Brautnacht und andere Novellen

----------



Brautnacht

Aus dem Tagebuch einer Frau

Seit drei oder vier Jahren schon war ich überzeugt gewesen, daß Julien mich heiraten würde. O, er war nicht gleich und so ohne weiteres auf die Idee gekommen. Erst die Gewohnheit mußte in ihm die Sehnsucht nach einer andern Zukunft, nach einer andern Ehe zerstören, die sich in den ersten Zeiten unsrer Liaison auf so unerklärliche Weise mit der echten und aufrichtigen Liebe zu mir vermischte.

Mein Gott, wie habe ich darunter gelitten, daß er nur halb mein Eigen war, daß er die letzte ganze Hingabe seines Herzens für eine andere Frau aufhob, die er noch nicht einmal kannte! Alles hatte ich ihm gegeben, mein Herz und meinen Leib. Alle meine Aussichten auf Glück hatte ich ihm geopfert; hätte er mich verlassen, dann wäre mein Leben aus ... ganz aus gewesen ... Und dennoch war ich auch darauf gefaßt. Ich sagte mir: »Dann werde ich wenigstens ein paar glückliche Jahre gehabt haben. Und wenn er mir dennoch erhalten bliebe? Wenn er die andre Frau, die ihn mir rauben soll, nie fände? Ich bin weder alt noch häßlich; ich habe keinem Manne angehört, als ihm ...«

Die Zeit hat alles in die Reihe gebracht. Ich habe meinen Freund so sehr geliebt, ich bin in seinem Dasein allmählich so unentbehrlich geworden, daß eine Zukunft an der Seite einer andern Frau ihn immer weniger lockte, daß ihm so etwas schließlich undenkbar erschien. Dann schenkte Gott mir ein Kind. Von dem Tage an hatte ich gewonnenes Spiel. Julien liebte mich; er liebte seine kleine Annette, die so niedlich war, wenn sie mit ihren ungeschickten Händchen seinen Schnurrbart zauste. Er war über die erste Jugend hinaus: die Lust nach Abenteuern kämpfte in diesem fünfunddreißigjährigen Manne nicht mehr gegen die lieben Gewohnheiten des Herzens. Von diesem Augenblick an war ich wahrhaft glücklich.

Julien war es, der das erste Wort vom Heiraten sprach. Ein Romanschriftsteller, der so etwas zu beschreiben hätte, würde sicherlich eine große effektvolle Szene schildern, in der die Frau ihrem Freunde vor Freude ohnmächtig in die Arme sinkt. Das alles vollzog sich zwischen uns, aber viel einfacher. Seit die Kleine auf der Welt war, hatte Julien schon oft zu mir gesagt: »Jetzt steht es fest; ich heirate nicht.« Er hatte es mit einem leisen Groll in der Stimme gesagt ... aber von Tag zu Tag war aus dem Grollen mehr und mehr ein gutmütiges Scherzen geworden. Und eines Morgens nach dem Frühstück, als er Annette auf seinen Knieen reiten ließ, sagte er es wieder. Aber er fügte hinzu, als spräche er zu der Kleinen: »Ich heirate nicht ... und wenn ichs doch tu, keine andre als deine Mutter.«

Und richtig verlobten wir uns an diesem Tage. Aber ein Monat ging nach dem andern, nach zwei Jahren waren wir immer noch bloß ein Brautpaar. Warum? Lieber Gott! Das Gesetz der Trägheit, die Bequemlichkeit des Gehenlassens, die langweiligen Vorbereitungen. Wir hätten Freunde, die uns für verheiratet hielten, über die Wahrheit aufklären müssen; wir hätten uns sichere und verschwiegene Zeugen suchen müssen, wir hätten einen Ort außerhalb Paris für die Trauung wählen müssen, damit sie nicht in die Zeitungen käme. Das alles zog die Sache hin. Ein kleines Ereignis rüttelte uns auf. Nach meinem Fall war von allen meinen Verwandten bloß ein Bruder meiner Mutter, ein toleranter alter Herr, mit mir in Verbindung geblieben. Dieser starb und vermachte mir sein bescheidenes Vermögen: hundertundzwanzigtausend Franken ungefähr. Es war nicht viel; aber Julien, der mich als ganz armes Ding zu sich genommen hatte, wollte nicht, daß die Zinsen seiner Geliebten helfen sollten, den Haushalt zu bestreiten. So wurde denn die Trauung festgelegt.

Sie fand in einem Orte in nächster Nähe von Paris statt, wo mein Mann dank der Gefälligkeit eines Freundes die vorgeschriebene Zeit über nicht zu wohnen brauchte, sondern den gesetzlichen Aufenthalt fingieren konnte. Nichts kann einfacher sein als die Zeremonie selbst: im Laufe einer Stunde war unser Bund durch den Standesbeamten und den Pfarrer besiegelt. Ein Frühstück vereinte die Zeugen und uns an einem Tisch. Dann fuhr alles nach Paris zurück: wir richteten es so ein, daß wir später als die andern mit dem Abendzuge heimfuhren.

Obgleich sich alles so wenig feierlich und so ohne Umstände abgespielt hatte, waren Julien und ich doch ein wenig bewegt. Wir sind beide weder sehr fromm, noch legen wir großen Wert auf Formalitäten. Aber trotzdem: während wir aneinander geschmiegt in unserm Kupee Paris entgegenrollten, hatten wir ein dunkles Gefühl, daß irgend etwas in unsrer Liebe anders geworden war. Die Nacht, die vor uns lag ? unsre Brautnacht ? dünkte uns verlockender als alle die Liebesnächte, die schon hinter uns lagen, als hätte die Heirat unsre Liebe verjüngt und neubelebt. Julien schlang seinen Arm um mich und sagte immer wieder: »Meine Frau! ... Meine liebe Frau!« und er schien des Wortes nicht müde zu werden. Ich antwortete ihm: »Ich bin glücklich!« und dachte dabei besonders an Annette, die jetzt wie die andern kleinen Mädchen ein ehelich verbundenes Elternpaar hatte.

Wir hatten sie natürlich in Paris gelassen. Unser ausgezeichnetes Mädchen, Clementine, die schon bei ihrer Geburt zugegen gewesen war und die sie vergöttert, war bei ihr geblieben. Als wir aber nach Pause kamen, öffnete uns Clementine in Tränen die Tür.

»Ach, gnädige Frau! ach, gnädiger Herr! Was für ein Unglück! ... Die Kleine ist krank! Ich weiß nicht, was sie hat. Lieber Gott! lieber Gott, so ein Unglück!«

Wir stürzten in Babys Zimmer. Sie lag im Bett; nur ihr kleines Gesicht war unbedeckt, ihr armes, kleines, fieberrotes Gesicht. Sie wimmerte leise. Als sie uns sah, streckte sie ihre Händchen nach uns aus; sie war so froh, uns wiederzusehen! Es war, als hätte sie sich den ganzen Tag über nach uns gesehnt ...

»Aber was fehlt ihr denn eigentlich?« fragte mein Mann, »was ist ihr? haben Sie den Arzt holen lassen?«

»Nein,« antwortete Clementine ... »Ich hab auf den gnädigen Herrn und die gnädige Frau gewartet ...«

»So eine Dummheit!« sagte Julien.

Und er lief eilig fort. Nach einer halben Stunde war er wieder da und brachte einen kleinen, schmerbäuchigen Arzt mit, der nicht besonders vertrauenerweckend aussah. Julien warf mir einen Blick zu, der um Entschuldigung bitten und zu verstehen geben sollte, daß er in der Eile nichts besseres hätte auftreiben können.

Der kleine Doktor untersuchte Baby ziemlich lange. Er sagte nichts, wir starben fast vor Ungeduld. Endlich rief Julien:

»Nun, Herr Doktor? Was fehlt ihr?«

Der Doktor richtete sich auf und sagte:

»Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll ... wir müssens abwarten ... Ist das Kind schon geimpft?«

»Nein,« antwortete ich, »noch nicht. Es sind doch nicht am Ende die Pocken, Herr Doktor?«

Er sah uns unsicher an.

»Sie herrschen augenblicklich unter den Kindern ...«

»Um Gotteswillen, Herr Doktor! bewahren Sie Baby davor! Tun Sie etwas! Da sie noch nicht heraus sind ... Tun Sie etwas, um zu verhindern, daß sie ausbrechen!«

»Wir können im Augenblick gar nichts tun, gnädige Frau, wie gesagt. Ich komme morgen früh wieder, um festzustellen, ob es die Pocken sind.«

Wir waren so niedergeschlagen, daß wir ihn ohne ein weiteres Wort gehen ließen. Aber was war das für eine Nacht, du lieber Gott! Julien und ich saßen an Babys Bett, wir horchten auf ihren Atem, beobachteten ihren Puls, ? zitterten, daß der schreckliche Ausschlag hervorbrechen könnte ... Gegen vier Uhr zweifelten wir nicht mehr. Rote Flecken zeigten sich auf dem kleinen Körper. Ob sich auch im Gesicht welche befanden, konnten wir nicht unterscheiden, es war dunkelrot, vom starken Blutandrang zum Kopfe.

Julien war ganz außer sich, er lief wieder nach einem Arzt. Ich blieb allein bei meiner lieben Kranken und klagte Gott an. Wollte er uns in unserem Kinde bestrafen, weil wir etwas getan hatten, was doch gut und ehrenhaft war, was den moralischen und religiösen Vorschriften entsprach: weil wir uns geheiratet hatten?

Eine ganze Stunde verfloß, bis Julien wiederkam. Vergeblich hatte er einen andern Arzt zu finden gesucht, er hatte sich entschließen müssen, wieder denselben Doktor zu rufen ...

Doktor Leroy untersuchte das Kind aufs neue.

»Nun, Herr Doktor?«

Herr Leroy hob sein gutmütiges, dickes Gesicht und lächelte.

»Gnädige Frau, die Pocken sind es ganz sicher nicht ... Wahrscheinlich nur Windpocken ... Vierzehn Tage recht vorsichtig sein, dann ist alles wieder gut.«

»So besteht ... keine ... Gefahr?« stammelte Julien ganz bleich.

»Nicht die geringste. Und Narben bleiben von den Windpocken auch keine zurück.«

Ich weiß nicht mehr recht, was dann geschah. Ich glaube, ich habe Julien geküßt, ich habe Baby geküßt, ich habe den kleinen schmerbäuchigen Doktor geküßt, ? dann schwanden mir die Sinne.

Als ich wieder zu mir kam, war der Doktor fort. Julien stand neben mir und hielt meine Hand. Der erste Tagesschein brach durchs Fenster. Unsre Brautnacht war zu Ende.

.

Das Gelüst

Herr Charbonnel, Pariser Vertreter für das Champagnerhaus Chauret, Bernier und Comp. in Rheims, war fünfzig Jahre alt, als er die Tochter eines seiner Kunden, Fräulein Clémence Robert, heiratete, deren große Tugend, deren rosige Wangen und blonde Haare es ihm angetan hatten.

Er war vom ersten Tage seiner Ehe an vollkommen glücklich. Clémence verwandelte die unbehagliche Wohnung des Junggesellen in ein gemütliches Heim, das sie mit ihrer Munterkeit, ihrem fröhlichen Sinn erfüllte. Sie erwies ihrem Manne, der für sie doch schon ein wenig reif war, die zuvorkommendste, zärtlichste Liebe. Der Geschmack der beiden Gatten war der gleiche: sie waren beide für gutes Essen und Trinken, für Kartenpartieen zu zweit, sie gingen gern in die kleinen Tingeltangel und in den Zirkus. Alle beide schliefen sie unfehlbar ein, sobald sie einmal etwas zu lesen versuchten, die spannendsten Feuilletons des Petit Journal waren nicht imstande, sie wachzuhalten. Und zu allem andern war Clémence trotz des Altersunterschiedes immer bereit, ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen, und das machte ihr auch Spaß. Dagegen zeigte sie niemals spontane Gelüste, die Charbonnel manchmal hätten in Verlegenheit bringen können.

Sie waren schon über ein Jahr verheiratet, als Clémence eines schönen Tages ihrem Manne mit glühenden Wangen ein überraschendes süßes Geheimnis mitteilte. Durch verschiedene Anzeichen aufmerksam gemacht, war sie ganz allein zu einem alten Freunde ihres Vaters, dem Doktor Tierselin, gegangen, der Direktor einer Kaltwasserheilanstalt in der Saint-Georges-Straße war, ? und der Doktor hatte sie nach allerhand gefragt, sie auf die Wange getätschelt und gesagt:

»Liebe kleine Clémence, geh nach Hause und sag deinem Manne, daß er ein Glückspilz ist. Du bist seit zwei Monaten guter Hoffnung.«

Diese Schwangerschaft, auf die er nicht zu hoffen gewagt hatte, hob Charbonnel auf den Gipfel des stolzesten Glückes. Bald jedoch sollte sie die Harmonie seiner Ehe stören. Gegen Ende des dritten Monates, als das kleine Wesen, das Clémence unter dem Herzen trug, sich zu regen begann, wandelte sich der gleichmäßig heitre Charakter der jungen Frau. Sie wurde launisch und wechselte rasch zwischen Lachen und Tränen, zwischen fieberhafter Gesprächigkeit und hartnäckigem Schweigen. Ihre Lieblingsgerichte widerstanden ihr, und die Speisen, die sie sonst verabscheut hatte, bevorzugte sie nun. Ohne ein Wort zu sprechen, saß sie unbeweglich, von tiefer Schwermut bedrückt, eine Woche lang in ihrem Zimmer; dann plötzlich sprang sie auf, sprudelte über von Lebhaftigkeit, wollte fort, ins Theater. Charbonnel fügte sich ängstlich und unterwürfig allen ihren Launen. Er sagte sich: »Es dauert ja nur eine kurze Zeit; und dann tue ichs ja für François ...« Denn das Ehepaar war dahin übereingekommen, daß das Kind ein Knabe sein würde und François heißen sollte.

Eines Abends ? es war im Dezember ? als Charbonnel von seiner täglichen Geschäftstour heimgekommen war, sagte er zu seiner Frau:

»Nach dem Essen zieh dich an, wir wollen in den Zirkus Fernando gehn und uns Jams-Jams, den Papageienmann, ansehn. Er soll ganz außerordentlich gut sein.«

Clémence klatschte in die Hände. Sie hatte einen ihrer guten Tage und war freundlich und lustig wie in den Zeiten vor ihrer Schwangerschaft. Außerdem war sie schon lange auf Jams-Jams neugierig gewesen, dessen farbiges Bild in schwarzem Trikot auf dem Trapez mit ausgestreckten Armen, auf denen Papageien saßen, überall die Pariser Mauern bedeckte. Er sollte viel Geld haben, da er angeblich der Geliebte einer vornehmen englischen Dame war, die ihn nach Paris begleitet hatte.

Er hatte an jenem Abend wie immer einen kolossalen Erfolg, wie ihn sonst nur Stierfechter in der Arena haben. Er hatte ein sehr schönes Gesicht und eine Fülle von braunen Haaren, die auf der Stirn geteilt waren. Das schwarze Trikot umschloß einen kräftigen Körper und die Arme und Beine einer klassischen Statue. Sein Äußeres interessierte die Frauen ungemein. Mit glänzenden Augen applaudierten sie, daß ihre Handschuhe fast platzten, besonders als er zum Schluß unbeweglich dastand, einen Papagei auf dem Kopfe, zwei auf den Schultern, zwei auf den Handgelenken und zwei auf den Fußspitzen. Als sie wieder zu Hause waren, fand Charbonnel, daß seine Frau auffallend ernst wäre, und fragte sie:

»Nun, Clémence, hast du dich amüsiert?«

Sie antwortete trocken:

»Ja ... ganz gut.«

Er konnte nichts weiter aus ihr herausbekommen. Sie schmollte und war wieder in ihrer düstern Stimmung. Die schüchternen Annäherungsversuche des Gatten wurden verdrießlich zurückgewiesen. Traurig, aber ergeben schlief er ein. Er dachte:

»Ich muß geduldig sein ... Es ist für unsern François.«

Aber am andern Morgen stand Clémence in strahlender Laune auf. Sie sang beim Ankleiden, küßte ihren Mann auf den Hals, als sie ihm den Kragen anknöpfte und bereitete zum Frühstück eigenhändig eine Rahmspeise, die er gern aß. Als er sie gegen ein Uhr nachmittags verließ, um sich auf seine Geschäftstour zu begeben, legte sie ihm selber einen gestrickten Schal um, da es sehr kalt sei und sie nicht wolle, daß ihr liebes Männchen sich erkälte. Und von der Straße sah er, wie sie auf dem Balkon stand und ihm Handküsse nachsandte.

Die frohe Stimmung hielt den ganzen Tag und auch den Abend an, bis zu dem Augenblick, wo sie Seite an Seite in ihrem gemeinschaftlichen Bette lagen. Da nahm Clémence den dicken, grauen Kopf ihres Mannes zwischen ihre kleinen Hände und flüsterte ihm ins Ohr:

»Ich muß dich um etwas bitten, Liebster.«

Charbonnel, dessen Herz von Freude übervoll war, antwortete:

»Alles, was du willst, Kätzchen.«

»Aber ich schäme mich so, es dir zu sagen!«

»Nur frisch drauf los.«

»Ich will erst das Licht ausmachen. Ich kann es dir nur im Dunkeln sagen.«

Als das Licht ausgelöscht war, fuhr Clémence fort:

»Du kennst doch Jams-Jams, den Papageienmann?«

»Ja ... Und? ... Willst du noch einmal hin, ihn wiedersehn? ...«

»Nein ... das heißt ... wenn ... Nicht in dem Zirkus ...«

Charbonnel fing zu lachen an.

»Wir können ihm aber doch wirklich keinen Besuch machen.«

Clémence erwiderte lebhaft:

»Nein, du darfst nicht lachen ... Es ist sehr ernst ... Ich habe Lust zu etwas, große, große Lust ... Und wenn du nicht tust, was ich möchte ... ach! ... ja ... dann stirbt deine kleine Frau ... und Baby natürlich auch ...«

Charbonnel schloß Clémence in die Arme, küßte sie zärtlich und erklärte:

»Ich werde tun, was du willst, mein Liebling, das weißt du ja ... Aber sage mir was es ist.«

Da stammelte sie ganz dicht, ganz dicht an seinem Ohr:

»Ich möchte diesen Herrn ... ohne Kleider sehen.«

Sie verbarg ihr Gesicht an Charbonnels Halse. Charbonnel rief, ganz erschrocken:

»? Ohne Kleider! ... Ja, bist du denn toll? ... Was soll das heißen? Im Trikot, wie neulich?«

»Nein,« antwortete Clémence mit fester werdender Stimme ... »ohne Trikot ... ohne alles ...«

»Ganz nackt also?« fragte Charbonnel.

Clémence wiederholte deutlich:

»Ja ... ganz nackt!«

Und mit einem Entschlusse sagte sie rasch:

»Siehst du ... ich muß diesen Mann so sehn ... wegen François. Gestern, als er im Zirkus auftrat, ganz schwarz, da war mirs, als hätte ich einen Faustschlag bekommen ... und ich fühlte, wie Baby sich bewegte, Baby war unzufrieden damit. Und seitdem sehe ich immer diese ganze schwarze Gestalt im Trikot vor mir. Wenn du nicht tust, was ich will, bekommst du ein ganz schwarzes Kind, einen Mohren ... was viel Schlimmeres als einen Mohren ... Wenn ich aber sehe, daß Herr Jams-Jams schön weiß ist wie andre Männer ... und ... dann wird François ein schöner weißer Knabe, so weiß wie er. Also ...«

Vergeblich suchte Charbonnel seine Frau davon zu überzeugen, daß sie etwas Unsinniges und Unschickliches verlangte; daß sie ja, selbst wenn er, Charbonnel, einwilligte, noch der Einwilligung des Herrn Jams-Jams bedurften, der sie sicherlich für verrückt halten würde, wenn sie ihn bitten wollten, sich einer Dame nackt zu zeigen; vergeblich empörte er sich, redete er ihr vernünftig zu, drohte er ihr.

Clémence wiederholte, auf ihr Gelüst versessen:

»Ich will diesen Mann ohne Kleider sehn.«

Sie bekam endlich einen nervösen Anfall, sie schrie, weinte, phantasierte. Um sie zu beruhigen, versprach ihr der Champagneragent, zu tun, was sie verlangte. Da schlief sie totmüde ein.

Charbonnel hoffte, ihr Gelüst würde über Nacht vergehn. Aber gleich beim Erwachen sagte Clémence sehr ernsthaft:

»Du weißt, was du mir versprochen hast ... Du mußt gleich zu Jams-Jams gehn ... Sonst hab ich heute nachmittag wieder einen Anfall, und dann bring ich ein totes Kind zur Welt. Ganz sicher! ...«

Charbonnel widersprach ihr nicht; er ließ sich von ihr in die Kleider helfen, frisieren und mit den Worten zur Tür hinausschieben:

»Beeil dich nur, du bekommst kein Frühstück, wenn du mir keine Antwort heimbringst.«

Nach einer Stunde kam er wieder.

»Nun?« fragte Clémence, die ihn auf der Schwelle erwartete.

Ihr Mann sagte:

»Hör also ... Ich bin nicht zu diesem Herrn gegangen, weil er mich einfach zur Tür hinausgeworfen hätte. Ich habe Doktor Tierselin in seiner Wasserheilanstalt aufgesucht und ihn, der dich so gut kennt, um seinen Rat gebeten. Er hat mir gesagt, daß es bei deinem Zustande wirklich gefährlich wäre, dir nicht den Willen zu tun ...«

»Siehst du!« sagte Clémence.

»Laß mich ausreden ... Trotz unseres guten Willens hätten wir dir ohne eine fast wunderbare Fügung deinen Wunsch nicht erfüllen können ... denn du begreifst, nie im Leben hätte ich zugegeben, daß dieser Strohkopf Jams-Jams etwas von deinem Gelüst erführe ... Die wunderbare Fügung ist die: Jams-Jams nimmt alle Morgen gegen zehn Uhr bei Tierselin eine kalte Douche; Tierselin selbst verabreicht sie ihm. Wir werden morgen vor zehn Uhr zusammen in die Wasserheilanstalt gehn. Tierselin wird dich ganz nah beim Schwimmbassin in einer durch einen Vorhang abgeschlossenen Zelle verbergen, die mit seinem Sprechzimmer in Verbindung steht. Du wirst den Vorhang ein wenig aufheben und sehen, was du sehen willst. Jetzt aber möchte ich nicht weiter mit dir über dein krankhaftes Gelüsten sprechen.«

Clémence fiel ihrem Manne um den Hals, küßte ihn stürmisch und sagte:

»Ich bete dich an! ich bete dich an! ... Du wirst sehn, wie schön dein Sohn sein wird! ...«

Den ganzen Tag war sie gegen ihn von der zärtlichsten Unterwürfigkeit. Charbonnel aber war ernst und würdevoll, auch wohl ein bißchen traurig, wie es sich für einen Mann paßt, der aus Liebe ein großes Opfer bringt.

Die Dinge spielten sich am nächsten Morgen wie verabredet ab, der Doktor hatte sein möglichstes getan, um die Eitelkeit des Mannes und das Schamgefühl der Frau zu schonen. Charbonnels erschienen um ein halb zehn Uhr bei Tierselin, um sich die Anstalt anzusehen. Alle Einrichtungen wurden ihnen eingehend gezeigt; dann, als es gleich zehn Uhr war, sagte der Arzt:

»Ich habe um zehn Uhr einen Patienten zu douchen. Wollen Sie so lange in meinem Sprechzimmer warten? Ich komme gleich wieder.«

Er führte sie in sein Zimmer und ließ sie allein. Eine Tür führte von dort in einen kleinen halbdunkeln Raum, der vom Douchesaal durch einen Vorhang getrennt war: durch die Fransen hindurch sah man alles deutlich, ohne selbst gesehen werden zu können. Clémence, die in sehr guter Stimmung war, stellte sich links am Vorhang auf, Charbonnel blinzelte rechts durch die Fransen. Er hatte die unklare Empfindung, daß die Neugier seiner Frau weniger anstößig wäre, wenn er zugleich mit ihr hinschaute.

Gleich darauf trat ein Mann ein, der in einen Bademantel gehüllt war. Es war Jams-Jams. Er plauderte einen Augenblick mit dem Doktor. Dann warf er seinen Mantel dem Badediener zu und bot, die Hände flach an die Lenden gedrückt, seine Brust dem eisigen Wasserstrahl dar.

Charbonnel beobachtete den Vorgang, wider Willen interessiert. Der Akrobat erschien ihm kräftig gebaut, er sah schwerfälliger aus als in seinem schwarzen Trikot. Er war außergewöhnlich stark behaart, Rumpf, Arme und Beine waren mit Haaren geradezu bedeckt.

Die Douche dauerte nur einige Sekunden. Als der Champagneragent sich umwandte, sah er, daß seine Frau aus der Zelle verschwunden war. Sie war ins Sprechzimmer des Doktors zurückgekehrt. Er fand sie dort in Gedanken auf dem Ruhebett des Doktors sitzen.

»Nun,« sagte er nicht ohne Bitterkeit, »bist du jetzt zufrieden? Du hast gesehen, was du sehn wolltest.«

Sie schüttelte den Kopf.

»O! nicht lange ... Sobald der Herr den Bademantel abgelegt hatte, hab ich mich entfernt.«

Charbonnel fragte:

»Warum denn?«

Sie machte ein verdrossenes Gesicht:

»Er ist greulich; er ist ja am ganzen Körper behaart, er sieht wie ein Affe aus ... Da dachte ich an Baby; ich sagte mir: »Wenn Baby so aussehn würde!«

Ich ließ den Vorhang fallen und flüchtete hierher, während du weiter zusahst ... Du kannst dir wohl denken, daß ich nicht möchte, daß François wie ein Affe aussieht!«

Und nach einiger Zeit begann sie wieder und sagte sehr ernst:

»Dann wäre es wirklich fast besser, er sähe wie ein Mohr aus.«

.

Zwei Seelenhirten

Eine Ostergeschichte

In der Landschaft Albret, die im sechzehnten Jahrhundert von den Religionskriegen so zerrissen wurde, da, wo Montluc die Erinnerung an so viele gehengte Hugenotten hinterlassen hat, leben heutzutage die Katholiken mit der kleinen Zahl Protestanten, die es dort noch gibt, in gutem Einvernehmen. Die protestantische und die katholische Kirche stehen in der Mitte des Dorfes friedlich nebeneinander; die Ungleichheit des Bekenntnisses ist kein Hindernis für eheliche Verbindungen; der Pfarrer und der Pastor, Gegner, was die Dogmen betrifft, finden sich in der werktätigen Liebe zusammen.

Trotzdem hatte im Marktflecken Candéléou, der auf halbem Wege in der hügeligen Gegend zwischen Néral und Vianne liegt, der Streit zwischen zwei Hirten der Kirche ? einem katholischen und einem reformierten ? vor einigen Jahren den konfessionellen Hader in den Herzen ihrer beiderseitigen Schäflein wieder erweckt. Der Pfarrer, ein alter Mann von über sechzig Jahren, der bis dahin ruhig in seinem geistlichen Gebiete gewirkt hatte, konnte dem jungen Pastor, der aus den rauhen Cevennen stammte, in denen noch die Erinnerung an die Dragonaden lebendig war, seinen ungewohnten protestantischen Glaubenseifer nicht verzeihen, den er in diese zahmeren Gegenden mitgebracht hatte ... hatte sich Herr Lagarrigue ? so hieß der Pastor ? doch nicht entblödet, zwei Bekehrungen zustande zu bringen. Wohl erklärte der Pfarrer Couloumet, die beiden Neubekehrten seien die größten Halunken der Gemeinde, und sie seien nur abgefallen, um einigen einflußreichen Protestanten Geld abzulocken; aber sein Herz blutete doch. Oft quälte ihn bei Nacht ein furchtbarer Alb. Er sah um sich herum das Gepränge des jüngsten Gerichts; der ewige Richter fragte ihn:

»Pfarrer von Candéléou, wo sind die Seelen Gasquets und Dupins, die ich dir anvertraut hatte?«

Der arme Pfarrer suchte sich zu rechtfertigen:

»Lieber Gott, Gasquet und Dupin waren zwei Erzlumpen, und es ist nicht meine Schuld, wenn ...«

»Fort mit dir, du ungetreuer Hirt!« unterbrach ihn der Herr.

»Du hast deine Schafe schlecht gehütet. Da du mir eine Herde ablieferst, die nicht vollzählig ist. Du schlechter Diener der Kirche, fort mit dir. Aus meinem Angesicht!«

Und der Pfarrer Couloumet fuhr plötzlich aus dem Schlafe auf mit einem Gefühl, als wäre er in eine glühende Leere gestürzt, die ihm zum mindesten die Schrecken des Fegefeuers zu bergen schien.

Daraufhin verdoppelte er seinen Eifer, er suchte in seiner Bibliothek die längst beiseite gelegten theologischen Lehrbücher hervor, er donnerte jeden Sonntag von der Kanzel gegen die Ketzerei, während der Pastor seinerseits, gleichfalls mit apostolischem Eifer kämpfend, die Zahl der Gottesdienste, der öffentlichen Vorträge, der Abendandachten verdoppelte.

Da Montluc glücklicherweise schon dreihundert Jahre tot war, hatte dieser kleine Religionskrieg nur die Wirkung, daß die betreffenden katholischen und protestantischen Schäflein von Candéléou auf Monate hinaus noch treuer und frommer wurden. Übrigens tat auch Herr Lebize, der Bürgermeister des Dorfes, der Arzt von Beruf und nicht eben sehr fromm war, sein möglichstes, um die Ruhe in der Gemeinde zu erhalten. Da er sich allgemeiner Achtung erfreute, gelang es ihm auch beinah.

Da verdoppelte ein sonderbares Ereignis den Groll auf beiden Seiten. Ungefähr vierzehn Tage vor Ostern erblickte Pastor Lagarrigue, als er gegen sieben Uhr abends von seinem täglichen Spaziergang zum Abendessen heimkehrte, im Vorbau der katholischen Kirche einen auffälligen Gegenstand, eine Art großes Paket. Es war eine alte einfache Kirche, drei Stufen führten zu dem romanischen Vorbau empor. Die Nacht war schnell und dunkel eingebrochen; die Kirche war geschlossen; Stille und Einsamkeit ringsumher. Der Pastor stieg die drei Stufen hinan. Er ergriff das Paket; im schwachen Dämmerlicht erblickte er darin ein Kind von vielleicht einigen Monaten. Sicherlich war das Leben dieses Kindes schon reich an merkwürdigen Zufällen gewesen, denn es schien nicht besonders überrascht zu sein, daß man es verlassen hatte und daß einer es nun aufhob. Sehr brav und artig heftete es seine großen, schwarzen, weitgeöffneten Augen, die zu einem winzigen braunen Gesicht gehörten, auf Herrn Lagarrigue. Der Pastor zögerte nicht lange, er nahm das lebendige Paket nach Hause mit, wo er es seiner Frau übergab, die in der Kinderpflege sehr erfahren war, da sie, obschon sie kaum dreißig Jahre zählte, selber schon sechs Kinder hatte.

Am nächsten Morgen sagte die Tante des Pfarrers, ein altes Fräulein, das ihm den Haushalt führte, mit einer Stimme, in der die Erregung zitterte, zu ihrem Neffen:

»Weißt dus schon, Hochwürden? Der Pastor ist gestern gekommen und hat ein kleines Mädchen aus deiner Kirche gestohlen! ...«

»Ein kleines Mädchen gestohlen?« ... rief der Pfarrer.

Trotz seiner Feindschaft gegen den Pastor hielt er ihn eines solchen Streiches nicht für fähig.

Die Tante erklärte die Sache näher. Wenn man ihre Erzählung auch auf die einfachen Tatsachen zurückführte ? eine kleine Ausgesetzte war unter dem Vorbau der Kirche gefunden worden ? so behielt die barmherzige Tat des Herrn Lagarrigue doch viel Verletzendes und Schmerzliches für den Pfarrer. Wie es schien, wollte der Pastor das verlassene Kind erziehen, und das natürlich im Protestantismus, nach reformiertem Ritus. Da das Kind aber auf den Stufen der katholischen Kirche gelegen hatte, hatte die Person, die es ausgesetzt, die Kleine doch sicherlich einer katholischen Gemeinschaft anvertrauen wollen. Ein neues Schäflein mehr wurde so durch den Pastor der heiligen Herde geraubt, eine Seele, die der Herr außer den Seelen Gasquets und Dupins vom Pfarrer fordern würde! noch dazu eine ganz unschuldige Seele! ...

Pfarrer Couloumet hatte ein friedliebendes Herz, aller Zank war ihm ein Greuel. Aber dies ging denn doch über alle Grenzen. Er zog seinen besten Priesterrock an, setzte seinen dreieckigen Hut auf und begab sich, sein Brevier unter dem Arm, zu Herrn Lagarrigue.

*

Der Pastor bewohnte ein recht hübsches Haus ganz am Ende des Dorfes, an der Straße, die nach Espiens und dann weiter über die Hügel nach Néral führt. Einige von seinen Pfarrkindern redeten ihn an und liehen ihrer Entrüstung über die Entführung Worte. Die sprichwörtliche Phantasie der Gascogner nahm sich ihr Recht, es wurde behauptet, Herr Lagarrigue habe das Kind einer spanischen Bettlerin geraubt, während sie betend vor der heiligen Jungfrau auf den Knien gelegen habe. Der Pfarrer brachte die Wahrheit wieder zu Ehren, versprach aber, energisch für das bedrohte Kind einzutreten.

»Und wenn ich bis an den Präsidenten der Republik gehen muß, die Kleine muß uns wieder ausgeliefert werden!«

Es schien dem Pfarrer auch, als ob ihm die Protestanten, die ihm begegneten, feindselige Blicke zuwürfen ...

Am Hause des Pastors angekommen, schellte er. Die Pastorin öffnete, und der Pfarrer war sogleich unangenehm berührt, da er sah, daß diese blonde, ein bißchen dickliche, vor der Zeit verblühte Frau ein Kind stillte.

»Pardon, Frau Pastorin,« stammelte er ... »Ist der Herr Pastor zu Hause?«

Die Dame schien selber sehr verlegen zu sein. Sie antwortete:

»Mein Mann ist ausgegangen ... Er ist nicht zu Hause ... Er ist nach Néral ... Er will sich wegen der Kleinen erkundigen« ? und sie blickte aufs Kind, das sie stillte. Der Pfarrer wurde kühner. Er trat ins Haus und zog die Tür hinter sich zu. Frau Lagarrigue führte ihn in den Salon und bat ihn, Platz zu nehmen.

»Ich bin gekommen,« sagte der Pfarrer, »um mit Herrn Lagarrigue wegen des Kindes Rücksprache zu nehmen« ...

Allmählich mutiger geworden, da er auf gar keinen Widerspruch stieß, erklärte Herr Couloumet, das Kind sei doch wohl nicht aus Zufall gerade auf die Stufen der katholischen Kirche gelegt worden. Offenbar hätte man nur nicht gewagt, es ins Pfarrhaus zu bringen. Er als Pfarrer fühle sich für das Seelenheil des Kindes verantwortlich. Er könne es niemandem abtreten. Er hoffe, Herr Lagarrigue werde es ihm gutwillig herausgeben, er werde es ihm auf die Weise ersparen, sich an die Obrigkeit wenden zu müssen.

Frau Lagarrigue wurde rot bis über die Ohren und wußte nur zu antworten: »Ich werde es meinem Manne sagen, Herr Pfarrer ... Er wird dann entscheiden, ob ...« Sie hatte ihr Kleid wieder in Ordnung gebracht und ließ, um ihre Verlegenheit zu verbergen, das kleine Mädchen sachte auf und nieder tanzen. Es lachte mit einem Munde, der noch feucht von der Milch war. Der Pfarrer verabschiedete sich würdevoll. Er kehrte in sein Pfarrhaus zurück und erzählte der Tante entzückt, wie energisch er aufgetreten wäre. Nun müsse er die Antwort abwarten.

Er brauchte nicht lange zu warten. Noch am selben Tage gegen fünf Uhr brachte der älteste Sohn des Pastors, ein Knabe von zwölf Jahren, ihm einen Brief. Er lautete:

 

»Sehr geehrter Herr Pfarrer!

Meine Frau hat mir von Ihrem Besuch und von Ihrem Ansuchen berichtet. Zu meinem lebhaften Bedauern kann ich Ihren Wunsch nicht erfüllen. Ich bin gleichfalls der Meinung, daß Gott mir jetzt eine Seele anvertraut hat; ich würde es für unrecht halten, seinem Willen nicht zu gehorchen.

Hochachtungsvoll
Jean Lagarrigue,
Pastor der reformierten Kirche.«

 

Sobald der Besuch des Pfarrers und die Antwort des Pastors in Candéléou bekannt geworden waren, gerieten die beiden Gemeinden, die protestantische und die katholische, ins Kochen. Der Bürgermeister, der aufgefordert wurde, Partei zu ergreifen, erklärte, er könne nichts tun: Herr Lagarrigue habe seinen Fund, wie es sich gehöre, angezeigt und die Absicht ausgesprochen, ihn zu behalten. Darauf munkelten die Katholiken etwas davon, daß sie sich bewaffnen und das geraubte Kind mit Gewalt wieder holen würden. Die Protestanten beantworteten diese Drohung durch Entsendung einer Wache, die die protestantische Kirche und Lagarrigues Haus beschützen sollte. In der Nacht wurden Steine in die Fenster der katholischen Kirche geworfen. Auf den Mauern fand man die Inschrift: »Lagarrigue ist ein Kinderdieb.« Die Schuljungen kamen sich wegen der Sache auf der Straße in die Haare. Zwei Gendarmen mußten beständig in Candéléou stationiert werden. Aber trotzdem blieb der Pastor ständig der Gegenstand für allerlei Angriffe, keines von seinen Kindern wagte es, auszugehen, da die Drohung ausgesprochen worden war, man würde eins von ihnen als Geisel entführen. Durch diese Wendung der Sache sehr beunruhigt, schrieb der Pfarrer an den Erzbischof, der Pastor wiederum an den Präfekten. Aber da beide Oberbehörden nicht recht wußten, in welcher Weise sie da einschreiten sollten, ließen die Antworten auf sich warten. Und da die Erbitterung stetig wuchs, wäre es zweifellos zu einem richtigen Religionskriege gekommen, wenn nicht eines Morgens in der Karwoche plötzlich eine Nachricht aufgetaucht wäre, die einen Waffenstillstand gebot:

»Die Mutter der Kleinen ist da und will sie wieder holen ...«

*

Die erstaunliche Nachricht war wahr ... Am Abend vorher war eine ganz junge, sehr hübsche Frau zum Bürgermeister von Candéléou gekommen, fast ein Kind noch; nach ihrem Typus und ihrer Kleidung mußte sie wohl zu den Zigeunern gehören, die die Dörfer des Südostens von Frankreich zahlreich durchziehen, und die man in Albret wie in Spanien »Gitanes« nennt ... Sie erklärte, ihre kleine Tochter sei gegen ihren Willen von Angehörigen ihres Lagers ausgesetzt worden, sie könne aber die Trennung von dem Kinde nicht ertragen und sei wiedergekommen, um es wiederzusehen und mitzunehmen.

Der Bürgermeister ließ die Zigeunerin in seiner Scheune übernachten. Am andern Morgen berief er den Pfarrer sowie den Pastor zu sich und bat letzteren, das Kind mitzubringen. Die Kleine wurde der Mutter wiedergegeben, die das Kind mit wilden Liebkosungen überschüttete und in einer Sprache, die niemand verstand, und deren Laute an keine bekannte Sprache erinnerten, auf das Kind einsprach. Herr Lebize, der die Sache dem Kultusminister unterbreitet hatte, fügte hinzu, daß jeder Zwist mit der Übergabe des Kindes an die Mutter sofort aufhören müsse.

»Bist du Protestantin oder Katholikin?« fragte der Bürgermeister die Zigeunerin zum Schluß.

Sie lachte und zeigte ihre blendend weißen Zähne:

»Nicht Protestantin und nicht Katholikin.«

»Aber du hast doch irgend einen Glauben?« fragte der Pastor.

Sie machte ein verdrossenes Gesicht, wurde ernst und blieb stumm.

»Aber du betest doch manchmal?« fragte Pfarrer Couloumel.

»Wir haben schöne Lieder,« sagte sie leise, »die wir von unsern Vätern geerbt haben.«

Der Feuereifer der Bekehrung ergriff die beiden geistlichen Hirten vor dieser wild gewachsenen Seele. Beide erboten sich, die junge Frau im Christentum zu unterweisen; denn selbstverständlich sollte sie ihrem Nomadenleben entzogen werden, die Gemeinde würde sie und ihr Kind adoptieren. Nilka (so nannte sie sich) sagte nicht nein, sie lächelte nur immer geheimnisvoll. Zwischen Herrn Lagarrigue und Herrn Couloumet loderte aufs neue der Streit empor. Der Bürgermeister trat dazwischen.

»Die Frau soll auf meinem Meierhof wohnen,« sagte er, »Sie, Herr Pfarrer, und Sie, Herr Pastor, können sie abwechselnd Tag um Tag besuchen. Von heute bis Ostern haben Sie Zeit, ihr, jeder nach seiner Weise, das christliche Bekenntnis zu erklären. Sie soll frei zwischen den beiden Kulten wählen. Und zu Ostern soll sie mit ihrem Kinde nach dem Ritus, den sie erwählt hat, getauft werden.«

Dieser Salomonische Richterspruch befriedigte weder den Pfarrer so recht, noch den Pastor, noch all die andern, die im Gefolge der beiden kämpften. Aber alle Welt erkannte die Weisheit der Entscheidung an. Zu Candéléou wurde es wieder ruhig. Beide Gemeinden mußten sich zufriedengeben.

Tag um Tag wurde Nilka abwechselnd vom Pfarrer und vom Pastor unterrichtet. Alle beide waren über die Sanftmut und Willigkeit ihrer Schülerin derselben Meinung: aber beide beklagten gleichfalls den völligen Mangel an religiösem und moralischem Sinn in ihr. Irgendwo auf der Landstraße geboren, war sie auch auf der Landstraße groß geworden; der Vater ihres Kindes war irgend ein vorbeiziehender Fremder, der ihr eines Tages grade gefallen hatte, als sie in einem Winkel des baskischen Landes allein zurückgeblieben war. Sie erzählte es ruhig und bedauerte nur, daß das Kind wegen dieses fremden Vaters von Geburt an dem Groll des ganzen Lagers ausgesetzt gewesen war ... Die Lehren, die man ihr vortrug, schienen von ihrem mehr zerstreuten als leichtfertigen Geiste abzugleiten. Sie war zu gleicher Zeit unordentlich und kokett. Es war ihr durchaus gleichgültig, wenn ein Knopf an ihrer Taille fehlte oder ihr Rock zerrissen war, aber sie mußte immer rote Rosen in ihren schwarzen Haaren haben. Sie stahl sie sich überall in den Gärten, aber diese Diebstähle wurden fürs erste geduldet ... Es gab Nachmittage, wo man kein einziges Wort aus ihr herauslocken konnte ... Sie schien völlig geistesabwesend zu sein, ihre Augen starrten traumverloren vor sich hin. Dann wieder zeigte sie im Gegensatz dazu eine feurige Heiterkeit, sie sang, sie entwaffnete durch ihre kindliche Freude den Ernst ihrer Lehrer und riß sogar die steife Tante des Pfarrers mit fort. Eines Abends, als Gottesdienst in der protestantischen Kirche war, hatte Herr Lagarrigue sie mitgenommen, und sie mischte ihre musikalische, tiefe Stimme begeistert in den Chor der Frauen. Die Tante des Pfarrers versicherte dagegen, Nilka interessiere sich sehr für die Vorbereitungen zum heiligen Osterfest, für die Vasen und Blumen, die Papiergirlanden, die Oriflammen der Kongregationen, für allen den heiteren Schmuck der alten katholischen Mauern. Diese guten Nachrichten erfreuten abwechselnd die eine und die andere Partei.

*

Ostern war nah, und beide Gemeinden rüsteten sich, daß Fest mit ganz außerordentlicher Feierlichkeit zu begehen. In der katholischen wie in der protestantischen Kirche rechnete man darauf, daß der Tag des Festes durch eine doppelte Taufe verherrlicht werden würde ... Nilka, die gedrängt wurde, sich zu entscheiden, versprach, am Ostermorgen zu antworten. Drang man in sie, es früher zu tun, so flüchtete sie lachend und berief sich auf den Bürgermeister und auf den Wortlaut des Vertrages.

In der Nacht, die dem entscheidenden Morgen vorausging, konnten die beiden armen Seelenhirten nicht schlafen. Weder der eine noch der andere wagte es, sich auszumalen, wozu der heilige Tag für ihn werden würde, wenn der Nebenbuhler Sieger bliebe. Und doch mußte einer von ihnen verworfen werden! ... Und beide trösteten sich mit demselben Gedanken:

»Nilka ist zu sanft, zu liebenswürdig, um mir diesen Kummer zu bereiten, wo ich sie doch unterrichtet habe.«

Beim ersten Tagesgrauen verließ der Pfarrer, da er doch nicht schlafen konnte, sein Bett und ging in die Kirche, wo er lange betete. Die große Glocke auf dem Turme erklang, ihr antwortete das hellere Geläut der protestantischen Kirche. Nach einer Stunde demütigen Flehens erhob sich Herr Couloumet ein wenig beruhigt und ging in seinen Garten, wo Blumen und Gemüse friedlich durcheinander wuchsen. Der Tag begann heiß wie im Sommer.

»Das ist der heilige Ostertag,« dachte der Pfarrer.

Und er bat Gott, an diesem Tage die Herrlichkeit seiner Kirche siegreich hervorbrechen zu lassen.

In diesem Augenblick sah er seinen Kirchendiener kommen.

»Sehen Sie doch, Herr Pfarrer, was ich an der Kirchentür gefunden habe!« sagte dieser Mann und reichte ihm einen Strauß roter Rosen.

Der Pfarrer erkannte Nilkas Lieblingsblumen. Der Strauß war mit einem dünnen schwarzen Schnürchen zusammengebunden. Als Herr Couloumet dies Schnürchen näher ansah, bemerkte er, daß es aus zusammengeflochtenen Haaren bestand.

Eine Ahnung zog ihm das Herz zusammen. Er ließ den Kirchendiener stehen und lief fast nach dem Hause des Bürgermeisters. Dort fand er alles in großer Aufregung. Nilka war fort, aber niemand hatte sie fortgehen sehen.

Herr Lebize und seine Leute hatten laut nach ihr gerufen, aber keine Antwort erhalten.

Kaum hatte der Pfarrer dies erfahren, als auch schon Pastor Lagarrigue erschien. Er hielt einen Strauß roter Rosen in der Hand, der dem, den der Kirchendiener gefunden hatte, ganz gleich war ... In ihrer Erregung redeten der Pfarrer und der Pastor miteinander.

»Sie auch? ... ein Strauß, und auch mit Haaren zusammengebunden?«

»Ja, auf meinem Fensterbrett, heute früh.«

»Wissen Sie, daß Nilka mit ihrem Kinde verschwunden ist? ...«

»Fort für immer?«

»Sicherlich! Sie hat in dieser Scheune geschlafen ... Das Bett ist leer ... Sie muß vor Tagesanbruch geflohen sein.«

»O! Und ungetauft? ...«

»Ungetauft, sie und das Kind!«

»Was die Kleine anbelangt«, rief die Tante des Pfarrers, die mit andern Weibern, die auch schon das Gerücht gehört hatten, angelaufen kam, »so hab ich sie neulich untergetaucht, ganz wies vorgeschrieben ist, solange der Herr Pfarrer die Mutter unterrichtete ... Ich traute der Sache nicht recht! ...«

»Haben Sie das getan?« rief der Pastor und sah etwas heiterer aus.

Protestanten und Katholiken lobten die brave Frau. So zog wenigstens die kleine Verlassene, die kurze Zeit so etwas wie das Kind des Dorfes Candéléou gewesen war, als Christin durch die weite Welt ... In der Verwirrung über diese unerwartete Flucht, von der beide feindlichen Parteien betroffen waren, vergaßen sie ihren Streit und wurden wieder Brüder.

»Ohne diesen Streit zwischen uns,« sagte ein Kluger leise, »hätte man mit der Taufe der Mutter nicht so lange gewartet! ...«

In der Menge, die sich allmählich angesammelt hatte, stimmte alles dieser Meinung zu. Der Bürgermeister Lebize, der bis dahin geschwiegen hatte, sagte mit einem leichten Lächeln:

»Herr Pfarrer, und Sie, Herr Pastor, glauben Sie wirklich, daß diese Zigeunerin am Tage des Gerichts verdammt werden wird, weil das Taufwasser ihre Stirn nicht berührt hat?«

Banges Schweigen.

»Christus ist sogar für die Heiden auferstanden,« erklärte endlich Herr Lagarrigue, »der Apostel Paulus sagt es ausdrücklich.«

»Gewiß,« bestätigte der Pfarrer, »die Barmherzigkeit Gottes ist grenzenlos. Und das Herz dieses Mädchens war nicht schlecht. Sie ist sicherlich nur deshalb so plötzlich und heimlich fortgegangen, weil sie keinen von ihren beiden Lehrern kränken wollte.«

»Beten Sie beide für sie,« schloß der Bürgermeister ... »Heute ist Ostern für Protestanten und Katholiken, und, glauben Sie mir, auch für die arme Zigeunerin, die im letzten Augenblick nicht den Mut hatte, mit den Traditionen ihrer Rasse zu brechen. Beten Sie in Eintracht für sie, begraben Sie den Streit.«

Die Menge verlief sich langsam. Der Pfarrer und der Pastor gingen zusammen fort und sprachen höflich miteinander. Die Feinde von gestern drückten sich die Hände. Es war, als hätte Nilka den Streit auf ihrer Flucht mit fortgenommen und Frieden dafür zurückgelassen. Über den Dächern klangen die hellen und tiefen Glockentöne der protestantischen und der katholischen Kirche durch die klare Luft und läuteten das schönste Fest des Jahres ein. Der Streit der verflossenen Tage war begraben, und in diesem Augenblick war niemand in Candéléou, der nicht den großherzigen Worten des Bürgermeisters beigepflichtet hätte.

Ja, wahrlich, für alle hat Jesus von Nazareth den Stein von seinem Grabe aufgehoben.

.

Georges

Jawohl,« antwortete mir Doktor Nolle, der bekannte Spezialist für Nervenkrankheiten, »Sie haben recht; ich bin heute nicht gut aufgelegt. Ich habe eben der Katastrophe eines Pariser Abenteuers beigewohnt, eines intimen Dramas zwischen drei Personen, von denen die eine nur den Statisten gemacht hat: und diese Katastrophe war so plötzlich und schmerzlich, daß sie mir den heutigen Tag verdorben hat. Was wollen Sie, lieber Freund? Wenn man auch die Hälfte seines Lebens unter Siechen, Verdrehten und Verrückten verbracht hat, es bleibt einem im Herzen immer irgend ein empfindsamer Winkel, der sich nicht abstumpfen will ... Hören Sie zu, ich will Ihnen die Geschichte erzählen. Sie können vielleicht etwas daraus machen; und ich habe das Bedürfnis, mich darüber auszusprechen.

Ich glaube nicht, daß Sie oft mit Kokotten verkehren, ? Horizontale sagt man ja wohl heutzutage, bis ein neueres Wort auch diesen Ausdruck entthronen wird ? aber Sie kennen doch sicherlich die kleine Laure Harding, wenn auch nur vom Hörensagen. Sie werden ja wohl irgendwo im Bois, im Theater oder im Zirkus das niedliche Meißner Figürchen mit den roten Haaren, dem kindlichen Profil, den nervösen, ungeduldigen, hackigen Bewegungen gesehen haben. Und sicherlich wissen Sie, daß unter den zahlreichen Passanten ihres Schlafzimmers zwei Namen eine besondere Rolle spielen: der eines bekannten Malers und Lebemannes und der eines russischen Fürsten. Der letztere ist der Liebhaber von gestern, der Statist in meinem Drama.

Unter allen diesen Gästen für eine Stunde oder einen Tag hat es einen gegeben, der ihr ein dauernderes Andenken hinterlassen hat, als das Schmuckstück, das bei Gelegenheit solcher Abschiede üblich ist: einen Sohn.

Ja, das weiß niemand, oder man hat es vergessen, aber Laura Harding wurde Mutter. Dies Ereignis fällt in den Anfang ihres galanten Lebens; als sie zwanzig Jahre zählte, bekam sie diesen Sohn, in einer Zeit der Unsicherheit und des vergoldeten Elendes, als gerade einige Künstler sie in die Welt einzuführen begannen. Kaum war sie von der Last ihrer Schwangerschaft durch die Entbindung befreit, da vertraute sie ihr Kind mir an ? denn ich war ihr Arzt. Ich brachte das kleine Wesen in einen normannischen Marktflecken, zu einer Frau, die mir ergeben war, in die Nähe von einigen Freunden, die sich des Kindes annehmen wollten.

Georges Harding verlebte so seine ersten Jahre auf dem Lande und wurde von den braven Leuten, die ihn aufgenommen hatten, sehr geliebt, fast als eigener Sohn betrachtet. In unregelmäßigen Zwischenräumen, wenn der Anblick einer Mutter, die ihr Kind auf dem Arme trug, oder einige sentimentale Phrasen aus einem Theaterstück oder einem Roman Laure eine Anwandlung von Mütterlichkeit in den Kopf setzten, verließ sie ihr Palais in der Pronystraße, reiste plötzlich nach der Normandie, fiel wie ein Meteorstein in das friedliche Heim, in dem das Kind aufwuchs und überschüttete den Kleinen mit Küssen und Goldstücken ... Dann kehrte sie, dieser Rolle rasch überdrüssig, mit dem nächsten Zuge wieder nach Paris zurück und vergaß auf Monate hinaus, daß sie einen Sohn hatte.

Als Georges sein neuntes Jahr erreicht hatte, mußte ich meiner Patientin klarmachen, daß es wohl Zeit sei, ihn noch etwas anderes lernen zu lassen, als was das Dorf ihn lehren konnte: denn das war nur Lesen, Schreiben und Kegelschieben. Ich schlug ihr ein Pariser Gymnasium vor. Dort, glaubte ich, könnte er sich beim Lernen nach und nach an seine wahre Stellung in der Welt gewöhnen: daß er der Sohn einer Dirne war ? und könnte später mit meiner Hilfe einen Beruf nach seinem Herzen ergreifen ... Aber Laure wollte von einem Gymnasium nichts wissen. Sie fand das zu demokratisch.

?Ins Gymnasium, Doktor! Wo denken Sie hin? Dort wäre er ja mit den Söhnen meines Schuhmachers und meines Portiers zusammen ... Wenn er sein Abiturium hat, wird er weder eine Frau zu grüßen noch sich bei Tisch zu benehmen verstehn. Ich will, daß Georges zu den Jesuiten kommt. Nur die Väter Jesu verstehen es, aus ihren Schülern wirkliche Gentlemen zu machen.?

Georges Harding kam also nach Jersey, ins neue Institut, das die aus Frankreich vertriebenen Jesuiten auf der Insel, die ganz nahe bei Saint-Hélier liegt, gegründet haben. Es war ein schweres Stück Arbeit gewesen, ihm dort Aufnahme zu verschaffen; und nur unter der förmlichen Bedingung, daß er auch seine ganzen Ferien dort verleben müßte und erst nach beendetem Studium nach Paris zurückkehren dürfte, war er endlich aufgenommen worden. Seine Mutter aber durfte ihn aufsuchen, so oft sie wollte.

Ein einziges Mal in fünf Jahren machte sie diese Reise, wurde bei der Überfahrt furchtbar seekrank und hatte nie wieder den Mut, noch einmal hinzufahren.

Während dieser fünf Jahre arbeitete Georges fleißig, er wurde einer der glänzendsten Schüler des Hauses. Jede Woche schrieb er seiner Mutter einen langen, zärtlichen Brief. Sie schrieb ihm fünf oder sechs mal im Jahre ein kurzes Briefchen ohne Anfang und Ende im Kabinett eines Nachtrestaurants, in den weichen Augenblicken, die den Minuten folgten, in denen sie, wie sie sich ausdrückte, sehr glücklich gewesen war.

... Vor sechs Monaten etwa bekam Laure vom Rektor in Jersey folgenden Brief, den sie mir zeigte:

 

?Sehr geehrte gnädige Frau!

Ihr lieber Georges hat seine Gymnasialstudien beendet. Der Augenblick ist gekommen, wo er sich einem speziellen Beruf zuwenden muß. Er zeigt Neigung für den militärischen Beruf. Wenn Sie geneigt sind, diese Liebhaberei zu begünstigen, werden wir glücklich sein, Georges bei seiner Rückkehr in unser Spezialkollegium in der Chomondstraße aufzunehmen. Jetzt ist es an Ihnen, die Entscheidung zu treffen. Unsere Rolle ist vorläufig ausgespielt, und wir bitten Sie, das liebe Kind, das uns in der nächsten Woche verläßt, gut zu empfangen.

Empfangen Sie, gnädige Frau, die Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung.

L. Clément, S. J.,
Rektor.?

 

Dieser Brief kam Laure etwas überraschend. Sie verstand die Absicht der Jesuiten nicht, die als sehr umsichtige Leute Georges Gelegenheit geben wollten, seine gesellschaftliche Stellung kennen zu lernen, bevor er als erwachsener Mann die ersten Schritte ins Leben tat.

Sie begnügte sich für den Augenblick damit, das hübscheste Zimmer in ihrem Palais für ihr heimkehrendes Kind instand zu setzen. Nach einigen Tagen traf er ein. Trotz der linkisch vornehmen Manieren, die die Jesuiten ihren Zöglingen beibringen, hatte er doch, soviel ich bemerken konnte, ein offenes, zärtliches Herz. Und ganz sonderbar! er betete diese Mutter geradezu an, die ihn von seiner Geburt ab sozusagen verlassen hatte. Er zeigte ihr so viel Bewunderung, Liebe und Verehrung, daß die junge Frau trotz ihres Leichtsinns davon aufs tiefste bewegt wurde. Vierzehn Tage lang war sie wenigstens ganz vernarrt in ihren Sohn. Überall sah man sie mit ihm, abends in ihrer Loge, nachmittags in ihrem Wagen. Der ernsthafte Liebhaber ? der russische Prinz ? war ersucht worden, seine nächtlichen Besuche einzustellen: Laure suchte ihn heimlich auf. Georges bemerkte nichts Abnormes und ahnte nichts. Bedenken Sie nur, seit er denken konnte, hatte er in einem Kloster gelebt, und von den Wirklichkeiten der Liebe wußte er nicht mehr, als ein junges Mädchen, das gerade aus dem Kloster kommt.

Meine Patientin wurde ihrer Mutterrolle, die sie anfangs unterhalten und amüsiert hatte, bald wieder müde. Sie machte sich langsam aus der Gebundenheit frei, die sie sich um ihres Sohnes willen auferlegt hatte. Der Liebhaber und die Liebhaber erschienen wieder ganz offen bei Tage im kleinen Palais in der Pronystraße; die Abendessen in den Restaurants, die bis zum Morgen dauernden Festlichkeiten fingen wieder an ... Georges war ein wenig traurig, daß seine Mutter ihm immer weniger gehörte, aber er erriet noch immer nichts. Seine Augen waren zu unschuldig, um die Wahrheit zu sehen.

Da vergaß Laure, die einige Gläser Champagner zuviel getrunken hatte, es vorgestern wahrscheinlich, daß ihr Sohn im Hause war, und brachte in ihrem Wagen den Prinzen mit, der nicht unzufrieden damit war, daß er seine alten Gewohnheiten wieder aufnehmen durfte. Aber sie bat ihn doch, keinen unnötigen Lärm zu machen: ihr Sohn schliefe gerade in dem Zimmer über ihnen; er dürfe nicht wach werden.

Aber kaum waren sie ins Schlafzimmer eingetreten, da kam es zwischen der jungen Frau und ihrem Liebhaber, die beide halb betrunken waren, zu einem Streit. Der Russe, der sehr jähzornig ist, hat die Angewohnheit, seine Wut bei solchen Gelegenheiten an den Möbeln auszulassen. Unter wilden Flüchen packte er eine Topfpflanze am Stiel und schleuderte sie samt ihrem Porzellantopf in den Spiegel zwischen den Fenstern.

Der Lärm war fürchterlich. Kein Dienstbote zeigte sich: sie waren schon so instruiert. Einen Augenblick darauf öffnete sich die Tür, und Georges trat ein ...

Er blieb auf der Schwelle stehen, ganz starr vor Überraschung. Die junge Frau und der Prinz, die beide fast nackt waren, flüchteten instinktiv ins Bett, als sie Schritte vernahmen. Einige Sekunden lang sahen der Liebhaber, die Dirne und ihr Kind sich stumm in die Augen. ... Dann schalt Laure, die durch den Schrecken nüchtern geworden war, ihren Sohn sanft aus: ?Geh jetzt, Georges ... Das ist unschicklich, so spät in mein Zimmer zu kommen ... Geh wieder ins Bett ... Rasch, mein Liebling.?

Der Sohn zeigte mit dem Finger auf den Prinzen, den er schon am Tage bei der Mutter gesehen hatte, und fragte leise:

?Warum ist der in deinem Zimmer, der?? Sie antwortete, während sie ihn hinausdrängte:

?Er ist da, weil ichs ihm erlaubt habe ... Kümmere dich nicht um diese Dinge ... Geh rasch hinauf in dein Bett und komm nicht wieder her.?

Der Sohn senkte den Kopf und gehorchte. Er ging wieder in sein Zimmer. Was mag in dieser Nacht in dieser jungen Seele noch alles vorgegangen sein? Hat ein rascher Blitz, hat langsame Überlegung ihn über die Stellung seiner Mutter und ihr Verhältnis zu ihm aufgeklärt? Niemand wird es je erfahren: denn Laure Hardings Sohn hat sein Geheimnis mit in den Tod genommen. Als die junge Frau, beunruhigt, weil er nicht zum Frühstück kam, in sein Schlafzimmer trat, fand sie ihn an einer Säule seines Bettes erhenkt, ? es war ein großes bretonisches Bett. ? Um seinen Hals war eine Vorhangschnur geschlungen. Und sein Gesicht war schon ganz schwarz.

... Der Schrecken und der Schmerz, das war für das schwache Herz dieser Tochter der Freude zu viel ... Sie erwachte nur aus ihrer Ohnmacht, um in Zitter- und Starrkrämpfe zu fallen. Ich habe sie heute nachmittag in die Salpetrière gebracht.

... Das ist meine Geschichte,« schloß Doktor Nolle. »Sie sehen, lustig ist sie nicht. Das Leben aber auch nicht.«

.

Die Brust

Vor sechs Wochen, an einem Märzabend, hatten sie sich kennen gelernt. Sie kam aus ihrer Werkstatt, er aus seinem Ministerium zurück. Und seitdem gingen sie täglich Seite an Seite die Straßen Sainte-Anne, Taitbout, Notre-Dame-de-Lorette entlang und benutzten, wenn es regnete, Arm in Arm denselben Schirm.

Er machte ihr diskret und bescheiden den Hof, wie ein Mann, dem das Elend und der Ekel des Lebens die Spannkraft der Hoffnung mit dem dreißigsten Jahre zerbrochen haben und der nicht mehr an die Möglichkeit glaubt, seine Wünsche könnten sich verwirklichen. Sie antwortete ihm ausweichend und tat, als hielte sie alle seine Worte nur für Scherz; manchmal aber war sie doch ein wenig verwirrt, verstummte sie plötzlich, weil ihr die Stimme versagte.

An der Ecke der Laferrièrestraße, in der das junge Mädchen wohnte, wurden ihre Schritte langsamer, und sie trennten sich immer in einer leichten Verlegenheit.

»Sollen wir wieder so auseinandergehen, Fräulein Marie?« fragte der Beamte.

Sie antwortete und versuchte dabei ihrer Stimme Festigkeit zu geben:

»Natürlich, Herr Jean ... Wir müssen ja zu Abend essen und dann schlafen gehn, nicht wahr?«

»Und wenn wir zusammen essen würden? ... Zum Schlafen müßten wir uns allerdings trennen ... wenn Sie nicht ...«

Sie lachte und drohte mit dem Finger.

»Sie sind nicht bei Trost. Gehn Sie nach Hause und sein Sie artig. Vielleicht morgen.«

»Das sagen Sie immer! Lassen Sie mich wenigstens für einen Augenblick mit in Ihr Zimmer ... ich möchte es gern einmal sehen.«

»Nein, Herr Jean, nein,« antwortete das junge Mädchen, auf einmal ernst. »Warum bitten Sie mich jeden Tag darum? Ich sage Ihnen doch, es geht nicht. Ach, machen Sie doch kein böses Gesicht, sagen Sie mir nett und freundlich auf Wiedersehn.«

Sie streckte ihm ihre kleine schwarzbehandschuhte Hand entgegen. Er legte seine schwere bloße Hand hinein. Und trotz alledem fühlten beide in dem Händedruck, den sie tauschten, Liebe.

*

Wenn er sich von ihr getrennt hatte, ging er rascher nach seiner Wohnung zu. Mit vollem, beklommenem Herzen träumte er vor sich hin, denn er war traurig, weil er Mariens blasses Profil nicht mehr neben sich sah, ihren Rock und ihren Arm nicht mehr im Gehen streifte; und außerdem quälte ihn eine unklare Angst, die Angst vor irgend einem schlimmen Geheimnis, das am Ende das junge Mädchen verhindern könnte, ihm jemals anzugehören.

Warum verweigerte sie sich ihm und wollte sich ihm nicht hingeben? Warum erlaubte sie ihm nicht, sie auf einen Augenblick zu besuchen? Warum war sie immer so verlegen, wenn sie Abschied voneinander nahmen? Sie war ja doch nicht mehr unschuldig, wenigstens vermutete er das, weil sie einige Worte hatte fallen lassen, die darauf hindeuteten, weil sie zuweilen Anspielungen auf Körperlichkeiten der Liebe gemacht hatte, wie eine, die diese Dinge schon kannte ... Und dann ist ein völlig unabhängiges Mädchen von zwanzig Jahren, das zugleich völlig unberührt ist, in Paris eine Seltenheit ...

Was der Beamte befürchtete, war, daß Marie in diesem Augenblick einem andern geben könnte, was er für sich ersehnte. In der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft hatte er sie zu fragen gewagt: ? »Haben sie jemanden? ...« Und die Antwort des jungen Mädchens war gewesen: ? »Nein ... Ich bin ganz allein! ...« Und das war in einem so festen und aufrichtigen Ton gesagt worden, daß er an der Wahrheit ihrer Worte nicht zweifelte. Später aber, da sie hartnäckig jede Annäherung zurückwies, fing er zu zweifeln an.

Zuweilen fühlte er sich versucht, Nachforschungen anzustellen, die Portiersfrau in der Laferrièrestraße auszufragen ... Mit einem Silberstück konnte er sich die Wahrheit kaufen ... Aber abgesehen von der Schüchternheit des armen Teufels, die ihm einen solchen Schritt erschwerte, schrak er unbewußt auch vor dem zurück, was er am Ende erfahren würde. So wußte er wenigstens nichts, er konnte glauben, Marie lebe allein ... Die Gewißheit, daß sie einen Liebhaber hätte, würde ihm soviel Kummer bereiten, daß ers daraufhin nicht wagen wollte. Denn er liebte sie wirklich.

*

Die Tage gingen, und schon war der Frühling gekommen. Es war Mai geworden, das verkündeten die Blätter der Kastanienbäume auf den Boulevards, die offenen Wagen auf den Straßen, die hellen, leichten Gewänder der blühenden Frauen. Jetzt war es noch ganz hell, wenn der Beamte und die Modistin Seite an Seite den Hang des Montmartre hinunterstiegen. Sie gingen ganz langsam, da die lässige Ruhe dieser sinkenden Tage sie ansteckte, dieser Tage, die sich wie schöne junge Mädchen nicht entschließen konnten, zu sterben. Ihre feuchten Hände verließen sich nicht mehr, ihre Finger und ihre Blicke liebkosten sich; wenn der Moment der Trennung kam, gingen sie noch ein Stückchen in die Laferrièrestraße hinein, die immer einsam dalag, und dort küßten sie sich ohne Ende. Jean flehte:

»Marie, ich bitte dich ... komm mit mir ... oder laß mich zu dir hinauf ...«

Und sie antwortete, indem sie sich aus seinen Armen, die sie fest umschlangen, zu lösen suchte:

»Nein! nein! noch nicht ... Warte ein wenig ... ein paar Tage noch ... nicht mehr lange.«

Eines Abends, als er sie mit ganz besonderer Glut anflehte, flüsterte sie, schon halb besiegt, an seiner Schulter:

»Willst du durchaus nicht warten ... willst du durchaus mit hinaufkommen?«

»Ich kann nicht länger warten ...« hauchte er ... »ich bitte dich inständig ... Ich will dir nichts tun, aber ich möchte mit dir an einem Ort sein, wo niemand uns sieht!«

»Wirst du aber auch vernünftig sein? Versprichst du mir, keine Dummheiten zu machen?«

»Ich verspreche es dir.«

»Also,« sagte sie entschlossen ... »dann komm!«

Sie ging vor ihm her und klopfte an das Fenster der Portierloge.

»Ich bins, Frau Parquet!«

»Schön Fräulein,« antwortete eine Frauenstimme. »Ich bring ihn Ihnen gleich. Sie glauben nicht, wie er sich nach Ihnen gebangt hat!«

Marie ging durch den Hof. Ihr Freund folgte ihr. Sie bewohnte ein Zimmer im sechsten Stock, ein kahles, großes Dachzimmer. Als sie oben waren, stieß das junge Mädchen die Tür auf, sah dem Beamten ins Gesicht und sagte:

»Hören Sie, Herr Jean ... Sie wollten durchaus heraufkommen, Sie sehn, daß es bei mir nicht sehr hübsch ist. Aber es gibt etwas, was Sie nicht wissen, und was ich Ihnen sagen muß. Ich habe mich schon einmal vergangen.«

Sie schwieg einen Augenblick. Er antwortete nichts und rührte sich nicht. Er dachte: »Ich wußte es ja ... Warum macht es mich denn so traurig, daß sie es mir erzählt?«

Marie sprach weiter:

»Das ist nicht alles ... mein Verhältnis mit dem Mann, dem ich gehört habe, ist nicht ohne Folgen geblieben ... Er hat mich dann verlassen ... Ich habe ein Kind.«

»Ein Kind,« wiederholte Jean erstaunt ... »ein großes Kind schon?«

»Nein,« antwortete sie ... »ein ganz kleines Kind ... ein Kind von elf Monaten ... Und ich wollte ... mich dir nicht hingeben, obgleich ich dich liebe, weil er noch nicht entwöhnt ist, ich stille ihn noch ...«

Die Tür öffnete sich; die Portier-Frau erschien, es war eine dicke Frau mit einem jungen Gesicht und ergrauenden Haaren, im Arm hielt sie ein leise wimmerndes Kind.

»Da ist er. Er greint schon seit einer Stunde, er möchte trinken.«

Sie legte ihn in die Arme seiner Mutter, die ihm zärtlich Gesicht, Händchen und den ganzen kleinen Körper küßte.

»Guten Abend, mein Herr, guten Abend, Fräulein!« sagte die Frau dann und ging fort. Marie bot dem Beamten einen Stuhl an:

»Setzen Sie sich, Herr Jean. Stört es Sie nicht, wenn ich den Kleinen stille?«

Er stammelte:

»Nein, nein! ...« und fühlte sich von Traurigkeit und Mitleid ergriffen. Er setzte sich an der Ofenecke auf einen Stuhl und hielt, um sich Haltung zu geben, seinen Hut krampfhaft mit beiden Händen fest. Das menschliche Bündelchen auf dem Schoß, saß Marie ihm gegenüber. Sie öffnete ihr Kleid. Einen Augenblick sah Jean die Weiße einer Brust, aber ein Tuch, das sie über den Kopf des Kindes warf, verbarg sie ihm gleich wieder ... Die Mutter lächelte.

»Vier solche Mahlzeiten verlangt er täglich,« sagte sie: »Morgens, eh ich ins Atelier gehe; zu Mittag und am Abend, wenn ich wiederkomme, und dann noch eine um Mitternacht. Außerdem gibt ihm die Pförtnerin noch zweimal am Tage sterilisierte Milch.«

Jean fragte:

»Und er, dessen Sohn das ist, was ist aus ihm geworden?«

Sie antwortete ohne Bitterkeit:

»Er ist fort. Er ist wieder in seiner Heimat, in Poitiers; er ist verheiratet.«

»Haben Sie ihn sehr geliebt?«

Sie errötete ein wenig ...

»Ich hab ihn anfangs geliebt. Nachher war er nicht gut zu mir; so hab ich mich von ihm losgemacht. Könnte ich das Geschehene rückgängig machen, heute würde ich es nicht wieder tun ... Aber wenn man jung und unerfahren ist?«

*

Eine Zeitlang schwiegen sie. Man hörte im Zimmer nur das Saugen und Schlucken des Kindes. Jean litt nicht mehr so sehr, wie eben noch. Mariens Worte hatten ihn beruhigt. Er dachte voll Freude: ? »Sie hat niemanden ...« Er liebt sie um ihrer Einsamkeit willen und fühlte in seinem Innern eine dunkle Neigung für dies kleine unbewußte Wesen entstehen, das ihm Maries Keuschheit garantierte ...

Endlich hatte das Kind genug getrunken und schlief jetzt in seiner Wiege hinter dem Vorhang des Alkovens. Jean und Marie lehnten im Fenster; sie träumten, ihre Gedanken waren schwer von der unbestimmten Erregung, die jedes Liebeshindernis in die Seelen gießt ...

Die Modistin flüsterte:

»Jetzt verstehst du wohl, warum ... ich nicht wollte ... Denn ich liebe dich auch sehr, und es ist mir nicht leicht geworden, dir nein zu sagen.«

Der Beamte, der sie wieder ihr Kind nährend vor sich sah, gewann an Liebe, was er an Begier verlor, und erwiderte:

»Ja ... du hast recht, Marie ... Wir dürfen nicht ... noch nicht ... Wir müssen warten, bis du ihm nicht mehr die Brust gibst.«

.

Der Unruhige

Was habe ich aus meinem Leben gemacht?« sagte Joris zu mir. »Welches Schicksal hat alles, was gleich Glückverheißungen in mir erklang, in Unruhe und Elend verwandelt? ... Rund um mich ist völlige Nacht: ich weiß nicht mehr, was ich nur wünsche; was ich fürchte, hat keinen Namen. Ich fürchte mich vor einem Gedanken, den ich selbst erregt habe. Ich gleiche jenem Zauberlehrling, der Geister um sich heraufbeschworen und das Wort vergessen hat, das sie wieder ins Nichts bannt ...

Dennoch habe ich das Glück mit allen meinen Sinnen gefühlt, oder doch wenigstens etwas wie eine Art lebhafte Freude. Sie hat meinen Geist mit ihren Strahlen gewärmt, und ohne Zögern konnte ich sagen: ?Ich bin glücklich.? Ich habe die Freude gekannt, die Kinder an ihren Spielsachen haben, und bei der das Bewußtsein mitspricht, daß es auch eine Freude ist, diese Spielsachen entzweizumachen. So habe ich mit der Liebe der Frauen gespielt, ich habe ihre Liebkosungen genossen und mich dabei im voraus schon wieder auf die Freiheit meines Herzens gefreut, die ich jederzeit wieder gewinnen konnte. Jetzt aber hat dieses Herz leiden gelernt, mit Entsetzen denke ich an all das Unheil zurück, das ich im sorglosen Egoismus meiner ersten Jugend angerichtet habe. War ich schuldig? Ich wußte ja nicht, daß man so leiden kann? ... Ich meinte, die Liebe und die Lüge verbänden sich wunderbar, um mein Leben zu verschönen. Täuschungen, wo es sich um sentimentale Abenteuer handelte, dies Wort hatte für mich einen hübschen, zierlichen Sinn, der sehr verschieden von dem des gemeinen Synonyms: ?Lügen? war.

Aber der ungesunde Same, den ich gleichgültig ausgestreut habe, hat gekeimt und ist geheimnisvoll gewachsen. Aus ihm ist der Baum der Lüge erstanden, dessen schwerer Schatten mich jetzt verfinstert und bedrückt.

... Ich war achtundzwanzig Jahre alt, als Germaine mir zuerst begegnete. Mein jugendlicher Egoismus war der unbegrenzten Freiheit des Junggesellentums schon satt und suchte in der Ehe einen neuen Reiz für weitere Abenteuer mit mehr Bequemlichkeit und mehr gesellschaftlicher Bedeutung.

Die Frauen ? brauche ichs dir erst zu sagen? ? flößten mir alle ein tiefes Mißtrauen ein: aber da ich eine Schwester hatte, die ich liebte und die mir die Reinheit selber zu sein schien, wagte ich noch an die Unschuld einiger junger Mädchen zu glauben. Germaine gewann mich noch mehr durch ihre Unschuld als durch ihre Schönheit. Sie war aus einer ausgezeichneten, wenn auch halb verarmten Familie. Ich war oft bei ihren Eltern, die schon seit langen Jahren mit meinen Eltern bekannt waren; ich eroberte das schutzlose Kind mit der Geschicklichkeit, die einem ein ausschweifendes Leben verleiht. Bald konnte ich nicht mehr daran zweifeln, daß Germaine mir ihr Herz geschenkt hatte.

Ich beschloß jedoch, sie noch einer letzten Prüfung zu unterziehen, bevor ich sie heiratete.

Eines Tages, als ich mit ihr allein war, ihre Hände in meinen hielt und ihr tief in die Augen sah, hatte ich den häßlichen Mut, zu ihr zu sagen:

?Germaine, ich liebe Sie. Wenn mein Leben frei wäre, würde ich Ihre Eltern um Ihre Hand bitten ...?

Ihr schwanden schon die Sinne ... Ihr Kopf sank auf meine Schulter. Ich richtete sie sanft auf:

?Germaine, ich kann Sie nicht heiraten. Mein Leben ist an das Leben einer andern Frau gekettet, und ich darf diese Bande nicht lösen. Aber ich liebe Sie und werde Sie immer lieben. Wollen Sie mein sein? ...?

Sie antwortete unter Tränen, die still aus ihren Augen flossen:

?Lieber Freund, ich gehöre Ihnen ... Aber da ich Ihre Frau nicht sein kann, wodurch könnte ich dann beweisen, daß ich Ihnen gehöre??

Ich sah wohl, daß die Unschuld ihres Herzens ihr diese Worte eingab.

Und denke dir, ich war so niederträchtig, dies Kind als meine Braut zu behandeln, obgleich ich ihr sagte, sie könnte niemals meine Braut oder meine Frau werden. Wie hätte sie mir widerstehen können? Sie liebte mich. Wenn sich ab und zu doch die Stimme des Gewissens in mir regte, brachte ich sie zum Schweigen, indem ich mir sagte: ?Was tut das, da ich ja doch den festen Willen habe, Germaine zu heiraten? Da es nur eine Probe ist, da die Geschichte von meiner Liaison erlogen ist? ...? Und wirklich war alles nur ausgedacht. Ich fand dies Mittel, das ich anwandte, um zu erkennen, ob Germaine mich liebte, durchaus erlaubt und sogar genial; denn die Gefährlichkeit der Ehe, sagte ich mir, liegt darin, daß das junge Mädchen, so ehrlich und aufrichtig es auch sein mag, oft selbst nicht weiß, ob sie den Mann, den sie heiratet, auch wirklich liebt ... Sie liebt den legitimen Bewerber, die gesicherte Position, die Mutterschaft, die ihr in Aussicht gestellt wird. Ich aber wollte wie ein Geliebter geliebt werden. Und ich war stolz auf meine Geschicklichkeit, als Germaine, verliebt und verzweifelt, wie sie war, mir versprochen hatte, mir zu folgen, wohin es auch sei, und meine heimliche Geliebte zu sein, solange ich es wollte.

Am Morgen nach dem Tage, wo ich dies Versprechen ihren fieberheißen Lippen entrissen hatte, die jetzt den Sinn der Worte, die sie sprachen, kannten, suchte ich sie auf. Sie glaubte, ich käme, um ihr mitzuteilen, was für einen Fluchtplan ich entworfen hätte. Ich aber sagte ihr:

?Germaine, ich bringe Ihnen eine glückliche Neuigkeit. Ich habe die Verbindung, die mein Leben belastete, gelöst. Ich bin frei. Wollen Sie meine Frau werden??

*

Wenn es einen Lohn für die Lüge gibt, so habe ich ihn empfangen. Stelle dir die Frau ? und die Geliebte ? vor, die im ersten Jahre meiner Ehe gleichzeitig dies anbetungswürdige Kind für mich war; ihre Reinheit, die meine Liebkosungen mit Absicht getrübt hatten, erstand in der Ehe wieder ... Wir kannten wirklich keine jener Banalitäten, die ich im legitimen Besitz befürchtet hatte: Germaine betete mich sogar um der Leiden willen an, die sie durch mich erduldet hatte, um der Gewissensbisse und Tränen willen, die ich ihr gekostet hatte ... Und sie vergötterte mich auch deshalb, weil ich ihre verzweifelte Seele so plötzlich mit überraschendem, unermeßlichem Glück überschüttet hatte.

Ja, wir waren glücklich. So glücklich, daß das Zusammenleben mit dieser Frau mich unmerklich verwandelte, mir ein neues Herz gab. Meine unschuldige Genossin lehrte mich lieben ... Mein Egoismus schmolz an der zärtlichen Glut ihrer Selbstlosigkeit. Ich wurde besser; ich ahnte ein höheres Glück; aber zugleich erwuchs in mir die Fähigkeit, zu leiden, die mir früher gefehlt hatte. Ich merkte es nicht gleich, denn ich war glücklich. Jetzt, wo ich unglücklich bin, fühle ich wohl, daß ich nie so unglücklich sein könnte, wäre ich der Mann von einst geblieben, der ich vor meiner Heirat war.

Ich bin unglücklich, und doch bin ich reich, gesund und liebe meine Frau, die mich auch über alles und ungeteilt liebt. Was mich elend macht, kommt weder von ihr noch von mir: es ist keine Eifersucht, denn man kann auf sich selbst nicht eifersüchtig sein, nicht eifersüchtig auf das, was man gewesen ist ... Diese Angst ohne Grund und ohne Namen ist mir ganz unmerklich gekommen; ich kann kein Datum, keine Tatsache anführen ... Die Angst war zuerst unbestimmt wie das Jucken eines Geschwürs, das erst im Entstehen begriffen ist; dann war das Geschwür auf einmal da und jetzt frißt es unablässig am Patienten. Ich bin schweigsam und verdrießlich geworden. Ich fürchte, wahnsinnig zu werden oder zum Selbstmord zu kommen ... Germaine, die mich voll Schmerz beobachtet, ist unglücklich, sie ist außer sich und versucht vergeblich, mich zu beruhigen oder zu zerstreuen. Sie begreift nicht, wie der Mann, den sie vergöttert, und dessen heftige Liebe nicht kälter geworden ist, ihr ein so trauriges Gesicht zeigen, eine so gemarterte Seele haben kann ... Sie sucht es durch Zärtlichkeiten und durch Tränen zu ergründen ... Ich antworte ihr nicht, ich kann ihr nicht antworten ...

Wie soll ichs dir klar machen, daß die Lüge von einst an mir zehrt ... Daß ich Qualen ausstehe, wenn ich daran denke, daß sie fast die Geliebte eines Mannes geworden wäre, daß ihr Fall damals nur von der Gnade eines Mannes abhing? ... Dieser Mann war ich selbst, ich weiß es ja ... Aber ganz einerlei. Ich war es, und doch war es ein anderer. Ein liederlicher Egoist, ein versuchslüsterner Lebemann, ein Verächter der Frau ... In einen solchen Mann war sie verliebt; so einem hätte sie beinah ihre Keuschheit geopfert, so einem ihre Liebe ohne Entgelt geschenkt, nur aus Freude, in seinen Armen zu liegen ... Und die Geliebte dieses Banditen ist jetzt meine Frau! Und sie kann es nicht fassen, weshalb ich sie zuweilen mit brutalem Grausen zurückstoße, wenn sie mir ihren Mund entgegenhebt und ?mein liebster Mann!? zu mir sagt.« ?

.

Ein Scheck

Vier Habitués des Spielsaales plauderten gemächlich miteinander, die Füße auf das Kamingitter gestemmt, während im Kamin langsam das Herbstfeuer erlosch.

Sie warteten auf den Diener, der jeden Augenblick auf seinen dicken, weißen Waden durch den Saal kommen mußte, um die Herren zum Essen zu bitten. Unterdessen unterhielten sie sich träge, wie das überflüssige Feuer im Kamin ? über gleichgültige Dinge, wies im Klub Mode ist, wo Fragen und Antworten nicht gerade viel Nachdenken erfordern, sich aber immerhin mit einem Schimmer von mondäner Philosophie zu schmücken wissen und mit angenehmer Eleganz vorgebracht werden. Sie sprachen von den Beziehungen der modernen Liebe zum Gelde. Und die Ansichten, die in neuen Theaterstücken und Romanen darüber vertreten worden waren, waren nacheinander so methodisch wie Whistkarten hingeworfen worden, als auf einmal ein zu gut gekleideter Herr mit einem Gesicht von der Farbe einer unreifen Zitrone, der das j und das ü besonders weich aussprach, das Wort ergriff:

»Ich bin ganz Ihrer Meinung. Das Geld beschmutzt die Liebe. Es demoralisiert die Frauen, es verhindert die Entfaltung natürlicher Sympathien. Alle anständigen Menschen sollten eine Liga gegen den schmachvollen Brauch bilden, ein Geschäft aus der Liebe zu machen. Jeder, der dieser Liga beitritt, müßte sich verpflichten, niemals eine Frau aus der Gesellschaft durch das Angebot von Geld zu beleidigen, und jede Frau, die die Stirn hat, Geld zu verlangen, zu boykottieren.«

»Aber,« bemerkte der dicke Wechselagent, »es kommen Fälle vor ...«

»Ein Mann von Ehre versteht da einen Unterschied zu machen,« unterbrach ihn der Fremde. »Aber man ist schließlich auch verpflichtet, von Zeit zu Zeit einmal so einer unverschämten kleinen Person, die die Sitten der Halbwelt in die Gesellschaft einzuführen versucht, einen Denkzettel zu geben. Ich zum Beispiel ...«

Alle Augen und Stirnen erhoben sich in der Erwartung einer Anekdote.

»Ich zum Beispiel hatte neulich Gelegenheit, eine von diesen Damen zu behandeln, wie sichs gehört. Es war die Frau eines meiner Freunde. Kaum drei Jahre verheiratet. Aber Toiletten, ein großes Haus, Gesellschaften! ... Kurz, gänzlich wahnsinnige Ausgaben, so daß die Leute schon lange sagen: ?Die kleine N. N. ist verrückt ... Sie stürzt sich in Schulden!? Die kleine N. N. ist wirklich tief in Schulden geraten; aber verrückt ist sie durchaus nicht: sie weiß, daß sie für den Tag des Krachs eine ergiebigere Hilfsquelle als ihre Mitgift und das Einkommen ihres Mannes besitzt ... Ruhig, unter der Maske der ehrbaren Hausfrau, wirft sie ihre Netze aus.

Die junge Frau meines Freundes tat mir die Ehre an, ihre Netze nach mir auszuwerfen. Ich habe in den letzten Monaten hier im Klub viel Glück gehabt. Sie wußte das. Sie gratulierte mir von Zeit zu Zeit dazu und fragte mich dabei geschickt aus. Sie wollte nicht hineinfallen.

Eines Abends, als ich bei ihnen diniert hatte, nahm sie mich beiseite. Sie fragte mich, ob sie mir gefalle. Ich sagte aus Höflichkeit ja. Sie fragte immer wieder. Ich sagte immer wieder ja. Sie schien befriedigt zu sein.

?Warum aber machen Sie mir denn eigentlich nicht den Hof??

?Weil ich die Frauen meiner Freunde respektiere,? antwortete ich.

?Aber doch nur bis zu dem Tage wohl, wo es Ihnen selber besser paßt, nicht mehr respektiert zu werden??

?Sie habens erraten. Meine Tugend hat ihre Grenzen, und auch darin soll man nichts übertreiben.?

Sie lächelte, dachte einige Augenblicke nach und gab dann ganz unvermittelt folgenden Satz von sich, der mich trotz meiner guten Bekanntschaft mit dem Leben und den Frauen doch einigermaßen überraschte.

?So kann ich also an Sie denken, wenn ich eines schönen Tages mal einen Scheck nötig habe??

?Ich werde ihnen von Herzen dankbar dafür sein,? antwortete ich.

?Also abgemacht,? sagte sie.

Sie erhob sich, lächelte mich beim Fortgehn mit Mund und Augen an, ? und setzte sich neben eine alte Dame von hohem Rang, die die Zierde und der Glanz der Tafel gewesen war.

Ich muß gestehen, ich hielt dieses Gespräch und den Vorschlag, den sie mir zum Schluß gemacht hatte, für ein leichtfertiges Spiel mit Worten, ohne Bedeutung und ohne praktischen Zweck. Ich dachte schon nicht mehr an die Geschichte, als ich in der Woche darauf ein Stadttelegramm bekam, das ganz unbefangen mit dem Namen der jungen Frau unterzeichnet war.

Ich las:

?Morgen, Donnerstag, um drei Uhr werde ich zu Ihnen kommen, um mir den Scheck zu holen. ? Lucy.?

Was hätten Sie an meiner Stelle getan? Einfach die Tür verschließen? ... Das wäre sehr grob gewesen. Ihr den Scheck ohne Gegenforderung zuschicken? ... Das wäre dumm gewesen ... Meinem Freunde Mitteilung machen? ... Ein Ehrenmann respektiert die Geheimnisse einer Frau, welcher Art sie auch sein mögen. Der Zufall gab mir ein Verfahren ein, das der Dame eine heilsame Lehre sein mußte und mich doch in ihren Augen weder als dumm noch als fanatischen Moralisten erscheinen lassen konnte.

In dem Augenblick, wo mir das Stadttelegramm gebracht wurde, lag zufällig gerade ein Scheck auf meinem Tisch ... ein Scheck über ungefähr zweihundert Louis, zahlbar an den Überbringer ... es war ein Scheck auf die River Plate Bank ... Ich hatte ihn aus meiner Heimat zugeschickt bekommen. Dieser Scheck war durchaus in Ordnung und glich in jedem Punkt allen anderen Schecks derselben Bank, er war vom Absender richtig datiert, ausgefüllt und unterzeichnet. Nur zog sich quer durch die Mitte ein kleines durchbrochenes Muster, ein einfaches Wort, das hineingelocht war, es hieß:

Duplicata

Sie wissen wohl, meine Herren, daß es Sitte ist, Schecks, die über See gehen, doppelt auszufertigen und die beiden Exemplare mit verschiedenen Schiffen abzusenden, um Verzögerungen und Verluste zu verhindern.«

»Ja, das stimmt,« sagte der Wechselagent.

»Darauf baute ich meinen Plan. Ich bereitete am andern Tage alles zum Empfang der jungen Frau vor. Sie kam ganz präzise zur angegebenen Stunde. Das erste, was ich tat, war, daß ich ihr den Scheck gab. Sie hüpfte vor Freude wie ein kleines Mädchen, das ein Spielzeug geschenkt bekommt. Sie ließ sich erklären, wo und wie sie die Summe erheben könnte. Darauf barg sie den Scheck in ihrem Portefeuille und war zwei Stunden lang reizend zu mir ... Wir schieden als die besten Freunde der Welt, ohne ein neues Rendezvous zu verabreden, aber wir sagten uns: Auf Wiedersehn! ...«

Der Erzähler verstummte, als seine Geschichte zu Ende. Aber er mußte auf den Gesichtern seiner Zuhörer so etwas wie Unruhe und Unsicherheit lesen, denn er fügte hinzu:

»Ich hatte den Original-Scheck, wohlverstanden, schon vor vierzehn Tagen eingelöst.«

In diesem Augenblick ging der Diener durch den Saal und sagte mit vernehmlicher und dennoch diskreter Stimme:

»Bitte die Herren zu Tisch.«

Alle erhoben sich. Der fremde Herr und der Wechselagent gingen voran. Ihre beiden Klubgenossen folgten ihnen in einigem Abstand.

»Dieser Herr ist ein angenehmer Plauderer,« sagte einer von diesen beiden mit halblauter Stimme, »ist er schon lange im Klub?«

»Sechs Monate, glaube ich ...«

»Wirklich! ... Wer hat ihn eingeführt?«

»Oh, Bürgen, die über jeden Zweifel erhaben sind,« antwortete der andere.

Und der Diener mit den dicken, weißen Waden, der, als sie vorübergingen, seinen atlasglänzenden Bauch einzuziehen suchte, hörte die Namen der Herren, die jenen eingeführt hatten:

»Der Marquis von Soundso ... Don Alonzo Soundso ...« usw.

.

Begegnung

Der Musiker Francis Lecordelier und ich gingen schweigend den Boulevard Haußmann hinunter nach dem Park Monceau zu, wo unsere Wohnungen liegen. Es war gegen drei Uhr morgens; die Wagen und die Fußgänger wurden seltener, und wir fühlten das Nahen jener kurzen, nächtlichen Ruhezeit, die der Schlaf der Stadt Paris ist.

An der Ecke der Messine-Avenue löste sich ein Schatten aus der Finsternis der Mauern los; eine Stimme hauchte Worte, die wir nur halb verstanden.

»Meine Herren! ... Kommen Sie mit ... Es ist ganz nah ...«

Francis Hand krallte sich in meinen Ärmel.

»Ich bitte Sie,« sagte er, »wollen wir schneller gehen.«

Wir beschleunigten unsere Schritte. Die Gestalt folgte uns und bettelte:

»Geben Sie mir wenigstens etwas ... Ich habe heute abend noch nichts gegessen ... Geben Sie mir zehn Sous ... geben Sie mir was Sie wollen.«

Francis zog mich fort; er lief jetzt beinahe.

»Schicken Sie sie fort, bitte ... Geben Sie ihr etwas, damit sie uns in Ruhe läßt.«

Ich warf eine Silbermünze aufs Trottoir. Sie rollte in den Rinnstein, und die Bettlerin bückte sich, um sie aufzuheben. So blieb sie hinter uns zurück.

Wir standen vor meiner Tür. Ich sah, daß der Musiker ganz bleich war. Ich fragte:

»Was ist Ihnen?«

Er antwortete:

»Ich fühle mich nicht wohl ... Wenn Sie erlauben, geh ich mit Ihnen hinauf ... Sie geben mir irgend etwas zu trinken; das wird mich wieder auf die Beine bringen.«

Und leiser fügte er hinzu:

»Ich erzähle Ihnen dann, was mich so ergriffen hat.«

... Beim zweiten Glase begann Francis, der mit gesenktem Kopfe vor dem flackernden Kaminfeuer saß, seine Geschichte:

»Also,« begann er ... »Sie erinnern sich vielleicht noch, was für ein Mensch ich noch vor einem Jahre war, immer hinter allen Unterröcken her, niemals satt, wie alle Männer, die sehr lange keusch geblieben sind und dann erst plötzlich nach dem zwanzigsten Jahre haben die Zügel schießen lassen. Wenn sie nur jung waren, waren alle Frauen mir recht. Ohne viel Umschweife machte ich mich an sie heran, wo ich sie fand, ob sie nun anständig oder Straßendirnen waren, die meisten gehörten freilich der letzteren Klasse an. Das ist ja so leicht, wenn man nur ein bißchen entschlossen vorgeht!

In einer Nacht, es war fast so spät wie heute, kam ich von meiner Geliebten ? denn ich hatte inmitten dieses Wirbels von Zufälligkeiten außerdem noch eine Geliebte ? und ging rasch nach meiner Wohnung in der Toquevillestraße. Da, wo die Messine-Avenue in den Boulevard einbiegt ? gerade an der Stelle, wo uns heute abend die Person angesprochen hat, schob sich ein Frauenarm in meinen Arm, so rasch, so geheimnisvoll, daß ich die Empfindung einer übernatürlichen Berührung hatte, wie unsere modernen lyrischen Dramen nach Wagner sie in uns wachrufen, wo geistige Küsse das feste Fleisch der Ritter erbeben lassen ... Zugleich sagte eine jugendliche, musikalische, entzückende Stimme:

?Nehmen Sie mich mit?? ...

Ich sah mir meine Eroberung an. Eine kleine, schlanke, zierliche Frau, ganz in Schwarz und ziemlich elegant; ein dichter, weißer Schleier, der um ihr Gesicht und ihr Haar geschlungen war, verbarg mir ihre Züge; aber die Linie des Profils zeichnete sich klar und fein ab.

Ich antwortete, ohne mich zu bedenken:

?Natürlich nehme ich dich mit!?

?Ist es weit??

?Nein, ganz nah, in der Toquevillestraße.?

Auf dem kurzen Wege bis zu meiner Wohnung tauschten wir die kurzen, amüsanten Redensarten, wie sie zwischen Leuten üblich sind, die sich nicht kennen, sich nie gesehen haben und sich doch gleich in der höchsten menschlichen Zärtlichkeit verschmelzen wollen, in einer Zärtlichkeit, nach der es nichts mehr gibt, als miteinander sterben ... Haben Sie jemals darüber nachgedacht? Komisch und zum Fürchten ist das.

Als ich bei mir zu Hause Licht gemacht hatte und sie umarmte und ihr den Schleier abnehmen wollte, wurde sie plötzlich ernst. Ich gebe Ihnen mein Wort, sie wehrte sich!

?Nein ... lassen Sie mich,? sagte sie ... ?lassen Sie mich, mein Herr, ich will fortgehen.?

Ich glaubte zuerst, sie scherzte, sie spielte Komödie ... Aber nein, sie hatte Tränen in der Stimme: ich sah, es war ihr Ernst, sie wollte wirklich fortgehen. Dann warf sie sich aufs Bett, drückte den Kopf in die Kissen und legte einen Arm vors Gesicht. Ich kniete am Bette nieder. Ich entblößte den reizendsten, kleinen Fuß, den ich je gesehen. Sie ließ es geschehen. Ich wurde kühner. Sie sprang auf; aber ich hatte die Haut eines Kindes, zarte, feste Glieder gesehen, wie sie die Bronzestatuetten haben, die man in Pompeji unter der Asche gefunden und im Museum zu Neapel ausgestellt hat.

?Lösch die Lichter aus,? sagte sie.

Ich zitterte vor Begier; ich gehorchte ... Im Dunkeln zog meine Gefährtin sich sehr schnell aus. Einen Augenblick später war ich neben ihr.

Man kann Liebkosungen nicht beschreiben. Meine waren wie wahnsinnig. Wars das Romantische der Begegnung, der unerwartete Widerstand, das Geheimnisvolle in dieser Frau, die ich besaß und doch nicht richtig gesehen hatte, was mich so erregte? ... Vielleicht. Aber ich kann Ihnen schwören, nie vorher ? und nie nachher ? erinnere ich mich, eine ähnliche Liebesraserei erlebt zu haben.

Als meine Muskeln endlich meiner Begier den Dienst versagten ? sehr spät ? warf ich mich gebrochen, halbtot neben ihr nieder, ? sie wollte aufstehen und fortgehen.

Aber ich war wie wahnsinnig; ich hatte noch nicht genug ... Ich schlang meine Arme um ihren Leib, ich bedeckte ihn mit Küssen. Ich flehte sie an, noch zu bleiben. Sie wollte nicht, sie wand sich in meinen Armen, sie bat mich, sie loszulassen ...

Ich hatte eine Eingebung.

?Wenn du aufstehst,? sagte ich, ?mache ich Licht.?

Sie wurde sofort ruhig.

?Also,? sagte sie, ?ich bleibe.?

Gleich darauf schlief ich todmüde ein.

Es war heller Tag, als ich erwachte; meine Uhr, die über dem Kopfende meines Bettes hing, zeigte auf fünf Minuten nach zehn Uhr. ... Ich hatte zuerst das Gefühl, als ob mein Gehirn leer wäre, meine Gedanken tasteten unsicher, wie immer nach durchschwärmten Nächten; dann fiel die Erinnerung an mein nächtliches Abenteuer wie ein Keulenschlag auf mich nieder.

Ich wendete mich um: der Platz neben mir war leer; auf dem Kissen, das noch den Eindruck eines menschlichen Kopfes zeigte, war ein großer Blutfleck.

Ich bin kein Feigling. Ich habe mich nie vor irgend einer Gefahr, die einen Namen hatte, gefürchtet. Aber die unbekannte, namenlose Gefahr entwaffnet mich, ich gestehe es.

Ich mußte mir einige Augenblicke lang innerlich zureden, bevor ich mich entschließen konnte, aufzustehen, die Vorhänge meines Fensters zurückzuziehen und mich umzusehen. Mein Zimmer war in Ordnung; eine sorgsame Hand hatte sogar meine Kleider, die ich am Abend vorher achtlos auf den Boden geworfen hatte, aufgehoben und zusammengefaltet auf einen Stuhl gelegt.

Ich wagte endlich, mich dem Kissen zu nähern; der Blutfleck zog meinen Blick an, er hypnotisierte mich. Ich betrachtete ihn ganz aus der Nähe ... Er war hellrot ? der furchtbare Fleck einer blutigen Wunde; das Blut war nicht geflossen, es war durch den Druck von wundem Fleisch aufs Kissen gekommen ...

Und sie, wo war sie geblieben?

Fort war sie sicherlich ? meine beiden Zimmer waren leer ? ich hatte sie rasch abgesucht. Sie hatte sich aus dem Staube gemacht, während ich schlief, sie hatte sich still angekleidet und war entflohen.

Keine Spur außer dem Blutfleck auf dem Kissen war von ihr zurückgeblieben.

Ich warf das Kissen in eine Ecke, mit dem Flecken gegen die Wand. Mit sausenden Ohren begann ich mich anzuziehen ...

Aber als ich meinen Kamm nahm, um meine Haare, die ich damals noch lang trug, in Ordnung zu bringen, sah ich zwischen den Schildpattzähnen ein langes, weißes Haar hängen.

Wer kann den geheimnisvollen Mechanismus unserer Nerven erklären? Beim Anblick dieses weißen Haares wurde es plötzlich hell in mir, und ich sah, ja ich sah mit meinen leiblichen Augen die Geliebte dieser Nacht ? ich sah sie, wie sie wirklich war, davon bin ich überzeugt! Ich sah sie nackt mit ihrem wunderbar jung gebliebenen Körper, und auf diesem Körper einer Zauberin einen blutigen, weißhaarigen Kopf ... Ach Worte! Worte, um diese furchtbare Vision zu beschreiben! ... Dann dachte ich auf einmal daran, daß ich dies Ungeheuer an mich gepreßt, daß ich den Duft ihrer Haare eingeatmet, daß ich dies Gesicht geküßt hatte ...

Wie vom Blitz getroffen, fiel ich besinnungslos nieder.«

Francis goß sich ein Glas Chartreuse ein und leerte es in einem Zuge, dann fuhr er nach kurzem Schweigen mit leiser Stimme, die ruhiger klang, fort:

»Als ich wieder ins Bewußtsein zurückkam, lag ich im Krankenhaus. Ich hatte eine Gehirnhautentzündung, die zwei Monate dauerte, an der ich fast gestorben wäre, und die zwar meinen Geist nicht angegriffen, aber meinen Körper blutleer zurückgelassen hat, mich gleichsam vergeistigt hat, mir die Begier nach den Frauen und sogar die Lust an ihnen genommen hat ...

Ich habe natürlich die Wohnung gewechselt; ich bin kein einziges Mal mehr in die alte Wohnung gekommen. Ich vermeide (wenigstens am Abend und wenn ich allein bin), die Straßen, durch die wir eben gegangen sind ... Mit Ihnen ... habe ichs gewagt ... Aber Sie verstehen, diese Begegnung mit einer Frau an derselben Stelle ... Was wollen Sie, es hat mir einen Stoß gegeben ... und sogar (ich bitte um Verzeihung, Sie werden mich lächerlich und unbescheiden finden), aber wenn Sie ein zweites Bett haben, oder nur ein Kanapee ... ich würde heute lieber nicht nach Hause gehen.«

.

Régine

Wir waren ganz unter uns und erörterten die von den Moralisten oft aufgeworfene Frage: hat ein Vater oder ein Ehemann das Recht, sei es durch ein Testament, sei es durch bindende Ratschläge in der Todesstunde, das Herzensschicksal seiner Kinder oder seiner Frau zu beeinflussen?

Alle einigten sich dahin, daß derartige letzte Wünsche immer eine Unklugheit wären, mögen ihre Beweggründe auch noch so rein und edel sein. Ein Herr Descombes, der Notar in einem Städtchen unweit von Paris war, sagte darauf:

»Ich habe in meiner Praxis mehrere Beispiele von solcher Unklugheit kennen gelernt, und ich habe den Grundsatz, die unter meinen Klienten, die überhaupt auf mich hören, von solchen Streichen abzuhalten. Die Fälle, die ich nicht verhindern kann, haben gewöhnlich viel Unheil im Gefolge. Das Schmerzlichste, was ich in der Art erlebt habe, ist die folgende Geschichte:

Als ich noch erster Sekretär in meinem jetzigen Bureau war, war ich in der Gesellschaft unserer Stadt, die ja ganz nahe von Paris liegt, aber sehr kleinstädtisch ist, sehr gern gesehen. Ich war ein flotter Tänzer. Ich konnte ziemlich gut eine Quadrille, einen Walzer auf dem Klavier des Friedensrichters oder des Ingenieurs spielen. Ich besaß die Frische meiner fünfundzwanzig Jahre. Kurz, mit den zweihundert Franken Zulage, die ich von meinen Eltern bekam, mit meinem einförmigen Beruf, meinen schlichten Freunden und dem bescheidenen Ehrgeiz, eines Tages Herrn Gobins Nachfolger zu werden, fühlte ich mich vollkommen glücklich.

Ein junger Sekretär ohne Vermögen interessiert sich für heiratsfähige junge Mädchen. Es gab deren genug in unserem Kreise. Auch reiche gab es darunter. Auch liebenswürdige. Sogar hübsche. Nach den ersten paar Tanzgesellschaften wußte ich, daß das Schicksal in seiner ausgleichenden Gerechtigkeit diese drei Eigenschaften nur selten zu gleicher Zeit auf ein braunes oder blondes Haupt gehäuft hatte. Ich war ein vernünftiger Junge. Ich war höflich gegen alle, vermied es aber, zu tief in gar zu hübsche Augen zu sehen. Meine Wahl fiel auf ein kleines Mädchen, das nicht sehr umworben war, weil es schüchtern und durchaus nicht schön war. Als ich sie fünf Jahre später heiratete, brachte sie mir unter anderm auch Herrn Gobins Notariat in die Ehe mit; siebzehn allzu kurze Jahre bin ich vollkommen glücklich mit ihr gewesen. ? ? ?«

Herr Descombes sann, wie sichs gehörte, einen Augenblick ernst vor sich hin, weil er der Toten gedachte.

»Mein bester Freund Hurelin, der Obersekretär beim Rentamt für die direkten Steuern war, hat weniger klug gehandelt als ich. Er war selber arm und verliebte sich in die Ärmste unter unsern Tänzerinnen: ein Fräulein Régine de Pillière, die Tochter eines verabschiedeten Infanteriehauptmanns. Der Hauptmann war Witwer: seine Tochter wußte mit der bescheidenen Pension des alten Soldaten trefflich hauszuhalten. Dazu war Régine eine sehr hübsche Brünette, der Hurelin, der gleichfalls ein hübscher Junge war, so wenig mißfiel, daß sie seinetwegen eine glänzende Heirat ausgeschlagen hatte: den jungen Coubert, der der Sohn eines der reichsten Fabrikanten der Stadt war. Und Herr von Pillière war darüber selbstverständlich sehr ungehalten gewesen.

Sie erraten wohl schon, wie sich der Knoten dieses kleinstädtischen Dramas schürzte? Herr von Pillière hatte in seinem fünfundsechzigsten Jahre einen Schlaganfall, der seinen rechten Arm lähmte, seinen Geist aber klar ließ. Régine pflegte ihn mit aufopfernder Zärtlichkeit; aber sieben Monate später machte ein zweiter Anfall dem Leben des Hauptmanns ein Ende.

Er ließ seine Tochter mittellos zurück. In seinem Portefeuille fand man ein Testament, das die Angst ausdrückte, die er wegen der Zukunft seines Kindes hatte. Er empfahl sie einem seiner Freunde, einem hochgestellten Mitgliede des Generalstabes. Es schloß mit den Worten:

?Wenn meine liebe Tochter Régine will, daß ich in meinem Grabe Ruhe habe, bitte ich sie, auf ihren ersten Entschluß zurückzukommen und Herrn François Coubert zu heiraten, der sie aufrichtig liebt ...?

Régine benahm sich heldenhaft. Sie erklärte Hurelin, er hätte nichts mehr zu hoffen; sie heiratete François Coubert; ich hatte, weiß ich noch, den Ehekontrakt aufzusetzen. Ich hatte damals ein so weiches Herz, daß ich eine Träne auf mein Kanzleipapier fallen ließ, was mir einen strengen Tadel eintrug von Herrn Gobin.

Régine wurde Frau Coubert. Sie war reich. Sie hatte Kinder. Dieser Coubert war im Grunde ein anständiger Mensch; er behandelte sie gut. Dennoch war Régine nicht glücklich. Ich wußte es, weil sie, nachdem Hurelin die Gegend und seinen Dienst verlassen hatte, etwas von der Zuneigung, die sie dem Abwesenden bewahrte, auf mich, seinen liebsten Freund, übertrug. In den zwanzig Jahren, während derer ich in Beziehungen zu Frau Coubert stand, lernte ich die seltsame Wahrheit kennen: daß eine wahrhaft anständige Frau eine zwiefache Treue zu halten imstande ist, wenn auch die eine Treue die andere auszuschließen scheint. Régine war ihrem Manne eine vollkommene Frau; aber sie nahm nie zurück, was sie einst Hurelin von ihrem Herzen gegeben hatte. Coubert, der das wußte, litt nicht darunter; er war ein vergnügter Lebenskünstler, der sich nicht in gefühlvolle Spitzfindigkeiten verlor. Daß seine Frau hübsch und sparsam war und die Ehre seines Hauses strengstens wahrte, war alles, was er sich wünschen konnte. Aber Régine tröstete sich nicht. Die Wunde, die ihrer jungen Liebe geschlagen worden war, schloß sich niemals; und ich glaube, diese Wunde war die Ursache der Nervenkrankheit, an der sie im kritischen Alter vorzeitig starb.

Die Geschichte, die ich eben erzählt habe,« fuhr der Notar fort, »ist die Geschichte vieler Frauen, und ich könnte zehn andere ähnliche, deren Zeuge oder Vertrauter ich war, erzählen. Aber Réginens Geschichte hatte einen wahrhaft romantischen Epilog.

Als die arme Frau endlich die Todesruhe genoß, half ich ihrem Manne, ihre intimen Papiere zu ordnen. Wir fanden glücklicherweise keine schriftliche Spur der seelischen Qualen, die sie erduldet hatte. Das Geheimnis blieb zwischen ihr und mir. Wir stellten bewegt fest, daß sie pietätvoll alle kleinen Gegenstände, die von ihrem Vater stammten, aufbewahrt hatte, bis auf seine Hefte aus der Schule von Saint-Cyr, in denen Herr von Pillière in den letzten Monaten seiner Krankheit gern geblättert hatte. Ich öffnete mechanisch eins der Hefte und fand einen ganz vergilbten Briefbogen, auf dem in linkischer, zitternder Schrift folgende Worte standen:

?Unter der drohenden Nähe des Todes, der mich schon halb bezwungen hat, fühle ich, daß ich kein Recht habe, über das Herz meines Kindes zu verfügen. Das Testament vom 18. Januar ist null und nichtig. Régine soll heiraten, wen sie will.?

Die Schrift war, wie ich schon sagte, die eines Kindes, das erst schreiben lernt ... es war die Handschrift des Hauptmanns aus der Zeit zwischen den beiden Schlaganfällen, er übte sich damals im Schreiben mit der linken Hand.

Hatte Régine diesen Widerruf ihres Vaters zu spät kennen gelernt? Niemals hat sie davon gesprochen; und ich glaube fast, sie hat ihn auch nie gesehen. Wahrscheinlich ist das Papier in dem Heft unbemerkt geblieben. Régine bewahrte die Andenken an ihren Vater pietätvoll auf; aber es ist nicht anzunehmen, daß sie seine Geometriehefte durchgeblättert hat.

So wurde das Leben dieser reizenden Frau durch die gewissenhafte Befolgung eines letzten Willens gebrochen ? was sage ich? ? eines falschen letzten Willens! ... Régine hatte ihr Leben der Glorifizierung eines Irrtums geopfert!

Ich gestehe, ich war durch meine Entdeckung wie niedergeschmettert. Herr Coubert sah meine Ergriffenheit. Es war mir unmöglich, ihn zu verhindern, das Papier zu lesen ...

Er konnte es nicht gleich fassen. Und als ers begriffen hatte ? wissen Sie, was dieser trauernde Ehemann ? denn seine Trauer war aufrichtig ? zu mir sagte:

?Welch ein Glück, lieber Freund, welch ein Glück, daß Régine dieses Papier nicht vor unserer Hochzeit gefunden hat! ...?«

.

May

Eine kleine Villa aus grauen Steinen mit von rotem Weinlaub umrankten Fenstern, davor ein Gärtchen voll gelber und schwarzer Stiefmütterchen, Goldlack, weißer Rosen, die regelmäßige Flecke, wie eine in Stücke geschnittene Torte, auf dem gut gehaltenen Rasen bilden ... Das vollkommene symmetrische Landhäuschen hat rechts und links je eine Tür und je eine Gartenbank, und besteht in Wirklichkeit aus zwei winzigen Villen, zwei unabhängigen Heimstätten, homes, die hierzulande zwei semidetached houses genannt werden. Mays Familie ? ihr Vater, ein ehrlicher sollicitor, ihre Mutter und ein kleiner Bruder von elf Jahren ? bewohnen die Villa rechts. Die Villa links bleibt den Winter über geschlossen; aber vom Monat Juni an (zuweilen liegt noch Schnee auf dem Rasen) wird ein Zettel an die Scheiben geklebt, der die Worte trägt: To let furnished ... Und spätestens im Monat August wird die Villa an Leute vermietet, die die Saison in Mays Geburtsstadt verbringen wollen, denn diese Stadt ist sehr stolz auf ihre warmen Mineralquellen. Die Villa, die so vermietet wird, ist sorgfältig möbliert und bei all ihrer Kleinheit sehr bequem eingerichtet. In allen Zimmern und in der Vorhalle gibt es Gas. Der Badesaal ist besser eingerichtet als die Pariser Badezimmer. Eine Küche, die den Hauptraum der Wohnung bildet und dem Besucher immer zuerst gezeigt wird; das Auge bleibt überrascht an den vielen gußeisernen Kasserollen mit den riesigen Henkeln an der Wand hängen, während an der gegenüberliegenden Wand sich ein Regiment Deckel aus weißem Metall präsentiert, jene großen Deckel in Form von Sturmdächern, unter denen uns zum Frühstück ein Ei, versteckt wie eine Weihnachtsgabe, serviert wird. Dem Herd gegenüber ein Kanapee für die Köchin. ? Die anderen Räume des Hauses sind freundlich und gut möbliert. Auf jedem Kamin eine Glas-Etagère mit Fächern, und in jedem Fach ein kleiner japanischer Topf, ein Chinese, der Grimassen schneidet, oder einfach eine Kaffeetasse auf ihrer Unterschale. Die Stühle sind mit gestickten Überzügen aus hellem Leinen bedeckt; an langen Winterabenden haben May und ihre Mama dies alles gestickt, und auch die Broderien auf den Fensterbrettern und auf dem Büfett stammen aus ihren fleißigen Händen. Sie haben auch die Matratzen in jedem Bett mit einem Hemd aus Etamin bekleidet, damit der gestreifte Zwillich, der teuer ist, nicht so rasch abgenutzt wird. ? Da das Haus so frisch, reinlich und schmuck hergerichtet ist, mögen sie keine kleinen Kinder darin haben, die imstande wären, die Tapeten zu zerreißen, oder den Chinesen ein Bein abzuschlagen. Sie vermieten nur an alte Damen, an kinderlose Eheleute oder an Familien, deren Nachkommenschaft groß genug ist, daß man ihr zutrauen kann, sie werde weder die Tapeten zerreißen, noch den Chinesen die Beine abschlagen. Meistens (denn die unfruchtbaren Ehepaare sind hier selten) bewohnen einige große Mädchen die Zimmer im ersten Stock, während zwei oder drei Oxford- oder Eatonschüler die Dachstuben im zweiten Stock inne haben. Diese jungen Burschen sind Mays geheime Hoffnung, seit sie die Schwierigkeit des Problems erkannt hat, das alle jungen Mädchen in einem Lande quälen muß, in dem es dreimal soviel Frauen als Männer gibt: Das Problem der Heirat.

May ist neunzehn Jahre alt. Sie ist natürlich blond, aber nicht impertinent blond: ihr Haar hat die Farbe des reifen Weizens. Sie schiebt die üppige Haarmasse in ein Netz, und die Masse nimmt die Form eines jener runden Brote an, die die Engländer cottages nennen. Mays Gesicht ist unbedeutend; die Züge sind weder regelmäßig noch sehr ausgesprochen; aber alles ist weiß und frisch, der Mund enthält eine vernünftige Zahl Zähne, die Augen sind wunderbar unschuldig. Sie ist groß und gut gewachsen. Sie spielt gut Kricket und Tennis. Sie singt Londoner Lieder und markiert dabei ein paar Tanzschritte. Sie spielt auch Klavier. Alles in allem fehlt ihr nichts, was einen jungen Mann für ein junges Mädchen einnehmen kann.

Und doch ist sie neunzehn Jahre alt geworden, ohne daß einer der zahlreichen Jünglinge, die einander in den Giebelstübchen des semi-detached house folgten, den Flirt mit ihr bis zum Heiratsversprechen getrieben hätte. Arme May! Und Gott weiß doch, daß sie alles tut, um die Jünglinge dahin zu bringen! Sie zeigt sich im voraus als die beste kleine Frau der Welt, sie ist dienstfertig, flink, aufopfernd, sie ist immer guter Laune, immer bereit, die Mieter zu amüsieren. Man mietet sie mit der Villa, man hat damit zugleich ein Recht auf ihre sittsamen Gefälligkeiten, denn May ist ein anständiges Mädchen und fest entschlossen, eine treue Gattin zu werden, nur eine Gattin. Aber es ist doch keine Sünde, abends mit einem der jungen Nachbarn spazieren zu gehen, die Wellingtonstraße entlang, von wo man so poetische Ausblicke hat, und sogar ein Stückchen in den Wald einzudringen, wo der zitternde Schatten der großen Bäume die Herzen sogleich mit Träumen und zärtlichen Wünschen füllt. In diesem Walde steht, eine Viertelmeile etwa von der Straße entfernt, eine große Eiche, die der berühmte Herzog gepflegt haben soll, wie übrigens jede ansehnliche Eiche in jeder kleinen englischen Stadt. Warum der eiserne Herzog so viele Eichen gepflanzt hat, wird ein historisches Geheimnis bleiben. Um die Eiche herum zieht sich eine sechseckige Bank. Wenn ein junges Mädchen sich mit einem jungen Manne auf diese sechseckige Bank setzt, nachdem sie einige Minuten mit ihm unter den Bäumen spazieren gegangen ist, fühlt der junge Mann gewöhnlich den Wunsch, sie auf die Lippen zu küssen, und das junge Mädchen hat nicht die Kraft, zu widerstehen. May, die den Ort kennt, vermeidet es meist, sich dahin führen zu lassen. Nur viermal ist ihr das passiert. Das erste Mal war es ein junger Pfarrer der high church, der in den Mineralbädern Heilung von einem schrecklichen inneren Leiden suchte, an dem er im nächsten Frühling starb. Das zweite Mal wars ein Franzose, der sich in diesen Winkel Englands verirrt hatte: er wollte aber sogleich weitergehen, so daß May erschreckt und empört davonlief und aus dem Walde an das Herz ihrer Mutter flüchtete und den jungen Unverstand mit der Wellington-Eiche allein ließ. Das dritte und vierte Mal war es ein noch sehr junger Amerikaner, in den sie wirklich verliebt war, weil er so entzückende Niggerlieder singen konnte. Dieser freie Bürger eines freien Staates erklärte, er bete sie an, könne ihr aber erst später die Ehe versprechen, wenn ers in seinem Vaterlande zu etwas gebracht habe. Es ist anzunehmen, daß das Glück ihm nicht gerade hold gewesen ist, denn May hat nie wieder etwas von ihm gehört ... Seit diesen schmerzlichen Erfahrungen vermeidet May die Wellington-Eiche und behütet ihre Lippen besser ? obgleich doch jeder Mensch weiß, daß ein Kuß keine Sünde ist: no harm in kissing!

.

Die Schriftstellerin

Nach einem leichten und pikanten Frühstück, das nach dem Geschmack von Leuten zusammengestellt war, die alle von ihrem Gehirn und ihrer Feder leben, die Bücher, Stücke oder Feuilletons schreiben, saßen wir plaudernd im Rauchzimmer des Romanschriftstellers Armand G... Wir sprachen von der Invasion der Frauen in die zeitgenössische Literatur. Die Schriftstellerinnen sind in England Legion; von drei Romanen jenseit des Ozeans haben zweie Frauen zu Verfassern. Und mit der Zeit wirds auch in Frankreich so.

Die Gäste konstatierten diese Tatsache ohne besonderes Wohlwollen. V..., ein wütender »Schutzzöllner« in Sachen der Kunst, schimpfte auf die Schriftstellerinnen:

»Zu den allgemein weiblichen Fehlern kommen bei ihnen noch die wesentlichen Fehler des Schriftstellers hinzu,« sagte er. »Das gibt eine schreckliche Mischung ... Keine einzige hat bis jetzt ein Talent gezeigt, das das männliche Durchschnittstalent überstiege; aber neidischer, eitler und perfider sein als wir alle, das haben sie auf den ersten Anhieb heraus gehabt. Ich nehme mich vor meinen Kollegen im Unterrock wie vor Feuer in acht! ...«

»Ich glaube, ich habe mehr Glück gehabt als Sie, denn ich stehe mit vielen Schriftstellerinnen auf sehr freundlichem Fuße ... Und kürzlich erst war ich in der Lage, einen Vergleich zwischen einem männlichen und einem weiblichen Kollegen anzustellen, der sehr zugunsten des Unterrocks ausfiel.«

Diese gutgelaunte Antwort gab unser Wirt ihm. Wir verlangten etwas Näheres darüber zu hören.

»Sehr gern,« antwortete er. »Meine Geschichte ist sehr lehrreich; ein Pedant würde sie sogar einen guten Beitrag zur Kulturgeschichte der literarischen Frauen nennen. Also:

Wie Sie ja auch, wie wir alle, deren Namen in den Zeitschriften gedruckt werden, bekomme ich häufig Briefe von Unbekannten. Viele sind gänzlich inhaltlos, manche beleidigend, die meisten bitten um irgend eine Gefälligkeit oder um Geld. Diese Briefe lese ich immer mit einer gewissen Wehmut. Angesichts so eines Papierstückes, das aus irgend einem Provinzwinkel oder aus einem Viertel von Paris datiert ist, das vom Zentrum sehr weit abliegt, stelle ich mir die Angst, die Not des menschlichen Wesens vor, dem ich armer Mann der Feder ohne Genie und Vermögen für einen Augenblick ein Strahl der göttlichen Hoffnung war. Ich! ich! Warum gerade ich unter so vielen anderen? Ich weiß wohl, daß manche Berufsbettler das Adreßbuch zu Rate ziehen und an alle Künstler schreiben. Gleichviel. Ich nehme meine mir vom Schicksal angewiesene Rolle ernst, so gut ich es vermag. Ich antworte fast immer, ich teile ihnen wenigstens mit, daß ich ihnen nicht helfen kann.

Gegen Ende des vorigen Jahres also bekam ich einen Brief, der mit einem Namen unterzeichnet war, den ich nicht kannte: Jean Séguin. Einen Roman wollte mir der Betreffende vorlegen; ob ich, wenn er mir gefiele, vielleicht die Freundlichkeit haben würde, eine Zeitschrift und einen Verleger für ihn zu suchen? ...

Ich antwortete: ?Schicken Sie Ihr Manuskript ...? Denn wenn eine unserer langweiligsten Pflichten ist, fremde Manuskripte zu lesen, ich halte sie doch für unabweislich.

Das Manuskript ließ nicht lange auf sich warten: ein dickes Heft, eng vollgeschrieben von einer weiblichen Hand. Ich schlug es ohne sonderliche Begeisterung auf: so äußerst selten findet man in solchen Einsendungen etwas anderes als eine Art von unwissender Glut, ? oder im höchsten Fall geschickte Nachahmung! Ich las die ersten Seiten gelangweilt: sie waren schwerfällig und unklar; dann hob sich auf einmal eine Situation aus einem sorgfältig geschilderten Milieu ab; offenbar war dies die persönliche Geschichte einer Frau, mit wirklich geschriebenen Briefen und erlebten Szenen ... Ich war so gefesselt, daß ich das dicke Heft in einem Zuge zu Ende las. Es wurde darüber Nacht, weiß ich noch; die Uhr schlug zwei. In der Freude über meine Entdeckung schrieb ich dem Autor sogleich einen Brief. Ich beglückwünschte ihn; ich bat ihn, mich zu besuchen, ich sagte ihm, er hätte Aussichten.

Zwei Tage darauf überbrachte mir mein treuer Constant eine Karte:

Jean Séguin
9, Rue Renouard.

?Die Dame sagt, sie wäre bestellt ...?

So hatte ich richtig geraten: Jean Séguin war eine Frau.

Sie wurde hereingeführt. Ich sah eine kleine schwarzgekleidete Person von etwa fünfundzwanzig Jahren mit einem unregelmäßigen, aber erfreulich frischen Gesicht, das von natürlich gewelltem, kastanienbraunem Haar umrahmt wurde. Der etwas zu große Mund lächelte; die Nase hatte nichts Besonderes; die braunen, fest blickenden Augen besaßen Tiefe und Intelligenz.

?Sind Sie, gnädiges Fräulein, die Verfasserin der »Tödlichen Prüfung?«? fragte ich.

?Ja, mein Herr.?

?Nun, mir gefällt der Titel nicht, aber der Roman ist sehr gut. Ich bin überrascht, daß eine so junge Dame gleich so etwas hat schreiben können ...?

?O, mein Herr, ich schreibe schon lange.?

?Wirklich? ...?

Ohne Schüchternheit, sogar mit einer beinahe amüsanten Sicherheit erzählte sie mir, daß sie Privatlehrerin sei, aber von Kind auf gern allerlei aufgeschrieben habe. Es liege übrigens in der Familie.

?Ich habe einen Onkel in der Provinz, der Professor ist und Bücher über Erziehung geschrieben hat. Und mein Vater hat auch geschrieben ... früher ...?

?Ach, Ihr Herr Vater? ...?

?Es ist lange her ... Jetzt schreibt er nicht mehr ...?

Sie ging rasch auf ein anderes Thema über, und ich fragte natürlich nicht weiter. Sie schien sich mehr und mehr zu Hause zu fühlen, sie erzählte von ihren Plänen, ihre ganze Zukunft stand schon fertig in ihrem fünfundzwanzigjährigen Kopfe da. Ich sah, sie kannte alle Schwierigkeiten des literarischen Berufes; sie übertrieb sie sogar. Und zugleich legte sie in ihr Urteil ihre Erwartungen, jenen blinden Glauben ans Glück, jene Hochachtung vor einer selbstgeschaffenen Stellung, jenen etwas kleinlichen, kindlichen Geist der Ordnung, den man auf dem Grunde jeder weiblichen Tätigkeit findet.

Alles in allem mißfiel sie mir nicht: sie war schon ganz und gar Schriftstellerin, aber sehr begeisterungsfähig, ohne die geringste Spur von Neid oder Bitterkeit. Ihre etwas übertriebene Sicherheit wurde durch wirkliches Talent gerechtfertigt.

Wir schieden als gute Freunde. Sie nahm ihr Manuskript wieder mit, da sie noch einige Lichter aufsetzen wollte. Den Tag darauf begab ich mich auf die Suche, um die ?Tödliche Prüfung? unterzubringen.

Die Lehrerin hatte recht, wenn sie an ihr Glück glaubte. Die Rundschau, an die ich mich wandte, brauchte grade eine Erzählung von mittlerem Umfang zu bescheidenem Preise, um sie zwischen zwei große teure Romane zu schieben. Mein Verleger aber, der an jenem Tage grade sehr gut aufgelegt war, weil er eben die Nachricht erhalten hatte, er werde nächstens einen Orden bekommen, unterbrach mich nach den ersten Worten:

?Von dir nehme ich alles unbesehen an ... Schick mir deine George Sand.?

Ich teilte die guten Nachrichten sogleich Jean Séguin mit und bat sie, mir das Manuskript so rasch wie möglich wieder zuzustellen, da die Rundschau es sogleich haben wolle. Zu meiner lebhaften Überraschung zeigte sich das junge Mädchen nicht, und ich erhielt auch keine Antwort. Die Zeit verging, ich schrieb noch einmal. Diesmal kam ein Stadttelegramm:

?Entschuldigen Sie mich, mein Herr, und denken Sie nicht mehr an mein Buch. Mein Vater ist augenblicklich sehr krank, und ich kann ihn keinen Augenblick verlassen ...?

Was war da zu tun? ... Ich verhielt mich ruhig. Die Rundschau begann einen andern Roman abzudrucken; mein Verleger dachte, nachdem er mich ein paarmal gefragt hatte: ?Nun, was ist mit deiner George Sand? ...? nicht mehr an die Sache. Und ich selbst vergaß sie über anderen Dingen.

Mehr als ein Monat verging. Das neue Jahr war gekommen, und ich dachte längst nicht mehr an Jean Séguin, als Constant mir eines Morgens wieder ihre Karte brachte. Das junge Mädchen trat ein, drückte mir die Hand und setzte sich. Es war noch immer dasselbe kluge gütige Gesicht, aber abgearbeitet, fast alt geworden durch Ermüdung und Kummer. Sie lächelte traurig mit ihrem großen Munde, der so gesunde Zähne hatte, und sagte:

?Finden Sie mich verändert? ...?

?Ich finde, Sie sehen etwas angegriffen aus ... gehts jetzt wieder besser??

?Nicht viel besser ... Mein Vater ist herzleidend, alle Widerwärtigkeiten nehmen ihn immer furchtbar mit. Aber wenigstens ist er jetzt außer Gefahr.?

?Und die »Tödliche Prüfung«? Sie bringen sie mir nicht wieder??

Sie blickte mir in die Augen, biß sich mit amüsantem Zaudern die Lippen und brach, als ich weiter in sie drang, plötzlich in Tränen aus. ? Sie weinte, weinte, schluchzte wie ein Kind und stammelte:

?Vorbei ... alles vorbei ... ich kann den Roman nicht mehr veröffentlichen ... alles vorbei ...?

Als dieser Ausbruch vorüber war, trocknete sie energisch ihre Tränen und sagte:

?Verzeihen Sie, mein Herr ... ich mache mich lächerlich ... daß ich meinen Nerven so nachgebe ... Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Ich will nicht, daß Sie mich für verdreht halten ... Aber ich bitte Sie um Diskretion ... Mein wahrer Name ist Georgette L...?

Sie nannte mir einen Namen, den Sie alle kennen, wie ich ihn kenne. Ich werde ihn verschweigen, da sie es so wünscht. Es ist der Name eines alten Schriftstellers, zu dem unsere Generation nur wenig Beziehungen hatte, den unsere Vorgänger aber als den vollendeten Typus des mißgünstigen Neidhammels gekannt haben. Er selbst war ohne Talent, ohne Erfolg, so haßte er denn das Talent und den Erfolg der anderen. Sein Charakter verfeindete ihn sogar mit den andern Mißvergnügten seines Kreises; eine häßliche Duellgeschichte brachte ihn endlich ganz in Mißkredit, und keine Redaktion wollte mehr etwas von ihm wissen. Seitdem lebt er einsam und verbittert mit seiner Tochter, oder vielmehr von seiner Tochter.

Das magere gallige Gesicht, die kraftlose Stimme dieses unangenehmen Kollegen stiegen in meiner Erinnerung auf, als Georgette L... von ihm sprach. Sie erklärte mir, warum ich das Manuskript der »Tödlichen Prüfung« nicht erhalten hatte, und warum es nie erscheinen könnte. L..., der in seiner Häuslichkeit ebenso neidisch ist wie im Umgang mit den Kollegen, hatte die Arbeiten seiner Tochter immer lächerlich gemacht.

?Das ist eine Idee, diesen schmutzigen Beruf zu ergreifen! Glücklicherweise ist das, was du dir aus dem Federhalter saugst, zu kindisch und zu dumm, als daß es je gedruckt werden könnte ... Begnüge dich damit, deinen Rotznasen das Abc beizubringen! ...?

In ihrer Freude über meinen Brief, der ihr sagte, wie erfolgreich ich bei der Rundschau und dem Verleger für sie eingetreten wäre, hatte Georgette die Unklugheit begangen, ihrem Vater alles zu erzählen.

?Ich glaubte, er würde sofort ersticken ... Er fiel auf einen Stuhl und riß sich den Hemdkragen auf ... Einige Minuten konnte er nicht sprechen. Dann kam er wieder ein wenig zu Kräften, er überschüttete mich mit Vorwürfen, er sagte, ich hätte mich dem Verleger, dem Redakteur, Ihnen sogar, mein Herr, hingegeben! ... Dann kam der Erstickungsanfall wieder, und eine Woche lang war er wirklich in Lebensgefahr ... Dann haben wir mit dem Arzt gemeinsam, der ein guter Freund unseres Hauses ist und uns genau kennt, eine Geschichte erfunden, um ihn zu beruhigen: mein Plan sei gescheitert, die Rundschau und der Verleger wollten den Roman nicht mehr haben ... Papa hat gesehen, wie verzweifelt ich war; das hat ihm wohlgetan ... Allmählich gings dann wieder besser mit ihm. Jetzt ist er ganz gesund; nur ist er noch mißtrauisch. Er hat das Manuskript der »Tödlichen Prüfung« eingeschlossen und beobachtet mich, um mich am Schreiben zu verhindern, sobald ich eine Feder in die Hand nehme ...?

?Was also wollen Sie tun?? ... fragte ich.

?Ich bleibe Lehrerin.?

Große Tränen rollten über ihre Wangen und rollten zu den Winkeln ihres großen Mundes hinunter, der trotz allem lächelte und zeigte, daß der Sinn für Ironie noch nicht ganz in der Verzweiflung des armen Mädchens ertrunken war, das beim ersten Versuch, schriftstellerisch an die Öffentlichkeit zu treten, dem schlechtesten männlichen Kollegen von Paris ? ihrem eigenen Vater ? in die Hände gefallen war ...«

.


Akzeptieren

Diese Website benutzt Google Analytics um seinen Nutzen zu messen. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren