Dahiel, der Konvertit. Dritter Band

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I.

Auf dem Berg der Verdammnis.

Da bin ich, hier droben in der Felsenwildnis. Seit wann bin ich hier? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wie lange ich mich bereits an dieser Stätte der Verdammnis befinde: in meinem Kerker, auf meinem Richtplatz, in meinem Grabe. Ich habe die Tage, die Wochen, die Monate nicht gezählt.

Mir scheints, als hätte ich Gedächtnis und Erinnerung verloren. Es ist mir ganz recht so. Vielmehr, es ist mir ganz gleich. Wozu bedarf der Mensch des Gedächtnisses? Besser für ihn, er vergißt. Und nun gar die Erinnerung! Man sollte sie sich ausbrennen können, wie einem die Augen ausgebrannt werden. Es müßte gut thun, im Gehirn eine spitze, züngelnde Flamme zu spüren. Und das Feuer fräße alles, was in eines Menschen Kopf kreist; Gedanken, Vernunft, Bewußtsein verloderten in der Glut. Und ebenso müßte es mit der Empfindung geschehen können: der Mensch sollte im stande sein, sich abzutöten, daß er von seinem Leibe nichts mehr fühlte, und stäche man diesen mit glühenden Nadeln, vielleicht daß er es dann ertrüge, wenn das Leben ihm giftige Pfeile ins Herz stößt ? ?

Ich will fortfahren, was ich an mir beobachte und bemerke, getreulich zu verzeichnen: dem Himmel werde ich damit schwerlich dienen, wohl aber mir selbst.

Ich bin matt und vermag die Hand auf dem Papiere kaum fortzuschieben. Versuche ich nachzudenken, so ist mir, als ob mein Gehirn klirrend gegen den Schädel stieße.

Ich erinnere mich: es gibt Menschen, die ihre Sinne haben, und die eines Tages von ihren Sinnen kommen. Mit solchen muß es der Himmel gut meinen.

Am nächsten Tage.

Unter heftigen Schmerzen besinne ich mich nach und nach, wie es sich mit mir begeben hat.

Abt Evaristus fragte mich, ob ich bereute. Aber was sollte ich bereuen? Daß ich Christ geworden bin?

Ja, ich bereue. Ich bereue Zeit meines Lebens und in alle Ewigkeit.

Abt Evaristus forderte mich auf, zu widerrufen. Was sollte ich widerrufen? Daß ich den christlichen Glauben angenommen hatte?

Ja, ich widerrufe Ich widerrufe, daß Himmel und Erde davon gellen.

Abt Evaristus heischte von mir, zu sühnen. Was sollte ich sühnen? Die Todsünde, die ich an meinen Eltern, an meinem Freunde, an meiner Geliebten, an meinem ganzen Volke begangen?

Ja, ich will sühnen! Sühnen will ich unter Stöhnen und Aechzen, in Qual und Herzeleid, sühnen will ich, wie nie ein Mensch, weder Christ noch Jude, eine Unthat gesühnt hat.

Nachdem Abt Evaristus also Herz und Nieren in mir geprüft und für gänzlich unchristlich befunden hatte, sprach er über mich das Urteil aus, dem ich mich willig unterwarf; habe ich doch Aergeres verdient.

Sie nahmen mich und führten mich davon, und alle gaben mir das Geleite. Auch das Bild des heiligen Franziskus führten sie mit, das ora pro nobis wurde gesungen, und über meinen Abfall eine große Lamentation erhoben.

Wir langten an auf dem Gipfel und an jener Stelle, wo der schmale Pfad längs der Wand sich hinzieht. Hier nahmen die Brüder Abschied von mir, und nur dreie folgten mir weiter: Abt Evaristus und zwei Väter. Der eine mit dem Bild von Sankt Franziskus, der andere mit einem Kruge Wassers, einem Laib Brot, der Geißel und einem Büchlein, darin das Leben des Heiligen beschrieben steht.

Wir traten ein in diese Höhle, die Väter setzten nieder, was sie trugen, und das Bild des Heiligen wurde aufgestellt. Dann sprach Abt Evaristus die christlichen Worte:

»Hier sollst Du leben, Du Abtrünniger und Verlorener, bis Du den Weg wieder zurückfindest. Wildnis und Wüste seien Deine Wohnstatt, Sturm und Regen Deine Genossen, Sommerglut und Winterkälte Deine Freunde. Deinesgleichen seien die Vögel unter dem Himmel. Du kannst Dich in den Abgrund stürzen, der offen unter Dir liegt; Du kannst in die Oede entweichen, die um Dich sich ausdehnt ? dem Gericht entgehst Du nicht. Wir aber wollen beten, daß hier, wo die Menschen Dich verlassen haben, die Gnade des Herrn Dich finde.«

Und sie beteten mit lauter Stimme für mich. Dann ließen sie mich allein.

Was that ich darauf?

Ich warf mich nicht in den Abgrund, denn ich wollte leben; ich entwich auch nicht in die Wildnis, denn ich wollte sühnen.

Ich legte mich nieder, mit meinem Haupt auf einen Stein, und blieb so liegen.

In den ersten Tagen schlief ich viel, sowohl bei Tag als bei Nacht, rührte auch weder das Brot noch das Wasser an, obgleich ich starken Hunger und noch stärkeren Durst verspürte. Es war übrigens gar nicht so schlimm. Nach den ersten heftigen Schmerzen wurde ich bald matt, dann kamen allerlei Träume, Gestalten, Visionen. Ich hungerte gern. Einmal vollständig erschöpft, kam ich nicht wieder zu Kräften. Als ich dann nicht mehr nachzudenken vermochte ? das war das Schönste.

Oeffne ich die Augen und wende das Haupt, so überblicke ich beinahe alles, was ich von meiner Behausung aus überhaupt erblicken kann: jenseits der tiefen Schlucht einen gewaltigen Felsengipfel und darüber ein winziges Stücklein Himmel. Beides schaue ich häufig lange Zeit an, ohne dabei einen Gedanken zu haben; lieber noch halte ich die Augen geschlossen.

Den Tag erkenne ich daran, daß es in meiner Höhle dämmert und vor der Höhle hell wird. Scheint draußen die Sonne, so bereitet mir ihr helles Licht heftige Schmerzen; wenn der Mond leuchtet, empfinde ich ein heißes Gelüst nach dem Abgrund. Am besten ertrage ich die Sterne. Ich sehe ihnen gern zu, wie sie aus dem dunklen Felsenhaupt so sanft und leise hervorblitzen und dann hinter den Felsen meiner Höhle verschwinden; neue Sterne kommen und gehen, und es ist, als ob das ganze Firmament an mir Verlassenen vorüberzöge.

Einmal erblickte ich, auf den Gipfel hingelagert, ein purpurfarbiges, wundersam strahlendes Abendgewölk, über die Maßen herrlich, als wäre es das Gewand Jehovahs. Ich richtete mich auf und rief:

»Herr, hier bin ich!«

Aber der Herr ging an mir vorüber ? die Wolke zog weiter.

Ein anderesmal schwebte ein gewaltiger brauner Vogel an dem Eingang meines Grabes vorbei, mir so nahe, daß ich das Rauschen seiner Fittiche vernahm. Doch auch das war nicht der Herr. Der Gott meiner Väter will nichts wissen von mir, seinem treulosen Sohne.

Ich kann warten.

*

Jede Woche kommt vom Kloster ein Bruder heraufgestiegen. Derselbe bringt mir einen großen Krug Wasser und einen Laib Brot. Beides setzt er zu meinen Häupten nieder. Dabei richtet er jedesmal dieselben Fragen an mich: »Bereust Du? Widerrufst Du? Demütigst Du Dich?« Worauf ich ihm jedesmal mit einem dreimaligen »Nein!« geantwortet habe. Darnach verläßt er mich wieder; denn anderes als diese Worte darf der Mönch nicht mit mir reden, auch auf keine Frage von mir Antwort geben.

Wieder kam eine Zeit, wo ich schreckliche Pein und grimmige Schmerzen litt; mir wars, als würden meine Eingeweide von einem höllischen Feuer verzehrt und mein Gehirn von tausend Ameisen zernagt und gefressen. Auch fror ich. Es kam bittere Kälte, und der Gipfel vor mir bedeckte sich mit Schnee; demnach war es Winter geworden.

Da brachte der Mönch eine wollene Decke mit, die er neben den Krug und das Brot legte, wo ich sie liegen ließ; denn ich will an Leib und Seele so elend werden, wie ein Mensch das nur sein kann, und ich will alles Menschliche in mir niedertreten und töten. Der Bruder, welcher mein schweres Leiden gewahrte, that eines Tages wiederum seine drei Fragen, und ich fand kaum die Kraft, dieselben eine nach der andern zu verneinen.

Bald darauf milderten sich meine Qualen und hörten nach kurzer, schwerster Pein völlig auf. Beinahe, daß ich nun immerfort schlief. Aber auch wenn ich wachte, wußte ich kaum von mir; denn ich konnte Schlaf und Wachen ? Traum und Wirklichkeit nicht mehr von einander unterscheiden. Da merkte ich, daß ich sterben würde; und der Herr versuchte mich und es unterlag mein Geist dem Fleisch, also daß ich auf mein Leben und meine Sühne Verzicht leistete und von Sterbenswonne durchdrungen ward. Ich sage euch, die ihr mühselig und beladen seid: wenn schon das Leben ein Geschenk der höchsten Liebe Gottes sein soll, so ist der Tod etwas viel Herrlicheres und Himmlischeres: denn er ist eine Spende der höchsten Gnade Gottes.

Aber noch einmal erwachte ich zum Bewußtsein. Da gewahrte ich auf meiner Brust eine große silbergraue Schlange. Sie hatte sich fest zusammengeringelt und schien sich in meiner Kutte über meinem brechenden Herzen wärmen zu wollen. Mein letzter Gedanke war, daß ich nicht einsam stürbe. Dann schwanden mir die Sinne unter himmlischen Klängen, und mein Geist taumelte in den Tod, als ob dieser das ewige Leben wäre.

Als ich meiner dann wieder bewußt ward, war meine erste Empfindung Schreck und Entsetzen; und zwar traf es mich so gewaltig, daß ich davon aufgerüttelt wurde, wie wenn der Odem Gottes mich berührt hätte. Wehe mir: ich lebte! Verzweiflung erfaßte mich. Ich schrie auf gleich einem wilden Tier, wälzte mich am Boden, stieß mein Haupt gegen den Felsen, raste und tobte und kroch auf Händen und Füßen dem Abgrund zu.

Da sah ich einen Glanz auf meiner Brust, gleich einem himmlischen Schein. Ich griff darnach und faßte etwas, das sich gar lind und weich an meine starren, kalten Finger schmiegte. Es war eine starke Strähne langen, goldig leuchtenden, seidigen Haares, welches ich die ganze Zeit über, ohne dessen eingedenk zu sein, auf meiner Brust getragen hatte, und welches nun bei meinem tollen Gebahren aus der Kutte geglitten war. Diese Flechte Frauenhaares, deren ich gänzlich vergessen hatte, hemmte mich auf meinem Todesgang. Es bedurfte aber einer Weile, bis ich mich erinnern konnte, daß es das Haar der schönen Clelia war, welches sie in Sankt Bonaventura dem Heiligen dargebracht hatte: an dem Tage, da sie sich dem wackeren Terenzio vermählte. Als ich in Rom aus dem Kloster verstoßen ward, begab ich mich in die Kirche und raubte dem Heiligen das leuchtende Frauenhaar, barg es auf meiner nackten Brust über meinem Herzen und entwich damit: das einzige, was ich aus dem Kloster mit mir nahm in meine Verdammnis. Nun kauerte ich am Boden, schaute auf den Glanz auf meiner Brust und entsann mich, daß ich einstmals geliebt worden war, und daß ich in meinem Leben, außer vielem Bösen, auch etwas Gutes begangen hatte; und siehe da ? an dem Haar des Weibes, das eine arge Missethäterin gewesen, leitete mich des Herrn Hand lind und sanft wieder in das Dasein zurück.

Aber noch etwas schier Grausiges geschah. Denn wie ich so auf das Haar hinstarrte, schien es sich plötzlich zu regen und lebendig zu werden. Und siehe, aus meiner Kutte kroch die Schlange hervor, die ich, als ich zu sterben meinte, über meinem Herzen gesehen hatte. Das Gewürm mochte sich vor der Kälte in dem warmen, weichen Haar geborgen haben.

*

An dem goldigen Haar der Tochter der Welt spannen sich meine Tage weiter. Ich legte nur die Strähne wie eine Schlinge um den Hals, so daß die weiche Flechte meinen ganzen Menschen erwärmte, nahm wieder Speise und Trank zu mir, hüllte meinen zum Gerippe abgezehrten Leib in die wollene Decke und schaute um mich, wo vor mir der Gipfel immer noch im Schneegewande herüber schimmerte. Sogar Freude empfand ich, denn jene große silbergraue Schlange wollte nicht von mir weichen. Ich bereitete ihr aus einem Fetzen meiner Kutte ein weiches Lager und fütterte sie mir Brosamen. Mir aber war mein Behagen an der Genossenschaft des giftigen Gewürms ein Beispiel, wie schwer es dem Menschen fällt, allein zu sein, und daß er durch nichts so dem Leben abstirbt, wie durch Einsamkeit. Denn es sucht ein Geschöpf Gottes das andere; und wo es anders ist, geschieht es nicht nach dem Willen des Höchsten.

Als der Mönch wieder kam und mich lebend fand, verwunderte er sich über die Maßen und that seine drei Fragen ? wie ich wohl merken konnte in der Meinung, mich gänzlich verwandelten Sinnes zu finden. Auch erwiderte ich ihm diesesmal nur auf die beiden ersten Fragen mit einem Nein; nach der dritten Frage bat ich ihn: er möchte bei seinem nächsten Besuch Tinte, Papier und Feder mitbringen; denn ich wäre voll heißen Verlangens, den Gang meines Geistes in allen seinen Windungen, Schleichwegen und Irrpfaden aufzuzeichnen. Der Bruder durfte mir nichts entgegnen, aber ich wußte, daß er meine Botschaft dem Abt ausrichten würde, und wartete in ungestümer Sehnsucht auf das Verstreichen der langen, langen Tage. Indessen fuhr ich fort, für meine Gefährtin zu sorgen, und fühlte unablässig nach der Flechte, die ich um meinen Hals trug, und es war mir beides wie kühlender Balsam in brennende Wunden geträufelt.

Dann erschien der Mönch und brachte mir, um was ich gebeten hatte, und siehe: da ward mein zerrütteter Geist wiederum froh.

Und ich begann zu schreiben.

*

Jetzt weiß ich, wie lange ich hier oben eingeschlossen bin, ich habe es mühsam ausgerechnet: fünf Monate mögen es sein. In diesen fünf Monaten habe ich mein Felsenloch nicht verlassen, wie ich denn auch kein einzigesmal einen Schritt gegangen, sondern nur gekrochen bin, niemals aufrecht gestanden, sondern nur gekniet habe. Den größten Teil dieser langen Zeit verbrachte ich auf dem nackten Fels liegend, so daß mein Rücken geschunden und voller Wunden ist, als hätte ich mir mit der Geißel das Fleisch aufgerissen. Nahrung habe ich nur so viel zu mir genommen, als nötig war, mich am Leben zu erhalten; meine Eingeweide müssen gänzlich vertrocknet sein, denn ich kann mein Brot nur genießen zu einem dünnen Brei erweicht und auch dann nur mit großen Schmerzen. Meine Zunge ist dermaßen geschwollen, daß ich sie nicht zu regen vermag, meine Hände sind welk und zitternd wie die eines alten Mannes, mein Haupt ist schwer, als wäre mein Schädel voll Blei. Aber meine Augen haben sich gewöhnt, auch in der Nacht zu sehen und die Dinge zu erkennen. Dagegen sticht mich der schwächste Tagesschein wie ein Messer ins Gehirn.

Dennoch murre ich nicht. Es lebt eine große Kraft in mir, die sich nicht töten läßt, und ein gewaltiger Trotz ist in mir erwacht, dem Abt Evaristus Widerstand zu bieten und diesem ehrwürdigen Mann zu zeigen, was für ein zäher Jude ich bin.

Da mein Gehirn wieder beginnt, seine Funktionen zu verrichten, und der Fluch des Denkenmüssens von neuem als Verdammnis auf mir lastet, so habe ich meinen Geist von neuem auf die Betrachtung eines Dinges gerichtet; nämlich auf die Wirkung, welche die Einsamkeit auf den Menschen ausübt, und es ist mir in der Einsamkeit manche Erkenntnis geworden.

In den göttlichen Geschichten und den Erzählungen von dem Leben der Märtyrer und Heiligen ist häufig zu lesen, wie sie gingen und sich in die Wildnis begaben und in der Wildnis lebten, die Tiere unter dem Himmel zu Freunden und die Oede als Genossin. Selbst der Größeste und Herrlichste von allen: Jesus Christus, floh in die Wüste. Und liegt dem wohl zu Grunde, daß selbst ein wahrhaft großer und heiliger Mensch, wenn er unter Menschen lebt, dem Fluch des Fleisches verfällt und schließlich aufhört, heilig zu sein. Moses stieg auf den Berg, wo der Herr ihn fand, Christus entwich vor den Menschen und rang mit Gott ? was ich so auffasse, daß er im Kampf lag mit dem Menschen in seiner Brust ? ? Sankt Franziskus lebte in den Höhlen des Berges Subiaso und wurde daselbst ein großer Heiliger.

Was sagt uns das?

Das sagt uns, daß die Einsamkeit eine Mörderin ist, welche den Menschen totschlägt und nur den Geist und die Hülle eines Menschen am Leben läßt, die man dann martern, steinigen und verbrennen kann, ohne daß der Heilige, dem solches geschieht, es sonderlich spürt. Auch das will ich niederschreiben: wer einen Menschen zu langer, langer Einsamkeit verurteilt, ist, auch ohne daß er gemordet hat, einem Totschläger gleich zu achten. »Abt Evaristus, Abt Evaristus, siehe Dich vor, daß aus Deine Seele keine Blutschuld fällt! Und sollte ich mich in der Wildnis in einen Unmenschen wandeln ? hier erhebe ich meine Hände und bezeuge meine Unschuld. Abt Evaristus ? meine Hände hebe ich und zeuge wider Dich.«

*

Langsam sammelte ich Kräfte, erhob mich, lernte Stehen und Gehen und verließ mein Grab. Aber die frische Luft verursachte mir Qualen, und das helle Tageslicht bohrte sich noch immer gleich Dolchen in meine Augen, daß ich zu erblinden wähnte.

Ich hatte mich bis zu dem Kreuz geschleppt, das am Eingang meiner Gruft steht, mehr ein Zeichen des Todes als des ewigen Lebens. Hier, hart am Rande des Abgrunds, sank ich geblendet hin; die Schlange war mir gefolgt. Als ich wieder zum Bewußtsein kam, sah ich sie an dem Stamm des Kreuzes emporgeringelt und zu mir herab züngelnd. Ich ließ das giftige Gewürm ruhig droben und dachte: Ist das Kreuz ein Symbol des Göttlichen, so mag das Symbol des Bösen, die Schlange, daran haften bleiben; denn das eine ist nicht ohne das andere zu denken. Dann saß ich, mit dem Rücken gegen das Kreuz gelehnt, und gewöhnte mich mühsam, die Luft der Welt einzuatmen und von neuem das Licht zu schauen. Damit hatte ich ein großes Tagewerk vollbracht.

Früh am nächsten Morgen begab ich mich wiederum hinaus vor die Höhle, ruhte lange beim Kreuze, tappte und tastete mich sodann die Felswand entlang. Wohl eine Stunde dauerte es, bis ich die kurze Strecke von der Höhle bis zum Grat zurückgelegt, und die ganze Zeit hing ich an den Klippen, wie schwebend zwischen Himmel und Erde.

Von dem Platz aus, wo die Brüder, als sie mir das Geleit gegeben, Abschied genommen hatten, sah ich dann die Welt zum erstenmal wieder. Ich sah die Felsenberge schneeumglänzt unter dem strahlenden Himmel und gewahrte in der Ferne das römische Land, umzogen von einem hellen Streifen, welchen ich als die unendliche Meeresflut erkannte. Es mag ein erhabener Anblick gewesen sein; aber ich fühlte nichts davon, ich vermochte nichts mehr von der Schönheit der Welt zu empfinden. Und nicht einmal, daß es mir leid that. Wenn die Seele des Menschen ein Saitenspiel ist, das unter den Griffen des Lebens ertönt, so müssen an dem meinen viele Saiten zerrissen sein. Sobald meine Kräfte es erlaubten, begab ich mich zurück in meine Höhle. Dort war mir am wohlsten.

Allmälich aber gewöhnte ich mich daran, meinen Leib jeden Tag vor meine Behausung zu tragen und vom Gipfel des Berges aus die Welt zu betrachten, ohne Liebe und ohne Lust ? und wie, o Abt Evaristus, wie hatte ich die Welt geliebt, wie tief alle Wonnen der Schöpfung empfunden! ? Dennoch: wenn heute der Versucher zu mir getreten wäre und gesprochen hätte: »Dieses alles will ich Dir geben, wenn Du mich anbetest« ? ich würde mich vor dem höllischen Feinde niedergeworfen, die Welt vom Teufel genommen und sie ? dem verdammten und stinkenden Volke der Juden gegeben haben.

Denn wenn sie, die das Lamm Gottes geschlachtet, nach dem Tode einer ewigen Verdammnis verfallen, wie die christliche Kirche lehrt, einer Verdammnis, aus der nichts sie erlösen kann, es müßte denn sein, daß sie sich zum Christentum bekehrten ? was sie nicht sollen! ? so gebührt ihnen, den Gehaßten und Verfolgten, Geld und Gut, Reichtum und Schätze, Macht und Herrschaft im Leben und alle Herrlichkeit, die von der Erde ist. Darum, um den Juden alles dieses zu geben, würde ich, der christliche Priester, der Versuchung des bösen Feindes erliegen und dem Teufel göttliche Verehrung erweisen. Höllengeist, wo bist du? Ich rufe dich an, und ich schreie nach dir, als wärest du Gott.

*

Die Wandlung vollzieht sich in mir. Wenn ich meine Seele so recht belausche und belaure ? und was anderes könnte ich thun in dieser Oede? ? so merke ich, wie der Dämon der Einsamkeit seine Klauen in mein Herz schlägt, in mein Herz tiefer und tiefer seine Zähne eingräbt und beginnt, mich zu zerfleischen. Ich fühle es und kann nichts dagegen thun. Auch würde niemand meinen Hilfeschrei hören. Wehrlos, mit gefesselten Händen muß ich mich morden lassen.

Ich könnte Gott anflehen, mich zu retten, aber es ist ja Gottes Wille, daß der Totschlag an meinem Geiste begangen werde; denn wer Gott so recht angehören will, der muß in der Wildnis leben.

Dort bereitet sich sein Geist für die Mission vor, und wenn er aufgehört hat, Mensch zu sein, so zieht er aus und thut, was auf Erden seines Amtes ist.

Ich will auch aufhören Mensch zu sein; ich will den Menschen in mir in den Abgrund werfen; ich will mir ein Amt auf Erden erwählen und will dieses Amt erfüllen.

Franziskus lebte in der Wildnis, bis er nur noch Geist war, bis sein Leib mit dem heiligen Stigma gesegnet ward, bis er einen großen Heiligen aus sich gemacht hatte. Sobald er an sich selbst glaubte, glaubte auch die Welt an ihn.

Ich will an mich glauben.

Inwiefern?

Daß ich zu großen Dingen ausersehen worden, und daß ich diese großen Dinge erfüllen werde.

Zum Heil des jüdischen Volkes.

Inwiefern dem jüdischen Volk zum Heil?

Es losbitten von seinen Sünden kann ich nicht, es zu erlösen von seiner Verdammnis vermag ich nicht, ihm zu ewigen Gütern zu verhelfen, liegt nicht in meiner Macht. Was also kann mein Geist vollbringen für das jüdische Volk?

*

Da habe ich heute am Rande des Abgrunds dem Kampf zweier Bestien zugeschaut. Es waren zwei Bergfüchse, die sich gepackt hielten und in solche Wut gerieten, daß sie sich völlig ineinander verbissen und sich lebendigen Leibes zerfleischten. Ich hätte sie wohl von einander scheuchen können, aber ich blieb und schaute ihnen zu; ja, es ergötzte mich, daß sie sich so mörderisch in den Zähnen hatten. Vor Wut ganz blind und toll, kamen sie dem Absturz zu nahe und fielen beide hinunter. Da mußte ich lachen.

*

Unterdessen ist der Winter vorbei. Es ist Frühling geworden, und einige einsame Blumen blühen sogar hier in der Oede. Ich empfinde jedoch an ihnen weniger Freude als an meiner treuen Gefährtin, der Schlange, die von mir nicht weichen will und gar zutraulich geworden, obgleich sie eine Natter und giftig ist. Es gibt jetzt viele Vögel und allerlei Getier in der Wildnis, und ich gewahre, wie die Arten miteinander im Kriege leben, wie sie sich gegenseitig zerstören und vernichten. Es muß das in der Weltordnung so begründet sein, die nicht voller Liebe ist, sondern voller Haß.

Ich will doch verzeichnen, daß ich wieder begonnen habe, zu beten und mich zu kasteien. Das that ich, als ich merkte, wie ich in dieser Frühlingszeit von neuem anfing, menschlich zu werden, von neuem Sehnsucht und Verlangen zu empfinden. Einmal weinte ich. Das darf nicht wieder geschehen. In Sankt Franziski Leben lese ich fleißig.

*

Kürzlich sandte mir Abt Evaristus durch den Bruder außer meinem Laib Brotes und meinem Krug Wassers noch einen Kuchen aus Weizenmehl und ein Krüglein voll Wein. Ich aber nahm beides und warf es vor den Augen des Bruders in den Abgrund. Der Mönch schnitt ein Gesicht, als sähe er mich meine Vernunft fortwerfen.

Uebrigens thut er jedesmal nach wie vor seine drei Fragen, auf die ich ihm jetzt gar keine Antwort mehr gebe. Ich erkenne aber des Mannes Gedanken, als ob ich in seiner Seele läse. Er denkt bei sich: »Du bist aber einer! Warum heuchelst Du nicht? Siehe, wir machen es Dir so bequem. Du brauchst nur zu lügen, und wir thun, als glaubten wir Dir. Nur die Wahrheit vertragen wir nicht.«

Aber ich merke doch, daß trotz meiner Verstocktheit der Bruder mich für einen hält, der es noch bis zum Heiligen bringen kann.

*

Weil ich das ewige Schweigen nicht mehr ertrage, so rede ich mit mir selbst oder mit meiner Gefährtin, der Schlange, oder mit den Vögeln, oder mit dem Gestein. Zuweilen ist mir, als ob Schlange, Vögel und Gestein mich verstünden und mir andächtig zuhörten. Alsdann predige ich ihnen.

Es kommt vor, daß ich mich in die Oede hinausstelle und laut schreie, tobe, heule. Das thut mir wohl. Oder ich erklimme den Gipfel und rufe: »Ich bin Dahiel, der Konvertit, Dahiel, der Konvertit, der Konvertit!«

Und ich freue mich, wenn das Echo den Schandnamen widerhallt.

Seit einiger Zeit habe ich bei Tag und bei Nacht Erscheinungen und erblicke ? ? Doch darüber muß ich stumm bleiben. Es scheint aber, als ob der Herr mich festhielte und nicht von mir lassen wollte, so gern ich ihm auch entfliehen möchte. Oder hat eine andere Gewalt Macht über mich gewonnen? Nun, wenn sie mich nur dahin leitet, wohin ich gelangen will.

Viele meiner Gedanken unterlasse ich aufzuzeichnen. Ich scheue mich, ihnen Ausdruck zu geben; es thut nicht gut, so nackt und bloß dazustehen, sähen uns auch nur die eigenen Augen. Ich muß lernen zu schweigen.

*

O Welt! O Welt!

Es kommen jetzt häufig Hirten zu meiner Höhle, bringen mir Milch, Käse und Ricotto, wollen, daß ich ihnen predige, und bitten mich, sie zu segnen. Diese armseligen, wilden Menschen halten mich für einen heiligen Einsiedel und erweisen mir hohe Verehrung.

Ich gerate jedesmal in großen Zorn, weigere mich, ihre Bitten zu erfüllen, werfe die Speisen in den Abgrund, bedeute ihnen, daß ich ein gänzlich unheiliger Mensch sei, und jage sie von dannen. Aber sie glauben mir nicht, sondern bestärken sich nur in ihrem Wahn, kommen immer wieder, umlagern mich förmlich, flehen mich um meinen Segen an, als ob ich ein Wunderthäter sei. Da floh ich und hielt mich vor ihnen verborgen; aber schließlich habe ich mich ergeben müssen. Sie kommen auch zu mir mit allerlei Gebresten behaftet, die ich heilen soll.

Diese Ereignisse hat Abt Evaristus erfahren, und der Herr kam selbst zu mir heraufgestiegen.

Ich merkte wohl, daß er sich vor meinem Anblick entsetzte. Auch mag ich übel genug aussehen. Meine Kutte ist zerrissen, und man schaut durch die Fetzen meines Gewandes das nackte Fleisch, das dem Körper eines Greises anzugehören scheint. An Haupt und Wangen ist das Haar gewachsen, als hätte ich ein halbes Jahrhundert hier oben verbracht; mein Leib starrt vor Schmutz, und wenn ich mit meinen zitternden Knochenhänden über mein Gesicht fahre, so ist mirs, als ob ich einen Totenschädel betaste.

Abt Evaristus sprach zu mir:

»Wiederum kommt ein großes Aergernis von Dir; denn wie ich vernommen, gibst Du Dich dem thörichten Volk für einen Heiligen aus. Sie glauben an Dich, und auch daß Du Wunder verrichtest.«

Ich erwiderte:

»Soll ich für ihren Aberglauben verantwortlich sein? Mich scheren sie nicht.«

»Dennoch besitzest Du große Gewalt über sie.«

»Davon weiß ich nichts. Ich rufe sie nicht, sie kommen.«

Der Hochwürdige schwieg. Dann nach einer Weile:

»Wie lange willst Du noch in Deiner Sünde beharren?«

»Ihr fragt mich mehr, als ich wissen kann.«

»So bist Du noch immer nicht bußfertig?«

»Ich bin immer noch Mensch.«

»Wie meinst Du das?«

»Solltet Ihr das nicht wissen?«

»Nein.«

»Kommt nach einem Jahre wieder und fragt mich: wenn ich es Euch auch dann nicht sagen kann, seht Ihr es vielleicht mit Euren eigenen Augen.«

Abt Evaristus seufzte tief und schmerzlich auf, warf sich am Abgrund beim Kreuz nieder und betete mit lauter Stimme für mich. Als er so dicht vor mir kniete, hätte ich mich gern auf ihn geworfen. Es hätte nur eines Ruckes bedurft ? ?

*

Jetzt bin ich länger als ein Jahr hier oben. Ich merke es an den Gluten der Sonne; es muß Hochsommer sein. Der Himmel gleicht einem weißglühenden Gewölbe, dem die Sonne wie ein gewaltiger Rubin eingefügt ist. Vom Gebirge habe ich seit vielen Wochen nichts gesehen, die Erde scheint ein Feuerherd zu sein und zu dampfen. Die Luft atmet sich ein wie Qualm.

In meinem Loche ist es kühl; aber ich will mich kasteien. Und so krieche ich denn jeden Morgen hervor und bette mich auf das glühende Gestein, mitten in die Sonne und lasse mir von ihren Strahlen das Gehirn versengen. Oft verliere ich darüber das Bewußtsein, und längst würde es mich getötet haben, wäre mein Leib noch von menschlicher Art. Zuweilen faßt mich bestialische Wut. Ich springe auf, brülle gleich einem Vieh, zerfleische mich in blutiger Gier, hüpfe und springe wie im Veitstanz, so lange, bis ich niederstürze.

Dann kommen Geister zu mir, kauern sich neben mich und raunen mir zu ? ?

*

Ich kann nichts mehr aufzeichnen.

*

Es ist wieder Winter, ich liege in meiner Höhle, die Schlange ist bei mir.

*

Heute fiel es mir ein:

Papst Anaklet II. war eines Juden Enkel.

Papst Anaklet II. war einer der schlimmsten Feinde Israels.

Und er besaß doch die Macht, das Volk der Verdammten auf Erden und im Himmel zu erlösen, dem Volk der Verdammten auf Erden Gutes zu thun und ? was mehr ist! ? das Volk der Verdammten im Leben hoch zu erheben.

Und das ist das Erhabene der katholischen Kirche daß eines Mörders und eines Bettlers Sohn, daß selbst der Enkel eines Juden Papst und Statthalter Christi werden kann. Wie, wenn es nochmals geschehen würde? Ein Konvertit wird Papst und dieser Papst ?

Juble, Israel, juble und jauchze!

Hosianna! Hosianna!

Dich erlösen zu können durch irdische Macht ?

Wie wird mir!

*

Dieses sind die letzten Worte, die ich in meinem Grabe niederschreibe:

Zwei volle Jahre habe ich hier droben zugebracht. Morgen kommen sie: der Abt Evaristus, alle Brüder und viel Volks und führen mich vom Berg hinab ins Kloster zurück. Ich habe meine Sünde erkannt und bereut: ich widerrufe, ich demütige mich, ich unterwerfe mich.

Das Volk hält mich für einen Heiligen.

Ich werde Großes vollbringen: denn ich will es.

.

II.

Von nun an wird in der Geschichte Dahiels, des Konvertiten, vielfach, wenn nicht hauptsächlich, der Herausgeber reden müssen. Denn die nun folgenden Aufzeichnungen des Mönchs genügen nicht, um an ihrer Hand allein die Erzählung weiter zu führen. Häufig weisen sie große Lücken auf und sie sind oft nur fragmentarischer Art; anderes wiederum scheint vernichtet worden zu sein, manches ist überhaupt nicht mitteilbar.

Auch kann diesen Bekenntnissen nicht mehr voller Glauben geschenkt werden; nur wo dieselben Ereignisse erzählen, sind sie noch zuverlässig. Als Beweis für die Wahrheit der folgenden Berichte mag die Klosterchronik gelten, die der Verfasser aus Rom sich zu verschaffen gewußt, mit der er die Aufzeichnungen des Mönchs und späteren Abtes sorgfältig verglichen, und die ihm bis zur Katastrophe einen zuverlässigen Führer abgibt.

Aber geradezu erschreckend ist es, zu beobachten, welchen Verlauf die Entwicklung jenes Mannes nimmt, der zuerst als ein schönes und reines Jünglingsbild vor uns gestanden. Die Wandlung, die mit dem Konvertiten vorgeht, vollzieht sich nicht in jenen zwei fürchterlichen Jahren, zugebracht in der Felsenhöhle der hohen Sabina ? sie beginnt erst während dieser Strafzeit, um sodann unaufhaltsam um sich zu greifen, bis der ganze Mensch verändert und verwandelt ist.

Schon bald nachdem er sich unterworfen, gleicht das Gesicht des Franziskanermönchs, welcher nach erlittener Strafe und gethaner Buße in einer Klause nahe dem Kloster lebt, kaum noch in einem Zuge dem Antlitz jenes unglücklichen, des höchsten Mitleids würdigen Jünglings, der sich wieder zu der Religion seiner Väter bekennt und mit der Leidenschaftlichkeit eines Märtyrers für seinen Glauben leidet. Aeußerlich durchaus ein Priester der katholischen Kirche, verläßt der Konvertit den Ort der Verdammnis, um fortan sein Inneres sorgfältig zu verhüllen, und das sogar vor sich selbst. Oft scheint die Maske das wahre Gesicht zu sein; ja, es sind schon sehr bald alle Anzeichen vorhanden, daß aus dieser Maske mit der Zeit des Mannes wahres Gesicht werden wird. Immer noch beinahe ein Jüngling ? denn aus dem Felsenkerker zurückkehrend, zählt er erst fünfundzwanzig Jahre ? lebt er als starrer Asket weiter, hart gegen andere wie gegen sich selbst, ein unerbittlicher, unbeugsamer Geist. Zuweilen nimmt er sein Tagebuch wieder auf. Aber es sind länger keine Bekenntnisse, denn es sind länger keine Wahrheiten mehr. Er hat ein Ziel im Auge, welchem er unaufhaltsam zuschreitet, jeden Weg einschlagend, der ihn dahinführt, kein Mittel scheuend, das ihn seinem Vorhaben näher bringt.

Wir sind Zeuge, wie der edle, milde, rein menschliche Geist des Juden in das unerbittliche Gemüt eines fanatischen Priesters der katholischen Kirche sich wandelt; wie er, der als Jüngling in überschwenglicher Liebe die Menschheit, die ganze Menschheit, an sein Herz drücken wollte, dahin gelangt, die Menschheit ? die ganze Menschheit zu hassen; Zeuge sind wir, wie der Mann, der, um dem jüdischen Volk zu irdischer Macht und Glückseligkeit zu verhelfen, sich selbst dazu bringt, allen seinen Idealen treulos zu werden. Unaufhaltsam sehen wir ihn vorwärts schreiten, gegen jede Regung, die seinem Zweck nicht zu gute kommt, sich versteinernd. Er heuchelt und lügt, er begeht Verbrechen und Unthaten, er wird zum Meineidigen und Mörder. Und kaum hat er das alles vollbracht, kaum hat er die erste Stufe erklommen, kaum hält er die Macht in seiner Hand, als es sich enthüllt, daß er selbst in seinen innersten Regungen nicht mehr Dahiel, der Jude, ist, sondern daß ? allmälich, unmerklich, aber mit entsetzlicher Konsequenz ? aus Angelikus, dem Mönch und Priester, der Abt Theodorus geworden ist: ein wilder, wütender Fanatiker, der diejenigen haßt, verfolgt und vernichtet, für welche er sein ganzes Leben zum Opfer gebracht, für welche er sich einst mit Wonne zwanzigfach hätte kreuzigen und steinigen lassen.

Teils aus den vorgefundenen Aufzeichnungen des Konvertiten ? so weit ich dieselben benützen konnte und durfte ? teils aus der Klosterchronik und aus den Mitteilungen jenes letzten Mönches habe ich nun das Material gesammelt, welches mich in den Stand setzt, Fortsetzung und Schluß aus dem Leben des Helden dieser Ghetto- und Klostergeschichte so zu erzählen, daß ich hoffen darf, kein Begebnis zu fälschen. Wo es irgend angeht, werde ich fortfahren, an Stelle der Erzählung die Biographie zu setzen.

Ich nehme die Geschichte da wieder auf, wo sie bei den zuletzt mitgeteilten Bekenntnissen abbrach: Abt Evaristus hat von der Reue und der Unterwerfung des Bruders Angelikus Kunde erhalten und ersteigt mit der gesamten Bruderschaft den Berg, um den Büßer in das Kloster zurückzuführen ...

*

Die Prozession, welche an einem Septemberabend die braune Felsenöde durchzog, gestaltete sich zu einem vollständigen Triumphzug für die siegreiche Kirche. Das Kloster entfaltete seinen ganzen Pomp, um die Rückkehr des reuigen Sünders zu einer erhebenden Feier zu machen. Mit allen Bannern, Kirchenfahnen, Heiligenbildern, Prachtgeräten und sonstigen geweihten Schaustücken holte die Bruderschaft den Wiederkehrenden ein. Der hochwürdige Evaristus hatte den großen Abtsornat angelegt, am Eingange der Schlucht war aus Steineichenzweigen und blühendem Ginster eine Triumphpforte errichtet, und der Weg bis zum Kloster dicht mit Myrten bestreut worden. Von Arsoli, Subiaco und Olevano her kam das Landvolk zusammengeströmt, der frommen Feier beizuwohnen; ja, viele waren mit den Mönchen den Berg hinaufgezogen.

Droben holte der Abt in eigener Person den Büßer aus der Höhle. Als dieser hervortrat: mit verwildertem Haar, fahlem Antlitz, eingesunkenen Wangen und Augen; in Lumpen gehüllt, mit Unrat bedeckt, das Gespenst eines Menschen ? als die Menge den Mönch erblickte, bemächtigte sich ihrer eine ungeheure Erregung. Die Weiber brachen in Thränen und wilde Lamentationen aus, und die Hirten, welche den Büßer als Heiligen verehrten, drängten ungestüm zu ihm, um sein zerfetztes Gewand zu küssen und sich von ihm segnen zu lassen ? was der Mönch indessen nicht that. Viele der Weiber knieten nieder.

Nun holten die Brüder das Bild des heiligen Franziskus, welches das Wunder der Bekehrung vollbracht hatte, aus der Grotte, zeigten es dem Volk und ordneten sich damit zum Zuge. Kerzen tragende Mönche umgaben das Bildnis des Heiligen, der Weihrauchkessel ward geschwenkt, so daß die Gestalt Sankt Franziskus von Glorie umstrahlt in einem dichten Dunstgewölk dem Volke erschien. Dahinter, an der Seite des Abts, schritt der Bruder Angelikus in solcher Schwäche und Ermattung aller Lebensgeister, daß er von zwei Brüdern geleitet werden mußte.

Unter fortwährenden Bußgesängen, die das Volk mit dumpfem Chorus begleitete, erreichte die Prozession die Schlucht, wo die Glocken des Klosters den Zug begrüßten. Vor der Triumphpforte mußte Halt gemacht werden: der büßende Mönch hatte das Bewußtsein verloren. Man flößte ihm Wein ein, doch dauerte es eine Weile, bis er sich wieder genugsam erholt hatte, um weiterschreiten zu können. Allen erregte sein Anblick Mitleid und Bewunderung, und keiner in der Menge dachte daran, daß er ein Gotteslästerer, Uebelthäter und großer Sünder gewesen, sondern es hielten ihn alle für einen überaus frommen, der höchsten Verehrung würdigen Mann und zukünftigen Heiligen.

Der erste Akt öffentlicher Pönitenz, welchen der Büßer zu vollziehen hatte, sollte vor dem Eingang der Klosterkirche stattfinden; doch ehe es so weit kam, ereignete sich ein Vorfall, der, obgleich an sich unbedeutend, die Aufmerksamkeit der Menge in hohem Grade auf sich zog.

Unter dem Volk, das sich in nächster Nähe der Kirche zusammengeschart hatte, befand sich ein junges, überaus schönes Weib, mit herrlichem, goldig glänzendem Haar, in der Tracht einer wohlhabenden Bürgerin. Als diese Frau des Büßers ansichtig wurde, drängte sie sich in heftiger Erregung vor, so daß sie hart neben die Thür zu stehen kam, durch welche der Mönch eintreten mußte.

Angelikus schritt mühsam dahin, ohne seine Blicke vom Boden zu erheben. Bereits waren die Brüder mit dem Bildnis des Heiligen in die Kirche gezogen und hatten sich drinnen, jeder mit seiner Kerze, in einem dichten Halbkreis um die Thür aufgestellt, so daß ein feuriger Kranz entstand, in dessen Mitte der Abt Platz nahm. Nun verstummte der Gesang. Auch das Glockengeläut hörte auf, und es entstand eine tiefe Stille, in welcher der Büßer seine Stimme erhob, die einen hohlen und heiseren Klang hatte. Er sprach das: »Und ich unterwerfe mich!« Dreimal sprach er es. Dann sollte er niederfallen, wobei er mit seinem Gesicht hart auf die steinernen Schwellen aufschlagen mußte. Aber ehe das geschah, sank vor ihm jenes Weib auf die Steine, in ihrem Schoß sein Haupt auffangend. Sogleich sprangen die Mönche herzu, die Frau von dem Büßer wegzureißen; doch dieser lag so schwer in des Weibes Schoß, daß er von seinen Genossen in die Höhe gezogen werden mußte. Nun standen sich die fremde Frau und der heilige Mönch an der Kirchenthür einander gegenüber, blickten sich an, und alles Volk schaute auf die beiden.

Da trat Abt Evaristus hervor und fragte den Mönch mit lauter Stimme:

»Kennst Du diese?«

Immerfort mit seinen eingesunkenen, brennenden Augen das schöne Weib anstarrend, hörte der Mönch gar nicht des Abtes Worte, so daß dieser noch einmal fragen mußte:

»Kennst Du diese?«

Da fuhr der Befragte mit einer Geberde, als ob er ersticken müßte, nach seinem Hals und stieß dann hervor:

»Ich kenne sie nicht.«

Darauf wendete der Abt sich zu dem Weibe:

»Kennt Ihr diesen Mönch?«

Unverwandt den Mönch anblickend, sagte auch das Weib:

»Ich kenne ihn nicht.«

Zürnend wies der Abt sie fort. Sie wich unter das Volk zurück, ohne ihre Augen von dem gottseligen Büßer zu lassen, bis er mit dem übrigen Teil der Prozession in der Kirche verschwunden war. Das Volk drängte nach; nur jenes wunderschöne Weib betrat die Kirche nicht.

Drinnen vollzog sich die heilige Handlung ohne weitere Störung. Der Büßende legte vor allem Volk ein umfassendes Bekenntnis seiner Schuld ab, zeihte sich des Verbrechens gegen Gott und die Kirche, widerrief seine Frevel, bat den Himmel und die Heiligen, den Abt und alle Brüder um Vergebung. Darauf wurde er, nach von neuem beschworenem Gelübde, von neuem in den Schoß der christlichen Kirche und in den Orden von Sankt Franziskus aufgenommen. Nach dieser Feierlichkeit celebrirte der Abt eine Messe und erteilte dem Volk den Segen; dann führten sie den Bruder Angelikus in das Kloster und in seine Zelle. Ein Bad wurde ihm bereitet, er reinigte sich, ließ sich den Bart abnehmen und das Haupt scheren, that eine neue Kutte an und genoß etwas Trank und Speise, worauf er wiederum in große Schwäche verfiel. Die Ereignisse dieses Tages zeichnete Abt Evaristus selbst in die Chronik des Klosters ein, nicht ohne daran eine stolze Betrachtung über die Macht und die Herrlichkeit des christlichen Glaubens zu knüpfen. Des weiteren spricht er sich mit starkem Unwillen über das Volk aus, das in dem durch die Gewalt der Kirche bekehrten Sünder sogleich einen Heiligen erblicke, nur weil der Mann eher wie eine Bestie ausgeschaut, als wie ein Ebenbild Gottes. Auch jenes schönen und mitleidigen Weibes that der Abt mit einem scharfen Worte Erwähnung.

Angelikus schrieb von diesem Tage:

»Wer gedemütigt wird, der wird erhöhet werden.

Voller Demut war ich und voller Hoffnung bin ich, wie das Volk voller Glauben ist. Hätte ich heute zu ihm gesprochen: ?Volk, ich kann Wunder thun,? so würde das Volk mir erwidert haben: ?Ja, Herr!? Die Sehnsucht des Volkes nach Mirakeln ist unendlich und unsterblich, so daß, wenn es keine Götter und Heiligen gäbe, das Volk sich solche schaffen würde.

Ich bin matt, aber ich bin sehr glücklich; denn ich erkenne den Weg, der vor mir liegt und fürchte nichts, was mich darin aufhalten könnte. Es müßte denn mein eigenes Menschentum sein. Aber daß dieses nicht wieder in aller seiner Schwäche sich regt, dafür soll gesorgt werden.

Das war auch ein Sieg; nämlich, daß ich jenes Weib verleugnen konnte. Göttliches Mitleid trieb sie, sich mir in den Weg zu werfen und mein Haupt in ihren Schoß zu betten; von solchem Mitleid war einstmals meine Seele für sie erfüllt. Es ist gut, daß auch dieses überwunden. Mitleid empfinden heißt fühlen, und fühlen heißt Mensch sein.

Und sie erwiderte dem Abt:

?Ich kenne ihn nicht.? Wie sie mich dabei anschaute! Es muß an ihrer Seele gerissen haben, ihr Herz muß gezuckt haben, als sie that, was ich gethan.

Mein Haupt ruhte in ihrem Schoß wie ein Kind am Herzen der Mutter; meine starren Glieder erschauerten in Lebenswärme, und ich empfand das Leben ihres Leibes. Als ich sie dann anblickte, gewahrte ich, daß sie noch schöner geworden.

Ich trage ihr Haar immer noch bei mir. Das ist vom Uebel.«

*

Angelikus setzte im Kloster seine asketische Lebensweise fort; in allem streng nach den Regeln des heiligen Franziskus sich richtend, welche auch in diesem Hause des Heiligen vielfach gemildert oder gar gelockert worden waren. Er fastete auch an den Tagen, wo den Mönchen andere Nahrung als Fastenspeise gestattet war, er trug eine abgetragene Kutte, deren Risse er notdürftig mit Fetzen alten Linnens flickte, unterzog sich freiwillig jeder Art von härtester Pönitenz und erwirkte sich die Erlaubnis, außerhalb des Klosters, an einer besonders wilden und unheimlichen Stelle der Schlucht, aus Steinen und Stangen eine Hütte zu errichten und in derselben zu hausen. Denn ? darauf gründete er sein Gesuch an den Abt ? der Heilige hatte den Jüngern seines Ordens streng untersagt, ein festes, gemauertes Haus zu besitzen.

So unlieb es dem Abte war, mußte er sich dennoch entschließen, dem ungestümen Drängen des Eifrigen nachzugeben und die Genehmigung zur Errichtung der Einsiedelei zu erteilen. Die Brüder murrten laut dawider und mußten von ihrem Oberen eindringlich ermahnt werden, dem frommen Vorhaben ihres Genossen auch nicht in Gedanken entgegen zu sein. Uebrigens zeigte sich Angelikus gegen die Brüder so voller Ehrerbietung, Gefügigkeit und Demut, daß diese ihm nach und nach geneigter wurden. Schließlich mochten sie denken: »Wenn dieser getaufte Jude und bekehrte Gotteslästerer durchaus ein Heiliger werden will, was geht es uns an? Schließlich kann es dem Kloster zu gute kommen.«

Der Platz, welchen Angelikus sich zum Bau der Hütte erwählt hatte, lag ganz am Ende der Schlucht, dort, wo sie mit himmelhohen, senkrecht abfallenden Felsen schloß. Den unteren Teil der Wände deckte niedriges Gestrüpp von Arbutus und Erika, darüber ragte nacktes, vielfach zerrissenes Gestein auf. Mittelst eines breiten Messers, wie solches die Landleute zum Ausholzen der Buschwälder zu benützen pflegen, bahnte sich Angelikus vom Kloster aus einen Pfad durch die Wildnis bis zu der Stelle, woselbst er seine Einsiedelei aufzubauen gedachte. Von diesem Platz aus sah er zu dem Hause des Heiligen hinüber, das wie ein riesiger Felsblock die Schlucht schloß. Niemals fiel ein Strahl der Sonne auf die trostlose Stätte.

Der Bau selbst war in wenigen Tagen vollendet. Zuerst schleppte Angelikus die Felssteine herbei, dann schichtete er sie auf, so einen Raum herstellend von der Größe seiner Klosterzelle, gerade hoch genug, um darin aufrecht stehen zu können. Als die vier Mauern errichtet waren ? mit einer einzigen Oeffnung, die als Thür und als Fenster zugleich diente ? verstopfte er die Fugen dürftig mit Erikakraut und baute dann das Dach aus Arbutusstangen, die mit Zweigen durchflochten und mit Felsstücken beschwert wurden. Als Lager schüttete er eine Streu von trockenen Blättern auf, ein Stein vertrat die Stelle des Brettes, darauf er des Nachts sein Haupt ruhen ließ. Nachdem er das alles gefertigt, bat er den Abt, die Hütte zu weihen, was dieser mit vieler Feierlichkeit that.

Angelikus lebte wie ein Einsiedler in der Wüste. Anfänglich beteiligte er sich noch an den gemeinsamen Mahlzeiten und Andachten im Kloster; jedoch mit dem Wachsen seiner Askese ? mit dem Wachsen seines Ruhmes als zukünftiger Heiliger ? befreite er sich mehr und mehr von dem Zwange des Klosterlebens, sein Dasein streng nach den Ordensregeln für sich führend. Ein Knabe, der in der Schlucht die Ziegenherde des Klosters hütete, versorgte ihn mit Nahrung, und ein dienender Bruder brachte ihm häufig von den Schätzen der Klosterbibliothek; denn der junge Anachoret hatte beschlossen, ein gewaltiger Weiser und großer Gelehrter zu werden. Jede Stunde, die er nicht in Gebet und Buße zubrachte, verwandte er zum Studium der großen Kirchenväter. Tagsüber verließ er seine Einsiedelei niemals, gönnte sich immer weniger Schlaf und durchwachte die Nächte bei einer Oelleuchte über mächtigen Folianten und vergilbten Manuskripten. Fühlte er, daß Müdigkeit ihn zu übermannen drohte, entblößte er den Rücken und geißelte sich, bis auf eine völlige Erschöpfung aller Kräfte die Ekstase folgte. Bisweilen verließ er nachts die Hütte und durchirrte mit nackten Füßen stundenlang die Wildnis, sinnlose Worte vor sich hinmurmelnd, oder gleich einem Wahnsinnigen aufschreiend. Diese nächtlichen Wanderungen dehnte er häufig bis zu dem Bergesgipfel aus, wo sich jene Höhle der Verdammnis befand; es haben Hirten ihn dort gesehen, im Morgengrauen unter tollen Geberden und schrecklichem Gestöhn längs des Abgrundes hin und her laufen. Oder die Erschrockenen gewahrten den heiligen Mann, auf dem Gipfel stehend und laut mit dem Versucher redend, der ihm die Welt zu geben versprach, wenn er sich niederwarf und anbetete. Voller Entsetzen flohen die Leute, überall erzählend, was sie geschaut, und wie der Geist den frommen Einsiedel antreibe, mit dem Teufel zu ringen.

Im Kloster war man von allem, was der freiwillige Büßer trieb, genau unterrichtet. Abt Evaristus trug sich mit schweren Bedenken und entschloß sich schließlich, darüber nach Rom zu berichten. Die Antwort lautete: den Bruder Angelikus, so lange er mit seinem Anachoretentum keinen Mißbrauch treibe und sonst kein öffentliches Aergernis gebe, ruhig gewähren zu lassen. »Denn es kann nichts schaden, wenn das Volk wahrnimmt, wie der Geist Sankt Franziski immer noch lebendig ist, fortfährt zu wirken, und, wie der Himmel, jederzeit im stande ist, Wunder zu thun.«

Sowohl seine Bedenken als die aus Rom erhaltene Weisung zeichnete Abt Evaristus in die Chronik ein, dabei jeder Reflexion sich enthaltend. Von dem dienenden Bruder, der ihm die Bücher brachte, vernahm Angelikus von dem Schreiben des Abtes nach Rom; unter den Fragmenten seiner Bekenntnisse befindet sich aus jener Zeit folgende Stelle:

»... Einer, der mächtig ist, haßt mich. Ich bin ihm ein Aergernis, welches er gern aus seinen Augen entfernen möchte. Aber siehe: was eine Quelle gewesen, ist zum Bächlein geworden. Und wird das Bächlein schwellen zum Bach, der Bach wachsen zum Strom, und dieser mit reißenden Wogen hinfluten über das Land.

Ich bin indessen nichts als ein demütiger Mönch, der Gott in der Einsamkeit sucht, und der des Herrn Macht in der Wildnis den Steinen predigen möchte. Denn wunderbar ist die Erkenntnis, die ich jeden Tag, jeden Augenblick aus der Größe Gottes schöpfe, die ein ewiger Brunnen ist.

Auch dessen gedenke ich:

Der Gott, welcher das Volk der Juden ? es sei verdammt! ? durch die Wüste führte, und welcher Moses auf dem Berge in Feuerflammen erschien, ? es ist dieser Gott ein Gott des Grimmes, und kommt auch die Rache von Gott.

Sollte der, welcher mich haßt, sterben, so kenne ich einen, der des Toten Amt übernehmen wird. Das ist nur eine Stufe, aber es ist die Stufe zu einem Thron. Ich muß wachsen. Der Herr gebietet es mir. Es ist der Wille des Herrn, seinen Knecht zu erheben. Wenn es der Wille des Herrn ist, wird der Herr den, welcher mich haßt, zu sich rufen und mich an dessen Stelle setzen, damit ich dereinst verwalte auf Erden das göttliche Rächeramt.

Schwer und schwerer wird mirs, den Anblick der Menschen zu ertragen; derselbe reißt an meinem Herzen und zerrt an meiner Seele. Aber ich muß mich überwinden und muß es um mich sehen, dieses Geschlecht, das ich nicht mehr liebe. Ich will unter die Menschen gehen, auf die Berge zu den Hirten und in die Dörfer, wenn sie ihre Feste feiern, und wenn der Geist mich treibt, will ich zu ihnen reden, was der Geist mir eingibt.

Da ist der Hirtenknabe, der mir meine Speise zuträgt. Es ist ein fröhlicher Bursch. Oft, wenn er seine Herde weidete, hörte ich ihn singen. Des Knaben Gesang störte mich in meinen Meditationen und Studien heiliger Werke; und ich habe ihm sein Singen verboten. Nun ist es still um mich. Ich vernehme keinen andern Ton als das Geläut der Klosterglocken, das Brausen des Sturmes, das Prasseln des Regens, das Gepolter abstürzenden Gesteins und den Schrei eines Raubvogels. Das sind mir gerade die rechten Stimmen. Aber der Knabe, seitdem er nicht mehr singen darf, hat einen traurigen Blick.

Was thut das! Das Leben ist nicht dazu da, fröhlich zu sein; und um meine Nächsten glücklich zu machen, bin ich nicht Priester geworden.

Als ich das letztemal auf dem Gipfel und in der Höhle war, wem bin ich da begegnet? Meiner treuen Gefährtin, der Schlange. Ich fing sie und sie biß mich. Mein Arm schwoll hoch auf. Ich saugte mir indessen eiligst das giftige Blut aus und verspüre jetzt nur noch etwas Steifheit und bisweilen einige Schmerzen in dem gebissenen Glied. Die Natter nahm ich mit und sperrte sie in ein Gefäß und füttere sie nun; doch hört sie nicht auf, gegen mich zu zischen und zu züngeln.

Ich liebe sie trotzdem.«

.

III.

In Subiaco fand die große Prozession zu Ehren des Corpus Domini statt, ein Fest, welches an keinem andern sabinischen Ort mit solchem Prunk gefeiert ward: liegen doch in nächster Nähe Subiacos die beiden größesten und mächtigsten Heiligtümer des Kirchenstaates: die Klöster Sankt Benedikts, deren Ruhm sogar den Glanz des Hauses von Sankt Franziskus in Assisi überstrahlt.

Für die Gemüter des Volkes geradezu überwältigend war der endlos erscheinende Festzug. Derselbe entwickelte sich aus den unterirdischen Gewölben der Kirchen und Kapellen des Klosters zur heiligen Höhle. Dem Volk, das sich an dem Abgrund, an welchem auch dieses Kloster schwebt, versammelt hatte, war es, als öffnete sich der Fels, um die Schar der Mönche, die Menge der Heiligtümer, die Fülle der Blumen, des Goldes und der Edelsteine, das Lichtmeer der Kerzen und die Weihrauchwolken aus seinen dunklen Schlünden hinaus in den Glanz des Tages strömen zu lassen. Die steile Felsenstiege wälzte es sich hinab, durch den finstern Steineichenhain, den wilden Berg hernieder, die Schlucht entlang, bis zum zweiten Kloster, dessen Pforten aufsprangen, um unter dem Geläut der Glocken, dem Donner der Böller eine zweite, womöglich noch gewaltigere Welle von klösterlicher Pracht und Herrlichkeit zu entsenden. Zu einem einzigen Strome vereinigt, wogte es nun an den Ruinen der Villa des Nero vorüber, der grauen Stadt zu. Diese hatte sich mit Laub und Blumen geschmückt, die Gassen überspannten grüne Wölbungen, die öden Mauern waren mit bunten Teppichen bekleidet, das Innere aller Kirchen in Festsäle verwandelt, der ganze Ort wimmelnd von allerlei Volks. Jedes Weib, jede Jungfrau reich geschmückt; andächtig niedergesunken auch alle Männer, alle Kinder. Ein Brausen von Glockentönen. Dazwischen das Krachen der Geschütze, das Knattern der Gewehre, das Psalmiren der Mönche, das gellende Gnadegeschrei der Verzückten.

Darüber der Himmel gleich einer Decke aus Lapislazuli; ringsum das wilde Felsenland: Gipfel gedrängt an Gipfel, kahl und zur ewigen Wüste verdammt, aus den wahrhaft elysäischen Gefilden des Thals sich erhebend.

Aber es schien keine Feier des gestorbenen und von den Toten wiederauferstandenen Leibes Christi zu sein, sondern ein Fest der Jünger Sankt Benedikts.

Auch die Franziskaner des Klosters, dem Angelikus angehörte, waren gekommen; denn weil ihr Heiligtum in der Oede lag, also für keine ihnen zugehörige Ortschaft eine Corpus Domini-Prozession veranstalten konnte, war es üblich, daß sich die Bruderschaft an dem Feierzuge der Benediktiner beteiligte. Ihren stolzen Abt an der Spitze schritten die Mönche als die letzten des langen Zuges; ein jeder eine Kerze tragend, ein jeder das Haupt in Demut gesenkt, glichen sie einer Schar Ueberwundener, die den siegreichen Benediktinern als Vasallen und Knechte nachzogen. Den scharfen Augen des Abtes entging es nicht, daß sich das Volk bereits von den Knieen erhob, noch bevor die Franziskaner vorübergezogen.

Dennoch sollten die Franziskaner in der den Benediktinern unterwürfigen Stadt den Ruhm des großen Festtags ernten. Es trug sich, was einem Mirakel gleichkam, folgendermaßen zu:

Der Umzug durch die Stadt war gehalten worden, die Prozession hatte sich in die Kirche begeben, wo der Abt von Santo Speco die Messe celebrirte. In derselben Ordnung, wie sie gekommen, verließ die Bruderschaft den Dom.

Plötzlich ergriff eine lebhafte Unruhe das Volk. Wer kniete, der erhob sich. Ein heftiges Drängen entstand: der Zug der Benediktiner geriet in Verwirrung und wurde zum Stillstand genötigt. Hallendes Geschrei übertönte das Glockengeläute, die wilden Stimmen schwollen lauter und lauter an, kamen näher und näher. Die Prozession löste sich auf.

Mehr noch als die Benediktiner nahmen die Franziskaner ein Aergernis an der Sache; da hörten sie plötzlich von einem Chorus von Weibern den verzückten Ruf angestimmt:

»Evviva San Franzisko!«

Die Franziskaner blickten sich betroffen an; unwillkürlich erhoben sie die Häupter, der Ausdruck ihrer Gesichter veränderte sich plötzlich. Die kleine Schar der Jünger des großen Heiligen von Assisi schien auf einmal gewachsen zu sein; nicht mehr voll tiefer Demut standen sie da und ihr Abt konnte wieder seine stolze Miene zeigen.

Was war geschehen?

Da sahen die Leute ein seltsames Schauspiel ? ? An der Spitze eines Haufens Landvolks, umdrängt von Hirten und braunen Weibern, die sich wie heidnische Mänaden geberdeten, erblickten die Franziskaner einen der Ihren. Wie ein Sieger schritt er einher, das wachsbleiche Antlitz gleichsam durchleuchtet von einem innern Feuer, die Augen in fanatischer Begeisterung glühend, mit dem Ausdruck einer gewaltigen Empfindung, welche die Gestalt des armseligen Mönches zu einer beinahe großartigen Erscheinung machte.

Angelikus!

Das Volk, das ihm folgte, schrie:

»Seht den Heiligen! ? Hört den Heiligen! ? Laßt euch von dem Heiligen predigen! ? Thut Buße, denn das Gericht ist nahe! ? Es lebe die Madonna! Es lebe San Franzisko! Es lebe der heilige Mönch!«

Der Tumult wuchs. Die Benediktiner wollten das Volk zur Ruhe weisen, wollten dem Verzückten das Reden verbieten. Als jedoch die Franziskaner das gewahrten, sammelten sie sich unter Anführung des Abtes um ihren bedrohten Genossen. Auch das Volk ergriff sofort Partei. Plötzlich verbreitete sich das Gerücht: der Franziskaner habe ein Wunder gethan und einen Kranken geheilt. Derer, die an den neuen Heiligen glaubten, wurden mehr und mehr, die Partei der Benediktiner schmolz zusehends, so daß diese es für das beste hielt, vorderhand das Feld zu räumen.

Angelikus begann zu reden. Sogleich trat tiefe Stille ein. Auf den Stufen eines altertümlichen Marienheiligtums stehend, predigte der Franziskaner:

»Ich sage euch, die Zeit der Buße ist gekommen, denn gekommen ist die Zeit der Vergeltung.

»Blickt hin! Seht« ? und er deutete auf die Prozession der Benediktiner ? »seht, wie sie prunken mit Gottes Wort, wie sie Gottes Wort in Gold und Kleinodien hüllen. Wißt ihr, von wannen diese Schätze ihnen kommen? Von dir, o christliches Volk! Von deinen Seufzern, deinen Thränen, deiner Arbeit, deiner Armut. Wehe! Das Gold erstickt das Wort Gottes, die Kleinodien würgen den göttlichen Geist, die Reichtümer der christlichen Kirche morden die Liebe zum Herrn.

»Und darum predige ich euch: Thut Buße! Und darum verkündige ich euch: Die Vergeltung wird kommen, auch über euch, die ihr euch von der goldenen Herrlichkeit, welche von der Kirche Christi ausgeht, die Sinne blenden laßt, so daß ihr nur dann auf das Wort Gottes hört, wenn es vor euch stolzirt in seidenen Gewändern, eine Krone auf dem Haupt und ein Scepter in Händen.

»Ich will euch sagen, wie das Wort Gottes beschaffen sein muß, will es in Wahrheit vom Herrn kommen ? ? In Lumpen muß es wandeln über die Erde, die nackten Füße zerrissen von spitzigem Gestein und scharfen Dornen, der Leib ermattet von Hunger und Mangel, das Haupt gebeugt in Demut und Niedrigkeit. Thränen muß es im Auge haben, Seufzer auf den Lippen. Dienen muß es wollen, nicht herrschen; anbeten, nicht angebetet werden; Erbarmen üben, nicht um Erbarmen sich anflehen lassen.

»Die christliche Kirche, o christliches Volk, ist geworden wie Franz von Assisi gewesen, ehe er bekehrt und heilig ward: gleich einer Königin prunkt sie. Es muß aber die christliche Kirche werden, was Franziskus geworden, nachdem ihm die Erleuchtung gekommen. Da ging er hin, nahm seines reichen Vaters Geld und Gut und schenkte es den Armen; und als sein Vater ihn deswegen schalt, verließ er seines Vaters Haus, so nackt und bloß, wie er dereinst auf die Welt gekommen, und schenkte seine Kleider den Bedürftigen.

»Ich aber sage euch: die Kirche muß hingehen und nehmen ihres reichen Vaters Schätze und diese unter die Armen und Bedürftigen verteilen. Sie muß Purpur, Krone und Scepter von sich werfen, sich entkleiden ihres Glanzes und nackt und bloß ausziehen, um das wahre Evangelium zu verkünden, welches ist ein Evangelium der Armut und Demut. Was der Heilige von Assisi gethan, muß die Kirche Christi thun. Sonst wehe dir, du falsche Dienerin des Herrn!

»Darum demütige dich, du hoffärtige Kirche! Darum thue Buße, du zuchtlose Braut des Herrn, denn über deinem Haupt schwebt die Vergeltung.

»Und es wird kommen der Tag ? ?«

Aber hier wurde der Redner unterbrochen. Eine gellende Weiberstimme schrie:

»O Du Vermaledeiter! Da Du in Rom in der Kirche des heiligen Engels den Juden Bekehrung predigen solltest, lästertest Du die Christen; und nun stehst Du hier, der Du ein Jude gewesen, und lässest Dich anschreien: ?Heiliger!? Ein Scheinheiliger bist Du, ein Lügner und Heuchler!«

Das Volk fuhr in wildem Getümmel auf die Sprecherin los; einige Benediktiner erschienen plötzlich und fingen an zu predigen; die Franziskaner sahen bestürzt aus.

Abt Evaristus aber rief:

»Welches Weib hat einen unseres Ordens gelästert?«

Aber schon hatte das Weib sich zu dem Mönch hingedrängt.

Es war eine Jüdin, eine von denen, welche sich im Lande herumtreiben, dem Volk seine Träume deuten, die Zukunft prophezeien und heimlich allerlei Tränke, Salben und Heilmittel verkaufen. Diese war ein älteres Weib, armselig gekleidet, aber von hoher, stolzer Gestalt. Sie hatte sich ein großes buntes Tuch über das Haupt gelegt, so daß nur die Nächststehenden ihr Gesicht erkennen, und über die Spuren großartiger Schönheit darin erstaunen konnten. Dicht trat sie vor den Franziskaner hin, blitzte ihn mit ihren schwarzen, funkelnden Augen an und fragte mit lauter Stimme:

»Dahiel, Du Jude, kennst Du mich?«

Angelikus antwortete:

»Du bist Judäa, ein wüstes Weib.« Und zum Volke gewendet, rief er: »Dahiel, der Jude, war ich, aber Angelikus, der Christ, bin ich geworden. Ein Verstockter und Verblendeter war ich, ein Bußfertiger und Erleuchteter bin ich jetzt.« Und das Judenweib fest anblickend: »Du aber, Judäa, wenn Du nach Rom kommst, begib Dich in die Judenstadt und schreie auf den Gassen aus: Du habest in Subiaco Dahiel, den Konvertiten, dem christlichen Volke predigen hören, daß die Vergeltung kommen werde! Und schleiche Dich in das Haus meiner Eltern und sage denen, die mich gezeugt haben: Du hättest Angelikus, den Christen, gesehen als einen, auf dem eine große Sühne liegt.«

Und er wendete dem Weibe den Rücken.

In diesem Augenblick trat sein Abt zu ihm und rief:

»Und hast Du einstmals, wie dieses Weib aussagt, in einer christlichen Kirche die Christen gelästert, so bezeuge nun vor dem versammelten christlichen Volk Deinen gewandelten Sinn und sage vor allem Volk Deine Gedanken über die Juden, damit dieses Weib auch das im Ghetto verkündige.«

Angelikus stand und blickte den Abt an, daß dieser unwillkürlich zurückbebte, als würde nach seiner Brust ein Dolch gezückt. Aber dann senkte der Mönch die Augen und rief mit gewaltiger Stimme in das schweigende Volk hinein:

»Mein Abt gebietet und ich gehorche! Wie ich schon einmal von den Juden mich losgesagt, so thue ich es hier zum zweitenmale: verfluchend sie, deren Sohn ich war, und das ganze jüdische Volk!«

Dann, als ob nichts geschehen wäre, setzte er, bis zur Ekstase sich steigernd, seine Predigt fort. Die Augen des Volkes hingen an seinen Lippen, die Frauen brachen in Thränen und wilden Jammer aus, selbst die Männer fühlten sich von der Macht seiner Beredsamkeit fortgerissen. Die Franziskaner aber wurden stolz auf ihren Genossen, der ihrem Kloster an diesem Tage zu einem großen Siege verhalf.

Judäa jedoch, da sie den Abt erblickte, hatte heftig, wie in Scheu vor dem hochwürdigen Mann, ihr Gesicht wieder mit dem Tuche bedeckt und war alsbald in der Volksmenge verschwunden.

*

Aus den Bekenntnissen.

... Aber ich gewahrte wohl, wie der Abt gegen mich gesonnen war, da er das thörichte Volk mich anrufen hörte, und das Lobpreisen der Brüder vernahm. Gern hätte auch der Hochwürdige mich einen Scheinheiligen, Heuchler und Lügner gescholten, wie jenes jüdische Weib vor dem ganzen Volk gethan. Indessen aus Weisheit schwieg er; doch schwieg er weniger um dem Orden Sankt Franziski die Ehre zu geben, als vielmehr aus Mißgunst und Haß gegen die hochmütigen Jünger des heiligen Benedikts, die in den fürnehmsten und fettesten Klöstern des Landes sitzen, unermeßliches Gut zu eigen haben und die Franziskaner verächtlich behandeln; auch darauf sich zu gute thuend, daß ihr Heiliger um viele Jahrhunderte älter ist als der unsere. Deshalb gab sich Abt Evaristus die Miene, als glaubte er an meine Erleuchtung, und antwortete allen, die ihn darum befragten: »Es ist ein heiliger Geist, der aus dem jungen Menschen redet. Der Geist Sankt Franziski ist über diesen bekehrten Sünder gekommen.« Aber in seiner Seele gelobte er sich, es mir gedenken zu wollen.

»Und gedenken will ich es Dir ? ?

»Daß Du mich in dieses Felsengrab gelegt hast, wohin weder Sonne noch Mond schien, das habe ich Dir vergessen, ja, das habe ich Dir gedankt; denn das hat meinen Geist geweckt und mich mit wahrhaftiger Erleuchtung erfüllt, so daß ich nicht bin, was Du im Herzen mir ansinnst zu sein: ein Scheinheiliger, Heuchler und Lügner. Vergessen sei es Dir und gedankt. Aber gedenken will ich Dir und vergelten will ich Dir, daß Du mich vor allem Volke aufgerufen, meinem Volke zu fluchen vor einer meines Volks. Du wußtest wohl, was Du mir damit anthatest. Und weil Du mir das gethan, verdientest Du, daß auch Du in einen Schlund versänkest, tief wie der Abgrund, in den Du mich gestoßen, daraus es kein Auferstehen gibt. So möge Gott Dir gnädig sein.«

Um dem thörichten Volk und meinen mich überschwenglich lobenden Brüdern zu entgehen, entwich ich zu einer Kapelle, welche vor der Stadt gelegen ist, vorgebend, daß ich mit dem Geist meines Heiligen mich bereden müßte. Aber die Weiber hielten das Heiligtum, darin sie mich betend wähnten, belagert. Da ward ich zornig und gebot den Frauen augenblicks in ihre Häuser heimzukehren. Sie schrieen mich um meinen Segen an, den ich ihnen in Gottes Namen erteilte, mit großen Geberden, als ob ich etwas absonderlich Geheimnisvolles und Göttliches vollzöge. Dann endlich ließen sie mich gehen; darüber war es hoher Nachmittag geworden.

Ich hatte mir aber etwas vorgenommen, das ich nun ausführen wollte. Kaum waren die Weiber verschwunden, als auch ich ging. Aber wo sollte ich das Judenweib auffinden? Doch von Kindheit an bekannt mit den Gewohnheiten des Volkes aus dem Thal der Egeria, schlug ich den Weg ein, der von der Stadt zur Anioschlucht führt, durch die Maisfelder und Vignen, denn die Landstraße wimmelte von Volk, welches leicht in mir den neuen Heiligen hätte erkennen können.

In großer Ermattung, sowohl des Körpers, als des Geistes, wanderte ich durch die Gefilde längs des Flusses, die jahraus jahrein dem Landmann schier überreiche Frucht tragen. Es war völlig einsam um mich. Ich vernahm das Rauschen der Wellen des nahen Anio, das Flüstern des Windes in den Rebenlauben und den Nachtgesang der Vögel in den Wipfeln der Feigen- und Granatbäume. Ich dachte jedoch nicht, daß es Gottes Stimme war, die zu mir sprach. Auf die Gipfel des Felsengebirges senkte sich der Abendhimmel herab, gleich einem aus Gold und Purpur gewebten Vorhang. Ich hielt es indessen nicht für ein Stück vom Gewande des Herrn.

Ich gelangte in einen Rebengang, an dessen Seiten sich rechts und links breite Streifen dunkelroter Nelken hinzogen und über mir aus der dichten Laubdecke quoll eine Fülle ihrer Reife entgegenschwellender Trauben hervor. Da ward ich plötzlich im Geiste viele Jahre meines Lebens zurückgeführt, und ich wandelte wiederum durch den Rebengang der Vignen am Fuß des Berges Mario, lauschte auf das Rauschen der Tiberwogen, sah im Abendsonnengolde die Kuppel der Peterskirche strahlen und hörte eine sanfte Frauenstimme rufen ? ?

Und ich hörte eine sanfte Frauenstimme rufen:

»Angelikus!«

Ich glaubte, mein Geist läge in den Banden eines Traumes, und ich hätte darin vernommen, daß Clelia, jene arge Sünderin, mich bei Namen riefe. Und ich dachte: keine Stimme soll mich jemals mehr in Versuchung führen; ich habe die Versuchung bestanden. Und weil ich glaubte, daß mir der Böse das verführerische Weib alsbald in ihrer ganzen lieblichen und teuflischen Schönheit körperlich vor Augen führen werde, so schloß ich sie und schritt mit geschlossenen Augen weiter. Da hörte ich einen leisen Aufschrei, und als ich aufblickte, gewahrte ich denn auch das Spukbild vor mir.

Ich befand mich ? so schien es mir ? in der Vigna der wackeren Sora Filomela, vor dem ganz von Ranken und Blüten umsponnenen Häuschen dieser wahrhaft gottesfürchtigen Frau. Und vor dem Hause auf einer Bank saß die Clelia in einem sittsamen Gewande, ohne Kette oder Spangen, mit wie in Verzückung leuchtenden Augen mich anblickend, in ihrer ganzen strahlenden Schönheit. Sie hatte den Schoß voller Gemüse, die sie für die Abendmahlzeit auslas, eine Schar Tauben pickte eifrig an den zarten goldgelben Salatblättern, welche sie dem Vogelvolk hingeworfen hatte. Sie starrte mich an, als ob ich eine Erscheinung wäre, da ich sie doch selbst für einen rechten Höllenspuk hielt, daß ich fast laut gerufen hätte: »Apage Satanas!«

Aber das Weib blieb vor meinen Augen, und ich mußte erkennen, daß es Fleisch und Blut war.

Mit einer Miene und Geberde höchsten Glückes sprang Clelia in die Höhe und lief auf mich zu, nicht anders, als ob sie einen Gottgesandten und Messias grüßen wollte. Ich aber dachte daran, daß ich sie an der Kirchenthür, da sie mein Haupt in ihrem Schoß auffing, verleugnet hatte, mußte also glauben, daß sie mir grollte, und ihr verzücktes Gebahren für eitel Trug und Verstellung halten. Mit anscheinend höchster Freude redete sie mich an:

»Also kommt Ihr doch zu uns, lieber und hochwürdiger Bruder? Kommt Ihr, um mit eigenen Augen das gute Werk zu schauen, das Ihr an uns vollbracht habt? Das ist gütig von Euch, wie wir es indessen anders von Euch gar nicht gewohnt sind. Aber Ihr seid müde von dem weiten Weg und müßt unpaß sein, denn Ihr seht bleich und krank aus. Laßt es Euch gefallen, auszuruhen unter dem Dache, das Ihr zu einem glücklichen Hause gemacht habt. Mein wackerer Terenzio ist über Land, wird jedoch bis zum Abend zurückkehren. Der wird staunen! Eine größere Freude, als bei seiner Heimkunft Euch in seinem Hause zu finden, könnte meinem Manne gar nicht begegnen ? ? Und was werdet Ihr dazu sagen, daß meine liebe Tante Filomela jetzt bei uns lebt? Sie hat ihre Vigna am Monte Mario verkauft und ist nun für ihr ganzes Leben hieher zu uns gezogen, um unser Glück und alles, was der Himmel uns in seiner Gnade geschenkt hat, mit uns zu teilen. Heute ist sie in die Stadt zum Fest: ich weiß nicht, wo sie so lange bleibt, sie könnte längst wieder da sein. Wenn die gute Filomela Euch hier trifft, die gibt ja wohl vor lauter Glückseligkeit ihren Geist auf. Welche Freude! Welche Freude!«

Während dieser Worte, die sie mit zitternder Wonne und der lieblichsten Miene an mich richtete, hatte sie mich zur Bank vor dem Hause geführt, und weil die Bank von hartem Stein war, riß sie ihr seidenes Tuch vom Halse, breitete es über den Marmor aus und bat mich, niederzusitzen, was ich auch that: denn ich war gänzlich ermattet und fühlte meine Kräfte schwinden. Dabei war ich im Herzen voller Unwillen gegen das Weib, welches that, als hätte sie mich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen.

Sie war gar geschäftig um mich her, säuberte den Tisch von dem Gemüse, scheuchte das zudringliche Taubenvolk fort und las vom Boden den Abfall auf. Dabei gewahrte sie, daß meine nackten Füße dicht mit Staub bedeckt, auch gänzlich aufgeschwollen und blutrünstig waren. Sie that einen lauten Schrei, wurde blaß, lief ins Haus und kam nach einer kleinen Weile mit einem schönen, wassergefüllten Gefäß aus getriebenem Kupfer zurück. Damit kauerte sie sich nieder, tauchte meine Füße in die laue Flut, wo hinein sie Lavendelwasser geschüttet, und badete sie; alles, ohne ein Wort zu sprechen, in tiefster Demut und doch voller Glückseligkeit, mir diesen niederen Dienst leisten zu dürfen, nicht anders, als ob ich der Herr und sie jene heilige Büßerin wäre.

Und auch sie mochte an Maria Magdalena denken; denn als sie meine wunden Füße gewaschen hatte, fuhr sie mit einer jähen Bewegung nach ihrem Haupt, zog einen goldenen Pfeil, der scharf war gleich einem Dolche, aus ihrem herrlichen Haar, daß dieses sich löste und wie ein strahlender Schleier um sie niedersank. Dabei sah sie mir mit heißem Flehen in die Augen, und weil ich ihr trotzdem ein so sündhaftes Thun mit strengen Worten verwehren wollte, sagte sie und lächelte dazu:

»Seht, wie lang es wieder geworden ist.«

Da schwieg ich und sie trocknete mir mit ihrem seidenweichen, leuchtenden Haar die Füße, daß es diese wie eine Welle Goldes umfloß. Und zu der Liebesthat dieser großen Sünderin schlugen in den Vignen die Nachtigallen und sank die purpurfarbene Abendröte auf die dämmerungsvolle Erde herab ? ?

Beide schwiegen wir. Als ich, nachdem sie ihr Werk geendet, aufblickte, gewahrte ich unter den Bogen des Rebengangs ein Kind; es war ein Mägdlein von etwa vier Jahren, mit langem, hellem Gelock und holdselig wie ein Engel des Himmels. Dieses liebliche Geschöpf hatte eine Fingerlein in den Mund gesteckt und blickte aus großen, erschrockenen Augen auf den fremden Mann, vor dem die Mutter im Staube lag. Als es nun gewahrte, daß auch ich es betrachtete, hub es bitterlich zu weinen an.

Das Weib des Terenzio fuhr in die Höhe, eilte zu dem weinenden Kinde, kniete nieder und sprach der Kleinen zu; und das that die Frau mit solcher Zärtlichkeit und einem so strahlenden Mutterglück, wie ich zuvor niemals gesehen. Als das Mägdlein ruhig geworden, mit ihren braunen Patschhändchen eifrig die feuchten Aeuglein rieb und nur noch ein weniges schluchzte, faßte ihre Mutter sie bei der Hand, führte sie mir zu und bat voller Inbrunst:

»Segnet mein Kind.«

Was sollte ich thun? Ich legte also meine Hand auf des Kindes Scheitel und segnete es, während dessen das schöne Wesen mich unverwandt anstarrte und wiederum mit allen fünf kleinen Fingern ins rosige Mäulchen fuhr, was die Mutter aber nicht duldete.

Als ich das Kind gesegnet hatte ? Glück wird mein Segen ihm schwerlich bringen ? fragte ich die Frau:

»Wie heißt Euer Mädchen?«

Sie mit einem heißen Erröten, das ihr von der Stirn bis zum Hals hinablief, erwiderte:

»Wir ließen es Angelika taufen.«

Darauf sagte ich nichts, und es schwieg auch das Weib; als aber das Kind sich an seine Mutter drängte, hob diese es auf, drückte es an ihre Brust, küßte es herzlich und sagte leise und innig:

»Unser Kind ist unser guter Engel, wie der es war, nach dem wir es genannt haben und dem wir auch diese Himmelsgnade verdanken.« Und das Kind anredend: »Sage, meine Angelika, wenn Du abends und morgens die gute Gottesmutter bittest, daß sie mit den holden Englein bei Dir sein möge, für wen thust Du da noch ein besonderes Gebetlein? Sage es diesem guten Mann.«

Da faltete das Kind seine Händlein, schlug die unschuldigen Augen auf, schaute gar ehrbar und fromm darein und sprach mit seinem seinen, silberhellen Stimmchen:

»Für den lieben, guten Bruder Angelikus.«

Mir einen strahlenden Blick zuwerfend, forschte die Mutter weiter:

»Wer ist denn dieser liebe, gute Bruder Angelikus, für dessen Glück Du jeden Abend und jeden Morgen die süße Gottesmutter gar herzlich bittest?«

Und das Kind, ohne sich zu besinnen:

»Der liebe, gute Bruder Angelikus ist ein gar frommer und gottesfürchtiger Mann.«

Da ich mein Gesicht abwendete, rief die Frau:

»Und hast Du den guten Bruder Angelikus denn lieb?«

Darauf hörte ich das Kind ernsthaft und mit großer Innigkeit sagen:

»Gar zu lieb!«

Alsdann die Mutter:

»Siehst Du, mein Liebling, dieser Mann hier ist der liebe, gute Bruder Angelikus, und nun zeige ihm, daß er Dir von Herzen lieb ist, als wenn er Dein eigener Vater wäre.«

Und ich hörte das Weib aufschluchzen; aber gleich darauf rief sie mit heiterer Stimme dem Kinde zu:

»Geh zu Deinem lieben, guten Bruder Angelikus; aber daß Du fein artig bist.«

Damit setzte sie mir das liebliche Kind auf den Schoß und dieses, nachdem es bis daher eine große Scheu, um nicht zu sagen Furcht, vor mir gezeigt hatte, war plötzlich wie verwandelt und das zärtlichste, zutraulichste Geschöpf. Es schmiegte sich an mich, drängte sein Lockenköpfchen gegen meine Brust, umschlang mich mit beiden Aermchen und rief:

»Du bist der liebe, gute Bruder Angelikus! Ich habe Dich gräßlich lieb.«

Die Mutter lobte:

»So ists recht. Plaudere dem guten Bruder Angelikus etwas vor, ich will ihm derweilen zu essen bringen.«

Das Kind fuhr fort zu schwatzen:

»Warum sprichst Du nicht mit mir? Bist Du krank?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Was fehlt Dir denn? Du mußt nicht so traurig aussehen, sonst weint meine Mammina ? ? Ich möchte Dir gern meine Puppe bringen, aber ich habe sie schon zu Bett gebracht, und wenn ich sie aufwecke, schreit sie, das dumme Ding. Weißt Du, wo meine Puppe schläft? In den roten Blumen, die wir immer pflücken und der lieben Gottesmutter bringen. Die Großmutter ist in der Stadt und bringt mir einen heiligen Benedikt mit von Rosinen und süßen Zibeben. Das schmeckt gut! Du bist wohl so traurig, weil Du Hunger hast? Wenn mich hungert, fang ich an zu weinen, und dann bekomm ich etwas. Aber Du bist groß, Du darfst nicht weinen, nicht wahr? Meine Mammina gibt Dir gleich zu essen: Feigen, süßen Wein und Ciambelli. Und wenn die Großmutter kommt, schenk ich Dir meinen heiligen Benedikt, denn Du bist ja der liebe, gute Bruder Angelikus ? ? Da kommt die Mammina.«

Sie glitt von meinem Schoß herab und lief ihrer Mutter entgegen, die eben aus dem Hause trat. Das Kind rief:

»Ach, Mammina, der liebe, gute Angelikus ist krank! Du mußt ihm schnell einen Kuß geben, damit er wieder gesund wird!«

Das Weib schalt die Kleine, weil sie gar so unbändig sei und sie so heftig am Rocke zerrte, daß sie beinahe alles, was sie trug, hätte fallen lassen. Dann trat sie an den Tisch, deckte ihn mit einem prächtigen Linnentuch und stellte die Speisen auf; nur Früchte und weißes Brot. Dabei sagte sie:

»Ich weiß noch von ehemals, was Ihr am liebsten genießt. Nun sagen die Leute: Ihr seiet ein Einsiedler und Heiliger und lebtet wie die frommen Männer in der Wüste. Und ich glaube es auch; denn man sieht Euch Euer heiliges Leben an. Ich bitte Euch aber herzlich, macht mir nicht den Kummer, ungestärkt aus diesem Hause zu gehen. Das, womit Ihr einst meine Seele speistet, war freilich Himmelsmanna und ein Trunk aus dem Born der Gnade des Herrn; ich, armes Weib, kann Euch nur irdische Speise und irdischen Trank vorsetzen, aber es wird sogar Euch, dem Gesegneten, in diesem Hause gesegnet sein.«

Damit nahm sie eine große braune Feige und reichte sie mir; auch von dem Wein und dem feinen Brote genoß ich, Speisen, die seit vielen Jahren nicht über meine Lippen gekommen. Als die Tochter Clelias merkte, daß ich es mir ? nicht ohne starke Gewissensbisse ? schmecken ließ, klatschte sie fröhlich in die Händchen, kletterte wieder auf meinen Schoß und schaute mir andächtig zu. Da nahm ich das Kind und herzte und küßte es.

.

IV.

Die Nacht war bereits angebrochen und das Kind von der Magd zu Bett gebracht worden, als die wackere Sora Filomela aus der Stadt zurückkam. Clelia hatte keine Lampe angezündet, und da der Mond noch nicht aufgegangen war, so herrschte unter der Rebenlaube große Dunkelheit. Das junge Weib raunte mir zu, mich still zu verhalten und redete die Heimkehrende an:

»Wo bleibt Ihr nur, Großmutter? Angelika mußte ohne ihren süßen Sankt Benedikt zu Bette und war bitterböse auf Euch. Ihr seid gewiß im ?Rebhuhn? bei der Wirtin sitzen geblieben?«

Ich hörte die Alte in großer Aufregung erwidern:

»Wärst Du dabei gewesen! Hättest Du das erlebt! Laut jammern hätt ich mögen, daß Du gerade heute zu Hause bleiben mußtest, weil Dein Mann nach Olevano gegangen ist. Welches Unglück! Immerfort dachte ich an Dich und was Du gesagt haben würdest, wenn Du das mit angesehen hättest, und was Du sagen wirst, wenn Du es jetzt hörst.«

»Was ist geschehen?«

»Wunder über Wunder!«

»Haben die Benediktiner ein Mirakel gethan?«

»Ach, die Benediktiner! Geh mir doch mit den Benediktinern! Was vermögen die! Einen leibhaftigen Heiligen hab ich gesehen.«

»Aber, Großmutter!«

»Einen leibhaftigen Heiligen, sage ich Dir. Und was für einen! Und wer war es wohl? Nun, so rate doch! Du rätst es nicht. Kein anderer wars als unser gebenedeiter Bruder Angelikus.«

Da kam die Magd mit der Leuchte. Sora Filomela sah mich, da ich gerade aufgestanden war, um der Frau ihre sündhafte Rede zu verbieten: sie stieß einen lauten Schrei aus und wäre zu meinen Füßen hingesunken, wenn ich ihr nicht heftig abgewinkt und sie eiligst gesegnet hätte.

»Ja, da ist er!« rief das unverständige junge Weib mit vor Freude bebender Stimme. »Bei uns ist er! Er ist bei uns eingekehrt, und nun ist zu der irdischen Liebe, die in diesem Hause wohnt, auch die himmlische Liebe gekommen.«

Nachdem Sora Filomela mich mit strömenden Thränen bewillkommt und so lange von meiner Heiligkeit geredet hatte, bis die Clelia, meinen Unmut gewahrend, der Schwätzerin einen Wink gab, zu schweigen, kauerten sich die beiden Frauen auf der Schwelle der Thür nieder und berichteten mir, wie, seitdem ich in Rom von ihnen geschieden, der Segen des Himmels auf ihnen geweilt habe, und was für ein redlicher, prächtiger, glücklicher Mann der Terenzio sei. Sie erzählten noch, als unten in Subiaco zu Ehren des hohen Festtags ein über die Maßen herrliches Feuerwerk abgebrannt wurde, so daß es war, wie wenn ein ganzer Himmel von Sonnen, Monden und Sternen, eine ganze Hölle von roten, weißen und blauen Flammen unter Blitz und Donner in die Luft gesprengt würde. Als es darauf stille ward und nur noch eine silberhelle Dampfwolke über der Stadt lag gleich einer himmlischen Erscheinung, rief die Alte unter lautem Schluchzen:

»s ist gerade wie in den Oktobertagen jenes gebenedeiten Jahres, wo wir Drei im Häuschen am Monte Mario beisammen saßen und rings um uns die Römer ihre Feste feierten.«

Hierauf erwiderte ich nichts; aber Clelia sagte mit großer Innigkeit:

»Nein, heute ist es viel besser, als damals; denn heute schläft drinnen im Hause mein süßes Kind und jeden Augenblick muß mein wackerer Terenzio heimkehren und unser lieber Bruder Angelikus weilt als ein herrlicher Gottesgeist unter uns.«

Auch auf diese Rede antwortete ich nichts, wie ich überhaupt meinen Mund kaum öffnete, sondern die anderen reden ließ; aber ich fühlte plötzlich einen heftigen Unwillen in mir erwachen, daß es heute besser sein sollte als zu jener Zeit, wo das schöne Weib in sündhafter Liebe für mich entbrannt war, wie ich mich auch sonst mit einer Menge von unwilligen und zornigen Empfindungen trug, wohl dadurch in mir erweckt, daß diese ehemalige Sünderin ihr jetziges Leben so weltlich und leichtfertig nahm und so blühend und glückselig war, wo sie doch voller Zerknirschung und Jammer hätte sein müssen, eingedenk ihrer schändlichen Vergangenheit. Auch gegen ihren Ehegatten richtete sich in meinem Herzen ein heftiger, aber heiliger Zorn. Denn wie konnte er mit diesem Weibe ohne jedes Bedenken so irdisch glückselig sein?!

Ich saß noch in solche Betrachtungen versunken, als Clelia einen lauten Freudenruf that, in die Höhe sprang und ihrem heimkehrenden Mann entgegenlief, rufend:

»Bruder Angelikus ist da!«

»Wer?«

»Bruder Angelikus, unser Bruder Angelikus!«

Damit zog sie ihren Gatten zu mir hin und kaum, daß ich in dem breitschulterigen, stattlichen und sicheren Manne den überschlanken, leidenschaftlichen Jüngling von ehemals wieder erkannte.

Auch er zeigte ? oder heuchelte ? bei meinem Anblick eine große Freude, ja, er küßte mir sogar, obgleich er ein recht hochmütiger Christ zu sein schien, voller Demut die Hand und stand dann mit abgezogenem Hute vor mir, setzte diesen auch später in meiner Gegenwart nicht auf. Ernsthaft hörte er auf die wortreichen Berichte der beiden Frauen über das heutige Mirakel und über meinen Besuch in seinem Hause, das eine scheinbar durchaus gläubig aufnehmend und über das andere in hohem Maße beglückt. Als die Weiber endlich im Loben und Preisen inne hielten, wendete er sich zu mir und sagte mit allem Anschein einer wahrhaftigen und tiefen Empfindung:

»Wir wußten, daß Ihr, hochwürdiger Bruder, in unserer Nähe weiltet und daß Ihr um der Leiden des Herrn willen vieles erduldet. Auch hat mein Weib Euch einmal gesehen. Wir haben dann oft darüber geredet, ob einer von uns, oder wir beide, Euch aufsuchen sollten, um Euch zu berichten, wie es bei uns steht und zugeht, denn wir meinten immer, unser Glück müßte Euch freuen. Gern hätten wir auch das Kind zu Euch gebracht, damit Ihr es segnet. Aber wir vernahmen von Eurer großen Frömmigkeit, daß Ihr als ein heiliger Einsiedel lebtet und Euch gänzlich von der Welt abgewendet hättet. Da fanden wir nicht den Mut, mit unseren irdischen Freuden vor Euch zu treten. Nun Ihr aber selbst gekommen seid, mögt Ihr mit eigenen Augen Euer Werk sehen und wie in diesem Hause Euer Name hoch und heilig gehalten wird.«

Nach diesen Worten trat ein langes Schweigen ein, welches Terenzio unterbrach. Er sagte zu seinem Weibe:

»Von dem Wein, den wir bei der Taufe unseres Kindes getrunken, steht noch ein Krug im Keller. Diesen hole. Denn heute ist für unser Haus ein größerer Festtag als damals.«

Sogleich ging die Frau und die Alte begleitete sie. Seinem Weibe mit den Augen folgend, sprach der Mann in tiefer Bewegung:

»Es ist alles so gekommen, wie Ihr es vorausgesagt; womöglich noch besser und herrlicher. Denn nicht nur, daß ich mein Weib, die Mutter meines Kindes, von Herzen liebe, ich halte sie auch hoch in meinem Herzen. Ja, sie ist für mich so von aller Schuld entsühnt und rein von jeder Sünde, als ob sie mir als Jungfrau vermählt worden wäre. Und denkt Euch: auch sie liebt mich ehrlich und herzlich, ganz so, wie Ihr es verkündet habt, und es ist alles wie ein Wunder gewesen. In der ersten Zeit war es freilich ein großes Elend und noch Schlimmeres, doch dann ? Aber das soll sie selbst Euch erzählen, denn ich vermags nicht.«

Nun kamen die beiden Frauen zurück. Während Sora Filomela den Wein und die Gläser brachte, pflückte Clelia eine Menge der roten Nelken, die sie auf den Tisch warf, daß derselbe ganz davon bedeckt war. Auf dieses duftige Tafeltuch stellte die Alte den Krug; doch weigerte ich mich, Wein zu trinken, weshalb auch die anderen den Feiertrank nicht anrührten.

Als ich mich erhob, um zu gehen, thaten alle, als ob ihnen ein Unglück geschehen sollte und baten mich flehentlich, die Nacht in ihrem Hause zu bleiben: ich wäre gänzlich ermattet, der Weg weit und beschwerlich und in der Dunkelheit gar nicht zu finden. Ich wies aber auf den Mond, der soeben aufging und der wie ein Feuerbrand hinter den schwarzen Bergen hervorbrach, bedeutete ihnen, daß ich die Nacht in keinem fremden Hause zubringen dürfte, und wendete mich zum Gehen. Der Mann sagte zu seinem Weibe:

»Du könntest unserem hochwürdigen und lieben Bruder das Geleit durch die Vignen geben.«

Das Weib erwiderte nichts, auch ich schwieg still. Aber dann bat sie:

»Auf einen Augenblick tretet in das Haus und an das Bett unseres Kindes.«

Sie ergriff die Lampe und schritt voraus und ich folgte ihr mit den anderen; aber in das Schlafgemach trat ich mit der Mutter allein ein.

In seinem zierlichen Bettlein lag das liebliche Kind der Sünderin, friedlich schlummernd, das Antlitz ganz heiß von gesundem Schlaf und beide Händchen über der bunten Decke gefaltet. Es war, als sähe ich das Jesuskind in heiligem Schlummer liegen und bei diesem Anblick gelobte ich mir, die Seele dieses Kindes zu retten und sie dem Himmel zuzuführen, doch ohne daß ich mir bewußt war, wie das geschehen könnte. Nachdem ich das Kind eine Weile betrachtet und über seinem Haupte das Zeichen des Kreuzes gemacht, verließ ich das Gemach und das Haus, nahm von dem Mann und der Großmutter raschen Abschied und ging mit dem jungen Weibe davon.

Es war eine schwüle Sommernacht und gerade die Zeit, da die Johanniskäfer ihr leuchtendes Wesen trieben. Um unsere Gestalten zog sich ein dichtes Gewimmel winziger, smaragdgrüner Lichter. Es war, als rieselte ein Regen zitternder Funken vom Himmel herab. Das glühende Gewürm hing an allen Gräsern, lag in den Kelchen der Blumen, schwebte unter den Rebengängen dahin, flog um Leib und Haupt des jungen Weibes und ließ sich auf ihrem goldigen Scheitel nieder, daß es die Sünderin wie mit unirdischem Glanz umstrahlte. Am Flusse, an dessen Ufer wir langsam und schweigend dahinwandelten, war ein Gewoge von Funken, wie ich nie zuvor gesehen; die Lichtlein erfüllten die ganze Luft, ja sie verdeckten schier das Heer der Sterne, die, wenn sie einmal durch das Gewirr aufblitzten, als die höchsten Schwärme der Sommerkäfer erschienen.

Da die stumme Gegenwart der Frau mich bedrückte, redete ich sie endlich an:

»Was habt Ihr mir zu sagen?«

Sie erwiderte:

»Mein guter Mann ist nicht mitgekommen, Euch das Geleit zu geben, weil er wußte, daß es mir eine große Wohlthat sein würde, Euch berichten zu dürfen. Wenn Ihr mich also anhören wolltet ?«

»Redet!«

Und sie begann:

»Ihr erinnert Euch wohl noch, daß ich, als die gute Filomela Euch die Geschichte meiner Mutter, der Dionizia Baldi, erzählte, diese am offenen Fenster mit anhörte, was ich Euch später auch mitgeteilt habe. Seht, diese Geschichte meiner Mutter war das größte Unglück, welches ich aus meinem vergangenen, schändlichen Leben meinem wackeren Terenzio mit in die Ehe brachte; denn ich brütete so viel und so lange darüber, bis ich nahe daran war, von Sinnen zu kommen. Immerfort mußte ich denken: Was hilft es, daß du dir zugeschworen hast, deinem Manne ein tugendhaftes und getreues Weib zu sein? Das Böse liegt nun einmal in deiner Natur, und nach seiner Natur muß der Mensch leben. Du magst wollen oder nicht, es nimmt mit dir noch einmal ein Ende mit Schrecken. Denn gegen seine gute oder böse Natur vermag der Mensch nichts. Meine Mutter, die Dionizia Baldi, hat ihren Carlo heiß geliebt und mußte doch von ihm hinweg ? noch dazu mit seinem Kinde unter dem Herzen. Ebenso wird auch dir geschehen, die du deiner Mutter echte Tochter bist.

»In dieser Weise tobte ich gegen mich selbst, daß mein armer Terenzio ein wahres Höllenleben mit mir führte. Er durfte mir nicht nahe kommen und hätte sich zu jener Zeit am liebsten eine Kugel durch den Kopf geschossen. Aber ich konnte ihm nicht helfen, obschon ich den besten Willen dazu hatte und im Geiste immerfort mit Euch verkehrte, Euch jeden meiner Gedanken bekannte, Euch um Rat befragte und Eure Hilfe anflehte, wie ich denn überhaupt ? ?

»Mein armer Terenzio hatte eine heilige Geduld mit mir, begegnete mir wie ein Freund und Bruder, war fleißig und unglücklich.

»Eines Tages stellte ich mir wieder einmal mit tausend Martern so recht eindringlich vor, wie ich ein treuloses Weib werden und von neuem in Schande und Lasterhaftigkeit verfallen müßte. Da packten mich Jammer und Entsetzen und ich beschloß, dieses Leben nicht länger fortzuführen. Ohne an etwas anderes zu denken, sprang ich von meiner Arbeit auf, aus dem Hause, durch die Vigna zum Fluß, und an dieser nämlichen Stelle, wo wir jetzt stehen, warf ich mich in den Strom.

»Mein Mann war bei den Reben beschäftigt, als er mich aus dem Hause stürzen sah. Er folgte mir, konnte mich indessen nicht mehr erreichen, sprang mir nach und brachte mich aus den Fluten und ins Leben wieder zurück.

»Ich lag immer noch wie tot auf meinem Lager, als mir war, ich vernähme Eure Stimme, die mit lauten, feierlichen, mächtigen Worten mich mahnte, von meinem Wahn zu lassen, die Gnade des Herrn zu erkennen und mich meinem Gatten zum Weibe zu geben, was ich Euch ebenfalls mit lauten, feierlichen Worten gelobte. Während Ihr noch zu mir spracht, unter dem Klang Eurer Stimme, kam ich zum Bewußtsein, sah meinen Terenzio mit todbleichem Antlitz neben meinem Bette stehen und lächelte ihn an. Da weinte er vor Leid und vor Freude.

»Doch das Wundersamste war, daß ich mich zu jener Zeit meines ganzen vergangenen Lebens und aller meiner sinnlosen, dunklen Gedanken nur wie eines Traumes erinnern konnte; ja selbst, nachdem mir alles wieder deutlich geworden, schien es mir immer noch als etwas gänzlich Unwirkliches, so daß ich gar nicht zu begreifen vermochte, wie ich dazu hatte gelangen können, einem solchen schrecklichen Wahn zu verfallen. Sobald ich etwas bei Kräften war, vertraute ich mich meinem Manne an, gerade als kniete ich vor Euch im Beichtstuhl. Nachdem ich ihm alles bekannt hatte, küßte ich ihn.

»Seht, von nun an begann für uns beide ein neues Leben. Die ganze Welt däuchte mir verwandelt und schöne Blumen dort zu blühen, wo ich bis dahin nur Disteln und Dornen erblickt hatte. Ich gewann Freude an meinem Dasein; ja, ich fing an, mein Leben zu lieben, da es meinen armen Terenzio so hoch beglückte, nicht anders, als ob jeder Tag, mit mir verbracht, ihm ein himmlisches Gnadengeschenk wäre. Und da er ein über die Maßen guter Mensch ist, redlich und wahrhaftig und mit einer göttlichen Liebe für mich im Herzen, so ward auch er mir von Tag zu Tag lieber, wie ich mir denn auch täglich Mühe gebe, in einer Weise zu leben, die seiner nicht unwürdig ist.

»Auch sonst klopfte das Glück bei uns an und wir thaten dem Himmelsgast alle Thüren auf. Die Früchte gediehen, die Reben, die Oliven und das türkische Korn; wir umpflanzten das Haus mit Rosen und Ranken, Terenzio baute den Rebengang, ich pflegte die roten Nelken, alles, damit das Haus der Vigna am Monte Mario gliche, woselbst Ihr uns verlobt hattet. Dann zog die gute Filomela zu uns und zuletzt sandte der Himmel uns ein Englein, unser süßes, geliebtes Kind, das wir nach dem Heiligen unseres Hauses benannten.

»Ach, meine Angelika ?«

Das Weib schwieg. Wir standen am Ufer des Flusses, über dessen rauschenden Wellen das Spiel der Leuchtkäfer hin und her ging, daß es war, als sprängen Funken aus dem schwarzen Wasser. Des Weibes Geschichte hatte mir aber die Seele nicht bewegt. Denn ich fand darin zu viel irdische Leidenschaften, zu viel Glück und Freuden, für welche der Mensch nun einmal nicht auf der Erde ist. Und da des Weibes ewiges Wohl mir am Herzen lag ? hatte ich doch die Frau aus der ärgsten Sünde errettet ? so beschloß ich bei mir, mich ihrer Seele zu erbarmen und diese zur Erkenntnis des Himmlischen, zur Buße und Abtötung des Fleisches zu führen, was mir wohl gelingen sollte, denn meine Macht über sie war immer noch schier übergewaltig. Ich rang noch mit diesen Gedanken, als sie mir weiter bekannte:

»Denkt, lieber Bruder, was für ein Geschenk mein Mann mir gemacht, bald nachdem ich ihm eine Tochter geboren. Der Gute hatte sich heimlich hinauf nach Olevano begeben, welche Stadt meiner Mutter Heimatsort ist; dort hatte er in sichere Erfahrung gebracht, daß meine Großmutter eine überaus rechtliche und tugendhafte Frau gewesen, die im ganzen Ort in Ansehen gestanden. So mußte ich denn vollends erkennen, welcher Thorheit ich mich hingegeben hatte, daß ich darüber fast zu Grunde gegangen wäre und mit mir ein sicherlich reineres und besseres Leben. Dafür bin ich aber auch jetzt, als wäre mir von den Augen eine Binde gefallen. Ach, lieber Bruder, es ist das menschliche Leben, trotz allen Jammers, doch eine gar heilige Sache.«

Sie schwieg und wir gingen weiter, immer den Fluß entlang, der Schlucht zu, darin sich die Klöster Sankt Benedikts und die Ruinen der Villa des Kaisers Nero befinden. Ich lauschte auf das Rauschen der Wellen, auf das Geflüster des Nachtwindes in den Wipfeln der Erlen und Ulmen und auf den leisen Schritt des jungen Weibes, dessen Haar ich immer noch auf meinem Herzen trug. Dann sprach ich zu ihr:

»Vieles ist anders geworden: Du bist nicht mehr die Clelia, die meine schweren Wunden verband und pflegte, und ich bin nicht mehr der Angelikus, der mit Dir im Garten Deiner Verwandten Blumen und Früchte pflückte; und keines von uns beiden vermag seinen alten Menschen wieder anzuthun. Es war eine sündhafte Zeit, in der meine Seele sich noch in großer Blindheit befand. Nun bin ich geweckt worden und nun weiß ich, was auf Erden meines Amtes ist. Auch an Dir werde ich es üben, an Dir und Deinem Kinde. Vieles an Dir ist noch vom Uebel und könnte von der Mutter auf das Kind übergehen. Denn es steht geschrieben: Der Eltern Missethaten sollen heimgesucht werden an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. Daran denke.«

Das Weib war stehen geblieben. Der Mond schien auf ihre Gestalt und ihr Antlitz. Ich sah, daß sie heftig zitterte und aus großen, entsetzten Augen auf mich blickte.

Ein Stöhnen kam aus ihrem Munde und sie stammelte mir nach:

»Der Eltern Missethaten sollen heimgesucht werden an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.«

Ich erwiderte:

»So steht es geschrieben.«

»Aber,« fuhr sie auf, »mein Kind ist rein von Sünden.«

Da mahnte ich sie:

»Rein von Sünden warst auch Du, da Du noch ein Kind warst; und die Missethaten Deiner Mutter wurden dennoch an Dir heimgesucht.«

Da sank das Weib vor mir nieder, nicht anders, als hätte sie einen mörderischen Schlag empfangen.

»Du Gottgeliebter, Du Gebenedeiter, Du Heiliger, rette mein Kind!« schrie sie mich an. »Bewahre es davor, daß es durch die Missethaten seiner Mutter vernichtet werde an Leib und Seele.«

Und sie fiel mit dem Gesicht auf meine Füße, lag wie leblos, nur daß ihren Leib Schauer schüttelten. Ich aber erkannte daran, wie Gott selbst diese sündige Seele in meine Gewalt gegeben hatte und daß ich mit ihr verfahren sollte, wie es mich gut dünkte. Und ich sprach:

»Was in meiner Macht steht, soll geschehen, meine Hand wird Dich führen. Wann kannst Du zu mir kommen?«

»Wann Ihr gebietet.«

»Dann will ich Dich treffen am Eingang der Schlucht, unterhalb der Ruinen, nach drei Tagen. Aber komme nicht vor Anbruch der Nacht.«

»Wollt Ihr nicht lieber in unser Haus kommen?«

»Nein. ? Du willst nicht kommen?«

»Ich komme.«

»Allein.«

Ich schied von ihr und sie dankte mir mit heißen Thränen.

.

V.

Einsam schritt ich weiter durch die leuchtende Nacht. Und ich gedachte des Mannes, des Weibes und des Kindes. Alle drei lebten in irdischer Glückseligkeit, recht als Kinder der Welt, und es lag doch auf allen dreien eine schwere Schuld: auf dem Mann, weil er ohne besondere Bedenken ein solches Weib geehelicht hatte, auf dem Weibe, weil es so sündig gewesen, und auf dem Kind, da es von einem solchen Weibe geboren worden war. Mann und Frau mußten ihr sündiges Fleisch kasteien und ihre frevelhaften Begierden für immer ersticken, das Kind streng in der Zucht des Herrn halten, sonst würde es noch ? wie das Weib in den Tagen der Erkenntnis befürchtet hatte ? ein Ende mit Schrecken nehmen. Denn je mehr ich darüber grübelte, um so gewisser schien es mir, daß über diesen drei Sündern ein Verhängnis schwebte, und ich sah schon die Vergeltung hereinbrechen. Da warf ich mich auf freiem Felde nieder und ging den Herrn mit heißem Flehen an, mir beizustehen, daß ich ihm die Seelen dieser Drei zuführe. Darauf ward ich von einer festen Zuversicht durchdrungen und mein Geist mit großer Freudigkeit erfüllt. Nachdem ich mich von meinen Knieen erhoben hatte, schaute ich um mich: in welcher Gegend befand ich mich? Ich war so in Betrachtungen versunken gewesen, daß ich des Weges nicht geachtet und die Richtung verloren hatte. Wie verwunderte ich mich, da ich entdeckte, daß ich in einem weiten Kreise gegangen war und mich von neuem in der Vigna des Terenzio befand und zwar dicht vor dem Hause, darin diejenigen wohnten, deren unsterbliche Seelen zu retten der Herr mir soeben geheißen hatte. Ueber diese Fügung ergriff mich Staunen und Schrecken, daß ich beinahe geflohen wäre. Aber ich überwand die Anwandlung und vermochte es über mich, dem Hause zu nahen; denn im Erdgeschoß sah ich noch ein Fenster erleuchtet und ich wurde von meinem Geist getrieben, hinzuzutreten und hineinzuschauen.

Das Zimmer, darin das Licht brannte, war das Schlafgemach der Ehegatten, wo auch das Bett des Kindes stand, unter einem Bilde der Gottesmutter, welche der heilige Franziskus als Fürbitterin anspricht. Das heilige Bildnis war mit frischen Nelken bekränzt, zwei Kerzen brannten davor und es hielten unter der Tafel die beiden ihre Andacht. Der Mann stand gesenkten Hauptes, mit gefalteten Händen, indessen das Weib auf dem Steinboden kniete und die Gebete vorsprach, mit leiser Stimme, um das Kind nicht zu wecken. Doch da das Fenster geöffnet war, so mußte ich vernehmen, was drinnen gebetet wurde. Dem Himmel allein war bekannt, ob die Herzen wußten, was die Lippen sprachen.

Auch als sie ihre Andacht beendet hatten, wich ich nicht von dem Hause, sondern drückte mich nur noch mehr an die Wand. In meine Seele war ein großes Mißtrauen gekommen, denn von Tag zu Tag erkannte ich mehr und mehr, wie die Welt voller Heuchelei steckt. Von meinem Platz aus konnte ich die Eheleute nicht mehr sehen, wohl aber ihr leises Gespräch hören. Das Weib sagte:

»Das war heut ein rechter Freudentag.«

Der Mann darauf:

»Das war er.«

»Aber Dir fehlt etwas; ich merke es Dir an.«

»Nun ja.«

»Was ists?« fragte die Frau.

»Daß Du es nicht weißt!«

»Ich weiß es wahrlich nicht.«

»Der arme Mensch!«

»Wer?«

»Wer anders, als Bruder Angelikus,« entgegnete Terenzio.

»Was ists mit ihm?«

»Ist der verändert!«

»Er sieht heilig aus, wie einer, dessen Geist und Gedanken gar nicht mehr auf der Erde sind.«

»Zum Erbarmen elend saß er da. Ich hätte fortgehen und weinen mögen.«

»Er kommt gewiß noch einmal als Heiliger in den Kalender zu stehen,« meinte bewundernd die Frau.

»Das mag sein, ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß er ein unglücklicher Mensch ist.«

»Unglücklich?«

»Was er für Augen hat und welchen Blick!«

»Einen sehr traurigen.«

»Und so starr, gar nicht wie der Blick eines Menschen.«

»Er ist auch mehr als ein Mensch.«

»Ach, laß doch das!« entgegnete ihr Terenzio. »Wenn ich denke, wie er damals war ? ein herrlicher Jüngling! Und jetzt ? ? Ich sage Dir, das haben die Pfaffen aus ihm gemacht, die haben ihn auf dem Gewissen. Es ist ein Jammer.«

»Sprich nicht so! Du darfst nicht so reden,« bat die Frau angstvoll.

»Sei nicht böse. Ich rede ja nur aus Erbarmen so von ihm und weil ich ihm von ganzer Seele gut gewesen bin.«

»Gut gewesen bin?« fragte das Weib.

»Jetzt könnt ich kein Herz mehr zu ihm fassen.«

»Terenzio, Terenzio!«

»Er thut mir leid genug. Und wenn ich denke, was wir ihm alles zu danken haben.«

»Ja, daran denke nur.«

»Und daß er noch immer ein junger Mensch ist, kaum älter als ich.«

Die beiden wurden still. Ich stand und hielt meinen Atem an, konnte indessen nichts mehr vernehmen.

Doch ging ich noch nicht. Ich mußte denken: »Was sagte dieser Mensch von mir? Ich sei ein ganz anderer geworden? Allerdings bin ich nicht mehr derselbe wie damals. Dem Himmel sei Dank! Er könnte kein Zutrauen mehr zu mir fassen? Ich habe es ja gleich gewußt: alles Heuchelei, alles Lug und Trug! Und wie demütig er that, wie er sich zu freuen schien. ? Auch das Weib wird in ihrem Herzen ebenso denken; oder wenn sie heute noch nicht so dachte, wird sie es morgen thun. Dafür wird der Mann schon sorgen. ? Ich daure ihn so herzlich. O du unreiner Geist! Und ich wäre noch immer so jung ? ? Bin ich das? Kaum älter als er. Er sieht gar stattlich aus. Und ich ? wie mag mein Gesicht sein? Ich weiß nichts davon. Was kümmerts mich?«

Da fingen die drinnen wieder zu reden an. Der Mann sprach:

»Als Du mit ihm gingst, hast Du ihm da alles gesagt?«

»Ja. Es schien auch Dein Wille zu sein.«

»Ich wollte, daß er alles wissen sollte; er hat ein Recht dazu. Wie nahm ers auf?«

»Er sagte nicht viel.«

»Was sagte er?«

»Du kannst es Dir wohl denken.«

»Nein.«

»Er ermahnte mich.«

»Er ermahnte Dich? Weshalb ermahnte er Dich?«

»Daß ich mein Glück erkennen sollte.«

»Da hat er recht; aber das thun wir ja.«

»Dann meinte er noch ?«

»So sprich doch.«

»Wir sollten das Kind in der Gnade des Herrn erziehen.«

»Freilich! Freilich!«

»Da wir nicht wissen könnten, wie es dereinst dem Kinde erginge.«

»So Gott will, gut; so Gott will, recht gut. Aber allerdings: wissen können wir es nicht.«

»Nun, siehst Du!«

»Ich glaube gar, Du weinst.«

»Mir ist bang.«

»Warum?«

»Um des Kindes willen.«

»Thorheit!«

»Denn wenn man bedenkt ?«

»Wenn man was bedenkt?«

»Daß des Kindes Mutter eine so schändliche Frau gewesen ?«

»Clelia!«

»Und wenn das an dem Kinde einstmals heimgesucht werden sollte ?«

»Heimgesucht werden?«

»Ach, Terenzio ?«

»Das ist ja alles Thorheit. Wenn das Kind sonst nur brav wird; und dafür wollen wir schon sorgen. Es ist ein gar zu gutes Kind, ein so frommes Kind.«

»Das ist es. Es ist unser süßes, heißgeliebtes Kind. Und nicht wahr, noch ist es ohne Sünde?«

»Wie sollte unsere Angelika voller Sünde sein?«

»Durch ihre Geburt, durch die Sünden ihrer Mutter.«

»Du sollst nicht so reden. Ich will es nicht! Du bist mein liebes Weib, alles andere haben wir vergessen.«

»Das wird unserem Kinde nichts helfen.«

»Sei doch verständig,« mahnte der Mann.

»Denn wie steht geschrieben?«

»Was hast Du nur heute?«

»Die Sünden der Eltern sollen heimgesucht werden an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.«

»Das ist ein unchristlicher Spruch.«

»Ach, lästere nicht, mein Terenzio.«

»Wo soll das geschrieben stehen?«

»In Gottes Wort.«

»Das glaube ich nicht.«

»Es ist aber doch wahr.«

»Ich müßte so unchristlich sein, wie dieser Spruch es ist, wenn ich das glauben sollte. Wer hat es Dir gesagt? Gewiß der Mönch.«

»Nein, nein!«

»Wo könntest Du sonst das schreckliche Wort herhaben?«

»Ich schwöre Dir zu ?«

»Woher hast Dus?«

»Ich weiß es seit langem, hatte es nur vergessen; nun ist es mir von neuem ins Gedächtnis gekommen.«

»Dann vergiß es wieder. Aber vergiß es schnell! Solche Gedanken sind vom Uebel.«

»Ich will versuchen, nicht mehr daran zu denken.«

»Du darfst nicht mehr daran denken; um des Kindes willen darfst Du es nicht.«

»Ach, Terenzio, unser Kind ?«

»So sei doch ruhig.«

»Du hast recht, ich bin sehr unverständig.«

»Hat der Bruder Dir gesagt, daß er wiederkommen wollte?«

»Nein.«

»So sei darüber nicht traurig. Er gehört nicht mehr zu uns; wir wollen keinen zwischen uns kommen lassen.«

»Wie Du redest!«

»Für alles, was er an uns gethan hat, bin ich ihm von Herzen dankbar, und ich verehre ihn hoch als einen wahrhaft heiligen Mann. Aber besser ist besser, und am besten ists, wenn er nicht wieder zu uns kommt.«

»Du thust ihm sehr unrecht.«

»Versprich mir, nicht zu ihm zu gehen. Was hast Du?«

»Ich stieß mich am Tisch.«

»Versprich mirs.«

»Ach, laß doch das!«

»Versprich es mir.«

»Wie heftig Du sein kannst! ? Ich verspreche es Dir.«

»Dann ists gut. Ich verspreche Dir dafür, nicht mehr heftig zu sein. Und jetzt gib mir einen Kuß.«

Ich war von der Wand zurückgetreten, ich spähte ins Zimmer, ich sah, wie der Mann sein Weib an seine Brust ziehen und auf den Mund küssen wollte. Aber sie entwand sich ihm, warf sich über das Bett ihres Kindes und weinte bitterlich.

Ich fühlte Erbarmen mit ihr; obgleich sie eine große Sünderin gewesen und geblieben war, ? denn hatte sie nicht soeben ihren Mann gröblich belogen? ? fühlte ich doch heftiges Erbarmen mit dem Weibe. Voller Mitleid und Jammer entwich ich. Da ich mich noch einmal umwandte, war das Licht erloschen.

So muß es auch in der Seele des Menschen sein: die Sonne des Glücks muß erlöschen und es muß darin dunkel werden, finstere Nacht.

*

Denselben Weg, den ich vor einer halben Stunde mit dem Weibe gegangen war, schritt ich zurück, bis ich die Straße erreichte, welche von Subiaco durch das Banditenland nach Rojate und Olevano führt. Hier beginnt die Schlucht, über welche an dieser Stelle eine Brücke geschlagen ist. Wer zu den Klöstern des heiligen Benedikts will, der überschreitet die Brücke nicht, sondern steigt den Felsenhang hinauf, welcher neben dem Viadukt den wilden Berg entlang führt. Aber ich hatte nichts bei den Benediktinern und in ihren Heiligtümern zu schaffen.

Also überschritt ich die Brücke, unter deren Bogen in der Tiefe der Fluß toste, ging dann vom Wege ab, linker Hand in die Felsenwildnis hinein; ein unmögliches Unternehmen, hätte der Mond nicht taghell geschienen. Indessen auch so gab es der Gefahren genug; denn schaurig war die Stätte, ein unheilvoller Ort, welchen Geister und Dämonen bewohnten.

Ich empfahl meine Seele Gott dem Herrn und verlor mich in das Gewirr von Klippen und alten Römerruinen, welche zwischen Dickichten und Blumengebüschen sich auftürmten. Bald mußte ich mühselig über mächtiges Getrümmer klettern, bald durch enge Felsspalten kriechen; ich verlor mich in dunklen Grotten und in Hallen, an deren Wänden weißer Marmor glänzte; jetzt hatte ich hohe, feierliche Wölbungen über mir, im nächsten Augenblick von Mondesstrahlen durchleuchtete Baumwipfel oder den freien Himmel voll Silberglanzes. Dabei sank ich tief in Kräuter und Blumen ein, Schlingpflanzen hemmten meinen Weg, ich verstrickte mich im Ginster, dessen Düfte mich schwer betäubten, und verirrte mich zuletzt in einem Labyrinth von Hallen und Gängen, wo zerstückte Marmorleiber mir den Weg versperrten, im Mondlicht blasse, abgeschlagene Häupter mich anstarrten, bleiche Arme sich nach mir ausstreckten. Was that ich, wenn mir in diesen Wildnissen der Geist des Teufels Nero begegnete, welcher hier bei seinem Leben eine goldene Stätte seiner schändlichen Lüste gehabt. Es raschelte in den Büschen, seufzte in den Lüften, Gevögel der Nacht, Fledermäuse und Eulen, umflatterten mich, in den Höhen und Tiefen wimmelte es von Leuchtgewürm. Ich rief sie, die ich an dieser Stätte suchte:

»Judäa!«

Lange schrie ich den Namen, den das Echo zurückgab; endlich kam sie herangekrochen gleich einem wilden Tier und stand auf einmal vor mir.

»Ich wußte, daß Du kommen würdest, und ich weiß auch, was Du von mir willst.«

Ich fragte sie:

»Was also wollte ich von Dir?«

Und die Teufelin, mit einem höllischen Gelächter, gab mir zur Antwort:

»Ein Weib.«

*

Die verruchte Jüdin! Meinen ganzen Zorn schüttete ich aus über sie, schalt und verwünschte sie, daß jedes christliche Geschöpf, welches an die Hölle glaubte, voller Zittern und Zagen gewesen wäre. Aber diese Ungläubige focht mein Grimm nicht an, und als ich endlich nichts mehr zu donnern und zu fluchen wußte, sprach die Unholdin mit großer Gelassenheit:

»Wenn Du heute noch nicht jenes von mir zu fordern kommst, so wirst Du eines andern Tages doch kommen, es zu heischen. Du wirst dann sagen: ?Judäa, verdammtes Weib, verschaffe mir einen neuen Strick für meine Kutte.? Oder Du verlangst: ?Geh und hole mir einen zähen Riemen für meine Geißel, damit ich mir besser den Rücken zerfleischen kann.? Oder Du bettelst: ?Spende mir von Deinen heilsamen Tränken.? Ich werde dann sagen: Ja, ich will Dir den Strick, den Riemen, den Trank beschaffen, und ich werde gehen und für Dich etwas anderes krämern und das andere wird das Rechte sein. Denn daß es in der heiligen Weise, wie Du es den Leuten und vielleicht auch Dir selber glauben machen willst, nicht fortgehen kann, das sehe ich Dir an den Augen an. Seitdem wir uns zuletzt im Thal der Egeria vor der Grotte sahen, hast Du den bösen Blick bekommen, und wäre ich ein Christenweib, so spräche ich, wenn ich Dir auf der Straße begegnete, schnell den Zauber, den die Frauen Deines Glaubens gegen den bösen Blick anwenden. Alles dieses wußte ich von Dir, da ich Dich heute in der Stadt vor allem Volk als einen Heiligen sprechen hörte und sogleich in Dir den Scheinheiligen und Heuchler erkannte, wie ich Dir, Du Abtrünniger, auch vor allem Volk ins Gesicht gesagt habe. Und nun berichte mir, um welcher schlechten Sache willen Du gekommen; denn Dein guter Geist ist es nicht, der Dich in die Wildnis zu dem schändlichen Weib Judäa führt.«

Ich überwand meinen Unwillen und Abscheu, und verschmähend, auf die freche Rede der Jüdin ? die ja selbst bei ihren Glaubensgenossen als eine Abtrünnige galt ? Antwort zu geben, that ich zuerst die Frage: ob sie allein vom Thal der Egeria in die sabinischen Berge gekommen, oder ob sonst noch jemand bei ihr sei? Mit einem höhnischen Lachen erwiderte das Weib:

»Fürchte nichts, Du heiliger Mann! Weder meine Tochter Myrrha ist bei mir, daß sie Dich durch ihre Schönheit berücken könnte, noch Dein Freund Mose Halarki, um Dich totzuschlagen gleich einem räudigen Hund, wie er thun wollte droben im Eichenwäldlein der heidnischen Göttin Egeria.«

Ich sagte:

»Mein Leben steht in Gottes Hand. Wie Gott mein Leben vor den Umstrickungen jenes Bethörten gerettet hat, so wird es mit seinem Willen mich weiterhin mit mir geschehen. Denn von Gottes Willen lasse ich mich leiten, ohne zu grübeln, wohin dieser mich führt.«

Das Weib spottete:

»So ists recht, Du frommer und getreuer Knecht des Herrn!«

Ich, ohne mich an den Hohn der Argen zu kehren, sprach mit großer Ruhe weiter:

»Wisse, ich bin gekommen, Dich zu fragen, woraus Du entnimmst, daß ich ein Scheinheiliger, ein Heuchler und falscher Priester sei? Da ich noch ein Knabe war, vernahm ich, Du hättest die Gabe, in den Seelen der Menschen zu lesen, zu erkennen, was geheim ist, und in die Zukunft zu schauen. Unheils genug hast Du damit in dem Hause nahe dem jüdischen Tempel angerichtet, und noch mehr des Unheils würde von Dir kommen, wenn man besser auf Dich hörte. Siehe, beinahe daß auch ich an Dein höllisches Prophetentum geglaubt haben würde; wie Du mich aber heute vor allem Volk beschuldigtest, ein Scheinheiliger und schändlicher Lügner zu sein ? siehe, o Judäa, da erkannte ich auf einmal, wie blind Deine Augen sind, wie Dir die Seelen der Menschen verschlossen bleiben, wie Du eine falsche Prophetin und eine Betrügerin bist. Denn von dem, was in meinem Herzen lebte, als ich vor allem Volk hintrat, um den Juden zu fluchen ? davon hast Du nichts gewußt.«

Dieses sagend, schaute ich dem schlimmen Weibe fest in die Augen. Wir standen nahe beisammen, dicht vor einer schrecklichen Untiefe, wo der wilde, mondbeglänzte Fluß gleich einer Flut geschmolzenen Silbers im Felsenkessel schäumte und toste. Der Mond schien Judäa gerade ins Gesicht, daß ich recht erkennen konnte, mit welchem Blick auch sie mir in die Augen spähte. Sie blieb eine ganze Weile stumm; dann sprach sie mit leiser Stimme, aber jedes Wort scharf hervorstoßend, als ob sie mir ihre Rede ins Herz bohren wollte:

»Ich sehe Dein Gemüt vor mir gleich einem aufgeschlagenen Buche und ich lese die Schrift, davon Deine Seele voll ist; und ich erkenne, daß Du selbst sie nicht zu lesen vermagst und gänzlich unwissend bist, was Du in Deiner Seele trägst und wie Dein Geist sich verwandelt hat. Es liegt in Dir wie die Keime einer Pflanze im Boden der Erde, und Du kannst nichts dazu thun, ebensowenig wie die Erde es zu hindern vermag, daß der Keim quillt und aufgeht, sprießt und gedeiht, wächst und Blüte und Frucht trägt. Die Frucht Deines Lebens wird eine Giftfrucht sein; doch Du wirst meinen, es sei ein Apfel des Paradieses. Und du wirst davon genießen und die Erkenntnis empfangen, ein Wissen, welches Dich töten wird.«

Ich entgegnete:

»Also gestehst Du ein, daß Deine heutige Erkenntnis meines Christentums und meines geistlichen Wesens eine falsche Offenbarung Deines Geistes gewesen?«

»Ich gestehe ein, daß ich Dich heute nicht völlig erkannte und daß Du ein aufrichtiger Schwärmer und Wahnwitziger bist.«

»Aber doch ein ehrlicher Priester der katholischen Kirche?«

»Dieses in höherem Maße, als Du selbst es weißt. Und Du wirst es noch gänzlich werden: gänzlich ein Zelot des christlichen Glaubens.«

Da das Weib dieses sagte, triumphirte ich im Herzen über sie, erkennend, daß sie nichts von meinem innern Zustand wußte. Und ich spottete im geheimen der Thörin, welche anderen und sich selbst vorlog, eine große Weise zu sein. Doch verschwieg ich solche Gedanken und schickte mich an, die böse Stätte und das arge Weib zu verlassen. Da sprach Judäa:

»Sonst hättest Du mich nichts zu fragen?«

»Was sollte ich Dich noch zu fragen haben?«

»Nach meiner Tochter Myrrha.«

»Was schert mich Deine Tochter!«

»Sie ist über die Maßen schön geworden, noch schöner, als ihre Mutter gewesen, und wird von den Juden aus dem Thal der Egeria gleich einer Königin geachtet.«

»Möge der Herr sie erleuchten! Ich will für sie beten.«

»Wenn ich heimkehre, werde ich sie dem Mose Halarki zum Weibe geben, wie bei den Juden vom Thal der Egeria ein Mädchen eben einem Manne vermählt wird: in keinem Tempel, ohne Priester. ? Sagtest Du etwas?«

»Nein.«

»Mose Halarki ist der mächtigste Mann im Stamme der Verstoßenen, die er wie ein Fürst und Feldherr anführt. Meine Tränke und Salben haben ihm geholfen, daß er aufrecht stehen und am Stabe dahinwanken kann. Aber sein Körper ist eine Mißgestalt geblieben, gänzlich unähnlich der Schönheit, welche Dich einstmals geschmückt hat. Und daß Du auch dieses noch weißt: meine Tochter Myrrha verabscheut, was häßlich ist, und wird nur mit Widerwillen ihrem Manne anhängen. Auch trägt sie immer noch das Bildnis eines Jünglings im Herzen mit langem Gelock und leuchtendem Augenpaar. Sagtest Du auch jetzt nichts?«

»Kein Wort.«

»Aber ich hörte Dich seufzen.«

»Ueber Deine Verruchtheit.«

»Warum schiltst Du mich? Weil ich meine Tochter einem ungeliebten Manne zum Weibe gebe? Das ist Sitte auch bei dem Stamm der Juden, dem Du angehört hast. Was schreist Du also dagegen?«

»Du hast recht, mich kümmerts nicht. Lebe wohl.«

Doch die Unholdin ließ mich nicht von sich.

»Und Du fragst mich nicht nach Simeon, dem Manne, der Dich erzeugte, nicht nach Hannah, der Frau, die Dich gebar?«

Ohne Antwort wollte ich davonschreiten, aber ich wußte nicht gleich, nach welcher Seite ich mich zu wenden hatte. So blieben denn meine Füße gänzlich gegen meinen Willen am Boden haften und ich hörte das Weib sagen:

»Dein Vater Simeon ist ein alter Mann geworden mit weißem Haar, ein Greis, der sich am Stabe zum Tempel tastet und kindische Worte lallt: ?Dahiel, mein Sohn! Dahiel, mein Sohn!? Deine Mutter Hannah ist seit vielen Jahren bettlägerig und ihr Lebenslicht gleicht einem Lämplein, dessen Docht das Oel aufgezehrt hat. Wenn ich nun in den römischen Ghetto kommen werde, dort die Botschaft auszurichten, die Du mir gegeben, und mich in das Haus nahe dem Tempel einschleiche und daselbst rufe: ?Ich sah den, der einst Dahiel hieß! Ich sah ihn als einen großen Priester der christlichen Kirche und vernahm aus seinem Munde den Fluch geschleudert gegen sein Volk.? ? Wenn ich also spreche, wird das Lebenslicht des Weibes Hannah unter meinen Worten verlöschen und der Greis Simeon wird ihr mit Jammer nachfahren in die Grube. Willst Du es daher, so schweige ich.«

... Ich habe vergessen, welche Antwort ich dem Weibe gab; ich glaube, ich schrie sie an, daß sie eine Lügnerin, eine Unholdin und Teufelin sei, und wich mit Grausen von ihr. Da hörte ich sie hinter mir drein rufen:

»Kain hat nur seinen Bruder getötet; hier flieht einer, der Vater und Mutter gemordet.«

.

VI.

Seit dem Tage, an welchem der junge Heilige das Haus des wackeren Terenzio mit seinem Besuche gewürdigt hatte, lag ein Unsegen auf dem Hause. In der Vigna dagegen war eine Fruchtbarkeit und ein Gedeihen wie noch in keinem Jahre zuvor. Die Trauben drängten sich durch das gelichtete Blattwerk der Sonne entgegen, daß eine Frucht die andere zu erdrücken schien, und der Herr des Gartens bereits Sorge trug, woher er alle die Fässer nehmen sollte, um den ganzen Himmelssegen unterzubringen; die Quitten, die Mispeln und Granatbäume mußten gestützt werden, damit sie ihre Last an Früchten tragen konnten; die Frauen ernteten eine Ueberfülle von Feigen, Pfirsichen und Mandeln; die Tomatenfelder waren aus der Ferne ganz rot anzusehen, und der Wohlgeruch der vielen Kräuter und Gewürze, die der betriebsame junge Landmann in seiner Vigna anbaute, füllte, mit den Blumendüften sich mischend, ringsum die Luft.

So waren Gedeihen und Segen überall, nur nicht im Hause. Denn über des Hauses Herrin ruhte es wie eine unsichtbare, unheilvolle Gewalt, der die junge Frau von Tag zu Tag mehr verfiel. Sie mußte krank sein. Ihr immer sehr blasses Gesicht erschien jetzt beinahe blutlos, ihre Augen hatten einen heißen, fieberhaften Glanz, und ihr Blick war unstät und starr. Selbst ihre Bewegungen schienen anders geworden zu sein: müde und matt. Sie that alles gleichsam mit einer gewaltsamen Anstrengung, als kostete es sie Mühe, sich aufrecht zu erhalten, zu gehen und den Arm zu heben. Vorbei war die heitere Ruhe ihres Wesens, vorbei das sichere Glück, welches wie der Glanz eines Sonnentags über ihrem Leben ausgebreitet lag. Immer stiller wurde ihre Miene, immer trostloser ihr Blick. Sie verfiel in Schwermut, in Tiefsinn. Stundenlang konnte sie dasitzen, die Arme schlaff niederhängend, den Kopf auf die Brust gesenkt, stier vor sich hinschauend und häufig schwer aufseufzend, daß es wie Stöhnen klang. Trat jemand an sie heran, so schreckte sie zitternd auf, ängstlich bedacht, ihren Zustand zu verbergen. Dann belebte sie sich, sprach und beschäftigte sich im Hause. Aber alles that sie gewaltsam, hastig und aufgeregt. Nicht selten kam es vor, daß ihre Kraft plötzlich versagte und sie in ihren alten Zustand zurückfiel.

Gegen ihren Mann war sie scheu, verschlossen und fremd. Sie entzog sich seiner Zärtlichkeit, erbebte unter seinen forschenden Blicken, vermied angstvoll, mit ihm allein zu sein, floh wohl gar seine Nähe. Dann wiederum, wenn sie seine Sorge, seinen Schmerz sah, konnte sie außer sich geraten. Unter einem Strom von Thränen warf sie sich an seinen Hals, mit wilder Leidenschaftlichkeit sich anklagend, daß sie ihn, der so gut und großmütig sei, unglücklich mache, daß sie niemals eines Mannes Weib hätte werden sollen, daß sie damit ein Verbrechen begangen, welches sich noch schrecklich rächen würde. Sie sank ihm zu Füßen und bat ihn voll unsäglichen Jammers, in heller Verzweiflung um Verzeihung; sie wollte sich nicht beruhigen lassen, wies jedes Zureden mit Heftigkeit zurück und geberdete sich, als ob sie von Sinnen käme. Ebenso wundersam war ihr Wesen gegen ihr Kind. Bald konnte sie den Anblick des lieblichen Geschöpfes nicht ertragen, bald zeigte sie eine überschwengliche Zärtlichkeit für ihre Tochter. Sie riß das Kind an sich, herzte und küßte es, als ob sie es mit ihren Liebkosungen ersticken wollte, weinte, betete, verwünschte sich, es geboren zu haben, ergoß sich in herzzerreißendem Jammer über des Kindes Schicksal, sie zur Mutter zu haben.

Häufig, wenn niemand es sah, nahm sie das Kind, hob es zu einem Spiegel empor und verglich sein Gesicht mit dem ihren. Es sagten immer alle, wie wundersam das Kind seiner Mutter gliche, alle staunten über die Ähnlichkeit von Mutter und Tochter. Mit wahrer Todesangst prüfte Clelia, ob es wirklich so wäre. Zuweilen beredete sie sich, es sei Täuschung, und das Kind gleiche mehr seinem Vater. Dann wiederum meinte sie, in des Kindes Zügen eine solche Ähnlichkeit mit den ihren zu entdecken, daß es ihr war, als sähe sie im Glase ihr eigenes verjüngtes Gesicht. Oder es mochte auch nur ein Blick, eine Miene, eine Bewegung des Kindes sein, welche die Mutter an sich selbst erinnerten: das hat sie von dir! In solchen Augenblicken schien bei der Unglücklichen der Wahnsinn auszubrechen; sie stieß das Kind von sich, warf sich zu Boden, wand sich in Qualen, raufte ihr Haar, um schließlich in gänzliche Ermattung und Apathie zu verfallen.

Am ruhigsten war sie beim Beten, das sie mit heißer Inbrunst verrichtete, die einen immer leidenschaftlicheren Charakter annahm. Stundenlang lag sie vor dem Madonnenbilde auf den Knieen. Sie zündete jeden Tag geweihte Kerzen an, wand jeden Tag einen Kranz und fastete. Häufig betete sie, das Kind in den Armen haltend. Allmälich begann Angelika vor ihrer Mutter Furcht zu empfinden; sie weinte, flüchtete von ihr hinweg zur Großmutter oder zum Vater, was dann Clelia das Herz zerriß und sie mit heftiger Eifersucht auf ihren eigenen Mann erfüllte. Mit der Zeit nahm ihre Traurigkeit in einer Weise zu, daß sie sich um nichts mehr kümmerte und nur noch ihren Andachtsübungen oblag. Sie kleidete sich nicht länger sorgfältig und sah bald über die Maßen verwahrlost aus; sie fand im Hause keine Ruhe mehr, lief schon früh morgens nach Subiaco und dort von Kirche zu Kirche; oder sie stieg zu dem Benediktinerkloster hinauf und lag vor der Grotte des Heiligen wie eine büßende Magdalena niedergesunken, sich in Askese erschöpfend, so daß sie sich des Abends kaum nach Hause zu schleppen vermochte.

Dem armen Terenzio war es, als träumte er mit offenen Augen. Er begriff es gar nicht. Er sah sein Glück verloren gehen und mußte es geschehen lassen, gleich einem, der zuschaut, wie sein Haus in Flammen aufgeht und in Trümmer fällt, ohne eine Hand zur Hilfe rühren zu können. Was war mit seinem Weibe, was war mit ihm selbst geschehen? Sie waren zusammen so glücklich gewesen und jetzt ? ? Gar nichts begriff er! Wie war eine solche Wandlung möglich? Er war derselbe, das Kind war dasselbe geblieben, nur daß es von Tag zu Tag schöner, lieblicher, herziger wurde ? nichts hatte sich verändert und doch war alles anders geworden. Er grübelte und grübelte über das Rätsel, ohne eine Lösung zu finden. Vielleicht daß er es begriffen hätte, wäre Bruder Angelikus, der neue Heilige und Wunderthäter, häufig ins Haus gekommen. Aber dieser ließ sich nicht sehen, und Clelia konnte auch nicht dort gewesen sein; denn das Kloster, dem der heilige Einsiedler angehörte, lag gute drei Stunden von der Vigna entfernt. Also das eine, was die Wandlung seines Weibes zur Not hätte erklären können, war es nicht, und eine andere Lösung vermochte er nicht zu finden, so sehr er seinen Kopf auch anstrengte. Er hatte es durchgesetzt, mit Clelia nach Subiaco zum Apotheker zu gehen. Der weise Mann verordnete ihr allerlei, was die Leidende auf die inständigen Bitten ihres Mannes und der Großmutter auch gebrauchte, jedoch ohne daß es ihr im geringsten genützt hätte. Nach dem Fehlschlagen dieser heilsamen Mittel wußte sich der gute Terenzio keinen Rat mehr, denn von der einen Hilfe, um welche die treffliche Sora Filomela ihn ohne Unterlaß anbettelte, wollte er für seine Hausfrau keinen Gebrauch machen: er wollte die Kranke nicht zu dem wunderwirkenden Franziskaner bringen.

Eines Nachts erwachte er aus einem furchtbaren Traum, der ihn wie ein Alp auf der Brust drückte. Um sich von dem Banne zu befreien, wollte er seine Frau wecken. Da bemerkte er, daß diese gar nicht im Bette lag. Er sprang auf und rief im ganzen Hause vergebens nach ihr. Hastig kleidete er sich an, die Vermißte in der Vigna zu suchen. Da kam sie ihm entgegen, von der Richtung des Flusses her. Sie war vollkommen angekleidet und schien bei dem Anblick ihres Mannes heftig zu erschrecken; doch gab sie auf Terenzios Frage, wo sie gewesen sei, gelassen zur Antwort: sie habe nicht schlafen können und sei deshalb ins Freie gegangen. Nun befinde sie sich wohler. Terenzio mußte schweigen, beschloß aber bei sich, fortan besser acht auf die Kranke zu geben. So fest er sich indessen auch jeden Abend vornahm, nicht einzuschlafen und seine Frau zu bewachen, so kam es doch niemals dazu. Denn kaum hatte er sich nach seinem gewöhnlichen Abendtrunk zu Bett begeben, als ihn auch jedesmal die Müdigkeit überwältigte, und er in einen Schlaf verfiel, schwer wie Blei, so daß er sich des Morgens gewaltsam ermuntern mußte und ihn häufig den ganzen Tag Kopf und Glieder schmerzten. Mehr und mehr versuchte er seinen Kummer tags über bei angestrengter Thätigkeit zu vergessen und des Abends durch Wein zu betäuben. So kam es, daß auch Terenzio allmälich ein anderer Mensch wurde, mißtrauisch und verdüstert, von großer Reizbarkeit, die sich häufig in Ausbrüchen von Wut und Zorn äußerte. Einmal ergriff ihn Entsetzen über sich selbst. Das war eines Abends nach reichlichem Weingenuß. Seine Frau hatte einen besonders schlimmen Tag gehabt, jetzt lag sie bereits seit vielen Stunden vor dem Marienbilde auf den Knieen. Da sie gar nicht mit Seufzen und verzweiflungsvollen Ausrufen aufhören wollte, riß ihr Mann sie in die Höhe und schlug sie, die sich in ihrer inbrünstigen Andacht nicht stören ließ, mit der geballten Faust ins Gesicht.

Als Terenzio Clelias blutüberströmtes Antlitz sah, stieß er einen fürchterlichen Schrei aus, warf sich auf den Boden und geberdete sich wie unsinnig.

Nachdem Clelia sich vom Blut gereinigt, kauerte sie sich neben Terenzio nieder, tröstete ihn und war, was sie seit langer Zeit nicht gewesen, voller Innigkeit und Zärtlichkeit: er sollte doch ruhig sein. Was denn geschehen wäre? Er hätte ja nur gethan, was jeder andere Mann jeden Tag gethan haben würde. Sie verdiente gar keine bessere Behandlung; sie wäre glücklich und ihm dankbar, wenn er sie jeden Abend schlagen und mit Füßen treten würde. Sie würde ihm seine Mißhandlungen mehr danken, als alle seine Geduld, Liebe und Güte.

Terenzio war in solchem Maße außer sich vor Schmerz und Reue, daß er gar nicht hörte, was sie ihm zuflüsterte, während sie sein Haupt in ihren Schoß gelegt hatte. So verbrachten die Ehegatten die halbe Nacht; er tobend gegen sich selbst, sie ruhig, freundlich und liebreich. Aber trotz aller seiner Selbstanklagen kam es doch schon nach kurzer Zeit zu einem zweiten Ausbruch. Wieder schlug Terenzio sein Weib und wieder nahm sie es in Demut hin.

»Schlag mich nur, schlage mich blutig! Ich verdiene es gar nicht anders.«

Und er schlug sie ? ?

Die treffliche Sora Filomela wußte nicht aus noch ein und verging fast vor Leid. Sie betete Tag und Nacht für Clelias arme Seele, lief ihretwegen zu Mönchen und Priestern, versuchte es mit Wunderkuren und Sympathiemitteln, und gelobte in ihrer Seelenangst zuletzt eine Wallfahrt zur Casa Santa von Loretto ? nämlich, wenn es mit dem armen Weibe, der Clelia, wieder gut werden sollte. Es dauerte nicht lange, so konnte sie hinzufügen: und auch mit dem armen Mann, dem Terenzio.

Einmal ? Clelia hatte gerade einen ihrer schlimmsten Tage ? entfuhr es der guten Frau in Gegenwart des Mannes: sie wollte sich nach dem Franziskanerkloster aufmachen und beim Bruder Angelikus für die Kranke Hilfe suchen. Aber Terenzio geriet in eine solche Wut gegen die arme Alte, daß diese nicht wagte, ihr Vorhaben auszuführen, und sich damit begnügte, die Madonna anzuflehen, den »lieben, heiligen Bruder Angelikus« zur Hilfe zu senden. Zum Glück hatte sie den ganzen Tag zu schaffen; zunächst für das Haus, um das Clelia sich gar nicht mehr bekümmerte, sodann für das Kind, das schlimmer als verwaist geworden war. Denn auch zum Vater konnte die kleine Angelika nicht länger flüchten, wenn sie sich vor den Ausbrüchen der Mutter retten wollte; auch der Vater verwandelte sich von Tag zu Tag mehr. Gerade wie bei der Mutter, wechselte auch seine Stimmung zwischen heftiger Zärtlichkeit und böser Laune oder gar vollkommener Gleichgiltigkeit; häufig war er so in seine Grübeleien versunken, daß er die Nähe seiner Tochter gar nicht gewahrte.

Dann nahm sich die gute Großmutter des Kindes an, das seine frische Munterkeit verlor, scheu und ängstlich ward und aus Furcht vor Mutter und Vater nicht mehr wagte, sorglos in der Vigna herumzutoben und sie von ihrem fröhlichen Stimmchen, ihrem silberhellen Lachen und kindlichem Singsang widerhallen zu machen. Um das Haus des jungen Paares war es still, und selbst am sonnigsten Tage schien ein schwerer Schatten darauf zu ruhen, wie die Ahnung kommenden Unheils.

Es war im Oktober und überall in den gesegneten Gefilden des Aniothales, rings um die ehrwürdige Felsenstadt Subiaco, ward Weinlese gehalten. Die Vignen erschallten von den Strophen der Winzer, in den Dickichten, die über dem Bett des Anio ein hohes Gewölbe von Gipfeln und Ranken bildeten, sangen die Vögel ihre letzten Sommerlieder, in den Oelbäumen schrieen die Cicaden und um die Blumen war ein vieltöniges Summen von Bienen, Insekten und Käfern; die Natur war voller Leben und Stimmen, voller Emsigkeit und Daseinslust.

Clelia saß müßig vor dem Hause, unbedeckten Hauptes in der Sonne, die trotz der Herbsttage immer noch heiß genug herabbrannte. Sie hielt ihren Rosenkranz in Händen, ließ die Perlen durch die Finger gleiten und murmelte mechanisch ihre Gebete her. Die Augen hatte sie starr vor sich auf den Boden geheftet, wo der grelle Sonnenschein wie ein goldener Teppich sich ausbreitete. Lacerten trieben auf der glänzenden Decke ihr anmutiges Wesen, huschten hin und her, jagten sich, verwirrten sich zu einem leuchtenden Knäuel, stoben wie Funken auseinander, schossen als lebendige Strahlen davon. Unverwandt hielt die junge Frau ihre Augen auf die funkelnden Leiber geheftet, ohne sie jedoch zu gewahren. Da trat die Großmutter zu ihr.

»He, Clelia, wie geht es Dir heut?«

Das arme Weib schaute nicht auf, ließ rastlos die Perlen durch die Finger gleiten, fuhr fort, ihre Gebete abzumurmeln.

Die Großmutter ließ sich nicht abschrecken. Sie hatte sich vorgenommen, einmal gründlich mit der Clelia zu reden. So raffte sie denn ihren ganzen Mut zusammen und rief:

»Nun, das muß ich sagen: Du sorgst gut für Deine arme Seele! Tag und Nacht thust Du nichts anderes, als Dir einen Platz im Paradiese vorzubereiten. An Mann und Kind denkst Du nicht ? Mann und Kind lässest Du ja wohl vor Deinen Augen umkommen. Eine solche Frau! Eine solche Mutter! Es ist eine Schmach. Ich wollte lieber, Du wärest geblieben, was Du warst, als so zu werden: so gottlos fromm und so schändlich tugendhaft.«

Und die treffliche Frau begann aus allen Kräften zu seufzen und zu schluchzen.

Die Unglückliche, der diese strenge Rede galt, hatte den Rosenkranz fallen lassen, die Augen erhoben, ihr Gebet unterbrochen und saß nun da, die weinende und laut lamentirende Greisin aus großen, tief eingehöhlten, fieberhaft glänzenden Augen mit einem jammervollen Blick anschauend. Dann sagte sie mit leiser Stimme, deren Ton gänzlich erloschen schien:

»Es würde freilich besser sein, wenn ich geblieben wäre, was ich war, dann hätte ich keinen braven Mann und kein liebes Kind, die ich nun beide verderben muß, und das sowohl in diesem als in jenem Leben. Auch bete ich nur für meine Verdammnis, durch die ich mein Kind, das durch seiner Mutter Sünden verdammt ist, zu erlösen hoffe. Ich muß aber noch lange beten: fünfzig Jahre und noch länger, Tag und Nacht, bis ich meine ewige Verdammnis sicher habe und für mein Kind die Seligkeit. Darum laß mich.«

Und sie bückte sich, um den Rosenkranz aufzuheben; aber Sora Filomela ließ sie nicht gewähren. Einen Thränenstrom vergießend, schluchzte sie:

»Wüßte ich nur, wer Dir das angethan hat. Denn Du bist verhext, mein armes Kind, verhext bist Du und von einem argen Geist besessen. Der Madonna allein mag bekannt sein, wie der Zauber Macht über Deine Seele hat gewinnen können. Gewiß hat jemand Dich mit dem bösen Blick behaftet. Der Herr sei Dir gnädig.«

Clelia erwiderte:

»Amen!«

Die Alte klagte:

»Ein Unhold muß in der Nähe sein höllisches Wesen treiben. Und es ist doch eine so heilige Gegend. Alle die Kirchen in Subiaco, und in der Anioschlucht die Klöster des heiligen Benedikt. Aber gerade in der Schlucht soll es hausen. Viele haben es gesehen nachts dahin schleichen, als Franziskanermönch gestaltet; und viele haben es in den Ruinen der Villa des römischen Kaisers Nero ? der ein leibhaftiger Satanas war ? seufzen und stöhnen hören. Es soll ein schreckliches Getöse gewesen sein, und wie Jammern eines Weibes ? ? Heilige Maria, was ist Dir?«

Der Kopf sank Clelia auf die Brust herab, sie wäre beinahe vom Stuhl gefallen. Die Großmutter sprang hinzu, fing sie mit beiden Armen auf, kauerte sich neben sie, jammerte und weinte. Aber sie erholte sich gleich wieder, Sora Filomela, die den Terenzio oder die Magd rufen wollte, verbietend, Lärm anzuheben: es sei von der Sonne gekommen, die sie sich seit Mittag auf den Kopf habe scheinen lassen. Die Nona brachte Clelia ins Haus. In ihrer Angst um das Seelenheil ihrer armen Nichte, um welches es sichtlich schlimm stand, fielen ihr die heiligen Rosen Sankt Benedikts ein. Sie sagte es sogleich:

»Die mußt Du Dir holen.«

»Was muß ich mir holen?«

»Von den heiligen Rosen! Morgen gehe ich mit Dir nach Sacro Speco hinauf, und Du bittest den Vater Ambrogio um einige von den heiligen Rosen: die heiligen Rosen werden Dir helfen.«

»Meine Mutter, die Dionizia Baldi, hat das auch geglaubt, sie hat sich die heiligen Rosen geholt und sie auf ihrer Brust getragen und ist doch ein treuloses und schändliches Weib geworden, noch dazu gleich nachdem sie mich geboren hatte.«

»Nun ja, Deine Mutter. Aber Du bist doch nicht Deine Mutter.«

»Aber meiner Mutter Kind.«

»Ach, laß doch das! Um des armen Terenzio und der armen, kleinen Angelika willen hole Dir morgen die heiligen Rosenblätter.«

Clelia geriet in Aufregung.

»Warum sagst Du: armer Terenzio und arme Angelika?«

»Warum ich das sage? Weil sie Dein Mann und Dein Kind sind, und weil sie Dich so lieb haben, und weil sie Deinetwillen so viel leiden müssen, von Dir aber gar nicht mehr geliebt werden.«

Clelia schrie auf:

»Ich sollte meinen Mann und mein Kind nicht mehr lieben, meinen guten Terenzio, meine süße Angelika ? ?« Und sie begann am ganzen Leibe zu zittern.

»Nun, dann gehe morgen mit mir zu den Benediktinern und hole Dir die heiligen Rosen,« drängte die Großmutter. »Die heiligen Rosen werden Dich vor dem Bösen schützen, und auch Deinem Mann und Deinem Kinde werden sie zu gute kommen ? ? Was sagst Du?«

Clelia hatte nichts gesagt; sie war nachdenklich geworden, ihre Augen füllten sich mit Thränen, die langsam in großen, schweren Tropfen die abgezehrten, bleichen Wangen herabliefen, ohne daß sie es merkte. Dann sagte sie ergebungsvoll:

»Morgen werde ich mit Dir hinaufgehen zu den Benediktinern und den Pater Ambrogio um das Heiligtum bitten. Vielleicht, daß es mich schützt ? vor meiner Mutter! Und vielleicht, daß es meine Tochter schützt ? vor ihrer Mutter! Denn Du weißt, daß die Sünden der Eltern heimgesucht werden an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. So steht es geschrieben.«

.

VII.

Am nächsten Morgen kleidete sich Clelia mit etwas größerer Sorgfalt an als gewöhnlich und suchte dann die Großmutter auf, der sie sagte:

»Ich will jetzt hinauf zum Kloster der heiligen Höhle und die wunderthätigen Rosen holen.«

Sora Filomela lobte diesen frommen Entschluß nochmals auf das höchste und meinte dann:

»Warte einen Augenblick, gleich bin ich fertig. Ich glaubte nicht, daß Du so frühe gehen wolltest.«

»Ich möchte allein gehen.«

»Allein?«

»Ja.«

»Nun, wie Du willst, Kind, obgleich es sich nicht schickt, daß eine so junge Frau einen solchen Gang allein thut; auch hätte ich mich gern von dem Pater Ambrogio wieder einmal segnen lassen. Bruder Angelikus kümmert sich doch nicht mehr um uns; der ist ein zu großer Heiliger geworden.«

»Aber, Großmutter!«

»Ruhig, Kind, sei nicht böse. Ich weiß ja, er ist unser lieber Bruder Angelikus und bleibt unser lieber Bruder Angelikus. Ich denke nur immer, wenn er wüßte, wie Du jetzt bist, so tiefsinnig und jammervoll, es würde ihm auch in der Seele weh thun, und er fände sicher etwas, womit er Dir, Du Arme, und uns allen helfen könnte.«

»Er hilft mir.«

»Gewiß, ich glaubs ja. Er wird gewiß für uns beten, und wenn ein solch frommer Mann einen in sein Gebet einschließt, so hilft das freilich ? ? Also geh mit der Madonna, meine Tochter. Denke an Mann und Kind und thue bei dem Heiligen ein Gelöbnis.«

Sie begab sich fort, um nach der kleinen Angelika zu sehen und mit der Magd das Essen zu beraten. Clelia machte sich auf den Weg.

Es war ein Morgen so voller Glanz, als wollten Himmel und Erde gemeinsam ein Fest feiern. Alles strahlte. Um das Gebirge schwebte schimmernder Dunst, die Rebenfelder prangten in Gold und Purpurfarbe.

Von aller dieser Herrlichkeit gewahrte die Pilgerin nichts; gesenkten Blickes ging sie ihren Weg, denselben, den sie in jener Nacht nach dem Besuch des Bruders mit diesem gegangen war. Sie hätte ihn mit verbundenen Augen schreiten können, so gut kannte sie ihn ? so oft war sie ihn seitdem gegangen; in mancher sternenlosen Nacht, wo sie die Hand vor den Augen nicht hatte erkennen können, wo nur das Rauschen des Flusses dicht, dicht an ihrer Seite sie leitete.

Ja, der Fluß!

Jedesmal, wenn sie bis zu einer gewissen Stelle des Ufers gelangt war, mußte sie stehen bleiben, mochte sie wollen oder nicht. Dann stand sie und lauschte regungslos auf die geheimnisvollen Stimmen der Wellen, auf das Schluchzen und Gurgeln der Flut. Um besser zu hören, beugte sie sich weit über und starrte hinunter, von woher die Töne zu ihr aufdrangen. Dann geschah es wohl, daß sie sich selber erblickte: mit den Wassern ringend, in den Wassern versinkend, mit den Wogen dahintreibend. Noch sah sie sich. Noch tauchte aus den Strudeln ihr Haupt auf. Jetzt noch ein Arm und jetzt ? nichts mehr.

Riß sie sich endlich los und schritt sie an der bösen Stelle vorüber, so waren ihre Füße schwer, so wars ihr, als ob sie gewaltsam zurückgezogen würde.

Als sie an die Brücke kam, wollte sie wie gewöhnlich hinüber auf die andere Seite der Schlucht schreiten. Aber sie besann sich, daß sie ja heute zu den Klöstern hinauf wollte. Mit einem tiefen Atemzug betrat sie den Felsenpfad und begann ihre Gebete abzumurmeln. Das Steigen ermüdete sie, so daß sie sich alsbald auf einen Stein am Wege niederlassen mußte. Der Platz lag unweit des ersten Klosters der heiligen Scholastika, gegenüber den Ruinen der Neronischen Villa, welche gewaltig wie die Trümmer eines Bergsturzes und nicht wie das zerstörte Werk von Menschenhänden, die Tiefe füllten und aus den Dickichten aufstarrten. Gerade Clelia gegenüber befand sich der Ort, wo seit kurzem, wie die Leute sagten, ein unheiliger Geist sein Wesen trieb. Starren Auges schaute die Rastende hinüber und dachte:

Er ist doch ein heiliger Mann. Gewaltig ist seine Rede, die Seelen aufrührend wie Sturm das Meer. Er thut ein gebenedeites Werk, wenn er mir Buße predigt, die wahre und echte. Es nützte nichts, zur Tugend zurückzukehren; man muß sein Fleisch geißeln und seinen Leib kreuzigen. Er hat es gethan, und ich muß es thun ? des Kindes wegen.

Sie raffte sich auf und setzte mit neuen Kräften ihren Weg fort. Als sie zu dem ersten Kloster kam, welches herrlich, gleich einem Fürstenschloß, in der Bergeinsamkeit thronte, ging sie in die Kirche, um an dem Alter der Schwester des heiligen Benedikt diese anzuflehen, für sie bei ihrem Bruder Fürbitte zu thun, damit die Rosen an ihr und ihrem Kinde sich wirksam erweisen möchten. Aber sie traute der Macht der Heiligen nicht recht, da Santa Scholastika ja eine Jungfrau gewesen. Sie konnte ihr Leid nur zu der himmlischen Mutter tragen, welche der Welt einen Sohn geboren hatte.

Weiter ging sie den steilen Weg, der sich gleich hinter dem Kloster zum Pfad verengte. Je näher sie dem Heiligtum kam, welches die wunderthätigen Rosen besaß, desto größer wurde ihre Hoffnung: vielleicht, daß ihrem Kinde und ihr doch noch geholfen werden könnte ? ? Sie gedachte ihrer Mutter, die mit demselben Wunsch im Herzen denselben Weg gegangen war; aber ihre Mutter hatte das Heiligtum nur für sich selbst begehrt, während Clelia dadurch ihr Kind schützen wollte: auf daß die Sünden der Mutter an dem Kinde nicht heimgesucht würden. Dieses Wort, das im Wort Gottes geschrieben stand, brannte in dem Herzen der Mutter mit feurigen Buchstaben.

Gleich war sie da. Obwohl ringsum nur Gestein zu erblicken, befand sie sich doch dem hehren Heiligtum ganz nahe. Bereits ward das hohe weiße Steinthor sichtbar. Es führte in einen Cypressenhain, der wie ein schwarzer Schatten auf der strahlenden Landschaft ruhte.

Eben wollte sie eintreten, als ihr Leute entgegenkamen; dieselben vorüber zu lassen, wich Clelia zur Seite. Es waren Fremde vornehmen Standes, der Sprache nach Römer. Sie redeten laut und lebhaft unter einander, ohne des Weibes am Wege zu achten. Nur einer der Gesellschaft, ein noch junger, schöner Mensch, mit bleichem Gesicht und dunklen, prachtvollen Augen, schien von Clelias Anblick betroffen. Auch sie sah ihn an, mit weit offenen, entsetzten Augen, mit dem Ausdruck tödlichen Schreckens. Da er zuletzt ging, fiel es keinem auf, daß er einige Schritte hinter den anderen zurückblieb. Er stand mitten im Wege, blickte zu Clelia hinüber, doch sprach er sie nicht an. Dann folgte er langsam seinen Freunden.

Clelia schaute ihm nach, immer noch mit der Miene des Schreckens und Entsetzens. Plötzlich kam ihr der Gedanke, daß er nochmals stehen bleiben und sich umwenden könnte. Das gab ihr Kraft. Schwankend schritt sie weiter, trat durch das Thor in den einsamen, dämmerungsvollen Cypressenwald. Hier sank sie nieder, mit dem Kopf gegen einen Baum.

Also keine Möglichkeit, der Vergangenheit zu entrinnen, vor ihr sich zu retten und zu verbergen. Er hatte Recht, der heilige Einsiedler! Keine Reue half, es half weder Buße noch Sühne. Und sie hatte in dem Wahn leben können, daß Vergangenes vergangen war, daß sie ein neuer Mensch geworden mit neuem Leben und neuer Seele. Gott helfe ihr! Nein, selbst Gott konnte ihr nicht helfen.

»Clelia!«

Er war zurückgekommen, atemlos von dem eiligen Gang. Erst beim Kloster glaubte er sie einholen zu können; nun sah er sie plötzlich vor sich, beinahe daß er über ihren hingesunkenen Körper gestolpert wäre. Nochmals rief er sie an:

»Clelia!«

Sie erschauderte und verharrte in ihrer verzweiflungsvollen Stellung, ohne den Kopf zu wenden, ohne einen Ton hören zu lassen. Da beugte er sich über sie und raunte ihr zu:

»Ich habe Dich nicht vergessen können. Seitdem ich vor sieben Jahren um Deinetwillen in Rom den Mönch niederstieß, weil er Dir lieber war als ich, habe ich nach Dir gesucht. Du warst wie aus der Welt verschwunden. Wo bist Du so lange gewesen?«

Sie antwortete nicht, nur daß sie noch heftiger zitterte.

»Warum liegst Du am Boden, als ob Du sterben wolltest? Sei verständig! Ich liebe Dich noch immer, und Du bist schöner als jemals. Als ich Dich eben wiedersah, fiel mir alles wieder ein; Du wirst mir alles von Dir sagen, mir alles erklären. Wo lebst Du? Wo kann ich Dich finden? Und um welche Zeit? Heute abend?«

Aber sie sprach nichts. Er bat, flehte, drohte ? sie blieb stumm. Schließlich ward er wild.

»Ich werde Dich zu finden wissen. Wir bleiben bis zum Dezember in Subiaco, droben auf dem Schloß; und ? ?«

Er unterbrach sich. Sie hatte ihre Hände um den Stamm geschlungen, und der Fürst gewahrte, daß sie einen Ehering trug.

»Was ist Dir eingefallen?« rief er aus. »Hast Du den Verstand verloren? Du bist verheiratet!«

Sie hatte es ihm sogleich sagen wollen; sie hatte aufstehen und ihm sagen wollen:

»Ich bin eine rechtliche Frau geworden, eines wackeren Mannes Weib. Ich verabscheue Dich und mich selbst: weil ich Dich nicht immer verabscheut habe. Nun weißt Du es und nun geh! Warum trittst Du in meinen Weg und bringst mir mein ganzes vergangenes Leben vor Augen und vernichtest mein ganzes zukünftiges Leben? Ich bin elend genug ? darum geh! Ich bin nahe daran, vor Jammer von Sinnen zu kommen ? darum geh!«

Das hatte sie ihm gleich anfangs sagen wollen; aber sie konnte sich nicht regen, sie konnte kein Wort hervorbringen, hatte alles mit angehört, was er ihr zugeraunt, unfähig, ihn hinwegzuweisen.

Der Fürst rief nochmals, und es klang in seinem Munde wie teuflischer Hohn:

»Die Clelia verheiratet ? ? Wenn ich das in Rom erzähle! Niemand wird es mir glauben. Wer ist denn der Bursche, der Dich zur Frau genommen hat?«

Jetzt erhob sie sich; mühsam, wie mit gelähmten Gliedern. Als sie aufrecht stand, wandte sie ihm ihr Gesicht zu. Dieses war von einer Blässe bedeckt, das zeigte einen Ausdruck, daß der junge Mann sich entsetzte. Aber er sah auch die hohe, in diesem Augenblick fast grausenhafte Schönheit dieses Gesichtes. Das entschied, und so rief er ihr denn zu:

»Ich suche Dich auf, ich bekomme Dich wieder; ich nehme Dich Deinem Manne fort, ich begehe ? wenn Du nicht wieder zur Besinnung kommst ? eine Unthat an Dir. Du weißt, daß ich schon einmal um Dich gemordet habe.«

Damit entfernte er sich.

Clelia stand und blickte dem Forteilenden nach, bis derselbe hinter einem Felsenvorsprung verschwunden war. Dann seufzte sie auf, griff an die Stirn und besann sich ? ? Sie war den Berg heraufgestiegen, um sich heilige Rosen zu holen. Plötzlich fiel ihr die Legende dieser Wunderblumen ein: Sankt Benedikt, da er in eine gewaltige Versuchung geführt wurde, warf sich nackten Leibes in die Dorngebüsche, die vor seiner Höhle wucherten. Kaum aber berührte der gebenedeite Leib die Dornen, als sie sich zu stachellosen Rosen wandelten, darein der Heilige wie in eine Welle blühenden Duftes versank ... Mußte, wenn sie heute das Heiligtum in der Hand hielt, nicht wiederum ein Wunder geschehen? Würden bei ihrer sündhaften Berührung die Rosen sich nicht wieder in Dornen zurückverwandeln? ? ?

Sie wollte ihr Vorhaben aufgeben und umkehren, ohne für sich und ihr Kind das heilige Wundermittel erbeten zu haben; es ließ sie jedoch nicht zurück, gewaltsam zog es sie dem Heiligtum zu.

Sie durchschritt das Cypressenwäldlein, trat durch eine enge und niedrige Pforte von neuem in den Glanz des Tages hinaus und stand nun dicht vor dem Kloster, das, an der Felswand haftend, über der öden Tiefe zu schweben schien. Nichts Lebendes ließ sich erblicken, kein Laut unterbrach die feierliche Stille. An dem braunen Gestein klebte braunes Gemäuer und graues Buschwerk; wilde Aloën mit mächtigen, abgestorbenen Blumenschäften brachen aus den Spalten, und wie ein rosiger Schleier hing von den Klippen, daraus das Haus des Heiligen aufwuchs, ein Rosengärtlein in den Abgrund hinab.

Clelia stützte sich auf die niedrige Brüstung, beugte sich weit über und schaute unverwandt nach der leuchtenden Blumendecke nieder; mit solchem heißen Verlangen im Blick, als wäre dort drunten ein Quell, und sie eine Verschmachtende.

Die Zeit verstrich, doch sie rührte sich nicht vom Fleck. Ein Mönch trat aus dem Kloster, blieb bei ihr stehen und redete sie an:

»Was steht Ihr hier draußen, gute Frau? Begehrt Ihr etwas von den Brüdern im Kloster?«

»Nein.«

»Aber Ihr solltet hineingehen und vor der heiligen Höhle Eure Gebete sprechen.«

»Ich bleibe lieber hier draußen.«

»Oder laßt Euch von den wunderthätigen Rosen geben. Wenn Ihr solcher Spende würdig seid, wird sie Euch sicher zu gute kommen ? ? Was sagt Ihr?«

»Ich sagte nichts.«

Kopfschüttelnd entfernte sich der Mönch, und Clelia nahm ihre frühere Stellung wieder ein. Allmälich nahm ihr Blick den Ausdruck tiefster Hoffnungslosigkeit an, sie wischte sich eine Thräne von der Wange.

»Es nützt mir nichts,« murmelte sie. »Sie kommen nicht zu mir, und ich kann nicht zu ihnen gelangen: ein Abgrund liegt dazwischen.«

Sie wandte sich und ging langsam davon, denselben Weg wieder zurück. Als sie bei der Santa Scholastika anlangte, vernahm sie laute Klagetöne, die aus der Kirche schallten, und beim Näherkommen sah sie einen Leichenzug sich aus der Kirche bewegen. Ein Kind wurde begraben. Der Sitte gemäß lag die kleine Leiche, ganz mit Blumen bedeckt, im offenen Sarge. Nur das kleine, blasse Gesichtchen schaute unter einer Rosenkrone aus der Blumendecke hervor. Kinder in weißen Kleidern, mit langen blauen Schleiern und Rosenkränzen trugen den kleinen Sarg; dahinter, umgeben von den Gespielinnen des gestorbenen Mädchens, schritt die Mutter, eine noch junge Frau. Viele Kinder, große und kleine, folgten, durch ihre weißen Kleider und blauen Schleier als Marientöchter bezeichnet. Alle hatten Rosen um die Stirn und trugen brennende Kerzen. Den Zug beschloß eine Schar von betenden und klagenden Weibern.

Clelia blieb stehen, um alle an sich vorüber zu lassen. Als der Sarg kam, trat sie dicht heran und schaute der kleinen Toten starr ins Gesicht, das freundlich und friedlich war, von einem Lächeln verklärt. Statt des Kreuzes hatte man ihr eine Puppe ins Händchen gelegt, ein schlechtes Ding, welches das Kind zärtlich an sich zu drücken schien. Bei dem Anblick der Puppe begann Clelia laut zu schluchzen; aber sie ward still, als sie die Mutter der Kleinen sah. Die Frau schritt mit vollkommener Ruhe dicht hinter dem Sarge einher, ohne eine Thräne, ohne eine Klage. Sie sah auf das Haupt der Toten hinab und bewegte die Lippen, als ob sie mit ihrem Kinde redete, ihm zuflüsterte, leise, kosende Worte: daß das Kind sich in seinem dunklen Grab, darin es ohne seine Mutter liegen müßte, nicht fürchten sollte, es käme in den goldenen Himmel, zu der süßen Gottesmutter, dem holden Jesusknaben und den lieben Engelein, denen es seine Puppe mitbrächte: dann würden im Paradiese alle die seligen Kindlein zusammen spielen.

Clelia schloß sich dem Trauerzug an, als letzte Klagefrau der kleinen Leiche folgend. Sie stellte sich vor: es wäre ihr Kind, ihre süße Angelika, die im offenen Sarge unter Blumen zu Grabe getragen würde; und sie fühlte, wie der Jammer sie entgeisterte, wie der Wahnsinn ihr ins Gehirn gekrochen kam. Ganz laut sprach sie vor sich hin:

»Es ist ja nicht dein Kind: dein Kind ist zu Hause bei der guten Großmutter, dein Kind lebt! Es wird jetzt in der Vigna sein, Blumen und Früchte pflücken, es wird lachen und jubeln. Oder es läuft eben jetzt zu seinem Vater. Vielleicht sucht es auch seine Mutter ? Ach, mein Kind! Mein Kind lebt; es lebt ? lebt!«

Niemand hörte sie, niemand achtete auf sie. Je näher der Zug der Stadt kam, um so lauter klagten und schrieen die Weiber, um so mehr Frauen schlossen sich dem Grabgeleit an. Bei der Kirchhofpforte erwartete der Priester die kleine Leiche, die von ihm in Eile gesegnet wurde. Clelias zerrüttete Phantasie sah von neuem in der Toten ihre eigene Tochter. Sie murmelte:

»Gelobt sei die Madonna! Der Priester segnet dein Kind. Dein Kind wird also nicht durch die Sünden seiner Mutter verdammt sein!«

Alsdann begaben sich alle zu dem Grabe des Kindes. Clelia drängte sich durch die Frauen bis dicht an die Gruft, schaute zu, wie der Sargdeckel aufgelegt ward, und hätte beinahe laut aufgeschrieen:

»Mein Kind, mein Kind, schließt es nicht ein in den schwarzen Kasten, laßt es im Sonnenlicht, laßt es mich noch ein einzigesmal ansehen! Ach, die Nägel, die Nägel! Jetzt treiben sie die langen, scharfen Nägel gewiß in sein Gesichtchen, in seine Händchen und Füßchen! Haltet doch ein! Hört doch auf! Ach, ihr habt meinem armen, toten Kinde ein Leides gethan!«

Dann besann sie sich wieder, daß sie ja nicht die Mutter sei, daß ihr Kind lebe. Die Mutter des toten Kindes war jene Frau, die ihr gegenüberstand und auch jetzt keine Thräne vergoß, keinen Schmerzenslaut hören ließ, während ringsum alle Weiber weinten und klagten. Wie war das möglich? Wie konnte die Frau so ruhig daneben stehen? Es gab doch gewiß keine Mutter, die ihr Kind nicht liebte; und diese Frau that, als hätte sie das Kind, das eben jetzt ins Grab gesenkt wurde, nicht unter tausend Schmerzen geboren.

Der kleine Sarg stand drunten in der engen Höhle: gar nicht tief, nur einige Schuh unter der Erde. Die Marientöchter sangen ein Lied, der Priester sprach ein Gebet, und das Grab wurde zugeschüttet.

Clelia sah die Mutter an. Sie dachte: Jetzt wird sie sich gewiß niederwerfen und mit den Händen ihr eingegrabenes Kind wieder herauswühlen, mit den Händen den Sargdeckel aufreißen ? ? Aber die Frau stand und blickte still hinunter, wo zu ihren Füßen das Loch sich füllte. Clelias Begriffe verwirrten sich mehr und mehr.

»Wenn es nun doch dein Kind gewesen wäre, deine Angelika ? ? Aber nein! Dein Kind lebt. Wenn du heute nach Hause kommst, springt es dir entgegen. Du wirst es in die Arme nehmen, es herzen und küssen; dein Kind lebt, es lebt ? lebt ? ?«

Noch ein letztes allgemeines Jammergeschrei aller Weiber, dann gingen sie, dann ließen sie das kleine, frische Grab mutterseelenallein. Auch Clelia wollte sich entfernen, aber sie gewahrte, daß die Mutter zurückblieb. Da blieb auch sie. In geringer Entfernung setzte sie sich auf einen Stein und schaute unverwandt zu der Frau hinüber, begierig, zu sehen, was diese jetzt beginnen würde. Doch sie wurde auch jetzt enttäuscht, denn die Frau warf sich weder verzweiflungsvoll auf den Boden, noch brach sie in einen Strom von Thränen und Wehklagen aus. Eine Weile blieb sie neben dem Grabe stehen, dann kauerte sie nieder und begann sorgfältig aus der Erde die Steine zu entfernen, die sie neben sich zu einem kleinen Haufen schichtete. Voller Verwunderung sah Clelia diesem sonderbaren Treiben zu.

Da die Frau gar nicht aufhörte, auch die kleinsten Steinlein herauslas und immer wieder neue zum Vorschein brachte, begab sich Clelia endlich zu ihr und stellte sich dicht neben sie. Die Frau blickte flüchtig auf und fuhr, ohne ein Wort zu sagen, in ihrer Arbeit fort. Clelia redete sie an:

»Warum thut Ihr das?«

Die Frau erwiderte kurz:

»Wißt Ihr das nicht?«

»Nein.«

»Dann kann ich es Euch auch nicht sagen.«

Und sie suchte und suchte.

Nach einer Weile begann Clelia von neuem:

»Sagt mir doch ? ?«

»Was?«

»Ich habe zu Hause auch ein solches Kind, wie Ihr heute begraben habt, ein Mädchen, etwas über fünf Jahre alt. Ich meine, das Eure muß gerade so alt gewesen sein.«

»Gerade so alt.«

Die Mutter, mit dem Stein in der aufgehobenen Hand, blickte in die Höhe. Ihre Augen füllten sich langsam mit Thränen.

»Gerade so alt,« wiederholte sie.

»Mein Kind heißt Angelika.«

Leise erwiderte die andere Mutter:

»Was Eures Kindes Name ist, das ist mein Kind nun geworden: ein Engelein im Paradiese. Es hieß Santina.«

»Das ist auch ein heiliger Name.«

Die Frau fragte:

»Ist Euer Kind frisch und gesund? Ist es recht vergnügt? Lacht und singt es?«

»Mein Kind ist frisch und gesund. Als ich mit den anderen Frauen hinter der Leiche des Euren herging, mußte ich immer denken, daß es meine Angelika sei, und mir wars, als würde mein Gehirn von Ameisen zerstochen; ich mußte Euch immerfort anschauen, daß Ihr so ganz ruhig bliebt. Ihr habt Euer Kind doch gewiß auch herzlich lieb gehabt? Sagt es mir doch.«

Die andere Mutter sprach:

»Das will ich Euch wohl sagen. Eben weil ich mein Kind so herzlich lieb gehabt habe ? es war nämlich unser einziges ? bin ich so ganz ruhig, und ich bin es im Herzen mehr, als ich Euch sagen kann.«

»Ich verstehe Euch nicht.«

»Seht, es war ein unglückliches Kind, immer krank. Denn wir sind arme Leute, die in den Vignen und den Oliveten arbeiten, und ich habe jeden Sommer das Fieber. Als die Madonna mir nun das Kind schenkte ? ich hatte sie viele Jahre darum angefleht ? da konnte ich meinem Kinde nur schlechte Nahrung geben; auch hatte ich gerade wieder das Fieber, und zwar noch schlimmer als gewöhnlich. Das vertrug das arme Ding nicht, kränkelte und wollte nicht besser werden. Es war drei Jahre alt, ehe es laufen und sprechen lernte. Der Apotheker von Subiaco meinte, es würde in seinem ganzen Leben nicht gesund werden. Denkt Euch, das arme Ding! Für uns Eltern wäre es nun nicht so schlimm gewesen, denn wir waren glücklich, weil wir das Kind überhaupt hatten; ich mußte aber immer daran denken, daß es sein Leben lang elend bleiben sollte. Da sprach ich mit meinem Mann und sagte ihm: ?Für das Kind wäre es besser, wenn es stürbe. Denn sieh, jetzt ist es noch unschuldig und sündenlos, und wenn es nun stirbt, so kommt es in das Paradies zu den lieben Engelein und die Madonna macht es gesund.? Mein guter Mann weinte bitterlich, aber er sagte auch: ?Für das Kind wäre es das beste, es stürbe.? Und wir weinten beide zusammen. Nun hatten wir unsere Santina unter die Marientöchter aufnehmen lassen, wodurch sie ein Kind der himmlischen Jungfrau selber geworden war. So betete ich denn zu meines Kindes zweiter Mutter, daß sie es zu sich nehmen möchte, denn das sei für das Kind besser, als wenn es bei seiner irdischen Mutter bliebe. Ach, und seht, gute Frau, ich hatte die Gottesmutter noch gar nicht lange gebeten, als sie sich das Kind holte. Jetzt werdet Ihr gewiß verstehen, warum ich so ruhig und beinahe glücklich bin: eben weil ich mein Kind so herzlich lieb gehabt habe, und weil ich nun weiß, daß mein Kind im Paradiese ist bei seiner Gottesmutter und den anderen seligen Kindern, seinen Schwestern und Brüdern. Und das glaubt mir: Wenn es Eurem Kind auf Erden nicht gut ergeht, so solltet Ihr, wie ich gethan habe, Tag und Nacht die Madonna bitten, Euer Kind zu sich zu rufen, damit es glücklich und selig werde. Gehört Eure Angelika zu den Marientöchtern?«

»Freilich! Aber ich habe noch gar nicht daran gedacht.«

»An was habt Ihr noch nicht gedacht?«

»Nun, an das, was Ihr sagtet, daß mein Kind eigentlich der Madonna gehört, und daß, wenn mein Kind zu seiner himmlischen Mutter kommt, ihm die Sünden seiner irdischen Mutter nichts mehr anhaben können.«

»Nein, dann ist es glücklich.«

»Dann ist es glücklich. Ich danke Euch.«

»Wofür?«

»Nun, dafür. Ich weiß schon, wofür ich Euch danke ? ? Darf ich Euch helfen, die Steine abzulesen?«

»Nein, das muß ich allein thun. Seht, das ist das Einzige, was ich für mein Kind noch thun kann.«

»Das ist wahr. Lebt wohl!«

»Lebt wohl!«

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