Aus gährender Zeit

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1.

Ein junges Mädchen stand in einer Mondnacht des Juni am offenen Fenster und blickte auf die Straße hinunter. Es ist eine Weile her, fast dreißig Jahre. Die Häuser gegenüber, deren eines ein Hôtel zu sein schien, obschon keine der zwei- oder dreisprachigen Firmen, welche in Deutschland üblich sind, von dieser seiner Bestimmung Meldung that, lagen hell wie am Tage; der wassergefüllte Canal, welcher an Stelle des sonstigen Fahrweges die Mitte der Straße bildete, lief zur Hälfte schon im Schatten der einen Häuserreihe, während die andere mit blitzenden Wasserstreifen im Mondscheine lag, welche das Hingleiten des fließenden Wassers an der aufgemauerten Uferwand verursachte. Eine wunderliche Straße ? eine Straße wie in der Märchenstadt Venedig, nur daß keine schwarze Gondel darüber glitt, weich und schattenhaft, und daß die Wasser nicht Meereskinder waren, welche neugierig durch die Wohnungen der Menschen hin plätscherten, sondern einem Bache angehörten, bis zu dessen Ufern sich zwei Theile einer Stadt einander genähert hatten. Die Trottoirs an den Seiten waren schmal; mehr als vier Menschen hätten sie bequem nebeneinander nicht passiren können.

Die Häuser zeigten die im Bergischen übliche Bauart; die meisten hatten eine glatte Front, welche mit Schiefer schuppenartig belegt war, und grüne Läden oder Jalousien, darüber unförmliche Riesendächer. Nur das Haus, in welchem das junge Mädchen sich befand, machte eine Ausnahme; es war ein wunderlich verschnörkelter Bau, dreistöckig, an die süddeutsche Art erinnernd und dem Anscheine nach sehr alt. Sein Schatten, wie er sich im Canale drunten abzirkelte, zeigte ein Gewirr von Spitzen und Ecken. Vier Stufen führten zu einer quer durchgetheilten Doppelthür, an deren unterer Hälfte ein mächtiger Ring von Eisen hing, seitwärts konnte man ein hohes Geschäftsfenster gewahren, dessen Laden geschlossen war. Stumm und geschlossen lagen alle Fensterläden der unteren Stockwerke sammt den Thüren in der stillen, mondbeschienenen Straße. Es war spät in der Nacht.

Das Erkerfenster, zu dem das Mädchen sich jetzt weiter hinauslegte, war ohne Licht, gleich allen anderen. Nur die wie mit Holzrippen durchgitterten Hôtelfenster im zweiten Stocke gegenüber lagen hell, und die Gäste, welche sich dahinter bewegten, waren deutlich erkennbar. Indeß kein Blick der mandelförmigen, dunklen Augen schweifte dorthin. Das ovale, volle, aber, wie es aussah, blasse Gesicht der Schönen neigte sich dem ruhig und kaum hörbar strömenden Wasser zu, und die Augen folgten dem blitzenden Spiele da unten, bis sie starr wurden und zu träumen begannen. Die laue Juniluft streifte um ihre Wangen und wehte leicht in den weißen Gardinen neben ihr. Das Geräusch der großen Stadt schlief bis auf einen schallenden Tritt in der Nebenstraße oder den Pfiff eines Nachtwächters in der Ferne.

Als sich die Hôtelthür gegenüber öffnete und ein Trupp später Gäste pfeifend und schwatzend auf die Straße schlenderte, zog das Mädchen rasch die Arme unter der vollen Brust hervor und die hohe, geschmeidige Gestalt trat in das Zimmerdunkel zurück. Ein paar Männer aus der Gesellschaft mochten sie doch erblickt haben, denn ein scherzendes ?Gute Nacht, schöne Emilie!? tönte hinauf, und sie stampfte, Worte des Verdrusses flüsternd, leicht mit dem Fuße auf. Die Thür öffnete sich dann noch einige Male, um Gäste herauszulassen; die Lampen drüben verloschen allmählich; das Hôtel schloß seine Augen wie die übrigen Häuser.

Spät noch trat ein Einzelner auf die Straße, warf die Thür heftig hinter sich zu und schritt, mit verhaltener Stimme das Ständchen aus Mozarts Don Juan vor sich hinsingend, über den schmalen Steg, welcher seitwärts von einer Querstraße her den Bach überbrückte.

Als er mitten auf dem schwankenden Brette stand, hielt er einen Moment inne und blickte den Canal hinunter bis dahin, wo die dunklen Brückenbogen die Kaiserstraße mit der Wallstraße verbanden. Das Mondlicht flimmerte auf dem hellen breitkrämpigen Strohhute, der sein bis auf ein Schnurrbärtchen bartloses Gesicht beschattete, und der schlanke, ungewöhnlich große junge Mann hob wie in Ekstase den rechten Arm empor und begann halblaut vor sich hin zu declamiren:

?Freiheit! Du schlachtenfreudiges Weib, das ich anbete, blitzäugige Walküre Du, wir wollen kämpfen. Wappne Dich mit der Wehr aus der Götterschmiede! Wir wollen den Tyrannen die Köpfe zerschlagen. Zweihundert begeisterte handfeste Männer und ein paar anständige Officiere für sie stelle ich Dir zur Verfügung, und wir werden ihrer mehr werden; wir werden wachsen wie das Schneekorn, das über die Winterhänge der Alpen rollt. Und wenn uns die Teufel mit zehn neuen Baststricken binden: wir werden die Kraft von zehnmal zehn Simsons zeigen. Zu Boden mit den Schergen! Zu Boden!?

Seine kräftige Gestalt hob sich höher, und das Brett zitterte unter ihm. War es nur der verhaltene Ausbruch einer heißblütigen Natur, der aus ihm sprüht, oder war es echte Begeisterung? Oder hatte auch der Wein des Wiedenhofes drüben seinen Antheil an der letzteren?

Er nahm den Hut vom Kopfe. ?Ich wollte, ich könnte mich hier baden,? murmelte er; ?ich möchte der Nix dieser Pfütze Wassers sein, wenn es nur nicht über allen Kehricht zu laufen hätte. Mir ist heiß, als ob ich ein Glas voll Grog wäre.?

Ueber ihm im Fenster lehnte sich ein Weißes heraus und halblaut und dringend rief es hernieder: ?Heinrich!? Ueberrascht blickte er auf, und seine Haltung ward plötzlich eine ruhigere. Er durchmaß schnell die paar Schritt bis zum Ufer und trat so vorsichtig, wie er vermochte, unter den Erker. ?Heinrich,? flüsterte das junge Mädchen droben, ?Du mußt warten; ich will und muß Dich sprechen. Gott verzeih mirs, aber ich kann nicht anders.?

?Komm!? sagte er hinauf und nickte, und dann setzte er den Hut wieder auf und bog, als er nach einer Pause das leise Knarren der Hausthür vernahm, in die Seitenstraße, welche auf den Steg mündete. Es war ein schmales Gäßchen, in welchem die silberne Dämmerung der Mondesschatten webte.

Die helle Gestalt des Mädchens schritt rasch auf ihn zu und lag einen Moment leise weinend an seiner Brust. Er schlug die Arme um sie und bog sich nieder, um sie zu küssen. ?Heinrich,? stieß sie angstvoll heraus, ?es muß anders werden mit uns; wir müssen die Mutter zu gewinnen trachten und das bald, sonst wäre ich wahrlich nicht herunter gekommen zu Dir bei der Nacht, gegen alle Zucht und gegen eine Stimme in mir, die mich warnte. Du darfst nicht den Stolzen und Trotzigen spielen, und Du darfst die Mutter um ihrer Schwächen willen nicht beleidigen ? ? aber nein, nein ? es ist doch alles vorüber; ich sinne und zersinne mir den Kopf und weiß keine Hülfe zu finden.?

Er preßte sie fest an sich, so fest, daß sie hätte aufschreien mögen, und sagte endlich: ?Hast Du Sorge, daß wir uns verlieren? Ich hoffe, daß der Himmel und meine guten Engel, wenn ich deren habe, uns beisammen halten werden. Und nun weine nicht und nimm Deinen lieben Kopf zusammen! Ich kann nicht Weiber weinen sehen und Dich am wenigsten. Sei stark, Milli, und sprich, was Dich ängstigt! Du weißt, daß ich der Letzte bin, welcher verzweifelt.?

Sie machte sich aus seinen Armen los und nahm das Tuch, das sie in der Eile umgeschlagen hatte, fester um die Schultern. ?Wir werden doch nicht gesehen werden?? fragte sie ängstlich. ?Bist Du denn nicht im Club gewesen, und wo kommst Du jetzt schon her??

?Es war zuviel Tabaksrauch oben,? entgegnete er ein wenig nachlässig; ?Du weißt, ich kann ihn nicht vertragen, und die da oben können erst donnern, wenn sie in Wolken sitzen. Sie sind herrlich im Zuge, und Dein Bruder ist ein geborener General. Es ist Volk unter ihnen, daß sich Gott erbarm! Aber wir brauchen sie alle, wenn die Stunde schlagen wird; wir erlösen die Freiheit, mein Engel, und der Freiheit Glockenläuten wird unser Hochzeitsgeläute sein. Mit oder ohne Blut,? setzte er hinzu, ?gleichviel; das Morgenroth ist auch blutig ? ?

?Still!? unterbrach sie ihn und horchte. Ein Wächter schlürfte durch die Canalstraße, und sie standen einen Moment lautlos, bis der Schritt in der Ferne verhallte. ?Laß das jetzt, Heinrich! Wir haben Anderes zu reden. Es ist Jemand zurückgekommen aus Amerika: Franz Zehren ist wieder da.?

?Das wäre!? fuhr der junge Mann auf. ?Und er ist wieder Deiner Mutter erklärter Günstling wie vordem? Ein Mensch, der taub ist wie eine Nuß und trocken wie eine Backbirne, ein Mensch, der, glaube ich, kaum soviel Galle besitzt, wie man nöthig hat um einen Tropfen Wassers zu verbittern! Wie bezeichnend, daß er sich nicht wohl fühlt in einem Lande, wo es kein Königthum, keinen Adel und keine Spione giebt! Doch halt ? irre ich nicht, so ist er ja der Erbe der Wattenfabrik Zehren und Compagnie. Ich habe auch seinen Onkel mit curiren helfen, nachdem ihn die Wassersucht schon beim Kragen hatte. Ist es nicht so, Emilie? ? Nimm meinen Arm, Schatz, und laß uns einen Augenblick auf und nieder gehen! Das sieht unschuldiger aus, als wenn wir hier wie angewurzelt einander gegenüberstehen.?

Sie legte ihren Arm in den seinen, und dann schritten Beide langsam die kurze Gasse hinunter und wieder zurück. ?Es ist wahr,? sagte das schöne Mädchen, ?er ist zurückgekehrt und reich geworden, reicher als man geglaubt hat. Acht lange Tage habe ich Dich nicht gesehen, und an jedem dieser acht Tage hat er ein paar Stunden bei uns zugebracht. Wie es die Mutter anfängt, sich mit ihm zu unterhalten, ohne die Geduld zu verlieren, verstehe ich nicht. Sie verständigen sich leider noch immer wenigstens so gut wie früher. Aber das ist alles Nebensache, Heinrich; er hat heute zur Mutter gesagt, daß er mich zur Frau wünsche, daß er mich leidenschaftlich liebe, wie vor Jahren ??

?Und,? fügte der junge Mann hinzu, als sie wie vor innerem Widerwillen inne hielt, ?die kluge Mutter hat eingesehen wie alle anderen klugen Mütter, daß es nichts Erwünschteres für ihre Tochter giebt als eine gute Versorgung und eine Hand, welche sie gegen sich selbst und gefährliche Männer schützt, welche keine guten Partien sind.?

?Ich hasse ihn,? fuhr sie leidenschaftlich auf, dann aber dämpfte sie die Stimme wieder und sprach weiter: ?Zehren ist gewiß nicht dumm; er hat ein edles Gesicht. Aber er hat dabei etwas so Fertiges, so Unfehlbares, so Gleichmäßiges, daß ich ihm jede Beleidigung anthun könnte, nur um ihn aus dem Gleichgewichte zu bringen. Er steht da wie ein Heiliger, der zum Anbeten fertig geworden ist. Rette mich vor dem Menschen, Heinrich, oder ich werde unglücklich! Entführe mich, wenn es nicht anders geht! Du hast Freunde allenthalben, und es wird ja wohl irgend ein mitleidiger Pfarrer darunter sein, der uns zusammenspricht ohne ein anderes Ja und Amen als unser eigenes. Ich denke, daß ich meinen Bruder bewege uns behülflich zu sein; Du weißt, wie schwärmerisch er mich liebt, und ich habe Dir schon gesagt, daß er große Stücke auf Dich hält. Du bist Arzt und ungebunden; Du kannst Dich niederlassen, wo Du willst.?

Ihr Begleiter lachte kurz auf. ?Du bist eine Himmelstürmerin,? sagte er, ?aber Du hast Muth. Ich denke, ich rede erst mit Deiner Mutter.?

?Nein, nein ? sie hat ihm schon das Versprechen gegeben, daß ich die Seine werde; kein Mensch weiß sich zu erinnern, daß sie ein verpfändetes Wort zurückgenommen hat. Sie ist von Stahl und Eisen.?

?Gleichviel! Ich bin zu Allem fähig, aber ich greife nicht zum Aeußersten ohne Noth. Ich bin hier schwer entbehrlich, liebes Herz; ich muß helfen ein Werk thun, das ohne meine Mitwirkung leicht zusammenfällt, ein Werk für die Menschheit, Milli. Ich werde ein Stück Heiland sein, wenn es gelingt, und es ist süß, ein lebendiges Denkmal zu sein, dessen Piedestal tausende dankbarer Menschen bilden. Wenn ich Dich aber so theuer bezahlen muß, nun ? dann will ich auch das Opfer bringen, will das Blatt zerreißen, auf das ich meine Zukunft berechnet habe. Du Stolze, Du Prächtige, ich liebe Dich, und soweit es auf mich ankommt, soll Dich Niemand besitzen außer mir.?

Sie standen am Ausgange zum Canale. Wieder schlug er den Arm um sie; um seine Nüstern zuckte es stolz und sein Auge ruhte brennend auf ihrem erregten Gesichte. Das Blut floß ihr zu Kopfe; sie wand sich los und sah ihn ernst an. ?Schwöre mir, daß Du mich retten willst! Ich müßte sterben, wenn ich das Weib jenes Mannes werden sollte.?

?Ich schwöre es,? sagte er.

?Ich danke Dir, Heinrich. Gute Nacht, und habe mich lieb!? Sie schritt flüchtig um die Ecke und eilte die Stufen hinauf. Gebückt schlüpfte sie unter dem oberen Thürflügel durch, schob den unteren so vorsichtig wie möglich zu und steckte den schweren Holzriegel durch die Klammern. Einen Moment stand sie hochaufathmend drinnen und horchte, ob sich im Hause etwas regte. Die alten Treppen knisterten leise, und eine Maus arbeitete irgendwo im Holzwerke. Die Uhr im lutherischen Kirchthurme in der Nähe schlug Eins, und ein paar andere Thurmuhren folgten. Milli schien das Geräusch benutzen zu wollen, um dasjenige ihrer Schritte zu verdecken, denn sie huschte geschwind die Stufen hinauf.

Als sie über den Corridor ging, der zu ihrem Zimmer hin führte, sah sie, wie ein Lichtstrahl durch eine Thürritze über die Dielen des Bodens fiel, und gleichzeitig knarrte eine der Dielen unter ihrem Tritte laut und häßlich. Sie wurde bleich und griff nach ihrem Herzen. Sie wollte weiterschleichen, aber die Thür vor ihr öffnete sich, und der volle Schein einer Kerze strahlte auf ihr verstörtes Antlitz. Auf der Schwelle stand die Strenge, Gefürchtete: ihre Mutter, die nothdürftigsten Kleidungsstücke umgeworfen, die Nachthaube auf dem Kopfe, deren tadellose Weiße das derbe, energische Gesicht mit den scharfen braunen Augen nur noch dunkler röthete, als es ohnehin schon war.

?Mutter,? stammelte das junge Mädchen, ?sind Sie noch wach? Ich war drunten, weil ich glaubte klopfen zu hören und vermuthete, Karl sei vor der Thür und wolle aufgeriegelt haben.?

?Komm näher!? entgegnete die alte Frau lakonisch, und dabei wandte sie sich um und stellte das Licht auf den Nachttisch, indem sie es der Tochter überließ, die Thür hinter sich zu schließen. Sie setzte sich dann in einen Rohrstuhl, legte ein Tuch über die Füße und forderte die Tochter mit einer kurzen Geberde auf, gleichfalls Platz zu nehmen.

?Du wirst die Güte haben, Emilie, mir ohne Umschweife und Winkelzüge zu erklären, was Dich um diese Stunde noch in voller Kleidung hält und was Du da unten zu suchen hattest. Dein Bruder Karl ist Mann und mag verantworten, was er die Nächte über angiebt, welche er vorzieht, außer dem Hause zuzubringen. Von meiner Tochter wünsche ich Aufschluß über nächtliche Irrfahrten.?

Das junge Mädchen hatte seine feste Haltung wiedergefunden; bei der letzten Aeußerung der Mutter stieg ihr das Blut in die Wangen. ?Ich denke, meine Mutter wird wissen, daß ich nicht danach erzogen bin, um die Gebote der Schicklichkeit mit nächtlichen Irrfahrten zu überschreiten,? sagte sie ausweichend, aber ohne zu stocken.

?In der That, recht schön gesagt, Emilie, Du bist leider emancipirt genug von dem Einflusse Deiner Mutter, als daß es Dir zukäme, Dich auf die Wirkungen meiner Erziehungsweise zu berufen.?

Das junge Mädchen sah einen Augenblick vor sich nieder. ?Ja,? sagte sie dann, wie mit plötzlichem Entschlusse, ?ich habe meinen Willen, Mutter, und ich will ihn haben. Kein göttliches Gesetz hat die Kinder zu willenlosen Sclaven der Eltern gemacht. Ich habe auch ein Herz, Mutter, und mein Herz hat seine eigenen Empfindungen und Wünsche. Ich würde nicht jedes Schicksal tragen können, aber das Schicksal, welches ich mir wünsche, trüge ich, und wenn es im tiefen Elend endigte, weil ich es gewollt habe, und wenn ich mir Disteln und Dornen zum Lager bereite, dann habe ich Kraft genug, darauf zu schlafen. Aber wenn mich eine andere Hand ins Elend wirft,? fuhr sie mit erhobener Stimme fort, ?dann kann sie mir nicht zugleich die Kraft mittheilen, darin auszuharren, in mir selber aber würde ich sie nicht finden.?

Sie war aufgestanden; ihre Augen blitzten, und ihr voller Mund war von Stolz geschürzt, ohne daß sie die plastische Haltung verlor, welche dem vollen, ebenmäßigen Bau des schönen Mädchens eignen zu müssen schien.

?Das Blut unseres Ahnherrn!? murmelte die alte Frau, indem sie, die Stirn runzelnd, eine Weile bei Seite blickte; ?wir haben es alle.?

Dann deutete sie wieder mit ausgestrecktem Finger auf den Holzstuhl, auf dem Emilie gesessen hatte und der so farben-unbestimmt und verwittert aussah, wie das ganze Meublement dieser Kammer. ?Du bist eine Närrin,? sprach sie schneidend. ?Du hast Verstand genug für fünf Mädchen, aber Du willst ihn nicht gebrauchen, weil ihn Dein sogenanntes Herz nicht zum Reden kommen läßt. Ich habe nie verlangt, daß Du meine Sclavin sein sollst, aber ich wünsche jenes Vertrauen von Dir, welches den Gehorsam des Kindes gegen seine Eltern begründet. Du sollst glauben, was ich Dir sage: nämlich daß in Deinen Jahren der Mensch einen ungesunden Ueberschuß an Herz hat, und daß er alle die Phantasien und Träumereien, an welche er sein Glück hängt, belächeln wird, wenn er zwanzig Jahre älter sein wird und Herz und Kopf im Gleichgewicht sein werden. Wir Alten waren, was Ihr seid, und wissen, wie es um die Jugend beschaffen ist, und das ist der Grund, warum wir Gehorsam fordern und zu fordern ein Recht haben. Ich weiß, was Dir im Kopfe spukt, Milli,? fuhr sie ruhigeren Tones fort. ?Ich weiß, daß Du an jenem unruhigen, zerfahrenen Menschen hängst, an dem keine geordnete Faser ist, der wie ein Feuerwerk umherprasselt und der selber keinen Gott und kein Glück hat und keine Seele glücklich machen kann ??

?Beschimpfen Sie den Mann, den ich liebe, nicht, Mutter, wenn Sie nicht wollen, daß ich das Zimmer verlasse oder mir die Ohren zuhalte! Ich will Ihnen sagen, worin sein ganzes Verbrechen besteht: darin, daß er keine friedliche Rechenmaschine ist wie dieser ? dieser ? Zehren, daß er keinen Onkel zu beerben hat, daß er verschmäht, Ihnen ? den Hof zu machen ? ? ? ach, Mutter ? mein Gott, ich bin von Sinnen ? verzeihen Sie einer Unglücklichen! Ich durfte Sie nicht kränken, nicht so grausame Worte sagen ??

Sie war zu der alten Frau hingeeilt, welche die Heftige, außer sich Gerathene starr angeblickt hatte und dann mit geschlossenen Lidern in den Sessel zurückgesunken war, und sie lag vor ihr auf den Knieen, die Augen in Thränen gebadet und ihr die kalten weißen Hände streichelnd. Langsam lösten sich diese Hände aus den ihrigen, und die Frau richtete sich aus dem Sessel auf und trat zur Seite, ohne der Reuigen, welche angstvoll zu ihr hinaufsah, einen Blick zu gönnen. ?Du kannst gehen, Emilie,? sagte sie bitter. ?Dein Platz ist zwei Zimmer weiter.?

Bei dem jungen Mädchen verflog die weiche Stimmung mit der nämlichen Schnelligkeit, mit welcher sie gekommen war. Sie erhob sich rasch und verließ mit einem tonlosen ?Gute Nacht, Mutter!? das Zimmer. Das ihrige war bald erreicht. Das Fenster stand noch offen, und sie lehnte sich noch einmal hinaus und trocknete still die brennenden Augen. Der Mond war tiefer gegangen; die Nachtluft wehte kühler von dem verdunkelten Canal herauf. Ueber die steinerne, mächtige Bogenbrücke rechts drüben huschte es wie ein größerer Trupp Menschen, welche es eilig hatten, und hinter ihr in der Kammer der Mutter glaubte sie diese murmelnd und hüstelnd auf- und niedergehen zu hören.

2.

Der junge Arzt stand noch einige Zeit an der Hausecke, nachdem die helle Gestalt des jungen Mädchens in der Hausthür verschwunden war, und rieb sich, während er nachdachte, mechanisch die Stirn. ?Enfin ? was kanns nützen?? meinte er endlich halblaut. ?Daß ich sie liebe, fühle ich mehr als deutlich; eine Königin, Feuers und Geistes voll ? das ist sie, wie ich sie haben muß, um guten Muthes in Fesseln zugehen. Was finge Unsereins mit einer Frau an, die sich darauf capriciren würde, ihn für die Häuslichkeit zu gewinnen und ihm den Hausschlüssel vorzuenthalten! Ich fürchte, in vier Wochen säße sie wieder bei der Frau Mama am Fenster und stickte ein Canevas-Muster, wie sie es während der Unschuldszeit ihrer Mädchenjahre gethan hat.?

?Heirathen! Und eine Entführung dazu! Ich habe kein Loth sentimentaler Romantik in mir. Um eine Familie zu ernähren, müßte ich endlich damit beginnen, meine Praxis zu pflegen und sogar nervöse Damen zu curiren, wenn es verlangt würde. Warum nicht? Man kann jeden Beruf als melkende Kuh betrachten, wenn es sein muß. Bei Gott, ich ertrüge es nicht, zu sehen, ohne dumme Streiche zu machen, daß sie mit einem Einfaltspinsel wie Zehren als Mann über die Straße geht. Ich wäre im Stande, sie vor allem Volk von ihm loszureißen und mit ihr weiterzugehen. Und so sei es denn! Komme, was wolle! Das Beste ist, ich rede zunächst mit Karl, mit dem Pascha von sieben Roßschweifen. Er wird ja noch in der Schlucht drüben sein, und ich bin nicht in der Laune, etwas auf morgen zu verschieben, was ich heute thun kann.?

?Vorwärts!? rief er, und stieß einen Stein mit der Fußspitze vor sich hin, daß er beim Steg ins Wasser rollte. Er passirte wieder das Brett und schlenderte das Ufer hinunter, an dem Hotel vorbei, dem er nicht die geringste Beachtung schenkte, vielmehr wollte er weiterhin bei der Kaiserbrücke in die breite Wallstraße einbiegen, stutzte indeß einen Moment bei der Ecke, da zwanzig Schritt hinunter zwei Menschen im Schatten der linken Häuserreihe in eifrigem Gespräch standen, deren einer, wie sein scharfes Auge leicht bemerkte, den blinkenden Helm des Soldaten oder Polizei-Lieutenants auf dem Kopfe trug. Militär war nicht am Orte, und somit zweifelte er keine Secunde, daß dort Polizei stehe.

?Zum Teufel,? murmelte er überrascht, ?wie kommen die Beiden vor die Thür da? Ich will nicht hoffen, daß sie Witterung haben und im Hinterhalte liegen. Da muß Rath geschafft werden auf alle Fälle. Wenn ich nicht irre, so ist es Donner, welcher da spionirt; das wäre noch Glück im Unglück.?

Er ging so behaglich wie möglich vorwärts, indem er zu singen begann:

?Bei der Nacht um halber Eine
Macht sich Donner auf die Beine,
Und dann denkt er siegbewußt:
Schleppen, schleppen ? welche Lust!?

Es war das ein Spottvers, der in aller Munde war und sich auf das nächtliche Verhaften politisch Verdächtiger bezog; ?schleppen? war der technische Name dafür.

?Wer ist das?? fuhr der Polizeibeamte auf und that rasch ein paar Schritte auf den verwegenen Sänger zu. ?Wer wagt hier mich zu höhnen??

?Halten Sie mich nicht auf meinem Berufswege auf, Commissar, oder Sie laden ein Menschenleben auf Ihr Gewissen!? sagte der junge Mann lachend. ?Uebrigens bin ich erbötig den Beweis der Wahrheit anzutreten.?

?Sie sind es, Doctor?? meinte der Polizeicommissar ärgerlich lachend. ?Kranke besuchen, he? Ist aber verdammt zeitig noch für Sie; aus dem Bett hat Sie doch jetzt noch Niemand klingeln können. Glaube nicht, daß Sie vor zwei Uhr zu Hause zu finden sind, und wüßte gern, wie man Ihrer habhaft geworden ist.?

?Nur durch einen unangenehmen Zufall,? war die launige Antwort. ?Wie wärs, Freundchen, wenn Sie Ihren Nachtrath dort? ? er zeigte auf den Wächter in der Nähe ? ?stehen ließen und mich ein Stück begleiteten? Es wird schon, wenn mein Patient besorgt ist, noch irgendwo eine anständige Flasche Mosel für uns zu finden sein. Ich habe Ihnen unter der Hand einen Wink zu geben, der Ihnen einen Orden sammt Beförderung eintragen kann. Der Zufall hat mich heute an einen Ort geführt, wo es viele Menschen giebt ? sehr viele! Sie verstehen mich wohl, Mann des Gesetzes!?

Der Commissar blickte ihn zweifelnd an und sah dann zu der Thür hinüber, vor welche sich der Wächter breit hingepflanzt hatte. Die Thür schloß einen jener Schlupfgänge ab, wie sie in rheinischen Städten als bequeme Verkehrswege zwischen Hof und Straße vielfach die Häuser durchbohren.

?Reden Sie im Ernst, Doctor, oder wollen Sie mich zum Narren haben?? flüsterte der Beamte, nahe an den Arzt herantretend, welcher mit überlegenem Lächeln auf sein fast um einen Kopf kleineres Gegenüber heruntersah. ?Glaubte, ehrlich gesagt, etwas Aehnliches auf der Spur zu haben. Ein unruhiges Volk das, hier in den Rheinlanden; mit den Arbeitern hat man schon seine Noth, denn sie können das Messer nicht in der Tasche behalten, und jetzt wiegelt man gar die Bürger und Handwerksleute gegen die Obrigkeit auf; ich wollte, daß ich im Osten geblieben wäre!?

?Nun, nun, Freundchen,? meinte der Doctor mit gutmüthigem Ausdrucke, ?nur nicht zu weit im Osten. Ich dächte es wäre nicht viel über ein Jahr, daß sie die Polen abgefangen haben. Aber was gehen mich die Polen an! Ich befleißige mich ein friedlicher Staatsbürger zu sein, verabscheue alle Arten von Kugeln, ausgenommen die Pillen, und alles Pulver, welches nicht in der Apotheke zubereitet wird, und würde ein wenig Revolution höchstens darum nicht ungern sehen, weil es blutige Köpfe dabei absetzen würde. Daß wir der Freiheit entbehren, kann ich für meine Person nicht einsehen, da mich noch Niemand gehindert hat, meinen Abendtrunk zu mir zu nehmen, wie und wo ich wollte. Aber nun kommen Sie!? fuhr er dringender fort, ?es wird Zeit, daß ich zu meinem Patienten komme, und für Sie giebt es vielleicht noch heute zu thun. En avant!?

Es lag in der ganzen Art des Sprechers etwas, was eine Ablehnung schwer machte. Der Beamte schwankte noch einen Moment, dann rief er der Nachtwache zu: ?Halten Sie sich einstweilen in der Nähe auf, Gräbner! Vielleicht daß doch etwas passirt.? Dann gingen die beiden Männer hallenden Schrittes die Straße hinunter.

Der Doctor verbarg seine innere Unruhe mit bewunderungswürdiger Selbstbeherrschung. ?Ich habe eine leise Ahnung von dem, was Sie suchen, alter Freund,? meinte er nachdrücklich, als er bemerkte, daß sein Begleiter nicht eben zufrieden mit sich schien und mehrmals dahin zurückblickte, wo er den Wächter verlassen hatte. ?Es gährt hier; es ist etwas in der Luft wie Pulvergeruch.?

?Das weiß Gott,? seufzte der Commissar. ?Es gäbe ein niedliches Leben für uns, wenn es wirklich zum Aufruhr käme. Ich hoffe indeß, wir werden tüchtig dahinter sein, daß aller Unfug erstickt wird, ehe er uns über den Kopf geht. Es ist nicht zu begreifen, was die Menschen heutzutage zu raisonniren haben, denn ich möchte wissen, wo es ordentlicher zuginge als bei uns. Aber wenn Schuster und Schneider mitregieren wollen, dann kann es freilich nur Unordnung geben. Ich sage Ihnen, Doctor, sie sollen bei Leisten und Scheere bleiben, sonst werden ihnen die Finger geklopft. Uebrigens ? wie ist mir denn?? ? er trat einen Schritt zurück, schnippte mit den Fingern und warf einen scharfen Blick auf seinen Begleiter ?, ?Sie sind ja auch nicht ganz sauber; wir haben so etwas läuten hören ??


Der Arzt lachte, daß es zwischen den hohen Häusern in der nächtlich stillen Straße hell wiederscholl und der Commissar ihm ein: ?Pst! nicht so laut!? zuraunte.

Er schlug diesen, indem er stehen blieb, herzhaft auf die Schulter und sagte, noch immer lächelnd: ?Den Mann, der Euch das überbracht hat, den macht unschädlich, sobald Ihr könnt! Ihr seid im Stande, unter seiner Beihülfe mehr Dummheiten zu begehen, als Ihr? ? er betonte die folgenden Worte ? ?vor meinem alten Freunde, dem Herrn Landrath und Oberbürgermeister, verantworten könnt. Aber Scherz bei Seite ? ich glaube, daß ich zum wenigsten mehr von der Sache weiß, als Sie, Freundchen. Kennen Sie ein Ding, welches der Rothe Engel heißt??

?Das Gasthaus vor dem Brückenthore oder das in der Stadt??

?Ah, ich vergaß ? natürlich das Erstere. Ich bin vor anderthalb Stunden vorübergegangen. Dicht hinter der Brücke, am Wasser unten, zieht sich der lange Saalbau hin ? Sie werden ihn so gut kennen, wie ich ? an dem ein Paar Bretter zum Wäschespülen in?s Wasser hineinreichen. Nun hören Sie Folgendes! Ich stehe eben auf der Brücke und sehe den Fluß hinauf, über dem das Mondlicht glitzert; es war ein kostbares Bild, Commissar, ein Bild zum Malen: die alten Holzbaracken am Wasser, in denen hie und da ein rothglühendes Fenster schimmerte ??

?Aber was fange ich mit alten Holzbaracken und rothglühenden Fenstern an?? fragte der Commissar in hörbarer Ungeduld; ?zur Sache, Doctorchen!?

?Kommt alles noch!? meinte dieser ruhig. ?Was sagen Sie: Da sehe ich im Schatten dieser nämlichen Baracken sich etwas auf dem Wasser bewegen und näher und näher kommen, und das waren ? bei meiner armen Seele! ? drei Kähne voller Menschen. Sie sahen aus wie Blätter voll schwarzer Fliegen; so dicht waren sie besetzt. Die Gegend ist um diese Zeit einsam, wie Sie wissen, doch sah ich am Ufer drunten einen Menschen stehen, und ein zweiter kam auf die Brücke und bewegte sich ziemlich schnell und drohend auf mich zu. Ich hatte keine Lust, mir ein Messer in den Leib stoßen zu lassen, und entfernte mich langsam. Kaum bin ich zwischen die Häuser getreten, so höre ich einen zweimaligen Pfiff. Nun will der Zufall, daß dort ein paar Häuser drei Fuß auseinander stehen und daß man durch die Lücke hinübersehen kann auf das Hinterhaus vom Rothen Engel ? ? Sie hören doch ordentlich zu, Commissar??

?Ich werde ja doch,? entgegnete dieser in gespannter Neugierde und rieb sich leise die Hände. ?Wenn das wahr ist, Doctor, wenn der Fang wirklich beisammen wäre, ich wollte Sie umarmen.?

?Ich verzichte auf diesen Beweis Ihrer Dankbarkeit zu Gunsten der Frau Donner,? meinte der Arzt.

Der Andere sah nach der Uhr und sprach für sich: ?Wie lange also ist das her ? anderthalb Stunden?? Das Zifferblatt war im Mondenschein vollkommen deutlich lesbar. ?Es ist halb[1] zwei Uhr. Ein Uhr ? zwölf Uhr ? ein wenig spät. Um Elf sollen sie ja sonst schon zusammen kommen.?

Der Doctor hatte diese halblaut gemurmelte Bemerkung verstanden und machte, mühsam seine Betroffenheit verbergend: ?So? Sie scheinen ja gut bedient zu sein auf dem Stadthause. Nun, dieses Gesindel wird wohl nicht immer bei der alten Leier bleiben wollen, oder was sonst ? vielleicht sind ja meine Leute auch verschieden von denen, welche Sie suchen ??

?Nein, nein,? unterbrach ihn rasch der Beamte, ?erzählen Sie nur weiter, Doctor! Das ist ja eine Teufelsgeschichte. Also Sie standen bei der Lücke ??

?Ja, und sah, daß die Kähne bei den Waschtritten landeten und sich ihrer Insassen entluden, welche in aller Eile um das Haus gingen; muthmaßlich giebt es einen Eingang in den Saal da hinten ??

Der Commissar stand plötzlich still und sah den Arzt wieder prüfend an. ?Können Sie das beschwören?? fragte er im Tone des Inquisitors.

Der Doctor trat bei dieser Frage drei Schritte zurück und erwiderte befremdet: ?Oho! Ich bin nicht gewöhnt, mein sehr ehrenwerther Herr Commissar, daß man mich veranlaßt, freiwillige und vertrauliche Mittheilungen zu beschwören. Wenn es Ihnen genehm ist, behalte ich den Rest für mich. Ich bin kein Denunciant, mein Bester, der so etwas für Geld thut.?

?Ei, nicht doch!? begütigte der Beamte, indem er schnell den Ton änderte, ?so ist ja die Sache nicht gemeint. Seien Sie nicht böse darum, Doctorchen! Die Sache ist ja sehr merkwürdig, aber sie stimmt durchaus nicht mit meinen sonstigen Mittheilungen.?

?Das ist mir sehr gleichgültig,? sagte der Doctor. ?Machen Sie mit meinen Angaben, was Sie wollen! Hier ist mein Ziel, und nun ? gute Nacht! ? Halt!? fügte er hinzu und stellte sich dabei dicht vor den Commissar hin: ?Ich will Ihnen noch einen Namen nennen; was Sie damit machen, das überlasse ich Ihnen. Kennen Sie einen, der aus Amerika, dem Lande der Freiheit, der Republik und der Revolution, herüber gekommen ist und Franz Zehren heißt??

?Der?? fragte gedehnt der Andere. ?Ich habe ihn im Wiedenhofe nur einmal flüchtig gesehen. Er ist ja aber halb oder ganz taub.?

Der Arzt zwinkerte schlau mit den Augen. ?Nun, Commissar, haben Sie noch nie gehört, daß Leute, welche bei der Musterung als taub eingetroffen waren, ein paar Wochen nachher mit dem besten Gehör von der Welt in die Regimenter gesteckt werden??

?Ah!? machte der Beamte mit den Zeichen der Ueberraschung.

?Aber reinen Mund! Ich bin die Unschuld selber und bleibe ganz aus dem Spiele. So wahr ich lebe, ich verleugne alles, wenn Sie meinen Namen ins Spiel bringen. Und nun: gut Werk, Commissar!?

Die Beiden schüttelten sich die Hände und der Commissar schritt langsam um die Ecke. Sie waren an eine Stelle der Straße gekommen, wo dieselbe ein Knie bildete. Es mußte eins der besten Viertel sein, in dem sie sich befanden ? lauter zweistöckige, elegante, moderne Häuser standen da, in heller Oelfarbe gestrichen, mit Balcons und Stuckverzierungen. Der Doctor ging dreist zu einem der Häuser hinüber. Er horchte und merkte, daß der Andere jenseits der Ecke stehen blieb. ?Mißtrauischer Schuft!? brummte er ärgerlich; ?so seis drum!? Er griff nach einem Klingelzuge und schellte so laut, daß es der Lauscher in der Nebenstraße hören mußte, der in der That jetzt erst, und mit ziemlicher Eile, den Weg fortsetzte.

Der Doctor sah sich prüfend um und bemerkte an einem der Nachbarhäuser eine Treppe, welche zu einem tief liegenden Hauseingange führen mußte. Er schlüpfte leise in den verdeckten Vorraum dieses Einganges. Bald nachher öffnete sich ein Fenster; ein paar ärgerliche Worte wurden hinaus gebrummt, dann schlug es wieder zu. Der unfreiwillige Veranlasser der nächtlichen Störung lachte kurz vor sich hin, aber sein Antlitz war schnell zu einem Ausdrucke von Ernst zurückgekehrt, der bewies, daß sein Intermezzo mit dem Polizeibeamten eine ziemlich bedenkliche Seite hatte. Er sprang kurz darauf flüchtig auf die Platte des Trottoirs und lief mehr als er ging den Weg zurück, den er hergekommen war. Zweimal begegneten ihm Wächter, und er war vorsichtig genug, in ihrer Nähe das Tempo seiner Schritte zu mäßigen, um sich nicht der Gefahr, angehalten zu werden, auszusetzen.

Als er wieder an die Endstrecke der Wallstraße kam, wo der Commissar den Wächter zurückgelassen hatte, schob er sich soweit an den Häusern vor, bis er gewahren konnte, daß dieser noch mit kurzem Schritte bei der alten Stelle auf und nieder patrouillirte. Er schlich dann zurück und wandte sich rechts in die Luisenstraße, eine Quergasse, welche, der Canalstraße parallel laufend, das Häuserquadrat einschließen half, zu welchem der Wiedenhof gehörte. Vor einem schmalen Hause in der Mitte der Straße hielt er an und nickte befriedigt, als er durch die Spalten eines Fensterladens Licht schimmern sah. ?Noch ist es Zeit, wie ich glaube,? murmelte er, ?aber die höchste.? Auf ein dreimaliges Klopfen an den Laden regte es sich drinnen, und die Hausthür wurde geöffnet. In der Thür stand ein alter, grauköpfiger Mann mit gewaltiger Hornbrille vor den Augen, die er möglichst weit auf die Stirn geschoben hatte. Er hielt ein Licht in der Hand.

?Patriot!? sagte der Doctor leise. ?Ist der kleine Rath noch in der Schlucht beisammen, Rottmann?? fügte er hastig fragend hinzu,

?Sie, Herr Doctor?? meinte der Alte, nachdem er die hohe Gestalt des Arztes einen Moment mißtrauisch beleuchtet hatte. ?Nun, soviel ich weiß, sind sie noch Alle oben.?

?So bleiben Sie hier, und halten Sie die Thür offen! Man wird gleich herunterkommen. Der Teufel ist los, Rottmann, und wir müssen uns salviren. Tragen Sie Ihr Licht nur zu Ihrem Rinaldo Rinaldini, oder was Sie sonst Gutes lesen, hinein und erleuchten Sie nicht die ganze Luisenstraße! Der Hauseingang muß dunkel bleiben.? Damit stürmte er an dem Alten vorbei über den Hausflur und hinten in den Hof. Letzterer war ein schmaler gepflasterter Platz; man sah geradeaus auf eine mit wildem Weine berankte Wand, welche zu einem dahinter liegenden Gebäude gehörte und völlig fensterlos war. Von Mondbeleuchtung war hier nichts mehr zu spüren, so wenig wie auf der Straße draußen; indeß schritt der Doctor mit vollkommener Sicherheit einer Ecke zu, wo ein Bretterverschlag sich befand, nicht breiter und höher, als zwei Menschen, welche nebeneinander stehen, Raum einnehmen. Diesen Verschlag nahm der Doctor ab, nachdem er zwei Riegel herausgestoßen, und trat in eine dunkle Oeffnung. Tastend glitt seine Hand in dem Raume umher, bis er eine Leiter erfaßt, welche er zu erklettern begann. Ueber seinem Kopfe war ein Stimmengemurmel vernehmbar, welches ab- und zunahm wie das Geräusch des Wellenschlages.

Oben angelangt, stieß er auf ein Brett über ihm, welches er mit Hülfe nur der einen Hand unschwer zu heben vermochte. Licht quoll ihm entgegen, und er kletterte jetzt vollends hinauf in einen nicht allzugroßen saalartigen Raum, in welchem etwa vierzig Personen an rohen Holztischen saßen. Halbgeleerte Gläser und Flaschen standen umher; dazwischen brannten Talgkerzen spärlich in dichtem Tabaksrauche.

?Ist Karl Hornemann noch hier?? rief der Doctor in den Aufstand, welchen sein unerwartetes Kommen verursachte.

?Ja,? tönte es zurück.

?Nimm ein Licht, Karl, und komm her! Die anderen Lichter auslöschen und die Fenster öffnen! Man ist uns auf der Spur.?

?Vorwärts, sechs Mann für die Wächter formirt!? rief eine auffallend hohe Stimme, und eine Gestalt, welche derjenigen des Doctors an Größe nichts nachgab, ergriff das einzig übrige, auf einer Art Rednertribüne brennende Licht und stieg mit weiten Schritten auf die Dielenöffnung zu; die anderen Lichter waren im Nu erloschen. Man machte sich an den Fenstern zu schaffen, welche von außen noch mit Jalousien verdeckt waren. Die Gestalt mit dem Lichte sah, besonders in der schwachen Kerzenbeleuchtung, höchst wunderlich aus ? ein Mann, auf dessen im Verhältnisse kleinem Kopfe eine gestickte Hausmütze mit Troddel saß und welcher überdies ein langes, schlafrockartiges Kleidungsstück trug. Sein Gesicht, welches, abgesehen von den Augen, wenig an die Züge der schönen Emilie erinnerte, war frauenhaft zart, mit schwachem Anfluge von Backenbart. Ein Zug milden Ernstes charakterisirte dasselbe, und die Augen, welche klar und fest blickten, hatten doch zugleich etwas von jenem warmen Glanze, welcher empfindsame Gemüther bezeichnet. Das war Karl Hornemann, Emiliens Bruder.

?Ein unterbrochenes Opferfest, Heinrich!? sagte er mit stillem Lächeln. ?Sind die sechs Bürger bereit?? wandte er sich wieder mit seiner hohen Stimme an den Haufen.

Die Angeredeten traten herzu und reichten den Beiden mit kräftigem Drucke die Hände. Es waren Handwerker und Arbeiter, jüngere Leute, welche nicht ohne eine gewisse Aengstlichkeit die Gesichter ihrer beiden Führer studirten, aber, durch die ruhige Haltung Karl Hornemanns getröstet, muthig nach einander zwischen den Dielen hinab tauchten.

?Schwatzt sie möglichst weit bei Seite!? nickte Karl Hornemann ihnen zu, und der Doctor rief ihnen nach: ?Es ist augenblicklich nur eine Wache in der Nähe, vor unserem Ausschlupf in der Wallstraße, so glaube ich. Nehmt sie besonders aufs Korn, aber sichert auch die anderen Straßen! Nur ums Himmelswillen die Sache nicht leicht nehmen!?

?Bürger,? sprach dann der Doctor nach dem Saale zu, ?die Polizei weiß ziemlich Genaues um unsere Zusammenkünfte. Ich habe den Polizeicommissar Donner, der uns auflauerte, vielleicht sogar hier Euch überrascht haben würde, gründlich in den April geschickt, aber unsere Lage ist ernst. Wir werden zunächst gut thun, für zwei Monate unsere Versammlungen ganz aufzugeben, bis die Polizei sich beruhigt hat oder der Augenblick zum Handeln gekommen sein wird. Wir sorgen dafür, daß Ihr von Allem, was zu wissen nöthig, dennoch unterrichtet werdet. Es lebe die Freiheit, es lebe die Constitution!?

?Hoch!? scholl es dumpf im Saale.

Karl Hornemann setzte das Licht auf den Boden, während sich die Männer näher um die Oeffnung sammelten.

?Herr Doctor,? sagte Einer, eine kräftige Figur, welche zwei wahre Riesenfäuste vor sich hinreckte, ?ich wollte, es ginge erst los. Das Heimliche will mir nicht gefallen.?

?Nur ruhig, Schmiede-Attes!? lachte der Doctor, ?das Eisen ist noch nicht roth.? Ein leises Lachen ging durch den ganzen Kreis.

?Wo ist denn der Commissar?? fragte ein Anderer in blauer Blouse.

?Ich habe ihm erzählt, Ihr wäret zu Kahn in den Rothen Engel hinausgefahren; er wird wohl eben den Engelwirth aus den Federn geholt haben.?

?Sechs Mann hinunter!? rief Karl Hornemann, und wieder verschwanden die Leute im Dunkel des Stollens, und bald darauf abermals sechs, und so ging es, bis die Schritte der letzten unten im Hofe zu hören waren. Es war eine eigenthümliche Scene, diese Männer in den verschiedensten Anzügen, Graubärte mit verwitterten Gesichtern und junge Bursche, welche eben der Militärzucht entwachsen sein mochten, verwegene Gesichter darunter, aber doch ohne den Ausdruck von Rohheit, welcher die Arbeiterclasse jener Gegend sonst kennzeichnet ? all Diese kauernd oder stehend und truppweis in der gähnenden Oeffnung verschwindend und das Ganze beleuchtet von dem schwachen flimmernden Lichte der Kerze.

Der Doctor und Karl Hornemann folgten den Uebrigen. Letzterer schloß sorgfältig die Diele über sich und schob unter ihr einen Riegel ein; mit gleicher Vorsicht behandelten Beide den Bretterverschlag im Hofe. ?

?Pascha,? sagte der Doctor draußen auf der Straße, als der alte Rottmann hinter ihnen zugeschlossen hatte, ?weißt Du, wer uns im Grunde gerettet hat??

?So weit reicht mein Ahnungsvermögen nicht,? war die lakonische Antwort.

?Deine Schwester.?

?Emilie? Bist Du denn mit ihr zusammengetroffen??

?Ich habe sie flüchtig gesehen,? meinte leicht der Arzt, ?soviel man im Mondscheine von ihr sehen kann. Ich habe sogar mit ihr gesprochen; wenn ich es nicht gethan haben würde, so läge ich ruhig im Bette und hätte den Spitzbuben Donner weder beim Spioniren erwischen, noch ihn aushorchen und auf eine falsche Fährte locken können. Sie wissen Alles, sogar die Zeit, wann wir die Versammlung begonnen haben. Ich habe die moralische Ueberzeugung, daß Ihr ohne meinen Einfall, Dich noch einmal aufzusuchen, noch diese Nacht in einigen Proben das Gefängniß geziert hättet, morgen früh vielleicht wir Alle, denn daß die Burschen, wenn man sie auf der Polizei gehörig bearbeitet, reinen Mund halten werden, dafür garantire ich nicht. Uebrigens muß Donner die Sache auf eigene Faust betreiben, sonst hätte ich vom Oberbürgermeister längst einen Wink bekommen. Der Junge hatte wirklich Recht: wenn es nur irgendwo brennen wollte! In Paris noch nichts, in Baden wieder Abwiegelung, die Polen wieder ruhig wie der Kirchhof! ? Kommst Du mit mir schlafen, Karl??

?Wenn Du mir wieder Herberge geben willst, ja. Ich störe die Frauen des Nachts nur ungern. Unterwegs könntest Du mir gut erzählen, wie meine Schwester in die Abenteuer dieser Nacht verwickelt wurde.?

Der Doctor schwieg eine Weile. Endlich sagte er: ?Karl, willst Du mir helfen zu einer Heirath mit Deiner Schwester??

Karl Hornemann schien über diese Eröffnung wenig erstaunt zu sein. In ruhigem Tone erwiderte er: ?Ehrlich gestanden nein! Ich weiß ja, daß mit Euch Beiden etwas im Werke ist und daß es zu einer Entscheidung kommen muß. Ich weiß, was Du werth bist, und ich liebe Milli über Alles, aber ebenso sicher ist mir, daß Ihr Zwei miteinander die unglücklichsten Menschen von der Welt werden würdet.?

?Du bist von bewundernswürdiger Offenheit,? bemerkte der Andere bitter. ?Und von wannen kommt Dir dieses Wissen??

?Es gehört nicht viel dazu, um zu begreifen, daß Ihr Beide ziemlich harte Steine seid, daß Du eine rücksichtslose, herausfordernde Natur bist, wie Emilie leidenschaftlich auf der einen und sentimental auf der andern Seite. Darin liegen alle Bedingungen, welche zur Erzeugung eines ewigen Krieges erforderlich sind. Und ich habe noch einen triftigeren Grund für mein Nein: die Abneigung meiner Mutter gegen Eure Heirath.?

Der Doctor lachte etwas wegwerfend. ?Und das also würde bei Dir, bei dem Manne, der seiner besseren Einsicht gegenüber sich keinen Moment scheut, die höchste staatliche Autorität zu erschüttern, in die Wagschale fallen??

?Das mag Dir inkonsequent erscheinen, mir nicht. Die Pietät der Familie hat ganz andere Wurzeln, als die gegen eine staatliche Autorität. Dort wirkt der elementare Zusammenhang von Blut und Leben. Was ist das Staatswesen? Eine Einrichtung, welche auf einem Vertrage zwischen Gleichberechtigten beruht. Was ist ein König? ? Ein Symbol, der Repräsentant der Gesammtheit, an dessen Schmuck eine Nation so viel wenden soll, wie im Verhältnisse zu ihrer Macht und ihren Hülfsquellen steht. Ich gehorche hier, weil und soweit ich es für richtig halte, und es ist Verstandessache, die Grenze zu bestimmen. Mein Verhältniß zu meiner Mutter ist Gemüthssache.?

?Aber was um des Himmelswillen hat Deine Mutter gegen mich einzuwenden? Daß ich eine ungezogene Behandlung meiner Person ? verzeihe mir den Ausdruck! ? mit ein paar nicht minder ungezogenen Versen auf sie vergolten habe, kann doch eine so wichtige Frage nicht entscheiden!?

Karl Hornemann zuckte die Achseln. ?Frauen sind darin eigenthümlich,? sagte er. ?Die Hauptsache aber ist ja, daß sie es im Familieninteresse für geboten hält, ihre Zustimmung zur Heirath mit Emilie Jedem ? ausgenommen einen reichen Bewerber ? zu verweigern. Du kennst ja wohl die Familientradition, auf der diese fixe Idee erwachsen ist??

?Nur aus Andeutungen.?

?Die Geschichte klingt etwas romantisch. Es heißt, daß bei der Belagerung Wiens durch die Türken ein osmanischer Prinz, Ali, gefangen und später in den Norden des Reiches geschafft worden wäre, wo es ihm gefiel und wo er freiwillig verblieb. Er wurde Christ und vermählte sich, und meine Familie mütterlicherseits stammt, wie es heißt und wie irgendwo lagernde Papiere beweisen sollen, von ihm ab. Meine Mutter schwärmt im Hinblick darauf für eine angemessene Restauration unsrer äußeren Verhältnisse. Kannst Du ihr diese Idee ausreden und ihren Groll gegen Dich besänftigen ? gut, so heirathet Euch, wenn Ihr durchaus wollt! Es ist menschliche Bestimmung, immer erst durch Schaden klug zu werden.?

?Du hast eine verzweifelt verständige Art zu raisonniren,? meinte der Doctor verdrießlich. ?Also auf Hülfe gegen Deine Mutter habe ich von Deiner Seite her nicht zu rechnen??

?Gegen sie ? nein!? war die kühle Antwort.

?So will ich wenigstens versuchen, sie zu gewinnen.?

?Probire Dein Heil! Ich hoffe wenig davon.?

Eine Gestalt kam ihnen die Straße herauf entgegen, und als sie sich ihnen näherte, erkannten sie den Polizeicommissar. Der Doctor schritt auf ihn zu.

?Haben Sie die Vögel im Nest erwischt?? fragte er mit affectirter Neugier.

?Das Nest war leer,? antwortete ärgerlich lachend der Beamte, indem er vorübereilte. ?Ich will nicht hoffen, daß die Vögel blos in Ihrem Kopfe genistet haben, Doctor.?

3.

Es war eine schwüle Zeit damals, besonders in den Rheinlanden ? das weiß jeder, der sie mit vollem Bewußtsein erlebt hat, und auch mancher, der nur von ihr gelesen hat. Es gährte und brodelte im Verborgenen. Der Zorn einer Nation war im Aufschwellen begriffen und Diejenigen, welchen er galt, verstanden die Zeichen der Zeit nicht. Die Idee der Nation als eines in sich abgeschlossenen, bewußten Riesenkörpers, welcher mit empfindlichen Nerven bis in die letzten Glieder durchzogen ist, war etwas noch zu Neues. Erst die französische Eroberungszeit hatte die Idee lebendig gemacht, wie sie selbst aus derselben geboren war; diese Zeit erst, welche die Völker durcheinander warf, zerriß und wieder zusammensetzte, bis sie am Ende durchknetet und aufgereizt waren bis zum Kinde hinunter und aufstanden ein jegliches wie ein Mann, ? sie hatte Volksbewußtsein, Volkswillen, das Vollgefühl einer Vollkraft erzeugt. Und gerade als es soweit war, da ging jene Giftsaat Roms auf, die Lehre von Thron und Altar, welche einander wider jede Gefahr zu schirmen vermöchten, und die Fürsten meinten, nachdem das Bündniß zwischen beiden geschlossen worden, nun könne der Absolutismus der Josephinischen Zeit von Gottes Gnaden die Völker weiter regieren. Aber die Giftsaat zeitigte Giftfrüchte. Was in Frankreich der Geist von 1793 zu wirken im Begriff war, der lebenskräftig wieder durch die Adern der Nation sprühte, das hatte in Deutschland die Eifersucht, die Furcht, der Hochmuth des Absolutismus heraufbeschworen mit seinen Verbannungen und Einkerkerungen, mit seiner Censur und Polizei. Noch ging es wie leichte Windwirbel erst durch das Land, Staub aufjagend und plötzlich verstummend, bald hier und bald da. Seltsame Stimmen flüsterten in der Luft, aus dem Gesträuch, aus den Wänden, und sie predigten von Freiheit und Volksrechten; sie predigten das Wort der kommenden Erlösung. Im Verborgenen hie und da fanden sich jene Propheten, lautere und unlautere, welche vor einer gläubigen Gemeinde die heimliche Sprache der Zeit deuteten und sehnlich warteten, um auf den Dächern rufen zu können, wessen ihre Herzen voll waren.

Jene Windwirbel waren Gewitterboten, und im Westen blitzte es flüchtig auf. Aber der Sturm war noch nicht so nahe, wie die Propheten wünschten; denn man schrieb erst das Jahr 1847.

Die schöne Emilie in dem alten Hause auf der Canalstraße stand dem Allen nicht so harmlos gegenüber, wie Frauen sonst wohl einer politisch bewegten Zeit. Heute indeß, wo sie, müde von der durchwachten Nacht, in dem Stübchen hinterm Laden saß und vom Fenster in das friedliche Gäßchen hinab sah, welches sie im Mondschatten in Liebe und Herzensnoth durchwandelt hatte, dachte sie nicht an die unheimlichen, aufregenden Clubgeschichten, in welche ihr Bruder die kluge, großherzige Schwester einzuweihen pflegte und über welche sie patriotisch mit ihm schwärmte; heute hatte sie nur Gedanken für ihr eigenes jammervolles Schicksalsräthsel, und wie sie auch brütete und hin- und hersann, es wurde ihr nicht klarer deswegen.

Es war still in dem Stübchen mit seinen altmodischen Möbeln, mit dem braungebeizten, kattunbezogenen steifen Armsessel, in dem das schöne Mädchen wie eine farbige volle Blume saß, welche aus der Modererde eines Baumstumpfes erblüht ist. Das Farbigste an ihr war freilich heute ihr zartes rosa Sommerkleid und das schwarze Sammetband, das sie um den Hals trug. Ihre Augen waren matt und die Wangen trübe; das blonde, ungewöhnlich dicke Haar war nachlässiger als sonst zu jenem wunderlich hohen Geflechte aufgesteckt, wie es die Mode der Zeit liebte. Die Mutter, welche sich sehr unscheinbar trug, ging vom Laden ab und zu; nur selten fiel ein Wort zwischen Beiden, und dann sprach die Mutter in ihrem gewöhnlichen derben, kühlen Tone und erhielt regelmäßig eine einsilbige, zerstreute Antwort. Zuweilen, wenn sie hinausging, flackerten die Blicke der matten braunen Mandelaugen in nervöser Unruhe auf und verfolgten sie mit stummen Vorwürfen.

Das Fenster stand offen; die Sommerfliegen schwärmten, und die warme Luft der Straße zog herein. Emilie hatte den Arm auf das Fensterbrett gelegt und stützte müßig den Kopf in die Hand. Die Mutter hatte sie heute noch nicht gemahnt wie sonst, daß die Küche Menschenhände brauche und daß sie dieselben entbehre, wenn das Mädchen müßig im Lehnstuhle träume. Die alte Aufwärterin war längst da gewesen und hatte ihr Theil besorgt, und es war doch noch so viel zu thun übrig.

Die Küche! ? Fünfzehn Jahre war Emilie alt gewesen und hatte in der rothbraunen, mit Bolus gestrichenen Küche, auf deren Fußboden der weiße Sand knirschte, gesessen und Aepfel schälen müssen, das Kleid aufgesteckt und die blaue Schürze über den Knieen; damals war er zum ersten Male als blutjunger Arzt mit dem Bruder in?s Haus gekommen, und geradewegs in die Küche. Gerade so keck war er aufgetreten und mit den nämlichen Feueraugen wie jetzt noch, und er hatte damals mehr Schalen zur Mutter gebracht als sie selber, und all? ihr stummer Stolz hatte ihn nicht abgeschreckt, mit ihr zu scherzen. Das war schon fünf Jahre und länger her. Sie war inzwischen üppig aufgeblüht, und er war auch nicht mehr ganz derselbe, sondern herber, unruhiger, spröder geworden. Manchmal hatte sie in der letzten Zeit ein Gefühl gehabt, als liebe er sie gar nicht mehr mit der Leidenschaft, die ihn zu ihren Füßen geführt ? damals ? ja damals, als sie den Paradiesesgarten ihrer Liebe mit Zittern betreten hatte. War es ihr doch selbst zuweilen, als sei ihr Herz nüchtern wie ausgebrannte Asche. Nur wenn er vor ihr stand und sie mit seinen geheimnißvollen Augen so dunkel und brennend ansah und in ihr Ohr die berauschenden Worte flüsterte, die er zu sprechen verstand wie Niemand sonst, dann fühlte sie den Faden wieder, an dem ihre Seele flatterte wie der gefesselte Falter, welchen ein Knabe als Spielzeug fliegen läßt und wieder an sich zieht.

Und doch ? war er wirklich der adelige Geist, als den sie ihn bewunderte und anbetete? War alles echt an ihm? Es war ihm so leicht, eine Stimmung zu zerreißen und eine andere zu wählen; sie vermochte nicht mehr in seinen Liebesworten gedankenlos und unbekümmert sich zu schaukeln. Ah bah! er war ein Mann, und Männer sind aus härteren Stoffen gebildet.

Sie wollte ihn anbeten. Was hatte jener Andere, der sie zu lieben versicherte, sich zwischen sie und ihren Willen zu drängen? Da stand er, mitten im Wege zu ihrem Glücke, wie vor ein paar Jahren schon, als wäre er ihr Verhängniß und unabweisbar, mit dem schlicht gescheitelten blonden Haar und dem etwas verschlossenen, klugen, ernsten Gesicht, mit den lichtblauen verlegenen Augen und der vorsichtigen Haltung des Tauben. Sie mußte ihren Haß um so mehr steigern, je mehr er persönlich dazu angethan war, ihn zu entwaffnen. Seine etwas harte, hastige Stimme machte sie nervös. Sie wollte ihn weder sehen, noch hören. Fort mit ihm!

?Ich wollte, er wäre todt,? sagte sie halblaut vor sich hin.

Draußen kam Jemand durch den Hausflur, und sie erkannte ihn am Schritt und sprang auf. Es war ihr Bruder Karl, der wunderliche Mensch mit dem Käppchen und dem langen Rocke. Jetzt bei Tage sah man deutlicher, daß er höchstens in der Mitte der Dreißiger stehen konnte, und man sah noch etwas: daß er sehr große Hände und Füße hatte. Das Mädchen schlang die Arme um seinen Hals; er neigte sich und küßte ihr sanft die Stirne.

?Wo kommst Du her, Karl? Wart ihr die ganze Nacht über im Club? Und warum bist Du nicht schon vor ein paar Stunden gekommen??

?Der Club ist gesprengt,? sagte er mit seinem stillen Lächeln.

?Um Gottes willen, was ist geschehen??

?Ruhig, Milli! Nicht für immer. Die Polizei war uns nur auf der Spur, und wir sind ihr vielleicht nur um eine halbe Stunde zu früh vor den Händen entwischt. Was schadet das? Unsere Sache schläft so wenig wie die Sonne, wenn sie des Abends unter den Horizont gesunken ist. Ich hoffe, daß wir in ein paar Wochen wieder beisammen sind; ich werde ein Wort im Vertrauen mit dem Oberbürgermeister reden, für jetzt aber ist jedenfalls die Gefahr schon beseitigt.?

?Und wo warst Du bis jetzt??

Er lächelte wieder mit einer Mischung von Schalkheit und inniger Theilnahme im Gesicht. ?Bei Jemandem, der Dich gern mit dem Trauringe an sich ketten möchte, Milli.?

Ein jähes Roth streifte über ihre Wangen, und ihr Auge sah ihn halb abwehrend und halb mit scheuer Frage an.

?Später!? sagte er und wandte sich um.

?Willst Du nichts genießen, Karl??

?Ich danke, Kind. Ich gehe auf mein Zimmer und arbeite. Die Medicin soll, so Gott will, auch bald fertig werden, und die Menschheit wird sie brauchen können, denn an Wunden wird es ihr nicht fehlen, wenn der Sturm durch das Land saust.?

Er verließ das Zimmer, und sie folgte ihm bald. Gewiß, es war der Doctor, mit dem er gesprochen hatte, gesprochen über das, was sie marterte seit Tagen nun schon. Sie stand in der Küche und wehrte mit dem Küchentuch die Fliegen von ihrer Arbeit, und sie kamen immer wieder ? immer wieder und schwarz wie ihre Gedanken. ? ?

Einen halben Tag später war es und die Gluth des Tages vorüber. Karl Hornemann hatte seit Mittag das Haus wieder verlassen, und es war Emiliens leisen Versuchen nicht gelungen, etwas von dem aus ihm herauszulocken, was sie zu wissen wünschte. Sie hatte das Kaffeegeschirr aus der Ladenstube in die Küche getragen und dort eine Weile sich beschäftigt. Als sie in die Stube zurückkam, saß in ihrem Lehnstuhle ? Franz Zehren.

Der junge Fabrikant war allein, die Mutter jedenfalls im Laden nebenan, durch welchen er eingetreten sein mußte. Er erhob sich bei ihrem Erscheinen ein wenig linkisch und stellte eine Vase mit frischen Rosen schnell wieder auf das Fensterbrett, von dem er sie genommen hatte. Dann verneigte er sich leicht und stand, mit stummer Verlegenheit kämpfend, wie eine Bildsäule da. Das kam ihr komisch vor, und sie lachte sehr ungenirt. Zehren sah es; ein bitterer Zug ging um seinen Mund, und er sagte plötzlich hart: ?Da ich kaum erwarten darf, daß Sie mir die Ehre Ihrer Aufmerksamkeit schenken werden, so gestatten Sie wohl, daß ich mich setze.? Und er that es.

?Wie unverschämt!? flog es von den Lippen der Ueberraschten. Dann wandte sie sich ab und murmelte. ?Wozu schelte ich?? Dieser Gentleman hört doch nichts davon.? Der Ausdruck war übrigens bezeichnend genug. Zehren hatte in der That ein Gesicht, welches an einen jungen Engländer oder Amerikaner erinnerte, bis auf den Schnitt des Backenbartes sogar.

Was war über ihn gekommen? Sonst die unerschütterliche Sanftmuth, hatte er plötzlich die Laune, spitzig sein zu wollen, und sie hatte dagegen nicht einmal Waffen, denn mit einem tauben Menschen sich verständigen, geht wohl an, ? sich mit ihm streiten, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Sie war zornig, daß es ihr verwehrt war, seine Ungezogenheit zu erwidern.

Emilie nahm am andern Fenster Platz, so daß sich Beide den Rücken kehrten. Da saß sie wohl fünf Minuten, biß sich auf die Lippen und schlug leise mit den Fingern auf das Fensterbrett. Sie hätte weinen mögen vor Zorn. Als die Mutter eintrat, ging sie wortlos aus dem Zimmer.

Sie wünschte, daß es wirkliche Abneigung gegen sie gewesen sein möchte, was ihm seine Aeußerung eingegeben, aber sie wußte es besser. Er war tief gekränkt; sie hatte ihn endlich so verwundet, daß er es sich merken ließ, und die schöne Emilie empfand das Gewöhnliche in solchem Falle: einen Triumph, in den sich ein wenig Mitleid und Reue mischte.

Er war ein armer Teufel, taub und verliebt und unglücklich. Wenn er nur nicht darauf bestände, sie heirathen zu wollen! ?

Sie war in der Küche gewesen und hatte das Geländer in der Hand, um ihr Zimmer droben aufzusuchen. Da ging die Hausthür, und zwei Männer kamen auf sie zu ? der Doctor und Karl Hornemann.

?Guten Abend, Milli!? sagte der Letztere, und der Doctor wiederholte die Worte wie im Scherz und reichte ihr die Hand mit dem stolzen, überlegenen Lächeln, das ihr so sehr imponirte. Er küßte ihr die Hand sogar, wie er zuweilen that, und fragte, wie sie geruht habe. Sie erröthete und meinte: ?Sie kommen ja heute so schwarz wie ein Rabe, Herr Doctor. Wollen Sie zur Leiche eines Menschen gehen, den Sie umgebracht haben?? Dabei bebte sie vor Befangenheit und Herzklopfen.

?Möglich, daß ich in Kurzem etwas werde begraben müssen,? meinte er mit Betonung, und sie erwiderte den Druck seiner Hand in der ihren.

?Geh auf Dein Zimmer, Milli!? sagte Karl Hornemann. ?Ist die Mutter drin?? Und er deutete auf die Thür der Ladenstube.

?Sicher ist Franz Zehren drin; die Mutter sitzt bei ihm oder sie steht im Laden.? Sie war froh, als sie die Worte gesprochen hatte; die Kehle war ihr wie zugeschnürt, und sie eilte flüchtig treppauf, nur hörte sie noch, wie der Doctor sagte: ?Das trifft sich ja herrlich. Auge in Auge!?

Frau Hornemann saß dem Fabrikanten gegenüber am Fenster; sie zog die Augenbrauen zusammen, als die Beiden eintraten, und warf einen unzufriedenen, fragenden Blick auf ihren Sohn. ?Doctor Urban wünscht Sie zu sprechen, Mutter,? sagte dieser ruhig. Während sich der Fabrikant erhob, um ihn zu begrüßen, blieb die alte Frau in starrer Ruhe sitzen und erwiderte des Doctors Verbeugung mit schwachem Nicken.

?Wir sind nicht so von einander geschieden, daß ich erwarten konnte, Sie wiederzusehen,? sagte sie, und in ihrer Stimme klang es wie feindseliger Groll.

?Ich bekenne mich schuldig,? entgegnete der Doctor, während er, um einen Anflug von Verlegenheit zu bemeistern, sich nach einem Stuhl umsah und den ersten besten herbeizog, um sich neben die Dame zu setzen. ?Meine verehrte Frau Hornemann, ich bin in sehr vieler Beziehung ein Nichtsnutz, aber mein heutiges Erscheinen möge Ihnen beweisen, daß ich nicht unverbesserlich bin und daß ich weiß, was mir helfen kann. Ich darf den Umgang mit edlen Frauen nicht entbehren und beklage nur, daß die besten und würdigsten sich so schwer herbeilassen, mit mir armem verpfuschtem Menschen Geduld zu haben. Werden Sie mir gestatten, wieder Gast in Ihrem Hause sein zu dürfen, wenn ich für meine Unarten feierlich Abbitte leiste??

Die kluge alte Frau hielt seinen schmeichelnden Blick ruhig aus und sah so abweisend aus ihrer schwarzen Kappe, deren Bänder das Gesicht einrahmten, auf den neben ihr Sitzenden, wie zuvor. ?Machen Sie sich keine vergebliche Mühe, Herr Doctor Urban!? fuhr sie rauh heraus. ?Ich kenne Ihre Absichten und habe nicht Lust, sie zu unterstützen. Ich kann Sie nicht hindern, meiner Tochter außerhalb meines Hauses zu begegnen ? ich müßte ihr sonst das Ausgehen verbieten, aber in meinem Hause möchte ich Ihnen wenigstens keine Gelegenheit geben, das Herz einer Tochter gegen ihre Mutter einzunehmen.?

Eine zornige Röthe zog sich über die weiße Stirn des jungen Mannes, aber er bezwang sich. Wußte die alte Frau etwas von seinem heimlichen Verkehr mit Emilie, oder wollte sie nur auf den Strauch klopfen? ?Ich verstehe einen Theil dessen nicht, meine verehrteste Frau, was Sie sagen,? meinte er endlich ausweichend, ?den anderen aber verstehe ich, nämlich daß ich Ihnen als Schwiegersohn nicht willkommen sein würde. Ich würde Ihre Gründe unbefangen würdigen, wenn Sie die Güte hätten, mir diese mitzutheilen.?

?Es wird genügen, wenn ich Ihnen sage, daß meiner Tochter Bräutigam dort steht,? entgegnete Frau Hornemann heftig. ?Karl, stelle doch gefälligst die beiden Herren einander vor!? Sie machte eine rasche Handbewegung und stand dann auf, um in den Laden zu gehen, wohin keine Schelle sie rief.

Der Doctor warf seinen Stuhl zurück und trat ihr in den Weg. ?Einen Moment noch, meine Gnädige!? sagte er. Seine Augen blitzten und er biß die Zähne zusammen. Mit gedämpfter Stimme setzte er hinzu: ?Ist es Ihre unwiderrufliche Absicht, mir den Weg zu Emilie abzuschneiden und mich zum Aeußersten zu treiben??

?Ich bin eine schlichte Bürgersfrau und keine Gnädige, wenigstens nicht für Sie, Herr Doctor, und ich verstehe nicht, was Sie mit Ihrem zum Aeußersten treiben sagen wollen. Ich hoffe, eine Mutter wird noch das Recht haben, zu bestimmen, was sie im Interesse ihrer Kinder für richtig hält. Und damit Gott befohlen! Karl, ich wünsche, daß Du mir Aufregungen ersparst, welche Du vorhersehen mußt.?

Der Doctor trat einen Schritt zurück und ließ sie passiren. Karl Hornemann kam zu dem Freunde, aus dessen Antlitz alle Farbe gewichen war und dessen Blicke Erbitterung sprühten. ?Ich habe Aehnliches vermuthet, Heinrich, aber nicht, daß es so schlimm kommen würde. Was sie zu einem solchen Grade der Rücksichtslosigkeit gereizt hat, vermag ich nicht zu begreifen.?

?Bah!? entgegnete der Arzt mit gewaltsamem Lachen, ?zärtlicher konnte sie doch nicht sein. Vergelts Gott!? Aber nur einen Moment war er bügellos geworden, dann ließ die heftige Spannung seiner Züge nach; sein Gesicht hatte den röthlichen Ton von sonst, und er beherrschte sich wieder. Nur in seinem Auge war etwas Wirres, Flimmerndes zurückgeblieben, als er Karl Hornemann bat, den Herrn Franz Zehren zu fragen, ob er sich seiner noch erinnere, oder ihm anderen Falles seinen Namen zu nennen.

Dieser hatte während des ganzen Vorganges bei Seite gestanden und scheinbar mit schärfster Aufmerksamkeit zugehört, und er war froh zu bemerken, daß eine flüchtige Bewegung des Doctors ihm galt. Er trat hinzu und reichte diesem die Hand, der sie etwas erstaunt annahm. ?Ich erneuere gern eine Bekanntschaft, welche mein unglücklicher Gehörmangel mich leider verhindern wird, recht zu genießen,? sagte Zehren höflich, indem er ein Täfelchen und einen Stift aus der Tasche zog und beides dem Arzt hinreichte.

Ein diabolisches Lächeln glitt über dessen Gesicht, und der Blitz eines überraschenden Einfalls leuchtete ihm aus den Augen. Er ergriff Tafel und Stift und schrieb auf erstere die wenigen Worte: ?Hüten Sie sich vor dem Polizeicommissar Donner! Bouche close! Ein Freund.? Dann überreichte er sie mit leisem Nicken dem Fabrikanten und griff zu seinem Hut.

?Karl, um aller Heiligen willen, komm mit!? sagte er dann rasch. ?Ich muß auf die Straße, und ich muß einen Menschen bei mir haben; Du wirst mich begreifen.?

Karl Hornemann reichte Zehren die Hand und schüttelte sie kräftig, während dieser, der soeben die aufgeschriebenen Räthselworte gelesen hatte, mit ziemlich verdutztem Gesicht die Beiden anblickte. Der Doctor verneigte sich und ging zur Thür hinaus, während der Andere mit dem Finger in der Richtung des Wiedenhofes zeigte und den Namen des Hôtels mit den Lippen aussprach. Der Fabrikant nickte, indem er mechanisch die Tafel in die Brusttasche steckte, während bereits die Schritte der Fortgehenden im Hausflur erklangen. Der Bruder der schönen Emilie hatte nicht nöthig gehabt, zum Hute zu greifen; der Sonderling war wie verwachsen mit seinem Käppchen. Auf der Straße fiel er nur Fremden noch auf, denn die Einheimischen waren an seine Erscheinung gewöhnt; nicht einmal die Straßenbuben behelligten ihn, wohl aber gab es mehr als einen zerlumpten Jungen, der ihm aus freien Stücken die Hand reichte.

Karl Hornemann war ein Kinderfreund und einer jener Menschen, welche ihre linke Hand nicht wissen lassen, was die rechte thut.

?Ich will Dich zerstreuen helfen, Heinrich!? sagte er draußen zu seinem Begleiter. ?Ich habe ein paar ganz excellente Mittel probirt, um den Stoffwechsel zu beschleunigen, und Du sollst mir die Symptome deuten helfen, damit ich vorwärts komme mit dem Recept der Universalmedicin. Aloë nehme ich doch nicht hinein; ich habe mich jetzt entschieden, aber Angelica sicher und Safran auch.?

4.

Emilie Hornemann hatte inzwischen auf ihrer Stube droben gesessen und pochenden Herzens auf irgend ein Zeichen gewartet, das ihr Aufschluß geben würde über den Verlauf der Dinge drunten. Aber alles blieb still. Das Geräusch schwerer Güterwagen, grelle Töne einer Drehorgel und die Stimmen von Leuten, welche in den sommerlichen Straßen lustwandelten, all das drang durch einander schwirrend zum offenen Fenster herein. Sie hatte sich in das harte, massive Sopha geworfen, das Gesicht in eine Ecke gedrückt; sie empfand den Trieb, sich zu verbergen; am liebsten wäre sie tausend Meilen von dem Orte entfernt gewesen, in einer Einöde, wo nichts Lebendiges sich regte und kein Geräusch sie berührte.

?Ich liebe ihn doch,? murmelte sie, ?trotz allem und allem.? Weiter hatte sie keinen Gedanken, und hätte sie etwas anderes denken wollen, es wäre vergebene Mühe gewesen.

So saß sie, und sie hatte die Hausthür endlich wohl gehen hören, aber es kaum beachtet. Nachträglich erregte dieser Umstand doch noch ihre Aufmerksamkeit; sie sprang auf und ging ans Fenster, und sie kam noch rechtzeitig, um den Doctor mit ihrem Bruder über die Kaiserbrücke schreiten zu sehen. Fort waren sie beide, und Niemand hatte sich um sie gekümmert. Ein bitteres Gefühl der Vereinsamung und eine jähe Ahnung des Geschehenen kam über sie. Die Stille des Zimmers war ihr plötzlich tödtlich peinlich, und sie eilte wie ein Kind, das im Dunkeln Gespenster hinter sich wähnt, die alte finstere Eichentreppe hinab.

In der Ladenstube stand wieder Herr Franz Zehren am Fenster und blickte sich um, als sie eintrat. Sie sah ihn mit ihren aufgeregten, verstörten Augen an, um in seinem Gesichte etwas lesen zu können, was sie erfahren wollte, aber sein Gesicht verrieth nichts; es war der alte melancholische Blick wieder, mit dem er sie empfing, den sie kannte und der ihr unerträglich war. Auch an der Mutter, welche gleich nachher aus dem Laden trat, war nichts Ungewöhnliches zu bemerken, nur wollte es die Tochter bedünken, als bewege sie sich hastiger als sonst wohl. Sie sprach kein Wort mit Emilie, sondern setzte sich mit Franz Zehren an das Fenster und unterhielt sich mit ihm in der heiseren Lippensprache, die man Tauben gegenüber anzunehmen pflegt.

Das junge Mädchen kämpfte mit Thränen und legte sich zu dem anderen Fenster hinaus. Auf der Gasse drunten spielten Kinder, und die grellen Laute kindlicher Lust hatten jetzt etwas Betäubendes für sie. Sie hörte kaum, daß die Mutter wieder hinausgerufen wurde; sie merkte nicht, daß Zehren sich erhob und in der Stube auf und nieder ging, bis er plötzlich hinter ihr stand, daß sie erschrak.

?Was wollen Sie?? fragte sie feindlich und sah ihn mit ihren gerötheten Augen herausfordernd an. ?Sie hassen mich, Fräulein Emilie ??

?Hornemann heiße ich,? unterbrach sie ihn, aber er hörte davon nichts.

?Ich weiß, daß ich Ihnen mehr zuwider bin, als der böse Feind, und dennoch habe ich nichts gethan, als daß ich Sie geliebt habe, und lieben werde ich Sie, so lange ich athme. Ich möchte wohl wissen, ob Sie ebenso lange im Stande sein werden, mich zu hassen.?

Ein Blick voller Verachtung glitt an ihm nieder, aber er ließ sich nicht aus der Fassung bringen. ?Ich habe das Unglück taub zu sein, aber ich bin nicht blind, und Ihre Augen sprechen eine sehr deutliche Sprache. Nun wohl, Sie wollen nicht, daß ich glücklich werde, und ich würde selber darauf verzichten, sobald ich einsehen würde, daß ich, um selber glücklich zu sein, Ihr Unglück fordern müßte. So lange ich diese Ueberzeugung nicht habe, werde ich jede Waffe für erlaubt halten, um Sie zu besiegen, um Ihnen den Widerwillen gegen mich aus der Hand zu winden, zu dem Sie kein Recht haben. Sie behandeln mich, wie man eine Kröte behandelt, die man mit einem Fußtritte bei Seite stößt; das heißt über eine Grenze hinausgehen, deren Ueberschreiten mich auch von einer Summe von Rücksichten entbindet, die man sonst Damen gegenüber, um die man wirbt, zu nehmen pflegt.?

Sie war außer sich, als er ihr diese Worte ruhig, aber mit bitterem Ernste und großer Festigkeit sagte. Sie trat dicht vor ihn hin mit bebenden Lippen und zornigen Augen und sagte scharf accentuirt: ?Mein Herr, Sie sind ein Komödiant und ein Narr dazu.? Und sie wandte ihm den Rücken und schritt stolz wie eine zürnende Göttin aus der Stube.

Ein tiefer Schatten legte sich über sein klares Gesicht, als er allein war. ?Ich lasse nicht von ihr,? murmelte er; ?einer Marotte, einer sogenannten Antipathie halber sicher nicht. Es wäre denn, daß ich etwas Anderes glauben müßte ? ??

Oben saß die schöne Leidenschaftliche wieder, diesmal vor ihrem Schreibtische, und während sie heiße Thränen weinte, daß sie kaum das lichte Papier von ihnen frei zu halten vermochte, glitt ihre Feder über den Briefbogen. Einmal hielt sie inne und lehnte sich in den Stuhl zurück. ?Der Tropf,? sagte sie und schlug sich an die Stirn, ?er thut, als wisse er nicht, daß er im Begriffe ist, mich unglücklich zu machen.? Und sie lachte zornig auf und schrieb weiter; am Ende siegelte sie den Brief ein und schrieb die Adresse darauf: An Herrn Doctor Urban.

Franz Zehren war längst aus dem Hause, als sie mit dem Schreiben fertig war. Die Mutter, welche sonst beständig nach ihr rief, hatte sie nicht ein einziges Mal gestört. Sie nahm ihre Mantille um, band ein Filettuch über ihr üppiges Haar und ging leise durch den Hausflur auf die Straße. Als sie am Canale hinunter zur Kaiserbrücke kam, blieb sie einen Moment vor dem Eingange zu letzterer stehen, um eine offene Equipage vorüber fahren zu lassen. Die zwei prächtigen Apfelschimmel bäumten sich dicht neben ihr? und ein Blitz des Erkennens ging über ihr Gesicht. Gleich darauf erscholl aus dem Fond des Wagens ein ?Halt!? Der Kutscher auf dem Bocke zog die Zügel an und ein paar weiße Mädchenarme griffen aus dem Wagen, um die Freundin hereinzuziehen. Emilie schwankte noch, aber die frischen schwarzen Augen über ihr baten so dringend und unwiderstehlich, daß sie auf den Tritt stieg. Bald darauf rollte sie leicht, in dir Kissen zurückgelehnt, neben der Freundin die Kaiserstraße hinab.

?Das ist köstlich, Milli, daß ich Dich aufgefischt habe. Ich lasse Dich nicht los bis in die sinkende Nacht. Wenn man Dich nicht unversehens einfängt, so bekommt man Dich überhaupt nicht mehr zu sehen. Ich habe schon den Doctor Urban nach Dir gefragt, aber er will Dich seit vierzehn Tagen nicht gesehen haben und behauptet, Du beabsichtigtest Nonne zu werden, was ihm natürlich die höchste Freude sein würde.? Und die frischen Lippen des zierlichen Wesens neben ihr lachten so lustig, und die Feder des Hutes auf dem schwarzbraunen Krauskopfe nickte dazu, daß es wie Sonnenschein in die Nebel über dem Herzen der wenig älteren Freundin fiel. Aber die Nebel zergingen nicht; der Name des Doctor Urban, den das Commerzienraths-Töchterchen genannt hatte, verdarb Alles.

?Mein Gott, da fahre ich nun mit, Toni, und wollte doch zur Post,? sagte sie und richtete sich ängstlich auf. ?Ich fahre auf jeden Fall nur bis an Euer Haus und steige dort aus.?

?Paperlapap! Ich schicke den Johannes auf die Post mit Deinem Briefe. Widersprich nicht! Vor all dem Lärme hier würde ich kein Wort verstehen.? Und Lärm gab es wirklich genug; unter ihnen rasselte der Wagen, und neben ihnen vorbei klirrten und knarrten und rasselten andere Fuhrwerke, das ganze Getriebe der großen Fabrikstadt, und an einer Ecke stand die Drehorgel und spielte die Ouvertüre zu ?Alessandro Stradella? ? es war kaum möglich, sich hier verständlich zu machen. Schweigend und nur hier und da einen Gruß erwidernd fuhren die Mädchen bis in den Hof des Commerzienrathes.

?Seyboldt und Compagnie? stand auf dem großen messingenen Comptoirschilde, das die Thür eines Nebengebäudes im Hofe zierte. Aus der Thür aber stürzten ein paar Commis, um der Tochter des Hauses den Wagenschlag zu öffnen.

?Ist mein Vater da?? fragte das junge Mädchen, indem es leichtfüßig aus dem Wagen sprang. Emilie folgte ihr.

?Soeben ausgegangen, Fräulein Seyboldt; der Herr Commerzienrath wollte aber in einer halben Stunde zurück sein,? war die Antwort eines der jungen Leute, welchem die lange Feder keck zwischen den braunen Locken hervorstand.

?Ich danke, meine Herren; bemühen Sie sich nicht weiter! Johannes, trage die Sachen hinauf und melde der Tante, ich wäre im Garten. Noch eines ? Emilie, gieb Deinen Brief! Johannes, er muß nachher gleich auf die Post kommen ??

Das Gesicht Emiliens glühte in verrätherischem Roth, und sie drückte ängstlich mit der Hand auf die Tasche des Kleides, welche den Brief enthielt. Sie dachte daran, welche Adresse der Brief trug, und sie war entschlossen, ihn um keinen Preis aus der Hand zu geben.

?Es hat keine Eile,? sagte sie resignirt; ?laß? uns gehen!? Sie vermochte in der Verwirrung keinen anderen Entschluß zu fassen, als den, vorerst zu bleiben.

Toni nahm ihren Arm, indem sie mit der einen Hand den Fächer entfaltete und eifrig benutzte. ?Ich wußte, daß der Vater nicht hier war,? flüsterte sie heimlich lachend und zog die Freundin mit sich, ?sonst dürften unsere jungen Herren dort nicht so galant sein. Sie widmen mir insgesammt die zarteste Neigung, besonders Herr Pieper, der zweite Buchhalter mit den Locken. Aber warum siehst Du so ernst aus, Milli? Du bist zwar ein geborener Verstandeskasten, aber trübseliger habe ich Dich noch nie gesehen als heute. ? Brr, alle meine Tauben! Sie werden ein Paar zum Geburtstage erhalten, mit rothen Bändern um den Hals, Herr Pieper, wenn Sie so fleißig weiter füttern.?

Ein Taubenschwarm umschwirrte sie ? ein anmuthiges Bild, das elegante, lichtgraue Wohnhaus im Hintergrunde mit der breiten Treppe und dem hohen, luftigen, üppig mit wildem Weine bewachsenen Verandabaue darüber, vorn die sommerlich bunt gekleideten Mädchen in der Unruhe und dem Geflatter der Vögel. Seitwärts aber stand, der einzige noch von seinen Collegen, jener blutjunge hübsche Bursche mit der Feder hinterm Ohre, und lächelte glücklich mit einem Munde voll milchweißer Zähne und holte aus den tiefen Taschen seines Comptoirrockes eine Hand voll Erbsen nach der andern heraus, die er verschwenderisch auswarf. Wie verklärt starrte er der zierlichen Principalstochter nach, als sie, ihm zunickend, das Eisengitter aufstieß und leichtfüßig mit der Freundin im Garten verschwand. Dann fiel er sehr unsanft aus seinen Himmeln, denn drei Paar Hände zugleich trommelten an den Scheiben der Comptoirfenster, und als er sich umwandte, erblickte er drei lachende Gesichter zugleich hinter den Scheiben, welche ihn beobachteten. Er steckte die Daumen in die Westentaschen und ging mit dem unbefangensten Gesichte von der Welt in das Haus zurück.

Der Tag ging auf die Neige. Warme Sommerluft strich über die Rosenbeete im Garten und verstreute den Duft und raschelte hinten in den Laubbüscheln der dicken alten Linden, welche wie ein Kreis sehr ehrwürdiger Patriarchen in den sonst weit jüngeren Anlagen die Köpfe zusammensteckten. Zu beiden Seiten der Linden blitzte da und dort das Silber des Flusses auf, und darüber stiegen im blauen Abenddufte schon die Berglehnen der Umgebung empor. Rechts darüber konnte man das lange Fabrikgebäude sich hinstrecken sehen, aus dem ein gedämpftes Rauschen und Klappern herüberscholl; dichtes Gebüsch verdeckte das Erdgeschoß desselben vor den Besuchern des Gartens.

Die Mädchen gingen den breiten Kiesweg hinunter auf die Linden zu. Toni riß im Vorübergehen einen Zweig mit zwei Centifolienknospen vom Stocke und sagte ernsthaft: ?Er und sie! siehst Du, Emilie, sie stehen ein ganzes Stück auseinander, wie man glauben könnte, aber hier unten, da kannst Du es sehen, daß sie doch im Grunde ganz einig sind. So, das will ich Dir widmen, und Du kannst es hinter den Spiegel stecken. Uebrigens,? fuhr sie scheinbar ohne Zusammenhang fort, ?ich muß Dir doch sagen, daß der Doctor Urban sehr häufig bei uns ist.?

?Es ist doch Niemand krank bei Euch?? fragte Emilie zerstreut.

?Hat man je so etwas gehört?? rief Toni und lachte unbändig. ?Nicht einmal eifersüchtig kann man sie machen. Wir sind so gesund wie Fische, abgerechnet, daß die Tante alle vier Wochen große Migräne hat, wie andere Leute große Wäsche, und dann liegt sie zwei Tage und eine Nacht zu Bett und läßt die Fenster verhängen. Sie hat freilich eine Schwäche für den Doctor, obwohl er sie nicht curiren will und sich weder um sie noch um mich viel bekümmert. Wir sind ihm jedenfalls zu dumm, dafür ist er mir aber auch zu hochmüthig und zu moquant. Ich laufe ihm gern aus dem Wege. Wie Ihr so gut mit ihm fertig werdet, begreife ich nicht ? und Du zu allererst, ? leugne nur nicht, Du Heuchlerin, wir wissen Alle, daß Ihr Zwei ineinander verliebt seid ??

?Toni, ums Himmels willen ?? Emilie versuchte ihr den Mund zuzuhalten, aber die Geschwinde entschlüpfte ihr.

?Natürlich, ich bin eine Plappertasche, das ist noch nicht anders gewesen, so lange ich mich kenne. Du weißt ja, daß mich Fräulein Austin in der Pension das Mühlrad getauft hat. ? Hier stelle ich Dir Herrn Amor vor; eigentlich solltest Du mich ihm vorstellen, denn Du kennst[2] ihn besser als ich.? Und das graziöse, lustige Mädchen machte vor einem prächtigen Amor in Marmor eine tiefe Kniebeugung. Inmitten der Linden befand sich eine Rhododendrongruppe. und aus dieser heraus hob sich ein geschliffener Granitsockel mit der Figur. Vor dem Sockel ging das Beet auseinander, so daß eine Gartenbank Platz fand, und die Bank war mit zerpflückten Rosen übersäet.

?Siehst Du, das sind Opferspenden, die ich dem reizenden Jungen bringe,? meinte Toni, und ihre schwarzen Augen blitzten muthwillig, wie sie mit dem Fächer über die Bank fuhr, daß die Blätter auf den Kies hinabrieselten. ?Was er für wunderhübsche Grübchen hat, und einen Mund zum Küssen! Ich hoffe nun, er wird mir sehr gnädig sein. Du mußt nämlich wissen, daß ich alle jungen Männer, die in unser Haus kommen, hierher zu bringen suche, damit es der arme kleine Gott bequem hat, mir den Rechten auszusuchen. Laß uns noch ein wenig gehen! Nachher begeben wir uns auf die Bank unter seinen Schutz.?

Sie gingen, und die schöne Emilie Hornemann war froh, sich so ziemlich selbst überlassen zu sein. Wie ein glitzernder Springbrunnen plätscherte das Geplauder des reizenden Geschöpfes neben ihr. Nur daß sie sich einiger verfänglicher Fragen zu erwehren hatte, denn Toni wollte durchaus wissen, ob es ihr anfangs sauer geworden sei, den Doctor zu küssen, und ob sie selber Aussicht auf einen Brautjungfernposten habe, und was dergleichen wissenswürdige Dinge mehr waren. Endlich wurde die Aermste einmal in ihrer Herzensnoth heftig, worauf ihre Begleiterin sie mit der Erzählung dessen strafen zu wollen erklärte, wovon der Doctor sich mit ihrem Vater zu unterhalten pflege. ?Schauderhafte Dinge sind es, lieber Schatz,? meinte sie geheimnißvoll. ?Da soll es z. B. gähren und allerlei Kartoffelkrawalle geben, und dann ist von einem Guizot die Rede und einer schlechten Constitution ? wer daran leidet, weiß ich nicht, es müßte denn die Tante sein. Auch Jesuiten kommen vor und Schweizer und Italiener, besonders ein sogenannter großer Mazzini, von dem der Doctor immer spricht, und Vater will mit Kanonen schießen, während sie der Doctor für sehr überflüssig hält und dabei meiner vollen Zustimmung gewiß sein kann,? wie sie mit weiser Miene hinzufügte. ?Kurz, wenn ich sie von weitem reden höre, so ist mir immer, als läse ich Räubergeschichten ? wenn ich nämlich in die Nähe komme, so hören sie auf.?

?Sind sie denn einerlei Meinung?? fragte Emilie gespannt.

Toni überlegte. ?Ich glaube nicht. Sie schütteln viel mit den Köpfen, und ein paar Mal sind sie ganz heftig geworden. Verstehst Du etwa von ihrem Gerede etwas? Aber ich brauche ja nur an Deinen Bruder zu denken. Ich wollte, ich hätte auch einen, nur dürfte er keine so abscheuliche Troddelmütze aufsetzen und so lange Röcke tragen. ? Prenez place, sil vous plait, mon ange!? Sie saß schon, indem sie das sagte, und stieß mit den Spitzen ihrer leinenen Rosettenstiefelchen den Sand auf, daß er hoch in die Luft stob.

Emilie mußte wider Willen lächeln. ?Du weißt gar nicht, ein wie reizender Unband Du bist,? sagte sie.

?Soso lala; es geht an. Die Welt weiß, daß ich eine Stumpfnase und einen zimmetfarbenen Teint habe. Ich erinnere mich nicht, daß ich viele Eroberungen zu verzeichnen hätte ? das heißt wirkliche. Wäre Papa nicht Commerzienrath, so pfiffe kein Vogel nach mir. Nein, Du bist die Prinzessin Tausendschön. Emilie ? ich sollte lieber Prinzessin Lilie sagen, das reimte sich, und Du bist wirklich so feierlich und glänzend, wie meine Lieblingsblume. Ich wünschte, daß ich nur einmal die Augenbrauen so zusammenziehen und so stolze Augen machen könnte, wie Du. Der Doctor kann es beinahe, aber er sieht so vornehm, wie Du, doch nicht aus. Wer hat nach mir, nach mir selber schon gefragt? ? Und doch glaube ich, ich würde einen Mann sehr lieb haben können, Milli. Es ist mir wohl manchmal so eigen hier? ? und sie schlug sich mit dem Fächer auf die Brust ? ?so voll und süß und wunderlich. ? Ich lieb eine Blume, und weiß nicht welche ? das macht mir Schmerz; ich schau in alle Blumenkelche und suche ein Herz ??

Emilie bog sich zu ihr hinüber und hob leise den Kopf auf, den sie hängen ließ. Zwischen den dunklen Wimpern blitzte es feucht, und ihr schlanker Körper bebte leise in den Armen der Freundin. Aber einen Moment später lachte sie wieder, und plötzlich fühlte Emilie ein paar heiße Küsse, dann riß sich Toni von ihr los, sprang auf, und indem sie rasch dem Marmorknaben droben ein paar Nasenstüber versetzte, sagte sie: ?Adieu, ich will ihm einige Rosen zum Opfer holen. Laß Dir die Zeit nicht lang werden, Milli!? Und fort war sie.

Emilie spielte mechanisch mit ein paar Rosenblättern und horchte dann. Es war ihr, als ob der Schritt der Davoneilenden in einer anderen Richtung zu hören sei, als nach der sie den Weg genommen. Doch das war wohl eine Täuschung. In der Fabrik drüben schloß das Glockenzeichen die Arbeit ab; die Ausgänge führten auf eine Seitenstraße, indeß war der Lärm, welchen die abziehenden Arbeiter verursachten, stark genug, um ein schwaches Geräusch im Garten zu übertäuben.

Das unendlich Rührende und Reizende, was in der halb unfreiwilligen Gefühlsäußerung Tonis gelegen, hatte sie eigenthümlich ergriffen. Die Tochter des Commerzienrathes war ihre Pensionsfreundin, die sich, obgleich ein paar Jahre jünger als sie, mit nicht abzuweisender Innigkeit an sie angeschlossen hatte. Und wie verschieden waren sie beide geartet! ? so verschieden, daß sich Emilie schwer würde haben entschließen können, sie zur Vertrauten zu machen. Die Versuchung dazu lag doch eben nahe genug. Nun saß diese wieder regungslos da wie Marmor, nur der Widerschein der verglimmenden Abendröthe überhauchte das schöne, blasse Gesicht mit wärmerer Farbe.

Da bewegte es sich hinter ihr. Von einer Linde löste sich eine dunkle Männergestalt los und trat auf sie zu. Sie sprang hastig empor und stützte sich in tödtlichem Schrecken auf die Lehne der Bank, bis sie ihn plötzlich erkannte ? es war der Doctor Urban.

?Habe ich Dir Furcht eingeflößt, Emilie?? fragte er, seine Ueberraschung bemeisternd. ?Wie kommst Du hierher, Du, die ich hier zu allerletzt zu finden hoffen durfte??

Sie sah ihn mit großen, prüfenden Augen an und erwiderte langsam: ?Das möchte ich Dich fragen, Heinrich. Ich habe in meines Herzens Noth diesen Nachmittag auf ein erlösendes Wort von Dir gehofft, und Du hattest mir nichts zu sagen, und nun begegne ich Dir in dieser Umgebung, die, wie ich höre, eine besondere Anziehungskraft auf Dich übt, und in diesem Moment! Wenn ich nicht hier säße, Heinrich, sondern Toni Seyboldt, die Du statt meiner erwarten mußtest, was würdest Du ihr gesagt haben ? ? ah! das war ein dummer Einfall; halte mir meine Thorheit zu gute! Ich habe noch nicht an mir verzweifeln gelernt, um eifersüchtig zu sein. Möchtest Du mir nicht einen Brief an Dich abnehmen, Heinrich? Ich wollte ihn zur Post geben; nun macht es mir der Zufall bequemer.? Und sie nestelte an ihrer Tasche, in welcher der Brief knisterte.

Doctor Urban hatte ihr ruhig zugehört. ?Ich dächte, noch bequemer wäre es, wenn Du mir mündlich sagtest, was darin steht, Liebste. Vielleicht hörst Du aber zuerst, was ich Dir wahrscheinlich auch schriftlich hätte sagen müssen, da Dein Bruder sich weigerte, die Mittheilung zu übernehmen. Mit der Hoffnung auf ihn ist es so gut aus wie mit derjenigen auf Deine Mutter. Sie hat mir Zehren als Deinen Bräutigam vorgestellt.?

?Ich ahnte es,? stieß Emilie heftig hervor. ?Und dieser Mensch ? wisse es! ? besitzt die Frechheit, mir in das Gesicht hinein zu erklären, daß ihm alle Mittel recht seien, um mich zur Ehe mit ihm zu zwingen. Dieser Mensch ist ein solcher Heuchler und so beschränkt zugleich, daß er sich geberdet, als wisse er nichts von unserm Verhältniß, und als würde ich ihm glauben, daß er nichts wisse. Ah! es ist sehr bequem, taub zu sein; es ist ein Vorwand, um das nicht zu wissen, was man nicht wissen will. Hier steht es, Heinrich? ? und sie zog den Brief hervor und zerriß ihn ? ?ich reiße die Bande des Blutes durch wie diesen Brief, wenn ich auf Dich rechnen kann. Sind diese Bande von unzerstörbarem Stoff? Nein, denn der Tod löst sie, und ich werde todt sein für die Meinigen, so lange sie es so wollen. Vielleicht daß ich Reue empfinden werde, später, irgend einmal. Was kann mich das jetzt kümmern? Ich weiß keinen andern Ausweg aus dieser Drangsal. Ich vertraue Dir Leib und Seele an, Heinrich; willst Du mich retten, wie Du geschworen hast??

Vornehm-prächtig stand das schöne Mädchen da, mit den stolzen Augen und dem entschlossenen Ausdruck um den feinen Mund, die Rechte, welche den Brief zusammengeballt hielt, wie beschwörend gehoben, daß der weiße Arm in der Dunkelheit der Baumgruppe leuchtete ? und den Doctor faßte eine trunkene Empfindung von Glückseligkeit. Er nahm die ausgestreckte Hand und zog die Herbe, Trotzige widerstandslos an sich. ?Frau Venus,? stammelte er, ?ich bin Dir verkauft und zerschlage alle meine Götzenbilder, Freiheit, Constitution, Republik ? ich weiß selbst nicht einmal mehr, wie sie eigentlich heißen ? ich will Dich allein anbeten.?

?Sprich nicht so vermessen, Heinrich!? sagte sie ernst; ?das kann Deines Herzens Meinung nicht sein. Du mußt weiter wirken für die heilige Sache des Volkes, und ich werde Dir kein Hinderniß sein, sondern ein Sporn, wenn Du müde bist; ich werde es sein, die Dir Kühlung fächelt, wenn Dir heiß wird von der Arbeit.?

?Aber Dein Bruder?? fragte er etwas ernüchtert. ?Außerhalb seiner Organisation ist hier die Arbeit ein Unding, und es steht dahin, ob er mich neben sich duldet, nachdem Du unter solchen Umständen mein Weib geworden.?

Sie wollte antworten, aber es geschah in diesem Augenblick etwas Unerwartetes. Hinter dem Amor, in den Rhododendronbüschen klang es wie ein leises Rauschen gestreifter Blätter, und plötzlich fluthete ein Regen von Rosen und Rosenblättern über die Beiden, daß der Doctor erschreckt ein paar Schritte zurück trat.

?Was ist das??

?Das ist der Segen des großen Gottes Amor!? entgegnete eine verstellte tiefe Mädchenstimme hinter dem Sockel. Ein kurzes, lustiges Lachen folgte, und Toni sprang wie ein Reh durch die Sträucher.

?Alle guten Geister loben Gott den Herrn,? sagte sie ernsthaft. ?Das ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich ein Tête à Tête überrasche. Guten Abend, Herr Doctor Urban!?

Die Beiden schüttelten sich die Rosen vom Kopfe und aus den Kleidern, und der Doctor verneigte sich lachend. ?Ich denke, wir sträuben uns nicht mehr, liebe Milli, Fräulein Seyboldt dort einzugestehen, was sie weiß.?

?Sie werden doch jetzt nicht leugnen wollen, mein Herr?? versetzte sie mit geheucheltem Erstaunen. ?Aber was nun?? fügte sie etwas beklommen hinzu, ?gehen wir in das Haus hinein? Wenn ich recht vermuthe, so wollten Sie meinen Vater sprechen, und ich glaube, daß er zurückgekehrt sein wird. Kommen Sie! Ich bin die dame dhonneur und nehme Sie unter meine Flügel. Ich denke, jetzt sollen Sie mich endlich respectiren, Herr Doctor, und nicht mehr so en bagatelle behandeln. Ich weiß Ihr Geheimniß, und wehe Ihnen, wenn Sie mich reizen! Ich lasse es ausklingeln.?


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