Blanche oder Das Atelier im Garten. Erster Teil

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I

In Doktor Riedingers Wohnung hatte sich inzwischen die kleine Gesellschaft lange schon versammelt.

Der Haushalt der Familie gab sich einen großen Rahmen, innerhalb dessen im kleinen gespart werden mußte. Riedinger hatte sich vor zehn Jahren schon, als erst Dreiundfünfzigjähriger, von seinem Beruf zurückgezogen, nachdem er, als Teilhaber einer der ältesten und bedeutendsten Anwaltsfirmen, während einer fünfundzwanzigjährigen Tätigkeit ein großes Vermögen erworben hatte. Er war damals, Privatmann geworden, mit seiner Frau und seiner Tochter auf Reisen gegangen; heimgekehrt, konnte er jedoch sich im windstillen Dasein des Rentners nur schwer zurechtfinden. Das temperamentlose gesellschaftliche Treiben, das harmlose Klubleben, die abendlichen Vereinssitzungen konnten ihn nicht für das angeregte Leben einer Tätigkeit entschädigen, die ihn in vielfachem, nach allen Seiten gehendem Verkehr, manchmal in Gegnerschaft und Streit mit der Außenwelt gehalten hatte; es fehlten ihm die Berufs- und Arbeitstage mit ihren Besuchen, Verhandlungen, Konferenzen, Besprechungen, vielen Telephongesprächen und ihrer ganzen Turbulenz, denn er liebte die Bewegung, ja, den Wirbel, ließ sich gern von ihm drehen und hetzen, hetzte die anderen und gehörte zu jenen Menschen, die mit ihrer lärmenden Natur überall Betrieb um sich schaffen und ihn immer noch steigern, um schließlich atemlos auszurufen: schrecklich, schrecklich, welch ein Betrieb!

Zugleich aber, im Hin und Her der Nachkriegszeit, vielleicht auch dadurch, daß er die ersten Verluste durch allzu kühne Experimente hatte wettmachen wollen, sie tatsächlich aber nur vergrößert hatte, war sein Vermögen Teil um Teil kleiner geworden und schließlich auf einen letzten kleinen Teil reduziert worden. Er mußte besorgen, daß ihm auch dieser Rest seines Besitzes von neuen, nicht vorauszusehenden Umwälzungen verschlungen werden würde, und war mit schnellem Entschluß, ohne Ressentiment, im Gegenteil, mit einer gewissen Verve nach vierjähriger Pause zu seinem Beruf zurückgekehrt. Seine große Zeit aber war vorüber, seine persönliche Klientel hatte sich verlaufen, und bei all seiner dem geschwächten Herzen abgetrotzten Beweglichkeit, hatten doch seine Kräfte abgenommen. Sein Verdienst aus der neuaufgenommenen Tätigkeit stellte nur einen Teil seines früheren Verdienstes dar, doch konnte er es nicht über sich bringen, die Konsequenzen daraus zu ziehen, die notwendig gewesen wären: er konnte nicht auf eine gewisse Breite der Lebensführung, auf Reisen, auf geselliges Leben in seinem Haus, auf kostspielige Gewohnheiten verzichten und konnte es auch nicht lassen, in seiner launenhaften Gutmütigkeit seine Frau und seine Tochter mit Geschenken zu überhäufen, wobei er sich allerdings weniger von den Wünschen der Frauen als von seinem eigenen Temperament leiten ließ, das ihn etwa bei Betrachtung einer Auslage dazu trieb, kurzerhand den Laden zu betreten und eines der ausgestellten Dinge zu kaufen, nur weil es ihm im Moment gefiel, einmal eine kostbare Vase, einmal einen Muff oder Pelz, einmal eine neue Armbanduhr zu den mehreren, die jede von ihnen schon hatte. So fehlte das Gleichgewicht.

Hatte er sich früher, bei steigendem Einkommen und wachsendem Vermögen, den großartigsten Luxus leisten können: unter seinen Verhältnissen zu leben, wodurch man sich erst das Gefühl der Freiheit und die Empfindung der Fülle erwirbt, so war jetzt alles ins Gegenteil gekehrt, und es wurde nur mit Mühe vermieden, daß man über seine Verhältnisse lebe. Innerhalb einer weiten Lebensführung gab es überall Löcher, mußte alles zerdehnt und zerzogen werden. Es fehlte oft am Kleinen, und auch nur übers Kleinste mußte debattiert werden. Im Louis-Seize Salon war der Brokat an manchen Sesseln verschlissen, auf dem Tisch des Eßzimmers standen jetzt, recht dürftig, nur zwei kleine Vasen mit wenigen mageren Tulpen, Doktor Riedingers Smoking war seit langem nicht mehr repräsentativ, und obwohl Blanche ein recht großes Taschengeld bezog, waren es oft sehr kleine Summen, um die, darüber hinaus, zu bitten sie sich nicht getraute.

Wenn man dennoch überzeugt sein konnte, daß die Familie niemals der Not ausgesetzt sein und daß ihr geholfen werden würde, sobald es der Augenblick erfordern sollte, so war es Doktor Fedings Existenz zuzuschreiben, jenes Mannes, der am Nachmittag in dem Gespräch zwischen Müller-Erfurt und Blanche erwähnt worden war und von dem Blanche lachend gesagt hatte: Sonderbar! Alles führt zu Feding! Er sitzt in seinem Zimmer, kümmert sich um nichts, und alles kommt zu ihm! ? Er war der um einige Jahre ältere Associé Riedingers, der Freund und Vertraute aller Familienmitglieder, und war auch heute unter den Gästen. Er wäre immer bereit gewesen, einzuspringen, und war auch in der Lage dazu, da ihm im Laufe eines langen Lebens ein großes Vermögen zugewachsen war, mit dem er, kinderlos und ohne große Bedürfnisse, nichts Rechtes anzufangen wußte. Sein einziger Luxus, dem er sich allerdings seit über vierzig Jahren, zwar in aller Stille, doch mit ununterbrochener Konsequenz, hingab, war sein Weinkeller, der mit der Zeit immens geworden war und dessen Flaschen auszutrinken der jetzt fast Siebzigjährige noch einige Jahrzehnte brauchen würde; doch war seine Erwerbung verhältnismäßig nicht kostspielig gewesen, denn er hatte, so oft es die Umstände erlaubt hatten, an den Auktionen teilgenommen, er kaufte seit jeher nur die jungen, billigen Weine in Fässern, überwachte ihre Entwicklung und ihren Werdegang, ließ sie reifen und abfüllen und sorgte dafür, daß jene, die es vertrugen, ungestört lagerten, älter und immer älter und immer köstlicher wurden, jene aber, die ihren Höhepunkt erreicht hatten, schleunigst ausgetrunken wurden.

Bei Tisch saß er zwischen Frau Riedinger und einer alten, kleinen, rotwangigen und weißhaarigen Dame, die, nicht ganz übersichtlich, in Tüll, Seide, Schals gehüllt und von schwarzen Spitzen überrieselt war. Es war die Baronin M., deren auf letzte Spuren zusammengeschmolzenes Vermögen von den beiden Anwälten verwaltet und die, in allen Angelegenheiten ihres kleinen Daseins so ratlos und hilflos, daß sie eine Aktie nicht von einem Lotterielos unterschied, auch im allgemeinen von ihnen betreut wurde. Wenn sie nach den beklemmenden Erfahrungen, die sie gemacht, von Panik erfaßt wurde, was denn aus dem letzten Rest ihres Lebens werden sollte, dann flüchtete sie in die Anwaltskanzlei, wo ihr die beiden Männer ? allerdings ohne daß sie auch nur ein Wort von ihren Reden verstanden hätte ? auseinandersetzten, was im Augenblick zu tun notwendig oder wenigstens ratsam sei; doch, was wichtiger war, sie gaben ihr Gelegenheit, sich auszusprechen und zu weinen, um ihr schließlich für die Zukunft das Beste vorauszusagen. Wenn Riedinger in seiner polternden Art ausgerufen hatte: »Baronin, Sie werden sehen, Sie werden sehen, wir werden alle noch große Millionäre! Suchen Sie sich nur beizeiten die Schlösser aus, die Sie sich dann kaufen!« ? ein harmloser Scherz, über den sie aber, noch unter Tränen, herzlich lachen mußte ? oder wenn Feding mit seiner tiefen, gleichmäßig tönenden Stimme ruhig und eben deshalb überzeugender als der andere, gesagt hatte: »Ja, ja, es wird schon alles werden! Wir werden dies und jenes tun, gehen Sie nach Hause und denken Sie nicht mehr an die Zukunft!«, wenn sie also ihren Kummer hergetragen und dann solche oder ähnliche, im Grunde doch inhaltsleere Sätze gehört hatte, dann ging sie erleichtert, fast heiter und mit dem Bewußtsein fort, daß es noch erfahrene, kluge, gütige und edle Männer gäbe. Ihre Dankbarkeit war grenzenlos, doch nicht geringer war ihr Gefühl der staunenden Verehrung, denn ihr erschien die Welt ihres winzigen Bankkontos mit all seinen Zahlen, Auszügen, Benachrichtigungen, Berechnungen und Abrechnungen als ein dichtes, für den normalen Menschen nicht zu durchdringendes Gestrüpp, in das sich nur ganz bestimmte, wahrscheinlich besonders dafür prädestinierte Männer wagen durften: sonderbare und gewaltige Beherrscher des Lebens, gegen den feindlichen Urwald vordringende Helden, fast schon Zauberer.

Der heutige Abend hatte fröhlich für die Baronin begonnen, denn kaum hatte man sich zu Tisch gesetzt, hatte sich auch schon Feding vertraulich zu ihr niedergebeugt und ihr mit seiner tiefen, ein wenig singenden Stimme gesagt: »Nun, Baronin, unsere Angelegenheiten stehen ja ausgezeichnet!« ? »Wie!« hatte sie gefragt und war rot geworden. ? »Ja, ja«, hatte er wiederholt, »die Angelegenheiten stehen gut! Es wird alles werden! Kein Anlaß, sich Sorgen zu machen!« Bewundernd und dankbar sah sie zu ihm auf. Er blickte auf sie nieder und nickte ihr zu. Er war sich dessen natürlich bewußt, daß mit diesen Redensarten gar nichts gesagt war, aber er wußte auch, daß sie selbst nur deshalb nicht die Sprache auf ihre Verhältnisse gebracht hätte, weil es ihr in diesem privaten Kreis unangebracht erschienen wäre. Und so hatte er ihr denn, worauf sie immer wieder reagierte, gleich zu Anfang der Mahlzeit diese Injektion freundlicher Worte verabreicht. Er hatte in dem so kurzen Gespräch nicht nur das Laster der Lüge an den Tag gelegt, denn die Angelegenheiten der Baronin standen sehr schlecht, sondern mit diesen nichts besagenden Phrasen auch das Laster der Unsachlichkeit; doch das machte ihm offenbar nichts aus.

Feding war eher von großer als von mittlerer Gestalt, elastisch und jugendlich. Wenn er sich langsam und gemächlich bewegte, so hatte dies seinen Grund in seinem Temperament und seiner Wesensart und nicht in seinem Alter. Sein durchgearbeitetes Gesicht war nur von wenigen schweren Falten durchzogen. Die Haare begannen erst in der Mitte des Schädels, über den Lippen hing ein grauer, etwas struppiger Schnurrbart. Seine Augen, unter dichten, oft zerzausten Brauen, waren schmal und klein, doch sie konnten sicher und ruhig schauen, und man durfte ihnen glauben, daß sie, was sie anschauten, auch erkannten; wenn sie sich aber bewegten, dann taten sie es schnell, dann gerieten sie in überraschenden Gegensatz zu der gemütlichen Langsamkeit, der Behäbigkeit seines Körpers, dann kam etwas anderes, Neues, Lachendes in sie, dann leuchteten sie in ihrem leise blinkenden und heiteren Glanz. Wer ihn schätzte, der schätzte in ihm jenen Menschen, der seine Augen ruhen ließ, wer ihn liebte, der liebte in ihm jenen andern, der sie als freundliche Blitze durch die Welt fahren ließ. Seine Stimme war ein nüchterner Baß, der sich allerdings in freundliche Schwingungen und zu einem schwebenden Auf und Ab löste, wenn er ins Erzählen kam, wenn er für seinen Zuhörer besondere Sympathie empfand oder wenn die Nacht vorgeschritten war, und dieser kleine Gesang schien aus derselben Quelle zu kommen wie das heitere Leuchten, das leise Blinken seiner Augen.

Riedinger und Feding waren seit vierzig Jahren Associés. War jener der bessere Verhandler, der ausdauernde Debattierer und, wenn es darauf ankam, der ehrgeizigere und trotzigere Streiter, so war dieser, war Feding, wahrscheinlich der bessere Jurist. Er kannte die Vielfalt der Gesetze und deren schimmernde Deutbarkeit, er wußte, wo sie einander unterstützen und wo sie gegeneinander stehen, aber er kannte auch, sobald all die Affären, Verhandlungen, Pläne, Interessendifferenzen und Kämpfe vor ihn gebracht wurden, die Vielfarbigkeit und zugleich die Grundfarben alles Menschlichen. Er schaute, er war ein Betrachter, er stürzte sich nicht auf die Dinge, wie Riedinger es tun mochte, er sah sie vielmehr vor sich hingebreitet, und so übersah er immer das ganze Netz, sah in ihm jedes Loch und jeden dünnen Faden.

Als sie vor vier Jahrzehnten zusammengekommen waren, da Riedingers Vater knapp vor seinem Tod Feding als Gesellschafter aufgenommen hatte, war dieser achtundzwanzig Jahre alt, Riedinger aber erst dreiundzwanzig. Dies war ein Altersunterschied, der nicht nur für ihre damalige Lebensepoche im allgemeinen beträchtlich war, sondern auch im besonderen für ihre Berufserfahrung, denn der eine war ein Anfänger, ein Lernender, der andere neben ihm verhältnismäßig ein alter Routinier. Jahrfünft um Jahrfünft, Jahrzehnt um Jahrzehnt verging, doch der Altersunterschied wollte nicht weichen. Immer blieb der eine der Erfahrene, Gemessenere, der Abwägende, Souveräne, und der andere, der jetzt Dreiundsechzigjährige, der stürmisch Jugendliche. Das konnte nicht verhindern, daß sie Freunde wurden. Natürlich, ein kleiner Rest verblieb, ein kleiner Wunsch, den Freund etwas anders zu haben, ein letzter kleiner Vorbehalt, der sich daraus ergibt, daß eben ein Mensch nicht wie der andere sein kann. Im Grunde aber bewunderte trotz manchem Streit jeder am Freunde, was ihm selbst fehlte. Sie waren miteinander verwachsen, und ein abwägendes Urteil des einen über den andern kam gar nicht erst auf.

Man hatte sich sehr spät zu Tisch gesetzt. Vor wenigen Tagen war aus dem kleinen Fabrikort S. die Frau des Industriellen Leonhardt, eines der besten Klienten der Anwaltskanzlei, für zwei Wochen in die Stadt gekommen und hatte Riedinger, um eine Auskunft zu erbitten, in seinem Büro aufgesucht. Er hatte es für nützlich gehalten, sie und ihre Zeit ein wenig mit Beschlag zu belegen, um durch gesellige Beziehungen die beruflichen zu vertiefen. So war sie noch am Tage ihres Besuches, es war vorgestern gewesen, für den heutigen Tag in sein Haus gebeten worden. Zu diesem einen Gast nun mußten andere hinzugefügt werden, und da er ihr etwas Repräsentables hatte bieten wollen, waren sowohl die dem Namen nach vornehmsten, als auch die interessantesten seiner Bekannten ausgewählt worden. Das Arrangement war nicht ganz gelungen, weil es zu spät in Angriff genommen worden war, doch war Riedinger im ganzen nicht unzufrieden. Frau Leonhardt also war es, die an der rechten Seite des Hausherrn saß, aber sie, die gewissermaßen den Ehrengast darstellte, sie verhielt sich am stillsten und sprach am wenigsten. Ihre Stimme war leise und schien sich nicht erheben zu können. Sie war von zierlicher Gestalt, sie saß ruhig, die Hände, wenn sie nicht aß, leicht auf den Tischrand gelegt, und bewegte sich sparsam und gemessen. Ihre Augen waren meistens gesenkt, und in ihrem hübschen, regelmäßigen Gesicht, aus dem die etwas vollen Lippen hervortraten, hoben sich nur langsam und nur, wenn es sein mußte, ihre ein wenig schweren Lider. Selten wandte sie sich jemandem zu, und man konnte den Eindruck haben, daß sie ihre eigenen schlanken Glieder als zu schwer empfinde oder daß sie ihren Körper wie ein übervolles Gefäß nicht aus dem Gleichgewicht bringen dürfe. Es war ein gefesseltes Wesen, das sie an den Tag legte, und nur die Tatsache, daß sie sich an ihre eigene Natur gewöhnt hatte und nicht versuchte, sie zu überwinden oder zu durchbrechen, bewahrte sie vor Ungeschicklichkeit.

Doch anders und freier als ihr Inneres, strahlte sich ihr Körper aus. Der Teint war fehlerlos, war vorbildlich, und man hätte glauben können, er sei ein Kunstprodukt und nicht den Zufälligkeiten des organischen Lebens ausgesetzt, ihre Haut war zart und sanft wie die einer köstlichen jungen Frucht aus dem Glashaus. Ihre weichen braunen Haare waren in wohlberechneten, freundlichen Wellen locker zurückgelegt. Sie trug ein mattpastellblaues Kleid aus Seide und Chiffon, dessen Eleganz in seiner kostbaren Schlichtheit und in dem raffiniert nachlässigen Fall bestand. Frau Leonhardt war wunderbar parfümiert, es war ein undefinierbarer Geruch, milde schwebend und herb zugleich, so stark, daß er nicht nur zu ihren Nachbarn und ihrem Vis-à-Vis, sondern in manchen Augenblicken auch, als wäre dies ihre stumme, ihre einzige Art, an ihre Anwesenheit zu erinnern, schräg über den Tisch zu den anderen Gästen als duftender Windstoß hinüber kam.

Ihr anderer Nachbar war der eleganteste der Herren, Ladislaus Joachim. Die Konversation, die er führte, ging in wohlgelernter Gewandtheit, in gleichmäßig sicherem Fluß dahin. Er war von der Februar- und Märzsonne der Berge gerötet und gebräunt. Hinter dieser Farbe, die wie eine Decke über seinem Gesicht lag, mußte man seine Züge erst suchen. Sie waren von Natur aus weichlich, ja, sie neigten zur Schwammigkeit, doch waren sie gehärtet und verschärft, vielleicht durch jene Momente, da er angespannt und verbissen im Hundertkilometer-Tempo chauffiert hatte oder von hohen Skischanzen gesprungen war. Der Smoking, den er trug, war exquisit. Die Smokingbinde war, nach der diesjährigen Mode für die Eingeweihten, besonders lang, nur lose gebunden und außerordentlich schmal. Sie erinnerte mehr an einen Schnürsenkel als an eine Krawatte. Keiner der Männer hier hatte in der Hemdbrust so große Perlen wie er, am linken Zeigefinger aber trug er als Ring nur ein dünnes, zartgliedriges, silbernes oder gar nur eisernes Kettchen, dessen Wertlosigkeit und himmelschreiende Schlichtheit, als Gegensatz zu seiner übrigen teuren Eleganz, auf Menschen, die Sinn für derartige subtile Feinheiten haben, geradezu sensationell wirken mußte. Dieser etwa fünfunddreißigjährige Mann hatte einen Körper, der, sich selbst überlassen, vielleicht schon Fett angesetzt hätte, der aber durchtrainiert und, wenn auch um eine Spur zu massig, doch muskulös und sehnig war. Die Schultern waren künstlich im Anzug verbreitert. Seine Augen waren hell und blau. Im ganzen stellte er eine nicht ganz sichere Mischung aus einem Dandy und einem Sportsmann dar. In Wirklichkeit war er ein Dichter. Mit seinem bürgerlichen Namen hieß er Ferdinand Müller, und er war der Sohn eines Lehrers aus einer norddeutschen Stadt mit dreißigtausend Einwohnern.

Er war vor über zehn Jahren mit seinem ersten Werk, dem Roman ?Die Bestie? an die Öffentlichkeit getreten. Es hatte Aufsehen erregt. Mit dem Titel des Buches war sozusagen das Leben selbst gemeint gewesen. Joachim war von der damals jüngsten Generation mit Enthusiasmus begrüßt worden, und sein Erfolg war schnell in jene Gesellschaft hinübergetragen worden, die sich gern mit allem schmückt, was berühmt ist und der Mode entspricht. Sie hatte ihn an sich gezogen und verwöhnt, um so mehr, als er das Talent hatte, gute Figur zu machen. Zwar hatte er, nach der politisch-sozialen Seite hin, einer durchaus revolutionären, extrem sozialen Richtung angehört, zugleich aber meinte er, daß er es sich schuldig sei, sich des Empfanges, den die mondäne Welt ihm bereitet, würdig zu zeigen, indem er sich, nicht nur als Dichter, sondern auch als Weltmann, ihren Interessen, ihrer Lebensart und ihrem Gehaben anzupassen suchte. Respektvoll und mit einem Prickeln im ganzen Leib horchte der Provinzlehrerssohn hin, wo große Namen und Titel genannt wurden, und erschauerte bis in die Zehenspitzen, wenn er in den Empfangsräumen jener ehrgeizigen Damen, die, wild wie die Hyänen, alles an sich reißen, was bedeutend ist oder bedeutend zu sein scheint, aus den unverbindlichen Plaudergesprächen der Diplomaten und Geldmagnaten die gewaltigen Pulsschläge des Daseins herauszuhören meinte. Bald suchte er das Herz jener »Bestie« nur noch in den Straßen der Weltkurorte, in den Hallen der internationalen Hotels und in den Salons der überseeischen Luxusdampfer. Seinen sozialen Radikalismus nahmen die Männer lächelnd als die Narrheit eines Schwärmers, weil sie ihn, nur weil er Bücher schrieb, für einen Träumer hielten, die Frauen empfanden es als erregende Gefährlichkeit hinter seiner glatten Oberfläche, als um so pikanteren haut-goût an dem sonst so schmackhaften Mann. Er fuhr seit Jahren von Land zu Land und berichtete darüber in Zeitschriften und Büchern.

Joachim war bemüht, sich ohne Unterbrechung mit Frau Leonhardt zu unterhalten. Er warf, wo immer es anging, Brocken fremder Sprachen ein, er sprach von eleganten Dingen, er badete in ihnen, er sprach von exklusiven Pariser Restaurants, von italienischen Automobilrennen, von den Frauen der vielen Gegenden, in denen er kürzere oder längere Zeit gelebt hatte, von den verschiedenen Arten ihrer Liebe, die er alle ? er verbarg es nicht ? genossen hatte, er lobte die sublime und zugleich leidenschaftliche Zartheit der Asiatinnen, die er besonders schätzte, er sprach von vertraulichen Informationen, die er von diplomatischer Seite erhalten, und von der alten Fürstin C., mit der er sich auf seiner Überfahrt nach Südamerika befreundet hatte. Frau Leonhardt hörte schweigend zu, man wußte nicht, mit welcher Teilnahme, und wenn er sie nach etwas fragte, antwortete sie mit einem leisen kurzen Wort. Von ihrem hübschen Gesicht, ihrer zierlichen Gestalt, ihrer stillen Eleganz berührt und von dem Duft irritiert, der einmal schwächer, einmal stärker zu ihm hinwehte, versuchte er, sachte einen intimeren Schritt zu tun, brachte die Sprache auf ihr Parfüm und bemühte sich zu erraten, was es für eines sei, das sie heute verwendet hatte. Bei dieser Gelegenheit erfuhr er denn auch endlich etwas über ihre Person: daß es ihre liebste Beschäftigung, geradezu ihre Leidenschaft sei, suchend und experimentierend selbst ihre Parfüms zusammenzustellen. Das heutige war eine Mischung aus drei französischen Parfüms, der ein Schuß eines schärferen englischen Herrenparfüms beigegeben war. Er lobte es voll Kennertum. Der Kontakt zwischen ihnen stellte sich allmählich her.

Joachim hatte es leicht, sich Frau Leonhardt ganz zu widmen, da die Nachbarin zu seiner rechten Seite, eben jene kleine, weißhaarige Baronin, es auch ihrerseits vorzog, sich mit ihrem zweiten Nachbarn, dem alten Doktor Feding, zu unterhalten. Dieser teilte während der Mahlzeit freundlich seine Aufmerksamkeit zwischen den beiden Damen, neben denen er saß und deren andere die Hausfrau war.

Frau Riedinger lenkte immer wieder, unzufrieden und bekümmert, ihre Augen auf ihre Tochter, diese war, wie man weiß, im letzten Augenblick erst nach Hause gekommen, dann war sie in aller Eile in ein hellgrünes Kleid geschlüpft, das erste beste, welches ihr unter die Hände geraten war, und hatte sich hastig Lippen und Wangen geschminkt. Die Grenze aber zwischen der natürlichen und der künstlichen Farbe war zu hart, deutlich wie das Ufer zwischen Land und See, und der Erfolg von all dem war, daß Blanche viel weniger hübsch aussah, als es hätte sein sollen. Ihrer Mutter mißfiel offenbar sowohl diese nachlässige Art, mit der sie sich für den Abend hergerichtet hatte, wie ihre einsilbige, fast unfreundliche Geistesabwesenheit, mit der sie auf die Worte ihres höflichen, bescheidenen und um eine Unterhaltung bemühten Nachbarn reagierte.

Aus den verstohlenen Blicken, die beide manchmal unwillkürlich auf sie warfen, war zu schließen, daß Frau Riedinger und Feding über sie sprachen. Feding hatte sie wachsen und alle Stadien ihres bisherigen Lebens durchlaufen sehen. Sie war ein verträumtes, zugleich ein trotziges und leidenschaftliches, im ganzen schwer zu lenkendes Kind gewesen. Wie oft hatte er in der Tür zu ihrem Kinderzimmer gestanden und sie betrachtet, wie sie in ihrem Spielbänkchen saß, mit großen Augen bewegungslos in die Luft schauend, in den Händen ein vergessenes Bilderbuch oder Spielzeug, und ihn gar nicht bemerkte; wie oft hatte er in den folgenden Jahren, wenn er bei ihren Eltern war, vom Fenster aus auf die Straße geblickt und zugeschaut, wie sie und ihre Freundinnen, aus der Schule kommend, Arm in Arm quer über den Gehsteig eine Kette bildeten und durcheinanderschwatzten und -lachten! Wie oft hatte sie sich vor ihn hingestellt und sich mit ein wenig abstehenden Armen vor ihm hin und her gedreht, um sich ihm in einem neuen Kleid zu zeigen, vom weißen Kleidchen mit den roten und blauen Tupfen, das noch nicht so lang wie ein Ärmel war, bis zum pompösen Abendkleid aus schwarzem Samt, sechsundzwanzig Jahre später!

Wenn man die vielen Geschenke, die er ihr im Laufe der Zeiten gemacht hatte, nebeneinander legte, dann würde sich eine übermäßig lange Reihe bilden, und man würde erkennen, daß er immer, Jahr für Jahr, gleichsam neben ihr gewesen war. Was würde man nicht alles sehen! Die Kinderrassel, das kleine nackte Püppchen, ein Kettchen um den Kinderhals, die Imitation einer Armbanduhr, die Schultasche, die große Puppe und den Puppenwagen, einen winzigen Sonnenschirm und eine winzige Handtasche, Mädchenbücher, eine kleine Handtasche, eine Armbanduhr an einem Seidenband, eine Füllfeder und ein verschließbares Holzkästen, ein Tagebuch, eine größere Handtasche und eine goldene Armbanduhr, ein Theaterglas, ein Flakon für Eau de Cologne, schöne Literatur, eine Schreibtischgarnitur, eine Puderdose und Parfüm, einen Necessairekoffer, eine Banknote, zwischen die Blätter eines Buches versteckt, ein bescheidenes Perlenkettchen und einen Fuchs, eine Couch für ihr Zimmer, einen Reisekoffer, Bücher über Malerei und Mappen mit Reproduktionen, eine Ampel aus Preßglas, die im Vorraum ihres Häuschens hing, und eine Biedermeiervitrine und schließlich, und das wäre das letzte in der Reihe, eine Serie von Pinseln, vom größten bis zum feinsten, der wie in eine Nadelspitze auslief.

Jetzt also sprach Feding mit ihrer Mutter über sie. Frau Riedinger sah zu Blanche hin wie zu einem Menschen, den man nicht versteht und den jemals zu verstehen man aufgegeben hat. An ihren Mann hatte sie sich längst gewöhnt, an seinen Lärm, seine Launenhaftigkeit und Unberechenbarkeit, sie hatte die wenigen Ereignisse ihres Lebens gelassen überstanden, und jetzt konzentrierten sich ihre Empfindungen nur noch auf Blanche. Sie hatte einen einzigen Wunsch: ihre Tochter verheiratet zu sehen.

Feding gegenüber, also schon an der anderen Längsseite des Tisches und ebenfalls neben Frau Riedinger, hatte Herr von Passow seinen Platz. Es war der Schein einer gewissen Andersartigkeit um ihn, er war wie ein Gast aus der Fremde und schien es selbst so zu fühlen, wie man aus der zurückhaltenden, vorsichtig-behutsamen Art seines fast schüchternen Betragens und aus jener übergroßen Höflichkeit schließen konnte, die sich nur bei weiten Distanzen einstellt. Sein Gesicht war wie ein ebener Acker, übersichtlich und friedlich, ohne Geheimnis, fast ohne Merkmal. Der Anzug, den er trug, war alt und offenbar zu eng geworden, sein Kragen zu hoch, und im Hemd steckten sonderbarerweise schwarze Knöpfe. Hie und da wandte er sich voll Bescheidenheit und Respekt mit höflichen Worten an die Hausfrau, im übrigen aber war er bemüht, mit Blanche, seiner anderen Nachbarin, eine Unterhaltung zu führen.

Herr von Passow war Offizier gewesen und hatte sich später in verschiedenen zivilen Berufen versucht. Er tat alles, sich in seine neue Welt einzugewöhnen, konnte aber seine Verwunderung darüber, was er in ihr zu sehen bekam und von dessen Existenz er früher nichts geahnt hatte, nicht überwinden. Immer staunte er. Er verkehrte außerordentlich gern in bürgerlichen Häusern, unterhielt sich gut in ihnen und glaubte, vieles zu lernen. Dankbar für alles, was geboten wurde, hörte er überall hin, wo es etwas zu hören gab, und war voller Bewunderung für den Witz des einen, das Temperament des zweiten, die Bildung eines dritten. Es war ihm bekannt, daß Blanche Malerin war. Zwar hatte er noch niemals ihre Bilder gesehen, doch allein die Tatsache ihrer Kunstbetätigung war für ihn ein Gegenstand des Staunens. Bewunderte er schon jeden Menschen, den er für gebildet hielt, fühlte er sich schon jeder Problemstellung, jedem auch nur ein wenig ins Allgemeine oder Abstrakte gehenden Gespräch gegenüber recht hilflos und erschien ihm manchmal schon das nicht mehr ganz Grobe als Subtilität, so war ihm ein Mensch, der eine Kunst betrieb, der etwas aus sich herausholte und es an den Tag brachte, der ohne ersichtlichen Grund aus dem Nichts etwas schuf, ein unbegreiflich-rätselvolles Wesen. Daß aber gar eine Frau sich dazu verstieg, war und blieb ihm durchaus unfaßlich. Er hätte gerne erraten und verstanden, wie es in einem solchen Geschöpf zugehe, und es war nicht nur die Zuvorkommenheit, mit der man sich in die Interessensphäre des andern begibt, es bewog ihn noch mehr sein eigenes Interesse, seine eigene Neugierde, sich immer wieder mit naiven und, gewiß, vielleicht ungeschickten Fragen an Blanche zu wenden. Sie aber schien eher bereit und fähig, an alles andere als an ihre Malerei zu denken, und fühlte sich offenbar bei den Gesprächen, die sich so ergaben, nicht recht wohl. Die Frage »Malen Sie schon lange?« war immerhin noch mit der Feststellung einer Tatsache zu beantworten: »Seit zwei Jahren.« Doch wenn er dann fortfuhr: »In welcher Art malen Sie?«, dann wars schon schwerer, und sie schwieg. Er aber wußte nicht, warum sie nichts erwiderte, schaute sie ruhig, mit gutem Gewissen an und wartete höflich und bescheiden.

»In welcher Art!« rief sie schließlich und lachte auf. »Das ist schwer zu sagen!«

»Gewiß«, gab er zu, »es läßt sich mit Worten wohl schwer beschreiben? Malen Sie modern?«

»Mein Gott, es weiß ja niemand, was gerade heute modern ist.«

Er dachte nach. »Die Richtungen wechseln wohl sehr schnell?« fragte er dann.

»Allerdings!«

»Und warum?« fragte er. Aber dies war wiederum eine jener Fragen, die von der Voraussetzung paradiesischer Zustände ausgehen, unter denen jedes einfache Warum mit einem eindeutigen, klärenden Weil zu beantworten wäre ? eine jener Fragen, die dem unvorbereiteten und nicht geistesgegenwärtigen Menschen den Atem nehmen.

Blanche hob nur die Schultern. Gedankenvoll sah er sie an, die Geheimnisvolle, doch dann traute er sich nochmals vor und fragte: »Haben Sie auch schon alte Meister kopiert?«

»Nein. Warum?«

»Nun, ich denke, das muß das allerschwerste sein! Ich kann es mir gar nicht vorstellen, wie einem das gelingen kann!«

Sie zog ein wenig hochmütig die Brauen in die Höhe: »Gerade das? Und warum?«

»Weil diese Arbeit doch am leichtesten kontrollierbar ist. Wenn man eine Landschaft malt und sie fällt etwas anders aus, als sie wirklich ist, was doch immer möglich bleibt, dann kann man immer noch sagen: bei dem damaligen Wetter war sie so! Oder wenn man einen Menschen malt und verzeichnet ihn ein wenig, dann kann man immer noch sagen: er war damals so merkwürdig! So war er damals! Aber bei einem alten Bild? Da kann doch jeder die Kopie mit dem Original vergleichen, bis auf jeden Pinselstrich, bis auf jedes Tüpfelchen. Das muß furchtbar schwer sein!«

Sie murmelte undeutlich einige Worte und wandte sich, sobald es anging, nach der anderen Seite. Er sah dem sich wegdrehenden Kopf ein wenig traurig nach, wie einem Menschen, der einen verläßt, und blieb ganz allein.

Wäre Blanche sehr schlank gewesen, dann hätte Herr von Passow alles eher begriffen, denn Frauen, die schlank waren oder gar mager und dünn, waren für ihn keine Frauen. So war es nun einmal, und er hätte sich wohl vorstellen können, daß solch ein unglückseliges, verkrüppeltes, für die Liebe unbrauchbares Wesen sich in andere Gefilde rettet, um dort ein anderes, wenn auch ganz unweibliches Leben zu führen. Daß aber eine Frau mit solch einer gesunden, kräftigen Gestalt, mit solch herrlichen Rundungen und Wölbungen Malerin sein sollte, ging ihm nicht ein. Ihr Körper gefiel ihm ganz außerordentlich und schien ihm für alles eher geschaffen zu sein als dafür, stundenlang und tagelang vor einer Staffelei zu stehen und eine komplizierte Persönlichkeit zu beherbergen. Wann immer er ihr begegnet war, immer hatte er mit diskreten Blicken und angenehmen Gefühlen ihre vollen Arme betrachtet, ihre kräftigen Schenkel, ihren reifen Busen, wohlgefällig hatte er ihr entgegengesehen, wenn sie auf ihn zugekommen war, und wohlgefällig ihr nachgesehen, dem Muskelspiel ihres Ganges, wenn sie, ihm den Rücken kehrend, sich von ihm entfernt hatte. Er war einer jener Männer, die nur das Sichtbare, das Dargebotene schätzen, die, ein Stück Natur, sich zu einem anderen Stück Natur hingezogen fühlen. Er war abhängig von den Körperformen; und diese waren an Blanche gerade so, wie Passow sie liebte.

»Haben Sie«, begann er von neuem, sobald er ihrer wieder habhaft werden konnte, »auch schon Bilder verkauft?«

»Nein, noch nicht.«

»Nun, das wird gewiß auch sehr bald kommen. Wie lange pflegt es im Durchschnitt zu dauern, bevor man es soweit bringt?«

Sie warf den Kopf zurück. »Ich lege«, antwortete sie mit Ironie, »auf den Verkauf meiner Bilder nicht sehr großen Wert!«

»Warum?« fragte er staunend.

Sie schwieg, er sah sie beharrlich an und wartete auf Antwort. Vom Lärm an ihrer rechten Seite angezogen, wandte sie sich hin. Dort saß Alfons Stadel. Er war es, von dem die Blicke eines Eintretenden augenblicklich angezogen wurden, zu dem diejenigen eines Beobachters und Zuhörers, freiwillig oder unfreiwillig, immer wieder hätten zurückfinden müssen, denn sein Aussehen, seine Haltung und seine Gebärden stachen schreiend von dem aller Anwesenden ab. Sein Gesicht war seltsam. Mager, bleich und in die Länge gezogen, mit zurückweichendem Kinn und dünnlippigem Mund, schien es nur Fundament und Hintergrund für seine Nase bilden zu wollen, die außerordentlich schmal und messerscharf hervordrang, in der Mitte energisch und hart geknickt, ein überdeutliches Muster für eine Adlernase. Seine Haare waren in der Mitte gescheitelt, eingefettet und fielen ölglänzend zur Seite; die Spitzen reichten bis zu den Augenwinkeln, manchmal bis zu den Backenknochen. Mit dieser Frisur unterstrich Stadel noch die Betonung, die die Natur seinem Gesicht gegeben hatte. Er war sehr groß, hager und ganz wie sein Kopf ins Schmale zerdehnt. Richtete er sich auf, dann überragte er seine ganze Umgebung.

Doch er war es auch, der die Gesellschaft beherrschte, denn er sprach am meisten und, soweit man es zuließ, ohne Unterbrechung, er hatte die lauteste Stimme, er hielt die Zügel aller Gespräche in seiner Hand, aber er hatte auch das Bedürfnis, am meisten zu sprechen, er wollte die lauteste Stimme haben und konnte nicht darauf verzichten, die Zügel aller Gespräche in seiner Hand zu halten. Alles rüttelte ihn auf, ein Wort, das er hörte, veranlaßte ihn, es zum Ausgangspunkt einer Rede zu machen, der Name eines Menschen war das Stichwort, eine Anekdote über ihn zum besten zu geben, der erhaschte Fetzen eines Gesprächs, dieses an sich heranzuziehen.

In allen Sphären der Kunst zu Hause, informiert über alle Richtungen des geistigen Lebens, mit all seinen Vertretern bekannt, mit manchen befreundet, mit vielen verfeindet, wurde auch er als eine zum Literaturbetrieb gehörige Figur betrachtet, obwohl er selbst nur gelegentlich eine und die andere Sammlung von Aphorismen veröffentlicht hatte, die durch einen nach allen Seiten gehenden Radikalismus und durch einen gewissen paradoxen Witz charakterisiert waren. Woher er und ob er überhaupt einen regelmäßigen Unterhalt bezog, wußte man nicht, und es war nur bekannt, daß er sehr kärglich leben mußte; das Wenige aber, das er hatte, verzettelte er, und wahrscheinlich gab er für die Schnäpse und Kaffees in den Kaffeehäusern mehr aus als für seine Ernährung. Über sein Herkommen wußte man nur soviel, daß er der Sohn, wahrscheinlich der uneheliche Sohn, einer Hofdame an einer sehr kleinen Residenz war. Sie war eines Tages mit einem fremden Mann durchgegangen, mit einem Kutscher oder einem Zigeunerprimas oder einem berühmten Dichter. Da es dem Hof und der Residenz ganz gleichgültig war, ob es ein Kutscher oder ein Zigeunerprimas oder ein berühmter Dichter war, das Interesse sich vielmehr nur auf die unmoralische Tat ihrer Flucht bezog, wußte man nicht, wer wirklich sein Vater war.

Stadel unterbrach auch heute nur selten seine Reden, um sich tief über den Teller zu beugen und hastig einen großen Bissen in den Mund zu werfen, doch schnell ließ er seinen Kopf wieder in die Höhe schießen, um sich über die ganze Gesellschaft hin auszusprühen. So war denn Stadel inmitten des gemessenen und konventionellen Betragens aller anderen wie ein feuerspeiender Hügel in einer flachen Ebene oder inmitten dieser entlang der Tafel aufgereihten Taubenschar ein farbenprächtiger, flügelschlagender Kakadu. Selbst Doktor Riedinger blieb neben ihm nichts anderes als eben die lebhafteste der Tauben.

Auf Stadel folgte schließlich in der Reihenfolge Frau Feding, die Frau des älteren Associés von Doktor Riedinger. Sie mochte fünfundfünfzig Jahre alt sein. Ihr Körper war gut erhalten, ihre Figur schlank, ihr Gesicht milde und die Stirn klar. Sie war sehr schweigsam, in ihren Bewegungen behutsam, fast ängstlich, und in ihre stillen Augen trat bei Tatsachen und Vorgängen, die nur ein wenig aus dem gewohnten Rahmen fielen, unverhohlen eine kindliche Verwunderung. Sie und ihr Mann lebten seit über dreißig Jahren in bestem Einklang miteinander. Ihre Liebe hatte sich zur Freundschaft gesteigert, und diese wiederum zur Liebe. Der einzige Kummer ihres Lebens war, daß sie kinderlos geblieben waren. In früheren Jahren hatte sie manchmal in offenem Jammer darüber geklagt; sein Schmerz war still und zugedeckt. Nun war alle Hoffnung längst vergangen.

Rechts von Frau Feding saß der Hausherr, und so schloß sich der Kreis. Riedinger tat alles, die Stimmung warm zu halten oder gar noch anzuheizen. Er rief, sein Glas erhebend, bald dahin, bald dorthin ein aufmunterndes Prosit!, lachte immer als erster und übertönte, wenn Stadel besonderen Erfolg mit einer Bemerkung hatte, die allgemeine Heiterkeit mit den, seiner Nachbarin in aufgeregtem Entzücken zugeschrienen Worten: »Was sagen Sie nur! Was sagen Sie nur!« Er fühlte sich offenbar außerordentlich wohl, wie immer, wenn es rings um ihn Bewegung, Scherz und Lärm gab. Seine Augen hinter der großen Hornbrille liefen in freudiger Unruhe auf und ab, dahin und dorthin, sein Gesicht war vom Gelächter und dem wenigen Wein, den er getrunken hatte, gerötet. Von Zeit zu Zeit warf ihm seine Frau besorgte Blicke zu, denn sie wußte, daß sich nach jeder Überanstrengung, ja, schon nach jeder Anstrengung und manchmal schon nach zu lebhaften Debatten die atemraubenden Herzbeklemmungen bei ihm einstellten. Kein Zweifel, sie hätte ihn jetzt gern gebeten, sich zu mäßigen, aber sie wußte auch, daß ihn nichts so sehr in Zorn, also in jene ihm gefährliche Unruhe versetzen könnte, wie ihre Mahnungen zur Ruhe; denn es durfte im Haus nicht erwähnt werden, daß er auch nur schonungsbedürftig sei. Selbst vor seinen Freunden wurde die Krankheit verleugnet oder geheimgehalten.

Er stand im siebenten Jahrzehnt, und die Ärzte sagten ihm, daß sein Herz abgebraucht sei, aber er litt nicht so sehr unter den Beschwerden selbst wie unter dem Gedanken, daß jene grausamen Erscheinungen schon Alterserscheinungen seien. Er wollte nicht alt sein. Er wollte keine Glatze und beklebte sie mit den zur Seite gelegten Haarsträhnen, er wollte keinen grauen Schnurrbart und färbte ihn, er wollte kein abgebrauchtes Herz und vernachlässigte es, er wollte nicht die Meinungen eines erfahrenen, gealterten Menschen und hatte deshalb immer die Ansichten der Jugend, denn, so sagte er immer wieder, der Jugend gehöre die Zukunft ? eine Behauptung, die zweifellos richtig ist, aber doch nichts anderes enthalten kann, als die Feststellung, daß ihr die Zukunft gehört, weil sie leben und an der Macht sein wird; wenn die jetzt Älteren schon tot sein werden, womit ihr aber doch keineswegs schon die geistige oder moralische Superiorität zuerkannt werden darf. Er, Riedinger, hielt es nicht nur für ein Glück, sondern auch für die Pflicht des Menschen, nicht zu altern. Deshalb teilte er immer die Meinung der jeweils jüngsten Generation, mehr aus Bedürfnis seines Wesens als aus Überlegung. Es gibt in disharmonischen, geschwächten Zeiten unendlich viele schwache Menschen, die vor einer jüngeren Generation kapitulieren, welche sich, im unübersichtlichen Wandel des psychischen Zustands der Menschheit, zur Herrschaft emporgeschwungen hat. Sie wollen nichts davon hören, daß es zwar möglich ist, auf die Vorteile seines eigenen Lebensalters zu verzichten, gänzlich ausgeschlossen aber, sich die eines anderen anzueignen; sie wollen nichts davon hören, daß es nichts Herrlicheres und Überwältigenderes gibt als den Bogen, der sich vom ersten quäkenden Greinen des Säuglings, vom ersten Aufschrei des nackten Lebens zum gemessenen Wort des Weisen wölbt; sie wollen nichts davon hören, daß nur durch den Zusammenklang aller Lebensalter das Leben lebensmöglich ist.

II

Er war es, Riedinger, der jetzt das Wort hatte. Seiner Neigung folgend, über Dinge der Liebe zu sprechen, und die Problematik eines Kriminalfalls vielleicht nur als Vorwand benützend, dies tun zu können, berichtete er über eine Gerichtsverhandlung, deren Gegenstand die Tatsache war, daß eine junge schöne Frau, eine Dame der besten Gesellschaft, wie er sich ausdrückte, auf eine viel ältere, mittelmäßig hübsche Dirne, die Geliebte ihres Mannes, aus Eifersucht ein Revolverattentat verübt hatte, wobei er ausführlich auf die Vorgeschichte einging und mit allen Einzelheiten die peinlich-verfängliche Situation schilderte, durch welche dieses Verbrechen aus Leidenschaft ausgelöst worden war. Man unterhielt sich auch tatsächlich nicht so sehr über den Prozeß selbst und über die Rechtslage wie über den sonderbaren und auffallenden Tatbestand, der ihm zugrunde lag. Die Sache interessierte jeden, man begann, sich zu ereifern, sprach über die Männer, die Frauen, die Liebe, die Veränderung der Zeiten, und die Gespräche gingen kreuz und quer; dann aber erkämpfte Stadel, in dieser gemessenen Gesellschaft der flügelschlagende Kakadu, das Wort für sich allein.

Er hatte sich lange genug darum bemüht. Mit allen Mitteln seines überhitzten Temperaments besiegte er endlich die Gesellschaft und setzte sich durch: »Meine Damen und Herren!« rief er, wie als Beginn einer langen Rede, und übertönte alle anderen. »Meine Damen und Herren! Worüber staunen Sie? Darüber, daß die schöne Frau in die Lage kommt, auf die häßliche eifersüchtig zu sein? Nun, das ist fürs erste, wie man weiß, eine Sache des Geschmacks, und fürs zweite dürfte die Häßliche ihre geheimen Vorzüge gehabt haben. Aber darum handelt es sich gar nicht, darüber staunen Sie gar nicht, Sie staunen vielmehr darüber ? denn ich durchschaue Sie, weil ich nämlich nicht nur für gescheit gelte, sondern es auch wirklich bin! ? Sie staunen darüber, daß die brave, gesicherte, erhabene Ehefrau aus der besten Gesellschaft« ? hier machte er eine ironische Verbeugung ? »sich herabläßt, auf eine Dirne eifersüchtig zu sein! Und fürwahr, man müßte darüber staunen, wenn man es nicht vorzöge, auf intelligente Weise festzustellen, daß man gar nicht staunen muß! Es ist unausweichlich, daß, was ich zu sagen habe, zu einem Vortrag über die Liebe wird!«

»Bravo! Los!« rief Riedinger, voll Erwartung, was da nun Lustiges und Geistreiches kommen würde. Stadel war sein Liebling, aber am anderen Ende des Tisches warf Feding, der ihn wegen seines überlauten Wesens nicht leiden mochte, Frau Riedinger im geheimen einen spaßig-verzweifelten Blick zu, als ob er sagen wollte: wir Armen! das hat uns noch gefehlt, daß dieser Mensch einen Vortrag über die Liebe hält!

Indessen fuhr Stadel fort: »Ein Vortrag über ein Thema also, das nicht nur wegen des Vortrags und des geistreichen Vortragenden, sondern auch schon wegen des Themas Sie alle gewaltig interessieren wird! Die Situation ist nämlich die ? Doppelpunkt! Die herrliche, prachtvolle Ehefrau und jene Dirne, sie leben und lieben doch auf verschiedenen Ebenen, nicht wahr? Wie kann da überhaupt eine Konkurrenz entstehen, nicht wahr? So empfinden Sie es doch? Aber, meine Damen und Herren«, und er ahmte den Singsang eines Moritatenerzählers nach, »meine Damen und Herren, der Knall dieses Revolvers hat gräßlich und greulich die Situation beleuchtet! Die Situation ist nämlich die ? Doppelpunkt! Jene Ehefrau und jene Dirne leben und lieben gar nicht auf verschiedenen Ebenen, sondern auf derselben, sonst hätte sie nämlich gar nicht geschossen! Daß es aber so ist, daß sich die beiden Kategorien von Frauen auf derselben Ebene gefunden, daß sie sich einander angeglichen haben, das ist ein Unglück! jawohl! ein Weltunglück, sage ich! Es ist Sache der Männer, ihren Trieb zu befriedigen, wo und wie sie wollen, aber es ist Sache der Frauen«, und er klopfte mit dem gekrümmten Zeigefinger auf den Tisch, wie man es tut, wenn man die Energie seines Standpunktes oder die Unnachgiebigkeit seiner Forderung unterstreichen will, »es ist Sache der Frauen, daß die Flut ihrer Begierde automatisch einen Riegel öffnet ?!«

Jetzt schlug er die Arme auseinander, um die Bewegung der sich öffnenden Türflügel anzudeuten, und rief pathetisch: »Es wird ein Riegel zurückgeschoben, und es öffnet sich eine Tür, ein Tor, und es erscheinen neue Kräfte! Was sind das für Kräfte? Es sind die Kräfte der Seele! Jawohl, es erscheint die Seele selbst! Die Liebe und der Glaube an die Seele des Menschen ist aber, meine Herrschaften, der Urgrund der Welt! Jene Kräfte bedeuten den Beginn der Gesittung des Menschengeschlechts! Das ist die Liebe, die Seele!«

Man aß eben Kirschtorte. Es wurde nicht gut gekocht in diesem Haus, und das Menü war immer ohne jede Phantasie zusammengestellt. Riedinger war zu grobschlächtig, Blanche zu sehr verinnerlicht, als daß sie den Genuß des Essens und Schmeckens gekannt hätten, und da die Hausfrau selbst immer nur den Bedürfnissen ihrer Familie folgte oder, wie hier, ihrer Bedürfnislosigkeit, blieb alles einer längst nachlässig gewordenen Köchin überlassen. Die Kirschtorte also, die man jetzt aß, bestand aus einem mürben, zu trockenen, in Staub zerfallenden Teig, der mit gekochten Kirschen belegt und mit einem roten, dünnflüssig gebliebenen Gelee übergossen war. Jeder der Gäste hatte sich abzuplagen, seine Portion dieses fragwürdigen, sowohl zerbröckelnden als auch zerfließenden Gebildes auf seinen Teller zu bringen, und jeder sah, wenn sich ihm die Schüssel näherte, beim Anblick seines, mit diesem widerspenstigen Objekt sich quälenden Nachbarn schon im voraus ängstlich dem ihm bevorstehenden Kampf entgegen. Stadel hatte noch nicht gegessen. Jetzt, da die anderen beinahe fertig waren, entschloß er sich dazu, beugte, mit einem plötzlichen Ruck den Kopf abwärts stoßend, den hohen Rücken, indem er zugleich den linken Arm warnend in die Höhe reckte, zum Zeichen, daß er weitersprechen wolle, und warf, damit er nur schnell fertig werde und ihm niemand ins Wort fallen könne, voller Hast Löffel um Löffel in den Mund. »Die Liebe! ? Ja, die Liebe! ? Die Liebe!« rief er zwischen den einzelnen Bissen. Der feucht gewordene Staub des Kuchens klebte ihm an den Lippen, und der rote Saft tropfte ihm vom Mund. »Die Seele! Die Seelenkräfte!« rief er.

Endlich ließ er klirrend den Löffel auf den Teller fallen, richtete sich auf und fuhr fort: »Wir Männer sind Schweine, aber es waren die Frauen, die die Liebe sozusagen erfunden haben und die Kräfte der Liebe entbinden wollten. Wer von uns hat sie nicht schon gehört, diese Worte, die ein Frauenzimmer immer von neuem wiederholt, wenn es sich ziert« ? und er ahmte quäkend eine Frauenstimme nach ? »Ach, Sie lieben mich ja gar nicht! Lieben Sie mich denn? ? Es kam ihnen eben nicht auf den Genuß an, sondern auf die Liebe! Aber jetzt haben sie herausgefunden, daß man sich auch mit dem Amüsement begnügen kann! Damit aber haben sie sich in die Welt jener Kleinbürgerinnen begeben, die wir Dirnen nennen, denn daß die einen als Honorar Geld, die andern ihr eigenes Amüsement einheimsen, stellt einen nur unwesentlichen Unterschied dar! Aber wer wird Geld ausgeben, wenn er den andern mit dessen eigenem Amüsement bezahlen kann? Ich nicht! Im übrigen müßte ich ihr das Geld schuldig bleiben!« Er wartete ein Gelächter ab, doch es fiel schwächer aus, als er gemeint haben mochte. So sprang er wieder mit wütend gerunzelter Stirn und mit noch lauterer Stimme schnell vom Scherz zum Ernst zurück. »Die neue Situation«, rief er, »mag ja für uns Männer recht vergnüglich sein, ich aber ziehe dennoch die Liebe und die Beseeltheit des Menschengeschlechts vor und den Glauben! den Glauben an die Liebe, den Glauben an die Seele und an den Schöpfer der Seele, an ? Gott! Jawohl, meine Herrschaften, an Gott!«

Prahlerisch warf er dieses letzte Wort hin, das er mit einem Faustschlag auf den Tisch begleitete, und voll Stolz gingen seine Augen in die Runde, als wollte er einen Triumph auskosten. Man senkte, wie in einem Gefühl der Scham, die Blicke.

Passow, der immer Staunende, hatte sich ein wenig vorgebeugt, um, an Blanche vorüber, Stadel besser sehen zu können. Aus seinem fast kindlich verwunderten Gesichtsausdruck war zu schließen, daß er im einzelnen den Gedankengängen des andern gar nicht erst zu folgen suchte und nur damit beschäftigt war, diesen ihm kuriosen, durch keine Rücksicht, kein Vorurteil, keine Schüchternheit oder irgendwelche andere Grenze eingeengten Menschen zu beobachten und sich seiner Verblüffung über diese Redeweise hinzugeben, diese Redeweise mit ihrem Pathos, ihrer Ironie und ihrem scherzhaften Selbstlob, aus dem aber unverkennbar die wirkliche übermäßige Selbsteinschätzung, die immer virulente Eitelkeit hervorquollen. Mochte er nun begreifen, was gesagt wurde, oder nicht, es war genug der Sensation für ihn, zu hören, wie, bei allen Lobpreisungen der Liebe, die Frauen erbarmungslos kritisiert, ja, wie es ihm schien, verächtlich gemacht wurden, und mit ihnen auch die anwesenden. Endlich, da sich da und dort Stimmen erhoben und zu einem Summen vereinigten, wagte er es, sich Blanche zu nähern und sie flüsternd zu fragen: »Verzeihen Sie ? ich habe bei der Vorstellung den Namen nicht verstanden ? wer ist, bitte, der Herr?«

»Er heißt Alfons Stadel.«

»Ein origineller Herr, nicht wahr?« fragte er weiter und lächelte verlegen.

»Ja«, antwortete Blanche.

»Ist er berühmt?«

Zugleich benützte der elegante Dichter Joachim die Gelegenheit, versteckt hinterm allgemeinen Lärm, gleichsam unter vier Augen ein kleines Gespräch mit seiner schweigsamen hübschen Nachbarin, der Frau Leonhardt, zu führen, die Stadel, als dem Lautesten, dem Führenden, unentwegt zugehört hatte. »Finden Sie«, fragte er und neigte sich ihr zu, »finden Sie derartige Vorträge amüsant?« Sie blickte ihn an, als ob sie erkennen wollte, was er selbst denke, und dann sagte sie: »Nein, gar nicht.«

Er sprach weiter: »Warum redet der Mensch über die Liebe? Die Liebe ist«, und er sprach mit hartem Rhythmus, als wollte er mit seiner Betonung vorführen, daß jeder seiner lapidaren Sätze, daß jedes Wort der Schlag eines Hammers sei, »die Liebe ist kein Thema! Die Liebe ist ein Ereignis! Die Liebe ist der Sturz ? hinauf ? in den Abgrund! Man schweigt!« Doch wie wenn er sich selbst gleich Lügen strafen wollte, schwieg er nicht und fuhr fort, über die Liebe zu sprechen: »Die Liebe ist unfaßbar, weil jener Teil von uns, der sie erfassen könnte, von ihr mit ergriffen wird. Die Liebe ist der Sturz aus dem Zentrum des eigenen seelischen Kosmos in das Zentrum des fremden seelischen Kosmos ? ist es nicht so?«

Sie saß, während es von ihrem Körper zu ihm herüber duftete und glänzte, aufrecht und still und antwortete hauchend mit ihrer verlegenen Stimme: »Wahrscheinlich!«

Riedinger strahlte. Zwar hatte er andere, ganz andere und, wie er meinte, viel modernere Ansichten als Stadel über diese Dinge, jetzt aber wollte er nicht kämpfen, denn er schien über die Rücksichtslosigkeit und Rückhaltlosigkeit, mit der jener gesprochen hatte, vor Freude ganz außer sich zu sein, und eben, da sich eine allgemeine Diskussion zu entwickeln begann, überschrie er sie und rief: »Ach was! Man soll nicht alles unter die Lupe nehmen! Die Frauen waren immer gleich und werden immer gleich bleiben!« Und dies war nun allerdings eine jener trivialen Allgemeinheiten, die immer bei der Hand sind, nach der Art jener Menschen hingeworfen, die sich zwar an einem Gespräch beteiligen wollen, doch, da sie nichts Rechtes zu sagen haben, immer nur Luft in die Debatte blasen. Und da wagte sich, nach diesem im Lauf ihres Lebens, in dieser oder ähnlicher Form, wahrscheinlich unzählig oft gehörten Ausruf, die kleine, alte, weißhaarige Baronin vor, um mit einer vielleicht ebenso oft gegebenen Antwort zu erwidern. Sie streckte aus ihren bis zum Kinn reichenden Shawls und Spitzen den Kopf nach Riedinger hin, neigte ihn anmutig zur Schulter, und mit einem leisen Lächeln in dem alten Gesicht, mit einem uralt-blassen Widerschein jener Koketterie, mit der sie vor fünfzig Jahren die Männer entzückt haben mochte, fragte sie: »Immer gleich? Und ist das so schlimm? Und wie sind sie denn? Wie sind die Frauen?«

Feding neben ihr sah belustigt auf sie nieder, weil sie den Mut aufbrachte, sich an diesem Disput beteiligen zu wollen, und tatsächlich, es bekam ihr nicht gut, denn schon wurde sie mit großem Gepolter zurückgejagt. Schallend und mit sich überschlagender Stimme rief Riedinger ihr zu: »Natürlich ists schlimm! sie sind scheinheilig! falsch sind sie! Scheinheilige Kreaturen sind sie, die nichts wert sind!«

»Oh«, machte die Baronin in langgezogenem Ton und legte erschreckt beide Hände an die Wangen. »Oh«, machte sie nochmals und verstummte, und sie war wie ein Mensch, der tänzelnd in die Wiesen gegangen ist, Blümchen zu pflücken und Schmetterlinge zu haschen, sich aber unerwartet, mit Veilchen und Vergißmeinnicht im Herzen, einem brüllenden Ungeheuer gegenübersieht.

Feding, der dieses Resultat ihrer Kühnheit vorausgesehen hatte, amüsierte sich über ihr Entsetzen und lachte, von kurzen, stillen, schnellen Stößen geschüttelt, von niemandem beachtet, lautlos vor sich hin.

Stadel hatte inzwischen auf Frau Feding eingeredet, die ihm schweigend zuhörte, ohne Zustimmung, ohne Widerspruch, jetzt aber, da das Stimmengewirr in seinem Auf und Ab ein wenig leiser wurde, sprang er in dieses Tal und sprach nun wieder zu allen und über den ganzen Tisch hin: »Die Frauen! Sie verleugnen ihre Mission! Ah, es gibt heute Frauen nur noch anatomisch und physiologisch!« Mit einemmal begann er dröhnend zu lachen, offenbar im voraus über das Kommende, und dann erst fuhr er fort: »Der einzige Unterschied zwischen den Geschlechtern ist nur noch der, daß die Frauen hie und da ein wenig mehr Zeit brauchen, um sich zu der so erfreulichen Aktion zu entschließen ? psychische Rudimente aus alten Zeiten! Da allerdings muß man unnachgiebig sein, da sage ich mit einer etwas gar zu gewöhnlichen Redewendung, die meiner sonstigen durchaus persönlichen Ausdrucksweise nicht entspricht, da sage ich also: wenn schon ? denn schon! Ich habe unlängst einer Dame gesagt: ?Hören Sie, gnädige Frau?, habe ich gesagt, ?entscheiden Sie sich! Es ist Ihr Vorteil, sich schnell zu entscheiden! Ich stelle Ihnen ein Ultimatum: heute bin ich noch bereit, die Hälfte des Hotelzimmers zu bezahlen, morgen zahle ich nur noch ein Drittel, übermorgen nur noch ein Viertel!?«

Man lachte da oder dort auf, Feding aber, der eben sein ausgetrunkenes Weinglas niederstellte und seiner Nachbarin, der Frau Riedinger, mürrisches Gesicht sah, zwinkerte ihr mit fast jungenhafter Lustigkeit zu, als ob er sagen wollte: Wir wollen ihm den Gefallen tun, spaßeshalber!, und fragte langsam, in seinem tiefen Baß ein wenig singend: »Ausgezeichnet! Und wie ist dieser überaus interessante Prozeß ausgegangen, Herr Stadel?«

»Sofort!« schrie Stadel, »sofort! sofort sind wir gegangen, und sie hat das ganze Zimmer bezahlt!«

Das erst war die Pointe.

»Ausgezeichnet!« sagte Feding in langgezogenem Ton. »Ausgezeichnet!« und zwinkerte wieder seiner Nachbarin zu: spaßeshalber, spaßeshalber!

»Das einzig Wahre an dieser Geschichte ist«, flüsterte Joachim Frau Leonhardt zu, »daß er das Zimmer nicht bezahlt hat!«

Passow beugte sich zu Blanche. »Originell, nicht wahr?« fragte er, und sein Gesicht war von einem ratlos verlegenen Lächeln verzerrt. Blanche überhörte seine Worte. Sie saß zurückgelehnt und sah vor sich hin. Man hätte kaum sagen können, ob sie sich nur langweile oder ob sie träume. Seine Augen blieben auf ihr Gesicht geheftet, treuherzig auf Antwort wartend; während sie aber schwieg und er sie so unentwegt anschaute, vergaß er offenbar seine eigene Frage, und sein sich verändernder Blick schien nur scheu und bewundernd zu fragen: Warum schweigt sie? Warum hört sie mich nicht? Was geht jetzt in ihr vor? Hat sie am Ende eine Vision von einem neuen Gemälde? So soll es doch sein, daß es die Künstler manchmal unerwartet überkommt? Ist sie jetzt nur Geist, nur Geist, bei diesem herrlichen, herrlichen Körper?

»Prosit!« rief Riedinger lachend. »Prosit!«

Stadel breitete die Arme aus und fuhr predigend fort: »Halten Sie sich an die Liebe, meine Herrschaften, halten Sie sich an die Liebe, vor allem Sie, meine Damen!«

Man lächelte. Blanche sah ihn von der Seite her an, als wollte sie seine Reden mit seinem Gehaben und Wesen vergleichen, als wollte sie erraten, wo die Wahrheit dieses Menschen liege, in seinen Worten, die Liebe, Heiligkeit und Gott verteidigten, oder in dem eitlen, ungehemmten Lärm, den er um sich verbreitete.

Frau Riedinger ließ die Augen rings um den Tisch gehen, sah, daß niemand mehr aß, und erhob sich. Wahrscheinlich hoffte sie, daß Thema und Tonart nun gewechselt werden würden, aber sie täuschte sich, denn hatte sich Stadel bisher nur als Einzelredner dargeboten, so wollten doch nicht nur auch die anderen sagen, was sie dachten, er sollte vielmehr auch noch seine resolute Partnerin finden, seine Anklagen gegen die Frauen sollten von der Gegnerin ebenso temperamentvoll mit Verteidigung und Gegenangriff erwidert werden, und der eigentliche Spektakel der Diskussion sollte erst anheben ? womit aber keineswegs versprochen wird, daß die in Frage stehenden Probleme nun an diesem Abend für alle Zeiten zu einer endgültigen, gedeihlichen und friedlichen Lösung gebracht werden, nicht einmal das kann versprochen werden, daß sie aus dem Chaos des nur halb Gedachten und nur undeutlich Empfundenen ins Licht der Klarheit hinaufgeführt werden, ja, vielleicht sollten ? wie der Rauch auf den Brandherd zurückgetrieben werden kann ? all die Worte und Reden, die sich aus diesen Problemen ergaben, nur vernebelnd auf die Dinge zurückfallen, sie noch undurchsichtiger und undurchdringlicher machen, und am Ende wäre ein im Denken ungeübter, aber lernbegieriger Mensch mit der Klage fortgegangen: und jetzt weiß ich erst recht nicht, was ich meinen soll!

Man ging durch den ersten Salon in den zweiten, größeren. Stadel unterbrach nicht seine Reden, während man aufstand und hinüberspazierte, und trug so die Kette des Gesprächs durch die offenen Türen.

 

Man hatte sich wiederum niedergelassen, die älteren Damen auf einem in der Ecke eingebauten Rundsofa, in dessen Fortsetzung die Stühle und Sessel rings um einen runden, ziemlich mächtigen Tisch aufgestellt worden waren. Joachim hatte dafür gesorgt, daß er wieder neben Frau Leonhardt zu sitzen komme. Er war dazu übergegangen, über sich selbst zu sprechen, und nahm an ? oder er tat wenigstens so ?, daß ihr alles bekannt sei, was er jemals geschrieben hatte. Er setzte ihr seine künstlerischen Thesen auseinander, zitierte in hingeworfenen Nebensätzen, was seine Bewunderer über ihn geschrieben hatten, definierte den Punkt, den er innerhalb der Geistesgeschichte einnehme, und erklärte ihr, worin das Einmalige, das eminent Revolutionäre seiner Erscheinung bestehe. Es bestand darin, so sagte er, daß er gewisse Prinzipien oder Extreme, die bisher getrennt und deshalb, wie er meinte, wirkungslos marschiert waren, in sich vereinigt hatte ? in so etwas wie Ästhetik nicht auf ästhetischer, sondern auf sozialer Grundlage, oder Sozialismus, ästhetisch bedingt. Sie begriff es offenbar nicht. Daß sie noch niemals auch nur einen Satz von ihm gelesen hatte, erwähnte sie nicht, offenbar weniger, um ihn nicht zu kränken, als um sich nicht zu blamieren. In köstlicher Gepflegtheit, in duftender Appetitlichkeit saß sie aufrecht neben ihm. Wenn sie nicht ja oder nein oder vielleicht sagte, schwieg sie, nichts an ihr rührte sich, außer daß sie etwa bei einer für sie gar zu fremdartigen Redewendung oder einer überraschenden Schmeichelei ihre Augen erhob und, bei aller Befangenheit, im geheimen den Mann neben sich mit ihrem verschleierten Blick zu mustern und zu prüfen schien.

Die übrige Gesellschaft hatte sich indessen dadurch, daß sie aus einem Zimmer ins andere gezogen war, von ihrem Thema nicht abbringen lassen. Riedinger, der es heraufbeschworen hatte, hielt sich an ihm festgeklammert, aber nur, um auseinanderzusetzen und zu beweisen, daß er es als ein Thema ansehe, das erwachsener verantwortungsbewußter Menschen unwürdig sei. Er hatte Spaß und Gelächter beiseite gelassen und war dazu übergegangen, seinen Standpunkt oder, wenn man will, seine Weltanschauung zu vertreten. Nun polemisierte er gegen Stadel und gegen alles, was er gesagt, nannte ihn einen unmodernen Kerl, der die Zeit nicht erfasse, einen Romantiker und Anbeter der in Wirklichkeit längst verblühten blauen Blume. Es lohne nicht, über die Liebe zu sprechen, rief er voll Verve und fuhr fort: »Seit Jahrhunderten und Jahrtausenden werden die Dinge der Liebe und des Geschlechts überschätzt! Wer hat dem trivialen Bedürfnis der Kreatur nach Paarung dieses Gewicht angehängt? Verliebte Backfische, sentimentale Jungfrauen, von der Pubertät verwirrte Knaben, nichtsnutzige Romanschreiber und ganz und gar überflüssige Lyriker! Von diesen Narren hat sich das Menschengeschlecht irreführen lassen! Aber das Schicksal der Menschheit wird nicht dadurch entschieden, daß eine Frau den Richtigen findet und daß ein Mann zu seinem Vergnügen kommt! Die Menschheit muß sich endlich von diesen Interessen abwenden! Ah, das alles ist ja so unwichtig, so unwesentlich! Windige Angelegenheiten, nicht der Rede wert, windige Angelegenheiten!«

Seine Frau betrachtete ihn mit staunend-nachdenklichem Blick, während er so sprach, denn es konnte nicht ausbleiben, daß sie sich bei seinen Worten daran erinnerte, wieviel Zeit, schändlich viel Zeit, er selbst, und wieviel Kräfte, schändlich viel Kräfte, er an diese windigen Angelegenheiten vergeudet hatte; und tatsächlich, er pflegte seine einzelnen Lebensstadien und -stationen nie anders als mit den Namen verschiedener Frauen zu bezeichnen, und die einzigen ernstlichen Störungen seiner letzten Jahrzehnte waren nur durch kleine, aber wilde, oft unwürdige Liebesaffären herbeigeführt worden. Fragte man sich aber, warum er jetzt, in der Theorie, mit dieser Vehemenz Ansichten vertrat, die seiner Natur so sehr widersprachen, dann konnte man, wenn man ihn kannte, zu keinem anderen Schluß kommen als dem, daß er es deshalb tat, weil er sie oft von jüngeren Menschen hatte äußern hören. So war er nun einmal, er hätte sich geschämt, andere Meinungen zu haben als die Generation, die nach ihm kam.

Er fuhr fort: »Die Liebe, oder was man so nennt, ist eine Notwendigkeit und weiterhin ein angenehmer Zeitvertreib, sonst nichts! Aber wie belastet man diese Dinge mit der Seele! Weg damit, weg damit! Es sind immer die Frauen, die alles aufblasen, was damit zusammenhängt! Wie werden diese Dinge in andere Sphären hinaufgehoben! Weg mit der Problematik! Was kümmern mich die psychischen Komplikationen, die seelischen Differenzierungen, das selige Glück und das selige Unglück der Liebenden! Ah, ich beantrage: die Liebe wird abgeschafft!«

»Aber um Gottes willen!« rief die Baronin, und man lachte über ihre Verzweiflung. »Aber um Gottes willen!« Sie faltete die Hände vor der Brust. »Was bleibt denn da den jungen Leuten?«

»Was ihnen bleibt?« schrie Riedinger ihr zu. »Die eigentlichen Probleme der Menschheit! Wer sich von ihnen abwendet, um sich seinen egoistisch-individualistischen Gefühlen hinzugeben, begeht Hochverrat an der Menschheit! Wer ein Liebesgedicht schreibt, wer zu glücklich oder zu unglücklich um der Liebe willen ist ? jawohl, Baronin, das verstehen Sie nicht! und auch Sie Stadel, verstehen es nicht! denn Sie sind noch aus der alten Schule! ? wer also um der Liebe willen zu glücklich oder zu unglücklich ist, sollte lieber gleich ins Gefängnis abgeführt werden! Und wehe jenen, die noch Mitleid mit ihnen haben um ihrer jämmerlichen Gefühle willen! Sehen Sie doch auf unsere Welt der Äroplane und Maschinen, des Sports und der Rekorde, der sozialen Umwälzungen und des Umbaus der ganzen sozialen Struktur, der neuen Interessen und der neuen Ziele, der Hygiene und der Überwindung einer alten Moral, der Überwindung der alten Prüderie und der alten Vorurteile, der Gründung einer neuen Psychologie mit besserer Einsicht in die Triebwelt des Menschen ? Sie aber sind noch eingewickelt in die alten staubigen Spinngewebe! Ach was!« schloß er und winkte heftig ab. »Wer glaubt denn noch an die Liebe!«

»Ich«, sagte Feding und lachte ihn an, und schon hob ihm Stadel beide Arme mit flachgestreckten Händen entgegen, als ob er ihm applaudieren wollte, und brüllte: »Bravo, bravo!« Feding aber beachtete nicht diese turbulente Beifallsäußerung, als ob er sich dagegen verwahren wollte, mit dem schreienden Menschen ein Gespann vor demselben Wagen zu bilden, und auch alle anderen wandten sich überrascht nur ihm selbst, dem alten Mann, zu, denn man hatte nicht erwartet, daß er sich an dem Gespräch überhaupt beteiligen würde, und man hatte, da er sich ganz in sich zurückgezogen zu haben schien, seine Anwesenheit so gut wie vergessen.

»Du?« lachte Riedinger, »Du, alter Kerl ??«

Als man in diesen Salon herübergekommen war, hatte sich Feding den bequemsten Sessel, der zu finden gewesen, herangeschoben, ein gewaltiges Möbelstück, halb Großvaterstuhl und halb Chaiselongue, mit großem weichem Sitz, mit gepolsterten Backen, Pulten an den Seiten und einer Lehne, die zurückgebeugt werden konnte, hatte dann den dazugehörigen Schemel ruckweise mit dem Fuß herangestoßen und sich schließlich, mit dem Recht des Alters, sich legerer zu geben, sehr behaglich hingelagert, weit zurückgelehnt, mehr liegend als sitzend, die Zigarre genießend, sein Glas und die Flasche vor sich. Nun hatte er sich ein wenig aufgerichtet und den Kopf vorgeschoben, so daß er hinter der riesigen Backe des Sessels hervorlugte.

»Du?« Riedinger lachte weiter. »Du, alter Kerl? Du? Und ?? Was willst du damit sagen?«

»Nichts«, antwortete Feding. »Du hast gefragt, und ich habe geantwortet!«, und wie einer, der nichts mehr hinzuzufügen hat, begann er, sich wieder zurückzulehnen, doch Riedingers Gelächter brach nicht ab, und so blieb er aufrecht sitzen. »Worüber amüsierst du dich denn gar so sehr?« fragte er. »Weil ich ein alter Mann bin? Aber ich habe doch nur deine Frage beantwortet! Du meinst, ich habe nicht mehr mitzureden? Nun ja, es ist wahr, mich überkommt nicht mehr der Koller, wenn die Augen einer Frau verheißungsvoll blinken, und die Verheißung gilt ja auch nicht mehr mir, ach, in all den letzten Jahren hat mich nur ein einziges Mädchen auf der Straße angeschaut und angelächelt ? weil ich die Garderobennummer hinterm Band auf meinem Hut vergessen hatte! Aber deshalb ?? Ich glaube nicht nur an die Götter, wenn sie mir etwas zu geben haben. Und Gott weiß es, wer von uns beiden der alte Esel ist! Und jetzt lach weiter, soviel du willst!« sagte er abschließend. Doch Riedinger ließ ihn nicht los: Warum, höhnte er ihn, mit welchen Argumenten, im Hinblick worauf, auf Grund welcher Erfahrungen er an sie glaube, an die Götter und an die Liebe.

Fedings Lächeln wurde breiter, und seine Augen füllten sich mit Heiterkeit. »Ich glaube an sie, weil ich an sie glaube! Basta!« antwortete er. Nun lehnte er sich wirklich zurück. Die Debatte war für ihn beendet.

»Basta! Basta!« ahmte ihm Riedinger nach. Das sei eine Antwort und Auskunft, das sei eine Logik! Ich glaube, weil ich glaube, das sei denn doch gar zu bequem, das sei Flucht, das sei Angst vor dem Denken, aber hier seien sie nicht in der Kirche! Er fühlte sich als Angreifer überzeugend und kraftvoll und setzte triumphierend dem Feind nach. Er variierte seine Thesen und sprach immer wieder von den eigentlichen Problemen der Menschheit, worunter er ihre Organisierung zur Erreichung der sozialen Gerechtigkeit, des Friedens und des allgemeinen größtmöglichen Glücks verstand, von der Pflicht jedes einzelnen, zu dieser Neuorganisierung beizutragen, ihr all seine Kräfte zu widmen und hinter dieses Ziel alles zurückzustellen, das ohnedies, sei es erst einmal erreicht, den Menschen wieder erlauben würde, sich ihren privaten Erlebnissen, ihren persönlichen Gefühlen, ihren sogenannten menschlichen Freuden hinzugeben.

Joachim, der in politischen und sozialen Dingen radikale Dichter, bekundete mit beistimmenden Gesten seinen Beifall, während Stadel heftige Qualen zu leiden schien, weil er nicht zu Wort kam. Passow hielt wie ein aufmerksamer Schüler den Blick auf den Sprechenden geheftet, wie immer unter der Suggestion jenes, der gerade seine Meinung sagte, und offenbar überzeugt, daß sie dadurch einleuchtend sei, daß gerade jetzt das letzte, endgültig entscheidende Wort zur Sache gesagt werde. Um so neugieriger wandte er dann seinen Kopf, wenn doch noch ein anderer zu widersprechen hatte, nach dem neuen Redner hin, um bald das Gefühl zu haben, daß, was dieser sage, nun aber wirklich ganz und gar unwiderleglich sei.

»Aber heute, aber heute?« fuhr Riedinger fort, weiter gegen Feding ankämpfend, heute sei keine Zeit für Privatgefühle, ihm werde übel, wenn er sähe, daß sich die Romanschreiber mit ihrer persönlichen Begeisterung für einen Sonnenaufgang oder mit der Nasenspitze einer Frau abgäben, aber das sei es eben, das sei es: die Frauen! die Liebe! sie sei durchaus uninteressant, und als wäre die Liebe gerade jenes Angriffsobjekt, das er am meisten liebte und das ihn deshalb immer wieder anzog, klammerte er sich an sie und polemisierte gegen sie als den Inbegriff des Egoistischen, aber glücklicherweise habe sie abgewirtschaftet, denn, so schloß er triumphierend wie mit einem schlagenden Trumpf, wer, außer gewissen Leuten, die er lieber nicht nennen wolle, wer glaube denn noch an sie, an die Liebe!

Er hatte so lang gesprochen, daß Feding schließlich denn doch ein wenig ungeduldig wurde und wenigstens an die letzten Worte anknüpfen mußte. Er stemmte seine Hände gegen die Seitenlehne des Sessels und zog sich nochmals nach vorn. »Was du für Fragen stellst!« sagte er. »Wer glaubt denn noch an die Liebe? Ebenso könntest du fragen: wer glaubt denn noch an die Gerechtigkeit? wer glaubt denn noch an die Kunst? wer glaubt denn noch an die Wahrheit? Aber wenn man dir antwortet: Niemand!, so ist damit nichts gegen die Liebe, gegen die Kunst, gegen die Wahrheit gesagt, sondern nur festgestellt, daß man nicht an sie glaubt.«

Er verstummte und schien Lust zu haben, sich in seinen Sessel zurückzuziehen, aber seine leise Stimme hatte nun einmal die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen, und man sah ihn an, als ob er weitersprechen müßte. Da er sich aufgerichtet hatte, benützte er die Gelegenheit, bedächtig sein Weinglas zu füllen, man sah ihm zu, während er es tat und während er langsam einen langen Schluck nahm. Dann wurde er doch von der allgemeinen, wartenden Stille bezwungen und setzte von neuem an. Ein aufmerksamer Beobachter hätte bemerken können, daß sich im Laufe des Abends winzige Veränderungen an ihm vollzogen hatten: sein Schnurrbart, der schlaff über dem Mund gehangen hatte, schien sich zu straffen, als ob er sich zu einem Bogen wölben wollte, aus den Brauen fingen einzelne der grauen Haare an, sich aufzustellen, seine Augen hatten sich ein klein wenig geschlossen, doch im schmäler werdenden Spalt der Lider war der leise Glanz des Lächelns angefacht.

»Die eigentlichen Probleme der Menschheit, sagst du? die neuen Ziele, sagst du? ins Gefängnis? sagst du?« Die ebene Ruhe seiner Stimme lockerte sich unter diesen Fragen, und sein Baß begann allmählich, in leisem Auf und Ab zu singen. »Warum bist du so streng? warum willst du die Menschen nicht glücklich oder unglücklich sein lassen, worüber sie wollen? Daß ihr immer nach irgendwelchen objektiven Maßstäben feststellen wollt, worüber die Menschen glücklich oder unglücklich zu sein haben! Wehe jenen, die noch Mitleid mit ihnen haben, sagst du. Nun denn, wehe mir, wehe mir! Sieh, worunter leiden denn die meisten Menschen? Der eine, weil bei einem Abendessen sein Gegner besser und erfolgreicher gesprochen hat als er selbst, der andere, weil er jetzt nur ein Auto hat, statt wie früher ihrer drei, der dritte, weil seine Karriere anders und weniger ehrenvoll verlaufen ist, als er erwartet hatte, und da erscheint es mir denn doch noch am menschenwürdigsten, wenn einer darunter leidet, daß er nicht jenen Menschen umarmen darf, den er mit seiner größten Inbrunst umarmen würde, oder weil er einsam bleibt, obwohl er lieben könnte. Ja, wenn du mir nachweisen könntest, daß eines Menschen Gedanken vor lauter Selbstlosigkeit wirklich nur der Menschheit gehören und daß er an dem Schicksal der Menschheit nicht nur soweit teilnimmt, wie er selbst von ihm mitergriffen wird, und wenn du mir nachweisen könntest, daß jene, die die Schicksale der Menschheit lenken, dies wirklich in ihrer Menschenfreundlichkeit nur um der Menschheit willen tun, ja, wenn du mir dies alles nachweisen könntest, dann würde ich die Liebe opfern und all ihre Gefühle. Aber nein, du kannst es mir nicht nachweisen, und ich opfere sie nicht. Ich weiß, was du sagen willst! Die eigentlichen Probleme! Aber schließlich gehört es auch zu den eigentlichen Problemen der Menschheit, ob sie an die Liebe, die Kunst, die Gerechtigkeit, die Wahrheit glaubt. Und wenn einer den andern mit jener Leidenschaft umarmen möchte, die mehr ist als Leidenschaft, und er darf es nicht, wenn einer voll Sehnsucht ist und dennoch einsam bleibt, so ist es eben sehr traurig ? es ist sehr traurig, auch wenn in einem anderen Land eine Hungersnot wütet oder wenn die soziale Ordnung nicht befriedigend ist.«

Was habe denn, rief Riedinger endlich dazwischen, was habe denn, zum Donnerwetter, eines mit dem andern zu tun!

»Ganz recht, ganz recht!« fiel Feding ein, als habe er auf diesen Einwand nur gewartet. »Ganz recht! Das ist es, was ich sagen wollte. Eines hat mit dem andern gar nichts zu tun. Und eben deshalb sollst du nicht der Liebe fluchen, nicht dem Persönlichen, nicht dem Gefühl, nicht den Frauen, die nun einmal Wesen der Liebe sind, der kleinen und der großen, der süßen und der gemeinen. Das ist es, was ich sagen wollte. Nein, ich opfere sie nicht«, schloß er mit heiter-trotzigem Justament, »ich opfere sie nicht!« Er hob mit fröhlich blitzenden Augen sein Glas und blinzelte die drei alten Damen an, die ihm gegenüber auf dem Sofa saßen. Sie nickten ihm zu, doch Joachim, der seine Sonderunterhaltung mit Frau Leonhardt wenigstens für kurze Zeit unterbrechen mußte und zugehört hatte, griff nun ein.

»Das Parkett der Damen stimmt Ihnen zu«, begann er langsam, die Hand gegens Sofa ausgestreckt, und es war nicht feststellbar, ob wirklich in seinen Worten eine geheime Ironie lag, die auf die Unmaßgeblichkeit der alten Damen hinwies. Er wartete, bis die Aufmerksamkeit ihm zugewendet war, dann sprach er weiter, elegant zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen, und wählte mit Bedacht die Worte, als müßte er Rücksicht darauf nehmen, daß jeder Satz als fertiges, als literarisches Gebilde zum Vorschein zu kommen habe. »Das Parkett der Damen stimmt ihnen zu«, wiederholte er. »Auch ich tue es! Durch die Problematik des Mensch-seins zieht sich die Liebe als köstlich-sublimes Problem. Mit dem geballten Gefühl des Mannes sei dies gesagt. Gesagt sei aber noch dies: Mensch-sein bedeutet ewige und ewig wechselnde Problematik. Menschheit-sein bedeutet ? nicht weniger als Mensch-sein ?: die Last der Verpflichtung zu haben, nicht nur global zu denken, sondern auch kosmisch! An jede Epoche ergeht aus dem Kosmos ein anderer Aufruf. Zeitgemäß ist, wer dem Kosmischen gewachsen ist! Wohin ist mein Geist gewendet? Ich höre aus Zeit und Kosmos den Ruf nach sozialem Umbau, nach mystischer Vereinigung von Urchristentum und Nationalökonomie!«

Mit einer Schnelligkeit, die man an ihm kaum kannte, hatte Feding beim Klang von Joachims Stimme seinen Kopf zur Seite und ein wenig rückwärts gedreht, um ihn ansehen zu können. So hörte er ihm zu und betrachtete regungslos mit langsam über die Gestalt hinwandernden Augen, ja, mit einer gewissen Neugierde den Sprechenden, dieses Gesicht, das von der rotbraunen Farbe der Hochgebirgssonne wie von einer Decke überzogen war; diese Figur in dem exquisit gearbeiteten Smoking, mit den zu großen Perlen in der Hemdbrust und der überaus schmalen Binde, die, nach der diesjährigen Mode für die Eingeweihten, mehr einem Schnürsenkel als einer Krawatte ähnlich war. Feding beobachtete ihn auch noch, nachdem er geendet hatte, und war offenbar im Zweifel, ob er ihm antworten sollte. Es eröffnete sich ein Feld verzwickter, tiefgründiger Problematik, die Antwort hätte lang und ausführlich sein müssen, und schon drohte eine rauchende Weltanschauungsdebatte, denn alle, wenigstens die Männer, waren auf dem Sprung, die große Diskussion zu entzünden.

Feding aber begnügte sich, die Arme auszubreiten und klagend zu singen: »An mich Armen ist kein Aufruf aus dem Kosmos ergangen, und so weiß ich nicht, was der zeitgemäße Kosmos von mir verlangt! Mein Blick geht nicht in die Weite, mein Horizont ist eng, und ich sehe nur, was ich sehe und was in meiner Nähe ist. Lassen Sie also mich kleinlichen egoistischen Menschen hinschauen, wohin meine kurzsichtigen Augen reichen, und jene Fäden des Knäuels erfassen, die meinen schwachen Händen zwischen die Finger kommen. Warum auch nicht? Wenn wir zuschauen und betrachten dürfen, wie die Menschen arbeiten, wie sie ihr armseliges Geld verdienen, welche Ziele sie haben, wie sie ihre Zeit verbringen und wie sie sich vergnügen, warum sollten wir nicht hinschauen dürfen, wenn sie lieben, und betrachten, wie sie lieben? Warum sollten wir nicht einen Blick auf die Frauen tun dürfen? Ob sie glücklich sind, ob sie gern lieben, ob sie gut lieben, ob sie einsam sind? Ob sie, die lieben möchten, vergebens warten und träumen? Warum nicht? Die Zeit ist ein Ganzes, und alles ist Zeichen und Beispiel für sie. Oh, ich weiß, auch die Männer haben ihre große, gewaltige, titanische Liebe, aber ich bin mißtrauisch gegen eine Liebe, die als Gegenstand gleich die ganze Menschheit oder wenigstens gleich ganze Völker braucht. Oh, ich weiß es, ihr habt die großen, guten Ziele im Auge und ich nur das, was vor mir liegt. Aber es kämpfen doch nicht die Ziele miteinander, sondern die leibhaftigen Menschen, und sie sind es, die ich vor mir sehe.«

Er hatte seinen Kopf wieder zurückgedreht und sah in die Luft vor sich hin. Blanche beobachtete belustigt und freudig, ja mit strahlenden Augen, wie er sich gelöst hatte, obwohl er ursprünglich nur ein einziges Wort hatte sagen wollen, wie er von jeder Antwort, von jedem Einwurf, den man ihm zurief, und schließlich von seinen eigenen Gedanken fortgezogen wurde.

»Es ist wahr«, fuhr er fort, indem er sich umsah und mit leiser werdender Stimme sprach, »es ist wahr, es geht ein Sturm der Problematik, der Umwälzungen und der neuen Ziele durch die Welt. Aber in der Schlacht sehe ich doch die Kämpfer und Waffen und nicht die Ziele, und manchmal ists mir, als ginge, leise und von jenem Orkan nur übertönt, ein zweiter Wind durch die Welt, über alle Kämpfer hin, über die Anhänger aller Ziele, als hätten die Schutzengel aller Ziele ihre eigenen Anhänger verlassen und sie dümmer und schlechter gemacht. Es gehört nicht viel dazu, nur ein einziger Flügelschlag der guten Geister, und alles ist anders.« Er schwieg und verlor sich für einige Augenblicke in seinen Gedanken oder Vorstellungen.

»In unseren Breiten«, sprach er weiter, »mag der Unterschied zwischen dem heißesten Tag eines Jahres und seinem kältesten fünfzig Grad betragen oder gar sechzig, wobei ich gar nicht an Sibirien denke, wo sich die Temperaturen innerhalb eines Jahres um hundert Grad voneinander unterscheiden. Bei uns schwankt in manchen Monaten innerhalb eines einzigen Tages, innerhalb von nur vierundzwanzig Stunden, die Temperatur um zwanzig Grad. Das ist etwa! Minus zehn, plus zehn Grad! Wie gewalttätig die Natur mit uns umgeht, wie sie uns von einem Ende zum andern wirft! An einem bestimmten Datum eines Jahres kann die Temperatur um fünfundvierzig Grad höher sein als am selben Datum eines anderen Jahres! Aber was ist denn das alles! Die größte zu erreichende Kälte beträgt zweihundertunddreiundsiebzig Grad und die größte Hitze zehntausend. Gewiß, das sind künstlich erzeugte Temperaturen, aber die Oberfläche der Sonne mißt sechstausend Grad, die mancher weißen Sterne zwanzigtausend, und im Mittelpunkt der Erde herrscht, so nimmt man an, eine Hitze von einer Million Grad! Das sind Zahlen, das sind Zahlen! Sie wundern sich«, unterbrach er sich selbst und sah lachend im Kreis, »über meine Spezialkenntnisse, aber ich habe einen Freund, er ist Vorstand des meteorologischen Instituts, er spricht gern von seinem Fach und den angrenzenden Gebieten, und ich höre ihm gern zu. Ein netter, gescheiter Mensch.«

Was denn das alles mit ihrem Thema zu tun habe, rief Riedinger, und tatsächlich, man sah Feding erstaunt an, denn es war, als ob er seinem abschweifenden Gehirn ein wenig die Zügel habe schießen lassen, aber er ließ sich durch den Zwischenruf nicht beirren: »Dort unten in Italien ists im Februar so warm wie bei uns im Mai, dort überschlägt sich alles in Farbe, Wärme und Fruchtbarkeit, die Oliven- und Feigenbäume tragen ihre Früchte, die Palmen säumen die Straßen, es gibt kaum einen Winter, und was für eine Besonderheit ist dort unten ein wenig Schnee! Anders glüht dort die Sonne ? und doch: die Durchschnittstemperatur eines Jahres dort unten im Süden ist nur um drei Grad höher als bei uns, nur um drei armselige Grade! Das Leben steht zwischen den Extremen, aber es balanciert auf Nuancen. Wenn wir aber von unserer Durchschnittstemperatur drei Grad abziehen, dann sind wir schon in Schweden ? sonderbar, nicht wahr, wie sich die Extreme zu Nuancen verflüchtigen und die Nuancen sich zu Extremen auswachsen!«

»Mein Gott!« rief Riedinger nochmals und ungeduldiger dazwischen. »Was soll uns hier die Klimatologie!« Man lachte, die einen über Riedingers lustigen Ausruf, die anderen, leiser und freundlicher, über Feding, der sich so gelöst hatte und nun mit blinzelnden Augen im Kreis hin und her sah.

»Ganz recht, ganz recht, weg mit der Klimatologie!« fuhr er fort. »Ich wollte nur sagen: zwischen Platon und einem ordinären Raubmörder ist ein gewaltiger Unterschied. Wir stehen zwischen den Extremen, aber wir balancieren auf Nuancen. Wenn hinter den Wolken für den Augenblick eines Jahrzehnts oder eines Jahrhunderts der breitmäulige Dämon der Dummheit ein wenig stärker die Backen aufbläst und mit ein wenig mehr Kraft über die Erde hinfaucht und jeder einzelne ein wenig mehr von seinem Atem berührt wird, jeder einzelne, der Kluge und der Törichte, der Moralische und der Unmoralische, der Rohe und der Sanfte, der Anhänger des einen und der Anhänger des anderen Zieles, nur um einen Hauch ? wie ändert sich das Gesicht der Welt! Wenn die Dummheit nur um ein wenig selbstsicherer wird, die Besten nur um ein wenig schlechter, die Spannkraft der Weisen nur um ein wenig nachläßt, die Widerstandskraft der Einsichtigen nur um ein wenig schwächer wird, der Gläubige nur ein wenig wankend, der Feinere ein wenig gröber, der Wachsame nur ein wenig weniger wachsam, das Licht ein wenig matter wird und das Gewürm aus allen Ecken hervorlugt, ob sichs vorwagen darf, wenn das Warme nur ein wenig lauer, das Laue nur um ein wenig kälter wird, wenns leise kracht unterm Wind aus den aufgeblasenen Backen, der schmallippige Gott der Erkenntnis und der Weisheit vor Schrecken verstummt und die Göttin der Zartheit ängstlich die Hand auf ihr Herz legt, so daß das Gewürm der Blödheit, der Frechheit, der Roheit schon wagen darf, seine unartikulierten Laute von sich zu geben, ach, wie ändert sich das Gesicht der Welt, und was helfen dann die besten Ziele! Sie sind nicht mehr wert als ausgedroschenes Stroh. Der heißeste Tag in Italien, der kälteste in Schweden ? und die Durchschnittstemperaturen nur um sechs Grad voneinander unterschieden, um sechs armselige Grad!« Er verstummte abermals und überließ sich offenbar seinen fliehenden Gedanken. Dann aber winkte er ab. »Aber du hast recht, weg mit der Klimatologie, den Temperaturmessungen, der Meteorologie, der Wetterkunde, der Eiszeitkunde und der Integralrechnung!«

Riedinger wollte schon dazwischenfahren, und auch alle anderen sahen ihn neugierig an, als ob sie wissen wollten, was ihm da durch den Kopf gehe, aber er spürte es und klärte es freundlich auf. »Die Durchschnittstemperatur auf der Erde war in der Eiszeit nur um vier Grad niedriger als heute. Die Nuancen, diese Zwerge, wie sie bauen! Die Summe unendlich vieler, unendlich kleiner Teile ergibt doch eine reale Größe. Aber das ist wieder«, und er hob, lustig einen Schulmeister karikierend, den ausgestreckten Zeigefinger, »das ist wieder höhere Mathematik und Integralrechnung! Wie weit ich abgekommen bin! Wovon haben wir denn gesprochen?«

»Von der Liebe«, sagte Blanche lachend.

Er nickte. »Von der Liebe. Ich weiß, mein Kind, von der Liebe. Du hast es dir gemerkt. Du bist mir gefolgt. Brav! Ich war ihr Ritter und Verteidiger. Warum greifen sie sie aber auch an?« Es ging wie ein leichtes Beben des Gelächters durch seinen Körper. »Sieh an, sie glauben nicht an die Liebe, aber sie glauben mit heiligem Eifer nicht an sie! Sie glauben an mystische Verschmelzung, an Nationalökonomie, an die Organisation, an die Logik, an die Vernunft, an die neuen Ziele, an die neue Psychologie! Sie leugnen, glaube ich, die menschliche Seele, aber sie leugnen sie mit heiliger Inbrunst! Was habt ihr nur gegen die Liebe? Ist es ihre Gewöhnlichkeit, die sie euch verdächtig macht? Nun ja, die ewige Rückkunft der Dinge bringt sie in den Verruf der Banalität, so wie ja auch die Wahrheit darunter zu leiden hat, daß sie banal ist! Aber das kann mir doch ganz gleichgültig sein, ich habe, ich alter Mann, keine Angst mehr vor Banalitäten!«

Er wurde immer heiterer, und aus den schmalgewordenen Augen blitzte es lustig hervor. »Sieh an, wer hätte gedacht, daß ich alter Mann ? ja, ja, das bin ich, widersprechen Sie nicht, meine Damen, ich bin es, und vielleicht krümmt schon der Tod seinen Arm, um mir ihn zu bieten ? wer hätte gedacht, daß ich alter Mann noch eines Tages die Liebe verteidigen werde! Prosit! ? Prosit! ? Prosit!«, sagte er unvermittelt, nun wirklich entschlossen, kein Wort mehr zu sagen und sich nicht so bald wieder stören zu lassen, und lehnte sich endgültig zurück, nachdem er gemächlich den Wein ausgetrunken, vorher aber jeder einzelnen der drei Damen freundlich das Glas zugehoben hatte, der Baronin, die ein wenig unsicher und ängstlich auf ihn blickte, Frau Riedinger, die ihn unverhohlen anlachte, und schließlich seiner eigenen Frau. Mit einem kaum merklichen Nicken des Kopfes, dem Senken der Lider und einem leisen Lächeln erwiderte sie ihm auf ihre schweigsame Art, aber in ihrem Blick lag jene kleine Verwunderung über ihren eigenen Mann, die ihr während ihrer ganzen langen Ehe nicht vergangen war. Sie saß aufrecht, mit ihrer schlanken jugendlichen Gestalt, und betrachtete ihn unentwegt aus ihren stillen Augen unter der klaren Stirn und im milden Gesicht. Man hätte ihrer Erscheinung Unrecht getan, wenn man gesagt hätte, daß noch Reste ihrer früheren Schönheit an ihr sichtbar seien; es war vielmehr, ein wenig erschlafft, ein wenig verrunzelt, in abendlicher Müdigkeit noch ihre ganze weiche, schlichte Schönheit selbst.

Nun endlich stürzte Stadel vor. »Ich bin in manchen Dingen Ihrer Meinung, Herr Doktor!« rief er, und die aufgestauten Worte polterten lärmend wie durch einen endlich gebrochenen Damm. »In vielen Dingen! Nur bin ich natürlich viel radikaler! Ich habe nämlich, müssen Sie wissen, eine erotische Geschichts- und Weltauffassung!« Aber er wurde unterbrochen, denn es öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle standen Gisela und Müller-Erfurt. Ihr Kommen war für alle überraschend, denn an Gisela hatte überhaupt niemand gedacht, und daß Müller-Erfurt doch noch ihre Einladung annehmen würde, hatte auch Blanche nicht mehr erwartet.


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