Ans bittere Ende

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Erstes Capitel. Da unten im Blumenthale.

Ein altmodischer Garten. Tiefer Herzen des ländlichen Kent liegt ein Garten, wie ihn kein moderner Gärtner billigen würde, aber trotzdem duftig und schön und dem fernen Besitzer sehr theuer, der weit jenseits des öden Meeres es versucht, sein Vermögen auf den Goldfeldern Australien?s aufzubessern und mit manch einem geheimen Seufzer auf das eine grüne Thal in England zurückblickt, das er seine Heimath nennt. Vierzig Jahre lang ist es seine Heimath gewesen und Jahrhunderte schon die seines Geschlechts. Sehr schwer würde es ihm jetzt werden, sich von dem alten Orte zu trennen, und doch hat Richard Redmayne standhaft dieser herben Möglichkeit entgegen zu sehen.

In dem Garten giebt es keine schmucken Blumenbeete in Gestalt von Kreisen oder verschobenen Vierecken; keine wunderbaren, bandartigen Einfassungen, keine einfarbigen Massen eigenthümlicher Arten aus der Familie des Kohls und der Endivie, sondern nur zwei lange weite Beete, die mit altmodischen Blumen geschmückt sind, ein großer Reichthum von Rosen, eine weite Grasfläche, auf der hier und da ein Baum steht; alte Aepfel- und Birnbäume, einige Nußbäume, eine niedrige und sich weit ausbreitende spanische Kastanie, die einen Schatten wie ein Zelt giebt, und eine große düstere Ceder. Der Garten ist von der Außenwelt und der ruhigen Landstraße, die an ihm vorüber führt, durch hohe rothe Ziegelmauern getrennt, an denen Obstbäume entlang wachsen und aus welchen sich Drachenmaul und Steinsonnen befinden. Es sind Mauern, welche an sich eine Studie für den Pinsel eines Malers abgeben könnten. Auf der anderen Seite des Gartens, von demselben nur durch eine wilde Rosenhecke getrennt, liegt ein großer Kentischer Obstgarten, dessen hohes, weiches Gras, stellenweise von zitterndem Laube beschattet wird, der ein höchst angenehmer Ruheplatz und an warmen Sommer-Nachmittagen ein wahrer Friedenshafen ist. Am Ende des Obstgartens liegt ein Teich, wo eine Schaar Enten unter den Wasserlilien hin- und herpatschelt, und auf dem anderen Ufer des Teiches befindet sich das Weidenland und die Kornfelder der Meierei Brierwood.

Garten, Heimwesen und Meierei gehören Richard Redmayne, den das Goldfieber gezwickt hat, und der im fernen Australien es versucht, sein Vermögen wieder zu gewinnen, das in den letzten Jahren durch eine Reihe unglücklicher Zufälle, schlechte Ernten, fehlgeschlagene Viehspekulationen, Rinderpest, Kartoffelkrankheit, kurz durch alle die Schrecknisse, denen der Ackerbauer unterworfen ist, schwer gelitten hat.

Er hat seinen jüngeren Bruder, einen leichtlebigen etwas schwachen Menschen, der selbst nie viel für sich im Leben gethan hat, sondern meist von dem Besitzer von Brierwood abhängig gewesen ist, und dessen Frau zurückgelassen, die keineswegs leichtlebig oder schwach, sondern etwas zanksüchtig ist und seine scharfe Zunge hat, aber im Grunde keine schlimme Person ist. Diese beiden, James Redmayne und seine Frau Hanna, haben die Meierei unter ihrer Obhut und außerdem noch etwas, das viel kostbarer als das Pachtgut Brierwood ist. Denn wie theuer auch jeder Morgen der alten Heimath dem Herzen des Wanderers sein mag, so läßt er doch etwas zurück, das ihm noch zehnmal theurer ist, seine Tochter Grace nämlich, sein einziges Kind ein hochgewachsenes, schlankes, braunlockiges Mädchen von neunzehn Jahren.

Sie war keineswegs eine auffallende Schönheit, diese Pächterstochter, die über ihren Stand hinaus, wie die kleine Welt von Kingsbury im allgemeinen und Frau James Redmayne insbesondere behauptete, erzogen worden. Sie war kein Wesen, das die Männerwelt unter irgend welchen Umständen mit Sturm erobert, aber trotzdem hübsch und liebenswerth; von einer Gestalt, die man gern in Haus und Garten sich bewegen sieht, schlank und schmächtig, wie die

Lilien in den langen Beeteinfassungen, und von einer blumenartigen Anmuth, welche ihr das Ansehen gab, als ob sie mit jenen verwandt wäre, ein liebes, hübsches, junges Gesicht, das von kastanienbraunen Locken eingerahmt war, die hier und da in?s Goldene schimmerten; ein Gesicht, dessen größter Reiz in seinem Teint, einer milchweißen Haut, auf die ein schwaches Rosenroth Leben hingehaucht zu haben schien, bestand.

Grace Redmayne war zu fein erzogen worden, das sagte Frau James, die es lieber gesehen hätte, daß ihre Nichte in der Milchwirthschaft und der Behandlung des Federviehs geschult worden wäre. Ehrlich gesprochen war das Leben des Mädchens etwas nutzlos und Frau James hatte den gesunden Menschenverstand auf ihrer Seite. Von der eigentlichen Landwirthschaft Verstand Grace gar nichts. Zwar liebte sie die alte Heimath innig, freute sich daran unter den Blumen zu spazieren, und die langen Morgen in den Obstgärten zu vertändeln; zwar liebte sie alle die lebenden Wesen, welche sie umgaben, von der alten Molly, dem Milchmädchen, das sie seit ihrer frühesten Kindheit kannte, bis zu den jungen gelben Enten, die erst gestern ausgebrütet worden; aber damit hatte es auch sein Ende. Sie hatte drei Jahre in einer Pension, im Badeort Tunbridge verlebt, und war nach Brierwood mit der gewöhnlichen oberflächlichen Pensionsbildung heimgekehrt; sie spielte das Klavier ein wenig, sprach ein wenig französisch, konnte ein paar vereinzelte italienische Phrasen, zeichnete etwas, malte unmögliche Blumen auf Holz und hatte eine unersättliche Leidenschaft fürs Romanlesen.

Ihr Vater hatte ihr ein altes Klavier bei einem Trödler in Tunbridge gekauft; das mehr um seiner gefälligen Form, als um seines Werthes willen, gewählt worden war, das aber in einer Nische des altmodischem getäfelten Gesellschaftszimmers sehr großartig aussah. Der Pächter liebte es sehr, wenn seine Tochter ihm in der Dämmerstunde des Sommers, vor dem Abendessen etwas vorsang, und mochte die weiche sanfte Stimme nicht weniger, wenn sie ihn bisweilen in einen nicht beabsichtigten Schlummer einlullte, aus dem ihn ein lautes Geklapper im Nebenzimmer und die gellende Stimme von Frau James auszuwerfen pflegte, welche die Beiden fragte, ob sie denn gar nicht daran dächten zum Abendessen zu kommen, und ihn zu plötzlich aus dem lieblichen Traumland in die schwere Wirklichkeit zurückrief.

Sie war ein einziges Kind, diese hübsche braunlockige Grace, das verschönte Ebenbild der einzigen Frau, die er je geliebt hatte, seiner reinen schlichten, auf dem Lande erzogenen Ehefrau, die ihm vor 12 Jahren durch einen entsetzlich plötzlichen Tod entrissen worden. Grace war das einzige Wesen, das ihm auf Erden zu lieben und zu verwöhnen übrig geblieben war, und er hatte auf ihr schönes junges Haupt die Fülle kostbarer Liebe eines starken Männerherzens ausgegossen. Es war eine-schwere Prüfung, sie in der Blüthe ihrer Jugend zu verlassen, aber nach langem Kampfe mit widrigen Verhältnissen, war er zu der Ueberzeugung gelangt, daß ihm nichts anders übrig blieb. Einer seiner alten Bekannten, ein Mann, der als kleiner Pächter schmähliches Unglück gehabt, hatte in den Goldfeldern Wunder geleistet und Richard Redmayne eine glühende Schilderung seiner Erfolge zukommen lassen. Dieser war von Natur zu Abenteuern und Speculationen geneigt, durchaus kein Mensch, der zufrieden Tag für Tag auf einem geebneten Wege, langsam und angestrengt arbeitete, selbst wenn das ziemlich vortheilhaft gewesen wäre; und eine lange Zeit hindurch hatte er das Unglück zum Genossen gehabt. Ueber diesen Brief aus Australien, der nachlässig genug, wohl mit erheblichen Uebertreibungen geschrieben war, brütete er immer wieder, als ob er der Zauberschlüssel sei, der ihm einen großen Schatz eröffnen könne. Ganze Nächte hindurch träumte er davon, wie er da drüben bis an die Kniee im tiefen Lehm stände und das gelbe Gold im glänzenden Mondenschein spatenweise herausschaufelte. Allmorgentlich blickte er die gemalten Wände seines Schlafzimmers, die im Morgensonnenschein funkelten mit Schmerz und Kummer an, wenn er daran dachte, daß sein Leben in diesen engen Grenzen eingeschlossen bleiben sollte. Zwar war seine Tochter da, die er mehr als irgend etwas Anderes in der Welt liebte, aber der Gedanke an dieselbe machte ihn um so begieriger, sein Glück in der weiten Ferne zu suchen. Wenn er nicht einen verzweifelten Schritt that und damit Glück hatte, so mußte Brierwood nothwendig in fremde Hände übergehen. Er steckte bis an den Hals in Schulden und konnte kaum hoffen, es noch lange so zu treiben.

Es konnte wohl nur ein verzweifelter, in der Welt, wie sie außerhalb seines eigenen Heimwesens ist, unerfahrener Mann je auf den Gedanken kommen, durch Goldgräberei sich zu retten. Aber diese unvernünftige Hoffnung hatte seit den ersten Tagen des Goldfiebers, wo die Träume und Hoffnungen der Menschen auf Vermögen, die in jenem unerforschten Erdreich zu finden seien, ausschweifender und größer als jetzt waren, heimlich in seiner Brust fortgelebt. Von den täglichen Plackereien und stets zunehmenden Verlegenheiten seines Lebens wandte sich Richard Redmayne jener unbekannten Welt jenseits des Meeres zu, bis es ihm schien, als ob ihm dort ein Stern leuchte, dem er nur zu folgen habe.

Selbst, wenn er Unglück habe, sagte er sich, würde eine Art Genugthuung darin liegen, Etwas unternommen zu haben.

Jeder Mißerfolg, der ihm zu Theil werden könne, werde besser sein, als zu Hause zu bleiben und thatenlos dem Unglück ins Gesicht zu starren.

Er rief seine Gläubiger zusammen und setzte ihnen den einfachen Thatbestand auseinander. Sie waren noch keineswegs in Verzweiflung und hatten einen großen Glauben an seine Ehrlichkeit. Auch waren die Summen, die er ihnen schuldete, nicht groß, ? betrugen insgesamt kaum 1500 Pfund, während die Meierei reichlich 4000 werth war ? aber sie erschienen ihm, der völlig außer Stande war sie abzuzahlen, ohne sein Land auf?s neue zu belasten, sehr groß.

Seine Gläubiger lächelten ein wenig, als er ihnen seine Absicht, Gold zu graben, auseinandersetzte, thaten ihr Möglichstes, ihm von einem so tollen Unternehmen abzurathen, bewilligten ihm aber gerne die Zeit, und das war Alles, was er haben wollte.

»Ich habe keine Furcht,« sagte er, als einer derselben, ein langjähriger Freund, es versuchte, seinen Plan in den dunkelsten Farben zu schildern. »Ein Etwas sagt mir, daß ich Glück haben muß, wenn ich nur aushalte; es können wohl ein bis zwei ? bis drei Jahre vergehen, ehe ich das leiste, was ich zu Stande bringen will. Mehr als drei sollen es aber nicht werden. Aber ich bitte Euch Alle um eine Frist von drei Jahren für den allerschlimmsten Fall. Auch erwarte ich nicht, so viel Nachsicht umsonst zu erwerben; ich will Euch Allen Eure Forderung mit 5 Proc. verzinsen.«

Das war von Herrn Redmayne, wie die Gläubiger sagten, freigebig und anständig gehandelt. Ein einfältiger Mensch wollte zwar die Frage wegen der Zinsen lassen, wurde aber von seinen Collegen überstimmt. Herr Redmayne hatte eine sehr richtige Ansicht von der Sachlage und sie wünschten ihm allen möglichen Erfolg in seiner neuen Laufbahn. Uebrigens fanden ja Leute wirklich bedeutende Geldbeträge da draußen und es war eigentlich kein Grund dafür vorhanden, warum er nicht auch seinen Antheil an dem allgemeinen Glück haben sollte. Freilich, man hörte wohl kaum von den unglücklichen Goldgräbern ? die gingen stumm und unbekannt zu Grunde. Daher schien es, als ob man nur eine Spitzaxt und Schaufel brauche, um sich unbeschränkte Reichthümer zu verschaffen.

Durch vieles Brüten und Träumen und eine stets zunehmende Verdrossenheit, welche ihn mit Widerwillen gegen die Meierei erfüllte, wo Alles schlecht zu gehen schien, hatte sich Rick Redmayne, wie seine Freunde ihn nannten, in diesen Gemüthszustand gebracht. Da draußen winkte ihm ein sicheres Glück, wenn er thätig und abgehärtet, ? war er doch nur einen Tag in seinem Leben krank gewesen ? nur den Muth hatte, danach zu greifen. Er war so stark wie Herkules und ein guter Schütze, kurz, gerade der rechte Mann, um in einem jungen Lande sich Bahn zu brechen. Von den kleinlichen Beschwerden und Quälereien seines Daseins zu Hause, wandte er sich mit Sehnsucht nach dem unbekannten Leben da drüben. Erst reiste er an einem schönen Märzmorgen, nach jener freundschaftlichen Zusammenkunft mit seinen Gläubigern, nach London, kaufte sich daselbst eine zwar sehr ökonomische und einfache Ausstattung, nahm ein Billet für ein Schiff, das ? damals gerade in den Docks befrachtet wurde und nach Ablauf einer Woche absegeln sollte, sorgte dafür, daß sein Reisekoffer sicher an Bord gebracht werde und kehrte nach Brierwood zurück, um seiner Tochter Grace hiervon Mittheilung zu machen.

Zwischen den Beiden fand eine kummervolle Scene statt. Das Mädchen liebte ihren Vater leidenschaftlich; was hatte sie sonst noch mit der ganzen Kraft ihrer Natur, die warm und liebevoll war, zu lieben? Bis zu diesem Augenblick hatte er ihr seine Absicht nicht einmal angedeutet. Sie hatte ihn zwar mit einer Art Neid von den großen Dingen in Australien und von seines Freundes, John Morgan?s Glück reden hören; sie hatte ihn die langsam schwere Arbeit des Pächterlebens mit den plötzlichen Drehungen des Glücksrades, die Einen im Laufe einer Woche von der Dürftigkeit zum Wohlstandes erhöhen, vergleichen hören; aber das war auch Alles. Sie hatte ihm zugehört, ihm Mitgefühl gezeigt und ihn getröstet, aber es sich nie träumen lassen, daß es ihm einfallen könne, Brierwood zu verlassen. Das schien ganz unmöglich. Als er ihr seine Absicht mittheilte, stand sie sprachlos da und blickte ihn mit einem so schmerzhaften Gesichtsausdruck an, daß es ihm im Herzen wehe that.

»Das beabsichtigst Du doch nicht zu thun,« rief sie aus, »das ist ja unmöglich, Du sagst es nur, um mich zu erschrecken.«

»Nein, mein Kind, ich meine es wirklich so,« sagte er, indem er sie in seine Arme nahm und ihr hübsches, kastanienbraunes Haar sanft streichelte, als sie ihren Kopf an seine Brust legte. »Aber Du mußt Dich darüber nicht so sehr grämen; mein Fortgehen geschieht zu Deinem Besten, liebe Grace! Ich könnte leicht Brierwood verkaufen müssen, wenn ich zu Hause bliebe und die Hände in den Schooß legte, während Alles zu Grunde geht. Auf dem Pachthofe giebt es Nichts zu thun, was Jim nicht eben so gut wie ich thun könnte; ich gehe ja nur auf ein, bis auf höchstens drei Jahre fort.«

»Drei Jahre!« rief das Mädchen wehmüthig, »oh Vater, Vater, nimm mich mit!«

»Dich in die Goldfelder mitnehmen? Nein, mein Vögelchen, das ist für Deinesgleichen ein zu rauhes Leben. Ich habe Dich nicht wie eine Dame erziehen und eine Pension besuchen lassen, um Dich unter so rohe Menschen zu bringen, wie die sind, mit denen ich draußen zu thun haben werde.«

»Es gilt mir gleich, wie rauh auch das Leben dort sein mag, ich kümmere mich nicht um das Ungemach, das ich werde ertragen müssen. Wo Du bist, bin auch ich geborgen.«

»Wo Du bist, bin auch ich geborgen,« dieser Worte erinnerte er sich noch nach Jahren und sie wurden ihm zu einem beständigen Vorwurf.

Er versuchte es, sie zu trösten; er gab sich Mühe seine Verbannung in heiterem Lichte erscheinen zu lassen, aber das Mädchen dachte an nichts, als das unbekannte Meer, über das er zu setzen und das unbekannte Land, in dem er zu arbeiten habe.

»Es wird mir das Herz brechen, wenn Du gehst, Vater,« sagte sie und wollte sich durchaus nicht trösten lassen.

Trotzdem ging er, und ihr Herz brach nicht. Zwar war es ein großer Kummer; Nacht für Nacht weinte sie sich in ihrem hübschen Zimmer, unter dem alten rothen Ziegeldach, in den Schlaf; Morgen für Morgen erwachte sie zum Bewußtsein ihrer elenden und verlassenen Lage. Aber sie war kaum 18 Jahre alt. Nach und nach kam die Hoffnung wieder. Ein heiterer Brief, der von der guten Ankunft des Wanderers Kunde brachte, gab ihr den ersten Trost und schmückte ihr hübsches, junges Gesicht mit einem Lächeln; und hierauf entstand eine Gewöhnung nach neuen Briefen auszuschauen. Ihr Herz brach jetzt nicht ? das sollte später kommen.



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