald nachher folgte; als sich aber die Sonne mehr und mehr dem Horizonte näherte, wurde auch das Boot des ersten Harpuniers, der vorher einen seiner Mannschaft nach oben zum Ausschauen geschickt hatte, niedergelassen, und Legs, der in den Besahnwanten etwas auszubessern hatte, sah mit Erstaunen, daß unter einer Matte, auf dem Boden des Bootes, als sie durch die Einsteigenden zurückgeschoben wurde, Waffen versteckt waren. Er hatte -- beschwören hätt ers wollen, -- ein paar Gewehrläufe darunter vorblitzen sehen? was zum Teufel war da wieder im Wind?

Der Koch, die Abendmahlzeit noch vor Dunkelwerden am Deck beenden zu können, und nicht gezwungen zu sein, in das dumpfige Logis hinabzusteigen, war indeß in der Cambüse emsig beschäftigt gewesen Thee zu kochen und Bananen und Brotfrucht zu braten, die mit dem kalten Fleisch von Mittag her keine üble Schiffskost abgaben. Nachdem er vorher bei dem jetzt commandirenden zweiten Harpunier die Erlaubniß eingeholt, rief sein gellender, wohlbekannter Ruf bald darauf die Leute sämmtlich nach vorn unter die Back, wo auf der Steuerbordseite des Schiffes die riesige kupferne Theekanne qualmte und der sonst in breiter hölzerner Mulde präsentirte harte Schiffszwieback jetzt fast vollkommen durch die nahrhafte, in Scheiben geschnittene und geröstete Brotfrucht verdrängt war.

Der Schotte setzte sich auch mit hin auf Deck und schenkte sich seinen Thee in den breiten, niederen Blechbecher, der den Inhalt einer gewöhnlichen Theekanne hätte mit Bequemlichkeit fassen können, vermißte dann aber sein Messer und stieg in den Raum hinunter, wo er es heute Morgen gebraucht und wahrscheinlich vergessen. Jonas indessen saß noch nicht und hatte ein kleines Faß mit seiner Wäsche zu der großen Luke gezogen, nahm die Hemden einzeln heraus, rang sie aus und legte sie auf das um den Vormast gehende Nagelbret.

»Komm her, Jonas,« rief ihn Legs an, »hat den ganzen Tag nichts gethan und jetzt, nun der Thee an Deck steht, fällts ihm auf einmal ein, daß er Hemden in der Brüh hat. Die Bananen werden kalt und schmecken nachher schlecht.«

»Sie werden nachher gar nicht schmecken,« lachte Pfeife mit seiner höchsten Stimme, »denn ich glaube wir werden damit eher fertig, wie er mit seinen Hemden.«

»Glaubs, wenn man sie euch vorstellte,« brummte Jonas, mit einem halb verschluckten Fluch; »aber der Koch hat noch mehr.«

»Hallo!« rief Pfeife aufspringend, »da will ich mir gleich noch eine holen!« und er kam mit seinem Blechteller zur Cambüse, den Versuch wenigstens zu machen.

»Sieh einmal das Wetter, das herauf kommt,« rief ihm hier der Koch zu, der in der niederen Thür stand und mit dem Arm nach Osten hinüber deutete; »zum Teufel das sieht schwarz aus, und sollte mich gar nicht wundern, wenn da eine tüchtige Mütze Wind drein stäke. Jedenfalls gibts Regen und wir thun besser die Luken zuzulegen; macht, daß ihr mit eurem Essen da vorn fertig werdet.«

Der zweite Harpunier hatte indessen mit dem Fernrohr auf dem Quarterdeck gestanden, und unverwandt nach der niedrig auslaufenden Landspitze geschaut, hinter der das Boot vorher verschwunden war.

Mac Kringo stieg in diesem Augenblick die Luke herauf und als der Koch auch gerade zusprang, nahmen sie die beiden genau passenden und schließenden Lukendeckel, an den in den gegenüberliegenden Ecken angebrachten eisernen Ringen und hoben sie in die Falze.

»Koch!« rief des Harpuniers Stimme in diesem Augenblicke von dem Quarterdeck aus.

»Ay, ay, Sir!«

»Rasch dein Essen wieder fort und in die Cambüse -- all hands on deck[17] -- große und Vormarsraae auf -- rasch mit euch, meine Jungen, werft die Falle los! -- Nun, was steht ihr da, wie verhagelt? die Marsraaen auf, und schnell, oder ich mache euch Beine!«

»Halloh, was ist nun los?« rief aber Legs, der eben einen Teller voll glücklich erbeuteter heißer Bananen in Sicherheit bringen wollte und jetzt nicht wußte, wohin damit, »was soll das heißen?« Es blieb ihm aber nicht lange Zeit zur Besinnung, die Befehle folgten zu rasch nacheinander, und während unter dem Singen und Schreien der Mannschaft die schweren Raaen an ihren Ketten in die Höhe klirrten, schob und schleppte der Koch rasch das Abendbrot der Leute bei Seite und jetzt vorn in das Logis hinunter, damit er die Sachen nur einmal vor der Hand aus dem Wege bekäme.

»An die Winde mit euch, rasch da vorn und ein Bischen lebhaft!« rief jetzt der Officier, der nach vorn und mitten zwischen die Leute gekommen war, von denen sich die meisten noch gar nicht von ihrer ersten Überraschung erholen konnten, denn es fing ihnen jetzt wirklich an klar zu werden, daß sie ohne Weiteres in See hinaus und die Insel verlassen sollten; »munter, meine Jungen, munter!« rief der Harpunier, dabei auf die Back springend, die Leute besser übersehen zu können, »her mit eurem Pumpgeschirr, und nun laßt uns einmal sehn, wie rasch ihr den Anker herauf bekommen könnt. Wetter, Jungen, es sind nur fünfundzwanzig Faden Kette aus, mit denen müßt ihr ja nur so weglaufen können.«

»Den Teufel, Douglas!« flüsterte Jonas, in Todesangst an den Schotten hintretend, diesem ins Ohr, »hast dus gethan? -- und jetzt sollen wir in See, das wäre eine schöne Geschichte.«

»Hallo, da ihr Beiden!« rief in diesem Augenblick, und ehe noch der Schotte etwas erwidern konnte, der Officier, dessen Adlerblick die beiden Müßiggänger dort schon entdeckt hatte. »Hier Douglas -- herauf mit dir, mein Mann, und löse das große Marssegel, und du, Jonas, auf die Vormarsraae; marsch mit euch, und nachher die Bramsegel auch frei, und du Bill, hinaus mit dir, und mach den großen Clüver los. Auf mit dem Anker, auf meine Jungen! -- Oh joli men hoy!«

Widerspruch gegen die gegebenen Befehle war nicht möglich, obgleich fast alle Matrosen erstaunt mit den Köpfen schüttelten und sich diese bald abdrehten, um zu sehen, ob ihr Capitain noch nicht bald an Bord käme, ohne den sie doch unmöglich in See gehen konnten. Einmal war es fast, als ob Mac Kringo zögere, und er machte sogar eine Bewegung nach dem Harpunier zu, aber er besann sich in demselben Momente, als dieser ihm ein paar Kernflüche über seine Säumigkeit entgegendonnerte, und lief jetzt rasch die Wanten hinauf nach oben, den gegebenen Befehl zu erfüllen und die Segel zu lösen, die sie vielleicht bald Alle dem Verderben entgegenführen würden. Gestehen =durfte= er ja nicht was er gethan, er wäre gebrandmarkt gewesen auf Lebenszeit, wenn man ihm wirklich das Leben geschenkt hätte, und die Kameraden --

»Ei, zum Teufel!« zischte er dabei zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch; »kröche ich jetzt zu Kreuz, die Schufte ließen keinen guten Faden an mir, so lang sie mich hätten. Ich habs nicht meinethalben allein gethan, so mögens die Anderen auch mit ausbaden.«

Die Ankerkette rasselte indessen, mit den raschen Schlägen des eisernen Pumpgeschirrs, schnell an Deck, der Anker hing schon und das Schiff trieb mit der ausgehenden Ebbe der Mündung der Bai zu.

»Boot ahoy!« rief da Einer der Leute an der Winde aus, der eben über die Monkeyrailing das rasch anrudernde Boot erkennen konnte, und der Harpunier drehte sich, das Teleskop, das er noch in der Hand hielt, darauf richtend, schnell danach um.

»Flink, meine Jungen, flink!« rief er dabei; »hier hats Eile -- Larbord Seite da, Einer von euch, werft die Brassen los -- Koch! rasch dahinten, die Brassen von den Nägeln -- Starbordseite große und Fockbrassen -- belay that anchor[18] -- so, genug! -- Marsbrassen -- so, genug! und nun die Bramsegelschoten aus -- so, genug! So, nun auf mit dem Anker, unter die Klüsen mit ihm, so rasch ihr laufen könnt. -- Oh, joly men hoy!«

Der Schotte, der die Bramsegel gelöst hatte, kam jetzt rasch an den Wanten herunter, als ihn der Harpunier sah.

»Hallo, da oben, Sir -- da du einmal gerade unterwegs bist, wirf den Royal[19] los -- heda -- hast dus gehört, Bursche? hinauf mit dir, oder ich werde dir Beine machen. Wenn ich keinen von den Jungen gleich bei der Hand habe, wird es deinen faulen Knochen wohl auch nichts schaden, einmal nach oben zu gehen. -- Alle Wetter, da sind sie -- das war Zeit, daß wir fortkommen,« unterbrach er sich rasch, als plötzlich eine förmliche kleine Flotte von Canoes um die Landspitze bog. Die Aufmerksamkeit der Leute wurde aber rasch von dieser ab an Bord ihres eigenen Schiffes gelenkt, wo jetzt das vom Land zurückkehrende Boot, um das sie sich bis daher gar nicht hatten kümmern können, langseit legte, und im nächsten Augenblick, seinen Leuten voran, Capitain Silwitch an Bord sprang.

4.

Toanonga hatte an dem Nachmittag noch recht herzlich über den wilden, tollköpfigen Pagalangi gelacht, der da, aus irgend einem Land hergeregnet, gleich geglaubt, er könne so ohne weiteres die Tochter eines ersten Häuptlings, aus dem Blut der Haus oder ersten Könige auf seine Arme packen und in die weite See damit hinein fahren, wohin es ihm gerade beliebe.

»Guter Bursch,« sagt er dabei auf seine gemüthliche Weise hin, »sehr guter Bursch; hat mir die ganze Tasche voll Sachen gebracht, und blieb er hier bei uns, und Tai manavachi wäre nicht da, und Hua wollte ihn -- und er hätte noch mehr solche Sachen, und brächte alles Das, was er versprochen, wer weiß, ob nicht dann der Pagalangi und Hua doch Mann und Frau geworden wären.«

Der alte Häuptling, still vor sich hinschmunzelnd, erging sich noch in einer Menge anderer Möglichkeiten, indeß er sich zugleich auf sehr angenehme Weise mit dem Sortiren der verschiedenen Arten Knöpfe und Nägel beschäftigte, als ein Bote, einer seiner jungen Leute, von einem anderen Theil der Küste herüberkam und die Ankunft vieler Kriegscanoes, wahrscheinlich den jungen Häuptling Tai manavachi führend, meldete, der jetzt komme, seine Braut heimzuführen. »Kommt gerade recht,« murmelte der alte Mann zufrieden vor sich hin; »tollköpfiger Pagalangi hätte am Ende noch dumme Streiche gemacht, und Hua ist nirgends besser aufgehoben, wie bei ihrem Mann -- aber was ist das?« unterbrach er sich dann selbst, als ein Boot von dem draußen in der Bai liegenden Schiff ab nach der nächsten Landspitze, wo gar keine Wohnungen lagen, hinüber hielt. »Was wollen die Fremden da drüben, wo Hua nur Abends mit ihren Frauen hinübergeht? -- Hm, hm, hm, wird sie noch einmal sprechen und fragen und gewinnen wollen -- ja, zu spät, cowtangata, zu spät -- wenn sie dich möchte, hätte sie lange Ja gesagt.«

Eine Zeitlang blieb er so sinnend stehen und schien gewissermaßen zu erwarten, daß das Boot, wie jedes anderemal nach seinem gewöhnlichen und ihm eigentlich auch vorgezeichneten Landungsplatz herüber halte, von wo der Capitain des Wallfischfängers dann gewöhnlich allein nach der andern kleinen Bai hinüber gegangen war. Da das aber heute Abend augenscheinlich nicht in der Absicht der Fremden lag, und Toanonga sich dadurch gewissermaßen, er wußte selber eigentlich nicht recht warum, beunruhigt fühlte, beschloß er selber dort hinüber zu gehen, und zu gleicher Zeit seiner Tochter die Ankunft ihres Bräutigams zu melden.

Mit einiger Beschwerde erhob er sich von seiner Matte, auf der er vorher jedoch sorgfältig seine Schätze in ein Stück braungefärbtes und gedrucktes Gnatu[20] eingeschlagen hatte, die er nun vor allen Dingen in seiner Hütte in Sicherheit brachte. Dann winkte er den beiden Burschen, ihm zu folgen, und mit diesen langsam ein kleines Dickicht von Fruchtbäumen durchschreitend, das den Hang des Hügels nach dieser Seite zu bedeckte, stieg er die leise Abdachung hinan, die von ihrem Gipfel aus einen Überblick nach der Nachbarbai, mit ihrem stillen Wasser und wehenden Palmen gewährte.

Hierher kam Hua jeden Abend mit mehreren ihrer Gespielinnen sich zu baden und auf der klaren Fluth, über den aufzweigenden Corallen hin in ihrem Canoe zu schaukeln. Silwitch hatte ihr da oft Gesellschaft geleistet und selige Stunden mit ihr verträumt, während das Mädchen mit ihm plauderte und lachte, ihm die Legenden und Märchen ihres Volkes erzählte und ihn neckte und seiner spottete, ihm aber nie eine Freiheit gegen sich selber gestattete. Nie durfte er auch nur den Arm um sie legen, oder sie gar küssen, und zehnmal war er in bitterem, verzehrendem Unmuth fest entschlossen gewesen, nie wiederzukehren und die gefährliche Nähe der so schönen wie spröden Maid auf immer zu fliehen, aber das herzliche, lächelnde »chio do fa[21]!« mit dem sie ihm beim Abschied jedesmal die Hand unaufgefordert reichte, zwang ihn auch wieder zurück in ihre Nähe, bis er zuletzt nicht einmal mehr den Gedanken fassen konnte, sie zu fliehen.

Auch heute hatte sie sich, noch nicht von der Ankunft des Geliebten benachrichtigt, hierher zurückgezogen, und sein Canoe mußte auch in der That diese Bai passiren, wenn er Toanongas Wohnort erreichen wollte, da auf der andern Seite der Insel ein breiter Corallendamm das Umschiffen derselben im Binnenwasser unmöglich machte. Die Mädchen saßen zusammen im Schatten eines breitästigen Toabaumes, dem einzigen auf dem kleinen, hier absichtlich von Unterholz befreiten Raum, ihr Haar mit wohlriechendem Cocosnußöl zu salben, als das Wallfischboot des Fremden um die Spitze der Bai schoß und die Mädchen erschreckt aufspringen machte; nur Hua blieb ruhig sitzen und sagte lachend:

»Was fürchtet ihr euch, tolle Dirnen, habt ihr den Pagalangi noch nie gesehen mit seinem Boot, und sieht er zu windwärts von der Landspitze da draußen anders aus als zu leewärts? Er wird uns sein Lebewohl sagen wollen, denn die fremden Männer sind alle auf das Schiff zurückgefahren, und den ganzen Tag schon in den Seilen herumgeklettert. Er hat unsere besten Wünsche für sein Wohl -- wir =fürchten= ihn nicht!«

»Aber was suchen die Fremden =hier=?« rief eines der Mädchen, schüchtern zu ihrem Sitz zurückkehrend; »komm, Hua, wir wollen in den Wald gehen, bis sie vorbeigerudert sind -- siehst du, sie wollen landen.«

»Laß sie, Mädchen,« sagte des Häuptlings Tochter verächtlich; »wenn wir sie hier nicht länger dulden wollen, schickt sie Hua wieder in See.«

»Chio do fa, Hua, chio do fa!« rief in dem Augenblick die lachende Stimme des jungen Capitains zu ihnen herüber; »wartest du hier auf mich, Maid, zur rechten Stunde? ich komme, ich komme.«

»Nicht auf dich, Pagalangi,« sagte das Mädchen ruhig, sich halb von ihm abwendend; »dieser Platz ist mein Eigenthum, und wer ihn betritt, kommt zu =mir=.«

»Und sollen wir hier unser Haus bauen in späterer Zeit?« flüsterte der junge Mann, näher zu ihr hintretend und die Hand ausstreckend, die ihrige zu ergreifen.

»Wir?« wiederholte die Jungfrau erstaunt.

»Zögert nicht länger wie nöthig ist, Captain dear!« rief aber in diesem Augenblick der Mate oder Harpunier warnend, »ich habe da oben auf dem Hügel eine Gestalt gesehen und die Canoes, die wir von Deck aus sahen, könnten auch bald hier sein, wenn sie beabsichtigt hätten, hier herzulaufen.«

»Es ist wahr, George,« rief der Capitain zurück, »ich habe überdies schon zuviel Zeit verloren,« und sich rasch zu der Geliebten drehend, sagte er schmeichelnd:

»Komm mit mir, Hua -- da draußen liegt mein Schiff, in wenigen Minuten setzen wir die Segel und frisch und fröhlich ziehen wir hinaus in die freie, offene See -- meine Seele hängt an dir, Mädchen, und ich kann nicht ohne dich leben.«

»Zurück, Pagalangi,« rief aber Hua, zum erstenmal vielleicht erschreckt, als er dreister auf sie zutrat und seinen Arm um sie zu legen suchte; »zurück, taima tangata -- eines Häuptlings Tochter ist für dich zu gut; such dir ein Weib unter den Dirnen des Landes.«

»Meinest du, Herz?« rief der junge Mann jetzt, dem Zorn und beleidigte Eitelkeit das Blut in die Wangen jagte, »dann will ich doch sehen, ob du an Bord dieselbe Sprache hast!« und mit raschem Sprung die Sträubende umfassend, ehe sie selbst im Stande war um Hilfe zu rufen, hob er sie vom Boden auf, und floh mit ihr dem vielleicht hundert Schritte davon entfernten Boote zu.

»Hilfe! Hilfe!« schrie jetzt das arme Mädchen, die erst in dem Entsetzen der Gefahr, als sie das Boot vor sich sah und ihr Schicksal ahnte, die Sprache wieder fand. »Hilfe, Toanonga, zu Hilfe -- zu Hilfe deinem Kinde!«

»Sie hören dich nicht, Liebchen,« lachte aber der junge kecke Seemann, seine süße Last nur schneller dem Ziele zuführend; »dein Ruf dringt zu spät an ihr Ohr.«

»Habt Acht, Capitain!« rief aber in dem Augenblick der Harpunier, der mit dem Steuerriemen in der Hand hinten im Boot gestanden, den Befehl zum Abstoßen zu geben, so rasch ihre Beute geborgen sei, und der jetzt zwei junge Burschen aus den nächsten Büschen herausbrechen und dem Mädchenräuber folgen sah; »habt Acht, sie sind hinter euch!« Silwitch hatte aber, an keine Verfolgung denkend, nur Auge und Ohr für sein erobertes Glück, und der junge, riesige Ire, die Gefahr von dem Haupt des Capitains abzuwenden, flog unbewaffnet wie er war, mit einem Satz so nahe er konnte, an Land, in die klare und hier seichte Fluth hinein, unbekümmert, ob sie hier einem ungleichen Kampf entgegengingen, warfen sich auch die beiden jungen Indianer auf den Capitain, ihres Häuptlings Tochter aus seinem Griff zu retten. Der Ire aber zwischen den Capitain und seine Verfolger springend, ergriff den ersten beim Arm und schleuderte ihn wie ein Kind zur Seite, während er den Zweiten, stärkeren der einen Schlag nach ihm führen wollte, mit sicher gezieltem und geübtem Stoß so derb zwischen die Augen traf, daß er betäubt und regungslos zu Boden schlug.

»Nun fort!« rief er jetzt und stieß, in das Wasser springend, das Boot, in das der Capitain seine Beute schon hineingehoben, ab von den Corallen, und sich nachschwingend, während zwei der Leute das Mädchen hielten, und die andern den Capitain zu sich herein zogen, setzte er rasch und dringend hinzu: »an eure Riemen, meine Bursche, an eure Riemen, für euer Leben, denn beim Teufel, dort kommt die ganze Canoeflotte hinter der Landspitze vor -- an eure Plätze und vorwärts! der Capitain wird die Dirne schon festhalten und du, Patrick, kannst ihr indessen ein wenig die Füße zusammenbinden, daß sie nicht doch noch über Bord springt; erst aber ein Tuch über den Mund, daß sie das verdammte Schreien läßt. Und nun ein mit euren Rudern, und brecht sie, wenn ihr könnt!«

Das elastische Holz bog sich unter den kräftigen Zügen der, ein jubelndes Hurrah ausstoßenden Matrosen, denn die kecke Entführung hatte ihre ganze Sympathie, und das scharfgebaute Boot schoß schäumend durch die Wellen, dem nicht so gar weit davon ankernden Schiff zu. Die Fahrzeuge der Eingebornen dagegen, sieben vollbemannte und wunderlich geschmückte Kriegscanoes, die allerdings noch zu weit entfernt waren, den Hilferuf zu hören, konnten doch schon auf dem Corallensand des Strandes die hin und her laufenden dunklen Gestalten erkennen. Wenn sie deshalb auch vielleicht anfänglich die Absicht gehabt hätten, näher am Land zu bleiben, wo die ihnen hier günstige Strömung auch die stärkste war, so schien das fremde Boot diesen Plan geändert zu haben. Sie hielten nun vor allen Dingen gerade auf die ziemlich in ihrem Cours, aber ihnen gegenüber liegende Landspitze zu, wo sie die dunkle Gestalt eines Eingebornen entdecken konnten, von welcher sie jedenfalls Auskunft über das etwas verdächtige Benehmen des Bootes zu erhalten hofften.

Die Gestalt am Ufer war aber Niemand anderer als Toanonga selber, und nach einigen rasch gewechselten Worten mit dem ersten, festlich geschmückten, aber mit wohl zwanzig Kriegern bemannten stattlichen Canoe gab dieser den ihm folgenden Fahrzeugen durch schrill gerufene Laute irgend einen Befehl, und quer hinüber schneidend über die Bai, wo ihnen jetzt das die Segel setzende Schiff der Pagalangis in Sicht kam, suchten sie augenscheinlich diesem die Bahn abzugewinnen.

»Anker klar, da vorn!« rief die helle, fröhliche Stimme des Capitains über Deck, als er kaum die Wanten seines Fahrzeugs erfaßte und die Railing übersprungen hatte.

»Alles klar, Sir!« lautete der bestimmte Ruf des Harpuniers zurück.

»Her zu mir denn, mein Herz!« jubelte er, als er die Arme ausstreckte, das ihm heraufgereichte und sich wild sträubende Mädchen in Empfang zu nehmen; »her zu mir, mein Herz, und nun hab ich und halt ich dich, und Tai manavachi muß rasche Canoes und tapfere Krieger haben, wenn er dich wiederholen und aus meinen Armen reißen will.«

»Bind mich los, tangata foi!« rief aber das schöne Mädchen, als ihr das Tuch abgenommen war, das bis dahin ihren Mund bedeckt, in wildem Zorn: bind mich los und »[**gehört vor bind!]gib mich frei, falscher, verrätherischer Pagalangi, der du, wie der Dieb in der Nacht, dich in meines Vaters Haus geschlichen. Hotuas Fluch über dich und dein Schiff! Bind mich los!«

»Daß du mir über Bord sprängst und den ganzen Spaß verdürbest,« lachte der junge Mann. »Nein Herz, du bist jetzt vielleicht bös auf mich, aber das wird sich schon geben; ich bin nicht so schlimm, wie du mich machst, und wir werden hoffentlich noch recht gute Freunde werden. Jetzt aber, wildes Täubchen, muß ich dich auf kurze Zeit hinunter und aus dem Weg tragen,« setzte er rasch hinzu, als ihn ein Blick überzeugt hatte, wie die Canoes einen näheren, ihnen wohl genau bekannten Canal durch die Riffe annahmen, den Lauf des Schiffes abzuschneiden, das die breite Ausfahrt halten mußte. Wenn er auch ihren Angriff nicht zu fürchten brauchte, denn selbst vor Anker hätte er sich die Canoes abhalten können, wollte er doch, so lange das anging, jedes Blutvergießen, wie jede weitere Feindseligkeit vermeiden. So denn die geraubte Braut, die sich vergebens seinem Griff zu entwinden suchte, in die Arme fassend, trug er sie in die Cajüte hinunter, deren Thüre er rasch hinter ihr abschloß.

Keine Zeit war es jetzt für ihn, die Zürnende zu besänftigen, das Schiff trieb mit dem schäumenden Corallendamme mehr und mehr entgegen, und näher und näher kamen die Canoes dem Feinde.

Die Commandos am Bord den Steuernden zuzurufen, erforderten jetzt die ganze Aufmerksamkeit der Mannschaft, die an den Brassen, jeder an seinem Posten, stand, etwa gegebene Befehle zu anderer Stellung der Segel so rasch als möglich auszuführen, während der Capitain selber vorn von der Back aus, durch zwischen ihm und dem Steuernden aufgestellte Harpuniere, den Lauf des Fahrzeugs mit seiner Stimme lenkte. Die »Lucy Walker« war übrigens ein treffliches Seeboot und gehorchte dem Steuer rasch; so umschifften sie denn auch, mit der jetzt immer frischer einsetzenden Brise, die so scharf von Osten herüberkam, daß sie in eine Bö auszuarten drohte, die gefährlichen Klippen, die ihnen rechts und links schäumende Brandungswellen herüberrollten und jetzt, von keiner Gefahr weiter bedroht, und gerade, als die Sonne in dem noch klaren Westen verschwand und die von gegenüber aufsteigenden Wetterwolken mit ihrem rosigsten Lichte übergoß, breitete sich die freie, offene See vor ihnen aus.

»Freie Bahn!« rief da der junge Capitain in lustigstem Übermuth, seinen Hut gegen die noch immer unverdrossen heranschäumenden Canoes schwenkend, indeß der Bug seines eigenen Fahrzeugs, die Segel von der frisch und stark aufkommenden Brise gebläht, durch die krystallene Fluth schoß und die klaren Wellen zu beiden Borden spritzend abwarf. -- »Freie Bahn! und nun auf Wiedersehn, vielleicht für nächstes Jahr. Armer Tai manavachi!« setzte er dann lächelnd hinzu, als er noch einen Blick auf die Canoes warf, ehe er von der Back hinunter sprang, »wenn du wirklich da drin bist, thust du mir wahrhaftig leid, so, nur wenige Minuten, die Zeit, versäumt zu haben. Hättest du nicht so lange Siesta gehalten, vielleicht läge die Braut jetzt in deinen Armen, statt in meiner Cajüte. Zu spät nun deine Anstrengungen, mein Tapferer, zieh deine Ruder ein, tollköpfiger Bursch, oder das Wetter da drüben schneidet dir auch zum Land zurück die Straße ab?

Nun, meinetwegen,« setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, währenddem er zu seinem Erstaunen sah, wie die Canoes wirklich die Passage in offener See forcirten und dem drohenden Himmel und der trostlosen Aussicht auf Erfolg zum Trotz die Verfolgung noch nicht aufgegeben zu haben schienen, »wenn ihrs nicht besser haben wollt, so kann mirs recht sein; Nebenbuhler sind überdies gefährliche Gesellen,« und an Deck hinunterspringend und die jetzt zurückbleibenden Canoes keines Blickes weiter würdigend, ging er wieder nach aft (hinten), dort die nöthigen Befehle zu geben, einen Theil der Segel wieder zu bergen und für ein doch mögliches Unwetter, das in diesen Breiten oft einen furchtbaren Charakter annehmen kann, wenigstens vorbereitet zu sein.

Die »Lucy Walker« ließ die Insel, jetzt vor dem Wind laufend, rasch hinter sich, und vor ihnen war an dem, im Abendschein klar abgeschnittenen Horizont kein Land mehr sichtbar.

5.

»Zum Teufel noch einmal, Legs,« sagte Pfeife mit seiner feinen, quitschigen Stimme, als die eine Wacht ins Logis beordert war, rasch ihr Abendbrot einzunehmen, um an Deck bereit zu sein, wenn das Wetter die ganze Mannschaft oben verlangte, indem er an seinen indessen kalt gewordenen Bananen kaute, »das riecht mir schon seit einer Weile so verdammt brandig hier unten -- hast du noch Nichts gemerkt?«

»Mir ists auch schon so vorgekommen,« rief der Schotte jetzt rasch, der in tödlicher Ungeduld wie auf Kohlen gestanden und nur nicht gewagt hatte, selber das erste Wort darüber zu sagen. Wäre er sich seines Verbrechens nicht bewußt gewesen, würde er gar nicht daran gedacht haben, in der ersten Entdeckung ein Zeichen zur Anklage zu finden; »weiß der Henker, wos herkommt, aber es riecht versengt und wir lassen Spunt lieber einmal nachsehen.«

»Wo?« frug =Spunt=, wie der Böttcher auf Wallfischfängern gewöhnlich genannt wird.

»Nun, hier unten in den Ecken, oder wenn da nichts ist, unter Deck,« sagte Douglas ausweichend.

»Na, hier werdet Ihr doch wohl auch selber die Nasen in die unteren Koyen bringen können,« knurrte der Böttcher, der eben an einer höchst wohlschmeckenden Schweinsrippe kaute, »Spunt -- immer nur Spunt; Spunt muß bei Allem dabei sein und damit seid Ihr gleich fertig.«

»Alle an Deck!« schrie da die gellende Stimme des Harpuniers, der zugleich mit einer aufgegriffenen Handspake auf die Logisluke schlug, seinen Worten größeren Nachdruck zu geben; »Alle an Deck da unten und reefen[22], herauf mit Euch, herauf!«

»Mr. Mate!« rief der Schotte jetzt, der zuerst die kleine schmale Leiter heraufsprang, während Legs und Pfeife indessen noch überall in den Ecken herumvisitirten und rochen, dem unverkennbar brandigen Duft auf die Spur zu kommen, »da unten --«

»Reefen!« schrie ihn aber der Harpunier an, nicht gewohnt, irgend eine Einrede zu gestatten; »Reefen, hast dus gehört, tauber Schotte? -- nach oben, wohin du gehörst, oder ich =bring= dich hinauf mein Bursche!«

»Da unten riechts --«

»Will er das Maul halten und gehorchen, wenn ich ihm etwas sage?« rief aber der rauhe Geselle, die hingeworfene Handspeiche in zorniger Drohung wieder aufgreifend.

»=Feuer= ist irgendwo unten!« knurrte aber der Schotte fest entschlossen, sich diesmal nicht einschüchtern zu lassen und das Hauptwort gleich vorrückend, den Officier über die Wichtigkeit der Einrede nicht in Zweifel zu lassen; »es riecht brandig und muß irgendwo brennen, und wenn =ihrs= wollt brennen lassen, kanns mir recht sein.« Und damit, als ob er Alles gethan, was von ihm konnte verlangt werden, sprang er auf die Railing und lief, die Wanten fassend, an diesen hinauf, den gegebenen Befehl auszuführen.

»Wo brennts?« rief der Harpunier aber rasch, die Handspake niederwerfend, dem jetzt ebenfalls heraufkommenden Pfeife an; »was ist da wieder los? -- was habt ihr da unten wieder angerichtet?«

»Wir?« schrie Pfeife, den Officier erstaunt ansehend; »angerichtet? Unser angerichtetes Essen haben wir unten stehen lassen, um schnell herauf zu kommen.«

»Der schottische Dickkopf da oben sprach von Feuer,« rief der Harpunier nach oben sehend; »na, komm du mir nur wieder herunter!«

»Ja, brandig riechts unten,« betätigte dies aber ebenfalls der Matrose, »und Spunt hats jetzt auch herausbekommen und schniffelt in allen Koyen herum.«

»Er soll nachher einmal unter Deck nachsehn,« sagte der Harpunier; »jetzt rasch nach oben, boys, legt euch aus, daß wir die Segel klein bekommen,« und zu dem Clüverfall springend, warf er dieses selbst los, daß der schwere, lange Clüver in seinem Stag niederschnurrte, nachher bei mehr Muße auf dem Clüverbaum festgeschnürt zu werden.

Bis jetzt wehte nur noch erst eine steife Brise, die aber, wie schon gesagt, leicht in einem Sturm ausarten konnte, und Capitain Silwitch wollte sein Schiff keiner unnöthigen Gefahr aussetzen. Durch die dichtgereeften Segel wurde aber auch ein Fortgang gehemmt, und wenn sie auch noch rasch genug durchs Wasser liefen, die ihnen trotzdem hartnäckig folgenden Canoes, behielten sie doch, so lange nämlich die jetzt rasch einsetzende Nacht nicht ihren Schleier über das schäumende Meer warf, deutlich von Deck aus in Sicht.

Der Harpunier hatte indessen über dem ihm gemeldeten brandigen Geruch die seine ganze Thätigkeit in Anspruch nehmende Beschäftigung des Segelreefens vergessen, und Capitain Silwitch, der bis dahin an Deck geblieben war, das aufsteigende Wetter und dessen Stärke abzuwarten, wollte sich eben vor einem, in diesem Augenblick beginnenden tüchtigen Schauer froh vielleicht, einen Vorwand zu haben -- in die Cajüte hinabziehn, als Spunt nach dem Quarterdeck hinter kam und mit abgezogener Mütze seinem Officier meldete, der Feuergeruch würde stärker, und es wäre nöthig, daß sie unten nachsähen.

»Was gibts?« rief Capitain Silwitch, schon auf der Cajütstreppe und noch mit dem Kopf über die Seitenrailing derselben schauend; »was will der Mann, Sir?«

»Die Leute wollen vorn einen brandigen Geruch bemerkt haben,« rapporte der Harpunier, »Spunt mag wohl einmal nach unten gehen und nachsehen?«

»Einen brandigen Geruch? -- wo?« rief der Capitain, rasch wieder an Deck springend, denn mit Feuer an Bord eines Schiffes ist nicht zu spaßen. »Damn it, mir ists auch schon vorher einmal so vorgekommen. Reißt die Luken auf, Böttcher, rasch, und seht nach; das hättet Ihr schon lange thun können.«

Der Böttcher ging schnell zurück, von wo er gekommen, den Befehl auszuführen, als ihm auch schon der Ruf von mehreren Stimmen »Feuer! Feuer!« entgegen schallte, unter dem Luckendeckel hervor hatte Lemon, von oben herunter kommend, den feinen blauen Rauch herausquellen sehen, und als er zusprang, mit Spunt zusammen die eine Hälfte des Deckels abzuheben, schlug ihnen der dicke, schwere Qualm in furchtbarer Wirklichkeit entgegen.

»Feuer!« gellte der Angstschrei der Leute über Deck, »Feuer! Boote nieder -- Boote in See -- wir sind verloren!«

»Teufel!« schrie der Capitain, in grimmer Wuth das Deck stampfend; »Teufel -- und gerade jetzt; so, hinunter Einer von euch, und seht, ob noch zu löschen ist -- heda, Böttcher -- Zimmermann!«

Die Leute schienen aber alle den Kopf dermaßen verloren zu haben, daß sie gar nicht wußten, wo angreifen, wo helfen, und nur der Schotte, dem laut lamentirenden Jonas einen Stoß in die Rippen gebend, sprang zum Rand der Luke, und suchte, mit den Füßen unten nach den Einschnitten an der mittleren Stütze fühlend, in den Rauch hinein seine Bahn. Aber auch er mußte es aufgeben, und den einen Arm emporwerfend, streckte er diesen, schon halb betäubt von dem Rauch, nach Hilfe aus, und wurde rasch wieder an Deck gezogen, während der Capitain und Harpunier jetzt den Luckendeckel wieder zuwarfen, das Feuer, vielleicht in dem furchtbaren selbsterzeugten Qualm zu ersticken.

Was da unten brannte, und wie das Feuer ausgekommen, war etwas, dem sie jetzt auch nicht einmal eine Vermuthung gönnen konnten.

»Wasser und Provisionen herbei!« rief die Stentorstimme des Capitains über Deck durch den Lärm; »jede Bootsmannschaft ihr Boot so schnell als möglich verproviantirt und an Lanzen noch hinein was ihr habt. -- Hier Mr. Fergusen,« wandte er sich dann rasch an den ersten Harpunier, »sie besorgen die Instrumente in ihr Boot, Sextant, Compaß und Chronometer -- haben sie nach dem Barometer gesehen, wie er steht?«

»Er ist wieder gestiegen.«

»Desto besser, ein Sturm jetzt und wir wären verloren.«

»Und glauben Sie nicht, daß wir das Schiff noch retten können?« frug der Harpunier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton.

»=Wie?=« entgegnete der Capitain eintönig, »ich begreife nicht, daß es so lange unentdeckt bleiben konnte -- früher wäre Hilfe vielleicht möglich gewesen, was sollen wir =jetzt= thun?«

»Wenn man nur wenigstens wüßte, =was= brennt,« sagte der Harpunier.

»Das Schlimmste, was brennen kann,« erwiederte der Capitain, der seine Kaltblütigkeit wieder gewonnen, »das Öl, haben sie das nicht an dem Qualm gesehen?«

»Dann sind wir verloren!« rief der Harpunier.

»Wir? -- das Schiff. -- Mit den Booten können wir leicht eine andere Insel erreichen.«

»Aber die Canoes hinter uns, -- hätten wir nur die verdammte Dirne an Land gelassen.«

»Teufel, an die Canoes hätt ich gar nicht mehr gedacht.«

»Wenn wir jetzt unsern Cours änderten,« rief der Harpunier rasch, »es ist dunkel und in kurzer Zeit --«

»Wird die Flamme lichterloh hier am Deck emporleuchten -- unsere einzige Hoffnung ist, ihnen vorher mit den Booten aus dem Wege zu kommen. So, rasch hinein -- mit dem Seitenwind laufen wir dann ein Stück nach Norden hinauf und sind morgen Früh hoffentlich, wenn die Sonne aufgeht, aus Sicht.«

Die Mannschaft hatte indessen in wilder Hast Alles herbeigeschleppt, was an Provisionen aus der ihnen geöffneten und von dem Feuer noch nicht angegriffenen Proviantkammer zu erreichen war. Die kleinen, überdies immer bereiteten Wasserfässer für jedes Boot waren gefüllt und standen am Deck, jeden Augenblick hinuntergelassen zu werden, da man die oben in der Schwebe hängenden Boote, Unglück zu verhüten, nicht so schwer beladen durfte, ehe sie auf dem Wasser ruhten.

Der zweite Harpunier war indeß beordert, Munition und Gewehre aus der vordern Cajüte herbeizuschaffen, die Leute zu bewaffnen, und Capitain Silwitch sprang jetzt selber in seine Cajüte hinunter, die Gefangene herauf zu holen, ehe sich das Feuer dorthinein etwa die Bahn gebrochen hätte.

Vor allen Dingen seine Papiere und Geld zu sich steckend, für alle Fälle gerüstet zu sein, trat er zu Hua, die noch gebunden und regungslos in dem Sopha lehnte, auf das er sie gelegt.

»Mädchen, herauf mit dir!« rief er ihr zu, nach ihren Armen fühlend, ihre Banden zu lösen. »Das Schiff brennt und wir müssen flüchten.«

»Hotuas Fluch hat dich getroffen,« lachte aber die Jungfrau zornig auf, »seiner Rache bist du verfallen. Schon seit ich in deiner Macht bin, hab ich den grimmen Feind gewittert, der in den Eingeweiden deines Schiffes wühlt -- er ist von Minute zu Minute mächtiger geworden und da drinnen kannst du das fröhliche Knistern hören, wie er sich die Bahn gräbt ins Freie. Du bist verloren und der Sturm draußen läßt dir die Wahl jetzt zwischen Feuer und Wasser -- zu verderben, wohin du dich wendest.«

»Noch nicht, mein Herz,« lachte aber der Seemann in fester, trotziger Entschlossenheit, »so lange jene Canoes draußen in solchem Wetter leben können, brauchen wir auch in einem tüchtigen, regelrechten Boot nicht viel zu fürchten.«

»Canoes? -- was für Canoes?« frug Hua rasch aufhorchend.

»Es ist gut, mein Schatz,« sagte der Seemann ausweichend, den das Wort schon gereute, das er gesprochen; »euere Fischercanoes mein ich. Und nun komm!« und ihre Banden mit einem Messer durchschneidend, führte er das Mädchen, die ihm jetzt willig folgte, an Deck hinauf. Der Rauch unten verstattete ihnen schon kaum noch das Athmen, während rasch die Nacht einbrach und ihren dunklen Schleier über das Meer legte.

Der erste Harpunier hatte indeß die Mannschaft in ihre verschiedenen Boote gewiesen, während er das eigene für sich und seine Leute wie für den Capitain mit seiner Gefangenen freibehielt, auch die Instrumente und einen Theil der Waffen da hineinstaute. Die übrigen sollten flott werden, so rasch sie könnten. An der Starbordseite hatte sich schon die Flamme durch das dünne Deck die Bahn gebrochen, und einmal nur erst ein wirkliches Luftloch für die Gluth geöffnet, und jeden Augenblick konnte dann das ganze Schiff in Flammen stehn. Die Boote blieben jetzt ihre einzige Rettung.

Als sie das Deck erreichten, schaute Hua rasch und spähend umher, und horchte in peinlicher Angst in die Nacht hinaus, aber nichts ließ sich weder erkennen noch hören und ihr nächster Blick, mit kalter Entschlossenheit nur einen Erfolg zur Flucht, sei diese so verzweifelt wie sie wolle, berechnend, musterte die Mannschaft der verschiedenen Boote erst und fiel dann auf das wild erregte Meer. Tief aufseufzend hob sich da ihre Brust, als sie das Trostlose eines jeden solchen Versuchs fühlte, und schaudernd wandte sie sich ab von dem Manne, der sie Allem entrissen, was ihr lieb und theuer war auf der Welt, und der sie jetzt umfaßte, sie wieder in das Boot zu heben, dem einen Element vertrauend, was das andere entfesselt bedrohte.

Ihr Fuß zögerte auch, als sie das Deck verlassen sollte; zog sie den Tod nicht solchem Leben vor? -- Aber =die Canoes=? -- das eine Wort, so unbestimmt und vague, hatte neue Hoffnungen in ihr geweckt. Wurden sie verfolgt, so lag Rettung im Bereich der Möglichkeit, denn ihre Landsleute sind berühmt selbst unter den kühnen Nachbargruppen im Bau trefflicher Canoes, mit denen sie hunderte von Meilen weit die See befahren und nicht selten sogar Stürmen trotzen.

»Komm, komm, mein Täubchen,« mahnte sie aber der Engländer, ihr Sträuben fühlend, »du kennst die Gefahr nicht, der wir hier mit jeder Secunde zögern ausgesetzt sind; an ein verwünschtes Faß Pulver unter Deck hab ich bis jetzt noch gar nicht gedacht -- über Bord Leute, über Bord in euere Boote, wenn euch euer Leben lieb ist!« und das Mädchen auffassend, schwang er sich in demselben Moment über die Railing, als das Boot, von beiden Krahnen gesenkt, niederfiel auf das Wasser und noch von dem rasch die Fluth durchschneidenden Schiff den nachstürzenden Wellen immer wieder entführt wurde.

Lemon behauptete indeß das Ruder in all seiner sauertöpfigen Hartnäckigkeit, denn das Schiff mußte die Bahn halten, bis sämmtliche Boote frei waren. Eine Handspeiche neben sich, die er zuletzt ins Rad stecken wollte, es auf seiner Stelle zu halten, wenn er seinen Posten verlassen mußte, stand er mit unerschütterter Ruhe den jetzt aus mehren Stellen an Deck brechenden Krater unter sich beobachtend und anscheinend vollkommen gleichgiltig, daß Alle das Schiff verließen und ihn allein auf dem brennenden Sarg zurückließen. Rechts und links glitten schon die glücklich niedergelassenen Boote, mit ihren Segeln gesetzt, ab von dem seinem Geschick verfallenen Schiff, und nur noch das eigene hing unter den Krahnen.

Eine helle Flammensäule stieg in diesem Augenblick mit blendendem Strahl hoch auf in die Nacht; ein Theil des Decks war eingestürzt und die Gluth brach lodernd hinaus ins Freie.

»Nieder mit euch, nieder!« schrie des Capitains Stimme über das Wasser, der mit dem eigenen Boot dicht im Fahrwasser seines Schiffes folgte; »nieder, oder ihr seid verloren!«

Der Schotte und Pfeife standen an den Tauen, vierten, auf den jetzt rasch gegebenen Befehl des Harpuniers, das Boot nieder, langseits dem Schiff und sprangen dann rasch hinein, Jonas und der ihm aus einem andern Boote beigegebene Legs mit Spunt, dem Böttcher, reichten ihnen die schon bereit liegenden kleinen Fässer mit Wasser und Proviant nach, und ihnen mit dem Harpunier folgend, war Lemon der letzte Mann an Bord.

»Komm von Bord, Sir!« rief sein Officier, »schnell! um dein Leben!«

»Werdet doch wohl warten, bis ich komme?« knurrte der sauertöpfische Gast in voller Ruhe, und die Handspeiche einschiebend und ein dort liegendes Fall darumschlagend, daß sie nicht wieder herausrutschen konnte, blieb er noch einen Moment stehen, das Deck kopfschüttelnd zu überschauen und stieg dann rasch an der Seite nieder, von halbwegs ab auf eine der thwarts oder Bootbänke springend. Das Boot hatte indeß seine Segel schon gesetzt, löste das Springtau und kam frei, und allein fort schoß der brennende Koloß, wie ein angeschossener Eber seine wilde unbewußte Bahn, die Todeswunde im Herzen, da er nicht mehr entfliehen konnte in toller, blindstürmender Wuth.

»Habt Acht auf eure Segel!« rief ihnen der Capitain zu, der mit seinem rascheren Boot gerade an ihnen vorüberschoß, während die jetzt vollkommen ausgebrochene Gluth am Bord der armen »Lucy Walker« einen hellen Schein über das Wasser warf und alle Gegenstände deutlich erkennen ließ; »das obere Fall da hat sich umgeschlagen.«

»Wirf es herüber, Jonas!« rief der Harpunier, der den Steuerriemen in der Hand hielt, »wirf es herüber, Mann, aber rasch, denn das Segel faßt jetzt den Wind nicht genug, und wenn uns die nächste Welle erwischt, füllen wir -- Pest und Tod -- werft einen Theil der Ladung über Bord, wir gehen ja fast bis an den Rand im Wasser und sind verloren, wenn uns eine einzige Welle überwäscht.«

Jonas, überhaupt etwas ängstlicher Natur, und mit dem bösen Gewissen, Mitwisser der That zu sein, die sie Alle jetzt in Todesgefahr gebracht, stand zitternd von seinem Sitz auf, dem Befehl Folge zu leisten, während Andere noch unschlüssig zwischen den eingestauten Sachen wählten, was sie hinauswerfen sollten.

»Rasch, Leute, rasch, damn it, ihr steht da, als ob euch der Compaß gebrochen wäre; faßt zu!«

Ein schriller, jubelnder Schrei gellte in diesem Augenblick in so furchtbarer Wildheit über das Wasser, daß sich die Leute erschreckt danach wandten, und Jonas das schon gefaßte Tau seiner Hand wieder entgleiten ließ.

»Teufel!« fluchte der Harpunier, »die Wilden!« und in demselben Moment fast antwortete von dem vor ihnen dahinschießenden Boot des Capitains aus ein lauter, weit schallender Hilferuf Huas, dem herausfordernden Schlachtschrei ihrer Landsleute.

»Wahr dein Segel, Mann, wahr dein Segel!« kreischte der Harpunier, als dieses, durch das verworfene Tau eingepreßt, den Wind nicht faßte und zu flappen anfing.

»Eure Riemen, Boys, eure Riemen!« gellte die entsetzte Stimme des Harpuniers, als die ihnen folgende Welle drohend hinter ihnen dreinstürmte. Die Leute griffen auch fast mechanisch nach den Rudern -- aber zu spät; hoch über ihnen stand die gläserne, von dem jetzt helllodernden Schiff noch grell beleuchtete See -- wenige Secunden fast war es, als ob sie in der Luft, über der sicher gefaßten Beute hing und jetzt ein gellender Aufschrei und die Mannschaft des geschwemmten, überladenen Bootes, rang mit der schäumenden Fluth.

6.

Durch die tanzenden Wogen, über die leuchtende quillende Fluth schossen die dunklen Canoes der Eingebornen, die Mattensegel geschwellt, heran, und im Bug des vordersten stand eine hohe, edle Gestalt mit wehendem Haar und Hüftentuch, die weite See mit dem Adlerblick überfliegend, wo ihn die stürzende Woge auf ihren Kamm hob und in jagender Schnelle voranriß.

Es war der junge Häuptling Tai manavachi, der dem Tod selbst trotzend, seine kleine Flotte dem frechen Räuber in Nacht und Wetter nachführte und verzweifelnd schon die trostlose Jagd hatte aufgeben wollen, als der Feuerschein des fremden Schiffes jubelnd von ihm entdeckt wurde. Auch auf den andern Canoes hatten sie schnell die Wahrheit des Unfalls ihrer Feinde begriffen, und der gellende Jubelruf, der Schlachtenschrei ihres Stammes, mit dem sie ihre Lanzen und Speere fester packten, war es, der das Blut des sonst wahrlich unerschrockenen jungen Engländers in den Adern gerinnen machte.

Hua aber hatte in jauchzender Seeligkeit die Nähe der Freunde gehört, und wenn auch der antwortende Schrei zu schwach war, gegen den Wind an die Retter zu erreichen, wußte sie doch nun, daß die Ihren, den Wogen trotzend, mit kühnem Muth ihren Spuren gefolgt waren, und die einzelnen Boote ihnen jetzt gar nicht mehr entgehen konnten.

»Ruhig, mein Täubchen, ruhig!« warnte sie aber drohend der neben ihr stehende Capitain; »die Nacht ist dunkel und deine Stimme dringt doch nicht zu ihnen hinüber, aber auch der Gefahr wollen wir uns nicht aussetzen und -- ich möchte dir kein Leides thun -- aber wirst du noch einmal laut, so muß ich dich wieder binden und knebeln, so weh mir das selber thäte.«

Hua blickte wild und trotzig zu ihm empor, aber sie war auch schlau genug, nicht nutzlos den Zorn Derer zu reizen, in deren Gewalt sie sich noch befand, und kauerte von jetzt an still und schweigend im Boot, aber ihre Blicke forschten, die Sehkraft bis zum Schmerze angestrengt, in die Nacht hinaus, die Freunde zu entdecken.

Ein blendendes Licht breitete sich in dem Augenblicke über die See, und als sie rasch die Blicke dem brennenden Schiffe zuwandten, sahen sie einen hellen Strahl von seinem Deck emporschießen und ein dumpfer Krach verkündete die Explosion des Pulvers. Das Fäßchen hatte aber zu hoch unter Deck gelegen, dem Rumpf des Schiffes weiteren Schaden zu thun, als das Deck oben zu sprengen und den Besahnmast zu splittern, der jetzt in lichten Flammen einen Moment zur Seite schwankte, und dann schwerfällig und tausend und tausend Funken emporwerfend, über Bord in See schlug.

»Mein armes Schiff!« seufzte der Capitain und blickte traurig herüber, da traf ein anderer Ton sein Ohr und »ein Schuß!« rief fast die ganze Bootsmannschaft wie aus einem Munde.

»Ein Schuß!« -- Ein Schiff war in der Nähe, das ihre Noth erkannt, und das Signal gab zur Rettung -- ein Schuß, und von Gefahr umringt, zeigte sich Hilfe. Der Schall kam aber vom Süden herauf, und sie mußten ihren Cours jetzt ändern, die Boote deshalb zusammenrufend -- das Sinken des einen war in der Erregung des Augenblicks von den andern gar nicht bemerkt -- legten sie rasch über den andern Bug, schräg von den Wellen abschneidend und konnten der Richtung, die ihnen jetzt ein zweiter und dann bald darauf folgender dritter Signalschuß angab, genau folgen. Einmal an Bord und die Canoes, denen sie bis dahin zu entgehen hofften, waren ihnen nicht mehr gefährlich.

Tai manavachi kam indeß mit geblähten Segeln und sieben vollbemannten großen Kriegscanoes durch die Wellen schäumend an; ein Brautzug hatte es werden sollen und war eine Jagd geworden auf den Räuber seines Theuersten, was er auf dieser Welt kannte, und wie die jetzt schon sehr gemäßigte, aber doch noch immer frische Brise mit den flatternden, wehenden Zierrathen am Bug der schlanken, wunderlich geschnitzten Fahrzeuge schlug und spielte, standen die wilden, trotzigen, kriegerischen Gestalten, hinaus in die Nacht spähend, am Bord, die geflüchteten Boote zu erkennen und zu verfolgen.

Ein Hilferuf traf ihr Ohr, neben ihnen im Wasser schrie sie ein Schwimmender an um Rettung, und treibende Ruder und Sitze verriethen ihnen rasch genug das Schicksal wenigstens eines der Boote. Einen ängstlich suchenden Blick warf der junge Häuptling umher -- wenn gerade dies Boot -- doch nein, sein Herz zog ihn weiter, und nur dem nächsten Canoe ein paar Worte zurufend, das rasch zur Seite schoß und seinen Bug gegen die nächsten Wellen anwarf, hier zu halten und die Verunglückten aufzunehmen, verfolgten die Rächer unaufgehalten ihre Bahn.

Da dröhnte auch zu ihnen der Krach des explodirenden Pulvers herüber, aber mehr als das, der helle, blitzähnliche Strahl verrieth ihnen die weiß leuchtenden Segel der Flüchtigen, und als gleich darauf die fernen Kanonenschläge irgend eines zufällig in die Nähe gekommenen Fahrzeugs an ihr Ohr schlugen, zuckte ein triumphirendes Lächeln über das Antlitz des jungen wilden Kriegers. Er kannte die Lage der Feinde, und daß sie jetzt hinüberhalten =müßten=, dem Schiffe zu, wo sich ihnen allein noch Rettung bot. Dorthin aber war er im Stande ihnen den Weg abzuschneiden und wußte sie jetzt in seiner Macht.

Capitain Silwitch hatte sich indessen wohl gescheut, den hellen Wasserstreifen zu durchfahren, den das jetzt bis in die Masten hinauf brennende Fahrzeug zwischen sich und seinen Verfolgern ließ, aber er durfte auch keine Zeit versäumen, denn der Feind mußte gewaltig schnelle und tüchtige Canoes haben, daß er es nur gewagt hatte, ihnen bis hier heraus zu folgen. So, auf ihre eigenen guten Boote vertrauend, hielten sie gerade nach Süden hinunter und einmal wieder weit genug von dem hellen Schein entfernt, hofften sie auch in der Dunkelheit der Nacht dem Feinde entgehen zu können.

Ein neuer Signalschuß des fremden Fahrzeugs, dessen Capitain den Booten die Stellung seines Schiffes zu zeigen wünschte, tönte schon um vieles näher, und Capitain Silwitch hätte jetzt gern ein Gewehr abgefeuert, dem ziemlich unter dem Wind befindlichen Fremden die Richtung anzudeuten, in der sie sich selbst befanden, mußte er nicht zugleich fürchten, dadurch auch den vielleicht nähergekommenen Verfolgern die Stelle zu verrathen.

Sein Boot, das größte Segel führend, war das erste, die andern vielleicht in zwei- und dreihundert Schritt Entfernung folgend, und Einer der Bootssteuerer war vorn in dem Bug postirt, scharf auszuschauen, ob er nicht vielleicht doch gegen den etwas helleren Horizont das jetzt keinesfalls so weit mehr entfernte Schiff entdecken könne.

»Hallo, Capitain!« rief dieser plötzlich, »da vorn sah ich eben etwas Dunkles, als sich das Boot auf der Welle hob, es sah aus wie ein Boot.«

»Hab Acht, wenn es wiederkommt,« lautete die Antwort. Die nächste Woge, jetzt nicht mehr durch den Wind gepeitscht, aber noch immer in schwerer Dämmung, kam hinter ihnen drein, und rechts und links von dem Boot ihren zischenden, glühenden Schaum ausgießend, hob sie das schlanke Fahrzeug auf ihren Nacken über die nächsten Wellen. Ehe aber nur der Mann eine weitere Meldung machen konnte, schallte ein gellender Jubelruf, schrill und furchtbar an ihr Ohr, und:

»Hierher, hierher, Tangata Tonga!« jauchzte die emporspringende Maid den Rettern entgegen. -- »Hierher zu Hilfe!« und die Arme emporschlagend, wollte sie sich eben in die schäumende See werfen, als Silwitch seinen linken Arm um sie schlang und die sich wild gegen ihn Sträubende festhielt und zu sich zog. Aber Tai manavachi hatte den Ruf gehört und erkannt, und während die Europäer in wilder Hast ihre Waffen aufgriffen und der Bug des Bootes, wie selber ein lebendiges Wesen, vor der Nähe des Feindes zurückscheuchend abfiel von seinem Cours, schoß auch das mächtige dunkle Canoe heran, und zwanzig drohende Gestalten, unter denen her jetzt die andern Canoes preßten und ihren antwortenden Jubelruf durch die Luft sandten, streckten die Arme aus, die Larbordseite des eingeholten Bootes zu fassen und zu halten. Durch die zerrissenen Wolken trat in diesem Augenblick die bleiche Mondessichel und warf ihr fahles silbernes Licht auf die wogende See.

»Ergib dich, Pagalangi, ergieb dich!« schrie da der junge Häuptling, der die Gestalt der Geliebten in dessen Arm sich winden sah; »ergieb dich, denn ihr seid in meiner Hand!«

»Zurück! oder Hua ist eine Leiche!« donnerte ihm aber des Weißen Ruf entgegen, der sein Messer aus der Scheide riß und es über dem Mädchen zuckte -- er sah doch, daß hier Widerstand vergebens war, und wollte das letzte Mittel versuchen, sich und die Seinen vor Gefangenschaft oder Tod zu retten, dachte aber gar nicht daran, der armen, durch ihn verrathenen Maid ein Leides zu thun, und flüsterte ihr rasch und beruhigend ins Ohr:

»Fürchte dich nicht, Hua -- dieser Arm sollte eher verdorren, ehe er =dich= träfe; und wenn sie mich tödteten, ich hätte keine Waffe für dich!«

»=Fürchten?=« rief aber die Jungfrau, wild und zornig ihm ins Auge schauend; »fürchten? stoß zu, Pagalangi, wenn du Muth hast, aber du bist verloren. Hierher, Tai manavachi!« schrie sie dann in trotziger Kühnheit nach dem Geliebten hinüber; »hier ist der Räuber deiner Braut -- triff ihn sicher und kehre dich nicht an mich!«

»Hua, Hua!« rief aber der junge Häuptling, den Arm bittend und schützend gegen sie ausstreckend; »gib sie frei, Fremder, wirf das Messer von dir und deine Boote mögen ungehindert von mir jenes Schiff suchen -- schädige ihr aber nur eine Locke ihres Hauptes, und zerreißen will ich dich auf langsamem Feuer!«

»Du sicherst mir unser Leben und unsere Freiheit?« rief der Europäer.

»Ich geb dir mein Wort!« rief der Häuptling stolz, während die beiden Fahrzeuge jetzt rasch und schäumend neben einander hinschossen und die Matrosen ihre freilich von Seewasser durchnäßten Musketen und die gefährlicheren Wallfischlanzen aufgegriffen hatten, dem grimmen Feind im Nothfall trotzig die Stirn zu bieten.

»So geh, Hua!« sagte Silwitch traurig, sie freigebend aus seinen Armen; »geh und vergiß den Fremden, der dir weh that, weil er dich so unendlich liebte.«

Hua erwiderte keine Silbe, aber ihr Fuß stand auf dem Rand des Bootes und als der Bug des jetzt dicht an sie hinanschießenden Canoes rasch vorüberglitt, sprang sie mit kühnem Satz hinüber und in die Arme ihres aufjauchzenden Geliebten.

Fast über ihren Köpfen hin dröhnte in dem Augenblick der schmetternde Schlag eines Kanonenschusses und als sie überrascht emporschauten, war das fremde Schiff, dem das brennende Fahrzeug als Mark gedient, so nahe an sie herangekommen, daß das Canoe selbst seinen Bug herumwerfen mußte, nicht überfahren zu werden.

»Teufel!« schrie Silwitch, ingrimmig mit dem Fuße stampfend, »so dicht am Ziel und doch zu spät!« Aber in die Nacht hinein, rasch und plötzlich wie sie gekommen, verschwanden die Canoes. Höhnisch noch schlug ihr gellender Triumphschrei an sein Ohr, und Hua war auf immer für ihn verloren.

Das fremde Schiff, ein Bremer Wallfischfänger, braßte seine Segel back, als es die gesuchten Boote so dicht unter seinem Bug sah, Taue wurden übergeworfen, die Mannschaft aufzuholen und die Schiffbrüchigen sahen sich bald Alle an sicherem Bord. Nur ein Boot fehlte noch; auf und ab kreuzte das Schiff, von Zeit zu Zeit noch einen Schuß feuernd nach dem vermißten Boot -- umsonst. Bis Tagesanbruch hielt es auf der Stelle, und als die Sonne sich über den Horizont hob, wurden die Tops bemannt, von oben aus vielleicht etwas zu erspähen -- es ließ sich Nichts erkennen. Nur in blauer Ferne lag das Land, kein Boot, kein Segel war weiter am Horizont zu sehen und mit scharfangebraßten Segeln, dicht am Wind, hielt das deutsche Schiff mit der geborgenen Mannschaft der »Lucy Walker« nach Norden auf, den Sandwichs-Inseln zu.

Fußnoten:

[1] Die Muntere.

[2] Die südseeländische Kastanie, tuscarpus edulis, ist ein stattlicher, mächtiger Baum mit immer grünen Blättern und der Kastanie ähnlichen, doch stachellosen Früchten, aber das Eigenthümliche an ihm ist der Stamm, der etwa zehn oder zwölf Fuß hoch aufsteigt, ehe er auszweigt, und bis zum 7. oder 8. Jahre ziemlich glatt bleibt, dann sich aber auf eine höchst wunderbare Weise vergrößert. An vier, fünf und mehr Stellen desselben, von oben nach unten, von der Wurzel bis zum Stamme laufend, erhebt sich die Rinde und wächst -- der Baum behält seine Stärke und diese Streifen heben sich mehr und mehr, bis sie zuletzt förmlicher, mit grauer Rinde bedeckten, nicht selten ganz regelmäßigen Planken gleichen, die, nur wenige Zoll stark, oft zwei, drei, ja vier Fuß breit, wie die Schaufeln eines Rades vom Baume abstehen. Je älter der Baum dabei wird, desto knorriger wird er, durch kranke Flecke ziehen sich diese bretartigen Auswüchse hie und da zusammen und er sieht dann allem Andern ähnlicher, als einem Baum.

[3] Me, die Brotfrucht.

[4] Tangaloa ist einer ihrer Hauptgötter, der die Tonga-Inseln beim Fischen mit einem Haken aus dem Meere gezogen haben soll.

[5] Mea fanna fonnua, auch Kanone, wörtlich eine Waffe, die gegen das Land schießt.

[6] Fremder.

[7] Januar.

[8] Engländer oder überhaupt Weißer.

[9] Freund.

[10] Citrone.

[11] Der Wallfischspeck

[12] Die Jahreszeit des Fischfangs, also volle Jahre.

[13] Die Raanocke, das äußerste Ende der Raaen oder Querbalken, an denen die Segel befestigt sind. Auf der See werden bei etwa stattfindenden Executionen die Verurtheilten daran aufgezogen.

[14] Essen.

[15] Ruder.

[16] Die Zeiteintheilung an Bord eines Schiffes geschieht nach Glasen, von den früheren Sandgläsern so genannt. Jede Wacht von vier Stunden hat acht Glasen; diese zu bezeichnen, wird jede halbe Stunde, bis die Wacht aus ist, einmal mehr mit dem Klöppel an die Glocke geschlagen, so daß, von zwölf Uhr z. B. an gerechnet, halb ein Uhr einmal angeschlagen wird, um ein Uhr zweimal, halb zwei Uhr dreimal, um zwei Uhr viermal u. s. f. bis vier Uhr, was man durch acht Schläge oder Glasen angiebt. Ein viertel auf Fünf beginnt dann wieder mit =einem= Schlag, daß vier Glasen Abends also zehn Uhr bedeuten würde.

[17] Die ganze Mannschaft an Deck.

[18] Haltet mit dem Anker.

[19] Royal oder Oberbramsegel, das oberste leichte Segel.

[20] Eine zu Zeug verarbeitete und von der Rinde des chinesischen Maulbeerbaumes bereitete und gedruckte Masse. Ungedruckt hat sie den Namen Tapa.

[21] Der Gruß und Abschied der Tonga-Inseln.

[22] Segel verkürzen.


Die Bootsmannschaft.

1.

Nur =einen= Theil der Mannschaft ließ das wackere Schiff zurück, denn wie vorher erwähnt, schlug auf der Flucht eines der Wallfischboote um, und die Indianer nahmen die Meisten der Schwimmenden in das für sie zurückgelassene Canoe.

Den Morgen trotzend, blieb das schlanke Fahrzeug an der Stelle halten, wo es die ersten Opfer des Wracks getroffen, und der phosphorisirende Schaum der züngelnden Wellen half ihnen getreulich die dunklen, in Wasser schwimmenden Gestalten zu erkennen, so daß sechs Verunglückte nach und nach ihrem nassen Grab entrissen wurden.

Wohl kreuzten sie noch eine Weile dort auf und ab, zu sehen, ob noch ein Anderer ihre Hülfe in Anspruch nehmen würde. -- Aber Alles blieb stumm und still auf der kochenden Fluth. Der schrille Ruf einer aufgescheuchten Möwe tönte hier und da durch die Dunkelheit, oder der Schaum zischte in dem schweren Niederschlagen eines sich überstürzenden Wogenkammes -- sonst war Alles ruhig wie das Grab.

Da dröhnte der Signalschuß des fremden Schiffes durch die Nacht, dem der höhnende Jubelruf der Tonga-Insulaner antwortete, und dorthin schwang im Nu der Bug des flüchtigen Canoes, die Freunde einzuholen und sich ihnen wieder anzuschließen.

Den Gefangenen befahl indeß ein federgeschmückter dunkler Krieger, sich mitten in das Boot zu legen, und wenn sie seine Worte auch nicht verstanden, ließ ihnen doch die drohende Geberde und gehobene Waffe keinen Zweifel über seine Absicht. An Widerstand war überhaupt nicht zu denken, und so gehorchten sie denn schweigend dem Befehl.

Das Fahrzeug war allerdings eines jener geräumigen, außerordentlich langen und trefflich gebauten Kriegscanoes; glücklicher Weise aber nicht für den Krieg, sondern nur für die Brautfahrt, mit vielleicht halber Mannschaft besetzt, so daß sie ohne Gefahr für sich selber die Schiffbrüchigen -- und jetzt Gefangenen -- aufnehmen konnten. Nichts desto weniger mußten sich diese vollkommen ruhig verhalten und lagen, auf dem Boden des Canoes lang ausgestreckt, eng und gedrückt genug, immer Zwei neben einander.

Der Wind heulte mit erneuter Wuth über die aufgeregte See; die Blitze zuckten, und der Donner prasselte in wilden jähen Schlägen schallend drein, während das schlanke Fahrzeug mit vollgeblähtem Segel mit den Wogen bäumte und sank, und gar nicht selten züngelnde Spritzwellen über Bord nahm.

Jonas, der eine der Geretteten, fühlte dabei wohl, daß er eng genug zusammen gepreßt einen seiner Kameraden neben sich hatte, war aber noch nicht im Stande gewesen, heraus zu bekommen, wer das sei, und auch bis zu diesem Augenblicke viel zu sehr mit sich selber beschäftigt gewesen, besondere Nachforschung zu halten. Jetzt aber verrieth ihm ein außergewöhnlich greller und langanhaltender Blitz das Gesicht seines Nebenmannes, und er erkannte den kleinen Legs.

Legs lag, seine kurzen, etwas gebogenen Beine fest angezogen, auf dem Rücken, schloß die Augen und schien mit auf der Brust gefalteten Händen vollständig sich in sein Schicksal zu ergeben.

»Legs,« flüsterte da Jonas, der neben ihm auf dem Bauch lag, und sich nur mit einiger Schwierigkeit nach ihm herumdrehen konnte, »Legs bist du das?«

»Ich wollte, ich wärs nicht,« stöhnte der arme Teufel, ohne jedoch die Augen dabei zu öffnen -- »das ist eine schöne Lage hier für einen ordentlichen Christen, wo einem das verdammte Seewasser am Nacken hinein und am ganzen Rücken hinunter läuft -- das halbe Boot muß voll sein.«

»Das sei Gott geklagt,« stöhnte Jonas, »ich kann den Mund schon kaum über Wasser halten, und habe mir den Hals beinah abgedreht. Wenn ich nur wenigstens auch auf den Rücken läge, wie du -- so wie ich mich aber rühre, hauen mir vielleicht die verwünschten braunen Bestien Eins über. Prächtige Gelegenheit für einen Menschen hier, als Ballast für die wilden Hallunken im Boot zu liegen!«

»Jedenfalls wollen sie uns erst einweichen,« stöhnte Legs in wahrhaft stoischem Gleichmuth, »um uns nachher eher gar zu bekommen.«

»Die Teufel wärens im Stande, uns auch noch zu braten,« seufzte Jonas, »und wenn ich das gewiß wüßte, hätt ich große Lust, das ganze Ding hier umzuwerfen und uns alle mit einander auszuschütten. Eben so gern oder noch lieber von einem verdammten Haifisch auf einmal verschluckt, wie von solch einer nichtswürdigen Rothhaut stückweis geröstet zu werden.«

»Und daran ist nur der vermaledeite Capitain schuld,« brummte Legs, »der das Mädchen -- Heiland was für ein Donner! -- der das Mädchen hätte da lassen sollen, wo sie der liebe Gott hingesetzt. Jetzt haben wir die Geschichte -- den Teufel zu zahlen und kein Pech heiß, und Legs wird wieder, wie gewöhnlich, die Suppe ausessen müssen, die Andere für ihn eingebrockt.«

»Na,« brummte Jonas, »=du= sitzest dieses Mal nicht allein an der Schüssel, und wenn« -- der Satz wurde auf gewaltsame Weise unterbrochen, denn das Boot stieg in dem Augenblicke mit dem Bug auf die Spitze einer Woge, und das zurückschießende, darin befindliche Seewasser füllte den geöffneten Mund des armen Teufels dermaßen, daß er durch Sprudeln und Spucken kaum wieder Luft und Athem bekommen konnte.

Seine Lage wurde jetzt auch so unerträglich, ja, gefährlich, da das Canoe reichlich Wasser eingenommen hatte, daß er sich gewaltsam begann umzudrehen und Legs dadurch erbarmungslos gegen die Seitenwand drückte. Legs übrigens, keineswegs in der Stimmung, sich das Mindeste gefallen zu lassen, fluchte laut und wurde nur zum Schweigen gebracht, als er die drohend über sich gebeugte Gestalt eines der Wilden erblickte. Beim Leuchten eines Blitzes erkannte er aber den dunkeln Feind, wie den, mit der Waffe oder einem Ruder gehobenen Arm, und kniff mit einem kurzen Stoßseufzer beide Augen fest zusammen.

Die Gefangenen konnten jetzt hören, daß sich ihr Fahrzeug wieder der kleinen Canoeflotte angeschlossen hatte, und dadurch gewannen sie wenigstens =einen= Vortheil. Die Indianer nämlich wandten nun ihre Aufmerksamkeit wieder dem eigenen Boote zu und begannen das übergeschlagene Wasser auszuschöpfen -- nicht etwa aus Mitleid für die am Boden liegenden Weißen, sondern nur um ihr Canoe zu erleichtern und in dem Wettlauf, der Insel zu, nicht zurückzubleiben.

Die Lage der auf dem Boden des Canoes ausgestreckten Gefangenen war dadurch um ein Wesentliches verbessert, und wenn die zürnenden Elemente ihre Herzen auch noch mit banger Furcht erfüllten, schienen sie doch wenigstens für den Augenblick der Gefahr enthoben zu sein, selbst in dem Boote zu ertrinken. Das war aber auch für jetzt der ganze Vortheil, den sie davon hatten, denn mitten im Sturme und Ungewitter schossen die Boote dahin, und Jonas, der einmal den Kopf hob, zu sehen, wo sie eigentlich wären, begriff gar nicht, wie ihre Sieger in der stockfinstern Nacht nur überhaupt einen Cours halten konnten. -- Verfehlten sie aber das Land -- ein Fleckchen Erde von wenigen Quadrat-Meilen in dem weiten Ocean -- und hielten sie jetzt hinaus in die offene See, was sollte dann zuletzt aus ihnen werden?

So schäumten sie in toller Flucht durch die aufgerüttelten Wogen. Der Sturm hatte schon ausgetobt, und nur noch mattleuchtende Blitze am nordwestlichen Himmel verriethen, welche Bahn er genommen; die See ging aber nichts desto weniger noch hohl, und es erforderte die ganze Geschicklichkeit und Kaltblütigkeit der Insulaner, ihre Fahrzeuge flott und unbeschädigt zu halten.

Die englischen Matrosen hatten dabei keine Ahnung, in welcher Richtung das Land lag, welche Richtung sie selber steuerten. Das vordere Canoe schien jedoch dieselbe anzugeben, und ein in kurzen Zwischenräumen dort ausgestoßener und langgezogener Schrei -- der wie ein Weheruf über die Fluth schallte -- hielt die verschiedenen Canoes zusammen. So viel entging ihnen aber nicht, daß der Wind ihnen nur wenig günstig sei, denn das Mattensegel war scharf angebraßt und die zu windwärts überschlagenden Wellen verriethen ebenfalls, daß sie so dicht wie möglich am Winde lägen, gegen die hohe See also schwerlich raschen Fortgang machen würden.

Stunde nach Stunde verging auch, und noch war ihnen keine Nacht im Leben so lang vorgekommen wie diese, die gar kein Ende nehmen wollte. Da plötzlich hallte ein wilder, jubelnder Ton über das Wasser, und als Jonas erstaunt den Kopf hob und danach aushorchte, herrschte in dem Augenblicke Todtenstille rings umher. Ihm selber aber war es, als ob er in der Ferne und zwar gerade voraus die Brandung hören könne, wie sie sich tosend über den Riffen dieser Inseln bricht; und als ob auch die Indianer diesem willkommenen Laute -- dem Zeichen des nahen Landes -- gelauscht, so brach jetzt donnernd ihr Jubelruf durch die Nacht.

Doch nicht allein der Brandung jauchzten sie entgegen, noch ein anderes, willkommneres Zeichen hatten sie erblickt, und zwar einen rothen Feuerschein, der mit seinem flackernden Licht zu ihnen herüber glühte. Das war das Zeichen des befreundeten Stammes auf Monui, der das Feuer auf einer der vorragendsten Bergkuppen entzündet und unterhalten hatte, den kühnen Schiffern als Leitstern zu dienen.

Auf dem vorderen Boot hatten sie es zuerst entdeckt, und in froher Lust stimmten die Häuptlinge, die sich im ersten Boot mit ihrem jungen Führer Tai manavachi befanden, den Siegesgesang ihrer Heimat an.

Kaum aber trug die Brise die geliebte Weise zu den anderen Canoes hinüber, als diese jauchzend einfielen und der donnernde Chor das rauschende Brechen der Wogen selber übertäubte.

Im Osten dämmerte dabei der Tag -- immer breiter, immer lichter wurde der Streifen, und nur kurze Zeit noch verfloß, bis sie die düstern Umrisse des nicht mehr so fernen Landes deutlich vor ihrem Bug erkennen konnten.

Legs, so theilnahmlos er sich bis jetzt gegen alles gezeigt, was ihn umgab, hatte doch nicht umhin gekonnt, mit dem dämmernden Tag einen Ausguck zu halten. Kaum drehte er aber den Kopf herum, als er auch schon die zackigen Umrisse der nicht mehr fernen Küste am Horizont erkannte, und wieder in seine alte Lage zurückfallend, brummte er halb laut vor sich hin:

»Na ja -- da sind wir wieder. Die rothen Canaillen müssen Nasen wie die Spürhunde haben, daß sie in der Nacht ihren Cours halten konnten -- und jetzt freue dich, Benjamin, und steh bei den Fallen, denn ich will ein Landlubber sein, wenn ich nicht schon das Feuer rieche, an dem wir geschmort werden sollen. -- Jonas! -- he, Jonas! -- schläfst du!«

»Schlafen?« knurrte der Angeredete, »da soll einer auch schlafen, wenn diese rothen Heiden einen Spektakel machen, daß die Fische auf dem Grunde auseinander fahren. Mir ist überhaupt nichts weniger als schläfrig zu Muthe. Hörst du die Brandung?«

»Bah, schon seit einer halben Stunde,« sagte Legs. »Wir werden gleich Anker werfen. Schildkröten und Seeschlangen, wie sich die guten Leute auf Monui freuen werden, uns wieder zu sehen.«

»Ja, kann ich mir etwa denken,« brummte Jonas, »und so eine dürre Spiere, wie du bist, kann lachen! Die hat verdammt wenig dabei zu befürchten; aber wenn ich =meine= Rippen und Arme und Beine anfühle, ist mirs schon immer, als ob ich ausgenommen und mit heißen Steinen gefüllt und sauber in Bananenblätter eingepackt in einem von ihren verwünschten Backöfen schwitzte. Meine einzige Hoffnung ist nur jetzt noch die, daß ich vor lauter Gift und Galle ganz bitter schmecken und vollständig ungenießbar sein werde.«

»Na, ihr habt euch ja alle so schrecklich danach gesehnt, an Bord bleiben zu können,« meinte Legs, »jetzt könnt ihr das Vergnügen genießen.«

»Und du wohl nicht?« sagte Jonas, den Kopf rasch nach ihm hinumdrehend, -- »aber meinetwegen,« setzte er, wieder in seine alte Lage zurücksinkend, hinzu -- »mir ists recht, und, wenn sie uns nicht geradezu todtschlagen und auffressen, befinden wir uns dann am Ende noch immer besser hier, als auf dem blutigen Blubberkocher der Lucy Walker, die jetzt wenigstens ihre Thranfässer sicher auf Meeresgrund gelöscht hat.«

Erschreckt schaute er in die Höhe, denn wie er gerade aufsah, hing anscheinend dicht über ihnen eine mächtige Woge mit silberblitzendem Kamm, die im nächsten Augenblick über ihnen zusammenbrechen und ihr schwankes Fahrzeug rettungslos begraben mußte. -- Aber die Woge blieb stehen, und der Jubel der Eingeborenen sagte ihm bald, daß es die Brandung gewesen sei, die über den Riffen ihre ewigen Sturzwellen thürmt -- daß sie die Einfahrt in das glatte Binnenwasser glücklich erreicht, und nur noch kaum eine englische Meile von dem gestern Abends mit so ganz anderen Erwartungen verlassenen Lande entfernt seien.

Vom Ufer aus begrüßte sie auch schon das Jubelgeschrei der Wilden, die alle mit einander am Strande versammelt schienen, die glücklich und siegreich Heimgekehrten zu begrüßen.

Die gefangenen Matrosen hoben wohl die Köpfe und blickten dort hinüber, aber der Jubel galt =ihnen= nicht, das wußten sie recht gut, und mißmuthig, und Manche wohl mit ängstlich pochendem Herzen sanken sie in ihre früheren Stellungen zurück, die Landung und damit den Befehl zum Aufstehen zu erwarten.

Die Indianer, in deren Gewalt sie sich befanden, hatten sich übrigens die ganze Zeit entsetzlich wenig um sie gekümmert, und nur nicht gelitten, daß sie sich bewegten. Außerdem hatten die Gefangenen aber auch keine Ahnung, was aus ihrem Capitain und der übrigen Mannschaft geworden sein konnte. Ob die Wilden ihre Kameraden gefangen oder sämmtlich erschlagen und nur =sie= vielleicht für ein ganz besonderes Festmahl aufgespart hatten, oder ob sie von dem Schiff, dessen Schüsse sie gehört, gerettet worden -- sie wußtens nicht und -- kümmerten sich auch in der That nicht viel darum. In diesem Augenblicke hatte Jeder zu viel mit sich selber und seiner eigenen Haut zu thun, um besonders viel auf den Nachbar zu denken.

Von der frischen Brise getrieben, schossen die wackeren Canoes indeß dem Landungsplatze entgegen, und der Federschmuck, mit dem die hochgeschwungenen Buge geziert waren, flatterte lustig im frischen Winde. Jetzt formten sie sich in langer Reihe, das Boot ihres jungen Häuptlings mit Hua in seinen Armen voran, die anderen ihm folgend in wildem Jubel und mit Siegesliedern, und als die scharfgebauten Schnäbel den Corallensand berührten, da stießen die am Ufer versammelten Insulaner ein solches tolles entsetzliches Geschrei aus, daß die Luft ordentlich erbebte und die Gefangenen in banger Ahnung zusammenschauderten.

2.

Wohl waren sie an dem Raub des Mädchens vollkommen unschuldig, würden aber diese Barbaren darauf Rücksicht nehmen? Sie gehörten mit zu dem Schiff, das die Gastfreundschaft der Eingeborenen in so undankbarer, böser Weise vergolten, und was der Capitain gesündigt, konnte jetzt wahrscheinlich die Mannschaft entgelten.

Im Anfang nahm aber Niemand von ihnen auch nur die mindeste Notiz. Die Mannschaft der Canoes sprang, so wie ihre Fahrzeuge Grund berührten, über Bord und an Land, und schaute sich nicht einmal nach den Europäern um. Diese blieben auch noch immer, eines weiteren Befehls gewärtig, im Boote und richteten sich nur jetzt halb auf, dem wilden Toben am Lande zuzusehen.

»Guten Morgen, Lemon,« sagte da Jonas, als er den also benannten Kameraden dicht neben sich erblickte -- »auch mit angekommen? -- und Spund, Pfeife und Lord Douglas sind auch mit da?«

»Die ganze blutige Gesellschaft,« knurrte Lemon mit einem Gesicht, als ob er sich und die ganze übrige Welt hätte vergiften können. »Jetzt haben wir die Bescheerung!«

»Und wo ist unser zweiter Harpunier?« fragte Jonas, sich nach diesem unter den Gefangenen umsehend, »denn =unser= Boot ist doch wenigstens hier beisammen.«

»Das ist dem zweiten Harpunier seine Sache!« knurrte Lemon. »Wahrscheinlich frühstückt er heute Morgen mit irgend einem Haifisch -- hol ihn der Teufel!«

»Hallo, Mates, an Land!« rief da der Schotte Mac Kringo seinen Kameraden zu -- »seht ihr nicht, wie uns das dicke Rothfell da drüben zuwinkt und schreit? -- Sie wollen die Canoes wahrscheinlich auf die Corallen ziehen.«

»Na dann look out for a squall!« murmelte Jonas vor sich hin, indem er langsam den voransteigenden Gefährten folgte. »Jetzt wird die Bombe platzen.«

Seine Befürchtung zeigte sich indessen, wenigstens für den Augenblick, unbegründet, denn die Insulaner, die für jetzt noch viel zu sehr mit dem geretteten Mädchen, der Tochter des Häuptlings, zu thun hatten, thaten gar nicht, als ob die weißen Männer auch nur auf der Welt wären. Ohne selbst bei dem Aufslandziehen der Boote ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen, ließ man den kleinen Trupp der eingebrachten Europäer unbeachtet, selbst unbewacht am Ufer stehen, und Alles drängte sich jetzt nur um Hua her, Männer, Frauen und Kinder, sie zu bewillkommnen, sie zu umarmen.

In vielen Augen standen sogar Freudenthränen, mit denen sie das geliebte und schon fast verloren gegebene Kind begrüßten.

Während aber noch ein Theil der Insulaner so umhersprang und jubelte oder sich wieder und wieder die Abenteuer der letzten Nacht von den Freunden erzählen ließ, gingen andere mehr praktisch auf die nächsten Bedürfnisse der Neuangekommenen ein, die jedenfalls nach ihrer langen gefährlichen Fahrt Hunger haben mußten. Im Schatten der nächsten Palmen wurden ihre gewöhnlichen Kochgruben zum Rösten der Ferkel rasch hergerichtet, Brotfrüchte, Bananen und Fische herzugeschafft und Alles geordnet, ein baldiges und reichliches Mahl zu versprechen.

Die Frauen verrichteten dabei gar keine oder nur die leichteste Arbeit, pflückten breite Blätter, besonders von den Hibiscusbäumen, die zu Tischtüchern und Servietten dienen sollten, holten in leeren Cocosnüssen Seewasser herbei, das die Stelle des Salzes vertrat, und pflückten Früchte von den nächsten Büschen, welche dann die Knaben zu den beabsichtigten Eßplätzen trugen.

Die Europäer standen indessen noch immer auf einem Trupp und leise flüsternd zusammen, sahen zu, wie die Ferkel ausgenommen und geröstet wurden, und wie die Gäste schon Miene machten, ihre verschiedenen, ihnen durch den Rang angewiesenen Plätze einzunehmen.

Da trat plötzlich Toanonga, der Häuptling der Insel und Vater Huas, aus dem Kreis der Seinen, wackelte gemüthlich auf die Matrosen zu, vor denen er, beide Hände auf seine Hüften legend, stehen blieb, und sagte:

»Chio do fa, ihr Männer -- chio do fa -- ihr seid nicht lange fortgeblieben und habt schöne Streiche mit eurem großen Canoe gemacht. Wi[23]! -- Wi, ihr Burschen, war das der Dank, daß ihr so viel Brotfrucht und Cocosnüsse und Bananen und Ferkel hier bekommen habt und so freundlich von uns aufgenommen worden seid? -- Wi! schämt euch -- und wie ihr jetzt da steht! -- Toanonga möchte nicht in eurer Haut stecken, nicht um alle Glasperlen der ganzen Welt.«

Wenn die Meisten der Schaar auch nicht die Worte verstanden, fühlten doch Alle deutlich genug, =was= der Mann eigentlich zu ihnen sagte, was er sagen und denken mußte -- und er hatte Recht. Die armen Teufel befanden sich so unbehaglich wie möglich und sahen, nach einem spätern Vergleich Spunds, wirklich gerade so aus, wie ein Hund, den man beim Stehlen erwischt.

Der alte würdige Insulaner war dabei sehr ernst und finster geworden, und Spund, der Furchtsamste der Schaar, that schon einen Schritt vor, ihm wo möglich zu Füßen zu fallen und um Gnade zu bitten. Mac Kringo jedoch, der Einzige von ihnen, der die Landessprache verstand und darin verkehren konnte, während die Übrigen bis jetzt nur Worte davon begriffen, trat da vor und sagte:

»Du hast Recht, Toanonga, es war ein schlechter Streich, den dir der Capitain gespielt -- aber was können =wir= dafür? Waren =wir= in dem Boot, das deine Tochter vom Lande stahl? Nicht ein Einziger. Frag sie selber, und sie muß dir meine Worte bestätigen. Du bist deshalb auch zu vernünftig, uns das entgelten zu lassen, was ein Anderer verbrochen hat.«

»Schweig du, bis du gefragt wirst, mein Bursche,« rief aber Toanonga, der es für unter seiner Würde hielt, sich mit einer untergeordneten Person -- und er wußte recht gut, daß die Matrosen das an Bord der Schiffe waren -- in ein Argument einzulassen. »Ihr steckt alle mit einander unter einer Decke, und wenn =du= in dem Boote gewesen wärest, würdest du eben so gut gerudert haben, und wie die Anderen es gethan, sobald es dir dein Capitain befohlen.«

»Tai halla! tai halla! -- gewiß!« schrieen jetzt eine Menge junger Burschen, die sich herbeigedrängt, so wie sie sahen, daß ihr Häuptling mit den Papalangis sprach, und wilde Ausrufe, hier und da auch mit Verwünschungen gemischt, kreuzten toll und laut durch einander.

Da hob Toanonga nur den Arm auf, und im Augenblick verstummte der Lärm. Auf ein zweites, eben so gebieterisches Zeichen bemächtigte sich aber eine Anzahl kleiner Burschen der Männer und suchte sie unter Lachen und Schreien von ihrer Stelle hinweg und dem Holzrand zuzuführen.

Widerstand wäre unter allen Umständen fruchtlos gewesen, und die Leute wollten dem Befehle schon ruhig gehorchen. Spund jedoch, der glaubte, daß es jetzt an ihr Leben ginge, drängte sich bis zu Toanonga hin, und vor diesem richtig auf die Kniee fallend, bat er den alten ehrlichen Häuptling im breitesten Irisch um sein Leben.

Über das Gesicht des Alten stahl sich aber ein gutmüthiges Lächeln, denn es that ihm wohl, nicht allein den Weißen gegenüber seine Autorität gezeigt zu haben, sondern sich auch von ihnen gefürchtet zu sehen. Er war aber viel zu weichherzig, ihnen irgend ein Leid anzuthun. Seine Tochter hatte er wieder zurück, das Schiff, welches ihm hatte Schaden zufügen wollen, war verbrannt, und die paar davon an seine Insel verschlagenen Weißen dachte er nicht für Vergangenes zu bestrafen. Die jungen Burschen hatten im Gegentheil die Papalangis nur eben zum Frühstück führen sollen, das etwas abseits von den Eingebornen für sie hergerichtet worden, und als ihnen dies jetzt von dem alten Häuptling erklärt wurde, war dem armen Teufel eine große Last von der Seele gewälzt.

Der leichte Muth, den Matrosen vor allen übrigen Menschen so besonders eigen, gewann auch bald bei ihnen wieder die Überhand, und als sie jetzt in einem kleinen Dickicht von Pandanus, Casuarinen und einzelnen hochstämmigen Cocospalmen, unbelästigt von einem der Eingeborenen, um das reichliche Mahl saßen, kehrte die, wenn auch nicht fröhliche, doch sorglose Laune rasch zurück.

»Und da hätten wir endlich unseren Wunsch erfüllt,« brach Legs zuerst das Schweigen, »da säßen wir auf dem Trocknen mit Schweinebraten und Brotfrucht, statt Salzfleisches und Schiffszwiebacks, und Cocosmilch, statt faulen Wassers und dünnen Grogs. Jungens, wenn die Sache nicht schlimmer wird, so können wir es hier ruhig aushalten, und wenn erst ein paar Tage vorüber sind, daß von der fatalen Mädchengeschichte nicht weiter gesprochen wird, so dürfen wir am Ende gar noch unserem Schöpfer danken, uns aus dem alten verbrannten Kasten hieher zurückgeführt zu haben.«

»Sei nicht zu sicher, mein Bursche,« brummte jedoch der Schotte, »wir wissen noch gar nicht, ob uns der Brand des Schiffes zum Heil ausschlagen wird; denn ehe wir es uns versehen, kann uns die braune Rotte über dem Halse sein.«

»Der liebe Gott hat es jedenfalls gethan,« bestätigte aber auch Spund, eben mit einem delicat gebackenen Rippenstück beschäftigt, und Spund gehörte überhaupt -- wo es ihm gerade paßte -- einer streng religiösen und zwar methodistischen Richtung an. »Der liebe Gott hat es gethan, und daß er euch nichtsnutziges Gesindel ebenfalls in seinen erbarmenden Schutz genommen, ist nur wieder einer von seinen unbegreiflichen, aber sicher zum Heil führenden Wegen.«

»Na, wir wollen hier nicht untersuchen, ob wir es verdient oder nicht verdient haben,« sagte da =Pfeife=, »hier sind wir aber einmal, durch die gütige Fürsehung von dem Wassertode und vielleicht noch vor Schlimmerem bewahrt, und wie ich die Insulaner bis jetzt gefunden, so glaube ich kaum, daß uns noch eine Gefahr für unser Leben droht. Hätten sie Böses mit uns im Sinne, so brauchten sie uns nur einfach ersaufen zu lassen; kein Mensch hätte ihnen dabei einen Vorwurf machen können. Kalter, berechneter Blutdurst liegt aber nicht in ihrer Natur, und da sie uns nicht im ersten Augenblicke die Schädel eingeschlagen haben, so denk ich, dürfen wir für unsere Sicherheit auch weiter nichts fürchten.«

»Ich möchte nur wissen,« knurrte da Lemon, einen Seitenblick nach dem Böttcher werfend, »warum Spund um Gnade gebeten hat, wie sie uns zum Frühstück riefen.«

»Laß du nur dein Spotten, Lemon,« brummte, als die Anderen lachten, der also geneckte -- »Gnade haben wir alle nöthig, und ob das, was der Alte sagte, auf Tongaisch hieß: Gieb ihnen ein Spanferkel und Brotfrucht, oder schneid ihnen den Hals ab, hast du so wenig gewußt wie ich. Wenn ich nur jetzt erst eine Ahnung hätte, wie wir diesen Heiden wieder entgingen und von der Insel fortkämen!«

»Fort?« rief Legs erstaunt aus -- »wer will denn wieder fort? -- ich wahrhaftig nicht. Ich danke meinem Schutzgeist, der mich hergebracht hat, und denke gar nicht daran, wieder an Bord irgend eines anderen blutigen Schiffes zurück zu gehen. Mögen die Thran sieden, die ein Vergnügen daran finden; =ich= befinde mich wohl wo ich gerade bin, und denke Bürger und Einwohner, wie sie bei uns sagen, auf Monui zu werden.«

»Da kommt der Alte wieder,« unterbrach Mac Kringo das Gespräch -- »nehmt euch zusammen, Jungens, und macht ihn nicht böse. Er hat uns nun einmal in der Tasche, und wir müssen sehen, daß wir ihn zum Freund behalten.«

Von Toanonga schien ihnen aber nichts Feindseliges zu drohen.

Der gutmüthige alte Mann, ohne jedoch seiner Würde im Mindesten etwas zu vergeben, mochte sich im Gegentheil in dem Bewußtsein behaglich fühlen, der Protector dieser von ihm abhängigen Papalangis zu sein. Mac Kringo hatte ihn auch darin bald durchschaut und sein Betragen schon ganz darnach geregelt.

Er stand auf, sobald sich der alte Häuptling ihrem Eßplatz näherte, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und fragte ihn, was zu seinen Befehlen stände, und Toanonga, den das sichtlich erfreute, winkte ihm huldreich mit der Hand und bedeutete ihm dann, daß er sich freuen würde, wenn die Fremden seinen Leuten keinen Anlaß zu Klagen geben wollten. Sie seien allerdings für jetzt noch Gefangene, bis das Gericht der Egis oder Häuptlinge über sie entschieden hätte; denn dem, was diese über sie beschließen würden, müßten sie sich allerdings fügen; aber er hoffe, daß sie mit ihrer Lage zufrieden sein sollten. Das hänge jedoch, wie schon gesagt, lediglich von ihrem eigenen Betragen ab. Für jetzt sei ihnen eine leerstehende Hütte, die er Mac Kringo an einer vorragenden Landzunge zeigte, zum Wohnort angewiesen; dorthin würden sie auch geschickt bekommen, was sie zum Leben brauchten. -- Außerdem sei ihnen aber für jetzt der Verkehr mit den Eingeborenen, besonders den Frauen, untersagt, und er erwarte, daß sie jenen Platz nicht verlassen würden, bis sie abgeholt würden.

Damit, und als ob er sich jetzt genug mit den Leuten eingelassen, machte er eine höchst würdevolle, wie verabschiedende Bewegung mit der einen Hand, drehte sich dann ab, und verließ die darüber etwas verdutzten Matrosen, ohne irgend einen Einwand anzuhören oder nur zu erwarten.

3.

Die Leute waren über diese Ankündigung, die ihnen Mac Kringo gewissenhaft übersetzte, allerdings etwas bestürzt. Daß sie erst noch einem Gericht der Egis unterworfen werden sollten, hatten sie nicht mehr geglaubt. Wer wußte denn, was diese über sie beschließen würden? und daß ihnen nicht alle Insulaner so freundlich gesinnt und auch nicht so gutmüthig waren, wie der alte Toanonga, hatten sie lange schon gemerkt.

Übrigens wurden sie bald gewahr, wie die Ausführung der Anordnung auf dem Fuße folge; denn kaum hatte der Häuptling sie verlassen, als sich ein junger Bursch ihnen als Begleiter vorstellte, sie nach ihrem vor der Hand einzunehmenden Hause oder Gefängniß abzuführen. Daß sie ihm gehorchen mußten, verstand sich von selbst.

Merkwürdig blieb aber dabei wie sehr sie von den übrigen Eingebornen ignorirt wurden. Man that vollkommen, als ob sie gar nicht auf der Insel seien, und während die Männer, die ihnen auf dem schmalen Pfade begegneten, über sie hinweg in die Wipfel der Cocospalmen starrten, gerade als wenn sie dort in diesem Augenblick etwas höchst Interessantes entdeckt hätten, glitten die Mädchen und Frauen und Kinder, die sie unterwegs trafen, scheu in das Dickicht, drückten sich dort hinter einen Busch oder Stamm und ließen sie ungegrüßt vorüber ziehen.

Alle die frohen und leichtherzigen Hoffnungen, die ihnen das Frühstück gebracht, zerstörte denn auch dieses unheimliche Betragen wieder. Sie kamen sich vor wie Ausgestoßene, Verfehmte, die Jeder mied, und still und schweigend wanderten sie zuletzt ihre Bahn, dem etwa eine halbe Stunde Wegs entfernten Orte ihrer Bestimmung entgegen.

Der Platz dort gefiel ihnen aber gar nicht. Eine schmale, an manchen Stellen kaum zwanzig Schritt breite Landzunge -- eigentlich nur ein mit Vegetation bedeckter Corallenstreifen -- lief zu dem Platz aus, auf dem eine alte, halb verfallene Bambushütte stand, und wenn die Eingeborenen wirklich etwas Böses gegen sie im Sinne hatten, waren sie dort ohne Waffen, ohne Boot, vollständig in ihre Hände gegeben.

Daran ließ sich aber nichts mehr ändern, der Befehl lautete: sie dort abzuliefern, oder vielmehr sie dort sich selber zu überlassen, und der Erfolg bewies, wie klug der alte Toanonga die Stelle ausgewählt. Eine einzige Schildwacht nämlich, auf den schmalsten Theil der Landzunge postirt, konnte jede ihrer Bewegungen überwachen, und daß sie sich dieser nicht mit Gewalt widersetzen durften, wußten sie recht gut.

So vergingen ihnen acht volle Tage, in denen die Langeweile sie bald umbrachte. Der alte Häuptling hatte ihnen allerdings ein paar hölzerne Harpunen geschickt, um sich ihre Fische selbst damit zu fangen, und ein altes, sehr kleines Canoe war ihnen ebenfalls gegeben worden. Der Raum aber, in dem sie umherfahren konnten, blieb immer sehr beschränkt, da ein bis an die Oberfläche steigender Corallengürtel die ganze Landzunge einfaßte. Übrigens wußten sie mit der leichten Harpune nicht ordentlich umzugehen und fingen wenig oder gar nichts damit.

Nichts desto weniger litten sie keinen Mangel, denn jeden Morgen brachten ihnen ein paar Eingeborene Brotfrucht und Cocosnüsse, mit denen sie sich freilich vor der Hand begnügen mußten. Die aber, die ihnen die Lebensmittel ablieferten, ließen sich auf gar keine Unterhaltung mit den Gefangenen ein. Die von Mac Kringo an sie gerichteten Fragen beantworteten sie kurz oder gar nicht, und nur das eine Wort mawquaw -- »wartet!« hörten sie alle Tage.

Die Eingeborenen hatten allerdings in der Zeit mehr zu thun, als sich mit den gefangenen Europäern einzulassen. Die Verbindung Huas mit Tai manavachi wurde gefeiert -- wie Mac Kringo doch herausbekommen hatte -- und das Cava-Trinken beschäftigte sie fast ausschließlich den ganzen Tag. Der Lärm ihrer Tänze und Sänge schallte auch oft, von der Brise getragen, bis zu den armen Gefangenen herüber; das war aber auch alles, was sie von der Feierlichkeit genossen, denn die weißen Tuas[24] durften nicht Theil nehmen an einem Feste des ersten Häuptlings.

Am neunten Tage Morgens war Alles vorüber, und Tai manavachi führte seine junge Frau auf seiner kleinen Flotte mit hinweg, der eigenen Heimat zu. Die Insulaner gaben ihnen noch eine lange Strecke das Geleit; dann kehrten sie zurück, und es war jetzt plötzlich so still auf Monui geworden, daß die sonst so lebendige Insel fast wie ausgestorben schien.

Um Mittag herum waren die jungen Leute allerdings schon wieder zurückgekehrt, aber bei den Matrosen ließ sich Niemand blicken als ihr gewöhnlicher Bote, der die Lebensmittel brachte.

Spund, vor allen Anderen, war damit nun allerdings vollkommen einverstanden. Er lag den ganzen Tag im Schatten einer mächtigen, unfern von ihrer Hütte wachsenden Cocospalme, seinen Platz nur eben so viel verändernd, wie sich die Sonne drehte. Auch Jonas und Lemon schienen sich in diesem Leben wohl zu fühlen. Mac Kringo dagegen verlangte es nach einer Beschäftigung, und während er die Morgenstunden darauf verwandte, meist verunglückte Versuche im Fischfang zu machen, benutzte er den Nachmittag, ein Kartenspiel aus Holz zu fabriciren. Er hatte nämlich eine Holzart dort gefunden, die sich ziemlich leicht spaltete, und war mit wahrhaft eiserner Geduld daran gegangen, mit seinem Taschenmesser, an dem sich eine kleine Säge befand, einen Stamm abzuschneiden und dünne Scheiben davon herzurichten. Wenn die Sache auch außerordentlich langsam ging, war es für ihn doch eine Beschäftigung und versprach später sogar eine Unterhaltung.

Legs hatte ihm im Anfange aufmerksam zugesehen. So lange er selber nichts zu thun brauchte, war es ihm recht, wenn ein Anderer arbeitete. Endlich aber bekam er auch selbst das Zusehen satt, nahm eine Harpune und schlenderte langsam hinaus, den Strand entlang.

Dort versuchte er allerdings erst eine Weile, ein paar der in dem krystallklaren Wasser umherschwimmenden Fische zu harpuniren; im =tiefen= Wasser überstach er sie aber jedes Mal, und im seichten stieß er die Harpune so oft und vergebens gegen die harten Corallen, daß er bald die beinernen, überdies nicht sehr dauerhaften Spitzen abgebrochen hatte, das unnütze Holz dann zu Boden und sich selber unter einen breitästigen Pandanusbaum warf, den Sonnen-Untergang hier in aller Ruhe abzuwarten.

Eine halbe Stunde mochte er etwa so gelegen haben, und er fing schon an schläfrig zu werden. Die Augenlider wurden ihm schwer, und er war eben im Begriff, wirklich einzuschlafen, als er unfern von sich und schon halb träumend etwas auf dem Wasser plätschern hörte.

There she blows, murmelte er halblaut vor sich hin, denn im Geist saß er oben im Top vom Vormast auf der Lucy Walker, nach Wallfischen ausschauend, und das Plätschern kam ihm wie das Blasen der Fische vor. Da es sich jedoch wiederholte, wurde er auch endlich wach, schlug die müden Augen auf und sah plötzlich, kaum hundert Schritt von sich entfernt, eines der wunderhübschen Tonga-Mädchen auf den Corallen im Wasser stehen.

Der ganze weibliche Theil der Bevölkerung hatte sich nun bis jetzt -- den Befehlen des Häuptlings nach -- so fern von den Papalangis gehalten, daß ihnen die ganzen neun Tage hindurch keine einzige nur in Sicht gekommen. Um so mehr wunderte sich jetzt Legs, eine von ihnen so ganz in der Nähe, und zwar auf dem den Weißen angewiesenen Fischgrunde zu sehen.

Das Mädchen erweckte aber auch noch außerdem seine Neugierde, was sie dort eigentlich treibe, denn sie stand in dem seichten Wasser, das ihr bis über die Knie ging, vollkommen ruhig, und schlug nur manchmal mit der rechten, flachen Hand darauf, daß es weit hinausschallte. -- Auf solche Art konnte sie doch keine Fische fangen.

Nun war ihnen allerdings streng untersagt worden, mit den Eingeborenen, besonders mit den Frauen, zu verkehren, wenn die aber selber zu =ihnen= kamen, glaubte Legs auch keiner Verantwortung unterworfen zu sein. Jedenfalls hatten sie die Erlaubniß, dort, wo sich die Dirne befand, zu fischen, und wenn er davon Gebrauch machte und das Mädchen da draußen zufällig fand, war es nicht seine Schuld. Froh auch, etwas gefunden zu haben, die langweiligen Stunden rascher zu vertreiben, griff er die weggeworfene und jetzt vollkommen nutzlose Harpune wieder auf, um die Waffe wenigstens als Beweis seiner Beschäftigung bei sich zu haben, glitt dann unter seinem Baume vor und langsam in das seichte warme Wasser hinein und nahm jetzt eine solche Richtung, daß er dem Mädchen da draußen, wenn sie wieder zum Ufer zurück wollte, leicht den Weg abschneiden konnte. Er glaubte nämlich, daß sie nur hier herausgekommen wäre, weil sie keinen der Fremden in der Nähe vermuthet hätte.

So wenig als möglich Geräusch machend, näherte er sich dabei langsam dem jungen Ding, das viel zu sehr da draußen beschäftigt schien, um auf irgend etwas Anderes zu achten. Der Boden aber, auf dem er ging, war nicht eben. Die Corallen bildeten allerdings hier einen ziemlich festen, bei niederem Wasser etwa zwei Fuß tiefen Grund; hier und da waren aber doch durch ihre Verzweigungen nicht ausgefüllte Löcher geblieben. Legs watete dort hinaus, achtete aber mehr auf das Mädchen als den Grund, auf dem er hinschritt, versah eines von jenen Löchern und schlug so lang -- oder vielmehr so kurz er war, aufs Wasser.

Etwas bestürzt, raffte er sich allerdings wieder gleich empor und erwartete jetzt nichts Anderes, als die erschreckte Schöne dem Lande zufliehen zu sehen. Das Mädchen aber, das sich nun nach dem Geräusch umgedreht hatte, blieb lachend stehen und schien sich nicht im Geringsten zu fürchten, ja, ihn sogar zu erwarten.

Legs, mit einem Kernfluch über seine eigene Ungeschicklichkeit, ließ sich denn auch nicht lange nöthigen und watete, nur allerdings vorsichtiger geworden, langsam auf die Schöne zu, die indessen ihre wunderliche Beschäftigung ruhig und unbekümmert fortsetzte.

Mit der Sprache der Leute konnte der Matrose nun allerdings noch nicht zu Stande kommen; einzelne Wörter und Benennungen hatte er sich aber doch gemerkt, besonders den Gruß der Insulaner, ihr herzlich klingendes und so oft gehörtes chio do fa, das er auch vor der Hand zur Einleitung für ein weiteres Gespräch verwandte.

Chio do fa, lächelte das hübsche Kind zurück, und Legs, um weitere Vocabeln verlegen, faßte sich endlich ein Herz und fragte auf gut Englisch, was sie da mache.

Das Mädchen, eines der hübschesten der Insel, mit weiter keiner Bekleidung als einer wunderlich geflochtenen, schmalen Matte um die Hüften und einem kurzen Stück Tapa über den Schultern, das die Bewegung ihrer Arme keineswegs beeinträchtigte, schüttelte aber als Antwort nur lachend mit dem Kopf -- ein Zeichen, daß sie nicht verstehe, was er sage.

Legs fand jetzt, daß er das Englische aufgeben und sich mehr auf Zeichen beschränken müsse. Deßhalb auf das Wasser deutend und mit der Hand ihre bisherige Bewegung nachahmend, sah er sie dabei so komisch fragend an, daß das junge Ding in fröhlichem Übermuth wieder laut aufjubelte und dabei ein paar Reihen Zähne zeigte, die ihr wie Perlen zwischen den rosigen Lippen lagen. Jedenfalls hatte sie aber verstanden, was er meinte, denn sie nickte ihm freundlich zu und sagte:

»Ang-a!«

»Ang-a -- ja wohl,« brummte Legs vor sich hin -- »jetzt bin ich so klug wie vorher. Was ist Ang-a

»=Ang-a!=« wiederholte aber das Mädchen lauter als vorher und wie erstaunt, daß der Fremde nicht wissen solle, was Ang-a sei. Trotzdem schüttelte Legs noch immer bedeutend mit dem Kopf, und da sie wohl merken mußte, daß ihm die so deutlich gegebene Erklärung doch noch immer nicht genüge, setzte sie lächelnd hinzu -- »mawquaw!«

=Das= Wort verstand Legs. Die vollen neun Tage hindurch hatten sie das jeden Morgen von dem Burschen gehört, der ihnen das Essen brachte -- warte ein wenig! -- und als er darauf rasch und befriedigt mit dem Kopfe nickte, drehte sich die Kleine von ihm ab und schlug aufs Neue, wie vorher, das stille Wasser mit der flachen Hand.

Er sah jetzt, daß sie im linken Arm ein kleines Bündel mit Stücken gerösteter Brotfrucht und anderen Lebensmitteln trug -- aber wozu? -- Wollte sie so lange hier draußen im Wasser stehen bleiben, daß sie sich ihr Mittagsessen gleich mit herausgenommen? -- Er war dabei näher zu ihr hinan getreten, und der weiche, elastische Körper des Mädchens, so in Arms Bereich von ihm gebracht, schimmerte ihm so verführerisch aus der leichten Umhüllung entgegen, daß er allen Warnungen zum Trotz seinen Arm langsam ausstreckte und um ihre Taille legte.

Die Insulanerin nahm jedoch nicht die geringste Notiz davon, und Legs war selber so erstaunt über den günstigen Erfolg seiner Kühnheit, daß er ein paar Minuten regungslos in dieser Stellung verharrte, ohne sich natürlich weiter um das zu kümmern, was auf dem Wasser vorging.

»Gia-hi!« sagte da plötzlich die braune Schöne, indem sie ein Stück der Brotfrucht nahm und neben sich ins Wasser warf.

Legs konnte nicht umhin, den Kopf nach jener Richtung zu drehen, denn er sah sich dort plötzlich etwas bewegen. Im nächsten Augenblicke erkannte er aber auch zu seinem Entsetzen die Finne eines gar nicht etwa so sehr kleinen Haifisches, der sich in demselben Moment etwas auf die Seite warf und mit dem geöffneten, bis über die Oberfläche reichenden Rachen das Stück Brotfrucht aufschnappte und verschlang. So nahe war ihnen die Bestie gekommen, daß er sie hätte mit der Hand auf den Kopf schlagen können.

»Ang-a!« lachte das Mädchen noch einmal laut auf, indem sie dem Ungethüm einen neuen Leckerbissen zuwarf.

»Ang-a =hell=!« schrie aber Legs, der im Todesschreck einen Schritt zurückprallte, denn selbst der beherzte Matrose fürchtet nichts mehr auf der Welt als den Hai, seinen ärgsten Feind. »Das ist ein =Hai=, bei allem, was da schwimmt!«

Unwillkürlich drückte er sich dabei hinter das kecke, wilde Ding, das sich ein solch gefährlich Spielzeug ausgesucht. Die Insulanerin aber, mit einem schelmischen Blick auf den Fremden, dessen Entsetzen ihr nicht entgangen war, ließ das nächste Stück Brotfrucht dicht neben sich und mehr nach rückwärts fallen, so daß der Fisch in seinem nächsten Sprung danach in Wirklichkeit Legs etwas ausgebogene Extremitäten streifte.

Das war diesem aber außer dem Spaß, denn während der Fisch in die Höhe schnappte, den für ihn hingeworfenen Bissen zu ergreifen, wußte Legs jetzt wirklich nicht, ob der Angriff ihm oder der Brotfrucht galt, stieß einen lauten Schrei aus und that, so weit er springen konnte, einen Satz zurück. Dabei fiel er aber wieder, so lang er war, ins Wasser und schlug jetzt aus Leibeskräften mit Armen und Beinen um sich, um durch lautes Plätschern und Lärmmachen, als =einziges= Hülfsmittel, den furchtbaren Feind fern von sich zu halten.

Er hörte dabei nicht das laute glockenrein klingende Lachen der jungen Dirne, sah nicht, daß der Hai, durch das ungewohnte Geräusch erschreckt, schon lange wieder hinaus aus der seichten Fluth und durch irgend ein Loch der Corallenwände in tieferes Wasser gefahren war. Nur mit jeder, von ihm selbst aufgeschlagenen Welle, während er sich in aller Hast dem sicheren Ufer zuarbeitete, fürchtete er das gefräßige Ungeheuer dicht hinter sich, das vielleicht nur auf einen günstigen Moment wartete, ihn zu ergreifen, und wälzte sich solcher Art schreiend und mit Armen und Beinen schlagend, bis zum nächsten Landvorsprung hin.

Einen solchen furchtbaren Lärm hatte er dabei gemacht, daß seine Kameraden erschreckt aufsprangen und der Richtung zueilten, von der sie die Hülferufe gehört. Nicht wenig erstaunt waren sie aber, Legs in solcher Aufregung ankommen und das Mädchen draußen im Wasser so herzlich lachen zu sehen, ohne daß sie auch nur die geringste Ursache für Eines oder das Andere erkennen konnten.

Von den Eingeborenen waren indessen ebenfalls Einige durch den Lärm herbeigerufen worden. Diese erriethen übrigens, wie es schien, was da draußen vorgefallen, denn sie amüsirten sich unter einander vortrefflich, ohne jedoch den Weißen dabei zu nahe zu kommen.

Jedenfalls verhinderte sie ein strenges Verbot ihres Häuptlings, sie würden diese Gelegenheit sonst gewiß nicht versäumt haben, sich nach Herzenslust über den Fremden lustig zu machen.

Legs behielt deshalb auch volle Freiheit, sein Abenteuer den Kameraden nach seiner eigenen Art zu erzählen, und demnach war er draußen beim Fischen von einem furchtbar großen Hai angegriffen und verfolgt worden und nur durch seine Geistesgegenwart der Gefahr entgangen, von dem Ungeheuer erfaßt und unter Wasser gezogen zu werden. Mac Kringo schüttelte freilich dazu den Kopf und fragte, wie es denn käme, daß der Hai nicht das Mädchen da draußen angegriffen, und warum die Dirne so entsetzlich gelacht hätte. Legs jedoch meinte, die Braunfelle hätten gut lachen; an die ginge ein Hai gar nicht, und da sie sich selber sicher wüßten, so wäre es keine Kunst, sich über einen Anderen lustig zu machen.

Die Aufmerksamkeit der Matrosen sollte aber bald auf etwas Anderes gerichtet werden, denn ein Bote von Toanonga kam gegen Abend, ihnen anzuzeigen, daß sie sich am nächsten Morgen bereit halten sollten, zu der Rathsversammlung der Häuptlinge abgeholt zu werden.

Weiteres war nun aus dem Burschen nicht heraus zu bekommen. Entweder wußte er selber nicht mehr, oder durfte nicht mehr sagen. Den Seeleuten war aber bei der ganzen Sache nicht wohl zu Muthe, denn die Vorladung, wie die ganze Versammlung wurde gar so feierlich gehalten.

Was wollten sie denn eigentlich noch mit ihnen? Daß sie an dem Raub der Häuptlingstochter unschuldig waren, wußte der alte Toanonga so gut wie sie selber, und konnte man sie also deshalb noch bestrafen? -- Wenn man sie also nicht bestrafen wollte, wozu dann eine Rathsversammlung halten?

Jonas schlug jetzt vor, daß sie suchen sollten, sich in der Nacht eines Canoes zu bemächtigen und damit aufs Gerathewohl in See zu gehen. Inseln lägen doch noch mehrere dort herum, und eine oder die andere würden sie schon finden, wenn sie nicht gar unterwegs ein Schiff anträfen, das sie aufnehmen könnte. Das war aber ein verzweifelter Plan; denn erstens wußten sie, daß sie streng bewacht wurden, dann hatten sie gar keine Waffen, um sich, wenn angegriffen, zu vertheidigen, und ohne Provision und Instrumente in See zu gehen, wo ihnen der nächste Sturm außerdem verderblich werden mußte, wäre mehr als Tollkühnheit, es wäre einfach Wahnsinn gewesen.

Mac Kringo, der überhaupt als Dolmetscher ein gewisses Ansehen bei den Kameraden gewonnen hatte, stimmte gleich dagegen und erklärte, daß =er= auf keinen Fall sich bei einem solchen verzweifelten Unternehmen betheiligen würde. Hätten sie jetzt die ganze lange Zeit nutzlos verstreichen lassen, so bliebe ihnen nun auch weiter nichts übrig, als das Letzte abzuwarten, und daß sie nichts dabei für ihr Leben zu fürchten hätten, glaube er ihnen mit Bestimmtheit versichern zu können. Die Eingeborenen seien viel zu gutmüthig, ihnen mit vorbedachter Grausamkeit etwas zu Leide zu thun, und seiner Meinung nach wäre die ganze Geschichte weiter nichts, als eine Idee des alten Toanonga, der sich, den Europäern gegenüber, gern ein wenig wichtig machen wolle. Das Ganze würde darauf hinaus laufen, daß man ihnen vorhalte, wie gut und großmüthig die Bewohner von Tonga, und wie schlecht die Papalangis seien, und zuletzt würde man sie auf der Insel ruhig gewähren lassen, zu treiben was ihnen gerade beliebe.

Ob er nun das Richtige getroffen oder nicht, blieb sich gleich; darin hatte er jedenfalls Recht, daß ein Fluchtversuch jetzt im letzten Augenblick Wahnsinn gewesen wäre, und die Bootsmannschaft entschloß sich denn auch endlich, das Resultat, wie es auch ausfallen möge, geduldig abzuwarten.

4.

Der nächste Morgen kam, und die Leute versuchten, soweit ihnen das irgend möglich war, =Toilette= zu machen. Damit sah es aber entsetzlich windig aus, denn bei ihrer Flucht von Bord hatten sie nur das Nothwendigste mitnehmen können, und bei dem Sinken des Bootes auch selbst das noch verloren. Nur Mac Kringo und Legs besaßen Hüte, nur Spund und Jonas Jacken, und ihre Schuhe waren von dem scharfen Corallenboden, auf dem sie =ohne= Schuhe gar nicht gehen konnten, schon so mitgenommen worden, daß sie kaum noch zusammen hielten.

Die einzige Verbesserung, die sie mit sich vornehmen konnten, war die, daß sie ihre Hemden auswuschen, um wenigstens mit reiner Wäsche vor den Häuptlingen zu erscheinen, und was eine Kopfbedeckung betraf, so hatten die, welche mit einer solchen nicht mehr versehen waren, darin die Mode der Eingeborenen nachgeahmt und sich eine Art Kopfschutz aus den Blättern der Cocospalme gefertigt, der die Augen wenigstens gegen das blendende Sonnenlicht schirmte.

Nur Pfeife, einer gewissen Phantasie dabei folgend, war daran gegangen, einen wirklichen Hut zu flechten -- was die Matrosen meist verstehen und sich oft ihre Strohhüte selber machen. Das Cocosblatt zeigte sich aber nicht geschmeidig genug dazu, und wenn er auch wirklich eine Art Hut zusammen brachte, so hatte derselbe doch eine so wunderliche Form bekommen, daß selbst Lemon lachte, als er ihn zum ersten Male sah.

Die ersten Morgenstunden vergingen übrigens, ohne daß sie zu der erwarteten Zusammenkunft wären abgerufen worden. Nur ihr Frühstück erhielten sie wie gewöhnlich, dann war Alles still -- nicht einmal ein Fischer-Canoe sahen sie in dem Binnenwasser der Riffe, so hatte die heute gehaltene Rathsversammlung das Interesse der Insulaner in Anspruch genommen.

Endlich kam der, eines Theils gefürchtete, andern Theils aber auch wieder sehnlichst erwartete Bote; denn selbst die schlimmste Wirklichkeit kann in manchen Fällen oft weniger peinlich sein, als diese ewig zögernde Ungewißheit, in der sich des Menschen Herz in solchem Falle verzehrt.

Ein junger Bursch, der auf der Insel Constabel-Dienste versah, sich sonst aber in nichts von den Übrigen auszeichnete, als wo möglich noch fauler als der Rest zu sein, kam endlich und meldete den Papalangis, daß Toanonga und die Versammlung der Egis sie erwarte.

Mac Kringo theilte den Übrigen die Botschaft mit, und Lemon brummte halblaut vor sich hin: Die Egis sollen verdammt sein!

Das nahm der Botschafter aber entsetzlich übel; denn wenn er auch kein Englisch verstand, hatten die Eingeborenen jenes Wort »verdammt« doch so oft von dort landenden Fremden gehört, um zu wissen, daß es etwas sehr Böses und Häßliches bedeute. Er hielt deshalb auch dem kleinen sauertöpfischen Burschen eine lange und heftige Strafpredigt, die dieser jedoch mit weiter nichts als einem noch viel mürrischeren »Geh zum Teufel« erwiderte.

Mac Kringo gab sich freilich alle Mühe, den Frieden wieder herzustellen und den Eingeborenen zu besänftigen, indem er ihn zu überzeugen suchte, daß er den Papalangi ganz falsch verstanden habe. Der Bursche wußte aber recht gut, was er selber gehört hatte, und der Zug setzte sich endlich, von ihm angeführt, langsam in Bewegung.

»Hört einmal, Kameraden,« sagte da Mac Kringo als sie schon unterwegs waren, indem er sich gegen die kleine Schaar wandte, »ich habe euch schon versichert, daß ich nicht glaube, wir hätten irgend etwas von dem rothen Gesindel zu fürchten. Sollten sie uns aber =doch= zu Leib wollen, und es ist immer gut, auch auf das Schlimmste vorbereitet zu sein, dann wollen wir uns auch nicht wie die Schafe zur Schlachtbank führen lassen, sondern lieber wie englische Matrosen sterben und noch so vielen der rothen Brotfruchtfresser, wie möglich, die Schädel einschlagen. Seid ihr damit einverstanden?«

»Gewiß,« rief Pfeife für die Übrigen; »irgend etwas wird man ja dort schon finden, womit man zuschlagen kann, und wenn das =nicht= wäre, so hat jeder seine Fäuste und sein Messer bei der Hand, die lumpigen Schufte nach Herzenslust zu bearbeiten.«

»Gut,« sagte Mac Kringo. »In dem Falle liegt unsere einzige Aussicht auf Erfolg aber nur darin, daß wir uns nicht =trennen= lassen, sondern fest zusammen halten. Sechs handfeste Burschen wie wir können es dann auch schon mit einem Schock solchen weichlichen Gesindels aufnehmen, und im schlimmsten Falle arbeiten wir uns zu einem Canoe durch, plündern einen Brotfruchtbaum und ein paar Cocospalmen und gehen in See.«

»Das sind schöne Aussichten!« seufzte Spund, »und bedenkt nur dabei, daß wir sie durch Widersetzlichkeit immer noch erbitterter machen!«

»Wenn =du= dich willst fressen lassen,« kreischte Pfeife, »so hat natürlich Niemand was dawider. Ich danke aber dafür, und wenn sie uns wirklich einmal zu Leib wollen, so liegt nachher verwünscht wenig daran, ob wir sie dabei in guter oder böser Laune behalten.«

»Pst -- da sind sie!« flüsterte aber in diesem Augenblicke Mac Kringo, der durch die Büsche hin die hellen buntfarbigen Kleider der Eingeborenen schon erkannt hatte. »Jetzt haltet euch ruhig, und im Nothfalle fest zusammen. Unsere Messer haben wir doch wenigstens alle im Gürtel, und was sie auch vorhaben, sie sollen uns wenigstens nicht unvorbereitet finden.«

Weiteres Gespräch war jetzt auch unmöglich geworden, denn wie sie den nächsten Busch umschritten, sahen sie sich plötzlich der ganzen Versammlung gegenüber, die sie sich allerdings nicht so zahlreich gedacht. Die Einwohnerschaft der ganzen Insel schien aber hier versammelt und der große weite Raum vor Toanongas Hütte, in dem die Egis den Mittelpunkt bildeten, schwärmte ordentlich von braunen lebendigen Gestalten beiderlei Geschlechts.

Inmitten des Platzes stand ein riesiger Tamarindenbaum, um den herum neun hochstämmige Cocospalmen angepflanzt schienen. Dadurch erhielten sie dem Platz den Schatten, die Sonne mochte stehen, wo sie wollte[25], und konnten ihre Versammlungen zu jeder beliebigen Tageszeit halten.

Dort waren feine Matten ausgebreitet, welche die Bewohner aller der Südsee-Inseln so trefflich zu flechten verstehen, und die Egis von Monui bildeten, mit Toanonga in der Reihe sitzend, einen vollkommenen Kreis.

In demselben nahmen die verschiedenen Häuptlinge ihre Plätze ein, aber keineswegs nach Gutdünken, sondern sie waren ihnen vorher von dem Ceremonienmeister angewiesen worden. Toanonga behauptete den Ehrenplatz und saß, den Rücken seinem Hause zugedreht, mit dem Gesicht der reizenden Bai zugewandt, die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet wurde. Zu beiden Seiten dann von ihm ab kamen ihm zunächst die Angesehendsten und vom edelsten Blut, bis sich mit den geringeren Häuptlingen der Kreis ihm gegenüber wieder schloß.

Um die Egis aber her, und zwar so gedrängt, daß sie fast deren Rücken berührten, saßen[26] die übrigen Eingeborenen, Männer und Frauen, bunt durch einander, und wer dem Kreise nicht so nahe kommen konnte, zu hören was da verhandelt wurde, ließ es sich wenigstens von den näher Sitzenden mittheilen.

Außerhalb dieses fast dicht geschlossenen Kreises hatten die Kinder ihren Tummelplatz gewählt, sich haschend und überschlagend, und mit den nackten Füßen auf dem scharfen Corallensande allerlei wilde Lust treibend.

Die Berathung war indessen nicht gleich von Anfang an so öffentlich -- wenn auch im Freien -- verhandelt worden. Bis die Egis unter sich einig geworden, hatte man das Volk in ehrerbietiger Ferne gehalten, und erst als die Hauptsache vorüber war, ließ man die Neugierigen hinzu. Wollte jedoch der alte Toanonga die Galerieen wieder geräumt haben, so brauchte er nur ein Zeichen zu geben, und Keiner hätte daran gedacht, sich dem Befehle zu widersetzen.

Jetzt übrigens, da die gefangenen Fremden in Sicht kamen, wurde eine andere Ordnung nöthig, um sie würdig zu empfangen, und einer der als Constabel agirenden Burschen schrie deshalb den Zuhörern zu, Raum zu geben. Diese mußten auch schon wissen, um was es sich handle, denn sie wichen nach rechts und links zurück, die Fronte gegen die Bai offen lassend, während die mit dem Rücken nach dem Wasser zu sitzenden Häuptlinge ebenfalls aufstanden.

Geschäftige Hände ergriffen dabei rasch ihre Matten, und trugen sie hinter Toanonga und die ihm zunächst sitzenden Häuptlinge, wo sie mit ihnen eine zweite Reihe bildeten. Dadurch war der Raum vor dem alten Häuptling frei geworden, an beiden Seiten aber kauerte die Einwohnerschaft von Monui.

»Mate,« sagte da Legs, indem er seinen Hosenbund etwas höher über die Hüften heraufzog und aus alter Gewohnheit -- denn Tabak hatte schon lange Keiner von ihnen mehr -- auf die Erde spuckte -- »die Geschichte wird feierlich -- was sagest =du= dazu.«

»Mein Leben lang will ich keine Schiffsplanke betreten,« murmelte Pfeife zwischen den Zähnen durch, »wenn ich nicht wünsche, daß ich hier fort wäre. Da stehen ein paar Hundert breitschulterige Kerle herum, mit den Waffen vielleicht hinter den nächsten Büschen versteckt, was sollen wir Sechs gegen die ausrichten?«

»Bah, =so= viel für die ganze Band,« brummte der, fast um einen Kopf kleinere Matrose. »Meinen Hals setz ich zum Pfand, daß die Kerle nicht einmal die Courage haben, uns etwas am Zeuge zu flicken. Ja, wenn wir Einer oder Zwei wären, aber einer ganzen Bootsmannschaft -- wenn auch unserem Harpunier und Bootsteuerer der Hals voll Wasser gelaufen ist -- kommen sie schon nicht zu nah.«

»Du, der Alte fängt an,« flüsterte da Pfeife, indem er den Kameraden in die Seite stieß, »jetzt bin ich neugierig.«

Toanonga hatte indessen -- die Hände in voller Ruhe auf seinem Bauch gefaltet -- die ankommenden Papalangis Einen nach dem Andern aufmerksam gemustert. Als sie aber auf Anordnung eines der Leute vor ihm niedergesessen oder vielmehr gekauert waren, und sich halb schüchtern im Gefühl der sie umgebenden Menschenmenge, halb wieder trotzig und im schlimmsten Falle zum Äußersten entschlossen, im Kreise umsahen, nickte er ihnen mit seinem gutmüthigen Lächeln zu und sagte:

»Chio do fa, Papalangis -- chio do fa!«

5.

Die Leute, die aus dem freundlichen Gesicht des Alten neuen Muth schöpften, erwiderten den Gruß rasch, und dieser fuhr, den Kopf dabei langsam auf und ab neigend, einer in Bewegung gesetzten Pagoge nicht ganz unähnlich, fort:

»Ich habe euch rufen lassen, Freunde, um mit euch ein ernstes Wort über euch und eure Zukunft zu sprechen. Du da vorn, wie heißest du gleich? -- verstehst ja wohl unsere Sprache genug, den Anderen wieder zu erzählen, was ich dir gesagt habe?«

»Mac Kringo heiße ich,« erwiderte der also angeredete Schotte, indem er den Kopf etwas neigte. »Rede nur, Toanonga; ich verstehe Alles, und es soll kein Wort davon verloren gehen.«

»Gut, Freund -- desto besser. So passe wohl auf, denn es kommt für euch viel darauf an, daß du auch eben recht verstehest.«

»Du weißt, unter welchen Umständen wir euch auf diese Insel zurückbekommen haben. Es war nicht unser Wunsch, und wir hätten euch lieber in eurem großen Canoe fortsegeln sehen. Du weißt auch, daß ihr oder euer Capitain -- das bleibt sich gleich, denn ihr gehörtet zusammen und standet einander bei -- mir hier, der ich euch alle freundlich aufgenommen, ein großes Leid anthun wolltet. Das war eure Dankbarkeit, ich will euch das aber nicht so übel nehmen, denn ihr Papalangis wißt es vielleicht nicht besser, und wenn ihr erst einmal eine Zeit lang zwischen uns gelebt habt, werdet ihr schon gescheidtere und bessere Menschen werden. Trotzdem nun hat der wackere und tapfere Tai manavachi, während er eurem bösen Capitain mitten im Sturm seine Braut wieder abnahm, euch, seine Feinde, die ihr verunglückt waret, aus dem Meer gerettet und ans Land gebracht, und euch auch weiter nicht das geringste Leid zugefügt. Er hatte eurem Capitain versprochen, euch ungestraft ziehen zu lassen, wenn er Hua, die damals noch in eurem Canoe war, kein Leid zufügen wollte, und da euer Capitain sie darauf frei ließ, glaubte er auch an euch sein Wort halten zu müssen. -- Tai manavachi ist ein großer und edler Häuptling, und sein gegebenes Wort war heilig. Die Hotuas hatten es gehört, und er wußte, daß er es nicht brechen durfte. So -- sag jetzt deinen Freunden erst einmal, was ich mit dir gesprochen.«

Mac folgte dem Befehl und übersetzte den Übrigen die kurze und einfache Rede. Die Matrosen hörten ihm aufmerksam zu, bis ihn Legs endlich unterbrach und ausrief:

»Schon gut, schon gut, das ist eine alte Geschichte, und das Meiste davon wissen wir schon. Er soll uns ein frisches Garn spinnen. Hol der Böse die Saalbadereien!«

»Nur Geduld, Mate!« rief aber auch Jonas; »wenn einer ein Schiff vom Stapel lassen will, muß er erst sehen, ob Alles dicht und in Ordnung ist. Er hat jetzt die Geschichte kalfatert und Masten eingesetzt und Takelwerk angeschlagen. Paß einmal auf, jetzt wird er die Segel setzen und 14 Knoten die Stunde gehen.«

»Haben sie Alles verstanden,« fragte Toanonga.

»Alles,« sagte der Schotte, der klug genug war, den Alten so viel als möglich bei guter Laune zu erhalten, »und sie bitten dich fortzufahren.«

»Schön,« erwiderte der alte Häuptling, zufrieden dabei mit dem Kopfe nickend: »Ich muß dir nun sagen, daß ich im Anfang gar keine Lust hatte, euch hier auf der Insel zu behalten. Ihr waret Kriegsgefangene von Tai manavachi und ich wollte, er sollte euch mit hinüber nach Tonga nehmen. Tai manavachi hat aber ein großes Herz. Er sagte, daß seine jungen Leute sehr zornig auf euch wären, und er nicht wisse, ob er dann sein Wort halten könne: euch kein Leid zuzufügen. Überdies könnte er euch auch nicht gebrauchen und wolle nichts mehr mit euch zu thun haben.«

Sehr freundlich von Tai manavachi, dachte Mac Kringo, erwiderte aber laut kein Wort und verzog keine Miene, und der Alte fuhr nach kurzer Pause fort:

»Da ihm aber nach unseren Gesetzen nun das Recht über euch zusteht, so haben wir, die Egis des Landes, uns die Sache überlegt, euch ihm abgekauft und beschlossen, euch hier auf Monui zu behalten.«

»=Abgekauft?=« rief Mac Kringo erstaunt.

»Ja, Freund,« sagte der Alte, ganz unbefangen und freundlich dabei lächelnd, »=abgekauft=. Nicht etwa, denn ich wüßte nicht, was ich mit euch anfangen sollte, sondern die Egis, und zu welchem Zwecke, will ich dir gleich auseinandersetzen, wenn du den Übrigen erst meine Worte erklärt hast.«

Mac Kringo that das diesmal schnell genug, denn die Nachricht hatte ihn selber überrascht, Legs aber rief lachend aus:

»Da hätte ich den Alten für gescheidter gehalten. Wer =uns= kauft, ist bös angeführt, denn ich will verdammt sein, wenn ich selbst mein =eigener Herr= sein möchte.«

»Und was wollen sie da mit uns machen?« fragte Spund erschreckt; »da sollen wir wohl =arbeiten=?«

»Bah!« lachte Jonas; »die Arbeit, die =die= faulen Burschen hier zu verrichten haben, könnte man recht gut vor dem Frühstück fertig bringen, ehe der Kaffee kalt wird; -- Lumpenvolk das, einen weißen Christenmenschen zu =kaufen=! Aber so viel weiß ich, daß ich mich schon dumm genug anstellen werde.«

»Und dazu brauchst du dich auch gar nicht zu verstellen,« brummte Lemon. »So viel ist aber sicher, und Legs hat Recht, ich hätte die Rothhäute auch für gescheidter gehalten, als daß sie Kerle wie Spund und Pfeife kauften.«

»Na, sei du nur --«

»Ruhig!« unterbrach aber Mac Kringo die Kameraden; »ist das jetzt eine Zeit zum Necken? Hört erst, was der Alte weiter zu sagen hat, nachher können wir darüber reden.«

»=Was= sagen sie?« fragte Toanonga.

»Sie lassen dich nur bitten, fortzufahren,« erwiderte Mac Kringo.

»Gut, sehr gut,« nickte der Alte wieder, während jetzt besonders die Frauen unter den Zuhörern sich vordrängten, als ob sie kein Wort von dem verlieren wollten, was da verhandelt würde. »Die Egis haben euch also, wie ich dir schon vorher erzählt, gekauft, und eigentlich blieb ihm nichts Anderes übrig; denn was sollten wir mit euch machen? ihr habt keinen Tabak, keine Glasperlen, keine Beile, kein Zeug, für das wir euch zu einer weiten Seefahrt ausrüsten könnten, und ihr werdet doch wohl einsehen, daß wir euch das nicht auch noch obendrein schenken können, weil ihr eines Egi Tochter habt entführen wollen und dabei verunglückt seid.«

»Aber wir können uns vielleicht selber ein Boot bauen oder ein Canoe aushauen,« unterbrach ihn jetzt Mac Kringo, dem der Gedanke nicht recht behagen wollte, den rothen Gesellen käuflich überlassen zu sein.

»Womit?« fragte ihn aber ganz trocken der Alte. »Habt ihr selber Beile? Habt ihr Segel und Ruder? Habt ihr Proviant? Nein, Freund; wir haben schon Schaden genug durch euch gelitten und wollen jetzt auch einigen Nutzen aus euch ziehen.«

»Aber was sollen wir thun?« fragte der Schotte ungeduldig.

»Das wirst du gleich hören,« lautete die ruhige Antwort des Alten. »Die Egis haben euch allerdings gekauft, aber mit Gütern, die dem Lande selber gehören, deshalb können sie auch nicht und wollen sie nicht eure Dienste für =sich= in Anspruch nehmen. Krieg haben wir jetzt nicht; wir leben mit allen benachbarten Inseln in Frieden, und Tai manavachi ist unser mächtiger Bundesgenosse geworden. Wäre das nicht der Fall, so würden wir euch vielleicht in unseren Canoes verwenden können, deren Behandlung ihr bald lernen würdet. Überhaupt seid ihr Weißen entsetzlich unwissende Menschen, für die es ein großes Glück ist, daß sie nach unserer Insel gekommen sind -- ihr könnt nicht einmal Fische fangen. Doch das alles werdet ihr wohl nach und nach begreifen, wenn ihr erst einmal selber für euch und die Euren sorgen müßt.«

»Wenn wir das aber alles nicht können und verstehen,« brummte Mac Kringo, »was wollt ihr denn mit uns machen?«

»Du bist entsetzlich ungeduldig,« sagte Toanonga, »ich war ja eben im Begriff, dir das zu erklären. Vor allen Dingen wollte ich dir nur erst begreiflich machen, daß wir uns den Kopf zerbrochen haben, euch eine ordentliche Stellung hier anzuweisen, und ich selber habe da endlich einen Vorschlag gemacht, dem die anderen Egis nach reiflicher Überlegung beigepflichtet sind. Unser Entschluß deshalb ist der folgende: Auf Monui leben, seit unsrem letzten Krieg im vorigen Jahre, einige Frauen ohne Männer. Diese haben also auch niemanden mehr, der für sie sorgt, und mußten deshalb von den Egis oder vielmehr von dem Lande selber erhalten werden. Unter unsern Einwohnern hat sich aber bis jetzt noch niemand gefunden, der sie wieder heirathen wollte; der Männer sind auch durch die vielen Kriege weniger geworden, und diese Frauen begannen für uns eine Last zu werden.«

Mac Kringo hatte die Einleitung in immer wachsendem Staunen zugehört, denn er begriff gar nicht, was ihre Verhältnisse mit dem der Wittwen auf Monui zu thun haben könnten. Eben so wußte er recht gut, daß in diesem gesegneten Lande niemand dem Andern zur Last sein =konnte=, denn wo die Leute eben so genügsam von Brotfrucht und Wasser oder Cocosnüssen lebten und von allem diesem übrig genug für sämmtliche Bewohner war, konnte auch von keinem Nahrungsmangel die Rede sein. Er schüttelte deshalb ungläubig mit dem Kopf und sagte:

»Hatten sie denn keine Brotfrucht, die sie essen, keine Fische, die sie fangen konnten?«

»Du verstehst mich nicht,« erwiderte ruhig Toanonga. »Zu essen haben sie allerdings genug, Dank den Hotuas[27], die unsere Inseln mit Allem reichlich gesegnet haben. Frauen verlangen aber nicht bloß zu essen, sie müssen auch einen Beschützer haben, denn sie fürchten sich, allein in ihren Hütten zu wohnen. Wir haben ihnen deshalb bis jetzt ein großes Haus eingeräumt, in dem sie zusammen leben konnten, aber sie wollten sich dort nicht mit einander vertragen. Sie haben sich gezankt und Streitigkeiten unter einander angefangen, die dann von den Egis wieder geschlichtet werden mußten, und es ist kein Friede zwischen ihnen geworden.«

»Segne meine Seele,« knurrte Lemon, »das ist ein langer Palaver, und mir schlafen die Beine schon ein. Was sagt er, Lord Douglas?«

»Pst -- warte nur noch einen Augenblick,« beschwichtigte ihn der Schotte, der zu begreifen begann, was man von ihnen verlange, und ein heimliches Lachen kaum unterdrücken konnte.

»Damit das anders werde,« fuhr Toanonga langsam und bedächtig fort, »haben wir =euch= ausersehen, und eurem Schutz sollen diese Frauen übergeben werden.«

Mac Kringo glaubte noch immer, der Alte wollte sich einen Spaß mit ihnen machen; dazu aber sah er doch viel zu ernsthaft aus, und er fragte jetzt, immer noch seinen Ohren nicht recht trauend --

»=Wir?=«

»Ja, =Ihr=,« erwiderte Toanonga, gravitätisch mit dem Kopfe nickend. »=Ihr= sollt sie =heirathen=, dann zieht ihr Jeder wieder in ein besonderes Haus, und der ewige Scandal hört einmal auf. Es ziemt sich auch nicht, daß die Frauen die Felder bestellen, gumala und ufi[28] darin zu ziehen. Das ist des Mannes Sache, und ihr werdet das fortan übernehmen. Du weißt jetzt unseren Willen und wirst ihn deinen Freunden mittheilen. Hast du mich verstanden?«

»Gewiß,« rief Mac Kringo rasch, und mußte an sich halten, daß er nicht gerade hinaus lachte, denn die Sache kam ihm doch zu komisch vor.

»Was will er?« fragte aber jetzt auch Spund, der sich vor Neugierde kaum lassen konnte.

»Nun, Messmates,« redete da Mac Kringo die Kameraden an, indem er sich gegen sie wandte und so ernsthaft wie nur irgend möglich dabei auszusehen versuchte, »jetzt =ist= die Bombe endlich geplatzt, und so viel kann ich euch vor der Hand sagen: gehängt werden wir =nicht=.«

»Aber was ists? -- was will das alte dicke Rothfell? -- wozu haben sie uns gekauft?« fragten die Übrigen durch einander.

»Ja, es ist freilich was Erschreckliches,« schmunzelte Mac Kringo, indem er die ziemlich abgerissene Schaar vor sich überblickte, »und wenn man euch hier nach einander ansieht, sollte man eigentlich kaum glauben, daß ihr recht dazu passen würdet.«

»Na, zum Teufel, Lord Douglas,« rief jetzt aber auch Jonas, den bei der langen Vorbereitung schon ganz unheimlich zu Muthe wurde -- »so schieß einmal los! Was sollen wir denn thun?«

»Wir sollen =heirathen=,« antwortete Mac Kringo mit einem so ernsthaften Gesicht, als ihm das irgend möglich war; die fünf Seelen brachen aber in ein schallendes Gelächter aus, das, merkwürdiger Weise, auch die als Zuschauer umherkauernden Indianer anstecken mußte. Was sich wenigstens an jungen Männern dort hinzugedrängt, stimmte plötzlich aus vollem Herzen in das Lachen mit ein, und die bis zu diesem Augenblicke noch so ernste Rathsversammlung schien in diesem Ausbruch unerwarteter Fröhlichkeit ihren ganzen Respect zu verlieren.

Da hob Toanonga den Arm empor, und während die Insulaner augenblicklich schwiegen, fühlten selbst die Seeleute, daß sie den alten Häuptling, in dessen Gewalt sie sich doch nun einmal befanden, nicht ärgerlich machen durften.

»Hast du deinen Freunden gesagt, was ich dir mitgetheilt?« fragte der Alte -- »und weshalb lachen sie?«

»Sie freuen sich, daß du so gnädig mit ihnen verfahren willst,« erwiderte Mac Kringo, rasch gefaßt. »Es gefällt ihnen hier auf der Insel, und sie wollen gern bei euch bleiben. Die Hauptsache freilich, daß du uns jetzt die Frauen zeigest, die wir nehmen sollen, damit wir unsere Wahl treffen.«

»Es ist gut -- das hat noch Zeit,« erwiderte der Häuptling. »Vor allen Dingen möchte ich erfahren, wer ihr eigentlich selber seid.«

»=Wir?=« sagte Mac Kringo erstaunt -- »nun, Seeleute.«

»Ja -- das weiß ich,« erwiderte Toanonga, »denn ihr seid alle auf dem großen Canoe gekommen. Aber ich weiß auch, daß ihr auf euren Canoes verschiedene Beschäftigungen habt. Euer Capitain hat mir erzählt, daß es Unterhäuptlinge darauf gibt, dann aber auch Leute, die das Holz bearbeiten und Boote machen, solche, die große Fässer arbeiten, solche, die Eisen hämmern, solche, die mit Tauen und Segeln umzugehen wissen, und so weiter; Was seid =ihr= also? Was bist =du= gewesen?«

»=Ich?=« erwiderte Mac Kringo, der recht gut einsah, daß er sich hier in den Augen der Eingeborenen, ohne daß seine Kameraden das Geringste davon zu erfahren brauchten, einen höheren Rang und dadurch mehr Ansehen geben konnte. »=Ich= war ein Unterhäuptling.«

»Das habe ich mir gedacht,« sagte Toanonga, »und die Anderen?«

»Hm,« brummte der Schotte, »das mögen sie dir lieber selber sagen,« und sich dann zu den Kameraden wendend, übersetzte er ihnen rasch, daß der Alte ihren Stand am Bord zu wissen wünsche.

»Nun, ich bin Böttcher!« rief Spund.

»Allerdings,« nickte Mac Kringo -- »der hier, Toanonga, ist der Mann, der die großen Fässer macht.«

»Gut -- sehr gut!« rief der Häuptling, »er mag deren hier für uns machen, Cocosnußöl hinein zu thun -- und weiter?«

»Du, Jonas, hast dem Zimmermann ja manchmal geholfen,« redete diesen der Schotte an. »Soll ich dich als Zimmermann aufführen? die Rothhäute haben nachher mehr Respect.«

»Meinetwegen,« antwortete Jonas, »viel zu zimmern werde ich hier doch nicht bekommen.«

»Und dies, Toanonga,« sagte der Schotte, »ist der Mann, der das Holz behaut.«

»Sehr gut! Laß die Zwei bei Seite sitzen.«

»Nun, Lemon,« wandte sich der Schotte jetzt an diesen, »soll ich dich als Schmied vorstellen?«

»Schmied,« brummte der Matrose, »ich habe in meinem Leben keinen Hammer in der Hand gehabt.«

»Was thut das,« lachte Mac Kringo, »du wirst auch hier weder Hammer noch Amboß finden, um dadurch in Verlegenheit zu kommen.«

»Dann meinetwegen,« sagte Lemon, »so lange sie kein Handwerkszeug haben, will ich wohl ihr Schmied sein, wenn sie dann nur Frieden geben.«

Toanonga wurde jetzt also auch mit dieser neuen Eigenschaft bekannt gemacht, schien sich aber über eine solche Entdeckung noch mehr zu freuen, als über die anderen Handwerker. Er machte sogar Miene, von seinem Sitze aufzustehen, besann sich aber doch noch in Zeiten, daß sich das nicht recht für ihn schicken würde. Dem also entdeckten Schmiede winkte er jedoch sehr gnädig mit der Hand und befahl ihm, als besondere Auszeichnung, daß er an seine Seite käme.

Lemon wußte nicht recht, was er aus der ganzen Sache machen solle, und schnitt ein bitterböses Gesicht, folgte aber nichts desto weniger dem Befehle.

Fast alle Matrosen sind halbe Segelmacher, und Pfeife wurde deshalb von dem Schotten als solcher vorgestellt. Jetzt blieb also nur noch Legs für ein selbst zu erwählendes Metier, und da die Leute gemerkt hatten, daß ihnen das mehr Ansehen gab, wollte natürlich Keiner mehr gemeiner Matrose sein.

»Hols der Henker,« sagte Legs, »wenn ihr Alles weggenommen habt, bleibt nichts weiter für mich übrig, wie Koch. Stell mich dem alten runzeligen Rothfell deshalb als Koch vor, Lord Douglas.«

Das geschah; diese Entdeckung schien aber die beabsichtigte Wirkung nicht hervorzubringen; denn Toanonga sah den kleinen Burschen mit einem halb mitleidigen, halb geringschätzigen Blicke an und wiederholte mehrmals das ihm von Mac Kringo genannte Geschäft des Mannes:

»Tangata fe-umu, Tangata fe-umu,« wobei er den dicken Kopf von einer Schulter auf die andere warf.

»Na? steht das dem Alten nicht an,« fragte Legs, etwas bestürzt über diese augenscheinlichen Beweise des Mißfallens -- »was schneidet er denn für Gesichter?«

»Laß nur gehen, Legs,« beschwichtigte ihn aber der Schotte, »ob es ihm recht ist oder nicht, bleibt sich gleich. Er weiß nun alles, was er wissen will, und jetzt, denke ich, werden uns die Frauen vorgeführt werden.«

»=Ich= weiß, wen ich nehme,« schmunzelte da Legs, der an das wunderschöne Mädchen dachte, das er draußen im Wasser gefunden. »Nachher kann ichs hier schon eine Weile auf der Insel aushalten. Wenn wir nur Tabak hätten!«

»Sprich mir nur nicht von Tabak,« brummte Spund, »ich bin froh, wenn ich ihn einmal einen Augenblick vergessen habe. Wie ich das Wort nur nennen höre, läuft mir das Wasser schon im Maul zusammen.«

»Hallo, da kommen die Frauen!« rief Legs, der indessen überall umher geschaut hatte, das Mädchen von gestern unter der Schaar heraus zu finden, sie aber bis dahin noch nicht entdecken konnte, »na, nu wirds losgehen.«

6.

Legs hatte ganz recht gesehen. Unter den Frauen entstand in diesem Augenblicke eine auffallend lebhafte Bewegung, und während bis dahin die Männer hauptsächlich den innern Ring der Zuschauer gebildet hatten, drängte sich jetzt der weibliche Theil der Bevölkerung vor, um an der Verhandlung und ihrem weiteren Verfolge vielleicht thätigen Antheil zu nehmen.

Jedenfalls geschah dieses auf ein Zeichen, vielleicht auf einen Befehl Toanongas, der indessen seine Augen aufmerksam im Kreise umhergehen ließ und die ihm näher drängenden Frauen zu mustern schien. War das wirklich der Fall gewesen, so kam er damit bald zu einem Resultate; denn er sah nach wenigen Minuten schon wieder still und nachdenkend vor sich nieder, nur dann und wann nach den Egis hinüberhorchend, die indessen eine desto lebhaftere Debatte führten.

Sie sprachen aber so rasch, daß Mac Kringo nur einzelne Worte davon verstehen konnte. Der alte How oder König schien jedoch mit allem, was sie sagten, einverstanden; nur einmal protestirte er, und die Sache mußte den neben ihm sitzenden Lemon betreffen, auf den er wiederholt deutete. Lemon merkte ebenfalls etwas Ähnliches, und der mürrische Blick, mit dem er den Alten betrachtete, hatte etwas unendlich Komisches. Toanonga nahm aber weiter nicht die geringste Notiz von ihm, und die übrigen Egis schienen sich endlich seiner ausgesprochenen Meinung zu fügen.

»Ma Kino,« sagte da plötzlich der Alte, indem er sich an den Schotten wandte, »ich und die Egis sind darüber einig geworden, wie sie euch versorgen wollen, und ich will dich kurz mit ihrem Entschluß bekannt machen, welche Frauen euch zugetheilt werden sollen.«

»Zugetheilt?« fragte der Schotte rasch, »das ist in unserem Lande nicht Sitte und meine Kameraden sind völlig damit einverstanden, daß wir uns lieber die, welche uns am besten gefallen, aussuchen wollen.«

»Das glaube ich euch recht gern,« sagte der alte Toanonga gutmüthig, während die zunächst sitzenden Frauen unter einander kicherten und flüsterten. »Wenn aber hier überhaupt eine =Wahl= Statt finden sollte, so wären es unsere =Frauen=, die dazu ein Recht hätten. Von =euch= kann gar keine Rede sein. Da die Frauen aber in Geschäftssachen sehr kurzsichtig sind, und die Männer für sie denken müssen, so haben die Egis das übernommen, und du wirst jetzt hören, was wir darüber beschlossen.«

»Aber meine Kameraden werden damit nicht einverstanden sein,« warf Mac Kringo ein.

»Bah -- ich habe dich für einen vernünftigen Papalangi gehalten,« sagte kopfschüttelnd der Alte. »Was wollt ihr denn thun? -- haben wir euch nicht gekauft? -- Könnten wir euch nicht die Schädel einschlagen, wenn wir sonst Lust dazu hätten, und habt ihr das etwa nicht auch verdient? -- Wer kümmerte sich hier um euch, wenn wir euch in ein durchlöchertes Canoe setzten und euch hinaus in die Bai ziehen ließen, dort nach Gefallen zu sinken oder zu schwimmen, he? also sprich nicht solch dummes Zeug und sei gescheidt. Wenn =ihr= etwas an der Sache ändern könntet, so hätten wir euch um Rath gefragt. Da das nicht der Fall war, so habt ihr für jetzt weiter nichts zu thun als zu gehorchen.«

Der Alte sprach diese Worte mit seiner gewohnten, gutmüthigen Freundlichkeit, aber doch auch mit so viel Entschiedenheit im Ton, daß Mac Kringo bald merkte, wie sie mit ihm und den Eingeborenen überhaupt standen. Die Schaar der Insulaner war sich, den unbewaffneten Weißen gegenüber, ihres Übergewichts wohl bewußt, und an Widersetzlichkeit von ihrer Seite war in der That nicht zu denken. Klug genug also, die nicht für den Augenblick zu reizen, die einmal die Gewalt in Händen hatten, beschloß Mac Kringo, sich vor der Hand allem zu fügen, was sie über ihn und die Kameraden verhängen würden. Mit der Zeit kam dann auch Rath, und sie fanden vielleicht Mittel und Wege, sich einer ihnen lästig werdenden Gefangenschaft zu entziehen.

Toanonga kümmerte sich indessen wenig um das, was sein Dolmetscher etwa denken oder beabsichtigen mochte. Er hatte ihn mit dem Willen der Egis, der vor allen Dingen auch der seinige war, bekannt gemacht, und daß der durchgeführt werden mußte, verstand sich von selbst.

»Ma Kino,« begann er deshalb nach kurzer Pause, denn das Wort Mac Kringo konnte er nicht gut aussprechen, indem er den vor ihm sitzenden Schotten fest und scharf ansah, »du bist, wie du sagst, auf eurem großen Canoe ein Egi gewesen, und es ist deshalb auch in der Ordnung, daß mit dir der Anfang gemacht wird. Die Anderen kommen nachher in der Reihenfolge, die ihnen gebührt. Da du nun unsere Sprache verstehst, gedenke ich dich in meiner Nähe zu behalten, welcher Ehre du dich hoffentlich würdig machen wirst, und zu dem Zweck und um dich auch zugleich recht wohnlich bei uns einzurichten, habe ich dir eine passende Frau bestimmt, die du gut behandeln und für die du sorgen wirst. Hast du mich verstanden?«

Mac Kringo nickte schweigend mit dem Kopf, denn der Alte fing an, ihm in seiner Ruhe und Bestimmtheit zu imponiren. Die Veränderung fiel ihm auch auf, wie sich Toanonga jetzt und damals benahm, als ihr Capitain noch mit seiner ganzen Schiffsmannschaft hier lag. Damals war er ihnen weit mehr als Freund und guter Bursche entgegengekommen, während er jetzt, von seinem ganzen Stamme umgeben und den wenigen Weißen gegenüber, nicht ernst und würdevoll genug aussehen konnte. Doch das alles zuckte ihm nur in flüchtigen Gedanken durch das Hirn, denn der gegenwärtige Moment war für ihn selber viel zu entscheidend, um sich mit anderen Beobachtungen aufzuhalten.

Toanonga winkte nämlich einer Frau, die, nicht mehr ganz jung, aber doch noch in den besten Jahren, den Kopf gebeugt, in dem vorderen Ringe saß. Auf das Zeichen, das sie unter den gesenkten Augenlidern vor gesehen haben mußte, richtete sich aber etwas auf und sah Toanonga an. -- Mac Kringo war für sie gar nicht da.

»Mefo Hupe,« sagte Toanonga, die Frau anredend, »du bekommst hier einen Versorger. Ma Kino wird mit dir in deine Hütte ziehen und das Feld für dich und deine Kinder bearbeiten.«

»Deine Kinder?« rief der Schotte erstaunt, während die Frau wieder, als Zeichen des Gehorsams, den Kopf senkte, »sind denn Kinder auch dabei?«

»Allerdings,« erwiderte freundlich der alte How, »und um so viel besser für dich, denn du hast gleich eine Familie, in der du zu Hause bist. Mefo Hupe war die Frau eines tapferen Egis, Luttanaki mit Namen, der in dem letzten Kampfe gegen die Hapai-Leute getödtet wurde. Er hatte vorher sieben Hapai-Krieger mit eigener Hand erschlagen; du wirst deshalb nicht verfehlen, die Frau ehrerbietig zu behandeln. Geh jetzt in deine Wohnung, Mefo Hupe, und bereite dich zu der üblichen Feierlichkeit vor.«

Die Frau stand auf und verließ, ohne auch nur einen Blick auf ihren künftigen Gatten zu werfen, die Versammlung, und Mac Kringo wußte wirklich kaum, ob das hier alles nur ein Scherz sein sollte, oder ob die Insulaner wirklich Ernst machten. An dem Letzteren brauchte er aber kaum zu zweifeln, denn Toanonga sah gar nicht wie Spaßen aus. Wie er sich aber noch überlegte, ob es nicht vielleicht schicklich wäre, daß er wenigstens ein paar Worte mit seiner künftigen Frau spräche, wandte sich der Alte schon wieder an ihn, und zwar um zwischen ihm und dem jetzt an die Reihe kommenden Lemon zu dolmetschen.

Nun war dem How oder König dieser Insel nichts erwünschter, als einen Schmied unter den Papalangis gefunden zu haben; denn den großen Nutzen, den ihnen eiserne Werkzeuge gewährten, hatte er schon lange kennen gelernt. Diesen beschloß er deshalb auch unter seine ganz besondere Protection zu nehmen und für sich selber zu benutzen. Daß ein Schmied auch Werkzeug haben muß, ehe er eine Arbeit liefern kann, fiel ihm nicht ein. Der Fremde war nun einmal ein Schmied, und damit die Sache abgethan.

Für Lemon hatte er deshalb auch eine der jüngsten zu vergebenden Frauen bestimmt, und Mac Kringo mußte ihn mit dem seiner harrenden Glücke bekannt machen. Toanonga erstaunte aber nicht wenig, als der Matrose, der die ganze Sache immer noch für einen schlechten Spaß hielt und mürrischer als je war, ein Gesicht zu der Eröffnung schnitt, als ob er den Dolmetscher hätte umbringen können.

»Unsinn!« knurrte er dabei, »laß dich doch nicht von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Douglas!«

»Aber er ist in vollem Ernst.«

»Bah -- Dummheiten -- sag ihm nur, ich wollte keine Frau haben. Erstlich möcht ich überhaupt nicht heirathen, und dann -- hätte ich auch schon zwei Frauen in England.«

»Zwei?« rief der Schotte überrascht.

»Na, wenn die Erste nicht in der Zeit gestorben,« brummte der sauertöpfische Gesell -- »ich habe mich wenigstens nie darum bekümmert, und weiß jetzt nicht einmal wo meine =zweite= ist.«

»Was sagt er,« fragte Toanonga, der sich den sichtbaren Unwillen des Fremden nicht erklären konnte.

»Hm,« meinte Mac Kringo -- »er -- er sagt, er hätte schon eine Frau, und nach unseren Gesetzen dürfen wir nicht mehr nehmen.«

»Oh -- weiter nichts?« lachte Toanonga gutmüthig, »da sag ihm nur, daß er sich deshalb keine Sorgen mache, denn hier sind wir auf Monui, und ich selber habe =neun= Frauen. Doch das findet sich alles; ich erlaube ihm, daß er die Frau nimmt, die ich ihm gebe, und an das Andere hat er sich nicht zu kehren. Außerdem wird er seine Hütte auf meinem Grund und Boden haben und unter meinem ganz besonderen Schutze stehen. Sag ihm das!«

Die zweite Frau stand auf ein Zeichen Toanongas ebenfalls auf und verließ den Kreis. Lemon aber, den Mac Kringo den neuen und verschärften Befehl übersetzt hatte, konnte von dem Schotten nur mit Mühe beruhigt werden, daß er sich hier nicht gleich vor der ganzen Versammlung widersetzte. Die ihm bestimmte Frau hatte er nicht einmal angesehn.

Toanonga aber nahm weiter keine Notiz von ihm, da er noch die Verlobungen der vier anderen Weißen zu beseitigen hatte. Mit diesen verfuhr er jedoch ziemlich summarisch, wenigstens nahm er Jonas, Pfeife und Spund zusammen, zeigte dabei auf drei neben ihm sitzende Frauen, von denen zwei kleine Kinder auf dem Schooß hatten, und ließ die drei Matrosen durch Mac Kringo bedeuten, daß sie dieselben zu Frauen bekommen sollten, wie sie gerade in der Reihe säßen. Als Empfehlung wahrscheinlich bemerkte er nur nebenbei, daß die eine vier, die andere drei und die dritte fünf Kinder habe.

Auf eine Antwort der betreffenden Personen wartete er ebenfalls nicht. Kam es doch hier nur darauf an, daß er eben seinen Willen kund that und die verschiedenen Partieen gewisser Maßen einander vorstellte.

Jetzt war nur noch Legs übrig, der bis dahin vergebens gesucht hatte, Mac Kringo zu bewegen, ein gut Wort für ihn in Betreff des Mädchens einzulegen, das er mit vielem Vergnügen heirathen wolle. Mac Kringo aber war bis dahin von Toanonga viel zu sehr in Anspruch genommen worden, ihm willfahren zu können und erst jetzt, da der alte Häuptling den sechsten Mann fast vergessen zu haben schien, hielt er es an der Zeit, die Aufmerksamkeit des Alten auf ihn zu lenken.

»Hier, How,« sagte er dabei, »ist noch Einer, der dir gern eine Bitte vortragen möchte.«

»=Der?=« sagte Toanonga, indem er einen fast verächtlichen Blick nach der Stelle hinüber warf, wo Legs saß, ohne diesen selbst anzusehen -- »der ist gut für nichts -- das ist blos der Koch[29].«

»Der soll also gar keine Frau haben?« fragte Mac Kringo, und bereuete schon, daß er sich nicht selber als Koch anstatt als Egi angegeben hatte.

»O ja,« erwiderte aber Toanonga -- »es waren sieben Frauen da, für euch sechs. -- Der Koch bekommt die beiden letzten. Sind ein Bischen alt und nicht gerade hübsch, haben aber zusammen sieben Kinder -- gut genug für den Koch. Die da drüben sinds.«

Mac Kringo mußte an sich halten, daß er nicht laut auf lachte. Legs gönnte er übrigens die beiden; denn der kleine Bursche war, trotz seiner ansehnlichen Statur, immer der gewesen, der sich schon an Bord am unbändigsten gezeigt und nicht selten Streit angefangen hatte. Unendlich komisch kam es ihm dabei vor, sich den etwas krummbeinigen Kameraden als doppelten Familienvater zu denken, und daß seine Ehe interessant und keineswegs langweilig werden würde, dafür bürgten die Gesichter der beiden Frauen. Schienen sie doch selbst in diesem Augenblick schon nicht übel Lust zu haben, einander in die Haare zu gerathen.

»Nun, Lord Douglas, was sagt er?« fragte Legs, der sich schon so mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, ein wackerer Bürger von Monui zu werden, daß er die Zeit kaum erwarten konnte. »Soll ich den kleinen Wildfang zur Frau haben? Hols der Teufel, wir passen auch in der Figur zusammen und müssen ein prächtiges Paar geben!«

»Legs,« erwiderte aber Mac Kringo, der sich nicht enthalten konnte, bei dieser Bemerkung einen Blick nach den gebogenen Extremitäten des Seemanns hinunter zu werfen, »es thut mir leid, daß der Alte deine Wünsche nicht berücksichtigen kann. Ob die fragliche Schöne schon versprochen ist, oder ob er vielleicht selber ein Auge auf sie geworfen hat und sie zu seiner zehnten Frau machen will, weiß ich nicht. Er wird dich aber, in Rücksicht deiner Verdienste, entschädigen, und du sollst zwei andere dafür bekommen.«

»=Zwei?=« rief Legs erstaunt auffahrend.

»Ja, mein Junge; die beiden Schönheiten da drüben mit der braunen, etwas runzeligen Haut und den Unmassen Blumen und bunten Lappen um sich her gesteckt.«

»Mach keinen dummen Spaß!« rief Legs ärgerlich, indem er einen halb zornigen, halb scheuen Blick nach den beiden Unholdinnen hinüberwarf.

»Na, wahrhaftig, mein Junge,« sagte aber Mac Kringo gutmüthig, »es ist dem Alten da drüben grimmiger Ernst, und nach Tisch, so viel ich verstanden habe, werden wir alle zusammengespließt werden. Von uns hat Jeder schon seinen Theil angewiesen bekommen, wie du ja auch gehört hast, und die Beiden sind mit sieben dazu gehörenden Kindern für dich aufgehoben. Na, hoffentlich führt ihr eine recht glückliche Ehe zusammen.«

»Verdammt will ich sein,« rief aber Legs, in allem Eifer in die Höhe springend, »wenn ich mich solcher Art zum Narren halten lasse. Sollte der alte Holzkopf aber wirklich im Ernst meinen, daß ich mich dazu hergäbe, ein Alt-Weiber-Spittel und eine Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt auf der Insel anzulegen, so kannst du ihm nur sagen, Lord Douglas, daß er sich da verwünscht in der Person geirrt hat. Wenn er einen von uns dazu haben wolle, so konnte er Spund nehmen, mich aber soll er ungeschoren lassen, so viel weiß ich.«

»Und was willst du machen?«

»Was ich machen will? dem den Schädel einschlagen, der mir irgendwie zu nahe kommt.«

»Unsinn!« sagte Mac Kringo ruhig, »du siehst, daß wir Andern uns alle in das Unvermeidliche gefügt haben, und du allein kannst nicht gegen die ganze Insel anspringen. Bietet sich einmal eine günstige Gelegenheit, dann kannst du dich darauf verlassen, daß Keiner von uns säumen wird, sie zu benutzen, und je fester wir dann zusammen halten, desto besser. Bis dahin aber bleibt uns nichts Anderes übrig, als uns denen zu fügen, die für den Augenblick das Heft in Händen halten. Zeigst du dich ihnen widerspänstig, so ist gar nicht abzusehen =was= sie mit dir anfangen, und wenn sie dich selbst todtschlügen, kann sie kein Mensch daran verhindern und würde sich Niemand später darum kümmern.«

»Und die beiden Vogelscheuchen sollt ich heirathen?«

»Du kommst in eine ganz anständige Familie,« lachte Mac Kringo -- »aber jetzt paß auf, der Alte entläßt die Versammlung und wird noch Aufträge für mich haben. Halt dich indessen zu Spund und den Anderen, damit ihr zusammen seid, wenn man uns verlangt.«

Toanonga winkte ihm auch wirklich in diesem Augenblick, denn es galt nichts Geringeres, als die nöthigen Vorbereitungen für die Trauungs-Ceremonie der Fremden zu treffen, die auf den Inseln außerordentlich streng genommen werden. Daß diese alle heidnischer Art waren, versteht sich von selbst; den Weißen konnten sie aber nicht erlassen werden, da nur =durch= dieselben ihre Ehen geheiligt und gesetzlich wurden.

7.

Die verschiedenen Bräute hatte man indessen schon entfernt, um sie für die Feierlichkeit anzukleiden, und Toanonga übergab jetzt die Fremden einer Anzahl seiner jungen Leute, sie etwas anständig und passend auszustatten.

Ihre Kleider waren nämlich durch ihren letzten Unglücksfall so arg mitgenommen worden, daß sie ihre Blöße kaum mehr bedeckten; besonders hingen ihnen die Hemden in Lumpen von den Schultern. Toanonga ließ deshalb Jedem ein Stück Tapa[30] reichen, und die Insulaner wiesen sie dabei auf das freundlichste an, wie sie sich mit Blumen und einigen anderen Schlingpflanzen würdig schmücken konnten. Nur Mac Kringo jedoch, der klug genug war, ihnen zu Willen zu sein, und Spund, der dem Frieden noch immer nicht traute und Alles geduldig mit sich geschehen ließ, fügten sich dem Vorschlage. Die Übrigen mit Lemon an der Spitze verweigerten jede solche Aufmerksamkeit für ihre zukünftigen Frauen.

Von den Eingeborenen hatten sie aber in der That nichts mehr zu befürchten, denn von dem Augenblick an, wo Toanonga und das Gericht der Egis ihre Aufnahme erklärt und dadurch geheiligt hatte, betrachteten die Leute sie als Freunde und als ihres Gleichen, und brachten ihnen jetzt sogar von verschiedenen Seiten Lebensmittel herbei, damit sie sich erholen und stärken konnten.

Nach der einfachen Sitte dieser Stämme hatten sie aber auch in der That weit mehr gethan, als irgend ein civilisirtes Volk, sei es noch so fromm und christlich, an ihrer Stelle gethan haben würde. Die Leute, die ihnen, trotz aller empfangenen Wohlthaten und trotz der früheren freundlichen Aufnahme, vorsätzlich Böses zugefügt und im Begriff gewesen waren, dem alten Häuptling der Insel sein liebstes Kind zu stehlen, strafte man nicht allein nicht, als man sie in Händen hatte, sondern man nahm sie sogar als gleichberechtigt mit den übrigen Bewohnern des Landes auf, gestattete ihnen den Besitz von Grund und Boden, und ließ sie unmittelbar in die Familien des Landes eintreten.

Es ist wahr, der erste Antrag einzelner Häuptlinge hatte dahin gelautet, kurzen Prozeß mit ihnen zu machen und die Gefangenen das büßen zu lassen, was der Capitain oder Häuptling derselben verbrochen, wie diese Stämme auch fast immer ihre Kriegsgefangenen tödten. Toanonga aber, neben seiner angeborenen und natürlichen Gutmüthigkeit, war klug genug gewesen, auf einen Ausweg zu sinnen, durch den er die Gefangenen und ihre Kräfte für die Insel verwerthen konnte. Was hätte er oder einer der anderen Insulaner davon gehabt, wenn man die Weißen vor den Kopf schlug oder in die See warf? -- gar nichts. Die letzten Kriege hatten ihnen dagegen mehr waffenfähige Männer gekostet, als die kleine Insel entbehren konnte, und jetzt halfen sie sich mit den Fremden so gut, wie sie eben konnten und so weit diese reichten.

Mit dieser Aufnahme in ihren Staats- und Familienkreis war aber auch jeder Haß, jedes Gefühl der Rache oder Feindseligkeit gegen die Fremden aus ihrem Herzen geschwunden. Es waren eben keine Fremden mehr, denn sie gehörten von da an mit zu Monui so gut wie einer der dort Geborenen.

Ähnliches findet man fast unter allen wilden Stämmen, die sehr häufig einzelne aus ihren Kriegsgefangenen, während sie die übrigen mit durchdachter Grausamkeit zu Tode martern, zurückbehalten und mit der größten Herzlichkeit in ihre Familien als Söhne aufnehmen.

Anders betrachteten dieses allerdings die Matrosen, die sich durch solche gezwungene Heirathen auf das schlimmste mißhandelt glaubten. Legs verlangte auch von den Übrigen, als die Eingeborenen ihre Versammlung aufgehoben und die Papalangis sich selber überlassen hatten, daß sie sich gemeinschaftlich solchem Urtheilsspruch widersetzen sollten. Waffen hätten sie dabei wohl auch bekommen können, sobald sie nur in des alten Toanonga Hütte einbrachen. In der ersten Überraschung wäre ihnen das jedenfalls gelungen, und dort wurden, wie sie von früher wußten, eine Anzahl von Beilen und Keulen aufbewahrt.

Hiergegen, als ein ganz wahnsinniges Unternehmen, das jedenfalls den Untergang Aller zur Folge haben mußte, stimmte aber Mac Kringo, von Spund und Jonas unterstützt, auf das entschiedenste, und da Lemon und Pfeife ihren Zustand ebenfalls noch nicht so unerträglich fanden, um gleich zu einem so verzweifelten Mittel zu greifen, so wurde Legs vollständig überstimmt.

Die Ceremonie nahm indessen ihren Anfang und wurde, trotzdem, daß man mit den Fremden nicht eben viel Umstände nöthig glaubte, doch ziemlich feierlich betrieben.

Hier zeigte sich auch wieder die Gutmüthigkeit der Insulaner. Diese wußten natürlich, daß die Weißen als Schiffbrüchige an ihre Insel gekommen waren und gar nichts zum Leben Nöthiges gerettet hatten, und brachten ihnen jetzt eine Menge Geschenke, um sie zu ihrem neu zu errichtenden Haushalt auszustatten: Tapa zum Kleiden und starke Matten zum Schlafen, Fischer-Geräthschaften und sogar Waffen, wie Keulen und Bogen und Pfeile, um bei einem möglichen Angriff eines Feindes in die Reihen der Krieger mit eintreten zu können.

Als die Fremden nun mit allem ausgerüstet waren, was sie zu ihrem anständigen Erscheinen unter den Insulanern gebrauchten, denn um ihre Lebensbedürfnisse durften sie keine Sorgen haben, versammelten sich, wie es schien, fast alle Bewohner der Insel, um an der Festlichkeit Theil zu nehmen. Die sieben Bräute waren schon in das für die Trauung bestimmte Haus abgeholt, und Toanonga, an der Spitze seiner Egis, winkte die Fremden heran und überlieferte ihnen, mit einigen mahnenden Worten, sich gut zu betragen und ihrem neuen Vaterlande Ehre zu machen, ihre künftigen Frauen, die sich dann aber augenblicklich wieder in ihre verschiedenen Wohnungen zurückzogen. Den Fremden dagegen wurde bedeutet, zurückzubleiben, um an einem Cava-Fest -- der Hauptsache bei der ganzen Feierlichkeit -- Theil zu nehmen.

Diese Cava[31]-Partie schien auch erst die vorhergegangene einfache Formalität der Heirath zu bestätigen und zu kräftigen; denn dadurch, daß die Häuptlinge es der Mühe werth hielten, eine solche anzuordnen und die Fremden daran Theil nehmen zu lassen, heiligten sie den eben geschlossenen Bund, der jetzt ohne Toanongas Bewilligung nicht wieder gelöst werden konnte.

Einen schweren Stand hatten die Seeleute aber erst noch bei dem Cava-Fest, denn die Bereitung dieses Trankes kannte Keiner von ihnen, nicht einmal Mac Kringo. Pfeife besonders, als er merkte, was dort vorging, wurde steinübel, und Legs wollte schon aufspringen und hinauslaufen. Der Schotte aber, der sich leicht denken konnte, daß etwas Derartiges von den jetzt nur freundlich gesinnten Eingeborenen als die größte Beleidigung angesehen werden würde, bewog sie mit großer Mühe, sitzen zu bleiben und auch dieses noch über sich ergehen zu lassen. Später konnten sie ja solchen Einladungen schon weit eher ausweichen. Spund stimmte ihm darin auch vollkommen bei, und während die Anderen, als die Schale an sie kam, nur so thaten, als ob sie schluckten, nahm er, seinen Willen und Gehorsam zu zeigen, einen langen und herzhaften Schluck.

Das sollte er aber schwer büßen. Kaum hatte er die Mischung hinunter, als sich ihm der Magen gewaltsam umdrehte, und er mußte, unter dem Gelächter der Eingeborenen, von seinen Kameraden hinausgeschafft werden.

Damit war indessen auch jedem Anspruch, den die Egis noch an sie machen konnten, Genüge geleistet. Während die Insulaner noch bei ihrer Cava-Partie blieben, deren Freuden sie sich oft bis in später Nacht hingeben, wurden die Seeleute, jetzt jeder Aufsicht und Überwachung enthoben, von jungen Leuten in die ihnen zugewiesenen Wohnungen abgeführt und durften sich von dem Augenblick an als Bürger von Monui betrachten.

Fußnoten:

[23] Wie: Pfui -- schäme dich.

[24] Tuas werden die zur niedrigsten Classe gehörigen Bewohner der Insel genannt. Überhaupt besteht auf den Tonga-Inseln -- wenn man es nicht gerade Kastengeist nennen will -- eine strenge Absonderung der verschiedenen Gesellschaftsschichten, die kaum schroffer in dem alten durch und durch civilisirten Europa sein kann. Mesalliancen kommen äußerst selten vor, und bei jedem Festmahl wird die Rangordnung durch besondere Ceremonienmeister unerbittlich aufrecht erhalten.

[25] Die Tonga-Inseln liegen, wie bekannt, innerhalb der Wendekreise S. Br. Die größte Zeit im Jahre haben sie also die Sonne um Mittag im =Norden=, einen kleinen Theil des Jahres aber, etwa um März, im =Süden=.

[26] In der Nähe der Häuptlinge gilt es nicht für schicklich, zu =stehen=.

[27] Hotuas sind die obersten Götter.

[28] Süße Kartoffeln und Yams.

[29] Auf den Tonga-Inseln ist der Koch der verachtetste unter den verschiedenen Handwerkern.

[30] Tapa ist das aus der Rinde verschiedener Bäume ausgeschlagene Zeug, das die Frauen auf allen Südsee-Inseln selber verfertigen.

[31] Die Cava ist die Wurzel einer pfefferartigen Pflanze (auf den übrigen Inseln Ava genannt), aus der ein gährendes und besonders bei festlichen Gelegenheiten benutztes Getränk bereitet wird. Nur die Art der Zubereitung ist für den nicht daran Gewöhnten widerlich und abschreckend, indem die Wurzeln von den daran Theil nehmenden Eingeborenen =gekaut= und dann in eine Schüssel gelegt werden, wo man sie nachher mit Wasser übergießt. Dieses Wasser, nachdem es den Saft aus den Wurzeln gezogen hat, wird als eine Delicatesse getrunken.


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