Dahiel, der Konvertit. Dritter Band

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VIII.

Clelia machte sich auf den Heimweg. Sie ging langsam, ohne nach rechts und links zu sehen, in ihre Gedanken wie in einen Abgrund versunken. ? Ihr Kind war auch die Tochter der Gottesmutter. Wenn es zu seiner himmlischen Mutter kam, so war es gut: des Kindes himmlische Mutter nahm ihm seine Sünden ab, mit denen es durch seine irdische Mutter beladen war: statt einstmals im Fegefeuer zu brennen, würde es bei seiner göttlichen Mutter im Paradiese weilen und die himmlischen Heerscharen zu Spielgefährten haben. Dann würde ihr Kind glücklich sein.

Aber ihr Kind lebte.

Sollte auch sie die Madonna bitten, ihr Kind sterben zu lassen?

Wenn sie ihr Kind liebte, mußte sie das. Jene andere Mutter hatte es auch gethan: hatte auch die Madonna um den Tod ihres Kindes gebeten. War sie etwa eine weniger gute Mutter, liebte sie ihr Kind, ihre süße Angelika, etwa weniger zärtlich?

Angelika ? es lag ja schon in dem Namen, daß das Kind bestimmt war, ein Engel zu sein. Das konnte es aber nicht werden, wenn es die Sünden seiner Mutter auf der Seele hatte.

Also mußte sie die Madonna um des Kindes Tod bitten ? so lange es noch ganz rein und unschuldsvoll war. Die Madonna würde gewiß ihr Gebet erhören.

Aber was that dann sie, wie sollte sie dann leben? ? ? Die kleine Tote, die sie eben begraben hatten, war auch ihrer Mutter einziges Kind gewesen, und seine Mutter hatte um ihres Kindes willen dennoch von der Madonna seinen Tod erbeten; und da die Madonna sie erhört hatte, war sie ganz ruhig, ganz glücklich, denn ihr Kind war nun selig.

Und weiter dachte die unglückliche Mutter:

... Jenes Kind war krank, hätte niemals gesund werden können, wäre Zeit seines Lebens ein elendes Geschöpf geblieben. Ihr Kind dagegen war wie das Leben selbst: mit rosigen Wangen und leuchtenden Augen, ein süßes, holdseliges Geschöpf, an dem die Menschen und die Heiligen ihre Freude haben konnten. Es würde wachsen und gedeihen, groß und schön werden und ?

Und wenn dann die Tochter wurde, was die Mutter gewesen war, und die Mutter ihrer Mutter ?

Clelia blieb stehen. Vor ihren Augen wurde es dunkel. Sie konnte nicht atmen. Ihr Herz pochte, daß sie seinen Schlag zu empfinden glaubte, daß es sie fast zu Boden gerissen hätte. ? Ihr reines, süßes, unschuldiges Kind schlecht werden, verderben, in Sünde und Schande verfallen ? ?

Das war es, was Bruder Angelikus meinte: der Eltern Missethaten sollen heimgesucht werden an den Kindern. Das war es!

Plötzlich verstand sie den heiligen Mann, plötzlich kam es über sie wie eine Erleuchtung.

Wie die Mutter gewesen, würde die Tochter sein.

Das sollte nicht geschehen. Nicht für ihr Kind sollten jene grausamen göttlichen Worte geschrieben stehen. Auch sie wollte die Madonna anflehen, ihr Kind sterben zu lassen, auch sie wollte ihrem Kinde eine gute Mutter sein, die beste Mutter! Wäre ihr Kind blind und lahm, siech und unheilbar gewesen, sie würde schwerlich die Madonna mit solcher Inbrunst um den Tod des Kindes angefleht haben, wie sie es jetzt thun wollte, da es doch gesund und lieblich war. Mit all ihrem Bitten und Beten, Kasteien und Büßen hatte sie nicht das Rechte getroffen, denn sie hatte nicht um den Tod des Kindes gefleht. Das wollte sie jetzt thun, alle Tage und Nächte, bis die Madonna auf ihr Schreien hörte und ihr Gebet erfüllte.

Sie kam an einem kleinen Marienheiligtum vorüber, das einsam unterhalb eines mit Steineichen bewachsenen Hügels stand. Niemand war zu sehen als ein junger Hirt, der auf der Höhe seine Herde weidete und dabei die Flöte blies. Clelia warf sich vor dem Bild der himmlischen Mutter nieder, streckte die Arme auf und betete mit höchster Leidenschaft:

»Madonna, erbarme dich meiner! Madonna, lasse mein Kind sterben! Madonna erbarme dich meiner ewigen Sünde!«

Sie betete und rang die Hände, bis sie ermattet und zugleich beruhigt ward. Von Hoffnung beseelt, erhob sie sich, pflückte einen Strauß Blumen, steckte sie an das Bild und schritt durch die Rebenfelder ihrem Hause zu, dessen Mauern ihr bereits durch die Bäume entgegenschimmerten.

Als sie nahe gekommen, blieb sie stehen und lauschte, ob sie nicht das helle Stimmchen Angelikas hörte. Aber in der Vigna war es still, die Traubenleser hielten Nachmittagsruhe, auch das Kind befand sich wohl im Hause und verzehrte sein Vesperbrot. Ach, wie würde ihr Liebling im Paradiese sichs schmecken lassen, wo an den goldenen Bäumen leuchtende Aepfel wuchsen, und die Lüfte selbst eitel Süße waren.

Jetzt war sie so nahe gekommen, daß man ihre Schritte hören mußte. So rief sie denn:

»Angelika!«

Da kam die Großmutter aus dem Hause, bleich, mit wankenden Knieen.

»Ach, Clelia! Clelia!«

»Was ist geschehen?«

»Das Kind, unser Liebling, unser Engel ?«

Schluchzen erstickte ihre Stimme.

Clelia schrie auf:

»Es ist tot?!«

»Noch nicht. Aber es liegt drinnen, und der Apotheker, nach dem der Terenzio gleich gelaufen, meint, es würde heute noch sterben.«

Clelia schwankte. Sie hatte die Madonna gebeten, ihr Kind sterben zu lassen, sie kam nach Hause und fand ihr Kind mit dem Tode ringend. Aber obgleich sie den Tod auch in ihrem Herzen zu fühlen vermeinte, war sie ruhig. Sie fragte die Großmutter, der das Unglück vollständig den Kopf verwirrt hatte, wie es gekommen war.

»Wann ist das Kind krank geworden?«

Doch die Alte konnte vor Entsetzen über die Ruhe der Mutter kein Wort hervorbringen; sie begriff nicht, daß Clelia sich nicht zu Boden warf, daß sie nicht schrie und raste.

»Wann war es, daß das Kind erkrankte?«

»Wann war es doch gleich?« murmelte die Großmutter, nach Atem ringend. »Ich will mich besinnen. ? Ach, Madonna, ach, heilige Jungfrau, gebenedeite Mutter Gottes, welch ein Unglück! Welch ein Unglück! Unsere süße Angelika, unser herziges Püppchen, unser goldiges Singvögelchen!«

Und mit jammervoller Geberde setzte sie sich mitten auf dem Wege nieder, die Hände gegen den Himmel aufstreckend. Die Mutter stand da und regte sich nicht.

»Ja, so war es. Du gingst fort, und wir waren beide ganz vergnügt, ich und die Angelika; ich ging in die Vigna, um Gemüse zu holen, und das Kind hielt mich am Rock gefaßt, plapperte und schwatzte, daß ich noch dachte: die Madonna behüte das Kind, was ists für ein herziges Närrlein. Und ich wünschte: wenn ihre Mutter, das arme Weib, es doch hören könnte. Denn es redete in einem fort von Dir: wo Du hingegangen wärest und ob Du Deiner Angelika auch etwas mitbrächtest? Und dann lief sie fort und pflückte Blumen, beide Aermchen voll, daraus sollte für die gute Gottesmutter ein Kranz gewunden werden; sie wollte dann der guten Gottesmutter den Kranz hintragen und diese bitten, daß sie die Mammina wieder gesund mache, daß die Mammina ihre kleine, liebe Angelika wieder lieb bekäme und ihr heute abend etwas Schönes mitbrächte.

»Nun, und wir sitzen in der Laube, ich mit meinem Salat, und Angelika mit ihren Blumen, die sie, so gut es gehen wollte, zusammenwickelte. Darüber ging der Vormittag hin. Dann kam Dein Mann zum Essen, war auch guter Dinge, und wir waren alle drei wieder einmal seelenvergnügt. Nun ging Terenzio an seine Arbeit, das Kind lief hinaus, und ich setzte mich, um ein Nickerchen zu machen. Auf einmal wache ich auf und höre die Anunziata schreien und höre Deinen Mann schreien und die Winzer; nicht anders, als wäre einer umgebracht worden. Ich in einem wahren Todesschrecken hinaus, und da kommen sie mit der Angelika schon an. Dein Mann trägt sie und sieht aus, als hätte er eine Kugel in der Brust; und die Angelika liegt in ihres Vaters Armen, hat die Augen geschlossen, und das Aermchen hängt herunter ganz steif und starr. Und ich denke nicht anders, als daß das Kind stirbt, und denke gleich an Dich, und daß es mit Dir nun wohl auch aus und vorbei ist und ? und ?«

Und die arme Alte begann von neuem zu weinen, die Hände zu ringen und die Madonna anzurufen.

Clelia fand noch immer keine Thräne. Nur ein einzigesmal, als die Großmutter erzählte, wie die Kleine die Madonna hatte bitten wollen, zu machen, daß ihre Mutter sie wieder lieb bekäme, schluchzte sie auf, aber weinen konnte sie nicht. Es war, als läge ihr auf der Brust ein Felsstück, das sie allmälich erdrückte, ohne daß sie eine Hand dagegen zu rühren vermochte. Mit erstickter, röchelnder Stimme forschte sie:

»Ist es wohl schon eine Stunde her, daß sie das Kind angetragen brachten?«

»Laß mich nachdenken. Ach, mein Kopf, mein Kopf! Ja, so lange wird es her sein.«

»Just vor einer Stunde habe ich die Madonna gebeten,« stieß die Unselige hervor.

»Um was hast Du die Madonna gebeten?« schrie die Alte, entsetzt über den Ton und die Miene, mit der die Mutter das gesagt hatte.

»Daß sie das Kind glücklich machen möchte.«

»Nun ja, ich weiß, daß es eben doch Dein Liebling, Dein Herzblatt, Dein Abgott ist. ? Aber willst Du nicht hinein? Dein Mann ist drinnen. Du mußt ihn trösten; er ist wie von Sinnen.«

Sie raffte sich auf und schritt schwankend, Clelia voraus, dem Hause zu.

»Was sagt der Apotheker, daß dem Kinde geschehen wäre?«

»Es würde wohl die Perniciosa sein.«

»Dann stirbt es auch.«

Die Alte stöhnte auf. Plötzlich blieb sie stehen, schlug die Hände über den Kopf zusammen und schrie:

»Nein, es stirbt nicht! Hast Du nicht die heiligen Rosenblätter? Die heiligen Rosen werden Dein Kind retten. Wo hast Du sie? Schnell, gib sie her! Gib! Ich habe meinen Verstand ja wohl gänzlich verloren, lasse das Kind sterben, und Du hast die heiligen Rosen. Schnell! Schnell! Bring sie Deinem Kind! Dein Kind wird leben!«

»Ich habe keine heiligen Rosen.«

»Was sagst Du?«

»Ich habe keine heiligen Rosen.«

»Du hast keine? Bist Du denn nicht zum Kloster hinauf gestiegen, um die heiligen Rosen zu holen?«

»Ja.«

»Und Du hast keine heiligen Rosen ?«

»Ich war droben, aber ich habe mir keine Rosen geben lassen.«

»Dann hast Du Dein Kind umgebracht!« schrie die Alte und hob ihre Arme gegen Clelia, als wollte sie sie verwünschen. »Gemordet hast Du Dein Kind. Die Rosen hätten es gerettet. Du Ruchlose!«

»Es ist besser so!« erwiderte Clelia und trat ins Haus.

Sie hatten das kranke Kind auf das große Bett gelegt, vor dem Terenzio hingesunken lag, kein Auge von seinem Liebling wendend. Auch als Clelia an das Lager trat und sich neben ihren Mann stellte, ohne Thränen, ohne Klage, blickte er nicht auf. Er zuckte aber wie von heftigem körperlichem Schmerz zusammen und machte eine Bewegung, als ob er fortrücken wollte. Der Apotheker, nachdem er seine Mittel verabreicht und noch für denselben Tag den Tod des Kindes prophezeit hatte, war bereits wieder gegangen. Die Magd Anunziata kauerte betend und heulend in einer Ecke und der Großmutter jammernde Stimme drang durch die offene Thür vom Hausflur herein.

Die entsetzliche Krankheit hatte das Gesicht des Kindes entstellt und mit Purpurröte überzogen. Es hatte das Bewußtsein verloren und röchelte schwer.

Die Mutter sprach kein Wort; stumm stand sie neben ihrem Mann und schaute auf das Opfer ihres Gebetes herab. Ihre Lippen bewegten sich, als spräche sie mit ihrem Kinde: »Hast Du Schmerzen, mein Liebling? Brennt Dir Dein armes Köpfchen! Ach, es thut wohl sehr weh? Sei ruhig, halte aus! Bald ist es überstanden, bald bist Du erlöst, bald wirst Du im Paradiese sein: bei Deiner Gottesmutter, die alle Sünden Deiner irdischen Mutter von Dir nimmt. Dann hast Dus gut, dann bist Du glücklich, dann ist auch Deine Mutter glücklich, denn Deine Mutter hat Dir die ewige Seligkeit bereitet. Halt aus, mein Kind!«

Einmal stöhnte die kleine Kranke; da stöhnte auch Terenzio laut auf. Clelia redete das erste Wort mit ihm:

»Sei ruhig. Für das Kind ist es am besten, wenn es stirbt. Wir wollen der Madonna danken.«

Terenzio sagte nichts; als aber Clelia sich später auf das Bett niedersetzen wollte, drängte er sie hinweg, daß sie ganz unten am Fußende des Bettes zu stehen kam.

Es wurde dunkel. Die Großmutter kam herein. Sie nahm das Madonnenbild von der Wand herab, rückte einen Tisch an das Bett, stellte das Bild und zwei geweihte brennende Kerzen darauf, holte den Kranz, den Angelika am Morgen gewickelt hatte, ein unförmliches Gewinde von Rosen, Nelken und Hortensien, warf sich dann nieder und begann mit halblauter Stimme Sterbegebete abzusingen, in welche die Magd einstimmte.

Durch das offene Fenster wehte der Abendwind. Die Reben bewegten sich leise, als grüßten sie herein; in den Blättern rauschte es. Draußen schrieen die unermüdlichen Cikaden, und die Vögel sangen ihr letztes Lied. Von der Landstraße erklangen die Gesänge der heimkehrenden Winzer.

Schnell brach die Nacht an, die ersten Sterne funkelten auf.

Das Kind wurde kränker. Es wimmerte jammervoll, die kleinen Glieder zuckten wie in Krämpfen. Da erhob sich Terenzio. Er warf einen letzten verzweiflungsvollen Blick auf das Kind und verließ, ohne seine Frau anzusehen, leise das Zimmer. Sora Filomela schlich ihm nach.

»Was willst Du thun, mein armer Terenzio?«

»Thun, Großmutter?«

Er sprach so leise, als stünde er vor dem Bett des Kindes, als wäre dieses schon gestorben.

»Wohin willst Du? Du hast ja Deinen Hut auf. Der Apotheker kann unserer Angelika doch nicht mehr helfen.«

»Ich will zum Bruder Angelikus.«

»Ach, Terenzio!«

»Er soll ein heiliger Mann sein.«

»Ja, ja.«

»Ich will ihn bitten, durch sein Gebet das Kind am Leben zu erhalten.«

»Das hat der Himmel Dir eingegeben. Ach, mein guter Terenzio, versäume keine Zeit. Hilf Gott, bis zum Kloster sind es gute drei Stunden.«

»Ich bin in zweien dort.«

»In zwei Stunden wird das Kind nicht mehr leben.«

»Es muß; es muß!«

Und er stürzte fort.

Die Großmutter schaute ihm nach, bis er verschwunden war, darauf kehrte sie wieder ins Zimmer zurück.

Clelia stand noch auf demselben Platz am Fußende des Bettes, die Großmutter trug ihr einen Schemel hin; doch sie wies den Sitz zurück. Die Magd war eingeschlafen. Da setzte die Großmutter ihr Beten allein fort; aber anstatt die Sterbegebete abzusagen, flehte sie die Madonna an:

»Noch zwei Stunden laß es am Leben, nur noch zwei Stunden!«

Die Zeit verstrich, und der Zustand besserte sich nicht. Mitternacht war längst vorüber. Sora Filomela ertrug es nicht länger. Sie erhob sich, wankte aus der Kammer und auf den Weg, den Terenzio kommen mußte, diesem entgegen.

Sie war noch nicht weit gegangen, als sie ihn kommen sah; laufend, als wäre er verfolgt, taumelnd und schwankend wie ein Berauschter. Die Großmutter streckte ihre Hände aus und rief:

»Es lebt noch.«

Terenzio kam näher.

»Was hat Bruder Angelikus gesagt ? Warum ist er nicht mit Dir gekommen? Hast Du ihn gesehen ? Ach, Terenzio, wie siehst Du aus!?«

Er stand vor ihr, und sie spähte ihm ins Gesicht. Es war fahl, mit verzerrten Zügen und verglasten Augen.

»Terenzio!« jammerte die Alte. »So rede doch! Ach, Madonna, er hat den Verstand verloren! ? Du hast Dich gewiß halb zu Tode geängstigt! Und wie Du gelaufen sein mußt! Es sind ja noch keine fünf Stunden her, daß Du gegangen bist. Hast Du den Bruder nicht gefunden?«

»Ich habe mit ihm gesprochen.«

»Was sagte er?«

»Er wollte nicht für des Kindes Leben beten.«

»Er wollte nicht? Terenzio, er wollte nicht?«

»Nein! Nein! Nein!«

»Stütze Dich auf mich, mein Terenzio! Du sinkst ja um.«

»Er sagte ?«

»Wer?«

»Der Mönch ?«

»Was sagte er?«

»Das Kind stürbe um der Missethaten seiner Eltern willen.«

»Nein, gewiß nicht! Ach, sicher nicht, mein lieber Sohn!«

»Er sagte es.«

»Es ist aber doch nicht wahr.«

»Und er sagte ?«

»Komm, mein Terenzio, sei jetzt ruhig! Komm mit mir nach Hause.«

»Und er sagte, es sei die Strafe des Himmels.«

»Ach, Terenzio, wofür?«

»Sie ist schuld daran.«

»Wer, wer?«

»Das Weib.«

»Sagte er das?«

»Ja.«

»Ach, Ihr Heiligen!«

»Und er hat recht, ganz recht hat er.«

»Terenzio!«

»Wenn das Kind wirklich sterben sollte ?«

»Es lebt noch.«

»Wenn es wirklich stirbt, so töte ich sie.«

»Das verhüte Gott! Komm nach Hause, Du redest im Fieber. Komm, komm! Dein Kind lebt noch.«

Sie führte ihn und mußte ihn stützen, damit er nur weiter kam. Mühsam erreichten sie das Haus. An der Thür riß er sich los, taumelte ins Zimmer bis zum Bett und sagte zu seinem Weibe:

»Wenn das Kind stirbt, töte ich Dich; denn Du trägst die Schuld daran.«

Clelia erwiderte:

»Ja, ich trage die Schuld daran; hoffentlich stirbt es. Töte mich nur.«

Er wollte es schon jetzt thun. An dem Bett des sterbenden Kindes schlug er sie nieder.

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IX.

Das Kind blieb am Leben; aber um seine Mutter stand es schlimm. Zwar meinte der Apotheker, sterben würde sie wohl nicht; indessen besser sei besser, und es wäre am besten, wenn sie sterben würde. Denn ihren Verstand ? meinte der Apotheker ? würde sie wohl schwerlich jemals wiederbekommen. Der Fall, den sie am Bette des Kindes gethan, war zu schwer gewesen; sie hatte sich dabei den Schädel verletzt ? gerade als ob sie einen gewaltigen Schlag erhalten, einen Schlag, der sie hätte töten können. Nun, am Leben würde sie wohl bleiben, aber ihre Sinne würde sie schwerlich behalten. Die Arme!

Sie lag noch und raste in Fieberphantasien, als man die Kleine, warm in Decken gehüllt, bereits vor das Haus trug. Sie genas schnell. Trotzdem schlich Terenzio blaß und stumm einher, den Anblick seines geretteten Kindes vermeidend. Im Hause ertrug er es nicht, denn im Hause vernahm er die Stimme seines halb wahnsinnigen Weibes; und er ertrug es nicht, in der Vigna zu sein, denn auch dort war ihm, als hörte er Clelia schreien und toben. Er ertrug das Leben nur noch in der Osteria ? hinter einem Glase Wein.

Das Kind sprach ohne Unterlaß von seiner Mutter und konnte nur mit Mühe von seiner Großmutter beruhigt werden, die ein Gartenhaus mit Angelika bezog, damit diese das Rasen der Mutter nicht mit anhören sollte. Terenzio schlief bei den Knechten.

Allmälich ward auch Clelia besser. Das Fieber ließ nach, sie nahm Nahrung zu sich, war still und geduldig und erkannte die Großmutter. Zu Zeiten konnte sie ganz verständig sprechen, nur daß sie sich nicht ausreden ließ, das Kind wäre gestorben und begraben und befände sich nun bei seiner himmlischen Mutter glücklich im Paradiese. Bei diesen wirren Reden meinte sie jedesmal:

»Es ist doch gut von der Madonna, daß sie meine Bitte so schnell erhört hat. Ach, wie bin ich froh! Auch Bruder Angelikus wird sich freuen. Heut nacht muß ich nach den Ruinen, sonst wird er böse. Und ich möchte ihm doch alles zu liebe thun. Weckt mich ja, damit ich die Zeit nicht verschlafe. Wie bin ich froh! Ich bin so glücklich!«

Man wußte nicht, wie man es ihr beibringen sollte, daß das Kind noch am Leben war und scheute sich, ihr Angelika zu bringen. Denn da sie so unerschütterlich an des Kindes Tod glaubte, fürchtete man, sie werde sich über seinen Anblick entsetzen und von neuem in Raserei verfallen.

Eines Tages ward Sora Filomela, die das Kind nicht aus den Augen ließ, abgerufen. Als sie zurückkam, war die Kleine nicht mehr da, auch im Garten nirgends zu finden. Vergebens durchsuchte die Alte die ganze Vigna, lief endlich auch ins Haus und glaubte vor Schrecken umsinken zu müssen, als sie die Kammerthür offen fand und drinnen die Stimme Angelikas hörte. Wie erstaunte sie, als sie, näher tretend, das Kind seelenvergnügt neben dem Bett der Mutter stehen sah. Clelia lag ganz still, mit glückseligem Lächeln und verklärtem Gesicht, während die Kleine in ihrer artigen Weise eifrig plauderte und geschäftig mit den Blumen hantirte, die sie draußen gepflückt hatte. Nachdem sie sämtliche Blüten auf die Decke gestreut, lief sie hinaus, um neuen Vorrat zu holen. Jetzt trat die Großmutter näher, den Mut nicht findend, das erste Wort zu sagen. Mit einer geheimnisvollen Geberde sie zu sich heranwinkend, flüsterte die Wahnsinnige:

»Das Kind ist bei mir gewesen.«

»Ach, meine gute Clelia ?«

»Aus dem Paradiese ist es zu mir gekommen.«

»Aus dem Paradiese?«

»Nun ja, von seiner Gottesmutter und seinen Geschwistern, den seligen Engeln.«

»O Madonna!«

»Die Gottesmutter läßt mich grüßen: nun wäre alles gut. Die Missethaten der Eltern wären nun gesühnt; das Kind wäre ein seliger Engel. Sieh nur die Blumen, die Angelika mir aus dem Paradiese mitgebracht hat: goldene Rosen und silberne Lilien! Jetzt geh und rufe meinen armen Terenzio, damit wir zusammen glücklich sind.«

»Ja, ja. Ich hole ihn. Sei nur ruhig.«

Sie eilte hinaus, schloß mit zitternden Händen die Thür und drängte ihre Thränen zurück, denn sie sah Angelika herbeilaufen, eine ganze Blumenlast schleppend.

»Komm zur Anunziata, Deine Mammina schläft, die gute Mammina ist krank; wir müssen ganz still sein.«

Sie brachte die Kleine der Magd und suchte dann Terenzio auf, den sie, statt bei der Arbeit, mit den Knechten Mora spielend fand. Schluchzend erzählte sie, was sie soeben erlebt hatte.

»Ganz von Sinnen ist sie. Sie sieht ihr Kind und glaubt, daß es aus dem Paradiese gekommen sei, und ist ganz glücklich darüber. Du sollst zu ihr kommen, Dich mit ihr zu freuen.«

»Das ist die Strafe für ihre Sünden,« erwiderte Terenzio; »es rächt sich alles im Leben. Das kommt davon, daß ich die Clelia geheiratet habe. Der Bruder Angelikus hat ganz recht: s ist ein Glück für uns, wenn wir recht unglücklich sind. Wir haben es gar nicht besser verdient. Pfui Teufel, was sind wir für Christen! In die Hölle mit uns! Der Bruder Angelikus ist ein heiliger Mann, und der Bruder Angelikus hat recht.«

Damit ließ er die Alte stehen und begab sich wieder zu seinen Spielgefährten zurück; aber obgleich er vollkommen nüchtern, war sein Schritt doch schwankend.

Nun hat auch der seinen Verstand verloren, dachte die Großmutter und griff sich mit beiden Händen an den Kopf, als wäre jetzt die Reihe an ihr.

Dann kam ein Tag, an welchem Clelia begriff, daß Angelika nicht tot sei.

Darüber verfiel sie von neuem in Raserei.

Ihr Kind noch am Leben, ihr Kind nicht im Paradiese bei seiner Gottesmutter, ihr Kind noch beladen mit den Missethaten seiner irdischen Mutter ? ?

In diesem einzigen Kreislauf bewegten sich alle Gedanken und Empfindungen der Unglücklichen. Nachdem sie durch Wochen das Leben einer Tollen geführt, verfiel sie in Stumpfsinn, ein Zustand, aus dem es für sie, allem Anschein nach, keine Rettung mehr gab.

Da sie ruhig und ganz unschädlich war, ließ man sie in ihrem Treiben gewähren. Sie blieb im Hause und betete viel. In einer Ecke hatte sie ihren bestimmten Platz, wo sie stundenlang kauerte, ohne eine Bewegung zu thun und mit weit offenen Augen vor sich hinstarrte. Das Kind gewöhnte sich wieder an sie, spielte in der Nähe der Mutter umher, brachte ihr Blumen, Steine und glänzende Käfer. Auch Terenzio überwand seine Scheu und begann den Anblick der Wahnsinnigen zu ertragen; nur des Abends floh er aus dem Hause und ging nach Subiaco in die Weinschenke, aus der er nicht vor Mitternacht und niemals nüchtern nach Hause kam.

Bruder Angelikus ließ nichts von sich sehen und hören; aber sie vernahmen, daß er ob seines strengen Lebenswandels immer größeren Ruhm erwarb. Elelia sprach seinen Namen nicht aus, doch blieb der heilige Mann beständig in ihren verstörten Gedanken, und wenn Terenzio des Mönches gedachte, murmelte er jedesmal:

»Er hat recht. Es ist die Strafe für unsere Sünden. Nun, wir müssen es tragen.«

Im Dezember kamen Tage, warm wie im Frühling. Die Wiesen und Gelände standen voller Blumen und am Himmel war kein Wölkchen zu sehen. Zu dieser Zeit gelang es der Großmutter, Clelia ins Freie zu bringen; schließlich ging sie täglich aus, entweder von Sora Filomela oder dem Kinde begleitet. Dieses hatte sich angewöhnt, seine wahnsinnige Mutter wie ein krankes Kind zu betrachten, das seiner Obhut anvertraut worden. Gewöhnlich gingen die beiden durch die Vigna an den Fluß und diesen entlang, bis sie zu einer Stelle gelangten, wo sich in dem dichten Buschwerk eine Oeffnung befand, durch welche man wie durch ein Thor auf die rauschenden Wasser sah. Weiter wollte Clelia niemals gehen, und die kleine Wärterin that der Kranken auch jedesmal den Willen. Tiefsinnig schaute diese in die Wellen, deren Lauf sie mit den Blicken folgte. Wenn Angelika sich müde gespielt hatte, kauerte sie sich neben ihre Mutter ins Gras und schaute gleichfalls ernsthaft in die rauschenden Fluten hinunter.

Einmal schlief das Kind ein. Clelia bewachte ängstlich seinen Schlaf, nahm es endlich behutsam auf, trug es zum Fluß und wollte es hineinwerfen. Da erwachte die Kleine, begann fürchterlich zu schreien und umklammerte mit beiden Armen den Hals der Mutter. Diese versuchte sich des Kindes zu erwehren, aber Angelika in ihrer Todesangst hielt fest, so daß der Wahnsinnigen kein Schütteln und Zerren half. Nun schlug sie das Kind auf die Finger und riß sich schließlich, als auch das nichts half, den Pfeil aus dem Haar, womit sie dem Kind in den Arm bohrte. Da hörte sie die Großmutter rufen:

»Angelika! Angelika!«

Die Verrückte erschrak, fuhr von dem Fluß zurück, schleuderte das Kind von sich und lief fort. Die Großmutter fand Angelika halb entseelt vor Angst, mit zerkratzten Händen und blutendem Arm am Boden liegen: ihre Mutter hätte sie ins Wasser werfen wollen. Schrecklich aufschreiend trug die Großmutter das arme, mißhandelte Kind auf ihren schwachen Armen ins Haus zurück.

Clelia lief und lief, bis sie die Landstraße erreichte, dann mäßigte sie ihren Schritt. Sie war bei klarem Bewußtsein, wußte genau, was sie hatte thun wollen, und überlegte nun, wie sie es anfangen sollte, das Kind umzubringen, damit es zur Muttergottes käme. Sie hatte es auch bald gefunden. Der Pfeil, den sie Angelika in den Arm gestoßen, war scharf wie ein Dolch, überdies machte sie an sich selbst die Probe: sie öffnete ihr Kleid und bohrte sich die goldene Spitze ins Fleisch; sie drang sogleich tief hinein, daß es heftig blutete.

Clelia verband sich die Wunde, wischte den Pfeil am Grase ab, steckte ihn wieder ins Haar und schlug die Richtung nach Subiaco ein. Dort ging sie in jede Kirche und verrichtete vor dem Marienaltar ihr Gebet. Niemand hätte ihr den Wahnsinn angemerkt. Ruhig schritt sie dahin, still vor sich niederblickend. Mancher blieb stehen, um ihr nachzusehen, denn sie war noch immer von hoher Schönheit. Nur daß ihr goldiges Haar ein vollkommen farbloses Antlitz umrahmte, und daß ihre dunklen Augen in einem unstäten Feuer glühten.

Plötzlich blieb sie stehen. Sie war bei ihrer Wanderung bis zum Baronalpalast gekommen. ? Was war es mit diesem? Wer wohnte dort? Sollte sie nicht zu einem gehen, der sie suchen wollte, der auf sie warten würde? Wer war das?

Sie besann sich; langsam, mit Anstrengung kam ihr das Gedächtnis zurück. In dem Palast wohnte einer von ihren alten Freunden, und ihr alter Freund hatte zu ihr gesagt: »Komm zu mir!« Und sie, sie hatte ihm erwidert: »Ich komme.« Nun, dann mußte sie auch zu ihm gehen.

Sie trat durch das hohe Portal in den Hof und sagte zum Thorhüter:

»Ich will den Prinzen sprechen.«

»Was wollt Ihr bei dem Prinzen?«

»Sprechen will ich ihn. Geh sogleich und sage ihm, daß ich da sei.«

Sie sprach so gebieterisch und sah so schön und stolz aus, daß der Mann nicht wußte, was er denken sollte.

»Wer seid Ihr denn?«

»Sage dem Prinzen: die Clelia sei gekommen.«

»Die Clelia ?«

»So heiß ich! Eile Dich! Ich habe nicht lange Zeit.«

»Nun, so wartet. Ich werde es dem Prinzen sagen.«

Clelia wartete. Nach kurzer Zeit kam der Mann zurück.

»Der Prinz kennt Euch nicht.«

»Kennt mich nicht? Er kennt die Clelia nicht!«

»Der Prinz sagte, er kenne Euch nicht. Die Prinzessin war gerade bei ihm. Da fragte er auch sie: ?Kennst Du eine Clelia?? Aber auch die Prinzessin kannte Euch nicht. Also geht.«

»Es ist gut. Ich gehe.«

Und sie ging langsam davon, ohne viel darüber nachzudenken. Wenn der Prinz sie nicht kannte, so war es gut. Sie hatte ihm versprochen, zu kommen, sie hatte ihr Wort gehalten, nun war es gut. Jetzt mußte sie die Nacht abwarten, um sich ins Haus zu schleichen und es zu thun. Sie wußte ganz genau, auf welche Weise.

Noch war sie keine hundert Schritte vom Palaste entfernt, als jemand ihr nachgegangen kam: der Kammerdiener des Prinzen. Als wäre sie eine alte Bekannte, redete der Mann sie an:

»Ihr seid doch die Clelia?«

»Freilich bin ich die. Was wollt Ihr von mir?«

»Wie konntet Ihr zu dieser Stunde zum Prinzen kommen, ohne einen Vorwand zu finden!«

»Einen Vorwand?«

»Nun ja! Ich meine, Ihr verständet Euch darauf. Die Prinzessin ist eifersüchtig, und man meldete Euch beim Prinzen, als sie gerade bei ihm war. Wäre ich dagewesen, so würde es nicht geschehen sein. Aber ich kam zu spät.«

»Es ist gut. Grüßt den Prinzen von mir. Sagt dem Prinzen: die Clelia hätte ihm versprochen, zu kommen, und sie wäre gekommen. Damit sei es gut.«

»Der Prinz erwartet Euch.«

»Wann?«

»Diese Nacht. Der ist verliebt! Ihr kommt doch?«

»Ich kann nicht kommen.«

»Wie? Warum nicht?«

»Ich muß diese Nacht mein Kind umbringen.«

»Seid Ihr toll?«

»So sagen die Leute. Gute Nacht.«

Gelassen ging sie weiter. Der Kammerdiener wollte ihr folgen, aber Grausen hielt den Mann zurück: wie sollte er das dem Prinzen mitteilen? Clelia konnte diese Nacht nicht kommen, weil sie ihr Kind umbringen mußte.

Clelia wanderte die Landstraße nach der Richtung von Arsoli dahin, bis es tiefe Nacht geworden war. Dann kehrte sie um und begab sich sogleich nach dem Hause, das still und dunkel dalag. Sie wußte, daß Terenzio sich in der Weinschenke befand und daß das Haus bis zu seiner Rückkehr unverschlossen blieb. Das Kind lag bei der Großmutter, die einen leisen Schlaf hatte. Sie mußte behutsam zu Werke gehen.

Die ganze List des Wahnsinns kam über sie. Sie zog die Schuhe aus, schlich, kroch ins Haus, tastete sich zur Kammerthür, öffnete diese, ohne das leiseste Geräusch zu machen ? ? Dort schlief die Großmutter, ihr zur Seite in seinem Bettchen das Kind. Vor dem Madonnenbilde brannte die ewige Lampe, und ein Strahl davon fiel gerade auf Angelikas Brust, als wollte das Licht, welches die Madonna umglänzte, dem Dolch der Mörderin den Weg weisen.

Auf den Knieen rutschte die wahnsinnige Mutter zum Bette hin. Erst als sie dicht davor stand, erhob sie sich, sank indessen gleich wieder zu Boden, denn das Kind hatte sich geregt. Und jetzt ? jetzt sprach es im Traum; »Ach, Mammina, Mammina, thu Deiner süßen Angelika doch nicht so weh.«

Clelia hielt den Atem an. Wenn die Großmutter erwachte!

Aber halb im Schlaf, ohne den Kopf zu erheben, redete diese dem Kinde zu:

»Sei ruhig, meine Angelika; Deine Mammina thut Dir nichts. Deine Mammina ist zum guten Bruder Angelikus gegangen, der betet mit ihr und dann ?«

Aber da war die Alte schon wieder fest eingeschlafen, und auch das Kind regte sich nicht mehr.

Wohl eine Viertelstunde wartete Clelia; dann, halb aufgerichtet, tastete sie nach dem Herzen des Kindes, fand die Stelle, wo es pochte, erhob sich, schaute starr auf den Fleck, den sie treffen wollte, und dann ? mit einem einzigen Stoß ? ?

Kaum daß das Kind einen Seufzer that.

Sie ließ den Pfeil stecken. Ihre Hand war von heißem Blut gebadet. Bis zu ihren Füßen rann es an ihrem Leibe herunter. Sie hob den kleinen Leichnam auf, wickelte ihn in die Decke und floh aus der Kammer, blutige Spuren zurücklassend.

In dem leeren Bett des Kindes beschien der Strahl von der Lampe der Madonna eine dunkle Lache und auf den Steinboden rannen langsam, langsam schwere Tropfen herab.

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X.

Aus den Bekenntnissen.

So habe ich denn mit der Hilfe des Herrn den eitlen und weltlichen Sinn jenes Weibes geläutert, gebeugt und dem Himmel zugewendet. Es war ein schweres Stück Arbeit. Doch habe ich nicht nachgelassen, gegen den bösen Feind sowohl in des Weibes als in meiner eigenen Seele zu Felde zu ziehen: je mehr er mir trotzte, um so hartnäckiger setzte ich ihm zu. Ich habe aber recht die Schwäche des Fleisches erkannt; denn es ist nicht zu sagen, wie das Weib sich an ihre irdische Liebe klammerte, an ihren Mann und an ihr Kind, über denen sie Himmel und Erde vergaß. Und wenn ich dann bedachte, daß dieselbe Sünderin einstmals in schändlicher Leidenschaft für mich, der ich doch ein Gesalbter des Herrn war, entbrannt gewesen, so empörte sich mein Herz gegen sie, und mein Geist entbrannte in heiligem Feuer, in dieser verlorenen Seele das Licht der Erkenntnis anzuzünden.

Sie haben in ihrer Brust gewaltig miteinander gerungen: die himmlische und die irdische Liebe ? Gott und der Teufel. Eine Zeit lang bin ich jeden Abend bei Anbruch der Dunkelheit den weiten, beschwerlichen Weg von meiner Klause bis zur Anioschlucht gewandert; dort, in den Trümmern der Villa des heidnischen Kaisers, in dieser höllischen Wildnis, darin der wilde Geist des Scheusals Nero umgeht, habe ich auf Clelia gewartet. Kam sie dann, so haben wir zusammen inbrünstig gebetet, und ich habe in sie hineingesprochen mit aller Gewalt meiner Rede, bis sie vor mir sich zu Gottes Füßen wand, und ihre Seele wie Wachs ward, das im Feuer schmolz. Denn ich hatte das Wort gefunden, mit dem der Himmel mir Macht über sie gab:

»Die Missethaten der Eltern sollen heimgesucht werden an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.«

Einmal berichtete sie mir, wie ihr Mann ihr Fortschleichen in der Nacht gemerkt hatte; sie hegte große Furcht, er möchte unsere heiligen Zusammenkünfte entdecken und selbige ihr verbieten. Da brachte ich ihr aus der Klosterapotheke ein Mittel, davon sie abends ihrem Mann einige Tropfen in den Wein schütten sollte, was sie auch that, so daß sie fortan in aller Ruhe sich davonschleichen konnte, bis ich das große Werk an ihr vollendet hatte. Sie leistete ein Gelübde, lediglich in geschwisterlicher Weise mit ihrem Gatten zu leben, und alles thun zu wollen, um die Seele ihres Kindes vor dem ewigen Verderben zu retten. Das war auch für mich eine gute Stunde. Eine Zeit lang sah ich sie darauf nicht, hörte indessen von ihr, daß sie einen überaus christlichen Lebenswandel führte, den ganzen Tag in den Kirchen betete und auch sonst mit aller Inbrunst zu sühnen und zu büßen trachtete. Daran erkannte ich recht, welche Macht über die Seelen der Menschen Gott mir verliehen, und ich ward frohen Mutes, denn Großes werde ich noch vollbringen.

Auch sonst geht es mir wohl. Mein Geist ist ein Simson und hat mit Riesenkraft das Fleisch überwunden. Mein Leib bedarf wenig. Will ich nicht in Schlaf verfallen, so wache ich, und will ich Trank und Speise entbehren, so hungere ich. Ich bin kein Körper mehr ? ich bin ein Willen geworden.

Bisweilen beliebt es dem Himmel, mich zu versuchen. Der Himmel macht es alsdann wie Abt Evaristus, der mich häufig zu seiner Tafel ladet und die leckersten Gerichte auftragen läßt: Fisch und Fleisch, süßen Wein und Gebäck. Indessen so heiß mein Verlangen auch sein mag, es hilft meinem klugen Abte doch nichts; nicht einmal, daß ich ihn merken lasse, wie ich darbe, während er schwelgt. Der Himmel zeigt mir das wunderschöne Weib, die Clelia, über deren Seele ich Gewalt besitze wie über meine eigene, und nach der ich nur meine Hand auszustrecken brauchte; aber wie glühend es mich auch darnach gelüsten mag, es ergeht dem Himmel nicht anders als dem Abt. Ich denke, beide werden mit der Zeit ermüden, zu versuchen, mich meinem Willen abspenstig zu machen.

Wie ich es erwartete, hat Abt Evaristus in der Sache mit den Benediktinern nicht gegen mich gehandelt; der Ehre des Ordens und dem Ruhm seines Klosters zu liebe. Er hat noch mehr gethan. Als die Benediktiner sich nach Rom wendeten, um wider mich Klage zu führen, ist Abt Evaristus selber nach Rom gegangen, daselbst im Vatikan mit seiner Person für mich zu zeugen. Er hat es auch durchgesetzt, daß die Benediktiner mit ihrer Klage zurückgewiesen wurden, und hat mir den apostolischen Segen des heiligen Vaters überbracht, worüber im Kloster ein großer Jubel gewesen. Auch berichtete er: ganz Rom wäre davon erfüllt, daß in einem sabinischen Kloster ein ehemaliger Jude Wunder thäte und einen heiligen Lebenswandel führte, nicht anders wie Sankt Franziskus selber. Im Ghetto wüßte ein jedes Kind von Dahiel, dem Konvertiten.

Ich weiß indessen, daß der Haß des Mannes gegen mich gewachsen ist, riesengroß, und daß er nur auf einen Anlaß lauert, mich zu verderben. So bin ich denn auf meiner Hut.

Häufig geschieht es, daß Abt Evaristus mich in meiner Klause aufsucht, um mit mir über heilige Dinge zu reden, und jedesmal sind das Thema der Disputation die Juden, ihre Sündhaftigkeit und ihre Verdammnis. Um für meine Reden einen Zeugen zu haben, läßt er sich von einem Bruder begleiten; wir sitzen alsdann vor meiner Hütte auf den Felsblöcken unter den hohen Erikastauden, und Abt Evaristus müht sich ab, dem Konvertiten Schlingen zu legen. Aber wenn er es arg treibt in seinem christlichen Eifer gegen die Feinde Gottes, so treibe ich es noch ärger mit Verwünschungen und wütenden Reden. Wie könnte ich mich auch dagegen verschließen, daß die Juden schuld sind an großen Uebeln, und es nicht anders verdienen, als von den Christen gehaßt und verachtet, angefeindet und verfolgt, gejagt und vernichtet zu werden.

Mehr und mehr lebe ich streng nach den Regeln Sankt Franziski, mehr und mehr erkennend, in welche Verkommenheit und Entartung der Orden meines lieben Heiligen geraten ist. Und dieses sei ihm gelobt: Franziskus verleihe mir die Macht, und ich werde den Willen und die Kraft haben, sein wankendes Heiligtum zu stützen und die Schächer aus dem Tempel zu treiben; denn mehr und mehr beginne ich die Lüge und Heuchelei der Menschen zu hassen, wie auch mein Widerwille gegen die Welt von Tag zu Tag wächst. Und das ist gewiß: wollte Christus die Welt erlösen, so konnte er es allein auf eine Art vollbringen: indem er in der Welt alles menschliche Leben auslöschte. Denn ob Christ, ob Jude ? erlöst wird der Mensch erst sein, wenn er vom Leben erlöst ist.

*

Es hat sich etwas begeben, was ich zu meiner Erläuterung und Erhebung aufzeichnen will.

Ich sitze eines Abends vor meiner Hütte, als ich höre, wie auf dem steinigen Pfade jemand gegangen kommt; doch war es bereits zu finster, um erkennen zu können, wer es sei. Es wird eine Botschaft vom Abt sein, denke ich und kümmere mich nicht weiter um die dunkle Gestalt. Als sie mir nahe gekommen, setzt sie sich auf einen Stein und hebt zu reden an.

Es war aber kein Mönch, sondern das Weib Judäa aus dem Thal der Egeria. Sie sprach:

»Da bin ich wieder.«

Ich entgegnete:

»Was willst Du von mir? Und warum kommst Du nicht bei Tage in meine Hütte?«

Da sprach das Weib:

»Bist doch auch Du bei Nacht zu mir gekommen in die Anioschlucht nach dem Fest der Benediktiner und hast mir eine Botschaft aufgetragen. Da bin ich nun von Rom zurück, Dir Bescheid zu bringen, kann aber wieder gehen, so Du mich nicht anhören willst.«

Damit stand sie auf. Ich rief ihr zu:

»Bleib und sprich!«

»Ich war in Rom und im Ghetto und habe dort nach Deinem Willen verkündigt, daß der Jude Dahiel ein großer Priester der Christen geworden sei, der Wunder thut und auf der Gasse gegen die Juden predigt.«

»Was haben sie im Ghetto dazu gesagt?«

»Sie haben gesagt: das Weib Judäa ist eine Lügnerin! Denn wir haben diesen Dahiel predigen hören im Tempel der Christen wider die Christen. Und sie hätten mich, die ich doch die Wahrheit sprach, am liebsten gestäupt und gesteinigt.«

Ich saß stumm und hörte auf die Worte der argen Frau. Diese fuhr fort:

»Und weiter habe ich nach Deinem Gebote gethan. Ich habe mich in Deiner Eltern Haus geschlichen, woselbst Hannah, Deine Mutter, in schweren Leiden lag, und Dein Vater Simeon als blöder Greis lebt. Ich habe ihnen gesagt, daß ich ihren Sohn Dahiel gesehen, auf den Gassen der sabinischen Stadt den Christen predigend und Wunder vollbringend, und daß ihr Sohn Dahiel ein großer Heiliger und Prophet geworden, der umherzieht im Lande, Jehovah lästernd und die Juden verfluchend.

»Da hat Deine Mutter jammervoll aufgeschrieen und wie die anderen gerufen: ?Das lügst Du, Judäa, schändliches Weib! Das lügst Du von meinem lieben Sohn!? Aber Dein Vater Simeon, der kindische Greis, der dagesessen war wie einer, den der Herr geschlagen mit seinem Zorn, hat sich gewaltig aufgerichtet und ist dagestanden, als sei er aus dem Grabe gestiegen. Und er hat seine zitternden Arme ausgereckt und seine blöden Augen haben geleuchtet wie eine Flamme, die der Herr in seiner Seele entzündet; und er hat gelallt und gestammelt, bis die Worte mächtig aus seinem Munde hervorbrachen: ?Was dieses Weib gesprochen, ist lautere Wahrheit gewesen. Also mußte es werden und also ist es geworden! Verderben ist ausgegangen von diesem meinem Erzeugten für Israel, und Verderben wird ausgehen von ihm für das Volk.?

»Als Hannah, Deine Mutter, Deinen Vater so reden hörte, ist sie dahingefahren voll Herzeleids in die Grube. Dein Vater aber ist von seinem toten Weibe hinweg in die Synagoge gewankt, hat dem Volke gepredigt zum letztenmale und darauf seine Seele ausgehaucht.«

Indessen ich ruhig sitzen blieb und in die Finsternis starrte, erhob sich Judäa, trat auf mich zu und schrie mich an:

»Du sollst nicht töten, spricht der Herr. Ich sehe aber einen, welcher Vater und Mutter gemordet hat, und welcher wird wieder gemordet werden nach Gottes Willen und Gesetz. Hüte Dich, Du Abtrünniger! Wie es ausgeht von Dir, wird es zu Dir zurückkehren.«

Sie wollte fortfahren gegen mich zu toben, aber ich winkte ihr, mich sogleich zu verlassen, und that es mit einer Geberde, daß sie mir gehorsamte und gleich einem bösen, unsauberen Geist sich hinweghob von mir.

Nun war ich allein, wollte etwas denken, indessen die schwarze Nacht lag auf mir wie die Schollen eines Grabes, das über einem Lebendigen zugeschüttet worden. Plötzlich faßte mich eine große Angst; es war mir, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt. Ich sprang in die Höhe und schrie gräßlich auf. »Herr! Herr!« wollte ich ausrufen, aber ich schrie: »Vater! Mutter!«

Da entsetzte ich mich über die Namen, die ich wider meinen Willen genannt hatte, lief hinaus in die Nacht, strauchelte, stürzte hin, daß ich mit dem Kopf gegen einen Stein aufschlug. Obgleich ich ganz wohl bei Besinnung war, blieb ich doch liegen. Ich fühlte, wie das Blut über meine Wangen floß, und wie der Nachtwind über mich hinfuhr. Und ich mußte denken, daß sie, die mich geliebt hatten, nun auch so still dalagen wie ich. Aber das Rauschen des Nachtwindes hörten sie nicht mehr. Dann wiederum war mirs, als ob ich die Stimme meines Vaters vernähme, und dazwischen flüsterte die Mutter, wie sie zu thun pflegte, da ich ein Knabe war. Mein Vater Simeon redete streng und strafend zu mir, doch meine liebe Mutter tröstete mich.

Dann fiel mir ein, daß ich die, welche mich erzeugten, hatte verfluchen müssen.

Warum verfluchen?

Weil sie Juden gewesen.

Und ich ein Christ ?

Ich erinnerte mich, daß ich über mein Christentum manches gedacht hatte, was unchristlich war: droben auf dem Berge. Aber damals war ich ein großer Sünder und durch das Leben in der Wildnis gleich einer Bestie geworden. Und wenn ich auch bisweilen immer noch durch allerlei bestialische Gedanken in Versuchung geführt wurde, kannte ich jetzt diesen Höllengeist und erwehrte mich seiner mit aller Macht. So auch in dieser Nacht.

Aber wenn es doch wahr wäre? ? Die Juden haben den Gottessohn gekreuzigt und sind darum verdammt in alle Ewigkeit! Sie haben kein seliges Auferstehen, sondern leiden unendliche Qualen. Ich aber ward Christ. Und da ich ein Priester bin und fast einem Heiligen gleichgeachtet, so werden meine Sünden mir wohl vergeben werden, so werde ich vermutlich dereinst das ewige Leben haben und bei denen sein, die zur Rechten Gottes sitzen. Meine Eltern aber, die mich liebten und die ich mordete, sind als Juden und Ungläubige gestorben, werden daher verdammt und bleiben verdammt, während ich selig bin.

Denn es könnte doch sein, daß alles so wäre, wie es geschrieben steht ?

Meiner im Unglauben dahingefahrenen Eltern gedenkend, packte mich Entsetzen. Ich schrie laut auf und fuhr in die Höhe. Der Tag graute. Mir wars, als sei das Antlitz der Erde ein Totengesicht.

Ich ging den Pfad zum Kloster; mein Körper war steif, und meine Glieder schmerzten heftig, so daß ich mich kaum von der Stelle brachte; meine Seele schien mir ein ewiges Grab zu sein, darin die eingesargt lagen, welche mir das Leben gegeben hatten. So gelangte ich zum Kloster, woselbst ich mich ohne weiteres zum Abt begab, der in seinem Gemache seine Morgenandacht hielt. Als der Hochwürdige meiner ansichtig ward, fuhr er erschrocken von den Knieen auf.

»Was willst Du von mir?«

Und er begann am ganzen Leibe zu zittern, nicht anders, als ob ich gekommen wäre, ihn zu ermorden. Ich wußte jetzt aber, daß der Abt Evaristus mich fürchtete. Auf seine Frage erwiderte ich ihm:

»Ich hege nichts Uebles gegen Euch im Sinn.«

Er darauf, immer noch voller Mißtrauen:

»Was ist geschehen? Dein Gesicht blutet, und Du siehst aus, als hättest Du jemandem ein Leides zugefügt.«

»Das habe ich auch.«

»Gott sei Dir gnädig! Was hast Du gethan? Du willst mir gewiß Beichte ablegen. Komm in die Kirche. Aber geh Du voraus.«

Ich blieb ruhig stehen.

»Würde ich die Unthat, die ich vollbracht, Euch im Beichtstuhl bekennen, so müßtet Ihr darüber schweigen, wo Ihr doch am liebsten nach Rom ginget, um daselbst auf dem Petersplatz meine Schuld auszurufen. Thut es immerhin! Wißt, daß ich die getötet habe, welche mir das Leben gegeben.«

Aber der Ehrwürdige meinte:

»Das Fieber redet aus Dir. Du hast wieder einmal allzu streng gefastet und zu scharfe Pönitenz gethan. Geh zurück in Deine Zelle, lege Dich nieder und genieße etwas; ich will den Bruder Eusebius mit Mitteln zu Dir senden. Es thut nicht gut, mit Gewalt heilig und Gott wohlgefällig werden zu wollen. Das merke Dir.«

Darauf teilte ich dem Abt in gelassenen Worten den Tod meiner Eltern mit, und woran sie gestorben waren: an Jammer und Trübsal und gebrochenem Herzen; und ich bat den Hochwürdigen, für die Seelen meiner Eltern Messen zu lesen. Abt Evaristus fuhr mich heftig an: Ob ich von Sinnen wäre, die heilige Kirche durch solches Verlangen zu lästern! Wie für tote Juden Messen gelesen werden könnten? Es sei meine Schuld, wenn meine Eltern in die ewige Verdammnis gefahren: warum hätte ich sie nicht zum Christentum bekehrt? Nun könnte ihren Seelen nicht mehr geholfen werden.

Bei solchen Reden des Abtes packte mich von neuem der Gedanke: Wenn es doch wahr wäre? Es könnte doch wahr sein! ? Da warf ich mich vor dem Abt nieder, flehte und schrie ihn an, faßte sein Gewand, bat und bettelte; nicht anders, als wäre ich wirklich um meinen Verstand gekommen. Aber ich wollte ja nur eine einzige Messe! Endlich mußte ich wieder gehen.

Nun wußte ich zwar sehr wohl, daß der Abt gar nicht anders handeln konnte, als mit meinem Begehren mich abzuweisen; dennoch trug ich es ihm nach, wie wenn er an mir ein tödliches Unrecht begangen hätte. Es sollte ihm gedacht werden.

*

Viele Tage that ich nichts anderes, als daß ich für die Seelen meiner die ewige Verdammnis erleidenden Eltern den Himmel anschrie. Meine Kniee sind wund, meine Gliedmaßen steif davon, und ich nahm in dieser ganzen Zeit nur so viel Nahrung zu mir, als hinreichte, mich am Leben zu erhalten. Seit meiner Verbannung auf dem Felsengipfel habe ich kein solches jammervolles Dasein geführt. Trotzdem ich dies alles für die Seelen der von mir so oft verfluchten Eltern gethan, weiß ich doch, daß Gott in dieser Sache nicht anders denken wird, wie Abt Evaristus darin denkt: sie sind als Juden gestorben und werden als Juden verdammt sein. So kann ich ihnen denn nicht helfen. Aber es frißt mir meinen Verstand; ich möchte aufschreien gleich einem wilden Tier und mir das Haupt an einem Felsen zerschmettern, wenn ich bedenke, daß ich ihre Seelen hätte erretten können von dem ewigen Verderben, indem ich hingegangen wäre, so lange sie noch lebten, und hätte sie zu Christen gemacht. Ich würde es sicher vollbracht haben; denn ich hätte nicht eher abgelassen, in sie hineinzuschreien, als bis sie mich gehört und erhört haben würden: erfuhr ich doch genugsam, daß der Herr, seitdem ich einen ihm wohlgefälligen Lebenswandel führe, mir große Gewalt über die Gemüter verliehen. Wahrlich, mit Engelszungen würde ich zu meinen Eltern gesprochen haben; Wunder hätte ich vollbracht kraft meiner Liebe, meines Schmerzes, meines Glaubens. Nun ists damit vorbei. Jene arge Sünderin vermochte ich dem Himmel zu versöhnen, und meine Eltern ließ ich zur Hölle niederfahren, darin ich sie sehen werde, wenn ich sitze zur rechten Hand Gottes, ohne daß ich ihnen einen Tropfen aus dem Born göttlicher Gnade spenden könnte, der für sie nicht strömt. Wehe mir! Dann wird meine ewige Seligkeit ewige Verdammnis sein. O ich Verfluchter!

*

Das muß ich doch aufschreiben; denn es zeugt davon, wohin die Hand Gottes einen Menschen führen kann. Zuerst lief es mir kalt durchs Gebein, da ich bedachte, daß der Herr sich meiner Hand bedient hatte, um dieses Weib in die Nacht des Wahnwitzes zu leiten; jetzt habe ich das Grauen überwunden, denn ich bin nichts anderes als ein Werkzeug, welches der Herr zu dem verwendet, wozu es ihm gut dünkt: ich vollbringe die Arbeit; wozu diese dient und frommt, das ist nicht meine Sorge, und geziemt mir auch nicht, darüber zu sinnen und zu grübeln. Wahrlich, die Kirche Christi thut wohl, wenn sie ihren Dienern als erstes und vornehmstes Gebot das Geheiß gibt: du sollst nicht denken! Indem es wahrlich keine ärgere Sünde gibt, als viele Gedanken zu haben. Auch in dieser Sache, in welcher ich seinerzeit schwer gefrevelt habe, befinde ich mich nun auf dem rechten Wege.

Also: die Clelia ist von Sinnen gekommen und hat in diesem Zustande ihr Kind umgebracht, damit die Missethaten der Mutter an dem Kinde nicht heimgesucht würden, wie ich dem Weibe gesagt hatte, daß es geschrieben stünde, und daß es geschehen würde. Die Clelia ist selber zu mir gekommen, um mir zu sagen, ihr Kind sei nun selig geworden.

Es war in der Nacht. Ich lag in meiner Einsiedelei auf dem Boden, der nun bereits seit vielen Jahren mein Bette ist, schlief und träumte: die Madonna, die ich innigst angefleht hatte, für die Seelen meiner Eltern Fürbitte zu thun, stünde an meinem Lager. Sie hielt den Jesusknaben im Arm, sah streng und zornig auf mich herab und schalt mich heftig, daß ich sie hatte verleiten wollen, für solche verdammten Seelen zu bitten. Darüber erwachte ich. Meine Klause füllte heller Schein ? das Mondlicht, wie ich allmälich begriff, und an meiner Ruhestätte stand ein Weib mit einem Kinde im Arm. Ich erkannte sie nicht sogleich, bis sie mich anredete.

»Du bist es, Clelia!« rief ich. »Ich glaubte, es sei die Muttergottes mit dem Jesusknaben. Was suchst Du mit Deiner Tochter bei mir?«

Da sagte sie mit leiser, ruhiger Stimme:

»Das Kind ist tot. Ich bringe es Dir, damit Du Dich mit mir über den Tod des Kindes freuen sollst. Die Madonna wollte es sich nicht holen, da mußte ich es zur Madonna schicken. Freue Dich nur recht darüber.«

Ich war aufgesprungen und voll Grauens aus der Hütte gegangen, denn Clelia hatte die Thür offen gelassen. Sie folgte mir, und als sie, vom Monde hell beschienen, vor mir stand, da sah ich ihr weißes Gesicht, und daß sie über und über mit Blut bedeckt war; desgleichen das Kind. Als das Weib mein Entsetzen gewahrte, schalt sie mich und rief in einem fort:

»Aber so freue Dich doch, Du mußt Dich freuen! Um uns Dreien, Dir und mir und dem Kinde, eine Freude zu machen, habe ich es ja nur gethan. Sieh, wie schön meine Angelika blutet.«

Nachdem ich mich gefaßt und ihren Zustand begriffen hatte, versuchte ich, ihr den blutigen Leichnam zu nehmen. Aber sie wollte ihr totes Kind nicht hergeben, drückte es heftig an sich, bedeckte es mit Küssen und Liebkosungen, geberdete sich so unsinnig, daß alle meine Worte vollständig machtlos waren, und ich auf etwas anderes sinnen mußte; denn ich gedachte, die Wahnwitzige zu schützen, damit sie nicht als Mörderin dem Gesetz verfiel, welches für ein solches Verbrechen die Todesstrafe zuerkannte. Auch hätte die Sache ein übles Gerede gegen mich, der ich doch an dem Tode des Kindes gänzlich unschuldig war, erregen können. In dieser Not fiel mir die Höhle in dem Felsengipfel ein, und daß ich dort die Unsinnige eine Weile verborgen halten könnte, bis ich eine andere Unterkunft für sie gefunden hätte. So redete ich denn eifrig in sie ein, mit mir zu gehen, wozu sie sich auch willig zeigte, wenn ich ihr nur das Kind ließ. Ich bepackte mich eiligst mit allerlei Sachen und wir gingen.

An diese Nacht will ich denken, so lange ich lebe. Ich allein in der Felsenöde mit der wahnsinnigen Mutter, die das von ihr gemordete Kind trug. Wo es anging schritt ich voraus und hörte sie hinter mir tolle Reden führen und mich immerfort anrufen, ich sollte mich freuen! Denn damit ich mich freuen sollte, hätte sie es ja nur gethan. Häufig mußte ich ihr dicht zur Seite bleiben, Sorge tragend, sie möchte mir entweichen oder in den Abgrund stürzen. An solchen gefährlichen Stellen des Weges hieß ich sie vorausgehen und sah sie dann vor meinen Augen mit ihrer blutigen Bürde langsam durch die graue Dämmerung dahinschreiten; und ich mußte denken, wie sie gewesen war, da ich sie zum erstenmal erblickt hatte: halb noch ein Kind und doch schon mit verlorener Seele, in schimmernde Seide gehüllt, mit Blumen und Perlen geschmückt, aus einer silbernen Schale Süßigkeiten naschend, zu Füßen den jungen, bleichen Menschen, dem sie sich mit Leib und Seele verkauft hatte. Und jetzt schritt sie in solcher Weise mit mir durch die Felsenwildnis, zu der Höhle über dem Abgrund, in welcher ich als aufsässiger, frevelhafter Mönch, Priester und sündhafter Mensch so lange gelebt hatte, bis auch ich die Hand des Herrn an meiner Seele rütteln verspürt.

Glücklich erreichte ich mit der Wahnwitzigen die Grotte auf dem Felsengipfel. Ich legte die mitgenommene Decke an den nämlichen Platz, wo auch mein Lager gewesen, stellte den Krug mit dem gewässerten Wein und das Brot nieder und redete sie darauf an, sie herzlich bittend und streng vermahnend, in der Höhle zu verharren, bis ich wieder nach ihr sehen würde, was in Bälde geschehen sollte; dann würde ich ihr eine bessere Unterkunft anweisen können. Sie verstand mich ganz wohl und sagte: ich sollte nur gehen, es gefiele ihr recht gut im Grabe, nur wäre es sehr kalt. Da hüllte ich sie in die Decke, worauf ich nochmals versuchte, ihr die Leiche des Kindes zu nehmen. Aber gleich begann sie zu rasen. Ich ließ also von ihr ab, gab ihr zu trinken und brach für sie von dem Brote; sie nahm es indessen nicht. Als ich sie verließ, kauerte sie mit dem Kinde unter dem Kreuz, an dessen Stamm sie sich mit geschlossenen Augen lehnte. Da schlich ich mich fort.

*

Des Weibes Gatte war bei mir. Zuerst erschrak ich heftig. Nicht weil ich mich fürchtete, oder weil der Mann gegen mich gerast hätte; vielmehr entsetzte ich mich über seine gänzliche Ruhe, welche sogar mir, der ich doch den Menschen abgestreift habe, schier unmenschlich erschien. Er kam zu mir, als ich gerade meine Andacht verrichtete, blieb bescheidentlich an der Thüre stehen und sagte zu mir, der ich bei seinem unerwarteten Anblick in die Höhe fuhr, in aller Gelassenheit:

»Verrichtet in Frieden Eure Gebete, ehrwürdiger Bruder, ich kann mit meinem Anliegen warten, bis Ihr dem Himmel gedient habt.«

Ich forschte:

»Was begehrt Ihr von mir?«

»Ich wollte Euch nach meinem Weibe fragen.«

Daß er darum gekommen war, wußte ich gleich, durfte es mir indessen nicht merken lassen, wie ich denn überhaupt ? um des Weibes willen ? nicht verraten durfte, daß ich von allem, was in dem Hause des Terenzio geschehen war, Kenntnis besaß. Also wiederholte ich voller Staunen seine Frage:

»Ihr wolltet mich nach Eurem Weibe fragen?«

»Ja. Ob Ihr wißt, wo es ist?«

Da fuhr ich auf:

»Soll ich Eures Weibes Hüter sein?«

Er meinte voller Ruhe und Gelassenheit:

»So wüßtet Ihr es nicht?«

»Nein.«

»Es wäre Euch auch nicht bekannt, daß mein Weib aus meinem Hause entwichen ist?«

»Nein.«

»Und was mein Weib begangen hat?«

Ich zum drittenmale:

»Nein.«

»So muß ich es Euch denn sagen.«

Darauf berichtete er mir den Wahnsinn seines Weibes und den Mord seines Kindes, ohne ein Beben in seiner Stimme, ohne daß er eine Miene verzogen hätte. Gräßlich war aber auch, wie ich seiner Erzählung zuhören mußte, mit allen Zeichen des Grauens und Entsetzens: um seines Weibes willen! Als er geendet hatte, mußte ich den Mund öffnen, um dem unseligen Manne etwas zu sagen. Ich wollte ihm Trost zusprechen und von der Gnade Gottes reden, aber er unterbrach mich gleich anfangs.

»Davon schweigt!«

Er sagte das mit einer Stimme und einer Miene, daß ich wohl still sein mußte. Darauf fragte er mich noch einmal:

»Ihr wißt also in Wahrheit nichts von meinem Weibe?«

Das versetzte mich in Zorn:

»Geht! Euch steh ich über nichts mehr Rede.«

Er trat hart an mich heran, mit einem Blicke, als ob er mich ermorden wollte, erhob seine Hand gegen mich, der ich nicht vor ihm zurückwich. Da ließ er den Arm sinken, seufzte tief auf, trat von mir fort, wendete sich zum Gehen. Nicht ohne Erbarmen mit ihm zu fühlen, fragte ich ihn:

»Was wollt Ihr thun?«

Er blieb stehen und schaute mich an:

»Suchen will ich sie. Wollt Ihr mir helfen?«

»Ich will für Euch beten, für Euch, für Euer unseliges Weib.«

»Das wird uns nützlich sein: Fürbitte von einem solchen Heiligen wie Ihr seid! ? Also Ihr wollt mir wirklich nicht suchen helfen?«

»Mein armer Terenzio, wer weiß, wohin der Himmel Euer Weib geführt hat.«

»Erinnert Ihr Euch, daß Ihr für mein Weib gleich dem Erlöser und Heiland gewesen seid?«

»Davon will ich nichts hören.«

»Das glaube ich wohl; aber ich sehe doch, daß Ihr Euch noch daran erinnert. Dann ists gut, dann habe ich Euch nichts mehr zu sagen. Lebt wohl.«

»Ich will Euch meinen Segen geben.«

Nochmals blieb er stehen.

»Ihr meint wohl Euren Fluch? Den trage ich auf mir seit dem Tage, an welchem Ihr als heiliger Mann in mein Haus getreten seid.«

Damit ging er und ließ mich in großen Nöten zurück. Herr! Herr! Herr! Als ob ich einst die Menschen nicht heiß geliebt, als ob ich nicht ihr Bestes gewollt hätte, als ob ich um meiner Liebe zur Menschheit willen nicht hundertmal im Geiste gekreuzigt worden wäre?!

Dann mußte ich aber doch darauf bedacht sein, wie ich das Weib vor dem Manne weiter verborgen halten könnte. Denn es war zu befürchten, daß er der Mörderin seines Kindes ein Leides anthun würde; auch war es meine christliche Pflicht, der Wahnsinnigen meinen Schutz angedeihen zu lassen. Nach reiflicher Erwägung schien mir das Beste zu sein, wenn das Leben der wahnwitzigen Mutter der göttlichen Mutter des Herrn zum Opfer gebracht würde. Ich kannte nämlich ein Kloster der Ursulinerinnen, welches in tiefer Abgeschiedenheit nahe bei Arsoli liegt, und dessen Aebtissin mich über Gebühr verehrt. Bevor ich mich indessen nach dem Heiligtum auf den Weg machte, trieb es mich zu dem Felsengipfel hinauf.

Wie würde ich die Clelia finden?

*

Ich bin dem Hochwürdigen begegnet auf dein Wege zur Grotte, im Morgengrauen. Er redete mich an:

»Was thust Du hier oben auf dem Berg zu dieser Stunde?«

Dieselbe Frage hätte ich an den Abt richten können ? und wahrlich mit besserem Rechte. Ich hielt indessen an mich und versetzte bescheidentlich, daß ich Verlangen getragen, mich in der Einsamkeit zu ergehen. Der Abt meinte und mich wollte bedünken, daß er es in einem besonderen Tone sagte:

»Du willst gewiß hinauf zur Felsenhöhle?«

Trotzdem diese Frage mich wie ein Blitz durchzuckte, erwiderte ich mit aller Gelassenheit:

»Was sollte ich in jenem Kerker thun?«

»Vielleicht willst Du daselbst Deine Morgenandacht verrichten oder die Sonne aufgehen sehen. Ein Heiliger von Deiner Art trägt häufig seltsame Gelüste.«

Darauf schwieg ich, und der Hochwürdige ging seines Weges; aber er blieb nochmals stehen und schaute aus nach mir, der ich hinter einen Stein getreten war. Plötzlich packte mich eine jähe Angst ? um des Weibes willen. Ich wandte mich nach einer andern Richtung und kehrte erst nach einer Weile um, häufig und mit aller Vorsicht um mich blickend. In der Höhle fand ich die Clelia, halb erstarrt von der Kälte, aber noch in ihrem alten Zustand: den Leichnam des Kindes in den Armen. Sie erkannte mich, nannte mich ihren »lieben Bruder Angelikus« und erzählte mir von den Himmelsfreuden ihres gestorbenen Kindes. Ich fuhr sie hart an: ob sie die Höhle verlassen hätte, oder ob jemand bei ihr gewesen wäre. Sie erwiderte mir: Nein, niemand sei bei ihr gewesen. Heftig vermahnte ich sie, sich nicht von der Stelle zu rühren, sonst würde man ihr das Kind nehmen. Darauf versprach sie mir unter Schluchzen und Wimmern, alles zu thun, was ich von ihr verlangen würde.

Wenn der Hochwürdige in die Höhle gekommen wäre, das blutige Weib mit dem Leichnam des Kindes gefunden hätte, und wenn die Wahnsinnige auch zu ihm von ihrem lieben Bruder Angelikus geredet hätte ? ? Ich verließ sie. Heute noch will ich hinüber nach Arsoli.

*

Die Ursulinerinnen wollen die Clelia bei sich aufnehmen und gegen jedermann über sie schweigen. Morgen nacht bringe ich sie hinüber.

Nochmals bin ich in der Wildnis dem Hochwürdigen begegnet. Er war ganz allein.

*

Abt Evaristus wird vermißt. Da ich für lange Zeit nicht zum Aufzeichnen kommen werde ? ich muß für die Seelen meiner Eltern beten ? so gedenke ich, diese Schriften an einem heimlichen Ort niederzulegen. Vielleicht auch, daß ich sie vernichte, denn sie dienen zu nichts. Doch könnten sie eines Tages für mich Zeugnis leisten über das unselige Weib, die Clelia, die sich jetzt bei den Ursulinerinnen befindet und an deren Unthaten ich keinen Anteil habe.

Wäre nur erst Abt Evaristus zurückgekehrt! Es wird ihm doch kein Unglück widerfahren sein? Der Mann liebte es, gleich mir die Wildnis und Felsenberge zu durchwandern ? ganz allein. Wie oft bin ich nahe daran gewesen, in eine schauerliche Tiefe zu stürzen.

*

Nur noch dieses: Abt Evaristus ist tot. Sie haben ihn in einem Abgrund gefunden, grauenhaft verstümmelt. Ich befand mich unter denjenigen, die ausgezogen waren, den Vermißten zu suchen; ich zuerst sah ihn. Es war ein gräßlicher Anblick, so daß ich laut aufschreien mußte.

Wen werden sie zum Abte wählen ? ?

*

Sie wählten mich.

.

XI.

In Rom war eine pestartige Krankheit ausgebrochen, an der in wenigen Tagen viele Hunderte starben. Das Volk geriet in einen Aufruhr, als ob der Feind vor den Thoren stünde. Wilde Gerüchte tauchten auf und verbreiteten sich im Fluge durch die ganze Stadt. Nachts wurden vermummte Gestalten gesehen, welche vor den einzelnen Häusern kurze Zeit stille standen, verweilten, dann weiter wandelten und welche niemand aufzuhalten wagte. Am Morgen fand man hier und dort geheimnisvolle Merkmale, und in den so bezeichneten Häusern brach nach wenigen Stunden die schreckliche Krankheit aus, häufig sämtliche Bewohner hinraffend.

Ein allgemeiner Aufschrei des Schreckens und der Wut: die Juden hexten den Römern die Pest an.

Sie stürzten zum Ghetto, drangen in die Häuser, mißhandelten Frauen und Kinder; sie ergriffen die Aeltesten und Vornehmsten, schleppten sie durch die Volksmenge bis auf den Quirinal, vor den Palast des Papstes.

Bei diesem Ausbruche des Volkshasses wurden manche der Ebräer getötet, manche von der Brücke Quattro Capi in den Strom hinabgeworfen.

Der Papst sollte verurteilen, verdammen; selbst der Papst konnte die Juden nicht schützen. Um das Volk zu beruhigen, ließ der heilige Vater Verhaftungen vornehmen und erteilte den Befehl zur Ausweisung mancher Familien. Diejenigen, welche sein Gebot traf, verließen die Stätte, wo ihr Geschlecht seit Jahrhunderten als Parias gelebt hatte, unter Wehklagen, wie wenn sie Jerusalem verließen. Sie zogen zu den Ausgestoßenen, zu den Verachteten und Verworfenen ihres Stammes ? zu den Juden im Thale der Egeria.

Diese empfingen die Vertriebenen, von denen sie sich gemieden und verabscheut wußten, nicht nur ohne jeden Hohn, sondern mit lautem Jammer über das Schicksal ihrer Glaubensgenossen. Der ganze Stamm der Steppenbewohner zog den Ausgewiesenen bis zum appischen Thor entgegen; die Weiber hatten ihren Schmuck von sich gethan, und die Männer gingen unbedeckten Hauptes.

An der Spitze des Zuges schritt, schwer auf einen Stab sich lehnend und mühsam sich aufrecht haltend, ein Jude, noch jugendlichen Alters, aber mit den Spuren langen Siechtums an seiner gebeugten, hageren Gestalt und auf dem bleichen Gesicht. Aber seine Augen waren voller Glanz und um seinen Mund lag der Ausdruck eines mächtigen Willens. Neben Mose ging ein Weib von unsäglicher Holdseligkeit, voll ängstlicher Sorgfalt die schwankenden Schritte des Führers bewachend und diesen von Zeit zu Zeit liebreich stützend. Sie sprachen leise miteinander.

Myrrha sagte:

»Es war recht, daß Du meiner Mutter gebotest, im Lager zu bleiben, obwohl sie Dir eine bessere Stütze gewesen wäre als Dein Stab.«

Mose erwiderte:

»Der Anblick Deiner Mutter Judäa hätte ihnen, denen wir entgegenziehen, eine Demütigung bereitet. Deine Mutter besitzt einen wilden Geist, der sich nicht bezähmen kann: Kränkung, die ein Jude erfährt von einem Juden, soll sein gleich Spreu, welche vom Winde verweht wird. Du bist sanfter geartet.«

»Ich habe nicht erduldet, was meine Mutter erduldet hat.«

Mose verharrte dabei:

»Wenn ein Jude mich ins Gesicht schlägt, so schlage ich nicht wieder, sondern ich vergebe dem Juden um des Fluches willen, der auf allen ruht, welche unseres heiligen Stammes sind. Erhebt aber ein Christ seinen Arm gegen mich, so zermalme ich, wenn Gott den Christen in meine Hand gibt, sein Herz um des Hasses willen, der zwischen Juden und Christen ist, und der währen wird bis in die Ewigkeit.«

Myrrha seufzte; ihr Mann hörte es und meinte mit herber Stimme:

»Du freilich gedenkst voller Holdseligkeit eines Christen, und wäre dieser Christ auch ein Jude gewesen und unser Todfeind geworden.« Und da Myrrha zu diesem Vorwurf schwieg: »Ich sage Dir aber, es wird die Zeit kommen, wo wir abrechnen mit ihm, dem Du vergeben hast. Dann hüte Dich, für ihn zu bitten.«

Jetzt erreichte der Zug das Stadtthor, zu dessen beiden Seiten er sich aufstellte, die Juden aus dem Ghetto zu erwarten. Diese kamen, von Häschern geführt und gefolgt von denen, die zurückbleiben durften. Jammergeschrei ertönte. Hinter den Ausgewiesenen wurde das Thor der Stadt, darin die Pest wütete, geschlossen. Krachend schlug es zu.

Nun zogen die vertriebenen Juden in Gemeinschaft mit den von ihnen verachteten Ebräern ihrer neuen Wohnstätte zu, welche die wilde, sumpfige Steppe war. Mose befand sich mitten darunter, mit einer Miene, als ob dieser Tag die Feier der Vereinigung von ganz Israel wäre. Myrrha sprach mit ihrer sanften Stimme den Frauen Mut und Trost ein. Sie hatte einer kranken Mutter den weinenden Säugling abgenommen und schritt, das Kind an ihre Brust drückend, den Verbannten voraus, so feierlich, als trüge sie ein hehres Heiligtum. Unberührt von dem Jammer der Großen hatten die Kinder sich zusammengefunden. Voller Freude über die neuen Spielgefährten liefen sie vom Wege ab in die frühlingsgrüne, blumige Steppe hinein, in deren Wunder die junge Brut der Wildnis ihre neuen Kameraden, welche niemals aus den engen, feuchten Gassen der Judenstadt herausgekommen waren, voller Stolz einführte. Angelangt in der Senkung des egerischen Thales, empfing Judäa die neuen Bewohner der Steppe. Sie wollte ausbrechen im Gefühl des Triumphes und der gesättigten Rache; aber ein gebieterischer Blick Moses bändigte das leidenschaftliche Weib, daß es vor ihren gedemütigten Feinden schweigend zur Seite trat.

Kaum hatten die Vertriebenen sich notdürftig angesiedelt, als von Rom der Befehl kam: alle Juden, welche widerrechtlich vor den Thoren der Stadt lagerten, hätten den Ort zu verlassen und davonzuwandern ? zum mindesten dreißig Meilen weit! Und es dürften ihre Hütten und Lagerstätten angetroffen werden »an keinem Orte, wo Christen wohnten«.

Diesesmal erhoben die Ebräer kein Jammergeschrei. Im Lager blieb es still: eine dumpfe Verzweiflung hatte sich aller Gemüter bemächtigt.

Indessen die Frauen zu der weiten Wanderung rüsteten ? binnen drei Tagen mußte auch der letzte Jude aus der Umgebung Roms gewichen sein ? traten die Männer zur Beratung zusammen. Wohin sollten sie ihre Schritte lenken? Ob nach Süden oder Norden, ob nach Westen oder Osten ? wo auch über ihnen der Himmel sich wölbte, allerorten hatten sie unter sich die Erde, auf der sie unstät und flüchtig einherwandern mußten. Und wären sie tausend Meilen weiter gezogen, immer blieb der Fluch an ihnen haften, den keiner von ihnen verschuldet hatte, und der doch sie alle traf.

Sie wußten sich nicht Rates.

Da trat Mose vor. Er schaut hinüber, wo jenseits des grünen Meeres der Steppe das Felsengebirge aufragte, eine gewaltige steinerne Mauer, leuchtend im Glanze des Tages, mit silberhellen Gipfeln und Graten, darauf der tiefblaue Himmel zu ruhen schien. Und Mose sprach:

»Ich will euch eine Stätte weisen, an der sollt ihr Frieden haben, so elend sie auch sonst sein mag. Wollt ihr mir folgen?«

Alle schauten auf ihn und riefen:

»Mose soll uns führen!«

Die Männer verkündigten ihren angstvoll harrenden Frauen:

»Morgen früh wandern wir.«

Von allen Seiten hieß es:

»Wohin?«

Aber die Männer meinten:

»Mose wird uns führen.«

Mose schwankte an seinem Stabe durch das Lager; die Weiber drängten sich heran und riefen ihm zu, ihnen zu sagen, wohin er sie zu führen gedächte. Er erwiderte:

»Nicht in ein Land, darinnen Milch und Honig fließt, wohl aber an eine Stätte, wo ihr Frieden finden werdet.«

Abseits von den Frauen stand Judäa, schweigend herüberschauend. Mose, als fühlte er ihren Blick, wendete sich ihr zu, schaute ihr in die Augen und begab sich, von den anderen hinweg in die Grotte, welche vom Volke nach der Nymphe Egeria genannt wird. Dort quoll unter einem zertrümmerten marmornen Frauenbilde ein schwacher Wasserstrahl hervor, langsam in ein mit Schilf und Lilien gefülltes Becken niederrieselnd, auf dessen Rand Mose sich ausruhte. Er saß gebeugten Hauptes, in tiefen Gedanken, und blickte nicht auf, als jemand zu ihm in die Grotte trat; er wußte, wer ihm nachgegangen war.

Judäa näherte sich dem Einsamen, blieb stehen und sagte, ihre Stimme dämpfend:

»Ich weiß, wohin Du uns führen wirst.«

»Und Du willst den anderen sagen, daß sie mir nicht dahin folgen sollen. Vielleicht hören sie auf Dich!«

»Vielleicht. Ich kenne Dich; es liegt kein Stein in Deinem Wege, über den Du Dir nicht Gedanken machtest ? was denkst Du Dir dabei, daß Du uns in die Nähe führen willst von einem, der unser aller Feind ist?«

Mose sah auf.

»Solltest Du, von der sie sagen, Du läsest in den Seelen der Menschen, meine Gedanken nicht kennen?«

»Nein.« Dann sprach sie langsam und feierlich: »Frieden hast Du dem Volke der Flüchtigen und Verfolgten verheißen ? siehe zu, daß Dein Wort nicht zu schänden wird.«

Mose rief:

»Er soll sein Volk, das er verlassen hat, vertrieben sehen von jenen, welchen er sich angelobt. Unter seinen Augen wollen wir unsere Hütten bauen und dem Herrn dienen, den er verleugnet hat. Er wird uns geächtet und elend sehen und unser Anblick wird an seinem Herzen nagen, bis es sein Herz zerfressen hat. Sehen werden wir ihn in hohen Ehren und gleich einem Heiligen geachtet, und sein Anblick wird uns, die wir unserem Gotte getreu sind, gleich Himmelsmanna sein. Denn in seiner Seele tobt der Kampf, wir aber werden den Frieden haben, den ich euch verheißen.«

Judäa erwiderte:

»O Mose, Mose, der Du um Deines Hasses willen Dein Volk in eine Wüste führen willst! Ueber den Stein auf Deinem Wege machst Du Dir Gedanken, aber das Herz der Menschen kennst Du nicht. Und wenn der Mann, von dem die Christen sagen, daß er ein Heiliger sei, in seinem Herzen ein frommer Jude geblieben wäre, er würde dennoch unser Todfeind sein müssen ? eben um seiner christlichen Heiligkeit willen! Dein Herz aber kenn ich! Du willst uns, die Du liebst, zu jenem führen, den Du hassest, um ihn durch unsern Anblick zu zermalmen; denn je jammervoller er uns sieht, um so herrlicher wird unsere Rache sein. Hüte Dich! Wir sind müde vom Leben und möchten rasten; daran denke; Dein ist die Verantwortung.«

Damit verließ sie ihn.

Als Mose allein war, rang er mit sich und bestand einen schweren Kampf, aus dem dieser starke Geist nicht als Sieger hervorging.

In der Nacht stahl sich Myrrha von ihres Gatten Seite und verließ leise die Hütte, welche in dem Gemäuer einer weitläufigen Ruine errichtet stand. Die Hunde, von denen die Ansiedlung der Ebräer bewacht wurde, begrüßten die liebliche Herrin des Lagers mit einem Freudengeheul, sprangen gleich einer Schar weißer, zottiger Unholde an der schlanken Gestalt empor, dieselbe mit ihren unbändigen Liebkosungen beinahe zu Boden reißend. Eine Weile duldete Myrrha ihre wilden Freunde, ermahnte sie schließlich zur Ruhe und ging dann langsam ihres Weges. Die Sterne leuchteten, daß sie die Stätten ihrer Kindheit, welche sie zum letztenmal durchwandelte, in einem milden Schimmer erblickte, und so blieb das Bild ihrer wilden Heimat in Myrrhas Seele.

Sie erstieg den Hügel, an dessen Fuß die Ansiedlung der Judengemeinde lag; auf der Höhe angelangt, erstreckte sich die Flur unter ihr wie ein Schneegefilde, weiß von Tazetten. Mvrrha ging bis zur Gräberstraße und wandelte auf dieser dem Gebirge entgegen.

»... Da wir noch Kinder waren und von der Welt nichts wußten, schritten wir oft diese Straße zwischen den Reihen der Gräber dem schönen Gebirge zu. Jeden Morgen kam er den weiten Weg gelaufen, vom Ghetto bis hieher, wo die Tochter des verfehmten Volkes auf ihn wartete. Wenn er sie sah, leuchteten seine Augen. Das Mädchen war dem Knaben lieber als Vater und Mutter, als Himmel und Erde. Wenn er mich aber fragte: ?Hast Du mich lieb?? so verstand ich ihn nicht.

Wenn er mich jetzt fragen würde ? ?

Jetzt ist er ein großer Priester der Christen, und ich bin eines jüdischen Mannes Weib.

Wie eine vom Stamme Asra würde ich sterben müssen, wenn ich liebte.

Wie ist mir nur, Herr, Herr, wie ist mir nur? Seitdem ich eines Mannes Weib geworden, trage ich es in mir wie eine Flamme, die mich verzehrt, und die ich nicht löschen kann, und überfluteten mich auch alle Wasser des Himmels. O Mose, Mose, was hast Du mir angethan mit Deinem Kusse ...«

Das junge Weib preßte die Hand auf ihr Herz, seufzte jammervoll und fuhr fort, vor sich hin zu reden:

»... Sie hassen ihn und fluchen ihm: er habe sein Volk verraten, seinen Glauben abgeschworen, seinen Gott verlassen. Als wüßten sie nicht, warum er also gethan: aus Liebe, aus herrlicher, heiliger Liebe! Weil er sein Volk liebte und eine seines Volkes, um sein Volk und eine seines Volkes zu erlösen. Als wüßte ich nicht, wie elend er ist, und daß jemand kommen müßte, ihn zu erlösen durch heilige Liebe.

Herr, Herr, was ward aus mir! Ich bin einer Jüdin Tochter und eines Juden Weib, und sehne mich nach herrlicher und heiliger, nach erlösender Liebe!

Und möchte sterben darum ...«

Sie hob ihr Antlitz auf, streckte beide Arme empor, als ob sie die so heiß von ihr ersehnte Liebe ? als ob sie den Tod von dem gestirnten Himmel herabziehen wollte. Sie flüsterte:

»... Ich weiß, daß Du Qualen leidest. Aber wenn ich zu Dir käme und mein Haupt an Deine Brust legte und Dich auf den Mund küßte ? ach, wie würde Dir dann so wohl sein, wie wärest Du dann so selig, so erlöst! Was kümmert es mich, daß Du Christ bist, und ich Jüdin bin, was kümmert das den Himmel? Wenn wir nur die Liebe haben ...«

Endlich wandte sie sich und ging zurück, langsam, wie in tiefer Ermattung. Beim Grabmal der Metella blieb sie stehen. Immer noch befand sich in dem mächtigen Bau der Spalt, durch den sie in ihrer Kinderzeit mit dem Freunde eingedrungen war in die düstere Wohnung der Toten. Sie schloß die Augen. Da sah sie sich selbst sitzen unter dem Marmorsarkophag, von dem die Bildnisse der im Tode vereinigten Gatten auf sie herabglänzten. Sie hatte den Schoß voller Strahlen, daraus sie für Dahiel einen Kranz winden wollte. Aber sie konnte den Glanz nicht haschen. Mit einem Seufzer erwachte sie aus ihrem Traum. Traurig ging sie weiter.

Ehe sie in die Tiefe zum Lager hinabstieg, suchte sie die Stelle auf, wo damals am Rande des Steineichenhains ihr Freund und Mose vor ihren Augen miteinander um ihr Leben gerungen. ? Wenn ihr Gatte die Gedanken seines Weibes in dieser Nacht wüßte, so würde er in der nächsten sie erwürgen. Aber nicht mit einem Laut hätte sie ihn um ihr Leben gebeten.

Es war noch tiefe Nacht, als Myrrha in die Hütte zurückkehrte und sich an ihres Mannes Seite niederlegte. Mose schlief unruhig, sprach im Traum, seufzte, murmelte, griff wild um sich.

»... Wenn er es wüßte, so würde er mich töten.«

Aber es graute ihr nicht; und bald war sie fest eingeschlafen.

.

XII.

Mit dem Aufgang der Sonne zogen die Juden fort. Zum letztenmale buken die Frauen an den alten Feuerstätten die Gerstenkuchen, zum letztenmale schöpften sie aus dem Quell der heidnischen Nymphe. Dann schütteten die Frauen Asche über die verglimmenden Kohlen, und alle traten zusammen, um an diesem Platz zum letztenmale zu dem Gott ihrer Väter zu beten. Zu den Zeiten des heidnischen Kaisers Titus hatte der Herr die ersten ihres Stammes in diese Wildnis geführt ? in der Zeit des christlichen Apostelfürsten führte er die letzten davon: aus der Oede in die Oede. Der Name des Herrn sei gelobt!

Jetzt beluden sich die Frauen mit der Habe, die Kinder trieben das wenige Vieh zusammen, die Männer griffen zu den Wanderstäben; darauf ein einstimmiger Abschiedsruf, dem eine tiefe Stille folgte. Und so, stumm, in tiefem Schweigen, zogen sie von dannen. Sie wanderten über die Steppe, der leuchtenden Sabina entgegen. Mose hätte seinen Stab am liebsten von sich geworfen, und wenn Judäa oder Myrrha ihn stützen wollten, so wies er sie leidenschaftlich zurück: was das für ein Führer wäre, der eines Führers bedürfte? Das erste Nachtlager ward zu Füßen des Gebirges in den schönen Wildnissen der Hadriansvilla aufgeschlagen.

Am nächsten Tag drangen sie über Tivoli in die Sabinerberge ein; noch einmal nächteten sie im Thal in der Nähe einer menschlichen Wohnstätte. Es war am Morgen des dritten Wandertages, daß die Ebräer die letzte Hütte, den letzten Oelbaum sahen.

Gehorsam dem Gebot, welches ihnen befahl, nicht in den fruchtbaren Tiefen sich niederzulassen, stiegen die Juden die unwirtlichen Höhen hinauf, ohne Murren ihrem Führer in die Steinwüste des Felsengebirgs folgend: der Herr, welcher die Vögel unter dem Himmel ernährte, würde in der Oede für sein Volk Quellen rieseln lassen und den Seinen die Stätte weisen, wo sie sprechen durften: »Hier laßt uns Hütten bauen!« Wie beschwerlich daher auch der Weg, wie trostlos der Ausblick auf kahle Grate und Gipfel auch war, kräftig schritten die Männer aus, klaglos schleppten die Weiber ihre Bürden weiter, und die laute Wanderlust der Kinder wurde auch in dem schauervollen Schweigen der Bergwildnis nicht still.

Selbst Moses mächtigem Willen war es nicht möglich, seinen kranken Leib über diese jähen Wände und schroffen Hänge zu bringen. Zornig ergab er sich. Voll Grimm ob seiner Schwäche, mußte er es über sich ergehen lassen, getragen zu werden. Sein Weib, das ihm voller Hingabe Dienste leisten wollte, wurde zu den anderen Frauen geschickt; nur Judäa durfte an seiner Seite bleiben. Sie gab mit gedämpfter Stimme die Richtung an; von Zeit zu Zeit fragte er in seiner Ungeduld:

»Sind wir immer noch nicht angelangt?«

Und häufig mußte er die Antwort vernehmen:

»Noch immer nicht.«

Die Sonne neigte sich ihrem Niedergang, als Judäa den Trägern gebot, still zu stehen. Sie deutete über ein weites Steingefilde:

»Dort liegt das Kloster!«

»Wo?«

»In der Tiefe, unterhalb jener Felsen. Dieser Berg ist bereits Klostergut.«

Mose ließ sich niedersetzen und seinen Stab geben. Er gebot den Juden:

»Lagert hier und wartet auf mich.«

Auch Judäa und Myrrha, die ihn begleiten wollten, mußten zurückbleiben:

»Ich will allein gehen!«

Mühsam stieg Mose über Klippen und durch Geröll weiter und gelangte auf eine mit den Trümmern eines Bergsturzes bedeckte Hochebene. Die Felsblöcke hatten sich von den jähen Wänden gelöst, von denen die Halde auf der einen Seite begrenzt und zugleich gegen das Ungestüm der Nordwinde geschützt ward, der auf diesen unwirtlichen Höhen wahrhaft schreckenerregend tosen mußte. Mose gewahrte und bedachte alles. Die gewaltigen Blöcke betrachtend, sagte er sich, daß, wenn an dieser Stätte eine Ansiedlung entstehen sollte, dieselbe vor einem zweiten Bergsturz sicher sein würde. Wie leicht war es hier Häuser zu bauen! Man hatte nur nötig, die Steine aufzuheben.

Er blieb stehen und schaute um sich.

Im Winter mochte hier droben eine eisige Kälte herrschen, desto kühler mußte es im Sommer und wahrhaft herrlich im Frühling und Herbst sein! Vor der Winterkälte konnte man in den Häusern sich schützen; die meisten von denen, welche ihm gefolgt waren, wußten nicht, was es heißt, ein eigenes Dach über ihrem Haupte zu haben, sondern waren ihr Leben lang gleich den Tieren der Wildnis. ? Wie wurde es mit dem Holz, dessen sie bedurften? Nirgends sah Mose einen Baum oder Strauch. Wozu waren die Weiber und Kinder da? Diese mochten in die Tiefe bis zum nächsten Buschwald niedersteigen; in einer Stunde konnten sie drunten sein. Dort gab es Holz genug.

Wo aber Weide hernehmen für das Vieh?

Ringsum erblickte Mose nur Fels und Geröll. Indessen tiefer drunten waren die Juden kurze Strecken über kräftigen Graswuchs gewandert und von den Gipfeln zogen sich an einigen Stellen Furchen hernieder, die in frischem Frühlingsgrün leuchteten. Das war etwas für die Kinder! Da konnten sie klettern nach Herzenslust. Was die tiefer gelegenen Weideplätze anbetraf, so mußte um dieser willen freilich beim Kloster angefragt werden. Nun, bitten wollten die flüchtigen Juden. Voller Demut wollten sie die geistlichen Gebieter dieses Felsenreiches angehen, dem vertriebenen Volk in der Oede bleibende Stätte zu gewähren, für ihren Herd Feuer, Weide für ihr Vieh, und Friede für die Menschen. Weniges sollte gefordert, aber um das Wenige gebeten werden, als wären es Reichtümer und Wohlthaten.

Mose selbst wollte den Bittgang thun, und sein Weib sollte ihn begleiten, sonst niemand ? niemand sonst sollte sehen, wie Mose Halarki sich vor den Mönchen demütigte.

Noch fehlte zu einer Ansiedlung das Nötigste und Köstlichste: das Wasser.

Denselben Augenblick gewahrte Mose unmittelbar zu seinen Füßen ein natürliches Felsenbecken, bis zum Rande mit einer dunklen, stillen Flut gefüllt. Mit dem ganzen Leibe warf sich Mose vor dieser natürlichen Zisterne nieder und schlürfte in langen, durstigen Zügen von dem Naß, das rein und kühl schmeckte. Eine Weile blieb er noch in heißem Gebete liegen, wundersam erquickt und gestärkt erhob er sich dann. Ihm war, als hätte er die Stimme des Herrn vernommen: »Hier sollt ihr Hütten bauen!«

Und Mose antwortete dem Herrn:

»Ja, hier werden wir Frieden finden!«

Eine große Ruhe zog in seine Seele, welche so lange Zeit im Sturme gebebt hatte; mit verdoppelter Umsicht prüfte er die Stätte, die ihnen, den Geächteten und Ausgestoßenen, der Herr gewiesen. Er ging über die ganze Hochebene hin bis an ihr Ende, wo sie sich gegen eine graue Felsenmasse zu lehnen schien; doch dicht vor ihm öffnete sich eine grausige Tiefe, darüber er auf weit vorspringender Klippe stand.

Der Abgrund begrenzte die eine Seite der Hochebene, auf der andern mäßigte sich allmälich die Steile des Absturzes und das Felsenplateau sank, vielfach zerrissen, als ein langer Wall von Bergtrümmern und Klippen in eine enge Schlucht hinab, an deren Ende hohes graues Gemäuer aufragte: das Kloster!

Mose stand und blickte unverwandt hinunter. ? In jenem Hause, das einem Heiligen der christlichen Kirche geweiht war, lebte einer, den er von allen Menschen am meisten geliebt hatte, einer, von dessen edlem Geist er für sein unterdrücktes und verachtetes Volk große Dinge erhofft hatte; als Christ lebte Dahiel Sarfadi unter Christen, dem Heiligen und Wunderthäter, welchem er diente, beinahe gleich geachtet.

Und von jenem Abtrünnigen sollte die Schar der Verbannten die neue Heimat als Gnadengeschenk empfangen, aus jenem Hause des Feindes seines Volkes sollte für Mose und die Seinen der Friede kommen ? ?

Es dämmerte, als Mose zu dem harrenden Volke zurückkehrte:

»Schlagt das Lager auf! Wasser findet Ihr drunten.«

Und er beschrieb den Frauen den Ort, wo die Zisterne lag. Dann gebot er den Kindern:

»Tummelt euch! Schaut dort droben in den Rinnsalen das Gras. Davon holt für das Vieh. Ich will sehen, wer am schnellsten zurück ist.«

Da liefen sie. Judäa und Myrrha gingen mit den Frauen, die das Wasser holten. Während die Weiber mit den jungen Leuten rüsteten, was für eine nächtliche Lagerung notwendig war, berief Mose die älteren Männer und sprach zu ihnen:

»Groß ist die Gnade des Herrn! Er beschert uns feste Wohnstätten für unsere Leiber und Frieden für unsere Seelen. Hier ist niemand, der uns von diesem Ort vertreiben wird.«

Und da die Männer sich unruhige Blicke zuwarfen und mit Widerreden anheben wollten, setzte Mose ihnen auseinander, wie er für die kleine Schar das Leben in der Wildnis sich dachte ? falls ihnen vom Kloster die Stätte überlassen würde. Die meisten sollten Handel treibend das Land durchziehen, die Zurückbleibenden Sorge tragen für den Ort, für Feuerung und Weide; einige der Frauen konnten vielleicht schon im nächsten Jahre am Webstuhl sitzen.

Mose sprach mit so viel Macht und Klarheit, daß die Männer ihm einstimmig beistimmten und beschlossen ward, wenn die Mönche sie bleiben ließen, so wollten sie bleiben.

Aber außer Mose und Judäa wußte noch immer niemand, wer es war, den die vertriebenen Juden flehentlich bitten wollten, ihnen in der Oede eine Wohnstätte zu geben; hatte Mose es doch nicht einmal seinem jungen Weibe anvertraut.

Während Myrrha diese Nacht von wirren Traumbildern gequält ward und mehreremale bangvoll aufseufzte, hatte Mose einen Schlummer, fest und friedlich, wie der Leidende seit Jahren nicht gehabt. Er schlief bis in den hellen Tag hinein, so daß sein Weib ihn wecken mußte; denn die Männer wollten wissen, wer mit ihm zum Kloster hinabsteigen sollte, dort die schwere Bitte zu thun. Mose entschied:

»Niemand von euch geleite mich, ich gehe allein! Da der Weg beschwerlich ist, so mag mein Weib Myrrha mich stützen.«

Diese war sogleich bereit. Judäa wollte mit ihrer Tochter gehen; aber Mose trat dazwischen, sie gebieterisch hinwegwinkend. Ein Blick der Frau warnte ihn:

»Hüte Dich!«

Und Moses Augen erwiderten:

»Wovor soll ich mich hüten? Sie ist eine Jüdin, Deine Tochter und mein Weib.«

Alsbald gingen die beiden. Die Zurückbleibenden standen und schauten ihnen nach, bis die schwankende Gestalt ihres Führers und das liebliche Frauenbild an seiner Seite zwischen den Trümmern des Bergsturzes verschwunden waren.

Die Gatten gingen stumm neben einander her. Bergraben flogen auf, flatterten vor ihnen her und kreisten krächzend über ihren Häuptern, aus den Schluchten stiegen Nebel in die Höhe, dichtes Gewölk umwallte das Alpengefilde. Darüber erglänzte hell der Morgenhimmel.

Mose unterbrach das Schweigen. Der Klang einer Menschenstimme tönte so geisterhaft in dieser leblosen Natur, daß Myrrha zusammenschrak. Mose sagte:

»Traurig ist die Stätte, wo wir unsere Hütten zu bauen hoffen, aber sie ist der rechte Ort für unser Volk; denn öde gleich diesem Felsenlande ist das Leben unseres Volkes. Und nichts Wonniges, nichts, was Freuden bereitet oder lieblich erscheint, ist darinnen. So aber soll es sein, wo wir sind und weilen. Nun bist Du anders geartet wie ich, mit dem Du doch ein Leib und ein Geist bist. Mich freut diese Oede. Es ruht darauf wie der Fluch, den wir auf uns tragen. Du aber weißt wenig davon, denn Deine Seele ist friedlich und lind. Gern weilst Du auf sanften Fluren, brichst Blumen und lauschest den Liedern der Vögel. Du liebst, was schön ist und einen holdseligen Anblick gewährt ? wie wirst Du leben können unter diesen schrecklichen Gipfeln, zwischen diesen starren Wänden und Felstrümmern?«

Mose blieb stehen. Er hatte in tiefer Bewegung, mit leiser, weicher Stimme gesprochen; jetzt sah er sein Weib an, beinahe angstvoll, mit leidenschaftlicher Liebe. Myrrhas schöne, stille Augen begegneten den seinen, und ihre Blicke sagten:

»Wo es auch sei, ich werde an Deiner Seite leben, denn ich bin Dein Weib, und ich kenne meine Pflicht ? unsere Pflicht kennen wir jüdischen Frauen alle.«

Aber Mose verstand die stumme Sprache nur zum Teil; die Blicke seines Weibes bekundeten ihm nur ihre Unterwerfung unter seinen Willen. Sich zu ihr neigend, flüsterte er ihr zu:

»O Myrrha, weile ich an Deiner Seite, so höre ich über mir die Zedern des Libanon rauschen und vernehme heiligen Gesang aus dem Hohen Liede, und liebliches Saitengetön.«

Und er küßte sie heftig auf den Mund. Myrrha ließ es geschehen, starr vor sich hinblickend, regungslos, einem Steinbilde gleich. Dann gingen sie weiter. Nun wies Mose ihr das Kloster, zu dem sie hinunterstiegen, und sprach:

»Da ich im Eichwald schon das Messer nach ihm zückte, tratest Du zwischen mich und sein Leben. Ich aber sage Dir: für ihn wäre es besser gewesen, Du hättest zu jener Stunde nicht am Rande des Haines gestanden; denn ich gedenke ihn jetzt tödlicher ins Herz zu treffen, als wenn ich ihm damals das scharfe Messer in die Brust gestoßen hätte. Und diesesmal sollen Deine Augen mich nicht daran verhindern.«

Myrrha durchlief ein Zittern.

»Von wem redest Du?«

»Von einem, der Dir lieb war, denn er war schön anzuschauen und hatte als Knabe eine überaus liebliche Seele.«

»Dahiel!«

»So war sein Name. ? Laß uns gehen.«

»Dort hinunter?«

»Er soll in jenem Hause ein großer Heiliger sein; ihn werden wir daher anflehen müssen. Und wir wollen es in aller Demut und Ergebenheit, wie es Leuten unseres Glaubens geziemt, wenn sie von Christen Gunst und Gnade erbitten. Vielleicht, daß wir knieen müssen vor ihm. ? So komm!«

Aber Myrrha stand und schaute starren Blicks in die Tiefe. Mose mußte sie hart anrufen. Da belebte sie sich und folgte ihrem Manne, langsam, mit seltsam schleichenden Schritten, als sei sie plötzlich todmüde geworden.

Sie stiegen den wilden Abhang hernieder, ohne ein Wort zu sprechen. Ein lebhafter Wind hatte sich erhoben, der den Nebel aus den Schluchten trieb, so daß die beiden von dem jagenden Gewölk häufig ganz eingehüllt wurden.

Als sie beim Kloster anlangten, war niemand zu erblicken. Aber sie hörten nahes, eintöniges Psalmiren, ließen sich vom Klange leiten und kamen zur Klosterkirche, deren Thüren weit offen standen. Aus dem sonnigen Tag blickten sie tief in die hohen dämmerungsvollen Wölbungen hinein, als sähen sie in eine große Gruft.

Die Mönche begingen ein feierliches Hochamt. Schwarze Behänge umhüllten Säulen und Mauerwerk; auf hohem Postament war ein Katafalk errichtet, dessen düstere Pracht der Schein zahlreicher Kerzen bestrahlte, und den Weihrauchwolken umbrauten. Flor verschleierte die höchsten Heiligtümer auf dem Altar, den Chor füllten die Mönche; und auf dem Stuhl des Abtes saß, mit lauter, rauher Stimme die Totengebete lesend, ein Mann, so bleichen Gesichts, die Züge so starr, daß er für die prunkvoll aufgeputzte Leiche des Gestorbenen hätte gelten können, dem diese Totenklage und dieser Grabesgang galten.

»Siehst Du ihn?« raunte Mose seinem Weibe zu. »Er ist ihr Hohepriester geworden! Freue Dich mit mir; je gewaltiger seine Macht, um so herrlicher ist unsere Rache. Ich wollte, er hätte eine dreifache Krone auf dem Haupt, und wir müßten seine Füße küssen. Aber auch so wollen wir uns vor ihm bis zum Boden neigen.«

Er stand und sah nichts mehr als das Gesicht seines Todfeinds, vor dem er sich demütigen wollte wie vor seinem Herrn und Gott. Auch Myrrha blickte unverwandt hin. Zuerst voll Entsetzen, beinahe voll Grauen; dann füllten sich ihre Augen mit Thränen, die ihr den Anblick des Freundes ihrer Kindheit verdunkelten und langsam über ihre Wangen niederrollten.

Nun war die Feierlichkeit zu Ende, es ward still. Die Mönche erhoben sich von ihren Sitzen und entfernten sich, einer nach dem andern. Nur der Abt blieb zurück.

Mose und Myrrha betraten die Kirche: der Abt gewahrte sie nicht.

Er war aufgestanden, hatte sich vor dem Katafalk niedergeworfen, und schien gänzlich in inbrünstiges Gebet versunken. Aber kaum glaubte er sich allein, als er aufsprang, von dem Katafalk zurückwich und dastand, mit geballten Händen, verzerrten Zügen, in den Augen ein Leuchten wie von ausbrechendem Wahnsinn.

Es war in diesem Augenblick, daß er des Juden und seines Weibes sichtbar wurde; er stieß einen gellenden Schrei aus, taumelte, drohte niederzustürzen. Doch er bezwang sich, stand und blickte die beiden an, als sähe er Geister. Nach einer Weile versuchte er zu reden, vermochte jedoch kein Wort über die Lippen zu bringen.

Mit unermeßlichem Triumph schaute der Jude auf den vornehmen christlichen Priester. Gleich darauf sank er gleichsam in sich zusammen, seine Züge nahmen den Ausdruck tiefster Demut an; sich bis zur Erde neigend, sagte er mit leiser, ängstlicher Stimme:

»Bischöfliche Gnaden bitten wir um Vergebung. Obgleich wir räudige Juden sind, traten wir, ich und mein Weib, in dieses christliche Heiligtum, und wir haben Bischöfliche Gnaden erschreckt durch unsern unchristlichen Anblick, da Bischöfliche Gnaden einsam und inbrünstig mit Gott dem Herrn sprachen und beten wollten für die Seele dieses Gestorbenen. Ich und mein Weib, wir bitten Bischöfliche Gnaden um Vergebung.«

Der Jude schwieg, neigte sich wiederum tief vor dem Abt und harrte gebeugten Rückens einer Antwort. Des Abtes Lippen bewegten sich, aber es kam kein Ton aus seinem Munde; dennoch hatte Mose seinen Namen flüstern hören.

Er that jedoch, als sähe er den Abt zum erstenmal in seinem Leben. Eine Weile wartete er auf die Anrede des heiligen Mannes; dann begann er von neuem, noch demütiger und angstvoller:

»Ich bitte Bischöfliche Gnaden, mir und diesem Weibe zu vergeben. In Rom, in der jüdischen Stadt, steht ein christliches Heiligtum, welches die Kirche zum heiligen Engel genannt wird; in diese werden die Ebräer jeden ersten Sabbath eines Monats von den Christen getrieben: so und so viele Männer, Frauen und Kinder. Und ein christlicher Priester predigt dem Volke der räudigen und stinkenden Juden das Evangelium, auf daß jene Gottlosen und Verfluchten sich bekehren vom scheußlichen Heidentum und selige Christen werden. Darum vergebt mir und diesem Weibe, die wir freiwillig in dieses Heiligtum traten, um Bischöfliche Gnaden in unserer Not anzugehen mit lautem Flehen und von Bischöflicher Gnaden in unserer Not Worte zu hören der Milde und Weisheit.«

Und er schwieg wiederum, wiederum lange Zeit auf Antwort wartend. Endlich kam es stammelnd, mit heiserem Ton aus dem Munde des Abtes:

»Was willst Du von mir erbitten?«

Dabei sah er zum erstenmale das blasse Weib an, welches hinter dem Manne stand und aus starren, geisterhaften Augen auf den Priester blickte.

»Wenn Bischöfliche Gnaden ?«

Ohne seine Blicke von dem Weibe abzuwenden, sagte der Abt, die Worte mühsam, wie mit gelähmter Zunge hervorstoßend:

»Gib mir nicht einen Namen, der mir nicht gebührt, und sprich nicht so demütig zu mir: ich bin nur ein armseliger Priester.«

Aber er, der sich so nannte, stand da, umleuchtet von dem Goldglanz seines Ornats. Der Jude schien denn auch von der Majestät dieses »armseligen Priesters« völlig überwältigt zu sein. Voll knechtischer Unterwürfigkeit rief er in pathetischem Ton:

»Der Herr möge Eurem Haupte Gnade schenken, daß es sich erhebe über alle Häupter der Christenheit, und ausgehe von diesem Haupte ein Glanz wie von der Sonne. ? Da ich an diesem heiligen Orte, vor diesen heiligen Ohren sprechen darf, so vernehmt: Ich bin der Jude Mose Halarki, ein armer, vom Herrn geschlagener Mann, und diese Frau ist mein Weib Myrrha, eine Tochter der Ebräerin Judäa, und wir gehören zu dem Stamm der Juden, welchen die Römer die Juden vom Thale der Egeria nennen ?«

Der Redner machte eine Pause und schielte in die Höhe nach dem Antlitz des Abts, der gerade vor sich hinblickte. Jetzt reckte dieser den Arm mit großer Anstrengung, als höbe er eine Last und winkte dem Juden, weiter zu reden. Gleich darauf sank sein Arm schlaff an seinem Körper herab.

Der Jude sprach weiter:

»Nun sind wir aber vertrieben worden, wir und unsere Weiber und unsere Kinder ?«

Da fuhr der Abt auf:

»Vertrieben ? Wer vertrieb euch?«

Vor Demut sich beinahe krümmend, erwiderte der Jude:

»Der Papst ließ die räudigen Juden vertreiben, viele aus dem römischen Ghetto und alle Bewohner des Thales der Egeria.«

Der Abt lallte:

»Warum ließ der Papst euch vertreiben? Was habt ihr verbrochen, daß er euch vertreiben ließ? Rede, Jude!«

»In Rom herrscht die Pest. Die Römer schreien: ?Das haben uns die Juden angethan!?«

Mose hörte des Priesters keuchenden Atem und hielt den seinen an. Kaum, daß er sich bezwingen konnte, nicht grell aufzulachen.

Langsam sprach der Abt:

»Und der Papst meint auch, was die Römer meinen?«

»Meint es auch.«

Ein langes Schweigen entstand. Des Weibes Blicke bohrten sich in die Augen des Abtes, der ein Stöhnen erstickte. Endlich fuhr Mose fort:

»Und so wurden die Juden vertrieben. Dreißig Meilen weit sollen sie wandern, in keinem Thale dürfen sie Hütten bauen. Der Herr, unser Gott, aber lenkte unsere Schritte diesen Bergen zu und gebot uns, in diese Wildnis zu ziehen. Und nun sind wir da, ich und mein Weib, und die anderen unseres Volkes. Sie rasten droben in der Oede, ihrer sechzig. Ich und mein Weib aber, wir stiegen hernieder, Euch anzuflehen, uns in der Oede rasten zu lassen; denn dort oben ist die Stätte, wo der Herr uns befiehlt, Hütten zu bauen. Gewährt uns Zuflucht und spendet uns Frieden.«

Und der Jude warf sich dem Abte zu Füßen.

Dieser ließ ihn liegen. Er sah ihn kaum; er sah nichts als das leichenblasse, wunderholde Antlitz des Weibes, ihre in Todesangst auf ihn gerichteten flehenden Blicke, ihre beschwörend erhobenen Hände: »Thus nicht! Weise uns fort! Um Gottes Barmherzigkeit willen, laß uns nicht bleiben, wo Du bist! Hörst Du mich? Dahiel! Dahiel!«

Da er sie nicht zu verstehen schien, flüsterte sie ihm zu:

»Nein! Nein! Nein!«

Endlich kam Leben in des Priesters Gestalt. Er trat einen Schritt zurück. Den knieenden Mose hieß er nicht aufstehen; er wendete sich ab und sprach:

»Wartet auf mich!«

Er verließ durch den Chor die Kirche. Als die Pforte hinter dem Abt sich schloß, erhob sich Mose von den Knieen. Mit ersticktem satanischem Frohlocken flüsterte er:

»Niedergefallen wäre er vor uns, wenn wir ihn nur hätten kennen wollen. Aber daß ich zu ihm sprach, als hätten meine Augen ihn niemals gesehen, das hat seine Seele zermalmt. Laß uns preisen den Herrn, denn er ist ein gewaltiger und herrlicher Gott, der seine Feinde schlägt mit der Schärfe seines Zorns.«

Er wendete sich zu Myrrha:

»Du bist doch auch vor ihm auf den Knieen gelegen? Ich sah mich nicht um nach Dir. ? Was machst Du für ein Gesicht? Du sollst frohlocken und jubeln; denn wir haben ihm, der unsere Herzen gleich wie mit Messern getroffen hat, das Herz zermalmt.«

Mit zuckendem Munde sagte Myrrha:

»Er wird uns nicht bleiben lassen.«

Mose murmelte:

»Er wird, er wird! Von dem tiefen Sturz, den er vor unseren Augen gethan, muß er sich wieder erheben vor unseren Augen; er wird uns zeigen, daß sein die Macht ist; er wird uns bleiben lassen.«

Da warf sich Myrrha auf die Kniee, streckte mit einer Geberde des Jammers beide Arme aus und that einen Laut, der wie ein Angstschrei klang:

»Was thust Du?« rief Mose sie an.

»Den Himmel rufe ich an, Erbarmen zu haben daß wir von neuem wandern müssen, von neuem suchen müssen nach einer Stätte, wo wir in Frieden rasten können. Denn Fluch liegt auf diesem Ort und Fluch wird für uns davon ausgehen.«

Mose antwortete nicht; sein Gesicht war fahl geworden, seine Hände ballten sich wie im Krampfe. Schwankenden Schrittes trat er auf sein Weib zu und spähte mit einem schrecklichen Blick in ihr aufgehobenes Gesicht. Eine lange Weile blieben sie so. Plötzlich warf sich Mose auf sie, drückte ihr Haupt in den Nacken und raunte mit röchelndem Atem:

»Du bist mein Weib und ?«

Aber die Stimme versagte ihm. Myrrha aber sprach:

»Und ich liebe diesen Christen. ? Töte mich!«

Zuerst war es, als ob er es thun wollte: sie in dem Heiligtum der Christen mit seinen Händen erwürgen! Dann ließ er ab von ihr und sagte langsam und laut:

»Leben bleiben magst Du, mein Weib bist Du länger nicht mehr!«

Sie regte sich nicht. Stumm und ergeben empfing sie ihr Urteil: leben zu bleiben.

Da hörten sie Stimmengemurmel. Mose gebot der Knieenden:

»Steh auf!« Und als sie in ihrer demütigen Stellung verharrte, wild und drohend: »Du sollst nicht knieen vor ihm!« Er riß sie in die Höhe. Denselben Augenblick öffnete sich die Pforte des Chors.

Den Abt an der Spitze kamen die Mönche. Einige murrten laut, andere zeigten düstere Mienen und warfen dem Juden und seinem Weibe feindselige Blicke zu; aber auf dem blassen Antlitz des Abtes lag der Ausdruck eines unbeugsamen Entschlusses. Als die Erregung der Mönche auch in der Kirche sich nicht verringerte, herrschte er ihnen zu:

»Ihr schweigt! Ich will es so.«

Es ward still. Langsam schritt der Abt vor und wandte sich zu den Juden:

»Ihr mögt bleiben; ich schütze euch. ? Jetzt geht!«

Dankend warf sich Mose vor dem Abt nieder. Aber er sprach nichts. Dann erhob er sich und verließ die Kirche, ohne sich umzusehen, ob sein Weib ihm folgte. Auch draußen kümmerte er sich nicht um sie, sondern setzte seinen Weg allein fort. Als das Kloster hinter ihm lag, strauchelte er plötzlich und wäre hingefallen, wenn Myrrhas Arme ihn nicht gehalten hätten. Er wollte sich ihr entreißen und schlug sie, da sie ihn aufrecht hielt, mit der geballten Faust ins Gesicht, so daß sie mit einem leisen Wehruf vor ihm niedersank.

Festen Ganges setzte Mose seinen beschwerlichen Weg fort.

.

XIII.

Aus den Bekenntnissen.

Nun muß ich darauf bedacht sein, dem heiligen Franziskus mein Gelübde zu halten und überaus streng und eifrig in seinem Dienste zu sein. Es hat deswegen unter den Mönchen bereits viel Murrens gegeben; unter der Regierung des Abtes Evaristus, für dessen Seelenheil ich zahlreiche Messen lese und die anderen unaufhörlich beten lasse ? ist er doch unvorbereitet eines jähen Todes gestorben ? ich sage: bei meinem Vorgänger in der Abtswürde sind die Mönche gänzlich verlottert, so daß eine gute Zucht ihnen nötiger ist als das tägliche Brot. Nachdem sie mich einstimmig erwählt haben, und ihre Wahl in Rom bestätigt ist, bin ich daher unter sie gefahren wie ein feuriges Schwert, und peitscht jetzt mein Wille ihre Rücken, als ob eine Geißel sie schlüge. So soll es sein, und so wird es bleiben.

Immer noch ist in meiner Seele ein großer Wirrwarr und Tumult: ich muß mich voller Mühe erinnern, wie alles gewesen, und wie alles geworden ist. Wir fanden Abt Evaristus zerschmettert in einem Abgrund ? ich fand ihn! Seine Gestalt war von dem furchtbaren Sturze gänzlich zermalmt, kaum noch einem menschlichen Leibe gleich; am schrecklichsten anzusehen war sein Antlitz, mit Augen, die weit offen standen, und die einen bösen, schier satanischen Blick hatten. Mir wars, als ob der zerschmetterte Abt mit seinen beredten Augen mich anschaute, daß ich vor Grausen laut aufschrie und beinahe mein Bewußtsein verlor. Wir vermuten alle, daß der Abt, welcher bekannterweise seit kurzem das einsame Wandern in der Felsenwildnis liebte, an einer überaus jähen Stelle plötzlich vom Schwindel befallen worden und abgestürzt sei. Der Herr möge seiner Seele gnädig sein. Er war kein reiner und wahrhaft frommer Mensch, hat mich bitter gehaßt und ist als mein Todfeind dahingegangen. Aber man soll von den Toten nichts Uebles reden. Möchte er Frieden haben und auch die Lebendigen nicht mehr stören.

Als der Abt im Sarge lag, kehrte ich in meine Klause zurück, woselbst ich mich in Betrachtungen über das menschliche Leben versenkte, mich vor dem Herrn demütigte und hart kasteite. Dazwischen dachte ich wohl: Wen mögen sie zum Abte wählen? Und ich bekenne, daß mir der Gedanke kam: Vielleicht wählen sie dich. Vielleicht ist es der Wille des Herrn, daß sie dich wählen, der du ein Jude gewesen und während langer Zeit ein schlechter Christ. Aber auch Paulus hieß zuerst Saulus, und sind des Herren Wege wunderbar.

Ich lag im Gebet, als die Thüre meiner Klause sich öffnete, und ich draußen alle Brüder versammelt sah. Da wußte ich, daß die Wahl auf mich gefallen, und es war mein erstes Gefühl ein heftiger Schrecken, so daß ich aufstand und mit abwehrender Geberde den Eintretenden beide Arme entgegenstreckte. Alle drängten herein, und alle riefen meinen Namen. Es brauste mir in den Ohren, ein Schwindel ergriff mich, und ich mußte die Augen schließen. Dann plötzlich war mirs, als stünde ich am Rande eines furchtbaren Abgrundes und stürzte hinab.

Da sah ich es wie eine Vision. Ich erblickte mich zerschmettert in einer dunklen Tiefe, aber um mein Haupt strahlte ein Glanz wie von einem Heiligenschein. Und ich hörte eine Stimme rufen: »Dieses ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.«

Als ich endlich meine Augen wieder öffnen und reden konnte, bat ich sie ? obgleich ich wußte, daß sie es nicht thun würden ? einen andern Abt zu erwählen. Sie erhoben einen großen Tumult, wollten mich in ihre Mitte nehmen und mit Gewalt in das Kloster führen. Ich aber gebot ihnen, mich sogleich zu verlassen: erst müßte ihre Wahl in Rom bestätigt worden sein. Sogleich wollten sie Boten absenden nach Rom, baten mich um meinen Segen und verließen mich. Bis aus Rom die Bestätigung eintraf, verharrte ich in meiner Klause, fastete streng, kasteite mich und that heiße Gelübde. Dann kamen sie, brachten die Bestätigung, nahmen mich in ihre Mitte, führten mich im Triumph nach dem Kloster, setzten mich auf den Abtstuhl und huldigten mir.

Ich aber erwählte für mich den Namen Theodorus ? nicht Eustachius, wie ich erst im Sinne hatte ? zum Gedächtnis jenes Mönches, welcher mich zum Christentum bekehrt, und welcher darnach auf dem tarpejischen Felsen sich selber gerichtet hatte. ? Bruder Angelikus war tot, es lebt Abt Theodorus.

Gleich nachdem aus Rom die Bestätigung eingetroffen und die Zeremonien vorüber, ordnete ich das Leichenbegängnis für den Abt Evaristus an, dessen Leichnam noch über der Erde stand. Ich ließ im Chor vor dem Hochaltäre einen prächtigen Katafalk aufstellen, welcher den Sarg des Abtes trug: der Katafalk sollte zwanzig Tage stehen bleiben, und jeden Tag sollte während dieser Zeit eine Totenmesse von mir gelesen werden. So hoffe ich, o Abt Evaristus, trotz Deiner Sünden, Deine Seele aus dem Fegefeuer zu erlösen, obgleich Du es um mich nicht verdient hast.

*

Zu gleicher Zeit setzte ich für Rom einen Brief auf, darin ich mit aller Wahrhaftigkeit die Zustände des Klosters, und wie dieselben unter den letzten Aebten ? vornehmlich unter Abt Evaristus ? sich ausgebildet hatten, darlegte; ich klagte heftig über die Haltlosigkeit des Ordens, über seine Weltlichkeit, erklärte meine Grundsätze, entwarf meinen Plan zu einer Reform des ganzen Klosters und erbat in Demut die Erlaubnis, in dem Heiligtum, zu dessen Hüter ich berufen worden, eine neue Zucht einsetzen zu dürfen.

Diese Schrift sendete ich durch einen eigenen Boten nach Rom, voller Ungeduld seiner Rückkehr harrend. Nach einer Abwesenheit von beinahe einer Woche kam der Bruder zurück und überbrachte mir ein Schreiben, darin ich mit aller Vollmacht beliehen und ob meines Eifers höchlichst belobt ward.

Alsbald begann ich meine Reformen, alsbald begann der Sturm wider mich. Das aber kümmert mich nicht, denn ich gebiete ihnen nicht in meinem, sondern in des Heiligen Namen, dessen Kleid sie tragen, und von dessen Geist sie nichts wissen. Ich habe ihre Fasten verschärft, ihre Andachten vermehrt, ihnen Bußübungen auferlegt, allen die Beichte abgenommen und nur etlichen Absolution erteilt. So seufzen sie denn dem toten Abte nach und beklagen unter sich, daß sie mich zum Nachfolger des Gestorbenen wählten: es ist nicht leicht, einem Heiligen zu dienen! Warum gaben sie mir einen solchen falschen Namen. Nun mögen sie den Mann Gottes ertragen.

Je härter ich meine störrischen, jeglicher geistlichen Zucht entratenen Mönche bedrücke, um so unerbittlicher bin ich gegen mich selbst, was sie auch anerkennen. Weder bewohne ich das große und immerhin prunkvolle Gemach des verstorbenen Abtes, noch gestatte ich mir die mindeste Erleichterung meiner vielen, schweren geistlichen Pflichten. Meine Zelle ist von allen die schlechteste und kleinste. Sie liegt in einem feuchten Gange, hat niedrige Wände und die nackte Erde als Fußboden. Nie fällt ein Sonnenstrahl hinein, denn ihr einziges kleines Fenster führt auf einen finsteren, modrigen Hof hinaus. Ich trage unter meiner Kutte ein härenes Kleid und schlafe in meinem Sarge, welchen ich mir sogleich zimmern ließ. Meine Nahrung ist die der Mönche an ihren strengsten Fasttagen, meine Erquickung liegt in der stillen Betrachtung göttlicher Dinge, und mein Ausruhen finde ich im Gebet. Ich lebe also nicht, sondern ich sterbe dem Leben ab.

*

Juden sind da die Ebräer aus dem Thal der Egeria und viele, die im römischen Ghetto wohnten ? die den Knaben Dahiel kannten! Sie sind vertrieben worden. Alle wurden sie vertrieben, weil ? nun, weil sie Juden waren.

Sie wanderten fort, sie flüchteten in die Wildnis der Felsenberge, sie kamen in die Oede, in welcher das Haus des Heiligen steht.

Zwei aus der Schar kamen zum Kloster, ein jüdischer Mann und sein Weib ? Mose und Myrrha.

Sie traten zu mir, da ich allein in der Kirche war, am Katafalk des toten Abtes ? zum letztenmale; denn andern Tages sollte der Gestorbene bestattet werden, damit die Lebenden vor ihm Ruhe gewännen.

Das Herz erbebte mir, als ich die beiden vor mir sah. Aber der Jude verleugnete mich, war voll kriechender Demut, zagte und zitterte und kniete vor mir.

Mose Halarki kniete vor mir! Hinter ihm stand sein Weib, anzusehen gleich einem Cherubim. Das Weib erkannte mich, des Weibes Augen und Seele grüßten mich. Ich sah es ihr an, wie sie Todesschmerzen litt ? um mich, wie sie voll göttlichen Mitleids, voll blutigen Erbarmens war ? für mich! Eine Thräne! Daß meine brennenden Augen eine einzige Thräne weinen könnten, ein Tropfen Balsams in meine glühende Seele.

Der Jude schrie mich an, daß ich seinem vertriebenen Volk eine Stätte gewähren sollte, darauf ihre Hütten zu bauen; aber des Weibes Augen flehten zu mir, Mitleid zu haben ? nicht mit dem verjagten Volke, sondern mit mir, dem Hehren und Heiligen. Ich verstand Dich wohl, Myrrha, Du Weib des Mose Halarki.

Ich ließ sie stehen, ging zu den Mönchen und sagte ihnen:

»Vertriebene Juden sind gekommen, suchen Zuflucht bei uns und werden Zuflucht finden.«

Denn ich wollte kein Mitleid haben mit mir.

Da empörten sich die Brüder wider mich. Einer von ihnen wagte sogar, mich zu mahnen, daß ich selber ein Jude gewesen. Dazu schwieg ich. Ein zweiter fragte:

»Weshalb sollen die Juden bleiben?«

Diesem entgegnete ich:

»Weil ihr Hiersein eine Prüfung für uns ist, und weil wir die Prüfung bestehen sollen.«

Da schwiegen die meisten. Also bleiben die Juden. Der Herr, der meine Gedanken kennt und meine Nieren prüft, möge mir gnädig sein.

*

Die Mönche murren nicht mehr. Ich wies ihnen das Schreiben aus Rom, und sie sind gänzlich Gehorsam und Demut geworden. Doch weiß ich wohl, daß ihr Groll gegen mich mächtig gewachsen ist, vornehmlich wegen der Juden, welche sich nun auf dem Alpenfeld, wo vor vielen Jahren der Bergsturz niederging, ihre Hütten errichten. Es ist ein trostloser Ort, wahrlich eine Stätte der Verdammnis hier auf Erden.

Ich halte mich streng im Kloster; aber die Brüder berichten mir getreulich alles, was unsere jüdischen Nachbarn betrifft. Die Weiber und Kinder schleppen Steine herzu, die Männer mauern sie auf, so daß die Hütten mit der Rückwand gegen die großen Felsblöcke lehnen. Daran thun die Ebräer weise, denn sie schützen sich dadurch vor dem wilden Berg. Wenn sie nur nicht so jammervoll wohnten! Allerdings ist auch meine Zelle ein jammervoller Aufenthalt ? dem Höchsten sei Dank.

Auch müssen sie die Wasser des Himmels sammeln. Die Armen! Das Kloster hat einen köstlichen Quell, ich könnte den Weibern und Kindern gestatten, aus dem Quell zu schöpfen. Derselbe ergießt sich außerhalb der Mauern in ein weites Becken, so daß die Juden das Heiligtum nicht entweihen würden. Freilich ist es ein mühseliger Weg, jeden Morgen und Abend herab und hinauf zu steigen; aber dieses Volk ist der Mühsal gewohnt.

Mir fällt ein: ich weiß einen Platz, von dem ich zuschauen könnte, wenn die Weiber und Kinder Wasser schöpfen, ohne daß jemand mich zu erspähen vermöchte. ? Nie mehr soll über meine Lippen ein Trunk frischen Quellwassers kommen. Entweder will ich mich am sumpfigen Zisternenwasser erquicken oder Durst leiden.

Wie werden sie es mit der Feuerung halten? Droben wächst kein Grashalm! Die armen Kindlein werden sich wunde Füße laufen, denn bis in den Buschwald hinab ist es weit. Mehl für ihr Brot, Oel und was sie sonst zu ihrem Leben nötig haben, müssen sie sich aus Arsoli oder Subiaco beschaffen. Gut, daß sie gewohnt sind, zu wandern und unstät zu sein. Sie werden magere Kost haben dort droben, und obgleich sie Juden sind, das ganze Jahr über strenge Fasten halten müssen. Daran will ich denken bei meinem harten grauen Brot und meiner Suppe aus gewässertem Essig und ranzigem Oel. Die Mönche sollen mir noch einmal murren, daß sie schlechte Speise hätten und hungerten. Ich will ihnen das Schwelgen und Schlemmen verleiden!

*

Die Hirten kamen und beschwerten sich, daß die Ebräer Gras von den Abhängen schnitten und die Kühe auf ihre Weideplätze trieben. Die Männer geberdeten sich überaus zornig und drohten, jeden Juden, den sie auf ihrer Weide anträfen, zu erschlagen gleich einem wilden Tier. Ich mußte mit strengen Worten unter die Zügellosen fahren und erst nach langem, heftigem Zureden versprachen sie mir, die Fremden in Frieden zu lassen, worauf ich ein Abkommen mit ihnen traf, so daß sie nunmehr den Ebräern ihre Weiden gönnen.

*

Der Jude Mose Halarki kam und dankte mir für den Schutz, den ich seinem Volke angedeihen lasse. Beinahe hätte er wiederum vor mir gekniet. Ich mußte mir Gewalt anthun, den Mann nicht von mir zu jagen, denn er ist mir wegen seiner Demut im tiefsten Herzen verhaßt ? und wohl auch, weil er ein Jude ist. Diesesmal kam er ohne sein Weib.

*

Ich habe wegen der Juden nach Rom berichtet. Denn meine Feinde sind zahlreich und werden nicht säumen, in Rom wider mich zu reden, wie sie nur können, auch falsch Zeugnis wider mich abzulegen.

Vor einigen Tagen begehrte ein Judenweib mit mir zu reden. Ich glaubte, es wäre Myrrha, das Weib des Juden Mose Halarki, ging voller Eile in die Vorhalle und schaute mich nach der holdseligen Ebräerin um. Es war aber ihre Mutter Judäa. Die Frau sah übel aus, als wäre sie krank und schaute finster und feindselig drein. Um ihrer Tochter willen blieb ich und hörte sie an. Sie sagte:

»Du bist hoch gestiegen. Hüte Dich, nicht tief zu fallen; es möchte ein großes Freuen geben in Israel.«

Ich fragte:

»Kamst Du, mir das zu sagen?«

»Ich kam, Dich zu bitten. Wähne aber nicht, daß ich hinfallen werde vor Dir und den Boden küssen, darauf Du stehst.«

»Was willst Du von mir?«

»Daß Du mit mir gehst.«

»Wohin?«

»Hinauf mit mir.«

»Was soll ich droben?«

»Du bist ja wohl ein Heiliger und Wunderthäter?«

Ich fuhr sie hart an: was sie, die Jüdin, das kümmerte?

Doch sie versetzte:

»Euer Christus, den ihr Gottes Sohn nennt, hat auch ein jüdisches Weib vom Tode erweckt.«

»Wer ist gestorben?«

»Wenn sie schon tot wäre, würde ich nicht zu Dir gekommen sein; aber sie ist krank und wird sterben.«

»Myrrha wird sterben ?«

»Warum schreist Du so auf? Was kümmert Dich die Jüdin?«

Und sie starrte mir ins Gesicht, recht wie ein Satan.

»Myrrha ist krank?«

»Ja.«

»Was fehlt dem Weibe des Mose Halarki?«

»Weißt Du das nicht?«

»Wie sollte ich das wissen können?«

Da brach Judäa in wilde Klagen aus, daß ich im tiefsten Herzen erbebte. Sie rief:

»Sie schwindet dahin gleich Reif in der Morgensonne. Nichts wirken meine Mittel, nichts helfen meine Gebete. Sie ist mein einziges Kind und alles, was mir lieb ist auf der Welt. Was hätte es mich gekümmert, daß ich zu den Juden im Thale der Egeria gehörte? Nicht meinetwillen ging ich in den Ghetto, um meinen Leib, welchen der Herr gesegnet hatte, von einem Priester des Herrn segnen zu lassen; nicht meinetwillen wand ich mich zu Füßen des Rabbiners Simeon Sarfadi, da dessen Weib Hannah die Jüdin aus dem Thal der Egeria von ihrer Schwelle stieß. Als ich dastand, gleich einer Aussätzigen und Verfluchten, siehe, da ergriff mich ein Jammer um das Leben, welches unter meinem Herzen sich regte, daß ich am liebsten mein Haupt an dem ersten besten Stein zerschmettert hätte ? nicht meinetwillen! Und es war zu jener Stunde, daß in dem Jammer um das Ungeborene der Herr meine Augen öffnete, und ich die Dinge der Zukunft sah. Und ich kündete sie dem Weibe und dem Manne, der mich ungesegnet von sich wies.

»Ich gebar eine Tochter, wie eine Wölfin in der Wildnis ihr Junges wirft.

»Es war ein holdseliges Kind, aber seine Mutter schaute auf der jungen Stirn das Zeichen des Fluches, welches das Mädchen für ein Leben voller Jammer und Herzeleid bestimmte. Und ich konnte das Merkmal nicht tilgen von der Stirn meines Kindes.

»Da geschah es, daß auch die Juden vom Thal der Egeria helfen mußten, für den neuen Papst die Straße vom slavischen Theater bis zum palatinischen Berg zu verzieren; und es geschah, daß ich neben meiner Tochter Myrrha den Knaben Dahiel sah: wie die Blicke der beiden Kinder waren auf einander gerichtet. Und es sprach die Stimme in mir: Von diesem wird das Unheil kommen, nicht allein für sein Volk, sondern auch für dein Kind. So trieb ich sie denn auseinander und wachte über meine Tochter. Auf den Sohn des Simeon Sarfadi und der Hannah Sarfadi, dieser gesegneten und frommen Eltern, warf ich den Haß, den ich unvertilgbar gegen sie in meinem Herzen hegte. Ich verfolgte ihn und verursachte ihm Böses, wie und wo ich nur konnte.«

Das arge Weib schwieg; da ich jedoch nichts erwiderte, redete sie weiter:

»Wie ich jubelte und frohlockte! Der Herr erhörte mein Flehen und rächte mich an dem Elternpaare Simeon und Hannah Sarfadi; sie, die meine Tochter im Mutterschoß verflucht hatten, mußten ihren Sohn verfluchen, der ihr Leben war. Aug um Auge, Zahn um Zahn ? Jehovah ist gerecht!

»Aber immer noch schwebte, obgleich Dahiel Sarfadi ein Christ und Priester geworden, über meiner Tochter Haupt das Zeichen des Unheils; da gab ich sie dem Mose Halarki zum Weib, einem Juden mit einem mächtigen Geist und einer Seele gleich einer Flamme. Dieser sollte sie schützen vor der Gewalt, die heimlich in ihrem Herzen lebte; doch er verdarb sie, denn er führte sie hin, wo Du bist.«

Sie hob den Arm, als wollte sie mir ins Gesicht schlagen. Doch ich fuhr sie hart an:

»Wovon redest Du, Judäa, schändliche Jüdin! Was habe ich gemein mit Deiner Tochter, die eine Unchristin ist und das Weib eines ungläubigen Mannes, dem ich aus Barmherzigkeit für sich und die Seinen eine Stätte zum Rasten gewährte. Ist Deine Tochter krank, so gehe zum Arzt. Was kommst Du zu mir gelaufen und schreist mir Deinen Haß in die Ohren, mich bedrohend und zu gleicher Zeit mich bittend, Deine Tochter zu heilen, ohne daß ich weiß, welches ihr Uebel ist!«

»Da Du es ihr gegeben hast ? ?«

»Ich ?«

»Niemand anders.«

»Genug, Jüdin! Verlaß mich!«

Sie aber blieb.

»Meine Tochter stirbt ? hilf ihr!«

»Wie kann ich das?«

»Sie stirbt aus Liebe zu Dir.«

Ich weiß nicht mehr, was ich sagte und that, als ich solche verruchten Reden hören mußte. Aber das Weib erschrak und wendete sich von mir. Bevor sie ging, schrie sie mit einer Geberde und einer Miene, die mir noch vor Augen stehen:

»Willst Du auch diese töten, Verfluchter? Wenn Du der Heilige und Wunderthäter bist, den sie Dich nennen, so komm mit mir und lege Deine Hand auf sie und heile sie.«

Ich winkte ihr zu gehen, rief sie indessen noch einmal zurück:

»Weiß des Weibes Mann von dem Wahnsinn, den Du mir vorgeredet?«

Judäa erwiderte:

»Mose Halarki hat sein Weib verstoßen; sie lebt in der Hütte ihrer Mutter.«

»Weshalb that das der Mann? Er hat sein Weib heiß geliebt.«

»Ich sagte Dir schon: Mose Halarki hat einen mächtigen Geist. ? Du gehst nicht mit zu meiner Tochter?«

»Nein.«

»Also fürchtest Du Dich?«

»Vor wem sollte ich mich fürchten? Vor Mose Halarki?«

»Vor der Erkenntnis!«

»Judäa!«

Sie ging davon.

Vor welcher Erkenntnis soll ich mich fürchten? ...

.

XIV.

Aus Rom ist ein Schreiben an mich gelangt ? wegen der Juden. Man ist mir in Rom darum nicht ungnädig gesinnt und hat mir keine Rüge erteilt, wie meine Widersacher hoffen mochten. Aber ich wurde vermahnt, in der Nähe des Hauses unseres lieben Heiligen kein Aergernis zu dulden und jede Gelegenheit zu ergreifen, um die Seelen der Unglücklichen für das Heil zu werben. Man billigt meine Ansicht: die Nähe der vertriebenen Juden als eine Prüfung aufzufassen, und gibt mir zu verstehen, daß dem, der die Prüfung besteht, in echt christlicher Weise der Lohn winkt.

Womit könnte mir für den Beweis meines starken Christen- und Priestertums, für meine Treue gegen den Herrn und für meinen Gehorsam gegen die Kirche gelohnt werden?

Mit größerer Macht und höherem Ansehen.

Was würde dem Besitz größerer Macht folgen?

Wachsende Gewalt.

Herr, Herr, ich will ein eifriger und strenger Diener deines Wortes sein! Je tiefer ich mir dabei ins eigene Fleisch schneide, um so größeren Ruhm werde ich gewinnen.

Eines gibt mir viel zu denken. ? Der heiligste Vater ist einer der weisesten, klarsten und mildesten Geister, der je auf dem Thron des Apostelfürsten gesessen hat; aber auch er ist hart gegen die Juden, betrachtet sie als die ärgsten Feinde der Kirche, unterdrückt sie, verfolgt sie ? ?

Es ist seltsam und gibt zu denken.

*

Unsere ungläubigen Nachbarn müssen sehr arm sein und an vielem Mangel leiden. Jeden Tag kommen jüdische Weiber und Kinder ins Kloster gelaufen, lamentiren schrecklich und betteln um Speise. Die Mönche sehen sich um ihren Frieden gebracht und ihre Andacht gestört, kaum, daß ich ihr Murren zu stillen vermag. So habe ich denn geboten, den bettelnden Judenkindern kein Almosen zu verabreichen, sie hart anzulassen und sie von dannen zu weisen. Darüber beloben mich die Brüder höchlichst und zeigen nun zu allen meinen Befehlen den besten Willen. Die jüdischen Weiber und Kinder kommen noch immer, nur daß sie in einiger Entfernung vom Kloster sich niederlassen und daselbst ein Jammergeschrei erheben. Ich höre in meiner Zelle ihre Stimmen und kann über ihrem Lamentiren zu keiner Andacht kommen. Es ist ein lästiges Volk! Sie werden mich noch zwingen, rauh gegen sie zu verfahren. Doch um Wasser zu schöpfen, mögen sie nach wie vor zum Klosterbrunnen herabsteigen.

Warum mag der Jude wohl gekommen sein, mich zu bitten, sein Volk in der Oede Hütten bauen zu lassen?

Warum er, der mich haßt wie sonst niemand auf Erden, gekommen ist? ? Um mir einen Stachel ins Herz zu bohren! Ich sollte den Jammer des Volkes, von dem ich mich losgesagt, jeden Tag vor Augen schauen. Sieh zu, Jude, daß der Stachel nicht zu einem Schwerte werde, welches Dein eigenes Herz trifft.

Der Mann hat sein Weib verstoßen. Myrrha lebt in der Hütte ihrer Mutter und soll gleich einer Sterbenden sein ? meinetwillen! So eifrig ich auch horche, höre ich nicht, daß eine Jüdin gestorben. Wäre sie tot, so würden die Mönche sicher nicht unterlassen, es mir zu melden. Uebrigens habe ich diese Nacht für ihr Leben gebetet.

*

Die Weiber und Kinder der Ebräer belästigen uns nicht mehr. Wie ich vernahm, hat Mose Halarki verboten, daß jemand seines Volkes sich dem Kloster nähere; so kommen sie denn auch nicht länger zum Brunnen. Es ist ein trotziges und verstocktes Volk, mit dessen Leiden man füglich kein Erbarmen haben sollte.

Ich begebe mich jetzt zuweilen hinaus; sollte ich einer der Ebräerinnen begegnen, so werde ich sie nach dem Weibe des Mose Halarki fragen. Aber das ist sie ja nicht mehr. Wie mag es dem Gatten ums Herz sein? Er hat sie heiß geliebt und das schon als Knabe. Der Herr möge meine Seele vor Hochmut behüten: ich will nicht voll Jubels sein, während mein größter Feind aufstöhnt vor Jammer.

*

Die Juden halten sich in strenger Abgeschlossenheit auf ihrer Höhe, so daß ich keinen von ihnen erblicke. Mose Halarki soll über sie herrschen wie ein König über sein Volk; es soll ihnen besser ergehen als zu Anfang, und sie sollen friedlich leben. Aber auch mir geht es gut. Wo sollte ich sonst wohl Frieden finden auf Erden, wenn nicht in diesem Hause des Friedens? Wähne nicht, Jude, daß Du glücklicher seist!

Heute erfuhr ich von den Mönchen, was mich sehr verdrossen hat: die Ebräer bauen ein Bethaus. Gedenken sie denn in Ewigkeit auf dem Berge zu wohnen, so nahe dem Heiligtum des heiligen Franziskus?!

Die Brüder dringen in mich, ich soll hinaufgehen und den Ebräern den Bau eines Bethauses untersagen; ich habe sie indessen mit ihrem Begehren zurückgewiesen: warum die Juden nicht ihrem Gott dienen sollten? Da schrieen die Brüder wider mich und jammerten, daß ihr Heiliger so nahe seinem Hause einen jüdischen Tempel dulden sollte. Nun bin ich sehr unruhig in meinem Gemüte. Wenn die Mönche recht hätten ? ?

Von der Höhe beim Kloster sehe ich vor mir den Felsen, darauf die Juden sich angesiedelt haben. Ich blicke häufig hinauf und trage mich mit schweren Gedanken, so daß der Judenberg ein rechter Stein des Anstoßes für mich geworden ist. Wie aber soll ich ihn aus dem Wege räumen?

Auch dann blicke ich gerade auf den vermaledeiten Felsen, wenn ich vor dem Hochaltäre die Messe lese, wobei gewöhnlich die Kirchenthüren offen stehen. Kürzlich hielt ich das Allerheiligste und zeigte es den Mönchen; statt aber mit meiner ganzen Seele bei dem göttlichen Mysterium zu sein, schaute ich hinüber nach dem Judenberg, der im Sonnenschein vor mir lag. Fortan werde ich das Hochamt bei geschlossenen Thüren celebriren.

*

Ich war auf dem Judenberg! Im Kloster verbreitete sich nämlich das Gerücht: das Weib des Juden Mose Halarki wäre am Sterben. Ueberdies trieb es mich, einmal zu schauen, wie diese Ebräer hausen.

Da ich nicht gesehen werden wollte, so begab ich mich des Abends nach dem Ave auf den Weg. Es war bereits finster, ein wolkenvoller Himmel und eine heftige Tramontana, der ich auf dem beschwerlichen Wege gerade entgegenging. In meiner Kutte fing sich der Sturm. Ich hatte Mühe, mich aufrecht zu halten und kämpfte gegen den Wind wie mit einem Feinde. Unterwegs dachte ich au die Ungläubigen. Ich stellte mir ihre elende Unterkunft vor. Vielleicht, daß derselbe kalte, grimmige Hauch, welcher mir ins Gesicht schlug, soeben über das Antlitz eines toten Weibes gestrichen war. Auch Myrrhas Seele erwartete die Verdammnis.

Und ich hatte nichts gethan, diese Seele zu retten. ? Wie ich die Seelen meiner Eltern hatte dahinfahren lassen zu einem ewigen Tode, so war ich auch bei diesem reinen und holdseligen Weibe unthätig geblieben, wo die Rettung ihres ewigen Lebens vielleicht in meiner Macht gelegen. Ihre Mutter kam zu mir und flehte mich an, ihr zu ihrer kranken Tochter zu folgen und an dieser ein Wunder zu thun. Ich gedachte aber nur Myrrhas irdischen Lebens, weigerte mich, dem Weibe zu folgen und rührte keine Hand, das Wunder zu vollbringen an der Kranken Seele, für deren unsterbliches Leben.

Da kam mir ein Gedanke: Wenn sie noch nicht tot wäre? ? Daß mir das nicht früher eingefallen war!

Ich ging den Weg wieder zurück, in möglichster Eile, daß ich außer Atem kam und häufig strauchelte, erreichte das Kloster, begab mich heimlich in die Kirche, nahm das Allerheiligste, nahm das geweihte Oel, die Hostie und die Stola und eilte sogleich zurück nach dem Berg, laufend, als gälte es mein Leben. Es galt aber Größeres: das Seelenheil eines Menschen!

Wie würde ich es vollbringen? Ich wollte ihre Mutter und alle, die bei ihr waren, hinaussenden, inbrünstig an ihrem Lager beten und dann ihr sagen:

»Bekenne Dich zu meinem Glauben, damit wir, die wir im Leben getrennt waren, im Tode miteinander selig werden.«

Und wenn sie als Jüdin sterben wollte, würde ich sprechen:

»So will denn ich, der ich ein Priester der christlichen Kirche bin, die Unthat begehen und Dich in herzlicher Liebe küssen, damit wir zusammen zu ewigen Qualen verdammt werden.«

Dann würde sie das Christentum annehmen, dafür wollte ich mit meinem Seelenheil bürgen.

Ich eilte also, was ich eilen konnte, kam droben an und erkannte die Lage des Judendorfs an dem schwachen Lichtschein, der wie ein schimmernder Nebel inmitten der Finsternis ruhte. Ich verwunderte mich, daß die Ebräer noch wachten und ihre Hütten erleuchtet hatten; aber mir fiel ein, daß es Sabbath und ein hoher jüdischer Festtag war. Meine Kinderzeit kam mir in den Sinn, und ich mußte jenes nächtlichen Ganges durch den römischen Ghetto denken, als ich bereits Christ geworden war und die ganze Nacht auf dem Platz vor der Synagoge kauerte, nach dem Lichtschein spähend, der aus dem Hause meiner Eltern auf die Gasse fiel. Damals trug ich, im Vergleich zu dieser Nacht, einen heiligen Frieden in der Brust.

Weil in den meisten Hütten die Fenster nicht durch Laden verwahrt waren, konnte ich in das Innere vieler Wohnungen blicken. Wohl sah es drinnen armselig aus wie in einer Höhle; der Boden war uneben, und nur die notwendigsten Gerätschaften waren zu sehen. Aber die öden Wände schmückten grüne Zweige, und grüne Zweige waren über den felsigen Boden gestreut. Auf dem Herde brannte ein fröhliches Feuer und auf dem mit Linnen bedeckten Tische standen um eine dreiarmige blanke Leuchte die ärmlichen Festspeisen. Die Ebräer selbst waren weniger erbärmlich, als ich gedacht hatte; ihre Gesichter zeigten zufriedene Mienen, sie sprachen traulich miteinander und schienen im tiefsten Herzen Frieden zu haben. Aehnlich hatte ich dieses Volk von Ungläubigen auf jenem andern nächtlichen Gange an ihrem Feierabend gesehen; aber die Empfindungen, mit denen ich sie, die von meiner Gnade hier lebten, heute betrachtete, waren jenen damaligen Gefühlen sehr unähnlich. Und das mußte so sein.

Von Hütte zu Hütte ging ich; denn ich mußte die Wohnung Judäas aufsuchen und mochte an keinem Hause anklopfen, darnach zu fragen. Ich hatte die Stola umgethan und hielt das allerheiligste Sakrament mit beiden Händen umschlossen. So stand ich im Sturm vor jeder Hütte und spähte nach dem sterbenden Weibe, dessen unsterbliche Seele zu retten ich Verlangen trug.

Da gelangte ich zu einer Hütte, deren Fenster mit einem schlechten Teppich verhängt war. Ich lauschte angestrengt und glaubte die Stimme Judäas zu hören. Die Ebräerin sprach den siebenten Psalm:

»Auf dich, Herr, traue ich, mein Gott. Hilf mir von allen meinen Verfolgern und errette mich. Daß sie nicht wie Löwen meine Seele erhaschen und zerreißen, weil kein Retter da ist.«

Judäa schwieg, und es ward drinnen still. Dann aber war mirs, als hörte ich Myrrha reden. Also sie lebte noch! Länger hielt ich nicht an mich. Ich stieß die Thüre auf ? ?

Da sah ich sie! Sie war auf einem schlechten Lager gebettet, an ihrer Seite ihre Mutter und einer, dessen Anblick mir in diesem Augenblick verhaßter war, als wäre eine Legion von Teufeln an dem Bette der Kranken gestanden. Myrrha hielt die Augen geschlossen, so daß sie mit ihrem todbleichen Antlitz für eine Gestorbene gelten konnte, hätte sie nicht halb aufgerichtet in den Armen der Mutter gelehnt. Der Mann stand von mir abgewendet, und noch nie war mir seine Gestalt so gebrechlich und jammervoll erschienen. Beide gewahrten mich nicht, weshalb ich ungestört sehen und hören konnte. Judäa, mit ihrem düsteren und feierlichen Wesen, sagte:

»Siehe, Mose, Dein Weib: siehe, Myrrha, Deinen Mann! Wehe dem Weibe und dem Manne, die nicht einträchtig miteinander leben.«

Und sie fuhr fort, in den Gatten ihrer Tochter hineinzusprechen, mit solchen hohen Worten, daß ich wohl gewahren konnte, Mose Halarki würde sich bereden lassen, um des guten Beispiels und des göttlichen Gebotes willen, Myrrha wieder als sein Weib aufzunehmen, und falls sie gesundete, mit ihr von neuem als ihr Ehegatte zu leben. Da faßte mich ein heftiger Zorn, denn sicher würde sich auch das Weib darein ergeben; und ich wünschte in meinem Herzen ihren Tod ? sobald ich ihre Seele würde gerettet haben ? damit sie solchem Leben entgehen möchte. So trat ich denn vor, die beiden hinauszusenden. Als Myrrha meine Stimme vernahm, öffnete sie die Augen, schaute mich mit einem sonderbaren Blicke an, that indessen weder einen Laut, noch eine Bewegung, wie auch ihre Mutter stumm blieb und sich nicht rührte. Der Mann aber wandte sich um nach mir, mit einer Geberde, als wäre er von einer giftigen Schlange gebissen worden. Da erkannte ich recht sein wahres Wesen und seinen grimmigen Haß gegen mich. Denn derselbe Mann, der, als er etwas von mir begehrte, sich vor mir gedemütigt hatte, in einer Weise, daß er mehr einem Hunde als einem Menschen glich ? dieser selbe schändliche Mann trat mir jetzt entgegen, mit frecher Stirn und frechen Worten. Und als ich ihm und dem Weibe gebot, mich mit der Kranken allein zu lassen, fragte er mich, welches mein Begehren wäre, und was ich in der Nacht bei der Frau zu thun hätte? Ich wollte ihm eben bedeuten: ob er wisse, daß er zu dem Abt des Klosters spreche, welcher ihm und seinem Volke auf sein flehentliches Bitten Zuflucht gegeben und Gnade erwiesen, als der Jude die Heiligtümer gewahrte, die ich bei mir trug. Niemals sah ich einen Menschen in einer solchen wahrhaft bestialischen Wut! Fast daß er mir die hehren Güter entrissen und selbige zu Boden geschleudert hätte. Genug, ich mußte die Hütte verlassen, ohne versucht zu haben, die Seele des Weibes, das mir einstmals lieber gewesen als alle Wonne des Himmels, vor dem ewigen Verderben zu bewahren. Aber ich werde nicht ablassen.

*

Dir klage ichs, Herr, mein Gott! Meine Seele ist verwandelt, ist gänzlich von Haß und Grimm durchdrungen, gleichsam von einer Legion von Dämonen erfüllt. Wohin wird diese Schar böser Geister mich leiten?

Das Weib lebt und befindet sich bei ihrem Gatten. Die Ebräer geberden sich, als ob sie nicht von meiner, sondern von Jehovahs Gnade auf dem Berge hausten. Die Klagen der Brüder über das jüdische Wesen in der Nähe unseres Heiligtums mehren sich von Tag zu Tag. Aus Rom gehen mir strenge Ermahnungen zu. Wo ist mein Friede hin?!

*

Heute war ich wiederum auf dem Judenberg; diesesmal am hellen Tage. Meine Mönche folgten mir. Ich verbot den Ebräern den Bau ihres Tempels. Sie schrieen und flehten. Die Weiber warfen sich vor mir nieder, und die Männer standen gebeugt da, gleich Sklaven vor einem Fürsten. Auch Mose Halarki kam herbei. Er that mächtig stolz, sprach kein Wort, stand mitten unter seinem wehklagenden Volk und schaute mich an, mit einem Blicke ? ?

Da blieb ich denn unerbittlich.

Ich spähte aus nach dem Weibe, dessen Seele ich retten will und auch retten werde, denn das habe ich mir zugeschworen. Mir wars, als erblickte ich sie in der Ferne bei ihrer Mutter.

Meine Mönche jubeln und preisen mich laut, und sie thun es, wie mich bedrucken will, nicht mit Unrecht. Denn ich verfuhr scharf mit den Ebräern, redete streng zu ihnen und ließ sie meine Macht spüren. Sie mögen erkennen, daß mit der Kirche kein Spiel zu treiben ist! Den ganzen Vorgang berichtete ich sogleich nach Rom und erwarte auch von dort Lob und Ermutigung. Der letzteren bedarf ich sehr, denn meine Seele fühlt sich stark beschwert.

Auch mein Körper leidet. So gab ich denn dem Drängen der Mönche nach und bezog das fast prächtige Gemach des seligen Abtes, darinnen mich häufig ein kaltes Grausen anwandelt. Doch ist in der weiten Halle die Luft überaus erquicklich, besonders in diesen heißen Wochen. Wir stehen mitten im Sommer, und es ist nun schon das dritte Jahr, daß die Juden auf dem Berge wohnen ? uns recht zum Aergernis.

*

Seit einiger Zeit habe ich beständig das Fieber, so daß ich mit den Zähnen klappere und am hellen Tage Gespenster sehe. Die Mönche pflegen mich treulich. Ich darf keine Fasten halten und muß meine Andachten beschränken. Sie haben recht: ich muß mich für die Kirche und unsern heiligsten Glauben erhalten. Auch die Seele jenes jüdischen Weibes liegt mir schwer auf dem Herzen. Wie beginne ich es nur ? ?

Es geht nicht anders: manches, was ich bei meinem Antritt der Abtswürde einführte, muß ich wiederum aufheben. So sehen denn die Mönche besseren Tagen entgegen, was ihnen zu gönnen ist; leben sie doch ohnehin erbärmlicher als droben die Juden.

*

Es kam eine Botschaft aus dem Kloster der Ursulinerinnen bei Arsoli: das unselige Weib, die Clelia, ist aus dem Kloster verschwunden! Ich bin heftig erzürnt, denn ich hatte den Nonnen strenge Wache anbefohlen. Nun wird es ein Aufsehen geben, und ich werde unschuldig leiden müssen. Aber wie du willst, Herr, Herr!

*

Wie eifrig ich auch lausche, vernehme ich doch nichts; weder von dem unsinnigen Weibe, der Clelia, noch von ihrem Manne. Ich spähe den Mönchen in die Gesichter, und es will mich bisweilen bedünken, als hätten sie sonderbare Mienen und trügen sich mit dem Vorhaben, mir den Gehorsam zu kündigen. Das undankbare Gezücht! Ich bin milder gegen sie als ich verantworten kann, bewillige ihnen gute Nahrung und habe manche allzu scharfe Pönitenz aufgehoben, so daß sie mich wahrlich eher preisen könnten als schelten. Der Mensch kann sich selbst nichts Schlimmeres zufügen, als gütig zu sein gegen seine Nächsten.

*

Ich habe mich getäuscht. Es ist die Gegenwart der Juden, welche die Mienen meiner Mönche von neuem so finster macht; heute kamen sie alle in mein Gemach und verlangten von mir, die Ebräer fortzuweisen. Da ich ihrem Ansinnen widerstand, gab es einen großen Tumult. Wie konnte ich anders? Habe ich doch den Ebräern den Berg überlassen, um darauf ihre Hütten zu bauen, und ihnen meinen Schutz verheißen. Sie sind freilich über die Maßen frech geworden, und die Mönche beschweren sich, daß sie von keinem der Ungläubigen gegrüßt würden. So ist dieses Volk! Man muß es demütigen, demütigen, demütigen.

*

Jenes unsinnige Weib ward gefunden: tot im Rosengärtlein St. Benedikts! Es hat sich von den Felsen herabgestürzt und ist mitten unter die heiligen Blüten niedergesunken.

*

Unsere Gemüter befinden sich in einer großen und ganz unziemlichen Erregung: in Rom ist der Großmeister unseres heiligen Ordens gestorben! Nun zerbrechen sich die Mönche die Köpfe, wer an des Toten Stelle eingesetzt werden wird. Ich erkenne wohl ihre Meinung, indem ich jetzt wiederum für sie ein großer Heiliger bin, der im Stande ist, zu jeder Stunde ein Wunder zu vollbringen. Es ist nicht zu sagen, wie sie vor mir wedeln und winseln. Mir ekelt!

Aber davor behüte mich der Herr, daß ich in meiner tiefsten Seele hochmütige Gedanken hegen sollte. Es gibt in unserem Orden Andere und Würdigere, die ein heiliges Konzilium für das hohe Amt des Toten vorschlagen kann. Ich will mich demütigen.

*

Mir ward aus Rom geschrieben: ich möchte ja voll Eifers sein. Das klingt wie eine Mahnung. Was wollen sie von mir? Als ob ich saumselig im Dienste Gottes wäre! Und zum Schlusse jenes Schreibens eine Andeutung, deren Sinn ich nicht verstehe. Ich will darüber nicht grübeln.

*

Wir haben eine grausame Hitze, alles verdorrt. Die Brüder berichten mir, daß den Ebräern in ihrer Zisterne das Wasser ausgegangen sei, und die Weiber und Kinder viele Stunden weit laufen müßten, um das köstliche Naß herbeizuschaffen. Zum Glück ist der Quell des Klosterbrunnens noch niemals versiegt. Die Juden aber mögen sich von ihrem Propheten das Wasser aus dem Felsen schlagen lassen.

*

Die Ebräer kamen und baten flehentlich, wir möchten ihren Frauen und Kindern gestatten, Wasser zu schöpfen. Sie thaten gar jammervoll und konnten wiederum kriechen und winseln. Ich ließ sie unverrichteter Sache abziehen.

*

Die Trockenheit nimmt zu, die Juden flehen Jehovah um Regen an. Bis zum Kloster herab dringt ihr Geschrei. Es hilft ihnen indessen nichts ? kein Wölklein zeigt sich am Himmel! Wir schauen alle darnach aus, denn wir sind alle begierig, ob Jehovah den Juden beistehen wird.

Unser Quell sprudelt reichlich, das Wasser ist frisch und köstlich. Ich schlürfe es wie Balsam und überlasse den Brüdern unsern Wein. Diese bewachen Tag und Nacht unsern Brunnen vor den Juden.

*

Der Jude Mose Halarki war hier, um mich für sein Volk zu bitten.

Man brachte ihn auf einer Bahre angetragen.

Ich ließ den Mann gar nicht vor mein Angesicht.

*

Die Juden haben einen Angriff auf den Brunnen gemacht, wurden indessen von den Mönchen zurückgetrieben.

Ihr Moses vollbringt noch immer kein Wunder.

*

Die Dürre ist schrecklich, die Not der Juden soll groß sein. Flüsse und Bäche sind versiegt, sonst würden sie in die Thäler niedersteigen. Das wenige Wasser, welches die Weiber von weit her hinaufschleppen, erhalten sie in den Ortschaften nicht wegen ihres jammervollen Geschreies, sondern weil sie jeden Tropfen Wassers mit Silber aufwiegen. Dennoch werden sie bald umsonst bitten, da die Christen selbst binnen kurzem kein Wasser mehr haben werden.

Viele der Ebräer sollen erkrankt sein; auch Judäa.

*

Mose Halarki sandte sein Weib zu mir, damit dieses für das dürstende Volk bei mir bäte. Als das Weib an der Kirchenthür zu mir gesprochen hatte, ward es bewußtlos. Ich nahm Myrrha in die Arme, hob sie auf, trug sie in die Sakristei und flößte ihr heiligen Wein ein. Es will mich bedünken, als hätte der Herr selber das Weib in meine Hände gegeben, damit ich des Weibes Seele dem Himmel retten könnte. Sie darf nicht wieder zu den Ebräern zurück.

*

»Mein ist die Rache,« spricht Gott der Herr; aber die Rache ist auch Gottes Priester.

Der Jude Mose Harlarki kam seines Weibes willen zu mir. Da ging ich hinaus zu ihm und sagte ihm: »Frage die Mutter Deines Weibes, wer Deines Weibes Vater ist; und dann komme wieder her und fordere Dein Weib von mir. Ich sage Dir aber: Du wirst nicht wiederkommen.«

So sprach ich, sah ihm dabei ins Gesicht, und ich sah, daß mein die Rache ist.

*

Der Jude Mose Halarki ist nicht wiedergekommen.

*

Das Weib Judäa aber kam gelaufen und schrie nach ihrer Tochter. Ich ließ der Ebräerin sagen: Die Tochter eines christlichen Vaters gehörte nicht in ein Judendorf unter Ungläubige; ich hätte Sorge getragen, daß die Tochter eines christlichen Vaters wohl aufgehoben wäre. Da zeterte das wüste Weib: sie wollte nach Rom und in Rom auf dem Petersplatz ausschreien, wessen Vaters Kind ihre Tochter sei. Und sie sagte über diesen Vater aus ? ? Es ist aber Lüge und schändliche Verleumdung, für welche ich das Weib am liebsten möchte stäupen und steinigen lassen. So gibt es denn nichts Hohes und Heiliges, was nicht in den Staub gezerrt und beschimpft wird.

Jedenfalls besitze ich das Geständnis des ruchlosen Weibes, wodurch mir Macht gegeben ist über die Tochter, als wäre diese niemals das Weib des Mose Halarki gewesen. Aber es thäte not, die freche Jüdin stille zu machen; indem es nicht gut ist, daß von einem Geweihten des Herrn solche Lästerungen ruchbar werden. Denn, obgleich sie eine verfluchte Jüdin ist, wird man ihr glauben.

*

Großes Heil ist der christlichen Kirche widerfahren! Der Papst, dessen milder Sinn und Weisheit ihn den Seinen wahrhaft göttlich erscheinen lassen muß, hat die Inquisition wieder eingesetzt.

Hosianna!

.

XV.

Vergebens schrieen die Juden fort und fort zu ihrem Jehovah um Wasser: das glanzvolle Luftmeer des Himmels ward zu keinem Quell, die kleine Schar der verdurstenden Ebräer zu tränken; vergebens hoffte Mose Halarkis gläubiger Geist stets wieder von neuem, mit gewaltigem Flehen Wasser aus dem Felsen zu schlagen ? die starren Wände blieben für die Kinder Israels geschlossen. Dabei herrschte eine Glut, als wäre der Berg, darauf die Ansiedlung der Juden lag, plötzlich in die Wüste versetzt. Gleich einem Strahlengewebe umzitterte die schwere Luft die gelben Klippen, der blendende Glanz füllte Höhen und Tiefen und schien das Gestein zu durchdringen. Die Abende brachten keine Kühle, die Nächte keine Erquickung.

Wer noch Kräfte besaß, der raffte sich bei Anbruch der Dämmerung auf, stieg den Berg hinab, um in der Tiefe nach dem errettenden Labsal zu suchen. Aber sie fanden die Quellen versiegt, die Bäche und Flüsse ausgetrocknet, die Zisternen, in denen sich noch Wasser vorfand, scharf bewacht. Wo kein Bitten und Betteln half, reichten sie ihre Krüge hin und boten Geld für die Gottesgabe. Die Christen forderten einen immer höheren Preis, und wie die Juden auch feilschten, wie sie auch wehklagten und sich wanden: wollten sie Wasser haben, so mußten sie zahlen, was die Christen dafür forderten. Sie gaben endlich das Geld, erhielten das Wasser, befeuchteten die trockenen Lippen mit dem köstlichen Naß und machten sich sogleich wieder auf den Heimweg. Während der langen, mühseligen Wanderung schöpften sie Trost aus der Vorstellung, daß sie den Ihren auf den Berg des Jammers die Labung brachten.

Die Zurückgebliebenen liefen den Ihren entgegen, soweit ihre Füße sie trugen. Dann sanken sie hin und lauschten angstvoll in die Tiefe hinab. Kamen die Erwarteten endlich, so wars, als brächten sie das höchste Heiligtum angetragen: alle die Harrenden streckten dem Lebensquell die Arme entgegen. Doch auch sie setzten kaum den Krug an die lechzenden Lippen. Gemeinsam zogen sie in ihr Dorf zurück und vor Mose Halarkis Hütte. An seinem Lager wurde das Wasser verteilt; was übrig blieb verwahrte er, den kein Mund darum schalt, kein Herz darum anklagte, daß er sein Volk in diese Wildnis geführt.

Es dauerte nicht lange, und die Ebräer hatten ihr ganzes Vermögen für Wasser ausgegeben. Da erhob sich Mose und befahl, daß diejenigen, welche noch Kräfte besaßen, mit sämtlichen Kindern und dem Vieh davon ziehen und nicht eher wiederkehren sollten, als bis die schreckliche Dürre vorüber. Judäa sollte sie geleiten bis in das Bergland, wo der Tiber entsprang.

Diejenigen, welche das Gebot des Führers traf, wollten die Stätte des Jammers nicht verlassen; aber Moses Wille zwang sie. Sie drangen darauf, ihren Führer nebst allen Schwachen und Kranken mit sich davon zu führen; doch sie setzten ihre Absicht nicht durch, denn Mose weigerte sich, mit ihnen zu gehen. Nur ließ er die Zurückbleibenden noch ein letztesmal mit Wasser versorgen, wofür den Christen ein junges Rind gezahlt wurde. Dann zogen jene davon, etwa ihrer vierzig.

Drei Tage reichte das Wasser, von welchem kein Tropfen über Moses Lippen kam; als es zu Ende war, dursteten die Ebräer einen ersten und zweiten Tag, während welcher Zeit sie im Freien zwischen den glühenden Felsblöcken lagen und voll dumpfer Verzweiflung den Himmel beobachteten, an dem noch immer kein Gewölk aufsteigen wollte. Ein Tag war so strahlend wie der andere, als wenn der Himmel über dem Berg der Juden auf ein Gefilde der Seligen herableuchtete.

Die verschmachtenden Ebräer schleppten sich zum Kloster hinab, sanken in der Nähe des von den Mönchen gehüteten Brunnens nieder, hörten das Wasser rauschen, stürzten hin und wurden von den Brüdern mit Schlägen fortgetrieben. Mose Halarki selbst ließ sich zum Kloster tragen, lag einen halben Tag vor den Thüren des Heiligtums und wurde fortgewiesen. Endlich sendete er sein Weib zum Abt, und Myrrha kam nicht wieder.

Mose lag in seiner Hütte mit geschlossenen Augen, einem Toten gleich. Niemand durfte sich ihm nahen, niemand zu ihm reden. Vor seinem Hause versammelten sich die Ebräer. Sie riefen den Namen ihres Führers und schrieen: die Mönche hätten sein Weib getötet! Als sie keine Antwort empfingen, wurde beschlossen, sich ohne den Willen und die Genehmigung Mose Halarkis nach dem Kloster zu begeben und den Leichnam Myrrhas zu erbitten, damit der Toten ein jüdisches Begräbnis zu teil würde.

Dem Verschmachten nahe, machte sich das Häuflein auf den Weg. Gerade, als sie in die Tiefe niedersteigen wollten, wurden sie die Mönche gewahr, welche in feierlicher Prozession, unter lautem Gesang den Berg hinaufgezogen kamen: mit großem Gepränge, mit brennenden Kerzen und Fahnen, einem Madonnenbilde und sonstigen Heiligtümern. Voraus schritt der Abt, im strahlenden Ornat, ein Kreuz in den Händen, von Weihrauch umwallt; hinter ihm trugen sechs Mönche große Krüge voll Wassers. Das Gesicht des Abtes war in seiner Starrheit eher einem Bildnis ähnlich, als dem Antlitz eines Lebendigen.

Die Ebräer blieben stehen und ließen voll dumpfen Staunens den Zug herankommen. Aber die Mönche achteten ihrer nicht, sondern wallten, ohne ihren Gesang zu unterbrechen, an ihnen vorüber, bis zu der Stelle, wo sich mitten im Judendorf das noch im Bau begriffene Bethaus erhob. In scheuer Entfernung folgten die Ebräer, wie gewaltsam nachgezogen.

Dann blieben die Mönche stehen, die Krüge wurden zu Boden gesetzt, und Abt Theodorus trat vor, mit erhobenem Kreuz den Juden entgegen. Er rief:

»Sehet, hier ist Wasser! Ich spende es euch, wenn ihr aus meinen Händen nehmt von jenem andern Quell, welcher durch euch an diesem Kreuz hervorbrach, und welcher auch für euch geflossen ist, so ihr abschwört euern Gott und euch zu Jesum Christum bekennt. Seht, ich bin gekommen, der Moses und Wunderthäter, der für euch Durstende und Verschmachtende in der Wüste eures Unglaubens Fluten schlägt aus dem Gestein; und es ist Wasser ewigen Lebens, das ich euch reichen will. Kommt her und trinkt.«

Er trat zu den Krügen, reckte das Kreuz darüber aus und winkte den Juden, heranzukommen. Doch diese zauderten, diese wichen zurück, Verzweiflung in ihren Mienen. Als der Abt den Heldenmut der Ebräer sah, hieß er aus einem der Krüge das Wasser auf den Boden zu schütten. Einen gellenden Schrei stießen die Juden aus, standen und starrten mit verzerrten Zügen hin, wo die Erde gierig das köstliche Naß schluckte. Plötzlich stürzten einige der Weiber vor, warfen sich mit dem ganzen Leibe nieder und saugten das verrinnende Wasser auf. Als aber der Abt einen zweiten Krug ausschütten ließ, da schrieen alle, daß sie trinken wollten.

»Und wollt abschwören euern Glauben?«

Sic wollten! Sie wollten Christen werden und trinken.

»So kommt!«

Doch sie regten sich nicht ? Mose Halarki stand vor ihnen. Ohne ein Wort zu sagen, wies er zum Himmel, an dem schweres schwarzes Gewölk sich zusammenballte. Dann schritt er schwankend an dem Abt vorüber und trat, ohne jenen eines Blickes zu würdigen, zu den Krügen, von denen er einen nach dem andern umwarf, mit solcher Kraft, daß sie klirrend auf dem Felsboden zerschellten.

Niemand unter den Juden bückte sich, um auf dem feuchten Grund seine Lippen zu netzen.

Wie unter einem Bann stehend, hatten die Mönche dem Thun des Juden zugeschaut; aber dann kam Bewegung unter sie, dann drangen sie auf den frechen Ebräer ein, dann brach der Tumult aus. Der Abt, statt den Seinen Ruhe zu gebieten, wies mit dem Kreuz auf die Ungläubigen hin, die sich um Mose Halarki gesammelt hatten. Die Brüder warfen die Fahnen und Kerzen fort, bereit, sich auf die Ebräer zu stürzen, denen der Abt, mit fahlem Gesicht, den Mund wie im Krampf verzerrt, von neuem zurief, sich zu bekehren.

Aber wiederum weigerten sich die Juden.

»Im Namen unseres göttlichen Glaubens!«

Die Juden wollten fliehen, doch die Mönche schlossen sie von drei Seiten ein, trieben sie vor sich her, umringten sie enger und enger.

Und wiederum die Stimme des Abtes, Töne, die aus keiner menschlichen Brust zu dringen schienen:

»Bekehrt euch! Schwört das schändliche Judentum ab! Werdet Christen! Ihr sollt Christen werden!«

Aber die Juden weigerten sich.

»Im Namen Gottes ? treibt sie vorwärts!«

Und vorwärts trieben die Mönche die Ebräer. Diese standen zwischen dem Kreuz und dem Abgrund, zwischen einem ewigen Leben als selige Christen und einem Tod als verfluchte Juden.

»Vorwärts!«

Die Mönche zauderten, nur einer trat vor: der Abt, sein Kreuz über seinem Haupt erhoben wie ein Schwert, mit dem er einen Todesstreich ausführen wollte. Er schwang die heilige Waffe gegen den Führer der Juden.

»Mose Halarki, bekehre Dich!«

Aber Mose Halarki wich langsam, langsam, mit den Blicken eines Siegers, den keine Macht der Welt zu bezwingen vermochte, vor dem Priester zurück, wortlos in den Abgrund hinab, in die ewige Freiheit hinein.

Ein Schrei, wie von einem wilden Tiere ausgestoßen, folgte dem gräßlichen Sturz. Vor die Augen des Abtes legte sich ein roter Nebel, das Kreuz warf er dem Juden nach in die schreckliche Tiefe hinunter; dann brach er am Rande des Abgrunds zusammen, mit röchelnder Stimme seinen Mönchen gebietend:

»Im Namen der heiligen Inquisition ? vorwärts!«

Und vorwärts drängten sie. Einige der Ebräer entkamen, andere thaten es ihrem heldenhaften Führer nach, etliche wollten sich bekehren lassen. Dieser waren indessen nur wenige.

Dann hoben sie den Abt auf, trugen ihn ins Judendorf, legten ihn auf dem Platz vor der Synagoge nieder und zerstörten in sinnloser Wut die Stätte, daß kein Stein auf dem andern blieb.

Gegen Abend überzog sich der Himmel mit dichtem Gewölk: unter Blitz und Donner entlud sich das Gewitter. Auf das zerstörte Judendorf rauschte der Regen herab, füllte die Zisterne, füllte die Rinnsale an den Abhängen, so daß es in schäumenden Stürzen in den Abgrund niederflutete.

*

Kurze Zeit nach diesen Ereignissen durchlief den Kirchenstaat die Kunde von schrecklichen Dingen, die sich im Sabinergebirge zugetragen hatten: von dem Abt eines Franziskanerklosters, der, ein jüdischer Konvertit, beim Volke in dem Ruf eines großen Heiligen gestanden hatte, und der in Rom zu hohen Würden und Ehren ausersehen war. Dieser Mann enthüllte sich plötzlich als einer der scheußlichsten Verbrecher seiner Zeit. Er sollte ein Weib, welches darüber irrsinnig geworden, zum Morde ihres Kindes angestiftet, seinen Vorgänger in der Abtswürde umgebracht, und eine junge Ebräerin als seine Geliebte im Kloster verborgen haben. Der Gefangenschaft und Untersuchung entzog sich der Angeklagte, wider den seine eigenen Mönche zeugten, durch die Flucht. Trotzdem für seine Einbringung ein hoher Preis ausgesetzt wurde, verfolgte man ihn vergebens; vermutlich hatte er sich in die wilden Wälder an der Küste gerettet. Später tauchte ein Gerücht auf: der ehemalige Abt und Heilige befände sich unter der Bande, welche der berüchtigte Bandit Terenzio Latini aus Subiaco anführte und welche, ein Schrecken des römischen Landes, ihre Raubzüge bis an die Thore Roms ausdehnte. Dieses Gerücht bestätigte sich. Denn als die Bande durch ein ebräisches Weib Namens Judäa verraten ward, befand sich unter denen, die mit der Wut von wilden Tieren um ihre Freiheit kämpften, der Konvertit. Er war der einzige, dem es gelang, zu entrinnen; doch von Blutverlust erschöpft, kam er nicht weit. Die päpstlichen Soldaten fanden ihn in einem Dickicht, wo er sich selbst getötet hatte ? erwürgt mit einer Strähne goldig hellen Frauenhaars. Als man ihn auf der Steppe einscharrte, kam ein Weib herbei, von großer Schönheit, aber jammervoll elend, das auf keine Frage Antwort gab. Die Soldaten hatten Mitleid mit ihr, und ließen sie auf dem Grabe des Priesters und Räubers, um dessen Seele Myrrha indessen nicht betete. Sie wußte: der blutige Tote, der unter den gelben Schollen lag, hatte an keinen Himmel und an keine Hölle geglaubt; und sein Glaube war ihr Glaube.

So mußte es kommen: zuerst ein Gläubiger und Idealist; Schwärmer und Konvertit ? dann Zweifler und Fanatiker: zuletzt Atheist, Mörder und Selbstmörder.

Das war das Ende eines Lebens, welches schön und gut begonnen hatte.

 

Ende.

 


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