Blaugast

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I

Die Straße, die Blaugast draußen empfing, als Sturmnacht ihn aus dem Bett scheuchte, als er das schwüle Zimmer verließ, um auf ziellosen Wanderungen den Kopf im Sommerregen zu kühlen, hatte sich plötzlich beruhigt. Der Ausbruch, der sie eine Zeitlang verwirrte, hatte wohliger Stille Platz gemacht. Über Neubauten am Ende kamen schon Sterne herauf, blinkten versöhnlich über Ziegelhaufen und aufeinandergetürmten Balken. Ein Mann mit aufgeschlagenem Rockkragen ging vor ihm her, drehte sich hüstelnd um, als ob er entschlossen wäre zu warten. Die Art, wie er hinkte, verdrossen den Fuß nachzog, ungeschickte Bogen um Pfützen machte, kam Blaugast bekannt vor. An der Ecke, wo er ihn überholte, sah er für Augenblicke sein Gesicht, wie es ausgedörrt und verkniffen im Schein der Laterne feixte.

»Schobotzki!« rief er, und Erstaunen darüber, daß er den Genossen der Schulzeit nach einem Menschenalter im Finstern erkannte, färbte seine Stimme mit Freude.

Schobotzki blieb stehn. Die langen Arme, die den flatternden Mantel rechtwinkelig gebogen über der Brust zusammenhielten, die scharfe Nase zwischen den Augen gaben ihm das Profil eines riesigen Raubvogels. Der Mund war groß, die Brauen buschig, die Stirn unterm Hutrand faltig verknotet. »Du bist es ?«, sagte er endlich, entblößte beim Sprechen unförmige Vorderzähne. ? »Septima B., drittes Bankeck beim Fenster. Klaudius Blaugast Schwachmathikus, Primus im deutschen Aufsatz ?« Das Lächeln, das er zelebrierte, das zwischen Melancholie und verfluchter Vertraulichkeit eine ungewisse Mitte hielt, war Blaugast gut in Erinnerung.

»Was treibst du?« ? fragte er mit geflissentlicher Munterkeit, die geeignet schien, den Verkehrston alter Kumpane mit einem Schlag wieder gültig zu machen.

Schobotzki sah mit einem schiefen Blick an ihm vorbei in die Straße.

»Ich gehe zugrunde ?«, sagte er nebenhin. »Von Stufe zu Stufe. Die Vokabeln sind ziemlich geläufig ?«

Als Blaugast stumm blieb, Mißbehagen in fragendem Schweigen sammelte, gluckste er gutgelaunt, hüllte sich kichernd in seinen Kragenumhang.

»Das gehört zum Programm ?« meinte er, ohne sich deutlicher zu erklären. ? »Hängt mit Studien zusammen, die ich betreibe. Hättest du Lust, mein Laboratorium zu besichtigen?«

»Laboratorium?« ? Blaugast wog den Ton der Frage pedantisch mit Gründlichkeit. Etwas im Tempo der Einladung machte betreten. Unbehaglich, ohne im Bilde zu sein, dehnte er unschlüssig die Silben.

»Laboratorium? ? Braust du um Mitternacht noch Elixiere? ?«

Schobotzki preßte den Arm des Gefährten nachdrücklich mit spitzen Fingern.

»Bist du kein Freund der Nacht? ? Das nimmt mich wunder. Wenn man über sich selbst Genaues erfahren will, ist es ergiebiger, man schläft bei Tag und speist am Abend das Frühstück. Lampenlicht macht Gedanken der anderen durchsichtig. Unbegreifliches fällt von den Dingen ab, Banales phosphoresziert im Dunkeln. Ich kenne keine bessere Arbeitszeit als zwischen Polizeistunde und Morgen. Besonders, wenn so wie heute der Sturm das Unterste an die Oberfläche kehrt. Allerhand Fanatismus bekommt da das Stallfieber. Ich habe da hinter der nächsten Ecke ein Etablissement für Eingeweihte entdeckt, für Liebhaber von Romanlektüre und unsentimentale Gäste. Es ist nicht gut, in solchen Nächten ohne Führer zu sein. Du siehst so aus, als ob du Spundus vor Angelegenheiten hättest, die das Unwetter vorhin in deinem Gehirnkasten aufstöberte. Komm mit, Schwachmathikus. Denk an den Wahlspruch über der gymnasialen Aborttür: Nemo Germanus navigat solus. Weiß nicht, ob es gutes Latein war, aber es klang überzeugend ?«

Blaugast spürte verwundert, wie bei der Rede, die Treuherzigkeit wahllos mit Pathos mischte, Unruhe über die Haut lief, der er sich hingab. Die nüchterne Physiognomie der Gasse wurde ihm gegenwärtig, wo die gelbe Fassade des Schulhauses zwischen ausdruckslosen Zinsbauten stak. Laute Fröhlichkeit quirlte in Stiegengängen, mausscheues Trappeln und Bubenwitze. Aber es war immer etwas Gespenstisches in der Erinnerung, die seine Phantasie mit der Schulzeit verknüpfte. Da waren Nachmittage, wo Regensträhnen das Fenster verhängten, Tropfenschlag, der einlullte und lähmte. Gedämpfter Unterricht schreckte aus unbotmäßigen Spuren, Müdigkeit verdickte die Adern. Oder war es die Furcht, die in Flurwölbungen klopfte, Bankreihen ablief, zögernd im Munde aufquoll ? Blaugast schmeckte den Nachgeschmack mißmutig verhafteter Feigheit noch heute in seinem Speichel. Er sah die schwarze Schultafel mit Ziffern bedeckt, die mit dünnen Strichen sein Verständnis zerkleinerten, sah Schobotzki, dessen spinnige Hände die Kreide umklammerten, und sein dürr gemeißelter Kopf neigte sich frühgealtert vor dem Ernst des Katheders. Lange war dieser Bursche eine Art Ideal für sie gewesen, der mit Lässigkeit Ambitionen zurückwies, eigenbrötlerisch an Umgangsformen festhielt, die höflich gezierte Schrullen statt ungehemmter Herzlichkeit ausboten. Lange war sein Zynismus eine Zwingburg geblieben, gebieterisches Exempel verlegener Gesellen, die missetäterische Verschlossenheit dieses Gesichts mit Ehrfurcht genossen. Jetzt ging Schobotzki, gerissener Kunde aus Knabenjahren, Organisator des Schwindelzettelvertriebs bei hochnotpeinlichen Versetzungsprüfungen, Abgott und Schwarm benachbarter Unterklassen, berüchtigter Repetent des Stephansgymnasiums neben Blaugast durch die stockdunkle Gasse, in der nur streckenweise die Lampen hinter verregneten Gläsern brannten. Etwas von der Autorität, die ein achtstündiger Karzer unsterblichen Angedenkens vormals ins Unbedingte befestigte, begann sich unmerklich auf die Beziehung zu legen, die freundschaftlich wieder hochkam. Unabwendbar wachte Respekt wieder auf, der die Atmosphäre der Schule semesterlang bannte, der widerspruchsloses Gesetz schien. Hörigkeit, der das Wesen Schobotzkis von Anbeginn an ihre Nahrung lieferte, wurde durch die Begegnung aufs neue entsichert.

Blaugast zog die Hutkrempe tiefer und knöpfte entschlossen den Rock zu.

»Ich gehe mit dir ?« verkündete er, fegte Bedenken mit einer Handbewegung zur Seite. ? »Dein Laboratorium ? kalkulier ich ? wird Möglichkeit bieten, dort einen Schnaps zu trinken. Was sind das für Studien, die derart verheerende Folgen haben? ?«

Schobotzki schraubte den mageren Hals vielsagend aus seinen Schultern.

»Biologie der Verkümmerung. Wissenschaft des Verfalls. Interessieren dich Katastrophen? ?«

Blaugast suchte verblüfft nach einer Plattform, Gedankengänge zu überschauen, die sein Begleiter aphoristisch verbrämte, ohne sich einigermaßen um ihre Klarstellung zu bemühen. Er entsann sich des Umstandes, der tagende Lehrerkonferenzen oft ratlos beschäftigt hatte, daß dieser Schobotzki es immer verstand, seelisch und körperlich minder Bemittelte unter die Diktatur zu zwingen. Aus den Reihen der Jüngsten und Kurzbehosten wußte er immer einen Stab um sich zu berufen, den er zu Botengängen und Dienstarbeiten verwendete, der seine Briefmarken verschachern und Reklamebilder für ihn hamstern mußte. Leibeigenschaft eindeutigen Stils war diese Bereitschaft, deren Dimensionen der Lehrkörper kopfschüttelnd abmaß, ohne dagegen die Handhabe zu gewinnen. Diese Fronwilligen waren glänzend dressiert, standen uniform auf der Seite des Angeklagten, denn undurchsichtige Gerüchte von Mißhandlungen murrten, wenn Außenseiter die Erwachsenen mobil machten. Daran dachte Blaugast, obzwar ein Zusammenhang mit der Frage nicht greifbar erweislich schien, die rätselvoll neben ihm aufklang, die jener genießerisch mit der Zunge prüfte: »Interessieren dich Katastrophen?« ?

Fatale Beschämung, dem Komplex dieser Dinge wehrlos zu unterliegen, gab seinen Worten unfreundliche Hast, als er unwirsch entgegnete:

»Katastrophen? ? Was ist das?«

Schobotzki versuchte mit verschlagenem Lachen eine unschöne Heiterkeit.

»Das sind Spitzenleistungen. Resultate in Reinkultur. Veränderungen im Rhythmus der Zellenbildung. Aber da sind wir schon. Gib acht auf die Stufen.«

Eine elektrische Birne, die kühl und fadenscheinig unterm geweißten Blechschirm hing, beleuchtete eine verlotterte Stiege. Kellerdünste, aus Tabak und Nachtschweiß geronnen, kamen von unten herauf, Geruch nach Suppe und ausgekochtem Gemüse. Ein Würstelverkäufer mit Schürze und Leinenjacke saß stumpfsinnig hinter dem Kessel und stützte das unrasierte Kinn auf die geballten Fäuste. Blaugast blieb widerstrebend beim Eingang stehn, wo ein Weibsstück mit abgetragenem Wolltuch sich unverschämt gegen den Türpfosten lehnte.

»Unsere Primadonna, die schöne Wanda ?«, informierte Schobotzki. Aber der Blick, mit welchem die Frau sein Gemecker zurückgab, machte Blaugast betroffen.

Die Kellerstube hinter verglaster Drucktür war nicht übermäßig bevölkert. Es war eine Sorte eigenwilliger Bürger, die hier häuslich zusammenfanden, schaumfreies Gebräu aus dickwandigen Gläsern schlürften, dem Quartett applaudierten, das neben durchlöcherten Vorhangfalten des Stiegengeländers seine Notenpulte postierte. Die abgestandene Munterkeit, mit der die einen den Takt auf verklebten Untertassen schlugen, stach aufwühlerisch von der Ruhe der anderen ab, die unbeweglich in ihren Bierrest starrten. Abweisendes Gemurmel flankierte den Einzug, als sie zwischen den Tischen Umschau hielten, beim Schankkellner ihren Likör bestellten.

Ein Mann mit karierter Weste, eine frisch verheilte Rißwunde auf der verbuckelten Nase, spie verächtlich den Fußboden an, als Blaugast beim Sitzen die scharfgebügelte Hose aufstreifte. Die saloppe Eleganz des Besuchers, der sein Glas angewidert zwischen den Fingern drehte, erregte sein Mißfallen. Aber Schobotzki blinzelte ihm beschwichtigend zu, und ein Kopfnicken, verständnisinnig gehorsam, markierte unmerklich die Antwort. Rank, frech und geziert kam Wanda auf die Ankömmlinge zu und setzte sich neben Blaugast.

Fast unterwürfig machte sie von dem Vorrecht Gebrauch, das ihr Handwerk mit sich brachte, das ihn nach Monaten strenger Zerwürfnisse blitzartig aufhorchen ließ. Das Duwort, das sie ihm gab, kam dunkel, von Heiserkeit angerauht, an ihn heran, daß er unwillkürlich ihr Gesicht ansah, ihre Ansprache grüblerisch überdachte:

»Warum bist du so traurig?«

Ihre Augen, gleichmütig kalt, flackerten wie ein Lichtstumpf vor dem Erlöschen. Das Haar, pagenartig gekämmt, war widerspenstig verstaubt, unordentlich brüchig. Ihre Brust steifte sich unter der Ärmelbluse, die mit Speiseresten bekleckst war.

Blaugast bemerkte es nicht. Lange entbehrter Zuspruch löste unvermutet Verstörtes in ihm, hüllte ihn ganz in den Glanz ihrer Frage. Warum war er so traurig? Verkrampftheit der letzten Wochen, wenn er in seinem Bett die Müßigkeit seiner Tränen als unverständliche Schmach bereute, lockerte sich vor diesen Worten.

»Hast du Hunger, Wanda?«

Sie nahm sein Anerbieten mit einem Eifer auf, der ihm ein Lächeln abrang. Während sie aß, Wurstscheiben genäschig mit den Lippen enthäutete, erzählte sie Kunterbuntes.

Plötzlich, ohne daß Blaugast davon berührt wurde, war Schobotzki verschwunden. Sein eckiger Kopf, der bei der Annäherung Wandas sich lauernd vornüber neigte, tauchte noch einmal im Saalwinkel auf, wo die Musikanten mit flauer Bravour die Instrumente kratzten. Sein Auge, mit Spannung geladen, registrierte belustigt, wie Apathie des Schulfreunds im Geschwätz des Weibes verfiel, seine Reserve zerstäubte. Er stülpte den Rockkragen hoch, schoß einen Blick nach den beiden, der schrägschielend haften blieb, tastete vorsichtig über die Kellertreppe zur Türe.

»Dein Freund hat sich gedrückt«, sagte Wanda nach einer Weile.

Blaugast nickte, ohne Notiz davon zu nehmen. Wie eine Vision stieg in dieser Minute sein Zimmer vor ihm auf, das zerwühlte Bett, die Uhr an der Wand, die ihn äffte ?

»Wo wirst du schlafen?« fragte er unvermittelt. Sie zuckte die Achseln.

»Ich weiß nicht. Da oder dort. Ich bin ohne Bleibe ?«

»Komm mit zu mir. Ich bin allein in der Wohnung. Und ich fürchte mich so im Finstern.«

II

Wenn Blaugast an seine Jugend zurückdachte, gelangte er unwillkürlich zu Vergleichen, die ein Gefühl neidvoller Abgekehrtheit in ihm bis zum Hasse steigerten. Er war vierzig Jahre alt geworden, bevor ihm allmählich klar wurde, daß die überschwengliche Form seiner Weltverbundenheit einer besonderen Art entsprang, Äußeres in sich zu empfinden. Die erfinderische Manier, mit der die Leute seiner Bekanntschaft sich und die anderen abfanden, hatte er lange für Pose gehalten, für fixe Technik im Innern Bedrückter, die gleich ihm mit der robusten Deutlichkeit der Erscheinung haderten, ohne sie lückenlos einzuverleiben. Im Zwielicht quälerisch verbrachter Kindheit war er zuerst auf Dinge gestoßen, deren gestaltlose Existenz ihn später beherrschte, die er schwermütig als ein Gegebenes hinnahm. Da waren vereinzelt und scheu im Beginn zuerst die Tränen gekommen, wenn Abendschatten sich über die Höfe neigten, stahlblau und rostbraun das Viereck umgrenzten, innerhalb dessen ein Gärtchen wucherte, zwischen Stachelbeersträuchern kümmerlich tragisch ein Pflaumenbaum wuchs. Drehorgel und Mundflöte waren die Musik, die eine Besessenheit in ihm erweckten, wenn Rußflocken in der Vormittagssonne tanzten, Küchendampf schwelte, Straßengezänk den Auftakt eines Lebens bestimmte, das ihn am Rande der Großstadt verworren bedrückte. Vereinsamung, die sich linkisch vor Anbiederung abschloß, Sentimentalität, die er ins Unbewußte verdrängte, waren die Erbschaft, die er als Vorbedeutung empfing. Und mit dem räuberischen Zugriff unverstandener Gewalt, hämisch und abgefeimt, näherte sich ihm aus planlosen Gründen das Untier des Geschlechts.

Da war das Jahr, wo ihn eines Morgens der Aufschrei aus dem Schlafe riß, der zwischen Wänden der Nachbarswohnung verröchelte, marternd sich wiederholte, wie ein Mörder aus seiner Zelle ausbrach, dessen Echo das Haus alarmierte, geschäftige Tritte und Türenschlagen. Bestürzt war er im Hemd aus dem Zimmer geeilt.

»Mutter, was war das?« ?

Verlegener Unmut brachte ihn lachend ins Bett zurück.

»Die Zwirnhändlersfrau hat ein Kind bekommen.« Seit diesem Tage hatte ihn Angst überfallen, eine heimtückisch nagende, in unsauberen Leitungsrohren erfrorene Angst, die Gutgläubigkeit und Vertrauen nach verbotenen Ausgängen durchmusterte, in abgestandenen Phantasien die Neugier entfachte. Er sah die aufgetriebenen Leiber der Schwangeren, die im Frühjahr mit seltsam gespannten Gesichtszügen vor den Haustoren faulenzten, und sein Blut floß verräterisch durch die Aderstränge des Halses.

Irgendwie, mit einer brutalen Triebkraft, war plötzlich das Böse in seine Nähe gekommen. Schon als ganz kleinen Knaben, wenn er vor dem Einschlafen die Hände zum Nachtgebet faltete, hatte ihn Wissen vom Teufel gepeinigt, der unterirdisch, hinter dem Lande der Einfalt die Hölle beherrschte. Jetzt waren die Tore entriegelt, Feuerbrand leckte am Gehölz, und der Atem der Satanskinder keuchte. Von Heimsuchungen umtürmt, die er nutzlos begreifen wollte, fand er sich rettungslos von einem Feind umstellt, den die Menschen nicht nannten. Aber seine Gegenwart war unabweisbar und grausam. Sie tat sich in stockenden Dialogen kund, Ausrufen und liederlichen Scherzen, in Türspalten und Flurwinkeln, wo Getuschel verstummte, wenn er erhitzte Gespräche mit Fragen störte. Sie offenbarte sich auf Zeitungsfetzen und Mauerwänden in schamlosem Gekritzel, Zeichnungen und skandalösen Zinken, die er trübe betrachtete, die einen rätselhaften Druck in der Magengrube erzeugten, Aufregungen und kolikartige Übelkeit.

Frühzeit und erste Schuljahre gingen vorbei, immer vom Zaudern, der unentschiedenen Bangigkeit belastet, die unstete Ahnungen ins Ungemessene vergrößerten. Wenn er im Sommer, wo die Sonne der Julitage die Luft in den Stiegengängen stickhaft erwärmte, die Ferien auf der mit Aschenkübeln bepflanzten Pawlatsche vertat, Seifenblasen über Hofgärten blies, Taubenschwärme über hohen Kaminen mit den Blicken verfolgte, gesellten sich manchmal die Töchter des Greislers zu ihm, der im Geviert eines winzigen Gassenladens ein Geschäft mit Knöpfen, Schmierseife, Salamiwurst und Speisehefe betrieb. Es waren schöne, feingliedrige Kinder, die er heimlich bestaunte, die in der dürftigen Armut seiner Umgebung mit kupfernen Haarzöpfen und dem rosigen Fleischton der Haut wie schmeichlerischer Luxus wirkten. Besonders die jüngere der Schwestern hatte eine leidenschaftliche Art, an seinen Spielen teilzunehmen, verfängliche Situationen mit Wagemut zu ersinnen, die ihn unsicher machte und abstieß. Es kam vor, daß er die fanatische Blässe ihres Gesichts mit Gefühlen belauerte, vor denen er auf der Flucht war.

Zwischen Stiegenhaus und dem Eingang zur Nachbarswohnung war die Türe zum Wäscheboden. An Nachmittagen, wenn die Bruthitze unter den Dachbalken den Regen prophezeite, war er der Mutter auf der morschen Holztreppe gefolgt und hatte in der blauroten Dämmerung des Raumes die Stille belauscht, die hartnäckig und unerträglich über dem Kistenkram schwebte. Der Lärm der Gasse, Leierkastengetön und Geknatter des Windes waren als halblautes, kaum vernehmbares Wispern zurückgeblieben, gedämpftes Echo entfernter Geräusche, als ihr verwunderter Widerhall. Das Geheimnis dieses Verstecks nahm ihn gefangen. Im Schlaf, der ihn jede Nacht wie ein Abenteuer betäubte, mit Blinkschein in seine Landschaft verführte, sah er sich oftmals vor der versperrten Dachstiege stehn und warten. Er wartete mit einer aus Kummer und Widerwillen gemischten Entschlossenheit. Sein Haar, von Schweiß verklebt, troff ihm feucht in die Stirne, und sein Knabenherz schlug. Wenn er dann aufwachte, aus der Umklammerung freikam, saß er mit schreckhaft geöffneten Augen im Bett und suchte sich zu besinnen. Irgendwo scharrte und tappte es, das Haustor krachte, und ein Betrunkener kehrte im unteren Stockwerk in seine Wohnung heim. Das waren die Nächte, wo Blaugast die Warnung zuging, gegen die er sich fassungslos wehrte, die seinen Verstand mit Lustlosigkeit ermüdete, blindwütig befleckte.

Einmal, als seine Eltern in der Stadt ihre Besorgungen machten und ihn allein in der sommerlichen Langeweile des Hauses zurückgelassen hatten, sah er die Bodenkammer offen stehn. Die Luft, die der Tag zu einer schwerflüssigen Masse eindampfte, hatte einen stechenden Glanz bekommen. Eine brandig geränderte Wolke verfinsterte vorübergehend die Sonne, als er die Stufen hinaufstieg und den hellen Rock der Greislertochter hinter der Lattentüre erkannte. Mißtrauisch, mit der ungeklärten Empfindung, Verbotenes zu verüben, schob er sich langsam näher. Als er im Halblicht sich räusperte, riß ihn der Schrei des Mädchens zurück, daß er wortlos erstarrte, mit Bestürzung gewahr wurde, daß seine Knie zitterten.

»Was willst du?« ? stotterte sie, und seine Erregung sprang unversehens auf sie über.

Er stammelte nur. Er wandte sich ab, wollte mit schweren Füßen ins Freie. Aber er stolperte über den Wäschekorb, blieb mit hängenden Armen stehen. Eine Minute verging, die eiskalt und siedeheiß drückte. Dann kam ihre Hand, zog ihn tiefer in eine Nische. Auf einem umgestülpten Trog saßen sie dicht nebeneinander. Sie war bloßfüßig. Ihre nackten Beine leuchteten weiß in der Dunkelheit.

Immer, wenn Blaugast später als junger Mensch in den Niederungen versank, die eine aus Selbstqual entbundene Sinnlichkeit für ihn bereit hielt, trat dieser Nachmittag in der Dachbodenklause in sein Gedächtnis zurück. Geflüster kroch auf ihn zu, das von der Weisheit der Gasse herkam, die ihre Bekenntnisse verstohlen in den Mörtel der Wände ritzte. Worte verhuschten flink, die mit der Lithurgie des Bösen verkuppelt waren und die Zunge verunreinigten. Unheilige Kinderlippen suchten heiß seinen Mund, ihr Kleid rutschte höher und seine Hände verirrten sich zweifelnd.

Er war damals mit schmerzenden Schläfen ins Taglicht getaumelt, das ein aufziehendes Gewitter mit panisch veränderten Schatten färbte. Das Rätsel der Welt, um das er sich mühte, das wie ein ungeheuerer Angsttraum den armseligen Himmel seiner Knabenzeit besternte, hatte sich nicht entschleiert. Es war zwiespältiger geworden, trübäugiger und unseliger. In geisterhaft überwölbten Bohrlöchern gurgelte Unrat, Aussätzige schlurften verloren in Labyrinthen, bettelten gierig um Freude. Wo war die Hand, die ihre Geschöpfe mit Flammen peinigte? Und wo war die Liebe?

In Büchern, auf fromm illustrierten Blättern zerlesener Romanhefte war manchmal von ihr die Rede. Mütter saßen in blanken Stuben. Ihr Lächeln strahlte, schimmerte fraulich. Schwestern hantierten holdblond im Raum, Bräute winkten von beblumten Balkonen. Aber in süchtig geweiteten Augen flackerte jenes Feuer, das den Erdball verzehrte. Unter trügerischen Gewändern hatten sie nackte, verruchte Schenkel wie das Mädchen am Wäscheboden. Blaugast spähte geblendet nach einem Ausweg.

Das war die kantige Last, die er aus dem Elternhause ins Leben mitnahm. Sie war wie eine Eisenkugel an seinem Schritt geschmiedet, hartnäckig und widerspenstig, plump und verächtlich, schamlos und unwiderruflich. Er vermochte sich nicht von ihr zu befreien. Wenn er in ausschweifenden Begebenheiten der Jünglingsjahre die Gunst leichtfertiger Weiber mit der Ekstase genoß, die sein Verhältnis zum anderen Geschlecht von Anbeginn charakterisierte, war es ein Pakt mit der Unterwelt, eine Hoffnungslosigkeit, die sich im Kreise bewegte, Gewissensfolter und Trauer. Immer wieder, wenn die Küsse der Dirnen ihn überfielen, war das Verlangen in ihm, Gott zu begegnen. Sein Fleisch verkohlte wie Zunder, Atem der Fäulnis wehte ihn an, aber er war von dem Drange verzückt, der dem Ewigen nachging, dessen er glühend bedurfte.

Einmal nur, eine lächerlich kurze Zeit, zwei Sommer und einen Winter, war in der Wildnis eine Lichtung gewesen. Als die barmherzige Frau sich seiner annahm, die irgendwoher, aus belanglosen Hintergründen, sich näherte, den Gealterten in das stille Joch ihrer Zweisamkeit zwängte, Mütterlichkeit über ihn breitete, der er sich glückshungrig überließ. Ihr Tod, der sie niederwarf, als der Spiegel der Welt sich freundlich erhellte, stieß ihn in den Taumel zurück, der ihn von stumpfer Büroarbeit ins Hinterzimmer begleitete. Dort, wo er entseelt die Grimassen verfluchte, die sich betulich an ihm rieben, verlor er die Kraft zur Erneuerung in unfruchtbarem Entsetzen. Und es war kein Wille mehr in dem Weg, den er einschlug, als die Gewitternacht ihn ins Freie lockte, als er im gleißnerischen Licht der Laterne mit Schobotzki zusammentraf, dem er sich überlieferte.

III

Als Wanda mit ihrem Begleiter die Dirnenschänke verließ, war es schon beinahe Morgen geworden. Eine vermummte Dämmerung hockte noch zwischen den Häusern. Nur die Kanten der Dachfirste, die Umrisse ausladender Balkone traten schon schärfer ins Grau.

Blaugast ging wortlos, mit dem Gefühl eines Flüchtlings seinen Weg, der sich in Nebel verirrte. Unwahrscheinlich kam der Tag herauf, der hinter Wolkentüchern gelauert hatte.

Wanda begegnete seinem Blick, der sie prüfend betrachtete, mit einem Gelächter.

»Dein Liebchen ist schmutzig, mein Freund. Meine Zofe war lange auf Urlaub. Du mußt mich nicht ansehn.«

»Du wirst baden und dich frisieren. Ich gebe dir Wäsche und Kleider. Und du wirst schön sein.«

Vor der Schwelle des Zimmers, als er den Riegel mit seinem Schlüssel umdrehte, überkam ihn sekundenlang die Empfindung, vor Unaussprechlichem zu stehn. Immer hatte er angesichts einer verschlossenen Tür dieses Zaudern, das ihn eindringlich anfiel, eine glücklose Stimme, die ihn bedrohte. So war er als Kind über verfallene Stufen in den Kohlenkeller gestiegen, wenn das Weinen einer verlaufenen Katze zu heldenmütigen Fahrten verleitete. So empfing ihn der Flurgang verluderter Kneipen, wo er als Zwanzigjähriger nach Wollust fahndete. Und wenn er später, ausgelaugt vom Kanzleidunst, dem Schlupfwinkel zustrebte, wo die Gefährtin ihn aufnahm, tat er es atemlos, und der Türgriff der Wohnung hatte ein dreistes Blinken, das ihn tückisch verschüchterte.

Als er im Vorzimmer den elektrischen Schalter drückte, als der weiße Stern der Deckenlampe friedfertig über den Steinfliesen aufging, war der Spuk überwunden. Geschäftig trug er Kohle und Brennholz herbei, rüstete im Badeofen ein lärmendes Feuer. Einen Augenblick noch beklemmte ihn Widerstreben, als er im Spind die Leibwäsche erraffte. Noch einmal quoll Zärtlichkeit in ihm hoch, die er gedemütigt als Zurechtweisung empfand, vor der er reuig verharrte. Die Tage, die diese Truhe betreuten, die Behutsamkeit eines Lebens kamen an ihn heran, das nicht mehr in seiner Nähe war, das ihn hinterhältig verlassen hatte.

Wanda nahm ihm das Bündel, das er ihr reichte, ohne Dank aus der Hand, schritt mit der Haltung einer lange Vertrauten zum Baderaume. Blaugast hörte den Wasserhahn brausen, Geplätscher und Summen gingen an ihm vorüber, drangen nach der Stille der letzten Wochen wie ein Tumult in seine Schläfrigkeit. Grell, unnachsichtig und nüchtern entzündete sich das Taglicht hinter den Vorhängen. Er räumte verstreute Bücher, Papierblätter und Kleidungsstücke in den Schrank, brachte sein Bett in Ordnung und setzte sich neben das Fenster. Aus der Decke, in die er sich hüllte, sickerte noch immer ein Rest seiner Fieberwärme auf ihn ein, die ihm nun wohl tat.

Jetzt erst, wo ein neues Ereignis mit der Gegenständlichkeit anhub, die ihm an Dingen des wirklichen Lebens allezeit heimlich mißfallen hatte, gab er sich Rechenschaft über sein Tun, suchte nach einer Deutung. Die Begegnung der Nacht trat gebieterisch in sein Bewußtsein, das Dunstwände und körperliche Erschlaffung vorübergehend verdunkelten. Mit Gram, der ihm wehe tat, ihn aufs neue zerrüttete, wurde ihm klar, was geschehen war. Eine Frau weilte in seiner Nähe, die in seiner Badestube ihren besudelten Körper wusch, Weibgeschöpf aus den Bezirken der Unfreude, tierhaft, unbekümmert und eitel.

»Warum nur? ? Warum?« ? fragte er bösegelaunt, forschte erfolglos nach einer Entgegnung.

Das Antlitz der Toten schaute verwelkt aus einem zerbrechlichen Rahmen.

Diese war nicht so gewesen. Sie war der Ruhepunkt, der ihn täuschte, der liebliche Hort goldblütiger Seligkeit. Aber jetzt war es wieder da. Das Stammeln und Fürchterlichsein, das ihn seit Knabenjahren auf abwegige Steige hetzte, blindes Glotzen in unverstandene Wünsche, sibirischer Frost und tropische Gefahren. Die ausgeschämte Dürftigkeit der Worte kam ihm zurück, mit denen der Schulfreund in seine Verwirrung getastet hatte:

»Interessieren dich Katastrophen?« ?

Einen Atemzug lang wurde Blaugast ein Lichtlein gewahr, das heischend und bunt vor ihm herlief, das er mit beiden Händen aus dem Schutt der Vergangenheit aufgrub. War es nicht Hilfsbereitschaft, die der Verlorenen eine Schlafstätte anbot? Hatte nicht Güte wehleidig gezittert, als ihr Duwort ihn ansprach? War er nicht immer, ein Pilger im Unrat, dem Stern der Barmherzigkeit auf der Fährte gewesen?

Nein. Nein und nein. Zwischen Mann und Frau war keine Verheißung möglich, keine Botschaft der Würde. Es waren die Brüste des Weibes, die ihn bezwangen, schlüpfrige Brüste unter verfärbtem Kattun, Haßträume aus Niederungen, wo der Rothauch der Jugend aufgor. Es war der Fluch, der ihn peinigte, daß er sie mit in sein Haus nahm.

Ein letzter Stolz, mit der Schäbigkeit eines ruhmlos Verarmten belastet, wehrte sich gegen die Lüge. Er gedachte des Tages, den das Mühlrad der Jahre schon längst zum Stäubchen zermalmte, der gegen Schuld und Verantwortung abgewogen vergilbt und vergessen im Arsenal der Ewigkeit ruhte. Sein lange verkochtes Gift keimte noch immer in seinem Blut. Da war er mit dem Kumpan, einem Malermann, in die Wohnküche des Straßenmusikanten geraten, der sein Proletenprofil manchmal auch stundenweise gegen Modellgeld vermietete. Er war nicht daheim, nur die alte Frau polterte mit dem Stelzfuß über die Dielen. Neben dem Herd lag die Tochter im Bett, das Flicklappen zudeckten, und hustete.

»Sie hats auf der Lunge« ? erklärte die Einbeinige, als sie davor die Bestellung zur Kenntnis nahm.

»Der Doktor meint, das Wesen soll kräftiger sein; aber Gott wird schon helfen; und wir sind arme Leute ?«

Geruch nach Schweiß und abgekühlten Kartoffeln machte die Kammer unwirtlich. Der Maler warf Kleingeld auf den ungesäuberten Tisch und wandte sich wieder zur Stiege. Da war Blaugast zu dem Lager des Mädchens getreten, das ihn mit unruhigen Augen ansah. Sie zupfte das Bettzeug zurecht, aber die Decke war schadhaft und schmal. Unter verschlissenen Fetzen kam ihr Bein zum Vorschein und entblößte sich bis zum Knie. Es war ein mageres, nerviges Bein, das ihn tödlich erregte. In den Gruben seiner Gelenke, unter der Wölbung gestraffter Sehnen waren Glanzlichter, die er kannte.

Der Maler stand ungeduldig, mit dem Hut auf dem Kopfe zwischen der Türe. Da hatte Blaugast in die Tasche gegriffen und einen Geldschein in die Hände der Kranken gelegt, viel zu viel für den Anlaß, viel zu beträchtlich für seine Verhältnisse. Die Schwindsüchtige dankte mit einem habgierigen Ausdruck um den trockenen Mund. Die Alte küßte verschreckt seinen Rockärmel, als er mit dem Gefühl, auf Ungehörigkeiten ertappt zu werden, dem Freund auf die Straße folgte.

Hier nahm er Abschied, lehnte befremdete Vorhalte seiner Großmut mit verlegenem Auflachen ab. Ein scharfer Geschmack auf der Zunge verursachte ihm Brechreiz. Lobworte des Malers, die dieser ihm nachrief, nahm er beschimpft auf den Weg. Die Scham, die ihn forttrieb, war ätzend und unrein. So war es immer, seitdem er denken konnte. Dieser Planet war ein Kaufhaus der Übeltat, die meuchlerisch an der Kette zerrte. Überall waren ihre Spione. An zugigen Ecken, wo Mädchen mit frühreifen Kindergesichtern Blumen und Streichhölzer feilboten, auf dem Operationstisch der Kliniken, im Elendsviertel der Vorstadt, auf Bahnhöfen, unter Viadukten. Mitleid war demaskierte Lust, Wohltun Begehrlichkeit. Einmal hatte er sich an der gefälschten Pracht der Verkündigung berauscht, die asketischer Wille reklametüchtig auf dem Markte losschlug. Heute waren nur Brocken, problematisches Geröll und Splitter zurückgeblieben, die wie glühende Eisenfeilspäne seine Seele zerschürften. Wieder, zum tausendundersten Male, sprach er die Frage in eine entgötterte Welt: Wo war die Liebe? ?

Blaugast verkroch sich frierend in seinem Armstuhl. Das Gewicht einer großen, hohlräumigen Einsamkeit drückte ihn nieder. Er sah im Zimmer umher, wo Morgenfrühe gemütlos die Wände entkleidete. Ein Schluchzen, das ohne Tränen war, sprengte ihm seine Brust, daß er sich vorbeugte, mit seinen Armen ins Leere griff, mit dem Gesicht auf den Teppich fiel. Das Unabänderliche, das ihn besiegte, das sein Leben treppauf und treppab in profanen Winkelzügen bis zur Grenze des Mannesalters geführt hatte, trat mit den Füßen auf seinen Leib, schändete seine Menschlichkeit. In Jünglingstagen, weitab von der Folter seiner Verlassenheit, war manchmal Freundschaft bei ihm geblieben. Zutunliche Hast, die heiter nach seiner Handwärme griff, Kameradschaft, die ihm vertraute. Immer war es das eine, das Gitterstäbe des Paradieses mit Listkünsten lockerte, daß der goldene Vogel der Treue husch um die Ecke flog. Da war ein Mensch, der sein Herz an das seine schloß, bei Wanderungen in der nächtlichen Stadt sich brüderlich preisgab. Aber die rote Zungenspitze einer Frau war stärker als dieses Bündnis. Zwischen Steingruppen, die aus unfruchtbaren Sandhalden wuchsen, zertrümmerten Jahren, steilen Zeiten sah Blaugast die Blume der Schwärmerei. Eine brennende Sucht hob wieder, vielleicht zum letzten Male, das Haupt. Seine Hand war klamm und öffnete sich nicht mehr. Die Nichtsnutzigkeit seiner Bedrängnis rottete sich in der Kehle zusammen, daß er irr, ohne zu wissen warum, ins Gewebe des Teppichs biß und stöhnte.

Ein Geräusch ließ ihn innehalten. Wanda hatte ihr Bad beendet, stand jetzt erfrischt, im flockigen Mantel, rügend vor ihm.

»? Bist du betrunken?« ?

Ihr schwarzes Haar war naß und gescheitelt. Eine unmutige Falte kniff ihre Augenbrauen zusammen, als sie den derben Fuß mit dem Badeschuh hinhielt.

»Binde mir die Sandale fester. Und sei vernünftig.« Blaugast erhob sich umständlich langsam in die Knie. Ein siedender Schmerz fuhr ihm durch Schultern und Rücken, als er die lederne Schnur über dem Fleische knüpfte. Immer tiefer neigte sich seufzend sein Mund, bis seine Stirne das blühende Bein berührte, bis seine Lippen gebrandmarkt im Kuß vergingen.

Wanda sah schweigend auf den Gebeugten.

»Steh auf!« ? befahl sie fast flüsternd.

Und als er übernächtigt unter der unsichtbaren Bürde schwankte, ließ sie den Mantel zur Erde gleiten. Groß, grobknochig, nackt stand sie vor ihm. Unter den Wimperhaaren erblickte er ihre Pupillen, die sich glanzlos erweiterten. Ihre ordinäre Brust spitzte sich gierig, als er die Arme spannte, mit einem Wehlaut Besitz ergriff, lichterloh sich versengte.

Gewissensnot, Hunger, Abscheulichkeit schwemmte Sturzflut hinweg.

Aus den Stollen der Nacht war das Schicksal zu Blaugast gekommen. Das apokalyptische Weib hatte sich seiner bemächtigt. Irgendein Sturm trug Getöse herbei, Begräbnismusik, Blut aus der Tiefe. Wie ein lebloser Stein sank er zum Grunde. In die Verließe des Geschlechts, ins Irresein seines Fatums, in den Schlaf der Geächteten.

IV

Was Blaugast in ekstatisch gesteigerter Genußwilligkeit mit Frauen erlebte, hatte ihn immer enttäuscht. Die Fadenscheinigkeit grob zurechtgemachter Spannung, die Entladung leidenschaftlicher Revolten verpufften in seinem Umkreis, ohne Triebhaftes zu berühren, ohne den Aufruhr zu bezähmen, dem er sich untertan wähnte. Die billige Heldentat einer Vereinigung, die an der Erfüllung des Zwanges Genügen fand, war ihm unzureichend verdächtig, Gaukelwerk, das er ungläubig ablehnte. In der Folge der Jahre, die er mit Hoffnungen totschlug, wo er unbelehrbar immer aufs neue hinter Versprechungen her war, hatte ihn Seltsames gestreift, Ungewöhnliches umschmeichelt, Bresthaftes in die Enge getrieben.

Ihm haftete etwas an, das die weibliche Wißbegierde mit Andeutungen beschwor, die Freundinnen seiner Zechgenossen auf Schleichwegen in seine Umarmungen rief. Etwas hilfesuchend Verkrampftes, etwas Blindes und Ungewisses, das gegen die Sprödigkeit trivialer Erfahrung mit Ingrimm gerüstet war, Verderbnisvollem auf halbem Wege entgegenkam, Heißes eisig erkältete. Ihm war nicht wohl dabei, wenn die bürgerliche Verzückung wohlfeiler Schauspielerinnen nach angelesenen Erinnerungen pirschte. Die eingefrostete Glut dieser Begebenheiten war den Betrug nicht wert, der sie erkaufte.

Da war eine mit einem starren, aus grausamen Winkelzügen gegerbten Gesicht, mit schlichtem Scheitel und schlafkranken Augen, die unter der Brauendeckung einer gequälten Maske glommen. Sie war die Braut eines genialisch vertrackten Studenten, der eifervoll in den Randgebüschen der Wissenschaften wilderte, die Nachtstunden zweisam mit ihm in angeschofelten Lokalen versaß. Manchmal machten sie auch zu dritt einen Ausflug im Sommer, lauschten der Blechmusik in der verstaubten Kühle der Vorstadtgärten oder gerieten im düstern Verschlag einer Dalmatinischen Weinstube heiter und melancholisch in die Fangeisen und Schlingen endloser Gespräche hinein. Das Mädchen, kameradschaftlich wie ein Mann, ohne die flink erfühlten Trümpfe ihres Geschlechtes ganz aus der Hand zu geben, schlug sich im Streite der Meinungen gerne auf seine Seite. Sie war Sprachlehrerin, fremd in der Stadt, konnte auf Bummelreisen nach Tagschluß frei über die Zeit verfügen.

An einem Feiertagsmorgen hinter der Peripherie, während der Freund den Alpdruck eines verstockten Gewitters im Wasser einer zaghaften Strömung ertränkte, waren sie miteinander als Wächter seiner im Riedgras verstauten Kleider zurückgeblieben. Blaugast nahm ihre Hand, die eine sonnenverkohlte Feldblume liebkoste. Sein Kuß, der sie tastend erkannte, grub über ihrem Gelenk einen Riß in die Haut, dem sie ohne Widerspruch standhielt.

Beim Mittagessen, in der Blattlaube des Strandwirtshauses, strich ihr gespreizter Finger über den verfärbten Fleck.

»Was ist dir geschehn?« ? erkundigte sich der Student.

Abwesend, wie ein Kind, das verspielt ist, betrachtete sie die geränderte Stelle.

»Eine Ameise wars!« meinte sie lächelnd. Dann wurde sie müde und drängte zur Heimkehr.

Am Tage darauf bekam Blaugast den Brief, dessen Handschrift ihm fremd war.

»Das war keine Ameise, Lieber. Am Flußufer, zwischen Disteln und Eidechsenlöchern, hat mich ein schöner Mensch süß an der Hand verwundet ?«

Es war der Auftakt einer nutzlosen, im Gestrüpp falscher Einstellungen verwurzelten Liebe. Nach Mitternacht, wenn ihr Verlobter zu Bett gegangen war, verließ sie nochmals das Haus, traf sich mit Blaugast vor der Einfahrt abseitig verstummter Spitäler, in Parkanlagen, wo sie, beschämt und gehetzt, einander im Finstern in die Arme fielen. Der Hahnenschrei in entfernten Gehöften machte diesen Zusammenkünften ein Ende. Es gab auch Stunden, wo sie ihn heimlich im Zimmer empfing, das sie als Junggesellin bewohnte, dem lieblosen Kerker eines dürftigen Gouvernantendaseins, wo Kleiderkoffer, mit Reisedecken belegt, einen störrischen Diwan markierten, wo schmuckloser Hausrat, kahle Bewandung Anklagen, Selbstvorwürfe und Hysterie erzeugten. Die Not ihrer Einsamkeit, die zwischen zwei Männern schwankte, gab ihr einen absonderlichen Gedanken ein. Von der Symbolik geschreckt, die im Hinterhalt ihres Wesens den Tribut ihrer Fraulichkeit nach unklarer Rangordnung zumaß, hatte sie eine Zweiteilung ihres Körpers vorgenommen, die dem einen das gab, was sie dem andern verweigerte. Der Gürtel war jene Grenze, bis zu der sie die Werbung duldete, die sie vor Angriffen schützte, deren Taktik es war, ganz zu besitzen. Das Tierhafte ihrer Leiblichkeit wurde durch eine Kriegslist verteidigt, die aus dem Wunsche nach Rechtfertigung erklügelt, es kunstvoll ermöglichen sollte, zwei Liebhabern gemeinsam die Treue zu halten. Blaugast wurde im aufreibenden Spiel dieser Torheit nicht glücklich.

Dann war es die Wirtstochter aus dem morschen Betrieb des altväterischen Gasthauses, die seine Sinne in den Jahren beschäftigte, die seinem ersten Zusammenbruche vorausgingen. Dem Gehege der Wirtschaft, langmütigem Kundendienst als Siebzehnjährige entlaufen, war sie ein Weilchen träg und vertrotzt in der Zwickmühle umhergeirrt, den berufsmäßiger Schacher und Kuppelei als Heimstätte anboten. Als Blaugast sie aufgriff, hatte sich eben aus dem Kreis infantiler Lebejünglinge, dem ihr Typ besonders entsprechend war, eine Art Aktiengesellschaft um sie gebildet, ein halbes Dutzend unbedenklicher Genießer, die ihre Spargroschen zusammentaten und die Kosten der Liebesnutznießung arithmetisch verteilten. Das enge Flurzimmer einer bereitwilligen Witwe, Kost und Bedienung mitinbegriffen, waren ein Aufwand, der einer Besoldung von Handlungsgehilfen, Sporttrainern und Bankpraktikanten befriedigend angepaßt wurde. Kleine Geschenke aus dieser und jener Hand, Wäsche und Seidentücher als Angebinde besonders verpflichteter Freigebigkeit, gaben dem Unternehmen die jeweilig persönliche Note. Blaugast kannte die findige Gruppe der geschäftstüchtigen Jugend nur vom Hörensagen. Er war der Kuckuck, der im fremden Neste gastierte, ohne zur Tilgung der Spesen und ihrer aufgesammelten Zinsen weiter herangezogen zu werden. Trotzdem bekam er die Störungen des Prinzips, die Mängel im Mechanismus dieser Genossenschaft fallweise zu spüren.

Es kam vor, daß sie nach Nachmittagsfahrten durch Wiesen und Waldland in einem Dorfgarten ihren Kaffee verzehrten und von Sonne und Landwind ermüdet am Abend einer Verliebtheit anheimfielen, die ihre Heimreise ungeduldig beschleunigte. Wenn sie dann miteinander, erregt und entbrannt, die Treppe emporstiegen, im Flurgang die zügellosen Küsse tauschten, die seine Eile ins Schmerzhafte steigerten, geschah es nicht selten, daß er die Schwüle der Stube fluchtartig im Stiche ließ, weil Tabakdunst und nachlässig verstreute Kleider den Logierbesuch eines Besitzers anzeigten, der im Bett der Mieterin selbstgefällig ihre Rückkehr erwartete. Blaugast nahm vom poesielosen Schluß solcher Abenteuer immer den Nachgeschmack einer unverdient häßlichen Demütigung mit nach Hause.

Oder da war das bizarre, durch abergläubische Praktiken gehemmte Verhältnis zu der entgleisten Verkäuferin, der die Garde der Kenner das Genie einer erotisch Entfesselten nachsagte. Der Irrgarten ihrer Lüste war von Gedenktagen umsäumt, an denen sie unerwartet ins Ausgedinge der Keuschheit flüchtete. Am Sterbeabend der Mutter, am Hochzeitsmorgen der Eltern brannte das Ölflämmchen unter dem geschwärzten Gnadenbilde, das aus frömmelnd verbrachter Kindheit pietätvoll ererbt war. Ein Datum solcher Art war unverrückbar an eine Enthaltsamkeit geknüpft, die es zuwege brachte, Schäferstunden mit Einkehr und Gesprächen zu feiern, die weitab von Übung und Zweck bußfertig gestörter Umarmungen lagen.

So waren die Episoden, die den Mülleimer achtlos vergeudeter Reifezeiten mit Abfällen füllten. Der weglose Abscheu dieser Erlebnisse, die ihm rührselig folgten, war der Düngerstoff einer Resignation, die mit der Sehnsucht kämpfte. Trotzdem war er nicht stark genug, dem muffigen Aufbau der Angelegenheiten angewidert den Rücken zu kehren. Irgendwie war er mit den Bedingungen ihrer Affekte, ihrem schalen Aroma verbunden, irgendwie drängte es ihn, die Scheinwunder ihres Betruges aufzustacheln, immerzu wieder die Leiter zu erklimmen, die aus stieren Kaffeestuben, den Kasematten verrufener Häuser nimmermehr ins Freie führten. Bis eine kleine, eilfertig verkleisterte Narbe in seinem Gehirn mit Substanzen vergor, die das Transparent seiner inneren Gesichte blasig anlaufen ließen.

Es war in dem schlecht gelüfteten, billig verkitschten Paraderaum eines übel beleumundeten Weinsalons, als ihn das Unbegreifliche anfiel. Wohl war er schon oftmals zuvor, nach Zechgelagen, die er mit der nichtsnutzigen Freude eines ohne Anteilnahme Verstrickten beging, durch ein Unbehagen gewarnt worden, das Gefühl eines Bergsteigers, den neben dem Abgrund ungerufen das Grauen anwandelt. Das Bild der Welt, ins Spaßhafte verkleinert, rückte in solchen Minuten in eine Distanz, die er mit Händen nicht mehr zu greifen vermochte. Das Summen unsichtbarer Insektenflügel trug ihm Akkorde zu, unerträgliches Rauschen aus Katakomben, angstvolle Atemnot im luftleeren Schacht Verbannter. Diesmal fand er sich hingemäht auf dem Quadrat eines bespeichelten Fußbodens, mit dem Entsetzen eines Gestürzten, dem die erprobten Instinkte plötzlich den Dienst aufkündigen. Konzert, Hilfeschreie und Schritte dröhnten in seinem Kopf. Er hörte das knöcherne Rasseln der Zähne im Mund, wie die gelockerten Kiefer ungehorsam das Vaterunser zermahlten.

Der Assistenzarzt der Klinik, die er am Morgen aufsuchte, las aus dem Reflex der Pupillen die Krankheitsgeschichte. Höflich, mit dürren Worten, gab er ungeschminkten Bescheid und ging dem Übel mit seiner Injektionsspritze zu Leibe. Blaugast zerpreßte die Lippen, als er die Botschaft begriff. Alles, was sich aus stockfleckiger Vergangenheit folgerichtig zu Realitäten ballte, war ihm bestätigt, unwiderlegbar bewiesen. Und der Zorn des Geprellten, der den höchsten Preis an eine Sache verwandt hatte, die ihm duckmäuserisch entglitt, schadenfreudig ein Schnippchen drehte, fiel böse, als schleimige Wolke über ihn her, raubte die Aussicht und drückte.

Nach Jahren des Zuwartens und der Abwehr brachte der Tod der Freundin die zweite Krisis. Ein tödlicher Schmerz, über die Maßen widerwärtig, lag in der Lendengegend am Sprunge, zerbohrte als Spicknadel nächtelang seine Muskeln. Beschämende Wachträume kamen, ausschweifende Delikte einer entzündeten Phantasie, die meuchlings am Werke waren und sein Bewußtsein verfinsterten. Wenn er aus den folterknechtisch gestreckten Kapiteln dieser Gespinste wieder zum Willen erwachte, schwoll die Sündhaftigkeit seines Kadavers wie ein Untier im Raum und verlöschte die Bettlampe.

Es dauerte Wochen, bis er aus den Wandelgängen höllischer Spiegelkabinette, dem Erstaunen des Schwerverletzten nach der Explosion, aus der Apathie des Verkrüppelten in den Zirkel zurückfand, der mit Kanzleidienst und Zufälligkeiten, Nachtschlaf und Nahrungsbedarf in der angelernten Kurve verlief. Und gerade in dieser Zeit, in den Pausen des Inhalts entbehrender Tätigkeiten, begann sich das Unheil in ihm systematisch zu ordnen. Aufgezwungene Askese brach durch undicht gewordene Lücken aus, die Friedlosigkeit seines Bluts schürfte an der Vermauerung, heftete Wandschatten und Szenen auf eine magische Projektionsfläche. Sie klopfte in seinen Schläfen, kratzte unermüdlich an seinem Verstande. Überallher, aus Laufgräben und Versenkungen kam es gewimmelt. Angesichter mit geöffneten Mündern, Verdienerinnen, denen das Süßeste feil war, glückloses Geröchel. Blaugast kannte die Glut, die nicht heiß war, den lauwarmen Frost, die unfruchtbaren Ackerfelder zur Genüge. Wenn er zu Hause auf sein Lager sank, von Widerständen besiegt, die zu erkennen er zu schlaff war, stampfte sein Herz ruckweise im Takt wie der Kolben einer Maschine. Auf unweigerlichen Geleisen ging der Flug einer Bahnfahrt, die an spukhaften Hängen, kleinmütigen Stationen vorbei ins Unbekannte geleitete.

V

Mit Wanda war es anders. Die Wunschgedanken seiner Jugend, das Geheimnis seines Körpers schienen sich an ihr zu erfüllen. Gesundes und Unverbrauchtes waren bei ihr aufgespeichert. Die unversieglichen Hilfsmittel eines simplen Geschöpfes, das den Rebellionen des Fleisches mit Selbstverständlichkeit begegnet. Es war die ungebrochene Kraft der bäuerischen Ahnen, die Verwegenes an sich herankommen ließ, Kompliziertes hochmütig erledigte. Die unbefangene Ruhe, mit der sie als Halbwüchsige in der Wirtschaft der Eltern das Vieh versorgte, kam ihr auch im Verkehr mit den Männern zustatten.

Die böhmische Landschaft, die ihr Erwachen umgriff, hatte mit Hindernisvollem und Problematik wenig zu schaffen. Da war der Hof mit dem Stall, wo die Kühe gemächlich das dampfende Futter verdauten, die Dorfstraße und der Schweinekoben. Da war der Gänseteich, dessen trübselige Welle manchmal vom Wind gekräuselt wurde, der breit und unpathetisch die flache Mulde bestrich, um sich am Rande der Ebene in rotbraun getönten Getreidefluren schlafen zu legen. Da waren rohgefügte, aus Kot und kantigen Steinklötzen gebackene Mauerzüge, verschimmelte Hecken, wilder Pfeffer und weißgelbe Kamillen. Da war das Harz der Kirschbäume, das rund und säumig aus geborstenem Rindenholz tropfte, unverbindlich im Munde zerging, das den Geschmack des Sommers und den herben Bestand des freiwillig Gewordenen hatte. Alles, was da war, wuchs aus kritiklos empfangenen Geboten, war erdverbunden natürlich. Das Unkraut zwischen den steifen Halmen des Weizens, Gewitterregen und Ernte. Stockschläge für verzettelte Arbeit, der Geruch der Tiere und der Schweiß der Knechte. Dieser schlichte Gehorsam dem Leben gegenüber war ein Bestandteil des Bluts, das die Sonne reifte. Ihr Schlaf war schwer und tragfähig wie die Scholle hinter dem Dorfe. Gutes und Schlechtes, Unbeherrschtes und Böses kroch durch die Hautporen in ihren Leib, ohne bemüßigt zu sein, sich zu wandeln. Dies hielt auch an, als sie sich später in der Stadt verdingte, um mit offenen Augen, ungeschwächt und mit der Spottlust der Wissenden im Hafen der Prostitution zu landen.

Bei Blaugast hatte es einer knappen Stunde bedurft, um mit dem Instinkt einer Rutengängerin die widerspruchsvolle Schwermut zu ergründen, den Bodensatz seines Wesens. Die Sturmnacht, die sie zusammenwehte, hielt nur zuweilen den Atem an, ohne ganz zu erlahmen. Ihr Getöse, ihre gefährliche Drohung widerhallten in den Pausen taubstummer Beklommenheit, wenn der Tunnel seiner Betäubung dem Frühlicht sich öffnete, der Morgen sein Tagewerk ausspie, wenn in der Grube des Bettkissens neben ihm die stumpfe Kinnlinie Wandas aufkippte. Es hatte sich ganz von selbst gemacht, daß sie bei ihm geblieben war, und es kam ihm niemals auch nur beiläufig in den Sinn, die Gemeinschaft, die sie ihm aufzwang, durch Andeutungen zu begrenzen. Der Krankheitsurlaub, der ihn in Wochen gnadenlosen Verfalls vom Kanzleidienste freisprach, war nun zu Ende. Er hatte nicht Weltläufigkeit genug, um die Schritte zu tun, ihn zu verlängern.

Die Ziffern, die er mühsam errechnen mußte, das Gleichgewicht der Rubriken in faustisch gewandeten Büchern hatten in seinen Nervengeflechten stets eine absonderliche, unbehaglich gespreizte Erregung zurückgelassen. Da war, von Gerinnsel verklebt, im Gehege übelwollender Reste, in seinen Gefäßen ein Leck entstanden, durch das ein unklares Spülicht wie aus durchgerosteten Metallhülsen sickerte. Die Freudlosigkeit seiner Umgebung, zerfranster Papierspagat, Klosettgeruch und Amtskalender, förderten einen Gegensatz, der sich ungezogen empörte, tückisch im Netze zappelte, weil er auf nutzlos vergeudete Vorstellungen angewiesen war.

Früher einmal, in den bunt verglasten Zeiten wahllos getätigter Romanlektüre, hatte er eigensinnig verschnörkelten Wünschen Einlaß gewährt, die aus der unbeweglichen Luft seiner Wirklichkeiten in die ausladende Fülle unbekannter Länder wiesen. Das Meer und die Kontinente, der biegsame Akzent südlicher Dialekte, Reiseabenteuer und homerische Landschaft waren Komplexe, die hellfarbig lockten, breitspurig mit Begriffen prunkten. Das Antlitz Spaniens, italienische Bettelkinder, Tiroler Berge mit Kuhglockengebimmel und Landkirchen tauchten in seinen Bereich, entflatterten hoffnungslos und vergeblich. Dann waren es Weiber, Gebilde einer verhexten Grübelei, die an ihre Stelle traten. Weite Fahrten und überwältigende Erlebnisse mit Frauen, das war der Jagdritt, der ihn verfolgte. Blaugast erkannte mit Zorn und nichtswürdigem Ekel, daß ihm beides versagt blieb. Wenn er auf Stadtplätzen oder Parkpromenaden einer Dame begegnete, deren edles Profil ihn anzog, deren rassig geformte Beine den Herzschlag bannten, empfand er ihr Entgleiten, ihren flüchtig verweisenden Blick, ihr Hasten nach einem gleichgültigen Ziel als dumpfe Beleidigung. Es traf ihn persönlich, erbitterte seine Gerechtigkeit, wenn in der Straßenbahn, einen Schritt weit entfernt, auf dem Sitz gegenüber die hochgewachsenen Insassinnen seiner Träume Platz nahmen, ohne daß er Befugnis besaß, mit ihnen zu sprechen, die Aufgabe zuzuteilen, die ihnen in peinlich erdachten Aktionen ausschwärmender Möglichkeiten zukam. Namentlich waren es solche, deren Schönheit schon die anmutig verwischten Merkmale der beginnenden Vollreife trug, die er mit Schmerz und Auflehnung gegen den Widersinn einer Weltordnung ansah, die dem Entflammten sein Eigentum vorenthielt. Vorläuferinnen des Herbstes, deren gepflegte Haut den spätgepflückten Früchten ähnelte, wirkten auf ihn am stärksten. Blaugast biß die Zähne zusammen, wenn nach verlegener Fremdheit, heimlich erwitterter Ausstrahlung die Weggenossin kurzer Minuten bei der nächsten Haltestelle ausstieg.

Wanda hatte gleich zu Beginn die Falltür erspäht, welche die Rumpelkammer seiner Verdrängungen absperrte. Sie erkannte mit List, daß der Hunger, der ihn zermürbte, nicht mit der nahrhaften Kost zu speisen war, die den Mittagstisch gleichmütig gesättigter Esser ausmachte. Sie wußte, daß seine Begierde aus mystisch vernebelten Quellen herkam, daß Hingebung und Gewährung sich erfinderisch ändern mußten, um den Unbeglückten zu blenden, den Nomaden zu binden. Sie fühlte, daß es nicht diese und jene, daß es die Frau in ihrer Gesamtheit war, das platonische Urbild der Schöpfung, dem er zustrebte. Mütterlichkeit, das unabweisbare Erbe schwerfälliger Bauerngeschlechter, die verbrecherische Unschuld ihrer Beschränkung, gaben ihr Vorteile in die Hand, die sie gewohnt war, den Kundschaften ihres Gewerbes als Äußerungen ihrer ketzerisch preisgegebenen Weiblichkeit anzubieten. Immer war es Zunächstliegendes, das sie unfehlbar aufnahm.

Blaugast fand sich in den verwahrlosten Treibhausbeeten ihrer Liebesbereitschaft willfährig zurecht. Das Kleingeld talentvoll geübter Erschütterungen, das sie ihm zukommen ließ, schien dem Verarmten verschwenderischer Reichtum. Kultur, die ihrem derbgewachsenen Empfinden ferne stand, ersetzte sie durch Erfahrung. Er nahm es dankbar zur Kenntnis, daß sie die abwegigen Spaziergänge seiner Männlichkeit nicht als Bagatellen behandelte, als es früher vielleicht geschah, als er sich eigenbrötlerisch darauf versteifte, schwerkrumigen Ernteboden als Kunstgärtner zu roden oder mit Sentiment in unbetretenen Forsten zu wildern. Wanda gab sich Mühe, im Kurs seiner reizbaren Huldigungen als blinde Passagierin zu steuern. Sie hatte den Mut, launische Schwankungen seetüchtig durchzuhalten, Kapriziöses nicht durch Versuche zu verstimmen, allezeit restlos im Bilde zu bleiben. Ihre Genialität war gelehrig, ihre Anpassung stieß in manchen Belangen hart an die Schranken der Übertreibung. Als sie einmal im Vorübergehen bemerkte, wie er die nackten Knie eines schulpflichtigen Mädchens mit den Blicken streifte, schneiderte sie in den Vormittagsstunden, die er arbeitsunlustig im Amte verbrütete, ein gewagtes Kostümchen zurecht, erwartete im Kinderkittel, mit freigebig gekürzten Wadenstrümpfen seine Heimkehr.

Den Randgebieten der Depressionen, die sein überwaches Geschlecht mit allerhand Störungen eintrübten, ging sie mit Kniffen zu Leibe, die, dreist geboren, hohen Druck erzeugten. Von den Kurtisanen galanter Zeiten, wo die Würde des Königs im Boudoir der Mätressen zu einer unterwürfigen Lehnschaft wurde, hatte sie den Heroismus übernommen, der die Buhlsamkeit anderer Weiber vor den Galawagen ihres Triumphes spannte. Um es ganz zu besitzen, verlieh sie zur richtigen Stunde ihr Eigentum und verzichtete auf die spinnwebigen Schutznetze der Eifersucht, die nur geeignet waren, den Wert des Opfertiers zu verringern. Wie eine Sklavenhälterin, die das Gedeihn und die Gesundheit der Zöglinge mit Wohlgefallen betrachtet, Mißhandlungen ausweicht, um kostbares Fleisch nicht zu verletzen, war sie emsig darauf bedacht, die Anforderungen des Partners mit Verheißungen zu mästen. Sie begnügte sich nicht damit, seiner Unrast den Tummelplatz freizugeben, den er in Liebesdingen benötigte, sie lugte beständig nach Anlässen aus, den Motor der Leidenschaft anzukurbeln, das Fallobst seiner Genüsse als Zuschauerin mitzukosten. Ihre Beziehung zur Halbwelt und das angerainte Gelände war ein wurmstichiger Steg, den Blaugast, von ihrem Beifall ermuntert, mit dem Ehrgeiz betrat, zynisch notierte Rekorde zu brechen.

Die Energie, mit der Wanda im Knüppelholz seiner Süchte das Regiment ergriff, war dunkle Gefahr, die ihn vieldeutig bestürmte. Sie riß die Verwaltung seiner spitzfindigen Mentalität, seiner gewaltsam verwirrten Nöte an sich, legte Register seiner verballhornten Einfälle an, bezwang die Hindernisse erniedrigten Stolzes. Sie brachte ihm Dämchen, die in den Abstufungen verschämter Abwehr bewandert waren, unverwüstliche Bürgerinnen, die im Taumel der Nachtindustrie einen Fetzen Wohlanständigkeit bewahrten, zwischen Nachfrage und Angebot ihr Erröten verschwendeten. Was ihm auf Streifzügen einsamer Jahre unter den Fingern zerronnen, wurde sorgfältig gesammelt, fachkundig gebündelt als Strauß gereicht. Sein Geblüt, krankhaft verlangsamt, kam durch faustdicke Lügen in Bewegung. Die gefälschten Stammtafeln mißgeborener Neigung, käuflicher Widerstand, erpresserische Laster wirbelten als Alarm in sein Haus, den Wanda in Szene setzte.

Im Kreis ihrer Freundinnen, denen der neuartige Sport ein ungewisses Vergnügen bereitete, wurden Versuche beraten, um die Haltbarkeit seines Temperaments mit verteilten Rollen zu prüfen. Behutsame Reflexionen traten ins unschöne Licht dilettantischer Zufälle, versandeten grausam in ärmlichen Handlangerdiensten. Immerhin sah sich Blaugast plötzlich im Mittelpunkt eines Betriebes, dem er unschlüssig zu Willen war, der in den Staustufen seiner Ideenwelt fragwürdiges Gerümpel anschwemmte. Der neugierige Schwarm der Liebeskobolde gab die Kunde seiner Bemühung im Flüsterton weiter, ließ sie, einmal entzügelt, nicht mehr zur Ruhe kommen. Da gab es Pagenmädchen, die in Knabenjacken und schüchternen Samthöschen bei Mahlzeiten servierten, die nach pedantisch gedrilltem Zeremoniell zum Gelage entarteten. Da schwelte der Funken der Pubertät im Angesichte unkeuscher Kinder, Erinnerung an bräutliche Ängste entfachte sich bei verwerflichen Küssen. Es war Krieg, und Blaugast quartierte die Mannschaft im feindselig verstummten Schlosse ein. Bleichwangig äugte das weibliche Gesinde, und die Herrin kam mit der Tochter, den Offizier zu begrüßen, dem sie alle verfallen waren. Gewänder rauschten, geziertes Sprechen demütigte sich zum Gestammel. Im Inselreich der Gestrandeten, wo er nach Goldbarren fischte, brachte er Schwüre zutage, die, lange verschüttet, in kenntnisvollen Umarmungen wieder die Reinheit erlangten. Vergrabene Idyllen weckte er aus der Erstickung. Lesbierinnen hielten ihr saumseliges Entzücken feil. Der Fusel, den Wanda ihm eingab, zerstörte die Entschlußkraft in ihm, die aufrechte Haltung und den Hochsinn der Ehrlichkeit. Gewöhnung schlug ihre Pranken um ihn und das Spießertum der Gemeinheit.

VI

Unter den Zaungästen der Liederlichkeiten, die Wanda nach einem ihr selbst nicht bildhaft bewußten Plane einberief, war Johanna die Unverbrauchteste. Die Gasse, die sie mit Pflichten verknüpfte, die ihr flügger Verstand behende auf sich nahm, das Geklapper der Schuhabsätze auf nachtfeuchten Pflastersteinen, der süßliche Brand dickflüssiger Bergstränke, hatten ihr Magdtum nicht vernichtet. Es war etwas in ihr, das mit der Frechheit ihrer Gelüste, dem Unflat verkommener Überbleibsel siegreich im Streite lag. Ihre Stimme war aus den Fugen geraten, hinkte unschön und bübisch in das verpönte Falsett. Aber in unbewachten Momenten klingelte ein zersprungenes Glöcklein darin, eine Bitte um Almosen.

Sie hatte Blaugast im Rollenfach eines Liebesspiels kennengelernt, das Wanda dem Freunde zu Ehren in ihrer Wohnung veranstaltete. Der freudlose Tand, die Vermessenheit dieser lebenden Träume, hinter denen ein aberwitziges Stümpfchen als Bühnenbeleuchtung strahlte, rüttelten Mitleid in ihr auf, frühreifen Ärger.

Als sich die Gesellschaft verlief, der Hausherr schlaff und verkümmert auf der Ottomane verweilte, hob zornmütige Rede sein Gesicht aus den Kissen.

»Warum tun Sie das? ? Es ist Ihrer nicht würdig!« Blaugast vernahm das Wort wie eine durch hundert Hände gegangene und abgescheuerte Vokabel. Der heldische Brustton humanistischer Begriffe trug fernher ein Schimmern in die verzweifelte Unordnung seiner Behausung, wo die Zimmerluft mit dem Dunste entblößter Frauenleiber tranig bemakelt war. ? Seiner nicht würdig. ? Wo hatte er nur den Klang solcher ins Übermenschliche gesteigerten Benennungen zum erstenmal aufgenommen? Die alte Grammatik mit dem geborstenen Leinwandrücken blätterte aufgescheucht in seinen Gedanken. War es nicht damals, als er mit Schobotzki beisammen war, ganz hinten im Reich der Kohorten und römischen Wehrgehänge? ? Begierig, kundig, eingedenk, teilhaftig, mächtig, voll. ? Er sah Johanna in dem auf Männerfang berechneten Straßenkleid vor sich stehn und blickte erstaunt in ihre heroische Miene. Wie kam das Lustmädchen aus Wandas gefälliger Garde zu solchen Augen? ?

Sodbrennen kratzte in seiner Kehle und rauhte die Antwort.

»Es ist meiner nicht würdig. Das scheint unzweifelhaft richtig. Aber ich bin ein Hund, Johanna, und ich muß heulen.« ?

Ihm selbst unerwartet, ein Eisenbahnzug, den eine Fügung über die Böschung schleudert, trat ihn ein Übergewicht an, das mit Zentnerlast drückte. Etwas, das festgegründet schien, letztwilliger Stolz, von Ruinenblöcken gesichert, war vom Froste gesprengt worden, verging und zerstäubte. Er sprang auf die Füße, taumelte mit beschwörerischen Händen, die Karikatur eines Verteidigers, der Baum am Felsen, der sich gegen den Steinschlag stemmt. Die Idee der Flucht zerrte ihn erdwärts, stopfte sein Taschentuch in den Rachen. Aber es war zu spät. Gierig, schandbar, brach das Gebrüll aus den Eingeweiden. Er bellte, bösartig wie ein Tier, das die Sintflut ankläfft, statt zu entrinnen.

Feindselig umwölkt stürmte jetzt Wanda aus der Küche. Ihr Rock, flüchtig geknöpft, schlampte als prallsitzender Wickel um ihre Beine, ein blaßblauer Busenhalter knüllte sich unanständig unter dem Hemd und spannte. Der abgeknickte Holzspan, den sie über der Gasflamme geröstet hatte, um damit die Brauen zu schwärzen, stak wie ein Dolch zwischen den geklemmten Fingern. Mißtrauisch schielte sie nach Johanna, die schlank und bestürzt ihre Musterung hinnahm.

»Was hat der Narr? ? Will er die Polizei auf uns hetzen oder lockt ihn die Zwangsjacke? ?«

Heimtückisch stieß sie den Zitternden mit dem Fuß an. Aber Blaugast rollte sich wie ein Klumpen von ihr hinweg. Sein Mund, erschöpft und entstellt, schnappte nach Schimpfworten, gierte nach Schmutz und Entsetzen.

»Du Luder, ? geh fort von mir ? rühr mich nicht an, du Zentralhure ?«

Einen Augenblick lang sah Wanda auf den Gestürzten. Ein Spott, der mit der Situation nicht im Einklang war, kräuselte ihre Lippen.

»Schlappsack!« ? zischte sie wegwerfend. Dann drehte sie sich auf den Hacken um und schmetterte mit der Tür.

Johanna, auf Ungehörigkeiten ertappt, machte eine Bewegung, um ihr zu folgen. Dann besann sie sich plötzlich, stand schmal und dunkel in ihrer Ecke.

»Sind Sie mir böse, Herr Blaugast?« ?

Es war die Frage des Kindes, das Unfrieden angerichtet und dem es jetzt leid tut.

Blaugast schüttelte sich, strich mit verstörten Händen das Haar aus der Stirn, erhob sich und strauchelte. Er fiel auf den Stuhl, den Johanna ihm brachte, schluckte an Unausgesprochenem, haschte nach ihrem Kleide.

»O nein doch, o nein. Wie käme ich denn dazu? ? Wer bin ich denn, Mensch unter Menschen, ein ganz kleiner, armseliger Klaudius? ? Aber du mußt mich verstehn, Johanna. ? Du darfst nicht weggehn, ohne das zu begreifen.«

»Ich will es versuchen. Nur müssen Sie ruhiger werden.«

»Liebe ist Kundendienst, ein Bilderbuch oder ein Panorama. Gucklöcher sind in die Verschalung geschnitten, dann kommt ein Ruck, und es wird hell in dem Kasten. Gezeichnet sind die, die einen andern Bildstreifen erwischt haben als die Nachbarn. Es gibt Ausgepichte, Verstümmelte und Verwaiste. Auch du bist so, aber du merkst es noch nicht, Johanna ?«

»Sie sind krank, Herr Blaugast. Ich fürchte mich fast vor Ihnen ?«

»Wir alle sind krank. Das Licht ist krank, der Kohlenfaden der Lampe, die Finsternis und die Unruhe. Da geht ein Nerv vom Gehirn zu den Lenden. Ein schöner Nerv, kunstvoll gerollt, von Blutbähnchen genährt, die in seiner Nähe vorüberrauschen. Ein Liebling des lieben Gottes und seiner Vorsehung. Da kann man sanftmütige Wolken darauf zaubern, Bähschäflein auf grünem Anger und blumige Wiesen. Aber unbeachtet hat sich das Garn geschürft, ist drüslig geworden, ein schadhaftes Seil überm Gletscher. Auf einmal ist alles verwandelt. Die Schäflein sind futsch, der Mondschein hat sich verkrochen, in Ufersümpfen brüten die Krokodile. ?«

»Warum erzählen Sie solche Geschichten?« ?

»Weil du ein Weib bist, Johanna, und Weiber sind das Geheimnis. Du kannst es nicht auftun und kannst es auch nicht verraten. Du hast keine Kenntnis davon. ? Du bist es selber. Aber ich bin verurteilt, Nächte und Tage, Stunden und Lebensjahre hinter ihm her zu sein. Und es ist schwer für mich, schwerer, als du vermutest. Alles ist gut, wundervoll ausgedacht, süß und erfreulich. Der Himmel ist blitzblau, die Lämmerherde ist rosenrot, und die Glockenblumen im Felde läuten. Aber da ist der Strick, den die Steinkante ansägt, das Seil überm Abgrund. Ich kann nicht mehr unterscheiden, was klar und was spukhaft ist. Es sind Frauenbilder in mir, die etwas zur Schau tragen, das angreift und plündert, wie ein Räuber im Walde. Ich kann es nicht deutlich sehn, es ist verrenkt und versteckt wie im Vaterland der Kubisten. Das Weib, das zur Hochzeit geschmückt wird, die Dame im Reitrock, die gnädige Frau, die Prinzessin. Da sind Versprechungen, in der Wollust geröchelt, die irgendwo existieren, und ich kann sie nicht finden. Es ist schrecklich, kleine Johanna, mit diesen Dingen allein zu sein. Niemand war da, niemand wollte mir helfen ?«

»Und Sie glauben, daß das, was Wanda Ihnen bereitet ? ?«

»Ja, siehst du, die Wanda. Die hat es kapiert, wie der Hase läuft, womit man mich fangen kann und was mich dann umbläst. Aber die heilsame Formel fehlt, das Absolvo der Lossprechung. Sie hat mich mit Zucker verköstigt, während ich hungrig nach Brot war. Sie hat Sechstagerennen gestartet, wo ich im Wettlauf des Geschlechts mit der Würde uneinig wurde, an die du mich mahntest. Ich bin der Mann, der abseits der Küste mitten im Ozean über Bord geht, und ich kann nicht schwimmen. Ich bin von der Plage befallen, den Moment zu erleben, der mich löst und zerschmilzt, dem ich seit Kindesbeinen auf den Fersen bin. Dazu brauche ich eine Frau. In Umrissen ahne ich ihre Gestalt, die immer zerflattert, sobald ich die Augen öffne. Wenn eine im Vorübergehn den Mantelsaum schwenkt, im Theater hinter mir atmet, fühle ich einen Teil von ihr. Nie ist es das Ganze. Niemals die Schale, auf der meine Säfte verdampfen. Ich habe keine Zeit, zu warten und stille zu werden. Ich bin von Namen und Gebilden umringt, die mich unablässig verwirren. Da ist die Frau, die beim Küssen seufzt, die Frau im Samtkleid, die Frau mit den nackten Knien. Alles wird anders in mir, heißer und unerträglicher. Ich spreche Unsinn, ich weiß es. Das ist ja das Fürchterliche, daß kein Sinn darin aufgeht. Geplärr hinter verhangenen Türen zotiger Appetite. Ich bin der Mann über Bord, das ist das Ende, Johanna. Ich bin der Ertrinkende mit dem Strohhalm.«

Johanna antwortete nicht. Ein Mensch war in Aufruhr, ein Berg spie Lava und Asche aus.

»Wie es bei anderen ist? ? Ich wage es nicht zu entscheiden. In mir ist das Böse. Das Empfinden der Welt hat sich chemisch geändert, geht Zickzack und schwül immer den Nerv entlang, immer denselben Weg, vom Gehirn bis zum Becken. Alles andere ist zugebaut, vom Zufall verschüttet, von Termiten durchlöchert. Ich sitze in der Kanzlei und studiere die Akten. Ein Klecks auf dem Löschblatt sieht maßlos frivol aus. Eine ohnmächtige Frau steht zwischen Buchstaben eingekeilt. Da ist eine Bank im Park. Ein gottloses Messer hat Lasterhaftes ins Holz geritzt. Da ist eine Kirche, und ich will beten. Der Hochaltar ist mit Hauch parfümiert, ein Haremsfenster, bunt und vergoldet. Weiß ich es, weißt du es, was dort die Engel hinter dem Gitter treiben? Wer viel geliebt, dem wird viel verziehen. Und ich gaffe verklärt der Muttergottes unter die Röcke.« ?

Blaugast saß zusammengesunken auf seinem Sessel. Das Kinn rutschte auf seine Brust, der Körper war unansehnlich wie der eines Knaben. Johanna machte sich klein, kuschelte sich wie ein Kind an die Seite des Niedergebrochenen. Die Stimme war fein, ganz zaghaft und bitterlich. Sie sprach von der Zeit, in der sie als Nesthäkchen auf dem Schoß der alten Bedienerin einschlief, als Zögling beim Fremden die Möven über der Moldau fütterte. Der ärmliche Glanz unwiederbringlicher Freuden huschte durchs Zimmer, die ihre erste Jugend verschönten. Zerzauste Puppen mit rosalackierten Bäckchen, der Klang der Spieldose, die sie einmal zum Christfest bekam. Das war die Melodie, die sie nimmer vergessen hatte, auch als die Wirtshausmusik ihre Vergangenheit auffraß. Da bimmelte Frohmut darin, saubere Einfalt und der Taktschritt des Märleins.

Johanna trällerte leise, das Lied breitete seine Flügel aus und umschattete beide.

Dann kam die Not, als sie wieder zu Hause wohnte, als das Mütterchen krankte und sie als Zwölfjährige vor den Türen Schuhsenkel verkaufte. »Was ist das, der Hunger?« ? hatte sie früher manchmal geforscht, wenn sie vom Küchenteller in guten Tagen die Streuselbohnen pickte. Jetzt fragte sie nicht mehr. Und es ging so weiter, wie es eben geht, wenn ein dünnes Mädel in zerrissenen Kleidern die Straße abläuft, über verwahrloste Stiegen klettert, geduldig an Glockenzügen fingert, bei Junggesellen anpocht, ob ihre Schnürsenkel in Ordnung wären. Als die todmüde Frau, verlumpt und entfremdet, von den Leichenknechten geholt wurde, brachte man sie in das Haus, wo Schmuck und Kleider aus der Versenkung stiegen, die Schüssel mit dem Konfekt, die holdschwatzende Torheit. Sie war kein Bettelkind mehr, sie war ein Fräulein.

»Fräulein Johanna« ? lispelte die Beschließerin ? »Sie sind die feinste von allen.«

War das nicht Glück, das ihr widerfuhr, Auferstehung und Heimkehr?

Johanna erzählte. Die Pracht des Massagesalons glühte in ihren Worten und überwältigte sie. Das ist nur einmal im Leben, das kommt nicht wieder. Da war Geplauder, schmeichlerisches Gehänsel, Kartenspiel und Gemeinschaft. Im entschwundenen Träumlein dereinst, als die Spieldose zirpte, war sie immer allein gewesen. Auf einmal hatte sie Schwestern. Auf einmal war da ein Bett, wohlig und weichgepolstert, verfaulenzte Vormittage, ein Spieglein an der Wand, eine Puderquaste und Freude. Was später geschah, sie konnte sich nicht erinnern. Die Jahre haben den Dreck gebracht, die Wintersorgen, den Rummel. Man kann nicht immer daheim sein. Es ist schon viel, daß es einmal gewesen. Man muß seine Arbeit tun, jeder auf seine Weise.

Blaugast blieb regungslos. Auch sie verstummte, saß wie zerknittert in einem verlegenen Schweigen. Ihr erloschenes Antlitz, dem das Handwerk die Schönheit geraubt hatte, war neben dem seinen. Geschwisterlich, im Verklingen der Pause, die seinem Ausbruch folgte, kam ihr Zuspruch zu Hilfe.

»Es ist gut, Johanna« ? sagte er nebenhin. ? »Geh jetzt nach Hause!«

Als sie einander die Hände reichten, schülerhaft unfrei, einer im Herzen des andern versponnen, hatte die Nacht, die im Anzuge war, ihre Schrecken verloren. Ohne zu wissen, wieso, schlossen sie einen Bund miteinander. Der Friedlose und das Weib, das hinter der nächsten Ecke den Widerschein eines erlernten Lächelns für fünfzig Kronen dem Manntier verkaufte.

VII

Seit der Aussprache mit Johanna, als Blaugast vor der Erbärmlichkeit seiner mißlungenen Konstruktionen hysterisch zusammensackte, war das Verhältnis zwischen Wanda und ihm ein anderes geworden. Die Fürsorge, mit der sie das Gärtchen der Himmelssehnsucht im Bereich seiner Freuden mit Gelegenheiten düngte, war einer Abkehr gewichen, einer gleichgültigen Verstocktheit und dürren Gemeinschaft. Er hatte die Stelle in der Kanzlei, die ihm bisher eine auskömmliche Deckung gewesen, von Unlust und Ausschweifungen verärgert, gegen eine Abfertigung eingehandelt, die den ungeregelten Strom seiner Unkosten nicht allzulang schützte. Nun lungerte er müßig im Hause umher, schlief bis zum Mittag und drehte das Gesicht entkräftet zur Wand, wenn ihn die Forderungen unleidlich gewordener Lieferanten, die Unbotmäßigkeit wuchtender Zahltage im Bett überraschten.

Wanda trat der verwandelten Sachlage auf ihre Weise entgegen, besaß für die Passivität dieser Schwachheit handfeste Rezepte. Anfangs begleitete sie seinen Gleichmut, der widrige Umstände ohne Gegenmaßregeln herankommen ließ, mit unverhüllter Verachtung. Der Zorn über die Unzuverlässigkeit eines Asyls, das sie entschlossen war, keinesfalls preiszugeben, Enttäuschung über den unrühmlichen Zusammenbruch ihrer wirtschaftlichen Versorgung, ließen sie die Voraussetzung ihrer Wahlfreundschaft vergessen. Sie machte gar nicht erst den Versuch, den Lethargischen aufzurütteln, seinen Lebenswillen zu stützen und ihm die Richtung zu weisen. Unvermittelt und unzweideutig verweigerte sie ihm den Tribut, der die Rechtfertigung ihrer Bindung war. Ihr Körper, der ihn noch immer erhitzte, war nicht mehr in seinem Besitz. Unbekümmert um die Problematik des Physischen, die ihn zerstückte, wies sie ihn eigensinnig zurück, bis er im Trödelkram ihres Hausrats zum unnützen Esser wurde, zum Parasiten, den ihr Unmut bestrafte. Die Gefährtinnen ihres Berufes, die sie ehemals auf den Heischenden hetzte, blieben verängstigt aus, seit das Gerücht seines Niederbruches im Stadtviertel umging. Mit trübem Behagen, drohend und unerbittlich zugleich, bewachte sie seine Schwelle. Auch Johanna, die das kindliche Lächeln aufsteckte, das sie für Samariterdienste und Krankenbesuche verwahrte, mußte gedemütigt abziehen, als Wanda ohne ein Wort der Erklärung vor ihr den Riegel versperrte. Dafür, vereinzelt im Anbeginn, dann aber zahlreicher, kamen die Männer. Es war der Kundenkreis aus Wandas berüchtigter Praxis, der sie in ihrer Kammer besuchte, ein robustes Vergnügen mit dem Gelde bezahlte, von dem an ertragreichen Tagen auch der wertlos gewordene Wohnungsgenosse ein Almosen abbekam.

Blaugast empfand den Umschwung, dem sein Zustand entgegenstrebte, in mysteriöser Erstarrung. Das Leiden, dem er verfiel, das ihn mit ruchlosen Krämpfen peinigte, höhlte ihn aus, nahm ihm die Kraft, sich zu verteidigen. Ungeheuer, wie der Wolf in der Kinderfabel, erhob sich das Grauen, als ersticktes Geflüster, das schwüle Geheimnis im Nebenzimmer erstmalig Gestalt annahmen und ihn verdarbten. Schlaff und verwahrlost, von Schlafmitteln betäubt und mit ungekämmten Haaren, war er damals im Türrahmen der Stube erschienen, die ein aufdringlicher Duft nach Kölnischem Wasser und Schminke, gefältelte Papierblumen und ein rostroter Lampenschirm knallig verkitschten. Ein vierschrötiger Bursche, dem die genähte Krawatte über den Hemdkragen rutschte, stand breitbeinig da und knöpfte an seinen Hosenträgern.

Wanda saß rücklings auf einem Stuhl vor dem Wandtisch und puderte ihre Brüste. Sie sah nicht auf, als er keuchend und leichenähnlich am Pfosten lehnte, unrasiert, mit geschwollenen Liderdeckeln und geöffneter Hemdbrust. Nur ihr derbes Gebiß nagte an ihrer Unterlippe, als sein entgeisterter Blick über die Szene schweifte, dem Imperativ ihrer Miene im Spiegelglase begegnete.

»Wer ist das?« ? fragte der Kerl, plättete ein zerknittertes Tuch mit dem Daumen und schneuzte sich geräuschvoll.

»Das ist mein Vermieter, der mich bedient« ? antwortete Wanda, ohne sich umzukehren.

»Er wird uns warmes Wasser aus der Küche holen ?«

Als Blaugast immer noch stand, mit herabgesunkenen Schultern und versagendem Rückenwirbel, einfältig, unfähig, es zu begreifen, keifte sie unbändig los, bleckte die Zunge nach ihm, die mit Geifer bedeckt war.

»Hörst du nicht, Idiot? ? Wasser für mich und den Herrn sollst du bringen ?«

Blaugast nickte. Etwas, das riesenhaft vor ihm aufflog, garstig und fahl, wie die Staubwolke vor dem Gewitter, kam auf ihn zu, verdüsterte sein Bewußtsein. Er kapierte es endlich. Müde, mit eingeknickten Beinen, schlurfte er in die Küche. Aus dem Ofentopf füllte er das Geschirr, ein gehorsamer Automat, der dem Antrieb mechanischen Zwanges nachgab. Waschwasser, abgestanden und lau, rieselte ekelhaft über die Finger. Er beachtete es nicht. Mit dem Gefühl, als wäre sein Leib mit Scharnieren versehen, unbeholfen und hölzern, trug er den Krug und das Becken zurück in das Zimmer.

Das war der Beginn. Es war die Verwirrung, die sich ungebührlich und hämisch seiner Dienste bemächtigte, mit Zigarrenasche und Fusel, Nachtvisiten und verschwitzter Wäsche großspurig auf den Plan trat. Steuerlos, ein Schiff im toten Gewässer, wurde das Tagwerk gefördert, zu dem man ihn kommandierte. Die Nickelmünzen, die es belohnten, der lumpige Gegendank befriedigter Logierer, die in den Stunden nach einer verliebelten Nacht seiner Handreichungen bedurften, fühlten sich ölig an. Ihr Klingeln, ihr verschämtes Geklapper, wurde für Zigaretten eingetauscht, die er gierig verqualmte, für goldgelben Kognak, der wie unverlöschliche Schandbarkeit auf der Schleimhaut des Mundes brannte und den er nicht mehr entbehren konnte.

Wanda verstand ihr Geschäft. Sie kannte den Abhub proletarischer Wichte, der hier talentlos der Tiefe vertraut war, wo schlagende Wetter hinter Stützbalken glosten, Grubenlaternen einen Abstieg erhellten, der sich unterirdisch verirrte. Es kamen Kaufleute, denen ein gutgehender Handel die Speckschwarten eintrug, die ihren kurzgeschorenen Nacken verwulsteten, asthmatische Kellner und schäbig gewordene Intelligenzler, die sich im Bett ohne viel Aufhebens in die Manieren der Herkunft zurechtfanden. Blaugast nahm die Aufträge seiner Brotgeber mit der Selbstverständlichkeit entgegen, mit der sie erteilt wurden. Er rieb mit der Bürste den trockenen Straßenkot von den Kleidern, die sie ungeniert ablegten. Er machte Schokolade für Wanda, holte Bier aus dem nächsten Gasthaus. Er war mit Zündhölzchen versehen, die er den Ungeduldigen und Herrischen diskret durch die Türspalte reichte, brachte für Heikle ein frischgebügeltes Handtuch herbei. Ein krankhaftes Schielen, durch die Trunksucht beschleunigt, verunstaltete plötzlich seine Visage, machte sie unstet und lächerlich. Die Kenntnis der Dinge, die sich um ihn gruppierten, kam ihm abhanden. Er schlief, trank aus der Flasche, die neben der Nachtlampe stand, fuhr schnell in die Filzpantoffeln, wenn es so weit war, Wanda ihn rief oder ein Gast ihn benötigte. Unter der Haut, die das Ameisengewimmel zuchtloser Nadelstiche verheerte, hatte er oft das Empfinden, als ob sein Körper erlahme. Das Gedächtnis an Früheres, das Ringen um Gott und Berufung, waren stillegelegt. Er wußte nicht mehr, was mit der Welt geschah. Genug, wenn er Rauchtabak und seinen täglichen Kognak hatte. Er war der Golem, den der Spruch behexte, der ungefragt die Arbeit verrichtete.

Eines Vormittags, nach einem panischen Nachtschlaf, wühlte Gemecker hinter der Zimmermauer tückisch in seinem Gehörgang. Ein Riß in der Herzgrube, wo ein mit Salz und Essig benäßtes Messer unaufhörlich und sinnlos eine unsichtbare Wunde erweiterte, warf ihn vom Lager, brachte ihn taumelnd hoch und stellte ihn auf die Beine. Er besann sich. Spät in der Nacht war noch ein Kunde gekommen, dem Wanda persönlich aufschließen mußte, weil ihn gerade der Hustenreiz festhielt. Das war das nervöse Schluchzen, das er nicht bändigen konnte, das sie erfolglos mit Schimpfreden dämpfte. Nun war es Zeit, das Frühstück zu bereiten. Die Unruhe nebenan signalisierte den Aufbruch.

Die Zwischentür tat sich gebieterisch auf, zwei Männerstiefel, die der Regen des Vortags verkrustete, klatschten vor seine Füße.

»Schuh putzen, Klaudius!« ? erklang der Befehl.

Die Stimme Wandas war trocken und mißgelaunt, kalt und gefährlich.

Blaugast nahm die Blechbüchse und den Lappen. Er merkte zum ersten Male, wie seine Hände ins Ungeratene tappten, die Lähmung des Rückenmarks, die seinen unfreien Schritt verursachte, auch die Finger am Zugreifen hinderte. Zwischen verwilderten Ösen hing der abgeschabte Rest einer Schuhzunge heraus, und das von der Feuchtigkeit zerbissene Leder streckte sich schamlos wie ein steifes Geschlechtsteil. Blaugast entfernte den Schmutz mit dem Holz seiner Bürste. Er war noch ganz heiß von der Mühe, durch kundiges Reiben und Streichen den richtigen Glanz zu erzeugen, als ein Atemzug neben ihm schnaubte. Ungewaschene Heiterkeit beugte sich kichernd vor, ein haariger Arm stach nackt aus dem Hemd und berührte die Schulter.

»Bravo Schwachmathikus! ? Siehst du, das ist dir geläufiger als Kosinus Alpha seligen Angedenkens. Das sind die Potenzen, die du begreifst. Dabei solltest du bleiben.« ?

Blaugast hielt inne. Das Zimmer, die Möbel darin begannen schlotternd zu kreisen. Ein Rattenzahn, gefräßig, mit Aas verpestet, nagte an seinen Gedärmen. Er wischte den Schweiß von den Schläfen, strich mit der Hand, die die Schuhbürste hochhielt, beschwichtigend über die Augen. Wie die Großaufnahme im Film, von Erinnerungen überblendet, ging die Fratze Schobotzkis aus den Fugen der Dimensionen.

»Du bist es? ? Du? ?«

»Gewiß doch. Nimmt dich das wunder? ? Ich hatte die Ehre, aus Gründen des Beischlafs hier vorzusprechen. Die Wanda ist eine Nummer. Du hast es prächtig getroffen.«

Er drehte die Schuhe, die Blaugast entfallen waren, mit Anerkennung in seinen Pranken.

»Fein sind sie geworden, die zwei. Eine Paradeleistung der humanistischen Bildung.«

Und als die Lache, die er versuchte, bei Blaugast kein Echo fand, langte er brüsk in die Tasche, zog eine abgegriffene Note hervor, spie kräftig darauf und pappte dem Reglosen das Papier auf die Stirne. Wohlgefällig staunte er einen Augenblick:

»Wundervoll in der Tat! ? Weiland Zigeunerprimus im Lande der Aristokraten. Du kennst doch den Brauch aus zündenden Paprikaopern? ? Der Mensch soll splendid sein. Und die Woche fängt üppig an. Servus, Kollega! ? Vivant sequentes.«

Mit Zähnefletschen, spitzwinkligen Ellenbogen entschwand der Spuk in der Kammer. Geplätscher und Prusten, gemeiner Refrain eines Lieds, den Wanda lausbübisch mitsummte, krönten die Morgenwaschung.

Blaugast stand unbewegt. Der Geldschein Schobotzkis, dessen verschmutzter Rand sich widerspenstig rollte, hing ihm als Maskenscherz, ein Kainszeichen seiner Verfassung, über die eingefallene Nase.

VIII

In einer Nacht, die sich groß und erbarmungslos vor ihm öffnete, die heißer als sonst seinen Schlaf begrub und mit Signallichtern über Wolfsschluchten gaukelte, hatte Blaugast einen Traum. Es war ein Feld, das sich feierlich weitete, ein Himmel, der ungeheuer war, ein Horizont, den Tiefe verlöschte. Ganz fern, mit kohlenden Schatten und Gemurmel, war der Urwald. Blaugast erkannte ihn an der Furcht, die ihn anrührte, wenn er dem Worte in Knabenbüchern der Kindheit begegnete. Der Urwald war bös und geheimnisvoll. Angst brüllte aus Raubtierkehlen langgezogen im Finstern, Verlassenheit des Verirrten tappte nachtblind im Bogen, krallte Fingernägel in brechende Baumrinde. Mit Mißbehagen und Grauen hörte er sein Gemurr, in das sich ein Keuchen mischte, das ihm vertraut war. Keuchte nicht Brunst, wenn sie ihr Opfer überfiel, blutgeile Wut in der Gummizelle? Zutiefst entriegelt, zwiespältig und im Zweifel, verstand er jählings, was es bedeutete. Der Urwald marschierte. Wie Flut und Brandung tauchte es darin höher, Leiber schoben sich zudringlich vor, Gesichter, mit stechender Helle bemalt, verflammten feig im Gedränge. Mit Lastern und Flüchen, traumgelber Dämmerung, rückte es näher. Das war die Stunde am Rande der Zeit, wo tagscheuer Spuk wie ein Kadaver aufbrach, turbulente Narrheit, Gestank und Verzweiflung. Der Wald der Verurteilten war auf dem Wege. Unübersehbar trabte der Zug, quoll tückisch aus kreisrunder Ewigkeit. Da gingen Frauen, denen Schweiß die Schminke von den Lippen gewaschen hatte, Männer im zerknitterten Frackhemd, denen auf hündischer Larve ein Lächeln klebte. Unflat und Atem brodelten gemein, Schwachsinnige kicherten lumpig, Seufzer, von Unsagbarem unterhöhlt, hemmten die Füße der Schreitenden. ? ? ? Allen voran lief ein Weib. Ihr Kleid, unsauber bizarr, schlampte wie eine Fahne um den dürren Körper. Die Brauen waren von übel gebrannten Locken vermummt, der Unterkiefer, zahnlos gelockert, schlotterte haltlos. Hinter ihr höhnte und hetzte es, Hände wuchsen aus dem Tumult, haschten die Fliehende. Und ein Geraune, undeutlich im Anfang, folgte ihr auf dem Fuße, schürfte in hastig vertretenen Schuhen den Knöchel wund, spritzte Pfützen nach zappelnden Dirnenbeinen. Es war ein Schrei, der hinter ihr aufstand, unerbittlich über den Acker stolperte, der sie nicht losließ: Du bist an der Reihe! Du mußt es bekennen! ? ? ? Sturmlauf der Schadenfreude trampelte hinter ihr her, millionenfach überwölbt von betulichem Gewisper. Der Urwald hatte sich aufgemacht, Schande der Kreatur brach aus der Hürde, wieherndes Publikum trieb sie in seinen Bereich. ? ? ? Hundsföttchen du, das so flink über Kotlachen turnt, bleib stehn und zeig uns dein Antlitz! ? ? ? Glaubst du, daß du entläufst? ? ? ? Hoho! ? ? ? Hihi! ? ? ? Du bist an der Reihe ? ? ? ? ? ? ? ? Mit einem Ruck, der Übereifrige taumeln machte, hielt plötzlich der Schwarm, hob Augen zu seiner Beute. Das Weib vor ihnen hatte kehrtgemacht, irgendwoher kam ein Lichtkegel aus grauem Gewölk und hüllte sie ganz in Feuer. Sie stand, ihr ausgemergeltes Gesicht versteinte, als ihre Stimme sich reckte:

Seid Ihr alle beisammen, die nach der Beichte gelüstet? Ist das Tribunal zur Stelle, das sich berufen fühlt, mich zu richten? O, habt keine Bange, daß es nicht ehrlich zugehn könnte! ? ? ? Ich bin nicht wie Ihr, ich knausere nicht mit dem Schmutz. Seid Ihr bereit, ihn zu schmecken? Ich kenne Euch, Handlanger der Infamie, nichtswürdige Bediente Eurer verblasenen Wollust. Ihr habt mich erniedrigt, bespeichelt, entehrt, Ihr wart Mitmenschen in einer Welt, die mich verleugnete. Das war eine Welt, die Eurer würdig war. Wißt Ihr denn, wie so ein Leben verläuft, geknebelt, geplündert, immer im Kot, in der Kloake, im Dunkeln? O nein, Ihr wißt es nicht. Ihr seid in Euren Kontoren gesessen, habt Bäuche an wichtigen Schreibtischen gewetzt und Eure Gedanken waren geölt mit dem schmierigen Saft langer Weile. Aber meine Gedanken? ? ? ? Immer zum Sprung bereit, am Unbegreiflichen rüttelnd, dem ich verfallen war. Das ist die Erde. Ausgeschlossen sein von allem, was leuchtet und brennt, in lauwarmen Gärten duftet, in Konzerten mitklingt. Immer zur Seite stehn, wenn Befugte die Feste feiern, von Sauberkeit dampfen, im Tempo erlernter Faxen schmarotzen. Kennt Ihr denn, was das ist, eine Hurengasse? Der Abend ist schwarz, von Geschwüren verglast, das Zimmer kalt mit rußtrüber Lampe. Da geht man im Schritt die Häuser entlang, Schnee tänzelt nüchtern zwischen frechen Laternen, Regen fällt in den Dreck, Dunstnebel lauert, Sturm fährt zwischen die Beine ? ? ? Aber das ist es nicht, auch nicht der Hunger, auch nicht die Zeit, wo man im Frost unter dem Brückenpfeiler nächtigt. Aber, daß ich Euch feil war, armseligen Schleichern im Miste der Kümmernisse, ich, die aus Abgründen kam, das war furchtbar. Nicht, daß mich Sünde entsetzte. Da waren welche mit verdorbenem Blut, gestachelt, genarrt von uferlosem Drange. Ich nahm sie auf, verschwistert mit ihnen, erschüttert von ihrer Bürde. Da war einer, der mich an den Haaren über die Dielen schleifte, bevor er mich liebte, einer, der mein Gesicht mit Unrat befleckte, der Lust darin fand, zu beleidigen. Da war der Mann, der abends in meine Stube kam, um zu töten. Ich sah sein Gesicht, Wunschqual der Tat, Mitleid, irrblütiger Schmerz ließ mich erzittern: Tus nicht, tus nicht! ? ? ? Du bist ja mein Bruder ? ? ? Seht Ihr, so war der Mann, den ich liebte. Er kam aus der Nacht, Gespenster fielen ihn an, wenn er allein war. Wenn er mich küßte, rauschte Tod nebenan, er war ein Einsamer, einer, den die Welt verstieß, er gehörte zu uns, zu mir, zu der Gilde. Und Ihr? ? ? ? Ihr habt unterdessen von Pflichten geschwatzt, Fibelworte geplappert und Eure Weiber beim Wohltätigkeitstee mit sozialen Fragen beschäftigt. Keiner von ihnen kannte, was mein tägliches Brot war, Marter des Geschlechts, Pulsschlag der Reue, Menschentum, das entwürdigt am Fußboden kriecht, Liebe, die vor die Hunde geht, Geruch der Mitternacht, Trunkenheit, die ohne Bewußtsein im Schlafe versandet, aber alle rafften die Röcke, wenn ich vorbeikam, edelsinnig und liberal in der Distanz, die mir zukam. Nur Ehegatten, die sich in die Gasse verirrten, verloren im Lotterbett den honorigen Ernst ihrer Kreise. Sie zahlten Miete und Mittagbrot, und ich war die Frau ihrer Freuden. ? ? ? ? ? ? ? ? Dann kam der Tag, den Gott für mich aufgespart, weil ich ausspie vor seinen Bildern. Und die Erde öffnete nicht den Schlund, der Donner blieb stumm vor der Stunde. Es war der Tag, an dem ich mein Kind erdrosselte. Ja, ja, das gibts, das geschieht in der Welt, das tun Menschen, Mütter mit ihren Händen. Ein Kind, nicht wahr, ist friedlich und süß, kann Rührung und Seligkeit bedeuten. Es wächst heran, ist braun oder blond, heißt Walter, Heinz oder Hanne. Geburtstage kommen, auf den Kuchenteller sind Kerzen gesteckt, der Puppenwagen hat Vorhänge aus blauem Batist, das Schaukelpferd rumort in der Kammer. Aber was soll ein Mädel wie ich mit dem Kinde? Soll es zusehn, was seine Mutter treibt, tagaus, tagein mit den Männern? Soll es mit frühreifen Augen grausam verstummen, wenn in der Schulbank Geflüster umgeht? Da hat mans zur Welt gebracht, allein, wie ein Tier, in der Nacht, ohne Hilfe. Da liegt es, noch blutig, dünn und verschrumpft, ganz winzig, ganz kläglich. Wo bin ich? ? ? ? Wie ist mir? ? ? ? Fort, fort damit, eh es der Hauswirt erfährt, nur hurtig, um Gotteswillen. Es hat ja nicht weh getan, meiner Seele, es hat nur ein bißchen geschluckt, wie ich das Hälslein zerdrückte. Dann hab ichs in die Klosettröhre gesteckt, dann war es vorbei und erledigt. Zuletzt war nur noch der Arm zu sehn, ein Kinderarm mit verkrampften Fäustchen. Ich hätt es doch lieber Walter genannt, es war ja ein Bub, ein so schöner. Und vor der Schule hätt ich auf ihn gewartet mit Butterbrot und rotbäckigem Apfel. Ich hab ihn umgebracht, es mußte ja sein, er war mir nicht böse, mein Walter. ? ? ? Aber seht Ihr, seither hat alles um mich einen Sinn gehabt. Jeder Morgen, giftbitter und fahl, der nach Nächten graute, die Mörderin, Mörderin, Mörderin hinter mir heulten, hat mich an Menschheit erinnert, die so etwas zwischen sich duldet. Menschheit, die nicht erschauert, nicht wankt, nicht wehklagend niederstürzt, die Geschäfte abwickelt, in Vereinen sich brüstet, Schande verruchter Minuten mit bürgerseligen Sprüchen abtut. Da bin ich dem Pack in die Flanke gefahren, mit Kunst, die Unheil aus Schlupfwinkeln lockte. Da hab ich Flämmchen entzündet, Wünsche verpestet, hingebungsbeflissen mit Kanaillen geschnäbelt. Da hab ich ihr Blut mit der Seuche verludert, das Gruseln von scharrender Kette losgemacht. Habt Ihr es nicht gemerkt? ? ? ? Wie Verderben aus meiner Gasse kam, glühend, schlammgrün, aus meinen Armen? Ich war auf dem Posten, Nacht für Nacht, in der Vorstadt, der Fuselkneipe, unter der Brücke. Ich hab Euch gedient, solange Mark in den Knochen war, Flitter und Dirnenvisage Euch reizten. Ich war nicht faul, hab meine Arbeit getan. Mir war Gewalt gegeben, Gott zu besudeln, durch mein Gewerbe: Lichtrausch im Finstern, Stachel der Niedertracht, Glorie der Bettlerin ? alles war mein. Da habt Ihr mein Leben. ? ?

IX

Es war eine Pause, die minutenlang dröhnte, raumloses Ohrensausen, in dem Verschollenes brandete. Geräusche, die aus der Tiefe kamen, wimmelndes Gewürm, drohende Traurigkeit. Und wieder wie vorher, als aufgescheuchte Verwirrung aus seinem Gestrüpp floh, begann sich der Wald zu bewegen. Füße, die stampften, Finger, die Unbarmherzigkeit ballte, Hälse, die nach dem Niederbruch gierten, Rülpsen, Geschnatter, Hohn und Grimassen. Zügelloser Chor, wuchtendes Echo rief nach dem Richter. Blaugast sah durch geschlossene Lider den Plan, der vor Unruhe tobte. Stichflammenartig fiel ihn Erinnerung an, die ihn erschreckte. Das war lange her, zwanzig Jahre und darüber. Trotz lag zwischen heute und damals, ungutes Gewissen. War es nicht Trotz, der Vergeltung brachte, aus der Tiefe der Zeit, aus der Weite? ? ? ? Blaugast entsann sich. Da war ein Abend, stockfleckig bunt, als er mit Kameraden eine Bordellreise machte. Klar, überdeutlich sah er das Lokal, die beferkelte Diele, die Siphonflasche auf dem Tische. Brüchig vergilbt das Linoleum, mit zerkrümelter Zigarettenasche und Rissen. Der Wirt hatte die Hemdärmel aufgekrempelt, die Uhr mit zersprungenem Zifferblatt knackte. Da war ein Geschöpf, fleischig und muskulös, das sich an ihn drängte. Sie kam aus Erniedrigung, arg und geduckt, roch aufdringlich nach billiger Seife. Ihn ekelte ihre Art, schleimig wie eine Qualle. Weib, was hab ich mit Dir zu schaffen? Aber hartnäckig blieb sie bei ihm, ließ sich nicht fortschieben, drohte mit Küssen. Er hob die Hand, Beifall der Dirnen spornte Hochmut in ihm, die Augen der Qualle glitzerten unstet. ? Du wagst es nicht! ? Doch! ? Triumphierend klatschte die Ohrfeige. Haß brüllte ihn an, zuchtlose Nägel krallten nach seinem Gesicht, das Wasserglas, zornig gezielt, zerbrach an der Schmutzwand. Aber da war schon der Wirt, hielt mit den Armen die Rasende. Gezeter kollerte über sie, Ohnmacht erstarrte ihr Antlitz zur Maske. Das vergesse ich nie, niemals, du Verfluchter! ? Immer, wenn Blaugast von Szenen durchliederter Jugend bedrängt wurde, kam diese Stunde im Freudenhaus mit Scham und Betrübnis. Aus Kanälen der Vergangenheit kroch es auf ihn zu, unfrohes Getier, vor dem ihm schauderte. Was war es, das so heillos hinter den Türen klopfte, in Korridoren schlurfte, unterirdisch knisterte? ? War es Gott, der ihm nahe war, der mit dem Knöchel an seine Seele pochte und sie bezwang? Hundertmal hatte er ihn bereut, den Schlag ins Gesicht jener Kreatur, die zu züchtigen er sich vermessen. Sein Leben, selbst immer am Rande des Chaos, war nicht dazu angetan, über andere sich zu erheben. In den Spelunken der Stadt, den Uferschänken am Fluß, hatte er nutzlos seither nach dem Weibe gesucht, von der Absicht gequält, sich zu demütigen. Im Halbschlaf, sehnsüchtig heiß, erblickte er manchmal das Bild. Es war eine Nacht, wo Leben an seinen Fesseln riß, Hagel verlassene Straßen peitschte, Mädchen in schwarzen Tornischen unter den Lippen der Männer seufzten. Bei der letzten Laterne, frierend im Lumpenstaat, lehnte sie mit verlottertem Haar, gealtert, geschminkt, die Augen vom Hunger verbrannt. »Ich bin es, der dich vor Jahren schlug, kannst du mich noch erkennen?« Sie erkannte ihn nicht; bettelhaft stumpf ging ihr Blick über ihn, haftete ratlos an seinen Tränen. Und die Süßigkeit seines Verlangens überwältigte ihn; er beugte den Mund bis zum Saum ihres Ärmels. Barmherzigkeit, daß er sie doch gefunden, schüttelte seinen Körper, warf ihn zu ihren Knien. ? Blaugast bohrte entzündete Augen in Dunkelheit, wo grollender Urwald brauste. Wieder war das Gefühl in ihm, an das er sich zitternd hängte, daß alles nur Trug war, gehässig, lemurenhaft, Herzdruck und würgender Atem. Er verstand dieses Leben nicht, das mit Schiebetüren und Fallen im Unwegsamen mündete. Er sah sich als junger Mensch im Ordinationszimmer des Arztes. Die Miene war ernst, das Achselzucken heischte Entschuldigung. »Wie wird es ausgehen, Doktor, sprechen Sie, ? bös? ?« »In zwanzig bis dreißig Jahren stellen sich manchmal Nervenleiden ein. Aber es muß nicht sein. Es ist wie ein Eisenbahnunfall, der einen trifft, verstehen Sie? ? Natürlich ist es besser, man fährt nicht mit der Eisenbahn! ?« Das war vorsichtig, rücksichtsvoll, orakelhaft listig. Aber es ließ Luftspalten offen, in denen die Nachtbrut nistete. Was war geschehen? ? Die Lokomotive, die ihn trug, die mit roten Lichtern ins Ungewisse fuhr, war sie im Abgrund gelandet? ? Warum hörte er plötzlich den Notschrei der Welt so furchtbar, warum gellte der Gram der Menschheit in seinen Ohren, Sirenen der Wahnsinnigen, Mütter, die ihre Kinder riefen, Verdammte, die sich bekreuzten? ? Das vergesse ich nie, niemals, du Verfluchter! ? Schuld, Schuld, Schuld war das Leben, Schuld, die sich bäumte, in Krämpfen delirierte, gemartert niederbrach. Wie kam es, daß viele in Festigkeit wuchsen, Examina machten, Heiraten eingingen, getröstet bei Gräbern weinten? Da waren Städte mit Brücken, Häuser mit hundert Zimmern. Durch papierdünne Wand voneinander getrennt wohnten Menschen nebeneinander. Begehrlichkeiten schlichen argwürdig durch die Fugen, in der Luft, überladen mit Dünsten, löschten Kronleuchter aus. Knaben, die mit den Jahreszeiten der Seele rangen, schliefen schwermütig neben Verfemten, Herrische neben Knechten. Lärm stieg sinnlos aus Schächten und verhallte. Blaugast konnte es nicht begreifen. Er sah die Kindesmörderin, die wie eine Gekreuzigte mit gebreiteten Armen am Balken der Finsternis hing. Und ein Wind, der gebieterisch die Ebene spaltete, riß eine Gasse in den Urwald. Im Getümmel, das flutend vor ihm zurückwich, kam ein Mann auf die Reglose zu, in flatterndem Mantel, der ein Gesicht wie ein Schauspieler hatte. Er neigte den stolzen Kopf und befahl ihr: Weine! ? Und als sie schwieg, den Mund von Verachtung gekrümmt, mit schäumender Fratze, rührte er sie mit Händen an: Du sollst weinen, Schwester, du sollst weinen! ? Da war es ein Unbegreifliches, das sie hochhob, mit der Stirn ihm zu Füßen drückte. Stöhnen, überirdische Not folterten ihren Körper. Es war ein Bach, der an Trümmern zerschellte, ein Strom, der ihr Leben nahm und ins Unbekannte entführte. Da schwammen Nächte, die sie gefürchtet hatte, kleinmütige Angst, Dirnenlieder und Tänze. Zorn, der mit bröckelnden Zähnen knirschte, Träume der Mörderin, Gefängnisgitter, Gelächter. Schnaps, der abgestanden in Gläsern faulte, Gesang zur Ziehharmonika, unzüchtige Griffe, Kuß der Betrunkenen. Und als sie weinte, als ihre Tränen kamen, jahrelang vergessen, jahrelang begraben, als sie Staub und Entheiligung wimmernd im Fieber auf den Boden erbrach, tönte die Stimme des Boten, eine unendlich ruhige, unendlich zärtliche Stimme: Laß die Erde den andern, Schwester! ? Nur für Menschen wie Dich hat Gott sein Paradies bereitet. ? Sie hob den Kopf, sah seinen Mund, und die Bitterkeit, die sie verströmte, wurde lieblich. Und während er weitersprach, sanftmütig tröstete, vom Söhnlein daheim, das aufs Mütterchen wartet, vom kleinen Walter, ihrem Kinde, während im Herzen groß, unwiderstehlich der Himmel aufstieg, während das Feld sich wandelte, der Urwald versank, die Sonne über den Fluren strahlte, erwachte Blaugast aus seinem Traum. Fernher, mit Frühglockenläuten, das langsam entschwand, vernahm er noch lauschend das Wort, das die Gerichtete leise, vom Wunder verstört, mit der schweren Zunge der Betenden in gefaltete Hände stammelte: Du bist voll der Gnaden. Der Herr ist mit Dir. Du bist gebenedeit unter den Weibern.

X

Nach der dramatischen Groteske, die Schobotzki bei der Wiederbegegnung mit dem Schulfreund verübte, war Blaugast aus dem Hause gegangen. Ein aufgespartes Stück seiner Selbstachtung, die von ungeweinten Tränen, Folterhitze und Brandresten zerstört wurde, hieß ihn die Flucht ergreifen. Die Überbleibsel einer eingelernten Moral, die nicht mehr die seine war, der er trotzdem verpflichtet blieb, rebellierten in seinem Körper. Er ließ die Wohnung, die er mit Wanda teilte, die Zimmerecke, die sie ihm zugestand, die strafwürdige Täuschung einer verkrüppelten Behaglichkeit im Stich und mischte sich unter die Obdachlosen und Stromer. Mit dem Bündel seiner zusammengerafften Habe mietete er sich im Kellergeschoß einer Sippe von Plattenbrüdern als Bettgeher ein. Die Gewohnheiten seiner bisherigen Existenz, die Zugeständnisse an die Karikatur eines Vorrangs, der im Verlassenschaftsprozeß seiner Haltung den Sinn einbüßte, gerieten ins Hintertreffen. Sein Rock war mit Speisebrocken befleckt und verschlissen. Er rasierte den Bart nicht mehr und eisfahle Stoppeln deckten die Lippen zu.

Den Hut in der Hand, mit dem ausgeschämten Pathos eines Deklassierten, verlangsamte er als totschlächtiges Hindernis den Verkehr, der vor den Mutterstätten des Vergnügens und eines verbürgerten Wohlbefindens kreuzte. Sein Standplatz war bei den Kinopalästen, wo in der Zeit nach der Vorführungsdauer ein rührselig gesättigtes Publikum über den Gehsteig wogte, das für die Bitternis seiner Beschwörung teilnehmend empfänglich war. Blaugast bettelte. Er tat es verdrossen, mit der Pedanterie eines Beamten, dem die vorgesetzte Behörde eine neue Dienstleistung zuweist. Die Handschuhe, die er trug, die zerhatschten Gamaschen, die er als unvermeidliches Wahrzeichen eines gespenstischen Untergangs noch immer über die Fußknöchel knöpfte, gaben seiner Erscheinung den Nachdruck schauspielerischer Regiekunst. Das Volk, das aus der Halbwelt geläufig gemünzter Gefühle in hausbackene Begriffe zurückfand, die Ladenmädchen und Bedienerinnen, die ihren Feierabend im Reiche der Flimmerleinwand verbrachten, zögerten vor der Mahnung seiner Vermummung. Das Mitleid, das noch vom Abseim des eben verklungenen Textes beträufelt war, blies ihnen den Trick ein, die Vorsehung zu bestechen, unklare Sicherungen auf Ratenzahlung zu kaufen. Die Almosen, die Blaugast im Rinnstein zartmütiger Tonfilmprogramme auflas, waren die beste Losung, die das Gewerbe ihm eintrug.

Mittags und abends stillte er seinen Hunger in den zugigen Abfütterungsräumen, wo grämliche Invaliden hinter den häßlichen Tischen der Armut eine hurtige Mahlzeit schlürften. Manchmal erstand er in einer Auskocherei oder im Selcherladen eine lauwarm gesottene Wurst, die er im Zwielicht einer versteckten Durchfahrt verzehrte, die eine willkommene Ergänzung der Brotrinden in der Manteltasche bildete, oder er wartete mit der Gruppe der Ungeduldigen vor den Stufen der Emmauskirche auf die Klostersuppe. Hier, in dem kahlen Mauerhofe vor der Türe der Wenzelskapelle, hatte er früher als Gymnasiast die Pausen vor dem Beginn der Sonntagsmesse vertrödelt, Schulschwatz und Anekdoten gekostet, die über das Privatleben steifleinener Professoren gerade im Schwange waren. Das Brausen der Orgel, der Stimmbruch der Oktavianer, der den emphatischen Hochklang der Gesänge gefährdete, kamen fernher, fluteten unwiederbringlich in seine Ohren.

Die fromme Wollust der Gewissenserforschung brach als verlorene Welle aus seiner Vergangenheit. Als Knabe war er zu Hause vor dem zerlesenen Beichtspiegel gesessen, wenn die Exerzitien der Ostertage die Monstranzen erhöhten, wenn Sündengeflüster in Steingrotten umging, die der Zerknirschung geweiht waren. Du sollst nicht Unkeuschheit treiben. Das böse Gesetz dieser ehernen Tafel wölbte sich unnachgiebig über ihn, verdarb und besudelte seinen Ehrgeiz. Kein Bußgebet hatte ihm je geholfen. Lehrjahre, die sich betulich um seine Gunst bemühten, Wanderjahre im Knieholz frühzeitig geduckter Stämme, wälzten sich raupenartig, wie stählerne Tankmaschinen, über ihn her, und die Wiese der Jugend, Landblumen und Grasland, welkten auf ihren Spuren.

Die Furcht vor den Wandspiegelungen einer Gefahr gab Winkelzügen das Gepräge, die ihn umgarnten. Da war das Mädchen, das wöchentlich einmal in den Amtsstuben und Kanzleiräumen die Runde machte, um giftgelbe Seife, Zahnbürsten und Staubkämme feilzubieten. Sie war noch ein Kind, aber die Vorstadt, aus der sie stammte, macht auch die Zwölfjährigen wissend. Die verbeulte Pappschachtel, aus der sie Groschenartikel, Tuben und Blechtiegel aus der Verschnürung packte, war nur ein Aushängeschild für gangbare Angebote. Das Zimmerchen, wo der Aktenschrank mit dem verdorbenen Schließschloß neben dem Schreibtisch thronte, war winterlich überheizt, als die Kleine hereinschlüpfte, zutraulich zu zirpen begann und ihren Warenkram anpries. Das Kleidchen war kurz, zwischen Wollstrumpf und Hose kam das nackte Hautfleisch zum Vorschein und war vom Wetter gerötet.

»Ist dir nicht kalt?« ? fragte er wider Willen beengt, und der Kragenknopf, hart und empfänglich, drückte an seinem Halse. Die Feder spießte sich ins Papier, streute verwirrende Tintensterne über die Zeilen. Seine Hand, die plötzlich den Dienst versagte, sank kraftlos abwärts, faßte nach ihren Kniekehlen.

»Nicht mehr ein bißchen, wenn Sie so lieb zu mir sind.«

Ihre Koketterie, die ihm sachlich entgegenkam, freimütig ihr Unterzeug aufband, machte ihn kühner. Eine kurze Minute züngelten Flämmchen an ihm empor, knabberten frechlich an seinem Rockärmel, laugten den Schweiß aus den Poren. Dann war es vorüber. Was war das? Was tat er? Der gleißnerische Fallstrick des Paragraphen, der Minderjährige schirmte, fiel unvermittelt zu Boden, lockerte die Verschlingung. Er reichte dem Balg eine Banknote hin, ohne erst auf die Ziffer zu achten.

»Geh!« ? schrie er beinahe.

Sie ging. Schadenfroh klirrte die Glastür, als sie mausschnell entschwand, im Vorhaus den Fund belugte. Aber sie kehrte wieder. Schon am nächsten Morgen war sie zur Stelle, als Blaugast mit klopfendem Nacken, unlustig und schlafblind, ohne gefrühstückt zu haben, die Frone der Arbeit beging. Unüberlegte Hast, die die Begünstigung eines heimlichtuerischen Wunsches freigebig ablohnte, scheuchte sie täglich in seine Nähe. Wenn er die Treppe des finsteren Gebäudes erstapfte, wo sengender Mundgeruch baufälliger Kachelöfen vergebens die Kälte bekämpfte, wo klappernde Zahlenbände, beschmutzte Klosette das Tagwerk verunzierten, huschte ihr Schatten hinter ihm her, zischelte eifervoll, ihn zu beglücken. Er wehrte sich, jagte die Brut mit Unmut in die Distrikte, die ihr gebührten. Aber der Puppenspieler hinter der Szene war stärker als seine Einrede. Ihr verwelktes Gesicht, zotig und unrein, begierig nach leichtem Verdienste, folgte ihm auf der Straße. Sie lief hinterdrein, wenn er mit raschem Sprung sich in die Elektrische rettete, sie spürte die Wohnung auf, nach der er heimfloh, drang listig und eigensüchtig durch allerhand Barrikaden. Bis wochenlange Betthaft ihn unsichtbar machte, die Lauscherin an der Wand die Fuchshetze aufgab, bis seine Genesung zugleich Befreiung vom Übel bescherte.

Lange konnte sich Blaugast vom unlautern Schreck dieser Einkreisung nicht mehr erholen. Der Vorfall, geringfügig in der Wirklichkeit, wurde im Dämmerschein der Versuchung feigherzig aufgetrieben, ins Maßlose abgeändert. Er war das Wild gewesen, dem die Meute ans Fellhaar wollte, und konnte sich an die Gewähr seiner endgültigen Sicherheit nur ungläubig gewöhnen. Hinter Mauerpfeilern, im Gewühl der Passanten meinte er nachmals noch öfters das Augenpaar zu erkennen, das liebedienerisch aufglomm, sein Einverständnis und ein bezügliches Schweigegeld erpresserisch heischte. Das Ränkespiel seines Rückzugs war durch die Standhaftigkeit nicht beseitigt, auf die er Bedacht nahm und überdauerte Jahreszeiten.

Früher einmal, als blutjunger Volontär, hatte er beim Versickern trübe ergrauter Geschäftsstunden einen Brief empfangen, der ähnlich auf ihn wirkte. Da war er im Inseratenteil der Zeitung auf die Anzeigen gestoßen, die in der Geheimsprache ihrer Chiffren halblaute Bekenntnisse ausboten, Spione des Liebesmarktes postlagernd in die Laube lockten. Lichtscheu verkürzte Andeutungen spreizten sich mulmig zwischen den Lettern. Ein Austausch ausgehungerter Dreistigkeiten, die unter dem Deckmantel der Anonymität jede Zurückhaltung sparten, war die Folge. Die Laune der Sinne, die von Verboten geknebelt wurden, kannibalische Freßlust ungezügelter Wunschträume zielten eine Zeitlang ins Unbekannte, um ausgeglüht und mißhandelt zu ihm zurückzukehren. Bis er mit furchtsamem Herzschlag das Schreiben zerknitterte, das seinen Namen als Anschrift trug, das die Ahnung bestätigte, die ihn mitunter befallen hatte. Er war einem Lockvogel in die Grube gegangen, dem widerwärtigen Genießer fremder Geheimnisse, der mit verstellter Handschrift die Stichworte brachte. Unbefugte Wisser nahmen die Witterung auf. Die Skepsis behüteter Drangsal war nicht mehr sein Eigentum.

Der Drohung, die ihn verschämt, in die Maske des Biedersinns eingehüllt, aus dem Hinterhalt ansprang, war keine zweite gefolgt. Aber die Warnung zitterte in ihm nach, sah ihn aus Türspalten an, war jahrelang sein Begleiter. Das Ebenmaß der bürgerlichen Gewöhnung barst anders, als er gefürchtet hatte, in die Fransen. Und doch war es das Weib, das unheilvolle Gewicht ihres niederziehenden Nenners, das die Ordnung umstieß, die Rechnung ins Wanken brachte. Daran dachte Blaugast, als er im Vorhofe des Emmausklosters neben Armen, Faulen und Siechen die Suppe löffelte. Er zählte die Würfel der Pflastersteine, die sein zerrissenes Schuhwerk schürften. Es waren ebenso viele Werkzeichen einer entzauberten Welt, Minuten, Stunden und Tage eines verwandelten Lebens. Blaugast aß hastig, der Geifer rann über den Bart in den Napf und vermengte sich mit der Speise. In den Fugen der locker gefügten Steine, wo der Wind eine spärliche Erde vertragen hatte, sprießte ein staubgrünes Hälmchen. Wie ein unbefahrener Schacht, mit entzündlichen Gasen geschwängert, gähnte das Loch der Erinnerung.

XI

Es waren lauter junge, irgendwie mit der bürgerlichen Moral in Widerstreit geratene Gefährten, die in dem kleinen Wirtshausgarten vor der Stadt gelegentlich zur Kumpanei zusammenkamen. Ärzte, die eben das letzte Rigorosum hinter sich gebracht und mit unverbrauchtem Zynismus ins Leben traten, Maler, die ihren zotigen Humor teils aus der Kneipe, teils aus der Kunstschule bezogen, Schriftsteller und Studenten. Der saure Wein, den sie mit Eifer tranken, glühte in ihrem Blut, führte die Gespräche über unwegsame Betrachtungen immer wieder in den Hafen einer schlüpfrigen Anekdote zurück. Hie und da versuchte einer, sich einen Ausblick zu bahnen, in einer Diskussion gewaltsam die Richtung zu bewahren, aber die Gewohnheit war stärker und tötete das Unterfangen mit einem Witz.

Eines Abends im Hochsommer hatte die Lustbarkeit länger als gewöhnlich gedauert. Es ging schon auf Mitternacht, als Blaugast sich von seinen Kameraden trennte und den Heimweg durch den stockdunklen Baumgarten einschlug. Diese Sommernächte vor zwanzig Jahren waren anders als heute. Krieg und Entsetzen erfüllte noch nicht allen Raum der Seele; man lebte gemächlich, faulenzte, betrank sich, und nach Sonnenuntergang, wenn im Sommer die großen Sterne zum Vorschein kamen, stieg eine wohlige Sinnlichkeit aus den Poren der Erde und beschwerte die Luft mit Dünsten. Blaugast trug den Hut in der Hand. Ein dünner Wind kämmte die Haare an seinen Schläfen, und der Park roch nach fernem Teichwasser und feuchter Rinde. Hinter ihm, wo die Häuser standen, aus denen er eben kam, klangen vereinzelte Geräusche auf, eine Tür fiel ins Schloß, ein Mensch pfiff durch die Finger, und ein Hund bellte. Aber je weiter er schritt, desto träger umfing ihn die Stille, zäumte den Weg mit geheimnisvoll erstarrten Bäumen, ballte niedriges Gesträuch zu kauernden Klumpen; nur der Sand knirschte überlaut unter seinen Füßen, und der Spazierstock stapfte mit dumpfem Aufschlag den Boden. Das waren die Heimgänge, die Blaugast brauchte, um im Gleichmaß der Wochen sein Leben zu fühlen. Dieses Stummsein nach durchzechten Nächten, einsame Heimfahrten, wenn die Droschke durch hallende Straßen klapperte, entschädigten ihn für die Stunden, die er bei Tage verschlief, beim Billardbrett vergeudete.

Heute gelang es ihm nicht, die Gefühle zu erklimmen, die er sonst, von Wein und Gelächter beschwingt, ohne Mühe eroberte. Blaugast hatte zuviel getrunken. Er liebte es, jenen köstlichen Übergang zwischen Nüchternheit und Rausch in sich zu erzeugen, wo die Schwerkraft des Irdischen dem Auftriebe weicht. Im Laufe der Unterhaltung, die mit unkeuschen Scherzen gemünzt war, achtete er nicht auf die Grenze. Nun quoll ihm ein lästiges Unwohlsein, gegen das er vergeblich kämpfte, mit bitterem Speichel in die Kehle. Er schwankte, stieß den Stock in den Kies, blinzelte unsicher durch die Brillengläser. Abseits vom Wege, wo sich die Dunkelheit zu einer Nische erweiterte, erspähte er etwas Weißes. Er hielt darauf zu, tappte gegen die Holzbank, die quer in der Finsternis stand, und faßte ein Weiblein, das sich nur wenig wehrte, mit den Händen.

Es war ein unflügges Ding, kaum siebzehnjährig, das geblendet in die Flamme des Zündhölzchens äugte, mit dem er seinen Fund beleuchtete. Stückweise entlockte er ihr die Beichte. Sie war das Kind eines Briefträgers, tagsüber in einem Hutmachergeschäft tätig. Mit einem Fant, den der Vater nicht mochte, war sie versprochen. Da setzte es Szenen, Vorwürfe, Prügel, denn der Alte war roh und pflegte nicht lange zu fackeln. Als er sie neulich ? vorgestern war es ? mit dem Galan auf der Straße getroffen, war sie erst gar nicht nach Hause gegangen. Zu feig, seinem Zorn zu begegnen, war sie umhergeirrt, hatte dann hier, auf einer Bank im Gebüsch, genächtigt. Auch im Geschäft war sie seither nicht gewesen, nur immer hier draußen und beim nächsten Bäcker um Semmeln. Nein, hungrig sei sie fast gar nicht, nur müde, sehr müde ? ?

Blaugast lauschte zerstreut ihrem weinerlichen Bericht. Der Wein, die Gespräche des Abends hatten ihn aufgewühlt; da kam ihm der Zufall gerade zupaß, brachte ihm etwas zum Spielen. Das Mädel schien niedlich zu sein, soviel das Streichholz gezeigt hatte, ihre Zähne blinkten beim Sprechen. Er drückte ihren Arm, der sich mollig rundete, griff unbedenklich nach ihrer Brust, war es zufrieden.

»Komm mit!« ? schlug er vor. ? »Ich bringe dich zu Bett, da kannst du schlafen ?.«

Fast dankbar war sie bereit. Sie seufzte erleichtert, folgte gehorsam, ließ Einsamkeit, Furcht vor Nachtgespenstern in der dunklen Nische, ohne sich umzuwenden. Vor ihnen, am Ende der schwarzen Allee, begann schon die Straße, führte mit gelben Laternen unvermittelt ins Helle. Blaugast blieb stehen, musterte die Kleine, die sich angstvoll an ihn hängte, und brannte sich eine Zigarette an. Sie lächelte schwach, schüttelte die konfusen Locken, und ihr schmales Gesicht senkte sich ohne Anteilnahme.

Das Hotel, in das er sie brachte, war unbehaglich und unsauber. Eine trübe Lampe verqualmte die Wände, und die rote Nase des Zimmerkellners schob sich zudringlich in ihren Lichtkreis. Blaugast entfernte ihn mit einem Trinkgeld und verschloß die Tür mit dem Schlüssel. Die Trunkenheit, der er draußen im Verlaufe des Abenteuers fast schon entglitten war, erregte ihn neuerdings, legte sich brüchig auf seine Stimme. Er zog die Verschüchterte, die ihm fügsam zu Willen war, auf den schäbigen Diwan, schälte sie langsam aus den Kleidern. Sie duldete es ohne Widerstreben; je lüsterner er sie beraubte, desto hilfloser schien sie zu werden, bis sie in ihrer kindischen Wäsche vor ihm stand. Er hob sie auf und trug sie zu Bett. Noch im Hinsinken entschlief sie an seiner Schulter, aber er rüttelte sie, daß sie mit großen Augen aufsah, ihn mechanisch küßte, verstört seine Liebe empfing. Ein paar Minuten schwieg ihr erschöpfter Atem, dann drückte sie sich enger zur Wand, schlief wieder ein, war nicht mehr zu erwecken.

Ein bißchen ärgerlich betrachtete Blaugast seine schlummernde Beute. Er hatte sich den Abschluß reichhaltiger gedacht, überschlug in Gedanken abwägend Genuß und Kosten. Immerhin war er am Ziel; der Weinrausch, mit dem er sich noch vor einer Weile balgte, beklemmte ihn nicht mehr, nur ein leises Zittern lief noch durch seine Nerven, an das er sich wohlig hingab. Behutsam, in einer Aufwallung des Mitleids, breitete er die Decke über die Schlafende; ihre Stirn, weiß und umwölkt, lag schmerzlich zwischen den Kissen. Unschlüssig strich seine Hand ihren Scheitel, fuhr durch das Lockengewirr, das ihre Augen verhängte. Dann blies er das Licht aus, verließ zögernd das Zimmer.

 

Die Tage, die Blaugast lebte, glichen einer dem andern, von Begehrlichkeit ausgehöhlt, mit Nutzlosigkeit überbürdet. Er hatte niemals mehr seit jenem Abend der kleinen Putzmacherin gedacht, verlor die Begebenheit ganz aus dem Gedächtnis. Wenn manchmal, durch ein Wort, eine Bewegung veranlaßt, ihr sanftes Gesicht in seine Erinnerung tauchte, erkannte er es nicht wieder. Erst jahrelang später kam es zum Greifen deutlich zurück, nahm wieder Besitz von ihm, wollte ihn nicht mehr verlassen. Das war in einer der Nächte, wo ein rätselhafter Schmerz seine Muskeln zerquälte, wo er hoffnungslos, je zu gesunden, die Schuld zu begreifen suchte, die er büßte. Da war es, daß zwischen den Schatten, die vor ihm aufflatterten, dürren Eitelkeiten, hündischen Begierden, zwischen Steinfeldern, die ihm zeigten, wie leer sein Leben gewesen, die entlaufene Briefträgerstochter ins Licht trat, plötzlich, daß er betroffen nachsann und ihm alles gegenwärtig war. Und während der Stachel, von dem er gefoltert wurde, sein Fleisch verheerte, während die Nacht sich erbarmungslos dehnte, zwischen Flüchen und Gebeten nimmer ein Ende nahm, kam das vergessene Antlitz aus ihrer Tiefe, rührte bettelhaft süß sein Gewissen. In dunklem Erschrecken begriff er die Zusammenhänge, die jenes Erlebnis mit seiner Krankheit verketteten. Türen, gräßlich verriegelt, taten sich auf, winkten unbegreiflich mit Ahnungen und Geflüster. Die lustlose Liebe, die seine Jugend verwüstete, bedrängte sein Lager, der geplünderte Schlaf des Mädchens brannte hämisch, wie Tränen, in seinen Augen. Blaugast bäumte sich, spie seinen Ekel in die zusammengekrallten Fäuste, bis ein nervöser Husten ihn niederwarf, bis er zerschunden, zermürbt, ratlos verzweifelte.

XII

Mit einer vom Deckel gelösten Kassette, die er im Ablagerungsschutt hinter den Friedhöfen gefunden hatte, schritt Blaugast die Sitzreihen der Parkanlagen ab und verkaufte Zündhölzchen. Sein Warenbestand, ein halbes Dutzend rissig gewordener Holzschachteln, wurde durch diese Beschäftigung nicht verringert. Die Pensionisten, die ihre gichtleidenden Glieder in der Sonne wärmten, die Abgebauten und Arbeitslosen, die hier neben Müttern und Kindermädchen ihren unfreiwilligen Urlaub vergeudeten, ließen das kümmerliche Lager wie auf Verabredung unangetastet. Die Kleingeldmünzen, die sich trotzdem auf dem Grund des Behälters einfanden, automatische Gewinste ohne merkbaren Gegendienst, waren die Einzahlung unbekannter Geschäftsfreunde und gutmütiger Spekulanten. Sein Äußeres, das Blaugast ohne Absicht vernachlässigte, bekam durch die Schweigsamkeit eine besondere Note, die stärker als Bittreden wirkte und zur Wohltätigkeit einlud. Die unnachahmliche Technik, mit der er kaum sichtbar die Lippen bewegte, die Augen auf Abwendiges lenkte, in den vom Speichel verglasten Mundwinkeln einen lautlosen Appell versteifte, war nutzbringendes Kapital, das Zinsen und Dividenden abwarf. Ein unzerstörbarer Schimmer von Eleganz und eitler Gebundenheit gab seiner Figur einen komischen Beigeschmack, der als bizarre Herausforderung die Spottlust der Straße mobilisierte. Der tabetische Stechschritt seiner unbeherrschten Beine, sein durch Pupillenstarre veränderter Blick, die gravitätischen Lumpen, die er als Garderobe bevorzugte, brachten das Wahlwort »Barönchen« in Umlauf, das ihm als Titel anhaftete, das er mit ungelenker Verbeugung entgegennahm. Den Kindern, die auf der Straße hinter ihm herliefen, war es geläufig, und die Besucher der Biergärten und Volkswirtshäuser, die den geduldigen Schnorrer mit Zurufen empfingen, trieben damit ihren Schabernack. Die Delikatessenhändler und Kaufleute, die ehrerbietig hinter dem Ladentisch standen und denen die Dienstfertigkeit vor den Kunden das Blut verdickte, reagierten den Machthunger verdrängter Despotengefühle vor seiner Bereitwilligkeit ab, den Bedingungen ihrer Gebelust zu entsprechen.

»Barönchen!« ? rief man scharmant, wenn seine vornübergeneigte Gestalt demütig vornehm vor den Stammtischen der Tafelnden zauderte. Jetzt war der Moment gekommen, die Hochspannung unerträglich verbauter Sadismen an eine unschädliche Nebenleitung zu verlieren, vor den beschwipsten Damen mit Überlegenheit zu protzen. Man griff in die Tasche, ließ die Metallkronen allseits erkennbar im Licht der Deckenlampe funkeln. Orgasmus, der den Gesicherten und Starken allemal vor dem bresthaften Bilde des Tieferstehenden überfällt, elektrisierte den Humor.

»Barönchen, sei flott, und mach uns den Vogel!«

Dann faßte Blaugast mit den Fingern der linken Hand an seine Nase, steckte den rechten Arm wie einen Schnabel durch die Lücke des Ellenbogens, hüpfte auf einem Bein und kreischte. Es war ein dünngepreßter, lächerlicher Laut, ein kollerndes Gewimmer, das Angeheiterten den Abendschoppen würzte. Ein Schrei, der sich im Fluge an Gitterstäben und Hindernissen zerstieß, als Seufzer heiser vergurrte und vom Wiehern der Zuhörer zertrampelt wurde. Das war die Spezialität des »Barönchens«. Als Geflügelimitator von nachsichtigen Wirten geduldet, von Witzbolden geschätzt, passierte er zappelnd, ein Hausierer seiner Verkommenheit, jene Regionen, wo Langeweile auf der Lauer lag, die er berufen schien, zu ertöten.

In den Nachtstuben und abgesonderten Räumen der Weinzimmer und Animierhäuser trieb man es ärger. Hier war man der tragischen Bindung auf die Spur geraten, die den Gescheiterten, aussichtslos verfilzt, noch immer mit der verdorbenen Lust und dem Unband seines Geschlechtes verknüpfte. Während die Sektpfropfen knallten und die Scham im Gefängnishof der Trunkenheit den Torweg verfehlte, fing der Kellner, auf gefällige Leistung erpicht, den vagierenden Bettler vor der Tür des Lokales ab und brachte ihn zu den Gästen. Die halbnackten Weiber in den Armen der Kavaliere hatten an dem verdutzten »Barönchen« ihren Spaß. Da kam es vor, daß er nach dem Genuß von freigebig spendierten Schnäpsen gegen fixe Besoldung beauftragt wurde, in Anwesenheit der gesamten Runde seine Selbstbefriedigung auf einem Teller zu verüben. Sein Röcheln, seine Entladung dienten als kostbares Gaudium. Das war die zweite Spezialität, die Blaugast zu Ehren brachte, die beim Erwachen am anderen Morgen die dürftigsten Paradiese mit Stacheldrähten verrammelte, die Kummer und unentrinnbare Qualen erzeugte.

Unter der Verandadeckung einer beliebten Brauerei, wo die berußten Akazienbäume eines versandeten Hofes stadtferne Einsamkeit und naturnahe Frische vortäuschten, traf er eines Abends mit Wanda und ihren Spießgesellen zusammen. Es waren galante Ehemänner, Konfektionäre aus den Kaufgewölben der Altstadt, die in ihrer Gesellschaft die letzten Reste des Anstands verzettelten, die sie zur Pleite benötigten. Einer von ihnen, dem das körnige Starkbier einen Glimmspan der Selbsterkenntnis entfachte, hielt den Fliehenden am Rockschoße fest.

»Sag mir, daß ich ein Schweinehund bin, Barönchen!«

Blaugast wankte. Das mühsam erschlurfte Gleichgewicht seiner kranken Beine hielt dem Zugriff des Angetrunkenen nicht die Waage, und er stolperte gegen die Tischkante. Mit trotzig zerrauften Augenbrauen schielte er seinem Angreifer in die gedunsene Fresse.

»Sei keine Memme und bekenne es munter! Nicht wahr, Barönchen, ich bin doch ein Schweinehund?«

Blaugast biß mit den Zähnen auf seine Zunge. Im Angesichte Wandas, die ihn rachsüchtig musterte, stieg Tollwut gegen den Peiniger in seine Kehle. Mit aufgeknöpfter Weste flegelte dieser auf seinem Stuhl, fletschte die windschiefen Hauer, stank nach sauren Fischen und Rettich. Geringschätzung der Kritik, die er großmaulig ansprach, machte ihn unverletzbar.

»Laßt doch den Kerl« ? zeterte Wanda gehässig, zerdrückte die Zigarette im Tümpel der Untertasse.

»Seit er sein bißchen Gehirn gegen bare Bezahlung verspritzt, ist mir der Dreckfink zu unappetitlich.«

Die Anspielung auf die Schmach, die ihn ins Grundlose zerrte, kam wie ein Peitschenhieb, scharf und gewalttätig. Ein Vorhang zerriß, Lichtgarben funkten, und Blaugast sah in die Helle.

»Natürlich bist du ein Schweinehund«, sagte er aufgewühlt zu dem Bezechten.

»Ihr alle seid Schweinepack, Hunde und Hündinnen.«

Beifallklatschen belohnte die Antwort. Aus aufgeschwemmten Bäuchen schnaufte Gelächter, brodelte Unrat herauf, war brühheiß und zähflüssig.

Nur Wanda blieb mißgelaunt, war empört und erboste sich.

»Wer bist denn du? ? Ein Kloakenprinz auf der Geschäftsreise ? Einer, der Huren die Schuhe putzt ?«

Blaugast wandte sich wieder zum Gehen. Die Auflehnung gegen verräterische Mächte, denen er hörig war, die sein Leben verunreinigten, war nur von kurzer Dauer. Die Feuerspalte, die sich vor ihm geöffnet hatte, daß die Grimasse der Existenz im Brändespiel sichtbar wurde, verengte sich wieder, um ganz zu entschwinden. Der Rücken schmerzte, und Finsternis atmete hörbar. Ein paar Tische weiter saß ein Rudel tschechischer Studenten, die ihn mit Jubel begrüßten und den Vogel verlangten. Entnervt, ein Schiffbrüchiger auf der Blanke, von Entbehrung ermattet, von hoffnungslosen Mächten geschreckt, gehorchte er ihnen und tat seine Pflicht. Der Mann, den Wanda gesprochen hatte, folgte ihm nach, kam mit dem Ohrensausen bis an den Rand seiner Seele.

»Kloakenprinz!« ? lallte er greisenhaft mit aufgequollenem Munde. Es war ihm, als hafte der Fetzen einer verdreckten Liebkosung, von achtlosen Füßen zertreten, barbarisch und sinnfremd durch die Pfütze geschleift, als Merkmal an dieser Bezeichnung.

So rollte sein Karren, aller Bremsen entledigt, in ausgetrockneten Regenrinnen, steiligen Bergschluchten abwärts. Wenn er von ungefähr den stiergewordenen Blick vom Straßenpflaster löste und in den Schaufenstern der Schiffahrtsgesellschaften die Plakate beglotzte, die mit Rauchfahnen und Musikkapellen nach vorbedachten Zielen fuhren, Alpensehnsucht und Adriabläue, fühlte er ein verkalktes Gedächtnis an einen einstmaligen Willen. Irgendein Lied, auf Mandolinen gezupft, mit welscher Lockung geträllert, stürzte den stumpfen Verzicht seines Niederganges in Aufruhr. Oder er sah sich im kühlen Gewinkel der Passagen plötzlich den Photographien gegenüber, die für ein Tanzcafé, eine Damenkneipe mit Jazzband Reklame machten, die aufreizende Weiber in allerhand Posen zeigten. Sein Kinn verlor den Zusammenhang mit dem Oberkiefer, und seine Mundhöhle klaffte. Der Brotkorb, aus dem er vor kurzem die Brosamen geklaubt hatte, die seiner Wandlung gemäß waren, verschimmelte auf dem Miste.

An solchen Tagen suchte er die Anlagen jenseits der Moldaubrücke auf, wo die abgeschiedene Stille der Parkwege einsame Vormittagsstunden verbürgte. Nur manchmal knirschte der Tritt eines verirrten Spaziergängers über den Kies. Schulmädchen hetzten mit roten Backen vorüber, die weißschwarze Tracht bleichsüchtiger Erzieherinnen schimmerte durch die Baumblätter. Blaugast stand im Schatten einer mit wuchernden Sträuchern verhangenen Biegung. Wie ein Tier, dem der mißratene Instinkt kontrollose Handlungen eingab, lauerte er hier auf Beute. Sooft das blanke Rot eines Sonnenschirmes, ein wehender Rock, ein gewürfeltes Tuch das Nahen einer Frauensperson verkündeten, trat er aus seiner Nische heraus und exhibitionierte. Mit ausgebreiteten Armen, fahl und defekt, versperrte er reglos den Durchweg. Die Flucht der Entsetzten, hysterische Angst, das Grauen vor seinem Bilde, verschafften ihm die Erlösung.

Das war das letzte Vergnügen, das der Zusammenbrechende genoß, ein Spiel aus der Unterwelt, die sich seiner bemächtigte. Das Dornenstück seines Geschicks, das Fruchtstück seiner Passion, waren willfährig aufgetan, waren reif für das Ende.

XIII

Johanna konnte die Aussprache, die sie mit Blaugast verband, lange nicht überbrücken. Da war Heilsames hochgekommen, tagscheu Erkanntes hatte sich eingeordnet, das zwischen ausgemergelten Lügen keinen Durchlaß gewährte. Sie war in der Welt, die ihr Asylrechte gab, keine Zugereiste und Fremde. Als Kind einer Kellnerin, dessen erste Gehversuche in der Obhut proletarischer Tanten gediehen, war ihr der Elternname vorerst als unwirklich aufgeplusterter Plural erschienen. Besonders der Vaterbegriff war durch die Ziffer übellaunig gezahlter Alimente ohne Restbestand teilbar. Der Neid um unerreichten Besitz, von Anleitungen beschwingt, die ihr in den Lesebuchstücken der Fibel ohne Unterlaß aufstießen, wich bald dem Besserwissen einer eingeborenen Erleuchtung. Die Verschwendungssucht der Natur, die Duftstaub und fliegenden Samen in der Bergwüste vertrödelt, die mit Gaben zur Hand ist, für die der Beschenkte nur wenig Verwendung findet, hatte sie trotzdem mit Liebe gerüstet.

Als Schulpflichtige fand sie zur Mutter zurück, teilte mit ihr die Mansarde, die ein ungepflegter Geschmack mit den Kennzeichen behängte, die unschwer als Attribute einer eingeleisigen Führung ermittelt wurden. Da waren Brennschere und Schminke, Seidenfahnen und ausrangierte Strümpfe, die aus den Zahnlücken unverschließbarer Koffer hervorlugten, Ansichtskarten und Haarbürsten. Die laxe Atmosphäre einer ungeregelten Tageseinteilung, die bei Vormittagsschlaf und nächtlichen Promenaden kein bleibendes System bezweckte, wiegte sie ein, um sie im gleichen Maße zu erwecken.

Johanna bewunderte die schöne Dame sehr, die sie im Koseton slawischer Schmiegsamkeit ihre Maminka nannte. Wenn die welkgewordene Glätte ihres verblühten Gesichts nach Toilettenkünsten sich strahlend erneuerte, erblindetes Haar den Goldfluß wiedergewann, der Stirn und Schläfen mit Schmachtlocken überrieselte, war die Tochter von diesem Liebreiz gefangen.

»Nimm mich doch mit!« ? bat sie ängstlich, eingeschüchtert durch die knisternde Pracht billig geputzter Abendmäntel, die Politur gestückelter Lackschuhe, die Silberschuppen des Handtäschchens.

»Geh schlafen, du Bengel! ? Maminka muß Geld errackern ?«

Das mußte eine feine, überaus vornehme Arbeit sein, zu der man festlich gekleidet wie zur Hochzeit im Märchen ging. Johanna lag mit gefalteten Händen im Bett, sah geflügelte Amoretten auf flaumigen Wolkenbänken sitzen und versuchte zu beten. Ganz oben, im siebenten Himmel, wohnte der liebe Gott. Milchweiße Brieftauben entstiegen der Vision, die sie bedrückte, trugen die Torheit der Menschen quer durch den Äther. Auch ihre kindhafte Botschaft war mit dabei. Neben dem Thronsessel stand der Katechet aus der Schule, hatte den speckigen Rock mit Halbmonden zugeknöpft und haschte mit einem Schmetterlingsnetz die wirbelnden Bittgesuche. Als der liebe Gott den bekritzelten Zettel Johannas in die Hände bekam, lachte er über das ganze Gesicht.

»Wenn ich groß bin, will ich werden wie Maminka. Ich will in bunten Kleidern auf die Straße gehn und Geld verdienen. Ich will das Haar waschen, bis es glänzt, und den Mund färben, bis er duftet. Jeder soll mich dann lieb haben. ? Jeder.«

Dröhnend hallte die Baßstimme Gottes durch das Himmelsgebäude.

»Bewilligt!« ? befahl er und schmunzelte.

Das Echo unendlicher Heiterkeit ging dienstfertig durch den Raum, zerschellte an Marmortafeln und diamantenen Mosaiken. Auch der Katechet mit der Schmetterlingsstange kicherte ehrerbietig, und die Blasengel in den Ecken hielten sich kollernd die rosig gewölbten Bäuche.

Das war der Schlaf der kleinen Johanna, während die Mutter in Nachtlokalen zechte und das Gesellschaftsgeld in den Strumpf steckte. Später begriff sie. Sie begriff schon als Vierzehnjährige, daß die verderblichen Wünsche immer am schnellsten genehmigt werden. Als die Maminka aus dem Spital wiederkam, siech und verhutzelt, ein schmerzlich verzagtes Weiblein, waren die Rollen vertauscht. Sie brachte der Todgeweihten und Matten fürsorglich das Lager in Ordnung, tropfte die Medizin altklug ins Wasserglas und entbrannte die Abendlampe. Vor dem dreiteiligen Spiegel, der jahrelang die Frisur und den Wangenschmelz ihrer Mutter begutachtet hatte, machte sie sich zum Ausgehen zurecht. Sie tat es gewissenhaft, ohne Gebote der herrschenden Modetracht zu versäumen. Sie zupfte die Brauenhaare, bauschte pikant eine strohgelbe Strähne unter dem Hut. Der Anschauungsunterricht ihrer Kindheit zeitigte seine Früchte.

»Gute Maminka!« ? tröstete sie.

»Geh ohne Sorgen zu Bett. Ich hole das Geld für den Mietzins.« ?

Es war Bestimmung, gegen die aufzubegehren eine fromme Geste gewesen wäre. Johanna, die der erkrankten Ernährerin ihre Bürde abnahm, waltete umsichtig des Amtes. Das Los, das sie gezogen, das die Vorsehung für sie aufsparte, wog federleicht vor dem Verlangen nach Reinheit. Einmal noch faßte sie Herzleid an, dampfte als Blutrauch vor ihren Augen, wischte den Kohlenstift von den Wimpern und den entzündeten Lidern. Als ihre Mutter im Wagen davonfuhr, als man sie draußen bestattete, eine schamvoll zerstückelte Leiche. Da hatte sie die Fingernägel in das Handfleisch gekrallt, uneins mit sich und der Schöpfung. Aber das Schwestergefühl mit der Welt, der kläglich zerrupften Welt ihrer Maminka, überdauerte ruhmlosen Tod, kam vor dem Grabhügel nicht zu Falle. Die Verwaiste fand Festigkeit. Etwas, das unaussprechlich war, ein wehes Gespinst, ein unbefriedigter Glaube, luden ihr Nachfolge auf, die sie getreulich auf sich nahm.

Die Unterredung mit Blaugast hatte sie mehr als erschüttert. Die Weglosigkeit dieses Gefährten, der mit Phantomen zerstritten war, rührte an ihre Fürsorge. Die Wildnis, die ihn umzingelte, war ihr vertraut, fügsam und untertan. Als sein Hilferuf aus der Ferne kam, vom Gebell der Dämonen erstickt, lag berghoch verbrauchtes Tun zwischen ihnen. Da Wanda sie abwies, blieb sie die Hüterin, die den Ausgeglühten und Stumpfen nicht aus den Augen verlor. So war es kein Ungefähr, das sie im Dunst einer verqualmten Kaffeeschänke mit dem Entmenschten zusammenführte. Die Regie seiner lästerlichen Künste, die hier einem Publikum befuselter Taschendiebe und homosexueller Friseure die Nachtstunden kürzte, schlug sich als Absud jener Bekenntnisse nieder, die Wanda mit ihren Lustweibern im Bunde genäschig gewittert hatte.

»Blaugast, was tust du?« ?

Geisterhaft, wie die Rute des Kometen, streifte ihn ihre Anrede und entmannte ihn. Sein schweißiges Hemd war unter dem Halse zerrissen, gab den bleigrauen Schmutz seines Brustkastens preis. Er hob den Blick, der unstetig irrte.

»Willst du mir wieder von Würde sprechen?« ?

Er wies sein geschwärztes Gebiß, bösartig wie der Affe im Käfig, den die Gaffer mit Späßen ärgern. Der Speichel, der ihm die Zunge beizte, sein lehmiges Zahnfleisch wässerte, entwich als gespritzter Strahl seinem Mund und beschleimte ihr Kleid. Er spie sie an, entfesselt und schonungslos, und die Frage, die er ihr stellte, war von Abwehr gepeinigt. »Was willst du von mir? ? Was hab ich mit dir zu schaffen?« ?

Die strafende Blässe ihres Gesichtes erregte ihm Ekel. Er riß sich hoch, bohrte die Fäuste in seine Augen, schrie auf und kämpfte mit dem Erbrechen. Der Rücken, der als gekrümmter Ballast unter den Rockfetzen hing, zog ihn zur Seite. Ein Garderobeständer fiel krachend um, sein Schienbein, vom Blut besudelt, brannte wie Feuer. Blaugast entfloh. Ein Schauspieler seiner Schande ruderte er die Wände entlang und erreichte die Tür. Furcht vor dem Augenblick, wo ihm Besinnung zurückkäme, beschleunigte seinen Rückzug. Er ließ den Lohn seines Niedergangs, die Geilheit absurder Genießer, den Applaus der um Kehricht Geprellten im Stich und entwich auf die Gasse.

So verlief die Begegnung zwischen ihm und Johanna in Widerlichkeiten. Diese war stumm, von Betrübnis ermüdet, mit schweren Gliedern zu Hause gelandet. Ihr ungeselliges Zimmer, der Plunder aus Maminkas Tagen, ihr Bett, das unzweideutig bereitstand, empfingen sie kärglich. Das grämliche Licht der Bogenlampe beim Fenster glitt kraftlos über die Wand, nach der sie sich kehrte. Etwas, das goldschön geworden wäre, kostbares Karawanengut, das der Sandsturm bestäubte, lag trotzdem als heimlicher Hort unter den Dünen. Der Held, den sie einmal in Treue erfaselt hatte, der Buhler und Eremit ihrer Träume, war unter die Räuber gefallen. Nackt und geknebelt saß er im Brennesselkraut, Raupen und Ohrwürmer krochen ihm über die Augen, verlaufene Hunde kamen und leckten den Aussatz aus seinen Wunden. Vor Jahren besaß sie einmal ein Buch, das sie verstohlen beim Einschlafen kostete. Es war ein Roman aus der Türkenzeit, wo Templer bei Femegerichten das Urteil verlasen, mit Rosenkranzbannern und Morgenlandritten bevölkert. Der mit dem silbernen Stern auf dem Panzer, dem Haß und Verruchtheit die Flanke zerfleischten, war er nicht Blaugast gewesen? Wie Perlen auf Blutsamt fühlte der Name sich an, als sie in Wandas geschändeter Stube seinem Klang widerstrebte.

Johanna entschlief. Das Pflänzlein der selbstgewählten Pflicht, das ein seliger Windstoß in ihre Verlassenheit blies, trank gierig die Tränen auf, die sie um ihr Erlebnis weinte.

XIV

In der Nähe der Teynkirche, eingekeilt zwischen den Mauervorsprüngen lichtarmer Stadtreste, die der Gleichmacherei pietätloser Assanierungsreformen bisher entgangen waren, hatte Schobotzki einen Kramladen gemietet. Es war ein Maskenverleihgeschäft, das hier im Schatten mittelalterlicher Gesimse betrieben wurde, äußerlich durch das verglaste Auge eines erbärmlichen Schaufensters kenntlich, wo steife Perücken, Schnurrbärte unter verquetschten Papiernasen und die Blechschuppen einer verrosteten Rüstung den Kundendienst ansagten. Auch im Innern des Raumes war die Auswahl nicht weiter beträchtlich. Da gab es Uniformblusen mit durchgescheuerten Spangen, verbeulte Militärhelme, Roßschweife, die der Zahn der Zeit ohne Nachsicht zerpflückte, Halskrausen und Spaniermäntel.

Im Fasching, wenn die Redouten auf der Slawischen Insel, der Handschuhmacherball und das Schürzenkränzchen den Domestiken der angerainten Neugasse Gesprächsstoff beim Biereinholen und gespannte Erwartung eingaben, herrschte hier etwas wie Hochbetrieb. Dienstmädchen und Kochmamsellen ließen sich Bauerntrachten und pikante Verkleidungen vorlegen, und der räudig gewordene Schrankspiegel gegenüber der Eingangstüre bunkerte ein paar Wochen lang die Profile gebräunter Zigeunerinnen, schnippischer Rokokodamen ins Halblicht. Schofföre und Hausmeistersleute, die am Festabend hier einkehrten, verließen als Räuber vermummt die ausgetretene Schwelle. Kuhjungen huschten durchs Gäßchen, die ihre Reitkünste im Hippodrom erworben hatten. Die Pistolen im Gürtel, die längst nicht mehr losgingen, steigerten ihre Männlichkeit, lenkten den Sinn auf Freiheit und Abenteuer.

Frühjahr und Sommerzeit waren tote Saison. Niemand kümmerte sich um die Schätze, die Willkür hier stapelte. Nur die Straßenkinder, die im Bezirk ihren Unfug verübten, äugten mit Neugier durch die verregnete Scheibe. Schobotzki vermerkte den lahmen Geschäftsgang, den lächerlich schmalen Ertrag des Unternehmens mit Gleichmut. Der Mottenzauber, den seine Rattenfalle beherbergte, verblichener Tand aus Großvaters Tagen, Biedermeierkostüme und Pappendeckelgespenster, waren Attrappen für wohlfundierte Profite. Im Schubfach des Pultes, das an der Seitenwand neben dem eisernen Ofen postiert war, knisterten die Papiere. Sorgsam geglättete Akzepte, verschmitzte Schuldscheine waren darunter, die, mit Datum und Unterschrift gefertigt, geduldig der Dinge harrten, die textgemäß kommen sollten, unfehlbar kamen. Der abgestorbene Sums, der in den Ecken sich spreizte, labyrinthischer Tummelplatz für Ungeziefer und Mäuse, gab den Verträgen, die unter der Gasflamme getätigt wurden, nur die Visage. Schobotzki, der in der stickigen Luft der Gerümpelkammer die ungebärdige Springflut des Lebens für seine Privatzwecke einfing, hatte für Eingeweihte und Kenner vertrauliche Besuchsstunden eingerichtet. Mit der Miene des Wohltäters, der das Ungemach seiner Kundschaft gütevoll aus der Froschperspektive beurteilt, prüfte er Prozente, griff würdig Befundenen mit Kredit unter die Arme. Die weitverzweigte Gebarung, die erkleckliche Zinssummen abwarf, die hinterlistige Beamte und Schauspieler rupfte, waren mehr als Routine, mit der ein Leisetreter und Schleicher nach Reichtümern fischte. Es war die Freude, die ein bankrottes Gemüt vor dem Verhängnis erfaßte, das aus der Taufe zu heben, dessen Weg zu bereiten, Bedürfnis und Wunschgabe schien. Schobotzki ging an verdächtigen Skrupeln vorbei, ohne die Zaunnägel zu beachten, die seine Haut nicht ritzten. Ein Liebhaber seines Metiers, war er der Meister ausgewitzter Gebräuche, ein Treiber, der wildgemacht durch den Blutdunst der Fährte, das Verenden des Jagdtiers mit Wohlgefallen genoß.

Hie und da drang das Gerücht verbotener Abschlüsse an die Öffentlichkeit, die durch den Ruin eines Kaufmanns, den Zusammenbruch eines Spekulanten alarmiert worden war und die rasche Folge der Krisen vergebens nach Anlässen absuchte. Ein Zeitungsbericht meldete den Freitod eines Bankangestellten, der in weitesten Schichten als Muster der Pflichterfüllung galt. Ein Industriedirektor vergiftete sich mit Veronal. Die Spuren dieser Begebenheiten waren von kundiger Hand verwischt, verliefen abseits der Flüsterkanzlei in Schobotzkis Gewölbe im Wesenlosen. Die Lücken salopper Gesetze waren gefügig genug, um sie mit Vorsicht zu erweitern, diskret zu verhüllen. Der Nutzen, den er aus solchen Kenntnissen zog, erwies sich als schmackhaft und sehr ergiebig. Er ermöglichte ihm den Spesenaufwand, den sein nächtlicher Sportsgeist beanspruchte. Er nährte die Mitläufer seiner Exzesse mit kaltem Aufschnitt und Frühstückssuppe, bezahlte den Sekt, der berufen war, die Kobolde seiner senilen Verlumptheit zu tränken.

Im Tiergarten Gottes war der trinkfrohe Maskenverleiher ein ungemein rares, höllisch gesalbtes Exemplar. Mit Zahlkellnern und erotischen Schiebern verbündet, legte er die erwucherten Gelder im Tresor einer Laune an, die rätselhafte Ausschweifungen der Psyche, fatale Kombinationen ins Joch spannte. Ein Kostgänger des Unglücks, wußte er seine Kreaturen traumwandlerisch aufzuspüren, naive Genußfelder mit Heimsuchungen zu befruchten, den Hautgout zu pfeffern, der seinen Gaumen befriedigte. Der Selbstmord der Drohnen, die vor der Verarmung den Reißaus nahmen, die Brunst der Entarteten waren das Tafelobst, das ihm zusagte. Die Ackerfurchen feiger Gedanken zersägten die Stirne, wo Arges sich ballte, die von Rabenschwingen umschattet wurde.

In den Nestern des Nachtgeflügels, wo aufgetakelte Eulenbrut mit Fledermaustöchtern und Dilettantinnen des Vampbegriffs um die Wette schmarotzte, war seine Person von der Glorie umwölkt, der einem gefügigen Aberglauben als Kult überwiesen wurde.

Die Generation jener Lustamazonen, die, lange vom Schauplatz abgetreten, als Aufwäscherinnen bekotzter Aborte mit der Wonne der Gegenwart nur mehr durch ihre Exkremente Befassung behielten, kannte Schobotzki aus ihrer Glanzperiode. Das Andenken, das sie bewahrte, war hinterhältig gesiebt, mit Vignetten des Abscheus bekleistert. Es waren manche darunter, die er vor Torschluß erniedrigte, als die Furcht vor der Ablösung keinen Widerspruch zuließ. Noch jetzt, wenn er im Nebenflur der separierten Verschläge, die vor Schankverboten und Sperrschluß stillschweigend gefeit waren, einer gebückten Gestalt mit dem Scheuerkübel begegnete, schwellte der Hochmut des Siegers sein joviales Organ, Edelmut war nicht der Artikel, den er im Lager führte. Der Witz, den er der Häßlichen nachrief, klang wie das Berlicke-Berlocke aus Faustens tragischem Puppenspiel in den Ohren.

Stimmung und Wohlbefinden der Truppen, die er befehligte, die das Panier seines Vergnügens als Söldlinge verteidigten, wurden gewissenhaft rapportiert, wenn sein knochiger Kopf über den hochgezogenen Schultern im Rahmen der Drehtür erschien. Die Manager und Kuppler aus Profession, die verschmutzte Serviette unter die Achsel geklemmt, die Front ihrer Frackhemden wie Ordensträger mit gelben Kaffeeflecken beferkelt, neigten die haarlosen Schädel vor seiner Vollmacht.

»Eine Neue ist angekommen. Rassig und doppelprima. Dabei holde Provinz ?«

Vertraulich gebückt, schnodderig gönnerhaft, notierte der Stammgast den Steckbrief.

»Wo ist das Kalb? Was kann sie? Hat sie Talente?«

»Dort hinten die Braune. Knapp fünfzehn und einen Monat.«

»Ich kann es mir denken. Ein Kind, mit Locken zwischen den Beinen.«

Dann, aufflackernd, gierig:

»Ist sie schon angesteckt?«

»Garantiert angesteckt!« ? dienerten schweißig die Glatzen.

Schobotzki wußte Geschlechtskrankheiten seiner Komparsen feinschmeckerisch einzuschätzen, diabolisch zu nützen. Die Jünglinge, die ihm ins Garn liefen, die er gutmütig aufgekratzt mit Weinbrand bewirtete, waren Objekte seiner Schrulle, das Mißgeschick teilhabend auszukosten. Im Morgengefröstel, im Kreise bekohlter Mittelschüler, die dem spießerhaften Konzept ihrer Tanzkurse entlaufen waren, um in der Bar ihren lebemännischen Stil in seiner Gesellschaft zu stärken, schlug die erlauchte Stunde.

»Noch eine Runde zum Abgewöhnen« ? bestellte er durch den Kellner und prahlerisch, onkelhaft durch die Zähne gezischt:

»Und eine Dame mit Lues!« ?

Ein problematischer Held heikler Gelegenheiten, ein Heros der Kuriosität, ein Gehilfe der Fäulnis prägte Schobotzki dem Nachtbild der Stadt seinen Stempel auf. Wo Unheil geerntet wurde, verharschte Wunden neuerdings aufbrachen, hysterische Weiber über verschimmelten Nöten flammten, war er zur Stelle. Die Beichte der Defraudanten, die nach dem letzten Schnaps die Polizeistube aufsuchten, um ihre Geständnisse loszuwerden, die Seufzer der Schwätzer, die den Bockmist ihrer Verzweiflung vor betrunkenen Scherzbolden auspackten; waren ihm lindernder Balsam. Er kannte die Stege des Paroxysmus, wo ein Wort, ein Zuruf den Absturz bewerkstelligten, und trottete als geduldiges Maultier hinterdrein. Eifersucht, schrilles Bekenntnis, Aasluft sättigten seine Sinne. Abtrünnige der Liebe, Kokotten, die aus Keuschheit mit ordinären Geschichten großtaten, Konfuse und Träge blieben an seinem Tisch hängen. Die Last des Kreuzes, das jeden bedrückte, war der Gradmesser seiner Freundschaft und seines Respektes.

Daß es nicht Zuneigung war, die ihm nachlief, betrügerisch grinste, wenn in der Tiefe des Rockfutters seine lederne Brieftasche himmelte, konnte das Rechenexempel nicht trüben. Gemeine Furcht, habsüchtige Unterwürfigkeit leckten an seinen Fußstapfen. Aus undicht gewordenen Fugen tröpfelte klebrig die Nachrede, ging den Quellen seines Verdienstes nach, deckte den Unflat seines Charakters mit einem notdürftig geflickten Fluche. Da war keiner, der gegen ihn den Finger hob, dem Mäzen der Bazillen den Schlachtplan verpfuschte. Sein Geld behexte die Rechtschaffenheit, Freßlustige und Verseuchte meldeten sich als Anwärter seines Dienstes. Nur unterirdisch, in den Krebslöchern der Reue, der unausgeschlafenen Nervosität, raunte Empörung. Und es war wohl ein Vorstoß seiner heimlichen Deserteure, der die Vorfälle zeitigte, die unvermutet seinen Nimbus durchlochten, mit Nadelstichen, verkappten Manifesten gegen ihn wiegelten, die Anmaßung seines Primats durch Bubenstreiche verletzten. Getarnte Verfolgte, hartnäckige Gegenspieler kündigten über Nacht ihre Anwesenheit an.

XV

Es begann mit den Schmierfinkereien, die grell und herausfordernd über den Rolladen gepinselt wurden, der den Trödlerspuk über Nacht abschloß. Brennrot und ungelenk waren die morschen Eisenrippen am Morgen mit Buchstaben besudelt. Aus dem Lacktopf eines Verschwörers entbunden, prangerten sie die Gesinnung demagogischer Ankläger an, gleißten kritisch im Frühnebel. »Schobotzki ist ein Esel« ? behauptete sachlich die Schrift, und die Bewohner der Gasse hatten am aufreizenden Stil dieser Kunde ihr helles Vergnügen.

Als der Besitzer, ärgerlich über den Ausgang einer beim Kartentisch verzettelten Sitzung, um die Vormittagsstunden mit dem Schlüsselbund anrückte, stauten sich Schaulustige vor dem Geschäft, Straßenjugend und Weiber, die den famosen Jux der Reklame anerkennend beschnatterten.

Schobotzki stutzte, als er die Ansammlung sah, las und blähte die Nüstern. Krachend schnappte die Schutztüre in die Schienen, und der zaudernde Schwarm verlief sich. Spiritusflasche und Lappen beseitigten nachher das Übel.

Daran wäre nun weiterhin nichts Bemerkenswertes gewesen. Genietat und Rachewerk eines rotznasigen Lehrlings, dem die Existenz des Verulkten unbequem in die Quere trat, der nach verrichteter Arbeit geräuschlos verduftete. Aber es war nur der Auftakt einer Folge von Nichtswürdigkeiten, die planvoll entworfen zum Kesseltreiben entarteten, zum spitzfindigen Kleinkrieg unsichtbarer Bedränger. Lästiger Unfug, erfinderische Verhöhnung hörten nicht auf, mit ihrer Leistung zu trumpfen. Da hatte ein emsiges Messer auf dem Firmenschild neben dem Eingang das Fehdewort »Schweinkerl« verewigt, daß man genötigt war, die Tafel abzuschrauben, um den Schimpf zu vernichten. Da brachte der Postbote anonyme Karten und Briefe ins Haus, die mit ehrenrührigen Titeln gespickt waren. Eine Nachnahmesendung, gutgläubig ausgelöst, förderte aus der Umhüllung verlogener Seidenpapiere abgeschnittene Fingernägel und Schamhaare ans Licht. Oder ein Inserat in der Tagespresse nannte in eifrig gesperrten Lettern die Adresse Schobotzkis, der schadhaft gewordene Gummischläuche, Leibschüsseln und Klystierspritzen zu Phantasiepreisen kaufe. Das Resultat dieses Schachzugs war die Zusammenrottung erregter Verdienerinnen, die in Markttaschen und Handkoffern den Bodenkram anschleppten, der im Anzeigenteile des Sonntags so lebhaft begehrt wurde. Es kostete Mühe und strikte Zurechtweisung, den Entrüsteten klarzumachen, daß Angebote der bezüglichen Fechsung, auch wenn sie durch Druckerschwärze verbreitet werden, nicht allenfalls zur Erfüllung verpflichten. Der Tumult der Enttäuschten, der vor dem Lokal des Gefoppten rumorte, erzwang die Zwischenkunft der Behörde, die gekränkte Gemüter mit dem Knüppel kurierte.

Der Aufsitzer mit der Notiz, die ein Unbekannter ohne Anrecht und Auftrag ins Morgenblatt schmuggelte, blieb übrigens nicht vereinzelt. Bald waren es Katzenfelle, dann ausrangierte Gebisse, die Schobotzki erwerben wollte, oder er stellte entgeltliche Übernahme von Bruchbändern und abgelegten Bauchgürteln in Sicht. Als den kulantesten Zahlort für unverwendbaren Schund verriet der Werbeanhang der Zeitung seine genaueste Anschrift. Lebende Hunde ohne Rücksicht auf Größe, Rasse und Temperament wurden in seinem Namen gesucht. Kostenlose Verpflegung von Kindern, Umtausch abgespielter Grammophonplatten für neue, Verwertung alter Rasierklingen wurden ihm unterschoben. Unsinn und alberne Zänkerei, Lärm und Geschwätzigkeit raubten ihm plötzlich die Ruhe.

Dann, als Gefahr im Verzuge war, ein Detektivbüro nach dem Störenfried schnüffelte, änderte dieser die Taktik. Die weithergeholten Umwege einer verdeckten Belagerung gaben handgreifliche Argumente frei. Pflastersteine, zersplitterndes Glas, bösartig gezielte Geschosse leiteten einen Überfall ein, dessen Urheber nicht zu erforschen waren, der ortskundig fortgesetzt wurde. Ein Patentgitter, mit erheblichen Kosten montiert, war ein spinnwebiger Wall vor den Schädlingen, die unverdrossen am Platz blieben, in unbewachten Minuten, geschützt durch die Mitwisserschaft der Gasse, gegen Schobotzki vorgingen. Dieser setzte der feindlichen Sturzflut, der Beschädigung seines Eigentums, dem Angriff imaginärer Schleudern kalte Verachtung entgegen. Die Parole, die gegen ihn wühlte, mit kleinlichen Stänkereien dem Vormarsch voraneilte, wurde an seinem Trotz zuschanden. Um so befremdlicher schien es, daß sein schweigsam gewahrtes Gesicht durch ein Mittel den Stoß erhielt, das nichtsnutzig, unschön und wenig rühmenswert vom Ungeist der Quäler ersonnen wurde.

Jedesmal, wenn er verkatert, den Belag seiner nächtlichen Trinkübungen auf der Zunge, vor der Tür innehielt, die den Unterschlupf seines Betriebes sperrte, war seine Schwelle widerwärtig besudelt. Vorsichtige Schelme, die das Erwischtwerden scheuten, Spione und Fahnder anstelliger Legionen vollzogen hier ihre Notdurft. Was die Manöver der Mißgunst, geschärfter Verstand und Harlekinskniffe nicht erzielten, gelang dem plumpen Trick eines Hassers, der auf bewährte Gepflogenheiten zurückgriff. Schobotzki schäumte. Sein Unmut, durch wochenlange Beherrschung gedämmt, entwich als Dampf und Raketengeprassel ins Freie. Das Lindenblatt, das den gehörnten Siegfried fällte, hatte ein Blindschuß gefunden. Die Drahtzieher der Geländespiele, die seine Einkreisung bezweckten, konnten den ersten Erfolg der Bemühung buchen.

Die Wirkung dieses Versuches erheischte die Wiederholung. Der Generalstab der Bündler, immer darauf erpicht, der Besonnenheit ihres Opfers das Wasser abzugraben, nützte den Vorteil in einer Weise, die von bürgerlichen Bedenken wenig beeinträchtigt wurde. Auf dem Gehsteig des Hauses, das den Verfemten beherbergte, wurde der Wust der Fäkalien eine ständige Einrichtung. Schobotzki nahm einen gefälligen Krüppel in Sold, der irgendwo in der Nachbarschaft als Mitmieter untergekrochen war und den die Gemeinde bei Schneefall und Kotplage als Straßenkehrer beschäftigte. Mit Schaufel, Besen und Sandbüchse versuchte der Einarm sein Bestes. Aber der Witz der Verfolger, die Bereitschaft der Unentwegten, waren flinker als seine Dienste.

Die Kontrolle der Polizei, die behutsame Kunst bezahlter Kriminalisten versagten vor diesem Ereignis. Achselzuckend die eine, ruhmrednerisch und gemächlich die zweite. Schobotzki verzichtete unverzüglich auf beide, um aus eigenem Ermessen zu handeln. Der Straßenladen, den er bisher als Erfüllungsort seiner Machenschaften und als Kanzleiraum benützt hatte, diente ihm nun als Schlafstatt. Auf einer Matratze, immer am Sprung, den Missetäter zu fassen, aufgerüttelt von jedem Geräusch, das draußen sich regte, verbrachte er angekleidet die Nächte. Schritte, halblaute Stimmen, das Gemurmel undeutlich geführter Beratungen hänselten seine Wachsamkeit. Der Spazierstock eines Bezechten schepperte über das Pflaster. Dann sprang er auf, warf die wollene Decke beiseite, ließ den Schließhahn knacken und öffnete. Die Nachtluft drang kühl und gefräßig in seine Klause, die Gasse war einsam und menschenleer. Strichregen kamen und näßten seine verwilderten Haare. Mit einem Schimpfwort sicherte er wieder den Riegel, stieg in den Fuchsbau zurück und wickelte sich in sein Bettzeug. Vor Unruhe schnaubend, die ihm die Atemnot eintrug, verfiel er in eine Betäubung, die bis zum Tageslicht dauerte. Wenn er dann steifgefroren durch den Kopfschmerz erwachte, aufgebracht durch die Versäumnis, die uneinbringlich vertan war, zog der Gestank der Bescherung schon durch die Ritzen der Rolltür.

Ob es ein Zufall sein konnte, der den Groll dieser Dinge auf Blaugast ablud, ein Mißgriff der Mächte, die an der Schwachheit des Wehrlosen ihr Mütchen kühlte, ist schwer zu ergründen. Es gibt Zusammenhänge, die der Betrachter nicht übersieht, Senkgruben der Bestimmung, duckmäuserische Verkettung des Weltlaufs und seiner Schablone. Vielleicht hatte die Ahnung des Furchtbaren seinen Schritt gelenkt, das ihn zum Spott der Gefallenen auslas. Vielleicht war er ausgedörrt und betrogen, verpestet vom Gram eines Augenblicks in die Gasse geraten, wo der Verbiesterte auf der Lauer lag, ein unpersönlicher Wicht eben sein Meisterstück lieferte.

Knatternd fuhr rostiges Eisenblech in die Höhe. Schobotzki, bissig und wüst stand groß vor dem Zitternden. Daß ein Enteilender um die Ecke bog, ein lästerndes Grußwort kläffte, kam für die Vollwertigkeit seiner Vergeltung kaum in Betracht. Die Freude an dem gelungenen Fang durfte ein Irrtum nicht vergällen. Hager, mit angestrafften Sehnen langte sein Geierarm nach dem Entsetzten.

»Hab ich dich endlich, du Schuft!«

Die Schläge, die hageldicht fielen, das mürbe Fleisch von den Knochen schlugen, mit Striemen und blutig geäderten Beulen befleckten, nahm Blaugast noch aufrecht entgegen. Wie der Gekreuzigte auf den Gemälden ekstatischer Niederländer hing sein zerknitterter Leib am Pfosten der Morgenfrühe. Schlaff und zerschunden baumelte der mißhandelte Kopf, bis er am Kinn eine Stütze fand, kraftlos verharrte. Der Zahn, den Schobotzki gegen ihn knirschte, seine wölfische Gurgel waren das Letzte, das ihn erschreckte, das er umsinkend wahrnahm. Ohnmacht umfing ihn, löste den Harn des Vertierten, den Schuldspruch der Einbekenntnisse, aus, die ihn zerstückten. War es ein Nordlicht, das prangend am Himmel erschien? ? Ein Meteor, das verpuffte? ? Das Antlitz Gottes hinter dem Dornbusch? ?

Er wußte nicht mehr, wie der Gewaltige über ihm sein Genick umklammerte, sein willenlos aufgelöstes Gesicht in den Greuel hineinstieß, der Nasenlöcher und Gaumen verklebte, untilgbar aufquoll, schlammig verweste.

XVI

Es muß nicht immer das holde Gefunkel sein, das für die Glücklichen da ist. Die Erde, auf der wir leben, wo es verwegene Hoffart gibt, Spiele und Traurigkeiten, verzärtelte Puppen, die modeblond in vornehmen Kutschen liegen, Mörder und Schmetterlinge, Herbstrosen und ungewaschenen Hunger, hat Höllentore und Himmelreiche. Da wächst kein Heckenzaun, der das Leid von der Seligkeit sondert. Da wohnen Vereinsamte mit Gebenedeiten unter einem Dach. Da brennt das Kohlenbecken des Fegefeuers an der Pforte idyllischer Häuser, Weinlaub verglüht an den Mauerwänden, die von meineidigen Seufzern widerhallen. Aber das, was man Liebeslust nennt, ist unausrottbar und allen gemeinsam. Auf zerstampftem Acker sprießt es als keimfrohes Hälmchen, es girrt unter Tränen, flattert als schämig verschmutzter Brokat auf dem Firste der Hoffnungsfremden.

Johanna hatte nur einen Streifen, Gottvaters erbärmlichen Rockzipfel in den Händen, als sie im Flurzimmer über der ausgetretenen Treppe ihren Beruf erkor. Sie erfuhr dasselbe, was den anderen Frauen zustößt, die im Revierfeld der Vogelfreien die Blütezeit ihres Körpers ausbieten. Gezischel der Überheblichen, Verdummung der Gütelosen rieben den Maulkorb an ihr. Das Ghetto, in das man sie bannte, schien eine mißliebige Heimat. Und doch besaß sie ein unberührbares Eigentum, das sie besonders verwaltete. Der Genieblitz des Ewigen vergoldete ihren Verdienst, gab den Blechkronen ihrer Verzückung einen geheiligten Schimmer. Wenn der Pupillenstern hilfesüchtiger Knaben im Traum des Genusses verging, Männerlippen sich wölbten, die Kreatur in ihrer Umarmung zuckte, war sie die Mittlerin zwischen ihr und dem Chaos. Der Zwang, von dem sie lebte, der über den Stiegengang tappte, herrisch oder beklommen an ihre Kammertür pochte, war unausweichliche Nötigung. Johanna ertrug ihre Lasten mit Milde.

Schuldlose Hände zerrten an ihrem Kleid. Sie schlüpfte aus ihrem Fähnchen, legte es schüchtern über den Stuhl, ließ das Achselband ihres Hemdes fallen.

»Bist du gierig nach meiner Brust? ? Du lieber Mann, komm doch. ? Hier bin ich.«

Und das Erröten des Freudenmädchens, das sie als Kind vor dem Spiegel der Mutter erlernte, stand versöhnlich über dem Augenblick, begrub die Scham der Geschlechter.

Widerwillen und heimliche Feindschaft, die als Mehltau auf solchen Beziehungen liegen, waren bei ihr nicht vorhanden. Sie wurden vom Übermaß erstickt, mit dem sie die Bindung einging, von der Preisgabe eingekellerter Sühne. Der Golfstrom ihrer Barmherzigkeit floß warm um gefahrvolle Kontinente. Gezeichnete und Piraten fuhren in sein Gewässer ein, hißten die Flagge und kenterten. Wenn Johanna an die Versklavten geriet, die knechtisch im Kreise gingen, die Außenseiter und Willenlosen, war ihre Haltung am lieblichsten.

Da war der Stille mit dem umränderten Blick, der ihren Schoß, ihr Gesicht mit Ruß beschmierte, melancholisch verweilte, grußlos den Abschied nahm. Das Geld, das er auf die Kommode legte, war die Rechtfertigung seines Tuns, stillschweigende Erklärung und Wiedervergeltung. Da war der Bärtige mit den verblichenen Schläfen, der im verknoteten Taschentuch einen Frosch zu ihr brachte, den sie entblößt, nur mit Schuhen und Strümpfen bekleidet, mit dem Absatz zertreten mußte. Einer hatte ein seidenes Tüchlein bereit, das er mit goldenen Nadeln an ihrer Haut befestigte. Dann riß er es los und das blanke Blut, das als Bächlein aus ihren Wunden spritzte, war Labsal für seine Küsse. Johanna ließ alles mit sich geschehn. Die wählende Bitte der Kinderzeiten war in Erfüllung gegangen. Sie war geworden, wie Maminka war. Im Wind der Straße bog sich ihr bunter Hut, ihr Haar roch nach flüssigen Blumen. Daß Verantwortung bei ihr ruhte, daß der Ratschluß des Weltplans widersinnig und unkeusch ihr Lager verwirrte, war nur ein Schatten, den sie verscheuchte. Mit der Hoheit der Wissenden blieb sie unbestechlich und edel, wenn ein Unfreier vor ihr kniete, den ihre Strenge beglückte. Mütterlich gab sie den Einflüsterungen nach, die in der Heißluft überhitzter Maschinenräume den Atem verloren. Großäugig und gerecht empfing sie den Mann mit der Peitsche.

Woran die Gepflegten, im Bürgersinn Eingehegten zeitlebens vorübergehen, was die Guten und Vielgewandten, die mit den Mutterpflichten und mit dem unbescholtenen Schild im Kartenhaus ihrer Sorgen niemals erkennen, trat als Geschenk vor sie hin, das sie unterwürfig bewillkommte. Sie sah ihrem Herrgott über die Schulter, der sein Geschöpf mit Skorpionen züchtigte. Pulse dröhnten wie Schmiedehämmer. Trockenes Erdreich zerklüftete sich über erloschen geglaubten Vulkanen. Es war nicht leicht für eine, die mit der Laterne auf nachtfremde Suche stieg, sich darin zurechtzufinden. Oft war es dunkel um sie, und sie weinte.

Was mit ihr und Blaugast vor sich ging, war unkündbar und trug keinen Namen. Sie hatte die Runenschrift seiner Narkose entziffert, hüllte sich witwenhaft schmerzvoll in sein Vertrauen. Oft sang es in ihr, wie die Melodie eines Kindes, das auf zugigen Stoppelfeldern seinem Papierdrachen nachblickt. Dann strich sie das Stirnhaar zurecht, sah sich in ihrem Zimmer um, und das Preislied verstummte. Sie hatte Mühsal, Angst und Erbitterung auf ihre Schultern genommen und durfte an solche Sachen nicht denken. In dem Buch, das die Lampe der Mädchenjahre bestrahlte, war von Sternen die Rede gewesen, Trabanten und Monden, die um das Gewimmel der Erdenmenschen kreisen, es unwiderruflich verflechten. Ihr war der Befehl und die Gabe zuteil geworden, bezahlte Sprüche zu lispeln, Labyrinthisches zu beschwichtigen, Gebrandmarkte in ihrem Bett zu empfangen. Ihr kam es nicht zu, sich vom Weg zu entfernen, das Öllicht zu putzen, das für die Unbemakelten da war.

Das Angebinde, das eine Fee in der Wiege zurückließ, das wie Geschmeide blinkte und schämig behütet wurde, stand mit Gesetzen im Widerspruch, die ihresgleichen befolgten. Es schien paradox und dennoch unverrückbare Wahrheit. Johanna, das Straßenmädchen, hatte als Talisman ihrer Existenz die Treue mitbekommen. In der Nothilfe ihres Weibtums, in der Flucht der Erscheinungen war sie das Bleibende. Sie war der I-Punkt auf dem Gefüge der Buchstaben, im Kaufbrief der Illusionen, die sie verschleißte. Sie war die Losung, an der sie festhielt, das Tabernakel in der Kapelle, das Licht auf dem Leuchtturm. Es war ihre Treue, die an Blaugast herankam, unbesehen am Werke blieb, als der Boden zurückwich, als er von keinem beschirmt in der Gemeinschaft der Lebenden der Letzte wurde.

Das war wie im Krieg, wenn die Marschkompanie unter Jubel und Tücherschwenken zum Bahnhof aufbricht, um an die Front verladen zu werden. Da schmettert das Horn, Blumen winken aus allen Fenstern, und die Soldaten singen. Vorn auf bebändertem Roß reitet der schöne Offizier. Sein junges Weib, wundgeküßt von den Liebkosungen der Hochzeitsnächte, ist zwischen Neugierigen eingekeilt, zwischen Müttern und Schwätzenden. Sie kann den Herrlichen nicht erreichen, so sehr sie die Arme streckt. Ihre Zunge ist lahm, aber der Stolz fackelt lichterloh, wie das Feuer aus der Öffnung seines Gefäßes. Und als sie ihn wiederbringen, nach Monaten der Verheißung, nach Jahren, versumpft im Gestank der Latrinen, verkauert im Unterstande, ist es kein banger Krüppel für sie, kein formloses Fleischstück aus dem Schlachthaus der Ungnade. Die Flamme ist wieder da, die damals beim Abschied fieberte. Spuk und Prothesenschreck gehen himmlisch in Rauch auf. Der Sieger ist wiedergekehrt, das Urbild der Sehnsucht, der Held auf dem Pferde. So war es Johanna zumute, wenn sie an Blaugast dachte.

Einmal hatte sie ihn erkannt, wie er umringt von der Nemesis, mit dem Schuppenpanzer und dem Orden vom Vlies sein Angesicht nach ihr wandte. Einmal war Totes lebendig geworden. Ein Tor hatte sich aufgetan, ein Sturmstoß die Glieder geschwächt, daß ihr beinahe die Knie brachen. So war es geblieben. Zwar ward es ihr schwer, dem Fingerzeigen des Unfugs nachzugehn, der ihn zermalmte, die braches Land, vermaledeite Winterfelder wiesen. Die Radspuren seiner Erniedrigung waren im Unkraut eingebettet, unter Ackerwinden und Riedgräsern eingefroren. Die Indianerlist seiner Verderbnis machte ihr Helferamt untauglich, täuschte und führte sie irre.

Es konnte kein Zweifel bestehn, so sehr ihre Ungeduld streikte, kinderhaft aufbegehrte. Blaugast entglitt ihr. Er war vor dem Göttlichen auf der Hut, das als Flitter ihrer Sündenschuld anhing. Das Nichts, in dem er versank, war durch die Huld gefährdet, die ihre Gegenwart hatte. Unter verlegenen Augenwimpern kohlte der Funke, dem seine Ehrfurcht galt, solange er stark war. Jetzt war es spät. Darmgase und Ungeruch verschanzten die Luft, nach der er schnappte. An der Schwelle Schobotzkis wurde ihm Unnennbares angetan, ward er dem Tiere gleichgehalten, das man bestrafte. Als das Bewußtsein, zeitweilig enteignet, dickflüssig wiederkam, als er auf dem Bauche liegend im Straßenstaub erwachte, bespien und geprügelt, ein Mensch im Kote, war er endgültig erledigt. Mit blutgeröteten Augen, abgerissen und unrein, kam er im Morgenschein nach Hause. Fürchterlich glänzte die Sonne. Durch die zerbrochene Scheibe drang sie tänzerisch in den Winkel, wo seine armselige Pritsche stand.

»Philister über dir« ? tönte der Weckruf, der ihn nicht mehr erreichte. Während er stier und entwürdigt seinen Tagschlaf begann, wurde gerade Johanna von einer Verzagtheit gepeinigt, die ihr urplötzlich anflog, die sie mit dem Taschentuche von unfrommen Lidern wischte, die ihr Herzlein zerpflückte wie der Waldwind den Löwenzahn.

XVII

Die Krankheit Blaugasts war in diesen Tagen furchtbar zum Ausbruch gekommen. Sie begnügte sich nicht damit, sein körperliches Bild gewalttätig zu verändern, sie trübte die Spiegelfläche seiner verunstalteten Geistigkeit mit unschönen Sprüngen. Seine verhexten Beine hatten die Zugehörigkeit zum Erdboden verloren, glitscherten ungehorsam und taub aus der Richtung. Sein gedunsener Leib schob sich an Mauerkanten hintastend weiter, hing unförmig wie ein faltiger Sack in den Schultergelenken. Die Schmerzen, die krisenhaft kamen, Herzgrube und Rücken, Wadenmuskeln und Gürtel als unsichtbarer Schraubstock verzerrten, hatten ein unangenehmes Beigefühl, das die Welt satanisch und kraß auseinanderbog. In den Spiralen entarteter Nervenstränge, in den Reizbezirken seiner Gehirnhäute machte sich Unaussprechliches geltend. Tödliche Wirrnis der Psyche, Angstsignale der Paranoia weckten ihn aus der Erschöpfung, die der Schnaps ihm verschaffte, im Klosettraum verschrieener Kaffeehäuser verabreichtes Morphium, aus zerfaserten Papiertüten geschnupftes Kokain.

Zuerst stieg die Hetzjagd seiner Verfolger aus summenden Pausen auf, die über dem Bettgestell lärmten. Es waren Begleiter heimatloser Ideen, der Wartung entschlüpfter Gedanken. Die Besitztümer, wo sie tollten, hatte er lange als wertlos verschleudert. Stinktiere und Rüsselschweine beschnupperten das Laken, das der Urin durchfeuchtete, den er nicht mehr imstande war, zu behalten. Über giftgrün getünchte Wände wimmelte Ungeziefer. Käfer, scheußliche Asseln und Spinnen, deren geschwollene Bäuche auf dem gekörnten Mörtelgrund wäßrige Spuren nachzogen, Sendboten einer entzündeten Phantasie, die in die Knabenjahre zurückreichte. Oder das Seifentier scharrte am Fußabstreifer, der als zerknülltes Gerinnsel hinter der Türfuge lag, Restgut einer Vergangenheit, die sich nicht mehr zu ihm bekannte. Mit Zotteln bedeckt, duckte sich kantig der Schädel, Fiebergebilde aus einer Zeit, wo allerhand Mißgeburt in dem Brunnen der Kindheit hauste, verstümmelte und verrufene Nachtgeschlechter. Da war der Wolf mit dem gräßlichen Schlund, der Blatterndoktor und die Keuchhustentante. Da regierte Pompuwa in der braunen Zigarrenkiste, der Spielzeugkönig aus gedrechseltem Holz, der thronstreberische Edeldamen köpfte. Wenn der Petroleumdocht hinter dem Rundschirm blakte, die Mutter aus dem zerlesenen Gebetbuch die Abendandacht sprach, kam der schwarze Mann zu Besuch. Alles das lebte Blaugast noch einmal.

Und dann war es so, daß er am hellichten Tage, ausgeliefert dem Urteil eines tristen Vermächtnisses, ihre Gesichter erkannte. Im Wechselstrom des Verkehrs, zusammengedrängt auf den Fußgängerinseln der Übergänge, standen sie alle bereit, ihn zu greifen: Der Wolf, der hölzerne Prinz, das Seifentier aus der russischen Steppe. Allen voran Schobotzki. Das war der Feilste und Gemeinste von ihnen. Sein langgezähntes Gebiß grinste in jedes Schaufenster hinein, stak als Larve im Gewühl der elektrischen Bahnen, stöberte in der Einsamkeit, wenn in der Vorstadt die stille Laterne brannte. Er war der Leibhaftige, dem jedes Mittel paßte, der Widersacher, der Mensch aus der Tiefe. Grauenvoll war die Furcht, die diesem einen vorausging. Sie schälte das Mark aus den Knochen, daß sie mißtönend krachten, gerann als Speichel im Mund, fuhr ihm als Windsbraut über den Nacken. »Schobotzki« heulten die Hupen der Omnibusse. Lautsprecher trompeteten hohl seinen Namen. Das Läuten der Kirchenglocken, der Pfiff der Fabriksirenen rief ihm die Silben zu, denen er mühselig auswich, um ihnen dennoch zu begegnen.

»Philister in Sicht! ? Achtung! ? Scho ? botz ? ki!« Es war nicht mehr das Kommando, das den Überfall ansagte, der Bericht aus der Ferne, den er apathisch überhörte, es war Fanfare und strikter Tumult in der Nähe. Er mußte alle Sinne zusammennehmen, ihm zu entkommen.

Was von den Bruchstücken des Zerfalls noch als Tagewerk frei blieb, Schaustellung schlimmer Gebärde und Straßenbettel, trat vor der Aufgabe zurück, die ihm plötzlich erwuchs. Blaugast mußte sich retten. Das Überbleibsel seines verschütteten Daseins war in Gefahr, das Elend eines gestrandeten Lebens wurde zum Einsatz. Aus Kellergrüften, grundlosen Durchfahrten kam der Anruf des Feindes. Es durfte nicht sein, daß er sich seiner bemächtigte, daß er ihm völlig anheimfiel. Er mußte Verschlagenheit gegen Verschlagenheit setzen, heute hier, morgen woanders am Platze sein, durch ausgewitzte Finten verblüffen, ein Kundschafter seiner Flucht, die man ihm auferlegte. Was lag daran, daß der Hunger ihn schnürte? ? Jener, den er nicht nennen mochte, hatte ohnehin seinen Schlaf benutzt, die Siesta des Landstreichers, seine List zu erproben. Im Augenblick, wo seine Wachsamkeit nachließ, hatte er einen fressenden Wurm in seine Eingeweide gesetzt, der seine Säfte verbrauchte und gegen die Magenwand drückte. Oder wars eine Ratte, die durch den After in seine Gedärme gedrungen war, ein schleimiger Nager oder ein bluttolles Wiesel? ?

»Schobotzki über dir! Rette dich, Blaugast!«

Was jetzt geschah, war fraglos das Ärgste, mit nichts vergleichbar, durch nichts mehr zu überbieten. Kein Rückzug, auf dem man sich seiner Habe entledigte, den Tornister ins Feld warf und seine Waffen im Stich ließ. Es war Panik, die in Granattrichtern strauchelte, kopfloser Alarm und plumpe Verzweiflung. Blaugast wagte es nicht, in seine Wohnung zurückzukehren. Das Nest seiner Armut war den Häschern bekannt, und es wäre sorglos getätigte Torheit gewesen, sein Heil einem rostigen Schließschloß zu überliefern. Was tat er, wenn eine Anwandlung ihn wehrlos machte? Wenn die Klaue Schobotzkis ihn faßte, um ihn zu würgen? War es nicht besser, im Malstrom der Stadt zu treiben, gehegt vom Gefunkel der Lichter, teilhaftig der Macht einer Obrigkeit, die auch den Geringsten in Obhut nahm?

So versteckte sich Blaugast, dem von der Gesellschaft, in die er nicht taugte, das Übelste widerfahren war, hinter den Menschen. Die Zirkelbahn, deren angreifender Schwung von ihnen entfernte, brachte ihn wieder zurück. Als Vagabund, ein verschrumpfter Geselle, schlich er sich hinterdrein, wo der Trubel am dichtesten war, wo der monotone Singfall der Zeitungsverkäufer die Warnungen übertönte, die ihm die Fersen abtraten. Rücksichtslose stießen ihn an, der dem Gleichschritt der andern sich anglich. Eilige nahmen ihn mit in ihr Schlepptau. Die Speisedünste der Automaten, die er mit gespreizten Nasenflügeln in sich sog, bildeten seine Nahrung. Seine Entkräftung, quälend im Anfang, legte sich wie ein Tuch über ihn. Aber die billige Klugheit, die im Wellengange der Stadt seinem Henker entrinnen wollte, war ein durchlässiges Netz, dessen Tragseile schwankten. Taifune rasten aus Wetterecken, Windhosen der Bestürzung schwemmten die Sicherheit über Bord, in die er sich wiegte. Dann hielt er am Rande der Häuserzeilen, wo die fliegende Flammenschrift der Reklame über Fassaden kletterte, allein im Getümmel, entseelt und vernichtet. Aus dem verbindlichen Wachsgesicht einer Modellpuppe, die in der Auslage eines Konfektionärs einen Herrenpelz preisbot, starrte die Fratze des Mörders herüber, geisterhaft unrein und mit der Erbsünde verbündet. Die rotgrün lackierte Scheibe eines Jo-Jo-Spielers tanzte vor seinen Blicken. Das bewegliche Rad blieb im Geleise der Leine, wie es vom Schicksal bestimmt war.

Blaugast wandte sich mit erhobenen Armen. Der Wurm, der seinen Nabel benagte, reckte gierig das Maul und haschte nach seinem Herzen. Ungeheuer und wuchtend, ein Hohlweg des Todes im Gebell der Maschinengewehre, gleißte die Fahrbahn. Der behandschuhte Wink eines Polizisten, der als zürnender Fußsoldat sein jüngstes Gericht bewachte, wußte ihn nicht mehr zu halten. Der Atem, der ihm die Kehle kratzte, haftete sauer im Rachen, pumpte die röhrenden Lungen leer. Berghoch kam es gerollt, kreiste ihn ein, brachte ihn endlich zur Strecke. Seine bleiernen Sohlen rührten sich nicht, als das Automobil um die Ecke flitzte, bösegelaunte Glotzaugen stielte, eine Sekunde zu spät seine Handbremse anzog. Das Fluchwort des Lenkers zankte verderblich, als der Stoß ihn beiseite schlug, als er durch endlose Räume, sonderbar unbeschwert, in die letzte Station seines Purgatoriums fiel. Und es war niemand, der es ihm sagen konnte, daß hier ein Zufall das geheime Dekret vollstreckte, das sich sinngebend aufschloß, daß der Insasse des Wagens wirklich Schobotzki war, der unwillig über den Aufenthalt, eben am Schiebeglas kurbelte. Neben ihm in der Polsterecke lehnte Wanda im Fond, schaute gleichgültig zu, wie sich Passanten um den Unvorsichtigen scharten, ein Wachmann sein Lederbuch zückte und die Adressen der Zeugen einschrieb. Keiner von ihnen wußte, wer der Verunglückte war. Auch Schobotzki und Wanda erkannten ihn nicht im Gedränge.

Eine war es, die ungerufen gekommen war, Auskunft gab und ihr Anrecht bekannte. Sie schraubte am Glaskopf der Stöpselflasche, die sie im Schminktäschchen mittrug, rieb die Stirn des Bewußtlosen mit dem Wässerchen ein, stützte seinen erschlafften Kopf mit den Händen. Eine Ahnung hatte sie hergeweht, ein kleiner Instinkt, der ungestüm flatterte. Als Blaugast die Augen hob, verwundertes Wissen als Seufzerchen wiederkehrte, war es Johanna, die sich über ihn beugte. »Sind Sie beschädigt?« ? fragte der Polizist.

»Können Sie aufstehn?«

Er wollte es. Aber die Absicht blieb ungetan, und er verneinte.

»Wo wohnt der Mensch?« ? forschte der Mann in der Uniform und wandte sich barsch an das Mädchen.

»Bringt ihn zu mir. Ich sorge für ihn. Es ist ein Verwandter.«

Und ihr Gesicht, das der Weltschmerz entstellte, wurde hell wie ein Fenster.

XVIII

Im Bett der toten Maminka, hinten im Winkel, lag Blaugast und konnte es nicht mehr verlassen. Der Straßenunfall, dessen Opfer er wurde, hatte keine sichtbaren Folgen bewirkt. Aber eine Verletzung des Rückenmarks beraubte ihn des Gebrauches der ohnehin ungenügend beweglichen Glieder. Ohne Einspruch, ein von der Sense des Schnitters gemähtes Bündel, ließ er sich in das Flurkabinett tragen, das fortan die Heimstatt war, die man ihm spendete.

Johanna hatte den Erker, der den Gelähmten barg, von einem Tischler verschlagen lassen. Besucher, die bei ihr vorsprachen, um in der Umarmung der Willigen flüchtige Lüste zu büßen, hörten zuweilen das unterdrückte Geschwätz, das Geplapper eines verworrenen Traums hinter der Holzwand.

»Wer ist hier nebenan?« ? fragten sie mißgestimmt, verärgert darüber, daß jemand das sorgsam behütete Ungefähr ihrer Entspannung belauschte.

»Das ist niemand, der stört« ? besänftigte sie Johanna.

»Er ist ja ganz brav und braucht dich nicht zu bekümmern. Es ist nur mein kranker Bruder.«

Der Dienst, den sie auserwählte, wog zentnerschwer neben dem andern. Sie wusch und pflegte den Krüppel, benetzte die schweißkalte Haut mit Essig, wenn mit dem Wetterumschlag die Schmerzen kamen, um die Nacht zur Hölle zu wandeln. Sie saß bei ihm, wenn seine Delirien das Kruzifix beschimpften, das drüben am Wandnagel hing, legte den Finger auf seine Schläfen, streichelte seine Haare. Sie las aus der Bibel die Kapitel des Hiob vor, der mit Krusten bedeckt in der Asche hockte und seine Schwären mit einem Scherben schabte. Wie ihn die Freunde beschauten, bitterlich weinten und ihre Kleider zerrissen. Wie seine Klage den Tag verschwor, darin er geboren wurde, und die Nacht, welche meldete: Es ist ein Männlein empfangen! Ihre Stimme stockte vor der Botschaft der Psalmen und vor der Weisheit des Predigers. Ein Engel breitete seine Fittiche aus, und Blaugast entschlummerte.

Dann wieder war es das Untier im Unterleib, das sich dräuend verkrallte. Johanna mußte die Bettschüssel holen, schwesterlich einen Einlauf machen, seinen Rumpf aus den Kissen heben, mußte ihn wenden und säubern. Das Erbe, das sie bestellte, wurde durch solches Tun nicht verkleinert. Langsam, ohne daß sie es merkte, tauchten die Tage in einen Abschein hinein, nach dem sie zeitlebens hungrig gewesen.

Das Geld, das ihre Küsse belohnte, verlor seinen ungesegneten Ursprung. Sie brachte lindstillende Mittel ins Haus, Tabletten in goldgelb gefärbten Zylindern, die der Wattebausch vor den Dünsten der Zimmerluft schützte, die Blaugast gehorsam schluckte. Sie kaufte Delikatessen ein, Lockspeisen für seinen verwüsteten Appetit, gewürzte Fische und überseeische Früchte, deren Aroma ihn reizte. Aus der Markttasche, die der Kaufmann ihr füllte, lugten die rotgesiegelten Hälse der Melniker Schloßkellerei, rundleibige Fläschchen, die wie freundliche Tintenfässer auf dem gedeckten Tische standen, wenn sie ihn fütterte. Blaugast nahm eine Banane und enthäutete sie. Unter dem dicken, lederartig gefleckten Kleid kam der Kern zum Vorschein, der sich weich und bestrickend anbot, wie der Körper einer nackten Frau. Er fuhr mit der Zunge über das Fleisch und kostete. Jetzt war er geborgen. Was konnte ihm noch geschehn, und wo war Schobotzki? Seine Furcht zerging und zerfiel, wie das Medikament auf dem Löffel, tröstlich und allesversprechend. Nun war er sicher. In kleinen Schlucken trank er den duftenden Rotwein.

Von unten her, Brandung des Weltmeers gegen Korallensteine, drang das Murren der Straße. Es kam aus der Weite, endgültig abgetan, kraftlos und ohne Gefahren. Ein asthmatischer Motor bollerte hüstelnd, der Abend machte die Antrittsvisite, polierte die Bretter des einzigen Käfigs mit seinen Reflexen. Blaugast war viel allein. Er lag auf dem Rücken, hatte die Hände über der Brust gefaltet und wartete. Johanna mußte den Vorteil wahrnehmen, der ihren Profit verdoppelte. In den Soldatenkneipen, in den Herbergen unzweideutigen Rufs wehte lüstern ihr Röcklein. Der Umsatz, den sie erzielte, reichte für zwei.

Die Leidenschaft, mit der sie sich hingab, steigerte ihren Kurswert. Zwar war es Trugwerk, das sie den Männern bereitete. Ihr Herz ging abgestorben und friedlich einen vereinsamten Weg, aber die Feuerhitze des Blutes lief als ekstatische Welle über den Leib, der den Partner beglückte. Sie mußte nehmen, was das Leben ihr reichte. Unheilige Gegenwart, grenzenlose Verschenkung und das Gefängnis der Träume. Ein Wunder, das sie niemals verriet, wachte an seinem Steintor.

Wenn sie verfroren vom Wind, abgehetzt und ermüdet nach Hause kam, die tabakgebeizten Kleider über den Bügel schlichtete, war Blaugast meist ruhig. Die Zeit vor dem Morgenanbruch war seine bekömmlichste Stunde. Von der Erschöpfung gedämpft, die ihm sein Nachttrunk gewährte, rasselte steif sein Atem. Johanna lauschte ein wenig, hüpfte mädchenhaft in ihr Hemd und huschte unter die Decke. Dann geschah es zuweilen, daß Blaugast die Klage vernahm, mit der sie ihr Lämpchen verlöschte. Gestaltlos blies ihn ein Flüstern an, das Wort, mit dem sie den Schützling verteidigte, das er im Halbschlaf erhorchte.

»Johanna!« ? rief er ins Finstre.

»Sag es noch einmal, Johanna! ? Ich bitte dich, sag es mir. Bin ich dein kranker Bruder?« ?

Überwältigend unbedingt, eingesargt in den Glanz des Gestirnes, der es niemals gewagt hatte, zur Liebe zu werden, kam ihre Antwort:

»Ja, Klaudius Blaugast, du bist es.«

 


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