China geheim

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Inhalt

Auf den Ruinen von Wusung
Es gilt, einen Verbrecher zu bestatten
Spekulationen mit dem Geld
Der Inder auf dem Verkehrsturm
Yoshiwara am Kriegergrab
Die Hinrichtung
»Rikscha!« »Rikscha!«
Kapitalistische Romanze von den Bagdad-Juden
Zufälliger Besuch bei Eunuchen
Kurzer Prozeß
Kinder als Textilarbeiter
Pyrenäisches Zwischenspiel
Schlamm, fortgeschwemmt durch eine Revolution
Schattenspiel
Waffen sind das große Geschäft
Das Irrenhaus
Anglosächsische Miniaturen
Tempel der Züchtigungen
Godown
Nanking und die Roten
Straße wie wunderlich
Parallel zum chinesischen Theater
Der Dachgarten

 


 

Auf den Ruinen von Wusung

Das Gelbe Meer ist hier bereits der Jangtsekiang, aber man merkt es nicht. Meerhaft ist der Strom wie die Elbe bei Cuxhaven; vorläufig haben die Wellen nicht aufgehört, das Gehirnzentrum der Passagiere zu schaukeln, vorläufig sind die Ufer keine Ufer, sondern ferne Küste.

Erst wenn die Dampfer in die Seitenstraße einbiegen, stürzen die Passagiere auf Deck und richten Arme, Hände und Finger, Augen, Kamera und Trieder steuerbords.

Ecke Jangtsekiang und Whangpoo steht das Eingangstor zum großen Warenmarkt, dem Tal des Jangtsekiang.

Seit Ende Januar lief das Wort Wusung, das Fort Wusung, wie das dunkle Summen einer Brisanzgranate durch Äther und Kabel; Völkerbund und Stammtisch und Leitartikel schmissen gleichermaßen ersprießlich damit herum.

Nun beugt man sich über die Reeling, stellt Blick oder Linse auf Wusung ein. Da liegt es in natura, unbestritten. Die japanischen Herren und Damen auf dem Promenadendeck zeigen einander die Häuserleichen, in denen es Menschenleichen gab, machen einander lachend auf die groteskesten Stücke des Trümmerwerks aufmerksam. Vor ein paar Tagen noch boten sich die 10 Küstengeschütze keineswegs so offen dar; sie trugen eine Maske aus Zement und Beton.

Nicht lange hält sich das Passagierschiff bei Wusung auf; lange nicht so lange, wie sich Belagerer und Belagerte hier aufhalten mußten. Kaum acht Knoten machen die Dampfer, denn der Fluß ist gestopft voll; ein Schutzmann mit Ampel sollte in der Mitte des Wassers stehen, um den Verkehr zu regeln, diesen Verkehr der Kontraste. Da begegnen einander die größten Dreadnaughts der Welt und die kleinsten Fischerboote der Welt. 10.000 Tonnen faßt das amerikanische Flaggschiff »Houston«, jedes seiner Geschoße ist größer als jeder der Sampans, die es umschwärmen, tabakfarbige Flicken zwischen Bambusgeflecht sind ihre Segel. Die Dschunken wahren die Form eines schwangeren Drachens seit Jahrtausenden; ihre auf den Bug gemalten Augen starren entsetzt auf den Signore »Trento«; er droht, mit seiner Bügelfalte der Dschunke den Bauch aufzuschlitzen. »Cornwall«, der Brite, spannt einen gigantischen Katapult, dessen Geschoß ein Flugzeug ist. Dottergelbe Fähren schwimmen von Ufer zu Ufer, fünfstöckige zitronengelbe Schiffe, eher Häuser als Schiffe, streben jangtsekiangaufwärts. Ihre Passagiere sind obdachlos geworden durch die Kanonen der japanischen Panzerkreuzer, deren Hecks sie streifen.

Von den Gebäuden am Ufer sind nur die unversehrt, über denen sich fremde Fahnen bauschten. Nicht zerschossen die silbernen Tanks von Shell, von Standard Oil, von Texas Oil, nicht zerschossen der rote Backsteinbau der Nordisk Telegraph Co., auf deren Giebel der Danebrog fürsorglich sein Kreuz schlägt, nicht 11 zerschossen das Kraftwerk, auf dessen Turmfahne ein blauer Kegel in das rotweiße Band sticht, weil es von den tschechoslowakischen Skodawerken erbaut ist. Sonst ist nichts ganz geblieben ringsumher. Nichts.

Langsam fahren die Schiffe an all der Verwüstung vorbei. Sie bleiben weit zurück hinter den eleganten Autos, die am Ufer hafenein jagen. In den eleganten Autos sitzt die Delegation des Völkerbundes. Die Herren haben sich vormittags das frisch erzeugte Pompeji angeschaut und möchten rechtzeitig zum Diner kommen.

*

Wie bekannt, haben die Japaner in ihrem Ultimatum gefordert, der Bürgermeister von Groß-Shanghai möge den Boykott japanischer Waren verbieten, den Nationalen Rettungsverband auflösen, die Boykott-Führer verhaften und Buße für die Tötung eines japanischen Mönches gewährleisten. Das Ultimatum wurde rechtzeitig angenommen, am 28. Januar 1932. Trotzdem begannen die japanischen Marinetruppen um halb elf Uhr nachts eine Reihe von Straßen zu besetzen, die, von der Internationalen Niederlassung ausgehend, durch chinesisches Gebiet führen und von der Polizei der fremden Mächte kontrolliert werden.

Die Japaner hofften, am selben Tag nicht nur Tschapei zu besetzen, das benachbarte dicht bevölkerte chinesische Fabrikviertel, sondern auch das ganze Ufer des Whangpoo bis zu seiner Mündung in den Jangtsekiang. Bereits am nächsten Morgen meldeten die Tokioter Telegraphenagenturen die Eroberung von Wusung. Jedoch zu Unrecht. Die in Tschapei eingedrungenen Truppen (angeblich 12 wollten sie dort nur den Himmelstempel zerstören, wo das Boykott-Komitee seinen Sitz hatte) waren nicht weit gekommen. Sehr bald hatte die chinesische 19. Armee den Vormarsch der Japaner gestoppt. Die Schlacht entwickelte sich in einer Frontlänge von fünfundzwanzig Kilometern, und dauerte sechs Wochen. Zehntausende von Toten, Zehntausende von Verwundeten, Zehntausende von Häusern forderten diese Kämpfe. Gefangene wurden nicht gemacht. Pardon wurde nicht gegeben.

Erst am 4. März wurde Wusung genommen.

*

Aus den Häusern des Settlements konnte man dem Krieg zugucken wie aus einer Proszeniumsloge. Nach dem Abendbrot legte man die Serviette zusammen und ging ans Fenster. In bunter Abwechslung entfaltete sich das Feuerwerk, es zischte aus den Panzerkreuzern, senkte sich aus den Flugzeugen und schwang sich aus den Mörsern. Feuer und Material spritzten aus der Luft abwärts, und in der gleichen Sekunde spritzten Feuer und Material in die Luft aufwärts. Spiel einer Sekunde, einer Sekunde, in der Menschenleben und Menschenbezirke vernichtet wurden.

Weil es verboten war, zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens in den Straßen zu sein, mußte man schon um halb zwölf an den Spieltisch oder in die Tanzgesellschaft eilen, wo man eben bis fünf Uhr blieb.

Am Tage merkte man im Settlement fast nichts davon, daß nebenan Greuel auf Greuel sich begab. Schiffe, Straßenbahnen, Rikschas fuhren ihre Bahn, Kinos spielten, Firmen handelten, Zollbehörden amtierten, Zeitungen 13 erschienen, dieweil am Firmament Granaten einander kreuzten, dieweil Straßenzüge brannten, dieweil Kinder von zusammenkrachenden Häusern begraben wurden, dieweil Familien flüchteten und dieweil immer wieder, immer wieder Menschen getroffen zu Boden sanken.

Die Völkerbundskommission hatte sich mit der Besichtigung der Schlachtfelder Zeit gelassen, und so räumten die Japaner den Kriegsschauplatz ein wenig auf. Wie Nestroys Holofernes: »Schaffts dö Leichen weg, i kann dö Schlamperei net leiden.« Es hätte wirklich nicht gut ausgesehen, Gruppen hingerichteter Chinesen und Chinesinnen, Leichen mit Knebeln im Mund, mit abgehackten Gliedmaßen. Solcher Anblick hätte den Herren vom Völkerbund, die mit Empfängen, Tees, Diners und Soupers belastet sind, den Appetit verderben können. Unmittelbar nach der Besichtigung von Tschapei und Wusung aßen sie im Cathay-Hotel, das Festmahl war von den Veranstaltern des Krieges veranstaltet, obwohl Shanghai eigentlich in China und nicht in Japan liegt. Es gab sechzehnerlei Weine und Sekte, Upman-Zigarren (Ladenpreis 1 Dollar 60, in eingeschliffenen Rundgläsern aus Havanna importiert) und eine ausreichende Speisenfolge:

Dinner given by The Japanese Minister to China
in honour of The Commission of Inquiry
of The League of Nations
Menu:  Oeufs de Beluga gris perlés
Consommé double en Tasse
Paillettes dor
Turbotin Ambassade
Coeur de filet Armenonville 14
Pommes jetée Promenade
Petits pois fins
Asperges froides Sauce Vincent
Dindonneau au Parfum des Gourmets
Salade Gauloise
Mousse Glacés Cathay
Corbeilles de Mignardises
Café filtre

*

In den sechs Wochen, da die Pferde, Jockeis, Totalisatoren und Buchmacher des Rennplatzes von Kiangwan feierten, sah der Rasen Kämpfe, große, aufregende, aber Kämpfe ohne Start und ohne Finish und ohne Gewinne, wie dieser ganze Krieg. Allzusehr ist die Rennbahn nicht beschädigt. Ihre Vernichtung war den japanischen Kriegsherren nicht so wichtig.

Wichtig war ihnen zum Beispiel die Labour University, überhaupt alle chinesischen Schulen, Bibliotheken, Druckereien. Von denen sollte nichts übrigbleiben. Von der Arbeiteruniversität in Kiangwan blieb wirklich ebensowenig etwas übrig wie etwa von der Commercial Press und deren Unikaten alter Drucke. Das Denkmal des Universitätsgründers setzten sich die japanischen Schützen aus langer Weile zum Ziel, bis der steinerne Kopf in den Sand rollte. Bevor die Völkerbundskommission kam, hat man den Torso vom Sockel gestürzt und zerstampft, damit sie dieses Denkmal des überflüssigen Vandalismus nicht zu sehen bekomme. Nur wenn man zu Fuß die Schlachtfelder durchstreift, findet man auf dem Müll die Gliedmaßen des steinernen Gelehrten unter zerrissenen Universitätsmatrikeln und Kollegienheften. 15

Auch die deutsche Universität von Tungchi ist zerschossen. Sie steht abseits, ringsumher, kilometerweit ist freies Gelände, von Zufallstreffern konnte sie nicht berührt werden. Japan zielte hierher, Japan nahm auf die schwarzrotgoldene Flagge keine Rücksicht, da die Hörer dieser Hochschule Chinesen sind. Eine Fliegerbombe wurde in die Maschinenhalle geworfen, aus Schiffsgeschützen ins Physiologische Institut gepfeffert, ins Auditorium Maximum, in die Klinik und in die Dozentengebäude. In der Mitte des Fußballplatzes sind jetzt zum Scherz und dennoch mit deutscher Gründlichkeit alle Granathülsen aufgestellt wie Kegel.

Je näher man an das Fort herankommt, desto restloser sind Natur und Siedlung ausgemerzt. Nicht Bretter sind Überbleibsel der Holzhäuser, sondern Splitter, nicht Steine sind Überbleibsel der Steinhäuser, sondern Staub. Die Felder entlang des Wusung-Creek (Kanal), wo die Japaner Brücken zu schlagen versuchten, sind Kratergebiet geworden; kein Quadratmeter blieb unzerfetzt, selbst die ummauerten Särge, die vor den Häusern und in den Gärten am Rand der Reisfelder stehen, barsten im Bombardement.

Wusung war Ton und Ziel der Schiffsgeschütze. Vom Fluß her, aus unmittelbarer Nähe, feuerten die Torpedobootzerstörer und die leichten Kreuzer Japans auf die Drehtürme und die Besatzung. China wollte die Schifffahrt seines Hafens nicht beeinträchtigen, sich nicht durch Gefährdung irgendeines europäischen Dampfers die offene Feindschaft Europas zuziehen. So schoß Wusung nicht auf die Schiffe, die auf Wusung schossen, wie die Chinesen ja auch aus Tschapei keinen Ausfall auf die 16 japanische Angriffsbasis Hongkew machten, weil sie an den Grenzen des Internationalen Settlements gelegen war. Wusung mußte sich ohne richtige Gegenwehr erschlagen lassen.

Japans Flagge mit der roten Sonne und den roten Sonnenstrahlen flattert über dem Leichnam Wusung. Bevor die Chinesen abzogen, bohrten sie Dynamit-Patronen in die Panzergewölbe, in die Kanonenläufe, in die Schienenlafetten. Druck auf den Knopf, und ein Erdbeben begrub die Feste. Verkrümmt und verkrüppelt und verstümmelt bieten sich die Stahlrohre der Geschütze dar.

Die Sonne auf dem Fahnentuch ist wie eine runde Wunde, aus der nach allen Seiten Blut trieft. 17

 

Es gilt, einen Verbrecher zu bestatten

Es starb Chang-Tsi-Kuei. Chang-Tsi-Kuei war Führer der Za-Bao-Tong, der »Schutzgewährenden Gesellschaft«. Gegen seinen Magenkrebs konnte ihm diese Gesellschaft keinen Schutz gewähren. Wissend, daß er dem Tod verfallen, erschien er vor wenigen Wochen in dem besonders heiligen buddhistischen Kloster von Putu und bot dem Oberpriester eine Summe von 20.000 Taels als Spende an, Sühne oder Ablaßgeld. Der heilige Laodah zeigte ihm die kalte Schulter: »Tsien bu tsching tsang ? es ist kein klares Geld.« Chang-Tsi-Kuei mußte, den Krebs im Magen, die Todesangst im Herzen, das Geld in der Tasche, wieder aus dem Kloster ziehen.

Kein anderer als der heilige Laodah, der Abt von Putu durfte dem Chang-Tsi-Kuei solchen Schimpf bieten. Aber anderseits hätte ja auch Chang-Tsi-Kuei keinem andern als dem Abt von Putu Geld geboten, er war kein Geber, er war ein Nehmer ? der Shanghaier Bezirk Hongkew kannte und fürchtete Chang-Tsi-Kuei und wird seiner niemals vergessen.

Wenn in einem Bezirk das Oberhaupt der Geheimgesellschaften zu Grabe getragen wird, so ist das die seltene Stunde, in der sich ein Vorhang lüftet. Gestalten der 18 Finsternis wandeln durch das Sonnenlicht. Mancher Fremde, der die Erzählungen von Chinas unterirdischen Verbrechergilden für puren Mythos hält, wird in dieser Stunde eines Besseren belehrt.

Welch eine Beerdigung! Der ganze Stadtteil, soweit er nicht mitwirkte, stand Spalier. Voran, hoch zu Roß, drei Sikhs, beturbant und bebärtet, Lanzen in der Hand, ja sogar ein europäischer Polizei-Sergeant ritt mit ihnen. Für die Beistellung der drei indischen Paradefiguren zahlten die Veranstalter je zehn Silber-Dollar, für den Weißen fünfzehn.

Einen europäischen Zivilisten aus Hongkew, der als Leidtragender hinter dem Sarg einherginge, hatte man nicht bekommen. Unter den vielen, die man gegen ein Honorar von hundert Dollar für diese Rolle zu gewinnen versuchte, war auch der mir gut bekannte Amerikaner M. Mister M. ist immer geneigt, für drei Glas Brandy oder eine Unze Opium jede gewünschte Schandtat zu begehen, hat mit Gericht und Polizei und Gefängnis reichlich zu tun, kein anständiger Mensch verkehrt mit ihm. Dennoch hat er das Angebot, durch einfaches Hinter-dem-Sarg-Gehen die Totenfeier des Chinesen zu verschönen, mit Verachtung zurückgewiesen.

Auch ohne Mister M. gestaltete sich die Beerdigung pompös genug. Nach den indischen Hellebardieren und dem europäischen Sergeanten kamen chinesische Reiter in Mongolentracht mit spitzen Hüten, dann folgte wie üblich, aber weit über das Übliche hinaus, der Zug der Bildsäulen: überlebensgroße, drei, vier Meter hohe Figuren aus buntem Papiermaché, darstellend Götter, Drachen, Hunde, Sänften mit schönen Frauen darin, Diener, 19 Pferde, ? nun, um eine lange Sache kurz zu sagen, all diejenigen Wesen, die den Toten ins Jenseits begleiten mögen. Vierzehn Musikkapellen marschierten spielend hinter dem Mummenschanz.

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Den Sarg trugen 32 Kulis, wie es für ein Begräbnis Erster Klasse Vorschrift ist. (Zweiter Klasse: 16 Kulis, Dritter Klasse: 8 Kulis, Vierter Klasse: 4 Kulis, gar keine Klasse: man schmeißt die Leiche aufs Feld, wo Hunde und Katzen sie beknabbern, oder vor die Tür eines Europäers, der sie eingraben lassen muß.)

Hinter dem Sarg schreitet immer der älteste Sohn des Toten. Im Falle Chang-Tsi-Kuei schritt der älteste Sohn nicht, sondern ließ sich tragen.

Weiße Kittel, schäbigsten Zwillich, hatten zum Zeichen der Trauer die Angehörigen angelegt. Die endlose Kolonne ihrer Wagen beschloß den Zug. Er ging vom Trauerhaus in der Yaloo Road bis zum Haus der Yangchow-Gilde, Sinza Road. Dort beteten Priester (keineswegs so streng in puncto »klaren Geldes«, wie es zu sein der reiche Oberpriester von Putu sich leisten darf), sie rührten die Trommeln und bliesen die Flöten und sangen die Gebete. Rauchopfer stiegen himmelwärts.

Die Leiche bleibt im Shanghaier Haus der Landsleute aus Yangchow bis zu dem Tag, den die Geomanten nach langen Überlegungen und Gestirnuntersuchungen als den für die Beerdigung vorteilhaftesten feststellen werden. An diesem authentisch günstigsten Tag wird man den toten Chang-Tsi-Kuei, der einst in Yangchow zur Welt gekommen war, nach Yangchow zurückbringen. 20

So prächtig wie ein Fürst der Shanghaier Unterwelt zu Grabe fährt, könnte auch ein anderer reicher Mann von Shanghai zu Grabe fahren. Aber der Unterschied zwischen dem Fürsten der Unterwelt und einem andern reichen Mann von Shanghai liegt dort, wo wir ? ihr erinnert euch? ? zwischen den vierzehn Musikkapellen und den 32 Sargträgern zwei Reihen Gedankenstriche gemacht haben. Diese zwei Zeilen bedeuten zweimal tausend Gangsters, zweitausend Mitglieder der Za-Bao-Tong, der »Schutzgewährenden Gesellschaft«, zweitausend immertreue Mitglieder vom Ringverein. Diese Immertreu-Solidarität veranschaulichten sie heute, nur heute coram publico, indem sie wirklich einen Ring bildeten, einen langgezogenen, sich vorwärtsbewegenden weißen Ring. Sie, alle zweitausend, trugen gemeinsam ein einziges, weißes, in sich zurückkehrendes Band.

Im Schritt würdiger Bürger, als die sie sich fühlten, bewegten sich die würdigen Gauner von Hongkew, die Mannen des würdigen Obergauners Chang-Tsi-Kuei, miteinander durch die Trauer und das weiße Band verbunden, am profanen Volk vorbei.

Der Vater zeigt sie seinem Kind: Sieh hin. Die da, die im Innern des weißen Bandes einhergehen, die da sind es! Sie saugen unser Blut, sie heben von uns Tribute ein, sie sind eine schutzgewährende Gesellschaft für die Mächtigen, die zu ihnen gehören oder ihnen Schutz gewähren. Da gehen sie, präge sie dir ein und hüte dich vor ihnen, sie sind das Messer im Nacken.

Nichts ändert sich dadurch, daß Chang-Tsi-Kuei starb. Ein neuer Führer kommt. Sein ältester Sohn kann es diesmal nicht sein, er ist erst sechs Monate alt. Deshalb 21 kann er auch nicht hinter dem Sarg gehen, sondern wird getragen. Der neue Führer ist schon gewählt, ein Verwandter des Toten, er heißt Tschao-Mo-Lun. Fürs erste wird er den Besitz Chang-Tsi-Kueis verwalten, seine Schlösser und seine Konkubinen, und für uns wird unter Tschao-Mo-Lun alles so bleiben wie es unter Chang-Tsi-Kuei war. Zum Mitte-Herbst-Fest, am 15. Tage des 18. Mondes, zum Ching Ming, dem Frühlingsfest am 5. Tage des 5. Mondes, und zum Neujahrsfest kommt die Bande und präsentiert dir ihre Rechnung. Gegen die Höhe der Abgabe, die dir vorgeschrieben wird, gibt es keinen Rekurs. Der Bote sagt dir, was du zu zahlen hast und gibt dir keine Quittung, aber du bezahlst, was verlangt wird, und er liefert ab, was du ihm bezahlst, sonst ginge es euch beiden schlecht. Denk an das Messer im Nacken.

Zahle regelmäßig, ordentlich deine Lösegelder; die unregelmäßigen, außerordentlichen werden dir von Fall zu Fall vorgeschrieben. Gewinnst du im Spielsaal, macht das Pony, auf das du gesetzt hast, das Sweepstake-Rennen, wird dir ein Los gezogen, beerbst du einen Verwandten, ? glaube ja nicht, daß es geheim bleibt. Der Gewinnsteuer an die schutzgewährende Gesellschaft entgehst du nicht. Sie hat ihre Informationsquellen in jedermanns Nähe. Eine eifersüchtige Geliebte wird dich früher oder später anzeigen, sei es, um sich an dir zu rächen, sei es, um ihre Rivalin zu schädigen. Vor dem Geheimbund bleibt nichts geheim.

Nicht von diesen direkten Abgaben allein leben die zweitausend ihr gutes Leben, nicht davon allein bezahlen Chang-Tsi-Kuei und seine Getreuen ihre Schlösser und 22 ihre Nebenfrauen und ihre Autos. Einträglicher als die Einhebung von Tributen (wenn auch noch immer nicht das Einträglichste, das kommt erst), ist die Volksvergiftung. Die privaten Lotterien, die unbefugten Spielhöllen, der geheime Kinderverkauf bringen großes Geld. Vor allem aber die Opium-Kombinate, die Konzerne von Mohn-Pflanzern, Opium-Einkäufern, Großhändlern und Einzelverschleißern.

Angefangen vom Mohnfeld in der fernen Provinz Szechuen bis zur Opiumpfeife in der nahen Yohang Road ist der Weg mit Abgaben an die »Schutzgewährende Gesellschaft« gepflastert, die freilich Schutz gewähren kann, da die Polizei ? Hongkew gehört zum Internationalen Settlement ? ihr Werkzeug ist.

Ebenso die Justiz. Ob wohl innerhalb des weißen Bandes jene Richter mitgehen, die Mitglieder der Za-Bao-Tong sind? Ich kenne einen gut, Kwang-Hwa-Hsien, heute habe ich ihn nicht gesehen. Kwang-Hwa-Hsien war schon in der Kaiserzeit ein Mandarin vierten Grades, in der Republik ward er noch mehr: Mitglied des inneren Kreises der schutzgewährenden Gesellschaft und gleichzeitig Richter bei allen großen Prozessen. Jetzt hat er sich von seinem Amt als Diener der Gerechtigkeit mit einigen Millionen zurückgezogen.

Reichlich und sicher fließen diese Quellen seit Jahrhunderten. Mehr aber als das Volk zu schröpfen und zu vergiften, trägt das moderne Geschäft: das Volk niederzuhalten, jeden Versuch einer Auflehnung, ja, jeden Ansatz zur Organisation in Blut zu ertränken, und jeden eines radikalen Gedankens Verdächtigen um die Ecke zu bringen. 23

Als Tschangkaischek, um die Bundesgenossenschaft Englands zu erwerben, den Befehl zur Ausrottung der Revolutionäre gab, war schnell die schutzgewährende Gesellschaft zum Henkerswerk bereit. Zwar konnte der konkurrierende Geheimbund, die »Blaurote Gesellschaft«, die unter der Regierung Du-Yu-Sens in der Französischen Konzession die Franzosen besticht und die Chinesen aussaugt, weit mehr Arbeiter und Studenten in Nantao und im Erholungspark (Recreation Ground) schlachten als die Za-Bao-Tong in den Straßen von Hongkew und im angrenzenden Tschapei zu schlachten vermochte, aber immerhin gab es auch in Tschapei und Hongkew Tausende von roten Toten.

Durch solche Taten erwirbt man sich gleichermaßen das Vertrauen der chinesischen Regierung wie der ausländischen Herren, durch solche Taten erweisen sich die Verbrecherbanden als Stützen der Gesellschaft. Nimmermehr wird der Staat so brauchbare Bürger in ihren geheimen Bundesangelegenheiten stören. Sie können sich mit Stolz, mit Reitern und Musikkapellen öffentlich zeigen, wenn es einen der Ihren zu bestatten gilt. 24

 

Spekulationen mit dem Geld

I. Gold

Der Schrei nach dem Gold dringt aus der Kiukiang Road, der Wallstreet Chinas, weit über die Nachbarschaft hinaus.

So gellend brüllt kein Ertrinkender, so gierig stöhnt kein Hungriger, so verzweifelt schreit kein Überfallener, so herzzerreißend tobt kein Gefolterter.

Das Gekreisch der Börsianer in andern Großstädten ist eine stille Andacht dagegen, alle Börsensäle sind lauschige Plätzchen gegen den von Shanghai. Sollten wir je etwas anderes behauptet, zum Beispiel der Chicagoer Weizenbörse ein Primat des Radaus zugesprochen haben, so nehmen wir dies hiermit vor dem versammelten Börsenrat der Shanghaier Gold-Bar-Exchange mit dem Ausdruck tiefgefühlten Bedauerns zurück. Und glauben nicht, es jemals zurücknehmen zu müssen, wenn wir der Shanghaier Goldbörse den Lärm-Weltpreis zuerkennen.

Einst wurde das Gold hier nicht wegen seines Fetischwertes erhandelt, sondern als Produktionsmittel: die Gilde der chinesischen Goldschmiede kam hier täglich zusammen, um nach Angebot und Nachfrage den Preis ihres Rohmaterials festzusetzen. 25

Den Fremden haben Chinas Goldschmiede die Lehre zu verdanken, daß Gold durch Arbeit nicht viel gewinnen kann, wohl aber durch Spekulation und Arbitrage. Das Gold, das heutzutage den Goldrausch auf der Börse hervorruft, ist schon deshalb zur Verarbeitung ungeeignet, weil es größtenteils gar nicht existiert. Soweit es existiert, hat es eine andere Feinheit (0,978) als die, mit der der chinesische Goldschmied arbeitet (0,992), und demnach auch einen andern Preis. Nein, Börsengold ist nicht Arbeitsgold.

Nichtsdestoweniger hat sich diese Börse gewisse Charaktereigenschaften aus jenen Tagen gerettet, in denen das Handwerk noch nicht mit seinem goldenen Boden zu spekulieren angefangen. Ihre Stammgäste sind keine dicken Bonzengesichter wie man sie auf europäischen Börsen und oft auch auf chinesischen Straßen trifft. Schmale, fahle junge Leute vollführen den Krawall. Andernorts und andernumstands würde man sie für die chinesische Ausgabe von fanatischen Mönchen vor dem Holzstoß eines Ketzers halten.

Wir sind in der einzigen Goldbörse der Welt ? der Raum entspricht einer so würdigen Stätte kaum: Latten statt Parketten, Bretterbuden statt Telefonzellen, barfüßige Kulis statt livrierter Grooms. Besen und Eimer stehen im Börsensaal umher.

Die Angestellten der Makler und Bankiers hängen, Telefon in der Hand, an Bambusleitern, oder hocken, Telefon in der Hand, auf dem Gitter.

Finger schreien gekrümmt, gestreckt, gekreuzt, Stimmen spreizen sich. So schnell vollzieht sich das unausgesetzte Steigen und Fallen des Goldes um je zehn Cents, 26 daß oben auf der Transparent-Tafel die Dezimalzahl nimmer zur Ruhe kommt; 728,2 ? nein, 728,3 steht jetzt dort, ? nein, 728,4 ? nein, 728,3; beständig unbeständig schwingen die Zehntel wie eine Kompaßnadel hin und her.

Gold ist der Gewinn, Silber ist der Einsatz. Auf allen andern Börsen ist Gold stabil, nur in China, wo die Währung Silberbasis hat, bleibt das Silber (in lokalem Sinn) immer stabil, während der Wert des Goldes schwankt. Für die Welt außerhalb dieses Börsenraums ist allerdings der Goldpreis, der hier entsteht, der Silberpreis.

Was auf der Glastafel in beleuchteten Ziffern bebt und torkelt, auf- und niedertaucht, ist der jeweilige Kurs goldener Barren in silbernen Taels. In Gold ist ein Shanghaier Barren 238 amerikanische Dollar wert. »Wieviel ist er in Silber wert?« Wann? Als du fragtest oder jetzt, da ich antworte? Sekündlich ändert sich der Preis, er wird hier in Kiukiang Road durch Fingersprache und Gebrüll gezeugt und in transparenten Ziffern geboren.

In China wird wenig Gold gefördert, man muß es aus dem Ausland holen. Wenn die Parität es erlaubt, werden Goldmünzen fremder gültiger Währung importiert, um in Goldbarren-Spielmarken verwandelt zu werden; bewegt sich aber das Glücksrad der Valuta in entgegengesetzter Richtung, ? hast du nicht gesehen, schon rollen die Barren, von der chinesischen Staatsbank verfrachtet, ins Ausland zurück und nehmen die Gestalt von Münzen wieder an. (Im vorigen Jahr ging aus China Gold im Wert von 19 Millionen Dollar nach Amerika.)

Mag auch Chinas Währung Silber sein, am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles, nicht bloß die 27 Kulis der Kulisse, die sich bedrohlich an das Börseninnere heranwälzt, sondern auch Bürger und Kleinbürger, weitab von diesem schwankenden Boden.

Der Schmuck, den Bürger und Kleinbürger samt ihren Familien besitzen, schmückt nur innerhalb zweier Phasen der Spekulation. Primitiv ist in diesem sonst bildnerisch so traditionsreichen Lande die Juwelierarbeit, kein Edelstein wird verwendet. Um so feiner, um so reiner ist das Material. Steigt in Kiukiang Road der Goldwert, so verkauft der Reiche im fernen Kiukiang seinen Ring, das Armband seiner Konkubine Nummer eins und den Haarschmuck seiner Gattin, und freut sich diebisch mit jedem Silberstück, das er beim Verkauf mehr bekommt, als er seinerzeit bezahlt hat. Steigt auf dem Weltmarkt das Silber, so kauft er für sich, seine neue Konkubine Nummer eins, seine Konkubine Nummer zwei und gegebenenfalls sogar für seine Gattin wieder Schmuck, und zwar neugemachten, denn der alte ist eingeschmolzen worden an jenem goldbedürftigen Termin.

Wer hätte den Chinesen so viel gewalttätiges, martialisches Temperament zugetraut! Hei, welch eine Schlacht! Sturm und Nahkampf wogt kreuz und quer tohuwabohu durcheinander, so daß man nicht versteht, wer Freund, wer Feind ist, wie die Front verläuft. Erst nach langem Schauen und Forschen vermag man diese vertrackte Ordre de bataille zu enträtseln.

Hier: Gefechtsabschnitt »Reine Spekulation«. Jeder Soldat der angreifenden Kampfgruppe hat den rechten Arm ausgestreckt, ein erhobener Revolver ist die Hand, des Revolvers Doppellauf ? Mittelfinger und Zeigefinger ? ist auf des Gegners Brust gerichtet. Die Börse oder das Leben! 28

Beteuernder Einzelschrei: Ich nehme!

Drohender Einzelschrei: Du gibst!

Fingertelegramm zur Telefonzelle: Er gibt!

Beteuernder Massenschrei: Wir nehmen!

Drohender Massenschrei: Ihr gebt!

Massenfingertelegramm: Sie geben!

Ein einfaches, ruhiges, normales Termingeschäft. Wir kaufen, um zu dem Zeitpunkt, da die Dezimalzahl auf der Glastafel einen Punkt hinaufschnellt, wieder zu verkaufen. Ihr verkauft, um zu dem Zeitpunkt, da die Dezimalzahl auf der Glastafel einen Punkt hinabsaust, wieder zu kaufen.

Frontabschnitt Zwei ist schmal. Rechts verläuft das Gold, links das Silber, dazwischen versuchen die Parteien, einander aus der Deckung, der Silberdeckung zu werfen. Nicht fern von hier, in der Effektenbörse steht vielleicht in diesem Augenblick der Tael ungünstiger, als das entsprechende Goldbarrenquantum. Schnell, schnell, erwirb es, um es wieder zu verkaufen.

Noch enger als das Gelände Nummer zwei ist Nummer drei. Zwischen Gold und Gold machen sich die Kämpfenden jeden Fußbreit Bodens streitig; Gold ist Gold, und doch gibts Unterschiede, wert, um sie zu kämpfen, sofern man ein Börsianer ist. Kaufe mit der rechten Hand und mit rechtsgewandtem Stimmenaufwand Goldbarren (gegen englische Pfunde), als ob dein Leben davon abhinge, daß du sie bekommst, und verkaufe sie gleichzeitig mit der linken Hand und mit linksgewandtem Stimmenaufwand (gegen englische Pfunde), als ob dein Leben davon abhinge, daß du sie loswirst.

Dein Leben hängt ja auch davon ab, ob der Wert des 29 Pfund Sterling, die cross-rate fallen oder steigen wird, wenn du deine Transaktion reversierst. Dein Leben, das Leben aller hier, dieser Erregten, Schreienden, Tobenden, Ringenden, Gellenden, Vorwärtsstoßenden, Zurückweichenden, Signalisierenden, ihr Leben und das Leben der mit ihnen durch Telefon und Ticker verbundenen Partner hängt ab von den Zehnteln an der Glastafel.

Die Energie aller ist dran und drauf, diese Ziffer hinter dem Dezimalpünktchen zu bewegen, ohne daß ein Dezimalpünktchen produktiven Wertes geschaffen wird. 30

 

II. Silber

Die Goldbarren, die die Börse von Ekstase zu Ekstase treiben, die Silbertaels, die in den Abrechnungen figurieren, sie sind beinahe abstrakte Werte. Weder mit Goldbarren noch mit Taels wird gezahlt.

In keiner Tasche klappert, an keinem Schalter klingt der Tael. Tausende von Herren rechnen täglich mit Tausenden von Taels, und doch haben sie noch niemals einen Tael in der Hand gehalten. Anderseits halten Hunderte von Arbeitern täglich Hunderte von Taels in der Hand, und doch haben sie niemals mit Taels gerechnet.

Der Arbeiter, dessen Währungseinheit die Kupfermünze ist, macht die Taels, der Herr, dessen Währungseinheit der Tael ist, schmeißt die Kupfermünzen weg. Kupfermünzen sind nämlich sehr schwer, zerreißen die Taschen und sind kaum einen halben Pfennig wert. Taels sind noch schwerer, 31 Gramm per Stück, sie würden erst recht die Taschen zerreißen, aber man hat sie gar nicht bei sich, es sei denn, daß man der Keller einer Bank ist. Schließlich würde man sie auch nicht wegwerfen, wenn man sie bei sich tragen müßte, sind sie doch per Stück einen chinesischen Dollar und vierzig Cents wert.

Jetzt wissen wir also schon allerhand über den konkreten Tael, wissen, woraus er besteht, wo er sich befindet, wieviel er wiegt und wieviel Dollar er kostet; Und nun kommt die Überraschung: es gibt überhaupt keinen einzelnen Tael.

Das, was von Arbeitern mühselig erzeugt wird, um in Tresors zu lagern, sind Vielheiten von Taels. Jede solche 31 Vielheit wird zwar im Betrieb der Fabrik und von den Angestellten des Bankgewölbes ein Tael genannt, aber sie ist das Zweiundfünfzigfache eines Taels, sie ist ein Silberding, das zweiundfünfzigmal einunddreißig Gramm wiegt und zweiundfünfzigmal einen Dollar vierzig wert ist.

Diesen Komplex, in dem die Teiltaels aufgegangen sind, stellt man in Fabriken her. In Münzereien? Nein, da der Tael (wie oft sollen wir das noch sagen?) keine Münze ist, so ist auch die Fabrik keine Münzprägerei. Also in staatlichen Gießereien? Wieder falsch. Solche höchst staatliche und höchst kostbare Werte wird man doch nicht staatlichen Unternehmungen und staatlichen Beamten anvertrauen! Solche höchst staatliche und höchst kostbare Werte gibt man hierzulande ausschließlich privaten Unternehmern in Arbeit. Geld machen zu lassen ist Vertrauenssache.

Gegenwärtig wird in China der Dollar modern, und in gleichem Maße nimmt die Erzeugung der Taels ab. Zwei Milliarden Silberdollars gibt es im Lande und kaum hundert Millionen Taels. Die Lufang, die Taelfabriken gehen ein, und man muß sich beeilen, wenn man noch eine in vollem Betrieb sehen will.

Aus England und Amerika kommt das Rohmaterial, Silberbarren von zweiunddreißig Kilogramm, in den chinesischen Produktionsprozeß. Zunächst in die Schmelze. Tonofen neben Tonofen, jeder mit Erde bedeckt, so daß nur ein Loch zum Einführen des Materials und zum Schüren offen bleibt; Holzkohle schwelt darunter.

Ein primitiver Blasebalg, von einem Kuli primitiv bewegt, besorgt durch Bambusrohre die Luftzufuhr. Haben Holzkohle, Heizer und Blasebalgbeweger den Barren zur 32 Weißglühhitze getrieben, dann spalten ihn auf dem Amboß achtzehn Beilhiebe achtzehnmal. Jedes Stück, ungefähr so groß wie ein Tael (ein zweiundfünfzigfacher Tael selbstverständlich), wird nun eine Viertelstunde lang geschmolzen, Kupfer (sechzehn Promille) beigemischt, und die Legierung in eine Form gegossen.

Zwei Hammerschläge lassen zwei Stempel als Spur zurück: den Namen der Fabrik und die Nummer des Ofens. Beanstandet der Besteller etwas, so muß der Fabrikant Bestechung zahlen. Beanstandet der Fabrikant etwas, so werden die Arbeiter des betreffenden Ofens entlassen. Das ist der Sinn der beiden Stempel?.?.?.

In einem mächtigen Wasserbottich befeuchten die Arbeiter die Handtücher, die sie auf ihr Gesicht und ihren Hals legen, um von der Glut nicht versengt zu werden. Nicht deshalb aber steht der Bottich in der Mitte der Gießerei. Er steht da, auf daß das fertige Gußstück darin eingetaucht und gekühlt werde.

So oft das geschieht, scheint es, als schlügen über einem brennenden Boot Wellen zischend zusammen.

Rauch stößt hoch bei diesem Treffen von Feuer und Wasser, abrinnt die Welle, das Feuer erlischt, der Rauch verpufft.

Und glutrot, mit mattem Glanz, als hätte es im Mondenschein gebadet, taucht das Boot von neuem aus dem Wasser empor. Langsam, langsam weicht der Purpur, der schwere Rumpf des Schiffchens ist pures Silber. Leicht gewellt ist das Deck, wie Seide. »Si-Sci« heißt feine Seide auf Kantonesisch, Sycee nennen die Chinesen den Tael.

Da stehen die silberseidenen Schiffe nebeneinander auf 33 dem Trockendock. Das Büro überprüft und übernimmt sie. »Aha, die Staatsbehörde, die fiskalische Kontrolle über den privaten Erzeuger!« Keineswegs, ihr Europäer! Die Übernahmestelle ist privat, Organ eines Handelsgremiums. Ohne Chemie wird die Feinheit geprüft, ein geübter Chinesenblick genügt, um nach der Farbe den Silbergehalt auf ein Tausendstel genau festzustellen. Resultat dieses Augenscheins und Gewicht werden mit Tusche auf der Kielwand des Boots vermerkt.

Jetzt darf es auf die große Fahrt: vom Keller einer Bank zum Keller einer andern Bank. 34

 

III. Kupfer

Gold und Silber lieb ich sehr?.?.?.
                (Deutsches Studentenlied)

.?.?.?aber ich habe nur Kupfer.
                (Chinesische Tatsache)

An jeder Ecke jeder Straße haben Wechsler ihren gut vergitterten Stand. Sie sind ? wie übrigens alle chinesischen Kaufleute in ihren Läden ? von Söhnen, Enkeln, Großneffen und Schwiegersöhnen umgeben.

Die Inhaber dieser Geld-Käfige behaupten auf ihren Firmentafeln, daß sie amerikanische Dollar, japanische Yen, englische Pfunde einwechseln, sie schreiben Tageskurse an, und während der Boykottbewegung haben sie die japanische Währung auf der Tafel ostentativ durchgestrichen.

Trotz dieser Kurstabelle befassen sich die Shanghaier Wechsler ebensowenig mit Devisengeschäften wie ihre Kollegen, die der Knabe Jesus Christus aus dem Tempel jagte. Die Wechsler von Jerusalem tauschten Großgeld in Kleingeld um, das man für den Markt und Almosen brauchte, die von Shanghai tauschen Taler in Cents und Kupfer um.

Ein Chinesendollar ist gegenwärtig ungefähr einer deutschen Mark gleich. Aber er besteht keineswegs bloß aus hundert pfenniggleichen Münzen, vielmehr aus viel mehr, aus 290, in Worten: zweihundertneunzig talergroßen, talerschweren Kupferstücken.

In der Mandschurei gibt es sogar halbe Kupfer, ? wers nicht glaubt, zahlt einen Taler für fünfhundertachtzig von ihnen. Dagegen kursieren in Peking 35 durchlochte Doppelkupfer, die jedoch nicht das Doppelte, sondern nur die Hälfte des einfachen wert sind. Unter so schweren Verhältnissen ist es leicht begreiflich, daß man eintauscht, wenn man gerade Kleingeld braucht, oder wenn man kein Kleingeld braucht und die ganze Tasche voll davon hat. Wer wird sich einerseits den ganzen Tag mit Kupfergewicht schleppen wollen, wer kann anderseits vom Schaffner, vom Zeitungshändler oder vom Rikschakuli verlangen, soviel Münzen bei sich zu haben, als er auf eine chinesische Mark herausgeben müßte? Befürchte nicht, der Wechsler werde dir für deinen Dollar den ganzen Gegenwert in Kupfern durch die Gitterstäbe schieben, ein Schwergewicht, das dich schnell erledigen würde. Nein, die Wechsler nehmen Rücksicht auf die menschliche Tragkraft, geben dir fünf Zwanzig- oder zehn Zehncentstücke. Nur den Rest bekommst du in Kupfern ? etwa zwanzig bis dreißig ? das hängt von Devisenschwankungen und Kupferpreisen ab, von geheimnisvollen unverständlichen Dingen, bei denen der kupferverdienende Kuli täglich draufzahlt.

Es gibt Big-Money und Small-Money, Großgeld und Kleingeld, das aber beides Kleingeld sein kann. Big-Money sind sowohl Bruchteile als auch Vielfache des chinesischen Dollars. Immer gehen bei Big-Money zehn Zehncentscheine auf einen Dollar oder ein Zehndollarschein auf zehn Dollar. Nicht so einfach ist es bei Small-Money, den silbernen Zehn- und Zwanzigcentstücken, ? die schaukeln längs der Wertskala unausgesetzt auf und nieder.

Zweitausendfünfhundert Jahre lang war Chinas Münze der Kwei, von den Europäern Käsch genannt. Tausend 36 Käsch gingen auf einen Tael, sie waren durchlöcherte Bronzestücke und galten vom frühesten Altertum bis zum Weltkrieg. 1915 kauften die Japaner schiffsladungsweise den Kwei auf, ? die Kanonenindustrie verschmähte Kupfer und Zinn auch in der kleinsten Form nicht. Japan bezog die Käsch von den chinesischen Provinzgeneralen, die sie ihrerseits dem chinesischen Volk entzogen. Jetzt sieht man keine Käsch mehr, obwohl auf jedem Kupfer großmächtig steht, daß er zehn Käsch wert ist.

Fast jede Provinz Chinas prägt ihre Münzen selbst, in jeder Stadt hat der Cent einen andern Wert, überall blüht und wuchert die Gilde der Wechsler. Der Kuli bekommt seinen Lohn in Kupfer, die Straßenbahn läßt sich die Fahrkarte in Kupfer bezahlen, der Schaffner preßt die Münzenmassen in Säcke und die Säcke unter die Sitze der Passagiere, der Chinese entlohnt den Rikschakuli in Kupfer, der Arbeiter, der mit Frau und kleinen und kleinsten Kindern auf dem Einradkarren aus der Fabrik heimfährt, entrichtet den Fahrpreis in Kupfer, der Straßenhändler, der Straßenschauspieler, der Straßenbettler erzielt nur Kupfer, ? es ist das schwerste und am schwersten verdiente Geld.

Da fiel es der Liebe ein, Papierscheine auf Kupfer auszustellen. Die Liebe vermochte das, denn nur aus der Hand der Liebe nimmt man Papier für bare Münze. Vor mir liegt ein Paket solchen Liebesgeldes, lautend auf die Wechselstube Kai Tai, die Wechselstube Wan Fong Tai usw. usw.

Diese Zehn-, Zwanzig- oder Vierzig-Kupferscheine überreicht das Mädchen in den chinesischen 37 Liebeshäusern dem Gast zum Abschied, um sich für seinen Besuch dankbar zu zeigen, und um ihm, der müde ward an ihrer Seite, die Strapazen des Zufußgehens zu ersparen. Sie setzt von seiner Galanterie voraus, daß er ihr seine ganze Barschaft geschenkt und nichts mehr bei sich behalten habe.

Jeder Rikschakuli nimmt diese Scheine an, als wären sie öffentliche Währung, jeder kennt dieses Papiergeld und?.?.?.

»Papiergeld! Schreiben Sie doch keinen Unsinn, Kisch,« unterbricht der Währungsfachmann. »Das ist doch kein Papiergeld. Das sind doch Schatzscheine!«

Schatz-Scheine? Schön! 38

 

Der Inder auf dem Verkehrsturm

schaltet abwechselnd rotes, gelbes und grünes Licht ein. Er hat einen roten, gelben oder grünen Turban um den Kopf gewickelt. Die Analogie mit den Lichtern der Verkehrsampel hört auf, wenn der Turban andersfarbig ist. An allen wichtigen Straßenkreuzungen des Internationalen Settlements regeln Inder den Verkehr.

Andere bewachen tagsüber und nachtsüber Banken, Warenhäuser und Bürohäuser. Beide Gruppen, Polizei und Wächter, stecken im hochgeschlossenen Uniformrock, der englisch ist, und haben einen Kamm unter dem Turban, ein Messer am Gurt, einen Reifen am Arm und kurze Leinenhosen ? vier Vorschriften ihrer Religion, zu denen sich als fünfte gesellt, daß niemand und nichts, kein Messer und kein Barbier, nicht Gattin noch Kind den wildwachsenden Bart berühren darf.

Manche der privaten Wächter tragen einen schwarzen Turban, was ihren höher gestellten Kollegen von der Straßenecke verwehrt bleibt. Eigentlich ist der schwarze Turban auch den privaten Wächtern verboten, aber sie behaupten, er sei nicht schwarz, sondern (allerdings sehr!) dunkelblau, England läßt das gelten. England 39 läßt schwarz blau sein. England hat seine Erfahrungen mit dem schwarzen Turban.

Ob nun die indischen Wächter, die Sikhs, hell oder dunkel beturbant sind, mit Karabinern sind sie ausgerüstet. Ernst sind die Zeiten für die Internationale Siedlung, jeden Augenblick können sich die Ausgebeuteten in Asien gegen die Ausbeuter aus Europa auflehnen, Wächter allein genügen nicht, selbst wenn sie hünenhafte, bärtige Inder sind, sie müssen auch Feuergewehre haben.

Ohne Zweifel wirken die Sikhs höchst imposant. Weder der hagere Anamite mit dem Lampenschirm als Hut, der in der Franzosenstadt den Polizisten macht, noch der Chinese, der in der »Chinesischen Konzession« mit einem Stück Zuckerrohr den Verkehr regelt, läßt sich mit ihnen vergleichen. Wenn ein Sikh auf dem Turm steht, wagen es die Rikschakulis mitnichten, die Lichtbefehle zu mißachten. Wenn ein Sikh auf dem Fußsteig vor dem Zollamt patrouilliert, so macht jedermann einen Bogen, ? niemand will in Verdacht geraten, einen Überfall zu beabsichtigen.

So hüten die braunen Titanen die Ordnung und das Geld ihrer Kolonialherren, walten rücksichtslos und brutal ihres Amtes, und deshalb haßt das Chinesenvolk Shanghais seine indischen Wächter.

Das Chinesenvolk Shanghais haßt sie auch aus einem andern Grund. Manche der Sikhs, infiziert vom Geist Shanghais, dem Geist der hemmungslosesten Ausbeutung, infiziert vom Geist der Gebäude, als deren Karyatiden sie hingestellt sind, entsagen eines Tages dem Wachberuf und widmen sich den Geschäften. Sie borgen 40 den Chinesen Geld zu hohen Zinsen. Schuldscheine in der Hand, bevölkern sie alltäglich den Gerichtssaal. Kettenhunde des Kolonialkapitals, Halsabschneider des Kolonialvolks.

Früher einmal haben auch diese Sikhs eine andere Rolle gespielt. Das war nicht hier, das war im nordwestlichen Indien, im Punjab. Dort leben sie, seitdem sie sich im 15. Jahrhundert gegen die Mohammedaner zusammengeschlossen haben, rings um den Goldenen Tempel von Amritsar in demokratischer Gemeinschaft, glauben an einen einzigen Gott, lehnen Kastenwesen und Seelenwanderung und Bilderverehrung und Witwenverbrennung ab. Jedem Ansturm der Feinde, die ihre Selbständigkeit brechen wollten, haben sie sich kühn widersetzt. Einst wurde einer der Gurus, ihrer Lehrer, gefangengenommen und vor den mohammedanischen König geführt. Außer dem Verbrechen, Führer der Ungläubigen zu sein, legte man ihm zur Last, sich bei seiner Eskortierung nach dem Harem seines Besiegers umgedreht zu haben. »Ich wandte mich um,« erwiderte der Guru dem feindlichen König, »nach dem Westen, woher die Weißen kommen werden über das Meer, um Euch und uns zu Sklaven zu machen, wenn wir nicht einig sind.«

Er hatte richtig prophezeit. Die Engländer kamen über das Meer, um die Sikhs und die Hindus und die Mohammedaner zu Sklaven zu machen. Blut strömte durch den Punjab. Dreitausend Tote brachten die Sikhs den Engländern bei Feros-schahr bei, achttausend bei Feros-pur. Damals standen die Posten der Sikhs nicht auf Türmen und konnten das Dunkel des Dschungels nicht mit den elektrischen Scheinwerfern durchdringen, die sie 41 heute im Leuchtturm in der Nanking Road aufblitzen lassen, sie hantierten nicht mit den Sechsschuß-Karabinern, mit denen sie heute die englischen Banken vor Asien beschützen.

Die Sikhs wurden besiegt, wurden unterworfen, wurden Krieger Englands. Bald feuerten englische Sikh-Bataillone auf ihre aufständischen Landsleute, sie feuerten auf die Völker des Irak, Ägyptens und Birmas, und im Weltkrieg feuerten sie auf die europäischen Feinde ihrer Herren.

Noch aber glimmte der Unabhängigkeitsgedanke in den alten Siedlungen der Sikhs. Man mußte sie unter schärfere Kontrolle stellen, ihnen den letzten Rest der Selbständigkeit nehmen. Die Gurdwaras, ihre Tempel waren bisher von der Gemeinschaft verwaltet worden, ? jetzt ernannte die indische Regierung die ihr genehmen Priester zu Tempelhütern, und diese schalteten alsbald selbstherrlich und korrupt in den Tempelgütern. Da standen 1919 die Sikhs von neuem auf. Sie kämpften um die Rückgabe der Gurdwaras an die Gemeinschaft, um die Wiederherstellung ihrer alten Demokratie, ? um etwas, was man in den Kolonien keinesfalls dulden kann. Englische Maschinengewehre massakrierten bei Nankhana-Sahib und im Jallianwala Bagh, dem Park von Amritsar, Hunderte von Männern, Frauen und Kindern.

Der Intelligence Service, Englands weltumfassender Spitzeldienst, hatte herausgefunden, daß die Akali, eine Gruppe mit schwarzen Turbans, der fanatische Stoßtrupp der Sikhs sei, und das Tragen des schwarzen Turbans wurde bei Prügelstrafe verboten. 1922 kam es zu den Szenen von Guru-ka-Bagh, ein Epos von passiver 42 Hingabe und von aktiver Brutalität, wie es die Weltliteratur noch nicht geschrieben hat: täglich zogen Tausende von Sikhs mit eigens angelegtem schwarzem Turban, Greise, Männer, medaillengeschmückte Veteranen des Weltkriegs und Knaben, freiwillig aus Amritsar und andern Gemeinden des Punjab nach Guru-ka-Bagh, um sich prügeln zu lassen. Sie saßen in einer Reihe auf dem Boden und sangen, während sich die englische Soldateska auf sie warf, ihr Lied:

Wahiguru, Wahiguru, Wahiguru Ji
Satnam, Satnam, Satnam Ji?.?.?.

Sie sangen, während die Hiebe auf sie niedersausten, sie sangen, während die Soldatenstiefel auf ihnen herumtraten, sie sangen, bis sie leblos umsanken.

Den Prügelszenen wohnten bei der Inspector-General, der Deputy-Inspector-General, der Deputy-Commissioner und etliche Superintendents of Police. Die Behörden Sr. britischen Majestät des Kaisers von Indien befahlen noch größere Strenge, sie hofften, dadurch die Rebellen einzuschüchtern. Man schlug die Sikhs auf die Augen und auf das Gesäß, man riß sie an den Ohren und an dem unberührbaren Bart, trat sie in die Geschlechtsteile. Ohnmächtig oder tot lagen die Sikhs umher, die Prügelsoldaten hatten geschwollene Arme und ihre Stöcke waren zerbrochen, aber immer noch marschierten Prozessionen der Opferbereiten von allen Seiten heran:

Wahiguru, Wahiguru, Wahiguru Ji
Satnam, Satnam, Satnam Ji?.?.?.

Die Offiziere ließen trommeln, und, weißen Schaum vor dem Munde, dem Wahnsinn nahe, stürzten Englands 43 Büttel auf die neuankommenden, mit keiner Bewegung sich wehrenden Sikhs.

Krumm und eng sind die Straßen Shanghais, die Straßenbahn hat keine Schienen, die Autos flitzen an den Rikschas vorbei, ein Vorspann von zwölf Kulis zerrt einen Lastwagen, der eben die Autobuslinie kreuzt ? verdammt aufpassen muß der Verkehrspolizist. Ernst und kriegerisch sind die Zeiten, die Japaner zerschießen die Stadt, der Völkerbund höhnt die Chinesen, Not und Erregung sind groß ? verdammt aufpassen muß der Wächter. Gehen ihm manchmal der Trommelwirbel und die Stockschläge und das Lied

Wahiguru, Wahiguru, Wahiguru Ji
Satnam, Satnam, Satnam Ji?.?.?.

durch den Kopf, indes die Wellen des Verkehrs zu seinen Füßen branden, indes er steif und fest dasteht, ganz Felseninsel, ganz England?

Man hört mancherlei von den Sikhs, sobald man sie außerhalb ihres Wachbezirks trifft, in Woochang Road, wo die Sikhs wohnen und die Firmentafeln in sanskritischen Buchstaben geschrieben sind. Dort erzählen sie dir zum Beispiel von einem Inspektor, der wirklich ganz Amt, ganz Polizei, ganz England war, und von den andern Sikhs deshalb als Verräter seines Volkes gehaßt wurde. Eines schönen Renntages 1929 wurde er auf dem Turfplatz erschossen. Den Täter nahm man fest. Mit allen möglichen Folterungen versuchte man, etwas über allfällige Freunde oder Auftraggeber herauszubringen. Man erfuhr nichts und hängte ihn. In einem philippinischen Revolutionär vermutete man den intellektuellen 44 Urheber des Attentats, aber da man genau wußte, man werde vor Gericht nichts beweisen können, überfielen ihn englische Detektivs nachts in seinem Haus und schlugen ihm in Keswick Road den Kopf ab. Tags darauf verhafteten die beamteten Mörder acht revolutionäre Sikhs »unter dem Verdacht, den Mord in Keswick Road begangen zu haben«. Durch eine Zeitungskampagne wurde das Manöver enthüllt, und so mußte die Hinrichtung der Unbequemen unterbleiben.

Manchmal ist das mächtige England machtlos gegen die Völker, die es unterdrückt. Die Gedanken unter dem Turban, mag er nun schwarz oder dunkelblau oder andersfarbig sein, kann das mächtige England nicht unterdrücken.

England kann nur Kolonialpolitik machen. Es läßt im Malaischen Staatenbund Zehntausende von chinesischen Kulis die Löhne drücken, wodurch Zehntausende von Malaien und Indern aus den Zinn-Minen, Teakholz-Sägereien und Reis-Plantagen in Arbeitslosigkeit und Hungertod getrieben werden. In den britischen Kronkolonien und Schutzgebieten gibt es auch etwas, was es in China fast nicht gibt: große chinesische Unternehmer. Sie sind Reeder, Reismühlenbesitzer, Hoteliers, Inhaber von Bordellen und beuten die einheimische Bevölkerung genau so aus, wie drüben in China die Europäer die einheimische Bevölkerung ausbeuten.

Deshalb hassen Inder und Malaien die Chinesen als Gelbe Teufel und die Chinesen in China hassen ihrerseits die Inder, die in Shanghai den Chinesen beaufsichtigen, prügeln und bewuchern.

Das ist die Kolonialpolitik. Man hält sie aufrecht, 45 indem man mit Spitzeln und Henkern jede internationale Verbindung zu verhindern sucht. Das Panpazifische Sekretariat der Gewerkschaften ist verboten, seine Funktionäre wurden hingerichtet oder zum Tode durch lebenslängliches Zuchthaus verurteilt.

Es besteht illegal. 46

 

Yoshiwara am Kriegergrab

Nach der Totenfeier blieben wir im Hongkew-Bezirk, nahmen dort unser Abendbrot ein und besuchten einige Lokale. Auf diesem verwirrenden Kriegsschauplatz, ringsumher schwält Trümmerwerk, lädt hellblaues Röhrenlicht in ein Kabarett, draußen spüren wir noch süßlich die Auflösung der Leichen, drinnen schmiegt sich ein gutparfümiertes Japanerinnenköpfchen an den Tanzpartner, nachmittags ehrt man die Toten, abends freut man sich der Lebenden, und schon am nächsten Tag, wenn wir die Eindrücke überdenken wollen, vermischen sie sich zu einem einzigen.

Unter den Toten, denen es nachmittags galt, waren als besondere Helden die »Lebenden Bomben«, eine Gruppe von Soldaten, die, Granaten umgeschnallt, beim Sturm auf die chinesischen Stellungen in die Luft flogen. In einem Telegramm nach Tokio hatte das Armeeoberkommando erklärt, der Unglücksfall sei durch einen Fehler in der Tempierung der Bomben verursacht und die strengste Untersuchung gegen die Schuldigen eingeleitet worden; aber als ein Kriegsberichterstatter meldete, hier liege ein freiwilliger Opfertod vor, machte man das zur offiziellen Version. 47

Der Feier der Trauer wohnten Offiziere bei, und auch in den Häusern der Freude sahen wir solche, wenngleich nicht so hohe wie am Nachmittag; der Generalissimus Shirakawa, der Admiralissimus Nomura, Marschall Ono, General Ujematu waren nur bei der Totenmesse anwesend, feierlichen Gesichtes saßen sie da wie ergriffen.

Eisenplatten bedeckten die Asche der Leichen, enzianblaue, weiß beschriftete Fahnen umgaben den Totenplatz, vorne ein Altar, dekoriert mit Chrysanthemen. Keine Schleifen trugen die Kränze, sondern ein Brett mit Text.

Schauplatz der Veranstaltung war, seltsam genug, der Garten eines japanischen Teehauses, das mit Pavillons, Lauben und Beeten vor drei Jahren niedergebrannt ist, ? eine zufällige, alte Brandstätte in der Nachbarschaft beabsichtigter, neuer Brandstätten. Damals, bei jener friedlichen Feuersbrunst, blieben Mauern und Tor unbeschädigt, und durch diese Geschlossenheit des Areals eignet es sich für eine Feier.

Der Hongkew-Bezirk war vor den kriegerischen Ereignissen mit japanischen Restaurants, Teehäusern, Dancings und andern Nachtlokalen gut bestückt; am 28. Januar 1932 schlossen sich diese Etablissements, nunmehr aber schießen sie um so dichter wieder empor, neues Nachtleben blüht aus den Ruinen.

Ein orangerotes, geblümtes Ornat umhüllt den Priester, über sein glattrasiertes, breitknochiges Gesicht hebt sich golden die Mitra. Drei Männer ministrieren; wie er, sind sie in krasser Seide, sie helfen ihm, auf dem Opferaltar rosarote süße Brote aufzuschichten und Schalen mit Reis.

Speise für die Toten. Die Lebenden sahen wir am 48 gleichen Tage im gleichen Bezirk ? er ist die Nordgrenze des Internationalen Settlements von Shanghai ? andere Speisen essen. Sukijaki, sprich: Skjaki, ist ein mongolisches Gericht, das die New-Yorker zum japanischen Nationalgericht erklärt haben, ebenso wie man »Chop-Sui« in den amerikanischen Restaurants als chinesische Nationalspeise annonciert. Seither essen die Japaner mit besonderer Feierlichkeit Sukijaki. Fleischstücke, Zwiebeln und Gemüse dämpfen sich in Sojabohnen-Sauce auf einer Pfanne vor dem Gast, der tapfer zugreift, während der Rest weiterschmort und prasselt. Männer hocken auf der Matte, die Kellnerinnen an ihrer Seite füllen immer wieder die kleinen Gläser mit Reiswein und legen immer wieder neue Fleischstücke in die Pfanne.

Niemals nimmt der Japaner, wenn er abends ausgeht, seine Frau mit; zu der Trauerfeier, auf deren Beschreibung wir uns scharf beschränken, sind Frauen zugelassen. Sie stehen am Eingang und verbeugen sich vor jedem Eintretenden dreimal bis zur Erde, litaneien im Chor und drehen wehklagend ihre Rosenkränze, deren einzige Glaskugel wie die Perle eines Ringes über dem Mittelfinger liegt. Sogar Geishas sind da, in grellem Kimono und rotgeblümter Schärpe, ihre Frisur ist zu einem Rittersporn gefettet und gehärtet, Silberkugeln und Flitter glitzern im schwarzen Haar.

Die buntgefiederten, zwitschernden Geishas servieren den zur Trauer befohlenen Offizieren Tee, die andern Frauen, die im braungrauen Kimono, könnten es nicht mit solcher Grazie. Geishas und Nicht-Geishas tragen weiße zweigeteilte Strümpfe, drei Zehen sind in einer, zwei Zehen in der andern Hälfte, ? sozusagen 49 Fäustlinge für die Füße ? und hölzerne Kothurne, »Geta« genannt.

Mit Opferspeisen, mit Gebet, mit Musik und wohlriechendem Rauch werden die als Opfer gefallenen Soldaten geehrt. Priester und Mesner umschreiten gemessenen Schritts das Karree, rufen sakrale Worte, die keiner aus der profanen Menge versteht, und werfen buntes Papier auf jedes Grab.

Da sie zum Altar zurückkehren, zelebriert der Oberpriester die Messe weiter, und seine Gehilfen machen mit Gong, Pauke und Glöcklein Musik dazu. Ein eigenartiges Instrument sind die Tschinellen, man kann sie nicht nur aneinanderschlagen, sie schwirren auch, wahrscheinlich infolge einer Feder, ineinander ab, und das klingt und dröhnt, als wirbele der Generalmarsch. Warum hält sich die Jazzkapelle in den japanischen Tanzlokalen so sklavisch an die üblichen Negerinstrumente, an Banjo, Saxophon und dergleichen, warum bereichert sie das Instrumentarium nicht um die rotierenden Tschinellen? Das bewunderungswürdig aktuelle Repertoire der Jazzkapellen würde durch diese Neuerung nur gewinnen: nach jeder Zeile des Liedes »Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt« der silberne Wirbel.

Die Tanzmädchen singen das obige Lied nicht im deutschen Urtext und nicht in japanischer Übertragung, vielmehr singen sie »Falling in love again?.?.?.« Sie können alle ganz gut englisch, sie können Rumba tanzen (Blues, drittes Stadium, haben sie schon hinter sich). Zumeist tragen sie europäische Kleider, aber wie uns eine Partnerin erzählt, erst seit vorigem Jahr. Hier hat Japan länger als sonst gebraucht, sich dem Westen anzupassen, 50 die Mode der kurzen Röcke kam für Japans Mädchenbeine nicht in Betracht. Japans Mädchenbeine sind die schwächste Seite von Japans Mädchen, zu viele Jahrhunderte lang saßen ihre Ahnen und Ahninnen mit untergeschlagenen Beinen auf der Matte.

Zu Ende der Gottesdienst. Mit ernster Miene begibt sich der Höchstkommandierende zur Opferung. Wohlgemerkt: er opfert nicht sich, sondern er opfert. Die ernste Miene legt er an, weil er an seine armen gefallenen Soldaten denkt und weil sein Gesicht vom Kino-Apparat fast gestreift wird. Vergaßen wir zu erwähnen, daß der Trauerfeier eine Filmkolonne assistiert, auf einem Lastauto rechtzeitig gekommen? Buddha plus Militärfilm.

Angesichts des Films vertiefen sich die Falten jedes Angesichts. Trauer muß bildhaft gemacht werden, wie ein unerwarteter Schicksalsschlag scheint den Generalen die Erkenntnis zu kommen, daß im Krieg Menschen fallen. Admiral Nomura sieht drein wie ein beleibter, müder Regimentsarzt; das Japanerschwert ? der Griff nimmt ein Drittel der Schwertlänge ein ? macht den Kommandanten der japanischen Streitkräfte in den Chinagewässern mitnichten martialischer aussehend. General Ono ist eine Quitte mit Spitzbart.

Einer nach dem andern tritt heran, greift in eine hölzerne Dose, die auf dem Altartisch steht, hebt das geweihte Gewürz, alldieweil die Kurbel des Operateurs kreist, inbrünstig zur Stirn und legt es in die Opferschale, Dampf wallt auf. Hinter den Generalen die Stabsoffiziere, hinter den Stabsoffizieren die Oberoffiziere, hinter den Oberoffizieren die Unteroffiziere, alle »in zwangloser Reihenfolge streng nach dem Rang«. Sie 51 erweisen den in China gefallenen Verteidigern des japanischen Vaterlands die letzte Ehre, getreu jenem überall typischen Regimentskommandobefehl: »Sämtliche Offiziere und weiterdienende Unteroffiziere der 3. Kompanie, die das Herzensbedürfnis fühlen, dem verstorbenen Herrn Major des Ruhestandes N. N. das letzte Geleit zu geben, haben morgen um vier Uhr nachmittags vor dem Stabsgebäude gestellt zu sein. Fernbleiben wird strengstens bestraft.«

Obwohl die dii minores militiarum gentium bei ihrer Opferungstätigkeit keiner Kurbeldrehung des Filmoperateurs würdig befunden werden, machen auch sie ernste Antlitze, denn das geziemt sich für eine Trauerfeier, es sind Gäste da, sogar ein fremder Journalist, der sie freilich, zu ihrer unangenehmen Überraschung, noch heute mit weniger ernsten Antlitzen im benachbarten Nachtleben wiedersehen wird. Auch die Militärs beherrschen die neuesten Tänze, und es ist ein ungetrübtes Vergnügen zuzusehen, wie die nachmittags rauhen Kriegsmänner am Abend, von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, die Elegie Marlenchen Dietrichs zu tanzen wissen.

Kundig gemixt sind die Cocktails, der Rauch aus den geweihten Schalen über den Toten steigt steil empor, ein Zeichen, daß der Himmel das Opfer gnädig entgegennimmt, die heiligen Papierchen flattern im milden Märzwind von Grab zu Grab, in den Alleyways, den Seitengäßchen von Hongkew, ist das Yoshiwara des Schlachtfelds etabliert, billige japanische Lampions und billige japanische Mädchen stehen davor. Sie locken die lebenden Soldaten, die Kameraden der toten, ins Bordell. 52

 

Die Hinrichtung

Da starb Einer von des Henkers Hand, Blut stieß in langem und breitem Strahl aus seinem Nacken, das Leben spritzte hoch aus Einem, der tot gewesen schien vorher.

Unwirklich, blaß im gelben Gesicht, huschte er morgens aus dem Raum des Polizeiautos, seine Hände staken in Nickelspangen, sein fadendünner, fadenlanger Körper im grauen Chinesenmantel. Er wiegte sich in den Hüften, er schwebte dahin wie ein Gespenst im Kirchhofswind.

Ich hatte mir seine Physiognomie und seine Gestalt, während ich wartete, nicht vorgestellt, ich weiß, daß Mörder im allgemeinen keinen Stiernacken, kein vorgeschobenes Kinn, keine fliehende Stirn haben. Dieser aber sah doch allzusehr nach Nicht-Mörder aus, sah eher wie ein Ermordeter aus, nicht wie einer, der noch vom Leben zum Tode zu befördern ist.

Tsang Kja-Ying schlenkerte mit den Schultern, mit den Beinen und sogar mit den aneinandergefesselten Händen, als man ihn in die Zelle des Bagatellgerichts abführte zu den dreißig, vierzig Leuten, die heute zur Verhandlung kommen sollten und ungewiß ihres Schicksals harrten. Er allerdings, er brauchte nicht ungewiß 53 seines Schicksals zu harren, er war tot und konnte dem Totsein nicht entfliehen. Seine beiden polizistischen Begleiter waren draußen vor der ohnedies hinreichend bewächterten Eisentür geblieben. So konnte er sich als Gleicher unter Gleichen in die Schar der ihm Ungleichen ducken. Sie merkten nicht, daß einer von ihnen nur mehr ein Schemen war.

Plötzlich öffnete sich die Eisentür respektvoll weit. Großmächtig, breitspurig trat das Leben ein: eine Polizeifigur. Sie bewegte sich schlüsselklirrend auf Tsang Kja-Ying zu. Jetzt erst erfuhren die andern?.?.?.

Behaupten die Europäer nicht, dem Chinesen bedeute der Tod nichts oder wenigstens weniger als uns? »Die Kerle lachen bei ihrer Hinrichtung,« hat mir draußen der Inspektor erzählt.

Hm, Tsang Kja-Ying, aus dessen Leichnam Leben verspritzen sollte, hatte einen halbgeöffneten Mund mit hochgezogenen Mundwinkeln, was im Verein mit stoßweiser Sprache und fortwährender Schwingung des ganzen Körpers so wirkte, als wäre er belustigt. Aber war Tsang Kja-Ying wahrhaftig belustigt? Oder bewegte die Angst seinen Mund und seinen Leib? ? Wozu die Fragen, allzubald sollten wir sehen, ob er freudvoll oder leidvoll den Weg zwischen Tod und Leben beschritt.

Was seinen Zellengenossen der Tod bedeutet, sahen wir bereits: ihre Augen hatten sich wie Mündungen von Gewehrläufen aus allen Winkeln nach dem Gerichteten gerichtet, als das Leben, verkörpert in einer Polizeifigur, schlüsselklirrend auf ihn zutrat. Der Inspektor, ein Schotte, steht schon lange genug im Shanghaier Gerichtsdienst, um einen Häftling chinesisch fragen zu 54 können, was er vor dem Tode zu essen wünsche. Tsang Kja-Ying wünscht warme Pasteten mit gehacktem Fleisch, kalten Fisch, Reis und Suppe. Und Zigaretten.

Im Saal nimmt der Bagatellgerichtshof Platz. An sich ist eine Hinrichtung zwar keine Bagatellsache, aber dieses Gericht hat mit der Hinrichtung nichts anderes zu tun, als den Hinzurichtenden zu fragen, ob er noch eine Bekundung machen, eine Mitteilung an Verwandte oder Freunde durch das Gericht zustellen lassen wolle.

Tsang Kja-Ying wird zur Wand der Angeklagten geführt, er hat den Vortritt vor seinen Zellengenossen, er ist kein Angeklagter, er ist mehr als ein Angeklagter, mehr als ein Verurteilter, er ist ein Vollstreckter. Sein Oberkörper irrlichtert über der Holzwand. Auf der Bank der Detektive sieht Tsang Kja-Ying einen Bekannten sitzen und wendet sich mit stoßenden Worten bald an ihn, bald an den Richter.

Begrüßt er den Bekannten? Beschimpft er ihn? Bekennt er seine Schuld? Beteuert er seine Unschuld? Ich weiß es nicht. Die hochgezogenen Mundwinkel, die Schwingungen und Drehungen der Schulter sagen nichts aus, und der Assessor der Internationalen Niederlassung, der sonst mit Hilfe eines Übersetzers jedes Wort eines Angeklagten oder Zeugen, Polizisten oder Detektivs für die Akten der ausländischen Polizei niederschreibt, läßt sich diesmal nichts übersetzen. Tsang Kja-Ying interessiert nicht mehr. Ist erledigt.

Letztwillige Bekundungen hat Tsang Kja-Ying bei Gericht nicht zu deponieren und kann daher abgeführt werden in den Hof, wo ihm ein ungedeckter Tisch gedeckt ist. Ein Päckchen billiger Zigaretten wird ihm 55 hingeworfen, er reißt den Karton auf, bevor noch seine Hände entfesselt sind, und zündet sich eine an. Seit seiner Tat ? Einbruch mit tödlichem Revolverschuß gegen den ihn überraschenden Wächter ? hat er wohl nicht geraucht.

Und sich wohl nicht sattgegessen. Mundwärts fliegen die Holzstäbchen mit den Fisch- und Fleischstücken, mit dem Reis, über den er die Suppe gegossen. Ein chinesischer Aberglaube weiß, daß Pasteten den Weg ins Jenseits erleichtern. Noch eine Zigarette. Er streckt die Schachtel mit den übrigen einem Polizisten zu. Willst du sie? Du willst sie nicht, achselzuckend wirft Tsang Kja-Ying sie auf den Tisch, eine Zigarette fällt hinunter. Während er sich nach ihr bückt, erinnert er sich: es ist sinnlos, sie aufzuheben. Fünf Minuten vorher, wie gierig hätte er sie ergriffen, ? rasch wandelt sich alles, wenn das Leben dem Ende zurast.

Man übergibt ihm in einem Säckchen die Habe, die man ihm bei seiner Verhaftung abgenommen hatte, 44 Kupfer, einen Pfandschein, einen Schlüssel. Tsang Kja-Ying zählt sein Geld, wie Chinesen zählen, je fünf Kupfer aus einer Hand in die andere schleudernd. Lange starrt er mit eingekniffenen Augen den Pfandschein an, dann zerreißt er ihn sorgfältig und legt das Geld auf den Tisch.

Gehen wir! Mit einem Ruck. steht Tsang Kja-Ying auf, schiebt die Ärmel hoch und streckt dem Polizisten die Hände gekreuzt hin, um sich wieder fesseln zu lassen. Der dünne Mann steigt in das große Polizeiauto. Ein zweites folgt, Maschinengewehr neben dem Führersitz. »Das ist Vorschrift,« erklärt mir mit Bezug auf das 56 Maschinengewehr der Sergeant, der neben mir im zweiten Wagen sitzt, »eigentlich hat es nur einen Sinn, wenn wir Politische befördern.«

Werden oft Politische hingerichtet?

»Oh, my goodness ? du meine Güte, fast jede Woche! Nur Kommunisten natürlich. Vielleicht kommt bald ein Europäer dran, dieser Noulens, Sie wissen?«

Ja, ich hörte von diesem Noulens. Ruegg heißt er in den europäischen Zeitungen. Wann, glauben Sie, wird er hingerichtet?

»Der Teufel weiß es. Sollte schon ein halbes Jahr erledigt sein. Weil der Krieg gekommen ist und die Zeitungen soviel Krakeel gemacht haben, schieben es die verdammten Gelben immerfort hinaus. Jetzt machen sie sogar eine öffentliche Verhandlung.«

Ärgerlich gießt sich der Sergeant einen Whisky in den Mund. Sein Ärger ist verständlich. Das Internationale Polizeikorps verhaftet und händigt die Verhafteten den Chinesen ein, damit diese das Todesurteil fällen, das Internationale Polizeikorps hält nachher den zum Tod Verurteilten in Gewahrsam und übergibt ihn schließlich wieder den Chinesen zwecks Hinrichtung. Wie können sich die verdammten Gelben erlauben, den Vollzug ihres Auftrags zu verzögern!

Unsere Wagen fahren durch die Franzosenstadt, am Canidrom, dem Hunderennplatz vorbei, über den Soochow-Kanal. Vor einem Neubau, vor dem, wie bei Staatsgebäuden obligatorisch, zwei Steinlöwen Posten stehen, hält der Wagen. Der Sergeant geht hinein, um einen chinesischen Beamten zu holen, der die Amtshandlung leiten soll. Ist es doch eine »rein chinesische Hinrichtung«. 57

Da fährt ein toter Mann zum Tode, aber niemand weiß es, die Rikschakulis nicht, die unserer eiligen Autokolonne ausweichen, die Straßenhändler nicht, die mit langgezogenen Kehllauten ihre Waren anbieten, die Arbeiter nicht, die mit einem halb gestöhnten, halb gesungenen Duett Lasten auf Bambusstangen tragen, nicht die, die in den Garküchen hocken, nicht die, die vor dem Käfig des Geldwechslers stehen, nicht die, die sich vom Straßenbarbier den Kopf rasieren und die Ohren kitzeln lassen. Der Mann im Wagen vor uns schaut nicht aus dem Wagen. Für den, der tot zum Tode fährt, gibt es nichts mehr zu sehen.

Der Sergeant genehmigt wieder einen Schluck Whisky. »Dauert so eine Hinrichtung lange?« frage ich ihn.

»Haben Sie denn noch keine gesehen?« Er setzt die Taschenflasche vom Mund, erstaunt über meine Frage, denn er hat schon viele hundert Hinrichtungen mitgemacht: »Noch nicht eine einzige?«

Ich bekenne: noch nicht eine einzige.

»Nun, es kostet nicht viel Zeit. Im allgemeinen wenigstens. Wenn sich der Delinquent gleich taufen läßt, geht es schnell, aber?.?.?.«

Was sagen Sie da? Ich verstehe Sie nicht?.?.?. Sagten Sie »taufen«?

»Gewiß. Zu jeder Hinrichtung kommt ein katholischer Missionar. Manche Delinquenten wollen zuerst nichts davon hören, sich bekehren zu lassen, aber der Priester läßt nicht ab und so werden sie nervös (wörtlich: then they become nervous) und fügen sich drein. Nur die Politischen bleiben halsstarrig. Die andern lassen sich alle taufen.« 58

Unmöglich! Und warum gerade ein katholischer Geistlicher? In China machen alle Arten von Religionen und Sekten einander wütendste Konkurrenz. Adventisten und Christian Scientisten, Quaker und United Free Church of Scotland, Wesleyanische Methodisten und Heilsarmee kaufen Seelen, Grundstücke und militärische Geheimnisse, sie bauen Kirchen und Tankstellen, sie versprechen himmlische Seligkeit dem, der sich von ihnen taufen, und Unfallrenten dem, der sich von ihnen versichern läßt, sie vertreten das Reich Jesu Christi und dasjenige Henry Fords auf chinesischem Boden.

Sogar buddhistische Missionare kommen in diesen jahrtausendealten Religionsbezirk Buddhas, ? japanische; Japan will sie die Rolle spielen lassen, die die christlichen Missionen für die europäisch-amerikanischen Staats- und Handelsinteressen spielen.

So viele Kirchen gibt es also, und jede führt den garantiert einzigen Weg ins Paradies, warum müssen die zum Tod Verurteilten gerade den katholischen gehen? Sagen Sie, Sergeant, warum gerade ein katholischer Missionar?

»Weiß nicht.«

Unsinn, denke ich mir, aus dem Sergeanten spricht der Whisky. Hat die Kirche ein Interesse daran, chinesische Verbrecher zwei Minuten vor der Hinrichtung für sich zu gewinnen? Unsinn.

Weiter die Fahrt, die Läden der Händler und Handwerker entlang. An einer Straßenkreuzung drehe ich mich nach rechts und lege wie zufällig die Hand vors Gesicht, ich möchte nicht erkannt werden. Links ist nämlich ein Antiquariat. Der Buchhändler weiß nicht ? oder weiß er es? ? was für Broschüren ihm seine chinesischen 59 Stammkunden antiquarisch verkaufen. Englische, deutsche, russische. Er weiß aber, daß er jede dieser Schriften noch am selben Tag an einen andern chinesischen Stammkunden weiterverkauft, der sie, nachdem er sie gelesen, wieder in diesem Buchladen veräußern wird. Neben der illegalen revolutionären Literatur hat er, wie alle Antiquare, chinesisch-englische und chinesisch-deutsche Wörterbücher, Lehrbücher und Grammatiken auf Lager.

Was würden meine Freunde im Buchladen sagen, wenn sie mich an der Seite eines uniformierten Sergeanten hinter einem Gefangenenwagen dahinfahren sehen? Was würde gar die Folge für sie sein, wenn der uniformierte Sergeant an meiner Seite merken würde, daß bücherlesende, bücherkaufende Chinesen mit einem Europäer befreundet sind? Bald würden dann sie den Weg fahren, den das Polizeiauto vor uns nimmt. Es ist wahr, Bücherlesen führt zum Schafott, aber keine Bücher zu lesen ist auch noch keine Rettung, der Tote, den wir mit uns führen, geht nicht als Bücherleser auf den Richtplatz.

Wir schlängeln uns zwischen sumpfigen Reisfeldern durch, vorbei an Särgen aus Stein. Auf dem Whangpoo-Fluß blähen sich die Segel der Dschunken im Maienwind. Ein breitgebogenes Tor öffnet sich. Nicht zum erstenmal öffnet es sich einem Toten, es führt zum Gefängnis und zum Richtplatz. Mein Begleiter zeigt mir ein Rasenbeet: Hier werde es geschehen. Hier wird der Tote sterben.

Vorläufig ist er noch im Polizeiwagen. Ein Tisch wird herausgebracht, Kinder spielen auf Sandkästen und klettern auf Bäume, sie haben, als unser Wagen nahte, andere Kinder herangewinkt. Umständlich und ungeschickt 60 schiebt ein Amtsphotograph sein Stativ auseinander und stellt es auf. »Jetzt muß jeder vor und nach dem Tod photographiert werden,« wird mir erklärt, »früher haben die Chinesen einfach einen Stellvertreter zur Hinrichtung geschickt, den Bruder oder den Sohn, oder auch nur einen Kuli, den sie dafür bezahlten, daß er sich umbringen ließ.«

Am Richtertisch hat der chinesische Beamte Platz genommen, Polizisten stehen umher, der Henker ist todsicher darunter. Auf dem Kiesweg zwischen den grünen, angenehm duftenden Rasenbeeten hält ein geschlossener Polizeiwagen und darin wartet ein Toter auf seinen Tod. Warum fängt man nicht an?

»Der Missionar ist noch nicht da.«

Der Sergeant, der Schnaps gefrühstückt hat, setzt also seinen Spaß mit mir fort, will mir, weil ich noch keine chinesische Hinrichtung mitgemacht habe, weismachen, es werde ein Missionar kommen.

Und da, bei Gott, rollt wirklich einer ein. Zu gleicher Zeit öffnet ein Mesner dem faßdicken Priester das Kleinauto, und ein Polizist dem spindeldürren Toten das Großauto, zu gleicher Zeit steigen der Priester und der Tote aus. Auf daß er sich frei fühle, wenn er das Christentum vernimmt, schnallt man Tsang Kja-Ying die Handschellen ab.

Der Pfarrer ist ein Chinese. Er spricht chinesisch, ich weiß nicht, wie er es anstellt, einem Neuling so schnell das Alte und das Neue Testament faßlich zu machen, ihn so schnell von Buddha zu Christum zu bekehren. Tsang Kja-Ying ist zuerst erstaunt, dann unwillig, dann wütend, will nichts davon hören. Unbeirrt spricht der dicke 61 Lebende auf den mageren Toten ein, bis dieser schließlich achselzuckend sich ein Medaillon mit der Jungfrau Maria umhängen und taufen läßt. Nun soll er ein Kreuz schlagen, aber er schüttelt den Kopf, und so schlägt der Pater über dem Neophyten das Große Kreuz. Inzwischen hat der Mesner die Salbenbüchse geöffnet, der Pfarrer nimmt eine Dosis, wiederum macht der Tote eine energisch abwehrende Geste, er will die letzte Ölung nicht empfangen. Na, gut. Auf Geheiß kniet er nieder und wiederholt hastig (he becomes nervous) ein Gebet, das ihm der Missionar vorspricht. Dann soll er aufstehen. Er steht nicht auf.

Er steht nicht auf, er schlägt den Kopf auf den Boden, als ob er ihn zertrümmern wollte und brüllt.

»Er schreit, man soll ihn nicht so lange quälen,« übersetzt mir der Sergeant spontan, »er schreit: erschießt mich doch endlich.«

Gleich, gleich, mein Sohn, fasse dich in christliche Geduld, alles ist bereit.

Siehe, da sitzen der Exekutionsleiter und seine Beamten unter freiem Himmel und warten schon.

Der Photograph, wenngleich ungeschickt, knipst dich, man führt dich zu dem Platz, wo das Gras besonders heil und besonders dicht wächst, die Kinder drängen sich ganz nah heran, Vierjährige, Sechsjährige, sie haben sicherlich oft zugeguckt, doch bleibt eine Erschießung für Kinderchen immer interessant, man heißt dich niederknien.

Der Mann neben dir knallt mit dem Revolver in deinen Hinterkopf und springt zurück, damit ihn das Blut nicht bespritze, das minutenlang in fingerdickem Strahl aus dir emporschießt, während du, Tsang Kja-Ying, wie 62 urplötzlich vom Leben erfaßt, dich zuckend aufbäumst und dich dann niederschleuderst, als wolltest du den Boden erwürgen. Fest hältst du deinen Widersacher, auf den du dich geworfen.

Du wehrst dich dagegen, daß man dich von ihm loszureißen versucht, dich umwendet, einen Stein unter deinen Kopf legt, um dich zu photographieren, zum letztenmal. Fürchterliche Augen, ein lebendiges, blutiges, unvergeßliches Gesicht gibst du der Linse.

So ist das also. Ich fahre nach Hause, das Ufer des Whangpoo entlang und durch den Stadtteil Nantao, an Dschunken mit geblähten Segeln, an den Kunden der revolutionären Buchhandlung vorüber, an Händlern und Handwerkern, an Rikschakulis und Bettlern vorüber, alle sehen tot aus. So wie sie sah Tsang Kja-Ying aus, als er noch tot war, sich wie ein Irrlicht bewegte, seine letzte Mahlzeit aß, vor Gericht redete und auf dem Richtplatz kniete, ein christliches Gebet nachsprach und in den Kopf geschossen wurde.

Jetzt fährt er lebendig vor mir her, läuft an mir vorbei, sitzt, immer der einzige Lebendige, an der Straßenecke, sein Blut steigt hoch, sein Körper ringt, seine Augen sind aufgerissen, sein Gesicht gerötet. 63

 

»Rikscha!«   »Rikscha!«

Im Hinblick auf die kriegerischen Ereignisse darf man die Straßen der beiden ausländischen Hoheitsbezirke von Shanghai nach Mitternacht nicht mehr betreten. Jeder verspätete Passant wird unnachsichtlich festgenommen, wenn er nicht ein Europäer ist und seinen polizeilichen Erlaubnisschein bei sich hat. Allnächtlich werden die verhafteten chinesischen Arbeiter und Arbeiterinnen, Straßenhändler und Markthelfer von Polizisten zu Zügen formiert, die sich aus allen Richtungen zum Sammelgefängnis bewegen. Train dieser Eskorten sind Hunderte von Rikschas, mitgefangen ? Krieg und Polizeistunde durfte die zweibeinigen, zweirädrigen Droschken nicht bekümmern, sie gingen ihrem Geschäft nach, wie sie es vor dem Krieg taten.

Nacht und Tag, kreuz und quer, Schritt und Trab, kreuz und quer, in Tropenglut und Regen fahren und laufen sie vom Settlement in die Konzession, von Hongkew nach Nantao, fahren und laufen sie, wohin es der Fahrgast verlangt, sie müssen überall und immerdar auf den Kunden lauern, auch nachts, auch während des Krieges, trotz des Standrechts, trotz des Verbots, sonst könnten sie nicht einmal so leben, wie sie leben. 64

Du trittst aus irgendeinem Haus, im gleichen Augenblick stoßen sie von allen Seiten auf dich zu, im Augenblick bist du umzingelt von einer Wagenburg, umtost von einladenden, flehenden Rufen.

Rikscha
Rikscha Rikscha
Rikscha du Rikscha
Rikscha Rikscha
Rikscha

Wo du, Europäer, schreitest, stets umgiert dich eine Kohorte von Rikschas und bröckelt erst ab, wenn du energisch »Bu-Jao ? ich will nicht« zischst, aber schon wird deine Parallele von einer neuen abgelöst, die das Wort »Bu-Jao« noch nicht energisch genug von dir gehört hat.

Zu Beginn deines Aufenthalts in China, insbesondere in Peking oder Tsingtao, vermeidest du es, auf die Straße zu gehen, sofern du nicht unbedingt mußt. Es ist beklemmend, plötzlich die Hoffnungen so vieler auf sich gerichtet zu sehen, umgeben zu sein von Menschgenossen, die dir ihre Arbeit anbieten, alle flehend und winkend und sich gegenseitig beiseiteschiebend. Noch kleiner als der Lohn, den der Kuli für die Fahrt bekäme, ist die Chance, daß gerade er von dir ausersehen wird?.?.?. Was nützt es, er muß um diese winzige Chance kämpfen.

Jin-li-che heißt Menschenkraft-Fahrzeug, der Japaner sagt Jinrikscha, das »l« gilt ihm als »r«. (Ich hörte in Yokohama einen Redner von Renin, Ruxemburg und Riebknecht sprechen. Dagegen ist in China das r ein l, 65 und ein Lehrer beteuerte mir höflich, er habe den »Lasenden Lepoltel« deutsch gelesen.)

Die Jinrikscha kommt aus Japan, wenn auch ihr Erfinder ? na, was denn! ? ein Europäer war. Der Mann, der als erster den Einfall hatte, einem Handwagen einen Stuhl aufzusetzen und diesen Fahr-Stuhl als öffentliches Verkehrsmittel zu verwenden, war der anglikanische Geistliche, Reverend M. B. Bailey, o Segnungen des Westens und der Kirche. Das geschah Anfang der siebziger Jahre in Tokio.

Ein Franzose namens Ménard eilte nach China, nach Shanghai, um in der Konzession eine Konzession für den Rikscha-Verkehr zu erlangen. Aber die Stadträte der Amerikanischen und Englischen (später Internationalen), sowie der Französischen Gemeinde wußten, daß Ersetzung von Tier oder Maschine durch Menschenkraft hierzulande das sicherste Geschäft ist, und dachten gar nicht daran, dem flinken Importeur ein so einträgliches Monopol zu schenken. Sie beschlossen, gegen ansehnliche Steuern zwanzig Lizenzen für je zwanzig Rikschas auszugeben.

Monsieur Ménard hätte über den Umstand, eine dieser Lizenzen zu bekommen, recht froh sein können, wenn, ja wenn er Geld genug gehabt hätte, die zwanzig Karren herstellen zu lassen. Er hatte es nicht, und so mußte er sich mit zwölfen begnügen. Das mißfiel den beiden Stadtverwaltungen, sie wollten jede Lizenz im Interesse ihrer Steuerkasse zwanzigfach ausgenützt sehen. Am 31. März 1875 entzogen sie ihm die Lizenz, ihm, dem Pionier der Rikschas, die noch heute, im Zeitalter von Taxi, Privatauto, Autobus, Motorrad und Straßenbahn, 66 der Französischen Konzession jährlich 267.966 Taels und dem Internationalen Settlement 337.030 Taels einbringen!

Mehr Glück als Ménard hatte einer seiner Landsleute in Peking. Mit dem Plan, den Rädern des Menschwagens einen Schutz aus französischem Gummi überzuziehen, erwarb er ein Riesenvermögen, und das war doch nur ein kleiner Prozentsatz vom Verdienst der Pneumatikfabrikanten.

Es gibt Unternehmer, die haben ein paar hundert Rikschas zu laufen, jede bringt täglich 1 Dollar 70, der Wagen braucht keine Remise und das Pferd braucht keinen Hafer und keinen Stall und nicht einmal einen Hufschmied. Barfuß jagen die Kulis durch die Straßen, kreuz und quer, auf und ab, hin und her, Schritt und Trab, Nacht und Tag, ganz junge und ganz alte, solche, die mit dem ganzen Fuß auftreten, solche, die nur Zehen und Ballen aufsetzen und solche, denen man die Tuberkulose gar nicht ansieht. Eine Taxameteruhr, dem Menschen an Lunge und Herz anzuschnallen, hat noch kein Missionar erfunden.

Der Unternehmer kauft die ganze Arbeitszeit des Kulis, indem er sich vom Kuli bezahlen läßt. Fünfundachtzig Cents täglich entrichtet der arbeitsuchende, arbeitleistende Kuli seinem »Arbeitgeber« dafür, daß er ihm die beiden Räder borgt. Nur für vierzehn Stunden, von drei Uhr nachmittags bis fünf Uhr morgens. Für die Zeit von fünf Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags zahlt ein anderer seinem Besitzer auch fünfundachtzig Cents, darf aber dafür am nächsten Tag vier Stunden länger laufen. Viele Karren haben bloß einen Fahrer ? seine Arbeitszeit ist unbeschränkt. 67

In Shanghai sind 23.378 Kulis den öffentlichen Rikschas vorgespannt, die Zahl der Familienmitglieder, die sie ernähren, übersteigt 100.000. Das Durchschnittseinkommen des Rikschakulis beträgt zwölf Mex.-Dollar im Monat, sein Durchschnittsleben in diesem Beruf dauert fünfeinhalb Jahre. Dann stirbt er.

Zwölf Mark dafür, daß er dreißigmal im Monat, wochentags und Sonntags, vom frühen Nachmittag bis zum frühen Morgen, tagaus, tagein, hafenaus, hafenein, von Nantao bis Tschapei, von Siccawei nach dem Broadway, kreuz und quer, hin und her, auf und ab, Schritt und Trab, federnd und zerrend, durchschnittlich hundertdreißig Meter in der Minute macht, bis zu zehn Kilometer in der Stunde. Die Lunge wird vernichtet durch diesen Lauf, sie muß auch noch als Hupe dienen; die Autos erkennen dieses Signal nicht an. Fast täglich sieht man, daß Rikschas angefahren werden, und bei jedem Zusammenstoß steigt der Chauffeur vom Auto und verprügelt den Kuli. Überanstrengung, Herzkrankheit, Lungenschwindsucht, Gefahr und Mißhandlung sind des Rikschakulis Los. Fünfeinhalb Jahre lang. Dann stirbt er.

Den Fahrpreis kann er nicht erhöhen, so muß er mit den Beinen der Straßenbahn und dem Omnibus den Rang ablaufen, muß billiger sein als beide. Einfach die Straßenbahnwagen umzuwerfen, wie es die Rikschakulis während ihres großen Novemberstreiks 1929 in Peking getan, das geht nicht an, dafür wurden zweihundertzehn Kulis geköpft. Sie starben mit dem ergreifend naiven Ruf: »Nieder mit dem Kapitalismus, nieder mit den Straßenbahnwagen, es lebe die Solidarität!«

Zwanzig Kupfer (sechs Pfennige) will der chinesische 68 Fahrgast für eine ziemlich lange Strecke bezahlen, für die der Kuli dreißig verlangt; es wird gefeilscht, indem das Angebot auf Rädern neben der zu Fuß gehenden Nachfrage dahinläuft, schließlich muß der Kuli nachgeben, denn auf Schritt und Tritt, hüben und drüben lauert die Konkurrenz. Ein besserer Kunde ist der Europäer, er gibt zehn bis zwanzig Cents. Jetzt, da die Quartiere der Chinesen unter dem Donner der japanischen Schiffsgeschütze in Rauch und Trümmer aufgehen, ist das Europäergeschäft lebhaft: die fremden Mächte kamen herbei, um bei der allfälligen Aufteilung Chinas nichts zu verabsäumen, und ihre Matrosen und Marinesoldaten fahren aus den Bars zu den Barkassen am Hafen. Sie fühlen sich in ihrer Menschdroschke, als säßen sie in einem Rolls Royce, sie lassen die höchste Geschwindigkeit einschalten, obwohl dem strapazierten Motor abends alles Gas ausgegangen ist, und sie winken leutselig den russischen Emigrantendamen zu, die ohne Räder, ohne Gummi, kreuz und quer, auf und ab, Tag und Nacht das Trottoir der Avenue Joffre bilden, auf jeden Mann zustoßen und ihn umringen, wenn er aus einem Haus tritt.

Fährt man mit Bekannten, so laufen die Kulis in gleichem Schritt und Tritt nebeneinander her, damit man die Unterhaltung fortsetzen kann. Oft sind die menschlichen Pferdekräfte ungleich.

»Warum haben Sie diesen alten Krampen genommen? Sehen Sie, wie gut mein Kuli die Beine aus den Hüften wirft.«

»Ich schaue immer nur auf die Knöchel, wenn ich eine Rikscha nehme. Die mit dünnen Fesseln laufen am besten, auch wenn sie alt sind.« 69

Selten sagen die Fahrgäste, wohin sie wollen, der Kuli kennt ja die europäischen Namen der Straßen nicht. Man zeigt ihm, wo er einbiegen soll, wo er halten soll, für die Fahrgäste ist er ein Gaul, und nur in ihren Hirnen konnte der Plan reifen, ein öffentliches Trabrennen der Rikschakulis zu veranstalten.

Für die Polizei ist der Kuli nichts Besseres. Sausen bloß ihre Gummiknüppel auf ihn nieder, weil er des Stop-Signals nicht geachtet hat, so kann er noch froh sein. Schlimmer, wenn der strenge Schutzmann ihm strafweise das Sitzkissen aus dem Karren nimmt; eh der strenge Schutzmann nicht mit dreißig Cents bestochen wird, gibt er es nicht heraus. Geht der Hüter des Gesetzes gesetzlich vor, dann schraubt er die an der Rikscha befestigte Plakette ab. Da muß denn der arme Kuli seinen Wagen geradenwegs nach Hause ziehen, er hat heute nicht mehr die Möglichkeit, seine Schale Reis zu verdienen, indem er die Stadt im Trab oder im Galopp, erst frisch, dann müd, bald »Go«, bald »Stop«, von Nord nach Süd durchrast; erst morgen darf er sich seine Wagennummer im Polizeipräsidium holen.

Der Zeuge dieser Straßenszenen kommt zu der Auffassung, daß sich die Kulis mit ihrer Rolle abgefunden haben: wir sind Zugtiere, man peitscht uns, man gibt uns wenig Futter ? sie sind die Herren, wir ziehen und zerren ? wir laufen dorthin, wohin es der Herr verlangt, der uns am Rücken sitzt. Nach fünfeinhalb Jahren ist es ohnehin vorbei und wir sind bei unseren Ahnen. Wir sind an die Deichsel gefesselt wie Pferde, sollen wir deshalb auch mit den Beinen ausschlagen oder unwillig wiehern wie Pferde? In fünfeinhalb Jahren ist ja alles vorbei. 70

Irre dich nicht, Gedankenleser! Mancher Rikschakuli denkt vielleicht so, wie du vermutest. Doch viele gibt es, die sich abends in einem Haus treffen, Horchposten sind aufgestellt, damit die Polizei nicht überraschend eindringe, die Karren sind bei Freunden, eine Wagenburg ohne Kulis wäre verdächtig. Man lernt, diskutiert und beschließt?.?.?.

Diese Stunden zahlen die Rikschakulis mit ihrer Arbeitszeit, und wenn sie ertappt werden, mit ihrem Kopf. Wenn sie ertappt werden, haben sie nicht einmal mehr die fünfeinhalb Jahre Ablaufzeit vor sich, dann müssen sie morgen aufs Schafott. Sie sterben wie ihre Pekinger Genossen starben, aber ihrem letzten Ausruf fehlt das Pereat auf die Straßenbahnwagen. 71

 

Kapitalistische Romanze von den Bagdad-Juden

Das Territorium, auf dem die Exterritorialen wohnen, gehört keiner der neun chinabeherrschenden Großmächte, es gehört den Juden und den Jesuiten.

Heute soll von den Juden die Rede sein, denen wie jeder andern Völkerschaft eine Rolle im imperialistischen Ausbeutungsstück um Shanghai zugewiesen ist.

Wer den Theaterzettel dieser Vorstellung nicht kennt, kann die große Revue nicht verstehen.

England
      Zwangszölle
Zwangsanleihen
Zwangseinfuhr
Indien
Nachtwächter der vorigen
Russische Weißgardisten
Leibgarde der vorvorigen
Frankreich
Korruption
Opium-Spelunken
Kuppelei
Anam
Wächter der vorigen
Russische Emigranten
Personal der vorvorigen:
    Spitzel
    Huren 72
Japan
Militär. Exekutive durch Krieg und Provokationen
Amerika
Kinderarbeit
Standard Oil
Tobacco Comp.
Ent-Nationalisierung durch Missionen und Collegs
Deutschland
Milit. Ratgeberei
Waffenhandel
Juden
Grundstückspekulation
Portugiesen
Schuldeneintreibung
Basken
Spiel (Hai-A-Lai)
Kuomintang
Einheimische Helfershelfer der Fremden

Man darf das nicht zu schematisch nehmen. Nicht selten springt einer aus seinem Rollenfach in ein anderes über.

Wir wollen uns, wie erwähnt, heute mit den Juden befassen, genauer gesagt, mit den Bagdad-Juden, dem indischen Opium und der Shanghaier Bodenspekulation. Ihr Stammgeschlecht ist die Familie Ibn Schoschon, die zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts aus Spanien geflüchtet ist, um den Schrecken der Inquisition und der Zwangstaufe zu entgehen, und sich in Bagdad niederließ. Dort rüsteten die Ibn Schoschon Karawanen aus und handelten mit Gewürzen. Aber flüchten zu müssen, schien Familienschicksal zu sein, ein Pogrom vertrieb sie aus Bagdad. 1832 kamen sie über die persische Hafenstadt Abuschir nach Indien und wurden 73 dort unter dem Namen Sassoon bald so reich, wie so bald kein Nabob war.

Das könnte man als Beweis für jüdische Tüchtigkeit und für Jehovas Protektion ansehen, wenn nicht gleichzeitig die gleichzeitig mit ihnen aus Persien gekommene Familie Tata, Religion: Feueranbeter, ein ebenso märchenhaftes Vermögen erworben hätte. Abdullah David Sassoon machte viel in Baumwolle, Dirabji Jamsetji Tata mehr in Erzgruben, sonst aber haben ihre Schicksale sehr viel Ähnlichkeit miteinander. Sowohl die Tatas wie die Sassoons gründeten Banken und schoben Opium nach China. Beide erhielten auch die erbliche Würde eines englischen Baronets, jedoch das geschah erst zwei Menschenalter später, und nicht wegen der Sassoonschen Baumwollplantagen oder wegen der Tataschen Erzgruben, vielmehr wegen des Opiums, d. h. auch nicht wegen des Opiums, vielmehr wegen des Geldes, das beide mit dem Opium verdient hatten, ? wie Ihr wißt, wird man nur für Verdienste geadelt.

Weder Gott Jehova noch Gott Feuer verschaffte den Herren Tata und Sassoon die unermeßlichen Reichtümer und den englischen Adelsbrief, sondern Gott Wirtschaft.

Eben hatte die Ostindische Kompanie ihr Monopol des Exports nach China an den Privathandel abgeben müssen, und die englischen Kaufleute verlangten nun, daß alle Tore zu dem ihnen zugesprochenen Markt gewaltsam und weit geöffnet würden. Englische Baumwoll- und Wollwaren und vor allem indisches Opium sollten dem reichen Reich der Mitte mit energischen Mitteln aufgezwungen werden. 74

»Bis 1830,« charakterisiert Karl Marx die Situation beim Eintreffen von Tata und Sassoon, »bis zu welcher Zeit die Handelsbilanz für China ununterbrochen günstig war, gab es eine ständige Silberzufuhr aus Indien, England und den Vereinigten Staaten nach China. Seit 1833, namentlich seit 1840, nahm die Silberausfuhr aus China nach Indien einen das Reich des Himmels fast erschöpfenden Umfang an. Daher die strengen Erlasse des Kaisers gegen den Opiumhandel, die mit noch heftigerem Widerstand gegen seine Maßnahmen beantwortet wurden. Außer dieser unmittelbaren wirtschaftlichen Folge hat das mit dem Opiumschmuggel verbundene Bestechungswesen die chinesischen Staatsbeamten in den südlichen Provinzen völlig demoralisiert. Wie man im Kaiser gewöhnlich den Vater ganz Chinas sah, so betrachtete man seine Beamten als Väter der ihnen unterstellten Distrikte. Diese patriarchalische Autorität, das einzige moralische Band, das die ungeheure Staatsmaschine zusammenhielt, wurde durch die Korruption der Beamten, die durch die Unterstützung des Opiumschmuggels erhebliche Gewinne einheimsten, allmählich untergraben. Das geschah in der Hauptsache in denselben südlichen Provinzen, in denen die Rebellion einsetzte. Es erübrigt sich wohl zu bemerken, daß in demselben Maße, in dem das Opium die Herrschaft über die Chinesen erlangte, der Kaiser und sein Stab pedantischer Mandarine ihrer Herrschaft verlustig gingen. Es hat den Anschein, als mußte die Geschichte dieses ganze Volk erst betrunken machen, bevor sie es aus seinem traditionellen Stumpfsinn aufzurütteln begann.«

Das Mittel, dessen sich die Geschichte bediente, um dieses ganze Volk betrunken zu machen, war das Opium, drei Sorten indischen Opiums: das kaffeebraune Patna, das hellere und teuere Malwa und das noch hellere und noch teurere Benares. 75

Und die Tat, mit der das endlich aus seinem traditionellen Stumpfsinn aufgerüttelte Volk sich aufzulehnen begann, war die Verbrennung von 20.291 Kisten indischen Opiums im Hafen von Kanton, 16. Juni 1836.

Noch heute behaupten die Engländer, diese Vernichtung sei ? ähnlich der Versenkung von englischem Tee im Bostoner Hafen, die die amerikanische Revolution startete ? ein Konkurrenzmanöver der chinesischen Mohnpflanzer gewesen, nichts weiter. Und die Chinesen behaupten noch heute, der Anbau von Opium in China sei damals minimal, die Verbrennung der Kisten nichts als eine Maßnahme gegen die Vergiftung des Volkes gewesen.

Vergiftung des Volkes? Soll man vielleicht ein einträgliches Geschäft aufgeben, weil es zur Vergiftung eines Volkes führt? Bedeutet etwa die Schädigung der englischen Handelsbilanz weniger als die Vergiftung von einigen Millionen Chinesen? Zuerst der Profit, dann die Humanität.

Karl Marx stellt fest, warum den Kolonialherren dieser Gifthandel aus zwei Gründen wichtig sein mußte:

»Gleichzeitig ist im Hinblick auf Indien zu bemerken, daß die englische Regierung dieses Landes ein Siebentel ihrer Einkünfte aus dem Verkauf von Opium an Chinesen bezieht, während ein bedeutender Teil der indischen Nachfrage nach britischen Waren gerade von der Produktion dieses Opiums in Indien abhängt.«

Unter solchen Umständen konnte sich England die Verbrennung des Opiums nicht gefallen lassen. England begann den Opiumkrieg, der mit der Niederwerfung Chinas, mit der Schaffung von Vertragshäfen, mit der 76 ungehinderten Einfuhr von kaffeebraunem Patna, hellem Malwa und ganz hellem, ganz teuerem Benares endete.

Elias David Sassoon, einer von den acht Söhnen des Firmengründers, kam 1850 nach Shanghai, um sich zu etablieren; nicht er allein freilich, englische Firmen wie Jardine, Malheson & Co., und Amerikaner wie Russel & Co. hatten schon längst am Kai des neuen Vertragshafens ihre Hulks vertäut, in die das Opium von den Segelschiffen abgeladen und unter Zollverschluß gelagert wurde, bis es der chinesische Zwischenhändler übernahm.

Die Importeure verdienten Multimillionen. So lange, bis eintraf, was Karl Marx in einem Artikel der »New York Daily Tribune« vorausgesagt hatte:

»Gewiß ist es richtig, daß ein Verzicht der Chinesen auf den Opiumgenuß nicht wahrscheinlicher ist als ein Verzicht der Deutschen auf Tabak. Da aber, wie verlautet, der neue Kaiser für die Mohnkultur und die Herstellung des Opiums in China selbst eintritt, ist es klar, daß der Herstellung des Opiums in Indien, den indischen Staatseinkünften und den kommerziellen Quellen Hindostans in nächster Zukunft ein tödlicher Schlag droht.«

Als der tödliche Schlag gefallen, der indische Export der Konkurrenz des chinesischen Opiums fast erlegen war, wurde dem englischem Gewissen erlaubt, sich im Unterhaus zu regen. In Vollzug dieser verspäteten, also rechtzeitigen Anwandlung trat die Shanghaier Opiumkonferenz unter dem Vorsitz von Sir Alexander Hosie zusammen und beschloß, die Einfuhr fremden Opiums jährlich um 20 Prozent zu drosseln, so daß sie nach fünf Jahren ganz eingestellt sein sollte. 77

Dieser Beschluß und die Tatsache, daß China in puncto Opiumherstellung Autarkie erlangt hatte, veranlaßte die Firma Sassoon, sich vom Opiumimport ab- und der Grundstücksspekulation zuzuwenden, die auch nicht von Pappe ist. Heute noch blüht dieses Sassoongeschäft, die Straßenbahnen und Omnibusse Shanghais, die Banken und Chinas wolkenkratzendster Wolkenkratzer, das Cathay-Hotel, gehören dazu, und dem Sohn Elias David Sassoons, Sir Victor, ward das größte Glück zuteil, das einem Juden in Ost und West zuteil werden kann: er heiratete eine leibhaftige Rothschild.

Und doch wird die Karriere der Familie Sassoon in den Schatten gestellt von der eines jungen Mannes ihrer Firma: Silos Aron Hardoon. Dieser junge Mann, im vorigen Jahr hochbetagt gestorben, war als Bagdader Jude geboren, begraben aber ist er als chinesischer Buddhist mitten im einstigen Vergnügungspark von Chang Hsu Ho.

1862 war Silos Aron Hardoon, wie viele seiner Bagdader Glaubensgenossen, wie Eli Cadoorie (heute auch schon Sir), wie Shahmoon (auch schon Filmmagnat), wie Edward Ezra (auch schon Hotelbesitzer), Angestellter der Firma Sassoon geworden. Fünf Jahre lang blieb er in Hongkong, dann kam er in die Zentrale nach Shanghai, und hier machte er sich als Opiumhändler und Grundstücksspekulation selbständig. Er kaufte die halbe Nanking Road, kaufte die Szechuen Road bis zum Soochow-Kanal, kaufte die halbe Bubbling Well Road mitsamt jenem Vergnügungspark, in dem er sich allein vergnügen wollte.

Im Jahre 1911, als im dreitausendjährigen 78 Kaiserreich Revolution und Republik Platz gegriffen hatten, begann Hardoon mit çi-devants, mit Machthabern von gestern zu spekulieren. Auf seinem ummauerten Besitz in der Bubbling Well Road nahm er den ehemaligen Vizekönig von Kanton, Chen Hsuan Luang, den Räubergeneral Chang Shun von Nanking und andere Entthronte auf, ? die blutigen Begleiter der großen Tsu Hsi auf ihrem Weg von einer kaiserlichen Konkubine zur Kaiserinwitwe (mit Überspringung der Etappe: Gattin) und zur sechzigjährigen Alleinherrschaft über das Reich der Mitte. Mit-Konkubinen, Mit-Witwen, Prinzen und kaiserliche Mündel hatten aus diesem Wege geräumt werden müssen, und Tsu Hsi, genannt der Alte Buddha, zeigte sich denen dankbar, die die höfischen Mordgeschäfte besorgten. Als sie bei Ausbruch der Revolution auf das exterritoriale Territorium Hardoons flüchteten, wurden eine Zeitlang allabendlich Bomben über Hardoons Gartenmauer geschleudert, Bomben, die Chang Shun, Chen Hsuan Luang und den andern Provinztyrannen galten. Den Hausherrn störte das keineswegs. Hardoon kümmerte sich nicht um die politische Beliebtheit oder Unbeliebtheit seiner Gäste, er hatte sie ja nicht aus Menschenfreundlichkeit aufgenommen, sondern in der Absicht, ihnen ihre Schlösser und Latifundien billig abzukaufen.

Die Wohltätigkeit, mit der er den Gott seiner Väter seinen Geschäften geneigt machen wollte, entfaltete er dementsprechend nur unter seinen Glaubensgenossen. Er erbaute die prunkvolle Ohel-Moses-Synagoge in Shanghai, adoptierte zwölf Kinder, fünf europäische und sieben chinesische, und ließ sie in jüdischem Glauben 79 erziehen. Hardoon ging oft unerkannt aus, um sich die Objekte seiner Wohltätigkeit selbst auszusuchen, man nannte ihn deshalb den Kalifen Hardoon al Raschid.

Am 15. Juni 1931 starb er und nun erfuhr man, daß er sich in den letzten Jahren seines Lebens vom Judentum abgewandt. Zwar bestattete ihn die israelitische Beerdigungsbrüderschaft, doch fiel auf, daß das Gartentor blau drapiert und mit den weißen chinesischen Zeichen der Trauer beschrieben war.

Zwanzig Tage später lud Frau Eliza, die Tochter eines Sampanschiffers, mit der Hardoon fünfzig Jahre lang gelebt hatte, öffentlich zu einer buddhistischen Totenfeier für Hardoon ein. Sechs hohe Bonzen rührten die Trommeln, bliesen die Pfeifen, schlugen den Gong und brachten Rauchopfer dar, und die gottesdienstlichen Geräte wurden aus einem Buddha-Tempel herbeigetragen, der im Garten der Villa stand und von dessen Existenz bisher niemand etwas gewußt hatte.

Mit Bestürzung vernahmen dieses die sephardischen und aschkenasischen Juden, und ihre Bestürzung steigerte sich zu Schmerz und Entsetzen, als das Testament bekannt wurde. Wehe, wehe! Der verblichene Glaubensgenosse hinterließ seiner Synagoge und seinen jüdischen Kindern und den wohltätigen Vereinen und den Schnorrern von Shanghai keinen roten Kupfer! Silos Aron Hardoon, der reichste Mann östlich von Suez, hatte ausdrücklich sein ganzes Vermögen, zweihundert Millionen Dollar bar und den Grund und Boden von Shanghai seiner Gattin vermacht.

Herr Trebitsch-Lincoln, der die Hochstapelei liebt, sich als Hochstapler auszugeben (er lebt jetzt das Leben eines 80 buddhistischen Mönchs, indem er in der deutschen Pension Pasche wohnt und philippinische Revolutionäre gegen Bargeld an den Galgen liefert), verbreitete eilig das Gerücht, er habe Hardoon zu Buddha bekehrt. Doch ergab sich bald, daß Herr Trebitsch-Lincoln mit Herrn Hardoon nicht mehr zu tun gehabt hat, als er mit Gautamo Buddha zu tun hat.

Keine Phantasie hingegen war Hardoons Testament, keine Phantasie war das Zeter und Mordio, das die übergangenen Verwandten anstimmten: Eliza war gar nicht Hardoons Gattin?.?.?. sie hat nur mit ihm gelebt?.?.?. er ist als Bagdader Jude Untertan des Königs von Irak geblieben?.?.?. nach mesopotamischen Gesetzen hat er gar nicht das Recht, einer Frau, die nicht vom gleichen Stamm und vom gleichen Glauben ist, sein Vermögen zu vermachen?.?.?.

Ein armer Vetter des Toten, namens Ezra Hardoon, klagte auf Erbauflassung. Die berühmtesten Rechtsanwälte kamen aus London herbei, aber als sie die Akten Silos Aron Hardoons einsahen, erklärten sie, es sei nichts zu machen, der Jude sei als Buddhist gestorben und habe die Absicht kundgetan, sein Vermögen, das er von den Chinesen erworben, wieder den Chinesen zurückzuerstatten. Es wäre unfair, eine Sache zu vertreten, die so ausdrücklich dem Willen des Toten zuwiderlaufe.

Jawohl, einen so edlen Standpunkt vertraten die Rechtsanwälte und fügten nur ganz nebenbei hinzu, sie könnten den Prozeß auch deshalb nicht führen, weil Herr Ezra Hardoon nicht in der Lage sei, ihnen einen Vorschuß zu bezahlen. 81

 

Zufälliger Besuch bei Eunuchen

Es war einer jener sommerlichen Spaziergänge in der Umgebung von Peking, die nichts mehr mit Peking und seiner Umgebung zu tun haben. Unser Hirn war übersättigt von Eindrücken, unser Auge überbelichtet.

Hier stand eine Pagode, vierzehnstöckig, als vierzehn malachitgrüne, parallele Wellen mit goldenen Kämmen schwammen die Dächer im Äther, dort überwölbte eine bunt bemalte Ehrenpforte den Weg. Wir streiften Pagode und Bogen kaum mit einem Blick, waren es müde, immerfort entzückt zu sein.

Auf solchen Spaziergängen pflegt sich die Laune in einem Gespräch über die chinesische Landschaft zu entladen.

Es gäbe keine chinesische Landschaft, behauptet der eine. Die Westberge hier, sie sind Berge, weiter nichts. Ebensogut könnten sie Berge in der Schweiz sein oder in der Eifel. Die Äcker? Äcker sind überall korngelb, Wiesen überall grün.

Der Gesprächsgegner ? morgen können die Rollen vertauscht sein ? kehrt Spezifisches hervor: die Form der Pappelweiden, die silberglitzernden Streifen der 82 Reisfelder. Und diesen Zug von nickenden Kamelen, findest du den auch in der Schweiz oder in der Eifel?

Nein, aber in der Türkei oder in Afrika!

Du mußt doch zugeben, daß es solche Porzellanzäune und die Katafalke auf den Feldern nur in China gibt!

Sie haben nichts mit der Landschaft zu tun. Sie sind Architektur, ? willst du vielleicht auch die Tigerbrücke oder die Minggräber in die Natur einbeziehen?

So redeten wir, um zu reden; dabei gingen wir vorwärts, immer in gleicher Richtung, einen Tempelhügel hinan und auf der andern Seite hinab. Im Tal stellte sich eine Mauer quer. Wir, von der Hartnäckigkeit der Ziellosen besessen, wollten unsere Richtung beibehalten und schritten die Mauer ab, um dorthin zu kommen, wo sie uns den Weg wieder freigeben würde.

Nach hundert Schritten öffnete sie sich breit, es war das Portal eines Meierhofes, durch das wir ? unsere Richtung, unsere Richtung! ? hindurch mußten. Hunde umsprangen uns kläffend, feig und aggressiv jagten sie um uns her, drei Schritte Distanz, sie blieben lauernd stehen, wenn wir stehen blieben, drei Schritte Distanz. Ein solches Gefolge war nicht eben angenehm. »Man sollte immer einen Stock mitnehmen,« sagten wir.

Dennoch vergaßen wir die Hunde bald. Die Menschen, die uns entgegenkamen, sahen einander in befremdlicher Weise ähnlich. Mit jeder neuen Begegnung wirkte diese Gemeinsamkeit stärker, und schließlich wurde sie unheimlich.

Es waren durchweg alte Frauen, offenbar Arbeiterinnen des Gutshofs, die einen führten Vieh an der Leine, die andern trugen Säcke huckepack oder kamen mit 83 Rechen und Heugabel vorbei. Sie hatten dunkelblaue Hosen an, wie es bei den arbeitenden Frauen hierzulande Sitte ist, jedoch waren, allem Gebrauch zuwider, ihre Oberkörper nackt, die Brüste hingen schamlos herab.

Die Matronen sprachen miteinander, und obwohl sie nicht schrien, klang ihre Stimme schrill, genauer gesagt: ein schrilles Nebengeräusch begleitete jeden Laut.

Auf einem strohbeladenen Wagen stand stämmig eine Frau, ihr Gesicht war von zahllosen Runzelchen schraffiert. Unten bearbeitete man Getreide nach der altbiblischen und noch immer neuchinesischen Art: das in der Tretmühle gemahlene Korn wird mit einer Holzschaufel emporgeworfen, die Körner fallen kraft ihrer Schwere senkrecht zur Tenne hinab, die leichte Spreu, wie eine Staubwolke fortgeweht, findet ein paar Schritte abseits ihren Boden.

Alle Arbeit leisteten die alten Frauen. Locker wackelte ihr Kinn im Kiefergelenk. Kahlgeschoren der Kopf, nur auf dem Scheitel ein »Dutt«, ein so dünnes, so graues Büschel Haare, daß es das vorgeschrittene Alter der Trägerin verriet. Von Gebrechlichkeit war nichts zu bemerken, alle packten ihre Arbeit wacker an.

Plötzlich überraschte und verwirrte uns eine Kleinigkeit und brachte uns dennoch im gleichen Moment die Spur einer Aufklärung: eine der Frauen, uns abgekehrt, verrichtete stehend ihre Notdurft, stehend, wie es Männer tun.

»Wem gehört dieses Gut?« fragten wir eine andere Alte, die mit den jappenden Hunden bereits eine geraume Weile um uns herumschlich. Sie trat näher: »Wir sind kaiserliche Hofbeamte, und das ist unser Kloster.« 84

Nun begriffen wir vollends. Ohne zu wissen oder zu wollen, waren wir in das Altersheim der Eunuchen geraten.

Korn und Spreu wurden emporgeworfen, Eselchen im Kreise getrieben, um Getreide zu mahlen, Garben auf Wagen geladen ? wir starrten die Leute an. Vor fünf Minuten hatten wir sie als Frauen angesehen, dann schienen sie uns Männer zu sein, jetzt wußten wir, was sie waren.

Diese und ihresgleichen hatten im kaiserlichen China von eh und je die tragende Rolle als Günstlinge und Begünstiger gespielt, waren Staatsmänner, Ratgeber, Drahtzieher, Intriganten gewesen, Kuppler für die Paläste und Henker für die Hütten.

Die Eunuchen schraubten das Maß der Tribute an ungemünztem Gold, gegossenen Taels, gestickten Drachengewändern und bemalter Tributseide so hoch hinauf, daß sich die Provinzen auflehnten. Die Eunuchen führten durch Staatsstreich oder Giftmord das Ende von Dynastien herbei, um besser zahlenden Herren auf den Thron zu helfen. Die Eunuchen verwendeten das für den Bau der Kriegsflotte bestimmte Geld für den Bau des Pekinger Sommerpalastes, und der Krieg gegen Japan wurde 1895 verloren.

Fünf Jahre später bedrohten Reformbestrebungen die Stellung der kastrierten Schranzen. Rasch bemächtigten sie sich der Boxersekte und nährten planmäßig den Glauben des Kaiserhofs, daß die Boxer kugelfest und überhaupt unverwundbar seien. Unter diesem Einfluß unterstützte die Kaiserin den aussichtslosen Aufstand gegen die Fremden. Aber als die Bewegung zusammenbrach, war kein Eunuch auf der langen Liste derjenigen, deren 85 öffentliche Hinrichtung die europäischen Großmächte racheschnaubend-blutrünstig forderten, ? die gelben Höflinge und die weißen Diplomaten hatten sich zu verständigen gewußt.

Einmütig war der Haß des Volkes gegen die Palast-Eunuchen, die einander innerlich und äußerlich glichen wie ein Ei dem andern, sofern dieser Vergleich hier am Platz ist. Man haßte sie mehr als Kaiser und Prinzen, als Konkubinen und Mandarine, und viele Denkschriften der »Zensoren«, der im Land verteilten, beamteten Horchposten verlangten die Beseitigung der höfischen Eunuchen, wörtlich: »der verschnittenen Kerzen im Schatten des Thrones«.

Wirklich wurde auch nach mißglückten Unternehmungen mancher Eunuch als Sündenbock in die Wüste geschickt, obwohl ihm organisch mehr zu Sünden und zum Bock fehlte, als den andern höfischen Herren. Allerdings nicht jedem. An-Te-Hai zum Beispiel trug den Titel eines Obereunuchen, aber er war es nicht, denn er zeugte mit der Kaiserinwitwe Tsu-Hsi einen Sohn, der noch heute in China lebt. Die andere Kaiserinwitwe Tsu-An, eifersüchtig auf An-Te-Hai, ließ ihn hinrichten und mußte diesen Befehl mit dem Tod durch Gift büßen. An-Te-Hais Nachfolger wurde Li-Lien-Jen, er bekleidete das Obereunuchat bis zum Jahr 1911, bis zum Sturz des Kaisertums.

An der Institution selbst konnte nichts geändert werden, man bedurfte erprobt fähiger, beweisbar unfähiger Hüter des Serails, sonst hätten sich angesichts des Erbfolgeprinzips Kaiserinnen und Konkubinen zwecks Kinderkriegens aller erreichbaren. Mannspersonen bedient. 86

Kastraten standen Wache vor dem kaiserlichen Frauenzimmer und hüteten ihrer Herren eheliche Ehre. Wenn aber ein Haremswächter einem fremden Schlüssel zu öffnen erlaubte, dann war die daraufhin entstehende Kaiserinmutter mitsamt ihrem Sprößling in seiner gierigen Macht.

Vor uns wird Garbe auf Garbe geladen, Spreu vom Weizen gesondert und Korn gemahlen von den einst Mächtigen?.?.?. Der Alte fragt uns, ob wir den Tempel besichtigen wollen. Mitten durch ein Wohngebäude des Stifts führt der Weg zum Tempel; die Hunde, züngelnd, begleiten uns. Wir passieren die Diele, nur durch die halbgeöffnete Tür empfängt sie ihr Licht, ein mehr als spärliches Licht. Über dem Teetisch schaukeln Köpfe von Greisinnen mit hochgestecktem Zopf. Ein Keifen, das vielleicht keines ist, zersägt die Atmosphäre.

Sehr reich sei das Kloster gewesen, erklärt der Führer, und da er unserm Verständnis nicht traut, zeigt er, wie sehr reich das Kloster gewesen, zeigt es, indem er so tut, als hole er immer wieder Geld aus der Tasche hervor. Aber jetzt, jetzt müsse man schwer arbeiten. Er veranschaulicht: Lasten tragen, Getreide dreschen, kutschieren.

Wir begreifen. In der Kaiserzeit hatten die beinahe omnipotenten Obereunuchen nicht mit Stiftungen für das Stift gespart, in das sie jederzeit von der Höhe der kaiserlichen Huld hinabstürzen konnten. Solange ein Eunuch aktiv im Hofdienst stand, den Verkehr im Harem regelte und im Staatsrat eine hohe Stimme geltend machte, vermochte er leicht für seine im Kloster befindlichen Geschlechtsgenossen zu sorgen und damit allenfalls für sein eigenes Alter. 87

Mit der Dynastie sank auch die politische Zeugungsfähigkeit der Eunuchen dahin. Der Kaiser ging, die Generale blieben. Sie teilen sich mit den fremden Kolonialherren und den Shanghaier Bankiers in die Herrschaft. Ihre Geschäfte besorgt ein bleicher Börsenschieber mit seiner Bonzenschar, die das ist, was die Eunuchen waren.

Die Palasteunuchen von einst bearbeiten ihr Gut. Garbe wird auf Garbe geladen, Spreu vom Weizen gesondert, Korn gemahlen. Sie arbeiten gut, obwohl sie weder für Frauen noch für Kinder zu sorgen haben, sie arbeiten gut, obwohl sie mit dem Erlös der Arbeit ihren Zustand nicht verändern können. Hallo, ist das nicht ein Argument für Reaktionäre? Die wettern doch stets dagegen, daß man dem Menschen seine Klassenlage zum Bewußtsein bringt. Dadurch mache man ihn erst unzufrieden. Sie wollen den Armen in Unwissenheit, Aberglauben und Schmutz erhalten, weil er sich darin wohl fühle. Sollte man nicht noch weitergehen ? konsequent wärs! ? sollte man nicht durch die Kastration ihn von der Arbeit ablenken? Freilich erst dann, wenn jedermann die erforderliche Zahl von proles, Nachkommen, in die Welt geschafft hat. Geht nicht aus dem vorliegenden Bericht hervor, wie tüchtig Eunuchen arbeiten?

Doch genug von diesem politischen Zukunftsprogramm. Da ist der Tempel, ein Buddhatempel wie andere auch. Im Schrein eine historische Hellebarde, so großmächtig, daß man glaubt, es gehöre ein ganzer Mann dazu, sie zu schwingen. Aber im Gegenteil, ein Eunuch hat sie geschwungen, Kang-Kung hieß er und hat in den Schlachten viele Feinde getötet. Deshalb ist sein Andenken allen 88 Eunuchen heilig. An seinem Grab erstand »Hu-Kuo-Szü« ? »Der den Staat beschützende Tempel« samt Kloster und Friedhof.

Der Friedhof ist merkwürdig, weil er ein Friedhof ist. Im allgemeinen läßt sich der Chinese auf freiem Feld begraben, mit Vorliebe in jenem Ort, wo er geboren ist, wo die Mitglieder seiner Familie wohnen. Eunuchen tun das also nicht, sie haben keine Familie, sie haben kein Geschlecht, selbst dann nicht, wenn sie Fürsten sind. Ja, ein Fürst ist auch hier bestattet, jener obenerwähnte Li-Lien-Jen, der vierzig Jahre lang an der Seite der Kaiserinwitwe Tsu-Hsi geschaltet und gewaltet, in ihrem Namen und zu beider Nutzen das Chinesenvolk heillos gebrandschatzt hat.

Wir äußern (in Frageform) zu unserm Führer das Gerücht, Fürst Li-Lien-Jen sei kein richtiger Eunuch gewesen. Grenzenlose Verachtung ist die Antwort. Gilt das unserm kläglichen Chinesisch, gilt das der Tatsache, daß wir einem Eunuchen durch unsere Bemerkung die Ehre abschneiden?

Die fünfzig Cents Führerlohn versöhnen den Alten ? vielleicht ein ehemaliger Oberkämmerer oder Hofmarschall ? keineswegs. Auch die Hunde geben ihr Mißtrauen gegen uns nicht auf, sie begleiten uns lauernd, sie züngeln und äugen so lange, bis wir wieder aus der Mauer hinaustreten, in deren Bereich wir unversehens geraten waren. 89

 

Kurzer Prozeß

Aufgerufen, tritt der Angeklagte auf eine Stufe und nun werden Kopf und Oberkörper über der hölzernen Wand sichtbar, manchmal stehen vier, fünf lebende Büsten nebeneinander.

Die Vorstellung rollt ohne Anfang und ohne Ende ab, wie ein Puppenspiel auf dem Jahrmarkt. Nichts sieht das Publikum als den Rücken der Figuren, es könnte allenfalls die Worte verstehen, aber niemand interessiert sich für die Gesamthandlung des Stücks, jeder nur für einen einzigen Akt, eine einzige Rolle, eine einzige Episode, für die, an der er durch Verwandtschaft oder Freundschaft beteiligt ist.

Drei Richter sitzen auf der Empore, rechts und links unter ihnen sind Bänke für die Zeugen, für die Kläger, für den Berichterstatter der Munizipalität und für die Presse, die fast niemals vertreten ist. Werden doch nur Bagatellsachen verhandelt, Maximalstrafe: ein Jahr, ? Alltag, Delikte um kleiner Beträge willen, tagaus, tagein, jahraus, jahrein sich wiederholende, also wohl in keiner Weise wichtige Fälle.

Um so mehr Detektive sind da. So viele, daß der ihnen zugewiesene Raum die Meute nicht fassen kann, weshalb 90 die Acht-Copper-Jungen plaudernd, spaßend im Saal herumlungern. Bei der Einvernahme stellen sie sich laut vor: »C. D. S. Nummer Soundso«. Einen andern Namen führen sie nicht als »Chinese Detektiv Sergeant Nummer Soundso«.

Auch Europäer schmücken das Spitzelparkett, die Engländer haben alle ? konventionelle Regie! ? rotes Haar, wie Judas auf den Abendmahlbildern des Cinquecento. Aus London oder Edinburgh kamen sie nach dem Fernen Osten, um aus dem Erwischen armer Verbrecherchen einen Lebensberuf zu machen. Sie treten an die Barre und legen Zeugnis ab wider ihr Opfer. Auf englisch.

Die gelbgeschnitzte Bühnenfigur schaut schief und groß das Wort an, das fremde Wort des Fremden. Die gelbgeschnitzte Bühnenfigur kann diesem verhängnisvollen Wort nicht begegnen, kann es nicht widerlegen und nicht unterbrechen. Die gelbgeschnitzte Bühnenfigur muß sich von diesem fremden Wort des Fremden ohne Gegenwehr ergreifen und ins Gefängnis werfen lassen.

Ein Dolmetsch übersetzt, wenn es chinesisch zugeht, dem internationalen Assessor jedes Wort ins Englische, die Spitzelaussage übersetzt er für den Richtertisch ins Chinesische. Der Schriftführer schreibt mit dem Pinsel von oben nach unten mit, was der berufsmäßige Belastungszeuge zu berichten weiß, das Protokoll dient gleich als Urteilsbegründung, die Richtigkeit der Aussage kann nicht bezweifelt werden, denn andere werden sie bestätigen; jeder Verhaftung eines Taschendiebs wohnen ein paar Nummern C. D. S. als Zeugen bei. («In Shanghai kommen auf jeden Bewohner fünf Spitzel,« pflegt 91 einer von ihnen zu sagen, seufzend über so viel Konkurrenz.)

Außerdem liegen die furchtbaren Corpora delicti unwiderleglich, unwiderleglich auf dem Tisch des Hauses: die zerschlissene Geldbörse, eine Reisschale mit zwei Würfeln und einigen Kupfermünzen.

Zu jeder Causa nimmt ein junger glattgescheitelter Chinese (schwarze Anwaltsrobe mit Silberborte über europäischem Anzug) als erster das Wort. Wir stellen mit Befriedigung fest, daß er die Sachverhalte nicht erst während der Verteidigung kennenlernt, wie dies anderswo bei Offizialverteidigern der Fall ist, und daß er sich der Sache mit Leidenschaft annimmt, wie dies anderswo bei Offizialverteidigern nicht der Fall ist. Aber unsere Befriedigung ist nur von kurzer Dauer. Bald merken wir, er ist kein Offizialverteidiger, vielmehr das Gegenteil eines Offizialverteidigers: ein Offizialankläger, kein Armenanwalt, vielmehr das Gegenteil eines Armenanwalts: ein Polizeianwalt, vom Stadtrat des Internationalen Settlements dazu bestimmt, gegen Chinesen öffentlich Anklage zu erheben.

Er, der die Polizei verteidigt, sitzt vor der Bühnenwand, zu seinen Häupten agieren die, die niemand verteidigt. Immer neue. Eine Kammer in der Ecke des Saals, eisentürverschlossen, stahlriegelgesichert, gucklochversehen, doppelpostenbewacht, läßt über ihre Bestimmung keinen Zweifel aufkommen. Dorthin wird jeder aus dem Ensemble des tragischen Puppentheaters geschmissen, bevor sein Auftritt kommt, geschmissen, nachdem sein Auftritt vorbei ist. Im Zwischenakt schnürt man die Figuren zu Bündeln und transportiert sie ab. 92

Hof ? Treppenhaus ? Korridore ? Straße ? alles voll von Eskorten. Fünf, sechs Gefangene, aneinandergebunden, zerrt man von der Zelle zur Verhandlung, von der Verhandlung zur Zelle, vom Richter zum Nachrichter, geradeaus und um die Ecke. Wird nur ein einzelner geführt, so ists die Art, ihn am Genick zu halten und nach vorn zu kicken. Gilt es einem Herrn Beamten oder einer andern Eskorte auszuweichen, gibt der Polizist dem Gefangenen mit dem Fuß die richtige Richtung und geschwindere Geschwindigkeit.

Auf ähnliche Art wird auch im Verhandlungssaal der Angeklagte vor seinen Richter getreten. Er stolpert, vom Stoß beschleunigt, die Stufe hinauf, und schon ist er aus der Versenkung emporgetaucht, eine Bühnenfigur.

Kurzer Prozeß. Sung-Tsang und Wan-Bi-Lu, aneinandergefesselt. C. D. S. 184 macht die Aussage: die beiden waren gestern in der Werkstätte eines Beinschnitzers; während Wan-Bi-Lu nach dem Preis eines Petschafts fragte, versuchte Sung-Tsang ein Mahjongspiel zu stehlen. Wan-Bi-Lu wird freigesprochen, Sung-Tsang zu zwanzig Dollar Strafe verurteilt, das heißt: zu zwanzig Tagen Haft, denn hier hat kein Angeklagter Dollars übrig. Verurteilter und Freigesprochener werden voneinander losgekoppelt, Sung-Tsang ins eisern verschlossene Eckzimmer gestoßen.

Ein hohläugiger Kopf mit fahlem Haarkranz und ebensolchem Spitzbart hat den Passanten von Tsepu Road Gelegenheit zum Glücksspiel geboten. Ach, die Passanten von Tsepu Road brauchen ihn dazu! Ach, das Glücksspiel um halbe Pfennige! Was tuts, der Alte, 93 zumal er rückfällig ist, kriegt zehn Tage aufgedonnert. Man schiebt ihn in den Kotter.

Sechs auf einmal, sechs Gesichter aneinander gepreßt, sechs Körper aneinandergefesselt, eine Partie. Was kostet sie? Steht noch nicht fest, deshalb starren die sechs, alle unter zwanzig Jahre alt, aber sonst alle verschieden, mit aufgerissenen Schrägaugen nach vorn, wo ihr Schicksal entschieden wird.

Sie haben aus einem zerschossenen Haus in Tschapei die Waren eines Pfandleihers davongetragen. Das ist schon zwei Monate her. Der C. D. S. Nr. 76 fand bei einer Haussuchung einen Teil der gestohlenen Ware, und der Verhaftete gestand seine Komplizen ein. Einer leugnet ganz, einer leugnet halb, einer leugnet ein viertel, einer beschuldigt zwei, und alle sind sie aneinandergekettet, Verratene und Verräter, Geständige und Leugnende, Komplizen und Feinde.

C. D. S. Nr. 76 nennt sie einen »Gang«, eine Verbrecherbande, die Mitglieder nennt er »Gangsters«. Das ist, als ob jemand in Europa von »Großindustrie« sprechen und einen Klempnerladen meinen würde. Gangs sind in China eine ebenso große Macht wie die Großindustrie in Europa, Gangsters beherrschen die Regierung, beherrschen die Polizei, beherrschen den Opiumhandel, halten die Organisation des Menschenraubs und des Sklavenhandels in Händen, heben Lösegeld ein und legen Steuern auf.

Jedoch die sechs Köpfe über der Wand fühlen sich nicht geschmeichelt dadurch, daß man sie einen Gang nennt, und die drei Köpfe der Richter fühlen sich nicht geängstigt dadurch, daß man ihr Gegenüber einen Gang nennt. Die kleinen Gangsters hängt man, oder wenn sie 94 nur ganz, ganz klein sind, so werden sie ? wie die sechs da ? auf einige Monate ins Loch gesteckt.

Der Nächste! Der Nächste hat falsches Geld ausgegeben. Dazu muß man wissen, daß in China von je fünf Talerstücken mindestens eines falsch ist; alle Wechsler lösen es mit einem Abzug von zwanzig Cents anstandslos ein. Jeder bessere General, jeder Ortsgewaltige macht sich sein Geld selber. Wer die Stanze hat, schlägt die Münze, nur der arme Verschleißer muß es büßen.

Der Nächste ist ein schreiender Stotterer mit flachem Schädel, einäugig; er bewegt die Finger, als wollte er ihrem Schatten die Kontur von Tieren geben, hört nicht zu, wenn er angesprochen wird, offensichtlich ein Irrer. Deshalb ist auch die Angeklagtenwand, das »Dock«, von zwei Polizisten flankiert. Angeklagter ist Fischer, hat gestern einen Reishändler, von dem er sich betrogen glaubte, überfallen und durch Messerstiche schwer verletzt. Der Fall wird auf nächste Woche vertagt, da der Überfallene in Lebensgefahr schwebt. Stirbt er, so erspart der Richter das Urteil, Totschlag und Mord sind seiner Kompetenz entzogen.

Der Nächste, der Nächste?.?.?. Mit jedem tauchen Sergeanten und Konstabler der Zivilpolizei auf, sie belasten jeden, ebenso wie der Polizeianwalt jeden belastet und überdies Belastungszeugen führt. Entlastungszeugen und Verteidiger gibt es in der Halle der Bagatellen nicht.

Die Polizei schnappt den Armensünder nicht nur, sie erhebt auch beredt Klage gegen ihn und schleppt ihre Detektiv-Konstabler und ihre Detektiv-Sergeanten und sonstigen Belastungszeugen heran, sie nimmt den schließlich Verknackten am Wickel, und selbst im chinesischen 95 Kerker gehört er noch der Settlementspolizei, denn sie hat die Aufsicht über das Männergefängnis im Special-District-Court.

Statt für soviel Fürsorge dankbar zu sein, verlangen die Chinesen, die Ausländer sollen sich damit zufrieden geben, daß sie weder als Angeklagte noch als Beklagte vor dieses Gericht zitiert werden dürfen. Die Chinesen wollen ihr im Settlement gelegenes Gericht der fremden Oberhoheit entzogen sehen. Das wäre ja noch schöner! Das wäre ja noch schöner, wenn man es diesem Kuligericht kontrollos überließe, die von englischen Polizisten ausgeforschten Diebe und Bettler nach Gutdünken zu verdonnern oder laufen zu lassen. Morgen würden die Gelben fordern, daß auch englische, französische oder amerikanische Verbrecher sich vor einem gelben Richter verantworten, so wie sich jetzt außer den Chinesen nur Deutsche, Österreicher, Tschechoslowaken, Türken, Russen und so weiter zu verantworten haben.

In den höheren Stockwerken des Gerichtsgebäudes geht es um Delikte, die den Ausländern wichtiger sind. Vor dem Zivil- und vor dem Vollstreckungsgericht streitet der fremde Gläubiger mit dem chinesischen Schuldner. Hier fungieren Rechtsanwälte, europäische, deren Worte dem Gerichtshof übersetzt werden, und chinesische. Hier bringt sowohl der Kläger als auch der Beklagte Zeugen mit. Die Zeugen schwören nicht, weshalb (auf nach China!) Meineidsprozesse nicht das Repertoire der Gerichte bilden, und ebensowenig werden Verwandte oder Angestellte der Parteien als Zeugen zugelassen, weil das Gericht von vornherein annimmt, daß sie zugunsten ihres Chefs oder Verwandten aussagen. 96

Wenn es ums Geld geht, kämpfen die Parteien wilder, als wenn es bloß ums Leben geht. Wenn es ums Geld geht, sind nicht sie allein beteiligt, auch der Richter ist es. Und jetzt, jetzt ist es hoch an der Zeit, das Wort zu nennen, das nicht im Baedeker steht und doch eine große Verbreitung und eine große Bedeutung in China hat. Das Wort: squeeze.

Squeeze ist das, was der Minister von der Rüstungsindustrie und den Banken bekommt.

Squeeze ist das, was der Compradore dafür bekommt, daß er die Geschäftsgeheimnisse an die Konkurrenz verrät.

Squeeze bekommt der Portier vom Taxivermieter, der Koch vom Gemüsehändler, der »Boy Nummer 1« vom Kohlenhändler, die Hauskulis von allen Läden in der Nachbarschaft, der Zolleinnehmer vom Chauffeur, der Chauffeur vom Zolleinnehmer, die Frau des Beamten vom Lieferanten.

Squeeze bekommt und bezahlt die Kuomintang.

Squeeze bekommt der General von seinem Gegner.

Squeeze bekommt der Detektiv von den wohlhabenden Verbrechern, squeeze bekommt?.?.?. nun, jeder bekommt oder bezahlt squeeze.

Squeeze, die Bestechung, europäisch-euphemistisch gesagt, die Provision, ist eines der politischen Argumente für die Aufrechterhaltung der Kolonialherrschaft: die Chinesen können sich nicht selbst verwalten, denn sie seien korrupt, jeder nehme squeeze.

Aber das Wort ist ein englisches Wort, und der amerikanische Rechtsanwalt, der einem Fremden mit Entrüstung schilderte, in welchem Maß die chinesischen Richter bestechlich seien, erfuhr die Zwischenfrage: 97

»Da ist es also wie in Chicago?«

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß ein Diehard, ein englischer Stockkonservativer eine ähnliche Antwort erhielt, als er die rassenmäßige Minderwertigkeit der Chinesen mit ihrem Mangel an Wohnkultur beweisen wollte.

»Haben Sie schon irgendwo derart grauenvolle Wohnverhältnisse angetroffen,« fragte er rhetorisch, »wie in der Chinesenstadt von Shanghai?«

»Yes, Sir,« antwortete ihm jemand, »in Whitechapel.«

Man sieht, andere antichinesische Argumente sind um nichts stichhaltiger als das Argument, daß der Chinese squeeze nimmt. Jedenfalls hat kaum ein Chinese oder eine chinesische Körperschaft jemals soviel squeeze bekommen wie die Behörden der französischen Konzession von den Opiumschmugglern, den Spielkasinos, den Opiumhöhlen, den Bordellen, den Gangs.

Ohne Zweifel ist China von squeeze zerfressen, die Gerichtsbarkeit mit. Wir wissen das, aber wir können während unserer Studiengänge im Special-District-Court nicht feststellen, welches Urteil unentgeltlich und welches gegen Bezahlung gefällt wird. Da müßte man schon sehr schlau sein und eingeweiht dazu. Wir denken uns nur, daß das Amt eines bestochenen Richters ein ganz vertracktes ist. So ein Gauner im Talar braucht mehr Ortskenntnis in den Winkelzügen der Paragraphen und mehr Verschlagenheit als ein simpler, unbestochener Richter, der urteilen kann wie er lustig ist. Die Jurisprudenz der Bestechlichkeit hat keinerlei Lehrbücher und keine gedruckte Kasuistik, der Richter muß das Unrecht »schöpfen«, so zwar, daß eine allenfalls 98 unbestochene höhere Instanz diesem Unrecht Recht zu geben nicht umhin kann. Auch hat er dabei das Gesicht zu wahren, das Publikum des Tribunals soll glauben, die Wage der Themis neige sich ganz von selbst nach der Seite, auf deren Schale die Bestechungssumme gelegt ward.

Bloß ein einziger Senat nimmt keine Rücksicht auf höhere Instanzen und auf das Publikum. Der Saal, in dem dieser Senat tagt, ist groß, damit die Öffentlichkeit hereinströmen könne, aber die Öffentlichkeit hütet sich, hereinzuströmen. Als wir eintreten wollen, flüstert uns unser Begleiter zu: »Kommen Sie, kommen Sie weg, sonst geraten Sie in den Verdacht, sich für solche Dinge zu interessieren.«

Hier werden die Staatsverbrecher verhandelt, die Kommunisten. Der Senat gehört zum Oberlandesgericht, er fällt das Urteil und ist gleichzeitig die höhere Instanz, die es bestätigt. Wer des Marxismus verdächtig ist, wird nicht nach Gesetz und squeeze behandelt. Zwanzig Jahre Kerker oder Tod durch Erschießen oder Enthaupten sind sein Los. In letzterem Fall wird an einer besonders frequentierten Straßenecke der Kopf des Chinesen ausgehängt, mit dem man solcherart kurzen Prozeß gemacht hat. 99

 

Kinder als Textilarbeiter

I.

»Eine genügt,« sagt der Arzt.

Wir haben um die Erlaubnis gebeten, einige Krankheitsgeschichten abschreiben zu dürfen.

»Wozu einige? Die Fälle sind im Grunde alle gleich.« Er deutet ringsumher auf die Betten in der Shanghaier Tuberkulose-Klinik. Aus unentwickelten Kinderkörpern dringt roter Husten. »Alle sind Fabriksarbeiterinnen, sie haben die gleiche Anamnese und den gleichen Befund. Wozu brauchen Sie einige Krankheitsgeschichten? Eine genügt.«

Sie genügt wirklich:

Tsai-Bi, Mädchen, 18 Jahre alt, aus der Provinz Tschekian stammend, kam vor sieben Jahren mit ihren Eltern nach Shanghai. Arbeitet in Textilfabriken seit ihrem 11. Lebensjahr. Erste Menses vor zehn Monaten (im Alter von 17 Jahren), die nächste drei Monate später, beide Male geringe Mengen hellen, dünnen Blutes. Später hat sich die Periode nicht wiederholt. In der Fabrik arbeitet Patientin dreizehn Stunden täglich, abwechselnd einmal Nachtschicht, einmal Tagschicht, außer einer Urlaubswoche im Winter. Vater starb vor 100 fünf Jahren an schleimig-blutigem Durchfall (wahrscheinlich Dysenterie). Mutter lebt und war bisher gesund, leidet in letzter Zeit aber an Husten mit Auswurf. Auch eine Schwester leidet an Husten. Keine sicher festgestellte Tuberkulose in der Familie.

Patientin klagt derzeit über starken Husten mit grünlichem Auswurf seit mehr als einem Monat. Die Erkrankung begann mit Schüttelfrost, Fieber und Schwindelanfällen. Hatte schon etwa zwei Monate vorher leichten Husten, seit Beginn der Erkrankung starke Vermehrung des Auswurfs, der in der letzten Zeit übelriechend ist. Patientin klagt weiter über allgemeines Schwächegefühl und starke Nachtschweiße. Patientin hat bis zu ihrer Einlieferung trotz der obigen Beschwerden gearbeitet, obwohl der Husten sie wesentlich behinderte.

An früheren Erkrankungen gibt Patientin eine Attacke von Dysenterie vor drei Jahren an, ferner vor einem Jahr Schwellung der Halsdrüsen.

Aus dem Status praesens: Unterernährte und unterentwickelte Patientin. Scham- und Achselhaare fehlen. Die Brüste entsprechen in ihrer Entwicklung denen eines dreizehnjährigen Mädchens. Uhrglasnägel. Leichte Cyanose des Gesichts und der abhängigen Teile.

Diagnose (auf Grund der physikalischen und der Röntgenuntersuchung): Pubertätsphthisis der rechten Lunge mit mittelgroßem Cavum des Oberlappens.

»Gibt es Hilfe?« fragen wir den Arzt.

»In China? Nein.« 101

 

II.

Chinas Industrie ist eigentlich den Kinderschuhen bereits entwachsen, ihre Arbeiterschaft noch nicht. Physisch nicht: sie besteht zu vierzig Prozent aus Kindern, die, wie wir aus dem Krankenbefund ersehen, aus dem Kindesalter auch dann nicht herauskommen, wenn sie aus dem Kindesalter bereits heraus sind.

Schreiten wir die Spinnereisäle einer großen Fabrik ab. Kleine Mädchen hantieren an den Spinnmaschinen, an den Verzwirnungsmaschinen, an den Vorspinn-Spindeln. Keines der Kinder sieht älter aus als sechs Jahre. Aber wir wissen von der Klinik her, daß der Schein täuscht. Dort sahen die Zwanzigjährigen wie Dreizehnjährige aus, also sind die, die hier in Gestalt von kaum Sechsjährigen an den Maschinen arbeiten, allenfalls schon elf oder dreizehn Jahre alt.

Sie können mit ihren Händchen jeden Faden manipulieren, der es nötig hat, sie können leere Spindeln aufstecken und volle Spindeln abnehmen, ohne sich auf die Fußspitzen oder gar auf einen Schemel stellen zu müssen, ? die Apparatur ist ihrer Größe angemessen.

Es sind Maschinen aus England. Dieses Triumphes der Technik rühmt man sich wenig, wir haben über Kinder-Spinnmaschinen noch nie etwas gelesen, auf den kleinen Maschinen prangt auch nicht die Plakette der Herstellungsfirma, während auf jeder großen eindringlich der Name »Asa Lees, Oldham« oder der einer andern englischen Fabrik steht.

»Wurden diese Miniatur-Maschinen eigens für China erfunden?« forschen wir bei nächster Gelegenheit einen englischen Fabrikvertreter aus. 102

Er beeilt sich, uns zu versichern, daß das nicht der Fall sei. »Im Gegenteil, die Child-Size-Machinery war jahrzehntelang im ganzen Textilgebiet von Lancashire in Gebrauch. Als man die Kinderarbeit in Großbritannien verbot, wurden die Maschinen nach Amerika geliefert, nach New England und in die Negerstaaten des Südens. Erst jetzt gehen sie in die Kolonien und nach China.«

Wir bitten höflich um Entschuldigung, England ungerechterweise verdächtigt zu haben.

 

III.

Zweihundert Meter lang sind die Spinnereisäle. Die vielen Maschinen werden durchwegs von Mädchen bedient.

Knaben sind nur zu den Reinigungsarbeiten da. In Schwaden wirbeln Faserflug und Staub ununterbrochen empor, und ununterbrochen muß gefegt werden. Jeder Junge schiebt zwei Besen auf dem Boden gegeneinander, was solcher Art zusammengekehrt ist, lädt ein anderer Junge auf seinen Bauchladen und trägt es davon.

Dreimal so lang wie die Auskehrknaben ist die Besenstange, mit der sie ins Vertikale wirken: hoch oben auf dem Deckel des Transmissionsrades und auf den Treibriemen setzt sich Faserwerk an, das heruntergefegt wird, um neuem Anflug Platz machen zu können.

Männer arbeiten in den Verpackungsräumen und in der Elektrizitätswerkstätte. Auch im Fabrikkontor kriegt man keine Frau zu sehen, nicht einmal in den englischen Fabriken Shanghais; die Korrespondenz mit dem Stammland wird im Stadtbüro, in der City besorgt, fern von den Chinesen. 103

Zu dem männlichen Personal gehört die uniformierte und bis an die Zähne bewaffnete Wache am Fabrikeingang; ihre Alarmvorrichtung in den Schilderhäuschen ist wohl die modernste Apparatur der Fabrikanlage.

Die Belegschaft der Websäle: Frauen. Alte, jüngere, schwangere. Zwar gibt es auch in der Weberei Kinder, die aber arbeiten nicht. Sie sind nur Säuglinge und liegen in Körben unter der Zettelmaschine oder dem Webstuhl; wenn sie der Mutterbrust bedürfen, werden sie hervorgeholt.

Entschieden ist der Aufenthalt in Fabrikräumen den Säuglingen nicht zuträglich. Aus diesem Grunde ward ein Verbot erlassen, sie mitzunehmen. Vielleicht aber waren für das Verbot die Vermutungen maßgebend, daß Säuglinge erstens nicht arbeiten und zweitens die Mütter bei der Arbeit stören.

Vermutung Nummer zwei hat sich als unbegründet erwiesen, Fabriksäuglinge stellen keine Betriebsstörung dar. Im Gegenteil, die junge Mutter bedient den Scherbaum und das Weberschiffchen mit doppelter Achtsamkeit, weil eine Maßregelung oder gar Entlassung nicht nur sie, sondern auch ihr Kind dem Hungertod preisgeben würde.

So braucht kein Fabrikherr auf die Einhaltung des Aufenthaltsverbotes für Säuglinge zu achten. Mit dieser Benevolenz kommt er sich nun besonders human vor, ebenso wie er die Einstellung von Kinderarbeitern als Wohltat an den Proletarierfamilien auffaßt, die sonst nicht genug zum Leben hätten. 104

 

IV.

Vierzig Prozent der Textilarbeiter von Shanghai und Wuhan sind kleine Mädchen, vierzig Prozent Frauen und nur zwanzig Prozent Männer. Geschäftstüchtig wie sie ist, hat sich die Industrie eines religiösen Vorurteils zu bemächtigen gewußt. Einen Sohn zu haben, ist in China der Sinn des Lebens und auch der des Todes, denn was hätte das Sterben für einen Sinn, verbliebe nicht ein männlicher Leibeserbe auf Erden, auf daß er das Ahnenopfer darbringe?

Die Tochter dagegen, sie ist nichts. In Hungergebieten wirft man die Neugeborene den Hunden zum Fraß vor. Kann man ein Mädchen als Sklavin verkaufen, so war es doch zu etwas wert. Der Sklavenhandel blüht. Am lebhaftesten in Hongkong, der britischen Kronkolonie, und wann immer der Kolonialminister wegen des Handels mit »Mui-Tsai« interpelliert wird, so antwortet er dem Unterhaus, die kleinen Sklavinnen würden ausschließlich gekauft, um in den Haushalten zu dienen.

Offener Kinderkauf zu Prostitutionszwecken ist überall im Schwange. Auf den Strichstraßen der großen Städte tauchen mit dem abendlichen Lampenlicht seltsame Gruppen auf: eine Matrone mit blauen Hosen, und neben ihr, der Größe nach aufgestellt, in hellblauen Atlaskitteln ihre Sklavinnen, große und kleine. Dieweil die Besitzerin jeden Passanten anspricht und lobpreisend auf ihre Ware hinweist, steht diese teilnahmslos da. Am linken Flügel sind die Kinder postiert; auch sie lassen sich, ohne eine Miene zu verziehen, von den Mietswilligen prüfen, und wird eines von ihnen ausgewählt, dann 105 trippelt die Kleine ernst ihrem Gast voran über Hinterhöfe und Hintertreppen in die Liebeslaube.

Eine Kategorie von Mädchenkäufern arbeitet für die Industrie. Sie erstehen eine Partie Kinder, geben ihnen einen Raum zum Schlafen und eine Schale Reis auf den Weg in die Fabrik. Vor Beginn der Arbeitszeit fährt ein Kuli vor und bringt zwölf Kinder, sechs rechts und sechs links, auf seinem Wheel-Barrow, dem einrädrigen Karren, in eine Spinnerei von Jangtsepoo. Der Lohn der Kinder gehört ihren Besitzern.

Fast niemals verkaufen die Großstadt-Kulis ihre kleinen Töchter, weil diese mitverdienen müssen. Bei voller Beschäftigung in der Fabrik, am Hafen oder vor der Rikscha erzielt der Kuli 10 bis 16 Silberdollar monatlich, während nach kommissionellen Erhebungen (Shangh. Labour Comm.) das Existenzminimum eines Ehepaars 18, das einer Familie mit drei Kindern 21,30 Silberdollar beträgt. Also muß nicht nur die Frau, sondern müssen auch die Kinder mitarbeiten, daß wenigstens dieser Elendstandard erreicht werde.

Der niedrige Lohn der Erwachsenen ist Ursache und Wirkung der Kinderarbeit zugleich.

 

V.

1919 besaßen in China die chinesischen Fabrikanten 889.000 und die japanischen 333.000 Spindeln, heute drehen sich in Shanghai und Wuhan 2,499.000 chinesische, 1,821.000 japanische und 178.000 englische Spindeln.

Der antijapanische Boykott richtet sich vielfach gegen 106 Waren, die aus chinesischer Baumwolle auf chinesischem Boden von chinesischen Arbeitskräften gesponnen und gewebt worden sind. Nur die Aktionäre und die Dividenden sind japanisch.

 

VI.

Viereinhalb Millionen Spindeln. Kinder schleppen die leeren herbei und die vollen davon und passen unausgesetzt auf, daß der Faden sich nicht verheddere oder gar breche, in welchem Fall sie ihn mit ihren Fingerchen zurechtzwirnen. Die englische Kinder-Spinnmaschine, brav, brav, erleichtert ihnen die Arbeit.

Stolz tragen einige Mädchen gelbe Schärpen, das Abzeichen der Diensthabenden. Kinder lassen es als Aufsichtspersonen an Strenge nicht fehlen, sie freuen sich ihrer Macht und zeigen unnachsichtlich ihre Altersgenossinnen an, teils um sich wichtig zu machen, teils um sich an einer kleinen Kameradin zu rächen, die gestern als Diensthabende die heute Diensthabende verpetzt hat.

Wohl auszunützen wissen die Erwachsenen dieses kindische Spiel. Nicht nur in den Fabriken. Vor Shanghais Bars und Matrosenkneipen stehen die ganze Nacht hindurch bunt livrierte Chinesenknaben. Ihrem Ehrgeiz genügt es nicht, eine Reklamefigur oder ein Türaufreißer zu sein, und so helfen sie den Polizisten bei der Mißhandlung der Rikschakulis. Verläßt ein Gast die Bar, dann stößt die längst auf diesen Augenblick harrende Herde der Mensch-Pferde mit ihren Karren schreiend, einladend, flehend auf ihn zu, gilt es doch, eine Arbeit zu finden, zehn Pfennige zu verdienen. Was schiert den 107 armen Kuli das Verbot, den Bürgersteig zu befahren, was schiert es ihn, daß der Polizist mit dem Knüppel auf ihn losdrischt? Jubelnd nützen die kleinen Portier-Jungen die Gelegenheit, dem Büttel Hilfsdienste zu leisten, sie schlagen die Rikschakulis mit Stöcken auf den Kopf, treten sie in den Bauch, werfen den Karren um und zerren am Rad, um es abzubrechen, bis ? entwürdigende Szene ? der chinesische Erwachsene im Arbeitskittel vor dem chinesischen Kind in der Affenjacke die Knie beugt und mit flatternden Händen um »holesche«, Barmherzigkeit, zu betteln beginnt.

Aber wir sind doch in der Textilfabrik, bei den Lebenslänglichen. Der Begriff der Lebenslänglichkeit ist hier wörtlicher gefaßt als in Strafgesetzbüchern: das Neugeborene liegt unter dem Webstuhl, Schwesterchen steht an der Spinnmaschine, Mutter arbeitet am Scherbaum, Großmutter näht die Ballen zusammen. So soll dein Leben ablaufen, Baby, nach dem Gesetz, nach dem du angetreten.

Hier sollen deine Wangen bleichen, deine Augen trüb und deine Beine schwach werden, in diesem Saal, in dem die Spindeln schnurren, die Webstühle klappern und die Luft geschwängert ist von Flocken und Zupfen und Werg. Der Handgriff, dir am ersten Tag beigebracht, soll dein Handgriff sein am letzten Tag, sonst sollst du nichts erlernen und erleben.

Schule und Spielplatz leben weder dir, Kind, das du kein Kind sein darfst, noch deinen Mitschülern, die keine Mitschüler sein dürfen, noch deinen Spielkameraden, die keine Spielkameraden sein dürfen. 108

 

VII.

Zwölf bis vierzehn Stunden täglich arbeiten die Kinder ohne Mittagspause. Keinen Augenblick lang stoppt die Rotation der Spindeln, auch wenn eine Partie der Kinder eilig zum Heizraum trippelt, um für sich und ihre Kameradinnen die Körbchen mit dem mitgebrachten Reis zu holen. Gegessen wird, während man darauf achten muß, wie sich die Kurbel weiterdreht und die Ringbank weiterhebt und der Faden weiterstreckt. Faserflug und Staub schwingen sich auf die Eß-Stäbchen und setzen sich zwischen den Reiskörnern fest.

Vormittags und Mittags haben die Kinder noch nicht die resignierten Mienen der Erwachsenen, sie schneiden lustige Grimassen und die Arbeit geht ihnen spielerisch vonstatten. Seht sie aber am Abend: da fallen ihnen die geschlitzten Äuglein zu, die Beinchen wanken. Nicht etwa spielen möchten die Kinder, nur ein wenig ausruhen. Ausruhen? Die Fabrik zahlt den Lohn nicht, damit der große oder kleine Be-Lohnte innerhalb der Arbeitszeit ausruhe.

Dieser Lohn beträgt für Kinder bis zum Alter von fünfzehn Jahren in den großen Shanghaier Textilfabriken 22 (in Worten: zweiundzwanzig) Pfennige; in den Seidenspinnereien 6 (in Worten: sechs) Pfennige täglich.

 


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