Dahiel, der Konvertit. Zweiter Band

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I.

In der ersten Nacht meines Christentums hat dieses sich ereignet:

Ich habe gewacht und in der Klosterkirche gebetet; darauf bin ich aufgestanden, um mich in meine Zelle zu begeben, wobei ich an dem Gemach des Abtes vorbei mußte. Nun war es nach der Hora, welche um die Mitternacht in der Klosterkirche abgebetet und abgesungen wird, und um die Zeit, da die Väter und Brüder eine Weile auf ihren harten Lagerstätten ruhen dürfen. Wie ich aber im Dunkeln den Gang hinaufgehe, gewahre ich einen Lichtschein, welcher durch die Thüre der Zelle des Abtes in die Finsternis hineinleuchtet; zugleich vernehme ich Stimmen, die ich als die des hochwürdigen Abtes und meines lieben Bruders Eustachius erkenne. Diese beiden reden laut und beinahe zornig mit einander, wie im Streit, und als wenn der Bruder Eustachius einem Gebote des Abtes den Gehorsam verweigere.

Ich wußte es bereits, daß der Gehorsam das allervornehmste Gebot eines Dieners des Herrn und Knechtes der Kirche sei. Auch war der Bruder Eustachius mir lieb geworden und lieber; nicht allein der großen Dinge willen, die er an mir begangen, sondern weil ich eben nicht anders konnte, als ihm von Herzen zugethan zu sein.

Ich bleibe also stehen ? wahrlich nur aus Schrecken und Angst um den guten Bruder ? und höre nun mit an, was die beiden in der Stille der Nacht und an einem solchen heiligen Ort so laut miteinander zu reden haben.

Sie sprechen von den Juden und von den christlichen Judenpredigten in den beiden Kirchen San Benedetto alla Regola, und Sant Angelo in Pescaria.

Sie nennen meinen Namen.

Sie reden davon, daß Bruder Eustachius auf Befehl des hochwürdigen Abtes in das Haus meiner Eltern gekommen: nicht um meine jüdische Seele zu retten, sondern weil ich mit einer so überaus wohlklingenden Stimme begabt war.

Mein Gesang sollte dem Kloster zum Ruhm gereichen.

Deswegen war ich Christ geworden, deswegen hatte ich meinen Glauben abgeschworen, deswegen die Herzen meiner Eltern zermalmt.

Aber ich konnte als Christ und christlicher Priester für meine in Ewigkeit verdammten jüdischen Eltern bitten, ich konnte meine in Ewigkeit verdammten jüdischen Eltern losbitten; nicht allein sie, sondern auch Myrrha, auch Mose und viele vom Volke der Juden.

Deswegen war ich Christ geworden.

Da vernahm ich aus den undemütigen Worten, die der Bruder Eustachius gegen den Abt führte ? ?

Gott, ewiger Gott, was mußte dein Knecht erfahren! Ich stand, hörte und meine armen Sinne wirbelten durcheinander, als wären sie dürre Halme, in die hinein der Wind fährt.

Ich mußte aber jedes Wort anhören; denn ich konnte mich nicht von der Stelle rühren, konnte auch nicht rufen, nicht aufschreien:

»Hier draußen stehe ich, der Bruder Angelikus! Schweigt! Um Gottes Barmherzigkeit willen schweigt!«

Ich blieb also stumm und hörte! und war mirs dabei, als sähe ich eine unirdische Gestalt. Diese däuchte mich zuerst unsäglich herrlich. Ich wußte nicht, war es die Gottheit selbst, oder war es die Kirche dieser Gottheit. Indessen mit jedem Worte, welches ich hören mußte, fiel von jenem erhabenen Geiste ein Stück Majestät ab; bis ich zuletzt etwas erblickte, was scheußlich und gänzlich ungöttlich war. Und mit jedem Worte, welches ich hören mußte, fiel ab von mir ein Stück meiner Menschheit, bis ich das Geschöpf jenes Wesens geworden, von dem ich geglaubt hatte, daß es die Gottheit selber wäre.

Ich kann es auch jetzt nicht sagen, wie dieses alles damals gewesen ist; doch vermeinte ich alles deutlich vor mir zu erblicken, während die beiden miteinander sprachen, und ich draußen im Finstern stand und ihnen zuhörte. Ich fühlte mich von Grausen gepackt und meinen Leib von Schauern überlaufen, als wälzte man auf meinen lebendigen Menschen einen Leichnam.

Darauf ward es drinnen still, und ich sah die Thüre der Abtszelle vollends aufgehen und in dem breiten Schein, der aus dem Zimmer drang, den Bruder Eustachius auf der Schwelle stehen, mir gerade gegenüber; also, daß ich ihn beinahe berührte. Indessen er sah mich nicht, trat heraus, schloß die Thüre hinter sich und schritt an mir vorüber den Gang entlang seiner Zelle zu. Ich vernahm, wie er häufig stehen blieb und vor sich hin redete, gleich einem, der um seinen Verstand gekommen.

Ich aber hatte den meinen noch.

Nun ward alles still, nun blieb alles still.

Ich hätte jetzt gehen können, zurück zum Gebet in die Kirche, oder in meine Zelle. Ich hätte als neuer Christ Gott von neuem loben und preisen können, um des Wunders willen, das er an mir gethan.

Ich hätte ihn ohne Unterlaß anrufen können: »Barmherziger Gott, gnädiger Gott, allgütiger Gott!« Ich hätte so vielerlei fromme Dinge begehen können; als Christ sowohl, wie als Mönch, von jener Stunde an mein ganzes Leben lang, um alsdann im Herrn zu sterben: Selig sind die Toten, denn sie haben das Auferstehen und das ewige Leben.

Denn ich, der Christ, ich würde trotz allem, was ich mit angehört hatte, das ewige Leben erhalten können.

Ich allein ? ?

An alle diese Dinge dachte ich, auf dem dunklen Gange stehend, dicht an die Wand gedrückt. Ach, ich stand in solcher Finsternis, aber durch den Spalt der Thüre drang ein Lichtstrahl hervor. Auf diesen blickte ich unverwandt, immerfort an jene christliche Lehre denkend, und rührte mich nicht vom Fleck, als ob dadurch, daß ich die helle Stelle anstarrte, in die tiefe Nacht meines Elends ein Hoffnungsstrahl fallen könnte.

Der hochwürdige Abt wachte noch.

Ich hatte es gewiß nicht thun wollen; jedoch plötzlich hatte ich die Thüre aufgestoßen, war eingetreten und an der Schwelle stehen geblieben.

Der hochwürdige Abt saß am Tische, das Antlitz mir zugewendet. Ich sah indessen sowohl den Abt als das ganze Gemach in einem hellen Dunst, gleichsam durch Nebel, und hörte die Stimme des Abtes wie aus der Ferne.

Es sagte der Hochwürdige:

»Du bist es, Bruder Angelikus! Was begehrst Du noch so spät von mir?«

Was sollte ich nun wohl von dem hochwürdigen Abt begehren?

Meinen christlichen Glauben.

Und die Gnade, die Barmherzigkeit, die Allgüte Gottes.

Nicht allein für mich, sondern auch für alle diejenigen, für die sie mir verheißen worden.

Ich begab mich nicht von der Thüre hinweg und erwiderte dem Hochwürdigen demütig:

»Was muß ich thun, um von meinen Eltern und von denen, die mir lieb sind auf Erden, sowie von vielen des jüdischen Volkes den Fluch ewiger Verdammnis zu nehmen? Christ bin ich geworden, Mönch auch, und Priester werde ich. Aber an diesem allen soll es ja wohl nicht genug sein.«

Ich gewahrte durch den Nebel, der sich immer dichter um meine Augen legte, wie der Abt von seinem Sitze in die Höhe fuhr und starren Blickes auf mich schaute, ebenso wie ich auf ihn. Es war lange Zeit stille in dem Gemache, alsdann rief der Hochwürdige zornig:

»Bruder Angelikus, Du hast gehorcht.«

Ich entgegnete voller Demut:

»Ich habe gehört, daß meine Eltern und alle Juden verdammt sind und verdammt bleiben, trotzdem ich um ihretwillen ein Christ und Mönch geworden. Da indessen Gott barmherzig und gnädig und allgütig ist, so werdet Ihr, hochwürdiger Vater, mir gewißlich sagen können, wie ich jene durch Gottes Gnade, Barmherzigkeit und Allgüte erlösen kann von ihrer ewigen Verdammnis. Ich flehe Euch an, sagt es mir!«

Und der Hochwürdige sagte es mir:

»Du kannst die Juden erlösen, wenn Du die Juden zum Christentum bekehrst.«

»Durch anderes nicht?«

»Nein!«

»Wenn mein Vater und meine Mutter und sie, die ich sonst liebe, und die anderen Juden sich nicht zum Christentum bekehren, so bleiben sie verdammt in Ewigkeit? Sagt es mir!«

Und der Hochwürdige sagte mir auch dieses noch:

»Nur ein Christ kann der ewigen Seligkeit teilhaftig werden.«

»Nur ein Christ!«

»Also, mein Sohn ? bekehre Du Juden.«

»Ich danke Euch, hochwürdiger Vater.«

»Bekehre Du Juden und Gott wird an Dir Wohlgefallen haben.«

»Gott ist barmherzig und gnädig, und seine Güte währet ewiglich.«

Ich sagte es, wie man mich gelehrt hatte, es zu sagen: in feierlichem und starkem Ton; alsdann wandte ich mich zum Gehen. Indessen der Abt rief mich hin zu sich.

Ich ging zu ihm.

»Empfange den Segen des Herrn.«

Und der Abt segnete mich.

Ich ließ mich segnen, ging langsam zur Thüre, blieb stehen.

Der Hochwürdige fragte mich väterlich:

»Was beschwert sonst noch Deine Seele, lieber Sohn?«

Aber meine Seele beschwerte sonst nichts mehr. Ich hatte mich von dem Hochwürdigen segnen lassen, ich grüßte den Hochwürdigen, ich ging hinaus und in meine Zelle.

Wenn ich die Juden bekehrte, würden die Juden selig werden ? ?

Aber ich würde die Juden nicht bekehren. Alsdann würden die Juden verdammt bleiben.

Es würden verdammt bleiben: mein Vater, meine Mutter, Mose, Myrrha! Und ich, der Christ, der Mönch, der Priester, ich konnte ihre Verdammnis nicht teilen, denn:

Für mich war Gott ein gnädiger, barmherziger, allgütiger Gott.

Für mich allein!

*

Als der Tag graute, stand ich auf, hielt meine Andacht, las meine Gebete, that alles, wie es mir vorgeschrieben und befohlen war, und begab mich darauf hinaus in den Klostergarten, unter die beiden Palmen.

Das war gar feierlich! Nämlich wie an dem blassen Himmel die Sterne verlöschten, und um mich die Blumen mit ihren bunten Blüten aus dem Dämmer auftauchten. Das flavische Amphitheater lag da gleich dem Altar eines Riesengeschlechtes, wie zu einem Opfer mit Laub und Blumen überschüttet, und mochten die Nebelwolken, die das Colosseum von allen Seiten umdampften, den Weihrauch bedeuten.

Aufmerksam schaute ich zu, wie der Tag sich lichtete, und hörte dabei auf den Vogelsang, der aus allen Büschen und Bäumen ertönte, daß es war, als jubilirten die Blätter und Blüten. Aber da die Sonne aufging, ward es für eine kleine Weile still. Und ich stand in dem hehren Schweigen und blickte dem himmlischen Glanze entgegen.

Da vernahm ich, wie jemand den Gang vom Kloster gewandelt kam, einer der Brüder. Die Schritte des Mönches waren langsam, wie von einem Kranken oder Todmüden. Daran erkannte ich ihn. An meiner Seite blieb er stehen. Ich wandte mich nicht um nach ihm, begrüßte ihn aber:

»Gott segne Dich, Du gehorsamer Diener des Herrn!«

Der also von mir Gegrüßte seufzte tief auf, erwiderte indessen nichts. Immerfort in die aufsteigende Sonne blickend, sprach ich weiter, mit ganz ruhiger Stimme:

»Eustachius, gib mir meinen Vater und meine Mutter wieder.«

Er antwortete:

»Ich kann nicht.«

»Eustachius, gib mir meinen Freund und meine Geliebte wieder.«

»Ich kann nicht.«

»Eustachius, gib mir meinen Glauben und meinen Gott wieder! Eustachius, gib mir meine Jugend, meine Seele, meine Reinheit wieder; denn Du hast mir alles genommen.«

»Alles! Aber zurückgeben kann ich Dir nichts!«

»Nein, nichts ? ?«

Ich stand immer noch, und wandte kein Auge von dem Himmelslichte, welches in aller seiner Pracht auf dem Felsenhaupte des Berges Albanus hervorzuflammen schien. Und sangen alle die Vöglein wieder. Es war wie ein Lobpreisen des göttlichen Tages, welcher doch so viel des Jammers bescheint.

Ich glaubte, der Gehorsame sei bereits wieder gegangen, als ich mich von ihm anrufen hörte:

»Dahiel! Dahiel!«

Nun ließ ich meine Augen von der Sonne. Aber ich war geblendet; also, daß ich dort, wo der Mönch stand, nur einen dunklen purpurfarbenen Glanz sah. Vielleicht, daß, hätte ich ihm in jenem Augenblick ins Gesicht geschaut, das Schreckliche, das geschehen sollte, ungeschehen geblieben wäre; wenigstens wäre er nicht ohne meine Vergebung ein ungehorsamer Diener seines Gottes geworden. So aber entgegnete ich ihm auf seinen schmerzlichen Ruf:

»Wen rufst Du mit diesem Namen? Ich bin der Bruder Angelikus.«

*

Damit und ohne ihn noch ein einzigesmal anzusehen, ging ich hinweg, schaute mich auch nicht um nach ihm, den ich zum letztenmal als atmenden Menschen erblickt haben sollte.

Langsamen Schrittes wandelte ich durch den Garten und pflückte Blumen, so viel ich deren tragen konnte: damit begab ich mich in die Klosterkirche vor das Bild der schmerzensreichen Mutter, welches ich ringsum mit Blüten besteckte. Ach, ich wußte noch eine andere Mutter, die ein Schwert im Herzen trug, Es war allerdings eine Jüdin.

Wiederum wußte ich nicht aus noch ein.

Denn zu allem diesem übergroßen Leid kam mir obenein die Erkenntnis, daß ich zwar ein Christ sei, jedoch ein schlechter und falscher Christ; indem das Christentum als solches mir sehr wenig galt, sondern nur als ein Mittel, um für mich und die Meinen das Auferstehen und das ewige Leben zu erlangen. Ja, wenn ich recht in mich ging, so mußte ich erkennen, daß mich weniger das Mitleid für die Juden, weniger die Liebe zu meinen Eltern, als vielmehr meine Leidenschaft für das junge Weib zum Christentum gebracht hatte, damit ich dermaleinst mit Myrrha selig würde.

Das sollte nun nicht sein.

Denn, wenn auch Myrrha die Tochter eines Christen war, so mußte ich sie doch als eine Jüdin ansehen, wohl gar als etwas noch Schlimmeres: als eine rechte Heidin! Nun wäre die Bekehrung einer Heidin in Wahrheit eine christliche That gewesen. Aber auch um eine Heidin bekehren zu können, bedurfte es des wahren Christentums und des wahren Glaubens, was ich beides noch nicht besaß, oder hatte ich es gehabt, so war es mir bereits wieder genommen worden.

Also glauben!

Alles glauben!

Ein Christ sein: nicht um des Lohnes willen, sondern aus innerstem Herzensdrang, aus tiefster Ueberzeugung ? aus Glauben.

Gott und der Kirche nicht aus Gehorsam Gehorsam leisten, sondern ? eben aus heiligstem Glauben!

Ich mußte den Glauben haben.

Alsdann würde ich die Heidin Myrrha bekehren können; alsdann vielleicht auch ? ?

Nur mußte ich glauben, glauben!

*

Da ich erst am vergangenen Tage Christ geworden, in der nämlichen Stunde bereits die ersten Weihen empfangen, so hatte ich nicht sogleich, wie es sonst Brauch ist, mit den übrigen Geweihten an der heiligen Kommunion teilgenommen, sondern ich sollte einen Tag später zum erstenmale als junger Christ beichten, um darauf in der Klosterkirche gemeinsam mit sämtlichen Brüdern und Vätern den Leib des Heilands zu genießen. In Anbetracht dieses erhabenen Ereignisses hätte der Zustand meines Geistes, hätte meine Zerknirschung, zugleich aber auch meine Wonne über alle Maßen groß sein müssen. Als ich mich indessen im Beichtstuhl befand und dem Hochwürdigen selber meine Sünden bekannte, war ich in einer solchen Dumpfheit und Stumpfheit, daß ich ohne Thränen und Verzweiflung, gleichsam in vollem Gleichmut das Geständnis that:

»Ich bekenne, daß ich nicht glaube.«

Nun hatte ich vor kaum vierundzwanzig Stunden öffentlich das christliche Glaubensbekenntnis abgelegt, war darauf sogleich getauft, gefirmelt und geweiht worden, hatte darauf sogleich der Welt entsagt und mich dem Himmel angelobt, vermeinte also nichts anderes, als daß sich jetzt etwas Schreckliches mit mir begeben würde, ich auch nimmermehr zur Vereinigung mit dem Herrn konnte zugelassen werden. Doch es geschah nichts dergleichen. Der Hochwürdige ließ es daran genug sein, mich väterlich zu ermahnen, mir streng ins Gewissen zu reden und mir im übrigen eine gelinde Pönitenz aufzuerlegen. Alsdann absolvirte er mich. Ich hätte nun leichteren Herzens werden können, wurde jedoch jählings von einer noch tieferen Traurigkeit und Ermattung aller Sinne befallen; also, daß ich mir zu jener Stunde den Tod wünschte, auch diesen erlangt haben würde, wenn nicht immerfort etwas in mir geschrieen hätte:

»Du mußt glauben, glauben, glauben!«

So blieb ich denn leben.

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II.

Am Abend des Tages, da ich vom Klostergarten aus dem Aufgang der Sonne zugeschaut und dem Hochwürdigen gebeichtet hatte, fehlte der gehorsame Bruder Eustachius. Der Bruder Pförtner berichtete: Jener habe zur gewöhnlichen Stunde seines Ausgangs das Kloster verlassen, sei indessen nicht wie sonst kurz vor dem Ave zurückgekehrt.

Nun war es der erste Sabbath im Mai, an welchem Tage der Gehorsame in der Kirche des heiligen Engels den Juden über die Gnade und Barmherzigkeit Gottes zu predigen hatte; also gebot der Hochwürdige mir und noch einem Bruder: wir sollten uns in die neunte Region nach dem Bogen der Oktavia begeben und daselbst dem Gehorsamen nachforschen. Wir machten uns denn auch in Eile auf den Weg, kamen an und vernahmen von dem Küster, daß der Bruder Eustachius dagewesen und den Juden die Predigt gehalten und zwar mit solcher Beredsamkeit und solchem heiligen Eifer, wie es bis dahin noch niemals geschehen. Darauf war der Bruder gegangen, ohne, wie sonst, sein Gebet vor dem Hochaltar verrichtet zu haben. Er hatte aber mit dem Küster gesprochen, und war so heiter und guter Dinge gewesen wie niemals zuvor.

Nach diesen Nachrichten besprach ich mich mit meinem Gefährten, welcher der Ansicht war, daß wir bei unserer Rückkehr den Bruder im Kloster finden würden. Es wäre ihm wohl etwas Ungewöhnliches begegnet, und dadurch seine Heimkehr verzögert worden. Aber in mir erwachte plötzlich eine große Angst: also, daß ich den Bruder zur schleunigen Rückkehr antrieb; hätte meine geistliche Würde es gestattet, ich wäre am liebsten nach der Velia gelaufen.

Wir schlugen wiederum den kürzesten Weg ein: über den montanarischen Platz und durch die Via della Consolazione. In der Mitte dieser Straße, dort, woselbst es nach dem kapitolinischen Hügel abgeht, war ein Zusammenlauf, Gedränge und Geschrei, wie dergleichen in Rom überaus häufig ist; bald um gar nichts: um einen toten Hund ? oder Juden ? bald um einen erschlagenen Menschen. Da nun einem Diener des Herrn keinerlei weltliche Neugier geziemt, unsere Gedanken auf anderes standen, wir auch in Eile waren, so wollten wir unsern Weg zum Forum fortsetzen, ohne dem Lärm nachzufragen. Aber da wir uns dem Haufen näherten, schrieen etliche:

»Dort kommen Franziskaner!«

Und alsbald hatten wir die ganze Menge über uns.. Sie schrieen auf uns ein, wobei sie unter heftigen Geberden nach dem Berge deuteten. Mein Gefährte verstand zuerst, was sie zeterten und sagte:

»Sie schreien: die Rupe Tarpeja habe sich ein Mönch herabgestürzt. Es sei ein Franziskaner.«

Ich wußte sogleich, wer das Gräßliche an sich begangen, erbebte bis in mein Innerstes und rief:

»Laß uns hingehen und schauen, ob wir ihn kennen.«

Wir gingen, und alles Volk, dem das Geschehnis ein großes Gaudium war, folgte uns. Ich wußte zu jener Zeit noch nicht, daß das römische Volk jeden Mönch und Diener Gottes von Herzen verachtet, wenn es sich auch vor jeder Kutte neigt und jedem Schwarzrock in Demut die Hand küßt.

Man wies uns unter großem Geschrei den Weg: durch ein Haus am Abhang des Hügels, in einen Hof hinein, der mit mächtigen alten Römersteinen gepflastert war und an eine jähe und hohe Felsenwand stieß. Von der Höhe rankten sich blühende Rosen und Eppich fast bis auf den Boden hernieder und ward sogleich von mir erkannt, daß droben jener schöne, friedliche Platz gelegen sei, an welchen der Himmel und der Bruder Eustachius an mir das Werk der Bekehrung vollbracht hatten.

Er aber, den wir suchten, lag vor uns: tot, mit zerschmetterten Gliedern.

Sie hatten Licht herbeigeschafft, und ich leuchtete dem Toten ins Gesicht. Dieses war gar nicht entstellt; aber es lag darauf kein Friede, keine Versöhnung, sondern ein solcher Ausdruck von Haß, zugleich von Hohn und Triumph, daß ich voller Entsetzen die Leuchte abwandte, damit die Menge dieses fürchterliche Totenantlitz nicht sähe.

Nun entdeckten sie einen großen weißen Zettel, welcher an einem Strick ? dem Gürtel des Mönches ? um des Toten Hals hing, und auf dem etwas geschrieben stand. Ohne daß wir es hätten wehren können, riß einer das Schriftstück vom Leichnam hinweg und wollte es lesen. Es war indessen Latein, welches niemand aus der Menge verstand. Nun reichte man mir den Zettel, damit ich denselben dem Volke vorläse, was ich wohl gekonnt hätte; denn der Tote hatte mich unter anderem auch in der lateinischen Sprache unterrichtet. Indessen nachdem ich die Schrift zuerst still für mich gelesen, erklärte ich dem Volk, daß auch ich der fremden Sprache nicht mächtig wäre, zerriß das Papier und steckte die Fetzen unter mein Gewand, in meinen Gürtel.

Da erhob sich ein wüstes Geschrei gegen mich, als ob ich den Toten gemordet. Doch würden sie mich auch gesteinigt haben, ich hätte ihnen die Schrift nicht gedeutet, weniger aus christlichem Eifer und der Kirche willen, als vielmehr um das Andenken des Toten nicht schänden zu lassen.

Nachdem sie genugsam geschrieen hatten, sagte mein Gefährte, daß der Tote zu unserem Kloster gehörte, und wir baten, man möchte uns den Leichnam aufheben lassen und uns helfen, ihn in unser Heiligtum zu schaffen. Zuerst wollten sie weder das eine zugeben, noch das andere thun; letzteres wohl in der Meinung, man würde sie für die geleistete Hilfe nicht zahlen. Nun verhieß mein Gefährte ihnen reichlichen Gotteslohn, von dem sie indessen nicht viel zu halten schienen; doch als der Bruder versprach, für ihre Sünden Fürbitte einzulegen, wollten alle den Leichnam aufheben und tragen und entstand darum beinahe ein Kampf. Eine Frau brachte eiligst ein Linnentuch, in dieses wurde der Tote gelegt, und dasselbe über ihm geschlossen; darauf hob man den Bruder Eustachius auf und trug ihn davon. Es war aber der Platz, an welchem der Mönch so Gräßliches an sich begangen, eine uralte Richtstätte, woselbst man auch die gefangenen Juden aus Jerusalem zu Tode gestürzt hatte.

Mein Gefährte und ich, wir gingen unserem toten Bruder zur Seite. Und wiederum folgten uns viele, weswegen wir mit anhören mußten, was das Volk über den Toten und die Ursache seines Todes unter einander redete.

Es wurden darüber viele Scherz- und Spottreden geführt, die mich wie Faustschläge trafen; denn ich vernahm damals zum erstenmale, wie das Volk über einen Mönch und eines Mönches Leben denkt: als wären beide nichts weniger als christlich oder gar heilig.

Ein Weib rief:

»Vielleicht ist ihm sein Liebchen ungetreu geworden.«

Eine andere:

»Oder er hat diejenige, mit welcher er eifrig betete, und welcher er fleißig die Beichte abhörte, voller Tugend befunden.«

Und eine dritte:

»Oder ein Vater hat dem Mönch sein frisches Töchterlein nicht gegönnt und deswegen bei seinem Abt Anzeige erstattet.«

Die Männer riefen:

»Um solcher Dinge willen wirft sich in Rom kein Mönch den tarpejischen Felsen hinunter. Bekommt ein Mönch nicht die eine, so nimmt er die andere, oder er nimmt sie beide zugleich. Sein Abt gönnt es ihm, und er weiß auch, warum.«

Da lachten alle.

Ich hielt jedoch nicht länger an mich. Und auf dem Platz, wo der Römer Markus Antonius seinem Freunde, dem ermordeten Feldherrn Julius Cäsar, die Leichenrede gesprochen, sprach ich zum römischen Volk für den Bruder Eustachius. Und ich fragte die Römer: ob sie nicht wüßten, daß ein Mönch dem Himmel Gelübde ablege, und welche diese seien?

Ich sprach zum erstenmale in solcher Weise und redete in heftiger Bewegung. Aber sie lachten darüber wie über ein lächerliches Komödienspiel, verspotteten und verhöhnten mich, und die Männer riefen:

»Ein keuscher Mönch! Wer will einen keuschen Mönch sehen? Seht den keuschen Mönch!«

Die Frauen meinten jedoch:

»Ei, der ist es wohl noch!«

Darauf drängten sich etliche Weiber zu mir und forderten von mir, ihnen Glücksnummern für die Tombola zu sagen. Da ich dieses nicht wollte, rissen sie mich an meinem Gewande, beschimpften mich und schrieen: Ich wäre ein Schelm, ein rechter Heuchler und Bösewicht.

Das war das Grabgeleite, welches der Bruder Eustachius bekam.

Sie trugen ihn ins Kloster, woselbst ein großer Aufruhr entstand, und Mönche und Volk durcheinander schrieen.

Als die Menge endlich aus dem Heiligtum gesperrt war, wollten die Mönche den Leichnam ihres Bruders in die Klosterkirche bringen; aber der hochwürdige Abt gebot, daß man ihn, der sich selbst um das Leben gebracht, auf den Hof niederlege, unter dem freien Himmel. Dieses wäre nun wahrlich nicht das Schlimmste gewesen, was dem Toten hätte geschehen können; indessen etwas in mir schrie dagegen. Ich trat also zu dem Hochwürdigen heran und sagte mit unterdrückter Stimme, demütigen Tones:

»Hochwürdiger Vater, ich bitte Euch, lasset den Leichnam des Bruders Eustachius in der Kirche niederlegen. Denn wisset: es hat der Bruder vor seinem Ende aufgeschrieben, weswegen er solche Todsünde begehe; und er hat die Schrift um seinen Nacken gehängt, wie man es ehedem mit Missethätern machte, auf daß jedermann lesen konnte, welchen Verbrechens wegen sie gerichtet wurden. Diejenigen nun, die den Toten gefunden, begehrten von mir, ich sollte ihnen die lateinische Schrift lesen, was ich nicht gethan habe; sondern ich habe die Schrift in Stücke zerrissen.«

Das lobte der Hochwürdige; aber ich sagte in aller Demut:

»Ich bitte Euch, hochwürdiger Vater, befehlt, daß die Brüder den Toten in die Kirche tragen, wie es geschehen sein würde, wäre er eines christlichen Todes gestorben. Was der Bruder Eustachius wie ein Missethäter sich um den Hals gehängt, ehe er den Todessprung gethan, habe ich zerrissen zu mir gesteckt und werde es Euch, hochwürdiger Vater, nach meiner Pflicht übergeben, auf daß Ihr damit thut, wie es recht und christlich ist. Zuvor aber lasset ? darum bitte ich Euch herzlich ? den Bruder Eustachius in die Kirche schaffen.«

Der Hochwürdige wandte sich von mir ab, und ? der Leichnam wurde in die Kirche getragen und daselbst vor dem Hochaltar niedergelegt. Darauf brachten die Brüder hohe schwarze Holzkandelaber herbei, von denen jeder mit einem gemalten Totenkopf verziert war. Diese Leuchter stellten sie im Kreise um den Toten auf, steckten Kerzen an, desgleichen vielen Weihrauch und begannen alsdann im Chor die Totengebete. Ich saß dabei, bewegte meine Lippen und blickte über das Buch hinweg auf den Leichnam und konnte von meinem Platze aus deutlich das Antlitz erkennen, mit seiner unsäglich furchtbaren Miene von Hohn und Trotz, welche der rote Kerzenschein beleuchtete. Und ich mußte denken:

»Da beten und singen wir nun für Deine arme Seele, Bruder Eustachius. Es mag ja auch sein, daß Gott Dir gnädig und barmherzig ist ? eben um Deines großen Gehorsams willen! Wie aber kann Dir vergeben werden, wenn Du einstmals mit solchem Antlitz auferstehst und vor den Richter trittst? Weißt Du denn nicht, daß Dein Antlitz Gott anklagt, als wäre Gott Dein Verderber und Mörder gewesen; derselbe Gott, o Bruder Eustachius, dessen Kirche Du solchen Gehorsam geleistet?«

Alsdann gingen alle und ich blieb und hielt die Totenwache.

Es war aber der erste Gestorbene, welchen ich in meinem Leben gesehen, und nun dieser Tote, dieser Tote mit diesem Antlitz! ? Ich ging und holte eine Decke, die breitete ich über den Leichnam. Alsdann kniete ich vor ihm nieder und begann Gebete abzusprechen: alles, was ich wußte, was Bruder Eustachius mich gelehrt hatte. Dabei schaute ich immerfort auf das bedeckte Antlitz, bis es unter dem Teppich sich zu regen schien, und ich denselben abhob. Nun fuhr ich fort zu beten und blickte dabei das böse, höhnische, triumphirende Totengesicht an. Aber meine Seele war nicht bei den heiligen Worten, die ich meine Lippen sprechen ließ, sondern ich mußte wiederum denken:

»Da liegst Du nun, Eustachius! Da warst Du nun ein Christ und Priester Gottes. Und Du hattest auf Erden das Leiden der Welt, und hattest auf Erden die Hoffnung auf die Gnade des Himmels und auf des Himmels Lohn, und warst ein gehorsamer Diener des Herrn. Und da liegst Du nun! Wahrlich, Dir wäre besser, Du könntest so liegen bleiben: so liegen bleiben in alle Ewigkeit, als daß Du auferständest mit solchem Angesicht für alle Ewigkeit. Ach, Bruder Eustachius, daß Du nun so daliegst, das hat allein Dein Gehorsam an Dir vollbracht.«

Könnte auch ein jüdischer Priester durch seinen Gehorsam gegen Gott dahin kommen, so daliegen zu müssen?

Nein!

Und es ist doch der Gott der Juden ein gestrenger und furchtbarer Gott, ein Gott des Zorns und der Strafe, kein Gott der Liebe und Barmherzigkeit.

Aber kein jüdischer Diener Gottes könnte, seines Gehorsams willen, mit solchen: Antlitz in die Ewigkeit eingehen, die für ihn der ewige Tod, oder, nach der Meinung der Christen, die ewige Verdammnis ist.

Nun erhob ich mich, holte die Fetzen des zerrissenen Schriftstücks aus meinem Gewande hervor, glättete sie und paßte die Teile aneinander. Alsdann legte ich sie wieder auf die Brust des Toten, stellte mich davor und las die fremden Worte mit lauter Stimme ab, daß es schaurig durch die Wölbungen der Kirche klang:

»Nach dem Tode des Bruders Bartolomeo, den ich auf Geheiß des Abtes der Kirche zugeführt, ward mir, dem Franziskanermönch Eustachius, geboten, den jüdischen Jüngling Dahiel Sarfadi zum Christentum zu bekehren und der Kirche zuzuführen, was ich auch beides vollbracht habe. Dieser schändlichen Thaten willen, und damit ich nicht zum drittenmale solchen christlichen Gehorsam leisten muß, verurteile ich mich selber zum Tode.

»Ich vollziehe dieses Urteil an mir, ohne vorher kommunizirt und gebeichtet zu haben, sterbe demnach eines unbußfertigen Todes.

»Also enden möge jeder, welcher der Kirche Christi Gehorsam leistet, wie ich gethan.

»Amen!«

Diese fürchterliche Schrift las ich immerfort mit lauter Stimme ab, als ob es eines meiner Gebete wäre, hielt auch dabei die Hände gefaltet. Plötzlich vernahm ich hinter mir die Stimme des hochwürdigen Abtes:

»Bruder Angelikus, welche Gotteslästerungen betest Du da?«

Ich wandte mich um nach dem Hochwürdigen, grüßte ihn mit Ehrfurcht und erwiderte voller Demut:

»Ich lese, was der Bruder Eustachius auf dem Herzen hat.«

Da wurde der Hochwürdige bleich, wie der Tote nicht bleicher war, trat hinzu, riß die Schrift von dem Leichnam fort, verbrannte die Stücke an einer der Kerzen, nahm die Asche und streute sie über den Gestorbenen, dabei sprechend:

»Wie ich diese Asche auf Deinen Leichnam werfe, also schleudere ich auf Deine, in Schuld und Sünden dahin gefahrene Seele den Fluch, der Dich scheidet von der Gnade Gottes und Dich übergibt ewiger Verdammnis.«

So ward denn dem Christen und Mönch das nämliche zu teil, was, der christlichen Kirche nach, allen Juden zu teil werden sollte. Nun mußte ich aber denken, daß der Bruder Eustachius gar nichts anderes für sich gewünscht hatte; sprach er doch in seiner Todesschrift aus, daß er sterben wolle, ohne sich mit seinem Gott versöhnt zu haben, sich gewissermaßen seines unbußfertigen Todes freuend. Da aber demnach der Bruder Eustachius für seinen Leib die Qualen ewiger Verdammnis erwartete, so erschien mir sein freiwillig unbußfertiger Tod als ein Ding, das über eines gläubigen Menschen Kräfte geht.

Als der Tag anbrach, wurde Bruder Eustachius bestattet ? eingegraben! Nicht auf dem Kirchhof der Mönche, sondern im Vorhof des Klosters, an der Mauer unter Disteln und Nesseln. Es war dies aber der nämliche Platz, an welchem mein Vater und meine Mutter gestanden und zum letztenmale zu ihrem Sohn gesprochen hatten.

Ach, gern hätte ich mich auf dem Grabe niedergeworfen, entblößten Leibes, mitten unter die Dornen und Nesselgewächse und hätte mich nackten Leibes in den Disteln und Nesseln gewälzt, hätte ich dadurch die Seele des Bruders Eustachius vor der Strafe retten können, welcher er für seinen Gehorsam verfallen.

Als ich am Begräbnistage gemeinsam mit den Vätern und Brüdern den Leib des Herrn empfing und aus dem Kelche auch für mich getrunken ward, da faßte mich Grausen, gedenkend des göttlichen Blutes, darein der Wein sich verwandelte: es war Blut, das die Juden vergossen! Es floß immer noch, und ich genoß davon, ich, der ich doch ein Jude gewesen!

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III.

Es bewies sich an mir, daß das Christentum ein Glaube für die Mühseligen und Beladenen ist. Weil ich nicht wußte, wohin mit mir, so überließ ich mich gänzlich meinem Gott, der sicherlich für mich einen Ausweg finden würde. Und weil in meinem Gemüt ein unsäglicher Jammer und Kampf waren, so überkam mich eine gewaltige Sehnsucht nach Frieden. Um Frieden zu finden, dafür ist nun das Kloster ein guter Ort ? nämlich, wenn man fleißig betet und sonst eifrig dem Heil seiner Seele lebt. Denn darüber vergeht einem Mönch das Denken, wodurch wiederum eine glückselige Dumpfheit entsteht, welche für den christlichen Geist die beste Verfassung ist, um das vornehmste Gebot eines Mönches zu erfüllen und der Kirche, ohne zu denken, in allem gehorsam zu sein.

Ich habe es seitdem oft bedacht: nämlich, daß der Bruder Eustachius nur deshalb zu solchem Ende gelangte, weil er gehorsam, aber dabei voller Gedanken war; darum soll heute und alle Tage mein vornehmstes Gebet lauten:

»Schütze mich, Herr, vor Gedanken! Denn sie sind die Sünde, und das Uebel, und die Versuchung.«

Und ich weiß jetzt wohl, weswegen der Bruder Eustachius nur so dringlich geraten, Geißel und Bußgürtel zu meinen besten Freunden zu machen. Es waren auch die seinen gewesen, wie sein zerrissener, blutender Leib mir an jenem Morgen nach meinem ersten Erwachen im Kloster gezeigt hatte. Aber seine Freunde hatten ihm doch nicht helfen können, ihn vor dem allzu vielen Denken zu bewahren.

An alle diese Dinge dachte ich viel.

Wenn ich sonst irgend konnte, sah ich nur das Christentum an, wie es von Christus gemeint worden; und ich mußte einsehen, daß die Kirche Christi in vielem gänzlich anderer Meinung war, als der Herr es gewesen. Oder ich versenkte mich in das Leben des heiligen Franziskus; und ich mußte erkennen, daß wir Franziskaner gänzlich anders lebten, als unser lieber und wahrhaft heiliger Stifter gelebt und für seine Jünger und Nachfolger bestimmt hatte. Und wiederum strafte mich Gott, indem er mich in arge Versuchung führte und mir das Uebel der Gedanken gab.

Ich dachte an die Religion der Juden, und wie diese geblieben, was sie gewesen: ein einiger Glaube, derselbe, der er am Anfang war, ungezählte Jahrtausende vor dem Anfang des christlichen Glaubens, und auch nachher trotz aller Not und Knechtschaft des Volkes, darin dieses beharrte bis auf den heutigen Tag.

Und ich dachte ferner: Wie es wohl sein würde, wenn einer der Propheten, Heiligen oder Märtyrer des jüdischen Volkes Jünger hätte gleich den Heiligen und Märtyrern der christlichen Kirche ? ob alsdann wohl auch die jüdischen Mönche also ihren göttlichen Meistern ins Antlitz schlagen würden: Gelübde ablegend, die sie nicht hielten, in Regeln regellos lebend, heilige Satzungen verkehrend; also, daß sie nur dem Namen nach, nicht aber im Geiste, ihrem Heiligen und ihrem Gott nachfolgten.

Nun will ich mich nicht unterfangen, von der christlichen Religion, die so erhaben und wahrhaft göttlich sein könnte, solches auszusagen, indem ich noch bis auf den heutigen Tag ein viel zu junger Christ bin, obenein ein herzlich schlechter! Aber von dem Leben in dem Hause unseres lieben Heiligen und wie wir dessen Gebote nicht hielten, und nach dessen Regeln nicht handelten, davon habe ich ? Gott sei es geklagt! ? bereits bis heute genugsam erfahren; trotzdem ich auch darin noch von großer Jugend und Kindlichkeit bin, indessen nur bitten kann, immerdar so zu verbleiben.

Wir Franziskaner sollen nach dem Willen unseres lieben Heiligen untereinander in Frieden und Eintracht leben ? ach, Sankt Franziskus, wenn die Steine unseres Klosters von unserem Frieden und unserer Eintracht zu reden begännen, welch ein Getöse würden sie anheben, um laut wider uns zu zeugen. Wir sollen fernerhin in einer ganz unsäglichen Freudigkeit des Geistes nach unseren Gelöbnissen leben, unserem lieben Heiligen nachfolgend und Gott dienend ? ach, Sankt Franziskus, die meisten deiner Söhne haben in ihren Seelen einen solchen Mißmut oder auch eine solche Trübsal und Unwilligkeit, die Kinder deines lichten Geistes zu sein, desgleichen einen solchen Groll gegen die hehren Pflichten ihres Gewandes, daß du der erste sein würdest, die zu verleugnen, die deinen Namen über die Erde verbreiten. Wir sollen fernerhin demütig sein, hilfreich und mitleidsvoll! ? O lieber Sankt Franziskus, sieh, wie wir voll Hochmuts sind; sich, wie wir uns von denen, die mühselig und beladen sind, abwenden: sieh, wie wir unsere Herzen verschließen vor dem Jammer der Welt. Wir sollen fernerhin keusch sein ? Sankt Franziskus, lieber Heiliger, auch davon habe ich erfahren müssen! Wir sollen fernerhin nur Gott lieben, aber wir lieben nur uns selbst: oder lieben wir Gott, so lieben wir ihn doch nur unseretwegen: damit er uns vergelte, damit er uns gnädig sei, damit er uns das ewige Leben beschere. Wir nehmen um die Liebe Gottes dem Armen sein letztes Scherflein, aber wir selber geben nur gegen Gotteslohn.

Ach, und wie sind wir gierig nach Geld und Gut! Wir, die wir nichts von Geld und Gut wissen sollen, weniger besitzend, als der Aermste, erbettelnd das Brot, welches wir essen, nachdem wir davon die Hungernden gespeist. So ist denn von dem echten und wahren Orden des heiligen Franziskus nicht viel mehr übrig geblieben als das Kleid, welches wir tragen. Und ist selbst dieses nicht insgemein nach der Regel, da in manchen Klöstern die Mönche ihre grobe Kutte nicht auf dem nackten Leibe tragen, wie unser lieber Heiliger gethan, der doch, seitdem er das Kreuz auf sich genommen, keine gesunde Stunde gehabt. Ich kenne manchen unter uns, dem seine bloßen Füße ein Aergernis sind, der sich seinen Strick aus Seide wünscht, und dem die Wolle, welche er unter der Kutte trägt, nicht warm und weich genug sein kann. Das wären geringe Dinge, aber mit der Seele und deren Pflichten gegen Gott hält es der Mann Gottes nicht besser.

Nach außen hin lebten wir zwar in Keuschheit, Demut und Dürftigkeit. Von unserem Kloster wurden jeden Tag einige ausgesandt, um Almosen zu sammeln; indessen ward des Brotes, welches diese mitbrachten, wenig geachtet, und einzig das Geld angesehen, wenn es auch mit Kupfer war. Das erbettelte Brot schenkten wir den Armen, und für uns selbst buken wir welches vom besten Weizenmehl, wozu wir fette Oelspeisen genossen, nicht minder unverdünnten Wein. Auch besaß das Kloster Vignen und Oliveten und nach den Albanerbergen zu ein Landgut. Dieses war an einen Pächter vergeben und brachte dem Kloster hohen Zins ein. Daran ließen wir uns indessen nicht genügen, sondern wir sammelten nicht minder eifrig anderweitige irdische Schätze, wozu auch meine jüdischen Eltern ihr reiches Scherflein beitragen mußten. Denn ich war meiner Eltern einziger Sohn und Erbe. Von dieser Erbschaft nun war ein Teil von der Kirche meinem Vater abgefordert und von diesem auch der Kirche gegeben worden, und zwar ? dieses alles erfuhr ich erst später ? ohne daß die Kirche dabei hätte Gewalt anwenden müssen. Es mochte mein Vater denken: ihr nahmt mir anderes, köstlicheres, als Geld und Gut. Und so gab er es hin.

Und wird alles dieses von mir niedergeschrieben ohne Bedacht und Erwägung, daß es für den hochwürdigen Abt Evaristus geschieht, der mir geboten hat, diese Bekenntnisse niederzuschreiben.

Weil ich von den Brüdern der jüngste war und aus anderen Ursachen, die ich nicht verschweigen will: nämlich meiner Jugend und Wohlgestalt willen, ward ich jeden Tag ausgeschickt, Almosen zu sammeln. Ich führte mit mir einen Sack aus grobem Leinen und einen Korb aus Bast geflochten. In den Sack that ich, was mir gespendet ward, und was ich in Demut mit Gotteslohn als Dank zu empfangen hatte; aus dem Korb gab ich in jenen Häusern, woselbst ich vielfach ein und aus ging, von dem Salat, der eigens zu diesem Zwecke in dem Klostergarten gepflanzt wurde: kleine dunkelgrüne Blätter von einem sehr bittern Geschmack, aber von den Römern und besonders von den Römerinnen überaus begehrt. Ich hatte für meine Bittgänge eine bestimmte Region zugeteilt erhalten, und zwar war es die neunte, die flaminische, welche zwischen dem Thore des Volks und dem Kapitol liegt und das weite Feld vom Corso bis an den Tiber bedeckt. Bevor ich mit dem Einsammeln der Almosen betraut ward, empfing ich von einem Bruder langwierige und ausführliche Weisungen über gewisse Häuser, in welche ich bitten gehen, über gewisse Familien und Personen, welche ich um Almosen ansprechen sollte. Die meisten waren dem Kloster überaus wohlbekannt und man wußte bei uns nicht allein von ihrem Charakter und allen Verhältnissen, sondern noch von ganz anderen Dingen, von denen ich nicht ahnte, daß sie auf der Welt wären oder sein könnten, Dinge, die mich mit Zagen und Schrecken erfüllten. Ach, das waren schlimme Lehrstunden, in denen ich ein gar ungelehriger Schüler war.

Am meisten betrübte und ängstigte mich, daß meine demütige Bitte um Gaben christlicher Barmherzigkeit zuweilen nur ein Vorwand sein sollte, um in gewissen Häusern, von denen man im Kloster nichts wußte, aber zu wissen begehrte, mit den Bewohnern bekannt zu werden. Und beinahe immer waren es Ehefrauen, mit denen ich mich vertraut machen sollte. Dazu bedurfte es nun freilich in den meisten Fällen nur eines einzigen Gespräches, welches ich von meiner Seite gänzlich als Jünger des heiligen Franziskus zu führen hatte; also voller Demut, Frömmigkeit und geistlicher Erbauung.

Ich weiß auch nicht, wie es kam; aber die guten Weiber waren stets überaus eifrig, mir ihr Herz auszuschütten, welches gewöhnlich schwer von Leiden und mit Sünden beladen war. Sie führten mich häufig in die Kammern, setzten mir leckere Speisen vor, begannen zunächst damit, daß sie mich meiner allzu großen Jugend wegen bald bejammerten, bald priesen. Indessen sehr schnell brachen sie in laute Klagen aus, seufzten, rangen die Hände, vergossen Thränen, beichteten und bekannten mir. Alsdann erfuhr ich wiederum Dinge, von denen ich mir nicht hatte träumen lassen. Es war viel Unglück dabei, jedoch noch mehr Unrecht. An meiner großen Verwunderung und Bekümmernis waren es im ganzen stets die nämlichen Dinge, die mir alle zu klagen hatten; denn beinahe alle die guten Frauen, unter denen viele jung und recht ansehnlich waren, hatten schlimme und eifersüchtige Ehemänner oder treulose Galane ? die Galane galten ihnen als gar keine Schande ? und alle begehrten sie deswegen des christlichen Trostes, seufzten heftig nach dem Himmel und verlangten von diesem Vergebung ihrer Sünden ? oder auch Förderung derselben.

Wie aber sollte ich da trösten und helfen? Konnte ich doch mich selbst nicht trösten noch mir helfen. Denn je mehr ich von der Welt hörte und sah, um so weniger verstand ich davon. Das menschliche Leben, mit allem, was sich darin begab, dünkte mich fürchterlich. Ich begriff nicht, wie man das Dasein als etwas Göttliches preisen konnte, und wurde davon gequält wie von einem schweren Traum. So entstand allmälich in meinem Kopfe und Herzen ein ungeheurer Wirrwarr, von denn ich niemand sagen konnte; denn in der Beichte wurde mir das Nachdenken über solche Dinge als große Schuld ungerechnet ? die ich indessen immer von neuem beging. Im übrigen ward ich in allem auf den Himmel verwiesen. Diesem überließ ich schließlich alles.

Bis ich jedoch in meinem Geiste so weit kam, hatte ich einen langen Weg zurückzulegen; es war ein Weg, auf welchem eine Leidensstation neben der andern lag, ein Weg, auf dem Dornen gestreut waren und Disteln wuchsen.

In der ersten Zeit ward ich von den Klagen der guten Frauen, die nur ihr Herz ausschütteten, als nähme ein Priester ihnen die Beichte ab, gar innig gerührt, beklagte sie, tröstete sie und betete mit ihnen. Aber wie ich alsdann zu einiger Kenntnis des menschlichen Herzens gelangte ? ach, lieber Herrgott, da gab es schlimme Stunden! Und ich wollte oft verzweifeln und verzagen, wurde auch nicht besser dadurch, daß ich einsehen mußte, wie viel Schlechtigkeit in der Welt war. Sehr bald geschah es, daß ich, statt trösten zu können, schelten mußte, und statt Mitleid Scham empfand, worauf es bei mancher sogleich zu Ende war, indem sie mich fortschickten und gar nicht mehr zu sich einließen.

Dieses zornmütige, aber aufrichtige Gebahren war mir viel lieber, als wenn sie nach meinen Ermahnungen und eindringlichen Reden eine übergroße Zerknirschung heuchelten, oder sich als reuige Sünderinnen benahmen, mich aber ? kamen einmal unerwartet ihre Ehemänner oder Galane dazu ? entweder verleugneten oder gar mich vor jenen verbergen wollten, was für einen Jünger Sankt Franziski denn doch ein rechter Schimpf gewesen wäre. Ich weigerte mich denn auch einer solchen schändlichen Heimlichkeit, trat vor die Männer und Liebhaber dieser Frauen offenkundig hin und bat bescheidentlich um Almosen, wie das mein Amt und meine Pflicht war. Häufig wurde ich von den Männern überaus schnöde behandelt, beschimpft und zum Hause hinausgejagt, wobei ich allein der Schmach gedachte, welche dadurch der Kirche und dem Orden Sankt Franziski angethan wurde. Legte ich alsdann des Abends dem Abt Bericht ab, bekam ich gewöhnlich strenge Worte zu hören, die ich nach Gebühr ohne Widerrede in Demut hinnahm: brauchte ich nur nicht zu jenen Weibern zurückzukehren und mit ihnen heimliches Wesen zu betreiben, wie mir hin und wieder wohl geboten ward. Alsdann war auch der Bruder Angelikus ein gehorsamer Diener des Herrn. Denn diese Ordensregel des Gehorsams und gänzliche Unterwerfung unter den Willen des Vorgesetzten war die einzige von allen, welche streng gehalten wurde.

Wer es nicht an sich erfahren hat, kann es schwerlich verstehen: nämlich wie bald ein Mensch sein Unglück gewohnt wird; besonders dann, wenn der Jammer in ihm so stark ist, daß er ihn halb umbringt ? ganz thut er das niemals. Kommt nun noch dazu eine dunkle Zelle, eine Kirche, ein Kloster, viel gemeinsames und noch mehr einsames Beten, bisweilen auch Kasteien und strenges Lasten und immerdar dumpfer Gehorsam, so währt es nicht lange und man trägt sein Leben wie sein Gewand, welches wir Mönche nicht eher ablegen sollen, als bis es gänzlich schlecht und schadhaft geworden. Ganz besonders halfen mir noch der Schrecken, welchen die Welt und die Dinge der Welt mir einflößten, das Grausen, welches ich vor dem Dasein empfand, und welches in mir wuchs und wuchs, und davor ich nirgends Rettung fand; es mußte denn sein, daß ich mich an den Himmel klammerte. Dieses that ich ? so fest ich vermochte. Hätte ich nur erst aus vollem Herzen glauben können.

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IV.

Eines Tages ließ der Hochwürdige mich zu sich rufen und trug mir auf, der Hölle eine Seele zu entreißen und dem Himmel zuzuführen.

Das war nun in Wirklichkeit ein frommer und dem Herrn wohlgefälliger Auftrag, der mich hätte mit heiligem Eifer erfüllen müssen. Es war indessen auch ein schwerer Auftrag. Die verlorene Seele, welche ich retten sollte, war nämlich die eines jungen Weibes, das nach allem, was ich von dem Hochwürdigen darüber vernahm, bereits mit Haut und Haaren dem Bösen angehörte. Deshalb machte ich mich denn überaus bekümmerten Gemütes auf, hin zu jener Teufelin, welche Donna Clelia hieß und in der neunten Region wohnte, nahe bei jenem erhabenen Heidenbau, Rotonda mit Namen.

Ehe ich das Hans der Buhlerin aufsuchte, begab ich mich in dieses hehre Heiligtum, woselbst ich mich vor dem Altar niederwarf, darauf ein Marmorbild der Himmelskönigin steht, neben dem Grabe eines gewissen Rafael Sanzio da Urbino, der ein göttlicher Künstler gewesen. Hier betete ich mit heißer Inbrunst, sowohl in Vorbereitung zu dem großen und schweren Werke, das mir geboten worden, als auch um mich gegen jede Versuchung zu schützen, indem ich doch noch so jung und mein Fleisch noch gar schwach und ungeprüft war. Während ich also mit Gott rang, stellte ich mir vor: ich sollte keine junge und üppige Christin die Wege des Herrn führen, sondern ein armes, sündiges Weib aus Schmach und Schande erretten.

Noch niemals hatte mich ein Gebet so gestärkt wie dieses; denn ich that dabei das Gelübde: wenn ich auch kein guter Christ und würdiger Diener Gottes wäre, wollte ich zum mindesten ein reiner Mensch sein, wie meine Eltern, die Juden, reine Menschen waren und ihr Leben lang bleiben würden.

Darauf erhob ich mich von den Knieen und genoß plötzlich eines wundersamen Anblicks: gerade über der offenen Kuppel, durch welche man hineinschaut in das Luftmeer des Himmels ? gerade in dem Kreise der Oeffnung stand die Sonne, hinableuchtend in das Heiligtum gleich einem gewaltigen Strahlenauge und den Marmortempel mit Glanz und Glorie erfüllend.

Nachdem ich gestanden, bis der wundersame Schimmer, der auch mich ganz überflutete, wie eine himmlische Erscheinung gewichen war, ging ich gestärkt und getröstet davon.

In der Via Campo Marzo, Nummer dreiundsiebenzig, fand ich das Haus, welches nur als die Wohnung der Donna Clelia bezeichnet worden. Es war ein großes und ansehnliches Bauwerk, innen dunkel und übelriechend und mit einer Stiege, steil und schmal gleich einer Himmelsleiter ? nur daß sie zur Hölle hinabführte. Aber vom Hofe her leuchtete es mir gar bunt entgegen; ein Gärtlein, so voller Blumen, daß man vor Blüten keine Blätter sah. Auch hörte ich das Plätschern und Rauschen eines Brünnleins.

Ich ging die Stiege hinauf, vernahm Mandolinenspiel, Gesang und Gelächter, welche Töne mir zu der Schönen den Weg wiesen, und gelangte in einen dunklen und öden Saal, darinnen niemand war, darauf in ein prächtiges Gemach, woselbst ich die Donna fand, und bei ihr mehrere von ihren Galanen.

Ich stand in der offenen Thür; da indessen die Donna und alle, die um sie herum waren, sich in einer übergroßen Lustigkeit befanden, so gewahrte mich niemand. Und das war gut, sonst hätte jedermann meinen Schrecken sehen müssen. Ach, die Buhlerin sah jener Myrrha ähnlich, als wäre sie deren ältere Schwester; nur daß ihre Schönheit noch um vieles mehr von der Hölle war, und sie mir demnach als die leibhaftige Braut des Satans erschien. ? Ihr Haar war lichter als die flammenden Locken jener Myrrha und floß wie eine schimmernde Welle von ihrem Haupte nieder; denn es war aufgelöst und wurde ihr gerade von einer fetten und schlampigen Frauensperson ausgekämmt. Sie saß auf einem kostbaren Sessel, der mit korallenrotem Sammet ausgeschlagen war, und hingen die Strähnen ihres Haares bis auf den Boden herab, daß es auf dem dunklen Teppich gleich einem Flecklein Sonnenlichtes lag. Es war mir widerwärtig, zu sehen, wie die Hände der braunen Vettel in den Glanz hineinfuhren und darin herumwühlten nicht anders, als faßte der Teufel die Schöne beim Schopf ? was er denn auch that!

Sie war wohl noch recht jung, großen und schlanken Leibes und hatte ihr schönes Antlitz weiß und rot angemalt. Die Brauen glichen winzigen schwarzen Schlänglein, die über den wie Edelstein leuchtenden Augen Wache hielten; die Lippen blühten gleich Rosen, und das ganze Gesicht war anzuschauen wie ein Madonnenbild, auch so sanft und himmlisch holdselig. Aber die Zuchtlosigkeit dieser über die Maßen schönen Person war daran zu erkennen, daß sie unter lauter Männern in einem weißen Röcklein saß; uns hatte sie auch ein rosafarbenes Tuch über Schultern und Brust geworfen, so war dieses doch erst recht schändlich, indem der Mantel dünn wie ein Schleier war, also daß darunter nichts verborgen blieb, und ihr Leib zu sehen war, gleichsam wie durch ein vom Morgenrot bestrahltes Nebelgewölk.

An ihren Fingern funkelten herrliche Perlen und Juwelen, und in der Hand hielt sie einen aufgebrochenen Granatapfel, in dessen purpurfarbene Kerne sie kräftig hineinbiß; also, daß ihr der Saft der Frucht wie helles Blut auf den Lippen stand. In ihrer Schamlosigkeit hatte sie auch die Füße unbekleidet, und sie streckte sie häufig unter dem blütenweißen Röcklein hervor, was einen nur allzu verlockenden Anblick bot, denn der Schönen Füße waren winzig klein wie die eines Kindes.

Das alles beachtete ich deswegen so außerordentlich aufmerksam, weil die Schöne jener Myrrha ähnlich sah, und ich mir doch den Gegenstand, an dem ich meine Tugend üben sollte, genau betrachten mußte.

Da ich mich nicht regte, und alle in dem Gemach überaus eifrig waren, recht von Herzen zuchtlos zu sein, so hatte ich Muße, auch den Spießgenossen der schönen Sünde ein aufmerksames Auge zu schenken. Das waren gar feine Herrlein in gestickten Röcken, mit seidenen Strümpfen. Sie trugen zierliche Degen, hatten das Haar gelockt und gesalbt, und war der Jüngste von ihnen schier noch ein Knabe.

Dieser lag mit dem ganzen Leibe vor der Schönen am Boden, und sie fuhr ihm mit ihren nackten, rosigen Füßchen in die Haare, bis er auch seinen Kopf niederlegte, wonach sie ihre Füße darauf setzte. Rührte er sich, so trat sie ihn, und ließ der junge, feine Mensch sich überaus gern von der Buhlerin wie eine Bestie behandeln.

Ein zweiter spielte die Mandoline und sang dazu ein zuchtloses Lied; ein dritter wollte der alten Vettel helfen, die Haare der Schönen aufzuflechten, zwickte dieselbe dabei und bekam für solche Ungebühr die Granatkerne ins Gesicht gespieen, was ihm ein unbändiges Vergnügen bereitete, besonders wenn er die Kerne, die die Buhlerin ausspuckte, mit seinem Munde wieder auffing. Also war es ein rechtes Sodom und Gomorrha in dem schönen Gemache, das über und über von köstlichen roten Teppichen und Geweben erglänzte, und darin in der Mitte ein gewaltiges Bett stand, daran alles Holzwerk vergoldet war, mit einem hohen Himmel von gelber Seide darüber. Dieser war auseinandergerissen, und ich sah die seidenen Decken und Kissen durcheinandergeworfen, wie auch sonst in der köstlichen Kammer eine große Schweinerei war. Und was wars für ein Lärm! Die Buhlerin und die Lüstlinge schrieen und lachten zusammen, dazu kreischte die alte Vettel, dazu bellte ein Hündlein, nicht größer als eine Ratte, mit langem, schneeweißem, seidigem Haar, das die Schöne im Schoß hielt. Wäre ich nur erst wieder draußen gewesen!

Da ward die Donna meiner ansichtig, patschte dem Hündlein, welches an ihrer Brust hinaufsprang und mit seinem langen roten Zünglein ihr Gesicht zu lecken begehrte, aufs kleine Maul, wies mit dem Finger nach mir hin und bedrohte das unverständige Vieh:

»Still, Fifi! Da ist ein Bruder Franziskaner. Bist du nicht ruhig, soll er dir eine Predigt halten, darüber, daß das Küssen eine Sünde sei.«

Und sie hob das Tier mit beiden Händen auf und küßte es wohl ein dutzendmal auf die Schnauze.

Es blickten nun alle auf mich; nur der feine Knabe, der am Boden lag und sein schönes Haupt zum Schemel einer Buhlerin machte, blieb liegen. Aber auch die anderen kümmerten sich nicht viel um mich, bis auf die alte, feiste Vettel. Diese ließ eiligst das Haar ihrer Gebieterin fahren, kam auf mich zugewatschelt und griff nach meiner Hand, die sie, ehe ichs verwehren konnte, küßte; also, daß es schmatzte. Alsdann wollte das Weib gar noch meinen Segen haben. Diesen hätte ich indessen für mich behalten, selbst wenn ich zum Segnen die Befugnis gehabt, da die Gabe Gottes, mit welchen der Herr seine Diener belehnt, nicht deshalb da ist, um in den Unrat geworfen zu werden.

Die Donna rief mit ihrer hellen Stimme:

»Gib dem Mönch ein Almosen, Ninetta.«

Die Alte durchwühlte die Tasche ihres schmierigen Gewandes, kramte daraus allerlei hervor, worunter sich auch einige Bajocchi befanden, die sie mir als Almosen hinreichen wollte. Nun geschah etwas Wunderliches.

Die Schöne schaute nämlich zu mir herüber, unverwandt und wie mit großem Staunen, erhob sich, trat einige Schritte auf mich zu, blieb stehen, blickte mich wiederum seltsam staunend an. Alsdann drehte sie sich hastig hinweg, schlug der Alten das Kupfergeld aus der Hand und begann sie heftig zu schmähen: wie sie mir so geringe Gaben bieten könnte? Und sie hatte wegen der kleinen Sache einen solchen Unwillen, daß der Zorn ihre Stimme beinahe erstickte.

Die Alte schimpfte weidlich und mit recht schändlichen Worten, die Galane aber ? bis auf den feinen Knaben, der sich an nichts kehrte ? wollten sich ausschütten vor Lachen, spotteten und riefen: Ob etwa die Schöne für den Bettelmönch Dukaten begehre? Auf das hin zog der feine Knabe sogleich einen seidenen Beutel hervor und warf mir daraus, ohne sich zu erheben, ein Goldstück zu, welches mir gerade vor die Füße rollte und auf welches die alte Vettel so recht teuflisch gierig herabsah. Ich bückte mich, um das reiche Almosen vom Boden auszuheben; aber die Schöne setzte ihren Fuß darauf. Zugleich löste sie eine goldene Kette vom Hals, die sie in meine Hand legte, wobei sie ihre Augen senkte und leise sagte:

»Bittet für mich Sünderin.«

Darauf kehrte sie langsam zu ihrem Sitze zurück. Nun wurde das Gekeife der alten Vettel und das Gelächter der beiden Galane erst recht unmäßig. Ohne mich daran zu kehren, erwiderte ich der Donna:

»Ich bin selber voller Sünden: also, daß meine Fürsprache Euch wenig fruchten würde. Aber ich will diese Kette in Eurem Namen den Armen und Notleidenden spenden lassen. Diese werden alsdann für Euch beten, was Eurer Seele mehr nützen wird, wie wenn ich dafür meine Hände erhebe.«

Sie hatte wieder auf ihrem prächtigen Sessel Platz genommen und meinte gleichmütig:

»Thut damit, wie Euch gut dünkt.«

Sie schwieg, sah mich an und sagte nach einer Weile:

»Wie könntet Ihr wohl voller Sünden sein?«

Ich konnte daraus nichts erwidern, denn bei dem Lachen der beiden Galane hätte sie meine Worte doch nicht vernommen. Plötzlich begann die Donna selber zu lachen, von allen am lautesten und heftigsten; also, daß es mir weh that, es mit anzuhören. Sie rief:

»Hat er nicht ein Gesicht wie der Engel Gabriel? Komm, ich will Dir ein weißes Hemdlein anziehen und Dir einen Lilienstengel in die Hand geben. O Mönchlein, Du dauerst mich!«

Der feine Knabe erhob sein schönes Haupt vom Boden, starrte mich aus großen dunklen Augen grimmig an und rief mir zu, wie man einem Hunde zuruft:

»Hinaus, Bettelmönch!«

Darauf gebot die Schöne:

»Er bleibt hier! Ninetta soll ihm zu essen geben und wir wollen zuschauen, wie es einem Erzengel schmeckt. Was meinst Du zu Maccaroni, Gabriel?«

Wiederum lachten alle und wiederum schrie der seine Knabe:

»Hinaus! Hinaus!«

Die anderen Galane riefen:

»Er soll Maccaroni essen und zum Dank dafür Clelia die Füße küssen.«

Da fuhr die Schöne auf:

»Ich lasse mich von keinem Mönche küssen, und wenn es auch nur die Füße wären ? nicht um die Vergebung aller meiner Sünden. Pfui, solche Kutte! Ninetta, bringe dem jungen Heiligen zu essen.«

Die alte Vettel schalt, daß nichts zu essen da sei, nicht einmal ein Stücklein Salamiwurst. Sie litte selber Hunger! Und nun wollte man gar solchen nichtsnutzigen Bruder mit Maccaroni füttern. Wie der wohl schlingen würde! Aber es sei nichts da.

»Dort steht genug,« meinte die Schöne gleichgiltig und deutete mit dem Kopf auf eine herrliche silberne Schale voll verzuckerter Früchte und anderer Süßigkeiten, wie sie auf die Tafel eines Königs kommen mochten.

Die Alte that, als hätte sie nicht gehört, und machte sich von neuem an den Haaren der Donna zu schaffen. Doch diese jagte sie fort. Nun ging das Weib und brachte mir die Schüssel. Die Schöne gebot mir:

»Setze Dich dorthin und iß.«

Und weil nirgends ein leerer Sessel war, so wies sie auf das Bett.

Ich blieb stehen, ließ die alte Vettel mir die Schale vorhalten, ohne mich daran zu kehren.

Da rief die schöne Sünderin:

»Ich werde Euch zeigen, wie man Mönche füttert, wenn sie so jung sind und solche Augen haben wie dieser.«

Sie sprang auf, griff in die Schüssel, nahm eine verzuckerte Feige heraus, steckte die braune, süße Frucht zur Hälfte in den Mund und näherte ihr Gesicht dem meinen ? näherte ihre Lippen den meinen; denn ich sollte von der Frucht aus ihrem Munde genießen.

Während die beiden Galane und die Alte ihre Freude an diesem Schauspiel bezeigten, sprang der feine Knabe auf und stand da, bleich vor Grimm, daß es sein überaus schönes Gesicht gänzlich entstellte. Ich aber war von dem zuchtlosen Weibe zurückgetreten und sagte nun:

»Bemüht Euch nicht, Donna. Ich bin ein armer Mönch, der nicht wert ist, Eure Füße zu berühren, und bin keiner von diesen feinen Herren, denen Ihr diese Leckereien mit Eurem jungen Leibe bezahlt.«

Das gab einen Aufstand. Die alte Vettel schrie Zeter und Mordio, das Hündchen bellte, die beiden Galane griffen nach ihren Degen und der feine Knabe brachte gar einen Dolch hervor.

Die Schöne aber sprach kein Wort. Sie stand da, öffnete den roten Mund, daß die Frucht zu Boden fiel, und schaute mich an, wiederum wie mit großem Staunen. Als aber der feine Knabe mir zu Leibe gehen wollte, begann sie heftig zu zittern und rief:

»Laßt ihn! Ihr seht ja, wie gar jung er ist. Da ist er noch voll heiligen Eifers.« Und zu mir gewendet: »Armer, reiner Thor, wie bist Du zu diesem Gewande gekommen? Ich sage Dir noch einmal: Du dauerst mich!«

Aber die Alte fuhr fort zu zanken, das Hündchen zu bellen, die beiden Galane zu schimpfen und zu drohen. Der feine Knabe sagte nichts, hatte indessen einen Blick, als wollte er mir seinen Dolch ins Herz stoßen.

Mitten in diesem Lärm hob die Donna plötzlich zu singen an, und da sie mit einer prächtigen, glockenreinen Stimme begnadet war, so wurden alle nach und nach stille; selbst das Hündlein schien von dem Gesang der Buhlerin behext und verkroch sich in den Kissen des Lotterbettes.

Die leichtfertige Schöne sang:

»O meine müden Hände, ihr müßt winden
Zum Tanze Kränze,
Und pflücktet gern nie mehr
Blumen im Lenze.

O meine müden Lippen, ihr müßt singen
Von Lust und Scherzen,
Und stöhntet lieber auf
In Todesschmerzen.

O meine müden Füße, ihr müßt tanzen
Im frohen Spiele,
Und läget lieber still
Auf hartem Pfühle.

O meine müden Augen, ihr müht schauen
Der Sterne Funkeln,
Und ruhtet aus so gern
Im ewgen Dunkel.

Ach du, mein müdes Herze, du mußt pochen!
Ach, Herz, mein armes Herz,
Wärst du gebrochen ? ?«

Ich stand und hörte auf den Gesang des Weibes, den sie mit unsäglicher Wehmut begann und zu Ende führte. Und sie hauchte die letzten Strophen schier wie die letzten Seufzer eines brechenden Herzens. Es ward auch mir unsäglich wehmutsvoll zu Mute; zugleich dünkte es mich ein Traum, von diesen Lippen solche Worte und diese mit solcher Stimme singen zu hören.

Alsbald weckte mich der Beifallsjubel der Galane; ich aber besann mich, indem ich einen tiefen Seufzer that.

Nun wollte ich gehen, erkennend, daß ich den Auftrag, den ich von dem Hochwürdigen erhalten, für dieses erstemal schwerlich würde weiter ausführen können. Kaum jedoch hatte ich mich zum Gehen gewendet, als die Donna mir nachrief:

»Heda, Mönch!«

Ich fragte, was sie von mir begehrte.

»Daß Du noch bleibst! Ich will Belohnung für meinen Gesang. Wie ich Dir vorgesungen, sollst Du mir vorpredigen, und wie ich mich bei meinem Gesang nicht um jene gekümmert, so sollst auch Du Dich nicht um sie kümmern, sondern allein um mich ? ? Schnell, Ninetta! Bringe mein Kleid! Der Wagen wartet. Es ist Zeit für den Corso. Mönch, predige uns!«

»Das will ich!«

Sie schrieen bravo und bravissimo und riefen mir zu: ich sollte ihnen eine Bußpredigt halten.

Währenddem hatte die alte Kupplerin ein herrliches Gewand gebracht: aus lichter, strahlender Seide, voller Stickereien und Spitzen. Ich glaubte nicht anders, als daß die Donna nun in die Kammer gehen werde. Aber dieses Weibes Zuchtlosigkeit war so groß, daß sie sich vor ihren Galanen und mir, dem Mönch, wollte ankleiden lassen. Bereits hatte sie das Tuch von den Schultern geworfen, als sie plötzlich mit einem Blicke auf mich in großer Hast und Verwirrung aus dem Gemache ging, ihre Dienerin mit dem Gewande rief und nach einer kleinen Weile herrlich geschmückt zurückkehrte, in leichtfertigem Tone fragend: ob die Predigt zu Ende sei oder ob sie noch zu rechter Zeit käme?

Letzteres bejahte ich mit großer Ruhe, worauf sie hell auflachte. Alsdann ließ sie sich über ihrem hochaufgetürmten, leuchtenden Haar einen schwarzen Schleier befestigen und begann ein Paar gewaltig langer weißer Handschuhe über die Finger und Arme zu streifen.

Ich aber redete zu ihr und zwar, wie sie mir geboten hatte, ohne mich um ihre Galane zu kümmern. Vor Gram und Scham bebte meine Seele, und wie ich fühlte, also sprach ich. Dabei blieb meine Stimme ruhig und ich schaute der zuchtlosen Schönen steif ins Gesicht. Weil dieses nun so sehr dem süßen Antlitz jener Myrrha glich und ich doch einer Buhlerin ins Gesicht schaute, so fand ich Worte, wie sie bis dahin niemals über meine Lippen gekommen. Ich sprach wenig von Gott zu der Sünderin und gar nicht von ihrer Verworfenheit und Verdammnis; sondern ich redete zu ihr, immerfort jener Myrrha gedenkend, von der Seligkeit, reinen Herzens zu sein, von der Himmelswonne einer keuschen Liebe des Weibes zum Manne und von allem Holdseligen und Heiligen, was sonst einem tugendhaften Weibe zu eigen gegeben ist.

Zuerst lachte auch die Schöne mit den anderen. Nur der feine Knabe lachte nicht, nahm die Mandoline und begleitete meine Predigt mit einem wüsten und wilden Geklimper, daß eine Saite riß und man anfänglich von meiner Rede kein Wort verstehen konnte. Plötzlich sprang die Schöne empor, riß dem feinen Jüngling das Saitenspiel aus der Hand, warf es auf die Erde und rief ihrem Liebhaber ein Schimpfwort zu, daß dieser zarte Galan in seinem Antlitz gleich einem Toten ward und wie rasend davonstürzte. Darauf wurden die anderen still. Ich aber fuhr fort zu reden, konnte indessen die Donna dabei nicht mehr anschauen, da diese sich am Fenster mit ihrem Putz zu schaffen machte. Die alte, feiste Vettel begann jämmerlich zu ächzen und zu stöhnen und wimmerte in einem fort: »O Gott, o Gott, o Gott! Ich arge Sünderin! O Gott, o Gott!« Gerade als gälten meine Worte ihr, die doch wahrlich für jede Art von Liebe viel zu schändlich war.

Nun, ich sagte alles, was ich gegen die leichtfertige Schöne auf dem Herzen hatte, und ging alsdann ohne Gruß aus dem Zimmer. Doch noch ehe ich am Ende des Saales angelangt war, hörte ich hinter mir das Rauschen eines Seidengewandes, verspürte auch zugleich einen starken Wohlgeruch, darin die Schöne gleichsam gebadet war. Ich kehrte mich nicht um und wäre gern schneller gegangen: aber das verbot mir mein geistliches Gewand. Bei der dunklen Stiege war die Donna denn auch dicht an meiner Seite und mit einer Stimme, darin es wie ein ersticktes Schluchzen klang, raunte sie mir zu:

»Lieber Bruder, besuche mich ja wieder und das lieber heute abend noch, als erst morgen früh: denn meine Sünde bedrückt mich schwer. Siehe, ich bin ja auch noch so jung und ?«

Sie wollte noch mehr reden, aber die Stimme versagte ihr.

Auch kamen jetzt die beiden Galane mit der Alten, welche über ihr schlampiges Gewand ein buntes Tuch umgelegt, auf ihr zottiges Haupt eine mächtige Haube gesetzt hatte und einen gewaltigen Fächer schwang, wobei sie zum Gaudium der Galane jammervoll über ihre Sünden lamentirte. Ich blieb stehen, drückte mich gegen die Wand und ließ alle viere an mir vorüber, ohne der Schönen Ja oder Nein geantwortet zu haben.

Alle vier stiegen nun unter wüstem Lärmen die Treppe hinab; ich aber wartete, bis es unten stille geworden. Alsdann ging auch ich.

Es herrschte eine Finsternis auf der Stiege, als ob es Nacht wäre; also, daß ich nicht erkennen konnte, wer mich plötzlich an der Kutte festhielt und zugleich heftig beim Arm packte. Ich fragte:

»Wer seid Ihr und was wollt Ihr von mir?«

Mir wurde erwidert:

»Wer ich bin, schert Euch nichts, nichtswürdiger Pfaff! Aber was ich von Euch will, sollt Ihr hören. ? Laßt Ihr Euch in Euren niederträchtigen Sinn kommen, der Donna noch ein einzigesmal Buße zu predigen, so werdet Ihr, ehe Ihr Euren Mund aufthut, einen Dolch zwischen Euren Rippen fühlen, oder noch tiefer; also, daß Ihr gar nichts mehr fühlen sollt. Dafür nehmt eines Edelmannes Wort.«

Der Mensch ließ mich fahren und lief vor mir her die Stiege hinab; da erkannte ich ihn denn.

Nun verließ ich endlich das schändliche Haus, ging die Gasse hinauf und wendete mich nach dem Platz von San Lorenzo in Lucina und von da dem Corso zu. Hier ist gegen Abend ein gewaltiges Gedränge von Spaziergängern und Karossen, darin feine Kavaliere und geputzte Damen sitzen. Ich mußte stehen bleiben, da ich vor Menschen und Fuhrwerken nicht vorwärts konnte.

Wie ich so stand und harrte, daß Raum werde, kam eine prächtige Karosse angefahren und saß in dieser niemand anders, als die schöne Sünderin, die Clelia, mit der alten Vettel, der Ninetta, und hätte jedermann die Buhlerin für eine Prinzessin halten können. Etliche von denen, die in meiner Nähe standen und die Donna erblickten, riefen laut:

»Seht, die Schöne!«

Es ereignete sich nun, daß ihr Wagen, welcher der Menge wegen nur langsam fahren konnte, ganz nahe an mir vorüber mußte. Als ich eben vor den Pferden zurückwich, erblickte mich die Donna. Sie hatte bis dahin mit einer Miene, als sei sie todmüde, in den Kissen gelehnt ? jetzt, mit einem glückseligen Lächeln, fuhr sie in die Höhe, bog sich weit vor und sah nach mir hin, lächelnd und mir mit ihrem Fächer winkend, als ob ich einer ihrer Liebhaber wäre; also, daß ich vor Scham hätte in die Erde sinken mögen. Auch schauten sogleich viele nach mir, steckten die Köpfe zusammen, spotteten und lachten. Ich machte, daß ich davon kam, als hätte der Satan selbst mir zugelächelt ? mit dem Antlitz jener Myrrha!

*

Als ich kurz vor dem Aveläuten im Kloster eintraf, ward ich sogleich zum Abt befohlen. Der Hochwürdige fragte nach allem, auch sagte ich ihm alles, nur verschweigend, an wen die schöne Sünderin mich gemahnt hatte und womit ich bedroht worden war, wenn ich wiederkäme. Es geschah alsdann zum erstenmal, daß der Hochwürdige mich lobte. Darauf trug er mir auf, mich nach etlichen Tagen wiederum zu der Donna zu begeben und nicht abzulassen, bis ich ihre Seele für das Heil gewonnen hätte.

Ich hatte zu gehorchen und nicht zu denken.

.

V.

Ich verbrachte die nächsten Tage in gewohnter Weise im Dienste des Herrn; nur daß ich viel mit meinem jungen Blute zu schaffen hatte, welches gar heiß in mir wallte. Denn ich schaute immerfort ein junges, schönes Antlitz vor mir. Es hatte die Züge jener Myrrha, aber einen Blick und ein Lächeln, wie jene Myrrha niemals gehabt.

Alsdann versuchte mich Gott, daß ich mir noch anderes von jener satanischen Gestalt vorstellen mußte; auch vorstellen mußte, wie diese in den Armen der feinen Galane ruhte, welche die Lippen, die mir zugelächelt hatten, mit Küssen bedeckten. Gott, ewiger Gott! Es vollzog sich vor meinen Augen die Wandlung und der üppige Leib jener Sünderin stand vor mir; neugeschaffen, mit den zarten Gliedern jener Myrrha, die mich einstmals auf den Mund geküßt.

Das waren nun solche Stunden, wo meine Freunde, Bußgürtel und Geißel, mir beistehen mußten, und sie haben mir auch gute Dienste geleistet. In der Mönchssprache heißt man solche Uebungen: Abtötung des Fleisches. Aber auch der Geist bleibt dabei nicht lebendig.

Am dritten Tage hatte ich den Teufel, von dem ich besessen war, glücklich ausgetrieben und zwar so kräftig, daß mein ganzer Leib mich schmerzte und ich mich kaum aufrecht halten konnte, da ich mich zum Abte begab, dem Hochwürdigen meinen Gang zur Sünderin zu melden.

Der Hochwürdige betrachtete mich aufmerksam, fragte: was ich mit mir angefangen hätte, vernahm es, vernahm auch, warum ich also gethan, ermahnte mich väterlich und gebot mir, mich niederzulegen und meinen kranken Leib zu pflegen.

Als ich mich wiederum in meiner Zelle befand, kam ein Bruder und brachte mir weiche Decken, die er über mein hartes Lager breitete; alsdann salbte er meinen geschundenen Körper, half mir, mich niederzulegen, holte Wein und stärkende Speisen, davon ich auf das Geheiß des Abtes reichlich genießen mußte. Auch ließ der Hochwürdige mir für eine Woche jede Art von Pönitenz untersagen.

Nach einer Woche fühlte ich mich wundervoll gesund und kräftig wie noch niemals, seitdem ich Christ und Mönch geworden. Ich hätte hinauseilen mögen aus dem Kloster und der Stadt in das weite, wilde Land und irgend etwas begehen ? etwas, woran ich hätte meine Kraft und Jugend erproben können. Ach, mein totes Fleisch war auferstanden und auch mein Geist hatte volles, glühendes Leben. Wenn ich aber daran dachte, daß ich jetzt zu der Sünderin gesandt werden könnte, so ward mein Geist von heißen Schauern geschüttelt, alles Blut drängte zum Kopfe, es versetzte mir den Atem, ein Schwindel ergriff mich, und ich wurde einen Augenblick bei aller meiner Daseinsglut schwach wie ein Kind.

Gerade an diesem Tage, da sich so Seltsames mit mir ereignete, ließ der Abt mich zu sich entbieten. Ich ging, erhielt den Auftrag, mich zu der leichtfertigen Dame zu begeben, gestand dem Abt meine heißen Wallungen, wurde väterlich ermahnt, absolvirt und mit strengen Weisungen fortgesandt.

Ich dachte: Nun sei Gott dir gnädig, du gehorsamer Diener des Herrn!

Es mochte gegen die dreiundzwanzigste Stunde sein, als ich mich zum zweitenmal auf den Weg nach dem Campo Marzo machte, und waren die Gassen bereits voller Schatten. Es hätte mir für diesen Gang wohl not gethan, Gott anzurufen und das aus tiefstem Herzensgrund; indessen ich ging an allen Kirchen vorbei, so viele deren auch an meinem Wege lagen. Vielleicht dachte ich, daß ich mich diesesmal lieber auf mich selbst verlassen und mein Gelübde halten wollte, aus eigener Kraft und nicht durch Gottes Macht.

Der Abt hatte mir für den Abend Dispens erteilt, ich hätte auch schwerlich bis zum Ave zurück sein können; überdies war es die letzte Corsozeit und die Schöne saß wohl noch in ihrem schimmernden Seidengewande in der Karosse. Alsdann würde ich auf sie warten müssen.

Ich kam in die Via Campo Marzo, ging in das schändliche Haus, diese Herberge der Lüste, kletterte die Stiege hinauf, wobei ich mich in völliger Dunkelheit an den Wänden emportastete. Diesesmal leiteten mich keine wüsten Töne, was mir ein Zeichen war, daß die Schöne, wie ich befürchtet hatte, sich nicht in ihrer Wohnung aufhielt.

Ich wußte nicht, wo ich mich befand; ob ich noch höher steigen sollte oder nicht, als eine Thür geöffnet wurde, ein Lichtschein in die Finsternis fiel und die Alte heraustrat. Sie trug eine dreiarmige Lampe, die sie auf die Stiege setzen wollte, wahrscheinlich um einem Galan, oder mehreren, zu ihrer Herrin hinaufzuleuchten. Da sie mich sah, lief sie mit der Leuchte wieder in das Zimmer zurück, mich im Finstern stehen lassend. Ich hörte sie drinnen rufen:

»Er kommt!«

Worauf die Sünderin eine Antwort gab, die beinahe wie ein Freudenschrei klang. Ich dachte: die Alte hat dich nicht erkannt und dich für den erwarteten Galan gehalten. Nun ists der Mönch! Ob die Schöne wohl auch heute von dir verlangen wird, daß du ihr Buße predigst?

Ich stehe noch und höre, wie das Weib, die Ninetta, zurückgeschlurft kommt. Aber schneller als sie ist die Donna da, reißt der Ninetta die Leuchte aus der Hand, tritt an die offene Thüre, grüßt mich und sagt demütig und mit leiser Stimme:

»Tretet ein und sei mir und Euch Euer Eintritt gesegnet. Seit bald zwei Wochen habe ich auf Euch gewartet. Nicht wahr, Ninetta?«

Die Alte ist unterdessen auch bei der Thür angelangt, schielt mich an, murmelt etwas, hascht nach meiner Hand, sie zu küssen, was ich indessen nicht dulden will. Aber ehe ich recht weiß, was geschieht, hat die Donna meine Hand gefaßt und inbrünstig ihre Lippen darauf gedrückt, sie auch lange an ihren heißen Mund gehalten, so daß ich endlich meine Hand hastig wegziehen muß, und war meine Verwirrung und meine Scham groß.

Darauf führte sie mich davon; aber nicht in das üppige Gemach mit dem zuchtlosen Bette, sondern in eine kleine Kammer, in welcher alles überaus sauber und zierlich war. Es stand darin ein Tisch, besetzt mit guten, aber bescheidenen Speisen: weißes Brot und kalter gebackener Fisch, auch die herrlichsten Früchte und ein Fiascho roten Weines; aber ich sah nur einen Teller und nur ein Glas. Was mich indessen noch mehr verwunderte, das war in der einen Ecke ein kleiner Altar, mit einem weißen gestickten Tuche bedeckt und darauf zwei silberne Leuchter mit brennenden Wachskerzen. Ueber diesem Heiligtum hing ein Madonnenbild, von frischen Blumen umkränzt.

Auch die Sünderin selbst mußte ich voll Staunens betrachten und beinahe, daß ich einen freudigen Ausruf gethan. Denn statt eines leichtfertigen, üppigen Weibes sah ich vor mir eine sittsame Jungfrau in schwarzem Kleide, das prächtige Haar schlicht in die Stirn gekämmt und im Nacken zusammengeknotet, auch keinerlei Malerei im Gesicht, weder Weiß noch Rot. Wie ich jedoch immer noch vor ihr stehe und sie schweigend anstaune, wird sie bald bleich, bald wie mit Gluten übergossen.

Ich hatte bis dahin kein Wort geredet und es fiel mir auch vor lauter Verwunderung gar nichts ein, so daß ich froh war, als die Donna zu sprechen begann, immer mit derselben leisen Stimme und demselben sittsamen, demütigen Wesen:

»Setzt Euch, guter Bruder, und verschmäht nicht, an meinem Tische etwas Trank und Speise zu nehmen. Ich habe nur aufgetragen, wovon Ihr genießen dürft. Dieser Fisch ist heute früh frisch aus Anzio gekommen, und ich selber habe ihn gebraten, nicht im Fett, wie Ihr vielleicht denken mögt, sondern in Oel. Und die Pfirsiche sind aus dem Garten meiner Tante, einer guten, redlichen Frau, die am Monte Mario eine Vigna besitzt. Ihr Mann ist tot und sie hat keine Kinder. Ich habe ihr durch meinen schlimmen Lebenswandel viel Herzeleid bereitet, denn sie liebt mich von Herzen. Ich durfte aber nicht mehr zu ihr kommen. Als ich nun Euch erwartete, ging ich zu ihr, erzählte ihr von Euch und ließ mir für Euch diese Früchte geben. Segne sie Euch der Herr! Und der Wein ist aus Frascati: Rosso asciuto. Ich dachte: Ihr möchtet ihn lieber trinken als den süßen. Nun aber bitte ich Euch: setzt Euch, nehmt und eßt.«

Sie trat geschäftig zum Tisch, rückte an den Speisen, an Teller und Glas ? obgleich alles in zierlichster Ordnung war, schnitt Brot ab, suchte nach dem besten Stück Fisch, legte es auf den Teller, schenkte Wein ein. Dabei plauderte sie:

»Ich habe es Euch wohl angemerkt: ich meine, daß die Ninetta Euch von Herzen zuwider ist. Sie ist aber ein treues Geschöpf und hat große Barmherzigkeit an mir geübt. Ihr müßt nämlich wissen, daß meine Eltern starben, als ich noch ein ganz kleines Ding war. Es ist mir häufig ein rechter Jammer gewesen, daß ich von meinen Eltern nichts weiß: besonders, daß ich meine Mutter nicht gekannt habe. Ich soll ihr gleichen. Die Ninetta ist die Gevatterin meiner Mutter, welche aus Subiaco gebürtig war. Meine Tante, die rechtliche Frau, von der ich Euch erzählt habe, brachte mich, als meine Eltern beide in einer Woche am Fieber starben, aus Rom nach Subiaco; denn sie selbst konnte mich nicht bei sich behalten. Ich habe sie erst gesehen, als ich später mit der Ninetta nach Rom kam; immer nur in aller Heimlichkeit. Denn damals lebte ihr Mann noch, vor welchem ich verborgen bleiben sollte; ich weiß auch nicht, warum. Als ihr Mann starb, wollte sie mich zu sich nehmen an Kindesstatt. Aber da war ich bereits schlecht geworden.

»Wart Ihr in Subiaco? Nein? Geht einmal hin. Dort ist es schön.

»Als ich sechzehn Jahre geworden, brachte die Gevatterin mich her, fort aus Subiaco. Das war ein Jammer! Ein ganzes Jahr war ich krank; vor Sehnsucht, wißt Ihr, vor Heimweh! Auch noch lange Zeit nachher, als ich schon ? ? Was wollte ich doch sagen? Richtig, von der Gevatterin: Sie ist so schlecht nicht, wie Ihr denken mögt, sie ist eine gute Christin, eine viel bessere als ich. Sie geht alle Tage zweimal in die Messe, betet fleißig und spendet reichlich Almosen. Ich bete gar nicht, ich bin eine große Sünderin. Ach ja, die Ninetta! Sie soll Euch durch ihren Anblick kein Aergernis bereiten, ich habe ihr verboten, in die Kammer zu kommen. Sie hält auch große Stücke auf Euch. Das darf Euch indessen nicht kränken. ? Aber Ihr kommt ja nicht zum Tisch!«

Sie schaute auf, sah mich noch immer an der Thüre stehen und sagte noch leiser:

»Seit länger als einer Woche habe ich jeden Tag für Euch den Tisch gedeckt und dort auf dem Altar die Kerzen angezündet. Nun seid Ihr gekommen und nun sollt Ihr mir diesen Raum durch Eure Gegenwart weihen, mehr, als es durch das Madonnenbild dort geschieht; denn hier habe ich gesessen und an Euch gedacht: mehr, als an Gott und seine Heiligen. Und ich bitte Euch herzlich ?«

Aber sie stockte, sah mich starr an, wurde bleich und bleicher, begann am ganzen Leibe zu zittern und drückten sich auf ihrem schönen weißen Antlitz Angst und Schrecken aus. Ich sagte mit tiefem Ernst und großer Traurigkeit:

»Ich kann mich nicht an Eurem Tische niedersetzen und von Eurem Brote essen, denn es haftet daran von Eurer Schande und würde mir der Gedanke daran jeden Bissen vergällen.«

Da brach das sündige Weib in Thränen aus und begann zu schluchzen; nicht laut, sondern so leise, daß ich kaum einen Ton vernahm, aber dermaßen heftig, daß es ihren Leib schüttelte wie in Fieberschauern. Sie schlug beide Hände, von denen sie allen Schmuck abgethan, vor ihr Gesicht und es war, als würde sie von ihren Thränen zu Boden gezogen. Sie glitt nieder, kauerte auf der Erde und zwar so, daß ihr Kopf beinahe auf die Steine zu liegen kam; doch hörte ich sie auch jetzt weder schluchzen noch weinen, sondern sah es nur; was viel schrecklicher war, als wenn ich es gehört hätte.

Eine Weile ließ ich sie gewähren. Alsdann ging ich hin, wo sie so jammervoll lag, neigte mich herab und sprach leise zu ihr: was mir gerade in den Sinn kam. Als ich nichts mehr zu sagen wußte, schaute ich schweigend mit zerrissenem Herzen auf sie herab. Plötzlich begannen auch meine Thränen zu fließen, unaufhaltsam und so schmerzlich, wie ich sie nicht vergossen hatte, seitdem ich ein Kind war; und obgleich ich vor Scham beinahe vergehen wollte, konnte ich doch nicht anders.

Kaum hörte sie das, als sie die Hände vom Gesicht that, sogleich stille ward und mich, der ich auf einen Stuhl gesunken war, mit einer Miene unsäglicher Trauer anblickte. Sie erhob sich, trat zu mir, nahm mein Haupt in ihre Hände und, wie ich vorhin zu ihr gesprochen, so sprach sie nun leise zu mir: als wäre ich ein krankes Kind und sie eine Mutter. Ich aber war so durchwühlt von Weh und geheimem Leid, daß ich alles mit mir geschehen ließ. Als ich mich endlich wieder auf mich besann, fand ich mein Haupt ruhend an der Brust der Buhlerin, die neben mir kniete und immer noch zu mir raunte: leise, ganz leise, als wollte sie mich an ihrem Herzen in Schlaf singen.

Sanft löste ich mich von ihr, erhob mich, wagte kein Auge aufzuschlagen, ging schwankenden Schrittes zum Fenster, öffnete es. Wie ein silberner Schleier schlug die leuchtende Mondnacht mir entgegen.

Ich regte mich nicht, atmete den Wohlgeruch, der aus dem Gärtchen drunten aufstieg, lauschte auf das Rauschen des Brunnens und schaute zu, wie die Mondstrahlen im Wasser spielten und alsdann auf den weißen Rosen ausruhten.

Ich hörte sie sagen:

»Seitdem Ihr von mir gegangen, hat kein Mann mich berührt. Wenn Ihr wolltet, Ihr könntet auch diesen sündenvollen Leib weihen, daß er rein würde wie der Leib einer Seligen.«

Ohne mich umzuwenden, fragte ich:

»Wie könnte ich das?«

Sie schwieg und seufzte nur. Lange waren wir still; darauf sagte sie:

»Ihr habt recht. Laßt mich in meinen Sünden verharren und beflecket Euch nicht mit mir. Mir ist wohl doch nicht mehr zu helfen.«

Nun wandte ich mich zu ihr, schaute sie an und sprach:

»Helft Ihr mir in dieser Stunde, und Ihr werdet Euch selber helfen.«

Sie blickte starren Auges auf mich, in dem eine sündige Lust erwacht war, welche mehr und mehr Gewalt über mich bekam, daß es allein von ihrem Willen abhing, mich an Leib und Seele zu verderben. Denn sie stand vor mir mit dem Antlitz jener Myrrha, und beinahe auch mit dem Liebreiz derselben. Ein Blick von ihr, eine Bewegung, ein Seufzer ? und die Todsünde wäre begangen worden.

Wir standen und schauten aufeinander und mochte sie alles lesen, was in meiner Seele vorging. Sie wurde noch bleicher, ein Schauer schüttelte sie. Darauf begann sie zu lächeln; zuerst etwas mühsam und wehmütig, dann aber ging es über ihr schönes Antlitz wie ein heller Strahl. Sie nickte mir freundlich zu, trat an den Tisch, nahm den Teller mit den Früchten und sagte mit heller, beinahe freudiger Stimme:

»Sie sind aus der Vigna meiner Tante, die ein ehrliches Weib ist; Du magst getrost davon essen.«

Und sie reichte mir einen Pfirsich.

Ich nahm die Frucht und aß sie. Ich aß aber auch von dem Brote und dem Fisch und trank von dem Wein. Sie bediente mich geschäftig und hatte dabei eine Miene stiller Glückseligkeit. Als sie mich mit allem versehen, setzte sie sich, nachdem sie den Stuhl vom Tisch abgerückt, mir gegenüber und schaute mit einer überaus lieblichen Freude zu, wie ich aß, weshalb ich mich denn bemühte, möglichst viel zu genießen. Zuweilen sprang sie auf, mir etwas zu reichen, wie sie mir auch von den Früchten die herrlichsten aussuchte. Vor allem lobte ich den Fisch, den sie selber bereitet hatte.

Wiederum plauderte sie:

»Wo ich zu Hause bin, in Subiaco, dort haben nahe dabei die Benediktiner reiche Klöster. Das ist eine Herrlichkeit! Die Santa Scholastika ist groß wie eine Stadt. Aber noch schöner ist das Kloster von der heiligen Grotte, welches höher am Berge hinauf liegt. Ehemals war daselbst eine wilde Höhle; darin hat der heilige Benediktus gehaust, viele Jahre lang! Fromme Hirten haben ihm durch eine Oeffnung im Felsen von hoch herab das Essen niedergelassen und zwei Raben sind in der Wildnis seine Freunde gewesen. Aber einmal kam eine Versuchung über den heiligen Mann. Da zog er sein Gewand aus und warf sich nackten Leibes in die Dornen, die vor seiner Höhle wuchsen, hoch über einem schrecklichen Abgrund. Darauf geschah es, daß aus den Dornen dornenlose Rosensträucher wurden. Die Rosen des heiligen Benediktus blühen heute noch bei Subiaco auf dem Berge. Und wer sie frommen Herzens pflückt, an dem vollbringen sie Wunder.

»Man muß nur daran glauben.

»Als die Gevatterin Ninetta mit mir nach Rom gehen wollte, stieg ich am letzten Tag zum Kloster der heiligen Höhle hinauf, betete von Herzen und bat einen Bruder, mich in Sankt Benediktus Rosengärtlein einzulassen. Er ging mit mir hinein und ich durfte mir drei Rosen pflücken: eine Knospe, eine Blüte und eine halb verwelkte Blume. Die drei Rosen nähte ich in ein Säcklein, das ich an einer Schnur um den Hals trug, gerade über dem Herzen.

»Getröstet zog ich mit der Gevatterin fort aus meiner Vaterstadt, nach Rom, von ganzem Herzen glaubend, daß mir nichts geschehen könnte, weder an Leib noch Seele.

»Was half mir mein Glaube ?«

Sie winkte mir, der ich reden wollte, zu schweigen, stand auf, ging zum Tisch und holte aus einem Kästchen ein Säcklein hervor.

»Das ist mein Glaube, verwelkt und verdorrt.«

Sie nahm ein Messer, schnitt das Säcklein auf ? verwelkte Blätter fielen heraus.

Sie sagte noch einmal:

»Das ist mein Glaube.«

Darauf schüttete sie den Inhalt des Säckleins auf die Hand und streute die verdorrten Rosen zum Fenster in die Mondnacht hinaus, dabei wiederum sprechend, laut und feierlich:

»Das ist mein Glaube!«

Sie wandte sich zu mir.

»Der heilige Benediktus ließ meinen Glauben verwelken und vergehen ? kannst Du ihn wieder aufblühen lassen?«

Bevor ich auf diese absonderliche und sündhafte Rede antworten konnte, vernahmen wir im Hause laute Stimmen; ein Weib und ein Mann stritten miteinander. Das Weib zeterte und auch der Mann schien in heller Wut zu sein. Was aber die beiden so heftig zu reden hatten, verstand ich nicht.

Die Donna stand und lauschte, ihre Mienen veränderten sich gänzlich, ihr Blick wurde finster und drohend und sie atmete schwer. Sie flüsterte mir zu:

»Bleibe ganz ruhig.«

Darauf schlich sie zur Thür, schob leise den Riegel vor und drängte, um besser hören zu können, ihren Leib an das Holz. Nun wurde die Thür der nächsten Kammer aufgerissen, die beiden traten hinein, die Gevatterin schalt und lamentirte aus voller Kehle. Der Galan schien sich nicht daran zu kehren, wollte unsere Thüre öffnen, fand sie verschlossen, pochte und rüttelte daran, stieß mit den Füßen dagegen und geberdete sich wie unsinnig. Er rief:

»Ich weiß, daß Du drinnen bist und Dir von dem Mönch Buße predigen lässest und ich lasse darum Deine Seele zusammen mit Deinem pfäffischen Buhlen zur Hölle fahren.«

Ich wollte auf diese schändliche Rede erwidern, sie aber beschwor mich mit einer Geberde inständigen Flehens, zu schweigen; darauf trat sie von der Thür zurück und sagte laut und gelassen:

»Ich bin hier drinnen und höre Euch, Prinz Salviati, gleich einem Wahnsinnigen toben und rasen. Ich bin auch heute allein, werde Euch indessen auch heute nicht öffnen und auch morgen nicht, solltet Ihr morgen wiederkommen, und so keinen Tag. Denn ich hasse und verachte mich, daß ich Euch angehört habe. Thut nun, was Ihr wollt.«

Der Prinz hörte auf zu pochen und zu rütteln, fuhr aber fort zu toben und zu fluchen, worauf die Donna nichts mehr erwiderte. Nun begann der abgewiesene Liebhaber zu drohen: er würde sie aus der prächtigen Wohnung jagen, ihr die Karosse, die Juwelen und seidenen Kleider nehmen lassen, wenn sie ihm nicht sogleich öffne und ihm von neuem angehören wolle.

Auch darauf erwiderte die Donna nichts. Sie stand und blickte auf die Thüre, als sähe sie dort den Prinzen: und ihre Augen sagten ihm: »Ich habe nichts mehr mit Dir gemein.«

Jetzt bat der Prinz, bettelte, flehte; er seufzte, ächzte, weinte ? ? Ach, ich hatte bis dahin nicht gewußt, wozu Leidenschaft und Begierde einen Menschen bringen können; wahrlich bis zur Sinnlosigkeit! Auch wird der Mensch dadurch gänzlich zur Bestie.

Die Donna blieb still und stumm.

Endlich ging der Prinz, von der lamentirenden Gevatterin hinausbegleitet.

Die Donna atmete tief auf und sagte:

»Dieser ist noch nicht zwanzig Jahre alt und ward für das Kloster erzogen; denn er war ein jüngerer Sohn. Aber seine beiden Brüder starben plötzlich. Nun ist er Fürst und Herr. In einigen Monaten nimmt er eine Gemahlin, die er noch gar nicht gesehen hat. Ich soll nahe seinem Palaste wohnen. Aber er liebt mich nicht; es ist etwas ganz anderes, was ihn immer wieder zu mir bringt. Indessen davon weißt Du nichts, davon sollst Du auch niemals etwas wissen.«

Nein, davon wußte ich nichts; aber ich verstand es; plötzlich verstand ichs.

Die Donna ging zu dem kleinen Altar, nickte mir schwesterlich zu und sprach zu mir herüber:

»Hier wollte ich mit Dir beten, nachdem ich Dich geküßt hatte. Nun ists mit Gebet und Kuß vorbei. Aber lassen thu ich Dich doch nicht.

»Sei ruhig und fürchte Dich nicht, wenn ich jetzt die Kerzen lösche. Er wird auf den Hof kommen und daselbst so lange warten, bis er Deinen Schatten erspäht hat; versichert er sich aber, daß Du da bist, so kann es Dir schlimm ergehen. Ninetta verrät Dich nicht; denn sie hofft, daß Du für sie beten wirst. Ach, Lieber, was ists für eine Welt!«

Sie löschte die Kerzen und es ward die Kammer von den Mondesstrahlen durchleuchtet. In ihrem schwarzen Gewande glich sie einer Schattengestalt; aber es glänzte ihr weißes Antlitz und ihr lichtes Haar.

Nach einer langen Weile wollte ich gehen: doch sie sagte:

»Du mußt die Nacht über hier bleiben, sonst gehst Du in Deinen Tod. Der Prinz lauert auf Dich, und mit Dir würde auch ich sterben. Jetzt thu, was Du willst.«

Da blieb ich.

Sie kam auf mich zu:

»Nun will ich Dir alle meine Sünden bekennen und Du sollst sie mir alle vergeben.«

»Das kann ich nicht.«

»Warum kannst Du es nicht?«

»Ich bin kein Priester.«

»Wenn es nur das ist ?«

»Wie?«

Sie aber sagte noch einmal:

»Du sollst mir alle meine Sünden vergeben, oder ich will verdammt sein in Ewigkeit.«

Aber ich vergab ihr ?

.

VI.

Sie schob den Riegel zurück und ging mit mir aus der Kammer. In dem andern Gemache brannte noch die Lampe; das Oel war beinahe aufgezehrt und dem verlöschenden Docht entstieg ein dichter Qualm. Der erste Schimmer des grauenden Tages fiel ins Zimmer und mischte seinen fahlen Schein mit dem rötlichen Lampenlicht.

Am Tische hockte eingeschlafen die Ninetta; in beiden Händen den Agnus, im Schoße ein aufgeschlagenes Traum- und Tombolabuch. Sie schnarchte mit weit offenem Mund; und schaute das Weib dermaßen des Teufels aus, daß ich beim Vorübergehen das Kreuz schlug: nicht zu meinem Schutze, sondern zum Schutze für die, welche ich bei der Kupplerin zurückließ.

Die Donna sah es, blieb stehen und sagte, zu mir gewendet, mit lauter Stimme:

»Darum sorge Dich nicht. Diese hat länger keine Gewalt über mich.«

Von dem lauten Sprechen erwachte die Alte, riß ihre Eulenaugen auf, sah uns beide stehen und begann, noch halb im Schlafe, ein schreckliches Lamento über den pfäffischen Liebhaber, um dessentwillen die Donna den Principino nicht mehr zu sich ließe. Auch forderte sie von mir statt des Kuppelgeldes, daß ich sie ihrer Sünden los und ledig spräche, für ihre Seele bete und ihr bei jedem Besuche glückbringende Nummern für die Tombola sagte.

Dabei fiel ihr ein, was sie geträumt hatte; von einem roten Mond, der von einem weißen Wolf gefressen wurde. Und um es nicht wieder zu vergessen, suchte sie eiligst in ihrem Buche nach dem Zeichen des Mondes und des Wolfes, um darnach für die nächste Tombola die Nummern zusammenzusetzen.

Während das Weib die schmierigen, zusammengeklebten Blätter auseinander zerrte, fuhr sie fort, über den neuen Galan ihrer Schönen zu jammern. Nun hätte ich wohl dagegen reden sollen, und ich wunderte mich über mich selber, daß ich keine Lust in mir verspürte, wider eine solche Verleumdung zu eifern, auch nicht einmal um der Donna willen. Wir standen beide stumm da und schauten uns an, nicht etwa in Scham, sondern ? ach, ich vermag es auch nicht zu sagen! Sie hatte wiederum auf ihrem schönen Gesicht ein Leuchten, wie von einem Schein aus ihrer Seele; so daß ich jetzt ohne jedes Grauen und Herzeleid sah, wie sie in ihrer Schönheit jener Myrrha glich.

Unter dem Gezeter der Alten rief mir die Donna zu:

»Komm fort!«

Sie ergriff die Lampe, nahm aus dem Haar einen silbernen Pfeil, zog damit den Docht der verlöschenden Leuchte mehr hervor und begleitete mich hinaus.

Bei der Stiege angelangt, begehrte ich von ihr, umzukehren: ich könnte meinen Weg nun allein finden und das Haus stände des Nachts offen. Sie aber schüttelte den Kopf und bat:

»Laß mich mit Dir hinuntergehen; nur bis auf die Gasse ? nur bis auf den Hausflur.«

Ich merkte wohl, daß sie immer noch an den Principino dachte und hätte sie gar zu gern verhindert, mit mir zu gehen. Aber sie bestand darauf. Wir stiegen also miteinander die Treppe hinunter; sie mit der Lampe voraus, jede Stufe beleuchtend und bisweilen zu mir emporschauend, mit einem Blick und einer Miene, als wäre sie glückselig, mir dienen zu dürfen. Und ist nicht zu sagen, welch ein Anblick das war: aus der Finsternis ihr schönes Antlitz auftauchend, übergossen von den Gluten der Lampe.

Unten löschte sie das Licht, raunte mir zu, zurückzubleiben und wollte zur Thür, um hinaus auf die Gasse zu spähen. Aber ich war bereits vor ihr dort, daß sie nichts davon gewahrte, wie jemand im schwarzen Mantel hastig in den Flur des gegenüberliegenden Hauses zurückwich und daselbst in der Dunkelheit verschwand. Als sie darauf heraustrat, war die Gasse einsam, kein Mensch zu sehen, so aufmerksam sie auch um sich spähte; und ich hütete mich wohl, ihr etwas zu verraten. Dennoch ward sie von einer jähen Furcht befallen, und sie bat mich inbrünstig: »Geh nicht! Komm wieder mit mir hinauf! Warte bei mir, bis es vollends Tag geworden und Leute auf der Gasse sind. Es geschieht Dir gewißlich ein Unglück. Ich flehe Dich an; komm hinauf und schlafe noch einige Stunden. Ich bette Dich in der Kammer, wo Du mir gnädig gewesen, und wo Du schlummern wirst wie in einem Heiligtum. Also komm!«

Dagegen weigerte ich mich mit großer Entschiedenheit. Sie aber fuhr fort, mich flehentlich anzugehen:

»Laß mich wenigstens mit Dir gehen! Siehe, Du bist ja gütig. Verbiete mir nicht, Dich ein Stück Weges zu geleiten.«

Ich schalt sie leise aus und forderte von ihr, sich augenblicklich in ihre Wohnung hinaufzubegeben.

Sie hörte mich demütig an, darauf bat sie:

»Ich will hinter Dir hergehen, fünfzig Schritte und mehr, nur laß mich in Deiner Nähe sein.«

Ich gebot ihr heftig, sich nicht an meine Fersen zu hängen und ihre junge Sittsamkeit nicht dadurch noch schändlicher zu machen, als ihre Lasterhaftigkeit gewesen, daß sie einem Mönch auf der Gasse nachschlich. Diese grausamen Worte ließ sie ohne Widerrede über sich ergehen, seufzte tief auf, stand hilflos da gleich einem gescholtenen Kinde und es rannen ihr Thränen die Wangen herunter.

Ich sagte:

»Lebt wohl, Donna.«

Sie aber drückte beide Hände gegen ihre Brust, als empfände sie dort einen übermächtigen Schmerz, und stammelte:

»Welch ein Wunder hat sich mit mir begeben?« Und noch einmal: »O, welch ein Wunder!« Und alsdann in zitternder Angst: »Wann kommst Du wieder? Schwöre mir zu, daß Du morgen wieder kommst.«

Ich warf einen Blick nach dem gegenüberliegenden Hause und dachte: Du darfst ihr wohl verheißen, morgen wieder zu kommen.

Das that ich denn auch, wofür sie mir dankte, als ob ich damit ihr Leben gerettet.

Endlich schied sie von mir, zuversichtlich und freudig. Ich rief ihr nach; ich würde vor dem Hause stehen bleiben, bis ich sicher wüßte, daß sie hinaufgegangen. Nun beeilte sie sich.

Ich hörte, wie sie die Stiege hinauflief, in ihre Wohnung trat und die Thüre hinter sich zuschlug. Mich langsam entfernend, dachte ich:

Dieses Weibes Seele ist nun für immerdar errettet und erlöst. Wohl ist es ein Wunder. Aber nicht du hast es vollbracht, auch nicht der Himmel, sondern eine ganz andere Macht, die freilich auch göttlich ist.

Ich ging die schmale Gasse langsam hinunter, der Rotonda zu und war bald in tiefe Betrachtung versunken:

Also jetzt mußt du sterben ? von Mörders Hand! Sicherlich schleicht er bereits hinter dir her, faßt bereits nach seinem Dolch, der es mit dir zu Ende bringen soll. ? ? Wolltest du nicht leben bleiben, um den wahren, vollen Glauben zu erlangen und alsdann jene Myrrha zu erretten und zu erlösen, wie dieses Weib erlöst und errettet ward? Und jetzt bist du bereit, aus dem Leben zu gehen, ohne der in Ewigkeit verdammten Seelen aller deiner Geliebten zu gedenken? Wofür alles Herzeleid, das du über deine Eltern und über dich selber gebracht hast? Du hättest für sie glückselig leben können und du willst jetzt um eines Weibes willen, das eine Buhlerin war, unselig sterben?

Solltest du dir nicht gebieten, dein Leben vor dem Dolch des Mörders zu retten?

Nein!

Denn du würdest dich doch niemals in diesem Wirrwarr des Daseins zurechtfinden, doch niemals den wahren, vollen Glauben erlangen, doch niemals ein christlicher Christ sein ? doch niemals die Seelen der Deinen erlösen.

Also stirb!

Allein du hast als Christ die Taufe empfangen, wirst daher als Christ auferstehen, kannst daher als Christ selig werden ? allein selig.

Sei getrost ? das wird nicht geschehen.

Du wirst verdammt werden, wie deine Geliebten, ewig verdammt: denn du stirbst mit einer Todsünde auf dir: du fordertest von dem Weibe, welches die Züge jener Myrrha trägt, dir zu helfen, die Prüfung zu bestehen, und du hättest doch die Prüfung lieber nicht bestanden.

Du wärest gern diese eine Nacht in den Armen der Buhlerin selig gewesen ? um dafür auf ewig unselig zu werden.

Und es wurde die Todsünde dieses Verlangens von dir empfunden, ohne Scham, ohne Reue ? ?

Ich begegnete einem Manne, ließ ihn an mir vorüber, hörte seine Schritte sich mehr und mehr entfernen und auf dem Pflaster verhallen. Dann ward es still. Aber nicht lange, und ich vernahm von neuem Schritte: hinter mir, vorsichtig, schleichend.

Das waren die Schritte meines Mörders.

Ich ging ruhig weiter, nicht schneller, eher langsamer.

Aber die Schritte kamen nicht näher. Sollte der Mann feige sein? Es war ja doch wohl ein gedungener Mörder. Diese pflegten es rasch abzuthun.

Ich kam zu einem Marienbild, eine Lampe brannte davor und darunter war zum Niederknieen ein Bänklein angebracht. Es war, als weise der Himmel selbst mir den Weg, wie ich mein Leben erhalten könnte. Denn wäre ich jetzt vor dem Heiligtum niedergekniet und hätte daselbst so lange im Gebet verharrt, bis die Gasse sich mit Menschen gefüllt, so wäre ich für diesesmal wohl dem Dolche des Mörders entronnen; denn schwerlich, daß der Mann mich im Gebet getötet hätte. Aber ich fühlte in jenem Augenblick gar kein Bedürfnis nach Gebet oder Andacht, sehnte mich auch gar nicht darnach, solches zu fühlen. So ging ich denn an dem Heiligtum vorüber.

Einen Augenblick später hörte ich den Schritt nicht mehr. Doch jetzt ? jetzt kam er wieder, schnell und schneller! Jetzt war es Zeit, meine Seele dem Höchsten zu empfehlen, oder zum letztenmale die Heiligen anzurufen, Fürbitte für mich zu thun. Jetzt hörte ich den Schritt dicht hinter mir und jetzt ? ?

Ich schloß die Augen, drückte beide Hände auf die Brust, gedachte meiner Geliebten und sprach ihre heiligen Namen vor mich hin:

»Vater ? Mutter ? Mose ? Myrrha ? ?«

Da fühlte ich einen glühenden Schmerz, nahe dem Herzen, ganz kurz und gar nicht so besonders schrecklich. Dann ein Schwindel wie ein Wirbel, wie ein Versinken in einen schwarzen, unergründlichen Abgrund und dann ? fühlte ich nichts mehr.

.

VII.

Meine Glieder waren schwer und wie starr, ich konnte mich nicht regen, schwer und wie starr war mein Haupt, ich konnte es nicht heben. Auch meine Augen vermochte ich nicht zu öffnen. Ich hörte Vogelgesang, Zwitschern und Pfeifen, leises Flöten und lautes Jubiliren. Ich erkannte jede Vogelart an ihrem Gesang und nannte sie bei den Namen, die Myrrha ihnen gegeben und mich gelehrt hatte. Das war eine Amsel, dieses eine Blaudrossel; jetzt pfiff eine Rohrdommel und jetzt schlug eine Wachtel. Und welchen Lärm machten die Schwalben!

Fernes vieltöniges Glockengeläut mischte sich mit den Vogelstimmen. Darauf lauschend, schlummerte ich nach einer Weile ein, Gesang und Glockenton bis in meinen Traum hinein hörend. Alsdann weckte mich das Krähen eines Hahns.

Es war wirklich ein Hahn gewesen, der gekräht hatte.

Und Tauben gurrten!

Nun versuchte ich meine Augen zu öffnen, schloß sie indessen sofort wieder, denn eine Welle von Glanz floß mir entgegen. Zugleich verspürte ich einen starken Wohlgeruch von frischen Steppenkräutern, als läge ich wie ehemals auf einem Grabhügel an der Via Appia, mitten unter Lavendel und blühender Menthe.

Ueber diese Vorstellung erschrak ich so sehr, daß ein Schauer mich durchrieselte und ich heftig atmen mußte. Dies verursachte mir in der Brust einen stechenden Schmerz, welcher mich zur Besinnung brachte. Aber noch ? obgleich ich jetzt meine Augen weit offen hatte ? glaubte ich zu träumen, oder sonst etwas zu erblicken, was nicht Wirklichkeit war.

Denn ich fand mich in einem hellen Stüblein im Bette liegen und mit weißen Tüchern zugedeckt. Und als ich mein Haupt ein weniges dem Lichte zuwandte ? sehr viel vermochte ich nicht ? blickte ich durch ein geöffnetes Fenster in einen Wirrwarr von durchleuchteten Reben, welche eine Menge blauer und goldigheller Trauben trugen.

Wie ich so mit offenen Augen dalag und alles voll Verwunderung betrachtete, ward leise die Thüre geöffnet und hereinkam eine ältliche Frau, gar sauber gekleidet, eine Witwenhaube auf und mit einem überaus freundlichen und behäbigen Antlitz. Diese würdige Matrone begab sich ans Fenster, woselbst sie sich niederließ und aus einem Korbe, der neben ihr stand, ihren Schoß mit scharlachroten Peperoni füllte, welche leuchtenden Früchte sie an einer Schnur zum Trocknen aufzureihen begann.

Nicht lange und viele große, schön gefiederte Tauben kamen geflattert. Sie setzten sich auf das Fenstersims, gurrten eifrigst, drehten die Köpflein, flogen sodann ins Zimmer und pickten an den roten Früchten, welche die Matrone als untauglich auf den Boden geworfen. Aber die Peperoni behagten den Täublein nicht. Die freundliche Frau zog ein Stück Brot aus der Tasche und streute es aus. Das war nun bessere Kost, welche die zutraulichen Vögel begierig aufpickten, wobei sie mit den Flügeln schlugen und sich zu einem bunten Haufen zusammendrängten.

Wie aber ward mir, als plötzlich vor dem Fenster, im Rahmen der Reben, ein wunderschönes bleiches Antlitz erschien: des Weibes mit der geretteten Seele. Sie schaute ins Zimmer und sogleich nach mir hin; zuerst ruhig forschend, alsdann in heftiger Bewegung. Sie beugte sich weit vor, zum Fenster hinein und sagte mit einer Stimme, darin es wie ersticktes Schluchzen klang:

»Ach, Tante, seht doch, ich glaube, er ist erwacht.«

Jetzt schaute auch die Matrone zu mir hin, sprang sogleich vom Stuhl in die Höhe, so heftig in ihrer Freude, daß sie den Korb mit den Peperoni umstieß, worauf die Tauben in großem Schrecken aufflogen, einige durch das Zimmer flatterten, andere zum Fenster hinaus. Im nächsten Augenblick stand die Donna im Zimmer und mit der Alten an meinem Bette und war es ein Glück über mein Erwachen, als wäre ich vom Tode erstanden.

Wie ich nun mit schwacher Stimme fragte, wo ich mich befände und was sich mit mir begeben hätte, begannen die beiden guten Frauen zu erzählen; die Matrone voll Eifers und in großer Redseligkeit, die Donna mitunter in die Rede der anderen ein Wort werfend, oder ihr auch nur mit einem Nicken, einem Lächeln beipflichtend.

Es hatte sich aber folgendermaßen mit mir zugetragen:

... Ich ward an jenem Morgen, nahe der Rotonda, auf der Gasse liegend gefunden und für tot aufgehoben. Da man mich davontrug, gewahrte man noch Spuren von Leben in mir und brachte mich eiligst zum nächsten Spital. Dort indessen wollte man mich nicht aufnehmen, man sollte mich in ein Franziskanerkloster schaffen. Darüber gerieten die Spitalleute in Streit mit den Männern, die mich gebracht hatten und die sich weigerten, mich weiter zu tragen. Sie legten mich auf dem Flur des Spitals nieder und gingen ihrer Wege. Um mich kümmerte sich vorerst niemand.

Unterdessen verbreitete sich in der Gegend um die Rotonda und in der Via Campo Marzo das Gerücht, man habe in aller Frühe einen jungen Franziskaner erstochen gefunden, welcher Mord vermutlich aus Eifersucht begangen worden, als der Geistliche von seiner Geliebten gekommen.

Die blutige Begebenheit ward am Morgen auch der Donna erzählt, und ich lag noch nicht lange in dem Flur des Spitals, als ein junges Weib gelaufen kam und beim Pförtner unter strömenden Thränen fragte, ob dem Spitale kein verwundeter Franziskaner gebracht worden wäre? Der Mann erwiderte: im Flur läge einer, wenn er sonst noch lebe; und sei bis zur Stunde noch von keinem Kloster eine Anfrage ergangen. Was der Verwundete oder Tote sie angehe? Er sei wohl ihr Liebhaber?

Nein, ihr Bruder.

Und das Mädchen bat und flehte, man möchte ihr um Christi Barmherzigkeit willen ihren jungen Bruder herausgeben, damit sie ihn, wenn er noch lebe, pflegen könne; sei er aber bereits gestorben, so wolle sie ihn christlich begraben lassen.

Nun hätte man mich am liebsten ohne weiteres ausgeliefert; dennoch thaten sie, als läge ihnen daran, mich, sei es lebendig oder tot, zu behalten. Aber das Weib, das sich meine Schwester nannte, steckte ihnen Geld zu, und so überließen sie mich ihr, gaben ihr sogar noch Träger mit, die mich in das Haus des nächsten Arztes schafften. Was hier geschehen, erfuhr ich erst später: die Donna zahlte auch dem Arzt eine Summe Geldes. Dafür gelobte dieser Schweigen, untersuchte und verband meine Wunde und half meiner Schwester, mich spät am Abend heimlich aus der Stadt zu schaffen, vor die Porta del Popolo in die Vigna der Tante am Mario.

Dort lag ich drei Tage, ohne von mir zu wissen; jetzt war ich erwacht.

Ich sollte also wiederum leben, das Leben wiederum von neuem beginnen: als Christ, als Mönch, als Sünder, als falscher Priester!

Das goldene Tageslicht brannte mir gleich Flammen in die Augen, der Vogelgesang und die freudigen Stimmen der beiden Frauen, die mir das Leben gerettet, verursachten mir im Gehirn einen Schmerz, ärger als die Schmerzen in meiner Brust, nahe dem Herzen. Ohne den Samariterinnen für die Erhaltung meines Lebens zu danken, schloß ich die Augen, wandte das Haupt mit Mühe ab und lag in einer Verzweiflung, tief wie ein Abgrund und dunkel wie das Grab, welches mir Gottes Barmherzigkeit verweigert hatte.

Ich weiß nicht, wie lange ich in solchen Qualen gelegen, als ich die Donna, wie aus weiter Ferne, mit unsäglicher Trauer sagen hörte:

»Ach, hasse nicht Dein Leben, welches auf Erden mein einziges Glück und meine einzige Hoffnung ist. Denke, was aus mir hätte werden sollen, wenn Du um meinetwillen auf der Gasse ermordet worden wärst! Ich hätte ja wieder morden müssen: denn eine Sabinerin rächt ihre blutigen Toten.«

Da mußte ich denken:

Wenn du allein durch dein bloßes Dasein irgend einem Menschen ? und wäre es auch nur eine ehemalige Buhlerin ? irgend welches Glück bereiten kannst, so ist dein Leben nicht dermaßen wertlos und unnütz, daß du wünschen dürftest zu sterben. Also lebe! Krümme dich in Qualen, aber lebe! Und zwar lebe, ohne den Himmel anzuklagen: denn dieser hat dir mehr gegeben, als Millionen anderen, die das Leben auch ertragen müssen.

Da wandte ich mich von neuem dem Lichte zu, rief leise die Donna, streckte ihr die Hand entgegen und sagte:

»Liebe Schwester, ich danke Dir.«

*

Das Nächste, was ich sprach, war:

»Ist zum Kloster geschickt worden?«

Clelia stand am Fenster und hing die an eine Schnur gereihten Peperoni daran auf; sie schien meine Frage nicht gehört zu haben, aber die Tante erwiderte für sie:

»Freilich ist zum Kloster geschickt worden, gleich am ersten Tag. Sie ist selber hingegangen.«

»Clelia?«

Sie mußte glauben, daß ich sie gerufen hätte: denn sie ließ ihre Arbeit und kam zu mir.

»Was soll ich?«

»Ihr selbst seid zum Kloster gegangen?«

»Ich selbst. Wir hatten niemand zum Schicken und für meine Tante war es zu weit.«

»Was sagtet Ihr den Mönchen?«

»Was zu sagen war.«

»Und sie?«

»Sie hörten mich an«

»Ja, aber was sagten sie?«

»Nicht viel.«

»Ist schon einer von den Brüdern hier gewesen?«

»Nein.«

»Wie, es hat noch niemand nach mir gesehen? Sie wissen doch, wo ich bin?«

»Ich sagte es ihnen.«

»Aber ? ?«

»Ihr müßt Euch ruhig verhalten. ? ? Die Mönche lassen Euch sicher bei mir. Sie wissen, daß Ihr am Leben seid und gut verpflegt werdet. Lieben thut im Kloster ja niemals einer den andern.«

Sie nahm den Korb, darin die Früchte gewesen, und ging damit aus der Kammer. Ihre Tante, die würdige Frau, schüttelte den Kopf hinter ihr drein, seufzte ein wenig, rückte den Stuhl an mein Bett und begann:

»Ist das ein wunderliches Geschöpf! Ihr Vater ist mein leiblicher Bruder gewesen: um den wars auch ein Jammer. Ich erzähle Euch wohl noch einmal davon. An der Clelia habt Ihr Großes vollbracht und muß es Euch allein deswegen gut gehen, auf Erden sowohl als im Himmel. Ihr tragt Euer geistliches Gewand in Ehren und werdet es bei so großer Tugend und Frömmigkeit sicher bis zum Bischof oder Kardinal bringen, wenn Ihr nicht gar heiliger Vater werdet. Wahrlich, Ihr bereitet Euren Eltern Freude über die Maßen und Eure Mutter muß stolz sein auf ihren frommen Sohn. ? ? Ich soll Euch nicht solche Dinge sagen? Nun, ich bin bereits still. Aber auch mir habt Ihr Wohlthaten erwiesen und auch ich möchte mich dafür dankbar erweisen und das von ganzem Herzen.

»Denn obschon ich die Clelia nicht gleich meiner Tochter halten konnte, ist mirs doch, als hättet Ihr die Seele meines Kindes gerettet.

»Seht, ich übergab sie der Gevatterin ihrer toten Mutter zum Aufziehen nach Subiaco; denn in Rom ging es nun einmal nicht an. Alle Jahre ließ ich mir von jenem schändlichen Weibe, das ich für eine rechtliche Frau hielt, schreiben, wie es dem Mädchen ergehe. Liefen auch alle Jahre die Briefe ein: der Clelia gehe es gut, sie sei ein seines Kind und werde von Tag zu Tag schöner an Gestalt und Antlitz, gerade wie ihre Mutter gewesen.

»Dies war nun just nicht eben das, was ich dem Mädchen wünschte; denn des Mädchens Mutter ist lediglich durch ihre übergroße Schönheit an Leib und Seele zu Grunde gegangen. Indessen ich tröstete mich, daß die Clelia nicht minder das Kind meines Bruders sei, der ein überaus herrlicher Jüngling gewesen. Was hätte ich auch dabei thun sollen?

»Fünfzehn Jahre ging alles gut. Ich besaß einen wackern Mann, vor dem ich außer der Geschichte mit der Clelia keinerlei Heimlichkeiten hatte, das Kindchen sollte trefflich gedeihen und weil der Himmel mich nicht mit Kindern gesegnet, hoffte ich im Herzen, trotz meines lieben, aber gestrengen Eheherrn, immer noch auf die Clelia als Tochter. Plötzlich kam die Ninetta nach Rom ? mit der Clelia!

»Freilich war sie ein schönes Geschöpf und freilich sah sie ihrer Mutter gleich ? der Dionizia Baldi aus Olevano, von deren Herrlichkeit man noch heutigen Tages in Rom redet und das nicht nur auf der spanischen Treppe und in der Via Margutta. Aber mit der Gevatterin, der Ninetta, führte ich ein lustiges Tänzchen auf! ? Wer sie mit dem Mädchen gerufen hätte? Wie sie sich das unterstehen könnte? Ob sie nicht wisse, was für ein schlimmer Ort Rom für eine solche schöne Kreatur sei? Ihre Mutter sei daselbst schlecht geworden und tausend andere und viele würden es noch heute jeden Tag: schlecht und schändlich! Sogleich sollte sie mit dem Kinde wieder nach Subiaco zurück und sich nicht mehr in Rom blicken lassen!

»Die Alte lamentirte und schwatzte: Auch in Subiaco seien die Menschen schlecht. Man habe erfahren, wessen Tochter die Clelia sei, und diese könne es jeden Tag auf der Gasse zu hören bekommen. Und erst die Männer! Im ganzen Kirchenstaat stelle kein Vogeljäger so einer Palombella nach, wie in Subiaco die Männer der Clelia nachstellten. Da seien die Herren von Subiaco, die Colonna. ? ? Nun, im ganzen Kirchenstaate wisse man, was die Colonna für Mädchenfänger wären. Vor denen sei keine sicher, vor denen könne kein Heiliger und keine Heilige ein Mädchen bewahren. Und gar eine so Wunderschöne! Aber auch die anderen seien nach der Clelia aus, wie der Fuchs nach den Trauben. Da sei besonders einer! Ein blutjunger, bildhübscher Mensch, ein Nachbarssohn, der zusammen mit ihr ausgewachsen, ein gewisser Terenzio Latin! Heilige Mutter Gottes ? habe der für die Clelia ein heißes Herz! Gänzlich Feuer und Flammen! Es sei ein ansehnlicher Jüngling, der bereits sein väterliches Erbe angetreten und nach keinem auf der Welt zu fragen brauche. Aber für die Clelia sei er lange nicht ansehnlich genug, die könne mit ihrer Schönheit höher hinauf, die könne wohl gar eine Signora werden! Den Terenzio könne sie immer noch haben; denn so etwas von Liebe sei noch nicht dagewesen! Der junge Mensch wisse, wer und was die Mutter der Clelia gewesen, kümmere sich indessen nicht so viel darum und würde die Tochter der Dionizia Baldi auf dem Fleck heiraten, ohne einen Paol Mitgift. Aber, aber ? ?

»So schwatzte das schändliche Weib, und ich, dumme Kreatur, lasse mich beschwatzen, bringe die beiden in einem anständigen Hause unter, kann mich indessen im übrigen nicht viel um sie kümmern ? ich erzähle Euch wohl noch einmal, warum nicht. Denn damals lebte noch mein guter Mann, der in solchen Dingen sehr apart und rabiat war; und es war eben doch die Tochter der Dionizia Baldi! Nun, anfangs ging alles zum Besten, und wenn ich die beiden sah, hatte ich meine Freude an dem jungen, schönen Geschöpf. Sie ging fleißig mit der Ninetta zur Messe und Beichte und ein geistlicher Herr kam jeden Tag zu ihnen ins Haus. Aber noch fleißiger führte die Gevatterin sie im Corso und auf dem Monte Pincio spazieren, fuhr wohl gar mit ihr in die Villa Borghese. Alsdann schalt ich wiederum, alsdann lamentirte wiederum die andere, alsdann ließ ich mich wiederum beschwatzen von dem schlechten Weibe. Und der Himmel hatte auch kein Einsehen!

»Da fiel mein lieber Eheherr in seine lange Krankheit, von der er nicht wieder aufstehen sollte. Kaum hatte ich ihn begraben lassen, als ich zu der Ninetta schickte: sie sollte sogleich mit der Clelia zu mir kommen und bei mir bleiben. Aber das schändliche Weib ließ zurück sagen: sie und die Clelia würden bleiben, wo sie wären und woselbst es ihnen beiden gar gut gefiele.

»Ich also hin. Da wohnten die zweie, die Kupplerin und die Buhlerin, in einem überaus prächtigen Hause, welches einem Herzog oder einem Prinzen gehörte. Ich konnte nicht einmal zu ihnen hineinkommen. Das war ein Jammer.

»Aber, was sollte ich thun?

»Dreimal lief ich hin und dreimal ward ich schimpflich behandelt und in Schanden vor dem Hause stehen gelassen ? viele Stunden lang!

»Einmal traf ich die Clelia auf der Straße, hing mich an sie, weinte bitterlich und bat sie inständigst, mit mir zu kommen. Gerade so hatte ich mich einstmals auf der Gasse an ihre Mutter gehangen und ihre Mutter gebeten. Aber wie die Mutter mich nicht gehört und nicht mit mir gekommen, gerade so die Tochter. Da ließ ich sie ? wie ich die Mutter gelassen; da verdarb sie vollends ? wie ihre Mutter vollends verdorben. Nur daß die Tochter am Leben blieb, während die Mutter sich freiwillig einem blutigen Tode übergeben.

»Länger als ein Jahr sah und hörte ich nichts von der Clelia. Plötzlich ? vor zwei Wochen war es ? kam sie zu mir.

»Anstatt sie zu schmähen und zu verwünschen, mußte ich bei ihrem Anblick bitterlich weinen: sie war gar zu schön und dabei so schlecht und noch blutjung.

»Da sie mich so herzlich weinen sah, setzte sie sich nieder, seufzte und sprach endlich:

»?Nicht wahr, Ihr kanntet meine Mutter??

»?Freilich kannte ich Deine Mutter. Hätte Dein Vater das an Dir erlebt!?

»Auf das hörte sie gar nicht. Am ganzen Leibe bebend fragte sie:

»?Nicht wahr, Muhme, meine Mutter war nicht das gewesen, was ich bin??

»Was sollte ich dem armen Geschöpf darauf antworten? Ich konnte ihr doch nichts Schlechtes von ihrer eigenen Mutter sagen! Sie saß vor mir in einer solchen atemlosen Angst, als hinge ihr Leben von meiner Antwort ab. Ich fuhr fort zu schluchzen und sagte unter heftigen Thränen:

»?Nein, Deine Mutter war eine wackere Frau.?

»Da hättet Ihr dieses Gesicht sehen sollen; schier glückselig und ganz verklärt! Sie seufzte wiederum aus vollem Herzen, faltete die Hände, als ob sie beten wollte, sagte aber nur:

»?Meine Mutter! Ach, meine Mutter!? Und nach einer Weile noch einmal nichts, als: ?Mutter! Mutter!?

»Ich trocknete eilig meine Thränen und fing an, eifrig in sie hinein zu reden: sie sollte an ihre Mutter denken, umkehren auf dem Wege des Lasters und ? und was ich ihr eben alles sagte.

»Aber denkt Euch, daß sie zu allem lächelte, ganz still und heimlich vor sich hin. Ich wollte bereits zornig werden und sie in aller ihrer Lasterhaftigkeit ihrem zeitlichen und ewigen Verderben überlassen, als sie in einem ganz besonderen Tone mit großer Feierlichkeit sagte:

»?Meine gute Tante, Buße hat ein anderer mir gepredigt. Nicht darum bin ich zu Euch gekommen, sondern um von Euch über meine Mutter zu hören. Denn mit der Ninetta kann ich darüber nicht reden; die darf einen solchen geweihten Namen, wie den meiner Mutter, gar nicht in ihren schändlichen Mund nehmen. Nun habt Ihr mirs gesagt, nun kann alles noch gut werden.?

»Damit stand sie auf, um wieder zu gehen. Ich wollte sie nicht fortlassen, bat und flehte, daß sie bliebe und der Sünde entsagte. Sie erwiderte:

»?Sobald ich in Eurem reinen Hause bleiben darf, komme ich zu Euch und flehe Euch alsdann an, mich aufzunehmen. Heute ist dafür noch nicht Zeit. Vielleicht morgen schon.?

»Darauf bat sie mich um einige Früchte aus meinem Weinberge: für einen jungen Mönch, der so gut und fromm und tugendhaft sei, daß er verdiene, von den Früchten des Paradieses zu genießen.

»Nach drei Tagen kam sie wieder und ward von mir mit hellem Jubel begrüßt. Sie sagte jedoch:

»?Es ist auch heute noch nicht der Tag, von dem ich Euch gesagt habe; und ich komme nur, Euch nochmals zu bitten, mir von Euren Früchten zu schenken?

»Ich erkundigte mich:

»?Haben sie dem guten Jüngling geschmeckt??

»Er hat sie gar nicht verzehrt; denn er war noch nicht wieder bei mir. Heute indessen kommt er gewiß. Bitte, gebt mir für ihn neue Früchte.?

»Das that ich.

»Noch ein drittesmal kam sie und bat um Früchte: der Mönch sei immer noch nicht dagewesen; ich möchte Geduld mit ihr haben.

»Endlich mußte wohl der rechte Tag gekommen sein, denn sie kam und brachte Euch her und blieb mit Euch bei mir.

»Gleich in der ersten Stunde erzählte sie mir voller Freude: Ihr hättet von den Früchten gegessen und dieselben höchlich gelobt.

»Ja, es ist ein wunderliches Geschöpf!«

.

VIII.

Sie hatte einen solchen Jubel über mein gerettetes Leben, daß ich schließlich selber Freude daran empfand und dem Willen des Himmels fortan nicht länger Widerstand leistete. In der Sorgfalt für mich und der Pflege meiner schweren Wunde war sie von einer so lauteren Art, daß ich mich ? auch wenn ich bedachte, was sie gewesen ? solcher Samariterdienste gänzlich unwürdig fühlte. Ich mußte immer nur staunen, wie ihr Verlangen, mir Gutes zu erweisen, sie allerlei Dinge ersinnen ließ, welche mein Schmerzenslager mir beinahe in eine Freudenstätte verwandelten. So ließ ich denn die ehemalige Buhlerin Barmherzigkeit an mir üben, als könnte es gar nicht anders sein.

Ihre Tante hieß Filomela Gentili, und hatte ihre Stimme auch nicht gerade den süßen Wohllaut jener lieblichen Nachtsängerinnen, deren Namen sie führte, so war sie doch eine überaus wackere Frau, mit einem mütterlichen Wesen gegen mich, welches mir häufig die Thränen in die Augen brachte.

Wenn die beiden Frauen am offenen Fenster saßen, durch welches der goldene Herbsttag bis zu meinem Bette leuchtete: wenn sie, mit einer häuslichen Arbeit beschäftigt, munter plauderten, die Tauben dazu kamen, die Schwalben zwitschernd vor dem Fenster hin und her schossen und der Wind leise die glanzvollen Blätter bewegte, dazwischen die reifenden Trauben hingen ? das war dann Frieden!

Noch immer war vom Kloster niemand gekommen, um nach mir zu sehen. Am zweiten Tage fragte ich noch jede Stunde darnach, am dritten bereits weniger, am vierten gar nicht mehr. Am fünften Tage dachte ich jede Stunde mit Angst und Schrecken: jetzt kommen sie, jetzt holen sie dich! Und ich atmete erleichtert auf, wenn der Tag vorüber und niemand gekommen war. Alsdann bemühte ich mich, weder zu fürchten noch zu hoffen, sondern gar nicht daran zu denken. Und jetzt war der Frieden um mich her noch einmal so friedlich und heilig.

Sora Filomela achtete darauf, daß Clelia mir nicht immerwährend ihre Dienste erwies: sie schickte ihre Nichte in die Vigna, daselbst irgend eine leichte Gartenarbeit zu verrichten, Früchte einzusammeln, Gemüse zu holen, Kräuter zu pflücken und zum Trocknen auf einen sonnigen Platz auszubreiten. Dergleichen kleine und anmutige Verrichtungen übten eine außerordentliche Wirkung auf die Donna aus und verstärkten den Eindruck von Jugend, Sittsamkeit und Bescheidenheit, den sowohl ihre Person als ihr Wesen von Tag zu Tag mehr machte. In ihren Augen brannte ein sanftes Feuer und ihre Lippen glühten beinahe so tief, wie sie geglüht hatten, da sie mit einer kirschroten Farbe bestrichen gewesen. Und wie kleidete sie das schlichte dunkle Gewand, mit keinem andern Schmuck daran, als irgend einer schönen, leuchtenden Blüte vor der Brust.

Jedesmal, wenn die Donna in der Vigna war, kam die treffliche Sora Filomela zu mir, rückte einen Stuhl an mein Bett, legte die fetten weißen Hände in den Schoß, seufzte ein weniges und schwatzte ein reichliches. Aber ich hörte ihr gern zu.

Gewöhnlich war von Clelia die Rede: wie alles gewesen, wie alles geworden, wie alles werden sollte.

Ach, wie alles werden sollte?!

Ich meinte dann, das sei doch nicht gar so schwer zu sagen: die Donna verabscheute ihren einstmaligen schändlichen Lebenswandel von Herzen und die Donna befand sich bei ihrer Tante, der trefflichen Sora Filomela, die sie fortan nie mehr verlassen würde. Aber da war das Seufzen groß! Als ob damit genug gethan sei! Ein so junges Ding mit heißem Blute und Zeit ihres Lebens bei einer einsamen alternden Witwe ? das würde alles Gute, was sich ereignet hatte, wieder zunichte machen. Ja, für ein paar Jährchen möchte es angehen, aber alsdann ? ? Ich freilich meinte: das könnte das ganze Leben hindurch so fortdauern. Das käme eben daher, weil ich eine solche christliche Unschuld wäre und so unmenschlich reinen Gemüts. Indessen ? davon verstünde ich nichts.

Und so ging es weiter, daß ich ganz erschrocken war; weniger über den großen Unverstand, den ich haben sollte, als vielmehr darüber, daß es ausgemacht schien, die Tugend der Donna würde nur auf ein paar Jahre Vorhalten. Ich fragte voller Angst, was denn daraus werden sollte, worauf die gute Dame von neuem ein gewaltiges Geseufz anhob: sie wisse es auch nicht, sie wisse nur, was sie wisse. Es wäre eben ein rechter Jammer; nämlich, daß gewisse Leute ein so ausbündig heiliges Leben führten. Andere wären auch fromm und gottesfürchtig, ohne deshalb so ? nun eben so zu sein! Sie wollte deswegen keinen schelten, sondern jeden darum in Ehren halten: aber ein Jammer wäre es doch und obenein ein rechtes Unglück für das arme Geschöpf, die Clelia.

Erst in späterer Zeit habe ich begriffen, was die gute Frau mit diesen Reden meinte, und es treibt mir, wenn ich daran denke, noch heutigen Tages das Blut ins Gesicht, vor allem darum, daß selbst eine so treffliche Person, wie es die Sora Filomela in Wahrheit ist, einem Manne, der das Kleid Sankt Franziski trägt, dergleichen zumuten konnte, ohne es als Gotteslästerung und Schändung des Heiligen zu empfinden, sondern beinahe für eine natürliche und selbstverständliche Sache zu halten. Indessen bei jener Unterredung vermochte ich mir, wie ich berichtet habe, die Worte der wackeren Frau nicht zu deuten, scheute mich, sie zu befragen, drang dagegen von neuem in sie, mir zu sagen, was, ihrer Ansicht nach, im stände sei, ihre Nichte für Zeit ihres Lebens der Tugend und Sittsamkeit zu erhalten.

Da kam es heraus:

»Verheiratet sie an einen wackern Mann.«

Ueber dieses Wort erschrak ich heftig. Denn ich konnte mir nicht vorstellen, wie ein wahrhaft redlicher und braver Mann sich zu einer solchen Ehe verhalten würde, wo überhaupt ein redlicher und braver Mann für eine solche Ehefrau gefunden werden sollte. In meiner Verwirrung erwiderte ich:

»Ich soll Eure Nichte an einen wackern Mann verheiraten? Wie vermag ich das zu thun? Auch redet Ihr gerade, als ob Eure Nichte sich so ohne weiteres von mir verheiraten lassen würde.«

»Wenn Ihr es wolltet ? ohne weiteres würde sie es thun, und das mit jedem, den Ihr für sie bestimmt. Dafür bürge ich Euch.«

Worauf ich mit großem Ernst entgegnete:

»Gott verhüte, daß ich Euch das glauben müßte.«

Sie jedoch blieb dabei:

»Wen Ihr der Clelia zum Mann gebt, den nimmt sie zum Mann.«

Meine Bestürzung wuchs, und ich fuhr fort, dagegen zu reden: Wie ich überhaupt dazu käme, ein Mädchen zu verheiraten und gar die Clelia! Auch wüßte ich keinen Mann für sie, vermöchte also in dieser befremdlichen Angelegenheit nichts zu thun.

Aber Sora Filomela wußte einen Mann für ihre Nichte; es war noch dazu ein wahrhaft redlicher, braver Mann, eigentlich noch ein Jüngling. Und so verliebt in die schöne Person!

»Wer ist es?«

Es war der gewisse Terenzio Latini aus Subiaco, jener junge, wohlhabende Bürgerssohn, der auf eigenem Weinberg lebte, weder Eltern noch Angehörige besaß und seit seiner Knabenzeit eine glühende Leidenschaft für die Clelia im Herzen trug. Sora Filomela hatte ihn mit eigenen Augen gesehen und sogleich großes Gefallen an ihm gefunden. Er war damals eigens von Subiaco nach Rom gekommen, um die Clelia zu erstechen, geberdete sich vor Liebe wie ein Verrückter, war indessen in allem übrigen ein überaus verständiger junger Mensch.

»Ihr müßt ihm schreiben, daß er jetzt die Clelia bekommen könnte, Ihr müßt es ihm sogleich schreiben; denn die Sache muß sogleich in Richtigkeit gebracht werden. Noch ist das Eisen heiß! Schmiedet das Eisen! Schreibt dem Terenzio! Schreibt ihm, er solle sogleich kommen und die Clelia zur Frau nehmen. Und ich sage Euch, er kommt sogleich und nimmt sie sich.«

»Weiß der junge Mensch, was sich mit der Clelia begeben hat, seitdem sie aus Subiaco fort ist?«

»Warum sollte er es nicht wissen?«

»Sonst müßte es ihm gesagt werden.«

»Wie?«

»Sonst müßtet Ihr oder ich müßte es ihm sagen.«

»Nun ja ? freilich ? das würde dann wohl nichts helfen. Aber er weiß es gewiß. Indessen ? Ihr mögt es ihm schreiben.«

»Das muß ich. Ob er jedoch auch alsdann noch kommen wird ?«

»Ich sage Euch, er kommt sogleich, er heiratet die Clelia sogleich. Wer so toll und verrückt vor Verliebtheit ist, wie dieser gute, liebe Mensch, der kommt in solchen Dingen niemals recht zur Vernunft. Das haben die Heiligen so eingerichtet. Entweder er heiratet die Clelia, oder er bringt sie um. Eines von beiden gibt es nur für den Terenzio, und ich sage Euch: er heiratet sie lieber, als daß er sie umbringt, der treffliche junge Mann! Ach, mein lieber Bruder, Ihr kennt die Männer eben nicht, Gott segne Euch darum. Der Clelia ihre Mutter hätte sich unter zwanzig Männern einen aussuchen können, und das war gar die Dionizia Baldi! Heiraten die Modelle von der spanischen Treppe, die den reichen Malern und Steinmetzen ihre Schönheit verkaufen, etwa nicht? Und sind sie etwa viel besser, als meine liebe, arme Nichte, welche obenein die Tochter der Dionizia Baldi ist?! Ihr versteht eben nichts davon. Aber das thut nichts. Schreibt nur dem guten Terenzio, schreibt dem lieben Terenzio alles. Der gute, liebe Terenzio kommt sogleich, heiratet die Clelia sogleich, denn er ist ein herrlicher Jüngling.«

Nach dieser kräftigen Rede, welche die gute Frau um ihren Atem brachte, ging sie, ohne meine Erwiderung abzuwarten, und ließ mich in großer Verwirrung und Bestürzung zurück. Ich kannte jenen Jüngling nicht; da ich aber von ganzem Herzen sein Wohl und nicht sein Verderben wünschte, so versuchte ich mich mit aller Inbrunst in seine Lage zu versetzen, was sich für einen Diener der Kirche und Jünger Sankt Franziski wenig ziemte, da sich dabei mein Geist in allerlei Vorstellungen verlieren mußte, die sehr irdischer und sündhafter Natur waren. Indessen mir half der Gedanke an die Wiedergeburt der Donna, mir half das herrliche und erhabene Vorbild, welches Jesus Christus der Menschheit mit jener Maria Magdalena gegeben, mir half anderes aus meinem eigenen Herzen, was unaussprechlich ist.

Nachdem ich die ganze Nacht schlaflos gelegen, gelangte ich zu folgendem Entschlusse:

Wäre ich jener Jüngling, ich würde die reuige Sünderin unbedingt zum Weibe nehmen, sie lieben und achten, als hätte ich sie von ihrer Mutter als unberührte Jungfrau empfangen.

Ich nahm mir vor, bereits am nächsten Tag an den braven Terenzio zu schreiben.

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