Byzantinische Novellen

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Die beiden Wagenlenker

I.

Justinian und Theodora herrschten in Constantinopel und über die Länder des Orients. Es war eine Zeit der Knechtschaft und Genußsucht, eine Zeit der Gewalt und Heuchelei. Das junge Christenthum mit den Keimen alles Guten, um die Menschheit einem bessern Zustande entgegenzuführen, war in den Staatsdienst getreten, und ganz und gar veräußerlicht geworden. Spitzfindige Auslegungen, unterschobene Bücher auf der einen Seite, auf der anderen die niederträchtigste Habsucht, das rücksichtsloseste Vorgehen, in der Absicht die Güter der heidnischen Tempel zu plündern, Angeberei und Proselytenmacherei und das erbärmlichste Kriechen vor der weltlichen Gewalt, um sie als Deckmantel von Verbrechen zu benützen, das charakterisirt die Physiognomie jener Epoche.

Justinian war gern bemüht, wie er die Rechtswissenschaft in ein Buch der Dogmen gesammelt hatte, auch die Dogmen des Glaubens zu einer Staatssache zu machen und ihrem Vollzug den Arm der strafenden Gerechtigkeit zu leihen. Theodora betete und zog alle wallfahrenden Magdalenen in ihre Umgebung; die Juden handelten mit christlichen Heiligenbildern, und diejenigen Christen, welche für heilig gelten wollten, handelten mit Glaubensartikeln.

Ein zweiter Faktor der Umgestaltung des alten Kulturzustandes und eines neueren und frischeren Lebens, die germanische Völkerkraft mit ihrer ungebändigten Freiheitslust und ihrem ursprünglichen Sinn für das Wackere und Rechte, auch dieses Element der Verjüngung war vergiftet und in den Todeskampf der absterbenden Welt hineingezogen. Viele der deutschen Stämme, welche auf der Wanderung neue Reiche gegründet hatten, waren durch Ueberlistung und wohl auch durch die noch immer überlegene Heereszucht der Oströmer erdrückt worden, viele der germanischen Edlen rechneten es sich zur höchsten Ehre, Kriegsdienste in Byzanz zu nehmen, oder sich um Hofstellen bei dem Kaiser Constantinopels zu bewerben. In Bälde waren sie nicht besser, als ihre Verderber.

In dieser traurigen Zeit hatte sich um die Ueberreste Olympias in dem Thal, durch welches der Alpheios noch immer seine bald klaren, bald aufgewühlten Bergwässer rollte, eine Kolonie alter Anhänger und heimlicher Bekenner des heidnischen Gottesdienstes vereinigt, meistens Kaufleute aus den Seestädten Griechenlands und der Inseln, welche, nachdem Handel und Kauffahrtei durch räuberische Barbaren vernichtet waren, sich hierher zurückgezogen und die geretteten Trümmer ihres früheren Reichthums darauf verwendet hatten, das alte Olympia wieder in würdiger Weise herzustellen. Die langjährige Verheerung der Provinz kam ihnen hiebei zu statten, denn keine der ins nördliche Hellas eingedrungenen Horden vermuthete hinter den menschenöden Gegenden diese Oase der Geflüchteten, sondern die Feinde wandten sich, nachdem sie einige Tagmärsche gegen Olympia vorgerückt waren, anderen Theilen des Reiches zu, wo ihnen reichere Beute zu winken schien.

Die Ansiedler waren nun weniger darauf bedacht, sich Paläste oder prachtvolle Villen zu bauen, als vielmehr die heiligen Stätten wieder in den früheren Stand zu setzen, die Tempel, die Schatzhäuser, die Altäre und die übrigen für die Tage der Festlichkeiten bestimmten Gebäude wieder aufzurichten. Durch ein Erdbeben waren vor Kurzem Bildsäulen und Tempel eingestürzt, und vorher hatten hier die Gothen ihre Lagerfeuer angezündet. Aber gerade die Zerstörung verlieh den heiligen Orten ein eigenthümliches und wunderbares Aussehen. Es waren die Statuen der Götter und Heroen, die einen von ihren Piedestalen weggerückt und an die Mauern und Felsen angelehnt, die anderen, die ganz herabgestürzt, schienen in dem hochaufgeschossenen Grase zu lagern; der Epheu hatte sie mit lebendigen Kränzen umwunden, und einige sahen sogar aus, als ob sie sich aneinander schmiegten, kurz, es war, als hätte ein Strahl des Lebens die marmornen und ehernen Gestalten durchblitzt, und sie wollten ihre Befreiung aus den starren Banden des Steines und Erzes zu feiern beginnen.

Die gegenwärtigen Besitzer des Bodens aber ließen es sich angelegen sein, die Statuen wieder aufzurichten, sie hatten daher Künstler und Kenner aus Alexandria kommen lassen, welche die Bruchstücke zusammensetzten und an ihre früheren Stellen brachten, dadurch hatte sich ein lebhafter Verkehr und ein rühriges Zusammenleben gebildet, und bald kam man auch auf den Gedanken, die olympischen Spiele zu feiern wie in der Vorzeit.

Der Versuch, schon der erste fiel glänzender aus als man erwartet hatte. Nach zwei Jahren wurde das Fest in bedeutenderer Weise wiederholt, und bei einer der nächstfolgenden Feier waren die Söhne des Aristodämon, des ältesten und angesehensten der Ansiedler, zum erstenmal Sieger geworden. Diese Brüder hießen Adrast und Admet und waren Jünglinge von besonderer Schönheit und Kraft, die recht an die Kämpfer der althelenischen Zeit erinnern konnten. Sie waren auch in den nächstfolgenden Jahren nicht weniger glücklich und errangen den Kranz, der ebenso einfach war und ihnen ebenso ruhmvoll dünkte, wie er es in den vergangenen Zeiten gewesen. Fand sich auch kein zweiter Pindar, der ihr Lob verherrlichte, so wurden doch bei dieser Gelegenheit die alten Gesänge wieder vorgetragen, und der Ruhm, den die neuen Sieger sich erwarben, drang über Olympia und die nächste Umgebung hinaus, bis in die benachbarten Städte und weiter und weiter.

Aber eben dadurch wurde das Unglück über sie hereingeführt und ihr Untergang vorbereitet. Mönche hatten sich seit einiger Zeit nicht unfern von Olympia niedergelassen und ein Kloster gegründet. Sie beschwerten sich in Constantinopel über die Einführung heidnischer Gebräuche in ihrer Nachbarschaft, und die Folge davon war ein Edikt, durch welches bei Todesstrafe die fernere Feier der olympischen Spiele verboten wurde. Nun beschlossen die Ansiedler, eine Gesandtschaft nach Byzanz um Zurücknahme der harten Verordnung zu schicken, und die beiden Jünglinge wurden ausersehen, als Vertreter dieser Angelegenheit die Gerechtigkeit des Kaisers anzurufen. Was ihnen an Erfahrung und Weltklugheit fehlte, das sollten sie durch die Liebenswürdigkeit ihrer Erscheinung ersetzen, und man hoffte davon mehr als von jeder andern Weise die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Vorher aber trat ein anderes schreckensvolles Ereigniß ein: die frommen Männer, nicht zufrieden mit dem bloßen Verbote und weil sie schon auf eine ergiebige Verfolgung sich gefaßt gemacht hatten, hetzten einen der slavischen Stämme, die ins nördliche Griechenland eingedrungen waren, zu einem Raubzug gegen Olympia auf. Die Horde, durch Schilderung des dortigen Reichthums lüstern gemacht, zögerte nicht, der Aufforderung nachzukommen. Sie brachen in das wenig befestigte Thal ein, zerstörten und mordeten mehrere Tage lang schonungslos in den ewig denkwürdigen Stätten einer so ruhmvollen Vorzeit.

Unter den Einzelnen, denen es gelang, sich zu retten, befanden sich auch die Brüder. Sie halfen sich gegenseitig, den greisen Vater in Sicherheit zu bringen, indem abwechselnd der Eine ihn trug, der Andere mit Schwert und Schild die nachfolgenden Feinde über den Felspfaden zurückhielt. So kamen sie zur nächsten Seestadt. Hier starb ihr Vater, erschöpft von den Anstrengungen der Flucht. Die Jünglinge mietheten sich in ein Fahrzeug ein, das nach der Hauptstadt fuhr, und waren entschlossen, wenn schon sie ihren eigentlichen Zweck, den Auftrag der Bewohner von Olympia nicht mehr erfüllen konnten, doch ihr Fortkommen dort zu suchen. Vielleicht würde ihnen das Glück lächeln, dachten sie.

Es war Spätherbst und sie langten erst nach einer andauernd stürmischen Fahrt im Hafen von Constantinopel an. Eine der Herbergen in Nähe des Landungsplatzes nahm sie auf. Da es eben Festtag war, so folgten sie nach kurzem Ausruhen dem Menschenstrom in eine Kirche. Bald verharrten sie in Staunen vor vergoldeten Holzfiguren, welche in einer steifen, harten Manier gebildet, die Apostel Petrus und Paulus darstellen sollten.

»Glaubst Du nicht, daß es die Dioskuren, Castor und Polydeukes sind,« bemerkte Admet, der Jüngere.

»Wozu denn,« wendete sein Bruder ein, »tragen sie Schlüssel und Schwert? Ich glaube vielmehr, daß sie Todtenführer und Richter der Unterirdischen vorzustellen bestimmt sind, sieh? nur, wie ernst und furchtbar sie auf uns herabblicken.«

»Oder Flurgötter,« fügte der Jüngere hinzu, »sieh? nur, wie sie bärtig sind; und außer hier die Wache zu halten, scheint ihnen alles gleichgültig.«

Die Brüder bemerkten nicht, daß, während sie so sprachen, eine ziemliche Anzahl Menschen sich um sie gesammelt hatte, daß mit Neugierde ihren Worten gelauscht wurde und daß ein Murmeln der erstaunten Menschen sie begleitete. Ein am Boden Knieender, der mit ausgebreiteten Armen Gebete hersagte, beobachtete sie besonders scharf. Endlich trat ein älterer Mann in einer dem Priesteranzug ähnlichen Kleidung auf sie zu und sprach: »Ihr Jünglinge, die Ihr unterrichtet sein wollt über diese heiligen Gestalten, macht Euch auf, folget mir! Ich werde Euch belehren.«

Sie sahen sich gegenseitig an und gingen dann, da keiner etwas dagegen hatte, hinter ihm drein. Er führte sie in einen spärlich erleuchteten Raum hinter dem Altare und versuchte die Thür zu schließen, allein die dicht nachdrängende Menge verhinderte ihn daran. Er öffnete aber rasch eine zweite Thür, die in der Mauer völlig unsichtbar gewesen war, und drängte den Jüngern mit sich hinein. Da ward ein Ruf, wie ein Warnruf gehört, und während Adrast sich umblickte, hatte sich die Pforte, durch welche der Alte seinen Bruder mit hineingezogen, wieder geschlossen. Im Begriffe nachzudringen, fühlte er sich von den Umstehenden ergriffen, und zurückgerissen. Eh? er wußte, wie ihm geschah, war Admet vor seinen Augen verschwunden, und selbst die Spur des Eingangs, in den er ihn eben hatte treten sehen, war nicht mehr wahrnehmbar.

»O, Knabe,« riefen die Umstehenden ihm zu, »Dein Bruder ist verloren, danke Du Gott, daß wir Dich aus der Gewalt dieses Menschen errettet haben.«

»Wo ist er? ? mein Bruder, helft ihn mir befreien!« schrie Adrast auf ? »ich will nicht ohne ihn leben!«

Er blickte starr und flehend um sich, aber kein Mitleid begegnete seinen Augen, keine Hülfe. Nach einer Weile, indeß Thränen ihm entstürzten, trat ein Mann, etwas älter als er und von hoher athletischer Gestalt, auf ihn zu und sagte: »Du verlangst Unmögliches, in diesem Augenblick ist nichts zu thun, aber komm mit uns, und wir wollen auf Mittel und Wege denken, Deinen Bruder zu befreien. Kannst Du Etwas? Hast Du eine Kunst, eine Wissenschaft gelernt, bist Du eines Gewerbes kundig?«

Adrast blickte traurig zu Boden und schwieg, er hatte kaum gehört, was man ihn gefragt.

»Warum seid Ihr denn eigentlich hierher gekommen, Fremdlinge, denn das seid Ihr,« frug Jener wieder.

Jetzt blickte Adrast auf und erwiderte: »Wir wollten die Wagenrennen sehen und uns daran betheiligen ? uns?re eignen Pferde haben wir nicht mitgebracht, aber wir hatten vor, uns hier welche zu kaufen und sie für den Wettkampf einzuüben.«

»Ah,« rief der Byzantiner, »da bist Du, indem Du uns gefunden, zu den rechten Männern gekommen. Wir sind Wagenlenker von der grünen Genossenschaft, halte zu uns, erwähle Dir die Farbe der Meeresfluth und des Frühlings.«

»Ich verstehe Dich nicht,« sagte der Fremde.

»Nicht? Nun, so höre denn! aber komm,« damit faßte er ihn unter den Arm und führte ihn mit sich fort. »Wir sind die Diener reicher und vornehmer Herren und an jenen Tagen, an welchen die Wettrennen gehalten werden, lenken wir ihre Wagen, wir sind in Grün gekleidet, in ihre Lieblingsfarbe, sie bedeutet das Element des Wassers und den neu erwachenden Frühling. Unsere Siege bringen fruchtbare Jahre und glückliche Seefahrt.«

»Wie?« fragte Adrast, »Ihr ringt und wettstreitet nicht für Euren eignen Ruhm und den Ruhm Eurer Vaterstadt?«

»Nein! Wir sind nichts als Knechte.«

»Und was ist der Preis Eures Sieges?«

»Gold und Beifall der Zuschauer.«

»Gold?« fragte der Hellene, »bei uns in Olympia waren wir glücklich genug, einen Oelzweig zu erringen, einen Kranz vom Fichtenbaum, freilich aber lohnte uns zugleich die Liebe der Mitbürger und ein unsterblicher Nachruhm.«

»Auf den Nachruhm verzichten wir,« lachte der Byzantiner, »und das Uebrige, Kränze, Huldigungen und so weiter, kaufen wir; hier in Byzanz ist alles Waare, der Beifall, das Verdienst, die Liebe. Aber nun sollst Du auch die Anderen Deiner künftigen Genossen sehen und kennen lernen; wenn Du wirklich Pferde zu lenken verstehst und bei uns eintreten willst.«

»Davon sollst Du bald Beweise sehen,« rief Adrast.

»Schön!« gab ihm sein Begleiter zurück, »und sei überzeugt, daß wir nichts versäumen werden, um Deinen Bruder zu befreien. Doch siehe, wir sind am Ziele!«

Hiermit wies er auf ein hohes Gebäude, das von Mauern umschlossen, in Mitte eines freien Platzes am Ende der Straße lag und ein etwas düsteres Aussehen darbot. Wenigstens auf Adrast schien es diesen Eindruck zu machen, und er hemmte beinahe unwillkürlich seine Schritte, als er seiner ansichtig wurde. Auf ein von Lykortas, so hieß nämlich sein neuer Freund, gegebenes Zeichen, öffnete sich ein gewaltiges Erzthor, worauf in getriebener Arbeit Pferdebändiger abgebildet waren. Er trat hinein, mehr geführt als aus freiem Antrieb. Stumpf und halb bewußtlos ließ er sich auf eine Steinbank in dem Hofe nieder, drückte den Kopf in beide Hände und heftiges Schluchzen brach aus seinem Innersten. Was war nicht alles in den wenigen Stunden seit seiner Ankunft in ihm vorgegangen, welche Erlebnisse hatten ihn bestürmt! Kein Wunder, daß sein ganzes Selbst aus den Fugen zu gehen drohte. ?

Schon dunkelte der Abend herein: sein Freund ließ ihn nicht warten, er trat auf ihn zu und klopfte ihm sanft auf die Schulter.

»Es ist Zeit, daß ich Dich mit Deinem neuen Aufenthalt bekannt mache, Du wirst Dein Lager neben dem meinigen aufschlagen, wir wollen vorerst Dein Reisegeräth aus der Herberge holen und dann unsere Reise der Nachforschung antreten. Du darfst Dich nicht mehr allein in die Straße wagen, es muß Dich stets einer der Unsrigen begleiten, denn auch von uns geht keiner allein. Du sollst später hören, welche Gefahren Dir drohen.«

Adrast erhob sich, die Hoffnung, etwas von seinem Bruder erfahren zu können, schon die Aussicht, etwas dafür zu thun, belebte ihn aufs Neue. Nachdem sie die bevölkerten Stadttheile verlassen hatten, führte Lykortas seinen jungen Freund in ein Gebäude, dessen Inneres sich ihm beim Eintritt als eine tiefe Halle mit mächtigem Gewölbe zeigte, welch letzteres auf korinthischen Säulen ruhte. Ihr erster Blick fiel auf einen langen Zug von Männern und Frauen mit Körben auf dem Haupte, den Gestalten ähnlich, die zwischen den Säulen an den Wänden in erhabener Arbeit dargestellt waren. In Mitte des Zuges ging ein Mädchen von auffallender Erscheinung. Sie ragte an Größe über alle die neben ihr gingen und war in gleichem Maße von kräftiger und dabei graciös jugendlicher Gestalt. Aus dem vollen Oval des Gesichtes leuchteten dunkle Augen, lange schwarze Locken fielen über ihre Schultern, und von den blühenden Lippen kamen die Worte:

»Gepriesenes Jahr, das uns die himmlischen Mächte schenkten, das sie mit solcher Fülle ihrer Gaben überschütteten! Alle diese Räume fassen kaum noch den Segen der heurigen Ernte.«

Während sie dieses sprach, ruhten ihre Blicke auf den Stellen und Lagen, welche ringsum an der Mauer angebracht und mit Getreide und Früchten aller Art belastet waren. Wie die beiden Eingetretenen ihr folgten und weiter in das Innere der Halle, die früher ein Dionysostempel gewesen zu sein schien, vorschritten, so gewahrten sie überall in Körben und auf Palmblättern aufgeschichtet lange Reihen von Datteln, Granaten, Mandeln und Feigen zum Theil noch mit den grünenden Zweigen, bald geschmackvoll geordnet, bald in reizender Verwirrung durcheinander geworfen. Von allen Seiten her strömte der Wohlgeruch köstlicher Früchte.

Das Mädchen hatte, nachdem es die halbe Länge der Halle durchschritten, in einer etwas erhöhten Nische, zu welcher einige Stufen emporführten, Platz genommen. Sie schien so ganz und gar in die Umgebung zu passen. Ueber und um sie hingen in Guirlanden die Trauben des Chersoneses, der alten Heimat des Weinstockes, und sie saß unter diesen üppigen Rebgewinden, wie die Schutzgöttin des Gartens, aus dem alle diese reichen Erträgnisse kamen.

Mit ihren großen, beherrschenden Augen sah sie auf die Fremdlinge, und um die vollen Lippen flog ein verwundertes Lächeln. Nachdem sie mit einem Kopfnicken Lykortas als Bekannten gegrüßt, erhob sie sich und geleitete die jungen Männer in ein an das Gewölbe stoßendes Gemach, wo ringsherum an den Wänden mächtige Amphoren standen; hierauf entfernte sie sich.

»Mävo,« rief hier Lykortas, »Mävo erhebe Dich, wir bedürfen Deiner!« ?

»Kommst Du immer,« gab eine Stimme hinter den Steinkrügen zur Antwort, »wenn ich mir das Vergnügen gönne, die alten Inschriften auf dieser oder jener Amphora zu entziffern? Ist es nicht wohlthuend zu sehen, daß auch in vergangenen Tagen hier Zecher saßen und die Einfälle ihrer Weinlaune in diese Wohnungen des edelsten Geistes eingruben!«

»Ich hatte gedacht,« erwiderte Lykortas, »ihr Inhalt beschäftige Dich mehr, als die Außenseite, aber komme hervor und ertheil? uns Rath und Bescheid.«

Auf dies richtete sich eine kleine rundlichte Gestalt hinter einem der Mischkrüge empor, und frug: »Was heischt Ihr von mir?«

»Höre,« versetzte Lykortas, »diesem Jüngling, der kaum in Byzanz eingetroffen ist, wurde sein Bruder auf unerklärliche Weise entrissen. Er war in die Kirche der Apostel getreten und einem der Kirchendiener gefolgt, als sich plötzlich eine Thür öffnete, um ihn einzulassen, zu verschlingen hätte ich sagen sollen, denn er ist nicht mehr zurückgekehrt. Du bist der Mann, dem in dem unermeßlichen Constantinopel nichts unbekannt bleibt, erkunde, oder prophezeie uns meinetwegen, wohin der Unglückliche gekommen ist, denn ihm ist gewiß etwas Entsetzliches zugestoßen.«

»Nenne ihn vielmehr einen Glücklichen,« antwortete Mävo, und seine wulstigen Lippen verzogen sich zu einem hämischen Lachen, während seine tiefliegenden Augen stechende Blicke unter den buschigen Augenbrauen hervorblitzten. »Der ist aufgenommen in den Schoß der Bevorzugten.«

»Glaubst Du,« fiel ihm jetzt Adrast ins Wort, »glaubst Du, er lebt noch, wo vermuthest Du ihn?«

»Wo?« sprach Mävo gedehnt, »wo? ? nun so wisset und es ist bald nirgends mehr ein Geheimniß, daß eine Verbindung von Bösewichtern besteht, deren einer Theil es sich zur Aufgabe macht, Fremdlinge in den Straßen zu überfallen und leicht zu verwunden. Die anderen eilen dann herbei und retten scheinbar die Getroffenen, die meist von Schrecken oder Schlägen betäubt daliegen, und bringen sie in eines der Hospitäler, welche unsre fromme Kaiserin Theodora gestiftet hat. Dafür erhalten sie reiche Belohnung und dies ist der gemeinschaftliche Lebensunterhalt dieser satanischen Bande, die schon so viel Kummer und Verwirrung über uns gebracht hat.«

»Und glaubst Du, daß mein Bruder in ihre Hände gerieth?«

»Ich vermuthe es,« erwiderte der Kleine.

»Aber an einem so heiligen Orte?«

»Sie haben überall ihre Mithelfer, unter allen Ständen und an allen Orten. In wenigen Tagen hoffe ich Dir genügende Auskunft geben zu können.«

Das Mädchen trat ein, stellte einen Korb mit Früchten auf den Tisch und füllte die Becher. Adrast sah mit einer aus Verwunderung und Andacht gemischten Empfindung in ihr schönes Gesicht. Worte fand er keine, doch ihre Blicke begegneten sich neugierig und forschend, wie dies bei Menschen, besonders bei jugendlichen, die sich zum erstenmale sehen, der Fall ist.

»Du bist traurig,« redete sie ihn an, »darum will ich Dir kredenzen, trinke, damit Du Muth und Freude gewinnst aus dem Inhalt dieses Bechers. Und auch Du,« wandte sie sich an Lykortas, »auch Du ermuntere Deinen Freund; Euch Beiden möge sich Alles zum Guten wenden!«

Damit ließ sie die Freunde allein, die nun ihre Hoffnungen und Befürchtungen austauschten. Es währte nicht lange, so wurde heftig an die Thore gepocht, die, wie Adrast jetzt erst bemerkte, von innen mit gewaltigen Eichenkloben gesperrt waren. Dem Pochen folgte bald ein wildes Geschrei, dem von der Halle aus nur das Heulen der großen Hunde Antwort gab; dann folgte ein Hagel geschleuderter Steine, so daß das Thor davon erbebte. Man hatte es offenbar darauf abgesehen, gewaltsam einzudringen. Alle sahen sich bestürzt an, der Kleine war eiligst hinter eine Amphora gekrochen, nur das Mädchen blieb ruhig und sagte: »Sie werden bald abziehen, da sie die Hunde hörten.«

»Es sind die Blauen,« fügte Lykortas hinzu, »aber das Thor ist fest genug, um ihrem Angriff zu trotzen. Dir ist noch nicht bekannt,« wandte er sich an Adrast, während der Lärm draußen seltener wurde und bald ganz aufhörte, »daß unter den Blauen jene andere Genossenschaft von Wagenlenkern verstanden ist, welche unsere Wetteiferer, unsere Feinde, und da sie der besonderen Gunst Justinians und des Hofes genießen, auch unsere Bedränger und Peiniger sind. Ohne Zweifel steht auch die Bande, von der Du eben hörtest, mit diesen unsern Widersachern im Bündniß. Es giebt keine Beleidigung, die sie uns nicht zufügen, wo sie können, und Gerechtigkeit gegen sie zu finden, ist unmöglich; ja, wenn wir uns endlich selbst rächen und unsere Mißhandler verdientermaßen züchtigen, so haben wir vor den Gerichten die Strafe zu gewärtigen, während jene stets freigesprochen werden. Nun findet nächstens ein großes Wagenrennen im Hippodrom statt ? ungeheure Wetten über unsere Leistungen sind schon gemacht, und es heißt, wir werden diesmal Sieger bleiben, deshalb sind sie uns doppelt aufsässig und besonders auf mich haben sie es abgesehen, einmal weil ich schon öfters Einen und den Andern überflügelt habe, und dann, weil jenes Mädchen mich als den Ersten unserer Genossenschaft ausgezeichnet und aus ihrer Vorliebe für uns keineswegs ein Geheimniß macht. Sie hat mir schon öfters bei den Wettrennen einen Kranz zugeworfen.«

»Wie glücklich Du bist!« rief Adrast aus.

Lykortas fuhr fort: »Sie schwebt deshalb auch stets in Gefahr von ihnen beleidigt zu werden; ja, ich fürchte sogar, man geht damit um, sie gefangen nehmen zu lassen, ? denn ?« hier hielt der Sprecher plötzlich inne, und Adrast warf einen Blick der Verwunderung auf Dione und dann auf ihren Geliebten, denn als der galt ihm Lykortas, und ein wunderbares Gefühl bewegte sein junges Herz. Der Kleine kam wieder hervor, und wußte ebenfalls von Unthaten der Blauen und ihrer Straflosigkeit zu erzählen.

»Aber für Dione,« rief er aus, »besorge ich nichts, sie hat einen überaus kühnen Muth und hält Sklaven und Hunde, welche sie vertheidigen werden.«

»Wenn aber eine geheime Anklage ?« warf ihm Lykortas ein, »sie vor Gericht fordern sollte, Du weißt, daß man schon einmal daran war, sie des Hochverrats zu beschuldigen.«

»Und, wie damals,« sagte lachend der Kleine, »wird sie auch in Zukunft Vermögen genug besitzen, um einen günstigen Urtheilsspruch zu erkaufen.«

Lykortas hatte hierauf nichts einzuwenden, sondern saß vertieft in Gedanken und brütete vor sich hin.

»Dieses Mädchen und eines Hochverrats angeklagt,« sprach Adrast verwundert zu sich selbst, »wie ist das möglich?«

Nach einigem Schweigen erhob sich Lykortas zuerst und ermahnte seine Freunde zur Heimkehr, da sie nun die Straße wieder sicher finden würden. Er führte den Jüngling entlang dem Meeresufer ihrem beiderseitigen Standquartiere zu; daselbst angekommen, warf sich Adrast auf sein Lager und sank voll Ermüdung bald in tiefen Schlaf.

»Er schläft schon,« sagte Lykortas, der nochmals an das Lager seines jungen Genossen gekommen war, »er schläft schon ? armer Knabe, Dein Erwachen wird nie wieder so süß sein, wie in Deiner Heimat, bald wirst Du entweder so hart und stumpf, wie wir Andern, oder Verzweiflung wird Dein Herz zerreißen. Du bist schön und jung, ich will, so lang? es geht, Dein Beschützer sein!«

Er ging und warf sich gleichfalls auf sein Lager. Tiefe Stille war. Kein Fenster in der dumpfen Zelle ließ auf die kräftigen Gestalten der beiden Schläfer einen Strahl des vollen Mondlichts ein, wie es draußen die Kuppeln und Zinnen der Hauptstadt Ostroms beleuchtete, keine Lampe warf ihren Schimmer auf sie, von allen den unzähligen, wie sie in den Kirchen die vergoldeten Gebeine der Märtyrer umschlossen, aber sie schliefen, und ihre Träume führten sie von da hinweg, den Einen an das Ufer des Alpheios, den Andern in die Rennbahn.

In aller Frühe des nächsten Morgens ward Adrast durch den Lärm vor seinem Gemach, das Stampfen und Wiehern der Pferde, durch die Rufe der Diener und seiner neuen Freunde geweckt. Er trat hinaus und wurde allseitig begrüßt. Die Probe einer Umfahrt fiel glänzend aus. Man jauchzte ihm zu, man umarmte ihn, und Jedermann äußerte sich dahin, daß die Genossenschaft in ihm einen neuen Zuwachs, eine Errungenschaft erhalten habe, die ihr zum Sieg über die Gegenpartei verhelfen müsse. Bei dieser Gelegenheit vernahm er die Bestätigung all der Klagen, Verwünschungen und Drohworte gegen die verhaßten Gegner, wie sie ihm schon von Lykortas anvertraut worden waren. Auch ihres hohen Beschützers wurde dabei in nicht sehr geziemender Weise gedacht.

»Der meineidige Tyrann,« rief Theophanes aus, »hätte nie sein Vater gelebt, der ihn der Welt zum Unheil erzeugte!«

»Widerrufe!« schrie ihm ein Andrer zu, »er hat nie einen Vater gehabt!«

»Nein,« hohnlachte ein Dritter, »er ist von Anfang an, wie Theodora, seine Gattin, ohne Ende!«

Alle lachten, ? dann rief ein Vierter: »Stille! Schweigt, wenn man uns verriethe, könnt es uns allen an den Hals gehen.«

»Ha,« rief Theophanes wieder, »das getraue ich mir dem Kaiser ins Gesicht zu sagen, Ihr sollt mich steinigen, wenn ich es nicht wage.«

»Das wird nicht nöthig sein,« ward ihm entgegnet, »man läßt Dich gar nicht zu Worte kommen.«

»Wir wetten, daß er es wagt,« riefen einige seiner Freunde und boten hohen Einsatz. Viele reckten ihre Arme empor und leisteten Schwüre bei Göttern und Heiligen. Es war ein wilder und aufregender Anblick, diese Gestalten zu sehen: hier die schlanken, gluthäugigen Araber, dort breitschulterige Thracier, alle von dem gleichen Hasse gegen ihre Verächter beseelt. In diesem Augenblicke trat eine Anzahl reichgekleideter Männer in den Hof. Es waren Senatoren, jene Vornehmen, auf deren Kosten die Partei der Grünen unterhalten wurde. Jeder derselben sammelte seine Wagenlenker um sich, fragte nach den Pferden, dem Gespannzeug, ihrem eigenen Befinden und welche Aussicht sie hätten, die Preise zu erringen und was sie etwa bedürften. Sie ließen es nicht an Geschenken und Versprechen fehlen, um die Leute anzufeuern.

Admet stand allein und etwas abseits und schaute mißvergnügt auf dieses, ihm nicht sehr ehrenvoll dünkende Schauspiel. Da näherte sich ihm Einer aus der Schaar der Vornehmen, ein junger Mann von höchst elegantem Aeußern. Er war ganz in die Tracht der Wagenlenker selbst gekleidet, das weite Uebergewand mit den enganliegenden Aermeln trug das barbarische Gepräge der Mode jener Zeit: über die gleichfalls nach hunnischer Art enganliegenden Beinkleider schlossen sich safranfarbene Stiefel und als Kopfbedeckung trug er eine der phrygischen ähnliche, oben abgestumpfte Mütze, unter welcher das lange Haar auf die Schultern herabfiel.

»Wessen bist Du,« frug er den Griechen, »wem gehörst Du?«

»Ich gehöre Niemand,« antwortete Adrast, »ich bin ein freigeborner Hellene.«

»Wie kamst Du hierher?«

»Ein Fremdling, und von diesen Männern gastlich aufgenommen.«

»Verstehst Du Dich auf ihre Kunst?«

»Ja,« riefen mehrere der Nebenanstehenden, als Adrast zu sprechen zögerte, »er ist vortrefflich.«

»Nun ?« sagte der junge Mann im freundlichsten Tone, »möchtest Du nicht mein Gespann lenken, Du könntest bei mir bleiben, ich würde Dich mehr wie einen Freund, als wie einen Diener halten.«

»Die Noth zwingt mich, und Deine Worte erleichtern es mir, auf Dein Anerbieten einzugehen.«

»Gut,« sagte der Patrizier, indem er seine Hand auf die Schulter des Angeredeten legte und in einem etwas weniger angenehmen Ton seiner Stimme, »ich werde Dir das schönste Gespann aussuchen, das in Konstantinopel aufzutreiben ist, übe Dich damit für den Tag des Wagenrennens, ich erwarte, daß Du mir und Dir Ehre machest. Hier meine Hand.«

Adrast schlug ein und sein neuer Herr umarmte und küßte ihn. Dann entfernte er sich rasch, indem er mit huldreicher Handbewegung einige Mal zurückwinkte. Alles drängte sich um Adrast und beglückwünschte ihn, einen solchen Gönner gefunden zu haben.

»Es ist Hypathius, der Neffe des verstorbenen Kaisers,« sagten sie, »der mächtigste Mann im Reiche nach Justinian selbst.«

»Und sein Feind,« fügten Einige mit Hohn hinzu.

»Und vielleicht sein Nachfolger,« rief ein Dritter.

Lykortas kam ebenfalls auf seinen Freund zugeschritten und sagte, ohne seiner neuen Stellung zu erwähnen: »Erwarte mich heute Abend, wir werden die Nachforschungen nach Deinem Bruder fortsetzen.«

Adrast, der sich durch die vorhergegangenen Andeutungen unangenehm berührt gefühlt hatte, war froh, daß seine Gedanken wieder in eine Bahn gelenkt wurden, die seinen Erwartungen am nächsten lag, in der seine Aussichten und Wünsche sich wieder sammeln konnten. Um Mittag brachten ihm Diener des Hypathius die versprochenen Pferde, prachtvolle persische Renner und einen leichten, goldverzierten Wagen, mehrere Anzüge, Trinkbecher, wohlriechende Salben und eine namhafte Summe Goldes. Die Anderen unterhielten sich indeß über den neu gewonnenen Gefährten.

»Es ist etwas Heiliges, Göttliches um ihn,« rief Georgius aus.

»Ha,« lachte Philemon, »warte nur, bis er erst einige Monate lang unter uns zugebracht und Dienste gethan hat, dann wirst Du sehen, daß nicht mehr Heiliges an ihm sein wird als an uns Allen.«

»Nun,« warf Timokrates dazwischen, »er ist gut genährt, wohl erzogen und kommt aus frischer Luft, das ist Alles.«

»Aber er ist unser,« begann Georgius hinwieder, »und damit Glück ihm und Heil!«

Alle riefen es nach und warfen ihre Mützen in die Höhe.

Am Abend schritten die Freunde dem Hause Dionens zu, in der Hoffnung, ihren Kundschafter zu treffen und günstige Nachrichten zu hören. Diese Hoffnung wurde getäuscht: Mävo war nicht erschienen.

Dagegen bemerkte Adrast, als sie das Gewölbe betraten, daß Dione, für die er so viel Bewunderung hegte, sich in vertrauter Weise mit einem Manne unterhielt, in welchem er den Verwandten Justinians zu erkennen glaubte, als dieser bei Ankunft der neuen Gäste, ohne sie zu grüßen, sich entfernte. Lykortas, dem er seine Beobachtung mittheilte, schien darüber weder erstaunt zu sein, noch sich in seinem Benehmen gegen Dione zu ändern; er sagte zu Adrast mit kalter Miene und einem eigenen, schneidenden Ton seiner Stimme:

»Wundere Dich nicht, daß ich dem Mädchen, das ich liebe, deshalb nicht zürne ? hier in Byzanz ist es Sitte und es gilt sogar für ehrenvoll, sich in die Gunst einer Schönheit wie Dione mit einem Vornehmen zu theilen. Wär? er ein Andrer, einer von unsern Gegnern, so säß ihm mein Dolch schon längst zwischen den Rippen, aber Hypathius ist der unsre, unser Gönner, und Du hast gehört, daß er vielleicht noch dereinst den Thron der Cäsaren einnehmen wird.«

Während er dies sprach, entging ihm ein Ausdruck mitleidiger Geringschätzung nicht, die Adrasts Züge überflog, er sagte daher rasch: »Dir erscheint Dione wohl bemitleidenswerth, sie dünkt Dir in ihrer Lage nicht so geehrt zu sein, wie sie es verdient. Das will Deine Miene sagen.«

»Allerdings,« antwortete Adrast, »gewiß ist sie nicht allzu glücklich, da sie mehr als Einem sich liebenswerth erzeigen muß, und in Gefahr ist, deshalb Schmach zu dulden, wie ich jüngst von Dir hörte.«

»Und doch ist es ihr eigener Wille so zu leben,« sagte der Byzantiner, »die Eltern dieses Mädchens haben in Asien die größten Besitzungen, ihnen gehören Weinberge, Olivenhaine, Getreidefelder von solcher Ausdehnung und Ertragfähigkeit, daß ihr Einkommen dem des Kaisers selbst gleichkommt oder es übertrifft, ja man sagt sogar, daß ihnen die Einkünfte des Staates auf Jahre hinaus verpfändet sind, daß sie überhaupt reicher sind, als irgend wer in diesem Reiche.«

»Und warum wählte sie dennoch dieses beinahe sklavische Dasein?«

Lykortas bog sich zu seinem Freunde und flüsterte ihm ins Ohr: »Weil sie nichts Geringeres hofft, als einst an der Seite des Hypathius den Thron zu besteigen.«

Adrast sah ihn erstaunt an und lächelte ungläubig. Lykortas fuhr fort: »Sie wird es auch werden, sie hat einen großen Theil ihres unermeßlichen Vermögens darauf verwendet, einen mächtigen Anhang im Heere und unter den Beamten für Hypathius zu gewinnen. Viele würden lieber ihn in der Burg des Cäsaren herrschen sehen, als den verhaßten Justinian und jene Theodora, deren Vergangenheit so dunkel ist, während jenes Mädchen rein und makellos dasteht und in Allem doch dem Volk angehört.«

Er schwieg; Adrast fragte nach Mävo, er war den Tag über nicht gesehen worden und es ließ sich nicht erwarten, daß er noch kommen und ihnen Nachricht bringen würde. Sie erhoben sich also und schlugen den gewohnten Weg nach Hause ein, Dione hatte sich bei ihrem Weggehen nicht mehr eingefunden.

Als sie wieder an das Meeresufer kamen, setzten sie sich auf eine Steintreppe nieder, die über den schmalen Pfad zwischen dem Meer und einer hohen Mauer zu einem großen eisernen Gitterthor in dieser Mauer emporführte, welches die Aussicht in einen prachtvollen Garten darbot. Riesige Pinien und Cypressen standen darin verstreut und darunter Lorbeer und Myrthengebüsche. Ganz in der Tiefe des Parkes schimmerte ein Lichtstrahl aus einem Fenster des Palastes. Ein Springbrunnen unterbrach mit träumerischem Geplauder die melancholische Stille. Die Sterne funkelten in wunderbarer Helle durch die Zweige, und die tiefsten derselben senkten sich weit draußen am Horizont ins Meer und ihr Wiederschein glänzte bis nah heran als bewegter Streif.

Indem die beiden Männer so da saßen und ein Jeder, dem Gemurmel der Woge lauschend, seinen Gedanken nachhing, brach zuerst Lykortas das Schweigen und sagte: »Erinnerst Du Dich der schönen Verse im Homer, wo Achilles am Meeresufer sitzt und seiner Mutter Thetis klagt, daß ihm zwar ein kurzes, dafür aber ein ruhmvolles Dasein bestimmt worden und daß er nun durch Agamemnon auch um dieses gebracht werde?«

»Du kennst den Homer?« fragte staunend Adrast.

»Ganze Gesänge konnte ich einst ? das Meiste habe ich vergessen, nur noch wenige Stellen blieben mir im Gedächtniß. Ja, auch mir schien ein glückliches und ehrenvolles Leben bestimmt zu sein, blick? hinter Dich, in jenem Palast stand meine Wiege. Mein Vater war ein reicher Wechsler und Goldmakler aus Antiochia, ich erhielt eine glänzende Erziehung: Lehrer in Rhetorik, Musik, Philosophie bemühten sich um meine Ausbildung, ich ritt, jagte und übte mit Neigung und Eifer auch diejenige Beschäftigung, durch die ich mir jetzt mein elendes Leben friste. Ich lernte auf den im rasenden Schwung der Räder dahineilenden Wagen zu springen, die Pferde mitten im Lauf anzuhalten, die schwierigsten Bogen mit ihnen zu beschreiben, kurz Alles, was für einen Wagenlenker, der zu den besten gehört, nöthig ist. Ich hatte kaum das fünfzehnte Jahr überschritten, da starb mein Vater. Er hatte sich als reichgewordener Asiate manche Feinde und Neider zugezogen. Einer derselben, der sein ganzes Vertrauen besessen, trat nach seinem Tode mit Forderungen gegen uns auf und wußte sich zugleich bei meiner Mutter einzuschleichen, sich ihr angenehm, zuletzt unentbehrlich zu machen. Ich wurde um einen großen Theil des mir zukommenden Vermögens betrogen, so zu sagen ? enterbt. Du würdest an meiner Stelle gehandelt haben wie ich: als ich bei den Gerichten umsonst Hülfe gesucht, denn das Gold meines Vaters half dem Todfeind seines Sohnes durch alle Instanzen sein Unrecht zu behaupten, da lauerte ich ihm eines Nachts an diesem Platze hier auf und als er aus seiner Barke stieg, streckte ich ihn leblos zu Boden. Es blieb mir nichts Anderes übrig, als mich zu flüchten. Mein erstes Versteck war bei den Grünen, da wo Du mich noch jetzt siehst, sie beherrschten, von Anastasius begünstigt, damals die Hauptstadt, wer unter ihnen lebte, war straflos. Ich wurde aufgenommen, legte meinen Namen ab und blieb. Da gerade damals ein Aufruhr losbrach, so wurde ich nicht verfolgt. Der Patrizier Hypathius nahm mich unter seine Wagenlenker auf und ich war gesichert. Nun ist Dir auch das Geheimniß offenbar, warum Du mich ihm gegenüber heute so sahest wie Du mich sahst ? glaube nur,« fügte er mit halberstickter Stimme hinzu, indem er Adrast am Arm faßte und heftig drückte, »ein Andrer hätte es büßen müssen.«

»Und Dione,« fragte dieser, »liebt sie Dich oder Jenen?«

»Sie liebt mich,« stöhnte Lykortas, »mich, aber auf ihn zählt sie, auf ihn rechnet sie, die Thörin, sie will ein Diadem tragen, und er soll es ihr darreichen, darum glaubt sie, ihn zu lieben; ihn den Weichling, den selbstsüchtigen, kaltherzigen, glaubt sie zu lieben, sie macht es sich glauben, aber wo Liebe sein soll, muß Achtung sein, und mich achtet sie, ich bin ihr Mann. Sie weiß es nicht, daß ihr Herz mir gehört, sie übertäubt das heimliche Geständniß ihres Innersten mit stolzen Hoffnungen, aber es kommt noch ein Tag, ganz gewiß, an dem allein die wahre Stimme ihres Herzens von ihr wird gehört werden, an einem blutigen Tage wird es sein und ich werde mit meinem Gespann zerschellt und zerrissen vor ihren Füßen liegen, da wird sie in mein todtbleiches Gesicht starren und auffahren und einen Schrei ausstoßen und wissen, daß sie mich geliebt hat, mich und nur mich, den schweigenden, stolzen Lykortas, der sie nur einmal geküßt hat in seinem Leben, und der vor ihren Füßen liegt zuckend und sterbend, wie ein getödteter Löwe des Circus.« ? Er sprach das mit wildem Hohnlachen, das nach und nach in ein dumpfes Stöhnen überging. »Heute hat sie mir aber den genannt und sein Aussehen beschrieben, der von den Blauen es ist, der ihr nachstellt und dessen Verfolgung sie schon einmal kaum entging; nun weiß ich ihn ? und sobald es mir glückt ihn zu treffen, so werd? ich eine doppelte Rache in seinem Blute kühlen.«

»Bedenke die Folgen, Rasender,« sagte Adrast.

»Folgen?« ? höhnte Lykortas ? »der Tod ist mir gewiß und das Leben ist Nichts, aber den Todfeind erwürgen, das ist Etwas. O, das ist etwas unaussprechlich Süßes!«

Er sprang auf, seine herkulische Gestalt stand hoch emporgerichtet und beide Anne gegen das Meer ausstreckend, rief er die Verse der Ilias:

»Mutter, die du mich für kurze Zeit nur gebarest,
Ehre sollte mir doch der Herrscher des Himmels gewähre.« ?

Nachdem er dies mit weithinreichender Stimme gerufen, sank er wie leblos auf die Treppe nieder. Nach einigen Minuten erhob er sich und zog seinen Freund mit sich fort. »Komm,« flüsterte er ihm zu, »komm, es ist Zeit, wir müssen uns rüsten.«

II.

Am Neujahrsfeste 532 n. Ch. schien die Wintersonne mit lieblicher Wärme über die Stadt des Constantin; sanft und heiter lachte das Meer, das ihre Mauern bespülte, blau wie der Himmel, der wolkenlos darüber lag ? nur die fernen Berge Asiens zeigten durch ihre beschneiten Gipfel, daß der Winter seine Herrschaft näher an die Gestade des Hellespont herangerückt habe. Es war diesmal ein Grund mehr vorhanden, warum man mit größter Erwartung den Spielen entgegensah, die Partei der Grünen hatte schon einige Tage vorher im Circus über die Bedrückungen der vom Hof begünstigten Partei der Blauen sich beschwert und war abgewiesen worden. »Wir erdulden Unrecht,« hatten sie dem Kaiser zugerufen, »wir ertragen es so nicht länger mehr.« Justinian ließ ihnen entgegnen: ?Durch Niemand widerfährt Euch Unrecht.?

Hierauf beklagten sie sich über seine Beamten und bekamen Schimpfworte und Androhungen zu hören, anstatt daß ihre Klagen wären angenommen worden. Sie beschuldigten nun weiteres die Blauen mehrerer Morde, und wurden von diesen hinwieder »Mörder« und Empörer gescholten. Voll Ingrimms waren sie aus dem Hippodrom gestürmt. Justinian wollte sich den Anschein eines gerechten Richters geben und ließ nach kurzer Untersuchung von den jüngsten Ruhestörungen her, sieben der Hauptschuldigen zum Tode verurtheilen. Die Hinrichtung sollte in einer Vorstadt geschehen, aber es traf sich, daß bei Zweien, einem Grünen und einem Blauen der Strick abriß. Das Volk befreite die Gefangenen und brachte sie in ein Asyl der Kirche, wo sie vorläufig unverletzlich waren.

Am Tage der großen Wettrennen sollte jedoch der Kaiser selbst um Gnade für sie angerufen werden. In den Stadttheilen, die dem Hippodrom nahe lagen, war nur Jubel und Festgedränge. Durch die langen Portikus, welche zu den Eingängen führten, strömte das Volk. In den entfernten Straßen war Alles wie ausgestorben, dennoch drang auch bis dahin das Geschrei und die Zurufe vom Schauplatz der Belustigung. Wettrennen zu Pferde und mit Wagen waren von jeher die große Leidenschaft der Griechen gewesen und sie äußerte sich auch im neuen Rom und unter den despotischen Kaisern nur um so wilder und rückhaltloser, als jede andere Theilnahme am staatlichen Leben dem Volke entfremdet war.

Wochenlang vorher waren schon Aeußerungen über die muthmaßlichen Sieger ausgesprochen und große Wetten gemacht worden; jetzt gab sich die langzurückgehaltene Erwartung, erst noch in einem, wie fernes Sturmgebraus anwachsenden Gemurmel kund, dann in einem die Luft erschütternden Lärm, sobald man einen oder den andern Wagenlenker oder die herangeführten Pferde wahrnahm.

Ruhig, unbeweglich saßen der Kaiser und die Kaiserin in ihrer, über der Mitte der Rennbahn gelegenen Loge. Auf der einen Seite war das Thor mit dem goldenen Gitter und ihm entgegen der Obelisk, bei welchem umgewendet wurde; über dem Gitterthor befand sich ein Thurm, auf welchem eherne Pferde standen. Justinian und Theodora, ganz in Gold und Purpur gehüllt, saßen, umgeben von einem nicht minder glänzenden Hofstaat, unter ihnen die Preisrichter. Links und rechts waren die Geschenke ausgestellt.

Zu beiden Seiten des kaiserlichen Thrones und an verschiedenen Stellen der Ein- und Ausgänge war die herulische Leibwache sichtbar, riesige Gestalten, unter deren, mit Bären- und Wolfsfell überzogenen Helmen die blauäugigen, blondumlockten Gesichter finster und überlegen auf die zahllose Volksmenge herabsahen.

Auf der Rennbahn selbst waren in einem stumpfen Winkel die bespannten Wagen derart aufgestellt, daß die hintersten zuerst, die vordersten zuletzt losgelassen wurden und so ohne Aufenthalt in gleicher Linie zu stehen kamen, und ohne daß weder die zu äußerst rechts, noch die zu äußerst links stehenden einen zu weiten oder zu kurzen Bogen beim Umwenden zu machen hatten. ?

Fünfzig Wagen zählte die jauchzende Zuschauermenge und kaum waren die schnaubenden und stampfenden Pferde zurückzuhalten. Es war Sitte, daß vor dem Ort des Auslaufens auf einer Stange anfangs ein Delphin sichtbar war, der in dem Augenblick, als losgelassen wurde, verschwand und einem Adler mit ausgebreiteten Flügeln Platz machte.

Jetzt erschienen die Lenker, die Einen in blaue, die Andern in grüne Tuniken gekleidet, rasch sprangen sie in den Wagen, ergriffen die Zügel und schwangen die Geißel über ihre Schultern. Die Trompeten erklangen, der Delphin tauchte unter, der Adler erschien, die Taue wurden weggezogen, und brausend hinaus in die Rennbahn stürmten die Gespanne. Endloser, wüthender Jubel begleitete sie. Tausende hoben die Arme, schwangen Bänder und Kränze; Zahlen, Namen wurden gerufen, Verwünschungen und Lobpreisungen ertönten, je nachdem der eine oder der andere der Wagen von beiden Parteien voran war.

Ueber dem zu erreichenden Ziele erblickte man mehrere Stufen entlang ein Zelt ausgebreitet, darunter saß Dione. Diener und Dienerinnen gingen von hier aus und boten Erfrischungen in die Reihen der Zuschauer. Sie selbst blickte unverwandt auf die Wagen, welche jetzt allmälig von der entgegengesetzten Seite der Bahn gegen sie heranstürmten und mehr und mehr konnte sie die Farben der Parteien unterscheiden. Sie selbst trug die der Grünen. Ein meergrünes Oberkleid umschloß ihre hohe, volle Gestalt, ein Epheukranz schmückte ihre Locken, ihren Hals ein von Brillanten blitzender Schmuck, ein Geschenk des kaiserlichen Neffen Hypathius. Halbmaske und Schleier verbargen fast ganz ihr Gesicht.

Schon konnte man unterscheiden, wer von den Wettkämpfenden voraus war, die Vordersten kamen sich so nahe, daß sie hart hinter sich das Schnauben der nachstürmenden Pferde spürten, die ihre Köpfe auf und nieder warfen, bald den Boden mit den Mähnen streiften, bald sie hoch in den Lüften wehen ließen. Die Lenker aber schwangen unter fortwährenden Ermunterungen ihrer Pferde die Geißeln und gönnten sich kaum hie und da einen Blick auf die Zuschauer.

Nach dem ersten Umwenden erreichten sie einen Durchgang, der in Form eines Triumphbogens gebaut war, denn wer glücklich gewendet hatte, ohne anzufahren, wer den richtigen Punkt getroffen hatte, der konnte schon auf einen Sieg hoffen. Beim zweiten Umwenden waren bereits weniger Wagen, und die Pferde kannten den Weg und die Stelle, wo sie am besten umwendeten und eilten darauf los. Waren sie durch den Triumphbogen hindurch, so empfing sie ein Trompetenstoß, der ihren Muth aufs Neue in Flammen setzte, so daß die Lenker nur Mühe hatten, sie zu zügeln und ihre Kräfte zu sparen.

Bei der letzten Umfahrt zeigte es sich deutlich, daß zwei Wagen alle andern überholt hatten, einer gehörte den Blauen, der andere den Grünen. Sie kamen je näher dem Ziele, auch sich immer näher, die Lenker derselben unterschieden sich wesentlich von den Andern. In der Art ihrer Führung, in der Haltung und Geberde zeigte sich nichts von jener wilden Hast und rohen Begierde nach dem Siegesgewinn, sondern ruhig und lächelnd wie Götter standen sie auf ihren Wagen. Auf dem einen zügelte sein Gespann Adrast. Sein Gegner von der blauen Partei kam ihm so nahe, daß sich beider Stimmen trotz des Lärmes erreichen konnten.

Adrast blickte hinüber und wie erschrak er, wen erblickte er in seiner nächsten Nähe als seinen gleich siegreichen Gegner? Seinen Bruder. Ein Taumel von Freude durchschauerte ihn, ein jubelnder Aufschrei entrang sich seiner Brust. Auch Admet hatte seinen Bruder erkannt, auch ihn bestürmte die Wonne des Wiedersehens, auch er mußte laut aufschreien. Keiner jedoch vergaß darüber seine Pflicht, dem Andern voranzueilen, ja es schien vielmehr, als sporne die Sehnsucht, sich einander wieder zu umarmen, beide noch mehr an, das Ziel aufs schnellste zu erreichen, als verdopple es ihren Eifer und beflügle ihre Pferde.

Da geschah es, daß Admet mit einem flüchtigen Seitenblick bemerkte, daß seines Bruders Pferde etwas zurückgeblieben, und sei es nun, daß er nichts vor ihm voraus haben wollte, oder weil er wußte, daß die Partei der Grünen, bei der er seinen Bruder sah, ohnehin die weniger begünstigte war, kurz er verstand es durch eine Bewegung seiner Hand seinen Pferden einen momentanen Aufenthalt und seinem Bruder damit einen Vorsprung zu geben. Dieser hatte die Absicht wohl bemerkt und lächelte jenem zu. Einen Augenblick lang blieben sie in gleicher Linie hart nebeneinander, triumphirend erhob Adrast seinen Blick und ihn traf aus Dionens Augen ein solch ermuthigender Blitz, daß er einen wilden Ruf des Sieges ausstieß und in der nächsten Sekunde am Ziel angekommen war. Zugleich kam auch Admet an.

Beide nun, alles vergessend, sprangen von den Wagen und lagen sich in den Armen. Erst schaute Alles verwundert auf dies unerwartete Schauspiel, bald aber brachen die Grünen in Jubel aus, die Blauen dagegen in Verwünschungen gegen Admet, auf dessen Sieg sie schon gezählt hatten. Die Brüder bemerkten nichts davon, sprachlos und weinend vor Freude hielten sie sich umfaßt und nur stumme Blicke fragten sich: wie ist es möglich, daß wir uns wiederfinden und wie konntest du hierher kommen?

Jetzt aber stürzten zuerst von den Blauen die nächsten auf Admet los, ergriffen ihn bei den Schultern und rissen ihn zurück.

»Schurke,« riefen sie, »Du hast uns um den Sieg gebracht, Du Verräther, wir haben Deine Hand gesehen!«

»Nieder mit ihm,« rief der Anführer, »werft ihn zu Boden!« und hundert Stimmen riefen es mit.

»Zertretet ihn, den bezahlten Schurken,« heulten, hundert andere Stimmen nach.

Sie umringten den Unglücklichen und schlugen nach ihm. Adrast eilte sogleich seinem Bruder zu Hülfe und hielt die Feinde von ihm ab. Nun aber richtete sich alle Wuth gegen ihn.

»Er ist ein Grüner,« hieß es, »seht, ein Manichäer, ein Heide! Werft ihn nieder, viertheilt ihn!«

Adrast, der sich so bedrängt sah, rief nach seinen Freunden, denn schon waren auch sie ans Ziel gekommen, Lykortas voran, der es beinahe zugleich erreicht hatte und der nicht sobald seinen Freund im Kampfe sah, als er ihm eilends beisprang und ausrief: »Laßt ihn, lasset sie beide, er ist sein Bruder!«

»Sein Bruder, vielleicht auch Deiner Du Hund!« scholl es ihm hohnlachend entgegen. »Nieder mit ihnen!«

Grimmig blickte Lykortas in den tobenden Haufen, da Angriff und Wuth jetzt gegen ihn allein sich zu wenden schienen. Er sah seinen rohesten Feind, den Anführer der Blauen, sich vordrängen und rufen: »Wo ist der Verräther und sein Helfer? Greift Beide im Namen des Kaisers!«

Als sie eben sich an ihn drängen wollten, um ihn zu binden, fiel ein Dolch von der Tribüne herab vor seine Füße nieder. Er sah auf und ihm begegnete ein dämonisches Lächeln Dionens, das ihm sagte: »Der ist mein Verfolger, der mir nachstellt, befreie mich für immer von ihm!«

Er hatte sie verstanden, bückte sich, stürzte auf den Gegner los und war im nächsten Augenblick von Blut überspritzt, indeß jener leblos zu Boden sank. Alles wich zurück.

»Mögen sie nun kommen und mich fesseln und tödten,« rief Lykortas, »Dione hat es gewollt.«

»Wir werden Dich nicht verlassen,« riefen die tapfern Brüder und mit ihnen die ganze Partei der Grünen, die nun mit allen Gönnern und Freunden über die Schranken hereindrang. Einige eilten vor den Kaiser, um ihm den Hergang zu berichten.

Justinian sah sie mit finstern Blicken an.

»Führt den Mörder zum Tode und alle diejenigen, welche sich an diesem Tumult betheiligten, ? in die Kerker, sogleich!«

»Sie haben nichts verbrochen,« schrie das Volk, und die Nächststehenden baten für die Verurtheilten, indem sie sagten: »Es ist ein Unglück geschehen, kein Verbrechen.«

»Blut ist geflossen, hier vor meinen Augen,« rief Justinian entrüstet, »der Mörder sterbe! Ueber die Anderen aber soll später das Urtheil gefällt werden.«

Damit erhob er sich und wollte mit Theodora den Hippodrom verlassen. Aber überall stellte sich die Menge bittend entgegen, ja bald auch drohend und verwehrte die Ausgänge.

Die Leibwache war nicht im Stande durchzubrechen, Viele sanken im Gedränge zu Boden und man sagte, sie hätten vergifteten Wein bekommen. Justinian befahl, durch seinen Herold zu verkünden, das Fest sei beendet und ließ den Befehl ergehen, daß Alles den Hippodrom verlasse. Vergeblich, ? Niemand hörte ihn und nur Verwünschungen und Schimpfreden waren die Antwort; man fand es unerträglich, daß ein Vergnügen mit Strafen und mit Hinrichtungen enden sollte. Einigen seiner Diener gelang es endlich und mit genauer Noth, ihn und die Kaiserin durch einen verdeckten Gang nach dem Palast zu bringen.

Im Uebrigen aber wuchs der Aufruhr mit jeder Minute. Das Volk, dem der Bericht von dem Wiederfinden der Brüder wie ein Lauffeuer mitgetheilt wurde und dem es wie ein Wunder erschien, brach in immer drohendere Ausrufungen aus, besonders, als es hieß, Lykortas sei zum Tode verurtheilt.

Es ist unglaublich, wie rasch sich bei großen Volksbewegungen Sympathien entwickeln, gleich rasend wie der Haß, ist auch die Liebe. Ein kühnes Wort, eine großmüthige That erwirbt in einem Augenblick tausende von Herzen und verschafft Macht und Ruhm für ewige Zeiten.

Auf die Nachricht, daß Lykortas verhaftet werden solle, entstand ein fort und fort anschwellendes Murren der Unzufriedenheit, das sich bald noch weiter in zornigen Aeußerungen kundgab; die Wachen, die sich seiner bemächtigen wollten, wurden zurückgedrängt, man hob ihn und die Brüder im Triumph empor und trug sie auf den Schultern nach der nächsten Kirche, und Gnade für sie rufend, wälzte sich die Menge vor den Palast des Präfecten von Constantinopel, woselbst sie mit einem Pfeilregen begrüßt wurde. Die Antwort war ein Wuthgeschrei, und bald stand der Palast in Flammen.

Lykortas, dem von dem Geschehenen Kunde geworden, hatte sich, die Kirche verlassend, die Rüstung eines der gefallenen Herulers angelegt und besetzte mit einem Haufen der Seinigen den Hippodrom. Auf sein Zureden vereinigte sich ein Theil der Gegenpartei mit ihm und machte mit den Grünen gemeinschaftliche Sache. Man erkannte bald, daß es sich nunmehr um Größeres handle, als nur um einen Parteistreit. Die Auflehnung gegen die Grausamkeit des Herrschers, gegen Theodora und den ohnehin schon verhaßten Präfecten gewann eine immer furchtbarere Ausdehnung.

Admet und Adrast hatten in dieser entscheidenden Stunde gleichfalls den Schutz der Kirche verlassen und waren im Begriff, sich zu Lykortas zu schlagen, als ihnen Hypathius begegnete.

»Kommt mit mir,« rief er ihnen entgegen, »ich hoffe, Euch zu retten. Ihr seid schuldlos und sollt nicht in dieses frevelhafte Thun mit hineingerissen werden.«

»Wie?« frug ihn Adrast, »Du fällst von dieser Sache ab, die zum Theil für Dich unternommen wird, Du willst nicht die Gelegenheit nützen, Justinian abzusetzen und Dich auf den Thron zu schwingen?«

Hypathius deutete auf die Röthe am Himmel und die aufsteigenden Feuer und Rauchsäulen. »Kennt Ihr diese Zeichen, wißt Ihr, welche Furien entfesselt sind, wißt Ihr, daß das Verbrechen frei einherschreitet und dazu soll ich die Hand bieten? Nein, kommt, ich führe Euch zum Kaiser, und hoffe ihn gütig für Euch zu stimmen, dann werden wir rasch die Ruhe herstellen und für Alle Verzeihung erwirken.«

Adrast schüttelte das Haupt und sah auf seinen Bruder. Dieser sagte: »Ich kenne Hypathius, er hat es stets gut mit mir gemeint, ich folge ihm.«

»Dann auch ich,« rief Adrast aus, »wir haben uns wieder gefunden, und nichts soll uns fortan trennen.«

Hypathius, dem es indeß weniger um die Brüder, als um sich thun war, hatte vor Allem die Absicht, Justinian sorglos zu machen und über seinen Plan zu täuschen. Da der Palast gegen den Hippodrom abgesperrt war, so mußten sie auf Umwegen den gegen das Meer zu gelegenen Theil des Gebäudes zu erreichen suchen. Ueberall sahen sie über sich am Himmel den Wiederschein der nahen und fernen Brände und vernahmen das Getöse des Aufruhrs.

Als es ihnen endlich gelungen war, in den Palast zu kommen, fanden sie rings ein hastiges Hin- und Herrennen von Ankommenden und Abgehenden; Beamte eilten herbei um ihre Bereitwilligkeit an den Tag zu legen, einzelne Truppentheile trafen ein, Boten kamen an und wurden entsendet, die Palastdiener schlossen und verrammten die Thore nach der Stadt und setzten die Mauern des Hofes und der Gärten in Vertheidigungszustand.

Hypathius führte seine Schützlinge durch mehrere Gänge, bis sie nach vielen Fragen endlich in die Kapelle des heiligen Theodor und durch sie in den goldenen Saal geleitet wurden, wo Justinian mit Theodora und den Räthen über die zunächst zu nehmenden Maßregeln sich besprach. Alles war in großer Bestürzung; Justinian hatte dem Volke verkünden lassen, seine Klagen würden abgestellt, der verhaßte Präfect abgesetzt werden, man möge sich beruhigen.

Zu spät. Der Aufruhr wüthete fort und Hiobspost auf Hiobspost traf ein. Man hatte die Reliquien aus der Kapelle geholt, Theodora lag in andächtigem Gebet vor ihnen; Hypathius trat auf den Kaiser zu, jeden der beiden Jünglinge an einer Hand führend und warf sich nieder.

»Der Eine dieser,« sprach er, »ist Dir bekannt, den Anderen, seinen Bruder, nenne ich mehr einen Freund, als einen Diener, beide sind sie schuldlos an dem Verbrechen, welches verübt wurde; um sie zu bewahren, weiter in den Aufruhr hineingerissen zu werden, stelle ich sie, wie mich selbst zu Deiner Verfügung. Jeder Verdacht, als sänne ich auf Umsturz, als stünde ich mit den Empörern in Verbindung, wird durch meine Anwesenheit entkräftet, bestimme über mich.«

»Das werde ich,« entgegnete Justinian mit fester Stimme, »entferne Dich sogleich, Heuchler und Verräther Du! Siehe hier die Säcke Gold, welche in voriger Woche von Dir, oder in Deinem Namen ausgegeben wurden, um meine Palastwache zum Abfall zu bringen. Ich könnte Dich sogleich tödten lassen, aber ich schone Deiner, gehe hin zu den Aufrührern, stelle Dich an ihre Spitze, zeige Dein wahres Antlitz, und lasse Dich zum Kaiser ausrufen, ich hindere Dich nicht, mein Vertrauen ist allein Gott und seine Gerechtigkeit. Die Unruhstifter, die Du mitbrachtest, sollen augenblicklich ins Gefängniß geworfen werden, da sie aber Brüder sind, wie Du sagst, so will ich es erlauben, daß beiden der Aufenthalt in einem und demselben Kerker gestattet sei. Und nun, Hypathius, hebe Dich hinweg aus meinen Augen, glaubtest Du, ich würde mich Meuchelmördern anvertrauen und mit Spähern umgeben? Hinweg von mir!«

Damit erhob sich Justinian. Adrast und Admet wurden fortgeführt, Hypathius stürzte bleich und entsetzt durch die Thür des Saales fort. Als hierauf der Kaiser allein war, gab er Befehl, ein Boot am Ufer vor dem Palastthore bereit zu halten, um ihn, die Kaiserin nebst dem Werthvollsten der Schatzgewölbe nach der asiatischen Küste in Sicherheit zu bringen.

»Wenn es der Wille des Himmels ist, daß dieser Tag meine Herrschaft über Rom endigen soll, so will ich wenigstens nicht Schuld an weiterm Blutvergießen auf mich laden, mag jener an meine Stelle treten und das Diadem um seine Schläfe winden.«

»Nie geschehe das,« rief Theodora und sprang von ihrem Betschemel auf, »flüchten sollen wir uns? Nein, und wenn auch Flucht das einzige Rettungsmittel wäre, dennoch würde ich lieber hier auf dieser Stelle sterben, als den Verlust der Majestät und unseres Reiches überleben. Jenem das Diadem, Jenem den Purpur? und wir? Nein, nimmer will ich den Tag erblicken, an dem man mich nicht als Kaiserin begrüßt. Aber als ob Flucht etwas helfen könnte! Glaube nur, auch in der Verbannung würde Dich der Tod erreichen, und zwar ein schimpflicher. Ich bleibe.«

»Nun meine Gattin, was willst Du, daß geschehe?«

»Vorerst,« rief Theodora, »gilt es den Feind zu fassen, und zwar mitten in seiner Verschanzung, an dem Hauptplatze seiner Macht, im Hippodrom. Belisar hat noch dreitausend Tapfre, laß sie, wenn es dunkelt, auf dem Wege, den Hypathius kam, den Hippodrom erreichen, umstellen, erstürmen! Die überraschten Volkshaufen werden leicht niederzuwerfen sein, die Blauen sich mit uns verbinden, das ist mein Vorschlag.«

»Der Plan ist gut,« sprach Belisar, der indeß herzugekommen, »möge sich immerhin das Gerücht Deiner Flucht verbreiten, es wird die Thörichten nur um so sicherer in unsere Hände liefern. Vertraue mir, o Herr, sie zu vernichten.«

»Geh,« sprach Justinian, »und der Himmel sei mit Dir!«

Während dieser Vorgänge im Palast, hatte diesen Hypathius verlassen und war alsbald vom Volk erkannt, sogleich zum Kaiser ausgerufen worden. Dione kam ihm entgegen, sie glich einer Mänade. Beide wurden in Sänften emporgehoben und zum Hippodrom getragen.

»Weigere Dich nicht mehr Kaiser zu werden,« rief ihm Lykortas zu, »alles ist Dein ? was zögerst Du?«

Hypathius überschaute mit einem prüfenden, fast ängstlichen Blick die Menge unter ihm und nahm an der kaum von Justinian verlassenen Stelle mit leisem Schauder Platz.

»Das Diadem!« brüllte die Menge, »er nehme das Diadem!«

Hypathius sah sich verlegen um, es war Niemand da, der ihm dieses Zeichen der höchsten Macht gebracht hätte, denn bis jetzt trug es noch Justinian.

»Das Diadem,« schrie das Volk, »das Diadem!«

Da stürzte Dione zu seinen Füßen nieder, band den kostbaren Schmuck von ihrem Halse los und reichte ihn ihm demüthig dar. Er erhob sie zärtlich, und während sie das Band um seine Stirn befestigte, brach das Volk in unbändigen Jubel aus.

»Die Spiele mögen wieder beginnen,« rief Hypathius, »der Tyrann und sein Dämon, jene Theodora, sind nach Asien geflüchtet. Soeben brachte uns ein Bote die Nachricht.«

Ohne eine Ahnung von dieser Wendung der Dinge hatten indeß die Brüder über der Freude des Wiederfindens vergessen, daß sie sich in einem Kerker befanden. Nachdem sie sich oftmal mit den zärtlichsten Worten genannt und mit Thränen aus tiefgepreßtem Herzen aufgeathmet hatten, erzählte Adrast dem Jüngeren, wie schrecklich es ihm gewesen, als er ihn vermißt habe, wie er von den Grünen aufgenommen wurde, wie er nachgeforscht und welch? trübe Tage er erlebt habe. Auch von Lykortas berichtete er.

»Nun erzähle mir aber auch Du Dein Leiden,« fügte er bei, »denn ohne Zweifel war Dein Geschick noch härter als meines.«

Admet begann sogleich: »Als sich in jenem verhängnißvollen Augenblicke, der noch so lebendig vor Deiner Seele steht, die Thür hinter mir geschlossen, als ich umblickte, Dich zu suchen, und mein Auge nur in eine tiefe Nacht hineinsah, da faßte der Mönch mich, der ich mich sträubte, bei der Hand und zog mich vorwärts, indem er sanfte begütigende Worte zu mir sprach. Bald traten wir vor eine matterhellte Nische, in welcher ein großes Kreuz hing, der Mönch setzte sich auf eine Steinbank nieder, ich lehnte mich halb sinnlos an die Mauer. Es war ein langer dunkler Gang, in dem wir uns befanden. Ich blickte auf meinen Führer, unschlüssig, was ich thun, was ich sagen sollte. Er beobachtete mich unablässig, sein durchdringender Blick schien ins Innerste meiner Seele zu dringen.

Da empfand ich eine mir unbekannte Bangigkeit und plötzlich durchfuhr meine Brust ein so unaussprechliches Weh, als würde mir das Herz mit tausend Messern zerschnitten, eine unsichtbare Gewalt riß mir die Arme auseinander und wie leblos stürzte ich zu Boden, mit einem Ausruf, dessen ich mich nur noch dunkel erinnere.

Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf einem prachtvollen Ruhebett, in einem mit Teppichen belegten und verhängten Gemach. Ich schlug den Vorhang zurück und genoß den Anblick des herrlichen Meeres, das vor meinem Fenster in seiner ganzen azurnen Reinheit ausgebreitet lag. Eine angenehme Musik erklang aus den anstoßenden Räumen, die Thür öffnete sich und ein Knabe brachte mir einen Becher Wein. Ich trank und ein rasches Feuer durchströmte mich, aber ich schauderte zurück, als ich den Becher ein zweites Mal an meine Lippen setzen wollte, es hauchte deutlicher Blutgeruch aus ihm mir entgegen. Ich warf den Becher weg und sogleich spürte ich wieder jenen Schmerz in der Brust, diesmal jedoch nicht so heftig, und statt in Bewußtlosigkeit versank ich nur in einen angenehmen Halbschlaf, und gern ergaben sich meine Sinne den Träumen, die mich einwiegten.

In diesem Wechsel von dämmerndem Erwachen und wachem Träumen vergingen, wie mir schien, mehrere Tage. Einmal kam es mir vor, als ob ein grimmiger Vogel mit goldenem Gefieder sich auf mich niederließe und seine Flügel über mich zusammenpresse, so daß ich schier zu ersticken glaubte. Ich erwachte und sah ein lächelndes Frauenantlitz hinter dem Vorhang verschwinden. Bald darauf erhielt ich ein glänzendes Gewand, und es wurde mir befohlen, mich damit zu bekleiden, da ich vor dem Kaiser Justinian erscheinen müßte. Ich erschrak und gehorchte; der Knabe führte mich in einen Saal, wo mehrere gleich mir Gekleidete aufgestellt waren, deren jeder etwas zu tragen oder zu bringen hatte.

Der Kaiser erschien und nahm an einer kleinen Tafel in der Mitte des Saales Platz, ringsum an längeren Tischen saßen Feldherren und Würdenträger des Reichs. Ich sollte, wie Du wohl merken wirst, zu einem Mundschenk erzogen werden. Auch die Kaiserin Theodora bekam ich zu Gesicht und ihr Antlitz schien mir dasselbe zu sein, das kurz vorher mir erschienen war. Für diesmal hatte ich nur zuzusehen, später wurde mir das Amt, Justinian und seiner Gattin den Trinkbecher zu überreichen.

Es waren Gesandte des persischen Königs angekommen, und eines Tages als sie zur Tafel geladen waren und ich meines Dienstes warten sollte, begab es sich, daß wir durch einen Hof in die Empfangszimmer gehen mußten. Da nahm ich wahr, daß einer der Diener in diesem Hofe sehr ungeschickt ein Zweigespann tummelte. Meine alte Lust, die Pferde zu lenken, erwachte plötzlich in mir, ich konnte der Neigung nicht widerstehen, meine Fertigkeit zu zeigen. Ich sprang auf den Wagen, riß jenem, der erschrocken vor mir entwich, die Zügel aus der Hand und begann nun die Pferde anzufeuern. Willig gehorchten sie mir; sie schienen zu fühlen, daß eines Kundigen Hand die Zügel führe.

Aber zugleich mit ihrem Muth ergriff auch mich ein unwiderstehlicher Drang nach Freiheit, die Sehnsucht hinaus zu eilen, Dich wiederzufinden beherrschte mich ganz und gar, jetzt ? sagte ich mir ? jetzt ist der Augenblick gekommen, offen steht vor Dir das Thor dort, jage mit deinen brausenden Rennern dahin und fort in die winkende Freiheit! Lockrer die Zügel fassend und die Peitsche schwingend, trieb ich die Pferde dem Thore zu, sie schienen mich zu verstehen und schon war ich meinem Ziele nah, schon erblickte ich vor mir die Straße draußen, da plötzlich gab ein Trompetensignal den Pferden das Zeichen innezuhalten und sie gehorchten, sie standen wie angefesselt. Sie hörten nicht mehr auf meine Worte, sie blieben unbewegt.

Unwillig warf ich ihnen die Zügel über den Hals und sprang vom Wagen. Elende rief ich ihnen zu, obwohl ihr Thiere seid, denen Zeus Muth in die Nüstern gab, so seid ihr doch schon so schlecht wie die Menschen! Da war es wieder, als hätten sie mich verstanden, sie wandten ihre Köpfe nach mir um, wie voll Mitleid sahen sie mich an, und ich hätte damals darauf geschworen, daß in den Augen der armen Thiere Thränen geglänzt haben. Weinten doch auch dereinst die Pferde des Achill.

Ich hatte nicht lange Zeit darüber nachzudenken, denn schon ward ich ergriffen und unter Faustschlägen nach jenem Theil des Gebäudes geführt, in dem die Gefängnisse lagen.

?Man wird Dich gehorchen lehren,? riefen sie, ?hast Du nicht die Pferde noch angetrieben, als schon das Zeichen zum Halten gegeben war??

Ich sollte meine Lust nach Freiheit schwer büßen.

Als sie mich aber eben durch einen Bogengang schleppten, erschien auf einer Ballustrade Theodora. Ihr Gesicht, das einem steinernen Bildniß der Cybele glich, war von einem wohlwollenden Lächeln umspielt.

?Laßt diesen Jüngling,? rief sie, ?laßt ihn los, ich wünsche nach den Proben, die ich eben von ihm gesehen, daß er ein Wagenlenker bei unsern Blauen werde. Wenn Dir aber noch einmal gelüstet,? wandte sie sich zu mir, ?auszureißen, so kostet es Dich Dein Leben. Morgen im Hippodrom sollst Du weitere Beweise deiner Geschicklichkeit geben ? vor uns und vor Justinians Majestät.?

So war ich also nicht nur einer Strafe entgangen, die mir härter als der Tod schien, der Entziehung der Freiheit, es sollte auch mein heißester Wunsch in Erfüllung gehen, ich sollte Wagen im Wettkampf lenken! Alle Erinnerungen an die Heimat traten wieder hervor, und ich sah mich schon als Sieger vor dem gesammten Volke und hohen unsterblichen Ruhm ernten. Wie sollte ich enttäuscht werden!«

»Ach,« unterbrach ihn Adrast, »da ging es Dir wie mir.«

»Ich hatte keine Ahnung«, fuhr Admet fort, »daß ich selbst nichts galt, daß meine Kunst nur dem Herrn zur Ehre gereichte, der mich bezahlte, daß mein Name nicht weiter dringen würde, als etwas über das Bereich der Garküchen und Schenken, in welchem die Wirthe und Besitzer der Wagen ihre Einkehr halten.

Doch für diesen Abend sollte ich noch mein Mundschenkamt versehen und zwar in jenem Gemache des Palastes, welches Daphne hieß und worin der Kaiser mit den Vertrautesten seiner Umgebung zusammenkam. Alle für diesen Abend Geladenen hatten Gottheiten vorzustellen, jene Götter, an die sie selbst zwar nicht mehr glaubten, nicht mehr glauben durften, als die sie aber unter sich gerne erscheinen mochten. Selbstverständlich war Justinian Jupiter, sein erster Feldherr Mars, Apollo war der Vorstand einer jener Synoden, welche sich ganz besonders durch loyale Verfolgungswuth auszeichnete, und Hunderte von Opfern dem Henkertod überliefert hatte. Hypathius, den wir ja beide kennen und dessen angenehmes Betragen mir besonders auffiel, war Pluto und mußte als Herrscher der Unterwelt, bei dem sich die abgesetzten Götter befanden, für heute die Aufgabe lösen, den alten Götterdienst gegen die neue Religion in Schutz zu nehmen und ihre Wiederaufnahme in den Olymp zu beantragen.

Da mein Amt als Mundschenk mir gestattete, ein wenig zuzuhören, so behielt ich manches von dem, was gesprochen wurde, im Gedächtniß. Hypathius sagte:

Es scheint mir vernünftiger, an mehrere Götter zu glauben, als nur an einen, weil es mehrere Kräfte giebt, durch deren Zusammen- und Entgegenwirken die Vollständigkeit und die Ordnung der Welt bestimmt wird. Ebenso ist es auch unter den Menschen, hier walten das Recht und die Gesetze, auf der andern Seite stürmt der mächtige, alles zerstörende Krieg, hier werden die letzten Gründe der Wahrheit erforscht, dort gelten List und betrügerisches Wesen, Einiges wird durch das System der Zahlen, Anderes durch die Bedeutung der Worte ausgedrückt. Durch das Ineinanderleben und Entgegenweben dieser Mächte entsteht der Zufall und die Notwendigkeit, letztere als dasjenige, in welchem sich alles vereinigt, denn auch in der Natur streiten die Elemente miteinander, Wasser gegen Feuer, Luft von beiden durchdrungen, nimmt Theil am Sieg des Einen oder des Andern, und so entsteht Ernährung, Wachsthum, Leben, Sterben und Wiederwerden alles Erschaffenen. Wäre nur Ein Gott so würde Alles in einer gleichmäßigen Harmonie beharren, ja, wäre dieser Gott eine Persönlichkeit, so könnte außer seinem Selbst nichts bestehen.

Justinian erhob sich nun sehr ernst und sprach, es ist ein anderes Licht in die Welt gekommen, wir haben höhere Begriffe von der Gottheit, als daß wir ihr zumutheten, sich in ewigen Verwandlungen zu äußern.

Damit heftete der Kaiser seinen Blick auf den Bischof, welcher den Lichtgott vorstellte und darüber in einige Verlegenheiten gerieth, weil er selbst zuweilen verkleidet die Feste eines Tempels der Venus in der Nähe von Konstantinopel besuchte.

Nun stand aber ein Senator auf und sprach: Wie? sehen wir nicht die höchste Majestät selbst hier in seiner ihm zukommenden Gestalt? Er, vor dessen Augenwink Himmel und Erde beben, er ist in unserer Mitte und es wäre daher schwer zu entscheiden, welche von beiden Ansichten die richtige ist.

Auf diese Schmeichelei antwortete der Herrscher Roms mit einem eigenthümlichen Lächeln, indem er zugleich einen zornigen Blick auf den verwegenen Sprecher warf.

Ja ? Justinian ist ein Gott, rief einstimmig die ganze Versammlung.

Höre sie nicht, Herr! die Lügner und Schmeichler, rief ich, meiner nicht mehr mächtig.

Alles sah auf mich, da ich bisher unbeachtet dagestanden, und ich glaubte schon, eine harte Strafe würde mich treffen, allein der Kaiser sah mich gütig an und sprach: Sieh?, das Kind hat uns gehört, sogleich gehe und fülle den Pokal unserem Sonnenlenker Phöbus, denn er ist durstig von vielem Erleuchten.

Mein Amt rief mich ab, und so vernahm ich nichts weiter mehr. Nachdem alles zu Ende war und die Gäste sich entfernt hatten, suchte ich mein Lager auf und verbrachte die Nacht schlaflos mit den ehrgeizigen Hoffnungen für den kommenden Morgen beschäftigt.

Der Palast war durch eine Treppe, die sich schneckenförmig bis zum Eingang des Hippodroms wand, mit demselben verbunden. Ich fand mich sehr früh ein. Man vertraute mir ein Viergespann und ich lenkte mit solcher Vorsicht und Festigkeit meinen Wagen, daß ich die schwierige Wendung um die Meta gerade an der richtigen Stelle vollbrachte. Ich konnte mich überzeugen, daß die Einrichtungen des Hippodroms genau dem Vorbild der Rennbahn zu Olympia nachgebildet sind.

Staunen mußte ich aber, daß dem nach mir folgenden Lenker, jenem Eusebius, der heute ermordet wurde, allein alles Lob, das mir zukam, gespendet ward, obwohl er nicht eben geschickt sich gezeigt hatte. Aber Justinian überreichte ihm selbst einen silbernen Kranz, als gute Vorbedeutung, wie er sagte, für die künftigen Siege. Als ich hierüber eine satyrische Bemerkung nicht zurückhielt, wurde mir zugeflüstert, ich möge doch mein bisher errungenes Glück nicht verscherzen; jener Eusebius wäre der besondere Günstling des Kaisers und ihm würden alle Ehren zu Theil, auch diejenigen, die er nicht verdiene. Ich wußte nichts darauf zu erwidern und zuckte die Achseln, dem Eusebius aber war nichts entgangen. Voll Zornes über meine Bemerkung nahm er eine Geißel und schlug damit eines der Pferde.

Schon wollt? ich ihn fassen, da trat Hypathius, der mit dem Kaiser gekommen war, dazwischen und sprach: Wie? du kannst ein Geschöpf Gottes, das dir nichts zu Leide gethan hat, schlagen?

Eusebius schwieg beschämt, mich aber ließ er seitdem nicht mehr aus den Augen, wie er es auch war, der heut? entdeckte, daß ich meine Zügel etwas anhielt, um Dir den Sieg zu lassen. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, man wolle die Grünen, wenn sie unterlägen, mit jedem ausgesuchten Schimpf behandeln, um sie zum Aufruhr anzureizen. Die Blauen hätten dann volles Recht gewonnen, über sie herzufallen und ein Blutbad unter ihnen anzurichten.

Statt dessen hat sich Alles anders gewendet. Es war aber nicht Eusebius allein, der an diesem Morgen mit meinem Verdienst belohnt wurde, ich bemerkte bald, daß jeder unter meinen Genossen seinen Gönner hatte. Ich lachte über das Unverständige ihrer Lobsprüche und nahm mir vor, einst noch meine Geringschätzung dreister an den Tag zu legen.«

»Nicht viel besser erging es mir,« rief Adrast aus, »doch die Leute, unter welche ich gerieth, waren wenigstens von einem Gemeinsinn beseelt, sie freuten sich, einen wackeren und geschickten Genossen an mir gefunden zu haben, während dort, wo Du warst, der Neid es nicht einmal der Mühe werth hielt, sich zu verbergen.«

»Wahrlich, so ist es,« rief Admet.

Während dieses Gesprächs der Brüder war in der Mauer ihres Kerkers ein Gitter geöffnet worden, und es rief ihnen eine Stimme zu: »Bereitet Euch zum Tod, Ihr Urheber des Aufruhrs, der Kaiser hat vernommen, daß Ihr aus Olympia gekommen seid, wo Ihr, trotz dem Verbote, dem Dienst des Heidenthums anhingt. Er wird deshalb keine Gnade walten lassen, und Ihr müßt sterben.« ?

Die Jünglinge sahen sich bestürzt an, dann aber brachen sie in Thränen aus, und beklagten ihr unglückliches Loos.

»Welches Verbrechen,« rief Admet, »haben wir begangen, daß uns so früh ein so schmähliches Ende bestimmt sein soll? Ach, mehr um Dich trauere ich, Adrast, Dich nur bedaure ich, Du bist der Jüngere: der Du bisher Reichthum und Wohlbehagen um Dich gesehen, Dir hätte vielleicht noch eine glänzende Laufbahn sich eröffnet, ich hingegen habe bereits so viel von der Welt erkannt und erlebt, daß ich sie ohne großen Schmerz verlassen kann.«

»Aber wir beide,« rief der Jüngere wieder, »wir beide haben die Heimat verloren, ach und das Ideal von Ruhm und Ehre sahen wir vor unsern Augen hinschwinden, was sollen wir noch hier, was könnte uns noch erfreuen? Auch mich hält nichts mehr. Nur einen Freund, weiß ich, den ich gerne noch einmal sehen möchte: Lykortas, den Wackeren, Unbeugsamen, was wird wohl sein Schicksal sein, wenn er uns überlebt? Ha, wenn er uns zu Hülfe käme! ? er würde es gewiß, wenn er es kann, wenn er Nachricht über uns erhält. Ach ? vielleicht ist er selbst verloren ? unrettbar verloren.«

Indem sie noch so sprachen, stützten sie traurig das Haupt in die Hände und versanken in ein dumpfes trostloses Schweigen. Aber der, um den sie mit ihren Gedanken beschäftigt waren, Lykortas, dachte mit gleichen Sorgen an sie, er suchte sie, und da er keine Spur von ihnen entdecken konnte, befürchtete er, sie könnten in die Gewalt der Feinde gefallen sein und beschloß daher sich vorsichtig dem Palast zu nähern, ob er nicht dort Nachricht von ihnen erhalten würde.

Tag und Nacht hindurch hatten der Kampf in den Straßen und die Feuersbrünste gewüthet, ein beträchtlicher Theil der Stadt, öffentliche und Privatgebäude waren ein Raub der Flammen geworden. Indem Lykortas sich durch Brandstätten und Aschenregen dem Labyrinth von Gebäuden, Höfen, Säulengängen und Gärten nahte, welche zusammen die Burg Justinians bildeten, so vernahm er plötzlich Waffengeräusch und bemerkte, daß auf einem freien Platze, der gerade vor ihm lag, Truppen aufgestellt wurden und erkannte alsbald, daß hier eine energische Maßregel gegen die Aufständischen vorbereitet werde.

Seine Vermuthung wurde durch Mävo bestätigt, der im Schatten der Häuser an ihn herangeschlichen kam und ihm zuflüsterte: »Es ist Belisar, er hat Befehl, gegen den Hippodrom zu marschiren, eile, wenn Du sie retten willst ? Dione, mein? ich ? bist Du betäubt? zögere nicht!« ?

Damit verschwand er. Lykortas säumte nicht, seinem Rathe zu folgen. Nach wenigen Minuten war er im Hippodrom. Hier fand er alles in siegestrunkener Sorglosigkeit. Die Wenigen, die noch Waffen trugen, hatten sich auf die Stufen der Arena zu Trinkgelagen niedergesetzt, die meisten sich auf der Rennbahn selbst dem Vergnügen hingegeben, sie tanzten oder sangen in Chören ? Einige führten Scenen aus Komödien auf, andere ließen einfach in Sprüngen und Geberden ihrer Fröhlichkeit freien Lauf. Man sah, daß das freiheitsliebende Griechenvolk nach der langen Zurückhaltung vom Joche des Despotismus nun auf einmal sich erlöst fühlte und ganz seinem Hange bacchantischer Ausgelassenheit sich hingab.

Mit dem Rufe: »Zu den Waffen!« sprang Lykortas mitten unter die Sorglosen. »Freunde die Gefahr ist nahe! Rüstet Euch, rafft Euch zusammen, folget meinen Befehlen!«

Hierauf sprang er in raschen Sätzen die Stufen zu der kaiserlichen Tribüne hinan, wo Hypathius in nachlässiger Haltung und mit lächelnder Miene auf die Belustigungen seines Volkes herabsah. Dione hatte sich an ihn geschmiegt und betrachtete gleichfalls die Scene vor ihr mit Augen, die vor Stolz und Freude leuchteten. Sie schien vollkommen glücklich, sie sah sich am Ziel ihrer Wünsche, sie sah den Mann, den sie liebte, zu lieben glaubte, mit dem Purpur bekleidet, sie sah sich an seiner Seite zur erklärten Gemahlin erkoren.

»Wollen wir nicht,« sprach sie, »unter diese Glücklichen gehen, man wird uns begrüßen und uns?rer Gegenwart wird das Volk sich freuen.«

»Ich aber,« erwiderte Hypathius finster, »ich könnte mich nur wenig darob erfreuen. Daß Du mir das Diadem umgebunden, war schön und herrlich, doch nicht dieser Menge will ich es verdanken, nicht einen Tag nur will ich es ihr zu danken scheinen.«

»Wie?« rief Dione staunend, »war ich voreilig, oder auf was sollten wir denn noch warten?«

Hypathius sprach: »Ich hätte an einem andern Tage Justinian zur Abdankung gezwungen ? ich ganz allein an der Spitze seiner Palastwache hätte ihn abgesetzt und Niemand sollte das erfahren haben. Niemand, und am wenigsten dieser zügellose Pöbel, der es mich über kurz oder lang wird fühlen lassen, daß ich in seiner Schuld stehe, dieser blinde, blutige Pöbel, den ich hasse, verachte und verabscheue!«

Dione sprang auf und sah ihn an, als hätte sie etwas Unglaubliches, Ungeahntes vernommen. Da trat Lykortas ein.

»Thörichter oder Feiger, wie soll ich Dich nennen?« rief er Hypathius an, »wisse, daß wir alle verloren sind, wenn Du Dich nicht aufraffst. Belisar rückt heran mit einer Truppenmacht, die stark genug ist, Deinen wehrlosen und taumelnden Pöbel in Stücke zu hauen und Dich mit.«

Hypathius starrte ihn an.

»So ist Justinian nicht geflüchtet? Wahrscheinlich nicht ? gleichviel, Belisar wird ihn entweder zurückbringen, oder rächen. Auf!«

Hypathius antwortete nicht. Rascher als er, hatte Dione die Lage begriffen. Ihr erster Blick auf Hypathius hatte ihr Herz auf immer von ihm gewendet. Als er bleich und gelähmt vor Schrecken dastand, empfand sie erst Mitleid, dann Verachtung, und mit einem Male wich alles, was sie je für ihn gefühlt hatte, aus ihrem Herzen und ließ einer traurigen, unendlich traurigen, aus Reue und Spott gemischten Empfindung Raum.

Aber sie begriff auch zugleich die Gefahr und die Nothwendigkeit, keinen Augenblick zu versäumen. Einige Minuten vorher wäre sie vielleicht lächelnd gestorben, jetzt war in ihr ein starkes Lebensbedürfniß, eine muthige Kraft der Selbsterhaltung erwacht. Sie bat sogleich die Umstehenden, die Eingänge zu besetzen und forderte zur Verkeilung von Waffen auf; sie selbst eilte voran; Lykortas folgte ihr. Sie sprachen nicht miteinander, aber Alles was sie thaten, schien der Vollzug eines Befehls, den unausgesprochen Eines dem Andren gab. Er suchte durch die Ergebenheit, womit er ihre Anordnungen vollzog, durch seine Unerschrockenheit der Enttäuschung, welche einzureißen drohte, vorzubeugen, sie aber schien nur anzuordnen, was sie aus seinen Mienen, seinen Bewegungen gewissermaßen herauslas.

Hypathius sah sich allein. »Das Verhängniß!« ? murmelte er dumpf vor sich hin, »das Verhängniß erreicht uns Alle!«

Seine Augen suchten Dione, sie war verschwunden. Das Weib, das ihn erhoben, das sich glauben gemacht hatte, daß es ihn liebe, war von ihm weggegangen, ohne sich nur nach ihm umzusehen, und umerzog sich nun den Anforderungen, welche die Gefahr an sie stellte, gemeinschaftlich mit dem, den sie bisher als tief unter ihr stehend betrachtet hatte und dessen Liebe sie wie einen selbstverständlichen Tribut nahm, da sie sich ihrer innersten Hingabe an ihn gar nicht bewußt war.

Jetzt war es Tag in ihr geworden. Lykortas bemerkte die Verwandlung, die in ihr vorging, und ein unbegrenztes Wonnegefühl, ein trunkener Muth beseelte sein ganzes Wesen und hob ihn über sich selbst, über den, der er bisher gewesen. Alles, was er von sich gehofft und erwartet, und was er nie erreicht hatte, das erschien er sich jetzt: ein Held, ein geliebter Mann, ein Begünstigter des Glücks, ein Liebling der Götter. Beide verstanden sich und theilten sich in die Aufgabe zu handeln mit einer Umsicht und Raschheit, die beinahe übermenschlich war.

Leider zu spät. Belisar erschien vor den Thoren und ließ die Blauen auffordern, sich zu unterwerfen, indem er ihnen vollkommene Verzeihung zusagte. Viele benützten es und verließen die Sache des Hypathius. Nun kam die Reihe an die Grünen. Auch sie wurden aufgefordert, sich zu ergeben, aber ohne jede Bedingung. Da schleuderte Lykortas einen Stein auf den ausrufenden Befehlshaber, der zu Boden stürzte und dies war das Signal zum Angriff.

Die Tuba klang, und die Truppen stürmten gegen den Eingang. Zwei- und dreimal wurden sie zurückgeschlagen; endlich erklommen Einige trotz der tapfersten Gegenwehr eine Stufenreihe und sandten von da herab einen Hagel von Pfeilen. So gelangten auch die Schwerbewaffneten durch das Thor in den innern Raum. Nun hielt sich nur noch Verzweiflung. Hypathius hatte sich so weit aufgerafft, daß er den Seinigen wenigstens zurief: »Sieget, sieget!«

Aber im nächsten Augenblick schon traf ihn der Pfeil eines Herulers, der ihn, schwer verwundet, niederstreckte. Lykortas hatte sich mit Dione und den wenigen ihm Treugebliebenen, noch Kampffähigen, immer höher gegen die obersten Stufenreihen des Hippodrom zurückgezogen. Hier erwartete er den Feind und seinen Tod. Mit der Verwundung und Gefangennahme des Hypathius ruhte der Kampf ein wenig. Der Feldherr Justinians gönnte seinen erschöpften Truppen einige Rast, und die Vertheidiger, zum größten Theil verwundet, waren ohnehin kaum noch eines Widerstandes fähig.

»Der Kampf ist vorbei, nun beginnt die Strafe,« rief Belisar den Seinen zu, und diese stürzten sich auf die fast wehrlose Menge Volks und hieben Alles nieder. Lykortas, einem sterbenden Fechter gleich, hatte, auf seinen Schild gestützt, sich niedergelassen, und Dione war beschäftigt, seine Wunde zu verbinden. Sie riß den kostbaren Purpurmantel, den man ihr umgeworfen hatte, in Fetzen und stillte damit das Blut, sie trocknete seine Stirn mit ihren Locken und den Blumen darin. Seine Hand ruhte auf ihrer Schulter, beider Blicke versenkten sich in einander, wie um die verlorenen, unausgesprochenen Geständnisse nachzuholen, um in den letzten Augenblicken noch, so kurz vor dem Sterben sich einander ganz und für immer zu gehören.

»Lebe wohl, Dione!« sagte Lykortas, »ich mußte und ich hab? es immer geglaubt, daß Du noch einst einsehen würdest, wie Du mich geliebt hast und nicht ihn!«

»Nun sterb? ich gern, aber was soll aus Dir werden? Tödte mich nur sogleich!« rief sie, »lebend will ich nicht in ihre Hände fallen, leben will ich nicht ohne Dich! Wie glücklich, ich ward es noch inne, daß ich Dir gehöre, nur Dir! Siehe, sie kommen!«

Lykortas sprang auf. Mehrere Heruler drangen die Stufen heran.

»Den,« riefen sie, »müssen wir lebend einbringen, er soll unter Martern sterben! Ergieb Dich!« ?

»Ihr könnt nachkommen, Barbaren«, rief Lykortas und stieß sein Schwert dem ersten, der herankam, in die Brust, daß dieser über die Treppen hinabtaumelte, dann umschlang er die Geliebte mit beiden Armen, und, sie fest an sich pressend stürzte er sich mit ihr zwischen den Säulen der Umfassungsmauer auf die Marmorplatten in die Tiefe nieder. Ein Aufschrei derer, die es sahen, ? dann war eine Todtenstille.

Der Aufruhr war beendet, Tausende von Leichen bedeckten die Räume, welche kurz vorher von dem Eifer der Wettkämpfer, vom Jubel der siegreichen Aufständischen erfüllt gewesen.

In gleicher Stunde öffnete sich der Kerker des Adrast und Admet. Eine ganz in weiße Schleier verhüllte Gestalt erschien auf der Schwelle und winkte ihnen zu folgen. Gleich darauf, als sie den Hof betraten, wurden sie von Bewaffneten umringt und von ihnen durch die Gärten nach dem Meeresufer und an Bord eines Schiffes gebracht, das bestimmt war, an demselben Tage noch die Anker zu lichten und nach Egypten zu steuern.

+++

Es war kaum ein Jahr nach diesen Ereignissen verflossen, als der Beherrscher des oströmischen Reiches heftige Reue über die Niedermetzlungen jenes Tages empfand. Er genoß weder Zerstreuung in den Beschäftigungen mit Staatsangelegenheiten, noch den ersehnten Schlaf. Immer wieder standen die gräßlich zerfleischten Opfer des Neujahrstages von 532 vor seiner geängstigten Seele.

In der Roth seiner Gewissensbisse hörte er von einem Heiligen, der in der Wüste der Thebais seit Jahren ein weltabgeschiedenes Leben führe und einer besonderen Gnade von Gott theilhaft scheine. Ihm sich anzuvertrauen, von ihm Trost und Hülfe zu erbitten, war seine einzige Hoffnung. Einige seiner Vertrauten machten sich auf den Weg, den Heiligen aufzusuchen.

Sie fanden ihn und brachten ihn glücklich nach Constantinopel. Justinian umarmte ihn, und eröffnete ihm seine Seelenqual:

»Giebt es für mich noch Vergebung, kann ich des Himmels, der Genossenschaft der Seligen und Reinen theilhaft werden?«

Der Heilige schwieg.

»Giebt es keine Fürbitte, fallen meine guten Thaten nicht in die Waagschale? Hörtest Du nicht davon, daß ich alle früheren Gesetze, die ältesten wie die neueren gesammelt, und in ein Buch vereinigt habe, damit für alle Zeiten gewußt werde, was Rechtens ist, und immerdar Gerechtigkeit auf Erden walte?«

Der Eremit blickte ihn strafend an: »Und wann«, rief er, »ward jemals mehr Unrecht begangen, als unter Deiner Regierung, Unseliger! Wucher, Erbschleicherei, Betrug, Sklavenhandel, Ehebruch und betrügerische Fälschung stehen in üppiger Blüthe seit Deiner Herrschaft.«

»Ach«, seufzte Justinian, »und kann es mir auch nichts nützen, daß ich aus Asien die Seidenzucht eingeführt und damit eine große Wohlthat unter den Menschen verbreitet habe, einen Nahrungszweig für den Fleiß und die Arbeit von Tausend und aber Tausenden?«

»Der Ueppigkeit und dem Laster nur gabst Du Mittel und Ausdehnung«, sprach mit fast tonloser Stimme der Einsiedler, »sieh? mich an, genügt mir nicht ein härenes Gewand, und willst Du, daß Deine Krieger bald in Seide, statt in Eisen und Thierfelle sich kleiden?« ?

»Waren es denn nicht Rebellen«, fuhr hier der Kaiser ungeduldig auf, »Empörer, die ich niederhauen ließ ? und ?« setzte er sich selbst entschuldigend hinzu, »forderte es nicht meine Regentenpflicht, sie zu vertilgen?«

»Du könntest Recht haben, wenn es nur lauter Schuldige gewesen wären«, seufzte der Heilige.

»Ach, ich weiß«, rief Justinian, »es waren auch zwei Knaben darunter, deren Unschuld sich später erwies, ich aber ließ sie ins Gefängniß werfen und wahrscheinlich wurden sie dort getödtet, denn man vernahm nichts mehr von ihnen«.

»Wie?« rief der Eremit, »Adrast und Admet?«

»Ja, so hießen sie!«

»Wurden sie nicht auf Deinen Befehl zu mir in die Wüste geschickt, damit ich sie dort zur Glückseligkeit der wahren Erkenntniß leiten sollte?«

»Nein, nein«, rief der Kaiser, »aber sie kamen zu Dir?«

»Sie kamen, und sie leben noch ? sie leben als die Weisesten der Sterblichen, sie sind, nachdem ich sie gelehrt hatte, die Güter der Welt, Reichthum, Macht und Ansehn für nichts zu achten und in der Unabhängigkeit des Geistes allein das wünschenswertheste Gut zu sehen, nach Elis in Griechenland zurückgekehrt, um dort in ihrer Heimat unter den Ruinen des einst weltberühmten Olympia das heilige Leben fortzusetzen, das sie unter meiner Anleitung in der Thebais begonnen haben.«

»Dann war es ein Engel Gottes, der sie zu Dir geführt hat«, sagte Justinian, »und mir ist verziehen!« ?

Freudig erzählte er die glückliche Nachricht seiner Gattin Theodora, die ihn mit einem eigenen Lächeln anhörte, gleichsam als hätte sie diesmal den wahren Thatbestand besser gewußt, als der große Rechtsgelehrte auf dem Throne.

Ob nun Adrast und Admet wirklich das Leben der Ascese fortgesetzt oder dem Andenken einer theuren Vergangenheit gelebt und ihre Tage in Beschäftigung mit Landarbeit und Studien getheilt haben, darüber ist nichts bekannt geworden. ?

In Constantinopel aber ging noch lange die Sage von jenen Wagenlenkern aus Olympia. Die Einen behaupteten, wirklich ein Engel habe sie gerettet, die Andern wollten wissen, sie seien das göttliche Brüderpaar der Dioskuren selbst gewesen, das sich noch einmal zur Erde herabgelassen, um dann für immer zurückzukehren von dem unseligen Geschlecht der Menschen zu jenen Höh?n des Himmels, von wo sie noch als verbundene Sterne herniederleuchten.

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Der Bilderstreit

I.

In einem der verborgensten Gemächer ihres Palastes hatte die Kaiserin Irene einen Kreis vertrauter Freunde und Rathgeber um sich versammelt. Es waren größtentheils Mönche, Männer und Greise, der Rest von jenen Anhängern des Bilderdienstes, die unter den Kaisern Constantin und Leo, den Vorgängern der Irene, aufs furchtbarste waren bestraft worden, weil sie trotz der kaiserlichen Edikte, welche im ganzen Reiche die Verehrung der Heiligenbilder untersagten, dennoch dem verbotenen Dienste treu geblieben waren. Viele derselben trugen noch die Merkmale des Marterthums an sich in greulichen Verstümmlungen. Man sah da Gestalten mit abgeschnitt?nen Lippen und Ohren, Geblendete, Einäugige, Handlose, und Viele mit ausgerissenen Zungen, ein entsetzlicher Anblick.

Mitten unter diesen Unglücklichen stand die Kaiserin noch in vollem Glanze reicher Schönheit, und mit sanfter Würde redete sie die Versammlung an:

»Von Virgil heißt es, daß er vor seinem Hinscheiden den Auftrag gegeben habe, sein Hauptwerk, die Aeneide, zu vernichten. Auch bei Völkern und Regenten giebt es Epochen, in welchen mit Eifer das zerstört wird, was Vorhergegangene aufgebaut oder für heilig hielten. Die ersten Christen vermieden jeden äußeren Schmuck bei ihrem Gottesdienste, später glaubte man, und mit Recht, daß die Kunst durch ihre Werke die Religion zu verherrlichen habe. Aber nicht lange, so wich man von dieser Wahrheit ab und verbot die Bilder und ihre Verehrung, in dem Wahn, dadurch die Herzen der Ungläubigen zu gewinnen, Juden und Mohamedaner zum Christenthum bekehren zu können! Eitles Unterfangen! ? Allerdings lag ein weiterer Grund, daß es dahin kam, auch in der Beschaffenheit jener Bilder, in der unvollkommenen Art, wie die heilige Welt den Gläubigen vor Augen gebracht wurde. Wahrlich oft auf eine höchst unwürdige Weise, und es war vielleicht heilsam, daß die Katastrophe der Zerstörung hereinbrach. Ich nun habe während des Zeitraumes der Unterdrückung und Verbote meinen Eifer im Stillen dahin gerichtet, daß, sobald ich zur Regierung gelangte, bessere Bilder an die Stelle der früheren kämen, und daß sie in einer der Andacht und Anbetung würdigen Weise gesehen würden. So hoffe ich die Gemüther, auch die härtesten, wieder zurückzuführen zum freundlichen Glauben an die Gegenwart der Heiligen unter uns und ihre thätige Hülfe.« ?

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, so öffnete sich die Thür und herein trat ein Jüngling von ernstem und zartem Aussehen, ihr noch unmündiger Sohn, Constantius. Nach den herkömmlichen Begrüßungen sprach sie zu ihm:

»Ich habe Dich zu mir geboten in einer Frage, die vorerst nur an Deines Herzens Neigung gerichtet ist, aber Viel und Wichtiges wird von Deiner Entscheidung abhängen.«

Sie winkte und ihr gegenüber wurde der Vorhang von einem Altare weggezogen, auf welchem in prächtigem Einband die heilige Schrift lag. Constantius näherte sich, und der Ministrant schlug das Buch auf, um ihm die Stelle des Evangeliums zum Kusse darzureichen. Da fuhr dieser zurück, denn er erblickte zwischen dem Texte auf Goldgrund gemalt die Himmelskönigin, von Glorie und Engeln umgeben, und das Antlitz trug offenbar die Züge der Kaiserin. Der Ministrant erhob das Buch mit beiden Händen über sein Haupt, daß es Alle sehen sollten.

Ein ungestümer, an Raserei grenzender Jubel durchdrang die Versammlung. Mit funkelnden Augen blickte die fromme Gemeinde nach dem Bild. Andächtig warfen die Einen sich zur Erde, Andere bedeckten mit den Händen ihre Augen, als wären sie nicht würdig, das Erhabenste zu schauen, die Stummen brachen in dumpfes Lallen und Schluchzen aus, die Blinden krochen hinzu und berührten den Rand des Gemäldes mit ihren Fingerspitzen.

Die Freude dieser verstümmelten und fanatischen Schaar gewährte einen wilden und abstoßenden Anblick, und mit Abscheu wandte der Prinz sich ab, seine Mienen, die beim Eintritt heiter gewesen, verfinsterten sich und als er die Aehnlichkeit mit seiner Mutter auf dem Bilde bemerkte, so sagte er in einem fast strafenden Ton:

»Es ist unrecht, daß hier verehrt wird, was mein Vater untersagt hat, und Du, o meine Mutter, würdest besser thun, seinem Beispiele zu folgen, anstatt dem gefährlichen Irrthum wieder Eingang zu verschaffen. Die Synoden haben sich gegen die Verehrung der Bilder erklärt.«

»Weil sie bedroht oder betrogen waren,« entgegnete die Kaiserin, und fügte mit einem gewinnenden Lächeln hinzu: »Mein Sohn ist nicht so gefühllos und von barbarischer Art, daß die eben ausgesprochenen Worte sein voller Ernst sein könnten; er glaubt nur, solchen Gehorsam dem Andenken seines Vaters schuldig zu sein, und indem wir seine Pietät hierin achten, hoffen wir dennoch, ihn zu überzeugen, daß er auf Irrwegen wandelt und wir des wahren Glaubens sind.«

»Nie wird das geschehen, Mutter, ich kenne die Lehren beider Bekenntnisse, und verdamme deshalb die natürliche und vergängliche Darstellung göttlicher Wesenheiten als Abgötterei. Sie sind Lüge und dienen zu Schlupfwinkeln den bösen und abgefallenen Geistern. Wie sehr erfüllt es mich mit Schauer, daß Du selbst Dir anmaßtest, als Mutter des Gottessohnes Dich darstellen zu lassen. Ich bete zu ihm, daß er den Frevel nicht an uns strafe.«

»Kind,« rief Irene, »liebst Du mich so wenig? und,« setzte sie flüsternd hinzu, »bedenkst Du nicht, wie es unsere Macht über das Volk befestigen muß, wenn man unsere Persönlichkeit mit den Gegenständen der Anbetung so innig verwoben sieht?«

»Welch ein Wort, o Mutter!« versetzte Constantius, denn ihre letzte Rede war nicht mehr in dem Tone mütterlicher Zärtlichkeit gesprochen, sondern es lag etwas Kühles und Gesuchtes darin, und die Veränderung war ihm nicht entgangen. »Wahrlich,« fuhr er fort, »es scheint, daß es nichts so Thörichtes giebt, was Du mir nicht glaubhaft zu machen wähnst.«

Sie erschrak, und ein Blick auf die entschlossenen Züge ihres Sohnes machte sie erstarren, denn nichts in ihnen war von jener Schönheit, die zugleich Empfänglichkeit für das Schöne ausspricht; schroff und kalt, wenn auch nicht ohne Geist, waren die Linien dieses Antlitzes und das Feuer in diesen Blicken war mehr von Nachdenken beseelt, als daß es für die Reize der Sinnenwelt offen schien. Nie wie jetzt waren ihr die Gesichtszüge des jungen Mannes so fremd, so ganz ihren eigenen unähnlich vorgekommen. Wie peinlich war ihr der Anblick des Sohnes; aber ehe sie sich ihres Gefühls noch recht bewußt war oder sich dem Eindruck des eben Geschehenen zu entreißen vermocht hatte, war er von ihrer Seite hinweggeeilt.

Sie blickte umher, die Mönche waren zurückgetreten und eine tiefe Niedergeschlagenheit schien sich Aller bemächtigt zu haben. Sie winkte ihnen, sich zu entfernen, und behielt nur einen derselben zurück. Es war der mächtigste der Versammlung, ein noch nicht bejahrter Mann, sein Haupt, von unverhältnißmäßiger Größe, steckte tief zwischen den Schultern und war stets in einer verbeugenden Bewegung, während seine Blicke, beständig lauernd, sich da- und dorthin richteten. Es war ihr Geheimschreiber Tarasius.

»Du hast gesehen,« sagte sie, »wie er mir begegnet, nie werd? ich seine Zustimmung erringen, in ihm lebt einzig die Ehrfurcht vor seinem verstorbenen Vater.«

»Vor seinem Vater,« wiederholte Tarasius gedehnt ? »vor seinem Vater, der ihn immer zurückgesetzt und geringschätzend behandelt hat. Er überließ seine Erziehung den untersten Dienern und Mägden, und unter dem Gesinde bildete sich bei dem Knaben jene knechtische Ehrfurcht aus, so daß er nach dem Tode des Vaters nichts anderes kennt und festhält, als den Vorsatz, in dessen Grundsätzen einst fortzuregieren. Das gilt ihm wie ein heiliges Gelübde.«

»Und wie werden wir ihn davon abbringen,« frug Irene, »durch Lehren?«

»Nimmermehr! nur durch eine Leidenschaft,« versetzte Tarasius. »Hätte das Gemälde statt Deines Antlitzes ? verzeihe ? das einer ihm fremden Schönheit vor Augen gebracht, es würde jene Flamme in ihm entzündet haben, deren wir bedürfen, eine Schönheit, die das Göttliche in dem Bild eines irdischen Weibes dargestellt hätte, das er mit allen erwachenden Sinnen lieben müßte.«

»Wie,« rief Irene auf, »Du wirst doch nicht einer irdischen Liebe das Recht einräumen, für die himmlische zu entflammen?« ?

»Je nachdem,« antwortete ihr Geheimschreiber, »denn eben dadurch, daß die Schönheit bildlich erscheint, ist sie schon eine höhere. Sogar die heidnischen Abbildungen üben eine erhebende Wirkung, eine läuternde Macht aus.«

»Um wie viel mehr,« unterbrach ihn Irene, »wenn die Bilder selbst etwas Heiliges vorstellen, so willst Du wohl sagen? Aber wird es eine Sterbliche geben, die den kaltsinnigen, nur zum Forschen und Grübeln geneigten Jüngling überwindet und die zugleich durch Frömmigkeit sich auszeichnet, so daß sie seiner und ihrer Mission würdig ist? Wird das Vorhaben ausgeführt werden können, ohne Gefahr für ihn, ohne Reue für mich? Ich will nicht, daß er sinke.«

»Fürchte nichts! Es wird immer in Deiner Hand liegen, ihn zu halten, zu lenken. Bedenke jedoch, daß Dir keine Wahl bleibt als zwischen dem Wohle des Staates und der Bekämpfung Deiner mütterlichen Gefühle, es muß etwas gewagt werden.«

Nachdenklich neigte die Kaiserin ihr Haupt: »Eine solche Schönheit ausfindig zu machen, sei Deines Scharfsinns Probe ? aber ? er darf sie nur als Bild sehen, nie sie selbst!«

»Nie sie selbst,« ? wiederholte Tarasius ehrfurchtsvoll und schickte sich an, zu gehen.

»Wehe Dir,« rief ihm Irene zu, »wenn Du Deine Vollmacht überschreiten, meine guten Absichten täuschen solltest. Gehe!«

Tarasius neigte und verabschiedete sich. Er verließ seine Gebieterin in einer Stimmung, die seinen Hoffnungen und Aussichten förderlicher war, als sie selbst hatte wahrnehmen lassen. Die Begegnung mit dem Sohne, sein Betragen gegen sie hatte den Wunsch, unumschränkt und so lange sie lebte zu herrschen, neuerdings befestigt. Sie sträubte sich gegen den Gedanken, ihm die Zügel der Regierung überlassen zu sollen, dem Sohne, der alles das zu nichte machen würde, was sie erstrebte, was ihr zum Heil der Welt, wie sie fest glaubte, als höchstes Ziel winkte.

Irene, die geborene Athenienserin, die Wittwe des bilderstürmenden Kaisers, wollte die Stadt ihrer Wiege aus dem Schutte der Verwüstung wieder erheben, sie wollte die noch lebenden Abkömmlinge der alten Griechen in die Güter und Ehren ihrer Väter einsetzen, und eine neue Aera der Kunstblüthe, einer christlichen Kunst in der Stadt des Perikles begründen. Aber noch lag dieses Athen, noch ganz Hellas in der Gewalt barbarischer Slaven, und sie hatte ihren Feldherrn Nicephorus dahin abgesandt, mit seinem Heere den Peloponnes dem Reiche wieder zurückzuerobern.

Die Erinnerung an den tapferen Mann trat plötzlich lebhaft vor ihre Seele, eine ihr selbst noch halbverborgene Neigung erwachte. Gewänne Nicephorus den Sieg, so konnte sie ihn mit ihrer Hand belohnen, ihn als Herrscher, als Mitregenten zu sich auf den Thron erheben. Die Widersetzlichkeit des Sohnes kam ihr nun eher willkommen, bot sich doch ein Vorwand, ihn zu beseitigen, wenn er länger den großen und wohlgemeinten Absichten, die sie vorhatte, entgegenträte. Nur mußte seine Partei erst unterliegen, Heer und Volk, das ihn liebte, von ihm abtrünnig gemacht werden.

»Er wird lieben,« sagte sie sich, »und dann steht es bei uns, ob er dieser Liebe oder dem Anspruch auf den Thron entsagt. Er wähle,« rief sie aus und richtete sich hoch empor, »er wähle« ? da fiel ihr Blick auf das Muttergottesbild und die Demuth im Antlitz der Heiligen bewältigte sie so, daß sie die Augen niederschlug. Ein großer Gedanke ging durch ihre Seele. »Nein,« sagte sie zu sich ? »kein Unrecht! Es ist Raum für uns beide, ich werde mit Nicephorus über Hellas und Athen, hier in Byzanz möge mein Sohn über den Osten die Herrschaft führen!« Mit diesem Vorsatz erhob sie sich, um Constantius rufen zu lassen, und ihm ihren Entschluß mitzutheilen.

Ihr Vorhaben wurde jedoch verzögert, da ihr die Nachricht kam, daß der Patriarch Paulus schwer erkrankt darniederliege. Zu ihm war auch Tarasius geeilt, nachdem er die kaiserliche Hofburg verlassen hatte. Paulus, der Patriarch von Constantinopel, hochbetagt und dem Tode nah, war stets ein eifriger Verfechter des Bilderdienstes gewesen, von Tarasius aber aus der Gunst der Kaiserin verdrängt worden.

»Was führt meinen Feind in dieser Stunde zu mir?« redete er den Eintretenden an.

»Der Wunsch, Deine Verzeihung zu erhalten,« erwiderte Tarasius.

»Ich verzeihe der Herrscherin die kränkende Zurücksetzung ? Dein Kommen bestätigt mir, daß sie meines Rathes noch länger bedurft hätte. Aber welches ist der Fall, der Dich zu mir bringt.«

»Du kennst den eifrigsten Wunsch unsrer erhabenen Herrin, sie will ihre Vaterstadt Athen neugestalten, der Parthenon soll ein Tempel der heiligen Jungfrau, der Zeustempel soll den Aposteln geheiligt werden.«

»Ja, der Weihrauch auf den Altären soll wieder zur Ehre des Alleinigen entfacht werden, von den frommen Gesängen der Kirchenväter werden die Hallen und öffentlichen Plätze wiederertönen in dem neuen Jerusalem,« fiel ihm der Patriarch begeistert in die Rede. »Das ist ihr hoher Geist, ich erkenne sie wieder. Wer will sich ihr widersetzen?«

»Ihr eigener Sohn.«

»Ich weiß es, ach ich weiß es,« seufzte der Schwerkranke, und sank wie niedergeschmettert von diesem Gedanken auf die Polster zurück.

In diesem Momente ließen sich außen feierliche Töne vernehmen, die Thür wurde sorgfältig geöffnet und Irene trat herein, umgeben von einem glänzenden Gefolge ihres Hofstaates. Sie ließ sich vor dem Patriarchen auf ihre Kniee nieder, der, von ihrem Anblick wie neubelebt, zum Segen seine zitternden und abgemagerten Hände über ihr Haupt hielt.

»Ich segne Dich,« sprach er mit einer Stimme, die allmälig ihre ganze Stärke wieder gewann, »meine Tochter, und zum Beweise der Versöhnung, will ich Dir einen Rath ertheilen, der, wenn Du ihn befolgst, zum gewünschten Ziele führen wird. Man muß eine Synode berufen, welche die Beschlüsse der früheren aufhebt und die Verehrung der Bilder nicht nur wieder gestattet, sondern zum Glaubenssatze macht. Die Hoffnung, daß die Synode zu Stande komme und in unserem Sinn entscheidend werde, das allein ist mein Trost beim Scheiden aus diesem Leben.«

Nach diesen Worten, die er mit letzter Anstrengung hervorgebracht, sank er völlig erschöpft auf sein Lager, und war nach wenigen Minuten verschieden.

Die Kaiserin lag noch auf ihren Knieen, es herrschte tiefe Stille. Nach und nach erst begannen die frommen Gesänge wieder, die sich bald mit dem betenden Gemurmel einer vor dem Hause drängenden Menge vermischten, und in feierlichem Ernst höher und höher schwellend das Gemach durchwogten. ?

Sie empfand Reue, Reue darüber, daß sie den Mann, der nun todt war, einst zurückgesetzt hatte, weil er ihrem Unternehmen nicht so eifrig zu dienen schien, als es ihr Wunsch gewesen war. Es überkam sie eine Ahnung von Unheil, sie glaubte zu hören, wie das Verhängniß leisen Schrittes herannahe. Sie frug nach ihrem Sohne, Niemand wußte von ihm. ?

Sie bestieg ihren Wagen und ließ theilnahmlos ihre Blicke über die Menge hingleiten, die sie von allen Seiten huldigend begrüßte. Im Palast angekommen, stieg sie langsam, in sich gebogen, die Treppen hinan. An der obersten Stufe blieb sie vor der Bildsäule ihres Gatten stehen. Sie gedachte seiner Thaten, seiner Siege und betrachtete lang die eherne Gestalt, die ernsten Gesichtszüge. Die Aehnlichkeit mit Constantius fiel ihr auf, in einem Grade, wie sie es nie vorher beachtet hatte. ?

»Wie sich die Vergangenheit an mich klammert!« sagte sie zu sich ? »werde ich mich ihr nicht entreißen können? ? Ich will es können, und Du? Ich werde so groß sein wie Du, größer, denn in meiner Bestimmung liegt es, auch Schönheit und Kunst zu pflegen! Du konntest zerstören, verbieten, ich werde auferwecken!« ?

+++

Mit welch andern Empfindungen hatte während dessen der Kaisersprosse, auch mit sich selbst im Kampfe, den Palast verlassen! Wunderbar war der Eindruck des Bildes auf seine Seele, das ihm die Aehnlichkeit mit seiner Mutter in solcher Verklärung vor Augen stellte, das Gefühl der reinen kindlichen Liebe in ihm trübte, ja, den Ehrgeiz in ihm weckte, sich vor ihr in einem anderen Lichte als bisher zu zeigen. Schien es nicht, als halte sie ihn für schwach, unmündig, vielleicht sogar für muthlos? Sie sollte nun erkennen, daß er ein Mann geworden.

Verschiedene Vorhaben bestürmten ihn, am nachhaltigsten dies, daß er sich zu einer der auswärtigen Heeresabtheilungen begeben und gegen die Feinde des Reiches, die Araber, kämpfen wollte; würde er dann als Sieger zurückkehren, so müßte es ihm leicht sein, die Pläne zu vereiteln, mit welchen man seine Mutter umgarnt hielt und sie drängte, den Bilderdienst wieder einzuführen; denn dieser Neuerung sich zu widersetzen, stand bei ihm fest ? und dennoch tauchte immer wieder das schöne Bild vor ihm auf, das so eigen das Ideal der Weiblichkeit in der Himmelskönigin mit der lebendigen Gestalt seiner Mutter vermählte.

Um sich von dieser quälenden Stimmung zu befreien, suchte er Trost in den Kirchen, Zerstreuung im Volksgewühl, er besuchte die Theater, die Hörsäle ? alles vergeblich.

Nach schlaflos zugebrachter Nacht bestieg er des folgenden Tages sein persisches Roß, versah sich mit Gold und Waffen, und ritt ohne eines Dieners Begleitung vor die Thore der Stadt. Er ließ, in Nachsinnen verloren, dem Pferde die Zügel, oder gab ihm leidenschaftlich aufgeregt die Sporen, und jagte in vollem Laufe dahin.

Schon hatte er sich über eine Stunde weit von den Mauern Konstantinopels entfernt und lautlose Einsamkeit umgab ihn, schon war es Dämmerung und dunkel geworden, als plötzlich sein Pferd stehen blieb, und durch Unruhe die Annäherung eines Fremden verrieth. Der Reiter hielt soeben auf seinem Wege vor einer hochbewaldeten Schlucht, die zwischen Pinien und Cypressen nach einer der Anhöhen um Byzanz emporführte. Er rief den Entgegenkommenden an, und dieser gab sich als einer von den Soldaten zu erkennen, welche die kleine Besatzung des Castells auf der Höhe bildeten.

Von ihm erfuhr Constantius, daß der Befehlshaber der Veste, den er ihm nannte, ein ihm befreundeter Offizier sei, und so beschloß er sogleich, ihn zu besuchen. Da er von früher Jugend an mit ihm auferzogen und innig vertraut war, so glaubte er vieles von dem, was sein Inneres bestürmte, ihm gestehen zu dürfen. Zugleich erwartete er über die Stimmung des Heeres Einiges zu erfahren. Er vernahm denn auch, daß die Truppen ganz ihm ergeben wären, und daß er bei einer gewaltsamen Niederhaltung des gegnerischen Bekenntnisses unbedingt auf sie rechnen dürfe.

»Und Du wirst sehen,« betheuerte sein Freund, »es wird dazu kommen, wir werden die Waffen gebrauchen müssen. Unermüdlich geht das Bestreben der Mönche dahin, Deine Mutter zu bestimmen, daß sie die Anbetung der Bilder wieder einführe, den Götzendienst! Sie wird es erzwingen wollen, doch verlasse Dich auf uns! Nichts von dem, was Dein Vater angeordnet hat, soll geändert werden. Entferne Dich nicht von Byzanz, es ist nöthig, daß Du dort alles überwachst.«

»Nein«, rief Constantius aus, »ich werde nicht mehr dahin zurückkehren.«

»Wie?«

»Ich werde mich zu einer dem Feind gegenüberstehenden Heeresabtheilung begeben, mein Oheim Alexius befiehlt an der Grenze Syriens.«

»Ach,« erwiderte sein Freund Demetrius, »Dein Oheim ist nicht mehr, er starb vergiftet und seine Truppen haben Befehl erhalten, sich zurückzuziehen.«

»Auch das wurde mir verhehlt,« fuhr der Prinz auf ? »es beweist genug. Wie gut, daß ich Dich gefunden, ja ich muß zurück in die Hauptstadt, meine Gegenwart ist nöthig ? ? aber ach mir schaudert, jene Straßen wieder zu betreten, in denen mich überall das Bild verfolgt.«

»Das Bild?« ?

»Ja, das Bild ? schon seh? ich es überall, das Bild, das Menschenhand von dem göttlichen Wesen zu schaffen sich erdreistet, das Heiligste an Mauer und Thor, an Schrein und Gefäß, herabgewürdigt auf gleiche Stufe mit den Gegenständen der sinnlichen Anziehung und Nutzbarkeit. Schon aus jedem Antlitz seh? ich das Göttliche mich vorwurfsvoll anblicken.«

»Wir werden solcher Erniedrigung begegnen. Laß es für jetzt vergessen sein und genieße, was ich Dir in dieser Einsamkeit an Unterhaltung bieten kann.«

Bei diesen Worten ergriff er die Hand seines hohen Gastes und führte ihn durch die Räume der Burg, die seiner Obhut anvertraut war.

»Du siehst,« sagte er, »es waren diese Mauern nicht immer kriegerisch wie jetzt. Sie bildeten einst die Villa eines Senators, der unter dem Banner der Heiden focht, den Waffen Constantins des Großen erlag und hingerichtet wurde. Die Villa, seither kaiserliches Eigenthum, wurde unter Justinian in eine Veste verwandelt und ihr eine Besatzung gegeben.«

Die Freunde hatten während des Gespräches eine Terrasse erstiegen und blickten über die dunkelbewaldete Anhöhe, die im tiefsten Schweigen der Nacht ruhte, nach dem Meer hinab, wo zuweilen Lichter aufblitzten und die große Stadt verriethen, die sich an den Ufern ausbreitete.

Hernach wieder einige Stufen abwärts steigend, betraten sie einen Raum, wo der frühere Besitzer ein kleines Theater nach dem Vorbild der attischen Bühne eingerichtet hatte. Diener stellten Lichter auf, breiteten Polster aus, brachten Trinkgefäße und trugen eine Mahlzeit auf. Bald hernach betrat eine Reihe verhüllter Gestalten die Bühne, Musik erklang und es begann ein Reigentanz. Lächelnd blickte Constantius seinen Freund an, und seine Aufmerksamkeit schien nur wenig von den Erscheinungen der Tänzer gefesselt.

Es dauerte übrigens nicht lange, so wurde das Vergnügen unterbrochen, indem außen ein Tumult entstand, und ein Wachtposten eintrat, welcher meldete, daß ein Gefangener eingebracht sei, der sehr verdächtig scheine, da er sich dringend und heimlich nach dem Prinzen erkundigt habe. Das Mißverständniß klärte sich bald auf, und der muthmaßliche Kundschafter war ein Befehlshaber der Leibwache und Kämmerer der Kaiserin, den sie ausgesandt hatte, ihren Sohn aufzusuchen und ihn zu ihr zu bringen. Sobald Heraklius seine Vermummung abgeworfen hatte, wurde er mit Freude als ein alter Bekannter begrüßt.

Die Vergnügungen begannen wieder, und der neue Gast wurde eingeladen, daran Theil zu nehmen. Die Sprache kam nun auch wieder auf den Bilderdienst, und Heraklius sagte, indem er auf die Tanzenden und ihre schönen Bewegungen hinwies: »ist solch ein Anblick nicht auch gottesdienstlich?« Gleichgültig versetzte Constantius: »meine Beobachtung war auf die Räume dieses Saales gerichtet, ich bemaß im Geiste die Höhe und Tiefe des Baues und berechnete, wieviel Zuschauer hier Platz hätten. Es mag wahr sein, was Du sagst, ich bekümmere mich aber nicht darum.«

»Mir jedoch,« erwiderte Heraklius, »drängt sich die Ueberzeugung auf, daß es sinnlich wahrnehmbare Ideale geben muß, damit die menschliche Gattung nicht verkümmere.«

»Erkläre mir das!«

»Nun ? wodurch denn geschieht es, daß sich das menschliche Geschlecht immer wieder erneuert, daß trotz der Sünden der Aeltern in den Kindern wieder Unschuld und ein Keim der Schönheit und Stärke aufkommt? Nur weil ein Allgemeines, Göttliches lebt, das aus den Werken der Kunst zu den Menschenseelen gelangt und sie läutert.«

Constantius sah ihn groß an, er war erstaunt, eine solche Bemerkung aus dem Munde eines Mannes zu vernehmen, in welchem er Alles eher, als einen betrachtenden Kopf vermuthete.

»Von dieser Seite genommen,« sprach er. »lass ich mir eine Verehrung der Bilder gefallen; aber darum ist es den Dienern ihrer Altäre nicht zu thun, sie beabsichtigen ganz und gar nur eine Verstärkung ihrer Macht über die Sinne der gläubigen Menge. Ach!« fügte er hinzu, »Tag und Nacht beklag? ich mein Loos, daß ich in einer Zeit leben muß, wo Barbarei den Sieg über Bildung und Freiheit davon trägt. Im Norden stehen die rohen Völkerschaften der Steppe gegen uns, hier im Innern des Reichs selbst breitet sich ein dumpfer Götzendienst aus, dem ich vergebens Widerstand biete.«

»Mit solchen Gesinnungen, mein Prinz,« rief hier Heraklius, »würde Deine Hoheit nicht daran denken, je das Scepter dieses Reiches ergreifen zu wollen.«

»Gerne wollt? ich dem Thron entsagen,« fuhr Constantius fort, »aber auch in der Abgeschiedenheit des Privatlebens würde mich die Fratze des Aberglaubens verfolgen, nein, ich werde den Kampf bis zu Ende führen, und erlieg? ich, so falle ich mit Ehren und als Mann.«

»Wenn diese Gesinnungen bekannt würden, welche Hoffnungen würden die Kaiserin und Tarasius daraus schöpfen« ? warf Basilius dazwischen.

»Ach Tarasius,« bemerkte nun Constantius: »Ja ich glaube, daß in ihm ein gefährlicher Feind steckt. War er bei ihr, als sie Dir den Befehl gab, mich zu ihr zu rufen?«

»Kurz vorher sah ich ihn im Vorsaal.«

»Dann will sie Dir nichts Gutes,« rief Basilius.

Der Prinz erhob sich. »Morgen ist mein Geburtsfest, der Tag meiner Volljährigkeit ? kommt, lasset Eure Becher füllen und trinket auf mein Wohl!«

»Es wird ein Tag des Verderbens für Dich sein,« rief Heraklius, »wenn Du den feindlichen Tücken, die gegen Dich geschmiedet werden, nicht zuvorkommst. Erbe des Reiches, und ? wenn Du willst, heute noch Herr und und Gebieter!«

»Für?s Erste,« sprach Constantius, »will ich die Pflicht eines guten Sohnes erfüllen, meine Mutter liebt mich, sie ist um mich in Sorgen, ich kehre zu ihr zurück, aber glaubet nicht, daß sie mich zu ihren Grundsätzen bekehren wird.«

»Hoffe nichts von einer Unterredung mit ihr,« fiel jetzt Basilius ein, »es ist gar nicht ihre Absicht, Dich bekehren zu wollen, wenn sie nur freie Hand behält zu thun, was ihren Zwecken entspricht, die Mönche werden es benutzen. Von Tag zu Tag wird ihre Macht größer, ihr Ansehen wächst, wie das Deinige abnimmt, und wenn Du auch später zum Throne gelangst, so wirst Du doch nicht in Wirklichkeit Herr, sondern entweder von ihr und ihren Geschöpfen beherrscht sein, oder in einem beständigen Kriege mit Deinem Volke leben müssen.«

»Soll ich mich etwa gegen meine Mutter empören?«

»Ja, das sollst Du,« riefen Beide und erfaßten seine Hand, »das heischt die Lage der Dinge von Dir, und Dein ganzes Volk will es, ruft es Dir zu!«

»Wehe dem Sohn,« sprach Constantius, »der seine Hand gegen die Mutter erhebt!«

»So ist es nicht gemeint,« berichtigte Heraklius, »nicht Empörung ist es, was wir Dir rathen, aber wenn Du uns vertrauen willst, so wollen wir Deine Mutter vermögen, noch in dieser Nacht dem Throne zu Deinen Gunsten zu entsagen.«

»Ich will es selbst mit Bitten versuchen und eure Gegenwart möge sie überzeugen, daß Heer und Volk meine Bitten unterstützen.«

»Ich bin Dein,« wandte sich Heraklius an ihn, »und mein ist die Wache des Palastes, geschehe, was geschehen muß, sogleich!«

»Er hat Recht,« stimmte Basilius bei, »wir reiten ohne Verzug zur Stadt, ich nehme Mannschaft von meiner Besatzung mit, rasch überwältigen wir, was von der Palastwache sich etwa widersetzen sollte, und ehe nur Einer aus der Umgebung Deiner Mutter sich dessen versieht, wirst Du von ihr die Abdankung erreichen.«

Constantius athmete auf. Indem er Einen um den Andern scharf anblickte, sprach er: »Es geschehe! Meine Mutter selbst wird später einsehen, daß ich nur zu ihrem Besten handle, sie befreie und ihr eigenes Herrscherrecht sichere, indem ich meines behaupte.«

Die Männer warfen ihre Schwerter auf den Tisch, und reichten sich die Hände zum Bund. Constantius gelobte jedem Belohnung und Beförderung.

Sie schickten sich nun an, ihren Entschluß unverweilt auszuführen. In jagender Eile sprengten sie nach der Hauptstadt, die Thore öffneten sich auf die Parole »dem Thronfolger und seiner Begleitung« ohne Widerstand, ebenso die Pforten des Palastes.

Es war bereits Mitternacht, als Constantius mit den Verschworenen die Corridore entlang nach dem Gemache seiner Mutter schritt. Er trat ein, er allein. Sie eilte ihm entgegen und umschlang seinen Hals mit besorgter Zärtlichkeit.

»Du kommst,« sagte sie, »ich weiß ja, daß mein Sohn mich liebt und mir gehorcht.«

»Gehorcht?« ? fragte der Prinz in bedeutendem Tone ? »gehorcht? Nein, mißkenne mich nicht, lasse mich nicht länger in einem unwahren Auftreten Dir gegenüber verharren, Mutter, in einer Stunde bricht der Tag meiner Volljährigkeit an.«

»Es ist wahr,« sagte sie lächelnd, »wir Eltern vergessen stets, daß unsere Kinder heranwachsen und was wir ihnen schuldig sind. Ich werde daran denken, Dir eine Deiner würdige Gattin zu wählen.«

»Nicht darum ist es jetzt zu thun, es ist Zeit, andere Rechte geltend zu machen.«

»Andere Rechte, welche mein Sohn? ? Ach ich vergaß, ich thörichte Frau, daß mein Sohn groß und selbstständig geworden ist.«

»Und daß es seine Pflicht heischt,« fiel ihr Constantius in die Rede, »das Volk vor der ungeheueren Gefahr zu bewahren, die unter Deinem Zusehen, unter Deinem Schutze sich ausbreitet, und die Sicherheit und die Wohlfahrt des Staates bedroht.«

Sie fuhr zurück: »Was verlangst Du?«

»Daß Du die Krone niederlegest,« erwiderte der Sohn.

»Jetzt und hier?« rief sie fast bebend.

»Wie Du willst, es steht bei Dir, noch ist Dein Wille Dein ? nimmermehr aber darf es dahin kommen, daß die Unruhen sich wieder erneuern, nachdem seit so vielen Jahren der Bilderdienst beseitigt ist.«

»Also das ist es! Eher geb? ich die Krone als meinen Glauben dahin. ? Wohlan, nimm die Gewalt, herrsche, wenn Du es vermagst ? aber wo sind die Räthe meiner Krone, die Patrizier und Senatoren?«

»Sie werden ihre Zustimmung geben, sobald zwischen uns Alles geordnet ist.«

»Sie müssen gehört werden ? und Tarasius?«

»Eben seiner bedürfen wir am wenigsten, zögre nicht länger, erhöre meine Bitte.«

»Deine Bitte heißt Gewaltthat. Ach, ich hatte zu sehr auf Deine Liebe vertraut!«

Sie sprach dies mit einer Aufwallung von Bitterkeit, die nur wenig verhehlte, was in ihr vorging, wie ein glühender Haß immer mehr Raum gewann und jedes andere Gefühl verdrängte. Noch einmal, einen Augenblick lang, gedachte sie des Planes, den sie gehabt, das Reich mit ihm zu theilen, da drang Geräusch von Waffen an ihr Ohr und das rettende Wort erstarb auf ihren Lippen, ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen und verschloß es.

Das Geräusch der Waffen kam näher und bald trat eine Schaar Geharnischter ein, als deren Anführer Basilius und Heraklius vor Constantius sich niederließen und den Huldigungseid leisteten, worauf die Truppen ein Kyrie eleison anstimmten und ihre Unterwürfigkeit kundgaben.

»Elende Verräther,« murmelte die Kaiserin. Einen Moment lang schien es, als wolle sie ein Wort des Einspruches versuchen, wie zum Widerstand erhob sich ihre hohe Gestalt ? aber das Unabänderliche ihrer Lage einsehend, wandte sie sich ab und schritt ihrem Schlafgemache zu. Gegen den Sohn, der ihr folgen wollte, winkte sie abwehrend und sah ihn mit einem Blick an, in dem jede mütterliche Liebe ausgelöscht war, und nur noch das Feuer eines unaussprechlichen Hasses loderte. Betrogen, verrathen, von ihm überlistet und gedemüthigt zu sein, schmerzte sie am meisten. Kaum hatte sie die Schwelle des Saales überschritten, so sank sie lautlos auf die Kissen nieder, die sie mit ihren Thränen überströmte.

II.

Geraume Zeit war seit jenem Auftritte verflossen, Constantius herrschte als Constantin VI. auf dem Throne zu Byzanz. Irene hatte sich gefaßt, und ihre kluge Weise, sich ihm gegenüber in Achtung und Ansehen zu erhalten, gab ihr noch immer und bei allen öffentlichen Gelegenheiten den Anschein einer Mitregentin. Eine kurze Verbannung nach Sicilien, die sie mehr sich selbst auferlegte als zu dulden hatte, war bald vorüber, und begünstigte den Ruf von ihrer Entsagung. Streng vermied sie es, durch irgend welche Einmischung dem Verdachte sich auszusetzen, als ob sie Einfluß auf ihren Sohn ausüben wolle; im Stillen aber arbeitete sie unablässig daran, alles wieder zurückzugewinnen, was sie verloren, und Tarasius unterstützte sie dabei durch kluge Rathschläge.

»Nun,« rief sie ihm eines Tages zu, als er bei ihr sich melden ließ, »nun, will nichts vorangehen, ist alles aus? Wisse, daß ich es satt habe, die Demüthige vor meinem Sohne zu spielen, es bäumt sich mein Stolz, noch länger zu den Befehlen des Knaben meine widerwillige Zustimmung zu geben.«

»Viel, wenn er sie noch einholt,« erwiderte Tarasius, »aber noch ist nicht Alles verloren, uns bleibt die Synode.«

»Ich erinnere mich, Du hattest einen Vorschlag gemacht, der günstig schien, was ist es damit?«

Tarasius verneigte sich: »Ich wagte nicht mehr davon zu sprechen, seit Du mir Deine Absicht kundgelegt, ihn mit Rotrudis, der Tochter Karl des Großen zu vermählen.«

»Die fränkische Prinzessin, wie sie mir geschildert wurde,« erklärte nun Irene, »ist eine außergewöhnliche Schönheit, ihre langen, röthlichblonden Locken, ihr durchsichtig helles Antlitz, wo Rosen im Schnee blühen, ihre lichtblauen Augen dürften wohl dem Ideal entsprechen, das die Phantasie des Jünglings entflammen muß.«

»Für den Augenblick ja, ich geb? es zu,« flüsterte Tarasius, indem er mit den Achseln zuckte, »aber die abendländischen Frauen sind kalt, leblos und einfältig, ohne Witz und Geist. Und bedachtest Du nicht, erhabene Monarchin, daß der mächtige Frankenkönig und seine Tochter bald größere Macht über Deinen Sohn haben werden, als Du selbst?«

»Gut, ich gebe sie auf, aber wo bleibt die von Dir versprochene Schönheit, jene zauberhafte, von der Du mir so viel verhießest?«

»Sie ist gefunden,« lächelte Tarasius.

»Gefunden? Wirklich?«

»Ja, es bedarf nur Deiner Einwilligung, sie für unsere Zwecke zu benutzen. Höre mich gnädig an: Während meiner Verbannung unter dem vorigen Kaiser fand ich in den Gebirgen Armeniens Leute, welche Scenen aus den alten Fabeln vortrefflich darstellten. Ich wählte die geschicktesten und hübschesten aus, und brachte sie hierher. Ich übte sie ein, anstatt der früheren Mysterien die Wunderthaten und Leiden der Heiligen und Märtyrer aufzuführen. Es gelang mir, und Du sollst Dich überzeugen, welch tiefen und erschütternden Eindruck diese Scenen hervorbringen.«

»Und nun, was weiter?«

»Unter diesen Armeniern befindet sich eine Jungfrau von so himmlischer Anmuth, daß sie das Herz Deines Sohnes, sobald er sie nur sieht, rühren und besiegen wird, Du merkst, wohin ich ziele.«

»Vergaßest Du,« fuhr Irene auf, »vergaßest Du meine Bedingung, daß er die Schönheit nur im Bilde, nie in Wirklichkeit sehen soll?«

»Er soll sie auch hier,« rief Tarasius aus, » nur als Bild sehen; sobald das Schauspiel vorüber ist, wird sie für immer seinen Augen entrückt werden. Gestatte, daß die Vorstellung hier in Deinem Palaste stattfinde, und lade ihn dazu ein.«

»Wird er zu bewegen sein?«

»Ich denke,« antwortete Tarasius.

»Und welche Aussichten knüpfst Du an diesen Versuch?«

»Wir werden seine Einwilligung in die Berufung einer Synode bekommen.«

»Wohlan,« rief Irene, »ich willige in Alles. Ach,« fügte sie seufzend bei, »in dieser verwilderten, streitenden Welt, wo die Heiligen selbst mit tödtlichen Worten sich bekriegen, da können nur List und Verstellung das Gute zu Stande bringen.«

So schieden sie.

+++

Mit Erstaunen, ja mit geheimem Widerwillen empfing Constantius die Botschaft von seiner Mutter. Es war das erste Mal, daß von ihr eine Einladung an ihn erging. Sie hatten bisher jede Begegnung vermieden. Jetzt sollte er sie in dem Palast Eleutherium, wohin sie seit dem Tag ihrer Abdankung sich zurückgezogen hatte, besuchen, um einem Schauspiele beizuwohnen. Sie kannte seine Gleichgültigkeit, seine Abneigung gegen derartige Vergnügen, und dennoch lud sie ihn dazu ein! Was sollte das, was verbarg sich dahinter? So wenig sie auch scheinbar sich in seine und des Staates Angelegenheiten mengte, so waren ihm doch Anzeichen nicht entgangen, daß heimlich und besonders von Tarasius gegen ihn gearbeitet werde.

»Sie lädt mich zu sich ein, was hat das zu bedeuten?« sagte er zu Heraklius.

»Sie sehnt sich nach Dir,« gab ihm dieser zur Antwort, »sie fühlt sich einsam, verlassen, will sich aussöhnen, ist sie doch Deine Mutter!«

»Was soll ich bei ihr? Einem Schauspiele beiwohnen? Welch einem Schauspiele? Wahrscheinlich einer Disputation, die mich von der Richtigkeit des Bilderdienstes überzeugen soll.«

»Du gehst zu weit in Deinen Muthmaßungen.«

»O, ich durchschaue die Absicht dieser Einladung, meine Mutter und Tarasius wollen mich hinüberziehen zu ihrem Bekenntnisse.«

»Das glaubst Du ? noch jetzt?«

»Ich werde doch die widerwärtige Grimasse nicht mißverstehen, die mir schon so oft gezeigt wurde, und mir nahelegte, gieb Deinen thörichten Widerstand auf, billige was Du verabscheust, und thue was Du mißbilligst ? wo nicht, so wirst Du fortwährend mit tausend unsichtbaren Feinden, und in Allem was Du unternimmst, gegen unzählige Hindernisse zu kämpfen haben.«

»So gewähre scheinbar, gieb nach und Du wirst manchen Ränken auf die Spur kommen. Ueberliste die Listigen.«

»Ich kann nicht lügen, nicht mich verstellen. ? Ach was soll ich thun? Die Zumuthung nicht beachten? ? das geht eine Zeitlang; Einwilligen? Niemals! Zugeständnisse machen? Ebensowenig. Nun, diesmal will ich ihren Bitten nachgeben, dann nie wieder.«

»Du wirst es übrigens nicht bereuen,« erinnerte Heraklius, »das Schauspiel ist eine Pantomime, und eine schöne Armenierin wird Scenen aus dem Leben ihrer Schutzheiligen darstellen, sie soll vorzüglich sein.«

»Ich werde mich wenig um ihre Kunstfertigkeit bekümmern. Du kannst mir sogleich beim Beginn des Spieles die nöthigen Berichte reichen, die ich durchzulesen habe. Man soll es sehen, ich will es ausdrücklich an den Tag legen, wie wenig ich mich um dergleichen Dinge bekümmere; am Ende stehen auch diese Vorstellungen in irgend einem Zusammenhang mit der Bilderanbetung.«

»Du bleibst Dir treu mit einer beinahe ängstlichen Vorsicht.«

»Weil ich den Muth habe, der Lügenbrut zu trotzen. Leo und Constantius strebten dem Staatswesen eine kräftigere Stütze zu geben, als die der Hoffnung auf Heilige und Fürsprecherinnen im Himmel. Ich werde diese Tradition, die uns ein mächtiges, tapferes Heer geschaffen hat, nicht verläugnen, noch verlassen. Lasse Dir das genügen und erwarte mich.«

+++

Der Abend, an dem das Schauspiel stattfinden sollte, war herangerückt. Tarasius unterrichtete die Armenierin, welche Wirkung durch ihre Mimik erreicht werden sollte. Sie sah ihn groß an, und weigerte sich. Ihr reines und andächtiges Gemüth sträubte sich gegen die Zumuthung, eine religiöse Handlung, und als solche betrachtete sie ihr Auftreten, dem Zwecke einer weltlichen Sache dienstbar zu machen. Sie bebte in der Voraussicht, durch ihr Spiel ein so großes Ereigniß, wie die Bekehrung des Herrschers war, hervorrufen zu sollen. Aber in dieser Zaghaftigkeit lag schon der Keim ihrer Einwilligung; die Hoffnung auf das mögliche Gelingen überwog endlich. Sie sagte zu, und bereitete sich durch Beten auf die verhängnißvolle Stunde vor. Sie beachtete nichts mehr um sich her, sie vertiefte sich mit ganzer Seele nur in die Aufgabe, die ihr gestellt war. So betrat sie den Palast, so die Bühne.

Constantius schien dem Schauspiel Anfangs nicht die geringste Beachtung zu schenken, er ließ sich von Heraklius die Tagesbefehle und Bittschriften vorlegen und durchlas dieselben, ohne nur aufzusehen. ?

Plötzlich rief ihn ein kaum hörbarer Schrei des Schmerzes aus seiner Beschäftigung wach, und unwillkürlich wandte er sein Augenmerk auf die Scene. Welch ein Anblick bot sich ihm dar! Eine zarte, jungfräuliche Gestalt wurde durch zwei Männer von rohestem Aussehen festgehalten und an den Armen emporgezogen, während zugleich schwere Last an ihre Füße befestigt schien. Das bleiche Antlitz der Dulderin verrieth inmitten des furchtbarsten Körperschmerzes einen Ausdruck himmlischer Seeligkeit.

Constantius konnte die Augen nicht abwenden und vergaß gänzlich, daß nur ein Schauspiel ihn täusche. Nunmehr wurde die Märtyrerin vom Foltergerüste herabgelassen, und vor den heidnischen Prätor geführt, aber weder Versprechen noch Drohung konnten sie von dem christlichen Bekenntniß abwendig machen. Mit würdiger Ruhe, obwohl noch erschöpft und fast leblos, weigerte sie sich dennoch fest, den Göttern zu opfern. Ebenso sanft als unbeugsam erschien sie vor den Richtern, und mit freudiger Entschlossenheit ging sie dem Tode, der Hinrichtung entgegen; die Herzen aller Zuschauer pochten voll Mitgefühls; als die Anstalten hierzu getroffen wurden, als sich die gewaltigen Henker an sie machten, die Oberkleider von dem schönen widerstandslosen Körper rissen, als die Umhüllung von Hals und Brust sank ? man konnte an der athemlosen Stille wahrnehmen, welche Erregung diese Scene hervorrief, als aber nun das Aeußerste geschehen sollte, als sie selbst hinknieend in lautloser Ergebenheit den entblößten Nacken darbot, um den Todesstoß zu empfangen, da konnte sich Niemand mehr halten und Constantius war der Erste, der mit wildem Aufstöhnen von seinem Sessel sprang, als wolle er nach der Bühne stürzen und die Heilige retten. Ebenso rasch aber war in dem Augenblick, als der Henker sein Schwert erhob, der Vorhang gefallen. Ein Murmeln der Befreiung und zugleich der Bewunderung durchlief die Reihen der Zuschauer.

Tarasius und Irene warfen sich Blicke des Einverständnisses und der Befriedigung zu. Constantius stand unbeweglich, er erröthete über sich, über seine Aufwallung, über den Eindruck, den das Spiel auf ihn hervorgebracht, und den er so augenfällig kund gegeben.

»Siehst Du, wie er getroffen ist,« flüsterte die Kaiserin ihrem Geheimschreiber zu; »sie muß sogleich entfernt werden!«

»Wie Du befiehlst,« sprach Tarasius mit einem etwas unsicheren Ton, der einer schärferen Beobachtung verrathen hätte, daß es ihm nicht Ernst war. In der That, er brachte Imagina ? so wurde die Fremde in Byzanz genannt, nach seinem eigenen Palaste und behielt sie dort zurück in der Voraussicht, ihrer bezaubernden Erscheinung dereinst noch zu bedürfen.

Ihr selbst, dem schönen Bilde der Märtyrerin, war der Eindruck nicht entgangen, den ihr Spiel auf Constantius hervorgebracht hatte, und sie fühlte sich eben so sehr zu ihm, ihrem Bewunderer hingezogen, als er von ihr gefesselt war. Ein unabwendbares Geschick hatte diese beiden Herzen verbunden.

Aber in ihm war eine vollständige Umwandlung vor sich gegangen. Er verbrachte die Nacht ohne Schlaf, seine Einbildungskraft war so bestürmt, daß er sich von dem Bilde nicht losmachen konnte, daß er den Wunsch immer wieder erwachen fühlte, sie, sowie er sie gesehen, immer vor Augen zu haben, daß er sich sehnte, der Empfindung, dem Feuer, das ihn dort durchströmt, sich ganz hingeben zu können, damit er von Zerstreuung und Kämpfen des Tages vor ihr, vor ihrem Blick sich sammeln, sich erheben und stärken könne. Er sah sie vor sich, das Mondlicht, das durch das Fenster auf die Teppiche seines Gemaches schimmerte, es schien ihre rührende Gestalt zwischen die Wandgemälde hineinzuflechten, und wie um ihm zu winken, erhob sich die geisterhafte kleine Hand aus den Geweben.

Er trat schon des nächsten Morgens vor Irene mit den Worten: »Ich bin zu der Anschauung gelangt, daß wir Sterbliche nur Bruchstücke der Einen göttlichen Wesenheit, daß wir nur Gefäße sind, um das Ewige in uns aufzunehmen, und zwar mit Willen und Einverständniß jener selbst. Ja, die Menschen sind Bilder Gottes, und haben Theil an dem höchsten Wesen.«

»So freudig ich Deine angenommene Anschauung begrüße, so fürchte ich doch, Du gehst zu weit,« äußerte die Kaiserin anscheinend bedenklich, im Innern aber hocherfreut.

»Zu weit?« rief Constantius, »spricht nicht der göttliche Plato selbst diese Idee aus?«

»Giebt Dir aber die heilige Schrift Belege dafür? Ich wüßte keine.«

»Wohlan, so will ich über dieses Thema den Ausspruch der Patriarchen und Bischöfe vernehmen, ich gebe den Auftrag zur Einberufung einer Synode und werde sogleich das Nöthige anordnen.«

»Und wo soll die Synode stattfinden?«

»Hier in Constantinopel. Verzeihe mir, Mutter, wenn ich gefehlt, ich lebte im Irrthum.«

Damit verließ er sie, und schloß sich auf mehrere Tage in die Zelle eines Klosters ein. Das Bild der Märtyrerin verließ ihn nicht im Wachen, nicht im Traum, nicht während strenger Betrachtung noch frommer Andachtsübungen. Aber er scheute vor dem Gedanken schon zurück, ihr selbst, dem Nachbilde der Heiligen, in der Wirklichkeit zu begegnen aus Furcht, es könnte das Ideale der Erscheinung zerstört werden, wenn er sie jemals in einer anderen Gestalt als in derjenigen erblicken würde, die allein ihr eigen schien, die sie ganz erfüllte, die sie vielleicht im Augenblicke der Darstellung selbst war. Er kam in seiner schwärmerischen Anschauungsweise so weit, daß er sich die Frage aufwarf, ob nicht die Heilige selbst aus überirdischen Reichen herabgekommen sei, um nochmals in irdischer Hülle die Erinnerung ihres Leidens und ihrer Verklärung zu feiern, vielleicht gerade, um ihm die Augen zu öffnen, ihn zu besserer Einsicht zu führen.

Tarasius jubelte hochauf, als er die Umwandlung im Gemüth seines jungen Gebieters wahrnahm, und mit Eifer traf er alle Anstalten zur Abhaltung der Synode. ?

Bald kamen sie denn auch, die Bekenner der Bilderverehrung, von weither über das Meer und aus den Gebirgen Syriens, längst todtgeglaubte, zu Mumien ausgedorrte Anachoreten, die seit Jahren verbannt und in Verborgenheit gewesen, alle kamen sie auf den Ruf der neuen Verheißung, um ihr Reich, das Reich des Bildercultus wieder aufleben zu sehen. Herrlich ward die Kirche der beiden Apostel zur Abhaltung der Synode geschmückt ? alle Wege bereiteten sich, um die Gläubigen würdig zu empfangen.

Irene dagegen fühlte sich nicht in dem Maße glücklich und befriedigt, als sie gehofft hatte. Nun sie dem Ziel ihrer Wünsche sich näherte, wurde sie ängstlich und betrübt. Sie hatte zwar die Art nicht vergessen, wie ihr Sohn gegen sie aufgetreten war, sie hatte es nicht vergessen noch vergeben, ihre bisherigen Pläne zur Wiedereinführung der Heiligenbilder hatte sie unter der Maske privater Kunstgönnerschaft verborgen, und der Kaiser hinwieder war bemüht, diese Neigungen lächerlich zu machen; jetzt aber, da er sich ihrer Anschauung ? ihren Absichten näherte, jetzt erfaßte sie ein eigenthümliches Gefühl der Unzufriedenheit, eine stärkere Abneigung gegen den Sohn als je vorher, trotz der Genugthuung, die es ihr gewährte; es war ihr leid ihn sich beugen, ihn seinem Charakter untreu werden zu sehen, der mütterliche Stolz, mit dem sie sonst trotz alledem auf ihn geblickt hatte, verschwand und eine bittere Verachtung gewann in ihrem Herzen Raum.

Sie bereute nun, so weit in ihrem Hasse gegangen zu sein, sie bereute die Hand zu einem Unterfangen gereicht zu haben, welches seine Sinnesänderung herbeiführte. Dadurch schien ihr jeder Weg verschlossen, um aufrichtig wieder Friede mit ihm schließen zu können ? »ach«, sagte sie sich selbst ? »wie furchtbar ist Feindschaft zwischen Herzen, die durch Bande der Natur zusammengehören, denn gerade dies erschwert die Versöhnung, daß die Beschämung über das unnatürliche Verfeinden so mächtig ist, daß jedes Entgegenkommen dadurch fast unmöglich wird.«

Alles dies durchschaute Tarasius, und suchte Nutzen daraus zu ziehen. Mit gutem Grunde. Er hatte als Schatzmeister der Kaiserin die großen Summen, die ihm anvertraut waren, nicht alle auf die Wiederherstellung Athens verwendet, sondern das Meiste davon nach Asien hinübergeschafft, um dort Landhäuser und Gärten für sich herstellen zu lassen.

»Die Thörin«, konnte er ausrufen, »an eine Oede verschwendet sie ihr Gold. ? Warum verließ ich meine Bücher, die Stunden der einsamen Beschäftigung mit Berechnung der himmlischen Bahnen und der menschlichen Geschicke, um mich in diese selbst zu verwickeln! Ich werd? es die Welt büßen lassen, daß sie mich in ihre Kreise zog, in die Kreise der Thorheiten und Laster.«

Eines Tages traf Botschaft von Nicephorus ein, er meldete, daß er zurückkehre. Wie gefährlich war es, seine Zurückkunft abzuwarten, durch ihn, der Alles wußte, konnte Alles entdeckt werden. Zwar die gemeldeten Siege des Feldherrn waren ebenfalls nur Fälschungen, waren nichts als Streifzüge gewesen, durch die man wohl einige Beute zurückgebracht, aber keine dauernde Eroberung gewonnen hatte; allein Tarasius glaubte, auch der Mitschuldige könnte ihm gefährlich werden, und da es ihm unmöglich war, ihn zu verderben, so hoffte er, ihn wenigstens so lange aufzuhalten, bis Irene und ihr Sohn sich würden gegenseitig den Untergang bereitet haben. Dann mochte jener immerhin kommen, Verantwortung und Strafe würde dann wegfallen.

Irene durchschaute den Verräther, und da sie ihn fürchtete, so verbarg sie vor ihm ihre Absicht, den Nicephorus, sobald er käme, zu sich auf den Thron zu erheben. Sie ließ vielmehr das Gerücht verbreiten, daß der mächtige Kaiser des Abendlandes, Karl der Große, um ihre Hand sich bewerbe, und daß sie geneigt sei, zu gewähren. Von einer Vermählung ihres Sohnes mit Rotrudis war nicht mehr die Rede.

Als Tarasius die seltsame Nachricht aus ihrem eigenen Munde vernahm, so zeigte er sich Anfangs betroffen, dann schmeichelnd, und widerrieth mit Eifer. Irene lächelte darüber im Stillen, sie wußte wohl, daß einem so klugen Manne, wie ihr Geheimschreiber war, die Verwirklichung ihres Planes zu chimärisch erschien, als daß er dagegen ernsthaft ankämpfen würde, und so gewann sie Zeit, und behielt freie Hand, um der Ausführung ihres wahren Vorsatzes näher zu rücken. Die Netze waren gelegt, und es war nur noch die Frage, wer darin sich verstricken und umkommen sollte. ?

Während solcher Bedrängnisse und Verwirrungen kam ein weiterer Entschluß in ihrer Seele zur Reife, ein Entschluß, der ihrer aufrichtigen Reue sein Dasein verdankte. Sie sah wie die Leidenschaft zu der Armenierin ihren Sohn ergriff, und welch furchtbare, sein eigenstes Wesen zerstörende Wirkung die Folge war. Eines Tages erblickte sie eine Prinzessin ihres Hofes, eine nahe Verwandte, und mit höchstem Staunen entdeckte sie eine auffallende Aehnlichkeit in deren Gesichtszügen mit jener gefürchteten Schönheit. Nur waren die Züge der jungen Fürstin strenger, von einer stolzeren Ruhe beherrscht, die Gestalt größer und minder anmuthig. Nichtsdestoweniger baute die Kaiserin auf diese Aehnlichkeit die Hoffnung, ihrem Sohn in dieser Anverwandten eine angemessene und seiner Zuneigung gewisse Gattin zu geben.

Seitdem Constantius in das Zusammenkommen einer Synode eingewilligt hatte, kam es oftmals zu Unterredungen zwischen Mutter und Sohn, die zuweilen einen vertraulichen Charakter annahmen, wenn der natürliche Zug ihres Herzens hervorbrach, und die Getrennten sich zu vereinigen antrieb. Leider zu weit schon war ihre Zwietracht gediehen; sie sahen ein, daß sie sich beide an den Rand eines Abgrundes gedrängt hatten, und hilflos waren eines das andere zu retten. Es war erschütternd, wie sie ihr inneres Elend einander mit verhüllten Worten eingestanden, um gleich darauf das Gesagte wieder zurückzunehmen aus Furcht sich zu verrathen, wie sie stolz sich zeigten und so gerne sich gedemüthigt hätten, um nur einen Tropfen von der Liebe zu gewinnen, die sie verleugneten und tödteten.

Endlich war sie entschlossen, einen entscheidenden Schritt zu thun

sie theilte ihm das Herannahen der fränkischen Gesandschaft mit, und machte ihn mit deren Antrag bekannt.

»Ach,« rief er aus, »einem Dir völlig unbekannten Herrscher, dem Gebieter eines fremden, eines barbarischen Volkes, willst Du Deine Hand reichen?«

»Einem christlichen Herrscher,« gab ihm Irene zur Antwort, »und um Deinetwillen geschieht es, daß ich mich vermählen will ? so lang ich dem Thron nahe stehe, so lang kann es immer scheinen, als wollte ich die verlorne Gewalt wieder erringen ? bin ich fort, so bist Du sicher.«

»Welch ein Argwohn!« fuhr Constantius auf. »In tiefster Seele bedaure ich Dich!« ?

Sie weinte.

Kosend ergriff er ihre Hand, brach hierauf von den Früchten, die vor dem Fenster hingen, einige, und schüttete sie ihr in den Schooß: »Genieße das Gute furchtlos mit demjenigen, den Du der Welt gegeben hast.«

Sie nahm eine von den Früchten und sprach: »Siehst Du, hier wo sie von der Sonne beschienen war, ist sie reif und blinkt röthlich golden, da, wo sie gegen die Mauer gekehrt war, ist sie fleckig und hart: Du wendest Dich mir freundlich zu; aber kannst Du verbergen, daß ein sündiger Gedanke Dich verhärtet?«

»Ich habe nichts zu bereuen.«

»Wenn Du nichts zu bereuen hast, welche Pflicht gäb? es noch, über die Du Dich nicht hinwegsetzen könntest!«

»Mutter, erinnere mich nicht mehr an Geschehenes, ich kann es nicht bereuen, daß ich mein Recht mir nahm.«

»O,« rief sie, »ich habe Dir verziehen, Du bist wieder mein, darf ich sagen der Unsre, der rechtgläubige Sohn Deiner Kirche?«

Constantius stand auf und sagte kalt: »Wahrheit allein ist es, worauf ich dringe, Wahrheit und Erkenntniß.«

»Wahrheit allein?« frug ihn Irene weiter. »Wem wäre der Eindruck entgangen, den die Darstellerin der Heiligen auf Dich hervorgebracht hat. Man sagte mir, Du liebest!«

»Man hat Dich falsch berichtet,« entgegnete der Herrscher Constantinopels. »Wenn nicht schon Herkunft und die angeborne Höhe der Macht mich von ihr trennen würden, niemals könnte ich diejenige lieben, die eine Märtyrerin schien, eine heilige Leidende nur spielte; die so hoch sich erhob, um dann wieder den gewöhnlichen Dingen des Lebens nachzugehen, die sollte ich lieben? Nimmermehr!«

Betroffen sah Irene vor sich nieder, das hatte sie nicht erwartet; aber ein Blick auf ihn überzeugte sie bald, daß er sich umsonst bemühe, seine heftige Liebe zu verbergen. Eine an ihm noch nie gesehene Röthe flog zart über seine Wangen, seine Augen blitzten, und mächtig wogte seine Brust und kämpfte mit den Flammen in ihr.

Jetzt glaubte sie den Augenblick gekommen, um etwas Unerhörtes zu wagen, sie nahm seine Hand und bat ihn ? »Komm mit mir!«

»Wohin?«

»Frage nicht.«

Er sah sie zweifelnd an, ein finstrer Argwohn verdüsterte seine Stirn; aber sie bat ihn wiederholt mit dem zärtlichsten Ton ihrer Stimme, und streichelte seinen Arm: »Komm mit mir.« ?

Fast willenlos folgte Constantius.

Sie führte ihn durch eine Reihe von Gemächern in einen Portikus, und hier trat ihnen die Fürstin Theodosia entgegen, von ihren Frauen umringt, und in weiße, weitwallende Schleier gehüllt.

Betroffen wich Constantius einen Schritt zurück ? »es ist sie« ? kam es unhörbar über seine Lippen.

»Sieh hier Deine Verwandte, die Fürstin Theodosia, Deine Dir von Gott bestimmte Braut.«

Die Fürstin sprach diese Worte mit einer Bestimmtheit aus, als wisse sie, daß die Gewalt des Momentes jeden Widerspruch vereiteln werde.

Und so war es auch. Ihr Sohn betrachtete die Erscheinung wie Einer, der, aus dem Schlaf geweckt, plötzlich von einem unerwarteten Anblick überrascht wird ? »ja,« sprach er endlich, »sie ist es und ist es nicht ? wie die Dämmerung dem Tage, wie die Farbe dem Licht, so gleicht sie ihr ? für den Stolz und die Macht ist sie geschaffen, nicht für Leid und Himmelreich. Ich biete ihr meine Hand, sie soll meine Gattin sein.«

Schweigend und erröthend gab Theodosia ihre Einwilligung; man kam überein, sobald die kirchlichen Angelegenheiten geordnet wären und die Synode stattgefunden habe, sollte dem Volke die Botschaft von der Vermählung seines Herrschers verkündet, und die Hochzeitfeier begangen werden.

Indessen aber hatte sich mit dem Herannahen der zur Synode Berufenen auch das Gerücht von der Sinnesänderung des Kaisers verbreitet, und die Beschuldigung, daß er von nun an auf die Seite der Feinde seines Vaters getreten sei, wurde vergrößert umhergetragen. Das erhöhte wesentlich die Spannung, womit man den bevorstehenden Ereignissen in der Hauptstadt entgegensah.

III.

In festlichem Aufzuge pilgerten am bestimmten Tage die Männer der Synode nach der Apostelkirche, und das Volk, das größtentheils auf Seite der Bilderverehrer war, kam den Bischöfen, Mönchen und Eremiten mit Palmzweigen und Hosianna singend entgegen, und streute Blumen auf ihren Weg. In prachtvollen Sänften wurden der Kaiser und seine Mutter in die Kirche getragen. Baldachine, Fahnen, Reiter in glänzenden Rüstungen, und eine große Zahl von geistlichen Orden in allen möglichen Trachten des Morgenlandes erhöhten das Prunkvolle der Eröffnungs-Feier. In der Kirche selbst nahmen Irene und ihr Sohn auf den Stühlen der Katechumenen Platz, und nach den gehörigen Ritualen begannen die Berathungen.

Schon erhebt sich der Abt Plato und spricht für die Bilder, indem er die Ideen des großen Philosophen, dessen Namen er trägt, in Beziehung zu dem Bilderdienste bringt, schon werden Rufe der Zustimmung und des Wiederspruches laut, da auf einmal entsteht ein furchtbarer Tumult, erst vor den Thoren der Kirche, dann um den Eingang und im Innern. Schaaren Volkes dringen herein, ihnen folgen wüthende Cohorten der Soldateska, unter Anführung des Heraclius und Basilius. Beide hatten beschlossen, an der Spitze ihrer Truppen die Versammlung zu sprengen, und den Herrscher von dem Einfluß seiner Mutter und der Mönche zu befreien.

»Fort mit den Unheilstiftern,« hört man rufen, »nieder mit den Feinden der Verfassung,« ist das Feldgeschrei der zornigen Krieger. Die furchtsame Versammlung und ihre Zuhörerschaft drängt sich aneinander, und sucht nach einem Auswege zur Flucht.

Irene, einen Blick des Zorns und der Verachtung auf ihren Sohn richtend, den sie für den Veranlasser des Ueberfalls ansieht, da sie seine Freunde an der Spitze der Truppen erblickt, ruft ihm zu:

»Das also war Deine Versöhnung, das Deine Bekehrung ? abscheulicher Verräther!« und augenblicklich verläßt sie den Sitz, und eilt zu der Gruppe der zitternden Bischöfe, die sie ermuthigt, auszuharren. Die jedoch, da sie die Herrscherin in ihrer Mitte sehen, beeilen sich, mit ihr und unter ihrem Schutze die Kirche zu verlassen.

Constantius, der über den unerwarteten Auftritt und die ungerechten Vorwürfe seiner Mutter empört ist, eilt zu den Befehlshabern seiner Leibwache, indem er ihnen befiehlt, unverzüglich die Soldaten von den Altären zu entfernen. Heraclius antwortet mit einem Lächeln, das ihm sagen soll: Befiehl doch nicht gegen Deinen eigenen Vortheil; aber Constantius, der dies Lächeln für Hohn nimmt, zückt in höchster Entrüstung das Schwert gegen ihn.

»Was willst Du thun,« ruft Heraclius. »für Dich haben wir gesiegt!«

»Ueber mich und über das Gesetz, das Euch gehorchen heißt,« schilt ihn Constantius. »Um Streitfragen der Kirche habt Ihr Euch nichts zu kümmern, Gewaltthat werd? ich strafen.«

Noch einmal erhebt sich seine Hand zum Befehl, und murrend wird gehorcht.

Die Synode war aufgelöst, Alles zerstreute sich, der Kaiser sah sich allein, von beiden Seiten mit Mißtrauen angesehen. Allein kehrte er zu Pferde, nur von seiner nächsten Begleitung umgeben, in den Palast zurück. Sein Erstes war, Irene über das Mißverständniß aufzuklären und zu begütigen. Zum Beweise seiner aufrichtigen Gesinnung ließ er die beiden Befehlshaber, die gekommen waren, um sich zu rechtfertigen, sogleich verhaften und vor ein Kriegsgericht stellen.

Den Truppen wurde angekündigt, daß der Kaiser selbst sie in einen Krieg gegen die Araber, welche im Süden des Reiches eingebrochen, führen werde. Es werde vorerst ein Lager an der asiatischen Küste bezogen, und ihnen erlaubt sein, ihre Weiber dahin mitzunehmen. Als sie aufgestellt waren und die Schiffe zur Ueberfahrt anlangten, hieß es, sie sollten die Waffen ablegen, man werde sie ihnen auf einem eigenen Schiffe nachfahren. Allein am andern Ufer angekommen, wurden sie umringt, aufgelöst, entlassen und jeder Einzelne in seine Heimat geschickt. Durch solche Kriegslist über sein eigenes Heer verlor Constantius die allgemeine Sympathie, und schmälerte seine eigene Macht.

Von Nicephorus aber traf die Meldung ein, daß er mit frischen und ergebenen Truppen heranrücke, und Irene sah mit Ungeduld dem Tage seines Einzuges entgegen. Unterwegs war der Feldherr auf die fränkische Gesandtschaft gestoßen, und die mächtigen Recken des abendländischen Kaisers schlossen sich ihm an. ?

Dies Alles spornte Tarasius, die Gelegenheit zu nützen und der drohenden Gefahr zu begegnen. Es hatte Augenblicke gegeben, da er sich selbst mit der Hoffnung auf Irenens Hand und den Thron geschmeichelt hatte, jetzt wurde ihm klarer und immer klarer, daß er in diesem Falle sehr falsch würde gerechnet haben. Er drückte die Hand zu bei dieser Entdeckung, als hätte ihm Jemand etwas geschenkt, und fest beschloß er, die Wege seines Ehrgeizes allein und unerbittlich zu verfolgen. ?

Constantius hatte aus Wahrheitsliebe der Partei seiner Mutter Gehör gegeben und in die Synode gewilligt, aber es wurde ihm als persönliche Hinneigung zu ihren verhaßten Anhängern, mindestens als Schwäche ausgelegt, und es ist erklärlich, welche Verachtung er auf sich lud, als er den Grundsätzen seines Vaters abtrünnig geworden schien. Nichts ist gefährlicher für ein stolzes Gemüth, als die ungerechte Verurtheilung der Welt erfahren zu müssen und nur eine halbe Vertheidigung dagegen zu haben.

Als er sah, welch falsche Beweggründe man ihm unterschob, empfand er die tiefste Unzufriedenheit erst mit sich, dann mit Allem, was ihn umgab, voraus mit der Welt, die ihn so oberflächlich verdammte. In solchen Gemüthslagen hat jede Versuchung leichteren Zutritt, und nie erscheint die Wildheit und der Taumel sinnlicher Verirrung anziehender.

Dazu kam noch, daß seine Verbindung mit Theodosia keine glückliche war, denn diese glich wirklich nur einem Bilde, einem schönen, leblosen Bilde, ach wie sehr, derjenigen, die er nicht vergessen konnte, an die jeder Zug der Anvermählten ihn erinnerte, um ihn doppelt die Unähnlichkeit fühlen zu lassen.

Und dabei mußte er sich wieder sagen, daß doch nur eine Täuschung, ein Spiel so tiefleidenschaftliche Neigung in ihm entzündet habe. Wo war da ein Halt, eine Rettung? Bald zweifelte er an jeder Wahrheit, an jedem Menschenglück, und die finsterste Skepsis bemächtigte sich seiner.

»Es giebt nichts,« sagte er, »nichts, was nicht Täuschung wäre! Wünschenswerth und erreichbar ist allein der greifbarste, augenblickliche Genuß. Ihm laßt uns leben,« redete er seinen Freunden zu, und stürzte sich in die betäubendsten Zerstreuungen.

Heraclius, der seine Strafe abgebüßt, das heißt begnadigt worden war, trug Alles bei, um seinen Herrscher in dieser Stimmung zu erhalten, und ihn nicht mehr aus dem Wirbel thörichter Vergnügen auftauchen zu lassen. Er verschloß unversöhnlichen Haß in sich, und nach geheimen Vorschriften des Tarasius verlockte er Constantius zu Bacchanalien, bei welchen er alle schlimmen Leidenschaften seines Opfers zu wecken und zu stacheln wußte. Er veranlaßte Trinkgelage, welche nicht mehr den heiteren Symposien der alten Griechen und Römer glichen, sondern Gelage waren nach der rohen Sitte der Hunnen und gewürzt, statt mit Gesang und Scherz, mit Streitigkeiten über theologische Lehrsätze und verwickelte Rechtsfragen. Es wurde beim Becher disputirt bis zur äußersten Erhitzung, und die Folge waren nicht selten gezückte Dolche und nachhaltige Feindschaften. An manchen Abenden kam noch das hohe Glücksspiel dazu.

Bei jeder Gelegenheit wußte Heraclius durch Unnachgiebigkeit oder höhnische Reden seinen einstigen Freund zum Zorne zu reizen, und dieser setzte ihn Demüthigungen aus, die sich als Folgen jener Beleidigungen am Tage der Synode herausstellten. Heraclius nahm Alles mit einer Unterwürfigkeit hin, die den Uebermuth des Beleidigten noch mehr stachelte, und stets wußte er es so einzurichten, daß Zeugen zugegen waren, welche die entwürdigenden Scenen schilderten, und vergrößert unter die Leute brachten. Dem jungen Kaiser wurde hier und da etwas von derlei Nachreden zugetragen, seine feindselige Stimmung wuchs und steigerte sich bis zu Thaten willkürlicher Härte und Grausamkeit.

Selbst seine so reine und hohe Liebe nahm nach und nach die Farbe dieser Umwandlung an, ja soweit war er schon von ihr entfernt, daß ihn die Lust ankam, die ganze Entzweiung seines Innern bis zum grellsten Gegensatze durchzuleben, und er bildete sich ein, ihn verlange, Diejenige, die ihn einst als Heilige fesseln konnte, nun selbst entfesselt und liebetrunken in seine Arme sinken zu sehen.

Diesen Zeitpunkt hatte Tarasius abgewartet. Er trat zu Imagina, die er noch immer wie eine Gefangene in seinem Palast hielt, und redete sie an: »Vergieb, daß ich Dich so streng bewacht hielt, es galt Deine Sicherheit, das Volk mißt Dir die Schuld an der Sinnesänderung des Herrschers bei, man beschuldigt Dich eines zaubermächtigen Einflusses auf ihn, und bedroht Dich mit dem Tode.«

»Und Constantius? glaubt auch er daran?«

»Er ist selbst von einem Zauber bestrickt, der ihn ins Verderben führt; ein Dämon, der deine Gestalt angenommen, ist ihm anvermählt.«

»Durch den Segen der Kirche?«

Muthlos ließ sie die Hände in den Schooß sinken, nur ein Ach, ein leises, hauchte sie vor sich hin.

»Du liebst ihn,« fuhr Tarasius fort, »gehe mit mir, befreie seine Seele von dem Trugbild, Constantius liebt auch Dich.«

Das zündete ? sie raffte sich empor: »Ja, ich liebe ihn und keine Zaubermacht der Hölle soll ihn verderben. Im Namen der Heiligen, der ich diene, Herr des Himmels, stehe mir bei. Laß? uns gehen!«

Noch immer dauerten im Palaste seit dem Tage der Vermählung die Festlichkeiten fort, bald zu Ehren neu angekommener Gäste, bald zum Gedächtniß eines berühmten Vorgängers. Seit Wochen waren die fürstlichen Hallen belebt bei Tag und Nacht von Musik und Festmahlen. Von einer Art Loge aus sah die junge Kaiserin den Belustigungen zu, den Aufzügen der Chöre, den Sprüngen der Gaukler und Zwerge. Stündlich wurden ihr frische Kränze gereicht, und Huldigungen mit erhobenen Trinkbechern dargebracht.

Da geschah es einstmals, daß sie auf dem Wege von den Sälen nach ihrem Schlafgemache einer Gestalt begegnete, in deren Antlitz sie mit Entsetzen wie in einem Spiegel ihre eigenen Gesichtszüge wahrnahm. Und diese Gestalt erhob die Arme gegen sie und beschwor sie mit Anrufung der Heiligen, zu weichen von dem unrechtmäßigen Besitz eines Herzens, das sie beherrsche, aber nur mit Hülfe des Satans.

Mit einem wilden Angstschrei entfloh die junge Fürstin vor der furchtbaren Erscheinung, und ihre Frauen folgten ihr, von gleicher Furcht getrieben. Die Lichter, mit welchen sie ihrer Gebieterin vorangeleuchtet hatten, waren ihren Händen entfallen, und alle glaubten, die Zaubermächtige, von der sie gehört, nun wirklich gesehen zu haben.

Constantius. durch den Angstruf aufgeschreckt, verließ die Runde seiner Tischgenossen. Er verbat, daß ihm Jemand folge. Noch flackerten einige der weggeworfenen Lichter am Boden, als er von der Ballustrade in die Vorhalle trat, während im Osten der Morgen sich ankündigte und seine ersten Streiflichter in die offenen Säulengänge warf.

Da erblickte er Imagina. Er sah sie jetzt zum erstenmale in ihrer wahren Gestalt, sie erschien nur noch rührend schöner als damals, die Angst um ihn, die Freude des Wiedersehens, die Verwirrung erhöhte die natürliche Anmuth und machte sie wirklich zu einer Dulderin, aber umflossen von allen Reizen der Jugend. Er drang auf sie zu und hob sie an seine Brust, er umschloß sie mit beiden Armen und drückte sie an sich, als fühle er, daß diese einzige Secunde nur ihnen gegönnt bleibe, und dann ewige Trennung bevorstehe. Ihre Lippen, keines Wortes mächtig, erbleichten unter seinen Küssen, und die erste fahle Tageshelle warf einen matten Schimmer um ihr Gesicht, das vom ersten Freudenstrahle des Sieges in die Todtenblässe der Furcht überging.

»Unglückselige«, rief er aus, »zu spät kommst Du, fliehe, fliehe mich, Alles ist aus. Aus meinen Armen! sie werden Dich tödten! Wenn sie Dich finden, bist Du des Todes!«

»Herr, bin ich nicht Dein?« frug Imagina.

»Nein, nein,« stöhnte der Unglückliche, und drängte sie sanft von sich, »Du Heilige, die ich angebetet, nie hätte ich Dich anders schauen sollen, als ich dort Dich sah.«

»Hab? ich Dich nicht befreit von dem Zauberbann der Magierin«?« fragte sie stolz und vorwurfsvoll.

»Du? nein, Du bist die Sündige, fliehe mich, eh? alle Gnade Dich verläßt!«

Sie schlug verzweiflungsvoll die Hände vors Gesicht.

»Oh, ich Elende,« rief sie aus, und stürzte fort. Er sah ihr schmerzlich nach und kämpfte noch mit sich, ob er nicht Alles wagen und ihr folgen sollte, als man ihm meldete, seine Gattin sei von Schrecken gelähmt zusammengebrochen, und dem Tode nahe. Er eilte zu ihr.

Imagina, ohne zu wissen, was sie beginnen sollte, wankte wie betäubt durch die Straße hin. Die Furcht, verfolgt und mißhandelt zu werden, jagte sie weiter und weiter; scheu um sich blickend, raste sie fort, wohin sollte sie sich wenden? Tarasius hatte sie betrogen, das ahnte sie; ihre Liebe, das sah sie ein, war ihm nur Mittel eines Zweckes gewesen. Welchen Zweckes? offenbar eines, der darauf zielte, den zu verderben, den sie liebte. Frühere Aeußerungen des Tarasius, die dahin deuteten, fielen ihr wieder ein.

Indessen hatte sie sich weniger bevölkerten Stadttheilen genähert, die Sonne stieg höher und brannte in versengender Gluth herab. Erschöpft sank sie an den Stufen eines Brunnens nieder. Da erblickte sie gegenüber ein klosterähnliches Gebäude, dessen Thüre offen stand. Mit letzten Kräften schritt sie darauf zu, sank aber, sobald sie die Schwellen überschritten hatte, ohnmächtig nieder.

Als sie nach einiger Zeit die Augen wieder aufschlug, war unwillkürlich ihre erste Bewegung nach einem mit Wasser gefüllten Becher gerichtet, den ihr ein Mann entgegenhielt, in welchem sie einen Mönch zu sehen glaubte. Die hohe, etwas gebeugte Gestalt war in ein Kleid gehüllt, wie es die Mönche trugen, um sein bleiches, schmerzdurchfurchtes Gesicht wallte das Haar in langen Locken, ein schwermüthiges Feuer blitzte aus seinen Augen.

Er hob sie auf, und trug sie nach einem tieferen Raume des Gebäudes, einer Rotunde, in die das Licht von oben durch die Wölbung der Decke drang. Er entfernte sich und kehrte nach Stunden, die ihrer Erholung und Ruhe vergönnt waren, zurück. Aus den Wänden leuchteten auf Goldgrund Bilder der christlichen Legende. Ihrem Lager gegenüber erblickte sie jene Heilige, welche sie sonst auf der Bühne dargestellt hatte. Fragend richtete sich ihr Blick nach dem Manne.

»Welch ein Wesen ist das dort,« fragte sie, »es ist schöner als ich je was sah, aber warum bewegt es sich nicht? Es scheint doch so lebendig.«

»Es ist ein Bild,« sagte der Künstler, »Hast Du noch nie ein Bild gesehen?«

»Niemals ? das also ist es, was man uns so streng verbot, zu schauen und anzubeten?«

»Allerdings, es ist ein Werk der Kunst.«

»Und Du hast es geschaffen. Woraus doch nur?«

»Aus dem innern Bild, das in meiner Seele lebt.«

»Aus Deiner Seele schufst Du es ? ach, und ich konnte nur mein äußeres, mein leibliches Sein geben, und nur zum Schein, für kurze Zeit, dieses aber scheint zu dauern und sich nicht zu verändern. Deine Kunst muß eine höhere sein. Ich bitte, lehre sie mich.«

Er schwieg.

»Wer bist Du?« frug sie hastig.

»Du kennst mich nicht? wohl Dir!« Um seine Lippen spielte ein bitteres Lächeln, als sie ausrief:

»Erkläre Dich, soll ich nicht erfahren dürfen, wer mich aufnahm, mir Labung und Trost gab?«

»Du sollst es erfahren. Wisse, daß ich frühe schon berühmt war in dieser Kunst, und mich dem Verbot des Bilderdienstes nicht unterwarf, sondern fortfuhr, die theuern Gestalten zu schaffen. Ich ward deshalb in den Kerker geworfen, da traten sie mir erst recht leibhaft in nächtlichen Erscheinungen vor Augen. Ja, ich sah sie, sie kamen zu mir in schlaflosen Stunden, sie standen an meinem Lager, redeten mit mir, reichten meiner verschmachtenden Seele das Abendmahl. Als Irene, die Siegreiche, zur Regierung kam, wurde auch ich befreit, und malte nun mit dankbarem Sinn die Erscheinungen für Aller Augen, für die fromme Verehrung der Altäre und Grabstätten. Constantius theilte nicht den Glauben seiner Mutter und hatte oft meine Werke verspotten lassen, als es aber hieß, daß er sich ihr zu Lieb? bekehrt hatte, da gewann ? ich weiß nicht, welcher Dämon über mich Gewalt, daß ich eine Kreuzabnahme zeichnete, und dem todten Haupte des Sohnes im Schooße der Mutter die auffallendste Aehnlichkeit mit dem Antlitz des jungen Herrschers gab. Er gerieth, als er es erfuhr, darüber in heftigen Zorn, ließ das Bild zerstören, mich gefangen nehmen und geißeln. Vor seinen Augen wurde ich geschlagen, daß das Blut von mir troff, während um ihn rauschende Tafelmusik ertönte, dann wurde ich auf die Straße gestoßen und seither leb? ich hier, die Menschen fliehend und mich bergend vor ihren Blicken.«

Er schwieg.

Imagina sah den Erzähler mit thränenfeuchten Blicken an, und als er geendet hatte, rief sie schmerzlich: »Constantius konnte das thun ? o, es ist schrecklich!« Sie brach in heftiges Weinen aus.

Athanasius näherte sich ihr und tröstete: »Beruhige Dich, die heilige Kunst, der Du gehören willst, wird auch Dich über alles Leid erheben, wie sie mich erhob, kein Tag Deines Lebens wird Dir mehr verloren gehen, Jenen aber wird die Strafe des Himmels erreichen, sicher und bald.«

»Die Strafe des Himmels? Wen? ihn? Constantius?«

»Ihn, und durch die Hand des verruchten Tarasius, denn Böses schlägt Böses.«

»Tarasius? Was weißt Du von ihm?«

»Daß er Empörung gegen den Machthaber schürt, daß in wenigen Tagen der Aufruhr losbricht und Constantius, von Allen verlassen, von Mutter und Gattin preisgegeben, dem unfehlbaren Verhängniß erliegen muß.«

»Wenn nicht eines schwachen Armes Hülfe ihn zu retten im Stande sein wird,« erhob Imagina ihre Stimme. Sie warf einen Blick nach oben und gewahrte, daß das Licht von der Kuppel gewichen, der Tag zu Ende gegangen sei. »Habe Dank,« sprach sie, »ich muß nun fort, Du sollst mich wiedersehen, wo nicht, so bitt? ich Eines nur, schreib? unter jenes Bild, daß Imagina für die Heilige sich geopfert hat.«

Athanasius wagte nicht, ihrem Willen entgegen zu sein; in kühner, entschlossener Haltung schritt sie zur Pforte des Hauses und war verschwunden. Sie war entschlossen, nochmals zurückzueilen, den Bedrohten zu warnen, ihm die Anschläge zu entdecken, und wär? es mit Gefahr ihres Lebens, seine Rettung zu versuchen. Sie kam nicht bis an die Thore des Palastes, als sie schon von den Wogen einer Volksmenge, die dahin vorgedrungen und von den Wachen zurückgedrängt worden war, mit hinweggerissen wurde. Nun eilte sie zum Hause des Tarasius, eine tiefsinnige List fiel ihr ein, wie sie dennoch ihren Zweck erreichen, und zu Constantius durchdringen wollte. Denn in der That hatte sich um ihn die Gefahr enger und enger zusammengezogen. ?

Theodosia war in Folge des plötzlichen Schreckens noch in derselben Nacht gestorben, und ihm schrieb man die Ursache ihres Todes zu, um so mehr, da er ein stolzes Schweigen bewahrte und nicht die geringste Mühe sich gab, den Verdacht von sich abzuwälzen. Finster stand er vor ihrer Leiche, ein verächtlicher Blick auf seine Umgebung sagte genug, welche Gesinnung ihn beseelte. Und wirklich waren seine Gedanken weit von der Todtenbahre weg nur um Imagina, ihr allein gehörte sein Herz, das fühlte er mehr als je, und sie ? mußte sie nicht bedroht sein? Er beschloß, sie aufzusuchen, in seinen Schutz zu nehmen.

Kaum waren die Ceremonieen der Beisetzung vorüber, so verließ er die Gruft, in welcher er allein zurückgeblieben war. Er gedachte des Castells, in welchem Basilius wieder als Befehlshaber gebot, und ihm zu Diensten sein mußte. Ihm allein hoffte er noch vertrauen zu können, mit ihm an der Spitze seiner bewaffneten Macht wollte er ein blutiges Beispiel der Rache geben.

Wie sehr hatte er sich getäuscht! Es war bereits Mitternacht, als er vor den Mauern der Befestigung ankam. Seine Stimme verhallte ungehört, Niemand öffnete die Thore, um ihn einzulassen. Er mußte einsehen, daß die Verschwörung gegen ihn vorsichtig geplant, und die weiteste Verbreitung gewonnen hatte. Nun stieg in ihm der Entschluß auf, nach der asiatischen Küste zu flüchten, wo er gewiß noch ihm Ergebene finden würde.

Es war eine wilde, sturmdrohende Nacht, als er ein Schiff bestieg, um an das jenseitige Ufer zu gelangen. Tief herabhängende Wolken lagerten auf dem Wasser, und höher und höher rollten die Wogen, vom Nordostwind gepeitscht, heran. Er mochte kaum eine Viertelmeile weit hinausgedrungen sein, als ihn und die Schiffer der anwachsende Sturm zur Umkehr zwang.

Schon war indeß die Kunde von seiner Entfernung als dunkles Gerücht in der Hauptstadt ruchbar geworden, und Tarasius brachte die bestimmte Nachricht hiervon zu der Kaiserin. Er schilderte zugleich die letzten Vorgänge mit den gehässigsten Farben und sprach sogar von Drohungen, die der Sohn gegen die Mutter ausgestoßen habe.

»Er hat die Gattin gemordet, die engelgleiche Theodosia, wie lange, so strebt er auch nach Deinem geheiligten Leben!«

»Anstifter des Bösen,« unterbrach ihn Irene, »weg von mir, Versucher!«

Tarasius gehorchte ? sie rief ihn zurück. Ihr alter Haß gegen Constantius war aufs Neue rege geworden, dazu die nie ganz bezwungene Herrschsucht. Nie wie jetzt war der Augenblick ihr günstig, die Gewalt wieder an sich zu reißen, die Schuld des Sohnes war offenkundig, seine Beliebtheit beim Volke dahin, sein Anhang abtrünnig ? es kostete sie nur einen Wink, und sein Schicksal war entschieden.

Tarasius rückte näher

»Wohlan,« begann sie mit Ernst und einer angenommenen Traurigkeit: »Ich sehe, er ist unfähig zu herrschen, ein Aufruhr droht, wir müssen ihn vor der Volkswuth schützen. Besorge, daß man ihn wohlverwahrt in ein Kloster bringt, dort mög? er jene Gottergebenheit wieder lernen, die dem Herrscher eines so großen und heiligen Reiches geziemt. Widersetzt er sich, so mögt Ihr ihn gefangen nehmen, doch soll ihm kein Leid zugefügt werden.«

Die Palastrevolution war beschlossen und besiegelt. Tarasius machte sich an die Ausführung des Befehls, Diener der Kaiserin erhielten den Auftrag, sich ihres Sohnes zu bemächtigen, im Nothfall vor dem Aeußersten nicht zurückzuscheuen.

Am einsamen Meeresstrand, gegen den die Wogen heranbrausten, saß der unglückliche Herrscher des Morgenlandes, gestützt auf einen Haufen neubehauener Steine, Marmorblöcke, die nach Asien für die Landhäuser des Tarasius bestimmt waren. Aufs Neue tauchte Imagina?s Gestalt vor seine Seele; sie schien ihm zu winken, in höchster Bedrängniß ihn um seine Hülfe zu bitten. Er bereute den thörichten Plan seiner Flucht und raffte sich empor. In den Straßen fiel ihm überall eine außergewöhnliche Bewegung auf, als gält? es die Vorbereitung zu einem großen Festtage.

Plötzlich sieht er sich von Verlarvten umringt, und eh? er sich noch zur Wehre setzen kann, gefangen genommen. Die Diener der Kaiserin sind es, sie eilen mit ihm nach dem Palast und in das Porphyrgemach, bis eine Sänfte bereit ist, in der sie ihn nach dem Kloster zu verbringen haben. Einer der Diener hat Mitleid und löst seine Bande. Todtmüde und erschöpft wirft sich Constantius auf das Lager. Da hört er seinen Namen rufen, es ist ihre Stimme, es ist Imagina, die ihn ruft, er erkennt die Stimme wieder, die ihm einst so süß erklang, und es folgt ein Angstschrei, ein aus tiefster Seele dringender Aufschrei. Rasch erhebt er sich von seinem Lager, stößt seine Wächter von sich, sprengt die Thüre und eilt nach der Treppe.

Da bietet sich ihm ein Anblick, wie er ihn schon einmal gesehen. An den ersten Stufen des Aufgangs kniet die Märtyrerin, von Fäusten der Männer zurückgehalten, und er sieht sie die Hände emporringen nach ihm.

Sie hatte für den Entschluß, ihn zu warnen, sich wieder wie damals bekleidet, als sie die Heilige vorgestellt, und mit einem Kranz von weißen Rosen geschmückt, war sie dem Palastthor genaht. Man ließ sie, von dem seltsamen, geisterhaften Anblick überrascht, unbehelligt hindurchgehen, selbst die Wachen hielten sie nicht zurück. So gelangte sie zur Treppe, hier jedoch waren es die Diener des Tarasius, die sich ihr entgegenstellten.

Und so erblickt sie jetzt Constantius; aber ist sie nicht nur ein Bild, das ihn täuscht, eine Erscheinung, ein Wahngebild, wie es ihm schon oft vorgeschwebt?

»O rette Dich!« ruft sie ihm zu ? da sinkt sie zu Boden, er sieht es, er will ihr entgegeneilen, aber da ist es ihm, als schaue er wieder wie damals das blitzende Schwert sich in ihre Brust bohren, das Blut erstarrt in seinen Adern, er fühlt, daß sein Herz aufhört zu schlagen, und keiner Bewegung, keines Wortes fähig, steht er regungslos und starrt ins Leere.

Erst da er bemerkt, daß man auch auf ihn wieder eindringt, kehrt das Leben in ihm zurück, jedoch Imagina ist seinem Blick entschwunden, er ist umringt. Als er seine Verfolger wieder erkennt und ihre Absicht, ihn zu fesseln, so springt er zurück und erreicht nochmals den Porphyrsaal. Hier entdeckt er auch Waffen ? ein schweres Kreuz, und vertheidigt sich mit Löwenmuth.

Immer weiter von der Ueberzahl zurückgedrängt, verwickelt er sich in eine Decke, die er als Schild um seinen Arm schlingen gewollt, und stürzt auf das Purpurbett, während die Dolche der erbitterten Angreifer ihn an Schulter und Haupt verwunden. In dem nämlichen Saal, in dem er das Licht der Welt erblickt hatte, wurde er des Augenlichtes beraubt, und da, wo ihn die Mutter geboren, verlor sie ihn für immer.

Kaum war diese furchtbare Scene geschehen, so erhellte sich, wie auf ein gegebenes Zeichen, plötzlich die ganze Hauptstadt. Von allen Anhöhen begannen Lichter aufzublitzen, dann verbreitete sich eine glänzende Bewegung in den Dörfern umher, und endlich erfüllte sich die Stadt mit den Strahlen eines großen Festes. Ueberall, wie auf das Wort einer Beschwörung, tauchten die Bilder der Heiligen auf, an den Ecken der Straßen, über den Thoren der Kirchen, an den vornehmsten Häusern, überall wurden sie sichtbar, und vor den Nischen, welche sie umgaben, flammten tausende von Lichtern und farbigen Lampen. Schaaren von Andächtigen sammelten sich darunter, zum Gebet hinknieend und Lobgesänge anstimmend. Aus dem Gewittersturm war eine herrliche Sommernacht hervorgegangen voll blinkender Sterne und durchweht von den mildesten Lüften des Morgenlandes.

Indeß durch die Reihe der festlichen und jubelnden Menge der gebundene und geblendete Kaiser in schwarz umhangener, verschlossener Sänfte nach dem Kloster getragen wurde, fuhr Irene, die neue Alleinherrscherin, durch die Straßen ihrer Hauptstadt. Vier milchweiße Rosse zogen den mit Gold überreich geschmückten Wagen, die vornehmsten Senatoren schritten nebenher und hielten die Zügel. Alles kniete vor ihr und vor dem Scepter, das sie in ihrer Rechten hielt.

Von der Verwundung ihres Sohnes, auf welche bald völlige Erblindung folgen sollte, war ihr nichts bekannt geworden. Tarasius hatte ihr nur berichtet, Constantius, die Vergeblichkeit eines Widerstandes einsehend und von Reue über sein Benehmen gebeugt, habe freiwillig zugestimmt, sich in ein Kloster zurückzuziehen. Ihre Freude über die Botschaft eines solchen Sieges war eine tief gedemüthigte und von unendlicher Trauer erfüllt, aber sie überwand sich, und ihr Stolz gewann die Oberhand.

Ihr Geheimschreiber kirrte und unterhielt sie mit Schmeicheleien von der Liebe ihres Volkes zu ihr, und übertäubte ihren Schmerz mit geschäftlichen Sorgen. An Nicephorus schrieb er in gleichem Doppelsinn Briefe, die ihn theils gegen die Kaiserin einnehmen, theils ihm hochfliegende Pläne einflößen mußten. Nicephorus kümmerte sich wenig darum; er ging unerschüttert seinen Weg vorwärts, ihn kümmerte es auch nicht, daß ihm gesagt wurde, die Kaiserin habe erfahren, wie wenig er in Griechenland ausgerichtet, und sie zürne ihm.

In der That, sie zürnte auf ihren Feldherrn, hatte er doch ihre Lieblingsidee so wenig befolgt, der Feldzug, auf den sie so große Hoffnungen gesetzt hatte, war nichts als ein Raub- und Beutezug gewesen. Nicephorus hatte sie betrogen. Sie zürnte, aber sie liebte auch, und ihre zärtlichen Gefühle wurden durch den Verdruß, den er ihr bereitet hatte, eher erhöht als geschwächt.

»Wird er sich verantworten können?« fragte sie sich. »Und wie werde ich meine Empfindung unter angenommenem Stolz verbergen können?« ?

So kam der Tag des feierlichen Einzuges. Noch vor den Thoren vernahm Nicephorus von der Blendung des entthronten Kaisers, und ohne Weiteres befahl er, ihn aus dem Kloster zu befreien. Ein Theil seiner Truppen vollzog diesen Auftrag, indem er selbst mit den Andern und der fränkischen Gesandtschaft den Palast betrat. Irene empfing ihn im höchsten Glanze, mit strafenden Worten auf ihrer Lippe, während ihr Herz zu den Füßen des stattlichen Heerführers lag, dem sie lieber sogleich den Kuß der Versöhnung geboten hätte, ehe sie, wie es der Herrscherin geziemte, ihm ihre Ungnade fühlen ließ.

Indem sie zuerst die Gesandten Karls des Großen empfing, und es laut verkündet ward, daß der mächtige Kaiser des Abendlandes um ihre Hand werbe, hoffte sie in den Augen des Nicephorus den Werth seiner Erhebung zu erhöhen ? ihm ihren Besitz erst recht begehrenswerth erscheinen zu lassen.

Dieser achtete nicht darauf. Er grüßte äußerlich ehrerbietig, aber mit Strenge, und sprach: »Ehre Allen, denen Ehre gebührt!« »Was soll das?« fragte sie sich. Und ein vielfacher, stürmischer Zuruf, untermischt mit Ausbrüchen des Zornes und lauten Verwünschungen, drang näher und näher an den Empfangsaal heran und machte sie beben.

»Wen haben wir noch zu erwarten?« rief sie, und Nicephorus: »Einer wird kommen, dem allein die Krone des Sieges gebührt.«

Auf seinen Wink öffnete sich die Reihe seiner Krieger, und vor Irene erhob sich aus einem Tragbette todtbleich und abgezehrt, vom weißen Unterkleid schmächtig umflossen ? mit verbundenen Augen, die Gestalt ihres Sohnes. Sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus und wankte zurück.

Nicephorus aber wendete sich gegen die Franken, welche staunend dieses unerhörte Schauspiel mit ansahen und sprach: »Seht die Sünderin, die so ihren Sohn mißhandeln ließ! Ziehet heim zu Eurem Herrn und meldet ihm, daß Ihr das größte Ungeheuer, das je den Namen Mutter trug, gesehen habt, und jetzt sprecht, was Ihr glaubt nach den Gesetzen Eures Landes, welche Strafe solch ein Weib verdiene.«

»Wir,« sagten die Franken, »wissen nichts Gleiches, aber ihr Sohn selbst soll sie richten.«

Jetzt faßte sie sich wieder ? sie trat einen Schritt vor, bekreuzigte sich und sprach: »Ich bin unschuldig an dessen Wunden. Richte denn ? mein Sohn, im Namen des Allgerechten über mich.« Sie trat näher und schob das Tuch von seinen Augen an der Sinne hinauf. »O mein Himmel ? er ist blind,« schrie sie laut jammernd hinaus.

»Ja, er ist blind,« sprach Constantius, und tastete nach ihrer Hand, »blind wie Alles, blind ist das Glück, blind die Gerechtigkeit, aber blind ist auch die Liebe, sie spricht Dich los ? arme, betrogene Mutter ? ich verzeihe Dir.«

Dabei sank er entseelt zu ihren Füßen nieder, er war todt. Nicephorus nahm das Wort und sagte: »Das Leben ist Dir geschenkt ? ich aber verbanne Dich auf immer aus diesen Mauern in Armuth und Elend.«

Dann schritt er hinweg. Die Franken sahen durch?s Fenster nach ihren Pferden ? ob Alles in Ordnung wäre; denn sie gedachten unverweilt sich wieder zur Heimat aufzumachen. ? Nicephorus ließ sich wenige Tage darauf feierlich krönen.

Tarasius, den er wider dessen Wunsch und Willen zum Cleriker und Patriarchen gemacht hatte, und der froh sein durfte, so durchgekommen zu sein ? er salbte nun Denjenigen und band ihm das Diadem um, dem er lieber die stärkste Dosis Gift gereicht hätte.

Irene lebte noch mehrere Jahre auf der Insel Lesbos in Verbannung, und gewann ihren kargen Lebensunterhalt am Webstuhl. Doch erlebte sie die Genugthuung, daß im byzantinischen Reiche die Bilderverehrung wieder gestattet wurde und Aufschwung gewann. Ja, eines Tages landete von Konstantinopel eine schöne, aber todtbleiche Frau, deren kunstgeübte Hand zuerst die Altäre der Kirchen auf der Insel, bald auch die Wohnungen der Gläubigen schmückte. Es kam zu einer reuevollen Erkennung zwischen ihr und Irene, worauf Imagina sich entschloß, mit der Mutter des Mannes, den sie so geliebt hatte, das Brod zu theilen und die armselige Hütte, die bisher von Niemandem besucht war, als nur von den düsteren und schmerzlichen Erinnerungen einer glänzenden und unglücklichen Herrscherzeit.

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Nikisa

Noch lange Zeit nach Einführung des Christenthums als Staatsreligion im oströmischen Kaiserreiche blieben altgriechische Philosophie, Mathematik und Homers Götterwelt Gegenstände des Unterrichts, selbst der Frauen, in Byzanz. Den Vorrang hatten allerdings die Erlernung der Dogmen, die Auslegung von dunklen Bibelstellen und tiefsinnigen Aussprüchen der Kirchenväter, allein die Rhetorik und Dialektik der Alten leisteten gerade hiezu die besten Dienste.

In schönen Palästen verbrachten die Töchter angesehener Familien ihre Jugendtage mit Studien und mit Musik. Selten sahen sie etwas von der Außenwelt. Die Gärten jedoch, die gewöhnlich bei der Wohnung und von hohen Mauern umschlossen waren, boten Erholung genug und Anlaß zu Vergnügungen. Die zarte Hautfarbe, die den byzantinischen Frauen nachgerühmt wurde, hatte hierin ihren Grund, und die Beschäftigung mit Philosophie und schönen Künsten mußte das Feuer ihrer seelenvollen Augen nur noch vertiefter und anziehender erscheinen lassen.

Nikisa war die Tochter eines der ersten Beamten am Kaiserhofe. Sie zeichnete sich eben so sehr durch ihre Schönheit als durch ihre Bildung, ihren Reichthum an Kenntnissen aus. Sie war stets schlagfertig in gelehrten Antworten, sie redete mehrere Sprachen, löste mit Leichtigkeit mathematische Probleme und nicht minder wußte sie die religiösen Geheimnisse befriedigend zu deuten. Sie war der Stolz ihrer Eltern, die nicht daran dachten, sie einem der vielen Bewerber als Gattin zu geben, wie sie denn auch selbst eher Abneigung gegen jedes Ehebündniß an den Tag legte. Sie wollte nur der Wissenschaft, ihren Büchern und Zeichnungen leben.

Eines Tages aber kam ein Befehl vom Palaste des Kaisers, eine Einladung an die edelsten Frauen der Hauptstadt, sich mit ihren Töchtern dort einzufinden. Die Mutter des jungen Herrschers hatte nämlich beschlossen, eine unter den Damen für ihren Sohn als Gattin auszuwählen, vielmehr ihn selbst wählen zu lassen. In aller Stille waren die Vorbereitungen getroffen worden, und das Geheimnißvolle der Einladung gab zu den verschiedensten Muthmaßungen Anlaß.

Als zur bestimmten Stunde die Schönen mit ihren Müttern sich eingefunden hatten, wurden sie aus dem Vorhofe, ihrem Versammlungsplatze in einen prächtig ausgeschmückten Saal, welcher die Perle hieß, eingeführt. Den Boden und die Wände, sowie die Decke schmückten Mosaikbilder. Marmor in allen Farben, Gold und Edelsteine waren überall angebracht und in so glücklicher Zusammenstellung, daß sie gegenseitig ihren Glanz erhöhten. Die großen Augen der Byzantinerinnen, die doch von Hause aus an allen Prunk gewöhnt waren, blickten staunend auf all die Pracht und Herrlichkeit.

Bald erschien auch Theophilus, der Kaiser, einen Apfel als Preis der Schönheit in seiner Hand haltend. Beim Anblick so vieler Bewerberinnen, deren jede ihn zu verdienen schien, ließ sich bemerken, daß er einigermaßen betroffen war. Bald aber hatte er sich gefaßt, und er trat entschlossen auf Nikisa zu, die er offenbar als die des Preises Würdigste auszuzeichnen vorhatte.

Mit unverholenem Wohlgefallen betrachtete er die jungfräuliche, anmuthige Gestalt und sprach: »Ach, wenn doch nur die Schönheit der Frauen nicht schon so viel Böses über die Welt gebracht hätte!«

Es war, als ob er damit seine so rasch getroffene Wahl entschuldigen, das Geschick versöhnen wollte.

Nikisa keineswegs verlegen antwortete kühn: »Aber durch einer Einzigen Verdienst ist alles Unheil wieder gut gemacht worden.«

Dem jungen Kaiser gefiel diese Antwort nicht, sie schien ihm sowohl ungeeignet, als auch trotzig. Theologische Erörterungen waren ihm ohnehin zuwider und verletzten ihn geradezu von derjenigen, die ihn anfangs durch den Zauber ihrer Erscheinung eingenommen.

»Wie der geschwätzige Staar versteht sie zu plaudern was man ihr gelehrt hat,« sagte er zu sich und wandte sich von ihr ab. Er näherte sich einer anderen Schönen, der Tochter einer der Palastdamen, Theodora, die seine Frage nur mit sittigem Erröthen beantwortete. Dies gefiel ihm, und seine Wahl war entschieden, er legte zierlich den Apfel in ihre Hand und führte sie zu seiner Mutter.

Nikisa bemerkte wohl, welches Mißfallen sie erregt hatte; Stolz und Scham kämpften in ihrer Brust, aber sie bezwang ihren Schmerz und hielt ihre Thränen zurück. Mit lächelnder Gleichgültigkeit, in einer Art von Betäubung ertrug sie den stolzen Blick der Siegerin und das höhnische Lächeln auf aller Lippen.

Erst als sie allein war, erkannte sie die ganze Größe der ihr angethanenen Schmach, fühlte sie die ganze Wucht ihres Schmerzes. Daß derjenige ihr nicht mehr gleichgültig war, der sie zuerst so bevorzugt, in solchen Taumel der Entzückung gerissen und dann so schwer gekränkt hatte, empfand sie nur allzu lebhaft, und obwohl sie glaubte, daß nun auch sie werde verschmähen können, und hoffte in ihrem Wissen und in ihren Talenten Ersatz zu finden, so gereichte ihr das doch nur zur vorübergehenden Beruhigung. Die Täuschung, der sie sich hingab, wich immer mehr und ließ nur eine größere Leere zurück. Alles was sie bisher gethan, wofür sie Neigung und Eifer gehabt hatte, alles erschien ihr nichtig und schaal.

Für den Verlust gab es für sie in diesem Leben keinen Ersatz mehr, das Einzige was sie thun konnte war, sich überhaupt von allen irdischen Dingen und Hoffnungen loszusagen und das vollführte sie. Sie offenbarte ihrer Mutter, daß sie entschlossen sei, sich in ein Kloster zurückzuziehen, die Demüthigung, die sie erfahren, schließe sie von der Welt aus.

Dagegen war nichts einzuwenden, mit Betrübniß gaben ihre Eltern die Einwilligung. Ihren Eintritt in das Kloster begleiteten sie mit reichen Geschenken an die Kirche, und der Tag der Einkleidung wurde von der Familie wie ein großes Freudenfest gefeiert, gleichsam um anzudeuten, daß man den besseren Theil erwählt habe. Wenn auch das Herz verblutete, der Stolz verbot, etwas anderes als eine überlegene Miene zu zeigen; aber das reizte die Mißstimmung des Kaisers um so mehr und steigerte seinen Widerwillen.

Nachdem inzwischen die von Theophilus Auserkorene den Glückwünschen ihrer Freundinnen und den Umarmungen der Verwandten allmälig sich entzogen hatte, war sie wie im Triumph nach Hause begleitet worden. Auch hier war alles voll Glanz und Freude zu ihrem Empfang bereit. Noch am nämlichen Tage trafen Geschenke des kaiserlichen Bräutigams ein, und am folgenden Morgen wurde sie in feierlicher Prozession nach dem Palast abgeholt und dort von der Mutter ihres zukünftigen Gemahls begrüßt und aufgenommen. Es folgte Fest auf Fest, und mit kluger Bescheidenheit nahm Theodora die Huldigungen entgegen, die ihr allseits dargebracht wurden. Ihrem Gatten gegenüber bewies sie vor den Augen der Menge würdevolle Ehrerbietung, während sie an seiner Seite die zärtlichste und hingebendste Geliebte war.

So vergingen Wochen und Monate in ungetrübter Stimmung. Theodora besaß nicht in dem Maße gelehrte Bildung wie Nikisa, auch war ihr Geist nicht zu Betrachtung und Forschung geneigt, um so mehr aber verstand sie zu glänzen, zu gefallen und stets ein wachsames Auge auf sich selbst und auf alles zu haben, was ihr und ihren Absichten und Wünschen dienen konnte.

Im Wohlstand, aber nicht gerade im Reichthum erzogen, wußte sie aus ihrer hohen Stellung Vortheil zu ziehen und ihre Eltern und nächsten Verwandten daran theilnehmen zu lassen. Sie bedachte die Ihrigen mit Glücksgütern, verschaffte ihnen Stellen bei Hof und besaß die Kunst, es so einzurichten, daß nichts davon ihrem Gatten auffiel oder sein Mißfallen erregt hätte. Einem ihrer Vettern hatte sie die Stelle eines Schiffshauptmanns verschafft auf einer der kaiserlichen Galeeren, und dieser war eben von einer Seefahrt aus Asien zurückgekehrt, von wo er im Auftrag des Herrschers orientalische Stoffe für die Kaiserin zu bringen beschäftigt gewesen.

Er ließ sich zu einer Unterredung bei ihr melden und bat um die Erlaubniß, daß auch er ihr das nächste Mal ein Geschenk mitbringen dürfe, sie möchte im Voraus die Erlaubniß geben, verschiedene Güter, die er jetzt noch nicht näher bezeichnen wolle, unter ihrem Namen mitzubringen. So gab er vor; in Wahrheit aber handelte es sich bei ihm darum, auf dem kaiserlichen Schiffe, dessen Befrachtung keinem Zoll unterworfen war, eine Menge Waaren unter dem Schutze dieses Vorrechts einzuschmuggeln und sie dann in Konstantinopel um hohen Preis zu verkaufen, was einen reichen Gewinn für ihn abwerfen mußte.

Theodora gab nach einigem Erstaunen ihre Einwilligung, deren Tragweite sie natürlich nicht ahnen konnte. So ging denn einige Monate vor der Wiederkehr ihres Namensfestes die Galeere abermals unter Segel zu gleichem Zwecke wie das erste Mal, erreichte glücklich Syrien und brachte außer den Geschenken des Kaisers auch noch Waaren mit an Bord, (die gleichfalls unter dem kaiserlichen Siegel), bestimmt waren, in der Hauptstadt mit großem Vortheil verkauft zu werden. Ein Schatzmeister, einer ihrer Verwandten, den sie zu diesem Amt befürwortet hatte, war in das Geheimniß gezogen worden und hatte die zum Ankauf der Waaren nöthige Summe vorgestreckt, natürlich unter Zusicherung eines bedeutenden Gewinnantheils. Weder Stürme noch andere Gefahren hielten die Unternehmung auf, und nach wenigen Wochen lief das Fahrzeug in den Hafen des goldenen Hornes ein.

Es traf sich, daß an dem gleichen Tage der Kaiser jene Kirche besuchte, in deren Kloster Nikisa sich zurückgezogen hatte. Hier erfuhr er zum ersten Mal wieder von ihr und hörte ihren Namen. Denn unter den Kirchengesängen, die er hier vernahm, war es eine Hymne, die durch ihre erhabene Sprache, durch den kühnen Ausflug und die Innigkeit der religiösen Stimmung ihn besonders ergriff. Er erkundigte sich nach dem Dichter dieses Meisterwerkes und erfuhr zu seinem größten Erstaunen, daß es Nikisa sei, welche nicht nur diese, sondern schon mehrere Hymnen von gleicher Vortrefflichkeit gedichtet habe.

»Wie!« rief er voll Unmuth aus, »wißt Ihr nicht, daß es verboten ist von Frauen Gedichtetes unter die Kirchengesänge aufzunehmen? Dieses Mädchen erdreistet sich sogar, in die Gemeinschaft der Heiligen und Könige sich zu drängen, sich für eine christliche Sängerin auszugeben! Die vorlaute Thörin! Ich erneuere das Verbot, daß Worte in der Kirche gesungen werden, die von einem Weibe gedichtet sind. Ich verbiete die Verse der Minderjährigen und Unmündigen.«

Damit erhob er sich und verließ zornig den Tempel.

Als Nikisa in ihrer Zelle das Geschehene zu hören bekam, lächelte sie wehmüthig und warf sich vor dem Bildnisse der Heiligen nieder, indem sie ausrief:

»Verzeihe, daß ich mich unterstanden habe, Dich zu preisen, verschließe die stammelnde Lippe und nimm Du allein aus dem überquellenden Herzen die Flammen auf, die Dir meine Begeisterung darbringt! Weil aber Einem alles verhaßt ist was von mir ihm kund wird, so will ich dieses Heiligthum und diese Stadt verlassen und fern meine Zuflucht in einem der Klöster am Saum der Wüste oder im Gebirge suchen.«

Damit erhob sie sich und traf sogleich die nöthigen Vorkehrungen, um ihren Vorsatz auszuführen.

Indem ihre Augen auf die blauen Wellen der Propontis gerichtet waren, bemerkte sie ein Fahrzeug mit vollen Segeln sich dem Ufer nahen. Es war dasselbe, das die Geschenke nebst den einzuschmuggelnden Waaren für die Kaiserin brachte. Auch der Kaiser sah es. Er befand sich eben in einem der Gärten, die er zwischen den Stadtmauern und dem Meere hatte anlegen lassen, in einem Pavillon, von dem aus jedes ein- oder auslaufende Schiff beobachtet werden konnte.

Theophilus erkannte seinen Kauffahrer und eilte sogleich mit allem Gefolge an Bord. Als ihm hier die Menge der Waaren auffiel, die alle mit seinem Siegel bezeichnet waren, so erkundigte er sich, was sie denn enthielten und ob sie alle ihm gehörten. Da hieß es, sie seien für die Kaiserin bestimmt. Nicht möglich! rief er aus, öffnet! Nun kamen Dinge zum Vorschein, die sehr verdächtig schienen und unmöglich nur zu Geschenken bestimmt sein konnten. Leute aus seiner Umgebung, die den Zusammenhang merkten oder wußten, schürten seinen Argwohn, und der herbeigelaufene Schiffshauptmann gestand alles, indem er zugleich den größeren Antheil der Schuld auf Theodora wälzte.

»Hat man je gehört, daß ein römischer Kaiser oder seine Gattin Handel getrieben hätten!« rief Theophilus voll Entrüstung aus und befahl, die ganze Ladung ans Land zu bringen und zu verbrennen, das Schiff selbst aber mit dem Befehlshaber und der Mannschaft gebot er nicht aus dem Hafen zu lassen, bis nicht die genaueste Untersuchung den Antheil ihrer Schuld ans Licht gebracht und ihre Strafe bestimmt hätte.

Im Palast angekommen, ließ er der Kaiserin, die kein Wort der Entschuldigung wagte, seine ganze Verachtung fühlen und verbannte sie von seinen Augen auf ein fernes Landgut. Theodora schwieg: sie sah ein, wie unklug und übereilt sie gehandelt hatte und war großmüthig genug, die ganze Schuld auf sich zu nehmen, um ihren Verwandten zu retten, der es unfehlbar mit einer grausamen Todesstrafe würde gebüßt haben. Sie begab sich also an den Ort der Verbannung, woselbst sie streng bewacht wurde und überhaupt die Ungnade ihres Herrn aufs schmerzlichste fühlen mußte.

Bei Verbrennung der Waaren ereignete sich der Unfall, daß durch die Habsucht der Leute, die damit beauftragt waren und manches für sich retten wollten, eine Feuersbrunst entstand, die sich äußerst rasch verbreitete und sogar einen Theil des Palastes ergriff und in Asche legte.

Mitten im Sturm dieser Ereignisse traf das Gesuch von Nikisa bei dem Kaiser ein, in welchem sie um die Erlaubniß bat, ihr Kloster und die Hauptstadt verlassen zu dürfen, um in einer entfernten Gegend ihre Tage zu beschließen.

»O die Unheilvolle!« rief der Herrscher aus, »sie trägt durch ihre thörichte Antwort an allem Uebel das mich betroffen die Schuld, ihre Rache verfolgt mich, möge sie ziehen so weit sie will, gern geb ich die Erlaubniß zu ihrer Entfernung und schleunigst verlasse sie uns, ich will es so!«

Als Nikisa das Blatt mit der Entscheidung seines Willens in Händen hielt, stürzten Thränen aus ihren Augen. Noch einmal überkam sie das ganze Gefühl der Verschmähung und ihrer Liebe, dann aber raffte sie sich auf, ohne Verzug eilte sie zu den Ihrigen, nahm Abschied und ging mit einigen anderen Frauen, die sich ihr angeschlossen hatten nach dem Abfahrtsplatze.

Weil sie früher schon gleich nach Ankunft des Schiffes sich hatte erkundigen lassen, ob er wieder nach dem Orient zurückkehre und der Schiffshauptmann das bejahte, indem er, schon damals nichts Gutes in seinem Gewissen ahnend, Konstantinopel baldigst wieder verlassen wollte, so betrat sie unbekümmert den Bord und überreichte ihren Erlaubnißschein dem Befehlshaber. Dieser erkannte sogleich, daß das kaiserliche Mandat, das einem Befehl an die Behörden gleichkam, das Verbot, ihn nicht aus dem Hafen zu lassen, aufhebe, und hocherfreut über den glücklichen Zufall gab er den Befehl, die Anker zu lichten, damit er bis um Mitternacht das hohe Meer gewänne.

Er erreichte vollständig seine Absicht und da sich gegen Morgen ein günstiger Wind erhob, so war er bei Tagesanbruch schon weit von Konstantinopel entfernt.

Zuweilen geschehen Dinge, die so unglückselig sind, daß die durch sie Betroffenen weder recht betrauert werden können, noch einer Rache werth sind, die man nur ungeschehen wissen möchte, für die es nichts besseres giebt als todtgeschwiegen zu werden. Von dieser Art war das Vergehen Theodora?s. Was auf ihr lastete, war so klein, so wenig, so lächerlich und doch so furchtbar entwürdigend. Es war so leicht zu verzeihen und blieb doch ein unauslöschlicher Makel.

Wochen vergingen, sie hörte von der fortwährenden Trauer ihres kaiserlichen Gemahls, und daß keiner von den Künstlern in seinem Reiche sich erkühne, die durch das Feuer zerstörten Räume des Palastes wieder herzustellen; da faßte sie den Entschluß an ihn zu schreiben, ihn um seine Gnade zu bitten. Sie enthüllte, welch geringe Schuld ihr beizumessen sei und bat in den rührendsten Worten um seine Liebe. Die Reue über ihren Fehler verzehre sie, die Entfernung von der Sonne ihres Lebens sei ihr Tod, aber sie ersehne ihn, wenn es keine andere Erlösung für sie aus ihrer Gefangenschaft gebe, nur möchte sie noch vor ihrem Sterben ein verzeihendes Wort ihres Gatten vernehmen.

Theophilus war aufs tiefste bewegt, er begab sich zu ihr, die ihm bei der ersten Begegnung nach so langer Trennung wieder so lieblich erschien, wie am Tage, da er sie zum ersten Mal gesehen und ihr den Apfel als Preis der Schönheit überreicht hatte.

»Wahrlich, ich fühle wohl,« rief er aus, »Du hättest noch Schlimmeres thun dürfen, und ich würde Dir doch verziehen haben.«

»Betrachte mich als die Strafbarste, aber auch als die Reuigste!« gab sie zur Antwort. »O, welch ein Prachtbau ist durch meine große Thorheit zerstört worden, gern gäb? ich mein Leben dahin, wenn ich ihn damit wiederherstellen könnte!«

»Deine Reue ist vor Gott mehr werth als alle Prachtbauten, und mir sei ein Ersatz das Glück, von Dir geliebt zu sein!«

Er umfasste sie leidenschaftlich und sie, unter seinen Küssen schmeichelnd sagte: »Aber wer verwehrt es Dir Deinen Lieblingsbau wieder aufrichten zu lassen?«

»Die Einkünfte vieler Jahre,« entgegnete Theophilus, »reichen nicht aus, die Kosten zu decken.«

»O,« rief Theodora, »wenn es das nur ist, so nimm alle die Prachtgeschenke, mit denen Du mich je bedacht hast, allen Schmuck, alles was ich besitze, nimm es, und zugleich als Sühne meines Fehlers! Wie glücklich werde ich sein, durch unbegrenzte Hingebung Dir den Verlust zu ersetzen!«

»Deine Schönheit wiegt alle Schätze der Welt auf,« sprach Theophilus; »aber es giebt auch keinen Baumeister in meinem ganzen Reiche, der es verstünde, jene Mauern so wieder aufzurichten, wie sie waren, denn sie bildeten die vollendetste Nachahmung der Residenz des Chalifen; Grundriß und Ausführung sind ein Geheimniß der morgenländischen Künstler, und bei der feindlichen Lage, in der wir uns dem Hofe von Bagdad gegenüber befinden, wird keiner sich herbeilassen uns zu dienen.«

»Wohlan denn,« rief Theodora wie in Begeisterung aus, »so gehe den Sultan selbst darum an, und weigert er sich, Dir einen Baukundigen zu senden, so überzieh? ihn mit Krieg! Wenn Du, woran ich nicht zweifle, siegreich bist, so kannst Du ihm diese Bedingung stellen, oder Du dringst selbst in seine Hauptstadt und giebst dort Deinen Künstlern den Auftrag, das Wunderwerk nachzubilden.«

Theophilus, der jung und muthig war und es zugleich für ein verdienstvolles Werk ansah, die Ungläubigen zu bekriegen, fand ihren Vorschlag unübertrefflich und ordnete sogleich einen Boten in diesem Sinne ab.

Er schmeichelte sich, so das Ziel zu erreichen, das er auf andere Weise nie würde erringen können und brannte vor Ungeduld, den Prachtbau, der vor seiner Phantasie schon fertig stand, in Angriff zu nehmen.

So ließ sich denn alles vortrefflich an, und das Verhältniß der Gatten schien ungetrübter und inniger als je. Aber es schien nur so. Es gab Augenblicke, in denen sie empfanden, daß ein dunkles unantastbares Etwas zwischen ihnen lag, eine nicht geheilte Wunde, und es brauchte nicht viel, um sie fühlen zu lassen, daß sich dies dunkle Etwas bis zur Abneigung, zu geheimem Widerwillen steigern könne. Was geschehen, es war überall bekannt geworden, und der Witz der Griechen erging sich in tausendfachen Anspielungen über die glückliche Kaufmannschaft der Kaiserin, Anspielungen, die oft nicht einmal gewollt waren, aber doch trafen. Es gab fast keinen Anlaß, wo nicht ein Wort fiel, das darauf hindeutete. Wenigstens nahm es Theophilus derart auf und fühlte sich verletzt.

Noch ein mißlicher Umstand kam hinzu, der Kaiser war ein Feind der Bilderverehrung und Theodora war deren heimliche Anhängerin. Man erzählte sich er habe öfters Verdacht geschöpft und einen Zwerg, der sein Lustigmacher und Ausspäher war, beauftragt, die Kaiserin zu belauern, ob er sie nicht bei Anbetung der Bilder beträfe. Der Zwerg dem erlaubt war, überall und zu jeder Stunde einzutreten, überraschte wirklich einmal die Kaiserin, als sie das Bild einer Heiligen vor sich hatte und davor niederkniete. Als er dies dem Kaiser hinterbrachte, fuhr dieser auf, ließ Theodora kommen und schalt sie eine Götzendienerin.

»Wer hat mich angeklagt?« fragte sie entrüstet.

Als der Kaiser ihr den Zwerg nannte, rief sie: »O, der Abscheuliche! in aller Morgenfrühe, als ich eben vor meinem Spiegel mich ankleidete, trat er ein, frech wie er ist, um mich zu belästigen. Ich wies ihn weg, und daher seine Anklage.«

»Und doch will er Dich vor einem solchen Bilde gesehen haben?«

»Was er sah war nur mein eigenes Bild im Spiegel.«

»Das eines Engels,« fügte der Kaiser lächelnd hinzu, und er züchtigte den Zwerg aufs empfindlichste für seine Angeberei.

Theodora wußte nicht, sollte sie seine Worte und sein Lächeln für Hohn oder für Liebenswürdigkeit nehmen, sie verschloß ihren Zweifel in sich und schwieg, doch konnte sie nicht verhüten, daß auch dieser Unfall bei Hofe mit vielen Ausschmückungen erzählt und herumgetragen wurde.

Inzwischen traf die Antwort des Chalifen ein, welcher das Ansinnen des griechischen Kaisers rund abschlug und mit trotzigen Worten erwiderte.

Die Folge davon war, daß man sich beiderseits ernstlich zum Krieg rüstete.

Schon war ein Theil des byzantinischen Heeres ausgerückt, und der Kaiser selbst mit Theodora, seinen obersten Feldherrn, Elitruppen, Räthen und Hofdienern sollte nachfolgen, als ein Umstand eintrat, der beinahe den Krieg vereitelt, wenigstens die Ursache desselben aufgehoben hätte.

Es meldete sich eines Tages ein Grieche aus Kleinasien, der seiner Aussage nach, aus türkischer langjähriger Gefangenschaft entronnen war und Entwürfe zu dem maurischen Palaste vorzulegen sich erbot. Er versprach, den Bau mit weniger Kosten als beanschlagt waren und in kürzester Frist herzustellen. Theophilus und noch mehr seine Gattin waren geneigt, auf den Plan einzugehen, versäumten aber dabei nicht, die Kriegsrüstungen fortzubetreiben.

Theodora besonders erzeigte sich dem jungen Griechen huldvoll und konnte nicht satt werden, seine Zeichnungen, die er in erstaunlich kurzer Zeit vollendet hatte, einzusehen, und sich die Entwürfe des Baues erklären zu lassen. Die Erzählungen von seinen Gefahren und Leiden rührten sie aufs innigste, und ihre mit Thränen erfüllten Blicke hefteten sich verstohlen an die schönen Züge des Fremdlings, um gewissermaßen das Erlittene aus ihnen herauszulesen. Dann waren es wieder seine Schilderungen morgenländischer Sitten und Prachtscenen, denen sie aufmerksam zuhörte.

Die Gelegenheit, seinen Worten lauschen zu können wiederholte sich; aber er selbst, der Gegenstand so vielfacher Theilnahme verhielt sich stets zurückhaltend in strenger Ehrerbietung, und es war augenscheinlich, daß dadurch die im Herzen der Kaiserin erwachte Neigung immer mehr Nahrung gewann.

Da lief plötzlich die Nachricht eines verlorenen Treffens ein, und zugleich wurde der Grieche als Späher des Feindes dem Kaiser verdächtigt. Theodora widersprach mit Eifer und auch mit Erfolg. Es gelang ihr, die Beschuldigungen der Ankläger zu entkräften, die falschen Berichte aufzudecken und die Räthe des des Kaisers die zum Zwecke eines Urtheils versammelt waren, von der Unschuld ihres Schützlings zu überzeugen. Es wurde keine Untersuchung gegen den Angeklagten eingeleitet und ihm jede Freiheit auch ferner gestattet. Ein leiser Argwohn blieb aber doch gegen ihn haften, besonders bei Theophilus; die lebhafte Vertheidigung von Seite der Kaiserin trug nicht bei, sein Mißtrauen zu verringern.

Eines Abends als sie allein noch den Garten durchwandelte, sah sie sich plötzlich vor den Ruinen jenes Palasttheiles, der durch Feuer war zerstört worden. Ein Schauer überlief sie vor den öden verkohlten Mauern, und mit beklommenem Herzen gedachte sie der Ursache, die allgemein ihr zur Last gelegt wurde. Aber sie konnte nicht umhin, den Antheil ihrer Schuld als gering zu betrachten, dagegen mit Bitterkeit der Ungnade zu gedenken, der Härte, mit welcher ihr Gemahl sie bestraft hatte. Es kam ihr vor, als sei ein großes Unrecht an ihr verübt worden, als habe Theophilus alles Recht an ihre Liebe damit verloren.

Während dieser Gedanke sie beunruhigte, gewahrte sie zu ihrem größten Erstaunen den Fremden vor sich. Er stand in sinnender Betrachtung auf seinen Maßstab sich stützend über den Ruinen. Auch er hatte nun die Kaiserin bemerkt und näherte sich ihr in einer Weise, die sie bisher noch nicht an ihm beobachtet hatte. Mit einer freien, beinahe gebieterischen Haltung kam er ihr entgegen und bot seine Begleitung an. Sie fühlte sich befangen und hatte nicht den Muth, sein Anerbieten abzuweisen, um so weniger, da die düstere Umgebung und das schnell einbrechende Dunkel sie beängstigten. Er führte sie durch die Reste des ehemaligen Baues, erklärte ihr aus den Trümmern die frühere Pracht und ließ vor ihren Augen die künftige schöner noch und glänzender emporsteigen.

Wie sie von Stufe zu Stufe über die Brandstätte hinanklommen, gewann sie an Ueberblick, und ihre Vorstellung belebte sich mit dem Bilde des Werdenden. In gleichem Maße wuchs ihre Bewunderung für den Werkmeister, den Urheber all des Herrlichen und Großen, was da entstehen sollte.

»Ich beneide Dich,« sprach sie, »um die göttliche Kunst, die Dir die Macht verleiht, Dinge ins Leben zu rufen, die man mit den Werken der Schöpfung vergleichen darf, die mit dem Erhabensten wetteifern, was die Natur hervorbringt.«

»Mit Recht,« antwortete der Baumeister, »stellen sich unsere Werke denen der Natur an die Seite, die Kunst lehrt uns, die unendliche Kraft und Ordnung jener ahnen, sie gewährt uns in der Nachahmung des ewigen Urmaßes die höchste Befriedigung des menschlichen Geistes. Jene Kreise und Linien, in welchen sich die Bahnen der Gestirne über uns bewegen, sie sind Richtschnur und Gesetz der Werke, die wir aufrichten.«

»Und gewiß,« versetzte sie, »empfinden wir deshalb soviel Vergnügen beim Anblick eines schönen Gebäudes, weil es uns an die Harmonie der Allmacht gemahnt, ähnlich wie auch die Schönheit der menschlichen Gestalt uns zu Bewunderung hinreißt und die Liebe in uns erregt.«

Sie sah empor, beider Blicke trafen sich. Ein sanftes Lächeln flog über sein Antlitz, aber wie er sich zu ihr niederbeugte und ihre Stirn mit einem Kuß berühren wollte, in demselben Augenblick fuhr sie mit einem bangen Schrei zurück und klammerte sich voll Entsetzen an seinen Arm. Beinahe wäre sie ausgeglitten und die Treppe hinabgestürzt, allein er hielt sie fest umfaßt. Ein tückisches Lachen störte ihn auf, und nun bemerkte auch er den Grund ihres Schreckens. Aus dem Strauchwerk vor ihnen erhob sich eine häßliche Ungestalt und deutete mit dämonischem Grinsen auf den Torso einer Gruppe, Amor und Psyche darstellend, die halb von Schutt überdeckt neben ihnen lag.

»Es ist Denderim, der Zwerg des Kaisers, sein Ausspäher und Hinterbringer,« flüsterte Theodora, »da der uns gesehen, sind wir verloren, schuldig vor den Augen meines Gatten, schuldig und gerichtet, denn was könnte ich zu meiner Verteidigung sagen?«

»Fürchte nichts,« antwortete der Jüngling, »Deine Neigung trifft kein Vorwurf, ich werde unsere Vertheidigung führen.«

»Ach,« erwiderte sie, »schon bist auch Du verdächtigt, man hat Dich dem Kaiser als einen Kundschafter des Chalifen angegeben, schon war es nahe daran, daß man Dich verhaftet hätte!«

»Und warum geschah es nicht?«

»Weil ich für Dich sprach, ich, die man jetzt in Deinen Armen sah. Ich Unglückselige! Sie kommen ? hörst Du ? sie kommen! man sucht uns!«

Wirklich bewegte sich eine Schaar der Palasttruppen von dem Zwerge geführt gegen die Stelle, wo sie sich befanden.

Die Verfolgten hatten das nicht sobald wahrgenommen, als sie die Treppe hinabeilten, gleich als wollten sie jenen entgegenkommen, dann aber verschwanden sie, unwahrnehmbar, wie, in dem Dickicht. Sie hatten den Sprung in eine beträchtliche Tiefe von der Treppe gewagt und waren dann in eine Grotte geschlüpft, die ganz von Schlinggewächsen überwuchert, keinen Eingang gewahren ließ und ihnen so den besten Zufluchtsort bot. Von der Grotte aus erstreckte sich nach vier Seiten ein Labyrinth von Gängen, deren einer bis an das Gestade des Meeres führte. Dem Baumeister allein war dieser Weg bekannt, den er bei Aufnahme und Durchforschung der Ruinen entdeckt und bis zu seinem Ausgang verfolgt hatte.

»Hier sind wir gerettet,« sprach er zu Theodora, »wir gelangen von da bis an das Meer, dort werden wir ein Fahrzeug finden, das uns zur Verfügung steht. In Einem nämlich hatten meine Ankläger nicht unrecht, ich unterhielt stets ein Einverständniß mit Orientalen und hatte stets mir ergebene Leute hier in Bereitschaft, denn ich ahnte wohl, daß eintrete was nun auch geschehen ist, daß ich zur Flucht genöthigt sein würde. Folge mir unbesorgt!«

»Wie soll ich es verantworten vor Gott, vor meinem Gewissen?«

»Nun,« sprach ihr Erretter, »Hast Du mir nicht erzählt, daß Zufall und Laune nur Dich ihm verbunden, daß er Deine Liebe mit rücksichtsloser Härte gelohnt hat? Einer knabenhaften Willkür dankst Du Deine Erhebung, und ein leichter Fehler wurde Dir mit unerbittlicher Strenge geahndet. Was willst Du da noch hoffen, wie kannst Du von ihm Gerechtigkeit, Versöhnung erwarten? Nein, theure Herrin, Dir bleibt keine Wahl als zu fliehen, oder einem gewissen, schmählichen und martervollen Tod entgegenzugehen!«

»Was Du sagst ist wahr, ach, nur allzu wahr! Wisse denn, daß ich liebe und entschlossen bin, mit Dir zu fliehen!«

Thränen begleiteten ihre Worte, aber der Freund ergriff ihre Hand und zog sie mit beschleunigten Schritten nach dem Ausgang des Gewölbes, den ihnen bald ein schwacher Lichtschimmer entdeckte. Als sie heraustraten, war es noch früh, die Morgenröthe leuchtete in purpurnem Wiederschein über das Meer. Sie mietheten wie zur Lustfahrt eine Barke, die sie bald an Bord eines größeren Fahrzeugs brachte.

Ihre Flucht gelang vollständig und war durch den Umstand begünstigt, daß der Kaiser an diesem und an dem folgenden Tage zu einer Heerschau vor den Mauern Constantinopels abwesend war. Als er zurückkehrte und das Unerhörte vernahm, schwieg er mit staunenswerther Fassung. Keine Klage, kein Vorwurf über die erlittene Kränkung, kein Befehl, die Strafbaren zu verfolgen, kam über seine Lippen, es blieb Alles, als ob Nichts vorgefallen wäre.

Mit um so größerer Thatkraft aber betrieb er die Fortsetzung des Krieges. Die kürzlich erlittene Niederlage eines seiner Unterbefehlshaber zu rächen, war sein einziges Bestreben. Er fühlte sich im vollen Muthe seiner Jugend, er entdeckte den ungeheuern Reichthum an Fähigkeiten und Kräften in seinem Reich, die bisher nur einer tüchtigen Leitung ermangelt hatten; ganz erfüllt von seiner Herrscherpflicht und ihr hingegeben, war er wirklich groß.

So vergingen Wochen und Monde, der Flüchtigen ward nicht mehr gedacht. Der Krieg war Alles. Bereits standen die Heere sich schlagfertig gegenüber, da traf eine Botschaft des Chalifen ein, der dem Kaiser der Römer Frieden anbot, und als ersten Beweis einer freundschaftlichen Gesinnung die Auslieferung eines Verbrechers versprach, jenes Griechen, der sein Vertrauen so frevelhaft gemißbraucht hatte. Theophilus war zu sehr verwundert über dies Anerbieten, als daß er nicht vor Begierde gebrannt hätte, sich von dessen Wahrheit zu überzeugen und eine furchtbare Rache zu nehmen.

Er gewährte demnach einen Waffenstillstand und erwartete mit Ungeduld den Gefangenen. Welche Geständnisse würde er hören, welche Strafe sollte der Verräther erleiden müssen! Die vereinbarte Stunde rückte heran. Eines Morgens, als er am Zelte mit dem Kriegsobersten über die Vortheilhaftigkeit und die Bedingungen eines Friedensschlusses berieth, nahte sich ein Zug mahomedanischer Reiter, die in ihrer Mitte den Gefangenen hatten. Er befahl, ihn sogleich hereinzuführen. In der ersten Aufregung seines Zornes hatte er schon sein Schwert gezogen, um ihn mit eigener Hand zu tödten, sein Antlitz war bleich vor Zorn, und seine Lippen bebten. Aber statt eines Mannes trat eine weibliche verhüllte Gestalt heran und zeigte, indem sie den Schleier zurückschlug, ein Antlitz, das er kannte, dessen stille und ernste Schönheit ihn überwältigte ? Nikisa?s Antlitz.

Er ließ von Ueberraschung und einer unwiderstehlichen Anwandlung von Reue ergriffen, das Schwert aus seiner Hand gleiten und trat einen Schritt zurück.

»Nikisa Du? Dich zu sehen hatte ich nicht erwartet! Was willst Du?«

»Deine Verzeihung.«

»Ach, Nikisa, ich habe Dir viel zu vergüten und glaube kaum, daß Du meiner Verzeihung noch bedarfst.«

»Dies eine Mal doch,« sagte sie lächelnd, bog das Haupt zur Seite, indem sie zugleich den Schleier halb über ihr Gesicht zog. »Erkennst Du mich?«

Das Erstaunen des Kaisers erreichte den höchsten Grad, er glaubte den Betrüger, den Entführer seiner Gattin vor sich zu sehen und starrte sie sprachlos an.

»Ja, ich bin es,« sprach sie, »erlaube, daß ich Dir Alles offenbare, dann richte, dann strafe!«

Der Kaiser nickte; er konnte den Blick nicht von ihr abwenden und flüsterte vor sich hin: »Sie ist es wirklich! Ja, erzähle!«

Nikisa hob an: »Als das Verbot gegen meine unwürdigen Gesänge von Deinem Thron aus erging, mein erhabener Gebieter, da fühlte ich wohl, daß trotz der klösterlichen Abgeschiedenheit mein Herz noch allzusehr unter dem Einfluß irdischer Eitelkeit leide, ich raffte mich daher auf, um eine von der Welt möglichst abgeschiedene Stätte zu suchen.«

»Es ist mir wohl in der Erinnerung,« unterbrach sie Theophilus, »furchtbare Schicksale haben uns seither betroffen.«

»Wüßtest Du, mein hoher Herr,« erwiderte Nikisa, »welchen Unfällen und Gefahren auch ich zu begegnen, welche Leiden auch ich zu erdulden hatte, Dein Mitleid würde das Gedächtniß meiner Fehler auslöschen.«

»Sprich nicht von Fehlern ? ich war zu streng gegen Dich, vielleicht sogar verblendet. Doch nun rede von den Unfällen, die Du zu bestehen hattest, die Erzählung Deiner Leiden werde ich wie selbst erlittne fühlen und so mich selbst strafend, für meine Härte büßen.«

Nikisa erzählte: »Das Schiff also, dem ich mich zu meinem Zwecke nebst mehreren anderen frommen Frauen und Pilgern anvertraute, hatte kaum den Hafen von Constantinopel verlassen, als der Befehlshaber einen verderblichen Entschluß in sich ausbrütete. Mein Mißtrauen gegen ihn nahm Tag für Tag zu, und seine höhnischen Mienen, seine widersprechenden Reden überzeugten mich, daß er mit den schlimmsten Absichten umgehe. Ich hielt mich gefaßt, einer großen Gefahr entgegentreten zu müssen. Es dauerte nicht lange, so hielt es der Verräther nicht einmal mehr der Mühe werth, die Maske der Verstellung beizubehalten, er zauderte nicht, sein ruchloses Vorhaben, uns Alle in türkische Sklaverei zu verkaufen, laut werden zu lassen. Die Rückkehr in die Heimat sah er sich versperrt, was lag ihm an uns, wenn er sich dadurch den Ungläubigen gefällig erweisen konnte. Ich stellte mich ihm entgegen und sprach:

?Wenn die Furcht vor Entdeckung eines früheren Vergehens Dich zu einem noch größeren antreibt, so kann vielleicht der Himmel Deine Schuld verzeihlich finden, aber wenn Dir dabei Gelegenheit wird, durch ein gutes Werk volle Vergebung zu erlangen, so erblicke darin die Gnade einer ewigen Gerechtigkeit!?

?Welches gute Werk?? frug er und sah mich finster an.

?Ich will nicht Deine Großmuth, nicht Deine Barmherzigkeit anrufen,? antwortete ich, ?auch nicht Deinen Dank erheischen, sondern gebe Dir nur eines zu bedenken, daß Du mich um einen höheren Preis verkaufen kannst, wenn Du mir männliche Kleider verschaffst und mich für einen Jüngling, der viele nützliche Kenntnisse besitzt, ausgiebst, dann hast Du das gottgefällige Werk und zeitlichen Gewinn zugleich. Auch erkläre ich Dir, daß ich mir eher den Tod gebe, als den heiligen Gelübden untreu werde. Du aber wirst, wenn auch hienieden straflos, doch gewiß jenseits der verdienten, furchtbaren Vergeltung nicht entgehen.?

So sprach ich, und er, weniger durch meine Bitte gerührt, als durch die Aussicht auf höheren Gewinn bestochen, vielleicht auch aus Furcht vor der ewigen Strafe ? willigte ein und verschaffte mir das Nöthige. Als ich mich so verwandelt sah und im Besitz einer Waffe mich auch für sicher genug hielt, beseelte mich nur der eine Wunsch, mir durch meine Kenntnisse die Mittel zu verschaffen, wie ich wieder frei würde.

Kaum daß wir gelandet waren und die Straßen einer Stadt in Syrien betraten, so näherte sich uns ein Hochbetagter, von höchst würdevollem Aeußern, den das Ansehen, das ihm von allen Seiten zutheil wurde, als einen Vielvermögenden kennzeichnete. Er bot mir an, da er mich der Landessprache kundig fand, mich in sein Haus und in seine Dienste zu nehmen.

?Ich hoffe,? sagte er zu mir, ?junger Grieche, eine geziemende Beschäftigung für Dich zu finden, da mir die Sorge für den Palast und die Güter des Sultans übertragen ist.?

Ich sprach ihm meinen Dank aus und fand bald Gelegenheit, Proben meines Eifers zu geben. So erwarb ich in Kurzem sein Vertrauen und erhielt die selbstständige Leitung mehrerer Arbeiten. Ich lernte nun in Wirklichkeit das anwenden, was ich bisher nur aus Büchern gelernt hatte, und eine neue Freude am Leben ging mir damit auf.

Es schien, als wäre mit der äußerlichen Verwandlung auch eine innere mit mir vorgegangen, ich fühlte mich so frei, so sicher in Allem was ich begann, und so erwachte denn auch der Muth in mir, dem Aufruf an alle Baumeister Deines Reiches Folge zu leisten und vor Dein Antlitz zu treten, denn bereits hatte ich am Hofe des Chalifen einige Berühmtheit erlangt und war zur Stelle eines seiner ersten Architekten erhoben worden. Es gelang mir, einen Plan jenes großartigen Bauwerks, das einzige Vorbild Deines zerstörten Palastes Dir zu Füßen zu legen.«

Ein mildes Lächeln glitt bei diesen Worten über das schwermüthige Gesicht des Kaisers und Nikisa fuhr in ihrer Erzählung fort:

»Ich kam also, ich trat vor Dich und Theodora, Ihr erkanntet mich nicht. Die fremde Tracht, die Veränderung, welche der lange Aufenthalt in einem andern Land und Klima hervorgebracht hatten, war so mächtig, daß Niemand diejenige, die ich war, in mir vermuthete. Da mußte durch einen Zug der Theilnahme veranlaßt, die schwesterliche Neigung Deiner Gattin zu mir in ein seltsames Irrsal von Liebe verwandelt werden, denn gleich als wäre ich was ich schien, wandte sich ihr Herz mir zu. Wer möchte sie darum schuldig sprechen? Mir trug sie durch diese Liebe eine Schuld ab, weil sie mir einst Deine Liebe geraubt hatte, obwohl nicht mit Willen, und nicht kannst Du jetzt ihren Willen verurtheilen, denn obwohl sie mit mir Deinem Zorne sich entzog, so geschah das doch nicht in der Absicht, Dich für immer zu verlassen. Alles in Allem vollbrachte sie nur ein Werk der Sühne, ohne daß sie es wußte und wollte, und ohne daß sie an meiner Seite eine Untreue gegen Dich begehen konnte. Verzeihe also ihr und mir!«

Theophilus blickte sie finster an.

»Dir,« sprach er, »sagte ich im voraus meine Vergebung zu, aber wo ist jene? Ich will auch sie hören.«

In diesem Augenblick öffnete sich der Vorhang des Zeltes und Theodora trat ein. Sie blieb stehen, nachdem sie kaum ein paar Schritte gegangen war, und es schien, als ob sie zittre und ihre Kräfte sie verlassen wollten.

Da sprach er: »Weil ich nun dem Schlimmeren, dem Verführer« ? indem er auf Nikisa deutete ? »verzieh, so muß ich es wohl auch der Verführten!«

Hochaufathmend blickte sie empor, und als sie in seinen Augen die Bestätigung der milden Worte las, eilte sie auf ihren Gatten zu und sank an seine Brust. Er zog sie liebreich an sich, Nikisa aber sprach: »Nun lebt wohl ? mein Werk ist gethan ? Ihr seid versöhnt, ich bin es auch.«

»Willst Du nicht mit uns in Deine Heimat zurück?« fragte sie der Kaiser.

»Allerdings,« erwiderte sie, »nehmt mich mit Euch. Ich kehre mit Euch nach Constantinopel zurück, nicht aber, um dort bei Hof zu leben, oder die Mauern des Klosters wieder aufzusuchen, sondern um das nun nach dem Tod meiner Eltern verwaiste Haus meiner Kinderjahre wieder zu bewohnen und dort wie einst meinen Büchern und meiner Musik zu leben. Eines aber noch erbitte ich mir von Dir, hoher Herr, versage mir nicht die Anerkennung, daß ich das wahrgesprochen, was ich als ein junges und unerfahrenes Mädchen gesagt habe: ?Wenn auch viel Uebles durch weibliche Schönheit in die Welt gekommen, durch das Verdienst Einer, die höchste Liebe, ist Alles wieder vergütet und ausgeglichen worden.?«

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