Aus meinen Kindertagen

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Aline Laurell

Wir freuen uns sehr, daß wir hier auf Mårbacka eine so liebe Erzieherin bekommen haben.

Sie heißt Aline Laurell; ihr Vater wohnte in Karlstadt, wo er erster Landesvermesser war, und die Familie war gewiß reich, so lange er lebte. Aber als er starb, wurde Alines Mutter arm, und Alines Tante, Frau Unger in West-Ämtervik, machte mit Vater und Mutter aus, daß Aline zu uns kommen und Anna und mir Unterricht im Französischen und im Klavierspiel geben sollte.

Und wir freuen uns auch sehr, daß sie eine Schwester mitbringt, die auch bei uns wohnen und mit uns andern bei Aline lernen wird. Sie heißt Emma und ist zehn Jahr alt. Und man merkt es ihr wohl an, daß die Familie reich gewesen ist, denn Emma hat sehr viele Mammelucken Gestickte Ansatzteile, die zur Verschönerung unten an den Höschen aufgeheftet werden. mit feinen Stickereien daran, die sie von Aline und ihren Schwestern geerbt hat; aber wir auf Mårbacka haben nie welche getragen. Und am Sonntagmorgen müht sich Emma damit ab, diese Mammelucken an ihre Beinkleider anzuheften, und das ist ein schreckliches Geschäft. Die einen sind zu weit, die andern zu lang; und wenn Emma sie dann anzieht, hängt das eine Hosenbein bis auf den Fuß herunter, und das andere geht nur bis unters Knie. Wir halten diese angesetzten Mammelucken für gar nichts Hübsches, besonders nicht, wenn sie schief sitzen; aber Emma denkt wohl, wenn sie eine ganze Schublade voll davon hat und sie überdies so schön gestickt sind, dann muß sie sie auch tragen.

Und es ist recht merkwürdig: gerade in dem Herbst, wo Aline zu uns kam, war ich nach Stockholm geschickt worden, um gymnastischen Unterricht zu nehmen, und dort wohnte ich in der Klarastraße Nr. 7 bei Onkel Oriel Afzelius und Tante Georgina und Elin und Allan. Ich war den ganzen Winter von Hause weg, und so sah ich Aline erst im nächsten Frühjahr. Ich war sehr glücklich, als ich wieder heimreisen durfte, aber doch war mir etwas bänglich zumute, weil ich wußte, daß wir eine Erzieherin bekommen hatten, und ich glaubte, alle Erzieherinnen seien alt und häßlich und böse.

Und als ich von Stockholm heimkam, hatte ich einen Panamahut mit einem blau und weißen Band und einer weißen Feder mit einer Schnalle darauf, sowie einen weißen Sommermantel mit glänzenden Knöpfen und ein Kleid aus blau und weißem Nesseltuch, das Tante Georgina mir hatte machen lassen, so daß ich also furchtbar fein war, als ich zu Hause eintraf. Und die gymnastischen Übungen hatten mir außerordentlich gut getan, man konnte jetzt kaum mehr sehen, daß ich hinkte. Ich war auch gewachsen, war ordentlich groß geworden und gar nicht mehr so blaß und mager wie im Herbst, wo ich nach Stockholm kam, sondern dick und rotbackig. Mein Haar hing mir jetzt in einen Zopf geflochten den Rücken hinab, anstatt daß es an den Ohren in Schnecken aufgesteckt war. Ja, die daheim konnten mich kaum wieder erkennen. Sie sagten, eine ganz neue Selma sei von Stockholm zurückgekommen.

Als ich Aline sah, war ich über die Maßen erstaunt, weil sie jung und hübsch war, und sie gefiel mir vom ersten Augenblick an. Aber als Aline mich sah, dachte sie, ich sähe aus wie ein richtiger kleiner Stockholmer Fratz, und sie fürchtete, daß ich recht verwöhnt und geziert sei.

Ich war sehr lange weg gewesen. Oh, ich hatte so viel zu berichten, daß ich nur immer schwatzte und schwatzte. Ich erzählte, daß ich in der Oper und im Schauspielhaus und im Kleinen Theater gewesen sei, und daß ich am ersten Mai im Tiergarten gestanden und den König Karl XV. und die Königin Lovisa und die kleine Sessan gesehen habe. Und ich erzählte, daß Laura Thiselius, das schönste Mädchen von Stockholm, in die gleiche Gymnastikschule gegangen war wie ich, wo ich sie jeden Tag anschauen konnte, und daß das Haus, in dem Onkel Oriel wohnte, einem Herzog gehörte, der ein Franzose war und dOtrante hieß, und daß dieser Pferde und Wagen, Kutscher und Diener hatte, und daß sein Vater während der Französischen Revolution etwas ganz Furchtbares gewesen sei. Und ich zeigte alle die schönen Bücher vor, die der Onkel und die Tante mir zu Weihnachten geschenkt hatten. Und ich prahlte mit dem großen Weihnachtsschmaus bei dem Großkaufmann Glosemeyer, zu dem Elin und Allan und ich eingeladen waren; und wie wir dort den Christbaum plündern durften und dann jedes von uns noch eine Tüte Süßigkeiten mit nach Hause bekam. Und ich war bei Lejas im Laden gewesen, wo ich unzählig viele Spielsachen und Schokoladezigarren sowie einen Springbrunnen mit rotem und blauem und grünem Wasser gesehen hatte, der Kalospinterokzomatokrene hieß.

All das hörte Aline Laurell mit an, und sie sagte weiter nichts dazu, aber sie dachte, diese Selma, die jetzt von Stockholm nach Hause gekommen war, sei doch ein recht altkluges kleines Ding.

Das schlimmste aber war, daß ich die ganze Zeit stockholmisch redete. Das wußte ich zwar selbst nicht, aber Aline Laurell hielt es für einen Beweis, wie geziert und verdreht ich war; denn wer in Wärmland geboren sei, der brauche sich doch wahrlich seiner Muttersprache nicht zu schämen.

Ich warf um mich mit Namen wie Königinstraße und Berzeliuspark und Schleuse und Blasienholm, ich redete von der Wachtparade und dem königlichen Schloß, ich war in der katholischen Kirche gewesen, hatte da den heiligen Georg und in der Hauptkirche das Jüngste Gericht gesehen, hatte von Onkel Oriel alle Romane von Walter Scott zum Lesen bekommen, und ich hatte Unterricht bei einer sehr netten Lehrerin gehabt, die sagte, daß sie glaube, ich könnte auch einmal Lehrerin werden, wenn ich groß sei.

All dies hörte Aline Laurell mit an, und sie dachte, mit diesem Mädchen, das so eingebildet sei, werde sie sich niemals befreunden können.

Und weil es jetzt nur noch vierzehn Tage bis zu den Sommerferien waren, wo Aline und Emma zu ihrer Mutter nach Karlstadt reisen durften, sagte mein Vater, es hätte keinen Wert, wenn ich jetzt mit dem Unterricht bei Aline anfinge, sondern ich dürfe bis zum Herbst ganz los und ledig sein.

Und das behagte mir sehr. Ich ging in die Küche und plauderte mit der Haushälterin, und ich betrachtete mir Gerdas Puppen und spielte mit den Hunden und den Miezekätzchen, las meiner Mutter aus »Nösselts allgemeiner Weltgeschichte für Damen« vor, half Tante Lovisa im Garten beim Säen und Pflanzen; aber als ich ein paar Tage zu Hause gewesen war, ging ich an einem Vormittag mitten in den Unterrichtsstunden ins Kinderzimmer, natürlich nicht, um zu lernen oder zu rechnen oder zu schreiben, sondern nur, um zu sehen, was sie da trieben.

Aline gibt Anna und Emma gerade Religionsstunde, und Anna liest eben den langen schweren Spruch vor: »So die Heiden, die das Gesetz nicht haben ...«

Als Anna fertig ist, spricht Aline mit ihr und Emma über das Gewissen. Sie erklärt ihnen den langen und schweren Spruch so gut, daß Anna und Emma die Bedeutung vollkommen verstehen und ich ebenfalls. Aline hat sicher sehr recht, wenn sie sagt, daß wir immer das tun sollten, was unser Gewissen uns befiehlt. Denn dann ersparten wir uns Gewissensbisse.

Als die Stunde zu Ende ist, schlägt es elf Uhr, und Anna und Emma dürfen zehn Minuten lang im Freien spielen, ich aber bleibe im Kinderzimmer.

Ich stelle mich neben Aline; ich bekomme ganz heiße Wangen und frage mit so leiser Stimme, daß Aline mich kaum verstehen kann, ob sie mir helfen wolle, einer Bahnwärterfrau, die in Laxå wohne, vierundzwanzig Schillinge zu schicken.

»Ja, das werde ich schon können,« sagt Aline, »wenn du nur weißt, wie sie heißt.«

»Nein, das weiß ich nicht,« erwidere ich, »denn als der Zug, mit dem ich heimreiste, nach Laxå kam, überfuhr er einen Bahnwärter. Ich hab ihn nicht gesehen, aber die Leute im Zug sagten, er sei mitten durchgeschnitten worden.«

»Ach so,« sagt Aline, »und nun tut dir die Frau so sehr leid?«

»Sie schrie ganz entsetzlich,« antworte ich. »Sie kam vom Bahnhof hergerannt. Ach, sie schrie ganz entsetzlich. Die Leute sagten auch, sie ist arm und hat viele Kinder.«

»Ja, jetzt erinnere ich mich, daß ich von dem Unglück in der Zeitung gelesen habe,« sagt Aline. »Aber hat man nicht gleich eine Sammlung für sie veranstaltet?«

»Doch,« antworte ich, »das tat man. Ein Schaffner kam zu uns in den Wagen herein und fragte, ob wir der Bahnwärterfrau helfen wollten. Und viele gaben etwas, ich aber gab nichts.«

»Hattest du denn Geld?« fragt Aline.

»Ja, ich hatte zwei Zwölfschillingstücke, aber dafür hatte ich unterwegs in Karlstadt gebrannte Mandeln und Haselnüsse kaufen wollen, damit ich für Anna und Gerda etwas zum Mitbringen hätte. Und es ging auch alles so schnell. Der Schaffner hatte es sehr eilig, und er sah nicht ein einziges Mal nach meiner Seite hin. Und ich brachte es nicht über mich, ihm mein Geld zu geben.«

»Aber jetzt willst du es doch hinschicken?«

»Ja, wenn man mir nur dazu helfen will. In Karlstadt hab ich dann keine gebrannten Mandeln gekauft, und so hab ich das Geld noch. Ich schämte mich, während ich da im Zuge saß, mir war, als sähen mich alle, die in dem Abteil saßen, an und fragten, warum ich nichts gegeben hätte. Und ich hab mich auch hier daheim noch jeden Tag darüber geschämt. Nun möchte ich eben der Bahnwärterfrau so schrecklich gern dieses Geld schicken.«

Aline sieht mich mit ihren großen grauen Augen an.

»Warum hast du nicht mit deiner Mutter darüber geredet?« fragt sie.

»Ich wollte keinem Menschen etwas davon sagen, aber nun hab ich gehört, was du vorhin über das Gewissen gesagt hast.«

»Ach so,« erwidert Aline. »Ja, dann werde ich dir wohl helfen müssen.«

Und ich hole meine zwei Zwölfschillingstücke und gebe sie ihr.

Aber von da an sind Aline und ich gute Freunde. Ich bespreche alles mit ihr, was ich sonst keinem Menschen sage. Ja, ich erzähle ihr sogar, daß ich einmal, als ich erst sieben Jahr alt war, ein sehr schönes Buch gelesen habe, das »Oceala« hieß, und daß ich damals beschlossen hätte, wenn ich erst groß sei, wollte ich nichts anderes mehr tun, als Romane schreiben.

Die Erbauungsstunde

Wir freuen uns immer, wenn wir am Sonntagnachmittag die Postsachen holen dürfen. Aber nur wir Großen, Anna, Emma Laurell und ich dürfen gehen. Wir schleichen uns davon, ehe Gerda von ihrem Nachmittagschlaf aufwacht, damit sie nicht zu weinen braucht, weil sie nicht mitkommen darf. Seht, Gerda ist erst sechs Jahr alt, und wir meinen, der Weg ist für so eine kleine Person zu schwierig, weil sie nicht über Gräben springen oder über Zäune klettern kann, ohne daß man ihr hilft.

Bisweilen kommt das Kindermädchen Maja dazu und fragt, ob sie mitgehen dürfe, denn es ist ihr langweilig, wenn sie einen ganzen Sonntag daheim bleiben soll. Maja ist Gerdas Kindermädchen, und weder Vater noch Mutter haben ihr befohlen, mit uns zu gehen, um uns zu beaufsichtigen. Wenn Anna zwölf Jahr alt ist und Emma Laurell elf und ich zehn, dann meinen wir wirklich, daß wir niemand brauchen, der uns behütet. Maja geht nur mit, weil es ihr selbst Spaß macht. Sie will lieber mit Anna und Emma Laurell und mir die Post holen, als sich daheim auf dem Hofplatz mit Lars Nylund und Magnus Engström unterhalten. Maja sagt, diese Burschen schwatzen lauter dummes Zeug.

An diesem Tag geht Maja auch wieder mit uns, und die ganze Zeit, während wir am Viehstall vorbei und über die Wiesen hinunter und an Per in Berlins Leutnant Lagerlöf hatte die Häuser seiner Kätner nach den Hauptstädten in Europa genannt: Per in Berlin, Magnus in Wien, Lars in London. Häuschen vorbeigehen, erzählt uns Maja, wie es war, als sie und Lars Nylund und die andern kleinen Kinder von der Högbergalm die Schafe im Åßwalde hüteten. Und Lars Nylund hatte einmal eine Kreuzotter totgeschlagen, gerade in dem Augenblick, wo sie Maja in die große Zehe beißen wollte. Und einmal war Maja bis zum Kinn in ein tiefes Moor eingesunken, und sie hätte nie wieder das Tageslicht erblickt, wenn nicht Lars Nylund herbeigeeilt wäre und sie herausgezogen hätte.

Maja erzählen zu hören, wie es damals beim Viehhüten war, ist immer unterhaltend; doch dann sagt Anna plötzlich, man könne wohl merken, daß Maja recht verliebt in Lars Nylund ist. Maja aber erwidert, das sei nicht wahr, denn jetzt habe sie Schluß gemacht; sie hätten nur so gespielt, als sie noch klein waren. Ich aber war ärgerlich, weil Anna die Maja böse gemacht hatte, denn nun wollte diese nichts mehr erzählen.

Es ist doch recht gut, daß Gerda nicht mitgekommen ist, denn sie wäre schrecklich müde geworden, weil sie doch erst sechs Jahr alt ist! Ich selbst werde ja müde, und ich bin zehn. Aber nicht, weil es mich sonst anstrengen würde, wenn ich eine Viertelmeile oder auch mehr gehe. Seit dem Winter, wo ich in Stockholm war und in die Gymnastik ging, tut mir mein Bein gar nicht mehr weh. Aber seht, der Weg von Per in Berlins Hütte bis zum Wirtshaus in Högberg ist so aufgeweicht wie ein Moor. Wenn man den Fuß hebt, quietscht der Boden. Wir haben nicht gewußt, daß es hier westwärts schon richtig aufgetaut ist, denn es taut ja erst seit ein paar Tagen. Anna sagt, der Postillon sei auch gewiß durch den schlechten Weg aufgehalten worden und wir würden gar keine Post bekommen.

Ich begreife nicht, wie Anna alles wissen kann. Denn siehe, als wir am Wirtshaus ankommen, ist das erste, was wir hören, daß der Postillon noch nicht vorbeigefahren ist und keine Post für Mårbacka abgegeben hat. Anna meint, wir sollten gleich umkehren, aber Maja fragt, ob wir nicht lieber eine Weile warten sollten, weil der Herr Leutnant Lagerlöf sehr ärgerlich sein würde, wenn wir ohne Post nach Hause kämen.

Ich bin froh, als Anna nachgibt, weil ich nun in die große Wirtshausstube gehen und mich da ein wenig ausruhen kann. Die Wirtsfrau stellt in der Nähe der Tür Stühle für uns hin, und wir bleiben da ganz still und stumm sitzen, denn niemand redet uns an. Statt dessen sehen wir uns in der Stube um. Auf einem großen Tisch vorn am Fenster ist Brot und Butter und Käse aufgestellt, und auf einem andern Tisch stehen viele Kaffeetassen und Kuchenschalen. Auf dem Herd sehe ich mehrere große Kaffeekannen, die zischen und summen und ab und zu überkochen. Die älteste Tochter des Hauses mahlt eifrig Kaffee. Maja sagt halblaut, nichts rieche so gut wie Kaffee, besonders wenn man müde und naß und verfroren sei, und das meinen wir andern alle auch; aber Anna gebietet uns Schweigen, damit die Wirtsleute nicht etwa auf den Gedanken kommen könnten, wir erwarteten, daß man uns etwas anbiete.

Man bietet uns auch nichts an, und nach einer Weile geht Maja hinaus, um zu sehen, ob man den Postillon noch nicht drüben am Hügel erblicken kann. Sie bleibt so lange fort, daß wir glauben, wir würden sie nie mehr zu sehen bekommen, und außerdem werden wir unruhig, weil wir sehen, daß sich draußen auf dem Hofplatz sehr viele Leute versammeln. Einige öffnen die Tür, wie um hereinzukommen, aber sobald sie uns wahrnehmen, schütteln sie den Kopf und drehen wieder um. Und wir hören, daß die älteste Tochter, die vorhin Kaffee gemahlen hat, der Wirtsfrau zuflüstert, ob denn die Kinder von Mårbacka gar nicht wieder gehen würden. Und Anna flüstert Emma Laurell und mir zu, sie glaube, hier werde ein Fest gefeiert, und man möchte uns gerne los sein. Wir wollen auch nicht im Wege sein, und wir beschließen, schnellstens fortzugehen, sobald Maja wieder erscheint.

Aber Maja ist und bleibt fort, und ich höre, wie Anna Emma Laurell zuflüstert, Maja habe sich wohl hier im Wirtshaus mit Lars Nylund zusammenbestellt und deshalb sei sie wohl so darauf aus gewesen, mit uns zu gehen. Aber ich kann Maja solche Verschlagenheit nicht zutrauen. Ich schaue die ganze Zeit unverwandt durchs Fenster hinaus, ob ich sie nicht auftauchen sehe.

Mir gerade gegenüber auf der andern Seite des Hofs ist ein Stallgebäude, und an der Ecke dieses Stalls befindet sich eine alte Treppe, so eingebaut, daß man nur die zwei untersten Stufen sehen kann. Und auf dieser Treppe stehen zwei Menschen. Ich kann nicht sehen, wer sie sind, denn von dem einen ist nur ein Paar Stiefel sichtbar und ein Stück von einem Paar Hosenbeinen, und von dem andern nur ein Paar Schuhe und ein Stück von einem gestreiften Rock. Aber die beiden müssen einander sehr viel zu sagen haben, denn sie haben jetzt schon eine gute Weile da auf der Treppe gestanden. Das sonderbarste aber ist, daß ich den gestreiften Rock zu kennen meine, obgleich es ja recht merkwürdig wäre, wenn Maja sich da hinstellen und sich mit einem Paar Hosenbeinen unterhalten würde, wenn sie doch hinausging, um nach dem Postillon auszuschauen, der auf der Landstraße dahergefahren kommt.

Ich wollte eben Anna fragen, was sie von dem gestreiften Rock denke, als die Wirtsfrau zu uns herüberkommt. Sie redet nicht mit uns, als sie vorbeigeht, sondern sagt wie zu sich selbst: »Ja, es ist eine rechte Freude, Paulus Andersson von Sandarne reden zu hören.«

Wir sitzen ganz still und hören nur zu. Die Wirtsfrau steht nun hinter uns und nimmt einige Scheite aus dem Holzkasten.

»Gott sei Lob und Dank, daß Paulus Andersson heute nachmittag um vier Uhr in meinem Haus eine Erbauungsstunde halten wird!« sagt sie vor sich hin, während sie mit den Holzscheiten wettert. »Alle, die hierbleiben und zuhören wollen, sind uns willkommen,« fährt sie fort. »Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen, sage ich, wie der Heiland. Aber wer die Menschen mehr fürchtet als Gott, der soll seiner Wege gehen.«

Unsere Augen richten sich sofort alle miteinander auf die große Wanduhr. Und siehe, es sind nur noch fünf Minuten bis vier! Und Emma Laurell und ich, wir springen von unsern Stühlen auf, um zu gehen; aber Anna bleibt unbeweglich sitzen, und sie macht uns ein Zeichen, daß wir auch sitzen bleiben sollen.

Aber was um alles in der Welt denkt sich Anna nur? Meint sie denn, wir sollen hier bleiben und der Erbauungsstunde anwohnen? Denkt Anna denn gar nicht daran, daß Kolporteure und Stundenhalter das schlimmste sind, was unser Vater kennt? Hat sie vergessen, wie oft Vater gesagt hat, wenn irgend jemand aus seinem Hause in so eine Erbauungsstunde ginge, dürfe er sich nie mehr bei ihm blicken lassen?

Es gelingt mir nicht mehr, Anna zu fragen, was sie denkt und zu tun im Sinne hat, denn jetzt erscheint Maja. Fast atemlos teilt sie uns eifrig mit, daß in dieser Stube um vier Uhr Erbauungsstunde gehalten werde und wir uns deshalb sofort auf den Heimweg machen müßten. Aber Anna will nicht fortgehen.

»Aber Anna, dein Vater will doch nicht, daß wir einen Stundenhalter hören, das weißt du recht gut!«

Doch Anna erwidert: »Wir können ja nichts dafür, daß hier eine Erbauungsstunde gehalten wird, während wir hier auf die Post warten.«

»Aber jetzt bekomme ich furchtbar Angst, und ich glaube, ich laufe allein nach Hause,« sagt Maja.

»Ich habe schon die ganze Zeit heimgehen wollen,« flüstert Anna, und man hört ihr an, wie böse sie auf Maja ist. »Aber du hast uns verlockt, hierzubleiben, damit du mit Lars Nylund schwatzen konntest. Jetzt mußt du die Folgen auf dich nehmen.«

Und jetzt können wir auch nicht noch länger beraten, denn ein paar junge Burschen kommen herein. Sie stellen Bänke und Stühle auf, und als dies getan ist, stürmen alle die Leute, die draußen auf dem Hofplatz gewartet haben, in die Stube herein, die sofort gedrückt voll ist. Wir schieben unsere Stühle nur etwas weiter nach der Wand zurück und bleiben da sitzen, denn wenn Anna keine Angst hat, dann ist es wohl für uns andere auch nicht so gefährlich. Und wir sind ja auch alle überaus neugierig, wie es bei so einer Erbauungsstunde zugeht.

Zuletzt erscheint Paulus Andersson von Sandarne. Er sieht indes ganz wie ein gewöhnlicher Bauer aus, und so kann ich mir nichts anderes denken, als daß er auf ganz gewöhnliche Art predigen wird. Aber ich kann dem, was er sagt, nicht richtig folgen, ich muß nur immer daran denken, wie es uns gehen wird, wenn wir heimkommen.

Es wird gar nichts helfen, wenn wir zu Vater sagen, wir hätten auf die Post gewartet. Das kann sich selbst Anna nicht einbilden. Nein, wir werden aus unserer guten Heimat hinausgeworfen werden, weil wir ungehorsam und neugierig waren. Es wird uns gehen, wie einst Adam und Eva.

Womit wird uns Anna verteidigen können, wenn wir heimkommen, und was soll dann aus uns werden? Wir müssen wohl auf die Landstraße hinaus und betteln. Maja hat ihre Eltern auf der Högbergalm, und Emma Laurell hat ihre Mutter in Karlstadt, aber Anna und ich, wir haben nichts als Mårbacka.

Wenn ich daran denke, daß Vater zu sagen pflegt, Kolporteure und Stundenhalter seien ein schlimmeres Gesindel als Diebe und Mörder, und sie müßten alle miteinander in Marstrand im Gefängnis eingesperrt werden, dann kann man ja nichts anderes erwarten, als daß er uns auf die Landstraße hinausjagen wird.

Ach, Gerda, die heute nicht mitkommen durfte, die Post zu holen, ja, die hat es gut! Sie weiß gar nicht, wie glücklich sie ist!

Jetzt stößt mich Anna mit dem Ellbogen an, und ich sehe einen großen Mann an der Tür stehen, der eine Posttasche in die Höhe hält. Sofort schleichen wir uns hinaus und gehen nun heimwärts, Anna und Emma Laurell, Maja und ich; aber wir sind sehr niedergedrückt und verdrießlich und angstvoll; auf dem ganzen Heimweg bringt keines von uns ein einziges Wort über die Lippen.

Als wir an Per in Berlins Haus vorüber sind und über die Wiesen hin und den Scheunenhügel hinauf sehen können, erblicken wir unsere große Köchin Lina, die dort auf uns wartet.

Ach, sie ist immer so sehr nett! Jetzt will sie sicher nichts weiter, als uns warnen.

»Warum kommt ihr so spät?« fragt sie. »Kaum wart ihr fort, als der Herr Leutnant erfuhr, daß im Gasthaus eine Erbauungsstunde gehalten werden soll, und jetzt hat er den ganzen Abend über euer Ausbleiben losgezogen, weil er Angst hatte, ihr könntet auch gleich solche Mucker werden.«

Wir haben keine Zeit, ihr zu antworten, wir eilen nur durch den Hof nach der Treppe; aber siehe da, nun wagt Maja nicht, mit uns durch den großen Hauseingang hineinzugehen, sie schleicht sich nach der Küchentür davon.

Aber Anna hat kein bißchen Angst, sie geht nur ruhig weiter. Und gerade, wie sie die Flurtür aufmacht, sagt sie zu uns, wir sollten lieber nichts von Majas Zusammensein mit Lars Nylund sagen, denn sie wolle nicht, daß Maja deshalb Verdruß bekomme. Aber sie sagt kein Wort davon, daß wir über die Erbauungsstunde schweigen sollen.

Anna geht durch den Flur geradeswegs in die Stube hinein, und ich und Emma folgen ihr. Anna legt nicht einmal ihre Überkleider ab, und wir andern tun es auch nicht. Wir halten es für das beste, zu tun, was sie tut.

Im Saal sind die Vorhänge zugezogen, und die Lampe ist angezündet. Mutter und Aline Laurell sitzen an dem runden Tisch vor dem Sofa und legen Sympathiepatience. Tante Lovisa hat Gerda neben sich und zeichnet ihr eine kleine Blume, Vater sitzt im Schaukelstuhl und plaudert wie gewöhnlich mit den andern.

Und obgleich Anna weiß, daß sie bei der Erbauungsstunde zugegen war, was uns ja Vater verboten hat, geht sie doch gerade auf ihn zu und reicht ihm die Posttasche.

»Hier ist die Post, Vater,« sagt sie.

Aber jetzt sieht es aus, als ob Vater so tun wollte, als bemerke er gar nicht, daß wir heimgekommen sind. Anna muß unbeachtet mit ihrer Posttasche vor ihm stehen bleiben. Er nimmt sie ihr nicht ab, sondern plaudert mit Mutter und Aline Laurell weiter.

Und wenn Vater das tut, dann ist es ein Beweis, daß er sehr böse ist.

Mutter und Aline legen ihre Sympathiepatiencekarten zusammen, und Tante Lovisa zeichnet nicht weiter an ihrer kleinen Blüte. Und keines von ihnen sagt ein Wort. Emma Laurell und ich fassen einander an der Hand, weil wir Todesangst haben, aber Anna ist ganz ruhig und freimütig.

»Die Wege waren sehr schlecht, deshalb ist der Postillon zu spät gekommen,« sagt sie. »Wir mußten im Gasthaus bis fünf Uhr warten.«

Vater schaukelt nur weiter und hört gar nicht, was Anna sagt; aber jetzt ergreift Mutter das Wort.

»Sag, Anna, was tatet ihr, während ihr dort im Wirtshaus gewartet habt?«

»Während der ersten Stunde taten wir gar nichts. Dann kam ein Kolporteur herein und hielt eine Erbauungsstunde,« antwortet Anna. »Aber sobald der Postillon mit der Posttasche da war, gingen wir nach Hause.«

»Aber, Anna,« sagt Mutter, »du weißt doch, daß Vater euch verboten hat, die Predigten von solchen Stundenhaltern anzuhören?«

»Jawohl,« antwortet Anna, »aber siehst du, Mutter, es war ja Paulus von Sandarne, und du weißt doch, daß er der allergefährlichste von allen miteinander ist.«

»Ja, aber liebes Kind,« erwidert die Mutter, »war es ein Grund, dazubleiben, weil er so gefährlich ist?«

»Wir wußten nicht, daß eine Erbauungsstunde gehalten werden sollte, erst gerade bevor sie anfing, erfuhren wir es,« erklärt Anna. »Und ich dachte, wenn wir in diesem Augenblick fortgingen, dann könnte er so böse auf uns werden, daß er hierher nach Mårbacka kommen und stehlen würde.«

»Aber was faselt denn das Mädchen?« murmelt Vater, und er hält den Schaukelstuhl jäh an. »Sie wird doch nicht verrückt geworden sein?«

Plötzlich sehe ich, daß Aline Laurell sich mit dunkelroten aufgeblasenen Wangen über die Spielkarten vorbeugt, damit man nicht merken soll, daß sie auf dem Punkt ist, in helles Lachen auszubrechen. Aber Tante Lovisa lehnt sich in die Sofaecke zurück und lacht so widerstandslos, daß sie sich die Hände in die Seiten drücken muß.

»Ja, da siehst dus, Gustav,« sagt Mutter, und man hört es ihrer Stimme an, daß sie auch gern gelacht hätte, »wie es geht, wenn du so übertreibst.«

Darauf wendet sie sich wieder an Anna und fragt: »Wer hat denn gesagt, daß Paulus von Sandarne ein Dieb sein soll?«

»Aber Vater hat doch gesagt, er sei ein ärgerer Halunke als Lasse-Maja,« antwortet Anna, »und er müßte eigentlich im Gefängnis sitzen.«

Und jetzt lachen Emma Laurell und ich auch mit, denn wir haben ja immer begriffen, wie Vater es meinte, wenn er sagte, die Kolporteure und Stundenhalter seien ebenso schlimm wie Zuchthäusler. Und wir hätten uns doch niemals denken können, daß Anna, die volle zwölf Jahr alt ist, das Wort für Wort glauben könnte.

Als nun alle miteinander laut lachen, geht Anna wohl ein Licht darüber auf, daß sie etwas Dummes gemacht hat, und ihre Oberlippe beginnt zu zittern, wie wenn sie in Tränen ausbrechen wollte.

Doch nun steht Vater von seinem Stuhl auf und nimmt ihr die Posttasche ab.

»Ja, es ist gut, Anna,« sagt er. »Du bist mein liebes Mädchen. Kümmere dich nicht um die andern, die jetzt lachen, denn siehst du, wir zwei, wir haben recht. Nimm jetzt Emma und Selma mit, legt eure Überkleider ab und zieht andre Schuhe an! Und dann dürft ihr die Tante um Sirup und Mandeln bitten, damit ihr euch gebrannte Mandeln machen könnt, denn ihr müßt doch wohl eine kleine Belohnung bekommen, weil ihr so lange auf die Post habt warten müssen.«

Das Gelübde

Nichts ist so vergnüglich, als wenn Vater von einer Reise heimkommt.

Am Tage, nachdem wir der Erbauungsstunde beigewohnt hatten, war Vater fortgefahren und seither nicht wieder dagewesen. Wir finden es recht langweilig, wenn Vater nicht daheim ist. Niemand plaudert, während wir zu Mittag essen, und niemand spielt mit uns nach dem Abendbrot. Das Kindermädchen Maja sagt, er reise umher und erhebe Steuern, und sie will behaupten, er sei erst ein paar Wochen fort. Aber wir verlassen uns nicht mehr auf Maja, seit sie mit Lars Nylund dort im Gasthaus auf der Stalltreppe stand, sondern wir meinen, Vater sei schon viele Monate von Hause fort.

Aber dann eines Morgens sagt Mutter, heute abend komme Vater wieder heim, und wir sind hochbeglückt über diese Nachricht.

Den ganzen Tag hindurch, sobald sich nur Gelegenheit dazu bietet, machen wir die Haustür auf, laufen auf die Freitreppe und horchen und lugen hinaus. Mutter sagt, wir müßten im Hause bleiben, denn wir würden uns draußen nur erkälten; aber wir kümmern uns nicht einen Deut darum.

Aline Laurell beklagt sich über uns, weil wir unsere Gedanken nicht beisammen haben, als sie uns unsere Aufgaben abhört.

»Wenn ich nicht wüßte, wer heut abend erwartet wird,« sagt sie, »dann würdet ihr alle miteinander schlechte Noten bekommen.«

Gerda ist den ganzen Tag mit ihren Puppen beschäftigt. Sie zieht sie an, zieht sie wieder aus und zieht sie wieder an. Sie kann sie gar nicht schön genug machen.

Anna und ich sagen zu Emma Laurell, sie könne ganz sicher sein, daß unser Vater auch für sie Spielsachen mitbringe, wie für uns. Oh, sie kennt unsern Vater nicht, wenn sie daran zweifeln kann!

Als es vier Uhr schlägt und die Unterrichtstunden zu Ende sind, sagt Aline Laurell, sie wolle uns die Aufgaben für den nächsten Tag erlassen, denn wir könnten sie ja doch nicht lernen, das wisse sie im voraus. Und wir alle miteinander, Anna und Emma Laurell, Gerda und ich eilen nun hinaus zum Empfang unseres Vaters. Zuerst gehen wir in den Stall und holen den großen Ziegenbock, den Johann in der letzten Weihnachtszeit für uns eingefahren hat, und spannen ihn vor den Schlitten, damit es recht feierlich aussehen soll. Die Schlittenbahn ist fast ganz aufgetaut, aber Vater freut sich doch, wenn er uns mit dem Ziegenbock ihm entgegenkommen sieht.

Ach, und was haben wir für ein Glück ? »Dusel« pflegt Emma Laurell zu sagen ?, wir haben kaum das Ende der Allee erreicht, als wir auch schon Schlittengeklingel hören. Und gleich darauf kommt jemand dahergefahren, und wir erkennen den Braunen und den Schlitten und Magnus in Wien und den Vater selbst in seinem großen Wolfspelz. Es gelingt uns gerade noch, durch Stoßen und Schieben den Ziegenbock in Bewegung zu setzen; denn so gut eingefahren, daß er ausweicht, wenn ihm ein Pferd entgegenkommt, ist er nicht, sondern er stellt sich dann lieber auf die Hinterbeine und schiebt den Kopf vor und will das Pferd in den Graben stoßen.

Aber wie merkwürdig ist es doch: Vater hält diesmal gar nicht an, und begrüßt uns auch nicht! Wir haben ja nicht weit nach Hause, aber wir hatten doch geglaubt, daß Gerda und ich, oder wenigstens Gerda, in den Schlitten steigen und mit Vater bis zur Haustür fahren dürften. Aber Vater nickt uns nur ein ganz klein wenig zu und fährt an uns vorbei.

Jetzt bereuen wir es, daß wir den Ziegenbock mitgenommen haben, denn wir wollen so rasch wie möglich heim, aber der Ziegenbock ist eben noch nicht ganz eingefahren; er dreht nicht um, wenn man am Zügel zieht, nein, das Umwenden wird auf andere Weise bewerkstelligt. Wir müssen uns alle vier auf seine eine Seite stellen und schieben und schieben, bis er schließlich begreift, worum es sich handelt.

Dadurch kommen wir zu spät, um Vater zu empfangen, als er an der Freitreppe vorfährt. Aber daß er auch nicht da stehen bleibt und auf uns wartet! Wir können das durchaus nicht begreifen.

Wir stürmen in den Flur hinein, aber auch da ist er nicht. Er hat gewiß etwas ganz Besonderes für uns bereit, denken wir, und wir fragen uns, ob wir ins Schlafzimmer hineingehen sollen. Aber in diesem Augenblick macht Mutter die Schlafzimmertür auf und kommt zu uns heraus.

»Kinder, seid lieb und geht leise die Treppe hinauf,« sagt sie. »Und bleibt dann im Kinderzimmer, denn Vater ist krank. Er hat Fieber und muß sich gleich zu Bett legen.«

Mutters Stimme zittert, als sie das sagt, und darüber erschrecken wir furchtbar. Und nachdem wir die Treppe hinaufgeschlichen und im Kinderzimmer angekommen sind, sagt Anna, sie glaube, daß Vater am Sterben sei.

Wenn wir am Abend zu Bett gegangen sind, kommt immer Mutter und hört zu, während wir unsere Abendgebete sprechen. Wir beten das Vaterunser und »Der Herr segne uns« und »Gott im Himmel droben« und »Es geht ein Engel«. Mutter geht von Bett zu Bett, und wir sagen dieselben Gebete her, zuerst Anna, dann Emma Laurell und zuletzt ich. Emma Laurell betet auch, Gott möge ihre Mutter und ihre Geschwister und alle guten Menschen behüten. Aber dieses Gebet pflegen wir andern nicht zu beten, denn man hat es uns nicht gelehrt, als wir klein waren.

Jetzt am Abend kommt Mutter, obgleich Vater krank ist, wie gewöhnlich zu uns herein und setzt sich an Annas Bett. Und Anna betet wie sonst das Vaterunser und »Der Herr segne uns« und »Gott im Himmel droben« und »Es geht ein Engel«. Aber sie begnügt sich nicht damit, sondern schließt in derselben Weise wie Emma Laurell und sagt: »Gott behüte meinen Vater und meine Mutter und meine Geschwister und alle gute Menschen.«

Anna betet das, weil sie Gott bitten will, daß er Vater, der krank ist, behüten soll, und das versteht Mutter, denn sie beugt sich nieder und küßt sie.

Dann geht Mutter weiter zu Emma Laurell, und diese betet das Vaterunser und »Der Herr segne uns« und »Gott im Himmel droben« und »Es geht ein Engel«. Dann betet sie für ihre Mutter, für ihre Geschwister und für alle guten Menschen. Und ganz zuletzt fügt sie hinzu: »Gott behüte den lieben Onkel Lagerlöf, damit er nicht stirbt wie mein Vater.«

Als Emma Laurell mit ihrem Gebet fertig ist, beugt sich Mutter hinunter und küßt sie ebenso, wie sie Anna geküßt hat. Dann tritt Mutter an mein Bett.

Und ich bete das Vaterunser und »Der Herr segne uns« und »Gott im Himmel droben« und »Es geht ein Engel«, aber dann füge ich nichts mehr hinzu. Ich möchte von Herzen gern, aber es ist mir ganz unmöglich, noch ein weiteres Wort herauszubringen.

Mutter bleibt still stehen und wartet ein Weilchen, und dann sagt sie:

»Willst du nicht Gott bitten, daß er dir deinen Vater nicht nimmt?«

Ja, ich will, ich will so furchtbar gern, und ich weiß, wie schlimm es aussieht, daß ich nichts sage, aber ich kann eben nicht.

Mutter wartet noch einen Augenblick, und ich weiß, sie denkt an all das, was Vater für mich getan hat, an die Reise nach Strömstadt, die meinetwegen gemacht wurde, und an meinen Aufenthalt in Stockholm, wo ich einen ganzen Winter lang in die Gymnastik gehen durfte; aber ich kann eben mit dem besten Willen kein Wort herausbringen. Und dann steht Mutter auf und geht, ohne mich zu küssen.

Aber seit Mutter gegangen ist, muß ich nun immerfort ein und dasselbe denken:

Vielleicht, ach vielleicht wird Vater nun sterben, weil ich nicht für ihn gebetet habe!

Vielleicht, weil ich Gott nicht gebeten habe, meinen Vater zu bewahren, ist Gott nun so böse auf mich, daß er ihn mir nimmt!

Ach, was soll ich tun, um Gott zu beweisen, daß ich nicht will, daß Vater stirbt?

Ich besitze ein kleines goldenes Herz, das mir Mamsell Spak, die Schwester meiner Tante Wennervik, geschenkt hat, und auch ein kleines Granatkreuz. Wenn ich diese weggebe, dann versteht Gott vielleicht, daß ich es tue, damit mein Vater am Leben bleibt. Aber ich werde sie eben nicht hergeben dürfen, Mutter wird es mir wohl nicht erlauben. Ich muß mir durchaus etwas anderes ausdenken.

*

Jetzt ist der Doktor dagewesen, und als er wieder fortgefahren war, teilte uns Mutter mit, daß Vater eine Lungenentzündung hat. Vater hat auf der Reise einmal in einem Bett mit feuchten Laken schlafen müssen, und feuchte Laken sind das gefährlichste, was es gibt.

Aline Laurell hat in der Nacht mit Mutter bei Vater gewacht, und auch heute am Tage ist sie meist im Schlafzimmer drinnen. Mutter wüßte gar nicht, was sie tun sollte, wenn sie Aline Laurell nicht hätte, denn sie ist sehr besonnen und ruhig. Tante Lovisa hat so furchtbar Angst, daß Vater sterben könnte; von ihr ist also nicht viel Hilfe zu erwarten.

Aline Laurell gibt uns Aufgaben zu lernen, aber sie kommt nicht herauf, um sie abzuhören, und sie gibt uns große Rechnungen auf, aber sie kommt nicht, um in unserem Rechenheft nachzusehen, ob wir richtig gerechnet haben. Und schließlich wird es uns Kindern da allein in der Kinderstube, so weit entfernt von allen Menschen, gar zu unheimlich zumute. Wir schleichen uns auf die Treppe hinaus, Anna, Emma Laurell und ich, und gehen zu Tante Lovisa in die Küchenstube. Und da sitzt Tante Lovisa an ihrem Nähtisch und liest in einem großen dicken Buch, und Gerda sitzt auf einem Schemelchen neben ihr und näht an einem Puppenkleidchen.

Wir drei, Anna, Emma Laurell und ich, kauern uns auf Tante Lovisas Sofa zusammen und sitzen da ganz still, ohne etwas zu sagen. Und Gerda kommt uns ganz sonderbar vor, weil sie an einem Tag wie dem heutigen mit ihren Puppen spielen kann. Aber seht, Gerda ist ja erst sechs Jahr alt, und so versteht sie nicht, daß Vater am Sterben ist.

Und es ist, als fühlten wir uns etwas ruhiger, seit wir uns in der Küchenstube befinden. Alle Menschen finden es hier bei der Tante höchst behaglich. Sie sagen, hier erkennten sie das alte Mårbacka wieder. Da steht die große Bettstatt, in der Großvater und Großmutter schliefen und die Tante Lovisa nach ihrem Tode geerbt hat. Hier ist die alte große Standuhr in ihrem hohen Gehäuse, und hier steht Großmutters schöne Schreibkommode, die der ausgezeichnete Tischler in Askersby aus dem Holz der alten Apfel- und Fliederbäume von Mårbacka zusammengeschreinert hat. Den Überzug des Sofas hat Großmutter mit ihren eigenen Händen gewebt, und das merkwürdige Muster hat sie von Tante Wennervik gelernt, die mit Großmutters Bruder verheiratet war. Der Stuhl, auf dem Tante Lovisa sitzt, ist Großvaters eigener Schreibtischstuhl, und Tantes Spiegel, der auf der Kommode steht und mit einem Schleier bedeckt ist, ist auch in Askersby verfertigt worden. Aber die großen, urnenförmigen, hölzernen Kruken, die zu beiden Seiten des Spiegels stehen und mit trockenen Rosenblättern gefüllt sind, hat Tante Lovisa in Valsäter auf einer Auktion erstanden; dort hatte ihre Schwester Anna, die mit dem Onkel Wachenfeldt verheiratet war, ihr Heim.

Von nichts hier in der Küchenstube würde sich Tante Lovisa lieber trennen, als von dem schwarzen Aufsatz über der Kellertreppe, aber wenn Vater davon redet, daß er ihn wegnehmen lassen wolle, dann sagt Tante Lovisa doch, es sei am besten, er bleibe da, wo er sei, weil er alt sei, und sie würde sich in ihrem eigenen Zimmer nicht mehr auskennen, wenn er nicht mehr da wäre.

Über Tante Lovisas Bett hängt ein Bild, das eine weiße, von hohen Bäumen umgebene Kirche und eine niedere Kirchhofmauer mit einem eisernen Gittertor vorstellt. Aber dieses Bild ist nicht gemalt, sondern ausgeschnitten, und Tante Anna Wachenfeldt ist es gewesen, die die Schere geführt hat. Tante Lovisa sagt immer, dieses Bild sei außerordentlich gut ausgeschnitten und aufgeklebt, und es sei ganz besonders schön, trotzdem kommt es mir aber doch ein wenig ärmlich vor.

Um den Spiegel herum hängen vier kleine Bilder, die Tante Lovisa zu der Zeit, wo sie in Amål in der Pension war, selbst gemalt hat. Das eine stellt eine Rose vor, das zweite eine Narzisse, das dritte eine Nelke und das vierte eine Dahlie, und ich finde sie alle sehr schön. Tante Lovisa besitzt immer noch ihren Farbenkasten und ihre Pinsel, aber so etwas Schönes malt sie nie wieder.

Tante Lovisa hat auch noch ein anderes Bild, das hinter uns über dem Sofa hängt, und es stellt einen dicken Jungen und ein dickes Mädchen vor, die in einem kleinen runden Kahn, in dem sie kaum Platz haben, hinausrudern. Das ganze Bild ist mit Kreuzstich auf Stramin genäht, und Aline Laurell sagt immer wieder, Tante Lovisa solle es doch aus dem Rahmen herausnehmen und ein Sofakissen daraus machen; aber Tante Lovisa will an diesem Altertum nichts ändern, sondern es soll da hängen bleiben, wo es hängt.

Drüben am Fenster stehen die drei mit großen rosaroten Blüten übersäten Oleanderbäume, und an der Wand hängt ein kleines Bücherbord, wo nur gerade das Gesangbuch und das Neue Testament und »Die christliche Liebe« von Johan Michael Lindblad Platz haben, sowie auch das dicke Buch, aus dem Tante Lovisa lernte, als sie in Amål in der Pension war. Darin ist alles, was man von Französisch und Geographie und schwedischer Geschichte und Weltgeschichte und Naturgeschichte und Haushaltführung zu wissen brauchte, in einem und demselben Band zusammengefaßt.

Jetzt wischt sich Tante Lovisa eine Träne aus dem Auge, aber sie sagt nichts, sondern liest nur weiter. Dann steht Gerda von ihrem Schemel auf und fragt Tante Lovisa, ob sie ihrer Puppe einen weißen oder schwarzen Ausputz an das Kleid machen soll.

»Liebes Kind, tu, was du willst!« antwortet Tante Lovisa kurz; aber nach einem Weilchen bereut sie ihre Worte, und sie bespricht mit Gerda, was diese wissen möchte.

Ich grüble die ganze Zeit darüber nach, was ich tun könnte, damit Gott mir meinen Vater nicht nimmt, und auch ich hätte Tante Lovisa gerne um Rat gefragt, aber ich bin zu schüchtern dazu.

Es dauert dann auch nicht lange, bis die Küchentür aufgeht und die Haushälterin mit einem Kaffeebrett hereinkommt.

»Mamsell Lovisa möchte doch wohl ein Täßchen Kaffee haben,« sagt sie. »Das hat man nötig, wenn hier alles so traurig aussieht. Nicht, daß der Herr Leutnant am Sterben wäre, nein, aber auf alle Fälle ... Ach, Mamsell Lovisa, meinen Sie nicht, Sie könnten der gnädigen Frau auch eine Tasse bringen?«

»Nein, Maja, ich bringe heute keinen Kaffee hinunter,« erwidert Tante Lovisa. Aber dann denkt sie wohl, wenn die Haushälterin sich nun doch einmal die Mühe gemacht habe, Kaffee zu kochen, dann sähe es unfreundlich aus, wenn sie keinen tränke; sie schiebt also das Buch zurück und schenkt sich eine Tasse ein.

Und in dem Augenblick, wo Tante Lovisa aufschaut, beeile ich mich, herauszufinden, was das für ein Buch ist, worin sie liest. Alle andern Bücher hier im Hause kenne ich, aber dieses hier hab ich noch nie gesehen. Es ist furchtbar dick, und es hat einen steifen braunen Ledereinband, der ganz verschossen und da und dort ausgebessert ist, und es sind Messingbeschläge daran. Auf der ersten Seite steht der Titel; aber der ist mit so verschnörkelten Buchstaben gedruckt, daß ich sie kaum herausbuchstabieren kann.

»Ei sieh, die Bibel des Herrn Regimentsschreibers!« sagt die Haushälterin. »Die hab ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Ja, ich hab mich geradezu gefragt, wo sie wohl hingekommen ist.«

»Sie hat seit dem Tod meiner Mutter droben in meiner Bodenkammer im Schrank gelegen,« versetzt Tante Lovisa, »aber heute hatte ich das Bedürfnis, sie herunterzuholen.«

»Ja, da haben Sie recht daran getan,« erwidert die Haushälterin. »Der Herr Regimentsschreiber sagte immer, daß dieses Buch besser sei als alle Doktoren und alle Medikamente der Welt.«

»Ja, sie war sein Trost in aller Not,« bestätigt Tante Lovisa. »Erinnern Sie sich, Maja, daß mein Vater immer behauptete, er habe sie fünfzigmal gelesen?«

»O ja, das weiß ich noch gut,« antwortet die Haushälterin. »Ach, wie beruhigt konnte man am Abend draußen in der Küche einschlafen, wenn man wußte, daß der Herr Regimentsschreiber hier im Bett lag und in der Bibel las! Das war, wie wenn einem nichts Böses widerfahren könnte!«

Als Tante Lovisa und die Haushälterin so davon reden, daß der Großvater die Bibel fünfzigmal gelesen habe, richte ich plötzlich den Kopf auf.

»Sag, Maja, glaubst du, daß Gott den Großvater darum lieb gehabt hat, weil er die Bibel so oft durchgelesen hat?« frage ich.

»Ja, das tat er, das kannst du doch wohl begreifen, Selma,« erwidert sie.

Als ich diese Antwort höre, überkommt mich etwas Merkwürdiges. Es ist nichts, das ich mir selbst ausdenke, sondern jemand flüstert mir zu, was Gott will, daß ich tun soll, damit mein Vater wieder gesund wird.

Gleich zuerst erschrecke ich geradezu. Denn denkt euch, ein so furchtbar dickes Buch! Und wie, wenn es nun nichts anderes enthielte, als Predigten und Ermahnungen! Aber das hat gar nichts zu bedeuten, wenn nur der Vater am Leben bleibt. Ich falte meine Hände und gebe Gott das Versprechen, daß ich das ganze Bibelbuch durchlesen will, wenn nur mein Vater wieder gesund wird. Ja, ich will es von einem Ende zum andern durchlesen und kein einziges Wort überspringen.

Und kaum habe ich das Versprechen gegeben, als auch schon Mutter unter der Küchentür steht. Sie nickt uns zu und sieht ganz anders aus als gestern.

»Wie lieb von dir, Lovisa, daß du dich der Kinder annimmst!« sagt sie, und sie tut, als merke sie gar nicht, daß wir nicht bei unsern Aufgaben sind. »Ich wollte dir nur sagen, daß es Gustav schon eine Weile besser geht. Er redet nicht mehr irre und kennt uns auch wieder. Es wird natürlich noch länger dauern, bis er wieder gesund ist, aber mit Gottes Hilfe werden wir ihn nun wohl behalten dürfen.«

*

Ach, für den Großvater ist es gewiß nicht so schwer gewesen, die Bibel fünfzigmal durchzulesen, wie für mich, das ein einziges Mal zu tun!

Denn seht, der Großvater konnte in aller Ruhe lesen, wann er wollte, und er bekam von Großmutter Kerzen, da konnte er am Abend auch noch im Bett lesen.

Wenn ich Mutter oder Tante Lovisa sagen würde, daß ich Gott versprochen habe, die ganze Bibel durchzulesen, damit Vater wieder gesund wird, dann bekäme ich vielleicht ein Licht und könnte auch im Bett lesen. Aber seht, das geht ganz und gar nicht, denn ich darf mit keinem Menschen darüber sprechen. Es war einmal eine Prinzessin, die hatte zwölf Brüder. Diese waren in wilde Schwäne verwandelt worden, und damit sie wieder Menschen würden, mußte die Prinzessin für jeden von ihnen ein Hemd aus Nesselgarn häkeln. Aber sie durfte niemand sagen, warum sie diese Hemden häkelte. Man war auf dem Punkt, sie den Feuertod erleiden zu lassen, weil sie schwieg, aber sie sagte deshalb doch kein Wort. Und ich, ich werde auch nichts sagen.

Die Ärzte in der Gymnastikschule in Stockholm hatten angeordnet, daß ich um die Mittagszeit immer eine Stunde ausruhen sollte; und das muß ich nun zu Hause auch fortsetzen, denn es ist ja genau das, was unser Vater immer so eifrig eingehalten hat. Und während dieser Zeit lese ich nun in der Bibel. Aber ich darf nicht lange lesen, denn immer kommt Mutter und sagt, ich solle das Buch zumachen und ein wenig schlafen.

Jedenfalls ist es ein besonderer Glücksfall ? »Dusel«, wie Emma Laurell sagt ?, daß Tante Lovisa Großvaters Bibel nicht in ihre Bodenkammer zurückbrachte und sie nicht in ihren großen Schrank verschloß. Sie hat sie nur in den gelben halbrunden Eckschrank gelegt, der auf dem Absatz über dem Kellerhals steht. Und dieser Schrank ist nie verschlossen, ich kann also die Bibel herausnehmen, so oft ich darin lesen will.

Tante Lovisa denkt nur, es sei ganz gut, wenn ich in der Bibel lese, denn unter dem Deckel ihres Nähkorbs hat sie immer einen Roman liegen, in dem sie liest, wenn es niemand sieht, und ab und zu habe ich auch schon einen von den Romanen an mich genommen, aber vergessen, ihn wieder hineinzulegen. Jetzt aber, wenn ich in der Bibel lese, lasse ich ihre Romane in Ruhe.

Dasselbe denkt auch Mutter sowie Aline Laurell. Es ist ihnen nicht recht, wenn ich alles nur Erreichbare lese, und einmal haben sie mir einen Roman weggenommen, der hieß ?Die weißgekleidete Frau?, gerade als es am allerspannendsten war. Aber gegen mein Bibellesen hat weder Mutter etwas noch Aline Laurell, denn die Bibel ist das Wort Gottes.

Und etwas Gutes ist auch noch dabei. Es ist Frühling, und da ist es am Morgen zeitig hell. An den Sonntagen, wo wir nicht vor acht Uhr aufstehen müssen, kann ich mehrere Stunden lang im Bett in der Bibel lesen. Aber die Bibel ist eben schrecklich lang. Mir ist, als käme ich gar nicht vom Fleck.

Gerda liegt sonst in der Schlafstube drunten, aber an den Sonntagen kommt sie, ehe sie richtig angezogen ist, herauf ins Kinderschlafzimmer, und dann spielen sie und ich miteinander, und wir führen Krieg mit den Kopfkissen. Nun kann Gerda gar nicht begreifen, warum ich immerfort lese und nicht spielen will, und sie wird ganz ärgerlich darüber. Aber es hilft alles nichts. Man muß Schlimmeres ertragen als dies, wenn man die ganze Bibel lesen soll und erst zehn Jahr alt ist.

Bisweilen frage ich mich, ob wohl der Großvater wie ich jedes einzelne Wort in der Bibel gelesen hat. Ich lese alle Stammbäume und alle Gesetze und alles über die Opfer und über die Stiftshütte und über das Gewand des Hohenpriesters. Und ich frage mich auch, ob wohl der Großvater sich alle die seltsamen Worte auslegen konnte, so daß er alles begriff, was er las.

Seht, ich habe ja das meiste von dem, was in der Bibel steht, gelernt. Ich wußte schon vorher alles von Adam und Eva, von der Sintflut und vom Turmbau zu Babel und von Abraham und Josef und David; aber darum lese ich natürlich doch Wort für Wort, denn das habe ich auf mich genommen.

*

Es ist Sonntagmorgen, und wir, Anna und Emma Laurell und Gerda und ich, gehen auf der Landstraße spazieren. Und wir finden es recht langweilig, daß es Mai ist, denn da kann man draußen rein gar nichts unternehmen. Im Winter, da ist es viel besser, da kann man schlittschuhlaufen oder rodeln oder mit dem Ziegenbock ausfahren. Sogar der April ist besser, denn da kann man im Schneematsch auf der Landstraße Kanäle graben und Wasserfälle im Bach abdämmen. Aber im Mai! Da kann man gar nichts anderes tun als Anemonen pflücken. Und Anemonen pflücken, das kann ja ein paar Tage ganz unterhaltend sein, aber jetzt macht uns das schon keinen Spaß mehr. Jetzt gehen wir nur immer geradeaus auf dem Wege, und es ist uns ebenso langweilig zumute, wie wenn wir erwachsen wären.

Anna und Emma Laurell gehen auf der einen Seite des Wegs, und sie reden ganz leise miteinander. Sie reden gewiß von großen Jungen und schönen Kleidern, und sie meinen, Gerda und ich seien zu klein, um es zu verstehen. Gerda und ich gehen auf der andern Seite des Weges, und wir sprechen von der Zeit, wo ich in Stockholm war und in die Heilgymnastik ging. Und unter anderem erzähle ich ihr von einem schönen Stück, das ich im Schauspielhaus gesehen habe, und das ?Meine Rose im Walde? hieß.

In diesem Augenblick kommen Anna und Emma Laurell auf unsere Seite herüber. Sie wollen alles mögliche von dem Stück wissen, und sie sagen, das müsse sehr schön gewesen sein. Und Emma Laurell erzählt, daß sie und ihre Geschwister, als ihr Vater noch lebte und sie in Karlstadt wohnten, sich oft verkleidet und Theater gespielt hätten. Und da sagt Anna, das könnten wir vielleicht auch einmal tun.

Wir gehen keinen Schritt weiter auf der Landstraße, sondern wenden jählings um, ja, wir laufen fast, nur um nach Hause zu kommen und ?Meine Rose im Walde? zu spielen. Aber wir schwatzen eifrig und beratschlagen die ganze Zeit. Ehe wir die Allee erreichen, sind schon alle Rollen verteilt. Emma Laurell soll das junge Mädchen sein, das ?Meine Rose im Walde? genannt wird, weil sie so schöne rote Wangen hat. Und Anna soll den jungen Herrn spielen, der sie, ?Meine Rose im Walde?, lieb hat. Sie ist bleich und hat dunkles Haar, und das paßt für einen Mann. Und der Alte im Walde, bei dem Emma Laurell wohnt, werde ich sein, denn ich habe langes, ganz helles, fast weißes Haar, ganz wie der Mann im Schauspielhaus. Am schwierigsten war es, jemand zu finden, der die Haushälterin des Alten spielen könnte, denn Gerda war zu klein für diese Rolle, darüber waren wir uns alle einig. Schließlich aber entschlossen wir uns, das Kindermädchen Maja wieder in Gnaden anzunehmen und sie die Haushälterin sein zu lassen, obgleich sie damals mit Lars Nylund so lange auf der Stalltreppe geschwatzt hatte.

Gerda ist verdrießlich, als sie merkt, daß sie nicht mittun und sich nicht verkleiden darf, und sie fängt an zu weinen, denn mit Tränen ist sie immer gleich bei der Hand. Und wir andern erschrecken sehr; denn seht, wenn Gerda will, kann sie einen ganzen Tag immerfort weinen, und dann meinen die Großen, wir seien häßlich gegen sie gewesen, und dann dürfen wir vielleicht gar nicht Theater spielen. Deshalb sagen wir zu Gerda, sie dürfe ein kleiner Bruder von Emma Laurell sein und auf einem Schemelchen sitzen und Puppen anziehen.

Das erste, was wir hören, als wir heimkommen, ist, daß jetzt eine Predigt gelesen wird, und das ist ja recht hinderlich. Aber sobald sie zu Ende ist, berichten wir Mutter, daß wir Theater spielen wollen. Und siehe, Mutter gibt uns den Schlüssel zu der großen Bodenkammer, und dort suchen wir alle möglichen alten Kleider hervor. Wir probieren an, und jedes kleidet sich nach seiner Rolle, und wir haben einen Hauptspaß.

Das Theater wird natürlich in der Kinderstube errichtet; es muß ja einen großen Wald vorstellen mit einer kleinen, von einer Mauer umgebenen Hütte davor. Nun können wir zwar weder einen Wald noch eine Hütte herbeischaffen, aber wir halten auch die Mauer für das wichtigste, weil Anna darüber springen muß, wenn sie kommt und um Emma Laurell freit.

Deshalb bauen wir zuerst eine Mauer aus allen Betten und Bänken und Kommoden und Tischen und Stühlen, die in der Kinderstube sind, und bedecken sie mit Wolldecken und Bettüberwürfen, damit es wie eine Mauer aussehen soll, denn ohne eine solche kann es unmöglich so werden wie in Stockholm. Aber es ist sehr schwer, diese Mauer zum Stehen zu bringen, immer wieder stürzt sie ein. Die Auftretenden, die auf der Bühne sind, müssen sie festhalten.

Die Plätze der Zuschauer sind draußen auf dem Bodenraum, und ein Vorhang ist nicht nötig, denn sobald wir die Kinderstubentür aufmachen, hat das Publikum die ganze Bühne vor sich. Innerhalb der Mauer haben wir einen Tisch und einen Stuhl hingestellt sowie den Schemel, auf dem Gerda sitzen soll. Und hoffentlich werden alle Zuschauer begreifen, daß der Tisch und der Stuhl und der Schemel die Hütte vorstellen, in der »Meine Rose im Walde« mit ihrem Großvater wohnt. Wir spielen das Stück einmal durch, und da trichtere ich Anna und Emma Laurell und dem Kindermädchen Maja ein, was sie sagen müssen. Aber Emma Laurell kann fast das Lachen nicht verbeißen, was mich nicht wenig besorgt macht.

Gerade als die Vorstellung beginnen soll, kommt Onkel Kalle Wallroth mit Tante Augusta von Gårdsjö auf Besuch, um sich nach Vaters Befinden zu erkundigen. Das ist sehr ärgerlich, denn nun kann weder Vater noch Tante Lovisa noch Aline Laurell der Vorstellung anwohnen, weil sie ja der Tante und dem Onkel Gesellschaft leisten müssen. Als aber Onkel und Tante hören, daß ein Stück vom Schauspielhaus in Stockholm aufgeführt werden soll, wollen sie es auch gern sehen. Da wird Vater ganz aufgeräumt, er zieht seinen Pelzmantel an und geht auch mit hinauf ins Theater.

Es ist natürlich etwas ärgerlich, daß Gerda auf der Bühne sitzen und Puppen anziehen soll, obgleich sie gar nicht mit zu dem Stück gehört. Sobald wir die Tür aufmachen und anfangen wollen, fragt auch Vater gleich, was sie denn vorstelle, und Gerda gibt ganz so Antwort, wie wenn sie Gerda wäre und nicht der Bruder von »Meine Rose im Walde«. Wer auch nicht gut ist, das ist Maja. Sie ist furchtbar geziert. Unsere Haushälterin hat ihr ihren gewirkten Schal geliehen; sie geht gebückt und hat einen Stock in der Hand, mit dem sie auf den Boden stampft, und sie grinst immerfort, ja, sie sieht wie eine alte Hexe aus.

Aber seht, Emma Laurell, die ist reizend, und das ist Anna auch. Anna steckt in Vaters Uniformrock aus der Zeit, wo er Offiziersaspirant in Stockholm war; ihr Haar ist unter einer Militärmütze verborgen, und wir haben ihr mit einem angekohlten Kork noch ein kleines Schnurrbärtchen gemalt. Und Emma hat Mutters Brautkleid an, und ihr Haar wallt ihr aufgelöst auf die Schultern herab.

Auch mein Haar hängt offen herunter, damit ich wie der alte Mann im Schauspielhaus aussehe; dazu trage ich einen alten Lodenrock, aus dem Johan hinausgewachsen ist, sowie die langen Hosen, die ich bei der Heilgymnastik in Stockholm hatte, und so denke ich, nun werden alle verstehen, daß ich ein alter Großvater bin.

Und ach, wie froh bin ich! Ich sehe, es gelingt Anna wirklich, über die Mauer zu kommen, ohne daß weder sie noch die Mauer stürzt; denn das ist doch das wichtigste.

Einmal, als ich auf der Bühne stehe und gerade Emma Laurell schelte, weil sie Anna über die Mauer steigen ließ, höre ich die Zuschauer draußen auf dem Bodenraum lachen. Und als ich mich umschaue, hält Gerda eben drohend einen Finger gegen eine Puppe auf und macht mich nach. Nein, sie darf nie mehr dabei sein, wenn wir wieder einmal Theater spielen!

Emma Laurell ist allerliebst, aber als Anna sie küßte, hat sie einen schwarzen Fleck auf der Oberlippe davongetragen, und von da an können wir uns kaum mehr das Lachen verbeißen.

Als alles fertig ist, wird uns natürlich eifrig Beifall geklatscht, fast mehr, als die bekamen, die das Stück im Schauspielhaus in Stockholm spielten.

Nachher haben wir in der Kinderstube und in Mutters Bodenkammer sehr viel wieder in Ordnung zu bringen, und es dauert eine gute Weile, bis wir fertig sind. Als wir dann hinunterkommen, sagt Mutter, Vater sei müde geworden und zu Bett gegangen, aber wir dürften noch zu ihm hineingehen. Und das tun wir selbstverständlich.

Als wir dann in einer Reihe vor Vaters Bett stehen, sagt er: »Kinder, ich danke euch! Wißt ihr, ich glaube, diese Vorstellung hat mir besser getan als alle Pillen von Doktor Piscator.«

Und das ist natürlich das allerbeste, was uns gesagt werden kann.

Dann gehen wir in die gute Stube und begrüßen Onkel Kalle und Tante Augusta, denn das haben wir ja vorher nicht tun können. Und sie sind auch ganz entzückt und sagen, sie hätten sich königlich amüsiert.

All das steigt uns zu Kopf, und wir halten uns allmählich für etwas ganz Besonderes, Anna, Emma Laurell und ich, ja auch Gerda, obgleich sie nichts anderes getan hat, als Schwierigkeiten machen.

Als wir aber zu Onkel Kalle kommen, legt er mir die Hand auf den Kopf und dreht mein Gesicht nach oben.

»So, so, dieses Mädchen hier ist also der Theaterdirektor,« sagt er mit seiner freundlichen Stimme, und ich erwarte, daß er hinzufügen wird, ich hätte meine Sache sehr gut gemacht, weil ich mit den andern ein Stück von dem Schauspielhaus in Stockholm eingeübt hätte. Statt dessen aber fügt er hinzu: »Und ich hatte doch gehört, sie sei eine kleine Betschwester geworden, die immer eine große Bibel mit sich herumschleppt.«

Ich werde verlegen und weiß nicht, was ich tun soll. Und ich darf ja auch nicht sagen, wie alles mit dem Bibellesen zusammenhängt.

Der Onkel muß gemerkt haben, daß ich betrübt bin, denn nun tätschelt er mich auf die Wange und sagt:

»Tante und ich haben seit langer Zeit nicht so viel gelacht, und wenn ihr das nächste Mal nach Gårdsjö kommt, dann müßt ihr das Stück noch einmal aufführen.«

Onkel Kalle will mich trösten, das verstehe ich wohl; aber ich bin trotzdem betrübt. Wie, wenn nun Vater zu hören bekäme, daß ich eine Betschwester geworden sei?

Ach, man muß viel durchmachen, wenn man die ganze Bibel durchlesen will und erst zehn Jahr alt ist!

*

Frau Unger in West-Ämtervik hat Aline Laurell einen Roman geliehen, der ganz furchtbar unterhaltend sein soll. Aline gibt ihn Mutter und Tante Lovisa zu lesen, und sie sind so begierig, zu erfahren, wie er ausgeht, daß sie das Buch kaum wieder weglegen können.

Ich habe das Buch sowohl im Schlafzimmer als auch in der Küchenstube liegen sehen, und ich weiß auch, wie es heißt, nämlich: »Eine launenhafte Frau.« Und es ist von Emilie Flygare-Carlén. Ach, ich möchte es auch schrecklich gern lesen!

An einem Sonntagvormittag lag das Buch mehrere Stunden auf dem Tisch im Eßzimmer, und ich hätte recht lang darin lesen können; aber ich tat es nicht. Ehe ich die Bibel ausgelesen habe, will ich kein anderes Buch anfangen.

 

Wie schön, daß es nun Sommer geworden ist!

Aline und Emma Laurell sind nach Karlstadt heimgereist, wir brauchen morgens nicht vor acht Uhr aufzustehen, und wir haben keine Aufgaben zu machen; ich kann also mehrere Stunden am Tage in der Bibel lesen.

Aber auch der Sommer hat seine Schwierigkeiten, denn nun sind Daniel und Johan von der Schule nach Hause gekommen.

Sie haben natürlich erfahren, daß ich die ganze Bibel lesen will, und sie können es nicht lassen, mich deswegen zu necken.

»Hör einmal, Selma,« sagen sie, »da du so fleißig in der Bibel liest, weißt du, wohin Jakob ging, als er vierzehn Jahr alt war?«

»Oder weißt du, was die zwölf Apostel im Himmelreich machen?«

Und noch andere Neckereien haben sie bei der Hand.

Aber das tut ja gar nichts. Man muß Schlimmeres ertragen, wenn man die ganze Bibel durchlesen will und erst zehn Jahr alt ist.

 

Vater ist jetzt auf und angezogen, aber er liegt noch mehrere Stunden auf dem Sofa. Er fühlt sich matt und schwach und kann seinen Husten durchaus nicht loswerden. Er sagt, er werde wohl nie mehr ganz der alte.

Aber jetzt hat Mutter etwas herausgefunden. Er soll nach Strömstadt reisen und dort baden, denn so gesund, wie sie in dem Sommer waren, als sie dort waren und badeten, sind sie weder vorher noch nachher je gewesen. Ich weiß zwar, daß es nicht nötig ist, denn Vater wird ja in jedem Fall gesund, wenn ich nur erst mit der Bibel fertig bin, aber das darf ich eben niemand sagen. Nun, vielleicht richtet Gott selbst es so ein, daß Vater fortreist, damit ich das Lesen fortsetzen kann.

Solange Vater nicht ganz wieder der alte ist, hat niemand das Herz, ihm etwas mitzuteilen, worüber er ärgerlich werden könnte. Deshalb hat ihm auch hier daheim niemand gesagt, daß ich damals, als wir im Gasthaus Paulus Andersson von Sandarne Erbauungsstunde halten hörten, bekehrt worden sei.

Aber er könnte es eben doch auf irgendeine Weise erfahren, und was sollte ich dann antworten, wenn er mich fragte, warum ich in der Bibel lese? Lügen dürfte ich nicht, aber die Wahrheit sagen, das dürfte ich auch nicht.

Jedenfalls bin ich froh über die langen, hellen Sommernächte. Wenn Mutter hier oben bei uns gewesen ist und wir unsere Gebete gesprochen haben und Anna eingeschlafen ist, schlüpfe ich aus meinem Bett heraus, setze mich ans Fenster und lese und lese und lese.

 

Jetzt ist Vater wieder daheim, und wir sind alle miteinander überglücklich, denn er ist gesund und ganz wie früher, ehe er fortreiste, um Steuern zu erheben, wobei er dann auf den feuchten Bettüchern schlafen mußte.

Und wir haben sehr viele Gäste, sehr, sehr viele! Onkel Schenson ist da mit Ernst und Klas und Alma, und Onkel Hammargren und Tante Nana sind da mit Theodor und Otto und Hugo, und Onkel Oriel Afzelius und Tante Georgina mit Elin und Allan sind da, und dann noch Onkel Christofer Wallroth, der unverheiratet ist.

Aline und Emma Laurell sind auch wieder da, aber nicht, um mit dem Unterricht zu beginnen, sondern nur, um den siebzehnten August, wo Vater fünfzig Jahr alt wird, mitzufeiern.

Das Wetter ist herrlich, und es gibt sehr viele Johannis- und Stachelbeeren und Kirschen, und die Astrachanäpfel sind auch am Reifen. Alles ist herrlich. Nur eines ist ärgerlich: ich habe nämlich noch nicht die ganze Bibel durchlesen können. Ich bin zwar fast fertig und jetzt an der Offenbarung, aber wenn wir so viele Gäste im Hause haben, sind alle Stuben voll besetzt; es gibt im ganzen Hause keinen Raum, wo ich eine einzige Stunde in Ruhe und Frieden die Bibel vollends auslesen könnte.

Aber jetzt am Nachmittag hat Mutter den Vorschlag gemacht, daß alle miteinander nach dem Storsnipan wandern und dort die schöne Aussicht bewundern sollen. Sie sind schon aufgebrochen, groß und klein, und ich bin ganz allein daheim. Ich wäre auch gern mitgegangen, aber Mutter sagte, der Weg sei zu weit für mich. Sie sagte, ich hätte in den letzten Tagen so viel gespielt und sei so viel herumgesprungen, und so hätte sie Angst, ich könnte wieder zu hinken anfangen, wie zu der Zeit, ehe ich nach Stockholm kam und in die Heilgymnastik ging.

Ich bleibe gern daheim, denn ich denke an die Bibel, und sobald die andern fortgegangen sind, laufe ich in die Küchenstube und nehme die Bibel aus dem halbrunden Schrank heraus. Dann gehe ich in den Baumgarten und setze mich neben einen Stachelbeerstrauch. Und dann esse ich Stachelbeeren und lese in der Offenbarung. Und ich bin sehr befriedigt. Ich denke daran, daß ich nun bald fertig bin und dann keine Heimlichkeiten mehr haben muß.

Wie ich eben so recht eifrig lese, sehe ich Onkel Christofer daherkommen, und als er mich mit Großvaters großer Bibel im Schoß neben dem Stachelbeerstrauch sitzen sieht, geht er geradeswegs auf mich zu. Ich hatte ganz sicher geglaubt, Onkel Christofer sei mit den andern nach dem Storsnipan gegangen, und als er jetzt zu mir tritt und mich fragt, was ich da lese, erschrecke ich sehr.

Aber ich antworte doch, ich lese in der Bibel, und als er fragt, wie weit ich damit gekommen sei, erzähle ich ihm, daß ich ganz vorne angefangen habe und jetzt bei der Offenbarung sei.

Darauf sagt er eigentlich nichts mehr, und als er weitergeht, sieht es aus, als hätte er große Lust, hell herauszulachen.

Sobald er gegangen ist, mache ich die Bibel zu und trage sie zurück in den Schrank im Küchenzimmer. Denn das weiß ich, sobald Vater und Onkel Schenson und Onkel Hammargren und Onkel Oriel vom Storsnipan zurückkommen, erzählt ihnen Onkel Christofer, daß er mich drunten im Obstgarten neben dem Stachelbeerstrauch getroffen hat, und daß ich da in der Offenbarung gelesen habe.

Und wenn Onkel Christofer etwas erzählt, dann ist das so komisch, daß man sich totlachen muß.

Nun gehe ich in die Küche und helfe Tante Lovisa und der Haushälterin beim Zubereiten des Abendbrots. Ich laufe hinunter in den Küchengarten und pflücke Petersilie und Dill, und ich eile in die Vorratskammer nach Pfeffer und Zwiebeln. Ich besorge alles mögliche, um nur nicht drinnen zu sein, wenn die andern heimkommen, und dann mit anhören zu müssen, daß Onkel Christofer ihnen erzählt, wie lächerlich das war, als ich dort neben dem Stachelbeerstrauch saß und in der Bibel las.

Wenn das Haus so voll von Gästen ist, gibt es sehr viel zu tun. Nach dem Essen helfe ich beim Aufwaschen, und ich bleibe so lange in der Küche, bis es Schlafenszeit für mich ist.

Wenn wir so viele Gäste haben, dürfen wir nicht im Kinderzimmer schlafen, dort schlafen jetzt Tante Nana und Tante Georgina und Aline Laurell. Anna und Emma Laurell und Alma Schenson ist die Kleiderkammer angewiesen, während ich meine Lagerstatt auf dem Ecksofa in der Eltern Schlafzimmer habe.

Ich gehe zu Bett und schlafe ein; aber später in der Nacht erwache ich, und da höre ich, daß Vater und Mutter miteinander über mich sprechen.

»Hast du gehört, was Christofer von Selma erzählte?« fragt Vater, und er scheint durchaus nicht böse zu sein, sondern nur ein wenig verwundert.

»Jawohl,« antwortet Mutter, »aber ich meine, Christofer hätte das Kind in Ruhe lassen sollen.«

»Nun, ich bin ja jetzt im Sommer fort gewesen,« erwidert Vater, »aber du hast doch wohl gesehen, ob sie wirklich gar so häufig in der Bibel liest?«

»Ja, sie hat den ganzen Sommer über früh und spät in der Bibel gelesen,« erklärt Mutter.

»Aber, liebe Luise,« sagt Vater, »das hättest du ihr doch eigentlich verbieten müssen. Das ist doch schließlich kein Lesestoff für ein Kind.«

»Nein,« erwidert Mutter, »aber Aline und ich hielten es für besser, sie in Frieden zu lassen.«

»Dann werde ich wohl selbst mit ihr reden müssen,« versetzt Vater. »Ich will nicht, daß sie eine Betschwester wird.«

»Ach, das laß lieber sein, Gustav!« wirft Mutter ein.

»Aber ich verstehe nicht ...« entgegnet Vater.

»Ja, siehst du, Gustav,« erklärt Mutter, »ich glaube nun, daß Selma die ganze Bibel von A bis Z durchlesen will, damit du wieder gesund wirst.«

»Aber das ist doch wohl nicht möglich!« fährt Vater auf.

»Doch, du weißt, wie betrübt sie war, als du krank wurdest. Es hat sie tiefer gepackt, als irgend eins von den andern, und seit der Zeit hat sie immerfort in der Bibel gelesen.«

»Aber das ist doch wohl nicht möglich!« sagt Vater noch einmal, und er räuspert sich mehrere Male, als werde es ihm schwer, die Worte herauszubringen. »Es ist doch wohl nicht möglich, daß das Mädchen so einfältig ist!«

Mutter erwidert nichts darauf, und Vater sagt auch nichts mehr; es wird ganz still im Zimmer.

Es ist doch sonderbar! Die Gäste reisen wieder ab, und ich weiß, seit Mutter mich in Schutz genommen hat, darf ich in der Bibel lesen, so viel ich will. Aber ich nehme diese nie mehr aus dem Eckschrank heraus, um die letzten paar Seiten der Offenbarung zu lesen. Seht, seit das Geheimnis offenbar gemacht war, fand sich keinerlei Kraft mehr in dem, was ich versprochen hatte. Es hatte keinen Wert mehr, noch weiter zu lesen.

Alles miteinander war ganz nutzlos gewesen.

Gårdsjö

Wir freuen uns sehr, wenn wir nach Gårdsjö fahren dürfen, um Onkel Karl Wallroth und Tante Augusta und Hilda und Emilia und Karl August und Elin und Julie und Hugo zu besuchen.

Wir finden Gårdsjö sehr schön, weil das Haus weiß gestrichen ist und einen Oberstock und ein Schieferdach hat. Daheim auf Mårbacka ist das Haus rot angestrichen, und es hat nur ein Stockwerk und ein Ziegeldach. Wir haben nicht wie sie auf Gårdsjö einen großen Saal, wo man spielen und tanzen kann, wenn Gesellschaft ist. Wir haben nur einen kleinen Salon.

Auf Gårdsjö gibt es einen See und einige Kähne, und wenn wir dort auf Besuch sind, dürfen wir rudern. Und es macht uns viel Freude, von den Booten aus Seerosen zu pflücken. Wir rudern auch gern zwischen das Schilf hinein bis zu einem runden freien Platz, wo uns niemand mehr sehen kann und wo das Schilf so hoch ist, daß alles miteinander grün aussieht, das Wasser und der Kahn und die Ruder, ja, auch wir selbst. Wir halten da mäuschenstill und warten nur; und schließlich kommt eine Entenmutter mit vielen jungen Entlein in einer Reihe hinter sich daher geschwommen. Ach, wie sehr bedauern wir doch, daß wir daheim auf Mårbacka keinen Teich haben, auf dem wir herumrudern können! Wir haben nur einen kleinen Ententümpel.

Auf Gårdsjö haben sie auch einen Fluß, und über den Fluß führt eine Brücke, von der aus man angeln kann. Sobald wir in Gårdsjö eingetroffen sind, läßt sich jedes eine Angelrute geben, und mit dieser stellen wir uns auf die Brücke und angeln. Manchmal wird auch tüchtig angebissen, und wir ziehen kleine Rotaugen und Barsche und Kaulbarsche heraus. Wir freuen uns riesig, wenn wir Barsche fangen, denn der Barsch ist ein guter Fisch, es lohnt sich, ihn zu braten; die Rotaugen dagegen haben sehr viele Gräten, niemand mag sie essen. Immerhin braucht man sich nicht darüber zu schämen, wenn ein Rotauge an der Angel hängt, man muß froh sein, wenn nicht Kaulbarsche daran zappeln, denn dieser ganze Fisch ist wie lauter Schleim, und man kann ihn kaum der Katze zum Fressen geben. Wie glücklich wären wir doch, wenn wir daheim einen solchen Fluß hätten, in dem wir angeln könnten! Unser Fluß heißt Amtan, und der ist den ganzen Sommer über nur ein Bach, auch ist er recht weit weg und überdies sehr lehmig. Wir haben es gar nie versucht, da zu angeln.

Auf Gårdsjö gibt es so viel Interessantes zu sehen, daß wir Kinder kaum alles miteinander aufsuchen und genießen können. Denn Gårdsjö ist ein richtiges Hüttenwerk mit einer Hammerschmiede, einer Ziegelhütte, einer Mühle und einer Sägmühle. Von all dem haben wir auf Mårbacka nichts. Wir haben nur eine kleine Schmiede, in der Per in Berlin Schlittenkufen und Wagenräder verfertigt, und im Speicher haben wir eine alte Handmühle, wo zur Schlachtzeit Salz gemahlen wird. Als Vater die Scheune baute, holte man den Lehm aus dem Ententümpel und machte Ziegel daraus; aber damit ist es nun zu Ende, und Lars in London und Magnus in Wien sägen Holz auf dem Platz vor dem Stall; aber da zuzusehen, ist ja nicht unterhaltend.

Drunten bei der Hammerschmiede auf Gårdsjö sind alle Wege schwarz von Kohlenstaub. Wir finden das sehr schön, und wir meinen auch, es gehe sich leichter und glatter auf solchen Wegen als auf solchen, die nur mit gewöhnlichem Kies bedeckt sind.

Wenn wir zum Hüttenwerk kommen, bleiben wir zuerst ruhig stehen und starren in den Mühlkanal hinunter. Der liegt ganz unheimlich zwischen hohen Bäumen, und das Wasser darin ist glänzend braun, und einmal hat sich ein Mühlknecht hineingestürzt, weil er die Müllerstochter nicht bekam. Uns ist ganz seltsam zumute, während wir hier auf dem gleichen Fleck stehen, wo sich ein Mensch das Leben genommen hat.

Niemals hat irgend jemand den Versuch gemacht, sich daheim auf Mårbacka in dem Ententeich zu ertränken, und der ist auch sicher nicht so tief, daß sich der Versuch lohnen würde.

Wir haben keine große Lust, in die Mühle hineinzugehen, denn es fliegt da gar so viel Mühlstaub in der Luft umher. Viel lieber gehen wir nach der Hammerschmiede.

Die Hammerschmiede ist furchtbar groß und ganz schwarz, und es ist keine andere Beleuchtung drinnen als der Schein, der durch die halbrunde Öffnung vorn an der Esse herausfällt. Es sind keine Fenster in der Schmiede und sie hat keinen Holzboden und keine innere Decke, sondern man kann bis zu den Dachpfannen hinaufsehen. Einige Ziegel haben Löcher, und andere sind vom Sturm fortgeblasen; und das ist ein rechtes Glück; sonst würden wir in der Dunkelheit da drinnen gar nicht sehen können, wohin wir treten.

Und wir wissen von früher her, daß in der Schmiede ein großes viereckiges Loch ganz voll mit Kohlen und Wasser ist, und wenn man da hineinfiele, so wäre das das größte Unglück, das einem passieren könnte, besonders wenn man fein angezogen ist. In der Hammerschmiede muß man sich sehr in acht nehmen und langsame und vorsichtige Schritte machen. Man könnte auch auf eine der Eisenstangen treten, die da auf dem Boden herumliegen und wie alle andern Eisenstangen aussehen, aber frisch geschmiedet und so heiß sind, daß sie einem die ganze Schuhsohle durchbrennen könnten.

In der alten Schmiede auf Gårdsjö ist es furchtbar feierlich. Es ist wie in einer Kirche, ehe der Gottesdienst begonnen hat. Da sitzen der alte Stjernberg und ein anderer Schmied auf einer kleinen Holzbank gleich neben der Esse, und sie haben nichts anderes an als lange Hemden und Holzschuhe und Brillen auf der Nase. Wir Kinder aber haben einen grausigen Respekt vor dem alten Stjernberg und auch vor dem andern Schmied, denn die beiden sehen sehr ernst und streng aus. Wir wagen kaum zu sprechen, damit sie nicht etwa gestört werden und uns hinauswerfen.

Bisweilen ist es Stjernberg und bisweilen ist es der andere Schmied, der aufsteht, an die Esse hingeht, einen eisernen Spieß hineinsteckt und dann drinnen in etwas Zähem und Schwerem herumstochert und -stößt. Und dann fliegen Funken aus dem Herdloch, so daß der Schmied zurückspringt. Bisweilen fallen auch Kohlen auf seine Füße heraus, und er muß eiligst seine Holzschuhe fortschleudern.

Dazwischen einmal kommt der Schmiedejunge mit seinem Schiebkarren herein und schöpft nasse Kohlen aus der gefährlichen Grube, und diese Kohlen schaufelt er in das Feuerloch der Esse hinein. Dann geschieht lange nichts weiter, und wir werden von der langen Wartezeit ganz müde, aber es fällt uns gar nicht ein, fortzugehen.

Schließlich kommt der Augenblick, wo beide Schmiede aufstehen, jeder seinen Spieß ergreift, mit denen sie nun in die Esse hineinstoßen. Sie wühlen und ziehen und stoßen, der Schweiß läuft an ihnen herunter, und bald rollt etwas Rotes aus der Esse heraus, das knistert und leuchtet und so weich ist wie ein Teig, aber doch zusammenhängt. Die beiden Schmiede packen es mit ihren Zangen, nehmen es auf, schleppen es von der Esse weg über den Boden hin und heben es auf den Amboß.

Nun scheint das Schlimmste getan zu sein, denn jetzt sieht der alte Stjernberg richtig befriedigt aus. Sein Genosse zieht an einem herunterhängenden Seil, und zugleich beginnt sich der große Schmiedehammer herabzusenken. Aber zu sehen, wie dieser Hammer auf die rote Schmelzmasse, die da auf dem Amboß liegt, herunterfällt und Funken aus ihr herausschlägt, das ist das Schönste und Feierlichste, das ich kenne. Der Hammer fällt und fällt, es dröhnt und knirscht, das Wasserloch davor dreht sich in einem Kranz von Schaum, die Funken fliegen durch die ganze Schmiede. Das ist prachtvoll.

Auch nach der Ziegelei zu gehen, ist vergnüglich. Denn da bekommen wir tönerne Kuckucke und manchmal auch Tonklumpen, die wir glatt drücken und zu Schalen und Tellern kneten können. Und ebenso vergnüglich ist ein Gang nach dem Sägewerk, aber das ist so weit entfernt, daß ich meist nicht mitgehen kann.

Wir Kinder sind gar nicht ärgerlich, daß Gårdsjö weiß angestrichen ist und ein oberes Stockwerk und ein Schieferdach hat, oder daß ein See und Schilf und Einbäume und eine Brücke und Angelruten und ein Mühlkanal und eine Hammerschmiede und eine Ziegelei und ein Sägewerk und so vieles andere da ist, was es auf Mårbacka nicht gibt. Nein, darüber sind wir ganz und gar nicht ärgerlich, denn so lange Onkel Kalle da wohnt, dürfen wir fast jeden Sonntag hinfahren, und das ist genau so, als ob wir selbst an allem teil hätten, was es dort gibt.

Aber wenn ich groß bin, möchte ich sehr gern in einem Hause wohnen, das weiß angestrichen ist und ein oberes Stockwerk und ein Schieferdach und einen großen Salon hat, wo man spielen und tanzen kann, wenn man eine Gesellschaft gibt.

Herrestad

Wir freuen uns ganz außerordentlich, wenn wir nach Herrestad fahren und Onkel Noreen und Tante Emilie und Adolf und Hedwig und Arvid und Erika und Emilia besuchen dürfen. Wir auf Mårbacka sind nicht mit den Noreens verwandt, aber diese sind Verwandte unserer Verwandten auf Gårdsjö, und das ist ja fast dasselbe.

Herrestad kommt uns fast ebenso vornehm vor wie Gårdsjö. Denn das Haus ist auch weiß angestrichen, und es hat auch einen Oberstock und ein Schieferdach und einen Salon, wo man spielen und tanzen kann, wenn man Gäste hat. Aber auf Herrestad ist kein Hüttenwerk, es ist nur ein gewöhnliches Gut wie Mårbacka.

Und Herrestad liegt am Frykensee, das finden wir besonders schön. Denn der Frykensee ist ein sehr großer See, ein so großer, daß er sowohl in dem Geographiebuch als auch auf der Karte verzeichnet ist. Der Frykensee ist acht Meilen lang, und zu der Zeit, wo er sprechen konnte, pflegte er zu sagen: »Meßt meine Länge, dann wißt ihr meine Tiefe!« Der Frykensee ist also ein richtiger See.

Auf Herrestad gibt es einen großen Kiefernwald, und es ist sehr vergnüglich, darin umherzugehen. Die Wege sind von den vielen Nadeln, die darauf liegen, überaus glatt. Man glitscht auf ihnen aus wie auf Eis, und das ist sehr lustig. Im Park gibt es auch große kahle Steinblöcke, von denen man furchtbar gut herunterrutschen kann, wie auf einer kleinen Holzrutsche.

Und im Park hat Onkel Noreen einen Pavillon errichten lassen, der richtige Fenster mit Glasscheiben und Tapeten an den Wänden hat. Und wir durften dabei sein, als er eingeweiht wurde. Und er hatte einen überaus schönen Fußboden von schmalen kurzen Brettern, die schräg gegeneinander gelegt waren, man meinte, man wandle auf Wogen hin und her, und man fürchtete sich ordentlich, darauf zu tanzen. Und Onkel Noreen hatte ein Gedicht verfaßt, das er bei der Einweihung vorlas, denn er kann Reden halten und Gedichte machen und Erik XIV. spielen.

Es ist sehr lustig, daß Emilie Noreen, das jüngste von allen Kindern auf Herrestad, auch Erik XIV. spielen kann. Da läuft sie im Kreis herum und schüttelt ihr krauses Haar, denn sie soll ja wahnsinnig sein. »Der Wald ruft meinen Namen!« sagt sie. »Der Wald ruft meinen Namen! Aber woher weiß er ihn?« Und sie sagt es mit ganz dumpfer Stimme, damit wir Angst bekommen. Sie ist aber so klein und so reizend, daß wir nur lachen.

Gewiß hat Onkel Noreen selbst sie Erik XIV. spielen gelehrt, denn er spielt mit seinen Kindern und ist sehr nett mit ihnen, gerade wie unser Vater auch.

Im Park auf Herrestad ist ein Felsenloch, das ganz senkrechte Wände hat und das Bärenloch genannt wird, weil einmal ein Bär da hineingefallen ist und nicht mehr heraufklettern konnte. Wir pflegen uns am Rande des Lochs unter eine große Kiefer zu setzen, und dann tun wir, wie wenn der Bär noch in der Tiefe drunten wäre. Wir hören, wie er brummt und heraufzuklettern versucht, und wie seine Klauen an der Felsenwand kratzen, wenn er wieder herunterrutscht.

Auf Herrestad wachsen die Brombeeren wild, und das ist auch eine Merkwürdigkeit, weil sonst nirgends im ganzen Kirchspiel Brombeeren wachsen. Ich glaube, daß der Bär, der in das Bärenloch hinuntergefallen ist, gerade Brombeeren suchen wollte; denn sie schmecken ganz ausgezeichnet.

Und ich liebe Herrestad, weil dort so viel Merkwürdiges passiert ist.

Einmal wohnte eine alte Frau dort, die niemals auszugehen wagte, weil sie Angst hatte, die Dohlen würden sie auffressen. Und einmal wohnte eine junge Frau da, die war so unglücklich, daß sie viele Stunden lang drunten am Ufer saß und sich das Leben nehmen wollte. Und es gibt ein Zimmer da, das heißt das »Blaue Kabinett«; da drinnen hat einmal ein junges Mädchen am Fenster gesessen und hat da sehen müssen, wie ihr Bräutigam im Frykensee ertrank. Ich stelle mich manchmal an das Fenster und sehe dann immer den Frykensee mit Eis bedeckt, und auf dem Eis kommt ein junger Herr auf Schlittschuhen dahergelaufen, und plötzlich öffnet sich dicht vor ihm ein großer Spalt im Eis. Dann aber wende ich mich ab, denn ich will nichts mehr sehen.

Einmal saßen einige Herren ? ich glaube es waren Onkel Schenson und Ingenieur Warberg und Pastor Unger und natürlich auch mein Vater ? auf der Veranda in Mårbacka und redeten darüber, welches das beste Gut im Kirchspiel sei, Gårdsjö oder Herrestad.

Mein Vater hörte eine Weile still zu, dann aber fragte er, ob sie denn Mårbacka ganz vergessen hätten. Vielleicht sei Mårbacka, wenn man alles in allem nehme, ebensogut wie die beiden andern.

Die Gäste verstummten und wurden ein wenig verlegen; aber dann sagte Tante Schenson: »Ja, Bruder Erik Gustav, es ist wahr, du hast sehr viel in Mårbacka hineingesteckt, du hast es vergrößert und bewirtschaftest es ausgezeichnet. Aber du begreifst, es kann eben doch nicht verglichen werden mit ...«

»O ja,« erwidert Vater, »Gårdsjö ist ein Hüttenwerk, und Herrestad ist das schönste Besitztum im Frykental, das weiß ich wohl. Aber könnt ihr mir dann erklären, woher es kommt, daß Gårdsjö und auch Herrestad beständig den Besitzer wechseln? So weit ich zurückdenken kann, sind diese beiden Güter immerfort gekauft und verkauft worden. Aber Mårbacka ist von dem Tag an, wo Menschen sich zuerst hier niedergelassen haben, nicht mehr verkauft, sondern nur immer vererbt worden.«

»Ja, Bruder Erik Gustav, mit dem, was du da sagst, hast du nicht so unrecht,« sagte Onkel Schenson. »Es ist wirklich etwas daran. Wenn man nur allein die Behaglichkeit mit in Rechnung ziehen wollte, dann ...«

Angst

Wir sind daheim und sehr vergnügt.

Vater und Mutter und Tante Lovisa und Aline Laurell und Anna sind nach Sunne in die Propstei gefahren, wo große Gesellschaft ist. Emma Laurell und Gerda und ich aber haben nicht mit dürfen, weil wir noch zu klein sind. Und nachdem wir unsere Aufgaben gelernt hatten, waren wir bei der Haushälterin in der Küche, und sie hat uns die lustigen Geschichten erzählt vom Hähnchen, das die Nuß verschluckt hatte, und von dem alten Manne, der sieben Fuder Grütze und sieben Eimer Buttermilch verzehrte. Und wir haben unsere liebe, gute Köchin dazu gebracht, uns das lustige Lied von Olle Bock zu singen, der mit fünfzehntausend Mann in den Krieg zog, aber an Ostern oder am heiligen Dreifaltigkeitstag zurück sein mußte.

Dann haben wir im Wohnzimmerofen Äpfel gebraten, und am Abend gab es Rahmküchlein mit Himbeermarmelade, damit wir nicht betrübt sein sollten, weil wir daheim bleiben mußten.

Aber sobald wir zu Abend gegessen haben, gehen wir in die Kinderstube hinauf, denn wenn alle die Großen fort sind, ist es uns in den Zimmern drunten gar nicht behaglich. Gerda darf heute auf dem Kinderstubensofa schlafen, denn man kann nicht verlangen, daß sie allein in der Eltern Schlafzimmer liegen soll. Deshalb gehen sie und das Kindermädchen Maja mit uns hinauf. Das große rothaarige Hilfsmädchen und die gute Köchin kommen auch mit, aber nicht, weil sie in der Kinderstube etwas zu tun hätten, sondern nur, um zu plaudern.

Maja setzt sich neben den Kachelofen, und wir lassen uns vor der Ofentür an dem flackernden Feuer nieder und wärmen uns. Den ganzen Abend hat furchtbar schlechtes Wetter geherrscht, wir sitzen auch eine Weile still da und hören zu, wie der Regen ans Fenster klatscht, und wie der Wind heult, wenn er um die Hausecke herumfährt. Die freundliche Köchin meint, die Herrschaft, die in einer solchen Nacht nach Hause fahren müsse, tue ihr recht leid. Aber Maja beruhigt sie und sagt, sie seien ja in der großen Kutsche gefahren. Darüber sind wir alle sehr froh, denn wenn sie in der großen Kutsche fahren, können sie diese ganz zumachen, und dann kann ihnen weder der Wind noch der Regen etwas anhaben.

Danach bitten wir natürlich unsere freundliche Köchin und das große Hilfsmädchen, uns Gespenstergeschichten zu erzählen. Aber sie sagen, das wagten sie nicht, denn Frau Lagerlöf habe es ihnen verboten.

Aber das Kindermädchen Maja blinzelt uns zu, was heißen will, daß wir nicht betrübt sein sollen, denn sie werde schon Rat schaffen. Zuerst überredet sie Gerda, sich auszuziehen und sich in das nette Bettchen auf dem Schlafstubensofa zu legen. Gerda schläft, sobald sie den Kopf aufs Kissen legt, und dann kommt Maja rasch zu uns her.

Und sie sagt, wir beide, Emma Laurell und ich, seien doch so verständig, ja, beinahe ebenso verständig wie große Leute, deshalb könne es uns nicht im geringsten schaden, wenn man uns Gespenstergeschichten erzähle.

»Gerda ist ja noch sehr klein,« sagt sie, »und deshalb will die gnädige Frau natürlich nicht, daß sie Angst bekommt, aber jetzt liegt sie ja im Bett und schläft.«

Und dann hören wir eine Spukgeschichte nach der andern.

Das große rothaarige Hilfsmädchen erzählt zuerst. Auf dem Hofe, wo sie im vorigen Jahr gedient hatte, war der Hausvater gestorben. Er war gerade kein besonders guter Mann gewesen, die Leute hatten recht viel an ihm auszusetzen gehabt. Nein, das Mädchen wußte nicht recht, wie es zusammenhing, aber an demselben Tag, wo er starb, kam ein großer schwarzer Hund mit einem feuerroten Rachen auf den Hof gestürzt. Er stellte sich auf die Haustreppe und bellte und heulte wohl eine Stunde lang, damit man ihn hereinlasse; aber niemand wagte ihm die Tür aufzumachen. Es war mitten am Tage, und die Knechte waren eben in der Küche, um zu Mittag zu essen, aber sie blieben am Tisch sitzen, ohne das Essen anzurühren.

Das Mädchen erinnerte sich, daß eine große Schüssel mit Kartoffeln aufgetragen war, und einer der Knechte nahm auch eine Kartoffel, aber er behielt sie in der Hand und kam nicht einmal dazu, sie zu schälen. Das Hilfsmädchen saß mit den andern in der Küche, und sie konnte gar nicht vergessen, wie unheimlich es war, als alle Leute mäuschenstill dasaßen und nur auf den Hund horchten, der draußen auf der Haustreppe bellte.

Schließlich kam die Hausfrau in die Küche heraus. Sie war ganz bleich und so voller Angst, daß sie sich am Türpfosten festhalten mußte. Sie sagte, sie wolle nur fragen, ob denn im ganzen Hause niemand sei, der den Hund von der Treppe zu verjagen wage.

Und das Mädchen erzählte weiter: »Da stand der älteste von den Knechten auf. Er schob seinen Stuhl so heftig zurück, daß dieser bis an die Wand fuhr, trat an den Herd, nahm die Feuerzange, packte damit ein Holzscheit, das in hellen Flammen stand, und mit dem in der Hand ging er hinaus. An der Haustür waren alle Riegel vorgeschoben und alle Schlösser geschlossen, aber er schloß auf und öffnete einen Spalt an der Tür. Und in demselben Augenblick schleuderte er den Feuerbrand dem in den Rachen, der da draußen stand und heulte. Da stieß der ein noch schrecklicheres Geheul aus, das man gewiß meilenweit hören konnte, und es hörte sich fast an, wie wenn ein Mensch tobt und flucht, so arg er nur kann. Aber auf und davon ging der Hund, und während er durch die Allee davonjagte, flogen die ganze Zeit Funken und Rauch um ihn her; da konnte man wohl sehen, was das für einer war.«

Ich bin mir selbst gar nicht bewußt, daß ich Majas Hand krampfhaft festhalte, bis sie sich zu mir herunterbeugt und mich fragt, ob ich mich denn fürchte.

Allerdings sind mir die ganze Zeit, während das Hilfsmädchen erzählte, kalte Schauer über den Rücken gelaufen, aber es ist eben doch so furchtbar spannend. Deshalb ziehe ich gleich meine Hand aus Majas zurück und schüttle den Kopf.

Aber ich wünsche beinahe, sie möchten Geschichten von Riesen und Wichtelmännchen und Trollen erzählen, denn vor solchen fürchte ich mich nicht. Nur nicht von dem Bösen! Ach, ich habe mir immer eingebildet, er liege droben auf dem Bodenraum vor der Kinderstube in dem dunklen Winkel auf der Lauer, wo alte ausgebrauchte Spinnrädchen und Webstühle aufgestapelt stehen. Wenn ich auf dem Bodenraum an dieser Stelle vorbeigehe, habe ich es immer sehr eilig, denn es könnte ja sein, daß er aus der Dunkelheit da herausträte und ich ihn zu sehen bekäme. Aber sobald ich den Schlüssel in die Kinderstubentür gesteckt habe, bin ich wieder ruhig, denn hier herein kommt er niemals. Ach, wenn er nur jetzt nicht kommt, wo das große rothaarige Hilfsmädchen so viel von ihm erzählt! Wer kann es wissen! Vielleicht klopft er im nächsten Augenblick an die Tür, öffnet sie und kommt herein.

Jetzt ist die Reihe zu erzählen an der freundlichen Köchin.

Zu allererst stellt sie fest, daß sie das Abenteuer nicht selbst miterlebt hat, aber sie weiß bestimmt, daß es wahr ist, denn ein Onkel von ihr hat alles gesehen und gehört.

Der Onkel unserer Köchin ist weit drinnen im Walde beim Holzfällen gewesen, und als Hilfsarbeiter hatte er einen Mann bei sich, von dem man sagte, er habe schon eine Art Kontrakt mit dem Bösen. Sie hatten eben eine Kiefer durchgesägt und warteten nun auf deren Fall. Da sahen sie plötzlich, wie sich der Baum nach einer andern Seite neigte, als sie erwarteten. Es sah aus, als würde er geradeswegs auf sie selbst fallen und es bliebe ihnen keine Zeit mehr zum Ausweichen.

Aber da hörte der Onkel unserer Köchin, wie sein Kamerad der großen Kiefer zurief: »In des Teufels Namen, richte dich auf!« Und zugleich sah der Onkel, wie der Baum sich mitten im Fall aufrichtete und nach der andern Seite hinuntersank.

Ach, es ist recht dumm und verdrießlich! Aber die ganze Zeit, während die alte Köchin erzählte, hab ich gehört, wie es draußen auf dem Bodenraum tappte und schlurfte, und in dem Augenblick, wo der Baum fällt, rufe ich ihr zu, sie solle still sein.

Und zugleich kommt ein furchtbarer Windstoß dahergefegt, und ein scharfer Knall ertönt, und nun ? dessen bin ich ganz sicher ? ist die Tür aufgegangen und der, dessen Namen man nicht auszusprechen wagt, wird sich uns zeigen.

Ich springe auf und fange an zu weinen, und ich sage noch einmal, daß ich nichts mehr hören will.

»Aber, Selma, der Wind hat ja nur einen Ziegel vom Dach heruntergeworfen, das hast du doch gehört,« sagt Maja. »Aber da du so große Angst hast, hören wir jetzt lieber auf,« fügt sie hinzu.

Natürlich hat Maja recht, das begreife ich sofort, es war wirklich nichts anderes als ein Dachziegel. Und ich schäme mich auch halb zu Tod.

Emma Laurell sagt, ich stellte mich an wie ein sechsjähriges Kind. Sie meint auch, die nette Köchin solle nur weitermachen; aber das Kindermädchen Maja erklärt, nein, das könnte sie nicht verantworten, und es müsse jetzt Schluß gemacht werden.

Später in der Nacht liege ich wach in meinem Bett und ärgere mich über mich selbst, weil ich Angst bekam; denn ich weiß ja sehr gut, daß der Böse nicht zwischen den alten Spinnrädchen sitzt. Das ist nur so etwas, was ich mir einbilde.

Es ist eine Schande, wenn man sich wegen nichts fürchtet und in Tränen ausbricht, weil ein Ziegel vom Dach herunterpoltert. Das darf nie wieder vorkommen.

Ich denke an Fritjof und an Sven Duva und an Sandels. Ach, sie, die so hoch über mir stehen, erreiche ich noch lange nicht!

Aber am nächsten Tag, als das Mittagessen gekocht wird, steht ein kleines Mädchen in der Küche und gibt wohl acht, ob die Haushälterin etwas aus der Vorratskammer braucht, und dann bietet es sich sofort an, das Gewünschte zu holen. Es geht die Bodentreppe mit bedächtigen, ruhigen Schritten hinauf und durch den Bodenraum in die Vorratskammer, und das tut es nun Tag um Tag.

Die Haushälterin lobt das kleine Mädchen, weil es so gefällig ist; aber es tut es nur, um sich den Mut zu stärken. Und nach kurzem ist es auch so weit, daß es an dem Winkel mit den Spinnrädern vorbeigehen kann, ohne die Augen abzuwenden, und auch ohne Herzklopfen wieder in die Küche hinunterkommt.

Das Kartenspiel

An Weihnachten, wenn Daniel und Johan und Onkel Wachenfeldt auf Mårbacka sind, spielen sie abends mit Tante Lovisa Karten. Sie spielen ein Spiel, das Préférence heißt, obgleich sie es »Priffe« nennen, und das ihnen sehr viel Spaß macht. Ich habe es nur vom Zusehen gelernt, wenn die andern spielen. Sonst sind es eigentlich nur ganz erwachsene Leute, die »Priffe« spielen können. Weder Anna noch Emma Laurell können es. Sie können nur »Narr« und »Komet« und »Kille« und »Schwarzer Peter« und dergleichen mehr, aber nicht »Priffe«.

An diesem Abend ist Vater auswärts, und er hat Johan mitgenommen. Und Daniel und Onkel Wachenfeldt reden eben davon, daß sie nicht wissen, wie sie eine Partie zusammenbringen können, weil ihnen der vierte Mann fehlt. Sie fragen Mutter, ob sie nicht mitspielen will, denn Mutter kann alles; aber sie spielt nicht gern Karten und schlägt es ihnen ab. Da sagt Tante Lovisa: »Wir könnten vielleicht Selma als vierten Mann nehmen.«

»Aber es ist doch unmöglich, daß die Kleine ?Priffe? spielen kann,« versetzt Onkel Wachenfeldt. »Sie ist ja erst zwölf Jahr alt.«

»Du kannst es ja mit ihr probieren, Wachenfeldt,« entgegnet Tante Lovisa; »sie ist gar nicht so dumm. Sie hat schon öfters mitspielen dürfen, wenn Aline und Frau Lindegren von Halla und ich eine Partie spielen wollten.«

Ich darf also der vierte Mann sein, und nun sitze ich am Tisch und spiele, und ich bin furchtbar vergnügt, besonders wenn ich Daniel als Partner habe. Denn Daniel spielt sehr gut und ist immer zufrieden, einerlei ob er gewinnt oder verliert. Er ist auch so lustig. Meist sagt er irgend etwas, worüber man lachen muß; zum Beispiel: »Eckstein heraus! sagte der Maurer«, oder »Schippen! Oh, niemand schippt!« oder dergleichen mehr. Tante Lovisa fingert erst eine gute Weile an ihren Karten herum, und sobald sie eine Karte ausgespielt hat, tut es ihr wieder leid, und sie will sie zurücknehmen. Onkel Wachenfeldt weiß sehr wohl, wie er spielen muß, denn er ist ja früher ein richtiger Meisterspieler gewesen, aber er hat den Star auf dem einen Auge und sieht mit dem andern auch nicht sehr gut, und so wirft er ab und zu eine verkehrte Karte auf den Tisch. Aber wenn die andern schlecht spielen, so ficht das Daniel nicht im geringsten an; er wird niemals ungeduldig darüber. Im Anfang geht es mir ziemlich gut, aber später bekomme ich furchtbar schlechte Karten und verliere fort und fort. Wir spielen ja natürlich um gar nichts, aber es ist doch recht ärgerlich für mich, denn Daniel und Onkel Wachenfeldt könnten ja denken, ich hätte nur darum so großes Pech, weil ich erst zwölf Jahr alt bin und mich nicht auf das Spiel verstehe.

Aber siehe, ganz zuletzt, gerade ehe wir zu Mittag essen sollen und mit spielen aufhören müssen, bekomme ich gute Karten. Ich habe As, König, Dame, Bube, Zehn in Schippen und dazu fünf kleine Karten, und das sind ja zehn sichere Stiche, wenn ich nur zum Ausspielen komme. Außerdem habe ich ein Ecksteinas und eine Dame und eine kleine Karte in Herz, aber nicht eine einzige in Kreuz.

Nachdem ich den ganzen Abend habe passen müssen, will ich jetzt einen ordentlichen Schlag führen und zeigen, was ich leisten kann. Ich sage also »Priffe« auf eigene Faust, denn mit solchen Karten werde ich doch wohl sieben Stiche erlangen können.

Mir gegenüber sitzt Daniel als mein Partner. Zu meiner Rechten habe ich Tante Lovisa und zu meiner Linken Onkel Wachenfeldt. Diese beiden spielen gegen Daniel und mich.

Und da ich jetzt »Priffe« gesagt habe, muß Tante Lovisa ausspielen, und sie fingert und fingert an ihren Karten herum. Aber schließlich spielt sie natürlich Kreuz aus, und in dieser Farbe bin ich renonce. Dann zeigt sichs, daß auch Onkel Wachenfeldt in Kreuz gut versehen ist, und so heimsen Tante Lovisa und er fünf Stiche in Kreuz ein, während ich mit meinen prächtigen Schippen herausrücken muß. Ich werde ganz ungeduldig und ängstlich, ja, ich muß die Hand, in der ich die Karten halte, unter dem Tischrand verstecken, damit niemand sieht, wie sie zittert.

Als sie endlich mit ihren Treffkarten fertig sind, spielt Onkel Wachenfeldt Herz aus, und Tante Lovisa sticht mit dem As, und ich werfe meine kleine Herzkarte hin. Während Tante Lovisa die Karten zusammenlegt, lacht sie und sagt:

»Das geht gut für uns, Wachenfeldt!«

Aber Daniel, der sonst so geduldig ist, kann es nun nicht lassen, mich zu fragen, warum ich denn »Priffe« gesagt hätte.

Dann spielt Tante Lovisa Herzbube aus, und ich lege meine Dame darauf, und Onkel Wachenfeldt legt nicht höher als die Dame, sondern wirft eine Fehlkarte hin. Jetzt sieht es doch aus, als wende sich das Spiel zu meinen Gunsten.

Im letzten Augenblick sehe ich nun vor mir, daß ich gerettet bin. Jetzt kann ich meine Schippen ausspielen und auch mein Ecksteinas und kann meine sieben Stiche einheimsen.

Aber ehe Daniel seine Karte auflegt, wendet er sich an Onkel Wachenfeldt.

»Warum hast du denn Selmas Dame nicht gestochen?« fragt er. »Du hast ja den König in der Hand.«

»Ja, das hätte ich allerdings können, obgleich ich es nicht recht sehe,« sagt er. »Aber die aufgelegte Karte muß nun liegenbleiben.«

»Gewiß nicht,« erwidert Daniel. »Wenn du den König nicht gesehen hast, darfst du natürlich die Karte zurücknehmen.«

Ich begreife sehr gut, daß Daniel im Recht ist, wenn er Onkel Wachenfeldt auffordert, die Karte zurückzunehmen. Aber ach, ich möchte eben so schrecklich gerne gewinnen, und so kann ich es nicht mit Daniel halten.

»Hast du nicht gehört, was der Onkel sagte, Daniel? Eine ausgespielte Karte muß liegenbleiben,« wende ich ein.

Aber darum kümmert sich Daniel nicht. »Heraus mit dem König, Onkel!« ruft er und reicht ihm zugleich die Karte, die er zuerst ausgespielt hat.

Darauf wirft Onkel Wachenfeldt seinen König heraus, Daniel legt eine kleine Herzkarte darauf, und auf diese Weise geht das Spiel auf die Gegenpartei über. Jetzt haben sie sieben Stiche, und für mich ist jede Möglichkeit, meine Stiche einzuheimsen, aus.

Tante Lovisa streckt schon die Hand aus, um die vier Herzkarten, die auf dem Tisch liegen, wegzunehmen, aber da ist es aus mit meiner Langmut. Ich werfe alle die Karten, die ich noch in der Hand habe, miteinander auf den Tisch.

»So will ich nicht mehr mitspielen,« rufe ich und stehe auf; »denn hier geht es nicht richtig zu!«

Ach, ich bin sehr aufgebracht, ich bin so zornig, daß mir das Blut in den Adern kocht, und ich halte Onkel Wachenfeldt für einen ganz gemeinen Kerl und Falschspieler, ja, es tut mir geradezu wohl, die Karten auf den Tisch zu werfen und ihm das zu sagen. Und Daniel ist nicht ein bißchen besser. Nein, ein anständiger Mensch kann nicht Karten mit ihnen spielen!

Aber daß jemand die Karten auf den Tisch wirft und schreit und die andern des Falschspielens bezichtigt, das ist man auf Mårbacka nicht gewohnt, und es entsteht ein furchtbarer Aufstand. Mutter, die mit Anna und Gerda an einem andern Tisch sitzt und ein Buchstabenrätsel vor sich hat, steht auch gleich auf und kommt zu mir her. Ich aber laufe auf sie zu, schlinge meine Arme um sie, weine zum Herzbrechen und schluchze: »Mutter, sie spielen falsch!«

Mutter sagt nichts, sie verteidigt mich weder, noch schilt sie mich. Sie faßt nur hart nach meinem Handgelenk und führt mich zum Wohnzimmer hinaus. Wir gehen durch den Flur, die Bodentreppe hinauf und in die Kinderstube hinein. Ich weine in einem fort und schreie wie vorher: »Sie haben falsch gespielt! Mutter, sie haben falsch gespielt!« Aber Mutter schweigt nur.

Als wir in der Kinderstube sind, zündet sie Licht an, und dann macht sie mein Bett zurecht.

»Zieh dich nun aus, damit du zu Bett gehen kannst,« sagt sie.

Aber das tu ich nicht gleich, sondern ich setze mich auf einen Stuhl und schluchze und schreie wie vorher: »Onkel Wachenfeldt hat falsch gespielt!«

Als ich das dann noch einmal sage, geschieht etwas Merkwürdiges. Mein Blick wendet sich. Anstatt nun in die Kinderstube hinauszusehen, wie er es vorhin getan hatte, sieht er jetzt in mich hinein. Er sieht in mich selbst hinein.

Und was er da sieht, ist eine große, leere, halbdunkle Felsenhöhle mit triefendnassen Wänden und einem Boden, der einem Sumpf gleicht. Nichts als Schlamm und Schmutz. Und diese Felsenhöhle, sie ist in mir selbst.

Aber während ich nun in sie hinein starre, sehe ich, wie sich ganz drunten in dem schmutzigen Schlamm etwas bewegt. Es ist etwas, das sich herauf arbeiten will. Ich sehe, wie ein großer fürchterlicher Kopf mit offenem Rachen und Hörnern auf der Stirne aus der Tiefe auftaucht, und dahinter erkenne ich einen haarigen Körper mit einem hohen Rücken und kurzen groben Vorderfüßen. Er sieht wie der Drache aus, mit dem der Heilige Georg in der Hauptkirche kämpft, nur ist dieser hier noch viel größer und furchtbarer.

Noch niemals habe ich etwas so Schreckliches wie dieses Scheusal gesehen, und Todesangst erfaßt mich, weil es seine Wohnstatt in mir selbst hat. Bis jetzt, das verstehe ich nun, ist es in dem Schlamm verdeckt gewesen, aber jetzt, da ich den Zorn habe überhandnehmen lassen, wagt es sich hervor.

Ich sehe, wie sich das Untier heraufarbeitet. Es kommt höher und höher, und immer mehr von dem langen haarigen Körper wird sichtbar. Es ist wohl auch äußerst befriedigt, daß es losgekommen ist und nicht mehr da drunten in dem Schlamm gefangen zu liegen braucht.

Oh, ich muß mich beeilen, damit das Ungeheuer nicht seinen ganzen langen Körper herausbringt! Sonst kann ich es vielleicht nie wieder in sein Gefängnis hinunter zwingen.

Rasch springe ich von dem Stuhl auf und beginne mich auszukleiden. Ich weine nicht mehr, sondern bin ganz still und habe nur so schrecklich Angst vor dem, was ich gesehen habe.

Ich krieche in mein Bett hinein, sobald Mutter es zurecht gemacht hat, und als sie mich in die Decke hüllt, ergreife ich ihre Hand und küsse sie.

Dann setzt sich Mutter zu mir aufs Bett. Sie sieht, daß mein Zorn verraucht ist; vielleicht weiß sie auch, daß ich jetzt Angst vor mir selbst habe. Mutter weiß alles.

»Morgen wirst du Onkel Wachenfeldt um Verzeihung bitten,« sagt sie.

»Ja,« antworte ich sofort.

Mutter bleibt noch ein Weilchen schweigend bei mir sitzen. Ich denke an das große Ungeheuer, das in mir wohnt, und ich sage zu mir selbst: »Ich will nie wieder zornig werden. Solange ich lebe, soll es da drunten in dem Schlamm liegenbleiben. Nie wieder soll es losgelassen werden.«

Ich weiß nicht, was Mutter denkt. Sie müßte mich eigentlich ermahnen, aber sie tut es nicht. Sie weiß alles, und deshalb weiß sie vielleicht auch, daß es nicht mehr nötig ist.

Nach einer Weile fragt sie, ob ich etwas zu essen haben möchte, aber ich antworte: »Nein, ich kann nichts essen.«

»Sprich nun deine Abendgebete, dann bleibe ich hier sitzen, bis du einschläfst,« sagt Mutter.

Die Marseillaise

Wenn mich nur Onkel Christofer nicht entdeckt hätte, als ich dort neben dem Stachelbeerstrauch saß und in der Offenbarung las, und wenn er nicht mit Vater darüber gesprochen hätte, und wenn Vater dann nicht Mutter darüber ausgefragt hätte, dann wäre Vater gewiß ganz gesund geworden. Aber da er jetzt alles miteinander erfahren hat, ehe ich fertig war, konnte es ja nichts helfen, und er mußte seine Krankheit behalten.

Im Sommer geht es Vater ziemlich gut, aber sobald es im Herbst kalt wird, stellt sich der heftige Husten wieder ein, der gar nicht besser werden will, obgleich Vater jeden Abend unter den Füßen mit Unschlitt eingeschmiert wird und den Strumpf, den er bei Tag am linken Bein trug, um den Hals wickelt.

Mutter bittet immerfort, er solle doch nach dem Doktor in Sunne schicken. Aber Vater sagt, er wolle Doktor Piscator nur sehr ungern herkommen lassen, denn »er ist ein schrecklicher Hocker«, sagt er. Seht, Doktor Piscator hat sein ganzes Leben in Upsala verbracht, und da hatte er sich daran gewöhnt, bis in die späte Nacht hinein aufzusitzen und Toddy zu trinken. Vor zwei Uhr am Morgen wird man ihn nicht wieder los, und das findet Vater allzu anstrengend.

Statt dessen versucht Vater sich selbst zu kurieren. Er macht Schluß mit den Spaziergängen auf der Landstraße, die er sonst jeden Tag unternimmt; denn wenn er Bekannten begegnet, muß er stehenbleiben und mit ihnen plaudern. Vater hat Angst, er könnte sich erkälten, wenn er stehenbleibt. Mutter meint allerdings, er brauchte ja nicht stehenzubleiben und mit den Leuten zu reden, er solle nur grüßen und weitergehen, aber Vater sagt, das wäre ihm unmöglich.

Jeden Abend will Vater Roggenbrei essen. Er will keine Einladungen mehr annehmen, weil er in den andern Häusern keinen Roggenbrei bekommt. Mit knapper Not kann Mutter ihn dazu überreden, nach Sunne in die Propstei zu fahren, um den Professor Fryxell zu besuchen. Ja, er wollte nicht einmal nach Gårdsjö mitkommen, bis Tante Augusta auf den Gedanken kam, Jungfer Stina Roggenbrei für ihn kochen zu lassen. Er ist auch nicht erfreut, wenn Gäste zu uns auf Besuch kommen, denn Tante Lovisa ist es eine Verlegenheit, wenn er dann am Tisch sitzen und Roggenbrei essen soll; sie tut dann, als habe sie den Brei vergessen.

Aber Vater gibt nicht nach. Er sagt, er werde nie wieder gesund, wenn er seinen Roggenbrei nicht bekomme, Tante Lovisa ist also gezwungen, ihm einen Teller voll Grütze vorzusetzen, einerlei, wie viele und wie vornehme Gäste wir haben.

Vater ist auch darauf gekommen, vor dem Gabelfrühstück einen und vor dem Mittagessen zwei Schnäpse zu trinken. Er sagt, Branntwein sei das beste von allen Heilmitteln, und wenn er diese Arznei nur genügend lange einnehme, werde er vollkommen gesund sein. Das weiß Vater so gewiß wie nur etwas. Vater hat vor seinem siebzehnten Jahr niemals Branntwein gekostet; aber dann bekam er einmal einen Schüttelfrost, und da hat ihn die Großmutter mit Branntwein wieder gesund gemacht. Aber Mutter und auch Tante Lovisa sagen, nach dem, was sie gesehen hätten, würden die Menschen vom Branntweintrinken nur verrückt und elend. Aber darin will Vater ihnen nicht recht geben, sondern er behauptet, es gehe ihm mit jedem Tag besser.

Aber wir Kinder sehen wohl, wie krank Vater ist, denn an den Abenden spielt er jetzt nie mehr Haschhasch mit uns.

Einen ganzen Winter lang hat Vater nun an sich selbst herumgedoktert, und jetzt auch schon weit in den zweiten hinein. Aber nun ist sein Husten auch so schlimm, daß er Tag und Nacht keine Ruhe hat.

Mutter würde sofort den Doktor kommen lassen; aber Vater sträubt sich aus aller Macht dagegen, denn jetzt ist zwischen Frankreich und Deutschland Krieg, und seit der angefangen hat, ist es noch viel gefährlicher als vorher, Doktor Piscator holen zu lassen.

Seht, der Doktor steht auf Seite der Deutschen, und das tut ja sonst kein Mensch. Er hält sie für außerordentlich tüchtig und kann nie aufhören, von ihnen zu reden. Einmal, als er bei Nilssons in Visteberg war, gerieten er und Herr Nilsson in eine so aufgeregte Aussprache über Frankreich und Deutschland hinein, daß sie die ganze Nacht hindurch miteinander weiter stritten. Frau Nilsson mußte dem Doktor noch ein Frühstück vorsetzen, ehe er abfuhr. Es ist also ganz wahr, was Vater sagt, nämlich, daß es geradezu ein Wagestück sei, den Doktor Piscator zu holen.

Aber schließlich setzt Mutter ihren Willen doch durch, und der Doktor wird an einem Nachmittag geholt. Als er eintrifft, ist es noch nicht einmal vier Uhr, und nachdem er Vater untersucht und ihm ein Rezept aufgeschrieben und noch Kaffee getrunken hat, hoffen wir alle bestimmt, er werde nun gleich abfahren.

Aber siehe, er bleibt sitzen und schwatzt und schwatzt. Als es fünf Uhr ist, bestellt Vater heißes Wasser und Zucker und Kognak ins Schlafzimmer, damit der Doktor einen Toddy bekommt, denn ohne den fahre er nicht ab, sagt Vater.

Den Tag über war es nicht besonders kalt gewesen, aber gegen Abend wird es plötzlich bitterkalt. Um halb sechs Uhr zeigt das Thermometer schon zwanzig Grad. Wir sitzen um den runden Tisch im Eßzimmer und machen wie gewöhnlich Handarbeiten. Wir häkeln und sticken und nähen, aber wir fühlen, wie die Kälte durch den Fußboden hereindringt und unsere Füße allmählich wie Eisklumpen werden. Und wir bedauern den Stallknecht von ganzem Herzen, weil er den Doktor in einer so kalten Nacht nach Sunne zurückfahren muß.

Als es sechs Uhr ist, fragt Tante Lovisa, ob der Doktor am Ende zum Abendbrot dableiben wolle; aber Mutter und Aline Laurell beruhigen sie und sagen, das könnten sie sich nicht denken. Warum sollte er denn dableiben? Ein Doktor müßte doch wohl so viel Verstand haben, zu begreifen, daß Vater zeitig zu Bett gehen müßte.

Während wir noch darüber reden, kommt die Haushälterin herein. Sie sagt, am Himmel sei etwas ganz Wunderbares zu sehen, und sie meine, die Herrschaften sollten herauskommen und es sich anschauen. Wir holen schnell Tücher und Mäntel und laufen alle miteinander hinaus.

Und siehe, der Himmel ist glutrot, wie wenn er in Flammen stünde!

Aline Laurell sagt sofort, es sei ein Nordlicht, obgleich der Himmel bei einem Nordlicht für gewöhnlich nicht so dunkelrot ist. Wir schauen unverwandt nur immerfort den Himmel an, denn so etwas haben wir noch nie gesehen. Ganz oben hängt es wie mehrere Reihen rote Orgelpfeifen herunter, und dann fahren blau und grün schimmernde Wolken darüber hin, und während sie daherjagen, ist es, als zischte es um sie her.

Dieser Anblick kommt uns allen furchtbar unheimlich vor. Wir können wegen der großen Kälte nicht lange draußen bleiben; aber im Hineingehen haben wir das Gefühl, als seien Bomben und Granaten auf uns geschleudert worden. Uns ist, als könnten wir jetzt verstehen, wie es all den Menschen in der großen belagerten Stadt zumute sein muß.

Als wir wieder drinnen sind, ist es halb sieben, und Tante Lovisa fragt aufs neue, ob der Doktor wohl zum Abendessen dableiben wolle. Sie hat zwar, wie sie sagt, draußen eine Wurst im Wasser liegen, aber sie meint, diese werde wohl sehr gesalzen sein; außerdem sei sie als Belag für das Butterbrot bestimmt. Mutter erwidert ihr noch einmal, der Doktor werde ganz gewiß vorher fortfahren, denn von der Apotheke in Sunne müßte ja die Arznei geschickt werden, und das wäre unmöglich, wenn der Doktor nicht vor nachtschlafender Zeit fortginge.

Um sieben Uhr erscheint Vater mit dem guten Bescheid, daß der Doktor jetzt aufbrechen wolle. Man solle den Stallknecht anspannen lassen. Anna läuft mit diesem Auftrag sofort in die Küche hinaus, und wir werden alle miteinander höchst froh gestimmt, weil der Doktor jetzt heimfährt, und Vater zur Ruhe gehen kann.

Ehe Vater das Zimmer wieder verläßt, stellt Mutter rasch eine Frage an ihn.

»Gustav, sag mir doch, was ihr miteinander verhandelt?« sagt sie.

»Ach, wir reden nur über Bismarck,« antwortet Vater, »und was für ein merkwürdiger Mann er ist.«

Wir aber bedauern Vater geradezu, weil er zuhören muß, wie Bismarck gelobt wird, denn er ist ja an all dem Unglück schuld, das über Frankreich hereingebrochen ist. Seht, jetzt, nachdem wir vorhin draußen gewesen sind und gesehen haben, wie Paris bombardiert wird, sind wir uns darüber vollkommen klar geworden.

Der Stallknecht verliert keine Zeit beim Anspannen. Wir hören das Schellengeklingel, als er an der Freitreppe vorfährt; das müßten die Herren drin in der Schlafstube doch auch gehört haben; aber da drinnen geht das Gespräch wie vorher weiter.

»Selma, geh du hinein und sag ihnen, daß der Schlitten vorgefahren ist,« sagt Mutter.

Ich gehe natürlich sofort, und als ich die Tür aufmache, sehe ich Vater und den Doktor mit dem Toddybrett zwischen sich am Schreibtisch sitzen. Der Doktor ist so im Eifer, daß er mit der Hand auf den Tisch schlägt und ruft:

»Das verdammte spanische Weib wars, verstehst du!«

Als er mich erblickt, unterbricht er sich und fragt, was ich wolle, und nachdem ich meinen Auftrag, daß der Schlitten vor der Tür stehe, ausgerichtet habe, winkt er nur mit der Hand ab.

»Ja, es ist gut,« sagt er, und dann wendet er sich wieder wie vorher Vater zu.

Ich gehe ins Eßzimmer zurück und erzähle natürlich, was der Doktor gesagt hat. Da wird Aline Laurell ganz aufgebracht, und sie sagt, es sei eine Schande, wenn man auf solche Weise von einer armen, abgesetzten, verbannten Kaiserin rede.

Wir sitzen aufs neue im Wohnzimmer und schauen auf das Thermometer. Jetzt zeigt es fünfundzwanzig Grad Kälte, und wir bekommen recht Angst für den Knecht und das Pferd. Mutter schickt dem Knecht einen Pelzmantel und für das Pferd eine wollene Decke hinaus. »Mehr kann ich nicht tun,« sagt sie.

Als es halb acht Uhr ist, hören wir den Knecht in den Flur hereinkommen und mit schweren Schritten in die Schlafstube gehen. Was er dort sagt, können wir nicht verstehen; aber er will natürlich Bescheid darüber haben, ob er noch länger warten soll. Jedenfalls bleibt er nicht lange drinnen, und nun macht er die Wohnzimmertür auf.

»Was soll ich denn tun, gnädige Frau?« fragt er. »Das Pferd kann ja erfrieren.«

»Was sagten denn die Herren drinnen?« fragt Mutter.

»Was sie sagten?« wiederholt der Knecht. »Der Herr Leutnant konnte kein einziges Wort sagen, denn sobald mich der Doktor zu sehen kriegte, goß er mir einen großen Schluck Kognak ein, dann gab er mir zwei Reichstaler, und dann hieß er mich meiner Wege gehen.«

»Ach so,« erwidert Mutter. »Ja, dann ist es am besten, Sie spannen wieder aus und führen das Pferd in den Stall zurück, Jansson.«

Gleich nachdem der Knecht die Tür hinter sich zugemacht hat, tritt Vater von der andern Seite her ein und sagt, der Doktor werde nicht vor dem Abendessen abfahren.

»Dann müssen wir wohl bald zu Abend essen, damit er nicht noch die ganze Nacht dableibt,« erwidert Mutter.

»Ja, das weiß Gott!« seufzt Vater. »Aber jedenfalls können wir ihn nicht hinauswerfen.«

Darauf geht er wieder zu sich hinein, und Tante Lovisa murmelt etwas davon, daß es wohl wie bei Nilssons in Visteberg gehen werde und wir ihm auch noch Frühstück geben müßten.

Mutter aber sagt: »Das kann Vater ja gar nicht aushalten. Dann muß er morgen sicher wieder das Bett hüten.«

Als Mutter das sagt, werden wir alle sehr betrübt, und wir sind wütend über Doktor Piscator, weil er nicht fortgehen will. Ach, es ist uns ebenso unheimlich zumute wie an dem Tag, wo Vater heimkam und Lungenentzündung hatte.

Aber wie wir nun so recht entmutigt und betrübt beieinander sitzen, bricht Aline Laurell plötzlich in ein helles Gelächter aus.

»Ich glaube, ich kann den Doktor zum Fortgehen bewegen, wenn du, Luise, mir nur die Erlaubnis dazu gibst,« sagt sie.

»Gewiß erlaube ich es dir, wenn du nur nichts tust, worüber der Doktor aufgebracht wird,« erwidert Mutter.

»O nein, ich habe ganz und gar nichts Gefährliches vor,« entgegnet Aline.

Damit legt sie ihre Handarbeit zusammen und steht auf. Und Mutter und Tante Lovisa und Anna und Emma und Gerda sehen alle miteinander ganz graubleich aus, weil sie frieren und so niedergedrückt sind. Aline aber hat rote Rosen auf den Wangen, und ihre Augen strahlen.

Früher hatten wir nur ein Tafelklavier, um darauf zu spielen, aber als der Großvater vor ein paar Jahren starb, erbten wir sein Pianino, und das steht jetzt in der guten Stube. Aline geht in die gute Stube hinein, und wir hören sie das Pianino aufmachen. Dann zündet sie Licht an und raschelt mit Papier; sie sucht also etwas unter den Noten. Und gleich darauf beginnt sie einen Marsch zu spielen.

Wir sitzen ganz stumm und regungslos da, wir sind überaus gespannt, können weder stricken noch nähen.

»Was spielt sie denn?« fragt Tante Lovisa. »Ich glaube, ich habe das früher schon gehört.«

»Es geht mir auch so,« erwidert Mutter. »Ach, weißt du, was? Es ist ganz bestimmt die Marseillaise.«

»Ja, wahrhaftig, ich glaube, du hast recht,« sagt Tante Lovisa. »Das ist ein prachtvoller Marsch; ich freue mich, daß ich ihn wieder einmal zu hören bekomme.«

»In meiner Jugend wurde er in Filipstadt beständig gespielt,« versetzt Mutter, »und ich erinnere mich wohl; wie aufgeräumt Vater wurde, sooft er ihn hörte.«

Mutter und Tante Lovisa sehen geradezu erfrischt aus, aber wir andern, Anna und Emma und Gerda und ich, begreifen gar nichts.

»Die Marseillaise, was ist denn das?« fragt Anna.

»Es ist ein französischer Marsch,« antwortet Mutter. »Dieser Marsch wurde unter der Französischen Revolution in Frankreich gespielt und gesungen. Hör nur, wie schön er ist!«

»Ich habe Aline noch nie so gut spielen hören,« sagt Tante Lovisa; »aber ich möchte wohl wissen, was Doktor Piscator über diese Musik sagen wird.«

Jetzt erinnere ich mich, daß ich über die Marseillaise etwas gelesen habe, entweder in »Nösselts allgemeiner Geschichte für Damen« oder anderswo.

»Ich erinnere mich, daß die Franzosen so ganz besonders begeistert für sie waren, und daß sie, wenn sie sie hörten, noch einmal so tapfer wurden als vorher,« sage ich.

Nun sitzen wir ganz andächtig da und hören zu, wie Aline die Marseillaise spielt. Sie spielt und spielt in einem fort und fängt den Marsch immer wieder von vorne an, ohne zu ermüden, und sie spielt mit Feuer und Nachdruck.

Ich weiß nicht, wie es kommt, aber dieser Marsch klingt ganz wunderbar. Es ist einem, als könnte man gar nicht ruhig sitzenbleiben und auch nicht weiter häkeln und nähen. Es ist einem, als müßte man aufspringen und schreien und singen. Es ist einem, als möchte man etwas Großes und Außergewöhnliches leisten.

Noch niemals hab ich Aline auf diese Weise spielen hören. Und keines von uns hat je gewußt, daß in Großvaters altem Pianino ein solcher Klang steckt. Mir ist, als hörte ich Trommelwirbel, als hörte ich, wie sie schießen und kämpfen, mir ist, als zittre der Boden. Mir ist, als hätte ich noch niemals so etwas Schönes gehört.

Das Schlafzimmer, wo Vater mit Doktor Piscator sitzt, liegt dicht neben der guten Stube; die beiden da drinnen müssen ja auch hören, daß Aline die Marseillaise spielt. Und unwillkürlich frage ich mich, ob sie sie nicht auch schön finden.

Als Aline sich ans Klavier setzte und anfing die Marseillaise zu spielen, war es genau acht Uhr, und jetzt ist es ein Viertel darüber; aber sie spielt noch ebenso kräftig und unverdrossen weiter.

Aline will uns, die wir zuhören, etwas mitteilen. Ich höre es, aber ich weiß nicht recht, was es ist. Vielleicht will sie sagen, daß man die Franzosen nicht verachten darf, denn sie sind jedenfalls ein großes, wunderbares Volk. Oder vielleicht will sie sagen, man dürfe nicht darüber trauern, weil sie geschlagen worden sind, denn sie werden sich mit der Zeit aufs neue erheben. Etwas Derartiges, denke ich, klingt aus ihrem Spiel heraus.

Aber dann steht Vater plötzlich unter der Tür der guten Stube.

»Jetzt kannst du aufhören, Aline,« sagt er, »denn jetzt ist der Doktor fort.«

Dann erzählt Vater, wie merkwürdig es war, als Doktor Piscator die Marseillaise vernahm. Zuerst schenkte er ihr gar kein Gehör, sondern redete weiter wie vorher; und als die Musik nicht aufhörte, brummte er ein wenig darüber und sagte, sie störe ihn.

Aber bald verstummte er vollständig und hörte nur noch aufmerksam zu. Dann fing er an den Takt mitzutreten und mitzusummen. Vater war nicht ganz sicher, ob ihm nicht sogar Tränen in den Augen standen.

Plötzlich sprang er auf und ging zur Tür, wo sein Pelzmantel hing. Er warf diesen eiligst über und zog die Mütze über die Ohren herein.

»Gut Nacht, Erik Gustav!« rief er. »Jetzt fahr ich heim.«

Er öffnete die Tür und ging in den Flur, aber Vater war ihm nachgeeilt.

»Lieber Doktor, so wart doch, bis das Pferd vorgefahren ist!« hatte Vater gemahnt. »Komm noch ein Weilchen herein, damit ich nach der Knechtskammer Bescheid schicken kann.«

Aber der Doktor machte nur in aller Eile die Haustür auf.

»Meinst du denn, ich könnte den Weg nach der Knechtskammer nicht selbst finden?« rief er. »Ich will nicht länger hierbleiben. Wenn ich diese Marseillaise noch eine Weile mit anhöre, werde ich ebenso verhext in die Franzosen wie ihr andern alle auch!«

Vierzig Grad Kälte

Es ist Samstag, und gleich nach dem Mittagessen sagte Mutter, da nun der Unterricht zu Ende sei ? denn wir haben am Samstagnachmittag immer frei ? und das Wetter so schön und die Schlittenbahn so gut, meine sie, Tante Lovisa und Aline Laurell würde ein Ausflug recht gut tun. Tante Augusta auf Gårdsjö habe ihr nämlich ein paar Muster für Baumwollstoff versprochen, und es wäre gut, wenn Tante Lovisa und Aline hinführen und diese Muster für sie holten. Sie sollten aber nicht so lange auf Gårdsjö bleiben, sagte Mutter, daß Tante Augusta sie zum Abendessen einladen müßte, sondern sie sollten gleich nach dem Kaffee den Heimweg antreten.

Tante Lovisa und Aline machten sich fertig, und um halb vier Uhr fuhren sie ab. Dann ließ Vater mir und Anna sagen, wir sollten in die Amtsstube kommen und Feuerversicherungspolicen kollationieren. Unser Vater hat ja alle Brandversicherungen in Ost-Ämtervik unter sich, und für jeden Hof müssen drei Brandversicherungspolicen angefertigt werden, und natürlich müssen alle drei ganz genau gleich sein, es darf sich nicht ein einziger Fehler darin finden.

Wir sitzen an dem großen Schreibtisch im Amtszimmer, und jedes hat seinen Teil von den großen Brandversicherungspolicen vor sich ausgebreitet. Und wir sind ganz feierlich gestimmt, weil wir Vater beim Kollationieren helfen dürfen.

Und Vater liest: »Neu 1. Zustand 1. Alt 1/2. Dach: Birkenrinde und Rasen.« Dasselbe kommt in einer Police nach der andern; es ist gerade nicht abwechslungsreich, aber wir sind jedenfalls sehr vergnügt. Vater sagt, Anna sei Inspektor Nymann, und ich sei Erik von Korterud, denn das sind die beiden, die sonst mit ihm kollationieren. Wenn ich einen Fehler finde, sagt er: »Es ist recht, Erik von Korterud, daß Er aufpaßt,« und das klingt unwiderstehlich komisch, wir müssen uns auf unseren Stühlen zurücklehnen und hell hinaus lachen.

Aber während wir noch mittendrin sind, geht die Amtszimmertür auf, und herein tritt ein Herr in einem langen, schwarzen Pelzmantel, einem gehäkelten Reiseschal und einer Mütze aus Seehundfell. Sein Bart und seine Augenbrauen sind dick bereift, und wir können deshalb zuerst gar nicht erkennen, wer es ist; aber dann kommen wir doch rasch dahinter. Es ist der Ingenieur Frykberg von Gräsmark, der an jedem siebzehnten August zu uns kommt, um mit zu tanzen und sich das Liebhabertheater bei uns anzusehen.

Sobald Ingenieur Frykberg Vater und Anna und mich begrüßt hat, sagt er, er habe gehört, daß Vater in diesem Jahr ungewöhnlich schönen Hafer geerntet habe. Und er fragt, ob er vielleicht etwas davon als Saatkorn kaufen könnte, denn auf Gräsmark sei im letzten Herbst aller Hafer erfroren.

Vater legt sogleich die Brandversicherungspolicen weg und schickt uns Kinder zu Mutter hinauf mit dem Bescheid, daß Ingenieur Frykberg zum Kaffee kommen werde. Wir laufen natürlich mit der Nachricht gleich hinüber in das große Wohngebäude, und da Tante Lovisa nicht daheim ist, helfen wir der Haushälterin beim Zuckerhacken und Kaffeegebäck auflegen.

Der Kaffeetisch sieht unserer Ansicht nach höchst einladend aus; aber als Ingenieur Frykberg ins Eßzimmer tritt und einen Blick darauf wirft, macht er ein etwas enttäuschtes Gesicht.

»Trinken nicht alle deine Damen Kaffee?« fragt er Vater. »Hier sind ja nur drei Tassen bereitgestellt.«

»O doch,« antwortet Vater, »diese Kunst können sie alle miteinander. Aber meine Schwester und die Erzieherin sind nach Gårdsjö gefahren. Du mußt heute mit uns vorliebnehmen.«

Aber ist es nicht recht seltsam! Ingenieur Frykberg, ein so großer, kräftiger Mann mit einem langen, schwarzen, überdies schon etwas graugesprenkeltem Vollbart sieht überaus niedergeschlagen aus, weil Tante Lovisa und Aline Laurell nach Gårdsjö gefahren sind.

Zuerst blinzelt er mehrere Male ganz rasch hintereinander, und dann fährt er sich mit einem großen rotseidenen Taschentuch wiederholt über die Stirn und das Gesicht. Und als er Mutter seine Tasse reicht, damit sie ihm Kaffee einschenke, hören wir den Löffel auf der Untertasse klirren.

»Sie werden nicht den ganzen Abend auf Gårdsjö bleiben,« sagt sie. »Ich denke, um sechs Uhr werden wir sie wohl wieder hier haben.«

Als Mutter das sagt, sieht es aus, als ob Ingenieur Frykberg neues Leben erhielte. Er steckt sein Taschentuch wieder ein, und der Löffel klirrt nicht mehr auf der Untertasse.

Während sie Kaffee trinken, spricht Mutter mit Ingenieur Frykberg über Aline Laurell. Sie sagt, sie preise sich glücklich, solange sie eine so ausgezeichnete Lehrerin für ihre Kinder habe, eine Lehrerin, die so zuverlässig, so anspruchslos und angenehm im Hause zu haben sei. Und überdies so sehr geschickt mit den Händen! Es sei wunderbar, welche schöne Sachen sie rein aus nichts herstellen könne.

Mutter zeigt Ingenieur Frykberg zwei Eckbretter mit Behang aus Kaliko, die im Eßzimmer angebracht sind, und die Aline letztes Jahr zu Weihnachten verfertigt hat.

»Sehen Sie, Herr Ingenieur, wie schön sie gestickt sind?« sagt Mutter. »Können Sie begreifen, daß diese Rosen und Fuchsien und Maiblumen nur aus aufgenähten Fischschuppen bestehen, und daß diese schöne Borte aus den Schuppen von Fichtenzapfen verfertigt und nachher mit Opallack überzogen ist? Ja, ich muß sagen, dieses Mädchen besitzt ein Vermögen in ihren Händen.«

Nachher sagt Mutter zu mir, ich solle Vaters Ständer für Federhalter holen und Ingenieur Frykberg zeigen. Aline hat diesen Ständer aus einigen dünnen Holzbrettchen gesägt und mit Tischlerleim zusammengeleimt, und Vater gefällt er so gut, daß er keinen andern Federständer auf seinem Schreibtisch haben will.

»Sehen Sie, Herr Ingenieur, auch das kostet nicht viel,« sagt Mutter.

Danach darf er das schöne Bücherbord in der guten Stube sehen, das aus drei gefirnißten Holzbrettchen besteht, die an braunen, wollenen Schnüren hängen. An den Brettern sind Kanten von schwarzem Samt, und auf diese Streifen hat Aline Blumen und Blätter aus Fischschuppen und weißer Seide und Strohperlen gestickt.

»Dies hab ich im vorigen Jahr zu Weihnachten von ihr bekommen,« sagt Mutter; »finden Sie es nicht sehr schön, Herr Ingenieur?«

O ja, Ingenieur Frykberg lobt alles, was Mutter ihm zeigt. Aber er ist nicht so erfreut darüber, wie Mutter erwartet hatte; er sagt, es sei recht traurig, daß so ein Mädchen wie Aline Arbeiten aus Fischschuppen und Tannenzapfen herstellen müsse.

Sobald er mit dem Kaffeetrinken fertig ist, ergreift ihn die Unruhe aufs neue. Nun zieht er ein Mal ums andere aus seiner Westentasche eine große silberne Zwiebel, schaut darauf, steckt sie ein und zieht sie aufs neue heraus, wie wenn er sofort wieder vergessen hätte, was die Uhr zeigte.

Nachdem Mutter sich über Aline Laurell ausgesprochen hat, ergreift Vater das Wort, und er fragt Ingenieur Frykberg nach dem schönen Berg, der droben in Gräsmark liegt und Gettjärnkletten heißt. Er fragt, ob es wahr sei, daß ein finnischer Junge, der dort im Sommer Hirte war, einen großen Goldklumpen gefunden und ihn dann beim Goldschmied Brockman in Karlstadt gegen drei große silberne Becher eingetauscht habe. Ingenieur Frykberg hat indes nicht ein Wort von dem Goldklumpen gehört, und ich glaube Vater auch nicht. Er will Ingenieur Frykberg nur ein wenig necken, weil er weiß, wie stolz alle Gräsmarker auf ihren Berg sind.

Aber wenn Vater meint, er könne Ingenieur Frykberg munter und froh machen, dann täuscht er sich. Ingenieur Frykberg sieht die ganze Zeit auf seine silberne Zwiebel ? er sieht ganz und gar nicht, daß wir im Eßzimmer eine große Uhr an der Wand hängen haben ?, und setzt wendet er sich an Mutter und fragt sie, ob sie Mamsell Laurell ganz bestimmt bis sechs Uhr zurückerwarte.

»Nein, so ganz sicher ist es nicht,« antwortet Mutter, »sie könnten ja möglicherweise auf Gårdsjö zum Abendessen eingeladen worden sein.«

Da steht Ingenieur Frykberg auf und wandert einmal um den Eßtisch herum.

»Ja, dann darf ich mich wohl jetzt verabschieden,« sagt er, »denn, wie Sie wissen, hab ich drei volle Meilen bis nach Hause, und es fängt schon an zu dämmern.«

Er hat wieder sein Taschentuch herausgezogen und spricht in einem ganz kläglichen Ton. Ich glaube, er tut Mutter leid, denn sie sagt:

»Könnten Sie nicht über Nacht hierbleiben, Herr Ingenieur? Im Amtszimmer ist immer geheizt, und es stehen dort Bettstellen mit warmen Bettstücken; es würde uns also gar keine Mühe machen.«

Als Mutter das vorschlägt, lebt Ingenieur Frykberg abermals auf. Er steckt sein Taschentuch wieder ein und sieht erfreut aus.

Dann erkundigt sich Mutter nach seiner Mutter. Sie fragt, ob diese noch bei ihm wohne und ihm den Haushalt führe.

»Ja, das tut sie,« antwortet Ingenieur Frykberg, »aber es ist allmählich kein Verlaß mehr auf sie.«

»Dann wäre es wohl an der Zeit, daß Sie sich eine Frau anschafften, Herr Ingenieur,« sagt Mutter, »damit die alte Dame nicht mehr so viel zu tun hätte.«

Darauf gibt Ingenieur Frykberg keine Antwort; aber er errötet und zieht sein Taschentuch abermals heraus. Vater und Mutter sehen einander an und schütteln den Kopf ein wenig. Sie sind gewiß ganz ratlos, was sie mit ihm anstellen sollen.

»Weißt du was, Frykberg!« sagt Vater plötzlich. »In der Dämmerung fahren die Kinder meist mit ihren Rodelschlitten. Geh du mit ihnen und hilf ihnen steuern! Möglicherweise kommen Lovisa und Aline im Schlitten angefahren, während ihr beim Rodeln draußen seid.«

Und siehe, über diesen Vorschlag wird Ingenieur Frykberg ganz vergnügt. Anna und Emma Laurell und ich nehmen ihn in die Mitte, und wir gehen hinaus. Wir fragen ihn, ob er nicht seinen Pelzmantel anziehen wolle; aber er meint, das sei nicht nötig, sein Anzug sei aus eigengewobenem Tuch angefertigt, und so brauche er keinen Überzieher.

Als er aber unsern Schlitten sieht, meint er, der sei doch viel zu klein.

»Mit dem kann man nicht rodeln,« sagt er, und er wählt dafür eine Rutsche, so eine, wie sie die Stallknechte gebrauchen, wenn sie Holz aus dem Walde heimfahren. Diesen Schlitten schiebt Ingenieur Frykberg zuerst durch die Allee und dann sogar den Ruhsteinhügel hinan. Und heisa! es geht in vollem Galopp, wenn wir uns dann auf den Schlitten setzen und den Hügel hinabfahren! Ingenieur Frykberg steuert, und der Schlitten fliegt nur so. Keine Rede davon, daß er gegen einen Schneewall fährt und umstürzt, was wohl vorkommen kann, wenn wir selbst steuern. Eine so prachtvolle Rodelfahrt haben wir noch nie mitgemacht.

Wir fahren viele Male den Hügel hinunter, und immer wieder schiebt Ingenieur Frykberg die schwere Rutsche zum Ruhstein hinauf, damit wir noch länger so lustig heruntersausen können; das ist doch furchtbar nett von ihm, darüber sind wir uns alle einig. Wir erzählen ihm alles mögliche, und er gibt uns Antwort darauf, und wir werden recht gut Freund mit ihm. Schon nach kurzem ist uns, als seien wir mit Ingenieur Frykberg ebenso gut bekannt wie mit Daniel und Johan.

An diesem Abend sieht es hier im Freien ganz merkwürdig aus, denn alles ringsum ist mit Rauhreif bedeckt. Auf den Fichten und Birken liegt er so hoch und dicht, daß sie sich auf den Weg herunterneigen. Es ist, als hätten wir ein weißes Dach über uns, und Emma Laurell sagt: »Es ist gerade wie in der Domkirche in Karlstadt.«

Als Ingenieur Frykberg das hört, fragt er, ob sie in Karlstadt gewesen sei. Emma antwortet, ja, dort sei sie geboren, und auf diese Weise kommt es heraus, daß Emma nicht unsere Schwester, sondern die von Aline ist. Das hatte Ingenieur Frykberg vorher nicht gewußt. Und Emma fragt Ingenieur Frykberg, ob er nicht Landesvermesser sei, denn sie meine, sie habe ihn einmal auf einer Gesellschaft bei ihren Eltern gesehen, zu der Zeit, wo ihr Vater noch lebte und der oberste Landesvermesser war. Ingenieur Frykberg ist sehr erfreut darüber, daß Emma Alines Schwester ist und sie sich noch an ihn erinnern kann.

Aber mitten im schönsten Vergnügen sagt Anna plötzlich, nun sei es ganz dunkel, und wir müßten heimgehen. Und darin müssen wir ihr recht geben, obgleich wir gerne die ganze Nacht den Ruhsteinhügel hinuntergerodelt wären. Und auf dem Heimweg zieht Ingenieur Frykberg Gerda und mich auf dem Schlitten ganz bis nach Hause, weil er sieht, wie müde wir sind. Jawohl, Ingenieur Frykberg ist, Vater natürlich ausgenommen, zweifellos der netteste alte Herr, den wir je kennengelernt haben, darin stimmen wir alle überein.

Oh, wir sind ja nicht so dumm, wir begreifen recht gut, daß Ingenieur Frykberg in Aline Laurell verliebt ist und er deshalb nicht eher fortgehen will, als bis Aline zurückgekommen ist. Aber Aline wird Ingenieur Frykberg nicht haben wollen, weil er so sehr häßlich und so sehr alt ist; darüber sind wir uns ganz klar. Und er tut uns aufrichtig leid, weil er nicht jung und schön ist.

Aber ist es möglich! Wir haben mehrere Stunden lang da draußen gerodelt! Als wir zu Hause ankommen, ist schon der Tisch zum Abendbrot gedeckt, wir dürfen uns nur hinsetzen und essen.

Als wir dann von Tisch aufgestanden sind, sagt Vater, an den Samstagabenden spiele er meist noch eine Partie Kille mit uns Kindern, und ob Ingenieur Frykberg uns die Freude machen und mitspielen wolle.

Jawohl, Ingenieur Frykberg ist sofort bereit dazu, und wir holen eiligst Spielmarken und die Killekarten. Dann setzen wir uns alle miteinander um den Eßtisch, ausgenommen Mutter, denn sie spielt nicht gern Karten.

Und Vater und Ingenieur Frykberg sind zu lustig! Sie suchen immer zu mogeln, so wie es die richtigen Kartenspieler machen müssen, und Anna und Emma Laurell und Gerda und ich, wir lachen sie aus, oh, wir sind seelenvergnügt!

Wir lachen und schwatzen durcheinander, und so hören wir es nicht einmal, als der Schlitten von Gårdsjö vorfährt. Nein, wir hören nichts, bis die Stubentür aufgeht und Tante und Aline hereintreten.

Beide sind ganz weiß vor Rauhreif, und sie haben große Herrenpelzmäntel an. Sie sagen, es sei furchtbar kalt draußen, volle fünfunddreißig Grad. Onkel Kalle habe ihnen Pelzmäntel geliehen, sonst wären sie erfroren.

Sie erzählen auch, wie willkommen sie auf Gårdsjö waren. Die Tante und der Onkel hätten sie aufs herzlichste zum Abendbrot eingeladen, und so hätten sie nicht nein sagen können.

Als Aline hereinkam, stand Ingenieur Frykberg vom Tisch auf und zog sich ganz in die Ofenecke zurück, und so sah Aline ihn erst, als sie den Pelzmantel abgelegt hatte.

»Ei sieh! Sind Sie hier, Herr Ingenieur?« sagt sie und streckt ihm die Hand zum Gruß hin.

Sie ist durchaus nicht unfreundlich, aber sie richtet sich plötzlich stramm auf und wirft den Kopf zurück. Dabei sieht sie ein wenig aus wie Frau Hwasser im Schauspielhaus in Stockholm, wenn sie eine Königin spielt und mit einem Lakaien redet.

Und wie schön ist Aline Laurell, wie sie so vor ihm steht! Sie hat so frische Farben, in den Stirnhaaren glänzt der Rauhreif, und die großen grauen Augen leuchten und strahlen wie immer, wenn sie angeregt ist. Und Aline Laurell kommt mir plötzlich viel vornehmer vor als wir andern. Sie ist ein feines Stadtfräulein, gewohnt, mit dem Landeshauptmann und dem Bischof zu verkehren, wir aber sind nur einfache Landpomeranzen.

Und vor allem ist sie vornehmer als Ingenieur Frykberg. Mir ist, als sinke er in sich zusammen und werde kleiner und kleiner, während er sie ansieht.

Er sieht aber auch wirklich furchtbar struppig aus mit dem großen Bart und in dem eigengewobenen Anzug. Er begrüßt Aline, sagt aber kein Wort, und so kommt Mutter ihm zu Hilfe.

»Ingenieur Frykberg kam, um Hafer zu kaufen,« erklärt sie. »Er hat mit den Kindern mehrere Stunden lang gerodelt. Das war sehr liebenswürdig von ihm, und wir haben ihn gebeten, über Nacht hierzubleiben, denn er hat einen weiten Weg nach Hause.«

Wir Kinder wollen auf Aline zustürzen, um ihr zu erzählen, wie herrlich es beim Rodeln war, aber wir unterlassen es, denn Aline ist sehr steif und abweisend. Sie ist wie ein gespannter Flitzbogen, man hat geradezu Angst, von einem Pfeil durchbohrt zu werden, wenn man ihr zu nahe käme.

»Ja, es wäre nicht gut für den Herrn Ingenieur, wenn er in dieser Kälte heimfahren müßte,« sagt Aline, und sie ist abermals so vornehm wie Frau Hwasser, wenn nicht noch vornehmer.

Aline meint in diesem Augenblick gewiß, ihr Vater sei noch am Leben, und sie stehe in der schönen Wohnung in Karlstadt und empfange alle die einfachen Landesvermesser aus den Landstädten, die zu dem obersten Landesvermesser eingeladen worden sind.

Ingenieur Frykberg sagt immer noch nichts, aber er hat das rote Taschentuch wieder herausgezogen und wischt sich damit über die Stirne. Dann greift er nach seiner Uhr.

»Ja, du hast recht, Frykberg, es geht auf elf Uhr,« sagt Vater. »Und da unsere Ausflügler jetzt daheim sind, ist es Zeit, daß wir zu Bett gehen.«

 

Als das Kindermädchen Maja am nächsten Morgen zu uns hereinkommt, um einzuheizen, sagt sie, es habe vierzig Grad Kälte.

»Da bleibt ihr Kinder am besten in euren Betten liegen,« sagt sie. »Man kann die Zimmer unmöglich warm bekommen.«

Aber natürlich stehen wir auf. So eine große Kälte haben wir ja noch nie erlebt. Es kommt uns so merkwürdig vor, wie wenn wir nach dem Nordpol verzogen wären.

Als wir in das Wohnzimmer hinunter kommen, sind da alle Fenster mit einer dicken Schicht Rauhreif bedeckt, und es dringt nur ganz wenig Tageslicht herein; überall ist es nur halbhell, und es ist furchtbar kalt.

Von dem Thermometer, das vor einem der Wohnzimmerfenster hängt, können wir nicht viel sehen. Aber gerade vor der Quecksilberkugel ist ein sonderbarer heller Fleck auf der Scheibe. Ei, das Quecksilber ist wahrhaftig eingefroren, es steigt in dem Glasröhrchen nicht mehr in die Höhe.

Und die Haushälterin sagt, wir könnten kein weiches Brot zum Frühstück bekommen, denn alles Brot sei Stein und Bein gefroren, wenn man versuchte, es durchzuschneiden, zerbröckle es vollständig.

Auch Butter können wir nicht bekommen, denn auch sie ist fest gefroren. In der Buttertonne liegen da und dort große Eisstücke.

Wir möchten gern hinausgehen und fühlen, wie es bei vierzig Grad Kälte ist, aber das dürfen wir nicht. Wir dürfen nicht einmal das Schloß an der Haustür mit bloßen Händen anfassen. Denn wenn man bei vierzig Grad Kälte Eisen anfaßt, dann brennt es einen, wie wenn es glühend heiß wäre, und die Haut wird ganz versengt.

Aber jedenfalls finden wir es höchst feierlich, daß wir eine so große Kälte erlebt haben. Weder Vater noch Mutter, ja, nicht einmal die alte Haushälterin, können sich an vierzig Grad Kälte auf Mårbacka erinnern.

Wir sind so hingenommen von dieser Kälte, daß wir Ingenieur Frykberg, der am gestrigen Abend so nett mit uns war, vollständig vergessen. Als wir uns dann aber an den Frühstückstisch setzen, fragt Anna, ob wir nicht auf den Ingenieur warten sollten.

»Nein,« antwortet Mutter, »Ingenieur Frykberg ist nicht mehr da. Als er hörte, daß das Thermometer vierzig Grad Kälte zeigte, stand er sofort auf und fuhr heim. Als er ging, sagte er, er müsse rasch nach Hause und nachsehen, ob seine Schafe und Schweine nicht erfroren seien. Er habe nicht einmal Zeit, sich zu verabschieden.«

»Aber ist es nicht gefährlich, bei so einer Kälte viele Meilen weit zu fahren?« fragt Aline.

Doch Vater lacht nur und erwidert:

»Ei, ei, Aline, findest du es jetzt an der Zeit, warmherzig zu werden! Ich möchte wohl wissen, wer daran schuld ist, daß er auf und davon fuhr.«

»Aber, lieber Onkel,« erwidert Aline, »ich bin doch ganz freundlich gegen ihn gewesen. Du wirst doch nicht das Gegenteil behaupten wollen?«

»Oho,« sagt Vater, »in deiner Freundlichkeit waren wenigstens vierzig Grad Kälte.«

Und ich glaube, Vater und Mutter auch sind ein wenig unzufrieden mit Aline. Und Anna und Emma Laurell und ich, wir sagen allerdings hinterher, Aline habe sich unmöglich in einen so häßlichen alten Mann verlieben können; aber Ingenieur Frykberg tut uns trotzdem leid.

Ich grüble lange darüber nach, ob er nicht am Ende gehofft hatte, er werde unterwegs erfrieren, als er sich bei vierzig Grad Kälte auf den Heimweg machte. Ich warte darauf, zu hören, daß er nicht lebend daheim ankam. Dann wäre alles miteinander wie in einem Roman gewesen.

Maja Råd

Wir freuen uns immer, wenn Maja Råd bei uns zum Nähen eintrifft, denn das ist sehr unterhaltend.

Zweimal im Jahr bekommen wir neue Kleider. In jedem Frühjahr ein baumwollenes Kleid und in jedem Herbst ein wollenes. Alle unsere baumwollenen Kleider werden aus eigengewobenem Stoff angefertigt, und Mutter ist es, die das Garn und die Farben zugerichtet, die Muster ersonnen und den Webstuhl aufgezogen hat; denn darin ist Mutter ein Meister. Als wir noch klein waren, hat Mutter auch alle unsere Kleider selbst genäht, aber nachdem wir groß geworden sind, getraut sich Mutter das nicht mehr, sondern Maja Råd muß zu uns kommen und helfen.

Maja Råd näht immer in der Küchenstube bei Tante Lovisa drinnen, und das gefällt der Tante sehr gut, denn dann hat sie den ganzen Tag Gesellschaft und vergißt an das zu denken, was widerwärtig ist. Wenn Maja Råd da ist, sitzt auch Mutter in der Küchenstube und hilft nähen, und wir andern, Aline Laurell und Anna und Emma Laurell und Gerda und ich, sitzen dabei. Gerda ist noch so sehr klein, sie näht nur Puppenkleider, aber das macht sie so gut, daß Maja Råd sagt, Gerda werde gewiß eine Meisterin im Nähen werden. Anna ist auch tüchtig im Nähen, aber Emma Laurell und ich, wir sind richtige Stümper, die die rechte und die linke Seite des Stoffs nicht unterscheiden können, und so dürfen wir nur solche Sachen tun, die nicht schwierig sind, wie zum Beispiel Rockbahnen zusammensetzen oder Einfaßlitzen annähen.

Aber Emma und ich finden es doch sehr vergnüglich, wenn Maja Råd da ist, denn dann brauchen wir nicht zu lernen und zu rechnen.

Wenn Maja Råd da ist, wird ein großer Klapptisch in die Küchenstube gestellt; darauf legt Maja Råd die Stoffballen und schneidet zu. Maja Råd schneidet niemals verkehrt oder schief, und sie legt immer die rechte und die linke Seite richtig aufeinander; denn sie ist eine richtige Schneiderin, die bei einem Schneider in die Lehre gegangen ist.

Maja Råd hält sich eine deutsche Modenzeitung, die »Der Bazar« heißt und jeden Monat einmal erscheint. Wir Kinder betrachten diese Zeitung jeden Tag, solange Maja Råd da ist, und wir versuchen es, die allerschönsten Modelle herauszusuchen, nach denen unsere baumwollenen und wollenen Kleider genäht werden sollen. Maja Råd aber meint, wir sollten etwas einfachere Kleider wählen. Sie sagt, man dürfe nicht erwarten, daß ein Kleid, wenn es genäht ist, so schön werde, wie man es in der Zeitung gezeichnet sieht.

Maja Råd kann nicht Deutsch und wir andern ebenfalls nicht, denn Aline Laurell kann nur französisch, und das ist die einzige Sprache, die sie uns gelehrt hat. Wir können natürlich nicht begreifen, wie Maja Råd sich mit dem deutschen Modejournal abfindet, und daß wir das sagen, wir, die wir so gelehrt seien, und jeden einzigen Tag nichts anderes täten als lernen, das gefällt Maja Råd.

Maja Råd ist immer gut angezogen und glatt gekämmt, aber ihr Haar ist so dünn, daß die weiße Kopfhaut zwischen den Haarsträhnen hervorschimmert. Auf der Stirn hat sie lauter kleine Runzeln dicht nebeneinander, und sie hat auch das ganze Jahr hindurch Sommersprossen. Wir haben auch Sommersprossen, die im Frühjahr erscheinen und im Herbst wieder verschwinden, aber die von Maja Råd verschwinden nie. Sie trägt eine Krinoline, obgleich alle andern Menschen die Krinoline abgelegt haben, und ich frage mich, ob es eine besondere Eigenschaft von Maja Råd ist, daß sie sich nie verändern kann. Sie kann sich nie von dem trennen, was sie sich einmal angeschafft hat, sie kann weder die Sommersprossen noch die Krinoline ablegen.

Manchmal, wenn ich Maja Råd betrachte, frage ich mich auch, ob sie nicht aus Holz gemacht ist. Denn sie ist sehr trocken. Ich glaube, wenn sich Maja Råd mit einer Nadel stechen würde, käme kein Blut heraus. Manchmal wünsche ich geradezu, daß sie sich steche, damit ich sehen kann, ob sie nicht aus Holz gemacht ist.

Wir fragen Maja Råd öfters, ob sie sich denn nicht eine Nähmaschine anschaffen wolle; aber sie sagt, das werde sie nie tun. Nein, niemals, so lange sie noch eine Nadel einfädeln könne.

Maja Råd näht nicht mit einem Fingerhut, sondern mit so einem Fingerring, wie die Schneider sie gebrauchen. Es war ja auch ein Schneider, bei dem sie in die Lehre gegangen ist. Sie näht furchtbar schnell, niemand, weder Mutter noch Tante Lovisa noch Aline, können mit Maja Råd um die Wette nähen.

Maja Råd bekommt einen Reichstaler am Tag, und wenn ihr bei den Röcken und Ärmeln tüchtig geholfen wird, kann sie jeden Tag ein Kleid fertig machen. Auf diese Weise bekommen wir unsere Kleider für je einen Reichstaler genäht, und das kommt uns außerordentlich billig vor.

Die Leibchen näht Maja Råd immer selbst, denn das ist das wichtigste Stück. Es muß einen Rücken und zwei Achselstücke und zwei Seitenteile und zwei Vorderteile haben, und auf den Vorderteilen müssen zwei Brustzwickel sein, die so ganz besonders schwierig zu machen sind.

Alle Leibchen müssen ganz glatt und gleichmäßig anliegen, nirgends darf sich eine Falte zeigen. Und das ist gerade das schwierige; aber das kann Maja Råd. Und das ist es auch, was, wie Maja Råd meint, Gerda lernen kann; aber von mir und Emma Laurell sagt sie gerade heraus, sie glaube nun und nimmer, daß wir je ein richtiges Leibchen zustande bringen würden.

Maja Råd steht jeden Morgen um sechs Uhr auf, und sobald sie angezogen ist, setzt sie sich hin und näht. Sie näht den ganzen Tag hindurch bis zum Nachtessen. Nie macht sie einen Spaziergang. Wir versuchen sie zwar zu überreden, mit uns hinauszugehen, aber sie dreht stets eiligst wieder um. Sie sagt, sie wolle für das Geld etwas leisten und nicht auf der Landstraße herumlaufen. Aber wir glauben, sie sagt das nur, weil sie nichts anderes als immerfort nähen mag.

Maja Råd näht auch auf Gårdsjö und bei Noreens und bei Nilssons in Visteberg und bei Pastor Lindegrens. Dort bekommt auch jedes Kind im Frühjahr ein baumwollenes und im Herbst ein wollenes Kleid. Maja Råd hat also vollauf zu tun.

Maja Råd klatscht niemals, und das ist sehr gut. Im Beisein von Maja Råd kann man über die andern Herrschaften im Bezirk sagen, was man will; es wird niemals weitergetragen. Nur das sagt Maja Råd, wenn sie von alldem, was die Herrschaft auf dem einen Gut über die auf dem andern Gut sagt, reden wollte, dann wäre es für alle Zeit aus mit der Freundschaft. Deshalb ist es sehr gut, daß Maja Råd schweigen kann.

Wenn Maja Råd auf Mårbacka ist, bringt die Haushälterin jeden Tag um elf Uhr Kaffee für die Großen. Wir Kinder trinken keinen Kaffee, sondern jedes bekommt ein Butterbrot.

Und während Maja Råd Kaffee trinkt, berichtet sie Neuigkeiten. Denn Maja Råd weiß alles, und solche Dinge, die keinen Schaden anrichten, erzählt sie gerne. Sie erzählt, wer sich verheiratet und wer eine Gesellschaft halten wird und wer gestorben ist und wer nach Amerika auswandern will.

Und wenn Maja Råd so lange bei uns gewesen ist, daß alle Gesprächsgegenstände erschöpft sind, holt Gerda ihr »Buch der hundert Rätsel«, das sie zu Weihnachten bekommen hat, und dann gibt sie Maja Råd und uns andern Rätsel auf.

»Maja Råd, weißt du, wer geht und geht und doch niemals die Tür erreicht?«

Und das weiß Maja Råd natürlich ebensogut wie wir andern alle, aber sie sagt immer, sie wisse es nicht, damit Gerda glücklich ist. Niemals kann sie auch nur ein einziges von Gerdas Rätseln erraten, obgleich sie die Lösung zweimal im Jahr hört, und in der Küchenstube wird aus vollem Halse gelacht, weil Maja Råd so dumm ist.

Maja Råd hat uns auch von sich erzählt. Als sie noch klein war, wußte sie nicht, wie sie das Kleidernähen erlernen könnte. Aber das war ihr einziger heißer Wunsch. Sie wollte nicht wie ihre andern Geschwister das Vieh hüten, und sie wollte auch nicht kochen oder Fußböden scheuern oder Butter rühren oder Brot backen, sie wollte nur nähen.

Als sie dann erwachsen war, hatte sie keine Lust, auf den Tanzboden zu gehen oder sich zu verheiraten, und sie wollte auch keine Kinder haben. Sie wünschte sich nichts weiter, als das Kleidernähen zu lernen, damit sie Näherin werden könnte.

Sie bat ihre Mutter, doch mit ihr zu den Mamsellen Myrin zu gehen, die neben der Kirche wohnten und in allen Arten von Handarbeiten sehr geschickt waren. Aber als Maja Råd zu diesen kam, sagten sie, es sei ganz unmöglich, daß ein armes Kätnerkind etwas so Schweres und Großartiges wie Kleidernähen erlernen könnte.

Da mußte Maja Råd es machen wie alle andern auch. Sie mußte als Hirtin auf die Weide hinaus, sie mußte in der Dunggrube stehen und Dung aufladen, sie mußte Essen kochen, und sie mußte mit dem Vieh auf die Alm steigen.

Aber gerade, als Maja Råd alle Hoffnung aufgegeben hatte, je eine Kleidernäherin zu werden, geschah etwas Merkwürdiges. Maja Råds Schwester heiratete einen Korporal, der Schneider war. Und als der Schwager hörte, daß es Maja Råds höchster Wunsch war, eine Näherin zu werden, da erbot er sich, sie in die Lehre zu nehmen. Er zeigte ihr, wie sie Maß nehmen und wie sie Muster auswählen und zuschneiden, wie sie anprobieren und wie sie Knopflöcher machen müsse; und alles andere, was sie noch wissen mußte, sagte er ihr auch.

Und als Maja Råd bei ihrem Schwager ausgelernt hatte, nähte sie zuerst Kleider für Kinder und junge Bauernmädchen, denn bei diesen nahm man es nicht so genau, obgleich Maja Råd sich immer alle Mühe gab, alles so gut wie möglich zu machen.

Und vom ersten Augenblick an ging alles gut für sie, und schließlich war sie so berühmt, daß das Stubenmädchen von Mårbacka zu ihr kam und ein Kleid für sich bei ihr bestellte. Dieses Kleid nähte Maja Råd so schön, wie es ihr nur möglich war. Glücklicherweise sah dann unsere Mutter dieses Kleid, und darauf bestellte sie Maja Råd zu uns nach Mårbacka. Und von Mårbacka kam sie nach Gårdsjö, und von Gårdsjö nach Herrestad, und von Herrestad nach Visteberg und nach Halla. Und nicht ohne guten Grund wird sie auch von den Herrschaften in Sunne sowie von denen in Ransäter aufgefordert, zu ihnen zum Nähen zu kommen.

Mir gefällt es besonders gut, wenn Maja Råd erzählt, wie sie endlich nach einer so langen Wartezeit das Nähen lernen durfte, und dadurch befreit wurde, Wasser zu tragen und Fußböden zu scheuern und Dung aufzuladen. Jetzt braucht Maja Råd nie mehr etwas anderes zu tun, als das, was ihr am meisten Freude macht.

Ich lese auch sehr gerne die Geschichte von Christina Nilsson, die einstmals mit der Geige auf den Jahrmärkten herumwanderte und den Leuten aufspielte, später aber in der Großen Oper in Paris singen durfte.

Erst kürzlich hab ich gelesen, wie die Studenten in Neuyork die Pferde von ihrem Wagen ausspannten und die große Sängerin selbst nach ihrem Hotel zurückfuhren. Darüber wurde ich so gerührt, daß mir die Tränen in die Augen traten.

Ich werde immer tief gerührt, wenn ich von solchen höre, die es schwer gehabt haben, denen es aber später gut gegangen ist.

Der Kirchenbesuch

Wir freuen uns immer, wenn wir mit in die Kirche fahren dürfen.

Es geht einen steilen Hügel hinauf, ehe wir den ebenen Platz vor der Kirche erreichen; aber der Knecht knallt mit der Peitsche, und so gelangen wir in vollem Trab hinauf. Auf der niederen Mauer, die rings um die Kirche läuft, sitzt immer eine Schar von Leuten, die auf den Beginn des Gottesdienstes warten. Wenn sie die Herrschaft von Mårbacka anfahren sehen, stehen sie alle miteinander auf, knicksen und verbeugen sich, und das finden wir alle sehr schön. Auf dem Kirchplatz, ja, auf dem Wege selbst, stehen viele Leute, und sie treten eiligst auf die Seite, wenn wir dahergefahren kommen. Und Mutter ermahnt den Kutscher, doch ja recht vorsichtig zu fahren; Vater aber hat beständig den Hut in der Hand und grüßt nach allen Seiten, und er lacht nur, denn er weiß wohl, daß Jansson niemand überfährt.

Wir halten vor dem Gemeindehaus, wo ein kleines Zimmer bereit steht; wer will, kann da hineingehen und sich das Haar glatt streichen und seine Kleider nach der Fahrt ausschütteln. Außer den Herrschaften findet sich indes fast nie jemand da ein. Wir aber treffen da meist Tante Augusta Wallroth mit Hilda und Emilia und Frau Nilsson von Visteberg mit Emilie und Ingrid. Und in dieser Stube des Gemeindehauses sind wir höchst vergnügt und plaudern von allem Möglichen. Wenn wir aber wieder auf den Kirchplatz hinaustreten, werden wir ganz still und feierlich, denn so ist es Brauch in Ost-Ämtervik.

Wenn Mutter zur Kirche fährt, nimmt sie immer einen großen Blumenstrauß mit, und nachdem sie im Gemeindehaus gewesen ist, geht sie auf den Kirchhof, und Anna und ich gehen natürlich auch mit, um die Blumen auf Großmutters Grab zu legen. Mutter sammelt die dürren Blätter zusammen, die auf den Rasen gefallen sind, und biegt die Zweige des Weißdornbuschs auf dem Grabe ein wenig zurecht; und zum Schluß spricht sie ein Gebet und legt den Strauß nieder.

Ich habe ein Schwesterchen gehabt, das gestorben ist; ich habe es nie gesehen, aber Vater und Mutter haben es sehr lieb gehabt. Es liegt neben der Großmutter begraben, und Mutter nimmt ein paar von den schönsten Blumen aus dem großen Strauß heraus und steckt sie für sich besonders in eine Ecke des Rasens.

Ich verstehe wohl, wem sie diese Blumen widmet, aber ich frage mich doch unwillkürlich, ob Mutter wirklich wünschen könnte, noch ein weiteres lebendes Mädchen zu besitzen. Sie hat doch wahrhaftig für Anna und Gerda und mich schon so viel zu stopfen und zu flicken und zu stricken, daß sie nicht noch mehr leisten könnte.

Vom Kirchhof gehen wir geradeswegs in die Kirche, und sobald Mutter eine ihr bekannte Bauersfrau sieht, wie Katrina von Wästmyr oder Mutter Britta von Gata, oder Mutter Katrina, die Tochter von Jon Larssa in Äs, oder Mutter Maja von Prästbol oder Mutter Kerstin Där-Ner in Mårbacka, bleibt sie stehen und spricht ein paar Worte mit ihnen. Mutter ist ja zu Begräbnissen und Hochzeiten bei ihnen gewesen; sie weiß, wie es bei ihnen steht, deshalb weiß sie auch jedem einzelnen von ihnen etwas zu sagen.

Wenn wir dann in die Kirche hineingehen, setzen wir uns natürlich in die ersten Bänke der Empore, denn da sitzen die Herrschaften. Wir sitzen immer auf der linken Seite der Empore. Auf der rechten dürfen wir nicht sitzen, das geht durchaus nicht, denn das ist die Männerseite. Wenn die Frauenseite auch ganz dicht besetzt und drüben bei den Männern noch viel Platz wäre, so dürfte man doch nicht da hinübergehen. Eher muß man während des ganzen Gottesdienstes stehen.

Wenn wir auf der Bank sitzen, beugen wir den Kopf vor und sprechen ein Gebet, und danach schauen wir uns um. Wir sehen nach, ob der Kantor Melanoz vor der Orgel sitzt, und ob Herr Alfred Schullström, dem das Ladengeschäft in Älvik gehört, wie gewöhnlich neben ihm sitzt, ob die Kirchengemeinderäte ihre Plätze auf der kleinen Bank im Chor eingenommen haben, und ob Frau Lindegren auf Halla im Pfarrstuhl gleich unter der Kanzel sitzt. Wir sehen auch nach, ob Jan Asker, der Mesner, unter der Sakristeitür steht und achtgibt, ob die Kirchenbesucher alle hereingekommen sind, damit der Gottesdienst beginnen kann. Desgleichen sehen wir nach, ob die Nummern der Lieder an den schwarzen Schiefertafeln aufgesteckt sind und ob der Rockschoß des Bälgetreters hinter der Orgel hervorschaut, damit wir wissen, ob er auf seinem Platz ist. Und wenn wir auf diese Weise gesehen haben, daß alles in Ordnung ist, haben wir während des ganzen Gottesdienstes eigentlich nichts mehr zu tun.

Seht, es ist natürlich sehr vornehm, wenn man auf der vordersten Bank der Empore sitzt; aber dieser Platz hat den Fehler, daß man nichts von dem versteht, was der Pastor drunten in der Kirche sagt. Doch, natürlich, die ersten Worte der Liturgie bis zum Sündenbekenntnis versteht man, aber dann ist es, als würde alles von den Wänden und der Decke verschluckt. Man hört wohl, daß gesprochen wird, aber man kann die einzelnen Worte nicht unterscheiden. Wenigstens können wir Kinder es nicht.

Wenn die Orgel erklingt, so hören wir das allerdings, aber auch das ist nicht lauter Freude, denn in der Kirche von Ost-Ämtervik wagt kein Mensch zu singen. Wir sitzen mit den Gesangbüchern in der Hand da und lesen das Lied nach, aber keines von uns wagt einen Ton laut werden zu lassen. Einmal, als ich noch klein war, verstand ich noch nicht, wie man sich zu benehmen hatte, sondern ich sang einen ganzen Vers so laut, als ich nur konnte, mit; denn ich singe sehr gern, und daheim singe ich den ganzen Tag. Als man aber an den zweiten Vers kam, beugte sich Anna zu mir her und sagte, ich müsse aufhören.

»Siehst du denn nicht, wie Emilie Nilsson dich anstarrt, weil du singst?« sagte sie.

Der einzige, der in der Kirche singt, ist Jan von Skrolycka, der nicht recht gescheit ist.

Und ich frage mich bisweilen, ob der Kantor Melanoz nicht auf die Kirchgänger böse ist, weil sie ihn ein Lied ums andere spielen lassen, ohne mitzusingen, denn plötzlich macht er etwas an der Orgel, und dann braust und dröhnt und heult sie so stark, daß wir glauben, das Kirchendach werde gleich auf uns herabstürzen. Das würde dem Kantor Melanoz ganz gleich sehen, denn er ist sehr lustig und voller Schelmenstreiche.

Aber daß ich die Predigt nicht verstehen kann, das tut mir wirklich leid, denn Pastor Lindegren wohnt auf Halla dicht bei Mårbacka, und wir sind sehr befreundet mit ihm. Er ist immer nett mit uns Kindern, und er ist auch so sehr schön. Zwar schön ist er jederzeit, aber doch nie so schön, als wenn er auf der Kanzel steht und predigt. Er redet sehr eifrig und wedelt mit seinem großen Taschentuch, das er in der Hand hält, und je länger er predigt, desto schöner wird er. Und beinahe bei jeder Predigt, die er hält, wird er so gerührt, daß er weint. Und dann frage ich mich, ob er weint, weil wir uns nicht bessern und bekehren, er mag sagen, was er will. Aber für uns wenigstens, die wir auf der ersten Bank der Empore sitzen, ist es nicht so leicht, uns nach ihm zu richten, denn wir verstehen ja kein Wort von dem, was er sagt.

Die Großen, die sind es ja gewohnt, daß sie sich langweilen, denen macht es wohl nichts aus; aber uns Kindern fällt es sehr schwer, die Zeit herumzubringen. Emilie Wallroth hat mir gesagt, sie zähle die Nagelköpfe an der Kirchendecke, und Ingrid Nilsson sagt, sie beobachte, wie oft die Bauern drunten in der Kirche einander eine Prise anböten. Emilie Nilsson addiert die Nummern auf den Nummertafeln und subtrahiert, multipliziert und dividiert sie. Sie sagt, solange sie das tue, habe sie wenigstens keine sündigen Gedanken im Kopf. Es wäre schlimmer, wenn sie Hilda Wallroths schönen Hut betrachtete und sich wünschte, auch so einen zu haben. Anna aber sagt, sie lerne Lieder auswendig, und dann denken wir alle, daß das noch besser ist als multiplizieren und subtrahieren.

Ich rechne weder, noch sehe ich nach, wer schnupft. Nein, ich male mir aus, wie es wäre, wenn der Blitz in den Kirchturm einschlüge und die ganze Kirche in Brand geriete. Dann würden alle Leute furchtbar Angst bekommen; sie würden hinausstürzen wollen und einander dabei fast zu Tode treten. Ich aber würde da auf der Bank der Empore meine Stimme erheben und sie ermahnen, doch ruhig zu sein. Und dann würde ich sie in eine lange Reihe stellen, ganz wie es in der Fritjofsage heißt: »Jetzt vom Tempel zum nahen Strand dehnt sich eine Kette von Händen.« Und durch meine Besonnenheit würde der Brand gelöscht, und man würde in der Wärmlandszeitung über mich schreiben.

Sobald der Gottesdienst zu Ende ist, machen Mutter und Anna und ich den alten Mamsellen Myrin einen Besuch.

Sie wohnen im Dachstock des Schulhauses, das dicht neben der Kirche ist, und Anna und ich sagen, wir würden es niemals wagen, so nahe beim Kirchhof zu wohnen. Wir würden nur mitten am Tage ausgehen, aber niemals, wenn es schon dunkel ist, denn da könnten die Gespenster vom Kirchhof kommen und uns mitnehmen.

Die Mamsellen Myrin haben einstmals auf Herrestad gewohnt, aber das war lange vor unserer Zeit. Ich glaube, sie sind jetzt recht arm; aber niemand läßt sie das merken, sondern man spricht mit ihnen genau, wie wenn ihnen Herrestad auch heute noch gehörte.

Die Treppe, die zu dem Zimmer der Mamsellen Myrin hinaufführt, ist am Sonntag immer frisch gescheuert und mit Wacholderreis bestreut, denn die Mamsellen Myrin warten immer auf den Besuch der Herrschaften, die in der Kirche gewesen sind. Mutter hat gewöhnlich eine Flasche Rahm oder ein Pfund Butter für sie in ihrem Beutel, und diese stellt sie in die Küche, wenn sie an der Küchentür vorübergeht. Und auf der Treppe begegnen wir fast immer Bauersfrauen, die alle etwas unter dem Arm tragen, das sie ganz verstohlen in die Küche legen.

Die Mamsellen Myrin wohnen in einem schönen, gemütlichen Zimmer, und beide sitzen stets sehr fein und sonntäglich gekleidet in ihren Korbstühlen und erwarten die Besuche, und sie wissen nicht das geringste von dem, was in ihre Küche gelegt wird. Alle beide haben große Mantillen an und schwarze Tüllhauben auf; aber Mamsell Marie Myrin ist groß und hat weiße Haare, und ihre Finger sind von Gicht gekrümmt, Mamsell Rora Myrin dagegen ist klein und dunkelhaarig und hat gesunde Hände, die man herzhaft drücken darf.

Und sobald Mutter zu den Mamsellen Myrin hineintritt, bewundert sie deren Vorhänge und Tischdecken, deren Sofaschoner und Bettüberwürfe. Die Mamsellen Myrin haben alles miteinander selbst verfertigt, und zwar alles mit Fischschuppenstich gestrickt. Und Mamsell Rora erzählt, wie viele Decken und Vorhänge bei ihnen bestellt sind. Und sie sagen, es sei ganz merkwürdig, wie sehr entzückt alle Leute in Ost-Ämtervik von dem Fischschuppenstich seien. Dann benützt Mutter die Gelegenheit und sagt, sie sei ebenfalls aus diesem Grunde gekommen. Sie hätte gern eine große runde Decke für den Tisch, der im Eßzimmer vor dem Sofa steht. Es ist ein Tisch aus Erlenholz, und Mutter sagt, die Platte sei sehr schön poliert, es wäre ihr sehr leid, wenn sie verkratzt würde, deshalb wäre es gut, wenn sie eine Decke darauf hätte. Aber vielleicht hätten die Mamsellen Myrin schon so viele Aufträge, daß sie jetzt gar keine Bestellung mehr annehmen könnten.

Mamsell Marie sieht etwas zweifelhaft aus, aber Mamsell Rora ist entschlossener; rasch zieht sie eine Schublade auf, die bis zum Rande mit solchen im Fischschuppenstich gestrickten Arbeiten voll ist. Mutter hat nur zu wählen, sie kann so viele Decken bekommen, wie sie will. Und Mutter ist sehr erfreut, weil sie nun nicht mit leeren Händen heimkehren muß. Sie kauft auch nicht nur eine Decke für den runden Tisch, sondern auch noch zwei Schutzdeckchen für die Schaukelstühle.

Als dies getan ist, will Mutter sich verabschieden; aber nun sagen die Mamsellen Myrin, da sie ein so großes Geschäft gemacht hätten, wollten sie uns nun auch mit einer Tasse Kaffee aufwarten. Mutter wehrt sich dagegen, aber es hilft alles nichts, sie muß notgedrungen dableiben.

Die Mamsellen Myrin haben einen Bruder, der ein reicher Hüttenbesitzer ist und auf dem Gut Bada in Lysvik wohnt. Der Gutsbesitzer Myrin hat drei Töchter, die ihre alten Tanten ab und zu besuchen, und da bringen sie immer eine große Menge Kaffeegebäck und Kuchen mit, damit die Tanten ihren Sonntagsgästen etwas vorzusetzen haben. Und diese Nichten sind überaus freigebig, die Mamsellen Myrin brauchen das ganze Jahr hindurch keine Kuchen zu backen.

Und wenn nun das Kaffeebrett hereinkommt, dann werden Anna und ich sehr vergnügt, denn mitten auf dem Brett steht eine große Schale mit Kaffeegebäck, und das sieht außerordentlich lecker aus. Aber Mutter spricht mit den Mamsellen sofort über ihre liebenswürdigen Nichten, und sie fragt, wann sie zuletzt bei ihren Tanten gewesen seien. Und dann erzählen die Mamsellen Myrin unserer Mutter, daß die Nichten seit dem vorigen Herbst nicht mehr da waren.

Mutter nimmt zu ihrem Kaffee nur zwei trockene Zwiebacke, und uns ermahnt sie, nicht gierig zu sein und nicht unsere ganze Untertasse ringsum mit kleinen Kuchen zu belegen. Die Mamsellen Myrin möchten doch gewiß auch selbst etwas von dem guten Gebäck genießen, das sie von ihren Nichten bekommen haben.

Und wenn Mutter das zu uns sagt, nehmen wir natürlich nur zwei von den allerkleinsten Plätzchen.

Wenn wir dann wieder heimkommen, sind wir doch äußerst befriedigt, daß wir mit in der Kirche waren. Obgleich wir keine Lieder gesungen und die Predigt nicht verstanden und bei den Mamsellen Myrin nur zwei ganz kleine Plätzchen gegessen haben, scheint es uns doch, daß Mutter recht hätte, wenn sie sagt, es sei gut, mehrere Stunden in Gottes Haus zu verbringen.

Der Kuß

Ach, wir sind furchtbar niedergeschlagen, weil Aline Laurell uns jetzt im Herbst verlassen wird.

Aline sagt, sie habe nicht genügend Kenntnisse, um uns noch länger zu unterrichten. Sie habe uns nur Französisch lehren können, und wir müßten jetzt doch auch englischen und deutschen Unterricht bekommen. Und sie sei auch nicht so perfekt im Klavierspiel, wie es nötig wäre. Es ist sehr schön von Aline, daß sie uns verlassen will, damit wir mehr Kenntnisse erlangen können, als sie uns beibringen kann; aber es ist uns darum doch furchtbar leid.

Aline hat eine Base, die Aline sehr lieb hat, mit Namen Elin Laurell. Diese kann Englisch und Deutsch und soll ausgezeichnet Klavier spielen. Aline hat es bewerkstelligt, daß Elin Laurell unsere Erzieherin wird, wenn sie selbst fortgeht. Aber Elin soll, wie wir gehört haben, schon dreißig Jahr alt sein, und wenn sie so schrecklich alt ist, wird sie wohl nicht mit uns spielen und sich nicht verkleiden und überhaupt nicht wie Aline bei allem Spaß mitmachen wollen. Und sie ist auch nicht schön. Ich habe sie einmal auf einer Gesellschaft bei Pastor Ungers in West-Amtervik gesehen, und da fand ich sie recht häßlich.

Aline selbst wird nach West-Amtervik ziehen und dort die Erzieherin der Ungerschen Kinder werden. Sie sind bei weitem nicht so alt wie wir, deshalb meint Aline, diese Kinder könne sie wohl noch unterrichten. Und Frau Unger in West-Amtervik ist Alines Tante, und Aline liebt diese Tante von ganzem Herzen, deshalb möchten wir wohl wissen, ob nicht am Ende Aline von Mårbacka weggeht, weil sie lieber bei dieser Tante, der Schwester ihrer Mutter, sein will.

Emma Laurell darf nicht mit nach West-Amtervik; sie wird noch einige Monate bei uns bleiben und bei Elin lernen. Im nächsten Jahr wird sie dann zu ihrer Mutter nach Karlstadt zurückkehren und dort die Töchterschule besuchen. Emma bleibt also vorerst noch bei uns, und darüber sind wir furchtbar froh, denn sie ist uns ja ganz wie eine Schwester. Wir können durchaus nicht begreifen, daß Emma Laurell nicht auf Mårbacka geboren ist.

Und ich glaube, Vater und Mutter ist es gar nicht recht, daß Aline von uns fort will. Sie sagen zwar nichts, aber Anna behauptet, keines von ihnen glaube, Aline wolle nur deshalb von uns fort, weil sie zu wenig Kenntnisse habe, sondern da müsse noch etwas anderes dahinterstecken. Und das glaube ich auch.

Diese Veränderung ist gar zu rasch gekommen. Im Frühjahr, als Aline nach Karlstadt zu ihrer Mutter reiste, war bestimmt angenommen worden, daß sie uns weiter unterrichten würde. Und genau so war es auch, als sie im August nach den Sommerferien zu uns zurückkehrte.

Aline traf wie sonst zum siebzehnten August wieder bei uns ein; denn nichts macht ihr eine solche Freude wie die Geburtstagsfeier des siebzehnten August auf Mårbacka. Und an dem Tag und auch noch die ganze Zeit nachher, solange die Gäste, Afzeliusens und Hammargrens und Schensons und Frau Hedberg und Onkel Christofer, da waren, war sie in übersprudelnder Laune. Aber sobald die Gäste abgereist waren, fing sie davon zu reden an, daß sie nicht fähig sei, uns noch weiter zu unterrichten, und deshalb von uns fortgehen wolle.

Und wir Kinder finden Aline auch ganz verändert. Seit sie uns gekündigt hat, ist sie äußerst empfindlich und aufbrausend. Es ist, als sei sie mit uns allen böse. Und wenn ich Klavierstunde bei ihr habe, so fürchte ich mich ordentlich davor. Ich habe gar kein Talent zum Klavierspielen; aber Vater und Mutter meinen doch, es wäre ganz gut, wenn ich so weit käme, wenigstens in einer Gesellschaft einen Walzer oder eine Franćaise spielen zu können. Sie sagen, das sei eine Freude für jedes, ob es auch noch so alt werde. Und früher hatte Aline Geduld mit mir und meinem Spiel, aber jetzt wird sie beim kleinsten Fehler böse.

Und ist es möglich, am heutigen Tag, wo wir mit den Nachmittagsstunden beginnen sollen, ist Aline unpräzis! Und das ist in den vier Jahren, die sie als Erzieherin bei uns war, noch niemals vorgekommen. Wir sind auch ganz betrübt darüber. Wir sollen Rechenstunde haben, und während wir auf Aline warten, nehmen wir unsere Schiefertafeln aus der Tischschublade und spitzen die Griffel. Und Anna sagt, als sie vor einer Weile durch das Schlafzimmer ging, habe Aline drin gesessen und mit Mutter geplaudert, sie könne also nicht weit entfernt sein. Jedenfalls erscheint Aline nicht bei uns im Kinderzimmer, ehe es ein Viertel über zwei Uhr ist. Und als sie endlich kommt, ist ihr Gesicht ganz rot, wie gewöhnlich, wenn sie Kopfweh hat; das sehen wir sofort, als sie eintritt. Sie schlägt das Rechenbuch auf und sagt uns, was wir rechnen sollen; aber sobald das getan ist, wirft sie sich der Länge nach auf das Kinderstubensofa und fängt heftig zu weinen an.

Sie sagt kein Wort, sondern schluchzt und weint nur immerfort, daß ihr ganzer Körper zittert. Und wir sagen auch kein Wort, wir bleiben stumm sitzen mit den Schiefertafeln vor uns. Es ist uns sehr traurig ums Herz, weil wir sie nicht trösten und ihr nicht helfen können, ihr, die wir doch alle miteinander so furchtbar liebhaben. Aber sie würde wohl aufgebracht werden, wenn wir es versuchen wollten, etwas zu ihr zu sagen.

Auch rechnen können wir nicht. Es ist uns unmöglich, an etwas anderes zu denken als an sie, die dort drüben liegt und weint. Schließlich steht Anna auf, legt ihre Schiefertafel in die Schublade zurück und macht Gerda und mir ein Zeichen, dasselbe zu tun. Dann schleichen wir uns alle drei zur Kinderstube hinaus; aber Emma Laurell lassen wir drinnen, weil Anna meint, sie als Alines Schwester sollte bei ihr bleiben.

Dann nimmt Anna mich mit in den Obstgarten, und da setzen wir uns auf eine Bank, wo man uns weder hören noch sehen kann, und dann spricht sie mit mir über Aline.

Seht, Anna ist ja am zweiten September fünfzehn Jahr alt geworden, und furchtbar verständig ist sie von jeher gewesen; Mutter fragt sie auch sehr häufig um Rat und bespricht alles mit ihr. Und Mutter hat zu Anna gesagt, sie sei sehr bekümmert wegen Aline Laurell und könne nicht begreifen, warum sie von uns fortgehen wolle. Sie hat Anna gefragt, ob sie nicht wisse, was dahinterstecken könnte.

Aber Anna wußte nichts, und jetzt sagt sie zu mir, sie wisse, daß Aline mich besonders gern hat und sich so oft mit mir unterhält. Sie fragt mich, ob ich mich nicht erinnern könne, daß Aline einmal etwas Besonderes über Onkel Christofer gesagt habe.

Und während ich da auf der Gartenbank sitze, bin ich über die Maßen stolz, weil Anna mich in einer ernsten Sache um Rat fragen will, denn das war gewiß noch niemals vorgekommen; aber ich begreife eben absolut nicht, was sie wissen möchte. Was hätte denn Aline Besonderes über Onkel Christofer sagen sollen?

Anna seufzt, weil ich so dumm bin und nichts begreife, und dann erklärt sie mir die Sache. Sie sagt, jetzt im Sommer, wo wir die vielen Gäste hatten, seien Mutter und Tante Georgina Afzelius und Tante Augusta auf Gärdsjö sehr darauf aus gewesen, daß sich Onkel Christofer mit Aline verlobe. Denn sie meinten, Onkel Christofer sei nun lange genug unverheiratet gewesen, und er müsse die Gelegenheit wahrnehmen, wenn er ein so prächtiges Mädchen wie Aline bekommen könnte. Er hat sich ja jetzt ein kleines Gut bei Filipstadt gekauft, das Hastaberg heißt, es wäre also besonders angezeigt, daß er sich nun eine Frau anschaffe. Und Aline sei gerade die richtige, die er nehmen sollte, weil sie klug und liebenswürdig und sparsam und ordentlich sei, ja auch keine Spielverderberin, sondern scherzen könne und Lust und Freude am Verkleiden und Theaterspielen und dem geselligen Leben habe, ganz wie Onkel Christofer auch.

Nein, wie erstaunt bin ich, als Anna mir das alles mitteilt! Ich kann kein Wort herausbringen, und deshalb fährt Anna mit ihren Erklärungen fort.

»Und ich glaube auch, daß Mutter und Tante Georgina mit Onkel Christofer ein wenig über Aline gesprochen haben,« sagt sie, »und er hat ihnen gewiß zugestimmt, denn er war ja jetzt im Sommer so ganz besonders liebenswürdig gegen Aline. Und ganz gewiß war auch Aline darum so ausgelassen, weil Onkel Christofer so liebenswürdig war, ja, bis zu seiner Abreise. Denn Onkel Christofer ist schon imstande, ein junges Mädchen in sich verliebt zu machen, sobald er nur will.«

Und da Anna schon fünfzehn Jahr ist, versteht sie ja das alles viel besser als ich, denn ich bin erst zwölf. Ich habe noch nie daran gedacht, daß sich jemand in Onkel Christofer verlieben könnte, und ich sage das auch zu Anna.

»Aber bedenk doch, wie schön er malt!« erwidert Anna. »Und wie schön er Klavier spielt, und wie angenehm er ist, und wieviel er von Deutschland und Italien zu erzählen weiß! Und er ist durchaus nicht alt, nur ein paar Jahr älter als Daniel.«

Und als Anna das sagt, fallen mir plötzlich ein paar Sachen ein, die ich vorher nicht richtig begriffen hatte.

Seht, solange die Gäste nach dem siebzehnten August noch bei uns sind, unternehmen wir meist an jedem Abend irgend etwas Lustiges. Manchmal tragen wir alle Möbel aus dem Eßzimmer hinaus, und dann lehrt uns Onkel Oriel die alten uppländischen Bauerntänze, denn Onkel Oriel ist in Enköping aufgewachsen. Und bisweilen singt Onkel Christofer Lieder von Erik Bögh, und manchmal setzen er und Frau Hedda Hedberg Studentenmützen auf und singen Studentenlieder, und manchmal bringen wir Tante Nana Hammergren dazu, uns Spukgeschichten zu erzählen.

Aber jetzt denke ich an einen Abend, wo Onkel Christofer am Klavier saß und improvisierte. Es begann damit, daß Onkel Oriel einen Damenhut mit einem breiten Rand aufsetzte, sich eine Mantille über die Schultern warf und »Emilies Herzklopfen« sang. Ach, es war furchtbar komisch gewesen, als Onkel Oriel ein junges Mädchen spielte und ganz schüchtern und verschämt tat, denn Onkel Oriel ist gewiß schon sechzig Jahr alt. Aber als Onkel Oriel fertig war, blieb Onkel Christofer am Klavier sitzen ? denn natürlich hatte er Onkel Oriel begleitet ?, und nach einer kleinen Weile spielte er dann auf ganz andere Weise. Er hatte keine Noten vor sich, und deshalb fragte ich Tante Georgina, was denn der Onkel da spiele. Tante Georgina aber gebot mir Schweigen und flüsterte mir zu, der Onkel improvisiere.

Ich begriff ganz und gar nicht, was sie damit meinte, aber das begriff ich, daß es etwas Außerordentliches sein müßte, denn alle die andern saßen still und feierlich da. Onkel Christofer spielte fort und fort, schließlich schlug es im Eßzimmer elf Uhr, und ich war im höchsten Grade erstaunt, daß Onkel Christofer alle diese vielen Noten hatte auswendig lernen können.

Und während Onkel Christofer spielte, war mein Blick zufällig auf Aline Laurell gefallen. Sie saß auch wie die andern ganz unbeweglich da, aber ihr Gesicht war voller Leben. Es war, als hörte sie jemand zu, der redete. Bisweilen lächelte sie, bisweilen schlug sie die Augen nieder, und bisweilen wurde sie blutrot. Und als ich Aline ansah, da wurde mir plötzlich klar, daß sie alles verstand, was Onkel Christofer spielte, ganz wie wenn er mit ihr redete. Ich selbst konnte keinen Sinn hinein bringen, aber das konnte Aline.

Und dann ein ander Mal. Es war am Lovisentag, am fünfundzwanzigsten August. Den Tag feiern wir Tante Lovisa zu Ehren immer mit einer Theatervorstellung, denn damit macht man ihr die allergrößte Freude. In dem Jahr hatten wir den »Besuch der Gräfin« aufgeführt. Das Stück ist von Frau Lenngren, in fünf Bildern, und es war alles ungeheuer gut gelungen. Aline war der Propst gewesen, und sie sah kugelrund aus, so sehr hatte sie sich ausgestopft, und auf ihrem Kopf trug sie eine große wollene Perrücke. Und Onkel Christofer war die Gräfin gewesen in einem langen seidenen Schleppkleid, einem weißseidenen Schal und einem geschlossenen Hut mit einem weißen Schleier darauf.

Onkel Christofer hatte sich jedoch einen Vollbart wachsen lassen, während er in Düsseldorf Bilder malen lernte, und der Vollbart war durch den Schleier hindurch sichtbar. Aber es war ganz merkwürdig, sobald der Onkel den Kopf zurückwarf und sich hoch aufrichtete und die Finger zierlich spreizte, glaubten wir alle miteinander, er sei eine richtige Gräfin, und vergaßen den Bart vollständig.

Als alles zu Ende war und Aline und ich uns im Kinderzimmer umkleideten ? denn ich hatte auch mitgespielt ?, da fragte ich Aline, ob sie nicht gefunden habe, daß Onkel Christofer sehr komisch gewesen sei.

»Komisch!« sagte Aline. »Ja, da hast du sehr recht. Er ist ja der geborene Schauspieler.«

Und das sagte sie überaus heftig, mir wurde ganz angst, und ich wagte nichts mehr zu fragen.

Aber Aline fuhr fort: »Ihr meint ja, er ist furchtbar komisch, und ihr kümmert euch um nichts weiter, als daß er sich immer als Possenreißer aufspielt, nur damit ihr recht lachen könnt. Aber ich sage dir, das ist sehr unrecht, denn dein Onkel ist ein Genie. Er kann ein großer Maler werden oder ein Komponist oder ein Schauspieler, was er nur will. Aber darum kümmert ihr euch nicht. Er soll nur immer euer Hanswurst sein. Kein einziges von euch hat so viel für ihn übrig, daß es sich darum kümmert, wieviel Schönes er in sich trägt.«

Ich dachte damals noch lange darüber nach, wie großartig Aline aussah, als sie das sagte. Aber jetzt erst kam mir der Gedanke, es könnte ja auch bedeuten, daß Aline Onkel Christofer liebt.

Und nun erzähle ich Anna beides, das, was Aline damals gesagt hat, und auch, was ich gesehen habe, als Onkel Christofer improvisierte. Und Anna sagt auch, sie meine, es könnte bedeuten, daß Aline in Onkel Christofer verliebt sei.

Und Anna sagt, wahrscheinlich habe Onkel Christofer an demselben Tag, wo er abreiste, Aline einen Antrag gemacht, sie aber habe ihm einen Korb gegeben.

»Irgend etwas ist im letzten Augenblick dazwischen gekommen,« sagt Anna, »aber wir verstehen eben nicht, was es ist; denn sie liebt ihn doch gewiß.«

Und gerade heute ist ein Brief von Filipstadt gekommen, das hat Anna gesehen, und sie glaubt, daß Mutter mit Aline über Onkel Christofer gesprochen hatte, als Aline zur Rechenstunde zu spät kam. Anna sagt, Aline hätte nicht so bitterlich geweint, wenn sie Onkel Christofer nicht lieb hätte. Und doch schlägt sie seine Werbung aus. Wir können sie ganz und gar nicht begreifen.

Anna und ich überlegen eine gute Weile; aber wir wissen weder aus noch ein, und schließlich trösten wir uns damit, daß wir unter Großvaters Astrachanbaum heruntergefallene Apfel auflesen.

Es ist mir gerade, als hätte ich ein Brett vor dem Kopf; und ich kann mich nicht davon frei machen, bis ich herausgefunden habe, warum Aline so sonderbar ist.

Am Abend, so zwischen fünf und sechs Uhr, ist meist kein Mensch im Kinderzimmer. Ich gehe also hinauf, nehme ein Schulbuch heraus und setze mich so hin, wie wenn ich lernte; aber eigentlich tue ich nichts weiter, als immerfort an Aline denken.

Nach einer Weile kommt das Kindermädchen Maja herein, um die Betten für die Nacht zurechtzumachen. Sie ist gewiß erstaunt, weil ich dasitze, nur in ein Buch hineinstarre und gar nichts tue.

»Was hast du denn heut abend, Selma?« fragt sie. »Hast du eine Strafaufgabe?«

»Nein,« sage ich, »ich bin nur betrübt, weil Aline von uns fortgeht.«

Ei, das hat Maja noch nicht erfahren, obgleich sie sonst immer alles weiß. Sie stimmt mir bei, ja, es sei sehr schade, daß Mamsell Aline fortgehe, »denn,« sagt sie, »sie war ein Mensch, den man geradezu liebhaben mußte.«

Darauf schweigt Maja einen Augenblick, sagt aber dann doch, sie könne auch gar nicht verstehen, warum unsere Mutter Mamsell Aline gekündigt habe.

»Ach, Mutter hat ihr sicher nicht gekündigt,« erwidere ich, »sondern sie ist es, die gekündigt hat. Mutter begreift nicht einmal, warum sie fort will.«

Maja schweigt wieder eine Weile. Sie macht Annas Bett zurecht und sieht ganz grüblerisch aus, zuletzt sagt sie:

»Ich hatte auch gedacht, daß Mamsell Aline bald gehen wird, aber ich meinte, ganz wo anders hin.«

»Wohin meintest du denn, Maja?«

»Ja, siehst du, ich war überzeugt, daß sie deine Tante werden würde.«

Darauf erwidere ich nichts, denn es gefällt mir nicht recht, daß Maja alles von uns allen weiß.

Maja beschäftigt sich weiter mit den Betten, dann sagt sie mit einem tiefen Seufzer:

»Vielleicht ist es am besten so. Es ist nicht sicher, ob das etwas für sie gewesen wäre.«

Aber nun fühle ich mich für Onkel Christofer gekränkt.

»Warum sollte Onkel Christofer nicht für Aline passen?« frage ich.

Jetzt wird Maja ganz eifrig, sie läßt die Betten stehen und kommt zu mir her.

»Ich will dir etwas sagen, Selma, was ich am siebzehnten August gesehen habe,« sagt sie.

Und dann erzählt mir Maja folgendes: am letzten siebzehnten August hatte eine der Damen, die zu Besuch da waren, das Mißgeschick, ihr Kleid zu zerreißen, als sie drunten im Garten Beeren pflückte. Wer es war, wollte Maja nicht sagen, aber jung und schön und verheiratet sei sie gewesen, sagte Maja. Sie sei nicht aus unserem Kirchspiel, und sie sei auch in diesem Jahr zum erstenmal auf Mårbacka gewesen; das übrige müsse ich selbst erraten.

Diese schöne Frau, deren Namen Maja nicht nennen wollte, war mit Onkel Christofer und Frau Lindegren von Halla in den Garten gegangen, und da war das Mißgeschick mit dem Kleid passiert, und die Dame war natürlich sehr erschrocken und ärgerlich darüber, was man ja gut begreifen kann. Der ganze Ärmel war aufgeschlitzt und mußte durchaus zusammengenäht werden. Mit dem zerrissenen Ärmel wollte sie nicht in das Hauptgebäude durch die ganze Schar der Gäste hindurchgehen, um Nadel und Faden zu holen. Da hatte Onkel Christofer vorgeschlagen, daß sie in Vaters Amtszimmer gehen sollte, dorthin könne sie unbemerkt kommen, denn es sei dort kein Mensch um den Weg. Und Frau Lindegren von Halla erbot sich, Nadel und Faden zu holen und damit ins Amtszimmer zu kommen, um ihr beim Zusammennähen zu helfen.

Die schöne fremde Dame hatte Frau Lindegren für ihr Anerbieten warm gedankt und war dann mit Onkel Christofer ins Amtszimmer gegangen. Frau Lindegren ging ins Hauptgebäude, aber es dauerte eine Weile, bis sie das Nähzeug fand, denn an einem solchen Tag steht auf Mårbacka nichts auf seinem richtigen Platz. Schließlich fand sie aber doch ein Nähkörbchen und lief mit diesem eiligst hinunter nach der Amtsstube, denn sie meinte, sie habe lange auf sich warten lassen.

Aber in der Tür des Amtszimmers befindet sich ein kleines rundes Fenster. Es ist nur ein kleines Guckloch, damit der, der drinnen ist, sehen kann, für wen er die Tür öffnet. Als nun Frau Lindegren von Halla vor der Amtsstube stand, warf sie durch dieses Guckloch einen Blick hinein. Sie wollte wohl sehen, ob die schöne Frau und Onkel Christofer noch drinnen auf sie warteten, sonst hätte sie ja nicht hineinzugehen brauchen.

Und da hatte Frau Lindegren von Halla gesehen, daß Onkel Christofer und die schöne fremde Frau mitten im Zimmer standen und sich küßten.

Und Frau Lindegren von Halla war ganz verwirrt gewesen und wußte nicht, was tun. Zu den beiden, die sich da drinnen küßten, wollte sie nicht hinein. Andererseits aber brauchte die schöne fremde Frau das Nähzeug, um ihren Ärmel flicken zu können. Doch dann hatte Frau Lindegren Maja erblickt, die in irgendeinem Auftrag durch den Hof daherkam. Sie rief Maja zu sich her und trug ihr auf, mit dem Nähkorb zu der schönen fremden Frau hineinzugehen und ihr zu helfen, ihren Ärmel, den sie sich beim Stachelbeerpflücken zerrissen hatte, zusammenzunähen.

»Aber, Maja, Sie müssen dreimal fest anklopfen, ehe Sie die Tür aufmachen,« hatte sie gesagt.

Und das tat Maja. Aber ehe sie anklopfte, warf sie auch einen Blick durch das Guckloch, und da begriff sie natürlich, warum Frau Lindegren von Halla nicht mit dem Nähkorb hatte hineingehen wollen. Als dann Maja angeklopft und die Tür so langsam wie möglich aufgemacht hatte, stand Onkel Christofer drüben am Fenster und die schöne Frau am Ofen. Er war ganz wie sonst gewesen, sie aber hatte ein dunkelrotes Gesicht, und ihr Haar war zerzaust.

Maja hatte keinem Menschen außer nur mir ein Wort von alledem gesagt, denn das hatte sie nicht gewagt. Aber ob Frau Lindegren von Halla auch geschwiegen hatte, das wußte sie nicht.

Aber sobald Maja ausgesprochen hat, laufe ich zu Anna hinunter und berichte ihr die ganze Geschichte.

»Und weißt du noch,« sage ich sehr schnell und erregt, »als Pastor Lindegrens am letzten Abend, bevor die Gäste abreisten, noch bei uns waren, begleiteten wir sie ein Stück Wegs, weil es herrlicher Mondschein war? Und erinnerst du dich, daß Aline die ganze Zeit mit Frau Lindegren ging und sich mit dieser unterhielt. Und da hat gewiß Frau Lindegren die Gelegenheit wahrgenommen und Aline von diesem Kuß erzählt. Glaubst du das nicht auch?«

Und Anna stimmt mir bei. »Ja, auf diese Weise muß es sich verhalten, denn seit dem Abend ist Aline so verändert.«

»Und glaubst du nicht, daß sie Onkel Christofer deshalb einen Korb gab, weil sie das von ihm gehört hat?« sage ich, und ich bin immer noch ebenso eifrig und hoffnungsvoll.

»Doch, das glaub ich gewiß,« antwortet Anna, aber sie sieht eben kein bißchen froh aus.

»Und weil Aline nun so böse auf Onkel Christofer ist, deshalb will sie jetzt von uns fort, glaubst du das nicht auch?« erwidere ich.

»Doch,« antwortet Anna, »das ist doch selbstverständlich.«

Ich sehe Anna verwundert an, denn sie sitzt ganz still da und sieht ganz und gar nicht vergnügt aus; auch läuft sie mit der Neuigkeit nicht eiligst zu Mutter.

»Willst du Mutter nicht mitteilen, daß wir nun wissen, was hinter dieser Aufkündigung steckt?« frage ich.

»Nein,« antwortet Anna. »Wenn es so steht, würde es sich wohl gar nicht verlohnen, darüber zu reden. Aline nimmt solche Sachen sehr genau. Sie wird ihn nie heiraten.«

»Nein, das ist ja klar,« sage ich. »Aber kann Mutter sie nicht bitten, bei uns zu bleiben? Sie braucht uns doch nicht zu verlassen, weil Onkel Christofer eine fremde Frau geküßt hat.«

Anna sieht mich an, und ich verstehe. Ach, sie hält mich für furchtbar dumm!

»Begreifst du denn nicht, daß sie gerade wegen dieses Kusses von uns fortgeht?« sagt sie. »So lange sie bei uns ist, muß sie jeden Tag daran denken. Und das kann sie nicht ertragen.«

Der Ball in Sunne

Wir sind sehr froh, daß wir in Ost-Amtervik wohnen und nicht in Sunne. Es wohnen viel mehr Leute in Sunne, aber sie sind nicht so angenehm. Bei ihnen wird in Gesellschaft nie eine Liebhabervorstellung gegeben, sie haben kein Bläsersextett und keine Quartettsänger, und es gibt auch bei weitem nicht so viele, die Tischreden halten und Gedichte machen können wie in Ost-Amtervik. Wir gehören auf die Art zu Sunne, daß wir denselben Propst haben. Sonst haben wir eigentlich nichts mit denen von Sunne zu tun. Wir treffen zwar nie mit den herrschaftlichen Familien von Sunne zusammen, aber wir haben doch das Gefühl, daß sie sich für viel vornehmer halten als uns, weil sie in einem großen Kirchspiel wohnen.

Einmal im Jahr werden wir in die Propstei nach Sunne eingeladen; aber wir treffen dort niemand aus dem Sunnebezirk. Denn das Sunner Pastorat ist so groß, daß Propstens nicht alle Herrschaften auf einmal einladen können. Deshalb laden sie das eine Mal die von Ost-Amtervik, West-Amtervik und die von Gräsmark, und das andere Mal die von Sunne zusammen ein.

Wenn wir aber auch die Familien von Sunne nicht kennen, so haben wir sie doch alle miteinander schon auf dem Amberger Jahrmarkt gesehen. Wir kennen also viele von ihnen: Gutsbesitzer Petterssons auf Stöpafors und Ingenieur Maules auf Sundsberg und Ingenieur Ignelius auf Ulvsberg und Gutsbesitzer Hellstedts auf Skarped sowie auch die Herrschaften Jonsson, die auf dem »Schloß« in Sundsvik wohnen.

Am siebzehnten August kommen die jungen Herren aus Sunne scharenweise nach Mårbacka, um zu tanzen und sich unsere Aufführungen anzusehen. Und nun glauben wir, daß sie in Sunne gesagt haben, Hilda Wallroth auf Gårdsjö und Anna Lagerlöf auf Mårbacka seien jetzt erwachsen und die reizendsten Mädchen im ganzen Frykstal geworden. Wenigstens bekommt Vater eines schönen Tags einen Brief von zwei Herren in Sunne mit der Anfrage, ob die Herrschaft auf Mårbacka nicht Lust hätte, an einem Picknickball teilzunehmen.

Der Ball solle in dem Wohnstock über Nilssons Kaufladen gehalten werden, und man bekomme das Lokal umsonst. Die Herren würden für die Getränke einstehen, die Damen aber sollten Kaffee und Tee und Gebäck und was zu einem Abendbrot gehört mitbringen. Es solle alles sehr einfach gehalten werden und nur ein paar Reichstaler für Licht und Trinkgelder kosten.

Ein ganz ähnlicher Brief ist auf Gårdsjö eingetroffen, und Tante Augusta kam gleich zu uns gefahren, um mit Mutter und Tante Lovisa zu beraten, was sie mitnehmen sollten, denn sie wollten es ja in keiner Weise geringer geben als die von Sunne.

Tante Lovisa macht sich auch sofort ans Backen, und sie ist ganz aufgeräumt, denn solche Picknickbälle gab es in ihrer Jugend auch in Sunne. Sie denkt keinen Augenblick daran, mitzukommen, denn sie weiß ja, daß sie zu alt zum Tanzen ist, aber sie sagt, wenn etwas Vergnügliches vor sich gehe, sei das an sich schon ein Vergnügen.

Ebenso ist es bei Gerda und mir. Wir freuen uns auch über den Ball, obgleich wir noch zu klein sind, um dabei zu sein.

Aber dann ist es plötzlich aus mit der Freude, denn am Tag vor dem Ball, gerade als wir beim Mittagessen sitzen und natürlich von dem Ball reden, sagt Vater, er meine, Selma sei jetzt eigentlich groß genug, um auch mitzukommen.

Vater meint natürlich, ich würde mich sehr freuen, wenn ich mit zu der Tanzerei dürfe, aber das tue ich ganz und gar nicht. Ich bin in Ost-Ämtervik schon in sehr viel Gesellschaften gewesen, und so weiß ich zum voraus, wie es auf dem Ball in Sunne gehen wird. Deshalb sage ich sofort, ich wollte keinesfalls mit nach Sunne.

»Warum willst du denn nicht auf den Ball?« fragt Vater, und zugleich wendet er sich an Mutter und fährt fort: »Hat sie kein Kleid dazu?«

»O doch,« antwortet Mutter, »sie hat das hellgraue Barègekleid, das ist noch ganz gut.«

»Und Strümpfe und Schuhe, hat sie die auch?«

»Nein, Schuhe hat sie keine,« erwidert Mutter, »aber Anna ist aus ihren grauen Zeugstiefelchen, die sie zu Schwester Julias Hochzeit bekam, herausgewachsen, die kann Selma von ihr bekommen.«

»Ja, dann weiß ich nicht, warum sie nicht mit will,« sagt Vater.

Ich bekomme furchtbar Angst. Zwar weiß ich nicht, wovor ich mich fürchte, aber ich kann mir kein größeres Unglück denken, als auf diesen Ball nach Sunne gehen zu müssen.

»Aber ich bin noch zu klein, um auf einen Ball zu gehen,« antworte ich. »Ich bin ja erst dreizehn Jahr alt.«

»Emilia Wallroth geht auch mit, und sie ist nicht älter als du,« wirft Tante Lovisa ein.

Ach, alle sind gegen mich, das sehe ich wohl, Vater, Mutter und Tante Lovisa! Das ist eine zu große Übermacht, und mir bleibt nichts anderes übrig, als in Tränen auszubrechen.

»Aber, liebes Kind, du brauchst doch nicht zu weinen, weil wir dich auf den Ball nach Sunne fahren lassen wollen, damit du vergnügt bist,« sagt Vater.

»Aber ich werde gar nicht vergnügt sein,« schluchze ich. »Mit mir will ja niemand tanzen, weil ich hinke.«

Ich bin nicht zornig, denn seit ich damals mit Onkel Wachenfeldt Karten gespielt habe, ist der Zorn überwunden. Und Vater ist auch nicht zornig. Er meint nur, es sei recht sonderbar von mir.

Aber er weiß nicht, wie das ist, wenn alle andern Mädchen zum Tanz aufgefordert werden, nur ich allein nicht. Oder wenn man nur zu einer Française aufgefordert wird, aber bloß von solchen Herren, mit denen die andern Mädchen nicht tanzen mögen.

»Jetzt darfst du deinen Launen nicht die Zügel schießen lassen,« sagt Vater, und es klingt wirklich streng. »Ich will nichts weiter hören, als daß meine Mädchen an dem Tag, wo der Ball stattfindet, nach Sunne fahren.«

»Ich meine aber auch, man könnte sie warten lassen, bis sie wenigstens fünfzehn ist,« sagt Tante Lovisa, die mir jetzt, wo es zu spät ist, zu Hilfe kommen will. Es wäre besser gewesen, sie hätte vorhin nicht das von Emilia Wallroth gesagt.

»Ja, das könnte sie allerdings,« erwidert Vater; »aber wer weiß, ob es dann einen Ball in Sunne gibt. In den letzten Jahren ist überhaupt keiner veranstaltet worden.«

Ich weiß, Vater kann es nicht leiden, wenn wir weinen, und ich hätte die Erlaubnis, daheim zu bleiben, viel eher erreicht, wenn ich froh ausgesehen und gelacht hätte. Aber jetzt kann ich gar nicht aufhören zu weinen, während des ganzen Essens laufen mir die Tränen die Wangen herunter.

Und auch nachher, als ich nach Tisch ausruhe, muß ich immer noch weiter weinen, ebenso während der Unterrichtsstunden am Nachmittag und während wir unsere Aufgaben lernen und während wir draußen rodeln, ach, und auch die ganze Zeit nachher, wo wir mit unsern Handarbeiten im Eßzimmer um den runden Tisch vor dem Sofa sitzen.

Gerda ist stets mit dem Weinen bei der Hand, wenn sie ihre Aufgaben nicht kann, aber ich glaube nicht, daß sie einmal von Mittag bis zur Schlafenszeit so in einem fort geweint hat wie ich an dem Tag.

Als Mutter an dem Abend zu uns heraufkommt und mit uns betet, versuche ich die Tränen zu unterdrücken. Ich kann auch das Vaterunser und »Der Herr segne uns« hersagen, aber bei »Gott im Himmel droben« und »Es geht ein Engel« versagt mir die Stimme.

»Aber weinst du denn wirklich nur dieses Balles wegen, oder ist da noch etwas anderes?« fragt Mutter.

»Ach. Mutter, kannst du nicht Vater für mich bitten, daß ich zu Hause bleiben darf?« sage ich und halte Mutters Hand fest.

»Mein liebes Kind. Vater denkt ja nur, daß du vergnügt sein sollst.« erwidert Mutter.

»Aber ich werde eben nicht zum Tanzen aufgefordert!« schluchze ich. »Du weißt es, Mutter, ich werde nicht zum Tanzen kommen.«

»Gewiß wirst du tanzen,« erwidert Mutter, und dann geht sie.

Das erste, woran ich denke, als ich am nächsten Morgen aufwache, ist, daß heute der Ball stattfindet, und da fange ich auch gleich wieder zu weinen an. Es ist mir unbegreiflich, wie man so viele Tränen in seinen Augen haben kann; sie fließen ununterbrochen weiter.

Anna und Gerda unterhalten sich darüber, wer wohl den Ball eröffnen und mit wem Anna den ersten Walzer tanzen wird, und ob die Fräulein Maule in weißen Kleidern kommen werden. Anna hat ihr Haar in Lockenwickel gewickelt, und sie ist sehr besorgt, ob die Locken auch bis zum Schluß des Balles halten. Aber je mehr sie von dem allem reden, desto heftiger weine ich. Wenn ich aufhören könnte, würde ich es gewiß tun, aber das steht nicht in meiner Macht.

»Du solltest dich aber doch in acht nehmen, Selma; wenn du auf diese Weise weiter weinst, hast du heute abend ganz rote Augen,« sagt Anna.

Und ich gebe mir gewiß alle Mühe, nicht mehr zu weinen, aber es hilft alles nichts.

Den ganzen Vormittag sind Anna und Mutter und Elin Laurell mit ihren Kleidern beschäftigt. Sie heften Halskrausen ein, plätten gestärkte Kleider und probieren ihre Schuhe an, kurzum, sie machen sich so fein wie möglich. Tante Lovisa sagt, wie sonderbar es doch sei, daß man mit geschlossenem Hals und langen Ärmeln auf einen Ball gehen könne. Das wäre in ihrer Jugend durchaus nicht möglich gewesen. Aber Mutter erwidert ihr, Anna und ich seien ja noch Kinder, deshalb könnten wir den Ball gut in gewöhnlichen Gesellschaftskleidern mitmachen.

Im Lauf des Vormittags gehe ich ins Eßzimmer, wo Vater wie gewöhnlich im Schaukelstuhl sitzt und die Wärmlandszeitung liest. Ich stelle mich neben ihn mit einem Fuß auf der Schaukelstuhlkufe und lege ihm die Hand auf die Schulter.

»Nun, was möchtest du denn?« fragt er und wendet sich mir zu.

»Ach, Vater, kann ich denn nicht von dem Ball wegbleiben?« sage ich, und ich bitte ihn gar herzlich, denn in mir ist die Hoffnung aufgestiegen, wenn ich nur recht lieb und demütig bitte, könnte ich Vater doch noch überreden. Ich habe auch die Absicht, Vater daran zu erinnern, daß ich ja seinetwegen die ganze Bibel gelesen habe. Ich meine, wenn er daran denkt, müßte er mir eigentlich erlauben, zu Hause zu bleiben.

»Und ich werde gar nicht zum Tanzen aufgefordert, das weißt du wohl, Vater; niemand will mit mir tanzen, weil ich ja hinke.«

Aber weiter komme ich nicht. Ich fange an zu schluchzen und kann kein Wort mehr herausbringen.

Vater erwidert nichts, aber er steht von dem Schaukelstuhl auf, nimmt mich bei der Hand und führt mich in die Küche hinaus. Dort befiehlt er der Haushälterin, mir ein recht gutes Butterbrot mit Käse darauf zu geben. Und dann geht er seiner Wege.

Ach, ich verstehe, ich soll gezwungen werden, mit auf den Ball zu gehen. Am liebsten hätte ich das Butterbrot auf den Boden geworfen; aber ich tu es nicht, weil ich nie mehr zornig werden will, damit das Ungeheuer in meinem Innern nicht loskommen kann.

Und ich benehme mich nun in jeder Weise richtig und anständig, nur das Weinen kann ich nicht unterdrücken. Ich weine beim Mittagessen, und ich weine auch nachher. Ich weine, während wir uns zum Ball ankleiden, ja, ich weine immer weiter, bis wir uns in den Schlitten setzen und in die Schlittendecken gehüllt werden.

Da endlich müssen die Tränen verstanden haben, daß sie für nichts und wieder nichts herabtropfen. Und als wir nach Sunne hineinfahren, sitze ich mit trockenen Augen im Schlitten.

Ich habe ein graues, mit blauen Litzen garniertes Barègekleid an und dazu Annas hellgraue, mit roten Nesteln geschnürte Zeugstiefelchen. Vorne an meinem Halse steckt eine rosa Bandrosette, die sehr schön ist, und die ich von Onkel Kalle zu Weihnachten bekommen habe, denn er verehrt uns stets so schöne Weihnachtsgeschenke. Das Haar hat mir Tante Lovisa gemacht, es liegt ganz glatt um meine Schläfen und ist im Nacken in einem großen Knoten aufgesteckt.

Übrigens ist es ganz einerlei, wie ich angezogen bin, denn mein Gesicht ist voller Tränenspuren, und meine Augen sind von dem vielen Weinen rot und verschwollen. Ich bin furchtbar häßlich; selbst wenn ich gar nicht hinkte, würde kein Mensch mit mir tanzen wollen.

Vor dem Ballsaal ist ein kleiner Salon, und als wir da hineinkommen, sagen uns die Wallrothschen Töchter, die Fräulein Maule seien noch nicht fertig, denn sie kämen in dünnen weißen Kleidern, und damit diese nicht zerknittert ankämen, müßten zwei Dienstmädchen sie an einer Querstange bis nach Sunne tragen.

»Ja, das können die schon tun, weil sie nicht einmal eine Viertelmeile bis hierher haben,« sagt Anna. Und wir alle miteinander denken, das sei doch furchtbar vornehm.

Ich aber denke im stillen: Anna und Hilda sind doch besonders schön, und wie schön auch die andern sich zu machen versuchen, so können sie doch niemals so schön werden wie diese beiden.

Als die Fräulein Maule dann herein kommen, muß ich allerdings zugeben, daß sie überaus fein aussehen und reizend und liebenswürdig sind, aber doch nicht so wie Anna und Hilda, das kann ich nicht anerkennen.

Emilia Wallroth ist gar nicht hübsch, aber alle sagen, sie sei sehr anziehend. Sie tanzt und tanzt auch immerfort. Es tut nichts, daß sie nicht hübsch ist, sie ist liebenswürdig und lustig, selbst wenn sie hinkte, würde sie doch zu jedem Tanz aufgefordert.

Jetzt ist der Salon ganz voll von Frauen und Mädchen. Nun sind gewiß alle Gäste da, denn die Musik stimmt an. Es ist das Bläserquartett von Ost-Ämtervik, denn in Sunne gibt es keine Musikanten.

Gutsbesitzer Wilhelm Stenbäck auf Björsbyholm tritt jetzt in den Salon und sagt, da seit wenigstens zwanzig Jahren zum erstenmal wieder ein Ball in Sunne stattfinde, schlage er vor, das Fest, wie es bei feierlichen Gelegenheiten Sitte sei, mit einer Polonäse zu eröffnen. Und darin stimmen alle überein mit ihm.

Die alten Herren kommen nun in den Salon herein und engagieren die alten Damen, Frau Maule und Frau Hellstedt und Frau Pettersson und Frau Bergman und Frau Wallroth und Frau Lagerlöf, und ziehen Arm in Arm mit ihnen in den Ballsaal hinein. Und dann kommen auch die jungen Herrn; sie verbeugen sich vor den jungen Mädchen und führen sie zum Tanz. Zuletzt ist niemand anders mehr im Salon als ich und Mamsell Eriksson von Skäggeberg. Mamsell Eriksson ist aber gut fünfzig Jahr alt und hat dünne, gelbe, in Schnecken aufgesteckte Zöpfe und lange gelbe Zähne.

Auf dem Ball ist auch ein fremder Herr, den wir vorher nicht gesehen haben. Er trägt eine Uniform, und es heißt, er sei der Eisenbahninspektor von Kil. Er kennt eigentlich niemand, und als er in den Salon hereinkommt, um eine Dame aufzufordern, sind außer Mamsell Eriksson und mir schon alle vergeben. Ich frage mich, welche von uns beiden er wohl wählen wird; aber siehe, er macht rasch kehrt und wählt keine von uns. Da sitzen wir nun, ich und Mamsell Eriksson, aber wir sprechen nicht miteinander, mir aber ist es jedenfalls sehr lieb, daß sie da neben mir sitzt, weil ich nun doch nicht ganz allein bin.

Bisweilen halte ich es für recht gut, daß mich niemand zum Tanz auffordert, denn nun wird Vater ja sehen, wie wahr es war, als ich ihm sagte, es werde niemand mit mir tanzen wollen. Aber das ist nur ein schlechter Trost, und ich bin deshalb doch ebenso unglücklich.

Und ich mache mir allerlei Gedanken über Mamsell Eriksson. Wer kann sie gezwungen haben, diesen Ball mitzumachen? Denn aus freien Stücken ist sie wohl nicht hergekommen.

Als die Polonäse zu Ende ist, kehrt die Gesellschaft wieder in den Salon zurück, und alle miteinander, die Alten und die Jungen, sind sehr vergnügt und angeregt. Mutter läßt sich zwischen Frau Maule und Frau Hellstedt auf dem Sofa nieder; sie plaudern und lachen, wie wenn sie von jeher gut Freund gewesen wären. Anna setzt sich neben Hilda Ignelius, und sie tuscheln miteinander, und Hilda Wallroth kommt Arm in Arm mit Julia Maule herein.

Dann wird wieder getanzt, Walzer, Polka, Française und Walzer, Polka, Française immer aufs neue.

Und Anna und Hilda und Emilia werden natürlich zu jedem Tanz aufgefordert.

Sie sind alle sehr lustig, und Hilda kommt zu mir her, mir etwas Freundliches zu sagen, das mich aufheitern soll. Sie fordert mich auf, mit ihr in den Saal zu kommen und wenigstens dem Tanz zuzusehen.

Aber nein, das will ich gewiß nicht. Ich weiß nicht, was ich antworten soll; aber nun kommt mir Anna ganz rasch zu Hilfe und sagt, es sei am besten, man spreche jetzt nicht mit Selma, weil sie sonst am Ende wieder zu weinen anfange.

Mutter und die andern Frauen tanzen nach der Eröffnungspolonäse nicht mehr, aber nach einer Weile gehen sie in den Ballsaal und sehen der Jugend zu. Dann ist es wieder ganz leer im Salon, nur Mamsell Eriksson und ich bleiben zurück. Wir zwei, wir bleiben den ganzen Abend als Mauerblümchen auf unsern Plätzen sitzen.

Und ich versuche an alle die Menschen zu denken, denen es schlecht geht, an die Kranken, an die Armen, an die Blinden. Ach, sollte es wirklich des Grämens wert sein, wenn man auf einem Ball nicht zum Tanzen kommt?

Ich frage mich, ob es wohl eine Strafe für etwas ist, was ich getan oder gesagt habe, oder ob ich dadurch lernen soll, demütig zu werden?

Ich muß an Mamsell Broström denken, von der Vater öfters erzählt. Diese hatten die Gymnasiasten auf einen Maskenball eingeladen, sie aber dann die ganze Zeit über vernachlässigt. Ich hatte mich immer gewundert, was sie wohl gedacht hätte, als sie immerfort allein dasaß und den ganzen Abend nicht zum Tanzen aufgefordert wurde.

Sie hat gewiß gedacht, es sei doch merkwürdig, denn sie habe gar nicht gewußt, wie unliebenswürdig sie sei, so unliebenswürdig, daß niemand mit ihr tanzen, ja, sich auch nur mit ihr unterhalten wolle. Denn genau so denke ich jetzt von mir.

Am nächsten Morgen beim Frühstück erzählen Mutter und Elin Laurell und Anna, Vater und Tante Lovisa von dem Ball, wie vergnügt sie gewesen und wie schön und wohlgelungen alles war. Ich sage natürlich gar nichts, denn ich habe ja nichts zu erzählen. Aber als Anna alle die aufzählt, mit denen sie getanzt hat, fragt Vater plötzlich: »Nun, und Selma?«

»Ja, Selma ist gar nicht zum Tanzen gekommen,« sagt Mutter. »Sie war wohl noch zu klein.«

Da schweigt Vater erst eine Weile, aber dann sagt er:

»Was meinst du, Luise? Sollen wir nicht nach Stockholm schreiben und bei Onkel Afzelius anfragen, ob Selma noch einen Winter bei ihnen sein könnte, um wieder in die Heilgymnastik zu gehen? Das letzte Mal hat ihr das doch so sehr viel geholfen. Ich möchte sie doch ganz gesund sehen, ehe ich sterbe.«

Ich mache große Augen. Vielleicht hat sich Vater gestern abend doch Vorwürfe gemacht, weil er mich gezwungen hatte, den Ball mitzumachen. Vielleicht hat er sich deshalb den Plan ausgedacht, mich noch einmal nach Stockholm zu schicken.

Oh, es gibt doch niemand, der so lieb ist wie mein Vater!

Elin Laurell

Und wir freuen uns sehr, daß Aline Laurell zu uns nach Mårbacka auf Besuch gekommen ist. Seit sie im letzten Herbst nach West-Ämtervik zog, haben wir sie nicht mehr gesehen.

Aline ist sich noch ganz gleich, nur ein wenig magerer ist sie geworden. Sie ist frisch und vergnügt, und wenn sie auf der Freitreppe steht und nach dem Seitenflügel und dem Amtszimmer hinüberschaut, scheint sie das nicht im geringsten zu berühren.

Aline ist ganz allein nach Mårbacka gekommen, und sie kann volle drei Tage bei uns bleiben, weil Pastor Unger und Tante Maria und Jonas und Anders und Johanna nach Karlstadt zu einer Hochzeit gereist sind.

Als Aline kam, standen wir alle miteinander, Vater, Mutter und Elin Laurell und Anna und Gerda und ich, draußen auf der Freitreppe, sie zu empfangen. Und Aline schloß uns alle in ihre Arme und küßte uns, Vater natürlich ausgenommen.

Es sah wirklich so aus, als ob Anna und Gerda gerade so erfreut wie ich über Alines Besuch wären, und diese küßte Aline ebenso herzlich, wie sie mich küßte, denn Aline weiß ja nicht, daß die beiden Elin jetzt lieber haben als Aline.

Sie sagen, Elin sei so sehr lieb und das Lernen bei ihr eine wahre Freude. Ja, sie ist allerdings nicht so streng wie Aline. Sie gibt uns keine so großen Aufgaben, und sie wird nicht böse, wenn man nicht alle Fragen beantworten kann.

Aber ich kümmere mich nicht im mindesten darum, ob ich kleinere oder größere Aufgaben bekomme. Ich jedenfalls habe Aline lieber als Elin. Niemand wird mich je dazu bringen, Elin lieber zu haben. Ich will an Aline festhalten.

Ich muß zwar zugeben, daß es nicht so leicht ist, Elin nicht lieb zu haben, denn das ist wahr, sie ist sehr liebenswürdig, und sie kann über so vieles sprechen. Manchmal plaudern wir in einer Unterrichtsstunde so drauf los, daß wir kaum unsere Aufgaben hersagen können. Und das gefällt Anna und Gerda. Und mir selbst kann es ja auch ganz vergnüglich vorkommen, aber ich kann es eben nicht recht finden. So hat es Aline nicht gemacht.

Manchmal, wenn Elin eine schriftliche Aufgabe durchgeht, läßt sie einen Fehler stehen, ohne ihn anzustreichen. Aber wenn ich das zu Anna sage, meint sie, das tue nichts.

»Ich lerne jedenfalls mehr bei Elin als bei Aline,« sagt Anna. »Denn Elin weiß mehr als nur das, was in den Büchern steht.«

Und darin hat Anna allerdings recht, aber ich will nun einmal Elin nicht lieb haben. Ich will Aline nicht untreu sein.

Ich halte es für gut, daß Elin häßlich ist. Sie hat eine zu kurze Nase, es ist, als sei die äußerste Spitze weggeschnitten. Sie hat eine fahle Hautfarbe und auf der einen Wange eine Warze. Und sie hat ein Doppelkinn wie der Feldmarschall Klingspor in den Geschichten des Fähnrichs Stål. Aber sie hat schönes blondes Haar und ist immer hübsch frisiert. Auch ist sie groß und sieht sehr stattlich aus, das ist nicht zu leugnen. Überdies hat sie eine schöne Stimme, und dann ist noch ein gewisses Etwas an ihr, das ich nicht verstehen kann. Aber es ist eben so: wenn Mutter in ein Zimmer hereinkommt, dann kommt auch ein wenig von Filipstadt ? denn da ist Mutter geboren ?, sowie etwas von Grubenfeldern und Werkhütten mit herein, und wenn Aline Laurell in ein Zimmer tritt, dann kommt ein wenig von Karlstadt und von Schulen und von feinen Gesellschaften mit; erscheint aber Elin Laurell in einem Zimmer, dann erscheint zugleich auch die ganze Welt. Denn Elin kann über alles reden; sie ist in Griechenland und Ägypten und auf Grönland und in Australien daheim. Sie weiß alles, weiß, woran die Menschen überall, wo es überhaupt Menschen gibt, denken. Sie weiß sehr viel von dem Alten, und vor allem weiß sie über alles Neue Bescheid.

Elin ist bei den Männern nicht so beliebt wie Aline. Es kommen jetzt nie mehr junge Herren angereist, wie zu Alines Zeiten oft.

Aber ich glaube, alte Herrn, wie Vater und Ingenieur Noreen, unterhalten sich sehr gern mit Elin, weil sie die ganze Welt bei sich hat und mit ihren Ansichten ohne Scheu hervortritt. Sie wagt es sogar, mit Vater über Kolporteure und Stundenhalter zu disputieren. Aber sie tut es so freimütig und kommt mit so komischen Einwürfen daher, daß man ihr nicht böse werden kann.

Und ganz besonders gern neckt sie sich mit großen Jungen.

Elin Laurell blieb über Weihnachten bei uns, denn sie war ja erst im November zu uns gekommen, und so wollte sie nicht so schnell wieder Geld für eine Heimreise ausgeben. Und ich glaube, Daniel und Johan fanden sie außerordentlich liebenswürdig. Sie blieben viel mehr daheim als sonst. Elin neckte sich mit ihnen über alles mögliche, und ganz besonders aufgebracht wurden sie, wenn sie behauptete, die Mädchen hätten einen ebenso guten Verstand wie die Jungen und könnten alles ebensogut lernen wie diese. Daniel war netter gegen sie, aber Johan gab nicht nach, er versuchte sie immer wieder in die Enge zu treiben. Wenn sie sich dann nicht mehr gegen ihn behaupten konnte, sprang sie auf und wollte ihn am Haar zerren. Er aber lief davon, und es entstand eine wilde Jagd, erst um den Eßtisch herum und dann durchs ganze Haus.

Aber kurz nachher waren sie wieder ebenso gute Freunde, und die Jungen haben sicher noch nie so lustige Weihnachtsferien gehabt wie diesmal.

Nach dem Mittagessen geht Elin meist zu Tante Lovisa in die Küchenstube, um sie mit einem tiefsinnigen Gespräch aufzumuntern. Und da disputieren sie immer über das Schicksal. Denn Tante Lovisa sagt, kein Mensch könne das irgendwie verhindern, was ihm von Anfang an vom Schicksal bestimmt sei. Wer sich verheiraten solle, der heirate, und wer sich nicht verheiraten solle, der komme eben nicht dazu, wie sehr er sich auch Mühe gebe. Und dann fragt Elin Laurell die Tante, ob sie glaube, das gelte für alles, sowohl für große als kleine Ereignisse, oder nur für so wichtige Dinge wie Heiraten und Todesfälle.

»Jawohl, gewiß ist alles voraus bestimmt,« antwortet Tante Lovisa.

»Nun, dann brauchen wir ja gar nicht mehr zu beten,« sagt Elin; »denn wenn alles voraus bestimmt ist und nicht geändert werden kann, dann hat es ja gar keinen Wert, Gott um etwas zu bitten.«

Darauf weiß Tante Lovisa keine Antwort. »Ach, das ist zu schwer für mich,« sagt sie. »Das kann ich nicht erforschen. Ich habe keinen so guten Verstand wie unsere Elin hier.«

Aber jedenfalls wird sie aufgemuntert, wenn Elin zu ihr hineingeht und mit ihr disputiert.

Es ist also nicht leicht, Elin nicht lieb zu gewinnen, und das habe ich mir doch vorgenommen. Aber ich nehme mich in acht, so gut ich kann. Ich bin natürlich nicht unfreundlich gegen sie, aber ich lasse mich in keinen Disput mit ihr ein, denn gerade wenn man mit ihr disputiert, gewinnt sie einen sicherlich am leichtesten.

Ich denke im stillen, wenn Elin so wäre wie Aline, ebenso liebenswürdig und witzig und dazu noch jung und schön, dann wäre sie gerade so, wie ich sein möchte, wenn ich groß bin. Es ist also ganz klar, wie schwer es für mich ist, Aline nicht untreu zu werden.

Da jetzt aber Aline zu uns auf Besuch gekommen ist, bin ich recht froh, daß ich ihr treu geblieben bin. Mit Elin habe ich nie über Sachen geredet, die ich keinem andern sage. Sie hat nie etwas von »Oceola« erfahren, oder daß ich die ganze Bibel gelesen habe, damit Vater wieder gesund werde.

Elin ist die ganze Zeit sehr lieb gegen mich gewesen, wie wenn sie versuchen wolle, mich dazu zu bringen, wie mit Aline von allem möglichen mit ihr zu reden, aber das hat sie jetzt aufgegeben.

Und als ich so schrecklich weinte, weil ich mit auf den Ball nach Sunne mußte, hat Elin keinen Finger gerührt, mir zu helfen.

Manchmal sitzen Elin und ich lange miteinander im Kinderzimmer, und keine sagt ein Wort. Elin hat wohl gemerkt, daß ich sie nicht lieb haben will.

Aber jetzt, nachdem Aline ein paar Tage da war, ist mir, als sehe sie mich mit einem so eigenen Ausdruck an. Und mehrere Male hat sie mich gefragt, warum ich so still sei, oder ob ich mich nicht wohl fühle.

Und am dritten Tag nach dem Essen sagt Aline zu mir, sie wolle einen Spaziergang machen, und ob ich nicht Lust hätte, sie zu begleiten. Sie fordert keines von den andern auf, und so darf ich allein mit Aline gehen. Ach, wie erfreut bin ich darüber! Ich denke, wir werden nun ebenso vergnügt miteinander sein wie früher, wenn wir zwei allein hinauswanderten und Aline sagte, wir seien Altersgenossen.

Aber Aline ist heute nicht zum Sprechen aufgelegt. Wir haben schon die ganze Allee hinter uns, und sie hat noch kein Wort gesagt. Als wir auf die Landstraße hinauskommen, zieht sie mir den Handschuh aus und streckt meine Hand in ihren Muff zwischen ihre beiden warmen Hände.

»Liebes Kind, du bist ja ganz kalt,« sagt sie.

Seht, das hat Aline früher oft getan; denn ich bekomme immer so leicht kalte Hände. Und ich bin ganz beglückt, weil sie meine Hand wieder einmal in ihren Muff gesteckt hat.

»So,« sagt Aline, »jetzt mußt du mir erzählen, wie es mit deinem Romanschreiben geht.«

»Ach, Aline! Du weißt doch noch, daß ich erst, wenn ich groß bin, Romane schreiben will.«

»Ich will dir etwas sagen,« beginnt Aline zögernd, während sie fortgesetzt meine Hand in ihrem Muff festhält. »Ja, nun darfst du nicht böse auf mich werden ... Aber ich habe gedacht, siehst du, es war vielleicht nicht so ganz richtig von mir, daß ich dich so viel über dieses Romanschreiben reden ließ.«

»Warum, Aline?«

»Ja, du verstehst ... Du hast dir vielleicht allerlei eingebildet, und das kann zum Teil meine Schuld sein. Aber ich meinte, es sei ja möglich, daß du doch eine kleine Begabung fürs Schriftstellern hättest. Deine Tante Nana Hammargren kann ja prächtig erzählen, und dein Onkel Christofer hat großes Talent, so weit ich es verstehe. Und überdies seid ihr ja mit Tegnér verwandt.«

»Wir sind mit Tegnér verwandt?«

»Weißt du das denn nicht?« versetzt Aline. »Ja, dein Vater ist doch wirklich merkwürdig. Er selbst bewundert niemand mehr als Tegnér, und dann ist er so bescheiden, nicht einmal seine Kinder wissen zu lassen, daß er mit ihm verwandt ist. Nun, jedenfalls war deines Großvaters Mutter die Schwester von Tegnérs Mutter, Tegnér und dein Großvater waren also Vettern. Und gerade deshalb glaubte ich, du hättest schriftstellerisches Talent.«

Aline unterbricht sich, wie wenn sie von mir eine Erwiderung erwarte, aber ich sage gar nichts. Ich versuche meine Hand aus ihrem Muff zu ziehen, aber Aline hält sie fest.

»Siehst du,« fährt sie fort, »das Gefährlichste, was einem Menschen widerfahren kann, ist, wenn er sich mit der Einbildung trägt, er sei zu etwas Großem und Außerordentlichem bestimmt, er dann aber nicht die notwendigen Gaben dazu hat. Wenn es sich dann später herausstellt, daß das Talent nicht ausreicht, wird aus so einem Menschen meist nur ein unzufriedener, mißratener Tropf. Es ist am besten, man schlägt sich solche Einbildungen von Anfang an aus dem Kopf, während man noch ein Kind ist. Da ist es nicht so schwer, später aber ist es vielleicht unmöglich.«

Aline spricht sehr ernst. Es ist geradezu, als werde es ihr schwer, das auszusprechen, was sie sagt. Und ich habe ja mit Aline darüber gesprochen, daß ich Romane schreiben wolle, das weiß ich wohl, aber ich hatte die Sache nicht so furchtbar tief aufgefaßt. Es war mir nicht ernster damit als mit meinen andern Aussprüchen, wenn ich etwa sagte, ich wolle furchtbar reich werden und mir ein Schloß bauen. Und wie Aline nun sagt, ich solle mir doch nicht einbilden, daß ich etwas Hervorragendes werden könne, macht mir das eigentlich gar nichts aus.

Jedenfalls frage ich sie, woher sie denn jetzt gerade wisse, daß ich kein Talent hätte.

»Als ich im Herbst von euch fortging,« antwortet Aline, »da war es auch teilweise deinetwegen, damit du eine erfahrenere und kenntnisreichere Führerin als mich bekämest. Ich dachte, Elin sei gerade jemand, wie du ihn brauchtest. Aber nun sagt Elin ... Ja, du verstehst ... Elin hält dich für nichts Außergewöhnliches. Nichts deute bei dir darauf hin, sagt sie. Sie findet nicht, daß du begabter seist als die andern Kinder. Du wirst mir doch wohl nicht böse sein, weil ich dir das sage, aber ich halte es für besser, du erfährst es jetzt. Du kannst jedenfalls ein prächtiges und gutes Menschenkind werden.«

Und ein bißchen weh tut es mir vielleicht, aber doch nicht nennenswert. Denn wie gesagt, das mit der Schriftstellerei war nie etwas gewesen, woran ich selbst geglaubt hätte. Und ganz besonders, seit ich nun erfahren habe, daß Elin es ist, die bei mir nicht an eine besondere Begabung glaubt, nehme ich die Sache ganz gelassen. Denn nur weil ich nicht mit ihr disputiert habe, hat sie sich diese Ansicht gebildet.

»Du weinst doch wohl nicht?« fragt Aline mit herzlicher, etwas beunruhigter Stimme.

»Nein, liebe Aline, gewiß nicht. Es war ja nur sehr lieb von dir, daß du mit mir darüber gesprochen hast.«

Danach geht Aline eine Weile schweigend weiter, dann aber fängt sie wieder zu sprechen an. Und jetzt sagt sie, da sie und ich Altersgenossen seien, wolle sie mir etwas mitteilen. Und sie fährt fort:

»Selma, ich habe mich verlobt.«

Da bin ich ganz verdutzt, und ich vergesse, wovon wir vorher miteinander geredet haben.

Und dann erfahre ich alles. Sie wird einen Jugendfreund namens Adolf Arnell heiraten. Er ist es, den sie ihr Leben lang geliebt hat. Bisweilen hat es ausgesehen, als kümmere er sich nicht mehr um sie, aber das hatte seinen Grund nur darin, daß er noch nicht in der Lage war, zu heiraten. Im letzten Herbst, gerade als Aline von uns fortzog, war es fast ganz aus zwischen ihnen, aber jetzt ist alles miteinander wieder gut. Und jetzt ist sie vollkommen glücklich.

Und ich bin von Herzen froh, weil sie glücklich ist, und weil sie es mir selbst mitgeteilt hat. Mit Mutter und mit Elin wird Aline wohl darüber gesprochen haben, aber außer mir mit keinem von den andern. Aline versteht wohl, daß ich mehr an ihr hänge als Anna und Gerda. Und als wir nun von dem Spaziergang nach Hause kommen, sind Aline und ich ebenso gute Freunde wie früher.

Als wir Hut und Mantel abgelegt haben, geht Aline zu Mutter ins Schlafzimmer, um sich mit ihr zu unterhalten, ich aber gehe geradeswegs in die Küchenstube, wo wie gewöhnlich Elin mit Tante Lovisa ein tiefsinniges Gespräch über das Schicksal führt.

»Ja, Sie meinen gewiß, daß alles auf Glückszufällen beruht,« sagt die Tante.

»Nein,« erwidert Elin, »nein, das glaube ich nicht. Aber wissen Sie, was ich glaube? Wenn man nur ganz fest und bestimmt etwas werden will, dann wird man es auch.«

Ich bin durchaus nicht verstimmt über das, was Aline vorhin zu mir gesagt hat, und doch bin ich jetzt sehr froh über das, was Elin sagt. Wenn es nur vom Willen und nicht von der Begabung abhängt, kann ich vielleicht doch noch eine Schriftstellerin werden. Denn den Willen dazu, ja, ich glaube, den hab ich!

Ich fühle mich sehr zu Elin hingezogen, seit sie das von dem Willen gesagt hat. Ich stelle mich neben sie und höre ihr eifrig zu, während sie weiterspricht, und ohne mir dessen recht bewußt zu sein, lege ich ihr die Hand auf die Schulter.

Sie dreht sich um und lächelt mir zu. Und dann fällt mir ein, daß ich ja Aline treu bleiben und Elin nicht liebhaben will; wenigstens soll sie es nicht merken, wenn es so ist. Aber, denke ich weiter, Aline denkt an mich jetzt nur als ein kleines Mädchen auf Mårbacka, von dem sie heiß geliebt worden ist. Aline hat einen Bräutigam und wird sich verheiraten. Jetzt bin ich ganz frei. Ich kann Elin so liebhaben, wie ich will.

Und jetzt bin ich mit Elin ebenso gut Freund wie vorher mit Aline, wenn nicht noch mehr.


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