Aus eigener Kraft

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1. Ein einziges Kind.

Die Sonne war nach langem Regen wieder aufgegangen und streute mit vollen Händen Silber und Gold über den Züricher See aus. Die tanzenden Wellen spielten damit, wie ein neckisches übermüthiges Mädchen mit seinem Geschmeide tändelt. Die feuchte Erde sog begierig die warmen Strahlen ein, die nassen Büsche und Gräser glitzerten und von den Bäumen sprühte der Thau. Um die himmelanstrebenden Gipfel der Alpen schwebten zerrissene Wolkenschleier. Ein weißes Haupt um?s andere kam heraus in duftiger Ferne. Alles war Licht und Glanz, kein Schatten zog an dem Gestirn des Tages vorüber, und dennoch war es nicht heiß, sondern kühl und wonnig auf der frischgewaschenen Erde. Die Blumen und Blätter, von denen der Regen jedes Stäubchen abgespült, athmeten stärkere Düfte aus; der feuchte Hauch, der durch die ganze Atmosphäre zog, schien den Brand der lichten Strahlen zu löschen. Wie Quecksilberperlen zitterten unzählige funkelnde Tropfen in dem weichen Rasen, der vom See zu den freundlichen Villen führte, die nachbarlich nebeneinander am Ufer lagen, von blühenden Kastanien umrauscht.

?Ah,? sagte eine Kinderstimme mit tiefem Athemzuge, ?das thut gut!? Ein Knabe von etwa dreizehn Jahren trat unter die Thür der einen Villa und sog begierig die frische Morgenluft ein, die ihm so wohl that. Es war ein armes krankes Kind inmitten dieses Reichthums. Er trug einen breiten grünseidenen Augenschirm, unter dem er schüchtern hinausblinzelte in die schimmernde Pracht, und er konnte selbst unter seinem Schutze den glänzenden Anblick nicht ertragen, denn er bog geblendet den Kopf zur Seite und leistete stummen Verzicht auf das Anschauen von Gottes schöner Welt, ? er hätte das schon längst gewöhnen müssen. Die rothen Augen zu Boden geheftet, schlich sich der Knabe unbeholfen in seinem langen wattirten Morgenrocke die Stufen vor dem Hause herab; der eine Fuß stampfte beim Gehen klirrend auf die Steine, er war in eine eiserne Maschine geschnallt, wie sie Kinder tragen müssen, die Anlage zur englischen Krankheit haben. So hatte er sich langsam heruntergeschleppt und setzte sich nun auf die unterste Stufe. Gewöhnt, nur immer zu Boden zu blicken, hatte er sich mit der Mutter Erde besonders vertraut gemacht und sah da, was vielleicht kein anderes Kind sieht. Das Leben des elenden Gewürms, das darauf umherkriecht, war ihm gar wichtig geworden; und sein Fuß zertrat gewiß nie ein Thierchen, über das Andere achtlos hinwegschritten. Er hatte gelernt zu beobachten, er hatte dadurch Sinn für das Kleinste und Unscheinbarste bekommen, er verstand früh eine Bedeutung darin.

So saß er, schaute seelenvergnügt der winzigen Welt zu, die sich vor ihm herumtummelte, und betrachtete grübelnd die günstigen und ungünstigen Veränderungen, die der Regen in derselben hervorgebracht. Unzählige neue Wahrnehmungen beschäftigten ihn. Wo hatten wohl die schönen Schmetterlinge gesteckt während des schlechten Wetters, die nun von Blume zu Blume flatterten, aber immer wieder aufflogen, wenn sie sich setzen wollten, weil die Kelche noch naß waren vom Regen und ihnen statt Süßigkeit Thränen boten? Das waren doch rechte Schelme, die Schmetterlinge! Die Blumen, die nicht von der Stelle konnten, hatten Regen und Sturm über sich ergehen lassen und waren nur noch duftiger und schöner danach geworden; die Schmetterlinge aber hatten sich im Trockenen geborgen und jetzt mochten sie nicht einmal ihren Freundinnen die letzten Spuren des Unwetters wegküssen. ? Ein farbenschillerndes Pfauenauge setzte sich dicht vor dem Knaben auf die Erde, als habe es sich einen Flügel verstaucht und müsse nun ein wenig rasten. Der Kleine rührte sich nicht, um es nicht zu verscheuchen. Es saß eine Weile ganz still; dann hob und senkte es die Schwingen, wie um zu prüfen, ob sie wieder gingen, und auf und davon war es. In einiger Entfernung ließ es sich auf eine Blume nieder, die mehr als ihre Gefährtinnen im vollem Sonnenglanz lachte.

Der Knabe wandte sich ängstlich nach dem Hause, als fürchte er erwischt zu werden. Nach kurzem Lauschen hatte er sich überzeugt, daß Alles ruhig sei, und sich ein Herz fassend, stand er auf und humpelte dem Falter nach, ? es war so verführerisch! Er wollte ihn nicht fangen. Wie hätte er daran denken können, einen Schmetterling zu haschen! Er wollte es nur betrachten, das wundervolle Thier. ?Komm, komm, mein Thierchen!? rief er lockend; aber der Unstäte flog weiter dem See zu auf die Terrasse, die von alten dichten Kastanien wie von einem Dache überschattet wurde und deren steinerne Balustrade tief unten der See bespülte. Schon von Weitem leuchtete die blaue Fluth durch die Lücken des alterthümlich ausgehauenen Geländers; das war herrlich für den kleinen Knaben, denn so sah er die Wellen wie eingerahmt, und das blendete ihn auch nicht, weil er dabei das Auge nicht zu erheben brauchte. Wieder drehte er den Kopf nach dem Hause um, aber nichts Bedenkliches zeigte sich, und so ward er immer muthiger und folgte seinem beflügelten Führer bis an den Rand der Terrasse. Hier mußte er nun freilich Halt machen, während der Falter lustig über das Geländer schwebte und sich mit ein paar schwirrenden Libellen im Schilfe um die Wette tummelte. ?Der hat es gut!? dachte der Knabe und schaute von dem leicht beschwingten Volke auf seinen schwergepanzerten Fuß herab. Ach, er wollte ja nicht einmal fliegen, wenn er nur laufen konnte, laufen wie die Nachbarskinder, da wäre er schon ganz zufrieden gewesen, oder nur wenigstens sehen ohne Augenschmerzen, ja, nur sehen hätte er mögen wie die Anderen! Es wäre ihm beinahe eingefallen, daß er doch ein recht armer Knabe sei; aber da trug der frische Seewind von Zürich das Läuten der Dampfschiffglocke herüber, nun mußte das Schiff bald kommen und darüber vergaß er?s wieder.

Er setzte sich auf eine der eisernen Gartenbänke, die zum behaglichen Anschauen des reizenden Amphitheaters errichtet waren, denn das Stehen that ihm weh. ? Und während er so auf den Dampfer wartete, ergoß sich ein anderes feierlicheres Geläute in sanften Schallwellen über den See. Es waren die Kirchenglocken von Zürich, von Rapperschwyl und allen den blühenden Ortschaften der Ufer. Rein und keusch wie die Zwinglianische Lehre selbst tönte der melodische Ruf zur Kirche durch die Sonntagsstille, und es war, als glätte sich der Wasserspiegel unter dem hohen Lied und der Morgenwind legte sich, die Vögel schwiegen. Wie ein Canon, von metallenen Kehlen gesungen, flossen die verschiedenen Glockenstimmen allmählich ineinander, erst eine, dann zwei, dann drei und so fort in mächtiger Steigerung anschwellend über die ganzen unabsehbaren Gestade hin. Wie das Tönen und Klingen von allen Thürmen nah und fern jetzt ineinander schmolz, so strömten nun aller Orten die Seelen der Andächtigen zusammen in einem Gefühl, ein Gedanke war?s, in dem sie sich Alle vereinten, ein Gedanke, der sich aussprach in der morgendlich lachenden Schöpfung ringsum, und den selbst das Kind in seiner ganzen Schöne empfand, das entsagungsreiche, von Krankheit gepeinigte Kind: der Gedanke Gottes.

Nach und nach ward das Geläute schwächer, eine Glocke nach der andern verstummte, traumhaft verhallend zog es sich mehr und mehr in die Ferne, bis endlich nur ein letztes Glöckchen in einzelnen Schlägen träumerisch nachklang, wie noch vom versiegenden Brunnen dann und wann ein Tropfen fällt.

Jetzt durchschnitt das Abfahrtszeichen von Zürich die melodieengeschwängerte Stille. Die Wellen wurden bewegter und schlugen schäumend und spritzend an das Gemäuer der Terrasse an. Das seltsame Stampfen und Rauschen der Maschine im Wasser erscholl, erst fern, dann näher und näher, bis das stolze Schiff maiestätisch durch die blaue Fluth dahergebraust kam, seinen schwarzen Dampf weit hinaus puffend, auf dem Verdeck lachende, geputzte, entzückte Menschen mit bunten Sonnenschirmen und hellen Hüten, die es hineintrug in den wonnigen sonnigen Tag, in die Wunder der Schweiz.

Dem Knaben schlug das Herz im Tacte mit der Maschine, er breitete sehnsüchtig die Arme aus: er wäre so gerne mitgezogen mit dem leicht vorbeijagenden Fahrzeug, wohin? das wußte er selbst nicht, nur in die duftige Ferne, wo er die letzten Glockentöne ersterben gehört, ? dort, meinte er, müsse es am schönsten sein! Er eilte, so schnell er konnte, an das Geländer und bog sich hinaus, er horchte, wie die schäumenden Wellen hinter dem Schiff wild murmelnd zusammenschlugen, ähnlich wie die Menschen, wenn ein großes Ereigniß durch sie hingezogen, in ihrer Aufregung zusammenlaufen und sich darüber besprechen.

?Hurrah Fredy, paß auf, jetzt komm? ich zu Dir!? rief vom Nachbarsgarten eine laute Mädchenstimme herüber, und als der Kleine den Kopf wendete, sah er die Sprecherin zu seinem unbeschreiblichen Entsetzen auf der steinernen Einfassung stehen, welche die Terrassen der beiden Güter gemeinsam vom See trennte. Der Weg, den das tollkühne Mädchen einschlagen wollte, war höchstens zwei Hand breit, wie solche steinerne Brüstungen eben sind. Da stand es hoch aufgerichtet, ein schönes Kind von etwa acht Jahren, die Arme zum Balanciren ausgebreitet, und schickte sich an, seinen halsbrechenden Lauf zu beginnen. Der Wind riß an seinem flatternden Röckchen und wehte ihm die krausen dunkeln Haare von der Stirn. Die kräftige Gestalt hob sich prächtig ab von dem leuchtenden See, in den sie der leiseste Fehltritt hinausschleudern konnte.

Dem Knaben wurde übel und schwindelig, als er seine kleine Freundin so frei auf der schmalen Kante über dem Wasser stehen sah. ?Aennchen, um Gotteswillen, thu? das nicht!? schrie er zitternd und rang in bitterer Angst die mageren Händchen.

?O Du Hasenfuß,? lachte sie, ?wenn ich in den See falle, schwimme ich wieder heim.? Und leicht wie eine Libelle schwebte sie daher, setzte sicher einen Fuß vor den andern, streckte die Arme aus wie Flügel, bald rechts, bald links schwankend, aber doch immer das Gleichgewicht haltend. Der Knabe sah ihr athemlos zu, seine Stirn und Hände wurden ganz feucht, nun mußte sie noch um das Aprikosenspalier herum, welches bis zur Brüstung die beiden Gärten trennte. Die zwei Minuten, wenn sie so lange brauchte, dünkten ihn ewig, bis sie endlich bei ihm anlangte. Rasch griff er mit seinen schwachen Armen nach ihr, um sie zu halten, aber sie sprang mit einem Satz von der Brüstung herunter. ?Etsch, da bin ich schon!? jubelte sie in die Hände klatschend, ?wie die sich da drüben den Kopf zerbrechen werden, auf welche Art ich aus dem Garten kam, denn zur Thür ging ich nicht hinaus und über das abscheuliche hohe Spalier kann ich ja nicht mehr herüber.? Sie hielt inne und sah den Knaben an. ?Aber, Fredy, ich glaube gar, Du weinst??

?Ach Aennchen, ich habe mich so geängstigt.?

Aennchen war ein wenig betroffen. ?Geh?, schäme Dich doch, so ?n großer Bub? und weinen, wegen so ?was!? Sie schüttelte ihn liebreich bei den Achseln. ?Hör? doch auf, Du kriegst wieder böse Augen, ? Du siehst ja, ich bin nicht in?s Wasser gefallen, ich und in?s Wasser fallen, das wäre noch schöner!?

?Ach Aennchen, Du hast eine solche furchtbare Courage,? klagte Fredy. ?Dir geschieht gewiß noch einmal ein Unglück.?

Aennchen lachte, daß es kräftig vom See wiederhallte. ?Du feiger Bub?, Du! Das kommt Dir nur so vor, weil Du weder turnen noch laufen kannst und immer im Zimmer sitzen mußt. Die Mutter sagt?s alle Tage, Du würdest einmal ein schöner Mann werden, wenn Du so fortmachtest.?

Der Knabe sah die unvorsichtige Spötterin unter seinem grünen Schirm mit einem seltsamen Blick an, eine tiefe stille Trauer lag darin, aber er sagte nichts.

Aennchen mochte fühlen, daß sie ihm weh gethan, denn sie nahm ihn gutmüthig bei der Hand. ?Na komm, Fredeli, wir wollen spielen.?

?Was denn?? fragte der Knabe, eine letzte Thräne aus den Augen wischend, die ihn wie Feuer brannte.

?Mutter und Kind. Ich bin die Mutter und Du bist das Kind.?

?Ach Aennchen, laß mich doch nur ein einziges Mal den Vater sein und sei Du die Tochter,? bat Fredy, ?ich bin doch fast fünf Jahre älter als Du!?

?Ja, aber ich bin um so viel größer und stärker als Du,? erwiderte das Mädchen mit Ueberlegenheit, nahm den unbeholfenen Knaben in die Arme, drehte ihn um und um und drückte ihn behend auf die Bank nieder. ?Siehst Du, ich zwinge Dich. Ich bin Deine Mutter, und Du mußt thun, wie ich will.?

?Nun so mach?, was Du Lust hast,? sagte er sanft, ?ich folge Dir ja doch immer. Wenn ich einmal groß bin und gesund, dann mußt Du mir folgen, denn dann werd? ich Dir?s in Allem zuvorthun, Du wirst schon sehen.?

?Ja, das möchte ich einmal sehen!? spottete Aennchen und drehte sich auf dem Absatz herum. Dann band sie einen Strick los, den sie wie einen Büßerstrang um den Leib geschlungen trug, und sprang in gewaltigen Sätzen darüber, immer schneller, daß sich das Seil zuletzt wie ein beweglicher Ring um sie herumschwang, durch den sie mit gleichen Füßen hindurchhüpfte. Kein Kind in ganz Zürich konnte so schön Seil springen, wie sie, das wußte sie recht gut, ja selbst ihre vier großen Brüder machten es ihr nicht nach.

Fredy schaute ihr stumm vor Verwunderung zu, wie sie so elastisch, einem Gummiball gleich, auf- und niederschnellte, so rasch, daß man glaubte, ihre Füße berührten den Boden nicht mehr, und daß ihre breite Brust kaum Athem fand, nur schnell genug nachzuzählen, wie oft sie ohne zu fehlen sprang. ?einundfünfzig, zweiundfünfzig,? zählte sie, Fredy?s Staunen auf die äußerste Höhe treibend. Da fing sich das Seil in ihren langen wallenden Haaren und setzte ihrem Uebermuth ein Ziel. ?Nun, Fredy,? sagte sie verschnaufend und ihre großen Augen blitzten ihn lustig an, ?wirst Du mir das nachmachen, wenn Du groß bist??

?Nein, das nicht, aber man braucht nicht Seil zu springen, um ein rechter Mann zu sein,? sagte Fredy ernst.

?Ei was, wenn Du nicht kannst, was ich kann, dann hab? ich auch keinen Respect vor Dir, verstehst Du? Ein rechter Junge muß Courage haben und Du hast keine, zu nichts, zu gar nichts! Hast noch nicht einmal ein anderes Kind durchgeprügelt, noch nicht ein einzig Mal. Das ist ja eine Schande für einen Buben, da sind meine Brüder anders, die prügeln sich den ganzen Tag.?

?Ich will Niemanden schlagen, denn das ist eine Rohheit; wenn ich es wollte, könnte ich es auch.?

?Nein, Du könntest es nicht, Du wärst viel zu schwach dazu. Wer einen tüchtigen Zorn hat, der schlägt zu, wenn er kann ? und Du wirst doch auch schon zornig gewesen sein.?

?Nein, niemals, warum sollte ich? Sie sind ja Alle so gut gegen mich, Niemand giebt mir ein böses Wort oder gar einen Schlag. Alles, was mir geschieht, ist ja nur zu meinem Besten, worüber sollte ich denn zornig sein??

?Hm,? meinte Aennchen mit einem eigenthümlichen Tone, ?Du bist doch ein schrecklich guter Junge!? Sie zog eine große flaumige Aprikose aus der Tasche und biß hinein, daß ihr der Saft heruntertropfte und Fredy das Wasser im Munde zusammenlief.

?Willst auch eine, Fredy?? fragte sie und hielt ihm eine noch schönere hin. Sie war so schön, sie war wie von Sammt und hatte ein braunes gesprungenes Bäckchen.

Fredy kämpfte schwer: ?Ich ? ich darf nicht!?

?Warum denn nicht??

?Ich darf nur gekochtes Obst essen, rohes hat mir die Mutter verboten.?

?Ach Gott,? meinte Aennchen, ?die Mutter verbietet Dir doch auch Alles!? Und sie streifte Fredy, dessen Augen durstig an der köstlichen Frucht hingen, mit einem mitleidigen Blick. Sie steckte die Aprikose wieder in die Tasche, sie mochte nun auch nicht mehr essen, wenn Fredy zusehen mußte. ?Aber jetzt wollen wir spielen,? rief sie, ?siehst Du, ich führe Dich zum Lehrer. Du sollst in die Schule kommen. Du bist gerade sechs Jahre alt und kannst noch nicht lesen und schreiben. Unterwegs fängst Du an zu heulen und willst nicht, dann laufen die Leute zusammen und wundern sich über den unartigen Balg. Ach, der Phylax, der kommt eben recht, der muß den Lehrer machen!? Und sie sprang auf einen großen gelben Bernhardinerhund zu, der gemächlich des Weges dahertrottete, um nach seinem jungen Herrn zu sehen. ?Phylax, herziger Phylax,? schrie sie, ?das ist herrlich, da geh? her, setz? Dich, so. Was schnupperst Du denn? Ach, er riecht mein Ankenweckli in der Tasche. Na, da hast Du?s!? Und sie zerbrach das Wecklein in kleine Stücke und folterte das riesige Thier nach Kinderart durch Verabreichung wahrhaft homöopathischer Dosen.

Der Hund nahm geduldig mit der bärtigen Schnauze die winzigen Portionen aus den kleinen Fingern und forderte sie nur hie und da durch einen Handschlag mit seiner schweren Tatze zu größerer Eile auf. Endlich war das Frühstück beendigt. Phylax rieb sich an den spitzen Knieen Fredy?s ab und das schöne Spiel sollte nun beginnen. Phylax wurde überredet, seinen mächtigen Körper auf eine der Steinbänke hinaufzuzwängen, und stellte zum Ergötzen der Kinder mit vieler Würde den Lehrer vor. Fredy ließ sich sogar verleiten, trotz seiner Augenschmerzen dem Hund seinen grünen Schirm aufzusetzen, und die Kinder brachen bei dem drolligen Anblick in lauten Jubel aus.

Da, wie ein Donnerschlag für den armen Fredy, ließ sich plötzlich vom Hause her eine Stimme vernehmen: ?Allmächtiger Gott, Alfred! Willst Du Dir denn den Tod holen in der Feuchtigkeit??

Es war eine noch junge und schöne Frau, die diesen Schreckensruf ausgestoßen und mit einer ängstlichen Hast auf den Knaben zueilte, als könnten ihn die Wogen des See?s hinwegspülen, bevor sie ihn erreichte.

?Unvorsichtiges Kind, an diesem kühlen Morgen Dich am See herumzutreiben! Darf man Dich denn nie aus den Augen lassen? Wo ist Herr Feldheim??

?Er ist auf seinem Zimmer, liebe Mutter,? sagte Fredy sanft, nahm Phylax den Schirm ab und setzte ihn selbst wieder auf, ?darf Aennchen nicht mit hereinkommen??

?Ah, Aennchen, guten Tag!? sprach die erregte Frau. ?Es wird besser sein, Alfred ruht sich jetzt ein wenig aus, denn ich hörte schon von Weitem, wie wild Ihr wieder wart. Adieu, liebes Kind, Du kommst wohl ein ander Mal!?

Aennchen machte zu dieser Verabschiedung ein bitterböses Gesicht, aber Alfred gab ihr die Hand und flüsterte ihr zu: ?Siehst Du, Aennchen, es thut mir recht weh, daß ich hinein muß an dem schönen Morgen, aber zornig bin ich deshalb doch nicht, sei Du?s auch nicht, liebes Aennchen. Es wird ja wohl bald so trocken und warm werden, daß ich auch wieder einmal hinaus darf.?

?Meinetwegen,? maulte Aennchen, ?laß Dich von Deiner Mama in Baumwolle einwickeln,? und mit diesen schnippischen Worten trippelte sie, trotzig das Röckchen schwenkend, von dannen.

?Welch ein Umgang für Dich!? seufzte die junge Frau und trat mit Alfred in das Haus. Eine kleine säulengetragene Vorhalle empfing sie, die von oben herab durch eine blaue Glaskuppel matt erleuchtet war. Zu beiden Seiten führten Thüren in die rechts und links gelegenen Wohngemächer. Dem Eingange gegenüber lag die breite steinerne Treppe, die in den oberen Stock führte. Gegen diese wandte sich die erregte Mutter zunächst, denn in demselben Augenblick stieg ein junger Mann von oben herab, den sie ungeduldig zu erwarten schien.

Er war eine seltsame ernste Erscheinung, die da niederstieg, als käme sie aus einer andern Höhe, denn die, welche Menschenhände erbauen können. Ein stolze Gestalt mit einer starren, fast militärischen Haltung und so breiten eckigen Schultern, daß es aussah, als trügen sie verborgene Epaulettes unter dem langen bescheidenen Priesterrock, der sie bekleidete. Er hatte zwar die Lider gesenkt, aber auf seiner hohen Stirn lag etwas Gebietendes und die dunkeln buschigen Brauen, die über der Nase zusammengewachsen waren, erschienen wie eine undurchdringliche Hecke, welche die stille Welt in seinem Kopfe nach außen abzäunte. Das war der Candidat Feldheim, Alfred?s Erzieher. Langsam, die Hand leicht über das vergoldete Treppengeländer nachziehend, kam er herab. Die sichtbare Ungeduld seiner Gebieterin brachte ihn nicht aus seinem gleichmäßigen Schritt.

?Herr Feldheim,? rief ihm diese entgegen.

?Befehlen??

?Herr Feldheim, soeben kehre ich aus der Kirche zurück und finde meinen Sohn allein, ohne jede Aufsicht; haben Sie gewußt, daß Alfred an dem feuchten Morgen im Garten war??

?Ja!?

?Aber ich bitte Sie, wie konnten Sie das zugeben??

?Ich war der Ansicht, daß die frische Morgenluft dem Kleinen wohlthun werde,? erwiderte der Candidat ruhig.

Die Frau war durch diese Antwort ganz aus der Fassung gebracht. Sie hatte eine rasche Entgegnung auf der Zunge und ein strafender Blick sollte den trotzigen Sprecher treffen, glitt jedoch schon an dem Schild seiner hochgewölbten Brust ab, bevor er das eigentliche Ziel seiner Bestimmung, das Auge des Mannes, erreicht hatte. Es war ein wunderbares tiefes Auge, das da auf sie niedersah unter den schattigen Brauen hervor, solch ein Auge, das man immer fragen möchte: ?Was denkst du?? das kein Mensch ertragen kann, der auf dem Grunde seiner Seele etwas zu verbergen hat, denn auf wen es sich einmal richtet, den läßt es nicht mehr los, er muß ihm stumme Rede stehen, bis er ihm jedes Geheimniß seines Innern, wenn auch ohne Worte, gebeichtet hat. Ahnte die junge Frau etwas hiervon? Hatte sie etwas zu verbergen? Genug, sie ließ den strafenden Blick als eine ohnmächtige Waffe zur Erde gleiten, bevor sie den Muth fand, sie zu erproben. Auch das rasche Wort verwandelte sich in ein zögerndes: ?Man sieht, daß Sie kein Mediciner sind.?

?Als ich Alfred?s Erziehung übernahm, wußte ich nicht, daß das unglückliche Kind eines solchen dringender bedurfte, als eines Lehrers. Seit ich mich jedoch hiervon überzeugte, war ich bestrebt, die fehlenden Kenntnisse nachzuholen, und hoffe jetzt so viel zu wissen, als nöthig ist, um die körperliche Entwickelung des Knaben mit gutem Gewissen leiten zu können. Steht dieses Selbstvertrauen im Widerspruch zu Ihren Ansichten, gnädige Frau, so bin ich gern bereit mein Amt in die Hände eines ?Mediciners? niederzulegen.?

Eine heiße Röthe stieg auf in dem zarten Gesicht der jungen Frau. Sie schwieg einen Augenblick, denn sie mußte Athem schöpfen, ein jäher Schreck war über sie gekommen. Aber sie nahm sich zusammen und sagte leise: ?Darüber wollen wir später sprechen, jetzt dürfen wir nicht mehr zögern, Alfred trockene Sachen anzuziehen, er hat sich gewiß feuchte Füße geholt.? Mit diesen Worten öffnete sie die Thür von Alfred?s Zimmer und trat, ihn nach sich ziehend, hinein. Der Candidat folgte. Es war ein großes dunkles Gemach, die Fenster waren tief verhangen mit schweren Gardinen und grünen Rouleaux, damit kein Lichtstrahl den kranken Augen des Kleinen weh thue, und eine erstickende Treibhaushitze drang den Eintretenden entgegen. Das Zimmer lag gegen Norden, weil dies die durch Mauern und Nebengebäude geschützteste Seite des Hauses war, aber die fehlende Sonnenwärme wurde an jedem leidlich kühlen Tage durch Ofenhitze ersetzt, denn Fredy?s Mutter behauptete, er müsse eine stets gleichmäßige Temperatur von mindestens sechszehn bis achtzehn Grad Réaumur haben. Da es seither geregnet hatte, war natürlich gefeuert worden und auch heute hatte man noch nicht den Muth gehabt, damit aufzuhören. Der Morgen war doch noch nebelig gewesen.

?Alfred, süßes Kind, Du siehst blaß aus. Sage, fühlst Du Dich schon erkältet, ist Dir unwohl?? fragte die Mutter mit banger Zärtlichkeit, während sie ihm die frischen Strümpfe am Kamine wärmte.

?Liebe Mutter, mir ist ganz wohl,? versicherte er, dachte aber doch bei sich mit heimlicher Besorgniß darüber nach, was sein ?Leichtsinn? für Folgen haben könne. Versunken war der See, der unendliche, silberschimmernde, verschwunden das millionenfach wiedergestrahlte Sonnenlicht, das wilde liebliche Aennchen und alle Schmetterlinge und Libellen, die sich badeten in dem feuchten Aether, versunken Alles mit einem Schlage in den Abgrund seiner feuchten Strümpfe. Der Knabe saß in sich zusammengekauert am Kamin und starrte bleich und entgeistert in die matt glimmenden winterlichen Kohlen. ?Armes Kind!? hauchten die geschlossenen Lippen des Candidaten unwillkürlich vor sich hin.

2. Der Zweiaugengeist.

?Was ist Alfred? Fehlt Alfred etwas? Ist Alfred etwas geschehen??

Diese ängstlichen Fragen ertönten hintereinander und drei ängstliche alte runzlige Gesichter erschienen hintereinander in der Thür. Das waren die drei Tanten, die unverheiratheten Schwestern von Alfred?s Vater. Alfred?s Mutter, die vor dem Knaben am Boden kniete, um die Maschine an seinem Beine zu lösen, blickte besorgt zu ihnen auf, eine Seite ihres zarten schönen Gesichts war vom Scheine des Kaminfeuers geröthet, sie sah aus wie die verkörperte Muttersorge, die zu den Parzen fleht, den Lebensfaden ihres Kindes nicht abzuschneiden.

?Er hat sich nasse Füße geholt. Glaubt Ihr, daß es ihm schaden wird?? fragte sie.

Die drei Parzen schüttelten die Köpfe.

?Man muß ihm gleich einen warmen Thee geben,? lautete der Chor.

?Was für einen??

?Lindenblüthe! Flieder! Kirschenstielthee!?

Es entstand eine lange Berathung unter den Schwestern, fast ein Streit. Alfred erwartete still ergeben sein Schicksal. Der Candidat schaute regungslos auf die lächerliche Gesellschaft nieder.

Bella, die älteste der Schwestern, war eine sechs Schuh lange hagere Greisin von siebenundsechszig Jahren. Alles an ihr war schief, der Kopf, der graue dünne Scheitel, eine Schulter und eine Hüfte, sogar die Augen, denn sie schielte. Die Ellenbogen gingen ihr bis über die Hüften herab. Sie hatte eine seitwärts gebeugte Haltung, als wolle sie sich immer entschuldigen, daß sie so groß sei. Ihre Hände waren auch krumm von der Gicht, sie konnte nur noch stricken. Sie versorgte die ganze Familie und unendlich viele Freunde mit wollenen Leibchen, Röckchen und Binden, ohne sie wäre längst Alles, was sie liebte, an zu leichter Kleidung zu Grunde gegangen. Sie hatte zu ihren Gichtknoten auch noch Schwielen von den Stricknadeln an den Fingern, aber sie hörte doch nicht auf zu stricken. Nur wenn ihr die Hände gar zu wehe taten, machte sie Filet, und am Sonntag las sie in Zschokke?s Stunden der Andacht. Sie konnte nur alte Bücher lesen, die sie fast auswendig wußte, neue vermochten ihre schlechten Augen nicht mehr zu entziffern.

Wika, die zweite Schwester, war nur fünfundsechszig Jahre alt. Sie konnte noch besser sehen als Bella und war eine kleine untersetzte Figur mit braunen falschen Zöpfchen, die schneckenförmig an dem schwarzgefärbten Scheitel befestigt waren und sich nicht die geringste Mühe gaben, für echte gehalten zu werden. Sie war zweifellos die dominirende unter dem Kleeblatt. Ihre breite behäbige Figur, ihr energisches Auftreten und eine kleine heimliche Tabaksdose gaben ihr etwas frauenhaft Ueberlegenes. Auch war sie die einzige von den Dreien, welche eine oder gar zwei wirklich gute Partien ausgeschlagen, weil ihr der Freier nicht gefallen hatte. Seit der unerhörten That staunten die Schwestern sie an wie ein höheres Wesen. Sie war auch erhaben über eine mechanische Gewohnheitsbeschäftigung. Sie trieb Politik, las Zeitungen, kochte sehr gut, spielte vortrefflich Whist und wurde grob, wenn sie verlor. Sie hatte Humor und brachte alle Leute zum Lachen, aber sie lachte nicht selbst mit, denn sie litt am Asthma und mußte ihren Athem sparen.

Jetzt blinzelte sie mit ihren klugen kleinen Aeugelchen über ihre dicken Backen zu dem Candidaten hinüber, während sie spöttisch Kirschenstielthee anrieth. Sie wußte, daß er sich ärgerte, und das machte ihr Spaß, denn sie waren sich beide durchaus nicht grün. Sie behauptete immer, er habe es dick hinter den Ohren und sie sei die einzige im ganzen Haus, die den Menschen durchschaue.

Lilly, die jüngste Schwester, das ?Nestheckchen?, war erst neunundfünfzig Jahre alt. Sie war der leichtsinnige Springinsfeld unter den Schwestern, den man keine Minute aus den Augen lassen konnte, sonst machte er dummes Zeug, erkältete sich, verlief sich oder verdarb sich den Magen. Sie war gutmüthiger als Wika und natürlicher als Bella, aber seltsamerweise, obgleich die jüngste von den Dreien, war sie doch die erste, die Spuren von Altersschwäche zeigte und im Alter wie in der Jugend rettungslos von den beiden anderen bevormundet wurde. Sie hatte fast immer eine Schmarre im Gesicht, weil sie sehr schusselig war und alle Augenblicke die Treppe hinunter fiel, was ihr viel Schelte zuzog. Aber es war doch ein herzensgutes, liebes Gesichtchen, das immer unter einer unbeschreiblichen verkehrten Haube hervorguckte, ein altes runzeliges Kindergesicht. Tante Lilly war die einzige, die unermüdlich mit Alfred Domino oder Schach spielte und sich freute, wenn der Junge sie matt machte. Tante Lilly konnte auch noch das ?Steh nur auf, Du lust?ger Schweizerbub? auf dem Clavier spielen und wenn sie gleich manchmal daneben griff, Alfred fand doch nichts, nicht einmal die Chopin?schen Phantasien seiner Mutter, so schön und so rührend wie Tante Lilly?s ?lustigen Schweizerbub??!

Dies waren die Schwägerinnen von Alfred?s jugendlicher mädchenhafter Mutter, die letzten Freiinnen von Salten-Hermersdorf, die jüngeren Schwestern von Alfred?s Vater ? denn dieser war ein Greis von siebenzig Jahren.

Aus solcher Umgebung sollte die kümmerliche Blüthe des zarten Knaben ihre Nahrung ziehen. Dies schattenhaft verhängte dunstige Krankenzimmer mit den launischen, allem Leben absterbenden Pflegerinnen war der Hintergrund, auf dem die Kindheit des letzten Stammhalters eines ritterlichen Geschlechts trübselig hindämmerte.

 

Es waltete ein böser Geist über diesem jungen Haupte und über dem Hause, das seine Heimath war ? der böse, Jahrhunderte alte Geist des Familienstolzes, der Erzeuger der Erstgeburtsrechte, der Majorate, der Mannslehen und wie sie alle heißen, die grausamen Einrichtungen, welche Kinder desselben Blutes, Kinder, die unter demselben Herzen geruht, ausschließen von den Rechten an dem Besitz der Väter, damit dieser, nur von zwei auf zwei Augen vererbt, ungeschmälert den Glanz der Familie erhalte. Man könnte ihn den Zweiaugengeist nennen, diesen finstern Dämon, der immer mächtiger wird, je weniger Augen desselben Namens und Stammes ihn bannen, und am mächtigsten, wo ein Geschlecht bis auf zwei Augen eingeschrumpft ist. Da entfaltet er seine ganze Macht, da würfelt er blindlings alternde Männer und junge Frauen zusammen, damit noch in der elften Stunde eine Nachkommenschaft erzielt werde. Da vergiftet er die erste keimende Hoffnung im Mutterschoße mit der Befürchtung, daß es kein Stammhalter sei. Da sitzt er als erstickendes Angstgespenst am Bette des ersehnten Sprossen und ein greiser Vater beweint in dem sterbenden Sohne den Untergang eines erlauchten Geschlechtes, der für ihn gleichbedeutend ist mit dem Untergang eines Weltgestirns ? und eine Schaar dürftig apanagirter Schwestern, Tanten, Cousinen sieht mit seinem Ende dem langsamen standesgemäßen Verhungern unter der Hofschleppe entgegen! Wer beschreibt alle die Gestalten in denen dieser boshafte Kobold seine Opfer ängstigt, peinigt, um alles Menschenglück betrügt? Und das Haus, das stille friedliche, das der liebliche Zürichersee umspülte, das früh und Abends angehaucht war vom Widerschein sonnengeküßter Firnen ? es barg solch eine Familie, die dem Zweiaugengeist verfallen war.

Name und Güter der stolzen norddeutschen Freiherren von Salten-Hermersdorf standen nur noch auf den zwei thränenden, lichtscheuen Augen des kleinen Alfred! Aus jedem ätzenden Tropfen, der über die bleiche Wange des Kindes rann, aus jedem ungleichen Athemzug seiner schmalen Brust, jedem Hüsteln, jedem fiebernden Pulsschlag hatte der Zweiaugengeist ein Marterwerkzeug für die Umgebung des Knaben geschaffen, wie es grausamer kein Teufel ersinnen kann und alle die Hände von Mutter, Vater und Tanten, sie hatten auf der Welt nichts mehr zu thun, als sich schützend um das flackernde Lebenslicht in der gebrechlichen Hülle zu breiten. Die Erhaltung von Alfred?s stets bedrohtem Leben war die fixe Idee der ganzen Familie, die Achse geworden, um die sich deren Thun und Denken drehte. Um seiner Gesundheit willen hatte man die Heimath verlassen und den rauhen Norden mit der milden Seeluft Zürichs vertauscht. Um seinetwillen hatte man das theure Landhaus gemiethet, um seinetwillen jede gesellige Beziehung zur Heimath abgebrochen, damit man nur ihm allein leben konnte!

Seinen Tanten war der Erbe der Salten?schen Güter, was dem Kaufmann das schwanke Schiff ist, das seinen ganzen Wohlstand trägt, denn wenn Alfred starb, so fiel das Majorat nach dem Tode des Freiherrn an eine Seitenlinie von der die vermögenslosen Tanten keine Unterstützung zu hoffen hatten. Seine Mutter endlich suchte in ihm den Ersatz für jedes an der Seite des aufgezwungenen Gatten geopferte Jugendglück. Und ach, das Schiff schien leck zu sein, und der Ersatz für die Entsagungen seiner Mutter mußte mit immer neuen Opfern an Lebenskraft und Muth, an Nachtruhe und Tageszerstreuung erkauft werden.

Und das Kind, was mußte aus diesem werden bei solch einer Erziehung? Daran dachte, das wußte nur Einer! Nur Einer fühlte, daß noch etwas Höheres in dem Knaben zu hüten sei als das Leben, daß da ein Schatz an Geist und Seelenadel verborgen liege, den nicht die eigene Mutter zu würdigen verstünde und den zu heben ihm eine göttlich schöne Aufgabe dünkte ? dieser Eine war der Candidat. Aber weil doch er allein es war, der das, was in Alfred lag, verstand, so wollte er auch, daß es ihm allein gehöre, er wollte es entwickeln, wollte der Welt ein Geschenk damit machen nach seinem Sinne, und er mußte dabei vorsichtig und heimlich zu Werke gehen, wie der Schatzgräber auf fremdem Boden, der weiß, daß ihm sein Fund entrissen würde, sobald er ihn gehoben. Er war sich ja bewußt, daß er den Schatz besser und segensreicher verwenden würde, als die, welche ihm denselben streitig machen könnten. Das war es auch, was die kluge Tante Wika instinctmäßig gegen den verschlossenen Mann mit den zusammengewachsenen Augenbrauen einnahm. ?Der Mensch ist ein Demagog,? pflegte sie zu ihrem Bruder warnend zu sagen ? und sie hatte nicht so unrecht! Er war der Einzige von Allen, der nicht unter dem Banne des Zweiaugengeistes stand, obgleich auch er völlig zu einem Opfer desselben erkoren gewesen wäre, denn er war gleichfalls ein ?Letzter seines Stammes? ? eine hochadelige Familie erlosch mit ihm, wenn er kinderlos starb. Sein Vater, ein Herr von Feldheim, war im Kriege gefallen, ehe der Candidat das Licht der Welt erblickt, seine Mutter, eine mittellose Wittwe, erzog ihn zum Prediger. Die Macht des Zweiaugengeistes hatte er mit Ablegung eines einzigen Wörtchens abgeschüttelt, des Wörtchens ?von?, und mit ihm alle Vorurtheile, alle hemmenden Standesrücksichten. Er hörte auf Freiherr zu sein, um ein freier Herr zu werden, der sich nicht mühsam auf den dürren Pfaden einer Familientradition weiter schleppte, sondern sich seinen Weg selbst bahnte und sein Geschick selbst schuf aus dem vollen Leben der Gegenwart heraus.

Dieser Schritt jedoch hatte ihm anfangs das Vertrauen des Hauses Salten erworben, denn man hielt es für einen edeln Stolz, daß er den glorreichen Namen seiner Ahnen nicht als Hauslehrer compromittiren wollte, daß er einen Adel ablegte, den er nicht mehr mit dem erforderlichen Glanze zur Schau tragen konnte. Etwa in dem Sinne, wie ein Prinz incognito reist, wenn ihm die Mittel fehlen, seinen hohen Stand zu repräsentiren. Nur Tante Bella, die zartfühlende Seele, that es nicht anders, sie gab ihm fort und fort die Ehre, auf die er so selbstlosen Verzicht geleistet, sie nannte ihn unverdrossen Herr von Feldheim, und war überzeugt, daß sie ihm damit das Demüthigende seiner Stellung wesentlich erleichterte. Sie hüllte ihn in sein ?von? ein wie in ein moralisches wollenes Leibchen. Sie durfte ihm ja kein wirkliches stricken, der verwegene junge Mann war noch nicht reif genug, um einzusehen, wie dringend der Mensch der Wolle bedürfe, und das war es auch, was selbst Tante Bella nach und nach von ihm entfernte! Dennoch hielt sie immer noch einen rücksichtsvollen Ton gegen ihn ein, sie war es auch, die nach dem ersten Schreck auf den Einfall kam, den ?Herrn von Feldheim? zu fragen, für welche Art schweißtreibenden Thees er sich entscheide, worauf die schneidende barbarische Antwort erfolgte: ?Für gar keine!?

?Das hättest Du Dir denken können,? meinte Wika höhnisch, ?der Herr Candidat ist immer anderer Meinung als wir.?

?Ich bin der Meinung, daß wir dem Knaben mit dem Thee das Mittagsessen verderben,? erwiderte er ruhig, aber er wußte wohl, daß er tauben Ohren predigte.

Tante Lilly ward geschickt, für Lindenblüthenthee zu sorgen, und das Geklirr einiger zerschlagener Töpfe und Kannen verkündete alsbald, mit welchem Eifer sie sich der Sache annahm.

?Lieber Himmel, was stellt Lilly wieder an!? riefen die Schwestern und eilten hinaus, um das unbedachte Kind zu schelten. Die Drei im Zimmer schwiegen, ein seltsamer Blick des Candidaten traf die junge Frau, ein Blick, der fragen zu wollen schien: ?Wie lange hältst Du das noch aus??

Da sie die befremdliche Eigenheit hatte, zu erröthen, wenn Jemand und besonders der Candidat sie scharf ansah, senkte sie auch jetzt wieder die langen goldenen Wimpern zur Erde. Alfred wurde müde vor Langeweile, er zog die Hand des Candidaten zu sich herab und lehnte seine Wange daran. Seine Mutter eilte herzu: ?Willst Du Dich ein wenig auf meinen Schooß setzen, Alfred??

?Nein,? sagte er bestimmt.

?Wie, Alfred, Du weisest Deine Mutter zurück??

Er faßte, ohne den Candidaten loszulassen, nach seiner Mutter Hand, sie kniete bei ihm nieder, er legte den Kopf auf ihre Schulter und seine Lippen küßten leise ihren weißen Schwanenhals, ?Du süße Mutter,? flüsterte er, ?ich bin Dir doch gut, wenn ich mich auch nicht mehr auf Deinen Schooß setze.?

?Seltsames Kind, was fällt Dir nun auf einmal ein?? sagte die junge Frau befremdet.

Da erscholl auf dem Hausflur die Stimme von Alfred?s Vater: ?Wo ist meine Frau?? Die Genannte erhob sich und ging langsam hinaus.

?Alfred,? sagte der Candidat, ?Du hast Deiner Mutter weh gethan.?

?Das thut mir leid, aber ich kann nicht anders, Herr Candidat.?

?Und weshalb nicht??

Alfred schwieg eine Weile, dann flüsterte er leise und unter allmählich hervorquellenden Thränen: ?Sehen Sie, Herr Feldheim, als neulich einmal meine Mutter weinte, wie sie so oft thut, da wollte der gute Vater sie trösten und auf seinen Schooß nehmen. Aber die Mutter fuhr auf und stieß den Vater zurück, als wäre das etwas Schreckliches gewesen ? und sehen Sie, Herr Feldheim, ich weiß nicht, wie das ist, aber seitdem kann ich mich nicht mehr auf meiner Mutter Schooß setzen!?

Der Candidat war tief betroffen. Was sollte er dem Kinde sagen, welcher Finger war zart genug, um in dies verstimmte kostbare Saitenspiel wohlthätig einzugreifen? Er hatte einen neuen schmerzlichen Blick in des Knaben Seelenleben gethan, er war noch unfähig, etwas zu erwidern.

Alfred schaute unter seinem grünen Schirm voll und flehentlich zu dem Erzieher auf: ?Herr Feldheim, können Sie mir nicht sagen, warum die Mutter den Vater nicht leiden kann? Sie ist gegen uns alle so gut und nur gegen den Vater nicht!?

?Mein Kind,? sprach Feldheim und seine Stimme war bewegt, ?frage das Deine Mutter selbst, sie allein hat das Recht, Dir darauf zu antworten.?

?O Herr Candidat, dazu hätte ich nicht den Muth, nein, gewiß nicht.?

?Und dennoch wäre es eines Engels Stimme, die aus Dir spräche, wenn Du es thätest,? sagte der junge Mann mit gepreßter Brust. Alfred schaute ihn mit jenem unausweichlichen Forscherblick an, der denkenden Kindern eigen ist. Da legte der Candidat seine Hand auf des Knaben Haupt und fragte: ?Mein Kind, seit wann trägst Du denn solche schwere Gedanken mit Dir herum? Das ist mir ganz neu an Dir!?

?Ich weiß es nicht, seit wann, es ist nur auf einmal so über mich gekommen, und ich wagte nie etwas davon zu sagen. Ich möchte immer weinen, wenn ich den Vater ansehe ? ?? er schlang die Arme um die stämmigen Hüften des Candidaten und überließ sich seinen ausbrechenden Thränen.

?O Gott, mein Gott,? dachte Feldheim, ?wann wirst Du endlich den Himmel dieser geängstigten Seele entwölken?? Und er bückte sich nieder in überströmendem Mitleid, hob die ganze schmächtige Gestalt des Knaben mit starken Armen empor und drückte sie an seine breite Brust. ?Armes liebes Kind, dürfte ich Dich so hindurchtragen durch Dein ganzes gequältes Leben! Aber ich darf es nur eine Strecke weit, mögest Du Dir dann selbst weiter helfen können, denn das Beste, was wir sein können, werden wir doch nur aus eigener Kraft! Das ist mein Gebet für Dich!?

Der Knabe schmiegte sich innig an den starken Mann, der ihn so leicht emporhielt, als könne er ihn zu den Sternen hinaufheben. Solange er sich auf diesem mächtigen Arme wiegte, fühlte er sich so geborgen wie bei Gott.

?Ach, wenn ich einst solch ein Mann werden könnte wie Sie!? seufzte er; ?aber das kann ich nicht, dazu bin ich zu schwach und elend!?

?Mein Kind, nicht die Muskel ? der Geist macht den Mann! Wir leben in einer Welt, wo eine andere Kraft herrscht als die des Leibes, wo auch der Krüppel sich seinen Platz unter Heroen erobern kann. Das Menschengeschlecht strebt immer mehr nach Vergeistigung, das Ewige in uns macht sein Recht geltend gegenüber dem Vergänglichen, es drängt dasselbe mehr und mehr zurück. Der Geist will sich immer unabhängiger vom Stoff zu machen suchen, er will nicht mit ihm untergehen. Blicke zurück, mein Kind, in die früheren Zeiten, wo rohe Gewalt der Hebel war, der Alles in Bewegung setzte, und Du wirst mit Staunen den Fortschritt erkennen, den das menschliche Geschlecht schon gemacht.?

?Und doch sagte Tante Bella, die Welt würde immer schlechter!? meinte Alfred schüchtern.

?Das sagen alle alten Leute, welche sich in den beständigen Wechsel der Ideen nicht mehr finden können. Ein Mensch, der den Siebzigen nahe rückt, kann seine Zeit bereits überlebt haben und schon ein neues Lustrum kann ihm fremd und unverständlich sein! Wärst Du ein paar Jahrhunderte früher geboren, Du hättest bestenfalls Dein Loos in der Spinnstube zwischen Weibern und Mägden oder vielleicht in der Mönchskutte zu suchen gehabt. Irgend ein neidischer Nachbar oder Anverwandter hätte Dir, dem Schwächling, mit dem Schwert in der Hand Deinen Besitz entrissen, Du wärst, ein ohnmächtiges verachtetes Geschöpf, umhergeschleudert worden zwischen den räuberischen Fäusten Deiner ritterlichen Vetterschaft. Und jetzt, jetzt darfst Du Deines schwachen Körpers spotten, denn Du kannst Dich durch die Kraft Deines Geistes, sei es in der Wissenschaft, sei es in der Industrie oder in der Politik, zu einer Macht erheben. Ist diese Welt, in welcher der Gedanke eine solche Herrschaft über die Materie ausübt, eine schlechtere geworden??

?Nein, sicher nicht!? rief Alfred und ein Strahl brach aus seinen Augen, als habe er eine göttliche Verkündigung empfangen. Er umschlang den Lehrer mit dankbarer Inbrunst. Der erstickende herzbeklemmende Einfluß des Zweiaugengeistes war gebrochen, so lange diese Beiden einander in den Armen hielten.

Da kam aber Tante Bella mit dem Thee herein und jetzt umkreiste er wieder das müde Köpfchen seines Opfers, daß es war, als höre man seinen eulenartigen schweren Flügelschlag.

Der Candidat ging Bella entgegen und nahm mit einer an ihm ganz ungewohnten Dienstbeflissenheit die Tasse in Empfang. Ja, es war sogar, als spiele ein Lächeln um seine Lippen, als er sie zum Munde führte, um zu prüfen, ?ob der Thee auch nicht zu heiß sei??

Tante Bella war zu blind um zu sehen, daß er das widerliche, für Alfred so schädliche Gebräu mit einem Zuge austrank und dem Knaben nur noch wenige Tropfen überbrachte. Alfred selbst hatte es nicht gewahrt. Sein Lehrer wollte das Kind nicht zum Mitschuldigen des kleinen wohlgemeinten Betruges machen, durch den er es schon oft vor den schädlichen Einflüssen der Hausapotheke seiner Tanten bewahrt hatte. So schonte er zugleich den Magen und das Wahrheitsgefühl seines Zöglings.

?Aber Tante,? sagte Alfred, ?warum bekomme ich nur immer das Bischen Thee in der großen Bouillonschale??

Der Candidat erschrak. Aber Tante Bella war entzückt, daß die Masse Thee dem lieben Kinde noch zu wenig dünkte. ?Sehen Sie, Herr von Feldheim,? rief sie, ?der Knabe weiß, was ihm gut thut!?

3. Der Kastengeist.

Als Tante Bella eine Stunde später dem Vater seinen neugeretteten Sohn zuführte, fand sie den alten Herrn in tiefer Verstimmung und durchaus nicht zugänglich für die Geschichte ihres ausgezeichneten Heilverfahrens.

?Da lies diesen Brief und dann suche Adelheid zu finden; Gott weiß, wo sie wieder ist, wir wollen uns berathen, was etwa zu thun wäre.?

Er zog Alfred zu sich hin, während Tante Bella den Brief las, und streichelte mit seiner knochigen Hand des Kleinen Backe. Er war ein alter Herr, dem man noch jetzt die Spuren einstiger Schönheit ansah. Der weiße spärliche Backenbart deckte jedoch kaum die tiefen Höhlen, die sich rechts und links des Mundes gebildet hatten. Unter den dünnen weißen Augenbrauen blickten verblichene lebensmüde Augen hervor und die eingesunkenen Schläfe waren kaum von wenigen silbernen Locken bedeckt. ? Es war ein Anblick, wie wenn in einer Winterlandschaft der Schnee die todte kahle Erde nicht ganz überzieht und einzelne Stellen offen läßt, deren trostlose Abgestorbenheit erst recht den Winter zeigt. Es giebt weiße Haare auf jugendfrischen Köpfen, die den Eindruck machen, als sei verfrühter Schnee auf eine noch herbstlich grüne Flur gefallen. Solch? kräftigem Manneshaupte, meint man, müßten über kurz oder lang wieder dunkle Haare entsprießen, die Farbe sei nur auf einen Augenblick ausgeblieben. Aber dies gebeugte bleiche Haupt war das Bild versiechter Kraft, erloschenen Lebensfeuers; man konnte nichts Traurigeres sehen, als diesen Vater und diesen Sohn, von denen der Eine aussah, als sollte er eben in das Grab steigen, der Andere, als sei er demselben kaum entstiegen. Ein erlöschendes Licht und eines, das sich nicht recht entzünden kann, nebeneinander, geben eine trübselige Beleuchtung.

Tante Bella hatte sich mittlerweile auf einen der wurmstichigen eichenen Stühle gesetzt, welche vor mehr denn hundert Jahren in der Schloßcapelle der Salten gestanden und von dem Freihern, der sich die Zeit gern mit Holzsägerei vertrieb und dabei niemals, wo er nur konnte, sein Wappen anzubringen vergaß, ganz im Geiste ihrer Zeit gestickt worden waren. Sie versuchte den Brief, welcher ihren Bruder so verstimmt hatte, zu entziffern, aber es ging nicht, und sie mußte bitten, ihr denselben vorzulesen. Er lautete kurz und bündig:

 ?Hochgeehrter Herr!?

?Nicht einmal ?Ew. Hochwohlgeboren? schreiben diese Leute,? bemerkte Bella.

?Ihre geehrte Frau Gemahlin hat diesen Morgen meine kleine Tochter in einer wenig freundlichen Weise nach Hause geschickt, und wir besorgen daher ernstlich, daß das wilde Kind sich irgend welche Ungehörigkeit habe zu Schulden kommen lassen. Meine Frau sowohl als ich bitten Sie dringend, uns dieselbe nicht zu verschweigen, damit wir in Stand gesetzt werden, sie zu rügen oder zu bestrafen, wie es sich gehört.

Mit aller Hochachtung zeichnet
 Hans Hösli-Pallender, Cantonsrath.?

Das war zu viel für die christliche Demuth der Tante Bella. Sie faltete die Hände: ?Guter Gott, was muß man sich gefallen lassen in diesem republikanischen Lande! Das kommt davon, wenn man seine von Gott überlieferte Scholle verläßt und sich in ein neues Erdreich verpflanzt. Es ist schrecklich! Ich sah es gleich, diese Leute haben gar keine Ahnung, wer und was wir sind!?

Die Thür ging auf und Wika erschien auf der Schwelle: ?Die Suppe ist angerichtet.?

?O liebe Schwester, wer kann jetzt essen!? klagte Bella. ?Lies diesen Brief und überzeuge Dich, wie Recht ich hatte, als ich Euch alle Arten von Unannehmlichkeiten im Verkehr mit Leuten, die so tief unter uns stehen, weissagte!?

Wika las, und ihre dicken Backen blähten sich auf vor Zorn, daß ihr kleines Näschen völlig dahinter verschwand. ?Diese Seidenspinner, diese Seidenwürmer! Die haben?s nöthig, so unverschämt zu sein. Wenn man sich einmal erlaubt, ihren ungezogenen Balg, der trotz seiner zwei Gouvernanten keine Lebensart lernt, nach Hause zu schicken, da machen sie gleich ein Geschrei, als habe man eine Majestätsbeleidigung begangen!?

?Adelheid muß aber doch sehr scharf gegen die Kleine gewesen sein? meinte der alte Herr kopfschüttelnd.

?Gegen wen soll ich scharf gewesen sein?? fragte die Genannte eintretend.

?Gegen die kleine Hösli, der Vater beschwert sich deshalb.?

Frau Adelheid schüttelte ihr üppiges rothes Haar zurück, daß sich das blaue Band verschob, das hindurch gewunden war, und der Greis bewundernd auf sie niedersah wie auf eine schöne Jugenderinnerung. Sie zerknitterte das Billet, nachdem sie es gelesen, und lächelte. ?Wie könnt Ihr Euch so aufregen um eine solche Bagatelle. Wer sind ? was sind diese Leute, daß sie uns beleidigen können??

?Beleidigen kann uns Jeder, der uns an Zurechnungsfähigkeit gleich steht,? sprach der alte Herr verweisend. ?Ich finde überdies nicht, daß sie uns beleidigen wollen, sondern daß sie von uns beleidigt sind. Was hast Du mit der Kleinen gehabt, Adelheid??

?Nicht das Geringste. Ich habe ihr verwehrt, mit in das Haus zu kommen, weil ich Alfred ausruhen lassen wollte.?

?So wirst Du wohl so freundlich sein und nach Tisch hinübergehen, um Dich zu entschuldigen,? sagte der Freiherr.

Nun erhob sich ein Sturm von Unwillen unter den Tanten, daß man dem Seidenraupengezücht auch noch nachlaufen solle. Aber der alte Mann erwiderte ruhig und bestimmt: ?Ich werde nie dulden, daß Jemand, der meinen Namen trägt, sich irgend welcher Unhöflichkeit zeihen lasse. Sind wir vornehmer als Andere, so sollen wir auch Niemandem an Noblesse der Gesinnung nachstehen, und es ist ignoble, sich seines Ranges Anderen gegenüber zu überheben.?

?Ich wäre jedenfalls dafür, daß man bei dieser Gelegenheit den Umgang mit diesen Leuten gänzlich abbräche,? lispelte Tante Bella mit ihrer frommen Stimme. ?Was hat Alfred von solchem Verkehre? Er kann dabei nur verbauern; denn wie groß auch der Luxus ist, mit dem sie sich überfirnissen ? die innere Rohheit bricht doch immer heraus.?

Alfred hatte bis jetzt bescheiden und still wie immer an dem Tische mit dem Schnitzgeräthe gestanden, Niemand hatte ihn beachtet. Jetzt plötzlich trat er vor Bella hin. Seine Brust arbeitete heftig, er zitterte am ganzen Leibe. ?Tante, ich bitte Dich ? Aennchen ist nicht plump und roh und ihre Eltern sind es auch nicht. ? Ich ? ich dulde das nicht! Wenn Du so von Hösli?s sprichst, kommst Du mir so böse vor, daß ich meine, ich könnte Dich nicht mehr leiden!?

?Alfred!? sagte der Freiherr verwarnend. Dieser eine strenge Blick des Vaters brachte den Knaben zur Besinnung.

Er warf sich ihm an die Brust: ?Vater, verzeih? mir! Ach, ich kann es nicht begreifen und werde es nie begreifen, daß ein guter Mensch weniger werth sein soll als der andere, daß wir nicht Alle, die gleich liebenswerth sind, mit der gleichen Liebe umfassen sollen! Sieh, Vater, das dünkt mich so hart, daß ich es nicht ertragen kann. ? Ich möchte alle Menschen, gegen die Ihr so hart seid, für Euch um Verzeihung bitten; mir ist, als müsse ich die Liebe an ihnen hereinbringen, die Ihr ihnen verweigert.?

Er barg das Haupt an seines Vaters Brust und schluchzte leise. Der alte Herr legte stolz die Hand auf seinen Kopf, ? ein schöner Strahl der Freude brach aus seinen müden Augen: ?Das ist die echte Natur des Edelmanns, die sich des scheinbar oder wirklich Unterdrückten annimmt! Ich kann jetzt noch kein Verständniß von Dir fordern für die ewige unerbittliche Nothwendigkeit der Standesunterschiede, mein Sohn. Aber Du bist edel, auch wo Du unverständig bist, das ist mir die Hauptsache.? Er trocknete Alfred die Augen und die schweißbedeckte Stirn und dieser küßte seinem Vater leidenschaftlich die Hand. Man ging in unbehaglicher Stimmung zu Tische.

Tante Wika ließ ihren Zorn während des Essens an dem Candidaten aus. Da sie aber merkte, daß ihre kleinen Pfeile an seiner ehernen Brust abprallten, machte sie sich über ihren weniger gerüsteten Bruder her. Der alte Herr konnte ihr nicht entschlüpfen, denn er war der zwingenden Gewohnheit unterworfen, nach dem Essen eine Partie Piquet zu spielen. So alt er war, hatte er doch bis jetzt männlich der Schwäche widerstanden, nach Tische zu schlafen. Seit dem Tode seiner ersten Frau, also seit ungefähr zwanzig Jahren, spielte er mit Tante Wika jeden Nachmittag Piquet. Sie war die einzige von ihren Schwestern, die sich um diese Stunde aus Angst vor einem ?Schlagfluß? wach erhielt, während Lilly schnarchte und Bella, das Strickzeug in der Hand kerzengerade auf einem steifen Sessel sitzend, nickte und außer sich gerieth, wenn man ihr nachsagte, sie habe geschlafen.

Diese stille Stunde, die Adelheid meist mit dem Lehrer und Alfred im Garten verträumte, benützte Wika, um ihren Bruder zu tyrannisiren. Sie wußte wohl, welch unzerreißbares Band solch ein gewohntes gemeinsames Spielchen ist, und sie profitirte davon. Beim Piquet wurde der Bruder gezaust, beim Piquet wurde auf seine Umgebung geschimpft, gegen die er stets zu nachsichtig war, beim Piquet mußte er alle kleinen Schulden der Schwestern bezahlen. Dieser regelmäßige allnachmittägliche Aerger war dem alten Herrn so zur andern Natur geworden, daß er ihn vermißt hätte, wäre er ihm einmal ausgeblieben.

Adelheid kleidete sich und Alfred zu dem Nachbarsbesuche an. Wika rüstete den Spieltisch und ein eigenthümliches Wackeln ihres zweiten Unterkinns d. h. ihres Kröpfchens zeigte schon an, daß sie, wie sie zu sagen pflegte, ?geladen? sei.

?Du verdirbst den Jungen in Grund und Boden, liebster Kunibert,? fing sie an und gab Karten aus, wobei sie ihm wohlbedacht die besten in die Hand spielte, sie wickelte ihre bitteren Pillen in gute Karten ein und er bekam der letzteren heute ungewöhnlich viele, denn sie hatte ihm auch ungewöhnlich viele von den ersteren zugedacht. ?Du kannst es glauben, das führt zu nichts. Der Bursche meint jetzt schon, es müsse alles nach seinem Kopfe gehen. Er weiß, daß eine Thräne von ihm das ganze Haus unter Wasser setzt; kein Wunder, daß er sich zuletzt einfach auf?s Heulen legt, wenn er was will.?

?Es ist das erstemal seit langer Zeit, daß ich Alfred weinen sah,? erwiderte Salten ?Alfred ist eine zu noble Natur, um die Schonung, die uns sein körperliches Leiden abzwingt, irgend wie zu seinem Vortheil auszubeuten. Eines so gemeinen Raffinements weiß ich Gottlob mein Blut unfähig.?

?Dein Blut, ja? ? brummte Wika und klappte die abgehobenen Karten zusammen ? ?aber auch das Deiner Frau Gemahlin? Ist Alfred nicht eben so gut der Sohn seiner Mutter, wie der Deine??

Der alte Herr spielte ein Blatt aus, so heftig, daß er die Knöchel seiner Hand dabei auf den Tisch schlug: ?Laß meine Frau aus dem Spiel!?

?Ja, so sagst Du immer, wenn Du was nicht gerne hörst,? beharrte Wika. ?Und doch kann es nicht so fortgehen. Kannst, darfst Du Deinen Sohn, den Letzten unseres Hauses, bis in sein vierzehntes Jahr hinein so ohne alle Kenntniß unserer Rechte und Pflichten aufwachsen lassen??

?Mein Gott,? rief der Freiherr ungeduldig, ?dazu ist es ja immer noch Zeit, wenn Alfred größer und kräftiger ist. Soll ich jetzt, wo wir noch alle Hände über das zarte Kind halten müssen, Auftritte herbeiführen, die möglicherweise Krankheit und Tod unseres Einzigen zur Folge haben könnten??

?Schlimm genug, daß es jetzt schon der Auftritte bedarf, um den Jungen zu unserer Meinung zu bekehren! Das eben ist es, wovon ich rede, da liegt der Hase! Wodurch kommt der dreizehnjährige Bursche zu so bestimmten Ansichten? Durch Niemand anderen als den sauberen Herrn Candidaten. Aber Du bist rein blind, ? Du siehst und merkst es nicht, wie Dir diese schwarzäugige Schlange den Sohn verführt und abwendig macht.?

Der Greis lächelte: ?Sieh, Wika, Du bist sehr gescheidt und kannst viel! Aber mich irre machen an meines Kindes Herzen, das ich täglich, stündlich mit all seiner Inbrunst an dem meinen schlagen fühle ? das kannst Du noch nicht! Gott sei Dank, meines Kindes bin ich sicher, und solange ich das weiß und fühle, solange mögt Ihr mir gegen seinen Erzieher sagen, was Ihr wollt, es wird Euch nichts nützen. Er ist ein wenig überspannt, aber er lehrt Alfred vor allem seine Eltern ehren und lieben, und das ist doch die Hauptsache.?

?Ei,? höhnte Wika, ?es ist wirklich anerkennungswerth, daß er den Jungen nicht gleich anhält, seine Eltern von Haus und Hof zu jagen, wie Schiller?s Lear.?

?Liebe Schwester, Lear ist von Shakespeare, ? Du entschuldigst ??

?Schiller oder Shakespeare, diese Demokraten sind mir alle gleich!? sagte Wika, gereizt über die Blöße, die sie sich gegeben.

?Aber, Wika ? weder Schiller noch Shakespeare waren Demokraten, der letztere war ja von der Königin Elisabeth begünstigt und Schiller wurde sogar geadelt, sein Sarg steht mit dem Goethe?s in der großherzoglichen Gruft in Weimar!?

?Was kümmert mich das! er war doch ein Demokrat und es war eine erbärmliche Schwäche von Karl August, einen Menschen, der die Räuber geschrieben hat, in den Adelstand zu erheben. Diese Herren erliegen doch alle der Eitelkeit, sich populär zu machen. Mit hergelaufenen Poeten Verse machen, mit windigen Musikanten musiciren und den lieben Plebs dazu Beifall klatschen lassen, das sind so die neumodischen Beschäftigungen unserer Landesväter! Wer soll noch den Unterschied der Geburt aufrecht erhalten? Wir! wir allein haben es in der Hand, dem Chaos zu wehren, wir müßten eine undurchdringliche Phalanx bilden. Wir müßten uns der Hofämter und besonders des persönlichen Dienstes bei den höchsten Herrschaften bemächtigen, damit solche Kerle, solche Künstler und Freigeister gar nicht mehr herankommen könnten.?

?Das könnten wir, meine liebe Wika, wenn es uns gelänge, alle Gebiete des Wissens und Denkens allein zu beherrschen; doch dies kann nie geschehen, denn diese Gebiete sind vogelfrei. Die Zeiten, wo der Adel das Monopol der Bildung hatte, sind um; Schulen und Universitäten machen dieselbe zum Gemeingut. Es ist hart, auf altgeheiligte Vorrechte verzichten zu müssen; aber wir müssen nun einmal, so thun wir es wenigstens mit Würde und ohne Neid. Was wir haben, können wir verlieren, aber doch niemals, was wir sind!?

?Nein,? schrie Wika, ?wir müssen nicht; wer sagt denn, daß wir müssen? Ein solches Treiben heißt ja der Revolution Thür und Thor öffnen, die Anarchie bei sich zu Tische bitten,? fuhr sie immer hitziger und kurzathmiger fort. ?Jetzt ist der Augenblick da, wo der Adel den bergabrollenden Wagen aufhalten oder sich von ihm trennen muß. Wachsam und eifersüchtig haben wir unsere Stellung zu hüten und unsere Aufgabe zu wahren. Dem vergossenen Heldenblut unserer Ahnen sind wir es schuldig, daß wir nicht kampflos und flau eine Stellung hingeben, die sie uns mit den schwersten Opfern erkauft. Und wenn Du nicht ein alter stumpfer Mann wärst, so müßte Deinem Sohne das Alles schon längst in Fleisch und Blut gedrungen sein, er müßte toben wie ein junger Löwe gegen das Gezücht, das sich zu uns empordrängt, statt zu heulen, daß wir es nicht mit offenen Armen aufnehmen!?

?Der Knabe ist krank, Wika; seine vielen Leiden haben in ihm den männlichen Trotz gebrochen und sein Herz weich gemacht. Da ist nichts zu erzwingen.?

?Ja wohl, und wenn Du diese Herzerweichung so fortmachen lässest, so trinkt er Dir in zehn Jahren Bruderschaft mit Deinen Stallknechten und heirathet aus lauter Humanität ein Fabrikmädchen.?

?Mein Gott, was soll ich denn thun?? rief der Freiherr, dem bei dieser Rede Wika?s der Angstschweiß ausbrach.

?Den Candidaten sollst Du fortjagen ? was hilft alles Curiren, wenn Du die Ursache der Krankheit nicht entfernst!?

?Ich sage Dir aber, ich werde nicht auf ein bloßes Vorurtheil hin meinem Kinde das Herz brechen. Und das würde ich thun, wenn ich ihm den Lehrer nähme, der ihn seit fünf Jahren mit einer Liebe und Aufopferung pflegt, die einzig in ihrer Art ist und die ich dem Manne mit nichts genügend lohnen kann! Sieh, Schwester, ich habe Euch lieb und ich ertrage Eure Sonderbarkeiten und Launen, weil ich eben Euer Bruder bin. Einen Erzieher aber, dem es gelänge, Euch zu gefallen, würde ich sofort zum Teufel jagen; solch einem Speichellecker würde ich nie die Erziehung des letzten Salten-Hermersdorff anvertrauen.?

Wika keuchte und pustete vor Zorn; sie hatte alle ihre guten Karten hingegeben, und nun mußte sie auch noch Grobheiten einstecken, statt auszutheilen; nun war sie doppelt abgetrumpft!

Wenn sie sich jetzt nicht Luft machte, so traf sie der Schlag, der Aerger mußte ihr eine Ader sprengen. Und sie hatte auch noch ihr Sonntagskleid an, dessen Taille enger war als alle anderen, während sie doch Sonntags noch ein Gericht mehr als in der Woche essen mußte.

?Ja, das kommt dabei heraus, wenn so alte Männer noch heirathen,? zischte sie. ?Dann kommen solche elende Krüppel auf die Welt, die der altersschwache Herr Papa nicht einmal erziehen kann und die dem Stande nur zur Unehre gereichen.?

?Mein Sohn wird uns keine Schande machen,? sprach der Freiherr stolz und ein Anflug von Lebenswärme färbte sein welkes Gesicht, ?er wird dem Stande nicht zur Unehre gereichen, wenn er auch nicht angethan ist, eine Regeneration des Adels in Deinem Sinne zu vollbringen. Du, Schwester, Du solltest mir meine späte Heirath am wenigsten vorwerfen, denn Du vor Allen hast mich dazu getrieben. Ich führte ein stilles friedliches Wittwerleben, als Ihr mit Bitten und Vorwürfen in mich drangt, mich wieder zu vermählen, damit die Güter nicht an die Salten-Steinegg fielen, die nichts für Euch gethan hätten, wenn Ihr mich überlebtet, und weiß Gott, der Herz und Nieren prüft, ich habe das Glück, in meinen alten Tagen noch ein schönes junges Weib und einen Sohn zu bekommen, theuer erkauft.? Er hielt inne und preßte die Lippen zusammen, als wolle er die Bitterkeit, die darauf schwebte, noch im Entfliehen festhalten. Wika streifte ihn mit einem seltsamen Blick; sie hatte eine Bresche entdeckt, von deren Vorhandensein sie hisher keine Ahnung gehabt.

?Ich sage ja nicht, daß Du nicht mehr hättest heirathen sollen. Aber es war ein Unglück, daß Du bei der Wahl, die Du trafst, nicht auf uns hörtest; da hat Dir eben doch Dein altes Herz einen Streich gespielt. Du hättest ein bejahrteres reifes Mädchen mit Vermögen nehmen sollen, nicht diese goldlockige Schäferin von sechszehn Jahren, die noch Wunder meint, wie sie sich aufgeopfert.?

?Du kannst gut reden, wie ich es besser machen gesollt! Hatte ich noch viele Zeit mit der Wahl zu verlieren? Mußte ich nicht Gott danken, als er mir ein Wesen zuführte, so liebreizend und strahlend, daß ich hoffte, es werde meinen lichtlosen Abendhimmel noch einmal verklären??

?Und wußtest doch, daß sie den alternden Mann nur nahm, um versorgt zu sein und ihres Vaters Schulden zu bezahlen. Wie kann man so verblendet sein, von solch einer Zwangsheirath Gutes zu hoffen!?

?Ich hatte kein schäferliches Glück erwartet oder verlangt. Ich hatte nur auf ruhige Freundlichkeit und Achtung seitens dieses sanften Wesens gerechnet. Hätte ich ahnen können, daß sie meinem väterlichen Wohlwollen, meiner bescheidenen Zärtlichkeit solchen Abscheu entgegensetzen würde!? Er schwieg wiederum und sein Haupt sank tief herab, mechanisch schob er die Karten in der Hand zurecht und die alte Brust hob ein schwerer Seufzer.

Als die Schwester ihn so sitzen sah, den hoffnungs- und zukunftslosen Greis, da erweichte sich ihr Herz für ihn und ihre ganze Wuth warf sich auf die Schwägerin und deren Schützling, den Candidaten.

?Sie ist ein falsches Weib, diese schöne rothhaarige Adelheid, sie wird Dich noch zum Gespött machen.?

Der Freiherr hob den Kopf auf, er hielt den Athem in der Brust und die Karte in der Hand zurück, die er eben ausgeben wollte.

?Hast Du denn gar nichts gemerkt?? fuhr Wika fort. ?Hast Du denn nicht beobachtet, mit welchen Blicken der Candidat unter seinen buschigen Augenbrauen heraus Adelheid anschaut, und wie Adelheid sie sich nicht nur gefallen läßt ? sondern erwidert? Kannst Du denn wirklich einen Augenblick im Zweifel sein, daß sich zwischen den zwei jungen leidenschaftlichen Menschen ein Scandal entwickelt, wenn wir sie so fort ? ??

Wika blieb vor Schreck das Wort im Halse stecken, als sie ihren Bruder ansah. Er war aufgesprungen und hatte die Karten auf den Tisch geworfen, hoch aufgerichtet stand die zerfallene Gestalt vor ihr und aus den erloschenen Augen sprühte noch einmal der ritterliche Geist des Edelmanns auf sie nieder. ?Wika!? rief er und stemmte die eine seiner zitternden Hände auf den Tisch, die andere auf die Brust. ?Wika, ich gebe Dir zu bedenken, daß Du hier Menschenleben auf Deiner Zungenspitze wiegst, denn wenn das wahr wäre, was Du glaubst, so könnte nur Blut den Schandfleck abwaschen. Deshalb hüte Deine Worte. Hast Du Beweise, so bringe sie mir, und ich werde die Ehre meines Hauses zu wahren wissen ? aber noch ein Wort eines bloßen Verdachtes gegen mein Weib, das mir, wie es mich auch gequält, theuer ist, gegen den Mann, dem ich vor Allen die Wohlfahrt meines Kindes verdanke ? noch ein Wort, Wika, und so wahr ich ein Salten bin, Du verlässest mein Haus für immer!?

Ohne eine Entgegnung abzuwarten, ging der alte Herr schwachen Schrittes aus dem Zimmer. Ein Augenblick völliger Rathlosigkeit kam über Wika, sie schaute auf die zerstreut hingeworfenen Karten nieder. Die dummen Königs- und Damengesichter stierten sie so schadenfroh an, wie sie dastand in ihrer Verlegenheit. Es war ihr so unerhört, daß sie einmal nicht das letzte Wort gehabt hatte, daß sie geradezu nicht wußte, was sie mit sich anfangen sollte, und sie brummte Alles halblaut vor sich hin, was sie dem Bruder noch hätte erwidern können, wenn er sie weiter angehört. Das war doch eine kleine Erleichterung. Sie sparte nicht mit Artigkeiten wie ?Altersschwäche?, ?Irrenhaus?, ?verliebter alter Narr? und dergleichen mehr, während sie die Karten zusammenraffte, und als Tante Lilly noch gar hereinguckte und verwundert fragte, zu wem sie spräche, fuhr sie mit einem donnerartigen ?Laß mich in Ruhe!? an dem zitternden Nestheckchen vorüber und watschelte nach ihres Bruders Zimmer. Sie wollte öffnen, die Thür war verschlossen; sie rief, keine Antwort, und doch hörte sie ihn drinnen mit schweren Schritten auf und nieder gehen.

?Es hat doch gewirkt,? sagte sie beruhigt zu sich selbst.

4. Bei Hösli?s.

Es war heiß geworden im Laufe des Mittags. Man konnte ohne Bedenken Alfred zu dem Besuche bei den Nachbarn mitnehmen.

Adelheid war elegant gekleidet in einen blaßblauen Sommerstoff mit Sternchen, von glänzendem Stroh gestickt. Ein Hütchen derselben Farbe, inwendig mit einem Diadem von Strohsternchen geschmückt, bedeckte das weithin leuchtende Haar, dessen rother Schimmer die gelben Strohverzierungen matt und weißlich erscheinen ließ. Sie sah aus wie Aurora, die sich aus einer blauen Wolke erhebt und die Sterne ihres Glanzes beraubt. Sie freute sich des neuen Anzuges, sie freute sich ihrer Schönheit, diese Republikaner sollten sie anstaunen in ihrer vornehmen Pracht. Alfred sah sie bewunderungsvoll an, als er so neben ihr herhinkte, und alle Leute, die in die ?Enge? herauswanderten, um den herrlichen Sonntag bei Kaffee und Küchli am Strande zu feiern, blieben stehen und schauten der strahlenden Erscheinung nach, bis sie in das zunächst gelegene große eiserne Portal der Hösli?schen Besitzung verschwand.

Sie schritt durch eine weite grüne Anlage im englischen Styl zu dem Hause, wo ein Diener in schwarzem Frack und weißer Halsbinde bereit stand. Das Gesicht des Dieners contrastirte eigenthümlich zu der hellen Cravatte und Weste, denn es war schwarzbraun. Der Bediente war ein Neger. Adelheid fragte auf Englisch, ob Frau Hösli zu sprechen, und gab ihm ihre Karte. Er führte sie stumm durch das Vestibül nach der Seeseite des Hauses, in einen Empfangssalon, dessen Glasthür die Aussicht auf Garten und See freigab, und Adelheid konnte Frau Hösli beobachten, wie sie sich halb sitzend, halb liegend in einer zwischen schattigen Eichen angebrachten Hängematte wiegte und eine Cigarette rauchte. Herr Hösli saß auf einem niedrigen eisernen Gartenstuhl und blätterte in einer der großen Zeitungen, wie sie nur in auswärtigen Staaten gedruckt werden. Zwischen ihm und seiner Frau stand ein chinesisches Kaffeeservice.

Jetzt überbrachte der Neger die Karte und Frau Hösli las die inhaltsschweren Worte: ?La baronne de Salten-Hermersdorff, née Comtesse de Eulenhorst.? Herr Hösli verschwand mit seiner Zeitung. Frau Hösli erhob sich mit der gleichgültigsten Miene aus der Hängematte und ging auf das Haus zu. Adelheid hatte während ihres langsamen Einherschreitens volle Zeit, die eigenthümliche stumpfe Pracht des Salons, in dem sie sich befand, erneuter Prüfung zu unterwerfen. Es war ein halbrundes Zimmer mit Tapeten von dunkelbrauner Seide, durchwoben von kleinen goldenen Muscheln. Die tief niederhangenden Gardinen, sowie die runden Wanddivans waren von demselben Stoff. Wäre diese kostbare Tapete weiß oder roth oder blau, meinte Adelheid, welch einen fürstlichen Eindruck müßte die Einrichtung machen, während sie in dieser unscheinbaren Farbe eigentlich nach nichts aussah. Thüren und Lamperien waren braun polirt und mit Goldleisten besetzt, der Boden und Plafond bestanden aus der schönsten Mosaik von dunklem Holz. In der Mitte und in den Ecken des Plafonds war kostbares Schnitzwerk mit Arabesken von Gold angebracht. Ein Kronleuchter von matter Bronze mit Mohrenköpfen hing von der Decke nieder, und rechts und links von einem prachtvollen schwarzen Marmorkamin hielten zwei Mohren von Onyx und Alabaster vergoldete Kandelaber. Ueber dem Kamin war ein mächtiger Spiegel in die Wand eingelassen, der den See und die Berge gleichsam in das Zimmer hinein verlegte, da die breite Glasthür mit der Aussicht auf dieselben ihm gerade gegenüber lag. An dieser Mittelwand des Zimmers um den Spiegel herum hingen in Medaillonsrahmen von geschnitztem Holz und Bronze meisterhaft gemalte Oelbilder, sämmtlich Portraits berühmter Staatsmänner Amerika?s. Auch schweizerische Denker und Dichter fehlten nicht, und Alfred betrachtete mit Innigkeit, so oft er das Zimmer betrat, die Bilder Pestalozzi?s, dieses großen modernen Evangelisten der Liebe ? Geßner?s, der mit der Feder zu malen und mit dem Pinsel zu dichten verstand, und Lavater?s, vor dessen Seherblick sich die geheime Harmonie zwischen Erscheinung und Wesen des Menschen offenbart hatte!

Viel, unendlich viel dachte der Knabe beim Anschauen dieser stummen Zeugen der Größe eines bescheidenen und in seiner Einfachheit so oft verkannten Volkes, während seine Mutter sich den Kopf zerbrach, was für ein Wappen sich die Hösli?s anmaßten. Ueber der Glasthür war nämlich ein kostbar gemaltes Fenster. Es zeigte in brennenden Farben ein Allianz-Wappen, Adelheid wußte nicht, daß es die vereinten Wappen Zürich?s und Brasiliens waren. Frau Hösli, die Tochter eines Kaufmanns aus Rio de Janeiro, hatte, obgleich sie sich ihrem Manne zu Liebe völlig in die schweizerische Art eingelebt, doch eine stolze und zähe Anhänglichkeit für ihr Vaterland bewahrt. Das Allianz-Wappen war eine Aufmerksamkeit ihres Gatten für sie gewesen.

Außer zwei eingelegten Tischchen von Ebenholz vor den Divans, hatte das Zimmer keinen Schmuck weiter, als eine große antike Vase von schwarzem Marmor auf einem entsprechenden Piedestal, die den Mittelpunkt der Einrichtung bildete und einen Riesenstrauß der schönsten Blumen barg. Alfred näherte sich der Vase und sog neugierig den Duft der herrlichen Rosen ein.

?Stecke die Nase nicht so tief in das Bouquet,? wehrte Adelheid und war im Begriff, ihm eine Vorlesung über die Schädlichkeit des Blumengeruchs zu halten, wurde jedoch durch den Eintritt der Frau Hösli unterbrochen.

Die Damen begrüßten sich gegenseitig, Frau Hösli durch ein leichtes Kopfnicken, Frau von Salten durch eine nach hinten gezogene Hofreverenz.

Frau Hösli sah keineswegs aus, wie man sich eine Millionärin denkt, was sie doch erwiesenermaßen war. Sie trug ein einfaches Kleid von roher Seide mit Fransen von gleicher Farbe. Es hing in weiten Falten an ihr nieder. Der Begriff Taille schien nicht für sie zu existiren, denn die lockere Jacke war nur um die Hüften mit einem Gürtel gehalten. Alles an ihr war bequem und verrieth einen gänzlichen Mangel an Eitelkeit und Großthuerei. Schmuck trug sie keinen. Ein schmaler weißer Kragen war mit einer geschnitzten Elfenbeinnadel zugesteckt und die Manschetten durch dazu passende Elfenbeinknöpfe geschlossen. Ihre Haare waren schlicht gescheitelt und hinten in einen Knoten gewunden. Ihre Gestalt von mittlerer Größe war etwas beleibt, doch nicht ohne eine gewisse nachlässige Grazie. Die Bewegungen ihres schlanken Kopfes und ihrer tadellosen schönen Hände zeigten Energie und eine jugendliche Elasticität, die es glaublich machte, daß die untersetzte Frau als eine gewandte Reiterin bekannt war und schwimmen konnte wie eine Amphibie. Es ging auch eine erquickliche Kühle von ihrem ganzen Wesen aus, als käme sie soeben aus frischem Wasser. Ihre Hautfarbe war rein und durchsichtig, ihre Augen hell und bläulichgrün, aber sie hatten keinen falschen Blick, wie gewöhnlich Augen von dieser Farbe, sie waren groß, ruhig, klar wie stille Seen, in deren Spiegel grüne Ufer und blauer Himmel ineinanderfließen. Es war etwas in ihr, was beständig an das reine, reinigende Element des Wassers gemahnte, als wäre nie ein Stäubchen dieser Erde an ihr haften geblieben, das nicht durch Fluthen von ihr abgespült worden. Dabei hatte sie aber nichts Schwankendes, Verschwimmendes mit dem Element gemein, das ihr so heimisch war; wie biegsam auch ihre weichen Glieder sein mochten, in sich selbst war sie haltvoll, fest, unverrückbar. Das lehrte ein einziger Blick auf sie und das fühlte Adelheid mit einer Art von Neid als etwas, das der geringeren Frau ein Uebergewicht über sie gab und sie demüthigte. An dieser Frau war alles so flecken- und makellos, Leib und Seele! Sie war so kalt, so unberührt von Allem, was an Adelheid?s Leben und Jugendblüthe zerrte und fraß ? sie war reich, gesund und vorwurfsfrei, das war alles unverkennbar, die Glückliche! Und Adelheid, was war sie? Sie richtete sich mit Anstrengung in sich selbst auf: sie war vornehm!

?Wollen Sie Platz nehmen?? Frau Hösli deutete auf einen der Divans. ?Wie geht es Ihnen, Alfred?? fragte sie den Knaben, der schüchtern ihre dargebotene Hand ergriff. ?Setzen Sie sich zu uns.?

?Ist Aennchen nicht zu Hause?? flüsterte Alfred verlegen.

?O ja, aber ?? Frau Hösli blickte auf Adelheid, ?sie taugt wohl nicht zu Ihrer Spielgefährtin, lieber Alfred.?

?Gnädige Frau!? sagte Adelheid mit Ueberwindung, sie konnte sie doch unmöglich Frau Hösli nennen! ?Ich bin gekommen, um ein bedauerliches Mißverständniß aufzuklären von dem ich kaum weiß, wie es entstanden!? Sie erklärte nun in sehr beredten Worten, daß Alfred?s Aussehen an diesem Morgen sie erschreckt und wie sie in diesem Schrecken Aennchen gebeten habe, ein andermal zu kommen, daß sie aber untröstlich wäre, wenn Alfred diesen charmanten Umgang einbüßen sollte. Sie schloß endlich mit der Bitte, Frau Hösli möge Alfred gestatten, seine liebe kleine Freundin aufzusuchen.

Frau Hösli hatte diese Entschuldigung mit großer Ruhe aufgenommen. ?Es ist mir lieb,? sagte sie einfach, ?daß nicht irgend eine Unart Aennchens die Ursache war, um derentwillen Sie das Kind heimschickten. Und ich bitte, machen Sie es nur wieder so, wenn Aennchen Ihnen lästig wird. Ich gestehe gern, daß, wer immer das Glück hatte, so gesunde Kinder zu besitzen wie ich, sich kaum denken kann, welcher Schonung oft ein kränkliches Kind bedarf! Ich finde zwar, je mehr ein Kind seine Kräfte gebraucht, desto stärker wird es ? doch das mag bei Alfred etwas Anders sein, und Sie werden das besser beurtheilen können als ich.?

?O glauben Sie mir,? betheuerte Adelheid, ?die Erhaltung dieses Kindes erfordert ein Studium, dem ich mein ganzes Leben widme.?

?Sie befehlen also, daß ich Aenny rufe?? brach Frau Hösli ab, denn sie fand es entsetzlich, daß in Gegenwart Alfred?s so der Gefahr erwähnt wurde, in der sein Leben schwebte. Sie drückte dreimal am Knopf einer elektrischen Klingel. Der Neger erschien unter der braunen Portiere der Eingangsthür. ?Frank,? sprach sie auf Englisch ?Mademoiselle Düchène soll Aenny bringen.?

Frank entfernte sich stumm. Er suchte Aenny im Garten auf, wo sie mit einer französischen und einer deutschen Erzieherin Reif spielte. Er richtete seinen Auftrag gewissenhaft aus, aber Aenny wollte nicht von Fräulein Düchène gebracht sein, sondern auf Frank?s Schultern reiten. Alles Reden half nichts, Frank, der liebe, der herzige Frank, mußte sie tragen. Sie war an ihm in die Höhe geklettert und arbeitete mit Händen und Füßen, um Frank in Bewegung zu setzen, bis er endlich in einen wilden Galopp verfiel. Denn es gab für den Schwarzen keinen andern Wlllen, als den Aenny?s. ?Our child would so?, war seine Entschuldigung für jegliche Tollheit, die Aenny mit seiner Hülfe anstellte. Frank ließ das Leben für seine Herrschaft, aber ?unserem Kinde? einen Wunsch abzuschlagen, das ging über seine Kräfte, das durfte man nicht von ihm verlangen. So trabte er denn mit seinen einwärts gekehrten flachen Füßen durch den Garten, Aenny jauchzte und schrie und hielt sich in Frank?s krausen Locken fest, denn das ungestüme Pferd stieß fürchterlich. Die Gouvernanten eilten in Verzweiflung hinterdrein, und so kam der abenteuerliche Zug zum größten Entsetzen der Frau von Salten vor der Glasthür in Sicht. Der Schwarze hielt an, als er sah, daß er vom Zimmer aus bemerkt wurde, und lud die sich sträubende Aenny ab, seine Miene wurde plötzlich amtsmäßig ernst und seine Haltung so stramm, als hätte er einen Ladestock im Rücken. Dann schritt er mit dem seiner Race eigenen löwenartigen Anstand voraus und öffnete Aenny die Thür, um sie eintreten zu lassen.

?Guten Tag,? sagte Aenny mit einem etwas schnippischen Knix zu Adelheid und ließ sich nur mit Widerstreben von ihr herbeiziehen. ?Wozu küssen Sie mich, Sie können mich ja doch nicht leiden,? sagte das schreckliche Kind und wischte sich den herablassenden Kuß, der ihm aufgezwungen, ungenirt wieder ab.

?Aenny!? sagte Frau Hösli streng, ?wenn Du so ungezogen bist, dann ist es nur in der Ordnung, daß Frau von Salten Dich nicht leiden kann.?

Da trat Alfred schüchtern wie immer auf Frau Hösli zu und sagte: ?Bitte, verzeihen Sie Aennchen, es hat ja ganz Recht, wenn es aufrichtig ist. Sie werden es doch nicht strafen wollen, weil es nicht unwahr sein will??

Auf diese einfachen Worte des Knaben ließ sich für den Augenblick freilich nichts erwidern, und Aennchen schnitt jede Erörterung einfach ab, indem sie ihre Aermchen um Alfred schlang und rief: ?Du guter Alfred, Du braver Bub?, das ist schön von Dir, daß Du zu mir hältst. Du bist gar nicht so dumm, ich sagt?s ja immer. Nun komm nur, ich muß Dir was zeigen, meine Brüder bauen eine Festung hinten am Schänzli und heute Abend stürmen wir sie und werfen Raketen hinein und zuletzt wird sie mit Pulver in die Luft gesprengt, o das wird ein Tag!?

?Aber das ist ja lebensgefährlich!? meinte Alfred erschrocken.

?Aha, läßt?s Dich schon wieder mit der Courage im Stich?? lachte Aennchen, ?na sei nur ruhig, es geht ja noch nicht los.?

?Aenny, schweig? jetzt und führe Deinen Freund in den Garten,? befahl Frau Hösli, und zu den Gouvernanten sprach sie mit unverkennbarer Betonung: ?Ich hoffe, die Damen werden Aenny?s Betragen gegen den jungen Herrn streng überwachen.?

?Wir werden thun, was wir können!? betheuerten diese und machten einen Versuch, Aennchen vorläufig bei der Hand zu nehmen.

Diese aber entwischte ihnen und war kaum draußen, als sie auch schon wieder umkehrte und auf Englisch hereinschrie: ?Aber Mama, nicht wahr, Frank darf mitspielen, es ist ja heute Sonntag??

?Wenn Frau von Salten nichts dagegen hat?? sagte Frau Hösli.

?O durchaus nichts,? betheuerte Adelheid, der Alles, was sie gesehen und gehört, den Angstschweiß auf die weiß getünchte Stirn trieb. Sie hatte ein Gefühl, als müsse sie ihr Kleid zusammennehmen, es könnte ihr hier vom Leibe getreten oder zerrissen werden, und doch war sie nun mit Frau Hösli allein, der sie eine gewisse Haltung nicht absprechen konnte.

Aenny lief jubelnd in den Garten zurück, rief auf Englisch Frank herbei, wehrte sich auf Französisch gegen Fräulein Düchène, die es unternehmen wollte, ihr im Fluge den Kragen anzustecken, der ewig krumm saß, und stritt auf Deutsch mit Fräulein Körner, die nie das Spiel vorzuschlagen wußte, welches Aenny?s augenblicklicher Stimmung angemessen war. So trieb sich die Kleine gleichsam zwischen den Sprachen und Menschen zweier Welttheile herum, ohne eine Ahnung zu haben, welch? eine Ueberlegenheit anderen Kindern gegenüber ihr das gab. Es verstand sich so von selber bei ihr. Sie dachte nicht, wie viel weiter ihr geistiger Horizont war, als der anderer Kinder, aber sie fühlte sich frei und beschwingt unter demselben, und ihre unbändige Lebenskraft fand eine mächtige Entwickelung in der ihr selbst unbewußten kosmopolitischen Anschauung, zu welcher sie erzogen wurde.

?Es wundert mich, daß Sie den Muth haben, Ihr Töchterchen so viel diesem Halbwilden zu überlassen,? meinte Frau von Salten und sah mit Schrecken, wie der herbeigekommene Neger draußen ihren Sohn auf den Arm nahm. Aenny hatte beliebt, auf der Terrasse vor dem Hause das Reifenspiel fortzusetzen, und da der arme schwerfällige Knabe sich nicht so rasch hin und her bewegen konnte, als das Spiel erforderte, so hob Frank ihn auf seine Schulter und sprang so mit ihm den Reifen nach, daß Alfred sie bequem stechen und wieder werfen konnte. Das war ein unerhörtes Vergnügen für den Knaben. Er vergaß das Beschämende, was für ihn in seinem Alter darin lag, sich tragen lassen zu müssen, er war ja an seine Hülflosigkeit gewöhnt und die Neuheit eines solchen Spiels, die Annehmlichkeit der mühelos raschen Bewegung versetzte ihn in eine ganz ungewohnte Aufregung und Freude.

?O Herr Frank, wie gut Sie sind!? rief er entzückt. ?Werde ich Ihnen denn nicht zu schwer??

Der athletische Mann blickte Alfred mit seinen guten großen Hundeaugen mitleidig an und sagte in seinem ergötzlichen Englisch-Deutsch: ?Armes weißes Kind, ? ist gerade, wie wenn kleiner Vogel fragt?, ob ist zu schwer für Baum.?

Aenny lachte über das bei Frank seltene Wagniß einer so langen Rede, auch Fräulein Düchène stimmte ein. Aber ein Blick ruhte ernst und gerührt auf seinem schwarzen Gesicht, während er die unbeholfenen Worte sprach, er kam aus den blauen seelenvollen Augen des Fräulein Körner.

Niemand hatte den Blick bemerkt, als drin im Zimmer die still beobachtende Frau Hösli, und sie lächelte heimlich vor sich hin.

Adelheid aber konnte die Vertraulichkeit zwischen dem Mohren und ihrem Sohne nicht länger mit ansehen. Sie erhob sich, um Alfred hereinzurufen. Frank setzte ihn erschrocken zur Erde, als er den unwilligen Ton hörte, mit dem die schöne Frau ihn anrief. Ein allgemeines ?Ach? erscholl, als sie erklärte, daß Alfred von dem wilden Spiel etwas ausruhen müsse. Schweigend wie immer gehorchte Alfred und setzte sich in eine Ecke des Zimmers, während Aennchen draußen weiterspielte. Aber der sicheren Beobachtung Frau Hösli?s entging es nicht, daß es in dem Knaben arbeitete und kochte, daß er einen ausbrechenden Unmuth niederkämpfte. Auch in ihr hatte sich eine tiefe Entrüstung über das engherzige Benehmen Adelheid?s geregt, und sie konnte nicht umhin, die unklare Stelle in dem Wesen der jungen Fräu unnachsichtig aufzudecken. Sie sah sie mit ihren wunderbaren Nixen-Augen durchdringend an und fragte: ?Es war Ihnen wohl unangenehm, daß ich den Neger mitspielen ließ??

?Nun, es ist doch immer etwas Unheimliches, sollte ich meinen, um einen Menschen, der dem Thiere noch so nahe ist.?

Frau Hösli schaute groß auf. ?Wären nur manche Menschen dem Thiere noch so nah, wie unser Frank, es wäre mehr Treue und Wahrhaftigkeit in der Welt! Dieser Schwarze hat die Stärke eines Löwen, die Anhänglichkeit eines Hundes und gerade so viel Verstand, als nöthig ist, um ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein.?

?Sie finden also, daß diese Neger wirklich brauchbare Bedienten werden können?? frug Adelheid ungläubig.

?Ich wünsche mir keinen besseren Diener und keinen besseren Freund als unseren Frank. Er ist mein Milchbruder, denn als ich geboren ward, starb meine Mutter und es blieb auf dem entlegenen Landhaus, das meine Eltern im Sommer bewohnten, nichts übrig, als mir eine Negerin, Frank?s Mutter, zur Amme zu geben. Mein Vater wollte sie nicht von ihrem Knaben trennen und so wuchsen wir mit einander auf. Frank ist ein lebendiges Beispiel, was aus einem Neger durch Erziehung zu machen ist.?

Adelheid schüttelte den Kopf: ?Das wundert mich wirklich von Jemandem zu hören, der diese Halbmenschen doch wie Sie aus eigener Anschauung kennen muß.?

?Ob ich sie kenne, diese arme mißhandelte Race!? sagte Frau Hösli warm. ?Mein Vater hielt auf seinen Pflanzungen selbst Sclaven, aber er hielt sie wie seine Kinder und sie liebten ihn wie einen Vater. Mit Stolz darf ich es sagen, er war der Wohlthäter von Hunderten armer gequälter Geschöpfe. Arbeiten mußten sie, wer muß es nicht? Aber sie durften unter seinem Schutze Familien bilden und besaßen alle die Menschenrechte, zu deren Genuß ihr niedriger Zustand sie fähig machte. Er war ein Menschenfreund, wie es wenige giebt, und wären alle Sclavenhalter seiner Gesinnung, die Sclaverei wäre eine Einrichtung der Humanität, eine Wohlthat geworden! Aber leider sind sie es nicht und so bleibt nichts übrig, als die mißbrauchte Gewalt zu vernichten, den Unmündigen eine verfrühte Mündigkeit zu geben, um sie vor der Grausamkeit ihrer Peiniger zu retten.?

?Ich habe gehört, die Neger seien durchaus unbildsam und alle Mühe, die man sich mit ihnen gebe, sei weggeworfen,? fiel Adelheid ein.

?Möglich, daß die schwarze Race das Höchste nicht erreichen kann. Aber, mein Gott, was würde denn aus der Welt, wenn Alle nach dem Höchsten streben müßten, wer würde sich noch zu der niederen Arbeit des Lebens hergeben, wenn Alle das Höchste erreichen könnten? Wenn es uns also auch nicht gelingt, diese unglücklichen Geschöpfe zu uns emporzuziehen, wenn wir sie nur so weit bringen, wie unser gemeines Volk jetzt ist ? so werden wir wenigstens allmählich einen freien tüchtigen Bauern- und Handwerkerstand aus ihnen schaffen. Ist dies nicht schon der Mühe werth? Und wenn selbst wir und unsere spätesten Nachkommen es nicht mehr erleben ? denn eine viele Jahrhunderte lange Versäumniß in der Entwickelung eines Volkes holt sich auch erst in Jahrhunderten nach ? mich soll doch keine Minute reuen, die ich dem Mitgefühl und der Hoffnung für die Sache unterdrückter Mitmenschen geweiht.?

?Ach, Frau Hösli, Sie sprechen schön,? rief jetzt plötzlich Alfred, der seine Aufregung nicht mehr zurückhalten konnte. Er athmete tief und seine Augen hafteten strahlend auf Frau Hösli. ?Siehst Du, Mutter, siehst Du, so denke auch ich ? alle Menschen lieb haben und allen das Beste zutrauen, wie schön ist das! Ach, Frau Hösli, Sie und Aennchen dürfen wohl lieb haben, wen Sie wollen, und Niemand wehrt es Ihnen?? Die Gefragte sah den Knaben erstaunt an; Adelheid erröthete.

?Darfst Du denn das nicht auch?? fragte sie mit einem halb verlegenen, halb verweisenden Blick.

?Nein, Mutter, das darf ich nicht! Ach, ich darf ja so vieles nicht, was Aennchen darf, aber das ist doch das Schlimmste, denn das ist etwas, wovon ich nicht lassen kann, und ich habe immer ein böses Gewissen, weil ich hierin nie gehorsam bin und eine ganze Menge von Leuten, die ich nicht lieb haben soll, heimlich doch lieb habe!?

?Alfred!? rief die Mutter verwirrt und ängstlich, er könne noch mehr sagen, aber Alfred schmiegte sich an Frau Hösli, als suche er bei ihr Schutz, und fuhr fort:

?Und siehst Du, Mutter, Frau Hösli steht doch so hoch über den Negern, weit höher als wir über? ? er besann sich ? ?über allen denen, die Ihr nicht mögt, aber sie liebt die Neger doch, wie ihre Brüder, und der Mohr da draußen darf mit Aennchen spielen; als aber unser Christian, der doch ein Weißer war, mit mir spielen wollte, sagtet Ihr auf Französisch, ein Bedienter sei kein Spielcamerad für mich. Der arme Christian verstand ein wenig Französisch und es that ihm so weh, das zu hören, daß er aus dem Dienst ging.?

?Lieber Alfred,? sagte Frau Hösli und legte dem Knaben ihre schöne weiße Hand auf die Schulter. ?Ihre Mutter wird hierzu wohl Gründe gehabt haben, die Sie noch nicht beurtheilen können. Ein Kind hält manchmal Menschen für liebenswerth, die es nicht sind, und möchte sich an Jemanden anschließen, von dem es nur Schlechtes lernen könnte. Davor müssen die Eltern es behüten und deshalb muß es gehorchen, ohne zu fragen, ob die Eltern Recht oder Unrecht haben!?

In diesem Augenblick erhob Aennchen draußen ein furchtbares Jubelgeschrei und Herr Hösli eilte mit einer Depesche in der Hand, von Aennchen und Frank gefolgt, durch den Garten. Die Art, wie Frank die Thür aufriß, um seinen Herrn eintreten zu lassen, verkündete den Anwesenden schon, daß dieser etwas Gutes bringe.

Herr Hösli war ein eleganter stattlicher Mann von etwa fünfzig Jahren. Er hatte einen dunkeln Backenbart und schwarze lebhafte Augen. Sein ganzes Wesen hatte etwas Ueberlegenes ohne eine Spur von Ueberhebung. Ein Grübchen im Kinn gab ihm etwas Humoristisches, Schalkhaftes, das den meisten Schweizern eigen ist. Das harte Idiom seines Vaterlandes, das kein Schweizer jemals ablegt, ließ ihn im ersten Augenblick spießbürgerlich erscheinen, aber nach wenigen Worten schon war der Mann von Welt unverkennbar.

?Verzeihen Sie, meine gnädige Frau,? rief er und küßte Adelheid die Hand, ?daß ich so hereinstürme, aber ich kann meiner lieben Frau diese Freude nicht einen Augenblick vorenthalten. Ellen, unser Heiri kommt morgen! Da hast Du das Telegramm!?

Frau Hösli saß mit gefalteten Händen da, sie konnte vor Freude kein Wort herausbringen als ?Gott sei Lob und Dank!? Sie warf einen Blick in das Telegramm, ihr Antlitz röthete sich, es war als wollten die grünen Seen ihrer Augen sich über die Wangen ergießen, so reich quollen die Freudenthränen hervor und das Blatt zitterte in ihrer Hand. Aber nur einen Augenblick ließ sie sich von der Bewegung übermannen, dann besann sie sich ihres Besuches und daß derselbe ihre Freude weder verstehen noch theilen könne. Sie steckte das Telegramm sorgfältig in die Tasche, das nichts enthielt als in englischer Sprache die wenigen Worte: ?Vater, Mutter, ich komme! Ich grüße Euch, die Geschwister und Großeltern! Morgen Abend bin ich bei Euch! Henry.? ?Verzeihen Sie die Familienscene,? sagte sie gefaßter zu Frau von Salten. ?Die Freude war zu groß! Seit vier Jahren habe ich meinen Aeltesten nicht gesehen und wir erwarteten ihn erst in einigen Wochen, daher die Ueberraschung.?

?O, da muß ich ja sehr um Entschuldung bitten, daß ich eine solche Freude gestört,? erwiderte Adelheid aufstehend.

?Sie werden sie erst stören, wenn Sie uns Ihrer Gegenwart berauben,? sagte Herr Hösli artig.

Adelheid mußte zugeben, daß der Mann Manieren hatte, die denen echter Cavaliere zum Verwechseln glichen, aber sie war zu sehr im Innern entrüstet über die Verlegenheit, die Alfred ihr bereitet, um noch etwas Anderes zu beachten. Aenny hatte mittlerweile Alfred erzählt, ihr Bruder sei schon neunzehn Jahre alt und als sie nach Europa übergesiedelt, sei er noch zwei Jahre in Amerika geblieben und habe sich dann noch ebenso lange in England aufgehalten, um das Maschinenfach zu studiren. Aenny wußte das Alles ganz genau und sie war stolz darauf, Alfred die interessante Mittheilung machen zu können, daß ihr Bruder einen neuen Dampfkessel für die Fabrik mitbringe, der viel besser sei als der alte und einen völligen Umbau der Fabrik erfordere. Alfred, der in seinem Leben noch nie von solchen Dingen gehört hatte, hegte die größte Bewunderung für Aennchens umfassende Kenntnisse und hätte ihr gern noch zugehört, aber ein gebieterischer Ruf seiner Mutter machte auch diesem Vergnügen ein Ende.

?Mutter,? bat Alfred, ?ich möchte Herrn Frank noch Adieu sagen, weil er so gut gegen mich war, darf ich??

?Dazu ist jetzt keine Zeit,? erwiderte Adelheid streng. ?Ich bitte, komm.?

Alfred fügte sich mehr aus dem Gefühle der Schicklichkeit als aus Angst vor der erzürnten Frau.

?Leben Sie wohl!? sagte er zu Frau Hösli und küßte ihr mit einem Ausdrucke liebevoller Ehrfurcht die Hand. Wieder traf ihn ein Blick des Unwillens von seiner Mutter. Aber zugleich verneigte sie sich tief vor Frau Hösli, duldete, daß Herr Hösli nochmals ihre Finger an seine Lippen führte, und wünschte Beiden ein recht ungetrübtes Wiedersehen mit ihrem Herrn Sohne. Als sie das Zimmer verlassen wollte, wurde sie noch einmal aufgehalten, denn die frohe Kunde von der Rückkehr des Erstgeborenen hatte auch die Großeltern aufgestöbert und aus ihrer Wohnung im oberen Stockwerke heruntergelockt. Die Eltern Hösli?s waren Schweizer vom echten alten Schlage geblieben. Herr Hösli senior, Oberbürgermeister von Zürich, war ein Greis von nahezu achtzig Jahren, aber so frisch und rüstig wie ein angehender Sechziger. Seine dichten weißen Haare standen widerspenstig und kraus in die Höhe, sein scharfer adlerartiger Blick bekundete geistige Regsamkeit und Energie. Er glich seinem Sohne, nur war die Nase etwas mehr gebogen und er trug keinen Bart. Aber auch er hatte das charakteristische Grübchen im Kinn, das durch die herabhängenden Mundwinkel noch tiefer erschien und selbst dem hochbetagten Herrn noch einen schelmischen Zug gab, der ihm sehr gut stand. Er rauchte aus einem kleinen Porcellanpfeifchen einen herzlich schlechten Tabak, und selbst diesen mäßigen Genuß gönnte er sich nur Sonntags ? die ganze Woche hindurch wäre es zu theuer gewesen. Er trug einen groben altmodischen Rock und eine Tuchweste, von der er den Leuten gern erzählte, daß sie aus dem Frack zugerichtet sei, in dem er vor fünfunddreißig Jahren sein Amt als Oberbürgermeister von Zürich angetreten habe. Aus der Rocktasche hing ein rothes baumwollenes Schnupftuch; Herr Hösli hatte sich noch nie den Luxus eines Foulards erlaubt, obgleich er der größte Seidenfabrikant Zürichs war, ehe er das Geschäft seinem Sohne übergeben.

Frau Hösli war das würdige Seitenstück ihres Gatten. Klein und mager, mit einem weißen, glatt anliegenden Häubchen und einer schwarzseidenen Schürze war sie das Bild einer einfachen Bürgersfrau, und bei aller Freundlichkeit und Mühe, die sie sich gab, gelang es ihr doch nicht, sich Adelheid verständlich zu machen, denn ihre Sprache war so ausschließliches ?Züribieter? Deutsch, daß es Adelheid vorkam, als spräche sie hebräisch. Es war schade, daß Adelheid sie nicht verstand, denn die Miene der alten Frau weissagte eine Menge guter wohlgemeinter Dinge, die in der undeutlichen rauhen Form wirkungslos an der verstimmten Adelheid abprallten und ihres Zwecks verfehlten, und nachdem auch der alte Herr Hösli seinerseits mit nicht besserem Erfolg versucht hatte, die Frau Baronin seines Respectes zu versichern, wobei er jedoch ? leider! ? vergaß, die Pfeife wegzulegen, gelangte Adelheid endlich in?s Freie.

Raschen Schrittes, als würde sie gejagt, eilte sie ihrem Hause zu, so daß Alfred kaum folgen konnte und hinterdrein hinkte.

?Eine schöne Frau,? sagten Hösli Vater und Sohn zu einander, als sie den Rücken gewandt; ?schade, daß sie so hochmüthig ist, man kann keine Nachbarschaft mit ihr halten.?

?Was sollen wir auch mit diesen vornehmen Müßiggängern?? meinte Frau Hösli die jüngere; ?wir haben ja kein gemeinsames Interesse. Diese deutschen Frauen verlieren sich in lauter Kleinlichem und haben für nichts Allgemeines Sinn. Man kann bei ihnen nichts lernen. Und nun gar diese Saltens! Was thun sie, wozu sind sie auf der Welt? Treiben sie irgend etwas Nützliches, eine Wissenschaft, ein Gewerbe, oder bekleiden sie ein Amt? Nichts gar nichts! Was sollen wir also mit diesen Leuten? Unthätige Menschen haben immer Langeweile und wollen von Anderen unterhalten sein; sollen wir unsere Zeit damit verderben, ihnen die ihrige zu vertreiben? Mich jammert nur der arme Alfred; um seinetwillen kann ich es nicht über mich gewinnen, den Verkehr mit ihnen abzubrechen. Der Kleine hätte ja gar keine Lebensfreude, wenn er nicht hie und da bei uns aufthaute, und es ist ein so liebes begabtes Kind.?

Sie ergriff den Arm ihres Mannes. ?Aber nun genug von den Fremden! Wir wollen darauf denken, was für einen Empfang wir unserm Heiri bereiten, wenn er morgen das Elternhaus betritt.?

5. Vom Brode des Sinai.

Erregt und erhitzt wie Adelheid war, hatte sie alle Herrschaft über sich selbst verloren und zum ersten Mal, seit Alfred das Licht der Welt erblickt hatte, sah er seine Mutter in solcher Wuth gegen sich. Sie zog ihn durch die Hinterthür in das Haus, um Niemandem zu begegnen und führte ihn in sein Zimmer. Dort warf sie sich auf einen Stuhl und brach in Thränen des Unmuths aus.

?Mütterchen was hab? ich Dir gethan?? fragte Alfred erschrocken, ?weinst Du um mich??

?Das fragst Du noch?? rief die schöne Frau. ?Du hast mich hingestellt vor den fremden Leuten, als wäre ich eine Rabenmutter, als erzöge ich Dich zum Menschenfeind und gönnte Dir keinen Umgang. Für wie beschränkt und hochmüthig müssen mich diese Leute halten, wie tief hast Du mich gedemüthigt vor Menschen, denen es ein Vergnügen ist, an Höherstehenden eine Schwäche, einen Makel zu entdecken, der diese wenigstens moralisch unter sie stellt! Und das von meinem eigenen Kinde, dem ich jede Stunde meines Lebens, jeden Wunsch meines Herzens opfere, an dessen Pflege ich meine besten Kräfte setze, dessen Gebrechlichkeit mich tausend Mal mehr leiden läßt als andere Mütter, dessen krankhafte Stimmungen ich mit unerschöpflicher Geduld ertragen muß und das mir nicht einmal mit dem Einzigen lohnte, womit ein Kind lohnen kann, mit Gehorsam!?

Alfred stürzte vor der Mutter auf die Kniee und legte das Gesicht in ihren Schooß, soweit es der grüne Augenschirm gestattete. ?O Mutter, ich habe keine Minute vergessen, was Du für mich thust, und es brennt mich wie Feuer auf der Seele, daß Du so viel Plage mit mir hast, aber Du denkst nur daran, was Du leidest durch meine Kränklichkeit und welche Geduld Du mit meinen Gebrechen haben mußt ? o, denke auch an das, was ich leide und, und an die Geduld, die ich haben muß, und Du wirst mir verzeihen. Aber ich will ja alle Prüfungen und Entsagungen, die mir mein kranker Körper auferlegt, gerne tragen, ich will Hunger und Durst erleiden, ich will meine schwere Maschine am Beine herumschleppen, ich will Alles ertragen ? nur Eines: warum Ihr diese Prüfungen noch erhöhen müßt, warum Ihr mir noch mehr versagen müßt, als mir schon versagt ist, das, Mutter, das kann ich nicht einsehen!?

?Was denn, was versagen wir Dir denn?? rief Adelheid, die ihn durchaus nicht zu verstehen schien.

?Was, Mutter? Alles! Geradezu alles! Das Licht beschränkt Ihr mir durch den grünen Augenschirm, Gottes freie frische Luft durch beständigen Zimmerarrest, und nun wollt Ihr mir noch schmälern, was so frei, so unermeßlich ist wie die Luft, die uns umgiebt, und so schön, wie das Licht der Sonne ? die Liebe, den Glauben an die Menschen. Ich weiß jetzt Alles, denn ich habe heute Nachmittag, während Du Dich anzogst, und ich Dich auf der Bank vor dem Salonfenster erwarten mußte, ein Gespräch von Tante Wika mit dem Vater angehört, das mir die ganze Abscheulichkeit Eurer Grundsätze zeigte. Eben als sie von Dir zu reden anfing, mußte ich weg, weil ich, mit Dir Hösli?s zu besuchen, gerufen wurde. Aber ich weiß es nun: wie mein Bein, so wollt Ihr auch mein Herz einschnüren und wollt meine Liebe tödten. O, wenn Ihr mir kein besseres Dasein gewähren könnt, so laßt mich lieber sterben.? Er brach in ein lautes verzweiflungsvolles Schluchzen aus.

?Alfred, was ist Dir?? fragte plötzlich die Stimme des Candidaten. ?Entschuldigen Sie, gnädige Frau, die Besorgniß um Alfred, dessen Schluchzen ich hörte, trieb mich herein.?

?Herr Feldheim ? o mein ? mein lieber Herr Feldheim!? schrie Alfred auf und warf sich wie Schutz suchend an seine Brust.

?Herr Feldheim,? rief Adelheid händeringend, ?können Sie mir erklären, welche Veränderung mit meinem Sohne vorgegangen ist.?

?Wenn das Maß voll ist, läuft es eben über,? sagte der Candidat finster und drückte Alfred?s Kopf zärtlich an sich. ?Ich habe das längst kommen sehen. Der Knabe steht im vierzehnten Jahre und wie weit er auch körperlich zurückgeblieben ? geistig ist er seinem Alter um so weiter vorausgeeilt, wie jedes kränkliche Kind, das zu beständigem Stillesitzen und Nachdenken verurtheilt und immer unter Erwachsenen ist; er mußte sich endlich der Unerträglichkeit seines Zustandes bewußt werden. Ich habe Sie mehrfach darauf aufmerksam gemacht. Sie wollten mir nicht glauben.?

?Mein Gott ? Sie fordern stets das Unmögliche für Alfred ? und lehren ihn das Unmögliche fordern. Sie setzen ihm Abhärtungstheorieen und Freiheitsideen in den Kopf, die den Knaben zum Widerstand aufreizen. Nicht wir sind es, die ihm sein Leben unerträglich machen, sondern Sie, Sie, Herr Candidat, der Sie ihm eine der unsern entgegengesetzte Richtung geben, der Sie, selbst ein Abtrünniger, Ihre Freude daran finden, auch Andere abtrünnig zu machen und zwar nicht nur einer großen Idee ? sondern auch den leiblichen Eltern! Sehen Sie mich nicht so vorwurfsvoll an, der Vorwurf fällt auf Ihr Haupt zurück, auf Ihres allein!?

Der Candidat sah sie an, lange, tief, unaussprechlich traurig. Es nachtete in seinen dunkeln Augen, als ginge seine Lebenssonne unter. Still, unbeweglich stand er vor ihr, den Knaben im Arm, kein Athemzug hob seine Brust, er war ruhig, ruhig wie ein Fels, dessen schroffe Umrisse kahl und starr in die sternenlose Nacht hineinragen. ? Eine lange Minute zog so über Alfred?s Haupt hin. Endlich öffneten sich die Lippen des Candidaten und er sprach mit leiser Stimme: ?Ich will es nicht versuchen, mich zu vertheidigen. Noch weniger steht es mir zu, Sie den Schmerz ahnen zu lassen, den ich bei Ihren Worten empfunden habe. Beides betrifft nur mich und hat kein Recht auf Ihr Interesse. Wegen Ihres Sohnes aber erlaube ich mir zu bemerken: Es giebt einen adeligen Verband, einen unsichtbaren, dessen Mitglieder nur diejenigen werden können, welche die höchsten Eigenschaften des Geistes und Herzens besitzen und entfaltet haben ? zur Aufnahme in diesen Verband wollte ich Ihren Sohn erziehen ? nicht ihn dem Gemeinen nahe bringen. Ich bekenne gern, Ihre Freundlichkeit, Ihre Empfänglichkeit für so manches, was ich Ihnen mittheilen durfte, hat mich geblendet und mich hoffen lassen, daß ich Ihnen auf dem eingeschlagenen Wege Ihren Sohn zuführe, statt ihn Ihnen abwendig zu machen. Sie haben mich eines Besseren belehrt und gern würde ich sagen, ich gebe Ihnen Ihren Sohn zurück ? wenn ein Mensch in den Jahren einer gewissen Zurechnungsfähigkeit gegeben und genommen werden könnte wie eine Sache, an der nichts verändert worden ist. Ich kann Alfred jetzt nicht mehr glauben machen, daß ich ihn Unwahres gelehrt, und wenn ich?s könnte, so thäte ich es nicht. Ich kann Ihren Sohn verlassen, aber ihn Ihnen wiedergeben, wie ich ihn empfing, und so, wie Sie ihn wollen ? das steht nicht in meiner Macht.?

?Verlassen,? schrie Alfred auf, ?Sie mich verlassen? Was hab? ich Ihnen gethan, Herr Candidat, daß Sie mich so schwer strafen wollen? O Mutter, wenn Du mich als Dein Kind liebst, wenn Du nicht willst, daß ich umkommen soll vor Heimweh, Herzeleid, so laß mir meinen Lehrer!? Er riß sich von dem Candidaten los und fiel vor seiner Mutter auf die Kniee. Athemlos, fast erstickt von Angst stieß er diese Worte hervor und es lag eine unwiderstehliche Macht in seinem kindlichen Flehen. Des Candidaten Brust hob sich schwer, eine tiefe Bewegung schien sich seiner zu bemächtigen. Adelheid hatte lange stumm und starr dagestanden, jetzt schlug sie beide Hände vor das Gesicht und sie waren von Thränen naß, als Alfred sie herabzog und mit Küssen bedeckte. Sie trat einen Schritt dem Candidaten entgegen und streckte ihm die Hand hin: ?Um dieses Kindes willen,? begann sie, aber die Stimme versagte ihr.

Der Candidat hatte sie dennoch verstanden. Er nahm ihre dargebotene Rechte in die seine: ?Um des Kindes willen!? wiederholte er ernst.

Es war stille im Zimmer, man hörte nichts als Alfred?s leises Schluchzen, der noch immer seiner Mutter Kniee umfaßt hielt.

Sie hob ihn auf und drückte ihn an ihr Herz: ?Gott möge mich erleuchten und mich immer würdiger machen, einen solchen Sohn zu erziehen. O mein Gott ? ich fühle ja, wie wenig ich es noch bin,? rief sie plötzlich wie zusammenbrechend unter der Last eines großen Schuldbewußtseins, und als fürchte sie sich, noch mehr zu sagen, eilte sie aus dem Zimmer.

?Was ist das?? murmelte der Candidat unwillkürlich vor sich hin und sein dunkler Blick folgte der schönen Gestalt, bis sich die Thür hinter ihr schloß.

Nun waren die Beiden allein und tiefathmend warf sich Alfred an seines Lehrers Brust: ?Ach, Herr Feldheim, lassen Sie mich ausruhen ? so ? so!? Er schmiegte sich in Feldheim?s Arm und sah innig zu ihm auf: ?Sehen Sie mich an, lieber Herr Feldheim! Was ist Ihnen? Sie haben etwas, es thut Ihnen etwas wehe! Sagen Sie, was ist?s? Ihr Herz hämmert lauter als sonst, ich kenne seinen Schlag.? Alfred betrachtete ihn einige Augenblicke und fuhr dann fort: ?Wissen Sie, Herr Feldheim,? sagte er, ?jetzt begreife ich auf einmal, was hier zu Hause immer so schwer auf mir liegt: es ist, daß ich Niemand von Euch Allen glücklich sehe. Sie glauben gar nicht, wie weh mir das thut! Ich meine ordentlich, es sei mir deshalb oft so eng und bang und meine Brust sei nur deshalb so schmal, weil sie zusammengeschnürt wird durch ein erstickendes Band von Angst und Sorge. Aennchen hat einmal so gelacht, daß ihr die Haften des Kleides sprangen; nun meine ich, das schreckliche Band müsse auch zerreißen, wenn ich einmal so recht aus vollem Halse lachen könnte, aber das wird wohl nie vorkommen!?

Der Candidat sah betroffen den Knaben an, der wie eine verdurstende Blume das Haupt hängen ließ. ?Das ist ein schwerer Vorwurf, den Du uns Allen da machst, ohne es zu wissen, mein theures Kind! Und doch danke ich Gott, daß Du mich noch zu rechter Zeit an eine Pflicht mahnst, die ich nur zu lange versäumt. Wohl hast Du Recht.?

Alfred liebkoste seinen Lehrer und blickte wehmüthig auf den rothen Strahl, der die grüne Tapete erleuchtete: ?Jetzt geht die Sonne unter. Gewiß haben wir heute Alpenglühen ? wie schön muß das sein! Wenn nur mein Zimmer nach dem See zu läge, da könnt? ich?s sehen ? aber in die Vorderstube mag ich jetzt nicht, ich will den Tanten nicht begegnen. Wer jetzt hinaus dürfte an den Strand und hineinschauen in die Herrlichkeit und hören, wie die Wellen murmeln und sich zausen lassen vom Abendwind! Jetzt setzt sich Aennchen gewiß in einen Kahn und ihre Brüder rudern sie in den See hinaus, und dann geht der Mond auf und streut einen silbernen Weg über das Wasser und sie fahren darüber hin und her und singen ihre heiteren Lieder in den milden Glanz hinein. Sie sehen gewiß nicht all? das Schöne, das da ist, vor lauter Lustigkeit. O, wenn ich dabei wäre, ich wollte stille sein, ganz stille und nur schauen und horchen. Was würde ich da wohl Alles hören und was Alles sehen!? Er holte tief Athem und seine traurigen Augen starrten geisterhaft in die Dämmerung hinein.

Der Candidat hatte ihm schweigend zugehört, jetzt nahm er den Knaben in die Arme und sagte mit einer liebevollen Wehmuth: ?Das, was Du da draußen sehen und hören würdest, mein Kind, trägst Du in Dir ? die Poesie! Wer sie nicht im Busen hegt, der wird offenen Auges mitten durch die Schönheiten dieser Erde hindurchgehen und sie dennoch nicht sehen. Du aber, Du malst Dir in den engen Raum Deines Zimmers Berge und See ? der zitternde Abendstrahl, der dort an der Wand spielt, weckt Dir das Entzücken eines Sonnenuntergangs. Wie aber, wenn draußen der Erde ein Dunst, ein Rauch entstiegen wäre? Er hätte Dir den Genuß, nach dem Du Dich sehnst, getrübt ? den Sonnenuntergang, den Du in Deiner Phantasie erlebt, konnte er Dir nicht trüben, siehe, das ist der Ersatz, den Dir Gott gab für alle Entbehrungen, die er Dir auferlegt ? das sind die Rosen, mit denen er Dir das Kreuz umwunden, das er Dich tragen läßt.?

?Ja, ja ? o ja!? rief Alfred begeistert und breitete die Arme aus, ?ich verstehe, was Sie meinen, und ich will mein Kreuz tragen, soweit meine Kräfte reichen. Welch große Helden sind unter dem Kreuz erstanden, welche große Thaten unter ihm vollbracht worden, auch ich will unter dem Kreuze gehen! O Herr Feldheim, Sie haben mir die Geschichte der Kreuzritter gelehrt, die in alle Welt auszogen, das Christenthum mit dem Schwerte einzupflanzen, und wie dieser Orden allmählich einging und zusammenschmolz auf das kleine Häuflein der Johanniter, die sich damit begnügen, das, was ihre Vorfahren mit Schwert und Blut gepflanzt, friedlich zu pflegen und weiter zu bauen. Und wissen Sie, Herr Feldheim, als neulich unser Vetter, Graf Schorn, der Johanniter, von seiner Urlaubsreise in den Orient zurückkam und uns hier besuchte ? Sie waren damals gerade auf dem Rigi ? da faßte ich den Entschluß, auch ein Johanniter zu werden.?

?Und wie kam das?? fragte Feldheim überrascht.

?Der Vetter hat so schön erzählt von allem Guten, was die Ritter thun, wie sie Kranke pflegen und Spitäler errichten, wie sie überall da sind, wo es gilt, einem Bedrängten beizustehen, und wie doch noch lange nicht genug Hände seien für all? das Elend. Da dachte ich, ich könne doch vielleicht auch mit helfen, wenn ich groß bin, und Schöneres könne doch kein Mensch auf Erden thun, als Schmerzen und Noth lindern ? ach, ich weiß ja, wie Schmerzen thun!?

Der Candidat schwieg erstaunt über diese Pläne Alfred?s, die ihm bisher ganz fremd geblieben waren. Dieser aber fuhr mit fieberhafter Redseligkeit fort, wie sie nervösen Kindern eigen ist, die einmal in?s Reden kommen: ?Ich will Ihnen noch etwas erzählen, Herr Candidat, wollen Sie es hören??

?Ja, mein Kind!? Der Candidat legte seine Hand auf das Haupt des Knaben, dessen Mienen etwas Seherhaftes angenommen hatten. Es dunkelte bereits und unwillkürlich zog es die Beiden dem letzten Abendschimmer nach an das Fenster. Dort setzten sie sich einander gegenüber und Alfred schaute verklärten Blickes hinaus in die dämmernde Nacht.

?Graf Schorn brachte mir auch ein Stück von dem Dattelbrod mit, das die Mönche am Sinai backen ? o Herr Feldheim, ich kann Ihnen gar nicht sagen, was ich da gefühlt. Ich sah das stille Kloster an dem öden baumlosen sonnverbrannten Abhang und über ihm den steilen kahlen Gipfel in ewige Wolken gehüllt, als könne die Stätte, auf der das Feuer des Herrn gebrannt, nimmer aufhören zu rauchen. Ich sah in dem Kloster die Mönche, die stillen, darbenden, durstenden Mönche, die einsamen! Ich sah sie das Brod backen aus den Früchten, die sie mühsam dem dürren Boden abgewonnen, ich sah sie es austheilen mit milder Hand an die Armen und Elenden des schmachtenden Landes. Und dann sah ich sie mit den bloßen Füßen durch den glühenden Sand schreiten zu den sterbenden Opfern der furchtbaren Seuchen dieser Gegend, um ihnen den letzten Trost zu bringen, und, sehen Sie, Herr Candidat, da habe ich mich gefragt, was haben nun diese Menschen für ihr entsagungsvolles Dasein? was zieht sie dahin, den vergessenen armen Bewohnern dieses verödeten Landes den Segen des Christenthums zu bringen, und läßt sie sich anbauen an dem unwirthlichen Rücken des Sinai in der ewigen Stille, als wollten sie jetzt noch den Nachhall von Gottes Stimme hören über Tausende von Jahren hinaus? Und ich konnte mir auf alle diese Fragen nur antworten: ?Die Liebe! Die Liebe zu Gott und zu den Menschen. Sie ist ihr Antrieb und ihr Lohn! Welch eine Liebe muß das sein!?? Der Knabe faltete die Hände: ?Und da, da kam es über mich wie ein unaussprechliches Glück, daß es solche Liebe gäbe in der Welt und daß ich sie in meinem Herzen nachempfinden kann. Und sehen Sie, Herr Candidat, in dem Augenblick versprach ich dem lieben Gott, Johanniter zu werden.?

Der Candidat breitete die Arme aus und zog Alfred an seine Brust: ?Alfred, mein Alfred,? rief er und preßte seine Lippen auf des Knaben Mund. ?Das ist nicht die Frömmigkeit eines Kindes ? das ist die Frömmigkeit eines Dichters! Sei getrost, schmerzgeprüftes Kind ? Du wirst überwinden, Alles, Alles ? Deine Leiden, Deine Feinde, Dich selbst!?

6. Eine Mahnung.

Es tagte bereits, als Adelheid in ihrem Zimmer noch am Schreibtisch saß und einen eben vollendeten Brief überlas, um nachträglich die Komma?s hineinzumachen, die sie in der Hast, mit der sie geschrieben, vergessen hatte.

Der Brief lautete:

 ?Mein Egon!
Du wirst mir wieder zürnen und dennoch mit Unrecht. Ich habe heute einen letzten Versuch gemacht, den Candidaten zu entfernen, er ist gescheitert an dem Widerstande meines Sohnes. Ach verzeih?, verzeih?, daß ich Dir um seinetwillen einen Wunsch abschlage! Er gerieth so außer sich, als er von der Trennung von seinem Lehrer hörte, daß ich es nicht über das Herz bringen konnte, weiter in dieser Sache zu gehen. Dies unglückliche Kind hat ja so wenig vom Leben, soll ich ihm das Wenige, worin es sich glücklich fühlt, noch nehmen? Nein! Ich habe ohnehin nie genug gethan, um mich dieses Kindes würdig zu zeigen, das eine so große, so engelgleiche Seele in seinem Körper birgt! Ich habe meine Pflichten gegen den Knaben stets nur mit halbem Herzen erfüllt und mußte zu meinem Schrecken heute erkennen, daß er es empfunden und daß es ihn geschmerzt hat. Du weißt nicht, Egon, und meine Feder ist zu schwach, es Dir zu schildern, was es heißt, wenn ein Kindesauge sich vorwurfsvoll auf uns richtet und wir im Innersten fühlen, daß es Recht hat! O, solch? ein Kind ist unser lebendig gewordenes Gewissen! Vor Keinem meiner Umgebung demüthige ich mich. Ich habe an Keinem von ihnen ein Unrecht begangen. Die Tanten ertrage ich mit übermenschlicher Geduld, meinem ? o daß ich ihn so nennen muß ? Gatten habe ich den einzigen Zweck erfüllt, um dessen willen er mich zur Frau nahm: ich gab ihm einen Sohn, und was ich Dir gebe, mein Herz, meine Liebe, raube ich ihm nicht, denn Du besaßest es vor ihm, und er wußte, daß es nie sein werden könne. Aber vor meinem Kinde schlage ich die Augen nieder, denn es hat ein heiliges Anrecht an meine ganze Liebe, meine ungetheilte Aufmerksamkeit ? und Du, Du heiß ersehnter Mann, machst ihm dieses Anrecht streitig.

Es giebt Stunden, wo es über mich kommt wie eine Offenbarung, welch? ein unermeßliches Glück mir in der Erziehung dieser wundervollen Kindesseele aufgehen könnte, aber das Mutterglück ist das einzige, das Keinem unverdient zu Theil werden kann, denn man kann es ja nur empfinden in der strengsten treusten Pflichterfüllung! Ich ahne dieses Glück, aber ich kann es nicht verdienen. Selbst während ich an Alfred?s Bette sitze, sind meine Gedanken bei Dir! Immer und immer wieder schweift mein Wünschen und Sehnen in namenloser verzehrender Qual über das Kind hinweg zu Dir, und wenn mich dann in solchen Stunden sein Blick trifft, und es so bekümmert fragt, warum ich immer traurig sei, nach einem Lächeln sucht, nach einem Lächeln der Mutter, und sich dann, wenn es ihm nicht geworden, geschlossenen Auges still und bleich in die Kissen zurücklegt ? Egon, Egon, da wünschte ich oft, daß mich die Erde verschlänge! Da stürze ich vor dem Bette auf die Kniee und der Gedanke zerfleischt mich: wenn das Kind einmal so die Augen schlösse, um sie nie wieder aufzuthun, und ich hätte ihm das letzte Lächeln der Mutterliebe versagt, weil mir das Verlangen nach dem Kuß des Geliebten die Lippen zusammenpreßte! Dürfte ich mit dem Brand dieses Verlangens auf den Lippen den erkaltenden Mund der Leiche meines Kindes berühren?

Ach Egon, theurer, treuer, geduldiger Mann, der Du meiner harrst seit fünfzehn Jahren ? vergieb, vergieb, daß ich es sage: in solchen Stunden da grolle ich Dir, daß Du je in mein Leben tratest mit Deiner unwiderstehlichen Liebesgewalt, daß Du mir eine Leidenschaft eingeflößt, die mir das einzige Glück, dessen ich mich ohne Vorwurf erfreuen könnte, werthlos macht. O mein Gott, nicht nur vor meinem Sohne muß ich erröthen, auch vor dem Manne, dem ich die Leitung seiner Erziehung anvertraut und der mich täglich beschämt durch eine Hingebung an den Knaben, die mir, der Mutter, besser anstünde als ihm, dem bezahlten Fremden! Ach, es sind furchtbare Augenblicke, Augenblicke, die meine ganze Jugendblüthe abstreifen, und Du solltest nichts verlangen, Egon, das diesen Zwiespalt noch auf?s Aeußerste treibt, es ist nicht wohlgethan! Denn so oft ich Alfred um Deinetwillen vernachlässige, liebe ich Dich weniger! So oft Dein Einfluß zwischen ihn und mich treten will, empfinde ich ihn als etwas Feindliches, als Etwas, das ich ausstoßen muß. Denn so eng verbunden ist doch nichts wie die Mutter mit dem Kinde. Und wenn Du und mein Kind mit einander in meinem Herzen ringen ? da bleibt doch zuletzt das Kind Sieger, ob auch mein ganzes Herz in Stücke geht! Deshalb, Egon, fordere nicht mehr, daß ich den Mann entferne, der dem Knaben Das ersetzt, was ihm durch Dich an meiner Liebe abgebrochen wird, der es mir allein möglich macht, mich stunden- und tagelang ungestört dem Gedanken an Dich zu überlassen ? was ich nimmer könnte, wenn ich Alfred nicht in so guten Händen wüßte! Wahrlich, Egon, Du handelst wider Dich selbst, wenn Du wider Feldheim handelst! Wüßte ich nur überhaupt, was Dich so eifersüchtig auf ihn werden ließ! Daß ich Dir, dem ich keinen Gedanken meiner Seele vorenthalte, meine Verehrung für den seltenen Mann aussprach, ? sollte Dich nicht auf so unselige Gedanken gebracht haben! Hätte ich Etwas zu verbergen, so würde ich nicht mit so unbefangener Wärme von ihm reden. Laß dieses reine Bild in einer Seele, die ja ganz nur Dir gehört, unangefochten, ? ich schwöre Dir? ? hier hielt Adelheid?s den Zeilen folgende Feder plötzlich inne ? ?Du hast keinen Grund, auf den Blick ernster Verehrung eifersüchtig zu sein, mit dem ich es betrachte, wie man ein Heiligenbild in der Kirche ansieht!?

Sie kam nicht über die Stelle weg, ihr Auge kehrte zu dem ?ich schwöre Dir? zurück und blieb darauf haften. Eine dunkle Blutwelle stieg ihr in das Gesicht, als habe sie sich auf einmal von Jemandem beobachtet gefunden; sie sah sich unwillkürlich um, aber sie war ganz allein. Sie hatte ohne Erröthen einen Brief geschrieben, in dem jede Zeile Ehebruch athmete; aber über den Gedanken eines Treubruchs an dem Geliebten erröthete sie. Es war ihrer verirrten und doch ursprünglich edeln Natur ein unbewußtes Bedürfniß, das widerrechtliche Verhältniß, in welchem sie stand, durch Treue zu adeln, sich vor der beleidigten Sittlichkeit durch die Macht einer großen unwiderstehlichen Leidenschaft zu entschuldigen. Sobald diese blinde, aus der ersten Jugend, wo sie noch kein Unrecht war, in die Ehe herübergebrachte Leidenschaft so weit erkaltete, daß sie dem Gedanken an einen Andern Raum geben konnte, so wurde das Verhältniß, das durch jahrelanges Bestehen und tausend Schwüre ein unzerreißbares für sie geworden, einfach eine Gemeinheit. Instinctiv schauderte sie vor dieser kaum in die Form eines Gedankens gekleideten Ahnung zurück.

Nochmals überlas sie die Stelle; nein, sie konnte, sie durfte schwören; es war ein neckender Dämon der Nacht, der sie auch nur einen Augenblick daran zweifeln machte, und sie fügte im Gefühle des flüchtigen Unrechts, das sie an dem Geliebten begangen, eine Fluth erneuter Liebesbetheuerungen als Nachschrift hinzu. Aber sie schloß auch diese rasch ab; sie fand etwas Absichtliches, Gezwungenes darin; was brauchte sie eine Liebe erst zu betheuern, in der ja ihr ganzes Leben aufging? Sie hatte den Brief noch lange vor sich liegen und starrte sinnend darauf nieder. Ihr Haupt ruhte auf ihrer Hand und mechanisch entwirrte sie mit der andern die lockige Fülle ihres Haares. Endlich fiel blendend ein Strahl der Morgensonne durch die grauen Wolken auf das Papier; sie faltete es rasch zusammen; es war ihr unerträglich, diese Zeilen von dem Lichte der Sonne beschienen zu sehen. Sie siegelte und überschrieb den Brief: ?Dem Grafen Egon von und zu Schorn, Ehrenritter des St. Johannisordens etc. etc. etc.? Dann löschte sie das Licht, schloß den Brief ein und begann sich zu entkleiden, um sich noch ein paar Stunden auf ihr Bett zu legen. Sie trat dabei zufällig vor den Spiegel, und wie oft sie auch das schöne Bild, das ihr daraus entgegenschaute, schon gesehen, heute in ihrer Aufregung berührte es sie doppelt lebhaft.

Wie ein Strom geschmolzenen Goldes flossen ihre langen rothen Locken über ihre schneeigen Schultern nieder und blieben wie in eine schöne Form gegossen auf ihrer gewölbten Brust liegen. Sie hätte nie in ihrem Leben gelernt haben müssen, was die Schönheit eines Weibes ausmacht, um nicht von ihrem eigenen Anblicke entzückt zu sein. Und sie zog die ganze Fülle ihres Haares vom Hinterhaupte vor und wog seine Schwere in der Hand. Wie viele Millionen dieser weichen Fäden, kaum stärker als eine Faser ungesponnener Seide, gehörten dazu, um ein solches Gewicht zusammenzubringen? Um den Besitz dieser Haare würde eine Italienerin oder Französin jedes erdenkbare Opfer bringen, und was waren sie erst werth, da sie auf einem solchen Haupte wuchsen! Und diese großen und doch von den langen dichten Goldwimpern geheimnißvoll verschleierten Augen mit den üppigen leichtgeschwungenen Brauen, die in ihrer Fülle fast dunkel erschienen! Und die feine römische Linie des Profils! Sie drehte sich so weit seitwärts, als möglich war, um sich noch im Spiegel zu sehen; es genügte nicht, und sie nahm einen Handspiegel zu Hülfe, um sich damit im Profil zu betrachten. Warum sollte sie nicht, ganz allein, ganz unbelauscht, die eigene Schönheit bewundern, wie man wohl manchmal einen kostbaren Schmuck betrachtet, den zu tragen die Gelegenheit fehlt, und ihn dann wieder wegschließt, zufrieden in dem Bewußtsein, daß man ihn hätte, wenn je die Gelegenheit käme, wo man ihn brauchte. Wenn sie in einer Gemäldegallerie einem Bilde wie das, was sie im Spiegel sah, begegnet, so wäre sie stehen geblieben und hätte es staunend betrachtet, und nun sollte sie sich nicht doppelt dessen freuen, da es ihr eigenes Antlitz war? Und sie berauschte sich mehr und mehr im Gedanken an alle die Triumphe, die sie feiern konnte, wenn sie gewollt hätte. Wäre sie in Paris geboren, sie hätte nicht nöthig gehabt, einen alten verwitterten Mann zu heirathen, um ihren Vater vor dem pecuniären Untergange zu retten, sie hätte sicher eine große glänzende Partie gemacht, sie wäre der Mittelpunkt eines Kreises von Menschen geworden, die sich an ihrem Reize bewundernd gelabt hätten, sie wäre als die schönste Frau Frankreichs anerkannt worden! Welch ein kaiserlicher Titel, die schönste Frau eines Landes zu heißen!

Sie strich mit den zarten Fingern die Locken zurück und warf das Haupt nach hinten über, daß sich die weiße Stirn scharf auszeichnete. Ja, das war ein Kopf, bestimmt, ein Diadem zu tragen. Ach, sie besaß keins. Doch! Sie öffnete ihre Schatulle und zog ein diamantenes Halsband hervor, ein altes Familienerbe der Salten. Sie band es statt um den Hals ? ein solcher Hals bedurfte keines Schmuckes, es wäre zu schade um jedes Grübchen, das er bedeckte ? um den Kopf an Stelle eines Diadems. Die immer mächtiger vordringende Morgensonne, die sich hier noch nie anders als in flüssigen, schnell zerrinnenden Diamanten gespiegelt hatte, sah ihre Strahlen verwundert von dem unlöslichen Wasser dieser Steine abprallen und hundertfach zersplittert einen Regenbogenkranz um das stolze Haupt flechten, das sie nicht um ihren Glanz zu beneiden brauchte. ? Wie schön war dieses Haupt in dem geheimnißvollen Durcheinanderweben von Gold- und Juwelenschimmer! Alles leuchtete und flimmerte in dem grellen Morgenscheine, die Brillanten, die Haare, die Augen, eine Glorie hüllte Adelheid ein. O, wenn sie wollte, sie konnte noch jetzt Alles bezaubern, die Freiin von Salten-Hermersdorff konnte noch jetzt eine Rolle an jedem Hofe der Welt spielen. Die Schönheit hatte doch auch ihr Recht, wozu war sie schön, wozu diese strahlende Herrlichkeit? Sie wollte ? nein, sie wollte nicht genießen; es jammerte sie nur, daß die Fülle von beglückender Kraft, die in dieser Schönheit lag, ungenossen untergehen sollte. Das Kunstwerk des Menschen darf bewundert werden in öffentlicher Schaustellung und Tausende von Augen entzücken, ? aber das Kunstwerk der Natur, das höchste aller Meisterwerke, das soll Einem allein gehören, und wenn dieser es absperren will von der Welt, so muß es ungesehen verwelken und Niemand darf sich dessen erfreuen. Solch ein todtes Bild von Leinwand oder Stein fühlt es nicht, welch Entzücken es bereitet; aber das Menschenbild, das die Natur geschaffen, das lebendige, warme, sich selbstbewußte, würde es fühlen und die Wonne mit genießen, die Andere bei seinem Anblicke empfinden. Ist denn das Sünde, ist es verwerflich?

So philosophirte die junge Frau in der Trunkenheit ihres eigenen Anschauens, und sie erschien sich immer mehr als eine Märtyrerin der Verhältnisse, und das Opfer, das sie brachte, indem sie solche Gaben auf den Altar ihrer häuslichen und Mutterpflicht niederlegte, erwuchs in diesem Augenblicke zu einer so unermeßlichen Größe, daß kein Mann und kein Kind es jemals zu lohnen im Stande wäre; ja, wer weiß, ob es ihr nur möglich gewesen wäre, es zu bringen, wenn nicht wenigstens Einer lebte, der sie zu würdigen verstand, Einer, für den sie noch schön sein durfte: Egon! Ja, an seiner Seite wäre sie eine bewunderte vielumworbene Frau geworden, denn er war ein Mann der großen Welt und nahm eine hervorragende Stellung ein, die sie mit ihm getheilt hätte. Sie würde seine herrlichen Reisen in den Orient mitgemacht, über die Grenzen Europas hinaus den Ruf ihrer Schönheit getragen haben, ? o welch ein Leben wäre das gewesen! Warum mußte der geliebte Mann ein jüngerer Sohn und also vermögenslos sein, daß es den beiden armen Kindern versagt war, einander anzugehören, und Adelheid von ihrem Vater zu der unseligen Partie mit Salten gezwungen ward? Warum, warum sollte sie die Folgen dieses grausamen Geschickes immer fortschleppen in geduldiger Ergebung? Warum sollte sie nicht auch einmal in die Welt hinaus dürfen, in die Heimath, an den Hof zu ihrem Geliebten? War es denn ein Unrecht, wenn sie sich nach jahrelanger Abwesenheit bei den Ihren und in der Vaterstadt zeigte? Nein, sicher nicht! Sie wollte noch heute mit dem Freiherrn sprechen; Alfred war ja so wohl versorgt bei dem Candidaten. Welche Mutter würde nicht einmal ihr Kind verlassen, um die Heimath wiederzusehen? Hatte sie denn nur Pflichten, nicht auch Rechte? Und ihr Athem ging rasch und die Goldwellen ihrer Locken wogten auf ihrer jugendlich gehobenen Brust auf und nieder, die Diamanten funkelten und in den Blättern des Dümas?schen Romans neben ihrem Bette rauschte es, wie wenn winzige verführerische Kobolde daraus entstiegen, um in den Strahlenbüscheln, die das reizende Haupt umkränzten, ihren Carneval zu halten. Und das Herz des schönen Weibes pochte laut, als wäre der Versucher schon in der Nähe. Er war es auch, denn der größte und siegreichste Versucher einer schönen Frau ist ihr Spiegel, das Werkzeug, mit welchem Mephisto dem Faust die Wege ebnet!

Da plötzlich ? was war das? Hatte es nicht geklopft? Alles Blut drängte sich ihr nach dem Kopfe, es war ja kaum fünf, ? sie hatte sich getäuscht. Ihr eigenes Gewissen hatte ihr den Streich gespielt, sie so zu erschrecken! Aber nein, wieder klopfte es an die Thür, diesmal lauter, unverkennbar. Adelheid fuhr vom Spiegel zurück, als könne der da draußen durch die Thür sehen, daß sie vor dem Spiegel stand.

?Was ist?? rief sie und ihre zitternden Hände bemühten sich, das Diadem aus den Locken zu wirren. Doch umsonst waren alle Anstrengungen der jungen Frau; Zacken und Steine hatten sich in das Haar verwickelt wie eine Klette.

 

?Gnädige Frau,? tönte die Stimme eines Dienstmädchens, ?der Herr Candidat schickt mich, der junge Herr sind so krank, ? ob Sie nicht aufstehen möchten??

?Alfred, barmherziger Gott!? rief Adelheid. ?Ja, ich komme gleich, gleich!?

Wäre nur erst das verwünschte Diadem herunter gewesen; sollte es an ihr hängen bleiben und die Schande dieser Stunde verrathen? Wie eine ätzende Flüssigkeit hatte sich der Ruf, daß Alfred krank sei, über Silber, Gold und Steine ergossen und Alles geschwärzt, was eben noch so hell geglänzt. Erschrocken flüchteten sich die Dämonen des Dumas?schen Romans in ihre Blätter zurück; das Diadem ward mit sammt den Haaren herausgerissen, da es nicht gutwillig ging, und verächtlich, als sei es plötzlich zu Blei verwandelt, in sein Behältniß zurückgeschleudert. Der nächtige Traum mit seiner Farbenpracht war zerronnen, und aufgewacht war ein zärtliches, zuckendes Mutterherz. Kaum wissend, was sie that, wand Adelheid ihre Haare mit beiden Händen in einem dickem Strange um den Kopf und zog ein weißes Häubchen darüber. Ihren Anblick im Spiegel vermied sie, wie wir das Antlitz eines Menschen vermeiden, vor dem wir uns schämen, und sie schämte sich vor sich selbst, sie mochte sich jetzt nicht in die Augen sehen.

Noch eine Secunde und sie war in ein schlichtes Morgenkleid gehüllt und eilte die Treppe hinunter in Alfred?s Zimmer. Da lag der Knabe im heftigsten Fieber mit verschleierten entzündeten Augen und brennenden Wangen, und der immer geduldige Wächter, der Candidat, stand an seinem Bette. ?Mein Kind, mein Kind,? schrie Adelheid, ?was ist Dir??

?Er hat die ganze Nacht schon Hals- und Kopfschmerzen gehabt und mich leider nicht geweckt,? sagte der Candidat. ?Als ich vorhin aufstand, fand ich ihn im Bette sitzend und kaum im Stande, mich um einen Tropfen Wasser zu bitten, so ausgetrocknet und verschwollen war ihm der Gaumen. Ich schaffte sogleich warmes Zuckerwasser herbei und seitdem kann er doch wieder sprechen. Dann schickte ich zum Doctor und zu Ihnen, gnädige Frau.?

?Mütterchen!? stammelte Alfred aus seinem Fieber heraus und griff nach ihrer Hand.

?Kind, Herzenskind!? rief Adelheid und drückte den Knaben an sich. ?Warum hast Du denn so lange gezögert, Herrn Feldheim zu wecken, wenn Du doch schon die ganze Nacht Schmerzen hattest??

?Weil ich wußte, daß er dann Dich wecken würde, wie Du es immer befohlen, und das wollte ich nicht,? sprach Alfred mit schwerer Zunge. ?Du bist gestern spät zu Bette gekommen; ich hörte Dich bis nach Mitternacht über meinem Zimmer auf und nieder gehen, und da wollte ich Dich ruhig ausschlafen lassen.?

Adelheid stand da wie vernichtet. Eine ganze endlose Nacht hatte das Kind seine Schmerzen überwunden, um den vermeintlichen Schlaf der Mutter nicht zu stören, und während ihr Kind in Fiebergluth Stunde um Stunde vergebens nach einem Tropfen Wasser lechzte, hatte sie an ihren Geliebten geschrieben, und als die Noth des armen Kindes auf?s Höchste stieg, sich Diamanten in das Haar gewunden, und während er den kindlichen Angstschrei nach der Mutter mit männlicher Willenskraft aus Schonung für sie unterdrückte, hatte sie den Entschluß gefaßt, ihn für Wochen oder Monde zu verlassen! Vielleicht hing des Knaben Leben von dieser stundenlangen Versäumniß ab, vielleicht kam die Hülfe schon zu spät ? dann starb das Kind aus liebevoller Rücksicht für die Ruhe der Mutter, für die Ruhe, die sie Träumen der Sünde geopfert! Stumm, keines Wortes mächtig, sank sie vor dem Bette nieder und barg das Gesicht in Alfred?s Kissen, während es nur in ihrer Seele rang und flehte: ?Nicht diese Strafe, Gott, nicht diese Strafe!? Und sie war nicht mehr die schönste Frau und die Geliebte des glänzendsten Cavaliers; sie war nichts mehr als eine Mutter, eine geängstigte, zerknirschte Mutter, die in diesem Augenblicke mit dem Opfer all ihrer heißen Liebes- und Glückwünsche das Leben ihres Kindes von Gott erkaufen will.

Der Candidat stand schweigend wie immer dabei und rührte sich nicht, um sie nicht zu stören, denn er fühlte, daß etwas Großes in ihr vorging. Er sah, wie sie kämpfte und litt; er lauschte ihren tiefen Athemzügen; er sah, wie das rasch aufgewundene Haar sich löste und unter der leichten Hülle hervorquoll, und er kehrte den Blick ab und heftete ihn auf das Kind.

Endlich hob Adelheid, immer noch knieend, den Kopf und wandte sich gegen den Candidaten, daß es aussah, als kniete sie vor ihm.

?Herr Feldheim,? sagte sie leise, ?haben Sie mir verziehen, was ich gestern gesprochen??

?Ich that es gestern schon!? war die ruhige, fast kalte Antwort.

?Um des Kindes willen ? aber nicht um meiner selbst willen. O Herr Feldheim, ich habe schwer gegen Sie gefehlt! In der Angst dieser Stunde fühle ich erst wie schwer, und um der Angst dieser Stunde willen bitte ich Sie, vergeben Sie mir ganz und voll und großmüthig, wie Sie sind!?

Sie nahm seine harte Hand in ihre weichen sammtenen Hände und Thränen glänzten in ihren Augen.

?Gnädige Frau, ich bitte Sie!? ? wehrte der starre Mann ab; es war, als ängstige ihn die Reue der leidenschaftlichen Frau. ?Wie mögen Sie um dieser Geringfügigkeit willen ein solches Aufheben machen!?

Adelheid sah ihn erstaunt an; welch ein Ton war das? Ein heimlicher Schmerz durchzuckte sie, eitle Schamröthe überflog ihr Gesicht. Sie wandte sich wieder Alfred zu. ?Mein Kind, mein Kind,? sprach es in ihr, ?was brauch? ich mehr als Dich??

Da berührte Jemand leise ihre Schulter. Erschrocken sah sie auf; es war ihr Gatte. Kalt erhob sie sich und machte ihm Platz, daß er sich zu Alfred setzen konnte.

?Was ist Dir, mein Sohn, ich höre, Du bist krank?? fragte der alte Mann und legte seine schwere zitternde Hand auf des Knaben Stirn.

Alfred versuchte zu lächeln.

?O, es ist nichts Besonderes, mein lieber Vater, nicht der Rede werth. Aengstige Dich nicht, mein Herzensväterchen; ich würde es ja sagen, wenn es was Besonderes wäre, ganz gewiß.?

?Gott gebe es!? sagte der Freiherr beruhigter. ?Ich bin so erschrocken, als ich hörte, daß Deine Mutter schon auf ist! Ich finde aber doch, Du bist sehr heiß! Du glühst ja förmlich.?

?Der Herr Candidat hat mich so warm zugedeckt,? beruhigte ihn Alfred. ?Es wird wohl ein Schnupfenfieber werden, das ist Alles ? gewiß! Geh? nur wieder zu Bette, mein Väterchen, thu?s mir zu Liebe, sonst ängstigst Du mich, es ist ja erst fünf Uhr. Ich werde wohl ein paar Tage liegen bleiben müssen; Du weißt ja, ich liege gern im Bette. Da leistest Du mir wieder Gesellschaft und spielst Schach mit mir und erzählst mir aus Deinem Leben, nicht wahr? Besonders aus Deiner Kindheit, das höre ich am allerliebsten. Aber nun geh, lieber Vater; bitte, bitte, geh wieder zur Ruhe!?

?Ich will Dir?s zu Liebe thun, mein Junge,? sagte der Freiherr, ?ich thue Dir ja Alles zu Liebe! Aber nicht wahr, wenn es schlimmer würde, läßt Du mich rufen, liebe Adelheid?? wandte er sich an seine Frau, die gesenkten Blickes neben ihm stand.

?Gewiß!? sagte sie, und der Freiherr erhob sich von seinem Stuhle.

?Vater, einen Kuß!? bat Alfred, und als der alte Herr sich zu ihm niederbeugte, fühlte das Kind, wie rasch und ängstlich sein Athem ging ? und wieder lächelte es und nickte und winkte mit der Hand, bis der Vater das Zimmer verlassen, dann fiel es in die Kissen zurück, und es war als ergössen sich die Wogen des Fiebers, die der Knabe durch Willenskraft zurückgehalten, auf?s Neue über ihn. Er schloß die Augen, aber eine Thräne rann langsam unter den gesenkten Wimpern hervor.

?Alfred, Du weinst?? fragte der Candidat.

?Es würde mir so leid für den Vater thun, wenn ich sterben müßte!? stammelte er wie im Traume.

?Alfred,? rief Adelheid, ?was sind das für Gedanken!?

?Armer Vater!? lallte er, als habe er nichts gehört.

?Kind, nur um den Vater klagst Du?? sprach Adelheid mit sanftem Vorwurf, ?und an die Mutter denkst Du nicht??

?Mutter ? Mutter!? wiederholte Alfred mechanisch, aber er konnte keinen Gedanken mehr fortspinnen, er verfiel in eine Betäubung, die dem Schlummer glich.

Adelheid und der Candidat setzten sich leise nieder. Adelheid schaute starr vor sich hin. ?Wohl dir, wohl dir,? dachte sie, ?daß du an deines Kindes Bette sitzest! Wie wäre es, wenn du in der Fremde, von einem rauschenden Feste kommend, die Nachricht von seiner plötzlichen Erkrankung erhieltest und müßtest noch Tag und Nacht in der Todesangst reisen, um zu ihm zu gelangen ? und fändest es dann vielleicht ? ? o wohl dir, daß du an seinem Bette sitzest!? wiederholte sie mit einem Blicke gen Himmel, den nur Gott sehen sollte. Aber auch der Candidat hatte ihn gesehen. Er war so schön, dieser Blick, so schön wie der einer Madonna, da sie über dem Leichnam des gekreuzigten Sohnes betet! Er sah, daß sie betete, und sein Herz that sich ihr auf im Namen der ewigen Barmherzigkeit!

Da sank ihr Auge wieder nieder und unwillkürlich streifte es das ihr zugewandte Gesicht des Candidaten und wieder verbreitete sich tiefe Röthe über ihre durchsichtige Stirn.

Keines sprach ein Wort, Alfred schien ja zu schlafen. Sie vermieden es einander anzusehen, und in diesem Vermeiden lag ein banges Etwas, das schwül und schwer auf ihnen lastete wie die Fieberhitze, die von dem Lager des Kranken ausströmte.

Da ward der Arzt hereingeführt und bei seinem lauten ?Guten Morgen? fuhr Alfred in die Höhe: ?St, der Vater, leise ? der Vater hört?s? ? lallte er und verfiel dann wieder in Bewußtlosigkeit.

Der Arzt erklärte nach kurzer Beobachtung das Uebel für nichts anderes als eine heftig auftretende, aber gefahrlose Kinderkrankheit. Da legte Adelheid die Hand auf?s Herz: ?Ich danke Dir, mein Gott, diesmal war es nur eine Mahnung, aber ich will sie beherzigen!?

7. Kaufleute.

Der Tag, der für die Familie Salten den Schrecken mit Alfred?s Erkrankung brachte, war auch für die Familie Hösli kein so heller Freudentag, wie sie es gehofft. Heiri, der erwartete Sohn, der Erstgeborene, dem die Herzen der Eltern und Großeltern in heißer Liebe entgegenschlugen, Heiri kam nicht ganz als Der zurück, als welchen man ihn erwartet hatte. Er war ein Mensch wie aus einem Stück Eichenholz geschnitten, so festgefügt, so durch und durch tüchtig, dabei der schönste eleganteste Jüngling, der je ein Mutterauge entzückt, und der talentvollste Kopf, der je den Stolz eines Vaters ausmachte, aber er war nicht mehr das, als was er erzogen worden: ein Schweizer. Wie konnte er es auch sein? Herr Hösli war vor einundzwanzig Jahren, als der alte Bürgermeister das Seidengeschäft noch selbst leitete, als schweizerischer Consul nach Brasilien geschickt worden und hatte sich da mit seiner Frau, der Tochter eines in Rio Janeiro etablirten Nordamerikaners, vermählt. Nach seiner Verheirathung vertauschte Hösli, der sich in Brasilien nicht eingewöhnen konnte, sein dortiges Consulat mit dem in New-York.

Heiri wurde, wie alle seine Geschwister, in New-York geboren, aber er als der Aelteste brachte gerade die entscheidendsten Entwickelungsjahre dort zu, denn Hösli behielt das New-Yorker Consulat, bis sein Vater ihm das Geschäft zu übergeben und sich zur Ruhe zu setzen wünschte. Da erst, vor etwa vier Jahren, legte er es nieder und kehrte in die Heimath zurück.

Heiri hatte von je eine Vorliebe für das Bau- und Maschinenfach gezeigt und mit so außerordentlichem Erfolg seine Studien in New-York begonnen, daß Herr Hösli es nicht für rathsam hielt, ihn wieder herauszureißen und mit in die Heimath zu nehmen. Alle Eltern müssen ja ihre Söhne in die Welt, auf Reisen schicken; was war natürlicher, als daß er seinen Heiri da ließ, wo er war und wo er in einem großen befreundeten Geschäftshaus untergebracht werden konnte, wie in Abrahams Schooß. Von dort sollte er dann nach zwei Jahren über England nach der Schweiz zu den Eltern zurückkehren. So kam es auch. Aber in England gefiel es dem jungen Geschäftsmann und Ingenieur so gut, und er hatte dort Gelegenheit so außerordentliche Dinge zu sehen und zu lernen, daß er immer neuen Urlaub von dem Vater zu erbitten wußte, und so war die beabsichtigte Rückkehr über England zu einem zweijährigen Aufenthalt angewachsen. Endlich hatte aber doch Herr Hösli einen Machtspruch gethan und Heiri gehorchte, aber nicht ohne geheimes Widerstreben. Zuvor jedoch hatte er seinen Vater noch zu dem Entschluß gebracht, einen seit Jahren gehegten Plan der Vergrößerung seiner Fabrik in Ausführung zu bringen. ?Vater, gieb mir gleich einen großen Wirkungskreis, eine Beschäftigung, die mich nicht zu Athem kommen läßt, sonst thut?s mit mir kein gut in Euren kleinstädtischen und kleinkrämerischen Verhältnissen!? hatte er seinem Vater geschrieben, und der Vater hatte ihn auf diese Aeußerung hin scharf zurechtgewiesen, aber doch eingewilligt, ihm nach bestandener Prüfung die Umgestaltung der Fabrik zu übertragen.

Herr Hösli ahnte nicht, daß diese eine Aeußerung der Schlüssel zu Heiri?s ganzem Wesen war. In Amerika geboren und erzogen, in England vollends ausgebildet, ward eine gewisse ? nicht Großthuerei, dazu war er zu nobel ? aber eine gewisse Großlebigkeit in dem Wesen des jungen Mannes entwickelt. Ihm war Amerika die Heimath, die Schweiz aber fremd, er liebte, wie die Jugend stets thut, das Gewaltige in allen Dimensionen, und die schweizer Verhältnisse mußten ihm, mit seinem amerikanischen Maßstabe gemessen, klein und lächerlich erscheinen. Er war mit einem Wort in seinem Benehmen, in allen seinen Anschauungen und Neigungen ein Amerikaner geworden, der in das einfache Schweizerhaus, das den Großeltern zu Liebe seine alt-ehrwürdigen Bräuche mit frommer Pietät einhielt, nicht mehr paßte. Denn einmal wieder im Vaterland, war Herr Hösli auch wieder ganz Schweizer geworden; sein Sohn aber wurde es schwerlich mehr! Nach wenigen Stunden froh bewegten Beisammenseins wußten das die Herren Hösli Vater und Großvater, und ein Schrecken bemächtigte sich der Beiden, als hätten sie in dem, der sich für ihren Sohn und Enkel ausgab, und den sie mit überströmender Zärtlichkeit im Schooß der Heimath aufnehmen wollten, plötzlich einen Fremden erkannt, der die Rolle des echten Sohnes nur spielte, sehr natürlich zwar, sehr liebenswürdig und warm, aber doch nur spielte. ?Bei uns in New-York ist das anders? ? war sein drittes Wort bei Allem, was ihm nicht anstand. Die Großeltern, die er ja noch nicht gesehen hatte, behandelte er mit Liebe und Respect, aber mit einer Art von Mitleid. Daß sein Vater und seine Mutter sich so gründlich ?eingeschweizert? hatten, war ihm unbegreiflich und das ?Züridütsch? war eine scheußliche Sprache, die er nie lernen wollte.

Und die Herren Hösli Vater und Großvater sahen sich einander an schweren, umdüsterten Blicks, und das Auge des Alten schien zu sagen: ?Siehst Du, es ist gekommen, wie ich es prophezeit ? es thut kein gut, solch junges Blut vier Jahre lang in der Fremde zu lassen.?

Herr Hösli der Vater aber stand auf und ging schweigend hinaus. Der Abend dämmerte über dem See, und Herr Hösli trat mit seiner gepreßten Brust an die Balustrade und athmete die bange Sorge vom Herzen herunter in die weite, in die ätherreine Luft hinaus, die kein noch so schmerzlicher Seufzer aus Menschenbrust je beschweren konnte; denn hätte er?s gekonnt, schon längst wären Alle, die da lebten, Glückliche und Unglückliche, erdrückt worden von der ungeheuren Wucht solch einer schmerzverdichteten Atmosphäre!

Und während er so dastand und hinausschaute in die duftige Ferne und der See ? der alte traute See ? zu seinen Füßen murmelte, der ihn und seine Ahnen und Urahnen von Kindheit auf geschaukelt und getragen wie ein treuer Wärter, da kam auch neue Zuversicht über ihn. ?Er wird sich wiederfinden!? sprach er zu sich selbst und sandte liebend und hoffend den Blick in die Ferne nach den grau verschwimmenden Gebirgen mit ihren weißen Spitzen. Da haftete sein Auge wie trunken an einer Stelle. Was war das? Dort oben auf den höchsten Gipfeln erglühte plötzlich eine Zacke feurig roth. Dunkler und dunkler ward es, und als glimme in den Gletschern ein verborgener Brand, der nur sichtbar würde, nachdem das Tageslicht erloschen, so erleuchtete sich mit der sinkenden Nacht Firn um Firn, als sollten die alten Hüllen von Eis schmelzen an der inneren Gluth. Wie eine Braut, die von dem Kuß des Geliebten träumt, im Schlummer erröthet, so schimmerte purpurn die Erinnerung durch die kristallenen Stirnen der schlummernden Alpen, die flammende Erinnerung an den heißen Kuß des Tages und der dunkle Spiegel des Sees strahlte den rosigen Schein wieder, ruhig, traumversunken.

Das war das Nachglühen der Alpen, das von Millionen, die da kommen, um die Wunder der Schweiz zu schauen, oft nicht Einer gesehen, das kein Schweizer erblickt, ohne daß es ihn selbst auf die Kniee niederzieht.

Und Herr Hösli, der ernste trockene Geschäftsmann, stand wie in Zauber befangen, aus dem zähen stillen Schweizerherzen stiegen wohlthätig warm die Thränen auf.

?Vater, was ist das?? tönte jetzt plötzlich die Stimme seines Sohnes hinter ihm, und der Mann wandte sich um, zog den Sohn in seinen Armen an das Ufer und deutete hinaus: ?Sieh, mein Sohn, das ist Deine Heimath!? Die sonst so sichere Stimme zitterte ihm, er konnte nicht mehr sagen ? er brauchte auch nicht mehr zu sagen! ?

 

Wochen vergingen dem armen Alfred in Beschwerden aller Art und lähmten den Schwung seiner Seele auf?s Neue. Der unglückliche Knabe verfiel in eine an Stumpfheit grenzende Resignation. Die Krankheit, ein heftiges Scharlachfieber, hatte, nachdem sie gehoben, eine Augenentzündung zurückgelassen, so daß Alfred nun beständig mit verbundenen Augen gehen mußte. Der moralische Anlauf, den seine Mutter in der ersten Angst bei seiner Erkrankung genommen, wich während der endlos langsamen Reconvalescenz einer Erschlaffung, die bei solchen schwachen Naturen unausbleiblich ist, und in einer trüben Abspannung erlosch endlich die neuentfachte Mutterfreudigkeit. Wohl versuchte sie dieselbe durch eine verdoppelte, ja übertriebene Sorgfalt zu ersetzen, aber Alfred empfand es doch und erschreckte Adelheid eines Tages mit der einfachen Frage: ?Nicht wahr, Mütterchen, Du hast?s satt, das immerwährende Krankenpflegen??

Warum fiel so etwas dem Knaben nie bei seinem Vater, dem Candidaten oder Tante Lilly ein? Und seine Mutter that doch, was nur möglich war, wich nie von seinem Bette und seiner Seite, ja, sie erlaubte sogar, nachdem jede Ansteckungsgefahr vorüber, daß Aennchen ihn täglich besuchte, die trotz ihrer neun Jahre ein unbedingtes Uebergewicht über den phantastischen, allem wirklichen Leben fremden Knaben gewann, ihm alle möglichen Wunderdinge von der Welt da draußen erzählte und ihn dabei so lieb hatte, daß sie?s keinen Tag aushielt, ohne bei ihm zu sein. Und seit er auch noch die Binde um die Augen trug und sich gar nicht helfen konnte, hatte sie ihn doppelt gern, viel lieber als ihre Brüder, nun that er ihr auch noch so leid! Sie durfte ihn oft im Garten herumführen, das war eine Freude! Sie that es so behutsam, Schrittchen vor Schrittchen, und war gar nicht wild, sondern recht vorsichtig, daß er sich nicht stieß oder stolperte, und strengte sich so an mit Stillsein und Achtgeben, daß ihr ordentlich das kleine Herz dabei schlug.

Ein außerordentliches Ereigniß war es für ihn, als eines Tages Herr und Frau Hösli selbst kamen und den Eltern ihren Sohn Heiri brachten. Das Herz schlug ihm hörbar, als ihn Tante Lilly, die in Aennchens Abwesenheit seine treue Begleiterin war, in das Empfangszimmer holte und er sogleich Frau Hösli?s Stimme erkannte. Man nahm ihm die Binde ab und er sah nun in das helle klare Auge der Frau, die er mit dem ganzen Enthusiasmus einer warmen Kinderseele verehrte. Er konnte vor freudigem Schrecken kein Wort herausbringen. Sein Vater, der neben Frau Hösli saß, sah mit Staunen die Bewegung, die den Knaben ergriff, und faßte ihn in die Arme, als fürchte er, daß ihm in diesem Augenblicke das Herz seines Kindes abtrünnig werde. Doch Alfred schmiegte sich innig an den Vater, und als wolle er einen magnetischen Rapport zwischen den beiden geliebten Menschen herstellen, hielt er in der einen Hand die des Vaters, in der andern die der Frau Hösli, und es that ihm so wohl, daß die Beiden so gut und liebenswürdig mit einander waren, während seine Mutter zu seiner Verwunderung sich fast ausschließlich mit den Herren Hösli Vater und Sohn beschäftigte. Der Knabe konnte nicht ahnen, daß die strenge Aristokratin es, ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, bei Männern weniger genau mit dem Standesunterschiede nahm als bei Frauen, namentlich wenn diese Männer so artig wie Herr Hösli Vater und so schön wie Herr Hösli Sohn waren! Und ein herrlicheres Bild blühender Jugend konnte es freilich nicht geben als den jungen Hösli. Wenn sich Apoll in einer muthwilligen Laune in die Kleidung eines eleganten Engländers gesteckt hätte, er würde ungefähr so ausgesehen haben wie Herr Heiri. Und dabei war der Jüngling so ruhig, selbstbewußt und doch von so angemessener bescheidener Haltung. Von dem Vater hatte er das scharfe Profil und die schwarzen Haare, von der Mutter die hellen meerestiefen Augen unter seinen dunkeln Wimpern und Brauen. Fürwahr, es war ein Anblick, der das Herz einer jungen gelangweilten Frau von Adelheid?s Temperament wohl erfreuen konnte. Aber nicht nur mit den Augen des Weibes, auch mit denen einer Mutter betrachtete Adelheid Herrn Heiri. ?Wenn dir Gott einen solchen Sohn beschieden hätte,? sprach es in ihr, ?statt dieses armen Kranken, aus dem in seinem Leben nichts werden kann!? Unwillkürlich stieg in Adelheid der Gedanke auf, daß sie um den Preis ihres Wappens gern mit Frau Hösli tauschen und gern ihren Adel für ein Glück, wie das dieser Frau, hingeben würde. Sie erschrak fast über einen solchen Gedanken; wenn Tante Wika oder Graf Egon eine Ahnung davon hätten!

Und in der That trat auch Wika soeben ein zum größten Schrecken Adelheid?s, die sich nun ganz anders benehmen mußte. Bella erschien nicht, denn sie verrichtete soeben ihre Zwölfuhrandacht. Wika aber hatte sich?s doch nicht versagen können, sich die ?Geldsäcke? wieder einmal anzusehen. Und sie begrüßte mit einem kurzen Kopfnicken die Gesellschaft, schaute mit ihren schlauen Aeuglein bald auf den jungen Hösli, bald auf Adelheid und flüsterte Lilly, die auch einmal etwas sagen wollte, ein zärtliches ?Schwatz? doch nicht immerfort? zu. Die arme Lilly flüchtete verschüchtert zu Alfred, wo ein- für allemal ihr Platz war, und verhielt sich ruhig, während Wika herablassend erzählte, wie ihre Herzogin ? bei der sie einst Hofdame war ? eine Vorliebe für Fabriken gehabt habe, und wie sie auf ihren Reisen überall mit der Hoheit die Fabriken habe besuchen müssen, was übrigens ihr ? Wika ? gar nicht lieb gewesen sei, weil der Geruch der vielen Arbeiter und das Getöse und der Rumor sie ganz nervös gemacht habe.

Herr Hösli erwiderte hierauf lächelnd: ?schlimmer als in einem Lazareth, wo sich doch die Damen der Aristokratie wohlthätiger Zwecke halber auch oft aufhielten, werde der Geruch wohl nicht gewesen sein. Und an den Lärm gewöhne man sich wie der Officier an den Donner der Geschütze. Uebrigens sei eine Fabrik auch kein Aufenthalt für Damen, die sich nur mit dem schmücken sollten, was aus dem Schweiß und Brodem einer Fabrik hervorgehe.?

Wika hatte genug für heute und beschloß, sich mit ?diesen Leuten? nicht weiter einzulassen. Frau Hösli aber sagte unbefangen, es habe sie anfangs auch Ueberwindung gekostet, in die Fabrik zu gehen, denn das Getriebe der Maschinen habe ihr immer etwas unbeschreiblich Beängstigendes und sei ihr wie eine Ahnung, daß ihr einmal durch dieselben ein schreckliches Unglück widerfahren müsse. Aber sie habe es doch endlich gewöhnt und gehe öfter hin, um nach den armen Arbeitern und Arbeiterinnen zu sehen.

?War denn Ihr Herr Vater kein Fabrikant?? fragte Wika spitzig.

?Nein,? sagte Frau Hösli heiter, ?er war ein Colonialwaarenhändler. Das Feuer, das unsere Producte zu Tage fördern mußte, war die Sonne und das Dach unserer Fabrik der blaue Himmel Brasiliens.?

?Das war wohl ein recht angenehmes Geschäft?? meinte Wika gnädig.

?O, es kann nichts Schöneres geben, als der Erde so unmittelbar ihre Früchte abzugewinnen, die ersten Lebensbedürfnisse der Menschen zu beschaffen und auszusenden in andere Welttheile, wo die Natur spärlicher giebt und die Menschen begierig auf das warten, was wir ihnen von unserem Ueberfluß schicken. Ich mußte wenigstens bei jeder guten Ernte an die armen Leute in Europa denken, wie sie sich freuen werden, wenn Kaffee und Zucker wieder abschlagen und wie ihnen das gut gerathene Product schmecken wird. Ich hatte mehr Vergnügen daran, zu denken, wie die armen Leute in der kalten Stube sich an einer Tasse heißen Kaffee?s erlaben, als wie sich stolze Damen in der Seide spreizen, die mein lieber Mann gesponnen und vielleicht dabei voll Verachtung an den Fabrikanten denken, der aus ihrer Eitelkeit Nutzen zieht.?

?Das wird wohl keine vernünftige Frau thun,? sagte Adelheid mit herablassender Verbindlichkeit.

?Ich weiß wohl,? entgegnete Herr Hösli, ?man denkt in Deutschland gering vom Kaufmannsstand, weil man den Gelderwerb immer noch mit einer gewissen Verschämtheit betreibt, während man doch auf den Geldbesitz sehr stolz ist. Seltsamer Widerspruch ? als ob es eine Schande wäre, zu erwerben, was doch keine Schande ist, zu besitzen! Dem Handelsmann, der noch in Thätigkeit ist, kehrt man in gewissen Kreisen den Rücken, während der reiche Rentier, der sich, Gott weiß wie, ein Vermögen erschwindelt und den Dandy spielt, überall ein gerngesehener Gast ist. ?Wovon lebt er?? ? ?Von seinen Renten? ? ah, das ist Bürgschaft genug! Ist nun solch ein Mann gar noch ein Ausländer ? desto besser! Je weniger man von ihm weiß, desto interessanter ist er. Das putzt den Salon und giebt Gelegenheit mit Sprachkenntnissen zu glänzen. Wie manche vornehme deutsche Familie reist nur in die Schweiz, um auf den so beliebten ?reichen Engländer? zu fahnden, denn wenn sich derselbe auch schließlich als irgend ein einfacher Epicier entpuppt, so deckt wenigstens die große Entfernung die Schande zu, daß man seine Tochter einem Kaufmann zur Frau gegeben. Für die deutsche Verwandt- und Bekanntschaft ist und bleibt er einfach ?ein reicher Engländer?! Habe ich nicht Recht, Herr Baron?? frug Herr Hösli lachend.

?Vollkommen Recht!? bestätigte der Freiherr.

?Das ist sehr schmeichelhaft für uns!? bemerkte Wika und wackelte vor Zorn mit dem Kopfe.

?Present company is always excepted,? sagte Herr Hösli mit einer artigen Verbeugung; ?daß ich mir erlaubte, diese kleine Sonderbarkeit der Deutschen in Ihrer Gegenwart zu berühren, mag Ihnen beweisen,[WS 1] wohl wie sehr ich Sie sämmtlich von dieser Sinnesart ausnehme! Es läßt sich ja gar nicht leugnen, daß diese falsche Scham auf einem Zartgefühl beruht, welches die Deutschen vor allen anderen Nationen auszeichnet, auf einer Geringschätzung der materiellen Güter des Lebens. Aber diese Geringschätzung ist eben heutzutage doch nicht mehr am Platze, wo so gewissermaßen alle Menschen bis zu einem gewissen Grade Kaufleute sind.?

?Ah? ? machte Wika, ?da wäre ich denn doch begierig!?

?Nun, meine Gnädige, was thut ein Kaufmann? Er läßt gewerbsmäßig für Geld Dinge, in deren Besitz er sich befindet, an Andere ab, nicht wahr??

?Freilich!?

?Man kann aber auch andere Dinge als Waaren verkaufen und einen nominellen Werth in einen realen umsetzen. Alles, selbst das Höchste und Unschätzbarste, wird mit Geld bezahlt und das Letztere oft gerade am schlechtesten! Der Tagelöhner verkauft seiner Hände Kraft, der Dichter und Künstler die Schöpfung seines Talentes, der Advocat seinen Rath und seine Einsicht, der Richter sein Urtheil, der Gelehrte sein Wissen und der Officier sein Leben oder wenigstens seine geraden Glieder. Wer thut oder giebt etwas umsonst? Sogar der aufopferndste Diener der Menschheit, der Arzt, läßt sich das Menschenleben bezahlen, das er gerettet, auch das, welches er nicht gerettet; ja selbst der Geistliche, der geweihte Diener Gottes, tauscht das göttliche Wort für Geld aus und jeder Segensspruch am Altar oder am Sterbebette hat seine bestimmte Taxe. Wie, und wir Kaufleute sollen uns schämen, für den Fleiß und die Mühe, womit wir die Bedürfnisse der Gesellschaft herbeischaffen müssen, eben auch unsere Entschädigung, unseren Profit zu fordern??

Eine kleine Pause der Verlegenheit entstand. Herr Hösli wartete einen Augenblick auf Antwort, denn fuhr er ruhig fort: ?Sie werden mir im Stillen entgegnen, daß für die Denker, Dichter, Beamten und so weiter das Geld nur Mittel zum Zweck, für den Kaufmann aber Zweck ist. Ich will es anheimgestellt sein lassen, wie viele Dichter um des Geldes willen schaffen, wie viele hochangesehene Geistliche und Beamte ihren Beruf nur als Broderwerb betrachten! Ich sage ganz ehrlich: Ja, wir Kaufleute wollen Geld machen und thun damit nichts anderes, als was in früheren Zeiten die größten Potentaten auf dem Wege der Alchymie versuchten, was heut zu Tage Jeder auf dem Wege vernünftiger Speculation versucht, der erkannt hat, daß Geld Macht und Freiheit in sich schließt! Wer Geld hat, ist unabhängig, ist Herr seiner selbst und seiner Zeit. Ich leugne nicht, daß ich mit Freuden arbeite, um mein Vermögen zu vergrößern, denn, da bei den Bürgerlichen alle Kinder gleich erbberechtigt sind, geht unser Besitz dereinst in vier Theile und ich muß ihn vervierfachen, wenn ich jedes Kind so reich wie uns selbst zurücklassen und meiner Familie auf lange hinaus eine freie unabhängige Stellung sichern will. Sie, Herr Baron, der Sie als Adliger so viel auf Familien-Ehre und Ansehen geben müssen, werden das am besten verstehen. Es ist nur der Unterschied zwischen uns, daß der Adel, um den Glanz der Familie zu erhalten, die jüngeren Nachkommen von der Erbschaft des Hauptvermögens ausschließt, daß wir aber für unsere jüngeren Kinder noch ein Vermögen zu dem bereits vorhandenen erwerben. So haben es die Hösli?s von Alters her gemacht und es existirt Gottlob Keiner mit Namen ?Hösli? in der Schweiz, der nicht auf eigenen Füßen stünde, oder gar dem Glanz und der Ehre unserer Familie Eintrag thäte!?

?Das ist sehr ehrenwerth gedacht, Herr Hösli,? erwiderte der Freiherr höflich, aber kalt. Er konnte in den, wenn auch boshaften, aber doch immerhin nicht unhöflichen Reden Wika?s keine genügende Veranlassung zu einer so ausführlichen Vertheidigung seines Standes seitens des Herrn Hösli finden. Lilly aber, das enfant terrible, ?vor dem man sich doch nie genug in Acht nehmen konnte!? plauderte, nachdem die Hösli fort waren, dem Freiherrn den Grund aus. Sie hatte mit Wika und Adelheid in der Küche gestanden, als das Mädchen die Karten Hösli?s brachte, und Adelheid hatte gesagt, sie müsse doch erst noch ein wenig Toilette machen. Darauf habe Wika gerufen: ?Na, wegen dem Kaufmannsgesindel wirst Du doch keine Umstände machen?? Da habe ihnen das Mädchen erschrocken abgewinkt, weil die Betreffenden ganz nahe vor der Küchenthür gestanden seien und es gehört haben mußten. Nun war dem Freiherrn alles klar und seine edle Natur empörte sich gegen die Beleidigung, die den ehrenhaften Leuten in seinem Hause widerfahren war. Er stellte Wika scharf zur Rede. Das gab ein paar böse Tage in der Familie Salten! Am schlimmsten war die arme Lilly dran, die sich gar nicht mehr vor den Schwestern sehen lassen durfte, ohne gerupft zu werden wegen ihrer Klatscherei. Das Nachmittagspiket wurde eine gelinde Marter für den Freiherrn und der Candidat wußte kaum, wie er Alfred vor den widerlichen Eindrücken behüten sollte, die solch eine keifende zankende Umgebung auf ein Kindergemüth machen mußte.

Adelheid aber verlor in diesem Leben und Treiben vollends Geduld und Muth. ?So hat kein Sterblicher sich je die Wonnen des Paradieses ausgemalt,? schrieb sie an den Grafen Schorn, ?wie ich mir die Wonne denke, im Frieden Deines Herzens auszuruhen von all? dem ekelerregenden Gezänk meiner Umgebung und all? der Sorge und Angst um mein dahinsiechendes Kind! O Gott, nur eine Freude, nur eine Stunde der Erholung, wenn ich nicht zusammenbrechen soll! Ich bin ja nur ein schwaches Weib, und was man mich ertragen läßt, wird endlich unerträglich! Wenn ich nicht den Candidaten hätte, der mich aufrecht hält? ? doch halt, was schrieb sie da? Wie konnte man sich so verschreiben! Sie radirte den ?Candidaten? sorgfältig aus und machte ?Glauben? daraus ? das paßte auch, das hatte sie auch ursprünglich schreiben wollen! ?

8. Hösli?s Fabrik.

Der Freiherr, stets bereit, ein Unrecht wieder gut zu machen, gab den Hösli?s sehr bald mit Adelheid ihren Besuch zurück, und die ruhigen Leute zeigten keinerlei Empfindlichkeit mehr. Herr Hösli hatte allerdings die Aeußerung Wika?s gehört und mit Bezug darauf gesprochen, was er seinem Stande schuldig zu sein glaubte; nun war aber auch genug geschehen und die ganze Sache viel zu gleichgültig, um noch weiter daran zu denken. Herr Hösli namentlich hatte seit Rückkehr seines Sohnes den Kopf voll von Plänen und Geschäften. Heiri hatte einen gewaltigen Dampfkessel neuester Construction aus England mitgebracht. Die Fabrik wurde nun in ungeheurem Maßstabe vergrößert. Der junge Mann war ein Genie in seinem Fache, er hatte die Prüfung über alle Erwartung gut bestanden, er kam als ein Ingenieur ersten Ranges und dabei als ein ausgelernter Kaufmann aus England zurück. Wie hätte einem Vater da nicht das Herz schwellen sollen vor Stolz? Wie sollten nicht alle die kleinen Kümmernisse um des Sohnes entfremdetes Wesen in den Hintergrund treten vor der grenzenlosen Freude über ein Kind so außerordentlicher Art?

Eine ganz neue Aera that sich in dem Leben der Familie auf. Bisher hatte sich Herr Hösli-Pallender mit dem bescheidenen Ruhme, ein streng rechtlicher und geschickter Kaufmann zu sein, begnügt; jetzt aber erfaßte den sonst so ruhigen Mann ein Ehrgeiz, den er nie gekannt: durch seinen Sohn sollte der Name Hösli nicht nur in der Schweiz, nein, in der ganzen industriellen Welt ein epochemachender werden. Das Geldinteresse, die geschäftliche Speculation des einfachen Handelshauses sollte sich plötzlich aufschwingen an der Hand eines schöpferischen Genius! Und dieser Genius war sein Fleisch und Blut, der Erbe seines Namens, der Zögling seiner Schule. ?Der Hösli-Pallender hat die größte Fabrik und den tüchtigsten Sohn im Lande!? so sollte es durch die ganze Schweiz wiederhallen. Kein König war glücklicher als Herr Hösli. Es war ein Ereigniß, welches ganz Zürich beschäftigte, daß der Hösli-Pallender nun doch baute, die halbe ?Enge? ankaufte, um aus den kleinen Häusern ein einziges Riesengebäude zu machen. Es war ein Gewühl und ein Leben in der ?Enge? am See, daß Alfred, der Alles still beobachtete, an den Ameisenhaufen erinnert wurde, den der neuliche Regen aufgerührt. Und er dachte, daß die Thätigkeit solch eines reichen mächtigen Mannes wie ein befruchtender Regen über das Land komme und eine Menge kleiner Geschöpfe aus ihrer stumpfen Gewöhnung aufstöbere und in neue Bewegung setze. Die Handwerker und Krämer, deren Häuser Hösli gekauft, zogen aus mit all ihrem Plunder. Es ward geklopft und gestäubt, Handwägelchen fuhren mit wurmstichigen Bettstellen und dreibeinigen Stühlen hin und her, Männer schleppten den kleineren Hausrath fort, Frauen rafften noch einen oder den andern vergessenen alten Trödelkram zusammen. Es war eine förmliche Auswanderung. Und kaum waren die Einwohner der betreffenden Häuser weggezogen, als auch schon mit dem Niederreißen begonnen wurde und Wolken von Staub sich herüberwälzten, daß die Büsche des hintern Gartenzaunes ganz grau aussahen.

Sommer und Herbst waren zu Ende, und mit Bewunderung sah die Familie Salten, sah ganz Zürich die Mauern des neuen Palastes, denn nur mit einem solchen war die Fabrik zu vergleichen, emporwachsen. Nicht nur aus Zürich, aus Basel und Luzern, aus allen umliegenden Cantonen waren Arbeiter aufgeboten, denn Heiri Hösli mit seinem raschen jugendlichen Blute und sein energischer Vater wollten auf amerikanische Art bauen, also schnell, wie in jenem merkwürdigen Lande, wo Eines das Andere vorwärts treibt, Alles geschieht!

Die alte Fabrik war nur ein Nebenflügel der neuen geworden, die sich jenem mit einem Mittel- und einem dem alten entsprechenden Seitengebäude symmetrisch anschloß. Der hohe prachtvolle Mittelbau trat etwas vor den andern nach der Straße zu vor bis an einen breiten Bach. Dieser sollte die große Turbine in Bewegung setzen, welche in wasserreichen Zeiten ihre Kräfte mit denen des Dampfes vereinen mußte. Hier war auch das Kesselhaus, von wo aus der Generator, der große Dampferzeugungskessel seine treibende Kraft nach allen Seiten der weitläufigen Maschinenräume gleichmäßig ausströmen konnte. Darüber befanden sich die Säle zur Aufbewahrung der fertigen Fabrikate, und unter dem Dache erstreckten sich die Speicher hin, wo Kisten, Kasten und all? die hunderterlei Utensilien, welche in einem solchen Geschäft nur allein zur Verpackung und Versendung der Waare dienen, untergebracht werden. Unten lagen die Keller mit der Rohseide, gewaltige tiefe Gewölbe, in denen die Seide vollauf die Feuchtigkeit hatte, deren sie bedarf. Obgleich damals noch allgemein die Sitte herrschte, die Dampferzeugungsapparate in das Hauptgebäude zu verlegen, was später gesetzlich verboten wurde, hatten es doch die Hösli?s absichtlich vermieden, unmittelbar über dem Generator Arbeitersäle einzurichten, überhaupt viele Menschen in diesem Theile des Baues zu beschäftigen. Um so belebter und lauter sollte es in den Maschinenhäusern rechts und links werden. Da sollten die Transmissionen keuchen und die Spulen schnurren, die Webstühle klappern und die Winden sausen, und zwischen all? dem unaufhörlichen Rasen und Tosen mit Gedankenschnelle sich drehender Maschinen hindurch sollten die Stimmen von fleißigen Menschen erschallen und tausend rührige Hände die Arbeit der Maschinen ergänzen und vollenden.

In dem eigentlichen Haupt- und Fabrikgebäude waren die Spinn-, Zwirn- und Webesäle, jeder zu zweihundert Arbeitern zugerichtet, die Ateliers für die Musterzeichner, die Bureaux und die Localitäten für Verpackung und Versendung der Waare. Aber auch die Hintergebäude waren vergrößert, in den ungeheueren Küchen für die Färberei sollten mehr als hundert Arbeiter beschäftigt werden, und endlich kam noch eine Schlosserei, Schreinerei und Schmiede dazu, denn das Steckenpferd des jungen Hösli war eine Maschinenfabrik, in welcher er alle bei der Seiden-Spinnerei und -Weberei erforderlichen Maschinen selbst anfertigen wollte, ein Gedanke, der dem Geschäft einen unberechenbaren Vortheil sicherte. Ein Unternehmen in solch großartigem Maßstabe mußte natürlich in die ganze Züricher Geschäftswelt einen neuen Umschwung bringen, und das Interesse für und wider war ein allgemeines. Neid und Mißgunst traf natürlich nur den Vater, den Besitzer, ? aber die ungetheilte Bewunderung Aller sammelte sich auf dem Haupte des Sohnes, der dieses gewaltige Werk entworfen und ausgeführt hatte.

So standen die Hösli?s auf dem Zenith äußern und innern Glückes und bürgerlicher Größe, und wie mit Flammenzügen prägte sich der Alles beobachtenden Seele Alfred?s, der nun längst wieder genesen war, der grelle Contrast zwischen dem zwecklos und eintönig dahinschleichenden Leben der Seinen und der Hochfluth in dem thätigen weitverzweigten Dasein dieser stolzen Bürgerfamilie ein.

?Herr Candidat,? sagte er einmal zu Feldheim, während sie mit einander am Fenster standen und dem Bau zusahen, ?wenn ich je in meinem Leben gesund und gescheidt genug dazu würde, ich würde auch einen Beruf erwählen, ich würde ein Kaufmann oder ein Gelehrter. Nicht wahr??

?Wenn Du Johanniter werden willst, mein Kind, kannst Du keinen Handel treiben, das verstößt gegen die Satzungen des Ordens!? erwiderte lächelnd der Candidat.

Alfred stutzte und schwieg einen Augenblick verlegen, dann fragte er: ?Warum denn??

?Weil sich für den Adel kein Beruf schickt, dessen alleiniger Zweck der Gelderwerb ist,? erklärte Feldheim mit leiser Ironie. ?Und was wolltest Du denn mit dem Gelde machen??

?Ich würde Krankenhäuser errichten für arme Leute! Ich würde es machen wie Herr Hösli, der seinen Arbeitern noch kleine nette gesunde Wohnungen baut, und Alles lobt und segnet ihn dafür. Ist es denn auch eine Schande für einen Johanniter, etwas studirt zu haben? Wenn ich nun Arzt würde? Da könnte ich mir die Mittel verdienen, die ich brauche, um all? meine Pläne auszuführen.?

?Mein Kind,? sprach der Candidat, ?Du wirst früher oder später erkennen, was ich meine, wenn ich Dir sage, Du brauchst nicht Johanniter zu werden, um die hohe Mission zu erfüllen, zu der Du berufen bist! Doch jeder Mensch muß seinen Jugendtraum haben. Der Deine ist das Ritterthum der Barmherzigkeit, das so ganz Deinem sanften liebeathmenden Wesen angemessen ist, und ich will Dich nicht daraus erwecken!?

?O nein, Herr Candidat,? bat Alfred mit einem rührenden Blick, ?lassen Sie mir diesen Traum, er ist so schön, so erhaben, wie ich ihn im Herzen trage!?

Der Candidat schwieg und betrachtete sinnend den Knaben. Nein, er wollte ihm nicht an den frommen Wahn rühren. War dieser Gedanke des Johanniterthums doch vor der Hand der einzige friedliche Ausgleich, der sich zwischen dem idealen Drang des Knaben und den Standesforderungen seiner Familie finden ließ. Hatte er doch auch den alten Herrn nie so zufrieden gesehen, als da ihm Alfred zum ersten Male seinen Vorsatz, Johanniter zu werden, mittheilte. Da unterbrach Alfred den Lehrer in seinem Nachdenken: ?O Herr Feldheim, sehen Sie, jetzt kommt der Kessel!? Der Candidat trat herzu.

Wenn man solch einem Bau lange zuzusehen Gelegenheit hat, so gewinnt man allmählich ein Interesse dafür, als ob man ihn selbst anfertigte, und jede neue Phase, in die das wachsende Werk tritt, begrüßt man wie ein Ereigniß. Es ist dies mit Allem so, dessen Entwickelung wir beobachten. Es ist die Freude am Werden oder am Werdensehen, die uns unwillkürlich zu Mittheilhabern an jedem vor unseren Augen entstehenden Werke macht, sei dies nun eine Schöpfung der Natur ? eine Pflanze, ein Thier, ein Mensch ? oder sei es ein Gebild von Menschenhand und Menschengeist.

?Nach dem Genuß, dem höchsten, den es giebt: selbst zu schaffen, kommt doch gleich unmittelbar der Genuß, schaffen zu sehen,? sagte der Candidat und lehnte sich weit zum Fenster hinaus, um das angekündigte Ereigniß zu verfolgen.

Alfred war voll Spannung. Das war ja der Kessel, von dem ihm Aennchen einmal erzählte, Heiri habe ihn aus England mitgebracht, und er hatte auch noch neuerdings gehört, man lasse einen besondern Heizer aus England dazu kommen. Wie neugierig war er, um das Wunderding zu sehen, aus dem man so viel Wesens machte! Auf einem niedrigen breitspurigen Wagen, von sechs keuchenden Frachtpferden gezogen, schwankte der schwarze Koloß langsam und majestätisch daher, der größte Hochdruckkessel, der bis dahin noch in Zürich gesehen worden. Die Erde erbebte unter den Schlägen der überlasteten Räder, daß der Boden unter Alfred?s und seines Lehrers Füßen zitterte und die Scheiben leise klirrten. In unterbrochenen donnerartigen Stößen kam es grollend näher und näher, feierlich, ungeheuer, wie eine gefesselte Naturkraft, die in ihrem Schooße lauerndes Verderben birgt. So erschien es Alfred?s erregter banger Phantasie. Aber die Leute da unten betrachteten es anders. Die ganze ?Enge? wimmelte von Zuschauern, ein dichter Schwarm zog jauchzend vor und neben dem Wagen her. Es war, wie wenn die Kinder Israels das goldene Kalb umtanzten. Und doch war dies etwas anderes, denn das goldene Kalb war nichts als ein leerer Begriff, das eiserne Monstrum aber sollte der Wohlthäter vieler Hundert armer Arbeiter werden, die auf Beschäftigung in der neuen Fabrik warteten. Es war kein todtes starres Götzenbild, es war das riesenhafte eiserne Herz eines gigantischen eisernen Fabrikkörpers, ein Herz, das glühen, überströmen, springen konnte, wie ein ungestümes volles Menschenherz und das seine Gluth mächtig pulsirend durch metallene Adern trieb, und damit einen Organismus in Thätigkeit setzte, dessen Brüste, denen einer Isis gleich, Schaaren hungernder Wesen Nahrung boten. Wohl hatten sie Recht, die Massen, welche das Wunder umkreisten, von dem sie so viel hofften, sie brauchten nicht darüber, wie die Kinder Israels, ihres wahren Gottes zu vergessen, sie konnten ihn auch in dieser Schöpfung von Menschenhand erkennen, wenn sie es nur recht verstanden. War doch der Geist, der das gewaltige Werk ersonnen, auch ein Ausfluß des ewigen Geistes, der da waltet und wirkt im Kleinsten wie im Größten und die Menschheit lehrt, aus den rohen Kräften sich Waffen zu schmieden nicht nur im Kampfe um das Dasein, auch im Kampfe um die ewige Schönheit dieses Daseins.

Der Wagen hielt vor der breiten Brücke an, die über den Bach zum Eingang führte. Wie ein Feldherr mit seinem Adjutanten standen Herr Hösli und sein Sohn auf dem Gerüst, um das Abladen zu überwachen. Eine lautlose Stille trat jetzt ein, nur von den Commandorufen der Ingenieure unterbrochen, da die ungeheuren Winden und Hebel in Bewegung gesetzt wurden, um den regungslosen Koloß von der Stelle zu bringen, als fühle Jeder die Verantwortlichkeit einer Operation, wo ein solches Herz in einen solchen Leib gesetzt wurde!

Es war vorüber, die dampfenden Pferde rasselten mit dem leeren Wagen von dannen. Die Höslis waren dem Kessel in das Innere des Baues gefolgt und die Menge zerstreute sich schwatzend und aufgeregt.

Alfred wischte sich den Schweiß von der Stirn: ?Mir ist, als hätte ich mitgearbeitet,? sagte er aufathmend und sah den Candidaten an, ob es ihm nicht auch so gehe. ?Was habe ich für eine Angst ausgestanden!?

?Gott gebe seinen Segen!? sprach Feldheim ernst. ?Es ist ein großes Ding, wenn Feuer und Wasser so eng zusammengejocht sind! Gott gebe seinen Segen!?

9. Helione.

Herbst und Winter waren vorüber. Alfred hatte die traurige Eiszeit, während deren er immer im Zimmer bleiben und vom Fenster aus zuschauen mußte, wie Aenny mit den Anderen im Schnee spielte, ziemlich gut überstanden, und sein Vater, der des Knaben Wachsthum alljährlich auf einem an die Wand genagelten Brette bezeichnete, konnte diesmal den Strich zur großen Freude der Familie um einen Finger weiter hinaufrücken. Aber gegen Aennchen kam er freilich nicht auf. Alle Säume hatten dem Riesenmädchen heruntergelassen werden müssen. Sie hatte im März ihren zehnten Geburtstag gefeiert, und doch war sie so groß wie der vierzehnjährige Junge, und ihre Ausgelassenheit kannte keine Grenzen mehr. Nicht genug, daß sie täglich ein paar Stunden regelrecht turnte und ihren Turnlehrer durch ihre Kraft und Ausdauer in Staunen setzte. Da war kein Baum, auf den sie nicht kletterte, kein Graben, über den sie nicht sprang, kein ausgespanntes Wäscheseil, an das sie sich nicht hing und woran sie sich wie eine Glocke hin und her schwang. Alle Abschüssigkeiten, Unebenheiten, Vorsprünge, Ecken und Kanten dieser Welt, an denen sich andere Menschen ängstlich vorbeidrückten, schienen nur dazu da, daß Aenny die Kraft ihrer jungen Muskeln daran erprobe, ungefähr wie junge Hunde an Allem nagen, was hart ist, um dem Reiz der durchbrechenden Zähne zu genügen.

So wuchsen und gediehen die Kinder der Hösli?s. Auch die Fabrik war vollendet; sie glich mit ihren hohen Schornsteinen einer kleinen betriebsamen Stadt mit vielen Kirchthürmen und zwar einer reichen, denn nirgends traf das Auge innerhalb ihres Weichbildes auf Armuth und Elend. Herr Hösli war ein Fürst, der seine Unterthanen glücklich zu machen verstand. Gelingen und Glück zeigte sich rings um ihn her und erschien den Saltens wie eine Zauberei, weil sie die natürliche Ursache desselben nicht kannten, den Fleiß. Nur Einer von ihnen kannte und besaß ihn, es war Alfred. Er war sich im vergleichenden Hinblick auf Alles, was sich seiner jungen Seele in dem eigenen und dem Leben der Nachbarn bot, bewußt geworden, daß Arbeit der Hebel ist, der Alles in Bewegung setzt; er hatte erkannt, daß es heutzutage keine Bedeutung mehr giebt als die der Leistungsfähigkeit, und ein unbezwinglicher Lerneifer ? die erste Erscheinungsform eines männlichen Strebens in dem zarten Knaben ? bemächtigte sich seiner. Der Candidat hatte ihn nur immer zurückzuhalten, nicht anzufeuern, und selbst in seinen Freistunden gönnte er sich nur eine Erholung, wenn Aenny kam; blieb sie weg ? was jetzt öfter geschah als früher, denn der sanfte ?vernünftige? Alfred genügte dem kleinen Kraftgenie nicht mehr ?, dann benutzte er die Zeit, wo der Candidat ihn sich selbst überließ, um heimlich weiter zu lernen. Auch hierin wie sonst beim Spielen mußte Tante Lilly herhalten. Sie mußte ihn überhören oder ihm dictiren, wenn er etwas rasch abschreiben wollte, um es besser einzuprägen. So saßen sie an einem herrlichen Junimittage in der Freistunde zwischen Zwölf und Eins beieinander und Lilly überhörte ihn lateinische Vocabeln, ein Ueberhören, welches darin bestand, daß sie Alfred die deutschen Vocabeln und er die lateinische Uebersetzung sagte. Sie hatten zu solch ernsten Beschäftigungen einen Aufenthaltsort gewählt, wo sie stets allein waren, einen alten verwahrlosten Pavillon, am Ende des Gutes, den nie Jemand betrat, weil er hinter dem Hause lag und keinen Blick auf den See bot. Die arme Lilly kam nicht recht mit ihrer Obliegenheit zu Stande, denn es war dunkel in dem Pavillon, dessen von Ranken und Gestrüpp überwachsene Fenster keinen Sonnenstrahl hereinließen, und sie hatten die Thür des Pavillons zugeschlossen, angeblich um des ungestörten Lernens willen, in der That aber nur, weil es Beiden ein behagliches Gefühl war, vor den übrigen Tanten sicher zu sein.

?Alfred,? sagte Lilly, als die Aufgabe pflichtschuldigst hergesagt war, ?ich habe was Gutes, da sieh her!? Sie zog eine große Schachtel mit Chocolade hervor. ?Das darfst Du auch essen; komm, wir wollen?s uns schmecken lassen.?

Alfred drohte ihr lächelnd mit dem Finger: ?Tante, Tante ? Du vernaschest wieder Dein ganzes Taschengeld! Was würde Tante Bella sagen, wenn sie das wüßte? Da, hörst Du? Sie ruft schon, als ob sie?s gemerkt hätte, daß Du hier etwas Verbotenes treibst.?

Lilly fuhr erschrocken mit der Chocolade in die Tasche, Beide horchten. Es war in der That Bella, aber sie hatte diesmal nicht die zitternde Lilly, sondern Adelheid zu ihrem Opfer auserkoren.

?Adelheid,? rief sie, ?wo bist Du? Adelheid!?

Lilly und Alfred rührten sich nicht in ihrem Versteck und athmeten auf, als die Gefahr vorüber war und Bella?s Stimme in der Ferne verhallte.

Adelheid war eine Strecke über das Gut hinausgegangen, um zu sehen, wie weit der Candidat mit einer Zeichnung gediehen sei, die er auf ihren Wunsch zum nahen Geburtstage des Freiherrn anfertigte.

Auf einer kleinen Landzunge, die ein paar uralte Kastanien beschatteten, hatte er sich niedergelassen und er war so vertieft in seine Arbeit, daß er Adelheid erst bemerkte, als sie schon hinter ihm stand. Er sprang so rasch auf, daß die Mappe, auf der er gezeichnet, ihren Inhalt in einer Menge loser Blätter umherstreute. Erschrocken bückte er sich darnach, aber bevor er sie zusammenraffen konnte, hatte Adelheid eine Zeichnung erblickt, die ihr eigenes sprechend ähnliches Portrait war. Sie entriß es dem Candidaten, ehe er es fassen konnte, und ein holdseliges Erglühen überflog sie, wie ein sechszehnjähriges Mädchen.

?O, Sie haben mich gezeichnet!? rief sie, ?wie unfreundlich, uns das Bild zu verbergen!?

?Es ist ja nur eine Studie, gnädige Frau,? sagte der Candidat kalt.

?Was heißt das griechische Wort, das Sie darunter schrieben?? fragte sie.

?Eine Phantasie ? weiter nichts, gnädige Frau!?

?Herr Feldheim, warum sind Sie so fremd und zurückhaltend gegen mich geworden??

Er schwieg.

?Herr Feldheim,? rief Adelheid mit plötzlichem Entschluß und hob die kleine weichgeformte Hand auf, ?diese meine rechte Hand gäbe ich darum, wenn Alles wieder zwischen uns werden könnte, wie es war, wenn wir die alte Unbefangenheit, die alte Herzlichkeit wiederfänden, die uns im Laufe der Zeit abhanden kam! Wüßte ich nur wenigstens, wer von uns Beiden die Schuld daran trägt ? Sie oder ich??

Feldheim schaute über sie weg und schwieg mit einem Ausdruck, als habe er so viel zu sagen, daß er nicht wüßte, wie er es in Worte kleiden solle.

Sie sah es und wartete geduldig auf Antwort, aber die Antwort war ganz im Gegensatz zu der erwarteten ein gezwungenes: ?Sie beschämen mich, gnädige Frau!?

?Das heißt, Sie fühlen sich als den schuldigen Theil?? frug Adelheid.

Jetzt fiel der Blick des Candidaten voll und ernst auf sie, und sie bereute die Lüge, sie demüthigte sich unter diesem Blick und wurde wahr.

?Nein, Herr Feldheim,? sagte sie, ?ich fühle, daß ich die Schuld trage, und doch, wenn Sie wüßten ? wenn Sie in meiner Seele lesen könnten, Sie würden mir es nicht anrechnen, gewiß nicht!?

?Ich rechne Ihnen nichts an, gnädige Frau, als die Güte, welche Sie mir, seit ich in Ihrem Hause bin, erwiesen, denn diese ist das Beherrschende, das, was immer die Oberhand behielt in Ihrem Wesen.?

?Ich danke Ihnen für dieses Wort,? sagte Adelheid, ?haben Sie Geduld mit mir. Sie sind ja mein einziger Halt in diesem nichtigen Treiben, an Ihnen will ich mich aufrichten, denn Sie allein sind ohne Fehl unter uns Allen.?

?Gnädige Frau? sagte der Candidat bewegt, ?ich bin nichts als ein Mensch, der seine Pflichten liebt.?

?Und ist das nicht Alles, ist es nicht das Höchste? Liebte Jeder seine Pflichten, wer würde sie dann versäumen? Wo blieben dann Schuld und Reue in der Welt? Und welch traurige Pflichten sind es, die Sie lieben! Wahrlich, ich bewundere Sie! Wo ist die Freude, die Zerstreuung, die Erholung, die Sie sich gönnen, wo der Lohn den wir Ihnen bieten könnten, über den Sie nicht hoch erhaben wären? O Herr Feldheim, schelten Sie mich nicht eitel und zudringlich, wenn ich immer wieder versuche, Ihnen etwas sein zu können, trotz meiner Unvollkommenheit, wenn ich Sie bitte: erziehen Sie mich zu dem, was ich sein müßte, um Ihnen würdig zu danken, um Ihnen einen Schimmer von Glück in Ihr entsagungsvolles Dasein zu bringen.?

Der Candidat lauschte diesen Worten wie einer fernen Musik, die Strenge wich von seiner finstern Stirn und sein Auge ruhte mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf ihr.

Sie lehnte sich an den Stamm einer mächtige Kastanie, die Strahlen der Mittagssonne fielen golden durch das Laubdach auf ihre rothen wilden Locken und durchschimmerten ihre glühenden Augen, mit denen sie zu dem Candidaten aufsah. Ein Tizian, ein Fleisch und Blut gewordener Tizian stand sie vor dem stillen Mann, dem Asceten, und der Hintergrund des Bildes war der blaue See und das schneeige Gebirge, der Vordergrund ein einsames lauschiges Kastanienwäldchen, durch dessen Dickicht kein Auge blickte, als das der kleinen Bachstelze, die auf dem Busche saß und neugierig das Köpfchen drehte. Weder das schöne üppige Weib, dessen unbestimmtes Verlangen gleich dem scheuen Vogel den verschlossenen Mann umflatterte, noch die kleine beobachtende Bachstelze hatten eine Ahnung von dem Sturm, der sich inmitten dieses friedlichen Stilllebens in der starren Brust Feldheim?s erhoben hatte. Hätten die Stürme in einer Menschenbrust nach außen Kraft, den See hätte er aufgewühlt und den Himmel verdüstert. Aber die Schmerzen und Kämpfe einer Seele kann auch nur eine verwandte Seele empfinden und Adelheid war zu weit ab von dem Verständniß des Lehrers, um zu fühlen, was in ihm vorging.

So stand er noch immer unbeweglich und, wie es schien, unbewegt vor ihr, und die Mittagshitze brütete heiße und immer heißere Gedanken in den Beiden aus ? ein Schritt, eine Spanne vorwärts und er hatte sie erreicht ? eine Hand brauchte er auszustrecken und der Tizian trat aus seinem Rahmen und sank an seine Brust! Und er hatte nie gekostet, was Erdenwonne sei, er hatte nie den nervigen Arm um ein Weib geschlungen, hatte nie die schwellende Kraft des jugendlichen Herzens in einem heißen Kusse ausgeströmt. Am Büchertisch hatte er seine Jugend vertrauert, Sorge und Kummer um eine alte Mutter, die er ernährte, waren die Genossen seiner schlaflosen Nächte und vorwärts eilend auf dem rauhen Pfad der Pflicht hatte er sich nicht Zeit gelassen, eine einzige Blume zu pflücken ? nicht eine einzige armselige Blume! Und hier neigte sich ihm zum ersten Male des Lebens üppigste Blüthe zu ? er fühlte, daß sie sich ihm zuneigte ? und er mußte an ihr vorübergehen, wenn er nicht vor sich zum Dieb werden sollte. O, tausendmal leichter im Schweiß seines Angesichts Felsblöcke aus seinem Wege räumen als diese Rose, die sich ihm bot, zur Seite schieben!

Und sie sah den Kampf lodern in seinen Blicken, sah die verschlossenen Lippen zucken, sah die seltsame süße Feindseligkeit des mit seiner Liebe ringenden Mannes auf seiner Stirne drohen ? und ihr Herz schwoll an in unnennbarer Sehnsucht. Alles, Alles war vergessen, der Gatte, der Geliebte ? was waren sie Alle gegen diesen Mann in seiner makellosen unnahbaren Hoheit! Und sie lehnte das Haupt wie trunken an den Stamm und schlang ihren weichen Arm um die rauhe Rinde. ?Herr Feldheim,? sagte sie fast flehend und engelhaft schüchtern im Gefühl ihrer Unwiderstehlichkeit, ?Herr Feldheim, nicht wahr, was Sie jetzt bewegt, ist nicht Haß gegen mich??

?Ich Sie hassen!? rief der Candidat erglühend. ?Das konnten Sie nicht im Ernste glauben, und es wäre eine Beleidigung, wollte ich Sie erst des Gegentheils versichern! Sie sind das Märchen meines gedankennüchternen Lebens, ein Wesen so gottbegnadet, wie ich keines sah. Sie fragten mich vorhin, was das griechische Wort heiße, das ich unter Ihr Bild geschrieben. Nun denn, Sie machen mir Muth, es Ihnen zu sagen: es heißt Helione! Die Gelehrten behaupten, wir seien Alle nichts anderes als verwandeltes Sonnenlicht! Bei Ihnen aber hat sich die Wandlung nicht ganz vollzogen, Sie haben noch mehr von dem Urelement an sich als alle Anderen, Sie sind noch lauter Sonnenlicht. Es ist als durchschimmere es Ihren ganzen Körper, als strahle es glühend von Ihnen aus. Wer Ihnen eine Ader öffnete, dem strömte wohl statt Blut Sonnengold entgegen. O Helione, sonnengeborene Frau, kein Staubgeborener kann das Auge auf Sie heften ohne geblendet zu sein! Und dennoch ??

?Und dennoch?? fragte Adelheid in höchster Spannung. ?Weiter, weiter!?

?Und dennoch haben auch Sie Ihre Sonnenflecken, wie das mächtige Gestirn, aus dem Sie hervorgegangen sind! Vergeben Sie das kühne Wort, ich glaube aber, die Güte, welche Sie mir erweisen, nicht besser lohnen zu können, als durch Wahrheit. Eine Lüge wäre zu klein für Sie. Ja, gnädige Frau ? es ist manches in Ihnen, was mir Ihr glänzendes Wesen verdunkelt. Es ist dies vor Allem der Mangel an Liebe, den ich an Ihnen nach einer gewissen Richtung wahrgenommen. Sie sind gegen uns Alle so gut, der Fremdeste sonnt sich in Ihrer belebenden Nähe, und nur Einer ist ausgeschlossen aus dem Strahlenkreis Ihres Herzens und darbt und friert im Winter seiner Jahre: Ihr Gatte!?

Adelheid zuckte zusammen.

?Gnädige Frau, Sie haben es in der Hand, mich zu strafen für meine Worte. Ich aber kann nicht anders, Sie haben mir zum ersten Male die Lippen geöffnet, ich muß es aussprechen: ich glaube, Sie wären glücklicher, wenn Sie Ihre Pflichten mit mehr Liebe erfüllten. Daß Sie es nicht thun, ist es, was Sie und Ihre Umgebung elend macht! Seit Jahren sehe ich es blutenden Herzens mit an und auch ihr Sohn beginnt es in seinem Gerechtigkeitsgefühl zu ahnen, daß Ihr Gatte, der edle gütige Greis, Alles entbehrt, was solch altes Menschenherz an Zärtlichkeit bedarf. Umgeben von den launischen zänkischen Schwestern, in steter Sorge um sein Kind, hat er Niemanden, der ihm Freude geben könnte, als Sie. Sie sehen es, müssen es sehen ? und haben kein Mitleid! Das, gnädige Frau, ist mir ein unlösbarer Widerspruch in Ihrem sonst so wahren Wesen. Ich weiß wohl, Sie können Herrn von Salten nicht als Gattin lieben ? und er fordert das auch sicher nicht. Ein kleiner Theil des Wohlwollens, womit Sie mich und Andere beglücken, würde dem anspruchslosen Greis Wohlthat sein. ? Nennen Sie mich nicht undankbar, daß ich Ihre Güte mit solch bitterer Wahrheit lohne, aber eben das Glück, was ich in Ihrer beseligenden Annäherung empfand, ließ mir den communistischen Spruch schwer auf die Seele fallen: ?Keiner hat ein Recht auf Ueberfluß, so lange noch Einem das Nöthigste fehlt.? Ich würde an meinem edeln Herrn zum Räuber, wenn ich den Reichthum, den Sie mir bieten, hinnähme, während er, welcher das erste und heiligste Recht an Sie hat, das Nöthigste entbehrt. Ist es nicht meine Pflicht, Ihnen zuzurufen: ?Geben Sie zuerst ihm, was ihm gehört, und mir ? was übrig bleibt!???

Er schöpfte Athem, als habe er die schwerste Arbeit vollbracht. Adelheid hatte die Stirn an den Baum gedrückt und schwieg. Der Candidat raffte Mappe und Zeichnungen zusammen und sagte leise: ?Man wird uns zu Hause vermissen, gnädige Frau!?

Sie winkte ihm stumm mit der Hand sich zu entfernen, er schritt gesenkten Hauptes durch das Gebüsch. Wie eingewurzelt blieb er stehen, der Baron und Wika traten ihm entgegen. Auf der Stirn des alten Herrn malte sich eine matte Röthe der Scham und er streckte in unverkennbarer Bewegung dem Candidaten beide Hände hin, als wolle er damit eine große stumme Abbitte thun für eine Beleidigung, von der Feldheim erst durch die Abbitte eine Ahnung bekam.

Beide Männer standen sich einen Augenblick schweigend gegenüber und hielten sich fest bei den Händen in warmem unausgesprochenem Entgegenkommen. Wika unterbrach die Pause: ?Wir wollten Sie zum Essen holen, Herr Candidat, fanden Sie aber so im Gespräch vertieft, daß wir nicht zu stören wagten.?

?Kommen Sie, mein lieber Feldheim!? sagte der Freiherr und legte im Weitergehen seinen Arm in den des Candidaten. Adelheid hatte sich indeß gesammelt und trat aus dem Dickicht hervor mit glühenden Wangen und gesenkten Wimpern.

?Na, Frau Schwägerin,? höhnte Wika und wollte sich gleichfalls auf deren Arm stützen ?Sie müssen vor der Hand doch noch mit der zänkischen Schwester vorlieb nehmen!?

Adelheid löste mit einer fast königlichen Geberde ihren Arm vom dem Wika?s: ?Ich bitte, führe Dich an dem, welchen Du hierher geschleppt, um mich zu belauschen, Verrätherin! Ich habe nichts mehr mit Dir gemein, als den Namen, der mein Fluch geworden!?

?Sieh, sieh einmal,? grinste Wika, die wieder ganz in ihrem Elemente war. ?Die Frau Schwägerin sind ja gewaltig stolz geworden, seit Sie erfahren haben, daß Sie gar aus der Sonne abstammen! Freilich, freilich, solch schöne Complimente können wir anderen ?Staubgeborenen? nicht machen. Ich werde aber Deinen Freunden schreiben, daß man die Briefe an Dich nicht mehr ?Ihro Hochwohlgeboren? ? sondern ?Ihro Hochsonnengeboren? adressirt.?

?Wika,? rief Adelheid außer sich, ?bei Euch müßte ein Engel zum Teufel werden! Was ich auch je gefehlt haben mag, tausendfach ist es gebüßt in der Geduld, mit der ich Eure Bosheit ertrug. Hier aber, Wika, ist die Grenze dessen, was ich aushalten kann. Das, was Du in dieser Stunde gehört, laß aus dem Bereich Deiner Quälereien, das bringe nicht mit einem Worte mehr über Deine Lippen ? oder ich thue endlich, was ich bisher stets verschmäht, ich suche Schutz gegen Dich bei meinem Gatten.?

Wika erschrak. Es war das erste Mal, daß Adelheid drohte, ihren Mann zu Hülfe zu rufen, und Wika wußte, daß der Freiherr nichts unerbittlicher verurtheilte als Bosheit. Sie schwieg und trippelte athemlos und blinzelnd neben Adelheid her, die so unbelästigt und ungeblendet in dem Brand der lachenden Sonne dahin schritt, als wäre sie wirklich von verwandtem Element.

Der Freiherr war mit Feldheim weit voraus. Er führte sich immer noch an dem jungen Mann und Beide sprachen ernst und angelegentlich miteinander. Sie traten in das Haus, ohne die Damen abzuwarten, und als diese endlich nachkamen, ging Adelheid sogleich auf ihr Zimmer und schloß sich ein. Sie zuckte zusammen, als sie an den Tisch trat, denn da lag ein Brief Egon?s an sie! Mit zitternder Hand erbrach sie ihn, die Photographie eines schönen Mannes fiel ihr daraus entgegen! Sein Bild in diesem Augenblick! Sie war tief erschüttert. Sie warf sich auf die Kniee und erhob wie vor einem Altar flehend die Hände: ?Vergieb, vergieb, Egon!? rief es in ihrer Seele. ?An Dein Herz flüchte ich mich zurück ? Du, Du nur bist die Liebe, die immer gleiche, die wahre! O Egon, mein Egon ? vergieb, vergieb!? Und sie brach in einen Strom heißer bitterer Reuethränen aus und küßte das Bild, und drückte es an ihren Busen, als wollte sie an dem Bilde gut machen, was sie an dem verbrochen, den es darstellte! ?

?Nun?? fragte im Corridor unten Bella die zornige, schwitzende Wika mit gespannter Erwartung.

?Nichts war?s,? keuchte Wika, ?wir haben sie zu früh aufgescheucht. Sie sind noch nicht so weit mit einander, wie wir es dachten. Hätten wir nur vierzehn Tage länger gewartet, da wäre die Frucht reifer gewesen!?

?Nun,? meinte Bella mit gefalteten Händen, ?so können wir uns wenigstens sagen, daß wir das Seelenheil dieser beiden jungen Verirrten gerettet haben, ohne sie zu vernichten. Sie sind jetzt gewarnt und werden ??

?Ach, geh? mir mit Deinen Dummheiten,? fuhr Wika sie an; ?was kümmert mich der Adelheid ihr Seelenheil! Den Candidaten will ich aus dem Hause bringen, und nun sitzt er fester als je!?

?O Wika ? er ist doch ein Diener Gottes ? sei nicht so hart gegen ihn!?

?Ja, nimm ihn auch noch in Schutz! In meine Ohren hab? ich?s hineingehört, wie er uns zänkische alte Jungfern genannt hat, die dem Alten das Leben verbittern; ein sauberer Diener Gottes das! Ich will?s ihm eintränken, wart nur!?

Da kam Adelheid aus ihrem Zimmer herunter, einen eingelegten Brief Egon?s an ihren Mann in der Hand. Eine gewaltsam unterdrückte Bewegung verrieth sich noch immer, und ihre Augen leuchteten fieberhaft unter den langen Wimpern hervor.

?Ich habe einen Brief von Vetter Schorn,? warf sie mit gleichgültig sein sollender Miene hin, ?er will uns mit meinem Neffen Victor in drei Wochen besuchen.?

?Egon? willkommen!? rief der Freiherr, der soeben aus seinem Zimmer trat und die letzten Worte gehört hatte. ?Ei, das ist ja sehr schön!?

?Du hast doch nichts dagegen, daß er meiner Schwester Sohn mitbringt?? fragte Adelheid, als wäre dies die Hauptsache an dem Ereigniß.

?Wenn es Dich freut, meine Adelheid ? so ist er mir tausendmal willkommen. Victor wird auch ein prächtiger Gefährte für unsern Alfred sein, die Knaben sind ja fast in einem Alter,? rief der alte Herr und führte Adelheid in das Speisezimmer, wo Feldheim mit Alfred und Lilly wartete.

?Wie gut Du bist!? flüsterte Adelheid und sah scheu von ihm zu dem Candidaten hinüber, dessen Auge fest und ruhig wie je auf sie gerichtet war. Sie neigte ihr flammendes Gesicht dem Gatten zu und noch einmal streifte ihr Blick den Candidaten.

?Meine Adelheid,? sagte der Freiherr und zog ihren Kopf an seine Brust. ?Mein Weib? ? er hielt inne und verbesserte sich leise, ?mein Kind, mein schönes gutes Kind, lege Dich und alles, was Dich drückt, an dies alte Herz ? und denke, es sei das Deines Vaters!? Er wischte eine Thräne ab, die voll in seinen weißen Wimpern perlte, und trat zum Tisch. ?Setzen Sie sich heute hierher neben mich, Herr Candidat,? sagte er und drückte mit seiner blutlosen Hand die pulsirende Rechte des jungen Mannes.

10. Die Vettern.

Jetzt begann auch endlich einmal im Hause der Salten neues Leben.

Alles war wie verwandelt, Menschen und Gegenstände. Es war ein Putzen und Fegen und Ausbessern bis auf den Grund, denn Graf Schorn sollte den alten Glanz der Salten nicht vermissen, wenn er kam. Wika commandirte den ganzen Tag im Hause herum hinter den Mädchen d?rein, die von Seifenschaum trieften und Alles, was Farbe hielt, unter Wasser setzen mußten. Sogar der leichtsinnigen Lilly, die sonst nie abstäuben durfte, weil sie Alles zerbrach, wurden einige ungefährliche Gegenstände zur Reinigung anvertraut.

Der Freiherr dressirte den ganzen Tag einen neuen Bedienten, der nichts begriff, als daß er bei seinen Uebungen für jedes Glas Wasser, welches er credenzte, ohne es zu verschütten, einen Centime und für jede Platte, die er um den Tisch servirte, ohne Löffel oder Gabel herunter zu werfen, zwei Centimes bekommen sollte.

Bella endlich hatte sich die schwerste Aufgabe gestellt. Sie wollte noch bis zur Ankunft des Vetters einen ganzen Vorrath wollener Leibchen und Binden für das große Johanniterspital, zu dessen Vorstand Schorn gehörte, fertig machen, welchen dann der liebenswürdige Vetter in seinem Koffer oder auch in einem besonderen Koffer portofrei mitnehmen durfte. Wie würde sich der edle Mitbruder in Christo über diese holde Fürsorge und Theilnahme für die Bestrebungen seines hohen Ordens erbauen! Diese Freude mußte ihm um jeden Preis verschafft werden, und die gute Seele nahm sogar sechs arme Tagelöhnerskinder, welche den Vater oder die Mutter verloren hatten, auf ihr Zimmer; die mußten ihr den ganzen Tag stricken helfen, wofür sie ihnen in ihrer christlichen Güte und Barmherzigkeit das Essen gab und sie schöne Bibelsprüche auswendig lernen ließ. So sorgte sie doch auch zugleich für das Seelenheil ihrer kleinen Mitarbeiterinnen an dem wollenen Werke Christi ? und wenn eines der Mädchen recht fleißig gewesen ? o Freude! dann bekam es ? sie kannte keine Grenzen, wenn sie einmal im Wohlthun war ? dann bekam es gar eines der hübschen frommen Büchelchen, auf Fließpapier gedruckt, ?zur Belehrung und Veredelung der christlichen Jugend?, mit deren Verbreitung ein religiöser Frauenverein die eifrige Bella betraut hatte.

Die kleinen Mädchen dachten wohl manchmal, solch ein warmes Kittelchen für den Winter wäre ihnen lieber! Sie wußten eben nicht, was für ein Unterschied zwischen den Armen eines Vereins, wo Gaben und Geber einregistrirt werden, und den Armen besteht, die ihre Almosen genießen, ohne daß Jemand etwas davon erfährt.

So hatte Jeder im Hause seinen Wirkungskreis, innerhalb dessen er den Empfang des geehrten Gastes vorbereitete, selbst der Candidat und Alfred trieben ihm zu Ehren eifrig die Geschichte der Johanniter, nur Adelheid kümmerte sich um nichts und ging herum wie in einen Traum verloren. In dem allgemeinen Trubel bemerkte es zum Glücke Niemand, nur die wachsamen Augen des Candidaten verfolgten sie unablässig, und gerade ihn vermied sie am ängstlichsten!

Endlich war der Tag der Ankunft Egon?s da. Der Freiherr freute sich auf den großen Vetter und Alfred auf den kleinen. Adelheid ließ sich den ganzen Morgen nicht sehen, ?die gnädige Frau machten Toilette?, so oft nach ihr gefragt wurde. Der alte Herr fuhr mit Alfred und dem neuen Bedienten nach Zürich hinein, um die Gäste abzuholen. Die Tanten versammelten sich schon in großer Aufregung im Besuchzimmer, Bella strickte krampfhaft die letzte Binde von einem Dutzend fertig. Wika las noch schnell die Zeitung und Lilly flickte sich am Leibe einen langen Riß in ihrem einzigen Staatskleide zu, der wieder ? sie begriff nicht wie ? hineingekommen war. Adelheid zeigte sich noch immer nicht.

?Thue mir den Gefallen, Lilly,? sagte Wika streng, ?und wackle nicht immer mit den Zähnen, wenn der Graf da ist. Es ist eine unanständige Gewohnheit.?

?Ja, das ist wahr,? bemerkte Bella, ?besonders bei Tische! Man meint immer, sie fallen Dir einmal auf den Teller.?

Es war die Art der Schwestern, ungewohnte Ereignisse dadurch einzuweihen, daß sie Lilly im Voraus für jede von ihr zu erwartende Ungehörigkeit auszankten.

?Lieber Himmel, wie soll ich?s denn machen,? warf Lilly schüchtern ein, ?wenn mir das Gebiß locker ist und nicht mehr hält??

?Nein? schrie Wika, ?es hält Dir schon, lüge nicht, aber Du spielst immer mit der Zunge daran herum, wenn Du Langeweile hast, und schiebst es hin und her.?

?Und dabei hast Du beständig den Mund offen wie ein kleines Kind. Man muß sich ja für Dich schämen!? sagte Bella.

?Laßt mir neue Zähne machen, dann braucht Ihr Euch nicht zu schämen,? sagte Lilly und verzog weinerlich das Gesicht.

?Trag Dein Geld zu Christus und nicht zum Zahnarzt!? mahnte Bella streng.

?Zu Christus? Wo soll ich?s denn da hintragen?? fragte das arme Kind mit einem Anflug sehr gewagten Trotzes.

?Weißt Du ?s nicht, dummes Ding? Gieb?s nur Bella, die hat seine directe Adresse!? höhnte nun Wika ihrerseits die ältere Schwester. ?Ueberdies findest Du in jedem Wohlthätigkeitsverein einen Briefkasten für unseren Herrn Jesus ? aber es werden nur Geldbriefe und Werthsachen angenommen.?

?Ich will nur sehen, welche Strafe Gott noch für Dich aufgespart hat, Du giftgeschwollene Lästerin!? flüsterte Bella und ihre Lippen wurden so fein und dünn wie zwei Messerschneiden, während Wika aus vollem Halse lachte und Lilly ganz heimlich einer kleinen harmlosen Schadenfreude genoß.

?Jetzt kommen sie,? schrie Wika und deutete nach einem Kahn, der sich dem Ufer näherte. Man hatte von diesem Fenster aus den Blick auf den See frei.

?Schnell die Handschuhe an!? befahl Bella, steckte ihr Strickzeug in die Tasche, daß es einen dicken Auswuchs an ihrer hagern Gestalt bildete, und zwängte ihre krummen dürren Finger in ein Paar großer Glacés, die sie unter dem Preise gekauft, weil sie Sporflecken hatten. ?Lilly, Du ziehst Handschuhe an,? befahl sie, ?ohne Widerrede!?

Lilly fuhr ohne Widerrede in ihre schmutzigen Glacés und bemerkte leider zu spät, daß es ein brauner und ein grauer war.

?Jetzt bemühen sich die Gnädige endlich herunter,? sagte Wika, die am Fenster Alles beobachtete. ?Schön ist das Weib, schön wie die Sünde ? das muß ihr der Neid lassen!?

?Ja wohl, schön wie die Sünde,? betonte Bella mit bekümmerter Miene, ?mögen die Engel des Herrn jeden schuldlosen Mann vor ihr bewahren.?

Adelheid schwebte mehr, als sie ging, den Weg über die Kastanienterrasse dem See zu. Sie war wirklich blendend anzusehen. Sie trug ein durchsichtiges weißes Kleid mit kleinen eingewirkten Margueritenblumen und grünen Blättern übersäet. Durch die wild aufgebauschten Locken hatte sie ein flatterndes hellgrünes Band geschlungen, das an der Seite nachlässig von einem Büschel wirklicher Marguerites zusammengehalten war. Was Natur und Kunst thun können, um ein Weib unwiderstehlich zu machen, das war bei Adelheid geschehen und selbst die Mumie Bella durchschauerte eine entsetzensvolle Ahnung von dem Eindruck, den dieser Reiz auf einen Mann mit jungen Sinnen machen müsse.

Den breiten weißen Strohhut trug Adelheid in der Hand; es wäre ja schade gewesen, wegen der paar Schritte die wundervolle Frisur zu verdecken. Ihre wallenden Haare leuchteten weit hin unter dem grünen Kastaniendach. ?Helione,? flüsterten ihr unhörbar zwei Lippen am einsamen Giebelfenster nach. ?Helione,? wiederholten es tausendfach die Lüfte, wo sie ging. ?Helione,? klang das Echo in ihr selbst.

Dort kam ihr Der entgegen, welchem sie Sonne war, und sie ging ihm auf in ihrer ganzen Strahlenpracht, daß er versengt war bei dem ersten Blick, versengt bis in?s Herz hinein. Sie war so prunkhaft und sieghaft in diesem Augenblicke ? jede Kraft will sich ja bethätigen, und ihre Kraft war ihre Schönheit und heute machte sie sich wieder einmal geltend. Das Wunder ihrer Erscheinung wirkte auf sie selbst zurück. Sie fühlte den Druck der Luft als eine huldigende Liebkosung. Es war ihr, als umwogten sie die Wellenlinien der eigenen wundervollen Formen wie eine warme wonnige Fluth, in der sie sich schaukelte. So mußte Aphrodite empfunden haben, als sie sich aus dem Schaume des Meeres werden fühlte und ihr göttlicher Leib sie halb noch als Woge umfloß, ehe er sich verdichtete zu dem Urbild aller Körperschöne!

 

Adelheid beflügelte, je näher sie den Landenden kam, wider Willen ihre Schritte. Sie liebte ihn, liebte ihn mit der ganzen Kraft, mit der sie sich selbst liebte, und mit dem ganzen heimlichen Trotz der Gekränktheit gegen Den, dessen Tugend stärker war als ihre Reize. Es giebt kein gefährlicheres Gift als die Zärtlichkeit, die das Weib dem Manne aus Trotz gegen einen Andern schenkt. Es ist ein Gift, das Beide zugleich vernichtet.

Adelheid hatte ihren Vetter erreicht; sie bot ihm das süße Gift mit der kleinen Hand, die sie ihm zum Kusse reichte, mit dem bräutlichen Blick, den sie ihm unter den Goldwimpern hervor entgegensandte.

Sie war auf die kleine Landungsbrücke hinausgetreten, ihre Locken wehten im Winde, an ihrer Hand sprang Egon aus dem Kahn, und vor ihr stand nun die edle ritterliche Gestalt mit dem eindringlichen aufsaugenden Blick, als wolle er sie in einem Anschauen ausschöpfen, die ganze unendliche Schönheit der Geliebten. Auch Egon war ein schöner Mann, ihr ebenbürtig an körperlichen Vorzügen. Sie war überrascht, als sie ihn wiedersah; sie glaubte ihn noch nie so herrlich gesehen zu haben. Kein Götterbild der Alten besaß bei dieser Reinheit der Linien die sanfte Gluth dieser braunen Sammtaugen, die Geschmeidigkeit und Kraft dieser schlanken Glieder. Er war ohne Gleichen in der zahllosen Gestaltenwelt der Künste und des Lebens. Wie hätte sie diesen Mann nicht lieben sollen? Konnte der Schönste nicht das Schönste fordern? Mußte sie sich ihm nicht liebend nahen, wie eine Welle in die andere fließt?

?Meine gnädigste Cousine!? sagte er in sichtbarer Bewegung, ?wie geht es Ihnen? Doch was brauche ich zu fragen ?? er senkte seine Blicke in die ihren, und unhörbar wie der Südwind, der an ihnen vorüberstrich, hauchte er ihr zu: ?Engel meines Lebens, wie schön bist Du!?

Jetzt war auch der Neffe Adelheid?s ausgestiegen und stellte sich der ?gnädigen Tante? vor. Er war ein hübscher strammer Junge zwischen fünf- und sechszehn Jahren in knapper Cadetten-Uniform, der einzige Sohn von Adelheid?s verwittweter Schwester, der Gattin eines Vetters des Grafen Schorn.

Egon hatte sich von der Mutter des Knaben, dessen Vormund er war, um so eher erbitten lassen, ihn nach Zürich zu führen, als ihm dies einen willkommenen Vorwand gab, seine Cousine wieder aufzusuchen. Er mußte ihr doch einmal den Sohn ihrer Schwester bringen, damit sie ihn in seiner Uniform sah, das war klar; er war natürlich nur Victor?s wegen da.

?Nun, was sagst Du?? lachte der Freiherr und klopfte den Jungen auf die Schulter. ?Ist das nicht ein Prachtexemplar? Daran mußt Du Dir ein Beispiel nehmen, mein Alfred!?

?Ja, wenn ich das könnte, mein lieber Vater!? sagte Alfred und sah traurig an seinem Vetter hinauf.

?Nun, nun, das wird schon werden,? tröstete der alte Mann, der fühlte, daß er dem Knaben weh gethan.

Man schritt dem Hause zu. Egon gab Adelheid den Arm. ?Welch ein Paar wären wir geworden!? dachten Beide in einem Athemzug.

Der Freiherr ging nebenher und die Knaben folgten.

Vetter Victor maß Vetter Alfred mit einem Ausdrucke der Enttäuschung: ?Warum hinkst denn Du??

?Weil ich ein verkürztes Bein habe.?

?Wovon kommt denn das??

?Ich hatte als Kind eine Entzündung des Kniegelenks, da ist mir das zurückgeblieben. Wir waren schon, ehe wir hierher zogen, in Kreuznach, aber es hat nichts genützt. Da ist wohl nicht mehr zu helfen.?

?Du sprichst ja wie ein Doctor,? meinte der Cousin, und Alfred wurde darüber ganz verlegen. ?Hm,? machte Victor, ?ich hatte mich so auf Dich gefreut ? ich wußte nicht, daß Du hinkst!?

?Wenn Du es gewußt hättest ? würdest Du Dich wohl nicht gefreut haben?? wollte Alfred fragen, aber er besann sich und schwieg.

?Ja, was fängt man nun an?? begann Victor wieder und betrachtete immer bedenklicher seinen schwerfälligen Begleiter. ?Ich hatte geglaubt, ich könne mich hier einmal recht austollen ? aber mit Dir ist ja nichts zu machen.?

?Da drüben unsre Nachbarn, denen unser Haus gehört, die haben zwei Söhne in Deinem Alter und ein kleines Mädchen, das aber so wild ist wie seine Brüder, mit denen kannst Du spielen,? tröstete ihn Alfred schweren Herzens.

?Wer sind denn die Leute??

?Er ist ein Seidenfabrikant.?

?Also Bürgerliche?? fragte Victor gedehnt.

?Nun ja ? sie heißen Hösli.?

?Hösli! Hösli! Nicht übel,? lachte Victor. ?Mit denen soll ich spielen??

?Nun freilich! Willst Du nicht??

Victor zuckte die Achseln. ?Doch, doch; hier kommt am Ende nichts darauf an, wo es Niemand sieht. Wie kann man aber nur Hösli heißen? Wenn ich mich zu Hause einmal verschnappte, daß ich mit Hösli?s gespielt! Gehen denn auch Deine Eltern mit den Leuten um??

?Natürlich, weshalb sollten sie nicht??

?Na höre, mit Bürgerlichen!?

Alfred blieb stehen und sah den Vetter mit einer eigenthümlichen Schärfe im Ausdruck an. ?Sind Bürgerliche etwas Anderes als Adelige??

Victor blieb auch stehen und war seinerseits ebenso erstaunt über Alfred?s Rede wie dieser über die seine. Das Wort blieb ihm buchstäblich vor Verwunderung im Halse stecken. Solch? eine Frage war ihm nie in den Sinn gekommen. Die Knaben betrachteten sich gegenseitig in einer unbewußt aufkeimenden Feindseligkeit. Zum Glück ward der Streit beigelegt, ehe er entbrennen konnte; die Vorangehenden riefen den Knaben zu, sich zu beeilen.

?Sind die Leute reich?? fragte Victor, von dem Hauptpunkte absehend, im Weitergehen.

?Ja.?

?Reicher als Ihr??

?Gewiß!?

?Ach!?

?Seid Ihr denn nicht reich??

Victor lachte: ?Wir? Ja! Reich an Schulden! Vater hat Alles verputzt, die Mutter weiß oft nicht, wie sie bei Hof erscheinen soll, und wäscht sich Nachts heimlich die Handschuhe selber. Wenn mich der Fürst nicht erziehen ließe? ? er blies sich durch die Finger ? ?da könnte ich Holzhacker werden.?

?So nimmst Du Unterstützung von einem Fremden an?? fragte Alfred mit steigender Geringschätzung.

?Nun, von einem Fürsten kann man sich doch etwas schenken lassen.?

Alfred richtete sich stolz auf: ?Ich würde nicht von Almosen leben, gäbe es mir ein Fürst oder ein Bauer, lieber würde ich Holzhacker!?

?Du würdest ein schöner Holzhacker,? lachte Victor, ?Du kannst ja kein Beil schwingen!?

?Nun, wenn mir gar keine Wahl mehr bliebe, dann würde ich lieber sterben,? sagte Alfred und tiefe Furchen legten sich um den bitter verzogenen Mund.

Victor sah ihn befremdet an: ?Wie überspannt Du bist! Was uns der Fürst giebt, ist unter allen Umständen eine Ehre, denn er hat gesagt, er wolle ein so altes verdientes Geschlecht, wie das unsre, nicht verkommen lassen.?

?Das ist keine Ehre,? sagte Alfred störrisch, ?was uns ein Anderer giebt ? das nur ist eine Ehre, was wir uns selbst erwerben.?

?Wer sagt denn das??

?Nun, das ist doch so einfach wie ?zweimal zwei ist vier?.? Sie waren am Hause angelangt.

?Alfred,? rief ihm die Mutter zu, ?wie erhitzt bist Du! was ist Dir, mein Kind??

?Nichts, liebe Mutter!? versicherte Alfred ungeduldig, es war ihm peinlich, so in Gegenwart der Fremden als Angstkind behandelt zu werden.

?Es ist die Freude über seinen neuen Gefährten!? sagte sein Vater vergnügt, ?Ihr seht Euch ja heute zum ersten Male. Als wir von M? nach der Schweiz zogen, war Dein Vater noch am Leben und garnisonirte in S? Nicht wahr, lieber Victor??

?Zu dienen, ja!? antwortete Victor, schlug die Fersen aneinander und machte Front gegen den Onkel, als erstatte er einem Vorgesetzten Rapport.

?Habt Ihr denn bereits recht gute Freundschaft mit einander geschlossen?? fragte Egon.

?Zu dienen, ja, lieber Vetter!? antwortete Victor mit militärischer Präcision.

Alfred schwieg. In diesem Augenblick erschien der Candidat auf der Treppe. Alle in der Vorhalle Versammelten wandten sich nach ihm um, er mußte die Stufen unter den Spießruthen der musternden Blicke der Gäste herabkommen. Er hatte die Augen niedergeschlagen, aber nicht aus Bescheidenheit, sondern nur aus vollkommenster Gleichgültigkeit, der es nicht der Mühe lohnt, die Anwesenden früher als nöthig zu betrachten.

In gespannter Erwartung harrte Egon des Nahenden. Rasch hatte er das Bild des düsteren Mannes in sich aufgenommen. Er sah die denkende Stirn mit den buschigen Brauen, die tiefliegenden verschleierten Augen und das reine Profil, die fest verschlossenen und doch so üppig geschweiften Lippen und das dichte blauschwarze Haar. Dieser Mann war gefährlich, wenn auch nicht eigentlich schön, denn dazu war er zu finster und zu eckig von Gestalt, aber er war mehr als schön: interessant und spröde! ? das sah Egon auf den ersten Blick und er streifte prüfend Adelheid?s Mienen. Sie bemerkte es und erglühte. Der Candidat kam heran. ?Herr Baron,? sagte er zu dem Freiherrn, ?Sie haben mich befohlen.?

?Mein lieber Herr Feldheim, ich konnte es nicht erwarten, bis ich zwei so auserlesene Männer mit einander bekannt gemacht! Herr Candidat Feldheim, Herr Graf von und zu Schorn.?

Feldheim verneigte sich zuvorkommend und tief, Egon grüßte leicht und obenhin. Der Candidat stutzte: hatte es der Graf überflüssig gefunden, seine Höflichkeit in gleicher Weise zu erwidern? Es war nur eine Form, aber sie entsprach in diesem Falle genau dem Maße des Inhalts und der Graf hatte Feldheim weniger Ehre zugemessen, als dieser ihm. Er überschaute den Grafen mit einem langen Blick von oben bis unten. Dieser ward nicht minder herausfordernd erwidert. Es stand kein guter Stern über dem Hause, als die fremden Gäste seine Schwelle betraten.

Adelheid befiel eine so bange Ahnung, daß sie darüber vergaß, was sogar Feldheim sah: wie schön sie der sorgenvolle Ernst kleidete, mit dem sie die beiden Männer beobachtete, während diese einige Höflichkeitsphrasen wechselten. Nur der Freiherr war in seiner biedern Weise gänzlich unbefangen. Er nahm Victor bei der Hand und stellte ihn Feldheim vor. Er hoffte, Victor werde Alfred, der so lange der Geschwister entbehrt, ein lieber brüderlicher Gefährte sein.

Feldheim sah Victor und dann Alfred an. Letzterer schüttelte leise das Haupt, Feldheim verstand ihn.

?Aber nun bitte ich Sie wirklich, meine Schwestern zu begrüßen, bester Graf,? flüsterte Salten, ?sonst müssen wir?s Alle entgelten!?

Egon war natürlich mit dem größten Vergnügen bereit und man trat bei den Tanten ein.

Egon, der gute, vortreffliche Cavalier, der immer wußte, was sich gehört, küßte nach der Reihe die schimmeligen Glacés Bella?s, die schmutzigen Lilly?s und die fetten handschuhlosen Grübchen Wika?s und alle mit dem gleichen ?Empressement?! Er hatte ein gar zu wohlthuendes Wesen, der liebe Vetter. Bella führte ihn gleich zu einem Tisch, wo die wollene Bescheerung für die ?barmherzigen Samariter?, mit rothen Bändchen gebunden, aufgethürmt lag.

Das freudige Erstaunen Egon?s über solchen Fleiß entsprach denn auch vollständig Bella?s Erwartungen.

?Lieber Gott, wenn man so alt wird und die Prüfungszeit, die uns von Gott gesteckt ist, länger dauert, als die Kräfte reichen, da kann man wenig mehr nützen,? flüsterte Bella und verdrehte die Aeugelchen wie ein Papagei, den man unter den Flügeln kraut; ?indessen Sie werden vorlieb nehmen, theuerster Graf und Mitarbeiter am Werke des Herrn ? es ist nichts Kostbares, aber ich strickte mit dem Herzen!?

?Ja, und sechs Waisenkinder haben ihr dabei geholfen!? fuhr Lilly arglos heraus.

Aber ?au! was kneifst Du mich denn?? schrie die kleine Unbedachte erschrocken auf und hielt sich das schlottrige Aermchen. Es war ein bedenklicher Moment für die doppelt blamirte Bella, ein noch bedenklicherer für das enfant terrible, welches seiner Strafe sicher war und vor lauter Angst ärger als je mit den Zähnen wackelte.

Gutmüthig wie immer machte der Freiherr der Verlegenheit ein Ende und bat Egon und Victor, sie auf ihre Zimmer führen zu dürfen. Noch einmal handküßte sich der galante Vetter der Reihe nach durch und diesmal kam auch selbstverständlich Adelheid daran, bei der er sich für eine Stunde verabschieden mußte. Als er seine Lippen auf Adelheid?s Fingerspitzen drückte, traf sein Auge das des Candidaten, der still beobachtend zur Seite stand. ?Auf Wiedersehen!? nickte er ihm herablassend zu und verließ das Zimmer.

Wenige Minuten später trat Adelheid mit dem Candidaten in die Vorhalle. Er wollte sein Zimmer aufsuchen, Adelheid ging in den Garten. Bevor sie sich trennten, blieb Adelheid stehen und sah ihn an mit der ganzen Macht ihrer Anmuth: ?Wollen Sie mir etwas zu Liebe thun, das Einzige, um was ich Sie bitte, seit wir uns kennen??

Der Candidat schaute in ihr kindlich flehendes Auge und auf ihre halbgeöffneten purpurnen Lippen. ?Alles, was ich kann!? sagte er mit einem tiefen Athemzuge.

?O, dann seien Sie gütig und nachsichtig gegen meinen Vetter. Er ist mit mir aufgewachsen, ist mir theuer wie ein Bruder, und was Sie ihm thun, thun Sie mir!?

Sie war so schön, so wahr, wie sie das sagte ? so durchsichtig.

Dem stillen Manne ging die Seele auf, und was nicht über die starren Lippen durfte, das suchte und fand seinen Weg durch das Auge und schimmerte darin in feuchtem Glanze. Er reichte ihr die Hand und sagte: ?Ich verspreche es Ihnen, gnädige Frau, soweit es sich mit meiner Ehre verträgt!? Und er wurde schön in seiner Milde und sah so groß und göttlich auf sie herab, daß es sie durchschauerte in ihre sündhafte lustberauschte Seele hinein.

Ein Geräusch schreckte sie auf, sie zitterte, als müsse sie umsinken: Egon trat aus seinem Zimmer.


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