Blanche oder Das Atelier im Garten. Dritter Teil

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III

Als Blanche nach Hause kam, begegnete sie im Treppenflur schon einem Gast, und als sie mit ihm die Wohnung betrat, sah sie, daß es nicht der erste war, denn in der Garderobe hingen bereits die Mäntel anderer Gäste, und in die Halle drangen fremde Stimmen; zunächst aber mußte sie in ihr Zimmer eilen, um sich umzukleiden, ehe sie sich zeigen konnte. Sie versteckte das Paket, das sie auf so langen Umwegen hergetragen, im hinteren Winkel des obersten Fachs eines Schranks, dann griff sie ohne weitere Überlegung nach dem ersten Kleid, das ihr halbwegs passend schien, und schlüpfte hinein. Als sie sich aber vor den Spiegel setzte, um sich mit einigen schnellen Strichen zu frisieren, hielt sie, kaum daß sie den Blick aufs Glas gerichtet hatte, mit schon erhobener Hand erschrocken ein und betrachtete entsetzt sich selbst: sie war bleich, die Augen waren glanzlos, die Falten schienen sich vertieft, das Gesicht schien seine Form verloren zu haben. Sie seufzte auf; ihr Aussehen bestätigte ihr, daß sie wirklich unglücklich war. Während sie schon im Begriff war, ihr Zimmer zu verlassen, fühlte sie plötzlich Atemlosigkeit und Beklemmung, sie mußte sich niedersetzen und warten, bis die Ruhe wiederkehrte, und als sie endlich in die vorderen Räume ging, war die ganze Gesellschaft schon versammelt. Frau Riedinger sah ihr mit mühsam verhehltem Ärger, ihr Vater mit offenem Zorn entgegen, und nur ein mahnender Blick seiner Frau hielt ihn zurück, vor allen Freunden und Bekannten seiner Tochter Vorwürfe zu machen. In seiner Vorliebe für Lärm und Bewegung, in seinem Bedürfnis nach Geselligkeit war er schon lange vor der Zeit, mit seinem etwas altmodischen Smoking angetan und auf die ersten Gäste wartend, ruhelos und ohnedies übelgelaunt, durch die Wohnung gestrichen, von Zeit zu Zeit seiner Frau durch alle Zimmer etwas zurufend, auf Blanche schimpfend, weil sie sich wieder einmal verspätete, und Erwägungen anstellend, wie man jetzt noch, spät genug und bei ihrem Alter im allerletzten Moment, versuchen könnte, sie zu erziehen oder wenigstens zu zwingen, sich an die Hausordnung zu halten und auf die Wünsche ihres Vaters Rücksicht zu nehmen. Seine schlechte Stimmung wollte nicht weichen und hielt noch zwei volle Stunden an.

Man saß schon längst im Wohnzimmer bei Kognak und Likör. Die Kaffeetassen waren leer, der Rest in der Kanne war erkaltet. Das Abendessen war unlustig und eigentlich recht langweilig verlaufen, mit eintönig murmelnden, von Nachbar zu Nachbar geführten, träge rieselnden Gesprächen. Freude oder Amüsement waren teils wegen der üblen Laune des Hausherrn nicht aufgekommen, in die ihn, wie er meinte, seine Tochter gebracht, die aber in Wirklichkeit schon eingesetzt hatte, als am Nachmittag, also fast im letzten Augenblick, Stadel, der wie immer auch für heute eingeladen gewesen, abgesagt und erst auf Riedingers Protest und Zureden und nach langem Hin und Her versprochen hatte, wenigstens später zu kommen, zum andern Teil aber eben deshalb, weil er, weil Stadel gefehlt hatte, dieser lärmende und witzige, immer Wellen schlagende Geist, auf dessen originelle und aufpeitschende Unterhaltungskunst man sich immer verließ. Blanches Stimme hatte man bei Tisch überhaupt nicht gehört. Die an sie gerichteten Fragen hatte sie nur leise und wie mit verrosteter Stimme beantwortet, und auf die Versuche ihrer Nachbarn, in ein Gespräch mit ihr zu kommen, war sie so stockend und zerstreut eingegangen, daß jene es hatten aufgeben müssen.

Man saß also schon geraume Zeit um den großen runden Tisch des Wohnzimmers, die älteren Damen auf dem langen, in die Ecke eingebauten Rundsofa, die übrigen auf Stühlen und Sesseln, die den weiten Kreis fortsetzten und schlossen. Stadel war bisher, obwohl es schon zehn Uhr war, nicht gekommen. In der etwas stumpfen Atmosphäre des großen Raumes erklang nur die Stimme Riedingers, der sich zwingen wollte, die Gesellschaft zu unterhalten. Seiner Neigung folgend, über Dinge der Liebe zu sprechen, und zugleich seiner Gewohnheit, besondere wegen ihrer Rechtsprobleme interessante Fälle des Gerichtssaals zum besten zu geben, mit seiner Anwaltskenntnis die Folge der Ereignisse und den Prozeßverlauf übersichtlich auseinanderfaltend, hatte er eben begonnen, mit vielen Einzelheiten einen sensationellen Kriminalfall darzubreiten und zu erläutern, der den Anwesenden nur nach den Zeitungsberichten und ungenau bekannt war. Mit einmal auflebend und in die beste Stimmung versetzt, hatte er freudig seine Erzählung unterbrochen, denn endlich und kaum mehr erwartet, war Stadel angelangt und eingetreten, sofort mit seiner Turbulenz das gedämpfte Zimmer füllend, verhungert und verdurstet, wie er atemlos verkündete. Man servierte ihm, wie es ihm zugesagt worden war, nachträglich ein kaltes Abendessen, nicht im Eßzimmer, wie es Frau Riedinger angeordnet, sondern hier, wie Riedinger es jetzt in seiner Ungeduld verlangte, den wichtigen Gast der Gesellschaft zu präsentieren und einzuverleiben.

Doch Stadel zeigte sich nicht in seiner Fulminanz, er schwieg, er aß und trank. Vor sich einen dicht besetzten Extratisch, saß er tief vorgebeugt und verschlang, was man ihm bot, richtete sich nur auf, um zu trinken, setzte das Glas erst ab, wenn es ganz geleert war, und beugte sich von neuem vor, um zu essen, dies alles in breiter Behaglichkeit und offenbar sehr zufrieden mit der Sonderbehandlung, die ihm zuteil wurde. Sein ganzes Gehaben war so intensiv, daß sich die Aufmerksamkeit auf ihn richten mußte und unwillkürlich alle ihm zusahen, die einen insgeheim über seinen gewaltigen Appetit lächelnd, die anderen degoutiert von seinem sich ausbreitenden Wesen, von dieser betont ungenierten, gleichsam auf sich selbst stolzen Art. Riedinger aber strahlte, als Stadel der Gesellschaft seinen Riesenhunger und sich selbst als Esser vorführte und ihr so schon ein Schauspiel bot, das aus dem gewohnten Rahmen fiel.

Ein toller Kerl! Er hatte nun einmal eine Vorliebe für diesen Menschen, für seine Paradoxa, für seine originellen und vorurteilsfreien, der Mode oft entgegengesetzten Ansichten und sein von keiner Konvention gehemmtes Benehmen. Er sah in ihm den Vertreter des Geistes, das Bild des freien Menschen und das Element der Revolution. Stadel selbst aber schloß aus der Tatsache, daß er immer wieder Leute fand, die ihm applaudierten, und daß er im Laufe der vielen Jahre nur selten aus einem Haus hinausgeworfen worden war, er schloß daraus, daß er ein wichtiges, in die bürgerliche Gesellschaft eingedrungenes Element darstelle, berufen, sie durch seine Kritik von innen heraus zu läutern.

Bald war vor Stadel ein Durcheinander von hin- und hergeschobenen Tellern, Gläsern und Schüsseln, so daß er sich, beengt und ratlos, auf dem Tischchen nicht mehr zurechtfand. Frau Riedinger bemerkte seine Verlegenheit und gab ihrer Tochter ein Zeichen, das sie aber, vor sich hin und in die Luft sehend, nicht wahrnahm. So rief denn Frau Riedinger und schreckte sie auf: »Blanche! Hilf doch ein wenig!« Blanche stand gehorsam auf und machte ihm Ordnung.

»Danke, mein Kind!« rief er. »So ists recht! Sie sind eine brave, gute Haustochter! Ich lobe Sie! ? Hallo!« machte er, da er den Kopf hob. »Was ist denn mit Ihnen? Wie sehen Sie denn aus?«

»Wieso?« fragte Blanche.

»So! Es schien mir so ??« antwortete er. »Oder nicht? Irre ich mich? Bitte sehr! Ganz recht! Sie haben es erraten! Jetzt kommt der Käse an die Reihe!« Er beugte sich von neuem über den Tisch, dann richtete er sich wieder auf und sah mit triumphierendem Stolz im Kreis; als er mit seinem Blick bei Frau Leonhardt angelangt war, hielt er ein. »Donnerwetter!« rief er und musterte sie mit starrenden Augen. »Ich wiederhole: Donnerwetter!« sagte er und forderte sie auf, neben ihn zu rücken, da er noch den Nachtisch zu genießen habe und sich also nicht neben sie setzen könne. Sie errötete, lächelte freudig, fand keine Antwort und blieb sitzen.

Ihr Nachbar aber, ein etwa vierzigjähriger, mit natürlicher Eleganz gekleideter und außerordentlich appetitlicher Mann mit weißblonden Haaren, mit der Gestalt eines durchtrainierten Athleten und mit einem kräftigen, roten, gesundheitsstrotzenden Gesicht, dem aber der scharfe Blick der schmalen Augen etwas Kluges und zugleich ein überraschend kleines spitzes Näschen etwas Kindliches gab, dieser Nachbar also, auf naivere Weise von Frau Leonhardt entzückt, musterte seinerseits Stadel und schien eben, wenn man aus seinen Mienen schließen durfte, den Entschluß zu fassen, ihn auf dem Nachhauseweg kurzerhand durchzuprügeln, wenn er es nicht augenblicklich unterlassen sollte, sie mit ungehörigen Redensarten und Blicken zu verfolgen. Allerdings würde auch jeder andere mit seinen Blicken unwillkürlich bei Frau Leonhardt haltgemacht haben, wenn er, so wie Stadel es getan, sich rings im Kreis umgeschaut hätte, denn sie war in der ganzen Gesellschaft eine herausleuchtende Köstlichkeit, ein schimmernder Tautropfen, eine entzückende Puppe und stach, auch zwischen den anderen Frauen, um so mehr hervor, als ihre Toilette die letzte, noch nicht allgemein bekannte und also in die Augen fallende Mode präsentierte.

Doch auch als Person hätte Frau Leonhardt der Mittelpunkt sein müssen, weil die Gesellschaft wieder einmal ihr zu Ehren stattfand, aus Anlaß ihrer bevorstehenden Abreise, so wie vor einigen Wochen aus Anlaß ihrer Ankunft eine stattgefunden hatte. Die nochmalige Ehrung hatte ihren Grund in der ärgerlichen Tatsache, daß man in der Zwischenzeit ihre Anwesenheit in der Stadt so gut wie vergessen und sie während ihres Aufenthaltes ganz und gar vernachlässigt hatte, obwohl Riedinger Wert darauf legte, ihr, als der Gattin des besten Klienten seiner Anwaltskanzlei, Aufmerksamkeit zu widmen, und obwohl er Blanche ans Herz gelegt hatte, diese Aufgabe zu übernehmen. Der Grund aber, warum er die Aufgabe auf seine Tochter hatte abwälzen wollen und warum diese wiederum sich ihr, nach ihrem einzigen Besuch im Hotel, mit konsequenter Vergeßlichkeit entzog, lag darin, daß sie überaus beschwerlich und geradezu peinigend war, denn es war außerhalb aller Möglichkeit, mit Frau Leonhardt in ein noch so lockeres Gespräch zu kommen.

Bei Tisch war heute Stievensen ihr Nachbar gewesen, jener Mann, der auch jetzt neben ihr saß, denn er war ihr nicht mehr von der Seite gewichen, weil er vom ersten Augenblick entzückt von ihr gewesen war. Er hatte sich gleich ins Gespräch mit ihr gestürzt, sehr heftig, sehr vorsichtig und höflich. Nachdem er das Notwendigste über sie erfahren hatte, fragte er sie, ob sie sich denn in der kleinen Provinzstadt, in der sie leben müsse, nicht langweile und wie sie denn dort all ihre Zeit verbringe. Sie hatte geantwortet: »Der große Haushalt gibt viel Arbeit, und ich lese sehr viel.« Nun, der große Haushalt gab tatsächlich viel Arbeit, wenn auch ihre eigene, genau genommen, nur darin bestand, hier und da der Hausdame, die eine große Dienerschaft zu leiten hatte, eine Anweisung zu geben, Stievensen aber hielt sich an den anderen Teil ihrer Antwort und fragte sie nach ihrer Lektüre der letzten Zeit.

»Zuletzt habe ich alle Werke von Ladislaus Joachim gelesen«, sagte sie.

Er war erstaunt, denn er hielt Joachim für einen leeren Kerl. »Alle Werke?« fragte er verwundert. Ob sie ihn denn so schätze und, fragte er schließlich geradezu, was sie an ihm finde. Da blieb ihr nichts anderes übrig, als ungefähr zu wiederholen, was Joachim ihr über sich selbst gesagt hatte. Sie finde, sagte sie, daß sich unter seiner glatten und eleganten Oberfläche Tiefen, ja, Abgründe verbergen, und daß er außerdem als erster die sozialen Probleme vom ästhetischen Standpunkt, beziehungsweise die ästhetischen Probleme vom sozialen Standpunkt betrachte. Angesichts dieser tieferen Auffassung, die ihm nicht einmal ganz verständlich war, wurde Stievensen denn doch ein wenig eingeschüchtert, und um seiner Nachbarin gerecht zu werden, sprach er nun seinerseits über jene Schriftsteller und Dichter, die er liebte, die vielen alten und die wenigen neuen, und setzte ihr auseinander, warum er den und warum er jenen liebe. Er wußte ja nicht, daß Frau Leonhardt seit der erzwungenen Lektüre ihrer Schulzeit außer allen inländischen und ausländischen Modezeitschriften und außer allen Werken Joachims nur noch vor sechs oder sieben Jahren den Abdruck eines halbwegs populär gehaltenen Vortrags »Über das veränderte Verhältnis der Mathematik zur Physik im Lichte der neuesten Forschungen« gelesen hatte, dessen Verfasser damals während einiger Herbstwochen viel mit ihr verkehrt und ihr zu Beginn ihrer Bekanntschaft diese Broschüre geschenkt hatte.

Stadel hatte zu Ende gegessen. »Blanche!« rief Frau Riedinger. »Läute dem Mädchen, daß es abräumt!«

»Danke, mein Kind!« rief Stadel, als Blanche aufstand. »Sie sind brav! Ich lobe Sie!« Unwillkürlich richtete man seine Blicke auf sie, da sie so von zwei Seiten angesprochen wurde, und sah ihr nach oder beobachtete sie gar im geheimen, wie sie schweigend zur Tür ging, den Klingelknopf drückte und wieder auf ihren Platz zurückkehrte. Angesichts ihres zerstreuten und in sich gekehrten, nicht aufzurüttelnden Wesens, das niemandem hatte entgehen können, glaubten vielleicht die einen, sie sei noch böse wegen des zu deutlich vorwurfsvollen Empfangs, den ihre Eltern ihr vor allen Gästen wegen ihrer Verspätung bereitet; die anderen mochten, nur allgemein und ungefähr, bei sich feststellen, sie müsse heute irgendwelche Unannehmlichkeiten gehabt haben.

Stadel sah zu, wie sein Tisch abgeräumt wurde, lehnte sich breit-behaglich zurück und überließ mit einer im Kreis gehenden, einladenden Geste, die zu verkünden schien, daß man sich durch seine Anwesenheit nicht stören lassen solle, er persönlich sei entschlossen, nur zuzuhören und sich auszuruhen, den anderen das Feld der Unterhaltung. So kehrte denn Riedinger zu seiner Kriminalgeschichte zurück, obwohl es vielleicht niemanden nach dem verzwickten Fall und seiner breit ausgesponnenen Gruseligkeit gelüstete. Aber er hatte, wie es schien, seine Freude daran. Es handelte sich um den vorgeblichen oder wirklichen Doppelselbstmord eines Liebespaares, das am Fuße eines abschüssigen Felsens in den Alpen gefunden worden war, die Frau durch den Sturz getötet, der Mann nur betäubt und verletzt. Aus der Lage der Leiber und aus anderen Umständen hatte man auf einen Kampf geschlossen. Er habe, so wurde angenommen, seine Geliebte in die Tiefe stoßen wollen, sie habe sich gewehrt, bis beide, miteinander ringend, vom Rand des Felsens abgeglitten seien, so daß er des Mordes angeklagt wurde, wogegen seine Darstellung lautete, sie hätten sich in einer letzten verzweifelten Umschlingung miteinander in die Tiefe geworfen, eine Darstellung, deren Richtigkeit oder Unrichtigkeit kaum nachzuweisen war. Doch wurde der Verdacht gegen den Angeklagten durch die Tatsache verstärkt, daß es gelungen war, ihn zu dem Geständnis zu bringen, er habe die Frau zu der gemeinsamen Tat überredet, was die Anklage als Eingeständnis seiner Willensrichtung wie als Eingeständnis der Tat selbst auffaßte, da die Frau mit ihrem lebenslustigen Charakter seinen Überredungskünsten, wie der Staatsanwalt sagte, nicht unterlegen sein konnte. Doch nun wurde es interessant, verkündete Riedinger, denn es hatten sich Freundinnen der Toten mit der Aussage eingefunden, sie habe ihnen nicht nur angedeutet, daß er fürchterliche Zumutungen an sie stelle, sondern auch, daß sie, unter seinem Bann, ihnen nicht widerstehen könne, so daß abermals seine Schilderung glaubhafter erscheinen und ihn wenigstens von dem Verdachte des direkten Mordes befreien konnte.

Der Staatsanwalt aber, der den Angeklagten als einen widernatürlichen Wüstling hinstellte, wollte ? und hier begann die Sensation ? diese Zumutungen nicht in bezug auf einen gemeinsamen Selbstmord, sondern in einem anderen Sinn verstanden haben, als Zumutungen nämlich auf dem Gebiet der körperlichen Liebe, und nun hatte es die Verteidigung verstanden, die Frage nach der Bedeutung jener Äußerungen der Frau zur Hauptfrage zu machen und die Vorladung einer Reihe weiterer Zeuginnen beantragt, deren Namen vorläufig nur auf einer dem Vorsitzenden überreichten Liste standen und die bestätigen sollten, daß seine Veranlagung durchaus in den Bahnen der Normalität liege, ein Antrag, der ungeheueres Aufsehen erregte, einigermaßen Verwirrung stiftete und den Staatsanwalt zur Drohung veranlaßte, er werde andere Zeuginnen bringen, die das Gegenteil aussagen würden ? kurz, es hatten sich kochende Höhepunkte des Prozesses ergeben, über die Riedinger jetzt noch sich freute und lachte und die beinahe dazu geführt hätten, daß eine ganze Serie von Damen der besten Gesellschaft, wie er sagte, hätte aufmarschieren müssen, um über ihre intimsten Erfahrungen mit dem Angeklagten, über seine privatesten Gewohnheiten und Gelüste Bericht zu erstatten.

Hier wurde endlich die lange Erzählung durch scherzhafte Zwischenrufe, noch mehr durch Bemerkungen der Verwunderung und Empörung unterbrochen, nachdem man bisher der wegen ihrer juristischen Interessantheit vorgetragenen Geschichte stillschweigend hatte zuhören müssen. Während die Stimmen für einige Augenblicke durcheinandergingen, wandte sich Frau Riedinger an ihre Nachbarin, die Frau Feding. »Daß mein Mann immer solche Geschichten erzählt ?!« sagte sie.

Stadel aber, der, müde oder faul, noch immer weit zurückgelehnt, in ihrer Nähe saß, hatte ihre Worte gehört. »Was wollen Sie!« warf er gelangweilt hin. »Alte Geschichten! Kapitel: Liebe und Tod!«

Offenbar durch den Tonfall gereizt, wandte sich Stievensen, der Nachbar der Frau Leonhardt, während sein rotes Gesicht noch röter wurde, angreifend gegen Stadel, wenn er auch nur langsam begann und vorsichtig die Worte setzte, ganz wie ein Mensch, der sich befangen fühlt, weil er nicht gewohnt ist, sich an Debatten zu beteiligen: »Ich sehe nichts von Liebe und Tod. Ich sehe nur Tod. Ich begreife sehr gut, daß man sich aus unglücklicher Liebe umbringen kann, aber dieser Prozeß ist ? wie soll ich es sagen ? nicht Liebe und Tod, sondern Pikanterie und Tod, und da bekommt denn doch die Pikanterie etwas Häßliches, sie schmeckt nach Verwesung, und der Tod wiederum wird herabgedrückt und bekommt etwas Unernstes!«

Von da und dort nickte man ihm beifällig zu, er aber neigte sich gleich zu Frau Leonhardt, um sie halblaut zu fragen: »Habe ich nicht recht?«

»Gewiß!« sagte sie, und er freute sich über ihre Zustimmung. Es war zu ahnen, daß er nur für sie sich bemüht hatte, seine Meinung in gute Worte zu kleiden.

Riedinger rief ihn an: »He, Stievensen! Sie sind, wie ich sehe, gegen den Angeklagten eingenommen? Eben, eben! Die Geschworenen waren es auch!« Er lachte und fuhr triumphierend fort: »Und eben deshalb wars ein Meisterstück, ihn freizubekommen!«

»Ich gratuliere!« machte Stadel. Hatte Riedingers Erzählung niemanden so recht interessiert, bei manchen nur Schauer oder Peinlichkeit erregt, so machte Stadels Ironie erst recht einen unangenehmen Eindruck. Um diese Momente zu überbrücken, trat Klodius in die sich ausbreitende Stille. Er war Philologe und Altertumsforscher und ließ seine Gedanken leicht und gern in sein Gebiet hinüberziehen. »Nach dem Urteil müssen wir also glauben, daß es ein Selbstmord war«, begann er gemütlich, wie in einer freundlichen Erinnerung lächelnd, »und wir wollen nur hoffen, daß sich nun nicht andere Paare auf den Weg zu diesem Felsen machen, um dem ersten nachzuahmen. Sonst müßte auch etwas dagegen geschehen! Ihre Geschichte, Herr Doktor, erinnert mich nämlich an den leukadischen Felsen.«

»Woran?« machte Riedinger.

»Erzähl nur!« rief Stievensen hin, der ein Freund Klodius war, und neigte sich zu Frau Leonhardt: »Sie kennen die Geschichte?«

»Nein«, sagte sie.

»Nein?« wiederholte er. »Oh, sie wird Ihnen sicherlich gefallen!«

»An den leukadischen Felsen«, wiederholte Klodius. »Auf der Insel Leukas nämlich stand ein abschüssiger Felsen, der immer wieder zu ebendemselben schauerlichen Zweck benutzt wurde wie jener Alpenfelsen. Allerdings, er stand am Ufer und fiel ins Meer. Im Dunkel der Zeiten muß einmal ein Unglücklicher, der sein Leben enden wollte, oder ebenfalls ein unglückliches Paar, auf den Gedanken gekommen sein, dies durch einen Sturz von seiner Höhe zu vollbringen. Die Tat fand Nachahmung, und wer sich umbringen wollte, stieg auf den Berg und stürzte sich in die Tiefe. Ja, vielleicht mehr noch, vielleicht reizte diese poetisch-romantische Geste, dieser Sprung von der einsam ragenden Felsenspitze, aus dem unendlichen Äther ins unendliche Meer, manche Gemüter und verführte so erst manchen jungen Menschen zum Selbstmord. Bis es eines Tages den Bewohnern der Insel zuviel wurde und sie diesem gefährlichen Treiben Einhalt gebieten wollten. Heute würde man den Zugang zu dem Felsen mit einer Verbotstafel versehen und mit einem Seil absperren, die Einwohner von Leukas aber hielten sich an die Götter. Sie hofften, ihre Insel von dem vielfachen Unglück dadurch zu befreien, daß sie ihnen freiwillig ein Opfer brächten, und stießen deshalb, um sie zufriedenzustellen oder zu versöhnen, jedes Jahr von dieser selben Stelle einen Menschen ins Meer. So feierten sie denn alljährlich ein Fest, bei dem von diesem Felsen ein Verbrecher hinuntergestürzt wurde, der eigens für diesen Tag aufbewahrt worden war. Aber die guten Leukadier, dachten sie nun, der arme Kerl sei mit dem schrecklichen Sturz allein schon genügend bestraft, oder meinten sie, die Götter würden sich mit einem Symbol begnügen, oder gar, sie könnten die Götter ein wenig beschwindeln ? sie wollten in Wirklichkeit den Menschen, indem sie ihn in die Tiefe warfen, ja gar nicht töten ? und was taten sie nun? Sie behingen ihn von oben bis unten mit lebenden Vögeln, und dann erst stießen sie ihn ins Meer, und das Flügelschlagen der kleinen Tiere, ihre Bemühungen, sich gegen die Schwere seines Körpers, gegen den Zug nach unten aufwärts zu schwingen, hielten ihn in Schwebe, und in bunte Federn gehüllt, von den leichten, schwachen, flatternden Geschöpfen getragen und gerettet, glitt er langsam und sachte aufs Wasser, wo übrigens schon Nachen und Kähne warteten, um ihn aufzufischen, ans Land zu ziehen und laufen zu lassen. Ist das nicht hübsch?«

Stievensen neigte sich zu Frau Leonhardt: »Ist das nicht wirklich hübsch? Ich denke immer, in dieser Geschichte stecken fast alle Elemente der Antike. Ist sie nicht schön?«

»Ja«, sagte sie, und er freute sich über seinen Freund Klodius, dessen Erzählungen er gern hörte, und über die Tatsache, daß die Geschichte auch ihr gefallen hatte.

Da ertönte aus dem Hintergrund des Zimmers, von dort, wo neben dem Fenster der Bücherkasten stand, eine strenge und ziemlich grelle Frauenstimme: »Und was willst du mit dieser Geschichte beweisen?«

»Nichts, mein Kind«, antwortete Klodius, »aber sie gefällt mir.«

»Ja, sie ist reizend«, sagte Frau Riedinger und lächelte über seine gelassene Antwort. Sie hatte Klodius gern und verzieh es ihm auch, wenn er sich manchmal, als Lehrer gewohnt, in ungestörter Weise das Wort zu führen, gar zu sehr auf seinem Gebiet ausbreitete und in einem Thema verlor. Ja, vor über dreißig Jahren, bevor sie Riedinger geheiratet hatte, war das Gerücht gegangen, sie liebe Klodius, der damals ein junger Dozent war, ein Gerücht, das heute längst vergessen war, Riedinger aber Jahrzehnte hindurch veranlaßt hatte, Klodius außerordentlich unsympathisch zu finden. Mit zunehmendem Alter hatte sich die Abneigung gemildert, und jetzt, da alles längst Vergangenheit, die Vergangenheit schon Legende und umwölkte Fabel war, hatte er, alles vergessend, den Vorschlag seiner Frau, Klodius einzuladen, ausgezeichnet gefunden. Sie freute sich, ihn hier zu haben, und war gesprächiger als sonst. »Also gabs auch schon damals«, fragte sie jetzt, »Narren und Verbrecher, die alle Probleme und Schwierigkeiten des Daseins dadurch zu lösen meinten, daß sie das ganze Dasein von sich warfen?«

»Auch schon damals? Narren? Verbrecher? Oh, gnädige Frau, auch schon damals?« Er geriet ein wenig in Eifer: »Auch schon damals? Gehören Sie am Ende zu den Menschen, die glauben, daß alles, was heute ist, zum erstenmal ist? Daß die Welt sozusagen aus lauter Premieren besteht? Gott bewahre mich vor den nichtssagenden Trivialitäten: Alles schon dagewesen! Es ist immer dasselbe! ? und wie diese Weisheiten sonst noch lauten, aber ich sage immer meinen Hörern: Es gibt nichts Schwierigeres auf unserem Gebiet, als die Linie zu finden, bis zu der die Menschen eines anderen Zeitalters so waren wie wir, ganz genau so, haargenau so, und von der an sie anders waren, ganz anders, weltenfern anders. Und beides, bedenken Sie!, haargenau so wie wir und weltenfern anders als wir, dies und jenes waren sie zugleich!

Was aber Ihre eigentliche Frage betrifft ?: nun, es gab damals, wahrscheinlich sogar öfter als heute, Selbstmorde aus ganz eben denselben Motiven wie heute, weil nämlich die Menschen ganz, ganz genau so waren wie wir, und doch stellten sich diese Taten als etwas ganz anderes dar, weil sie, unabhängig vom persönlichen Motiv, in einer Umwelt mit ganz anderen allgemeinen Überzeugungen vor sich gingen, anderen Grundgefühlen, mit einer anderen Religion, die weit entfernt war, den Selbstmord als Sünde zu betrachten, mit einer anderen Wertung des Lebens, die auf der Meinung beruhte, daß es von einem gewissen Augenblick an nicht lebenswert mehr sei. Deshalb war sogar unter gewissen Umständen das Wort Lebensliebe ein Tadel, und durch die Jahrhunderte zieht sich eine lange Kette gerade von Philosophen, die Selbstmord begangen haben ? womit ich aber, gnädige Frau«, unterbrach er gutmütig lächelnd sich selbst, da er Frau Riedinger ins Gesicht blickte, ihre gerunzelte Stirn sah und von dieser ihre Unzufriedenheit mit seiner Antwort ablas, »womit ich, bei all jenen Göttern, denen die Leukadier geopfert haben, durchaus keine Propaganda für den Selbstmord machen will! Gott bewahre mich davor! Unter anderen Menschen, in einer anderen Welt, unter anderen Überzeugungen! Ich würde ja auch schön Ihre Gastfreundschaft lohnen, wenn ich nichts Besseres zu tun hätte, als Ihren übrigen Gästen zu beweisen, daß sie sich schleunigst zu erschießen haben! Aber Sie sind mit jenen Philosophen und mit dieser ganzen Denkweise unzufrieden? Nun, dann muß ich denn doch sofort feststellen, daß andererseits ein großer Philosoph, als er schon sehr alt war, krank darniederlag und furchtbare Schmerzen litt und als man ihm einen Dolch reichen wollte, was natürlich den Rat bedeutete, von ihm Gebrauch zu machen, ausrief: Nicht mein Leben will ich beenden, sondern meine Leiden! Und daß es in Athen ein Gesetz gab, auf Grund dessen die Leiche eines Selbstmörders bestraft wurde: mit Verlust des rechten Arms und des linken Beins, mit Versagung eines ehrlichen Begräbnisses und mit Atimie, das ist etwa Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte! Nun, sind Sie zufrieden?«

Man lachte über die mit Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte bestraften Leichname und über Klodius heitere Art, mit der er sich bemühte, in den Augen der Frau Riedinger den Geist der Antike zu rehabilitieren. »Und wie wurden«, rief Riedinger mit anzüglicher Betonung, »gewisse Frauenzimmer bestraft, die mit ihrem grausigen Selbstmord die Welt in Aufruhr versetzten, nachdem sie alle Vorbereitungen getroffen hatten, um gerade noch im letzten Augenblick durch reinen Zufall den Klauen des Todes entrissen zu werden?«

»Laß das doch!« winkte seine Frau ihm ab, die wußte, daß Blanche zornig wurde, wenn man höhnisch über ihre Freundinnen sprach, und blickte auch gleich nach ihr hin, um zu schauen, was sie zu dem ironischen Scherz ihres Vaters sage, doch sie sah, daß Blanche seine Bemerkung ebensowenig gehört hatte wie offenbar irgend etwas von allem übrigen; sie saß, ohne Teilnahme, ein wenig steif auf ihrem Stuhl, wie ein Kind pflichtgemäß auf der Schulbank seine Zeit absitzt, ohne aufzumerken oder, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, auch nur zuzuhören.

»Darüber«, beantwortete Klodius Riedingers Frage, »ist mir nichts bekannt, aber es ist der Name eines Mannes auf uns gekommen, der nicht weniger als viermal versucht hat, sich zu töten, und nicht weniger als viermal gerettet wurde, aber er wird nicht einmal in höhnischem oder ironischem Sinn genannt. Er betrachtete eben den Selbstmord als Frage an das Schicksal, das über sein Leben und seinen Tod entscheiden sollte, indem es ihn gelingen oder mißlingen ließe.«

»Hoho!« machte Riedinger. »Immerhin hat er ihn so durchführen müssen, daß er dem Schicksal überhaupt die Möglichkeit ließ, einzugreifen!«

Theokopullos, ein junger Grieche, warf ein: »Bestens Messer in Herz!«

»Er war des Glaubens«, erwiderte Klodius auf Riedingers Einwurf, »daß unter allen Umständen das Schicksal die Macht hat einzugreifen, wenn es nur will!«

»Aber Messer in Herz!« rief nochmals Theokopullos.

Des Glaubens? gab Riedinger zurück, Klodius wolle wohl sagen: des Aberglaubens, aber Stievensen warf ein: die Grenze zwischen Glaube und Aberglaube sei schwankend und schwer festzulegen, und Klodius sagte: »Ganz recht! Die Grenze liegt in jeder Epoche anderswo!«

Theokopullos, der die deutsche Sprache nur unvollkommen beherrschte und offenbar nicht erfaßt hatte, daß das schnelle Gespräch schon abgewichen war, rief nochmals und schon geradezu verzweifelt: »Aber bitte! Messer in Herz!«

»Was soll es denn da überhaupt für eine Grenze geben!« rief Riedinger. »Es gibt alles in allem nur eines: Aberglauben!«

Endlich richtete sich Stadel aus seiner trägen Lage auf und begann unvermittelt zu schreien, doch hatte es etwas Unnatürliches an sich, als hätte er sich erst aufpumpen müssen und als zwänge er sich nur aus Pflicht, mit Temperament seinen bestimmten Standpunkt oder seine Weltanschauung zu vertreten: »Im Gegenteil, im Gegenteil! Glaube, Glaube! Glaube ist alles! Man muß gläubig sein! Man muß auch davon durchdrungen sein, daß man glaubt! Alles ist Glaube!«

»Ich würde gern«, antwortete Klodius bedächtig, »die Grenze zwischen Glaube und Aberglaube beibehalten, denn ihre Anerkennung beinhaltet moralische, ethische und allgemeine religiöse Werte.«

»Und wo bleiben die sozialen Werte?« rief Riedinger.

»Nun«, antwortete Klodius und lachte leicht auf. »In diesem Zusammenhang muß ich sagen: ich hoffe, dort, wohin sie gehören, wenn sie natürlich mit den übrigen Werten auch in engem Zusammenhang stehen.«

Riedinger knurrte nur noch einige nicht recht verständliche Worte, und Stadel legte sich, unzufrieden und müde, wieder zurück.

Da ertönte aus dem Hintergrund des Zimmers, vom Bücherschrank her, wieder jene etwas grelle und scharfe Frauenstimme, diesmal breiter, wie zu einer längeren Rede ansetzend: »Es ist selbstverständlich richtig, daß in jedem Jahrhundert die Grenze zwischen Glaube und Aberglaube eine andere ist, aber man müßte natürlich, wenn man logisch sein will, hinzufügen: auch in jedem Erdteil! Wenn Sie, Doktor Riedinger, gesagt haben: alles ist Aberglaube, so ist das natürlich, herausgehoben, an sich richtig, aber es ist im ganzen Komplex falsch, wenn aber andererseits Stadel behauptet hat, daß alles Glaube ist, so ist das psychologisch richtig, aber es ist natürlich ebenso falsch, ich meine, in einer anderen Richtung. Aber selbstverständlich ist die Logik immer dieselbe, ich möchte sagen: überzeitlich und global, und sie ist selbstverständlich das einzige, woran wir uns halten dürfen bei der ganzen Lebensgestaltung, wobei natürlich viele Komponenten hinzukommen. Wenn Sie, Doktor Riedinger, gefragt haben: wo bleiben die sozialen Werte?, so war das ausgezeichnet, aber ich weiß nicht, ob es Ihnen bewußt ist, daß die sozialen Probleme nicht losgelöst werden können aus der Totalität der Gesamtheit, ich meine, des Gesamtlebens, allerdings ebendeshalb müssen sie objektiv und absolut gelöst werden, wenn auch das Absolute in gewissem Sinn relativ ist, weil es aus dem Subjektiven kommt. Auch das Objektive ist subjektiv, aber das Absolute an sich und das Objektive an sich ist natürlich nicht dasselbe. Im übrigen wollte ich noch hinzufügen: vorhin, als über den Selbstmörder gesprochen wurde, hast du gesagt, Theokopullos, daß er sich hätte ein Messer ins Herz bohren können. Das ist natürlich falsch, denn das Messer kann abgleiten, aber im Prinzip hast du natürlich Recht, denn zu sagen, ich weiß nicht mehr, wer es war, der es gesagt hat, daß er sich nicht hätte mit absoluter Sicherheit töten und daß das sogenannte Schicksal ihn unter allen Umständen hätte retten können, ist natürlich absoluter Unsinn, denn er hätte nur, um den Zufälligkeitskoeffizienten auf ein Minimum herabzudrücken, mehrere Todesarten miteinander kombinieren müssen! Was aber die Geschichte von dem Verbrecher betrifft, der vom Felsen hinuntergestürzt wurde, so muß ich denn doch sagen, daß diese Handhabung der Justiz auf mich etwas gar zu merkwürdig und unseriös wirkt. Entweder bestraft man den Verbrecher oder man bestraft ihn nicht, und ich will nur hoffen, daß sich die Sache anders abgespielt hat. Die Justiz ist nämlich eine Sache der Gerechtigkeit, beziehungsweise der Rechtsprechung. Das ist nämlich ihre fundamentale Idee!«

Alle hatten sich, als sie zu sprechen begann, ihr zugewendet. Sie hieß Sonja und war die Tochter des Professor Klodius, eine zweiundzwanzigjährige Studentin. Eher klein als mittelgroß, mit langen Füßen, starken, rundgeformten Beinen und mit viel weichem, etwas schwammigem Fleisch, das sich überall angesetzt hatte, machte sie einen untersetzten, dicklichen Eindruck, und man hätte sie übrigens für älter halten können, als sie tatsächlich war. Sie war mit überbetonter Schlichtheit gekleidet und hatte schwarze Halbschuhe mit sehr niedrigen, breiten Absätzen, Strümpfe, die zwischen Dunkelbraun und Dunkelgrau eine undefinierbare Farbe hatten, einen blauen Rock und eine graue Bluse. Beides, Bluse und Rock, umspannten eng und straff den Körper, so daß vorn die Wölbung der Brust gar zu füllig vorgebaut war und hinten das Gesäß sich gar zu mächtig vordrängte. Ihr Gesicht, fast rund, von blasser, ein wenig käsiger Farbe, war beherrscht vom breiten Mund mit vollen Lippen und einer großen schwarzen Hornbrille mit sehr dicken Gläsern.

Klodius war Witwer. Er war heute zum erstenmal hier, und man hatte sich für verpflichtet gehalten, mit ihm seine Tochter, die sein einziges Kind war, ins Haus zu bitten. Um ihr zwischen all den älteren und alten Leuten eine angemessenere Gesellschaft zu bieten, hatte man zugleich den mit ihr fast gleichaltrigen Sohn eines Freundes von Riedinger eingeladen, der als hübscher, frischer junger Mann galt und von allen Leuten, die ihn nur halbwegs kannten, mit seinem Spitznamen Bum genannt wurde. Allerdings, diese Zusammenstellung war ein Mißgriff gewesen, denn Bum, der es ablehnte, Debatten zu führen, dessen Meinungen man also nicht kannte, aber auch nicht erraten oder ahnen konnte, dessen tatsächlich hübsches, aber leeres Gesicht zwar auf keine Hintergedanken oder geheime Gedanken schließen ließ, um dessen Mund aber dennoch, auch wenn man nicht den geringsten Anlaß dafür sah, hie und da ein Lächeln huschte, das nicht zu entziffern war, so daß man nicht erkennen konnte, ob es ein lustiges, ein ironisches oder nur ein verlegenes Lächeln war, dieser Bum also und Sonja hatten nichts miteinander anzufangen gewußt, ja, vom ersten Augenblick an einander mit Mißtrauen betrachtet. Sie ignorierten einander um so vollkommener, als Sonja ohnedies heute morgen kurzerhand bei Frau Riedinger telephonisch angefragt hatte, ob sie ihren Freund mitbringen dürfe. Als sie die Antwort bekommen hatte, daß man sich freuen werde, ihn kennenzulernen, war mit ihr Theokopullos gekommen, ein junger Grieche, dessen Vater ein vermögender Kaufmann in Athen war und die Gewohnheit hatte, zu allen Familien- und Vereinsfestlichkeiten spaßige Verse in antikem Versmaß zu machen, zu welchem Zweck er sich, da er sowohl homerische Hexameter als auch Distichen aus dem Ärmel schüttelte, die alten Tragiker, die altgriechische Lyrik und die uralten Chorgesänge im Original angeschafft hatte, um Freunde und Verwandte mit ulkigen Gedichten in immer neuen Versmaßen überraschen zu können. Der Sohn nun, in dieser Atmosphäre aufgewachsen, hatte sich entschlossen, Sprachwissenschaften und Kulturgeschichte zu studieren, und war in dieser Absicht hergekommen; als Klodius Schüler aber hatte er schon im ersten Monat Sonja kennengelernt und war unter ihrem Einfluß zur Nationalökonomie übergegangen.

Sobald Sonja geendet hatte, setzte sie sich zwischen die anderen, sah im Kreis und wartete auf Antwort und Debatte; es fand sich aber niemand, der sie eröffnet hätte, und tatsächlich wärs ja auch schwer gewesen, denn sie hatte über so verschiedenartige Themen, über so weit auseinanderliegende Dinge ihr Urteil abgegeben, daß man nicht gewußt hätte, wo anzupacken und einzuhaken sei. Frau Feding saß neben der Hausfrau. Über ihr sechzigjähriges Gesicht, auf dem der Schimmer ihrer früheren Schönheit, nein, auf dem, in abendlichem Glanz, noch ihre ganze reine Schönheit lag, hatte sich, als sie Sonja zugehört und sie betrachtet hatte, ein kaum zu verbergendes, rührend fassungsloses Staunen ergossen, das ihr etwas Kindliches gab, es hatte sie, tief von innen her, ganz und gar überschwemmt, daß sie hilflos immer wieder nach ihrem Mann hinüberblickte, in der Hoffnung und überzeugt, daß er sich nun endlich rühren und etwas sagen werde, aber er verharrte in seinem Schweigen, wie fast den ganzen Abend bisher, mürrisch und offenbar voll Mißmut, der ihn seit heute mittag, seit der häßlichen Szene in Blanches Atelier, nicht verlassen hatte.

In die Stille der ersten Sekunden, als Sonja schwieg, rief Stadel, indem er auf sie wies, in langgedehnten Lauten, vor Bewunderung singend: »Ein intelligentes Kind ?!« Aber natürlich, man wußte nicht, ob es aufrichtig oder ironisch gemeint war, und Riedinger warf einige Verlegenheitssätze hin; das seien so Sachen, sagte er, komplizierte Probleme seien es, und man müsse alles von allen Seiten betrachten. Theokopullos aber, der Sonjas Rede mit geradezu gieriger Aufmerksamkeit verfolgt hatte, bei jeder ihrer Feststellungen mit aufgeregt hastiger Zustimmung nickend, war noch voller Probleme und Ideen, und im Drange, sie zu äußern, durch die mangelhafte Beherrschung der Sprache jedoch gehindert und ohne Mut, öffentlich zu sprechen, sprang er auf, eilte hinüber, beugte sich hinter Sonjas Stuhl zu ihr hinunter und sprach auf sie ein, eifrig, aber stockend, und im ganzen eher mit dem Tonfall des Fragenden und um Auskunft Bittenden. Da man ihn nicht verstand, hörte man in gewissen Intervallen nur sie, die den Kopf nach ihm zurückgedreht hatte: »Ja, in gewissem Sinn kann man es so sagen! ? Nein, hier ist irgendwo eine Fehlerquelle! ? Ja, das ist teilweise richtig, aber das Problem ist anders gelagert!« Er nickte, wenn sie sprach, zu jedem ihrer Worte, hastig, erfreut und dankbar, und ging zurück auf seinen Platz. Um jedoch die allgemeine Unterhaltung in Gang zu halten oder gar mit neuen Tönen anzufachen, schlug Riedinger dem jungen Mann, der Bum genannt wurde, gemütlich auf den Schenkel und fragte ihn, was denn nun er zu all dem sage. Bum antwortete: »Nichts!« Das könne doch nicht sein, meinte Riedinger, er denke doch gewiß auch etwas, solle es nur getrost sagen, man wolle auch die jungen Leute hören, nur heraus, nur heraus damit! Aber der junge Mann beharrte darauf, daß er nichts denke, er wisse nicht, warum er etwas denken sollte, nein, über nichts von allem, was gesprochen wurde, habe er eine Meinung, er wisse nicht, warum er über irgend etwas von all dem irgendeine Meinung haben sollte. Ja, antwortete er auf weitere Fragen, da man ihn nun einmal ins Gespräch ziehen wollte, er sei Student, ja, Mediziner, nein, das Studium freue ihn nicht, nein, es interessiere ihn nicht, nein, keines der Fächer interessiere ihn, aber, ja, er habe schon einige Prüfungen glücklich hinter sich gebracht.

»Werden Sie«, lachte Stievensen auf, und er lachte dröhnend, wie es ihm manchmal geschah, daß ein Ausruf oder ein Gelächter überraschend für die anderen, aber auch für ihn selbst, so stark und donnernd aus seiner Kehle kam, wie es seinem ganzen Äußeren und seiner ganzen naiven Kraft entsprach. Doch jedesmal, wenn gegen seinen Willen seine Stimme so mit ihm durchging, hielt er auch sofort wieder ein, sah entsetzt um sich, wirklich erschrocken, doch auch den Schrecken übertreibend, legte den Finger an seine kleine Nase oder vor den Mund und vollendete seinen Satz in flüsterndem Pianissimo. So brach er auch jetzt ab, duckte sich ein klein wenig, als ermahnte er sich selbst zu gutem Benehmen, und sprach, den Finger vor den Lippen, hauchend und fast zärtlich weiter: »Werden Sie auch so wenig Interesse für Ihre Patienten und deren Krankheiten haben?«

Man lachte über seine heitere Art und über die Frage selbst, zugleich aber guckte man verstohlen, ein wenig ängstlich nach dem jungen Mann, ob er nicht zornig geworden sei, doch es war weder Zorn noch auch nur Ärger an ihm zu bemerken, und er zuckte nur mit den Achseln. Es entstand eine Sekunde der Stille, doch da geschah etwas, etwas durchaus Natürliches, ganz Leichtes und ganz und gar Nebensächliches, und es war nur staunenswert, daß es überhaupt ein Etwas war und auffallen konnte: in diese Sekunde des Schweigens nämlich drang das leise Knarren eines Sessels und ein leises, dunkles, langsames Rauschen: Frau Leonhardt hatte sich gerührt. Da man sich längst an ihr lautloses Wesen gewöhnt hatte und jetzt überrascht erwartete, daß sie sich äußern würde, wandten sich unwillkürlich alle ihr zu, aber sie hatte nur nach langer Unbeweglichkeit das Bedürfnis, ihre Glieder zu regen, ihren Körper anders zu lagern, und als die Seide ihres Kleides sich sanft am Überzug des Sessels gerieben, rings um ihre Beine die Falten sich aufgelöst und neu gebildet hatten, war das behutsame, fast geheimnisvolle Geräusch ins Zimmer gedrungen. Das war alles, und es lag ihr ganz fern, sich zu äußern.

Eine Sekunde später allerdings spürte man, daß es nicht alles war, denn mit ihrer Bewegung hatte sich auch eine leise schwebende Wolke aus Duft von ihr gelöst, von ihrer Haut, aus ihren Haaren oder von dem aus seiner Ruhe aufgestörten Kleid, und hatte sich sachte ausgebreitet. Er war von starker Süße, undefinierbar aus vielerlei Süße gemischt, doch durch Beigabe von etwas Fremdem, Strengem ohne alle Süßlichkeit, von etwas Herbem, das allein für sich vielleicht nicht einmal gut gerochen hätte, wie etwas Verwelktes oder Fauliges, durch das aber die komplizierte Lieblichkeit fremdartig-faszinierend und doppelt ergreifend wurde. Nun ging, als Lebenszeichen, das an ihre Gegenwart erinnerte, ein zarter Hauch zu ihren Nachbarn und verschwebte rings im Kreis.

Stievensen neben ihr, ohnedies schon recht verwundbar und durch diesen Duftstoß sehr getroffen, konnte sich nicht enthalten, bewundernd über dieses Parfüm zu sprechen. Sie verriet ihm, daß sie es selbst zusammengestellt habe, und tatsächlich wars ja ihre Leidenschaft, die unzählige Nachmittage ihres Lebens in Anspruch nahm, aus fertigen Fabrikaten und allerlei Wässern, aus Essenzen, Extrakten und den ursprünglichen Ingredienzien, die ihr die Chemiker aus ihres Mannes Fabrik herbeizuschaffen hatten, mit unendlich vielen Versuchen, Experimenten und Proben, in unermüdlicher Arbeit und in immer lebendiger, prickelnder Lust, ihre Parfüms selbst zu mischen, für alle Gelegenheiten und Tageszeiten, in allen Nuancen, Abstufungen und Schattierungen zwischen schwarzroter Dämonie und hellblauer Lieblichkeit.

Umnebelt von dem Hauch und von seiner sanften Kraft bezwungen, fand Stievensen die Leistung der Frau Leonhardt, diese wahrlich vollkommene Mischung ohne jede Schulung oder Anleitung hergestellt zu haben, bewundernswert. Wer bringt denn, als Laie, so etwas noch zustande, ohne Schulung, ohne fachmännische Vorbildung, ein solches Produkt, das jedem Fachmann Ehre gemacht hätte! »Nein, nein«, sagte er, als sie abwehren wollte. »So etwas bringt man nicht zustande ohne Geschmack, ohne Nerven, ohne Fleiß, ohne Präzision, ohne Vorstellungsgabe, ohne Phantasie und Erfindungsgabe ? wie Sie sehen, gnädige Frau, im Grunde lauter Eigenschaften eines produktiven Menschen!« Er sah sie nicht nur bewundernd an, sondern auch schon versonnen, fast grübelnd, als dächte er: was mag noch in ihr stecken, in dieser Frau?, und vielleicht auch schon ängstlich bedenkend, daß er sich werde sehr zusammenreißen müssen, um ihr und ihrer offenbar sehr reichen Natur gewachsen zu sein.

So war für Stievensen der Abend reichlich ausgefüllt, die übrigen aber schienen sich zu langweilen, denn die Zusammenstellung der Gäste war nicht günstig, und manche sahen im geheimen auf die Uhr. »Nun!« rief Riedinger zu Stadel hinüber. »Was ist denn mit Ihnen? Sie enttäuschen mich! Sie sind heute schweigsam!« Ja, antwortete Stadel, er sei müde, er habe heute eine Verabredung nach der anderen gehabt und sei um so schlechter gelaunt, als er noch in der Nacht ein Rendezvous habe, das er nicht versäumen dürfe. Klodius wollte dem Hausherrn helfen und wandte sich höflich an Stadel, den er erst heute kennengelernt hatte, dessen Namen er aber kannte: ob man fragen dürfe, woran er augenblicklich arbeite.

»Ich arbeite«, antwortete Stadel in jenem selbstironischen Ton, der verbergen sollte, daß er wirklich dachte, was er sagte, »ich arbeite, indem ich bin, indem ich mich ausgebe und leuchte!«

»Oh!« machte Klodius, voll Verwunderung, als begreife er nicht recht die Form einer solchen Antwort, doch er faßte sich schnell und verbeugte sich respektvoll: »So haben auch Sokrates und Diogenes gelehrt!«

»Im übrigen arbeite ich an einem großen Werk!« rief plötzlich Stadel, sich anders besinnend, und aus seinem Gelächter, aus der lebhaften Breite, mit der er fortfuhr, war zu schließen, daß ihm etwas durch den Kopf geschossen war: »Da heutzutage die Frauen ihre Mission verleugnen, die große, reine, treue Liebe in die Welt zu bringen und zu vertreten, da sie vielmehr nur ihrem Vergnügen und dem des anderen Geschlechtes leben, ist eine gewisse Sorte von Damen, infolge dieser Konkurrenz, arbeits- und brotlos geworden. Ein schwerwiegendes soziales Problem! Doch ich sehe tiefer, ich sehe das seelische Problem, und darüber nun eben schreibe ich mein großes Werk unter dem Titel: Die sexuelle Not der Dirnen!«

Das war nun endlich ein Blitz. Riedinger lachte fast grölend. Seine Frau beobachtete ihn voll Angst; sie mochte sich erinnern, daß vor Wochen ein ebensolcher Abend mit jenem schreckenerregenden Herzanfall geendet hatte. »Prosit! Prosit!« rief er. Da er sein Glas hob, um die andern zu zwingen, ihm Bescheid zu tun, bemerkte Frau Riedinger, daß da und dort ein Kognakglas leer war. Sie rief ihre Tochter an, um ihr mit Blick und Wink zu bedeuten, sie möge sich doch ein wenig um die Gäste bekümmern. Blanche stand gehorsam auf und füllte die Gläser. »Hallo, hallo!« rief Riedinger, als er sie so erblickte. »Guten Tag! Guten Tag, Blanche! Schau an, schau an, meine Tochter! Ein Lebenszeichen von meiner Tochter!« Er lachte, doch aus seiner gespielten Überraschung und Lustigkeit drangen gar zu deutlich Ironie und Ärger hervor. Kein Zweifel, er war zornig wegen ihrer Schweigsamkeit und Gleichgültigkeit gegen die Gesellschaft, die nicht so recht in Schwung und Stimmung kommen wollte.

Blanche schien mit erzwungenem Lächeln nach einer Antwort zu suchen, doch sie besann sich anders und schwieg. Feding aber rührte sich. Er wünsche nur, knurrte er, daß die Lebenszeichen aller Menschen so vernünftig und freundlich wären wie dieses, das darin besteht, die leeren Gläser seiner Nebenmenschen zu füllen.

Stadel setzte nun tatsächlich an, über die Mission der Frau und der Frauenliebe zu sprechen. Frau Riedinger warf ihrer Nachbarin einen verzweifelten Blick zu; er könne, da er nun einmal dieses sein Steckenpferd hervorgeholt habe, nicht wieder von ihm heruntersteigen. Sonja aber unterbrach ihn bald und sagte, es sei nur teilweise richtig, was er da sage. Daraus entspann sich ein heftiger Disput zwischen den beiden, dem allerdings schnell Kern, Thema und alle Übersichtlichkeit verlorengingen, denn mehr, als daß der Sinn des Gesagten in den Verstand des Publikums gedrungen wäre, sprang die gegenseitige verbissene Abneigung der Debattierenden in aller Augen, die von Anbeginn eingewurzelte Überzeugung, daß der andere unrecht habe, nicht nur im ganzen, sondern auch mit jeder einzelnen seiner Behauptungen, das aufpeitschende Bedürfnis, einander unter allen Umständen zu widersprechen, so daß sie nicht mehr um einer Sache oder Idee willen zu streiten, sondern, wild von einer Idee oder Sache zur andern springend, den Kampf um des Kampfes willen zu führen schienen, ja, daß es kein Kampf mehr war, sondern eine Rauferei, bei der es den Beteiligten gleichgültig ist, ob sie den Gegner ins Schienbein treten oder in die Nase beißen, wenn sie ihn nur angreifen und treffen. Nur so viel war dem Wesen nach zu erfassen, daß Stadel zugunsten der Frömmigkeit und der Religion plädierte, wobei sein Pathos und die wilde Exhibition, mit der er von seinem eigenen Glauben und von Gott sprach, alle Scham verletzte und die Überzeugung begründete, daß er mehr von dem krampfigen Entschluß beseelt sei, an Gott zu glauben, als auch nur von dem leisesten Glauben selbst, geschweige denn von Demut vor dem Göttlichen, während Sonja von radikalen, sozialen Maßnahmen, von der Idee der Ökonomie und von globalen Lösungen sprach und, wenigstens aufrichtiger als er, tatsächlich von der alle Welten regierenden Allmacht der in Menschenköpfen hausenden Logik im allgemeinen und von der Tatsache überzeugt war, daß sie an ihr teilhabe.

Klodius schien gar nicht zuzuhören; er war, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, ganz in den Anblick Stadels vertieft, als versuchte er vergebens, diesen mit seiner aufgeregten Mimik und Gestik, seinem eiteln Geschrei und der ewigen Unruhe in seinem Innern ihm so fremdartigen Menschen nur ein wenig zu durchschauen und zu erfassen. Frau Riedinger beobachtete ihn von der Seite und neigte sich zu ihm. »Sie langweilen sich?« fragte sie, als bedauerte sie schon, ihn endlich nach dreißig Jahren in ihr Haus gebracht zu haben. Er schrak aus seiner Versunkenheit auf, doch er faßte sich schnell.

»Im Gegenteil!« antwortete er. »Schon einer der ältesten griechischen Dichter hat es gesagt: nichts ist süßer, als sich, nachdem man gesättigt worden ist, an Gesprächen zu ergötzen!« Sie nickte und lachte. »So sprechen Sie doch auch!« sagte sie und seufzte ein wenig auf. »Oder erzählen Sie wenigstens wieder eine hübsche Geschichte!« Oh, und auch er lachte auf, sie glaube wohl, daß ihm immer etwas einfalle. Ja, antwortete sie, das glaube sie wohl, doch er schüttelte den Kopf: für heute sei es zu Ende, er habe ja auch schon genug und recht viel gesprochen.

Ein Außenstehender, der nicht nur die beiden Duellanten beobachtet hätte, sondern, sich ein wenig zum Publikum des Publikums aufschwingend, auch die Zuhörer oder Zuschauer, hätte dabei erheitert sein können: denn so wie Klodius kein Auge von Stadel, so konnte Frau Feding, erstaunt, erschreckt und wie gebannt, kein Auge von Sonja wenden. Gewiß, Sonja war nicht hübsch, aber geradezu das Gegenteil hätte man auch nicht behaupten dürfen, gewiß, ihre Gestalt war zu gedrungen und ausladend, aber wenn man wohlwollend war, konnte mans eine gesunde Fülle nennen, es mochte also alles gerade noch hingehen. Wenn sie aber diskutierte, dann konnte gar nichts mehr hingehen, denn dann verlor sie schnell und augenblicklich alles, alles bis zum letzten Rest, was noch an Reiz der Frau und Jugend an ihr sein mochte, dann bildeten sich nämlich, während sie sprach, Falten im ganzen Gesicht, die sie entstellten, und wenn sie Idee und absolut, Problemstellung oder Fehlerkoeffizient sagte, dann riß sie auch noch in eigenartiger, unmäßiger Weise den Mund auf, wenn sie aber von der notwendigen Aufspaltung der Gesellschaft und von globalen Lösungen sprach, dann wurde sie in allen ihren Teilen und bis in alle Tiefen von atemraubender Häßlichkeit.

Der Kampf ging weiter. Theokopullos war bei der Schnelligkeit des Gesprächs und bei seiner mangelhaften Beherrschung der Sprache nicht in der Lage, sich an der Debatte zu beteiligen, und dokumentierte seine Parteinahme für Sonja nur durch atemloses Zuhören, durch eifriges Nicken, wenn sie sprach, und durch leidenschaftliches, zorniges Kopfschütteln, wenn Stadel sich äußerte. Als nach vielen Umwegen die Rede auf die Bauernkriege kam, als deren Grundlage der eine religiöse, der andere soziale Motive angesehen wissen wollte, und als sie sich, auf der Suche nach ihrem zeitlichen Verhältnis zum Beginn der Reformation, auch über die Jahreszahlen nicht einigen konnten, Sonja schließlich mit ihrer Behauptung recht behielt, der Höhepunkt der Bauernkriege sei im Jahre 1525 gewesen, und als da Stadel, in die Sackgasse gedrängt, verächtlich hinwarf, das habe sie schließlich doch nur gebüffelt oder gelesen, da barst er denn doch, Theokopullos nämlich, sprang wütend auf und schrie: »Sonja dabei sein gewesen unmöglich!«

Damit allerdings traf er den Nagel auf den Kopf, und im ganzen Raum brach lautes Gelächter los, dem man sich mit um so größerem Vergnügen hingab, als man das Bedürfnis hatte, sich ein wenig zu lösen. Stadel versuchte vorerst vergebens, es zu überschreien. Da man aber schließlich befürchtete, daß sich sein Ärger in einem Wutausbruch entladen könnte, beherrschte man sich und ließ ihn sprechen: »Ich überlasse die Jahreszahlen den Krämern und Vorzugsschülern! Es kommt darauf an, mit großem Blick die Übersicht zu haben! Die Sache liegt eben so!« Und er fuhr fort, er erwarte alles Heil von einer Erneuerung des Menschen, er setze seine Hoffnung auf die Hinneigung der Menschheit zu Gott, während sie, Sonja, und ihresgleichen auf soziale, das heißt im Grunde äußerliche Organisationsmaßnahmen ihre Hoffnung setzten.

Das war nun ungefähr eine Zusammenfassung, aber nach der Stimmung der Streitenden wäre deshalb noch nicht mit einem Ende der Diskussion zu rechnen gewesen. Doch bevor sie sich weiterstreiten konnten, fiel Klodius ein. »Hoffnung, Hoffnung!« sagte er nachdenklich und wie in einer freundlichen Erinnerung lächelnd. »Wenn ich dieses Wort höre, muß ich an Pandora denken, diese schauerlich schöne Frau, an die Unheil bringende Mission, die sie auf Erden hatte, und an Zeus, ihren zürnenden Vater.«

»Huhu!« machte Riedinger. »Der Donnerer und Blitzeschleuderer!«

»Sollte Ihnen«, sagte Frau Riedinger und lachte, »am Ende doch noch etwas eingefallen sein?«

»Nun ja«, antwortete er, »nur weil von der Hoffnung gesprochen wurde.«

»Nun also«, rief Riedinger. »Was wissen Sie Neues von Zeus?«

»Sie kennen ja alle«, begann Klodius zu erzählen, »der Pandora Geschichte und Schicksal: daß sie von Zeus, in seinem Zorn gegen das Menschengeschlecht, auf die Erde geschickt wurde mit jener berühmten Büchse, in der alle Greuel verborgen waren, und die sie in die Hände der Menschen zu bringen hatte. Es war alles in ihr verschlossen, was die Menschheit quälen, schmerzen und peinigen sollte ? nach anderen Überlieferungen übrigens war es ein ganzes Faß, was mir nach dem unermeßlichen Inhalt des Behältnisses durchaus plausibel erscheint, nun, Faß oder Büchse, der Inhalt des Gefäßes sollte über die Menschheit kommen als ihr ewiger Fluch, als Strafe für ihren Hochmut, für ihre Überheblichkeit, daß sie selbst hatten göttergleich werden wollen, als Strafe des obersten Gottes, des Vaters der Götter, der über all den andern thronte und sogar die Macht hatte, sie vom Himmel zu stürzen, also des gewaltigsten Gottes in seinem gewaltigsten Zorn! Um ihr Gefäß in die Hände der Menschheit zu spielen, hatte Pandora den von Ewigkeit zu Ewigkeit vorgeschriebenen Weg der Frau gewählt, die etwas erreichen will: sie machte einen Mann in sich verliebt, und obwohl er vor ihr gewarnt worden war, erlag er ihr und bekam ihre göttlich-höllische Mitgift. So also geschah das Unglück, und da der Deckel gehoben war, flogen alle Übel in die Menschenwelt: Krankheit, Seuche, Krieg, Kampf, Laster, Verbrechen. Und, wissen Sie, was ganz zu unterst lag, was Zeus auf den Boden des Gefäßes gelegt hatte, so daß es als letztes in die Welt flattern mußte? Als blutige Krönung die furchtbarste der Furchtbarkeiten? Als letztes Donnerwort das allerschrecklichste? Nein, sondern, unter allen zukünftigen Schmerzen verborgen, ein schmerzlinderndes Mittel, als Beigabe zu allen Schrecknissen, als Milderung für alle Leiden eben die Hoffnung! Denken Sie nur! Der mächtigste der Götter, beleidigt und bestohlen von den niedrigen, verachteten Menschengeschöpfen, die er, da ja schon unterm Zucken seiner Brauen die Berge erbebten, mit dem Runzeln seiner Stirn bis ans Ende aller Tage ganz und gar hätte vernichten und in die Tiefe schleudern können, der Donnerer und Blitzeschleuderer ? noch in seinem größten Zorn gegen die verachteten Feinde legt er zur Strafe gleich die Milderung, zum Fluch die Besänftigung! Man weiß nicht: ist es rührend oder erhaben? Ist es nicht, als ob auch die Allmacht besänftigt und gemildert wäre durch ein irdisches Herz? Ja, immer wenn von der Hoffnung gesprochen wird, erinnere ich mich daran.«

Als er schwieg, neigte sich Stievensen zu Frau Leonhardt: »Schön, nicht wahr?«

»Ja«, sagte sie, und er freute sich.

Doch es ertönte wieder Sonjas etwas grelle Stimme: »Es ist natürlich einerseits vielleicht ganz schön, aber andererseits müssen wir, die wir den Fortschritt der Menschheit im Auge haben, verlangen, daß realitätsfremde Märchen wenigstens heutig, aktuell und womöglich belehrend sind!«

»Gewiß, mein Kind, ich verstehe dich sehr gut«, antwortete Klodius freundlich, fast schüchtern, »aber ich habe es ja auch nur erzählt, weil es mir gerade eingefallen ist!« Er widersprach niemals seiner Tochter, ohne daß es jemals an den Tag gekommen wäre, ob er es deshalb unterließ, weil er sie für so klug und gescheit hielt, daß jeder Widerspruch unerlaubt gewesen wäre, oder deshalb, weil er überzeugt war, daß sie hoffnungslos und rettungslos dumm sei.

Frau Riedinger wandte sich an ihn: »Mein Gott, die Hoffnung, aber worauf bezog sie sich? Wohin zielte sie? Was sollte man erhoffen?«

Klodius wurde lebhafter. »Das ist eine ausgezeichnete Frage!« rief er, und nachdem bisher nur ein Spalt geöffnet gewesen, tat sich nun ein wenig die Tür auf, und es sprudelte aus ihm hervor: »Eine ausgezeichnete Frage! Und sie eröffnet große Perspektiven! Die Hoffnung kam zu der Menschheit gleich in ihren Anfängen ? ein Flügelschlag, und hinter uns Äonen! Sie kennen ja das Gedicht von Goethe, das mit dieser Zeile endet, es heißt Die Hoffnung, aber er hat es mit dem griechischen Wort für Hoffnung, ?????, betitelt und den Titel sogar noch in griechischen Lettern geschrieben, weil ihm der Begriff aus der griechischen Mythologie oder Urphilosophie gekommen war ? nun denn, die Hoffnung, im übrigen: der Fluch selbst kam, wie Sie sehen, auch hier, in dieser Schöpfungsgeschichte, schon in ihrer ersten Jugend über die Menschheit, auch hier durch ihre Neugier, auch hier durch eine Frau, auch hier durch ihre Verführungskunst oder, wie man es eben nehmen will, durch die Verführbarkeit des Mannes, wobei ein wesentlicher Unterschied allerdings dies ist, daß es an Eva genügt hat, überhaupt eine Frau zu sein, Pandora aber schon die schönste, ja, eine übermenschlich schöne Frau sein mußte ? ja, also, die Hoffnung kam mit dem Fluch schon in ihrer ersten Jugend zur Menschheit, und tatsächlich, Ihre Frage: Worauf bezieht sich die Hoffnung? ist ausgezeichnet, aber ich kann nur antworten: Auf gar nichts! Es ist nicht die Hoffnung auf eine bestimmte Erfüllung, nicht die Hoffnung auf Verwirklichung eines bestimmten Versprechens, auf ein Paradies, auf ein Jüngstes, unendlich gerechtes Gericht, auf ein allgemeines, der Menschheit winkendes Ziel, es ist vielmehr nur die Hoffnung als Bestandteil der menschlichen Seele, die Hoffnung als Tropfen, der das Getränk des Lebens zur Not genießbar macht, die Hoffnung als Illusion, Traum, Betrug und Selbstbetrug, nichts anderes. Das Geschenk bestand nur darin, daß der Gott den Menschen in seinen Leiden zu einem hoffenden Wesen machte ? in gar nichts anderem!«

»Mein Gott!« rief Frau Riedinger. »Wie traurig!«

»Gewiß, gnädige Frau, unendlich traurig, und doch ?!«

Nun aber sprangen endlich, nachdem sie sich längst darauf vorbereitet hatten, Sonja und Stadel ein, beide, jeder auf seine Art und in seiner Richtung, gegen diese wesenlose Hoffnung des einzelnen protestierend, die Sonja als zu privat und egoistisch verachtete. Nein, widersprach Stadel, deshalb dürfe man sie nicht verachten, sofern es jene Hoffnung ist, die der Glaube vorschreibt, aber, und darin stimmten sie wiederum überein, nicht gegenstandslos, nicht richtungslos dürfe sie sein, auf etwas hinzielen müsse sie, und er sprach fachmännisch von der Erlösung und sie im Tone des Messianismus von globalen Lösungen der ökonomischen Fragen.

»Man darf mich nicht«, sagte Klodius auflachend, »für Zeus verantwortlich machen, der im Werden der Zeiten der Menschheit kein anderes Trostgeschenk gesandt hat als dieses, der den Menschen keine Vorschrift gegeben hat, was sie zu hoffen, und keinen Wegweiser, wie sie ihre Hoffnungen zu verwirklichen haben, um für alle Zeiten und Ewigkeiten glücklich und selig zu werden. Denn sehen Sie, auch vor zwei- und dreitausend Jahren hat man an goldene Zeiten geglaubt, aber man verlegte sie in die unwiederbringliche Vergangenheit, in die ersten Tage der Menschheit, für die Griechen war das Paradies tatsächlich für immer verloren, während wir unsre goldenen Tage in die Zukunft versetzen ? und dies eben scheint mir einer der wesentlichsten Unterschiede zwischen den Jahrtausenden zu sein.«

»Ganz recht!« rief Stievensen. »Wir haben uns das Paradies in den Kopf gesetzt, wir sind versessen aufs Paradies! Aufs jenseitige und irdische! Aber zum Teufel damit! Es sieht ganz aus wie ein Lockmittel der Hölle, denn Millionen Jahre des Paradieses können die Leiden nicht wettmachen, die in den Kämpfen entstanden sind, aus dieser Erde ein Paradies zu machen!«

»Ich kenne nur die Erde und nicht das Paradies«, antwortete Klodius, »aber du magst recht haben. Die Alten waren grausam, weil sie hart waren und mitleidslos sein konnten, wir sind grausam um der glorreichen Zukunft der Allgemeinheit willen, also, wenn du es so sagen willst, aus Optimismus, um einer Idee willen, aus Rechthaberei, um einem Prinzip zum Sieg zu verhelfen. Jene hatten die Wut und die Kampflust, wir haben den Radikalismus ?. Aber, mein Gott, wohin sind wir gekommen! Sie werden wieder mit mir unzufrieden sein«, wandte er sich an Frau Riedinger. »Lassen wir Grausamkeit, goldene Zeiten und Hoffnung! Wir wollen lieber voll Dankbarkeit feststellen, daß uns außer dieser Hoffnung denn doch noch so manche andere Geschenke gemacht worden sind!«

»Zum Beispiel die Kunst!« sagte Stievensen halblaut zu Frau Leonhardt.

»Zum Beispiel die Liebe!« schrie Stadel.

»Zum Beispiel der Alkohol!« rief Riedinger. »Prosit! Prosit!«

»Und zum Beispiel die Schönheit«, fügte Stievensen noch leise hinzu.

Man nahm die Gläser, allerdings nur, um Riedingers Aufforderung zu folgen und dann zu nippen. »Das war wenigstens ein gutes Ende!« rief er aufgeräumt, froh über den kleinen Rummel, der entstanden war.

Frau Riedinger benützte die allgemeine Bewegung, um ihre Tochter zu sich heranzuwinken. Blanche stand auf und trat zu ihr. »Hör einmal!« sagte Frau Riedinger lächelnd, indem sie Blanche zu sich herunterzog. »Du solltest dich ein wenig mit Frau Leonhardt unterhalten, sonst zankt wieder der Vater, daß wir sie ignoriert haben!«

»Gut!« antwortete Blanche. »Ich werde mich nachher zu ihr setzen.« Sie wandte sich wieder, um zurückzugehen.

»Bleiben Sie doch bei uns! Es ist Platz genug!« sagte Frau Feding und rückte ein wenig zur Seite, aber Blanche hörte es nicht mehr und schlängelte sich zwischen den Stühlen zu ihrem Platz. Zugleich hatte Riedinger dem jungen Mann, der Bum genannt wurde, nochmals lustig auf den Schenkel geklopft: nun solle aber auch er endlich etwas sagen, er solle erzählen, was er von all dem denke, man wolle doch schließlich auch seine Stimme hören, man habe, und er wies vorwurfsvoll auf Feding, an einem Schweiger und Brummbären genug. Er ließ keine Ruhe, denn er versprach sich offenbar, durch diesen Vertreter der fast jüngsten Generation neue Töne, neue Anregung in die Gesellschaft zu bringen ? nur heraus mit den geheimen Gedanken, Himmeldonnerwetter, er dulde es nicht, daß da in seinem Haus den ganzen Abend ein junger Mann sitzt und, nur, weil er der jüngste ist oder aus Schüchternheit oder Bescheidenheit, schweigt. Riedinger aber war im Irrtum, Bum schwieg weder aus Schüchternheit noch aus Bescheidenheit, denn als er dann endlich sprach, tat er es voll Ruhe und ungestörter Sicherheit. »Nun also, nun also!« munterte ihn Riedinger auf, und alle sahen schon wartend auf ihn.

»Ich weiß nicht«, sagte Bum. »Ich weiß nicht: wozu ist das alles?«

»Was?« fragte Riedinger, was er denn darunter verstehe: das alles.

»Nun«, antwortete Bum. »Ich meine: das alles, worüber gesprochen wurde. Wozu ist das alles?« und er sah sich, Auskunft verlangend, um, doch da man ihm noch nicht antwortete, fuhr er fort: »Ich weiß, das ist Bildung und so, aber warum ist das?«

»Mein Lieber«, sagte Riedinger, »Sie müssen deutlicher sein, wir verstehen Sie nicht recht.«

»Ich meine«, fuhr also Bum fort, »wozu ist das? Ich meine, wozu weiß man, daß die Griechen gemeint haben, daß die Pandora, oder wie sie heißt, alle Übel auf die Erde getragen hat? Oder daß Goethe ein Gedicht geschrieben hat und daß er es von den Griechen her hatte? Ich meine, warum wird untersucht, ob er es meinetwegen von den Chinesen oder Griechen her hat? Ich meine, was habe ich davon, wenn ich weiß, daß er es von den Griechen her hat? Ich weiß, Kunst und so, aber wozu ist das, daß einer ein Gedicht schreibt, wenn er eine Hoffnung hat oder einen Sonnenuntergang sieht, und dann schreibt man noch darüber. Wozu ist das zum Beispiel, daß man herausfindet, ob die goldenen Zeiten in der Zukunft oder Vergangenheit liegen? Was habe ich davon, wenn ich weiß, daß vor drei- oder fünftausend Jahren ein Gauner von einem Berg heruntergeworfen wurde und man Geflügel an ihn gehängt hat? Ein Flügelschlag und alle Äonen hinter uns ? ich meine: wozu ist das? Ich weiß, Symbole und so, aber was habe ich von Symbolen und Allegorien und wie das alles heißt? Oder zum Beispiel: der Unterschied zwischen Altertum und Christentum oder Klassik und Romantik oder Glaube und Organisationsmaßnahmen, oder ich weiß nicht was, also zum Beispiel der Unterschied zwischen wissenschaftlicher und philosophischer Weltanschauung oder Betrachtungsweise. Ich weiß, Geist, Intelligenz und so, aber ?. Schon im Gymnasium lernt man alle möglichen Sachen, Lateinisch und so, Algebra und was ein Plato gedacht hat, oder lang und breit, ob die Französische Revolution gut oder schlecht war und so, wovon man doch gar nichts hat und die einem doch gar nichts helfen und so ? ich weiß nicht, wozu ist das alles? Warum denkt man darüber nach? Was habe ich davon, wenn ich es weiß?«

Er schwieg und wartete auf Auskunft, aber auch die anderen schwiegen. Frau Riedinger sah von einem zum andern. »So antworten Sie doch!« rief sie.

»Aber gnädige Frau«, sagte Klodius sanft. »Die Antwort erübrigt sich doch! Der junge Herr fragt, was er davon hat. Nun, es ist doch mit einem Wort geantwortet: nichts! Denn sonst würde er doch nicht fragen.«

Die blitzenden Augen Stievensens, der Bum mit vorgeschobenem Kopf angestarrt hatte, sein sich rötendes Gesicht, sein sich schon öffnender Mund ließen darauf schließen, daß er vor einer Explosion stand und daran war, mit dröhnendem Gelächter loszubrechen, doch er hielt noch rechtzeitig an sich, legte den Finger vor den Mund und flüsterte: »Und was haben Sie davon, wenn Sie wissen, daß Kickers Liverpool gegen Victoria London vier zu eins gewonnen haben?«

Bum staunte über diese Frage, und fast belehrend, mit erhobener Stimme, gab er die Antwort: »Sehr viel habe ich davon! Denn es interessiert mich!«

»Durchaus logisch!« hauchte Stievensen. »Ich danke!« Doch Frau Riedinger sah, fast zornig, ob niemand denn ernstlich antworte, wieder von einem zum andern, auf ihren eigenen Mann, der aus irgendeinem Grunde strahlte, auf Stadel, der in seinem Sessel hingelümmelt, nur grinste, auf Feding, der sich nicht regte, und auf Klodius, der mit geradezu leidenschaftlicher Neugier in den Anblick des jungen Mannes vertieft war. Schließlich versuchte sie es selbst und wandte sich an Bum, hilflos nach Worten suchend: »Aber es geht doch darum, was wir sind, es geht doch um unsere Welt, in der wir leben, um das, was unsere Welt hervorbringt ?.«

Doch sei es nun, daß sich Bum durch ihr kaum verhehltes Entsetzen angegriffen fühlte, oder daß er jetzt erst begann, ganz aus sich herauszutreten, er näherte sich der Grenze der Grobheit, als er sie voll Aggressivität unterbrach, ihre Worte fast persiflierend: »Bei der Fabrikation von Pantoffeln geht es auch um unsre Welt, in der wir leben und was sie hervorbringt, und sie interessiert mich doch nicht!«

Man erschrak, denn es offenbarte sich in ihm ein Haß. Nun hatte sich aber Sonja längst gerüstet, ihm zu antworten, und ergriff jetzt das Wort. Es sei natürlich einerseits ganz richtig, daß es viel totes Wissen gebe, andererseits brauche man ein gewisses Wissen zur durchdachten Gestaltung des ?. Doch Stadel unterbrach sie, indem er aufstand, mit ausgestrecktem Arm und Finger nach ihr hinwies und schwärmerisch ausrief: »Ein intelligentes Kind ?! ? Aber ich muß gehen!« Und er begann mit plötzlicher Hast, sich zu verabschieden, nachdem er wahrscheinlich vorher im geheimen auf die Uhr gesehen hatte.

Riedinger war außer sich über den Aufbruch seines Lieblings, und tatsächlich, es sah fast so aus, als wäre Stadel, als letzter, nur gekommen, um zu essen, sich auszuruhen und, als erster, wieder wegzueilen. »Ich muß gehen, ich muß gehen!« rief er, schon stehend und im Triumph rings im Kreise sehend, und als könnte man mit demselben Blitze zweimal leuchten, lachte er schallend auf: »Sie wissen! An die Arbeit! Über die sexuelle Not der Dirnen!« Aber jetzt war es nur noch Riedinger, der mit ihm lachte. Was blieb ihm auch anderes übrig! Er war heute ohnedies nicht auf seine Kosten gekommen, und als er nachher die Bilanz des Abends zog, mußte er feststellen, daß Stadels Witz eigentlich nur einen einzigen Pfeil abgeschossen hatte.

Manche der Gäste wollten sich ihm anschließen und erhoben sich, aber Riedinger protestierte mit solcher Wildheit gegen diese Absicht, daß sie noch ein Viertelstündchen zugaben, um so mehr, als Stadel sich schon von ihnen allen summarisch verabschiedet hatte und jetzt voller Eile nur den Hausleuten auch die Hand reichte. Er dankte Riedinger nochmals für die herrliche Kriminalgeschichte, Frau Riedinger für das herrliche Abendessen. »Und Sie, mein Kind?« fragte er Blanche, da an sie die Reihe kam. »Wofür soll ich Ihnen danken? Was haben Sie also auf dem Herzen?«

»Aber wieso denn?« fragte Blanche zurück und wurde rot.

»Leugnen Sie nicht!« rief er. »Mir entgeht nichts! Ich sehe in die Herzen! Aber Sie wollen sich mir nicht anvertrauen? Gut! Ich hätte jetzt ohnedies keine Zeit! Auf Wiedersehen!« Noch in der Tür wieder auf die Uhr schauend, stürzte er davon.

Man blieb stehen, und froh, den starren Kreis um den Tisch aufzulösen, verzog man sich allmählich ins Nebenzimmer, einen abgestorbenen Louis-Seize-Salon, dessen Farben ermattet, dessen Tapeten verblichen waren und dessen Seidenüberzüge in nicht zu langer Zeit anfangen mußten, zu verschleißen.

Da sich auch Frau Leonhardt rührte und erhob, umwogte Stievensen abermals der Geruch von schwellender Süße, der Atem eines Blumenstraußes mit der einen fauligen Blüte, der Duft aus Leidenschaft, Sanftheit und Herbheit, und da sie neben ihm langsam in den andern Raum ging, wars, wenn unter der leise wallenden Seide des Kleides ihr Bein einen Schritt tat, als rauschte in der Ferne der Wind durch einen Wald. Ob es denn wirklich, fragte er, als sie sich gesetzt hatten, endgültig entschieden sei, daß sie morgen abreise. Ja, antwortete sie, es sei endgültig entschieden. Wann sie wiederkomme? Sie sagte: »Im Herbst.«

»Mein Gott! Im Herbst!« rief er aus, was er doch für ein Unglück habe, klagte er, heute erst habe er sie kennengelernt, und morgen schon fahre sie weg, wirklich, er habe Unglück; aber, fuhr er fort, sie werde schon sehen, eines Tages tauche er dort auf, in ihrem Nest; als sie aber erschrocken zu ihm aufschaute, lachte er auf und nahms selbst nur als Scherz. Doch im Ernst, sprach er weiter, wenn er nicht einen so heillosen Respekt vor ihr und ihrem Urteil hätte, würde er sie fragen, ob er ihr schreiben dürfe, aber leider sei er ein elender Briefschreiber, er werfe immer nur hin, was er denke, naiv und drauflos, aber sie scheine zuviel von Literatur und also von Stil zu verstehen, und würde nur eine schlechte Meinung von ihm bekommen.

Ach nein, sagte sie, aber es sei so, daß sie mit niemandem korrespondiere, sie finde dafür gar keine Zeit. Er zog betrübt seinen Versuchsballon ein und stand schon im Leeren, dann aber begann er von neuem: da es nun einmal nicht zu ändern sei, daß sie morgen wegfahre, so müsse sie ihn wenigstens dadurch trösten, daß sie sich noch für ein Stündchen mit ihm in eine Bar setze, damit man noch etwas plaudern könne, aber sie lehnte voller Entschiedenheit ab, ja, mit Entsetzen, denn sie müsse morgen ohnedies schon um eine Stunde früher aufstehen als sonst. Nun wußte er gar nicht mehr weiter. Wie ein Mensch, dem es nun klar geworden ist, daß er sich auf einen falschen Weg verirrt, in Phantasien verloren hat, sah er ernst und nachdenklich auf sie herab und kam um allen Elan.

Schade, sagte er nur noch als müden Übergang, er hätte gern noch ein wenig mit ihr geplaudert, und dann fragte er sie, ob sie einen direkten Zug habe und ob im Zug ein Speisewagen sei. Ja, sie habe einen direkten Zug, und einen Speisewagen habe sie auch. Wann der Zug abfahre, wie lange sie fahre, ob sie eine Platzkarte habe, fragte er sie, und sie gab auf diese und alle folgenden Fragen wahrheitsgemäße Antworten. Dem Gespräch war alle Seele abhanden gekommen, und es blieben nur noch klapprige Worte. Mit gerunzelter Stirn dachte er nach und schien zu befürchten, daß ihm nichts mehr einfallen werde, aber als er sich umsah, nahm er wahr, daß ohnedies der allgemeine Aufbruch bevorstand. Da fragte sie ihn, und es geschah zum erstenmal im Laufe des ganzen Abends, daß sie es war, die ein Thema anschlug, sie fragte ihn, ob er gern ins Theater gehe. Gewiß, antwortete er, sehr gern, aber wie sie denn jetzt darauf komme. Weil sie selbst, erklärte sie ihm, auch sehr gern ins Theater gehe, aber allein dort zu sitzen, sei ihr lästig, und ob er sie nicht einmal begleiten möchte, wenn sie im Herbst wiederkomme.

Es dauerte eine lange Sekunde, ehe er antwortete. Aber selbstverständlich, rief er dann, und mit rasender Kraft und Schnelligkeit strömte wieder Luft in ihn ein. Er sprach von Stücken, die im Herbst gespielt werden sollten, von Sängern und Schauspielern, die sie sehen und hören müsse, er werde mit ihr gehen, so oft sie wolle, und womöglich noch öfter, und sie solle ihm, bevor sie komme, schreiben, damit er beizeiten die Plätze besorge. Das sei nicht nötig, sagte sie, aber sie werde ihn nach ihrer Ankunft anrufen. Da müsse sie sich doch aber auch seine Nummer notieren, und ob er sie ihr aufschreiben solle. Nein, sagte sie, sie tue es selbst, und holte aus ihrer Handtasche eine Art von zierlichem Portefeuille aus zartgrauem, von Gold eingefaßtem Wildleder hervor, das mit einem Notizbuch verbunden war. Er nannte ihr seine Adresse und Nummer.

Sie entnahm der Brieftasche ein Bild. »Das ist unser Haus«, sagte sie und reichte es ihm, und während er es betrachten sollte, blätterte sie spielerisch im Notizbuch und schrieb, auch wie mit dem Bleistift nur spielend, neben die Adresse einer Monogrammstickerin, die kein Telephon hatte, seine Nummer. Hinter dem Bild versteckt, schielte er von der Seite auf sie nieder, auf ihre Hand und das Blatt des Büchleins.

»Ein prachtvolles Haus!« sagte er laut und gab ihr die Photographie zurück. »Und der Garten muß herrlich sein! Hier, das scheinen ja uralte Bäume zu sein! Und diese Allee!« Als hätte ihn der Anblick des Hauses und des Gartens mit Glück erfüllt, strahlte Licht und Freude aus seinem ganzen vollen und kräftigen Gesicht.

Blanche trat zu ihnen, und er erhob sich, um ihr seinen Stuhl zu überlassen. Endlich, sagte er freundlich, sehe er Blanche aus der Nähe, aber auch ihre Stimme habe er den ganzen Abend über nicht gehört, ob ihr etwas fehle, ob sie vielleicht eine Migräne habe, sie sehe fast so aus. »Ja«, sagte Blanche, »ich habe Kopfschmerzen.« Sie setzte sich nieder, um sich, wie sie es versprochen hatte, mit Frau Leonhardt zu unterhalten. Er wolle nun auch die Hausfrau aus der Nähe sehen, sagte Stievensen und zog sich zurück. Sie bedauere es, begann Blanche das Gespräch, daß sie Frau Leonhardt so wenig gesehen habe, und Frau Leonhardt antwortete, daß es auch ihr sehr leid tue. Wie sie die ganze Zeit hier verbracht habe, fragte Blanche; sie habe sehr viele Besorgungen zu machen gehabt, antwortete die andere. Ob sie auch im Theater und in Konzerten gewesen sei, erkundigte sich Blanche weiter. »Sehr wenig«, sagte Frau Leonhardt. Blanche suchte nach neuen Themen. Jetzt freue sich Frau Leonhardt wohl, meinte sie, wieder nach Hause zu kommen. »Ja«, sagte sie. Ob sie gern dort lebe, in der kleinen Stadt. »Doch!« antwortete sie. Ob sie sich nicht langweile, fragte Blanche, und wie sie all die Zeit dort verbringe, und Frau Leonhardt antwortete: »Ich lese sehr viel, und der Haushalt gibt viel Arbeit.«

Blanche wußte nicht weiter und sah vor sich hin. Bald vergaß sie, nach neuen Gesprächsstoffen zu suchen, und schließlich vergaß sie überhaupt die Anwesenheit der anderen, und die beiden Frauen saßen schweigend nebeneinander.

Endlich begannen alle Gäste, sich zu verabschieden. Da sich auch Feding aus dem tiefen Lehnstuhl, in dem er ganz versunken und versteckt gewesen war, erhob und aufrichtete, wurde man erst eigentlich seiner Existenz gewahr. Riedinger, ohnedies enttäuscht, daß man schon wegging, kam auf ihn zu. »Wirklich«, sagte er wütend, »sehr amüsant warst du heute! Sehr amüsant!«

Feding schüttelte den Kopf und betrachtete ihn staunend einige Sekunden, als dächte er: Was willst du nur? Was willst du nur mit deinem ewigen Lärm? Dann aber legte er ihm freundlich die Hand auf die Schulter. »Nächstens, mein Lieber«, sagte er, »werde ich vielleicht unterhaltender sein. Gute Nacht!« Er ging zu Frau Riedinger hinüber, um auch ihr sein Gute Nacht zu sagen; doch sie hielt ihn auf. »Was sagen Sie nur«, fragte sie, als sie allein waren, zu Blanche?«

»Ja, es ist schrecklich«, antwortete er, »es geht ihr immer alles so ganz an den Nerv, aber die Szene heute mittag war auch gar zu widerlich. Sie sehen, daß sie sogar mich ganz verdrießlich gemacht hat.«

Frau Riedinger schüttelte den Kopf: »Ach nein, das allein kann es doch nicht sein!«

»Sie hat sich«, fuhr er fort, »in die Sache verbissen, und wer ist nicht mißmutig, wenn er eine Niederlage erleidet! Lassen Sie die Affäre abgeschlossen sein, und alles ist gut!«

»Ach nein!« widersprach sie. »Sie wollen mich nur trösten. Ich habe große Sorgen um sie. Der größte Teil des Lebens steht ja noch vor ihr. Mein Gott ?!«

»Nun, wir wollen überlegen«, meinte er, »ob wir ihr nicht mit irgendeiner Überraschung oder einem Geschenk eine Freude bereiten könnten, um sie abzulenken. Ich dachte schon daran, ihr ein Geschenk zu machen, indem ich sie einlade, auf meine Kosten eine schöne Reise zu machen.«

»Ein guter Gedanke!« antwortete Frau Riedinger. »Ich habe überlegt, ob es ihr Vergnügen machen würde, wenn wir ihr hier ihr Zimmer neu einrichten, da sie doch jetzt, vorläufig wenigstens, mehr zu Hause sein wird. Es ist ja tatsächlich schon alt und nicht hübsch.«

»Hm. Ich weiß nicht, sie würde es ja doch immer wieder mit ihrem geliebten Atelier vergleichen.«

»Möglich. Mein Gott, es ist schwer. Ich habe große Sorgen. Wie soll sie das Leben zu Ende leben? ? Im übrigen, wie wärs, wenn man einen Kunsthändler dazu bringen könnte, ihre Bilder auszustellen? Es würde sie ja doch vielleicht freuen.«

»Nicht schlecht!« antwortete er und lachte leicht auf. »Nicht schlecht! Und dann in die eine oder andere Zeitung eine günstige Kritik lancieren! Nicht schlecht, nicht schlecht! Aber gute Nacht!« Er hatte bemerkt, daß sie schon allein im Zimmer waren. »Wir sprechen morgen weiter darüber! Jetzt gute Nacht! Meine Frau jammert sicherlich schon nach mir!«

Sie gingen in die Halle, wo tatsächlich Frau Feding schon ihren Mann vermißt hatte. Blanche trat zu ihrer Mutter, nach einer Minute aber kam Feding nochmals heran, um sich auch von ihr zu verabschieden. Sie solle schleunigst zu Bett gehen, sagte er, sich ausschlafen, um für die morgige Operation ausgeruht und gerüstet zu sein. Nein, antwortete Blanche, sie könne noch nicht schlafen gehen, denn sie müsse noch weggehen, ins Atelier. »Jetzt?« rief er und sah erstaunt auf sie und dann auf Frau Riedinger. »Ja«, sagte diese, »Blanche hat es mir eben gesagt, daß sie noch ins Atelier gehen muß ?.« Blanche fügte hinzu: »Gisela komm hin, mir helfen, damit morgen alles vorbereitet ist.«

»Eine bessere Zeit«, sagte Frau Riedinger ärgerlich, »konnten sich die beiden wohl nicht aussuchen!«

»Gisela«, verteidigte sich Blanche, »hatte heute nicht anders Zeit, und morgen hat sie überhaupt keine!«

»Nun, dann werde ich dich hinbringen«, knurrte Feding, »ich nehme ohnedies einen Wagen. Doch, doch!« beharrte er, als sie widersprechen wollte, aber sie solle erst fünf Minuten nach den anderen hinuntergehen, sie würden ja sonst wer weiß was denken, er werde inzwischen die übrigen Leute losgeworden sein, und sie dann unten erwarten.

In der Halle gabs ein gewisses Gedränge, und jetzt zum Schluß wurde es lebhafter, und die Stimmen schallten. Riedinger klagte, daß man schon aufbreche, es sei noch sehr früh. »Sehr früh?« wiederholte Klodius, während er den Mantel anzog. »Wissen Sie, da gibt es eine der schönsten und geistreichsten Geschichten. Als einmal Plato Gäste hatte ?«, doch seine Tochter rief dazwischen: »Ach, jetzt kommen wieder die Griechen oder die Mythologie!«, und er brach ab.

»Lassen Sie doch Ihren Vater erzählen!« sagte Frau Riedinger, und ihr Ton war nicht weit davon entfernt, die Höflichkeit zu verletzen.

Da ertönte Stievensens volle, ungedämpfte Stimme, und er rief befehlend: »Erzähle eine Geschichte!« Ja, rief man von allen Seiten, er solle erzählen, und sogar Frau Fedings zarte und schüchterne Stimme war zu hören, als sie sagte: »Erzählen Sie doch, Herr Professor!«

Nach vielem Lärm und Hin und Her sah Klodius, unbeirrt in seiner Freundlichkeit, lachend ein, daß er wenigstens halbwegs werde nachgeben müssen. Nein, nein, sagte er, seine Tochter habe ganz recht, es sei eintönig, immer nur über die Griechen zu sprechen, er habe es ja schon zur Genüge getan, da man ihn aber nun einmal hören wolle, schlage er einen Kompromiß vor: man solle ihm erlauben, etwas anderes zu erzählen, obwohl er bei allen Göttern schwöre, daß er nicht wisse, was es sein könnte. Gut, rief man, und Stievensen ? seit seinem letzten Gespräch mit Frau Leonhardt war eine strahlende Laune über ihn gekommen, und er hatte etwas von einem glücklichen übermütigen Kind, das sich austoben muß ?, er donnerte, daß es dröhnte: »Erzähle! oder ich fange an, bitterlich zu weinen!«

Man lachte über ihn und sah Klodius neugierig an. Wahrscheinlich erwartete der oder jener, daß er nun etwas Beziehungsreiches, irgend etwas irgendwohin Zielendes zum besten geben würde, aber er sah nur in die Luft und wartete tatsächlich, was ihm einfallen würde, und wirklich, plötzlich leuchtete er auf, sein Gesicht erstrahlte, und er war schon entschieden: »Ja, es ist gestern etwas passiert, es ist eine Winzigkeit, weder antik noch modern, ohne jede Pointe, ein winziges Sternchen, das Ganze sozusagen nur mit der Lupe zu sehen, aber ich hoffe, Sie werden einsehen, wie entzückend es ist. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß ich eine Katze habe, ja, eine Siamesin. Kennen Sie siamesische Katzen? Sie sind beige bis braun, mit weißem Hals, schwarzer Maske, schwarzen Ohren, schwarzem Schwanz, schwarzen Füßen wie schwarze Pantöffelchen und mit hellblauen Augen. Sie ist das wildeste und zugleich zärtlichste und liebebedürftigste Tier. Nun also, gestern abend war ich allein zu Haus, meine Tochter war in ihrem Verein, um einen Vortrag zu halten, und das Mädchen hatte Ausgang. So habe ich selbst mein Abendessen aus der Küche geholt und mir bei der Gelegenheit noch ein Ei hart gekocht, das dort vorbereitet war. Die Katze saß neben mir auf dem Fußboden und wartete, denn sie weiß, daß sie von meinem Abendessen immer etwas abbekommt. Aber gerade in dem Augenblick, da ich das Ei aus dem Wasser hebe, läutet im Zimmer das Telephon. Ich wußte nicht, wohin mit dem heißen Ei, und lege es in der Eile auf einen Sessel, der neben dem Herd steht, und laufe ins Zimmer. Ich habe ziemlich lange gesprochen, wie ich dann aber in die Küche zurückkomme, sehe ich zuerst das Ei nicht, ich suche es, wo habe ich es denn hingetan? denke ich ? dann aber, was, glauben Sie, sehe ich? Die Katze liegt auf dem Stuhl, preßt mit den beiden Vorderpfötchen das warme Ei an ihre Brust, schaut mich aus ihren großen blauen Augen an ? und schnurrt! War das ein Bild! Ist das nicht reizend?«

Ja, das müsse reizend gewesen sein, rief man, lachte, war zufrieden und freute sich über sein Entzücken, das bei der Erinnerung wieder über ihn gekommen war.

»Ich kenne die Bestie!« rief Stievensen. »Sie ist tatsächlich das charmanteste aller mörderischen Ungeheuer und ?«, doch er unterbrach sich, denn er hatte, während er sich umsah, mit einem Mal den schmächtigen Theokopullos neben sich entdeckt, und schon neigte er sich mit wild gerunzelter Stirn zu ihm. »Entscheiden Sie sich!« drohte er ihm und zielte mit dem Finger nach seiner Brust: »Apoll oder Dionysos?« Theokopullos hob den Zeigefinger und antwortete belehrend und offenbar sehr stolz auf seinen Gedanken: »Gemischt!« Er wandte sich aber sofort an Sonja und fragte sie: »Nicht? Goldenes Mitte ??« Sie antwortete auch, und dadurch wurden alle Blicke auf sie gelenkt, aber man hörte ihr nicht zu, sondern schaute sie nur an, Frau Riedinger runzelte frappiert die Stirn. Frau Fedings Gesicht erstarrte für eine Sekunde mit offenem Mund, und Stievensen schaute fassungslos auf sie herab. Inzwischen nämlich hatte Sonja ihre Mütze aufgesetzt, tatsächlich ein erschreckendes Ding aus blauem Tuch, rund, flach und platt wie ein Teller, aber vom Umfang einer Schüssel, mit einem roten Wollknäuel oder -kügelchen auf dem Scheitel, eine Kopfbedeckung, die mit ihrer Kindlichkeit in horrendem Gegensatz zu der großen Hornbrille mit den dicken Gläsern stand und über ihrem runden Gesicht geradezu grotesk und lächerlich wirkte. Es war unmöglich, über sie hinwegzusehen, und von dieser Mütze, die Sonja keineswegs als erste, beste gekauft haben dürfte, die sie vielmehr ausdrücklich gesucht haben mußte, da sie, außerhalb aller Mode, weder in einer Auslage gelegen, noch auch ein Verkäufer sich getraut haben konnte, sie ihr anzubieten, von dieser Mütze also, diesem Ungeheuer, ausgehend, könnte man eine ganze Psychologie aufbauen, doch es würde zu weit führen, denn zuerst müßte die Frage geklärt sein, ob Sonja sie schön fand oder ob Theokopullos Sonja schöner fand, wenn dieser Kuchen auf ihren Kopf geklatscht war, oder aber ob am Ende, wenn weder dies noch jenes zutraf, das Bekenntnis zur Häßlichkeit zu ihrer Weltanschauung gehörte.

Riedinger klagte, jetzt, wo es so recht lustig werde, laufe man davon, es sei doch wirklich noch sehr früh. Sehr früh! lachte man auf, das sei ja das Stichwort für Klodius ursprüngliche, nicht erzählte Geschichte von Plato gewesen, er solle auch sie noch erzählen. »Genug, genug!« lachte er. »Nächstens, nächstens!«, schüttelte schnell den Hausleuten nochmals die Hand und floh. Nach ihm gingen auch die anderen, aus dem Hausflur drang noch Stievensens Stimme: »Erzähl die Geschichte von Plato oder ich ermorde dich«, und so endete die Gesellschaft schließlich doch mit einer gewissen Heiterkeit.

Feding beeilte sich, den anderen zuvorzukommen; er wußte es so einzurichten, daß er ohne Begleitung blieb, ging mit seiner Frau zum nächsten Autostandplatz und fuhr zurück, um Blanche abzuholen.

Die Fahrt verlief trübe. Frau Fedings Versuche, eine Unterhaltung zu führen, die wenigstens die Zeit hätte ausfüllen können, schlugen nicht an, und zaghafte Bemühungen ihres Mannes, hier und da mit einem Scherz die Stimmung zu beleben, wurden gar nicht zur Kenntnis genommen und übergangen. Da der Wagen in der schmalen Gasse, in der die Gartenpforte zum Atelier lag, nicht hätte wenden können, hielt er nur an ihrem Eingang. »Soll ich dich hinbringen?« fragte Feding, als sich Blanche hastig aus dem Wagen drängte.

»Aber warum denn!« fragte sie unwillig und fast erschrocken zurück, ob sie denn die wenigen Schritte nicht allein tun könne. Frau Feding fragte noch: »Ob Gisela wohl schon hier ist?«

»Sicher wartet sie schon!« rief Blanche und hielt ein, dann fügte sie schnell hinzu: »Glücklicherweise muß sie nicht auf der Straße warten. Sie hat auch einen Schlüssel!« Sie streckte nur blindlings die Hand ins Innere des dunkelen Wagens, so daß die beiden nach ihr tasten mußten, um sie zu fassen, und eilte davon, schattenhaft im schmalen, finsteren Gäßchen und schnell verschwindend, aber ihre laufenden Schritte hallten noch zurück, als sie selbst schon in der Dunkelheit zwischen den von Zweigen und Laubwerk überhangenen Mauern unsichtbar geworden war. Feding und seine Frau horchten ihr nach, in die Schwärze der schmalen Schlucht, bis die Schritte einhielten, weil sie bei der Pforte angelangt war.

Ob er schon jemals, rief Frau Feding, als sie weiterfuhren, ob er schon jemals so etwas Närrisches gesehen habe, ob sich denn die beiden, Blanche und Gisela, wirklich keine bessere Zeit hätten aussuchen können. Ja, knurrte er ärgerlich, er liebe auch nicht diese Extravaganzen, aber es sei eben so, erklärte er ihr, daß heute Gisela nur jetzt in der Nacht Zeit übrig habe, und morgen würde sie überhaupt keine haben. Sie fuhren schweigend nach Haus. Aber sie finde, begann dann Frau Feding von neuem, sie finde es nicht schön von Gisela, daß sie in diesen zwei Tagen, wenn schon Blanche in solch entsetzlicher Stimmung sei, nicht mehr Zeit für ihre Freundin habe, und vor allem nicht eine vernünftigere Zeit. Allerdings, antwortete er, das finde er auch, übrigens, fuhr er dann fort, es sei ein scheußlicher Abend gewesen, trotz Stievensen und Klodius, die er beide gern habe. Ja, stimmte sie zu, es habe ihr auch gar nicht gefallen.

Als sie zu Hause angelangt waren, kündigte Feding seiner Frau an, daß er noch ein Glas Wein trinken werde, er denke gar nicht daran, in dieser Laune schlafen zu gehen. »Schon wieder?« fragte sie vorwurfsvoll, und tatsächlich, vor vier Tagen war es eine gewisse Nervosität, vor drei Tagen seine enorme Wachheit gewesen, die ihn zwang, sich noch mit einer Flasche Wein zurückzuziehen, und, nach einer Pause von einem Tag, gestern seine ausnehmend gute Laune und heute die schlechte. Er erriet ihre Gedanken, und trotz dieser schlechten Laune lächelte er angesichts ihres schüchternen Entsetzens, das sich in ihren Mienen spiegelte, wie immer seit Jahr und Tag und seit Jahrzehnten, sooft er sich in sein Arbeitszimmer zurückzog, um nach der Tagesarbeit und -unruhe allein in der Nacht noch ein Glas Wein zu trinken.

So ging er denn auch heute an seine Vorbereitungen, während sie verzweifelt den Kopf über diesen ihren Mann schüttelte und ihn dabei zärtlich beobachtete, an diese Vorbereitungen, die nach einem ganz bestimmten System, in einer ganz bestimmten Reihenfolge und nach einem schon traditionellen Ritus vor sich gingen, den zu beschreiben ein eigenes Zeremonienbuch erfordern würde. Nun, er holte die Flasche herauf, füllte den Eimer mit Eis, schnitt in der Küche ein Stück Schwarzbrot vom Laib, legte es auf einen Teller und ging, mit all dem beladen, durch die ganze Wohnung, um es mit Glas und Zigarrenkiste, Aschenbecher und Streichholzschachtel auf dem Tisch und neben ihm anzuordnen, im Winkel jenes nach dem Hof gehenden Hinterzimmers, das, mit seinem Schreibtisch und seinen von juristischen Werken angefüllten Regalen, für den Fall, daß er gewisse Akten zum Studium nach Hause brächte, als Arbeitszimmer eingerichtet war. In Wirklichkeit studierte und bearbeitete er die Akten, wenn er sie aus der Kanzlei hertrug, in einem der vorderen Zimmer, und dieses hier war längst aus einem stillen Arbeitszimmer zu einem stillen Trinkzimmer geworden, in dem er einen Teil vieler Nächte verbrachte, ohne sich zu rühren, wenn er nicht gerade die Asche abstreifte oder nach dem Glase griff.

Da der Geist nicht so unbewegt bleiben kann wie der Körper, mußte er sich regen und regte sich, und Feding ließ ihn gehen und schweifen, wohin er wollte, nachdem er am Tag in Arbeit, Entscheidungen und Verantwortlichkeit eingespannt gewesen war. Verirrte er sich aber, wie es geschehen mochte, später in der Nacht auf kleine Abwege, indem ihm die festgegründeten Tatsachen, Formen und Gestalten zu schwanken und sich aufzulösen begannen, verlor er ein wenig die Logik und Konsequenz, um zu neuer, anderer Logik und Konsequenz zu kommen, verlor er sich gar, wie es auch vorkam, in Phantasien ohne Vernunft und Schwergewicht, nun, so war es auch recht, und Feding begnügte sich, wenn er plötzlich erwachte und sich besann, die vor seinem inneren Auge entstandenen fremdartigen Bilder mit vorwurfsvoll gerunzelter Stirn zu betrachten, dann aber die gar zu belebte Vorstellungskraft mit einem neuen Glas Wein zu besänftigen ? kein Zweifel, eine anfechtbare Kur.

Zuerst allerdings drängte sich, noch in seinem eigenen kühlen Licht, der vergangene Tag auf, mit dem und jenem, das er gebracht, seinen kleinen Vorfällen, seinen kleinen Überraschungen, über die man noch nachträglich den Kopf zu schütteln, mit seinen ungelösten Problemen, denen man noch einige Gedanken zu widmen hatte, und heute natürlich mußten, als Feding den ersten Schluck vom ersten Glas genippt, es wieder abgestellt, sich zurückgelehnt hatte, die Zigarre in der über die Lehne des Fauteuils herabhängenden Hand, und so seine Nacht begann, heute mußten, als Fragmente und Fetzen des Tages, Erinnerungen an den eben vergangenen Abend auftauchen, etwa Stievensen mit seinem im Stiegenhaus hallenden Ruf: Erzähl die Geschichte von Plato oder ich ermorde dich! Klodius mit seinen ebenen Erzählungen, verliebt in den mit lebenden Vögeln behangenen Verbrecher, in seine Katze und in Zeus, Sonja mit der phantastischen Tellermütze über den rundlichen, käsigen Wangen und den dicken Gläsern in der riesigen Hornbrille, Stadel mit seiner Hakennase im ausgemergelten Gesicht und den in öligen Strähnen über die Schläfen fallenden Haaren, und dazwischen immer wieder, ob er wollte oder nicht, Blanche mit ihrer schweigsamen, erstarrten Gestalt und ihren leblosen Zügen, aus denen nichts abzulesen war als trübe Düsterkeit. Mein Gott, wie oft hatte er über sie nachgedacht, wie oft mit seiner Frau, mit ihrer Mutter über sie diskutiert, wie hatte er sich bemüht, sie zu verstehen und zu erraten, und vielleicht war es ihm auch halbwegs gelungen, so weit so etwas auch nur halbwegs gelingen kann ? es war nichts mehr zu denken, es war wichtiger, sich mit dem Nächstliegenden zu befassen: wie man sie in eine bessere Zeit hinüberbringen könnte, indem man ihr zuerst einmal eine Freude bereitete. Er ließ die Vorschläge der Frau Riedinger und seine eigenen Einfälle an sich vorübergehen: eine Ausstellung der Bilder, eine neue Einrichtung für ihr Zimmer, eine Reise ? eigentlich hätte er ihr schon heute abend, sagte er sich, verraten können, was er für Pläne mit ihr habe, daß er ein großes Geschenk für sie sozusagen schon in der Hand bereithalte; aber nein, widersprach er sich selbst, es hätte keinen Zweck gehabt bei der Laune, in der sie war, es hätte ihr keine Freude bereitet, heute hätte ihr nichts Freude bereitet. Immerhin, ihre Affäre ist erledigt, das ist gut, mag hinter ihr stecken, was immer, sie ist erledigt. Daß ihre Stimmung aber auch gar nicht aufzuheitern war, nicht für einen einzigen Moment, allerdings, man mußte zugeben, der Abend war nicht angetan, irgendeines natürlichen und vernünftigen Menschen Stimmung aufzuheitern. Diese Sonja zum Beispiel ? wie ist das nur, wenn man eine solche Tochter hat?

Feding nahm einen neuen Schluck und lehnte sich entschlossen zurück, als habe er nun den Gegenstand und das Problem gefunden, mit dem er sich zuerst einmal ein wenig abgeben werde. Er zog gedankenversunken an seiner Zigarre. Wie ist das nur, wenn ein unglücklicher Mann eine solche Tochter hat wie Sonja? Es ist natürlich nicht anders möglich, als daß zum Beispiel der kluge Klodius bemerkt, wahrnimmt und erkennt, was ihm da für ein Balg in die Welt gesetzt worden ist. Wie mag Sonjas Mutter gewesen sein? Wie ist das, hat man auch als Vater Humor genug, solch ein Wesen als komisches Instrument zu betrachten? Doch genaugenommen, ist sie ja gar nicht so recht komisch, nein, nur die Mütze war niederschmetternd, ein Zirkusclown-Effekt ? im übrigen, Blanche vermag auf diesem Gebiet auch einiges Erschreckende zu leisten, wie oft hat nicht ihre eigene Mutter darüber geklagt! Wie sie sich zum Beispiel heute wieder hergerichtet hatte! Schauderhaft! Nun ja, heute war ein elender Tag, heute war ohnedies alles vernachlässigt und häßlich, einschließlich des Pakets, das sie heute mittag aus dem Haus trug, gerade als ich kam, und das sie dann wieder zurücktrug und dort nochmals einsperrte. Das häßliche braune Packpapier war ihm aufgefallen, der haarige Bindfaden und die nachlässige Art, mit der es verschnürt war, aber sie drückte es an ihre Brust, als ob es wer weiß was für ein Schatz wäre, und das eben war der merkwürdige Gegensatz. Ja, dieser Gegensatz wars.

Nun denn, wie ist es also, wenn man eine solche Tochter wie Sonja hat? Da hat man etwa so wie ich ein Jahrzehnt darauf gewartet, Vater zu werden, und weitere Jahrzehnte den größeren Kummer der Frau mitgelitten, weil man vergebens gewartet hat ? nun? Und? Würde man glücklicher gewesen sein, wenn man so ein Karnickel zur Tochter bekommen hätte? Wäre die Frau glücklicher gewesen? Würde man wirklich sein ganzes Leben lang widerstehen können, ihr einen Knebel in den Mund zu stopfen? Ein ganzes langes Leben lang widerstehen, sie eines Tages ohne ersichtlichen Grund auf barbarische Weise durchzuprügeln, indem der angeschwollene Zorn endlich platzt? Schrecklich, das eigene Fleisch und Blut so zu mißhandeln! Wenn sie aber fragt: warum hast du mich geschlagen, Vater? Nun, weil du so gescheit bist! Diese Antwort, würde sie erwidern und über den ihr auftauchenden Problemen den körperlichen Schmerz vergessen, diese Antwort ist unlogisch, wenn sie auch einesteils andererseits ist, und dein Gedankengang enthält eine Fehlerquelle, denn Gescheitheit ist, wenn auch nur in relativem Sinn absolut, eine positive Qualität, wenn auch selbstverständlich andererseits die Quantität ?.

Mein Gott, mein Gott, wie ist das nur? Diese Art von dummer Gescheitheit scheint unlöslich verknüpft zu sein mit vollkommener Abwesenheit jeglichen Charmes. Ja, das ist es. Kein Gott hat gelächelt, als sie gezeugt, kein Stern geleuchtet, als sie geboren wurde. Und doch hat sie einen Kerl gefunden. Wahrlich, er hält das Rattern ihres Gehirnmaschinchens für den ehern hallenden Schritt des unsterblichen Geistes! Wahrlich, eine horrende Verwechslung! Gut, er ist ja auch nur das Fragment von einem Mann, so ein Endchen von einem Mann, immerhin, ich wäre sehr zufrieden, wenn ich wüßte, daß Blanche mich heute angelogen hat, daß gar nicht Gisela zu ihr ins Atelier kommt, sondern nur so ein Stückchen von einem Mann, aber nein, es kommt keiner. Wirklich, es ist nicht freundschaftlich von Gisela, daß sie Blanche nicht eine vernünftigere Zeit zur Verfügung stellen konnte als diese nächtliche Stunde. Merkwürdig! Und hätten wir Blanche als Tochter, wären wir glücklicher? Nun ja, es ist ja wahr, halb und halb ist sie meine Tochter.

Er schloß für einen Moment die Augen, öffnete sie wieder und starrte vor sich hin. Er erinnerte sich des Tages, da sie geboren wurde, kein Zweifel, es war damals ein wenig Neid in ihm, wenn er das Glück ihrer Mutter sah, denn er hatte in diesen Tagen seine Frau überrascht, wie sie weinte. Aber es hatte sich schließlich alles verwandelt, in Liebe und Zärtlichkeit für das Kind.

In der herabhängenden Hand verlöschte die Zigarre, er zog nicht an ihr und trank nicht vom Wein. Es gingen die Jahre und Jahrzehnte Schritt für Schritt an ihm vorbei. Reizend, reizend, hatte er damals gesagt, als ihm das neugeborene Wesen gezeigt wurde, aber in Wirklichkeit fand er den Anblick nur peinlich, und der Neid verging ihm. Bis er eines Tages im Ausstrecken des kleinen Arms nach einem blinkenden Gegenstand, im unartikulierten Aufjauchzen, im Lächeln des Mundes mit den ersten Zähnen, in all diesem Winzigen, Spielerischen, Puppenhaften etwas Unbegreifliches und Erschütterndes fand, in diesem Wachstum etwas Unheimliches, in diesen Regungen und Bewegungen etwas Verehrungswürdiges, in dieser Verwandlung zu einem Menschen etwas Atemberaubendes.

Von einem fernen Turm schlug die Glocke. Er horchte hin. Wie lange saß er schon da? Es blieb bei einem Schlag. Es war ein Uhr. Der Wein im Glas war warm geworden, er trank ihn schnell und unzufrieden aus und füllte das Glas von neuem, doch in der Flasche wiederum war er zu kalt geworden, und so hob er sie aus dem Eis. Dann sank er wieder in seine frühere Lage zurück.

Woran habe ich gedacht? Ja, der Charme. Er ist ebenso göttlich wie die Schönheit, noch weniger meßbar und zerlegbar. Eine häßliche charmante Frau, eine schöne ohne Charme. Hm, Charme verschönt und ist immer lebendig. Oder Bum. Auch dies kann geschehen, daß man solch einen Sohn hat. Er wächst und gedeiht, ein hübsches Kind, er spielt gern, ißt gern Süßigkeiten, er wird größer, ein hübscher Bub, er beginnt, Indianergeschichten zu lesen, und geht in den Zirkus, lernt brav in der Schule, steigt auf von Klasse zu Klasse, allmählich wächst er heran, allmählich zeigt sich schon der Erwachsene in ihm, hier, komm her, mein lieber guter Junge, ich erhöhe mit der Bezeugung meines aufrichtigen Respekts hiermit dein Taschengeld aufs Doppelte, denn ich habe heute den ersten Flaum auf deinen Lippen gesehen, aber im Ernst, mein Junge, jetzt wird bald die Zeit da sein, da wir durchaus zwei Gleichgestellte sind, ich nichts anderes bin, als dein bester Freund ? und wann kommt der schauderhafte Augenblick, da man, nach vielen traurigen Ahnungen, nach vielen Zweifeln und Widerständen, nicht mehr anders kann als festzustellen, daß man da etwas ganz Sonderbares in die Welt gesetzt und aufgezogen hat, halb Mensch und halb leere Schachtel, ein Ungeheuer, ein Nichts, die große Leere, das unbedingte Nichts. Ja, sehr gut, nichts, nihil, das ist der wahre Nihilismus, die wahre Anarchie. Sieh an, sieh an, wie man doch immer von allem falsche Vorstellungen hat! Da hat man vielleicht in seiner Naivität gedacht, der Anarchist ist ein wilder, funkensprühender, unrasierter Bombenschmeißer, aber nein, da schreitet er heran, mit leisen Schritten, kommt mit einer höflichen Verbeugung, verhältnismäßig gut erzogen, solange er nicht gereizt ist, kommt daher als frischer, hübscher, harmloser Junge, Student der Medizin. Interessant, interessant! Oder ist er gar nicht so harmlos? Das Etwas haßt das Nichts, doch noch mehr haßt das Nichts das Etwas. Ja, und zum Schluß besteht das Leben dieses Nichts in seinem Haß. Das wäre mein Sohn. Danke schön!

Miserabel, jetzt ist der Wein wieder zu warm geworden. Soll ich schlafen gehen? Nein, ich bin zu wach, unangenehm wach. Es dürfte halb zwei sein. Sicherlich ist Blanche noch dort und kramt in ihren Habseligkeiten, verstaut sie in Schachteln, Köfferchen, Kisten ? wieso hat sie eigentlich nichts von zu Hause zum Verpacken mitgenommen? Hat sie es am Nachmittag hinschaffen lassen? Ich habe nichts davon gehört. Man könnte wetten, daß die beiden Frauenzimmer jetzt dort stehen und jammern, weil sie nichts haben, worein sie die Köstlichkeiten packen könnten. Und wie will sie die Bilder fortschaffen? Danke schön, morgen wirds ein schönes Durcheinander geben, ich will jedenfalls hinsehen, früher aus der Kanzlei gehen und hinschauen. Irgend etwas allerdings hat sie jetzt hingetragen, ja, sie hat im Auto etwas auf dem Schoß gehalten, ja, ein Paket, wars nicht dasselbe, das sie mittags von dort wegtragen wollte und dann doch wieder versperrt hat? Richtig, es ist mir aufgefallen, es kam mir gleich bekannt vor. Gott weiß es, was sie da durch die Welt spazieren führt! Sie wird es am Nachmittag nach Hause gebracht haben, und jetzt bringt sie es wieder zurück. Und morgen wieder zurück in die Wohnung? Warum, weshalb das Hin-und-her? Wer kennt sich aus!

Feding saß unbewegt, die Unterarme mit den gespreizten Händen auf die breite Lehne des Fauteuils gelegt. Die Blicke der Augen stachen in die Luft, und der Schnurrbart wölbte sich in weitem Bogen über die etwas vorgeschobenen Lippen. Die Stille ging durchs Zimmer, durch die Wohnung und schien durch die ganze Welt zu gehen. Wie für alle Ewigkeiten hergezaubert, standen die Dinge unterm gleichmäßig fließenden Licht, der alte Schreibtisch, der halbkreisförmige Sessel davor, die seitlich hingelegten Bücher, die Regale, die hohe Vase mit den Blumen, der Teller und das Stück Brot. Alles schien festgebannt und unveränderlich zu sein, mitsamt dem alten Mann, der vor dem kleinen runden Tisch regungslos zurückgelehnt saß. Das Zimmer ging nach dem Hof, so drang kein Laut herein, und nur über die Dächer hinweg erinnerte mit ihren Stundenschlägen die Turmglocke an Zeit und Welt.

Wie hat jener Mann, der als erster, mit seiner aufgereckten männlichen Gestalt, oben auf der Spitze des leukadischen Felsens stand, im Unglück zerfließend im fließenden Äther, sich schon auflösend und schon dem Tod hingegeben ? wie hat er als Kind ausgesehen, wenn er die Arme nach der hölzernen Klapper ausstreckte? Und der Verbrecher, der einige Jahrhunderte später als Opfer hinuntergestürzt wurde, dieser Straßenräuber und Frauenvergewaltiger ? wie klang seine Kinderstimme, wenn er sich freute, daß seine Mutter ihn auf den Arm nahm? Die Knospe läßt die Blüte ahnen, der schon im Spiel beißende und kratzende kleine Löwe läßt den großen ausgewachsenen Löwen ahnen, ach, es ist ja im Grunde dasselbe, aber das aufjauchzende Kind, das vor dem Weihnachtsbaum strahlende Kind, das kleine Mädchen, das sich streckt, um in meine Manteltasche zu greifen und zu suchen, was ich ihm mitgebracht habe, das Kind, das sich hinter einer Schrankecke versteckt, um mir aufzulauern und mich mit einem Hu! zu erschrecken, aber sich schon in meine Arme wirft, um sich in die Höhe heben zu lassen, nein, das läßt den Menschen nicht ahnen. Heute wäre Blanche, wenn sie auf jener Insel lebte, auch fähig, sich auf jenen Felsen zu stellen. Ihre Mutter hat ganz recht ? wie soll sie ihr Leben zu Ende leben? Nun, zuerst einmal wollen wir sie über die nächste Zeit hinwegbringen. Eine Reise wäre gut. Ich werde es ihr morgen vorschlagen, ich will ja ohnedies morgen mittag hinschauen.

Es schlug zwei Uhr. Als wunderte sich Feding, daß die Zeit so schnell verging, zog er auch seine Uhr. Wie alt war sie damals, als sie auf einen Schemel stieg und von dort auf einen Sessel kletterte, um in die Brusttasche meines Mantels langen zu können, weil dort etwas für sie steckte? Warum jubelt das Kind auf, wenn der Hampelmann seine Arme und Beine von sich wirft? Undurchsichtig, undurchdringlich. Es jubelt auf. Dabei wars nur so ein Hampelmann aus Pappe, im Vorübergehen auf der Straße gekauft. Wenn man plötzlich und stark an der Schnur zog, berührten seine Füße die Schultern. Und das jubelnde Kind war sie. Und heute abend, die dort saß, das war sie auch. Unheimlich. Klodius Kätzchen freut sich auch, wenn sich etwas bewegt, und will damit spielen, aber es wird zur Katze. Doch das Kind, ein Stück Natur, seiner unbewußt, in Harmonie mit sich selbst ? ach, diese Verwandlung! Diese Verwandlung: eine Mensch werdende Blüte, ein Mensch werdendes junges Tier. Unheimlich. Ein Hampelmann. Ein kleiner Hampelmann aus Pappe.

Der ausgebreitete Flügel der Nacht lag über der Welt, und es waren nur die Pulse schlafender Menschen, die schlugen. Vor sich hinblickend, saß Feding regungslos, seine Gestalt schon wie verwachsen mit dem Stuhl, sein Kopf wie aus Stein. Im Zimmer lag das Licht wie erstarrt, alles stand festgewurzelt, kein Stäubchen flog durch die Luft, über den Wein im Glas ging kein Hauch. Endlich verriet sich doch das Leben, dort im Winkel, endlich regte sich doch etwas, lautlos und mit winziger Bewegung: Feding zog die Brauen zusammen, und seine Stirne runzelte sich. Dann geschah wieder für lange Zeit nichts.

Plötzlich richtete sich Feding entschlossen auf, trank Wein und zündete wieder die Zigarre an, die ihm so oft schon ausgegangen war. Er schien mit neuem Aufschwung seine Gedanken abschütteln und diese seine Stunden zwingen zu wollen, ungestört und unbeschwert zu bleiben, gegen alle Widerstände und Stimmungen. Es zog sogar wie ein Hauch des Lächelns über sein Gesicht. Sonja erklärt Theokopullos, was vom alten Griechentum neu belebt zu werden hat und was am jetzigen Zustand seiner Heimat reformbedürftig sei ? sie nimmt die Zügel in die Hand, bringt neuen Schwung ins Land und führt eine Renaissance des Griechentums herauf. Sonja und die Sphinx. Sonja redet, die Sphinx schweigt. Sonja am Fuß der Pyramide. Verzweifelt bohrt sich die Pyramide in ihren Kopf, um ihre Logik abzustellen, aber vergebens, die Pyramide wird von den Rädern ihres Gehirnmaschinchens zermahlen und rieselt als Staub aus ihrem Mund. Aber was wollen Sie, mein Herr, sie ist ein glücklicher Mensch, Blanche aber ? ob sie noch immer dort kramt? Oder ob Gisela sie schon nach Hause gejagt hat? Es konnten Briefe in dem Paket gewesen sein. Nun, es ist ihr Geheimnis. Warum sollte der Mensch nicht sein Geheimnis haben? Oder ein Tagebuch? Aber warum hat sie es vorhin zurückgebracht? Im Wagen hatte sie es in ihren Händen. Genug davon! Es beginnt, mich zu tyrannisieren. Aber das kommt von ihrem Gesicht. Es war heute abend kein Kummer in ihrem Gesicht, eigentlich überhaupt kein Gefühl, sondern ? nichts. Eine Leere. Es war kein Leben in diesem Gesicht oder ein undurchsichtiges Leben, ein Leben, das sich nicht enträtseln ließ. Es hatte schon seinen Grund, daß ich erschrocken bin, als ich hörte, daß sie noch weggehen will. Aber Gisela, das ist gut, Gisela ist stark und lebenskräftig. Hoffentlich ist sie wirklich gekommen. Sie ist unzuverlässig, sie wäre fähig, Blanche dort allein warten zu lassen. Aber, mein Gott, wer kanns denn wissen, am Ende wäre Blanche gar nicht unzufrieden, wenn Gisela nicht käme.

Da ging etwas mit Feding vor ? mit einem Schlag veränderte er sich, er hielt den Atem an, sein Mund war halb geöffnet, sein Blick erstarrte, er schien nicht mehr zu denken, sondern zu warten und zu horchen, nur eine Sekunde lang. So geht es eben, der Verstand tastet und schleicht um ein Ding, doch plötzlich scheint er zu gefrieren, er denkt nicht mehr, es denkt in ihm, und unter einem Donnerschlag der Stille steigen unverhüllt die Dinge selbst aus der Tiefe herauf, erheben sich aus dem Nebel des menschlichen Fragens und Suchens, um sich vor uns hinzustellen, eindeutig und nackt. Feding erhob sich, indem er sich auf seine zitternden Hände stützte, und sagte mit leiser, heiserer Stimme vor sich hin: »Sie hat gelogen, Gisela kommt gar nicht hin.«

Er ging einmal, schnell und keuchend, auf und ab, in seinem Gesicht alle Zeichen des Schreckens, doch zugleich war schon die Entschlossenheit über ihn gekommen; er verließ den Raum, in mühsamem Kampf zwischen seiner stürzenden Eile und der Rücksicht auf seine Frau, die er mit seinem Lärm nicht erschrecken wollte. Sie war aber schon halb erwacht, und bei seinem Anblick erwachte sie ganz. Er gehe weg, sagte er, nur kümmerlich einen gewissen Gleichmut spielend. Der Gedanke, dort Blanche allein zu wissen, sei ihm quälend, er wolle sie nach Hause bringen, eine Ahnung sage ihm, daß Gisela bei ihrer Unzuverlässigkeit gar nicht hingekommen sei. Als sie ihn ansah, verstand sie ihn und sprang aus dem Bett. »Geh!« sagte sie, begleitete ihn in den Vorraum und drängte ihm für die kühle Nacht den Mantel auf. Sie solle Krau anrufen, bat er sie, er solle an der Ecke zur Gasse auf ihn warten. »Und ich rufe dich an!« rief er zurück und lief schon die Treppe hinunter und, mit der unbeholfenen Eile der alten Glieder, die Straße entlang. Die hetzenden Schritte vernehmend und unter der Suggestion des heranhastenden, schon atemlosen alten Mannes, sprang ein neben seinem Wagen stehender Chauffeur auf seinen Sitz, ließ, ohne erst ein antreibendes Wort abzuwarten, den Motor an, löste die Bremse und raste durch die nächtlichen Straßen.

Die Nacht war hell und ohne einen Hauch. Als Feding den schmalen Eingangspfad des Gartens entlanglief, starrten die Sträucher reglos neben ihm, streckten sich stumm die Zweige aus. Der Mond, fast im Zenit, verbreitete so stark sein weißliches Licht, daß in großem Umkreis keine Sterne standen. Jenseits der Hecke lag schweigend der milchige Rasen, ragten unbewegt die alten Bäume, und die Stille wurde nur durch zwei hetzende Geräusche aufgestört: durch seine im Sand knirschenden Schritte und sein atemloses Keuchen. Als er ans Ende des Wegs gekommen war und einbog, lag das kleine Haus vor ihm, ebenso stumm wie Baum und Gras und Hecke, doch durch all seine Fenster, auf den runden Platz mit seinem Rasen, seinen blumeneingefaßten Wegen, seinem Kreis von Ulmen, wie aus fünf Augen, wie aus fünf Mündern Licht hinauswerfend.

Feding horchte nach einer Stimme, einem Laut, einer Bewegung, aber das stumme Licht war gespenstischer als Dunkelheit und Finsternis, und er stürmte vorwärts, als ob er die Tür einrennen müßte. Aber sie war offen. Die unteren Zimmer waren leer. Es bleibt nicht mehr viel zu sagen. Oben im Kabinett neben dem Atelier, das für den Fall eingerichtet worden war, daß Blanche einmal Lust haben sollte, hier zu übernachten, auf jener Couch, auf der sie niemals zur Nacht geschlafen hatte, auf der sie nur sehr oft träumend gesessen hatte, fand Feding sie, auf den Rücken ausgestreckt, schon ohne alle Farbe und nur noch mit schwachen Lauten eines schnarchenden Röchelns.

Als wäre ihm tatsächlich alles schon offenbar gewesen, und als hätte er sich während der Fahrt für diesen Augenblick vorbereitet, stürzte er, ohne alle Überlegung, davon, zum Wagen, den er hatte warten lassen, fuhr zurück, fragte einen Schutzmann, wo der nächste Arzt wohne, und nahm einen späten Passanten auf, der sich erbot, ihn hinzuführen. Ins Bild gesetzt, um welche Gefahr es sich handele, nahm der Arzt die nötigen Gegenmittel und Geräte mit sich. Als sie zurückfuhren, kam auch Krau an, und wenige Minuten, nachdem Feding weggestürzt war, betraten die drei Männer das Haus. Bei Blanches Anblick ahnten die Ärzte und wiederum einige Minuten später wußten sie, daß sie keine Hilfe mehr bringen konnten.

Der fremde Arzt entfernte sich mit dem Versprechen, die ersten Formalitäten zu übernehmen und die Behörde von dem offenbar unnatürlichen Todesfall zu verständigen. Krau und Feding blieben im Atelier zurück, neben der Staffelei, auf der ein zugedecktes Bild lehnte. Einige Schritte von ihnen war die offene Tür zum Kabinett, durch die sie die Couch in ihrer ganzen Länge und Breite gesehen haben würden, wenn sie es gewagt hätten, den Kopf hinzuwenden. Man hörte nur ihren schweren Atem. Sie sahen einander an und fürchteten sich vor dem ersten Wort. Endlich öffnete Krau den Mund, doch noch war er um die Sprache gebracht, und es kamen nur stöhnende, schluchzende Laute aus seiner Kehle. Feding faßte seinen Arm und zog ihn zum Fenster, als fürchte er den magischen Zwang, einen Blick durch die offene Tür werfen zu müssen. »Und ich selbst«, flüsterte er, indem er den Kopf vorschob und aus aufgerissenen Augen Krau anstarrte, »ich habe sie eigens hergebracht, heute nacht, und habe sie eigens abgesetzt, vor einigen Stunden!« Krau begriff ihn nicht, und noch umnebelt und betäubt, versuchte Feding, Krau über den heutigen Abend aufzuklären, indem er fast hauchend abgehackte Worte und halbe Sätze sprach.

So vergingen die ersten Minuten, noch wie im Traum und ohne Besinnung ? plötzlich aber riß der Nebel, die Betäubung wich, und es kam über ihn. Er packte Krau bei den Schultern und schüttelte ihn. »Merken Sie sichs, Sie junger Mensch, Sie Arzt, Sie ?« stieß er in keuchendem Zorn hervor. »Merken Sie sichs: der Mensch ist ein Vieh! Ein stumpfer fauler Idiot, nicht wert des Stücks Brot, das er frißt! Wir wollen sehen, was sich tun läßt, vielleicht eine Reise, ich werde es ihr morgen vorschlagen, ich will ja ohnedies morgen mittag hinschauen ? während hier ?! Wie soll sie ihr Leben zu Ende leben? sagt mir ihre Mutter, und ich gehe nach Haus und wiederhole es mir: Wie soll sie ihr Leben zu Ende leben? Während hier ?!«

Er schwieg, dann setzte er von neuem an, gedämpfter, als wollte er sich zur Selbstbeherrschung zwingen, und doch wieder, je mehr ihm das Bewußtsein kam, mit wachsendem Grimm: »Schauen Sie mich an! Bin ich ein böser Mensch? Nein, ich bin kein böser Mensch, man sagt das Gegenteil ? Und? was hats geholfen? Bin ich ein dummer Mensch? Nein, ich bin Jurist, ich kann denken, und auch sonst ? und? Was hats geholfen? Bin ich verständnislos, ohne Erfahrung, ohne Menschenkenntnis? Nein! Und? Was hats geholfen? Und war mir Blanche etwa gleichgültig? Nein, sie war fast meine Tochter! Und? Was hats geholfen? War ich hilfsbereit? Ja! Und? Was hats geholfen? Nun! Ist der Mensch ein Vieh, ein armes, hilfloses, verlorenes Tier? Schauen Sie mich an! Schauen Sie mich an, sage ich! Zum Donnerwetter, heben Sie den Kopf und schauen Sie mich an, sonst ?!« Krau mußte ihm ins Gesicht sehen. »Was sehen Sie? Sie sehen einen gütigen, verständnisvollen, klugen, hilfsbereiten, alten Mann! Und? Was hilfts? Ist der Mensch ein Vieh? Antworten Sie, antworten Sie!« Krau gab einen gurgelnden Laut von sich. »Sie sehen einen alten Mann, der von seiner Höhe gütig und lächelnd auf das Menschengetriebe herabsieht, verständnisvoll, verstehen Sie, verständnisvoll sieht er herab! Und jetzt rollt er von seinem Thron, der gütige Klotz, der klobige Lächler!«

Er flüsterte stöhnend auf Krau ein, die Gestalt vorgebeugt, sich mit den Händen auf den andern stützend, als müßte er sonst vornüberstürzen, das Gesicht zerfallen und zerfetzt. Krau war nicht fähig, ihn zu unterbrechen oder auch nur für den Augenblick seinen Ausbruch zu besänftigen, und starrte ihn ängstlich an, als fürchte er, der alte Mann könnte im nächsten Augenblick tot niederfallen.

»Geben Sie dem Bettler ein Almosen und Schluß!« keuchte Feding. »Wenn sich jemand ein Bein bricht, legen Sie ihm einen Verband an und Schluß! Und schicken Sie keine zu hohen Rechnungen und Schluß! Denn wozu hat der Mensch seine Teilnahme, seine Klugheit, seine Güte, seine Übersicht, sein Verständnis, seine Hilfsbereitschaft, seine Freundschaft, seine Liebe? Merken Sie sichs, junger Mann: nicht, um dem andern zu helfen! Wozu er sie hat? Ich weiß es nicht! Dem Bettler ein Almosen und keine zu hohen Rechnungen und basta! Gisela kommt hin ins Atelier, ich habs geglaubt, und diese Papierwand hat mich von der Wahrheit getrennt! Nun! Was ist der Mensch?« Plötzlich sprach er in anderem Ton und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse des Lächelns, offenbar in der Absicht, sich selbst zu karikieren und zu verhöhnen: »Ja, ja, sie hat den großen Traum von der großen Liebe, ja, ja, wie werde ich denn das nicht verstehen, ich bin ja so verständnisvoll, ach ja, ach ja, die lieben jungen Leute, wie lächelt man freundlich über sie! Wir wollen das gute Kind jetzt auf eine Reise schicken, während hier ?! Ich denke noch gar nicht daran, in dieser Laune schlafen zu gehen, her mit einem Gläschen Wein, man lehnt sich behaglich zurück«, und er bog tatsächlich seinen Oberkörper nach hinten, als stütze er den Rücken gegen eine Lehne, und während die eine Hand sich an Kraus Arm festhalten mußte, führte er die andere mit großer Geste zum Mund und wieder weg vom Mund, als rauche er genießerisch eine Zigarre, dann strich er mit breiten Bewegungen seinen Bart, dann trank er aus einem Glas. »Gemütlich sitzt es sich hier, wie hat wohl der Selbstmörder vom leukadischen Felsen als Kind ausgesehen? Und wie reformiert Sonja Griechenland? Sonja und die Sphinx und die Pyramiden und Bum ?«

Krau hatte die schreckliche Komödie, die Feding ihm aufführte, hilflos verfolgt und mochte ohnedies den Zusammenhang der hervorgestoßenen Worte kaum begriffen haben. Jetzt aber, da er den alten Mann von der Sphinx, von den Pyramiden und von Bum sprechen hörte, stockte ihm der Atem, er versuchte, zurückzuweichen, denn zu seinem ganzen Entsetzen über das Geschehene kam die Angst, ja, die Überzeugung, einen wahnsinnig Gewordenen vor sich zu haben. Nun faßte er seinerseits Fedings Arm, verkrampfte sich in ihn, und sein Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze des herzerstarrenden Schreckens. Vielleicht fühlte es Feding, vielleicht wars der krampfige Griff, der ihn weckte, er brach ab und knickte ein. Immer mehr in sich zusammensinkend, wartete er, bis sein keuchender Atem zur Ruhe gekommen war, dann aber richtete er sich wieder langsam auf und führte Krau in die unteren Zimmer.

Der Amtsarzt kam mit anderen fremden Personen, Feding gab die nötigen Auskünfte, es lag kein Grund vor, Mißtrauen zu hegen, und der Totenschein wurde ausgestellt. Damit war das Außerordentliche des Todesfalls abgetan, und die Alltäglichkeit des Todes setzte ein, jene Reihenfolge, die mit der Überlegung beginnt, wie man die Angehörigen am schonungsvollsten vom Geschehenen verständigt, und mit dem Gepolter endet, mit dem die letzte Schaufel Erde auf den Sarg niederfällt.

Geschwächt und niedergebeugt, hatte sich Feding doch von seinem Zornanfall erholt, hatte eher Übersicht als der ganz und gar apathisch gewordene Krau und konnte die ersten Anordnungen treffen. Frau Riedinger und ihren Mann werde man erst, bestimmte er, wenn der Tag gekommen sei, mit der Unglücksnachricht heimsuchen, denn jetzt, in der Nacht, dürfe man nicht mit ihr ins Haus einbrechen ? es könnte, bei dem Zustand seines Herzens, Riedingers Tod sein. Krau solle jetzt gehen und seine, Fedings, Frau anrufen, sie sitze wahrscheinlich ohnedies neben dem Apparat und werde schnell begreifen, aber sie solle nicht herkommen, sondern auf einen zweiten Anruf warten; dann müsse Krau zu Gisela fahren und sie herbringen, man werde einen jungen und gesunden Menschen brauchen, denn sie selbst, Feding und Krau, seien ja doch zu nichts gut. Als Krau sich zu wehren versuchte, Feding hier allein zurückzulassen, beharrte dieser bei seinem Entschluß. Er wisse schon, sagte er, was er wolle, Krau könne getrost gehen, er werde ihn nicht anders wiederfinden, als er ihn jetzt verlasse.

Feding hatte die verschwommene Erinnerung, oben auf dem Tischchen neben der Couch, zwischen der kleinen Standuhr, der kleinen Vase und dem leeren Wasserglas, jenes braune Paket gesehen zu haben, ja, es war ihm, als habe er im Nebel vor seinem trüben Blick seinen Namen gesehen, als er zum zweitenmal, mit den Ärzten, in die Tür des Kabinetts getreten war. Da er nun allein war, stieg er langsam und mit schweren Tritten, doch unbeirrt, hinauf, betrat mit eingefallenem, starrem Gesicht den winzigen Raum und fand tatsächlich dort das Paket und einen unter den Bindfaden geschobenen, an ihn gerichteten Brief, in dem er in wenigen, mit riesigen Lettern geschriebenen Worten gebeten wurde, es sofort und uneröffnet zu verbrennen.

Er war nicht überrascht und ging sofort an die Arbeit, um sie getan zu haben, ehe jemand käme. Sein Blick fiel auf den kleinen eisernen Ofen hinten in dem Winkel, der von der langen Türwand und jener Breitseite gebildet wurde, die der Tür zum Kabinett gegenüberlag. Er legte behutsam seine Last auf einen Hocker und ging daran, den Ofen zu untersuchen, indem er die Klappen und Türen öffnete, die Züge hin- und herschob und so zu erraten suchte, wie der Mechanismus zu handhaben sei. Der Ofen war nicht aufgeräumt worden, und der Rost war voller Asche. Nach großer Mühe und nur mit Gewalt gelang es Feding, die eingeklemmte Innentür aufzustoßen, und nun rüttelte er geduldig den Rost, bis er frei wurde und Luft durchlassen konnte. Er erhob sich, holte das Paket und legte es, wie es war, in den Ofen; als er aber seine Taschen abtastete, fand er kein Streichholz und auch keines im Atelier. So mußte er denn die schmale Wendeltreppe ins Erdgeschoß hinuntersteigen, langsam und Schritt für Schritt, sich mit der gespreizten Hand gegen die Mauer stützend. In den Zimmern stand alles in der alten Ordnung. Er zwang sich zur ruhigen Besonnenheit und blickte langsam um sich, und tatsächlich, auf dem Bord zwischen zwei Porzellanleuchtern entdeckte er eine brokatne Streichholzschachtel, stellte fest, daß sie gefüllt war, und kämpfte sich wieder hinauf.

Oben kniete er zum zweitenmal nieder und hielt das Flämmchen an den dicken, zusammengepreßten Stoß von Papieren; kaum aber war es im Ofen, verlöschte es, und so ein zweites, ein drittes. Nur ein Eckchen der braunen Hülle war angeschwärzt, und bald lag ein Häufchen abgebrannter Streichhölzer neben ihm auf der Erde. Er versuchte es mit Öffnen und Schließen, Aus- und Zuschieben der Klappen und Türen. Vertieft in seine Arbeit und entschlossen, sie zu Ende zu bringen, seufzte er leise auf. Schließlich sah er ein, daß dieser ganze festgedrückte Packen niemals Feuer fangen werde, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn zu öffnen. Mit abgewandtem Kopf, um ja kein Wort zu erhaschen, vor allem aber, um die Schrift nicht zu erkennen und so das Geheimnis auch vor sich selbst zu wahren, legte er zuerst das Packpapier in den Ofen, entzündete es und warf dann Blatt um Blatt, zu einem losen Ballen geknüllt, in die Flamme. Der Ofen hatte lange unbenutzt gestanden, und durch seine Ritzen, aus dem undichten Rohr und aus den offengebliebenen Türen kam der Rauch und drang, Fedings Blick trübend und seine Kehle reizend, auf ihn ein. Doch es blieb ihm nichts anderes übrig, vertieft und in unbeirrter Ruhe erfüllte er seine Pflicht, nun auch wegen des beißenden Qualms den Kopf zur Seite wendend; wenn er ihn aber ins Zimmer drehte, ging sein Blick ins Kabinett, so mußte er ihn nach der anderen Seite halten, wo dicht vor seinen Augen nur die Mauer war. Der Rauch zog in grauen Schwaden durch den Raum, ins Kabinett, wo das Fenster geöffnet worden war, er ging über Blanche hinweg, und die ziehende Luft bewegte sanft die kurzen Härchen an ihren Schläfen.

Es dauerte geraume Zeit, doch endlich wars getan. Feding wartete, bis das letzte Fetzchen Papier zu Asche geworden war, dann schloß er die Klappen und Türchen. Nachdem er so lange gekniet hatte, waren seine Glieder steif, seine Muskeln verkrampft, und er hatte große Mühe, sich zu erheben und aufzurichten. Seine geröteten Augen tränten, seine Hände waren grau und schwarz von der Asche und vom verkohlten Papier, und über seine Stirn, Nase und Wangen waren Schmutzflecke verstreut. Zur Erde sehend, um nicht verführt zu werden, ins Kabinett zu blicken, trat er zu einem der Fenster und öffnete es. Da erst nahm er die Tageshelligkeit des Himmels wahr. Dann stieg er zum zweitenmal hinunter, fand in der Kammer unter der Stiege eine Gelegenheit, sich zu säubern, und als Krau und Gisela kamen, wars nicht zu erkennen, welche Arbeit er hinter sich hatte, und das Geheimnis war so sehr gewahrt, daß niemand auch nur ahnte, es habe hier überhaupt ein Geheimnis gegeben.

Es war Tag, und Feding machte sich auf den Weg. Er lehnte alle Begleitung ab und ging im erwachenden Leben des Frühlingsmorgens langsam entlang der Häusermauern durch die Straßen, denn er hatte Zeit, er wollte Riedingers Haus erst betreten, sobald die Bewegung des Tages gekommen sein würde. Unterwegs rief er seine Frau an und bat sie, nach einer halben Stunde hinzukommen.

Frau Riedinger war nach einer unruhigen Nacht, die sie nur aus Rücksicht auf ihren im Schlaf stöhnenden Mann, um ihn nicht zu wecken und zu erschrecken, geduldig an seiner Seite zugebracht hatte, schließlich doch früher aufgestanden als sonst und hatte festgestellt, daß ihre Tochter nicht nach Hause gekommen war. Sie hatte sich eben entschlossen, ins Atelier zu fahren, und begonnen, sich anzukleiden. Als es jedoch klingelte, sie zur Tür stürzte und Feding vor sich sah, stumm, gebeugt und ganz und gar verwandelt, starrte sie ihn nur einen kurzen Augenblick an, dann aber wußte sie, was geschehen war.

 


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