China geheim

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Pyrenäisches Zwischenspiel

I. Die kleinen Riesen: Die Portugiesen

Auch sie kommen herein, um ? ists doch nun mal Ehrensache der Seeleute ? an der Bar einen Brandy zu trinken. Auch ihr Schiff hat ? ists doch nun mal Ehrensache der Seemächte ? vor dem Bund von Shanghai Anker geworfen.

Aber sie fallen nicht ins Gewicht. Es sind ihrer wenige und sie sind so klein von Statur, daß jeder amerikanische Matrose sie auf den Arm nehmen könnte, wenn sie sich in irgendeiner Weise mit ihm messen wollten. Ihr Schiff ist unmodern und unbeträchtlich, kaum 1700 Tonnen, was ist das gegen seine englischen und amerikanischen Nachbarn, die »Houston« oder die »Kent« oder die französische »Waldeck-Rousseau« oder die italienische »Espero«? Portugal ist nur ein stummer Gast an der internationalen Bar, die Shanghai heißt.

Auf den Mützenschildern und auf der Fassade ihres schwimmenden Hauses steht »N. R. P. Adamastor«. Wer lächelt da? Der lächelt da, der in seiner Jugendzeit die »Lusiaden« des Camoëns gelesen, die ferne Welt und das Abenteuer miterlebt hat. Damals, als Knaben, waren wir kühne Seefahrer, unser Führer war der große Vasco da 112 Gama, und wir suchten den Weg nach Indien. Damals sahen wir Knaben an der Südspitze Afrikas, dem Kap der Guten Hoffnung, das wir im übrigen wegen der dreieckigen Briefmarken liebten, den tückischen Adamastor hocken, halb Berg, halb Riese. Damals haßliebten wir den Adamastor. Er sandte die ihm ringsumher untertanen Elemente gegen alle los, die seinen Machtbezirk zu betreten sich vermaßen. Wir, die Mannschaft Vasco da Gamas, wir kämpften damals einen furchtbaren Kampf gegen die Stürme und Wogen Adamastors, aber wir blieben Sieger.

Da steht nun der Name unseres Feindes von einst auf dem Bug des Schiffchens und auf dem Mützenschild der Männchen. Schiff und Matrosen sind in Shanghai nur zu Gaste. Sonst schaukelt der »N. R. P. Adamastor« an der Reede von Macao. Diese kleine Insel mit Opium-Monopol ist alles, was den Portugiesen von der Macht und Herrlichkeit geblieben ist, die sie sich errungen durch wagemutiges Konquistadorentum und christkatholisches Gottvertrauen im Kampf gegen den Riesen Adamastor und später gegen die aufständischen Hak-Kar-Leute, die »Piraten« von der Bias-Bucht. England hat den Portugiesen alles weggenommen. England ist reich und ein gefährlicherer Feind als Adamastor und Piraten unter Anführungsstrichen, Geld ist stärker als Konquistadorentum und Christus zusammen.

Es gibt noch heute ungefähr soviel Portugiesen in Shanghai wie Engländer, aber die Engländer beherrschen die Banken und die Großfirmen, die Portugiesen hingegen führen nur die Bücher, insbesondere die Schuldkonten. Sie sind unangenehme Mahner und werden 113 deshalb nicht gern gesehen, obgleich sie hochtönende Adelsnamen tragen und allwöchentlich zur Beichte gehen und in ihrem Club de Recreo mindestens so exklusiv sind wie die Anglosachsen im Shanghai-Klub.

Ihre Töchter sind Verkäuferinnen bei »Withaway, Laidlaw & Co.« oder Büromädchen in den Hotels und Restaurants, und durch ihre Beziehungen untereinander finden sie die Adresse jeden Gastes heraus, der statt bar zu zahlen, nur »chits« auszustellen pflegte und sie einzulösen vergaß.

Ist dir dieser Beruf der Portugiesinnen bekannt, so kann dir das üble Erfahrungen ersparen. Du sitzt zum Beispiel mit einem neuen Bekannten, der liebenswürdig und gefällig ist und offenkundig in geordneten Verhältnissen lebt, in einem Restaurant beisammen. Das Geschäft, von dem er dir erzählt, ist eine todsichere Sache und du bist durchaus geneigt?.?.?. Da erscheint ein Mädchen an der Theke, und obwohl sie ausgesprochen hübsch ist, wendet sich dein Freund mit einem jähen Ruck zur Seite. Hättest du mein Buch nicht gelesen, würdest du dieser Gebärde keine Bedeutung beilegen oder eine Liebessache vermuten. So aber weißt du, warum der scheinbar so solide Herr das Licht der Portugiesinnen scheut, und was es mit seinen geordneten Verhältnissen und seinen Geschäften auf sich hat.

Nach dem Kriege versuchten die auf das Debet beschränkten Portugiesen sich mit den im Kredit stehenden Deutschen zu verbünden. Aber alle deutsch-portugiesischen Firmen lösten sich bald auf wegen eines Skandals, der sich an eines dieser Geschäfte knüpfte. Es war ein Skandal, der mit Gerichtsverhandlungen und 114 Verurteilungen in China und Deutschland endete, wiewohl sich gerade diesmal der Shanghaiportugiese einen besonders dicken Shanghaideutschen und eine hamburgische Firma als Partner ausgesucht hatte.

Importgeschäfte werden hierzulande mit Hilfe von Bankvorschüssen getätigt. Die europäische Bank des Lieferanten schickt die Faktura an eine Bank in Shanghai zum Inkasso, und die Shanghaier Bank teilt dem Besteller mit, »daß die Conossements (Frachtbrief, Faktura, Versicherung usw.) auf soundsoviel Stücke dieser und dieser Ware in solchem und solchem Wert, gesendet auf dem Schiff X an Ihre Adresse, in unserem Inward Bill Department eingetroffen sind«. Nach Erhalt dieses Briefes läßt sich der Besteller den Kaufpreis von der Bank bevorschussen, die den Vorschuß selbst an den Lieferanten im Ausland überweist und weiter kein Risiko hat, denn sie behält die Ware solange in ihrem Speicher, bis der Empfänger sie verkauft und den Vorschuß zurückbezahlt. Findet sich kein Käufer, so wird die Ware verauktioniert.

Bei diesen Versteigerungen kommt der Vorschuß immer herein, ? wenn die Ware richtig deklariert war. Nun, bei jenem deutsch-portugiesischen Einführungsgeschäft war das eben nicht der Fall, der Hamburger Absender hatte mit dem Shanghaier Adressaten unter einer Decke gesteckt, und Kunstseide als Inhalt der Kisten angegeben, in denen sich hernach nur billige Gläser, Spucknäpfe und andere Emailtöpfe fanden. Die Partner dieses Unternehmens wurden eingesperrt, die Portugiesen kehrten von ihrem Ausflug in den Großhandel zur Buchhaltung und Schuldeneintreibung zurück. 115

Strenggenommen sind sie gar keine Portugiesen. Portugal haben sie zuletzt im 13. Jahrhundert gesehen und würden es, wenn sie heute hinkämen, schwerlich wiedererkennen. Ihre Heimat ist seit langem nicht mehr die Pyrenäenhalbinsel, ihre Heimat ist die Macaohalbinsel, die früher eine Insel war, aber jetzt durch einen Damm mit dem Festland verbunden ist, Macao, das Monte Carlo des Stillen Ozeans, die Insel, wo Spiel und Opium fließen. Nicht Portugiesen sind sie, sie sind Makanesen.

»Makanesen« ? eine Kombination der Worte »Macao« und »Chinesen«. So stimmt es auch. Von alters her heiraten die Portugiesen aus Macao Chinesenmädchen und zeugen wunderschöne Töchter in diesen Ehen. (Keine Eurasierin hört es gern, wenn man sie »halfcast«, Halbblut, nennt; in China nennt sie sich Portugiesin.) Eine Malcanesentochter heiratet nur einen Portugiesen, niemals einen Chinesen, einen Landsmann der Mutter. Solches liefe dem Stolz der Ex-Portugiesen durchaus zuwider, ihrem Ahnenstolz, ihrem Adelsstolz, ihrem Glaubensstolz.

Der kleine, prononciert chinesisch aussehende Herr in der Bank sagt mir, er werde sich um meine Geldüberweisung kümmern, ich möge morgen wiederkommen und ihn rufen lassen. Zu diesem Behufe überreicht er mir seine Visitenkarte: 116

 
JESUS-MARIA MARQUÈS DE SILVA-PEREIRA
 
Lisboa
 
Shanghai
 

Ich lese den heiligen und markgräflichen Namen über der Stadt Lissabon, und verneige mich respektvoll, er aber dankt mit kühler Grandezza, als hätte er persönlich den Riesen Adamastor besiegt. 117

 

II. Li Hu-Chi wettet auf Leocardo Urquidi

Es ist merkwürdig, die Basken und ihr Spiel ausgerechnet in China kennenzulernen. Sie sind Vettern der Etrusker, die einzigen übriggebliebenen Urbewohner Europas; als unsere Ahnen noch auf Bäumen kletterten und einander mit Tannenzapfen bewarfen, saßen die Basken schon in Biarritz. Ein altes Volk, hohe Gestalten mit scharfgeschnittenen, dunklen Gesichtern und edlen Bewegungen.

Ihr Nationalspiel heißt Hai-Alai, hell und hoch schleudert man den Ball, Hai-Alai, hell und hoch fängt man ihn auf, Hai-Alai, um ihn von neuem hell und hoch zu schleudern. Die Spieler führen Namen wie: Tiburcio Irigoyen, Jacinthe Erdoza, Leocardo Urquidi, Rafael Arancibia und so weiter.

Wenn sie daheim, in den Pyrenäen, den Ball an die Steinwand schmettern, so umstehen ihre Väter und Söhne den Spielplatz, Fachmänner allesamt, Spieler allesamt, sie kennen und können Hai-Alai.

Hier liegen aber zwischen Spieler und Tradition viele tausend Kilometer, die Strecke Barcelona?Shanghai. Chinesen füllen die Tribüne und rufen anfeuernd die Namen Iligoyen, Eldoza, Ulquidi und Alancibia, ? was ist den Chinesen der Buchstabe »r«, was ist ihnen Hai-Alai, was ist ihnen ein Meisterschlag?

Der allabendliche Wettkampf geht in einem Prisma vor sich. Sechzig Meter lang, zehn Meter breit, zehn Meter hoch sind die Betonwände, nur gegen den Zuschauerraum ist die Wand ein sechzig Meter langes und zehn Meter hohes Drahtnetz. Im Käfig produzieren sich die 118 Europäer, vor dem Käfig sitzen die Asiaten auf das Lebhafteste angeregt. Die Spieler haben die Cistera, einen hellgelben, einem großen Maiskolben gleichenden Korb über die rechte Hand gezogen und am Handgelenk festgeschnallt. Er stellt eine Vergrößerung der hohlen Hand dar, so etwa wie ein Boxhandschuh die Vergrößerung der Faust, ein Tennisschläger die Vergrößerung der flachen Hand oder ein Florett die Verlängerung des Armes ist.

Aus der Korbschaufel schlägt der Spieler den Ball an das Frontone, die vierzig, fünfzig Meter entfernte Querwand, daß er abprallt, vierzig, fünfzig Meter, ja sechzig Meter, also an die gegenüberliegende Wand schnellt und nochmals zurücksaust. Nicht größer als ein Tennisball ist die Pelota, aber sie ist aus massivem Kautschuk, lederumhüllt und wiegt 125 Gramm. Abwechselnd fangen ihn die Spieler in dem engen Korb ein und hauen ihn in der gleichen Sekunde wuchtig an die Wand. Welche Schnelligkeit des Blicks, welche Sicherheit des Auges und welche Kraft des Armes Fang und Wurf erfordern, ? an der Bucht von Biscaya vermag man das zu ermessen.

An der Bucht von Biscaya versteht jedermann dieses Spiel und nicht jeder wettet. Am Gelben Meer versteht nicht jedermann dieses Spiel und jeder wettet. Die Totalisatoren haben alle Hände voll zu tun, Einsätze anzunehmen und Gewinne auszuzahlen.

Sung Tsu-Wen hat auf Maurico Ichaso Sieg und Platz gewettet. Wang Hai-Ting bekommt achtfaches Geld für Miquel Escarzaga. Li Hu-Chi hat zum fünftenmal je zwei silberne Dollar auf Leocardo Urquidi gesetzt, jetzt hat Li Hu-Chi kein Geld mehr und geht aus der 119 Französischen Konzession nach Hause in die Chinesenstadt. Wenn er noch einen Sachwert besitzt, für den ihm einer der hundert Pfandleiher in seiner Straße zehn silberne Dollar gibt, dann wird Li Hu-Chi morgen Abend wiederkommen, um auf Leocardo Urquidi fünfmal zwei silberne Dollar zu setzen, Hai-Alai.

In der Chinesenstadt kann man nicht auf ballspielende Enkel der Iberer setzen und nicht auf Windhunde, die einem elektrisch bewegten Hasen nachjagen, in der Chinesenstadt rennen keine Pferde, wandern keine Baccarat-Schlitten, sausen keine Rouletts. In der Chinesenstadt kann man bei Mah-Jong sein Glück durch Überlegung lenken, sonst gibt es höchstens Hasardspiele, die klägliche Kopien der europäischen sind, und bei denen man nicht so raffiniert-restlos um sein Geld kommt.

In der Chinesenstadt ist das Opium verboten, in der Franzosenstadt zählt man dreihundert Opiumhöhlen und mindestens ebenso viele Spielklubs wie im Internationalen Settlement. Spielklubs für alle Gesellschaftsklassen. Geldmänner und Hintermänner sind Ausländer. Bei Ausübung von Hehlerei und Kuppelei und Gelegenheitsmacherei und Handel mit Rauschgiften und Verleitung zum Hasardspiel unterstehen sie der Gerichtsbarkeit ihrer Rasse und Klasse. Nach deren Rechts- und Moralbegriffen gelten diese Verbrechen, sofern sie in China begangen werden, nicht als Verbrechen, sie sind Kolonialgeschäfte, es kommt nur darauf an, wieviel man verdient.

Leichengeruch schwelt in Tschapei und Wusung, die Trümmer der mit Bomben belegten oder in Brand gesteckten Wohnhäuser, Universitäten, Bibliotheken und Druckereien rauchen, Verwundete stöhnen in den 120 Spitälern von Shanghai, japanische Offiziere schlagen dem Chinesen, der ihnen auf den Straßen nicht ehrerbietig Platz macht, mit der Reitpeitsche ins Gesicht, neue Schützengräben werden aufgeworfen, ? aber nach wie vor locken die Ausländer mit täglich neuen, großmächtigen Plakaten zum Spiel der baskischen Männer und rufen zum Rennen der australischen Windspiele im Canidrom. Chinesen, geht vor die Hunde! 121

 

Schlamm, fortgeschwemmt durch eine Revolution

»Poluski gels?«

?

Was will der Chinesenjunge, der sich herandrängt, wenn man zu abendlicher Stunde das Haus verläßt? Poluski gels? Er merkt, daß man ihn nicht versteht, also noch nicht lange in Shanghai ist. Mit Handbewegungen veranschaulicht er: Frauen. Er will »Porusski girls« sagen, was weder richtig englisch noch richtig russisch ist, und »russische Mädchen« bedeuten soll.

Mach, daß du weiterkommst, Junge! Wer braucht einen Führer, einen Kuppler, einen Schlepper, um zu »Porusski girls« hinzufinden! Sie inserieren, sie plakatieren, sie agitieren. »Harbin Bath and Massage«, »Merry House: Turkish Bath and Russian Massage«, »Bar«, »Cabaret« flammt es in türkisblauem Neonlicht auf. In der Route Vallon trägt buchstäblich jedes Haus Reklameschilder von Massage-Salons; nur eines nicht, das ist die Betstube der Adventistensekte; dort verkehren die russischen »Masseusen«, sie hoffen, mit einem Amerikaner anbandeln zu können. Einen amerikanischen Kaufmann zu erobern, davon träumt jede Shanghaier Russin, 122 wenn sie bei Tag schläft, um bei Nacht recht munter zu sein.

Die Kleinen Anzeigen in Shanghais russischen Blättern zerfallen in drei Rubriken. Ärzte: Venerische Erkrankungen, Infektionen aller Art heilt Dr. med?.?.?.?.?.?.?.; kais. Generalarzt, M. U. Dr?.?.?.?.?. Den Ärzten kommen Feldscherer zu Hilfe, »Ehemaliger Ordinator des Militärhospitals heilt infektiöse Frauenkrankheiten binnen zehn Tagen?.?.?.«

Zu vermieten: »Geschäftslokal in belebter Gegend, für Tanz-Bar oder dergleichen geeignet.« ? »Gut eingeführter Massagesalon mit vornehmer Herrenkundschaft.« ? »Zimmer für alleinstehende Damen, ungestört, auch nachts.«

Dritte Rubrik: Trud. »Trud« heißt Arbeit, in der Sowjetunion etwas, was man fast getragen ausspricht, Wort der Erfüllung. Aber hier, im Rußland außerhalb der russischen Grenzen ist »Trud«: »Tanzpartnerinnen gesucht für neues Kabarett; gute Figur, Abendkleid erforderlich?.?.?.« ? »Bardame, 22 Jahre alt, blond?.?.?.«

Die Porusski girls sind Frauen und Töchter von Weißgardisten oder von Flüchtlingen aus der Sowjetunion, die keine politischen Gründe für ihre Flucht vorspiegeln und offen zugeben, daß sie ? allerdings »immer unberechtigt« ? wegen Verdacht des Schmuggels, der Bestechung, der Korruption oder der Spekulation verfolgt worden sind. Viele Frauen stammen aus Charbin und Mukden, andere aus sibirischen Städten.

Schaufenster eines russischen Photographen: Männerbildnisse in Uniform und in Zivil, mit und ohne Georgskreuz, die Führer. »Das ist Doktor .?.?.?itsch, Vorsitzender 123 der .?.?.?.?. Kongregation«, sagt der Shanghailänder, der uns begleitet. »Hat drei Töchter.« Oder: »Kennen Sie Gräfin ?.?.?.?.?owa, eine fesche Person, wollen Sie die Telefonnummer?« Charakteristisch genug: die ausländische »gute Gesellschaft« von Shanghai, die die Emigration als antibolschewistischen Vortrupp fördert, verkehrt niemals mit einer Russin, auch wenn sie noch so bürgerlich verheiratet ist. Bei ihren politischen Protektoren sind die Russen moralisch verfemt. Das würde wahrlich weniger gegen sie als für sie sprechen. Aber ihnen kann keine Fürsprache mehr helfen.

Nur ganz wenige der Porusski girls sind in Modesalons oder als Kellnerinnen in Cafés und Konditoreien tätig, alle andern (und ein Teil der vorgenannten) im Nachtleben, ob sie nun verheiratet, verhältnist oder ledig sind.

Das Nachtgeschäft hat vielerlei Abstufungen. In jedem Dancing eröffnet jedes Mädchen jedem Gast sofort, sie werde hier nicht mehr lange arbeiten, vom nächsten Monat an sei sie im »Casanova«, in der »Taverne« oder zumindest im »Delmonte«. Möglicherweise wird sie wirklich in diesen ersehnten Stätten Station machen auf ihrem Weg, aber unvermeidlich führt ihr Weg durch die Venerische Abteilung des St.-Vincent-Hospitals. Nobel ist ein Lokal erst dann, wenn Angestellte dort nicht verkehren dürfen, weil die Herren Firmenchefs unter sich sein wollen. Am allerfeinsten ists in der »Taverne«, im Drawingroom mit den gepolsterten Möbeln fühlt sich der Herr Firmenchef zu Hause, was er sich zu Hause nicht fühlt, und die russische Animiererin kommt sich vor, als säße sie im Salon eines Schlosses, und der Herr, der an ihr herumfingert, sei ein Freund vom Nachbarschloß. 124

Dazu paßt es freilich nicht, daß sie nach jedem Tanz von ihrem Partner bezahlt wird mit einem am Schalter gelösten Billett. Drei Tänze kosten einen Chinesischen Dollar, von dem zwanzig Cents der Tänzerin zufallen, und dreißig Cents vom Zwei-Dollar-Getränk, das ihr der Gast bestellt. Spendiert er Sekt, so kann sie nachher einen Silberdollar beheben; aber sie muß schon besonders ungeschickt sein, um von einem Champagnergast nichts als die Prozente heimzubringen.

Zur Sommerszeit, wenn die Hitzewellen gelb und schwer über Shanghai und die Ehefrauen am fernen Badestrand liegen, schwingt das Einkommen der Porusski girls aufwärts. Krieg ist ebenfalls kein schlechtes Geschäft: englische, amerikanische, französische und japanische Offiziere bringen ihre Feldzulage im Nachtleben an.

Allerdings, in eleganten Lokalen ist das Ausgaben-Budget einer Bardame hoch. Was eine richtige Edelnutte ist, muß vom Friseur frisiert sein, braucht zwei Abendkleider und regelmäßige ärztliche Untersuchung. Was bleibt da für den Haushalt?

Unter solchen Umständen müssen Gatten und Väter der Bardamen, Taxi-Tänzerinnen und Masseusen wohl oder übel etwas dazuverdienen: indem sie der französischen Polizei Spitzeldienste leisten, indem sie Streikbrecherarbeit machen, indem sie ihre Ehefrauen oder Töchter bei Chefs vorfühlen lassen, ob eine Anstellung zu haben oder irgendwo eine Provision zu holen ist, sei es im Handel mit Fellen, mit Mädchen oder mit Kaviar.

Die Alkoholschmuggler, die von Shanghai aus nach Los Angeles segeln, weil die pazifische Küste Amerikas weniger bewacht ist als die atlantische, werden von 125 russischen Emigrees mit »schottischem« Whisky, »französischem« Cognac und »bayrischem« Bier beliefert.

An tausend Weißgardisten bilden das Volunteer-Corps, die Leibgarde der Shanghaier internationalen Stadträte, und beziehen einen Monatssold von hundert Silberdollar. Bei der Parade auf dem Rennplatz defilieren sie vor ihren englischen, amerikanischen, japanischen Firmenchefs, die ihre militärischen Chefs und die Gäste ihrer Gattinnen sind. Stramm und scharf ausgerichtet defiliert das Regiment der Russen vor den Fremden und ruft dabei im Sprechchor: »Doloj Bolschewikow ? Nieder mit den Bolschewiken.«

Sie sind nämlich Antibolschewiken und außerdem Antichinesen, obwohl nach Abschluß des Vertrags von Peking (1924) die eine Hälfte der bei der Ost-China-Bahn angestellten Charbiner Russen für die Sowjetunion, die andere Hälfte für China optiert hat. Freilich hat fast keiner einen chinesischen oder sowjetrussischen Paß, sondern nur eine Registrierkarte, die Quittung darüber, daß sie sich um die Staatsbürgerschaft beworben haben.

So einig sie in ihrer Gegnerschaft zu den Chinesen und den Bolschewiken sind, so uneinig sind sie im übrigen untereinander. Die Legitimisten schwören auf den »Zaren« Cyrill, als dem rechtmäßigen Chef der Dynastie Romanow. Den andern Monarchisten wäre jeder Zar recht, mit Ausnahme gerade des Großfürsten Cyrill, der sich bei der Oktoberrevolution in Petrograd mit seiner Marineabteilung den Bolschewiki zur Verfügung gestellt habe und von ihnen abgelehnt worden sei.

Mit den Republikanern ist es auch ein Kreuz. Die einen sind Faschisten, die andern Demokraten, die 126 dritten Sozialrevolutionäre, die vierten Menschewiki. Die einen schwören auf die Kirche, die andern sind Freimaurer, die dritten Antisemiten, die vierten Juden. Die einen wollen den Kosaken-Ataman Semenoff als militärischen Führer, die andern den ehemaligen Leiter der Ost-China-Bahn General Horwatz, die dritten den tschechoslowakischen Faschisten Gajda, die vierten, fünften und sechsten die Generale Diedrichs, Isakow oder Glebow.

10.000 weißgardistische Russen gibt es in Shanghai, in ganz China einschließlich Mandschurei 72.000; sie sind in mehreren hundert Vereinen organisiert, die sich bis aufs Messer bekämpfen. Sogar in den englischen Zeitungen von Shanghai beschuldigen sie sich gegenseitig der Korruption. Vor uns liegt ein Ausschnitt aus der »Shanghai Times«, darin ein Komitee von 23 Vereinen dagegen protestiert, daß ein anderes Komitee Gelder für die russischen Emigranten sammelt. Gespenstisch die Namen der unterschriebenen Vereine:

Kaiserlich Russ. Adelsklub
Gräfliche Gesellschaft
Verband ehem. Angehöriger des Jäger-Regiments».?.?.?of Eger Regiment« steht in der Annonce, als ob ein Engländer wissen könnte, daß im Russischen das »E« als »je« gelesen wird. Und wüßte er das, was könnte er mit dem Wort »Jeger« beginnen, dem deutschen Wort »Jäger«, das in die russische Militärsprache übernommen war.
Verband ehem. Angehöriger des Ural-Regiments
Verband ehem. Angehöriger des Mandschurischen Detachements
Verband ehem. Angehöriger d. Regiments General Annenkoff 127
Verband der Kreuz-TrägerUnion of Cross Bearers. Sind das die Inhaber des Georgs-Kreuzes? Weiß nicht.
Nationales Religiöses Komitee
Russ. Orthodoxe Confraternität
Russ. Nationale Gesellschaft »Glaube, Zar und Volk«

Und so fort.

Gespalten in Schichten und Kasten ist diese Emigration. Die reaktionäre Gesinnung und ihr Haß gegen die, die ihnen ihre Vorrechte nahmen, vermag sie nicht zu einigen. Ebensowenig vermag das ihre gemeinsame falsche Spekulation von anno dazumal: daß dem Sowjetregime nur eine kurze Dauer beschieden sei, weshalb es ihnen vorteilhafter schien, sich rechtzeitig auf die Seite seiner Gegner zu stellen. Einer verachtet den andern, der Offizier den Zivilisten, der Adlige den Bürger, der Antisemit den Juden, der Inhaber des Georgs-Kreuzes den Ordenslosen, der Fromme den Ungläubigen, der etwas besser Gestellte den etwas schlechter Gestellten, sie verachten einander und bemühen sich, durch Dünkel und Großtuerei einander zu übertreffen, während ihre Frauen im gleichen Nachtlokal die gleiche Tätigkeit ausüben.

»Wie gefällt es Ihnen hier, wie geht das Geschäft?« fragen wir eine Tanzdame.

»Ach, wir müssen bis zur Sperrstunde im Lokal bleiben, und so lange wartet selten ein Herr auf uns.«

»Verabreden sich die Gäste nicht für den nächsten Tag mit Ihnen?«

»Mein Gott, die Konkurrenz ist zu groß in Shanghai?.?.?. Zahlen Sie mir einen Cocktail, Herr? Hallo, du, Mensch, einen Cocktail!« 128

»Herr«, das sind wir. »Mensch«, das ist der russische Kellner. Vor sieben Jahren haben wir in Moskau ein Drama gesehen, das den Lockspitzel Asew zum Helden hatte. Ein Akt spielte in einem Restaurant. Asew rief den Kellner nach vorrevolutionärer Art: »Du, Mensch«. Das Publikum kreischte vor Lachen.

Hier kreischt niemand vor Lachen, weder Kellner noch wir können als Genosse angesprochen werden; der Kellner wird verächtlich »Mensch« gerufen, und wir sind »Herr«, und eine Gigola zu sein ist »Trud«.

Fünfzehn russische Mädchen »arbeiten« in einem Lokal, »Tumble-Inn« geheißen. Dieser Name hat uns gelockt hinzugehen. Tumble ist ein altenglisches Verbum und kommt in einem Lied aus dem elisabethanischen Seekrieg vor, aus der Zeit, da man mit Strömung oder Wind eine harmlos aufgetakelte Fregatte voll von glimmendem Werg und Teer und Öl dem feindlichen Geschwader entgegensandte, um es in Brand zu stecken. Mit einem solchen Feuerschiff vergleicht der Sänger des Matrosenliedes seine lockige Geliebte, die ihm so nett und keusch erschienen war, bevor er sie getumbled hat, und die sich nach ein paar Tagen als Feuerschiff erwies.

Shed a dark and rolling eye
And her hair hung down in ringlets
A nice girl, a decent girl
But built on a rakish line

      I handled her
      I dandled her
      I fondled her
      I tumbled her 129
And found to my surprise,
She was nothing but a fireship
Dressed up in a disguise.

Klage und Anklage zugleich ist dieses Lied, und sein Held, der Seemann, offenbart mit seinen Vergleichen zweifellos »die Shakespearesche Eigenschaft, daß sie nicht aus der Sphäre seines Berufs hinausgehen«. (Genauer können wir hier in Shanghai unsern Kleist nicht zitieren.)

Wir zitieren heute überhaupt zu viel. Da liegt denn schon nichts mehr daran, wenn wir auch die Geschäftskarte des Tumble-Inn abdrucken. Sie richtet sich gegen die Moral des Liedes, das jedem britischen Matrosen beim Wort »tumble« unfehlbar in den Sinn kommt. Nein, sagt die Geschäftskarte, meine Girls gleichen nicht jenem, das den Herzallerliebsten so angesteckt hat wie ein Feuerschiff die feindliche Fregatte.

 

Tumble-Inn

Nr. 14, Lane 182 Bubbüng Well Road
(gegenüber dem Union Jack Club)
mit den
süßesten und reinsten Mädchen
der ganzen Stadt

(Wöchentlich untersucht von Dr. R. Holper M.D.)
Shanghai

 

Überall sind Russinnen erhältlich, auf den breiten Avenuen, in den schmalen Privatgassen. Vollgestopft ist die kleine Straße Chao-Pao-San mit Lichtreklamen, Matrosen, Musik, Prügeleien, Rikschakulis, Lärm, 130 Blumenverkäuferinnen, Bettelkindern. Matrosen sind die Gäste der zwanzig Tanzspelunken, amerikanische, französische, britische, italienische und portugiesische Matrosen, es schwabbern die Hosen, es schwankt ihr alkoholdurchtränkter Inhalt, und die russischen Mädchen sitzen im Kreis umher und warten darauf, daß einer sie zum Tanz küre. Im »Victoria« sind sie als Ballerinen, Fußballspieler, Nixen, Schwimmerinnen verkleidet?.?.?. Romantik des Faschings. Bei »Stenka Rasin« verschleißt man Räuberromantik, bei »Merle blanc« Montmartreromantik, bei »Tkatschenko« Wolgaromantik, bei »Tschornie glasa« Zigeunerromantik. Romantik und Kostüm sollen aufgeilen. Wirkt das nicht, dann richten sich die Mädchen die Strumpfbänder, um das Interesse eines amerikanischen Gummikauboys zu erregen.

Ältere Jahrgänge von Porusski girls tanzender Region ? sind sie vielleicht schon bei der 1905er Revolution geflüchtet? ? bevölkern die Kneipen am Broadway. Ist der Wirt ein Deutscher, so führt sein Lokal einen harmlosen Namen, »Grill Room« zum Beispiel, damit er in der Heimat den Glauben erwecken kann, er sei in Ostasien ein solider Restaurateur geworden. Der russische Wirt hat Firmenschilder in allen Sprachen, auch chinesisch, jenseits des Soochow-Kanals verschmäht man gelbe Gäste nicht.

Jenseits des Soochow-Kanals sind die Tänze und die Frauen billiger, die Getränke keine Cocktails mehr, sondern nur Bier. Schau die Frauen an, ? oder schau sie lieber nicht an, sie fangen jeden Blick wie eine ihnen zugeworfene Leine. Doch! Schau sie an! Sprich mit ihnen! Sprache und Tonfall sind die ihrer fernen 131 Schwestern, unter dem steifen Tangoschritt steckt die Bewegung ihrer Heimat, unter Schminke, Abendpuder und Tanzkleid verbirgt sich etwas, was wir ihre vergangene Zukunft nennen möchten. Auch aus ihnen wäre etwas geworden, wenn sie daheim geblieben wären. Könnte wohl noch heute, wenn sie zurückkehrten, etwas aus ihnen werden? »Werden?« Vorbei?.?.?. vergangene Zukunft.

Die zukünftige Zukunft ist nahe, man kann die Etappen in ein paar Nächten durchlaufen, wenn man sie nicht durchleben muß. Bald hört die Reihe der Dancings und der Bars auf, eine andere Kategorie von Arbeitsstätten für Porusski girls säumt den Etappenweg. Eindeutige Häuser, aber in ebensoviel Rangstufen eingeteilt, wie die Dancings und die Bars. In den Nobelpuffs des Internationalen Settlements zahlt man zwanzig Dollar Taxe, in der Französischen Konzession gibt es erheblich mäßigere Preise. Ecke Avenue Foch und Avenue Joffre ? fürwahr, schöner Ehrungen erfreuen sich Frankreichs Marschälle ? wimmelt es von Kaschemmen, die von der Nachbarschaft der vornehmen Dielen leben. Tritt nämlich in einem »besseren« Lokal ein Gast allzu laut und allzu betrunken auf, so flüstert ihm eine Tanzdame zu, er möge drüben im »Allaverdi« auf sie warten. Drüben im »Allaverdi« nehmen ihn Huren in Empfang, in deren Armen er einschläft.

Finster und stinkig ists abends bei den Werften am Hongkew-Creek, die Gäßchen münden auf die Landungsbrücken oder ins Wasser, Fässer verengen die Enge, und blatternarbige Porusski girls, alte, schwammige Gestalten, stellen sich jedem quer, der vorbeikommt, auch jedem Kuli, sie heben ihre Röcke hoch und rufen 132 heiser: »Come in my house?.?.?.« Sie sprechen das letzte Wort wie »chaus« aus. Ihr »chaus« ist ein Bretterverschlag. Von hüben und drüben segeln sie auf uns zu, Feuerschiffe?.?.?. Wracks von Feuerschiffen.

Wir geben der einen ein paar Papirosi. Sie ist glücklich, ein paar Papirosi zu bekommen, glücklich, russisch sprechen zu können. Aus Blagowestschensk, einer Stadt im Amurgebiet der Sowjetunion, stammt sie. »Vor acht Jahren sind wir geflohen. Es war im Winter. Wir gingen über den zugefrorenen Amur, mein Mann und ich. Tausend Dollar hatte er bei sich. Schreckliche Angst haben wir gehabt, daß man uns erwischt. Aber,« sie hüstelt sieghaft, »wir sind doch herübergekommen.« 133

 

Schattenspiel

(natürlich in Peking, in der Kolonialhauptstadt Shanghai gibts nichts dergleichen)

Die für heute abend engagierten Künstler haben im Hof ihre Einflächenbühne aufgerichtet und warten, bis die Sonne untergeht. Dann beginnt das Spiel.

Man sitzt und schaut und ist von Entzücken umrieselt. Der chinesische Teil des Publikums besteht aus einem blassen Mond, den Polizisten des ganzen Umkreises, die ihren Dienstplatz verlassen haben, um der Vorstellung beizuwohnen, den Kulis des Hauses, dem Hausherrn und der Hausfrau. Sie klatschen dieser oder jener Dialogstelle Beifall, sie lachen über diese oder jene Bemerkung, während der des Chinesischen unkundige Europäer sich darauf beschränken muß, zu schauen und darüber nachzudenken, warum der Westen diesem zauberhaften Spiel der bunten Schatten nichts gleichzusetzen hat, es nicht wenigstens nachzuahmen versuchte.

Zeit genug war dazu, seitdem es?.?.?. nun, so genau wissen wir natürlich nicht, wann die chinesischen Bühnensilhouetten auftauchten. Darüber gibt es nur Sagen, die so kindlich phantasievoll sind, wie die Erfindung selbst. Die erste Überlieferung besagt, ein sicherer Jen-Schi, 134 Silberschmied seines Zeichens, habe dieses Zaubertheater am Hofe des Kaisers Wu (1001?947 v. Chr.) erstmalig vorgeführt. Von der zarten Gestalt und dem ritterlichen Gehaben des Helden entflammt, verlangten die Damen des Harems immer und immer wieder sein Auftreten, bis schließlich der Kaiser Wu, von Eifersucht befallen, mit zornfunkelnden Augen aufsprang und befahl, den Helden zu köpfen. Da führte Jen-Schi den Herrscher hinter die Bühne und zeigte ihm, daß sein vermeintlicher Nebenbuhler kein Mensch von Fleisch und Blut, sondern ein bemalter Scherenschnitt aus Eselshaut sei. Staunend sah es der Kaiser und er beruhigte sich. Aber das Wort, das kaiserliche, konnte nicht mehr zurückgenommen werden. So trat einige Minuten später der Held wieder auf die Bühne, der Henker folgte ihm und schlug ihm das Haupt ab, wie es der Kaiser befohlen. Die Damen im Publikum verfielen in Schreikrämpfe und weinten noch viele, viele Tage und viele, viele Nächte über des zarten Ritters grausames Ende.

Einer andern Sage nach hat ein taoistischer Mönch mit Namen Schao-Weng diesen Farbentonfilm erfunden. Als der Kaiser Wu-Ti (140?86 v. Chr.) über den Tod seiner Lieblingskonkubine fast von Sinnen geraten und des Lebens überdrüssig war, machte sich Schao-Weng erbötig, die Verlorene sichtbar werden zu lassen. Und wirklich führte er die Schöne dem Kaiser vor, der vergehen wollte vor Glück, sie wieder zu sehen und zu hören. Allabendlich ließ Kaiser Wu-Ti die tote Freundin vor sich erscheinen, und sie sprach Worte der Liebe und der zärtlichen Erinnerung an genossene Liebesstunden. (Die an Leben und Laune ihres Herrn interessierten 135 Hofschranzen lieferten dem Puppenspieler das Material für sein Libretto.)

In einer Mondscheinnacht steigerte Schao-Weng das Spiel seiner Darstellerin zu besonderer Liebesglut. Wu-Ti, voll unstillbarer Sehnsucht, die Herzallerliebste wieder zu umfangen, stürzte hinter die Zauberwand, die niemals zu betreten die Sterndeuter ihm strikte aufgetragen hatten, und sah ? und sah ? daß alles fauler Zauber sei. Wütend zerriß er das Konterfei der Geliebten in viele Stücke, und Schao-Weng, der Regisseur, Bühnenbildner, Darstellerin und Operateur in einem gewesen war, mußte diese vierfache Tätigkeit mit schmählichem Henkertode bezahlen.

».?.?.?weil er dem Publikumsgeschmack gehuldigt hat,« bemerkt der nach China übergesiedelte Lyriker, als wir diese historische Reminiszenz hervorholen.

».?.?.?weil er seinem künstlerischen Temperament die Zügel schießen ließ,« wendet trocken der Kunsthistoriker ein, der statt einer mageren Privatdozentur in Deutschland ein fettes Geschäft mit falschen Curios in China gefunden hat.

Wir aber, wir wollen uns keineswegs in diesen Streit der Weltanschauungen mischen, sondern auch die dritte Sage erzählen, die die Entstehung des vor unseren Blicken sich entfaltenden Spieles zum Gegenstand hat.

Es war in der Zeit der Han-Dynastie, die Hauptstadt Ping-Tscheng wurde durch den Mongolenfürsten Mao-Fin belagert. Der Belagerer hatte seine herrschsüchtige, kriegerische und eifersüchtige Gattin mit sich. Drinnen in der eingeschlossenen Stadt herrschte Hunger, alle Pfeile und Brandfackeln waren verschossen, binnen kurzem 136 mußte Ping-Tscheng fallen, und das bedeutete Martertod der Belagerten und insbesondere des Kaiserpaares.

Da fiel der chinesischen Kaiserin ein ? sie kannte den Charakter ihrer Widersacherin da unten ?, auf der Stadtmauer, gerade dem Zelt des Mongolenfürsten gegenüber, ein Schattenspiel aufzuführen. Nur liebreizende, liebebedürftige, liebenssehnsüchtige Mädchengestalten ließ sie auf der Leinwand erscheinen und um die Liebe rauher Kriegsmänner werben.

Sie hatte sich in der Wirkung keineswegs verrechnet: die Mongolenfürstin sah die schönen Buhlerinnen buhlen?.?.?. sah ihren Gatten neben sich?.?.?. wußte, daß er sich an solcher Beute weidlich vergnügen und sein ehelich angetrautes Gemahl links liegen lassen würde?.?.?. und flugs befahl sie, die Belagerung abzubrechen?.?.?. An der Spitze der Armee zog sie von dannen, ihr Gatte zottelte mit eingezogenem Wunschtraum hinterdrein.

Die drei Sagen kommen einem gar nicht einfältig vor, nachdem man die chinesischen Schattenspiele erlebt hat. Die transparenten Stücke Tierhaut gehaben sich mit unglaublicher Ausdrucksfähigkeit, jedes Körperglied scheint seine eigenen Gelenke und Muskeln zu besitzen, jedes gesprochene, jedes gesungene Wort ist der Bewegung von Mund, Kopf und Leib so organisch zugehörig, daß man wahrhaftig kein eifersuchtstoller Kaiser Wu, kein trauertoller Kaiser Wu-Ti und keine gleichfalls eifersuchtstolle Mongolenfürstin sein muß, um der Illusion zu verfallen, lebende Menschen vor sich agieren zu sehen.

Wenn uns etwas davor behütet, uns so foppen zu lassen wie Wu, Wu-Ti und die Mongolin, so ist es nicht 137 etwa irgendein Minus der Darsteller, sondern ihr Plus. Will sagen: diese Fetzen aus Tierhaut können nicht weniger als ein Mensch kann, vielmehr können sie viel mehr als ein Mensch kann, und das ist das einzige, was in dem Zuschauer Zweifel an ihrem realen Vorhandensein hervorruft. Wir sehen zum Exempel, wie sich ein Mensch in einen Drachen verwandelt. Gut, das mag vorkommen im wirklichen Leben. Aber sagt selbst, wird im wirklichen Leben ein eben in einen Drachen verwandelter Mensch die Künste des Feuerspeiens, des Sich-durch-die-Lüfte-Schwingens und des Menschenverschlingens augenblicklich so meisterlich handhaben, wie sein Konterfei auf der Schattenbühne?

Solange die Schattenfigur auf solche Ausflüge ins Überirdische verzichtet, solange sie als Mensch auftritt, solange läßt sich an ihr weder eine verdächtige Fähigkeit noch sonst eine Unnatürlichkeit entdecken. So und nicht anders schreiten zwei Nonnen eine Anhöhe hinan. So und nicht anders beugt sich der redliche Diener des Alten vom Berge vor den beiden Besucherinnen. So und nicht anders öffnet er ihnen das Tor des Tempels. So und nicht anders pflegen sich die Gespräche zwischen einem frommen Einsiedler und zwei Nonnen zu vollziehen, die in Wirklichkeit gar keine Nonnen sind, sondern Furien in Menschengestalt, und alsbald diese verlassen, um als jene den Alten anzugehen.

Naturwahr sind nicht nur die Menschen auf Erden und die Geister in der Höh, naturwahr sind auch die Dinge. Diese Kulissen! Auf der chinesischen Bühne der lebenden Schauspieler gibt es nichts dergleichen, dort ist Wald gleich Stadt, Kerker gleich Thronsaal, nur aus Wort und 138 Geste erfährt der Beschauer, wohin er sich versetzt zu fühlen hat.

Anders hier. Am Anfang, bevor die mit der Schere geschnittenen Personen auftraten, war die Welt, die diese Blätter bedeuten, schon erschaffen. Rechts stand ein Haus, unten rollten gleichmäßig die blauen Wellen eines Stromes dahin, links ragte ein brauner Fels in die Höhe und auf seinem Gipfel ließ sich en miniature das schwarzrote Haus des Eremiten erkennen, das wir haargenau, aber sozusagen in natürlicher Größe im zweiten Akt vor uns gestellt sehen sollten.

Die flatternden Ärmel, die wippende Feder, das geschwungene Schwert des Prinzen, die Blumen im Haar, die Ornamente am Kleid, die Kothurne der Mandschuprinzessin, der wallende Bart, der edelsteingeschmückte Gürtel und die grünen Pumphosen des Mandarins, die Bäume im Gefild, die Vögel im Gezweig, die Schlangen im Gestein, besser kann das keine Natur gestalten.

Nicht nur die Erde ist belebt, auch die zweite Dimension ist dicht besetzt, der Himmel verdunkelt von fliegenden Muschelwagen und andern allegorischen Bewohnern der Lüfte. Alles bewegt sich in harmonischer Konstellation, und die Meinung der drei Sagenfürsten, die Puppen seien Lebewesen oder überirdische Erscheinungen, hatte weit eher Berechtigung als das nüchterne Faktum: ein einziger Mann läßt dieses ganze bevölkerte Planetarium leben und sprechen.

Daß dem so sei, erfuhren wir mitten im Getümmel einer Schlacht. Mit Schwertern drangen die Heere aufeinander ein, Speere durchschwirrten die Luft, Feuer schlug hoch, der Führer der Barbaren sank mit 139 gespaltenem Leib zu Boden, sein Pferd desgleichen ? alles vollzog sich gleichzeitig. Wie weiland Kaiser Wu-Ti sprangen wir von unserem Stuhl auf und eilten hinter die Bühne, wollten sehen, durch welche raffinierte Apparatur all das betrieben werde.

Wir sahen einen einzigen Mann, einen armselig gekleideten Chinesen hinter einer Öllampe. In jeder Hand hielt er ein Bambusstäbchen, das durch drei Drähte mit der jeweils handelnden Person verbunden war. Ungefähr eine Spanne groß waren die Figuren, ihre Substanz eine bis zur Durchsichtigkeit präparierte Eselshaut, durch Schnitte durchbrochen, auf beiden Seiten zart bemalt und gefirnist. Oberarm, Unterarm, Oberschenkel, Unterschenkel, Rumpf und Kopf: separate, mit Scharnieren aneinandergehaltene Stücke, zu selbständigem Baumeln oder Nicken allzeit bereit.

Die drei Drähte mündeten am Hals (genauer gesagt: am vorderen Kragenknöpfchen) und an den beiden Händen der Figur. Manche, wie zum Beispiel der gespaltene Heerführer, waren besonders gegliedert, manche, wie zum Beispiel Tiere, in anderer Weise am Draht befestigt.

Alle diese Geschöpfe erweckte Poppenspäler zu temperamentvollem Leben, indem er mit unheimlicher Fingerfertigkeit bald einen der Drähte, bald einen, bald beide Bambusstäbe auf- und abschnellen ließ. Sollte eine Figur eine Drehung machen, wandte er sie einfach mit der Hand um, diese in Höhe der Lichtquelle haltend, so daß die Hand dem Beschauer niemals sichtbar werden konnte.

Die vermeintliche Gleichzeitigkeit der Handlung von vier bis fünf Personen, ja, der Armeen, ist der 140 Schnelligkeit des Spielers zu danken. Noch hat sich die Bewegung, die ein Kriegsmann zwecks Speerwurfs vollführte, nicht zu Ende bewegt, noch vibriert sein Muskelwerk, da wird er schon von der unglaublich flinken Hand seines Meisters an die Leinwand geklatscht und an seiner Stelle ein neuer Mann ergriffen.

Dabei ist die Drahtzieherei nicht alles, was der Künstler zu besorgen hat, er spricht für alle Mitglieder seines Ensembles, er singt für die von ihm vorgeschobenen Figuren, und nur bei Massenszenen helfen ihm die drei an seiner Seite sitzenden und das Stück seit Generationen auswendig kennenden Musikanten mit Ausrufen. Dieses Orchester ist verhältnismäßig groß, wenn man bedenkt, daß ein einziger Mann die Rollen von hundert Personen, ihren Auftritt und Abgang bestreitet. Aber auch die drei haben zu tun, der kreischende Klang der Chinesengeige, das grelle Zupfen der kreisrunden Laute und der harte Schlag des Gongs füllen die Handlung aus, und selbst dort, wo die beiden Hände des Bühnenmeisters mit dem einer neuen Gestalt beschäftigt sind, entsteht keine tote Stelle.

Im zweiten Stück des Abends hat ein Bambushain in Flammen aufzugehen. Der Waldbrand ist großartig, zu großartig sogar, denn der Bogen Papier, der als Projektionsfläche dient (wenn wir früher von Leinwand gesprochen haben, so geschah es aus der Kino-Terminologie heraus), fing Feuer. Ohne daß das Spiel eine nennenswerte Unterbrechung erlitten hätte, ohne daß er die Handlung stocken ließ, verklebte der Puppenspieler das Loch mit einem Stück Papier.

Er heißt Bai-Ji-Cho. Nachdem er das Zauberstück, 141 das Kriegerstück und eine Burleske vom Jahrmarkt gespielt hatte, die Abendvorstellung zu Ende war, sprachen wir mit ihm. Das Orchester packte die Instrumente ein und brach die Bühne ab. Bai-Ji-Cho legte jedes seiner 200 pergamentenen Bühnenmitglieder einzeln in einen Kartonumschlag, und jeden Umschlag in das entsprechende Fach einer großen Kiste, die wie ein Schrankkoffer eingerichtet war. Der blasse Mond leuchtete ihm zu dieser Arbeit.

Bai-Ji-Cho übt das Gewerbe seiner Ahnen aus. Seit urdenklichen Zeiten hat sich seine Familie vom Yin-Chi, dem Schattentheater, ernährt. Er selbst lernte die Stücke von seinem Vater, sie sind nicht aufgeschrieben, aber fast alle Schattentheater bestreiten ihr Repertoire mit den gleichen Dramen, den gleichen Figuren, dem gleichen Wortlaut der Dialoge.

Ob es noch viele solcher Schattentheater gibt? Vor einigen Jahren waren noch über 120 in Peking, sie besaßen ihre ständigen Plätze in belebten Straßen. Jetzt hat Bai-Ji-Cho nicht mehr als zwei Konkurrenten, und öffentlich wird überhaupt nicht gespielt. Man gibt die Vorstellungen nur in Privathäusern, wenn man bestellt werde.

Nach seinem Tode werde es mit seiner Bühne zu Ende sein, fügt Bai-Ji-Cho hinzu, denn sein Sohn sei Laufbursche in einem internationalen Hotel und lerne die Stücke nicht. Bei den andern beiden Schattentheatern sei es ähnlich.

Wieso das komme, daß von 200 Theaterchen nur noch drei übriggeblieben sind? Die amerikanischen Touristen und die Curio-Händler kauften die Figuren in Bausch 142 und Bogen zusammen. Die Puppenspieler waren froh, auf einmal einen Haufen Dollars zu sehen?.?.?., jetzt sitzen sie an der Straßenecke als Märchenerzähler und sagen die alten Stücke auf ? ohne Musik und ohne Figuren. Vor vielen hundert Jahren haben die öffentlichen Märchenerzähler ihr Gewerbe dadurch ausgebaut, daß sie hinter eine Wand traten und Scherenschnitte bewegten. Heute ist es umgekehrt.

Damit hat Bai-Ji-Cho den letzten seiner Truppe verstaut, schließt den Koffer, er und die Musikanten packen an und ziehen mit dem Zauberspiel von dannen, von dem bald keine Spur übrig sein wird.

Uns wäre während des ganzen Abends nicht eingefallen, diese heitere Spielerei könnte mit der Feststellung enden, daß auch hierher Geld und Snobismus der fremden Kolonialherren ihren Schatten werfen, daß sie China, dem gelben Peter Schlemihl, sogar seinen Schatten abgekauft haben. Seinen schönen, bunten, beweglichen Schatten. 143

 

Waffen sind das große Geschäft

»Hören Sie mir nur auf mit Völkerbund und Politik und Staatsrecht und so, damit kann mich keiner doof machen. Und die ganze Geographie, die ist auch nichts weiter als ein großer Quatsch!«

Nanu, Herr Zunder?

»Sagen Sie mal ehrlich, was heißt denn das: England, Amerika, Frankreich und Deutschland und so? Das sind doch alles nur leere Versprechungen! In Wirklichkeit ist die Welt eingeteilt in die Interessengebiete der Waffenfabriken. Man müßte auf der Landkarte sehen: das gehört Schneider-Creuzot, das gehört Krupp-Essen ? will sagen Bofors-Schweden, das gehört Dupont-Nemours, das gehört Vickers-Armstrong. Dann würde jeder verstehen, was überall gespielt wird.«

Und Shanghai, Herr Zunder? Wohin gehört Shanghai nach Ihrer Erdkunde?

»Shanghai ist ein Sauhaufen. Wenn hier nur eine Waffenfabrik vertreten wäre statt hundert, dann wäre es kein Sauhaufen.«

Welche Fabrik würden Sie vorschlagen, Herr Zunder?

»Na, erlauben Sie mal ? selbstverständlich den 144 Konzern, für den ich arbeite. Ein anderer kommt ja hier gar nicht in Frage.«

*

Wundert man sich darüber, daß Herr Zunder für einen Rüstungskonzern arbeitet? In Shanghai ist jeder Ex- und Importeur mit Waffenhandel beschäftigt oder ? um nicht zu übertreiben ? jeder möchte im Waffenhandel beschäftigt sein. Waffenhandel ist politisch und wirtschaftlich die entscheidende Angelegenheit, wenngleich man vergeblich die ganze China-Literatur durchstöbern würde, um auch nur ein einziges Wörtchen darüber zu finden. Ebensowenig wird darüber gesprochen, außer wenn die Beteiligten ganz unter sich oder mit jemandem beisammen sind, von dem sie voraussetzen, er habe Lieferungen zu vergeben.

Diejenigen, die sich als die Erbeingesessenen, als »Old Chinahands« aufspielen, seufzen über die unbestreitbare Tatsache, daß die vergangenen Zeiten vergangen sind. Außerdem beschweren sie sich über die unseriösen Außenseiter: »Sehen Sie, früher hat der Exporteur seine Transporte schön selbst begleitet bis zur Übernahme. Da konnte er natürlich den Inspektionen, den Zollbeamten und den Behörden ganz anders gegenübertreten als irgendein Schiffsangestellter. Erinnern Sie sich zum Beispiel an den alten Holfeld? Der ist während des russisch-japanischen Krieges durch jede Blockade durchgekommen. Einmal haben sie ihm die Fracht doch weggenommen, da ist er bis zum Schiedsgerichtshof im Haag gegangen und hat seine Sache gewonnen. Aber heute? Was hat denn das Schiffspersonal 145 für ein Interesse daran, mit der Ware durchzurutschen?«

Manche tun so, als würde heutzutage nicht genug verdient, obwohl wahrhaftig noch genug verdient wird; sie tun so, als ob sich die Usancen gegen ehedem geändert hätten, obwohl sich die Usancen wahrhaftig gar nicht geändert haben.

»Ja damals, damals wurde die Bestellung im voraus bezahlt, und dann ließ man das Schiff an einer vereinbarten Stelle notlanden, wo es vom Feind des Käufers ?überfallen? werden konnte. Der Feind nahm die Waffen an sich und bezahlte sie ? so wie es vorher ausgemacht war. Heute wollen die Chinesen alles c. i. f. geliefert haben, die Kerle sind ganz verdorben, es ist höchste Eisenbahn, daß hier Ordnung gemacht wird.«

Herr Zunder behauptet, die fremden Agitatoren hätten den Kantonesen Waffen gegeben. »Das haben sie nur gemacht, um die Revolution zu stärken, glauben Sie mir. Niemanden haben sie daran verdienen lassen und selbst nichts daran verdient. Hat das schon jemand gehört, daß man Waffen hergibt, ohne was zu verdienen?.?.?.?«

Nee, das hat noch niemand gehört.

*

Wie gesagt, Waffen sind auf dem Shanghaier Markt seit langem ein ausgesprochen gängiger Artikel. Schon die seligen Portugiesen kamen eigentlich her, um Silber zu verkaufen, jedoch die Chinesen wollten lieber Pulver und Blei, weil man sich mit Pulver und Blei immer wieder alles Silber zurückholen kann. Die frommkatholischen Portugiesen verlangten für einen guten Mörser 146 außer den entsprechenden Quanten von Tee, Seide und Porzellan nicht weniger als 1200 Stück Heiden zwecks Taufe. Im Kriegsmuseum, auf dem Hügel Kudan in Tokio, sieht man die alten christlichen Kanonen mit Kruzifixen und frommem lateinischen Spruch und Datierung »fecit a. d. 1550« ? von den Japanern und Chinesen, die dafür zum Christentum übergetreten wurden, gibt es heute in keinem Museum eine Spur mehr. Dennoch blieb Taufe als Zahlungsmittel für Waffen jahrhundertelang wertbeständig. Während des Taiping-Aufstands trat der Marschall Lin-A-Fu mit 3000 Mann gegen Lieferung von Kanonen zum Katholizismus über, und zwei andere Führer der Aufständischen, Li-Je-U und Tsen-A-Lin, proklamierten eine Art von christlichem Glauben, wofür ihnen die Missionare Gewehre verschafften. Später allerdings wurden diese Neu-Christen von den Europäern verraten und durch eine Bande englischer und amerikanischer Sträflinge (»the ever victorious army«) zugunsten der heidnischen Mandschu-Dynastie niedergerungen.

*

Die Anwälte der Fremdherrschaft über China weisen auf Shanghai hin: Wir sind es, die einen sumpfigen Winkel am Whangpoo zur stolzen Großstadt gemacht haben, und es beweist die Minderwertigkeit der Chinesen, daß sie diese Tatsache nicht dankbar anerkennen.

Als ob ohne die Diktatur der Fremden die Erfindung des Dampfschiffs und der Eisenbahn nicht nach China gedrungen wäre! Als ob sich nur in China keine Industrie entfaltet hätte! Als ob der Imperialismus von 147 seinen Segnungen nur den chinesischen Markt ausgeschlossen hätte! Als ob sich nur die japanischen Küstenstädte ohne fremde Mächte zu Emporen des Handels entwickeln konnten, nicht aber die des Weltreichs China! Als ob der einst angeblich sumpfige Winkel nicht das Mündungsgebiet des »Kaisers der Ströme« wäre, des 1000 Meilen lang schiffbaren einzigen Weges zu einem Zehntel der Menschheit! Als ob hier nicht in der Zeit der Dampfschiffahrt unter allen Umständen ein Welthafen entstehen mußte!

Soll etwa das Chinesenvolk für die Wolkenkratzer und Villen dankbar sein, die sich die Fremden von seinem Geld und mit seinem Blut erbaut haben, und in deren Schatten Chinesen Hungers leben und Hungers sterben? Sollen sie die Bankgebäude preisen, in denen sie die Boxer-Indemnität und die andern Tribute abliefern? Verlangt von einem Delinquenten, daß er die Solidität des Galgens lobe, an den er geknüpft wird. Führt den letzten Manhattan-Indianer, den Letzten seines von den Fremden gejagten, getöteten, ausgerotteten Volkes vor die Stadt New York und heischt seine bewundernde Anerkennung für das, was die Mörder seiner Heimat aus seiner Heimat gemacht haben.

Die amerikanischen Yankees haben die Urbevölkerung Amerikas nur gejagt, getötet und ausgerottet. Die asiatischen Yankees haben die Urbevölkerung Chinas am Leben gelassen, um aus ihr Konzessionen und Kontributionen, Indemnitäten und Realitäten herauszupressen, aus ihr einträgliche Objekte für Opium und Morphium, Korruption und Prostitution zu formen, aus ihr Zugtiere und Haustiere und Arbeitstiere zu machen, ihre 148 Kinder an Kinder-Spinnmaschinen zu stellen und ihren Boden zu besetzen. In den inneren Kämpfen, den Bürgerkriegen, haben die Fremden stets die Partei der einheimischen Unterdrücker genommen, nachdem sie beiden Seiten für gutes Geld Waffen geliefert hatten.

Mit den Waffen und an den Waffen wurde verdient. Die Muse Klio hat, wenn sie die Geschichte der Shanghaier Fremdenbezirke schreibt, nur Ordres zu buchen.

Am ersten Tag seines Aufenthaltes im neuen Vertragshafen Shanghai erledigt der Erste Konsul Frankreichs sein erstes Konsulargeschäft: der französische Kaufmann J. Aroné in Firma »Bac, Aroné et Cie.« wollte im Dezember 1848 seine Ware in einem Hotel Shanghais deponieren ? 200 Kisten mit Gewehrpatronen und Pulver für Kriegszwecke, und da der Hotelier das nicht zuließ, wurde die Intervention des eben eingetroffenen Monsieur de Montigny, Konsuls von Frankreich, notwendig.

Dieses ereignete sich noch im Britischen Settlement, aber bald wurde durch einen Grundstückskauf des Franzosen D. Rémi die Französische Konzession geschaffen. Monsieur Rémi, solchermaßen der Gründer der Französischen Konzession, schob Waffen und konnte dieses Geschäft um so großzügiger fortsetzen, als er Schwiegersohn des Konsuls wurde und sich de Rémi-Montigny nannte. In der gleichen Branche waren die amerikanischen Konsuln tätig. Mister Griswold, Konsul Amerikas, betreibe Waffenschmuggel, klagt der Schwiegervater des Waffenschmugglers Rémi in heftigen Worten am Quai dOrsay. Daraufhin wendet sich Frankreich an Amerika, Griswold muß gehen, sein Nachfolger wird 149 Mister Cunningham, der in seiner Eigenschaft als amerikanischer Konsul in den Taiping-Kriegen dem Vertreter des Kaisers mit Rat und Tat beisteht, jedoch in seiner Eigenschaft als Chef des Handelshauses »Russel & Cie,« den Aufständischen Waffen und ganze Kriegsschiffe verkauft.

Ein solches Doppelspiel sei unerhört, sagt Monsieur Edan, Stellvertreter von Montigny, in seinem Bericht nach Paris, indes nebenan Monsieur Rémi-Montigny Kanonen in Partien zu 500 Stück sowohl an den kaiserlichen Tao-Tai als auch an die Rebellenführer liefert.

Überhaupt sind die Taiping-Kriege die Zeit, da sich die Weißen vom Opium-Export nach China auf den Waffenexport nach China umstellen. Als Shanghai belagert wird (September 1853), sausen die von Monsieur Rémi-Montigny den Taipings verkauften Geschosse in den Garten des Monsieur Rémi-Montigny, platzen vor dem Portal des Konsulats und beschädigen die Kathedrale. Ebenso reell werden die Belagerten von den Waffenhändlern bedient, ? besser ists mit zwei Gegnern ein Geschäft zu machen als mit gar keinem.

An der Reede von Shanghai ankern Schiffe mit vier Sorten von Ladung: »Bibel-Kassetten«, »Pianos«, »Regenschirme« und »Glaswaren«. Die Bibel-Kassetten sind Revolver, die Pianos Kanonen, die Regenschirme Gewehre und die Glaswaren Patronen.

Conte de Salaberry hat ein merkwürdiges Unternehmen gegründet: er rüstet Convoys, bewaffnete Begleitschiffe für Flußtransporte chinesischer Kaufleute, aus. Er selbst fährt mit Waffenladungen für die 150 Taipings nach Ningpo und nimmt soviel Geld ein, daß er eines schönen Junitages 1861 von seinen beiden italienischen Matrosen an Bord ermordet und beraubt wird.

Ein Jahr später, als sich die Fremden daran beteiligen, dem Kaiser von China Stadt und Festung Ningpo wiederzugewinnen, werden sie in Massen niedergemetzelt, und General Staveley macht hierbei die Feststellung, die man im Weltkrieg gemacht hat und noch in manchem Krieg machen wird: »Wenn die europäischen Verbündeten so empfindliche Verluste erlitten haben, so ist dies darauf zurückzuführen, daß die Taipings mit europäischen Waffen glänzend ausgerüstet waren.«

»Die Leute müssen damals ganz schön verdient haben.«

Das glaub ich auch, Herr Zunder.

*

Die Staaten, in die Herr Zunder den Globus eingeteilt wissen will, haben ihre Vertretungen in Shanghai, in Peking, in Nanking, überall. Denn überall sind Generalskriege im Gange, überall Waffen vonnöten.

Vickers-Armstrong hat die Führung, weil England überhaupt die Führung hat. Es hat sie mit den Opiumkriegen errungen und dadurch befestigt, daß es seinerzeit die Leitung des Zollamts übernahm, die Landungsbewilligung »to pass« für englische Waren leichter erhältlich war als für andere.

Aber der Großstaat Schneider-Creuzot (auf seinem 151 Täfelchen im Gebäude der Great Northern fehlt das verräterische Wort »Creuzot«) macht den Engländern Konkurrenz; sein Gesandter, Monsieur Marchand, lenkt den Gesandten des Vasallenstaates Skoda, Pan Hora, der auf Shanghais Kaistraße, dem Bund, amtiert und seinerseits den in Peking residierenden Konsul der Brünner Waffenfabrik, Herrn Laurent, dirigiert. Diese Rüstungsvertreter sind mit der offiziellen Diplomatie eng verbunden.

Als Graf Martel ? Nachfahr Karls des Großen! ? noch Gesandter Frankreichs in Peking war, ließ er die Waffenlieferungen für die ihm genehmen Chinesengenerale von seinem gegenüber, also gleichfalls im Gesandtschaftsviertel amtierenden Schwager Bardacque, Direktor der Banque de lIndustrie, bevorschussen. Am Tag nach dem Waffenstillstand von 1918 plünderte Comtesse de Martel, die Gattin des Gesandten und Schwester des Bankdirektors, an der Spitze einer Abteilung betrunkener französischer Matrosen das Gebäude der Deutsch-Asiatischen Bank, die ihrem Bruder schon lange unangenehme Konkurrenz gemacht hatte. So viehisch, erzählen unparteiische Zeugen, so viehisch wie sich Ihre Exzellenz damals benommen hat, soll man selten Frauen sich benehmen gesehen haben. Graf Martel ist jetzt Botschafter in Tokio, sein Schwager noch immer Waffengeschäftsträger im Pekinger Gesandtschaftsviertel.

So oft auch China ausländische Anleihen aufgenommen hat, so selten hat es dabei Geld bekommen. Man kann doch den Chinesen kein Geld in die Hand geben, nicht wahr? Wenn sie statt dessen zum Beispiel 152 Waffen haben wollen, ? bitte. Zwei Wiener Großbanken, die Niederösterreichische Escompte-Gesellschaft und die Österreichische Boden-Kreditanstalt, schlossen vor dem Weltkrieg drei Anleihen mit China ab unter der Bedingung, daß vom Anleihebetrag bei der Cantiere Navala Triestino Schlachtkreuzer bestellt und bei den Skodawerken in Pilsen armiert werden.

Englische Exportfirmen in Shanghai liefern Tanks und Panzerplatten, französische liefern Geschütze, tschechoslowakische liefern Maschinengewehre, norwegische liefern Sprengstoffe, belgische liefern Revolver, schwedische liefern Scheinwerfer, deutsche liefern Giftgase, amerikanische liefern Schießbaumwolle und Nitrate ? all das offiziell.

Das inoffizielle Geschäft ist mindestens ebenso groß, es hat nicht zu unterschätzende Vorteile. Man kann billiger einkaufen, insbesondere alte Heeresbestände, in die keine Herstellungskosten einkalkuliert werden müssen, und die Käufe bleiben geheim.

»Mehr oder minder natürlich.«

Ich verstehe, Herr Zunder.

*

Nach dem Weltkrieg wurde dessen Inventar auf den Markt geworfen, die Angebote unterboten einander, die Vertreter der Rüstungskonzerne waren in ihrer geschäftlichen Existenz bedroht, politische und kaufmännische Konflikte häuften sich. Und da jede Waffenfracht, ob sie nun einem nordchinesischen oder einem südchinesischen Kriegsherrn geliefert wurde, schließlich doch immer wieder bei den Revolutionären 153 landete, zu denen die Soldaten überliefen, begannen sich die Vertretungen der Mächte unbehaglich zu fühlen. Wer konnte gewährleisten, daß die Kantonesen sich damit begnügen würden, gegen die konationale Bourgeoisie, gegen die Armeen der chinesischen Bankiers und Generale zu kämpfen, wer konnte gewährleisten, daß der Bürgerkrieg nicht eines Tages auch die Fremdherrschaft bedrohen werde mitsamt ihren selbstgeschaffenen heiligen Rechten der Unantastbarkeit?.?.?.? Jedes Gewehr, jede Patrone in Chinesenhand vergrößerte die Gefahr.

1919 unterzeichneten auf Anregung des amerikanischen Gesandten in Peking die Großstaaten eine Vereinbarung, derzufolge ihren Staatsbürgern »bis zur Einsetzung einer stabilen Regierung für ganz China die Einfuhr von Waffen, Munition und Herstellungsmaterial in dieses Land verboten wird«. Dem »Arms-Embargo-Agreement« wurden später Italien, die Niederlande, Dänemark und Belgien beigezogen ? ausgeschlossen blieb Deutschland, das damals noch als Vaterland der Hunnen galt und deshalb nicht vertragsberechtigt sein durfte.

Aber die verschobenen und unverschobenen Restbestände des Weltkrieges konnten nirgends fröhlichere Urständ feiern, als auf dem großen Bürgerkriegsschauplatz China. War eine solche günstige Verwendung durch diese Vereinbarung über den Nichtwaffenhandel nicht gestört? Gestört? Wieso? Gentlemen wissen ein Gentlemen-Agreement auszulegen. So zum Beispiel: als die Truppen von Wu-Pei-Fu mit britischen Stahlhelmen ausgerüstet wurden, erklärten die Engländer seelenruhig, diese Helme seien den Chinesen nur zu dekorativen Zwecken, nur für die Parade verkauft worden. 154

Vickers-Armstrong lieferte 140 Flugzeuge nach Peking, er lieferte sie zu Zivilzwecken, was konnte die ahnungslose Firma Vickers-Armstrong dafür, daß die Armee die Aeroplane übernahm?

Die Japaner versorgten Tschangsolin mit Schützengrabenkanonen, Mörsern und Artilleriemunition. Bei einem Prozeß in Shanghai wurde festgestellt, daß der höchste Funktionär des Internationalen Settlements, der Amerikaner Fessenden, als Agent für die Waffenkäufe Tschangsolins tätig gewesen war.

Natürlich war es nicht angenehm, wenn Sachen ruchbar wurden, die der Laie, d. h. der Nicht-Waffenhändler für einen Bruch der Vereinbarung halten konnte. Um solche Mißverständnisse zu vermeiden, schob man die Deutschen vor. Hatten sie doch an dem Waffenverweigerungsvertrag nicht teilgehabt. Sie lieferten zumeist über Tsingtao und verkauften in Tsinanfu. Die Zollausweise für 1924 zeigen, daß 32 Prozent des offiziellen Waffenhandels durch deutsche Staatsangehörige getätigt wurden, über den inoffiziellen gibt es keine Statistik.

»Sie verstehen? Die, die man von der Vereinbarung über den Waffenhandel ausgeschlossen hat, übernehmen die Führung des Waffenhandels.«

Sehen Sie, Herr Zunder, so ist es doch gut, daß Shanghai ein Sauhaufen ist.

»Na ja, Pröstchen!«

*

Es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß sich die ausgeschalteten Händler anderer Nationen die deutsche Konkurrenz ohne weiteres gefallen lassen. Deutschland ist 155 ja das Recht zur Erzeugung und zum Verkauf von Waffen in Spaa und Genf abgesprochen worden.

Man geht also gegen Deutschland vor. Zuerst mit leichter Waffe. Eine leichte Waffe ist zum Beispiel die amerikanische Telegrafenagentur United Press. Sie meldet am 3. Januar 1928, in Tsingtao seien Eisenbahnwagen requiriert worden, um die von Deutschland für General Sun-Tschuan-Fang gelieferten Waffen auf dem Landweg weiterzuleiten. Dazu erfolgt in Deutschland der Kommentar:

»Eine derartige Nachricht einer ernstzunehmendem Agentur muß befremden. Die Vereinigung der deutschen Chinafirmen in Hamburg hat bekanntlich unmißverständlich erklärt, daß ihre den ganzen deutschen Chinahandel umfassenden Mitglieder sich nicht mit Waffenhandel in China beschäftigen. Es ist auch ausgeschlossen, daß die gleichen Firmen, die auf das Ende der Unruhen für die weitere Entwicklung des Handels angewiesen sind, ihre Fortdauer durch Lieferung von Waffen unterstützen.«

Acht Tage später wird der zweite Schuß abgegeben, schon aus schwererem Kaliber. Reuter, die offiziöse britische Telegrafenagentur berichtet aus Tsingtao, dort sei ein norwegischer Dampfer aus Hamburg eingetroffen mit 7000 deutschen Gewehren, 10 Thompson-Maschinengewehren und der entsprechenden Munition an Bord; außerdem habe kurz vorher ein deutscher Dampfer Maschinengewehre und Grabengeschütze in Tsingtao gelöscht. Beide Schiffsladungen seien für die Nordarmee bestimmt. Antwort Deutschlands:

»Diese Meldung ist mit größter Vorsicht aufzunehmen, zumal angesichts der bekannten Erklärung 156 der deutschen Reeder, daß sie keine Waffen an Bord ihrer Schiffe nach China befördern.«

Nun schießt eine ganz große Kanone, der Außenminister der Nankingregierung, Dr. Wu. Er fordert die Beschlagnahme des norwegischen Dampfers »Skule«, der einen der letzten deutschen Waffentransporte nach China brachte, und kündigt an, daß er, nachdem die Untersuchung die Richtigkeit der Angaben über die deutschen Waffensendungen an Tschangsolin und andere Generale bestätigt hat, alle beteiligten deutschen Firmen in China bestrafen werde. Die Nankingregierung habe in Erfahrung gebracht, daß die Pekinger Regierung mehreren deutschen Firmen in Tientsin, Tsinanfu und Tsingtao den Auftrag erteile, in Deutschland für fünf Millionen Dollar Waffen und Munition anzukaufen und nach Nordchina zu schaffen. Die Ladung des norwegischen Dampfers »Skule« sei bereits infolge dieses Auftrags durch eine der deutschen Chinesenfirmen vermittelt und durch ihre Agenten den Vertretern Tschangsolins zugeführt worden.

Im Reichstags-Ausschuß für den Reichshaushalt verliest am 24. Januar 1928 im Laufe einer Rede der kommunistische Abgeordnete Stöcker die Kundgebung Dr. Wus. Reichsminister des Auswärtigen, Dr. Stresemann, beantwortet einen Teil der Stöckerschen Ausführungen, auf die den deutschen Ostasienhandel berührende Erklärung seines chinesischen Amtsbruders reagiert Stresemann mit keinem Wort. Er glaubt einfach den Vorfall nicht, liegt doch die ausdrückliche Erklärung des Ostasiatischen Vereins in Hamburg vor, daß dessen Mitgliedsfirmen keinen wie immer gearteten 157 Handel mit Waffen betreiben. Wäre es möglich, Millionengeschäfte glatt in Abrede zu stellen?

»Hat der eine Ahnung, was hier alles möglich ist!«

Nee, der hat keine Ahnung, Herr Zunder.

»Na, zum Wohle.«

*

Im selben Monat, jenem Januar 1928, haben sich auf dem Gebiet der deutsch-chinesischen Waffenkunde weitere Vorfälle begeben, die nach und nach sogar den Glauben des deutschen Außenministeriums an die Glaubwürdigkeit der Ostasienfirmen erschüttern. Mit einem Zeitungstelegramm beginnt es:

»Kiel, 11. Januar. Im Freihafen von Holtenau hat der norwegische Dampfer »Aker« festgemacht, um Teilladung zu nehmen; eine weitere Teilladung mit Sprengstoffen für Bergbau war nach Wladiwostok bestimmt. Vorgestern trafen aus Halle als Zwischenstation 17 Güterwagen ein, deren Fracht als Maschinen und Maschinenteile deklariert war und vom Dampfer übernommen werden sollte. Als etwa die Hälfte der Ladung an Bord genommen war, wurde bei einer Stichprobe Gewehrmunition festgestellt, worauf die Zollbehörde die weitere Verladung untersagte und den Inhalt der Eisenbahnwaggons beschlagnahmte. Die Munitionskisten waren nach Oslo deklariert, doch ohne Zweifel für China bestimmt. Der Ursprungsort der Munition ist unbekannt, man kann aber wohl annehmen, daß es sich um ausländische Munition handelt ? etwa aus der Tschechoslowakei ? und daß Halle nur als Übergangsort in Frage kommt. Der norwegische Dampfer hat den Kieler Hafen wieder verlassen. Die beschlagnahmte Munition soll in Kiel vernichtet werden.« 158

Anlaß zur Vornahme der Stichprobe war eine Anzeige. Der Mann hatte die offiziellen Dementis über die Waffensendungen in Tsingtao gelesen und schreibt den Behörden: »Ihr irrt euch, meine Herren, wenn ihr glaubt, aus Deutschland gehen keine Waffen nach China. Schaut zum Beispiel nach, was für Maschinen das sind, die der ?Aker? ladet.« Daraufhin müssen die Behörden nachsehen und finden, daß es Maschinen zur Erzeugung von Leichen aus lebendigen Menschen sind. Aber selbstverständlich: ausländische! Offiziös wird ausgegeben:

»Die deutschen Zollbehörden sind offenbar bei der Einfuhr durch die falsche Deklaration getäuscht worden. Munition darf nur dann durch Deutschland durchgeführt werden, wenn sie als solche deklariert ist. Wie wir hören, hält man es für ausgeschlossen, daß deutsche Kaufleute an der Angelegenheit interessiert sein könnten. Denn die deutsche Reichsregierung hat mit dem Verband der deutschen Reedereien und dem Ostasiatischen Verein in Hamburg ein Abkommen geschlossen, das den Mitgliedern dieser beiden dominierenden Vereine die Verpflichtung auferlegt, keine Kriegswaffen und Kriegsmunition in deutschen Häfen zu verschiffen oder auf deutschen Schiffen zu verfrachten. Diese Verpflichtungen sind bisher beobachtet worden, so daß nur ein Außenseiter oder ein Ausländer sich über sie hinweggesetzt haben könnte.«

Ob es nun die Zollbehörde ist, die wegen des Vorwurfs getäuscht worden zu sein bekanntgibt, daß die Ware nicht ausländischen, sondern deutschen Ursprungs ist und von einer Verschrottungsfirma in Sübtitz bei Torgau stammt, oder ob ein Konkurrent hinter der 159 Veröffentlichung steht, wer weiß das? Jedenfalls rückt das Wolffsche Telegrafen-Bureau schnell mit der Dementierspritze heran:

»Kiel, 17. Januar 1928 (W. T. B.). In Sachen der Munitionsbeschlagnahme im Kieler Hafen führt, dem Vernehmen nach, die Staatsanwaltschaft in Verbindung mit der Kriminalpolizei in Halle gegenwärtig die Untersuchung in Halle und Torgau. Absender und Empfänger der Sendung waren bis jetzt nicht in Erfahrung zu bringen.«

Wie? Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei sollen nicht imstande sein, Absender und Empfänger eines siebzehnwaggonigen Eisenbahnzugs und einer Schiffsladung von 300 Tonnen festzustellen? Die Presse hilft den Behörden, sie teilt mit, daß die Firma Daug & Co., Berlin, Potsdamerstraße, Absenderin, und die Speditionsfirma Schenker & Co. Versenderin ist, die Lieferung unter dem Namen der Metall- und Schrottfirma Max Heymann, Berlin, Budapesterstraße ging. »Diese Firma soll mit der Abwicklung solcher Geschäfte vertraut sein und in einflußreichen Kreisen die in Betracht kommenden Beziehungen haben.« Gemeint sind, wie das »Berliner Tageblatt« am 20. Januar sagt, gewisse Stellen der Seetransportabteilung in der Marineleitung, die kurz vorher durch einen Korruptionsskandal, die Phöbus-Affäre, die Öffentlichkeit beschäftigt hat; beteiligt an der Kieler Waffenschiebung seien Oberregierungsrat Beuster von der Seetransportabteilung und Leutnant Protze.

Reichsaußenminister Dr. Stresemann erwidert auf Anfrage des Abgeordneten Stöcker, er habe eine vom 160 Admiral Zenker unterfertigte Erklärung erhalten, daß keine Reichsmarinestelle etwas mit der Waffenlieferung an China zu tun habe.

Abgeordneter Stöcker (K. P.): »Wenn der Reichsaußenminister glaubt, mit dieser Erklärung die Sache aus der Welt geschafft zu haben, dann ist er im Irrtum. Die Erklärung ist nur die Bestätigung dessen, was ich vorher erklärt hatte. Niemand hat behauptet, daß eine Marinestelle als solche dabei beteiligt sei, vielmehr ist gesagt worden, daß führende Herren der Marine daran beteiligt seien. Zu dieser Behauptung aber schweigt der Admiral Zenker. Das ist die Bestätigung meiner Anklage. Weshalb schweigt Zenker zu der konkreten Behauptung, daß führende Herren der Marineleitung beteiligt seien?«

Reichsminister des Auswärtigen, Dr. Stresemann: »Ich muß doch erklären, wenn mir als Minister gesagt würde, Mitglieder meines Amtes seien in einer solchen Weise tätig gewesen, und ich gebe die Erklärung ab, daß keine meiner Abteilungen beteiligt sei, dann bezieht sich das auch auf die betreffenden Persönlichkeiten. Ich halte es für ausgeschlossen, die Erklärung des Herrn Admirals Zenker so zu interpretieren, daß hier nur die Abteilungen gemeint seien.«

So gläubig wie Dr. Stresemann würde kein Außenminister sein, der aus dem diplomatischen Korps hervorgegangen ist. Er glaubt der Erklärung des Admirals, wie er den Redereien der Reedereien glaubt. Der Reichswehrminister ist auch nicht viel schlauer.

»Wenn gegen das ?Berliner Tageblatt? von der Marineleitung Strafantrag gestellt worden ist,« erklärt der Wehrminister Gröner am 10. Februar, »so billige ich das vollkommen, weil das die einzige Möglichkeit 161 zur schnellen Aufklärung ist, um die beiden beschuldigten Offiziere, die versichern, nicht daran beteiligt zu sein, vor dem Gericht zum Eid zu bringen. Das Verfahren vor dem Staatsanwalt dauert zu lange.«

Fünf Tage später sagt Gröner, er habe nach der von ihm persönlich angestellten Untersuchung den Eindruck, »daß eine der beteiligten Firmen unter Bruch ihrer Verpflichtungen die ihr zur Verschrottung übergebene Munition nach dem Ausland verschieben wollte. Diese Firma hat einer durchaus vertrauenswürdigen Speditionsfirma vorgetäuscht, daß alles in Ordnung ginge. Die Herren Oberregierungsrat Beuster und Leutnant Protze haben eidesstattlich erklärt, daß sie daran nicht beteiligt seien.«

Eine sehr merkwürdige Untersuchung muß das gewesen sein, diese vom Herrn Reichswehrminister persönlich angestellte Untersuchung. Weder war jemals Verschrottung beabsichtigt, noch kann von einem Bruch der Verpflichtungen die Rede sein, noch ist die Speditionsfirma von der Absenderfirma getäuscht worden. Die beteiligten Firmen antworten öffentlich, sie haben im Reichswehrministerium, Marineleitung, wegen des Transportes angefragt und von Major Danneel die Auskunft erhalten, im Wehrministerium sei von dem Transport nichts bekannt. Leutnant Protze, der mit dem Vertreter der Käuferfirma in Kiel gewesen war, um dort alles für den Transport vorzubereiten, wurde bei seiner Rückkehr nach Berlin von dieser Auskunft in Kenntnis gesetzt. Protze rief bei dem Oberregierungsrat Beuster von der Seetransportabteilung an, und dieser erklärte den beteiligten Firmen, die negative Auskunft sei von einer 162 nichtinformierten Stelle gegeben worden. In einem weiteren Telefongespräch zwischen der Firma Schenker & Co. und dem Oberregierungsrat Beuster wurde der Speditionsfirma von Beuster bestätigt, daß der Transport in Ordnung gehe.

Aus einer Interpellation im Reichstag wird bekannt, daß es sich um Reichswehrmunition handelt. Die gerichtliche Untersuchung geht weiter. Sie dauert anderthalb Jahre. Vom 12. bis 18. Dezember 1929 stehen wegen Vergehens gegen das Kriegsrüstungsgesetz der Major a. D. Seemann, Leutnant Protze von der Spionageabwehrstelle der Marine und die Berliner Kaufleute Schwarz, Taub, Daug, Veltjens und Liening vor dem Erweiterten Schöffengericht in Kiel. Selbstverständlich wird der Prozeß im geheimen Verfahren durchgeführt. Selbstverständlich werden sämtliche Angeklagten freigesprochen. Selbstverständlich werden die Kosten des Verfahrens der Staatskasse auferlegt. Selbstverständlich bleiben sogar bei der Urteilsbegründung Öffentlichkeit und Presse ausgeschlossen.

Der Staatsanwalt legt Berufung ein, und am 12. Juni 1930 beginnt in Kiel die Berufungsverhandlung. Auch diesmal Freispruch sämtlicher Angeklagten nach streng geheimer Verhandlung.

»Na, was denn haben Sie geglaubt?«

Ich hab gar nichts geglaubt, Herr Zunder.

*

Gleichzeitig mit dem norwegischen Schiff und seinen deutschen Waffen in Tsingtao, und gleichzeitig mit dem norwegischen Dampfer und seinen deutschen Waffen in 163 Kiel, segelt ein drittes Waffenschiff in die Öffentlichkeit, eine weit romantischere Fahrt.

Held der Geschichte ist die ganze tschechoslowakische Hochseeflotte, denn wohl läßt Shakespeare in seinem »Wintermärchen« Böhmen am Meer liegen, aber da die gegenwärtige Geographie hierin mit Shakespeare nicht übereinstimmt, hat bisher noch kein anderes tschechoslowakisches Schiff so kriegerische Gefahren auf hoher See bestanden.

In Manila begann es, nicht im Prager Moldauhafen Manina, sondern im Hafen Manila auf der Philippineninsel Luzon. Dort ankerte anfangs Januar 1928 ein 2000-Tonnen-Dampfer, auf dessen Bug in funkelnagelneuen Goldlettern der Name »Praga« prangte, und auf dessen Topp eine weißrote Flagge mit blauer Gösch wehte. Es hatte deutsche Besatzung, einen deutschen Kapitän, 90.000 Gewehre mitsamt entsprechender Munition und ein Panzerauto an Bord. In Manila wollte es weiter nichts, als Kohle nehmen, und dann friedlich nach China weiterfahren.

Aber wie das schon so geht im Hafenleben, zwei Mann der Besatzung betranken sich in einer Seemannskneipe und erzählten, was für eine interessante Fracht in ihren Ladeluken geborgen sei.

Dieses Gespräch, so ist das nun einmal mit den Gesprächen in den Hafenkneipen, erfuhr der politische Agent der Nankinger Regierung und verlangte vom philippinischen Zollkontrolleur und vom Gouverneur, man möge diese für Tschangsolin bestimmten Waffen mit Beschlag belegen. Das wurde verweigert, und so depeschierte er seiner Regierung, die ein Kanonenboot, den 164 »Tiger« entsandte, um die »Praga« auf hoher See zu kapern. Tschangsolin, von dem Pekinger Gesandten der Brünner Waffenfabrik, Herrn Laurent, benachrichtigt, schickte seinerseits ein Schlachtschiff zur Sicherung des Transportes aus, und eine Seeschlacht im Pazifik stand unmittelbar bevor.

Ehe das Schutzschiff herangekommen war, lichtete die »Praga« bei Nacht und Nebel Anker. Sie jagte davon, der »Tiger« zähnefletschend hinter ihr her. 600 Meilen vor Shantung erhielt die »Praga« von ihrem Verfolger durch Funkspruch die Aufforderung, sofort zu stoppen, widrigenfalls sie beschossen werde. Die »Praga« stoppte nicht, und der Feuerüberfall begann. Mit knapper Not, heiler Haut und ohne Atem lief die »Praga« in Tsingtao ein.

Die englischen Blätter, schon damals auf Seite Tschangkaischeks, sowie die Kuomintang-Presse entfesselten eine antideutsche Kampagne. Die »Praga« sei ein deutsches Schiff namens »Hedwig«, deutsch sei die Bemannung, in Hamburg sei es verladen worden und in Hamburg ausgelaufen. Nur durch eine Erklärung der tschechoslowakischen Waffenwerke in Brünn wurden die deutschen Geschäfte in China vor der angedrohten Schließung bewahrt. Denn aus dieser Erklärung ergab sich, daß wenigstens die Ladung kein deutsches Fabrikat war. Ende September waren die Gewehre in 30 Waggons aus Brünn nach Hamburg befördert, mit einer Million Dollar versichert und von der Reederei Schröder, Hoelten & Fischer übernommen worden, der Weitertransport wurde von der Firma Petz in Hamburg besorgt. Da das Bestimmungsschiff noch nicht eingetroffen war, blieb die 165 Waffensendung länger als 14 Tage in Hamburg eingelagert. »Um Unfälle zu vermeiden,« wurden die Waffen von einem Polizeiaufgebot überwacht. Nach Einlaufen des Schiffes »Hedwig«, das der Reederei Schröder, Hoelten & Fischer gehörte, wurde die Waffensendung verladen und der Dampfer ging in den Besitz eines Prager Kaufmanns, Ing. Vestak, über; unter dem Namen »Praga« wurde er in das tschechoslowakische Schiffsregister eingetragen, so daß er vom Hamburger Hafen bereits mit tschechoslowakischer Flagge ausfahren konnte.

Es kam noch zu einem kurzen Nachspiel zwischen Großbritannien und der Tschechoslowakei. In Beantwortung einer Anfrage erklärte Sir Austen Chamberlain im Unterhaus, der britische Gesandte in Prag habe bei der tschechoslowakischen Regierung Vorstellungen erhoben, sie möge keine Bewilligung für Waffenausfuhr nach China erteilen. Minister Dr. Benesch habe daraufhin mitgeteilt, die Tschechoslowakei könne keiner Vereinbarung, die die Waffenausfuhr nach China verbietet, beitreten, es sei denn, daß ein solches Abkommen für alle Staaten in gleicher Weise verbindlich sei.

So können die Tschechoslowaken antworten, sie sind außerhalb des Gentlemen-Agreements geblieben, nicht weil man ihnen etwa absprach Gentlemen zu sein, sondern weil man ihnen absprach eine seefahrende Nation zu sein. Gut, sie kaufen von den Deutschen, die umgekehrt eingeschätzt wurden, ein Schiff zum Transport der aus ihren von Frankreich kontrollierten Rüstungsfabriken stammenden Ware. Und wenn sie England zur Rede stellt, so können sie antworten, wie sie lustig sind. 166 Das kann Deutschland nicht, es ist vertraglich verpflichtet, entwaffnet zu sein.

Aber sein Auswärtiges Amt kann langsam zu ahnen beginnen, daß die deutschen Firmen doch nicht so ganz unbeteiligt am chinesischen Waffengeschäft sind, wie sie vorgeben. Deshalb schreibt Dr. Schubert, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, einen Brief an den Ostasiatischen Verein in Hamburg, darin er wörtlich sagt, er »erkenne an, daß die Mitgliedsfirmen des Ostasiatischen Vereines in Erfüllung ihrer im April vorigen Jahres dem Auswärtigen Amt gegenüber übernommenen Verpflichtung, Verschiffungen von Kriegswaffen nach China von deutschen Häfen aus und auf deutschen Schiffen unterlassen haben. Im Hinblick auf die politischen Verhältnisse in China sehe ich mich aber veranlaßt, die deutschen Chinafirmen vor der Beteiligung an Waffenlieferungen nach China, auch auf andern Wegen, nachdrücklich zu warnen.«

Und damit war wohl der deutsche Waffenhandel in China zu Ende, Herr Zunder, nicht wahr?

»Hahaha, hahaha, hahaha, ha?.?.?.«

*

Hausse! Hausse! Krieg in der Mandschurei, Krieg in Shanghai! Hausse! Vor hundert Jahren haben sich in Europa immerhin Stimmen erhoben, um aus Gründen der Menschlichkeit zu protestieren gegen die von den Europäern erzwungene Einfuhr von Opium nach China. Gegen den Waffenhandel wird, wie wir eben gelernt haben, teils aus Konkurrenzgründen, teils deshalb eingeschritten, weil man handelspolitische Folgen 167 unliebsamer Art befürchtet. Wo sich aber ein entsprechender Profit ohne politischen Schaden erwarten läßt, wird die zur Verschrottung der Mitmenschen bestimmte Sendung der Verschrottungsfirmen zu einem ordnungsgemäßen Geschäft, wird die norwegisch-tschechoslowakisch getarnte Schiebung zu einer deutschen patriotischen Tat, werden die Organe des Kriegsministeriums zu Handelsagenten, wird die Gesetzesverletzung mit solennem Freispruch quittiert.

Nur der Freispruch wird öffentlich verkündet, sonst ist bei diesem Geschäft alles geheim, alles getarnt, vernebelt, vergast, falsche Erklärungen werden abgegeben, mit falscher Deklarierung, mit falscher Angabe des Absenders, mit falscher Angabe des Bestimmungsortes und unter falscher Flagge wird das Handwerkszeug des Mordens auf seinen Platz geschickt.

Alles geht zu den Feinden des chinesischen Volkes. Haben wir nicht die 19. Armee in Nanking wiedergesehen, sechs Wochen nach ihrem Abzug aus Shanghai, und sie nicht wiedererkannt?! Waren sie zu Shanghai mit vorsintflutlichen Stockflinten nach Wildererart und in Lumpen gehüllt dem japanischen Imperialismus gegenübergestanden, so marschierten sie jetzt in der schönen, in der neuen, in der grauen Felduniform mit Thermosflaschen, Lederkoppel und funkelnagelneuen Gewehren und Revolvern und Kanonen gegen ? gegen wen? Gegen den inneren Feind.

Wir verdanken den Arbeiterkorrespondenten die Mitteilung, wohin die Ware geht: nach Hongkong, in die britische Kron-Kolonie, nach Tsingtao, wo die Nordgenerale hausen, nach Dairen, wo Japans Flottenbasis 168 ist, und nach Shanghai, wo am Ufer und auf dem Fluß alles bis auf die Zähne bewaffnet ist, mit Ausnahme des chinesischen Volkes.

*

Sagen Sie, Herr Zunder, werden denn an die chinesischen Sowjetgebiete keine Waffen aus Europa geliefert?

»Nein, das geht ja gar nicht. Die Roten haben keinen einzigen Hafen. Die sind vollständig zerniert.«

Wenn sie einen Hafen hätten, dann wären sie wohl sehr im Vorteil?

»Im Gegenteil. Wo die europäischen und amerikanischen Kanonenboote hinkommen könnten, würden sie Truppen landen oder die Roten mit Schiffsgeschützen zusammenschießen.«

Aber woher nehmen die Roten Waffen?

»Sehn Sie, das ist so. Wenn einer von den Regierungstruppen überläuft, so machen das die Roten ganz schlau mit ihm. Sie stecken ihn mit ihren Soldaten zusammen und die reden auf ihn ein, von Kapitalismus und so, ? na, man kann sich schon denken, was sie ihm da vorerzählen. Dann kriegt der Mann fünf Dollar für das Gewehr und wird zurückgeschickt.«

Zurückgeschickt?

»Das ist es ja. Am nächsten Tag kommt der Kerl natürlich wieder zu ihnen und schleppt so viele Gewehre mit, wie er tragen kann. Außerdem bringt er womöglich einige Kameraden mit.«

Traurige Verhältnisse, Herr Zunder, traurige Verhältnisse! 169

»Wie mans nimmt. Je mehr Gewehre die Weißen so verlieren, desto mehr können wir nachliefern.«

*

Die amerikanischen Arbeiterkorrespondenten haben im New-Yorker »Daily Worker« (Juni bis August 1932) geschildert, wem und wie die auf Rüstungsindustrie umgestellte Nähmaschinenfabrik Singer-Plant in New Jersey liefert, wie im New-Yorker Hafen japanische »Zivilisten« die Einlagerung der für hundert Millionen Dollar »für China« gekauften Bombenaeroplane überwachen.

Was an der Unterelbe, im Pulverhafen bei Brunshausen verladen wird, schreiben die Arbeiterkorrespondenten der »Hamburger Volkszeitung«: Jeder nach China segelnde Dampfer nimmt 400?700 Tonnen hochwertiger Sprengstoffe, Sprenggelatine, Sprengkapseln, Nitroglyzerin, Schwarzpulver, rauchloses Pulver, Gewehr-, Revolver- und M.-G.-Patronen. Die Dynamitfabrik Krümmel bei Geesthacht (ehemals Besitz Alfred Nobels, jetzt I. G. Farben) bringt die Fracht mit Kähnen und Leichterschuten an die Ostasiendampfer heran. Aus England kommt Sprengstoff auf Dampfern, die an den deutschen Überseeschiffen längsseits gehen und überladen.

Auf der Wasserumschlagstelle Hamburg-Hamm werden Waffen und Munitionskisten von Skoda aus plombierten tschechoslowakischen Waggons auf Mietschuten abgesetzt und zu den Ostasiendampfern geschafft; auf den Begleitzetteln der Munitionskisten steht: »Für die Kommission durchgeführt von der Wirtschaftsliquidation R. L. in Prag II., Am Florenz 5.« (R. L. bedeutet 170 Ruski Legie, d. h. die tschechoslowakischen Legionen, die in Rußland unter Koltschak gekämpft haben.)

Zoll- und Polizeibehörden sind dauernd an Bord, unter ihrer Aufsicht werden die Dampfer der Rickmerslinie Tag und Nacht mit Munition verladen, in solcher Hast, daß die Schauerleute sieben Schichten hintereinander machen müssen, je vier Stunden Arbeitszeit und eine halbe Stunde Pause, und oft mit der Munitionskiste in der Hand vor Müdigkeit umsinken.

Werden nun diese »legalen Handelswaren«, diese »lediglich für ostasiatische Bergwerke bestimmten Sprengstofflieferungen« in China auch legal gelöscht? Nach der Schilderung eines Rickmers-Matrosen spielt sich der Vorgang auf dem Pazifischen, aber gar nicht pazifistischen Ozean so ab:

»Von der See aus unsichtbar zwischen unbewohnten Inseln wurde vor Anker gegangen. Wir alle waren erstaunt, wußten nicht, was dieses zu bedeuten habe. Ein Flaggensignal wurde gesetzt und stand ungefähr fünf Minuten, dann wurde es wieder eingezogen. Es war totenstill um uns her. Nach ungefähr einer Stunde kam ein in ein Kriegsschiff umgewandeltes Kauffahrteischiff mit der Kriegsflagge Chinas in Sicht, dieses machte nach längerem Manövrieren längsseits von der ?R. C. Rickmers? fest. Ein europäisch gekleideter Chinese, begleitet von Matrosen, kam bei uns an Bord und unterhandelte mit dem Kapitän. Wir sollten nun auch bald erfahren, was gespielt wurde. Der zweite Steuermann Böhmer kam zu den Matrosen, wir sollen die Kisten von Luke 1 löschen, wir bekämen von dem europäischen Chinesen pro Mann sieben mexikanische Dollar. Die Arbeit dauerte ungefähr drei Stunden. Mit diesem Teil der Ladung 171 waren die Waffen und Munition noch nicht alle. Bevor wir Shanghai anliefen, wurde der Rest der Konterbande in der Nähe von Wusung in Leichter gelöscht.«

Es war eine große Zeit des Waffenschmuggels, dieser Winter 1931/32, in dem in der Mandschurei und in Shanghai der unerklärte Krieg vonstatten ging. Da brach, nachdem die 19. chinesische Armee wider den Willen der Nankingregierung dem japanischen Vorstoß Halt geboten hatte und es zum Waffenstillstand gekommen war, die Völkerbundspolitik aus: Japan und China mögen sich vertragen und wenigstens formal ein Abkommen über die Mandschurei treffen, damit der Völkerbund nicht das Gesicht verliere, und Japan bald den Vorstoß gegen die Sowjetunion führen könne.

Alles schön und gut, aber was fängt man mit den Waffen an, die bestellt wurden und über den Pazifik nach China rollen? Wer schafft den Waffensegen vom Hals?

In einer Ecke des Cathay-Hotels sitzt Monsieur Marchand, der bei Tag den großen französischen Waffenkonzern vertritt und bei Nacht im »Casanova« Champagner trinkt, mit Herrn Kornwalzer, der bei Tag den großen deutschen Maschinenkonzern vertritt und bei Nacht für sich Waffengeschäfte macht. Viel haben die beiden Erbfeinde miteinander zu flüstern und zu rechnen.

Am Abend desselben Tages trifft sich Herr Kornwalzer im oberen Zimmer des deutschen Restaurants in Bubbling Well Road mit deutschen Exporteuren und dem trinkfesten und seetüchtigen Kapitän Moser.

Die kleinen Schwertfische bekommen Lieferungsaufträge, deren Besteller sie nicht kennen. »Verfrachtet 172 die Ware und führt sie aus, oder wenn sie noch nicht da ist, dirigiert sie unterwegs um.«

»Wohin?«

»Nach Wladiwostok.«

»Wie? Den Sowjetrussen?«

»Fragt nicht so viel!«

Das geht nur die großen Shanghaifische etwas an. Die Waffen, die China gekauft hat, gehen »nach Wladiwostok«. Gingen sie nach Japan, dann würden die radikalen Zeitungen Zeter und Mordio schreien, daß man Kriegsmaterial aus dem Lande ziehe und dem Feind liefere. Also schwimmt es eben »nach Wladiwostok«. Kapitän Moser weiß schon. Niemand kann dafür, wenn unterwegs in einem japanischen Hafen eine plötzliche Notlandung vorgenommen werden muß, niemand kann dafür, wenn die Japaner Schiff und Ladung kapern, Krieg ist Krieg, was wollt ihr denn? Glaubt ihr, wir tun das den Japanern zu Gefallen? Braucht Japan unsere Waffen? Wißt ihr denn nicht, daß die japanische Firma Mitsui (49, Szechuen Road) noch vor Jahresfrist Waffen an China verkauft hat? Nun also! (Daß Japan jetzt ein Interesse daran hat, Waffen aus China herauszuziehen, braucht man doch nicht jedem Kuli auf die Nase zu binden.)

So kommt es wieder zu Ehren, das alte, ehrliche Prinzip der Shanghaier Waffenschieber: niemals hat der Adressat die Ware zu erhalten, sondern immer sein Gegner.

Ist doch alles allright, Herr Zunder, ich weiß gar nicht, warum Sie eigentlich Shanghai einen Sauhaufen nennen?

»Na, zum Wohle.« 173

 

Das Irrenhaus

Freunde, knallt mich nieder, wenns mit mir so weit ist! Freunde, knallt mich nieder, wenns mit mir so weit ist, und sollte man euch zur Verantwortung ziehen, so weist auf diesen Bericht und diese ausdrückliche Bitte hin, durch die sich eure Tat nur als mein Selbstmord von fremder Hand darstellt. Freunde, wenns mit mir so weit ist, knallt mich nieder wie einen tollen Hund. »Wie einen tollen Hund?.?.?.?« Ein toller Hund stellt noch eher ein Porträt seines früheren Selbst, seiner früheren Natur dar, als ein tollgewordener Mensch!

Warum das alles, warum? Quälend und unentrinnbar verfolgt dich dieses Wort »warum«, stellt sich dir in den Weg. Warum macht man nicht kurzen Prozeß mit Menschenleben, die keine mehr sind und keine mehr werden können, warum läßt man diese Wesen sich besudeln, sich verstümmeln, sich in Krämpfen winden, sich in unweckbaren Apathien verlieren, warum läßt man sie hungern, brüllen, um sich schlagen?

Dem, der europäische Irrenanstalten kennt mit ihren Korridoren der Tobsüchtigen, mit ihren Gummizellen, mag es unvorstellbar sein, daß es unter andern Himmelsstrichen schlimmer sein kann. Wer je ein Irrenhaus in 174 China sah, weiß es anders. Wenn ihr nicht wollt, müßt ihr nicht weiterlesen, dieses Buch hat Kapitel genug.

Wir waren im »Haus der Dämonen«. So nannten es die Leute, die wir in der Nähe des Pekinger Nordwesttors nach der Irrenanstalt fragten. Offiziell heißt sie Fong-Jen-Ju-Jüan und ist eine polizeiliche Gründung, ein Gewahrsam für gemeingefährliche Irre, der Anlage nach vom Pekinger Polizeigefängnis nicht unterschieden. Ein Yamen, ein geschlossener Komplex ebenerdiger, nach innen gerichteter Wohnhäuser umgibt die Höfe.

Ehemals war dieser Yamen an der Stadtmauer ein buddhistisches Kloster. Längst zerstört sind die holzgeschnitzten Zieraten, herausgebrochen die Fensterläden, weder Gitter noch Eisentore oder andere Schutzmaßnahmen wurden angebracht. Gegen Irrenhausflucht schützt man sich durch Wachen. In China ist der Mensch Auto und Kran und Maschine und Brücke und Telegrafendraht, warum sollte er nicht auch Schloß und Gitter und Tor und Alarmglocke sein? Menschen gibt es massenhaft in einem Reich, das überbevölkert ist, weil es unterbewirtschaftet ist. Wachen postieren das Tor und die Türen des wie ein Riegel querstehenden Verwaltungshauses.

Ein Regierungsarzt aus Europa darf eintreten durch die Sperre der uniformierten Mensch-Schlösser und uniformierten Mensch-Tore und uniformierten Mensch-Gitter. Mit den einem Regierungsarzt geziemenden Verbeugungen führt uns der Anstaltsleiter in sein Zimmer. Er ist kein Arzt, doch versteht er von der Psychiatrie ebensowenig wie ein Psychiater.

Über die Dämonen, nach denen wir zuvörderst fragen, 175 fühlt er sich zu lächeln bemüßigt. Gewiß, die Patienten und ihre Angehörigen bilden sich ein, ein böser Geist, gewöhnlich ein chu-li, ein Fuchs, sei in sie gefahren und hause nun in ihrem Leib, aber die heutigen Ärzte Chinas seien sich mit ihren europäischen Kollegen (höfliche Verbeugung) darin einig, daß solche Annahmen wissenschaftlich nicht beweisbar sind.

So weit allerdings (Verbeugung mit bedauerndem Ausbreiten der Arme), so weit können die chinesischen Ärzte nicht gehen, sich der europäischen Hypothese anzuschließen, Geisteskrankheiten hätten etwas mit dem Gehirn zu tun. Geisteskrankheiten sind von manchen Organen des menschlichen Körpers verursacht, insbesondere vom Magen, der Schleim- und Speichelabsonderung, vom inneren und äußeren Feuer(?), jedoch gerade der Kopf stehe keineswegs in irgendeiner Beziehung zum Irresein.

Vielleicht (leichtes Lächeln, Verbeugung) sei dies bei europäischen Patienten der Fall, chinesische Geisteskrankheiten stehen niemals mit dem Gehirn in Zusammenhang.

»Hauptsächlich kommt die Krankheit davon, daß die Atmung in umgekehrter Richtung erfolgt, nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben. Demgemäß behandeln wir die Patienten vor allem durch Stechen.«

(Hier schalten wir eine Erklärung des Stechens ein, das wir in der Ordinationsstunde einer chinesischen Ärztin in Shanghai zu sehen Gelegenheit hatten. Ihr Instrumentarium bestand aus einer Reihe von stricknadellangen Nadeln, deren jede ? Suggestionsmedizin ? in ein besonderes, farbiges Stück Seide eingepackt war. Wir sahen die Behandlung eines achtjährigen Mädchens, das 176 an Erbrechen litt, und die eines jungen Mannes, der über das Schwinden seiner Sehkraft klagte. Die Ärztin starrte die Patienten fünf Minuten lang unverwandt an, dann wählte sie sorgsam die zugeeignete Nadel aus. Ohne sie zu sterilisieren oder überhaupt zu reinigen, stach sie mit sicherer Hand das Kind in den Nabel, den Mann in die Wange. Mindestens drei Zentimeter tief waren die Stiche, das Blut spritzte hervor.)

Diese Art der Accupunctation ist also auch das Um und Auf der chinesischen Psychiatrie. »Außerdem,« fährt der Anstaltsleiter in seiner Erklärung fort, »versuchen wir durch Pillen und Salben die Atmung von oben nach unten zu leiten, wie es sich für eine richtige Atmung gehört.«

Und der Erfolg? Der Anstaltsdirektor zwinkert uns ? sind wir doch ein Regierungsarzt ? ein Augurenlächeln zu, ein schmerzlich umflortes: »Erfolg gibt es bei uns ebensowenig wie bei euch.«

Wer weist die Kranken ein?

»Gewöhnlich sind sie von der Polizei aufgegriffen. Manchmal schickt sie das Gericht, oder die Familie bringt uns einen Angehörigen, weil sie ihn zu Hause nicht mehr zu überwältigen vermag. Wir haben meist arme Leute, die für ihre Verpflegung nicht aufkommen können.«

Wie hoch ist das Budget der Anstalt?

»Oh, es ist sehr klein. Wir bekommen 700 Silberdollar (Mark) monatlich für die ganze Anstalt mit 150 Patienten, 90 männlichen, 60 weiblichen.«

150 Kranke sollen mit 700 Dollar einen Monat lang verpflegt werden?

»Nein, Sie haben mich mißverstanden. Die 700 Dollar sind unser ganzes Budget. Gehälter für mich, die Ärzte 177 und die Pfleger. Was übrig bleibt, ist für die Verpflegung der Kranken.«

Das macht für den Patienten ungefähr?

»Das macht für den Patienten ungefähr sechs Cents (Pfennig) pro Tag.«

Sechs Cents! Und die Beamten?

»Wir sind sehr schlecht bezahlt und werden in der Anstalt verpflegt.«

Man kann sich denken, daß das Essen der armen Angestellten auf Kosten der armen Patienten geht, ihrer Sechs-Pfennig-Kost abgezwackt wird. Was bekommen die Patienten zu essen?

»Brot und Gemüse.«

Wir sehen später das »Brot« und das »Gemüse«: ein zitronengelbes, zitronenförmiges Stück gegorenen Maismehls und einen ungesalzenen Pflanzenstengel, wie ihn der Straßenhändler in den Abfall wirft.

»Was wollen Sie,« sagt der Chinese zu seinem stirnrunzelnden Kollegen aus Europa, während wir den Rundgang beginnen, »die Patienten sollen hier geheilt werden oder sterben. Aber sie werden weder geheilt, noch sterben sie. Ist es bei euch anders?«

Damit haben wir bereits den Hof des Männerpavillons betreten. Gestalten, erbarmungswürdige Mißgestalten?.?.?. Freunde, knallt mich nieder, wenns mit mir so weit ist!

Es ist hier, wer würde das für möglich halten, grauenhafter als in den Irrenanstalten Europas. Dort verzögert man die Erlösung des Kranken, verhindert, daß er, der keinen Geist mehr aufzugeben hat, ihn endlich aufgebe, verlängert die Qualen vermittels Humanität und läßt die Toten unter hygienischen Vorkehrungen unbeerdigt. Tote, 178 wie diese da. Im Westen schafft man der Marter, die man nicht zu beenden wagt, einen hygienischen und ästhetischen Rahmen.

Im Osten aber?.?.?. Schäumend und lallend und nackt und gefesselt liegt ein Kranker rücklings auf dem Steinboden, seine Arme sind unter den Schenkeln durchgezogen, so daß die Beine in die Höhe gestreckt sind. Vielleicht fesselt man in Europa mit milderer Methode, vielleicht auch ist die gleiche vonnöten, doch wird sie dann in camera caritatis angewendet, nicht im freien Hof vor den übrigen Patienten.

Allerdings: wenn hier die andern Kranken durch den Anblick des Fesselungsaktes in Erregung geraten, so ist dennoch kein Massenwutausbruch zu befürchten. Alle an manischen Erregungszuständen Leidenden sind ja gleichfalls festgekettet, entweder mit dem Handgelenk an den Fußknöchel oder mit zwei Spangenpaaren, von denen das eine die Füße, das andere die Hände zusammenhält.

Als wüßten die Mücken, wer ihnen nicht zu Leibe kann, schmatzen sie in dichter Schar auf den wehrlos gemachten Gliedern. Zwei oder drei Gefesselte vollbringen es, ihren Fächer zu schwingen; mit welchen Schmerzen das bißchen Kühlung erreicht wird, sieht man an den blutunterlaufenen Gelenken, an denen sich die Handschellen bei jeder Fächerschwingung scheuern. Aus zahnlosem Mund gellt das Lachen eines Mannes, der sich selbst befriedigt.

Wer im Stupor dasitzt, den wecken keine Moskitos und kein eintretender Fremder aus dem Zustand regungsloser Verlorenheit, er fächelt sich nicht und kratzt sich nicht und schreit dem Besucher keine Schimpfworte 179 entgegen und spuckt nicht nach ihm. Freunde, knallt mich nieder!

Nur durch ein Tor von der Männerabteilung getrennt sind die Frauen. Was drüben beinahe wie zugehörig schien, Zerlumptheit der Kleidung oder völlige Nacktheit der Patientenschaft (Anstaltskleidung gibt es nicht), hier bei den Frauen wirkt es wie die Kostümierung einer Hexenwelt.

Eine Frau macht auf dem Hof unausgesetzt Kotau, ihre Stirn ist wund vom Auf-den-Boden-Schlagen, sie beklagt ihr Schicksal, ihr Mann habe eine Konkubine ins Haus genommen und lasse sie, die rechtmäßige Gattin, hungern, weil sie ihm keinen Erben geschenkt. Sie fleht um einen Sohn.

Mit wirrem Haar liegt ein Mädchen gefesselt auf der Steinbank der offenen Massenzelle. Hier wird ein Genrebild aus dem vorigen Jahrhundert zur Wirklichkeit: so zornfunkelnd blickte die schwarzlockige Jungfrau drein, die man in der eroberten Stadt erbeutet hat und nun auf öffentlichem Bazar als Sklavin feilbot.

Eine euphorische Kranke lädt uns in ihre Zelle ein, um uns Süßigkeiten zu verkaufen. Sie zeigt ihr Warenlager, das nicht da ist. Nachdem sie solcherart ihre dramatische Begabung bekundet hat, will sie uns auch beweisen, daß sie lesen und schreiben kann. Aus einem nicht vorhandenen Buch liest sie vor, mit einem nicht vorhandenen Bleistift macht sie Notizen, immer auf zierliche Haltung bedacht.

Andere umdrängen uns bedrohlich, sie schreien von ihrem Dämon, der eine grausame Wahnvorstellung, und von ihrem Hunger, der eine grausame Wirklichkeit ist. 180 Hunger brachte die meisten aus dem Häuschen in das Haus, nichts nützte die Flucht in den Wahnsinn, auch in seinem Haus müssen sie hungern.

Hinter der Zahl der von der materiellen Not hierher Eingewiesenen bleibt Kategorie zwei, die hereditär Belasteten, Kategorie drei, die von Rauschgift, insbesondere Heroin, Zerrütteten, stark zurück.

Auch die seelischen Motive sind in der materiellen Not verwurzelt. Das ewige Bemühen des Chinesen, sein Dekorum, das »Gesicht« zu wahren, und eine Rolle in der Familie zu spielen, wird ihm durch die Armut unmöglich gemacht. Wird einem Rikschakuli der Wagen gestohlen, so fühlt er sich erniedrigt, wagt sich nicht mehr nach Hause und flüchtet in den Wahnsinn, wenn er nicht imstande ist, einen neuen Wagen zu kaufen. Hat eine Frau durch eine Fehlgeburt die Hoffnung der Familie auf einen männlichen Erben betrogen, so ist sie um so verzweifelter, je geschwächter ihr Körper von schwerer Arbeit ist. Sie wird verrückt bei dem Gedanken an ihre Zukunft, als eine unnütze Gattin verachtet zu sein und deshalb der Konkubine ihres Mannes dienen zu müssen. Ehre verloren, alles verloren, und der Arme verliert eben seine Ehre leichter als der Reiche. Das ist in China wie anderswo.

Wer durch sein Irresein Familie und Passanten nicht allzusehr behelligt, der kann ungestört durch Haus und Straße schlenkern. Wer aber einverleibt wird diesem infernalischen Orchester?.?.?.

Freunde, knallt mich nieder, wenns mit mir so weit ist, auch nur so weit, wie mit dem gutartigsten der Fälle, die wir heute gesehen. 181

 

Anglosächsische Miniaturen

I. Die Stadtväter

»Mein verehrter Vorredner, mit dem ich seit vielen Jahren besonders befreundet bin, Mister ? Mister ?«

Der Redner stockte, schnipste mit dem Finger, und die Versammlung begann zu lachen. Es ist ja komisch, wenn sich jemand auf einen alten, verehrten Freund beruft, und nicht weiß, wie er heißt.

Dem Gelächter entnahm der Redner, daß er verdächtigt werde, sich mit der Freundschaft eines Mannes zu brüsten, den er gar nicht kenne. Deshalb erklärte er die Stockung:

»Ich spreche den Gentleman seit fünfzehn Jahren täglich im Klub, kenne ihn aber nur als APC.«

Dadurch war der Zwischenfall beigelegt, und Redner konnte weitersprechen. Niemand lachte mehr. Denn die andern Teilnehmer der Versammlung kannten den Gentleman, von dem die Rede war, gleichfalls nur als APC., was Ej-Pi-Ssi gesprochen wird und Asiatic Petroleum Company bedeutet.

Dagegen bedeutet das Wort »Taipan«: Leiter einer ausländischen Handelsfirma. Fern vom europäischen oder amerikanischen Stammhaus über große Summen 182 verfügend, mächtig durch die Zahl ihrer Angestellten, Agenten und Debitoren, halten die Taipans seit eh und je die Sitze im Municipal Council von Shanghai besetzt, obwohl sich schon vor einem halben Jahrhundert Stimmen gegen die Taipan-Oligarchie erhoben haben.

Der Gentleman, dessen Name das Fingerschnipsen eines andern Gentleman war, ist eben der Taipan der APC. Wir sprechen ihn zwar nicht seit fünfzehn Jahren täglich im Klub, aber wir wissen, daß er seit vierzig Jahren im chinesischen Ölimport tätig ist, und seiner allmählichen Vorrückung zum Direktor der APC. nichts im Wege stand. Damit wurde er auch Stadtrat. Sicherlich hat er weder besondere Neigung noch besonderen Ehrgeiz zu öffentlicher Tätigkeit, sicherlich weder eine politische Gesinnung noch Veranlagung zur Kommunalverwaltung, aber da ihm Macht und Ehre automatisch zufallen, warum sollte er sie nicht übernehmen?

Er übt seine öffentliche Funktion so aus, wie es das private Amt verlangt, dem er sie verdankt, und wie es auch seine acht Stadtratskollegen, die Taipans der größten Banken, Schiffahrtskompanien und Exportfirmen tun.

Da sehen wir die Herren beieinander. Sie sitzen auf der Bühne, die sonst von der Filmleinwand verdeckt ist. Heute ist die Filmleinwand hochgezogen, damit die Steuerzahler des Internationalen Settlements ihre Landesherren in persona vor sich sehen können.

Acht Herren sitzen um einen Eichentisch, einen würdigen, den man wohl eigens aus dem Rathaus herbeigeschafft hat, und auf ditto Eichenstühlen. Hinter ihnen, auf einem Thron, thront der Chairman, der Vorsitzende. 183

Die neun Herren verharren in neunfacher Unbeweglichkeit, sie haben neun graue Salonhosen, neun Gehröcke und neun Vatermörder an, in neun Krawatten stecken neun Nadeln mit neun Perlen, neun Köpfe weisen gepflegt silbergraues, zumeist stark gelichtetes Haar auf, sieben Augen tragen sieben Monokel und zweimal zwei Augen je eine Brille. (Die mit der Brille sind Japaner.)

Alle neune mit dem König bilden den Stadtrat des Internationalen Settlements. Herr APC. (siehe oben) und die andern Taipans, die einander mehr oder minder nur mit dem Namen ihrer Firmen kennen, sind oben zu sehen.

Siehe unten: das Gremium der ausländischen Steuerzahler. Sie dürfen sich einmal im Jahr versammeln; wer mindestens 500 Taels jährlich Steuer bezahlt, darf wählen, wer mindestens 1200 Taels Steuer bezahlt, darf gewählt werden.

Solchermaßen besitzen dreitausend Ausländer das Recht, die neun Herren zu wählen, welche unumschränkt über eine Weltstadt herrschen, über ein stehendes Heer und eine schwimmende Flotte verfügen, sich über internationale Verträge hinwegsetzen, einer Million Chinesen Gesetze und Steuern vorschreiben und erbarmungslos mit Maschinengewehren hineinschießen lassen, wenn eine Arbeiter- oder Studentendemonstration sich bis zur Nanking Road vorwagt. Muß sogar das diplomatische Korps gegen solche Bestialitäten Stellung nehmen (wie es nach dem Blutbad vom 30. Mai 1925 geschah), so legt der selbstherrliche Stadtrat die Entscheidung der Gesandten mit zynischem Lächeln beiseite und führt ihre Beschlüsse nicht durch. 184

Im Nachbarreich gehts ähnlich zu. Das Nachbarreich ist die Französische Konzession, bewohnt von nicht weniger als 289.262 Chinesen und nicht mehr als 7810 Ausländern. Von dieser Handvoll Ausländer (kaum 3 Prozent) sind wiederum nur 892 Stück Franzosen, durchwegs Stadtbeamte und Stadtbedienstete. Und die Franzosen, Generalkonsul und Munizipalität führen unbesorgt und selbstzufrieden die Alleinherrschaft.

Dieses französische Regime ist korrupt im einzelnen, der einzelne bereichert sich nach Strich und Faden, besonders am ersteren.

Das britische Regime ist korrupt als Ganzes, korrupt auf legalem Weg. »Das britische Regime?« Wir sprachen doch vom Internationalen Settlement? Ist dessen Verwaltung nicht international? Doch, doch. Sie ist streng international, alle dreißig im Internationalen Settlement ansässigen Nationalitäten sind durchaus gleichberechtigt, abgesehen davon, daß alle Rechte in den Händen der Engländer und keine Rechte in den Händen der Chinesen sind.

Die neun auf der Bühne üben die Rechte nicht selbst aus; erstens sind sie gar nicht alle Engländer, sondern nur fünf von ihnen, zweitens haben sie gar nicht so viel Zeit dazu, weil sie teils als Taipans ihre Unternehmungen leiten, teils im Shanghai-Club Whisky trinken und Würfel werfen müssen.

Sie brauchen sich auch nicht zu bemühen. Sind doch die leitenden Munizipalbeamten allesamt Briten und machen die britische Politik, wie alle britischen Beamten, sozusagen als Reflexbewegung. Die Armee des Settlements (genannt: Freiwilligen-Korps), die Flotte des Settlements 185 (genannt: Strom- und Uferpolizei), die politische und die kriminelle Polizei, die Verkehrspolizei, die Feuerwehr, das Gefängnispersonal, das Gesundheits-, das Finanz-, das Kanalisations-, das Elektrizitäts-, das Verkehrs- und das Schuldepartement sind von Engländern befehligt. Um aber nichts zu verschweigen: der Dirigent der Stadtkapelle ist ein Italiener, und städtischer Amtsdirektor ist ein in Waffenschmuggel und Opiumprozessen vielgenannter amerikanischer Rechtsanwalt.

Mehr als achtzig Jahre lang dauert die britische Diktatur über die Chinesen, das Recht Grundbesitz zu haben, sogar das Recht öffentliche Parks zu betreten war ihnen achtzig Jahre lang verwehrt, und jeder Vorschlag, ihnen im Stadtrat eine Vertretung zu geben, wurde mit Ironie abgelehnt. Nach dem Gemetzel auf Nanking Road drohte die Erregung im Volke den ganzen Municipal Council mit Sack und Pack, also mit allem, wegzufegen, und deshalb schuf man ein fünfgliedriges beratendes Chinesenkomitee. So wie sich an Englands Alleinherrschaft nichts dadurch änderte, daß es vor dem Weltkrieg den Deutschen und den Amerikanern Mandate eingeräumt und sie nach dem Krieg den Deutschen weggenommen und den Japanern gegeben hatte, so änderte sich auch nichts, als es sich 1928 mit fünf reichen Chinesen an den Regierungstisch setzte. Längst hatte sich herausgestellt, daß diese Komiteemitglieder an der hundertprozentig britischen Verwaltung der chinesischen Stadt nicht zu rütteln versuchten, weshalb sie auch schließlich zu Stadträten werden durften.

Außerdem arbeiten die fremden Stadträte, insbesondere Mister Fessenden, geheim und öffentlich an dem Plan, 186 die Stadt Shanghai zu einem Freistaat zu erklären, und, wenn das gelingt, würden die Chinesen ohnehin in weitem Bogen aus der Regierung fliegen. Ein schöner Plan fürwahr, ungefähr so, wie wenn die englische Handelskammer in Paris den Beschluß fassen würde, die Stadt Paris der französischen Republik auszuverleiben und zu einer Freistadt zu erklären.

Vorläufig ist es noch nicht so weit, und fünf Chinesen dürfen an den Beratungen des Stadtrats teilnehmen. Warum aber sitzen sie heute nicht da oben auf der Bühne?

Ihre Mandate haben sie von ihren steuerzahlenden Landsleuten; bei der ausländischen Bürgerschaftsversammlung, von der hier die Rede ist, haben weder die chinesischen Stadträte noch die chinesischen Wähler etwas zu tun.

Die neun Stadträte der Ausländersiedlung werden auf höchst patriarchalische Weise gewählt. Wer kandidiert wird, kandidiert. Er tut das, indem er in der Zeitung sein höchst individuelles Programm darlegt, das immer folgendermaßen aussieht: er sei für ein gutes Einvernehmen mit den chinesischen Mitbürgern, werde sich aber dafür einsetzen, daß die ohnehin stark beschränkten Rechte der Ausländer gewahrt bleiben. Schluß. Wer von den Wählern Zeit und Lust hat, zur Urne zu schreiten, streicht auf der gedruckten Liste der Kandidaten so viele Namen durch, als über die Zahl neun hinausgehen. Die am seltensten durchgestrichenen neun Namen sind die der Gewählten.

In diesem Jahr haben die Japaner ? die einzigen, die geschlossen zur Wahl gehen ? wegen der Haltung Amerikas im gegenwärtigen Krieg einen der beiden 187 amerikanischen Kandidaten zu Fall gebracht. Diese Tatsache hat in der amerikanischen Kolonie Shanghais, ja unter allen Fremden, Aufsehen und Diskussion hervorgerufen. Amerika selbst aber, das seinerzeit die Erreichung zweier Stadtratsmandate in Shanghai als großen Erfolg gebucht hatte, nahm von der japanischen Herausforderung keine Notiz. Die amerikanischen Berichterstatter in Shanghai beziehen von der japanischen Heeresleitung ihre Informationen und haben kein Interesse daran, sich diese Quelle zu verstopfen.

Nur wenige Wähler machen von dem Recht Gebrauch, sich einmal im Jahr die Gewählten ansehen zu dürfen. Wenn das »Carlton-Theatre« abends so leer wäre, wie es am alljährlichen Nachmittag der Bürgerschaftsversammlung ist, wäre es längst pleite. Kaum achtzig Leute, stolze Steuerzahler, sitzen im Parkett, etwa zwanzig oder dreißig, misera plebs, auf der Galerie.

Es wird auch nichts geboten. Ein britischer Ex-General, jetzt Stadtrat, liest Resolutionen und Begrüßung vor. Mir, einem Pressevertreter ? wie ich am nächsten Tag in der Zeitung las, bin ich für den Vertreter des Berliner Lokalanzeigers gehalten worden, o Hugenberg! ? wird ein Bürstenabzug überreicht. Darin ist schon alles gedruckt, was gesprochen wurde und gesprochen werden wird.

Meldet sich jemand zum Wort? Da sich niemand zum Wort meldet, schreite ich zur Abstimmung. Wer dafür ist, den bitte ich die Hand zu erheben. Danke. Der Antrag ist angenommen.

Selbst diese Sätze sind lange vorher dem Setzer übergeben worden. Ein Zwischenfall wird nicht erwartet und es ergibt sich auch keiner. Heute hat sich nur ein Redner 188 zur Debatte gemeldet. Er bemängelte, daß sein verehrter Vorredner, mit dem er seit vielen Jahren befreundet sei, Mister ? Mister ? kurzum, daß zwei chinesische Mitglieder für die Bodenkommission vorgeschlagen wurden. Einer genüge vollauf. Die Japaner applaudierten ostentativ, auch einige Weiße. Eigentlich sind alle Anwesenden chinesenfeindlich, aber der Antrag des Präsidiums geht durch, weil jedermann versteht, daß die Kommissionsmandate den Chinesen nicht um ihrer schönen schrägen Augen willen gegeben werden?.?.?.

Vielleicht war der Protest des Oppositionsredners bestellt, um den Chinesen vor Augen zu führen, daß ihnen nicht ohne Widerspruch das große Geschenk gemacht werde, sie in ihrem Lande, auf ihrem Boden zur Mitverwaltung zuzulassen. Vielleicht hat der Gentleman, auf dessen Namen sich sein Nachredner nicht besinnen konnte, mit dem Nachredner diese Interpellation vereinbart. Jedenfalls können beide, heute wie täglich seit fünfzehn Jahren, an der Bar des Shanghai-Clubs würfeln und Whisky trinken, denn nach einstündigem, ruhigem Verlauf ist die diesjährige Session des Parlaments von Shanghai zu Ende. 189

 

II. Pidgin-Englisch, die Sprache der Kolonien

Pidgin-Englisch ist eine simple Sprache, hat keine Grammatik und einen kläglich primitiven Wortschatz. Obwohl sie nicht gerade eine Kunstsprache genannt werden kann, ist sie doch niemandes Muttersprache.

In einer fast tausendmillionenköpfigen Welt bildet sie das Verständigungsmittel zwischen den weißen Herren und den fast tausend Millionen bunter Sklaven. Pidgin-Englisch ist geradebrechtes Englisch, in jenem Grade geradebrecht, den der Europäer der Zunge und dem Gehirn des Farbigen für angepaßt hält. (Ebenso glauben die klugen Erwachsenen mit Kindern Papperlapapp quatschen zu müssen.) Die Farbigen haben dieses zurecht geradebrechte Englisch fließend sprechen gelernt, während der fremde Händler noch nach lebenslänglichem Aufenthalt im Fernen Osten von Chinesisch oder Hindostanisch keine blasse Ahnung zu haben pflegt, nicht einmal Pidgin-Chinesisch zu sprechen imstande ist. Allerdings, er braucht keine Sprache der Einheimischen zu verstehen, ist er doch der Europäer, Erwachsener und Gebieter zugleich, und die andern sind nur Kinder und Kulis, Angehörige rückständiger Rassen. Daß heute bereits Millionen von ihnen fließend europäische Sprachen beherrschen, fremde Bücher und Zeitschriften lesen, das gibt dem weißen Mann nicht zu denken; papperlapapp denkt er, und weiterhin bleibt Pidgin-Englisch die Wissenschaft, die er dem Wirtsvolk vermittelt.

Noch manchem wird das geschehen, was dem Herrn geschah, der seinem neuen Boy befahl, das Fenster zu öffnen, natürlich in Pidgin, etwa so: »Aufi Fenster, versteh?« 190

»Jawohl, mein Herr,« antwortete der Chinese, und fügte in vollendetem Englisch hinzu: »Es wäre wirklich schade, die schöne Frühlingsluft nicht zu genießen.« Daraufhin entließ der Kaufmann den Diener. Man wünscht nicht, mit einem Kuli in der gleichen Sprache zu verkehren, in der man mit Gentlemen verkehrt.

*

Was bedeutet das Wort »Pidgin«? Es ist die Verstümmelung des Wortes »business« (Geschäft), der einzigen Lebensform, in der der Fremde mit dem Einheimischen in Verbindung tritt. »Pidgin« ist im Pidgin-Englischen eine wichtige Vokabel. Aber auch die andern wichtigen Vokabeln sind dem Pidgin-Leben entnommen, und man kann sich aus den Begriffen dieser Sprache einen Begriff vom Geist ihrer Erfinder und Lehrer machen.

So gibt es zum Beispiel kein Geben. »Ich gebe« ist nur ein Börsenausdruck, ich schenke nichts, wer schenkt denn mir etwas! Die Übersetzung des Wortes »geben« ins Pidgin-Englische lautet: pay, bezahlen. »Bezahle der Missy einen Tee,« befiehlt der Hausherr seinem Boy. Die Miß verstehe das nicht miß. Auf diese Aufforderung hin wird sie der Kuli keineswegs in ein Teehaus einladen, sondern er wird ihr sogleich eine Tasse Tee reichen. ? »Zahl mir einen Kuß,« sagt der Clark, der Angestellte, zu dem Mädchen von der »Majestic-Bar«, da er es nach Hause begleitet. Die Sprache hat recht: er hat im Lauf des Abends soviel Geld für Tanzkarten ausgegeben, daß jetzt das Mädchen zu zahlen hat.

Was ist das Sein? Es gibt keines im Handelsleben. 191 Ist der Kuli? Ist eine Ware? Nein, sie gehört. »Ich bin ? du bist ? er ist« ? das heißt im Pidgin-Englischen: »Ich gehöre ? du gehörst ? er gehört«. Nichts ist dein Sein, o Mensch, als der Besitz eines andern. Der Satz: »Ich bin traurig« ist so zu übersetzen: »My belong sorry ? ich gehöre traurig oder ich gehöre der Traurigkeit«. Und man hat Ursach, so zu sprechen. Nichts ist in diesem Land, alles gehört.

An den Ziffern ist aber wohl nichts zu ändern? Ziffern sind doch geschäftsmäßig genug, nicht wahr? Nein. Auf Pidgin heißt es nicht: »eins, zwei, drei« und so weiter, sondern »ein Stück, zwei Stück, drei Stück, usw.«, obwohl der Weiße dem geistigen Fassungsvermögen des »Eingeborenen« wenigstens zutrauen könnte, daß er das Wort »Stück« wegzulassen vermag. Er soll es sprechen, selbst der unbestimmte Artikel lautet »ein Stück«. »One piecy girly ? ein Stück Mädchen«, meldet der Diener. Oder: »Zwei Stück Herren waren hier.« Richtig so, auch der Mensch ist Ware und werde demnach stückweise gezählt!

Geschmückt sind die Tempel von altersher mit Statuen und Räuchergeräten, geschmückt die Häuser mit bemalter Seide und Lampions, geschmückt die Frauen mit elfenbeinernen Kämmen und silbernen Broschen. Soll das Schmuck sein, nur zum Schmücken dienen, wenn hierzulande alles Ware geworden ist, auch der Mensch. Soll der Schmuck am Ahnenhügel und im Haus profitlos verbleiben, wenn er doch auf dem Markt feilgeboten werden kann, die Fremden gerade nach ihm ihre Hände ausstrecken, einen der wichtigsten Handelsartikel aus ihm gemacht haben? Soll das weiterhin eine 192 selbstverständliche Sache bleiben, was für die Vorfahren eine selbstverständliche Sache war, wenn es für die Fremden eine Kuriosität ist? Jeder Schmuck heißt und ist im Pidgin: Curio.

Vor allem aber präge dir das Wort »Kumscha ? Trinkgeld« ein. Den Begriff gibt es auch anderswo, hier aber stammt das Wort aus dem Geschäftsleben, von dem Wort »commission« oder ? was weniger wahrscheinlich ist ? vom Zuruf »comme ashore« (komm ans Ufer), mit dem die Hafenagenten die vorbeifahrenden Sampans ans Ufer beorderten, um sich zum Ozeandampfer rudern zu lassen..

»Kumscha« heischt der Bote, und »Kumscha« heischt der Bettler, wogegen sich die Kaufleute und Beamten schon des unkorrumpierten, rein englischen Ausdrucks »squeeze« bedienen.

Zwei Worte stammen noch aus der Portugiesenzeit: »savy«, was »verstehen«, »wissen«, »verstehst du« bedeutet, und »masky«. Masky ist im fernöstlichen Umkreis der Engländer und Pidgin-Engländer ein häufiges Wort, es deckt sich etwa mit dem urenglischen »never mind«, mit dem urrussischen »nitschewo« oder dem urdeutschen »scheißegal«. Ist der Sinn damit noch nicht erschöpft? Masky! ?

Alles, was klein ist, ist »pony«, »pony« ist das Schnapsglas, »pony« ein Kind, denn ein Pony ist das kleine mongolische Pferd des Herrn, auf dem er morgens ausreitet, um etwas Bewegung zu machen, während sonst der seiner Rikscha vorgespannte Kuli die Bewegung macht.

»Topside« heißt »oben«, »bottomside« heißt »unten«, »chopchop« ? eine kantonische Vokabel ? bedeutet »schnell« und »olo« (old) »alt«. 193

Nachdem wir hiermit das Diktionär des Pidgin-Englisch veröffentlicht haben, können wir nunmehr auch sein Sprachdenkmal wiedergeben, ein Lied namens »Lo-Le-Ley«. Um dem Leser das Verständnis zu erleichtern, lassen wir im Text des Liedes den Buchstaben »r« stehen, den der Chinese, wirklich wie ein Kind, als »l« ausspricht, weil er keinen Unterschied zwischen »r« und »l« hört, ihm beides masky ist.

Wir singen also:

Oh my belong too muchy sorry
And then my no savy what kind
Have got one olo piecy story
No wantchy go outside my mind.
That night belong dark and coolo
Rhinewater maky flow allright,
Topside plenty stars very coolo
Looksy down in that evening light.
One nice piecy girly is sitting
Too muchy curio topside
Her golden hair she is fitting
He that curio belong very bright.
Fishing-pidgin-man pony piecy sampan
Belong very curio inside
He only looksy topside girly
He never looksy waterside.
Masky that pony piecy sampan
Go bottomside very chop-chop
For Loreley maky too muchy singsong
And anytime never can stop.

Savy? Wenn nicht, kannst du dir in jeder Buchhandlung die deutsche Übersetzung dieses Pidgin-Liedes kaufen, sie stammt von Heinrich Heine. 194

*

Auf jeden, der sich auch nur ein wenig mit Sprachgeschichte oder Sprachphilosophie befaßt hat, wirkt die Bekanntschaft mit dem Pidgin-Englischen äußerst aufschlußreich. Eine solche Selbstentlarvung, wie sie der Imperialismus in seiner Sprachschöpfung vollzieht, hätte man sich nicht träumen lassen.

Man möchte wissen, ob schon eine soziologische Analyse dieser Zwecksprache existiert. Nichts. Eine Grammatik, ein Wörterbuch? Nichts. Die ganze Literatur besteht aus einem Gedichtband »Pidgin Inglis Tales«, vor mehr als einem Vierteljahrhundert in Kanton erschienen. Ein, ei wie humorvoller »Dichter«. Er macht sich in pidginischer Sprache über einen Rikschakuli lustig, der einen Reklamezettel für einen Dollar ansieht, über einen Schneider, der einem britischen Matrosen einen Riß in der Bluse zugenäht hat und sich deshalb auf seinem Firmenschild »Lieferant des Kriegsdepartements und der Admiralität« nennt, kurzum über die »Dummheit« der Chinesen. Er macht sich lustig über die Chinesen, obwohl selbst die dümmsten unter ihnen in ihrem Hintern mehr Weisheit haben, als der Dichter und seinesgleichen im Gehirn, ? ich bitte um Entschuldigung, daß mir in der Erregung der unpassende Ausdruck »Gehirn« entfuhr. 195

 


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