China geheim

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Tempel der Züchtigungen

Peking, 15. Juni 1932.

Mein lieber Sohn!

Hiermit möchte ich Dich eindringlich dazu auffordern, immerdar das Laster zu meiden.

Sicherlich wirst Du Dich wundern, plötzlich diesen engherzigen Rat zu vernehmen von mir, Deinem Vater, dessen Lebensweise, schon soweit sie Dir bekannt ist, keineswegs mit einer solchen moralischen Aufforderung in Einklang steht. Wohl, mein Sohn, ich weiß seit heute, welch fürchterliche Strafen meiner harren. Es ist für mich zu spät, ihnen zu entgehen, vielleicht wäre es nicht zu spät zur Reue, ? zum Abgewöhnen mir liebgewordener Sünden ists zu spät?.?.?.

Du jedoch, mein lieber Sohn, Du sei gewarnt. Erfahre, was ich heute erfuhr: jede Sünde, die Du begangen, jeder Frevel, dem Du gefrönt, jedes Laster, dem Du gehuldigt, jede Schuld, die Du auf Dich geladen, jedes Gebot, das Du verletzt, jede Unzucht, die Du getrieben, findet ihre reichliche Vergeltung.

Ich erfuhr es heute durch bewegte Gruppen farbiger Skulpturen. Es waren keine Kunstwerke, ? im Reich der 201 Mitte, wohin gierig die Fremden kommen, um unserer Kunstgegenstände willen, in unserem Land China, wo jeder Leuchter, jede Vase, jedes Spielzeug, kurzum alles, die Tradition der Ahnen und die Laune des Meisters atmet, sind gerade die Statuen, die ich heute starren Auges erblickte, ganz ohne Geschmack geformt. In vielen, vielen Tempeln bin ich zeit meines Lebens gewesen, um die Mönche und Diener zu bewegen, mir heilige Bildsäulen und Geräte zu überlassen, ? bei meinem heutigen Besuch im Tempel Schö-Ba-Jü fand ich zum erstenmal kein für den Weiterverkauf geeignetes Stück.

Das, was die fremden Curio-Händler, zumeist wenn sie vor einem ungefälschten Kunstwerk stehen, als Kitsch bezeichnen, das sind die Statuen dieses Tempels wirklich. Nun hat in unserem vieltausendjährigen, besonderen Reich alles seine vieltausendjährige, besondere Bedeutung. Auch der Kitsch. Hier will er sagen: die Gruppen sind keines Künstlers Eigenwillen entsprungen, sie stellen die krasse, plumpe, unverschönte, ungemilderte Wahrheit dar.

Ja, mein Sohn, die Wahrheit. Noch pocht mein Herz, noch bebt meine Hand, noch schlottern meine Knie angesichts dessen, was ich heute geschaut, schon pocht mein Herz, schon schlottern meine Knie angesichts dessen, was mich morgen erwartet.

Ich bitte Dich, mein Sohn: meide die Sünde. Meide sie. Folge meinem ausnahmsweise väterlichen Rat, damit Du nicht jeden fehlen Tritt bezahlen mußt mit Zinsen und Zinseszinsen.

Wahr ist allerdings: es wird Dir einstmals in einer schwachen Stunde leid tun, daß Du meinen heutigen Rat 202 befolgt hast. Du wirst dann vielleicht mit Bedauern an Schulden zurückdenken, die Du überflüssigerweise beglichen hast, an Mädchen, die Du edlerweise unverführt ließest. »Ach, warum habe ich Genüsse ungenossen gelassen,« wirst Du unwillig ausrufen, »all das nur wegen jenes moralpaukenden Briefes, den mir mein Vater am 15. Juni 1932 schrieb! Hätte ich diesem Rat doch nimmermehr gefolgt!«

In jener Stunde, mein lieber Sohn, in jener künftigen Stunde, in der Du mich verfluchen wirst, mache Dich auf und gehe nach Peking, und überzeuge Dich, daß ich Dich in meinem Schreiben de dato 15. Juni 1932 mit Recht gewarnt habe, und empfinde auch Mitleid mit Deinem Vater, dessen posthumes Schicksal Dir dort plastisch vor Augen geführt wird.

Für diese Deine späte Wallfahrt nach Peking muß ich Dir den Weg zum Tempel beschreiben, von dem ich eben ? noch klappern meine Zähne wie ein Gong in der Hand eines Rasenden ? zurückgekehrt bin.

Nicht gerne bringt Dich der Rikschakuli hin, er fürchtet die Tummelstätte der Höllengeister. Wohl zieht er Dich ostwärts durch das Tor Tschi-Dschö-Men, aber er macht auf der linken Straßenseite halt vor dem Tempel Tung-Juch-Miao.

Das ist nicht der richtige Tempel, ? es sei denn, Du littest, was der Himmel verhüten möge, an einem Gebrechen. Nur wenn dem so wäre, dränge Dich durch die Menge im Schildkrötenhof, berühre das Bronzepferd an jener Stelle, an der Dein Leib krankt, und bete und opfere vor jener Nische, in der Deine Leidensgenossen, überlebensgroß aus Holz geschnitzt, beisammenhocken. 203 Ists nur ein Furunkel, der Dich peinigt, so klebe ein Pflaster auf die entsprechende Stelle der entsprechenden Figur, Du erkennst die richtige sofort, sie ist ohnehin in ausgiebiger Weise auf Nase, Achselhöhlen, Nacken, Popo und Beinen mit Pflastern beklebt. Wenn Du Dir unterwegs Schnupfen oder Kolik geholt haben solltest oder eine Augenentzündung oder ein galantes Leiden (nein, das letztere kann nicht sein, denn Du kommst, obwohl Du nicht aus Holz bist, gerade wegen versäumter Freuden hierher), so begib Dich zur Gruppe Deiner Mitpatienten, die aus Holz sind. Berühre die Figuren dort, wo es Dich schmerzt, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Glied um Glied, es wird Dir besser werden.

Dann aber wandere von dannen. Wandere hundert Schritte östlich und kehre auf der rechten, der gegenüberliegenden Straßenseite ein. Den triefäugigen, aussätzigen Bettler mit der ausgestreckten Knochenhand, der Dir den Eintritt durch das enge Tor zu verkaufen sucht, schiebe beiseite, und Du bist im Tempel »Schö-Ba-Jü«, der achtzehn Teufelsprovinzen. Schon umringen sie Dich, umringeln sie Dich, umzingeln sie Dich, die Bezirks- und Unterbezirks-Funktionäre des Höllenreichs.

Ein quadratischer Hof. Seine Kontur ist ein Häuserkarree, vier langgestreckte, ebenerdige Gebäude mit achtzehn nach dem Hof zu offenen Räumlichkeiten. Bestien sind in den achtzehn Zwingern, und die Menge der Besucher staut sich vor ihnen. Doch sind die Bestien nicht lebendig, sondern aus geschnitztem, bemaltem Holz, und die Besucher nicht betrachtende Besucher einer Menagerie, sondern schaudernde Büßer. Du kannst erkennen, welcher Schuld sie sich schuldig fühlen, denn jeder steht 204 vor jenem Kotter, in dem die Strafe für sein Delikt veranschaulicht ist.

Er befürchtet nicht, sich durch seinen Platz zu verraten, und streift seine Nachbarn, die doch dadurch, daß sie als seine Mit-Beter und Mit-Opferer dastehen, sich auch als seine engeren Verbrecherkollegen, als Mit-Mörder, als Mit-Diebe oder als Schlimmeres offenbaren, mit keinem Blick. Sein Blick ist auf sein Schicksal im Jenseits gerichtet, ein entsetzter Blick.

Dein Blick aber, mein Sohn, braucht nicht entsetzt zu sein. Keines der Schicksale vor Dir harrt Deiner im Jenseits. Du bist ihnen entronnen durch die väterliche Warnung. Ich, Dein Vater, bin ihnen nicht entronnen, weil mich kein Vater auf diesen Tempel der abschreckenden Anschauung aufmerksam gemacht hat. Bedauerst Du noch immer, die Sünde vermieden zu haben?

Oder glaubst Du vielleicht, Du hättest sie unbemerkt begehen können? Jeder der achtzehn Statthalter hat zahllose Augen im Kopf, nicht die wagerechten, herausquellenden, also nichts sehenden Augen der fremden Teufel, sondern schiefe, geschlitzte, also scharf sehende Augen, er hat Augen auf den Hörnern, Augen im Haar und im Pelzkragen, den er um den Nacken geschwungen, ja, ich möchte wetten, er hat auch Augen auf der dem Beschauer abgekehrten Seite. Dieser Augenvielheit wäre nichts, was Du begangen, entgangen. Und alles ist notiert im großen Kontobuch an des Oberteufels Seite. Was sich nie und nirgends hat begeben, ist: daß je ein Debet einzutragen vergessen ward. Die Schuldner müssen zahlen mit ihren Qualen.

Höllenknechte, Scheusale mit Hundeschnauzen und 205 Krötenmäulern (wahrscheinlich ärmere Verwandte des höllischen Vizekönigs) vollstrecken die Exekution. Einem schneiden sie das Herz heraus, weil er, ein schlechter Diener, seinem Herrn entfloh, einem andern die Zunge, eine lügnerische, heuchlerische Zunge, was daran erkennbar ist, daß sie sich lang und schlangengleich in der Folterknechte Hände windet. Sieh den da! Sie zerren ihn an den Haaren zum Schafott, wo zwei andere knien; an ihnen hat der Henker sein Werk schon vollbracht, ihre Köpfe liegen zu ihren Füßen. Vielleicht waren es Weltverbesserer und Aufrührer? Dann geschieht ihnen recht!

Was aber, um aller achtzehn Teufel willen, was kann dieses kleine Kind begangen haben, das der hundeschnäuzige, krötenmäulige Büttel zwischen einer hölzernen Klammer zerquetscht? Nichts hat das Kind begangen, seine Zerquetschung ist nur eine Strafe für die Eltern, ? hoffentlich wirst nicht auch Du, mein Sohn, für meine Schuld solch bestialische Marter erleiden. Ich würde das lebhaft bedauern. Besser aber ist es doch, im Kindesalter zu sterben, als sich ? nächste Gruppe ? die Haut vom Leibe schinden zu lassen, so zwar, daß das Antlitz mit Augen und Nase und Mund und Ohr vom gleichfalls bereits halbentblößten Arm herabhängt.

Pomadisiere Dein Haar nicht! Diesen Burschen hat man kopfabwärts an die Decke gehängt, damit all die Öle und Salben, mit denen er sich zeit seines Lebens gepflegt hat, herabrinnen. Wer nicht mit richtigem Maß verkauft, den biegen die Unterweltlümmel nach hinten, bis sich sein Hals an die Knöchel binden läßt, worauf er, an ein vom Plafond herabhängendes Seil geknüpft, baumelt wie ein Turner, der auf den Ringen das Nest macht. 206 Dabei ist er beschwert mit einem Gewicht; um soviel Taels er betrogen hat, soviel wiegt es, wehe mir!

Drei sind in und an eine glühende Röhre geschmiedet, die drinnen ist die Frau, die draußen die beiden Männer, mit denen sie es trieb, so und nicht anders ergeht es der Unzucht, wehe mir, wehe mir!

Hier steckt einer mit dem Kopf im Höllenkessel, dort wird einer, den man in einen klaffenden Baumstamm geklemmt hat, mitsamt dem Baumstamm zersägt. Hier müssen zwei ungetreue Frauen, eine blaugekleidete Gattin und eine rotgekleidete Konkubine, ihren Geliebten auffressen; ob solches für sie oder für ihn die Strafe sein soll, ist nicht ersichtlich, jedenfalls blicken die Frauen ausgesprochen unangenehm berührt drein, wogegen das Gesicht des Mannes schon verschlungen ist, und sein Ausdruck sich daher der Beurteilung des Beschauers entzieht. Wucherer und Meineidige werden Berge hinabgekollert, auf deren Hängen allüberall spitze, scharfe Messer klaffen, wehe mir, wehe mir!

Wer seine Rechnungen bei Lebzeiten nicht bezahlt, der glaube nur ja nicht, sich durch den Tod seinen Verpflichtungen zu entziehen. Jeder Pfennig gilt ein Körperglied, das ist die Valuta der Hölle. Und reichen die Gliedmaßen nicht aus, um die Schuldscheine einzulösen, dann muß man das Defizit beim nächsten Lebenswandel begleichen, indem man als Krüppel auf die Welt kommt. Hier knien zwei Schuldenmacher, neben ihnen präsentiert der Gläubiger dem Teufelsrichter die längst fälligen, doch nicht verfallenen Wechsel, und gierig strecken die Höllenhunde ? Gerichtsvollzieher in ihrer wahren Gestalt! ? die Zangen nach sämtlichen pfändbaren Körperteilen aus. 207

Ein frevelndes Paar. Es liegt im Bett, wie es oft gelegen. Doch ist es diesmal kein weicher Pfühl, kein »Kang« mit schwellenden Steppdecken, vielmehr eine Eisenplatte, auf der die zwei geschmort, gesotten und paniert werden, daß ihnen Hören und Sehen und auch Fühlen vergeht.

Fürchterliches, Lähmendes, Greuliches ist in Nummer achtzehn los, der Hölle aller Höllen. Dort thront der Teufelsoberste, Szepter und Saldokonto in Händen, und mißt jedem der Vorgeführten die Rolle zu, die er auf der nächsten Station seiner Seelenwanderung zu spielen haben wird.

Infernalisch grinsend, hohnfletschend händigen die Büttel einem Sünder sein Urteil ein, einen Fetzen zottiger Kamelhaut, das bedeutet, daß er das nächste Mal als Kamel auf Erden wandeln muß. Über den andern wird die anstrengende und nicht ungefährliche Existenz eines Tigers verhängt. Einem dritten überreicht man ein Stück Fischhaut als Muster seines Anzugs für die kommende Saison. Auch in der Haut des vierten möchtest Du nicht stecken, es ist die eines Hasen.

An der äußersten Linken aber steht einer, dem wird das Fell einer räudigen Ratte, ? nein, kein Fell, die kahle, haarlose, mit Geschwüren bedeckte Haut einer großen Ratte wird ihm schadenfroh entgegengestreckt, denn er hat sich aufgelehnt gegen Herrscher und Obrigkeit und Priesterschaft.

Du siehst, die Strafen, die man im Diesseits Chinas dafür erleidet, wenn man gegen das Regime kämpft ? neulich wurden fünf zwanzigjährige Dichter bei lebendigem Leibe begraben ? sind noch human gegen die, die 208 im Jenseits Chinas für dieses Delikt gang und gäbe sind.

Um aller Götter und aller Teufel willen, mein Sohn, gehorche dem Herrscher und gehorche der Obrigkeit und gehorche den Priestern, mucke niemals auf gegen sie, auf daß Du wieder als Bürger und Steuerzahler zur Erde zurückkehren kannst, nachdem Du tot warst.

Dann kannst Du Dich, wenn irgendwo, irgendwann eine räudige, ratzekahle Ratte über Deinen Weg huscht, mit ruhigem Gewissen daran beteiligen, dieses Gezücht zu hetzen und zu schlagen, denn Du bist stets ein frommer Diener der jeweils Herrschenden gewesen, folgend dem Rate Deines

Dich herzlich grüßenden

Vaters Pa-Lo-Jü,      

Compradore in Shanghai.

NB.: Solltest Du als Folge der von Dir lebenslänglich unterlassenen Genüsse, beim Anblick der Greuel Wollust empfinden (wie einige junge Leute, die heute gleichzeitig mit mir diesen Tempel der Strafen besuchten), so braucht Dich das nicht zu bekümmern. Sadismus scheint kein strafbares Delikt zu sein, im Gegenteil: offen frönen ihm alle Teufel, und vielleicht behandeln sie gerade die so veranlagten Klienten wohlwollender.

Der Obige. 209

 

Godown

Zu sehr wirbelt alles durcheinander, was man da sieht, hört und vor allem riecht.

Rampen und flache Treppengänge verbinden die einzelnen Lagerhäuser zu einem Komplex. Kulis wanken schwerbeladen den Rampenweg herab. »Ley-la, hui-la,« singen die vorne Gehenden, »ich komme, tritt zur Seite.« »Hui-la, hang-la,« fallen die hinten Gehenden ein, »tritt zur Seite, lass mich vorbei.«

Ley-la, hui-la
hui-la, hang-la.

Diese Aufforderung gilt nicht etwa uns oder sonst wem, sie singen auch, wenn sie niemanden darauf aufmerksam machen wollen, daß sie kommen, niemanden auffordern wollen, beiseite zu treten, sie vorbei zu lassen. Immer stöhnen sie diese Melodie, ob sie nun mit trippelndem, schaukelndem Schritt Lasten tragen oder ob sie ? charakteristisches Straßenbild Shanghais ?, beladenen Karren vorgespannt, zu fünfen oder zehnen, windschief, ja horizontal die Last zerren. Immer die gleichen sechs Silben senken sich die Rampe herab. 210

Ley-la
   hui-la   
hang-la.

Alle fünf Minuten wird dieses Kuli-Lied vom Schrillen einer Schiffssirene verschluckt, und gleichzeitig verschwinden die Träger in der aus dem Schiffskamin hervorstoßenden Rauchwolke, so zwar, daß man die Warnung gerade in jenem Augenblick nicht hört, wenn sie vonnöten wäre; dorthin, woher der Rauchstoß kommt, auf das Schiff, ziehen die Kulis.

Schiff und Speicher liegen Seite an Seite, am Broadway, in Jangtsepoo Road und in Pootung, auf der andern Seite des Whangpoo, wo die Grundstücke billiger sind als im Internationalen Settlement.

Der Speicher wird hier »Godown« genannt, das erweckt die Vorstellung von einem backenbärtigen Londoner Kaufmann aus der Dickens-Zeit, der seinen Lehrling in den Keller schickt, einen Ballen Schirting zu holen: »Go down ? geh hinunter.«

Aber der Shanghaier »Godown« hat mit den englischen Worten »go down« nichts zu tun, der Name stammt vom malaischen Wort »gadong«, man geht auch nicht hinunter in den Godown, sondern steigt ihn hinauf, er ist kein patriarchalisches Kellermagazin, sondern ein moderner Betonbau. Wenn etwas an die Dickens-Zeit erinnert, so sind es die Arbeitsverhältnisse; der Londoner Kaufmann in Shanghai hält die Arbeitsbedingungen aus der Dickens-Zeit aufrecht und sorgt dafür, daß sie sich nicht einmal so weit ändern, wie sie sich in England geändert haben. 211

Während über die Fabriken von Shanghai Statistiken und soziale Untersuchungen veröffentlicht worden sind, gibt es keinerlei Literatur über die Speicher, obwohl in China weit weniger fabriziert als für den Handel manipuliert wird, und alle diese Manipulationen in den Speicheranlagen vor sich gehen.

Manche Exportfirmen haben eigene Godowns, manche Godowns gehören den Grundstücks- und Schiffahrtsgesellschaften, die die Räume an Firmen der verschiedenen Branchen vermieten, so daß man bei einem Rundgang durch einen Speicherkomplex die Struktur fast des ganzen Außenhandels und viele Arbeitsmethoden kennenlernt.

Die Türen stehen offen, Ware kommt herein, baumelnd an Bambusstäben und Kulischultern. Mit Ballen von Baumwollkernen keuchen Kulis die Rampe aufwärts.

hang-la.
   hui-la   
Ley-la

Sie haben schwer zu schaffen, doch die Arbeiter, denen sie die Ware bringen, nicht minder. Ununterbrochen treten sie die Lintermaschine, ununterbrochen schlagen die Baumwollkerne an Räder und fallen heraus. Zurück bleiben kleine Härchen, die bisher an den Samenkernen hafteten, das mindestwertige Baumwollmaterial und doch noch zur Verarbeitung geeignet. Härchen und Staub wirbeln durch die Luft. Schmutzige Stapel von Baumwolle, aus der die Kerne erst gelintert werden müssen, sind entlang der Wände hochgeschichtet und liegen auch sonst überall umher; auf diesen grauen Hügeln essen die 212 Arbeiter und spielen die Kinder, die so klein sind, daß sie noch nicht einmal arbeiten können.

Benachbart: die Baumwollkrempelei. Abfälle und Reste aus Webereien und Spinnereien, Wolle und Baumwolle, werden von Frauen und Kindern nach Farbe und Material geordnet, auseinandergerissen und in die Urbestandteile zerlegt, ähnlich den Lumpen in Papierfabriken.

Kulis steigen herauf mit den Ballen unsortierten Abfalls.

hang-la.
   hui-la   
Ley-la

Kulis steigen hinab mit sortiertem Material.

Ley-la
   hui-la   
hang-la.

Aus langen Hallen, darin man Felle von Ziegen, Rehen, Wieseln und Kaninchen verpackt, dringen die Gerüche von Aas und Naphthalin in alle Räume und alle Galerien aller Stockwerke, lagern auf den Rampen, mischen sich mit dem Staub der Baumwollabfälle und der Bettfedern, mit dem Geruch der Därme und der Ölpfützen im Hof und mit dem Rauch der vor dem Haus anlegenden Dampfer.

Auf Körben vor Körben sitzen Frauen und Kinder, sie klauben aus dem Abfall der Seidenspinnereien die Kokonreste heraus und zupfen sie für die Schappe-Fabriken zurecht. 213

Bettfedern sind ein großer Export-Artikel. Hunderttausende von Enten des Jangtsetales werden im Frühjahr geschlachtet; man rupft sie nicht, sondern zieht sie durch siedend heißes Wasser, so daß das Federwerk von selbst abgeht, oft werden allerdings auch Teile der Haut, der Schwimmhäutchen und des Schnabels abgestreift. Man trocknet die Federn an der Luft, wobei man sie unausgesetzt umwenden muß, damit sie in der Glut der chinesischen Sonne nicht verschmoren oder gar durch Selbsterhitzung Feuer fangen. Auf ihnen herumtrampelnd, stampft man sie fest und verpackt sie zu Ballen von anderthalb bis zwei Piculs (90 bis 120 Kilogramm), die Native Bales. Viele Enten gedeihen im tümpelreichen China, viele Händler, weiße und gelbe, lauern auf ihr Gefieder. Die Bank bevorschußt den Exporteur, der Exporteur den Agenten, der Agent den Einkäufer und der Einkäufer den Züchter. So läuft das Geld, in umgekehrter Richtung läuft die Ware.

Nun ist sie hier im Speicher. Flügel- und Schwanzfedern, die nur als Düngemittel gut sind, werden abgesondert; der Rest wird von Ballast und unabsichtlichen Unreinlichkeiten, Kalk, gemahlenen Muscheln und Sand, befreit, indem man die Federn auf geflochtenen Sieben reibt. Staub- und Federwolken steigen in kompakten Schwaden hoch, alle in der Schleißerei arbeitenden Männer, Frauen und Kinder tragen ein Tuch um den Mund, sonst müßten sie ersticken, ? das moderne Betonhaus kennt keine Ventilation und keine Entstaubungsmaschinen.

Daunen und Federn werden hydraulich zu Ballen von drei Piculs (180 kg ? Wert etwa 350 Dollar) gepreßt; 214 während sich die Platten der Presse gegeneinander bewegen, zieht die Maschine dem Gefieder einen enganliegenden Mantel über, Gürtel aus nassem Reisstroh und Eisenbänder schnüren es fest.

Und die Schar der Kulis hebt die schweren Federballen auf ihre Bambusstangen und bewegt sich in gebückten Kolonnen vom Speicher herab zur Landungsbrücke der Seedampfer, indes aus den Flußdampfern die plump vernähten Beutel mit den ungereinigten Federn den Godown hinaufgetragen werden. Auf der Rampe kreuzen sich die Wechselgesänge der Kulis.

Ley-la hang-la.
   hui-la   
Ley-la hang-la.

Auch das Darmgeschäft wohnt im Godown und beteiligt sich mit einigen Oktaven an der Klaviatur der unerträglichen Gerüche. In China werden keine Würste erzeugt, und so können alle Därme nach Europa geliefert werden. Aus dem Innern des Landes und des Borstenviehs kommen sie hierher und werden unter Wasserhähnen mit Wasser gefüllt, bis sie prall sind. An der Stelle, an der sich der Darm verdickt, wird er abgeschnitten, damit man Stücke von einheitlichem Kaliber hat. Die Arbeiter stehen in Holzpantinen auf Holzrosten, manchmal auch bis zu den Knien im Wasser, während sie die Därme messen, schneiden und in abgedichtete Fässer verstauen. Geschwängert ist die Luft vom Geruch tierischer Verwesung und dem des ursprünglichen Darminhalts. Hier arbeiten keine Kinder, wird doch selbst den Erwachsenen speiübel von dem 215 Gestank. Wir wissen nicht, ob das Schrillen der Schiffssirenen uns der Ohnmacht nahebringt oder vor der Ohnmacht bewahrt.

Gerüche, in den Londoner Dockbezirken auf ganze Straßenzüge verteilt, hier sind sie in einem Gebäude vereinigt. Dieses Gebäude ist moderner als die Dockyards in London, so glatt aufwärtsgeführte, granitgrau glänzende Fassaden gibt es nicht an den Hafenbecken der Themse und ebensowenig die gut zementierten Rampen. Dagegen bewegen sich überall in den Londoner Docks große, schwergezimmerte Lastenaufzüge, elektrische Hebekrane mit klirrenden Ketten, bis in die Magazinhallen fahrende Betriebsbahnen und ganze Züge von Lastautos. Nichts dergleichen am Ufer des Whangpoo. Selbst der Stützbalken für die Aufzugswinde, der in europäischen Häfen schon vor 500 Jahren aus dem Giebel der Fachwerkhäuser ragte, ist für die Großstadt Shanghai noch nicht erfunden.

Wohlfeiler als die wohlfeilste Maschine ist der chinesische Mensch, seine Hände sind der Elevator, seine Arme die Ketten, seine Schultern das Lastauto, seine Beine die Betriebsbahn ? diese Maschinen brauchen keinen Mechaniker, kein Treiböl, und ein Defekt kostet den Unternehmern nichts, wenn seine Maschine ein Mensch ist.

Raubbau statt Wirtschaft, Waffen statt Arbeitsmaschinen, Opium statt Nahrung, Missionare statt Lehrer, Polizei statt Gewerkschaften, das sind Europens Brautgeschenke an China. Sehet, höret, riechet und fühlet das Leben in den Godowns, sehet die Kinder im Baumwollstaub und Federflug, höret den stöhnenden 216 Gesang der Träger, riechet die Därme und die Felle und fühlet, was die Zivilisation des Westens hier getan und was sie unterlassen hat.

Nur wo es sich um Nahrungsmittel handelt, sind die Godowns sauber. 100 Millionen Tassen Tee trinkt täglich England allein, alles Exportware aus China und Ceylon. Mit Sorgfalt wird in den Teespeichern, poröse Bauten mit Holzböden, die nicht schwitzen wie die aus Eisenbeton, hantiert. Mögen die Pflücker auf dem Feld ? sie pflücken 15 Pfund Teeblätter im Tag für einen Lohn von 6 bis 8 Cents (Pfennige) ? noch so rücksichtslos gegen die englischen Teetrinker gewesen sein, im Teespeicher sind feine Siebe und gewaschene Hände am Werk, um kein Sandkörnchen und kein Erdkrümelchen auf den zu verschiffenden Blättern zu lassen.

Ebenso schwingt in den Eieranlagen, hellen Prachtbauten amerikanischer Firmen, im Interesse der Ware, im Interesse ihres Kunden, im Interesse seines Magens die Hygiene ihr Szepter. Die Arbeiter tragen weiße Kittel, blitzblank sind die Tische, auf denen die Eier aufgeschlagen werden, und die Trockenräume, in denen man Eiweiß und Dotter sondert, um sie zu verschiffen für die Nudel-, Makkaroni- und Mayonnaise-Fabriken.

Aus den Gefrierräumen tragen die Kulis die gewichtigen Kisten mit dem zerbrechlichen Inhalt durch die Sommerglut des Kais in die eisigen Kühlräume des Schiffes hinab.

Ley-la
   hui-la   
hang-la.

217 Jeder Träger bekommt, wenn er das Landungsbrett passiert, ein Bambusstäbchen, das er dem Partieführer abgibt; soviel Stöcke er abgegeben hat, soviel Kupfer zahlt ihm der Partieführer aus, der festen Lohn bezieht. In den Manipulationsräumen der Godowns ist das Bambusstöckchen mit dem Firmenstempel die Lohnmarke für einen Tag, gewöhnlich 70 Kupfer (etwa 25 Pfennige) für zwölf Stunden Arbeit.

Kantine ist der Chow-Shop, der Gasthof, der im gegenüberliegenden Hausflur oder auf den Schultern eines Straßenhändlers seinen Platz hat. Von dort wird das Mittagessen geholt: ein Schlag Reis in den Napf, ein paar Tropfen grüner und roter Sauce und ein Stück Mehlgebäck. Kostet zwölf Kupfer. Dazu trinkt man heißes Wasser, für das man im Chow-Shop einen Kupfer bezahlt, oder Ziegeltee, billigsten, zu einer Pille gepreßten Abfall von Tee.

Exemplare der indogermanisch-kaukasischen Menschenrasse, von der wir in der Schule gelernt haben, daß sie Europa bevölkert, weiße Hautfarbe, offene wagrechte Augen, eine starke Nase und größeren Körperwuchs hat, kommen in den Godowns nur sehr selten vor, und zwar als Rechnungs- und Kontrollbeamte; sie machen zwei Schichten innerhalb der Zeit, die für die Angehörigen der mongolisch-chinesischen Menschenrasse eine Schicht ist.

Wir sehen einen Kuli, Kameraden umstehen ihn, nach ihren Ratschlägen verbindet er sich zwei Finger, die ihm eben zerquetscht wurden, mit Baumwolle und einem Stück Jute.

Verbandkästen oder gar eine Unfallstation gibt es 218 nicht, wohl aber Feuerlöschvorkehrungen, sogar Sprinkler-Anlagen, Wasserleitungen mit Weichblei verlötet, das bei einer Feuersbrunst von selbst schmilzt und die Räume automatisch unter Wasser setzt.

Unten parken die einrädrigen Wheelbarrows und warten darauf, daß zwei bis vier Erwachsene oder sechs bis acht Kinder rechts und links vom Rad Platz nehmen und von einem einzigen Mann sich nach Hause ziehen lassen.

Die Köpfe dieser erwachsenen und kindlichen Passagiere schaukeln kraftlos über der Brust, kraftlos hängen die Arme herab, die Chinas Waren für Europa und Amerika versandbereit gemacht haben, Daunen für Kissen, Eidotter für Mayonnaisen, Därme für Würste, Seide für Kleider, Felle für Pelzmäntel. 219

 

Nanking und die Roten

Wie? Nanking sei eine langweilige Stadt?

Das kann ich aber gar nicht finden, im Gegenteil, sie ist aufschlußreich und aufregend. Da sehen wir zum Beispiel heute, am 1. Juni 1932, feldmäßig ausgerüstete Truppen stundenlang durch die Straße Tschungschan marschieren.

Was da dabei sei? Die Straße diene dem (Truppen-)Verkehr, das sei eine alte Tatsache, und Tschungschan sei eben eine Straße?

Tschungschan ist eben nicht nur eine Straße, Tschungschan ist auch der Kampfname, den Sunyatsen im Ausland führte, ihm zu Ehren ist die Straße benannt.

Warum eine nach Sunyatsen benannte Straße keine Truppentransporte passieren sollen? Sei denn Sunyatsen ein Pazifist gewesen? Habe er nicht Bürgerkriege befehligt? Würde er nicht selbst an der Spitze von Truppen durch diese Straße ziehen, wenn er noch lebte?

Gewiß, gegen Truppen in seiner Straße ist an sich nichts einzuwenden, Sunyatsen war kein Pazifist, er hat Bürgerkriege befehligt, und würde selbst an der Spitze von Truppen durch diese Straße ziehen, wenn er noch lebte. Aber nicht an der Spitze dieser Truppen. 220

Nicht an der Spitze dieser Truppen? Das sei doch die 19. Armee? Die 19. Armee, die sich vor einem halben Jahr den Japanern in Shanghai entgegengestellt und ihnen Halt geboten hat? Gegen ausländische Imperialisten. Sei das nicht im Geist Sunyatsens gewesen?

Ja, das war im Geist Sunyatsens. Aber jetzt ziehen sie gegen die roten Provinzen, und ihr Weg führt durch die Straße Tschungschan, die Straße Sunyatsens. Ist auch da nichts dabei? Sunyatsen hat das Wort gesprochen, daß jeder Gegner der Kommunisten damit auch Gegner der Kuomintang ist und den Ausschluß verdient. Wie lautet sein Bekenntnis, das ihm den Haß der chinesischen Bourgeoisie, ihren bewaffneten Widerstand mit englischen Waffen eintrug: »Mit dem Gelingen der russischen Revolution hat das neue Leben Chinas begonnen. Daher: laßt uns heute diese Revolution feiern, und dann laßt uns die Russen nachahmen.« Und nicht nur politisch möge sich China einzig und allein die Sowjetrussen zum Vorbild nehmen, denen China seine Konstituierung als Nation und die Aufhebung der Tributverträge verdankte, nein, auch militärisch: »Die Rote Armee Rußlands muß euer Muster sein!« rief Sunyatsen den an ihm vorbeidefilierenden Truppen der Kanton-Regierung zu.

Heute marschieren nun die Truppen gegen die Rote Armee Chinas. Vor Monatsfrist hat man sie aus dem Umkreis von Shanghai herausgezogen und nach Nanking dirigiert. Zwecks Retablierung. Man prüfte jeden auf Herz und Nieren, was natürlich nicht medizinisch gemeint ist. Und der, bei dem sich etwas verriet, 221 wodurch er ungeeignet schien, als dumpfes Werkzeug der Reaktion zu dienen, der bekam einen sehr schlichten Abschied. An die Stelle der Ausgeschiedenen traten verläßliche Elemente anderer Abteilungen. Der populäre Firmenname blieb: 19. Armee. Alles ist botmäßig gemacht und einexerziert worden, streng nach den Weisungen der militärischen Ratgeber, der »advisers«, der deutschen Offiziere. 30 deutsche kaiserlich-republikanische Offiziere. Sie kamen mit Oberst Bauer herüber, und erfreuen sich des Vertrauens von Tschangkaischek. Zuerst hatte die Entente gefürchtet, die Deutschen würden ihren konnationalen Rüstungsindustriellen allzuviel Heereslieferungen zuschanzen. Ob das geschieht oder nicht, ist heute den Mächten nicht so wichtig, denn die Deutschen leiten die Ausrüstung und die Ausbildung der chinesischen Truppen so, wie es sich der internationale Imperialismus nur wünschen kann. Jedenfalls ist es angenehmer für England, als wenn amerikanische, angenehmer für Amerika, als wenn französische Militarisierungsfachleute am Werk wären.

Ausrüstung und Ausbildung der 19. Armee, die ohne Ausrüstung und ohne Ausbildung den Japanern getrotzt hat, ist jetzt soweit beendet, daß man sie gegen China werfen kann, gegen die Sowjetgebiete, die friedlich ihren Aufbau vollziehen, ohne Imperialismus, ohne Kapitalismus, ohne Feudalherrschaft, ohne Fremde, ohne Opium, ohne Privatbanken, ohne Kinderarbeit, ohne Kinderverkauf, ohne Missionare, ohne Binnenzölle, ohne Banditengenerale, ohne Gangsters, ohne Bestechungswesen.

Manche von den hier vorbeimarschierenden Burschen haben wir in ihren Unterständen von Tschapei 222 gesprochen, aber wir erkennen sie nicht wieder. Wie fein die gemacht worden sind.

Nein, nein, Nanking ist durchaus keine langweilige Stadt! Es gibt vielerlei zu sehen, allein auf der Straße Tschungschan.

Hechtgraue Leinenuniformen, Wickelgamaschen, lederne Koppel und hohe Kappen, wie sie die k. u. k. Armee Österreichs hatte; nur ist anstatt der Kokarde mit F. J. I., den Initialen des Kaisers Franz Josef, eine Kappenrose mit der blauen Sonne, der Sonne der Kuomintang aufgesteckt. Man könnte die Kolonnen für europäisches Militär halten, baumelte nicht auf jedem Rücken ein Sonnendach, ein Sonnenschirm, ein Sonnenhut, welch mächtiges Geflecht. Und stäke nicht in jedem Leibriemen ein Frottierhandtuch, das man in einen kalten Bach oder in heißes Teewasser taucht, um sich das Gesicht zu kühlen. Die Chargen tragen elektrische Lampen, große, es sind schon eher Marschallstäbe, wer mag diese Heereslieferung den Chinesen angehängt haben? Die Lampe ist das auffallendste Merkmal der neuen China-Armee, so wie das der japanischen die Thermosflasche ist. An der Knabenbrust der Soldaten prangt eine Medaille, Ausrüstung und Ausbildung sind vollendet, nun geh gegen deine Volksgenossen und Klassenbrüder, schieß recht viele tot, und du wirst wieder eine Medaille kriegen.

Die Residenz ist froh, sie loszuwerden. Obwohl die 19. Armee verwässert ward, es ist doch die 19. Armee, noch immer sind zu viele von den Shanghaier Kerlen dabei, die sich ohne Befehl aus Nanking den Japanern gegenübergestellt hatten und die von Nanking befohlene 223 Kapitulation nicht durchführen wollten. Aufatmend blickt Tschangkaischek aus seiner Festung innerhalb der Kriegsakademie, geschützt von seinen Schützlingen, aufatmend sieht der Finanzminister T. V. Sung von seiner Villa am Hügel des Nordsterns, aufatmend die gepflegten Herren aus dem Parteihaus der Kuomintang, aufatmend die Vertreter der Vertreter der Großmächte (die Vertreter selbst sitzen in Peking, zwei Eisenbahntage fern vom Regierungssitz), aufatmend blicken allesamt auf das abziehende Heer.

Im Hafenviertel Hsiakwan wird es eingeschifft, auf uralte, zitronengelbe, am Ufer vertäute Jangtse-Kästen. Kanonenboote neuesten Schnitts ankern mitten im Strom. Sollte auf den Transportschiffen etwas laut werden, so würde es auf den Kanonenbooten noch lauter werden. Seid versichert. Die 61. Division ist bereits verladen, die 60. und die 78. marschieren an uns vorbei uferwärts, und die »North-China Daily News«, die China-Zeitung Englands, wird morgen anerkennend feststellen können, daß auch die zweite Hälfte der 19. Armee ihren Abmarsch aus Nanking in die Gebiete der »Roten« ohne Zwischenfall vollzogen hat.

Das Wort »Rote« und das Wort »Kommunisten« darf bei Prozessen und Interventionen nicht ohne Gänsefüßchen geschrieben werden, allzu deutlich hat Sunyatsen jeden Feind der Kommunisten als Feind der Kuomintang bezeichnet. Daher wird von sogenannten Kommunisten, von Kommunisten unter Anführungszeichen gesprochen, wenn man Kommunisten ohne Anführungszeichen meint. Aber am besten, man sagt: Banditen. Bei Banditen braucht man kein Anführungszeichen, im Gegenteil, da wäre es 224 wieder strafbar, eines hinzusetzen. Diese Terminologie hat sich sogar die britische China-Presse zu eigen gemacht, für die doch Banditen und Kommunisten ohnedies identisch sind, und die schwerlich eine Antwort auf die Frage geben könnte, welcher Unterschied für sie zwischen Kommunisten mit und Kommunisten ohne Anführungsstriche besteht.

Die chinesischen Gerichte wiederum verurteilen die Kommunisten nur mit der Formel »wegen reaktionärer Umtriebe«. So fällt der Richter den Spruch, daß der Angeklagte sich in offenkundig reaktionärer Weise betätigte, indem er gegen den Imperialismus, gegen die Vorherrschaft der Banken, gegen den Pfandwucher und gegen das Opium aufgetreten ist.

Gegen solche Reaktionäre werden nun die Neunzehner zu Felde gezogen. Schon vorher haben sich viele Truppen in der gleichen Absicht kiangaufwärts bewegt. Ein englisches, ein amerikanisches, drei japanische und ein italienisches Kanonenboot segelten im September 1930 zur Eroberung von Tschangsha in schöner Gemeinschaft los; alle Gegensätze sind schnell vergessen, wenn Amerika, Japan (mit drei Schiffen), England und Italien die »Reaktion« niederwerfen wollen. Die Landungstruppen von »H. M. S. Aphis«, »U. S. S. Palos«, »H. I. J. M. S. Atami«, »Futami« und »Kutama« und »S. M. R. dI. Carlotta« häuften Greuel auf Greuel, deren sie sich selbst rühmten und hervorhoben, daß »insbesondere Commander Tisdale von der ?Palos? den blutdurstigen, rußlandinspirierten Horden eine Dosis ihrer eigenen Medizin gegeben.« («Chinas Weekly Review«, 6. Sept. 1930.)

Trotz dieser Dosis vergrößerten die Sowjets ihre 225 Gebiete, die schon damals von mehr als 50 Millionen Menschen bewohnt waren. Trotz dieser Dosis? Wegen dieser Dosis! Daß die Kuomintang für ihre Interessen fremde Mächte gegen China losziehen ließ, erregte auch die indifferenten Bauern außerhalb der Sowjetdistrikte.

So ging es also nicht noch ein zweites Mal. Die Nanking-Regierung mußte selbst zeigen, was sie kann. Mit 15 Divisionen begann im Februar 1931 unter persönlicher Leitung Sr. Exzellenz des Kriegsministers Ho Ying-Ching die »Ausrottungskampagne gegen die ?Roten?« der Provinz Kiangsi. Im Juni kam ihm der Gottsöberste zu Hilfe, Tschangkaischek befehligte 300.000 Mann. Nie vorher war ein solcher Heerbann gegen eine einzige Provinz aufgeboten worden.

Eine Ausrottungskampagne ohne Anführungsstriche. Ausgerottet wurden die Dörfer, ausgerottet die darin zurückgebliebenen Greise und Kinder, ausgerottet das Vieh und die Ernte. Das einzige, was nicht ausgerottet werden konnte, waren die Roten. Von den Bauern, die die Rote Armee bilden, hatte höchstens jeder dritte ein Gewehr, und auf jedes Gewehr kamen lediglich zwei Patronen; so bewaffnet führten sie sechs Monate lang den Guerilla-Krieg gegen eine Armee mit 256 europäischen Feldgeschützen, 12 Flugzeugen, Maschinengewehren und ausländischen Spezialisten der Strategie. Schließlich wurden die Divisionen der Kuomintang genau so vertrieben, wie die preußisch-österreichisch-emigrantische Interventionsarmee bei ihrer Kampagne in Frankreich von den Ohnehosen der jungen französischen Revolutionsarmee, und wie die französisch-englisch-amerikanisch-deutsch-tschechoslowakisch-japanisch-weißgardistischen 226 Armeen und Flotten von den Bolschewiken aus Rußland vertrieben worden waren. Ein Beweis dafür, daß technisches Übergewicht nur dann das einzige Kriterium der Entscheidung darstellt, wenn das Klasseninteresse am Ergebnis des Krieges bei beiden Armeen das gleiche, das heißt null ist. Beim Krieg der Nanking-Regierung gegen das Volk war das Klasseninteresse nicht das gleiche.

Unter der Beute der Roten befanden sich drei Flugzeuge, man bedeckte sie mit einem Schutzdach, und so stehen sie noch heute da; bedienen kann sie niemand, worüber die Presse der geschlagenen Kuomintang nicht zu spotten aufhört. Zwei Monate nach der Flucht der Regierungsarmee gab sie den »Abbruch des Feldzuges« bekannt und begründete ihn damit, daß die Besetzung der Mandschurei durch die Japaner eine Konzentrierung des nationalen Interesses auf den äußeren Feind notwendig mache. Der heimgekehrte Kriegsminister Exzellenz Ho Ying-Ching, führte vor dem IV. Kongreß der Kuomintang aus, warum es der Gesamtarmee nicht gelungen war, auch nur eine der revolutionären Provinzen zu erobern. »Die Bewohner der von den Banditen besetzten Gebiete unterstützen die verbrecherischen Horden, während es für die Regierungstruppen außerordentlich schwer war, auch nur die geringste Hilfeleistung von seiten der Bevölkerung zu erhalten.« Immerhin konnte Minister Ho Ying-Ching dem Kongreß eine Hoffnung geben: »Krankheiten von epidemischen Ausmaßen sind in den Lagern der Banditen ausgebrochen, und infolge des Mangels an ärztlicher Hilfe gehen viele von ihnen zugrunde. Mit dem Herannahen des strengen 227 Winters erhöhen sich ihre Schwierigkeiten ständig, da nur wenige von ihnen Winterkleidung besitzen.«

Ob die Erwähnung der Tatsache, daß die »Roten« nicht einmal Winterkleidung besitzen, vom Kongreß mit Heiterkeit aufgenommen worden ist, steht im Protokoll nicht verzeichnet. Jedenfalls wurde in den Resolutionen ein neuer Feldzug zur Ausrottung der roten Gefahr als die erste Pflicht der Regierung erklärt, die Besetzung Nordchinas durch die Japaner fand der Kongreß bei weitem nicht so wichtig.

In Ausführung des Beschlusses müssen jetzt die Jungens, die sich in Shanghai freiwillig zum Schutz ihrer Familien und ihrer Wohnstätten vor den Japanern bei der 19. Armee anwerben ließen, gegen ihre Heimat losziehen, gegen jene Kreise ihrer Heimat, die die drei Prinzipien Sunyatsens in die Wirklichkeit umsetzen. Auch diese Jungens mit den neuen Gewehren, den grauen Uniformen, den blitzenden Medaillen und den elektrischen Laternen werden mitnichten den Sieg erringen, den ihnen der Armeebefehl verheißt. Worin soll er bestehen? Worin soll er sich auswirken? In der Wiederzusammenziehung des aufgeteilten Bodens, in der Wiederzuteilung des Landes an einen Feudalherrn, in der Wiederherstellung des Likin-Zolls, in der Wiedereinführung des Bestechungswesens, in der Wiederanlegung von Mohnfeldern, in der Wiederzulassung von Missionaren? In der Schließung der neuen Schulen, Druckereien, Büchereien, Zeitungen?

Glaubt man, ein Volk mit Waffengewalt wieder in Unwissenheit stürzen zu können? Auf dem Kongreß der chinesischen Sowjets, der am 7. November 1981, dem 228 vierzehnten Jahrestag der russischen Oktoberrevolution in Juikin zusammentrat, wurde berichtet, daß in den sechs Sowjetgebieten innerhalb vier Jahren acht Millionen Menschen lesen und schreiben gelernt haben. Komischer-, aber nicht unlogischerweise verdoppelte die englische Presse diese Zahl und schrieb von »sechzehn Millionen Menschen, denen das Lesen beigebracht wurde, um sie der gedruckten Hetzpropaganda zugänglich zu machen«. Die Schriften von Marx, Lenin und Sunyatsen werden in Auflagen von einer Million gedruckt. In einer Stadt, wo Lenins »Staat und Revolution« wegen Papiermangels vergriffen war, erschienen Leute mit eigenhändig geschöpftem Papier in der Druckerei und zogen das Buch vom Letternsatz ab. Ein Amerikaner schreibt der Shanghaier »Evening News«, daß »in allen Nachbargebieten der Banditenbezirke das mit den Köpfen der bekannten kommunistischen Agitatoren Marx und Lenin versehene Papiergeld als vollwertiges Zahlungsmittel angesehen wird«.

Wie? Mit dem Abzug der Truppen sei alles Interessante erschöpft, was Nanking zu bieten habe? Im übrigen sei es eine langweilige Stadt?

Kann ich aber gar nicht finden! Sehen Sie zum Beispiel, wie in allen Straßen gebuddelt wird. Das ist keine kommunale Angelegenheit, das ist eine politische Angelegenheit, der Lohn, den England dafür bezahlt, daß Nanking die Roten wacker zu bekämpfen versucht.

Der den Chinesen seit 1900 auferlegte Straftribut wird in den letzten Jahren von den Großmächten innerhalb Chinas angelegt. Die Amerikaner schicken Chinesen aus Propagandagründen für das Geld der Boxer-Indemnität auf ihre Collegs. Aber diese Studenten, statt gelbe 229 Yankees zu werden, werden oft genug Gegner der Fremdherrschaft und Anhänger der Revolution.

England ist nicht so dumm wie Amerika. England gibt das chinesische Geld nur für Kommunikationszwecke her, und zwar für solche, deren Material zu guten Preisen von England geliefert wird. Überall, sehen wir, werden Tore gebaut, weil das zum Kapitel »Kommunikation« gehört, überall, sehen wir, wird die Residenzstadt der Vasallenregierung befestigt, überall, sehen wir, werden Röhren und Kabel gelegt und eine Funkstation errichtet, damit die englische Industrie Geld verdiene, überall, sehen wir, werden Häuser niedergerissen, um breite Straßen zu schaffen, auf denen solche Ross und Reisige, die nicht schützen die steile Höh, wo Fürsten stehn, bequem hinausgeschickt werden können gegen das Volk.

Der Zugang zur Stadt ist um so verschlossener. Renoviert die alten Wälle, der doppelte Ring um die Stadt, die Wachtore desgleichen, obwohl Flugzeuge keineswegs durch Festungstore einzufahren pflegen, und Geschosse aus Schiffsgeschützen vor Festungsmauern niemals ratlos haltmachen. Nicht um moderner Artillerie Einlaß zu verweigern, stehen die Wachkompanien unter jedem Torbogen?.?.?. Der Feind, gegen den man rüstet, hat keine Bombenflugzeuge und keine Schlachtschiffe auf dem Jangtse und keine modernen Geschützzüge. Der Feind, gegen den man rüstet, ist kein äußerer Feind. Er kann bald vor den Toren stehen. Nanking ist immer fluchtbereit.

Jedermann wird am Stadttor angehalten, die Guardia prüft sorgsam die Pergamente seiner Heimatszugehörigkeit und seiner Zunft und prüft seine Einreise-Erlaubnis, 230 bevor sich ihm der Weg freigibt in die Stadt der »Volkspartei« und ihrer Regierung. Das Elend hat draußen seine Bezirke, zwischen dem Bahnhof und dem Stadttor. Doch gibt es auch in der Stadt des Schmutzes und des Jammers mehr, als man sich vorzustellen vermag.

Reisbauern und Brokatweber haben ihre Pfützen und Hütten am innern Rand der Innern Festungsmauer oder unten an den befestigten Ufern des Tschin-Hwaj-Flusses. Verfallene Holzbuden sind die Arbeitsstätten der Brokatweber, ihre Webstühle von alten Meilensteinen gestützt. Zwischen zehn Bambusstäben, die vom Fuß des Webers bewegt werden, entsteht das Muster, das Weberschiffchen mit fettgoldenem Inhalt fährt von links nach rechts, die schwarzen und goldenen Fäden werden von Kindern aneinandergeknüpft. Du glaubst, daß sie nur zwecklos die Finger bewegen, nur mit Luft arbeiten, du siehst die Fäden nicht, so schnell geht das. Bei dieser Arbeit nicken die Kinder mit dem Kopf nach rechts und nach links, wie Fahrer eines Sechstagerennens. Sie dürfen nicht aufschauen, auch wenn ein Besucher kommt. Auf die Seide schweben, indes sie geboren wird, vier goldgefiederte Vögel nieder, sie verschwinden, und vier neue goldgefiederte Vögel, den vorigen gleich, schweben auf die Seide nieder. Ihr Auftauchen und ihr Verschwinden vollzieht sich in einer Atmosphäre von Schmutz und Hunger. Die Frau des Goldwebers bittet um eine kleine Gabe. Keinen Meter Brokat darf der Weber verkaufen, alle Ware ist, längst bevor sie entsteht, an den Garnlieferanten in Tschekiang verpfändet. Überall umringen dich Bettler. Cholera und Lepra wüten, ohne Widerstand zu finden. 231

Viel Elend ist in die Stadt gerutscht, dem Aufenthaltsverbot zum Trotz, der Sicherung dieser doppelt gesicherten Stadt zum Trotz. Doppelt gesichert? Ja. Nanking hat materielle und ideologische Festungswerke, und die ideologischen sind materieller Art. Wirklich, ich verstehe gar nicht, wie man Nanking eine langweilige Stadt nennen kann.

Hoch ragt die ideologische Zitadelle empor: das Grabmal Sunyatsens. Selbst das Lincoln-Mausoleum in Washington, dem es entschieden nachgebildet ist, ist nicht so pompös und nicht so kostspielig, Millionen wurden ausgegeben für dieses einzige große Bauwerk der Republik. Die Mings, die direkt daneben begraben sind, können sich direkt daneben begraben lassen. Dabei haben die Mings dreihundert Jahre lang über China geherrscht, und Sunyatsen, der erste Präsident der Republik, mußte schon nach ein paar Monaten seinen Platz dem kaiserlichen Mandarin Juanschikai räumen, der sich zum Sohn des Himmels machte. Viermal mußte Sunyatsen aus der Republik flüchten, er hatte ihre Machthaber zu fürchten, wie er vorher die des Kaiserreichs zu fürchten hatte. Als er Präsident der Kantonregierung wurde, war er, der nationale Revolutionär, den Großkaufleuten und den Großmächten viel zu sozial. Sie rüsteten die Kantoner Kaufmannsgarden gegen ihn aus, und England, wo das Arbeitskabinett Macdonald regierte, schickte ihnen Waffentransporte. Sunyatsen begriff am Widerstand seiner Gegner deren Interessen, seine Lehre, die voll von Unklarheiten und Kompromissen gewesen war, wurde immer entschiedener und sozialer.

1925 starb er und hier oben ist er begraben. Einen 232 Kilometer führt die breite Marmortreppe, geschmückt mit Podesten, Vasen, Obelisken, Pilonen zum Gipfelbau, zur Kolossalstatue, zum Sarkophag hinan. Und doch ist diese Grabanlage kein Luxusbau, sie ist ein Zweckbau, die zehn Millionen Dollar sind kein hinausgeworfenes Geld. Ideologische Sicherung. Seht her, wie wir Sunyatsen ehren, in Sunyatsens Sinn regieren wir. »Wir«, das sind die heutigen Herren von Nanking, die Sunyatsen gekannt und genannt hat, »diese entarteten Revolutionäre, diese falschen Revolutionäre, die Sie während dieser letzten Jahre allein damit beschäftigt gesehen haben, Karriere zu machen und sich zu bereichern. Diese Leute haben die große Sache der Revolution und des revolutionären Geistes entwürdigt und lächerlich gemacht. Trennen Sie sich von den Leuten dieses Schlages und vergessen Sie sie?.?.?.«

Die Karrieremacher haben die Trennung selbst vollzogen, eine blutige Trennung. Jetzt sind sie an der Macht. Nichts, nichts von den Lehren Sunyatsens haben sie durchgeführt, nichts durchzuführen versucht. Die Fremden, gegen deren Oberherrschaft er sich wandte, sind die Schutzherren seiner Nachfolger, die Gewerkschaften, die er schuf, wurden zu gelben Fachvereinen gemacht, seine revolutionären Bauernverbände vernichtet, die Gangsters, Begleiterscheinungen des Chicago-Kapitalismus erfreuen sich der Regierungsgunst, die Banditengenerale, Begleiterscheinungen der Feudalherrschaft, sind die Bundesfürsten des Reichs, das Opiumgeschäft blüht, das Waffengeschäft blüht, die Kinderarbeit blüht, der Likin-Zoll blüht.

Sunyatsens Gattin, seinen Ideen treu, muß in der Auslandssiedlung Shanghais leben, bespitzelt von den 233 vierzehn Shanghaier Spitzelorganisationen der Großmächte, und sie betritt chinesischen Boden nicht, ohne einen Anschlag von seiten der Partei befürchten zu müssen, die sich die Partei ihres Gatten nennt; von Ausländern stehen nur die amerikanische Schriftstellerin Agnes Smedley und der mutige Kreis der von allen Seiten verfolgten Zeitschrift »The China Forum« als Freunde zu ihr.

Truppen gegen die Sowjetbezirke ziehen auf der Straße mit dem Namen des Mannes, der auf seinem Sterbebett einen Brief an die Sowjetregierung nach Moskau schrieb, deren Generalkonsulat heute das einzige leerstehende Haus am Ufer des Whangpoo in Shanghai ist. Der Brief aber lautet:

»Liebe Genossen! Auf meinem Sterbebette beschäftigen sich meine Gedanken mit euch sowie mit dem zukünftigen Geschick meiner Partei und meines Landes. Ihr seid das Haupt jener Republiken, die der unsterbliche Lenin befreit hat. Wenn sie euch folgen, werden die Nationen, die heute noch Opfer des Imperialismus sind, ebenfalls ihre Befreiung von dieser Gesellschaftsordnung erlangen, die immer auf Sklaverei, Krieg und Ungerechtigkeit begründet gewesen ist. Ich hinterlasse eine Partei, die, wie ich stets gehofft habe, im Bunde mit euch wirken wird an der Befreiung Chinas und anderer unterdrückter Völker vom Joch des Imperialismus. Ich beauftrage daher meine Partei, in ständigem Kontakt mit euch zu bleiben. Ich fühle mich glücklich in dem festen Glauben, daß die Unterstützung, die ihr meinem Lande zuteil werden ließet, ihm unverändert erhalten bleiben wird. Indem ich nun Abschied von euch nehme, gebe ich der Hoffnung Ausdruck, daß der Tag kommen wird, da die Sowjetunion in einem freien und starken China 234 ihren Freund und Bundesgenossen begrüßen wird, und daß die zwei Staaten Hand in Hand in dem großen Kampf für die Befreiung der Unterdrückten der ganzen Welt fortschreiten werden.

Mit brüderlichen Grüßen

Sunyatsen.«

Er starb, und die chinesischen Polizeibeamten, mehrere hundert Mann stark, drangen in den geschlossenen Bezirk der ausländischen Gesandtschaft in Peking ein, überfielen die Sowjetbotschaft, verhafteten das Personal, schleppten die Akten weg, besetzten das Haus. Von den teuren Grundstücken am Ufer in Shanghai ist eines unverwertet, ein einziges Gebäude steht leer, das Sowjetkonsulat an der Garden Bridge.

Antwort der Kuomintang auf Sunyatsens letzten, seinen strikten Auftrag: »Ich beauftrage meine Partei in ständigem Kontakt mit euch zu bleiben?.?.?.«

Ein leerstehendes Haus kann interessanter als ein bewohntes sein. Eine Stadt von Beamten und Bonzen und einer neuen Grabanlage und einer endlosen Militärkolonne braucht gar nicht langweilig zu sein.

Ich finde Nanking gar nicht langweilig. 235

 

Straße wie wunderlich?.?.?.

Wien in Peking. Ein Wort von Karl Marx, das Wort, daß Österreich das deutsche China sei, will uns nicht aus dem Sinn, so oft wir uns im Gewirr der chinesischen Gassen verlieren. Da fühlen wir uns wahrhaftig, als wären wir im asiatischen Österreich, in einem chinesischen Wien. Gaudium und Elend, ewiges Teehaus und Geschäftsgeist, Servilität und Strenge, Fremdenhaß und Fremdenindustrie wohnen hart an hart. Volk der Phäaken. Immer ist Sonntag, auch wochentags. Immer ist Tag, auch bei Nacht. Nur dreht sich am Herd der Spieß nicht. Man sieht mehr Hungernde als Satte. Die Chinesen sind wienerischer als die Wiener, in ihren besten Zeiten konnte sich der Wurstelprater keineswegs etwa mit Tjen-Men-Da-Dje messen, einer Pekinger Straße, die man mit einem phosphoreszierenden Strich auf dem Globus verzeichnen müßte. Im Wiener Prater steht (oder stand) im Mittelpunkt des Ringelspiels von Calafatti ein fünf Meter hoher Chinese mit Zopf und Hängeschnurrbart, und hebt die Hand, dieweil die Pferdchen kreisen. In China gibt es kein Karussell mit einem fünf Meter langen Europäer in der Mitte, der den Kreislauf segnet. Wien ist also in diesem Punkt stark voraus. Auch wenn 236 Mei-Lan-Fang oder Lo-Sa-Jung (diese Schauspielerin Rosa Jung ist die Tochter eines Deutschen) des Weges kommen, so erregt das bei weitem nicht solches Aufsehen wie ein Bühnenliebling auf der Praterstraße. Ebenso wird bei einer Konkurrenz zwischen den Gruppen von Präuschers Panoptikum und denen des Tempels »Schö-Ba-Jü« Präuscher die Palme davontragen. Und der Heurige? Der Heurige fehlt in Peking ganz. Aber sonst! Was man in Wien eine »schöne Leich« nennt, ist geradezu der letzte Dreck gegen einen Leichenzug in China. (Man stößt während eines nächtlichen Spaziergangs auf zwei bis drei Leichen, Verhungerte, die haben keinen Leichenzug.) Was wir meinen, ist ein richtiger Kondukt mit Sarg aus Buchenholz, in dem sichs fein wohnen läßt, mit Trägern in grünrotem Kostüm, die Musikbanda spielt, und Figuren von schönen Maderln werden hinterher getragen, schönen Dienern und allem, was dazu gehört. Verkaufts mei Gwand, i fahr in Himmel. Gelegenheit, das Gewand zu Geld zu machen, ist vorhanden, das Dorotheum, das Pfandhaus, ist immer just vis-à-vis. Doch das kommt später.

Indessen feiern wir auf jeden Fall
Nur lustiger das wilde Carneval.
                                                    (Faust II.)

 

Halbversperrter Zugang zur Chinesenstadt. Durch Gittertore ist die Ausländersiedlung Shanghais vom fremdenlosen China getrennt. Jetzt haben die Weißen noch Spanische Reiter und lebende Posten mit Gewehren hingestellt; lediglich ein schmaler Gang ist zwischen Sandsäcken und Stacheldrähten freigelassen, denn 237 ganz kann der Westen den Osten nicht entbehren. Freilich, die Compradores, die großen einheimischen Mittelsmänner des europäischen Kaufmanns, wohnen nicht in der Chinesenstadt. Aber schon die Chroffs wohnen in der Chinesenstadt, des weißen Händlers gelbe Makler, Stadtreisende und Inkassisten. Und vor allem leben dort seine Kunden und Kulis. Er braucht sie, und deshalb müssen sie sich in die ausländische Siedlung drängen, selbst wenn der Eingang durch Stacheldraht und Sandsack, durch Bajonett und Gitter, durch Spanische Reiter und französische Polizisten erschwert ist.

 

Jenseits der Grenze. Den Straßennamen »Boulevard des Deux Républiques« gebrauchen die Franzosen überlegen lächelnd: wie kann man die junge Republik China mit der alten Republik Frankreich in einem Atem nennen? Hat man den Boulevard des Deux Républiques, die Grenze, überschritten, dann wird man vom fünftausend Jahre alten Leben dieser jungen Republik, vom Wirbel fremdartiger Menschen, unverständlicher Stimmen und unbekannter Dinge dahingetragen bis Nantao, den Marktbezirk.

 

Werkstätte und Laden und Wohnung sind eines nur. Elfenbeinschnitzer arbeiten und verkaufen: sie meißeln aus Elfenbein und Schweineknochen Mah Jong-Steine, Griffe für Sonnenschirme, Mundstücke für Pfeifen, Zigarettenspitzen, Spielwürfel, kleine Hände für die Stäbchen zum Rückenkratzen und kreisrund geschlossene Kämme zum Kopfkratzen. Unter den Messern der Holzschnitzer entstehen skulptierte Leuchter, 238 Kugeln für Rechenmaschinen. Unter ihren Pinseln bekommen Gestelle mit Fischornamenten grellen Glanz, Drachen fürchterlich aufgerissene Rachen und Kriegsgötter fürchterlich aufgerissene Augen. Schirmmacher polieren Bambusrippen, schneiden und säumen Seide zurecht, Korbflechter, Fächermaler und Stempelschneider sind Erzeuger und Händler zugleich, Zwischenhandel ausgeschaltet. Briefschreiber beteuern mit Tusche und Pinsel soviel Liebesgefühl auf das Papier, als der Auftraggeber für seine paar Kupfer verlangen kann. Chiromanten haben alle Hände voll zu tun, um aus den Linien der Hände das Schicksal weiszusagen. Raseure putzen ihren auf dem Bürgersteig sitzenden Klienten die Ohren mit einer flaumigen, an einem Stil befestigten Kugel. Seltsame Krippen aus buntem Papier sind Hausaltäre für die Ahnen, silberpapierne Tüten Symbole der Taels, die man am Grab der Toten verbrennt. Konditoren kneten gebrannten Zucker zu Phantasiegebilden und färben ihn. Das Schaufenster des Geflügelhändlers hängt voller Geigen, welche sich aber als Enten erweisen, in Bethel rotgekocht. Im Fleischerladen liegen flache und in farbiges Ölpapier eingewickelte Schinken, sie stammen von Schweinen, die sich in der Provinz Yünnan ihre Nahrung selber suchen und deshalb so schwache Lenden haben. Hohe Teestühle und mächtige Kohlenöfen, Hibatschi, aus Porzellan stehen vor dem Laden des Porzellanhändlers, drinnen winzige Nippes, Tassen, Kannen, Tuschschalen, Spucknäpfe und viele, viele Futternäpfchen für Vogelkäfige.

 

Den Vogelladen umstehen die Chinesen stundenlang, 239 wie gebannt schauen und hören sie den Zwergzeisigen und den grellgefiederten japanischen Nachtigallen zu. Der Chinese ist ein fanatischer Vogelfreund, wenn er spazieren geht, trägt er seinen Vogel behutsam im Käfig vor sich her und stellt ihn im Teehaus neben sich. Wir sahen Flüchtlinge aus Tschapei, die hatten nichts gerettet als ein Kopfkissen und den Vogelkäfig. ? Ganz ausgezeichnet vertragen sich in den Gitterkästen der Tierhändler Kröte und Maus, wie in jenem Lied von einer Wassermaus und einer Kröte, die zum Genuß der Abendröte einen steilen Berg hinangingen, was angeblich ein Gedicht von Goethe ist, das er eines Abends späte auf dem Sofa noch ersann. Schildkröten und Goldfische kauft man, um ihnen die Freiheit zu geben, indem man sie in den Teich beim Teehaus wirft. Das gilt in China als gute Tat. Die in einem hölzernen Futteral steckende Mauserpistole der Polizisten ist europäisches Fabrikat.

 

Verkehr lebhaft. Wo Handel ist, ist Wandel nicht fern. Überfüllung überall. Wie auf den Kanälen die Boote mit Reis, die in die Stadt fahren, und die Boote mit menschlichen Exkrementen, die auf das Land fahren, keinen Fußbreit Wasser freilassen, so lassen die Menschen in den Elendsbezirken keinen Fußbreit Boden frei. Männer tragen Kittel bis hinab zu den Knöcheln, die Frauen blaue Leinenhosen. Auf ihren durch Abschnürung verkrüppelten Füßen stelzen ältere Frauen eilig dahin, es scheint, als würden sie jeden Augenblick umkippen. Viele Frauen haben Glatzen, vielleicht kommt es davon, daß sie Krüge und Körbe auf dem Kopf tragen. Kleine Kinder mit rasiertem Kopf, auf dem Schädel ein 240 keimendes Zöpfchen, mit langen, molettonierten, vorne und hinten offenen Hosen, spielen auf der Straße. Fünfjährige müssen Papierdrachen kleben oder die kegelförmigen Stanniolpäckchen, das Totengeld. Sechsjährige, Achtjährige schnitzen und bemalen Mah Jong-Steine, drehen die Handmühlen mit Sojabohnen, kehren Werkstätten aus und tragen Waren aus. An den Seitenwänden der Häuser stehen Männer und verrichten ihre Notdurft; die linken Beine der ganzen Reihe sind nackt, da die Hose keinen Schlitz hat, zieht man das Hosenbein hoch. ? Die Häuser sind niedrig, nicht mehrstöckig, wie im Internationalen Viertel, wo die Reklamefahnen vor den Verkaufsläden groß und aus Brokat sind, die Aufschriften der Firmen golden, und wo man ungestört Opium rauchen kann. In der Chinesenstadt ist das Opiumrauchen verboten, damit den fremden Nutznießern des Opiumschmuggels und der Opiumkneipen keine Konkurrenz gemacht werde. Den Schaukästen der Metallwarenhändler von Nantao fehlen jene Stücke, die das Um und Auf ihrer Kollegen in der Rue du Consulat sind: die Opiumpfeifen, die Pinzetten, die Ständer und die anderen zum »Großen Rauch« gehörigen Utensilien. Nur die Wasserpfeife hört man prallen.

 

Überhandnehmendes Bettlerunwesen. Bettler hocken dicht aneinander. Auf der vor ihnen liegenden karierten Leinwand sind ihre Schicksale geschildert; manche, pauperisierte Intellektuelle, schreiben ihre Selbstbiographie mit Kreide auf den Bürgersteig, und der Passant legt sein Almosen auf jenes Quadrat, dessen Inhalt ihn besonders ergreift. Von der Tatsache, daß 241 die Gilde der Bettler keine Frauen aufnimmt, merkt man auf der Straße nichts, die Zahl der Bettlerinnen könnte nicht größer sein.

 

Große Entrüstung unter den Europäern Shanghais. Unter Shanghais Bettlern findet man jetzt auch Weiße. Weiße in physischem und politischem Sinn, russische Emigranten. Zumeist in betrunkenem Zustand betteln sie die Chinesen an. Früher gab es für einen verarmten Europäer ein unfehlbares Mittel, Geld zur Heimreise zu bekommen. Er spannte sich einfach einer Rikscha vor. Die Weißen konnten eine solche Schädigung ihres Ansehens nicht zulassen und kauften ihm schleunigst ein Schiffsbillett. Gerne täte man mit den russischen Hooligans und vor allem mit den von Chinesen frequentierten Emigrantinnen ein Gleiches, wären ihrer nicht so viele! Was hätte der alte Herder gesagt, der vor hundertfünfzig Jahren erklärte: »Daß übrigens China sich unsern europäischen Nationen verschließt und sowohl Holländer als Russen und Jesuiten äußerst einschränket, ist nicht nur mit ihrer ganzen Denkart harmonisch, sondern gewiß auch politisch zu billigen, so lange sie das Betragen der Europäer in ihrem eigenen Lande um und neben sich sehen.« Und damals war es doch nur das Geschäftsgebaren des europäischen Kaufmanns, das den »tatarischen Stolz« des Chinesen wachrief, nicht aber betrunkene Bettler und Huren.

 

Sollten Heiden wohltätig sein? Nimmermehr! Fast jeder vierte Passant gibt dem Bettler einen Kupfer. Das ist den Missionaren der christlichen Kirchen, die das Almosengeben als gottgefällige Tat und soziales 242 Hilfsmittel lehren, nicht entgangen. Da jedoch der rohe Heide kein christlich-wohltätiges Herz haben kann, erklären sie seine Gebelust mit der Angst vor der Rache der Bettlergilde oder mit der Angst vor den mit Bresthaften im Bunde stehenden Dämonen. Wenn jeder säumige Spender solcherart verfolgt werden sollte, so hätten die Bettler keine Zeit zu betteln und die Dämonen keine Zeit dämonisch zu sein.

 

Vermischte Nachrichten über Apotheken. Aberglaube herrscht vor allem in der Medizin, aber der chinesische scheint weniger dumm zu sein. Über dem Eingang jeder Apotheke buckelt ein buntbemalter Tiger, denn der erfreut sich des Rufes, ein heilsames Tier zu sein. Seine Hoden taten in China, schon lange bevor Europa die Hormone und die Innere Sekretion kannte, Wunder am schlapp gewordenen Mann. Ähnlich wirkt der Gin-Seng, die Alraune, eine menschenähnlich geformte Wurzel. Ach, wie abergläubisch doch dieses Volk ist! Nur stellte sich bei der von europäischen Chemikern vorgenommenen Analyse heraus, daß Gin-Seng (Panax ginseng) reichliche Quanten von Spermin und Kolanin enthält. Bis 1911 kauften chinesische Firmen in Wladiwostok die im Gebiet von Ussurijsk und in Primorje gesammelten Wurzeln und verschifften sie nach China, durchschnittlich 450.000 Rubel brachte der Export jährlich. Als die Wladiwostoker Kaufleute sahen, daß ihr sperminhaltiger Handelsartikel unter dem Einfluß amerikanischer und mandschurischer Züchtungsversuche an Einträglichkeit verlor, propagierten sie »Panti«, das zu Pulver zermahlene Geweih der Elentiere von Ussurijsk 243 als Aphrodisiakum. Und dann soll China nicht überbevölkert sein! ? Selten erscheint der Kunde einer Apotheke mit einem Rezept, er wendet sich mit seinem Beschwer an den hinter einer braunpolierten Barre thronenden Arzt. Oft ist der Apotheker selbst Arzt, untersucht, verordnet, mixt und verkauft in einer Person. Hauptsache: die Farbe des Medikaments: gelb ist für den Magen, rot für Blut und Herz, grün für die Leber, blau für die Augen, braun für den Darm. Wenn eine Schwangere pulverisiertes Schildkrötenfleisch einnimmt, so rutscht Baby wie geölt von selbst ans Licht der Welt. Und dann soll China nicht übervölkert sein!

 

Ärzte machen Reklame. An hölzernen Votivtafeln auf der Fassade ist das Haus des Arztes erkennbar, dankbare Patienten bestätigen auf diese Weise, von welchen Leiden er sie geheilt. Das Ausmaß dieser Tafeln ist, zügellose Bande, diese Chinesen, von keiner Ärztekammer beschränkt. In seinem Ordinationszimmer stehen in gläsernen Schreinen geschmacklose silberne Schilder, den Wanderpreisen unserer Sportveranstaltungen ähnlich, gleichfalls Prämien für erfolgreiche Behandlung. Solcher Tafeln und Schilder kann sich der Zahnarzt nicht berühmen, sein Haus hat keine Fassade, er hat kein Ordinationszimmer. Der Zahnarzt ? wenigstens der Volkszahnarzt ? ordiniert in freier Luft; seine Trophäen sind hunderte von Zähnen auf Schnüre gereiht, seine Reklame ein Äffchen an der Kette, aber er braucht es eigentlich nicht, alle Welt schaut zu, wie Zähne gezogen werden, und bekommt Lust, sich ein gleiches tun zu lassen. 244

 

Die Pfandleihe. So viele von diesen fensterlosen, halbrunden Gebäuden es gibt ? fast an jeder Straßenecke steht eine Pfandleihe ? alle sind voll, vornehmlich in den Nachtstunden. In den Händen der Kunden bronzene Bauchgeräte, Buddhastatuen, seidene Kostüme, Steppdecken und Kissen, mit Flehen und Schwüren wird versucht, höhere Leihbeträge herauszuholen, nirgends gibt es so lärmende Versatzstellen. Welche Rolle das Geldverleihen gegen Pfand bei der Auswucherung des Volkes spielt, ist aus K. A. Wittfogels Werk »Wirtschaft und Gesellschaft Chinas« bekannt; der Zins wird monatlich berechnet, ein Teil der Leihsumme schon bei ihrer Auszahlung abgezogen, das verpfändete Objekt niedrig bewertet und die Verfallsfrist kurz bemessen, Die Tatsache, daß sich der Pfandwucher im Umkreis lauten nächtlichen Lebens entfaltet, erinnert an New Yorks Negerbezirk Harlem, wo Lichtreklamen strahlen und die Neger sich in die Lombardgeschäfte drängen, um ihre Smokings und Saxophone zu versetzen. Dort wie hier, und hier stärker als dort, bilden die Pfandhäuser das Gegenspiel zu einer vom Wesentlichen abgelenkten Lebensweise der vermeintlichen Fröhlichkeit und des kleinen Luxus.

 

Lunapark. In der Nachbarschaft der »Großen Welt« und der »Neuen Welt« drängt sich Pfandleihe an Pfandleihe. Die »Große Welt« und die »Neue Welt« sind die Shanghaier Lunaparks, weitläufige, sechsstöckige Vergnügungspaläste mit Gärten, etwa zwanzig Theatern, Akrobatenvorstellungen, Spieltischen, Tanzvorführungen von Kindern, Wurfbuden, Lotterien, Schießstätten, 245 Bilder-Automaten, Zerrspiegeln und anderem Ramsch aus europäischen Rummelplätzen. Huren mit ihrer Kupplerin stehen im Hof, auf dem Dachgarten spielen Studenten oder solche, die es scheinen wollen, Miniatur-Golf. In Peking besorgt die obenerwähnte Straße des Vorderen Tores die Funktion der sozialen Ablenkung. Wir notierten dort folgendes

Branchenverzeichnis:

Jadeschnitzereien,
Teppichwebereien,
Halbedelsteinschleifereien,
Curio-Shops,
Cloisonnéwerkstätten,
Feuerwerkläden,
Lampionwerkstätten,
Sonnenschirmlackierereien,
Vasengeschäfte,
Papierblumenmacher,
Sargmagazine,
Begleitpuppen für Verstorbene,
Instrumentenmachereien,
Eisensilhouettenerzeugungen,
Bronzegießereien,
Silberschmieden,
Teegeschäfte,
Fächerreparaturen,
Schildkrötenverkauf,
Melonenkernstände,
Hausaltarhandlungen, 246
Kamelsattlereien,
Maskenmachereien,
Verkauf von Opiumlämpchen

und hundert andere Betriebe, alle dekoriert mit goldbeschrifteten Samtstandarten, planetengroßen Lampions, hysterisch-farbigen Papierblumen und kunstgeschnitzten Portalen, Goldfischbottiche davor.

 

Und an allen Straßenkreuzungen die gerundeten, massiven, keines Schaufensters, keiner Reklame bedürftigen Bauten der Pfandhäuser; Transformatoren, die die frohen Käuferinnen der Kinkerlitzchen, die ständigen Besucher der Opiumkneipen, die lachenden Zuschauer der Theater, die freigebigen Stammgäste der Badestuben umformen in Gestalten, wie sie zwischen all dem lockenden, winkenden, rufenden Glanz von Tjen-Menda-Dje umherirren: in schlotternde Bettler, in abgehärmte, zerlumpte Mädchengestalten mit dem trüben Säugling auf dem Rücken und in hagere, schwankende Männer mit dem olivengrünen Gesicht der Opiumraucher. 247

 

Parallel zum chinesischen Theater

I. Handtücher, Symbolik und Handtücher

Wenn man über chinesisches Theater schreiben will, so muß man wohl oder übel mit den Handtüchern beginnen. Denn noch ehe das Spiel auf der Bühne beginnt, hat das Spiel der Handtücher begonnen; die Handtuchtränker werfen die frischgenäßten Handtücher vom Seitengang aus dem Handtuchverleiher im Mittelgang zu, der Verleiher wirft die benützten zurück, und so schwirren die leinenen Vögel vor und während der Aufführung durch das Haus.

Das Publikum im unverdunkelten Zuschauerraum fährt sich mit den heißen, dampfenden Tüchern über Stirn, Hals, Ohren und Augen (die Verbreitung der Trachoma und der Pocken wird dadurch sehr begünstigt), außerdem fächelt man sich, trinkt Tee, spricht mit dem Sitznachbar, knackt Sonnenblumenkerne, knackt Mohnblumenkerne, knackt Melonenkerne, raucht Zigaretten und kauft Schokolade oder Reispasteten von den Händlern, die ununterbrochen entlang der Sitzreihen hausieren,

Fürwahr, der europäische Schauspieler würde sich ein anderes Publikum wünschen, und fürwahr, der 248 europäische Schauspieler hätte recht. Hingegen gibt es für den chinesischen Schauspieler kein idealeres Publikum als das chinesische.

Es kennt das Drama Wort für Wort, Geste für Geste. Schon das würde keinem europäischen Theatermann gefallen. Wie sagte doch jener Theaterdirektor, dem sein Dramaturg vorschlug, zu Schillers Geburtstag das »Lied von der Glocke« mit verteilten Rollen aufzuführen: »Lassen Sie mich in Ruh mit solchen Sachen! Mein Publikum kann es auswendig und meine Schauspieler müßten es erst lernen.«

In China: das Publikum kann die klassischen Stücke auswendig, aber der Schauspieler noch besser. Er kann sie auswendig, obwohl er zumeist nicht lesen kann (umgekehrt wie in Europa), er hat sie in seiner Kindheit vom Lehrer gelernt, der seinerseits keine schriftliche oder gar gedruckte Rolle besaß. So geht es seit tausend Jahren.

Publikum ist auch auf der Bühne, es füllt sie dergestalt, daß sich der Auftretende kaum hindurchzuquetschen vermag, da es ihm schließlich doch immer gelingt, so wüßten wir nicht, was gegen den Aufenthalt von Zuschauern auf der Szene ernstlich einzuwenden wäre.

Geradezu begrüßenswert aber ist der Aufenthalt breiter Massen von Schaulustigen hinter der Bühne. Begrüßenswert vom Standpunkt des Mimen aus, der das Glück empfinden darf, auch vor seinem Auftritt und nach seinem Abgang die Blicke der Menge auf sich gerichtet zu fühlen. Begrüßenswert vom Standpunkt dieser Menge aus, die, keinerlei Eintrittsgeld bezahlend, durch die Seitentür hereingeströmt ist und nun sowohl die auf der 249 Bühne gesprochenen Dialoge hört als auch zusehen kann, wie sich die Schauspieler zurechtmachen.

Dieses Parkett der kostenlos Begeisterten heißt »Ting-Tsang-Chi«, wobei Ting: hören, Tsang: Schmarotzer und Chi: Theater bedeutet. Keiner vom Ting-Tsang-Chi sitzt, keiner trinkt Tee, keiner fächelt sich und keiner kühlt sich vermöge eines heißen Handtuchs, keiner hat das Recht, verzückt »chao, chao« zu rufen, wenn einem Darsteller eine Stelle genau so glückt, wie man sie von dessen Vorgänger und Vorvorgänger zu hören gewohnt ist. Stundenlang steht stumm und lauschend die Schwarzhörerschaft hinter den Kulissen.

Einer, der jeder Vorstellung jedes Theaters beiwohnt, ist Tang-Min-Huang. Er sitzt in einem gläsernen Schrein hinter der Bühne, und man könnte ihn leicht für ein Versatzstück halten, insbesondere bevor man sich daran gewöhnt hat, daß die Versatzstücke in China nicht hinter der Bühne versteckt werden, vielmehr fein säuberlich auf einem Requisitentisch coram publico bereit liegen. Von dort nimmt sie der Bühnenarbeiter, wenn sie gebraucht werden. Bevor z. B. die Fürstin, von einer leidenschaftlichen Eingebung des Augenblicks überwältigt, sich vor ihrem Gemahl auf die Knie werfen will, hat der Kuli längst den grüngoldenen Teppich hingebreitet, als hätte er diesen Gefühlsausbruch schon immer geahnt. Und wenn die Heldin einen Wahnsinnsausbruch markiert, so kommt ihr Garderobier, unbekümmert um den anwesenden und vom Wahnsinnsanfall zu überraschenden Mandarin, in Zivil auf die Bühne und hilft seiner Herrin kundig dabei, sich die Haare zu raufen und die Kleider zu zerreißen und dennoch schön und gesittet dazustehen; um sie 250 zu überzeugen, daß diese Verwandlung ästhetisch geglückt ist, nimmt der Garderobier schließlich einen Spiegel vom Requisitentisch und die Heldin besieht sich zufrieden darin.

Ja, alle Requisiten und alle Versatzstücke liegen auf der Bühne, und infolgedessen kann Tang-Min-Huang, der hinter der Bühne und hinter gläsernen Wänden sitzt, kein Requisit und kein Versatzstück sein.

Er ist ein Gott, der Gott des Theaters. Das konnte er leicht werden, da er schon vorher Kaiser war. Als solcher hat er das Theaterspielen und Musikmachen erfunden, um seiner geliebten Schwiegertochter Yang-Kwei-Fei (er liebte sie so sehr, daß er sie seinem Harem einverleibte) eine Unterhaltung zu verschaffen. Die Mitwirkenden schulte er selbst und führte in einem Birnengarten die Regie, weswegen die chinesischen Schauspieler noch heute »Studenten des Birnengartens« genannt werden, und in keinem Theater, auch in dem Mei-Lan-Fangs nicht, die Statue von Tang-Min-Huang hinter der Bühne fehlen darf.

Auch in dem Theater Mei-Lan-Fangs nicht. Das muß ausdrücklich gesagt werden, denn Mei-Lan-Fang hat vor kurzem in Amerika gastiert, ist dort Ehrendoktor geworden und kehrte derart begeistert von der Bühnenkultur dieses kulturvollen Ländchens zurück, daß er sich, ein schmiegsamer Eklektiker, anschickt, das chinesische Theater zu reformieren. Nun ist gegen das altchinesische Theater manches einzuwenden, aber es reformieren heißt soviel, als würde man Oratorien für Jazzmusik bearbeiten oder das Forum romanum im Stil neuer Sachlichkeit wiederaufbauen. 251

Das altchinesische Theater ist eine höfisch-feudale Kunstform, es dient der Glorifizierung von Dynastie und Adel und Mandarinentugend, ? ein Eiapopeia für das Volk. Dieses Theater ist konservativ, in einem Maße konservativ, daß es jeden Zusammenhang mit dem Leben, auch nur die geringste Wirkungsfähigkeit auf die Zeit verloren hat.

So betrachtet das Publikum die Figuren, die da oben im Falsett sprechen, wie es ja kein Mensch spricht, die da oben Gesichter tragen, wie sie ja kein Mensch trägt, überhaupt nicht als Menschen, sondern als Fabelwesen. Für die Menge ist es, als tauschten Löwe und Nachtigall Gespräche. Man freut sich, wenn Großmütterchen Fabeln erzählt, und wollte sie eine Änderung anbringen, dann wären die Kinder bitterböse. Sie wollen die gleichen Gesten, die gleiche Stimmlage, die gleichen Worte.

Nein, Dr. honoris causa amer. Mei-Lan-Fang, Sie können das altchinesische Theater nicht reformieren, es muß als historische Kategorie stehen und fallen. Sie sind ja selbst eine Subspecies dieser Kategorie, Sie, der Mann in Frauenrollen, Sie, der Mann, der mit der Ferse auftritt, die Fußspitzen hochgehoben (so schreiten keine irdischen Weiber!), Sie, der Mann mit Falsett in der Stimme und Silberblumen im Haar, Sie, Dr. Mei-Lan-Fang. Die Vorgänge auf Ihrer Bühne vertragen keine Transfusion von Yankeeblut, vertragen überhaupt keine Transfusion, denn sie haben ebensowenig Blut wie die chinesischen Gemälde Schatten haben, weil sie unwirklich sind.

Wollen Sie lebende Pferde auf die Bühne bringen, wenn alle Leute in Ihrem Theater in dem Mann, der einen Flederwisch schwingt, ohnehin einen Reiter 252 erkennen, viel deutlicher, als säße er leibhaftig auf leibhaftigem Pferd?

Soll der Mann, der getötet ward, nicht mehr nach seinem Tode von der Bühne eilen, sondern als blutende Leiche liegenbleiben? Wozu? Seine Frau, eben zur Witwe geworden, beugt sich über den unsichtbaren Toten, Galerie und Parkett sehen den Leichnam körperlich vor sich, genau dort, wo er zu liegen hat und nicht liegt.

Wozu einen Festgenommenen brutal am Wickel packen, ? die symbolisch ausgestreckten Hände eines Balletts von Häschern ist als konventionelles Zeichen für Verhaftung allgemein bekannt.

Vollkommen genügt ein weißer Anstrich des Gesichts, um zu zeigen, daß dieser Mandarin sein hehres Amt mißbraucht, ? wollen Sie ihm die Hollywoodmimik der Intriganten anschminken? Was braucht der Schalksnarr Pritsche und Schelle und zwiefarbige Livree, wenn ihn doch schon ein weißes Pflaster auf der Nase als Schalksnarren kenntlich macht?

Wozu die Gefechte, diese barbarisch wilden und akrobatisch eleganten Tänze parallel gefochtener und parallel gefuchtelter, gewirbelter und geschwungener Lanzen, wozu sie realistisch hieb- und stichfest machen? Wozu Massenszenen für das Schlachtgewoge, wenn der Schwerterschwung eines bärbeißigen Jongleurs, schlimmstenfalls der getanzte Zweikampf zweier Partner genügt?

Wozu Kulissen bauen, wenn Großväter und Enkel wissen, daß das graue Banner, unter dem der Schauspieler hindurchschreitet, das Stadttor ist?

Wozu Dämmerung auf der Bühne, wozu überhaupt ein Beleuchter, wenn durch den Rhythmus der Musik 253 eindringlich (für des Westlers Ohren: zu eindringlich) die Stunde angezeigt ist, die den Übergang vom Tag zur Nacht bedeutet? Wozu eine Sänfte, wenns reichlich ausreicht, daß der Träger hinter dem »Getragenen« hergeht und zwei Bambusstäbe zu dessen Seiten hält? Wozu ein raffiniertes Versteck für den Lauscher aufbauen, wenn der sich doch einfach auf den Tisch stellen kann, um alles zu sehen, ohne ? ein approbiertes Als-Ob ? gesehen zu werden.

Wozu Bühnenmaler und Bühnenarchitekten, wenn jedem Galeriebesucher die Erfüllung des faustischen Wunsches vom Ahnen her vererbt ist: er nennt einen Zaubermantel sein, der trägt ihn in ferne Länder, sobald sich die Personen seines Interesses dorthin begeben haben. Jetzt hat der Prinz zwei meterlange Fasanenfedern an seinem Hinterkopf aufgesteckt, also sind wir im Barbarenland und unser Prinz ist gefangen. Er hebt den Fuß, dieweil er schreitet, ? plastisch sehen wir die Treppe, die nicht da ist.

»Ab durch die Mitte«, »Eintritt durch die Soffitte«, solcher Regieanweisungen bedarf es nicht; zwei Türen führen auf die Bühne, sie sind offen, nur mit einem Vorhang leicht verhängt. Durch die linke treten alle Schauspieler ein, durch die rechte treten sie ab. Außerdem gibt es überall Türen genug, man muß sie nur zu sehen gelernt haben. Wo immer jemand in ein Haus eintreten oder es verlassen will, braucht er bloß beide Hände auszustrecken, als schöbe er einen mächtigen Riegel zur Seite und stieße das Tor auf, ein stattliches Tor, deine Phantasie ist nicht imstande, sich ein stattlicheres auszudenken als gerade dieses. 254

Vermag man das alles zu ändern? Man vermag es nicht. Und der Reformismus ? das ist ja sein Wesen ? tastet auch das Fundament nicht an, er begnügt sich mit der Verschminkung von Symptomen. Was oben aufgezählt wurde, gehört zum Grundriß der höfisch-feudalistischen Bühnenkunst Chinas, und auch Mei-Lan-Fang kann daran nicht rühren. Wenn er dennoch modernisiert, verdirbt er nur. Er verbannt die Musikanten von der Bühne, er verbannt das Publikum von der Bühne und läßt nicht einmal hinter den Kulissen die wogende Menge der Schwarzhörer zu. In seinem Theater spielen Beleuchtungseffekte mit, er streicht die Handlung des Stückes zugunsten seiner Rolle zusammen und schreckt nicht davor zurück, sich in einer lyrischen Szene (im »Westzimmer«, dessen deutsche Übertragung Vinzenz Hundhausens Meisterwerk ist) mit plumpen Zoten Spezialerfolg zu holen.

So doktert der Doktor Mei-Lan-Fang, der im übrigen eine zarte und schöne Schauspielerin mit ergreifender Stimme ist, am altchinesischen Theater herum, ohne es retten und ohne es töten zu können.

Auch im Kai-Ming-Chi, in seinem Theater der Klarheit, verhindern es aller Glanz der Seide und alle Tricks der Regie keineswegs, daß im Zuschauerraum die Trachoma und Pocken verbreitenden Linnen durch die Luft schwirren, das Wurfspiel der Handtücher vor sich geht, mit denen man, wohl oder übel, beginnen und enden muß, wenn man über das chinesische Theater schreiben will. 255

 

II. Wir kaufen Kostüme ein

Er ist eine »Dan«, er spielt Frauenrollen, singt auf der Bühne mit sopraniger Kopfstimme, wandelt dort auf einer unsichtbaren, geraden Linie, als wäre er eine Seiltänzerin, und bewegt den Körper bei Geste und Gesang in der S-Linie. Im Privatleben ist er schwul. Heute geht er Kleider einkaufen, und ich darf ihn begleiten. (Honny soit qui mal y pense!)

Unsere Rikschas fuhren durch Tjen-Men-Da-Dje, die Straße des vorderen Tores in Peking, zu einem Laden, in dem es nur so wimmelte von Inhabern, Verkäufern, Lehrlingen, Kulis, die außerdem Brüder, Söhne, Neffen und weitläufige Verwandte voneinander sind. So geht es in den meisten Geschäften zu. Uns schien aber hier das Massenaufgebot von Personal um so fehler am Ort, als Theaterkostüme in China unmöglich ein Artikel sein können, der Andrang von Käufern erwarten ließe. Im Grunde untersteht jedes Drama, jedes Rollenfach und jeder Schauspieler einer strengen Uniformvorschrift. Wohl wird der Darsteller sein altes Gewand eines Tages gegen ein neues eintauschen, wohl wird er sein schönes Gewand eines Tages gegen ein noch schöneres eintauschen, aber da das altchinesische Theater ewig dieselben Stücke spielt, kann es keine Premieren-Ausstattungen, kann es keine Kostümsorgen geben. Oder doch?

Jedenfalls war im Nachbarladen der gleichen Branche nicht ein einziger Kunde anwesend, was daraus zu schließen war, daß der Inhaber mit Brüdern und Halbbrüdern, Kindeskindern und Geschwisterkindern, Vettern und Bauernvettern vor seiner Schwelle erschien, um neidisch 256 zuzusehen, wie wir uns aus unseren Rikschas schnurstracks in den Laden der Konkurrenz begaben.

In diesem trafen wir zwei Kunden. Der eine, meinem Freund bekannt, war Schauspieler wie dieser, aber von geradezu gegenteiliger Art: ein Djing. Ein Djing ist ein wilder Geselle, Räuberhäuptling oder Heerführer, furchtbar in seiner Kriegsbemalung; seine Augen sind verschminkt, die Theateraugen, die schreckenerregenden, über ihnen aufgemalt, er singt tief und schreitet breit. Hier im Laden, wo er in schlichtem Zivil war, um für einen seiner Schüler einzukaufen und daran zu verdienen, erblickten wir den Djing ohne zu schaudern, er erinnerte an einen Charakterspieler westlicherer Zonen.

Was den zweiten Kunden anbelangt, war er kein »Student aus dem Birnengarten«, sondern ein Geiger. Mein Freund behandelte ihn kühl. Die Verachtung galt dem Geiger als Geiger (obwohl der Schauspieler selbst auf einer sehr niedrigen Rangstufe, nämlich zwischen Krieger und Prostituierten steht), die Verachtung galt aber auch der Heterosexualität im allgemeinen und der Tatsache, daß sich diese Perversität im Theater einzubürgern beginnt.

Auf der chinesischen Bühne werden in neuerer Zeit Frauenrollen hie und da auch von Frauen verkörpert. Sie bedürfen, ebenso wie der männliche Darsteller, bei ihrem Spiel der ununterbrochenen Begleitung durch den Hu-Tschin, die zweisaitige Violine, die den Leibesrhythmus der handelnden Personen ausdrückt, ihr Lied untermalt. Noten gibt es nicht, die Musik muß durch monatelange oder jahrelange Zusammenarbeit auf die Darstellung abgepaßt sein, und der Schauspieler kann ohne 257 seinen Geiger gar nicht auftreten. Ist nun der Schauspieler eine Schauspielerin, so mißbraucht der Geiger oft seine vollkommene Unentbehrlichkeit, und droht mit Absage oder Kündigung, wenn die Partnerin nicht willens ist, ihm zu Willen zu sein.

Unser Mit-Kunde im Kostümladen, der Geiger, ist mit seiner Schauspielerin bereits so weit, daß er ihr Kostüme besorgen und die entsprechende Provision einstecken kann, welches Privileg früher nur der Lehrer des Schauspielers hatte.

»Mit den Frauen ist die Unzucht auf das Theater gekommen,« brummt mein Begleiter.

Ich schweige.

»Chinas Unglück ist die Nachahmung Europas.«

Ich senke mein Haupt.

»Ihr seid schuld!«

Ich bebe reuevoll. Zu meinem Glück werden wir von der Familie des Kostümeurs umzingelt und müssen unser Begehr nennen.

Wir bedürfen eines roten gestickten Röckchens und roter Hosen. Im dritten Akt des Stückes, das wir demnächst spielen werden, sollen wir unter dem Verdacht des Gattenmordes verhaftet werden, und auf dem Boden der altchinesischen Bühne darf keine auch noch so spontane, auch noch so überrumpelnde Verhaftung erfolgen, wenn die zu Arretierende nicht im roten Röckchen aufgetreten ist.

Ferner möchten wir eine hölzerne Halskrause erstehen, ein Brett, mit dem man im europäischen Mittelalter den Hals des Delinquenten umspannte, während in den beiden kleineren Löchern dieses Folterinstruments die 258 Handgelenke staken. In China gibts das heute noch, sogar auf der Bühne, die sonst Realistik verschmäht, und sich mit symbolischen Gesten begnügt.

In dem Stück, in dessen Verlauf unsere Festnahme wegen Gattenmordes vorauszusehen ist, müssen wir das Halsbrett solange anbehalten, bis sich herausstellen wird, daß nicht wir, sondern die andere Gattin des Ermordeten die Missetat begangen hat.

Mehr als das. Wir müssen es ? deutscher Theaterdirektor, schmunzle! ? uns selbst kaufen. Wir wollen eines, das unserem Halse angemessen ist und in der Farbe zu unserem Gesichtchen paßt. Wir wollen es mit dunkelblauer Seide überzogen und mit Perlen bestickt, huch, nein. Nun ist aber in dem Lokal, das wir mit der Menge der Angestelltenverwandten, mit einem Studenten aus dem Birnengarten und einem Geiger teilen, weder das rote Gewand der Verhaftungsfähigkeit noch das zugehörige Halseisen aus Holz vorrätig. Wir sind hier sozusagen nur im Schaufenster, hier soll der Passant der Straße Tjen-Men-Da-Dje, gelockt von Seide und Farbe, einkehren, um für eine allfällige Liebhaberaufführung ein Kostüm zu erstehen, hier soll der Stammkunde eintreten, damit der benachbarte Konkurrent mitsamt Sippe vor Neid zerspringe, hier sollen Djing, der Wüterich, und Dan, die Schöne, und Tschau, der Komische, und Mo, der Begleiter, und Schen, der jugendliche Held, einander treffen und miteinander Tee trinken, bevor sie in die unterschiedlichen Kostümlager dieser fünf Rollenfächer geführt werden.

Unter vielköpfiger Eskorte gehen wir durch den Hinterausgang und durch das Gäßchen der 259 Sonnenschirmmacher zum Magazin der Frauenrollen. Lackierte Riesentruhen mit blitzblanken Schlössern bergen den Fundus instructus, feierlich und stückweise wird er hervorgeholt, feierlich und stückweise vor uns ausgebreitet, Brokate und Ornate. Mein Freund probiert Jacken, Röckchen und Höschen, er tut es schamhaft in einer dunklen Ecke.

Die Wahl ist, wie immer bei Damen im Modesalon, sehr schnell getroffen, die Farbe stand allerdings von vornherein fest, binnen zwei bis drei Stunden hat sich mein Freund für eine Toilette entschieden. Durchaus unser Geschmack sind die auf den roten Fond gestickten fliegenden Fische mit Mäulern von Pekinesenhündchen, durchaus unser Geschmack das kobaltblaue Futter. Die langen Ärmel, mehr Fittiche als Ärmel, werden mit weißer Seide so verlängert, daß sie fast bis zur Erde reichen. Ein weißseidener Rock gehört dazu, die Plisseestreifen sind durch Stiche in kleine Körbchen geteilt.

Innerhalb der wenigen, zur Auswahl und Anprobe des Kleides erforderlichen Stunden, wurde auch der Preis ausgehandelt (32 Silberdollar). Dann legte man uns verschiedene Tischdeckchen, Thronvorhänge und Kissen vor, Bühnengegenstände, die sich ? deutscher Theaterdirektor, schmunzle! ? der Schauspieler selbst kauft, damit sie zu seinem Kostüm passen.

Zeitraubender war die hölzerne Halskrause, obwohl alle hölzernen Halskrausen die gleiche Form, die eines stilisierten Fisches, haben, und diejenige, deren Lücken genau zum Hälschen und zu den Händchen meines Begleiters paßte, sich schnell herausfinden ließ. Die Farbe des Seidenbezuges und das Arrangement der Perlen 260 waren es, was uns die Wahl zur Qual machte. Schließlich wählten wir einen tiefdunklen Brokat und zeichneten das von uns gewünschte Ornament von Flitter und Perlen auf. Da wir aber unmöglich wissen können, ob das Folterinstrumentchen, wenn es fertig sein wird, zu unserm funkelnd roten Verhaftungskleide paßt, so ließen wir auch dieses unbezahlt zurück.

Nach kaum sechsstündigem Aufenthalt entfernten wir uns aus dem Magazin und kamen an dem Lager für Kriegerkostüme vorbei, wo unser schon vor uns eingetroffener Kollege, der Darsteller der Djing-Rollen, eine dreifache-dreieckige Flagge aussuchte, wie sie die rauhen Lenker der Schlachten am Rücken ihres Kostüms befestigt tragen; jedes Dreieck symbolisiert 10.000 Soldaten, ersetzt ? amerikanischer Filmregisseur, schmunzle! ? eine Komparserie von 10.000 Mann.

Wir verabschiedeten uns von unserm dreißigtausendfachen Kollegen, wobei er äußerte, er freue sich, uns morgen hier wiederzusehen, er werde auch da sein, um seine Auswahl zu beenden.

In den Büchern über chinesisches Theater steht übereinstimmend, daß alle Bühnenkostüme traditionsgebunden-feststehend sind, sich in den letzten neunhundert Jahren kaum geändert haben. 261

 

Der Dachgarten

Ein Kasperltheater vom 10. Juni 1982 in vorläufig zwei Akten

I. Akt

Bühnenmeister: Meine hochverehrten Herrschaften! Ich habe die Ehre?.?.?.

Kasperl (steckt den Kopf aus dem Vorhang): Habe die Ehre! (Verschwindet.)

Bühnenmeister (zu Kasperl): Halt den Mund, Kasperl. (Zum Publikum): Ich habe die Ehre, ihnen den Dachgarten des Grand Hotel de Pékin vorzuführen, das Leben, das sich hier oben allabendlich entfaltet. Sie sehen den Mond über dem Dachgarten, aber die Herrschaften, die vorzuführen ich die Ehre habe?.?.?.

Kasperl (wie oben): Habe die Ehre!

Bühnenmeister: Laß doch, laß doch, Kasperl, du bringst mich ganz aus dem Konzept. Wo bin ich denn nur stehengeblieben?

Kasperl: Auf dem Mond.

Bühnenmeister: Ja, richtig, ich sprach vom Mond. Den Mond sehen die Gäste des Dachgartens nicht, denn sie tanzen unter Guirlanden aus bunten elektrischen 262 Glühlampen. Außerdem sieht da oben jeder nur sich selbst, bis zu dem Augenblick, da der Held meines Stückes mit seiner Gefolgschaft eintreten wird. Dann werden alle auf den einen starren, alle nur von dem einen sprechen.

Kasperl: Warum werden dann alle auf den einen starren? Warum werden alle nur von dem einen sprechen? Ist er denn ein so hoher Herr?

Bühnenmeister: Nicht deshalb. Alle hier sind ja hohe Herren.

Kasperl: Natürlich sind sie hoch, wenn sie auf dem Dachgarten sind, haha!

Bühnenmeister: Du Dummkopf, es sind Prominente. Auf meiner Bühne treten nur Prominente auf, Dummkopf, du.

Kasperl: Nein, ich bin kein Dummkopf, aber du bist ein alberner Flausenmacher. (Nachäffend): »Auf meiner Bühne treten nur Prominente auf.« Wenn du gesagt hättest, der Mann mit dem Gefolge, auf den alle bei seinem Eintritt starren werden, der sei prominent, ? gut. Aber daß alle prominent sind, wer soll dir denn solchen Unsinn glauben?

Bühnenmeister: Das kann ich sofort beweisen. Ich rufe einen x-beliebigen von den Herren im weißen Frack oder von den Damen in goldenen Abendtoiletten. Zum Beispiel diesen da. (Ruft hinter die Bühne): Wollen Sie, bitte, einen Augenblick vortreten. Ja, Sie! So, stellen Sie sich einmal daher und sagen Sie dem Publikum, wie Sie heißen.

Lord Lytton: Mein Name ist Lord Lytton.

Kasperl: So ein langer Lulatsch.

Bühnenmeister: Ihr Beruf, Mylord? 263

Lord Lytton: Ich habe keinen Beruf.

Bühnenmeister: Also Ihre Beschäftigung, Eure Lordschaft?

Lord Lytton: Ich habe keine Beschäftigung. Ich habe die Leitung der Völkerbundskommission.

Kasperl: Haha, hat die aber eine lange Leitung.

Bühnenmeister: Entschuldigen Sie, daß ich Sie bemüht habe, Mylord. Ich wollte nur meinem P. T. Publikum zeigen, daß ein Herr, der bald mit seinem Gefolge auftreten und hier oben Aufsehen erregen wird, nicht der einzige Prominente auf dem Dachgarten ist.

Lord Lytton: Aber ich bin unbedingt der Prominenteste, ich habe politische Weltbedeutung. Sogar mein Spazierstock ist weltbedeutend. Haben Sie nicht von meinem Spazierstock in der Zeitung gelesen?

Bühnenmeister: Jawohl, Eure Lordschaft. Ich weiß allerdings nicht, ob mein Publikum das weiß. Vielleicht haben Sie die Güte, darüber einen kurzen Bericht zu geben.

Lord Lytton: Einen Bericht, ? recht gerne, dazu bin ich ja da. Also, ich habe vor ein paar Tagen eine Landpartie gemacht, und als ich nach Peking zurückkam, merkte ich, daß mein Spazierstock weg ist. Vielleicht habe ich ihn in irgendeinem Tempel vergessen. Oder ich habe ihn verloren. Möglicherweise ist er mir gestohlen worden. Jedenfalls verlautbart die Regierung, daß alle Rikschakulis, die uns gezogen haben, verhaftet sind. Großzügige Streifungen nach dem Verbleib des Spazierstocks sind angesetzt. Belohnungen für die Wiederbringung des Spazierstocks sind ausgesetzt. 264

Bühnenmeister: Von Ihnen, Lord?

Lord Lytton: Von mir? Von seiten der chinesischen Regierung selbstverständlich.

Bühnenmeister: War denn der Stock so wertvoll?

Lord Lytton: Gar nicht. Aber man kann mich doch nicht einfach bestehlen lassen! Wenn ich den Stock nicht wiederkriege, spreche ich den Japanern die Mandschurei zu.

Kasperl: Einen Stock! Ein Königreich für einen Stock!

Lord Lytton: Jawohl, die Chinesen sollen sichs nur merken. Entweder Rückgabe des Stocks oder Anerkennung der Mandschukuo.

General Mac Coy (stürzt auf die Bühne): Eure Lordschaft, ich protestiere, Sie geben hier Erklärungen ab?.?.?. ich protestiere namens der Regierung der Vereinigten Staaten und der Vereinigten Textilindustrie von Amerika.

Lord Lytton: General Mac Coy, die amerikanische Regierung und Textilindustrie haben meinen Stock auch nicht geschützt. Wenn ich ihn nicht wiederkriege, kriegt China die Mandschurei auch nicht wieder.

General Mac Coy: Aber Eure Lordschaft, damit schwächen Sie doch die Position der Nanking-Regierung!

Lord Lytton: Geht mich nichts an. Die Nanking-Regierung hat sich weder um meinen Stock, noch um die Mandschurei gekümmert.

General Mac Coy: Bedenken Sie doch, Lord Lytton, der Sturz der Nanking-Regierung würde den Sieg der chinesischen Sowjets bedeuten! 60 Millionen Chinesen haben schon Sowjet-Verwaltung, und mindestens 265 ebensoviel sympathisieren mit ihr, weil sie die Landaufteilung durchgeführt, das Opium abgeschafft und unbestochene Behörden eingesetzt hat. Wenn Tschangkaischek jetzt fällt, haben wir ein kommunistisches China.

Lord Lytton: Um Gottes willen, da verzichte ich lieber auf meinen Stock. Kommen Sie, ich will das gleich offiziell erklären. (Beide ab.)

Bühnenmeister (zum Publikum): Sie sehen, meine Herrschaften, daß wirklich nur weltbedeutende Persönlichkeiten auf meinen ditto Brettern verkehren.

Kasperl: Ach, du Schwindler, du hast die beiden einzigen Gäste ausgesucht, die prominent sind.

Bühnenmeister: Haha, daß ich nicht lache, haha. Siehst du dort den Chinesen sitzen?

Kasperl: Den dürren dort?

Bühnenmeister: Jawohl, er hat eine hagere Gestalt, einen englischen Taufnamen und eine belgische Frau. Weißt du jetzt, wer es ist?

Kasperl: Kreuzworträtsel sind meine schwache Seite.

Bühnenmeister: Nun, er wird es dir selber sagen. (Ruft): Hallo, kommen Sie her!

Wellington Koo: Sie wünschen?

Bühnenmeister: Sagen Sie zunächst mal dem Publikum, wie Sie heißen.

Koo: Ich heiße Wellington Koo.

Bühnenmeister: Halten Sie sich für prominent?

Koo: Ich glaube, prominenter als ich kann man nicht sein. Ich war chinesischer Außenminister, gegen meine Teilnahme an der Völkerbundreise nach der 266 Mandschurei hat Japan protestiert. Und das ist alles noch nichts: ich habe bei den Versailler Friedensverhandlungen den Polen ganz Oberschlesien zugesprochen. Meine Stimme allein gab den Ausschlag.

Bühnenmeister: Sagen Sie, Exzellenz, hier unter uns ? unter uns, tief unter uns liegt Peking ? haben Sie dafür polnische Millionen bekommen oder hat Ihnen Ihre belgische Schwiegermutter Ihre Haltung diktiert oder wollten Sie damit die chinesischen Interessen in Oberschlesien wahren?

Koo: Darüber verweigere ich die Aussage. Jedenfalls kann ich, der ich solcherart Länder wegnehme und vergebe, mich wohl mit Recht als prominent bezeichnen. Guten Abend, meine Herrschaften. (Ab.)

Bühnenmeister: Nun, Kasperl, glaubst du mir jetzt?

Kasperl: Du scheinst da wirklich einen komischen Stall beisammen zu haben. Reite uns doch noch ein paar von den hohen Tieren vor.

Bühnenmeister: Ich kenne selbst nicht alle. (Nach hinten): Zum Beispiel diesen da. Darf ich um Ihren werten Namen bitten?

Conte Ciani: Mein Name ist Conte Ciani.

Bühnenmeister: Freut mich sehr. Darf ich Sie fragen, ob Sie prominent sind?

Conte Ciani: Magnifico! Wissen Sie denn nicht, wer ich bin? Ich bin der Gatte von Eda Mussolini. Ich bin der Schwiegersohn des Faschismus. Ich bin italienischer Gesandter in China. Kann man mit 28 Jahren prominenter sein?

Kasperl: Porco di Maccaroni! Schwiegersohn des 267 Faschismus, das muß ein feiner Posten sein! Sagen Sie, hat der Mussolini nicht noch eine Tochter?

Conte Ciani (zum Bühnenmeister): Wünschen Sie sonst noch etwas?

Bühnenmeister: Danke, nein, Herr Graf.

Conte Ciani (hebt die flache Hand): Eja, Eja, Alala! A noi! (Ab.)

Kasperl: Ei, ei, Tralala! Ahoi! Das war ja eine ulkige Nudel! (Zum Bühnenmeister): Hast du noch mehr solche auf Lager? Wer ist denn zum Beispiel dieser schwule Jüngling mit dem Monokel?

Bühnenmeister: Das ist gerade das Gegenteil von einem schwulen Jüngling mit einem Monokel.

Kasperl: Das Gegenteil?

Bühnenmeister: Ja. Nämlich eine schwule Jungfrau mit Monokel. (Nach hinten): Bitte, treten Sie näher, Lady. Wollen Sie uns Ihren werten Namen nennen?

Nadin Huang: Mein Name ist Nadin Huang.

Kasperl: Sind Sie ein Mannerl oder ein Weiberl?

Huang: Ich trage Männerkleider, weil man als Frau in China schief angesehen wird.

Kasperl: Die Chinesen schauen dich aber nicht deshalb schief an, weil sie schiefe Augen haben, sondern weil du ins Berliner »Eldorado« gehörst.

Huang: Ganz recht, meine rückständigen Landsleute haben keine Ahnung davon, was in Europa schick ist.

Bühnenmeister: Haben Sie auch einen Beruf, Herr Huang oder Fräulein Huang ? ich weiß nicht, wie ich Sie ansprechen soll?

Huang: Sagen Sie »Herr« zu mir. Ich bin Adjutant 268 bei Tschangsoliang, dem jungen Marschall, der übrigens dort drüben sitzt. Auf Wiedersehen. (Ab.)

Kasperl: Auf Wiedersehen, du Loser. Mir ist ganz warm geworden.

Bühnenmeister (zu Kasperl): Hast du gehört, was er gesagt hat? Marschall Tschangsoliang ist auch hier, der Sohn von Tschangsolin und Stellvertreter von Tschangkaischek. Solche Persönlichkeiten gehören zu meinem Ensemble ? Tschangsoliang ist der zweitmächtigste Mann Chinas und der mächtigste Mann Nordchinas einschließlich der Mandschurei?.?.?.

Kasperl: .?.?.?gewesen.

Bühnenmeister: Na ja. Er konnte sich den Japanern nicht gegenüberstellen, als sie Mukden besetzten, weil er für diesen Abend eine Loge im Theater von Mei-Lan-Fang bestellt hatte. Eine Loge im Theater von Mei-Lan-Fang bekommt man nicht alle Tage und kann sie wirklich nicht verfallen lassen.

Kasperl: Natürlich. Da läßt man lieber die Mandschurei verfallen. Sag mal, wer ist denn der alte Herr dort?

Bühnenmeister: Das ist Dr. Schnee, der Ex-Gouverneur von Ex-Deutsch-Ostafrika.

Kasperl: Aha, Schnee vom Vorjahr. Was macht denn der hier?

Bühnenmeister: Das kannst du ihn selber fragen. Exzellenz Schnee, möchten Sie nicht herüberkommen und uns einige Aufklärungen geben? Wie, bitte? Aber natürlich, bringen Sie die andern Herren ruhig mit, wenn Sie keinen Schritt allein machen dürfen. 269

Claudel (stellt sich vor): General Claudel, Vertreter Frankreichs.

Aldrovandi (ebenso): Conte Aldrovandi, Vertreter Italiens.

Schnee (ebenso): Schnee, Vertreter Deutschlands.

Bühnenmeister: Darf ich die Herren fragen, was Sie hier tun?

Die drei: Gar nichts. Wir sind die Völkerbundkommission.

Bühnenmeister: Und was macht die Völkerbundkommission?

Die drei: Spesen natürlich.

Ein Mann aus dem Publikum: Ja, das haben wir heute in den Pekinger Abendblättern gelesen. Die Stadtgemeinde Peking hat für den Aufenthalt der Kommission des Völkerbundes bisher 60.000 Dollar bezahlt. Eine Landpartie der Herren nach Tai-Schan hat 8000 Dollar gekostet.

Kasperl: Dafür hat Lord Lytton seinen Spazierstock dortgelassen.

Ein Mann aus dem Publikum: Der Stadtrat von Peking hat wegen dieser Ausgaben die Gehälter der Beamten um 20 Prozent gekürzt, aber das macht erst 3000 Dollar im Monat aus, und würde die Spesen unserer Herren Gäste erst in 20 Monaten decken. Deshalb wurde auch die Pekinger Armenpflege eingestellt.

Die drei: Daran sind wir nicht schuld. Die Stadtgemeinde Peking kann sich ihre Ausgaben von der chinesischen Reichsregierung ersetzen lassen.

Das Publikum (lacht): Hoho! Hoho! 270

Kasperl: Ruhe! Wenn der Völkerbund etwas sagt, gibt es nichts zu lachen!

Die drei: Außerdem bleiben wir nicht nur in Peking. Wir sind erst zwanzig Tage in Peking und schon vier Monate in China.

Kasperl: Da kann man sich ausrechnen, was der ganze Aufenthalt kostet.

Ein Mann aus dem Publikum: Der Eisenbahnzug, der zur Verfügung der Kommission seit zwanzig Tagen auf dem Pekinger Bahnhof steht, bedeutet einen Verlust von 174.000 Dollar.

Die drei: Uns sind vom Völkerbundsrat 500.000 Schweizer Franken bewilligt. Warum hat China nicht in Genf gegen unsere Reise protestiert? Übrigens fahren wir jetzt nach Japan und dort werden die Japaner zahlen müssen.

Publikum: Glückliche Reise! Glückliche Reise!

Die drei (mit Verneigung): Besten Dank. Wir werden die herzlichen Wünsche, die uns das chinesische Volk dargebracht hat, in unserem Bericht erwähnen.

Ein Mann aus dem Publikum: Wir möchten gerne wissen, was die Völkerbundkommission hier erreicht hat?

Die drei: Oh, wir haben schon einen Erfolg erzielt. Obwohl Japan die größte Stadt Chinas ohne Kriegserklärung zerschossen, die drei besten chinesischen Provinzen besetzt hat, hat China nicht gewagt, die diplomatischen Beziehungen mit der Sowjetunion aufzunehmen, ? dem einzigen Reich, das ihm helfen würde. Das ist unserem Eingreifen zu danken. 271

Ein Mann aus dem Publikum: Herr Doktor Schnee, warum gibt sich Deutschland dazu her, an dieser Kommission teilzunehmen? Deutschland ist wie China durch den Frieden von Versailles zerstückelt worden. Jetzt sehen wir, daß Deutschland mit den Feinden Chinas gemeinsame Sache macht.

Dr. Schnee: Deutschland darf sich bei internationalen politischen Aktionen nicht ausschalten lassen. Auch diese sind ein Platz an der Sonne.

Ein Mann aus dem Publikum: Und was arbeitet die Kommission hier?

Dr. Schnee: Da müssen Sie sich an die Sekretäre und Experten der Kommission wenden. (Ab.)

Bühnenmeister: Darf ich die Herren Sekretäre und Experten der Kommission bitten?

Sekretäre und Experten (durcheinander): Poschalujsta, Gospodin. Kanetschnjo, Gospodin.

Kasperl: Sind denn das Russen?

Expert Pokrowski: Selbstverständlich, wir mandschurischen Experten sind Russen.

Bühnenmeister: Sowjetrussen?

Pokrowski: Sind Sie wahnsinnig geworden? Wollen Sie mich beleidigen? Ich bin selbstverständlich Emigrant. Was hat Sowjetrußland mit dem Völkerbund zu tun?

Chor der Sekretäre und Experten: Wahrscheinlich haben die Sowjetrussen überhaupt keinen weißen Frack.

Haha, haha,
Haha, haha,

.?.?.?überhaupt keinen weißen Frack. 272

Bühnenmeister: Ist niemand unter Ihnen, der kein Russe ist?

Pastuhov: Ja na primer, ja ne russki.

Bühnenmeister: Was heißt das?

Pastuhov: Das heißt: »Ich zum Beispiel bin kein Russe.«

Bühnenmeister: Warum sprechen Sie dann russisch?

Pastuhov: Ich bin Pole und habe einen tschechoslowakischen Paß. Aber russisch ist unsere Geschäftssprache, weil alle unsere offiziellen Freundinnen russische Huren aus Charbin sind. (Zu den andern): Sie entschuldigen doch den Ausdruck, meine Herren?

Chor der Sekretäre und Experten: Aber, bitte sehr. Was wahr ist, ist wahr.

Bühnenmeister: Herr Legationsrat, würden Sie uns sagen, wie die Kommission hier den Tag verbringt?

Pastuhov: Das ist natürlich nicht bei allen Herren gleich. Um sieben Uhr morgens reitet man auf Ponies aus, um neun Uhr badet man im Swimming-Pool und spielt Tennis oder kauft Curios ein. Dann nimmt man das Tiffin, das Mittagessen, hier im Hotel und ruht ein wenig aus, weil man in der Nachmittagsglut nicht arbeiten kann. Um fünf Uhr ist man zum Tee eingeladen oder spielt Golf, abends zieht man den weißen Frack an und geht auf den Dachgarten, um mit der Freundin Abendbrot zu essen und mit der Freundin zu tanzen und nachher zu schlafen.

Kasperl: Schlafen auch? Die Ärmsten, nicht einmal bei Nacht haben sie Ruhe! 273

Pastuhov: Bei Nacht erfahren wir gerade die wichtigsten Dinge. So können wir vieles voraussehen.

Kasperl: Voraussehen? Diplomaten, die etwas voraussehen? Das ließ sich allerdings nicht voraussehen!

Bühnenmeister: Was können Sie denn zum Beispiel voraussehen, Herr Legationsrat?

Pastuhov: Ach, vielerlei. Nehmen wir zum Beispiel den norwegischen Attaché, der dort mit der russischen Dame sitzt.

Bühnenmeister: Was sehen Sie bei dem voraus?

Pastuhov: Erstens wird er heute nacht erfahren, daß die Sowjets einen Überfall auf Norwegen beabsichtigen, und zweitens wird er übermorgen erfahren, daß er einen Mordstripper hat. (Ab.)

Kasperl: Sapperlot, Stallmeister, du hast ja sogar Propheten in deinem Ensemble. Wirklich lauter Prominente. Ich bin neugierig, wer in dieser Gesellschaft soviel Aufsehen erregen kann, wie du am Anfang gesagt hast.

Bühnenmeister: Jetzt hast du mich durch dein Mißtrauen so lange aufgehalten, daß ich eine Pause einschalten muß. In zehn Minuten beginnt der zweite Akt. 274

 

II. Akt

Die mongolische Fürstin Torgut: Bitte, Lady Astor, borgen Sie mir Ihr Rouge, ich muß mich schön machen, schließlich bin ich doch die Fürstin Torgut und mit einem Völkerbundkommissar hier.

Die englische Lady Astor: Bitte, Fürstin Torgut, borgen Sie mir Ihren Spiegel, ich muß mich schön machen, schließlich bin ich doch die Lady Astor und mit einem Gesandten hier. (Beide ab.)

Botschafter: Herr Botschaftsrat, ich habe Sie herausgebeten, um Sie um Ihr Monokel zu bitten. Ich habe meines zu Hause vergessen, und muß doch schließlich meine Großmacht vor den Vertretern der andern Großmächte repräsentieren. Das ist ja das einzige, was wir in Peking zu tun haben.

Botschaftsrat: Hehehe, aber in Europa glaubt man, daß wir unser Land bei der chinesischen Regierung vertreten. In Europa weiß man nicht, daß die chinesische Regierung in Nanking sitzt, zwei Schnellzugstage von hier.

Botschafter: Hehehe, es ist genau so, als ob der Botschafter beim Vatikan in Stockholm lebte.

Botschaftsrat: Das Auswärtige Amt muß doch wissen, daß wir nicht am Regierungssitz sind, Exzellenz?

Botschafter: Natürlich, aber das A. A. glaubt, unsere Depeschen kommen von hier aus schneller nach Nanking, als die aus Berlin oder Paris. Dabei sind die europäischen Telegramme viel früher in Nanking.

Botschaftsrat: Hehehe! 275

Botschafter: Herr Botschaftsrat, ich muß Sie übrigens bitten, sich ein anderes Monokel von zu Hause zu holen. Sonst können Sie hier unmöglich bleiben. Alle Welt schaut auf uns.

Botschaftsrat: Selbstverständlich, Exzellenz. (Beide ab.)

Chinesische Kellner (stürzen über die Bühne): Baschö-Ell, Baschö-Ell! Der Zweiundachtzig kommt!

Conte Aldrovandi (stürzt über die Bühne): Tschang-Tsung-Tschan ist da! Wozu habe ich nur meinen neuen Frack angezogen!

Botschafter: Hier, Botschaftsrat, haben Sie Ihr Monokel wieder. Wir brauchen kein Monokel mehr, niemand schaut uns mehr an, Tschang-Tsung-Tschan ist da. (Ab.)

Lady Astor: Hier haben Sie Ihren Spiegel zurück, Fürstin Torgut, ich brauch ihn nicht mehr. Tschang-Tsung-Tschan ist hier mit seinem ganzen Harem.

Chinesische Kellner: Baschö-Ell, Baschö-Ell, der Zweiundachtzig ist da!

Die Geliebten der Völkerbundsekretäre: Tschort wosmi ? hols der Teufel! Jetzt sind wir hier vollständig überflüssig. Unsere Herren werden sich die Augen ausgucken nach dem Harem von Tschang-Tsung-Tschan.

Die Völkerbundsekretäre: Tschort wosmi ? hols der Teufel! Jetzt sind wir hier vollständig überflüssig. Unsere Damen werden sich die Augen ausgucken nach Tschang-Tsung-Tschan, selbstverständlich, der Herr »Zweiundachtzig«!

Kasperl: Was bedeutet »Zweiundachtzig«? 276

Bühnenmeister: Das bedeutet zweiundachtzig übereinandergelegte Dollarstücke.

Kasperl: Und was bedeuten zweiundachtzig übereinandergelegte Dollarstücke?

Bühnenmeister: Das bedeutet einen besonders männlichen Körperbau.

Kasperl: Versteh ich nicht.

Bühnenmeister: Brauchst du auch nicht zu verstehen.

Ein Völkerbundexperte: Haben Herr General seinen Harem gesehen? Ein Mädchen schöner als das andere! Die Jüngste ist acht Jahre alt.

Der General (lüstern): Acht Jahre! Acht Jahre! Ach?.?.?. (Er stirbt.)

Eine Amerikanerin: Zweiundachtzig! Wie zweiundachtzig übereinandergelegte Dollarstücke! Zweiundach?.?.?. (Sie stirbt.)

Ein französischer Journalist: Mon ambassadeur, für wann könnten Sie mir ein Interview mit Tschang-Tsung-Tschan verschaffen?

LAmbassadeur: Ich? Er lehnt es sogar ab, mich zu empfangen.

Die Gemahlin des Ambassadeurs: Er lehnt es ab, meinen Mann zu empfangen ? den Botschafter Frankreichs! Das ist zu viel! (Sie stirbt.)

LAmbassadeur (beugt sich über die Leiche): Adieu, ma chérie. (Zum Journalisten): Wenden Sie sich an Bardaque, den Direktor unserer Banque de lIndustrie. Von dem bekommt Tschang-Tsung-Tschan Geld und Waffen. Wenn Bardaque sich dafür einsetzt, wird der General Sie vielleicht empfangen. (Ab.) 277

Gräfin Berg: Sagen Sie, Professor Tung-Tsching-Lei, er hat doch nur ganz junge Mädchen, ? wie macht er das?

Professor Tung-Tsching-Lei: Nach zwei Jahren schickt er jede seiner Frauen mit Ruhestandsgehalt davon. Frauen, mit denen er unzufrieden ist, verheiratet er mit Kulis. Als er vor fünf Jahren nach Japan flüchten mußte, hat er seine schönsten Mädchen erschossen, damit sie keinem andern Mann angehören können.

Gräfin Berg: Arme Chinesenmädchen!

Professor Tung-Tsching-Lei: Nicht nur Chinesenmädchen ? damals waren auch Europäerinnen dabei. Er rühmte sich, 50 Frauen von 50 Nationen in seinem Harem zu haben.

Gräfin Berg (durchs Lorgnon schauend): Ein stattlicher Mann, dieser Tschang-Tsung-Tschan. Sagen Sie, nimmt er jetzt keine Europäerinnen mehr?

Professor Tung-Tsching-Lei: Nein. Er sagt, Europäerinnen seien nichts wert. Seit 1929 nimmt er keine mehr. (Gräfin Berg stirbt.)

Admiral Doherty (kommt mit Frau): Ich halte es hier nicht mehr aus. Wenn ich bedenke, daß dieser Kuli mit Dutzenden der hübschesten Mädchen lebt, während ich mit dir mein ganzes Leben verbringe, du ausrangierte Ziege?.?.?.

Frau Admiral Doherty: »Ausrangierte Ziege« sagst du zu mir, einer Lady?! Und was bist du? Du bist nicht einmal ein ausrangierter Ziegenbock. Du hättest selbst in deiner Jugend mit diesen hübschen Mädchen nichts anfangen können. Ich war gestern bei Colonel Bey, 278 der ist fünf Jahre älter als du, und noch ein ganzer Mann?.?.?.

Admiral Doherty: Du warst bei Colonel Bey?.?.?. (Er stirbt.)

Ku Wei-Den, ein junger Chinese: Li-Ba, warum sind wir nur hier heraufgegangen, warum nur!

Li-Ba, eine junge Chinesin: Sei doch nicht so aufgeregt. Was liegt denn daran, daß wir auf den Dachgarten des Peking-Hotel gekommen sind, um einmal zu sehen, wie es hier zugeht?

Ku Wei-Den: Wie es hier zugeht! Es geht schrecklich zu! Ich schäme mich für mein Volk. Die Fremden spreizen sich hier auf unsere Kosten und halten uns für minderwertig. Und dann kommt dieser Kerl herauf, dieser Tschang-Tsung-Tschan, und gibt ihnen volles Recht, uns zu verachten.

Li-Ba: Was kümmert er dich?

Ku Wei-Den: Er ist ein Sinnbild unserer Unterdrückung. Die Provinz Kiangsi hat er ausgeplündert, Kirin hat er ausgeplündert, Fengtien hat er ausgeplündert, Shantung hat er ausgeplündert, als Divisionskommandant hat er geraubt, als Okkupationskommissar hat er geraubt, als Armeekommandant hat er geraubt, als Statthalter hat er geraubt.

Li-Ba: Ja, man sieht, daß er viel Geld haben muß. Seine Frauen haben wunderschöne Kleider und kostbaren Schmuck.

Ku Wei-Den: Aber dort, wo er gehaust hat, können die Bauern keinen Reis mehr essen! Bis aufs Blut hat er alles ausgesaugt.

Li-Ba: Was hat er mit dem vielen Geld getan? 279

Ku Wei-Den: Verpraßt hat er alles, Millionen und Millionen. Nichts hat er davon mehr übrig.

Li-Ba: Wie kann er dann solchen Aufwand treiben?

Ku Wei-Den: Die fremden Mächte bezahlen ihn, um sich seiner Hilfe zu vergewissern gegen die Selbständigkeitsbewegung in Anam und gegen unsere Sowjetgebiete. Und er, dieser käufliche Schurke, kommt hierher, um sich ein Gesicht zu geben, und trinkt Champagner und zeigt seine Mädchen?.?.?.

Li-Ba: Seine Mädchen trinken auch Champagner.

Ku Wei-Den: Natürlich, damit er seinen Kredit erhöht, damit man sieht, daß er reich genug ist, sich Soldaten zu kaufen.

Chinesische Kellner (stürzen über die Bühne): Baschö-Ell geht! Die Autos vorfahren!

Li-Ba: Warum nennt man ihn Baschö-Ell?

Ku Wei-Den: Das bedeutet zweiundachtzig übereinandergelegte Dollarmünzen.

Li-Ba (schlägt die Augen nieder): Pfui! Wie alt ist er denn?

Ku Wei-Den: Fünfzig Jahre.

Li-Ba: Und was war er, bevor er General wurde?

Ku Wei-Den: Ein Bandit, wie alle unsere Generale.

Li-Ba: Ein Bandit? So sieht er aber nicht aus.

Ku Wei-Den (eifersüchtig): Er gefällt dir also?

Li-Ba: Mir? Ich finde ihn widerlich.

Ku Wei-Den: Aber du schaust ihn immerfort an.

Li-Ba: Du bist eifersüchtig auf dieses Scheusal, du beleidigst mich damit.

Ku Wei-Den: Verzeihe mir, aber es regt mich auf, daß China mit diesem Gesindel nicht Schluß macht, 280 weil es die Kuomintang und die Fremden nicht zulassen. Sie bezahlen diesen Schurken noch, der?.?.?.

Li-Ba: Pst. Da kommt er.

Tschang-Tsung-Tschan (ein Hüne, mit 13 Mädchen, bleibt vor Li-Ba stehen, greift ihr an den Busen): Zeig deine Beine. (Li-Ba tut es.) Ganz gut. Du kannst mitkommen.

Li-Ba: Ja. (Tschang-Tsung-Tschan mit Gefolge und Li-Ba ab.)

Ku Wei-Den (will ihr nach, ein Soldat stößt ihn zurück. Ku Wei-Den springt auf die Brüstung des Dachgartens): Dann muß ich sterben?.?.?. Nein. Er muß sterben. Die Feinde müssen sterben, wir müssen leben. (Schreit): China, höre mich! Feinde über dir, China! Fremde über dir, China! Chinesen über dir, China!

 
Vorhang.
 

Bühnenmeister: Ich wollte gar nicht, daß das Stück so ernst endet, ich kann nichts dafür.

Kasperl: Ist es denn schon aus?

Bühnenmeister: Hm. Ich glaube, nicht für immer.

 

Ende

 


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