Auf dem Wege

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9Auf dem Wege

VORWORT

HfritJ

Ein Sinnbild kann viel oder wenig bedeuten, je-nachdem der Leser zwischen den Zeilen zu lesen versteht oder nur die gedruckte Seite sieht. Die Erzählung ist bloß das Sinnbild einer tieferen Wahrheit, welche dahinter liegt und dieselbe inspiriert, gerade wie der Mensch, so wie wir ihn zu schauen wähnen, nur das unvollkommene Sinnbild des vollkommenen Menschen, d. h. des einzigen Menschen ist, desjenigen Menschen, den wir erkennen lernen sollten, ungeachtet des Augenscheins, den er uns zu bieten scheint. ?

Der wahre ?Christian Scientist weiß stets zwischen den Zeilen zu lesen; denn sein bewunderungswürdiges Textbuch ?Science and Health with Key to the Scriptures, von Mary Baker G. Eddy, ist ein Schlüssel zum Verständnis alles, dessen er sich bewußt wird; und mit dieser frohen Erkenntnis ?eines neuen Himmels und einer neuen Erde entsteht eine tief im Herzen empfundene Liebe und Dankbarkeit, welche in Worten nicht Ausdruck finden kann.

Die kleine Erzählung dessen, was Marjorie ?Auf dem Wege sah, ist für kleine oder große Leute, je nachdem derjenige, welcher sie liest, es der Mühe wert findet, im besten Sinne des Wortes.

KATHERINEM.YATES.

?Ich sehe gar nicht ein, wozu du eigentlich gut bist, sagte Marjorie ärgerlich. ?Mir kommt es merkwürdig vor, daß ich nicht zu Bett gehen und in Ruhe schlafen kann, ohne von so einem abscheulichen, alten Traum, wie du, geplagt zu werden.

Der Traum wiegte sich auf dem Fußende des Bettes hin und her und schlug mutwillig die Fersen zusammen. Er war klein von Statur und dünn und braun und trug einen enganliegenden braunen Samtanzug, sehr spitze, kleine, braune Samtpantoffel und eine kleine, braune Samtkappe, die keck auf einem Ohr saß.

,,Nun, u entgegnete er mit einer recht herausfordernden Grimasse, ?warum gefalle ich dir nicht? Habe ich dir nicht eben noch erlaubt, auf dem First des Daches spazieren zu gehen? Sogar deine Mutter würde dir dies nie gestatten. ?Ja, und als ich bis zum Ende kam, da stießest du mich herunter und ich fiel und fiel und fiel, ? ja, ich würde noch immer fallen, wenn ich nicht erwacht wäre.

Der Traum kicherte. Er hatte eine ganz unangenehme Art über Sachen zu kichern, die an und für sich gar nicht komisch waren.

?Es wäre gar nicht so schlimm, fuhr Marjorie fort, ?wenn du mich dahin nehmen würdest, wo ich wirklich hingehen möchte, und mir nur wirklich

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interessante Dinge zeigen würdest; aber ich habe ja gar nichts dabei zu sagen. Du führst mich irgendwo hin, wie es dir eben in den Sinn kommt, und es ist dir ganz gleichgültig, ob es mir gefällt oder nicht.

?So! Du meinst wohl, daß du bessere Reisepläne machen könntest als ich? fragte der Traum.

?Natürlich könnte ich das! erwiderte Marjorie. ,,Du weißt doch nicht, wo ich hin will, aber ich weiß es.

?Nun,wo willst du denn heute Nacht hingehen? fragte der Traum.

?Nirgends, entgegnete Marjorie. ?Ich wünsche heute nacht in Ruhe gelassen zu werden.

?Gut! rief der Traum, ?gehen wir also dahin.

?Wohin? wiederholte Marjorie ganz erstaunt.

?Nun nach Nirgends! Natürlich, du sagtest doch, daß du dahin wolltest, nicht wahr?

?Ja, aber , fing Marjorie an.

?Nun, worauf wartest du denn? unterbrach sie der Traum.

?Nun, ich ich glaube, ich will doch nicht

dahin, sagte Marjorie zögernd.

?Ich glaube, du weißt überhaupt nicht, wo du hin willst, spottete der Traum.

Marjorie besann sich. ?Jetzt habe ich es! Führe mich hin nach dem allerschönsten Ort, den du kennst. Willst du?

?Gewiß! stimmte der Tr£um ihr gutmütig bei, ?aber der Weg dahin ist nicht sehr schön.

?Oh! das ist nicht von Bedeutung, entgegnete Marjorie, ?wenn es nur hübsch ist, wenn ich erst da bin.

?Aufgepaßt, da vor dir ist eine Pfütze! warnte sie der Traum.

Marjorie schritt sorgfältig über diese hinweg.

?Gut geht es sich hier gerade nicht, bemerkte sie alsdann und blickte sich rings um. Sie mußten sich über den sehr tief liegenden Boden einen Weg suchen. Auf allen Seiten waren sie umgeben von Sumpf und Wasser, das häufig ganz in hohem, dichtem Grase verborgen war, das außergewöhnlich grün und üppig aussah. Auch viele, viele andere Kinder gingen alle den gleichen Weg mit Marjorie, die ihr das größte Interesse einflößten. Ein Teil derselben machte denEindruck aufgeweckterMenschen-kinder und waren gut gekleidet, andere dagegen schienen weniger bevorzugt zu sein und waren auch ärmlich gekleidet, aber alle trugen sie auf ihren Gesichtern und Kleidern Spuren des Schmutzes und Schlammes, durch den sie ihr Weg geführt hatte.

?Müssen wir denn noch weit durch diesen Sumpf gehen? fragte Marjorie.

Der Traum deutete hin auf die in weiter Entfernung sich vom Horizont abhebenden Dächer

und Türme einer Stadt, die von prächtigen Baumgruppen umgeben schien.

?Der Weg scheint doch noch ziemlich weit zu sein, sagte Marjorie, indem sie sich umwandte und ihren Blick über ihre Umgebung schweifen ließ. Auf der einen Seite erstreckte sich der Sumpf soweit wie sie sehen konnte, während auf der anderen sich eine hohe dichte Hecke hinzog. Hie und da in dem Sumpfe zerstreut befanden sich kleine Inselchen, die ziemlich trocken zu sein schienen und mit Bäumen und Sträuchern bewachsen waren. Auf jeder dieser kleinen Erhöhungen befand sich eine Menge von Kindern, die, obwohl mit Schmutz bespritzt und beschmiert, doch fröhlich und ausgelassen lachten, sangen und spielten.

?Komm, laß uns hinüber gehen und ihnen zusehen, sagte Marjorie und wies auf eine der naheliegenden Inseln.

?Wie du willst, entgegnete der Traum, ?aber du wirst dann nicht so bald an den schönen Ort gelangen.

?Das schadet nicht, rief Marjorie aus, ?ich möchte doch sehen, was sie treiben.

Als die beiden näher kamen, bemerkten sie, daß die Kinder sich doch nicht gar so gut unterhielten, als es den Anschein gehabt hatte, denn mitten unter ihnen sah man eine große Menge kleiner, etwa fußlanger Zwerge von recht unangenehmem Äußeren

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und mit sehr häßlichen Gesichtern. Diese spielten dem Anschein nach nicht ihre eignen Spiele, sondern schienen nur darauf bedacht, sich an den Armen der Kinder festzuhalten, oder sie setzten sich gar auf die Schultern der Kinder, während diese spielten, und quälten sie auf jede nur mögliche Weise. Die Kinder selbst schenkten ihnen weiter keine besondere Beachtung, obschon sie ihnen fast die ganze Freude verdarben mit ihrem Gewicht und Behinderung; außerdem kam es hier oder da vor, daß der eine der Zwerge das Kind, an dessen Arm er hing, biß und schlug, oder mit einem seiner Gefährten Streit anfing. Marjorie ließ ihren Blick über ihre Umgebung schweifen und bemerkte jetzt, daß beinahe alle die Kinder, die sich durch den Morast arbeiteten, einen oder zwei und manchmal auch noch mehrere von diesen häßlichen kleinen Geschöpfen mitsich herumtrugen, jain manchen Fällen waren sie so belastet, daß sie kaum vorwärts konnten. Es hatte ganz den Anschein, als wenn die Zwerge alleine nicht zu laufen vermochten, denn wenn mal eines der Kinder einen abschüttelte, was nicht besonders häufig vorkam, denn sie hielten sich mit aller Macht fest, so verkroch sich derselbe in dem langen Grase, bis er ganz verschwunden war, um dann, wenn ein anderes Kind des Weges kam, diesem anzuspringen und dessen Hand zu ergreifen, beinahe noch ehe es sich dessen versah. Und

dann war es sehr, sehr schwer, ihn wieder abzuschütteln.

Gerade wollte Marjorie die Frage richten an den Traum, was es mit diesen merkwürdigen kleinen Dingern für eine Bewandtnis habe, als ihr Blick sich auf ein kleines Mädchen richtete, das im Begriff war, auf die Insel hinaufzusteigen. Es war dies das hübscheste Kind, das Marjorie je gesehen hatte, und ihr Haar war weit länger als Marjories und von hellerer, brauner Farbe.

Gerade als sie dies alles wahrnahm, sprang plötzlich einer der kleinen Zwerge von dem Boden vor ihren Füßen auf und klammerte sich fest an ihren Arm.

Im ersten Augenblick beachtete sie ihn kaum, so interessierte sie das reizende, kleine Mädchen, dem sie sich zu nähern trachtete; im nächsten Augenblick jedoch, als ein Windstoß das glänzende Haar desselben flattern ließ, so daß es aussah wie lauter Sonnenstrahlen, erfaßte der Zwerg einen ihrer Finger mit seinen Zähnen und biß recht heftig hinein.

n O weh, rief Marjorie, und versuchte ihn abzuschütteln. ,,Du abscheuliches, kleines Ding, warum hast du das getan?

Der Zwerg antwortete nicht. Der Traum dagegen ließ sein unangenehmes, trockenes Kichern vernehmen, worauf Marjorie diesen ärgerlich anfuhr:

?Was fiel dir ein, mich an einen so abscheulichen Platz zu bringen? Und was treibt diese scheußlichen Zwerge, sich so zu benehmen? Warum hilfst du mir nicht, ihn los zu werden? Und sie bemühte sich vergeblich, den kleinen Gesellen von ihrem Arm abzuschütteln.

?Ich kann ihn dir nicht abnehmen, entgegnete der Traum, ?du selbst mußt dich von ihm frei machen.

?Aber was ist er denn? Und warum hält er sich an mir fest und beißt mich noch dazu? rief Marjorie.

?Er hält sich an dir fest, weil er sich allein nicht fortbewegen kann. Er muß sich an irgend jemand festhalten. Er hat keine eigene Kraft.

?Aber was ist es denn für ein Ding? wiederholte Marjorie.

?Es ist ein Irrtum, antwortete der Traum, indem er ihr ein spöttisches Lächeln zuwarf.

?Ein Irrtum? wiederholte Marjorie erstaunt.

?Ja, sagte der Traum, ?so ist esl

?Und sind diese andern da auch Irrtümer? fragte Marjorie weiter, indem sie auf die Unmenge kleiner Zwerge hinwies, die sich inmitten aller der Kinder zerstreut befanden.

?Gewiß, entgegnete der Traum.

?Sie sind ja aber alle verschieden, bemerkte Marjorie, ?manche sind größer wie andere, und manche sind weit häßlicher.

?Nun, natürlich sind sie nicht alle gleich, erklärte der Traum. ?Sie gehören aber alle derselben Familie an. Sie besitzen eine ganze Anzahl verschiedener Namen.

?Ei, wirklich? rief Marjorie in höchstem Erstaunen. ?Wie heißt denn dann dieser hier, ihren Arm emporhaltend, an dem noch immer der häßliche, kleine Kerl festsaß.

?Weißt du das nicht? fragte der Traum zurück mit einem amüsierten Lächeln.

?Natürlich nicht, woher sollte ich es denn wissen? rief Marjorie ungeduldig.

?Na, erwiderte der Traum langsam und noch immer grinsend, ?dieser hier heißt ,Neid { .

?Ah?h?hl machte Marjorie.

?Jawohl, fuhr der Traum kopfnickend fort, ?das ist sein Name. Gefällt er dir?

?Nein, gewiß nicht. Wie kommt er aber dazu, mir gerade jetzt anzuspringen?

Der Traum richtete seinen Blick hinüber zu dem hübschen, kleinen Mädchen, und Marjorie ließ ihren Blick dahin folgen.

?Ah?h?h! rief sie alsdann aus, während eine tiefe Röte in ihrem Gesicht aufstieg. Gerade in dem Augenblick fing das schöne, helle Haar wieder im Winde zu flattern an, worauf der Zwerg sie wieder recht heftig in die Hand biß. Marjorie blieb einige Augenblicke nachdenklich stehen, dann aber fing

sie noch einmal an, den kleinen Quälgeist abzuschütteln, aber weder durch Reißen noch durch Schütteln wollte es ihr gelingen, ihn los zu werden, und schließlich ergab sie sich in Verzweiflung in ihr Geschick. ?Kannst du mir denn wirklich nicht helfen? wandte sie sich in flehendem Tone an den Traum.

Dieser schüttelte den Kopf. ?Nein, sagte er dann, ?du kannst ihn vielleicht los werden, wenn du heftig genug schüttelst, aber es wird dir weh tun. Vielleicht, so fügte er tröstend hinzu, ?fällt er mit der Zeit von selbst herunter, doch sieht es nicht danach aus.

Marjorie blickte trostlos um sich her, da bemerkte sie plötzlich, daß das kleine Mädchen mit dem glänzenden Haar von einem ganzen Schwärm jener kleinen Unholde umgeben war, die alle eifrig dabei waren, sie so viel wie möglich zu quälen. Als Marjorie dies sah und einen Schritt vorwärts tat, als wolle sie ihr zu Hilfe, fiel mit einem Male der Zwerg, der ihr selbst am Arme gehangen hatte, herab und verbarg sich im Grase zu ihren Füßen.

?Da, rief sie voller Freude aus, ?er ist fort! Wie froh ich binl

Den Traum schien dies zu belustigen. ?Natürlich freust du dich, sagte er und grinste, ?aber du gedenkst wahrscheinlich nicht der hunderte von Brüdern des gleichen Namens, die rings um dich

her im hohen Grase verborgen liegen; auch dieser hier wartet nur, daß ein anderes Kind diesen Weg entlang kommt.

?O weh! rief Marjorie aus, ?was muß ich tun?

?Es gibt nur einen Weg, um diese Gesellen gänzlich los zu werden, bemerkte der Traum.

?Und welcher ist dies? fragte Marjorie begierig.

?Warte ein Weilchen, riet der Traum, ?du wirst ihn vielleicht selber noch entdecken. Sollen wir nun weitergehen?

Marjorie stimmte zu, und sie machten sich auf den Weg, wateten durch den Morast und durch das hohe, wirre Gras und machten häufig Umwege, um große, schwarz aussehende Tümpel oder Büsche hohen Schilfes oder anderer Wasserpflanzen zu umgehen. Häufig stolperte Marjorie und fiel auch einige Male über Baumstämme und Steine, die in dem weichen Schlamme und Moore verborgen lagen.

Schließlich blieb sie in heller Verzweiflung stehen und fuhr den Traum an: ?Du abscheulicher Traum, warum in aller Welt hast du mich hierher gebracht? Im selben Augenblick sprang ein ganz besonders häßlicher, kleiner Zwerg aus einem Busch Schilfrohr hervor und setzte sich ihr auf die Schulter. Marjorie erschrak förmlich und gab ihrem Gefühl des Ekels Ausdruck, indem sie versuchte, ihn abzuschütteln. Der Traum lachte laut auf.

Auf dem Wege *7

?O weh! u rief Marjorie aus, ?was ist denn das wieder?

?Zorn, erklärte der Traum und grinste.

?Nun, es ist mir gleich, schluchzte Marjorie, ?es ist fürchterlich hier, und ich weiß, daß ich nimmermehr durch diesen schrecklichen Sumpf hindurchkommen werde.

Da sprang ein zweiter Zwerg heraus und setzte sich neben den ersten.

?Entmutigung, bemerkte der Traum.

Marjorie sah ganz verstört aus. ?Ach, was soll ich nur anfangen, begann sie und blickte geängstigt umher, nach einem Weg der Rettung suchend, und sofort sprang noch ein kleiner Geselle auf und ergriff Besitz von ihrer anderen Schulter.

?Furcht, sang derTraum mit eintöniger Stimme. ?O, ich kann es nicht ertragen, jammerte Marjorie und versuchte, sie zu vertreiben. ?Und sie beißen so heftig! Ach, was soll ich nur anfangen?

?Schmerz, nannte der Traum da den vierten kleinen Kerl, der gerade den einen ihrer Arme gepackt hatte.

Die trockene, höhnische dünne Stimme des Traumes klang so aufreizend für die bereits leidende Marjorie, daß sie sich in einem leidenschaftlichen Ausbruch ihres Ärgers ihm zuwandte mit den Worten: ?Ich werde es dir eintränken! Ich hasse dich! Ich wollte überhaupt nicht mit dir gehen, wie du wohl

weißt. Hier sprangen ihr mit einem Male noch drei der widerwärtigen, kleinen Dinger an, während der Traum in seiner eintönigen Stimme ausrief: ?Rachsucht I Haß! Falschheit!

Die arme Marjorie war fast ganz überwältigt. Sie konnte kaum einen Fuß bewegen, während die Zwerge fortwährend miteinander zankten und sie hin und wieder recht heftig bissen.

?O weh! rief sie, ?was soll ich nur anfangen? Was soll ich nur anfangen!

Da hörte sie mit einem Male eine sanfte, ernste Stimme rufen, und wurde sich bewußt, dieselbe eigentlich schon geraume Zeit gehört zu haben; aber sie hatte mit sich selbst, ihren Interessen und Schwierigkeiten so viel zu tun gehabt, daß sie ihr keine weitere Beachtung schenken konnte. Jetzt aber horchte sie.

?Du liebe Kleine, so rief es, ?fürchte dich nicht! Gottes Schutz ist immer bei dirl

Marjorie blickte um sich, konnte jedoch zuerst niemand sehen, dem die Stimme gehören könnte. Schließlich aber wandte sie sich der hohen Hecke zu, und da sah sie über dieser das liebliche Antlitz einer Frau, die durch die Zweige hindurch zu ihr herüber sah.

?Hab nur keine Furcht I erschallte die liebevolle Stimme wieder. ?Dir kann kein Leid ge-schehn. Komme nur herüber durch die Hecke hin-

durch. Hier befindet sich eine schöne, trockene Landstraße, welche über den ganzen Sumpf hinwegführt, hin zu der schönen Stadt, zu der du hingehen willst.

Marjorie zögerte und ließ ihren Blick noch einmal über den düstern, weiten Morast schweifen, in dem sie sich befand. Jetzt erst bemerkte sie die vielen Warnungstafeln, die rings umher in dem Sumpfe angebracht waren. Gerade vor ihr war ein großer Tümpel trüben Wassers, an dessen Rande eines dieser Schilder stand mit den Worten: ?Gefahr! Der Teich schlechter Gesundheit 1 Einige Schritte weiter lag ein anderer, bezeichnet: ?Vorsicht! Der Teich der Unfälle!, und eine der zunächst liegenden Inselchen war bezeichnet: ?Die Insel der schlechten Gesellschaft!, und seitab davon ein Teich: ?Gefahr! Der Teich des Todes! Es hatte den Anschein, als sei sie so von Gefahren umgeben, daß sie nicht hoffen konnte, sie lebendig zu überstehen. Dazu drückten die kleinen Zwerge sie mit ihrem Gewicht zu Boden und mißhandelten sie auch noch, daß es kaum zu ertragen war. Marjorie blickte zurück zu dem freundlichen, liebevollen Antlitz über der Hecke. ?Woher weiß ich denn, daß wirklich eine Landstraße dort ist? fragte sie dann mißtrauisch.

?Komm nur näher und sieh selbst! entgegnete die Frau, und Marjorie mit ihrer schweren Last von

Irrtümern stolperte näher heran, bis sie zwischen den Blättern und Zweigen der Hecke hindurchsehen konnte, und da ? ganz gewiß ? war ein Damm, auf dem eine ebene Landstraße entlang lief, auf welcher eine Menge von Kindern mit fröhlichen Gesichtern entlang wanderte.

?Ihr Kinder, sagt, ist das wirklich eine ebene, trockne Landstraße? und führt sie wirklich zu der prächtigen Stadt, wo ich hin will?

?Jawohl I riefen die Kinder zurück, ?so ist esl Komm heraus aus dem Sumpfe!

Marjorie wandte sich wieder der Frau mit dem lieblich lächelnden Gesicht zu, das sie zuerst gesehen, und machte einen Schritt vorwärts. Dann machte sie wieder Halt.

?Es nützt ja doch nichts, rief sie jammernd aus. ?Diese schrecklichen Zwerge I Sie lassen mich nicht kommen. Ich kann nicht mit Ihnen durch die Hecke und den Damm hinaufkommen!

?Nein, das kannst du auch nicht; aber das willst du doch auch nicht, nicht wahr? Du hast doch nicht Lust, sie mit dir zu nehmen? erwiderte die Frau in herzlichem Tone.

?Nein, neinl rief Marjorie, ?aber ich kann sie nicht los werden, ich habe es wieder und wieder versucht I

?Du hast es nicht recht angefangen, liebe Kleine, belehrte die Frau. ?Weißt du auch, was diese Dinger sind?

?Ja, es sind Irrtümer, gab Marjorie traurig zur Antwort.

?Weißt du auch, woraus sie gemacht sind? fuhr die Frau fort.

?Nein, entgegnete Marjorie.

?Aus genau dem gleichen Stoff wie der Traum, sagte ihre Freundin lächelnd.

?Was! rief Marjorie erstaunt aus.

?Gerade so, wiederholte die Frau und nickte und lächelte dazu.

?Aber der Traum ist doch eigentlich nicht ein Ding, sagte Marjorie.

?Richtig! Und ebensowenig sind es die Irrtümer. Sie sind nicht wirklicher, als du es zugibst dadurch, daß du an sie glaubst.

?Ach, wirklich ! Wie kann ich sie dann aber loswerden? rief Marjorie.

?Nur dadurch, daß du weißt, daß sie nicht etwas Wirkliches sind. Nimm mal einen auf und halte ihn gegen das Licht und sieh durch ihn hindurch.

Marjorie tat es. Zuerst sah er recht undurchsichtig aus, aber als sie fortfuhr, durchzublicken, da konnte sie erkennen, wie er nur eine Art nebliger, dunstiger Masse zu sein schien, und hier und da konnte sie Licht durchscheinen sehen. Und je länger sie blickte, um so formloser wurde er, bis schließlich nichts als eine dünne, kräuselnde

Rauchsäule übrig blieb, die vor ihren Augen in der Luft verschwand.

?O, wie merkwürdig! rief Marjorie erfreut aus. Jetzt weiß ich es, daß sie wirklich nicht ein Etwas sind. Ich kann es ganz deutlich sehen. Wie froh bin ich I* 4 Und damit versuchte sie, den Rest der Zwerge auch abzustreifen. Aber zu ihrem großen Erstaunen saßen diese so fest wie je.

Die Frau sah ihr lächelnd zu. ?Was versuchst du denn zu tun? fragte sie dann.

?Nun, ich versuche, sie abzuschütteln, weil sie nicht etwas Wirkliches sind.

?Wenn sie nicht etwas Wirkliches sind, wie kannst du sie da abschütteln? fragte ihre Freundin. ?Du machst sie ja scheinbar zu einem Etwas, wenn du versuchst, sie abzuschütteln.

?Ach so! versetzte Marjorie. ?Was muß ich dann aber tun?

?Durch sie durchsehn! sagte die Frau mit Bestimmtheit.

?Aber ich kann doch nicht durch sie alle mit einem Male durchsehn; sie halten nicht still, erwiderte Marjorie, ?und ich habe es doch so eilig! Ihre Freundin lächelte wieder. ?Du mußt nicht versuchen, zu viel auf einmal zu tun, sagte sie freundlich, ?oder es mag kommen, daß du es nicht gründlich tust. Wenn du auch nur einen Hauch von der dünnen, letzten Nebelsäule übrig lassest,

so wird er, sobald du den Rücken wendest, dem Anschein nach wieder zur festen Gestalt werden.

?Und wenn ich sie nun auf diese Weise loswerde, werden sie dann nie wieder jemanden anfallen?

,,Nein! dann sind sie wie die Flamme einer Kerze ausgeblasen und können nie wiederkommen. Natürlich sind noch eine Unmenge ihrer Brüder übriggeblieben, die auch den gleichen Namen haben. Wenn du aber diese hier erst erledigt hast, dann wird es nie wieder ebenso viele geben. Und wenn ein jeder es so machen würde, gäbe es bald keine Irrtümer mehr.

?Oh, warum tun sie das nicht! rief Marjorie aus. ?Doch ich für meinen Teil werde das meinige tun.

Und so machte sie sich an die Arbeit, mit großer Sorgfalt durch einen jeden der Irrtümer hindurchzusehen, die sie angefallen hatten; und sogar schneller als sie es erwartet hatte, schienen alle verschwunden zu sein, und sie und der Traum krochen durch die Hecke auf die andere Seite, wo die Landstraße war. Als sie sich dann jenseits der Hecke aufrichtete, da streckte sie die Arme empor, voller Freude über ihre Befreiung. ?Oh, was bin ich doch froh, sie los zu sein, rief sie aus. ?Ich denke, ich habe es sehr gut gemacht, so schnell damit fertig zu werden, nicht wahr?

Da kicherte der Traum wieder, und Marjorie fühlte einen scharfen Biß hinten am Nacken. ?Oh,

was ist los? schrie sie und streckte die Hand aus, um ihn abzuschütteln.

?Eigendünkel I rief der Traum mit spöttischer Stimme.

Marjorie wurde rot im Gesicht. ?Und ich wußte nicht einmal, daß er da war 1 rief sie aus.

?Ich wußte es, erwiderte der Traum. ?Ich habe ihn schon eine ganze Weile beobachtet. ?Nun, immerhin! Jetzt ist aber seine Stunde gekommen, sagte Marjorie,nahmdenkleinenQuälgeistmitfestemGrifT und machte sich nach kurzem Kampfe frei. Als sie ihn dann an das Licht hielt, rief sie lachend: ?Du kleines, machtloses Nichts! und schüttelte das kleine Ungetüm herzhaft und blies dann mit einem Atemzug das letzte dünne Rauchwölkchen in die Luft hinaus.

?Sind da noch mehr an mir? fragte sie alsdann, sich im Kreise drehend, gerade so, wie man fragt, ob man Kletten an den Kleidern habe.

?Nein, lachte die Frau und reichte ihr die Hand, ?komm nur jetzt hier herauf, wo es sicher und trocken ist.

Die Böschung war ziemlich steil, aber mit Hilfe ihrer liebevollen Stütze stand sie bald oben auf der breiten, reinen Landstraße neben ihrer neuen Freundin.

?O wie schön! rief sie tief aufatmend. ?Warum kommen sie nicht alle hier herauf? Hier ist Platz genug für sie.

Die Frau schüttelte traurig mit dem Kopfe. ?Sie glauben mir nicht, wenn ich ihnen sage, daß der Weg hier ist, sagte sie.

?Aber wenn sie kommen undselbst sehen würden, so würden sie sich leicht überzeugen, sagte Mar-jorie.

?Ja, entgegnete ihre Freundin, ?aber sie haben zu viel zu tun, in dem Morast herumzu waten, auf den Inseln zu tanzen und mit den Zwergen zu streiten. Sie wollen sich nicht mal die Mühe geben, um sich zu schauen.

Während die drei auf der Straße dahinwander-ten, konnten sie durch den dünnen, oberen Teil der Hecke vieles sehen, was in dem Morast vor sich ging; und immer wieder machte die liebevolle Frau halt, um dem einen oder anderen zuzurufen, der in einen der Teiche von Schlechter Gesundheit oder Kummer hineingefallen war oder von den Zwergen gemartert wurde. Manche der so Angerufenen schenkten ihr gar keine Beachtung, oder behaupteten, daß es dort keinen Weg gäbe und lachten sie sogar spöttisch aus. Andere wieder hörten zu, stellten auch wohl Fragen, aber ließen es dabei bewenden. Doch manche befolgten die Weisungen der lieblichen, ernsten Stimme, blickten durch die Irrtümer hindurch und kamen durch die Hecke auf den Hochweg gekrochen. Einmal geschah es sogar, daß eine Anzahl Kinder, die zufällig herauf blickten und

bemerkten,wie die Frau einem der ihren auf die Straße hinaufhalf, ärgerlich wurden, und ein Schauer von Steinen kam aus der Richtung geflogen; aber die Steine erreichten ihr Ziel nicht, und sogleich wimmelte es von Irrtümern in so großen Mengen, daß im Steinewerfen Halt gemacht wurde.

?Warum haben sie die Steine nach dir geworfen? fragte Marjorie, die Augen voll Tränen.

Ihre Freundin blickte voller Mitleid zurück auf die aufgeregte Gruppe und erklärte dann: ,,Sie sind es nicht gewesen, die Irrtümer taten es. ?Es sah aber ganz so aus, entgegnete Marjorie, ?als wenn die Kinder angefangen hätten, worauf die Irrtümer erst herbeieilten und sie daran hinderten, aber es waren so viele von den Irrtümern die ganze Zeit um sie herum, daß ich es nicht bestimmt weiß.

?Die Irrtümer haben dem Steinewerfen ein Ende gemacht, aber sie haben es auch angefangen. Irrtümer fangen immer Streit an untereinander und verderben alles, was sie unternehmen. Sie sind nichts und können nichts vollbringen.

So setzten denn Marjorie, der Traum und die gütige Frau ihren Weg fort, immer auf dem Hochwege entlang, und immer mehr fröhliche Kinder schlössen sich ihnen an.

?Wer hat die prächtige Stadt vor uns gebaut? fragte Marjorie, als sie den Toren näherkamen.

?Der König, antwortete die Frau ehrerbietig.

?Und wer baute den Hochweg? u frug Marjorie.

?Ein großer und guter Mann, der da wußte, wie schwierig der Durchzug durch den Morast ist. Er brachte sein ganzes Leben damit zu und gab alles, was er besaß, um diesen wunderbaren Hochweg auszudenken und aufzubauen und baute ihn zur freien Benutzung für jedermann. Und das tat er vor langer, langer Zeit, fügte die Frau hinzu, indem sie ihren liebevollen Blick über die ebene, reine Landstraße gleiten ließ.

?Wie kommt es denn, daß nicht ein jeder davon weiß? Ist dieser Hochweg stets benutzt worden? 41

Die Frau schüttelte den Kopf. ?Nein, die Leute hatten es eine ganze Zeit lang vergessen, daß er hier ist. Die einen haben nie davon gewußt, die anderen fingen wieder an, durch den Sumpf zu gehen, nur um des Vergnügens willen, mit den Zwergen zu kämpfen, in den Schmutztümpeln herumzuwaten und auf den Inseln zu spielen; und währenddem wuchs die Hecke davor, so daß man ihn ganz aus den Augen verlor und niemand wußte, wo er war. Aber jetzt brechen wir die Hecke herunter, fügte sie glücklich lächelnd hinzu. ?Siehst du wohl, ein jeder von uns bricht einen Zweig ab, wo er nur kann, und sie wird dünnerund dünner, und bald wird sie ganz niedergebrochen sein, und dann wird ein jeder den Hochweg sehen können und aus dem

Morast herauskommen. Die Gesichtszüge der Frau verklärten sich, als sie so sprach.

?Und warst du es, die den Weg fand? fragte Marjorie.

?Jawohl.

?Wie trug sich dies denn zu? und Marjories Augen glänzten vor Erregung.

?Es war folgendermaßen, sagte die Frau nachdenklich. ?Ich wußte, daß es einmal einen solchen Weg gegeben hatte, und so wußte ich, daß derselbe noch irgendwo sein müßte. Ich hatte davon in einem Buche gelesen, in dem, wie ich wußte, die Wahrheit stand, und ich fühlte auch außerdem in meinem Herzen, daß es so war. Und so fing ich an zu suchen und zu suchen und das Buch zu studieren und weiter zu suchen ? und schließlich fand ich ihn ? und oh 1 wie freute ich mich. So viele Kinder kämpften sich durch den Morast hindurch, die wohl wußten, daß es einen solchen Hochweg gab, und die sich so danach sehnten, zu wissen, wo er wäre.

?Und während der ganzen Zeit hast du es den Leuten gesagt und ihnen geholfen?

?Jawohl, während der ganzen Zeit, antwortete ihre Freundin.

Marjorie streichelte ihr zärtlich die Hand. Und hast du einem jeden von diesen hier den Weg gezeigt?

?Ja.

?Und wirst du nie müde?

Die Frau ließ ihre Augen über die Reihen der vielen, vielen fröhlichen Kinder auf und nieder gleiten, die in Scharen auf dem Wege entlang kamen. ?Kannst du dir denken, daß ich jemals davon müde werde?

?Nein! rief Marjorie, ?niemals!

Als dann ihre Freundin halt machte, um einem anderen Kinde, das von jenseits der Hecke sie angerufen hatte, zu helfen, wanderten Marjorie und der Traum langsam weiter.

Marjorie blickte hinaus über den weiten, düsteren Sumpf und dann hinüber zu der prächtigen Stadt. ?Oh, sagte sie endlich mit lautem Seufzer, ?ich bin so dankbar!

?Dankbar, wofür? fragte der Traum.

?Für die prächtige Stadt und für die ebene, reine Landstraße, die zu ihr hinführt.

?Wem denn dankbar? fragte der Traum.

?Dankbar dem Könige, der die Stadt gebaut, und dem großen gütigen Manne, der die Straße gemacht, und der liebevollen Frau, die mir den Weg gezeigt.

?Ich sehe nicht ein, warum du der Frau Dank schuldest, erwiderte der Traum. ?Die Stadt und der Hochweg waren hier die gznze Zeit über, sie hat sie nicht gebaut. Ich denke, es beweist Mangel an Ehrfurcht gegen den König und den großen

Mann, die beide solche wunderbaren Dinge getan, daß du der Frau in demselben Atemzug erwähnst.

?Nein, ich denke ganz und gar nicht so u , rief Marjorie mit Entschiedenheit. ?Natürlich, die Frau hat bei weitem nicht soviel geleistet, wie die Stadt oder den Hochweg zu bauen, und ich behaupte auch nicht, daß sie es tat oder tun konnte. Aber sie suchte und suchte, bis sie den Weg fand, als er verloren war, und sie zeigte mir und uns anderen allen den Weg und half uns aus dem Sumpfe heraus; und sie arbeitet und hilft die ganze Zeit, und ich denke, ich würde recht undankbar sein, wenn ich nicht zum wenigsten ,Dankeschön dafür sagen könnte. Natürlich das, was der König und der gütige Mann taten, das sind so große Dinge, daß mir die Worte fehlen, um auszudrücken, wie wundervoll sie mir erscheinen und wie dankbar ich dafür bin; aber selbst dann habe ich sicherlich ein Recht, der liebevollen guten Frau Dank zu sagen, die mir den Weg gezeigt hat.

Und machtvoll in ihrem Gerechtigkeitsgefühle wandte sich Marjorie, um einem etwaigen Widerspruch des Traumes entgegenzutreten. Aber der Traum war verschwunden.

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