Blume und Flamme

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Inhalt

Geleitwort
 
Erster Teil
Straße, Garten und Eltern
Der Kindergarten
Die Schule
Advent
Die Schwester
Kinderspiele
Das Spiel um Mitleid
Der Engel
In den Herbstferien
Veronika und Aloisius
Abdankung
 
Zweiter Teil
Auf der Stellungsuche
Die Vorstellung
Im Hause Brünning
Theaterbesuch
Der Kaiser besucht die Stadt
Im »Weißen Roß«
Der Geburtstag
Die Geschichte mit Herrn Lassen
Im Atelier Leise

 


 

Geleitwort

An der deutschen Dichtung des letzten Menschenalters haben einige Frauen hervorragenden Anteil, und unter ihnen gehört Emmy Hennings zu den eigenartigsten und unvergeßlichsten Erscheinungen. Ihr Leben verlief außerhalb der normierten bürgerlichen Welt, ein bald abenteuerliches und figurenreiches, bald einsames und höchst verborgenes Leben. Noch ehe sie eine Zeile veröffentlicht hatte, war sie eine bekannte und zu Zeiten umschwärmte Persönlichkeit als Schauspielerin und als Sängerin im Münchener »Simplizissimus«. Während des Krieges kam sie mit Hugo Ball, ihrem Mann, in die Schweiz, und viele erinnern sich noch des Cabaret Voltaire in Zürich, wo Hugo Ball, von seiner Frau treulich unterstützt, in kabarettistischer und grotesker Form seinen großen Protest gegen den Ungeist der Zeit begann, den er dann so einsam, tapfer und vorbildlich bis zu seinem Ende weitergeführt hat. Seit langen Jahren lebt sie im Tessin.

Die Bücher dieser Dichterin haben je und je Aufsehen, Begeisterung und Liebe geweckt, am meisten vielleicht ihr »Gefängnis« (1918); ich erinnere mich noch wohl an die erschütternde erste Lektüre dieses Buches, zu einer Zeit, da ich seine Verfasserin noch nicht kannte. Dies Buch ist, ebenso wie sein Nachfolger, das »Brandmal«, auf wunderliche Art aus der Literatur, oder doch aus dem Buchhandel, wieder verschwunden, es ist seit langen Jahren nicht mehr aufzutreiben. Bei Kösel & Pustet in München erschien ihr »Gang zur Liebe«, ein Buch »von Städten, Kirchen und Heiligen«, sowie »Hugo Balls Weg zu Gott«. Im Verlag S. Fischer, Berlin, kam nach Hugo Balls Tode das liebenswerte, erschütternde, tausend Lesern unvergeßliche Briefbuch heraus »Hugo Ball, sein Leben in Briefen und 8 Gedichten«, ein menschliches und ein Zeit-Dokument hohen Ranges.

Daß nun nach langer Pause wieder ein Buch von Emmy Ball erschienen ist, begrüßen ihre Freunde mit Dankbarkeit. Es wäre schwer zu sagen, was wir Freunde und Verehrer dieser Dichterin an ihren Büchern so sehr lieben, denn sie sind Ausdruck eines Menschen und eines Schicksals mit seinen Widersprüchen. Es sind Bücher, die alle sehr den Charakter von Bekenntnissen haben, und dennoch scheinen sie dann oft wieder wie aus Spiel und reiner Künstlerfreude am Schönen entstanden, aus Freude am Bild, aus Freude an der Sprache, aus zartestem Gehör für ihre Unterströmungen und Melodien. Aber dann sind diese Bücher doch wieder nicht »reine«, nicht vom Leben und seinen Kämpfen gelöste Dichtungen und sind das Gegenteil von »lart pour lart«, sie sind ein Kampf um Wahrheit, ein Kampf um Verwirklichung menschlicher und christlicher Ideale, ein Schreien aus tiefer Not, durchbrochen von aufleuchtendem Wissen um Erlösung und göttliche Liebe. Und welch schöne Gedichte hat Emmy Hennings geschrieben! Es wäre sehr an der Zeit, sie in einem Bande zu sammeln.

Niemals hat die Dichterin auf der Sonnenseite gelebt und es leicht gehabt, vielleicht hat sie es auch niemals ernstlich sich gewünscht. Sie lebt lieber unter den Kämpfenden, Armen, Bedrückten, sie liebt die Leidenden, sie fühlt für die Verfolgten und Rechtlosen. Sie bejaht das Leben auch in seiner Härte und Grausamkeit und liebt die Menschen bis in alle Verirrung und Not hinein. Und ich glaube, daß diese aufrichtigen, erlebten und so schönen Bücher uns überleben werden.

Im Sommer 1938

Hermann Hesse

 


 

Erster Teil

Straße, Garten und Eltern

Da ich das Verlangen trage und im Begriff stehe, ein Stück Lebensgeschichte einzufangen, tauchen tausendundein Bedenken in mir auf, so daß ich genötigt bin, mir meine Umständlichkeit ein wenig vom Herzen zu schreiben. Ich hege starke Zweifel, ob mir mein Unternehmen gelingen wird, denn ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die sicher und sorglos von ihrem Können überzeugt sind. Die kühne Behauptung: »So war es und nicht anders«, ist etwas, das mir nicht liegt. Eine Lebensgeschichte schreibt sich nicht an einem Tag. Was mir in einer Stunde hell und schön erscheint, erblicke ich ein andermal dunkel und tief, und schon oftmals hatte ich Grund, meinen eigenen Augen zu mißtrauen. Es gibt Erlebnisse, die ich immer wieder von verschiedenen Seiten aus betrachte, und ich weiß, daß es nicht aufrichtig wäre, wenn ich mich für eine klare Eindeutigkeit entscheiden wollte.

Unübersehbar erscheint mir mein Leben, und ich weiß nicht, ob ich es verstanden habe. Wenn ich die Vergangenheit betrachte, geschieht es mit den Augen der Gegenwart. Da sich der Mensch nur bis zu einem gewissen Grade zurückverwandeln kann, stehe ich meiner Erkenntnis skeptisch gegenüber. Werde ich noch einmal die Augen wiederfinden, mit denen ich zum erstenmal voller Vertrauen in die Welt blickte? Wie wäre dies möglich! Wie könnte ich die Summe der Jahre und die Last der Erfahrungen vergessen? Mein Gedächtnis, die Erinnerung, ist eine Dichterin. Ich weiß, es kann manches, es kann alles anders gewesen sein. 12

Wie ein Traum erscheint mir alles, was ich sah, und diesen Traum möchte ich so getreu als möglich mir noch einmal erzählen, bevor ich ihn vergesse und bevor ich selbst vergessen bin.

 

Vielleicht ist es nur heute, daß ich den Anfang nicht finden kann. Einen großen Teil des Lebens, die früheste Kindheit, habe ich wohl in einem Märchen verbracht, das versunken ist. Vielleicht ist dies das Schönste gewesen, was mir nie ins Bewußtsein kam. Woran mag es liegen, daß mir ist, als habe ich gerade in jener Zeit das Kostbarste empfangen, das ich doch nicht bewußt aufzunehmen fähig war? Manchmal ist es, als umwehe mich noch der Duft aus einem fernen Traumgarten; aber ich kenne die Blumen nicht mehr, die mich blühend grüßten und mich stumm ansahen, mein frühes Leben, ein Leben ohne Worte. Wann war das? Es muß eine Zeit liegen, wie hinter weißen Schleiern. Wo mögen sie geblieben sein, die ersten, hellen Lichtjahre der Liebe? Mein Gott, tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. Und aus vieltausendjährigem Schlaf bin ich vielleicht erwacht, um in einen anderen Schlaf zu fallen. Und eine Welt ist es, die mit mir zu träumen scheint.

 

Langsam tauchen die ersten frühen Bilder aus meiner Kindeszeit auf, und ich sehe zunächst eine kleine, ungepflasterte Straße, weit draußen im Vorort der kleinen Hafenstadt. Eigentümlich verschollen wirkt diese Gegend, einsam, als wäre hier die Welt zu Ende, oder als wäre sie am Anfang, denn irgendwo muß sie doch beginnen?.?.?. Kinder 13 spielen im Kreis und sagen einander, daß der Himmel heut so niedrig hängt, und daß man vielleicht bald auf Gewölk gehen könne. Auf Gewölk? Es gibt Wolken, die weiße Schwäne sind und sich dann in ein Boot verwandeln, das eine Weile im Blauen schwimmt, und dann ist plötzlich alles fort. Sieht man nach oben, ist alles weich und weiß, fließend und blau. Sieht man nach unten, verändert sich rein gar nichts. Da bleibt die Erde dunkel und still. »Dort oben soll heute unten sein, und unten soll oben sein. Und hier, hier fängt die Welt an.« So bestimmt ein kleines Mädel mit glattem Blondhaar und blauen Augen. Sie ist fünf Jahre alt und hat schon vergessen, wo rechts und links ist. Vor einigen Wochen hat sie es noch genau gewußt, weil sie an der rechten Hand einen kleinen, braunen Fleck hatte.

Also, wo der Fleck sitzt, ist rechts, hat der Vater gesagt, und die andere Seite, wo kein Fleck sitzt, ist links. Danach konnte man sich sehr gut richten, aber leider geht das nicht mehr, weil der Fleck spurlos verschwunden ist und man nicht mehr weiß, an welcher Hand er einmal gesessen hat. Man weiß auch nicht, wo der Fleck hingekommen ist. Das ist beinahe, als wäre er nie gewesen. Jetzt kann es vorläufig nicht mehr rechts und links geben. Damit ist es aus. Schade; aber es gibt manche Dinge, die man mehr als einmal in der Welt lernen muß, bis man sie vielleicht endgültig vergißt. Daß aber hier in der kleinen Straße einmal die Welt anfing, das vergißt sich nicht leicht.

 

Es hat viel für sich, in einer kleinen Straße geboren worden zu sein. Zwei Häuser rechts, und 14 zwei Häuser links, das ist leicht zu überblicken. In jedem Hause wohnen vier Familien, deren Geschichte man kennt, und was man nicht kennt, errät man. Jedes zweistöckige Haus hat an der Vorderfront acht Fenster, während es auf der Rückseite, nach dem Hof und Garten zu, vier Fenster hat, und überall hängen Tüllgardinen mit mehr oder weniger interessanten Mustern. Es waren Wege, die in Wälder führten, in eine Gegend, in der noch kein Mensch gewesen war, nur ich, nur ich. Die Gardinen, hinter denen ich geboren bin und die ich als Kind Tausende von Malen bewundert habe, muß ich erwähnen. Es waren Wintergardinen und daher aus dunkelbraunem Kattun. Das Muster war entzückend. Grüne Zweige, kleine Bäume, in denen viele bunte Vögel singend saßen. Daß sie sangen, war leicht zu sehen, denn sie hatten die Köpfchen ein wenig nach oben gestreckt und die Schnäbel geöffnet. Es war der reine Frühling im Winter. Ein Blütenwald mitten im Januar, und oft habe ich die Gardinenvögel angesungen, wenn die Fenster noch halb mit Eisblumen bedeckt waren: Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle?.?.?.

In den Fenstern nach der Straße zu sieht man rote Geranien und grüne Blattpflanzen, und wo junge Mädchen im Hause sind, auch die Myrte, die für den Brautkranz großgezogen wird. Ja, die Fenster machen schon viel aus, machen viel Staat in der Straße. Manchmal am Abend werden brennende Lichter in die Fensterbänke gestellt, wenn Hochzeit ist, oder wenn ein Kind geboren wird, was ziemlich oft vorkommt. Dann also werden die Kerzen abends angezündet. Das soll ein Gruß für 15 das Neugeborene sein und vielleicht auch sagen: Licht vom Licht, aus Gott geboren.

Ich weiß, daß dieses Licht auch einmal für mich geflammt hat. Schade, daß ich die freundliche Illumination nicht persönlich ansehen konnte. Ich hätte den Nachbarn auf ihren lieben Gruß antworten mögen: Ja, ich bin gern hier geboren worden, und es wird mir niemals leid tun, daß ich hierhergekommen bin, und hoffentlich wirds auch euch immer recht bleiben.

 

Es ist keineswegs gleichgültig, ob ein Kind unter reichen oder dürftigen Verhältnissen aufwächst. Nun habe ich das große Glück gehabt, das Kind sehr reicher Eltern zu sein, denn sie waren anspruchslos. Und die Genügsamkeit meiner Eltern, in der ich erzogen wurde, ist ein Erbgut, das mir zugefallen ist und das ich vorzüglich habe brauchen können. Es ist sehr wichtig, wenn beide Eheleute gleichzeitig von diesem Kapital mit in die Ehe bringen; denn es trägt die schönsten Zinsen, die man sich nur denken kann, nämlich die Zufriedenheit, das Glück selbst.

In welch hohem Maße besaßen meine Eltern die Gabe, mit wenigem glücklich zu sein! Heute, als gereifter Mensch, vermag ich dies zu beurteilen, wofür ich als Kind wenig Verständnis hatte, da es mir an Vergleichen mangelte. Auch dort, wo ich Kinder reicher Eltern sah, ist mir der Unterschied kaum je aufgefallen. Ich hielt meine Eltern für reich, was meine Ansicht geblieben ist, nur daß ich dies heute anders begründe. Reich waren wir, weil wir neben unseren zwei Zimmern noch 16 ein Dachstübchen hatten. Das Bild eines Schiffes, ein Ölgemälde, war eine Kostbarkeit, um die ein feiner Admiral gewiß froh gewesen wäre. In unserer besten Stube hatten wir einen runden Tisch mit einer grünen Sammetdecke, während die Möbel mit blaßrotem Rips bezogen waren. Wir hatten eine Etagere, auf der eine kleine bunte Nippesfigur stand, eine Schäferin, die ein tiefgrünes Röckchen trug, ein gestreiftes, allerliebstes Schürzchen und über einer weißen Bluse ein wundernettes, bunt verschnürtes Mieder. Oh, das war etwas sehr Feines, etwas für immer. Und in der Schlafstube hatten wir an unseren Betten am Kopfende eine große, kunstvoll geschnitzte Weintraube. Das hatten die Nachbarn alle nicht. Begreiflicherweise können nicht alle Weintrauben an den Betten haben, aber wir waren gesegnete Leute.

Unser Garten war ein Paradies im kleinen, doch muß ich hier, um einem Irrtum vorzubeugen, erwähnen, daß dieses Paradies nicht viel größer war als eine mäßig große Wohnstube. Aber wir hatten einen Wall anschließend am Garten, und auf diesem Wall standen vier Holunderbäume, und das war ein Wald mit Grün und Sonnenspielen zwischen dem Grün, und der Himmel, den man durch das Gezweige erblicken konnte, dieses Stück gehörte auch eigens zu unserem Hause. Im Garten selbst war in der Mitte ein kleines Rundbeet, in dem ein Rosenbaum stand, Mit sieben Jahren wußte ich, daß das Paradies ähnlich angelegt war wie eben unser Garten, aber wir hatten natürlich keinen Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Statt dessen stand bei uns der entzückende 17 Rosenbaum, der rote Rosen hervorbrachte, was ja weit schöner war als die gefährlichen Früchte. Um den Rosenbaum herum wuchsen Primeln und Aurikeln, und das war ein großer, reizender Kranz. Die Stiefmütterchen blickten einen immer so lustig an, daß man ihnen unwillkürlich zulächeln mußte.

Etwas hatte unser Garten noch dem Paradies voraus. Wir hatten die Beete höchstwahrscheinlich besser geordnet, als es dort gewesen sein mochte, nämlich das Karotten- und Petersilienbeet. Auch war es fraglich, ob es im Paradies Rhabarber gegeben hatte, von den Stachelbeeren ganz zu schweigen. Wir hatten eine hohe Stange, an der oben ein großer Reifen mit fünf kleinen Schiffen angebracht war, Segelschiffe mit kleinen Segeln gleich Schmetterlingsflügeln, und bei gutem Wind fuhren die Schiffchen durch die Luft wie durch ein sehr nachgiebiges Meer. O ja, wir konnten es gut aushalten. Uns fehlte nie etwas.

 

Mein Vater arbeitete auf der Schiffswerft. Dort war er Rigger oder Takler. Er hatte die Hißtaue an den Schiffsmasten anzubringen und alles zu ordnen, was mit dem Segelwerk und dem Stapellauf eines Schiffes zu tun hat. Mein Vater war aber nicht immer Rigger gewesen. Schon in seinem zwölften Jahre war er zur See gegangen und hatte als kleiner Schiffsjunge schon sehr weite Reisen gemacht. Er war in allen Erdteilen der Welt gewesen, zufällig nicht in Grönland, aber da war auch nicht viel los. Was hätte er in Grönland sollen? Nach und nach hatte er sich dann zum Steuermann emporgearbeitet, und das war keine Kleinigkeit, denn es ist keine einfache Sache, ein 18 Schiff zu steuern, zumal wenn es ein Segelschiff ist. Abends bastelte mein Vater ein wunderbares Segelschiff, das größer war als mein siebenjähriger Arm. Oh, es war ein Traum von einem Schiff, und ähnlich der Santa Maria, jenem herrlichen Schiff, mit dem Kolumbus sein Land entdeckt hatte.

Über die Hälfte seines Lebens hat mein Vater auf dem Meere verbracht, und erst nach meiner Geburt, vielleicht mehr meiner Mutter zuliebe als aus eigenem Antrieb, ist er auf dem Lande geblieben. Für mich jedoch blieb er meine ganze Kinderzeit über vor allem der weitgereiste Seemann, den ich liebte und bewunderte, und in einer gewissen Hinsicht hegte ich manchmal ein seltsames Mitleid für ihn.

Als einmal ein großes neues Schiff Stapellauf hatte, war es aus irgendeinem Grunde notwendig, daß mein Vater als Rigger dieses Schiff ein Stück Wegs aus der Förde hinausgeleitete. Er kehrte dann am nächsten Tag in einem kleinen Boot allein zurück. Von der Schiffstaufe brachte mein Vater, wie er dies manchmal zu tun pflegte, kleine bunte Seidenbänder mit, die an der Weinflasche befestigt waren, die als Zeichen der Taufe an das Schiff geworfen wurde. An diesen bunten Seidenbändern nun fand ich ein großes Gefallen. Ich bewahrte sie sorglich in meinem »Wertkasten«, in dem auch einige glitzernde Muscheln, einige Lieblingsgedichte und getrocknete Blätter, die eine besonders schöne Form besaß, ihren Platz gefunden hatten. Diesmal war das eine Band golddurchwirkt. Mein Vater mußte wohl ein beträchtliches Ansehen genießen, daß man ihm ein solch köstliches, goldenes Band zum Andenken an das 19 Schiff überließ. In der Tat war dieses Band sogar besonders billig, aber einem achtjährigen Kinde ist noch alles Gold, was glänzt. Während ich nun am Tisch saß und mich an diesem Glanz erfreute, bemerkte ich plötzlich, daß mein Vater mir gegenüber das Gesicht etwas traurig hatte. Vielleicht war er müde vom langen Rudern, ich aber deutete sein in sich gekehrtes Wesen ganz anders. Vater war betrübt, weil er nicht ins offene Meer hinausdurfte. Es gelang ihm nicht, mich davon zu überzeugen, daß dies nicht der Grund seiner Niedergeschlagenheit sei. Ich war der Meinung, mein Vater verschweige nur Mutters wegen seine Sehnsucht nach dem Meer, und dieser Verzicht aus Rücksicht für einen anderen Menschen begann mir zu imponieren. Da ich Vater für einen heimlichen Dulder hielt, nicht immer, aber von Zeit zu Zeit, steigerte sich meine Bewunderung für ihn. Und wie um ihm einen Ersatz zu bieten für sein Leben auf dem Lande, lobte ich sein vergangenes Seemannsleben nicht nur ihm, sondern auch den anderen Kindern gegenüber.

Gestehen muß ich, daß ich es hierbei mit der Wahrheit nicht sehr genau nahm, doch kam es mir selten zu Bewußtsein, daß meine Erzählungen nicht stimmten. Ich konnte nicht leben, ohne zu verehren und zu bewundern, und dafür war mein Vater, der mir ja der Nächste war, sehr geeignet. Von den Reisen meines Vaters wußte ich jedenfalls viel mehr oder doch vieles anders als er selbst. An den Kindern in unserer Straße fand ich für meine Reiseberichte das denkbar beste Publikum. Nach meinen Schilderungen hätte mein Vater es mit Sindbad, dem Seefahrer, und Robinson ganz 20 gut aufnehmen können; solchen Vergleichen wäre er gewachsen gewesen, obwohl ich weder von Sindbad noch von Robinson wußte und ähnliche Bücher in meiner Kindeszeit nie gelesen habe. Ich hatte für meine Erzählungen genügend Anhaltspunkte, und man darf mir diesmal Glauben schenken, wenn ich sage, daß mein Vater wirklich sehr große und gefahrvolle Reisen zu Wasser ausgeführt und nicht nur China, Japan, Amerika und Australien, sondern auch sehr abgelegene Inseln kennengelernt hat. Wir hatten ein Album, in dem eine Anzahl Bilder von sehr fremdartigen Personen war, aus China und Japan; und einige Australneger waren Vaters besondere Freunde. Diese Reisebekanntschaften hatten natürlich auch ihre besonderen Geschichten, und mein Vater war sogar in Buschklepperfamilien gut eingeführt. Manchmal war mein Vater vielleicht ähnlich dem Mann, der »in Neapel fremd einherspazierte«, fremd, sehr fremd. Und dieses Fremde war es, das zu schildern mir leicht gelang. Wo meine Phantasie den Stoff hernahm, ist mir allerdings noch heute ein Rätsel. Der Duft der fernen Länder, die mein Vater einmal sah, muß mir ins Blut gegangen sein, denn wie anders wäre es sonst zu erklären, daß ich darüber aussagen konnte? Schön wie exotische Blumen waren die Menschen dort, wo Vater gewesen war, und ihre Sprache war wie Vogellaut, und die Vögel einer fernen Insel, die noch nie Menschen gesehen hatten, kannten kein Mißtrauen. Sie kamen den Seeleuten nahe, ganz nahe. Sie setzten sich auf die Schultern, wollten Grüßgott sagen. Und solch zutrauliche Vögel waren meinem Vater begegnet. Diese Vögel waren ähnlich denjenigen, die man 21 auf unserer Wintergardine erblicken konnte, aber sie waren noch bunter, noch beschwingter als diese. Meine Vögel sangen und liebten, kurzum, sie lebten, und dennoch halte ich es für möglich, daß ich diesen stummen Gardinenvögeln mancherlei zu danken habe.

Schiffbruch, das war so ziemlich das Tollste, was einem begegnen konnte. Mein Vater hatte ja zweimal die Reise um die Erde gemacht, wobei er aber nicht an Grönland vorbeigekommen war. Was Grönland mir bedeutete, das kann ich noch heute nicht sagen. In dieser Gegend muß es einmal Eisberge gegeben haben, deren Unheimlichkeit meine Phantasie nicht gewachsen war. Jedenfalls suchte ich Grönland in meinen Berichten möglichst zu vermeiden, und ich glaube, es wäre schlimm gewesen, wenn zufällig eines der Kinder mich auf Grönland aufmerksam gemacht hätte.

Mein Vater hat zweimal Schiffbruch erlitten. Er hat dies zwar in meiner Gegenwart niemals genau erzählt. Ich glaube jedoch, daß gerade seine knappen Andeutungen, die meiner Kindesphantasie einen weiten Spielraum ließen, mich zu den wunderlichsten und schauerlichsten Märchen inspiriert haben. Märchen, die abgründig und dunkel waren und denen meine Spielkameraden wie hinweggenommen mit weit geöffneten Augen und offenen Mündern und sehr scharfen Ohren lauschten. Nach vielen Jahren, als ich wieder einmal in meine Heimat kam, sind mir einige meiner Gespielinnen wieder begegnet, und da fragten sie mich, ob ich mich noch an die Abenteuer meines Vaters erinnere, von denen meine Freundinnen manche besser behalten hatten als ich selbst. 22

Sehr richtig ging ich als kleines Mädel von der Voraussetzung aus, daß mein Vater als Seemann zu denen gehörte, die ohne Vorsicht leben müssen. Am Meer geboren, wußte ich, daß das Meer weich und wild ist, schmiegsam und zugleich gefährlich, zärtlich und grausam. Die Förde ließ sich zwar übersehen, zumal meine gesunden Augen recht weit reichten, aber ich wußte, daß die Förde nur der Beginn des großen Meeres ist, und auch das Meer selbst hatte ich schon kennengelernt. In meinem vierten Lebensjahr machte ich mit meiner Mutter eine Reise nach Jütland, wo ich von der ungeheuerlichen Größe des Meeres den ersten Eindruck empfing, obwohl ich diesen Eindruck noch heute nicht in Worten wiedergeben kann. Ich kann nur sagen: Ich kenne das Meer, weil ich ein Kind vom Meer bin und weil das Meer das eigentliche Element meines Vaters war, dem er sich anvertrauen mußte. Und dieser mein heldenhafter Vater war in Schiffsnot gewesen. Meine Vorstellung von dieser Not war sehr klar, und ich könnte das Bild noch heute genau malen, wie ich es mit acht Jahren sah. Mein Vater trieb auf einer Planke, die von den hohen Wellen auf und ab geschaukelt wurde. Ach, keine Luftschaukel auf dem Jahrmarkt konnte mich so hoch werfen und so tief hinabsausen lassen als die gewaltige Welle, die ihr Spiel mit meinem Vater trieb. »Die Wellen gingen haushoch«, so bemerkte mein Vater, wie nebenbei. Wagte ich dann zu fragen: »Vater, wie hoch meinst du dieses Haus?« Dann antwortete Vater sehr sachlich: »Nun ja, genau kann ichs nicht angeben, aber jedenfalls gingen die Wellen höher, als unser Haus ist.« Herrgott noch 23 einmal, daß es solche Wellen geben konnte! Und bei Gelegenheit sah ich mir unser Haus daraufhin an. Das mußten ja unheimlich hohe Wellen gewesen sein?.?.?. mitten in der Nacht. Der Himmel bewölkt. Sturm und Dunkelheit. Und nur ein Stern am Himmel. Und mein armer Vater, schmal und lang und schlank, treibend auf einer Planke. Kaum wage ich zu sagen, daß dieser ungemütliche Zustand zwei Tage und zwei Nächte gedauert hat. Nicht auszudenken, aber es war Tatsache. Ein Segen, daß nachts dieser Stern am Himmel zu sehen war. Das konnte ja nur Jesus höchst persönlich gewesen sein, der diesen Stern hatte leuchten lassen.

Nirgends Rettung, nirgends Land
Vor des Sturmwinds Schlägen?.?.?.
Wo denn sonst als bei dem Herrn,
Sehet ihn, den Rettungsstern!
Christ, Kyrie! Erschein uns auf der See!

Man hätte meinen mögen, dieses herrliche Lied sei eigens für meinen Vater gedichtet worden.

O wieviel Unbegreifliches gab es bei den Schiffsnöten meines Vaters zu bedenken! Er hatte ihn vielleicht nicht gesehen, ihn, der über Wellen stand und über Wellen ging, da Petrus im Sinken begriffen war. Er war der Stern aller Meere, der jedes Fahrzeug und jedes Wrack zu lenken wußte. Einen armen, schiffbrüchigen Steuermann, der da nachts einsam auf einer Planke trieb bei haushohen Wellen, einen solchen zu retten, das war ihm eine Kleinigkeit. Fürchte dich nicht, glaube nur! Ach, das Fürchten paßte ja gar nicht zum Beruf meines Vaters. Die Furcht geziemte dem Seemann nicht. Es gab allerdings Fälle, über die schwer zu 24 entscheiden war. Wo der Privatmut aussetzte, begann der Glaube, das unbesiegbare Vertrauen in die Allmacht Gottes. Ach, es war ein Privatmut, der noch nicht wußte, noch nicht gleich erkannte, daß er nicht aus sich selbst entstanden, sondern aus einer Güte geboren und geschenkt war. Doch ist dies etwas, das ich erst sehr spät einsehen lernte, daß nämlich alle Lust, alle Kühnheit, jeder Mut und jedes Gefallen am Abenteuer von Gott stammt, und nicht das Verdienst des Menschen ist.

Mein Vater hieß mit Vornamen Matthias, ein Name, der zwar keineswegs selten in meiner Gegend ist, den ich aber für selten hielt, weil er mir zufällig nicht begegnet war. Der Evangelist hieß Matthäus, und sonderbar, wie Kinder sein können, faßte ich mir eines Tages ein Herz, um mich bei meinem Lehrer nach dem Privatleben des hl. Matthäus zu erkundigen. Der Lehrer, ziemlich erstaunt über mein Interesse, konnte mir erst am nächsten Tag Auskunft geben, die aber dann zu meiner höchsten Zufriedenheit ausfiel. An sich betrachtet, war es nicht viel, was ich in Erfahrung brachte; doch fand ich es wunderschön, daß der hl. Matthäus noch nach seinem Tode eine Reise übers Meer gemacht hatte und man seine heiligen Gebeine von Äthiopien nach Salerno überführte, wo ich ihn einmal nach vielen Jahren an seinem Festtag, am 21. September, besucht habe. Da ich meinem Lehrer sagte, daß mein Vater den Namen Matthias trage und ich mich nach der Bedeutung des Namens erkundigte, hörte ich, daß Matthias »Geschenk Gottes« heißt, und dies zu wissen, erfüllte mich mit besonderer Freude.

Meine Mutter, Anna Dorothea, stammte, wie 25 mein Vater, aus einer Seemannsfamilie. Von Mutter weiß ich, daß sie das Meer fürchtete, doch hatte sie hierfür einen triftigen Grund, da sie ihren Lieblingsbruder und vor allem ihren ersten Gatten schon früh an das Meer verloren hatte. Mutter stand in ihrem neunundzwanzigsten Lebensjahr, unmittelbar vor ihrer Hochzeit, als ihr Bruder mit seinem Schiff und der gesamten Mannschaft versank. Dies war für Mutter ein schwerer Verlust. Noch härter mag es für sie gewesen sein, daß kaum ein Jahr später ihr Mann »ausblieb«, wie man unter Seeleuten sich ausdrückt, was besagen will, daß er nicht wiederkam.

Meine Mutter hatte ein schwarzes, fein gebundenes Buch, in das sie mit ihrer zarten, sorglichen Handschrift eine Anzahl Gedichte eingetragen hatte, die sie ihrem Manne Johannes bei seiner Rückkehr für die nächste Reise zum Geschenk mitgeben wollte. Es waren einige geistliche Lieder und Gedichte von volkstümlicher Frömmigkeit. Da stand zu lesen:

An einem Sommermorgen ward ich jung.
Da fühlt ich meines Lebens Puls
Zum erstenmal, ? und wie die Liebe sich
In tiefere Entzückungen verlor,
Erwacht ich immer mehr?.?.?.

Ach, noch so viele unbeschriebene Blätter hat das Buch, das schon ein wenig vergilbt ist. Es wurde nicht weiter geschrieben, weil Johannes, für den das Buch bestimmt war, auf den Korallengrund sank. Und die letzte Eintragung meiner Mutter klang so traurig, sogar die Schrift, die Buchstaben schienen zu weinen: 26

Ach, die Welle hat verschlungen
Junges, schönes, erstes Glück.
Lenz und Liebe sind verklungen.
Nur Erinnrung blieb zurück.

Und doch heilte dieses erste, junge Leid, da Mutter meinen Vater kennenlernte.

 

Jede Ehe ist ein Heiligtum und ein Geheimnis, das niemand zu berühren wagt, und doch habe ich schon als Kind darüber nachgedacht, in welch seelischer Verfassung meine Eltern wohl einander begegnet sein mögen. Mutter selbst hat mir erzählt, wie Vater sich um ihre Hand bewarb, und ich konnte mir leicht vorstellen, wie schön das gewesen sein mußte. Es war einige Jahre nach dem Tode ihres ersten Mannes, um den Mutter noch immer trauerte, wenn sie auch nicht mehr das schwarze Kleid trug. Es war kein Blumenstrauß, den Vater bei seiner Werbung mitbrachte, und wie es sich vielleicht sonst gut gemacht hätte.

Nein, er brachte etwas anderes mit, das seinen Antrag so gut unterstützte, daß meine Mutter dem Vater gleich ihr Jawort gab. Ein Kind, ein winzig kleines Mädchen, das noch kaum gehen konnte. Es war das Töchterchen meines Vaters aus seiner ersten Ehe, Rebekka, meine spätere Schwester. Mutter sah das süße Kind auf den Armen meines Vaters, und es kann sein, daß ihr zärtliches Herz zunächst Mitleid für beide empfand, und daß dieses schöne Mitleid sich nach und nach in eine frohe Liebe verwandelte. Jedenfalls war es wirklich eine gute und glückliche Ehe, die meine Eltern miteinander führten. Ich kann 27 mich nicht entsinnen, daß sie sich auch nur einmal ernstlich miteinander gezankt hätten.

Mein Vater war eine stille und nachgiebige Natur, während meine Mutter in ihrer Art energischer war. Indessen war mein Vater keineswegs ein schwächlicher Mensch, nur anderen gegenüber zeigte er sich von einer Gutmütigkeit, die meiner Mutter manchmal zu weit ging. Von einem gütigen Menschen sagt man: Er gibt sein letztes Hemd weg, und diese Redensart traf beinahe buchstäblich auf meinen Vater zu. Heimlich, wie ein Kind, das nicht ertappt werden will, holte er ein Hemd nach dem andern aus dem Schrank, um es irgendeinem armen Kollegen zu geben. Bemerkte meine Mutter dann: »Es ist ja kaum mehr ein Hemd von dir im Schrank«, stellte mein Vater sich fremd, murmelte etwas vor sich: »Irgendwo werden die Hemden wohl sein.« Dann konnte es aber passieren, daß meine Mutter einem Nachbarn begegnete, der das Hemd meines Vaters trug, was leicht zu erkennen war, da es aus Flanell oder Baumwolle war und gemustert. Stellte Mutter dann meinen Vater zur Rede, sagte er: »Warum sollte Jensen nicht zufällig dasselbe Hemd haben wie ich? Du hast ihm doch hoffentlich nichts gesagt?« Nein, das hatte Mutter nicht gemacht, aber sie wußte Bescheid. Wenn sie für Vater eine Winterjacke gestrickt hatte, war sie genötigt ihm zu sagen, daß er sie nur nicht gleich verschenken solle, denn Vater pflegte nicht das wegzugeben, was für ihn wertlos geworden war, sondern oft gerade das, was er selbst nötig brauchte und sich keineswegs leicht anschaffen konnte, da er nur 18 Mark Wochenlohn verdiente. 28

Das Haus freilich war unser Eigentum, und wir hatten drei kleine Wohnungen an einfache Familien vermietet. Da die Mieter die Freigebigkeit meines Vaters sehr genau kannten, kam es ihnen nicht darauf an, hin und wieder den Zins nicht zu zahlen. Dann mußte Vater nach Feierabend auf Mutters Geheiß das Geld holen. Es ging stundenlang, bis mein Vater zurückkam, und meistens ohne Geld. War Mutter dann ungehalten, sagte Vater: »Möchte nur wissen, wozu du unbedingt das Geld brauchst. Es läuft dir doch nicht weg.« Es lief aber doch manchmal weg, und das Typische an diesen kleinen Streitereien war, daß meine Eltern beide recht hatten.

Meine Mutter war in ihrer Weise ebenso freigebig wie mein Vater. Wie schön ist es, wenn eine Mutter über den kleinen Kreis der Familie hinaus auch an andere denkt! Dies zu beobachten scheint mir für Kinder ein sehr wertvolles Erlebnis zu sein. Mutter war sehr gefällig anderen gegenüber. Ja, sie suchte und fand Gelegenheit, unseren Nachbarn, oder wem sie sonst begegnete, Gefälligkeiten und Dienste zu erweisen, wobei sie keine Mühe scheute.

Sie nähte für die kinderreichen Familien der Verwandtschaft, wußte aus alten, unscheinbaren Stoffen Neues und Nettes zu machen. Die Nachbarinnen kamen zu uns, damit Mutter ihnen die Kleider zuschnitt oder selbst nähte, wenn die Frauen keine Zeit hierfür hatten. Mutter war zwar selbst viel beschäftigt, doch verstand sie die Stunden auszunutzen.

Einmal kam ein armes, kleines Mädchen an unsere Tür, eine kleine Hausiererin, die recht dürftig gekleidet war. 29

Eins, zwei, drei hatte Mutter dem Kinde Maß genommen, und während das Mädelchen in den Straßen seinem Geschäfte nachging, änderte Mutter mit geschickten Händen zwei Kleider von mir, die sich das Kind später abholte. Und wie sorglich Mutter darauf achtete, daß die Kleider dem Kind doch ja richtig paßten!

 

Fünf Jahre über blieben meine Eltern mit der kleinen Rebekka allein, während ich mir noch in den Gefilden der Ewigkeit das Kommen überlegte. Daß ich so spät geboren wurde! Es ist ja auf eine Weise immer spät oder immer früh, da wir weder an der Vergangenheit noch an der Zukunft so teilnehmen können, wie wir dies vielleicht gerne möchten.

Vergleicht man einmal das Leben mit einem Kunstwerk, das wir nach gottgegebenen Anlagen und nach der Freiheit unseres Willens, nach einer bedingten in Gott gegründeten Freiheit bis zu einem gewissen Grade selbst gestalten können, dann werden wir die Kindheit als die erste, kräftig angelegte Skizze bezeichnen dürfen, und dem erwachsenen Menschen bleibt nur die Ausführung des Kunstwerkes. Gewiß ist, daß jede Kindheit prophetisch ist, und wenn wir einmal im späteren Leben uns nicht begreifen können, kann uns sehr oft die Erinnerung an die Kinderzeit Aufschluß geben.

 

Du lieber Gott, es sieht danach aus, als wäre ich immer noch nicht geboren worden. Als warte ich noch?.?.?. Ich habe nämlich so lange auf meine Geburt warten müssen, infolgedessen gewiß auch 30 meine Leser einige Geduld aufbringen werden. Wir haben ja Zeit. Wir haben viel Zeit, weil wir Ewigkeit haben, und wir dürfen mit liebender Langsamkeit zu Werke gehen. Meine lieben Eltern haben einmal sehnsüchtig auf mich gewartet, und ich kam und kam nicht, vielleicht, weil ich anderswo unabkömmlich war. Schließlich wurde mit meiner Ankunft nicht mehr gerechnet.

Als meine Mutter mich nicht mehr erwartete, gefiel es mir urplötzlich zu kommen. Mutter stand in ihrem zweiundvierzigsten Lebensjahr, als sie mich zu ihrem höchsten Erstaunen in die Welt brachte. So seltsam es klingen mag, aber es ist Tatsache: sie war sehr zage auf meine Ankunft vorbereitet. Ich war ihr erstes Kind und bin auch ihr einziges geblieben. Mein Vater war bei meiner Geburt schon fünfzig Jahre alt, und ich kenne ihn nur mit den friedlich-weißen Silberfäden, die sein dunkles Haar leis durchzogen. Meine Mutter dagegen behielt ihr blondes, reiches Haar bis in ihr hohes Alter.

 

Meine frühesten Erinnerungen, kleine, vorüberwehende Bilder, gleichen Blumen ohne Wurzeln. Die Bäume im Garten warfen helle und grüne Schatten, und jeder Zweig war eine große Welt für sich. Vom Schlafstubenfenster aus sah ich vierjährig, wie sich die Zweige leise bewegten, ohne daß man hätte entdecken können, was es war, das die Zweige bewegte. Sie wollten nur grüßen, und ich bewegte dann die Hände ähnlich wie der Zweig. Meine Arme rauschten sachte hin und her, und wenn Mutter mich einmal bei solchem Tun überraschte, war es nicht leicht zu erklären, 31 warum ich den Baum grüßte. Und in der Dämmerung lebten auch fremde Wesen im Baum. Warum? Ich wußte es nicht. Ich sah es nur und grüßte, eine kleine Hirtin des fremden, leisen Lebens. Es blühte an einem sehr fernen Saum.

 

Vaters großer Bart war wie der Wald, wie die Marienhölzung, aber ganz nahe, und Mutters Seidenband, das sie im Haar trug, war ein Regenbogen, war derselbe Regenbogen, den man mir einmal zeigte und der so hoch war, daß man die Augen davor schließen mußte. Das Haarband meiner Mutter war ein verwandelter Regenbogen, nach dem man hätte tasten können, und die Augen liebkosten das Band, das eine Brücke war über blonden Wellen, so weich war dieses Haar. Und die Stimme meiner Mutter war blau, und das Haar war weich wie die Stimme, wenn sie mich singend rief. Vielleicht hätte ich antworten mögen: »Meine blonde, meine blaue, meine weiche Heimat«, aber ich wußte nicht, wie man dies sagt, obwohl ich schon sprechen konnte; doch habe ich es, wie meine Mutter mir oft erzählt hat, sehr spät gelernt.

 

Dunkel kann ich mich besinnen, welch starken Eindruck mir die Sprache machte, und welch Behagen ich an den ersten Lauten empfand. Ich war aber schon über drei Jahre alt, und obwohl ich schon mancherlei zu sagen gelernt hatte, äußerte ich mich, sobald mich nur etwas freudig bewegte, in einem Taubengurren, das einige Minuten anhielt. Meine Eltern waren lange Zeit in einer leisen Besorgnis, ich könnte an einer Sprachstörung leiden, weil ich teilnahmsvoll und 32 aufgeweckt schien und mich doch nicht recht zum Sprechen bequemen konnte. Dann eines Tages kam ich auf den Geschmack der Sprache und fand Gefallen daran, manches Wort wie ein kleiner Papagei einfach nachzusprechen und oft zu wiederholen. Eine Spieluhr, die nur wenige Klänge hat, eine kleine Melodie, die der Spieluhr selbst vollauf genügt und mit der auch die Zuhörer wohl oder übel zufrieden sein müssen. Mit der Zeit, nach und nach, ließ ich mich herbei, meinen leicht übersehbaren Wortschatz etwas zu vergrößern. Das Drollige hierbei war, daß ich winziges Persönchen nicht geneigt war, mich belehren zu lassen, wenn ich nicht auch selbst ein wenig belehren durfte. Ich hielt den Sprachunterricht offenbar für ein Spiel, bei dem auch meine Eltern richtig mitmachen mußten. Forderten sie mich auf, dies oder jenes zu sagen, und kam ich diesem Wunsche nach, hörte ich stets das zufriedene Lob meiner Eltern: »Das war richtig.« Danach ersuchte ich: »Sag Aijalu?.?.?.«

Hörte ich dann, was ich zu hören wünschte: »Aijalu?.?.?.«, entgegnete ich befriedigt: »Das war richtig.« Wollten meine Eltern mir etwas beibringen, mußten sie sich auch für meine Privatkindersprache interessieren, jene Sprache, die sich von selbst in mir gebildet hatte und die nach Aussage meiner Eltern gar nicht so dürftig war, wie man bei einem kleinen Kind annehmen möchte. Aus dem ersten, unwillkürlichen Lallen des Kindes entsteht jene kleine Sprache, die den Erwachsenen süß wie Vogellaut klingt und die ich erst in meinem vierten Lebensjahr nach und nach auf gegeben habe, um mich der Sprache meiner Umgebung anzuschließen. 33

Sehr deutlich weiß ich mich an einige Spiele zu erinnern, besonders an Kreisspiele, die ich zusammen mit anderen Kindern auf der Straße machte. Von den vielen Liedern, die ich fünfjährig lernte, werde ich kaum eines vergessen haben, aber gerade das erste Lied, das ich kennenlernte, ist mir besonders lieb geblieben. Ich fand es so schön und geheimnisvoll, daß ich es noch mit sieben Jahren ohne Bedenken als Abendgebet benutzte, wie ich überhaupt zwischen dem Morgen- und Abendgebet von Zeit zu Zeit dem lieben Gott irgendein kleines Gedicht anbot, das mir gefiel. Meine Beziehung zum lieben Gott war, wie wohl bei den meisten Kindern, die denkbar einfachste. Er war ja so leicht zu erreichen, er hatte so feine Ohren. Nur leise brauchte man ein Gebet zu sprechen. und der liebe Gott vernahm es in weiter Ferne, so daß man über diese Entfernung nicht nachzudenken brauchte. Das Wettermachen war ihm eine Kleinigkeit, und weil ich helles Wetter und den Sonnenschein gern hatte, saß ich bei Regenwetter am Fenster und bettelte:

Laß die Sonne scheinen,
Sonst wird das Kindlein weinen.

Manchmal half es, aber auch nicht immer. Es half nicht, wenn vielleicht Mathiessen eigens um Regen gebeten hatte. Ich erlebte nämlich, gerade was das Wetter anbelangt, daß die Wünsche verschieden sein können. Mathiessen hatte einmal Regen bestellt. Wir Kinder, die wir ja nichts anderes zu tun hatten, beschäftigten uns viel mit Wettermachen. Wir besangen den Regen:

Regen, Regen, rutsch
Der König fahrt in der Kutsch. 34
Laat de Regen öwergahn.
Laat de Sünn man wedder kam.
Regen, Regen, rutsch?.?.?.

Weil der König in der Kutsche fuhr, mußte der Wettergott ein Einsehen haben und Sonne schicken. Als ich nun mit meinen Gespielinnen in der Haustür sitzend beim Wettermachen war, kam Mathiessen vorbei, der unser Lied, das wir der besseren Wirksamkeit halber oft wiederholten, sich grade anhörte.

»So meint ihrs also?« sagte Mathiessen, »unsereins ist froh, wenns regnet, weil wir den Regen nötig haben fürs Land, und ihr, kleines Volk, sitzt da und singt gegen den Regen an.« Wir waren in diesem Fall rücksichtsvoll genug, zugunsten von Mathiessen, der seinen Regen brauchte, auf unser Schönwettermachen zu verzichten. Blieb meine Bitte um Sonnenschein erfolglos, hatte ich, da ich noch nicht weit denken konnte, Mathiessen in Verdacht, daß vielleicht er derjenige sei, der das Regenwetter verursacht hatte. Er war für mich der Regenmann, während ich das kleine Sonnenmädchen war. Schade, daß nicht jeder sein Privatwetter bestellen und haben konnte, so daß das Wetter des einen nicht mit dem des andern zusammenzustoßen brauchte. Weil es bei uns viel regnete, hatte ich für die Regenlieder ein besonderes Interesse. Das erste Regenlied, das von mir zum Nachtgebet erhoben wurde, lautete:

Es regnet auf der Brücke, und ich ward naß.
Ich hab etwas vergessen, ich weiß nicht was.
Schöne Jungfrau, zart und fein,
Schließ mich in den Reigen ein.
Unter deinem Schirm laß mich behütet sein. 35

Wie mich dieses schlichte Verslein beschäftigt hat! Durch Jahre hindurch hat es mich begleitet, kam immer wieder. Zunächst mögen es Tonfall und Melodie gewesen sein, die mich gefangennahmen. Dann aber war es der Sinn der Worte, in den ich mich versenkte. Eine Welt, die geneigt war, mich zauberisch zu umfangen. Ach, im Grunde werde ich es nicht erklären können, warum mir dieser kleine Kindervers soviel bedeutet hat. Ich weiß nicht das Warum, ich kenne nur das Wie.

»Ich hab etwas vergessen, ich weiß nicht was?.?.?.«

Ich lernte das Lied kennen in jener Zeit, da ich einen Begriff gewonnen hatte vom Vergessen. Wie ich schon erwähnte, hatte ich von einem Tag zum andern vergessen, was rechts und links ist. Dies nur, weil mir der kleine braune Fleck der rechten Hand abhanden gekommen war. Ich wußte den Grund meines Vergessens, und vor allem beschäftigte mich das Vergessenkönnen an sich. Es war mir gar nicht so wichtig, darüber aufgeklärt zu werden, daß man sich rechts und links auch ohne braunen Fleck merken konnte. Meine Großmutter, die damals bei uns im Hause war, klagte täglich über Vergeßlichkeit, und noch dazu vertraute sie das mir kleinem Mädel an, wobei sie nicht im entferntesten daran dachte, wie sehr bereit ich war, auf dieses Thema einzugehen. Die Vergeßlichkeit war der erste Fehler, den ich an mir erkannte, und ich hatte den Wunsch, mit dem Vergessen aufzuhören. Da meine Großmutter so gar oft darüber jammerte, mußte es doch etwas Schlimmes sein, diese Vergeßlichkeit. Vielleicht war es etwas, das sich vermeiden ließ. Sobald ich nun vom Vergessen hörte, wenns auch nur 36 nebenhin erwähnt wurde, tauchte in meiner Vorstellungswelt das Regenlied auf, das zum Bild wurde, und dieses habe ich nie vergessen können.

Ich sehe die Jungfrau, die weiße Schleierfrau auf einer Brücke. Sie steht im Sonnenregen und trägt über sich einen hellgrünen Schirm, durch den ein seltsam schönes Licht fällt, ein sehr zartes seidiges Licht, noch hellgrüner, noch lieblicher als das Grün des schönen Schirmes. Am Ufer jenseits sehe ich ein tieferes Grün, einen Wiesenstreifen, auf den langsam ein feierlicher Schatten fällt. Das Bild bewegt sich in mir; es lebt und verwandelt sich. Und über der Brücke, über der Schirmfrau erscheint plötzlich der Regenbogen, dieses große, leichte Luftzeichen.
 

So hat sich mir das Bild im Laufe meines Lebens immer wieder gezeigt, oftmals und meistens, wenn ich es nicht erwartete. In einer Fiebernacht, als ich einmal in einer fremden Stadt allein und krank lag, kam das Bild zu mir, trostreich, ein Gruß aus der Märchenferne meiner Kindheit. Es war noch dasselbe Bild, wie ich es zum ersten Male in mich hineingeträumt haben muß.

 

Schon oft konnte ich es halten mit einer Bitte: »Verweile, bleibe noch«, und dann sah es mich an mit einem Blick, der mir befreundet und vertraut und dennoch fremd und rätselhaft war.

 

Ich hatte mehrere Jahre ein und dieselbe Puppe, die Liese hieß und einen gemalten Holzkopf hatte, der jede Weihnachten aufgefrischt wurde. Auch das Kleid wurde oft erneuert, weil Liese, obwohl sie etwas bunten Putz liebte, dennoch nicht genug 37 auf sich achtete. Sie hatte nur wie ihre Puppenmutter kleine Anwandlungen von Eitelkeit, die rasch wieder verflogen. In meinem siebenten Jahr machte Liese mir viel Sorge.

Sie erhielt von einem Tag zum andern den Namen Toni Minde, und zwar nur, weil ich zufällig ein Gespräch über eine gewisse Toni Minde angehört hatte, das gar nicht für meine Ohren bestimmt war. Meine Toni war auf Reisen gegangen. Wahrscheinlich hielt sie sich in Hamburg auf, doch wußte ich als Mutter nichts Näheres darüber. Toni saß hoch oben auf der Sofalehne, während ich ihr den Rücken zugewandt hielt, denn ich wußte ja nicht, wo sie sich zur Zeit aufhielt. Toni fuhr sowohl mit der Bahn als auch zu Schiff, sie war immer unterwegs, aber ich, die Mutter, konnte sie nicht begleiten, eben weil ich nie eine sichere Adresse wußte.

Als Frau Minde hatte ich eine Nachbarin in Form eines dicken Sofakissens, das Frau Marquardsen genannt wurde. Um ihre Taille hatte ich eine dicke Schnur gebunden, die ich sehr gut verknoten mußte, damit Frau Marquardsen nicht immer wieder von der unbefugten Hand meiner Mutter auseinandergenommen wurde, was mir eine Qual war, so oft ich das entdecken mußte. Sonst hielt Frau Marquardsen sich recht wacker, und es störte mich wenig, daß auf ihrem molligen Kleid »Nur ein Viertelstündchen« zu lesen stand.

Frau Marquardsen kam zu mir zu Besuch und nahm an dem traurigen Geschick, das ich mit meiner Tochter hatte, den innigsten Anteil.

»Haben Sie Nachricht von Ihrer Tochter Toni erhalten?« 38

»Ja, aber es ist schon ziemlich lange her. Sie unterschreibt sich jetzt Ditha, und es kann sein, daß es gar nicht mehr meine Toni ist.«

»O Frau Minde, was machen Sie sich für Gedanken. Natürlich ist sie es. Es gibt Leute, die ihren Namen wechseln.«

»Wirklich?«

»Bestimmt. Aber wie geht es ihr denn?«

»Sie ist Seiltänzerin in Hamburg auf der Reeperbahn.«

»Was?! Seiltänzerin? Was ist denn das?«

»Nun, sie geht zwischen Himmel und Erde. Damit verdient sie ihr Geld, aber leider nicht genug. Sehn Sie, dieses Kontobuch hat sie mir geschickt. Betrachten Sie sich das mal in Ruhe, Frau Marquardsen, und sagen Sie mir dann, wie Sie denken. Es sind die Schulden meiner Tochter, die ich zu zahlen habe. Dabei habe ich selbst kein Geld. Es ist ein Kreuz mit meiner Toni. Sie kommt nämlich immer weiter herunter.«

Während Frau Marquardsen sich mit dem Kontobuch befaßte, eilte ich rasch zu meiner Puppe, um sie mit der Sicherheitsnadel etwas mehr in der Mitte des Sofas zu befestigen, weil ich mir so das »Herunterkommen« vorstellte.

Dann wandte ich mich Frau Marquardsen zu, die sehr gerne die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte, wenn sie Hände gehabt hätte.

»Tz, tz, tz«, machte Frau Marquardsen vor Schreck.

Dann aber wurde sie zu einer spitzen Bemerkung veranlaßt, über die Frau Minde sich sehr ärgerte.

»Sagen Sie, Frau Minde, ist Seiltanzen nicht ein ziemlich ruppiges Brot?« 39

Frau Minde suchte sich zu beherrschen, war aber doch sehr verschnupft.

»Frau Marquardsen, Brot ist Brot. Und meine Tochter verdient es ehrlich genug. Ich lasse nichts auf sie kommen.«

»Nun, ich meinte ja auch nur. Seine Meinung wird man doch wohl sagen dürfen.«

»Nicht immer.«

»Gut, dann kann ich ja vor meiner eigenen Türe kehren.«

»Ich rate es Ihnen. Hier ist Ihr Besen.«

»Dann will ich also gehen, Frau Minde.«

»Nach Belieben. Ich halte Sie nicht, Frau Marquardsen.«

Dann wurde das Sofakissen unter das Bett geschleudert, wo Frau Marquardsen wahrscheinlich zu kehren hatte. Am nächsten Tag wurde das Spiel fortgesetzt, bis das Thema erschöpft war, aber die Puppe mußte angesteckt an der Sofalehne hängen bleiben, weil sie noch nicht weit genug »heruntergekommen« war, und niemand wußte, weshalb.

 

Ein kleiner Holzschemel war mir beinahe noch lieber als meine Toni-Liese. Er stellte mein Brüderchen vor, das ich am liebsten auf dem Arm mit mir herumtrug. Wußte ich mich unbeobachtet, küßte ich den Schemel: »Du kleiner Liebling, gib acht, wie fein das wird, wenn du erst laufen kannst.« Meine große Schwester hörte einmal zufällig diese Worte, und da sie nichts von diesem Spiel verstehen konnte, begann sie hellauf zu lachen, was mich sehr verletzte; doch war das Lachen meiner Schwester nicht fähig, mich von 40 einem Augenblick zum andern aus der Illusion zu reißen. Ich war verwirrt und bestürzt, und da es für mich eben mein Brüderchen war, über das man sich lustig gemacht hatte, flüsterte ich ihm rasch zu: »Mach dir nur ja nichts draus, mein Siurlai Kleines.« Der Schemel aus Holz weinte nicht, nur ich begann zu weinen.

 

Am schönsten aber war das Spiel im Garten, das mehr einem Traume glich. Auf dem Wall unter den dunklen Fliederbäumen blühten ein paar blasse Blumen, deren Verlassensein mich rührte. Es waren keine Blumen, die von Vaters Hand gesät waren. Sie waren von selbst gekommen und so bescheiden, daß sie nicht etwa bei den dicken Pfingstrosen blühten, sondern halb im Schatten, wo sie nicht einmal vorherwissen konnten, daß ich sie entdecken würde. Es waren ungewöhnlich feine und zarte Blumen. Sie waren zwar vollkommen still, aber sie hätten weinen können, die süßen Blumen. Ich sah es ihnen an, daß sie ein Weinen in sich zurückhielten. Oh, diese schluchzende Blässe der kleinen Blumen! Ich sah sie lange an in meinem ohnmächtigen Mitleid, und dann glitt ein kleines Lächeln aus jeder Blüte, ein weiß schimmerndes Lächeln. So, also so lächelten Blumen.

Es duftete dunkel nach Erde. Wie gut das tat, diesen seltsam dunklen Duft tief einzuatmen und daneben die Blumen schimmern zu sehen, die in dieser duftenden Erde wurzelten! Die Blumen wünschten, daß ich am nächsten Tag wiederkomme. Sie sagten mir dies zwar nicht direkt, aber es war ihnen leicht anzusehen?.?.?. Bevor ich aus dem Garten ging, trug ich noch ein paar Steine 41 von der Grotte auf den Wall. Die »Grotte« war ein kleines Arrangement von bunten Steinen, das ich aber sehr groß sah ? was mir schon mit sieben Jahren begegnete, daß ich die Dinge manchmal klein, ein andermal dieselben Dinge ungeheuer groß sah. Ich nahm von der Grotte einen bläulichen Stein und einen Bergkristall, wie es deren mehrere dort gab. Gerade als ich mich mit meinen Steinen zum Wall begeben wollte, traf das Licht den hellen Stein. Das machte mich träumen. Ich sah wie unter Wasserschleiern einen Mann, den ich nicht kannte, aber ich hielt ihn für Johannes, für den ersten Mann meiner Mutter. Er lächelte und sah mich an, und da ich zurücklächeln wollte, zerrann das Bild, und ich stand mitten im Garten. Der bläuliche Stein war mir entfallen, und ich hob ihn auf und trug dann beide Steine hinauf auf den Wall zu den Blumen.

Am übernächsten Tag war es oben auf dem Wall bei den weißen Blumen ein Beet, ein kleiner Garten für sich geworden, das war das Reich des Johannes. Einige Muscheln hatte ich noch hierher getragen, und obwohl ich sie doch selbst auf den Boden legte, wußte nur Johannes, was dies bedeuten sollte. Das heißt, ich wußte es wohl, ich konnte es nur nicht lesen. Johannes aber verstand die Inschrift. Es war der Name meiner Mutter: Anna Dorothea.

Er war der Versunkene, der in der Tiefe träumend schlief, und zugleich schien er hier zu spielen. Spielte er denn mit mir? Ich sah ihn, als wäre ich selbst gar nicht dabei. Er war auf einer Insel, die mit einigen Rauschebäumen bewachsen war, die mit ihren wogenden Kronen, mit ihren 42 großen, weich wehenden Blättern sich vom weiten blauen Himmel abhoben. Wie herrlich es hier war! Das Meer duftete. Ich wähnte den Salzgeschmack auf den Lippen zu spüren. Das Meer war nahe. Es war wirklich sehr nahe. Johannes besaß eine Muschel, eine schöne, sehr große Muschel, und legte man diese Muschel ans Ohr, rauschte und sang es. Vielleicht rief es aus den Wellen: »Anna Dorothea«. Es war Johannes, der meine Mutter liebhatte, ganz für sich allein. Der einsame Strand gehörte ihm, und an diesem einsamen Strand wußte jemand von meiner Mutter. Eine hohe Felswand schimmernd im Licht. Als hätte diese Wand den Namen vernommen: »Anna Dorothea«. Ich war es selbst, die träumend auf dem Wall saß, die Muschel am Ohr und das Meer belauschend, während die weißen Blumen mich umblühten. 43

 

Der Kindergarten

Vielleicht hat die Vergangenheit oder ein Traum den Tag verwandelt, an dem ich zum erstenmal den Kindergarten besuchte. Noch sehe ich das schöne Fräulein, die Tante Petersen, vor mir, der meine Mutter mich anvertraute. Tante Petersen trug ein rosenrotes Kleid und eine weiße, ärmellose Schürze. Ein Kleid von der Farbe der Heckenrosen. Das ganze Fräulein duftete leise nach Blumen, nach Heckenrosen, wie sie bei uns am Waldrand blühten. Wie beglückend, daß dieses fremde Fräulein meine Tante war, die Tante von vierzig Kindern, mit denen ich nur durch die Kindergärtnerin verwandt war. Von einem Tag zum andern hatte ich viele kleine Schwestern und viele kleine Brüder, mit denen ich spielen lernte.

Es gab einen großen Hof, der von hohen Bäumen eingefriedet war, und wo Tante Petersen uns singen lehrte:

So gemeinsam wir spielen
So gemeinsam im Kreis.

Die schöne Stimme der Kindergärtnerin muß ihrem Herzen ähnlich gewesen sein. Man hätte wohnen mögen in dieser Stimme. Klar und froh klang alles, was sie sagte und sang. Ein Lied der jungen Jahre, das mir geblieben ist und das noch klingen mag, süß und lieb wie einst.

Aus weißem Meersand bauten wir kleine Gärten. Winzige Zweige wurden zu Rauschebäumen. Die zierlichen Wege, die wir anlegten, erschienen mir weit, und jeder Weg führte zu einer Überraschung. 44 Da gab es plötzlich kleine Steingrotten, eine Hütte aus glitzernden Muscheln, ein Blumenbeet, einen kleinen Sternenhimmel auf der Erde, schimmernd in allen Farben. Ich erinnere mich an die vielen bunten Strohblumen, mit denen wir spielten, die Farben sangen. Selbst die stillen, kleinen Geräte, Eimer, Schaufel, Formen, alles schien zu sprechen: nimm mich, spiele mit mir.

Zutraulich waren die Vögel, wenn wir ihnen Brosamen zuwarfen. Zwitscherte dann einer »Kiwit-kiwitt« hieß das »danke schön«. Manchmal hieß es »Habt ihr noch mehr? Das Brot war gut. Kiwit-kiwitt.« Dann wieder rief einer »Sieh, wie ich fliegen kann. Kiwit-kiwitt«, breitete die Schwingen aus und im leichten Fluge gings bis in die Baumspitze. Die Vögel waren eigens von Tante Petersen hierher bestellt und wußten ganz genau, daß sie zum Kindergarten gehörten. Es waren keine Waldvögel, sondern richtige Kindergartenvögel. Sie hörten zu, wenn Tante Petersen sang, und um ihre Lieder zu hören, kamen sie manchmal eigens in den großen Saal, wo wir an langen Bänken und vor schmalen Tischen saßen.

In diesem Saal, wo wir uns bei Regenwetter aufhielten, machten wir verschiedene kleine Arbeiten. Wir flochten Körbchen aus buntem Glanzpapier, die wir mit heimnehmen durften und die um Weihnachten an den Baum gehängt wurden. Wir fertigten Silberketten an, formten kleine Kelche aus Staniol, das war das Silberpapier, das köstlich anzusehen war.

Es hing ein Bild an der Wand, von dem Tante Petersen uns sagte, daß es »Wandersmann und Lerche« hieß. Das Bild stellte eine sommerliche 45 Gegend dar, ein Kornfeld unter einem ruhigen, blauen Himmel. Ein Weg war da und ein Wanderer, der wohl nicht daran dachte, wohin er ging. Es war ihm gewiß nur ums Wandern zu tun. Er sah nach oben, wo in der blauen Luft die Lerche flog. Tante Petersen wußte ein Gedicht für dieses schöne Bild. Durch das geöffnete Fenster drang von den nahen Feldern der Duft von frischem Heu, während sie uns das Gedicht vorsprach.

Lerche, wie früh schon fliegest du
Jauchzend der Morgensonne zu?
Will dem lieben Gott mit Singen
Dank für Leben und Nahrung bringen.
Das ist von alters her mein Brauch.
Wanderer, deiner doch wohl auch?

Der Wanderer träumte, er sei ein Vogel, und der Vogel war mit dem Menschen befreundet. Wie die beiden einander verstanden. O, das war reizend! Es war, als dürfte ich unsichtbar in diesem Bilde weilen. Das war im Sommer und es duftete nach Heu. Die Mohn- und Kornblumen blühten.

Eines Tages saß ich Tante Petersen ganz nahe, so nahe, daß ich mich in ihren Augen spiegeln konnte. Warum sie mich zu sich ans Pult rief, weiß ich nicht mehr. Sie muß sehr schöne Augen gehabt haben, da ich noch heute geneigt bin, dieses Augenpaar mit dem Herzen zu verwechseln. Das stille Blühen dieser blauen Bergseeaugen muß dem Herzen dieses Mädchens ähnlich gewesen sein. Wie anders wäre die Macht eines flüchtigen Augenblickes erklärbar? Augen, in denen ich das eigene Gesicht sah. 46

Tante Petersen sang vom Engel. Wie aber hätte ich mir einen Engel vorstellen können, da ich bisher nur flüchtig von Engeln gehört und nicht wissen konnte, wie dem Menschen die Vogelschwingen wachsen. Gewiß hätte Fräulein Petersen weniger schön sein können und ich hätte sie leicht mit einem Engel verwechselt, aber sie war in der Tat schön wie ein Engel. Darum war mir auch, als sänge sie ihr eigen Lied. Sie glich der Saite einer Harfe, die sich unscheinbar macht, während sie klingt und schwingt.

Noch sehe ich sie vor mir, die kleine Kindergärtnerin, wie sie saß und sang, die schlanken, weißen Hände lagen wie Blumen im Schoß. Dann war sie Stimme, nur Stimme.

Es geht durch alle Lande
Ein Engel still umher.
Kein Auge kann ihn sehen.
Doch alles siehet er.
Der Himmel ist sein Vaterland.
Vom lieben Gott ist er gesandt.

Er geht von Haus zu Hause,
Und wo ein gutes Kind
Bei Vater oder Mutter
Im Kämmerlein sich findt,
Da wohnt er gern und bleibet da
Und ist dem Kinde immer nah.

Und geht das Kind zur Ruhe
Der Engel weichet nicht.
Er hütet treu sein Bettchen,
Bis an das Morgenlicht.
Er weckt es auf mit stillem Kuß
Zur Arbeit und zum Frohgenuß. 47

O, lieber Engel, führe
Auch mich den Kindern zu,
Die du so gern geleitest
Zu Arbeit, Spiel und Ruh.
Bei solchen Kindern lieb und fein,
Da möcht ich auch so gerne sein.

Von dieser Zeit an glaubte ich an Engel, wie an die letzte und schönste Möglichkeit des Menschen. Es war der erste Wendepunkt in meinem Leben, da ich zu ahnen begann, daß es auch auf dieser dunklen Erde irgendwo Engel ohne Flügel gibt. Meine kleine Kindergärtnerin gehörte dazu. Es war pure Bescheidenheit, daß sie sich nicht der Flügel bediente. Sie hätte fliegen können wie die Lerche oder wie ein Engel ohne Saum, wenn sie gewollt hätte, aber daß sie zu Fuß ging, war mir viel erstaunlicher und versetzte mich in weit größere Bewunderung als der Traumengel, den ich fliegen sah. Auf was für Sohlen die Engel gehen? Heute weiß ich es nicht mehr so genau, aber damals, fünfjährig, ließ ich mich nicht durch den Augenschein verblüffen. Tante Petersen trug schlichte Lederschuhe mit halbhohen Absätzen, aber damit konnte sie mich nicht täuschen. Ich wußte ja, daß sie ein Engel in Menschengestalt war. 48

 

Die Schule

Es war ein schöner Frühlingsmorgen um die Osterzeit, als meine Mutter mich zum ersten Male in die Schule brachte. Die Bäume in der Apenrader Landstraße standen im ersten jungen Grün, und mir ist, als hätten die Weißdornhecken, an denen ich in der Vorstadt auf meinem Schulweg vorüberkam, geduftet. Im Garten der Bresdorfschen Villa blühten die Osterglocken, und das Primelbeet wurde besorgt, als wir vorübergingen. Weiter oben im Park stand das weiße Birkenhaus mitten im Grün der hohen Bäume. Dies war das Gartenhäuschen, das einmal klein und einmal groß war. Es hatte die seltsame Eigenschaft, sich verwandeln zu können. Sehr gern hätte ich einmal den Augenblick der Verwandlung beobachtet. Ob das nicht jetzt in früher Morgenstunde vor sich gehen konnte? Ich blieb am Gitter stehen, wie ich es jedesmal zu tun pflegte, wenn ich hier vorüberkam. Meine Mutter ließ mich eine Weile gewähren. Vögel zogen in langen Ketten in der reinen Morgenluft über den Garten hinweg.

»Komm, Kind, wir haben keine Zeit länger. Sieh, die Vögel fliegen in die Schule, um singen zu lernen.«

Kurz vor dem Nordertor ragte das Schulhaus, dunkel und sehr hoch. Ich hatte schon in der Stadt große Häuser gesehen. Das Schulhaus musterte ich jedoch mit besonderer Aufmerksamkeit, um dann meiner Mutter zu erklären, es sei mir zu groß, und ich wolle da nicht hinein. Mutter lachte, ja, man könne jetzt kein Schulhaus extra 49 für mich anschaffen, und »sieh dir die Kinder an, wie die vergnügt in die Schule gehen.« Das stimmte freilich, und ich gab schließlich, wenn auch etwas widerstrebend, nach, das Schulhaus zu betreten. Vorher hatte ich mich gesperrt wie ein bockiges Kälbchen, und der Lehrer hatte dies beobachtet. Freundlich kam er auf uns zu, begrüßte meine Mutter und wandte sich dann lächelnd mir zu, ob ich nicht Lust hätte, etwas Rechtes zu lernen, oder ob ich lieber dumm bleiben wolle. Eigentlich wollte ich lieber dumm bleiben, denn es mußte wohl auch Dumme in der Welt geben, doch merkte ich, daß man nicht gesonnen war, mit mir eine Ausnahme zu machen, obwohl ich es sehr darauf angelegt hatte, die Schule zu umgehen. Es war gewiß nur das Unbekannte, die große Veränderung, die mich beängstigte.

Der Lehrer, ein langer junger Mann, betrachtete mich lächelnd, und es fiel mir ein, daß Mutter mir aufgetragen hatte, ihm die Hand zu geben. Ich holte das nach, aber zum Knix, den Mutter gleichfalls bei mir bestellt hatte, kam es nicht, weil mir der Lehrer die Hand auf den Kopf legte und mir sagte: »Nun, Gott segne dich, mein Kind.« »Ja, danke, gleichfalls«, erwiderte ich, zwar noch etwas beklommen, aber durch solch liebenswürdigen Gruß begann ich doch schon etwas Vertrauen zu fassen.

»So, Helga, wirst du jetzt auch immer schön brav und fleißig sein und dem Lehrer auch immer richtige Antworten geben?« Ja, das wollte ich. Daran sollte es nicht fehlen. Es konnte nur darauf ankommen, was der Lehrer von mir zu wissen begehrte. Das Allernächstliegende nämlich, den 50 eigentlichen Zweck der Schule, habe ich lange nicht zu begreifen vermocht, und mir scheint, daß es hier bei vielen Kindern nicht mit wenigen erklärenden Worten getan ist. Weil nun der Lehrer selbst über sein Amt nichts oder nur sehr wenig sagte, hegte ich die absurdesten Meinungen über ihn. Mich wunderte, daß er Gefallen daran fand, vierzig Kinder die Kreuz und die Quere auszufragen über so manche Dinge, die ihn doch eigentlich gar nichts angingen. Die kleine vorläufige Intelligenzprüfung verstand ich vollkommen daneben. Der Herr Lehrer war recht neugierig und machte nicht den mindesten Hehl daraus. Er fragte nach den Berufen unserer Väter, und war das nicht doch etwas vorwitzig? Wie entzückt war er, von einem kleinen Mädchen ? leider nicht von mir ? zu vernehmen, daß zwei und zwei vier sind. Das Rechnen schien seine schwache Seite zu sein, und in diesem Punkt war er mir ähnlich. Aber etwas konnte er, und daheim lobte ich gern, was zu loben war: das herrliche Geigenspiel des Lehrers. Es wäre mir sehr recht gewesen, wenn er sich darauf beschränkt hätte, uns den lieben langen Vormittag etwas vorzugeigen, doch konnte er offenbar nicht lange bei einer Sache bleiben. Es gab jeden Morgen nur einen kleinen Happen Musik, der Lust nach mehr erweckte. Am zweiten Morgen war er so entgegenkommend, zu einem Geigenlied zu singen. Oh, das war herrlich, diese warme, braune Stimme zu hören:

»Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren.
Lob ihn, o Seele, mit Jauchzen, das ist mein Begehren. 51
Kommet zuhauf! Psalter und Harfe, wach auf!
Lasset den Lobgesang hören.«

O, wie das rauschte! Wie kühn das hinanstieg! Wie leicht war ich hinweggenommen! Wie leicht hinangetragen! Leichter war ich als ein Wölklein, das sich auflöst.

Nein, dieser Lehrer war ein Spielmann des lieben Gottes, dem man keine Vorschriften machen konnte. War es nicht möglich, sich mit der Musik zu begnügen, mußte man einem solchen Herrn überlassen, womit er sich außerdem noch beschäftigen wollte? Seines Geigenspiels und seiner begnadeten Stimme wegen konnte man ihm manche Wunderlichkeit hingehen lassen. »Was für was«, pflegt man bei uns zu sagen, wenn man für eine Wohltat sich erkenntlich zeigen will. »Was für was.«

In den ersten Schultagen waren es lediglich die musikalischen Genüsse, die mich in das hohe dunkle Haus zogen. Was mir widrig war, die Rechnerei, nahm ich gleichsam mit in den Kauf.

Wenn nur die Zahlen nicht so unerquickliche Geschöpfe gewesen wären! Sie wurden uns manchmal in gedruckten Lettern schwarz auf weiß vorgeführt. Jede Zahl war eine steife Behauptung: So bin ich, so bleibe ich, und zwar unerbittlich und unabänderlich. Merkwürdig, wenn der Lehrer eine Zahl auf die Wandtafel malte und sie nachher mit dem Schwamm auswischte, kams mir vor, als ärgere sich die Zahl darüber, daß sie ausgelöscht wurde. Und irgendwo spukte sie ungeniert weiter. Das war unangenehm, sehr unangenehm. Nach und nach kam es mir unbescheiden vor, mit Zahlen umzugehen. Nun ja, bis zu zehn mochte man 52 zählen, wenn es durchaus sein mußte und sein sollte, aber allzuweit hätte es nicht gehen dürfen. Nicht so weit, wie es bei uns in der Klasse ging. Es war für mich jedenfalls ein höchst betrübliches und beunruhigendes Kapitel und nicht abzusehen, wie sich das weiter entwickeln würde. Unser Lehrer machte auffallende Fortschritte im Rechnen. Er entwickelte eine Kenntnis, wie ich sie niemals einem Menschen vorher zugetraut hätte. Die Ansichten über meinen Lehrer änderten sich von Tag zu Tag, so daß ich meiner eigenen Meinung kaum mehr nachkommen konnte. Daran war nur der Lehrer selbst schuld, der mich von einer Verblüffung in die andere versetzte. Das war nun einmal seine Art. Es war nicht leicht, sich daran zu gewöhnen.

Wohin mochte das führen, wenn man gleich in den ersten zwei Wochen so klug gemacht wurde? Da ging ich langsam und nachdenklich von der Schule nach Hause, beladen mit einer ungeheuerlichen Wissenschaft. Die Nachbarinnen nickten mir vergnügt und in schwer begreiflicher Harmlosigkeit zu: »Tag, Helgalein, na, wie gehts in der Schule? Kommst auch hübsch voran?«

Ob ich gut vorankam? Es war der reine Hohn. Ich wußte ja schon die unerhörtesten Dinge. Ich wußte etwas Übergewaltiges. Ich wußte, wie die Welt entstanden war. Ich wußte um das Paradies. Ich wußte um Gott, um Adam und Eva wußte ich. Um den ersten grausamen Engel wußte ich, der mit seinem flammenden Schwert die Pforte des Paradieses bewachte, damit nur ja die armen Menschen, die man ohne Kündigungsfrist vor die Tür gesetzt hatte, sich dort nicht wieder blicken 53 ließen. Vor dem Bresdorfschen Garten stellte ich mich auf, um die Last meiner Wissenschaft ein wenig zu ordnen. In solchem Birkenhaus hatten wahrscheinlich Adam und Eva gewohnt. Das war anzunehmen. Dieses ungewöhnlich hübsche Haus war immer leer. Nie sah ich jemand hinein- oder herausgehen, bis mein Kindesherz das reizende Birkenhaus eines Tages belebte. Aber das war später, viel später. Nach Jahren erst. Ich hatte ja nicht das Verfügungsrecht über das schöne Birkenhaus. Es gehörte Herrn Bresdorf, dem Direktor von der Werft. Ich wußte nur, daß niemand das Gartenhaus lieber haben konnte als ich. Es war eine Liebe auf den ersten und auf den letzten Blick, und es konnte niemandem schaden, wenn ich es für mich als »mein Birkenhaus« bezeichnete. Einmal war es mein Schloß, dann wieder meine Laube. Das Haus hatte, wie gesagt, die wunderbare Eigenschaft, von einem Tag zum andern groß oder klein zu erscheinen, wie uns manchmal das Leben selbst vorkommen kann, einmal klein und einmal groß.

 

Daheim machte ich meinen Eltern bei Tisch die Mitteilung, daß ich genug wisse, und es sei besser, wenn ich jetzt mit dem Lernen aufhöre und die Schule nicht länger mehr besuche. Meine Eltern werden ihren Ohren nicht getraut haben, oder sie nahmen meine Erklärung für den unberechenbaren Einfall eines Kindes, den man belächeln kann, dem man jedoch keine sonderliche Beachtung zu schenken braucht. Ich war keinesfalls ein bequemes Kind, das sich unter irgendwelchen Vorwänden von der Schule drücken wollte. Ich war 54 geneigt, fleißig zu lernen, indem ich meine Schulaufgaben mit der größten Gewissenhaftigkeit ausführte. Ich hatte nur eine große Furcht, das Gelernte innerlich nicht bewältigen zu können, weil es zu große Anforderungen an meine Verstandeskräfte und vor allem an meine Phantasie stellte, Forderungen, denen ich nicht gewachsen war. Die instinktive Abwehr vor dem Zuviel, die ich zeitlebens behalten habe, wurde mir später bewußt, und ich bin mit dem, was ich an geistiger Nahrung zu mir nahm, stets vorsichtiger gewesen als mit der Nahrung, die ich meinem Körper zuführte. Eine Magenverstimmung läßt sich viel leichter kurieren als eine geistige Überladung. Es gibt Menschen, die mit großer Sorgfalt ihren Speisezettel zusammenstellen und die jede unbekömmliche Speise streng vermeiden, während sie geistig mit vollendeter Unbedenklichkeit alles verschlingen, was ihnen geboten wird und wonach sie zufällig Appetit verspüren. Solche Menschen lesen gute und schlechte Bücher, und dies in erstaunlichen Mengen und mit einem Heißhunger, daß man annehmen möchte, sie gieren bei dem einen Buch bereits nach dem andern. Sie besuchen Gesellschaften, Theater, Kino, Versammlungen, kurzum, sorgen dafür, daß sie niemals zur Ruhe und Einkehr kommen, und die eigentliche Empfindsamkeit, das klare eigene Denken geht durch dieses Zuviel selbstverständlich verloren, von anderen geistigen Schäden ganz zu schweigen. Mit dem Studium wird es sich ähnlich verhalten, obwohl ich zugeben will, wie ja auch die Erfahrung es lehrt, daß es starke Menschen gibt, die Verschiedenes zugleich aufzunehmen imstande sind; 55 doch mögen dies besonders begabte Ausnahmen sein, während im allgemeinen das Zuviel-auf-einmal-lernen-wollen nur auf Kosten der Gründlichkeit geschehen kann.

Indessen half mir mein Sträuben gegen die Schule wenig, und es genügte meiner Umgebung keineswegs, daß mir selbst mein Wissen genügte. Ich wurde oft gehänselt, weil ich, wie Vater es nannte, gern eine Analphabetin bleiben wollte. Ich war es ja, aber ich bins dann doch nicht geblieben. Wäre ich in Sizilien oder Sardinien geboren, hätte ich meinen Willen vielleicht durchgesetzt und hätte nur gelernt, statt meines Namens ein Kreuzlein zu zeichnen; so aber, wie es gekommen ist, bin ich imstande, sowohl Geschriebenes als auch Gedrucktes zu lesen, doch erwarte ich nicht, daß man mich deswegen sonderlich bestaune. Nur ich selbst wundere mich manchmal, daß ich sogar wider meinen Willen einiges gelernt habe.

 

In der ersten Klasse saß ich neben meiner Kusine Doris, nicht gerade als Allerletzte, aber doch als Vorletzte, aber da wir beide keinen Ehrgeiz kannten, schien uns der letzte Platz genau so gut wie der erste. Doch will ich hier gleich hinzufügen, daß ich mit 14 Jahren sogenannte Klassenerste war, als ich die Schule verließ. Das heißt, ich war auch hier die Vorerste gewesen und bekam den ersten Platz, nachdem meine Nachbarkollegin Alegine in eine höhere Schule versetzt wurde, da sie Lehrerin werden wollte. Mit meiner Kusine Doris hatte ich bisher wenig gemeinsame Interessen, obwohl wir doch nahe miteinander verwandt 56 waren und nebeneinander Haus an Haus wohnten. Doris war ein flottes Persönchen und schon mit kaum fünf Jahren sehr »praktisch« veranlagt. Ihre und meine Mutter, die einander Schwestern waren, hatten eines Tages nach Frauenart über das Mittagessen gesprochen, wobei meine Tante, die auch Doris hieß, bemerkte, daß sie einige Eier brauchen könnte, die im Laden zufällig nicht zu haben waren. Daraufhin erwähnte meine Mutter, daß sie soundso viele Eier im Küchenschrank habe, und nebenbei sagte sie, daß sie fortgegangen sei, ohne die Tür zu schließen. (Das Gespräch fand nämlich an der Straßenecke statt.) Die kleine Doris, die völlig unbeachtet neben ihrer Mutter stand, schlich sich heimlich davon und holte meiner Mutter sämtliche Eier bis auf eines aus dem Küchenschrank und brachte die Eier wohlbehalten in die Küche ihrer Mutter, während diese noch eine Weile mit meiner Mutter weiterplauderte. In diesem Alter konnte Kleindoris kaum wissen, was »mein« und »dein« ist, aber mit sieben Jahren hatte sie schon eine Ahnung davon.

Sehr klar erinnere ich mich, daß sie am ersten Schultag ihre Mappe, für die es unter der Bank einen eigenen Platz gab, den ganzen Vormittag über auf dem Arm behielt und mich aufforderte, es genau so zu machen. Gut. Ich wußte zwar nicht, warum, doch hielt ich es genau wie Doris, holte mir die Mappe aus dem Fach, und so saßen wir dicht an dicht nebeneinander, jedes sein Gepäckstück am Arm. Der Lehrer, der acht Bänke weit von uns entfernt saß, auf seinem hohen Pult, bemerkte, wie wenig einfach wir es uns machten, kam zu uns, um zu erklären, wie wir 57 unsere kleinen Siebensachen verstauen könnten. Er legte sogar persönlich unsere Mappen in das Fach. Kaum hatte er den Rücken gedreht, gab Doris mir mit den Augen ein bedeutungsvolles Zeichen, holte die Mappe wieder heraus, hängte sie sich an den Arm, und ich mußte dasselbe tun. Der Lehrer bemerkte es bald und kam freundlich nochmals zu uns zurück, da er uns für etwas schwer von Begriff hielt; ich kann nur sagen, daß der Lehrer uns gegenüber eine Geduld zeigte, für die ich damals wenig Verständnis hatte. Er war wirklich ein Kinderfreund und daher auch ein guter Lehrer, aber es war nicht leicht, aus uns klug zu werden. Wir, meine Kusine und ich, haben später oft darüber gelacht, wie wir den Lehrer veranlaßten, dreimal erfolglos hin- und herzulaufen, bis Doris ihm in ihrem drolligen Plattdeutsch erklärte, wir müßten unsere Mappen am Arm behalten, da sie uns leicht gestohlen werden könnten. Ich weiß nicht, ob Doris nach dieser Richtung hin schon Erfahrungen gemacht hatte. Ich wußte nur, daß sie selbst meiner Mutter die Eier aus dem Schrank geholt hatte, aber das war ja etwas, das in der Familie blieb. Dieses Eiernehmen war nicht ganz in der Ordnung, aber Doris hatte wohl nur ihrer Mutter gefällig sein wollen. Meine Kusine meinte es sehr gut mit mir, doch klang es immerhin etwas beunruhigend, wenn sie sagte: »Man muß sehr auf seine Sachen aufpassen.«

»Ja, ja«, pflichtete ich bei, »das muß man schon.« Trotzdem verstand ich nicht, was gemeint war, doch wollte ich mich einer so gewandten Kusine, die schon soviel Erfahrung hatte, gern ebenbürtig zeigen. Doris hatte so viele 58 Geschwister, daß sie nicht einmal genau wußte, wie viele es waren. Ihre Brüder und Schwestern, schon erwachsen, waren zum Teil in der Fremde. Ein Bruder war von der Wanderschaft nach Hause gekommen, hatte an die Tür geklopft, und Kleindoris hatte diesen großen Bruder mit den Worten empfangen: »Wir geben nichts.«

»Nanu?« hatte der Bruder gelacht. »Also so seid Ihr hier? Ihr gebt nichts? Das ist ja niedlich. Und warum gebt Ihr nichts?«

»Wir haben selbst nichts. Wir brauchen, was wir haben.«

»Das sind ja schöne Aussichten. Aber einen Kuß könnte ich vielleicht bekommen, oder stehts auch damit knapp?«

Kleindoris wußte noch nicht recht, daß einem Menschen manchmal an einem Kuß viel mehr gelegen sein kann als an einem Stück trockenem Brot oder an einem kühlen Zweipfennigstück. Sie ließ den fremden Mann, den sie für einen Handwerksburschen hielt, an der halboffenen Tür stehen, beugte sich übers Treppengeländer und rief hinab:

»Mutter! Komm mal rasch herauf. Hier ist ein Mann, der einen Kuß will?.?.?.«

Tante Doris, die sich unten mit der Nachbarin unterhielt, rief zurück: »Was will er?«

»Einen Kuß!!!«

»Ich komme sofort!«

Es stellte sich dann rasch heraus, daß der fremde Mann ein Bruder von Doris war.

Mit ihrer großen Schwester war es ihr ähnlich gegangen, und ich fand es recht interessant, eine so schwer übersehbare Familie zu haben. Mit den Brüdern, die sich auf der Wanderschaft befanden, 59 beschäftigten wir uns besonders. Es mußte ja herrlich sein, durch ganz Deutschland zu spazieren und nur hin und wieder ein bißchen als Zimmergeselle zu arbeiten, nur um etwas Geld zum Weiterwandern zu verdienen. Man konnte auch für den Anfang etwas Brot in der Umhängedose mitnehmen, und später, im Lauf der Wanderung, würde man auf dem Lande bei den Bauern genügend zu essen bekommen, so daß man also nicht zu verhungern brauchte. Allerdings mußte man bereit sein, den Bauern bei den Landarbeiten zu helfen, aber das war ein Vergnügen. Wir würden Borsdorfer Äpfel auflesen und blaue Pflaumen, wie sie in üppiger Fülle in den Obstgärten von Kalleby gediehen. Man mußte wohl nicht gerade jede Fracht in den Korb werfen. O ja, das Auswandern hatte entschieden viel für sich. Doris wußte großartig mit allem Bescheid, und für mich war die Auswanderei notwendig geworden, da ich in der Rechenstunde mehr rückwärts als vorwärts kam. Der Lehrer hatte mich gefragt, wieviel zehn und zehn zusammen ausmachen, und das hatte ich in der Eile nicht gewußt. Als der Lehrer mir dann gesagt, daß zehn und zehn zwanzig sind, hatte ich betrübt den Kopf geschüttelt und gesagt: »Ich kanns nicht glauben.« Für solche aufrichtige Antwort hatte ich dann einen Klaps auf die Finger bekommen, womit sogar meine Eltern einverstanden waren, was mich sehr kränkte. Nein, Doris und ich wollten auswandern, so jung wir waren. Das Alter spielte dabei keine Rolle. Es kam ja auf uns an, wie wir uns dabei hielten.

Es gab bei diesem Plan nur ein Hindernis, und das war der Geburtsschein, den man nach Doris 60 Kenntnissen überall vorzeigen mußte. Nun war mir zufällig noch nie etwas von Geburtsscheinen zu Ohren gekommen, aber Doris suchte mir einen Überblick zu geben von der großen Scheinwirtschaft, die es ja tatsächlich gibt. Da ich ein wenig dazu neigte, nur an das zu glauben, was mir paßte, paßte es mir mit dem Geburtsschein ganz und gar nicht. Der liebe Gott hatte Adam und Eva doch auch keinen Geburtsschein ausgestellt. Wäre dies der Fall gewesen, hätte der Lehrer eine solch wichtige Sache sicher erwähnt. Ja, es sei inzwischen manches anders geworden, wußte Doris mich aufzuklären.

»Ach, wir gehen ohne Geburtsschein«, bettelte ich.

»Dann kommt die Polizei und fängt uns ein, und damit ist uns nicht gedient.«

Dagegen ließ sich nichts einwenden. Vom Polizisten ahnte ich freilich, daß er eine sehr große Macht besaß. Londelius war von einem Polizisten eines Abends aus der Wohnung geholt worden und war so ruhig neben ihm gegangen, so, als wisse Londelius genau, daß jeder Widerstand vergeblich sei.

Mein letzter Vorschlag war:

»Wir gehen ohne Hut und behalten die Schürze an, und dann denkt die Polizei und denken überhaupt alle Menschen, daß wir überall wohnen und zu Hause sind. Wir spielen Ball und nehmen noch unser Springseil mit.«

Leider beharrte Doris auf dem unerläßlichen Geburtsschein, von dem ich genau wußte, daß meine Mutter ihn mir nicht gutwillig aushändigen würde. So kam es, daß wir unsere vorzeitige 61 Wanderlust bis zu einer besser passenden Gelegenheit unterdrückten. Auf der Schulbank saßen wir nebeneinander, wie zwei unschuldig Verurteilte im Gefängnis, bis wir dann nach und nach Geschmack am Lernen fanden und uns der schöne Sinn der Schule allmählich aufging.

Eines Tages gab es einen seltsamen Himmel. Es war nicht mehr der Himmel vom Tag zuvor. Es war nicht nur der weiche, blaue Himmel, in dem die Vögel in leichten Scharen zur Schule flogen. Sie lernten singen:

Lobt froh den Herren, ihr jugendlichen Chöre.
Er höret gern ein Lied zu seiner Ehre.

Das sangen die Vögel und wußten es nicht. Ich aber wußte es. Oh, ich wußte soviel. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Man sah es plötzlich dem Himmel an, daß der liebe Gott ihn erschaffen hatte.

Auch die Sonne war anders geworden. Am Strand bemerkte ich es, angesichts der unzählbaren Wellenstreifen. Es war, als wolle die große Sonne am Himmel mit ihren unzähligen Strahlen sich in jeder Welle fortsetzen, und die vielen Wellensonnen strahlten ein demantenes Licht. Und die große Ursonne selbst blendete. Man konnte sie nicht ansehen, ohne die Augen zu schließen. Daß sie durch ein Wort entstanden war! Es werde Licht! Und es ward Licht. Hervorgerufen durch ein Wort. Oh, es war so tief erstaunlich! Die einsame Stimme des Schöpfers, da sein Geist noch über den Wassern schwebte. Oh, noch immer über der Förde meiner Heimat. Die vielen Sonnen über den Wellen. Sie glitzerten. Sie sprangen und tanzten, als hätten 62 sie jubeln mögen. Wie vom Munde des lieben Gottes geweht, entstand wieder und immer wieder das Licht. Siehe, es war sehr gut, hatte der liebe Gott selbst gesagt. O ja, es war unendlich gut. Es war schön, bezaubernd schön. Es war der Himmel des lieben Gottes und das Licht des lieben Gottes. Und ich wußte darum.

Wir hörten in der Schule die Schöpfungsgeschichte, wie sie im Alten Testament zu lesen steht. Unser Lehrer versuchte nicht, das überirdisch Große zu verkleinern. Er ließ zunächst die ehrfurchtgebietende Majestät der biblischen Sprache auf unsere jungen Herzen einwirken, die vor dieser Größe in Andacht erbebten. Erst nachher gab er uns einige Erklärungen, die unserem kindlichen Verstand entsprachen. In dieser Zeit lernte ich rasch lesen und schreiben. Die Aussicht, in der Bibel lesen zu dürfen, war es, die meinen Eifer beflügelte. Ich erinnere mich deutlich an meine kleine Lesefibel, in der gleich beim ersten Buchstaben, beim »A«, ein Apfel abgebildet war, und wie ich diesen Apfel oft betrachtete und mir dabei dachte, daß ich schon bald die Geschichte von Adam und Eva würde lesen können, die seltsame Geschichte, die ich schon kannte.

Einen Tag lang versetzte mich die Vertreibung aus dem Paradies in eine unbeschreibliche Kümmernis. Es war, als arbeite das, was ich vernahm, selbständig in mir, ohne daß ich etwas dazu tat. Von einer großen Freude wurde ich plötzlich in einen tiefen Gram versetzt, und ich stand meinen eigenen Empfindungen machtlos gegenüber. Was mir sonst noch in der Schule geboten wurde, erschien mir belanglos gegen dieses eine, was mir 63 einzig zu wissen wichtig schien. So viele Jahre sind seitdem vergangen, doch ist mir, als wäre es gestern gewesen, was ich an einem Mittwochmorgen vernahm: »Du bist Erde und sollst zu Erde werden.«

In welche Betrübnis versenkte mich dies Wort! Am Nachmittag war ich mit einem Nachbarkind, mit Martha, einer kleinen Freundin, auf dem Kartoffelacker, wo wir bei der Ernte helfen durften. Es waren die großen mehligen, sogenannten Rosenkartoffeln, die wir in große Körbe legten. An einer Staude befanden sich zwölf bis achtzehn schöne Kartoffeln. Ich zählte, weil ich an das Wort dachte: Dornen und Disteln soll dir der Acker tragen?.?.?. Ich fand, es war nicht so sehr schlimm?.?.?. Der liebe Gott war milde in unserer Gegend?.?.?. Es war eine schöne Ernte.

Es wurde einiges dürre, von der Sonne versengte, trockene Kraut auf dem Felde verbrannt, und in der Abendstunde lagen und saßen wir um dieses Feuer herum. Es war so schön, in die Flamme zu sehen. Man hätte bitten mögen: Verlösche nicht?.?.?. Der Himmel war silbern, und schon zeigte sich die blasse Mondsichel am Himmel. Es war zunehmender Mond, und ich wußte, woran man dies erkennt. Ich wußte ja so viel?.?.?. Meine kleine Freundin Martha war so lieb. Sie saß neben mir. Es tat gut, sie nahe zu fühlen, ganz nahe. Ich sah, der Flammenschein fiel über ihr Gesicht, spielte in ihren flachsblonden Haaren. Nur die Erde, auf der wir saßen, war dunkel. Du bist Erde und sollst zu Erde werden. Es war nichts dagegen zu machen. Unabänderlich, es gab soviel Erde, und der leere Acker war ein Schatten, ein 64 großer, dunkler Schatten. Gedankenlos ließ ich eine Handvoll Erde durch meine kleinen Hände rinnen. Sie duftete gut, diese dunkle Erde. Dann wieder sah ich in die Flamme, die am Verglühen war, aber sie hielt sich noch ein wenig. Noch spielte ein wenig Licht in Marthas hellem Haar. Ein letzter Glanz, nach dem ich verlangend griff. Ich haschte danach und zog meine kleine Freundin an mich: Ich hab dich heut so lieb. Sie schmiegte sich an mich. Und dann tauchten die ersten Sterne aus dem Silber des Himmels auf. Das waren die Lichter an der Feste des Himmels. Es gab ein großes Licht, das den Tag regierte, und ein kleines, das die Nacht regierte. Und diese Lichter schieden Tag und Nacht voneinander, gaben Zeichen und Zeiten, Tage und Jahre. Und an diesem Tag stand der Mond im zunehmenden Zeichen. Wir bemerkten es mit leiser Freude. 65

 

Advent

Wie soll ich dich empfangen
Und wie begegn ich dir,
O aller Welt Verlangen,
O meiner Seele Zier?.?.?.

Wie gern habe ich dieses Lied im Advent gesungen, allabendlich um vier Uhr in der Schule mit vielen andern Kindern zusammen. Der Lehrer selbst sang mit, und unsere jungen Stimmen klangen so froh, als wollten sie einander umarmen.

Wie wundervoll ist es, in der Freude mit vielen einig zu sein und in Erwartung zu singen: Wie soll ich dich empfangen?

Das ist die Liebesfrage im Advent, die immer wieder in uns auftaucht, wenn das Weihnachtsfest nahe bevorsteht.

Es wurde früh dunkel, und doch war es irgendwo licht und hell. Durch das hohe Fenster sah man am Himmel den ersten Stern schimmern. Jeden Abend war er da, wenn wir sangen. Es war der Herold unter den Sternen, der Millionen kommende Sterne ankündigte. Dann wieder war es Gabriels und Mariens Stern. Oder es war derselbe Stern, den die fremden Könige einst gesehen. Die heiligen drei Könige, die einem Sterne nachgegangen waren, und mit ihnen war die Sehnsucht der fernen Völker gewandert, die noch nichts vom Jesuskinde wußten und sich doch schon nach ihm sehnten. Denn die Sehnsucht nach Erlösung lag in jedem Menschen. Das war uns gesagt worden, und jetzt wußten wir es für immer. So sehr von 66 weitem waren sie gekommen, die drei Weisen aus dem Morgenlande, umgeben von fremdländischem Duft, beladen mit Gold, Weihrauch und Myrrhen, singend auf dem Wege: O aller Welt Verlangen?.?.?. Wie reich sie doch waren, diese Sternerfüllten, reich an Liebe und an Gold! Irgendwo aber mußten sie doch ihre Paläste verlassen haben, ihre stolzen, glänzenden Häuser ließen sie leer stehen, da sie nach Bethlehem gingen. Sie waren ja Könige, und doch schienen sie ihre Kronen vergessen zu haben um Jesu willen.

Jeder König sang dasselbe, was wir in der Schule sangen:

Mein Herze soll dir grünen
In stetem Lob und Preis,
Will deinem Namen dienen,
So gut es kann und weiß?.?.?.

Noch stand das Zeichen am Himmel, und nichts war leichter als Sterndeuten. Beim Nachhauseweg von der Schule ging immer der Stern mit mir. Er eilte mir voraus oder folgte mir. Der Stern behielt den Menschen im Auge. Und einmal hatte er über dem Stall zu Bethlehem gestanden, zwischen den Zweigen eines Palmbaumes geglänzt. Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenlande und sind gekommen, ihn anzubeten.

Oh, ich erinnere mich, wie meine liebe Mutter von der Geburt Jesu erzählte. Was waren alle Märchen gegen dieses eine, das die Wahrheit aller Wahrheiten enthielt? Die Kunde war mir noch neu, und ich hatte noch nicht gar viel von Jesus gehört. Es war so tief erstaunlich und schön, daß das Jesuskind alles von mir wußte, immer gewußt 67 hatte. Und daß es dann so klein war, daß man das Verlangen trug, es wie ein Brüderchen zu betrachten.

Nicht genug konnte man davon zu hören bekommen, und Mutter wußte so lieb Bescheid, als wäre sie dabeigewesen. Alles, aber auch alles ließ sie sich abfragen.

»Mutter, sag, warum ist das Jesuskind nicht daheim geboren worden im Hause seiner Eltern? Hätte der liebe Gott nicht machen können, daß Maria und Joseph nicht in Wohnungsnot kamen? Der liebe Gott hätte auch die Volkszählung leicht verlegen können, meine ich. Und daß die beiden mit ihrem Kinde fliehen mußten! Mutter, du hast vergessen zu sagen, ob wohl ein Ofen im Stall zu Bethlehem war? Wenn das Kind auch gut eingehüllt war in Windeln und Wolle, kann es doch nicht recht warm gehabt haben. Und Maria und Joseph. Ob es nicht kalt war in der Nacht?«

Bei uns im Wohnzimmer glühte und wärmte das Feuer. Die Ofentür stand geöffnet, und wir saßen um den Ofen und sahen in die schöne Glut. Die Lampe war noch nicht angezündet. Mutter liebte es, uns Kindern in der Dämmerung zu erzählen, und man sah und dachte nichts anderes als an die wundersame Geschichte von der Geburt Jesu. Wie lieb und warm war es bei uns! Wie leicht hätte hier ein Kind geboren werden können! Es hätte in meinem Kinderbett schlafen können, unter der hübschen blauen Decke. Wie schade, daß wir damals nicht in Bethlehem waren! Wie sehr ich dies bedauerte! Meine Eltern hätten bestimmt das Jesuskind aufgenommen mitsamt seiner holden Mutter und dem heiligen Joseph. 68 Dies wäre schon gegangen, wenn man sich ein wenig eingeschränkt hätte. Wir hatten ja oben eine Dachkammer, und dann die kleine Abseite, und ich hätte mit Rebekka leicht im Holzraum schlafen können. Rebekka war dazu bereit, daran fehlte es nicht. Und in der Küche, auf unserem Herd mit drei Kochlöchern und einem Wasserschiff, war es eine Kleinigkeit, für zwei Familien zu kochen. Einige Teller und Schüsseln hätten wir vielleicht noch gebraucht, aber das war das wenigste. Das hätten die Nachbarn uns ja auch zur Not geliehen. Etwas Geld hätte Vater sich zum voraus geben lassen können vom Werftdirektor, dem man ja leicht erklären konnte, warum man Geld brauchte und wer bei uns zu Gaste war. Onkel Erich, der gleich nebenan wohnte, war Zimmerer und hatte eine eigene große Werkstatt, und ob der heilige Joseph nicht bei Onkel Erich Arbeit annehmen würde? Mutter hielt dies nicht für ausgeschlossen. Onkel Erich hätte den heiligen Joseph so gut wie zum Meister machen können, und beide würden sich dabei nicht schlecht gestanden haben. Aber bei uns hätten alle drei wohnen müssen. O wie wundervoll! Wie unausdenkbar schön! Ob die Heilige Familie wohl einverstanden gewesen wäre? Wenn sie gesagt hätten: »Ja, wir kommen ganz gern ?!«

»Mutter, meinst du, daß sie ?Ja? gesagt hätten?«

»Ich weiß es nicht, mein Kind. Es kann sein.«

Es kann sein. Es hätte sein können! Ach, wir konnten ja auch nicht dafür, daß wir in eine so späte Zeit geraten waren. Schade, wirklich schade. Aber man konnte doch durch die Jahrhunderte 69 zurücklaufen wie durch eine Allee, bis man nach Bethlehem kam, wo das göttliche Kind im Stall lag.

»Und warum lag es im fremden Stall?«

»Es geschah nach dem Willen Gottes. Und das Jesuskind wollte wohl dadurch zeigen, daß es nur ein Gast und ein Fremdling auf der Erde war. Es kam doch vom Himmel und war bei seinem Vater im Himmel daheim. Auch wir sind nur zu Gaste hier, und einmal müssen auch wir das Haus verlassen?.?.?.«

Und dann brach Mutter das Gespräch ab, um uns das schöne Adventslied zu singen: »Vom Himmel hoch, da komm ich her?.?.?.« 70

 

Die Schwester

Jetzt weiß ich nicht, ob es unbedingt nötig ist, daß ich etwas von meiner Schwester Rebekka erzähle, aber es kann vielleicht nicht schaden. Wie oft schon habe ich über dieses Thema nachgedacht, im innigen Verlangen es zu verstehen, doch muß ich bekennen, daß es mir bisher nicht gelungen ist.

Meine Schwester war mit 15 Jahren ein schönes Mädchen, hoch und schlank gewachsen, mit schwerem, glattem, streng gescheiteltem Haar und einem sehr fein geschnittenen Gesicht, jedoch mit einem etwas gleichgültigen, manchmal sogar abwehrendem Gesichtsausdruck. Im Typus war sie der vollendete Gegensatz zu mir. Vielleicht war sie in Wirklichkeit nicht so dunkel, wie ich sie als Kind sah, was daran gelegen haben kann, daß in meiner Gegend durchweg blonde oder dunkelblonde Menschen sind. Wir waren jedenfalls sehr verschieden voneinander, und dies nicht nur äußerlich, sondern auch und wohl hauptsächlich im Wesen, worüber ich freilich als Kind wenig nachgedacht habe. Viele Jahre später erst, als ich erwachsen war, erfuhr ich, daß Rebekka nur meine Halbschwester war und daß wir eigentlich nur den Vater gemeinsam hatten. Doch glaube ich, daß ihr dies ebensowenig bedeutet hat wie mir, zumal unsere Mutter genau so zärtlich an ihr hing, ja sie in manchen Dingen noch mehr verwöhnte als mich. Meine Schwester legte größeren Wert auf schöne Kleidung, und wo Mutter nur konnte, gab sie Rebekka stets nach, wenn sie sich etwas Besonderes wünschte. 71

Ich kann mich nicht entsinnen, daß meine Schwester auch nur ein einziges Mal mit mir gespielt hätte. Sie war freilich sieben Jahre älter, und das ist bei Kindern eine lange Zeit. Oh, ich hätte sehr viel darum gegeben, wenn sie nur um einige Jahre jünger gewesen wäre, damit ich als Spielkameradin wenigstens ein klein wenig für sie hätte in Betracht kommen können. Es war an sich so köstlich, eine große Schwester zu haben, und obwohl ich mich bemühte, es zu verbergen, hegte ich eine starke Bewunderung für sie, die aber hauptsächlich dem schönen Äußeren galt. Zu gerne wäre ich ihr ein wenig gefällig gewesen. Einmal, als sie ein englisches Gedicht auswendig zu lernen hatte, erlaubte ich mir, ihr zu soufflieren. Sie sah verwundert auf und fragte, ob ich denn das Gedicht kenne. Glückstrahlend und mit naivem Stolz sagte ich ihr die Strophe her, von der ich zwar nicht eine Silbe verstand; doch hatte ich mit sieben Jahren ein Gedächtnis, daß, wenn ich einen Vers nur einmal richtig gehört hatte, ich ihn ohne jegliche Mühe auswendig sagen konnte. Meine Schwester ärgerte sich offenbar, daß ich als siebenjähriges Mädel das englische Gedicht leichter lernen konnte als sie, die Vierzehnjährige. Verdrießlich warf sie das Buch auf den Tisch und schickte mich in die Küche. Ich ging tiefbetrübt meiner Wege und konnte nicht verstehen, daß ich nicht das Rechte getroffen hatte.

Wie ichs anstellte, wars falsch. Einmal putzte ich ihre Schuhe mit Ofenglanz. Ich hatte entdeckt, daß dies dem Schuhzeug einen silbrigen Glanz gab, der mir ungemein gefiel und den ich für extra vornehm hielt; aber das wurde mir nicht nur von 72 meiner Schwester, sondern sogar von Mutter selbst als Schabernack ausgelegt, da ich bemerkte, ich hätte dies eigens gemacht. Ich sagte allerdings nicht, warum. Eigentlich sollte man ja alle Schuhe mit Ofenglanz putzen, aber bei uns daheim hatte niemand Sinn dafür.

Ich leistete mir noch etwas, von dem ich mir viel versprach. Meine Schwester besaß ein Nähkästchen aus schönem braunen Holz. Nun sah ich, wie Mutter eines Tages eine Gipsfigur, die ährensammelnde Ruth, vergoldete. Diese Ruth war ein Prunkstück auf unserer Kommode. Da Ruth nicht alles Gold in Anspruch genommen hatte, kam ich auf den Gedanken, der Rest der Goldbronze könnte für das Nähkästchen meiner Schwester reichen, und solche edlen Vorsätze sind bekanntlich dazu da, um ausgeführt zu werden. Ich räumte also das Kästchen aus und begann, es von außen zu vergolden. Das Gold reichte gerade, eben und eben. Sehr gerne hätte ich nun auch das Innere des Kästchens vergoldet, aber das Gold reichte nur noch für einen schönen Stern mit ungefähr acht Zacken. Ich war sehr zufrieden mit meinem Werk. Es war ein Vergnügen sondergleichen, sich das Kästchen anzusehen. Es war eine Wundertruhe, ein Schatzkästchen. Beinahe zu schade, Nadel und Faden hineinzulegen, aber für meine Schwester war nicht leicht etwas zu gut. Sie würde staunen. Sie würde ja ihren Augen nicht trauen ob solcher Pracht.

Rebekka staunte wirklich, und sie traute ihren Augen tatsächlich nicht, aber sie staunte leider ganz anders, als ich erwartet hatte. Ich mag nicht sagen, wie?.?.?. Sie war gar nicht mit dem 73 goldenen Kästchen einverstanden, und ich merkte, daß ich anders vorgehen mußte, um ihr Herz zu gewinnen.

Der Zufall oder das Schicksal kam mir entgegen. Ich wurde krank. Es waren zwar anfangs nur die Masern, die mich befielen, doch schloß sich an die Kinderkrankheit eine wochenlange Schwäche, von der ich nicht sagen kann, ob sie von den Masern die Nachwirkung oder eine Krankheit für sich war.

Eine gewisse Schwermut hatte mich befallen, von der ich jedoch glaube, daß sie einen besonderen Grund hatte. Kurz vor dem Ausbruch meiner Krankheit war mir das Trommelfell des rechten Ohres durchstoßen worden, was eine schmerzliche Entzündung mit sich brachte. Ich hatte nämlich in der Schule eine Zeichnung zu machen, irgendein Blatt, das Blatt eines Baumes. Während ich nun über diese Zeichnung nachdachte, zerstreute ich mich, und ehe ich michs versah, war eine kleine Himmelsleiter entstanden mit einem träumenden Jakob, der seinen Kopf an die unterste Sprosse lehnte. Wie ich dazu kam, die Zeichnung zu machen, weiß ich nicht. Die Himmelsleiter und Jakob waren im weißen Papier verborgen, und der Bleistift spielte von selbst in meiner Hand. Da ich nun aber nicht die gewünschte Blattzeichnung abliefern konnte, kam der Lehrer sehr ungehalten an meine Bank und war im Begriff, mir meiner Unfolgsamkeit wegen eine Ohrfeige zu geben. Hierbei suchte ich mich ängstlich mit der Hand, die immer noch den Bleistift hielt, zu schützen. Der Lehrer gab mir einen Stoß, wobei die Spitze des Bleistiftes mir durchs Ohr fuhr. Ich empfand einen ungemein heftigen Schmerz, vor dem ich sehr erschrak und der mir schwer erträglich schien, obwohl ich mich 74 schon an Schmerzen gewöhnt hatte, da ich beinahe täglich in der Schule sogar hart gezüchtigt wurde, weil ich nicht mehr die kleinste Rechenaufgabe lösen konnte, was der Lehrer für Eigensinn halten mochte, da ich in anderen Fächern gute Fortschritte machte. Mein gutes Gedächtnis erstreckte sich leider nicht im mindesten auf Zahlen. Ich konnte mit neun Jahren viele Psalmen, Gedichte, sogar Prosastücke fehlerfrei aufsagen, was zu lernen zum Teil gar nicht verlangt wurde, dagegen verursachte mir die einfachste Rechenaufgabe die größten Schwierigkeiten, obwohl ich mir immer wieder Mühe gab, das Rechnen zu erlernen. Es nützte aber alles nichts. Ich mag noch heute nicht sagen, wie ich gezüchtigt wurde, doch geschah es oft mit einer Grausamkeit, vor der ich erbebte. Daß es so etwas Hartes und Häßliches geben konnte! Mit den Schmerzen verstand ich ein wenig umzugehen. Ich wußte sie manchmal zu beschwichtigen, indem ich entweder meine geschwollenen Fingerspitzen küßte, mir das Haar streichelte, manchmal auch vor mich hin mit meinem Rücken sprach. Die kleinen heimlichen Selbstgespräche halfen viel, bis ich eines Tages merkte, daß ein Gedicht oder die Kirchenmusik, die Orgel imstande waren, alles Zerrissene und Wunde, auch alles Häßliche und Schwere in mir für eine Weile zu heilen, aufzuheben, vergessen zu machen.

Es stand also insofern nicht so schlimm mit mir, da ich auf dem besten Wege war, mir ein wirkungsvolles System auszudenken, eine gute Methode gegen Schmerzen auszuprobieren. Der liebe Gott, der mein Vertrauter war, schien nicht immer Zeit für mich zu haben. Doch wollte ich ihm dies auf 75 keinen Fall übelnehmen. Er hatte wohl seine Gründe, wenn er schweigsam blieb. Die Dichtung aber schwieg nicht. Vielmehr lernte ich ihre Tröstungen kennen. Ach, du süße, kleine Sternliese, und du gesegneter Dichter, wieviel ich euch verdanke! Und dann gab es noch vieles, was ich hier nicht alles aufzählen kann. In einer schmerzlichen Kindernacht schwor ich jedem edlen Dichter, der mir zum Trost wurde, Dankbarkeit auf Lebenszeit, es ist ein Gelübde, das ich gehalten habe bis auf den heutigen Tag.

Nach der Zeichenstunde jedoch kam ich lahmer denn je nach Hause und verwundet legte ich mich ins Bett, um zu sterben. Warum? Ich weiß es nicht. Wenige Tage vorher hatte ich ein Gedicht gefunden, das ich säuberlich abgeschrieben hatte, um es meiner Schwester zu schenken. Es gefiel mir zwar im Ton nicht besonders, und ich erinnere mich sehr deutlich, daß es das erste Mal war, daß ich ein Gedicht mit einer gewissen Kritik betrachtete. Ich fand, daß es an diesem Gedicht einiges auszusetzen gab, aber man konnte darüber hinwegsehen, weil der Sinn des Gedichtes schön war.

Wenn mit ihrem Pfunde
Fromme Poesie
Einer Erdenstunde
Himmelsduft verlieh,
Ehret ihre Sendung.
Achtet stets den Geist.
Scheltet nie Verschwendung,
Was den Schöpfer preist.

Nun hielt ich dieses Gedicht für eines der notwendigsten, die es je geben konnte. Es enthielt 76 eine Aufforderung, die mich rührte und gepackt hielt. Mit fünfzehn Jahren trug ich dieses Gedicht, das ich mit neun Jahren schon kannte, begeistert in mein Tagebuch ein.

Ich saß, obwohl ich mich vor Schmerzen kaum aufrecht halten konnte, in der Mittagsstunde noch mit den andern bei Tisch; doch spürte ich schon, daß ich mich würde ins Bett legen müssen. Ich schob meiner Schwester das Gedicht hin: »Hab ich dir mitgebracht.« So, als käme ich von einer weiten Reise. Während Rebekka das Blatt betrachtete, bildete die Hafergrütze in der Milch seltsame Weltteile. Eine helle Landkarte. War das nicht Grönland? Nun, ich hatte mich wohl geirrt. Ich hörte jemand sprechen: »Ja, was soll ich denn mit diesem Unsinn?« Eisberge ragten auf, und das Meer war grün und kalt. Und dann wußte ich nichts mehr von mir. Ich wurde ohnmächtig.

Wochenlang lag ich krank, verwirrt und halb bewußtlos. Nur sehr langsam erholte ich mich, da ich kaum Nahrung zu mir nehmen mochte oder konnte. Meine Schwester fragte nichts nach mir. Sie mochte mich nicht leiden. Dagegen war nichts zu machen. Dergleichen gab es wohl in der Welt. Es würden mir vielleicht noch manche Menschen begegnen, die mich nicht gern haben würden. Es war sehr schwer, sich dieses Unabänderliche, Schmerzliche bewußt zu machen. Wie wohl jedes Kind hatte ich ein starkes Bedürfnis nach Liebe, doch setzte ich dieses Bedürfnis auch bei anderen voraus, und hierbei war es eine herbe Enttäuschung, einsehen zu müssen, daß meine nächste Umgebung nicht so liebebedürftig war, wie ich es mir wünschte. 77

Immer wieder hoffte ich, mich zu irren, aber das Schlimme war, daß ich mich eben nicht irrte. Ich war der Meinung, daß dieses »Nichtgeliebtwerden« meine eigene Schuld sei. Da es mir nicht gelungen war, die Zuneigung meiner Schwester zu erringen, um die ich mich so sehr bemühte, wie würde es mir dann gelingen, die Liebe der anderen Menschen zu erwerben? Dies beschäftigte mich, während ich krank im Bett lag, lange, lange Zeit, bis diese Frage sich allmählich selbst von mir ablöste. Es kam vielleicht nicht so sehr darauf an, geliebt zu werden. Wer darauf verzichten könnte! Es kam darauf an, selbst liebzuhaben. Trotz der Kälte.

Viele Monate später erzählte mir Mutter, ich hätte auf verschiedene Fragen immer nur eine und dieselbe Antwort gegeben: Es ist kalt in Grönland. Dann fragte Mutter mich, ob mir denn so viel von Grönland geträumt habe, aber davon wußte ich nichts. Als ich wieder mit bei Tisch sitzen konnte, berührte meine Schwester einmal meine Hände, indem sie sagte: »Wie deine Hände mager geworden sind!« Diese Liebkosung durchzuckte mich. Ich versuchte zu scherzen: »Ich bin also doch nicht ganz umsonst krank gewesen.« Meine Schwester lächelte, aber sie verstand mich nicht.

 

Über der Kommode hing ein Bild. Es war Werthers »Lotte«, die große, mütterliche Schwester, die, umgeben von einer fröhlichen Kinderschar, ihren kleinen Geschwistern Brot schnitt. Diesem schönen Mädchen hätte ich ähnlich sein mögen. Lotte trug ein weißes Kleid, mit freundlichen Flatterschleifen besetzt. Wie aus Gefälligkeit für 78 die Kinder hatte sie sich eine kleine Rose ins Haar gesteckt, das war reizend. Wie schön mußte es sein, so viele Geschwister zu haben, in einem Zimmer, in dem alles ein wenig sorglos drunter und drüber ging. Das Kleinste saß im hohen Kinderstuhl, ein Stück Schwarzbrot in den kleinen Patschhänden. O dieser reizende kleine Pausback! Man hätte ihn aus dem Bild herausnehmen mögen, um ihn nur ein einziges Mal ans Herz zu drücken, ihm einen Kuß auf seine runden Wangen zu geben.

Eines Tages bekam ich die Möglichkeit, selbst ein wenig Lotte zu sein, weil Frau Jessen, unsere Nachbarin, in der Stadt Besorgungen zu machen hatte und mir für einige Stunden die Aufsicht ihrer Kinder anvertraute. Es war mir recht, daß Frau Jessen sieben Kinder hatte, eines kleiner als das andere. Das war ein großes, unvorhergesehenes Glück für mich, das ich nach jeder Richtung hin gründlich genoß, da es mir selten geboten wurde. Da gab es eine kleine Amelie im Wagen, die »labla« und »aigü« sagen konnte und so drollig mit den Beinchen zappelte, und wenn man sehr freundlich auf sie einsprach, hatte sie ein entzückendes Lächeln, das hervorzulocken Freude machte. Und mit den andern Kindern ließ sich so reizend spielen, daß der Nachmittag im Fluge verging. Sogar Brot hatte ich schneiden dürfen, zwar nicht wie Lotte mit einem breiten Messer, sondern mit einer Brotschneidemaschine, was aber ungefähr auf dasselbe hinauslief. Daheim erzählte ich Mutter, das Brot bei Jessens sei gewiß schwerer und härter als das Brot bei Lotte, und damit zeigte ich nach dem Bild, um Mutter zu zeigen, warum Lotte keine Brotschneidemaschine brauchte. 79

Weiter unten, am Ende der Straße, war die biblische Gegend oder der Rand der Welt. An sich betrachtet war es kein gesunder, kein eigentlich behaglicher Spielplatz, weil Schutt und Asche hier abgeladen wurde, aber das störte uns Kinder nicht im mindesten. Die Gegend war vielseitig und anregend, das Blütentum gleich neben dem Gerümpel. Ein grün bewachsener Wall, ein schmaler Wiesenstreifen ganz nahe dem Scherbenfeld. Zur Linken neben dem Wall, wohl zwanzig Schritte von ihm entfernt, sah man in den geöffneten Raum einer Glashütte, wo Männer an langen Stangen glühende Flaschenkolben hin und her schwangen. Der geöffnete Ofen warf einen rotgelben Flammenschein auf die nackten Oberkörper der Glasbläser. Das sah schön und zugleich schrecklich aus. Die Glashütte wurde von uns Kindern als Hölle bezeichnet, doch kam sie nur zum Ansehen in Betracht, und hinein kam niemand von uns. Der Zutritt war streng verboten.

Der Wall, auf dem spärlich einige Markblumen und Löwenzahn wuchsen, war der Himmel, und hier regierte Kalle Hattenberg kühn genug als »lieber Gott«. Unterhalb des Walles befanden sich sechs Schweineställe nebeneinander, und diese Partie hieß »die Verbannung« oder »die Fremde«. Zwischen den Schweineställen und dem Wall gab es einen Jauchegraben, der beim Spiel vom verlorenen Sohn und der verlorenen Tochter eine wichtige Rolle spielte. Um nämlich aus der Verbannung in den Himmel zu gelangen, war man genötigt, diesen Graben zu überspringen, eine Kunst, in der wir uns unwillkürlich übten. Einige Jungen fanden es flott, sich beim Springen einer Stange 80 zu bedienen, aber ich lehnte für meine Person solche Hilfsmittel ab, freilich erst, nachdem ich zwei Vorhangstangen von daheim zerbrochen hatte. Es gab allerdings auch eine Möglichkeit, auf bequemeren Wegen in den Himmel zu gelangen, aber das war etwas für die ganz Kleinen, die den gefährlichen Sprung noch nicht wagen konnten. Alles, was noch nicht im Himmel war, mußte sich entweder in den Schweineställen oder doch in der allernächsten Umgebung der Ställe aufhalten, bis einer der Wallengel oder Kalle Hattenberg selbst zum Kommen rief. Wer über den Graben sprang, galt, bevor er das Ziel erreicht hatte, als verlorener Sohn oder als verlorene Tochter.

Vom Wall her hörte man bis in den Schweinestall das Lied der Seligen:

»Paradies, Paradies,
Wie ist deine Frucht so süß.«

Was noch nicht in Sicherheit war, sang sehnsüchtig zurück:

»Wie wirds sein, wie wirds sein,
Wenn ich zieh in Salem ein,
In die Stadt der goldnen Gassen.
O, mein Gott, ich kanns nicht fassen,
Was das wird für Wonne sein.«

So ging es im Wechselgesang hin und her, bis einer sich zum Sprung entschlossen hatte.

Als ich das erstemal als verlorene Tochter in diesen gräßlich stinkenden Graben fiel, konnte mich dieses unangenehme Vorkommnis gleichwohl 81 nicht aus der Illusion herausbringen. Ich versuchte zum Vergnügen meiner Spielkameraden hinaufzuklettern, kam einen Schritt vorwärts, fiel wieder zurück, immer singend:

»Hätt ich Flügel, hätt ich Flügel,
Flög ich auf zu meinem Herrn,
Über Meere, Täler, Hügel,
Sonder Schranke, sonder Zügel
Folgt ich immer meinem Stern.«

Aus den »Harfenklängen« wußte ich eine Menge von diesen Heimwehliedern, die ich allen andern vorzog, und die ich, im Graben hockend, meinen Freunden vorsang.

Mein bester Spielkamerad, der etwa elfjährige Fiete Krey, gehörte zu den Engeln erster Ordnung. Er hatte eine hübsche, kräftige Stimme, sprang vorzüglich und war auch sonst ein tüchtiger Junge. Als Engel nämlich gelüstete es ihn manchmal, einem von uns persönlich beim großen Sprung behilflich zu sein, wogegen jedoch Kalle Hattenberg meistens protestierte, was er sich ja als »lieber Gott« leisten konnte.

»Nein, das gibts nicht. Wer im Himmel ist, soll im Himmel bleiben und damit Punktum. Erzengel Fiete, es geht nicht an, daß du dich nachträglich in der Fremde herumtreibst, sonst gibt es ein Durcheinander, in dem man sich nicht mehr auskennt.« Dabei war es doch die Hauptaufgabe Kalle Hattenbergs, sich »auszukennen«. Fiete Krey aber, der sich möglichst viel betätigen wollte, meinte: »Ach was, ich brauche ja nicht direkt in den Schweinestall hineinzugehen, wenn es dir 82 nicht paßt, aber die Engel fliegen doch auch über Gräben und Sümpfe hinweg. Das ist doch wohl klar.« Dagegen konnte der liebe Gott dann nichts einwenden, aber es kam doch vor, daß der Engel mitsamt seinem Schützling in den Graben fiel. Manchmal wurde der brave, daheimgebliebene Bruder fortgeschickt, um den verlorenen zu holen, und wenn der Brave hierzu keine Lust verspürte, kam er längst nicht so glimpflich davon, wie es uns aus der Biblischen Geschichte bekannt ist, wo er doch nur den milden Vorwurf des lieben Gottes sich anhören muß: »Du solltest fröhlich und guten Mutes sein, denn dieser, dein Bruder, war tot und ist wieder lebendig geworden. Er war verloren und ist wiedergefunden.«

Wir wollten Geschwister sein, die einander wirklich liebhaben, und es konnte für uns keinen Himmel geben, wenn nicht alle daran teilhaben durften. Wie hübsch war es, wenn Engel und Sünder miteinander befreundet waren. Schön war es, wenn wir alle auf dem Wall nebeneinander singend saßen, in das zarte Blau eines Sommertages hinein:

»Unter deinen Lebensbäumen
Wird uns sein, als ob wir träumen.
Bring uns, Herr, ins Paradies.«

Meine Schwester hatte in ihrem neunzehnten Jahre wohl eines der wichtigsten Erlebnisse, die ein junges Mädchen nur haben kann. Sie hatte sich verliebt, und wenn ich auch als Zwölfjährige diese Liebesgeschichte nicht in den Einzelheiten kannte und, selbst wenn ich einiges darüber 83 gewußt hätte, dies gar nicht recht hätte verstehen können, sah ich dennoch etwas von der Wirkung dieser Liebe. Das Gesicht meiner Schwester war sanfter, weicher geworden. In ihren Augen lag ein Glanz heimlicher Freude. Sie lächelte manchmal vor sich hin, wenn sie, über eine Handarbeit gebeugt, am Fenster saß. Sie kümmerte sich freilich nach wie vor nicht viel um mich, aber sie war doch freundlich mit mir. Im Fensterbrett stand im Blumentopf eine kleine Myrte, und ich wußte ja sehr wohl, was die Myrte bedeutete, doch ließ ich mir nichts merken. Die Myrte hatte schon sieben kleine Zweiglein. Sie war nicht als Abstecker gesetzt, sondern schon als richtiges Pflänzlein mit der Wurzel aus dem Blumenladen geholt worden. Heimlich für mich suchte ich zu berechnen, wieviel Zweiglein wohl zu einem Brautkranz gehören mochten. Was zu sehen war, reichte freilich noch nicht, aber es war doch schon ein nettes, stattliches Bäumlein. Daß Rebekka nicht selbst die Wurzel im Wasserglas gezogen hatte? Nun, hierfür mochte sie ihre Gründe haben. Es war Rebekkas Aufgabe, die Myrte zu pflegen; aber einmal, als mir der Boden etwas trocken vorkam, goß ich ein wenig Wasser, und meine Schwester kam gerade darüber hinzu. Ich sagte, daß ich nicht ganz kaltes Wasser genommen habe, weil dies den Myrten nicht bekömmlich sei.

Meine Schwester sah mich an und lächelte. Oh, sie war schön! Sie war sehr schön, und es war gewiß das Glück, das meine Schwester so schön machte.

Der junge Mann, den sie liebte, war der Sohn des Papierwarenhändlers, bei dem ich meine 84 Schulhefte kaufte. Der Vater meines zukünftigen Schwagers, ein alter, stiller, grauhaariger Mann, der sehr sorglich und höflich bediente, kannte mich wohl vom Sehen und von meinen kleinen Einkäufen her, doch hatte er noch keine Ahnung davon, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis wir bald zueinander stehen würden. Ich aber wußte dies und bat daher mit besonderer Bescheidenheit um eine weiche Schreibfeder. Mußte er diese dann eigens suchen, wehrte ich beinahe verlegen ab: »O bitte, bemühen Sie sich nicht eigens. Ich kann auch mit harter Feder schreiben. Es ist ja nur Gewohnheit. Die harten Federn haben auch etwas für sich. Übrigens werden die harten Federn auch mit der Zeit weich.«

»Nein, nein, ich habe schon weiche Federn?.?.?. Wenn ich nur wüßte?.?.?.« Dann suchte der alte Mann, bald mein nächster Verwandter, die weichen Federn und achtete kaum darauf, daß ich unentwegt die harten Federn lobte, so daß er sich hätte wundern können, warum ich denn überhaupt eine weiche Feder begehrt hatte, wenn die harte so vorzüglich war.

Hatte der liebe alte Mann dann endlich die richtigen Federn gefunden, kosteten zwei Stück nur einen Pfennig. Ich lernte plötzlich rechnen. Was konnte Herr Michelsen an diesen Federn verdienen? Er mußte ja zusetzen. Solch eine nette Feder zu fabrizieren, war keine Kleinigkeit. Es steckte doch ein Betrieb dahinter, denn schließlich mußten jene Menschen, die die Federn herstellten, doch auch verdienen. Mußten leben. Ob Herr Michelsen sich nicht im Preis geirrt hätte? Seelenruhig gab er zur Antwort: 85

»Nein, nein. Warum?«

Nun, dies zu erörtern, hätte zu weit geführt. Ich warf nur scherzhaft die allgemeine Klage hin, die ich schon oft gehört hatte:

»Ja, ja, das Leben wird immer billiger. Wohin das wohl noch einmal führen soll?.?.?.«

Es konnte ja nicht schaden, wenn Herr Michelsen merkte, daß ich eine Person war, mit der man schon ein vernünftiges Wort sprechen konnte. Ich war ja erfahren nach mancherlei Richtung hin, hatte eine Schwester, die heimlich verlobt war und die eine bald blühende Myrte im Fensterbrett stehen hatte. Schade, daß ich mich Herrn Michelsen nicht zu erkennen geben durfte, obwohl wir doch bald einander du sagen würden. Er sagte ja du zu mir, aber so sprach er auch die andern Kinder an. Nein, verraten durfte ich nicht, wie es mit uns, mit Herrn Michelsen und mir, stand, das wäre eine Indiskretion gewesen. Eine heimliche Verlobung mußte einigermaßen heimlich bleiben, leider.

»Also billig soll das Leben sein?« sagte Herr Michelsen und wickelte mir die beiden Federn in rosa Seidenpapier. »Das ist ja eine beneidenswerte Erfahrung, die du da gemacht hast. Ich finde, daß die Sachen immer teurer werden.«

Aber weniger als einen Pfennig konnten die Federn doch nicht kosten, und bei solch phantastisch niedrigen Preisen schob Herr Michelsen mir noch freundlich ein buntes Wunschbildchen hin, von denen er einen netten Vorrat gleich neben der Kasse liegen hatte. Diese bunten Bildchen hatten doch auch ihren Wert, und einmal hatte Herr Michelsen sie bestimmt kaufen müssen. Er war 86 entschieden ein nobler Mann mit einem gütigen Herzen, und wenn der Sohn dem Vater ähnlich war, stand es gewiß gut um Rebekka. Manchmal war auch der zweite Sohn, also der Bruder des Verlobten meiner Schwester, im Laden und lächelte mich verständnisinnig an, so daß ich hieraus schloß, der jüngste Herr Michelsen wisse um unsere künftige Verwandtschaft. Selbstverständlich lächelte ich freundlich zurück.

Solche heimliche Verlobung war für die Nächstbeteiligten sehr hübsch, aber die andern, die etwas Fernerstehenden, hatten doch rein gar nichts davon. Ich selbst hatte es nur zufällig aufgeschnappt, daß meine Schwester heimlich verlobt war, offiziell hatte man mir dies nicht mitgeteilt. Trotzdem wußte ich es, und das war sehr schön. Beinahe war ich ein bißchen mitverlobt und konnte das Glück meiner Schwester ein wenig mitgenießen.

»Es soll vorläufig strengstes Geheimnis bleiben«, hatte Rebekka zu Mutter gesagt, und Mutter hatte gemeint:

»Ja, es ist vielleicht besser so.«

Deutlich genug hatte ich dieses strenge Geheimnis mit angehört, von der Schlafstube aus, gleich nebenan.

Warum war es besser, wenn man eine Verlobung geheim hielt? Warum sollten die andern nicht auch ein bißchen von solchem Glück mitgenießen? Es war doch in gewissem Sinne etwas egoistisch, ein solches Glück ganz und gar für sich behalten zu wollen. Nein, wenn ich mich einmal verloben würde, sollte das eine sehr öffentliche Angelegenheit werden. Mein Bräutigam und ich würden das Geld zusammenlegen, um in allen Zeitungen 87 groß und schön umrandete Anzeigen aufzugeben: »Als Verlobte empfehlen sich Helga« usw. »Freuet euch mit den Fröhlichen!« Das war nicht mehr als gerecht.

Die heimliche Verlobung begann mich zu bedrücken, und eines Tages konnte ich Doris gegenüber einige Anspielungen nicht unterlassen, zumal sie selbst mir mitteilte, daß ihr Bruder sich in Sachsen verlobt habe. Die Braut, die aus Rauschau stammte, würde in der nächsten Woche schon zu Besuch kommen, und dann würde die Hochzeit gleich gefeiert werden. Auf so viel freudige Ereignisse war ich etwas eifersüchtig, aber ich hatte ja auch eine heimliche Verlobung zu bieten. Es war zu dumm, daß die heimliche Verlobung gerade das eine an sich hatte, daß sie so gar heimlich bleiben mußte. Schweigen mußte ich. Ich fand den Ausweg und sagte: »Ja, Herr Michelsen wird wahrscheinlich auch bald mit meiner Schwester Ernst machen.« Der Ausdruck »Ernst machen« wurde bei uns allerdings angewandt, wenn man besagen wollte, daß jemand kurz vor der Heirat steht, doch wußte ich über die eigentliche Bedeutung dieser Redensart nicht allzu genau Bescheid. Doris hätte gern die nähern Umstände von mir gehört, aber ich mußte meine Zunge beherrschen. Ich sagte nur, daß Rebekkas Myrte bald dreißig Zentimeter hoch sei. Danach mochte Doris berechnen, wie es bei uns stand.

Meiner Freundin Martha, die ich so liebhatte und die ein Anrecht auf die wichtigsten Begebenheiten in unserem Hause hatte, teilte ich dasselbe mit. Da sie aber wenig von diesen Dingen verstand, war ich genötigt, mich deutlicher 88 auszudrücken, so daß das große Geheimnis eigentlich mehr als nur gelüftet, beinahe offen dalag. Ja, meine Schwester sei sehr glücklich. Ich sagte es glatt heraus, weil ich es wünschte.

 

Es geschah aber etwas Trauriges. An einem Pfingsttag merkte ich es zum erstenmal. Wie die Sache eigentlich zusammenhing, wußte ich nicht, und ich weiß es noch heute nicht. Ich weiß nur, daß meine Schwester mich aufforderte, mit ihr nach Wassersleben zu gehen. Etwas Derartiges war noch nie vorgekommen. Sie schien meine Gesellschaft dringend nötig zu haben, dies glaubte ich aus ihrem Benehmen herauszuspüren. Ob sie sich nun in aller Morgenfrühe mit ihrem Freund verabredet hatte oder ob sie wußte, daß er um eine bestimmte Stunde an einem bestimmten Meilenstein vorüberkommen würde, ich weiß das nicht. Wir gingen in unseren hellen Sonntagskleidern in der Nähe von Wassersleben an einem Meilenstein auf und ab. Auf dem stand K. M. 3,2. Sonst nichts. Wir gingen wohl eine halbe Stunde immer nur wenige Schritte auf und ab, wobei ich bemerkte, daß Rebekka immer unruhiger wurde, doch gestattete ich mir keine Frage. Schließlich erklärte sie mir, daß sie auf Michelsen warte.

»Er kommt gewiß noch«, bemerkte ich so diskret wie möglich.

Wir gingen unendlich lange auf und ab. Von Zeit zu Zeit las ich K. M. 3,2. Ob das wohl der richtige Meilenstein war? Ob meine Schwester sich nicht vielleicht im Meilenstein geirrt hatte? Dann wieder fiel mir ein, daß Herr Michelsen ja nur aus einer Richtung kommen konnte. Jeden Menschen, 89 der uns von Süden her entgegenkam, sah ich aufs schärfste darauf hin an, ob es Herr Michelsen sein könne. Wer nur eine entfernte Ähnlichkeit mit ihm hatte, tröstete, beglückte mich. Es kamen junge Männer vorbei, die es beinahe hätten sein können. Herr Michelsen sah nämlich gar nicht besonders aus, so, wie alle jungen Männer aussahen. Aber der eine war eben doch Herr Michelsen, schlank, dunkelhaarig, mit weichem, eingebogenem grauen Hut, dunkelgrauem Anzug und sehr hübschen gelben Stiefeln.

Ach, meine liebe, arme Schwester hatte das Gesicht so gespannt und betrübt! Und so reizend sah sie aus an diesem Morgen in ihrem hellblauen Sommerkleid, eine hellrote Federnelke mit etwas Grün hatte sie angesteckt. Wie entzückend sie aussah! Es war schade, daß Herr Michelsen so lange auf sich warten ließ.

»Da! Ich glaube, das ist er, wenn ich mich nicht irre!«

Ich irrte mich, aber ich sagte es nur, um das unglückliche Gesicht meiner Schwester zu beleben, um ihr ein wenig Hoffnung zu machen, um ihr neue Spannkraft zum Warten zu geben.

Der Herr, der an uns vorüberging, hätte ja leicht Herr Michelsen sein können, wenn er sich nur ein bißchen daran gehalten hätte?.?.?. Herr Michelsen war ja, an sich betrachtet, eine so belanglose Erscheinung. Es gab ja so viele Michelsen, so viele von seiner Art, aber das half wenig. Es war nun einmal dieser eine Michelsen, nach dem meine Schwester verlangte. Oh, ich hätte viele Jahre meines Lebens dafür hingeben mögen, nur um an diesem einen Pfingsttag Herr Michelsen zu sein. Ich 90 wäre gekommen, und wie wäre ich gekommen?.?.?. Aber dergleichen gibt es ja nicht. Wenns drauf ankommt, kann kein Mensch den andern ersetzen.

Wir matteten uns mit Warten ab, meine Schwester und ich, und jede war mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.

»Wir wollen langsam umkehren«, beschloß meine Schwester, und ich sah in ihr schönes, junges, enttäuschtes Gesicht und blickte dann rasch auf den Meilenstein. Es war ein Schmerz in diesem Gesicht, den ich nicht kannte. Ich sah nur den Reflex einer leidenschaftlichen Verzweiflung. Ich ahnte, daß nicht ich hier helfen konnte. Meine Schwester hatte einen Kummer, den ich nicht begreifen konnte und den ich dennoch in seiner furchtbaren Wirkung sah. Es war ein so schöner Frühlingsmorgen, und die Buchenwälder zu beiden Seiten unseres Weges standen im ersten Grün; aber dies konnte Rebekka nicht trösten, und es gab jetzt nichts, was sie hätte trösten können. Dennoch sagte ich, während wir nebeneinander heimwärts gingen:

»Rebekka, es könnte sein, daß Herr Michelsen vielleicht nicht hat fortkommen können. Wenn etwas passiert wäre, das ihn am Kommen verhindert hat?.?.?.«

»Ja, das wäre möglich«, gab meine Schwester zu, doch war ich nicht sicher, ob sie daran glaubte.

»Es kann irgend etwas bei ihm daheim los sein. Man kann nicht immer jede Verabredung innehalten. Das weiß man doch, daß es hin und wieder mal Hindernisse geben kann?.?.?.«

»Vielleicht war etwas mit seinem Fahrrad nicht in Ordnung.« 91

»Ja, wollte er denn mit dem Fahrrad kommen?«

»Ja, das wollte er. Vielleicht! Genau weiß ichs nicht.«

»Nun ja, dann brauchen wir uns nicht zu wundern. Mit solchem Fahrrad klappt alle Augenblicke etwas nicht. Das ist nichts Besonderes. Jette klagt fortwährend darüber. Das hättest du mir gleich sagen sollen, daß er per Rad kommt, dann hätte ich gewußt, daß wir mit seinem Kommen auf keinen Fall hätten zu rechnen brauchen.«

Und dann wußte ich plötzlich eine Menge Geschichten von Fahrrädern, die recht selten funktionierten.

Alles, was ich gegen die Fahrräder vorbrachte, glaubte meine Schwester mir aufs Wort. Es war erstaunlich, wie sie mir lauschte. Es fiel mir auf, daß sie nicht einen Augenblick daran dachte, daß Michelsen ja auch hätte zu Fuß kommen können, wenn sein Fahrrad nicht in Ordnung war. Dies ging mir selbst beunruhigend durch den Kopf, doch behielt ich es selbstverständlich für mich. Ich bemerkte nur:

»Wir haben doch nur auf die Fußgänger geachtet. Wenn er nur nicht an uns vorbeigefahren ist!«

»Er hat doch auch Augen im Kopf?.?.?. Nein, er war verhindert. So wird es sein.«

Zu Hause aber begann meine Schwester zu weinen, und zwar weinte sie tagelang, so daß ich mich über solche Ausdauer im Weinen nicht genug wundern konnte. Ich sah ein, es mußte etwas für Rebekka geschehen. Aber was?

Herr Michelsen war nämlich mit einer »andern« gesehen worden, die nicht einmal aus unserer 92 Gegend stammte, was die Eifersucht, die meine Schwester empfand, wahrscheinlich noch erhöhte. Es war klar, sie überschätzte das Glück, das die andere genoß, doch ist solche Einsicht einer unglücklich Verliebten nicht leicht beizubringen. Oh, dieser unzuverlässige Herr Michelsen, der mit einer anderen ging, die noch dazu so unverzeihlich langweilig aussah und sich niemals mit meiner interessanten Schwester messen konnte! Einmal begegneten mir die beiden, wie sie in der Abendstunde die Landstraße hinaufspazierten. Am liebsten hätte ich das Paar gestellt und dieses Glück, das mir nicht paßte, gehörig auseinandergesprengt, doch begnügte ich mich, Herrn Michelsen einen durchdringenden Blick zuzuwerfen und ihm ein verächtliches »treuloser Kerl« nachzurufen. Das Paar drehte sich nach mir um, wußte aber wohl nicht, daß der Zuruf tatsächlich ihm gegolten hatte, zumal ich nicht sicher bin, ob Herr Michelsen mich kannte. Eigentlich sollte ich ihn nicht verewigen, doch bleibt mir nichts anderes übrig, da er mich meiner Schwester wegen einmal so intensiv beschäftigt hat, und eigentlich verdanke ich ihm die erste Erkenntnis, daß es verschiedene Arten von Liebe geben kann. Meine Schwester suchte ich von ihrem Kummer abzulenken, indem ich abends zum Klavierspiel das Lied sang: »Eins ist not, ach, Herr, dies eine.« Es verfing nicht. Es saß offenbar sehr fest in meiner Schwester.

Einmal durften wir uns zur Zerstreuung das Familienprogramm eines Varietés ansehen, das mir in seiner Buntheit einen starken Eindruck machte. Ein junges Mädchen sang ein Lied, von dem sich mir einige wichtige Worte einprägten. 93

Die Liebe ohne Treue
Ist eine Blume ohne Duft,
Ist ein Himmel ohne Sterne,
Ist ein Mond ohn Silberglanz.

Ob Herr Michelsen nicht in sich gehen würde, wenn man ihm diese Zeilen schickte? Es mußte natürlich anonym geschehen. Es konnte nur schlechter Wille und Ungefälligkeit sein, Rebekka nicht liebzuhaben. Aber konnte man nicht ein wenig nachhelfen? Es mußte etwas geschehen, und es geschah auch etwas.

 

Der jüngste Herr Michelsen lächelte mir nach wie vor freundlich zu, was kaum mehr nötig war, weil die verwandtschaftliche Vertraulichkeit hier wohl nicht mehr in Betracht kam. Mir war eigentlich gar nicht mehr danach zumute, zurückzulächeln, aber es konnte vielleicht nicht schaden, wenn man die Beziehungen ein wenig aufrechterhielt, doch fiel mein Gruß etwas wehmütig aus. Dies spürte ich selbst. Der jüngste Herr Michelsen erlernte die Sargmacherei bei Tischler Bebenroth, der in unserer nächsten Nachbarschaft wohnte, und ich sah ihn beinahe täglich, entweder wenn er auf dem Arbeitsweg war, oder wenn er einen Karren vor sich herschob, auf dem ein neuer Sarg stand, den der jüngste Herr Michelsen abzuliefern hatte. Ich hatte ihn noch als Schulknaben gekannt. Jetzt aber mochte er siebzehn Jahre alt sein, und weil er so groß geworden war, nannte ich ihn Herr Michelsen und nicht mehr Jürgen.

Eines Nachmittags begegnete er mir, als er gerade einen winzig kleinen weißen Kindersarg auf der Schulter trug, ein Särglein mit Sternchen 94 besetzt. Es war doch eigentlich eine traurige Beschäftigung, der Herr Michelsen nachging, aber er kam mir mit einer so strahlenden Heiterkeit entgegen, daß ich mich unwillkürlich fragte, ob er wohl mit demselben lustigen Gesicht diese traurige, rührende Kindertruhe bei den Leidtragenden ablieferte. Wir grüßten einander, Michelsen blieb plötzlich vor mir stehen und fragte mich, warum ich denn neuerdings ein solch »nücksches Gesicht« mache.

Ich erwiderte, der kleine Sarg mache mich traurig.

»Ja, du lieber Gott, es gibt viele Särge in der Welt, und man kann sich nicht um jeden Sarg grämen. Aber das wirst du ja auch nicht machen. Wie gefällt dir dies Särglein?«

»Es ist schön, aber es ist doch so traurig.«

»Ja, das ist nun einmal nicht anders. Das Schöne ist manchmal traurig. Aber denk, diesen Sarg hab ich ganz allein gemacht. Er ist innen auch ganz weiß, mit weißen Spitzen am Rand. Soll ich es dir mal zeigen?« Dabei machte der junge Mensch Miene, den kleinen Sarg von der Schulter zu nehmen, um ihn auf den Boden zu stellen.

»Nein, nein, bitte, nicht«, wehrte ich ab, »behalt ihn nur auf der Schulter, ich will ihn nicht sehen.«

Er war auf seine Arbeit jedoch so kindlich-stolz, daß ich ihm schon den Gefallen erweisen mußte, mich ein wenig dafür zu interessieren. Wir hatten zufällig die gleiche Wegrichtung, und so kam es, daß wir uns eine Weile ausschließlich über Särge unterhielten, doch hätte sicher kein Vorübergehender uns angesehen, daß wir ein so ernstes Thema hatten. Er hatte mich sofort gebeten, ihm doch 95 wieder du zu sagen, und dies fiel mir dann auch leichter, zumal ich mich bei Jürgen nach seinem Bruder erkundigen wollte.

»Dein Bruder ist nicht so nett, als ich gedacht hatte«, leitete ich das Gespräch ein, und auf die Frage, was er denn gemacht habe, klagte ich Jürgen die ganze Geschichte, indem ich ihm besonders anvertraute, wie schlimm es mit meiner armen Schwester stand.

Ja, um Liebesgeschichten dürfe man sich nicht kümmern, meinte Jürgen etwas verlegen. Er könne ja nicht dafür, beruhigte ich ihn, da ich annahm, es beklemme ihn, einen so ungewöhnlich treulosen Bruder zu haben. Meine Schwester sei vor Kummer dem Tode nahe, und man wisse ja aus der Zeitung, daß unglücklich Liebende sehr oft Gift nehmen.

»Ja, steht es denn so schlimm mit deiner Schwester?«

O ja, so schlimm stand es, versicherte ich. Ich jagte ihm Angst ein, so gut ich nur konnte, indem ich düster und dunkel bemerkte: »Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß du demnächst dich am Sarg meiner Schwester in deiner traurigen Kunst üben kannst. Wie das weitergehen soll, ist nicht abzusehen. Wenn nicht eine plötzliche Änderung eintritt, stirbt meine Schwester. Soll ich es etwa darauf ankommen lassen? Dann kannst du lange sagen, man solle sich nicht um Liebesgeschichten kümmern.«

»Nun, so leicht stirbt sichs doch auch nicht«, meinte Jürgen leichthin, und dabei wechselte er noch das Särglein von einer Schulter zur andern. Das waren ja merkwürdige Brüder, diese beiden 96 Michelsen. Vielleicht dachte der eine genau wie der andere. Dieser Jürgen hatte gut reden: So leicht stirbt sichs auch nicht. Aber ich sah es doch. Ich hatte Augen im Kopf. Ich sah doch, wie meine Schwester täglich immer mehr verfiel. Ich sah doch, daß sie nichts mehr essen mochte. Und ich wußte, wie verzweifelt sie die Nächte durchweinte. »Du könntest deinem Bruder doch einen kleinen Stups geben, Jürgen. Damit er sich besser besinnt. Es ist nur eine Nachlässigkeit von ihm, sonst nichts.«

Jürgen versprach tatsächlich, einiges in der Angelegenheit zu unternehmen, doch wagte er weder sich noch mir einen Erfolg zu versprechen. Jürgen war klüger als ich und wußte etwas, was ich noch nicht einsehen konnte. Ich dachte, daß das Lieben eine Sache des guten Willens sei, doch wurde ich bald anders belehrt.

Lieben und Singen lassen sich nicht erzwingen, so heißt ein Sprichwort, und in diesem Fall stimmte es. Es war ein Scheinglück, das ich in meiner kindlichen Weise zu fördern suchte, aber man tut ja gern sein möglichstes, wo man kann. Herr Michelsen kam zwar, und es schien zwischen ihm und meiner Schwester wieder alles in Ordnung zu sein, so daß ich hätte befriedigt sein können, mein Teil dazu beigetragen zu haben, aber die Herrlichkeit war nicht von langer Dauer.

Aus der Liebesgeschichte meiner Schwester glaubte ich etwas gelernt zu haben, was ich gelegentlich zu verwerten gedachte, wenn ein heimlich Verlobter mir untreu werden sollte. So lebhaft wie möglich suchte ich mir diesen Fall vorzustellen und geriet dabei in ein recht bedenkliches 97 Fahrwasser, da ich mir nicht schlüssig darüber werden konnte, ob ich an unglücklicher Liebe sterben sollte oder nicht. Einerseits wäre das Sterben wohl schicklich für mich gewesen, nämlich in Anbetracht meiner grundehrlichen Liebe zu irgendeinem Herrn Michelsen. Ein jäher Absturz ins Wasser von einem möglichst hohen Felsen schwebte mir vor. So etwas mußte ja imponieren. Selbstverständlich hätte ich bei solch kühnem Sprung gern ein paar Zeugen gehabt. Es sprang sich besser, wenn einige zusahen, und ich hatte ja auch auf der Felsspitze einen Brief hinterlassen, den jemand meinem Freund überbringen mußte, meine letzte Meinung:

Die Liebe ohne Treue
Ist wie eine Blume ohne Duft.

Es war nicht ausgeschlossen, daß er noch nach meinem Tode sich zu mir bekehrte. Davon hatte ich freilich nicht viel, aber es war immerhin besser als gar nichts. Er sollte sich nur nicht einbilden, ohne mich glücklich werden zu können. Das war völlig ausgeschlossen.

Mir ist, als habe der Liebeskummer meiner Schwester kaum stärker sein können als der meine, der doch eigentlich nur in der Luft stand. Das Sprungbrett in der Badeanstalt bei Wassersleben war mir nicht hoch genug, aber wir hatten ja keine Felsen in unserer Gegend. Ich konnte ja nicht dafür, daß es bei uns keine jähe Absturzmöglichkeit gab, also mußte ich vom Sprungbrett aus mich in die Tiefe fallen lassen. Ein bißchen sprang ich für Herrn Michelsen oder für meine Schwester. Es war ein Spiel, bei dem ich sehr gut schwimmen 98 lernte, sonst nichts, denn aus fremden Liebesgeschichten wird man doch kaum etwas für die eigenen erlernen können.

Ob meine Schwester sich für die erlittene Vernachlässigung rächte, oder ob Herr Michelsen ihr eines Tages gleichgültig wurde, vermag ich nicht zu entscheiden. Jedenfalls verließ meine Schwester die Stadt und zugleich ihren noch vor kurzer Zeit so heiß begehrten Michelsen, und daß nicht eines von beiden daran starb, enttäuschte mich beinahe ein wenig. Aber ich starb ja auch nicht daran, daß meine Schwester nicht viel nach mir fragte. Es tat weh und war schwer verständlich, aber man starb nicht daran. Es gab Heilmittel gegen manche Krankheit. 99

 

Kinderspiele

In dieser Zeit verdiente ich mir das erste Geld. Ich hatte einen kleinen Posten als Laufmädchen bei Lehrer Thießen angenommen und verdiente wöchentlich eine Mark. Für diese Summe hatte ich nachmittags nach der Schule einige kleine Besorgungen zu machen, Kartoffeln zu schälen, Schuhe zu putzen, und an Mittwochnachmittagen durfte ich sogar Geschirr abwaschen und die Küche reinigen, worauf ich nicht wenig stolz war. Frau Thießen traute mir viel mehr zu als meine eigene Mutter, und ich war sehr bedacht darauf, meine Herrin nicht zu enttäuschen.

Das Schönste an dieser Sache war aber doch das Geld, das ich nicht hoch genug einschätzen konnte. Das Geld ließ sich herrlich verwandeln. Man konnte sich manches, was schön war, für Geld leisten. Was ich dafür einzutauschen wußte, darauf will ich noch zu sprechen kommen. Es gab ja viele Möglichkeiten, und es war nicht schwer, sich Ausgaben zu verschaffen. Sobald man etwas Geld in der Tasche hat, stellen sich die Bedürfnisse ein, das Geld anzubringen. Vorher war dies bei mir nicht nötig gewesen.

»Mutter, wenn du etwas Geld brauchst, dann sag es mir, bitte.«

Oh, es tat gut, so zu sprechen. Mutter war es nicht gewesen, die mich veranlaßt hatte, plötzlich Geld zu verdienen. Da sie jedoch sah, wieviel Freude es mir machte, ließ sie mich gewähren, und manchmal tat sie mir auch den Gefallen, mich um fünfzig Pfennige zu bitten. 100

»Wenn du so viel entbehren kannst«, fügte sie lächelnd hinzu.

Entbehren! Von Entbehren konnte bei mir nicht die Rede sein, denn ich hatte verschiedene Einnahmequellen.

Herr Thießen, der zugleich mein Klassenlehrer war, pflegte manchmal auf die Jagd zu gehen. Er war ein eifriger und, wie es mir vorkam, auch recht geschickter Jäger, der manchen Hasen erlegte. Das Hübsche war dabei: wenn er Glück hatte, hatte zugleich auch ich mein Jagdglück. Frau Thießen nämlich, die vielleicht den Wert eines Hasenfelles nicht kannte, überließ mir ein Fell nach dem andern, das ich säuberlich aufspannte, um es einem Kürschner auf dem Holm zu verkaufen, der ein stets williger Abnehmer meiner Hasenfelle war. Für zwei Felle bekam ich sechzig Pfennig, und das bedeutete jedesmal eine Eintrittskarte fürs Stadttheater. Klassikervorstellungen zu halben Kassenpreisen konnte ich nur noch mit Hasenfellen und umgekehrt in Verbindung bringen. Gelegentlich machte ich auch einen kleinen Zwischenhandel und übernahm von Kalle Hattenberg einige Kaninchenfelle, die ich gleichfalls an den Mann auf dem Holm zu bringen wußte. Auch verschmähte ich es nicht, Alteisen und Knochen sowie alle möglichen Abfälle zu verkaufen. Mein Traum war ein Abonnement fürs Stadttheater, was es freilich nur für den dritten Rang gab, doch hoffte ich, nach eingehender Aussprache mit dem Kassier vielleicht ausnahmsweise einen guten Platz auf der Galerie zu erhalten. Das würde wohl gehen, wenn ich sagte, daß ich selbst Schauspielerin werden wolle und daher notwendig das Theater besuchen 101 müsse. Vorerst begnügte ich mich mit den Klassikervorstellungen, die nachmittags stattfanden. Manchmal begleitete Mutter mich, doch ließ sie mich auch allein gehen.

Ich sah hauptsächlich die Dramen von Schiller: Die Räuber, Die Jungfrau von Orleans, Don Carlos, und einmal ein Lustspiel, dessen Autor mir unbekannt ist: Das Milchmädchen von Schöneberg. Über dieses kleine Milchmädchen, das schon am frühen Morgen von einem feinen Kunden eine herrliche rote Nelke geschenkt bekam, lachte ich so herzlich, daß der zweite Rang und die Galerie durch mein Lachen so angesteckt wurden, daß auch dort gelacht wurde, wo vielleicht gar kein Grund zum Lachen war. Ich fand es nämlich überwältigend lustig, daß das Milchmädchen, da sie offenbar nicht genügend Milch in ihrer Kanne hatte, ungeniert vor allen Kunden mitten auf dem Platz vom Brunnen Wasser schöpfte, um davon in die Milch zu gießen. Da ich vom Spiel so sehr mitgenommen war, rief ich laut: »Aber das geht doch nicht, das geht wirklich nicht.«

Dann wieder sah ich auf der Bühne, daß einige junge Dienstboten sich zusammen ein Los gekauft hatten, das gewann. Das große Los! Es war herrlich. Ich wußte mich vor Freude nicht zu fassen. Ein solches Glück! Es war großartig.

Es wußten aber noch nicht alle, daß sie gewonnen hatten, und ich war in der freudigsten Spannung, was sie wohl dazu sagen würden. Gott, war das angenehm! Dieses viele Geld! Nur der Großknecht wußte es. Dann kam einer nach dem andern auf die Bühne, die eben für mich keine Bühne war, sondern das Leben. Die kleine Magd, 102 die so knapp daran war, fragte: »Ist es wahr, wir haben gewonnen? Ist es wirklich wahr?« Der Großknecht schwieg lächelnd, und dann fragten auch die andern Dienstboten: »Jetzt sag, ists wahr oder nicht?« Der Großknecht spannte die Leute auf die Folter mit seinem Schweigen. Schon wurden die andern unruhig, enttäuscht, es könne vielleicht doch nicht wahr sein, und drängten nochmals: »Ists wahr? Geh, sags doch.«

»Ja, ja, es ist wahr! Leute, Ihr seid reich! Ihr habt das große Los gewonnen! Es ist wahr!« So rief ich mit heller Stimme von der Galerie aus, so laut ich konnte, damit die Betreffenden es nur ja hören konnten. Das ganze dichtbesetzte Theater jubilierte und klatschte. Es war ein Riesenerfolg. Minutenlang wurde nur gelacht und geklatscht. Es war ein Rausch der Freude und Heiterkeit, und ich hätte nicht entzückter sein können, wenn ich selbst das große Los gewonnen hätte. Gott, man brauchte ja nicht viel, aber es war doch wunderbar und eine Wohltat, zu wissen, daß es irgendwo so viel Gold gab. Kam ich dann mit übervollem Herzen nach Hause, fragten die Eltern: »Nun, wie wars mit dem großen Los?«

Ja, das war schon mehr als zwei Hasenfelle wert gewesen, und dann erzählte ich zum Ergötzen meiner Eltern, wie alles gewesen war, und Vater meinte, er spare auf diese Weise das Eintrittsgeld. Ja, aber den Theaterraum müsse man persönlich gesehen haben. Dieser herrliche Raum in Rot und Gold. Und der Kronleuchter, der in der Mitte des Theaters von der hohen Decke herabhing, ganz frei im weiten, großen Raum. Dieser Kronleuchter, das war ein unglaublich kostbares Stück. Ach, so 103 ein wundersam glitzernder Vogel, ein Vogel aus Licht. Wie sich von der schimmernden Kugel die schön geschwungenen goldenen Arme ausbreiteten, die lichtspendenden Hände! Wer solches gesehen, der hatte es gewiß für immer, und Vater sollte sich dies nur ja nicht entgehen lassen. Es würde ihm bestimmt nicht leid tun, versicherte ich ihm. Um ihn noch sicherer zu einem Theaterbesuch zu verführen, ging ich so weit, das äußere Gebäude zu beschreiben. Da gab es nichts, was nicht hochinteressant war, und ich beschrieb jedes Portal so genau, als hätte mein Vater noch nie ein Theater gesehen. Er aber hörte mir freundlich zu. Es stünden auch ein paar Sprüche an der Mauer.

In allen seinen Tiefen, seinen Höhen
Roll ich das Leben ab vor deinem Blick.
Wenn du das große Spiel der Welt gesehen,
Dann kehrst du reicher in dich selbst zurück.

Vater fand dies sehr schön und bat auch noch um den andern Vers, der auf der Marmortafel gegenüber zu lesen stand in goldenen Lettern, die im Licht der Straßenlaternen so magisch funkelten:

Ein Janusbild lass ich vor dir erscheinen.
Die Freude zeig ich hier, und dort den Schmerz.
Die Menschheit wechselt zwischen Lust und Weinen.
Und mit dem Ernste gattet sich der Scherz.

Dann sah ich von Gerhart Hauptmann das Traumspiel »Hanneles Himmelfahrt«, das mich tief und ernst berührte. Dieses kleine schmale 104 Kindesleben Hanneles, das am Verlöschen war und im Scheiden das Kostbarste erblickte, griff mir ans Herz. Es war ein Heimwehlied, das ich vernahm. Hannele lag sterbend im Bett, und es kamen die Engel zu Besuch. Ein Engel kam nach dem andern. Man sah die Engel durch zarte Silberschleier. In einem leise singenden Silberlicht wohnten die Engel. Eine Lichtbahn fiel auf das sterbende Kind. In breiten Streifen floß das Licht von oben herab, als ströme es unaufhörlich. Wie Gottes strömende Liebe war dieses reine Licht, das auf dem Antlitz des Kindes blieb, hinanschwebend, während sich langsam der Vorhang senkte. Dann war es, als entstünden auf diesem Vorhang Worte, die gleichsam noch einmal das schöne Bild erhellten, Worte, die sich zugleich im Herzen bewegten: Die Seligkeit ist eine wunderschöne Stadt?.?.?.

 

In diesen Tagen glaubte ich mich wachsen zu fühlen, um in einer anderen Stunde kleiner denn je zu sein. Ich lachte und weinte viel. Einmal war ich ernst und still, dann wieder tändelnd und verspielt. Obwohl ich mich mit allem möglichen beschäftigte, von meiner kleinen Laufmädchentätigkeit abgesehen, lesend, schreibend, spielend, kam ich in der Schule trotz vieler Zerstreuungen gut vorwärts, und da mein Lehrer doch einiges darüber wußte, wie ich meine Zeit verbrachte, weil ich mich in seinem Hause beschäftigte, war er eines Tages erstaunt, daß ich über Heinrich den Löwen einen Aufsatz von zwölf Seiten geschrieben hatte, der ihm besonders gefiel. Es waren ja nur drei bis vier Seiten vorgeschrieben, und Herr Thießen fragte, wie ich es nur fertiggebracht habe, in 105 drei Tagen so viel zu schreiben. Oh, das Schreiben, das sei doch eine Kleinigkeit, das Streichen mache mir mehr Schwierigkeiten, da ich zunächst den Aufsatz in Kladde geschrieben hätte. Dann kam Herr Thießen auf etwas anderes zu sprechen und meinte, ich müsse einen allerliebsten Großvater haben.

Nein, das hatte ich leider nicht, dafür aber vier Großmütter. Für diese zeigte Herr Thießen weniger Interesse, sondern wünschte über einen Großvater zu hören, den ich nie gekannt hatte. Ich hatte nämlich die Geschichte von Heinrich dem Löwen meinen Großvater erzählen lassen und diesen vielleicht noch genauer geschildert als Heinrich den Löwen. Dies war es, was dem Lehrer Spaß machte. Er wünschte den Aufsatz für sich zu behalten, und da ich seine freundliche Anteilnahme für meine Schreiberei und zugleich für meine Verwandtschaft sah, erzählte ich, daß ich auch über meine Eltern geschrieben hätte, eine Studie, die den Titel »Die Entgleisten« führte. Herr Thießen wird seinen Ohren nicht getraut haben. Die Entgleisten? Ja, so hieße das Stück nun einmal. Herr Thießen fand den Titel reichlich kritisch und despektierlich. Das wollte er allerdings ganz gern einmal lesen, wenn ich ihm den Aufsatz anvertrauen könne. Mit Vergnügen war ich bereit. Wäre ich nicht mit Herrn Thießen durch meine besondere Stellung in seinem Hause auf etwas vertrauterem Fuße gestanden, möchte ich freilich kaum gewagt haben, von meinen schriftlichen Arbeiten zu sprechen, die ich als hübschen Zeitvertreib auffaßte. Die »Entgleisten« war eine rein phantastische Geschichte, und eine eigentliche Kritik war nicht darin zu bemerken, 106 es sei denn, daß man mein Bedauern, daß meine Eltern sich nicht etwas zigeunerischer aufführten, als Kritik bezeichnen will. Ich beklagte, daß Vater so wenig Lust bezeigte, ein neues Land zu entdecken, wozu er meines Erachtens alle Begabung hatte, und hier ließ ich allerdings klar durchblicken, daß ich das bequeme Verhalten meines Vaters für eine Nachlässigkeit gegen Deutschland ansah. Und was die Vaterlandsliebe anbetraf, erging ich mich in den kühnsten Forderungen. Jeder Seefahrer war nach Möglichkeit verpflichtet, wenigstens eine fruchtbare Insel zu entdecken, und wenn er nach dieser Richtung nicht alles getan hatte, hatte er nichts gemacht.

Mein Lehrer mag schön gelächelt haben, als er diese Ausführungen las, und er sagte mir mit Recht: »Man darf von niemandem etwas verlangen, was man nicht selbst zu tun bereit ist. Du bist ja kein Junge, sonst würde ich dir raten, dich um die unentdeckte Insel zu bemühen, wenn du so weit bist, daß du segeln kannst. Sieh nur zu, daß du selber nicht entgleisest, und kümmere dich als Mädel nur immer hübsch um deine eigene Insel. Es gibt nicht nur Pflichten für Seefahrer, sondern auch für kleine Mädchen. Versuch mal diese immer wieder zu entdecken und dem nachzukommen, dann kommst du schon auf den richtigen Weg.«

Ich versprach, mir das zu merken.

Oh, waren wir Kinder beschäftigt! Wir waren auf das Theaterspielen verfallen, und das war natürlich etwas höchst Anregendes, wobei es sehr viel zu überlegen und auch zu tun gab. Ich hatte mir das Buch »Die versunkene Glocke« angeschafft. Das riß ein großes Loch in die Kasse. Es lief in 107 die Hasenfelle, aber es lohnte sich. Wenn nur Herr Thießen etwas öfter auf die Jagd gehen wollte, ich brauchte hochnötig Hasenfelle, denn Mutter hatte, wohl aus erzieherischen Gründen, mir von meinem eigenen selbstverdienten Geld die Schuhe besohlen lassen. Nun, es war ja gut, wenn man es hatte, wenn man es erschwingen konnte, sich die Schuhe besohlen zu lassen; doch dieses Bewußtsein allein konnte nicht befriedigen.

»Die versunkene Glocke« sollte in der Waschküche aufgeführt werden, und ich hätte mir als Rautendelein sehr gerne einige Seerosen ins Haar gesteckt, was sicher eine feine Wirkung gehabt hätte, aber die Seerosen, die im Blumengeschäft bei Wollesen im Schaufenster standen, waren sicher nicht billig. Nach dem Preise zu fragen, ohne etwas zu kaufen, war genierlich. Vielleicht tatens die weißen und roten Papierrosen vom vorjährigen Christbaum auch. Ich probierte es vor dem Spiegel im Dachstübchen, und ich fand, daß sich die Rosen im Haar, wenn man nur wenige zum Kranz nahm, recht nett machten.

Der Haarschmuck war noch das wenigste, aber die Inszenierung des Stückes selbst bereitete mir Sorgen. Halb in der Nacht schrieb ich die Rolle des Glockengießers aus, die Kalle Hattenberg übernehmen sollte. Zum Schreiben braucht man Licht und Papier, und das hatte man ja auch nicht umsonst. Als Kalle Hattenberg die große Rolle des Glockengießers sah, schnitt er ein bedenkliches Gesicht, das sei völlig ausgeschlossen, das könne er niemals auswendig lernen. Gut! Wenn nicht, denn nicht! Auf Kalles Mitwirkung mußte man also verzichten. Es war kein zu großer Schade, 108 da ich bemerkte, daß seine Stimme für die Rolle viel zu wenig schmiegsam war. Doris, Martha Jochimsen, Christine Danielsen hatten sich angeboten, die Elfen darzustellen, und zeigten sich in jeder Hinsicht sehr willig. Sie hatten ja auch mehr zu schweben und zu tanzen als zu sprechen. Streichen ließ sich an »der versunkenen Glocke« nicht viel. Es war eine ungemein fesselnde Beschäftigung, das Buch darauf hin zu studieren. Was konnte da entbehrt werden? Eigentlich nichts, gar nichts. War das reizend, ein Stück darauf hin zu lesen! Wochenlang hätte ich darüber zubringen mögen. Gab man dann die Sucherei nach Streichungen auf, wars tausendmal schöner.

Es war das beste, das Ganze selbst vorzulesen und die Elfen, höchstens noch einen »Wassermann«, der Stimmung wegen mitwirken zu lassen. Die drei Elf en waren reizend. Es wurde geprobt: »Schlingt und windet euch im Tanz! Ringelreigenflüsterkranz!« Ganz vorzüglich huschten diese Elfen. Man konnte zufrieden sein. Die kleine, blonde Martha bewegte sich mit einer Anmut, als wäre sie immer ein Elflein gewesen. Man hätte sie »Märchen« nennen mögen. Doris verstand drollig zu hopsen. Sie hatte kurze braune Locken, die so lustig auf und nieder hüpften, daß man vor Entzücken lachte über die vielen vergnügten Locken und über die putzigen Kapriolen, die Doris mit ihren Beinchen zu machen verstand. Die feierliche Christine schien die große, wohlwollende Schwester der kleinen Elfen zu sein, Christine hätte man sicher auch gern allein tanzen sehen. Wunderschön aber war die gütige Bewegung, mit der sie die Kleinen wie schützend an sich zog, um den Reigen 109 Hand in Hand zu vollenden. Der Elfentanz, den wir im Garten probten, machte uns so viel Freude, daß er ein Spiel für sich wurde und wir uns ernsthaft überlegten, ob wir uns nicht begnügen sollten, nur diesen Tanz vorzuführen. Da aber »Die versunkene Glocke« überall in der Nachbarschaft angezeigt war und schon an die zwanzig Plätze ausverschenkt waren, wagten wir doch nicht, das einmal versprochene Programm nicht innezuhalten, und so fand denn die geplante Aufführung an einem Samstag Nachmittag in unserer geräumigen Waschküche statt.

Die Waschküche war des Brunnens wegen als Theaterraum gewählt worden. Den Märchenbrunnen glaubten wir nicht entbehren zu können. Es war allerdings ein recht primitiver Brunnen, nämlich der mit Wasser gefüllte und mit grünen Zweigen verdeckte große runde Waschbottich, der unter dem Wasserhahn stand und der mit klarem, frischem Wasser angefüllt war.

Das Publikum saß auf einer großen, altmodischen Wäschemangel, die man heutzutage wohl kaum mehr kennt. Es war eine Art Kastenwagen, unter dem sich die Rollen mit der Wäsche befanden. Der Kastenwagen, der mit Mauersteinen angefüllt war, damit die Wäsche beschwert und dadurch schön glatt wurde, hatte einen Griff zum Hin- und Herschieben, und hier sollte das Publikum als Ersatz für die leider fehlende Pausenmusik ein wenig hin- und hergeschoben werden. Hier oben auf der Wäschemangel wurden die kleinsten Kinder plaziert, die wir kurzweg die Galeristen nannten. Die größeren Kinder, meistens Mädchen, saßen auf umgestülpten Waschbottichen oder auf 110 Brettern, die über Tonnen gelegt wurden. Einige saßen mit herunterhängenden Beinen auf dem langen Wäschetisch. Die Platzfrage war entschieden gut gelöst, jedes Eckchen geschickt ausgenutzt. Das Publikum selbst sorgte zum Teil für die Ausstattung des Märchenwaldes. Miete Voschero hatte einen Oleander mitgebracht, der den Waschherd gut verdeckte, und dieser große Herd war obendrein noch mit grünen Zweigen und Blumen belegt. Der Herd sah wie eine freundliche Anhöhe, beinahe wie ein blühender Berg aus.

Ich führte nicht nur die Regie, sondern hatte zugleich beinahe alle Rollen übernommen, und als Platzanweiserin war ich auch beschäftigt. Als nun endlich alles zur Aufführung vorbereitet war, warf ich mich rasch in Rebekkas Nixenkleid, das sie auf dem letzten Kostümball getragen hatte. Es war ein Hängekleid aus grünem Tarlatan, mit Silberfäden durchwirkt. Das Kleid paßte mir gut. Vielleicht war es mir etwas zu lang, doch fand ich, daß dies kaum ein Nachteil war, da dieses lange phantastische Gewand, das meine Füße verbarg, mich nur noch unwirklicher machte. Die Kinder mußten vergessen, daß ich Helga war, und dazu forderte ich die Kleinen, am Märchenbrunnen sitzend, eigens auf.

Weiß nicht, woher ich kommen bin.
Weiß nicht, wohin ich geh.
Ob ich ein Waldvogel bin,
Oder eine Fee?.?.?.

Die Elfen trugen helle Sommerkleider, Blumenkränze im offenen Haar und flogen auf leisen Sohlen, nämlich barfuß, auf und nieder. Daß die 111 Jahreszeit schon etwas herbstlich war, wurde nur vom Wassermann bemerkt. Wir hatten nämlich einen kleinen vierjährigen Jungen zum Wassermann auserkoren, der im Brunnen von Zeit zu Zeit seinen niedlichen Blondkopf über den grünen Rand zu strecken und nur »Brexbrekekekek« zu rufen hatte. Als Honorar war ihm eine Tafel Schokolade versprochen, und ein kleiner Vorschuß sollte ihm in den Brunnen mitgegeben werden. Der kleine Niels, so hieß unser Wassermann, ließ zunächst zwar verwundert, aber doch ruhig geschehen, daß wir ihm die Kleider auszogen. Als er jedoch in den Brunnen gesetzt werden sollte, schrie er wie wild, und solch wasserscheuen Wassermann konnten wir nicht brauchen. Einige der Kinder glaubten, er würde sich an das frische Element gewöhnen, aber er erkältete sich nur, wie sich später herausstellte, und dies war das einzige störende Nachspiel der »versunkenen Glocke«.

*

Später verlegten wir uns auf »Einzelnummern«. Doris war Seiltänzerin. Martha jonglierte mit vier Bällen zugleich. Kalle Hattenberg lief auf Stelzen. Meine Glanzleistung wurde »der heimgekehrte Krieger«. Dazu bedurfte es weder Mitspieler noch eigentlichen Hintergrund, denn meine Mutter war von der Verwandlung unserer Waschküche, die einer Laube glich, nicht sehr eingenommen. Zum »heimgekehrten Krieger« brauchte ich freilich einige Requisiten, die sich unbemerkt mitnehmen ließen, nämlich die Hardanger- und die Jettbrosche meiner Mutter und den Besen, der mir als Stütze diente, da ich lahm aus dem Kriege zurückgekehrt war. Die Broschen blinkten als Orden, und alles 112 in allem erfreute sich dieser heimgekehrte Krieger einer großen Beliebtheit, so daß ich Gastspiele in allen Nachbarstraßen zu absolvieren hatte.

Der Stelzfuß, dieses Krückenholz
Und die Medaillen sind mein Stolz.
Solange noch im Lande Friede,
Leb ich als schlichter Invalide
Von meines Königs Gnadensold.
Doch hab ichs satt nun, und ich wollt,
Es wär vorbei mit meinen Tagen,
Und s würde bald Alarm geschlagen?.?.?.

Bei dieser Stelle wurde im Hintergrund ein wenig dumpf getrommelt, was stets eine gewisse Spannung hervorrief. Einmal hatte Fiete Krey mit leiser elegischer Stimme dazwischen zu singen versucht: »Es braust ein Ruf wie Donnerhall.« Hierbei begannen die Kinder plötzlich laut mitzusingen, was aber zu meiner tragischen Kriegerrolle nicht recht paßte, obwohl wir in solchem Fall bereit waren, das Spiel zu ändern.

Natürlich konnte Mutter daheim nicht die Küche fegen, wenn ich in irgendeinem Hofe deklamierte:

Wenn jetzt der große Feldherr dort
Mich riefe mit Kommandowort:
Ich wollt als Krieger gern gehorchen.
Ging heute lieber noch als morgen
Zu der Armee, die der regiert,
Der sicher keine Schlacht verliert?.?.?.

»Bravo, bravo! Nein, wie die Helga sterben kann! Beinahe wie eine Große?.?.?.« Ich deklamierte und starb, griff seufzend ans Bein, um mich allmählich zu Boden sinken zu lassen, wo ich den Beifall, der wie Regenrauschen fiel, liegend über 113 mich ergehen ließ. Bei solcher Gelegenheit muß ich wohl meine Orden zugesetzt haben. Jedenfalls hatte ich sie eines Tages nicht mehr. Wir suchten zwar sorglich danach, aber sie blieben unauffindbar; doch dachte ich wenig darüber nach, daß dies der einzige Schmuck meiner Mutter war, und da sie ihn nur bei hochfestlichen, seltenen Gelegenheiten trug, tröstete ich mich, daß sie den Verlust ihrer Broschen vorerst nicht bemerken würde. Dennoch befaßte ich mich ernstlich mit dem Gedanken, eine Mosaikbrosche für Mutter anzuschaffen, die ich im Schaufenster eines Warenhauses entdeckt hatte. Die Brosche sollte zwei Mark kosten, stellte also hohe Anforderungen an meine Zahlungsfähigkeit. Auf der großen, ovalen Brosche war auf Weiß in hellen, blauen Steinchen ausgelegt: »Gott mit dir!« Wenn das kein Stück fürs Leben war! Ja, diese Brosche sollte Mutter bekommen im entscheidenden Augenblick, wenn sie die Hardanger- oder die Jettbrosche suchte. Aber es hatte wohl noch Zeit.

Den Besen vergaß oder verlor ich niemals. Ich verstand ja so großartig zu hinken. Es war eine Fertigkeit, die mir niemand nachmachen konnte. Kinder haben oft verspielte Schrullen, die ein Erwachsener kaum begreift. Kinder denken sich nichts Schlimmes dabei, wenn sie Gebrechen nachahmen. Kinder spielen das Leben, ohne es zu wissen. Sie spielen die Freude, aber sie spielen auch das Leid. Was das ist, wissen sie noch nicht recht. Sie sehen es nur, sehen nur das Bild. Als wir aber einmal im Kreise spielten: »Mariechen, warum weinest du?«, wurde ich traurig, sang mit Tränen in den Augen: »Ich weine, weil ich sterben muß?.?.?.« 114

 

Das Spiel um Mitleid

Von einem berühmten italienischen Dichter las ich einmal, daß er sich unkenntlich machte und als Bettler verkleidet zu seiner Schwester kam, um ihr in bewegten Worten den eigenen, plötzlichen Tod mitzuteilen. Warum er diese Komödie aufführte? Er wünschte den Schmerz und die Trauer zu entdecken. Er wollte wissen, sehen, wie sehr er geliebt wurde. Er genoß den Schreck, der sich auf dem Gesicht der Schwester zeigte. Nicht einen Augenblick dachte er daran, welch grausame Probe er seiner Schwester zumutete. Weit davon entfernt, die Bestürzte zu trösten, war er geneigt, die Tränen zu zählen, die aus ihren Augen fielen. Jeder Ausruf des Schmerzes um den verlorenen Bruder befriedigte, entzückte ihn. Ja, bitte, verzweifle nur, mein einzigartiges Leben ist dahin. Weine, weine über meine verlorenen, unwiederbringlichen Tage.

Wie gut ich diesen Dichter verstand, da ich vom selben Verlangen erfüllt war. Nun konnte ich mich freilich nicht wie dieser »Totenspieler« unkenntlich machen, doch suchte ich mich auf andere Weise so gut es ging zu maskieren. Eine Zeitlang war ich bemüht, mit den stärksten Mitteln die Aufmerksamkeit meiner Mutter zu erregen, indem ich mich mehrmals in der Mittagsstunde einfach tot stellte. Ich wünschte den Anschein zu erwecken, vom kleinen Schlaf in den großen gefallen zu sein. Vom heimlichen Herzschlag abgesehen, gelang es mir schon, die ungefähre Stille einer Leiche aufzubringen, aber selbstverständlich 115 konnte ich mit der Blässe und Kühle einer Leiche nicht konkurrieren. O, wie ich mich über meine Unbegabtheit grämte! Es fiel Mutter gar nicht ein, verzweifelt die Hände zu ringen. Statt sich in wildem Schmerz aufgelöst vor dem Sofa, auf dem ich lag, in die Knie zu werfen, begnügte meine Mutter sich damit, mich an der Schulter zu rütteln: »So wach doch auf, Helga, du mußt in die Schule.«

Am liebsten hätte ich heftig erwidert: »Kann man das von einer Leiche verlangen? Siehst du denn nicht, daß ich tot bin? Ich brauche Rosen und Tränen. Ich brauche ein Schneewittchenkleid und, wenn es nicht zu kostspielig ist, sieben Lotosblüten für mein Haar. Legt mich in einen gläsernen Sarg, damit ihr immer sehen könnt, was ihr verloren habt.«

So sehr ungefällig wollte ich nicht sein. Ein Stückchen vergifteten Apfel hätte ich im Munde haben mögen, der mir bei einer kleinen Erschütterung des Sarges hätte aus dem Munde fallen müssen, aber nicht vor Ablauf eines Monats. Vor allem mußte Rebekka sich gründlich über mich ausgeweint haben, bevor ich mich entschloß, ins Leben zurückzukehren. Seltsam waren die Augenblicke, in denen ich, einsam, alles in der Hand zu haben glaubte. Indessen blieben meine besten Todesabsichten ohne Erfolg, und kein Mensch ahnte, wie sehr ich mich dabei anstrengte.

Es mochte wirksamer sein, mit irgendeinem Gebrechen behaftet zu sein. Einen Tag lang spielte ich vergeblich die Taubstumme, aber als man dringend eine Erklärung dieses sonderbaren Benehmens verlangte, fand ich nur die treffliche 116 Ausrede, daß man ja Rechenschaft geben müsse von jedem unnützen Wort, das man rede, und ich wolle probieren, mich ohne Worte verständlich zu machen. Nur singen wollte ich heimlich in der Dachkammer, damit Zunge und Kehle nicht völlig aus der Übung kamen. Gerade an jenem stummen Tag entdeckte ich im Krämerladen einen allerliebsten, kleinen Käfer, der sich doch auf dem Salzsack sicherlich nicht wohl fühlen konnte. Dieses niedliche Lebewesen, das ein rotes Flügelmäntelchen hatte mit schwarzen Pünktlein, nahm ich behutsam in die Hand und trug es auf Schlichtings Wiese, wo ich es fliegen ließ. Im selben Augenblick vergaß ich auch das Gelübde zu schweigen, aber das Käferlein verstand ja nicht, was ich sang:

Gotteskäfer fliege,
Dein Vater ist im Kriege.
Die Mutter ist im Pommerland,
Und Pommerland ist abgebrannt.
Gotteskäfer fliege?.?.?.

Eine Schulkameradin, die beneidenswerte Ida Oppermann, hatte das Bein gebrochen, war ins Spital gefahren worden und lag jetzt da, wie man zwei Tage lang sagte, schwebend zwischen Tod und Leben. Das hätte ich nun meinerseits sehr zu würdigen gewußt, aber Ida sorgte sich lediglich darum, eventuell ihr Lebtag hinken zu müssen, während sie die Fürsorge der Eltern, Geschwister, Ärzte und Krankenschwestern kaum beachtete. Da ich sie besuchen durfte und neben ihrem Bett ein Nachtschränkchen mit gläserner Tischplatte sah, auf der eine Vase mit Narzissen stand, konnte 117 ich nicht umhin zu bemerken: »Würde man mir nur einmal solche Blumen bringen, dafür würde ich ja gerne viele Jahre lang hinken, sogar auf beiden Beinen, wenns möglich wäre.« Wie sich leicht denken läßt, wurden mir solche Redensarten als eine Art Frivolität ausgelegt, die erschreckend wirkte. Die wunderbar duftenden Blumen waren lediglich für Ida von solch schluchzender Blässe, und einzig und allein für sie, für das kranke Mädchen, erblüht. Ich aber sah ein, daß ich es wohl niemals zu einem Strauß Narzissen bringen würde, zu solch reizenden Blumen, hinter denen sich das Mitleid, die Anteilnahme verbarg. Es ließ sich nichts erzwingen, und da ich bereit war, das Spiel aufzugeben, konnte ich dennoch nicht davon lassen.

In der Schule rechnete ich so schlecht wie möglich, was mir ja ohnehin nicht schwer fiel. Eines Tages aber verstieg ich mich zu einer Gipfelleistung. Der Lehrer, der genau wußte, wie wenig ich wußte, fragte mich eines Morgens nicht ohne Ironie, ob ich ihm sagen könne, wieviel zweihundert und zweihundert seien. Im künstlich milden Ton antwortete ich: »zweihundert und zweihundert sind einhundert.«

Ich hoffte, er würde durch solche Antwort alle Bemühungen aufgeben, mir das Rechnen beibringen zu wollen. Er sagte aber nur, ich möchte meine Bücher zusammenpacken und mich unverzüglich zu Herrn Johannsen, eine Klasse tiefer begeben. Das war freilich eine Entscheidung, die ich nicht hatte voraussehen können. Um alles in der Welt nicht hätte ich mich der Beschämung ausgesetzt, in die andere Klasse einzutreten und dort zu sagen, wie es mit mir stand. Was tat ich? 118 Ich holte mir eine Schachtel Schuhcreme und zwei weiße Semmeln mit dem Bemerken, meine Mutter würde das später zahlen, packte Schuhcreme und Brot in die Schulmappe und begab mich an den Strand, nahe dem Buchenwald, wo ich mich ungestört niederließ, um mich meinen trüben Gedanken hinzugeben.

Das Brot duftete so gut, und ich aß weiße Semmel so sehr gerne. Man konnte mir wohl nicht übel nehmen, daß ich mir als letzte Mahlzeit weiße Semmel geleistet hatte. Ich bestrich sie ja mit dieser giftigen Schuhcreme. Es schmeckte gräßlich, aber ich würgte tatsächlich alles herunter. Es war wirklich nicht einfach, so ganz und gar ohne Zeugen zu sterben, nur ein wenig begleitet vom leichten Schlag der Wellen. Was wußten die Wellen von mir? Nichts, gar nichts. Vater, Mutter, Rebekka, der Lehrer, Doris, Martha, alle meine Schulfreundinnen, die wußten doch alle nicht, wie ich mich jetzt fühlte. Es ging jeder allein auf seinen zwei Beinen, und im Grab konnte der eine den anderen nicht küssen. Es war eine Einsamkeit sondergleichen auf der Welt. Dabei hatte der liebe Gott noch gesagt: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Ich will ihm eine Gesellschaft geben, die mit ihm sei. Wie die Gesellschaft beschaffen sein sollte, darüber hatte er sich nicht verlauten lassen, sich ausgeschwiegen. Nun, er mußte Bescheid wissen. Wie leicht, es war sogar höchst wahrscheinlich, konnte mir was Schlimmes im Leben begegnen. Warum tröstete, warum umarmte man mich nicht zum voraus? Das würde mir ja eine ungeheuerliche Kraft gegeben haben und ich wäre vielleicht eine Stütze der Gesellschaft 119 geworden, wie Rebekka Stütze der Hausfrau werden wollte. Jetzt aber war alles zu spät, die Schuhcreme war gegessen und der Rest war Schweigen.

O, dieser widerwärtige Geschmack im Munde, und dann dieses Würgen im Magen oder in der Seele. Es war völlig gleichgültig wo. Alles schmerzte wie in einem unbekannten Land. Dieses Elend war danach angetan, einen Ausflug aus sich selber zu machen. Dann wieder mußte ich ein wenig bei der Sache bleiben, nämlich bei mir selbst. Für alle Fälle wusch ich mir die Lippen, das Gesicht mit dem Salzwasser, denn man wollte doch leidlich sauber diese Welt verlassen. Hätte ich doch Rebekkas Taschenspiegel bei mir gehabt, um zu sehen, ob meine Lippen sauber waren. Man mußte doch wenigstens eine einigermaßen anständige Leiche abzugeben wissen. Warum nur brachte ich es nicht so weit? Lag es jetzt an der Schuhcreme oder an mir? Bis zur Ermüdung, bis zur völligen Resignation dachte ich über diese eine Frage nach, bis ich endlich in der Abendstunde ausgelaugt, taub und leer heimwärts ging, wo Schelte und Schläge an mir anprallten, als wäre ich aus Stein. Es war nichts zu machen. Ich hatte wohl keine Begabung zu sterben. Ich konnte viel aushalten, sehr viel, und damit mußte ich mich abfinden.

Ich wollte nicht mehr aufs Ganze gehen. Ich wollte nicht mehr herausfordern, daß man sich meiner plötzlichen Abwesenheit wegen einer wilden Verzweiflung hingab. Für pathetische Äußerungen hatte meine Familie keinen Sinn. Also mußte ich meine Ansprüche herabsetzen, wenns auch schwer fiel. 120

Was ich jetzt unternahm, war in Anbetracht meiner früheren Ziele etwas unter meiner Würde. Was aber halfs? Es galt etwas durchzusetzen um jeden Preis. An Mühe ließ ich es mir nicht fehlen. Ich legte mir einen Veitstanz zu, der so echt wirkte, daß ich jeden Arzt damit hätte täuschen können. Jedenfalls wäre ein Arzt von meinem Simulationstalent überrascht gewesen. Ich sah mir einen veitstanzkranken Jungen an, dessen Zittern und Zuckungen ich treulich nachahmte. Genau wie er verstand ich mit den Gliedern zu schlenkern und zu zappeln. Um noch ein neues Symptom zu bieten, übte ich mich, mein Gesicht »wetterleuchten« zu lassen, was mir zu meinem eigenen Erschrecken vorzüglich gelang. Bei dieser fürchterlichen Komödie dachte ich nicht einen Augenblick daran, daß eine gewisse Blasphemie in meinem Tun und Treiben lag. Nur das eine Ziel hatte ich im Auge: eine möglichst erschütternde Wirkung auf meine Umgebung.

Sehr genau erinnere ich mich an jenen Tag, da ich nach wochenlanger Übung und Überlegung meine Kunst zum erstenmal anwandte. Es war an einem langweiligen Sonntagnachmittag, da ich meine Eltern auf einem Spaziergang begleitete. Wir kamen an dem neuerbauten Gaskessel vorbei, und ob das nun wirklich etwas Besonderes war, weiß ich nicht, doch fiel mir auf, daß nicht nur meine Eltern, sondern auch viele andere Leute sich für diesen Gaskessel interessierten. O, ich war eifersüchtig auf diesen schwarzen dicken Kessel, der so belanglos war. Trotzdem konnten sich die Menschen kaum satt sehen an diesem Monstrum, das doch nur gleichgültiges Gas barg, sonst nichts. 121 Mußte denn unbedingt dieser Gaskessel so bewundert werden, während ich einem wandelnden Veilchen ohne Verbreitung glich? Ich beschloß urplötzlich meine Bescheidenheit abzustreifen und fing an zu veitstanzeln. Dabei gingen meine Eltern neben mir Arm in Arm lustwandelnd um den Gaskessel herum, als wärs der Dom von Florenz; Meine Eltern bemerkten nicht, daß ich zuckend neben ihnen ging, aber sie würden ja schon dahinter kommen, was plötzlich mit mir los war. Ich spürte, daß ich unübertrefflich gut zuckte und schlenkerte. Vielleicht für nichts und wieder nichts, aber ich verstand es ja nun einmal so gut?.?.?. Ich durfte auch nicht aus der Übung kommen.

Ein paar ältere Damen kamen uns entgegen, die den Gaskessel nicht so überwältigend fanden und dieses unnütze Ding nur flüchtig ansahen, um dann ihre volle Aufmerksamkeit mir zuzuwenden. O, diese langen, bedauernden Blicke. Ja, seht mich nur an, so steht es mit mir. Die Damen waren so erschüttert, daß ich Mitleid mit dem Mitleid empfand und etwas mäßiger zuckte. Ich bemühte mich, mit den Augen zu nicken, zu lächeln, so schlimm sei es ja nun auch wieder nicht. Wie gern ertrug man jedes Leiden, wenn man soviel Anteilnahme sah. Das waren wirklich reizende Damen. Als sie an uns vorübergingen, sagte die eine leise zur andern: »Tz?.?.?.tz?.?.?. tz?.?.?. Dieses hübsche Kind und so krank?.?.?. Wie traurig das ist.« »Schrecklich«, flüsterte die andere ergriffen.

Ich konnte nicht anders, ich mußte mich umsehen, zurücklächeln. Die Damen blieben stehen, konnten sich nicht beruhigen. Die eine Dame rief kopfschüttelnd, ziemlich laut und entrüstet: »Es 122 ist aber ein Skandal, daß die Mutter dieses arme Geschöpf nicht an der Hand führt. Die geht ja daneben, als ginge das eigene Kind sie nichts an. Das ist nun doch wahrhaftig Sünde und Schande.«

Meine Eltern drehten sich um, aber die Damen wollten keinen Streit anfangen und gingen ihrer Wege. Mutter fragte erstaunt: »Was hatten die beiden Frauen denn nur mit uns?« Sie sah mich an, aber ich ging plötzlich genau so schlicht wie alle Welt, denn es bedurfte ja keines so großen Erfolges, um mich zufriedenzustellen. 123

 


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