Chaos

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[Vorwort]

Die Zeit des Niederbruches, seine inneren Gründe bis zu dem Augenblicke, in dem der Kampf des Vierbundes sichtbar verloren war, versuchte der Verfasser in dem Buche »Der Sturz der Mittelmächte« darzustellen. Was noch zu schildern blieb, war der Auflösungsprozeß, der dem Niederbruche bis in die Novembermitte 1918 folgte: das mitteleuropäische Chaos.

Fast sämtliche in Deutschland und Österreich-Ungarn damals führenden Staatsmänner und Militärs haben, wie für den »Sturz der Mittelmächte«, so auch für den neuen Band durch genaue, intime Mitteilungen, durch Aufzeichnungen und Dokumente die Grundlagen schaffen helfen. Erwähnt sei noch, daß die Darstellung sich diesmal wiederholt auch auf Quellen stützt, die dem Autor über amerikanische, französische, italienische Zusammenhänge, Motive und Beschlüsse von authentischer, einstmals gegnerischer Seite erschlossen wurden.

Wie von dem »Sturz der Mittelmächte« ist für historische Forschung auch von der vorliegenden Arbeit eine besondere Ausgabe vorgesehen, die neben allen originalen, für die Arbeit verwendeten Unterlagen ein genaues Quellenverzeichnis sämtlicher gebrachten Daten nachweisen wird.

Berlin, im Oktober 1922.
Karl Friedrich Nowak

Vittorio

Seit in der Junimitte des Jahres 1918 der letzte österreichisch-ungarische Angriff gegen Italien gescheitert war, hatten sich die beiden Gegner in fast vollkommener Untätigkeit gegenübergelegen. Die österreichisch-ungarischen Kampflinien liefen seit damals immer noch durch die gleichen Räume und über die gleichen Punkte, von denen die Truppen im Sommer vorgebrochen waren, einzelne Gebirgsstellungen, die sie den Italienern selbst im gescheiterten Angriff noch fortgenommen hatten, waren schließlich in ihrer Hand geblieben. Von dem Gefühl soldatischer Überlegenheit, mit der die österreichisch-ungarische Armee zwölf Waffengänge am Isonzo und den Feldzug gegen Asiago dem Gegner geliefert hatte, schienen die Truppen sichtbar nichts eingebüßt zu haben. Der Chef des Generalstabes Baron Arz erwog noch im August sogar den Gedanken, dem Angriff im Juni, um die Winterquartiere der Truppen aus den Bergen in die Ebene zu tragen, einen Vorstoß von Vittorio her im Herbste folgen zu lassen. Aber vor dem Ersten Generalquartiermeister Ludendorff, der den westlichen Kriegsschauplatz wichtiger nannte als das italienische Kampffeld, hatte er auf seine Absichten wieder verzichtet. Mit Anzeichen, daß sie selbst zum Angriff übergehen wolle, hatte im August und September auch die italienische Heeresleitung nicht gespart.

Marschall Foch trug sich um diese Zeit mit dem Plane, durch einen Angriff auf Asiago sich der Hochfläche der »Sieben Gemeinden« zu bemächtigen. Der französische Marschall hatte sie der italienischen Heeresleitung als beste Angriffsbasis genannt, von der im Jahre darauf ein neuer Feldzug zu eröffnen wäre. Den auf seinen ungarischen Gütern weilenden Erzherzog Joseph, der in der Befehlsgewalt über die Tiroler Truppen dem in Ungnade verabschiedeten Marschall Conrad von Hötzendorf gefolgt war, hatten dringende Depeschen seines Kommandostabes so ernst zurückgerufen, daß der Erzherzog die Rückkehr in sein Bozener Hauptquartier nicht länger verweigern konnte. Aber dann war es dennoch nur bei den Anzeichen verblieben: still lagen ? vier Monate schon ? die Schlachtfelder in Italien.

Nicht die Schlachtfelder in Frankreich und Flandern. Vor den unablässigen Angriffen des Marschalls Foch waren die deutschen Heere dort im Rückzug. Seit die bulgarische Front im September zusammengebrochen war, seit die entbehrlichsten, eilig entsandten Divisionen der Balkanfront noch Rettung bringen sollten, wenn ihr überhaupt noch Rettung zu bringen war, seit dem Septemberende kämpften die deutschen Westheere von Stunde zu Stunde bedrohter um ihr Bestehen. Noch in der zweiten Hälfte des August hatte der französische Oberbefehlshaber nicht den Eindruck gegnerischen Niederbruches gehabt. Er hatte noch mit Angriffen gerechnet, die er 1919 führen wollte. Aber schon im September hatte er ein anderes Kriegsbild gesehen. Divisionen, die heute im Kampfe gestanden hatten, ermüdet heute aus der Schlacht gezogen, hatte sein Generalstab am übernächsten Tag an anderen Kampfplätzen festgestellt. Marschall Foch hatte jetzt von nahem Ende gesprochen. Die schwachen, abgehetzten deutschen Divisionen waren von ihm immer schärfer, die der Zahl nach Unterlegenen mit immer stärkeren Einsätzen angegriffen worden.

Aus dem »Großen Hauptquartier« hatte vor Wochen der Freiherr von Klepsch-Kloth, der österreichisch-ungarische Verbindungsoffizier, an das »K. u. K. Armeeoberkommando« berichtet:

»sehr dringend
AOK Baden Op. Abtlg.
ss sehr dringend Hgg.
29. 9. für Chef des Genst.

Eine Aussprache mit hiesiger Heeresleitung bestätigt den sehr großen Ernst der Lage. Die Abgabe von Divisionen für Bulgarien hat die Lage an der Westfront bedenklich beeinflußt, und die Bitte um möglichst noch k. u. k. Divisionen nach dem Westen ist äußerst dringend; Halt der Front sonst höchst fraglich. Schriftlicher Bericht folgt.

Res. 1707/289
Fmlt. Br. Klepsch.«

Die deutschen Heere waren in Not. In Italien war Ruhe. Vor dem Chef des Generalstabes Baron Arz hatte darum der Generalfeldmarschall von Hindenburg selbst zehn Tage später die Bitte wiederholt:

»zu erwägen, ob nicht die Lage in Italien jetzt als so entspannt betrachtet werden kann, daß weitere k. u. k. Divisionen an die Westfront geschickt werden können. Sie sind hier dringend notwendig« ? ?

Der Generalfeldmarschall von Hindenburg glaubte überhaupt an keinen Waffengang mehr, den die Italiener noch versuchen wollten. Aber der Chef des Generalstabes Baron Arz sah Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten anders. Dem Generalfeldmarschall hatte er sofort erwidert:

»Ich bitte Euer Exzellenz neuerlich versichern zu dürfen, daß ich von unserer selbstverständlichen Pflicht, mit allen verfügbaren Kräften an der schwer kämpfenden Westfront eingreifen zu müssen, voll durchdrungen bin. Ich bitte aber auch Euer Exzellenz, die sich direkt überstürzenden innerpolitischen Verhältnisse in Österreich-Ungarn, die jederzeit gewaltigen Einfluß auf die Widerstandskraft unserer italienischen Front haben können, berücksichtigen zu wollen. In dieser Front verfüge ich bloß über drei Divisionen, die solchen Stand aufweisen, daß ich sie nach dem Westen senden könnte. Dieselben Divisionen muß ich aber im Sinne meiner vorgemachten Äußerungen bereithalten, um etwa ausspringende Kräfte sofort ersetzen zu können. Aus diesen, auf innerpolitischen Verhältnissen basierenden Gründen halte ich ein Abziehen verläßlicher Divisionen von der Südwestfront derzeit für absolut unzulässig.«

Aber der Generalfeldmarschall von Hindenburg war bei seiner Überzeugung verblieben. In Italien herrschte immer noch Ruhe. Eine Woche später hatte er sich aufs neue gemeldet:

»Generaloberst Arz durch Gen. von Cramon.

Die Lage an der Westfront erfordert dringend weitere Verstärkung durch k. u. k. Kräfte. Da zur Zeit die Witterungsverhältnisse einen Angriff Italiens gegen Österreich-Ungarn ausschalten, bitte ich dringend um Zuführung von etwa vier k. u. k. Divisionen.

von Hindenburg.
Ia 10870 Geh. Op.«

Der Tag der zweiten Depesche des Generalfeldmarschalls war zugleich der Tag von Kaiser Karls Oktobermanifest gewesen, jenes Staatsaktes von unabsehbarer Tragweite, der allen Völkern der Monarchie die Selbstbestimmung und nationale Unabhängigkeit verhieß. Politische Wirren konnten und mußten sich entwickeln, die vielleicht auch auf die Armee übergriffen. Auch auf den zweiten Hilferuf des Generalfeldmarschalls von Hindenburg hatte Baron Arz deshalb mit einer Ablehnung geantwortet:

»Die geschilderten politischen Verhältnisse dauern ungeschwächt fort. Nur insofern hat sich die militärische Lage geändert, als ich nun auch noch mit einer großen Entente-Offensive in Venetien rechnen muß. Alle hierfür sehr deutlich sprechenden Anzeichen dürften Euer Exzellenz durch die deutschen Nachrichtenoffiziere bei den k. u. k. Armeen an der italienischen Front gemeldet worden sein.«

Noch hatten den Chef des Generalstabes Baron Arz bisher weniger die »sehr deutlich sprechenden Anzeichen« in seiner Haltung gegenüber den deutschen Bitten bestimmt, als die schweren, inneren Erschütterungen, unter denen das Reich zu beben begann, und als die wartende Besorgnis, daß gerade in die Erschütterungen und gefährlichen Lockerungen der Gegner mit Absicht den vielleicht letzten, entscheidenden Schlag führen wolle. Allerdings verstrichen ein paar Tage, ohne daß die bleierne Schwere der feindlichen Linien sich auch nur in Kleinkämpfen löste. An Marschall Boroevic meldete ? am 22. Oktober ? Fürst Schönburg als Kommandant der VI. Armee:

»Die militärische Lage der sechsten Armee ist dermalen günstig.

Die Piavefront ist stark, die Armee ist zum Kampf gerüstet, es sind keine Anzeichen vorhanden, daß die Moral der Truppen durch die Ereignisse der letzten Zeit an anderen Fronten und im Innern der Monarchie wesentlich gelitten hätte. Es ist daher begründete Hoffnung vorhanden, daß ein in nächster Zeit etwa einsetzender feindlicher Angriff zurückgewiesen wird.

Doch halte ich einen Großangriff des Feindes an der Front der sechsten Armee für die nächste Zeit als nicht wahrscheinlich« ? ?

An Marschall Boroevic meldete ? am gleichen Tage ? mit manchen Einzelheiten der Kommandant der »Isonzoarmee«:

»Gruppierung und Verhalten des Gegners unverändert. Keine Anzeichen einer Offensive ? ?

Feindlicher Großangriff in nächster Zeit scheint ausgeschlossen, kleine Unternehmungen sind nur abwärts Ponte di Piave möglich. Lage derzeit im ganzen noch gut.«

Beide Meldungen liefen weiter an das »Armeeoberkommando« nach Baden. Die Armeekommandanten an der italienischen Front rechneten so wenig mit kommenden großen Ereignissen wie im Hauptquartier in Spa der Generalfeldmarschall und seine Berater. Der Chef des Generalstabes Baron Arz aber, der dem Verbündeten den Augenblick vielleicht noch bedrohlicher gemalt hatte, als die militärischen Unterlagen bisher erzwangen, mochte sich selbst über seine Absage vollends beruhigen, als er den Begleitkommentar zu den beiden Meldungen studierte:

»Jetzt und in nächster Zeit muß man, wenn es sich vielleicht vorerst auch nur um Teilaktionen handeln kann, auf einen Angriff gefaßt sein.

Die politische Lage, das Streben, eine militärische Überlegenheit zu erweisen, und Rücksichten auf das Prestige der feindlichen Armee sprechen dafür.

Es ist auch möglich, daß der Feind nationale Zersetzungen in unseren Armeen infolge der politischen Ereignisse voraussetzt und die materielle Unterlage der Truppen geeignet erachtet, unsere Widerstandskraft derart herabzusetzen, daß lokaler Erfolg zum Zusammenbruch unserer ganzen Front führen kann.«

Den Kommentar an das »Armeeoberkommando« hatte der Marschall Boroevic gesandt. Er sah den Gegner Vorbereitungen seit Juli treffen. Er kannte die Ansagen italienischer Schlachten genauer als irgendwer. Bei Treviso sah er plötzlich die Truppen des Gegners sich verdichten. Divisionen vom Westen marschierten im Raume zwischen Montello und Brenta auf. Vorsichtig wollte er weder zuviel sagen, noch zu wenig. Im Kommentar fügte er bloß hinzu:

»Heranschieben der Kavalleriedivisionen gibt zu denken« ? ?

Marschall Boroevic rechnete bewußt und bestimmt mit naher Schlacht.

 

In Tirol und Venetien standen in den österreichisch-ungarischen Linien, ob sie auch immer noch dem Gegner sich überlegen dünkten, doch nicht mehr die alten, ihrer Sache vertrauenden Soldaten. Ihr Vorstoß im Juni war mißglückt. Uneingeweiht in die inneren Zusammenhänge, durch die zum erstenmal einem Unternehmen an der italienischen Front der Erfolg versagt geblieben war, hatten sie das Scheitern, trotz ihrer Unkenntnis mit sicherem Instinkt, der verworrenen Führung des Angriffes durch das »Armeeoberkommando« zugeschrieben. Der Gegner schien ihnen nicht gefährlicher, nur ihre Generale kleiner geworden. Vielleicht leisteten die Generale, wenn es dazu kam, nach ihrer Auffassung auch wieder Besseres. Aber was nicht besser wurde, was Tag um Tag schlechter wurde, was täglich schwerer auf sie drückte, war die materielle Not, unter der sie alle litten. In ihren Gräben standen sie kaum viel anders als die bulgarischen Soldaten in den Tagen ihres Niederbruches, in zerfetzten Röcken, oft ohne Wäsche, kärglich ernährt, in Schuhen, an deren Lederreste sie mit Bindfäden die Sohlen knüpften. Im Angesichte des Feindes hatten sie bisher dennoch nicht gemurrt, sie hatten wiedergeschossen, wenn von drüben geschossen wurde, sie waren bereit gewesen, im Angriff vorzugehen, wenn ein Angriff befohlen worden wäre, sie hätten Angriffe im gewohnten Gehorsam abgewehrt, wenn der Gegner angegriffen hätte. Ihr Soldatentum war zwar nicht mehr Schneidigkeit oder Kriegertum, aber bisher immer noch ? bis in den Oktober hinein ? hatten Offiziere und Führer geglaubt, daß auf ihre Verläßlichkeit zu bauen war. Auch die Verstimmung der Offiziere, die mit Besorgnis die politischen Vorgänge in der Monarchie verfolgt und dabei empfunden hatten, daß man im Hinterlande ihre Verdienste auf den Schlachtfeldern nicht so einschätzte, wie es nach ihrer Meinung nur Pflicht der Dankbarkeit gewesen wäre, auch die Verstimmung der Offiziere, die ihre Zukunft sichergestellt wissen wollten, hatte sich bis zu gewissem Grade wieder beruhigt. Denn das »Armeeoberkommando« hatte sie durch besonderen Befehl seine Überzeugung wissen lassen, daß: keine Volksvertretung an der selbstverständlichen Versorgung des Offizierkorps wie immer sich auch die politische Entwicklung gestaltete, achtlos werde vorbeischreiten können. Die Verbündeten hatten nach vier kampfschweren Jahren allen Gegnern den Waffenstillstand angetragen, das Leiden, Ausharren und Entbehren schien nunmehr begrenzt; ohne heroische Kampfleidenschaften wollten sie darum auch alle noch die kurze Zeitspanne, die es galt, auf ihren Posten, verharren, Mannschaften und Offiziere, ? da schlug mitten in ihre vor der endgültigen Ablösung immer noch geordneten, immer noch waffenstarrenden, immer noch befehlsbereiten Reihen das Manifest des Kaisers Karl.

 

Unruhe lief im gleichen Augenblick durch alle Truppen der weiten Front. Noch begriffen sie nicht recht, was sie in ihren Zeitungen von der neuen, ihnen ganz unerwarteten Wandlung lasen, noch wußten sie nicht, wie weit sie, denen das Hinterland fremd geworden war, für die es in unerreichbarer Ferne lag, in ihren Gräben und in ihrem Zwang zum Kampf von der Wandlung eigentlich betroffen waren. Sie standen an den Grenzen der Monarchie, zumeist sogar im feindlichen Land, um sich für ein Vaterland zu schlagen, das daheim sich offenbar in hundert Teile löste. Aber da das Manifest vom Kaiser kam, der Kaiser aber zugleich forderte, daß jeder Mann und Offizier seine Pflicht weiter zu tun hätte, um das Gemeinsame aller Stämme in der Monarchie zu schützen, warteten sie, unsicher gemacht, im alten Gehorsam noch eine Weile. Natürlich begannen Agitatoren sogleich, von Regiment zu Regiment umzugehen. Radikale Ausleger, die den stumm Zuhörenden den Sinn des Kaisermanifestes nach ihren Wünschen deuteten, wuchsen über Nacht aus der Kopfzahl jeder Einheit. Unbefangen waren die Mannschaften längst nicht mehr: den Hader der Politik im Hinterland hatten die Zeitungen seit Monaten bis zu ihnen in die Berge und in die Fremd© getragen. Die Oberbefehlshaber der Südwestfront hatten das »Armeeoberkommando« mit dringendem Ernst schon vor Zeit gebeten, aus den Schützengräben die Blätter zu verbannen. Aber das »Armeeoberkommando« hatte das Verbot nicht gewagt. Vielleicht hätten die Truppen schlimme Vorgänge in der Heimat, Umsturz und Gefährdung der Ihren vermutet. Die Folgen konnten dann noch bedenklicher sein. Von Stellung zu Stellung, vorn in der Schwarmlinie während der Gefechtspausen, dahinter auf den Reserveplätzen waren so die leidenschaftlichen Reden, zuletzt der flammende Aufruf des Grafen Michael Károlyi an den König von Ungarn von staunenden Blicken gelesen worden:

»Angesichts der Invasionsgefahr, die dem Lande droht, wird dafür gesorgt, daß die im Auslande befindlichen ungarischen Truppen zur Verteidigung der Heimat ungesäumt heimbefördert und nicht zur Bezwingung der nationalen Wünsche freiheitsliebender Völker verwendet werden. Das fremde Militär hat aber das Land zu verlassen.«

Nie gehörte, aufwühlende Reden wurden täglich von fiebernden Soldatenaugen entdeckt, Reden über Dinge, die selbst anzudeuten bisher als Verbrechen galt. Die Schützengräben hallten wider von den wilden Ausbrüchen, mit denen tschechische Stürmer ohne Furcht die Machthaber des Staates bedrängten. Von der Reichshauptstadt Wien gellte der Streit der Nationen jetzt bis zu den Feldwachen hinaus. Bestürzt mußten die Soldaten das Wirre und Neue in ihren Köpfen erst verarbeiten lernen. Aber noch ehe die Ausleger unter den Kameraden die plötzlich hereingebrochene, so völlig neue Zeit und die Ableitungen daraus ihnen ganz zu erklären vermochten, ereignete sich, unmittelbar nach dem Manifeste des Kaisers, an Aufklärungskraft unendlich eindringlicher als alle Kompagnieredner in versteckten Unterständen ein zweiter, abermals vollkommen unerwarteter Zwischenfall. Der kaiserliche Feldmarschall Erzherzog Joseph, Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Tirol und soeben zum Marschall ernannt, rief selbst die ungarischen Divisionen seiner Front nach Hause.

 

In seinem Bozener Hauptquartier hatte der eigene Stab den Erzherzog beschworen, daß der Aufruf an die Truppen unterbliebe, vor allem sein Stabschef, Feldmarschalleutnant Willerding, der selbst ein Ungar voll nationaler Überzeugung war, wehrte sich gegen die Hinausgabe solchen Befehles. Aber der Erzherzog war soeben erst aus der Reichshauptstadt zurückgekehrt, ganz erfüllt von den Ausstrahlungen des kaiserlichen Manifestes, schon jetzt durchdrungen von seiner nahen, mit dem Kaiser in Wien vorerst flüchtig skizzierten Aufgabe, die ihn ? »den ungarischen Erzherzog«, der immer in Ungarn gelebt, immer nur ungarische Truppen geführt hatte und der wirkliche Volkstümlichkeit in Ungarn genoß ? in naher Zeit als Oberbefehlshaber jener Truppen wirken lassen sollte, denen nunmehr der Schutz der ungarischen Grenzen als Pflicht der letzten nationalen Verteidigung aufgegeben war. Nach der Zerreißung der bulgarischen Front rückte die Orientarmee des Generals Franchet dEsprey nordwärts durch Serbien gegen die ungarische Donaulinie vor. Die geschlagenen Rumänen konnten sich wieder erheben. Zwar baute eben Marschall Köveß mit seinem Stabe in Belgrad an neuer Festigung der Front gegen Serbien, und das »Armeeoberkommando« gab allen besorgten Anfragen, die Rumänien betrafen, die beruhigende Versicherung, daß der einmal besiegte Gegner durch Demobilisierung und Abgabe seines Kriegsmaterials zu ohnmächtigem Stillhalten gezwungen sei. Aber in ganz Ungarn, in allen ungarischen Truppen lebte gleiche Besorgnis, gleiche Furcht und gleiche Erregung, die schon im Jahre 1914 die nur mögliche Gefahr eines Russeneinbruches über die Karpathen ausgelöst hatte. Die politischen Absichten des Grafen Károlyi, der das Kriegsende und Ungarns Selbständigkeit in allen Dingen wollte, vermischten sich mit dem Entrüstungsschrei der überhitzten Patrioten, die kein Stück ungarischer Erde von feindlicher Granate wollten bedroht sein lassen. Sie alle sahen die ungeheuere Gefahr nicht, unter der, wenn die Monarchie im Kampfe sank oder wehrlos gemacht wurde, auch das Königreich verloren war. Sie forderten nur für Ungarn, rücksichtslos für Ungarn, alles für Ungarn. Sie hatten Österreich schon begraben, den Erbfeind seit vielen Geschlechtern, dessen Zukunft, Leben oder Vernichtung sie nicht kümmerte. Vielleicht wurde man von der Wiener Hofburg des magyarischen Fiebers, das alles zu verzehren drohte, noch einmal Herr, wenn ein Magyare von anerkannter, nie bezweifelter nationaler Betonung, in königlichem Auftrag an des Landes Spitze, den Sturm der Furcht und Forderungen beschwichtigte. Zunächst sollte Marschall Köveß das Kommando in Tirol übernehmen, damit Erzherzog Joseph den Schutz der ungarischen Grenzen sichern könne. Als Träger des königlichen Vertrauens, als »homo regius«, konnte der Prinz, überall in Ungarn angesehen, überall in Ungarn fast ein Volksheld, dann zugleich vielleicht die politische Wirrnis klären helfen. Alles hatten Kaiser und Erzherzog in den Tagen nach dem Manifest schon im ungefähren Umriß durchgesprochen. Aber offenbar sah der Erzherzog schon jetzt keine Gemeinsamkeit mit Österreich-Ungarn mehr. Offenbar sah er, noch immer Marschall in kaiserlichem Dienst und verantwortlich für die Befehlshaberschaft, die er immer noch führte, keine gemeinsamen Truppen, keine gemeinsamen Kampflinien, keinen gemeinsamen Gegner mehr. Die ungestüme Adresse des Grafen Károlyi an den König, noch immer nicht mehr als die Forderung eines Radikalen, ergänzte der kaiserliche Prinz den Soldaten seines Kampfbereiches: an der Spitze werde er, dem die Führerschaft über alle ungarischen Truppen übertragen sei, die ungarischen Divisionen heimwärts führen. Der Einspruch des Stabes blieb machtlos. Die feierliche Ansage des Erzherzogs wurde an seiner Front verlesen. Die Botschaft kam zu den ungarischen Truppen zur gleichen Zeit wie der Text der Károlyischen Adresse an den König. Alle Blätter warfen sie in die Schützengräben.

 

Erschreckende und jähe Wandlung erkannten die Offiziere der Bozener Generalstabsabteilung in dieser dritten Oktoberwoche, dunkle, sich vorbereitende Dinge, von denen bis zur Geburtsstunde des Kaisermanifestes keine Spur, kein flüchtiges Anzeichen gewesen war in der Armee. Auflehnung und Revolte hatte es im vierten Kriegsjahre wohl im Hinterlande bei den Soldaten gegeben: niemals an der Front. Aber jetzt wurde, drei Tage nach dem Erscheinen des Manifestes, offene Meuterei kaiserlicher Truppen von der Balkanarmee des Marschalls Köveß berichtet. Das achtzehnte Jägerbataillon hatte, zugleich mit einem Landsturmbataillon, den Gehorsam verweigert. Wieder drei Tage später meldete Feldmarschall Boroevic, daß es bei dem slowenischen Gebirgsschützenregiment I hinter den Schwarmlinien zu Widerspenstigkeiten gekommen war. Die meuternden Slowenen hatten treugebliebene Bataillone des eigenen Regiments entwaffnet. Es war an dem Tage vorher gewesen, daß bei den Truppen des Feldzeugmeisters Goglia zweihundert Mann des kroatischen Honvedregiments 25 mit Trains und Handmaschinengewehren eigenmächtig von der Front abzogen, nordwärts ins Hinterland. Kroaten der 40. Honvedinfanteriedivision hatten sie kaum zurückgeholt, als die 84. Honvedbrigade erklärte, daß auch sie heimwärts wolle, daß sie vier Tage Frist gewähre, am fünften Tage aber ohne Befehl abmarschieren wolle. Immerhin war es geglückt, hier überall den Aufruhr im Keim zu ersticken, ehe er auf andere Truppen übergriff, und die Auflehnung hatte nur kleine Einheiten erfaßt, deren die eigenen Landsleute Herr wurden und noch Herr werden wollten.

Aber als Anzeichen waren die Vorfälle bedenklich, beängstigend für den Geist der Armee. War das Kriegsende nicht unmittelbar nahe, so stand vielleicht Ungeahntes noch bevor. An das »Armeeoberkommando« berichtete der Generalstab der Heeresgruppe Tirol am Abend des 24. Oktobers:

»AOK. Op. Abtlg. Baden.
24. X.
von HGK. Fm. Erzh. Joseph
Op. Nr. 45000/84. 7 Uhr 20 n.

HGK. hat die Überzeugung, daß eigene Front gegen feindliche Angriffe gehalten wird, solange Munition ausreicht. Abgesehen von einzelnen Ausschreitungen bei Marschformationen infolge unzureichender Ernährung liegen Meldungen über Zersetzungserscheinungen aus Heeresgruppenbereich nicht vor.

Ohne Vorgang im Hinterland genauer zu kennen und ohne über Aussichten näher orientiert zu sein, die für baldigen Abschluß des Waffenstillstandes bestehen, sieht das Heeresgruppenkommando als seine Pflicht an, rechtzeitig alle Möglichkeiten ins Auge zu fassen und Aufmerksamkeit AOK. darauf zu lenken, daß es nicht ausgeschlossen ist, daß in rascher Entwicklung begriffene Ereignisse im Hinterlande verderbliche Rückwirkung auf Truppen in der Front beschleunigen, deren Zusammenhalt äußerstenfalls trotz Eingreifens der Führung und trotz guter Haltung besonnener Elemente unter der Mannschaft verloren gehen könnte. Als treibende Kräfte hierfür müssen angesehen werden:

Nicht zu unterdrückende Nachrichten über fortschreitende Zersetzung im Hinterland, Sorge um Haus und Familie, unzureichende Ernährung, mangelhafte Bekleidung und schließlich das Fehlen jeglicher Hoffnung, daß sich Existenz der Truppen bessern könnte.

Sollte aber der erwähnte äußerste Fall eintreten, so liegen Verhältnisse im hiesigen Heeresgruppenbereich weit schlimmer als anderwärts, da für Abfließen der Truppen nur eine einzige durch das Herz Tirols führende Linie verfügbar. Welche katastrophalen, in ihrer Auswirkung gar nicht zu übersehenden Folgen für Armee und Hinterland das regel- und zügellose Zurückfluten einer schlecht bekleideten, hungernden, vielfach bewaffneten Soldatenmasse zeitigen würde, braucht nicht weiter ausgemalt zu werden. Heeresgruppenkommando bittet daher, A.O.K. wolle sich im Interesse von Armee und Hinterland mit allem Nachdruck dafür einsetzen, daß Waffenstillstand derart rechtzeitig abgeschlossen wird, daß Abbau der Front geregelt erfolgen könne.

Heeresgruppenkommando Feldmarschall Erzh. Joseph.«

Aber der innere Prozeß in der Armee schien weiter bereits gediehen, als das Heeresgruppenkommando übersah. Denn nur Stunden nach dem Berichte an das »Armeeoberkommando« standen im Kampfraum um Asiago die ungarischen Truppen auf: die 27. Infanteriedivision und die 38. Honvedinfanteriedivision verlangten den Rückmarsch von der Front. Károlyis Adresse, das Manifest, der Ruf des Erzherzogs kreuzten sich in ihren Reden. Von der Piave, von der Brenta, von der Hochfläche der »Sieben Gemeinden« begann Kanonendonner heraufzuhallen. Die beiden Divisionen aber erklärten: sie wollten in die Heimat.

Ratlos stand das »Heeresgruppenkommando Tirol« vor völlig neuer, noch nie erlebter Situation. Was die bestürzten Kommandanten von Asiago und aus dem Val Sugana meldeten, betraf keine kleinen Einheiten mehr. Zwei kriegsstarke Divisionen widersprachen dem Willen des Oberbefehls. Die 27. Infanteriedivision stand unmittelbar vor dem Feind, die 38. Honvedinfanteriedivision als nächste, wichtige Reserve hinter der Front. Die Meldung von den Vorfällen wurde dem »Armeeoberkommando« erstattet:

»Sehr dringend
AOK. Op. Abtlg. Baden.
von HGK. Fm. Erzh. Joseph. Op. Nr. 45000/86.
25. X.
11. Ak. meldet unt. Op. Nr. 3721/1.

Feldmarschalleutnant von Molnar ist jetzt bei den Truppen der 27. Infanteriedivision und 38. Honvedinfanteriedivision, um persönlich Einfluß zu nehmen und Stimmung zu heben. Eine Mannschaftsdeputation des I. R. 25 brachte soeben beim Regimentskommando die Bitte vor, nach Ungarn abtransportiert zu werden. Von Honvedinfanterieregiment 22 (Szekler), das heute auf die Hochfläche marschieren sollte, meldete Regimentskommando beim Armeekommando, daß die Mannschaften sehr stramm und gehorsam sind, daß sie aber, um ihre Heimat besorgt, zu ihrer Verteidigung nach Siebenbürgen abgehen und nicht auf die Hochfläche marschieren wollen: sie hätten Nachrichten (Briefe, Urlauber, Zeitungen), daß so, wie im Jahre 1916, bereits Grenzgebiete geräumt werden und Regierungskommissar eingesetzt sei. Angeblich sollen auch die anderen Regimenter der 38. Honvedinfanteriedivision ähnlich denken; jedenfalls ist die Stimmung dieser Regimenter keine gute.

Kommandanten sind der Ansicht, daß mit Gewalt bestimmt nichts auszurichten sei. Leider hat auch gütliches Zureden bisher keinen Erfolg gehabt. Situation sehr ernst. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sich die Stimmung auch auf die anderen ungarischen Truppenkörper (Heer und Honved) verbreitet. Von den Armeereserven ist 10. Kavalleriedivision im Abrollen.

Sollten die geschilderten Verhältnisse bei der 27. I. D. und 38. H. I.D. den Einsatz anderer Kräfte bedingen, so stehen der Armee hierzu keine Reserven zur Verfügung.

Angesichts dieser Verhältnisse bittet HGK. um Bewilligung, äußerstenfalls auf Edelweißdivision D. I. D. greifen zu dürfen, falls es Lage erfordern sollte. Eheste Entscheidung unter neuerlich dringendem Hinweis auf HGK. Op. 45ooo/84 erbeten, um so mehr, als Feind durch Gefangene und Überläufer Kenntnis von Stimmung der Truppen und Vorgängen hinter der Front erlangt und dementsprechend seine Maßnahmen treffen wird.

präs. 25. X. 1 Uhr vorm.
HGK. Fm. Erzh. Joseph.
Op. Nr. 144673.
Op. Nr. 45000/86.«

Marschall Erzherzog Joseph schickte sich soeben an, seinen Befehlsbereich zu verlassen, denn der Kaiser hatte ihn zur Erfüllung seiner ungarischen Befehlshaberschaft endgültig berufen. Vielleicht aber konnte sein persönlicher Einsatz die aufrührerischen Divisionen noch beschwichtigen. Marschierten die Meuterer von der Front ab, so ließen sie ein offenes Tor zurück, durch das der Feind in Ruhe bloß einzuziehen brauchte. Der Kaiser selbst wandte sich an den Erzherzog. Und der Chef des Generalstabes depeschierte:

»Für Erzherzog Joseph.

Im Sinne der Euer k. u. k. Hoheit von Seiner Majestät gegebenen Weisung betreffs beruhigenden Einwirkens auf die ungarischen Landtruppen bitte ich Euere k. u. k. Hoheit, sich ehemöglichst zur 27. Infanteriedivision und 38. Honvedinfanteriedivision zu begeben und dort persönlich belehrend und beruhigend einzugreifen. Die dadurch bedingte Verzögerung in der Abreise Euerer k. u. k. Hoheit muß in Kauf genommen werden, da bei eigenem Weiterschreiten der Mißstimmung der ungarischen Truppen sich unabsehbare Konsequenzen für Armee und Hinterland ergeben könnten. Äußerstenfalls kann auf die Edelweißdivision gegriffen werden.

von Arz, GO.
Op. Nr. 142673.«

Der Erzherzog hatte, um in die ungarische Hauptstadt abzureisen, den Salonwagen bereits bestiegen. Feldmarschalleutnant Willerding überreichte die Depesche, mit ihm waren noch zwei Generalstabsoffiziere dem Prinzen nachgeeilt. Aber Erzherzog Joseph weigerte sich, die Abreise aufzuschieben. Die Vorstellungen der drei Offiziere währten eine Stunde. Der Schnellzug wartete. Endlich gelang es, den Erzherzog zu überzeugen, daß kaiserlicher Befehl auch von ihm befolgt werden müßte. Der Salonwagen wurde abgekoppelt, der Schnellzug fuhr allein ab, an das »Armeeoberkommando« in Baden erging die Meldung:

»Telegramm Op. Nr. 143673 konnte Sr. k. u. k. Hoheit noch knapp vor Abfahrt zugestellt werden. Abreise ist auf 26. 10. verschoben. S. k. u. k. Hoheit befindet sich bereits auf der Fahrt zur Front, wo Einflußnahme dringendst notwendig. Resultat wird gemeldet.

Heeresgruppenkommando.«

Das Automobil brachte den Erzherzog gleich darauf über Levico nach Borgo, in dessen Nähe die 38. Honvedinfanteriedivision lagerte. Die Berge dröhnten jetzt vom Widerhall tausendfach feuernder Geschütze. Seit vierundzwanzig Stunden war, vom Assatal auf der Hochfläche angefangen, an deren Rand bei Asiago die meuternde Infanteriedivision 27 stand, bis hinab ans Meer, über den weiten Raum östlich der Brenta und die Piave hinab, der Kanonendonner unaufhörlich angeschwollen. Seit vierundzwanzig Stunden griffen Engländer, Franzosen, Italiener an. Eine gewaltige Schlacht an der italienischen Front hatte begonnen.

Das feindliche Trommelfeuer hatte die Bergstellungen auf der Hochfläche der »Sieben Gemeinden«, die Berggräben östlich der Brenta, die Dammstellungen und Uferlinien am Lauf der Piave, selbst den Südteil der Front bis zur Adria mit steigender Stärke überschüttet. Dann war die Infanterie des Gegners sofort zum Sturme übergegangen. Sie griff am 24. Oktober im Gebirge an. Der Monte Sisemol, die Gipfel Solarolo, Assalone und Pertica, der Monte Spinuccia standen in Feuernebeln. Die feindliche Heeresleitung sparte mit Sturmketten nicht ? indes: die Stürme zerschellten. Einmal drangen die Italiener auf dem Monte Solarolo in die Gräben. Sie mußten sie wieder räumen. Sie führten ihre Angriffe gegen den Monte Spinuccia fünfmal. Von kärntnerischen, südmährischen, galizischen, niederösterreichischen, nordböhmischen, ungarischen Regimentern wurden sie fünfmal abgewiesen. Alle Sturmversuche gegen die Bergstellungen am ersten Schlachttage waren schließlich gescheitert. Gefangene blieben in der Hand der Verteidiger.

Aber frontabwärts, auf der Piaveinsel Papadopolis, war es um die gleiche Zeit englischer Infanterie geglückt, festen Fuß zu fassen. Ungarische Honveds, drei Bataillone stark, lagen als Vorpostenkette auf der Insel. Hochwasser hatte vier Tage vorher die Stege fortgerissen, die von der Insel hinüberführten zu den Hauptstellungen am Damm des Flusses. Im wirren Schilf der Insel, das keinen guten Überblick gab, lag die Vorpostenkette noch unachtsamer, als selbst günstigere Umstände gestattet hätten. Unsichtig war, vom verdampfenden Regen der jüngsten Tage, im ganzen Umkreis die Luft. Dennoch war kaum zu übersehen, daß die Engländer über die Hochflut der Piave auf Schiffen kamen. Die Vorposten fuhren zu spät auf. Die Engländer standen auf der Insel. Das Handgemenge war kurz, die Posten wurden zurückgedrängt. Sie hatten nur mehr einen Inselrest.

Die Schlacht ging im Gebirge weiter. Dort zerbrachen alle Angriffe der Italiener auch am zweiten und dritten Tage. Sie waren nach ungezählten Stürmen für kurze Zeit auf dem Monte Pertica und auf dem Col Caprile eingedrungen. Gegenangriffe holten den Verteidigern die Gipfel wieder zurück. Am dritten Kampftage hatten die Italiener auch den Monte Pertica und Monte Assalone besessen. Nachts warfen sie die Verteidiger der Bergfront von der Kuppe des Monte Pertica wieder herab und den Monte Assalone, 1522 m hoch, stürmte in einem Zuge die vierte Division. Die Hälfte der italienischen Besatzung blieb gefangen. Das Ringen endete in den Bergen auch am vierten Tage nicht. Die italienischen Sturmketten erzwangen vom Gegner nicht einen Schritt. Er hatte keine Stellung preisgegeben. Er hielt nach viertägiger, mit großem Aufwand geführter Schlacht alle Gipfel. Mährische, polnische, kroatische, deutschösterreichische, ungarische, slowakische, tschechische Infanterie hatte Verteidigung und Gegenangriffe mit der Haltung aller Kriegs jähre geführt. Der fünfte Schlachttag sah die Angreifer matt. Aber frontabwärts war die englische Infanterie inzwischen vorwärts gekommen.

 

Gegen die Stellungen der österreichisch-ungarischen VI. Armee und gegen die Kampflinien der Isonzoarmee trug der Gegner seine Angriffe mit verdichteter Schwere seit zwei Tagen vor. In die Armeegrenze zwischen das 24. und 16. Korps stieß das aus seinen Ruhestellungen hervorgeholte 14. Korps der Engländer, dem im kampflosen Gelände, zum Schutz der Flanke, das 11. Korps der Italiener folgte. Zweierlei wußte jetzt der Oberbefehlshaber Marschall Boroevic: wo die Engländer fochten, war, trotz des wilden und verlustschweren Ringens der Italiener um einen Erfolg in den Bergen, der Hauptstoß des Gegners zu erwarten; und der Hauptstoß zielte auf Vittorio. Durchstießen die Engländer hier die österreichisch-ungarische Front, so schwebte sie mit zwei Flügeln verloren in der Luft. Links hing der eine dann, von der Adria herauf, in der Venetischen Ebene, rechts der andere Flügel in Tirol. Die Berge zwischen den Flügeln, ein weites, ungeheueres Rund an der Grenze der italienischen Ebene, waren so schnell nicht zu besetzen und zu verteidigen, daß nicht der siegreiche Gegner sie schneller erreicht hätte. Der Stoß auf Vittorio war der schnellste Weg nach Norden, der kürzeste ins Tal der Drau, der gefährlichste Weg mitten in die Monarchie. Glückte der Stoß in der Art, wie die Durchbrüche von Tolmein oder Gorlice geglückt waren, dann konnte alles jäh zu Ende sein. Von viererlei Stellen stießen die Engländer in der Richtung auf Vittorio.

Sie hatten allmählich die Vorposteninsel Papadopolis ganz in ihre Gewalt bekommen. Der Verlust der Insel war völlig belanglos für den Halt der Verteidiger, deren Hauptstellung sich am Piavedamm hinzog. Aber ihn überschüttete in der Nacht zum 27. Oktober neues Trommelfeuer. Gleichzeitig überschritten die britischen Streitkräfte oberhalb des Montellomassivs den Fluß in der Richtung auf Valdobiadene und Bigolino, überdies unmittelbar vor dem Montellomassiv stromabwärts von Vidor. Den Vorstoß auf Bigolino brachten die Angegriffenen durch ihre Artillerie sogleich zum Scheitern. Um Valdobiadene hielten sich die Engländer mit Zähigkeit fest. Bei Vidor gelang es ihnen, über den Fluß her ihre Kräfte zu verdichten. Alle Angriffe zielten jetzt auf das zweite Korps. Sein Führer schritt bei Sernaglia im Soligobecken zum Gegenangriff. Der Kommandant der VI. Armee meldete am Abend des 27. Oktobers an Marschall Baroevic:

»2. Korps erwartet auf 31. und 25. Infanteriedivision neue Angriffe. Im Soligobecken hat unser Gegenstoß Lage anscheinend gebessert. Beim 24. Korps Kampfraum ganz behauptet.«

Indes erlahmten die Engländer in ihren Angriffen nicht. Sie hatten am gleichen Tage, von der Insel Papadopolis her, nach heftigem Trommelfeuer auch gegen die Honveds der 7. Division losgeschlagen. Ohne daß ihnen ein Durchbruch gelang, drückten sie doch allmählich bei Valdobiadene, bei Sernaglia und gegenüber der Piaveinsel die österreichisch-ungarischen Truppen ein Stück zurück. Zwischen den Angegriffenen wich das ungarische 24. Korps nicht einen Schritt breit. Aber die 7. Honveddivision, deren Bataillone schon den Besitz der Insel verspielt hatten, gab nach. Die Engländer arbeiteten sich, wieder ohne Durchbruch, dennoch mit zähem Druck, hier 3 km weit vor. Sie gelangten bis Tezze und San Polo jenseits der Piave. Vorsichtig blieben sie dann stehen. Auch Feldmarschalleutnant Berndt, der Führer des 16. Korps, schritt jetzt zum Gegenangriff. Die Unternehmung befahl er in der neunten Morgenstunde, doch noch mittags war sie nicht unternommen. Zweideutig war die Haltung des mit der Aufgabe betrauten Generals Majewski, eines Offiziers von polnischer Herkunft, mit dem der Feldmarschalleutnant den Gegenstoß genau besprochen, dem er dazu die 201. Landsturmbrigade zugewiesen hatte, der aber von seinen eigenen Truppen sich entfernt hatte, nördlich Monte Cano endlich aufgefunden wurde, aber nichts von einer ihm zugewiesenen Brigade zu wissen vorgab. Zweifellos war es, daß der General entweder die Nerven verloren hatte, wozu allerdings kein Anlaß war, oder daß er Verrat übte. Der Gegenstoß litt noch unter anderen Zwischenfällen. Vom Solnoker Infanterieregiment hielt ein Teil sich zuchtlos. Der Oberstkommandeur des 137. Infanterieregiments befand sich auf Urlaub. Den Gegenstoß führte schließlich ein Major. Er fiel in Tezze. Nachmittags 4 Uhr hatte der Gegenangriff kleine Erfolge. Aber die Engländer blieben, wo sie waren.

Sie führten am 28. Oktober ihre Stürme mit verdoppelter Kraft. Über die Piave hatten sie ihre Artillerie nachgezogen. Sie erweiterten ihr Gelände bei Valdobiadene, bei Sernaglia, gegenüber Papadopolis. Natürlich zogen sie an den drei Übergangsstellen stets aufs neue nach, was sie an Kräften einsetzen konnten. Wieder vermochten sie nirgends einen Durchbruch zu erzwingen. Aber so stark wurde doch ihr Druck, daß der Kommandant der VI. Armee dem schwer fechtenden 2. Korps den Rückzug in die zweite Gefechtslinie, der Kommandant des 16. Korps seinen Truppen den Rückmarsch hinter den Monticanabach befahl. Fünf Tage war bisher die Schlacht gegangen. In der Gebirgsfront standen sämtliche Truppen des Feldzeugmeisters Goglia, das 26., 1. und 15. Korps, so unerschüttert wie am Hauptkampfplatz in der Ebene das 24. Korps. Zwei Ausbuchtungen nur waren dort entstanden: beide gering im Vergleich zu den englischen Opfern, beide ohne Gefahr für den Verteidiger, wenn er hielt. Das 2. Korps ging auf die Höhen zurück, nahe dem Schauplatz der ausgetragenen Kämpfe, den es von oben her so mühelos und überlegen beherrschen mußte, daß den Engländern das Verbleiben im Kessel, wenn sie nicht vorzogen, sich in einen neuen Kampf um die Höhen einzulassen, von selbst unerträglich werden mußte. Aus dem Halbrund gegenüber Papadopolis mußten die Engländer wieder vertrieben, sie mußten über die Piave wieder zurückgeworfen werden, wenn man sie nur rasch und geschickt angriff. Vor dem Monticanabach, vor undurchbrochener Front, saßen sie in einem Hufeisen. Marschall Boroevic befahl den Gegenangriff in großem Stile für den nächsten Morgen. Noch gestern hatte er dem »Armeeoberkommando« berichtet:

»Militärische Lage ist, was Kräfteverhältnis, taktische und operative Lage anbelangt, gegenwärtig noch keineswegs beunruhigend« ? ?

Musterhaft arbeitete er die Anlage des Aufmarsches. Musterhaft führte ihn der Korpskommandant Berndt durch. Über Nacht waren die Engländer in ihrem Rund umklammert:


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