Inselwelt - Erster Band

----------






2Inselwelt - Erster Band


Der Schooner.

1.

Die Brotfrucht war zum zweiten Male gereift, und die Bäume standen mit diesem wunderbaren Geschenk beladen, das ein gütiger Himmel den glücklichen Bewohnern jener Inseln gespendet. Überall auf Monui herrschte Überfluß, und die leichtherzigen Eingeborenen hätten jeden Tag als Fest feiern können. Das rege, thätige Leben auf der Insel galt aber einem andern Zweck, und nicht zu Lust und Frieden sammelten sich die Männer in häufigen Berathungen und suchten aus allen Ecken die fast vergessenen Waffen wieder hervor.

Was hilft den Menschen ein Paradies, wenn sie darin nicht ihre Leidenschaft zähmen können! Was hilft ihnen der Überfluß an allem zum Leben Nöthigen, wenn sie sich mit dem, womit Gott sie in so reichem Maaße überschüttet, nicht begnügen können oder wollen! Die Südsee-Inseln sind uns darin ein lebendiges Beispiel. Hier bringt die Natur alles hervor, was der Mensch zum Leben braucht. Ohne Arbeit, ohne Anstrengung, von einer wundervollen Scenerie umgeben, in ihrem Familienleben glücklich, von Krankheiten wenig heimgesucht, könnten diese Menschen ein wahrhaft glückliches Dasein führen -- wenn sie eben den Anderen das gönnten, was sie selber so reichlich besitzen. Selbst in diesem reizenden Lande schlummern aber die Leidenschaften nicht, und Herrschsucht, Ehrgeiz und Aberglauben lassen sie das nicht friedlich genießen, wonach sie in ihrer unmittelbaren Umgebung nur die Hand auszustrecken brauchten, um es zu erreichen.

So hatten auch die Bewohner von Monui fast zwei Jahre in Frieden mit den Nachbar-Inseln gelebt. Kaum aber waren die Wunden der letzten Kämpfe oberflächlich verharrscht, als sie des ruhigen Lebens schon wieder überdrüssig wurden.

Von Hapai aus war ihnen bis jetzt nämlich, einem alten Abkommen nach, ein jährlicher, höchst unbedeutender Tribut von Gnatu[32] und Cava-Wurzeln bezahlt worden, und das Ganze mehr eine Form gewesen, als daß sie je einen wirklichen Nutzen davon gehabt. Diesen Tribut hatten die Hapai-Insulaner in diesem Jahre nicht bezahlt, und auf eine Mahnung deshalb die Bewohner von Monui wissen lassen, sie hielten sich nicht mehr für daran gebunden. Das Ganze betraf auch in der That nur eine religiöse Ceremonie, die auf Monui schon lange abgeschafft worden. Wie das aber mit alten Verpflichtungen manchmal so geht, waren diese Geschenke noch eine Zeit lang beibehalten, bis es die Hapai-Leute selber müde wurden.

Monui allein hätte mit ihnen auch keinen Krieg anfangen können, das wußten sie recht gut; jetzt aber, da der tapfere Tai manavachi Toanongas Schwiegersohn geworden war, beschlossen die Egis oder Häuptlinge, dessen Hülfe in Anspruch zu nehmen und mit Speer und Keule das einzutreiben, zu dessen Besitz sie sich berechtigt glaubten. Ihrer Meinung nach war es ihnen zur Ehrensache geworden, die paar Kleinigkeiten nicht aufzugeben; was kümmerte es sie, daß sie um ein paar Stück Gnatu und einen Korb voll Wurzeln den Frieden ihres Landes und ihr Familienglück in die Schanze schlugen!

Möglich ist dabei, daß sie durch die Verstärkung der sechs Papalangis auf ihrer Insel noch mehr in ihrem kriegerischen Entschluß bestärkt wurden. Von einem Wallfischfänger, der vor einigen Monaten bei ihnen angelegt, hatte Toanonga zugleich mit einigem Handwerkszeug auch mehrere Musketen und Munition dazu eingehandelt, und allerdings konnten ihm da die Weißen, die mit solchen Waffen ordentlich umzugehen wußten, eine wichtige Hülfe leisten. Als jenes Schiff anlegte, wußte der alte schlaue Häuptling, außer dem Schotten, alle seine Gefangenen fern davon zu halten. Er ließ auch gar kein Boot ans Ufer, sondern trieb den Tauschhandel, nur von Mac Kringo begleitet, durch seine Canoes.

So wurden denn jetzt auf Monui die Kriegsrüstungen mit möglichstem Eifer betrieben, und ein Canoe war schon an Tai manavachi abgeschickt worden, ihn zu einer bestimmten Zeit nach Hapai zu bestellen, auf welche Insel sie ihre Angriffe vereint machen wollten. Die sechs Europäer hatten indeß ihre Wohnungen auf Monui so zerstreut angewiesen bekommen, daß sie einander nur selten zu sehen bekamen. Mac Kringo und Lemon behielt Toanonga jedoch, wie schon früher erwähnt, in seiner Nähe. Mac Kringo lebte überhaupt dabei am unabhängigsten, da er sich wohlweislich für einen Egi seines Schiffes ausgegeben.

In der That hätte er auch mit dem neulich dort angelaufenen Wallfischfänger wieder in See gehen können; denn so bald er es verlangt, würde ihn der Capitain schwerlich ausgeliefert haben. Einesteils mochte er aber die Kameraden nicht im Stich lassen, und anderntheils war ihm das bequeme, müßige Leben am Lande noch viel zu neu, um es gleich wieder mit der harten Arbeit am Bord eines Wallfischfängers zu vertauschen. In den letzten Monaten aber, und besonders seit er erfahren, daß sie sich alle mit an einem Kriegszuge betheiligen sollten, bei dem sie nicht das mindeste Interesse hatten und ihr Leben um nichts aufs Spiel setzen mußten, fing er doch an, sich wieder hier fort zu sehnen, und bereute schon, die letztgebotene Gelegenheit nicht benutzt zu haben.

Alle Matrosen machen es so, besonders die in der Südsee kreuzenden. So lange sie an Bord sind, verwünschen sie ihr Schicksal, fühlen eine ungeheure Sehnsucht nach festem Lande und benutzen regelmäßig die erste, beste Gelegenheit, zu desertiren. So wie sie aber eine Weile auf dem festen Lande gelebt haben, auf das sie sich vorher so sehr gewünscht, wird ihnen die Sache langweilig, und sie ruhen nicht, bis sie wieder das Deck eines Fahrzeuges unter den Füßen fühlen.

Mac Kringo besonders hatte sich in der letzten Zeit viel mit allerlei Planen zu ihrer Flucht beschäftigt, die aber jetzt viel schwieriger auszuführen schienen, als je. Da die Insulaner nämlich einen Überfall auf Hapai beabsichtigten, und die Drohung, den Tribut von dort gewaltsam einzufordern, schon hinüber gesandt hatten, mußten sie auch von daher ein Gleiches fürchten, und bewachten deshalb alle Landungsplätze Tag und Nacht auf das Sorgfältigste. Wie sollte da ein Canoe unbemerkt, unverfolgt entkommen?

Der Schotte gab übrigens deshalb die Hoffnung nicht auf, und war ziemlich fest entschlossen, die erste passende Gelegenheit zu benutzen. So schlenderte er eines Tages durch die Berge der nicht sehr großen aber wunderschönen Insel, und zwar in der Absicht, den höchsten Gipfel ihrer Anhöhen zu besteigen und von dort aus zu schauen, ob er nicht in irgend einer Richtung hin eine andere Insel erkennen könne. Gelang es ihnen nur, auf eine solche zu entkommen, wo sie nicht mehr als gekaufte Gefangene betrachtet wurden, so durften sie von dort auch weit eher hoffen, entweder von einem Schiff erlöst zu werden oder vielleicht in einem Canoe Neuseeland oder Australien zu erreichen.

Der Schotte konnte seinen Weg ziemlich ungehindert verfolgen, denn Monui war noch nicht so durch die aus Brasilien nach diesen Inseln gebrachten Guiaven-Büsche überwuchert worden, wie es einige der Gesellschafts-Inseln sind. Die schlanken Palmen und andere hochstämmige Waldbäume hielten hier das kleine Holz noch ziemlich unter, und die Wälder in der Nähe des Strandes waren verhältnißmäßig licht. Erst auf den Höhen wurden die Büsche dichter, und als Mac Kringo einmal die verschiedenen Anpflanzungen von süßen Kartoffeln und Yams im Rücken hatte, mußte er sich schon sorgfältiger seinen Weg suchen.

Da hörte er plötzlich, in nicht gar weiter Entfernung von sich, die regelmäßigen Schläge eines Beils, denen er eine Weile horchte, denn er hatte keine besondere Lust, hier mit einem Eingeborenen zusammen zu treffen. Das anhaltende Arbeiten des Holzhackenden überzeugte ihn aber bald, daß das kein Indianer sei, und ziemlich erfreut, einen seiner Kameraden da zu finden, drängte er sich rasch durch das Gebüsch der Richtung zu, von der das Geräusch herüber tönte.

Er hatte sich auch nicht geirrt; denn vorsichtig aus einem kleinen Dickicht herausschauend, erkannte er bald seinen früheren Kameraden Jonas, und zwar emsig beschäftigt, einen starken, hochstämmigen Baum zu fällen.

»Hallo! Jonas!« rief er ihn endlich an, nachdem er dem Eifrigen eine kleine Weile zugeschaut, »du arbeitest ja, als wenn du die Geschichte im Accord hättest.«

»Lord Douglas! so wahr ich lebe!« rief der Matrose erfreut, indem er seinen alten Kameraden erkannte. »Wo kommst du her, mein Bursche? Es ist eine halbe Ewigkeit, daß wir einander nicht gesehen haben, und es thut dem Auge ordentlich wohl, eine weiße Haut unter diesen Rothfellen zu treffen. Jetzt kann man doch wieder einmal ein vernünftiges Wort Englisch sprechen, denn die Zunge habe ich mir schon fast mit dem Radebrechen ihrer vermaledeiten Sprache abgedreht.«

»Aber du siehst gut aus!« rief ihm der Schotte entgegen. »Das Leben als glücklicher Familienvater scheint dir vortrefflich zu bekommen! Wie befinden sich die jungen Jonasse?«

Der Matrose antwortete mit einem lästerlichen Fluche.

»Da kannst du auch noch lachen?« setzte er dann hinzu, »aber es ist wahrhaftig ein Scandal, einem ehrlichen Christenmenschen eine solche dunkelbraune Ehehälfte und ein Nest voll junger Heiden aufzuhängen. Verdammt will ich sein, wenn ich das diesem alten, wackeligen Toanonga nicht gedenke.«

»Hast du nichts von Legs gehört?« fragte der Schotte.

Jonas lachte.

»Das ist das Einzige, was mich noch tröstet,« schmunzelte er mit einem breiten Grinsen über das Gesicht: »der großmäulige kleine Bursche ist noch schlimmer angekommen als wir.«

»Und wie verträgt er sich mit seinen Frauen? Er muß ja doch in deiner Nähe wohnen?«

»Ja wohl, unsere beiden Häuser stehen kaum fünfhundert Schritt aus einander,« lachte Jonas, »und ich habe in der ersten Zeit immer ganz genau hören können, wenn er sich mit seiner Familie unterhielt.«

»Und jetzt nicht mehr?«

»Jetzt haben sie ihn unter. Die ersten Wochen prügelte er seine Frauen abwechselnd, und, wie ich glaube, nach jeder Mahlzeit, wahrscheinlich um sich etwas Bewegung zu machen. Das bekamen sie aber bald satt, und nahmen sich Hülfstruppen ins Haus. Ein ganzer Schwarm Vettern und Basen, und was weiß ich, wer sonst noch! quartierte sich bei ihm ein und zehrte von ihm, und als er die eines schönen Morgens hinauswerfen wollte, fielen sie über ihn her und prügelten ihn, von den beiden Frauen redlich dabei unterstützt, windelweich. Ich hörte den Lärm und lief hinüber; da man sich aber nicht in fremde Familienstreitigkeiten mischen soll, störte ich sie auch nicht in ihrem Vergnügen und ging wieder zu Hause. -- Was macht denn Lemon?«

»Lemon,« sagte der Schotte, »kommt aus dem grimmigsten Ärger gar nicht heraus, aber nur deshalb, weil es ihm so gut geht, und er gar nicht weiß, worüber er vernünftiger Weise schimpfen =könnte=. Er hat mir noch heute Morgens versichert: er wollte lieber auf dem schmierigsten Wallfischfänger Tag und Nacht Thran auskochen, ehe er noch acht Tage auf der Insel bliebe.«

»Und wenn wir heute wieder an Bord säßen, wäre er der Erste, der sich fortwünschte. Weißt du nichts von Pfeife?«

»Keine Silbe. Seit sechs Monaten, glaube ich, habe ich den mit keinem Auge gesehen.«

»Und wo steckt Spund?«

»Spund wohnt auch eine Strecke von uns entfernt, kommt aber doch manchmal hinauf, da er für den Alten zu arbeiten hat. Er beschäftigt sich übrigens jetzt eifrig mit der Bekehrung seiner Familie, die er absolut zu Christen machen will, und behauptet: der liebe Gott hätte ihn nur zu dem Zweck auf die Insel gesetzt, den Heiden das Evangelium zu bringen. Auch mit dem alten Toanonga hat er schon ein paar Versuche gemacht, der ist aber so zäh wie Leder und läßt sich auf nichts ein. Wie das Schiff neulich da war, ruhte Spund sogar nicht eher, als bis ich ihm eine Bibel von Bord mitbrachte.«

»Ein Schiff war da?« rief Jonas erstaunt, »und davon haben wir kein Wort erfahren?«

»Ja, der Alte hat sich wohl gehütet, daß Ihrs gewahr wurdet!« lachte der Schotte. »Die Boote durften nicht einmal ans Land, womit der Capitain auch vollkommen einverstanden schien; denn er fürchtete wahrscheinlich, daß ihm welche von seinen Leuten durchbrennen würden. Lemon ist übrigens mit dem Schiff der schlimmste Streich passirt, denn er hat Schmiedewerkzeug gekriegt, und soll nun arbeiten und kann nicht. Das Einzige, was er mit Mühe und Noth fertig bringt, sind Pfeilspitzen, die er gar kläglich aus Nägeln zurecht hämmert.«

»Hör einmal, Lord Douglas,« sagte er da, nachdem er eine Weile stillschweigend vor sich hingesehen, »ich glaube doch beinahe, daß wir damals mit dem -- mit dem Feuer, du weißt schon -- einen dummen Streich gemacht!«

»Je weniger wir dann davon reden, desto besser ists,« meinte der Schotte, »denn geschehene Dinge sind nun einmal nicht zu ändern. Was hatten wir denn auf dem blutigen Blubberkasten, daß wir nicht, wenn wirs hier einmal satt bekommen, auf jedem anderen Schiffe eben so gut wiederfinden?«

»Das ist schon wahr, und wenn wirs hätten haben können, wie wirs uns im Anfang gedacht, wär ich der Letzte, der die Veränderung bereute; aber gleich als Versorger von einer Frau und vier Kindern hingestellt zu werden, das heißt die Häuslichkeit doch ein Bißchen übertreiben. Wer steht uns außerdem dafür, daß wir nicht, wenn ihnen hier wieder ein halb Dutzend Ehemänner wegsterben, vielleicht noch Jeder ein oder zwei Frauen zugelegt bekommen, und dann sieh Legs an, wies dem jetzt geht! -- Hast du denn schon von dem neuen Kriegszug gehört?«

»Gewiß; sie rüsten schon mit aller Macht, und die Geschichte wird nächstens losgehen.«

»Na, ja,« sagte Jonas, »und wir sollen auch dabei sein und unsere Haut zu Markte tragen; das ist aber gegen den Contrakt, und ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht gerade in der Zeit sterbenskrank würde.«

»Hallo! ein Segel!« rief da Mac Kringo plötzlich, der, während Jonas sprach, durch die Büsche hin auf das Meer hinausgesehen hatte. »Das Weiße dort drüben =muß= ein Segel sein!«

»Gewiß ist das ein Segel!« bestätigte Jonas, nachdem er eine Weile -- seine Augen mit der Hand gegen die Sonne schützend -- nach der angedeuteten Richtung hinausgeschaut hatte.

»Das muß aber noch weit sein, denn es kommt mir so klein vor. Kannst du ausmachen, nach welcher Richtung es steht?«

»Spitz jedenfalls, und am Ende nach uns zu, denn wenn es hier vorbeigesegelt wäre, hätten wir es schon früher sehen müssen. -- Das kann auch kein Wallfischfänger sein, man kann ja den ganzen Rumpf erkennen, und doch zeigt er nicht viel Segel.«

»Am Ende ist das einer der kleinen Schooner,« sagte der Schotte, »die zwischen den Inseln herumkreuzen und Cocosöl und Perlmutterschalen eintauschen. Das wäre am Ende eine Gelegenheit, von hier fortzukommen.«

»Aber wer weiß, wie wir es nachher finden?« meinte Jonas, »und solche kleine Fahrzeuge haben auch selten viel Platz an Bord. Ja, wenn man wüßte, daß man damit nach Australien könnte! Dort soll ein tüchtiger Arbeiter in ein paar Jahren ein reicher Mann werden.«

»Auf einen Wallfischfänger gehe ich nicht wieder, so viel weiß ich,« sagte der Schotte; »hol der Teufel das Hundeleben, die Pferdearbeit, und die Capitaine, die wahrhaftig gar nicht wissen, wie sie einen armen Teufel von Matrosen nur genug quälen und schinden sollen!«

»Wahrhaftig, das Schiff hält gerade auf uns zu!« rief jetzt Jonas, der indessen keinen Blick von dem fernen Segel verwandt hatte. »Hinunter möchte ich doch jedenfalls, wenn es vielleicht ein Boot ans Land schickte.«

»Hör einmal, Jonas, ich will dir was sagen,« meinte der Schotte, nachdem beide eine Weile schweigend das ansegelnde Fahrzeug betrachtet hatten. »Wozu ich selber Lust habe, weiß ich in dem Augenblicke selbst noch nicht, und um zu einem Entschluß zu kommen, muß man natürlich doch erst wissen, was das für ein Fahrzeug ist und wohin es geht. Jedenfalls wollen wir aber unten in der Nähe sein, wenn es wirklich landet oder wenigstens ein Boot herüberschickt; denn in die Corallenriffe wird es sich keinesfalls hereingetrauen. Wann glaubst du, daß es heran sein kann?«

»Heute Abend kaum mehr,« sagte Jonas, »der Wind ist fast ganz eingeschlafen, und es kann nur langsam vorwärtsrücken. Hat es übrigens Lust, Monui anzulaufen, so können wir uns fest darauf verlassen, daß es morgen früh mit Tagesanbruch vor den Riffen liegt.«

»Gut, dann sei du morgen, gleich nach Tagesanbruch, unten bei Toanonga; eine Ausrede wirst du schon finden; bringe aber Legs mit, denn es ist am Ende besser, daß wir so viel als möglich von uns beisammen sind.«

»Wenn wir nur wüßten, wo Pfeife steckt!«

»Den hat der Alte jedenfalls in die Nähe der Canoes gesetzt,« sagte Mac Kringo, »das Segelwerk derselben in Ordnung zu bringen, und Spund wird dort wohl mit ihm zusammengekommen sein. Spund sehe ich aber jedenfalls heute Abend, denn Toanonga hat ihn hinbestellt, etwas mit ihm zu besprechen.«

»Verstehen sie denn einander?«

»Vortrefflich! Spund, in der festen Überzeugung, daß er die Leute hier bekehren muß, hat das Unglaubliche geleistet und spricht die Sprache schon fast so gut wie ich; dem Alten wird er aber langweilig, weil er ihn nie zufrieden läßt.«

»Seit wann ist denn da die Frömmigkeit bei ihm zum Durchbruch gekommen?«

»Ach, du weißt ja,« lachte der Schotte, »daß er uns schon immer am Bord Predigten gehalten hat; es ist einmal seine schwache Seite. Aber ich will machen, daß ich wieder hinunter komme, denn er möchte früher dort sein, und ich finde ihn nachher nicht mehr.«

»Wird aber der Alte nichts merken, wenn wir dort alle zusammentreffen?« fragte Jonas.

»Hm!« meinte der Schotte, »besser ist es freilich, wir lassen uns nicht gleich alle zusammen sehen, wenn wir nur in der Nähe sind. Legs mag deshalb auf die Landspitze hinaus gehen, wo wir damals die Woche gesessen haben, und dorthin soll Spund auch Pfeife schicken, wenn er ihn auftreiben kann. Wir Übrigen müssen dann sehen, wie wir uns am besten in der Nähe halten. Wirst du übrigens fortgeschickt, so widersprich nicht, sondern geh in den Wald hinein, als ob du nach Hause wolltest, und sieh dann zu, daß du ebenfalls unbemerkt zu den Andern auf die Landspitze kommst.«

»Und sollen wir Waffen mitbringen?«

»Wenn es =heimlich= geschehen kann, ja! Man weiß nie, was vorfällt; die Eingeborenen gehen ja auch jetzt alle schwer bewaffnet umher; aber je weniger ihr euch damit sehen laßt, desto besser ist es.«

»Gut, das wäre also abgemacht. Auf Wiedersehen morgen! Hols der Teufel! es ist doch endlich einmal eine Abwechselung in diesem so verzweifelt langweiligen Leben. Ob wir nun dableiben oder nicht, jedenfalls können wir doch von dem Schiff etwas Tabak bekommen, und ich kann dir versichern, ich habe einen ordentlichen Heißhunger darauf. Donnerwetter, da fällt mir ein! hast du denn neulich von dem Wallfischfänger keinen mitgebracht?«

»Ein verwünscht kleines Stückchen,« sagte zögernd der Schotte. »Die Leute waren schon drei Jahre aus, und der Capitain hielt sie furchtbar knapp mit Tabak.«

»Hast du welchen bei dir?« fragte Jonas gierig.

»Hm, ich weiß selber nicht einmal -- einen Mund voll höchstens.«

»Junge, Junge! und da läßt du mich hier die ganze Zeit mit trockenem Maule stehen! Du wirst doch wahrhaftig mit mir theilen?«

Mac Kringo suchte eine lange Weile in seinen Taschen, endlich brachte er ein kleines Stückchen heraus, daß er indessen mühsam von einem größern =in= der Tasche abgedreht.

»Das ist alles, was ich noch habe, kaum ein Bissen, aber schneide dir die Hälfte herunter, daß du wenigstens einmal wieder den Geschmack davon bekommst.«

»Hurrah! Tabak!« schrie Jonas, der das Stück schon vorher mit den Blicken verschlang. »Junge, wenn ich meine Familie gegen Tabak und Grog eintauschen könnte, so wollte ich mir kein besseres Leben, wie das hier auf der Insel, wünschen. Na, vielleicht bekommen wir morgen einen ordentlichen Vorrath. So viel weiß ich, ich packe meiner Frau ganze Toilette morgen ein, um wenigstens zum Tauschen irgend etwas bei der Hand zu haben. Und nun good-bye! mit Tagesanbruch morgen früh bin ich unten bei Toanongas Haus.«

Damit winkte er dem Freunde einen kurzen Gruß zu und verschwand bald in den Büschen. Mac Kringo verharrte noch eine Weile auf seiner Stelle, sich über die Richtung des Segels größere Gewißheit zu verschaffen. Es blieb aber bald keinem Zweifel mehr unterworfen, daß es wirklich näher kam. Mit =dem= Winde hätte es auch gar nicht von ihnen fortsegeln können, und darüber beruhigt, stieg er den Weg zurück ins Thal, den er vorher herauf gekommen.

2.

Mit Tagesanbruch am nächsten Morgen herrschte an der Landung von Monui ein außerordentlich reges Leben und Treiben. Schon gestern Abends hatten die Insulaner von ihrem Strand aus das nahende Segel erkannt, und Früchte und Gemüse wurden gepflückt und ausgegraben und alle möglichen anderen Gegenstände hervorgesucht, um, sobald das fremde Fahrzeug herankäme, einen lebhaften Tauschhandel mit ihm zu eröffnen. War doch schon vieles, was ihnen die weißen Männer bringen konnten, auf der sonst so einfachen Insel zum Bedürfniß geworden, während sie jetzt bei dem bevorstehenden Krieg auch noch hofften, mehr Feuerwaffen und Munition und damit den gewissen Sieg über die feindlichen Stämme zu erlangen.

Mac Kringo hatte Spund noch am vorigen Abend getroffen und ihm seinen Plan mitgetheilt. Zu seinem Erstaunen schien der würdige Bursche aber nicht die mindeste Lust zu haben, darauf einzugehen. Seit er nämlich die Bibel erhalten und fleißig darin gelesen hatte, war das, was bei ihm früher nur eine Art von stiller Neigung gewesen, zur wirklich fixen Idee geworden, daß er nämlich berufen sei, diese Heiden zu Christen zu machen.

Vergebens suchte ihm der Schotte eine solche Idee auszureden und ihm begreiflich zu machen, daß er ganz gewiß ein tüchtiger Matrose und Böttcher sei, höchst wahrscheinlich aber einen nur sehr mittelmäßigen Prediger abgeben würde. Spund ließ sich nicht irre machen; entgegnete, daß Petrus auch nur ein Fischer gewesen sei, also auch nicht einmal ein Böttcher, und Alles nur eben auf den Beruf ankomme. Dabei war er fest überzeugt, daß ihr Schiff, die »Lucy Walker,« nur seinetwegen verbrannt sei, um ihn hier, an dieser für ihn bestimmten Stelle festzuhalten, und die Übrigen -- Mac Kringo wie die anderen Kameraden -- konnten Gott danken, daß sie mit ihm in einem Boote gewesen seien, sonst wären sie auch zu Grunde gegangen.

Über den Brand des Fahrzeuges hätte ihm nun allerdings der Schotte einen besseren Aufschluß geben können, und schien einmal nicht übel Lust dazu zu haben, überlegte sich aber doch die Sache anders und schwieg. Vergebens waren aber alle Versuche seinerseits, den Kameraden von dem einmal gefaßten Vorsatz abzubringen. Nur dazu verstand er sich, ihren Planen, wenn sie wirklich fliehen wollten, kein Hinderniß in den Weg zu legen, ja, sie eher nach besten Kräften zu fördern. Und das geschah noch in seinem eigenen Interesse; denn von dem Christenthum der Kameraden hielt er außerordentlich wenig und fürchtete eher, in seinen neuen und frommen Planen durch die Anderen gestört und verspottet zu werden. Je früher sie also die Insel verließen und ihm das Feld räumten, desto eher durfte er hoffen, ein Resultat zu erreichen.

Das Fahrzeug war indessen mit der frischen Morgenbrise rasch näher gekommen, und es ließ sich jetzt deutlich erkennen, daß es keineswegs ein großer Wallfischfänger, sondern, wie die beiden Matrosen gestern Abends richtig gesehen hatten, nur ein kleiner Schooner von vielleicht hundert oder hundertzwanzig Tonnen war. Im Anfang hatten die Insulaner auch ihre Canoes bereit gehalten, mit denen sie das fremde Fahrzeug anlaufen wollten, und Mac Kringo überlegte sich schon dabei, ob es in dem Falle nicht möglich sein würde, ein Canoe selbst mit Gewalt zu nehmen und einen offenen Fluchtversuch zu wagen. Da änderten die Indianer plötzlich ihren Plan. So wie das Fahrzeug nahe genug kam, die Stärke desselben deutlich erkennen zu können, hatte Toanonga seine Egis zu einer raschen Berathung zusammenberufen. Die Unterredung mußte auch sehr wichtig sein, denn sie besprachen sich lange und heimlich mit einander, und als sich ihnen der Schotte nähern wollte, wurde er zurückgewiesen.

Das sah nun allerdings aus, als ob die Indianer etwas im Schilde führten; aber was konnten sie beabsichtigen? einen offenen Angriff? Ihre Canoes lagen sämmtlich in einer kleinen, durch Mangrove-Büsche geschützten Bai, um aber mit ihnen hinaus in See zu kommen, mußten sie über das offene, wohl eine halbe Stunde breite Binnenwasser, das zwischen den Corallenriffen und dem Ufer lag, und nur ein einziger schmaler Weg blieb ihnen durch die Riffe und die darüber stürzende Brandung ins Freie. Das fremde Fahrzeug hätte also in einem solchen Falle entweder Zeit genug behalten, sich gegen einen solchen Angriff zu rüsten oder demselben auch, mit der jetzt frisch wehenden Brise, leicht entgehen können.

Das schien aber auch nicht in der Absicht der Eingeborenen zu liegen, denn ihre Canoes wurden nicht gerüstet. Nur ein einzelnes, ganz kleines ruderte, von zwei Insulanern bemannt, hinaus, der Einfahrt zu.

Bis jetzt hatte sich nun allerdings Mac Kringo als Dolmetscher der Insel betrachtet, und daß Toanonga diesmal seine Hülfe nicht in Anspruch nehmen wollte, machte ihn stutzig. Jedenfalls aber bekam er dadurch einen Vorwand, den alten Häuptling nach der Ursache zu fragen, und ging deshalb langsam auf ihn zu. Hatte er ein Geheimniß, so wollte er es bald aus ihm heraus bekommen.

Jonas war vor einer Viertelstunde, der gestrigen Verabredung gemäß, richtig eingetroffen, von dem Alten aber augenblicklich wieder fortgeschickt worden und befand sich jetzt mit Legs auf der Landzunge und ziemlich in der Nähe. Nur von Pfeife hatte der Schotte nichts erfahren können. Spund wußte seiner Aussage nach allerdings die Stelle, wo seine Wohnung stand, wollte ihn aber in den letzten vier Wochen mit keinem Auge gesehen haben und behauptete nur, daß er einige Mal längere Unterredungen mit Toanonga selber gehabt.

Der alte Häuptling saß wie gewöhnlich vor seiner Hütte und nickte dem Schotten, als er ihn kommen sah, freundlich und herablassend zu.

»Willst du keinen Handel mit dem Schiff treiben, Toanonga?« fragte ihn dieser, als er, neben ihm angekommen, sich bei ihm niedergelassen hatte. »Brauchst du keinen Tabak und keine Beile mehr?«

»Je nun, Ma Kino,« schmunzelte der Alte, »können immer Alles gebrauchen. -- Wenn Papalangis aber mit Toanonga handeln wollen, mögen sie selber herüberkommen.«

»Aber ein Canoe ist doch schon zu ihnen hinübergefahren.«

»Ja,« sagte der Alte gleichgültig, »habe es auch gesehen; sind neugierige junge Leute, die vielleicht einmal zuschauen wollen, was die Papalangis an Bord haben.«

Mac Kringo wußte recht gut, daß sich der Alte nur so stellte, als ob jenes Canoe aus freien Stücken dort hinüber gefahren sei. Ohne seine Erlaubniß durfte nämlich gar kein Fahrzeug das Binnenwasser verlassen, mit irgend einem Schiffe Handel zu treiben. Er ließ sich jedoch nichts merken und antwortete nur ruhig:

»Sie werden aber nicht verstehen, was die Papalangis zu ihnen sagen.«

»Bah!« lachte der Alte, »ist auch nicht nöthig! was werden die Papalangis viel sagen? Aber weißt du, Ma Kino, was das für ein Schiff ist? doch keines, das herumfährt, Wallfische zu fangen?«

»Ich glaube kaum,« sagte der Schotte, »und denke eher, daß es zu euch kommt Cocosnußöl einzutauschen.«

»Hm, das habe ich mir auch gedacht! Ob sie wohl Kanonen an Bord haben?«

»Jedenfalls,« meinte Mac Kringo, der dadurch alle etwaigen Gelüste des Häuptlings auf das Schiff abzuwenden suchte. »Bewaffnet sind derartige Schiffe immer gut, denn sie wissen nie, ob sie Freunde oder Feinde auf den Inseln finden.«

Toanonga erwiderte nichts hierauf, sondern sah eine Weile nachdenkend vor sich nieder; endlich sagte er:

»Wär ein vortrefflich Ding, wenn wir auch Kanonen hätten; was meinst du, Ma Kino? könnten nach Hapai hinüberfahren und die ganze Insel wegnehmen. Bum -- bum! wie die Hapai-Burschen laufen würden, wenn Toanonga mit solchen großen Dingern zu ihnen käme!«

»Die Papalangis verkaufen nur nicht gern ihre Kanonen,« meinte der Schotte, »sie brauchen sie immer selber und können hier keine anderen dafür wieder bekommen.«

»Wär auch gar nicht nöthig,« sagte Toanonga finster, »brauchen hier nicht herzukommen und Tonga-Leute todt zu schießen -- Tonga-Leute gehen auch nicht zu den Papalangis und fangen dort Krieg an.«

Wieder machte er eine Pause, und Mac Kringo schwieg ebenfalls, da er nicht recht wußte, was er ihm darauf erwidern sollte! Jedenfalls merkte er aber, daß der Alte etwas auf dem Herzen habe und nur nicht recht mit der Sprache herauswollte.

»Sag einmal, Ma Kino,« fuhr da endlich Toanonga fort, »gefällt es dir auf Monui?«

»Mir? gewiß!« erwiderte durch die Frage etwas überrascht der Schotte, denn bis jetzt hatte sich der alte Häuptling entsetzlich wenig darum gekümmert, ob ihnen das Leben dort zusagte oder nicht.

»Und möchtest du wieder hinaus und Wallfische fangen?«

»Ich danke schön, wenn es nicht sein =muß=, gewiß nicht!« lachte der Matrose.

Toanonga schien mit der Antwort zufrieden, denn er nickte leise vor sich hin.

»Gut,« sagte er dann, »und wenn wir jetzt so ein paar Kanonen und solch ein großes Schiff hätten, dann könnten wirs bald noch besser bekommen. Wenn Ma Kino mit nach Hapai geht und dort viel Beute macht, kann er sich Frauen nehmen, so viel er will, die Mädchen von Hapai sind jung und schön.«

»Wo, zum Henker! will der Alte hinaus?« dachte der Schotte. »Hat er doch am Ende Absichten auf das Schiff, und sollen wir ihm die Castanien aus dem Feuer holen? darin irrst du dich aber, mein Bursche, denn was =du= wegschenkst, ist auch gewöhnlich nicht werth, daß man es aufhebt.«

»Pfeife ist ein guter Bursche,« sprang da plötzlich Toanonga auf ein anderes Thema über, »und Spund sehr gut, nur ein Bißchen dumm, Jonas nicht viel werth, Schmied gar nicht, und Koch ganz schlechter Kerl -- werde ihm noch zwei Frauen geben, wenn er mit denen nicht Frieden hält.«

Mac Kringo lachte, denn er dachte in dem Augenblicke daran, was ihm Jonas gestern Abends erzählt und welche schwere Zeit der arme Legs schon jetzt mit seinen Frauen hatte. Die Gelegenheit war aber auch zu günstig, etwas von Pfeifes Aufenthalt zu erfahren, und er fragte deshalb den Alten, wo er stecke und was er treibe.

»Pfeife,« sagte Toanonga, der nur die Spitznamen der Matrosen erfahren hatte und sie danach nannte, »Pfeife geht es sehr gut. Braver Papalangi, arbeitet fleißig und macht Segel für die Canoes, und Lemon hilft ihm.«

»Lemon ist bei ihm?« rief Mac Kringo schnell.

Toanonga antwortete ihm nicht darauf, denn seine Aufmerksamkeit wurde in diesem Augenblicke zu sehr durch den Schooner in Anspruch genommen. Dieser kreuzte jetzt dicht vor den Riffen und hatte gerade das zu ihm ausgekommene Canoe langseit genommen. Mac Kringo lag auch nichts daran, sich jetzt noch länger hier aufzuhalten, denn er wußte Alles, was er wissen wollte, und da Toanonga das Gespräch nicht wieder aufnahm, erhob er sich und verließ langsam, als ob er in den Wald wieder hineinschlendern wollte, den Platz. Sobald er dem Alten übrigens aus Sicht war, eilte er, jeden gebahnten Weg vermeidend, so rasch er konnte, der Landspitze zu, auf der er die Kameraden wußte. Diesen mußte er seine Vermuthungen mittheilen und gemeinschaftlich mit ihnen einen Plan berathen.

3.

Mac Kringo hatte geglaubt, seinen Weg ziemlich unbemerkt verfolgen zu können. Das, sah er bald, war nicht möglich, denn von allen Seiten kamen Insulaner und besonders Frauen herbei, und zwar die letzteren nur aus Neugierde, einen so seltenen Gegenstand, wie ein fremdes Schiff, zu betrachten. Im Anfange suchte er ihnen auszuweichen, da er aber dadurch Verdacht zu erregen fürchtete, folgte er zuletzt dem offenen Fußweg und unterhielt sich mit denen, die ihm begegneten. Allerdings wurde er einige Male gefragt, warum er nicht am Strand bliebe und wohin er wolle; er gab aber ausweichende Antworten und meinte, es würde wohl noch eine Weile dauern, bis die Weißen ans Land kämen, und er könne vielleicht indessen selber einige Yams aus einem dort in der Nähe liegenden und ihm gehörenden Felde holen, um sie nachher gegen Tabak einzutauschen.

So kam er endlich zu dem Gebüsch, das die Landspitze begränzte, und einmal dort, traf er auch Niemanden mehr, denn die da draußen stehende Hütte lag unbewohnt. Nur die Fischer übernachteten manchmal in derselben, wenn sie von dort aus mit der Morgendämmerung auf den Fang gehen wollten.

An der bezeichneten Stelle fand er übrigens die ihn schon ungeduldig erwartenden Kameraden und zu seiner Freude auch Lemon, den Jonas in der Nähe der Canoes angetroffen und dorthin bestellt hatte.

»Donnerwetter! daß ist gut, daß du kommst, Lord Douglas!« schrie ihm Legs, der eine mächtige Kriegskeule in der Hand trug, schon von Weitem entgegen. »Ich weiß hier ganz in der Nähe ein kleines Canoe, und in einer halben Stunde können wir draußen an Bord und in Sicherheit sein. Hol der Teufel das Hundeleben auf der Insel! Ich habs zum Sterben satt und will mein Lebtag an Monui denken.«

»Unsinn!« sagte aber Jonas, »wenn wir jetzt hier mit einem Canoe abfahren, schneiden sie uns den Weg ab, ehe wir halb aus der Bai hinaus sind, und dann dürfen wir uns nur jeden Gedanken an Flucht vergehen lassen.«

»Wo ist Pfeife?« fragte Mac Kringo, »den dürfen wir doch auf keinen Fall zurück lassen.«

»Pfeife steckt drüben bei den Canoes,« rief Lemon, »und näht Segel. Da müssen wir Spund aber auch mitnehmen, und wenn wir warten wollen, bis wir erst alle Sechse einmal zusammen haben, können wir uns auch darauf verlassen, daß wir sitzen bleiben.«

»Jungens,« sagte da Mac Kringo, der indessen gesucht hatte, durch die dichten Mangrove-Büsche einen Überblick nach der innern Bai zu gewinnen, »mit eurem Plane ist es nichts. Da draußen fährt eben das Schiffsboot, von dem Canoe begleitet, das heute Morgen hinausgegangen ist, durch die Riffe, und das anzurufen, dazu sind wir zu weit entfernt, und es würde auch die Insulaner augenblicklich aufmerksam machen.«

»Und weshalb brauchen wir es anzurufen?« rief Legs ärgerlich, »laß die immer fahren. Wenn wir nur erst einmal an Bord sind, sollen uns die Rothfelle wahrhaftig nicht wieder herunter bringen.«

»Du redest, wie dus verstehst,« erwiderte ruhig der Schotte, »und glaubst du denn, Toanonga hat nicht Verstand genug, die Weißen in dem Falle als Geißel an Land zu behalten? So wie der merkte, daß wir ihm durchs Netz gingen, machte er die Klappe zu und hätte die Anderen fest, und der Capitain von dem Schooner wird uns wahrhaftig nicht mit in See nehmen und seine eigenen Leute dafür zurück lassen.«

»Dann ist die ganze Geschichte wieder faul!« fluchte Legs; »das kommt aber von dem ewigen Trödeln und Berathen her! Erst hat =der= ein Bedenken und dann =der=, und dabei bleiben wir richtig jedesmal in der Falle sitzen. Das sag ich euch, wenn sich mir irgend eine Gelegenheit zur Flucht bietet, auf euch warte ich nicht, denn mit euren überklugen und ewigen Bedenklichkeiten kommt ihr überall zu kurz.«

»Renn du nur mit dem Kopf gegen die Wand,« sagte Mac Kringo ruhig, »so wirst du schon bei Zeiten finden, wo du bleibst. Übrigens sei so gut und schrei nicht so, denn wir sind keineswegs so weit vom Wege entfernt, und deine und Pfeifes Stimme hört man eine Meile durch den Wald.«

»Na gut,« sagte Legs, der Warnung jedoch Folge leistend und nicht so laut als vorher, »wenn du denn so genau weißt, was wir thun und lassen müssen, so erzähl uns auch jetzt, was nun werden soll und was du im Sinne hast!«

»Ja, wenn ich überhaupt etwas im Sinne hätte!« entgegnete Mac Kringo, »darüber scheinen wir allerdings einig zu sein, daß wir hier fort wollen, um auf irgend einer andern Insel als freie Männer auftreten zu können. Ob das aber mit diesem Schiffe geschehen kann, ist noch die Frage. Wir wissen ja nicht einmal, ob der Capitain Platz für uns an Bord und überhaupt Lust hat, sich mit uns einzulassen. Manche dieser Herren sind verdammt mißtrauisch, und hüten sich, besonders in der Nähe von Australien, englische Matrosen in größerer Zahl aufzunehmen. Sie trauen nicht, ob es nicht am Ende statt verunglückter oder entlaufener Seeleute entsprungene Sträflinge aus den dortigen Colonien sind.«

»Ja, wozu sind wir aber dann hier zusammengekommen?« rief Lemon. »Wenn wir nicht wenigstens einen Versuch machen, fährt das Boot wieder ab, und wir bleiben so klug wie vorher.«

»Lord Douglas steckt überhaupt immer voller Plane, aus denen nie etwas wird!« rief Legs ärgerlich. »Wie klug konnte er damals sprechen, als die Lucy Walker noch hier lag! und wäre das Feuer nicht da zufällig ausgebrochen, so schwämmen wir jetzt wieder ganz ruhig mit dem alten Kasten im Eismeer umher und ruderten mit Fausthandschuhen hinter schmierigen Wallfischen drein.«

»Ja, aber« ... wollte Jonas etwas darauf entgegnen, der Schotte unterbrach ihn jedoch und sagte:

»Wenn wir mit dem Maul hier wegzubringen wären, Legs, dann glaube ich allerdings, daß du uns allein helfen könntest. Jetzt aber sei so gut und laß uns mit deinem Unsinn zufrieden, und hört erst einmal meinen Vorschlag. Wißt ihr dann was Besseres, so soll es mich freuen, ich bin gern erbötig, euch Folge zu leisten.«

»Na, da komm endlich einmal klar, und reib nicht so lange auf dem Sand herum!« rief Lemon; »die Zeit vergeht, und wir haben wahrhaftig keine übrig.«

»So hört,« sagte Mac Kringo, »ich muß vor allen Dingen jetzt zum Alten, um dort zu dolmetschen, wenn die Fremden nichts von der Tonga-Sprache verstehen. Dort will ich mit dem Steuermann oder wer nun gerade an Land gekommen ist, schon Gelegenheit finden, ein paar Worte allein zu sprechen. Wollen sie uns mitnehmen, dann findet sich auch eine Gelegenheit, fortzukommen, und in dem Fall habe ich selber nichts dagegen, daß wir es zum Äußersten treiben und Gewalt brauchen, wenn wir eben auf keine andere Weise fortkommen können. Können sie uns freilich nicht mitnehmen, dann bleibt es für uns das Beste, uns so ruhig wie möglich zu verhalten. Jeder geht nachher wieder seiner Beschäftigung nach, und wir warten eine günstige Gelegenheit ab.«

»Doch wie dem auch sei, von da drüben werde ich euch ein Zeichen geben, damit ihr wißt, was ihr zu thun habt. Seht ihr jene in die Bai auslaufende spitze Corallenbank, auf der ein einzelner Pfahl steckt? -- =Die= behaltet im Auge. Rudert das Boot dorthin, und winken sie euch von Bord aus, so gilt das als ein Zeichen, daß sie uns mitnehmen können, dann kommt so rasch ihr könnt an die Landung, bringt auch irgend eine Waffe mit, im Nothfall unseren Weg mit Gewalt zu erzwingen. Bekommt ihr aber von dem Boot =kein= Zeichen, dann heißt das so viel, daß sie uns nicht haben wollen, und dann versteht es sich von selbst, daß wir für jetzt jeden Fluchtversuch aufgeben.«

»Das klingt doch endlich einmal wie Vernunft,« brummte Legs. »Nun mach aber, daß du fortkommst, denn mir brennt der Boden schon unter den Füßen. Ha, ha, ha, wie sich meine Familie freuen wird, wenn ich heute nicht zum Essen komme.«

»Und was wird aus Pfeife?« fragte Jonas.

»Ihr habt ja Zeit genug, dem unsern Plan mitzutheilen,« entgegnete der Schotte; »kommt ihr mit dem Canoe, so nehmt ihn ein; im andern Falle sagt ihm nur Bescheid, aber kommt mir nicht Alle in einem Klumpen, sondern vertheilt euch hübsch, daß die Insulaner nichts merken. Es muß aussehen, als ob ihr nur zufällig an den Strand kommt. Und jetzt good-bye! wenn das Glück gut geht, sehen wir uns vielleicht an Bord wieder!«

Toanonga hatte indessen in aller Ruhe der Ankunft eines Bootes von dem fremden Fahrzeug entgegengesehen, und an ihm bemerkte man nicht das Geringste von der Aufregung, die unter den Egis selber zu herrschen schien. Daß diese dagegen etwas Besonderes und Außergewöhnliches erwarteten, war augenscheinlich. Waffen wurden herbeigebracht und in der Nähe versteckt, und in Toanongas Hause selber die bis dahin eingepackten Musketen hervorgesucht und geladen, ohne daß sich jedoch der alte Häuptling im Geringsten selbst darum bemüht hätte. Er ließ das alles seine Häuptlinge besorgen, und wenn man ihn so dasitzen sah, würde man kaum geglaubt haben, daß all das thätige Leben um ihn her nur einzig und allein von ihm selber ausgegangen sei.

Um die Papalangis hatte sich indessen Niemand bekümmert, und eigentlich war es Toanonga ganz recht, daß sie sich gerade jetzt nicht am Strand befanden. Spund allein kam endlich langsam dort herauf geschlendert, und ohne sich an die geheimnißvolle Geschäftigkeit der Insulaner zu kehren oder selbst besonders auf das Schiff zu achten, das ihn doch eigentlich hätte interessiren müssen, schien er ein ganz anderes Ziel im Auge zu haben.

Feierlich schritt er auf den alten Häuptling zu, mit dem er sich in seiner Sprache schon recht gut unterhalten konnte. Wenn es auch manchmal ein wenig verkehrt herauskam, verstand doch Toanonga immer, was er eigentlich sagen wollte.

»Ah Spund,« redete ihn der Häuptling freundlich an, »es ist gut, daß du gerade kommst. Ma Kino steckt wer weiß wo im Busch, und wenn Papalangis ans Land kommen, muß doch Jemand da sein, der mit ihnen spricht; Papalangis schrecklich dummes Volk! müssen erst immer zu Tonga-Inseln kommen, um die Sprache zu lernen!«

Spund ließ sich ohne Weiteres neben dem alten Häuptling nieder und sagte.

»Ja, Toanonga, Papalangis mögen in Manchem dumm sein, aber sie haben doch wenigstens den rechten Glauben.«

»Glauben? Glauben haben wir auch!« sagte Toanonga. »Ich glaube, daß da drüben von dem fremden Schiff gerade jetzt ein Boot abstößt und zu uns herüber kommen wird.«

Spund seufzte tief auf.

»Ach,« stöhnte er, »daß du nur immer an irdische Dinge denken willst, Toanonga! Weißt du denn, was uns bevorsteht, wenn wir plötzlich sterben?«

»Sterben? wer denkt an Sterben!« lachte Toanonga. »Wenn das kommt, ist es Zeit genug, und dann gehen wir hinüber nach Bolutu[33] und werden Hotuas.«

»Ja, Hotuas!« ächzte Spund, »man wird euch behotuan! Sieh, Toanonga!« setzte er dann gutmüthig hinzu, »du bist sonst ein braver Mann, und ich mag dich gern leiden, und deshalb thut es mir immer leid, wenn ich dich ansehe, und weiß, in welcher entsetzlichen Gefahr du schwebst.«

»Gefahr?« sagte der alte Häuptling, und sah rasch und mißtrauisch in die Augen des Seemannes, »und was weißt du von Gefahr?«

»Ich weiß, was hier in dem Buche steht,« sagte Spund, auf die Bibel zeigend, die er sorgfältig unter dem linken Arme trug. »Und daß wir einmal an einen sehr bösen Platz kommen, wenn wir uns hier nicht zum rechten Glauben bekehren.«

»So?« lächelte Toanonga, vollkommen beruhigt, denn die Bekehrungsversuche des Matrosen hatten ihn bisher außerordentlich gleichgültig gelassen. Er selber versuchte übrigens nie einen der Weißen zu der Annahme seines eigenen Glaubens zu bewegen, weil er sich nicht denken konnte, daß Papalangis auf Bolutu zugelassen würden. Was hätte es ihm also geholfen, seine Zeit damit zu vergeuden? Seine augenscheinliche Gleichgültigkeit gegen die Schrecken nach dem Tode reizte den Matrosen aber nur noch mehr, ihm nachdrücklich in das Gewissen zu reden, und das Buch vor sich auf die gekreuzten Beine legend, rief er aus:

»So? du sagst ganz ruhig: so? wenn wir aber sterben, werden wir nicht mehr =so= sagen; dann kommen wir an einen Ort, wo da ist Heulen und Zähneklappern und ein schreckliches Feuer, in dem wir gebrannt werden von Ewigkeit zu Ewigkeit.«

»Ist das euer Glaube?« fragte Toanonga, »und kommen die Papalangis wirklich an solchen Platz?«

»Allerdings!« rief Spund, der jetzt endlich des Häuptlings Aufmerksamkeit dahin gelenkt hatte, wohin er sie haben wollte. »Wenn wir nicht fromm und gottesfürchtig auf dieser Erde leben, wenn wir nicht an Gott glauben, wenn wir sündhafte, schlechte Menschen sind und uns nicht zu dem bekennen, was in diesem Buche steht, dann erleiden wir furchtbare Strafen, Strafen, wo einem jetzt schon die Haut schaudert, wenn man nur daran denkt. Und was sagst du nun, Toanonga?«

Der alte Häuptling hatte ihm aufmerksam zugehört und nickte dabei langsam mit dem Kopfe.

»Hm, hm, hm!« sagte er dann, »=das ist sehr schlimm für Papalangis!=«

»Für Papalangis?« rief Spund überrascht, den diese Wendung ganz außer Fassung brachte.

Toanonga deutete aber mit ausgestreckten Armen auf die Bai, auf der das Boot der Weißen jetzt, von einem Canoe begleitet, schon heranglitt, und das Gespräch war dadurch natürlich abgebrochen.

»Verdammter, dickköpfiger Heide!« murmelte aber Spund in sehr unchristlicher Entrüstung halblaut und ärgerlich vor sich hin. »Na, daß du einmal den ganzen Weg bergunter gehst, wenn du stirbst, darauf kannst du dich doch fest verlassen.«

Toanonga nahm aber nicht mehr die geringste Notiz von ihm.

Einer der Egis war wieder zu ihm getreten und hatte ihm etwas ins Ohr geflüstert, und der alte Häuptling stand auf, die Fremden zu begrüßen.

Die Leute im Boot ließen sich jetzt deutlich erkennen. Am Steuer saß ein Europäer, die vier Rudernden waren aber sogenannte Kanakas, Eingeborene der Sandwichs-Inseln, die jedoch mit den Riemen ganz vortrefflich umzugehen wußten. Einige der Insulaner liefen ihnen entgegen, und halfen ihnen das Boot auf den Corallensand ziehen, während sie mit den Fremden ihre Begrüßungen wechselten. Die Sandwichs-Insulaner haben jedoch eine von den Tongas sehr verschiedene Sprache, und die Indianer konnten sich nicht unter einander verständigen, während der Fremde die Tonga-Sprache vollkommen gut und fließend redete.

Es war eine breitschulterige, kräftige und ächte Seemanns-Gestalt, die den Engländer nicht verläugnen konnte, mit blauen, klaren Augen, wettergebräunten Zügen und festgelocktem hellbraunem Haar. Er ging auch ohne Weiteres auf Toanonga, den er bald als den How der Insel erkannt hatte, zu, schüttelte ihm die Hand und redete ihn mit dem üblichen Gruße der Insel an. Auf Spund, der mit der Bibel unter dem Arm nicht weit davon stand, warf er nur einen flüchtigen und wie überraschten Blick -- denn der Bursche sah in seiner halb indianischen halb Matrosen-Tracht, mit dem dicken Buch unterm Arm und dem gar nicht recht dazu passenden breiten Gesicht, komisch genug aus. Er nickte ihm aber nur zu und achtete weiter nicht auf ihn. Hatte er doch lange genug die verschiedenen Inselgruppen besucht, um daran gewohnt zu sein, Missionare und weggelaufene Matrosen auf ihnen zu finden, wenn er auch nicht gleich wußte, zu welcher der beiden so verschiedenen Classen der Weiße hier gehören mochte.

Seine Absicht war, wie er Toanonga gleich von vorn herein erklärte, Alles von Cocosnußöl, was auf der Insel vorräthig sei, aufzukaufen und dafür Waaren, wie sie die Insulaner gerade gebrauchten, einzutauschen.

Toanonga hörte ihm aufmerksam zu und sagte ihm dann, daß er die nöthigen Befehle dazu geben werde. Damit ließ er den Fremden stehen und wandte sich seinen eigenen Leuten wieder zu, wo bald einer der jungen Bursche, der mit dem Canoe draußen an Bord des Fahrzeugs gewesen war, an seine Seite glitt.

»Nu, Tibi--ano,« sagte da der Alte, als er weit genug von dem Fremden entfernt war, um nicht von ihm gehört zu werden, »wie viel Weiße sind draußen auf dem großen Canoe?«

»Noch fünf, Toanonga;« lautete die Antwort, »außer dem hier und noch drei Kanakas. Der hier Capitain.«

»Ah, vortrefflich!« nickte Toanonga, »sehr gut das! und haben sie Kanonen?«

»Zwei; nicht sehr große.«

Der alte Häuptling schmunzelte vergnügt vor sich hin, und warf dabei vorsichtig den Blick umher, sich zu überzeugen, ob seine Anordnungen ausgeführt würden. Neben dem Schiffsboot standen zwei der Egis und sechs oder acht andere Insulaner, während die Kanakas, von einem der Monui-Leute geführt, zu einer kleinen Gruppe von Cocospalmen gegangen waren, dort eine Anzahl Nüsse herunter zu werfen. Der Capitain des Schooners stand neben Spund, der ihm gerade Bericht über den Untergang der Lucy Walker abstattete.

Eben jetzt kam Mac Kringo aus dem nächsten Pandanus-Dickicht und ging auf den Capitain zu. Zu seinem Erstaunen sah er aber, daß nicht allein eine Menge Indianer bewaffnet waren, sondern ein Theil von ihnen sogar im Dickicht versteckt blieb. Mit den Sitten der Insulaner bekannt, zweifelte er keinen Augenblick daran, daß sie irgend etwas Böses gegen die Fremden beabsichtigen, und je eher er deshalb den Bedrohten warnen konnte, desto besser.

Der Fremde war indessen mit Spund in ziemlich lebhaftem Gespräch schräg an der Corallenbank hinausgeschritten. Toanonga hatte ihm eben gewinkt, zu ihm zu kommen. Dort aber, wo der Corallensand aufhörte und der Fruchtboden begann, stand ein kleiner Streifen von Casuarinen mit ein paar Pandanus-Bäumen und einem Unterwuchs von einzelnen niederen Büschen. Im Schatten derselben lagen etwa acht oder neun Insulaner. So wie jedoch der Capitain an ihnen vorüberschritt und hinter dem kleinen Buschstreifen vom Bord seines eigenen Schiffes aus nicht mehr gesehen werden konnte, sprangen diese plötzlich empor und warfen sich auf ihn.

Überrascht wie er war, gelang es dabei Zweien, sich seines linken Armes zu bemächtigen, aber sicher zu ihrem Schaden, denn mit dem rechten schlug er sie mit zwei rasch geführten Stößen, auch schon im nächsten Augenblick bewußtlos zu Boden. Die Überzahl war jedoch zu groß; ehe er sich gegen die Anderen wenden konnte, hingen diese überall um ihn her, und trotz seinem wüthenden Sträuben fand er sich bald gebunden und in der Gewalt der Feinde.

Spund war ein höchst überraschter Zeuge des Ganzen gewesen, und Alles so schnell gekommen, daß er wirklich gar nicht einmal daran dachte, dem Landsmann beizustehen.

Mac Kringo, der ebenfalls in der Nähe war, hatte allerdings etwas Ähnliches gefürchtet, aber er übersah auch mit einem Blick, daß sie hier mit Gewalt gegen die Übermacht der Eingeborenen nichts ausrichten konnten und verhielt sich deshalb gleichfalls ganz ruhig.

»Hallo, ihr Halunken!« schrie dabei der Engländer in der Tonga-Sprache, »ist das eure Gastfreundschaft, mit der ihr einen Fremden bewillkommt, und ihm vorher euer verrätherisches chio do fa entgegen ruft? und ihr da,« wandte er sich gegen die Weißen, als er Mac Kringo gerade erblickte, »=zwei= Engländer und lassen mich hier von den verdammten Rothfellen mißhandeln? Ihr seid schöne Canaillen! hätte ich nur =Einen= von meinen weißen Leuten hier an Land, ein ganzes Schock dieser braunen Schufte wäre mir nicht zu nahe gekommen.«

Die Kanakas hatten allerdings ihrem Capitain im Anfang zu Hülfe springen wollen, da sie aber von allen Seiten kriegerische und bewehrte Gestalten auftauchen sahen, wichen sie scheu zurück, es ihrem Führer überlassend, sich allein aus dieser Verlegenheit heraus zu arbeiten.

Vollkommen ruhig bei diesem plötzlich hereingebrochenen Kampfe war Toanonga geblieben, der nun erst, als er den Weißen gebunden und unschädlich gemacht sah, zu ihm trat.

»Ist das die Freundschaft, die du mir durch dein Canoe hast anbieten lassen, wortbrüchiger Häuptling?« rief ihm der gereizte Engländer entgegen.

»Ruhig, mein Freund!« suchte ihn indessen Toanonga zu beschwichtigen. »Du bist jetzt in unserer Gewalt, und es ist außerordentlich leichtsinnig von dir, durch nutzloses Schimpfen einen mächtigeren Feind zu reizen. Wenn wir dir hätten ein Leids zufügen wollen, so brauchten wir dir nur den Schädel einzuschlagen, und die Sache wäre abgemacht gewesen. Wenn du dich aber ruhig verhältst und das thust, was wir von dir verlangen, so hast du nicht allein für dich oder die Deinen nichts zu fürchten, sondern kannst auch nach einiger Zeit deine Reise ungehindert fortsetzen.«

»Und was verlangst du von mir?« fragte der Fremde. »Wenn es etwas ist, das ich erfüllen kann, wär es doch wohl vernünftiger gewesen, mich auf andere Weise darum zu fragen, als so über mich herzufallen!«

»Daß du es erfüllen =kannst=, wußte ich vorher,« erwiderte vorsichtig Toanonga, »nur darauf kam es an, ob du es erfüllen =wolltest=, und ich hielt es deshalb für besser, mir eben diesen guten Willen vorher zu sichern.«

»Eine verdammt schöne Art!« fluchte der Capitain, »wenn du dich nur nicht darin geirrt hast!«

»Ich glaube kaum,« sagte vollkommen gleichmüthig der Häuptling. »Wie heißest du?«

»Jacobs,« brummte der Fremde verdrießlich.

»Und dein Schiff?«

»Bonito.«

»Sehr gut. Nun sieh, wir brauchen hier auf Monui dein Schiff und deine Kanonen, um nach Hapai hinüber zu fahren, und die Häuptlinge zu züchtigen, die ihre Verbindlichkeiten gegen uns nicht erfüllt haben.«

»Mein Schiff!« schrie Jacobs wild emporzuckend, »den Teufel auch! das brauche ich selber! und wenn ihr das haben wollt, so holt es Euch draußen; seid aber versichert, daß euch mein Steuermann auf eine Art empfängt, die euch nicht behagen wird.«

»Das habe ich mir etwa gedacht,« lachte der Alte, »und dich hier festgehalten, um uns die Mühe zu ersparen. Du bist in unserer Gewalt, wie du recht gut weißt, und meine Egis haben beschlossen, dir das Leben zu nehmen, wenn du nicht nach unserem Willen thust. Fügst du dich aber in das, was du doch nicht mehr verhindern kannst, so verspreche ich dir, daß wir dein Schiff allerdings jetzt nehmen und deine Kanonen gebrauchen werden, daß du es aber wieder bekommen sollst, wenn wir in Hapai gesiegt haben.«

»Der Teufel trau euch!« rief Jacobs, »und im allergünstigsten Falle hätte ich ein paar Monate von meiner besten Zeit verloren. Nein! Thut mit mir, was ihr wollt, aber das Schiff bekommt ihr nicht. Und darauf verlaßt euch, daß mein Bruder, der Steuermann an Bord des Bonito ist, blutige Rache nehmen wird, wenn ihr mir ein Leides thut.«

»Sei vernünftig, Freund! Was kann er uns zufügen?« sagte Toanonga, »er muß froh sein, wenn er unseren Canoes entgeht. Du hast nur noch fünf weiße Männer an Bord, und der Wind draußen wird schon schwächer. Wenn wir noch ein paar Stunden warten und rudern dann hinaus, so könnt ihr nicht einmal fort, und dann ist das Schiff unser, und du bekommst nie etwas davon wieder.«

Jacobs wollte heftig darauf erwidern, Mac Kringo aber, der indessen hinzugetreten war, blinzelte ihm heimlich zu und sagte dann zu dem Alten:

»Laß mich mit ihm reden, Toanonga; er wird Vernunft annehmen, wenn er einsieht, daß er doch nichts daran ändern kann.«

Toanonga sah den Schotten etwas überrascht an, denn er hatte sein Kommen gar nicht bemerkt und mochte ihm auch vielleicht nicht so ganz trauen. Da er die Fremden aber ganz in seiner Gewalt wußte, schien er dem Vorschlage nach einiger Überlegung beizustimmen.

»Gut, Ma Kino,« sagte er, »sprich du mit ihm.«

»Und was willst du, daß er thun soll?« fragte der Schotte.

»Er soll hinausschicken und die anderen weißen Männer an Land rufen. Er mag ihnen sagen lassen, daß sie Messer und Tabak mitbringen, um dafür Cocosöl einzutauschen!«

»Daß ich ein Esel wäre!« rief Jacobs. »Ich soll mir selber die Hände binden, nicht wahr?«

»Seid ihr der Capitain des Schooners?« fragte ihn der Schotte in englischer Sprache.

»Ja wohl, der bin ich. Waret ihr mit auf der Lucy Walker

»Ja. -- Wie viel Weiße habt ihr noch am Bord, auf die ihr euch fest verlassen könnt?«

»Fünf, mit dem Steuermann.«

»Den Steuermann können wir nicht rechnen,« sagte der Schotte, »der muß an Bord bleiben. Wissen die anderen Vier mit Gewehren umzugehen?«

»Vortrefflich. Drei sind Franzosen von Taiti, und der Vierte ist ein Deutscher. Aber glaubt ihr wirklich, daß die Rothfelle ihre Drohung ausführen würden?«

»Ich fürchte fast, ja. Sie sind sonst gutmüthig und friedlich genug, aber jetzt gerade zu einem Kriege gerüstet, und ich möchte euch nicht rathen, sie zum Äußersten zu treiben.«

»Aber wenn ich das Boot ans Ufer kommen lasse, bin ich verloren, denn sobald sie ihre Canoes hinausschicken, kann mein Steuermann mit den paar Kanakas das Fahrzeug nicht allein halten.

»Habt ihr Musketen an Bord?«

»Gewiß.«

Mac Kringo schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder. Toanonga aber, der ein paar Schritte davon entfernt mit einem Häuptling sprach, wurde schon ungeduldig und drehte sich nach ihnen um.

»So wie so ist es eine verzweifelte Geschichte,« sagte da der Schotte. »Gebt ihr euch ihnen nicht gutwillig, so brauchen sie Gewalt, und euer eigenes Leben ist dann in ihren Händen. Mit so schwacher Besatzung hättet ihr nicht so leicht an Land kommen sollen. Trotzdem ist es doch am Ende noch möglich, sie anzuführen, wenn ihr euch verpflichten wollt, uns Europäer von dieser Insel mit fortzunehmen.«

»Wie viel seid Ihr?«

»Sechs; und so tüchtige Matrosen, wie ihr euch wünschen könnt.«

»Aber hier stehen wenigstens sechszig bewaffnete Insulaner um uns her.«

»Deshalb müssen wir euere vier Leute noch vom Boot zu Hülfe haben.«

»Und dann sollen wir uns mit Gewalt durchschlagen?«

»Wir müssen es versuchen! Ich weiß wenigstens keine andere Möglichkeit, euch zu helfen.«

»Und wer bürgt mir dafür, Freund, daß =ihr= es ehrlich mit mir meint?« sagte Jacobs. »Ihr habt mich hier ohne Warnung den Rothfellen in die Hände laufen lassen, und wie kann ich wissen, ob ihr nicht mit ihnen unter Einer Decke steckt!«

»Das Mißtrauen muß ich euch allerdings zu Gute halten,« sagte Mac Kringo, »und wenn ihr meinem ehrlichen Gesicht nicht glaubt, habe ich keine weitere Bürgschaft für euch, als die Versicherung, daß uns allen, oder wenigstens Fünfen von uns, der Boden hier unter den Füßen brennt, und wir Gott danken wollen, wenn wir die Insel im Rücken haben. Jetzt thut was ihr wollt; wenn ihr einen anderen Rath wißt, euch zu helfen, so ist es mir lieb, wo nicht, so sagt mir euere Meinung bald, denn wie ich sehe, fängt der Alte da hinten an, die Geduld zu verlieren.«

»Ihr habt Recht,« sagte Jacobs nach kurzer Pause, »es ist das die einzige Rettung. Im allerschlimmsten Falle kann dann mein Bruder, der Steuermann, doch am Ende noch mit den paar Kanakas und dem Fahrzeug entkommen, sobald er merkt, daß für uns Alles verloren ist. Aber auf welche Art kann ich ihm Kunde schicken? Wenn die Insulaner wenigstens meine Leute zurückrudern ließen!«

»Ich glaube schwerlich, daß Toanonga das zugiebt,« sagte der Schotte, »denn der günstige Erfolg seiner ganzen List beruht nur darauf, daß die am Bord keinen Verdacht schöpfen. Aber da kommt er selber, jetzt wollen wir gleich hören, wie er sich die Sache weiter ausgedacht hat.«

Toanonga war wirklich ungeduldig geworden, denn da er sich nun einmal mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, das Schiff den Fremden wegzunehmen und zu seinen eigenen Zwecken zu verwenden, erschien es ihm höchst rücksichtslos von dem Papalangi, daß er ihn auch noch so lange darauf warten ließ.

»Nun mach rasch, Ma Kino,« sagte er, als er zu ihm trat, »meine Leute wollen nicht länger warten, und wir haben auch keine Zeit zu verlieren, denn der Tag vergeht. Was sagt der Papalangi?«

»Er fügt sich deinem Willen,« erwiderte der Schotte; »wenn ihr keinem von ihnen ein Leides thun und ihnen das Fahrzeug, sobald ihr es gebraucht habt, zurückgeben wollt.«

»Nun versteht sich, versteht sich,« erwiderte der Alte, ungeduldig mit dem Kopfe schüttelnd.

»Aber der Steuermann hat Antheil an dem Fahrzeug,« fuhr Mac Kringo fort, »und wird es nicht gutwillig hergeben wollen.«

»Nicht gutwillig hergeben wollen?« lachte Toanonga, »wenn wir die Weißen erst an Land haben, brauchen wir ihn nicht lange zu fragen.«

»Aber wie willst du die an Land bekommen, Toanonga?« fragte der Schotte. »Wer soll hinüberfahren, sie zu holen? Denn eine Flagge haben wir nicht hier, ihnen ein Zeichen damit zu geben.«

»Du hast Recht,« sagte Toanonga, und sah sinnend vor sich nieder. Den Papalangi selber durfte er nicht schicken, der wäre natürlich nicht wieder gekommen, und die Kanakas durfte er auch nicht hinüber lassen, da die ja Zeuge des Überfalls ihres Capitains gewesen waren.

Mac Kringo, wie einem der anderen Weißen auf der Insel traute er ebenfalls nicht, und das Einzige blieb, daß er ein paar von seinen eigenen Leuten hinüber rudern ließ. Dabei konnte er sich aber nicht verhehlen, daß die Fremden kaum einem Befehl Folge leisten würden, der ihnen von den Eingeborenen einer fremden Insel gebracht wurde. Ein paar Mal kam ihm freilich der Gedanke, ohne Weiteres mit seinem Canoe hinauszufahren und den Schooner, der doch nicht ohne seinen Capitain absegeln konnte, zu entern; aber er fürchtete die Kanonen und durfte seine kriegsfähigen, jungen Leute, gerade im Begriff, einen Kriegszug zu unternehmen, nicht also gefährden; so lange er deshalb hoffen durfte, seinen Plan mit List durchzusetzen, wollte er jede Gewaltthat gern vermeiden.

»Spricht jemand bei euch an Bord die Tonga-Sprache?« fragte da Mac Kringo, während der Alte noch mit sich zu Rathe ging, den fremden Capitain in englischer Sprache.

»Nein, kein Mensch,« sagte dieser.

»Desto besser,« nickte der Schotte und fuhr dann, zu Toanonga gewendet, fort: »Darf ich dir einen Vorschlag machen, die Leute an Bord das wissen zu lassen, was du willst?«

»Allerdings, sehr gern!« rief der Alte, dem damit ein großer Gefallen geschehen wäre.

»Nun gut, so schicke Spund mit zwei Tongaleuten hinüber.«

»Spund?« fragte Toanonga, und schüttelte bedenklich mit dem Kopf.

»Spund ist eine gute, ehrliche Haut,« beruhigte ihn der Schotte, »und wenn du dem drohest, du würdest ihm den Schädel einschlagen, sowie er das Geringste verriethe, warnte er seinen eigenen Vater nicht. Außerdem braucht er gar nichts zu bestellen, denn du weißt, daß die Papalangis die Kunst verstehen, auf ein weißes Stück Zeug Zeichen zu malen, die einem Anderen sagen, was er wissen soll.«

»Da kann der Fremde aber darauf setzen, was er will!«

»Er mag es in der Tonga-Sprache thun, und du kannst dich dann selber überzeugen, daß er nichts sagt, als was du von ihm verlangst.«

Toanonga begriff noch nicht recht, wie das Ganze gemeint sei. Auf Spund glaubte er sich übrigens am ersten verlassen zu können, und wollte jetzt wenigstens sehen, was die Fremden im Sinne hätten. Er gab auch des Gefangenen Hände frei, und dieser ging rasch auf Mac Kringos Plan ein, nahm seine Brieftafel aus der Tasche, riß ein Blatt heraus und schrieb darauf in der Tonga-Sprache: Schicke mir augenblicklich die vier Papalangis herüber und laß sie Messer und Tabak mitbringen; darunter aber setzte er in Englisch nur die Worte: Verrath! schicke die vier Matrosen gut bewaffnet!

Toanonga hatte neben ihm gestanden und ihm aufmerksam zugesehen, war aber sehr erstaunt, daß der Fremde so rasch damit fertig wurde.

»Und da sollen sie jetzt wissen, was das bedeutet?« fragte er lachend. »Nun wartet, das wollen wir gleich erfahren. Geh einmal weg, Ma Kino, der Fremde soll mir allein sagen, was er darauf gemalt hat.«

Der Schotte trat zurück, und Jacobs las Toanonga die im Tonga-Dialekt geschriebenen Worte langsam vor. Darauf ging der Häuptling mit dem Zettel zu Mac Kringo, und war aufs Äußerste erstaunt, als dieser ihm jede Silbe genau wiederholte, wobei sich dieser jedoch wohl hütete, das Englische mitzulesen. Toanonga traute aber noch immer nicht; denn die Beiden konnten sich auch über diese Worte vorher verständigt haben. Er ging also wieder zu Jacobs zurück und flüsterte ihm zu, die beiden Worte =Monui= und =Toanonga= aufzuzeichnen. Davon konnte Mac Kringo jetzt nichts wissen, als er aber diesem das Blatt zeigte, und der die Worte ohne Schwierigkeit ablas, kannte sein Erstaunen keine Gränzen. Besonders konnte er sich gar nicht denken, daß er Monui gleich erkannt habe, da die fünf sehr auffälligen Bergspitzen der Insel gar nicht darin zu unterscheiden waren.

Er machte den Versuch auch noch mit ein paar andern Worten, und würde sich wahrscheinlich den ganzen Tag damit unterhalten haben, hätte die Zeit nicht gedrängt. Von dem also abgefaßten Briefe versprach er sich aber einen außerordentlichen Erfolg, nahm Spund zur Seite und flüsterte lange und heimlich mit ihm. Spund schien auch mit Allem einverstanden und nickte in Einem fort mit dem Kopfe. Die beiden Insulaner, die vorher mit dem Canoe an Bord gewesen waren, wurden dann in dem Boot der Weißen mit Spund abgeschickt, und dieser würdige Mann war jetzt nur in Verlegenheit, wohin er mit seinem Buche indessen sollte. An Land durfte er es nicht lassen; denn die Eingeborenen, die es sich einmal in den Kopf gesetzt, daß es Beschwörungen und Zauberformeln enthalte, hatten ihm schon eine Menge Blätter herausgerissen, wo sie deren nur habhaft werden konnten. Mac Kringo wollte er es auch nicht anvertrauen, und beschloß deshalb, es lieber mitzunehmen.

Der Schotte stand mit vorn am Bug, als sie das auf den Corallensand gezogene Boot wieder in tiefes Wasser schoben. Wie Spund aber bei ihm vorbei an Bord stieg, flüsterte er ihm zu. »Bringe Hülfe, oder wir sind verloren!«

»Ja, aber!« rief Spund ganz verblüfft, da er der erhaltenen Befehle Toanongas gedachte. Mac Kringo ließ sich jedoch auf keine weitere Erklärung ein, im nächsten Augenblick war das Boot flott, und die beiden Indianer ruderten es rasch dem Eingang der Bai entgegen.

5.

Mac Kringo war jetzt mit seinem Plan im Reinen; die Kameraden durften keinen Fluchtversuch im Canoe machen, so lange noch der Capitain des Schooners am Ufer gefangen gehalten wurde. Ihre einzige Rettung lag im Gegentheil darin, daß sie mit der Verstärkung vom Schooner, die jedenfalls Gewehre mitbrachte, ihre eigene Schaar herbeizogen, und dann den Indianern weit eher die Spitze bieten konnten. Langsam ging er deshalb auf die, seinen Schiffsgenossen schon im Voraus bezeichnete Corallenbank hinaus, blieb dort einen Augenblick stehen, und kehrte dann zum Ufer zurück. Er wußte jetzt, daß er die Kameraden bald in der Nähe hatte, und gelang es ihnen dann, sich bei dem Boote zusammen zu drängen und dieses in Besitz zu nehmen, so durften sie hoffen, ihre Flucht glücklich zu bewerkstelligen.

Allerdings waren alle in der Nähe wohnenden Indianer an der Landung versammelt, da Toanonga seine Leute zusammen halten wollte, um die vier Matrosen in Empfang zu nehmen. Gelang es ihnen jedoch, das Boot zu besetzen, so hatten sie dadurch auch wieder den Vortheil, daß die Indianer die wohl eine Viertelstunde entfernt liegenden Canoes nicht so rasch erreichen konnten und ihnen einen tüchtigen Vorsprung lassen mußten. In dem Bewußtsein freilich, daß sich jetzt der entscheidende Augenblick näherte, und daß ihnen entweder Freiheit winkte, oder im Falle des Mißlingens die größte Gefahr von den gereizten Eingeborenen drohe, schlug ihm das Herz stürmisch und ängstlich in der Brust. Die Minuten dehnten sich ihm zu Stunden aus, und in der Unruhe, in der er sich befand, schritt er den Büschen zu, vielleicht einem der Kameraden zu begegnen und ihm Vorsicht zu empfehlen.

Dort kam er an Toanongas Haus vorbei, und wenn die Eingebornen auch eines Häuptlings Wohnung nicht betreten dürfen, besonders wenn sich die Frauen darin aufhalten, ohne von ihnen dazu aufgefordert zu sein, hatte man es mit ihm, der als ein Häuptling der Weißen und als ein Fremdling betrachtet wurde, nie so genau genommen. Im Gegentheil war er von Anfang an den Frauen stets willkommen gewesen, da er, der Sprache mächtig, ihnen viel vom Lande und von den Frauen der Papalangis erzählen konnte. So trat er auch jetzt einen Augenblick hinein, um die ihm nachschauenden Indianer glauben zu machen, er schlendre nur wie gewöhnlich absichtslos in der Nachbarschaft umher.

Hatte er sich aber wirklich dort nur ein paar Minuten aufhalten wollen, so änderte er bald seinen Plan; denn seinem scharfen in dem inneren Raum umhergeworfenen Blick entgingen nicht die in einer Ecke lehnenden sechs oder acht Musketen, die hier jedenfalls zu plötzlichem Gebrauch bereit gelegt schienen. Den Frauen kam er dabei sehr erwünscht, denn diese brannten vor Neugierde, etwas Näheres über das zu hören, was außen vorging. Etwas Außergewöhnliches war jedenfalls im Werke, darüber konnten sie sich nicht täuschen, wären die Gewehre auch nicht hervorgeholt worden. Toanonga hatte ihnen jedoch nicht eine Silbe davon erzählen wollen, und Niemanden sahen sie deshalb jetzt gerade lieber als Mac Kringo.

Aber von dem Schotten bekamen sie im Anfang nur verworrene und unzusammenhängende Antworten; denn in dessen Kopfe bildete sich ein neuer Plan, ob er sich mit den Kameraden nicht vielleicht dieser Gewehre bemächtigen könnte. Nirgends aber entdeckte er die dazu gehörige Munition, und mißlang der Versuch, so waren sie alle verloren. Trotzdem gelang es ihm aber doch vielleicht, die Waffen wenigstens für die Insulaner unbrauchbar zu machen, und darüber mit sich im Reinen, begann er plötzlich eine lebendige Erzählung. Er beschrieb den Frauen, wie sie nun bald in Besitz eines großen Schiffes mit Kanonen sein würden, mit dem sie nach Hagai hinüberfahren und die dortigen Insulaner züchtigen könnten. Dabei schilderte er mit lebhaften Gestikulationen ihre Landung dort und ihren Angriff, und erfaßte dazu, um das anschaulicher zu machen, eines der Gewehre. Die Frauen, die den Knall dieser für sie furchtbaren Waffen kannten, wandten erschreckt die Köpfe und baten ihn, die Muskete hinzulegen. Mac Kringo that das, aber nicht ohne vorher den Stein aus dem Schlosse entfernt zu haben, den er geschickt in seine eigene Tasche schob. Immer aufs Neue kam er dabei auf den Angriff zurück, bis er von sämmtlichen Gewehren die Steine entfernt hatte. Die Frauen aber schöpften natürlich keinen Verdacht, denn sie konnten nicht wissen, daß der Papalangi in solcher Schnelligkeit und vor ihren Augen im Stande sein sollte, die Waffen vollständig unbrauchbar zu machen.

Darüber war wohl eine halbe Stunde vergangen, und der Schotte sah jetzt durch die offenen Bambusstäbe der Hütte, daß Jonas draußen angekommen und von Toanonga gesehen war. Das Boot mußte auch den dicht vor der Einfahrt kreuzenden Schooner schon erreicht haben, und es drängte ihn, zu wissen, ob die übrigen Kameraden in der Nähe und seines Rufs gewärtig seien.

Sein erster Blick, so wie er ins Freie trat, war nach dem Schiffe hinüber. Dieses hatte eben gewendet und hielt von den Riffen ab, denn der Wind war so schwach geworden, daß die Mannschaft an Bord nicht mit Unrecht fürchten mochte, auf die Corallen getrieben zu werden. Aber das Boot war schon auf dem Rückweg, und die nächste halbe Stunde brachte ihnen entweder Hülfe oder sah sie schlimmer in Gefangenschaft als je.

Toanonga schien indeß gar nicht mit der Ankunft des andern Weißen einverstanden, ging auch ohne weitere Umstände auf Jonas zu und fragte ihn, was er da schon wieder wolle.

»Was ich da will?« entgegnete dieser etwas verblüfft, »Tabak, bei Gott, wenn das Boot landet, denn ich denke, es ist lange genug, daß wir keinen gesehen haben.«

»Gut, Freund,« entgegnete Toanonga ruhig, »du sollst Tabak haben, jetzt aber geh hin, wo du hergekommen bist, und laß dich nicht eher wieder hier sehen, als bis ich dich rufe.«

»Aber ...« sagte der Matrose, der jetzt nicht wußte, ob er dem erhaltenen Befehle folgen solle oder nicht. Der alte Häuptling ließ ihn jedoch gar nicht ausreden.

»Hast du gehört, was ich mit dir gesprochen?« fragte er, und zwar viel ernster, als er ihn noch je gesehen. »Komm her, Ma Kino, schicke mir den Zimmermann einmal fort; ich habe gesagt, er soll weggehen, und ich will ihn hier nicht länger sehen.«

Mac Kringo war, schon nichts Gutes ahnend, herangetreten. Wollten sie sich aber jetzt schon dem Befehl widersetzen, so mußte er fürchten, daß ihr ganzer Plan scheitern würde. Unter einer Viertelstunde konnte das Boot nämlich nicht heran sein, und bis dahin würden die Eingeborenen sie leicht bewältigt haben.

»Komm, Jonas,« sagte er deshalb zu dem Kameraden, »geh zurück in den Busch, es hilft jetzt nichts, wir müssen ihm gehorchen -- aber nicht zu weit fort. Wo sind die Anderen?«

»Nicht hundert Schritte von hier, wo da drüben die rothen Blumen stehen.«

»Desto besser, in einer Viertelstunde kann das Boot da sein; so wie ihr mich aber Hülfe schreien hört, kommt herbei, so rasch euch eure Füße tragen.«

Jonas ging fort. Toanonga hatte jedoch ihrem Gespräch mit unruhigem Blicke gelauscht. Es gefiel ihm nicht, daß sich die Beiden jetzt gerade in ihrer Sprache so lange unterhielten, und natürlich wäre es ihm sehr unbequem gewesen, Leute in der Nähe zu haben, die am Ende den andern Weißen hätten beistehen können. Übrigens ließ er sich gegen Mac Kringo nichts merken, nahm eine junge neben ihm am Boden liegende Cocosnuß auf und sagte zu dem Schotten. »Hast du ein Messer bei dir?«

»Ja wohl,« erwiderte rasch dieser, dem daran lag, Toanonga nicht auch gegen sich mißtrauisch zu machen. »Soll ich sie dir öffnen?«

»Laß nur sein,« erwiderte der Alte, »ich thue es selber.« Damit nahm er das Messer und stach ein Stück aus der weichen Schale der Nuß heraus, trank den Saft und warf die Schale bei Seite. Mac Kringo streckte die Hand aus, das Messer wieder zurück zu empfangen, Toanonga aber schob es mit vollkommener Gemüthsruhe in sein eigenes Lendentuch und sagte:

»Warte noch ein wenig, Ma Kino, du brauchst es doch jetzt nicht, nachher sollst du es wieder bekommen. Sieh, das Boot ist schon beinahe am Ufer, und unsere Freunde werden gleich da sein.«

Der Schotte biß die Zähne auf einander vor Wuth, von der alten Rothhaut auf eine solche Art um seine einzige Waffe gebracht zu sein. Im ersten Augenblick hatte er auch nicht übel Lust, auf ihn zu springen und es ihm mit Gewalt zu entreißen. Gerade jetzt aber kamen vier der Egis an ihm vorbei und gingen nach der Landung hinunter, während sich von den übrigen Seiten die Insulaner ebenfalls herbeizogen, die ankommenden Weißen gleich in Empfang zu nehmen. Wenn er sich nun doch mit den Kameraden in die Hütte warf und die dort liegenden Gewehre aufgriff -- es war das vielleicht die letzte Hülfe, und in dem ersten panischen Schrecken der Eingeborenen durfte er hoffen, das rasch herbeischießende Boot zu erreichen. Aber auch zu jenen Waffen war ihm der Weg abgeschnitten, denn eine Anzahl dunkler Krieger sammelte sich eben vor dem Eingang der Hütte.

Da sah er, wie Toanonga langsam auf den Capitain des Schooners zuschritt und neben ihm stehen blieb, und in der Todesangst, seinen ganzen Plan gescheitert zu sehen, griff er zu dem letzten verzweifelten Mittel. Er schritt auf die Beiden zu und fragte den Engländer mit vor innerer Aufregung bebender Stimme, ob er keine Wehr, kein Messer, kein Pistol bei sich habe.

»Nichts,« sagte dieser, »als meine Hände; ich habe keine Gefahr gefürchtet, und als ich vom Bord ging, nur mein kleines Taschen-Teleskop eingesteckt.«

»Bei Gott, das thuts!« lachte Mac Kringo wild vor sich hin. »Zieht es heimlich in der Tasche aus, fasst dann den Alten, haltet es ihm vor den Kopf, und droht ihm, daß ihr ihn über den Haufen schießen wollt, so wie er sich rührt.«

»Mit dem Teleskop?« fragte der Capitain überrascht.

»Was wissen die von einem Teleskop?« rief Mac Kringo, »sie sehen das blitzende Metall und halten das -- aber wir versäumen die Zeit, es ist kein Augenblick mehr zu verlieren.«

Toanonga hatte den Schotten, während er sprach, aufmerksam betrachtet, als ob er den Sinn der ihm fremden Worte errathen wolle. Das Boot war aber kaum noch hundert Schritte vom Ufer entfernt, und die rudernden Matrosen hatten in diesem Augenblicke ihre Riemen eingeworfen, weil sie wahrscheinlich nicht näher an die vielen Eingeborenen fahren wollten.

Toanonga wandte sich, dort hinunter zu gehen, als er plötzlich die Hand des Fremden auf seiner Schulter fühlte. Erstaunt drehte er den Kopf nach ihm um, stieß aber ein überraschtes und erschrecktes Oiau! aus, als er plötzlich vor seinen Augen das unbekannte drohende Instrument erblickte.

»Rühre dich, und du bist des Todes!« schrie dabei der Engländer, und »Hülfe! Hülfe!« tönte Mac Kringos gellende Stimme über den Platz.

Die ihm nächsten Insulaner wollten herzuspringen, ihrem Häuptling beizustehen. Mit ausgebreiteten Armen warf sich ihnen aber Mac Kringo entgegen und rief. »Halt! halt! um Toanongas willen, er bringt ihn um, so wie ihr euch ihm naht!«

»Hurrah, Jungen! Hurrah!« tönte in diesem Augenblicke Legs Jubelruf durch den Lärm, »hier sind die Burschen! Nieder mit den Rothfellen!«

Überrascht wandten die Insulaner dorthin den Kopf, als vom Wasser her schnell hinter einander zwei Schüsse fielen und die Kugeln dicht über ihnen in die Stämme der Palmen schlugen. Jacobs stieß zugleich einen scharfen, eigenthümlichen Schrei aus, ein Zeichen für seine Leute, und während die beiden Tonga-Insulaner, die mit im Boot waren, erschreckt über Bord sprangen und dem Lande zu schwammen, griffen zwei der Leute wieder zu den Rudern, und die andern Beiden stießen Patronen in ihre abgeschossenen Gewehre nieder.

Mac Kringo war aber indessen auch nicht müßig gewesen. Mit raschem Griff hatte er sich wieder in den Besitz seines Messers gesetzt, und sein scharfer Pfiff zeigte den Gefährten die Stelle, auf der er sich befand. Panischer Schrecken schien indessen die Insulaner erfaßt zu haben, die mit dem bedrohten How vor sich und den Feinden an beiden Seiten nicht wußten, welcher Gefahr sie zuerst begegnen sollten.

»Nach dem Boot! Nach dem Boot!« rief Mac Kringo, der recht gut fühlte, daß sie diesen ersten Moment der Bestürzung benutzen mußten, und mit der Rechten Toanongas Arm ergreifend, während er in der linken das gezückte Messer hielt, folgte Jacobs an der andern Seite seinem Beispiel. Dieser hielt aber sein Teleskop noch immer drohend vor, in dessen blitzender Nähe der erschreckte Häuptling sein Leben aufs Äußerste gefährdet glaubte.

Auch die am Ufer postirten Indianer hatten bestürzt Raum gegeben, da sie nur unbewaffnete Weiße zu empfangen gedachten, keineswegs aber darauf vorbereitet waren, den auf sie gerichteten Gewehren zu begegnen. Das Boot berührte in diesem Augenblick den Strand, und Spund, der nur ein halb freiwilliger Theilnehmer des Angriffs gewesen war, sprang in demselben Moment ans Land, als Legs mit Jonas, Pfeife und Lemon durch die Schaar der am Ufer gedrängten Männer und Frauen hindurchbrach, den sicheren Bord zu erreichen. Rechts und links theilten sie dabei Keulenschläge aus, und Jonas, Pfeife und Lemon erfaßten schon den Rand des Bootes und schwangen sich hinein, als zwei der Frauen sich plötzlich und rücksichtslos auf Legs warfen und ihn schreiend zurückhielten.

»Du bist unser, du darfst nicht fort!« schrien sie dabei, und eine ergriff die kurze Kriegskeule, die er geführt, und riß sie ihm aus den Händen, während sich die andere an seinen Hals hängte und laute Wehklagen dabei ausstieß.

Mac Kringo und Jacobs hatten indeß den ihnen Schutz gebenden Häuptling bis fast zum Boote geschleppt. Jetzt aber brach auch die Wuth der Eingeborenen aus, die wahrscheinlich glauben mochten, die Papalangis wollten ihren How gefangen mit fortführen. Mit wildem Aufschrei stürmten sie herbei, und eben von Toanongas Hause wieder kam ein kleiner Trupp von Kriegern mit den dort aufgegriffenen Musketen gesprungen.

»Hieher, Legs! hieher Spund!« schrie da Mac Kringo, indem er Toanonga los ließ und an Jacobs Seite mit flüchtigen Sätzen zum Boot hinunter floh.

»Bestien!« knirschte auch Legs zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch, und ohne die geringste Rücksicht auf das zarte Geschlecht versetzte er den beiden Frauen ein paar so wohl gezielte Schläge zwischen die Augen, daß sie mit einem Weheruf zurücktaumelten. Im nächsten Augenblicke war er frei und rannte an Toanonga vorüber dem Boote zu. Die Eingeborenen aber, die jetzt ihren Häuptling außer Gefahr sahen, sandten ihnen einen Hagel von Pfeilen nach, während die mit Musketen Bewaffneten anlegten, aber vergebens die Hähne schnappen ließen.

Diese vorbeschriebenen Scenen waren blitzesschnell auf einander gefolgt. In demselben Moment aber, in dem Legs seinen beiden Frauen entsprang, war Spund vollständig einig mit sich geworden, seine Kameraden allein flüchten zu lassen. Zu seinem Entsetzen hatte er nämlich die halbe Mißhandlung bemerkt, die Toanonga, den er sehr schätzte, erlitten, und eilte jetzt rasch auf ihn zu, ihm seine Hülfe anzubieten. Toanonga dagegen hielt gerade Spund für den ärgsten Verräther von Allen, da er, anstatt die Weißen in seine Hände zu liefern, die Leute an Bord jedenfalls gewarnt und sie bewaffnet herüber gebracht hatte. So ruhig und leidenschaftlos er sich deshalb auch sonst benahm, so zornig und empört war er jetzt. War nicht die Häuptlingswürde in ihm geschändet? hatten die Weißen nicht gewagt, Hand an ihn, den How dieser Insel, zu legen? Deshalb also dem ihm nächsten Krieger eine Keule entreißend, führte er einen so gutgemeinten und raschen Schlag nach dem Schädel des armen Teufels, daß er ihm jedenfalls verderblich geworden wäre. Zu seinem Glück schleppte Spund aber noch immer das Buch mit sich herum, daß er fast unwillkürlich mit beiden Händen empor hob, als er die Keule niedersausen sah. Allerdings brach der dicke Band die Gewalt des Schlages in etwas; derselbe war aber zu kräftig geführt worden, um sich ganz aufhalten zu lassen, und wie das getroffene Buch auf Spunds Kopf niederprallte, warf es den Böttcher hinterrücks auf die scharfen Corallen.

Toanonga sah ihn stürzen, kümmerte sich aber nicht weiter um ihn, denn wichtigere Sachen erforderten seine Aufmerksamkeit. »Nach den Canoes, nach den Canoes!« donnerte seine Stimme die Bai entlang, und während die mit den Musketen bewehrten Insulaner noch immer umsonst versuchten, die verstümmelten Waffen abzudrücken, sprang die Mehrzahl der jungen Leute flüchtigen Fußes am Wasserrand hin, die Canoes zu erreichen. Konnten sie doch dem schwer geladenen Boot der Papalangis noch immer den Weg abschneiden.

Einzelne waren jedoch noch zu Toanongas Schutze zurückgeblieben und ein paar von diesen sprangen auf Spund zu, den also Niedergeworfenen völlig abzufertigen. Mac Kringo hatte aber im Boot die Gefahr des Kameraden gesehen, und während die Mannschaft desselben das halb auf den Strand gerathene Fahrzeug zurück in ein tiefes Wasser drückte, griff er eine der Musketen auf und feuerte sie über die Köpfe der Insulaner in die Luft. Das rettete Spund. Bei dem Schuß fuhren die Wilden unwillkürlich zurück, während derselbe auf den Matrosen gerade die entgegengesetzte Wirkung hervorbrachte. Mit einem Satze war er in die Höhe, und Buch wie Glaubenseifer hinter sich lassend, warf er sich Hals über Kopf in das Wasser hinein, den Kameraden zu folgen. Der mit so grimmer Wuth nach ihm geführte Schlag des alten Häuptlings hatte ihn, wenn auch nicht beschädigt, doch so erschreckt, daß er gar nicht daran dachte, einen zweiten derartigen Angriff abzuwarten.

6.

Die Engländer kletterten, so wie das Boot flott war, hinein und griffen die Ruder auf, während die Mannschaft des Schooners mit den Gewehren im Anschlag stehen blieb, ihren Rückzug zu decken. Das Boot ging aber durch die vermehrte Besetzung ziemlich schwer im Wasser und machte keineswegs so raschen Fortgang, wie Mac Kringo gehofft hatte.

»Teufel noch einmal!« flüsterte er Lemon, der auf der Ruderbank vor ihm saß, zu, »die Rothfelle bekommen doch am Ende Zeit, uns mit ihren Canoes den Weg abzuschneiden.«

»Wenn ich ihnen den Spaß nicht verdorben hätte!« lachte aber Lemon ingrimmig vor sich hin. »In alle die Canoes, die dort lagen, habe ich ein wunderhübsches Loch hineingebohrt, und bis sie die jetzt wieder ausschöpfen und flott machen, sind wir lange draußen.«

»Das war gescheidt, mein Bursche!« rief der Schotte, »hehehe, wie sie uns verwünschen werden, wenn sie den Streich merken! Das war aber auch nöthig; denn das alte runde Ding hier schleicht gerade so durchs Wasser, als wenn wir in einem Spülfaß säßen.«

Ein paar Schüsse wurden in diesem Augenblicke vom Ufer ihnen nachgefeuert. Entweder hatten die Insulaner den Verlust der Steine bemerkt und ersetzt, oder noch andere Musketen gehabt. Keine der Kugeln traf jedoch das Boot; eine zischte vorüber, und die anderen fielen schon zu kurz.

Sie näherten sich jetzt dem schmalen Eingang der Riffe, als sie die ersten Canoes der Verfolger aus einer geschützten Bucht vorschießen sahen. Durch Lemons List waren sie aber hinlänglich aufgehalten worden, um den Flüchtigen einen ziemlichen Vorsprung zu gestatten, und da Leute genug im Boot saßen, einander abzulösen, so ließen sie die Ruder aus Leibeskräften arbeiten.

Die Indianer schienen ihre Canoes auch nicht alle auf einmal flott bekommen zu haben; denn als das Boot die Riffe verließ, folgten ihnen erst zwei, und ein drittes wurde eben sichtbar; dann entzog die über die Corallen stürzende Brandung das innere Wasser der Bai ihren Blicken, und sie konnten nichts weiter von dem, was dort vorging, erkennen.

Der Schooner lag etwa eine halbe englische Meile weiter draußen. Der Steuermann hatte aber vom Masttop aus die Flucht des Bootes und die verfolgenden Canoes bemerkt, ja, sogar die Schüsse von dort herüber gehört und, trotz der Gefahr, die ihm selber von den Riffen drohte, die Segel backgebraßt, seine Leute erst wieder aufzunehmen. Noch waren diese auch eine ziemliche Strecke vom Schooner entfernt, als die ersten Canoes schon im Eingang der Bai sichtbar wurden und mit reißender Schnelle näher kamen; aber überholen konnten sie das Boot nicht mehr. Jetzt lief es langseit, und wenige Secunden später kletterten schon die Matrosen mit lautem Jubelruf an den ihnen zugeworfenen Tauen empor.

Alle wußten aber, daß sie sich trotzdem nicht eher für gerettet halten konnten, als bis sie die Insel windwärts brachten und die drohenden Riffe hinter sich ließen. Die Segel flogen deshalb herum, um auch den geringsten Luftzug zu fangen, den ihnen die schwache Brise bot, und während der Bug nach Westen abfiel, an den Riffen hinzulaufen, sprang Mac Kringo an der Want des Vordermastes empor, einen Überblick nach der Insel zu gewinnen.

Er kannte nämlich das Binnenwasser von Monui genau und wußte, daß gerade nach Westen zu den übrigen Canoes ein anderer Paß blieb. Den mußten sie nehmen, wenn sie ihnen den Weg abschneiden wollten; und daß der Schooner nicht nach Osten entkommen konnte, war den Eingeborenen bekannt genug. In dieser Vermuthung hatte er sich denn auch nicht geirrt, denn oben kaum angelangt, erkannte er schon sieben stark bemannte Canoes, die über die glatte Bai herüberschossen und denen der Schooner gar nicht mehr vorbeilaufen konnte.

Es blieb ihnen jetzt nichts Anderes übrig, als sich zu einem Kampfe zu rüsten; denn daß die Insulaner, solcher Art um die schon sicher geglaubte Beute betrogen, ihren Angriff mit erbitterter Wuth machen würden, ließ sich denken. Jacobs erfuhr übrigens kaum die neue Gefahr, die ihm drohte, als er auch mit gutem Muth den Befehl gab, das Deck zum Kampfe klar zu machen. Die vier Kanakas hatte er allerdings an Land zurück lassen müssen -- und den Sandwichs-Insulanern schien diese Gelegenheit sehr erwünscht gekommen zu sein --, dafür war aber seine Mannschaft durch sechs tüchtige Matrosen verstärkt worden, und mit den zwei kleinen Kanonen, die er am Bord führte, hoffte er sich die Wilden schon vom Leibe zu halten.

Mac Kringo that es freilich leid, daß er jetzt vielleicht genöthigt sein sollte, auf die zu schießen, die ihn doch eigentlich freundlich aufgenommen. Dabei wußte er aber recht gut, daß sie keine Gnade zu erwarten hätten, wenn sie zum zweiten Male in die Hände der Eingeborenen fielen, und der Selbsterhaltung mußte jede andere Rücksicht weichen.

Ihre einzige Hoffnung war noch, daß die Brise stärker werden sollte, wo sie den Canoes dann bald entgangen wären. Im Gegentheil schien aber der Wind fast ganz einzuschlafen, und mit der Ungewißheit, nach welcher Richtung hin hier die Strömung ging, donnerte ihnen die Brandung schon drohend in das Ohr. Der Capitain ließ allerdings das Senkblei werfen, aber sie fanden, obgleich gar nicht mehr so weit von den Riffen entfernt, keinen Grund.

Gerade vor ihnen lief eine Corallenspitze ziemlich hoch nach Norden hinauf, und wenn sie diese umschiffen konnten, hofften sie an den dort mehr ablaufenden Riffen eher hinunter zu können. Gerade dort aber wurden jetzt die ersten Canoes sichtbar, während die drei, die ihnen gefolgt waren, ihren Angriff nur zu verzögern schienen, bis sie von ihren Freunden unterstützt werden konnten.

Der Capitain des Schooners hatte nicht gern die Feindseligkeiten eröffnen wollen, jetzt aber sah er ein, daß ihm keine weitere Wahl blieb; denn einen Erfolg konnte er sich nur, bei der großen Übermacht der Insulaner, in dem Falle versprechen, wenn es ihm gelang, sie etwas einzuschüchtern. Die vorn am Bug stehende Kanone wurde deshalb gerichtet, Jacobs ergriff selbst die Lunte, und die Kugel schlug gleich darauf so glücklich ein, daß sie das geschnitzte Hintertheil eines der Canoes wegriß und, wie es schien, den Steuernden beschädigte.

Das ließen sich die Insulaner übrigens zur Warnung dienen; denn während sie bis jetzt ihre Fahrzeuge auf einem Trupp zusammen gehalten hatten, vertheilten sie dieselben, und es schien, daß sie einen Angriff von allen Seiten und zu gleicher Zeit beabsichtigten.

»Da kommt die Brise!« rief da plötzlich der Steuermann des Schooners, der seinen Stand an der hinteren Kanone bekommen hatte, und als sich alle Blicke dorthin wandten, sahen sie, wie sich in der That die Oberfläche der See nach Osten zu dunkel färbte und kräuselte. Aber die Canoes mochten das ebenfalls bemerkt haben und wußten jetzt, daß sie ihren Angriff keinen Augenblick mehr verzögern durften. Die Ruderer strengten alle ihre Kräfte an, die verschiedenen, ihnen angewiesenen Plätze so rasch als möglich einzunehmen, und dies erreicht, glitten sie von allen Seiten zugleich heran.

Die Mannschaft des Schooners erwartete sie mit klopfenden Herzen, denn über das ganze Fahrzeug zerstreut, konnten sie kaum mehr als einen Mann jedem Canoe zur Abwehr entgegen stellen. Näher und näher kam auch der dunkle Wasserstreifen geflogen. Schon konnten sie erkennen, wie sich die kleinen Wellen tanzend hoben, und jetzt -- jetzt schlugen die Segel flappend gegen den Mast und -- blähten aus. Vorn unter dem Bug kräuselte und schäumte das klare Wasser, und während sie sich den vorderen Canoes rasch näherten, ließen sie die hinteren zurück.

»Alle nach vorn, Jungens!« jubelte da Jacobs Stimme über Deck. »Das kam zur rechten Zeit! und Bill, du hältst den Schooner gerade auf das größte Canoe da vorne mitten darauf!«

Immer stärker wurde die Brise, schon begann sich das schlanke Fahrzeug ein wenig zu neigen, und die hinter ihm befindlichen Canoes durften nicht mehr hoffen zur rechten Zeit heran zu kommen. Trotzdem gaben die vorderen den Angriff nicht auf. Sie wußten wie wenig Leute ihnen die Papalangis entgegenstellen konnten, und daß die erste Kanonenkugel keinen größeren Schaden angerichtet, hatte ihren Muth noch eher erhöht. Noch ging das Fahrzeug auch nicht rasch genug durchs Wasser, daß sie nicht hätten anlaufen und entern können; aber mit immer größerer Anstrengung mußten die an der Seite Befindlichen arbeiten, um nicht zurückgelassen zu werden. Vor dem Schooner hatten sich jetzt vier Canoes gesammelt, und als er heran kam, wichen sie eben genug aus, ihn hindurch zu lassen. Gegen den Wind, wußten sie recht gut, konnte er nicht weiter aufluven, und unter dem Wind lagen die Corallen.

Jacobs kannte seinen Schooner, der nur aber bei mittelmäßiger Brise mit vier und einem halben Strich ganz vortrefflich segelte und dem Wind ordentlich in die Zähne lief. So wie er deshalb die Absicht der Eingeborenen merkte, war auch sein Plan gefaßt.

»Gebt Feuer,« rief er, »so wie ihr das Weiße von ihren Augen sehen könnt!« und dann selber an sein Steuer springend, ließ er sein Fahrzeug trotz der Corallen wohl zwei Strich abfallen. Den von rechts herbeikommenden Canoes wich er dadurch aus und überraschte die beiden an der linken Seite so vollkommen, daß der Bug des Bonito das Hintertheil des einen ergriff und übersegelte. Die Mannschaft desselben hielt sich allerdings zum Theil selbst an dem vorderen Tauwerk des Schooners und suchte an Bord zu klettern. Nachdem die Matrosen aber ihre Gewehre in die nächsten Canoes abschossen und dort Verwirrung verbreitet hatten, drehten sie die Musketen um, und wo sich ein Kopf über der Schanzkleidung zeigte, traf ihn auch ein wohlgezielter Schlag.

Noch heulten und tobten die Eingeborenen in wilder Wuth um sie her, als der Bug des Schooners schon wieder scharf gegen den Wind aufluvte. Im nächsten Moment schossen sie so dicht an der Corallenspitze vorüber, daß sie mit einem Steine hätten in die Brandung werfen können, und ließen jetzt die letzten Canoes, die dieser Gefahr selber entgehen mußten, zurück. -- Noch wenige Secunden, und sie waren gerettet, jede Gefahr lag hinter ihnen, und Bill, der Steuermann, sprang mit seiner Lunte an die hinterste Kanone, den Feinden noch eine Kugel zurück zu schicken. Das aber litt Jacobs nicht.

»Laß sie laufen, mein Junge,« sagte er, indem er den Arm des Steuermannes zurückhielt. »Sie werden Noth genug haben, von der Ecke dort weg zukommen; vor =uns= aber liegt die blaue weite See, und mit dem Bewußtsein, all jenen Gefahren so glücklich entgangen zu sein, mag ich kein Menschenleben mehr zerstören.«

Fußnoten:

[32] Das aus einer Art Baumrinde bereitete und gedruckte Zeug. Das ungedruckte heißt Tapa.

[33] Bolutu ist nach dem Glauben der Tonga-Inseln der Aufenthalt der Seligen. Sie denken sich diesen Ort als eine große, wunderbar schöne Insel, mit allen Früchten reich gesegnet, die weit gegen Nord-Westen liegt -- so weit in der That, daß sie dieselbe mit ihren Canoes nicht erreichen können. Dort werden ihre Seelen zu Hotuas oder göttergleichen Geistern, die auch -- besonders die Seelen der Häuptlinge -- im Stande sind, Einfluß auf das Leben der Sterblichen auszuüben. Sie erzählen sich, daß einmal ein Boot von den Tonga-Inseln dorthin verschlagen sei, und die Leute wären ans Land gesprungen und hätten sich von den prachtvollen Früchten pflücken wollen; sie hätten aber keine ergreifen können; denn unter ihren Händen wurden sie zu Luft. Auch durch die Bäume, die dort wuchsen, konnten sie gerade hindurchgehen. Sie standen leibhaftig vor ihnen, bildeten aber keinen festen Körper. Ein Hotua kam da zu ihnen und ermahnte sie, die Insel so rasch als möglich zu verlassen, und voll Angst schifften sie sich augenblicklich wieder ein. Der Wind blies auch so günstig und scharf, daß sie Tonga schon nach einigen Tagen erreichten; aber am Ufer angekommen, mußten sie alle sterben. Ihre Körper hatten die Luft von Bolutu nicht vertragen können. An eine Strafe nach dem Tode glauben die Tonga-Insulaner nicht.


II.

Im Ostindischen Archipel.

Der Balinese.

Östlich von Java, und von dieser Insel nur durch einen schmalen Seearm getrennt, liegt das zwar kleine, aber wunderschöne, gebirgige Eiland =Bali,=, von einem kriegerischen, kräftigen, arbeitsamen Volke bewohnt und bis in seine Berge hinauf vortrefflich cultivirt und angebaut.

Trotz seiner Nähe bei dem schon längst den Holländern unterworfenen Java hatte es sich dennoch bis zur neueren Zeit seine vollkommene Unabhängigkeit zu bewahren gewußt, und erst in den letzten Jahren gelang es den Holländern, theils durch Verrath unter den Eingeborenen, theils durch ihre Truppen unter dem Commando Sr. Hoheit des Herzogs Bernhard von Weimar, die Rajahs Balis wenigstens dahin zu bringen, daß sie ihre Oberherrschaft anerkannten.

Die Balinesen sind, was die Missionäre »blinde Heiden« nennen, d. h. sie haben ihre eigenen Götter (Brachma, Schiwa und Wischnu) und ihren eigenen Glauben, den sie sich entschieden weigern abzulegen. Ihre Javanischen Nachbarn gingen ihnen darin allerdings schon seit längerer Zeit mit gutem Beispiel voran, indem sie zum Islam übertraten. Von den muhamedanischen Priestern besonders, aber auch dann und wann von christlichen Missionären sind schon verschiedene Versuche gemacht, sie das abschwören zu machen, was andere Nationen eine =Irrlehre= nennen. Bis jetzt war es jedoch vergeblich, und wenn es irgend noch eines Beweises bedürfte, daß die christliche Religion keineswegs unumgänglich nothwendig dazu ist, ein wildes Volk zu civilisiren, so liefern diese Balinesen als =Heiden=, und ihre Nachbarn, die Javanen, als =Muhamedaner= davon den schlagendsten Beweis.

Was die Cultur Balis betrifft, so läßt diese nichts zu wünschen übrig. Jedes Plätzchen, das Frucht liefern kann, ist benutzt, und die Balinesen bauen sogar weit mehr, als sie zu ihrem eigenen Bedarf brauchen. Manches Schiff hat dort schon für den europäischen Markt seine Ladung von Reis, Zucker, Kaffee und anderen Produkten eingenommen, während hunderte von Prauen (die inländischen Fahrzeuge) der benachbarten Inseln, ja selbst bis von China herüber, in stetem und lebendigem Verkehr mit dem kleinen Reiche stehen. Die Balinesen haben dabei ihre eigenen Rajahs oder Fürsten, und die dem Lande dienlichen Gesetze werden mit unnachsichtlicher Strenge von ihren weltlichen und geistlichen Oberhäuptern in Kraft gehalten. Auf allen schweren Vergehen, selbst auf Diebstahl, steht Todesstrafe. -- Außerdem sind sie aber auch noch in vielen Künsten geschickt und erfahren. Vorzüglich ihre Stahl- und Goldarbeiten, ihre Korbflechtereien und Webereien sind berühmt in der ganzen Inselgruppe des ostindischen Archipels. Ihre Landestracht ist dabei anständig und geschmackvoll, und dem Klima vollkommen angemessen.

So viel als kurze Einleitung für den Leser, der die kleine Insel bis jetzt vielleicht kaum dem Namen nach oder doch nur nach Beschreibungen kannte, welche ihre Bewohner beinah wie eine Räuber- und Piratenbande erscheinen ließ. Jede Sache hat freilich ihre zwei Seiten.

1.

Es war im September des Jahres 184*, als in dem südlichsten Rayat von Bali, in Badong, ein junger Bergbewohner rüstig aus der fruchtbaren Hochebene nieder der Süd-West-Küste der Insel und der Bai von Balikota zu stieg. Wohl führte eine breite, gut unterhaltene und fahrbare Straße von Badong zu dem kleinen Städtchen Kota an dieser Bai hinab. Der junge Balinese hätte aber, um auf sie zu gelangen, zu weit westlich aus dem Wege gehen müssen, und da er überdies auch nicht gewohnt war, einer breiten, bequemen Straße zu folgen, so suchte er sich lieber in gerader Richtung die nähere, wenn auch nicht eben so glatte Bahn.

Diese führte ihn durch weite mit Mais und Zuckerrohr bepflanzte Flächen und an den schmalen Dämmen bewässerter Reisfelder hin, zu den Rändern steiler, dichtbewaldeter Ravinen, die das Land durchschnitten und mit ihrer wilden üppigen Vegetation in die urbar gemachten und in vollkommenster Cultur gehaltenen Felder gar wunderlich hinein griffen.

Der Thau lag noch in voller funkelnder Pracht auf den Blättern und Blüthen, und hing in schweren Tropfen an den blitzenden Halmen, das saftige Grün der Hänge mit zauberhaftem Schimmer übergießend. Hoch und kühn daraus hervor ragte die stolze Cocospalme, die Königin der Wälder, mit ihrer schwankenden, zitternden Blattkrone, die der Südost-Monsoon hier nur in leichtem Säuseln erreichen konnte, und die Arekapalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten den schlanken, zierlichen, pfeilartigen Stamm. Tief und schattig in den reizenden Hainen lagen die Bambushütten der Eingeborenen gar still versteckt, und die dunklen Ränder derselben wurden nur hie und da durch die purpurrothe Blüthenmasse des Tjanging[34] unterbrochen, der mit seinen unregelmäßig und reich über die Landschaft gestreuten Bäumen der ganzen Scenerie eine eigene wunderbare Färbung gab.

Wo der junge Eingeborene seinen Pfad suchte, war noch wenig Leben. Hie und da arbeiteten erst einzelne Gruppen in den Feldern, meistens Frauen, die mit der Hand den reifen Reis abschnitten und auf die Ränder trugen. Der Sikup[35] strich noch einsam nach Beute über die stille Gegend. Hie und da stand auch wohl ein einsiedlerischer Tjanga mit den langen Beinen und riesigem, fast unverhältnißmäßig großem Schnabel am Rande der Reisfelder und trat dem rasch Heranschreitenden mehr, wie es schien, aus Höflichkeit, als aus besonderer Sorge für seine eigene Sicherheit ein paar Fuß aus dem Weg. Oder eine Schaar wilder Pfauen, die an dem Rand der Ravine gesessen und sich gesonnt hatte, bäumte auf und schaute mit den langen Hälsen neugierig nach dem einzelnen Wanderer nieder.

Dieser aber war viel zu sehr mit sich selber und seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um solchen, überdies durchaus gewöhnlichen Gegenständen auch nur einen Blick zu widmen. Rasch nur suchte er durch manche sich ihm in den Weg stellende Hindernisse seine Bahn, und hielt zum ersten Male an, als er eine Art Absatz oder Terrasse des Hanges erreicht hatte, von der aus sich eine weite Aussicht nach Süden und Südwest über die Küste und das ferne Meer gewinnen ließ.

Über Gebüsch und Palmen hin, die den steilen, tiefablaufenden Hang bedeckten, konnte er den breiten Cocoshain überschauen, der das kleine Städtchen Kota mit der ganzen dortigen Küste umgürtete, während das blaue freundliche Meer an dessen anderer Seite den Strand beschäumte. Massen kleinerer Segel, meist inländische Prauen, hie und da aber auch chinesische Dschunken, kreuzten durch das stille, von einer leichten Brise kaum bewegte Wasser, und nur ein einziges europäisches Schiff lag gerade über der Corallenbank und durch die südlich auslaufende Spitze des Landes (von den Engländern Tafelhoek genannt) gegen den Südost-Monsoon geschützt, draußen vor Anker. Seine Segel waren zwar noch fest, aber es schien ziemlich schwer geladen und ging tief im Wasser, während einzelne Boote noch immer mehr Fracht hinüber brachten. Die holländische Flagge wehte von des Fremden Gaffel.

Der junge Balinese blieb hier stehen und schaute lange und sinnend in das freundliche Thal hinab, das sich seinen Blicken öffnete. Aber seine Gedanken waren nicht mehr freundlicher Art. So frisch und froh vorher sein Auge dem niederen Lande entgegengeleuchtet hatte, so zog sich jetzt seine Stirn in düstere, krause Falten, und mit untergeschlagenen Armen schaute er schweigend zu dem fremden, unwillkommenen Gast, zu der ihm verhaßten, feindlichen Flagge hinüber.

Es war eine edle, schöne, schlanke und doch so kräftige Gestalt, wie sie unter der einzelnen wehenden Palme stand. Und Hoheit und Schmerz lag in den Zügen, als ob der zürnende Gott der Berge selbst aus seines Waldes Schatten getreten sei und jetzt den Feind seines Landes, seines Volkes vor sich erblicke. Die Züge seines Gesichts konnten fast griechisch genannt werden. Die leicht gebogene Nase, die hohe Stirn, die schwellenden und doch zart geschnittenen Lippen schienen kaum einem indischen Stamme anzugehören; aber die dunkle Bronzefarbe der Haut, die dunklen feurigen Augen, das lange, rabenschwarze aber weichlockige Haar verriethen den Sohn dieser Küste, das Kind dieser Berge. Er ging ganz in die Landestracht gekleidet. Um den Kopf trug er fast turbanähnlich ein dunkelfarbiges, mit rothen und gelben Streifen durchzogenes Tuch, nur daß oben die üppige Masse seines schwarzen, langen Haares herausquoll. Um seine Hüften, bis fast zu den Knieen niederreichend, schlang sich ein gleiches von ähnlicher Farbe, der sogenannte Kammen, und der Sappot, eine Art schottischer Plaid, aber auch aus inländischem Zeug gewebt, hing ihm in leichtem, malerischem Wurfe über die Schulter, mit dem einen langen Zipfel die rechte Brust bedeckend.

In dem Kammen stak vorn, wie bei allen Balinesen, die Kompec oder Sirihtasche (zum Betelkauen) aus feingeflochtenem und buntgefärbtem Bambus verfertigt, und hinten, wie bei den Südamerikanern, der lange Dolch oder Khris (im Balinesischen Radotan) in hölzerner, wunderlich geformter und mit Goldplättchen zierlich ausgelegter Scheide, während der Griff aus einem dunklen fein gravirten Metall bestand und ebenfalls mit Gold eingelegt war. An den Füßen trug er zierlich genähte Ledersandalen mit einem schmalen, goldgestickten Band quer über den Spann herüber. Sonst waren Arme und Beine nackt, aber voll und kräftig geformt, und nur um das Gelenk der linken Hand schlang sich ihm ein fast weibischer Schmuck, ein schmales Armband aus den purpurrothen, steinharten und herzförmigen Beeren einer Akazienart aufgereiht und zum schmalen Bande zusammengeflochten.

Als einzige Waffe hielt die Hand dabei ein langes dünnes Blasrohr, aus hartem schwerem Holz gebohrt, von etwa fünf Fuß Länge, an das oben mit Streifen Rattan (spanischem Rohr) eine eiserne Lanzenspitze so an der Seite befestigt war, daß sie dem Schuß des Pfeils oder Bolzens nicht hinderlich sein konnte. Der Köcher, der die kleinen aus Bambus gefertigten, mit einer Pflanzenmark-Mundspitze versehenen und mit Gift bestrichenen Pfeile trug, stak ebenfalls in Kammen, an der linken Seite.

Die Waffe stemmte er jetzt auf einen Stein, und mit dem linken Arm sich daran stützend, daß sein Haupt sich sinnend an die Lanzenspitze legte, murmelte er mit leiser, halbunterdrückter Stimme vor sich hin:

»Wieder so ein Schiff mit seiner stolzen dreifarbigen Fahne, wieder und wieder eins, in Handel und Freundschaft scheinbar, und =uns= zum Nutzen, wie sie sagen, heimlich aber nur sich und ihr räuberisches Ziel im Auge. Halb =sind= wir ja schon besiegt,« setzte er mit finsterem Grimm hinzu, die Worte durch die zusammengepreßten Zähne zischend, »und wenn nicht noch der wackere Dewa Argo dem Treiben fest entgegenstünde und mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht an unsern Sitten und Gesetzen hielte, den Fremden keinen Fuß breit Boden weiter gönnend, wie sähs um Bali aus! Hielt er die Hand nicht über unser Land gestreckt, wie bald würden die Fremden, die Brachma verdammen möge, das Land überschwemmen und den ganzen Fluch ihres Geschlechts über uns bringen. In den Thälern wüthet schon die furchtbare Radjadja[36], und die Leichen ihrer Opfer verpesten die Luft.«

»Die alten Prophezeihungen werden wahr,« fuhr der Einsame in seinem Selbstgespräch inzwischen fort. »Der weiße Jakal hat den schwarzen überlistet und wüthet in seinem Jagdgrund, während unsere Götter ihr Haupt abwenden, um die Schmach ihrer muthlosen Kinder nicht zu schauen. »Der weiße Tiger wird kommen und uns verschlingen, wenn wir ihm nicht gehorchen,« sagt der Orakelspruch jenes weisen Rajah, der tausende von Armen schon entnervt und die Herzen mit Angst und Muthlosigkeit gefüllt hat. Ei, er möchte kommen und es versuchen, und unsere Lanzen und Pfeilspitzen würden sein Herz finden, daß sein Blut den Boden düngte. Aber nur zusammen müßten wir stehen, in innigem Bündniß, nicht jeder Rajah für sich selber aus kleinlicher, erbärmlicher Furcht das Bündniß des Feindes suchen, um von sich selber dessen Rache abzuwenden, für sich selber die Regierung zu erhalten. Das Wohl der Völker, lügen sie dabei, hätten sie im Auge, und nur ihr eigener Ehrgeiz macht sie blind gegen Ehre und Pflicht, und treibt sie, die Völker, die ihrem Schutz durch Brachma anvertraut, nichtswürdig zu verrathen.«

»Wie stehen wir jetzt dem Feinde gegenüber? -- Unsere Prauen liegen müssig am Strande, unsere Arme werden durch gefährliche Unterhandlungen gefesselt gehalten, und die Flagge jener Fremden weht stolz unseren Tempeln entgegen, und schändet uns und unsere Götter. Fluch über solche Unthätigkeit, über das Zaudern und Zögern und Wählen und Fürchten. Wenn das so fort geht, wird der Name Balinese bald gleichbedeutend werden mit Sklave und Feigling. O mein schönes, armes Vaterland!«

Er stand noch lange da, seinen finsteren, schmerzlichen Gedanken sich überlassend, als sein Auge plötzlich auf das Armband fiel, das er am linken Handgelenke trug, und ein freundlicherer Ausdruck seine schönen und edlen Züge belebte.

»Kassiar,« murmelte er leise, indem ein flüchtiges Lächeln über sein Antlitz glitt, »Kassiar, du Blume des Thales, dich wenigstens will ich dem giftigen Einfluß jener Fremden entreißen und mit mir in meine Berge führen. Dort bieten wir dem fremden Einfluß Trotz, und kommt einmal die Zeit, in der mein Vaterland den Fluch erkennt, den es sich selber muthwillig aufzuladen scheint, dann brechen wir hervor, und unser Schlachtschrei soll die Feinde zurück auf ihre Schiffe schrecken. -- Kassiar!«

Und mit dem Namen der Geliebten auf den Lippen, griff er die Lanze auf, und sprang mit leichtem Schritt den Hang hinab, der Richtung Kotas zu. Hier mußte er freilich noch ein breites mit Zuckerrohr bepflanztes Feld durchschneiden, das nördlich von dem kleinen in die Tanjong-Bai ausmündenden Kali oder Flusse lag. Eine Brücke gab es über den Strom nicht, aber eine Cocospalme, die dicht am Uferrand gestanden, war von dem angeschwellten Wasser unterwühlt hinübergestürzt, daß ihr Wipfel eben das jenseitige Ufer berührte. Auf dieser lief er hinüber, drängte sich durch den morastigen, mit niedrigen Büschen bedeckten Uferstrich, der die nördliche Seite der von Tuban nach Kota führenden Straße und den Palmenwald begrenzte, und fand sich bald im Schatten der wundervollen Punjannjos, der Cocospalmen, wo er auf glattem, ebenem Wege rüstig dahin schritt.

2.

Wie das über ihm rauschte und zitterte, in einsamer, wundervoller Waldespracht! -- Wie das flüsterte und raschelte, und mit den langen, herrlichen Blättern wehte und ineinandergriff! -- Hier war nichts Fremdes, nichts Verhaßtes mehr; das war sein eigenes, schönes Vaterland, die Cocospalme seines Stammes Bild, und wie das Herz ihm wieder aufging in Stolz und Lust und die Sehnsucht nach der Geliebten es rascher schlagen machte, wurde sein Schritt auch leichter und elastischer, und freundlich nickte er den Leuten zu, die er am Wege traf, und die Reis und andere Feldfrüchte, oder Matten und Körbe in die Stadt zu Markte trugen.

Schon hatte er hier die Gärten erreicht, die theils mit der rothblühenden Butju (rosa sinensis), theils mit der Buntaja (einer sehr giftigen Rankenpflanze, welche durch bloße Berührung schon Entzündungen und Anschwellungen bewirkt) eingezäunt waren, und hie und da schaute aus dem dunklen Laub einzelner Kaffee- und Muskatnußbüsche, oder zwischen den hochgezogenen Sirih-Ranken die stille, lauschige Bambushütte der Eingeborenen hervor, während die Cocospalmen in einem dichten Hain ihre Kronen in einander legten und kühlen Schatten auf den zwischen ihnen durchführenden Weg warfen.

Jetzt hatte er die ersten Wohnungen der Stadt erreicht; rechts am Wege leuchtete ihm schon das helle Dach des Gustis -- des Dorfoberhauptes -- entgegen, und von dort hinauf, der Cocosnußölmühle zu, die von den Weißen angelegt worden, gleich über dem breiten Platz, der sich dort ausdehnte -- wie rasch das Herz ihm an zu pochen fing -- dort wohnte Kassiar, und mit fast kindischer, jubelnder Lust malte er sich schon im Geiste die Überraschung der Geliebten aus, die keine Ahnung von seiner Nähe hatte.

Mehrere junge Mädchen waren ihm begegnet; manche aufgeputzt, wie zu einem ihrer Feste, andere in das einfach gewebte Zeug des Landes gekleidet. Aber er achtete ihrer nicht; sein Auge suchte zwischen den an ihm vorbeigleitenden Dächern hin, die wohlbekannte Gruppe schlanker Arekapalmen, die das Haus der Geliebten umstanden, und jetzt -- schon wollte er um des Gustis Garten in die Straße einbiegen, denn dort ragten die schlanken Wipfel grüßend und freundlich nickend schon hervor, -- da schritt ein junges Mädchen die Straße herab, und sein Fuß haftete wie angewurzelt an dem Boden fest.

Das war Kassiar -- und wieder war sies nicht. Die lieben dunklen Augen gehörten freilich ihr -- der schlanke Wuchs, der leichte elastische Gang, dem Kiedang ihrer Wälder gleich -- und dennoch schien sie ihm vollkommen fremd, denn Tracht und Sitte, wie ers bis jetzt an ihr gewohnt gewesen, glich sich gar nicht mehr. Das dunkle volle Haar war mit Blumen, rothen Beeren und kleinen farbigen Muscheln geschmückt, wie den Putz ähnlich auch andere eingeborene Mädchen trugen, aber in den Ohren hingen ihr goldene Zierrathen, wie sie die verhaßten Weißen mit herüber gebracht, den weichen runden Arm umschloß ein goldenes, steinbesetztes Band, und um die Schultern lag ihr ein himmelblau und roth gestreiftes seidenes Tuch und hing mit dem einen Zipfel vorn über die linke Brust herab. Leichten Schrittes kam sie den Weg herab, der nach dem Strande nieder führte, und wenn ihr Blick auch auf den jungen Krieger über die Straße herüber fiel, war sie doch zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um viel auf ihn zu achten. So wollte sie eben an ihm vorüber eilen, als sein Ruf sie aufhielt und rasch nach ihm herüber sehen machte.

»Kassiar!« -- Der eine Blick genügte -- zitternd und erschreckt, die Hände vorgestreckt, ihre Farbe, die selbst unter der zarten aber dunklen Haut sichtbar wurde, kommend und schwindend, die Arme halb nach dem geliebten Manne ausgestreckt, halb ihn damit abwehrend, stand das junge Mädchen einer schönen Statue gleich da.

»Glentek!« hauchte sie dabei, »wo kommst du her, oder liegt dein Körper oben in den Bergen, von scharfer Waffe oder Tigerzahn zerrissen, und nur dein Geist hat mich hier aufgesucht?«

Glentek barg einen Augenblick die Stirne in der Hand und strich sich die langen Haare dann zurück, indem er seinen Blick dabei scheu und erstaunt auf die Jungfrau heftete.

»Und das ist Kassiar?« sagte er endlich halblaut und schüchtern, indem er langsam über die Straße hinüber schritt und vor dem zitternden Mädchen stehen blieb; »ist das das Weib, das ich mir in die Berge holen wollte, um sie der Gefahr hier zu entziehen, die ihr von Fremden und fremdem Glanz und Luxus droht? -- Es ist zu spät, wie ich sehe, und Kassiar hat nicht allein Glentek vergessen, sondern auch ihr Vaterland. Wie sie sich da aufgeputzt, mag sie wohl einem der fremden Männer für kurze Zeit gefallen; werden aber die jungen Leute von Bali ihr wieder ihre Heldenlieder singen?«

»Glentek!« bat das Mädchen, ihm die Hand entgegen streckend mit herzlichem, flehendem Ton, »ist =das= dein Gruß, mit dem du mich nach so langer Zeit der Trennung empfängst, und hast du in den Bergen oben deine Kassiar so ganz vergessen -- so ganz vergessen und verlernt sie zu lieben?«

Glentek erwiderte nichts darauf, aber sein Blick hing noch immer fest und vorwurfsvoll an dem bunten, fremdländischen Staat, der die Geliebte schmückte, an den goldenen Ringen im Ohr und um den Arm, an dem seidenen Tuch, das ihre Schultern umschloß. Endlich sagte er langsam und traurig:

»Dich vergessen, Kassiar? -- Mächtiger Brachma, mein Herz vergäße ebenso leicht zu schlagen, mein Ohr den Ruf des Vaterlandes zu hören! Dich vergessen, Kassiar? -- Und bin ich deinetwegen nicht drei Tage gewandert und die letzte Nacht, um nur recht bald dein liebes Antlitz wieder zu schauen, deine Hand in der meinen zu fühlen, dem Flüstern deiner Worte zu lauschen? Die Sterne haben mir von dir gesprochen, wenn sie vom dunklen Himmel niederfunkelten, der Wasserfall rauschte mir deinen Namen Tage lang, Nächte lang, und meiner Palmen Wipfel kannten keinen andern Laut. -- Dich vergessen, Kassiar? -- Jeder Vogel zwitscherte mir das liebe Wort, in jedem Tropfen perlenden Thaues sah ich dein Bild, und nur die Sehnsucht nach dir hielt Schritt mit der wachsenden Liebe -- und jetzt --«

»Und jetzt, Glentek?« sagte das Mädchen und streckte ihm freundlich die Hand entgegen, »war das nun der ganze Gruß, den du deiner Kassiar bieten konntest?«

»Ich weiß nicht,« entgegnete der junge Krieger leise und mit tief bewegter Stimme, »ich weiß ja gar nicht, ob es noch =meine= Kassiar ist. Die Augen lachen mich noch so freundlich an, wie vordem, wenn auch nicht so offen, so treuherzig mehr. Die süße Stimme ist es immer noch, aber der äußere Tand, der sie umschlossen hält, der Schmuck des Fremden, der ihre schlanken Glieder entstellt, anstatt sie zu zieren -- der ist mir fremd, der verhüllt mir Kassiar, daß mein Auge das alte Herz nicht mehr darunter finden kann. Und ich weiß nicht, =wem= es jetzt entgegenschlägt.«

»Du böser Glentek,« lächelte die Maid, seine Hand ergreifend und ihr Haupt an seine Schulter lehnend, »=du= weißt nicht, wem es schlägt?«

»Von wem ist denn der Putz -- von wem das Tuch?« sagte der junge Balinese noch immer nicht beruhigt.

»Wenn es dich ärgert, nehm ichs ab und trags im Leben nicht wieder,« rief schnell Kassiar, das Tuch von ihren Schultern ziehend.

»Und wer gab es dir?« fragte Glentek finster. »Kassiar ist nicht so reich, daß sie der Fremden kostbarste Stoffe mit Reis und Kaffee kaufen könnte.«

»Du brauchst mich deshalb nicht so finster anzusehen, Glentek,« sagte, mit einem halbscheuen Blick zu ihm empor, das junge Mädchen. »Du weißt, daß -- daß die Fremden jetzt alles thun, der Balinesen guten Willen zu erkaufen und sie zu Freunden sich zu machen -- und da --«

»Und da?« wiederholte Glentek finster, aber seine Frage wurde überhört.

Rasches, donnerndes Pferdegestampf schallte die Straße nieder, die von Tuban herüber führte, und als sich die beiden jungen Leute darnach umsahen, kam ein kleiner Trupp Europäer, mit einer Dame an der Spitze, an deren Seite ein paar eingeborene Rajahs und auch der Gusti von Kota dahin sprengten. Sie wollten quer über den mit Waringhis bewachsenen Platz hinüber nach eines Holländers Wohnung, die dort lag. Die Dame warf auch nur im Vorbeisprengen einen flüchtigen Blick auf das junge Paar, als sie plötzlich ihrem Pferd rasch in die Zügel griff, daß es aufbäumte und schäumend in sein Gebiß knirschte und zurücklenkte, wo jene Beiden standen.

»Mein Tuch!« rief sie dabei; »beim Himmel, die Dirne dort hält mein gestohlenes Tuch!«

»Aber, liebes Kind!« rief ihr Gatte, der Capitain des auf der Rhede liegenden holländischen Schiffes, »mach hier keine Scene. Reite hinüber zum Haus, ich werde das Tuch reclamiren und sehen, wie es sich damit verhält.«

Die Dame aber, taub gegen die Vorstellungen, rief gereizt:

»Daß mir die Diebin in die Hecken schlüpft und sich nicht wieder an der Küste sehen läßt, nicht wahr. Mich hat ein glücklicher Zufall hierher geführt, und den will ich benutzen.«

»Was ist -- was gibts?« rief der Gusti, der ebenfalls sein Pferd rasch parirt hatte und gerade an ihre Seite sprengte, als sie vor dem trotzig zu ihnen aufschauenden Glentek und dem Mädchen hielten.

»Das Tuch ist, glaub ich, gestohlen und Madame hat es wieder erkannt,« dolmetschte ein anderer Europäer dem eingeborenen Richter in balinesischer Sprache.

»=Gestohlen?=« schrie Glentek, der die Worte gehört hatte, wild emporfahrend, und seine Hand zuckte wie unwillkürlich nach dem Radotan.

»Ruhig, mein Bursche!« rief aber finster der Gusti; »die Sache wird sich finden. -- Her das Tuch, Kassiar -- zögerst du, Dirne?«

Kassiar hatte erbleichend die Beschuldigung gehört, und ihr Auge haftete eine Weile in Angst und Schrecken auf dem einen Fremden, dem Capitain des Schiffs, als ob sie von ihm Schutz und Entschuldigung erwarten dürfe. Der Gusti hatte ihr indeß das Tuch aus der Hand genommen und der weißen Frau hingereicht, damit sich diese überzeugen könne, ob es wirklich das ihre sei.

»Gewiß -- gewiß!« rief aber diese, als sie es auf dem Pferd mit der einen Hand in die Höhe hob und einen forschenden Blick darauf geworfen. »Das ist mein Tuch, das ich seit Jahren nicht mehr getragen und in meines Mannes Sekretär liegen hatte. Als ich aber neulich zufällig einmal darnach fragte und es zu sehen verlangte, war es verschwunden. Niemand konnte sich erklären wie, und jetzt trägt es die Dirne in der Hand.«

»Und hast du keine Vertheidigung für dich, Kassiar?« rief mit unterdrückter Stimme, aber in Todesangst der junge Bergbewohner. »Läßt du die Fremden dich eine =Diebin= nennen, und wirfst ihnen die Lüge nicht zurück in ihr Gesicht?«

»Woher hast du das Tuch?« fragte jetzt der Gusti das zitternde und mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stehende Mädchen. »Nun, wirst du deinem Richter antworten, Dirne?«

Wieder hob sich der Blick Kassiars scheu und flüchtig zu dem Fremden empor, aber nur einen Moment weilte er dort. Erbleichend wandte sie ihr Haupt ab, dem Geliebten zu, und barg ihr Antlitz dann, wie ihre Schuld bekennend, in den Händen.

»Man wird dich reden machen,« sagte indessen ruhig der Gusti. »Cheh Lascie, Maras, führt sie in mein Haus und haltet sie dort bewacht, bis ich selbst hinüber komme.«

Und seinem Pferd die Sporen gebend, winkte er der übrigen Gesellschaft freundlich, ihren Weg fortzusetzen. Die kleine Cavalcade sprengte auch gleich darauf wieder dem Hause des Holländers zu, wo sie zahlreiche Diener empfingen, ihnen die Pferde abnahmen und sie in die Halle geleiteten. Sie waren alle dort zu Tische geladen, ebenso der Gusti von Kota, und es wurde neun Uhr Abends, ehe dieser wieder in seine Wohnung hinüber ging, um der Verhafteten für die Nacht in einem der Gefängnisse einen Platz anzuweisen. Das Hauptverhör sollte am nächsten Morgen sein.

3.

Der nächste Morgen kam, und Maderai, der Gusti von Kota, hatte seinen Platz zwischen den übrigen Richtern eingenommen, während das Volk in neugierigem, dichtem Schwarm den weiten Raum der großen Bambushütte füllte. Jedes Schmuckes baar, die Haare glatt und schlicht herabgekämmt, die Schultern mit einem dunklen selbstgewebten Zeug bedeckt, ohne Goldringe in den Ohren oder um die Arme, stand das wunderschöne Mädchen seitwärts in einer kleinen Einfriedigung von Bambusstäben und harrte der Klägerin, die vorgefordert war, gegen das des Diebstahls beschuldigte Mädchen aufzutreten. Das verhängnißvolle Tuch hing an einem Stab neben des Gusti Sitz. Immer aber noch erschien die Klägerin nicht, und draußen das Schiff in der Bai, das seine Segel heute Morgen schon gelöst, seine Flagge aufgehißt und seine Boote an Bord genommen hatte, war augenscheinlich im Begriff, ihre Küste zu verlassen. Ließen die Weißen also die Klage gegen das Mädchen fallen, so war sie frei. Von den Eingeborenen konnte ihr Niemand die Schuld beweisen.

Da senkte sich wieder eins der Boote zum Wasser nieder, deutlich konnte man, selbst von hier aus, erkennen, wie der Capitain mit seiner Frau hineinstieg, die hellen Kleider der Europäerin, die noch einmal an Land kam, um eins der eingeborenen Mädchen verurtheilen zu lassen, schimmerten bis hier herüber, und langsam und regelmäßig fielen die Ruder ein, das scharfgebaute Boot zum Ufer treibend, das bald seinen scharfen Bug an dem Corallensand des Strandes scheuerte.

Capitain Van Soeken kam aber nicht freiwillig heute Morgen zum Gericht. Das Schiff lag zur Abfahrt bereit mit Fracht und Wasser an Bord, Wind und Strömung waren günstig, seine Papiere in Ordnung und selbst den Anker hatte er schon früh am Morgen heben lassen, um jeden Augenblick die Segel loswerfen und in See gehen zu können.

»Was liegt denn an dem Tuch?« sagte er beschwichtigend, als seine Frau am frühen Morgen darauf drang, hinüber zu rudern an Land und es beim Gusti, mit Hinterlegung ihrer Klage, abzuholen. »Du mochtest es so nicht mehr tragen, und kommen wir nach Amsterdam zurück, so sollst du dir eins dafür aussuchen, wie es dein Herz verlangt.«

»Mir liegt nichts an dem Tuch,« entgegnete aber, den Blick fest und mißtrauisch auf den Gatten geheftet, die Frau. »Mir ists der Sache selber wegen, die Diebin zu bestrafen. Drei- oder viermal hab ich sie schon hier an Bord gesehen; was hatte sie anders hier zu thun, wenn nicht -- Gelegenheit auszuspüren?«

»Sie kam mit den andern Mädchen,« sagte kopfschüttelnd der Capitain, »lieber Gott, bei dem Volke muß man der Neugierde auch etwas zu gut halten.«

»Und wie kam sie in die Kajüte hinunter und in den Sekretär?« rief Madame, die Worte scharf betonend. »Van Soeken, hier liegt, wie ich fast fürchte, ein Geheimniß zu Grunde, das die Schuld der Dirne um ein gewaltiges vergrößert -- und =verringert=. Ich gebe dir mein Wort --«

»Aber liebes, gutes Kind,« bat sie der Capitain, »sei doch vernünftig, und setze dir nicht eine Menge thörichter Sachen muthwillig in den Kopf. Wenn wir hinüber könnten zum Verhör, würde ich dir rasch beweisen, wie das Ganze ein einfacher Diebstahl ist, wegen dem ich dich aber =recht herzlich= bitte, kein großes Aufheben zu machen und die Sache lieber fallen zu lassen. Du weißt, wie furchtbar streng die Eingeborenen jeden Diebstahl unter sich strafen, wie die Frauen schwere jahrelange Gefängnißstrafe in niederen Bambuskäfigen und Verbannung, die Männer den Tod zu gewärtigen haben. Die Eingeborenen sind dabei so unendlich freundlich und gastfrei gegen uns gewesen; laß uns nicht mit einer solchen Erinnerung, einer solchen Kleinigkeit wegen, von ihnen scheiden.«

»Wenn wir hinüber =könnten=, sagst du?« rief die Frau. »So willst du =nicht= gehen?«

»Aber siehst du denn nicht, daß unser Fahrzeug segelfertig liegt und ich wahrhaftig vor meinen Leuten nicht verantworten kann, die schöne Zeit zu versäumen?«

»Das Schiff ist dein -- ist unser Eigenthum, wir können damit thun, was wir wollen. -- Aber ich sehe schon, wie es ist. -- Rücksicht auf die Leute willst du nehmen -- auf dein Weib nicht. Und soll ich dir sagen, weshalb du dich fürchtest, das Land wieder und jenen Gerichtshof zu betreten?«

»Fürchten? -- Aber, bestes Kind --«

»=Soll= ichs dir sagen, oder glaubst du gar, ich sei blind und hätte den Blick nicht gesehen, den das Mädchen gestern auf dich warf, als ich sie des Diebstahls beschuldigte?«

»Auf mich?«

»Auf =dich=, hab ich gesagt, und wagtest du heute, der Dirne mit einer =Klage= gegenüber zu treten, würfe sie dir entgegen, daß =du= ihr das Tuch =geschenkt=.«

»Aber liebe, beste Marie!«

»Das Tuch =geschenkt=, sag ich!« rief die Frau, mehr und mehr in eifersüchtigen Zorn gerathend, da die augenscheinliche Verlegenheit des Mannes ihren Verdacht nur mehr und mehr bestätigte. »Und wenn du mir das Gegentheil jetzt nicht =beweisest=, so schwör ich dir, so wahr ich Marie heiße und das Unglück habe, dein Weib zu sein, das Schiff hier zu verlassen und am Lande Schutz zu suchen.«

»Aber Marie, so nimm doch nur Vernunft an!« bat der Capitain.

»Und weigerst du dich, auch =mich= an Land zu setzen, dann, bei dem ewigen Gott, spring ich über Bord und mache diesem Leben, das doch von da an nur Qual und Elend für mich haben müßte, ein rasches Ende. -- Verrathen und betrogen -- lieber nicht leben, als mit =der= Gewißheit dem Grabe langsamer aber ebenso sicher entgegen sehen.«

»Aber so sprich doch nur vernünftig!« rief Van Soeken, so gewissermaßen zur Verzweiflung getrieben. »Wenn dir das Schiff selber so wenig am Herzen liegt, einer solchen Bagatelle, einer wahnsinnigen Idee wegen Wind und Strömung zu versäumen, gut, so sag mir wenigstens, was du verlangst und eile damit.«

»Was ich verlange?« rief rasch triumphirend die Frau, »augenblicklich mit dir an Land zu fahren und Zeuge der Gerichtsverhandlung zu sein.«

»=Du= mit mir? weshalb? -- Einer genügt vollkommen, und wenn du es verlangst und wenn es dich beruhigt, will ich hinüber fahren, die Klage einlegen und dir das Tuch, an dem dein Herz so hängt, zurückbringen.«

»Du allein? -- Das glaub ich dir!« lächelte die Frau den Gatten hämisch an. »Wenn du mich hier an Bord wüßtest, wär das Geschäft da drüben wohl bald und glücklich abgemacht. Fort mit dir! =Euch allen= ist nicht zu trauen, und wo der Eine den Andern unterstützen kann, thut ers mit Freuden, gilt es ja doch nur, das arme, verrathene Weib zu täuschen.«

»So komm denn, meinetwegen,« sprach der Capitain, der keinen Ausweg weiter sah, der peinlichen Geschichte zu entgehen, »du bist auch im Stande, eher den =Lügen= der Dirne zu glauben, wenn sie sich irgend eine Ausflucht suchen sollte, als deinem Mann. Aber komm, du sollst wenigstens sehen, daß =ich= deine wahnsinnige Anklage nicht fürchte und mit gutem Gewissen dem Verhör entgegen gehe. Ist mein Boot noch unten, Steuermann?« rief er dann mit lauter Stimme dem vorn am Anker stehenden Officier hinüber.

»Ja, Mynheer,« lautete die Antwort zurück; »soll gleich aufgeholt werden. Alles fertig.«

»Halt! -- wir fahren noch einmal an Land.«

»Noch einmal an Land?« brummte der Steuermann nicht wenig erstaunt, »na, da bitt ich zu grüßen, Ebbe und Brise, wie sie im Buche stehen, alles klar, und noch einmal an Land? Wo so eine Schürze an Bord ist, hört doch der ordentliche Dienst gleich auf. Hols der Teufel, möchte nur wissen, was jetzt wieder im Wind ist.«

Das Brummen half ihm aber nichts. Die Jölle wurde langseits gehalten, der Kajütsjunge hing die Treppe wieder aus, und wenige Minuten später schnitten die Ruder in die klare Fluth und trieben das schlanke Boot pfeilschnell dem Lande zu.

4.

Lautes Murmeln durchlief die Versammlung der Eingeborenen, zu denen sich auch jetzt der auf Bali wohnende Europäer eingefunden hatte, um Zeuge der Verhandlung zu sein.

»Dort kommt der Fremde mit der weißen Frau -- arme Kassiar -- wie viel lange Jahre wird sie in dem Käfig sitzen müssen, des bunten Lappens wegen -- und wie bleich sie aussieht und geknickt! -- Wie rachsüchtig die Fremden sind und wie habgierig -- arme Kassiar!«

Zwischen den Eingeborenen lehnte ein junger Mann an einer der hölzernen Stützen des Hauses. Er ging in die Tracht der Bergbewohner gekleidet, mit dem Radotan im Gürtel, und sein Blasrohr mit der Lanzenspitze im Arm. Aber er sprach mit Niemand; kein Laut kam über seine Lippen, kein Ton des Mitleidens mit dem Opfer, oder des Hasses gegen die Kläger. Es war Glentek, und als Kassiars Blick ihn dort erspäht, wo er stand, hatte ihr Auge den Boden gesucht und sich noch nicht wieder von dort gehoben.

Jetzt traten die Fremden in den Saal. Der Holländer war ihnen entgegen gegangen, die Dame zu dem für sie bestimmten Sitz zu führen. Der Gusti nickte ihnen freundlich zu, und als das Geräusch verstummt war, das ihr Betreten des Raumes verursacht hatte, erhob sich der Gusti von seinem Sitz, überflog mit flüchtigem, aber strengem Blick die Versammlung, und begann dann mit seiner lauten, klangvollen Stimme die Anrede.

»Männer von Bali! wir sind versammelt, die Anklage einer weißen Frau zu hören gegen eine unseres Stammes, die des Diebstahls bezüchtigt wird. Ihr wißt, wie streng unsere Gesetze sind, wie sie den Diebstahl beim Mann mit dem Tode, bei der Frau mit schwerem Kerker strafen, und ihr werdet Zeugen sein, daß den Fremden Gerechtigkeit werde in unserm Lande.«

Nach dieser Einleitung forderte er den der Bali-Sprache vollkommen mächtigen Europäer, der sich erboten hatte, für die Dame zu dolmetschen, auf, seine Klage vorzubringen und hier, öffentlich vor Gericht, zu bestätigen, daß das Tuch der Europäerin und von Bord des Schiffes entwendet sei. Sie habe dabei anzugeben, ob es dort offen gelegen, oder aus einem verschlossenen Raum genommen wurde, was die Strafe für das Vergehen noch verschärfen würde.

Die Klage lautete jetzt, von dem Dolmetscher in balinesischer Sprache vorgetragen, auf allerdings erschwerende Umstände, da das Tuch von Bord, und zwar aus einem verschlossenen Kasten gestohlen sei. Hiergegen trat aber der Capitain selber auf, indem er erklärte, er habe mehrere jener Stücke Zeug vor einiger Zeit aus seinem Kasten genommen und draußen liegen lassen. Das Tuch könne darunter gewesen sein.

Kassiar wurde jetzt gefragt, wie sie zu dem Tuch gekommen sei, ob sie es wirklich heimlich von Bord genommen, oder irgend etwas vorzubringen habe, was zu ihrer Entschuldigung in der Sache reden könne. Zitternd stand das Mädchen von ihrem Sitze auf. Mehrere Minuten gebrauchte sie, sich so weit zu sammeln, daß sie den Blick zu ihrer Klägerin erheben konnte. Neben dieser stand der Capitain, und ihr Auge schweifte kurze Zeit von Van Soeken zu dessen Gattin und zurück, bis es sich endlich auf den Seemann heftete. Dieser aber konnte dem Blick, so viel Mühe er sich auch gab, nicht begegnen. Langsam erhob sich dabei ihr Arm, bis er auf den Kläger deutete, und eine Weile stand sie so, einer wunderschönen Statue gleich, kein Glied des Körpers regend, nicht mit den Wimpern zuckend, dem Manne gegenüber. Auch die Frau des Capitains war aufgesprungen, der nächste Moment sollte vielleicht schon ihren längst gefaßten Verdacht bestätigen, und ihr Auge flog wild, in fast peinlicher Spannung, von den Lippen des Mädchens zu den unverkennbar bleichen Zügen des Gatten.

»Ihr wollt wissen, woher das Tuch in meine Hand gekommen?« sagte da endlich Kassiar mit leiser, wunderbar ruhiger Stimme, ohne ihre Stellung auch nur mit dem Zucken einer Muskel zu verändern, -- »und jene Frau dort klagt Kassiar des Diebstahls an -- so hört denn -- ich habe jenes Tuch --«

Dicht hinter dem Holländer hob sich in diesem Augenblick die schlanke Gestalt Glenteks still und ruhig empor, und auch sein Blick hing in athemloser Spannung an den Lippen der Angeschuldigten. Da traf ihn Kassiars Auge, und plötzlich in sich zusammenbrechend, ihr Antlitz in den Händen bergend, rief sie mit markdurchschneidender Stimme aus:

»=Gestohlen!=« und sank bewußtlos auf den Boden nieder.

»Armes Kind -- arme Kassiar!« klang es von den Lippen der Eingeborenen, und einige der Frauen drängten sich durch die Wachen, die Ohnmächtige zu unterstützen und ins Leben zurückzurufen.

»Das Geständniß genügt,« sagte da der Gusti ernst, der sich ebenfalls von seinem Sitze erhoben hatte, indem er das neben ihm hängende Tuch von dem Stabe herunter nahm und einem seiner Diener übergab, damit er es der Europäerin, als ihr Eigenthum, zurückbringe. -- »Das unglückliche, junge Mädchen mag indeß der Sorgfalt der Frauen überlassen bleiben, bis es sich erholt hat, dann aber der Obhut der Gefängnißwärter übergeben werden. In dem Krankeng büße sie fünf Jahre lang.«

»Halt!« rief da eine ernste, klangvolle Stimme in den Tumult von Tönen hinein, der diesem Urtheilsspruch folgte, »halt, hört erst mich. -- Das Mädchen ist unschuldig!«

Wunderbar war die Wirkung, die diese wenigen Worte auf die Versammelten ausübten, und selbst die Ohnmächtige schienen sie ins Leben zurückgerufen zu haben. Zu gleicher Zeit sprang Glentek, der junge Krieger aus den Bergen, die Ballustrade, die ihn von dem innern Raume trennte, mit einem Satz überspringend, in diesen hinein und ging mit leichtem Schritt dem Gusti zu, vor dem er, auf seine kurze Lanze gestützt und das Haupt vor ihm beugend, ehrerbietig, doch fest entschlossen stehen blieb.

»Wer bist du?« fragte dieser freundlich den ihm fremden Krieger, indem sein Auge mit Wohlgefallen auf den schlanken, kräftigen Gliedern, wie den offenen Zügen des Jünglings hafteten. »Was weißt du von der Schuld des Mädchens hier, das ihr Vergehen schon offen eingestanden?«

»Ich selber bin der Dieb,« sagte der Eingeborene, und wenn auch seine Lippen bei der Lüge zitterten und seine Wangen sich entfärbten, begegnete er fest und unerschüttert dabei dem Blick des erstaunt zu ihm niederschauenden Richters.

»Du wärst der Dieb?« sagte da der alte Gusti nach langer, peinlicher Pause, indeß er sorgfältiger als vorher noch die edle Gestalt des jungen Eingebornen gemustert hatte und ernst und zweifelnd dabei mit dem Kopfe schüttelte; »wer bist du und woher stammst du?«

»Ich heiße Glentek und meines Vaters Haus liegt in dem Hochland von Benoi.«

»Bist du mit dem Rajah Glentek dort verwandt?« rief rasch und erschreckt der Gusti.

»Er ist mein Vater,« erwiderte mit kaum hörbarer Stimme der junge Balinese.

»Unglücklicher!« rief der Gusti da, die Hand abwehrend vor sich ausstreckend, »wozu bekennst du dich? Und weißt du, welche Strafe =dir= bevorstände?«

»=Der Tod!=« sagte Glentek ruhig und unerschüttert -- »ich weiß es, Gusti; aber ein Glentek kann nicht dulden, daß ein Weib =seinetwegen= unschuldig leide.«

Ein wildes Gemurmel durchlief wieder die Schaar der Eingeborenen, und der Holländer war zu seinen Freunden hinüber getreten, diesen die Wendung mitzutheilen, welche die Sache zu nehmen schien.

»Wie kann der Bursche dort der Dieb sein?« rief da Mevrouw Van Soeken rasch und zürnend, »ich habe ihn noch nie an Bord gesehen. Er hat, so viel ich weiß, das Schiff in seinem Leben nicht betreten.«

»Das ist eine Liebesgeschichte,« sagte der Holländer kopfschüttelnd, »ich glaube selbst nicht, daß der junge Bursche mit der ganzen Geschichte etwas zu thun gehabt, und will dem Gusti wenigstens meine Meinung darüber sagen.«

»Du siehst nun, liebes Kind,« flüsterte der Capitain, dem sich bei dieser Wendung eine große Last von der Seele wälzte, der Gattin zu, »daß dein Verdacht vollkommen grundlos war. Der Bursche dort ist sehr wahrscheinlich der Bräutigam, vielleicht der Mann der Dirne, der jetzt bekennt, das Tuch entwandt zu haben, um der Geliebten ein seiner Meinung nach kostbares Geschenk damit zu machen.«

»Wir wollen sehen, wir wollen sehen!« murmelte Madame in fast fieberhafter Aufregung. »Aber -- sie können ihn doch nicht deshalb ermorden?«

»Der Balinesen Strafe auf Diebstahl ist der Tod,« sagte der Capitain gleichgültig. »Ich glaube nicht, daß sie mit ihm eine Ausnahme machen werden. Doch will ich sehen, was sich bei dem Gusti für ihn thun läßt. Lieber Gott, wenn wir jetzt nur nicht Wind und Strömung damit versäumten!«

Der Gusti hörte aufmerksam an, was ihm der Weiße als Aussage der Klägerin mittheilte, und wandte sich dann langsam und ernst an den Jüngling.

»Hast du das Schiff dort draußen je betreten, Glentek?« fragte er ihn, und sein Auge haftete dabei fest und prüfend auf den Zügen des jungen Mannes.

»Könnt ich das Tuch sonst entwendet haben?« entgegnete dieser finster.

»Zu welcher Zeit war das?«

»Bei Nacht.«

»Bei Nacht, und die Wachen entdeckten dich nicht?«

»Die stumpfsinnigen Europäer sind nicht so schlau, daß sie ein Balinese nicht betrügen könnte,« rief aber der Krieger zornig, »Glenteks Fuß berührt den Boden, wie des Nachtvogels Flügel die Luft. Nicht der Tiger hört ihn, wenn er im Teing Dickicht ihn beschleicht, nicht der scheue Hirsch im Alang Alang.«

»Glentek!« rief da Kassiars Stimme mit herzzerreißendem Ton ihn an. »O glaubt ihm nicht, =meinet=wegen will er dem ehrlosen Tode trotzen. So edel jeder Tropfen Blutes in ihm, er =lügt=, wenn er sich meinetwegen schuldig nennt.«

»Hörst du das Mädchen?« sagte der Gusti auf die Jungfrau zeigend, die sich in angstvoller Hast jetzt vom Boden hob und, die Haare aus der Stirn streichend, auf den Jüngling zustürzte, vor ihm zu Boden sank, seine Knie umfaßte und bittend ausrief:

»O Glentek, Glentek, kannst du deiner Kassiar verzeihen?«

Starr und regungslos blieb der Krieger stehen, und nur ein eigener Ausdruck von Schmerz und Liebe durchzuckte seine Züge. Doch auch diese Schwäche, wenn es je etwas derartiges gewesen, schwand im Augenblick. Eisern wie vorher blieb das Antlitz der edlen, dunklen Gestalt, und er sagte finster:

»Hat das Wort einer Dirne hier Gewicht gegen die Aussage Glenteks von Benoi? -- Ihr seid Männer, und euch gegenüber erkläre ich, daß ich jenes Tuch vom Bord des Schiffes heimlich entwendet habe. Wie und weshalb, darauf weigere ich die Antwort. Jetzt thut mit mir nach dem Gesetz.«

»Darnach bleibt nichts mehr zu erfüllen als der Richterspruch,« sprach feierlich und ernst der Gusti. »Glentek von Benoi, bereite dich zum Tode, denn du hast keine Viertelstunde mehr zu leben.«

»Ich bin bereit,« erwiderte ruhig und mit fester Stimme der junge Balinese.

»Halt -- das geht nicht -- das kann nicht sein!« rief aber hier der Capitain, der ebenfalls hinzugetreten war, und genug vom Balinesischen verstand, den Sinn des eben hier Verhandelten zu begreifen.

»Weiß der Europäer etwas, das die Schuld von den Händen des Verurtheilten nimmt?« sagte der Gusti rasch.

»Nein, das nicht,« versetzte halb scheu und doch auch wieder entschlossen der Capitain; »aber -- giebt es nichts in euren Gesetzen, das im Stande ist, den Urtheilsspruch zu mildern? -- Kann das Verbrechen nicht durch irgend eine Buße -- durch Geld vielleicht -- gesühnt werden? Ich mag die Küste hier nicht verlassen und das Blut eines ihrer Kinder, die mich alle so freundlich hier empfangen haben, mit hinaus nehmen auf das blaue Wasser.« --

Aus der Schaar der Eingeborenen war indessen auf des Gusti Wink ein Einzelner, der sich sonst in nichts von den Übrigen unterschied, heraus und vor den Verurtheilten getreten. Hier zog er langsam sein Messer, den balinesischen Radotan, aus dem Gürtel und wartete der weiteren Befehle seines Oberen.

»Unsere Gesetze,« sagte der Gusti ernst, »verlangen für solchen Diebstahl den =Tod= des Missethäters. Aber das Verbrechen ist an einem Fremden verübt, und wenn er selbst auf Milderung besteht, =giebt= es einen Ausweg.«

»Gott sei Dank!« rief der Capitain, als er die Worte vernahm. »Nennt mir die Summe. Ich will lieber einen großen Verlust leiden, als Blut -- dies Blut auf meiner Seele wissen.«

»Die Summe ist nicht so groß,« erwiderte der Gusti, »und ebenfalls durch unsere Gesetze vorgeschrieben. Wenn der Fremde zwei Säcke Kupfer (der Sack etwa dreißig Gulden) zahlt und sich verbindlich macht, den Verurtheilten, der von da an sein Sklave ist, mit fortzuführen und nie wieder an diese Küste zurück zu bringen, von der er verbannt ist für immerdar, so ist sein Leben gerettet.«

»Verbannt -- =ich= von Bali, von meinem Vaterland?« rief da Glentek, wild emporfahrend und die Waffe, die er in seinen Händen trug, fester fassend -- »nie, nie im Leben! Ihr mögt mich tödten -- ich habe den Tod verdient und mag nicht länger leben, aber =verbannen= könnt und =dürft= ihr mich nicht. Ein Sklavenleben für Glentek, fern von der Heimath, fern von meiner Palmen Wehen? -- Nie -- nie und nimmer!«

»Ich zahle die zwei Säcke Kupfer!« rief aber rasch der Capitain. -- »Gebt mir einen eurer Leute mit an Bord, Gusti, der mag sie zurückbringen, und mein Freund dort bürgt euch indessen dafür. -- Laßt den Verklagten hier und seiner Wege gehen. Er hat Strafe genug durch die Angst ausgestanden.«

»Sein Urtheilsspruch ist gefällt,« entgegnete finster der Gusti. »Ließen wir um geringe Geldstrafe den Diebstahl frei, ihr Weißen selber wäret die Ersten, die Klage auf Klage häuften und uns am Ende zwängen, unsere Gesetze zu ändern. Aber nicht allein das Verbrechen,« setzte er mit einem ernsten Blick auf den jungen Mann hinzu, »nein auch der =Wille= der Menschen mag seine Geltung finden. Er, dessen Adern noch junges, rasches Blut durchströmt, =wollte= den Tod, und seines Vaters wegen freut es mich, daß ich die Strafe in Verbannung mildern darf. Wer sich aber einmal eines solchen Verbrechens selbst geziehen, kann nicht in unserer Gemeinschaft lebend bleiben. Er hat sich selbst gerichtet.«

»=Gusti!=« rief der Gefangene, sich stolz, ja selbst drohend gegen den Richter wendend.

Der alte Mann aber, ohne die Bewegung weiter zu beachten, schüttelte nur langsam mit dem Kopf und sagte wieder finster:

»Sendet das Geld an Land und nehmt dafür den Gefangenen hier mit in See. Vielleicht macht ihr noch einmal einen tüchtigen Matrosen aus ihm. -- Kein Wort weiter,« setzte er rasch und fast ängstlich hinzu, als sich der Verurtheilte noch einmal an ihn wenden wollte; -- »ich habe den Urtheilsspruch gefällt; an meinen Leuten hier liegt es jetzt, ihn ausgeführt zu sehen.«

Und mit den Worten verließ er rasch das Haus.

Gegen den Spruch des Gusti gab es keine Appellation. Wenn aber ein Wesen in dem weiten dichtgedrängten Raum in steigendem Interesse, in erwachender Hoffnung und endlich in jubelnder Lust der Wendung gefolgt war, die das Todesurtheil nahm, so war das Kassiar, die Angeklagte. Nur so lange des Gusti Gegenwart ihr Herz mit Scheu und Angst erfüllte, wagte sie nicht zu sprechen, wagte sie nicht, ihren Gefühlen Worte zu geben. Jetzt aber, als er den Rücken gewandt und in der zusammendrängenden Masse der Übrigen verschwunden war, hob sie sich vom Boden auf, flog auf Glentek zu und bedeckte seine Hände und Knie mit Küssen. Aber Glenteks Geist war weit von da, in seinen Bergen, die er von nun an nie wieder betreten sollte. -- Sein Auge blickte stier in die Leere und krampfhaft hielt indeß die Rechte das treue Rohr, die Linke seinen Radotan gefaßt.

»Glentek, Glentek,« bat da Kassiar, noch immer zu seinen Füßen hingeschmiegt, -- »o sage, daß du mir nicht zürnst, sage, daß du mich nicht hassest und ich dir folgen darf, wohin dein Schritt sich wendet -- weit über das Meer, an ferne, wüste Küsten, in nebelbedeckte Länder, in öde Steppen, wohin es ist, wenn nur dein Blick mir dort wieder freundlich lächelt, wenn nur dein Liebeslaut wie früher zu meinem Herzen dringt.«

Glentek hörte sie nicht. -- Still und regungslos stand er da und vor seinen Augen wehten die Farnpalmen seiner Berge, vor seinen Ohren rauschten die wilden plätschernden Quellen und tönte der schrille Ruf des wilden Huhns, der gellende Schrei des Tigers.

Da berührte eine Hand leicht seine Schulter, und als ob ihn ein elektrischer Schlag getroffen hätte, zuckte er empor und sah wild um sich her.

»Es wird Zeit, Glentek,« sagte da die freundliche Stimme des Holländers, der gut genug mit den Sitten der Eingeborenen bekannt war, um zu wissen, daß den Meisten Verbannung viel fürchterlicher ist als der Tod, und der Mitleid mit dem jungen Burschen fühlte. -- »Der Capitain will segeln, und du weißt, daß dir die Gesetze deines eigenen Landes nicht gestatten, länger -- lebendig -- auf diesem Boden zu weilen.«

»Es ist gut,« entgegnete Glentek, der sich rasch sammelte und jetzt wohl fühlte, daß er sich dem Unvermeidlichen auch wie ein Mann fügen müsse. »Es ist gut -- ich bin bereit.«

»Und darf ich mit dir gehen, mein Glentek -- darf ich dir folgen, wohin dein Fuß sich wendet?« bat das Mädchen, noch immer an seine Knie geschmiegt.

Der junge Bursche schüttelte langsam mit dem Kopf.

»Fahre wohl, Kassiar,« sagte er ernst aber ohne Bitterkeit im Ton, indem er leise mit seiner Hand ihr Haupt berührte. »Unsere Wege trennen sich hier. Ich träumte einst von einem Glück an deiner Seite -- das ist vorbei.«

»Glentek!« klagte in herzzerreißendem Tone das arme Kind.

»Lebewohl!« sprach der Jüngling und schob leise die Hand, die sein Gewand noch immer fest gefaßt hielt, zurück. Kassiar gehorchte der Bewegung und ließ ihn los, während sie flehend die Arme zu ihm ausstreckte, aber er wandte sich langsam von ihr ab und schritt, dem Winken des Europäers folgend, ohne auch nur noch einmal den Blick zurückzuwerfen, dem Strande zu.

5.

Fünf Jahre waren nach den im vorigen Kapitel beschriebenen Vorgängen verflossen, und manches hatte sich indessen auf Bali verändert. Den Holländern war der kriegerische Geist des Nachbarvolkes, der auch oft in übermüthigen, seeräuberischen Thaten ausbrach, schon lange lästig geworden, und sie hatten gesucht die Rajahs von Bali für sich zu gewinnen, daß sie wenigstens ihre Oberherrschaft =anerkannten=, wenn sie auch jetzt keine anderen Schritte weiter thaten. Dem entgegen stand aber stets der einflußreichste Mann von Bali, der alte Dewa Argo, der Oberpriester der Insel. Dieser trat mit allen Kräften für die Unabhängigkeit der Insel in die Schranken, wollte von keinen Verträgen mit den Fremden wissen und behauptete, daß sie selbst noch so viel Gewalt wie Fähigkeit hätten, ihre Insel zu regieren und in Ordnung zu halten. Allen versuchten Bestechungen blieb er ebenfalls unzugänglich, bis ihn ein plötzlicher Tod jählings hinwegraffte. Die allgemeine Stimmung sagte, er sei durch Gift gestorben.

Schon vorher hatten die Holländer versucht, sich die Insel durch die Gewalt der Waffen zu unterwerfen. In offener Schlacht und im niedern Küstenland waren die Insulaner, obgleich sie sich mit wilder Tapferkeit den überlegenen Waffen der Feinde entgegenwarfen, auch besiegt worden, in ihren Bergen hätten sie sich aber noch lange und für immer halten können. Die Holländer sahen das auch recht gut ein. Um das Leben ihrer eigenen Leute zu schonen, die bei einem fortgesetzten Kampf mit den zähen Bergvölkern den Gefahren des Klimas nicht allein, sondern auch den furchtbaren Strapazen und Entbehrungen ausgesetzt bleiben mußten, begannen sie nach des Dewa Argo Tode friedliche Verhandlungen mit den Rajahs, die ihnen jetzt nicht mehr so feindlich entgegen standen. Diese wußten sie größtentheils für sich zu gewinnen, brachen dadurch die Einigkeit derselben und rückten ihrem Ziele, das sie mit ihren Geschützen und Bajonetten vielleicht im Leben nicht, oder doch nur mit furchtbaren und unverhältnißmäßigen Opfern erreicht hätten, durch Geduld und Schlauheit näher und näher.

Der Gusti von Kota, einer der den Holländern am meisten geneigten Balinesen und der intime Freund des jetzt dort installirten holländischen Consuls, saß in dieser Zeit Morgens nach dem Frühstück, und eben aus einer langen europäischen Pfeife rauchend, in seinem Hause, als ein Eingeborener in schmutzigen, zerrissenen Kammen, den Oberleib nothdürftig durch den ebenfalls zerfetzten Sappot bedeckt, selbst ohne Kopftuch, die wilden langen Haare nur durch Bast auf seinem Scheitel zusammengebunden, die Veranda betrat, und ohne sich vorher bei dem Richter anmelden zu lassen, ja ohne, wie es die Sitte gebot, auf der Erde knieend seinen Befehl zu erwarten, rasch an den Wachen vorüber in das Zimmer schritt, in dem der Gusti sonst die kleineren Verhöre abzuhalten und Bittende zu empfangen pflegte.

Der junge Eingeborene glich aber keinem Bittenden. Den Radotan ausgenommen, der im Kammen stak, war er allerdings völlig unbewaffnet, doch seine ganze Haltung war trotz der zerrissenen Kleidung so kühn und edel, daß selbst die Gerichtsdiener, die das Haus umlagerten und den Hofstaat des Gustis bildeten, nicht wagten, ihn zurück zu halten. Nur an die Thür drängten sie sich, um dem leisesten Ruf ihres Gebieters rasche Folge leisten zu können, wenn der Fremde, den Niemand von ihnen kannte, etwa gar Unehrerbietiges oder Böses im Schilde führen sollte. Daß er ein Recht hatte, aufgerichtet zu ihrem Gusti hineinzutreten, konnten sie nicht bezweifeln, er hätte es sonst nicht gewagt, da ihm die Strafe gleich auf dem Fuße folgen müßte.

Der Gusti lehnte auf seinem mit weichen Kissen der Dapatwolle belegten Bambussopha und hob sich allerdings überrascht empor, als er die wilde Gestalt so kühn und trotzig zu sich eintreten sah.

»Ist das Landessitte?« sagte er strafend, indem er den Fremden dabei mit forschendem Blick musterte, »in solcher Art den Gusti aufzusuchen? -- Waren keine Diener an der Thür, die dich melden konnten? Bist du hier zu Hause, auf deiner eigenen Schwelle, daß du die schuldige Ehrfurcht vergissest, die dem Obern gebührt?«

»Verzeih den raschen Eintritt, Gusti!« rief mit tiefbewegter aber unterdrückter Stimme, vielleicht um nicht von den außenstehenden Dienern gehört zu werden, der Fremde. »Aber der Zweck, um den ich komme, mag mich entschuldigen, mein Name dir bürgen, daß ich als Gleicher dir nahen darf. Kennst du mich noch?«

Der Gusti musterte die edlen, aber wild verstörten Züge des Fremden, die fahlen Wangen und eingefallenen Augen, dann sagte er kopfschüttelnd:

»Nein. Zu viele Gestalten ziehen an meinem Blick vorüber. Dein Antlitz ist mir bekannt, und doch weiß ich nicht, wo ich zum letzten Mal dich sah. Dein Name?«

»Glentek von Benoi.«

»Glentek?« rief der Richter, erschreckt von seinem Sitz emporspringend. »Unglücklicher, was treibt dich wieder her zu uns? -- Weißt du nicht, daß dein Leben in dem Augenblick verfallen ist, wo du des Landes Küste wieder betrittst, das dich verbannte und von sich stieß?«

»Ich weiß es,« sagte Glentek ruhig, »mein Leben aber wäre von geringem Werth für das, was jetzt mich herführt.«

»Kassiar?« rief der Richter, und ein Zug des Mitleidens zuckte über das sonst so starre strenge Antlitz des Mannes. »Sie ist todt, Glentek. Der Gram um dich vielleicht, vielleicht die Reue hat sie das erste Jahr hinweggerafft. Die kühle Erde deckt ihr gebrochenes Herz.«

»Arme Kassiar!« seufzte Glentek leise. -- »Doch ihr ist wohl -- wohler als mir, der ich fünf Jahre der Verzweiflung fern von meinem Vaterland gelebt. Nein, Gusti, nicht die Liebe zu dem Mädchen führt mich an diesen Strand zurück, -- seit jenem Tag schon war sie für mich begraben, und was ich seitdem erlebt, hat mir bewiesen, daß Kassiar Glenteks von Benoi doch nicht würdig war. Sie ruhe sanft; ich habe ihr verziehen.«

»Und was trieb sonst dich her?« fragte erstaunt der Gusti.

»Mein Vaterland!« rief der Balinese mit vor innerer Bewegung fast erstickter Stimme. »Ich habe ertragen,« fuhr er nach einer kleinen Pause, in der er sich gewaltsam sammelte, ruhiger aber immer noch in großer Aufregung fort, -- »ertragen die langen Jahre hindurch, was nur ein Mensch ertragen kann. Die Feinde -- denn unsere =Feinde= sind jene Männer, deren Flaggen jetzt von vielen Schiffen im Hafen draußen wehen, wenn sie auch freundlich und mit gleißnerischer Zunge zu uns kommen -- die Feinde halten uns nun einmal für eine untergeordnete Raçe bestimmt zu gehorchen und ihnen Schätze anzusammeln, die sie weit überm Meere drüben dann verprassen. Ich bin dort gewesen, ich habe ihre Macht und Größe gesehen, ihre zahlreichen Schiffe, ihre zahllosen Mannschaften, ihre künstlichen mörderischen Waffen, die Wagen, die mit Blitzesschnelle das Land durchfliegen, ihre Häuser, in denen sie tausende von Menschen zu =einem= Zweck beschäftigen. -- Aber ich habe auch ihre Waarenplätze gesehen, in denen sie die Produkte einer =Welt= aufhäufen, und dort begriffen, wie ein Volk, das erst so weit gegangen, das solche Bedürfnisse für sein =Leben= hat, nicht stehen bleiben kann und wird, mehr und mehr zu gewinnen, mehr und mehr an sich zu reißen. Die Holländer haben das Geld und die Macht in Händen, und =Freundschaft= zwischen einem solchen Staat und uns ist nicht mehr denkbar. Der Schwache wird und muß des Stärkeren Beute werden.«

»Aber was hat das alles mit =dir= zu thun?« sprach der Gusti, erstaunt den Beredten anschauend. »Ich weiß das alles,« fügte er mit Stolz hinzu, »es ist ein mächtiges Volk und unser Freund, -- und um mir das zu sagen, brauchtest du dein Leben nicht zu wagen.«

»Mein =Leben=!« rief der Balinese wieder, verächtlich mit dem Fuße den Boden stampfend. »Was gilt mein Leben hier, wo Balis Heil das Losungswort sein muß? Höre mich weiter. -- Ich wanderte, lebte fünf lange Jahre zwischen ihnen und lernte ihre Sprache, lernte lesen und schreiben mit =ihren= Zeichen und Worten und eine neue Welt eröffnete sich mir. Nicht mehr auf Andere brauchte ich mich zu verlassen, um Nachricht aus der Heimath zu vernehmen. -- Mit eigenen Augen konnte ich in all den Blättern, die täglich dort im Volk verbreitet werden, selber lesen, wie sich mein Volk hier wacker allen Eingriffen in seine Rechte, die jene Fremden wagten, widersetzt. O wie mir das Herz pochte, als ich die Kunde mit eigenen Augen sah, daß meine Landsleute mit Lanze, Bogen und Blasrohr herab ins flache Land gestiegen waren, dem Feind die nackte Brust entgegenzuwerfen und ihn zurück ins Meer zu treiben! O wie das da im Herzen stach und brannte, daß ich nicht Theil nehmen durfte an ihren Kämpfen, an ihren Siegen, daß ich =verbannt= von Bali war, ein Ausgestoßener von meiner Mutter Erde, und doch für sie die heiße, brennende Liebe im Innern tragend! So war mir zu Muth, als ich von Balis Siegen las. Wie aber, als ich von unserer Niederlage hörte, von Vortheilen, die die Holländer über uns gewonnen, von Bedingungen, die uns vorgelegt wären, ihren Frieden anzunehmen und ihre Oberherrschaft anzuerkennen!«

»Mich litt es nicht mehr in Europa. -- Längst schon hatt ich die Summe, die jener Weiße für mich gezahlt, abverdient -- mehr noch vielleicht, als er mir dankte. Ich rettete sein Weib bei einer Landung mit dem Boot in einer Stadt im brittischen Indien, und wenn ich das Verhältniß recht begreife, in dem die beiden Gatten mit einander leben, so glaub ich, hab ich mich für vergangenes Leid gerächt. So, frei von ihm, schiffte ich mich auf einem andern Fahrzeug ein, das mich nach Soerabaja an der Javanischen Küste brachte, und hier -- Brachma versenge mich, wenn mich die Nachricht nicht wie ein Todesstoß im Herzen traf -- hörte ich, daß das einzige Herz von Bali, das voll Kraft und Vaterlandsliebe im Stande war, die feindlichen und eifersüchtigen Rajahs mit starker Hand zusammenzuhalten, daß das einzige Herz in Bali, das, von reiner Liebe für die Heimath beseelt, auch die Gefahr begriff, in der wir schwebten, daß der Dewa Argo von feiger, verrätherischer Hand vergiftet und der Fremde im Begriff sei, mit vorgeschützter Freundschaft mein Vaterland zu unterwerfen. Wohl hörte ich von tapferen Schaaren, die aus den Bergen mit Radotan und Speer hernieder stiegen, dem Feinde zu begegnen. Aber die =Seele= fehlt, die jetzt die Massen im Zügel halten könnte. Mein Vater selber ist alt; viele der anderen Rajahs standen schon früher im Verdacht, mit fremdem Gelde, wenn nicht gekauft, doch arg geblendet zu sein. Dumpfe Gerüchte gingen dabei umher, daß Bali Priester nach Indien abgesandt habe, die Lehre des Islam zu prüfen und zu bestimmen, ob wir selber den alten Göttern treulos werden sollten. Da litt es mich nicht mehr in Feindes Land; die Gefahr, die meinem Leben drohte, durfte mich nicht schrecken. Mein Leben gehört ja Bali, mein Arm, mein Herz. -- Für das ersparte Geld erhandelte ich mir ein kleines Boot, setzte meine Segel und steuerte, selig in dem Gedanken, welchem Ziel ich entgegenflog, der vaterländischen Küste wieder zu. In Tabannar wollt ich landen und von dort meine Heimat erreichen, als mich der Sturm erfaßte, der vor wenigen Tagen diese Küste peitschte, und mich herunter in die Bai warf. Mein Kahn füllte sich und sank unfern von Sersek, und mit Schwimmen rettete ich mich wieder an die Küste, die mich vor so viel Jahren einst als Verbrecher von sich stieß.«

»Und was suchst du hier, Verblendeter?« fragte der Gusti, der der leidenschaftlichen Erzählung des Flüchtlings ernst und kopfschüttelnd gelauscht hatte.

»Was ich suche?« rief aber Glentek staunend aus. »Ein Heer, dem Feind zu begegnen! -- Die Schaaren der Unseren suche ich, die sich um die wehenden Lanzen ihrer Rajahs gesammelt haben, die Pässe unserer Berge zu besetzen und Tod und Verderben in die Reihen der Feinde zu schleudern, wenn sie es wagen sollten, uns da anzugreifen. -- Dich hab ich aufgesucht vor allen anderen, weil ich wohl wußte, Gusti, du würdest den Sohn deines Freundes, wenn du ihn einst auch zum Tode verurtheilen mußtest, nicht =verrathen=, und dich bitte ich jetzt, mir die Pässe zu nennen, in denen die Unseren stehen, daß ich im Stande bin, mich ihnen anzuschließen. Gram und Leid haben mir so tiefe Furchen in die Haut gegraben, daß ich nicht fürchte, dort erkannt zu werden, -- nur meinen Vater will ich sehen, und dann ja gern das Leben, das doch dem Vaterland gehört, für dieses opfern.«

»Du träumst, Glentek,« entgegnete ihm da ruhig der Gusti. -- »Was sprichst du von gerüsteten Schaaren, von Feinden und Gefahren, die dem Lande drohen? Bali hat sich seit langer Zeit keines so ungetrübten Friedens erfreut als gerade jetzt. Nicht geschlagen, wenn auch in kleinen Gefechten besiegt, haben unsere Rajahs doch eingesehen, daß es für das Volk besser sei, sich die Freundschaft des mächtigen Nachbars zu erhalten. Dessen Truppen sind jetzt nach Java zurückgezogen, die wenigen ausgenommen, die er zum Schutz seines Handels hier zurückgelassen. Kein Blut wird mehr auf Bali vergossen werden, eingebildeter, thörichter Rechte oder Vorurtheile wegen.«

»Kein Blut auf Bali vergossen?« rief Glentek, einen Schritt entsetzt zurücktretend, »und ist der Mord des Dewa Argo denn gerächt?«

»Der =Mord= des Dewa Argo? Wer sagt dir, daß ein Mord geschehen sei? Der Dewa Argo starb natürlichen Tod.«

»Und Bali ist nicht in Aufruhr?« rief Glentek, kaum seinen Sinnen trauend; »die Krieger ziehen nicht in Schaaren, um endlich den letzten Feind von unserem Boden zu vertreiben?«

»Du träumst, sag ich dir!« sprach kopfschüttelnd der Gusti. »Bali ist ruhig, und wenn du hier herüber kamst, die Hoffnung auf blutige Kämpfe im Herzen tragend, so hast du dich zu unserem Heil getäuscht. Es wäre dir besser gewesen, du hättest Bali nie wieder gesehen.«

»Friede und Freundschaft mit den Mördern des Hohenpriesters!« schrie da Glentek, sich mit blitzenden Augen emporrichtend. »Ha, Gusti, da kennst du nicht die Stimme der Gebirge und ihren Geist! Hier im flachen Lande, unter Malayen und Chinesen magst du, an sklavische Sitten gewöhnt, dich auch dem Willen fremder Eroberer haben fügen lernen, aber besser kenne ich dort =mein= Volk. Mein Ruf soll durch die Berge schallen, mein wohlbekanntes Flammenzeichen die Brüder zusammenrufen und wenn sie in jubelnden Schwärmen aus den Klüften und Schluchten unserer bergigen Heimath niederbrechen --«

»Wahnsinniger, halt ein!« rief der Gusti, von seinem Lager emporspringend und den Arm in Zorn und Abscheu gegen ihn ausstreckend. »Krieg und Verderben willst du aufs Neue in diese Thäler bringen, in denen der Schlachtenschrei kaum erstorben, das Blut kaum ausgetrocknet und verdampft ist? Das Messer des Richters hängt über dir, und du wagst es, uns mit Meuterei zu drohen! -- Weißt du, daß ein Wort von mir dich den draußen nur darauf harrenden Dienern in die Hände wirft?«

»Glaubst du, den Glentek fingen sie lebendig?« lachte da der junge Balinese wild auf, »wenn er sich nicht geben will? Denkst du, dieser Radotan wäre nicht im Stande, sich die Bahn zu brechen? Und zehn Fuß Vorsprung dann, mit all deinem Schwarm von Dienern auf den Fersen, brächte mich nicht in wenigen Minuten in die Dickichte dieser Wälder und unerreichbar frei von euren Sclaven? Hältst du es mit den, dann schlimm für dich, wenn wir als rächendes Gericht wieder von den Bergen und über dich hereinbrechen! Kein Erbarmen hast du dann von uns zu hoffen. Und nun thue dein Schlimmstes, denn in wenigen Minuten bin ich frei.«

»Verblendeter!« sagte aber der Gusti, ohne seine Stellung auch nur um eines Zolles Breite zu verändern. »Zum Glück für Bali kommt dein wilder Schlachtenschrei zu spät. Schon vor zwei Monaten ist der Handels- und Schutz- und Trutz-Vertrag mit Holland abgeschlossen, und während wir die Oberherrschaft der Fremden, die uns nun doch einmal in den Waffen und an Macht überlegen sind, anerkennen mußten, haben wir uns heilig verpflichtet, die Waffen nicht mehr gegen sie zu ergreifen.«

»Die Oberherrschaft der Fremden anerkannt? -- verpflichtet die Waffen nicht mehr aufzugreifen gegen den Feind des Vaterlands?« rief Glentek entsetzt und seinen Ohren kaum trauend -- »das ist =Landesverrath=!«

»Ein Friedensbündniß ist geschlossen;« erwiderte der Gusti, »und wer eine Waffe hebt, das zu brechen, den trifft nach unserem Gesetze der Tod.«

»=Der Tod!=« wiederholte Glentek in hohlem geisterhaftem Ton, und sein Schultertuch um das Haupt ziehend, blieb er viele Minuten lang zerknirscht, vernichtet stehen. Alles war verloren, worauf er noch seine Hoffnung gesetzt -- ihre Schwerter in die Scheiden zurückgestoßen, ihre Hände selber durch das Friedensbündniß gekettet.

Der Gusti fühlte Mitleid mit dem Jüngling, und das eigene Mißtrauen vielleicht, ob jenes Bündniß für Bali so segensreich wirken könne, wie er es einst gehofft, mochte ihn mit antreiben, die junge Kraft dem Vaterlande zu erhalten, sie nicht muthwillig zu zerstören.

»Du warst im Irrthum, Glentek,« sagte er, aufstehend und freundlich seine Schulter berührend, »als du das Land in Waffen wähntest. Es ist tiefer Friede, und wir können und wollen uns nicht länger mit dem mächtigen Gegner messen, dessen Geschütze unsere jungen Leute zu Hunderten niedermähten. Die alten Gesetze dieses Landes sind aber noch in Kraft geblieben und denen wärst du verfallen, entdeckte außer mir auch noch ein anderer deinen Namen -- deine Schuld. Tritt hier hinein und erfrische deinen Körper erst mit den Speisen, die hier stehen, und dann geh hinunter zum Strand. -- Gerade dem Wrack gegenüber, das an der Küste liegt, findest du ein kleines grün gemaltes Boot. Es ist mein Eigenthum. Nimm es und kehre damit nach Java zurück.«

Glentek schwieg, und ohne seine Stellung zu verändern, barg er noch immer das Antlitz in dem Sappot. Als er die Arme endlich sinken ließ, war sein Gesicht fahl und todtenähnlich geworden, und er sagte mit leiser, aber fest entschlossener Stimme: »Ich bleibe hier!«

»Unglücklicher!« schrie aber der Gusti, »willst du denn muthwillig in dein Verderben rennen? Täusche dich nicht, ich selber, wenn ich es wollte, könnte dich nicht schützen.«

»Das sollst du auch nicht, Gusti!« sagte da der Jüngling plötzlich, und ein eigenes wildes Feuer glühte aus den rastlos umherblitzenden Augen. »Ich sehe, wie es ist; mein Vaterland ist verrathen und verkauft, unsere Tempel werden zerstört, unsere Priester und Rajahs vertrieben, unser freier Boden selbst wird unter das Joch gedrückt, und ehe ein Jahrzehnt vergeht, weht von diesen Bergen die verhaßte dreifarbige Fahne. Stirb Glentek, stirb, du nicht allein bist Sclave, dein ganzes Volk hat sich verkauft -- verrathen!«

»Wahnsinniger!« rief der Gusti, seinen Arm ergreifend. »Du wirst dich selbst den Häschern überliefern, die deinen Namen draußen vor der Thür gehört.«

»Zurück von mir!« schrie aber Glentek, aus dessen Augen ein rothes wildes Feuer zu glühen schien. -- »Zurück! -- Den Häschern überliefern? -- Hahaha, sie sollens wagen, den Tiger zu halten, wenn er im Ansprung ist! =Uhi!=« schrie er da plötzlich mit wildgellendem Ton, indem er mit der Rechten den Radotan aus der Scheide riß, während die Linke den Bast aus seinem Haar warf, daß die langen rabenschwarzen Locken ihm wild die Schultern und Stirn umflatterten. -- »=Uhi!= Glentek ist frei, aus den Bergen stürzt sich der Strom ins flache Land, von Stein zu Stein den Abgrund niederspringend, aus dem Dickicht schnellt sich der Tiger seiner Beute zu. Die Anaconda liegt im Palmenwipfel und schießt, dem Pfeil gleich, von der Höhe nieder auf ihren Raub, und so bricht Glentek jetzt hinaus ins Freie -- =uhi!= Dewa Argo, wo sind deine Mörder, wo die feigen Schurken, die dich verrathen haben? -- Ich komme, ich komme dich zu rächen!«

Entsetzt war der Gusti zurückgesprungen und hatte die eigene Waffe von der Seite gerissen, um sich zu vertheidigen. Aber ihm galt der Angriff nicht, und mitten hinein zwischen die Häscher, die jetzt die Thür aufgerissen, den Rasenden zu fassen, sprang Glentek, den geflammten Radotan in der Faust. -- »Da und da!« schrie er, nach links und rechts hinüberstoßend, »habt ihr Stahl -- theilt euch drein, =uhi!=« Und wie die beiden zum Tod getroffen zusammenbrachen, flog der Rasende mit einem Satz über sie fort dem Ausgang zu und auf die Straße hinaus.

Wunderbarer Weise kommt dieser Zustand, der in seinem ganzen Wesen die vollkommenste Ähnlichkeit mit der beschriebenen Berserkerwuth unserer Vorfahren hat und im Norden jetzt ganz verschwunden scheint, sehr häufig auf den Inseln des indischen Archipels vor. Das Volk schreit dann Amok, Amok (ein Wahnsinniger), und alles, was nicht bewaffnet ist, flieht scheu zur Seite, während die Bewaffneten den Wüthenden so rasch wie möglich zu tödten suchen -- wie man bei uns einen tollen Hund unschädlich machen würde. Dieser Zustand von Raserei endet jedesmal mit dem Tode des Unglücklichen, den er erfaßt hat.

»Amok, Amok!« schrie das Volk draußen und stob auseinander. Die Fruchtverkäufer ließen ihre Körbe fallen und flohen in die Seitenstraßen hinein, die Reisträger ließen ihre zusammengedrehten Bündel im Stich, die Frauen rafften ihre Kinder auf und flohen in die nächsten Häuser, deren Thüren zugeschlossen wurden; einzelne junge Burschen flüchteten sogar vor der furchtbaren, den Weg niederrasenden Gestalt in Areka- und Cocospalmen hinauf, um dem unmittelbaren Anprall zu entgehen.

Vom Hause des Gusti sprang der Unglückliche aber, unbekümmert um das ihm folgende Geschrei, quer über den Marktplatz fort, mitten zwischen die Chinesen hinein, die hier feil hielten und Tische und Stände überstürzend zur Seite stoben. Fünf oder sechs von ihnen verwundete oder tödtete der Rasende, wild und rücksichtslos nur nach allem stoßend, was ihm in den Weg kam, gerade wie ein toller Hund schnappt und um sich beißt, und übersprang jetzt, ohne Achtung auf Weg und Steg, einzelne der Butju und giftigen Buntajahecken, deren stachliche Zweige ihn blutig rissen.

Der Schrei Amok zuckte indessen wie ein Blitz durch die Stadt, auch den Entferntesten Warnung gebend, und von allen Seiten stürmten Bewaffnete herbei, den Rasenden unschädlich zu machen und sich selbst, wie Frauen und Kinder von der Gefahr zu befreien.

Glentek hatte unter der Zeit die einzelnen Hecken übersprungen. -- Er fühlte es nicht, daß ihm die Glieder brannten von dem Gift, und mit gezücktem Messer floh er jetzt gerade über den nächsten offenen Zaun, in dem sich die Netzlegereien und Webereien befanden. »Amok, Amok!« tönte der Schrei hinter ihm her, und die Weber und Netzstricker flohen entsetzt zur Seite. Nur ein junger Bursche, ein Knabe von kaum mehr als zehn oder zwölf Jahren, faßte keck und rasch ein quer über den Platz liegendes Seil von Cocosbast, das an der andern Seite an einem Pflock befestigt war, und hob es in die Höhe. Der Rasende stürmte heran, die Haare hingen ihm wild über das Gesicht nieder, und mit der blanken Waffe stieß er blind in die Luft. Da blieb sein Fuß in dem ausgespannten Seile hängen, und während er der Länge nach zu Boden schlug, entfiel seiner Hand die Waffe. Zwar raffte er sich im Augenblick wieder empor, aber ehe er den Radotan wieder ergreifen konnte, fielen die Weber und Netzstricker mit ihren Bäumen und eigenen Messern über ihn her. -- »Amok, Amok!« schrie die Schaar. Glentek griff des einen Arm, brach ihn mit Gewalt ab im Gelenk und warf sich dann auf einen andern, um ihn mit den Zähnen zu fassen und zu zerfleischen. Aber ein furchtbarer Schlag, der ihn über die Stirn traf, warf ihn bewußtlos zurück und zu Boden, und im nächsten Augenblick suchten die Waffen Aller seinen Körper -- wühlten in seiner Leiche.

Unten am Strand, zwischen diesem, dem Fahrweg, der von Kota nach dem Banksal führt, und den beiden malayischen Begräbnißplätzen, steht eine einzelne, vom Wetter zerrissene, von unzähligen Orchideen überwachsene und von Pandanus und wilden Strandgewächsen dicht umgebene Cocospalme. Unter der ruht der Körper Glenteks von Benoi. Sein Land ist allerdings in Frieden mit den Fremden, die Waffen sind begraben und Friedenstraktate unterzeichnet worden. Aber die Macht und der Einfluß der Holländer wachsen dort von Tag zu Tag, ihre Flagge weht schon am Strand, und nicht lange wird es dauern, so flattert sie auch von den Bergen des einst freien Volkes.

Fußnoten:

[34] Tjanging, der westindische Corallenbaum, der in der letzten Hälfte des Jahres in Bali in Blüthe steht, und dann gar keine Blätter trägt, so daß ihn nur die langen, purpurrothen und büschelartig zusammenstehenden Kelche seiner Blumen vollkommen bedecken.

[35] Eine rothe Falkenart mit weißer Brust, welche die Balinesen wahrscheinlich Sikup, den Soldaten, nennen, weil ihre Krieger ein ähnliches Schild vorn tragen.

[36] Die Radjadja ist nämlich die Blatternkrankheit, die von den Europäern nach Bali gebracht wurde. Die Seuche forderte dort ungeheure Opfer und trat mit seltener Bösartigkeit auf. Einem eigenthümlichen Aberglauben nach beerdigen die Balinesen die an dieser Krankheit Gestorbenen nicht wie ihre anderen Todten, sondern bedecken nur die Körper leicht mit Erde und lassen Kopf und Füße frei. Es ist leicht begreiflich, wie in dem heißen Klima Balis die Verwesung so vieler menschlicher Körper die Ansteckung der Seuche nur vermehren und die Luft im wahren Sinne des Wortes verpesten mußte.


Der Menschentiger.

1.

In den Preanger Regentschaften auf Java in Tji-dasang, einem kleinen Dorf oder Kampong, hatte sich schon seit einiger Zeit, und mit Bewilligung der holländischen Behörden, ein chinesischer Kaufmann niedergelassen, der mit den Eingeborenen in seiner Nachbarschaft nicht allein einen einträglichen Tauschhandel trieb, sondern auch ein ziemlich großes, dort in der Nähe gelegenes Gut gepachtet hatte, und Kaffee, Reis und andere Landesprodukte selber darauf zog.

Im Handel mit den Eingeborenen nahm er alles an, was ihm diese bringen konnten: eingekochten Arenzucker und geflochtene Matten, Hüte, ge»badek«te[37] Tücher und Sarongs, gewebte Zeuge, Hühner, Wild, Cocosöl, kurz alles Mögliche. Er selber brachte ihnen dabei eine Masse Dinge von Batavia mit, die sie oft noch nicht einmal dem Namen nach kannten, lehrte sie Spiegel und Schmuck, bunte Kattune und andere Sachen kennen und that, als Vertreter der Civilisation in dieser Berggegend, sein Möglichstes, die einfachen Menschen mit so viel neuen Bedürfnissen bekannt zu machen, als irgend anging.

Die Chinesen sind im Ganzen, wie sonst auch nur zu häufig ihre Moralität beschaffen sein mag, ein ungemein fleißiges und unternehmendes Volk, und so geschah es denn auch hier, daß Schang-hai, wie er nach seinem Geburtsort hieß, obgleich er nur ein sehr kleines Kapital und einen geringen Waarenvorrath mit in die Berge gebracht hatte, bald sein Vermögen verzehn-, ja verhundertfachte und für einen der Reichsten in der dortigen Gegend, jedenfalls unter den Eingeborenen galt.

Die Javanen sind ziemlich abergläubischer Natur und haben, wenn sie sich auch meist zum Islam bekennen, doch noch manches von ihren alten heidnischen Überlieferungen beibehalten, an denen sie mit außerordentlicher Hartnäckigkeit hängen. Es kommt dazu, daß dergleichen Aberglauben meistens von der wilden, sie umgebenden Natur nicht nur begünstigt, sondern oft auch durch sie begründet wird. So schrieben sie auch Schang-hai, dessen rasch wachsenden Reichthum sie natürlich nicht allein von seinem Unternehmungsgeist und seiner Schlauheit abhängig glaubten, ebenfalls bald geheime Kräfte und Künste zu. Daß er sich gern im Wald aufhielt und oft Tage lang ausblieb -- wobei er in Wirklichkeit nur kleine geheimgehaltene Geschäftsreisen machte -- konnte sie nur noch mehr darin bestärken. Ebenso schien er nicht die mindeste Furcht vor den in jener Gegend noch in ziemlicher Anzahl sich aufhaltenden Tigern zu haben, und das war ihnen besonders verdächtig.

Der Tiger, wie die Gefahr, der sie von diesen wilden Bestien stets ausgesetzt waren, spielte überhaupt in ihrem ganzen Leben eine sehr bedeutende Rolle, und wunderliche Sagen über das geheimnißvolle Treiben dieser Thiere, das sie nur aus seinen furchtbaren Angriffen und blutdürstigen Verheerungen, wie aus seiner rücksichtslosen Grausamkeit kannten, waren dort überall im Umlauf.

Eine der bekannteren ist die vom =Menschentiger=, die in mancher Hinsicht unserer deutschen Sage vom =Wehrwolf= entspricht.

Es soll nämlich im Wald, nur von wenigen Auserwählten gekannt, ein Kraut wachsen, daß die wunderbarsten Kräfte besitzt. Der Genuß der Wurzel besonders verwandelt den Menschen in einen Tiger, und zwar in der wörtlichen Bedeutung des Wortes, in all seiner zähnefletschenden gestreiften Furchtbarkeit, und nur der Genuß einer anderen heilwirkenden Wurzel ist im Stande, ihm seine menschliche Gestalt zurückzugeben. Diese Menschentiger sind dann die gierigsten, grausamsten Bestien in der ganzen Thierwelt, und besonders dem Menschen gefährlich. Dabei haben sie ihren Menschenverstand bewahrt und wissen jeder ihnen drohenden Gefahr auch auf das Schlaueste und Geschickteste zu entgehen.

Auch in der Nähe von Tji-dasang hatten die Tiger, trotz der vom Staat ausgesetzten Prämien von fünfzehn Gulden, sehr überhand genommen, und besonders in einzelnen Kampongs große Verwüstungen unter den Heerden angerichtet, ja gar nicht selten sogar die mit dem Auskochen von Arenzucker beschäftigten Arbeiter überfallen und zu Holz geschleppt. Wohl waren die Eingeborenen außerordentlich thätig gewesen, durch Fallen und Gruben einen Theil dieser gefährlichen Raubthiere in ihre Gewalt zu bekommen und unschädlich zu machen; aber dies gelang ihnen bei nur sehr wenigen, und Jäger sind die Malayen und Javanen überhaupt nicht. Sie wissen zum Beispiel gar nicht mit Schießgewehren umzugehen, und wenn sie auch dann und wann einmal in Begleitung der Holländer eine solche Waffe führen, gefährden sie sich selbst und ihre Nachbarn weit mehr damit, als das Wild. Selbst Bogen und Pfeile führen sie nur zum Spiel, und ihre eigentlichen Waffen sind die Lanze, eine auf einen Bambus befestigte damascirte Stahlspitze, und der stets an der Seite getragene Klewang, eine Art kurzes Schwert, das ihnen hauptsächlich dazu dient, sich in den Dickichten Bahn zu hauen. Dazu ist es freilich auch dadurch vortrefflich geeignet, daß es vorn an der Spitze am schwersten ist und daher zum Hiebe die nöthige Wucht erhält. Den Khris oder Dolch haben sie fast alle im Gürtel stecken; die Lanze tragen sie dagegen nur ausnahmsweise, auf der Jagd und bei besonders festlichen Gelegenheiten.

Die Chinesen auf Java sind indessen noch viel weniger Jäger, und führen selbst nicht einmal eine Waffe -- es müßte denn hie und da einmal heimlich geschehen, wozu sich aber wieder die leichte Nationalkleidung nicht eignet, die sie nach einem Gesetz der Holländer auf Java tragen =müssen=.

Schang-hai war unverheirathet. Wie sich indessen seine Vermögensverhältnisse von Tag zu Tag besserten, fühlte er auch das Bedürfniß, eine Lebensgefährtin zu wählen und sich damit endlich einmal eine »häusliche Bequemlichkeit« zu schaffen. Es fing an ihm ungenehm zu werden, in seinem Hause allein zu sitzen, und als er alle seine übrigen Geschäfte besorgt hatte, glaubte er sich auch diesen »Luxus« -- wie er es bis dahin genannt -- gestatten zu dürfen.

Das wäre nun allerdings vortrefflich gewesen, wenn er daran schon vor einer längeren Reihe von Jahren gedacht und es ausgeführt hätte. Leider hatte aber der Chinese seine besten Lebensjahre damit verschwendet, Reichthümer aufzuhäufen, und da er nie, selbst nicht in seiner Jugend, auf Körperschönheit Anspruch machen durfte, so konnte ihm das Alter in dieser Hinsicht noch weniger günstig sein. Schang-hai war mit einem Wort ein kleiner, dicker, häßlicher, unansehnlicher Chinese, dessen Zopf sich schon grau zu färben begann, und die kleinen, etwas feuchten, brennend schwarzen Augen bekamen durch einen schielenden Blick selbst einen widerwärtigen, abstoßenden Ausdruck. Nichts desto weniger wußte er, was ihm auch der Spiegel über seine eigene Persönlichkeit sagte, doch recht gut, daß in der Welt mit Geld vieles, wenn nicht alles zu erreichen ist, und vielleicht war dies auch die Ursache, daß er seine beste Lebenszeit ebenso sorglos und unbekümmert hatte verstreichen lassen.

Da er dabei vernünftig genug war, bei einer Heirath nicht an die Vergrößerung seines Reichthums zu denken, sondern sich bereits entschlossen hatte, ein armes, aber hübsches junges Mädchen zu seiner Gattin zu erheben, so brauchte er, zumal da ihn die etwas wunderlichen gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes, in dem er sich befand, darin begünstigten, an einem Erfolg nicht einen Augenblick zu zweifeln. Die Eltern, die eine unbeschränkte Gewalt über ihre Kinder, besonders über ihre Töchter besitzen, verkaufen dieselben meist an gute »Partieen«, denn eine =Heirath= kann man ein solches Ehebündniß kaum nennen. Der Mißbrauch geht darin so weit, daß die Europäer auf Java sich oft Mädchen auf eine bestimmte Reihe von Jahren für eine zwischen beiden Theilen bestimmte Summe ins Haus kaufen und dabei nicht einmal eine Ceremonie für nöthig halten.

Das war übrigens Schang-hais Absicht nicht. Er wollte sich wirklich eine Frau nehmen, die ihm dann nicht bei der ersten passenden oder unpassenden Gelegenheit wieder davonlaufen und der Unbequemlichkeit der Wahl aufs Neue aussetzen konnte. Sein Auge fiel dabei auf die Tochter eines armen Javanen, den er sich in der letzten Zeit besonders verpflichtet und ihn so in Händen hatte, daß er überhaupt gar nicht seine Einwilligung hätte verweigern können -- wenn ihm das überhaupt in den Sinn gekommen. Kelah, wie der Eingeborene hieß, dachte aber auch nicht einmal an etwas derartiges, und wenn er den kleinen dicken Chinesen mit dem »falschen Blick« auch sicherlich mehr fürchtete als liebte, fühlte er sich doch durch den eines Tages ganz unerwartet gestellten Antrag viel zu sehr geehrt, als daß er mit seiner Einwilligung als Vater auch nur einen Augenblick hätte zögern können. Was Laykas, die Tochter, anbetraf, so war es eine Sache, die sich ganz von selbst verstand, daß sie weiter nichts zu thun hatte, als den ihr vom Vater gegebenen Befehlen zu folgen. Hätte das Mädchen denn auch ein größeres Glück, eine größere Ehre träumen können? Daß Laykas den Chinesen =lieben= sollte, verlangte kein Mensch von ihr -- nicht einmal ihr Bräutigam selber, und daß sie diesen jetzt, wie alle Kinder und Mädchen des Kampongs, =fürchtete=, und ebenso gern einem Tiger als ihm in den Weg gelaufen wäre, wenn er einmal die Straße herab kam, war eine Sache, die sich jedenfalls -- wenn sie nur erst einmal seine Frau war -- von selber gab. Ihr Schicksal sollte ihr aber nicht lange verborgen, ja nicht einmal Raum zum Überlegen bleiben.

Schang-hai hatte nämlich schon seit einer Woche, ohne irgend Jemand zu sagen weshalb, die Vorbereitungen zu der Festlichkeit herrichten lassen, die er auf das Glänzendste auszustatten gedachte. Der reiche Chinese wollte den Eingeborenen einmal zeigen, was er im Stande sei an Glanz und Pracht in diesen Bergen zu leisten. Das Anhalten um die Braut selber verschob er natürlich als eine Sache, die in wenigen Minuten abgemacht werden konnte, bis zum letzten Augenblick. Bedurfte es ja doch unter solchen Umständen auch nur eigentlich des Befehls, sie in sein Haus zu führen.

2.

Eines hatte er dabei übersehen oder, wenn es ihm je eingefallen, so gering angeschlagen, daß es eine weitere Beachtung nicht verdiente, -- daß nämlich seine von ihm ausersehene Braut schon eine andere frühere Zuneigung haben könne. Das Herz eines jungen Mädchens fragt ja auch nicht immer erst die Eltern, ehe es sich zu einem andern Herzen hingezogen fühlt. Darauf kam hier aber gar nichts an; das Herz verlangte Schang-hai überhaupt nicht weiter, als es eben zu seiner bequemen Häuslichkeit unumgänglich nöthig war; er wollte die Hand des Mädchens, und die gehörte bis jetzt noch Niemand.

Laykas war eine wunderliebliche Maid, und der alte Chinese hatte keinen schlechten Geschmack in ihrer Wahl bewiesen. Schlank und voll von Körper, mit Reizen, die von der dunklen Bronzefarbe der Haut eher noch erhöht als vermindert wurden, mit einem Antlitz von fast griechischer Schönheit, wie man es da oben in den Bergen auch gar nicht so selten findet, die dunklen Wangen von so sanfter Frische, daß das steigende und schwindende Blut deutlich auf ihnen sichtbar ward, mit feurigen offenen Augen und Händen und Füßen, um die sie manche stolze Weiße beneidet haben würde, war sie die Zierde ihres Stammes, der Stolz ihrer Eltern, und selig wäre der Mann unter ihren Landsleute gewesen, den sie einst mit ihrer Liebe beglückt hätte.

Leichten und frohen Herzens hatte sie sich dabei willig und gern jeder noch so schweren Arbeit in ihrer Eltern Hause unterzogen. Nie kam eine Klage über ihre Lippen, und ein freundliches Wort, einen freundlichen Blick hatte sie für alle -- konnte sie den Sturm ahnen, der sich über ihrem Haupte zusammenzog?

So kam sie auch heute, singend und mit den Kindern lachend, die neben ihr herliefen, den Berg herauf, denn sie hatte unten im Thale, in den breiten, hohen Bambusstöcken[38] Wasser heraufgeholt. Nur einen Sarong[39] von blau und rothem, selbstge»badek«tem Stoff, der ihr bis zur halben Wade niederhing und die zarten feingeformten Knöchel zeigte, trug sie um die schlanke Hüfte festgesteckt; der Oberkörper, wie das in den Preanger Regentschaften meist Sitte ist, war vollkommen nackt, und die schwere Wucht des rabenschwarzen Haares hielt sie mit einer großen Schildplattnadel befestigt. Die beiden mit Wasser gefüllten Bambusstöcke, die wohl bei drei Fuß Länge, fünf Zoll und mehr im Durchmesser haben mochten, trug sie an einem Querstock, an dem sie vorn und hinten herunterhingen, auf der Schulter, und trotz der gar nicht unbedeutenden Last war doch der Schritt des jungen, frischen, kräftigen Mädchens leicht und elastisch.

In der Thür der Hütte begegnete ihr aber schon der Vater, der eben, noch freudestrahlend, von Tji-dasang zurückgekehrt war und den Augenblick nicht erwarten zu können schien, wo er der Tochter die Freudenbotschaft mittheilen sollte.

»Was hast du, Vater?« rief das Mädchen, dem die fröhliche Bewegung in dem sonst ziemlich mürrischen, einsilbigen Alten nicht entgangen war, und mitten im Gang hielt sie, die Hände zur Stütze auf die Hüften stemmend, an, daß die beiden Bambusröhren langsam herüber und hinüber schwankten. »Was hast du, Vater? Es ist doch nicht --« und das Blut schoß ihr in diesem Augenblick vor freudigem Schreck in Wangen und Schläfe, als sie daran dachte, daß vielleicht Maono, der brave arme Bursch, hier bei ihrem Vater gewesen wäre und -- sie konnte keinen Gedanken ausdenken, so wirr und toll schwirrten ihr die Vermuthungen durch den Kopf. Und so treu und rein war dabei der Jungfrau Seele, daß kein schlimmer Verdacht, keine Furcht den Spiegel ihres Herzens trüben machte. Lachte doch ihr Vater, und das konnte ja nur Gutes für die Tochter deuten.

»Freu dich mit mir, Laykas!« rief ihr dieser, als er sie halten sah, entgegen, »freu dich mit deinen Eltern, denn dein und ihr Glück ist gemacht.«

»Maono?« war alles, was Laykas herausbringen konnte, und sie fühlte dabei, wie roth sie wurde.

»Maono?« meinte der Alte, verächtlich mit den Schultern zuckend, während sich doch ein verschmitztes Lächeln über seine Züge stahl, »wer ist Maono? So viel für den! Hat er doch nicht Reis genug für den morgenden Tag und steckt nicht umsonst da mitten im Walde, um von Früchten und Waldfleisch sein Leben zu fristen! Laykas ist für etwas Besseres aufbewahrt.«

»Für =Besseres=, Vater?« sagte das Mädchen leise, und die mit Wasser gefüllten Bambus wurden ihr in dem Augenblick so schwer, als ob sie sich in Blei verwandelt hätten. Kaum konnte sie mit ihnen den letzten Gang bis zur Hütte ersteigen. »Für was Besseres, Vater?« wiederholte sie hier noch einmal. »Ich verlange nichts Besseres von Allah -- möge er es mir gewähren.«

»Nichts Besseres?« lachte aber der Alte und konnte sich gar nicht wieder zufrieden geben. »Wenn die Kinder nicht wissen, was ihnen gut ist, müssens die Alten soviel besser verstehen. Aber hör, Laykas was ich dir sagen will, und fasse dich, denn solche Freude und Ehre wirst du nicht erwartet haben.«

»Freude? -- Ehre?« rief das arme Mädchen erstaunt und eingeschüchtert, denn bei all den Vorbereitungen begann ihr nichts Gutes zu ahnen.

»Nun, ich will dich nicht länger zappeln lassen,« schmunzelte der Alte; »so höre denn, =Schang-hai= hat dich von mir zum Weib begehrt.«

»Schang-hai?« rief Laykas, und der Stab glitt von ihrer Schulter nieder, daß die beiden Bambus umfielen und das Wasser in sprudelndem Quell wieder den Berg hinunterschickten.

»Ja -- der reiche Schang-hai,« erwiderte mit selbstzufriedenem Lächeln der Javane, den Schreck der Tochter natürlich der Freude und Überraschung zuschreibend. »Aber läßt du nicht das ganze Wasser wieder den Berg hinunterlaufen, Laykas? Nun laß nur sein, von jetzt an wirst du Diener haben, die das für dich thun. Allah segne mich! Hätte ich doch nie geglaubt, die Freude an meinem Kind -- und nur eine Tochter -- zu erleben! Aber morgen mit dem Frühsten gehst du zum Bach hinab und badest dich, bindest dann deinen besten Sarong um, und wenn die Sonne über die Palmen steigt, werde ich dich zu deinem Bräutigam führen!«

»Bräutigam?« stöhnte Laykas, ihr Antlitz in den Händen bergend und dann mit stierem, entsetztem Blick zu dem Vater aufschauend; »Schang-hai -- der furchtbare, entsetzliche Mensch, mein -- mein =Bräutigam=?«

»Nun ja, =hübsch= ist er gerade nicht,« lachte der Alte gutmüthig, »darauf kommt auch nicht viel an. Aber =reich= ist er -- steinreich, und dein Vater braucht jetzt nicht Haus und Feld aufzugeben und wieder in den Wald hineinzuziehen, wie ich es thun müßte, wenn Schang-hai nur daran dächte, seine Forderung einzutreiben. -- Du bist ein braves Kind, mein Herz, und machst deinen Eltern viele, viele Freude.«

Laykas erwiderte kein Wort; wo sie stand, kauerte sie sich auf den Boden nieder und legte den Kopf auf ihren Arm. Sie wußte, ihr Schicksal war besiegelt, ihres Vaters Wille Gesetz, und kannte den Alten zu gut, um auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß er Ernst, bittern Ernst aus seiner Drohung machen würde. Sie war das Weib des gefürchteten Schang-hai, dessen Nähe allein sie schon mit Entsetzen erfüllte, und wenn die morgende Sonne über die Wipfel ihrer Bäume schien, -- ein Schauder überrieselte sie -- führte sie ihr Vater in die Arme des Schrecklichen, der von da an Macht und Gewalt über sie haben sollte ihr Leben lang.

Kelah betrachtete die ineinandergeknickte Gestalt der Tochter wenige Minuten schweigend. Er mochte wohl ahnen, was in ihr vorging, kannte er doch den Abscheu, den alle Kinder -- ja fast alle Erwachsene in den Bergen vor dem alten Chinesen hatten, und fürchtete er ihn doch selbst weit mehr als er ihn liebte. Die Sache war aber einmal abgemacht und nichts weiter daran zu thun, und die Tochter mochte jetzt, ehe er weiter mit ihr darüber sprach, mit dem Gedanken ein wenig vertraut werden. Daß sie sich seinem Willen nicht widersetzte, verstand sich von selbst. Er ging deshalb in sein Haus zurück, um für sich selber auf den morgenden Tag seinen besten Staat, Kopftuch und Sarong, die rothe Kattunjacke und seinen schönsten Khris hervorzusuchen. Es war ja auch eigentlich bei der ganzen Sache nichts weiter zu besprechen und alles Nöthige so gut wie abgemacht.

Staunend sahen indeß Laykas Geschwister die Trauer der Schwester, über deren Ursache sie sich nicht Rechenschaft zu geben wußten. Was es bedeute, des Schang-hai Frau zu sein, wußten sie noch nicht, und darum brauchte Laykas doch nicht das mühsam heraufgetragene Wasser wieder den Berg hinunterlaufen und den Kopf hängen zu lassen. Nur ein unbestimmtes Gefühl sagte ihnen, daß mit der geliebten Schwester doch eigentlich Alles wohl nicht so sei, wie es sein solle, und wie der Vater nur erst einmal ins Haus gegangen war, drängten sie sich ängstlich schüchtern um sie her, zupften sie am Sarong und baten sie leise und schmeichelnd aufzustehen und sie wieder anzusehen wie vorher.

Das Zureden der Kinder aber weckte den bis dahin gewaltsam zurückgedrängten Schmerz der Jungfrau. Alles, was sie bis dahin lieb gehabt, an dem ihr Herz gehangen, sollte sie jetzt verlassen und dafür das Furchtbarste eintauschen, was ihrer Seele nur in Schrecken und Entsetzen vorschwebte -- das Weib des Mannes zu werden, von dem sie jetzt nicht einmal wußte, ob sie ihn mehr fürchtete oder mehr verabscheute. Ihre Thränen flossen unaufhaltsam, und der ganze zarte Körper zitterte in der furchtbaren, kaum mehr gebändigten Bewegung.

Die Sonne sank, und sie saß noch immer auf der Stelle -- die Kinder waren zum Haus hinaufgelaufen, dem Vater zu sagen, daß Laykas krank wäre und weinte. Dieser bedeutete sie aber, die Schwester zufrieden zu lassen, sie würde schon wieder von selber froh und heiter werden.

Als es dunkelte, ging endlich die Mutter zu ihr hinaus.

»Laykas,« sagte sie freundlich, die Hand auf ihre Schulter legend, »komm herein ins Haus -- der Vater wird sonst böse, und der Thau fällt auch schon stark.«

»Mutter,« stöhnte das arme Kind und faßte die Hand der Frau; »ich kann nicht -- ich =kann= nicht das Weib Schang-hais werden.«

»Der Vater hats gesagt,« seufzte die Frau leise und mitleidig, das zu ihr gewendete, von Thränen überströmte Gesicht des Mädchens streichelnd. »Du weißt, was der sagt, müssen wir thun. Mir wärs auch lieber, ein armer Javane hätte sein Jawort erhalten, als der alte reiche Sünder, aber -- was geschehen, ist nun einmal nicht zu ändern. So komm, Laykas, komm mit ins Haus und fasse Muth. Es wird vielleicht noch Alles besser gehen, als wir jetzt denken.«

»Und Maono?« seufzte das Mädchen mit angstgepreßter, zitternder Stimme.

»Wer kanns ändern?« meinte die Mutter, mit den Achseln zuckend. »Unser Geschlecht ist dazu bestimmt, Leiden zu ertragen, und wir dürfen nicht murren. Es ist Allahs Wille. Der arme Bursch thut mir auch leid,« setzte sie leise hinzu, »aber was kann er gegen den reichen Chinesen in die Wagschale werfen?«

»Und opfert er jetzt nicht sein Leben, die Nachbarschaft von den gefährlichen Tigern zu befreien?« rief Laykas. »Haust er jetzt nicht allein und abgeschieden mitten im Wald in steter Gefahr, von den Bestien selber erfaßt zu werden, nur um eine kleine Summe zu erschwingen, daß wir zusammen den Hausstand beginnen könnten, gegen den selbst der Vater bis jetzt nichts einzuwenden gehabt?«

»Das ist alles wahr, mein Kind,« sagte die Mutter, das aufgeregte Mädchen freundlich begütigend, »aber damals hatte Schang-hai noch nicht um dich gefreit, und du weißt selber, welche große Hülfe der für uns ist. Das einzige Reisfeld, von dem wir unsere Nahrung ziehen, ist in den Händen deines künftigen Mannes, selbst die Arenpalmen um unsere Hütte her gehörten nicht mehr unser, wenn es Schang-hai gefiele, sie zu fordern. Die Büffel, die unser Feld bearbeiten, haben wir von ihm geborgt, er kann sie jeden Augenblick zurückfordern. Die Weide selbst, auf die wir sie treiben, gehört dem Chinesen, und schon lange habe ich mir gedacht, daß er nicht umsonst so nachsichtig und gütig mit uns gewesen und seinen Lohn wohl eines Tages einfordern würde. -- Und doch hab ich ihm unrecht damit gethan, denn er hat dich zum =Weibe= begehrt, und damit uns armen, niederen Leuten, wie auch dir, die größte Ehre erwiesen, die ein so hochstehender Mann Jemand nur erweisen kann.«

»Ehre -- Ehre!« jammerte das arme Mädchen, »mir bringt diese Ehre den Tod -- und Maono, armer Maono!«

Sie stand langsam auf, schüttelte die Thränen von ihren Wimpern und folgte der Mutter langsam in das Haus, wo sie den Vater schon behaglich auf seiner Matte ausgestreckt und seine Pfeife rauchend fanden.

3.

Laykas ging ruhig in die Ecke, in der ihr Lager auf einem niederen Bambusgestell bereitet war, und wenn sich der Alte auch ein paarmal nach ihr umdrehte und sie augenscheinlich anzureden wünschte, unterließ er es doch jedesmal wieder. Sie mochte sich die Sache die Nacht über durchdenken, wenn sie nur morgen dann ein fröhliches Gesicht zeigte -- nur bis die Feierlichkeit überstanden war. Nachher mochte Schang-hai allein sehen, wie er mit ihr fertig wurde.

Nach und nach wurde es still in dem kleinen dunklen Raum; draußen rauschten die Palmen ihr flüsterndes Nachtlied durch den Wald und der unten vorbeispringende Bergstrom sandte das Geräusch des fallenden Wassers in leisem, dumpfem Murmeln bis hierher. Dann und wann vielleicht unterbrach der gellende Schrei eines Nachtvogels die heilige Stille, und einmal tönte dumpf und hohl das gierige Gebrüll eines Tigers vom Wald herüber. Dann war alles wieder still. Laykas konnte ihr Herz schlagen hören, wie es mit ängstlichem Klopfen ihr den Schlaf von den Lidern trieb.

Und morgen? -- Der Kopf brannte ihr im Fieber, wenn sie an den morgenden Tag dachte! So mußte dem unglücklichen Verbrecher zu Muthe sein, der mit der nächsten Sonne zum Richtplatz geführt werden sollte und jetzt, an Ketten, im festen, verschlossenen Raum, des Henkers harrte, der ihn hinaus zum Galgen führen sollte. -- Und =war= sie denn eingeschlossen und gefesselt? -- Als ob ein scharfer Khris ihr Herz getroffen, so fuhr sie bei dem Gedanken empor. -- Flucht -- Flucht vor der Gefahr war noch möglich -- aber wohin? --

Wohin? -- Gleichviel, und wenn in den Tod! Lieber die Glieder im tiefen Strom gebettet, als in das Haus jenes furchtbaren Menschen! Lieber von den Tatzen des gierigen Tigers zerrissen, als von den Armen des Gefürchteten umschlungen! Und hatte sie denn nicht des Vaters Spruch dem Tode schon geweiht? War denn das =Leben=, wenn sie Tage, vielleicht gar Wochen, Jahre in jenem furchtbaren Elend vergehen -- sterben mußte?

In immer rascheren Schlägen pochte ihr Herz, das die fest darauf gepreßte Hand nicht mehr zu bändigen vermochte, und der Athem stockte ihr, als sie sich leise und geräuschlos auf ihrem Lager aufrichtete, um auf den Schlaf der Ihrigen zu lauschen. -- Sie athmeten tief und ruhig -- ihr Vater träumte wohl gar von dem »Glück und Heil«, das er mit der Tochter Opfer über seine Hütte gebracht, und sah im Geist sich schon geachtet und geehrt -- ja warum nicht auch =gefürchtet= von den Nachbarn. -- Fort! -- Das war der einzige Gedanke, der sie jetzt trieb. -- Fort aus der Heimath -- aus der Eltern Haus, von dem Herzen der Mutter fort, an der sie mit inniger Liebe hing, von den Geschwistern, für die sie ihr Leben gern geopfert hätte -- denn das war mehr als Tod, was man von ihr verlangte!

In der Hütte war es vollkommen dunkel; nur durch einen Spalt der geflochtenen Bambuswand schaute hell und blinkend ein Stern herein. Geräuschlos glitt sie von ihrem Lager nieder und über den Boden hin. Hätten sie selbst gewacht, sie würden die Flucht des Mädchens nicht vernommen haben. Wie sie die Thüre erreichte, richtete sie sich auf und blieb an der Schwelle stehen. Ohne Abschied sollte sie fort, von allen, die ihrem Herzen theuer waren -- ohne ein freundliches Wort von der Mutter, ohne eine Umarmung von den Geschwistern? -- Aber sie durfte nicht zögern -- der Vater regte sich auf seinem Lager. Wenn sie jetzt entdeckt wurde, ehe sie das Freie erreicht hatte, war sie verloren.

Sie öffnete den hölzernen Drücker der Thür so leise als möglich, und stand im nächsten Augenblick auf der Schwelle. Rasch fiel die Thür wieder hinter ihr ins Schloß, und während sie im Haus drin Stimmen zu hören glaubte, glitt sie über den kleinen freien Platz, der ihre Wohnung umgab, hinweg und in den Schatten eines dichten Mangustengebüsches hinein, das, mit anderen Fruchtbäumen wechselnd, bis zum Rand der Reisfelder lief. In dunkler Nacht brauchte sie hier keine Verfolgung mehr zu fürchten -- sie war gerettet.

Gerettet? -- Guter Gott -- wie hatten noch gestern Abend diese Bäume, unter denen sie jetzt stand und die ihrer Eltern Haus umgaben, diese Palmen und Pisang so traulich, so heimlich gerauscht, wie lieb war jedes Blatt ihr da gewesen, und jetzt! -- Stand sie nicht so wenige Stunden später wie eine Fremde in dem trauten Hain, und lag die Welt, nur wenige Schritte von dem Vaterhaus entfernt, nicht plötzlich so kalt und öde um sie her, als ob sie, inmitten all des Glückes und Segens, das Gottes Hand darüber hingestreut, doch weiter nichts als eine Ausgestoßene wäre?

Wohin jetzt? -- Wie sie zuerst den Gedanken an Flucht erfaßte, war es der Tod, den sie suchen wollte, um sich von aller Noth, von allem Elend zu befreien. Jetzt aber, wo der Himmel wieder hell und klar mit all seinen tausend und tausend Sternen über ihr blitzte, wie sie wieder das Flüstern der Bäume, das Murmeln des Baches hörte, da klammerte das jugendliche Leben sich auch wieder fest und innig an die Welt, und unwillkürlich fast, ehe sie sich nur selber eines bestimmten Ziels bewußt war, floh ihr Fuß jetzt von der Richtung fort, in der der reißende und tiefe Bergstrom lag. In der Flucht aber, mit der freien Bewegung ihrer Glieder den Körper von der frischen Nachtluft gekühlt, mit dem Bewußtsein, jetzt zum erstenmal in ihrem Leben selbstständig, unabhängig, ja sogar der Willkür ihres Vaters entgegen zu handeln, kräftigte sich auch der Muth des armen flüchtigen Kindes. Ihr Auge blitzte kühner und entschlossener, ihre kleine Hand ballte sich fast krampfhaft und die fest zusammengepreßten Zähne, die keck und trotzig aufgeworfenen Lippen verriethen das zu seinem Selbstbewußtsein erwachte Weib.

Unschlüssig hatte sie allerdings noch einen Augenblick gestanden, als sie das nächste Thal erreichte. Aber nicht mehr über das Ziel, dem sie zufliehen wollte, war sie in Ungewißheit -- =das= sollte Batavia sein, so fern dasselbe auch lag, denn dort zwischen den Fremden, von denen sie schon soviel erzählen gehört, durfte sie am leichtesten hoffen, unentdeckt zu bleiben. Arbeiten wollte sie ja, was ihre Kräfte nur vermochten, und von früh bis spät; war sie das schwerste Mühen doch von Kindesbeinen auf gewohnt! -- Dorthin reichte auch nicht der Arm Schang-hais, und einmal nur aus dem Distrikt hinaus, indem der Schreckliche zu herrschen schien, glaubte sie nichts mehr von ihm fürchten zu dürfen.

Aber sollte sie ihre Berge verlassen, ohne ein Wort des Abschieds von dem Geliebten? -- Sollte er denn nicht einmal wissen, wohin sie den Fuß gewandt? -- Schreiben, wie es die Weißen und Chinesen thaten, konnte sie nicht, und wie hätte ihn je eine mündliche Botschaft erreicht, die nicht zugleich ihren neuen Aufenthalt zu verrathen drohte? Dort drüben, wo der dunkle Waldesschatten, vom Mond nur schwach beschienen, lag, oben am Hügelhang, mitten im wilden Dickicht, hauste er, und durfte sie dorthin, allein, bei Nacht den Fuß zu setzen wagen? -- Jene Gegend war ihrer Tiger wegen gefürchtet, und grade deshalb hatte sich Maono dort niedergelassen, um desto eifriger den Fang betreiben zu können und sein höchstes Ziel, den Besitz seines treuen Mädchens, zu erreichen. Wohl getraute sie sich den Pfad zu finden, der zu der einsamen Hütte führte -- denn mit der Mutter war sie vor noch gar nicht so langer Zeit einmal am Tage dort gewesen, um Arekanüsse zu holen. Wie aber durfte sie der Gefahr trotzen, von den lauernden Bestien überrascht zu werden? Nachts und im Dunkel, ob der Mond am Himmel steht oder nicht, kommt der Tiger aus seinen Dickichten, in denen er den Tag über versteckt gelegen, hervor und schleicht ins Freie hinaus, seine Beute zu erlegen. Ein Rind, das er trifft, ein Pferd, ein Stück Wild, es ist ihm alles willkommen, und gleich gierig stürzt er über alles her. Die Bestien aber, welche schon einmal in früherer Zeit Menschenfleisch gekostet, und denen dasselbe wohl geschmeckt haben mochte, ziehen von da an diese Beute jeder andern vor. Das sind dann die gefährlichsten Raubthiere, und dem Menschen mit ihrer furchtbaren Kraft, ihrer List und Blutgier vor allen anderen furchtbar. Der Javane nennt diese denn auch in ganz besonderer Auszeichnung »die Menschenfresser.«

Laykas zögerte, aber es war nur ein Augenblick. Wie klein schien ihr diese Gefahr gegen die andere, der sie sich erst gewaltsam durch die Flucht entzogen! Stieg nicht der Mond gerade in all seiner Pracht und Klarheit, fast gefüllt, am östlichen Himmel empor? Der leuchtete ihrem Pfad -- er und die Liebe sollten sie führen! Und hatte sie Maono von ihrem Plan in Kenntniß gesetzt, wußte =er=, und nur er allein, wohin sie sich gewandt, und weshalb sie den verzweifelten Schritt gethan, dann konnte sie auch mit fröhlichem Muth, mit leichtem Herzen ihren weiten, mühseligen Marsch durch fremde unbekannte Distrikte, zu fremden Menschen, in eine ihr fremde Welt antreten, und das arme hülflose Mädchen sah, trotz der Gefahren, die überall ihre Bahn umlauerten, mit froher, ruhiger Zuversicht der ungewissen Zukunft entgegen.

Wie sie freilich in dem fernen Batavia, wenn sie es erst glücklich erreicht, ihr Leben fristen sollte, war ihr jetzt selber noch nicht klar. Nur das fühlte sie, daß sie arbeiten konnte und wollte, und aus ihrer Gegend selbst waren ja schon in früherer Zeit Einzelne dorthin ausgewandert, und mit Geld und guten kostbaren Kleidern zurückgekehrt -- warum sollte es =ihr= dort fehlen?

Rüstig schritt sie, nur dann und wann einen scheuen Blick zurückwerfend, ob sie nicht verfolgt würde, ihrem schmalen Pfade entlang, der sie, sobald sie das Fruchtdickicht ihrer eigenen Heimat verlassen, am Hügelhang hin, und zwischen einer Anzahl von Reisfeldern hindurchführte. Es war ein beschwerlicher Weg, bei dem unsicheren Licht des kaum aufgegangenen Mondes die schmalen schlüpfrigen Raine zwischen den unter Wasser gesetzten Reisfeldern einzuhalten, aber sie kannte hier jeden Fuß breit Boden und wußte, daß sie rascher vorwärts eilen konnte, sobald sie nur einmal die steinigen Hügelhänge, in denen ihr jetziges Ziel lag, erreicht hatte.

Hier begann freilich auch das Gebüsch, wilder Pisang, prachtvolle Farn- und einzelne Arekapalmen, mit einem dichten Unterholz anderer Laubbäume -- hier begann für sie die Gefahr in den Hinterhalt eines der furchtbaren Raubthiere, und der blutgierigen Bestie in den Rachen zu laufen, und als sie den düsteren Waldesschatten erreichte, in den der Mond jetzt seine wunderlichen Lichter warf, blickte sie im Anfang scheu und rasch umher und hielt auch wohl den flüchtigen Schritt plötzlich an, um irgend einem fremdartigen Geräusch, einem Rascheln im Busch besser zu lauschen, das ihr Herz schneller klopfen machte. Das aber waren immer nur Momente; ihre Flucht hielt es nicht auf, und eine Ravine kreuzend, erreichte sie jetzt wieder, kaum noch tausend Schritt von der Hütte entfernt, in der Maono seine Wohnung aufgeschlagen, einen offenen Strich Landes, durch den die breite, gut in Stand gehaltene Straße am Rand der Ravine hin lief. Diese Straße führte von Tji-dasang aus zuerst nach dem großen Gut eines Chinesen, und stand weiter unten mit der Javanischen Hauptpoststraße, die durch die ganze Insel läuft, in Verbindung. Diese Straße mußte sie ebenfalls kreuzen, der Pfad aber, den sie kannte, und der durch die ihr gegenüberliegende Dickung führte, lag etwas weiter oben, gerade an der Stelle, wo eine wohl dreißig Fuß hohe Farnpalme ihren federnartigen Wipfel über dem Fuhrweg schaukelte. Gerade durch den Wald zu brechen wäre ihr, selbst am hellen Tag nicht möglich gewesen, so dicht in einander flocht diese gewaltige Vegetation ihre Zweige und Lianen, und rasch der Straße aufwärts folgend, sah sie schon von weitem den Schatten der Palme über die weiße Straße hinüber hängen, als sie, dicht neben sich im Weg sich etwas regen sah.

Mit einem halben, kaum unterdrückten Aufschrei flog sie zurück, und wie gelähmt erstarrten ihr in dem Moment, vor dem entsetzlichen, jede Willenskraft vernichtenden Schreck die Glieder, denn vor ihr stand, halb scheu unter seinen großen Hut zurückgedrückt, und doch auch wieder fast eben so überrascht, wie sie selber, auf sie schauend, der furchtbare Schang-hai. Die kleine, breite, wie zum Sprung ineinandergepreßte Gestalt war nicht zu verkennen, und seine Augen schienen wie glühende Lichter nach ihr herüber zu funkeln.

»Allah schütze mich!« stöhnte die Jungfrau. Als ob aber mit den herausgestoßenen Worten der Zauber gebrochen wäre, der sie bis dahin gefangen gehalten, so floh sie jetzt, einem aufgescheuchten Reh gleich, mit Blitzesschnelle der Farnpalme zu, und dort mit einem Sprung den weiten Graben überfliegend, in den Wald hinein. Scheu drehte sie den Kopf zurück -- sie hörte Schritte hinter sich -- das Laub raschelte, und kaum ihrer Sinne noch mächtig, verfolgte sie ihre Flucht in wilder Hast immer den Pfad entlang, bis sie sich endlich an der wohlbekannten Gruppe von Arekapalmen fand. Wieder glaubte sie ein dumpfes Geräusch hinter sich zu hören, aber durch die Palmen hin kannte sie einen näheren Pfad zur Hütte, und glitt wie eine Schlange in den dunklen Schatten des dichten Unterwuchses von Pisang- und Cacaobüschen hinein. Jetzt hatte sie das Bambushaus erreicht -- die hohen Stufen flog sie hinan, preßte den Drücker nieder, und als dieser dem Griff nachgab, und die Thür sich in ihren Angeln drehte, brach sie, nicht mehr im Stande die furchtbare Aufregung der letzten Stunden zu ertragen, auf der Schwelle ohnmächtig zusammen.

4.

Mitten im wilden, dichten Wald auf Java, findet der Wanderer oder Jäger, wenn er sich durch einen halbverwachsenen alten Pfad Bahn gehauen, manchmal weite Gruppen schlanker hochstämmiger Cocos- und Arekapalmen in der tiefsten Wildniß stehn. Sonst sind dies stets, besonders die letzteren, sichere Zeichen von der Nähe menschlicher Wohnungen, und noch mehr bestätigen gewöhnlich schattige Fruchtdistrikte von Mangusten-, Romboutan-, Nangka- und Manga-Bäumen, und wie die wundervollen Bäume alle heißen, solche Vermuthung, und scheinen dem Fremden wie bittend die beladenen Zweige entgegenzustrecken, daß er sie nur in etwas von ihrem drückenden Reichthum befreien möge. Und doch würde in den meisten Fällen der mit dem Land Unbekannte kaum ein Merkmal finden, daß solche Stelle je bewohnt gewesen und noch andere Geschöpfe als Tiger und Rhinoceros hier dem weichen Boden ihre Fährten eingedrückt.

Und dennoch standen dort früher die leichten Hütten der Eingeborenen, deren Spur jetzt freilich der Zahn der Zeit vom Boden vertilgt, und ihre letzten Überreste unter der verwesenden dichten Laubdecke dieser üppigen Vegetation begraben hat. Nur die Natur selber blieb ewig jung, und höher und kräftiger noch hoben die Palmen ihre wehenden Kronen empor, und schauten stolz und kühn aus dem dichten Laubmeer hervor, das sie ringsum überragten.

Unter diesen Palmen und dem wilden Gewirr von Pisang, Farren, Lianen und andern Fruchtbüschen hat in früherer Zeit einmal ein urbargemachtes Feld gelegen und des Menschen fleißige Hand dem Boden Nahrung für sich abgezwungen. Kaum aber wurden die Menschen wieder abgezogen, so forderte der Wald sein Eigenthum mit herrischer Gewalt zurück, streute seinen Saamen darüber hin, und trieb die alten, bis dahin nur mit Noth und Mühe zurückgehaltenen Wurzeln aufs neue in kräftigen Schößlingen empor. Was dabei die Vegetation allein zu leisten vermag, beweisen schon die Pisang oder Bananenstämme; denn in sechs Monaten treiben diese einen Stamm von Beinesdicke, um im nächsten Jahr den Boden damit zu düngen, und fünf oder sechs ähnlichen Schößlingen Saft und Nahrung zu geben.

Solche »todte Kampongs« sind fast immer, und mit nur wenigen Ausnahmen, in früherer Zeit der überhand nehmenden Tiger wegen von ihren Bewohnern geräumt worden, die lieber ihre Fruchtbäume und das mühsam bestellte Feld im Stich ließen, um nur der gefährlichen Gesellschaft zu entgehen. Weiter dem bebauten Lande zogen sie dann zu, und wenn sie da auch ihre Arbeit von vorn beginnen, und das Wachsen neu gepflanzter Palmen und Fruchtbäume erwarten mußten, waren doch ihre Familien auch mehr gesichert, und Frau und Kinder brauchten nicht mehr, selbst in der Thür der Hütte, wie das im Walde oft der Fall gewesen, den Angriff des gierigen Räubers zu fürchten. Von den verlassenen Plätzen aber nahm der Fürst der Javanischen Waldung, der Königstiger, Besitz, und in der neu und dicht aufschießenden Wildniß konnte er seine Tage sicher und ungestört verträumen, um dann erst Abends mit der Dämmerung seiner Beute nachzugehn.

Auch diese Stelle, durch die der Fuß der armen geängstigten Maid geflohen, war ein solcher »todter Kampong,« und die Tiger hatten sich in der Nachbarschaft so vermehrt, daß sie sogar von dort aus die dicht besiedelten Nachbardörfer aufsuchten und Schrecken und Entsetzen unter den Bewohnern verbreiteten. Nicht allein sah sich die holländische Regierung dadurch genöthigt, in der letzten Zeit einen erhöhten Preis auf die Einbringung oder Tödtung dieser gefährlichen Raubthiere zu setzen, sondern die Eingeborenen selber waren zusammengetreten und sicherten noch besonders dem glücklichen Erleger eines Tigers reiche Belohnung zu. Konnten sie doch nur auf solche Art hoffen, von ihnen befreit zu werden, und ihre grimmen Reihn gelichtet zu sehn.

Bei den Eingeborenen ging aber dabei nicht allein das Gerücht, sondern war in ihrem angsterfüllten Hirn, von abergläubischer Furcht gestachelt, zur festen Überzeugung herangewachsen, daß zwischen ihnen ein =Menschentiger= sein entsetzlich Wesen treibe. Zu viele Menschen, und zwar lauter Javanen, waren gerade in den letzten Monaten im Wald und selbst bei ihrer Arbeit auf den dicht am Wald liegenden Feldern zerrissen worden, von denen man viele unversehrt, nur mit zerrissener Kehle wieder aufgefunden. Unter ihnen hatte jedenfalls ein solches Ungeheuer gewüthet, und der Preis, den die Eingeborenen unter sich auf den Fang desselben gesetzt, wäre hoch genug gewesen, den glücklichen Jäger zum reichsten Mann des Kampongs zu machen, -- nur daß sich der »Menschentiger« eben nicht fangen =ließ=.

Diese hohen ausgesetzten Preise waren denn auch die Ursache gewesen, daß sich Maono, ein junger kräftiger Sundanese -- wie die Bewohner der östlichen Gebirgshälfte von Java im Gegensatz zu den westlichen, den Javanen, eigentlich heißen -- dem gefährlichsten Handwerk, das seine Berge kennen, dem Tigerfang ausschließlich zugewandt. Er hatte es aber nicht aus Gierde nach Schätzen gethan, denn der wackere Bursch bedurfte deren für sich selber nicht; sondern nur um sein Mädchen, seine Laykas, dem drängenden Vater abzukaufen, und für sich selber dann, an ihrer Seite, ein neues stilles Leben zu beginnen, wählte er sein gefährliches Geschäft, durch das allein er hoffen durfte, in kurzer Zeit ein kleines Capital zurückzulegen -- wenn ihn nicht die Tiger selbst zerrissen. Ohne Laykas aber konnte er sich das Leben doch nicht denken, und was galt ihm jetzt die Gefahr, der er sich hier jede Stunde aussetzte, wenn er damit die Hoffnung gewann, ihren Besitz zu erkaufen! Dieser Platz schien ihm dabei vor allen andern passend, sein Vorhaben auszuführen, und in dem Dickicht selber, in dem er sich mit seinem Klevang einen kleinen Raum freigeschlagen, errichtete er aus Bambusstäben seine feste Hütte, deckte sie mit den Fasern der Arekapalme und Bambuslaub zu festen Matten geflochten, und stellte Fallen, legte Gruben an und fing in rascher Reihenfolge fünf starke Tiger, die er allein mit seiner Lanze in der Grube tödtete.

Maono war an dem Abend erst mit der Dämmerung nach Hause gekommen. Vor einigen Tagen fast selber von einem riesigen Tiger überrascht, dessen Wechsel er in dem Pfad, nahe bei seiner Hütte gespürt, hatte er kurz vor Dunkelwerden eine neue Grube beendet und mit der Lockspeise belegt, und sich jetzt, müde und erschöpft vom schweren Graben und Balkenschleppen, auf sein Lager geworfen. Aber sein Schlaf, fortwährend von Gefahr umgeben, war nur leicht, und wie der Griff seiner Thüre niederklappte, diese sich öffnete und eine dunkle Gestalt auf seiner Schwelle zusammenbrach, griff er die Lanze auf, die immer dicht neben ihm an seinem Lager lehnte, und fuhr, sprungfertig wie der Tiger selber, empor, dessen Angriff er fast fürchtete.

Aber Alles blieb ruhig -- draußen rauschte der Wald, die Frösche quackten in dem nahen Sumpf, und laut und donnernd schlug plötzlich ein wild dröhnendes Gebrüll an sein Ohr.

»Ha?« lachte der junge kecke Jäger vor sich hin, »hast du das Weite wieder gesucht, mein Bursche, wie du das Lager des Feinds gewittert? -- Aber nein -- das konnte der Tiger nicht sein, denn der steckt noch dort im Alang Alang[40] draußen, und folgt vielleicht jetzt gerade meiner ihm gelegten Witterung. Aber die Thür öffnete sich doch, und ich dächte, ich hätte vorhin einen dunklen Schatten dort gesehen.« Vorsichtig, mit vorgehaltener, zur Vertheidigung oder zum Angriff bereiter Lanze näherte er sich langsam der Thür; der Mondenschein fiel hell und voll darauf, und bald erkannte sein scharfes Auge eine da kauernde menschliche Gestalt.

»Der Menschentiger!« knirschte er zwischen den Zähnen durch, und die krampfhaft gepackte Lanze drängte sich fast unwillkürlich zurück, zum Todesstoß ausholend. -- Aber das sah nicht wie ein Angriff aus; die Arme fortgestreckt vom Körper lag die dunkle Gestalt still und regungslos zu seinen Füßen -- in seiner Gewalt. So hätte sich ihm das Ungeheuer, das er mehr fürchtete als alle Tiger der Welt, im Leben nicht preis gegeben. Das war ein Mensch. Und als er endlich, noch immer scheu und vorsichtig und sprungbereit dem fremden Wesen näher trat, und sich langsam und scheu niederbog, um es mit der Hand zu berühren, da fühlte er unter den Fingern das weiche warme zarte Fleisch und wußte jetzt, daß es ein jedenfalls im Wald verirrtes Weib sein mußte, das vor den Tigern flüchtend, hier bei ihm Schutz gesucht.

Er stellte die Lanze neben die Thür, und beugte sich nieder, die Arme aufzuheben und in die Hütte zu tragen, als der bewußtlose Körper wieder Leben gewann. Die erste Bewegung aber war der scheu nach rückwärts gedrehte Kopf, ob der Entsetzliche ihr folge und -- »Laykas!« schrie Maono, und schlang staunend und erschreckt den Arm um die Geliebte.

»Schütze mich, Maono!« war aber alles, was Laykas im Anfang über die bleichen Lippen bringen konnte, und zugleich drängte sie sich jetzt scheu von der Thür hinweg.

»Fürchte dich nicht, mein Herz,« sagte Maono freundlich ihre Angst beschwichtigend. »Wenn ich auch nicht begreife, wie du in Nacht und Dunkel den Weg -- Allah schütze mich!« rief er plötzlich, in Todesschreck emporfahrend -- »wie bist du denn zu dieser Hütte gekommen? Den Pfad entlang?«

»Den Pfad entlang, bis zum Pinangdickicht, und dann in wilder Flucht durch die Stämme und Dornen durch, die mir die Haut zerfleischten.«

»Dich hat dein guter Geist beschirmt,« sprach Maono, liebkosend ihr die Haare aus der feuchten Stirn streichend. »Aber um deiner Liebe willen, Laykas, was führt dich in der Nacht in dieses Dickicht, das selbst die Männer deines Kampongs nur am hellen Tag in Trupps betreten? Wenn du nun in die Klauen einer der gierigen Bestien gefallen wärst? Wie elend wäre ich gewesen, ob ich auch deinen Tod blutig an ihnen gerächt! Oder droht dir Gefahr von anderer Seite, als den wilden Thieren dieser Waldung?«

Das Mädchen hatte sprechen, hatte dem Geliebten die Vorgänge des letzten Abends erzählen, und dann ruhig von ihm Abschied nehmen wollen, um ins weite ferne Land hinaus zu ziehn. Das Schreckbild aber, das in der letzten Stunde wie aus dem Boden herausgewachsen, vom Mondlicht bleich beschienen, vor ihrem entsetzten Blicke aufgetaucht war, hatte ihre Sinne und Gedanken so betäubt, verwirrt, daß nur das eine Wort Raum in ihnen fand. -- »Schang-hai!«

»Ha! -- was mit dem?« fuhr Maono auf, »drängte der alte Sünder deinen Vater zum Äußersten? Den Tod über ihn! Aber nicht lange mehr, so hat Maono Geld und wird --.«

»Dort -- dort -- hinter mir!« stöhnte Laykas und deutete mit zitterndem Arm durch die noch offene Thür hinaus ins Freie, »er folgt mir -- schütze mich!«

»Wer? -- Schang-hai?« rief Maono mit weit geöffneten stieren Augen, indem ein furchtbarer Verdacht vor seiner mit all den Schreckbildern blinden Aberglaubens gefüllten Seele emporstieg. »Schang-hai -- jetzt im Wald? -- Auf deiner Fährte?« Und rasch und unwillkürlich suchte die Hand die fort gestellte Waffe.

Nur mit unendlicher Mühe bezwang sich das arme, zum Tod erschöpfte Mädchen endlich soweit, dem Jüngling zuerst die Vorgänge der letzten Viertelstunde, die plötzliche Erscheinung des Chinesen und ihre wilde Flucht zu erzählen, denn in des Geliebten Nähe fühlte sie sich wenigstens vor augenblicklicher Verfolgung sicher. Dann aber, wie sie sich mehr und mehr erhohlte, und Maono jetzt die Thüre schloß, auf dem kleinen Herd ein prasselndes Feuer von dürren Bambusstäben entzündete, das Licht und Wärme verbreitete, und dann seine Matte zur Flamme zog, daß sie ihnen als Sitz diene, da ging sie auch auf die Vorgänge des letzten Abends zurück, sagte, was ihr mit der heutigen Sonne gedroht und sie zur Flucht getrieben, und bat den Geliebten jetzt mit leiser ängstlicher Stimme sie am nächsten Morgen nur wenigstens bis durch den Wald zu geleiten, damit sie nicht etwa nach ihr ausgeschickten Verfolgern in die Hände fiele, und vor allem -- dem furchtbaren Schang-hai nicht wieder begegnete.

Maono hatte mit keinem Laut, keinem Wort ihre ganze leidenschaftliche Erzählung unterbrochen -- nur seine Augen funkelten, seine Glieder zitterten, und wie unwillkürlich suchte oft die Rechte, während er mit der Linken die an ihm lehnende Geliebte umfaßt hielt, den im Gürtel steckenden Khris. Laykas für ihn verloren, einem Ungeheuer verkauft oder in die Fremde hinausgestoßen -- es blieb sich fast gleich, und keine Hülfe -- keine Rettung aus dieser furchtbaren Noth! Blieb Laykas hier, so wußte er recht gut, daß schon am nächsten Morgen, noch dazu, da Schang-hai die Richtung ihrer Flucht wissen mußte, Boten nach ihr ausgesendet würden, um sie zurückzufordern; und setzte die Unglückliche auch ihre Flucht fort, was half es ihr -- allein da draußen im Wald -- allein in der Welt? --.

»=Allein?=« rief er da plötzlich, und richtete sich rasch und hoch empor, »nein Laykas, nicht allein laß ich dich mehr hinaus in die fremde Welt, nicht allein selbst durch diese gefährdeten Waldungen mehr. =Ich= fliehe mit dir -- die Berge kenn ich alle, von den Reisfeldern, die an ihrem Fuße liegen, bis zu den nackten Lavagipfeln ihrer glühenden Krater, und nicht nach Batavia gehen wir dann, zu den fremden Weißen und ihren verdorbenen Sitten, wo dein Vater auch unsere Spur wieder auffinden und uns zurückfordern könnte in das alte Leid. Gerade Nord hinauf ziehen wir; in Indramaju lebt mir ein Bruder, und von dort führ ich dich in dessen Prau hinauf nach den »tausend Inseln.« Dorthin wagen sie nicht uns --.« Er hielt plötzlich inne, denn gar nicht weit von der Hütte entfernt tönte so dröhnend, daß das Laub auf dem Dach zu zittern schien, das tiefe furchtbare Gebrüll eines Tigers herüber, dem sich ein wilder, gellender Schrei, wie fast aus gequälter Menschenbrust kommend, beimischte.

»Der ist in der Grube!« jubelte Maono, in seiner Jagdlust fast die augenblickliche Gefahr der Geliebten vergessend, und mit dem rasch aufgegriffenen Speer sprang er der Thür der Hütte zu.

»Maono!« bat aber Laykas, ängstlich seinen Arm ergreifend, »gehe nicht fort von mir. Laß mich nicht hier allein, ich würde vor Angst vergehen. Und wenn nun Schang-hai wirklich meinen Schritten gefolgt wäre.«

»Wäre ers nur!« zischte Maono, den Speer fester packend, zwischen den Zähnen durch. »Aber horch, Laykas -- hörtest du nicht jetzt --?« -- Er hatte die Thür aufgestoßen und horchte, halb unschlüssig, ob er gehen oder bleiben solle, in die Nacht hinaus.

»Ich höre nichts als das Rascheln des Windes im Wipfel der Bäume,« flüsterte die Jungfrau; »es ist so furchtbar todt und still da draußen!«

5.

Maono stand noch lange und lauschte in den Wald hinein. Es drängte ihn hinaus, um nachzusehen, ob er den grimmen Feind gefangen, und doch konnte er die Maid hier nicht allein zurücklassen. So verging die Nacht. Mehr aber befestigte sich auch dabei in ihm der einmal gefaßte Entschluß, die Geliebte nicht allein ziehen zu lassen, sondern mit ihr den fernen, nicht unter Holländischer Botmäßigkeit stehenden Inseln zuzufliehen.

»Und nun komm mein Lieb!« sagte der junge Jäger, als das erste dämmernde Licht im Osten sichtbar wurde und rasch wachsend seinen grauen Silberschein in die düsteren Waldesschatten warf. Er band sich dabei sein Kopftuch fester um die langen schwarzen Haare, steckte seine Waffen in den Sarang, band etwas Reis in ein Tuch, das sich das Mädchen um die Schulter knüpfte, und mit den unter den Fuß geschnürten Sandalen trat er hinaus vor seine Thür, Laykas an der Hand. Erst freilich wollte er noch seine Gruben untersuchen, wenn er die gemachte Beute auch einem Andern überlassen mußte, und rasch schritt er jetzt den schmalen Pfad voran, der Stelle zu, von wo, wie er glaubte, das letzte wüthende Gebrüll herüber geschallt.

Es war dies eben die letzte Grube, die er gegraben, und schon von weitem, so viel es ihm das matte Licht des jungen Morgens zu sehen gestattete, erkannte er die eingebrochenen Zweige der Decke, das sichere Zeichen einer gefangenen Beute.

»Ich hab ihn!« flüsterte er halb zurückgewandt, mit blitzenden Augen seinem Mädchen zu »ich hab ihn! -- Da drinn wird er kauern scheu und tückisch und lauernd, die glutrothen Augen in Furcht und Haß zu mir aufgedreht, wenn ich die Decke hebe. Warte, Gesell, das soll meine letzte Arbeit hier im Lande sein, dir den Speer noch in den Leib zu werfen -- dann mag er verbluten da unten, und die Geier sich sein Fleisch zu Neste tragen.«

Er bog sich nieder, den Hauptzweig der Decke von der Grube zurückzuwerfen, als Laykas schüchtern fragte:

»Und wird er nicht herausspringen können, wenn du die Decke wegnimmst?«

»Nicht von dort,« lachte nun der junge Mann, »die Grube ist tief, und der Boden durch eingetriebene Stäbe in der Mitte der Art bedeckt, daß seine Hintertatzen nicht einmal einen festen Anhalt fassen können -- siehst du dort?« --

»Hülfe!« tönte in demselben Augenblick eine Menschenstimme kläglich zu ihm herauf, »rettet mich!«

»Ein Menschentiger!« schrie der Sundanese in jubelnder Luft emporspringend, »ich hab ihn, ich hab ihn! -- Nun Laykas, gehn wir nicht fort, nun braucht Maono nicht zu fliehn, und wenn ich deinem Vater mit vollen Händen Geld ins Haus geschleppt, dann mag der alte tückische Chinese nur heimziehen nach seinem Zopf- und Opiumland.«

»Aber Maono,« bat Laykas in Todesangst, »da unten in der Grube liegt ein Mensch.«

»Ein Mensch? -- Ein Tiger ists; ich hab ihn selbst gesehn, seine funkelnden Augen, seine streifige Haut, seine fletschenden Zähne! -- Er hat die Wurzel nicht, daß er sich wieder verwandeln kann. Da -- sieh dort!« rief er, während er die übergelegten Zweige mit der Hand bei Seite riß, »siehst du die lauernde, kauernde Gestalt? -- Siehst du, wie er sich sprungfertig hinein in die Ecke, und doch das breite boshafte Gesicht scheu zu Boden drückt, weil er sich schämt im Sonnenscheine ertappt zu sein?«

»Hülfe!« tönte da wieder leise und ängstlich, daß sie gehört würde, dicht =unter= ihnen eine Menschenstimme, und wie Maono, jetzt selber erschreckt, die ihm nächsten Zweige bei Seite riß, erkannte er in immer steigendem Erstaunen erst eine menschliche Gestalt, fest und ängstlich in eine Ecke gedrückt, die chinesische Tracht derselben, und jetzt, als sich das Antlitz des da unten in so furchtbarer Nachbarschaft kauernden langsam zu ihm aufdrehte, die scheuen, widerwärtigen Züge seines Nebenbuhlers.

»Schang-hai!« jauchzte aber der junge Sundanese, als er seinen Verdacht in solcher Weise gerechtfertigt und bewiesen sah, ohne daran zu denken, dem also Gefangenen Hülfe zu leisten. »Hab ich also recht gehabt? -- Bist du mir auf die Lockspeise gesprungen und hast die Grube drunter nicht gemerkt? -- Deine Wurzel hilft dir jetzt nichts mehr, ob du da unten auch noch so kläglich thust! Hat doch der ganze Kampong schon die langen Jahre Verdacht auf dich gehabt, und endlich, endlich halt ich dich!«

»Schang-hai!« stöhnte auch Laykas und barg, zusammenschaudernd vor dem furchtbaren Gedanken, daß sie dem Entsetzlichen hatte sollen zu eigen sein, ihr Antlitz in den Händen. Zu sehr theilte sie übrigens den Aberglauben ihres Volkes, um nicht aus vollem Herzen alles zu glauben, was an dunklen Gerüchten ihren Stamm durchlief. Und hätte der Mensch da unten in der Grube auch neben dem Tiger aushalten können, wäre er nicht seines Gleichen gewesen? -- Nimmermehr! Das Raubthier würde ihn hundertmal zerrissen haben.

Wunderbar war es jetzt zu sehn, wie sich der Tiger in der Ecke der Grube vor dem hellen Sonnenstrahl, wie dem Laut der Menschenstimme immer mehr und mehr zusammendrückte, und während Maono in jubelnder Lust oben stand, den Triumph so glücklichen Fanges feiernd, erhob jetzt der unglückliche Chinese drunten mehr und mehr die Stimme und bat den Eingeborenen, ihn doch nur um Allahs Willen, wenn er =seine= Götter nicht anerkenne, aus seiner furchtbaren drohenden Lage zu befreien. Er versprach, ihn dabei zum reichen angesehenen Mann zu machen -- versprach auf Laykas, deren Stimme er ebenfalls erkannt, zu verzichten -- er hätte seine eigene Seligkeit verpfändet, wenn man es von ihm in diesem Augenblick verlangt, um nur von der entsetzlichen Todesgefahr befreit zu sein, nur seine Spanne Leben zu retten.

Eine ebenso große Gefahr drohte ihm aber in diesem Augenblick gerade von daher, von wo er Rettung erhoffte. Maono nämlich, in der festen Überzeugung, daß der gefangene Chinese wirklich ein =Menschentiger= sei, der nur, als er sich ertappt sah, seine menschliche Gestalt wieder angenommen, beschloß ohne Weiteres, die Gegend von diesem Ungeheuer zu befreien. Während der Chinese deshalb unten bat und flehte, befestigte Maono oben ganz ruhig und unbefangen die lange feste Leine am oberen Theil seiner Lanze, um diese nach dem Wurf wieder zurückziehen zu können, und trat dann an den Rand der Grube, die Waffe zum Todeswurf erhoben.

»Vorbereitung zum Tode,« sagte er dabei ruhig, »brauchst du drunten wohl nicht, denn wer in Nacht und Finsterniß in =solcher= Verwandlung umherschleicht, weiß genau, was ihm bevorsteht, wenn man ihn endlich einmal ertappt. So nimm denn --«

»Halt ein -- halt ein!« schrie aber der Unglückliche, der die drohende Bewegung bemerkt, in Todesangst. »Ich schenke dir Hütte und Felder von Laykas Vater, mit all den Thieren, die ihm zugehören. Ich schenke dir sechs meiner besten Büffel und die zwei großen Reisfelder, die hinter deinem neuen Hause liegen. -- Ich schenke dir vier Säcke Deute außerdem und all die Arenpalmen, die auf dem Grundstück stehen, und du magst Laykas zur Frau nehmen, -- aber wirf den Speer weg, um meines Lebens willen -- wirf den Speer fort und reich mir die Schnur herunter! Der Tiger dort in der Ecke wirft immer gierigere Blicke auf mich -- ich bin verloren, wenn du mich nicht rettest.«

Maono warf =nicht=; diese ungeheuern Versprechungen, die ihm der Gefangene machte, brachten seinen Entschluß, ihn zu tödten und seinen Fangpreis dafür einzuziehen, doch zum Wanken. Er war damit reicher als er es je gehofft, und in der Gewalt behielt er den Chinesen ja noch immer.

»Und wirst du halten, was du da gelobt?« fragte er zögernd.

»Rette mich, und ich gebe dir mehr, als ich dir versprochen,« winselte der Unglückliche.

»Du willst ihn nicht tödten?« fragte Laykas erstaunt, »wenn du ihn aufziehst, wird er seine Tigergestalt wieder annehmen und uns Beide vernichten.«

»Dagegen giebt es ein Mittel,« lachte der junge Sundanese, indem er jetzt, von einem neuen Plan ergriffen und rasch entschlossen, die starke Schnur von der Lanze warf, während er dem Mädchen die Waffe reichte. »Da, Laykas,« sprach er dabei, »nimm du den Speer und fass ihn fest, indessen ich den Burschen in die Höhe ziehe. Bleibt er, was er ist, so werd ich schon allein mit ihm fertig, denkt er aber zu seiner alten List zu greifen, so bald er sich im Freien weiß, siehst du das geringste Zeichen der gelben Streifen an den Seiten, der vorgestreckten Tatzen -- dann stößt du ihm die Lanze bis ans Heft ins Herz, und mit meinem Khris schick ich ihn rasch wieder in die Grube zurück. Und jetzt fass an da unten!« rief er, ohne sich weiter um den daneben liegenden Tiger zu bekümmern, dem Chinesen zu, indem er ihm die Leine niederwarf. »Schling dir die Schnur um den Leib und ich ziehe dich herauf zu mir.«

Schang-hai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl, scheu dabei den Blick fortwährend nach der kauernden, aber regungslosen Bestie gewandt. Stärker funkelten dabei die Augen des Tigers, als er seinen Mitgefangenen sich bewegen sah, fester drückte er sich zurück, auf die Hintertatzen zum Sprung zurückgebogen. Die tückischen Augen glänzten in einem grünen Feuer, die kurzen spitzen Ohren waren dicht an den Kopf zurückgelegt und die grimmen fletschenden blendendweißen Zähne zeigten sich in ihrer vollen furchtbaren Pracht. -- Trotzdem wagte er den Sprung nicht und schien nur einen Angriff auf sich selber zu erwarten, dem er, so gerüstet, begegnen wollte.

Es war ein merkwürdiger Anblick, die Gruppe zu beobachten, die in diesem Augenblick oben an der Grube stand. Der Chinese, der sich die Schnur um den Leib geknüpft und mit Händen und Füßen, wenn auch noch immer scheu den Kopf nach der ihm nächsten Gefahr zurückdrehend, nachgeholfen, hatte eben mit den Händen den obern Rand erreicht. Maono lehnte, den linken Arm zum bessern Halt um eine schlanke dünne Arekapalme geschlagen, den Fuß gegen ihre Wurzel gestemmt, das Seil in der Hand dort und zog aus allen Kräften den schweren kleinen Chinesen aufwärts, und neben ihm, die gefällte Lanze zum Stoß bereit in der Hand, mit funkelnden und doch in ängstlicher Scheu blitzenden Augen, halb Muth, halb Furcht in den belebten Zügen, stand das wunderschöne Mädchen, nackt bis zum Gürtel, die schwarzen langen Locken ihre Schultern umflatternd, die Verwandlung des Ungeheuers mit jedem Augenblick erwartend.

Aber von dem armen kleinen Chinesen brauchten sie nichts zu fürchten, und kaum hatte er den obern Rand vollständig erreicht und sich in scheuer Angst einen Schritt davon hinweggeschleppt, als er, zum Tode erschöpft und von dem Entsetzen der letzten Stunden aufgerieben, bewußtlos neben der Grube zu Boden brach und es ruhig geschehen ließ, daß ihm der Sundanese Arme und Füße mit derselben Leine fest zusammenschnürte, an der er ihn heraufgezogen.

6.

Unschlüssig, was nun zu beginnen und welcher Weg am besten einzuschlagen, entschloß sich Maono endlich dazu, Hülfe vom nächsten Kampong herbeizuholen. Die Männer dort sollten entscheiden, ob der also ertappte und überführte Chinese als ein entdeckter »Menschentiger« noch den Tod verdiene, wonach der Kampong selber den auf solchen Fang gesetzten Lohn gezahlt hätte, oder ob er mit dem versprochenen Lösegeld freikomme, die Gegend aber auf immer verlassen solle. -- Das schien ihm nach kurzer Überlegung das Beste; hätten doch sonst die Nachbarn gar am Ende glauben können, er habe den Mann aus Eifersucht schuldlos ermordet. Laykas deshalb mit der Waffe bei dem Gebundenen zurücklassend, damit sie ihm dieselbe ins Herz stoße, sobald er den Geringsten Versuch mache, sich zu befreien, eilte er jetzt so rasch er konnte, den schmalen Pfad entlang, der aus dem Walde auf die Straße führte, um von dort aus den Kampong Tji-dasang zu erreichen.

Die Mühe wurde ihm übrigens erspart; denn da er die Lichtung erreichte, fand er sich einer Schaar von Männern, Laykas Vater, Kelah, an der Spitze, gegenüber, die bis hierher der Spur des flüchtigen Mädchens gefolgt waren, und jetzt eben unschlüssig auf der stark betretenen Straße standen, welcher Richtung sie von hier aus folgen sollten.

Maonos Ruf brachte sie bald an seine Seite, und mit wenigen flüchtigen Worten schilderte er jetzt Kelah die Vorgänge der letzten Nacht, den Fang des so gefürchteten Menschentigers, mit einer mächtigen Tigerin zusammen. Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wandte er sich dann und schritt, von allen in schweigender Scheu gefolgt, den Pfad zurück, den er gekommen, bis zu der Stelle, wo er den Gefangenen unter Laykas Aufsicht zurückgelassen.

Schang-hai hatte sich indeß von seiner Ohnmacht erholt, und das junge Mädchen, das neben ihm die Wacht hielt, mit den flehendsten Worten gebeten, ihn loszubinden. Laykas würde aber ebenso bald, ja vielleicht noch eher daran gedacht haben, den in der Grube gefangenen Tiger als den Gebundenen an ihrer Seite zu befreien, und der mit Haß und Furcht gemischte Blick, mit dem sie der geringsten seiner Bewegungen folgte, wie die oft drohend gehobene Lanze verrieth ihm, daß er von ihr nichts zu hoffen hatte. Endlich schlug das Geräusch von Stimmen an sein Ohr, und mit einem leise, aber aus vollem Herzen gemurmelten Dank erkannte er den alten Kelah neben Maono an der Spitze des Zugs.

Hatte er übrigens gehofft, bei diesem unbedingten Schutz zu finden, so war er dabei im Irrthum und der alte Sundanese viel zu schlau, um nicht im Augenblick zu übersehen, wie die Sache stand. Einestheils stak er selbst zu tief in dem Aberglauben seines Volkes, um auch nur einen Augenblick zu zweifeln, daß der Chinese das wirklich sei, dessen ihn Maono beschuldigt hatte. Wenn er aber die Versprechungen hielt, die er dem jungen Mann gethan und die ihm dieser unterwegs schon mitgetheilt, so stand er auch ganz anders neben dem Chinesen. Wie hätte er überhaupt nach der jetzt gemachten Entdeckung noch daran denken dürfen, ihm die Tochter zur Frau zu geben! Hierbei hatte er übrigens zwischen den anderen, weit mehr angesehenen Eingeborenen auch nur eine ganz untergeordnete Stimme, und Schang-hai fand bald, daß er zuerst einem förmlichen Verhör Rede stehen mußte, ehe er hoffen durfte, selbst von diesen Leuten, die ihn sonst mit der höflichsten, oft kriechenden Artigkeit behandelten, in Freiheit gesetzt zu werden.

Er erzählte jetzt -- immer noch mit gebundenen Händen, obgleich seinen Füßen Freiheit gegeben war, daß er erst spät Abends von der Plantage seines Landsmannes nach Tji-dasang hatte zurückkehren wollen, als er plötzlich eine Gestalt vor sich auf dem Weg gesehn, und wie er im Schatten eines Baumes stehn geblieben, beim hellen Licht des Mondes Laykas, seine =Braut= erkannt habe. Bei seinem Anblick sei sie in den Wald, und zwar den Fußpfad hinein geflohen, der nach Maonos Hütte zu führte; und nicht gesonnen, sie dort zu lassen, ohne seine, durch Einwilligung des Vaters gewonnenen Rechte auf sie geltend zu machen, sei er ihr dorthin gefolgt. Wie sie selber den Pfad entlang gekommen, wisse er nicht, aber er sei, als er dem dunklen Gang gefolgt, in die hier verborgene Grube gestürzt. Um Hülfe zu rufen, habe er sich nicht getraut, aus Furcht, vielleicht eines der gefährlichen Raubthiere herbeizulocken, bis gegen Morgen die Tigerin, wahrscheinlich auf seiner Spur folgend, zu ihm hineingebrochen wäre. Jetzt habe er mit gellender Stimme um Hülfe geschrieen und die Bestie, dadurch vielleicht geängstigt, den entgegengesetzten Winkel behauptet, ohne ihm ein Leides zu thun. Erst am Morgen sei Maono gekommen, der aber hätte ihn für einen Menschentiger gehalten und beinahe umgebracht, wenn er sich nicht sein Leben mit schweren Versprechungen erkauft.

Schang-hai schien auch die ganze Sache wirklich für abgemacht zu halten und nicht einmal daran zu denken, die gegebenen Versprechungen zu erfüllen. Er verlangte jetzt mit finsterer Miene losgebunden zu werden, und drohte widrigenfalls das ganze Verfahren dem holländischen Residenten (der obersten Gerichtsperson des Distrikts nach dem Gouverneur) anzuzeigen. Wenn er sich aber so weit sicher glaubte, hatte er sich doch geirrt. Die Eingeborenen, die fast sämmtlich in dem letzten Jahr einen näheren oder entfernteren Verwandten durch die Raubthiere, und wie sie fest glaubten, hauptsächlich durch einen »Menschentiger« eingebüßt, gedachten alle der dunklen wilden Erzählungen, die schon seit langen Jahren ihre Nachbarschaft über den kleinen Chinesen durchlaufen, und waren nicht gesonnen, den scheinbaren Beweis seiner Schuld so leicht und rasch wieder aus den Händen zu lassen. Der Vorschlag wurde deshalb auch ohne Weiteres gemacht und ihm nicht einmal von Kelah widersprochen, in einer Art Gottesurtheil den Verdächtigen zu prüfen. Er sollte nämlich wieder in die Grube hinunter, und zwar gerade =auf= die Tigerin geworfen werden. Griff ihn die dann an, so wollten sie suchen, ihn so rasch wie möglich wieder herauf zu ziehen und er durfte frei ausgehen, ließ sie ihn aber unbelästigt, wie sie es die ganze Nacht gethan, so war es ein sicheres Zeichen, daß er zu ihrem Geschlecht gehörte, und dann sollte er, wie die wilde Bestie selber, mit Lanzen getödtet werden. Seine Erzählung, wie er in die Grube gekommen, glaubte ihm Niemand, und selbst die jetzt darum befragte Laykas erzählte, daß er unter der Palme am Weg wie ein Tiger gekauert, und sie seine Sprünge hinter sich her, wie die des wilden Raubthiers, gehört und erkannt hätte.

Der alte Kelah selbst schämte sich, daß er einem solchen Ungeheuer seine Tochter versprochen. Durfte Schang-hai doch jetzt nie daran denken, seine Schuld von ihm einzufordern, und so stimmte er auf das eifrigste für dessen Tod. Überhaupt thaten das alle, die dem Chinesen eine bedeutende Summe schuldig waren.

Man band ihm jetzt die Hände los und die Schnur wieder um den Leib, wie ihn Maono vorher heraufgezogen, und Laykas selber stand in sprachloser Erwartung dabei, ob die Tigerin da unten den verkappten Gefährten erkennen oder in wilder Wuth über ihn herfallen würde. Schang-hai hatte aber keineswegs Lust, eins von beiden Resultaten, beide gleich schrecklich für den Unglücklichen, abzuwarten. Mit Drohungen war indeß nichts auszurichten und sein Leben soweit gefährdet, daß der nächste Augenblick schon jeden zu spät kommenden Entschluß nutzlos gemacht hätte. Er lag auf der Folter -- ein Leugnen hätte ihn zu der wilden Bestie hinunter geworfen, die schon bereit lag ihn, als einen vermutheten Angreifer, mit Klauen und Zähnen zu empfangen. Nur eine Rettung blieb für ihn -- er kannte seine Leute, und mit bleichen, zitternden Lippen rief er: »Halt!«

»Hinunter mit ihm!« tönte Kehlahs heisere Stimme. --

»Laßt mich reden,« bat aber der Chinese, »was nützt euch mein Tod -- was mein Geständniß, =daß= ich ein Menschentiger sei --.« --

»Er bekennt es!« rief jubelnd Maono, und die Andern sahen mit scheuem, erschrecktem Blick auf den Unglücklichen. Dieser aber, den augenblicklichen Vortheil der wenigstens gestatteten Rede benutzend, fuhr rasch und ängstlich fort. »Wenn ihr mich tödtet, verfällt mein Hab und Gut dem Staat -- den Holländern. Ich habe keine Kinder -- keine Verwandte -- in meinen Büchern sind alle meine Schuldner angegeben. Die weißen Männer werden sie einzutreiben wissen. Schenkt mir das Leben und ich will nicht allein Maono geben, was ich ihm versprochen habe -- ich erlasse auch euch, die ihr hier seid, was ich noch sonst von euch zu fordern hätte, und will selber in den nächsten Tagen dieses Land verlassen. -- Seid ihr das zufrieden?«

Ein Streit entstand jetzt unter den Sundanesen. Ein Theil, und zwar die, die ihm bis dahin noch am freundlichsten gewesen, riefen jetzt, da sie sein geglaubtes Geständniß gehört, daß er getödtet werden müsse, denn er habe bekannt, daß er ein Menschentiger sei, und in der nächsten Nacht werde er, wenn man ihn freilasse, nur soviel wüthender über sie herfallen, um die jetzige Mißhandlung zu rächen. Andere dagegen, mit dem erlangten Gewinn zufrieden und doch auch vielleicht nicht ganz sicher, wie die Weißen den =Mord= ansehn würden, stimmten dafür, ihn unter der Bedingung, daß er binnen drei Tagen den Distrikt verlasse, die drei Nächte aber den Fuß nicht über seine Schwelle setze, frei zu geben.

Der Chinese versprach alles. Neben ihm lauerte der nackte Tod, in den ihn der tolle Aberglauben dieser Menschen jauchzend hineingeworfen hätte -- und vor ihm lag das Leben!

Seine Banden wurden jetzt gelöst, und während Kelah, etwas verlegen allerdings, aber doch auch außer Stande, anders zu handeln, dem jungen wackeren Maono in derselben Zeit etwa die Tochter zusagte, als er sie, nach der Absicht des vorigen Abends, hatte in das Haus des jetzt geächteten Chinesen führen wollen, schlich dieser, in scheuer Angst, daß seine Freilassung die hinter ihm her jauchzende und tobende Schaar doch am Ende noch gereuen könne, den Wald entlang, bis er die Straße erreichte, und eilte dann, so rasch ihn seine Füße trugen, der eigenen Wohnung zu.

Das Jauchzen, das Schang-hai gehört, galt freilich nicht ihm, sondern dem Tod des gefangenen Tigers, auf den die jungen Bursche jetzt ihre Khrise und Klewangs schleuderten, bis Maono das vor Wuth und Schmerzen schäumende, brüllende Thier mit dem sicheren Wurf seiner Lanze erlegte.

Mit Blitzesschnelle durchlief indeß die Kunde von dem gefangenen Menschentiger, und dem Versprechen, das Schang-hai, sein Leben zu retten, gegeben, den Kampong. Ein holländischer Unterbeamter, der sich gerade dort aufhielt, ging allerdings hierauf zu Schang-hai, forderte ihn auf, in seinem Besitzthum zu bleiben und sicherte ihm den vollen Schutz der holländischen Gesetze zu, nach denen selbst die abgezwungenen Versprechungen nicht bindend waren. Schang-hai aber, der dem Tod unter den Händen der Eingeborenen zu nahe gewesen, als daß er ihnen noch einmal hätte trauen mögen, und recht gut wußte, daß ihn auf den Verdacht hin, in dem er jetzt einmal unter den Sundanesen stand, alle Gesetze der Welt vor einem heimlichen Angriff nicht schützen konnten, zog es vor, mit einem kleinen Verlust seiner Güter sein gegebenes Versprechen zu halten. Ein anderer Chinese übernahm seinen Pacht und kaufte ihm auch sein Waarenlager ab, und am dritten Morgen -- die Nächte hielt er sich in seinem Haus fest eingeschlossen, -- verließ er unter einer erbetenen und erhaltenen Bedeckung malayischen, dort in der Nähe stationirten Militärs die Preanger Regentschaften, um in ihre Grenzen wahrscheinlich nie mehr zurückzukehren.

Fußnoten:

[37] Badek heißt auf Java eine eigenthümliche Art, weißes Zeug in den verschiedenartigsten Mustern zu drucken und zu färben. Es wird nämlich zu dem Zweck die Zeichnung aus =freier Hand= mit einer kleinen Kupferröhre, aus der heißes Wachs sickert, auf das Tuch =an beiden Seiten= aufgetragen und dieses dann erst gefärbt, wonach die Stellen, auf denen kein Wachs liegt, die Farbe annehmen. Bei schwierigen und theuern Mustern geschieht dies mühsame Auftragen der Zeichnung verschiedene Male, um ebensoviele Farben herauszubringen.

[38] In den Javanischen Bergen dient der schilfartige Bambus zu sehr verschiedenartigen Verrichtungen und besonders benutzen die Frauen die stärksten, oft vier bis fünf Zoll im Durchmesser haltenden Stöcke, das Wasser darin zu tragen.

[39] Ein rockähnliches Stück Tuch von vielleicht drei Fuß Breite, unten und oben gleich weit, das über den Hüften eng zusammengezogen und durch einen in das Zeug hineingesteckten knoten gehalten wird. Es wird von beiden Geschlechtern getragen.

[40] Alang Alang, das hohe schilfige Gras, das in der Wildniß fast alle offenen Stellen ausfüllt und der Lieblingsplatz der Raubthiere ist.


Akzeptieren

Diese Website benutzt Google Analytics um seinen Nutzen zu messen. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren