Aus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon

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I

1675-1692
Geburt und Familie Saint-Simons / Seine Erziehung / Sein erster Feldzug

Ich bin in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1675 geboren, als einziges Kind von Claude, Herzog von Saint-Simon, Pair von Frankreich usw., und seiner zweiten Frau, Charlotte von LAubespine. Die feierliche Taufe, bei der Ludwig XIV. und die Königin Maria Theresia Paten waren, fand erst am 29. Juni 1675 statt. Der Herzog Claude (1606-1693) war achtundsechzig und seine Gemahlin, Charlotte de lAubespine de Châteauneuf dHauterive (1641-1725), über vierunddreißig Jahre alt, als ihr einziges Kind zur Welt kam.

Ich bekam den Namen Vidame Vidame (Vice-dominus) war der Titel der Edelleute, die ein bischöfliches Lehen innehatten. Saint-Simons Vater hatte die prächtige Herrschaft La Ferté-au-Vidame, an deren Besitz der Titel eines Vidame de Chartres geknüpft war, 1635 erworben. In der Regel trug der älteste Sohn hochadeliger Häuser den Titel Vidame. von Chartres und wurde mit großer Sorgfalt und Aufmerksamkeit erzogen. Meine Mutter, eine Frau von hoher Tugend, außerordentlich festem Charakter und klarem Verstand, trug fortwährend die größte Sorge für meine leibliche und geistige Ausbildung. Sie fürchtete für mich das Schicksal jener jungen Leute, die ihr Glück gesichert glauben, aber allzufrüh ihre eigenen Herren werden. Mein Vater, der 1606 geboren war, durfte nicht lange genug leben, um mich vor diesem Unglück zu bewahren, und meine Mutter machte mich deshalb unaufhörlich darauf aufmerksam, wie notwendig ein junger Mensch wirklich etwas wert sein müsse, wenn er als einzelner ohne Beziehungen und als Sohn eines Günstlings von Ludwig XIII. in die Welt trete. Meines Vaters Freunde seien alle tot oder außerstande, mir behilflich zu sein, und sie, meine Mutter, bei einer ihrer Verwandten, der alten Herzogin von Angoulême, erzogen und dann einem bejahrten Manne angetraut, habe immer nur mit deren alten Freunden und Freundinnen verkehrt und keine Freundschaft mit Altersgenossen schließen können. Ohne nahe Verwandte, wie Oheime, Tanten und Vettern, also ganz auf mich angewiesen, müsse ich um so mehr alles aufbieten, um ohne Beistand und ohne Stütze vorwärts zu kommen. Ihre beiden Brüder hätten keine hohe Stellung; der ältere sei zugrunde gerichtet und mit seiner Familie im Streit, der einzige Bruder aber meines Vaters kinderlos und acht Jahre älter als dieser.

Zu gleicher Zeit ließ sie sich es angelegen sein, meinen Mut zu stärken und mich anzueifern, so zu werden, daß ich aus eigener Kraft die Schwierigkeiten meiner Lage zu überwinden imstande sei. Es gelang ihr auch, in mir ein großes Verlangen darnach zu erwecken. Ich fand zwar wenig Geschmack am Lernen und an den Wissenschaften; aber mein gewissermaßen angeborener Hang zum Bücherlesen und zur Geschichte und der Drang, in Nacheiferung der Vorbilder, die ich darin fand, etwas zu leisten und zu werden, glichen meine Abneigung gegen die Schulweisheit aus. Ich habe immer gedacht, daß ich ein Mann der Geschichte geworden wäre, hätte man mich weniger Zeit mit der Literatur verlieren lassen und mehr zum Studium der Geschichte hingelenkt. Die Weltgeschichte und besonders die Denkwürdigkeiten unserer eigenen, der Zeit seit Franz I., die ich für mich las, erweckten in mir den Wunsch, auch meine Erlebnisse aufzuzeichnen, wobei ich Sehnsucht und Hoffnung hegte, Zeuge von Geschehnissen und ein möglichst guter Kenner der Geschichte meiner Zeit zu werden. Wohl verhehlte ich mir die Unannehmlichkeiten nicht, die damit verbunden waren; aber der feste Entschluß, meine Aufzeichnungen als mein Geheimnis ganz für mich zu behalten, dünkte mir allem abzuhelfen. Ich begann sie also im Juli 1694, als Oberst eines Reiterregiments, das meinen Namen trug, im Feldlager zu Gimbsheim am Alten Rhein, im Heere, das der Marschall Herzog von Lorge Guy de Durfort, zuerst Graf und seit 1691 Herzog von Lorge, 1630-1702, war ein Neffe Turennes. Saint-Simon wurde 1695 sein Schwiegersohn.führte.

siehe

1. Ludwig XIV. mit dem Grand-Dauphin, Frau von Maintenon, dem Herzog von Burgund und dem Herzog von Anjou (Ludwig XV.)
Nicolas Largillière.
London, Wallace-Collection.

Ludwig XV. wurde am 15. Februar 1710 geboren, sein Großvater, der Grand-Dauphin, starb am 15. April 1711. Innerhalb dieses Zeitraumes muß Largillière sein Bild gemalt haben, wenn es überhaupt noch zu Lebzeiten des Dauphins und des Duc de Bourgogne entstand, was der Katalog des Wallace-Museums bezweifelt. Ob mit Recht, bleibe dahingestellt.
(Siehe auch Nr. 3. 15. 31. 34.)

 

Im Jahre 1691 studierte ich Philosophie und lernte in der Akademie der Herren Mesmont und Rochefort reiten. Nebenbei ward ich auch in anderen Fächern unterrichtet. Alsogleich fing ich an, Lehrer und Lernen höchst langweilig zu finden und stark nach dem Eintritt in das Heer zu trachten. Die Belagerung Von Mons, die der König zu Beginn des Frühjahres in Person eröffnete, hatte fast alle jungen Leute meines Alters dorthin gezogen, damit sie ihre Feuertaufe empfingen; und was mich am meisten reizte, war der Umstand, daß der Herzog von Chartres Philipp von Orleans, der Neffe des Königs, Sohn seines Bruders und der Prinzessin Elisabeth Charlotte von der Pfalz, geboren am 2. August 1674, gestorben am 2. Dezember 1723 als Regent Frankreichs. darunter war. Mit ihm war ich sozusagen erzogen worden. Ich war acht Monate jünger als er und eng mit ihm befreundet, wenn dieser Ausdruck bei jungen Männern so verschiedenen Ranges statthaft ist.

Ich faßte den Entschluß, einen Strich unter meine Kinderzeit zu setzen. Welche Listen ich gebrauchte, um meine Absicht zu erreichen, will ich nicht näher erörtern. Ich wandte mich zunächst an meine Mutter, merkte aber bald, daß sie auf meinen Plan nicht ernstlich einging. Nun steckte ich mich hinter den Vater und redete ihm vor, da der König in diesem Jahre eine große Belagerung vorhabe, werde er im nächsten nichts unternehmen. Es gelang mir, meine Mutter zu täuschen. Sie kam erst hinter meinen Plan, als er fast ausgeführt war und ich meinen Vater so weit hatte, daß er sich nicht wieder umstimmen ließ.

Der König bestand darauf, daß jeder, der in sein Heer eintrat, mit Ausnahme der Prinzen des Königlichen Hauses und seiner natürlichen Söhne, ein Jahr lang in einer seiner Musketierkompagnien Die Musketiere waren eine Art Nobelgarde. Die beiden Kompagnien wurden nach der Farbe ihrer Pferde »schwarze« und »graue« Musketiere genannt. Jede bestand aus 250 Herren (maîtres). dienen mußte. Die Wahl war freigestellt. Um Manneszucht zu lernen, mußte man weiterhin eine mehr oder weniger lange Zeit eine Schwadron führen oder Offiziersdienst in seinem Leib-Infanterieregiment leisten, das der König begünstigte und allen andern Regimentern vorzog. Erst dann durfte man das Kommando eines Kavallerie- oder Infanterieregiments kaufen, je nachdem wie sich das jeder vornahm. Mein Vater brachte mich deshalb nach Versailles, wohin er nach seiner Rückkehr aus Blaye (wo er todkrank gewesen) noch nicht wieder hatte kommen können. Meine Mutter hatte ihn mit der Post abgeholt und ihn in sehr schwachem Zustande heimgebracht. Damals hatte er nicht geglaubt, den König je wiederzusehen. Jetzt machte er ihm seine Aufwartung und stellte mich ihm zugleich als künftigen Musketier vor. Das war am Tage der Heiligen Simon und Juda Am 28. Oktober 1691, an einem Sonntag, an welchem Tag der König Ministerrat hielt und sich Persönlichkeiten vorstellen ließ., mittags halb ein Uhr, als der König aus dem Ministerrat kam.

Seine Majestät ehrte meinen Vater mit einer dreimaligen Umarmung. Als dann die Rede auf mich kam, bemerkte der König, ich sähe klein und zart aus und wäre wohl noch sehr jung, worauf mein Vater entgegnete, um so länger vermöchte ich ihm zu dienen. Darnach fragte der König, in welche von den beiden Leibkompagnien er mich eintreten lassen wolle. Mein Vater entschied sich für die erste, weil ihr Hauptmann, der Marquis von Maupertuis Louis de Melun, genannt Marquis de Maupertuis, 1620 bis 1706., ein Vertrauter Freund von ihm war. Er rechnete auf dessen Fürsorge für mich, weil er wußte, daß sich der König bei den Kompagnieführern nach den jungen Edelleuten in den beiden Kompagnien genau erkundigte und daß diese erste und entscheidende Beurteilung für immer maßgebend blieb. Mein Vater hatte darin sehr recht. Die gute Meinung, die der König von Anfang an von mir hatte, verdanke ich der Güte des Herrn von Maupertuis.

Ein Vierteljahr, nachdem ich Musketier geworden, also im März des Jahres 1692, war der König nach Compiègne gefahren, um eine Besichtigung der Garde abzuhalten. Eines Tages hatte ich dort die Wache beim König. Diese kleine Reise gab Anlaß, daß von einer größeren Unternehmung gesprochen wurde. Meine Freude darüber war ganz außerordentlich; aber mein Vater, der wirtschaftlich nicht damit gerechnet hatte, bereute jetzt, daß ich Soldat geworden war, und ließ es mich merken. Meine Mutter war anfangs zwar ein wenig ärgerlich und ungehalten darüber gewesen, daß ich mich vom Vater gegen ihren Willen hatte einstellen lassen; trotzdem brachte sie ihn dahin, daß er mir eine Ausrüstung von fünfunddreißig Pferden und Maultieren verschaffte und was sonst noch nötig war, um im Felde anständig aufzutreten.

Der König rückte am 10. Mai 1662 mit den Damen des Hofes ins Feld. Der König hatte die Gewohnheit, sich von seinen Geliebten ins Feld begleiten zu lassen. Ich ritt bei meiner Truppe und mit meiner ganzen Dienerschaft wie die anderen Musketiere. Der Marsch dauerte acht Wochen. Ich hatte zwei Edelleute als Begleiter. Der eine gehörte schon lange zu unserem Hause; er war mein Erzieher gewesen. Der andere stand im Dienste meiner Mutter. Die Armee des Königs sammelte sich im Lager von Givry Stadt im Hennegau, nicht weit von Mons.; die des Marschalls von Luxemburg François-Henry de Montmorency, Graf von Bouteville, 1628 bis 1695, wurde durch Heirat 1661 Duc de Luxembourg; 1673 Kommandeur der Gardes-du-corps. stand in der Nähe. Die Damen hatten ihr Quartier in Mons, zwei Wegstunden entfernt. Der König lud sie in sein Lager ein und bewirtete sie daselbst, worauf eine Heerschau abgehalten ward, wie man sie prächtiger vielleicht noch nie gesehen hatte. Beide Armeen waren nebeneinander in zwei Treffen aufgestellt; die des Königs auf dem rechten Flügel. Die Front war drei französische Meilen lang.

siehe

25. Phillippe, Herzog von Orleans (1640-1701)

Vallerant Waillant (1660).
Pastell. ? Wien, Albertina.

»... sage Nur dißes das Monsieur der beste Mensch von der welt ist ... Er gleicht an keins von seinen Contrefaict.« (Elisabeth Charlotte von Orleans an die Kurfürstin von Hannover am 3. Dezember 1672.) Saint-Simon hingegen findet: »Alle Bildnisse von ihm sind gut getroffen.« (Siehe S. 305.)

 

Nach zehntägigem Aufenthalt in Givry trennten sich die beiden Armeen und traten den Vormarsch an. Zwei Tage später ward die Belagerung von Namur angeordnet, wo der König nach fünf Marschtagen anlangte. Monseigneur (der Dauphin) Ludwig, geboren am 1. November 1661, gest. am 14. April 1711., Monsieur Philipp, Herzog von Orleans, der Bruder des Königs, 1640 bis 1701, der Gemahl der Pfälzerin., der Prinz von Condé Henri-Jules de Bourbon, Großmeister von Frankreich, 1643 bis 1709, der Sohn des »großen Condé«. und der Marschall von Humières Louis de Crevant, zuerst Marquis und dann Herzog dHumières, 1638 bis 1694. führten die eine Armee der Reihe nach unter der Oberleitung des Königs, während der Marschall von Luxemburg, der die seinige allein führte, die Belagerung deckte und für die Aufklärung sorgte. Die Damen hatten sich inzwischen nach Dinant begeben. Am dritten Marschtage ward der Prinz von Condé zur Belagerung der Stadt Namur entsandt. Der berühmte Vauban siehe Anmerkung zu S. 147 der Einleitung. die Seele aller Belagerungen, die der König je unternommen, setzte es durch, daß die Stadt getrennt von der Burg belagert wurde, gegen den Vorschlag des Barons von Bressey, der Stadt und Burg zugleich angreifen wollte. Er hatte den Platz befestigt. Aus Unzufriedenheit hatte er unlängst den spanischen Heeresdienst verlassen. Daß er sich gleich darauf Frankreich zur Verfügung gestellt, war seinem guten Rufe nicht gerade dienlich gewesen. Er ragte durch Tüchtigkeit und Fähigkeiten hervor und war ein ausgezeichneter Kriegsbaumeister und ein vorzüglicher Truppenführer. Nach seinem Übertritt in des Königs Dienste wurde er Generalleutnant und bekam ein beträchtliches Gehalt. Er war ein Mann von kleiner Gestalt, bescheiden und zurückhaltend. Eigentlich sah er nach gar nichts aus, aber er erlangte bald des Königs Vertrauen und dessen ganze militärische Hochachtung.

siehe

2. Molière als Caesar in »La Morte De Pompée« von Corneille

Pierre Mignard (1663?).
Paris, Comédie Française.

Die Tragödie Corneilles wurde im Jahr 1663 zum ersten Male aufgeführt. ? Vergleiche über dieses Bild Le Brun-Dalbanne in den »Mémoires de la Société Académique ... du département de lAube.« Troyes 1875, Tom. 39, S. 341 f. Der »Mercure galant« vom Jahre 1673 erzählt: »Molière était tout comédien depuis les pieds jusquà la tête. Il semblait quil eût plusieurs voix: tout parlait en lui; et dun pas, dun sourire, dun clin d?il et dun remuement de tête il faisait plus concevoir de choses que le plus grand parleur naurait pu dire en une heure ...«

(Siehe auch Nr. 16.)

 

Der Prinz von Condé, der Marschall von Humières und der Marquis von Boufflers Zuerst Chevalier und dann Marquis de Boufflers, 1644 bis 1711. leiteten einer nach dem anderen einen Angriff. Während der zehn Tage, die die Belagerung der Stadt dauerte, trug sich nichts Besonderes zu. Am elften, nach Öffnung der Laufgräben, begann die Unterhandlung. Die Bedingungen fielen ungefähr so aus, wie die Belagerten sie wünschten. Nun zogen sie sich in die Burg zurück. Man war übereingekommen, daß von der Stadt her kein Angriff auf die Burg erfolgen und daß andrerseits die Stadt von der Burg aus verschont und unbeschossen bleiben sollte. Der König hielt sich während der Belagerung beständig im Lager auf. Es war sehr heiß und immer klarer Himmel. Nennenswerte Verluste gab es nicht, abgesehen davon, daß Graf Cormaillon fiel, ein junger tüchtiger Ingenieuroffizier, der eine gute Laufbahn vor sich gehabt und den Vauban sehr betrauerte. Der Graf von Toulouse Louis-Alexandre de Bourbon, 1678 bis 1737, einer der anerkannten Söhne der Montespan, den Ludwig 1683 zum Admiral von Frankreich ernannt hatte. erhielt eine leichte Verwundung am Arm, und zwar ganz in der Nähe des Königs, der von einem Hügel, aber ziemlich weit von der belagerten Stadt entfernt, dem Sturm zusah, den eine Abteilung der älteren Musketiere aus beiden Kompagnien bei Tage auf eine Schanze machte.

siehe

26. Françoise-Athénaïs, Marquise de Montespan

Pierre Mignard (etwa 1671)
Troyes, Museum.

Vergl. über diese Porträt Le Brun-Dalbane: »Étude sur Pierre Mignard.« Paris 1888, S. 64-87, wo es heißt: »... ici Pierre Mignard sest surpassé.«

 

Das Heer wechselte seine Stellung, um die Burg zu belagern. Als die einzelnen Truppenteile den ihnen bestimmten Plätzen zustrebten, stieß das Königs-Infanterie-Regiment auf eine kleine feindliche Abteilung, die den betreffenden Ort besetzt hielt und sich daselbst verschanzte. Alsbald entwickelte sich dort ein ziemlich heftiges Sondergefecht. Der Fürst von Soubise François de Rohan (1631 bis 1712), von dem, wie auch von seiner Frau, bei Saint-Simon sehr häufig die Rede ist, zeichnete sich bei Mons aus. Über die Fürstin siehe Einleitung S. 101., der an diesem Tage den Oberbefehl führte, eilte hin und zeichnete sich aus. Das Königs-Regiment erntete bei geringen Verlusten viel Ehre. Der Feind war bald verjagt. Der König, der diese Truppe sehr liebte und sie vor allen anderen stets als sein Leibregiment ansah, war höchst erfreut darüber.

Die Zelte des Königs und des ganzen Hofes standen auf einer schönen Wiese fünfhundert Schritt vom Kloster Marlagne entfernt. Das gute Wetter, das seit dem Abmarsch von Paris geherrscht, schlug in Regen um, der so reichlich und so andauernd war, wie ihn noch keiner im Felde erlebt hatte. Die Soldaten gerieten über diese Sintflut in Verzweiflung. Der Regen ward zur wahren Plage der Belagerer. Die Zelte des Königs waren nur durch Wege erreichbar, die man mit Reisigbündeln überdeckte. Da sie immer wieder versanken, mußten sie alle Tage erneuert werden. Lager und Quartiere waren ebenso unzugänglich; die Belagerungsgräben voller Wasser und Schlamm. Man brauchte oft drei Tage, um die Geschütze von einer Schanze zur anderen zu bringen. Die Munitionswagen waren unverwendbar, so daß man die Geschosse nur auf Maultieren und Pferden herbeischaffen konnte.

Genau so ging es bei der Armee des Marschalls von Luxemburg, wo der Zustand der Wege jeden Fahrverkehr verhinderte. Es trat Mangel an Lebensmitteln und Futter ein, ein großer Übelstand, dem nur durch einen Befehl des Königs abgeholfen ward, demzufolge tagtäglich eine Abteilung der Garde Säcke voll Getreide auf den Kruppen ihrer Pferde hinbringen mußte.

Obgleich die Garde Die Garde (la Maison militaire du Roi) bestand aus etwa 10 000 Mann Infanterie und Kavallerie. während der Belagerung kaum je zur Ruhe kam, weil sie die Reisigbündel herbeischleppen, die verschiedenen Wachen stellen und den sonstigen täglichen Dienst leisten mußte, wurde ihr auch dies noch aufgebürdet, weil die Heeresreiterei gleichfalls immer beschäftigt war und sie obendrein ihre Pferde fast nur noch mit Laub fütterte. Der Hinweis hierauf beruhigte aber die Gardetruppen nicht, die durch allerhand Auszeichnungen verwöhnt waren. Sie beklagten sich und murrten. Der König blieb aber hartnäckig und verlangte Gehorsam. Es mußte also gemacht werden.

Am ersten Tage war eine Abteilung von Leibkürassieren und Leichten Gardereitern sehr früh morgens am Kornspeicher eingetroffen. Die Reiter begannen vor sich hin zu brummen, hetzten einander dadurch auf, warfen schließlich die Säcke hin und weigerten sich rundweg, sie wegzutragen. Unteroffizier Cresnay, zu dessen Beritt ich gehörte, hatte mich höflich gefragt, ob ich am Kornfassen teilnehmen möchte. Wenn nicht, wolle er mich zu anderm Dienst befehligen. Ich wählte das Getreideschleppen, weil ich in Anbetracht des erregten Aufsehens vermeinte, es könne mir dies zum Vorteil sein. In der Tat kam ich mit meiner Abteilung Musketiere gerade in dem Augenblick an, als die Rotröcke streikten. Ich buckelte mir meinen Getreidesack vor aller Augen auf. Der Brigadekommandeur Marin von den Gardes-du-corps, der das Verladen der Säcke besichtigte, bemerkte mich alsbald. Höchst zornig über die Dienstverweigerung, die er eben wahrgenommen, rief er laut, indem er auf mich wies und meinen Namen nannte: »Wenn der solchen Dienst nicht unter seiner Würde findet, so wird es euch Kürassieren und Leichten Reitern auch keinen Abbruch an der Ehre tun!« Diese Worte und Marins strenger Ton verfehlten ihre Wirkung nicht. Augenblicklich und ohne weitere Widerrede luden die Rotröcke ihre Säcke auf. Seitdem gab es dabei auch nicht mehr die leiseste Schwierigkeit. Marin blieb, bis er die Abteilung beladen abreiten sah, und erstattete alsbald dem König Meldung über den Vorfall, wobei er den guten Eindruck meines Beispiels nicht unerwähnt ließ. Mein Zugreifen trug mir mehrere gnädige Anreden von seiten Seiner Majestät ein. Während der weiteren Belagerung nahm der König jedesmal, wenn er mich sah, Gelegenheit, gütige Worte an mich zu richten. Ich war Marin um so dankbarer, als ich ihn gesellschaftlich gar nicht kannte.

Am 27. Tage nach der Öffnung der Laufgräben ? das war Dienstag den 1. Juli 1692 ? bot der Kommandant des Platzes, Fürst von Barbançon Octave-Ignace von Aremberg, geb. 1640. Er fiel 1693 in der Schlacht bei Neerwinden., die Übergabe an. Es war die höchste Zeit für die Belagerer, die nach all den Mühsalen und bei dem endlos üblen Wetter vollkommen fertig waren. Sogar die Pferde des Königs bekamen nur noch Laub, und von den zahlreichen Reiterei- und Troßpferden erholte sich kein einziges je recht wieder. Zweifellos hätte man ohne die persönliche Anwesenheit des Königs die Belagerung nie zu Ende führen können. Seine Regsamkeit beseelte die Belagerung, und ohne daß er es ausdrücklich forderte, erreichte er das Unmögliche. So groß war das Streben, ihm zu gefallen, sich vor ihm auszuzeichnen. Übrigens hätte wer weiß was geschehen können, wenn sich die Festung noch zehn Tage gehalten hätte, was sehr wohl möglich gewesen wäre. Die körperlichen und geistigen Strapazen, die der König während der Belagerung aushielt, zogen ihm den schmerzlichsten Gichtanfall zu, den er je erduldet hatte. Indessen hinderte ihn dies nicht, vom Bett aus für alles zu sorgen und wie in Versailles zur Erledigung der inneren und äußeren Staatsangelegenheiten seinen Rat um sich zu versammeln, wie er dies während der ganzen Belagerung getan hatte.

II

1692. 1693
Heirat des Herzogs von Chartres und des Herzogs von Maine

Dem König lag die Versorgung seiner unehelichen Kinder sehr am Herzen. Ludwig hatte von seinen drei Geliebten, der La Vallière, der Montespan und dem Fräulein von Fontanges, dreizehn Kinder. (Siehe auch Einleitung S. 93 f. u. 97.) Acht davon waren in frühem Alter gestorben. 1692 waren nur noch fünf am Leben: die Prinzessin Conti, der Herzog von Maine, Mademoiselle von Nantes, die Gemahlin des Prinzen von Condé, der Graf von Toulouse und Mademoiselle von Blois. Unablässig brachte er sie höher. Zwei seiner Töchter verheiratete er an Prinzen des Königlichen Hauses. Eine davon, die Prinzessin von Conti, das einzige Kind des Königs und der Frau von La Vallière, war bereits wieder Witwe und hatte keine Nachkommenschaft. Die andere, die älteste Tochter des Königs und der Frau von Montespan, hatte den Prinzen von Condé Louis III., 1668 bis 1710, seit 1686 »Monsieur le Duc«. geheiratet. Seit langem dachte nun Frau von Maintenon mehr noch als der König daran, das Fräulein von Blois, die zweite Tochter des Königs und der Montespan, mit dem Herzog von Chartres zu vermählen.

Das war der einzige wirkliche Neffe des Königs. Als Enkel des verstorbenen Königs und als Sohn Von »Monsieur« stand er im Rang hoch über allen Prinzen von Geblüt. Die Verheiratung der beiden oben genannten Prinzen hatte seinerzeit allgemein Anstoß erregt. Der König wußte dies sehr wohl, und so konnte er damit rechnen, daß eine noch unebenbürtigere Verbindung einen noch viel schlechteren Eindruck machen werde. Bereits vier Jahre lang trug er sich mit diesem Gedanken, immer auf seine Ausführung bedacht. Sie war um so schwieriger, da Monsieur auf die Wahrung seiner hohen Würde überaus streng hielt und Madame Elisabeth Charlotte von Orleans (von der Pfalz). schon durch ihre Herkunft eine Verächterin jedweder unehelichen Verbindung und jeglicher Mißheirat war. Dazu war ihr Eigensinn derart, daß sie höchstwahrscheinlich eine solche Heirat niemals guthieß.

Da es galt, so beträchtliche Hindernisse zu überwinden, nahm der König seinen Oberstallmeister zum Helfershelfer, Ludwig von Lothringen, Grafen von Armagnac und von Brionne Über diesen siehe Einleitung S. 70., der den Titel »Monsieur le Grand« führte und von jeher in den freundschaftlichsten Beziehungen zu ihm stand. Dieser sollte seinen Bruder, den Chevalier Philipp von Lothringen Der Chevalier von Lorraine (1643 bis 1702), Malteserritter, wegen seiner »engelhaften Schönheit« viel gefeiert. (Mémoires de Daniel de Cosnac, II, 211.), der schon immer den allergrößten Einfluß auf den Herzog von Orleans ausübte, für den Heiratsplan gewinnen. Der Chevalier war ein hübscher Kerl gewesen; Monsieur machte sich nichts aus den Frauen und gab sich nicht einmal Mühe, dies zu verbergen. Der gleiche Geschmack hatte den Chevalier zu seinem Herrn und Meister gemacht, und dies blieb er sein Leben lang.

Den beiden Brüdern kam nichts mehr erwünscht, als daß sie dem König in einer so heiklen Angelegenheit Dienste leisten konnten. Schlau, wie sie waren, verstanden sie ihren Vorteil daraus zu schlagen. Es war im Sommer 1688, als sie in die Sache eingeweiht wurden. Damals zählte der Orden der Ritter vom Heiligen Geiste kaum noch ein Dutzend Mitglieder. Neuaufnahmen mußten baldigst und unbedingt erfolgen. Die beiden Lothringer baten um ihre Aufnahme, und zwar noch vor derjenigen der Herzöge. Der König vermochte sich schwer zu entschließen. Er hatte bisher keinen der Lothringer in den Orden ausgenommen. Die Forderung kam ihm anmaßend vor. Aber die beiden Brüder gaben nicht nach und trugen den Sieg davon.

Dermaßen im voraus bezahlt, verbürgte sich der Ritter von Lothringen für die Einwilligung Monsieurs in die Heirat und versprach auch, Madame und den Herzog von Chartres dafür zu gewinnen.

Der junge Prinz war von Saint-Laurent erzogen worden. Vorher war er in der Obhut von Frauen gewesen. Dieser Saint-Laurent war ein Mann von niederer Herkunft und von gewöhnlichem Aussehen, ehedem eine ganz untergeordnete Persönlichkeit im Hause Monsieurs, aber, kurz gesagt, der geeignetste Mensch seiner Zeit, einen jungen Fürsten zu erziehen und einen großen König heranzubilden. Wegen seiner geringen Geburt durfte er den Titel eines Prinzen-Erziehers nicht tragen, indessen war er es in Wirklichkeit ob seiner großen Fähigkeit. Als es die Schicklichkeit erforderte, daß der Prinz einen Hofmeister erhielt, war dieser Hofmeister nur ein Strohmann, während Saint-Laurent nach wie vor das Vertrauen und die Würde genoß.

Saint-Laurent war ein Freund des Pfarrers von Saint-Eustache und ein wirklicher Ehrenmann. Der Pfarrer hatte einen Diener namens Dubois Der spätere Kardinal, Minister und Vertraute des nachmaligen Regenten Philipp von Orleans, 1656 bis 1723. Was Saint-Simon über die Studien und das Jugendleben Dubois vorbringt, wird von einigen seiner Zeitgenossen und von seinen späteren Biographen bestritten; er soll sein Studium mit Hilfe eines Stipendiums im Kollegium Saint-Michel zu Paris gemacht haben., der ehedem beim Doktor Antoine Faure, theologischem Beirat des Erzbischofs von Reims, Le Tellier, in Stellung gewesen war. Man hatte seinen klugen Verstand erkannt und ihn studieren lassen. Dadurch hatte dieser Diener literarische und sogar geschichtliche Kenntnisse. Aber er besaß kein Vermögen und war nach dem Tode seines früheren Herrn in den Dienst des Pfarrers von Saint-Eustache getreten. Dieser war mit Dubois sehr zufrieden, und da er selbst nichts für ihn tun konnte, bot er ihn Saint-Laurent an, in der Hoffnung, dieser werde ihm weiterhelfen. Saint-Laurent übernahm ihn und verwendete ihn alsbald bei seinem Unterricht des jungen Herzogs von Chartres. Um ihm mehr Ansehen zu verleihen, ließ er ihn fortan priesterliche Kleidung tragen. Dubois half bei den Vorbereitungen zum Unterricht, fertigte die Reinschriften des Prinzen an, schlug ihm die Wörter im Wörterbuche auf und erleichterte ihm so die Arbeit. In diesem bescheidenen Anfange seiner Laufbahn habe ich Dubois häufig angetroffen, wenn ich zum Herzog von Chartres kam, um mit ihm zu spielen. Später, als Saint-Laurent kränklich wurde, erteilte Dubois selbständig den Unterricht, und zwar sehr gut und dabei unterhaltsam für den Prinzen. Indessen starb Saint-Laurent ganz plötzlich. Dubois gab zunächst die Stunden vertretungsweise weiter. Inzwischen war er ein echter Abbé geworden, und es war ihm gelungen, sich die Gunst des Ritters von Lothringen und des Marquis Von Effiat Antoine Coiffier, genannt Ruzé, Marquis von Effiat, Chilly und Longjumeau, 1638 bis 1719. Monsieur hätte ihn gern zum Gouverneur seines Sohnes ernannt; aber die Pfälzerin widersetzte sich, wie aus einem ihrer Briefe vom 26. August 1689 hervorgeht, dieser Absicht aufs heftigste. zu erringen. Beide waren vertraute Freunde, und der Letztgenannte hatte großen Einfluß auf Monsieur, dessen Erster Stallmeister er war. Dubois ohne weiteres zum Hofmeister zu machen, ging nicht an; aber seine beiden Gönner Verzögerten zunächst die Wahl eines Hofmeisters, machten sodann auf die Fortschritte des jungen Prinzen aufmerksam und erklärten einen Wechsel des Lehrers für unvorteilhaft. Dubois blieb also in seinem Amt, und eines schönen Tages ward er Knall und Fall wirklicher Hofmeister. Ich habe nie einen Menschen so voller Freude gesehen. Grund genug hatte er allerdings dazu. Seine aufrichtige Dankbarkeit und noch mehr der Wunsch, sich in dieser Stellung zu behaupten, ketteten ihn nun immer mehr an seine Gönner. So kam es, daß sich der Ritter von Lothringen seiner bediente, um die Einwilligung des Herzogs von Chartres zu der geplanten Verheiratung zu erlangen.

Dubois besaß das Vertrauen des jungen Prinzen, der noch sehr wenig Lebenserfahrung und Menschenkenntnis hatte. Dubois machte ihm angst vor dem König und vor Monsieur, während er ihm gleichzeitig die verlockendsten Aussichten eröffnete. Soviel er sich aber auch Mühe gab, erreichte er indessen nichts weiter, als daß er nicht kurzerhand eine Abfuhr erlitt. Das genügte dem Abbé. Übrigens sprach er mit dem Prinzen erst kurz vor der Ausführung des Planes. Monsieur war bereits gewonnen. Sobald der König über alles das von Dubois Meldung bekam, ging er schleunigst an den Abschluß des Unternehmens. Einen oder zwei Tage vorher bekam Madame Wind davon. Sie bedeutete ihrem Sohne die Unwürdigkeit einer solchen Ehe mit aller Kraft, die ihr zu Gebote stand, und ließ sich von ihm sein Wort geben, daß er niemals einwilligen werde. Somit zeigte er weder gegen seinen Hofmeister noch gegen seine Mutter Rückgrat. Angst auf der einen Seite, Widerwillen auf der andern, und allenthalben große Verlegenheit.

Als ich eines Nachmittags, ziemlich zeitig, durch die Große Galerie ging, sah ich, wie der Herzog von Chartres aus der Hintertür seiner Gemächer herauskam, mit einem höchst verlegenen und trübseligen Gesicht. Hinter ihm ein Feldwebelleutnant der Leibkompagnie Monsieurs. Da mir dies auffiel, fragte ich ihn, wohin er so eilig und zu so früher Stunde ginge. Er antwortete mir kleinlaut und verdrießlich, er sei zum König befohlen. Es schien mir nicht ratsam, ihn zu begleiten, und so wandte ich mich zu meinem Hofmeister, indem ich bemerkte, offenbar handle es sich um die Heirat; die Sache entscheide sich. Seit einigen Tagen hatte ich davon munkeln hören, und da ich heftige Auftritte erwartete, war ich höchst neugierig und gespannt.

Der Herzog von Chartres fand den König allein mit Monsieur in seinem Arbeitszimmer. Die Anwesenheit seines Vaters kam dem jungen Manne völlig unerwartet. Der König war äußerst gnädig mit ihm und sagte, daß er ihn gern verheiratet sehen möchte. Aber der Krieg, den es nach allen Richtungen gäbe, mache die Heirat mit einer ebenbürtigen ausländischen Prinzessin unmöglich. Unter den Prinzessinnen von Geblüt sei keine mit passendem Alter da. Er könne ihm seine Huld nun nicht besser beweisen, als indem er ihm seine Tochter zur Frau anböte. Von ihren Schwestern seien zwei an Prinzen von Geblüt verheiratet. Er werde dann sein Schwiegersohn und Neffe zugleich sein. Aber so erwünscht ihm diese Heirat auch sei, so wolle er ihn doch dazu nicht nötigen. Er lasse ihm durchaus freie Hand.

Der König sagte diese Worte mit der ihm eigenen überwältigenden Würde. Der Prinz, der schüchtern und wenig redegewandt war, verlor seine Fassung. Um sich aus dieser mißlichen Lage zu retten, verschanzte er sich hinter Monsieur und Madame. Stammelnd erwiderte er, der König sei sein Gebieter, aber er selbst sei vom Willen seines Vaters und seiner Mutter abhängig. »Sehr schön von Ihnen!« antwortete der König. »Aber sobald Sie ja sagen, werden Ihr Herr Vater und Ihre Frau Mutter nichts dagegen haben.« Zugleich wandte er sich an Monsieur: »Nicht wahr, lieber Bruder?« Monsieur gab seine Einwilligung, wie er das bereits vorher unter vier Augen getan hatte. Nunmehr kam also nur noch Madame in Frage, die auf der Stelle herzubefohlen wurde. Unterdessen plauderte der König mit Monsieur, wobei beide taten, als merkten sie nicht, wie verwirrt und niedergeschlagen der Prinz dastand.

Madame erschien. Sogleich nach ihrem Eintreten sagte der König, er rechne stark darauf, daß sie sich einer Sache nicht widersetze, die Monsieur wünsche und die ihrem Sohne recht sei. Er meine damit des Herzogs Verheiratung mit Fräulein von Blois. Er mache kein Hehl daraus, daß ihm dies sehr am Herzen liege. Diesen Worten folgte kurz dasselbe, was er soeben dem jungen Prinzen gesagt hatte. Hoheitsvoll fügte er hinzu, er wäre überzeugt, daß Madame entzückt sei. Selbstverständlich war er des Gegenteils gewiß.

Madame hatte sich auf das Wort ihres Sohnes verlassen. Gewissermaßen hatte er das ja auch durch seine verlegene und bedingte Antwort nach Kräften gehalten. Als sie sich jetzt im Stiche gelassen sah, fand sie keine Worte. Sie warf Monsieur und ihrem Sohne je einen wütenden Blick zu und sagte: da es der allgemeine Wunsch sei, hätte sie nichts hinzuzufügen. Mit einer kurzen Verbeugung empfahl sie sich. Der Prinz eilte ihr sofort nach. Aber sie ließ ihn nicht zu Worte kommen, so daß er ihr den Vorgang nicht genau erzählen konnte. Sie kanzelte ihn, der mit Tränen im Auge dastand, tüchtig ab und jagte ihn von dannen.

Kurz danach kam auch Monsieur, unmittelbar vom König, zu ihr. Abgesehen davon, daß sie ihn nicht auch zum Teufel jagte wie ihren Sohn, bekam er dasselbe zu hören, so daß er sehr bestürzt ihre Gemächer verließ, ohne auch nur zu einem einzigen Worte gekommen zu sein.

Die ganze Komödie war nachmittags um vier Uhr vorüber. Am Abend fand bei Hof Empfang statt. Das geschah im Winter dreimal in der Woche, während an den übrigen drei Tagen Theater war und an den Sonntagen nichts.

An jenem Abend befahl der König nach dem Konzert Monseigneur und Monsieur, die bereits beim »Landsknecht« saßen, zu sich; ebenso Madame, die zerstreut an einer Partie Lhombre teilnahm. Fernerhin den Herzog von Chartres, der höchst trübsinnig Schach spielte, und Fräulein von Blois, die bisher noch wenig in der Welt erschienen und heute außergewöhnlich kostbar angezogen war. Sie wußte und ahnte nichts von der ganzen Geschichte. Da sie von Natur sehr schüchtern war und vor dem König eine entsetzliche Angst hatte, glaubte sie, sie werde gerufen, um irgendeinen Verweis zu erhalten. Bei ihrem Eintritt zitterte sie deshalb derart, daß Frau von Maintenon sie auf ihren Schoß nahm und dort behielt, ohne daß es ihr gelang, sie ganz zu beruhigen.

Als es unter den Anwesenden bekannt ward, daß die Mitglieder des Königlichen Hauses, dazu Fräulein von Blois, zu Frau von Maintenon befohlen waren, flog die Nachricht von der Heirat durch die Säle. Währenddem veröffentlichte der König sie in der Tat im engsten Kreise. Ein paar Augenblicke später kehrten die genannten Personen zur Hofgesellschaft zurück, wo nunmehr das Ereignis allgemein bekanntgemacht wurde. Gerade in dem Augenblick kam ich hinzu. Überall hatten sich Gruppen gebildet, und auf allen Gesichtern malte sich das höchste Erstaunen. Ich erfuhr die Ursache, die mich nicht überraschte, da ich doch dem Prinzen nach Tisch ? wie erzählt ? begegnet war.

Madame ging in der Galerie mit der Gräfin Châteauthiers, die bei ihr sehr gut stand und das auch verdiente, auf und ab. Sie machte große Schritte, hielt ihr Taschentuch in der Hand, weinte vor aller Welt, sprach laut, machte heftige Bewegungen und spielte die Rolle der Ceres, wie sie nach dem Raube der Proserpina diese sucht und sie Von Jupiter wutentbrannt zurückverlangt. Rücksichtsvoll machte man ihr allgemein Platz und überließ ihr die Galerie. Monseigneur und Monsieur saßen bereits wieder bei ihrem Landsknecht. Der erste sah aus wie immer, Monsieur hingegen verlegen. Er war ganz und gar fassungslos, und dieser Zustand dauerte länger denn vier Wochen. Sein Sohn machte einen trostlosen Eindruck, und die Braut erschien verwirrt und außerordentlich trübselig. So jung sie war, so verheißungsvoll ihre Zukunft schien, war sie sich doch über den ganzen Vorgang völlig klar und fürchtete die Folgen. Die Bestürzung war mit Ausnahme einer geringen Anzahl von Leuten allgemein. Die Lothringer lachten sich ins Fäustchen. Unzucht und doppelter Ehebruch, denen sie gedient, waren ihnen von Nutzen gewesen. Sie freuten sich ihres Erfolges, und da das Maß ihrer Schmach voll war, hatten sie auch allen Grund zur Zufriedenheit.

So sehr dies Hofereignis auf dem Empfangsabend zu lasten schien, in Wirklichkeit war er doch lebhaft und merkwürdig. Wenngleich er genau so lange währte wie sonst, kam er mir kurz vor. Daran schloß sich die königliche Abendtafel. Nichts sollte meinen Augen entgehen. Der König sah aus wie gewöhnlich. Der Herzog von Chartres saß neben seiner Mutter, die weder ihm noch ihrem Gemahl einen Blick gönnte. Ihre Augen standen voller Tränen, die von Zeit zu Zeit herabtropften und die sie jedesmal abtrocknete. Dabei überblickte sie die Anwesenden, offenbar um zu erspähen, was für Miene jeder machte. Ihr Sohn hatte gleichfalls rote Augen, und beide aßen so gut wie nichts. Ich beobachtete, wie der König beinahe alle Gerichte, die vor ihm standen, Madame anbot, und wie sie in schroffer Weise alles ablehnte, was den König nicht abschreckte, sein artiges und aufmerksames Benehmen gegen sie bis zum Ende des Mahles beizubehalten.

Es war fernerhin sehr auffällig, daß der König nach Aufhebung der Tafel und bei der Beendigung des Cercle im Augenblick, als er sich zurückzog, Madame eine besonders tiefe Verbeugung machte. Madame hingegen wandte sich rasch auf dem Absatz um, so daß der König, als er sich wieder aufrichtete, nur ihren Rücken Zu sehen bekam, während sie schon der Tür zuschritt.

Am folgenden Tag machte der Hof bei Monsieur, bei Madame und dem Herzog von Chartres seine Aufwartung. Man begnügte sich, wortlos seine feierliche Verbeugung zu machen. Hinterher ging man, wie üblich, in die Galerie, wo man den Schluß des Ministerrats und den Gang des Königs zur Messe erwartete. Auch Madame kam. Ihr Sohn ging auf sie zu, wie er das gewohnt war, um ihr die Hand zu küssen. Da gab sie ihm eine so schallende Ohrfeige, daß man sie weithin hörte, was den armen Prinzen, in Gegenwart des ganzen Hofes, in die größte Verlegenheit, und die zahlreichen Anwesenden, unter denen auch ich mich befand, in das höchste Staunen versetzte. Am nächsten Tage ward die Riesenmitgift bekanntgegeben. Der König sicherte seiner Tochter zwei Millionen Franken zu; ferner 150 000 Franken jährliche Apanage und Juwelen im Werte von 600 000 Livres. Der Herzog von Chartres erhielt 200 000 Livres Apanage und Monsieur das Palais Royal. Wieder einen Tag darauf machte der König seinem Bruder und seiner Schwägerin einen Besuch, der sehr einsilbig verlief. Von da an beschäftigte man sich ausschließlich mit den Vorbereitungen zur Hochzeit.

Am Fastnachtssonntag fand Hofball statt, der mit einem Rundtanz Branle, bei dem sich mehrere Personen bei der Hand hielten und sich zu einer langsamen Weise in feierlichem Schritte drehten. begann. Vormittags hatte ich Madame besucht, die es nicht unterlassen konnte, mir in bitterem und ärgerlichem Ton zu sagen, daß ich wahrscheinlich sehr froh über die bevorstehenden Bälle sei; das passe für mein Alter; sie aber, als alte Frau, wünsche, sie seien schon vorüber. Der Herzog von Burgund Louis de France, der älteste Sohn Monseigneurs, des »grand Dauphin«, des einzigen Sohnes des Königs aus dessen Ehe mit Marie-Anne Christine Victoria von Bayern, geb. am 6. August 1682, gest. am 18. Februar 1712. tanzte an jenem Abend zum ersten Male und führte Mademoiselle Die Nichte des Königs und Schwester des Herzogs von Chartres, die wie die Tochter des Onkels des Königs, Gaston von Orleans, den Titel »Mademoiselle« führte; 1676 bis 1744. Sie heiratete am 13. Dezember 1698 den Herzog Leopold Josef von Lothringen. zum Rundtanz. Es war auch mein erster Hofball. Ich führte Fräulein von Sourches 1665 bis 1749. sie vermählte sich 1694 mit Ludwig Colbert, Graf von Linieres., die Tochter des Großprofosen, die sehr gut tanzte. Man sah prächtige Kleider.

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27. Louis, Grand-Dauphin von Frankreich (1661-1711)

Antoine Masson.
Kupferstich vom Jahre 1680. ? Berlin, Kupferstich-Kabinett.

Vergl. über diesen Stich Robert-Dumesnil: »Le Peintre-Graveur Français.« Paris 1836, II. Bd., S. 128, Nr. 46.

Vergl. S. 385 ff. die Schilderung des Dauphins durch Saint-Simon.

 

Kurz darauf fand die feierliche Verlobung und die Unterschrift des Ehevertrags im Arbeitsgemach des Königs in Gegenwart des ganzen Hofes statt. Am selben Tag wurde der Hofhalt der künftigen Herzogin von Chartres bekanntgegeben. Der König verlieh ihr einen Ehrenkavalier und eine Schmuckdame Dame datour., was bisher ein Vorrecht der Prinzessinnen von Geblüt gewesen war; fernerhin eine Ehrendame, die einer so merkwürdigen Neuerung entsprach.

Am Fastnachtsmontag Am 18. Februar 1692. begab sich die ganze königliche Hochzeitsgesellschaft und das junge Paar, festlich geschmückt, kurz vor Mittag in die Gemächer des Königs und von da in die Kapelle. Diese war wie gewöhnlich zur Messe des Königs hergerichtet. Nur lagen zwischen seinem Betschemel und dem Altar zwei Kissen für die Neuvermählten, die dem König den Rücken zukehrten. Gleichzeitig kam der Kardinal von Bouillon in großer Amtstracht aus der Sakristei, vollzog die Trauung und las die Messe. Der Oberhofmeister Marquis von Blainville Jules Armand Colbert, Marquis dOrmoy, der vierte Sohn des Ministers, 1663 bis 1704. Er starb an den Wunden, die er in der Schlacht bei Höchstädt erhalten hatte. und der Zeremonienmeister von Sainctot 1632 bis 1713. hielten den Trauschleier. Von der Kapelle ging man gleich zur Tafel, die in Hufeisenform aufgestellt war. Die königlichen Prinzen und Prinzessinnen waren rechts und links, ihrem Range nach, gesetzt, daran anschließend die beiden natürlichen Kinder des Königs, und nach ihnen, zum ersten Male, die Herzogin von Verneuil. Auf diese Weise ward der Herzog von Verneuil, ein Sohn Heinrichs IV., so viele Jahre nach seinem Tode unter die Prinzen von Geblüt aufgenommen, was er sich nicht hätte träumen lassen.

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3. Ludwig XIV. (Geb. 1638, König von 1643-1715)

Robert Nanteuil.
Kupferstich vom Jahre 1663. Berlin, Kupferstich-Kabinett.

Vgl. über diesen Stich Robert-Dumesnil: »Le Paintre-Gravur Français.« Paris 1839, IV. Bd., S. 131, Nr. 153.

»Seine Majestät sind eher hochgewachsen als mittelgroß, und wenn die Schönheit hauptsächlich auf dem richtigen Verhältnis der einzelnen Teile zueinander beruht, so wäre ich sehr geneigt, den König ?schön? zu heißen, da alle seine Gliedmaßen sehr wohl geformt sind. Dieser Schönheit tut ein wenig der Umstand Eintrag, daß sein Antlitz der feineren Farbentöne entbehrt, mehr vom Dunkeln als vom Hellen hat, so daß ich es bronzefarben nennen möchte; und dann stören mich, aber nur ein bißchen, die Blattern darin. Seine Erscheinung und seine Art zu schauen, die sehr majestätisch ist, lassen ihn beim ersten Anblick furchteinflößend wirken, aber von diesem ersten Eindruck wird jedermann durch die überaus liebenswürdige Konversation des Königs abgebracht, zumal da während der Unterhaltung sehr häufig über seine Züge ein anmutiges Lächeln gleitet, das die Herzen erobert.« (Aus einem Bericht des Kardinals Flavio Chigi.)

(Siehe auch Nr. 1. 15. 31. 34.)

 

Am Nachmittag kamen der ehemalige König Jakob II., Sohn Karls I., 1663 bis 1701, war 1688 verjagt worden und hatte sich nach Frankreich geflüchtet, wo ihm Ludwig XIV. das Schloß Saint-Germain als Wohnsitz hatte anweisen lassen. Seine Gemahlin (1673 bis 1718) war eine Este. und die ehemalige Königin von England mit ihrem Hofstaat nach Versailles. Es fand großes Konzert und großes Spiel statt. Der König war von Anfang bis zum Ende da, reichgeschmückt und in vergnüglichster Stimmung, das blaue Ordensband über dem Rock, wie tags zuvor. Bei der Abendtafel hatte der König von England seine Gemahlin zur Rechten und den König zur Linken, genau wie bei der Mittagstafel. Jedes hatte sein Besteckkästchen vor sich. Cadenas, ein Kästchen aus Edelmetall, in dem die Eßgeräte (Messer, Lössel, Zahnstocher) des Königs und der Prinzen und Herren vom höchsten Hofrange verwahrt wurden. in einem kleinen Nebenbehälter dieses Kästchens befanden sich Salz, Pfeffer und Zucker.

Hierauf führte man die Neuvermählten in die Gemächer der neuen Herzogin von Chartres. Die Königin von England reichte ihr das Hemd, während das gleiche der König von England beim Herzog von Chartres tat. Er hatte sich anfangs dagegen gewehrt, indem er meinte, er sei zu wenig ein Glückskind. Die Einsegnung des Bettes geschah durch den Kardinal von Bouillon, der eine Viertelstunde auf sich warten ließ, was man sehr unpassend fand.

Am Fastnachtsdienstag war großer Empfang bei der jungen Herzogin während ihrer Toilette, wobei der König und die Königin von England erschienen. Majestät stellte sich mit der ganzen Hofgesellschaft ein. Darauf folgten Messe und Tafel wie tags zuvor. Nach Tisch zogen sich der König und die Königin von England zurück. Später war großer Ball, genau wie tags zuvor, mit der Ausnahme, daß die neue Herzogin von Chartres vom Herzog von Burgund geführt ward. Man hatte denselben Anzug und dieselbe Tänzerin wie am vorherigen Tage.

Am Aschermittwoch endeten alle diese stumpfsinnigen anbefohlenen Vergnügungen, und man sprach schon wieder von den kommenden.

 

Der Herzog von Maine Louis-Auguste de Bourbon, der illegitime Sohn des Königs und der Montespan, geb. am 31. März 1670 und legitimiert im Dezember 1673. Seinen Titel Herzog du Maine hatte er durch Schenkung von der »Grande Mademoiselle«, der Base seines Vaters, 1681 erhalten. 1694 wurde er zum Pair ernannt und 1714 zum Prinzen von Geblüt erklärt. Der König hatte eine Leidenschaft für seine übelgeratenen Bastarde. Auch die Maintenon, die Erzieherin des Bastards, war dem verkrüppelten Herzog, von dem die Pfälzerin in zahlreichen ihrer Briefe ein abschreckendes Bild entwirft, in warmer Neigung zugetan. wollte sich verheiraten. Der König riet ihm ab und sagte ihm offen und ehrlich, Krüppel wie er hätten am besten keine Nachkommen. Aber auf das Drängen der Frau von Maintenon, die ihn erzogen hatte und für ihn immerdar die Nachsicht einer Kinderfrau hegte, entschloß sich der König, ihn mit einer Tochter des Prinzen von Condé zu verheiraten, der darüber sehr erfreut war, denn er sah den Rang, das Ansehen und die Verbindungen der natürlichen Kinder des Königs von Tag zu Tag wachsen. Eine solche Verbindung war ihm seit der Heirat seines Sohnes nichts Neues. Monsieur le Duc hatte im Jahre 1685 Mademoiselle de Nantes geheiratet, die mit ihrem Bruder, dem Herzog du Maine, 1673 legitimiert worden war. Sie brachte ihn dem König doppelt nahe. Diese Hochzeit folgte sehr bald auf die des Herzogs von Chartres. Madame verriet hierüber etwas mehr Freude. Sie hatte nämlich große Angst gehabt, der König könne seine Augen womöglich gar noch auf ihre eigene Tochter werfen. So empfand sie die Heirat der Tochter Condés wie eine Erlösung.

siehe

4. Jean-Baptiste Colbert (1610-1683)

Claude Lefebure (1666).
Versailles, Nationalmuseum.

Der Abbé de Choisy schreibt in seinen Memoiren: »Colbert avoit le visage naturellement refrogné. Ses yuex creux, ses sourcils épais et noirs, lui faisoient une mine austere, et lui rendoient le premier abord sauvage et négatif ...« Diese Schilderung paßt auf den Colbert, den Mignard malte; von dem Colbert, den Philippe de Champaigne, Lefebure und Nanteuil porträtierten, möchte man eher glauben, was im Journal des Olivier dOrmesson zu lesen steht: »... Mr. Carpentier ma dit que M. Colbert dansait fort bien et que cétait sa plus forte passion ...«

 

Condé hatte drei Töchter zur Auswahl. Der Prinz von Condé hatte aus seiner Ehe mit Anna von der Pfalz vier Söhne, von denen nur Monsieur le Duc am Leben geblieben war, und vier Töchter. Die dritte, genannt Mademoiselle de Charolais (1676 bis 1753), sollte die Gemahlin des Herzogs du Maine werden. Sie hielt später mit ihrem Gemahl in Sceaux in prunkvollster und verschwenderischster Weise Hof und machte durch die Feste und Ballette, in denen sie selbst als Schauspie1erin auftrat, viel von sich reden. Sceaux erwarb der Herzog von dem Sohne Colberts, dem Marquis de Seignelay, um eine Million. Vgl. Mémoires (éd. Boislisle), VII, 231 f. Über den Prinzen von Condé siehe Mémoires (éd. Boislisle), VI, 327-338. Weil die zweite einen Zoll größer war, erhielt sie den Vorzug. Alle drei waren auffällig klein. Die älteste war hübsch, witzig und gescheit. Der unglaubliche Zwang, um es nicht härter auszudrücken, mit dem die Launenhaftigkeit des Prinzen jeden heimsuchte, der in seinen Machtbereich gebannt war, bereitete der ältesten Tochter viel Herzeleid. Sie fügte sich voller Gleichmut, Klugheit und Seelengröße, so daß ihr Betragen bewundert wurde. Aber sie bezahlte das teuer. Die stete Selbstbeherrschung untergrub ihre Gesundheit. Sie ward immer leidender.

Sowie der König sich der Zustimmung des Prinzen zu dieser Wahl versichert hatte, fuhr er nach Versailles und machte bei der Prinzessin von Condé den Brautwerber. Bald nachher, gegen Ende der Fastenzeit, fand die Verlobung in den Gemächern des Königs statt. Darauf begab sich der König und der ganze Hof nach Trianon, wo feierlicher Empfang und große Abendtafel für achtzig Damen stattfanden. Sie waren an fünf Tafeln verteilt, an denen der König, Monseigneur, Monsieur, Madame und die neue Herzogin von Chartres den Vorsitz hatten. Am folgenden Tage, Mittwoch den 19. März 1692, erfolgte die kirchliche Trauung während der Messe des Königs durch den Kardinal von Bouillon. Alles vollzog sich wie zuvor bei der Hochzeit des Herzogs Von Chartres. Frau von Montespan erschien nicht und unterzeichnete auch keinen der beiden Eheverträge. Am Tage darauf empfingen die Neuvermählten die Hofgesellschaft an ihrem Bette. Die Prinzessin von Harcourt Die Palastdame der Königin; sie hatte sich 1667 mit Karl von Lothringen, Prinzen von Harcourt, vermählt und starb am 13. April 1715. machte dabei die Honneurs, vom Könige dazu auserwählt.

III

1693
Saint-Simon erhält eine Schwadron / Mademoiselle von Montpensier

Mein Dienstjahr bei den Musketieren ging zu Ende, und mein Vater fragte den König, was er allergnädigst aus mir zu machen gedächte. Da ihm der König freie Hand ließ, bestimmte mich mein Vater zur Reiterei, weil er selbst bei dieser Waffe vielfach Dienste getan hatte. Der König verlieh mir eine Schwadron in einem seiner Reiterregimenter, ohne daß ich sie zu kaufen brauchte. Allerdings mußte erst eine frei werden. So vergingen fünf Monate. Indessen versah ich meinen Dienst als Musketier eifrig und pünktlich weiter. Endlich, gegen Ende April 1693, ließ mich der Marquis Von Saint-Pouenge Gilbert Colbert (1640 bis 1676), aus einer Seitenlinie der Colbert, die ihren Namen von dem Dörfchen Pouenge trug, seit langen Jahren der Gehilfe und erste Beamte des Kriegsministers. fragen, ob ich eine Schwadron im Regiment Royal-Roussillon nehmen wolle, die eben frei geworden wäre. Sie sei zwar sehr heruntergekommen und stünde in Mons. Ich hatte Todesangst, daß ich den bevorstehenden Feldzug nicht mitmachen dürfe, und bewog meinen Vater, das Angebot anzunehmen. Ich bedankte mich beim König, der meine Meldung huldvollst entgegennahm. Die Schwadron war im Laufe von vierzehn Tagen völlig wieder in Schwung.

 

Mademoiselle, die »große Mademoiselle« Die schon öfters erwähnte Base des Königs, Tochter des einzigen Bruders Ludwigs XIII., des Gaston von Orleans. sie führte die Titel souveräne Fürstin von Dombes, Fürstin de la Roche-sur-Yon et Joinville, Herzogin von Montpensier und Châtellerault, Erbprinzessin der Auvergne, Gräfin dEu. Sie war am 29. Mai 1627 in Paris geboren. Während der Fronde hatte sie gegen den Hof Partei genommen und sich dadurch ihre Hoffnung, die Gemahlin Ludwigs XIV. zu werden, verscherzt. ? wie man sie zu nennen pflegte, um sie von der Tochter Monsieurs zu unterscheiden ? oder, um sie mit ihrem Namen zu nennen, Mademoiselle von Montpensier, die älteste Tochter des Herzogs Gaston von Orleans, seine einzige Tochter aus seiner ersten Ehe, starb in ihrem Palast, dem Luxembourg, am 5. April 1693 nach langer Krankheit im 66. Lebensjahre. Sie war die reichste Prinzessin Europas. Der König hatte sie noch einmal besucht, wobei sie ihm Herrn von Joyeuse außerordentlich ans Herz gelegt hatte, einen entfernten Verwandten von ihr. Er solle Marschall von Frankreich werden. Sie pflegte nämlich jeden, der die Ehre hatte, mit ihr noch so weitläufig verwandt zu sein, wie einen nahen Verwandten zu behandeln, zu begönnern und sich stark für ihn ins Zeug zu legen. Obgleich sonst sehr stolz, unterschied sie sich doch hierin allmählich immer mehr von den übrigen Mitgliedern des Königlichen Hauses. Gewissenhaft trug sie Trauerkleider um Verwandte, selbst wenn sie dies nur entfernt und von niederem Range waren. Auch erzählte sie, wie und warum sie mit ihnen verwandt war. Während ihrer Krankheit wichen Monsieur und Madame nicht von ihr. Monsieur hatte jederzeit freundliche Beziehungen zu ihr gepflogen, aber er liebäugelte auch mit ihrem Nachlaß, und in der Tat ward er ihr Haupterbe. Freilich den größten Bissen hatte ihm jemand anderes vorher weggeschnappt. Die später erschienenen Denkwürdigkeiten Diese erschienen zuerst 1718 als »Mémoires de Mademoiselle de Montpensier«. Der Regent ließ die Ausgabe einziehen; 1735 erschien eine zweite Ausgabe, die Saint-Simon in seiner Bibliothek besaß. der Prinzessin sprechen freimütig von ihrer Neigung zum Herzog von Lauzun. Antoine Nompar de Caumont, Marquis de Puyguilhem, später (1692) Herzog von Lauzun (1632 bis 1723), der Typus des Herzenbrechers am Hofe des Sonnenkönigs. Schon im Jahre 1665 hatte er die Bekanntschaft mit der Bastille gemacht. In Pignerol traf er den früheren Finanzminister Foucquet, der sichtlich erstaunt war, daß ein Edelmann es gewagt, seine Blicke zu einer Prinzessin von Geblüt zu erheben. Im Jahre 1688, nach seiner Freiwerdung, ging Lauzun nach England, wo er beim Ausbruch der Revolution die Königin und den Prinzen von Wales über den Kanal rettete. Er ward 1696 Schwager Saint-Simons. Sie legt dar, wie töricht es von ihm war, daß er seine Heirat mit ihr, zu der er bereits die Erlaubnis des Königs erhalten hatte, verschob, nur um sie mit mehr Prunk und Aufsehen feiern zu können. Ihre Verzweiflung darüber, daß der König seine Erlaubnis wieder zurückzog, war grenzenlos. Die im Ehevertrag gemachten Schenkungen blieben bestehen und hatten auch durch andere Urkunden Gültigkeit. Vom Prinzen von Condé gedrängt, hatte der Herzog von Orleans den König veranlaßt, seine Einwilligung wieder zurückzunehmen. Noch viel mehr daran schuld waren aber Frau von Montespan und Herr von Louvois. Auf sie richtete sich denn auch aller Zorn der Prinzessin und Lauzuns. Letzterer stand beim Könige in Gunst, jedoch dauerte dies nicht lange. Er vergaß sich nämlich öfters in Gegenwart des Königs, und noch öfter vor dessen Mätresse, und machte es damit dem Minister leicht, ihn zu verderben. Louvois ließ ihn schließlich verhaften und nach Pignerol bringen, wo er auf sein Geheiß hin sehr schlecht behandelt wurde und zehn Jahre verblieb. Trotz der Trennung ließ die Leidenschaft Mademoiselles für ihn nicht nach. Dies benutzte man, um den Herzog von Maine auf ihre und Lauzuns Kosten, der dadurch seine Freiheit erkaufte, großartig zu versorgen. Die Prinzessin mußte zu ihrer tiefen Betrübnis Eu, Aumale, Dombes und einige weitere Herrschaften an den Herzog von Maine abtreten. Sodann geschah es, vorgeblich als Zeichen der Dankbarkeit, daß der König seinen unehelichen Kindern, um sie noch mehr zu erhöhen, auch noch die Livree der Prinzessin verlieh. Der ihr aufgedrungene Erbe war der Montpensier stets sehr wenig angenehm, und sie war immer im Verteidigungszustande für den Rest ihrer Güter, den ihr der König für seinen geliebten Sohn zu entreißen trachtete.

siehe

5. François-Michel Le Tellier, Marquis de Louvois (1641-1691)

Pierre Mignard.
Reims, Museum.

»In Louvois hätte niemand, der ihn sah, die Eigenschaften eines wirksamen Ministers suchen sollen. Eine große massenhafte, schwerfällige Gestalt, starke, beinahe rohe, wenig ausgebildete Gesichtszüge, eine rücksichtslose, heftige Art, sich zu betragen, so daß man, wenn es möglich war, der Notwendigkeit, ihn zu sehen, auswich, ließen weder Spannkraft, noch Geist, noch Verständnis der Welt in ihm erwarten.« (Ranke: »Französische Geschichte.« Leipzig 1877, 3. Auflage, III. Bd., S. 487.) Eine genaue Schilderung von Louvois hat anscheinend keiner seiner Zeitgenossen, die doch so gerne Porträts entwarfen, uns hinterlassen. Man muß, will man sich an die literarische Überlieferung halten, die Erscheinung des gewaltigen Ministers aus einzelnen gelegentlichen Bemerkungen rekonstruieren. Vergl. Rousset: »Histoire de Louvois.« Paris 1863, IV. Bd., S. 551.

 

Die unglaublichen Abenteuer Lauzuns ? seine Rettung des Königs von England und des Prinzen von Wales ? brachten ihn beim König von neuem in Gunst. Mit der Prinzessin von Montpensier, die ewig eifersüchtig war, hatte er sich überworfen. Selbst auf ihrem Sterbelager wollte sie ihn nicht wiedersehen. Von ihren Schenkungen hatte er nur noch Thiers und Saint-Fargeau. Er machte nie ein Hehl daraus, daß Mademoiselle seine Frau war, und erschien bei Hofe im großen Mantel, was der König höchst taktlos fand. Nach der Trauerzeit um sie änderte er die Farbe der Tracht seiner Dienerschaft in Schwarzbraun mit blauen und weißen Vorstößen um, zum Zeichen seiner weiteren Trauer um die Verlorene. Ihr Bildnis ließ er überall anbringen.

Monseigneur erbte ihren prächtigen Palast in Choisy. Er war hocherfreut, nun einen Erholungsort zu besitzen, nach dem er sich hin und wieder mit Menschen seiner Wahl zurückziehen konnte. Ihre Ehrendamen, Fräulein von Breval und Fräulein von Camhout, bekamen je 20 000 Franken vermacht. Die frommen Stiftungen und das, was ihrer Dienerschaft zugedacht war, entsprachen ihrem Reichtume wenig.

Die Prinzessin ist in den Denkwürdigkeiten über die Bürgerkriege und in ihren eigenen Aufzeichnungen genugsam geschildert, so daß es hier genügt, darauf hinzuweisen. Der König konnte ihr den Tag von Saint-Antoine Den 2. Juli 1652. niemals so ganz verzeihen. Ich war einmal Zeuge, wie er bei der Abendtafel eine Anspielung machte, zwar im Scherz, aber recht deutlich. Sie hätte die Geschütze der Bastille auf seine Regimenter gerichtet. Mademoiselle war ein wenig verlegen, wußte aber gar nicht übel zu antworten.

Ihr Leichenbegängnis fand mit aller Feierlichkeit statt. Sieben Tage lang hielten bei zweistündiger Ablösung je eine Herzogin oder Prinzessin und zwei Damen von Rang, alle tief verschleiert, die Totenwache. Auf allerhöchsten Befehl bestimmte der Oberzeremonienmeister die Damen. Die Gräfin von Soissons weigerte sich, diesen Dienst anzutreten. Der König war darüber sehr unwillig, drohte ihr, sie vom Hofe wegzujagen, und so fügte sie sich.

Dabei trug sich ein lächerlicher Vorfall zu. Zu Mittag, als die ganze Leichenwache versammelt war, barst die Urne, die auf einem Tische stand und die Eingeweide enthielt, mit fürchterlichem Gekrach, und es verbreitete sich unerträglicher Gestank. Einige Damen wurden halb ohnmächtig vor Entsetzen, die anderen flohen. Die Ehrenposten und die psalmodierenden Mönche liefen mit der Menge, die sich durch die Türen drängte, davon. Die Verwirrung war groß. Die Mehrzahl flüchtete in die Höfe und die Gärten. Die Eingeweide waren schlecht einbalsamiert und hatten durch ihre Gärung den Lärm verursacht. Alles wurde mit Wohlgerüchen durchräuchert und wieder in Ordnung gebracht, und nun verursachte der ausgestandene Schreck viel Gelächter.

Die Eingeweide der Toten wurden in das Zölestinerkloster übergeführt, ihr Herz nach Val-de-Grâce und der Körper nach Saint-Denis gebracht. Das Geleit dahin gab die Herzogin von Chartres, begleitet von der Herzogin von La Ferté, der Prinzessin von Harcourt und mehreren hohen Damen. Die Damen der Herzogin von Orleans schlossen sich in deren Wagen an. Ein paar Tage später, zur Leichenfeier zu Saint-Denis, erschien der ganze Hof. Der Erzbischof von Auch hielt die Messe ab. Die Leichenrede hielt Abt Anselmus, ein berühmter Prediger. Mademoiselle, die Tochter Monsieurs, hatte mit der Herzogin von Ventadour und deren Tochter, der Fürstin von Turenne, das Herz begleitet. Alles das waren Auszeichnungen, die nicht einmal den Prinzessinnen von Geblüt zukamen, wohl aber ihrem Rang als »petite-fille de France«, den ihr mein Vater als dem damaligen einzigen Mitgliede der Königlichen Familie durch den hochseligen König verschafft hatte.

siehe

6. Versailles, vom Vorhofe aus gesehen

Menant.

 

IV

1693. 1694. 1695
Der Tod des Herzogs Claude / Saint-Simons Heirat / Lafontaines und Mignards Tod

Am 3. Mai 1693 erklärte der König, daß er nach Flandern gehen wolle, um den Oberbefehl einer seiner Armeen zu übernehmen.

Am selben Tage, gegen zehn Uhr abends, hatte ich das Unglück, meinen Vater zu verlieren. Er war siebenundachtzig Jahre alt und hatte sich nie recht von einer schweren Krankheit erholt, die er zwei Jahre zuvor in Blaye durchgemacht hatte. In der letzten Zeit war er ein wenig gichtleidend. Meine Mutter, die ihn stark altern sah, schlug ihm vor, er möge seine häuslichen Angelegenheiten ordnen, was er als guter Vater auch tat. Ferner sorgte sie dafür, daß er seiner Herzogs- und Pairswürde zu meinen Gunsten entsagte.

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7. Maria-Theresia, Königin von Frankreich (1638-1683)

Charles Beaubrun.
Versailles, Nationalmuseum

Da die Königin im Jahre 1660 die Gattin Ludwigs XIV. wurde und Pitau dieses Porträt bereits 1662 stach, ergibt sich sein Entstehungsdatum von selber. Charles Beaubrun malte es, wahrscheinlich gemeinsam mit seinem Vetter Henri, gewiß bald nach der Hochzeit des Königs. Der Kardinal Flavio Chigi, der Ludwig XIV. die Glückwünsche Alexanders VII. zur Geburt seines Sohnes überbrachte, gibt folgende Schilderung der Königin: »Sie hat eine kleine Gestalt, schwarze Haare und ein Antlitz, das ebenfalls klein ist, zart und ungemein weiß. Und dessen Glanz erhöht sie durch das künstliche Rot ihrer Wange. Die Nase ist, was die Länge betrifft, etwas unproportioniert.« Französische Berichte sagen, die Farbe ihres Haares sei blond gewesen.

 

Da er stets Gesellschaft bei sich sah, hatte er einige Freunde zu Mittag als Gäste bei sich gehabt. Gegen Abend legte er sich ohne Unwohlsein zu Bett, und während man mit ihm plauderte, seufzte er plötzlich dreimal nacheinander laut auf. Er war tot, noch ehe man hätte erklären können, daß ihm nicht wohl sei. Es war kein Öl mehr auf der Lampe.

Ich erfuhr die traurige Nachricht, als ich vom Coucher des Königs zurückkam, der ein Abführmittel für den nächsten Tag eingenommen hatte. Die Nacht war den gerechten Gefühlen der Natur geweiht. Am folgenden Tag ging ich zu Bontemps Siehe Einleitung S. 69, Fußnote. (dem Leibkammerdiener des Königs) und hierauf zum Herzog von Beauvillier Siehe Einleitung S. 70, Fußnote., der in diesem Jahre diensttuender Kammerherr war. Sein Vater war ein Freund des meinigen gewesen. Herr von Beauvillier war voller Güte gegen mich und versprach mir, die Statthaltereien meines Vaters für mich vom König zu erbitten Ludwig XIV. hatte es sich selbst zum Gesetz gemacht, die Anwartschaft auf die Statthaltereien nicht mehr zu erteilen; oft erhielt der Sohn den Titel, während der Vater seine Gehälter weiterbezog., sobald er ihm den Bettvorhang wegzöge. Es ward auf der Stelle bewilligt. Bontemps, der meinem Vater sehr ergeben war, kam nach der Tribüne, wo ich wartete, um es mir mitzuteilen. Hierauf erschien Herr von Beauvillier selbst und sagte mir, ich möchte mich um drei Uhr in der Galerie einfinden, von wo er mich nach der Hoftafel zu Majestät rufen lassen wolle.

Ich fand das Gemach schon von der Menge verlassen. Sobald mich Monsieur, der am Kopfende des königlichen Bettes stand, bemerkte, rief er ganz laut: Ah, da ist der Herzog von Saint-Simon! Ich näherte mich dem Bette und dankte mit einer tiefen Verbeugung. Der König erkundigte sich angelegentlich, wie das Unglück gekommen sei, und sprach sehr gütig von meinem Vater und von mir. Er war ein Meister in der Kunst, gnädig zu sein. Unter anderem sprach er davon, daß mein Vater die Letzte Ölung nicht mehr habe empfangen können. Ich berichtete, daß er sich ganz kurz zuvor auf ein paar Tage nach Saint-Lazare zurückgezogen habe, wo er bei seinem Beichtvater gebeichtet und das Abendmahl genommen hatte, und fügte ein Wort über seinen frommen Lebenswandel hinzu. Die Unterredung dauerte ziemlich lange und endigte mit der Ermahnung, ich möge fortfahren, brav und tüchtig zu sein, und mit dem Versprechen, er werde für mich sorgen.

siehe

9. Françoise-Athénaïs de Rochechouart, Marquise de Montespan (1640-1707)

Caspar Neischer (1670)
Dresden, Gemäldegalerie

»La nature« ? schreibt M. de Noailles ? »avait prodigué tous ses dons à Mme. de Montespan: des flots de cheveux blonds, des yeux bleus ravissants avec des sourcils plus foncés, qui unissaient la vivacité à la langueur, un teint dune blancheur éblouissante, unde de ces igures enfin qui éclairent les lieux où elles paraissent ...« Auch Saint-Simon hebt das Strahlende ihres Wesens hervor, wenn er die bereits Gealterte noch immer »belle comme le jour« findet, und Madame de Sévigné ruft begeistert: »Cest une chose surprenante que sa beauté!« ... Le revers de la médaille: Am 29. Dezember 1701 berichtet Elisabeth Charlotte von Orleans der Kurfürstin Sophie von Hannover: »mad. de montespan hatte ihre gantze haut alß wen die Kinder Künsten mitt papier machen, undt Es klein zusammenlegen, den Ihr gantz gesicht ist gantz voller kleinen runtzellen ahn Einander, daß Es zu verwundern ist, Ihre schönne haar seindt Schneeweisz, undt daß gantze gesicht ist roht also gar nicht schön mehr ...«

(Siehe auch Nr. 26.)

 

Während des Winters 1695 war meine Mutter beschäftigt, eine gute Heirat für mich zu finden. Sie war ärgerlich, daß es ihr nicht schon im Jahre vorher gelungen war. Saint-Simon hatte damals ein Auge auf die älteste Tochter des Herzogs von Beauvillier geworfen, nicht weil er sie, wie er (II, 1-4) erzählt, liebte, sondern weil ihm die Ehe des herzoglichen Paares mustergültig erschien. Es kam nicht zu einer Heirat, weil Fräulein von Beauvillier ins Kloster ging. Saint-Simon, der diese Werbung mit dem ihm eigenen Feuer erzählt, zog sich nach seiner Abweisung in das allbekannte Kloster La Trappe zurück, wo der berühmte Abt Armand-Jean Bouthillier de Rancé (1626 bis 1700) wirkte. La Trappe schildert er bei dieser Gelegenheit wie folgt: La Trappe ist ein so vielgenannter und bekannter Ort und sein Reorganisator ist derartig berühmt, daß ich mir jegliche Schilderung und Beschreibung schenken darf. Ich will nur erwähnen, daß die Abtei fünf Wegstunden von dem Gute La Ferté-au-Vidame entfernt liegt. Man muß diese umständliche Ortsbezeichnung anwenden, weil es in Frankreich zahlreiche Fertés (d. h. Festung, fester Ort, gebildet aus dem lateinischen firmitas) gibt. Einem Wunsche Ludwigs XIII. gemäß war dieses Ferté von meinem Vater gekauft worden. Es war nämlich nach dem Tode Lafins zur gerichtlichen Versteigerung gekommen. Lafin war erst Mitverschwörer des Herzogs von Biron gewesen, hatte ihn dann aber schmählich und erbarmungslos verraten. Die Nähe von Saint-Germain und Versailles ? es sind nur zwanzig Wegstunden bis dahin ? erklärt den Kauf. Es war unser einziges Gut, das ein Herrenhaus hatte. Deshalb verbrachte mein Vater gewöhnlich daselbst den Herbst. Er war von jeher ein sehr guter Bekannter, ja ein vertrauter Freund von Herrn von La Trappe gewesen. Die nahe Nachbarschaft vertiefte diese Beziehungen noch. Alljährlich war mein Vater auf mehrere Tage Gast in der Abtei. So kam auch ich mit hin. Ich war noch ein Kind, aber Herr von La Trappe erschien mir so anziehend, daß ich ihn in mein Herz schloß. Auch die Örtlichkeit entzückte mich durch die Romantik der Frömmigkeit. Ich empfand eine wahre Sehnsucht dahin, die mir alle Jahre mehrere Male gestillt ward. Mitunter blieb ich wochenlang dort. Die rührenden Eindrücke daselbst erzeugten in mir eine große Bewunderung für den Mann, der dies alles zu Gottes und seiner Ehre und zur Erbauung so vieler Menschen in das Leben gerufen hatte. Meine Zuneigung erfreute ihn sehr, und darum gewann er den Sohn seines Freundes so lieb wie sein eigenes Kind. Ich verehrte ihn, als ob ich das in der Tat gewesen wäre. Für mein Alter war dieser trauliche Bund mit einem hochbedeutenden und durch seine Frömmigkeit hervorragenden Mann etwas ganz Außerordentliches. Ich werde nie aufhören zu bedauern, daß ich daraus nicht ungleich mehr ideellen Nutzen gezogen habe. (Mémoires, éd. Boislisle, II, 14-16). Ich war der einzige Sohn und besaß Würden und Aussichten. Man sprach von Fräulein von Armagnac Charlotte de Lorraine (1678 bis 1757), die Tochter des Oberstallmeisters; sie blieb unvermählt. und von Fräulein von La Tremoïlle Die Tochter des ersten Kammerherrn (1677 bis 1717). Sie heiratete 1696 den Herzog von Albert., aber nur so leichthin, und von mehreren anderen. Die Herzogin von Bracciano Anne-Marie de la Trémoïlle (1642 bis 1722), vermählt in zweiter Ehe 1675 mit dem Duca di Bracciano. Fräulein de Royan (1676 bis 1708) war ihre Nichte. lebte seit langem in Paris, fern von ihrem Gatten und von Rom. Sie wohnte in unsrer Nähe und war mit meiner Mutter, die sie oft besuchte, befreundet. Ihr Geist, ihre Anmut, ihr ganzes Wesen hatten mich entzückt. Sie empfing mich mit Güte, und ich verbrachte den ganzen Tag bei ihr. Frau von Bracciano hatte den Herzenswunsch, Fräulein von Royan zu verheiraten, die Tochter ihrer Schwester, eine Erbin und Waise. Diese hätte Frau von Bracciano gar zu gern zu meiner Frau gemacht. Sie sprach oft mit mir vom Heiraten, auch mit meiner Mutter, um zu sehen, ob nicht ein Wort fiele, an das sie hätte anknüpfen können. Es wäre eine vornehme und reiche Heirat gewesen; aber ich stand allein und brauchte einen Schwiegervater und eine Familie, um mich auf sie zu stützen.

siehe

22. Armand-Jean Le Bouthillier de Rancé, Abbé de La Trappe (1626-1700)

Hyacinthe Rigaud (1696).
Soligny la Trappe, Monastère de Maison Dieu
Notre Dame de la Grande Trappe.

Eine Replik des Bildes befindet sich im Museum von Carpentras.

Siehe S. 260-264 die Entstehungsgeschichte dieses Porträts.

Marsollier in seiner »Vie de labbé de la Trappe« entwirft folgende Schilderung von dem jungen Abbé de Rancé, aus der alles, was auch für den Asketen von La Trappe noch charakteristisch ist, hier wiedergegeben sei: »... sa taille étoit au dessus de la médiocre, bien prise et bien proportionnée ... il avoit le front élevé, le nez grand et bien tiré sans être aquilin, ses yeux étoient plein de feu ... Il se formoit de tout cela un certain air de douceur et de grandeur ... qui le faisoit aimer et respecter tout ensemble.«

 

Während des Feldzugs [1694] waren den Prinzessinnen Die Prinzessin von Conti, die Herzogin von Bourbon-Condé (genannt: die Frau Herzogin) und die Herzogin von Chartres. einige Abenteuer zugestoßen. Mit diesem Namen bezeichnete man allein die drei Töchter des Königs. Monsieur hatte mit Recht verlangt, daß die Herzogin von Chartres die beiden andern mit »Schwester« anrede, diese dagegen sie stets nur »Madame« nennen durften. Das war billig; aber sie waren ärgerlich, daß es der König so verfügt hatte. Die Prinzessin von Conti unterwarf sich dem Gebot ohne Widerrede; die Herzogin von Bourbon-Condé jedoch, als Kind der gleichen Liebschaft, nannte Frau von Chartres »Mignonne«. Nun gab es auf der Welt nichts, was weniger »mignon« gewesen wäre als deren Gesicht und Wuchs und ganzes Wesen. Sie selbst wagte keine Einrede. Als es aber schließlich Monsieur erfuhr, fühlte er das Lächerliche und daß es nur eine Ausflucht war, um nicht »Madame« zu sagen. Er ließ Seiner Empörung vollen Lauf. Der König verbot der Herzogin diese Vertraulichkeit aufs Strengste. Sie war nun noch mehr beleidigt, aber sie ließ es nicht merken.

Bei einem Ausflug nach Trianon, wo die Prinzessinnen zusammen übernachteten, machten sie nächtliche Spaziergänge und brannten Feuerwerk ab. War es nun Bosheit der beiden ältesten oder Unvorsichtigkeit: eines Nachts schossen sie eine Rakete unter Monsieurs Fenstern los und weckten ihn aus dem Schlafe, was er sehr übelnahm. Er beschwerte sich beim König, der die Prinzessinnen tüchtig vornahm und große Mühe hatte, seinen Bruder zu besänftigen. Seine Wut zeigte sich besonders zu Hause. Die Herzogin von Chartres hatte noch lange darunter zu leiden, und ich weiß nicht, ob dies den anderen Schwestern zu Herzen ging. Man beschuldigte sogar die Herzogin von Bourbon-Condé, sie habe mehrere Spottlieder auf die Herzogin von Chartres gedichtet. Zuletzt wurde alles wieder beigelegt, und Monsieur verzieh seiner Schwiegertochter. Frau von Montespan, die er stets sehr verehrt hatte, machte ihm nämlich einen Besuch in Saint-Cloud und versöhnte bei dieser Gelegenheit auch ihre beiden Töchter untereinander, auf die sie noch immer großen Einfluß ausübte und die ihr große Ehrerbietung bewiesen.

Die Prinzessin von Conti hatte noch ein anderes Abenteuer, das großes Aussehen erregte und beträchtliche Folgen nach sich zog. Die Gräfin von Bury Anne-Marie dUrre dAiguebonne, 1633 bis 1724, die Gemahlin des Grafen de Bury, des Kammerherrn Gaston von Orleans. Sie verließ den Hof 1693. In den Briefen der Frau von Sévigné ist oft von ihr die Rede. war bei ihrer Verheiratung ihre Ehrendame geworden. Diese hatte eine Nichte, eine Baronesse von Choin Siehe Einleitung S. 116. Marie-Emilie Joly de Choin war die Tochter des Gouverneurs de Bourg-en-Bresse. Wie Saint-Simon (VIII, 288) erzählt, starb sie 1723., aus dem Dauphine kommen lassen und sie zum Ehrenfräulein der Prinzessin gemacht. Das war ein dickes untersetztes Mädchen, krumm, häßlich, stumpfnasig, zwar klug, aber durchtrieben und ränkesüchtig. Sie sah Monseigneur tagtäglich bei der Prinzessin Conti. Sie verstand, ihn gut zu unterhalten, und wurde seine Vertraute, ohne daß es auffiel.

Monseigneur interessierte sich für einen Fähnrich der Schweren Gardereiter, namens Clermont François-Alphonse de Clermont-Chaste, zuerst Chevalier und dann Marquis de Clermont-Roussillon, 1671 bis 1740. Er erschien erst unter der Regentschaft wieder bei Hofe., aus einer Seitenlinie des Hauses Chaste. Dieser war ein großer, schöngewachsener Mann, der nichts besaß als seinen Schneid und seine Ehre, dabei einige Begabung zu Ränken. Er schloß sich dem Marschall von Luxemburg als einem Verwandten an, und dieser erwies ihm die Auszeichnung, sich seiner anzunehmen. Sehr bald fand er, er sei ein geeignetes Werkzeug bei seinen Machenschaften. Clermont hatte sich bei der Prinzessin von Conti eingeführt und den Verliebten gespielt. Sie ihrerseits vernarrte sich tatsächlich in ihn. Durch diesen doppelten Rückhalt wurde er alsbald ein Günstling Monseigneurs. Herr von Luxemburg hatte ihn schon eingeweiht, und so ging er auf dessen und des Prinzen von Conti Absichten ein, die sich das Ziel gesetzt hatten, Monseigneur zu beherrschen, um, wenn er dereinst zur Herrschaft gelangte, die Macht im Staate zu besitzen.

Mit diesem Hintergedanken rieten sie Clermont, sich an die Choin heranzumachen, ihr Liebhaber zu werden und zu tun, als wolle er sie heiraten. Sie teilten ihm vertraulich mit, was sie von Monseigneur und ihr wußten, und versicherten ihm, dieser Weg führe ihn unbedingt zu seinem Glück. Clermont, arm wie er war, glaubte dergleichen ohne weiteres. Er spielte seine Rolle und fand die Choin nicht grausam. Die Liebe, die er heuchelte, die sie aber wirklich empfand, schuf einen innigen Bund. Sie verbarg ihm Monseigneurs Neigung nicht, und bald machte ihm auch Monseigneur kein Geheimnis mehr aus seinem Verhältnisse mit der Choin. Die Prinzessin von Conti war nun die von allen Betrogene. Als man bald darauf ins Feld zog, erhielt Clermont alle Auszeichnungen, über die der Marschall von Luxemburg zu verfügen hatte.

Der König, der diese um seinen Sohn gesponnenen Kabalen ahnte, ließ alle abreisen und machte sich alsbald daran, ihr Vertrauen auf das Postgeheimnis auszunützen. Die eigenen Läufer der Verbündeten brachten ihn zwar oft um seine Beute, aber schließlich waren sie doch unvorsichtig genug, auch die Post zu benutzen, und so verriet sich die Sache. Der König bekam Briefe von ihnen in die Hand. Daraus ersah er die Absicht Clermonts und der Choin, einander zu heiraten, um Monseigneur jetzt und später zu beherrschen. Er erkannte aber auch, wie sehr Luxemburg die Seele dieser ganzen Geschichte war und welche Wunderdinge er davon erwartete. Die Choin und Clermont sprachen mit der höchsten Verachtung von der Prinzessin von Conti, mit deren Briefen Clermont Mißbrauch trieb. Einige von ihnen fand der König in der aufgefangenen Postsendung. Die meisten Briefe ließ er an ihre Empfänger weitergehen, nachdem er Auszüge hatte machen lassen. Unter anderen behielt er aber einen Brief Clermonts, in dem dieser sein Herz so recht ausschüttete, mit der Prinzessin von Conti rücksichtslos verfuhr und Monseigneur immer nur als seinen »dicken Freund« bezeichnete. Der König glaubte genug entdeckt zu haben, und eines Nachmittags, da er wegen des schlechten Wetters nicht ausging, ließ er die Prinzessin von Conti in sein Kabinett rufen. Briefe von ihr an Clermont und welche von ihm an sie, aus denen ihre Liebschaft klar hervorging, sowie solche, in denen er und die Choin sich darüber lustig machten, hatte er zur Hand.

Die Prinzessin, die, wie ihre Schwestern, niemals zu anderer Zeit als zwischen der Abendtafel und dem Coucher den König aufsuchte, war über diesen Befehl arg betroffen. Voller Sorge, was er wohl von ihr wolle, machte sie sich auf den Weg. Er war nämlich in seiner eigenen Familie wenn möglich noch mehr gefürchtet als von seinen übrigen Untertanen. Ihre Ehrendame blieb in einem Vorgemach, während der König sie in sein Arbeitszimmer führte. Hier sagte er ihr in strengem Tone, er wisse alles. Sie brauche vor ihm ihre Schwäche für Clermont gar nicht erst zu leugnen. Ohne Verzug fügte er hinzu, daß er ihre Briefe besäße. Er zog sie aus seiner Tasche und fragte sie: »Kennen Sie diese Schrift?« Es war die ihre und die Clermonts. Bei diesem Anblick fiel die Prinzessin in Ohnmacht. Der König empfand Mitleid mit ihr und brachte sie, so gut er konnte, wieder zu sich. Dann gab er ihr die Briefe und hielt ihr eine Strafpredigt, doch ziemlich milde. Hierauf bemerkte er, dies wäre noch nicht alles. Er habe ihr noch andere zu zeigen, aus denen sie ersehen könne, wie schlecht angebracht ihre Neigung und welcher Nebenbuhlerin sie geopfert worden sei. Dieser neue Schlag war wohl noch mehr niederschmetternd als der erste, und die Prinzessin fiel aufs neue in Ohnmacht. Der König brachte sie abermals zu sich, aber nur, um sie noch grausamer zu strafen. Er verlangte, daß sie in seiner Gegenwart nicht allein die Briefe Clermonts und der Choin vorlese, sondern auch ihre eigenen, die Clermont preisgegeben hatte. Sie vermeinte zu sterben. Voller Verzweiflung warf sie sich dem König zu Füßen, weinte und konnte kaum ein Wort hervorbringen. Schluchzend und wutentbrannt flehte sie um Verzeihung, Vergeltung und Rache. Die ließen nicht lange auf sich warten. Die Choin ward am nächsten Tage vom Hof weggejagt Sie zog sich nach Paris zurück, wo sie in einem kleinen Hause wohnte. Die Neigung Monseigneurs zu seiner Freundin erlitt durch diese Vorkommnisse keinen Abbruch. Das Paar sah sich, wie Saint-Simon (XIV, 396) erzählt, heimlich in Meudon, und später galt die Choin als die anerkannte Favoritin des Thronerben: »On la considerait auprès de Monseigneur comme Mme. de Maintenon auprès du Roi.« Der Herzog von Burgund und seine Gemahlin begegneten ihr mit der Achtung, die man einer Stiefmutter bezeigt., und der Marschall von Luxemburg erhielt zu gleicher Zeit den Befehl, Clermont nach der nächstgelegenen Festung, nach Tournay, zu schicken. Er mußte seine Stelle niederlegen und sich in das Dauphiné zurückgehen, das er nicht mehr verlassen durfte. Gleichzeitig teilte der König seinem Sohne mit, was zwischen ihm und seiner Tochter vorgefallen war, und machte es ihm dadurch unmöglich, etwas für die beiden Unglücklichen zu tun.

siehe

28. Der Grand-Dauphin mit seiner Familie

Pierre Mignard (1686).
Paris, Louvre.

»Er verbrachte seine Tage in Fett und Stumpfsinn,« sagt (S. 391 u. 392) Saint-Simon vom Dauphin, »... er pfiff im Salon zu Marly in irgendeiner Ecke ... starrte alle, ohne jemanden wirklich zu sehen, mit großen Augen an, redete nicht, vergnügte sich nicht ... und dachte nichts.« Und Duclos schreibt in seinen »Mémoires secrets«: »Il passait des journées entières appuyé sur ses coudes, ... les yeux fixés sur une table nue, ou assis sur une chaise, frappant ses pieds du bout dune canne pendant toute une après-dînée« ... Man wird finden, daß Mignard, selbst in einem höfischen und offiziellen Porträt, sich besser auf die Charakterisierung seiner Modelle verstand, als man gemeinhin annimmt. Santeuil dichtete auf dieses Porträt die stolzen Verse:

»Aspice venturos futura in saecula Reges
Gallia, quondam orbis sentiet esse suos.«

 

Der Gedanke meiner Mutter, mich verheiratet zu sehen, rastete nicht. Bereits im vergangenen Jahre [1694] war die älteste Tochter (Marie Gabriele) des Marschalls von Lorge in Frage gekommen. Die Verhandlungen waren damals zwar alsbald wieder eingeschlafen, aber der Wunsch, sie wieder aufzunehmen, war auf beiden Seiten beträchtlich. Der Marschall, der vermögenslos gewesen war und sich nichts erdient hatte denn seinen Marschallstab, war mit der Tochter des königlichen Schatzmeisters Frémont Nicolas de Frémont, 1622 bis 1694, eigentlich Loye, der aus bescheidensten Verhältnissen stammte und sich als Steuerpächter ein bedeutendes Vermögen und zahlreiche Herrensitze (Marquisat de Rosay und die Herrschaften dAuneuil, Audinville, Dominois u. a.) erworben hatte. Er war 1689 bis 1694 königlicher Schatzmeister. Er galt als gewiegter Finanzmann. Bei seinem Tode hinterließ er ein großes, aber nicht gesichertes Vermögen. Als unter der Regentschaft die Steuerpächter, die sich unter Ludwig XIV. bereichert hatten, zur Rechenschaft gezogen werden sollten, hatte Saint-Simon Mühe, den Onkel seiner Frau, den Requetenmeister Frémont, zu retten (XII, 432). Der Haß, den sich die Steuerpächter zugezogen hatten, war schuld, daß man selten über ihre Herkunft wegsah. Die Mesalliance des Marschalls de Lorge wurde diesem nie verziehen, und die Übelwollenden sagten ihm nach, er habe die Tochter eines Lakaien geheiratet. verheiratet, der sich unter Colbert ein großes Vermögen erworben hatte, eines sehr erfahrenen und einflußreichen Geldmannes. Unmittelbar nach der Heirat bekam der Marschall die Garde-du-corps-Kompagnie, die durch den Tod des Marschalls von Rochefort frei geworden war. Als Soldat stand Lorge im Rufe hoher Ehrenhaftigkeit. Er war ein tapferer und fähiger Truppenführer, soweit er dies als Neffe und Lieblingsschüler Turennes betätigen konnte, da Louvois den großen Feldherrn und alles, was zu ihm gehörte, mit untilgbarem Hasse verfolgte. Die Rechtlichkeit, Geradheit und Offenheit des Marschalls gefielen mir über die Maßen. Ich hatte diese seine Eigenschaften während des Feldzuges kennen gelernt, den ich unter ihm mitgemacht hatte. Die Armee schätzte und liebte ihn. Bei Hofe war er hochgeachtet. Überall führte er ein glänzendes Leben. Er war von vornehmer Geburt, und seine vorzüglichen verwandtschaftlichen Beziehungen ließen die Geldheirat ? übrigens die erste in seiner Familie ?, zu der ihn seine Lage gezwungen hatte, übersehen. Ein älterer Bruder von ihm stand gleichfalls im höchsten Ansehen. Merkwürdigerweise hatten sie beide die nämliche Würde und den nämlichen Rang. Beide Brüder und ihre ganze große vielköpfige Familie lebten in der besten Eintracht. Vor allem aber waren es die Güte und die Aufrichtigkeit des Marschalls, Eigenschaften, die so selten zu finden sind, die den aufrichtigen Wunsch in mir erweckt hatten, in seine Familie zu heiraten. Ich glaubte damit alles das zu finden, was ich nötig hatte, um gut und sicher vorwärtszukommen und angenehm in einem Kreise hervorragender Verwandten und in einem liebenswerten Hause zu leben.

Die Marschallin war eine Frau ohne Tadel. In sehr geschickter Weise war es ihr gelungen, ihren Mann endlich mit Louvois auszusöhnen und es als Preis für diese Wiederannäherung zuwege zu bringen, daß Herrn von Lorge die Herzogswürde zufiel. Dies verschaffte ihr Ansehen und Bewunderung und machte sie zum trefflichen Vorbild für ihre Tochter. Ihre feine, kluge und vornehme Art als Frau eines Hauses, das ausschließlich der besten Gesellschaft offen stand, und ihr bescheidenes Auftreten, wobei sie trotzdem auf die ihr als Marschallin gebührenden Ehren sah, brachten es zuwege, daß man ihr in der Familie des Marschalls wie bei Hofe und in der Öffentlichkeit die volle Hochachtung zollte und ihre Herkunft vergaß. Übrigens ging sie in der Fürsorge für ihren Gatten und die Seinigen völlig auf. Der Marschall hegte das größte Vertrauen zu ihr, lebte mit ihr und allen ihren Verwandten im besten Einvernehmen und behandelte sie mit einer ihn ehrenden Hochachtung.

Der Ehe entstammten ein einziger Sohn, den beide Eltern über alles liebten und der damals erst zwölf Jahre alt war, sowie fünf Töchter. Die beiden ältesten waren als Kinder bei den Benediktinerinnen zu Conflans an der Marne erzogen worden, wo die Schwester der Frau Frémont Oberin war. Sodann waren sie zwei oder drei Jahre im Hause ihrer Großmutter, der Frau Frémont. Dieses Haus war mit dem des Marschalls benachbart und verbunden. Die Älteste war siebzehn Jahre alt, die zweite fünfzehn. Ihre Großmutter ließ sie nie aus den Augen. Das war eine sehr kluge und tüchtige Dame, ehedem und noch immer eine schöne Frau, dabei fromm und wohltätig und auf die Erziehung ihrer beiden Enkelinnen allereifrigst bedacht. Ihr Gatte litt schon seit Jahren an Gicht und andern Übeln, hatte aber seinen vollen Verstand und leitete noch alle seine Geschäfte. Der Marschall stand mit beiden in freundschaftlichstem Verkehr und hielt sehr viel auf sie. Diese wiederum schätzten und liebten ihn zärtlich.

Dieser drei, des Marschalls und seiner Schwiegereltern, geheimer Liebling war die Älteste, Fräulein von Lorge genannt. Die Marschallin hatte eine Vorliebe für die Zweite, das Fräulein von Quintin, und hatte sich zunächst viele Mühe gegeben, ihre älteste Tochter zum Eintritt in das Kloster zu bereden. Dann hätte sie ihre Lieblingstochter besser verheiraten können. Diese war eine Brünette mit schönen Augen. Die Älteste war blond, von prächtiger Hautfarbe, tadellosem Wuchs und sehr liebenswürdigem Gesichtsausdruck. In ihrem Wesen war sie vornehm, bescheiden und gütig. In ihrem Auftreten lag etwas Hoheitsvolles. Als ich die beiden Mädchen zum ersten Male sah, gefiel mir die älteste sofort über alle Maßen. Ich glaubte in ihr das Glück meines Lebens gefunden zu haben. Und das war in der Tat so. Da sie meine Frau geworden ist, kann ich sie nicht noch mehr loben. Nur das will ich hinzufügen, daß sie meine Hoffnungen und das, was andere mir von ihr versprachen, weit übertroffen hat.

Als meine Heirat eine beschlossene und geregelte Sache war, sprach der Marschall mit dem König in seinem und meinem Namen darüber. Der König antwortete ihm huldvoll, er könne nichts Besseres tun. Sodann machte er ein paar sehr schmeichelhafte Bemerkungen über mich, die mir der Marschall voller Freude wiederholte. Ich hatte ihm während des Feldzuges gefallen, wo er mich in der Absicht, mich von neuem an sich heranzuziehen, im geheimen beobachtet hatte. Schon damals war er entschlossen, mich sowohl dem Herzog von Luxemburg als auch dem Herzog von Montfort, dem Sohne des Herzogs von Chevreuse, und einer Anzahl anderer Herren vorzuziehen. Der Herzog von Beauvillier, mein Ratgeber in allen Dingen, tat in meiner Heiratsangelegenheit, was er nur konnte, ohne Rücksicht auf die Absichten seines Neffen und trotz der engen Beziehungen, die zwischen ihm und dem Herzoge von Chevreuse bestanden. Die Frauen beider waren Schwestern.

Am Donnerstag vor Palmsonntag stellten wir den Ehevertrag auf, und zwei Tage darauf unterbreiteten wir die Urkunde dem König. Ich kam alle Abende in das Lorgesche Haus, als mit einem Male nichts mehr aus der Heirat zu werden schien. Es gab nämlich einen dunklen Punkt in dem Ehevertrage, und wir kamen zu keiner Einigung hierüber. Während wir uns noch halsstarrig gegenüberstanden, kam glücklicherweise der Marschallin einziger Bruder, Herr von Auneuil, Staatsrat, von seinem Landgute zurück, auf dem er geweilt hatte. Er beseitigte die Schwierigkeit auf seine Kosten. Indem er das Heiratsgut von 300 000 auf 400 000 Livres erhöhte. Das Vermögen der Frémont muß schon damals erschüttert gewesen sein; denn die Mitgift war für die Enkelin eines a1s ungeheuer reich geltenden Steuerpächters gering. Es ist mir eine Ehrensache, dies ausdrücklich zu erwähnen. Ich bin ihm auch allezeit herzlich dankbar gewesen. Der glückliche Ausweg war mir sehr unerwartet gekommen.

Dieser Zwischenfall blieb so ziemlich unter uns, und die Hochzeit wurde am 8. April [1795] im Hotel Lorge gefeiert. Mit dem vollsten Rechte habe ich diesen Tag allezeit für den glücklichsten meines Lebens angesehen. Um sieben Uhr abends versammelten wir uns. Es war der Donnerstag vor Quasimodo. Wir unterzeichneten den Ehevertrag. Danach fand ein Festmahl im engsten Familienkreise statt. Um Mitternacht las der Pfarrer von Saint-Roch die Messe und traute uns in der Kapelle des Hauses. Tags vorher hatte meine Mutter meiner Braut Schmuck im Werte von 40 000 Franken geschenkt. Ich selbst hatte ihr einen Korb geschickt, in dem 600 Louisdors und all die kleinen Liebesgeschenke lagen, die man bei solcher Gelegenheit zu geben pflegt.

Wir schliefen im Saale des Hotels Lorge. Am andern Tage gab uns Seigneur von Auneuil, der gegenüber wohnte, ein großes Festmahl. Darauf empfing die junge Frau auf ihrem Bett im Hotel Lorge ganz Frankreich. Neugier und gesellschaftliche Höflichkeit zogen eine Menge Besucher an. Zuallererst erschien die Herzogin von Bracciano mit ihren beiden Nichten. Da meine Mutter noch Halbtrauer hatte und ihre Wohnung noch schwarz und grau ausgeschlagen war, hatten wir das Hotel Lorge zum Empfang vorgezogen. Am Tage nach diesen Empfängen, die alle an einem Tage erledigt werden mußten, fuhren wir nach Versailles.

Der König hatte die Gnade, die Neuvermählte in den Gemächern der Frau von Maintenon zu empfangen, wo sie ihm von meiner und ihrer Mutter vorgestellt werden sollte. Als wir mit dem König nach den Gemächern der Marquise gingen, plauderte und scherzte er mit mir darüber. Die Damen begrüßte er sodann sehr huldvoll unter Auszeichnungen und schmeichelhaften Worten. Hinterher bei der Abendtafel nahm die neue Herzogin ihr Taburett ein. Der König sagte beim Herantreten an die Tafel zu ihr: »Gnädige Frau, bitte, setzen Sie sich.« Als des Königs Mundtuch entfaltet wurde, bemerkte er, daß alle Herzoginnen und Prinzessinnen noch standen. Da erhob er sich von seinem Stuhle und sagte zur Frau Saint-Simon: »Gnädige Frau, ich bitte Sie nochmals, sich setzen zu wollen.« Alle, die das Recht dazu hatten, nahmen nunmehr Platz. Meine Frau saß zwischen meiner Mutter und der ihrigen, die ihr jetzt im Range nachstand.

Am folgenden Tage empfing meine Frau die Hofgesellschaft, und zwar in der Wohnung der Herzogin von Arpajon Cathérine-Henriette dHarcourt-Beuvron, von 1651 bis 1701, die GemahIin des Herzogs von Arpajon, seit 1684 Hofdame., die sich in einem Erdgeschosse befand und darum bequemer war. Der Marschall und ich waren nur dann zugegen, wenn sich ein Mitglied des Königlichen Hauses einstellte. Am nächsten Tage begaben wir uns nach Saint-Germain und sodann nach Paris, wo ich am Abend ein großes Mahl gab, an dem die ganze Hochzeitsgesellschaft teilnahm. Alle noch lebenden Freunde meines Vaters vereinigte ich wiederum einen Tag darauf zu einer Abendtafel im engen Kreise. Noch ehe meine Heirat allgemein bekanntgegeben war, hatte ich diese Herren davon in Kenntnis gesetzt. Mit allen habe ich bis zu dem Tode der einzelnen sorgfältigst freundschaftliche Beziehungen unterhalten.

 

Der Hingang zweier Männer von Bedeutung machte [1695] viel von sich reden. Es waren dies Lafontaine Jean de Lafontaine, geb. am 28. Juli 1621 in Château-Thierry, gest. am 13. April 1695., der bekannte Dichter der Fabeln und Erzählungen ? übrigens mündlich ein sehr schwerfälliger Erzähler ?, und der berühmte Maler Mignard. Pierre Mignard, 1610 bis 1695; der Hofmaler Annas von Österreich, seit 1690 der Nachfolger Lebruns. Der letztere hatte eine einzige, auffallend schöne Tochter. Er hat sie vielfach in seinen Gemälden verewigt, vor allem auf etlichen der großen geschichtlichen Darstellungen in der Kleinen Galerie Saint-Simon schreibt irrtümlich in der »Großen Galerie«. Die Malereien in dieser sind von Lebrun. Die »Kleine Galerie«, die zu den Gemächern des Königs gehörte, wurde nach dessen Tod eingerissen. und in zwei Sälen des Versailler Schlosses. Diese Wandgemälde sind nicht zum geringsten daran schuld, daß sich ganz Europa gegen Ludwig XIV. stellte und sich, weniger gegen sein Reich als vielmehr gegen seine Person verbündete.

V

1695. 1696
Krieg in Flandern / Fénelon und Frau Guyon / Der Abt von La Trappe

Alles begab sich zu den Armeen. Die Rhein-Armee überschritt den Strom ohne Verweilen.

In Flandern aber trugen sich reizvollere Dinge zu. Zunächst gab es ein schönes Schachspiel und mehrere Märsche des Prinzen von Oranien Wilhelm von Nassau, Statthalter in Holland (1650 bis 1702), der unermüdliche Gegner Ludwigs XIV., als Wilhelm III. 1688 König von England. und einzelner Sonderteile seines Heeres unter dem Kurfürsten von Bayern Max Emanuel (1662 bis 1726), der im Spanischen Erbfolgekrieg an Frankreichs Seite trat. und dem Grafen von Athlone. Godard de Reede de Quimthel, später Graf Athlone; ein Westfale. Der Marschall von Villeroy mit der Hauptarmee, der Marschall von Boufflers mit der kleineren, der Marquis von Harcourt mit seinem Korps an der Maas und der alte Montal gegen das Meer hin regelten ihre Bewegungen nach denen des Gegners, soweit sie diese erkannten oder zu erkennen vermeinten. Montal, immer noch derselbe trotz seines hohen Alters, rettete Knocke und nahm schließlich Dixmuyden und Deynze.

Nach verschiedenen Scheinbewegungen und mehrfacher Bedrohung unsrer Festungen wandte sich der Prinz von Oranien, der alles getan hatte, um seine eigentlichen Pläne zu verheimlichen und sicherzustellen, plötzlich gegen Namur und begann es Anfang Juli zu belagern. Der Kurfürst von Bayern, der beim Hauptheere verblieben war, stieß rasch mit dem größeren Teile seiner Truppen zu ihm und ließ den Rest unter Vaudémont zurück.

Der Marschall von Villeroy 1644 bis 1730. Er wurde 1714 Minister und 1717 Gouverneur Ludwigs XV. bedrängte den letzteren nach Kräften, und dieser, der viel schwächer war, suchte auf alle Weisen auszuweichen. Beide fühlten, daß alles von ihnen abhing. Vaudémont erkannte, daß seine Rettung auch die Einnahme Namurs zur Folge haben mußte, und Villeroy, daß sein Sieg das Schicksal der Niederlande entscheiden und wahrscheinlich einen glorreichen Frieden mit allen persönlichen Vorteilen eines solchen Ereignisses herbeiführen werde. Er traf seine Maßregeln so gut, daß er drei feste Plätze an der Wandel, deren Besatzung fünfhundert Mann stark war, einnahm. Auf diese Weise kam er Vaudémont am 13. Juli so nahe, daß ihm dieser unmöglich entwischen konnte, was er dem König durch einen Kurier meldete. Beim Morgengrauen des 14. war alles zum Gefecht bereit. Der Herzog von Condé befehligte den rechten, der Herzog von Maine den linken Flügel, Prinz Conti das gesamte Fußvolk und der Herzog von Chartres die Reiterei. Der linke Flügel sollte zuerst angreifen, weil er dem Feind am nächsten stand. Vaudémont, der ganz auf sich angewiesen war, hatte es nicht gewagt, sich in der Nacht vor einem an Zahl und Tüchtigkeit überlegenen, in nächster Nähe stehenden Feinde zurückzuziehen. Er wagte aber auch nicht, ihn ohne jeglichen Rückhalt zu erwarten, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als bei Tage mit aller der Vorsicht abzumarschieren, die ein Feldherr nötig hat, der darauf rechnen muß, während des Marsches angegriffen zu werden.

Beim Tagesanbruch sandte der Marschall von Villeroy dem Herzog von Maine den Befehl zum Angriff. Er hatte die Absicht, dem Feinde seine ganze Armee entgegenzustellen. Bis aber alle seine Kräfte zur Stelle sein konnten, war es nötig, ihn aufzuhalten und durch ein hinhaltendes Gefecht mit unserm linken Flügel am Abmarsch zu hindern. Als der Marschall bemerkte, daß sein Befehl unausgeführt blieb, schickte er voller Ungeduld aufs neue zum Herzog. Dies tat er fünf- bis sechsmal. Der Herzog von Maine wollte erst ganz genau aufklären lassen, dann beichten, dann seinen Flügel noch einmal von neuem aufstellen, obwohl er längst in bester Ordnung gefechtsbereit stand und darauf brannte, ins Gefecht zu kommen. Während diesen Verzögerungen marschierte Vaudémont so eilig weiter, als es ihm die Vorsicht erlaubte. Die Generale unseres linken Flügels murrten. Montreval, der älteste Generalleutnant, konnte es nicht länger mit ansehen und machte den Herzog auf die Dringlichkeit der Ausführung der wiederholt gegebenen Befehle des Marschalls von Villeroy aufmerksam. Er stellte ihm vor, wie leicht und sicher der Sieg, wie wichtig er für seinen Ruhm und für das Mißlingen der Belagerung von Namur sei; desgleichen, welche reiche Früchte davon zu erwarten seien, da die Niederlande nach der Vernichtung des einzigen Heeres, das sie zu ihrer Verteidigung noch hätten, hilflos und erschüttert sein würden. Er ergriff seine Hände und konnte sich der Tränen nicht enthalten. Nichts ward ihm verweigert, nichts widerlegt; aber alles war vergeblich. Der Herzog stammelte etwas und zögerte so lange, bis die Gelegenheit verpaßt und Vaudémont der größten Gefahr einer gänzlichen Niederlage entronnen war. Er hätte ihr nicht entgehen können, wenn sein Gegner, der seine Armee übersehen und Mann für Mann abzählen konnte, die geringste Angriffsbewegung gemacht hätte.

Unsere ganze Armee war in Verzweiflung, und niemand scheute sich zu sagen, was ihm Eifer, Zorn und die Erkenntnis unserer Lage eingaben. Selbst die Fußsoldaten und Reiter äußerten offen ihre Wut. Kurz, Offiziere und Mannschaften waren mehr empört als überrascht. Der Marschall von Villeroy konnte nichts anderes tun, als der feindlichen Nachhut drei Regimenter Dragoner unter der Führung Artagnans Pierre de Montesquiou dArtagnan (1640 bis 1725), 1709 Marschall von Frankreich. nachzuschicken, die ein paar Fahnen eroberten und die letzten Nachzügler in einige Unordnung brachten.

Obwohl der Marschall selber am meisten erbittert war, so war er doch zu sehr Höfling, um anderen die Schuld zuzuschieben. Indem er sich mit dem Zeugnis seiner ganzen Armee, die alles nur zu gut gesehen und verstanden, ebenso zufriedengab wie mit dem lauten Tadel, dessen sie sich nicht enthalten hatte, schickte er einen seiner Edelleute zum König mit der Meldung, Vaudémont habe ihm durch die Schnelligkeit seines Rückzuges die sichere Hoffnung auf den Sieg geraubt. Gleichzeitig gab er, ohne auf Einzelheiten einzugehen, einen genauen Bericht über die nunmehrige Kriegslage.

Der König, der seit vierundzwanzig Stunden in Erwartung eines entscheidenden Sieges die Minuten zählte, war sichtlich überrascht, als er, anstatt einer Persönlichkeit von Rang, nur einen einfachen Adeligen vor sich sah. Zu seinem Leidwesen vernahm er, wie ruhig der Tag verlaufen war. Der ganze Hof war in Sorge gewesen: hier um einen Sohn, da um einen Gatten oder Bruder. Man war nun starr vor Erstaunen, und besonders die Freunde des Marschalls von Villeroy befanden sich in der höchsten Verlegenheit. Eine so kurze und allgemein gehaltene Darstellung eines so bedeutenden und wichtigen Ereignisses, das ergebnislos verlaufen war, beunruhigte den König. Er bezwang sich aber und erwartete eine nachträgliche Aufklärung. Er trug Sorge, daß ihm alle holländischen Zeitungen vorgelesen wurden. In der ersten, die erschien, las er von einem großen Gefecht auf dem linken Flügel und übertriebene Lobsprüche auf die Tapferkeit des Herzogs von Maine, dessen Verwundung den Erfolg der Franzosen verhindert und Vaudémont gerettet hätte. Der Herzog wäre auf einer Tragbahre weggeschafft worden. Dieser fabelhafte Hohn reizte den König; aber er wurde noch gereizter, als die folgende Nummer der Zeitung ihre Schilderung des Kampfes widerrief und beifügte, der Herzog sei nicht einmal verwundet worden. Alles das, dazu das Schweigen, das seit jenem Tage herrschte, und der kurzgefaßte Bericht des Marschalls von Villeroy, der sich in keiner Weise entschuldigte, erregten des Königs Argwohn. Er kam nicht darüber hinweg.

La Vienne François Quentin, genannt de la Vienne (1630 bis 1710). war bäuerlichen Ursprungs; er wurde 1679 einer der Kammerdiener des Königs; er kaufte den Adel und erwarb das Marquisat Champcenetz-en-Brie. Er war als Erfinder weiblicher Haartrachten berühmt., früher ein beliebter Bader der Pariser, war während der galantesten Zeit des Königs in dessen Dienst getreten. Er hatte seine Gunst dadurch erlangt, daß er ihm Reizmittel verschaffte, durch die es ihm möglich wurde, mehr Befriedigung zu finden. Auf diesem Wege war er einer der vier Leibkammerdiener geworden. Er war ein braver Mann, aber bäurisch, grob und geradezu. Seine Freimütigkeit und Wahrheitsliebe hatten den König daran gewöhnt, ihn auszufragen, sooft er aus andern nichts herauszubringen vermochte, besonders wenn es Dinge betraf, die sein Verständnis nicht überstiegen. Eines Tages nahm ihn der König nach Marly mit, und hier forschte er ihn in der Angelegenheit aus, die ihn so sehr beunruhigte. Der Mann geriet sichtlich in Verlegenheit und besaß nicht genug Geistesgegenwart, sich der Überrumpelung zu wehren. Seine Verlegenheit verdoppelte die Neugier des Königs, und schließlich befahl Majestät ihm, zu reden. La Vienne wagte nicht länger zu widerstehen. Er erzählte dem König, was dieser am liebsten sein Leben lang nicht erfahren hätte und was ihn nun in Verzweiflung setzte. Wozu hatte er sich den Kopf zerbrochen und sich über alles bemüht, den Herzog von Vendôme Der Urenkel Heinrichs IV. aus seiner Liebschaft mit Gabrielle dEstroy; 1654 bis 1712. an die Spitze einer Armee zu stellen, und warum war seine Freude so groß gewesen, als es ihm gelungen war? Doch nur, weil er den Herzog von Maine dorthin setzen wollte. Sein ganzes Trachten ging dahin, die Prinzen von Geburt durch Nebenbuhlerschaft unter sich im Schach zu halten. Der Graf von Toulouse war Admiral; für ihn brauchte er sich nicht weiter zu kümmern. So galt denn seine volle Sorge dem Herzog von Maine. Nun sah er alles scheitern, und der Schmerz darüber war ihm unerträglich. Er fühlte, daß der Spott der Armee auf seinem geliebten Sohne lasten müsse. Der Hohn der Ausländer, den er aus den Zeitungen erfuhr, ärgerte ihn grenzenlos.

Der äußerlich sonst so ruhige Fürst, der selbst bei den schmerzlichsten Ereignissen in hohem Grade Herr seiner geringsten Bewegung blieb, geriet bei dieser Gelegenheit ausnahmsweise einmal aus seinem Gleichgewichte. Als er in Marly, im Beisein aller Damen und Höflinge, von der Tafel aufstand, bemerkte er, wie ein Diener, der die Früchte wegtrug, eine Waffel in seine Tasche steckte. In diesem Augenblick vergaß der König seine ganze Würde, und mit dem Stocke in der Hand, den man ihm soeben mit seinem Hut gereicht hatte, lief er auf den Diener zu, der ebenso überrascht war wie die Umstehenden, schlug und wetterte auf ihn ein und zerbrach den Stock auf seinem Rücken. Allerdings war es nur ein schwacher Rohrstock. Mit dem Stumpf in der Hand und der Miene eines Menschen, der außer sich ist, durchschritt er schimpfend den kleinen Saal und das Vorzimmer, obwohl der Diener schon weit weg war, und trat bei Frau von Maintenon ein, wo er beinah eine Stunde lang blieb, wie er dies in Marly des öfteren nach Tisch zu tun pflegte. Als er von da wieder wegging, um in seine Gemächer zurückzukehren, begegnete er dem Pater La Chaise. Da er ihn in Gesellschaft von Höflingen bemerkte, sagte er sehr laut zu ihm; »Pater, ich habe zwar einen Spitzbuben geprügelt und meinen Stock auf seinem Rücken zerschlagen; aber ich glaube nicht, daß ich damit Gott beleidigt habe!« Darauf erzählte er ihm das angebliche Verbrechen. Alle Anwesenden zitterten noch über das, was sie gesehen oder von anderen gehört hatten. Der Schreck wuchs bei dieser Wiederholung. Die Vertrautesten murmelten etwas gegen den Diener, und der arme Pater tat so, als billige er das Verhalten des Königs, um ihn in Gegenwart so vieler Leute nicht noch mehr zu reizen. Man kann sich vorstellen, wie sehr von diesem Vorfall gesprochen wurde und welche Bestürzung er verursachte, weil damals niemand die wahre Ursache ahnte und doch jedermann ohne weiteres merkte, daß die sichtbare Veranlassung des Ausbruchs nicht die wirkliche sein konnte. Einmal kommt aber doch alles an den Tag, und so erfuhr man aus dem Wege des üblichen Klatsches, daß der vom König zum Sprechen gezwungene La Vienne die Ursache eines so sonderbaren und unschicklichen Auftritts gewesen war.

Um alles hierher Gehörige auf einmal zu erledigen, will ich hier ein Bonmot des Herrn von Elbeuf Heinrich von Lothringen, 1661 bis 1748, der sich ein solches Wort gestatten konnte. einfügen. Wie sehr er auch Höfling war, so ärgerte ihn doch der Aufstieg der Bastarde. Als der Feldzug seinem Ende entgegenging und die Prinzen im Begriffe waren abzureisen, bat er den Herzog von Maine vor aller Welt, er möge ihm doch sagen, wo er im nächsten Feldzug zu dienen gedenke, weil er unter allen Umständen eben dort dienen wolle. Nachdem sich Elbeuf hatte bitten lassen, den Grund seiner Frage zu sagen, gab er zur Antwort: in seiner Nähe sei man des Lebens sicher. Dieser rücksichtslos freimütige Ausspruch machte viel Aufsehen. Der Herzog schlug die Augen nieder, ohne ein Wort der Entgegnung zu wagen.

Die bittere Frucht des Ereignisses in Flandern war der Verlust der Stadt Namur, die sich am 4. August [1695] dem Feinde übergab.

 

Bevor ich erzähle, was sich seit meiner Rückkehr von der Armee zutrug, muß ich berichten, was während des Feldzuges bei Hofe vorging. Herr von Bryas, der Erzbischof von Cambrai, war gestorben, und der König hatte diesen fetten Bissen Der Erzbischof von Cambrai war Fürst des heiligen römischen Reiches und Herzog. Bis zur Eroberung Cambrais durch Kaiser Karl V. war er unumschränkter Herr des ganzen Gebietes Cambrai gewesen. Das Erzbistum umfaßte 600 Pfarreien. Seine Einkünfte beliefen sich auf 100 000 Livres, von denen Fénelon später, zur Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges, den würdigsten Gebrauch machte, indem er Spitäler errichtete und für alle Offiziere offenes Haus hielt. dem Abbé Fénelon, dem Erzieher der königlichen Kinder, zugeschanzt.

Fénelon war von vornehmer Geburt, aber ohne Vermögen. Er war klug und geistvoll, wußte sich einzuschmeicheln und zu gefallen und besaß neben seinen großen Fähigkeiten, seinem gewandten Wesen und seiner Gelehrsamkeit beträchtlichen Ehrgeiz. Lange hatte er an allen Türen geklopft, ohne daß er Eintritt erlangt hätte. Mißgestimmt gegen die Jesuiten, an die er sich als die Machthaber von Gottes Gnaden zunächst gewandt hatte, bei denen er aber derb abgefallen war, schloß er sich den Jansenisten an, wobei er sich ob ihrer Armut an irdischen Gütern mit der Hoffnung auf ideelle Erfolge tröstete. Aber es dauerte immerhin noch erhebliche Zeit, bis er sich einführte. Endlich erreichte er es, daß er zu der kleinen Tafelrunde eingeladen ward, die eine Anzahl einflußreicher Persönlichkeiten ein- oder zweimal wöchentlich im Hause der Herzogin von Brancas Marie de Brancas, die Schwester der Prinzessin von Harcourt (1651 bis 1731); Ehrendame der Pfälzerin vereinte. Ich weiß nun nicht, ob er ihnen zu gescheit vorkam oder ob er sich andernorts mehr erhoffte als in diesem Kreise, wo nur Wunden geschlagen wurden; kurz und gut: allmählich kühlte sich seine Neigung für diese Leute ab. Nun katzbuckelte er um das Seminar Von Sankt-Sulpiz Priesterseminar in Paris, wo Fénelon 1675 die Priesterweihe empfing. Er war dort drei Jahre lang Pfarrer, bis er zum Vorstand der Nouvelles catholiques, einer Anstalt ernannt wurde, in der neubekehrte Protestantinnen in ihrem Glauben gekräftigt werden sollten., bis es ihm gelang, hier Verbindungen anzuknüpfen, die ihm hoffnungsvoller aussahen. Diese geistliche Gesellschaft begann damals in Paris bekannt zu werden und Boden zu gewinnen. Bei ihrer geringen wissenschaftlichen Bildung, ihren kleinlichen Ordensregeln, dem völligen Mangel an hohen Gönnern sowie an Mitgliedern von Bedeutung in irgendwelcher Hinsicht waren sie blinde Sklaven Roms und aller seiner Umtriebe. Sie standen im vollsten Gegensatz zu allem, was jansenistischen Anflug hatte. Dabei waren sie ihren Bischöfen so unterwürfig, daß sie immer zahlreicher zur Besetzung geistlicher Ämter in den Sprengeln verwendet wurden. Die Kirchenfürsten, die ebenso vor dem Hofe wie vor den Jesuiten Angst hatten, erkannten in diesen Priestern ein nützliches Mittelding. In ihren Reihen war keiner, der einen Vergleich mit dem Abbé Fénelon hätte aushalten können. Somit durfte er unter ihnen nach Herzensluft glänzen und sich Fürsprecher schaffen, die ihn auf ihren Schultern trugen, um später ihrerseits von ihm gefördert zu werden. Seine Menschenliebe, die er allen in gleicher Weise erzeigte, seine Glaubenslehre, die er nach der ihren bildete, wobei er in aller Stille abschwor, was an ihm etwa Unheiliges noch von seinen verlassenen Freunden her hängen geblieben war, seine Liebenswürdigkeit, seine Urbanität, seine Duldsamkeit und seine verführerische geistreiche Art machten ihn der neuen Genossenschaft höchst lieb und wert. Hier fand er endlich, was er schon längst gesucht: Leute, die sich zu einem Bündnisse eigneten, die ihn stützen konnten und wollten. In Erwartung einer guten Gelegenheit zum Vorwärtskommen verkehrte er eifrigst mit ihnen, ohne sich ihnen indessen ganz anzuschließen, damit er sich den Weg nicht verbaute. Es kam ihm allenthalben darauf an, sich gute Bekannte und Freunde zu erwerben. Er war sehr gefallsüchtig und strebte danach, bei aller Welt gern gesehen und beliebt zu sein, von den höchsten Persönlichkeiten an bis hinunter zum Arbeiter und Bedienten. Seine Eigenschaften und Fähigkeiten förderten ihn hierbei vorzüglich.

Damals, da er noch unbekannt war, hörte er von Frau Guyon Jeanne-Marie Bouvier de la Motte, 1648 bis 1716, die im Jahre 1664 die Gattin des Ingenieurs Guyon und 1676 Witwe geworden war. reden. Diese Frau hat in der Folgezeit so viel Wesens von sich gemacht und ist so bekannt geworden, daß ich mich nicht weiter bei ihr aufzuhalten brauche. Er sah sie. Sie gefielen sich gegenseitig, und ihre Seelen fanden sich. Ich vermag nicht zu sagen, ob sie sich in ihrer Weltanschauung und in ihrer Sprache, die sie sich in der Folge schufen, wirklich so ganz besonders verstanden. Eingebildet haben sie es sich, und so kam die Verbindung zwischen ihnen zustande. Obgleich Frau Guyon damals bereits etwas bekannter war als Fénelon, achtete man auf beide noch nicht. So blieb ihr Bund unbemerkt, und selbst Sankt-Sulpiz nahm keine Kenntnis davon.

Der Herzog von Beauvillier wurde damals Erzieher der königlichen Prinzen, ohne daß er selbst daran gedacht hatte, ja fast gegen seinen Willen. Beim Tode des Marschalls von Villeroy hatte ihn der König in Hochschätzung und Vertrauen zum Vorstand des königlichen Geldwesens ernannt. Nunmehr ließ er ihm vollständig freie Hand. Einzig abgesehen von Moreau, der Leibkammerdiener des Herzogs von Burgund wurde, gab er dem Herzog von Beauvillier hinsichtlich Lehrer, Ausbilder und Dienerschaft der jungen Prinzen unbeschränkte Vollmacht, so sehr sich Beauvillier dagegen verwahrte. Auf der Suche nach einem Lehrer wandte sich der Herzog an die Erziehungsanstalt von Sankt-Sulpiz, wohin er seit langem zur Beichte ging und deren Angehörige er liebte und stark begönnerte. Daselbst hatte er bereits Rühmliches über den Abbé Fénelon vernommen. Man pries ihm dessen Frömmigkeit, Geist, Gelehrsamkeit und Fähigkeiten. Kurzum, man schlug ihn für die Stelle vor. Der Herzog lernte ihn kennen, war von ihm entzückt und nahm ihn an. Fénelon erkannte sofort, wie wichtig es für sein Fortkommen sei, den Herzog und dessen Schwager, den Herzog von Chevreuse Charles-Honoré dAlbert, 1646 bis 1712, Herzog von Chevreuse 1663 und später 1688 Herzog von Luynes., für sich zu gewinnen, da beide das Vertrauen des Königs und der Frau von Maintenon im höchsten Grade besaßen. Er bemühte sich alsbald vor allem um beider Gunst, und dies glückte ihm dermaßen über Erwarten, daß er in kürzester Frist der Herr ihrer Herzen und Geister und ihr Beichtvater wurde.

Frau von Maintenon kam in der Regel einmal, zuweilen auch mehrere Male in der Woche zu Tisch in das Haus des Herzogs von Beauvillier oder zu dessen Schwager. Einschließlich der beiden Schwestern war man zu fünft. Damit keine Diener um die Tafel herumstanden und man ungestört plaudern konnte, bediente man sich einer Tischglocke. Es war das also ein ganz auserlesener kleiner Kreis, vor dem die gesamte Hofgesellschaft Hochachtung hegte. Zu guter Letzt ward Fénelon auch hinzugezogen. Frau von Maintenon fand nicht minder Gefallen an ihm als die beiden Herzöge. Sein geistvolles Wesen bezauberte sie.

Bald bemerkte der Hof den Riesenerfolg des glücklichen Abbé und drängte sich an ihn heran. Aber sein Freiheitsdrang und der Wille, seinem vorgenommenen Ziele treu zu bleiben, dazu die Furcht, das Mißfallen der Herzöge und der Frau von Maintenon zu erregen, die alle drei ein durchaus abgesondertes Leben liebten, ? alles das bestimmte ihn, sich hinter die Bescheidenheit und sein Lehreramt zu verschanzen. Dadurch machte er sich seinen wenigen Gönnern um so wertvoller. Sich diese zu erhalten, war ihm das Wichtigste.

Bei aller Streberei vergaß er indessen seine alte Freundin, Frau Guyon, nicht. Nachdem er sie den beiden Herzögen gerühmt und gepriesen hatte, tat er dies schließlich auch Frau von Maintenon gegenüber. Er stellte sie seinen Gönnern sogar vor, aber nur gelegentlich und angeblich, nachdem er viel Mühe gehabt hatte, sie dazu zu bewegen, als ob sie einzig und allein ihrem Gotte lebe und als ob Demut und Andacht sie in strengster Abgeschlossenheit und Menschenscheu hielten. Ihr kluges Wesen gefiel Frau von Maintenon ungemein, und ihre Zurückhaltung, die sie mit den feinsten Schmeicheleien zu mischen verstand, gewann sie. Das Gespräch kam auf fromme Dinge, aber es war nicht leicht, sie dazu zu bringen. Sichtlich war es die Liebenswürdigkeit und die Tugend der Frau von Maintenon, die sie schließlich verführten. Alles das war wohldurchdachte Berechnung.

Derart war Fénelons Stellung, als er Erzbischof von Cambrai wurde. Man bewunderte ihn um so mehr, als er nicht das geringste unternommen hatte, um diese einträgliche Pfründe zu erringen. Er gab sogar sofort die schönen Einkünfte einer Abtei Saint-Valery-sur-Somme, in der Diözese Amiens, die jährlich 20 000 Livres einbrachte. zurück, die er während seiner Lehrerzeit genossen hatte und die bis dahin seine einzige Einnahmequelle gewesen waren. Er hatte sich aus guten Gründen gehütet, sich um das Erzbistum von Cambrai zu bemühen, denn der geringste verräterische Funken von Ehrgeiz hätte das ganze Gebäude seiner geheimen Pläne zerstört. Überdies war Cambrai gar nicht das Ziel seiner Wünsche.

Allmählich hatte er etliche vornehme Schafe aus der kleinen Herde der Frau Guyon an sich gefesselt. Er bediente sich ihrer indessen nur durch den Hirtenstab der Prophetin. Hier sind besonders zu nennen: die Herzogin von Mortemart Marie-Anne Colbert (1665 bis 1750), die 1679 den Herzog de Mortemart geheiratet hatte., eine dritte Schwester der Herzoginnen von Beauvillier und Chevreuse, sowie Frau von Morstein, die Tochter der Erstgenannten, vor allem aber die Herzogin von Béthune. Marie Foucquet (1657 bis 1716), die einzige Tochter des berühmten Intendanten Foucquet. Diese Damen lebten in Paris und kamen nur insgeheim und ganz vorübergehend nach Versailles. Wenn der Hof einen Ausflug nach Marly machte, an dem der Herzog von Burgund noch nicht teilnahm, folglich auch sein Lehrer nicht, eilte Frau Guyon von Paris zu Fénelon und salbaderte vor den Damen. Auch die Gräfin von Guiche Marie-Christine de Noailles, 1672 bis 1748. (Siehe auch Mémoires, IV, 185.), des Herrn von Noailles älteste Tochter, die am Hofe lebte, birschte sich heran, sooft es nur ging, um sich an dieser Götterspeise zu erlaben. Ferner gehörten zu dem Kreise noch zwei Edelleute, die Herren LEchelle und von Puy, die Adjutanten des Herzogs von Burgund. Diese Zusammenkünfte fanden wie geheime Mysterien statt, wodurch sie noch mehr Reiz erhielten.

Die Berufung nach Cambrai schlug wie ein Blitz in die kleine Herde. Jegliche Aussicht auf das Erzbistum von Paris war damit offenbar vernichtet. Und Paris war ihrer aller heimliche Hoffnung gewesen, nicht Cambrai, das man verächtlich als »Provinzsprengel« bezeichnete. Da ein Erzbischof eine bestimmte Zeit im Jahre im Orte seines Amtes verbleiben mußte, so war die Herde dann ohne Hirten. In Paris wäre Fénelon an die Spitze der Geistlichkeit gekommen, an einen einflußreichen und dauernden Ehrenplatz. Jedermann hätte mit ihm rechnen müssen, und er wäre imstande gewesen, für Frau Guyon und ihr vorläufig noch geheimes Evangelium kräftig und erfolgreich zu wirken. Während Fénelons Ernennung überall für ein außerordentliches Glück gehalten wurde, war der Schmerz der kleinen Sondergemeinde somit sehr groß. Die Gräfin von Guiche weinte vor Wut.

Der neue Kirchenfürst machte selbstverständlich den hervorragendsten Prälaten seinen Besuch, die darin eine Auszeichnung erblickten. Fénelon wurde in Saint-Cyr geweiht, ? eine hohe Auszeichnung, die selten jemandem zuteil ward, ? und zwar durch Bossuet, den Erzbischof von Meaux, dem damaligen Diktator der Geistlichkeit und der Kirchenlehre. Dabei anwesend waren die königlichen Prinzen, ebenso Frau von Maintenon und ihr erlesener besonderer Hofstaat. Niemand hatte eine Einladung erhalten, und die Türen blieben allen verschlossen, die sich durch ihr Erscheinen bei Fénelon einschmeicheln wollten.

Der neue Erzbischof von Cambrai war mit seinen Erfolgen bei Frau von Maintenon recht zufrieden. Seine Hoffnungen, die er auf sie setzte, waren wohlbegründet, aber er glaubte seine Absichten nicht eher mit Sicherheit verwirklichen zu können, ehe er nicht die ungeteilte Macht über Frau von Maintenon innehätte. Nun war sie durch die zartesten Bande an Godet, den Erzbischof von Chartres Paul Godet des Marais, 1647 bis 1709, der geistige Leiter der Erziehungsanstalt Saint-Cyr., gefesselt, zu dessen Amtsbereich Saint-Cyr gehörte. Er hatte daselbst den Haupteinfluß, nicht zum mindesten auch auf Frau von Maintenon, deren Beichtvater er war. Sein Lebenswandel, sein theologisches Wissen, seine Frömmigkeit und seine bischöfliche Amtsführung, alles war einwandfrei. Er kam nur selten und immer nur sehr vorübergehend nach Paris, wo er im Seminar von Sankt-Sulpiz zu wohnen pflegte. Noch seltener, buchstäblich nur auf Augenblicke, zeigte er sich bei Hofe. Frau von Maintenon kam aber mit ihm häufig und keineswegs flüchtig in Saint-Cyr zusammen. Überdies erreichte er durch seine Briefe alles, was er nur wollte.

Es galt also einen ganz besonderen Nebenbuhler aus dem Felde zu schlagen. Aber so fest er sich auch eingenistet haben mochte, etwas verlieh Fénelon Zuversicht: Godet sah aus wie ein Dorfschulmeister, baumlang, schnuddelig, knöchern, so recht sulpizianisch. Er hatte ein einfältiges Gesicht und ein urwüchsiges Wesen. Sein einziger Verkehr waren beschränkte Priester. Mit einem Worte, Fénelon bildete sich ein, er habe einen Mann vor sich ohne Weltkenntnis, bar an Fähigkeiten, arm an Witz und Wissen, einen Mann, der nur deshalb das geworden, was er war, weil Saint-Cyr zufällig in seinem Amtsbereiche lag, der in seinen Seelsorgerpflichten aufging und außer Frau von Maintenon keinen Rückhalt und keine guten Beziehungen hatte. In diesem Glauben zweifelte er nicht, daß er Godet mit Hilfen von Frau Guyons neuer Mystik sehr bald verdrängen könne, zumal Frau von Maintenon bereits große Stücke auf seine Freundin hielt. Auch wußte er, daß sie dem Neuen in jedweder Gestalt nicht unzugänglich war. Damit hoffte er dem Erzbischof von Chartres das Genick zu brechen. Wenn sie erst seine Beschränktheit entdeckt und für lächerlich befunden, würde sie ihn nur noch mit demselben Maße messen wie er.

Um dies zu erreichen, bemühte er sich, Frau von Maintenon zu überreden, daß sie der Frau Guyon den Zutritt in Saint-Cyr gestatte. Dort hätte sie Gelegenheit, sie näher kennen zu lernen und sie ganz anders zu prüfen als in den kurzen und seltenen Nachtischplaudereien in den Häusern Chevreuse und Beauvillier. Es gelang ihm. Frau Guyon kam zwei- oder dreimal nach Saint-Cyr. Darauf wurde sie von Frau von Maintenon, die immer mehr Geschmack an ihr fand, eingeladen, dort zu übernachten. Von einem zum anderen Male, ganz allmählich, verlängerte sich der Aufenthalt der Frau Guyon in Saint-Cyr. Nach ihrer eigenen Aussage suchte sie daselbst Personen, die geeignet wären, ihre Jünger zu werden. Solche fand sie. Bald bildete sich in Saint-Cyr eine kleine abgesonderte Gemeinde, deren Anschauungen und Bekenntnisse dem ganzen übrigen Hause und alsdann dem Erzbischof von Chartres höchst sonderbar vorkamen. Der Kirchenfürst war nämlich in Wirklichkeit durchaus nicht der, für den ihn der Erzbischof von Cambrai hielt. Er war überaus gelehrt und besonders ein gründlicher Theologe. Dabei war er klug und geistig gewandt, mild, aber fest und von einer gewissen Urbanität. Es war wirklich staunenswert, wie geschickt sich dieser Mann, der in der Weltfremdheit seines Berufes erzogen und nie aus Saint-Cyr herausgekommen war, bei Hof und in der Gesellschaft benahm. Selbst der erfahrenste Höfling war ihm nicht ohne weiteres gewachsen; ja, oft konnte er von ihm lernen. Aber seine Überlegenheit blieb für gewöhnlich verborgen, weil er sich ihrer nur in dringlicher Lage bediente. Seine Uneigennützigkeit, seine Frömmigkeit, seine unvergleichliche Redlichkeit ließen sie gar nicht zur Geltung kommen, und die hohe Gunst, in der er bei Frau von Maintenon stand, machte sie völlig unnötig.

Sobald Godet dem seltsamen Evangelium auf die Spur kam, ließ er zwei junge Damen in das Stift von Saint-Cyr aufnehmen, auf deren Verstand und Urteil er sich verlassen konnte und die auch in den Augen der Frau von Maintenon Geltung hatten. Sie waren ihm treu ergeben und von ihm trefflich vorbereitet. Diese Proselytinnen heuchelten zunächst großes Entzücken und dann immer mehr Begeisterung. Sie schlossen sich enger denn andre an ihre neue Führerin an, die ihre Klugheit und ihr Ansehen im Hause erkannte und sich über diesen Zuwachs freute, der ihr zur Vollendung ihrer Pläne ersprießlich schien. Sie gab sich deshalb Mühe, die jungen Damen ganz zu bestricken, erklärte sie für ihre Lieblingsschülerinnen und erschloß sich ihnen als den Fähigsten, die neue Lehre zu fördern und im Hause einzubürgern.

Frau Guyon und der Erzbischof von Cambrai, der von jedem Erfolge durch seine Freundin Kenntnis erhielt, strahlten, und die kleine Herde frohlockte. Der Erzbischof von Chartres, mit dessen Genehmigung Frau Guyon nach Saint-Cyr gelangt und Anstaltslehrerin geworden war, ließ sie unbehindert. Aber er behielt sie fest im Auge, und seine Getreuen lieferten ihm genaue Berichte über alles, was ihnen in Theorie und Praxis beigebracht wurde. So war er über alles bestens unterrichtet, prüfte alles gewissenhaft nach, und als die Zeit gekommen schien, schlug er los.

Frau von Maintenon war arg überrascht über alles, was Godet ihr von der neuen Schule berichtete, und noch mehr über das, was er ihr an der Hand der mündlichen Aussagen und der schriftlichen Berichte seiner beiden Mitverschworenen nachwies. Sie verhörte noch einige andere Schülerinnen. Es zeigte sich, daß sie mehr oder weniger eingeweiht waren und das Vertrauen ihrer neuen Lehrerin mehr oder weniger genossen hatten, daß sie aber alle in ganz bestimmter Richtung beeinflußt worden waren. Ziel wie Weg dahin waren recht merkwürdig.

Sehr nachdenklich und höchst besorgt, entschloß sich Frau von Maintenon, mit Fénelon zu sprechen. Dieser hatte keine Ahnung, daß sie so gut unterrichtet war. Er geriet in Verwirrung und machte die Sache dadurch um so verdächtiger.

Frau Guyon ward ohne weiteres aus Saint-Cyr weggejagt, und es galt nun, ihre Lehre bis auf die letzte Spur auszurotten. Das war keine leichte Mühe, denn einige der betörten Schülerinnen hingen fest an ihr und ihren Anschauungen.

Der Erzbischof von Chartres benutzte die Gelegenheit, auf die Gefahr solchen Giftes aufmerksam zu machen und den Erzbischof von Cambrai stark zu verdächtigen. Diese unerwartete Niederlage erschütterte Fénelon wohl, brachte ihn indessen nicht zu Fall. Er behauptete sich durch seinen Witz, berief sich auf dunkle Autoritäten und blieb im Sattel. Mächtige Freunde hielten ihn.

Godet begnügte sich damit, von neuem der Alleinherrscher in Frau von Maintenons Herz und Hirn zu sein. Er spürte keine Lust, einen Mann mit so einflußreichen Verbindungen weiterhin zu verfolgen. Um so gereizter war sein Beichtkind, dieweil es an den Rand eines tiefen Abgrundes geführt worden war. Ihr Benehmen gegen Fénelon ward immer kühler, während sich ihr Zorn auf Frau Guyon mehr und mehr steigerte.

Man wußte, daß Frau Guyon in Paris in einem fort heimlich vornehme Besuche empfing. Man verbot es ihr bei so hoher Strafe, daß sie es noch heimlicher machte. Aber sie konnte es nicht lassen, im Verborgenen weiter zu lehren. Sie versammelte ihre Gemeinde in einzelnen Gruppen und an verschiedenen Orten. Auch das ward ruchbar, und nun wurde sie aus Paris ausgewiesen. Sie gehorchte, aber bald darauf war sie heimlich wieder da und verbarg sich in einem Häuschen der Vorstadt Sankt-Anton. Da man sie beobachtete und plötzlich verschwinden sah, war man überzeugt, sie sei nach Paris zurückgekehrt. Man stellte Nachforschungen an und machte ihren Aufenthaltsort ausfindig. In der Nachbarschaft hieß es, sie öffne ihre Tür nur unter geheimnisvollen Umständen. Um sich Gewißheit zu verschaffen, folgte man in geschickter Weise einer Magd, die Brot und Gemüse brachte, dicht auf dem Fuße und drang mit ihr zugleich ein.

Frau Guyon ward erwischt und auf der Stelle in die Bastille gesteckt. Es erging zwar der Befehl, sie dort gut zu behandeln, zugleich aber auch das strengste Verbot, daß sie Besuche empfange, schreibe und Briefe bekomme.

Das war ein harter Schlag für Fénelon und seine Freunde, ebenso für die kleine Gemeinde, die sich indessen nunmehr um so häufiger Versammelte. Über den Streit, der über den Quietismus und Fénelons Verhalten zwischen ihm und dem Bischof von Meaux entbrannte, siehe Einleitung S. 135 ff. Saint-Simon bespricht die Werke, in denen die beiden Bischöfe ihre Ansicht auseinandersetzten, ausführlich (Mémoires, IV, 66-68, 71-77, 81-84, 103-106). Fénelons Buch, das »von dem Unaussprechlichen« handelte, fand bei der Hofgesellschaft wenig Anklang, obwohl alle Welt davon redete.

Dies und andres reizte den König, so daß er Fénelon, ohne ihn noch einmal sehen zu wollen, schließlich sagen ließ, er solle sich unverzüglich in seine Diözese begeben, in der er fortan verblieb. Zu gleicher Zeit befahl er den Herzog von Burgund zu sich, mit dem er längere Zeit in seinem Arbeitszimmer verbrachte, offenbar, um ihn seinem Lehrer, an dem er innig hing, abspenstig zu machen. Der Herzog bedauerte ihn aufs tiefste, und lange Jahre der Trennung vermochten dieses Gefühl nicht abzuschwächen. Der Erzbischof von Cambrai blieb noch zwei Tage in Paris. Bei seiner Abreise hinterließ er an einen seiner Freunde, ohne Zweifel an Herrn von Chevreuse, einen Brief, der sofort bekannt wurde. Das Schreiben erschien als Kundgebung eines Mannes, der in offener Rede seine Galle ergießt und sich keinen Zwang antut, weil er nichts mehr zu hoffen hat. Die stolze und bittere Sprache des Briefes ist übrigens so voll Geist und auf alle Fälle so gewandt, daß er großen Eindruck machte, freilich ohne Billigung zu finden. Es ist eben schwer, ein weises und verächtliches Schweigen zu bewahren, wenn man aus solcher Höhe stürzt.

 

Meine langjährige große Zuneigung und Verehrung für den Abt von La Trappe erweckte in mir den leidenschaftlichen Wunsch, von ihm ? über sein wunderbares Leben und Wirken hinaus ? neben dem Denkmal, das in seinen Schriften liegt, auch ein Bild zu besitzen. In seiner echten Demut gestattete er aber nicht, daß man ihn malte. Es gab zwar Denkmünzen mit einem nicht schlecht getroffenen Bildnis von ihm, die nach einer während des Gottesdienstes angefertigten Skizze geprägt worden waren. Damit war ich jedoch nicht zufrieden. Der Abt war bereits recht leidend und verließ kaum noch sein Krankenzimmer. Somit war es geradezu unmöglich, daß man seine Züge auch nur heimlich hätte festhalten können.

Rigaud Hyacynthe-François-Honoré-Mathieu-Pierre-le-Martyr-André Jean Rigau y Ros, genannt Rigaud, 1659 bis 1743. Von seiner Hand sind im Louvre und in Versailles zahlreiche Bildnisse vorhanden. war damals der erste Bildnismaler Europas. Man rühmte seinen Bildern Ähnlichkeit und große Gediegenheit nach. Aber es war nicht leicht, einen mit Arbeit überhäuften Künstler wie ihn zu überreden, gleich auf mehrere Tage Paris zu verlassen. Obendrein war es fraglich, ob der Kopf des Abts einen genügend starken Eindruck auf den Maler machen würde, um ihn in den Stand zu setzen, ein gutes Bildnis von ihm aus dem Gedächtnisse zu malen. Er vermochte sich zunächst mit dieser Notwendigkeit überhaupt nicht zu befreunden, dann aber gab gerade das den Ausschlag. Die Schwierigkeit und das Seltsame reizten den Künstler. Er willigte ein, es zu versuchen, und schaffte sich die nötige Zeit. Vielleicht verlockte ihn auch der in Aussicht gestellte Preis.

Ich pflegte in Anbetracht meiner damaligen Jugend nur ganz still und verschwiegen nach La Trappe zu gehen. Und so wollte ich auch Rigauds Reise dahin unbedingt geheimhalten. Auch vereinbarte ich mit dem Maler ausdrücklich, daß er das Bild lediglich für mich anfertigen sollte. Kein Mensch dürfe davon erfahren. Da er jedoch die Bedingung stellte, eine Kopie für sich machen zu dürfen, so mußte er sich verpflichten, diese vorläufig niemandem zu zeigen. Im Laufe der Jahre würde ich ihn dieser Verpflichtung wieder entheben. Er seinerseits verlangte tausend Taler, freie Verpflegung und eine Sonderpost für die Hin- und Herfahrt. Ich war ohne weiteres damit einverstanden, und so verließ ich mich darauf.

Dies geschah im Frühjahr [1696]. Nach meiner Rückkehr von der Armee sollte der Plan ausgeführt werden. Ich verständigte mich gleichzeitig mit dem neuen Abt, Herrn Maisne, der ehedem Geheimschreiber bei Herrn von La Trappe gewesen war, und mit Herrn von Saint-Louis, einem vom König hochgeschätzten Reitergeneral außer Dienst. Beide Herren weilten schon seit langer Zeit in La Trappe und wünschten sich ebenso sehnlich wie ich ein Bildnis des verehrten Mannes.

Nach meiner Rückkehr von Fontainebleau verblieb ich nur eine Nacht in Paris. Kaum angekommen, hatte ich mich unverzüglich mit Rigaud ins Einvernehmen gesetzt. Er reiste einen Tag nach mir nach La Trappe. Nachdem ich mit meinen beiden Helfershelfern gesprochen, vermeldete ich dem Abt, ein Offizier, ein guter Bekannter von mir, der ihn um alles in der Welt von Angesicht zu Angesicht zu sehen wünsche, sei mit mir gekommen. Ich bäte ihn herzlichst, den Wunsch dieses Verehrers ausnahmsweise zu erfüllen. (Für gewöhnlich empfing er nämlich nahezu niemanden mehr.) Ich fügte hinzu, daß er nur eingetroffen sei, weil ich ihm Hoffnungen gemacht hätte. Übrigens stottere er stark, so daß er kein lästiger Schwätzer sei. Er hege nur den Wunsch, zu sehen.

Der Abt lächelte gütig, meinte, der Offizier sei auf recht wenig neugierig, und versprach mir, ihn anzunehmen. Rigaud, Maisne und ich hielten uns nun am nächsten Tage von früh an in einem Gemache auf, das dem Abt als Arbeitszimmer diente, wenn er seine Krankenstube verließ. Dort hatte ich ihn immer besucht. Dieser Raum erhielt von zwei Seiten Licht. An seinen weißgetünchten Wänden hingen ein paar fromme Stiche. Etliche Stühle mit Strohgeflecht standen darin, ferner das Schreibpult, an dem der Abt alle seine Schriften zu Papier gebracht hatte.

Der Maler fand die Beleuchtung ganz nach Wunsch. Maisne setzte sich zur Probe an den Platz, wo der alte Herr mit mir zu sitzen pflegte. Das war eine der Ecken des Gemaches. Rigaud erklärte sie für günstig zu seinem Vorhaben und suchte sich einen guten Beobachtungsort aus.

Am Nachmittag stellte ich dem Abt meinen Offizier vor. Er setzte sich auf den Platz, den wir am Vormittag ausgeprobt hatten, und blieb drei Viertelstunden bei uns. Sein angeblicher Sprachfehler machte es verständlich, daß er an unserem Gespräch nicht teilnahm. Unmittelbar nachher skizzierte er seinen Eindruck, wozu er alles wohlvorbereitet hatte.

Der Abt, mit dem ich noch lange zusammen war, hatte nichts gemerkt und bedauerte nur den Sprachfehler des Gastes. Ich hatte mir alle Mühe gegeben, die Unterhaltung möglichst anziehend zu gestalten. Tags darauf wiederholte sich alles das. Der Abt machte die Bemerkung, ein Mensch, den er gar nicht kenne und der sich nur schwerlich an einer Unterhaltung beteiligen könne, müßte sich eigentlich satt gesehen haben. Nur aus Gefälligkeit gegen mich gestattete er, daß der Fremde nochmals zugelassen ward.

Meine Hoffnung, daß eine weitere Sitzung gar nicht vonnöten sei, ward gestärkt, als ich die Arbeit des Malers besichtigte. Das Bildnis kam mir gelungen und ähnlich vor. Aber Rigaud verlangte durchaus noch eine dritte Sitzung, um sein Bild in seinem Sinne mehr auszuführen. Somit mußte ich den alten Herrn nochmals überreden. Er hatte keine Lust und schlug mir meine Bitte zunächst ab. Erst nachdem ich ihn geradezu bedrängt hatte, setzte ich die dritte Sitzung durch. Er meinte, derartige Besuche seien lächerlich. Es sei schade um die Zeit. Er verdiene es nicht, betrachtet zu werden, und bliebe am liebsten verborgen. Nur weil ich ihm so zugesetzt hätte, gäbe er nach. Es sei eine merkwürdige Laune von mir, einen Menschen zu begünstigen, der sich nicht unterhalten könne. Er willfahre mir nur unter der Bedingung, daß es das letzte Mal sei und daß der Sache nicht wieder Erwähnung getan werde.

Ich machte Rigaud darauf aufmerksam, daß er sich damit abfinden müsse. Eine vierte Sitzung sei nicht zu erhoffen. Er gab mir die Versicherung, eine halbe Stunde genüge ihm zu seinen Ergänzungen. Dann brauche er den Abt nicht wieder zu sehen. In der Tat hielt er Wort und entfernte sich noch vor Ablauf der halben Stunde.

Als er hinaus war, gab der Abt seiner Verwunderung Ausdruck, daß ihn der Fremde so viele Male angestarrt habe und dabei immer stumm geblieben sei. Ich erwiderte, er sei allerdings ein schnurriger Kauz, indessen habe er schon immer die größte Sehnsucht gehabt, ihn einmal sehen zu dürfen. Seine Freude sei so stark gewesen, daß er die Augen nicht von ihm habe wenden können. Dies habe er ihm eingestanden.

Den Rest dieses Tages und den ganzen folgenden Tag arbeitete Rigaud an seinem Bilde, ohne den Abt nochmals zu Gesicht zu bekommen. Er hatte sich zu Ende der dritten Sitzung von ihm verabschiedet. Das Bildnis ward ein Meisterwerk, genau so, als ob der Dargestellte regelrecht gesessen hätte. Es zeigte eine außerordentliche Ähnlichkeit. Das Liebenswürdige, Ernste und Würdevolle seines Gesichts, das edle Feuer und die Lebhaftigkeit seiner Augen (Dinge, die so schwierig wiederzugeben sind), die Klugheit, das Geistvolle, das Erhabene Seiner Züge, die Reinheit und Weisheit, der Seelenfrieden des alten Mannes, alles das leuchtete aus dem Bildnisse, sogar die schalkhafte Güte, die weder die frommen Entbehrungen, noch das hohe Alter, noch die vielen Leiden seines Lebens aus seinem Antlitze verscheucht hatten.

Am andern Vormittag ließ ich den Abt Maisne zu einer Bleistiftskizze sitzen, vor dem Schreibpulte des alten Herrn, in seiner gewöhnlichen Haltung und in seinen Kleidern. Schließlich wurde das Pult genau abgezeichnet. Darauf reiste der Maler ab, um in Paris aus der Porträtskizze in Verbindung mit den beiden Nebenstudien ein großes Bild zu malen.

Trotz dem hohen Preise von tausend Talern, die ich dem Künstler bereits am Tage nach seiner Rückkehr von La Trappe auszahlen ließ, hielt er aus Eitelkeit nicht Wort. Ehe er mir das fertige Bild schickte ? das geschah ein Vierteljahr später ?, zeigte er das Bild anderen Leuten. Dadurch drang mein Geheimnis in die Öffentlichkeit. Neben der Befriedigung der Eitelkeit kam dann noch seine Gewinnsucht zutage. Wie Rigaud selbst eingestanden hat, verdiente er durch Kopien dieses Bildes mehr denn 25 000 Franken. Dadurch ward es allbekannt.

Das Aufsehen, das diese Geschichte hervorrief, betrübte mich sehr. Mein einziger Trost war das Bewußtsein, der Nachwelt das wundervoll ähnliche Bild eines trefflichen, edlen und berühmten Mannes geschenkt zu haben.

Ich wagte nicht, ihm meine räuberische Tat zu beichten. Aber als ich von La Trappe abreiste, hinterließ ich das volle Geständnis in einem Brief und bat um Verzeihung. Der alte Herr war sehr aufgebracht und sehr betrübt. Indessen hielt sein Zorn nicht lange an. Er schrieb mir, irgendein römischer Imperator habe gesagt, er liebe den Verrat, hasse aber den Verräter. Er sei anderer Ansicht: er liebe den Verräter, so sehr er den Verrat hasse.

Ich schenkte der Abtei eine große und mehrere kleinere Kopien. In seinem Testament vermachte Saint-Simon auch das Original den Trappisten, in deren Besitz es sich heute noch befindet. Der Abt von La Trappe hatte seit einigen Jahren eine steife rechte Hand, deren er sich deshalb nicht bedienen konnte. Da er aber auf dem Bilde am Schreibpult sitzt und eine Feder in der Hand hält, so ließ ich eine Berichtigung dieses Umstandes auf dem Originalbild auf die Rückseite der Leinwand schreiben, ebenso eine Bemerkung, unter welchen besonderen Umständen der Maler das Bild gemalt hatte.

VI

1696-1699
Die Prinzessin von Savoyen / Der Bruder der Frau von Maintenon / Das Manöverlager bei Compiègne / Racine

Der Hofstaat der Prinzessin [von Savoyen] Der Herzog Victor Amadeus von Savoyen war 1690 dem europäischen Bündnis gegen Frankreich beigetreten, mußte sich aber infolge des Krieges, in dem sich Catinat auszeichnete, zum Frieden von Vigevano bequemen, der in Versailles am 25. September 1695 ratifiziert wurde. Eine der Friedensbedingungen war die Verlobung seiner Tochter Marie-Adelaide (geb. am 6. Dezember 1685) mit dem Enkel des Königs, dem Herzog von Burgund. Die zehnjährige Prinzessin wurde nach Frankreich gesandt, um am Hofe ihre Erziehung zu erhalten. Siehe Einleitung S. 114. hatte sich fast drei Wochen in Lyon aufgehalten, wo er wartete, bis sich die Fürstin dem Grenzorte Pont de Beauvoison näherte. Sie traf am 16. Oktober [1696] in der Frühe ein, begleitet von der Fürstin della Cisterna und Frau von Noyers. Der Marchese Von Dronero hatte die Führung des Zuges. Er wie auch die Offiziere und Damen des Gefolges erhielten vom König viele schöne Geschenke. Die Prinzessin stieg in einem Hause ab, das für sie auf der savoyischen Seite instand gesetzt worden war, und legte ihre Staatskleider an. Dann kam sie an die Brücke, die schon auf französischem Gebiete liegt, wo sie von ihrem neuen Hofstaat empfangen und in ein Haus geleitet wurde, das man für sie hergerichtet hatte. Hier verbrachte sie die Nacht, und am nächsten Tage trennte sie sich, ohne eine Träne zu vergießen, von ihrem italienischen Hofstaat. Niemand blieb bei ihr, ausgenommen eine einzige Kammerfrau und ein Arzt, die aber auch nicht in Frankreich bleiben sollten und in der Tat bald entlassen wurden.

siehe

23. Jean-Baptiste Racine (1639-1699)

Georges Vertue.
Kupferstich nach einem Gemälde des Jean Baptiste Santerre. ? Berlin, Kupferstich-Kabinett.

Dieser Stich ist auch das Titelbild des zweiten Bandes der prachtvollen Ausgabe der »Oeuvres de Racine.« A Paris. 1760. ? Alle Bildnisse Racines gehen auf das Porträt Santerres zurück, das sich noch heute bei den Nachkommen des Dichters zu Toulouse befindet. Über den Dichter Racine haben Unzählige geschrieben, die Erscheinung des Menschen Racine hat niemand in Worten geschildert, nicht einmal sein Sohn in den »Mémoires sur la vie de Jean Racine.«

 

Ein Läufer des Königs brachte den Befehl, die Prinzessin in allem wie eine königliche Prinzessin von Frankreich zu behandeln, ganz als ob sie mit dem Herzog von Burgund bereits vermählt sei. Die Schwierigkeit ihrer Rangstellung gegen alle Welt hatte Monsieur veranlaßt, den König darum zu bitten. Die Prinzen und Prinzessinnen von Geblüt hatten es gleichfalls gewünscht, und der König hatte es gewährt. Der Läufer traf just zur Ankunft der Prinzessin ein, so daß diese nur die Herzogin von Lude und den Grafen von Brionne küßte, und nur die Herzogin von Lude sich in ihrer Gegenwart setzte. Die Frage, wer gewürdigt wurde, diesen Kuß (le baiser détiquette) zu empfangen, war wegen der damit verbundenen Auszeichnung von höchster Wichtigkeit und Ursache vieler Streitigkeiten. Marguerite Louise von Béthune-Sully (1646 bis 1726) war zuerst mit dem galanten Grafen von Guiche (siehe S. 69) und in zweiter Ehe (1681) mit dem Herzog von Lude vermählt. Der Graf von Brionne, Heinrich von Lothringen, 1661 bis 1712, war seit 1677 Großstallmeister von Frankreich. Er galt als einer der vollendetsten Kavaliere am Hofe Ludwigs XIV. In allen Städten, durch die sie kam, wurde sie als Herzogin von Burgund empfangen, und in den Städten, wo Rast gehalten ward, speiste sie öffentlich und wurde von der Herzogin von Lude bedient. Von diesen Fällen abgesehen, aßen alle ihre Damen stets mit ihr. Man legte täglich nur eine kurze Strecke zurück.

siehe

29. Marie-Adelaîde von Savoyen, Herzogin von Burgund (1685-1712)

Thomassin.
Kupferstich nach dem verlorenen Gemälde eines unbekannten Künstlers.
Paris, Bibliothèque Nationale.

Auf der Umrahmung dieses Porträts ist zu lesen: »Ce portrait a esté gravé avec la permission du Roi, daprès celui que Mr. le Comte de Tessé, envoia à sa Majesté au mois de Septembre dernier.« Tessé, der am Hofe des Herzogs von Savoyen zu Turin im Auftrage Ludwigs XIV. die Verhandlungen wegen der Verlobung des Herzogs von Burgund mit Marie-Adelaîde führte, begleitete die Sendung des Porträts mit einem vom 16. Juli 1696 datierten Schreiben, worin es heißt: »Ce portrait est très ressemblant, à cela près que lon lui a fait les cheveux un peu moins noirs quelle ne les a ...« In einem späteren Briefe vom 11. August 1696 fügte er ergänzend hinzu: »elle a les cheveux dun châtain mesme assez clair ...« Als sie dann nach Frankreich kam, berichtete der Zeremonienmeister Desgranges, der sie in Chambery zu begrüßen hatte, am 14. Oktober 1696 nach Versailles über die äußere Erscheinung der jungen Herzogin: »Je la trouve bien faitte, assez grande pour son âge, la peau belle ... Pour le visage, il est assez agréable. Elle a la physionomie spirituelle ...«; und der »Mercure de France« rühmt von ihr: »Elle a beaucoup de noblesse dans sa physionomie, le teint beau, et de très belles couleurs quoique naturelles. Elle a les yeux parfaitement beaux, les cheveux dun très beau blond cendré.« Am kühlsten äußerst sich Elisabeth Charlotte von Orleans über die neue Verwandte, von der sie am 8. November 1696 der Kurfürstin von Hannover folgende Schilderung entwirft: »... sie hat schönne blonde haar undt In großer Menge, schwartze augen und augenbrauen undt augenlieder gar lang und schön, die haut gar glat aber nicht gar weiß, daß Näßgen weder hübsch noch heßlich Einen großen Mund und dicke lefftzen, mit einem Wort Ein recht östereichisch Maul und Kin ...«

 

Sonntag, den 4. November, fuhren der König, sein Sohn und sein Bruder, jeder in seinem eigenen Wagen, nach Montargis der Prinzessin entgegen, die gegen sechs Uhr abends eintraf und vom König am Schlage seines Wagens empfangen wurde. Er führte sie in die ihr bestimmten Gemächer in demselben Hause, wo auch der König wohnte, und stellte ihr hierauf Monseigneur, Monsieur und den Herzog von Chartres vor. Ihre artigen Einfälle, ihre geistreichen Schmeicheleien, ihr sicheres, maßvolles und doch ehrerbietiges Auftreten überraschten jedermann überaus und bezauberten den König sofort. Er lobte sie unaufhörlich und liebkoste sie in einem fort. Auch beeilte er sich, Frau von Maintenon seine Freude und seine Zufriedenheit mit der Prinzessin durch einen Läufer zu melden. Hierauf speiste er mit den Damen des Reisegefolges zu Abend und ließ die Prinzessin zwischen sich und den Dauphin setzen.

Am anderen Morgen holte Majestät sie ab, geleitete sie in die Messe und ging mit ihr zu Tisch wie am vorhergehenden Abend. Hierauf bestiegen sie den Wagen. In Nemours traf der Herzog von Burgund mit ihnen zusammen. Der König ließ ihn mit einsteigen, und gegen fünf Uhr abends trafen sie in Fontainebleau am Hof zum weißen Rosse ein. So genannt nach einem Gipsabguß des Pferdes Mark Aurels auf dem römischen Kapitol. Hier hatte die ganze Hofgesellschaft auf der Hufeisentreppe Aufstellung genommen. Zusammen mit der unten harrenden Menge bot dies ein prächtiges Schauspiel. Der König geleitete die Prinzessin, die aussah wie eine Liliputanerin, langsamen Ganges bis zur Tribüne und einen Augenblick später in die für sie bestimmten Gemächer der Königin-Mutter, wo Madame, mit allen Damen des Hofes, auf sie wartete.

Es wurde befohlen, daß sie kurzweg den Titel Prinzessin führen, allein speisen, von der Herzogin von Lude bedient werden und nur ihre Damen und die sehen solle, denen der König ausdrücklich Erlaubnis erteilte. Sie sollte noch keinen Hofstaat haben und der Herzog von Burgund sie nur aller vierzehn Tage, und seine Brüder sie nur einmal im Monat besuchen.

Am 8. November kehrte der gesamte Hof nach Versailles zurück, wo die Prinzessin die Gemächer der Königin und sodann die der Kronprinzessin bezog und wo ihr bei ihrer Ankunft alle bedeutenden Leute von Paris vorgestellt wurden. Der König und Frau von Maintenon behandelten die Prinzessin wie ein Püppchen. Ihr einschmeichelndes, reizendes, aufgewecktes Wesen gefiel ihnen außerordentlich. Nach und nach nahm sie sich ihnen gegenüber Freiheiten heraus, die keins der Kinder des Königs je gewagt hätte. Bei ihr aber galt es als köstlich. Der Herzog von Savoyen hatte sich offenbar über unsern Hof gründlich unterrichtet und seine Tochter gut eingeschult. Wahrhaft erstaunlich aber war es, wie trefflich sie dies zu benutzen verstand und mit welcher Anmut sie alles fertigbrachte. Die Schmeicheleien, durch die sie Frau von Maintenon bestrickte, waren unvergleichlich. Sie nannte sie immer nur »meine liebe Tante« und benahm sich mit so viel Demut und Ergebenheit, als wäre Frau von Maintenon ihre Mutter und Königin. Und bei all dem zeigte sie eine solche Vertraulichkeit und Ungezwungenheit, daß sie und mit ihr der König entzückt waren.

Den Fräuleins von Soissons Die mehr als galanten Töchter der früheren Olympia Mancini, die ein elendes Wanderleben führte, und des Prinzen Eugen Moritz von Savoyen, Grafen Soissons. Sie hielten in Paris eine Spielhölle, wo Roulette gespielt wurde., die in Paris durch ihre seltsame Lebensführung auffielen und nicht an den Hof kamen, wurde verboten, die Prinzessin tu besuchen. Sie waren Schwestern des Grafen von Soissons Ludwig Thomas von Savoyen, 1657 bis 1702. und des Prinzen Eugen von Savoyen. Sein Bruder, der berühmte Feldherr Prinz Eugen, »der edle Ritter«, 1663 bis 1736, der die Behandlung, die Ludwig XIV. seinem Hause angedeihen ließ, im Spanischen Erbfolgekrieg heimzahlte, verschaffte dem Umgetriebenen endlich eine Stelle in der kaiserlichen Armee, doch fiel er bereits bei der Belagerung von Landau am 25. August 1702. Dieser stand in Diensten des Kaisers und hatte den höchsten militärischen Rang erreicht. Der andere hatte Frankreich, seine Heimat, seit zwei oder drei Jahren verlassen und trieb sich in Europa herum, ohne irgendwo Anstellung zu finden.

 

Frau von Maintenon hatte übrigens auf der unglaublichen Höhe, wohin sie aus ihrer Niedrigkeit auf so wunderbare Weise gelangt war, auch ihre Schmerzen. Die Sorge um ihren Bruder wegen seiner fortgesetzten tollen Streiche war keine der geringsten. Man hieß ihn den Grafen Von Aubigné. Charles dAubigné, 1634 bis 1703. Er war über den Rittmeister nicht hinaus gekommen, sprach aber stets von seinen ehemaligen Feldzügen wie ein Mann, der alles mögliche verdient hätte und dem man das größte Unrecht angetan, weil man ihn nicht schon lange zum Marschall von Frankreich ernannt hatte. Manchmal sagte er wieder scherzend, er habe seinen Marschallstab in Geld bekommen. Er machte Frau von Maintenon die heftigsten Vorwürfe, weil sie ihn nicht zum Herzog und Pair erheben ließ, und wegen aller möglichen Dinge.

Er bummelte in den Tuilerien herum und lief überall den kleinen Mädchen nach, hielt ihrer immer etliche aus und lebte gewöhnlich mit ihnen und ihren Familien und deren Umgang, wobei er viel Geld verpraßte. Er war ein Verschwender und ein verbotener Kerl, aber unterhaltsam, witzig und voll überraschender Einfälle und schlagfertiger Antworten, dabei ein gutmütiger weltgewandter Mensch, auch höflich und trotz der hohen Stellung seiner Schwester ohne Dünkel und Anmaßung. Zuweilen freilich zeigte er eine fabelhafte Frechheit, und dann war es sehr spaßig, ihn von den Zeiten Scarrons und über so mancherlei aus vergangenen Tagen berichten zu hören. Insbesondre scheute er sich nicht, von den Abenteuern und den Liebeshändeln seiner Schwester zu erzählen und ihre Frömmigkeit und gegenwärtige Stellung damit zu vergleichen und ihr wunderbares Glück zu rühmen. So vergnüglich dies war, so kam man dabei doch oft auch arg in Verlegenheit. Man konnte ihn nicht nach Belieben zum Schweigen bringen; auch äußerte er sich nicht vor zwei oder drei Freunden, sondern bei Tisch vor aller Welt, auf einer Bank in den Tuilerien oder gar in der Galerie zu Versailles, wo er sich ebensowenig zurückhielt wie sonstwo, und gewöhnlich von seinem »Schwager« in spöttischem Tone sprach, wenn er den König meinte. Ich habe ihn öfters so reden gehört, besonders bei meinem Vater, zu dem er häufiger kam, als diesem lieb war. Ich mußte oft heimlich über die große Verlegenheit meiner Eltern lachen, die bei seinem Besuche manchmal nicht mehr aus und ein wußten.

Ein Mann von solcher Gemütsart, so wenig fähig, sich im Zaume zu halten, und sich weder vor der Lächerlichkeit noch vor ernsten Folgen fürchtend, war eine große Last für Frau von Maintenon. Endlich verlor sie die Geduld; und da der Unberechenbare immer Geld brauchte, überredete man ihn, seine Ausschweifungen und Unschicklichkeiten zu lassen, seine wirren Verhältnisse zu ordnen und dafür bequem zu leben; seine Ausgaben sollten jeden Monat bezahlt werden und seine Tasche stets gefüllt sein, wenn er sich in ein Kloster zurückziehe, das ein Herr Doyen in der Pfarrei Sankt-Sulpiz für Edelleute oder So-genannte gegründet hatte, die da gemeinsam lebten und unter der Leitung einiger Geistlichen von Sankt-Sulpiz ihre Zeit mit Andachtsübungen verbrachten. Herr von Aubigné verhehlte nicht, vor jedermann zu sagen, seine Schwester mache sich über ihn lustig, wenn sie ihm einrede, er sei fromm; man belagere ihn förmlich mit Pfaffen, und er werde bei diesem Herrn Doyen noch zugrunde gehen. Er hielt es auch nicht lange aus und kehrte zu seinen Mädchen in die Tuilerien zurück; aber man fing ihn wieder ein und gab ihm einen der stumpfsinnigsten Priester von Sankt-Sulpiz zum Wächter, der ihm überall wie sein Schatten folgte und ihn zur Verzweiflung brachte.

Der Graf von Aubigné hatte eine einzige Tochter, für die Frau von Maintenon stets gesorgt hatte, die sie nie von sich ließ, wo sie auch weilte, und die sie wie ihre eigene Tochter erzog.

 

Man sprach damals [1698] von nichts als von Compiègne, wo 60 000 Mann in einem Feldlager zusammengezogen waren. Dergleichen war bereits einmal gelegentlich der Vermählungsfeierlichkeiten des Herzogs von Burgund geschehen. Der König erklärte, er rechne darauf, seine Truppen in gutem Zustande zu sehen, und hoffe, daß jeder das Seine dazu tue. Dies genügte, daß sich ein Wetteifer entfaltete, der geradezu ausartete. Man begnügte sich nicht damit, die Truppen in derart vorzügliche Verfassung zu bringen, daß man nicht wußte, welchem Regiment man das meiste Lob zollen sollte. Nicht zufrieden mit der Stattlichkeit und Kriegstüchtigkeit ihrer Leute, der Ausrüstung und der Pferde, suchten sich die Kommandeure auch im äußerlichen Glanze zu überbieten. Die Offiziere sparten keine Ausgaben, um in Uniformen zu prangen, die selbst bei gesellschaftlichen Festen Aufsehen erregt hätten.

Die Obersten, ja selbst Hauptleute, gaben verschwenderische und auserlesene Gastereien. Sechs Generale und vierzehn Marschälle machten sich dabei ganz besonders große Ausgaben, allen voran der Marschall von Boufflers Charles-Louis Marquis von Boufflers, 1644 bis 1711; seit 1693 Marschall., der sich nicht allein durch seinen üppigen Aufwand hervortat, sondern dabei auch Ordnungssinn, guten Geschmack, wirkliche Pracht und vornehme Gastfreundschaft betätigte. Das währte die ganze Lagerzeit hindurch, Tag und Nacht, Stunde für Stunde, so daß diese Art Prunkentfaltung selbst auf den König Eindruck machte und sogar auf Monsieur le Prince, den Meister und Führer in allen Dingen des feinen Geschmacks und der neuesten Mode. Es war ein reizvolles, blendendes, ja, ich muß sagen, überwältigendes Schauspiel ohnegleichen. Dabei verblieb der Marschall, persönlich wie sein gesamtes Gefolge, in der größten Ruhe. Alles spielte sich glatt und geräuschlos ab, als sei es etwas Einfaches und Alltägliches. Der Marschall kümmerte sich persönlich unablässig um jede Einzelheit, obgleich er in seiner militärischen Stellung als Führer der Armee allein schon überaus beschäftigt und in Anspruch genommen war.

Es wurde fortwährend an zahllosen, immer wieder neugedeckten Tafeln gespeist. In jedem Augenblicke, wenn Offiziere, Hofleute oder Zuschauer kamen, wurde aufgetischt. Selbst Schlachtenbummler, die man gar nicht kannte, wurden durch Offiziere höflichst eingeladen und auf das beste bedient. Man trug alle möglichen warmen und kalten Getränke auf, das Feinste und Herrlichste, was es auf dem Gebiete der Erfrischungen überhaupt gibt, französische und ausländische Weine, die feinsten Edelschnäpse, alles im Überfluß. Es war alles aufgeboten worden, daß Wildbret und Fische jeder Art, bis auf das Ungewöhnlichste und Seltenste, aus allen Gegenden eintrafen, aus Holland, aus England, aus der Bretagne, ja selbst vom Mittelmeer her, und zwar mit erstaunlicher Regelmäßigkeit durch einen besonders eingerichteten Eilbotendienst in kleinen Postwagen. Da man gefürchtet hatte, bei dem ungeheuren Verbrauch könne das Wasser trüb werden oder ausgehen, wurde welches von Sainte-Reine, aus der Seine und von den berühmten Quellen herangeschafft. Man kann sich kaum vorstellen, daß es in jeder Hinsicht an nichts fehlte. Der niedrigste zufällig Dazugekommene vermißte ebensowenig etwas wie der vornehmste, bereits lange vorher angesagte hohe Herr. Man hatte ganz neue nette Holzhäuser erbaut und wie die üppigsten Pariser Paläste ausgestattet, ferner zahlreiche prächtige Riesenzelte aufgeschlagen, die für sich allein ein kleines Lager bildeten.

Die Reise nach Compiègne war etwas, wobei sich die Damen zum erstenmal mit Dingen abfanden, die man nicht gewagt hätte, ihnen zuzumuten. Man drängte sich dazu, so daß der König nachgiebiger denn sonst war und den Besuch des Lagers freigab. Aber das war es nicht, was man beabsichtigte. Die Damen wollten samt und sonders dazu befohlen sein. Nicht freiwillig, gezwungen wollte man hinfahren. Auf allen Reisen, die der König bisher unternommen, hatte er die Damen besonders bestimmt, die zur Begleitung der Königin oder der Kronprinzessin mitzufahren hatten, und zwar in den Kutschen dieser hohen Damen. Die Prinzessinnen hatten ihre Freundinnen und ihr Gefolge für sich. Ein jeglicher fuhr in seinem eigenen Wagen oder reiste zu Fuß. Nur die Herzogin von Lude und die Prinzessinnen benutzten königliche Wagen. Monsieur und Madame blieben in Saint-Cloud oder in Paris.

Von den Herren der Hofgesellschaft begab sich eine so außergewöhnlich große Anzahl hin, daß sogar ? dies geschah zum ersten Male ? die Herzöge zu zweien fahren mußten. Auch die Gesandten erhielten Einladungen nach Compiègne.

Donnerstag, den 28. August [1698], reiste der Hof nach Compiègne ab. Der König fuhr über Saint-Cloud, übernachtete in Chantilly, wo er einen Tag blieb, und traf Sonnabends in Compiègne ein. Das Hauptquartier kam in das Dorf Coudun, wo der Marschall von Boufflers Häuser und Zelte hatte errichten lassen. Der König hatte den Herzog und die Herzogin von Burgund bei sich. Man bekam daselbst einen so vorzüglichen Imbiß vorgesetzt, daß der König ganz überrascht war und bei seiner Rückkehr nach Compiègne zu Livry Louis Sanguin, Marquis von Livry, 1648 bis 1723., dem Oberstkämmerer, sagte, er bestimme, daß die besondere Küche, die für den Herzog von Burgund angeordnet war, in Wegfall käme, denn mit der, die er eben kennen gelernt habe, könne sie doch keinen Vergleich aushalten. Wenn sein Enkel künftig ins Lager käme, solle er beim Marschall von Boufflers speisen.

Der König machte sich ein großes Vergnügen daraus, den Damen die Truppen zu zeigen, sowohl im Lagerleben als auch bei ihren Marschübungen, beim Exerzieren, beim Felddienst, beim Lebensmittel- und Futterfassen usw. Die Herzogin von Burgund, Monsieur und die Prinzessinnen nahmen die Mahlzeiten häufig beim Marschall, wobei die Marschallin die Honneurs zu machen pflegte. Monseigneur kam ein paarmal zu Tisch zu ihm, und der König brachte einmal den Exkönig von England mit, der sich einige Tage im Lager aufhielt. Seit Jahren hatte er niemanden so ausgezeichnet. Daß Boufflers zwei Könige auf einmal bewirten durfte, das war eine ganz besonders hohe Ehre. Auch Monseigneur und seine drei Prinzensöhne nahmen an diesem Mahle teil, desgleichen ein Dutzend Größen vom Hofe und vom Heere. Der König forderte den Marschall wiederholt auf, Platz zu nehmen. Er versagte es sich. Persönlich bediente er die beiden Könige, während sein Schwiegervater, der Herzog von Gramont Antoine-Charles von Gramont IV., der Bruder des Grafen Guiche, 1645 bis 1720; seit 1684 Generaladjutant des Königs., Monseigneur bediente. Beim Kommen hatte man die Fußtruppen vor ihren Lagern besichtigt; beim Weggange hielt man eine Geländeübung der gesamten Infanterie ab, die in zwei Parteien gegeneinander manövrierte. Tags vorher hatte der König seine Armee dem Exkönig in Parade vorgeführt. Die Herzogin von Burgund nahm zu Wagen an der Truppenschau teil, zusammen mit der Frau Herzogin (von Condé), der Herzogin von Conti und den anderen bevorrechteten Damen. In zwei anderen ihrer Wagen folgten die übrigen Damen.

Der König wollte ferner ein möglichst gutes Bild vom Kriege vorführen. Aus diesem Grunde ließ er Compiègne regelrecht belagern, allerdings in stark verkürzter Zeitfolge. Man legte Laufgräben, Unterstände, Batterien, Minen usw. an. Generalleutnant Crenan verteidigte die Festung. Nach der Ebene zu umgab das Schloß ein alter Wall. Seine Krone hatte die gleiche Höhe wie des Königs Gemächer. Der Wall, der keine Brustwehr hatte, beherrschte die ganze Gegend. Ihm zu Füßen zog sich eine alte Mauer hin. An einer Stelle des Walles, nicht weit vom Quartier des Königs entfernt, stand eine Windmühle.

Sonnabend, den 13. September, sollte der Sturm stattfinden. Es war wunderschönes Wetter. Der König erschien mit allen Damen auf dem Wall. Eine Menge Hofleute und alles, was an vornehmen Fremden anwesend war, folgte.

Vom Wall aus konnte man die ganze Ebene und alle Stellungen der Belagerungstruppen übersehen. Ich hatte meinen Standort etwa drei Schritte vom Könige entfernt und niemanden vor mir. Es war ein prächtiges Schauspiel: dort die ganze Armee, hier die reiche Anzahl von Zuschauern aus allen Ständen, zu Fuß und zu Pferd, weitab von den Truppen, um sie nicht zu hindern. Und nun das Wechselspiel von Angriff und Verteidigung. Aber noch ein ganz anderes Schaustück machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich könnte es noch in vierzig Jahren so lebhaft wie heute malen. Auf dem Walle, angesichts seiner ganzen Armee und der ungezählten Schar von Gästen aller Art, die unten in der Ebene und oben auf dem Walle zuschauten, stand der König. Links neben ihm Frau von Maintenon in ihrer Sänfte, die nach drei Seiten mit Glasscheiben versehen war. Die Träger hatten sich zurückgezogen. Links von ihr saß die Herzogin von Burgund. Hinter ihr, stehend, die Herzogin (von Condé), die Prinzessin von Conti und alle anderen Damen. Weiter hinten die Kavaliere. Rechts von der Sänfte stand der König, und ein wenig hinter ihm im Halbkreis die vornehmsten Herren. Alle Augenblicke beugte sich Majestät ? fast immer unbedeckten Hauptes ? zu Frau von Maintenon herab und erklärte ihr das Wie und Warum alles dessen, was sie sah. Jedesmal ließ sie die eine Glasscheibe ein paar Fingerbreit herab, aber nie bis zur Hälfte. Ich gab genau auf sie Obacht, genauer als auf die Truppenübung. Ein paarmal öffnete sie auch das Fenster, um eine Frage zu stellen. Aber meistens war es der König, der sich neigte, der zu ihr sprach, ohne daß sie erst zu fragen brauchte. Wenn sie es hin und wieder nicht gewahr ward, klopfte er an die Scheibe. Er redete immer nur mit ihr, abgesehen von einigen kurzen Befehlen, die er, jedoch ganz selten, Ordonnanzoffizieren gab. Ein paarmal mußte er der Herzogin von Burgund Antworten geben, die sich Mühe gab, mit Majestät in ein Gespräch zu kommen. Frau von Maintenon unterhielt sich von Zeit zu Zeit durch Zeichen mit ihr. Dabei öffnete sie aber nicht erst das Fenster nach ihr zu. Die junge Fürstin mußte durch die Scheibe sprechen. Ich beobachtete aufmerksam alle Gesichter. Verwunderung, Scham, Verlegenheit ringsum! Allgemein hatte man die Blicke mehr hierauf als hinunter in die Ebene. Mehrere Male legte der König seinen Hut auf das Dach der Sänfte, wenn er hineinsprach. Das beständige Bücken mußte ihn ziemlich ermüden. Monseigneur war mit den Prinzen, seinen jüngeren Brüdern, zu Pferd in der Ebene beim Heere. Desgleichen selbstverständlich der Marschall von Boufflers in seiner Tätigkeit als Armeeführer.

Es war gegen fünf Uhr nachmittags, immer noch bei allerschönstem Wetter. Vorn vor der Sänfte waren Stufen in den Wall geschlagen, die man von oben aus nicht sehen konnte, und unten in der Mauer ein Durchgang geschaffen.

Im Bedarfsfalle konnte man sich auf diesem Wege von der Ebene her Befehle beim Könige holen. Der Fall trat ein. Crenan entsandte den Obersten Marquis von Canillac. Dieser stieg die Stufen hinauf und erschien, zunächst halb sichtbar, über dem Rande des Walles. Ich sehe ihn heute noch genau so deutlich wie damals vor mir. Plötzlich gewahrte er den König und die ganze Gruppe oben auf dem Wall, von der er unten keine Ahnung gehabt hatte, denn sein Standpunkt war zu Füßen der Mauer gewesen. Von da unten konnte man nicht sehen, was oben vorging. Was er mit einem Male erblickte, überraschte ihn dermaßen, daß er mit offenem Munde und starrem Blick am Wallrande stehen blieb. Jedermann sah ihn. Auch der König. »Weiter, Canillac,« rief er. »Kommen Sie nur ganz herauf.« Canillac rührte sich nicht. Der König wiederholte: »Kommen Sie nur. Was gibt es?« ? Zitternd und zagend kam der Oberst nunmehr völlig herauf und ging, sich im Kreis umschauend, langsam auf den König zu. Wie bereits gesagt, stand ich dicht beim König. Als Canillac bei mir vorüberschritt, murmelte er ein paar unverständliche Worte vor sich hin. »Was haben Sie?« fragte der König. »So reden Sie doch.« Canillac brachte aber nichts Ordentliches hervor. Der König wurde nicht klug aus ihm, hatte aber die Empfindung, daß auch nichts weiter aus ihm herauszubekommen sei. Er beantwortete die unverständliche Meldung mit ein paar beliebigen Worten und fügte in ärgerlichem Tone hinzu: »Sie können gehen!«

Canillac ließ sich das nicht zweimal sagen, eilte zur Treppe zurück und verschwand schleunigst. Da wandte sich der König um und bemerkte: »Ich weiß nicht, was Canillac heute hat. Er wußte ja gar nicht, was er sagen sollte. Er muß buchstäblich den Kopf verloren haben.« Alles schwieg.

Es war kurz vor dem Augenblick der Übergabe der belagerten Festung, als Frau von Maintenon, wie man deutlich sah, um die Erlaubnis bat, sich entfernen zu dürfen. Der König rief: »Die Träger für Madame.« Sie eilten heran und trugen die Sänfte weg. Kaum eine Viertelstunde später zog sich auch der König zurück, mit ihm die Herzogin von Burgund und beinahe alle Umstehenden. Man unterhielt sich mit Gesten und flüsterte einander ins Ohr. Alle waren von dem Gesehenen betroffen. Ebenso erging es den Zuschauern in der Ebene. Sogar die Soldaten wollten wissen, was jene Sänfte zu bedeuten gehabt, zu der der König sich unaufhörlich geneigt hatte. Es war nicht leicht, die Frager zum Schweigen zu bringen. Wie die Fremden urteilten, kann man sich denken. Man redete davon in ganz Europa ebensoviel wie vom Lager zu Compiegne mit seinem Pomp und seiner Märchenpracht überhaupt. Übrigens zeigte sich Frau von Maintenon äußerst selten im Lager und dann immer in ihrem Wagen, mit einigen ihrer Vertrauten. Und nur ein- oder zweimal war sie beim Marschall, um die Wunderdinge dort und all die Fabelherrlichkeiten zu schauen.

Als letzter großer Akt des Schauspiels ward eine Schlacht zwischen zwei Parteien geschlagen. Herr von Rosen Konrad von Rosen, aus Litauen, 1628 bis 1715, der mit Saint-Simon befreundet war. Er war Besitzer zweier Herrschaften: Bollwiller und Dettwiller im Elsaß., der älteste Generalleutnant, hatte gegen den Marschall von Bouffiers zu führen, auf dessen Seite der Herzog von Burgund, als General, einer der Unterführer war. Der König wohnte der Übung bei, ebenso die Herzogin von Burgund, die Prinzen, die Damen, der gesamte Hof und eine Unmenge Neugieriger. Der König und die Herren erschienen zu Pferde, die Damen im Wagen. Alles bis ins kleinste verlief tadellos und dauerte geraume Zeit. Der Anlage der Übung gemäß sollte Rosens Partei die geschlagene sein. Aber dieser brachte es nicht übers Herz, sich zurückzuziehen. Infolgedessen entstand eine lange Verzögerung. Herr von Boufflers schickte ihm wiederholt die Weisung, es sei Zeit zum Rückzug. Rosen ward wütend und stellte sich taub. Der König, der die Anlage der Übung selbst gemacht hatte, lachte herzlich, als er die Ordonnanzoffiziere herüber und hinüber galoppieren sah, und sagte: »Rosen hat keine Lust, den Besiegten zu spielen.« Zu guter letzt sandte er ihm selbst den Befehl, ein Ende zu machen und zum Rückzug zu blasen. Rosen gehorchte, aber höchst ungern. Er fuhr sogar den Überbringer des königlichen Befehls grob an. Den ganzen Tag lang gab dieses Zwischenspiel Stoff zur Unterhaltung.

Es schlossen sich noch eine Reihe Schanzübungen und endlose Besichtigungen an. Sodann verließ der König Compiègne am 22. September und reiste über Chantilly, wo er wieder einen Tag blieb, nach Versailles. Die Damen freuten sich der Rückkehr ebensosehr wie vordem ihres Auszugs ins Lager. Sie hatten in Compiegne nicht mit an der königlichen Tafel gesessen und die Herzogin von Burgund genau so selten zu Gesicht bekommen wie in Versailles. Sie hatten bei allem gegenwärtig sein müssen und wider Erwarten mehr Mühsal gehabt als Vergnügen und Vorteil. Der König war hochbefriedigt über seine prächtigen Truppen in ihrer funkelnagelneuen und so glänzenden Ausstattung. Deshalb ließ er bei seiner Rückkehr jedem Kavallerie- und Dragonerhauptmann eine Ehrengabe von 600 Franken auszahlen und jedem Hauptmann von der Infanterie 300 Franken, desgleichen allen Stabsoffizieren. Dazu kamen Ehrengaben an die Beamten seines Hofstaates. Den Marschall von Boufflers beschenkte er mit 100 000 Franken. Das ergab zusammengerechnet eine ungeheure Summe, für den einzelnen aber war es nur ein Tropfen Wasser in einen leeren Becher. Auf Jahre hinaus waren die Regimenter ? eins wie das andre ? wirtschaftlich erschöpft: Offiziere wie Mannschaften. Und was 100 000 Franken für den Marschall von Boufflers bedeuteten, das kann sich jeder denken, der die fabelhafte Pracht und den verschwenderischen Aufwand in Compiègne gesehen hat. Ganz Europa redete davon. Die Ausländer, die ihren Augen kaum zu trauen gewagt, erzählten allüberall schier unglaubliche Dinge davon.

Im Jahre 1699 verlor Frankreich den berühmten Tragödiendichter Racine. Geboren am 22. Dezember 1639 zu La Ferté-Milon, gestorben am 21. April 1699. Racine war Hofhistoriograph und königlicher Kammerherr. Siehe Einleitung S. 163 ff. Er war der geistvollste Mann seiner Zeit. Niemand war angenehmer im Umgange. Man merkte ihm den Künstler nicht an. Er war ein durch und durch ehrenhafter, bescheidener und sehr guter Mensch. Er hatte hervorragende Freunde sowohl am Hofe wie unter den Literaten und Gelehrten. Diesen überlasse ich es auch, über ihn zu schreiben, da sie das besser verstehen als ich.

Um den König und Frau von Maintenon zu unterhalten und als Übungsstück für die jungen Damen von Saint-Cyr hat Racine zwei Meisterdramen verfaßt: »Esther« und »Athalie«. Dies Unternehmen war deshalb besonders schwierig, weil in beiden Stücken keine Liebesbeziehungen vorkommen durften. Auch sollte am Stoffe keinerlei Änderung vorgenommen werden, da er aus der Bibel stammt und somit unantastbar ist. Bei der Aufführung, die im Hause der Frau von Maintenon in Gegenwart des Königs und eines erlesenen engen Kreises von Zuschauern stattfand, zeichneten sich durch ihr Spiel die Gräfin von Ayen Françoise dAubigné, Comtesse dAyen, einzige Nichte der Frau von Maintenon, 1671 bis 1739. und Frau von Caylus Marthe-Marguerite le Valois de Villette de Mursay, 1671 bis 1729, eine der reizendsten Frauen der Zeit. Sie wurde von ihrer Verwandten, der Frau von Maintenon, erzogen. Ihre »Souvenirs« sind Muster feinster Urbanität. Ihr Sohn war der bekannte Sammler und Gönner Watteaus. aus. Auch in Saint-Cyr wurden die Stücke vor der Hofgesellschaft, aber ebenfalls nur vor einer Auswahl, mehrere Male aufgeführt.

Racine hatte den Auftrag, zusammen mit seinem Freunde [Nicolas Boileau, genannt] Despréaux, eine Lebensgeschichte des Königs auszuarbeiten. Auch aus diesem Anlaß kam er häufig zu Majestät. Wenn keine Minister bei Frau von Maintenon waren, an den Freitagen, und zumal im Winter, wenn sich das Beisammensein wegen des schlechten Wetters länger hinzog, ward Racine herbeigeholt, um dem König und seiner Freundin die Zeit zu Vertreiben. Zu seinem Unglück war der Dichter ein überaus zerstreuter Mensch.

Eines Abends saß er im Gemache der Frau von Maintenon in Gegenwart von Majestät. Man kam auf die Pariser Theater zu sprechen, erst auf das Singspiel, dann auf die Komödie. Der König erkundigte sich nach den gespielten Stücken und ihren Verfassern und tat dabei die Frage, warum das Lustspiel gegen frühere Zeiten mehr und mehr verflache. Racine brachte verschiedene Gründe vor und bemerkte schließlich, es läge seiner Meinung nach besonders daran, daß es keine Lustspieldichter und somit keine guten neuen Stücke gäbe. Deshalb spiele man die alten, unter anderen die Scarronschen, die gar nichts taugten und alle Welt nur verjagten.

Bei der Erwähnung des Namens Scarron wurde die ehemalige Witwe Scarron über und über rot, nicht etwa, weil Racine am Lorbeerkranze dieses Arschrutschers gezupft, sondern weil er ihn in Gegenwart seines erlauchten Nachfolgers üherhaupt erwähnt hatte.

Der König ward verlegen. Unheimliche Stille trat ein, und der unglückselige Racine merkte, welchen Riesenfehltritt er in seiner Zerstreutheit begangen hatte. Als der Allerbestürzteste von den dreien wagte er weder die Augen aufzuschlagen noch den Mund aufzutun. Dieser peinliche Zustand währte mehrere Minuten. Er endete damit, daß der König den Dichter entließ, indem er sagte, er wolle arbeiten.

Ganz von Sinnen eilte Racine in das Zimmer des ihm befreundeten Cavoye Louis dOger, zuerst Chevalier und dann Marquis de Cavoye, starb 1716 im Alter von 76 Jahren. Seine Freundschaft mit Racine war so bekannt, daß Ludwig XIV. witzeln konnte: »Cavoye avec Racine se croit bel esprit; Racine avec Cavoye se croit courtisan.« Der König war Kenner höfischer Seelen. und erzählte ihm seine große Dummheit. Sie war nicht wieder gutzumachen.

In der Folgezeit würdigten weder der König noch Frau von Maintenon Racine je wieder eines Wortes noch eines Blickes. Der Dichter nahm sich dies derart zu Herzen, daß er krank wurde und zwei Jahre darauf starb. Diese Frist verwandte er auf sein Seelenheil. Seinem Wunsche gemäß wurde er in Port-Royal des Champs begraben, mit dessen berühmten Insassen er seit seiner Knabenzeit Beziehungen gehabt hatte. Saint-Simon allein erzählt die Ursache der ganzen (oder halben) Ungnade Racines auf diese Weise. Voltaire, der sich auf den Sohn des Dichters stützt, erzählt (Siècle de Louis XIV, ch. XXII), Racine sei in Ungnade gefallen, weil er dem König eine Schrift über das Elend des Volkes überreicht habe. Nach den Untersuchungen des Literarhistorikers Paul Ménard (Oeuvres de Racine, nouvelle édition, 1886, I, p. 153-159) scheint eine Verwechselung vorzuliegen. Boileau soll diese Entgleisung begangen haben, ohne sich etwas daraus zu machen. Wenn zeitweise eine Entfremdung zwischen dem Dichter und dem König eintrat, so ist sie wohl darauf zurückzuführen, daß Racine aus seiner Verbindung mit den Jansenisten, in denen er seine Erzieher schätzte, kein Hehl machte. Der König selbst, der keinem seiner Getreuen lange nachzutrauern pflegte, scheint den Ver1ust seines Vorlesers und Biographen schmerzlich bedauert zu haben. Dangeau erzählt in seinem Journal (Eintrag vom 15. März), daß der König sich aufs herzlichste nach dem Befinden des Dichters, der seit längerem als verlorener Mann galt, erkundigt habe.

Ein sonderbares Ereignis wurde damals [1699] von aller Welt viel besprochen. Es kam ein Hufschmied aus Salon, einer kleinen Stadt der Provence, geradenwegs nach Versailles. Er wandte sich an Brissac Albert de Grillet, Marquis de Brissac, gestorben 1713 als Generalleutnant, 86 Jahre alt, seit 1673 Kommandeur der vier Kompagnien der Gardes-du-corps., den Major der Gardes-du-corps, und verlangte, zum König geführt zu werden, mit dem er unter vier Augen zu sprechen habe. Da er sich durch die ihm erteilten schroffen Abweisungen durchaus nicht abschrecken ließ, setzte er es am Ende durch, daß der König von seinem Begehr Kenntnis erhielt. Er bekam aber den Bescheid, Majestät pflege nicht so mit jedermann zu sprechen.

Der Hufschmied gab nicht nach und erklärte, wenn er vor den König käme, werde er ihn durch Geheimnisse, die nur ihm bekannt wären, überzeugen, daß er berufen sei, ihm wichtige Dinge zu offenbaren. Einstweilen bitte er, wenigstens an einen seiner Staatsminister gewiesen zu werden.

Darauf ließ ihm der König sagen, er möge Barbesieux Louis-François-Marie Le Tellier, Marquis de Barbesieux, 1668 bis 1701, Sohn von Louvois (1641 bis 1691), nach dem Tode des Vaters wie dieser Staatssekretär des Krieges. aufsuchen, dem er Befehl gegeben habe, ihn anzuhören. Man war nun sehr überrascht, als der Hufschmied, der eben erst angekommen war und vordem weder seine Heimat noch sein Handwerk je verlassen hatte, von Barbesieux nichts wissen wollte und sofort erwiderte, er habe verlangt, an einen Staatsminister gewiesen zu werden. Barbesieux sei keiner. Er könne nur vor einem solchen reden. Nunmehr bezeichnete der König Herrn von Pomponne Simon Arnauld Marquis de Pomponne, 1618 bis 1699, damals Minister und Oberintendant der Posten., und der Hufschmied begab sich zu ihm, ohne Schwierigkeiten zu machen und ohne etwas zu entgegnen.

Was man von seiner Geschichte erfuhr, ist folgendes Wenige. Als der Mann eines Tages zu später Stunde heimging, sah er sich bei einem Baume nahe vor der Stadt von starker Helligkeit umflutet. Eine schöne blonde, helleuchtende Frauengestalt in weißer königlicher Tracht rief ihn bei seinem Namen, ermahnte ihn, wohl aufzumerken, und redete mehr denn eine halbe Stunde mit ihm. Sie sagte ihm, sie sei die Königin, die gewesene Gemahlin des Königs, und befahl ihm, zu diesem zu gehen und ihm zu berichten, was sie ihm mitgeteilt habe. Gott werde ihm auf seiner ganzen Reise beistehen, und der König werde an einem Geheimnis, das auf der Welt nur der König wisse und wissen könne, die Wahrheit alles dessen erkennen, was er ihm eröffne. Wenn es ihm zuvörderst nicht gelänge, mit dem Könige zu sprechen, so solle er um eine Unterredung mit einem seiner Staatsminister bitten. Unter keinen Umständen aber dürfe er anderen, wer sie auch seien, etwas mitteilen, und bestimmte Dinge müsse er allein dem Könige vorbehalten. Er solle baldigst aufbrechen und das ihm Anbefohlene beherzt und sorgsam ausführen. Wenn er es aber versäume, seinen Auftrag zu erfüllen, sei er zur Strafe dem Tode verfallen.

Der Hufschmied gelobte alles, und alsbald verschwand die Königin. Er stand wieder im Dunkeln an dem Baume, unter den er sich niederlegte, nicht mehr sicher, ob er träume oder wache. Danach ging er heim, überzeugt, daß alles Einbildung gewesen wäre. Es kam ihm so närrisch vor, daß er keinem Menschen etwas davon erzählte. Aber zwei Tage später, als er an der nämlichen Stelle vorüberging, hatte er abermals dieselbe Erscheinung, und abermals erhielt er denselben Auftrag. Dazu bekam er Vorwürfe ob seines Zweifels und vielfache Drohungen. Zuletzt erhielt er den Befehl, den Kreishauptmann aufzusuchen und ihm zu berichten, was er gesehen, und daß er den Auftrag habe, nach Versailles zu gehen. Der werde ihm gewiß die Mittel zur Reise geben.

Diesmal war der Hufschmied überzeugt. Aber hin und her schwankend zwischen der Furcht vor den Drohungen und den Schwierigkeiten des Vollzugs, wußte er nicht, wozu er sich entschließen sollte. Und so schwieg er über das ihm Widerfahrene weiter.

Acht Tage lang verharrte er in dieser Unschlüssigkeit, und schon war er so gut wie entschlossen, die Reise zu unterlassen, als er, wiederum beim Vorübergehen an jenem Orte, zum dritten Male dasselbe Gesicht hatte und nochmals dasselbe vernahm, dazu so schreckliche Drohungen, daß er nun an nichts mehr dachte, als sich auf den Weg zu machen. Zwei Tage darauf suchte er in Aix den Kreishauptmann auf, der ihn darin bestärkte, seine Reise ohne Verzug fortzusetzen, und ihm das nötige Geld gewährte, damit er sie in der Postkutsche zurücklegen konnte.

Mehr darüber hat man nie erfahren. Der Hufschmied hatte drei Unterredungen mit Herrn von Pomponne, wobei er jedesmal mehr denn zwei Stunden bei ihm war. Hierüber hielt Pomponne dem Könige unter vier Augen Vortrag. Weiterhin mußte er davon vor einem Staatsrate berichten, an dem nur die Minister teilnahmen. Das waren damals außer Pomponne der Herzog von Beauvillier, Pontchartrain und Torcy. Der Dauphin ward ferngehalten. Die Sitzung dauerte lange, aber vielleicht besprach man nachher noch andere Angelegenheiten. Tatsache ist, daß der König hierauf den Hufschmied zu sprechen wünschte. Er versteckte sich also durchaus nicht und empfing ihn in seinen Gemächern. Der Hufschmied kam die kleine Treppe herauf, die von der königlichen Wohnung zum Marmorhof hinabführt und die der König zu benutzen pflegte, wenn er zur Jagd oder spazieren ging. Etliche Tage später mußte der Mann wiederum kommen. Beide Male war er über eine Stunde allein bei dem Könige, der Obacht gab, daß niemand weiter in der Nähe weilte. Als er am Tage nach der ersten Unterredung mit dem Hufschmied die erwähnte Treppe zu einem Jagdausflug herunterkam, machte der diensthabende Herr von Duras ? der sich im Besitze allerhöchster Gunst die Freiheit nehmen durfte, alles zu sagen, was ihm beliebte ? eine abfällige Bemerkung über den Hufschmied, wobei er das böse Sprichwort anwandte: Er ist ein Narr oder Eure Majestät kein Edelmann!

Bei diesem Worte blieb der König stehen, drehte sich nach dem Marschall um (was er im Gehen sonst fast nie tat) und sagte zu ihm: »Dann bin ich also kein Edelmann. Denn ich habe lange mit dem Manne gesprochen. Er hat sehr verständig geredet, und ich versichere Ihnen: er ist durchaus kein Narr.« Die letzten Worte hatten einen ernsten Nachdruck, was die Hörerschaft, die Augen und Ohren weit aufsperrte, höchlichst überraschte und völlig verstummen ließ.

Nach der zweiten Unterredung gestand der König, daß der Mann ihm etwas gesagt habe, was ihm vor mehr denn zwanzig Jahren begegnet sei und wovon er allein wisse, da er niemandem je davon erzählt habe. Er fügte hinzu, es handle sich um eine Erscheinung im Walde von Saint-Germain. Ganz bestimmt habe er mit keinem Menschen jemals darüber gesprochen.

Der König erwähnte den Hufschmied noch mehrfach mit sehr gnädigen Worten. Auf seinen Befehl hin wurde er völlig freigehalten und auf Kosten des Königs heimgeschickt. Auch bekam er seine Auslagen ersetzt und überdies reichlich Geld. Dem Kreishauptmanne ließ er schreiben, er solle dem Manne besonders förderlich sein und darauf achten, daß ihm für den Rest seines Lebens nichts ermangele. Bei seinem Stand und seinem Handwerk solle er ihn aber belassen.

Der Hufschmied war ein Mann in den Fünfzigern, hatte Familie und erfreute sich in seiner Gegend eines guten Rufes. Bei aller Schlichtheit zeigte er viel gesunden Menschenverstand, Uneigennutz und Bescheidenheit. Er meinte stets, man gäbe ihm zuviel, und zeigte sich in keiner Weise neugierig. Nach seinem Besuch bei dem König und bei Pomponne wollte er nichts sehen noch sich sehen lassen, hatte es vielmehr offenbar mit der Heimfahrt eilig, indem er sagte: Zufrieden damit, daß er seine Sendung erfüllt, habe er nichts mehr zu tun als nach Hause zurückzukehren. Die Leute, denen er anvertraut war, versuchten etwas aus ihm herauszubekommen. Er gab aber entweder keine Antwort oder sagte nur, ohne sich aus seiner Ruhe bringen zu lassen: Es ist mir verboten zu reden.

Wieder in seiner Heimat, war nicht die geringste Veränderung an ihm zu spüren. Er sprach weder von Paris noch vom Hofe, war den Ausfragern gegenüber wortkarg und gab deutlich zu erkennen, daß er solche Fragen nicht liebe. Er nahm seine alte Beschäftigung wieder auf und lebte weiter wie vorher.


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