Atomistik und Kriticismus

----------




6Atomistik und Kriticismus

Alle Re(jlite vorbehalten.

118829

? e

,? ? ? ??

? ? ? ? ? ? ? ?

? ?

? ? ?

? ? ?

? ? ?

? ? ? ? ? ?

? ? ??

mm A * j

? ? ? ? ? ? c

? ? , ? ?? ? ? ? ? ? ?

? ? ? ? ? ?

V

? ? ? ? ? ?

? ? ? ?

? ? ? ?

? ? ?

VORWORT.

Studien zur Geschichte der atomistischen Theorien führten mich zu dem Versuche, die Atomistik von ihrem gewohnten Boden, dem Dogmatismus, abzulösen und zunächst ihren Werth an den erkenntnisstheoretischen Grundlehren des Eüticismus zu prüfen.

Das Resultat dieser Untersuchung liegt hier vor. Es ergab sich, dass die Natur unserer Sinnlichkeit, insofern sie als subjectiver Factor die Gestaltung unserer Erfahrung mitbedingt, bei dem Streben nach wissenschaftlicher Orientirung in der Welt uns nöthigt, zur theoretischen Grundlage der Physik eine kinetische Atomistik zu wählen.

Den sehr weiten Begriff des Kriticismus habe ich absichtlich nicht näher bestimmt. Denn nicht metaphysische Untersuchungen sind hier bezweckt, sondern für die Physik soll eine möglichst breite erkenntnisstheoretische Basis gefunden werden, auf welcher sich die Meinungen aller derer zu treffen vermögen, die, so weit sie auch im Einzelnen sich trennen, doch darin übereinstimmen, dass unsere Erkenntniss unablöslich ist von gewissen Einflüssen und Anlagen des erfahrenden Subjects. Demnacli wage ich zu hoffen, dass die Anhänger des Kriticismus, wie sie auch ihrerseits die Theorie des Erkennens und des Wissens specialisiren mögen, und wie sehr andererseits meine Arbeit der Verbesserung und Vervollständigung im Einzelnen bedarf, doch im Wesentlichen die gefundenen Resultate billigen können.

Insbesondere wendet sich der vorliegende Versuch, von den angegebenen Gesichtspunkten aus einen Beitrag zur kritischen Grundlegung der Physik zu liefern, an die empirischen Forscher. Möge es ihm vergönnt sein dahin zu wirken, dass Jene, welche der Philosophie noch immer misstrauisch den Rücken kehren, sich ihren versöhnenden Bemühungen geneigter zeigen. Jene aber, welche selbstständig über die Grenzprobleme der Naturwissenschaft philosophiren, auf die drohende Gefahr des Dogmatismus aufmerksam werden, die einzelne Naturforscher bereits überrascht hat.

Schliesslich habe ich noch nachzutragen, dass zwei mit meiner Arbeit in enger Beziehung stehende Werke, ?Die Axiome der Geometrie etc. von B. Erdmann und ?Die kinetische Theorie der Gase etc. von 0. E. Meyer, weil dieselben erst während des Druckes erschienen sind, leider nur noch unter dem Text Berücksichtigung finden konnten.

Gotha, im November 1877.*

K. Lasswitz.

INHALT.

I. Einleitung.

Stellung der Atomistik zur Philosophie und Naturwissenschaft. ? Unsere Aufgabe und der Werth ihrer Lösung für die Physik. ? Methode der Lösung S. 1 ? 9

IL Die Aufgabe der Naturwissenschaft.

Die Natur als Wechsel unserer Empfindungen. ? Das Begreifen derselben besteht in der Zurückführung auf einfache und anschauliche Vorstellungen. ? Diese Zurückführung ist möglich in Folge der durch unsere Organisation bedingten Gesetze unserer Erfahrung. ? So ergiebt sich nicht nur eine Beschreibung, sondern eine Erklärung der Natur S. 10 ? 20

III. Die Entstehung des Atombegriffs.

Die Entstehung unserer (physikalischen) Erfahrung durch die Verschmelzung der Sphären unserer Sinnlichkeit. ? Gleichzeitige Erzeugung der Begriffe von Baum und Körper. ? Das Atom als eine nothwendige Folge der Synthesis unserer Sinnlichkeit, welche den Begriff abgeschlossener, undurchdringlicher, beweglicher Bäume erzeugt. ? Unterschied zwischen Atom und Körper. Irrthum von W. Thomson und anderen Forschem. Die Atome als Vielheit. ? Bedeutung der phänomenalen Atomistik als Bedingung für das Zustandekommen einer Wissenschaft S. 21 ? 38

IV. Vertheidigung des phänomenalen Atoms.

Unterschied von Mathematik und Physik in Bezug auf die Erfahrungstheorie. ? Die Grösse der Atome ist von der Naturwissenschaft festzusetzen. ? Belativität des Grössenbegriffs und Noth-wendigkeit des Atombegriffs. Belativität des Unendlichkeitsbegriffs. ? Auseinandersetzung mit Kants ?Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft S. 39 ? 51

V. Der Zusammenhang der Atome und die Mittheilung

der Bewegung als Andrangsempfindung.

Die Stellung der Physik imd der transcendenten Metaphysik zum Zusammenhange der Atome. ? Die Lösung des Problems durch den Kriticismus. ? Unzulässigkeit der fernwirkenden Kräfte. ? Zöll-ner*8 Irrthum. ? Die Unbegreifbarkeit der Mittheilung von Bewegung auf imkritischem Standpunkte. Ihre unmittelbare Gewissheit auf kritischem Boden als Andrangsempfindung. Axiom der Mittheilung der Bewegung.? Die Andrangsempfindung bei Galilei. ? Axiom von der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung S. 52 ? 67

VI. Die Principien der Mechanik.

Die Andrangsempfindung als das Ursprüngliche der Mechanik und der Begriff der Masse. ? Die Schätzung der Andrangsempfindung nach der Zeit. ? Die Andrangsempfindung als Kraft. Momentane und constanteKräfte. Bewegungsgrösse. ? Dichtigkeit. ? Gesetz der Trägheit. ? Aufhebung der Bewegung durch eine gleich grosse ihr entgegengesetzte. ? Beim Stosse bleibt die Summe der Bewegungsgrössen constant. ? DieSchätzung der Andrangsempfindung nach der Wegstrecke.? Unmöglichkeit der Aufhebung der so geschätzten Bewegung. ? Das Gesetz von der Erhaltung der lebendigen Kraft. ? Der statische Druck S. 68 ? 86

VII. Das Apriori in der Physik.

Das Bewusstwerden der mechanischen Principien ? Das Apriori in der Physik. ? Die Gleichberechtigung des objectiven und subjectiven Factors der Erkenntniss und der Mangel einer Grenze zwischen apriorischen und empirischen Sätzen. ? O. Lieb manns Einwurf gegen die Apriorität des Trägheitsgesetzes. ? Die ideelle Geltung empirischer Gesetze. ? Unser Resultat S. 87 ? 95

Vin. Der Begriff der Elasticität und der Stoss der Atome. Der Einwurf gegen die kinetische Atomistik, dass ihre Atome elastisch sein müssten. ? Zurückweisung desselben. ? Bestätigung dieser Abweisung durch die Entwickelungen von O.E. Meyer und G. Lübeck. ? Scheinbarer Widerspruch, dass unelastische Atome wie elastische Körper sich bewegen sollen. ? Aufhebung des Widerspruchs durch Discussion des Elasticitätsbegriffs. ? Abweisung des Einwurfs der mangelnden Anschaulichkeit. ? Die kinetische Atomistik als nothwendige Grundlage aller Naturerklärung S. 96 ?106

IX. Schluss.

Die Welt der Atome und die Welt der Empfindung. Ihr Parallelismus und die Grenzen der Erkenntniss 107 ? 111

/Einleitung.

Die Atomistik reicht mit ihren Untersuchungen an jene Grenze des Erkennens, wo der forschende Geist seiner Natur nach auf unauflösliche Widersprüche zu stossen scheint Die Versuche, diese Widersprüche, welche die Frage nach dem Wesen des Stoffes darbietet, mit Erfolg zu beseitigen, haben eine ausserordentliche Anhäufung von Material hervorgerufen. Wenn man die Theorien der Materie zu überblicken versucht, wie sie sowohl die Philosophie als die empirischen Naturwissenschaften ausgebildet oder angedeutet haben, so geräth man auf die Befürchtung, es handle sich hier um eine Mannichfaltigkeit von mehr oder minder willkürlichen Hypothesen, Vermuthungen und Erdichtungen, deren Durchforschung schon um des behandelten Gegenstandes selbst willen zu einem befriedigenden Resultate überhaupt nicht führen könne. Doch hat sich unter all diesen Versuchen die atomistische Hypothese als diejenige hervorgearbeitet, welche nach dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft die beste Aussicht zu einer einheitlichen und befriedigenden Naturerklärung zu bieten scheint.

Das Atom enthält nicht nur ein naturwissenschaftliches, sondern vor Allem ein erkenntnisstheoretisches Problem. Es erfreut sich daher der Aufmerksamkeit zweier Wissenschaften,

Lasswitz, Atomistik etc. 1

deren Grenzgebiete bei ihm zusammenstossen; Physik und Philosophie theilen sich in den Streit um das ?Untheilbare. So geht es dem Atom, wie es auch politischen und geograpliischen Grenzgebieten zu ergehen pflegt; von beiden Seiten wird es in Anspruch genommen und darum aufs Sorgfältigste studirt. Aber auch der Kampf um sein Recht wird auf seinem Boden ausgestritten und prägt ihm bedenkliche Spuren auf; von beiden Seiten hat es zu leiden, und endlich kann es beim Friedensschluss geschehen, dass es für neutral erklärt wird, als überhaupt ungeeignet eine Streitfrage zu bilden.

Es scheint in mancher Beziehimg, als sei das Atom bereits nahe an dieses Stadium herangerückt.

Die Zeit ist noch nicht lange vergangen, in welcher Philosophie und empirische Naturwissenschaft sich in voller Feindschaft gegenüber standen. Fechners ?Physikalische und philosophische Atomenlehre kann etwa als abschliessendes und maassgebendes Generalstabswerk für diesen Krieg angesehen werden, soweit er sich auf die Atomistik bezog, die ja gerade den Mittelpunkt des Kampflfeldes bildete. Freilich wollte der Verfasser desselben der Physik den Löwenantheil retten, was denn nicht ohne manches scharfe Wort abging, und Braniss ^) rief ihm dagegen wieder zu, er möge ?die Philosophie ungehu-delt lassen.

Der Streit entgegengesetzter Meinungen konnte zwischen der ?speculativen und ?empirischen Forschung vor einigen Jahrzehnten auf dem Gebiete der Atomistik um so heftiger entbrennen, als die Verschiedenheit der Waffen und die Leichtigkeit des Rückzugs in das eigene Reich, welches dem Gegner unzugänglich blieb, einen endgiltigen Austrag des Kampfes erschwerte. Dazu kam, dass man in der Partei der Naturfor-

*) Ueber atomistische und dynamisclie Naturauffassung. Breslau, 1858. Aus den Abhandlungen der hist. phil. GeseUschaft in Breslau. I. Bd., 8. 328. Vergl. übrigens über diesen Streit die treffenden Bemerkungen von F. A. Lange, Geschichte des Materialismus etc. (Iserlohn, 1875). 2. Aufl., n. Bd., S. 193.

scher selbst nicht recht einig war; obgleich hier in der Beobachtung und Erfahrung eine unbestechliche Schiedsrichterin den Uneinigen bestellt zu sein schien, kam doch der Kampf der Ansichten, wenn auch im Schauplatze beschränkt, zu keiner vollen Entscheidung. Die empirische Naturwissenschaft war lange Zeit hindurch selbst nicht im Stande, allgemein befriedigende Antworten zu verkünden. Den grossen Fortschritten, welche sie in der Bezwingung der einzelnen Theile ihres Reiches machte, fehlte das verknüpfende Band, die einheitliche Begründung, welche die Philosophie jener selbst zu geben mit Recht Anspruch erhob. Und als bei der allmählichen Scheidung der Naturphilosophie in die beiden grossen Lager der dynamischen und atomistischen Auffassung die empirischen Forscher fast einmüthig der letzteren sich zuwandten, schmolz der Streit um die Sache zusammen mit dem Streite der Methoden, und die Speculation mochte der Empirie um so weniger das Richteramt zuerkennen, als letztere thatsächlich nicht im Stande war, in ihrer messenden und wägenden Art eine einheitliche Naturauflfassung herzustellen, wie es der speculativen Phantasie geistvoller Denker auf dem Wege geschmeidiger Be-griflfe zu gelingen schien.

Das musste sich ändern, als die Gänge und Minen, durch welche die Forscher an der Hand der Erfahrung ins Innere der Natur zu dringen suchten, in einem Punkte sich zu treflfen begannen, seitdem es gelungen, im Gesetz von der Erhaltung der Kraft den modernen ?Stein der Weisen zu finden, welcher die Umsetzung aller Kraftformen in einander gestattete. Die Macht dieses Gesetzes wurde ausgedehnt auch auf das Gebiet des Organischen, und als gar in Darwin der ?Newton des Lebendigen gekommen schien, da durfte man hoflfen, die ?Theorie der Natur als mechanische Erklärung der Phänomene durch ihre ?wirkenden Ursachen geben zu können, welche Kant wohl erwünscht, wenn auch bezweifelt hatte, als er uns die ganz unbeschränkte Befugniss und den Beruf vindicirte i), ?alle Pro-

^) Kritik d. Urtheilskraft. Herausg. v. Kirch mann. Berl. 1872. 8.296.

1*

ducte und Ereignisse der Natur, selbst die zweckmässigsten, soweit mechanisch zu erklären, als es immer in unserem Vermögen steht.

Wir wollen nicht beurtheilen, in wieweit der Untergang der sogenannten ?speculativen Naturphilosophie diesen Fortschritten der empirischen Naturwissenschaft zuzuschreiben ist; der Einfluss derselben war jedenfalls ein bedeutender. Umgekehrt aber ist es klar, dass die Naturwissenschaft, die sich nun nahe dem Ziele sah, eine geschlossene Weltanschauung bilden zu können, wenigstens in den hervorragenderen Geistern, die mit der Einseitigkeit eines naiven Realismus und consequenten Materialismus sich nicht befreunden mochten, zur Besinnung auf sich selbst kommen musste. Es wurde klar, dass die letzten Fragen der Naturforschung ihrem Wesen nach erkenntnisstheoretische sind oder sich nicht von solchen scheiden lassen.

So haben wir in den letzten Jahren das erfreuliche Schauspiel gehabt, dass Naturwissenschaft und Philosophie wieder gemeinsame Wege zu wandeln beginnen; dass es keine Philosophie mehr giebt, die sich nicht anschlösse an die grossen Entdeckungen der Empirie, und keine Naturwissenschaft, die sich der Macht der erkenntnisstheoretischen Ueberlegungen auf die Dauer entziehen dürfte. Es ist bekannt, dass das Studium von Kant hier vor Allem maassgebend war; ebenso bekannt sind die Namen der Forscher, an welche sich die moderne Bewegung knüpft; und so scheint es denn, als stände der Friedensschluss nahe bevor.

Was wird nun aus dem streitigen Grenzgebiete, aus dem Atom?

Wir deuteten oben an, dass es nicht am besten dabei wegzukommen scheine. Die Physiker und Chemiker machen sich nicht viel Sorgen um dasselbe, wenn sie nur ihre Molekel haben; die Mathematiker rechnen am liebsten mit Volumelementen; die Philosophen weisen ihm Widersprüche im Begrifl* nach und wollen es allenfalls als ein methodisches Erkenntnissmittel oder als ?Rechnungsmarke bestehen lassen; vom kritischen Standpunkte aus ist es jedenfalls nur unsere ?Vorstellung, und so könnte man über den Werth des viel bestrittenen Atoms sehr

zweifelhaft werden, wenn nicht seine einfache Anschaulichkeit ihm einen unschätzbaren Werth für die einheitliche Erfassung und Darstellung der Mannichfaltigkeit der Erscheinungen gäbe, durch welchen allein schon es seinen Platz unter den fundamentalen Hypothesen der Wissenschaft siegreich behauptet.

Wohl aber ist es eine Aufgabe der Philosophie wie der Naturwissenschaft, insofern sie beide Naturphilosophie im edelsten Sinne sind, den gegenwärtigen Stand unserer Ansichten über das Atom in Rücksicht auf ihren erkenntnisstheoretischen Werth zu prüfen. Es handelt sich darum, der rechnenden und experimentirenden Naturwissenschaft für ihre Hypothesenbildung von einer Seite zu Hülfe zu kommen, von der sie lange Zeit hindurch nur Misstrauen, Zweifel und Angriff gewohnt war. Es handelt sich darum, den . Fortschritt der Erfahrung, insofern sie auf unbekannten Gebieten vordringt, zu leiten durch die Untersuchung der Bedingungen einer möglichen Erfahrung und nachzusehen, welche Voraussetzungen für die Erklärung der Naturerscheinungen wohl aus der Natur des erklärenden Subjects selbst fliessen mögen. Zu dieser Untersuchung, welche schon von verschiedenen Seiten in Angriff genommen wurde, soll hier ein Beitrag geliefert werden durch eine kritische Behandlung der atomistischen Grundlagen der Physik.

Es gilt nicht etwa, neue Hypothesen über die mögliche Beschaffenheit der Materie aufzustellen und dieses überreich gesegnete Gebiet mit speculativen Spenden zu erfreuen; dies ist vielmehr von einem gewissen Punkte an Sache der theoretischen Physik und Chemie, denen das Recht dazu dann ? aber auch nur dann ? zusteht, wenn sie an der Hand der neuen Hypothese einerseits eine genügende, durch Rechnung darzulegende und das Experiment zu bestätigende Naturerklärung geben können, und wenn andererseits die in Frage kommende Hypothese vereinbar ist mit den feststehenden Principien einer richtigen Erkenntnisstheorie.

Es gilt vielmehr, diejenigen Bedingungen aufzusuchen, wel-

chen sich gemäss unserer Sinnes- und Verstandesanlage jede physikalische Erkenntniss fügen muss, um daraus die nothwendigen Principien der theoretischen Physik zu gewinnen. Dies kann geschehen, indem wir versuchsweise die gegenwärtig in der Naturwissenschaft allgemein anerkannte atomistische Hypothese an Kants unsterbliche Errungenschaft, an den kritischen Gedanken halten, um zu bestimmen, was dabei bestehen kann.

Die Physik dürfte hiervon einen doppelten Nutzen ziehen, sowohl was die Ausdehnung ihres Bereiches als was die Sicherheit ihres Besitzstandes betriflpt. Denn für beides kann sie nur gewinnen, wenn es sich herausstellen sollte, dass gewisse Annahmen , die sie zur Befriedigung gewisser empirischer Ergebnisse machen muss, weit mehr sind als eine ?nothwendige und zureichende Hypothese; dass sie vielmehr nothwendige und un-abweisliche Grundsätze sind, welche aus der Natur der menschlichen Erkenntnissfähigkeit überhaupt fliessen, so dass durch sie allererst Erfahrung möglich wird. Dann aber werden sich auch die ?Widersprüche**, welche man im Atom finden will, vor dem kritischen Gedanken ebenso in Dunst auflösen, wie diejenigen , welche seit Jahrtausenden im Wesen des Raumes und der Bewegung bemerkt wurden.

Wenn wir uns nun die Frage stellen, welches denn diejenigen atomistischen Vorstellungen der gegenwärtigen Naturwissenschaft seien, an welche wir unseren kritischen Maassstab zu legen haben, so kann uns eine bestinmite Antwort zu geben einigermaassen schwer fallen. Eine einheitliche und strenge Atomistik existirt eben nicht; ja die Männer von Fach lieben es, sich in dieser Beziehung keine ganz bestimmte Vorstellung zu bilden und lassen die Eigenschaften der Atome möglichst dahingestellt; oder sie machen geradezu darauf aufmerksam, dass die aus ihren Prämissen gezogenen Schlüsse von den Annahmen, welche sie über die Atome machten, nicht abhängen i).

In unserer Untersuchung soll es gerade darauf ankommen.

*) Clausius, Abliaiullungeu zur mechanischen Wärmetheorie. Braunschweig, 1867. ? Poggendorff 8 Annalen Bd. C.

zu sehen, welche Annahmen in Bezug auf die Atouie gemacht werden dürfen oder müssen. Sollen wir zu diesem Zweck in das Meer des angehäuften Stoffes hinabtauchen und das Brauchbare herauszuholen versuchen ? Eine historische Sichtung dieses Wirrwarrs müssen wir einer grösseren Arbeit vorbehalten; für diesmal dürfte ein Blick hinein genügen uns zu lehren, dass wir von diesem analytischen Wege für unseren nächsten Zweck nicht viel zu hoffen haben.

Da finden wir zuerst die aus dem Alterthum stammende, von Sennert und Gassendi wieder aufgenommene sogenannte kinetische Atomistik; hier sind die Atome die kleinsten, untheil-baren Theilchen der Materie, absolut hart, undurchdringlich, in geradliniger Bewegung begriffen, verschieden an Gestalt und Grösse, ohne qualitative Unterschiede. Könnten wir dabei bleiben! Aber in der modernen kinetischen Theorie der Gase sind ? wie man bisher annahm ? die Atome elastisch geworden; so erklärt man uns freilich durch ihren Stoss Druck, Wärmeleitung u. s. w. der Gase, man giebt uns bestimmte Zahlen für ihre Geschwindigkeit, mittlere Weglänge, Zahl der Stösse pro Secunde, ja sogar angenäherte Werthe für ihre Massen. Aber eben dabei stellt es sich heraus, dass eigentlich gar nicht die Atome, sondern die Molekel gemeint sind, die aus Atomen bestehen. Da doch aber auch die Atome elastisch gedacht werden müssen, so bestehen sie wahrscheinlich wieder aus Atomen höherer Ordnung ? u. s. w. in indefinitum. Das scheint verdächtig *). Oder sind etwa die Atome undurchdringlich, aber doch biegsam? Da wären wir bei Cartesius und dicht bei der Corpuscularphilosophie des siebzehnten Jahrhunderts mit ihren Häkchen, Hebeln und Maschinchen an den Atomen.

Bewahre! mischt sich hier die Physik nach Newton hinein, die Atome haben anziehende und abstossende Kräfte, durch welche sie auf einander wirken. So scheint uns auf einmal geholfen! Aber wie? Zugleich anziehend und abstossend? Wie soll man sich die Kräfte arrangirt denken? Sind, nach Weber-

^) Die Auflösung des Widerspruchs siehe in Abschnitt VIII.

Zöllner, ?die letzten physikalisch nicht mehr theilbaren Elemente aller Körper die beiden Elektricitätstheilchen -- e und ? e mit ihren trägen Massen e und s?** Oder hat Redten-bacher Recht?

Die abstossenden Kräfte stecken im Aether? Es sind Dy-namiden mit Aetherhüllen!

Schön! Aber so wirken sie doch durch den leeren Raum? Wie soll man sich diese Wirkung vorstellen? Nicht Jeder kann das. Warum uns mit solchen Atomen nicht gedient ist, darauf kommen wir noch zurück i).

?Das Atom, sagt der Chemiker, ?ist der kleinste Theil eines Stoffes, welcher eine Verbindung eingeht.

Aber seine Eigenschaften? Seine Werthigkeit, seine Affinitäten? sollen diese Öegriffe nur Bilder für einen nicht näher aufklärbaren Vorgang sein?

Doch es giebt noch mitleidige Theorien, die uns Auskunft versprechen. Hier, ruft die ?einfache Atomistik, ist der wahre und einzige Kraftpunkt! Die Atome sind materielle Punkte, punktuelle Intensitäten, reine Raumbestimmungen mit Masse (denn Masse ist nur eine Zahl)!

Vielmehr, es sind reine Kraftcentren, nichts Materielles! Auch das will man nicht gelten lassen. Aber die Hypothese verzweifelt nicht. Von allen Seiten steigt sie auf ? wer nennt die Namen?

?Die Atome sind durchdringlich, es sind Kinete, die durch einander hindurchschwingen!

?Nur der Aether bewegt sich, der macht es!

?Die Atome sind unendlich gross, jedes umfasst alle anderen.

?Das Atom ist das Kraftelement der Richtung, die geradlinige Bewegungsenergie.

Und so weiter! Wir hören auf.

Die meisten dieser Hypothesen haben zwar keinen Boden in der Naturwissenschaft gefasst; aber auch die weit verbreitet-

1) Vergl. weiter unten.

sten enthalten noch Widersprüche genug. Wir ziehen es daher vor, den synthetischen Weg einzuschlagen und nachzusehen, wie der Atombegriff gemäss unserer eigensten psychophysischen Anlagen entsteht. Hierbei muss es sich ja zeigen, was an der physikalischen Hypothese mehr ist als Hypothese und was statthafte Zuthat der Specialwissenschaften ist. Eine polemische Behandlung der Theorien wird sich dabei wohl gelegentlich passend anschliessen, ist aber in eingehenderer Weise nicht beabsichtigt, indem wir hoffen, dass die Zurückweisung entgegengesetzter Ansichten durch die Beweiskraft der vorgetragenen geleistet werde.

Um nun unserer Aufgabe näher zu treten, ist es zunächst nothwendig, einigermaassen auf das Wesen unseres Naturerken-nens und die Entstehung unserer physikalischen Erfahrung einzugehen. Möge uns der Physiker ohne Misstrauen auf dies ihm unsicher erscheinende Gebiet folgen und sich überzeugen, dass die Physik an ihren Grenzen nothwendig auf die Theorie der Erfahrung zurückgreifen muss. Denn physikalische Erfahrung ist unsere erste Erfahrung, und es wird sich hier zeigen, dass die kritische Erkenntnisstheorie nichts weiter thut, als diejenigen Vorgänge bei der Bildung unserer Erfahrung sich bewusst zu machen, auf welche die empirische Naturwissenschaft sich ohne eingehendere Reflexion stützt.

Der Philosoph aber möge freundlichst berücksichtigen, dass es in diesem vorbereitenden Theile unserer Arbeit nicht darauf ankommt, wesentlich Neues zu bieten, sondern nur eine passende Form für die Principien einer kritischen Theorie der Erfahrung zu finden, auf welchen die Physik weiterzubauen vermöchte. Je sicherer das Fundament ist, um so besser. Besonders wird es den Arbeiten von Condillac, Steinbuch, Bain, W. Wundt, W. Goeringzu verdanken sein, wenn wir daran gehen dürfen die vorhandenen Bausteine zusammenzufügen zu einer neuen Verbindungsstrasse zwischen Naturwissenschaft und Philosophie.

Die Aufgabe der Naturwissenscliaft.

Die Aufgabe der Naturwissenschaft ist die Natui zu begreifen. Was wir dabei unter Natur zu verstehen haben, kann keinem Zweifel unterliegen. Natur ist die Gesammheit Alles dessen, was in unsere Wahrnehmung treten kann. Und da alle Wahrnehmung nur in der Form von Empfindungsänderung i) für uns existirt, so ist es klar,dass es sich darum handelt, den Wechsel unserer Empfindungen zu begreifen; den Wechsel der Empfindungen, nicht die Empfindung selbst, welche für die Naturwissenschaft das nothwendig Vorausgesetzte und unmittelbar Gegebene ist.

Natur existirt für uns nur, insofern es einen Wechsel der Empfindungen giebt, d. h. insofern wir in unserem Bewusst-sein eine Reihe von verschiedenartigen Zuständen durchlaufen. Die Fähigkeit, uns verschiedenartiger Zustände bewusst zu werden, nennen wir Erinnerung, und die Reihe derselben Zeit, insofeni wir uns dadurch eines Empfindungsinhaltes und somit einer Dauer unserer Existenz bewusst werden. Die Zeit ist daher diejenige Form unseres Bewusstseins, durch welche uns Empfindungen überhaupt erst möglich sind, und sie selbst ist uns nur wahrnehmbar als der Wechsel der Empfindungen, d. h. als

^) Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, dass wir ?Empfindung hier in dem allgemeinsten Sinne nehmen und damit alle Vorgänge in unserem Bewusstsein umfassen.

die Vorstellung, dass Empfindungen reproducirt werden können. Dies ist die Zeitanschauung. Durch den Wechsel der Empfindungen entsteht zugleich ein subjectives Zeitmaass und damit die Vorstellung der Zeitgrösse; indem wir von dem Inhalt der einzelnen Empfindungen absehen, entsteht der Zeitbegriff. Hätten wir nur eine einzige, an Intensität und Qualität völlig sich gleichbleibende Empfindung, so existirte auch die Anschauung der Zeit nicht. Schon hieraus ergiebt sich, dass ?Natur nur etwas Phänomenales sein kann, da sie uns nur als Empfindung (im weitesten Sinne) und diese nur als Ablauf der Zeit zum Bewusstsein kommen kann. Die Frage, was Natur noch ausser imserer Empfindung sein könne, ist vorläufig ganz auszuschliessen; wohl aber ist die Frage zu stellen, welche Art der verschiedenen Empfindungen ihrem Wesen nach gestattet, alle übrigen darauf zurückzuführen.

Die Form, in welcher Empfindung in uns entsteht, ist bedingt durch unsere Sinnlichkeit. Wir unterscheiden erfahrungs-mässig Lichtempfindungen, Tonempfindungen, Geschmacks- und Geruchsempfindungen; ferner Tast- und Innervationsempfindun-gen. Zu den letzteren rechnen wir alle diejenigen, welche sich auf ein unmittelbares Bewusstwerden der in unserem Muskel-und Nervensystem stattfindenden Veränderungen beziehen. In diesen Formen bewegt sich alle unsere Empfindung bis zu ihren höchsten Complicationen, also auch all unser Denken, insofern es nur in Anschauungen und Begriffen möglich ist, welche ihren Ursprung in der Sinnlichkeit haben. Zur Verknüpfung derselben tritt allerdings noch ein Factor hinzu, welcher seinen Grund in anderen Eigenschaften unserer Organisation haben mag, den Stoß* zu seinen Bildungen aber aus der Sinnlichkeit nehmen muss. Diese Synthesis ist ihrer Form nach durch die Natur unserer psychophysischen Anlagen bedingt, so gut wie unsere Wahrnehmungen, der Stoff jener Synthesis, durch unsere Sinnlichkeit bedingt sind. Es ist dadurch a priori eine formale Bedingung unserer Erfahrung gegeben, indem wir das Mannichfaltige der Empfindung nur nach diesen in uns selbst liegenden Gesetzen verknüpfen können, und diese Gesetze nen-

nen wir die Kategorie. Ein solches unbestreitbares Gesetz, welches der Verknüpfung des Mannichfaltigen und damit unserer Erfahrung selbst zu Grunde liegt, ist die Kategorie der Causalität 1). Erst durch die Causalität wird der Inhalt der Erfahrung begreifbar. Wir können somit jetzt die Aufgabe der Naturwissenschaft etwas näher dahin bestimmen: den Wechsel der Licht-, Ton-, Geschmacks-, Geruchs-, Tast- und Innervations-empfindungen als einen causalen Zusammenhang zu begreifen.

. Ehe wir in der Untersuchung weiter gehen, ob und wie diese Aufgabe lösbar sei, drängt sich zunächst die Frage auf, was man unter ?begreifen zu verstehen habe.

Wir sind ? und das ist eine unzweifelhafte Thatsache des Bewusstseins ? im Besitze einer Anzahl mehr oder weniger einfachen Vorstellungen, hervorgegangen aus unserer Natur, über deren Ursprung an anderem Orte gehandelt werden mag. Hier setzen wir sie vorläufig als gegeben voraus, unbekümmert, ob es später gelingt, die Gesetze ihrer Entstehung zu entdecken; so gut wie die Logik das Denken als gegeben voraussetzt, wenn sie daran geht seine Gesetze mit Hülfe desselben abzuleiten. Auf einer gewissen Stufe geistiger Entwickelung fühlen wir nicht das Bedürfniss, solche einfache Vorstellungen weiter zu begründen; sie sind da, und weil wir an sie gewöhnt sind, halten wir sie für selbstverständlich. Welches diese Vorstellungen sind, bleibt vorläufig unwesentlich. Da es sich nur um einen Anfang handelt, braucht über diese Stufe keine Bestimmung gemacht zu werden; es steht uns später frei, diese einfachen Vorstellungen, bei denen das Erkenntnissbedürfuiss stehen bleibt, nach Zahl und Art einzuschränken; und diese Einschränkung möglichst zu vollziehen, ist eben die Aufgabe der Wissenschaft.? Wenn dem abergläubischen Bauer ein Stück Vieh fällt, so ge-

*) Eine eingebende Erörterung des Caiisalitätsgesetzes wäre nicht unangemessen, doch führt sie uns zu weit von unserem Gegenstande ab. Es genügt für den beabsichtigten Zweck festzustellen, dass das Causal-gesetz ? wie Niemand bestreiten wird ? ein unzweifelhaftes Grundgesetz ist, nach welchem wir den Erfahrungsinhalt ordnen müssen, mag man selbst über den Ursprung der Causalität diese oder jene Ansicht haben.

nügt ihm zur Erklärung etwa die einfache Vorstellung: Es ist verhext; dem Thierarzt eine andere, z. B. es ist vergiftet, und er ist zufrieden, wenn er den Namen des Giftes angeben kann. Der Physiologe will die Veränderungen im Blute und in den Geweben aufgezeigt wissen und wird sich möglicher Weise bei einigen technischen Ausdrücken beruhigen müssen, die noch sehr complicirte Vorgänge bedeuten können. Der Chemiker wird wünschen, die Wanderungen der Atome in den Molecül-complexen zu kennen; dem Philosophen wird vielleicht ?Atom und ?Bewegung als eine Vorstellung erscheinen, die noch nicht einfach genug ist, um den Vorgang als ?begriffen ansehen zu lassen. Die Ansichten über das, was einfache Vorstellungen sind, die nicht weiter begriffen zu werden brauchen, sind also sehr verschiedene; aber es handelt sich, wie gesagt, hier noch nicht darum, festzustellen, welche als solche von Seiten der Erkenntnisstheorie anerkannt werden dürfen. Sie werden im Beginn des wissenschaftlichen Denkens andere sein als im späteren Verlaufe, und welche es sind, wird sich erst aus der Betrachtung der Natur unseres Denkens und Vorstellens erkennen lassen. Es genügt zu wissen, dass es einfache Vorstellungen giebt, die auf einer gewissen Stufe unserer Erkenntnissthätig-keit keines weiteren Begreifens bedürfen. Dass der Begriff des Begreifens hierbei ein relativer ist, hindert nicht, eventuell nach einem absoluten zu suchen.

Jedesmal, wenn unser Causalitätsbedürftiiss, indem es von einer Erscheinung zur anderen als deren Ursache zurückgeht, auf eine dieser oben erwähnten einfachen Vorstellungen ge-stossen ist, dann ist es befriedigt. Um zu einer solchen zu kommen, zerlegt es die Erscheinungen in Theile und sucht für diese ihre Einzelursachen i). So vermag es die Complication der Erscheinungen aufzulösen in einfache Vorgänge, deren weitere Erklärung nicht erstrebt wird. Unser Causalitätsbedürfniss hat dann gewissermaassen einen Nullpunkt erreicht; wir fragen

^) Hierzu finden sich trefifende Bemerkungen in Zöllners bekanntem Buche ?Ueber die Natur der Kometen etc. Leipzig, 1872.

nicht mehr: Wanun? weil die betreffende Vorstellung nacb der Gewohnheit und Entwickelungsstufe unseres Geistes etwas ein-för allemal als bekannt Gegebenes ist. Gewohnt kann uns nun freilich jede Vorstellung werden, und die Geschichte der Wissenschaften bietet Beispiele genug, dass gewissen Zeitaltern gewisse Vorstellungen gewohnt und daher als Erklärungsgründe genügend waren, welche von anderen Epochen verworfen wurden 1). Fragt man daher nach einer weniger relativen Bestimmung, so ergiebt sich, dass als einfache Grundvorstellung immer diejenigen übrig bleiben, welche unmittelbare Producte unserer Anschauung sind, denn diese allein sind unmittelbar verständliche ?Thatsachen des Bewusstseins.

Nicht alle solche ?Thatsachen desBewusstseins sind für den wissenschaftlichen Gebrauch gleichwerthig; sondern wir werden sehen, dass nur diejenigen dazu verwendbar sind, welche sich nothwendig in unseren Wahrnehmungen finden müssen um die Verschmelzung zum Begriffe eines Gegenstandes hervorzurufen, und somit auf eine starke Betheiligung unseres Selbst an ihrem Ursprünge hinweisen. Doch können wir auf diese Frage später erst zu sprechen kommen und müssen unsere gegenwärtige Betrachtung auf folgende Erklärung beschränken: Eine Erscheinung begreifen heisst sie nach dem uns innewohnenden Cau-salitätsgesetz in einfache Vorstellungen aufzulösen, welche als bekannt und gewohnt, daher nicht weiter erklärbar angesehen werden; solche Vorstellungen sind erreicht, sobald man zur unmittelbaren Anschaulichkeit gelangt ist.

Ist es nun möglich, solche einfache Vorstellungen als unse.-rer Natur nach nothwendige abzuleiten, so muss sich auch daraus die nothwendige Grundlage einer Naturerklärung ergeben. Denn indem Natur für uns nur dadurch entsteht, dass wir sie aus den Elementen aufbauen, deren Form unsere Sinnlichkeit in Verbindung mit der Kategorie bestimmt, so muss auch der fertige Aufbau, welcher unserem wissenschaftlichen Denken

*) Um nur an ein Beispiel zu erinnern: Man denke an die Vorstellung fem wirkender Kräfte seit Newton.

gegenübertritt, durch Zurückgehen auf jene Elemente erklärbar sein. Die Naturerscheinungen enthalten einen fremden, von uns unabhängigen Factor, aber sie können auch nichts enthalten, was nicht der Form nach von uns bedingt ist; daher müssen sie begreifbar sein aus diesen formalen Bedingungen. Wir können daher die Aufgabe der Naturwissenschaft weiter dahin präcisiren: Die Mannichfaltigkeit der durch die verschiedenen Sphären der Sinnlichkeit gegebenen Empfindungen ist nach Maassgabe des Causalitätsgesetzes auf einfache und bekannte, d. h. anschauliche Vorstellungen zurückzuführen.

Bei diesem Bestreben tritt eine neue Seife der begreifenden Thätigkeit unseres Verstandes hervor. Die einfachen und bekannten Vorstellungen denken wir uns ebenfalls in einem cau-salen Zusammenhang. Wir haben nicht nur die gegebenen Empfindungen in einzelne Elemente aufzulösen, sondern auch deren Wechsel, den wir als eine Wechselwirkung auffassen, zu verstehen. Dies geschieht, indem wir dieselben nach allgemeinen Gesetzen ordnen, welche wir Naturgesetze nennen. Es sind dies also Oberbegriffe für eine grosse Anzahl einzelner Vorgänge im Wechsel der Erscheinungen. Mit Recht sagt Helmholtzi): ?Naturgesetze sind nichts als Gattungsbegriffe für die Veränderungen in der Natur. Man beachte nur, dass wir die Veränderungen in der Natur nur kennen als Veränderungen unserer Empfindungen in den verschiedenen Sphären unserer Sinnlichkeit; und diese ordnen wir nach Maassgabe unseres Verstandes in Form von Gesetzen. Wir werden zwar sehen, wie durch die Natur unserer Sinne dieses Innen auch zu dnem Aussen werden kann; aber angenommen, es wäre nicht möglich dies zu zeigen, und wir müssten auf dem Standpunkte eines Berkeleysehen Idealismus stehen bleiben, so folgt doch schon hieraus, dass auch auf diesem, ja selbst auf rein solipsistischem Standpunkte Naturwissenschaft möglich ist. Nöthig ist dazu nur, dass dem empfindenden Subject irgend ein apriorisches Gesetz zukommt, nach welchem es den Wechsel seiner Emfindun-

^) Physiologische Optik. Leipzig, 1867. S. 454.

gen zu ordnen vermag. Und den Objecten dieser Naturwissenschaft kommt ebenfalls empirische Realität, ihr selbst aber unbedingte und allgemeine Giltigkeit zu, da sie alle für das Sub-ject überhaupt mögliche Erfahrung umfasst.

Unsere Definition erweitert sich somit schliesslich dahin: Die Aufgabe der Naturwissenschaft ist die Zurück-führung der durch die verschiedenen Sphären unserer Sinnlichkeit gegebenen Empfindungen auf einfache und bekannte, d. h. anschauliche Vorstellungen und ihre Verknüpfung durch allgemeine Gesetze zu einem causalen Zusammenhange.

Dass diese Aufgabe nur lösbar ist vermöge der eigenartigen Natur unseres Gesammtwesens, wodurch allererst Erfahrung möglich wird, ist schon gesagt. Das Princip aber, nach welchem unser Denken bei der Herstellung des verlangten Causalzusammenhanges verfährt, bildet hier nicht den Gegenstand der Untersuchung. Wie es aber auch geartet sei, der Sinn der Aufgabe muss derselbe bleiben und ebenso die Form der Naturauffassung, zu welcher es führt und die wir hier zu studiren haben.

R. Avenarius 1) z. B., welcher als solches Princip das ?Princip des kleinsten Kraftmaasses annimmt, kommt zu demselben Resultat: ?Daher betrachten alle Wissenschaften, welche auf ein Begreifen abzielen, ihre Aufgabe als erfüllt, wenn sie ihre Materie einerseits in die einfachsten Bestandtheile aufgelöst, andererseits diejenigen Begriffe aus ihnen abgeleitet haben, welche am völligsten die Gesammtheit der Erscheinungen umfassen; das sind die allgemeinsten Begriffe und die höchsten Gesetze.

^) Philosophie als Denken der Welt gemäss dem Princip des klein-gten Kraftmaasses. Leipz. 1876. 8. 18. JSin, unserer Meinung nach, sehr glücklicher Versuch, dem allgemeinen Begriff ?unserer Synthesis näher zu treten. Vergl. hierzu den Abschnitt ?Ueher den philosophischen Werth der matli. Naturwissenschaft in O. Liebmanns reichhaltigem Werke ?Zur Analysis der Wirklichkeit.*^ Strassburg, 1876.

Wenn übrigens Zöllner i), von dem Gedanken ausgehend, dass Verwandlung von Spannkraft in lebendige Kraft mit Lustempfindung, Verwandlung von lebendiger Kraft in Spannkraft mit Unlustempfindung verknüpft sei, jenes psychische Regulativ mit dem Grundgesetz der Mechanik, dem Gausssehen ?Princip des kleinsten Zwanges, in Beziehung setzt, so ist damit keineswegs bewiesen, dass jenes Gesetz ein transcendentes, den Dingen an sich zu Grunde liegendes Princip sei, sondern vielmehr, dass dieselben Principien, welche unser psychisches Geschehen bedingen, damit auch die Vorstellung der in Raum und Zeit bewegten Welt in analoger Form erzeugen. Es ist daher eine interessante Bestätigung der kritischen Ansicht, dass sich ein in unserer Empfindung uns unmittelbar bewusstes Gesetz auch wiederfindet in gleicher Form in unserer Auflassung der Welt als Bewegung des Stoffes, und ebenso wiederfindet bei dem Bestreben, uns unbekannte Thatsachen vom Gesichtspunkte der Wahrscheinlichkeit aus abzuschätzen, nämlich in der Methode der kleinsten Quadrate. Es werden eben auch in einer empirischen Wissenschaft, wie der Naturwissenschaft, diejenigen Gesetze wiederkehren müssen, welche unserer Erfahrung a priori zu Grunde liegen, und ihre Aufgabe ist es, diese Gesetze aufzufinden und zu formuliren in Rücksicht auf den ihnen einzuordnenden Erfahrungsstoff.

Will man nun sagen, eine solche Naturwissenschaft gäbe keine Erklärung des Weltlaufes, sondern nur eine Beschreibung, so könnte man zunächst einwenden, dass ersteres auch gar nicht ihre Aufgabe sei, sondern der Philosophie zukäme. Aber wir vermeiden diesen Weg. Es ist nämlich durchaus nicht einzusehen, wie E. V. Hartmann behaupten kann: ?Wer der Naturwissenschaft die transcendente Causalität abschneidet, macht ihr das Erklären der gegebenen Wirklichkeit unmöglich; wer das Erklären der Wirklichkeit für unmöglich erklärt, hebt damit nicht nur die Möglichkeit der Philosophie, sondern auch der Naturwissen-

) Principien einer elektrodynamischen Theorie der Materie. Leipz. 1876. S. LXV f.

Lasswitz, Atomistik titc. O

Schaft als Wissenschaft auf i). Was wir unter Erklären der Wirklichkeit verstehen, ist oben angegeben; es ist das Zurückführen der mannichfaltigen Eindrücke der empirischen Wirklichkeit auf gewisse einfache Empfindungen. Ein ander Ziel hat nun einmal Natürvrissenschaft nicht, und insofern ist sie, wie ebenfalls erwähnt, nicht nur auf phänomenalistischem, sondern selbst auf solipsistischem Standpunkte möglich. Es genügt ? wie wir hier im Gegensatz zu Hartmann betonen und im Verlaufe dieser Schrift wiederholt nachweisen ? dem Naturforscher vollständig, dass seine Beobachtungen für jedes Menschenkind unzweifelhafte empirische Gewissheit und seine Ge--setze unbedingte Geltung haben, und es ist ihm ganz gleichgültig, was hinter der Erscheinung liegt. Wenn es ihm gelungen ist, für einen Naturvorgang eine gute Interpolationsformel zu finden, so gewinnt es ihm keineswegs ?ein Lächeln ab, wenn ein Anderer nachweist, dass man dieselbe Formel aus ganz anderen Hypothesen herleiten könne. Er wird den Planetenlauf nach dem Newtonsehen Gesetz berechnen, wenn auch die Gravitation einmal aus ganz anderen Gesichtspunkten erklärt werden sollte. Eben so wenig aber würde es ihm ein Lächeln abgewinnen, wenn er die Ueberzeugung erhielte, dass er sich nur in der Welt der Phänomene bewegt und seine Atome und sein Raum nur nothwendige Bildungen seiner Vorstellungsoperationen sind. Gerade der Phänomenahsmus hat vor allem ReaUsmus den grossen Vortheil voraus, dass eben nur durch ihn Naturwissenschaft möglich ist; denn ein transcendentes Gausa-litätsgesetz kann immer angefochten werden; ein uns immanentes aber ist unbestreitbar gewiss und verbürgt damit zugleich die Sicherheit des naturwissenschaftlichen Erkennens. Naturwissenschaftliche Hypothesen gelten als besonders empfehlens-werth und annehmbar, wenn sie einfach sind. Läge die Gesetzlichkeit der Natur ganz ausserhalb unseres Wesens und wäre sie von unserer Erkenntnissform völlig unabhängig (d. h. wäre

^) Neukantianismus, Schopenliaueriauismus und Hegelianismus etc. 2. Aufl. Berl. 1877. S. 61.

die uns erscheinende GesetzUchkeit diejenige der transcenden-ten Dinge), so wäre es durchaus nicht zu verstehen, warum wir diejenigen Natiurgesetze als die wahrscheinUch der Wahrheit am nächsten kommenden ansehen sollen, welche uns sehr einfach erscheinen. Vielmehr wäre es in hohem Grade unwahrscheinlich, dass die Natur in ihrer Gesetzmässigkeit gerade so verfährt, wie es einem menschlichen Verstände einfach erscheint i). Somit wird Wissenschaft, d. h. Erkennen der Wahrheit, eben nur auf phänomenalem Gebiete möglich, weil wir selbst die Gesetze geben; während einem transcendenten Gesetze auf die Spur zu kommen immer nur einen sehr geringen Grad von Wahrscheinlichkeit besitzen dürfte.

Auf solche principielle Gegensätze näher einzugehen ist natürlich hier nicht der Ort. Wir beabsichtigen nur uns vor dem Vorwurf zu verwahren, dass unsere Definition der Natiu:-erklärung nur eine Naturbeschreibung sei. Uns scheint diese Controverse überhaupt nur auf einen Wortstreit hinauszukommen, welcher verschwindet, wenn man sich über den Begriff der Beschreibung einigt. Bezieht man nämlich die Beschreibung auf AUes das, was nach den unserer Naturauffassung zu Grunde liegenden Gesetzen überhaupt möglich ist, so erhält man allerdings keine Naturwissenschaft, sondern nur das Schema zu einer solchen, wie es etwa Kirchhof! mit seiner Mechanik 2) beabsichtigt. Beschränkt man jedoch den Begriff der Beschreibung nur auf das wirklich empirische Material, so wird die einfachste Beschreibung des gegebenen Vorganges zugleich die beste Erklärung sein. Ein System von Differenzialgleichun-gen, welches eine grosse Gruppe von Phänomenen umfasst, z. B. die der Elasticität, ist zunächst eine Beschreibung der möglichen Bewegungen; sobald aber die Grenzbedingungen aus den Daten der Erfahrung hinzutreten, bildet es eine Erklärung, insofern eine Reihe höchst verschiedenartiger Erscheinungen (optische, akustische, mechanische u. s. w.) auf wenige

1) Diesem Vorwurf bat sich allerdings Hartmann zu entziehen ge-wusst, falls ? seine Beweisführung als stichhaltig angesehen werden darf.

2) Vorlesungen über mathematiBche Physik. Leipz. 1876.

2*

Grundvoratellungen zurückgeführt sind. Die Erklärung ist allerdings noch nicht abgeschlossen, aber bedeutend weiter geführt, als es ohne die mathematische Sprache möglich wäre. £s muss aber auch der Wissenschaft das Recht gewahrt bleiben, behufs ihrer auf allgemeingültiger Beschreibung beruhenden Erklärung sich ihre Schrift zu bilden, d. h. diejenigen Annahmen über die zu Grunde zu legenden Elemente zu machen, welche die allgemeinste und einfachste Beschreibung ermögUchen. Das aber werden eben diejenigen sein, welche jene empirischen Erscheinungen selbst hervorrufen und bedingen, resp. ihnen ihre Form aufdrücken. Und darum werden diese einfachsten Elemente stets Anschaulichkeit einschliessen und aufgefunden werden können, wenn man der primitiven Entstehung der Erfahrung auf den Grund geht.

Die Entstellung des Atombegriffs.

Aus der Darlegung unserer Stellung zur Aufgabe der Naturwissenschaft hat sich zugleich die Beantwortung der Frage ergeben: Wie ist Naturwissenschaft möglich?

Die Antwort konnte seit Kants classischer Frage: Wie sind synthetische Urtheile a priori möglich? überhaupt nicht zweifelhaft sein. Begreifbarkeit der Welt ist nur denkbar, wenn man die Welt als phänomenal fasst; Naturwissenschaft ist möglich, weil wir selbst ihre Gegenstände erschaffen. Und wir können jetzt hinzusetzen: Wir erschaffen die Natur mit ihren Gesetzen , indem wir die aus dem Wesen der verschiedenen Sphären unserer Sinnlichkeit entspringenden Empfindungen nach uns immanenten Gesetzen einer Synthesis verschmelzen und ordnen.

Derjenige Theil der Erkenntnisstheorie, welcher das Problem zu lösen hat, wie die in Raum und Stoff erscheinende Welt durch uns erzeugt wird, ist von Wilhelm Göring i) als ?Kritik der

*) Raum und Stoff. Ideen zu einer Kritik der Sinne. Berlin, 1676. Verwandte Ideen bei Condillac, Steinbuch, Bain. Vergl. hierzu W. Wundt, Grundzüge der physiol. Psychologie. Leipz. 1874. 12. und

Sinne** neuerdings ausführlich behandelt worden. Indem wir uns auf seinen Grundgedanken von der Verschmelzung der Sphären unserer Sinnlichkeit stützen, verweisen wir im Allgemeinen auf seine Darlegungen. Nur liegt es in der Natur der Sache, dass wir unsere Abweichungen ausführlicher erörtern, womit wir dem verdienstvollen Werke keineswegs zu nahe treten wollen.

Wir haben oben angegeben, dass wir tmter der Zeit die ?formale Beschaffenheit unseres Gemüths verstehen, vermöge deren wir einen Wechsel der Empfindungen haben. Sie ist die Bedingung der Möglichkeit von Empfindungen, insofern dadurch eben ein Nacheinander derselben bedingt wird. Schon durch sie allein kann der Begriff eines Gegenstandes synthetisch entstehen, wenn nur mit der Apprehension der Vorstellung die Roproduction in der Einbildung gegeben ist. So haben wir im Bewusstsein die Empfindungen a, 6, c etc., wir erkennen sie wieder, wenn sie uns wiederkehren, und unterscheiden an ihnen verschiedene Grade von Intensität. Wenn nun gewisse Empj&n-dungen empirisch stets mit einander verbunden sind, die Empj&n-dung a zugleich mit der Empfindung h auftritt, so wird dieser Empfindungscomplex für uns etwas Neues, in sich Abgeschlossenes und Zusammengehöriges. Wir denken dabei noch nicht an eine Synthesis des Räumlichen oder die Verknüpfung des Man-nichfaltigen in der Kategorie, sondern allein an die Synthesis der Zeit, welche schon genügt, die Verknüpfung von Empfindungen zu einem Complex hervorzubringen. Das erfahrungs-mässige und gewohnte ?Zugleich oder ?Nacheinander** von Empfindungen giebt bereits vollständig die Vorstellung des Ge-genstalides, dessen Begriff durch die Sprache fixirt wird. Der Gegenstand ist ?das Etwas, davon der Begriff eine Nothwen-

19. Cap. ? Zugleich sei hierbei bemerkt, dass unsere Untersuchung nicht auf das psychologische Entstehen des Raum- und StoffbegrifiTs und die einzelnen Phasen desselben Werth legt, sondern Yor AUem nach der Art der Begriffe fragt, welche durch die physiologischen und psychologischen Vorgänge als die nothwendige Grundlage unserer ErfieUirungswelt und ihrer Erklärung geschaffen wenlen.

digkeit der Synthesis ausdrückt i). Diese Nothwendigkeit tritt ein, so oft eine gewisse Vorstellungsgruppe als zeitlich zusammengehörig recognoscirt wird.

Wenn z. B. nur Empfindungen des Geruchs und Gehörs percipirt werden, etwa ein gewisses Knistern und damit stets verbunden der Geruch des Ozons, so wird ganz gewiss durch die Synthesis dieser beiden immer in gleicher Weise wiederkehrenden Vorstellungen der Begriff eines Gegenstandes erzeugt, .welchem eben diese Eigenschaften des Knisterns und Rie-chens zugeschrieben werden. Es tritt dabei schon hervor, dass der Substanzbegriff nur ein Hülfsbegriff ist, welchem keine besondere Kategorie zu entsprechen braucht. Denn es ist eben nur nöthig gewisse Vorstellungen so mit einander zu verbinden, dass sie* einen immer wieder zu erkennenden Complex bilden, welcher durch Hinzutreten oder Fortfallen gewisser geringerer Merkmale der Veränderung fähig erscheint; und dies geschieht schon durch die formale Einheit des Bewusstseins in der Synthesis ohne Annahme einer besonderen Substanz 2). Der Begriff der Substanz ist nur (wie auch der der Kraft) ein Abkürzungsmittel des begriffUchen Denkens. Jenes cohärente Knistern und Riechen bildet für die Welt des nur hörenden und riechenden Subjects einen knisternden und riechbaren Gegenstand. Denken wir uns jenes Subject mit Gesichtswahrnehmung begabt, so tritt zu den früheren Theilvorstellungen noch die eines bestimmten Lichtblitzes, und bei vorhandener Tastempfindung unter Umständen auch die eines eigenthümlichen prickelnden Gefühles in der Haut ? der Begriff des elektrischen Funkens ist fertig.

Man sieht, wie der Complex der Einzelvorstellungen schwankt; nicht immer brauchen alle jene Wahrnehmungen vorhanden zu sein, der Begriff bleibt doch. Aber mit der Erweite-

1) Cohen, Kants Theorie der Erfahrung. Berl. 1871. S. 133.

2) Hierzu vergl. die trefflichen Bemerkungen von R. Avenarius, Philosophie als Denken der Welt gemäss etc. S. 51 bis 56. Ferner W. Goering, Baum und Stoff. S. 202.

rung des Reiches der SinnUchkeit werden nun gewisse bei der überwiegenden Mehrzahl der Vorstellungscomplexe vorhandene Wahrnehmungen sich zu besonderen, jenen gemeinsamen Begriffen zusammenschliessen. Es wird dadurch die Form des entstehenden Weltbildes eine durch letztere bedingte werden, und es wird das Bestreben vorhanden sein, die so entstandenen Begriffe möglichst allen Gegenständen zu Grunde zu legen. Bei der uns eigenthümlichen Sinnescon-stitution sind solche allgemeine Begriffe, in denen unser Welt-bild aufgeht, nun die beiden: Raum und Körper.

Der Begriff des Körpers wird gleichzeitig erzeugt mit dem Begriff des Raumes, indem unsere flächenhafte Raumanschauung des Gesichtssinnes durch unsere Tast- und Innervationsgefühle ergänzt wird und auf diese Weise den Begriff eines Raumes von drei Dimensionen zu Stande bringt. Wir sind, um mit W. Goeringi) zu reden, ein intellectuelles Centrum und ein motorischer Umkreis. Als ersteres bemerken wir, dass wir als letzteres Veränderungen in einer uns umgebenden aber uns unbekannten Welt hervorbringen können, durch welche wir uns selbst afficiren; und so kommt es, ?dass wir uns zugleich als ein motorisches Centrum jenem transcendenten motorischen Umkreis gegenüberstellen 2)^ Dadurch ?entsteht unser Raumbegriff zugleich mit dem unseres selbstbewussten Ich und demjenigen einer Welt von abgeschlossenen Dingen im Raum. Wir existi-ren in der Welt nicht bloss als denkende Wesen; denn da wäre Alles nur ein Theil von uns, ein Phänomen in unserem transcen-dentalen Raum. Weder von einer Aussenwelt noch von einem Ich wäre zu sprechen möglich. Erst mit der ganz allmählichen Entwickelung der Erkenntniss, dass wir auch selbst über einen kleinen Theil der Welt Macht haben, löst sich dieser aus einem unendlichen Zusammenhange, und alles Uebrige wird als gleicherweise loslösbare Einheit vorgestellt; da wir uns durch den transcendenten Umkreis hindurch selbst afficiren müssen, wenn wir von unserer obigen Fähigkeit überhaupt eine Idee haben

1) A. a. O. S. 202 f. ? 2) A. a. O. S. 204.

sollen, so entsteht mit immer grösserer Klarheit das Selbst-bewusstsein Ich, aber in demselben Grade erscheinen wir uns nun immer mehr als das motorische Centrum und der Raumbegriff nimmt seinen nothwendigen Entwickelungsgang. Nun nehme ich mit meinem Körper einen Raum ein, ich stelle dies analog für alle übrige Körperwelt, die vorher auch nur ein Phänomen für un5 war, vor, und so wie das Neben- und Zwischen-einander an den Gliedern und Theilen meines Körpers geordnet ist, so wird dasselbe auch für die Beziehungen aller Körper verständlich. ? ?Es entsteht der Begriff einer Welt von erfüllten Räumen, die neben einander geordnet sind und zwischen denen selbst sich Raum befindet.

Wesentlich ist es für unsere Untersuchimg, dass der Raumbegriff immer gleichzeitig mit dem Begriff des Körpers und nur an diesem entsteht i). Ja psychologisch ist offenbar der Begriff des Körpers ? das Vorangehende. Lange bevor das Kind bestimmte Bilder durch das Auge mit Bewusstsein wahrnimmt und sich der wahrgenommenen erinnert, hat es schon Tastgefühle, also Vorstellungen von Körpern, deren es sich erinnert, speciell durch den Tastsinn der Händchen und der Lippen.

Bei einem fortgeschrittenen Bewusstsein wird nun der Begriff des Körpers von dem des Raumes gelöst. Stets entsteht der Körper als etwas Abgeschlossenes, Volles, Ganzes; dasjenige, in welches wir mit unserem Tastgefühl nicht dringen können, erscheint uns als ein Körper. Wir nehmen aber wahr, dass diese uns als abgeschlossene Ganze bekannten Körper getrennt sind; wir können einen Theil dessen, was wir als unseren eigenen Körper kennen gelernt haben, zwischen dieselben bringen oder diesen Theil von uns durch einen anderen uns als abgeschlossen bekannten Körper ersetzen. Dadurch bilden wir den Begriff von Körpern, welche im Räume beweglich sind. Wir stellen drei Bücher neben einander und bemerken, dass sich an eins und drei nichts ändert, wenn wir das mittelste herausneh-

^) Dies betont neuerdings auch B. Erdmann in der scharfsinnigen Schrift: Die Axiome der Geometrie. Leipz. 1877. S. 91, 94, 96.

raen. Durch diese Beobachtung, welche wir seit der frühesten Jugend an Gegenständen aller Art geübt haben, entsteht der Begriff des leeren Raumes. Anfänglich lernen wir den Raum von drei Dimensionen nur kennen, insofern derselbe eine begrenzende Oberfläche darbietet, also von begrenzter Materie erfüllt ist. Dieser Raum ist undurchdringlich, und so heisst er ein Körper. Die erste Vorstellung vom Körper ist daher noth-wendig die einer stetigen Raumerfiillüng. Die Materie erfüllt dem Begriffe nach den Raum stetig, in welchen wir nicht selbst eindringen können. Solcher stetig erfüllten Räume kennen wir aber unzählige, üeber die Grösse derselben ist jedoch von vornherein durchaus nichts festgesetzt. Schon im gewöhnlichen Leben reicht die Kleinheit derselben erfahrungsmässig bis an die Grenzen* unserer Sinneswahrnehmung.

, Nun ist es die Aufgabe der Physik, die Mannichfaltigkeit der Veränderungen in der Körperwelt auf die einfachsten Vorstellungen zurückzuführen. Diese einfachsten Vorstellungen sind aber die von Körpern, wie sie durch unsere natürliche Weltauffassung unmittelbar im Begriffe erzeugt werden, d. h. undurchdringliche, stetig erfüllte, vollständig begrenzte Räumet).

^) Dass die hier gegebene Darlegung von der kritischen Entstehung des Begriffs der Körper oder der Materie durchaus mit den YorsteUun-gen übereinkommt, welche die Physik in dieser Hinsicht zu bilden pflegt, ergiebt sich durch eine Vergleichung mit dem Capitel (XV.) ?Ueber den Begriff der Materie und Substanz auf S. 105 von Fechners ?Physikalischer und philosophischer Atomenlehre* (2. Aufl. Leipz. 1864). Dasselbe wird mit den Worten eingeleitet (Schluss v. XIV.): ^Ich will, weil ich doch vorauszusetzen habe, dass der Philosoph den Physiker endlich dahin treiben wird, sich über den Begriff der Materie näher zu erklären, .... kurz zeigen, wie es sich für den Physiker hiermit stellt; und wenn man die folgende Erklärung darüber nicht explicite in irgend einem physikalischen Lehrbuch findet, so ist sie doch implicite in allen enthalten, indem sie nichts als die einfache Darstellung der Weise ist, wie der Physiker die Materie factisch fasst und behandelt. Dann heisst es z. B. auf S. 108: ?Der Philosoph sagt nun etwa: Du hast die Materie auf das, was gefühlt werden kann, zurückgeführt, aber was ist Das, was gefühlt wird, selbst, das Object des Fühlens hinter dem Fühlen? ? Nichts, was den Physiker angeht, er weiss eben nur das davon, was er fühlt und was sich an das Fühlen von anderen Wahrnehmungen, Erscheinungen, asso-

Dies ist der einfachste und der durchaus nothwendige Begriff des Körpers, wie er durch die Synthesis unseres Wesens erzeugt wird, welche immer aufs Ganze geht und aus dem Mannichfalti-gen der Erscheinung abgeschlossene Gegenstände der Erfahrung macht. Dieser Begriff von Körpern muss also kraft der Natur unserer psychophysischen Anlagen nothwendig unserer Naturerklärung zu Grunde gelegt werden. Da aber über die Grösse solcher Körper nichts festgesetzt ist, so ist unser Vorstellen zwar gezMTungen, den Begriff stetig erfüllter Räume als Grundlagen einer Körperwelt im Raum zu bilden, andererseits aber in den Stand gesetzt, die Grösse dieser Körper so zu wählen, als es zur Erklärung einer Erscheinung (Begreifen der Veränderung der Körper) nothwendig wird. Es existirt demnach für unsere Naturauffassung nothwendig eine Vielheit von beliebig kleinen, stetig erfüllten, undurchdringlichen Raumthei-

ciirt und gesetzlich möglicherweise unter anderen Umständen daran asso-ciiren kann, und was aus der Gesammtheit davon ahstrahirbar und nach der Gesammtheit davon erschliessbar ist; auf nichts weiter bezieht sich die Physik; in diesem Kreise ist imd bleibt ihre Aufgabe eingeschlossen; hierin will sie so orientiit sein und orientiren, dass jede gegebene Erscheinung der Totalität wirklicher und möglicher Erscheinungen nach Gesichtspunkten der Verwandtschaft, des Zusammenhangs und der Aus-einanderfolge eingeordnet werden könne, und wenn die erscheinlichen Bedingungen gegeben sind, die erscheinlichen Folgen danach vorausgesehen werden können. ? Vorzüglich! Alles, was hier von der Physik gesagt ist, können wir unmittelbar für die Philosophie unterschreiben. Fe ebner steht hier völlig auf dem Standpunkte des Kriticismus, wie die Physik überhaupt, wovon uns ein Blick in eins der verbreitetsten Lehrbücher, z. B. in Wülluers Experimentalphysik, überzeugen kann! Es ist also nichts nöthig, als dass die Physik dieser ihrer erfahrungstheoretischen Grundlage sich bewusst werde und insbesondere ihrer Beschränkung auf das Reich der Phänomene. Physikalische Theorie der Materie ist natur-gemäss kritische, und darin liegt zugleich eine Gewähr, dass dieser Kriticismus nicht Idealismus ist. Man denke nur immer daran, dass wir wirklich durch eine transcendente Welt hindurch auf uns selbst wirken können; aber man denke auch daran, dass diese transcendente Welt in der Form, in der wir etwas von ihr wissen, nur VorsteUung ist, und man wird die Gefahr des Realismus und Materialismus ebenfaUs von der Physik abgewendet haben. Ueber die Methode vergl. insbesondere Fe ebner a. a. O. S. 109. Aehnliche Bemerkungen bei W. Tobias. Grenzen der Philosophie etc. Berl. 1875. S. 40.

len 1), welche zwischen sich andere Raumtheile haben, die für unsere Naturauffassung nicht erfüllt sind und als das oben bezeichnete Leere erscheinen. So entsteht der Begriff des Atoms. Das Atom ist also ein nothwendiges Erzeugniss des kritischen Begriffs von Raum und Stoff, und das soll im Folgenden näher erörtert werden.

Es ist vielleicht nicht überflüssig noch einmal darauf aufmerksam zu machen, dass wir es bei unserer Darlegung nur mit einer phänomenalen Atomistik zu thun haben. Auch die Atome sind nur Erzeugnisse unserer durch eine transcendente Welt hindurch wirkenden Organisation und insofern phänomenal; es wäre durchaus unstatthaft hier den Sprung ins Transcendente machen und die Atome als Dinge an sich ansehen zu wollen, aus denen die Welt der Noumena sich aufbaue. Aber innerhalb der Welt der Phänomena ? und eine andere Welt giebt es für die Naturwissenschaft überhaupt nicht ?, innerhalb dieser unserer empirischen Welt hat das Atom eben so viel Realität wie der Raum und die Materie überhaupt; denn der Begriff desselben ergiebt sich unmittelbar aus dem von Raum und Stoff, und der Unterschied ist einzig der, dass jeder der Menschen letztere Begrifie bilden muss, den Begriff des Atoms aber nur der, welcher in dem Gewirr der Körperwelt sich wissen-schaftHch zu orientiren sucht.

Es finden sich zunächst ihrem Begriffe nach stetig erfüllte Räume vor; es finden sich dazwischen aber auch nicht erfüllte Räume, d. h. Etwas, z. B. ein Theil von uns, kann zwischen dieselben gebracht werden ? wir können erfüllte Räume von einander trennen. Das ist etwas wesentHch Anderes als eine Theilung. Die Theilung kann immer vollzogen gedacht werden, die Trennung erfordert ausser dem zu Trennenden noch ein Trennendes, das selbst Körper, nicht nur eine Fläche

^) Bei dem Worte, ?Baumtbeile denke man nicht daran, dass diese ?Theile durch Theilung eines ?Ganzen entstanden sind. Viehnehr sind es ?Ganze für sich,, aus welchen erst der umfassende Begriif eines aU-gemeinen Baumes sich entwickelt hat. Vielleicht hätten wir besser ?Baum-elemente gesagt; doch auch dies hat einen Doppelsinn.

von zwei Dimensionen etwa ist; sie fordert also einen bewegbaren, stetig erfüllten Raum (Theil des Raumes). Hier tritt der Unterschied zwischen Raum und Körper, zwischen Mathematik und Physik hervor. Der Raum ist seinem Begriflfe nach stetig, homogen. In gleicher Weise wird der Begrüi* des Körpers als eines stetig erfüllten, widerstandleistenden, undurchdringlichen Raumes erzeugt. Aus der Gesammtheit der Körper setzt sich der BegriflF der Materie zusammen. Der Raum aber ist seinem Begriffe nach nur theilbar, nicht trennbar, er ist ein Conti-nuum; die Materie ist ihrem Begriffe nach nothwendig getrennt, kein Continuum; denn der Begriff des Körpers ist für uns absolut unmöglich denkbar, er kann gar nicht entstehen, ausser durch die Vorstellung eines in sich Abgeschlossenen, Begrenzten. Die Summe dieser Körper heisst Materie. Die so als begrenzt erkannten Körper (die nur Körper sind, weil wir sie als begrenzt erkennen) sind nun, wie eine weitere Erfahrung lehrt, noch weiter trennbar. Wie aber ist das möglich, da sie doch stetig erfüllt und undurchdringlich erscheinen? Offenbar nur so, wie die Materie überhaupt trennbar ist, d. h. dadurch, dass sie schon aus trennbaren Theilen bestehen. Wir können ihre Trennbarkeit nicht begreifen, wenn wir nicht die abgetrennten Theile vorher als in sich abgeschlossene Körper begriffen haben. Und hierbei gehen wir weiter bis zum Atom, d. h. bis zu einem Körper, welchen wir nicht weiter trennen; nicht, weil seine Trennbarkeit dem Begriffe nach unmöglich wäre (denn damit verhält es sich hier nicht anders als bei jedem Ganzen), sondern weil seine Zusammensetzung aus kleinerem Ganzen nicht nothwendig ist; weil wir den Atombegriff nur bilden als ein nothwendiges Erzeugniss unseres Raum- und Stoffbegriffs, der ein geschlossenes Ganze verlangt. Dabei handelt es sich nicht, wie man sieht, um ein Fortgehen vom Ganzen zum Theile, sondern vom Ganzen zum Ganzen. Wie weit und mit welchem Rechte sich dieser Pro-cess fortsetzt, werden wir im Folgenden noch näher sehen. Wir erzeugen einen beliebigen Ort (Punkt) im Räume, indem wir in dem continuirlichen Räume fortgehen bis zu diesem Punkte und

dort das weitere Fortschreiten anhalten. Wir erzengen das Atom im Stoffe, indem wir in der discontinairUchen Materie fortgehen bis zn einem genügend kleinen Körper (wobei wir die Materie eben so wenig zerlegen, wie beim Fortgehen im Ranme den Ranm; sondern wir suchen nnr unter den Torhandenen phänomenalen Körpern die genügend kleinen heraus; wir erzeugen ja erst die Körper wie den Raum). Dort halten wir an, um denselben als Element unserer Weltconstruction zn Grunde zu legen.

Wenn man sich diese Entstehungsart des AtombegrifEs klar macht, so erscheint es nicht recht erklärUch, wie so W. Goering dazu kommt, Einwürfe gegen die Atomistik zu erheben 1). Sie sind allerdings gegen eine transcendente Atomistik gerichtet, nicht gegen eine phänomenale, wie es die unsere ist Aber es gewinnt den Anschein, als seiselbst eine phänomenale Atomistik nach Goering nicht zulässig, und wir müssen uns deshalb mit ihm über diesen Punkt auseinandersetzen. Man höre Folgendes:

?ErlüUte Räume können nicht in einander gehen. Wir sagen, es ist dies selbstverständlich für die phänomenale Welt, denn wir haben ja begrifflich die erfüllten Räume selbst erst wieder von einander gesondert und dadurch auch sicherlich mit Hülfe unseres transcendenten J?« einen realen Weltfactor nach-construirt. Allein zwischen dieser phänomenalen relativen C!on-struction und dem Schritte, dass wir vom Ganzen zu den Thei-len abwärts gehen, ist eine ungeheure Kluft Wir haben dann den Gegensatz der absolut undurchdringlichen Räume gegen die leeren Räume.

?Um sich vor dem dann unentrinnbar folgenden unendlichen Processe und dem Nichts, zu dem er eigentlich führt, zu retten, statuirt man die absolute Untheilbarkeit und Festigkeit der Atome; der Sprung aus unserer transcendentalen Aussen-welt in die transcendente ist geschehen. Der Widerspruch ist da: das, was für unsere phänomenale Körperwelt seine gute und

1) A. a. O. S. 231, 232, 258, 259.

ganz widerspruchslose Geltung bat, da es nur Veränderungen von Zuständen in uns, ob zwar in unserem transcendentalen Räume betrifft, soll nun für das Transcendente nicbt mehr gelten, obwohl dieses uns unter dem Bilde jenes, nach Analogie mit der phänomenalen Welt vorgestellt ist und auch nur vorgestellt werden kann.

Nun, wir haben gezeigt, dass wir die absolute Untheilbar-keit und Festigkeit der Atome constituiren mussten, und es ist damit durchaus kein Uebergrifi ins Transcendente geschehen, sondern die Synthesis, welche unsere phänomenale Welt erzeugt, zwang uns dazu. Wir wiederholen nur denselben Process der ?Construction, indem wir den Begriff des Atoms bildeten, welchen wir schon bei der Construction des Körpers durchgemacht haben. Das soll aber nur eine ?phänomenale, relative Construction sein. Und dies ist sie auch sicherlich. Den Begriff des Relativen fassen wir dabei in dem Sinne einer möglichen Ausdehnung unserer Erfahrung. Wir geben allerdings selbst zu, dass man dasjenige, was wir heut Atom nennen, vielleicht später einmal als aus noch kleineren Atomen zusammengesetzt betrachten wird. Damit ist aber an der absoluten Gültigkeit einer Atomistik durchaus nichts geändert. Denn, wie gesagt, die Relativität des Atombegriffs gilt nur für einen Fortgang in einer etwa noch möglichen Erfahrung. In einem bestimmten Momente unserer Erfahrung besitzt aber das Atom jedesmal die Eigenschaften der absoluten Untheilbarkeit und Solidität, und aus diesen heraus müssen die Erscheinungen der Körperwelt erklärt werden. Dies ist so zu verstehen: Wir stellen keine Grenze fest, wo diese Untheilbarkeit einzutreten habe; hierüber hat vielmehr das Bedürfniss der Specialwissenschaft zu entscheiden; wir stellen aber fest, dass sie an irgend einer Stelle eintreten muss ? nicht um einen unendlichen Regress zu vermeiden, sondern als eine Folge unserer auf abgeschlossene Ganze gehenden Synthesis in der Bildung des Stoffbegrifis und als ein nothwendiges Er-fordemiss der Naturerklärung. Ein Regress in intinitum liegt hier also nicht vor, wohl aber ein Regress in indefinitum, den

wir aber sofort unterbrechen ^ wenn wir mit Hülfe der erlangten Kleinheit abgeschlossener, voller Körperchen im Stande sind, die Naturerscheinungen zu erklären.

Hier könnte es nun freilich scheinen, als ob Goering Recht hätte, wenn er meint, dass die Atome doch wieder nur ?kleine Körper mit denselben Eigenschaften der grossen seien.

Dieser grosse Irrthum bedarf um so mehr der Berichtigung, als er sich merkwürdiger Weise selbst im Munde berühmter Physiker findet. Wenn Helmholtz sagt^):

?lieber die Atome in der theoretischen Physik sagt Sir W. Thomson sehr bezeichnend, dass ihre Annahme keine Eigenschaft der Körper erklären kann, die man nicht vorher den Atomen selbst beigelegt hat; und wenn er dann diesem Ausspruch selbst beipflichtet, so erscheint dies bei einem so streng denkenden Forscher wie Helmholtz fast unbegreiflich. SicherUch kann man aus dem Zusammenwirken von Atomen Eigenschaften von Körpern erklären, die eben jenen nicht zukommen, und zwar gerade solche, sonst brauchte man wirkUch keine Atomistik. Es käme uns anmaassend vor, wollten wir einem Helmholtz gegenüber hier auf physikalische Beispiele verweisen. Was vielleicht zu jener Aeusserung Veranlassung gab, mag der Gedanke sein, dass man auch die 4tome wieder elastisch annehmen müsse. Es wird sich aber zeigen, dass dies durchaus nicht der Fall zu sein braucht, und unsere Arbeit wird hoffenthch den Nachweis zur Genüge führen, dass sich durchaus kein Grund anführen lässt, warum man den Atomen die Eigenschaften der Körper zuschreiben müsse. Natürlich kann man nicht ?aus. rein hypothetischen Annahmen über die Atome eine Physik aufbauen, aber man kann gewisse Grundeigenschaften angeben, welche den Atomen der Natur unseres Erkennens nach zukommen müssen und daher von der Physik ihren weiteren Hypothesen über die Eigenschaften der Materie zu Grunde zu legen sind. Das Atom er-

^) Rede zum Gedächtniss von Gustav Magnus. Berl. 1871. ? F. A. Lange, Gesch. d. Mat. 11, S. 210.

giebt sich so als eine nothwendige Abstraction aus dem Begriffe des Körpers.

Um nun die Unterschiede in den Eigenschaften der Atome und der Körper hervortreten zu lassen, mache man sich vor allen Dingen den sehr weiten Begriff der Eigenschaften klar. Die Eigenschaften sind diejenigen Wahrnehmungen, welche den Begriff des Körpers constituiren. Die Atome werden natürlich nur diejenigen Eigenschaften haben, welche zur Construction eines phänomenalen Körpers gerade ausreichen, vorläufig nicht mehr und nicht weniger. Das ist aber ausser der Figur zunächst nur die absolute BÄumerfiillung, die Sohdität oder Undurchdringlichkeit. Diese Eigenschaft construirt mit dem Raumbegriffe zugleich den des Körpers, und solche Körper müssen wir nothwendig erzeugen. Alle übrigen Eigenschaften aber gehören nicht nothwendig zum Begriffe des Körpers, wir nehmen sie nicht an allen Körpern wahr und erzeugen überhaupt den Begriff des Körpers nicht durch sie, sondern lediglich durch die Wahrnehmung des. Undurchdringlichen. Eigenschaften, wie Elasticität, Aggregatzustand, Trennbarkeit u. s. w. müssen eben aus jenen wenigen Grundeigenschaften erklärt werden können. Denn nur solche Eigenschaften der Körper können durch die Atome und ihre Bewegung (wovon später) erklärt werden, welche den Atomen selbst nicht zukommen. Das ist ja der Begriff der Erklärung, dass wir die Mannichfaltigkeit der Erscheinungen auf mögUchst wenig einfache, unserem Erkennen nothwendig anhaftende Vorstellungen zurückführen. Und dies geschieht eben durch Einführung des Atombegriffs.

Der Vorgang ist also dieser. Durcl die Verschmelzung der Sphären unserer Sinnlichkeit entsteht in uns die Erfahrung von einer Körperwelt mit den mannichfachsten Eigenschaften. Um diese uns verwirrende Mannichfaltigkeit zu erklären construi-ren wir eine Körperwelt in verkleinertem Maassstabe; und zwar geschieht diese Construction nach denselben unserer ganzen Anlage nach nothwendigen Gesetzen wie die Construction der Sinnenwelt, denn wir haben nur eine Art und Weise den Begriff von Körpern zu erzeugen. Bei dieser Construction aber

LasBwits, Atomistik eto. Q

beschränken wir uns auf diejenigen Elemente, welche zu derselben durchaus* nöthig sind, mit Fortlassung aller Erfahrungen, welche sich nicht auf alle Körper in gleicher Weise beziehen. Und dadurch eben gehngt es, jene besonderen aus den allgemeinen zu erklären.

So wird z. B. die Eigenschaft der Trennbarkeit (von der Elasticität können wir erst später handeln) dadurch erklärt, dass wir die Körper als aus bereits getrennten, an sich untrennbaren Theilen (richtig zu verstehen! S. 29, 31) bestehend auffassen. Das ist aber eine Erklärung, denn es ist eine Zurückführung auf eine unmittelbare Thatsache unseres Bewusstseins, welche dem Begriffe der Körperwelt überhaupt zu Grunde hegt. Dass wir nämüch die Körper als trennbar auffassen, geschieht nicht durch ein Fortgehen vom Ganzen zum Theile ? denn unsere Synthesis geht, wie schon wiederholt gesagt, immer nur aufs Ganze ? sondern dadurch, dass wir es nie mit dem Singular, sondern immer mit dem Plural, immer schon mit einer Mehrzahl von Körpern zu thun haben. Den Begriff eines einzelnen Körpers können wir überhaupt gar nicht bilden, da der Begriff des Körpers immer nur durch Berührung zu Stande kommt; hierzu gehören aber nothwendig zwei Körper, von denen der eine ein Theil unseres Körpers ist. Es wird also immer zugleich der Begriff von wenigstens zwei Körpern erzeugt. Dasselbe muss nun von den Atomen gelten, deren Begriff auf keine andere Weise entstehen kann als durch Nach-construction des Körperbegriffs, und so ergiebt sich, dass es geradezu sinnlos ist, von einem einzelnen Atome als etwas für sich allein Existirendem zu reden. Darauf kommen wir noch zurück (s. weiter unten). Schon hieraus erhellt, dass W. Goerings Vorwurf, jedes Atom, welches die Physiker ersinnen, sei ein unlösbares metaphysisches Problem, weil man kraft des Raumbegriffes immer über dasselbe hinaus müsse, für unsere Atomistik durchaus hinfällig ist. Thatsächlich ersinnt ja auch kein Physiker ein einzelnes Atom; mit der Gesammtheit der Atome aber steht es nicht anders als mit der Gesammtheit der Körper. Jedoch davon später.

So unterscheiden sich denn die Atome von den Körpern dadurch, dass letztere in Theile zerlegbar sind, erstere ihrem Begriffe nach nicht mehr; dass die Theile der Körper verschiebbar sind, die (mathematisch gedachten) des Atoms nicht. Das Atom ist der einfachste Körper, der denkbar ist; und da über die Grösse solcher Körper nicht unmittelbar entschieden werden kann, so nehmen wir sie als so klein an, als es die Gesammt-heit der wissenschaftlichen Erfahrung zur Erklärung der Phänomene erfordert. Und dies ist der kritische Begriff des Atoms.

Die Undurchdringlichkeit, Untheilbarkeit, Starrheit desselben rührt nicht direct her von irgend welchen Eigenschaften einer noumenalen Welt, von der wir ja nur die Beziehung auf unsere Sinnlichkeit kennen, das Atom ist so wenig ein Ding an sich wie der Baum und die Materie; aber so gut wie wir denEaum nothwendig als dreifach ausgedehnt, die Materie als in demselben beweglich und undurchdringlich im Begriffe erzeugen, ebenso nothwendig erzeugen wir den Begriff von einem phänomenalen Gegen- » Stande, welcher in all den wandelbaren Formen und Qualitäten der Körperwelt untheilbar, undurchdringlich und unverändert bleibt, erzeugen wir den Begriff des Atoms als einen Grundbegriff alles physikalischen Denkens.

Die Erzeugung eines solchen Grundbegriffs könnte nun vielleicht Manchem überflüssige Mühe scheinen. So sagt W. Goering (S. 232): ?Phänomenal bemerkt man das, was man Theilbarkeit der Körper und das Eindringen des einen in den anderen nennt. Damit hat es offenbar auf phänomenalem Gebiete nicht die geringste Schwierigkeit

Wie so? Nicht die geringste Schwierigkeit ? d. h. so viel, als für den Wilden hat es nicht die geringste Schwierigkeit, dass am Morgen die Sonne auf- und am Abend wieder untergeht. Es hat nicht die geringste Schwierigkeit einzusehen, dass über eine gewisse bunte Fläche sich gewisse anders gefärbte Umrisse bewegen, von denen wir etwa die erstere eine Landschaft und die letzteren einen Eisenbahnzug nennen.

3*

Denn es ist so, es ist ja Alles nur phänomenal. Wohl! Aber soll denn die phänomenale Welt nicht erklärt, nicht auf einfache Grundbegrifife zurückgeführt werden? Genügt es dem bunten Bilderwechsel im Sehraum zuzuschauen, die Reihe der Sinneseindrücke einfach zu erfahren? Soll nicht eben dieselbe geordnet werden nach bestimmten Principien und heisst das nicht Erkennen? Freilich, Alles phänomenal! Aber auch in der phänomenalen Welt müssen die Eigenschaften derselben erforscht, d. h., durch Maass und Zahl auf gewisse Grundbegriffe zurückgeführt werden. Und dazu giebt es nur ein Mittel, die Atomistik.

Hier aber wird uns nun entgegnet:

Wenn die Mathematiker nur mit Volumelementen oder Kraftcentren rechnen, wenn die Physiker und Chemiker es vermeiden, über die Natur des Atoms sich klar zu werden und siet mit der Betrachtung der aus Atomen zusammengesetzten Molekeln begnügen, wenn die Philosophen beweisen, dass die Atome doch auch nur phänomenal sind, also doch auch nicht das tiefste Weltgeheimniss enthüllen ? was soll uns noch die Atomistik? Warum lassen wir nicht der Mathematik, der Physik und der Chemie, einer jeglichen ihre Hypothesen ? Kann es sich ja doch in einer phänomenalen Welt immer nur um eine möglichst gute Beschreibung handeln, da uns der eigentliche Weltlauf unerklärt bleibt! Wozu also die Atome?

Und die Antwort lautet:

Weil das Erkenntnissbedürfaiss der Menschheit auf den Aufbau einer Wissenschaft hindrängt; weil fast Alles, was die einzelnen Hülfswissenschaften der Weltwissenschaft geleistet, bis jetzt erst Aufbau des Gerüstes ist, das einst zum grossen Theil fortfallen dürfte; weil es Naturwissenschaft nur geben kann als eine einheitliche; weil eine einheitliche Naturwissenschaft die Einheit der Grundanschauungen voraussetzt; weil die empirische Welt, als unsere einzige Welt, in sich ihre Erklärung fordert aus den empirisch gewonnenen Elementen durch jene einheitliche Naturwissenschaft innerhalb der Grenzen der

Phänomene; und weil wir hierzu eines einfachen Grundbegriffes bedürfen, der als Element dieser Erklärung dient. Dieser Grundbegriff aber muss fliessen aus der innersten Natur unseres Wesens, aus der Art und Weise, wie wir nothwendig die Welt in Zeit und Raum und Stoff auffassen. Dann enthält er zugleich die anschaulichste Vorstellung und die einzig mögliche Erklärung. Aber nur im Begriffe des Atoms finden wir denselben; hier haben wir den einfachen und anschaulichen Grundbegriff, auf welchen alle Veränderungen der Körperwelt als auf das Substrat der Veränderungen, auf ein Beharrendes als ein Postulat unseres Denkens zurückzuführen sind. Die Atome sind als nothwendige Grundsteine unserer empirischen Welt der Naturwissenschaft so nöthig ? aber auch sicher ?, wie der Geometrie die Elemente des Raumes, wie der Arithmetik die Zahl; sie sind nicht mehr Gegenstand einer ?Hypothese von sehr grosser Wahrscheinlichkeit, sondern ein so sicherer Besitz der Physik, wie ihn die Mathematik in ihren Axiomen vom Räume hat. Das Atom ist nicht nur, wie Liebmanni) meint, ?Rechenmarke der Theorie, sondern gerade eine ?allgemeine philosophische Kategorie. Und so bestätigt sich denn die Vermuthung F. A. Langes2), dass die atomistische Vprstellungsweise aus den Principien der Kantsehen Erkenntnisstheorie sich deduciren lasse. ?Denn die Wirkungsweise der Kategorie in ihrer Verschmelzung mit der Anschauung geht stets auf Synthesis in einem abgeschlossenen, also in unserer Vorstellung von den unendlichen Fäden alles Zusammenhanges abgelösten Gegenstandes. Bringt man die Atomistik unter diesen Gesichtspunkt, so würde die Isolirung derMassen-theilchen als eine nothwendige physikalische Vorstellung erscheinen, deren Gültigkeit sich auf den gesammten Zusammenhang der Welt der Erscheinungen erstreckte, während sie eben doch nur der Reflex unserer Organisation wäre: das Atom wäre eine

? 1) Zur AnalysiB der Wirklichkeit. Strassb. 1876. S. 296. ? Obwohl wir wie Liebmann den relativen Unendlichkeitsbegriff hervorheben, kommen wir gerade zu entgegengesetztem Besultat. Darüber noch mehr weiter unten, S. 44. ? ^ Gesch. d. Mat. 2. Aufl. n, S. 211.

Schöpfung des Ich, aber gerade dadurch nothwendige Grundlage aller Naturwissenschaft.

In der That, die Erklärung der phänomenalen Welt aus den Grundsätzen einer rationellen Atomistik muss gelingen, weil beide nur Producte unserer eigensten menschlichen Natur und aus demselben unserer Weltauffassung zu Grunde liegenden geheimen Quell entsprungen sind. Jeder Fortschritt der mathematischen Naturwissenschaft in dieser Richtung bringt eine neue Bestätigung unserer Ansicht und des Kriticismus überhaupt.

Andererseits müssen sich aus dem kritischen Begriff des Atoms bis zu einem gewissen Grade die Eigenschaften desselben ergeben, wenn man jenen zusammenbringt mit den zu erklärenden Thatsachen der Erfahrung, und es müssen die Widersprüche sich lösen, welche man im Begriffe des Atoms hat finden wollen und auf unkritischem Boden auch hat finden müssen.

lY.

Vertheidigimg des phänomenalen Atoms.

Bevor wir auf eine Untersuchung der Eigenschaften der Atome als nothwendige Erzeugnisse des physikalischen Denkens näher eingehen, wollen wir nur noch eine Bemerkung über die Natur dieser Untersuchung einschalten. Dieselbe hat den Zweck, den manchem empirischen Physiker vielleicht aufsteigenden Argwohn zu beseitigen, als wollten wir uns anmaassen, Physik aus reinen Begriffen zu construiren und in die Bahnen einer unseligen Naturphilosophie zu lenken. Es handelt sich nur darum, die empirischen Ergebnisse der Naturwissenschaft von einem einheitlichen Gesichtspunkt aus zu begreifen, d. h. sie auf einfache, der unmittelbaren Anschauung entnommene Vorstellungen zurückzuführen. Diese Vorstellungen können sich auf Gegenstände oder auf Vorgänge beziehen; im letzteren Falle heissen sie Naturgesetze, und die Form dieser Vorstellungen ist bedingt durch die Natur unserer Sinnlichkeit und unseres Verstandes, vermöge deren vnr überhaupt erst die Vorstellung einer Welt ausser und um uns erschaffen. Insofern wir uns solcher Vorstellungen nur in Folge einer Afficirung unserer Sinnlichkeit durch Dinge ausser uns bewusst werden können, sind sie sicherlich empirisch; insofern sie aber ihrer Form nach durch die Natur unserer Sinnlichkeit bedingt sind, sind sie nicht rein empirisch. Kennen lernen können wir die

40 Vertheidigung des phänomenalen Atoms.

Gesetze, welche unsere Erfahrung bedingen, nur wieder durch Erfahrung. Ist dies aber geschehen, so können wir bis auf einen gewissen Grad allgemeine Begriffe angeben, zu denen uns der Erfahrungstoff kraft unserer Organisation immer wieder führen wird. Ein solcher Begriff ist zunächst der des Atoms, und wir kommen auf dies Verhältniss von empirischen und aprioristischen Elementen näher zurück, wenn wir von den Bewegungen der Atome handeln werden.

?Die Möglichkeit der Erfahrung überhaupt, sagt Kant i), ?ist zugleich das allgemeine Gesetz der Natur, und die Grundsätze der ersteren sind selbst die Gesetze der letzteren. Denn wir kennen Natur nicht anders als dön Inbegriff der Erscheinungen, d. i. der Vorstellungen in uns, und kennen daher das Gesetz ihrer Verknüpfung nirgend anders als von den Grundsätzen der Verknüpfung derselben in uns, d. i. den Bedingungen der nothwendigen Vereinigung in einem Bewusstsein, welche die Möglichkeit der Erfahrung ausmacht.

Nun ist freilich zu bemerken, dass diese ?Grundsätze der Verknüpfung auch nur in ihrer Anwendung zu studiren sind. Es giebt aber Wissenschaften, für welche dieselben ein für allemal feststehen, so dass für dieselben zugleich alle Erfahrung, welche bei der gegenwärtigen Organisation des Menschen überhaupt möglich ist, für ihren Gegenstand erschöpft ist. Eine solche Wissenschaft ist die Mathematik; sobald der Begriff der Grösse und der des Raumes in seiner Eigenthümlichkeit erzeugt ist, kommt für ihr Material kein Element der Erfahrung hinzu, das nicht schon vorhanden wäre 2), Die Combinatio-nen dieser Elemente sind jedoch keineswegs erschöpft, sie können aber jetzt ohne jede weitere Erfahrung, d. h. rein deductiv erzeugt werden. ? Anders ist es mit einer Wissenschaft, welche sich mit der Welt der Körper beschäftigt. Der Begriff der Körperwelt wird zwar psychologisch gleichzeitig mit dem des

1) Prolegomena z. j. künft. Metaphysüt. Riga, 1783. S. 111.

2) Vergl. die eingehende Untersuchung von B. Erdmann a. a. O, S. 167 u. f.

Vertheidigung des phänomenalen Atoms. 41

Baumes erzeugt, an ihm haftet aber die unübersehbare Man-nichfaltigkeit der zu combinirenden Elemente unserer Sinnesempfindung. Die Abstraction von letzteren, «sowQit sie möglich ist, schafft uns wohl die Welt der Atome ? und deswegen ist für diese auch in gewissem Sinne eine deductive Behandlung zulässig ? nicht aber die Körperwelt der Physik. Diese muss immer aufs Neue empirisch erzeugt werden, und bei der Anzahl der durch sie gegebenen Sinnesempfindungen ist es gar nicht abzusehen, ob es hier ein Ende der mögUchen Erfahrung giebt. Bestimmt ist nur die allgemeine Form, in welcher wir die Begriffe der Körperwelt zu combiniren haben, nämlich in der Form bewegter Materie; daher ist auch Mechanik deductiv; insofern aber jene Combinationen der Wirklichkeit der Sinne gegenübertreten, lässt sich durchaus nicht von vornherein feststellen, welche Combinationen wir zu bilden haben und zu welchen neuen Begriffen etwa eine weitergehende Erfahrung uns noch führen könne. Naturwissenschaft ist also wesentlich in-ductiv. Naturwissenschaft und Mathematik haben beide gewisse Grundgesetze, die als in unserer eigenen Natur wurzelnd, unveränderlich sind. In^ der Mathematik ist aber mit denselben, wie W. Wundti) es treffend ausdrückt, zugleich eine vollständige Tafel der Definitionen gegeben; in der Naturwissenschaft fehlt dieselbe. Die Definitionen der Naturwissenschaft sind nur empirisch zu verschaffen. Das Ziel der Wissenschaft ist aber, diese Tafel der Definitionen vollständig herzustellen, und sollte dasselbe jemals wirklich erreicht werden, so wäre damit die Möglichkeit gegeben, nun auch die gesanamte Naturwissenschaft rein deductiv zu behandeln, wie es für einzelne Theile derselben bereits annähernd möglich geworden ist.

Es entsteht nun die wichtige Frage, welches diejenigen Grundbegriffe der Physik seien, die wir nach den Bedingungen unserer Synthesis, d. h. der nothwendigen Vereinigung der Erscheinungen in unserem Bewusstsein, bilden müssen und welche

^) Die phygikaUschen Ajuome etc. IlrlfkDgen, 1866. 8. 3.

42 Vertheidigung des phänomenalen Atoms.

darum als Grundlagen jeder Physik anzusehen sind. Wir haben neben dem Raum- und Zeitbegriff bis jetzt den des Atoms als einen solchen kennen gelernt, und gehen nun zu einer näheren Betrachtung desselben über.

Es hat sich ergeben, dass wir nur ganze, solid zusammenhängende Körper im Begriffe erzeugen können, und dass wir daher diese Körper zur Erklärung der Naturerscheinungen beliebig klein annehmen dürfen.

Andererseits aber müssen wir auch, wenn es sich um eine bestimmte Erklärung handelt, bei einer definitiven Kleinheit stehen bleiben, ohne welche wir jede Anschaulichkeit aufgeben würden. Wenn wir sagen ?beUebig klein, so heisst das nur, wir müssen es der physikaUschen Forschung überlassen, ob sie

die kleinsten Atome dem Durchmesser nach zu ??: oder

1010 IQIOO

Millimeter annehmen will; für jedes Atom oder Unteratom eines Stoffes muss aber eine bestimmte Grenze der Kleinheit festgesetzt sein, welche nicht überschritten werden darf und im Continuum der Naturwissenschaften constant ist. Nur komme man nicht mit ?unendlich kleinen Atomen; nichts vermag den Standpunkt so zu verrücken und zu verwirren als die Hineinziehung eines gänzUch unzulässigen UnendHchkeits-begrifles in unsere Frage. Etwa§ ?Unendlichkleines existirt überhaupt nicht in der Erfahrung; die Atome sind aber durchaus Gegenstände der Erfahrung, wenn auch nicht unmittelbar durch sie gegebene, so doch auf dieselbe Weise wie alle Erfahrung aus den Daten der Sinnlichkeit erzeugt. So kann aber immer nur der Begriff eines Körpers entstehen, eines noch in drei Dimensionen ausgedehnten erfüllten Baumes, niemals aber der Begriff eines Massenpunktes, punktuellen Atoms oder gar ?Kraftpunktes. Nun glaube man niu* ja nicht, dass man etwa um Naturerklärung zu ermöglichen irgendwo die weitere Trennbarkeit der Materie abbrechen müsse! Das wäre allerdings willkürUch, wenn wir wirkhch eine Theilung oder Trennung der real vorhandenen Materie vornähmen. Aber so ist es ja gar nicht! Vielmehr ist jeder dieser sogenannten Theile für uns ein

Vertheidigung des phänomenalen Atoms. 43

Ganzes, und wir fassen die Materie auf als den Inbegriff lauter ganzer (recht kleiner) Körper, welche nach dem gewöhnUchen Sprachgebrauch den Namen ?kleinste Theile, ?Atome führen; d. h., wir erzeugen sie als solche kraft der Synthesis unseres Bewusstseins durch den Gebrauch unserer Sinne in der Anschauung wie im Begriffe. Es zeigt sich also, dass es sich gar nicht um eine Theilung handelt, sondern um einen Vorgang, wie wir ihn S. 33 geschildert haben. Wir bemerken, dass wir uns in einer Welt von soliden Körpern befinden und haben uns klar gemacht, wie wir zur Erzeugung des Begriffs solcher Körper gekommen sind. Bei weiterem wissenschaftUchen Studium dieser Welt zeigt es sich, dass dieselbe manche Eigenschaften besitzt, welche erklärt sein wollen, aber bei dem rohen Begriff von Körpern, wie wir ihn allein durch die alltägUche Erfahrung erhalten, unerklärt nebeneinander bestehen bleiben. Nun haben wir aber keine andere Anschauung als die durch unsere Sinne, gar keine andere Möglichkeit, uns eine Welt zu erschaffen , als wieder auf dieselbe Weise. Wir können aber unsere Sinnesauffassung ? so zu sagen quantitativ ? verfeinem und beschränken, wir können eine Welt in viel kleinerem Maassstabe nachbilden, deren Körper nur die zu ihrem Begriffe durchaus nothwendigen Eigenschaften besitzen ? und dies ist die Welt der Atome, welche daher zur Erklärung der Körperwelt dienen kann.

Freilich müssen wir darauf bedacht sein, dass wir die Wiederholung dieser Weltconstruction ? welche übrigens ihrem Grundcharakter nach a priori bestimmt ist ? so einrichten, dass wir aus der erhaltenen Atomwelt nun auch wirkUch eine vollständige Erklärung der uns bekannten Naturerscheinungen liefern können. Diese Erklärung ist dann eine völlig ausreichende. Man könnte glauben, dass dieselbe nur eine provisorische oder eine willkürliche sei, insofern man sich immer das Hinterpförtchen der Annahme noch kleinerer Atome offen halte; aber dies geschieht nur insofern, als eine künftige Erfahrung vielleicht noch Thatsachen enthüllt, welche wir noch nicht kennen. Es versteht sich wohl von selbst, dass eine Erfahrungswissenschaft

44 Vertheidigung des phänomenalen Atoms.

auch nur verpflichtet ist, das ihr Bekannte zu erklären, mid ¥rir haben bereits wiederholt anerkannt, dass wir die Bestinmiung der Atomgrosse lediglich für eine Aufgabe der Erfahrungswissenschaften halten. Spätere Jahrtausende mögen sich vielleicht genöthigt sehen, noch einen Schritt weiter zu gehen, als wir es heute nöthig haben ? aber die Frage nach der Grösse der Atome bleibt eine praktische, keine principielle. Principiell ist nur der Charakter der atomistischen Naturerklärung, und dieser bleibt derselbe, so lange die menschliche Organisation dieselbe bleibt. Gerade dies betonen wir: Die Wissenschaft einer bestimmten Epoche muss bei einer bestimmten Gruppe der Atomsysteme, welche man sich in einander geschachtelt denken kann, Halt machen ? oder richtiger beginnen ? und Alles, was zu erklären ist, aus dieser erklären. Dann, und nur dann wird das Problem nicht verschoben, dann und nur dann wird eine genügende und anschauliche Erklärung geliefert. Ein Regress ins Unendliche ist ? als Regress ? zwar gestattet, ja die Relativität unseres Grössenbegriffs führt sogar nothwendig auf einen solchen, wie wir anderweitig erörtert haben i). Von

^) Ein Beitrag zum kosmologischen Problem und zur FeststeUung des Unendlichkeitsbegrififs. Vierteljahrsschrift für wissensch. Philos. Herausg. von B. Avenarius. Leipz. 1. Bd. S. 329 ff. Bei der Absendung dieses Aufsatzes (Nov. 1876) kannte ich die Zöllnersehe Abhandlung (12. Febr. 1876) ?lieber die physikalischen Beziehungen zwischen hydrodynamischen und elektrodynamischen Erscheinungen leider noch nicht, ich hätte dieselbe sonst erwähnt, als ich auf die analogen Grössenverhältnisse zwischen Mo-lecular- und Weltsystemen aufmerksam machte (S. 349, 357). Ich habe jedoch diese Betrachtung bereits früher bei Gelegenheit eines populären Aufsatzes angesteUt. (Schlesische Zeitung, 23. u. 24. Nov. 1875.) ? In Bezug auf die Bemerkung zu meiner Abhandlung von W. Wundt (Vierteljahrsschrift für wissensch. Philos. 1. Bd. S. 361) habe ich an dieser SteUe Folgendes zu erwähnen. Die Anzahl der Atome muss als eine unendliche angesehen werden im Sinne eines Postulats des unbegrenzten Portganges; endlich kann sie nur sein in dem relativen Sinne, dass wir den Rest ? unseres gegenwärtigen Mangels an Erfahrung wegen ? nicht zu berücksichtigen brauchen. Die Annahme einer Vertheilung ins Unendliche bei endlicher Anzahl ist nicht gestattet, weil die Analogie der unendlichen convergenten Beihen mit endlicher Summe in diesem Falle nicht gilt. Ich bestreite durchaus nicht, dass eine endliche Zahl in an-

Vertheidigung des phänomenalen Atoms. 45

einem allgemeinen Standpunkte aus können wir jedes Weltsystem, jedes Sonnensystem oder Fixstemsystem auflFassen wie eine Atomgruppe, welche als Molekel schwingt, und jede Molekel kann uns ein Weltsystem darstellen. Es kommt lediglich aufUnseren Standpunkt an, welchen Theil der Welt wir als molecular, welchen wir als kosmisch ansehen; vermöge der Anlagen unserer Naturauffassung würde uns das Universum immer in Atome und Weltsysteme zerfallen. In diesem Sinne droht unserer Atomistik allerdings der Regress ins Unendliche; aber eben, weil es sich um eine anschauliche Naturerklärung handelt, hebt unsere Auffassung diesen Regress selbst auf, wo ihn nur die Phantasie noch gestattet, die Wissenschaft nicht mehr verlangt. Sie hebt ihn auf, und gewinnt dadurch Anschauung!). Als Beispiel diene Folgendes.

endlicherForm gegeben werden könne, z.B. 2 = 1-f-Vg! Vi! Vs! Achilles kann die Schildkröte einholen, weil er nicht genöthigt ist sein Ziel auf dem Wege durchs Unendliche zu erreichen. Aber die zu erreichende Zahl kann eben nur dann als eine endliche betrachtet werden, wenn sie ihrem Inhalte nach schon anderweitig in endlicher Form gegeben oder zwischen endliche Grenzen einschliessbar ist, wie die Summen der convergenten Beihen, z. B. n, Ist aber die unendliche Form die einzige, in welcher die betreffende Grösse uns zugänglich ist, so muss man auch die ganze Beihe durchlaufen, um die Summe zu erhalten, d. h. man erhält sie nie. Die Beihensumme bleibt also dann unendlich, wenn auch die einzelnen Glieder bis ins Unendliche abnehmen. Dieser Fall tritt nun, wie ich behaupte, bei der Materie ein, da diese ein rein empirischer Begriff ist, den wir in seiner ideellen Totalität nur durch den Versuch erlangen, die Beihe zu durchlaufen. Deswegen ist die Summe der Materie unendlich. Als eine endliche kann sie nur behandelt werden, indem man sich des willkürlichen ? wenn auch berechtigten ? Abbruchs der Beihe bewusst bleibt.

^) Dies ist zu beachten um den scheinbaren Widerspruch zu erklären zwischen der oben angefühi*ten Ansicht Langes und der Darstellung Vaihingers in seinem treffUchen Buche ?Hartmann, Dühring und Lange^ (Iserlohn 1876), wo es von Lange S. 61 heisst: ,,Auch das Atom ist eine blosse hypothetische Annahme und sein Begriff, der auf die Unendlichkeit im Kleinen hinführt, bezeichnet eine Schranke unserer Erkenntniss, wie alle Begriffe, die zuletzt in die Unendlichkeitsvorstellung übergehen. £s hätte hervorgehoben werden sollen, dass das Hypothetische nur in der Annahme einer bestimmten Grösse der Atome liegt, die Unendlichkeitsvorstellung aber ihren Ursprung nicht in dem Atom-

46 Vertheidigung des phänomenalen Atoms.

Man erklärt die Elasticität der Körper aus der Verschiebbarkeit ihrer Theile ? sagen wir: ihrer Molekeln. Das ist auch unzweifelhaft richtig. Nun fasst man in der kinetischen Gastheorie die Molekeln selbst wieder als elastisch; das kann man sich noch gefallen lassen, insofern die Atome derselben verschiebbar sind. Auch diese könnte man, um ihre Bewegungen durch ihren Stoss zu erklären, aus Unteratomen bestehen lassen, und so fort. Immer aber ergiebt sich die Nothwendigkeit, die Elasticität der letzten Theile zu erklären, und es scheint also, und hat bis jetzt fast allen Forschem so geschienen, als ob man auf einen Re-gress ins UnendHche geriethe. Verhielte sich dies wirklich so, dann stände es freilich schlinmi um die Berechtigung der Atomistik, und Diejenigen behielten Recht, welcher ihr unauflösbare Widersprüche vorwürfen. Eine nothwendig aus der Natur unserer Weltauffassung herstammende Theorie kann aber einen solchen Widerspruch nicht enthalten, und wir werden also in der Lage sein müssen, jenen unendlichen Regress verhindern zu können, wenn wir unsere Auffassung von der Sache beibehalten wollen* Dies wird in der That geschehen; die Möglichkeit solcher Auflösung unserer Frage kann aber erst später erörtert werden (vergl. Abschn. VIII). Hier ist nur vorläufig zu sagen: Wir beginnen bei der Erklärung unserer Sinnenwelt mit einer bestimmten Atomgruppe als letztem Element der Körper; die Atome, welche dieselben zusammensetzen, sind dann untrennbare, völlig solide Körperchen, die Grundlagen unserer phänomenalen Welt, bei denen von einer Verschiebung der Theilchen nicht weiter die Rede sein kann. Wenn sie trotzdem Erscheinungen darbieten, welche denen des elastischen Stosses in ihrem Erfolge gleichen, so sind diese jedenfalls anders zu erklä-

begriff, sondern in dem Welt begriff habe, insofern dieser auf eine Zusammensetzung aus Atomen führe. Der Atombegriff gehört zwar zu den »Ignoranzbegriffen, da er als Element unserer Erkenntniss eine Grenze derselben bezeichnet, führt aber keine neue UnendlichkeitsVorstellung ein, als die durch Erzeugung des Baum- und G-rössenbegriffs bedingte, und dient gerade dazu, hier die Naturauffassung vor dem drohenden Verlust der Anschaulichkeit zu retten. Vergl. a. a. O. S. 73 u. f. Die Unge-nauigkeit ist durch Lange selbst verschuldet.

Vertheidigung des phänomenalen Atoms. 47

reu. Und das wird in der That an der geeigneten Stelle nachgewiesen werden. Dann aber erhalten wir Anschauung und die Natur wird begreifbar.

Wir haben hervorgehoben, dass die Annahme einer Theil-barkeit der Materie ins UnendUche, selbst in dem beschränkten Sinne eines Regresses, wie oben, schon aus dem Grunde für die Erklärung der Natur nicht zu gebrauchen ist, weil sie jede Anschaulichkeit ausschliesst.

Hier sehen wir uns nun genöthigt, mit der dynamischen Theorie der Materie uns auseinander zu setzen. Dieselbe, insofern sie von jeder Atomistik absieht, hat freilich keinen Boden mehr in der Naturwissenschaft. Da aber kein geringerer Den-ker als Kant es unternommen hat, ihr eine Stelle in den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft anzuweisen, so müssen wir ihr näher treten und, da wir das Resultat seiner Ueberlegung verwerfen, auch den Versuch machen, die schwache Stelle seiner Beweise aufzudecken.

Wenn Kant die Materie als ins Unendliche trennbar erklärt, d. h. als theilbar in Theile, deren jeder wieder Materie ist 1), so geschieht dies dadurch, dass er jedem mathematischen Theile der Materie eine repulsive Kraft zuspricht, wodurch derselbe auch ein physischer, also trennbar wird 2). So scheint allerdings die unendliche Trennbarkeit der Materie unvermeid-Uch, denn der Raum ist ein Continuum seinem Begriffe nach und offenbar ins Unendliche theilbar zu denken. Daher schreibt sich denn die gewaltige Gegnerschaft, welche des grössten Philosophen Urtheil der Atomistik erweckt hat. Der Fehler muss offenbar schon in dem ersten Lehrsatze des zweiten Hauptstückes liegen, welcher lautet 3):

?Die Materie erfüllt einen Raum, nicht durch ihre blosse Existenz, sondern durch eine besondere bewegende Kraft.

^) Metaph. Anfangsgr. d. Naturw. Riga, 1787. S. 43, 44. 2) A. a. O. 8. 36. ? ») A. a. 0. S. 33.

48 Vertheidigung des phänomenalen Atoms.

Beweis.

Das Eindringen in einen Raum (im Anfangsaugenblicke heisst solches die Bestrebung einzudringen) ist eine Bewegung. Der Widerstand gegen Bewegung ist die Ursache der Verminderung, oder auch Veränderung derselben in Ruhe. Nun kann mit keiner Bewegung etwas verbunden werden, was sie vermindert oder aufhebt, als eine andere Bewegung eben desselben Beweglichen in entgegengesetzter Richtung (Phoron. Lehrs.). Also ist der Widerstand, den eine Materie in dem Raum, den sie erfüllt, allem Eindringen anderer leistet, eine Ursache der Bewegung der letzteren in entgegengesetzter Richtung. Die Ursache einer Bewegung heisst aber bewegende Kraft. Also erfüllt die Materie ihren Raum durch bewegende Kraft, und nicht durch ihre blosse Existenz.

Man sehe nach, wo in diesem Beweise ein Fehler liegt. Der erste Theil, welcher den Hauptpunkt des Beweises zu enthalten scheint, lässt sich auf folgenden Syllogismus nach dem Modus Barbara zurückführen:

Alles, was eine Bewegung ändert, ist Ursache einer neuen

Bewegung; der Widerstand eines mit Materie erfüllten Raumes ändert

die Bewegung der andringenden Materie; also ist der Widerstand eines mit Materie erfüllten Raumes

Ursache einer neuen Bewegung.

Die Prämissen sind unzweifelhaft richtig, der Schluss auch. Nun aber weiter: ?die Ursache einer Bewegung heisst aber bewegende Kraft. Das ist eine neu und willkürlich eingeführte Wortdefinition. Von einer bewegenden Kraft ist bisher überhaupt noch nicht die Rede gewesen, und nun wird die Ursache einer Bewegung nach dem Ausdrucke des gewöhnlichen Lebens eine bewegende Kraft genannt. Auch wird dies in der nachfolgenden Erklärung 2. nochmals besonders ausgesprochen: ?Zurückstossungskraft ist diejenige, wodurch eine Materie Ursache sein kann, andere von sich zu entfernen (oder, welches

Vertheidigung des phänomenalen Atoms. 49

einerlei ist, wodurch sie der Annäherung anderer zu ihr widersteht).

In diesen Worten ?andere von sich zu entfernen, welches einerlei sein soll mit der Verhinderung grösserer Annäherung, liegt der Uebergang zu der dynamischen Theorie der Materie mit ihrer anschauungslosen Femwirkung und ihren unhaltbaren Folgerungen. Bis jetzt hatten wir es ja nur mit einem neuen Worte ? wenn auch einem unserer Ansicht nach überflüssigen ? zu thun; statt ?Widerstand war ?Widerstandskraft gesagt. Dies geht aber unter der Hand über in Zurückstossungs-kraft, und damit ist mit einem Schlage und jedenfalls unwillkürlich der Begrijßf der femwirkenden Kraft eingeführt, ein Be-griff, der ja bei Kant mit dem Worte ?Kraft nothwendig verbunden sein musste. Ist einmal gesagt, dass Widerstand eine Kraft ist, so ist diese natürlich auch eine Newtonsche Kraft! Nach seiner physikalischen Naturauffassung musste Kant con-sequenter Weise auf seine dynamische Theorie geführt werden. Trotzdem bleibt es ein merkwürdiger, wenn auch aus dem Missbrauch des Kraftbegriffes erklärlicher Irrthum, den Widerstand als Kraft au&ufassen. Als wenn Bewegung nur abgeändert werden könnte durch diesen reinen Hülfsbegrifi* der Kraft, der doch nur ein Ausdruck ist für den nach dem Causalgesetze von uns gesuchten Grund einer empirischen Thatsache; als wenn es nicht viel natürlicher wäre, die einzelnen Fälle, in denen Bewegung abgeändert wird, nach den jedesmal dabei eintretenden Wahrnehmungen zu unterscheiden! Als solche Wahrnehmungen, die man nunmehr als Ursachen betrachten musste, hätten sich erstens der Widerstand eines soliden Körpers, zweitens die Bewegimg eines anderen Körpers ergeben, so dass die Bildung des Kraftbegriffes sich vielleicht ganz hätte ersparen lassen. Nehmen wir doch thatsächlich nirgends ?Kraft wahr, sondern überall nur Bewegung oder Hemmung der Bewegung. Kant sagt: ?Nur alsdann, wenn ich dem, was einen Raum einnimmt, eine Kraft beilege, alles äussere Bewegliche, welches sich annähert, zurückzutreiben, verstehe ich, wie es einen Widerspruch enthalte, dass in den Raum, den ein Ding einninmit, noch ein an*

LaBswitz, AtomiBtik etc. a

50 Vertheidigung des phänomenalen Atoms.

deres von derselben Art eindringe. Aber damit ist eben für das Verständniss nichts gewonnen, weil diese Kraft, welche, wie Kant zugiebt (a. a. Ö. S. 41), ihrer Möglichkeit nach auch nicht weiter erklärt werden kann, unsere Vorstellung über den eigentlichen Zustand der Materie durchaus unbefriedigt lässt. Wie soll man sich jeden (mathematischen!) Theil der Materie mit einer Kraft begabt denken, welche jeden benachbarten abstösst! Wo sind dann überhaupt die Grenzen der Theile? Denn jene Kräfte sollen lediglich an den Oberflächen der von der Materie eingenommenen Räume wirken; diese aber werden ja durch die Wirkung der Kräfte erst als erfüllte Räume erzeugt! Es ist eben die ganze Theorie nichts als eine Hypostasirung des leeren Kraftbegriflfs, etwa ähnlich, als wollte man die Niveauflächen der Mechanik als reelle Dinge denken. Sinnlich und empirisch fassbar ist doch immer nur die SoUdität, welche Kant einen ziemlich vieldeutigen Ausdruck nennt; auf sie, auf dieUndurch-dringUchkeit -^ welche keine ?qualitas occulta, sondern eben die einzige zu Tage tretende Eigenschaft der Materie ist ? muss er doch immer wieder zurückkommen als der einzigen Quelle unserer Erfahrung von einer Materie. Und hier hätte er denn auch seine ?Construction beginnen, nicht aber noch einen Schritt weiter versuchen sollen, wohin die Anschauung nicht mehr zu folgen vermag.

In den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft decken sich deutlich die Gebiete auf, wo Kants unsterblicher Grundgedanke eine anderweitige Ergänzung durch eine Kritik der Sinne verlangt. Letztere fuhrt auf den Begriff der Solidität und begründet ihn aus der Natur unserer Erfahrungsschöpfung, nicht etwa, was Kant Lambert u. A. vorwirft, nur aus einem logischen Gesetze. Dass ?der Satz vom Widerspruch keine Materie zurücktreibt, welche anrückt, um in einen Raum einzudringen, in welchem eine andere anzutreffen ist (a. a. O. S.34), das bleibt allerdings richtig. Darum braucht das Hinder-niss aber nicht gerade eine ?Kraft zu sein in der allgemeinen Bedeutung dieses Wortes. Logische Gesetze freilich können Materie nicht zurücktreiben, aber ist nicht vielleicht der Satz

Vertheidigung des phänomenalen Atoms. 51

vom Widerspruch mitbedingt von jener alltäghchen Erfahrung der SinnUchkeit, dass wo ?wir sind, nicht zugleich etwas Anderes sein kann? Oder richtiger, weisen nicht vielleicht beide auf eine gemeinsame Quelle hin, aus welcher sich das Be-wusstsein von den Gesetzen des Denkens gleichartig entwickelt hat mit dem Bewusstsein von den Gesetzen des Seins? Wer möchte diese geheimen Beziehungen heute schon lösen ? Soviel aber ist klar: Der Satz vom Widerspruch hat ein Analogon in der Sinnenwelt in dem Satze vom Widerstände. ?Raumerfiil-lende Kraft ist mindestens ein durchaus überflüssiger Begriff; ?ündurchdringlichkeit ist so zu sagen ein handgreiflicher Begriff, unmittelbar erschaffen durch die Natur unserer Sinnlichkeit. Wir denken, es hat keine Schwierigkeit, bei der Grundlegung der Physik sich für letzteren zu entscheiden.

V.

Der Zusammenliang der Atome und die Mittheilung der Bewegung als Andrangs-

empfindung.

Im Vorangegangenen konnte bis jetzt nur nachgewiesen werden, dass vermöge unserer Sinnlichkeit und unserer Art zu erkennen es einen phänomenalen Gegenstand geben muss, welcher an sich unveränderlich, undurchdringlich und sehr klein ist und als solcher das Substrat aller Veränderungen in der Natur bildet Damit sind aber die Eigenschaften erschöpft, welche wir dem Atome ohne Rücksicht auf sein Verhältniss zu anderen Atomen nothwendig zuschreiben müssen; über die Form können wir a priori gar nichts sagen, über sie können nur die Hypothesen entscheiden, welche die empirische Naturwissenschaft aufzustellen sich genöthigt sieht.

Alle übrigen Eigenschaften des Atoms sind Eigenschaften der Atome, d.h. sie sind bedingt durch den Zusammenhang der Atome, wie es nach dem Sprachgebrauch der realen oder transcendenten Atomistik heisst, oder, wie wir es kritisch ausdrücken müssen, sie sind bedingt durch die Art und Weise, wie wir zu dem Begriffe von gesetzmässigen Vorgängen in der Natur, d. h. wie wir zu Naturgesetzen kommen. Hierhin gehören die Eigenschaften der Bewegung, Trägheit, Masse (Dichtigkeit), Stoss, Elasticität u. s. w., und Alles, was mit den

sogenannten ?Molecularkräften zusammenhängt. Wir haben also diese Beziehungen von unserem Gesichtspunkte aus zu betrachten.

Die Aufgabe, ?den Zusammenhang der Atome herzustellen, ist für die nicht-kritische Auffassung viel Schwieriger zu lösen, als die, das einzelne Atom begrifflich streng zu construiren. An dieser Stelle ist auch der in der Einleitung erwähnte Kampf zwischen einer gewissen Art der Philosophie und der Naturwissenschaft stets am heftigsten entbrannt. Die Naturwissenschaft schrieb einfach dem Atom gewisse Bewegungen oder anziehende und abstossende Kräfte zu und hatte damit den Zusammenhang hergestellt ohne sich darum zu kümmern, dass so zugleich der Begriff des Atom§ als des aus allen Wechselbeziehungen gelösten Dinges verloren ging. Die Philosophie strengte sich an die Atome zu verbinden ohne dabei die Ungebunden-heit des Atoms als eines für sich existirenden Gegenstandes zu schädigen. Legt man in das Atom (Notabene I das transcen-dent gedachte!) als ihm nothwendig zugehörend schon Bewegungen und Kräfte hinein, vermöge deren es auf andere wirkt, so ist es nicht unabhängig von jenen construirt. Das einzelne Atom setzt dann, vermöge seiner Wirkungsfahigkeit, seiner potentiellen Bewegung oder Kraft, schon die Existenz der anderen Atome voraus und kann überhaupt nicht für sich gedacht werden, was zum Begriffe eines realen Atoms (als Nou-menon) gehört Denn in einer transcendenten Welt müssen die Atome für sich existiren körinen, abgelöst vom grossen Zusammenhange der Dinge; sie sind ja real! Dann aber kommt man auf nothwendige Widersprüche mit unserem Denken. Dann hat W. Goering Recht, dass jedes Atom ein unauflösbares metaphysisches Problem enthält, weil unser Weltbegrifi* -- wie wir allgemein sagen können ? immer über dasselbe hinausstrebt. Dann ist der Widerspruch da, welcher schon wer weiss wie oft von Philosophen hervorgehoben ward, welchen schon Nikolaus von Cusa^) gefühlt hat, als er das Bedenken aussprach.

^) YergL Clemens: Nikolaus y. Cusa und Giordano Bruno.

54 Der Zusammenhang der Atome und die

dass doch die Auflösung das Einfache nicht erreiche und das einfache Element der Kraft entbehre, für sich wirklich zu sein.

Wollte man nun doch die Atome als für sich existirend betrachten, so müsste man sich die Bewegungen und Kräfte, welche ihnen zukommen, ihnen von aussen zugefügt denken, als etwas Aeusserliches, Zufälliges oder von einer wunderthätigen Macht HinzugeschaflFenes. Denn sobald man sie begriJBFlich mit ihnen verbinden will als nothwendige Eigenschaften, so ist man eben wieder auf dem dargelegten Widerspruch der unter einander nothwendig verknüpften Atome angekommen. Eineü Ausweg aus diesem Dilemma giebt es für die transcendente Weltauffassung nur auf die Manier von Leibnitz ? die Atome dürfen gar nicht mit einander verbunden sein. Dann aber muss man eine prästabilitirte Harmonie setzen. ? Wir werden also auch hier wieder auf die kritische Ansicht hingedrängt.

Indessen hat es die Atomistik bisher mit dieser Frage nicht immer so streng genommen. Sie hat sich damit geholfen, dass sie sich einfach in die Sache fand, d. h. mit grösserer oder geringerer Entschiedenheit und mehr oder minder klarem Be-wusstsein die gleichzeitige innere Nothwendigkeit und äussere Zufälligkeit des Zusammenhangs der Atome als durch die gewohnten Begriffe auflöslich geleugnet und statt dessen gefordert hat, die empirisch festgestellte Natur der Atome als etwas unmittelbar Gegebenes aufzufassen, worüber man nicht weiter grübeln dürfe. Das heisst nun freilich den Knoten durchhauen und nicht lösen; aber es zeigt deutlich, dass hier eine Schwierigkeit versteckt liegt, gegen welche in der transcendenten Naturphilosophie kein Kraut gewachsen ist.

Auf dem kritischen Standpunkt löst sich die Frage von selbst Die Atome, als Phänomena, existiren in dieser Form

Bonn, 1847. S. 127. Uebrigens fuhrt bemerkenswerther Weise die Chemie aus empirischen Thatsachen zu demselben theoretischen Ergebnisse, dass die kleinsten Theile der Stoffe, welche sich gegenseitig verbinden, die Atome, für sich im Allgemeinen gar nicht bestehen können. Die Atome sind immer vereinigt zur Molekel, welche ?der kleinste Theil eines Stoffes, der für sich existiren kann, ist.

Mittheilung d. Bewegung als Andrangsempfindung. 55

nur in unserer Vorstellung als nothwendige Erzeugnisse der Erfahrung. Sie sind nicht in einem transcendenten, realen leeren Räume für sich getrennt, sondern sie werden in solcher Form von dem empfindenden Subject erfunden, damit dasselbe in der Mannichfaltigkeit der Erfahrung sich zu orientiren und die Naturerscheinungen nach einem einheitlichen Gesichtspunkt zu ordnen vermöge. Sie sind also von vornherein verbunden durch die Natur des anschauenden Subjects. Freilich wird jedes Atom erzeugt durch unsere einheitliche Synthesis, indem sie dasselbe von ?den unendlichen Fäden allen Zusammenhanges löst und dadurch zu einem abgeschlossenen Gegenstande macht. Aber dieselbe Synthesis, welche so das Atom nothwendig als etwas abgeschlossenes erzeugt, erzeugt ebenso nothwendig alle anderen Atome und ist somit selbst das Gesetz ihrer Verknüpfung. Sie trägt in sich zugleich die Form des Atoms wie die des Zusammenhangs der Atome. Eben so nothwendig, wie auf unkritischem Standpunkte die durch den leeren (transcendenten) Raum getrennten Atome jeden Zusammenhang ihrem Begriffe nach ausschliessen, eben so nothwendig schliessen die phänomenalen Atome diesen Zusammenhang ihrem Begriffe nach ein. Das kritische Atom soll gar nicht für sich gedacht werden (vergl. S. 34). Die Gesetze, nach denen die Atome sich zu bewegen scheinen, sind nur die nothwendigen Oberbegriffe für die vorkommenden Veränderungen in unserer Empfindung. Sie entspringen aus unserer Sinnlichkeit und unserem Verstände; und es handelt sich nun darum, nachzusehen, welche Gesetze aus diesen Quellen üiessen, zu erforschen, wie wir nothwendig die Combination der Grundbegriffe unserer Naturauflassung vollziehen müssen.

Der fortwährende Fluss, in welchem unsere Empfindungen sich befinden, verlangt Ordnung. Diese Ordnung wird zunächst versucht, indem wir einzelne einfache Vorstellungen fixiren; so kamen wir zu dem Grundbegriffe der Atome. Nun muss auch der Wechsel der Veränderungen anschaulich erklärt werden, und so kommen wir auf die Bewegungsgesetze der Atome. Dass diese Veränderungen in Form von Bewegung vor sich gehen.

56 Der Zusammenhang der Atome und die

von Bewegung im Baume i), das ergiebt sich natürlich aus der Entstehungsart jener ersten Begriffe, welche den Begriff der Bewegung mit umschliessen und nur mit Hülfe desselben zu Stande kommen. Raum, Körper, Bewegung, Selbstbewusstsein,? das sind Begriffe, welche sich gleichzeitig bilden und welche nothwendig zu einander gehören, wenn wir sie auch zum Zwecke der Betrachtung trennen müssen. Die Entstehung des Bewegungsbegriffes braucht also nicht weiter erörtert zu werden, wohl aber werden wir es nun mit den verschiedenen Nebenerscheinungen der Bewegung zu thun haben, mit den Begriffen

1) Ein Eingehen auf die Controverse zwischen relativer und absoluter Bewegung liegt unserem Standpunkte fem, da dieselbe nur auf im-kritischen^ Boden wirkliche Schwierigkeiten bietet. Keinem Zweifel dürfte es unterliegen, dass Bewegung immer ein bestimmtes Axensystem im Baum voraussetzt, auf welches sie bezogen wird. Dieses Axensystem ist zunächst durch das natürliche Coordinatensystem gegeben, welches jeder Mensch in der symmetrischen Gestaltung seines Körpers mit sich herumträgt. Dieses ist die feste Grundlage, durch welche Bewegung überhaupt erst möglich wird; wir bedürfen daher zur Untersuchung der Bewegungsgesetze auch nicht der verschiebbaren relativen Bäume. Indem nun aber auch unser Körper mit dem Coordinatensystem desselben als unter den anderen Körpern im Baume beweglich aufgefasst wii-d, macht sich das Bedürfniss eines allgemeinen festen Coordinatensystems bemerklich. Ein solches festes Coordinatensystem, unabhängig von allen im Baume vorkommenden Körpern und Bewegungen, gehört mit zum Begriffe des Baumes und constituirt den Begriff eines absoluten Baumes, welcher eine nothwendige und aus unserer Organisation stammende Bedingung aller Erfahrung ist. Dass ein solcher absoluter Baum, ein festes Axensystem, angenommen werden muss, beweist vorzüglich O. Lieb-mann (Zur Analysis der Wirklichkeit, S. 96 u. f.), desgl. C. Neumann (Ueber die Principien der Galilei-Newton*8chen Theorie. Leipz. 1870.), bei welchem der starre Körper Alpha das absolute Axensystem vertritt. Die Schwierigkeit für den realistischen Standpunkt besteht nun darin, einen solchen starren Körper oder ein festes Axensystem mit bestinunter *Lage vorzustellen. Diese Schwierigkeit fällt für uns fort, da diese Vorstellung nichts ist, als der unserer Baumvorstellung überhaupt zu Grunde liegende Mechanismus unserer Erkenntnissthätigkeit oder wie man diese Bedingung unserer Erfahrung sonst nennen will. Wir stellen also alle Bewegung in einem absoluten Baume vor, der durch unsere eigenste Naturanlage bedingt ist, und beziehen sie als eine relative auf das mit uns verschiebbar gedachte Axensystem unseres speciellen Anschauungs-raumes.

Mittheilung d. Bewegung als Andrangsempfindung. 57

der Geschwindigkeit und Richtung, der Beharrung, der Mittheilung, der Aufhebung, der Masse, der Kraft, der Bewegungs-grösse, der Energie. Sie alle aber hängen so eng mit einander zusammen, dass die Darstellung schwierig wird, die sie doch auseinanderreissen muss. Wir müssen auch hier von der unmittelbaren Wirkung der Sphären unserer Sinnlichkeit ausgehen; von ihr kommen wir schliesslich zu den Axiomen der Physik.

Hätten wir es mit einer transcendenten Bewegung zu thun, so würden wir freilich nichts gewinnen und gleich mit Widersprüchen beginnen; kritisch aber führen wir nur die in unserer Empfindung unleugbar enthaltenen Elemente auf die einfachsten und anschauHch vorstellbaren zurück; wir suchen die einzig mögliche Zurückführung und kommen so auf eine kinetische Atomistik. Die kritische Theorie der Materie ist nath-wendig kinetische Atomistik

Das wird sich aus dem Folgenden genauer ergeben« Freilich hat man seit Roberval und Newton mit grossem Erfolge den Atomen anziehende und abstossende Kräfte beigelegt, um Naturerscheinungen daraus zu erklären. Dass diese Vorstellung eine rein mathematische Abstraction ist, welche eine bequeme Beschreibung der Erscheinungen durch die Rechnung zidässt, für die Naturerklärung aber gar nichts leistet, weil sie aller Anschaulichkeit entbehrt ? das ist schon vielfach hervorgehoben worden, am vorzüglichsten wohl von F. A. Lange in seiner Geschichte des Materialismus i). Wir würden auf diesen Punkt nicht weiter eingehen und ohne gegen die femwirkenden Kräfte zu polemisiren die kinetische Atomistik für sich reden lassen, indem vnr uns an den Satz halten, dass sich Niemand die Wirkung durch den leeren Raum vorstellen kann, wenn nicht neuerdings der verdienstvolle Astrophysiker F. Zöllner in seinem Buche: ?Principien einer elektrodynamischen Theorie der Materie sich zur Vorstellung der Femwirkung fähig erklärt

1) Zweite Aufl. I. S. 261 bis 266. Vergl. auch meine Abhandlung: ?Der Verfall der kinetischen Atomistik im 17. Jahrhundert. Poggen-dorffs AnnaL Bd. 153, 8. 385.

58 Der Zusammenhang der Atome und die

hätte. Wenn man freflich dieser Fähigkeit anf den Grund geht, so zeigt sie sich eng benachbart der Fähigkeit, sich Klopfgeister und ähnUche Gespenster anschauhch Torzustellen und berührt doppelt eigenthümlich bei einem Forscher, dessen weiter Gesichtskreis und edele Begeisterung sonst so sympathisch wirken. Es zeigt sich nämUch, dass Zöllner gar nicht behauptet, dass Materie durch den leeren Raum hindurch auf Materie wirken könne. Er macht W. Thomson, CL Maxwell und E. du Bois-Beymond den Vorwurf^ dass sie in dem berühmten Briefe Newtons an Bentley^) die Stelle:

?It is inconceiTable, that inanimate brüte matter should, without the mediation of something eise, which is not mate-rial, operate upon, and affect other matter without mutsil contact; as it must de, if gravitation, in the sense of Epica-rus, be essential and inherent in if missverstanden haben, insofern sie die Worte inanimate brüte übersehen hätten. Denn von unbeseeltem, rohem Stoffe könne man freilich die Femwirkung nicht begreifen, so wenig man sich einen kugelförmigen Würfel vorstellen könne 2). Dagegen sei es begreiflich, wie beseelter, lebendiger Stoff ohne irgend eine sonstige Vermittelung auf einen anderen Körper ohne gegenseitige Berührung wirken könne. Das also ist Zöllner begreiflich! Denn, sagt er, es handelt sich hier nicht um ein physisches, sondern um ein metaphysisches Princip, um eine Willenskraft, und dass diese in angegebener Weise wirken könne, das haben ausser Newton auch noch andere Leute, wie John Herschel, Arthur Schopenhauer, Alfred Rüssel Wallace eingesehen.

Nun, mit jenem Zugeständniss, dass inanimate brüte matter nicht femwirkend auftreten könne, dürfen wir uns für befriedigt erklären. Denn wenn wir mit dem ?Willen als einem Erklärungsgrunde in die Wissenschaft kommen wollen, so hört eben alle Wissenschaft auf und die Gespensterseherei fangt an. Die

^) Letters to Dr. Bentley. Lett. m. Opera omnia ed. Horsley Lond. 1782. T. IV, p. 438. ? ^) A. a. O. 8. LX.

Mittheilung d. Bewegung als Andrangsempfindung. 59

Willensphilosophie ist nun schon oft genug abgehandelt worden! Eine ?Willenskraft giebt es überhaupt gar nichts); Bewegung kann nur wieder hervorgebracht werden durch Bewegung; das allein wissen wir, denn nur die Empfindung der Bewegung ist die in uns yorhaüdene Empfindungsthatsache; ohne Bewegung nützt uns aller Wille nichts. Wir können uns eine empfindende Materie denken; obwohl wir dieser Ansicht nicht huldigen (s. d. Schlussabschn.), ist sie doch begreiflich. Aber die Annahme, dass Empfindung Bewegung hervorbringen könne, ist eben so unstatthaft und unbegreiflich, wie die Behauptung des Materialismus, dass Bewegung Empfindung erzeugen könne. Allerdings kann Empfindung Bewegung insofern hervorbringen, als sie die Vorstellung der Bewegung enthält, nicht aber etwa eine transcendente Bewegung ausserhalb der Vorstellung. Jenes aber ist schon Eriticismus, und auf diesem Standpunkte bedarf es keiner weiteren Erklärung der Wirkung der Körper auf einander durch eine ?Willenskraft. Die Zöll-nersche (Schopenhauersche) Willenskraft aber ist einNou-menon, ein Ding an sich, während doch auch der Wille immer nur Phänomenen bleibt. Wir haben es eben mit einer falschen Hypostasirung zu thun.

Es hilft also gar nichts zur Naturerklärung, ob man einen Nachdruck auf die Worte ?inanimate brüte legt oder nicht; vielmehr wird die Sache für eine beseelte Materie noch viel schlimmer. Mit Einführung solcher Ideen in die Naturwissenschaft stellt sich Zöllner, wie übrigens noch aus vielen Stellen seines Buches hervorgeht, auf die Stufe jener Philosophen, welche AUes, was sie nicht erklären konnten, der unmittelbaren Einwirkung Gottes zuschrieben. Ein starker Gottesglaube ist gross und herrlich, aber er gehört in das ethische (jebiet, wo die Ideale fieie Hand haben. Bei der mechanischen Naturbetrachtung dürfen wir unter keinen Umständen den Factor

*) Vergl. A. Spir: Denken und Wirklichkeit Leipzig, 1877. II. S. 135 u. f. -r- Fe ebner, Phys. u. phil. Atomenlehre, 2. Aafl. S. 132. ? B. Avenarias, Phüosophieals Denken der Welt gemäss etc. S. 45.

60 Der Zusammenhang der Atome und die

eines göttlichen Willens in die Rechnung einführen. Mit solchem Versuche verlässt Zöllner die uns allein empirisch gegebene Welt der Erscheinung, und auf die neueste Wendung, welche seine Philosophie genommen hat, möchten wir ihm den Wamungsruf Spinozas entgegenhalten: ?VoluntasDei ? asy-lum ignorantiae.

So erklärt es sich denn auch, dass nicht nur die oben genannten Naturforscher, sondern auch die in diesem Felde grösste Autorität, F. A. Lange, keinen Werth auf jene Prädicate ?in-animate brüte gelegt haben ? weil ihre Hervorhebung durchaus nutzlos ist

Gemäss unserer Sinnlichkeit kennen wir nur die Wirkung durch unmittelbare Berührung i). Gegen die dynamische Atomistik theilen wir also mit der unkritischen Physik den Einwand, dass die unvermittelte Femwirkung anschauungslos sei Ebenso wenig aber können wir dem Physiker auf unkritischem Standpunkte das Recht einräumen, im Gegensatz zur Fem Wirkung etwa die Wirkung durch den Stoss bei unmittelbarer Berührung als eine begreifliche anzusehen. Denn es ist oflFenbar gleich unmöglich zu begreifen, dass ein Körper oder ein Atom durch ein anderes von ihm getrenntes in Bewegung versetzt werden kann, als dass die Bewegung eines anstossenden Atoms auf ein anderes durch unmittelbare Berührung übergehen könne. Wenn man die Atome als reale Dinge in einem realen leeren Räume auffasst, so wird man stets vergeblich versuchen, sich klar zu machen, wie überhaupt Bewegung mitgetheilt werden kann. Uebrigens ist ja auch dann der Begriff der Bewegung in sich widersprechend.

üeberlegen wir dagegen den Vorgang vom kritischen Standpunkte aus, so zeigt sich Bewegung nur als eine Form-

^) Die Frage: ?Wo existirt ein Körper? mit den Worten: ?da, wo er wirkt beantworten zu wollen, ist Sopliistik. Denn seinem Begriffe nach ist der Körper lediglich das ?RaumerfiiUende, er existirt also dort, wo er den Baum erfliUt, nicht dort, wo in Folge dieser Raomerföllung irgend welche, von sonstigen Umständen abhängige Veränderungen eintreten können. Sonst wäre jeder Körper überall, nur nicht dort, wo er ist.

Mittheilung d. Bewegung als Andrangsempfindung. 61

Veränderung in unserem phänomenalen Räume. Dabei bemerken wir aber, dass wir im Stande sind, Dinge an sich zu affici-reni) und dadurch Veränderungen hervorzurufen, welche uns als Bewegung in unserem phänomenalen Räume erscheinen. Wir wirken durch die unzweifelhaft vorhandene Welt der Nou-mena hindurch in einer Welt der Phänomene, und hier wird uns Bewegung als Erscheinung unmittelbar empirisch gewiss und zwar in der Form einer Widerstandswirkung oder stossenden Kraft, einer Andrangsempfindung. So kommen wir, wie schon oben erwähnt, auf die Bewegung der Atome; jede Bewegung umfasst aber nothwendig ihrem Begriffe nach Geschwindigkeit und Richtung. Erst durch diese beiden Eigenschaften in Verbindung mit jener Andrangsempfindung wird der Begriff einer bestunmten Bewegung erzeugt. Unsere Aufgabe gipfelt nun in der Beantwortung der Frage: Welche Gesetze der Bewegung der Atome ergeben sich nothwendig als Producte unserer Sinnlichkeit und unseres Verstandes?

Bewegung ist die phänomenale Form, in welcher unser unmittelbarer Verkehr (als der eines motorischen Umkreises) mit den unbekannten Dingen an sich erscheint Nur von diesem Punkte aus können wir eine Aufklärung darüber erhoffen, wie directe Wechselwirkung der Atome möglich ist; denn hier nur nehmen wir Uebertragung der Bewegung wahr, und wir fragen daher: Was nehmen wir bei Uebertragung der Bewegung wahr?

Uebertragung der Bewegung nehmen wir unzweifelhaft gewiss nur dann wahr, wenn wir selbst vermöge der Bewegungen

>) Der Ausdruck ?afficiren von dem Grenzbegriff des ,Dinges an sich gebraucht, ist freilich ungenau. Aber wie soll man sonst sagen? Wir können unzweifelhaft in der Welt der Noumena irgend einen unbekannten Process veranlassen, welcher uns phänomenal als causale Veränderung erscheint, wobei freilich die Ausdrücke ?Welt, ?Process, »veranlassen wieder nur aus der Erscheinungswelt, der unsere Sprache angehört, entliehen sind und sicherlich den ?Vorgang in den Dingen an sich nicht treffen.

62 Der Zusammenhang der Atome und die

unseres Körpers, von denen uns Tast- und Innervationsgefiihl unmittelbar und das Gesicht durch gewohnheitsmässig erlangte Uebung mittelbar Kunde geben, einen anderen Körper in Be-wegung setzen, d. h. die Noumena so afficiren, dass jener phänomenale Vorgang erscheint Dabei empfinden wir eine unmittelbare Berührung und einen Widerstand. Das ist wesentUchl Es ist dies der einzige Fall, in welchem wir üebertragung der Bewegung selbst dem Begriffe nach erzeugen, und nur aus dieser Erfahrung heraus sprechen wir überhaupt von einer solchen. Denn in allen übrigen Fällen, in welchen wir den Wechsel von Formveränderungen in unserem Gesichtsraume wahrnehmen, bleibt jede quantitative Beziehung ausgeschlossen, d. h. jede Beziehung auf einen Widerstand der Bewegung, auf eine Arbeitsleistung. Diese hängt an jener anderen Gruppe unserer Sinnlichkeit, durch welche wir immittel-bar an die Dinge an sich grenzen. Hätten wir nur die Baumbildung und Wahrnehmung durch den Gesichtssinn, so würden wir wohl einePhoronomie, aber keine Mechanik besitzen ? freiUch gäbe es dann auch nur einen Idealismus, keinen Eriti-cismus. Um jenen Unterschied an einem concreten Beispiel sich zu veranschauUchen, denke man an die Arbeit einer grossen Dampfmaschine. Wir stehen im Maschinenräume unmittelbar neben der Triebstange, die glatt und geräuschlos auf- und niederfährt und das gewaltige Schwungrad umdreht; wir haben gar keinen Begriff von der in Betracht kommenden Kraft; so leicht scheint uns das Spiel der Maschine, als könnten wir mit unserer Hand dieselbe Verschiebung vornehmen; jeder Anhalt fehlt uns, diese regelmässige Bewegung der Dampfmaschine von vielen hundert Pferdekräften zu unterscheiden von der leichten Bewegung eines Pendels, die der Hauch unseres Mundes hemmt. Erst wenn wir einen Blick werfen in den Arbeitssaal, wenn wir hunderte von Rädern in rasendem Wirbel gedreht, schwere Hämmer gehoben, dicke Eisenplatten wie Wachs durchbohrt sehen, dann begreifen wir, dass dort mehr geleistet wurde, als

ein Schattenspiel an der Wand; wir begreifen es, weil wir Ar-

__ #

beit sehen, weil wir die Ueberwindung eines ungeheuren Wider-

Mittheilung d. Bewegung als Andrangsempfindung. 63

Standes bemerken, den wir selbst zu schätzen verstehen, aus dem einzigen Grunde, dass wir in unserer eigenen Anstrengung, in unseren Tast- und Muskelgefühlen, einen ähnlichen Widerstand überwunden haben oder an seiner üeberwindung gescheitert sind. ? Erst indem wir einen Widerstand, welcher sich der Bewegung unseres Körpers entgegensetzt, überwinden, schaffen wir die Vorstellung einer Mittheilung unserer Bewegung an die Widerstand leistende Umgebung, welche wir als zurückweichend bemerken.

Da aber die Bewegung und ihre Mittheilung überhaupt nur darin besteht, dass wir jenen Begriff bilden, und da wir niemals eine andere Mittheilung der Bewegung als in unserer Andrangsempfindung unmittelbar kennen lernen können ? denn nur durch unsere Sinnlichkeit bilden wir den Begriff einer solchen ? so kann auch keine andere Art der Mittheilung existiren. Wir haben damit Ads erste Axiom gewonnen:

Bewegung wird von einem Körper an den anderen nur mitgetheilt durch unmittelbare Berührung (Stoss).

Nun übertragen wir auch diesen Begriff der Mittheilung auf Körper, von denen wir bemerken, dass sich ihre Bewegungen beeinflussen. Wir verbinden ihre Bewegungen durch die Kategorie der Causalität, indem wir die des einen als Ursache der des anderen ansehen. Aber diese Vorstellung einer Mittheilung der Bewegimg ist nur eine Folge davon, dass wir selbst bei unserer Bewegung durch den Baum eine solche erzeugen. Und hier tritt nun ein neues Moment auf, aufs engste verknüpft mit allem bisher Betrachteten. Der Widerstand, welchen dieTheile unseres Körpers bei der Bewegung empfinden, ist unter verschiedenen Umständen verschieden oder präciser mit anderen Worten: Bewegung als Andrangsempfindung lässt eine quantitative Schätzung zu. Wir bilden dadurch den Begriff von schwerer und leichter beweglichen Körpern, wir bilden die zusammenhängenden Begriffe von Masse und Trägheit, richtiger gesagt: wir bilden den

64 Der Zusammenhang der Atome und die

Begriff der Bewegungsgrösse und abstrahiren aus diesem die angegebenen.

Es handelt sich hier scheinbar um allgemein bekannte Dinge ? aber um Dinge, die nur dem Namen nach bekannt sind. Jeder weiss oder glaubt zu wissen, was Bewegungsgrösse, Masse, Trägheit bedeutet; widerspruchslos als Grundlagen der Physik aber lassen sich diese Begriffe nur auf kritischem Boden entwickeln, wie wir es hier versuchen. Wir müssen ihrer erkenntnisstheoretischen Entstehung auf den Grund gehen und finden denselben in dem Begriffe der Andrangsempfindung.

So lange wir den Widerstand gegen unsere Bewegungen ohne Rücksicht auf quantitative Unterschiede betrachteten, kamen wir zunächst nur zum Begriff der ündurchdringlichkeit, n den soliden Körpern. Dieser Widerstand bleibt, aber die Körper lassen im Vergleich zu anderen Körpern eine Verschiebung im Räume zu, welche auf den Begriff* eines Widerstandes der Bewegung der Körper (Andrangsempfindung) führt i). Dies ist eine neue Eigenschaft der Körper, und zwar eine solche, welche allen Körpern gemeinsam und nothwendig zukonunt; denn ihr Begriff war schon betheiligt bei der Bildung des Begriffs der Körper überhaupt ? Körper waren ja nothwendig im Räume beweglich (S. 25) ? und wir konnten nur an jener Stelle auf diese Eigenschaft nicht näher eingehen. Somit ist die Eigenschaft des Widerstandes bei der Bewegung eine zugleich den Atomen zukommende Eigenschaft, weil die Atome alle diejenigen Eigenschaften enthalten müssen, ohne welche die Bildung des Begriffs ?Körper nicht von Statten gehen kann.

Natürlich kann auf diese Weise, durch Abschätzung des sinnlichen Eindrucks, nur der rohe und noch wenig geläuterte Begriff einer solchen Eigenschaft der Materie entstehen, vermöge deren sie einem Bewegungsversuche einen grösseren oder

^) Vergl. hierzu W. *Wundt, örundz. d. physiol. Psychol. Leipz. 1874. S. 488 u. f. Nach Wundt setzt sich die VorsteUung der bewegenden Kraft zusammen aus der intendirten Anstrengung, welche in dem Innervationsgefühl ihr Maass hat, und aus der Vorstellung des Wider-standesi welche aus dem Tastgefühl stammt (S. 490).

Mittheilung d. Bewegung als Andrangsempfindung. 65

geringeren Widerstand entgegensetzt. Die scharfe FormuH-rung der Begriffe ?Bewegungsgrösse, ?Masse, ?Trägheit, ?Energie setzt, wie ein Blick auf die Geschichte der Wissenschaften zeigt, eine ausgedehnte Beobachtung und ein hoch entwickeltes wissenschaftliches Denken voraus. Aber es handelte sich zunächst ja auch nur darum zu zeigen, wie überhaupt die Grundlagen solcher Begriffe entstehen und entstehen müssen. Auch der Begriff des Raumes und des Stoffes ist im nicht wissenschaftlichen Denken des gewöhnlichen Menschen nicht derjenige, welchen der kritische Philosoph entwickelt; er ist von demselben nur deswegen weniger verschieden, weil die psychologische Entwickelung eines jeden Menschen die Bildung desselben erzwingt. Bei der Bildung jener BegpSe der Mechanik aber ist eine bewusste Anwendung des Causalitätsgesetzes und eine sorgfältige Denkoperation neben der Sammlung des empirischen Beobachtungsmaterials nothwendig, ehe es gelingt, den durch die Sphären der Sinnlichkeit unmittelbar gebildeten Begriff in einfachere, für die wissenschaftliche Behandlung sich eignende Unterbegriffe zu zerlegen.

Dass wir auf dem richtigen Wege sind, wenn wir bei Aufsuchung der Grundbegriffe der Mechanik vom unmittelbaren sinnlichen Eindruck der andringenden Materie, (welchen wir als das sogenannte Moment oder die Bewegungsgrösse erkennen werden) ausgehen, das bezeugt auch die historische Entstehung dieser Begriffe. Denn der Erste, welcher diese Begriffe wissenschaftlich feststellte, Galilei, kam auf die Einführung seines Momentes ebenfalls wahrscheinlich durch den Andrang (impeto) der Materie, den er als durch eine Muskelempfindung geschätzt dachte i). Bei seinem ersten Entstehen ist also jener Begriff so aufgefunden worden, dass Galilei dem Gefühl nachging, welches Bewegung von Körpern bei ihrem Andränge in ihm hervorrief. Es ist von hohem Interesse zu sehen, dass die fruchtbarsten wissenschaftlichen Principien ge-

) Vergl. Düliring, Kritische Geschichte der allgemeinen Principien der Mechanik. Leipz. 1877. 2. Aufl. S. 24.

66 Der Zusammenhang der Atome und die

Wonnen werden aus der Untersuchung der Art und Weise, wie eine bestimmte Erfahrung bei ims zu Stande kommt.

An diese unmittelbare Schätzung der Bewegung durch die Andrangsempfindung schliesst sich als eine unvermeidliche Folgerung das wichtige Axiom von der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung. Denn indem wir einen andringenden Körper aufhalten oder einen anderen in Bewegung versetzen wollen, entsteht aus unserer unmittelbaren Empfindung i) das aller Bewegung zu Grunde liegende Gesetz:

Jeder Wirkung entspricht eine gleiche Gegenwirkung.

Wenn man nun mit Rücksicht auf diesen Satz an die Principien der Mechanik mit Hülfe der Andrangsempfindung, als Grundlage aller Bewegungsvorstellung, herangeht, so könnte es scheinen, als müsse man eine Verwirrung zwischen Statik und Dynamik anrichten, welche bedenklich werden könnte. Denn die Andrangsempfindung schätzt den Stoss eines ankommenden Körpers zunächst allerdings nach dem statischen Druck, welcher von demselben ausgeübt wird, indem unser Körper einen gleichen Gegendruck ausübt. Dass bei dem Stosse noch ein dynamischer Bewegungseffect hervorgebracht wird, scheint sich bei dieser Betrachtungsart schlecht mit der Schätzung nach der Andrangsempfindung in Beziehung setzen zu lassen. Galilei, der, wie schon gesagt, von dieser Schätzung ausgegangen ist, hat nun freilich, wie auch Dühring^) bemerkt, jene dynamische Wirkung des Stosses übersehen. Wir werden aber bald Gelegenheit finden zu zeigen, wie dieser Fehler auf dem

*) Dass auch hier die empirische Physik, wie sie in den Ansichten der Mehrzahl der Forscher und Lehrer vertreten ist, in voller Ueber-einstimmung mit der kritischen Anschauung sich befindet, das beweist die übliche Herleitung dieses Axiomes aus der unmittelbaren sinnlichen Empfindung, wie sie sich z. B. bei Wuellner, Lehrb. der Experimentalphysik, Leipz. 1870; I, S. 61 findet. So verfährt auch Newton, Princip. math. Lex III. .

2) A. a. O. S. 157.

Mittheilung d. Bewegung als Andrangsempfindung. 67

gegenwärtigen Standpunkte unserer mechanischen Kenntnisse zu vermeiden ist, indem jene Andrangsempfindung aus zwei verschiedenen Gesichtspunkten quantitativ bestimmt werden kann. Daraus ergeben sich dann auch noch tiefer gehende Beziehungen zwischen statischer und dynamischer Wirkung sowie zwischen dem Stosse sogenannter elastischer und unelastischer Körper.

Die Principien der Meclianik.

In der That kann man es nicht anders erwarten, als dass wir die Gesetze der Bewegung dort auffinden werden, wo sie durch die Afficirung unserer Sinnlichkeit ihren Ursprung haben. Man vergesse nur niemals den grossen Spalt, welcher durch unsere Sinnlichkeit geht; jenen Spalt, von welchem W. GGering nachgewiesen hat, dass seine Vernachlässigung, wie sie bei Kant stattfand, den Kriticismus zum Idealismus treiben muss. Wir müssen das eigentlich empirisch Reale der Bewegung aufsuchen; nicht nur jene Formveränderungen in unserem Sehraum, durch welche allein wir, wie schon gesagt, wohl zu einer Kinematik oder Phoronomie, niemals aber zu einer Mechanik kommen würden. Dies empirisch Reale der Bewegung aber finden wir in dem ?Andrang der Materie, in jener Sphäre der Sinnlichkeit, durch welche allein wir ?als ein motorischer Umkreis wirklich mit Dingen an sich in Verbindung stehen. Freilich ist uns auch die Form dieser Empfindung nur Phänomen, aber mit derselben ist uns hier zugleich die Gewissheit einer Welt der Noumena ausser uns gegeben. Das ?empirisch Reale der Bewegung, was Galilei unter ?impeto verstand und wir als Andrangsempfindung bezeichneten, was man

gewöhnlich schlechthin ?Kraft nennt, ist also nicht nur empirisch real im gewöhnlichen Sinne, sondern es ist kraft der Natur unserer Sinnlichkeit unmittelbar gewiss und eine noth-wendige Erfahrung, die gar nicht anders gemacht werden kann; es ist, obwohl im Zusammenhang mit dem transcenden-ten Etwas, doch ein Product unseres Selbst, insofern es eben eine ganz bestimmte Vorstellung enthält und in einem unveränderlichen Begriffe erzeugt wird. Darum sind nun auch die Gesetze, welche der Bewegung zu Grunde liegen, a priori gewiss, wenn sie auch nicht a priori aufgefunden worden sind; Erfahrung kann uijs aber immer nur das Gesetz annähernd wahr zeigen; seine mathematische GeWisdheit fliesst uns aus derselben Quelle wie das Gesetz selbst.

Jene Andrangsempfindung der Bewegung, der Widerstand, welchen ein Körper jseiner Bewegung, d. h. der Ertheilung einer bestimmten Geschwindigkeit entgegensetzt, resp. die Wucht, mit welcher er gegen unseren Körper andringt, ist also das Ursprüngliche in dSr Mechanik, von welchem wir bei der Herleitung der Principien ausgehen müssen. Wir können diese Empfindungsthatsache ?Kraft** nennen, wenn wir uns nur nicht verleiten lassen, sogleich mit diesem Worte allerlei femliegende aber gewohnte Vorstellungen zu verbinden, namentlich Kraft als eine von Bewegtmg verschiedene Ursache zu sub-stantiiren* Diese Kraft findet einen anderen mathematischen Ausdruck, je nach dem Maasse, mit welchem wir sie messen; je nach dem erhalten wir verschiedene Principien, auf welche wir gleich näher eingehen werden. Ausserdein ergiebt sich aus dem Begriff dieser unmittelbar empfundenen ?Kraft mit Hülfe des Geschwindigkeitsbegriffs der Begriff der Masse.

Denn indem wir verschiedene Körper zu bewegen, d. h. ihnen eine bestimmte Geschwindigkeit zu ertheilen versuchen, bemerken wir ? ganz abgesehen vom wissenschaftlichen Experiment ? dass die Anstrengung oder die von uns aufgewandte Kraft zur Erreichung desselben Effects für verschiedene Körper eine verschiedene ist. Dasselbe zeigt sich bei dem Versuche, einen andringenden Körper aufzuhalten. Diesen von der Ge-

schwindigkeit des Körpers nnabhängigen Thefl der durch den bewegten Körper erzeugten Andrangsempfindong oder der zu seiner Bewegung aufzuwendenden Kraft nennen wir Masse. Wir bedienen uns absichtlich einer Reihe wechsehider und unbestimmter Ausdrücke für jene Empfindungsthatsache, die wir das empirisch Reale der Bewegung oder die Andrangsempfindung genannt haben, um Torläufig keine bestimmte Vorstellung über das Verhaltniss, in welchem Masse und Creschwin-digkeit hier stehen, aufkonmien zu lassen. Denn dies ist offenbar der Vorgang im gewöhnlichen Leben, dass wir wohl merken, in der Wucht der Bewegung spielt ausser der Geschwindigkeit noch eine andere Grösse eine Rolle, welche man die Masse nennt. Ueber die Art der Function, welche die Abhängigkeit der Bewegungskraft oder des Andrangs von diesen beiden Grössen ausdrückt, wird man sich aber erst durch eine strenge Untersuchung klar, wie sie sich in der Geschichte der Wissenschaften vollzogen hat. Es giebt dabei zwei Gesichtspunkte der Messung, durch welche man zu verschiedenen Gesetzen kommt, und die Vernachlässigung dieses Unterschiedes hat den berühmten Streit zwischen Descartes und Leibnitz über die Schätzung der Kräfte hervorgerufen. Wir gehen nun von dem rohen Begriff der Masse, wie ihn schon die alltägliche Erfahrung bildet, zur wissenschaftlichen Feststellung des Begriffes über.

Jene Kraft der Bewegung muss nach bestimmten Grundsätzen geschätzt und nebst der zugehörigen Geschwindigkeit mit fest bestimmten Maasseinheiten verglichen werden. Dadurch erhält man gewisse Beziehungen zwischen jenen Begriffen, und zwar quantitative Beziehungen, durch welche sie selbst an Klarheit gewinnen; es ergiebt sich die Form jener vorläufig als unbekannt angenommenen Function von Geschwindigkeit und Masse.

Die natürliche Schätzung jener Kraft, jenes unmittelbar Gewissen der Bewegung, geschieht nach dem momentanen Anstosse. Es handelt sich um einen einmaligen Andrang oder einen zu ertheilenden Stoss, und es wird dabei stillschweigend

vorausgesetzt, dass jene Kraft jedesmal denselben Zeitabschnitt hindurch thätig gewesen ist. Denn jene momentane Wirksamkeit kann bei den verschiedenen Fällen der Dauer nach als nicht verschieden angesehen werden, und so enthält die Auffassung jener Kraft als Bewegungsgrösse implicite die Voraussetzung, dass die Kraft der Bewegung gleiche Zeiten hindurch gewirkt hat. Die vollständige Vernachlässigung jeder Zeitbestimmung ist bei dem unmittelbaren sinnlichen Eindruck des Andranges einer Abschätzung nach gleichen Zeitabschnitten äquivalent. Denn sie hat eben ihren Grund darin, dass der Ein-fluss der Dauer der Andrangsempfindung der Gleichheit dieser Dauer wegen nicht zum Bewusstsein kommt. Sobald wir bemerken, dass die Zeit hierbei eine Rolle spielt, heben wir auch diese Beziehung deutlich hervor. Dies geschieht beim Aufsuchen eines mathematischen Ausdrucks für den Zusammenhang jener Grössen. Wir sagen dann ausdrücklich, dass wir jene unmittelbare Wirkung (?Kraft) des bewegten Körpers (Atoms) während der Zeiteinheit betrachten, und in diesem Sinne, bezogen auf die Einheit der Zeit, wollen wir sie jetzt kurzweg mit K bezeichnen. K ist also das, was wir die Andrangsempfindung der Bewegung genannt haben, betrachtet während der Einheit der Zeit. Da wir dieses K selbst als ein Quantum behandeln, so müssen wir natürlich auch für dieses eine Maasseinheit zu Grunde legen, welche im übrigen willkür-Uch gewählt ist, z. B. dasjenige K^ welches durch ein bestimmtes Volumen irgend eines bestimmten Stoffes bei der Geschwindigkeit 1 (d. i. die Geschwindigkeit, vermöge deren die Wegeinheit in der Zeiteinheit zurückgelegt wird) ausgeübt wird. Die Messung geschieht in der Physik bekanntlich durch Ge-? wichte, indem die Wirkung der Schwerkraft einen natürlichen Vergleichungspunkt abgiebt.

Vergleichen wir jene K genannte Grösse mit den usuellen Grössen der Mechanik, so können wir nunmehr den Namen ?Kraft für dieselbe gebrauchen. Denn jenes K^ die in der Zeiteinheit als Andrang zum Bewusstsein kommende Wirkung der Bewegung, ist ja dasjenige, vermöge dessen der Körper

selbst wieder Bewegung hervorruft, also das, was man nach dem gewöhnUchen Sprachgebrauch Kraft nennt. Ebenso kann diese Wirkungsfähigkeit aufgefasst werden als dem betreflfen-den Körper durch einen anderen bewegten Körper mitgetheilt; wenn man also auf die Art der Mijbtheilung nicht reflectirt, sondern nur darauf, dass jene Bewegung eine Ursache gehabt hat, so kann man ebenfalls sagen: Eine Kraft hat auf den Körper gewirkt und ihm jene Bewegung mitgetheilt Da nun der Be-griflF ?Kraft wirklich in vielen Fällen eine grosse Vereinfachung des Ausdrucks ermöglicht und sicherlich aus der Mechanik und Physik nicht sobald verbannt werden wird, so wollen wir uns diesem Gebrauche ebenfalls anschliessen, aber noch einmal auf die kritische Entstehung des Kraftbegriffes aufinerksam macha Danach ist Kraft nur ein Name für den unmittelbaren sinnlichen Eindruck, für den Impuls der Bewegung eines andringenden Körpers; insofern dadurch Bewegung unseres eigenen oder eines anderen Körpers hervorgerufen wird, ist Kraft auch Ursache einer Bewegung; nur hüte man sich, hierbei die Kraft als etwas in oder hinter der Materie Steckendes zu sub-stantüren, sondern man bedenke immer, dass Kraft nur ein Ausdruck ist für das empirisch Reale der Bewegung, für das eigenthümliche Wesen eines bewegten Körpers, insofern er selbst Bewegung zu ertheilen vermag i).

^) Man bemerkt, dass der Begriff des Stoffes gleichzeitig mit und darch diesen aKraftbegriff enstanden ist, indem wir eben das Undorch-dringUcbe Stoff nannten. Da wir ans hier genöthigt sehen, diesen Kraftbegriff einzuführen, kann es scheinen, als müsste sich der durch dieselbe Empfindung entstandene Stoffbegriff in ihn auflösen lassen. Aber man vergesse nicht, dass wir gezwungen waren den Stoff begriff bei der Verschmelzung unserer Sinnlichkeitssphären zu bilden, wodurch überhaupt erst eine Anschauung entstand und damit auch eine Anschaulichkeit dieses Kraftbegriffs. Wir würden niemals zu einer Anschauung kommen, woUten wir mit der Auflösung in Kräfte immer weiter gehen; die Katur unserer ?Organisation* zwingt uns, bei einer bestinmiten SteUe stehen zu bleiben und den Begriff des Stoffes zu bilden, wie oben ausgeführt wurde. Also hat F. A. Lange Becht, wenn er den Stoff für das erklärt, ?was wir nicht weiter in Kräfte auflösen können oder woUen. (A a. O. 8. 205.) Nur legen wir den Kachdruck auf das .können.* Wir können eben nicht anders, als die Welt in Baum und Stoff auffiusen.

Die Physik unterscheidet nun zwischen momentan oder einmalig und zwischen constant oder dauernd wirkenden Kräften. Mit diesen Begriffen haben wir uns auseinanderzusetzen; denn der weitere Unterschied zwischen constant imd veränderlich wirkenden Kräften ist ein unwesentlicher.

Kraft ist der Impuls, welchen ein Körper erhält oder ertheilt, und dieser Impuls ist selbst eine Empfindungsthatsache. Eine solche kann nur in der Zeit zu Stande kommen; auch der Impuls kann nur im Verlaufe der Zeit wirken, oder jede Kraft bedarf zu ihrer Mittheilung einer gewissen Zeit. In diesem Sinne fasst auch die Physik die momentan wirkenden Kräfte auf, nur wird die Zeit ihrer Wirkung als unendlich klein angenommen. Für uns ist es ganz gleichgültig, wie lange jener Impuls gewirkt hat; in dem Augenblicke, in welchem der Impuls zu wirken aufhört, besitzt der Körper nicht nur eine Geschwindigkeit von gewisser Grösse, sondern eben denjenigen Impuls, welcher während der verflossenen Zeit mitgetheilt werden konnt^ und vermöge dessen er fähig ist, einen quantitativ bestimmbaren Empfindungsandrang auszuüben. Dieser Impuls ist jetzt eine ganz bestimmte, die Bewegung,des Körpers charakterisirende und von nun an durchaus unveränderliche Grösse. Die Grösse desselben hängt sowohl von der Särke des mitgetheilten Impulses als von der Dauer der Zeit, während welcher derselbe wirksam war, ab; das Endresultat aber ist an sich nicht mehr veränderlich, und der so bewegte Körper besitzt eine bestimmte und unveränderliche Bewegungswucht, K,ti, vermöge deren er eine bestimmte Geschwindigkeit erreicht hat.


Akzeptieren

Diese Website benutzt Google Analytics um seinen Nutzen zu messen. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren