Consuelo. I. Band

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Erster Theil.

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1.

Ja, ja, Mesdemoiselles, schütteln Sie die Köpfe so viel es Ihnen beliebt; die beste und folgsamste von allen ist ? doch nein! ich nenne sie nicht; denn sie ist in meiner Klasse das einzige bescheidene Kind, und ich will sie nicht an eine so seltene Tugend bringen, welche ich Ihnen eben wünsche ...

? In nomine Patris er Filii et Spiritus sancti sang die Costanza mit trotziger Miene.

? Amen, antworteten im Chore die übrigen jungen Mädchen.

? Bösewicht! sagte die Clorinda, indem sie dem Singmeister ein hübsches böses Gesicht machte und ihm mit dem Stiele ihres Fächers einen leisen Schlag auf die knochigen und gerunzelten Finger gab, welche noch ausgestreckt auf der Claviatur der Orgel ruheten.

? Kommt mit! sagte der alte Professore mit dem erfahrenen und ruhigen Wesen eines Mannes, welcher seit vierzig Jahren sechs Stunden täglich alle Launen und Schelmereien verschiedener Generationen von weiblichen Zöglingen zu bestehen hat. Er steckte seine Brille in das Futteral und seine Tabaksdose in die Tasche, ohne nach dem eifernden und spottenden Schwarme aufzublicken. Wahr ist es dennoch, setzte er hinzu, jenes wohlgesittete, lernbegierige, fleißige, gute Kind, von dem ich sagte, das sind Sie nicht, Signora Clorinda; und Sie nicht, Signora Costanza; Sie auch nicht, Signora Zulietta; die Rosina eben so wenig; und die Michela noch weniger ...

? Dann bin ichs ... Nein, ich!... ? Gar nicht, ich! ... ? Ich! ? Ich! ? riefen mit ihren flötenden oder schneidenden Stimmen funfzig Blondinen und Brünetten und warfen sich wie ein Flug Möven auf eine arme Muschel, die das ebbende Meer auf dem Strande im Trocknen zurückgelassen hat.

Die Muschel, nämlich der Maestro (und fürwahr, kein treffenderes Gleichniß ließe sich für ihn erdenken, mit seinen eckigen Bewegungen, seinen schillernden Augen, seinen rothgefleckten Backen und besonders seiner weißen, sich in tausend steifen, spitzigen Löckchen kräuselnden Perrücke), der Maestro, sag ich, dreimal wieder auf die Orgelbank zurückgedrückt, so oft er sich erhob um hinwegzugehen, aber immer ruhig und unerschüttert, ganz wie eine von den Stürmen gewiegte und abgehärtete Muschel, ließ sich lange bitten; daß er diejenige seiner Schülerinnen nennen möchte, welche er, mit seinen Lobsprüchen sonst so karg, diesmal damit überhäuft hatte. Endlich, indem er that, als ob er den Bitten, die seine Schlauheit hervorgerufen, nur mit Widerstreben wiche, griff er nach dem Magisterstabe, der ihm zum Taktschlagen diente, und trennte und theilte mittels desselben seinen undisciplinirten Haufen in zwei Reihen ab. Endlich schritt er zwischen diesem doppelten Spaliere leichter Köpfchen hindurch und blieb am Ende des Orgelchores vor einem kleinen Wesen stehen, das, die Ellenbogen auf die Kniee gestützt, die Finger in den Ohren, um nicht von dem Lärm gestört zu werden, seine Aufgabe halblaut, um Niemanden zu stören, lernend, und zusammengebückt wie ein Aeffchen, auf einer Stufe saß; mit feierlicher und triumphirender Miene blieb er stehen, den Fuß und den Arm vorgestreckt, wie Paris der den Apfel reicht, hier nicht der Schönsten, aber der Folgsamsten.

? Consuelo? die Spanierin? riefen in der ersten Ueberraschung die jungen Choristinnen wie aus einem Munde, dann brach ein allgemeines, homerisches Gelächter aus und lockte die Röthe des Verdrusses und des Zornes auf die majestätische Stirn des Lehrers. Die kleine Consuelo, deren verstopfte Ohren von der ganzen Unterredung nichts gehört hatten, und deren zerstreute Augen aufs Gerathewohl umherblickten ohne etwas zu sehen, so vertieft war sie in ihre Arbeit, ? Consuelo merkte Anfangs nicht im geringsten auf all den Tumult, und als sie endlich die Aufmerksamkeit wahrnahm, welche sie erregt hatte, ließ sie ihre Hände aus den Ohren auf ihren Schoß und ihr Heft von ihrem Schoße auf die Erde fallen; starr vor Erstaunen saß sie da, verwirrt nicht, doch ein wenig erschreckt, und zuletzt stand sie auf und blickte hinter sich, um zu sehen, ob etwa dort irgend etwas Sonderbares oder Lächerliches wäre, das statt ihrer zu einer so lärmenden Lustigkeit Anlaß geben mochte.

? Consuelo, sagte der Maestro, indem er sie ohne weitere Erklärung bei der Hand nahm, komm her, mein gutes Kind, und singe mir das Salve Regina von Pergolese, das du seit vierzehn Tagen übst und woran die Clorinde schon ein Jahr lernt.

Consuelo ging, ohne zu antworten, ohne Furcht, ohne Stolz, ohne Verlegenheit, mit dem Singlehrer an die Orgel; dieser setzte sich und gab mit triumphirenden Blicken seiner jungen Schülerin den Ton an. Rein, einfach, ohne Anstrengung sang Consuelo und es klangen unter den tiefen Wölbungen der Kathedrale hin die Töne der schönsten Stimme, die jemals dort erschollen war. Sie sang das Salve Regina ohne sich des kleinsten Gedächtnißfehlers schuldig zu machen und ohne einen Ton zu wagen, der nicht untadelhaft rein und voll gerieth und immer am rechten Orte ausgehalten oder losgelassen; sie folgte nur ganz willenlos, aber mit der größten Pünktlichkeit den Anweisungen, welche der einsichtige Lehrer ihr gegeben hatte, und führte mit ihren gewaltigen Mitteln die wohlbedachten und richtigen Intentionen des trefflichen Mannes aus; so leistete sie mit der Unerfahrenheit und Unbewußtheit eines Kindes was wohl Kenntniß, Fertigkeit und Begeisterung einer vollendeten Sängerin nicht vollbracht hätten: sie sang mit Vollkommenheit.

Recht gut, mein Kind, sagte der alte Meister, der mit seinem Lobe stets sparsam war. Du hast mit Aufmerksamkeit studirt und du hast mit Bewußtsein gesungen. Das nächste Mal sollst du mir die Cantate von Scarlatti wiederholen, die ich dir eingeübt habe.

? Si, Signor Professore, antwortete Consuelo. Kann ich nun gehen?

? Ja, mein Kind. Mesdemoiselles, die Stunde ist aus.

Consuelo nahm ihre Hefte, ihren Bleistift und ihren kleinen Fächer von schwarzem Papier, den steten Begleiter der Spanierin wie der Venezianerin, den sie zwar fast niemals brauchte, aber immer bei sich hatte, und that das alles in einen kleinen Kober. Dann verschwand sie hinter den Orgelpfeifen, schlüpfte behend wie ein Mäuschen über die dunkle Treppe, die in die Kirche hinabführt, kniete an dem Mittelschiff vorübereilend einen Augenblick nieder, und eben als sie die Kirche verlassen wollte, traf sie bei dem Weihwasser einen schönen Herrn, welcher ihr lächelnd den Wedel reichte. Während sie nahm, schaute sie ihm gerad ins Gesicht mit der Unbefangenheit eines kleinen Mädchens, das seine Weiblichkeit noch nicht weiß und fühlt, und mischte so komisch ihre Bekreuzigung mit ihrem Dank, daß der junge Herr zu lachen anhob. Consuelo lachte ebenfalls; aber auf einmal, als ob es ihr einfiele, daß sie erwartet werde, fing sie an zu laufen und hatte im Augenblicke Thürschwelle, Stufen und Vorhalle der Kirche hinter sich gelassen.

Unterdessen steckte der Professor seine Brille zum zweiten Male in seine große Westentasche, und sprach dabei zu den Schülerinnen, welche ihn schweigend umgaben:

? Schämen Sie sich, meine schönen Demoiselles! sagte er. Dieses kleine Mädchen, die jüngste unter Ihnen, die jüngste meiner Klasse, ist die einzige, die ein Solo ordentlich singen kann, und in den Chören läßt sie sich durch alle Dummheiten, welche Sie rechts und links machen, nicht irreführen, sondern ich höre sie immer richtig und sicher wie einen Klavierton. Eifer und Ausdauer besitzt sie, und außerdem was Sie alle, wie Sie da sind, nicht haben und niemals haben werden: Bewußtsein!

? Aha! hat er sein Schlagwort noch losgelassen! rief Costanza, als er hinaus war. Er hat es blos neun und dreißigmal während der Stunde angebracht, und er wäre wahrhaftig krank geworden, wenn ihm das vierzigste entgangen wäre.

? Ein rechtes Wunder, wenn die Consuelo Fortschritte macht, sagte Zulietta. Sie ist so arm. Sie hat an weiter nichts zu denken als wie sie nur geschwind etwas lerne, um ihr Brot zu verdienen.

? Ihre Mutter soll eine Zigeunerin gewesen sein, setzte Michelina hinzu, und die Kleine hör ich, hat auf Gassen und Landstraßen gesungen, ehe sie hierher kam. Eine schöne Stimme hat sie, das kann man nicht bestreiten; aber sie hat nicht ein Fünkchen Geist, das arme Ding. Sie lernt auswendig, sie folgt sklavisch den Anweisungen des Professors, und dann thut ihre gute Lunge das Uebrige.

? Mag ihre Lunge noch so gut sein, und hätte sie noch so viel Geist obenein, sagte die schöne Clorinda, so möchte ich doch nicht mit ihr tauschen, wenn ich meine Gestalt für die ihrige hingeben müßte.

? Da würdest Du auch nicht so gar viel verlieren, entgegnete die Costanza, welche niemals große Lust hatte, Clorindens Schönheit anzuerkennen.

? Nein! schön ist sie nicht, sagte eine Andere, sie ist gelb wie eine Osterkerze und ihre großen Augen sind so nichtssagend, auch ist sie immer so schlecht angezogen: gewiß, ganz garstig ist sie. ? Armes Mädchen! o, es ist ein recht großes Unglück für sie, das alles. Kein Vermögen, keine Reize!

So endete Consuelos Lob; durch dieses Bedauern hielten sich die Anderen für die Bewunderung schadlos, welche ihnen der Gesang des Mädchens abgenöthigt hatte.

2.

Es trug sich dieses in Venedig zu, vor etwa hundert Jahren und zwar in der Kirche der Mendicanti, als eben der berühmte Maestro Porpora daselbst die Proben der großen Vespermusik beschloß, welche er zu Mariä Himmelfahrt nächsten Sonntag auszuführen hatte. Die jungen Choristinnen, die so wacker von ihm ausgescholten wurden, waren Freischülerinnen jener Scuola, welche die Republik unterhielt, um junge Mädchen darin auszubilden und später auszustatten ? soit pour le mariage, soit pour le cloître, sagt Jean Jacques Rousseau, der ihren herrlichen Gesang gerade auch um jene Zeit und in derselben Kirche bewundert hat. Gewiß erinnerst du dich, lieber Leser! seiner Schilderung und der reizenden Episode im 7. Buche der Confessions. Ich werde mich wohl hüten, diese Paar Seiten, die entzückend sind, dir hier abzuschreiben, denn die meinigen würdest du danach nicht wieder in die Hand nehmen mögen; und ich an deiner Stelle, lieber Leser, würde es eben so machen. Ich will nun hoffen, daß du die Confessions nicht gerade bei der Hand hast, und in meiner Geschichte fortfahren.

Nicht alle diese jungen Mädchen waren gleich arm, und es ist kein Zweifel, daß der äußerst gewissenhaften Verwaltung ungeachtet manche mit einschlüpften, für welche es weit mehr eine Speculation als ein Bedürfniß war, auf Kosten der Republik ihren Unterricht in der Kunst und eine Ausstattung zu erhalten. Daher erlaubten es sich manche die heiligen Gesetze der Gleichheit zu vergessen, unter deren Anrufung es ihnen gelungen war, sich auf dieselben Bänke mit ihren wirklich armen Schwestern zu stehlen. Manche entzogen sich dann wohl wieder der ernsten Bestimmung, welche die Republik ihnen zugedacht hatte, und verzichteten, nachdem sie den Vortheil des unentgeldlichen Unterrichts genossen hatten, auf die Mitgift, um anderweitig sich ein glänzenderes Loos zu bereiten. Die Verwaltung hatte es nicht vermeiden können, zu den Lehrstunden bisweilen auch die Kinder armer Künstler zuzulassen, denen ihr unstätes Leben keinen längeren Aufenthalt in Venedig gestattete. Zu dieser Klasse gehörte die kleine Consuelo. Sie war in Spanien geboren und von dort nach Italien gekommen, ich weiß nicht ob über St. Petersburg oder Constantinopel, Mexiko, Archangel oder auf einem Wege, noch direkter, nach Zigeunerart, als die genannten.

Zigeunerin war sie nur durch Lebensweise und nach dem Redegebrauch, von Abkunft war sie weder irgendwie Gitana, noch Hindu, noch Israelitin; sie war von reinem spanischem Blute, von maurischem Ursprung ohne Zweifel, denn sie war so ziemlich braun und ihr ganzes Wesen war von einer Ruhe, wie solche nicht den umherschweifenden Stämmen eigen ist. Ich will hiermit von diesen Stämmen nichts Uebles gesagt haben. Hätte ich mir Consuelos Gestalt erdacht, so weiß ich nicht, ob ich sie nicht von Israel hätte ausgehen lassen: so aber war sie von der Rippe Ismaels entstammt, ihr ganzes Wesen verrieth das. Ich habe sie nicht gesehen, denn hundert Jahre bin ich noch nicht alt, aber man hat es mir versichert, und ich wüßte nicht, was sich dawider sagen ließe. Jener Wechsel von fiebrischem Ungestüm und stumpfer Abspannung, welcher die Zingarelle bezeichnet, war ihr fremd. Sie hatte nichts von der geschmeidigen Neugier und der unermüdlichen Zudringlichkeit einer bettelnden Ebbrea. Sie war so still wie das Wasser der Lagunen und zugleich so ämsig wie die leichten Gondeln, welche die Fläche desselben unablässig durchfurchen.

Da sie schnell wuchs und da sich ihre Mutter in großer Dürftigkeit befand, so trug sie Kleider, welche ihr immer um ein Jahr zu kurz waren: ihren langen vierzehnjährigen Beinen gab dies eine solche Art von wilder Grazie und Dreistigkeit des Schreitens, daß es zugleich lustig und traurig anzusehen war. Ihr Fuß ließ nicht erkennen, ob er klein sei, so plump war er bekleidet. Ihr Wuchs dagegen, umspannt von dem zu eng gewordenen und an allen Nähten durchbrochenen Leibchen, zeigte sich schlank und biegsam wie eine Palme, aber formlos, nicht gerundet, nicht verführerisch. Das arme Mädchen dachte daran nicht. Sie war es gewohnt, sich »Affe«, »Citrone«, »Mulattin« von den blonden, weißen und völligen Töchtern der Adria schelten zu hören. Ihr rundes, bleiches, unbedeutendes Gesicht würde Niemanden aufgefallen sein, wenn nicht ihr kurzes, dichtes, hinter den Ohren zurückgeworfenes Haar und ihr ernsthafter, auf keinem Gegenstande verweilender Blick diesem Gesichte eine eigene, nicht gerade angenehme Sonderbarkeit gegeben hätten.

Ein Aeußeres, das nie mißfällt, verliert mehr und mehr die Fähigkeit, zu gefallen. Wer ein solches hat, wird durch die Gleichgültigkeit Anderer gleichgültig gegen sich selbst gemacht und nimmt eine Vernachlässigung der Haltung an, welche immer mehr die Aufmerksamkeit von ihm abwendet. Die Schönheit nimmt sich in Acht, richtet sich ein, hält auf sich, betrachtet sich und stellt sich gleichsam stets sich selbst in einem eingebildeten Spiegel vor Augen. Die Häßlichkeit vergißt sich und läßt sich gehen. Doch giebt es zwei verschiedene Arten: die eine fühlt sich von Allen verworfen und sträubt sich dawider in steter Regung von Wuth und Neid ? das ist die wahre, die unbedingte Häßlichkeit; die andere ist unbefangen, sorglos, hat sich beschieden, scheuet nicht das Urtheil und sucht es nicht, gewinnt aber die Herzen, indem sie den Augen wehe thut ? so war Consuelos Häßlichkeit. Wohlthäter, die sich ihrer annahmen, meinten wohl zuerst: wie Schade, daß sie nicht hübsch ist! besannen sich dann und nahmen den Kopf des Kindes so vertraulich, wie man der Schönheit nicht begegnet, in die Höhe.

»Man sieht dirs am Gesicht an, Kleine!« sagten sie nun, »du bist ein gutes Geschöpf.«

Darüber freute sich Consuelo, obgleich sie recht gut wußte, daß dies hieß: »und bist eben weiter nichts.«

Indessen blieb der schöne, junge Herr, welcher ihr Weihwasser gereicht hatte, bei dem Weihkessel stehen und ließ die jungen »Scolari« eine nach der andern an sich vorübergehen. Er betrachtete eine jede mit Aufmerksamkeit, und als die schönste von ihnen, die Clorinda, herbeikam, theilte er ihr das geweihte Wasser mit den Fingern mit, um des Vergnügens willen, die ihrigen zu berühren. Das junge Mädchen wurde roth vor Stolz und warf im Weitergehen ihm jenen halb scheuen halb dreisten Blick zu, welcher der Ausdruck weder des Selbstvertrauens noch der Scham ist.

Nachdem sie alle in das Innere des Klosters eingetreten waren, wendete sich der galante Patrizier wieder dem Schiffe zu und redete den Professor an, der inzwischen langsamer von der Empore herabgestiegen war.

? Beim Leib des Bacchus, rief er, lieber Meister! ihr müßt mir sagen, welche von euren Eleven das Salve Regina gesungen hat.

? Und weswegen begehrt ihr das zu wissen, Graf Zustiniani? entgegnete der Professor, während sie mit einander aus der Kirche traten.

? Um euch mein Compliment zu machen, antwortete der Patrizier. Seit langer Zeit verfolge ich eure Vespermusiken, und bis in die Proben sogar, denn es ist euch bekannt, wie sehr ich dilettante der heiligen Musik bin ? aber heut zum ersten male habe ich ein Stück vom Pergolese mit solcher Vollkommenheit singen hören; und die Stimme anlangend, so ist es wahrhaftig die schönste, die ich Zeit meines Lebens gehört habe.

? Glaubs wohl, beim Christ! versetzte der Professor und nahm mit Behagen und mit Würde eine große Prise Tabak.

? Sagt mir also den Namen dieses himmlischen Wesens, das mich so hoch entzückt hat. Wie barsch ihr auch seid, und wiewohl ihr ewig klagt, so muß man doch gestehen, daß ihr aus eurer Schule eine der besten in ganz Italien gemacht habt; vortrefflich sind euere Chöre und euere Soli wirklich sehr schätzbar; jedoch sind die Musikstücke, welche ihr aufführen lasset, von so großem und strengem Stil, daß es den jungen Mädchen nur selten gelingt alle Schönheiten derselben zur Empfindung zu bringen.

? Sie bringen sie nicht zur Empfindung, sagte der Professor traurig, weil sie selber nichts davon empfinden! An frischen umfangreichen und metallreichen Stimmen haben wir, Gott sei Dank, keinen Mangel; aber die innere musikalische Anlage, hilf Himmel! wie selten ist die und wie unzulänglich!

? Wenigstens besitzet ihr doch Eine von bewundernswürdigen Gaben. Ein herrliches Instrument, vollkommenes Gefühl und bemerkliche Schule! Sagt mir doch, wer es ist.

? Nicht wahr, entgegnete der Professor, indem er die Frage des Grafen überging, ihr habt euere Freude daran gehabt?

? Sie hat mir ans Herz gegriffen, sie hat mir Thränen entlockt; und mit so einfachen Mitteln, mit so ungesuchten Effekten, daß ich bis heute keine Ahnung von der Möglichkeit hatte. Uebrigens habe ich mich der Worte erinnert, die ihr mir beim Unterrichte in euerer göttlichen Kunst so oft wiederholt habt, theurer Meister! und zum ersten male habe ich deren Wahrheit begriffen.

? Was habe ich euch denn gesagt? versetzte der Maestro, indem sein Gesicht glänzte.

? Ihr habt gesagt, erwiederte der Graf, das Große, Wahre und Schöne in den Künsten ist das Einfache.

? Ich sagte euch aber auch, daß wir das Brillante, das Gewählte, das Kunstreiche haben, Eigenschaften denen man unter Umständen ebenfalls die Achtung und den Beifall nicht versagen kann?

? Ohne Zweifel. Jedoch zwischen diesen untergeordneten Eigenschaften und den wahrhaften Offenbarungen des Genius ist ein Abgrund, sagtet ihr. Wohlan, theurer Meister! euere Sängerin steht auf der einen Seite, sie ganz allein, und alle die anderen stehen drüben.

? Wahr, bemerkte der Professor sich die Hände reibend, wahr und gut gesagt!

? Sie heißt? nahm wieder der Graf das Wort.

? Wer? fragte boshaft der Professor.

? O, per Dio Santo, jene Sirene, oder vielmehr der Erzengel dessen Gesang ich hörte.

? Und was liegt denn an ihrem Namen, Herr Graf? sagte Porpora mit strengem Tone.

? Und warum wollt ihr aus diesem Namen ein Geheimniß machen, Herr Professor?

? Ich werde euch sagen: warum, sobald ihr mir gesagt haben werdet, weswegen ihr so hitzig seid, ihn zu erfahren.

? Ist es nicht ein sehr natürliches und in der That unwiderstehliches Gefühl, welches uns antreibt das zu kennen, zu nennen, zu erblicken, was unsere Bewunderung erregt?

? Sehr wohl, das ist aber nicht euer einziger Beweggrund; erlaubt mir, theuerer Graf, euch hierin Lügen zu strafen. Ich weiß wohl, ihr seid ein großer Musikfreund und ein Kenner, aber ihr seid daneben auch der Eigenthümer des Theaters San Samuel. Es ist euer Interesse und noch mehr der Ruhm, den ihr darein setzet, die besten Talente und die schönsten Stimmen Italiens heranzuziehen. Ihr wisset wohl, daß bei uns die gute Schule ist, daß nur bei uns die strengen Studien gemacht und die großen Sängerinnen gebildet werden. Die Corilla habt ihr uns schon weggefischt, und da sie euch vielleicht nächstens durch ein anderweitiges Engagement wieder weggenommen wird, so streicht ihr um unsere Schule herum und spüret, ob wir nicht wieder so eine Corilla haben, die ihr dann auf dem Sprunge steht, uns wegzuschnappen. Dieses ist die Wahrheit, mein Herr Graf! bekennen Sie, daß ich die Wahrheit gesagt habe.

? Und wenn auch, theurer Maestro, entgegnete der Graf lächelnd, was thut das und was für Uebles findet ihr darin?

? Was für Uebeles? Ei, ein sehr großes, Herr Graf! Ihr verführt, ihr verderbt diese armen Geschöpfe.

? Holla, wie meint ihr das, toller Professor? Seit wann habt ihr euch denn zum Pater Guardian dieser brechlichen Tugenden gemacht?

? Ich meine das, wie es recht ist, Herr Graf, und ich kümmere mich nicht um ihre Tugend und nicht um ihre Brechlichkeit: aber ich kümmere mich um ihr Talent, das ihr auf eueren Theatern verbildet und zu Grunde richtet, indem ihr sie gemeines und geschmackloses Zeug singen lasset. Ist es nicht ein Jammer und eine Schande, diese Corilla, die auf dem besten Wege war, die ernste Kunst großartig zu erfassen, diese Corilla von dem Heiligen zum Profanen, vom Gebet zu den Possen, vom Altare zu den Brettern, vom Erhabenen zum Lächerlichen, von Allegri und Palestrina zu einem Albinoni und dem Bartscherer Apollini herabsteigen zu sehen?

? Somit schlagt ihr es mir aus Rigorismus ab, dieses Mädchen zu nennen, auf welches ich gar nicht einmal Absichten haben kann, da ich ja nicht weiß ob sie die übrigen für das Theater nothwendigen Eigenschaften besitzt?

? Ich schlage es euch rund ab.

? Und ihr meint wirklich, daß ich sie nicht entdecken werde?

? Leider! entdecken werdet ihr sie, wenn ihr es euch vorsetztet: aber ich werde mein Möglichstes thun, um zu verhüten, daß ihr sie uns entreißet.

? Wohlan, Meister, halb seid ihr schon besiegt: denn euere geheimnißvolle Göttin habe ich gesehen, habe ich errathen, habe ich erkannt.

? So? sagte der Maestro mit einer zweifelnden und zurückhaltenden Miene, seid ihr euerer Sache auch gewiß?

? Meine Augen und mein Herz haben sie mir verrathen, und um euch zu überzeugen, will ich euch ihr Bild entwerfen. Sie ist groß gewachsen: sie ist, glaub ich, die größte von allen euern Schülerinnen; sie ist weiß wie der Schnee von Friaul und rosenwangig wie der Morgenhimmel eines heiteren Tages. Sie hat Haare von Gold, Augen von Azur, eine liebliche Körperfülle und am Finger trägt sie einen kleinen Rubin, der meine Hand streifend mich in Flammen gesetzt hat wie ein magischer Funke.

? Bravo, rief Porpora, spöttisch lächelnd. In diesem Falle habe ich euch nichts zu verheimlichen. Euere Schönheit ist ? die Clorinde. Geht doch hin und macht ihr euere verlockenden Anträge. Bietet ihr Gold, Diamanten, Putz. Ihr werdet sie ohne Mühe für euere Truppe gewinnen, und sie wird euch auch wohl die Corilla ersetzen können. Denn euer heutiges Theaterpublikum zieht ja ein paar schöne Schultern einer schönen Stimme, und ein paar herausfordernde Augen einem gebildeten Geiste vor.

? Sollte ich mich getäuscht haben, lieber Meister? fragte der Graf ein wenig irre geworden: wäre die Clorinde nichts weiter als eine gemeine Schönheit?

? Und wenn nun meine Sirene, meine Göttin, mein Erzengel, wie ihr sie zu nennen beliebt, nichts weniger als schön wäre? versetzte der Maestro boshaft.

? Wenn sie mißgestaltet wäre, so will ich euch bitten, sie mir niemals zu zeigen; denn mein schöner Traum wäre zu grausam zerstört. Wäre sie aber blos häßlich, so wäre ich im Stande, sie immer noch anzubeten; nur für das Theater würde ich sie dann nicht engagiren, denn Talent ohne Schönheit ist nicht selten für ein Weib ein Unglück, ein Kampf, eine Marter. Wonach seht ihr, Maestro, und weshalb bleibt ihr stehen?

? Hier ist der Platz, wo die Gondeln halten, und es ist keine da. Aber ihr, Graf, worauf heftet ihr euere Blicke?

? Ich sehe nur, ob nicht der Bengel da, der auf den Stufen der Anlände neben einem kleinen, ziemlich häßlichen Mädchen sitzt, mein Schützling Anzoleto ist, wahrhaftig der aufgeweckteste und hübscheste von allen unseren Gassenbuben. Seht ihn euch an, lieber Meister; das ist etwas für euch so gut wie für mich. Dieser Junge hat die schönste Tenorstimme, die in Venedig zu finden ist, und eine verzweifelte Liebe zur Musik und ganz unglaubliche Fähigkeiten. Ich wollte euch schon lange von ihm erzählen und euch bitten, ihm Stunden zu geben. Dieser ist es, auf den ich wahrhaftig die Hoffnung meines Theaters baue und er wird mich, denke ich, in einigen Jahren für das was ich auf ihn wende, reich belohnen. Heda, Zoto! komm her, mein Kind, ich will dich dem berühmten Meister Porpora vorstellen.

Anzoletos nackte Füße spielten im Wasser, während er damit beschäftigt war, Muscheln von jener zierlichen Ar, die der Venetianer poetisch fiori de mare nennt, vermittelst einer großen Nadel zu durchbohren. Als ihn der Graf rief, sprang er auf. Er trug nichts auf dem Leibe als ein recht abgenutztes Beinkleid und ein ziemlich feines, aber sehr zerrissenes Hemd, welches seine weißen und gleich denen eines antiken Bacchusknaben modelirten Schultern durchblicken ließ. Seine Schönheit war in der That diejenige, mit welcher der griechische Künstler einen jungen Faun ausgestattet haben würde, und seine Gesichtsbildung zeigte das an jenen Schöpfungen der heidnischen Plastik so häufig uns begegnende, ganz eigenthümliche Gemisch von träumerischer Schwermuth und spöttischer Unbesorgtheit. Sein krauses aber weiches Haar, hellblond und von der Sonne nur ein wenig gebräunt, umgab in tausend dichten, kurzen Ringellöckchen seinen Alabasterhals. Alle seine Züge waren vollkommen schön; aber etwas allzu Keckes lag in dem durchdringenden Blick seiner pechschwarzen Augen, was dem Professor nicht gefiel. Er warf alle seine Muscheln in den Schoß des Mädchens welches neben ihm saß, und während dieses, ohne sich stören zu lassen, fortfuhr sie mit kleinen Goldperlen gemischt aufzureihen, trat er zu Zustiniani, dem er nach Landessitte die Hand küßte.

? In der That ein hübscher Junge, sagte der Professor, ihm die Backe klopfend; aber er scheint sich mit Spielen zu belustigen, die doch zu kindisch für sein Alter sind; denn er ist wohl ein achtzehn Jahre alt, nicht so?

? Neunzehn, Sior Profesor! entgegnete Anzoleto in seinem venetianischen Dialecte; wenn ich mich aber mit den Muscheln belustige, so thu ich das nur um der kleinen Consuelo zu helfen, welche Halsketten macht.

? Consuelo, sagte der Meister, indem er mit dem Grafen und Anzoleto zu seiner Schülerin trat, ich hätte nicht gedacht, daß du so putzsüchtig wärest.

? O nein, ich mache das nicht für mich, Herr Professor! entgegnete Consuelo, indem sie sich nur halb erhob, aus Vorsicht, damit die Muscheln, die sie in der Schürze hatte, nicht ins Wasser fielen; ich mache das zum Handel, und um Reis und Mais einzukaufen.

? Sie ist arm, und sie ernährt ihre Mutter, sagte Porpora. Höre, Consuelo, wenn ihr in Verlegenheit seid, deine Mutter und du, so mußt du zu mir kommen, aber zu betteln verbiete ich dir, hörst du wohl?

? O Sie brauchen ihr das nicht zu verbieten, Sior Profesor, fiel ihm Anzoleto lebhaft in die Rede, sie würde es auch von selbst nicht thun, und ich, ich würde es nicht leiden.

? Du! du hast ja auch nichts, sagte der Graf.

? Nichts, als Ihre Wohlthaten, gnädigster Herr! aber wir theilen, die Kleine und ich.

? Sie ist also eine Verwandte; von dir?

? Nein, eine Fremde, es ist Consuelo.

? Consuelo? Wunderlicher Name! sagte der Graf.

? Ein schöner Name, Ew. Gnaden, fiel Anzoleto ein; er bedeutet Trost.

? Gut; sie ist, wie es scheint, deine Freundin?

? Meine Braut ist sie, Herr!

? Schon? Sehet da, diese Kinder denken schon an die Hochzeit

? Ja wir machen an dem Tage Hochzeit wo Sie mein Engagement beim Theater San Samuel ausfertigen werden, gnädiger Herr!

? In diesem Falle werdet ihr noch lange warten, Kinderchen!

? Oh, wir wollen schon warten, sagte Consuelo mit der heiteren Ruhe der Unschuld.

Der Graf und der Maestro ergötzten sich einige Augenblicke an der Einfalt und an den Antworten dieses jungen Paares; nachdem sie alsdann noch dem Anzoleto die Zeit bestimmt hatten, wann er nächsten Tages zu dem Professor kommen sollte; um seine Stimme prüfen zu lassen, entfernten sie sich und überließen die Kinder ihrem wichtigen Geschäfte.

? Wie gefällt euch dieses kleine Mädchen? sagte der Professor zu Zustiniani.

? Ich hatte sie vor einem Weilchen schon gesehen, und ich finde sie häßlich genug, um das Sprichwort zu rechtfertigen: Einem achtzehnjährigen Blute dünkt jedes Weib schön.

? Recht so, antwortete der Professor, nunmehr kann ich euch sagen, wer eure göttliche Sängerin, eure Sirene, eure geheimnißvolle Schönheit ist ? Consuelo!

? Dieses dieses unsaubere Ding, dieser schwarze, magere Sprengsel? Nicht möglich, Maestro.

? Nichts desto weniger wahr, Herr Graf! Sagt, würde sie nicht eine höchst verführerische Prima Donna abgeben?

Der Graf stand still, schaute sich um, betrachtete Consuelo noch einmal von fern, und schlug dann in komischer Verzweiflung die Hände zusammen. Gerechter Himmel! rief er aus, kannst du dich so vergreifen, und das Feuer des Genius in ein so schlecht gemeißeltes Gefäße gießen!

? Also ihr verzichtet auf eure strafbaren Pläne? sagte der Professor.

? Ganz gewiß.

? Versprecht ihr mir das? fügte Porpora hinzu.

? Noch mehr, ich schwöre es euch, entgegnete der Graf.

3.

Aufgeschossen unter dem italienischen Himmel, erzogen von dem Zufall wie ein Vogel am Strande, arm, verwaist, verlassen, und doch glücklich in der Gegenwart, und voll Vertrauen in seine Zukunft, wie ein Kind der Liebe, was er ohne Zweifel war, hatte Anzoleto, dieser hübsche Junge von neunzehn Jahren, an der kleinen Consuelo, der zur Seite er auf dem Pflaster Venedigs in vollster Freiheit seine Tage verbrachte, wohl schwerlich seine erste Liebschaft. In die leichten Freuden eingeweiht, die sich ihm mehr als einmal dargeboten, würde er vielleicht schon entkräftet und verderbt gewesen sein, hätte er in unserem traurigen Klima gelebt, oder wäre er minder reich von der Natur begabt gewesen. Allein bei früher Entwicklung und einer kräftigen Anlage zu einer ausdauernden Männlichkeit, hatte er sein Herz rein und seine Sinnlichkeit unter der Herrschaft seines Willens erhalten. Der Zufall hatte ihn mit der kleinen Spanierin zusammengeführt, vor den Madonnenbildern, wo sie ihre Andacht absang; aus Lust, seine Stimme zu üben, hatte er mit ihr beim Sternenlichte ganze Abende hindurch gesungen. Dann trafen sie einander auf dem Sande des Lido wo sie Muscheln auflasen, er um sie zu essen, sie um Rosenkränze und Schmuck daraus zu machen. Dann wieder fanden sie sich in der Kirche, wo sie von Herzen zu dem guten Gotte betete, er mit allen Augen nach den schönen Damen schaute. Und bei allen diesen Begegnungen war ihm Consuelo so gut, so lieb, so freundlich, so fröhlich vorgekommen, daß er ihr Freund und ihr unzertrennlicher Gefährte geworden war, er wußte selbst nicht recht, warum und wie. Anzoleto kannte von der Liebe noch nichts als das Vergnügen. Er empfand Freundschaft für Consuelo, und einem Volke und Lande angehörend, wo mehr die Leidenschaften als die Zuneigungen herrschen, wußte er dieser Freundschaft keinen anderen Namen als den der Liebe zu geben. Consuelo ließ sich diese Redensart gefallen, nachdem sie dem Anzoleto folgenden Einwand gemacht hatte: »Wenn du sagst, daß du mein Liebhaber bist, so wirst du mich also heirathen?« worauf er ihr geantwortet hatte: »Ei freilich, wenn dirs recht ist, so heirathen wir einander.« Dies war demnach von Augenblick an eine abgemachte Sache. Vielleicht war es von Seiten Anzoletos nur ein Spiel, während Consuelo mit allem Vertrauen der Welt daran glaubte. Gewiß ist soviel, daß sein junges Herz schon jene streitenden Gefühle und jene verworrenen Regungen in sich spürte, die übersättigten Menschen das Innere bestürmen und zerreißen.

Heftigen Begierden Preis gegeben, vergnügungssüchtig, nur das liebend was ihn glücklich machte, aber alles was sich seinen Freuden entgegenstellte hassend und fliehend, durch und durch eine Künstlernatur d. h. die das Leben mit einer erschreckenden Heftigkeit sucht und schmeckt, fand er, daß seine Liebsten ihm von Passionen die ihn in der That nicht tief ergriffen hatten, alle Leiden und Gefahren dennoch auferlegten. Er besuchte sie nun wohl von Zeit zu Zeit, wann ihn sein Verlangen trieb, ward aber immer wieder abgestoßen durch Sättigung und Unlust. Und als dieser seltsame Knabe so seine Seelenkraft ideallos und unwürdig vergeudet hatte, empfand er das Bedürfniß eines sanften Umgangs und eines keuschen, heiteren Ergusses. Er hätte schon wie Jean Jacques sagen können: »So wahr ist es, daß das was uns am meisten an die Frauen fesselt, weniger die Wollust ist, als eine gewisse Anmuthigkeit des Lebens an ihrer Seite.«

Ohne nun sich Rechenschaft zu geben über das was ihn zu Consuelo hinzog, ? für das Schöne hatte er noch keinen Sinn und unterschied nicht, ob sie häßlich oder hübsch war, ? Kind genug um sich mit ihr an Spielereien unter seinem Alter zu vergnügen, Mann genug, um ihre vierzehn Jahre aufs gewissenhafteste zu achten, führte er mit ihr, auf offener Gasse, auf den Marmorfliesen und den Kanälen Venedigs, ein ebenso glückliches, ebenso reines, ebenso verborgenes und fast ebenso poetisches Leben wie Paul und Virginie unter den Pompelmusen ihrer Wildniß. Sie hatten eine größere und gefährlichere Freiheit als diese Kinder, keine Familie, keine wachsamen, zärtlichen Mütter die sie zur Tugend erziehen konnten, keinen treuen Diener der sie Abends gesucht und heimgeleitet hätte, nicht einmal einen Hund, um sie vor Gefahr zu warnen; aber sie thaten dennoch keinerlei Fall.

Sie kreuzten auf den Lagunen in offener Barke, zu jeder Stunde und bei jedem Wetter, ohne Ruder, ohne Steuermann; sie streiften auf den Morästen ohne Führer, ohne Uhr und unbesorgt um die kehrende Flut; sie sangen vor den geschmückten Kapellen unter der Vigne an den Straßenecken, ohne an die späte Tagesstunde zu denken und brauchten bis an den Morgen kein anderes Bett als die weißen Steinplatten die von der Tageshitze noch warm waren. Sie standen vor dem Pulcinell-Theater still und folgten mit gieriger Aufmerksamkeit dem phantastischen Schauspiele von der schönen Corisanda, der Marionettenkönigin; es fiel ihnen nicht ein, daß sie kein Frühstück gehabt hatten, und wie wenig Aussicht war, ein Abendessen zu erhalten. Sie überließen sich den ungezügelten Freuden des Carneval, nicht weiter verkleidet und geputzt, als er mit seiner umgekehrten Jacke und sie mit einer großen alten Bandschleife über dem Ohre. Auf dem Geländer einer Brücke oder auf den Stufen eines Pallastes, hielten sie köstliche Mahlzeiten von frutti di mare Große, wohlfeile Muscheln, welche das Volk in Venedig gern ißt., rohen Fenchelstümpfen oder Citronenschalen.

Genug, sie führten ein fröhliches und freies Leben und ihre Liebkosungen waren nicht gefährlicher, ihre Gefühle nicht verliebter als es zwischen gesitteten Kindern gleichen Alters und Geschlechtes der Fall gewesen wäre. Tage, Jahre flossen hin; Anzoleto hatte andere Liebsten, Consuelo ahnte nicht einmal daß es noch eine andere Art Liebe gäbe als diese, deren Gegenstand sie war. Sie trat in die Mädchenjahre und empfand keine Nöthigung, sich zurückhaltender gegen ihren Bräutigam zu betragen; er sah sie größer werden und sich verwandeln und empfand keine Ungeduld und wünschte keinen Wechsel dieser unbewölkten, offenen, unsträflichen Vertraulichkeit.

Vier Jahre waren vergangen, seitdem der Professor Porpora und der Graf Zustiniani einander ihre »kleinen Musiker« vorgestellt hatten. Der Graf hatte seitdem nicht mehr an die junge Kirchensängerin gedacht und der Professor hatte nicht minder den schönen Anzoleto vergessen, an dem er damals bei einer ersten Prüfung nichts von dem gefunden hatte, was er bei seinen Zöglingen voraussetzte, nämlich vor allem eine ernste und geduldige Auffassungsgabe, sodann eine an Selbstvernichtung gränzende Demuth des Schülers vor dem Lehrer, und endlich den völligen Mangel jeder vorgängigen musikalischen Unterweisung.

»Redet mir niemals,« sagte er, »von einem Schüler, dessen Kopf sich meinem Willen nicht wie eine unbeschriebene Tafel darbietet, wie ein reines Wachs, das von mir den ersten Eindruck zu empfangen hat. Ich habe nicht Zeit, meinem Schüler ein Jahr zum Verlernen zu schenken, bevor ich zu lehren anfangen kann. Soll ich auf eine Schieferplatte schreiben, so bringet sie mir rein; und damit nicht genug, bringet sie mir auch gut. Ist sie zu stark, so wird sie nicht empfänglich sein, ist sie zu schwach, so wird sie mir unter der Hand zerbrechen.«

Kurz, er gestand zwar dem jungen Anzoleto ausgezeichnete Mittel zu, erklärte aber beim Schlusse der ersten Stunde dem Grafen etwas verdrießlich, und mit einer ironischen Anspruchslosigkeit, sein Unterricht sei nicht für einen bereits so weit vorgerückten Schüler, und um ? »die natürlichen Fortschritte und die unwiderstehliche Entwicklung dieser magnifiquen Anlage zu erschweren und zu hemmen« sei der erste beste Lehrer gut genug.

Der Graf schickte seinen Schützling zu dem Professor Mellifiore, welcher von der Roulade bis zur Kadenz und von dem Triller bis zum Gruppetto seinen glänzenden Fähigkeiten die vollständigste Entwicklung gab und ihn so weit brachte, daß, als er 23 Jahre alt sich in dem Salon des Grafen hören ließ, Jedermann ihn fähig sprach, im Theater San Samuel mit großem Erfolg in den ersten Partien aufzutreten.

Eines Abends wurde nämlich die ganze kunstliebende Noblesse und was nur von Künstlern in Venedig einiges Renommé genoß, zu einer letzten und entscheidenden Probe eingeladen. Zum erstenmale in seinem Leben schälte sich Anzoleto aus seiner gemeinen Tracht, zog eine Atlasweste und ein schwarzes Staatskleid an, ließ seine schönen Haare frisiren und pudern, steckte seine Füße in Schnallenschuhe, gab sich eine feierliche Miene und schlich auf den Zehenspitzen an ein Klavier, wo er, bei dem Scheine von tausend Wachskerzen und angegafft von zwei- bis dreihundert Personen, erst mit den Augen dem Ritornelle folgte, sodann seine Lungen aufblies und sich mit seiner Dreistigkeit, mit seinem Ehrgeiz und mit seinem hohen Brust-C in die gefährliche Laufbahn schwang, auf welcher keine Jury, kein Kampfrichter, sondern ein ganzes Publikum in der einen Hand die Siegespalme, in der andern das Pfeifchen hält.

Ob Anzoleto innerlich bewegt war, ist keine Frage; er ließ jedoch sehr wenig davon blicken, und nicht sobald hatten seine schwarzen Augen, welche verstohlen die der Frauen befragten, den geheimen Beifall, der sich einem so schönen Jünglinge selten versagt, errathen, nicht sobald hatten die Kunstliebhaber umher, überrascht von der Gewalt seiner klangreichen Stimme und von der Leichtigkeit seiner Vocalisation, ein beifälliges Gemurmel hören lassen, als Freude und Hoffnung sein ganzes Wesen durchglüheten. Jetzt zum erstenmale in seinem Leben fühlte Anzoleto, der bis dahin nur eine gewöhnliche Behandlung und gewöhnlichen Unterricht erfahren hatte, daß er kein gewöhnlicher Mensch sei und, von dem Triumphe, nach dem er dürstete und den er empfand, hingerissen, sang er mit einer Kraft, einer Eigenthümlichkeit und einem Feuer zum Erstaunen.

Sein Geschmack war allerdings nicht immer rein und sein Vortrag nicht in allen Theilen des Stückes tadellos: aber er wußte sich stets durch kühne Würfe, durch Blitze der Auffassung und Schwung der Begeisterung wieder zu heben. Er verfehlte manche Effecte, welche der Componist beabsichtigt hatte, aber er fand andere, an welche noch Niemand gedacht, weder der Componist, der sie vorgezeichnet, noch der Lehrer, der sie erläutert, noch einer der Virtuosen, die sie früher ausgeführt hatten. Diese Kühnheiten ergriffen und entzückten alle Welt. Zehn Ungeschicklichkeiten verzieh man ihm für eine Neuheit, zehn Verstöße gegen die Methode für eine eigen gefühlte Stelle. So wahr ist es, daß in der Kunst das kleinste Aufleuchten des Genies, der kleinste Anlauf zu neuen Eroberungen die Menschen mehr blendet als alle Hilfsmittel und alle Klarheit der Einsicht, die sich in den Schranken des Gewohnten hält.

Niemand gab sich vielleicht Rechenschaft von den Ursachen und Niemand entzog sich den Wirkungen dieses Enthusiasmus. Die Corilla hatte die Unterhaltung mit einer großen Arie eröffnet, welche sie trefflich sang und welche lebhaft beklatscht wurde; der Erfolg des jungen Debütanten löschte nun aber den ihrigen so ganz aus, daß sie darüber im Innern wüthend war. Jedoch als Anzoleto, mit Lobsprüchen und Liebkosungen überhäuft, wieder an das Klavier trat, wo sie saß, und zu ihr niedergebeugt mit einer Mischung von Unterwürfigkeit und Kühnheit sagte: »Und Sie, Königin des Gesanges, Königin der Schönheit, haben Sie nicht einen Blick der Aufmunterung für den armen Unglücklichem der Sie fürchtet und Sie anbetet?« da betrachtete die Prima Donna, erstaunt über eine solche Dreistigkeit, dieses schöne Gesicht in der Nähe, welches sie zuvor keines Blickes gewürdigt hatte; denn welche eitle und sieggewohnte Frau würde ein dunkles armes Kind ihrer Aufmerksamkeit werth halten? Jetzt endlich beachtete sie ihn; seine Schönheit überraschte sie, sein feuriges Auge drang in sie ein und ihrerseits besiegt, bezaubert, ließ sie auf ihn einen langen Glutblick fallen, gleichsam ein Siegel auf das Diplom seiner Berühmtheit gedrückt.

An diesem merkwürdigen Abend hatte Anzoleto sein Publikum beherrscht und seinen gefährlichsten Feind entwaffnet; denn die schöne Sängerin war nicht blos Königin auf den Bretern, sondern auch in der Administration und in dem Cabinet des Grafen Zustiniani.

4.

Ein einziger Zuhörer, welcher auf dem Rande seines Stuhles mit gekreuzten Beinen und unbeweglich auf die Kniee gestützten Händen gleich einer ägyptischen Gottheit saß, war mitten unter den einstimmigen und sogar ein wenig unsinnigen Beifallsbezeugungen, welche die Stimme und Manier des Debütanten hervorgerufen hatte, stumm geblieben wie eine Sphinx und geheimnißvoll wie eine Hieroglyphe: es war dies der gelehrte Professor und berühmte Componist Porpora. Während sein galanter College, der Professor Mellifiore, welcher die Ehre von Anzoletos Erfolg ganz sich allein aneignete, umherging, sich vor den Frauen in die Brust werfend und sich gegen alle Männer mit Geschmeidigkeit verneigend, um sich sogar für ihre Blicke zu bedanken, saß der Lehrer der heiligen Musik still da, die Augen auf dem Boden, die Brauen emporgezogen, den Mund geschlossen und wie verloren in seine Betrachtungen. Nachdem die ganze Gesellschaft, welche diesen Abend zu einem großen Balle bei der Dogeresse gebeten war, sich nach und nach verlaufen hatte und nur die wärmsten Dilettanten mit einigen Damen und den vornehmsten Musikern am Klaviere zurückgeblieben waren, näherte sich Zustiniani dem strengen Maestro.

? Das heißt doch zu sehr gegen die Neueren schmollen, mein lieber Professor, sagte er zu ihm, und euer Schweigen täuscht mich nicht. Ihr wollt vor dieser weltlichen Musik und dieser neuen Gattung, an denen wir uns entzücken, euere Sinne bis aufs Aeußerste verschlossen halten. Euer Herz hat sich nun euch zum Trotze geöffnet und eure Ohren haben das Gift der Verführung aufgenommen.

? Wissen Sie, Sior Profesor, sagte im Dialekte die reizende Corilla, indem sie gegen ihren alten Lehrer den Kindesbrauch der Scuola wiederaufnahm, Sie müssen mir einen rechten Gefallen thun ...

? Fort von mir, Unselige! rief der Meister halb lachend und halb noch verdrießlich die Liebkosung seiner abtrünnigen Schülerin abwehrend. Was für Gemeinschaft ist noch zwischen dir und mir? Ich kenne dich nicht mehr. Bringe bei Andern dein liebliches Lächeln und dein treuloses Gezwitscher an.

? Er fängt schon an gut zu werden, sagte die Corilla, indem sie mit der einen Hand den Arm des Debütanten ergriff, während sie mit der andern nicht abließ, die langen Zipfel an des Professors weißer Kravatte zu zerknittern. Komm her, Zoto Zusammenziehung aus Anzoleto, welches die Verkleinerung von Angello, oder im Volksdialekt Anzolo ist., und beuge dein Knie vor dem geschicktesten Gesanglehrer Italiens. Demüthige dich mein Kind und entwaffne seine Strenge. Ein einziges Wort von ihm, welches du erlangen kannst, muß größern Werth in deinen Augen haben als alle Trompeten des Ruhmes.

? Sie sind sehr strenge gegen mich gewesen, Herr Professor, sagte Anzoleto, sich mit einer etwas spöttischen Bescheidenheit verbeugend; indessen ist es seit vier Jahren mein einziger Gedanke, Ihnen die Zurücknahme eines sehr harten Urtheilsspruches abzunöthigen; und wenn es mir heut Abend nicht geglückt ist, so weiß ich nicht, ob ich den Muth haben werde, wieder vor dem Publikum aufzutreten, beladen wie ich bin mit ihrem Anathema.

? Knabe, sagte der Professor, indem er mit einer Lebhaftigkeit sich erhob und mit einer Kraft der Ueberzeugung sprach, welche ihn edel und groß erscheinen ließen, während er sonst gekrümmt und ungeschickt aussah, überlasse den Weibern die honigsüßen und treulosen Worte. Niemals erniedrige dich zu der Sprache der Schmeichelei, selbst nicht vor deinem Vorgesetzten, wie viel weniger vor dem, dessen Beifall du in deinem Innern verachtest. Es war eine Zeit, wo du dort unten in deinem Winkel lagst, arm, ungekannt, voll Furcht; deine ganze Zukunft hing an einem Haare, an einem Tone deiner Kehle, an einem augenblicklichen Versagen deiner Mittel, an einer Grille deiner Zuhörer. Ein Ungefähr, ein Kraftaufwand, ein Augenblick haben dich reich, berühmt, unverschämt gemacht. Deine Bahn ist offen, du darfst auf ihr nur laufen, soweit dich deine Kräfte tragen werden. Höre mich an, denn du wirst zum ersten und vielleicht zum letzten male die Wahrheit hören. Du bist auf einem schlechten Wege, du singst schlecht und du gefällst dir in der schlechten Musik. Du kannst nichts, und hast nichts gründliches gelernt, du besitzest nichts als Uebung und Fertigkeit. Du setzest dich um nichts in Feuer; du kannst nur girren und zwitschern gleich den niedlichen, koketten Dämchen, denen man ihr Geziere nachsieht, weil sie vom Singen nichts verstehen. Aber du verstehst nicht mit dem Athem umzugehen, du sprichst schlecht aus, hast einen unedlen Ausdruck und einen falschen, gemeinen Styl. Verliere den Muth deswegen nicht; du hast alle diese Fehler, aber du hast das Zeug, sie zu bemeistern: denn du besitzest Eigenschaften, welche man durch Unterricht und Anstrengung nicht erwerben kann; du hast was man durch schlechte Rathschläge und schlechte Muster nicht verliert, du hast das heilige Feuer ... du hast Genie! ... leider, ein Feuer, welches nichts Großem leuchten wird, ein Genie, welches unfruchtbar bleiben wird ... denn, in deinen Augen lese ich es, wie ich es in deiner Brust gespürt habe, du hast nicht den Cultus der Kunst, nicht den Glauben an die großen Meister, nicht die Ehrfurcht vor ihren gewaltigen Schöpfungen; du liebst den Ruhm, und nur den Ruhm und nur um dein selbst willen ... Du hättest können ... du könntest ... aber nein! es ist zu spät! dein Loos wird die Laufbahn eines Meteors sein, gerade so wie die der ...

Der Professor setzte« ungestüm seinen Hut auf, drehte sich um und ging hinaus, ohne Jemanden zu grüßen, ganz darin vertieft, seine abgebrochene Rede innerlich fortzuspinnen.

Alle Welt gab sich zwar Mühe, über die »bizarren« Aeußerungen des Professors zu lachen, aber diese hinterließen dennoch für einige Augenblicke einen peinlichen Eindruck und eine gewisse Zweifelhaftigkeit und Verstimmung. Anzoleto war der erste, der sie zu vergessen schien, wiewohl sie sein Wesen in eine solche Erschütterung von Freude, Stolz, Zorn und Eifer gesetzt hatten, daß es für sein ganzes künftiges Leben entscheidend wurde. Er schien für nichts Sinn zu haben, als daß er der Corilla gefalle, und er wußte sie so davon zu überzeugen, daß sie sich bei diesem ersten Zusammentreffen alles Ernstes in ihn verliebte.

Graf Zustiniani war ihretwegen nicht besonders eifersüchtig und vielleicht hatte er seine Gründe, sie nicht sehr zu beengen. Außerdem lag ihm der Ruhm und Glanz seines Theaters mehr am Herzen als irgend etwas auf der Welt, nicht weil er geldbegierig gewesen wäre, sondern weil er wirklich für die sogenannten »schönen Künste« schwärmte. Dieser Ausdruck bezeichnet, wie mich dünkt, einen gewissen niedern Hang, der ächt italienisch ist, und also eine so ziemlich geistlose Leidenschaft. Unter dem »Cultus der Kunst« ? ein neuerer Ausdruck, der vor hundert Jahren noch nicht üblich war, ? ist etwas ganz anderes zu verstehen als das, was man »Geschmack für die schönen Künste« nannte. Der Graf war in der That ein »Mann von Geschmack« im damaligen Verstande, ein amateur, nichts weiter. Allein die Befriedigung dieses Geschmackes war die größte Angelegenheit seines Lebens. Er liebte es, sich mit dem Publikum zu beschäftigen und das Publikum mit sich, die Künstler zu besuchen, die Mode zu beherrschen, von seinem Theater, seiner Pracht, seiner Liebenswürdigkeit, seinem verschwenderischen Aufwand reden zu machen. Er hatte, mit einem Worte, die gewöhnliche Passion der vornehmen Herren in der Provinz ? zu glänzen. Besitz und Direktion eines Theaters war das beste Mittel, um die ganze Stadt zufrieden und vergnügt zu machen. Noch glücklicher hätte er sich gefühlt, wenn er einmal die gesammte Republik an seiner Tafel hätte bewirthen können! Wenn Fremde sich bei dem Professor Porpora nach dem Grafen Zustiniani erkundigten, so pflegte dieser zu antworten: Es ist ein Mann, der gerne den Wirth macht und Musik auf seinem Theater, wie Fasanen auf seiner Tafel auftischt.

Es war Ein Uhr Morgens, als man sich trennte.

? Anzolo, sagte Corilla, die sich mit ihm allein in einer Nische des Balcons befand, wo wohnst du?

Bei dieser unerwarteten Frage fühlte Anzoleto, daß er roth und bleich fast in einem Zuge wurde; denn wie sollte er dieser prächtigen und reichen Schönen es bekennen, daß er ohne Dach und Fach war, wie die Vögel unter dem Himmel? Und leichter noch wäre dies letztere Bekenntniß gewesen, als die Erwähnung jener jämmerlichen Höhle, wo er Zuflucht fand, so oft er seine Nächte aus Neigung oder Noth nicht unter dem freien Himmel zubringen wollte.

? Nun! was hat meine Frage so Außerordentliches? rief die Corilla über seine Verwirrung lachend.

? Ich fragte mich selbst, entgegnete Anzoleto mit vieler Geistesgegenwart, welcher Königs- oder Feenpallast wohl würdig wäre, den stolzen Sterblichen zu beherbergen, der mit hinein nähme die Erinnerung eines Liebesblickes von Corilla.

? Und was will diese Schmeichelei sagen? entgegnete sie, indem sie ihm den glühendsten Blick zuwarf, den sie nur aus dem Zeughause ihrer Teufelskünste hervorholen konnte.

? Daß ich dieser Glückliche nicht bin, versetzte der Jüngling; daß ich jedoch, wenn ich es wäre, mich stolz genug dünken würde, um nur zwischen Himmel und Meer wie die Sterne zu wohnen.

? Oder wie die Cucculi! rief die Sängerin, indem sie laut auflachte. (Die ungeschickte Schwerfälligkeit dieser Mövenart ist nämlich in Venedig sprichwörtlich geworden, wie in Frankreich die der Maikäfer: étourdi comme un hanneton.)

? Spotten Sie über mich, verachten Sie mich, erwiderte Anzoleto, ich glaube, daß ich das eher leiden mag, als wenn Sie sich gar nicht mit mir beschäftigten.

? Gut, da du mir nur in Metaphern antworten willst, entgegnete sie, so will ich dich in meiner Gondel mitnehmen, auf die Gefahr, dich von deiner Wohnung zu entfernen, statt dich in ihre Nähe zu bringen. Wenn ich dir diesen Streich spielen sollte, so ist es deine eigene Schuld.

? war dies die Absicht, als Sie mich fragten, Signora? In diesem Falle ist meine Antwort sehr kurz und klar: ich wohne auf den Stufen Ihres Pallastes.

? So erwarte mich denn an den Stufen desjenigen, in welchem wir uns befinden, sagte Corilla mit leiserer Stimme, denn Zustiniani könnte böse werden, daß ich deine Fadaisen so geduldig anhöre.

Auf den ersten Antrieb seiner Eitelkeit stahl sich Anzoleto hinaus und sprang von der Anlände des Pallastes auf das Vordertheil von Corillas Gondel: er zählte die Sekunden nach den raschen Schlägen seines berauschten Herzens. Aber noch ehe sie auf den Stufen des Pallastes erschien, drängten sich mancherlei Betrachtungen in dem arbeitenden und ehrgeizigen Kopfe des Debütanten. Die Corilla ist allmächtig, sagte er zu sich; aber wenn ich, gerade weil ich ihr gefiele, das Mißfallen des Grafen erregte? Oder wenn ich durch meinen allzu leichten Sieg ihm eine so flatterhafte Geliebte ganz verleidete und sie so um die Macht brächte, welche sie nur von ihm hat?

In dieser Verlegenheit maß Anzoleto mit den Augen die Treppe, welche er noch wieder hinaufsteigen konnte, und war im Begriff, sein Entkommen zu bewerkstelligen, als die Kerzen unter dem Thorwege hervorleuchteten, und die schöne Corilla, in ihre Hermelinmantille gehüllt, auf der obersten Stufe erschien, in der Mitte einer Gruppe von Herren, welche sich beeiferten ihren runden Ellbogen mit der hohlen Hand zu stützen und ihr beim Hinabsteigen behülflich zu sein, wie es in Venedig Sitte ist.

? He! rief der Gondolier der Prima Donna dem bestürzten Anzoleto zu, was macht ihr da? Geschwind in die Gondel, wenn ihr dazu Erlaubniß habt, oder fort, und laufet an der Riva hin, denn der Herr Graf ist bei der Signora.

Anzoleto warf sich in die Gondel, ohne zu wissen was er that. Er hatte den Kopf verloren. Kaum war er drinnen, als ihm das Staunen und der Zorn des Grafen vor die Seele trat, wenn dieser etwa seine Maitresse bis in die Gondel geleitete und dort seinen unverschämten Schützling fände. Die Angst peinigte ihn um so schrecklicher, da sie um mehr als fünf Minuten verlängert wurde. Die Signora war mitten auf der Treppe stehen geblieben. Sie schwatzte und lachte laut mit ihren Begleitern, und da von einer Passage die Rede war, sang sie diese mehrmals mit voller Stimme und in verschiedener Manier. Ihre klare und schmetternde Stimme, verklang an den Palästen und Kuppeln des Kanales, wie sich der Ruf des vor dem Morgenroth erwachenden Hahnes in dem Schweigen der Felder verliert.

Anzoleto, der sich nicht länger halten konnte, war entschlossen, durch diejenige Oeffnung der Gondel, welche von der Treppe abgekehrt war, in das Wasser zu springen. Schon hatte er die Glasscheibe in ihr schwarzes Sammetfutter hinabgleiten lassen, schon hatte er ein Bein hinausgestreckt, als der zweite Ruderer der Prima Donna, der welcher am Hintertheile arbeitete, sich an der Seite des Gondelzeltes herüberbeugend, ihm zuflüsterte: Wenn man singt, so bedeutet das, ihr sollt euch still verhalten und ohne Furcht warten.

? Ich kannte den Brauch nicht, dachte Anzoleto und wartete, aber nicht ohne einen Rest von schmerzlicher Angst. Corilla machte sich das Vergnügen, den Grafen bis an den Schnabel ihrer Gondel mit sich zu ziehen, und dort noch indem sie ihm felicissima notte wünschte, stehen zu bleiben, bis man abgestoßen war; hierauf setzte sie sich mit einer solchen Unbefangenheit und Ruhe an die Seite ihres neuen Liebhabers, als ob sie nicht dessen Leben und ihr eigenes Glück bei diesem frechen Spiele gewagt hätte.

? Seht ihr die Corilla? sagte währenddessen Zustiniani zu dem Grafen Barberigo; nun, ich wollte meinen Kopf verwerten, daß sie nicht allein in ihrer Gondel ist.

? Und wie kommt ihr auf einen solchen Gedanken? erwiderte Barberigo.

? Weil sie mir tausend Vorstellungen gemacht hat, daß ich sie nach Hause begleiten möchte.

? Und ihr seid nicht eifersüchtiger?

? Von dieser Schwachheit bin ich schon lange geheilt. Ich würde Vieles darum geben, wenn unsere erste Sängerin sich ernstlich in irgend Jemanden verliebte, damit ihr der Aufenthalt in Venedig angenehmer würde als die Reiseträume, mit denen sie mich ängstiget. Ueber ihre Untreue kann ich mich leicht trösten, aber ihre Stimme und ihr Talent und die Wuth des Publicums, welches sie mir an San Samuel fesselt, ersetzt mir keine.

? Ich verstehe; aber wer könnte denn der glückliche Liebhaber dieser tollen Prinzessin sein?

Der Graf und sein Freund gingen alle die Personen der Reihe nach durch, welche Corilla während dieses Abends ausgezeichnet und aufgemuntert haben mochte. Anzoleto war der einzige, an den sie durchaus nicht dachten.

5.

Inzwischen brach ein heftiger Kampf aus in der Seele dieses glücklichen Liebsten, welchen Woge und Nacht in ihrem dunkeln Schooße hinwegtrugen. Bang und zitternd saß er neben der berühmtesten Schönheit Venedigs. Wohl fühlte Anzoleto wie das Feuer eines Verlangens in ihm brauste, das von der Freude befriedigten Stolzes noch heftiger angefacht wurde; aber die Furcht, bald zu mißfallen, verspottet, weggeworfen, verrätherisch bei dem Grafen angeklagt zu werden, erkältete sein Entzücken. Klug und schlau, ein ächter Venetianer, hatte er nicht sechs Jahre lang nach dem Theater gestrebt, ohne Erkundigung einzuziehen über die schwärmerische und gebieterische Frau, welche dort an der Spitze aller Intriguen stand. Er hatte Ursache zu vermuthen, daß sein Reich bei ihr nur von kurzer Dauer sein würde; und wenn er dieser gefährlichen Ehre nicht zu entgehen gesucht, so kam dies daher, daß er dieselbe nicht so nahe erwartet hatte: er war durch Ueberraschung unterjocht und fortgerissen. Er hatte nur gemeint, durch seine Galanterie sich gern gelitten zu machen, und siehe da, sogleich geliebt ward er, um seiner Jugend, seiner Schönheit, seines aufblühenden Ruhmes willen.

Jetzt, sagte sich Anzoleto mit jener Raschheit des Durchschauens und Schließens, welche einigen wundersam organisirten Köpfen von Natur beiwohnt, jetzt bleibt nichts mehr übrig als mich gefürchtet zu machen, wenn ich mir nicht ein bitteres und lächerliches Erwachen von meinem Triumphe bereiten will. Aber was kann ich, solch ein armer Teufel, thun, daß sie, die Fürstin der Hölle in Person, mich fürchten müsse?

Seine Partie war bald ergriffen. Er entwickelte ein System von Bedenklichkeiten, Eifersüchteleien, Bitterkeiten, deren leidenschaftliches, coquettes Spiel die Prima Donna in Erstaunen setzte. Kurz zusammengefaßt lautete ihr brünstiges und loses Liebesgeschwätz etwa so:

Anzoleto. ? Ich weiß wohl, daß Sie mich nicht lieben, daß Sie mich nie lieben werden: das ist es was mich an Ihrer Seite traurig und befangen macht.

Corilla. ? Und wenn ich dich liebte?

Anzoleto. ? Dann würde ich völlig in Verzweiflung sein. Das hieße, mich aus dem Himmel nieder stürzen in einen Abgrund: ich müßte Sie verlieren vielleicht in der nächsten Stunde, nachdem ich Sie auf Kosten meines ganzen künftigen Glückes mir gewonnen hätte.

Corilla. ? Und warum fürchtest du von mir eine solche Unbeständigkeit?

Anzoleto. ? Zuerst, weil mein Verdienst gering ist, und sodann, weil man Ihnen so viel Schlechtes nachsagt.

Corilla. ? Wer sagt mir denn Schlechtes nach?

Anzoleto. ? Ach, alle Leute; denn alle Leute beten Sie an.

Corilla. ? So würdest du, wenn ich Thörin genug wäre, dich liebzugewinnen und es dir zu sagen, mich dann zurückstoßen?

Anzoleto. ? Ich weiß nicht, ob ich Kraft genug haben würde, zu entfliehen: wenn ich sie aber hätte, wahrhaftig, nie im Leben würde ich Sie wiedersehen.

? Wohlan! rief die Corilla, mich reizt die Neugier eine Probe zu machen ... Anzoleto, ich glaube in der That, daß ich dich liebe.

? Und ich, ich glaube es nicht, erwiderte er. Ich bleibe; denn ich sehe nur zu gut, daß Sie mich höhnen. Mit diesem Spiele können Sie mich nicht kirren, und noch viel weniger empfindlich machen.

? Du willst dich auf Finessen legen, scheint mir?

? Warum nicht? Ich bin nicht sehr zu fürchten, da ich Ihnen das Mittel biete, mich zu besiegen.

? Welches?

? Mich starr zu machen vor Schrecken und mich in die Flucht zu jagen durch dasselbe Wort im Ernste, das Sie mir jetzt im Spotte zugeworfen.

? Du bist ein abgefeimter Schelm! Ich sehe wohl daß man sich mit dir in Acht nehmen muß. Du bist einer von denen, welche sich nicht begnügen, den Duft der Rose zu athmen, sondern sie pflücken und unter Glas bringen wollen. Ich hätte dich in deinem Alter weder für so keck noch für so eigenwillig gehalten!

? Sind Sie mir deshalb gram?

? Im Gegentheile, du gefällst mir desto mehr. Gute Nacht, Anzoleto, wir sehen uns wieder.

Sie reichte ihm ihre schöne Hand, welche er mit Inbrunst küßte. Ich habe mich nicht übel herausgezogen, sagte er zu sich, während er unter den Galerien am Borde des Canaletto entschlüpfte.

Er glaubte nicht, daß man ihm noch zu dieser Stunde den Verschlag, wo er zu übernachten gewohnt war, öffnen würde und beschloß, sich auf der ersten, besten Thürschwelle, auszustrecken, um jenes englischen Schlafes zu genießen, welcher nur den Kindern und den Armen vorbehalten ist. Aber zum erstenmale in seinem Leben fand er keine Fliese reinlich genug für sein Lager. Obschon das Straßenpflaster in Venedig sauberer und weißer ist als in irgend einer andern Stadt auf Erden, so war doch solch ein ziemlich staubiges Bett nicht eben passend für einen schwarzen Anzug von dem feinsten Tuche und dem elegantesten Schnitte. Und dann der Anstand! Dieselben Schiffer, die am frühen Morgen vorsichtig über die Stiegen schritten, ohne die Lumpen des armen Jungen zu berühren, hätten ihn aus seinem Schlummer ausgeschimpft und die Prachtstücke seines geborgten Luxus vielleicht absichtlich besudelt, welche sie unter ihren Füßen fanden. Was hätten sie von einem Menschen denken sollen, der in seidenen Strümpfen, in feiner Wäsche, in Manchetten und Spitzenhalstuch unter freiem Himmel schlief?

Anzoleto vermißte in diesem Augenblicke recht empfindlich seine gute rothbraune Wollenkappe, die sehr schäbig und abgetragen, aber doch noch immer zwei Finger dick und äußerst dienlich war, um dem ungesunden Morgennebel, der aus der Wassermasse Venedigs aufsteigt, Trotz zu bieten. Es war in den letzten Tagen des Februar, und obwohl die Sonne um diese Jahreszeit unter dem dortigen Himmel schon recht stark leuchtet und wärmt, so sind die Nächte doch noch sehr kalt.

Es fiel ihm ein, sich in eine der Gondeln zu ducken, welche am Ufer lagen: er fand sie aber alle fest verschlossen. Endlich kam er an eine, deren Thüre seinem Drucke wich; doch als er eindrang, stieß er an die Füße des Barcarolen, der sich dort zu seiner Nachtruhe zurückgezogen hatte und fiel über ihn hin.

? Beim Leib des Teufels! schrie ihn eine rauhe Stimme aus dem Innern dieser Höhle an, wer seid ihr? was wollt ihr?

? Bist dus, Zanetto? erwiderte Anzoleto, da er die Stimme des Gondoliers erkannte, der ihm immer viel Freundlichkeit bewiesen hatte. Laß mich neben dir niederliegen und einen Schlaf unter Dach thun in deinem Hüttchen.

? Wer bist du denn? fragte Zanetto.

? Anzoleto; kennst du mich denn nicht?

? Nein, beim Satan! Hast du doch Kleider an, die Anzoleto nicht haben könnte, wenn er sie nicht gestohlen hätte. Pack dich fort! Wenn du der Doge in Person wärest, so litt ich einen Menschen nicht in meiner Barke, der einen schönen Rock hat zum Spazierengehen und kein Loch zum Schlafen.

Bis jetzt, dachte Anzoleto, hat mir noch die Protection und Gunst des Grafen Zustiniani mehr Gefahren und Unannehmlichkeiten als Nutzen eingetragen. Es wäre Zeit, daß mein Beutel sich nach meinem Succeß schickte, und ich sehne mich danach, ein Paar Zechinen in der Tasche zu haben, damit ich die Rolle durchführen könnte, die man mich spielen läßt.

Voll Verdruß irrte er in den öden Straßen umher, und getraute sich nicht still zu stehen, aus Furcht den Schweiß zurückzutreiben, welchen Zorn und Anstrengung ihm ausgepreßt hatten.

Daß ich mir nur nicht bei dem Allen noch eine Heiserkeit hole! sagte er vor sich hin. Morgen des Tages wird der Graf sein junges Wunderthier dem ersten, besten Hansnarren von Kunstrichter vorführen wollen, und der wird dann, wenn ich den kleinsten Kitzel in der Kehle von einer solchen Nacht ohne Ruhe, ohne Schlaf, ohne Obdach davon getragen hätte, den Ausspruch thun, ich hätte keine Stimme; und der Herr Graf, der es besser weiß, wird sagen: ach, wenn Sie ihn doch gestern gehört hätten! ? Er ist also nicht immer gleich! wird der andere bemerken. Er hat wohl seine feste Gesundheit! ? Oder vielleicht, wirft dann ein dritter ein, hat er sich gestern zu sehr angestrengt. Er ist wahrhaftig noch zu jung, um mehre Tage hinter einander zu singen. Ihr würdet gut thun, noch zu warten, bis er reifer und kräftiger geworden ist, ehe Ihr ihn auf die Bühne bringt. Und der Graf wird sagen: Alle Teufel, wenn er von zwei Arien heiser wird, so ist das kein Handel für mich. Und was wird geschehen? Sie werden mich alle Tage Etüden singen lassen, bis mir der Athem ausgeht, blos um zu probiren, ob ich stark und gesund genug sei, und sie werden mir die Stimme entzweibrechen, um sich zu überzeugen, ob meine Lunge gut ist. Hol der Teufel die Protection der großen Herren! Ha! wann werde ich so weit sein, daß ich sie nicht mehr brauche, ? daß sie, wenn ich in ihren Salons singe, sich das für eine Gnade schätzen müssen, weil ich renommirt, weil ich der Günstling des Publikums bin, weil sich die Theaterdirectionen um mich reißen, ? daß ich mit ihnen auf gleichem Fuße, Macht gegen Macht, verhandeln könne?

Unter diesem Selbstgespräche gerieth Anzoleto auf einen jener kleinen Plätze, welche in Venedig corti heißen, obschon es keine Höfe sind, sondern etwas dem ähnliches was man in Paris cité nennt, eine Gruppe von Häusern, deren Thüren alle auf einen gemeinschaftlichen offenen Raum gehen. Man muß sich aber diese sogenannten Höfe nicht im mindesten regelmäßig, geschmackvoll und saubergehalten denken, nach Art unserer modernen squares. Es sind vielmehr ganz kleine, finstere Plätze, die manchmal einen Sack bilden, manchmal einen Durchgang von einem Quartiere zu dem anderen; sie sind wenig besucht und rings umgeben von den Wohnungen armer und geringer Leute, meistens aus der untersten Volksklasse, Handarbeitern und Wäscherinnen, deren Zeug zum Trocknen auf Leinen, die sich quer über den Weg ziehen, aufgehängt ist: ein Uebelstand, welchen der Durchgehende um so williger duldet, als sein Durchgangsrecht oft aus mehr als hinlänglichen Gründen ebenfalls nur auf Duldung beruht.

Wehe dem armen Künstler, der ein Kämmerchen nach einem dieser abgelegenen Winkel hinaus bewohnt, wo, nur zwei Schritte entfernt von breiten Kanälen und prächtigen Gebäuden, sich plötzlich mitten im Schooße Venedigs das Proletarierleben findet mit seiner Rohheit, seinem Lärm und seinem Schmutze. Wehe ihm, wenn er Stille braucht zu seinen Arbeiten. Denn vom Morgen bis in die Nacht wird das Gelärme der Kinder, Hühner und Hunde, die in dem engen Gehöfte durch einander spielen, schreien und heulen, das endlose Geplapper der Weiber, die auf ihren Thürschwellen zusammenstehen und das Gesinge der Arbeiter in ihren Werkstätten ihm nicht einen Augenblick der Ruhe lassen.

Ein Glück noch, wenn nicht gar der Improvisatore kommt und seine Sonette und Dithyramben abplärrt, bis aus jedem Fenster ihm eine Kupfermünze zugefallen, oder wenn nicht Brighella seine Bude in der Mitte des Hofes aufstellt und unermüdlich seinen Dialog mit dem Avocato, dem Tedesco und dem Diavolo immer wieder von vorne beginnt, bis er sich überzeugt hält, daß seine Beredsamkeit umsonst vergeudet ist; vor zerlumpten Kindern, glücklichen Zuschauern, die sich kein Gewissen daraus machen, zu hören und zu sehen, ohne einen Liard in der Tasche.

Nachts aber, wann alles in Schweigen gesunken ist, und wann die Steine hell im Lichte des stillen Mondes schimmern, dann giebt diese gedrängte Masse unregelmäßig und absichtslos in den verschiedensten Epochen an einander gebauter Häuser, durch starke Schatten abgesetzt, mit mannigfaltigen geheimnißvollen Tiefen, und mit dem grillenhaften Formenspiele, das der Zufall schuf, ein Bild unendlich malerischer Unordnung. Alles verschönt sich im Mondesblicke; jede kleine architectonische Wirkung tritt hervor und wird bedeutend, der unscheinbarste weinbelaubte Balcon nimmt eine spanisch romanzenhafte Miene an, und erfüllt die Seele mit den Bildern jener schönen ritterlichen Abentheuer. Der leuchtende Himmel, in welchen sich jenseits dieser finsteren und winkeligen Masse, die blassen Kuppeln ferner Gebäude tauchen, gießt über die geringsten Einzelheiten des Gemäldes einen ungewissen und harmonischen Farbenton, der zu endlosen Träumen verlockt.

In der corte Minelli, bei der Kirche San-Fantin befand sich Anzoleto, als eben die Thurmuhren den Schlag der zweiten Stunden nach Mitternacht einander zuschickten. Ein geheimer Trieb hatte seine Schritte nach der Wohnung eines Wesens gelenkt, dessen Name und Bild seit Sonnenuntergang nicht in seine Seele gekommen war. Kaum hatte er diesen Hof betreten, als er sich bei den letzten Silben seines Namens von einer sanften Stimme leise rufen hörte, und so wie er aufblickte, sah er einen leichten Schattenriß auf einer der elenden Terrassen des Gehöftes sich abmalen. Einen Augenblick später wurde die Thüre dieser Baracke geöffnet, und Consuelo im Kattunröckchen und in einen alten schwarzseidenen Mantel gewickelt, womit vor Zeiten ihre Mutter Staat gemacht hatte, kam, ihm die Hand zu reichen, während sie mit der anderen Hand einen Finger an ihre Lippen legte, um ihm Stille anzuempfehlen. Auf den Zehenspitzen und tastend stiegen beide die krumme und verfallene hölzerne Treppe hinan, welche bis auf das Dach führte; und oben auf der Terrasse angelangt begannen sie eines jener langen, von Küssen unterbrochenen Gelispel, deren man jede Nacht wie Windesflüstern auf den Dächern hört, oder wie ein Geschwätz von Luftgeistern, die im Nebel paarweis um die wunderlich geformten und mit ihren zahllosen rothen Turbanen alle Häuser Venedigs schmückenden Schlote kreisen.

? Wie, meine arme Freundin, sagte Anzoleto, hast du mich bis jetzt erwartet?

? Hattest du mir nicht gesagt, du würdest kommen und mir von deinem Abend Nachricht bringen? Nun, sage doch, hast du gut gesungen und Freude gemacht? Haben sie geklatscht? Und haben sie dir dein Engagement zu wissen gethan?

? Und du, o du gute Consuelo, sagte Anzoleto, plötzlich von Gewissensbissen angefallen, als er die Traulichkeit und Freundlichkeit dieses armen Mädchens sah, sage mir doch, ob du nicht recht ungeduldig wurdest, daß ich so lange blieb, ob du nicht recht müde bist von dem langen Warten, ob du nicht recht gefroren hast auf dieser Terrasse, ob du auch ans Abendbrot gedacht hast, ob du mir nicht böse bist, daß ich so spät komme, ob du dich beunruhigt hast, ob du mir Schuld giebst?

? Nein, nichts von dem allen, entgegnete sie, ihre Arme voll Unschuld um seinen Hals schlingend. Wenn ich ungeduldig wurde, so wars doch nicht über dich; wenn ich müde war, wenn ich fror, ei, ich fühle nichts mehr davon, seitdem du da bist; ob ich gegessen habe; ich weiß es nicht mehr; ob ich dir Schuld gebe ... was für Schuld sollte ich dir geben? ob ich mich beunruhigt habe ... weswegen denn mich beunruhigen? ob ich dir böse bin? Nie, nie!

? Du, du bist ein Engel, sagte Anzoleto, indem er sie küßte. Ach, mein Trost! wie sind die andern Herzen so ungetreu und so hart!

? O, was ist dir geschehen? was haben sie da unten dem »Sohn meiner Seele« gethan? rief Consuelo, in den anmuthigen venetianischen Dialect die kühnen und leidenschaftlichen Bilder ihrer Muttersprache mischend.

Anzoleto erzählte nun alles was ihm begegnet war, auch seine Galanterien bei der Corilla und besonders die Lockungen die er von ihr erfahren hatte. Nur erzählte er die Dinge auf eine gewisse Art, indem er alles das sagte was Consuelo nicht betrüben konnte, da er, wirklich und mit Willen, ihr doch treu geblieben war, und es war »so ziemlich« die ganze Wahrheit. Es giebt aber ein Partikelchen Wahrheit, das noch keine gerichtliche Untersuchung jemals an den Tag gebracht, das noch kein Client seinem Advocaten je bekannt, das noch kein Urtheil jemals, außer zufällig, getroffen hat, und gerade in dieser Kleinigkeit von Thatbestand oder Absicht, welche unenthüllt bleibt, liegt das Wesen der Sache, der Beweggrund, das Endziel, kurz das gesuchte Wort all dieser großen Rechtshandlungen, die stets so schlecht geführt und stets so schlecht entschieden werden, wie groß auch immer die Hitze der Redner und die Kälte der Richter sei.

Um auf Anzoleto zurückzukommen, so braucht nicht erst gesagt zu werden, welche kleinen Sünden er verschwieg, welche glühenden Regungen er auf seine Art übersetzte und welche in der Gondel erstickte Wallungen er zu erwähnen vergaß. Ich glaube sogar, daß er von der Gondel gar nicht sprach, und die der Sängerin erwiesenen Artigkeiten als Kunstgriffe darstellte, mit deren Hülfe er, ohne sie zu erzürnen, den gefährlichen Avanzen womit sie ihn überhäufte, geschickt entkommen wäre. Warum aber, wenn er doch einmal nicht alles verrathen wollte noch konnte, nämlich nicht die Stärke der Versuchungen, welche er aus Klugheit und aus richtigem Takt überwunden hatte, warum ? so fragst du, liebe Leserin ? hat dieser junge Schelm sich in die Gefahr gebracht, Consuelos Eifersucht aufzuwecken? Das fragen Sie mich, Madame! Sagen Sie mir doch, ob Sie nicht Ihrem Liebsten, ich meine, dem Gatten Ihrer Wahl alle Huldigungen, die von Anderen Ihnen dargebracht wurden, alle Verderber, die Sie abgewiesen haben, alle Nebenbuhler, die Sie ihm, nicht allein vor der Ehe, sondern jeden Balltag, gestern, heute noch, geopfert, aufzuzählen pflegen! Wohlan Madame, wenn Sie schön sind, und es macht mir Freude dies zu glauben, so wette ich meinen Kopf, Sie machen es nicht anders als Anzoleto, nicht um Ihren Werth zu zeigen, nicht um ein eifersüchtiges Gemüth zu quälen; nicht um ein Herz stolz zu machen, das schon zu stolz auf Ihre Vorzüge ist, sondern weil es süß ist, Jemanden zur Seite zu haben, dem man solche Dinge mittheilen kann, ganz in dem Scheine als erfüllte man damit lediglich seine Pflicht, und zu beichten, indem man vor dem Beichtiger prahlt. Nur beschränkt sich auch Ihre Beichte, Madame, auf »so ziemlich Alles.« Es ist nur ein ganz kleines Etwas dabei, von welchem Sie schweigen: der Blick etwa, das Lächeln, wodurch Sie die unverschämte Erklärung des Frechen, über den Sie sich beklagen, herausgefordert haben. Dieses Lächeln, dieser Blick, dieses Etwas ist eben die Gondel, von welcher Anzoleto, froh, den Rausch des Abends in der Erinnerung noch einmal laut durchzugehen, seiner Consuelo zu erzählen vergaß. Die kleine Spanierin wußte zu ihrem Glücke noch nicht, was Eifersucht sei: diese schwarze, bittere Regung steigt nur in den Seelen auf, die viel gelitten haben, und Consuelo war bis dahin eben so glücklich in ihrer Liebe, als ihr Herz gut war. Der einzige Umstand, der auf sie einen tiefen Eindruck machte, war die ebenso schmeichelhafte als strenge Weissagung, welche ihr verehrter Meister, der Professor Porpora über Anzoletos Haupt gesprochen hatte. Sie ließ sich von ihm die Worte des Meisters wiederholen, und nachdem er sie ihr genau vorgetragen, dachte sie lange nach und verharrte schweigend.

? Consuelina, sagte Anzoleto zu ihr, der nicht sehr auf ihr Träumen geachtet hatte, ich muß dir gestehen, daß die Luft außerordentlich frisch ist. Hast du nicht Furcht, dich zu erkälten? Bedenke nur, Liebe! daß unsere Zukunft noch mehr von deiner Stimme abhängt, ? als von der meinigen ...

? Ich erkälte mich nie, entgegnete sie. Aber du, mit deinen schönen Kleidern, die so leicht sind! Da, wickle dich in meine Mantille. ? Was soll mir dies arme durchlöcherte Fähnchen Taft helfen? ... Ich möchte viel lieber ein halbes Stündchen in deiner Stube unter Obdach sein.

? Gut, sagte Consuelo, aber da darfst du nicht sprechen; denn wenn uns die Nachbarn hörten, so würden sie uns Schande machen. Sie sind nicht schlecht: sie machen mir nicht viel Noth um unsere Liebschaft, die sie sehen, denn sie wissen wohl, daß du, des Nachts nie zu mir kommst. Du thätest auch besser, wenn du nach Hause schlafen gingest.

? Ich kann ja nicht; es wird erst aufgemacht, wenn es Tag ist, und ich müßte noch drei Stunden frieren. Sieh nur, wie mir die Zähne im Munde klappern!

? So komm denn, sagte Consuelo aufstehend; ich will dich in meine Stube einschließen und dann werde ich wieder an die Terrasse gehen, damit, wenn uns Einer aufpassen sollte, er auch sehe, daß ich nichts Anstößiges thue.

Sie führte ihn wirklich in ihr Zimmer. Es war ein ziemlich großer, verfallener Saal, in welchem die auf den Wänden einst gemalten Blumen, unter einem zweiten gröberen und fast schon ebenso beschädigten Anstrich hin und wieder durchblickten. Ein großes viereckiges Bettgestell aus Holz mit einem Strohsack von Seegras und einer ganz sauberen, aber an hundert Stellen mit Läppchen von allen Farben geflickten Piquédecke, ein Strohstuhl, ein Tischchen, eine sehr alte Guitarre und ein Christkind von Drahtarbeit, die Reichthümer welche ihre Mutter ihr hinterlassen; ein kleines Spinett und ein großes Pack alter wurmstichiger Musikalien, Sachen die Professor Porpora ihr aus besonderer Güte geliehen hatte ? mit diesem Hausrath behalf sich die junge Künstlerin, einer armen Zigeunerin Kind, die Schülerin eines großen Meisters und die Geliebte eines schönen Abentheurers.

Da nur Ein Stuhl da war und der Tisch voll Musikalien lag, so blieb für Anzoleto kein Sitz als das Bett, und dazu machte er es auch ohne Umstände.Kaum hatte er sich aber auf den Rand desselben gesetzt, als ihn die Müdigkeit überwältigte: er ließ seinen Kopf auf ein großes Wollenpfühl, das als Kopfkissen diente, niedersinken und sagte: o du, mein Weibchen, wollte ich doch in diesem Augenblicke alles was ich noch zu leben habe um eine Stunde guten Schlafes geben, und alle Schätze der Welt um ein Eckchen dieser Decke auf meine Füße. Ich habe noch nie so gefroren wie in diesen verwünschten Kleidern, und von dem Unbehagen dieser schlaflosen Nacht habe ich einen Fieberschauer.

Consuelo besann sich einen Augenblick. Waise und zu achtzehn Jahren allein auf der Welt, hatte sie Keinem über ihre Handlungen Rechenschaft zu geben als ihrem Gott. Sie glaubte an Anzoletos Versprechen wie an das Evangelium, sie fürchtete weder Abneigung noch Verlassung von ihm, wenn sie ihm auch alles zu Gefallen thäte. Aber ihr Schamgefühl, das Anzoleto nie bekämpft noch gedämpft hatte, machte, daß ihr seine Zumuthung ein wenig stark schien. Sie trat zu ihm, sie fühlte seine Hand an: diese war wirklich sehr kalt. Anzoleto ergriff die Hand Consuelos und führte sie an seine Stirn, die glühend heiß war.

? Du bist krank, sagte sie zu ihm, von einer Besorgniß ergriffen, welche jedes andere Bedenken zum Schweigen brachte. Nun denn, schlaf ein Stündchen auf diesem Bette.

Anzoleto ließ es sich nicht zweimal sagen. Gut wie Gott im Himmel! lispelte er, indem er sich auf der Seegrasmatratze ausstreckte. Consuelo deckte ihn zu; sie holte aus einem Winkel ein paar armselige Kleidungsstücke, die sie noch hatte und deckte sie über seine Füße. Anzoleto, sagte sie leise, während sie so mütterlich waltete, auf diesem Bette, wo du schlafen wirst, habe ich mit meiner Mutter die letzten Jahre ihres Lebens geschlafen, auf diesem Bette habe ich sie sterben sehen, und ihr das Leichentuch umgethan und bei ihrer Leiche gewacht unter Gebet und Thränen, bis die Todtenbarke kam, um sie mir auf immer hinwegzunehmen. Nun gieb Acht, ich will dir jetzt sagen was für ein Versprechen sie mir in ihrer letzten Stunde abnahm. Consuelo, sagte sie, schwöre mir beim Christ, daß Anzoleto meinen Platz auf diesem Bette nicht eher einnehmen darf, als bis ihr euch vor einem Priester geheirathet habt.

? Und du schwurest?

? Ich schwur. Und nun lasse ich dich hier zum erstenmale schlafen, es ist aber nicht meiner Mutter Platz, den ich dir gebe, sondern mein eigener.

? Und du, armes Kind, du wirst also nun nicht schlafen? entgegnete Anzoleto indem er sich mit einer plötzlichen Anstrengung halb aufrichtete. Oh, ich bin ein erbärmlicher Wicht, ich gehe und schlafe auf der Straße.

? Nein, sagte Consuelo, indem sie ihn mit sanfter Gewalt auf das Kissen zurückdrückte, dir ist unwohl, und mir nicht. Meine Mutter, die als gute Katholikin starb und im Himmel ist, sieht uns jeder Stunde. Sie weiß, daß du das Versprechen gehalten hast, das du ihr gabst, mich nicht zu verlassen. Sie weiß auch, daß unsere Liebe seit ihrem Tode so rein geblieben ist, wie sie bei ihren Lebzeiten war. Sie sieht in diesem Augenblick, daß ich nichts Böses denke und thue. Ruhe ihre Seele in dem Herrn! Hierbei machte Consuelo ein großes Kreuz. Anzoleto schlief ein. Ich will oben auf der Terrasse meinen Rosenkranz sagen, daß du das Fieber nicht kriegst, setzte Consuelo hinzu und ging hinaus.

? Gut wie Gott! wiederholte Anzoleto noch mit schwacher Stimme und bemerkte nicht einmal, daß seine Braut ihn allein ließ. Sie ging auf das Dach und betete ihren Rosenkranz ab. Dann kehrte sie zurück, um zu sehen, ob ihm nicht mehr unwohl wäre, und da sie ihn ruhig schlafend fand, betrachtete sie lange sein schönes blasses, von dem Monde beleuchtetes Gesicht.

Dann, da sie sich dem Schlafe nicht überlassen wollte und sich erinnerte, daß sie über die Aufregung des vorigen Abends ihre Arbeit versäumt hatte, zündete sie ihr Lämpchen wieder an, setzte sich an ihren kleinen Tisch und schrieb eine Compositionsübung, die ihr Porpora für den folgenden Tag aufgegeben hatte.

6.

Graf Zustiniani war ungeachtet seiner philosophischen Selbstbeherrschung und einiger neuen Liebschaften, wegen denen Corilla ziemlich ungeschickt die Eifersüchtige spielte, keineswegs so unempfindlich gegen die übermüthigen Caprizen dieser tollen Maitresse, als er sich den Anschein zu geben suchte. Zustiniani machte nur um des guten Tones und um seiner gesellschaftlichen Stellung willen den Roué: er war ein guter, schwacher Mensch und ein Lebemann. Er konnte es aber nicht vermeiden, den Undank, womit dieses Mädchen seine Großmuth vergalt, im Grunde seines Herzens bitter zu empfinden; und obgleich es damals, in Venedig ebensogut wie in Paris, für äußerst unschicklich galt, sich eifersüchtig zu zeigen, so empörte sich doch sein italienischer Stolz gegen die lächerliche und traurige Rolle, die ihn Corilla spielen ließ.

Noch an demselben Abend, an welchem Anzoleto im Pallast Zustiniani geglänzt hatte, nahm der Graf, der eben erst mit seinem Freunde Barberigo über die Schelmereien seiner Maitresse gescherzt hatte, sobald er seine Säle geleert und die Flambeaux gelöscht sah, Mantel und Degen, und lief, um sich »reinen Wein« zu holen, nach dem Pallaste, welchen die Corilla bewohnte.

Er überzeugte sich, daß sie allein war, und war doch doch nicht beruhigt; er fand den Barcarolen der Prima Donna beschäftigt die Gondel unter das Gewölbe zu stoßen, welches dieselbe aufzubewahren diente, und ließ sich mit dem Menschen in Gespräch ein; mittelst einiger Zechinen öffnete er ihm den Mund und fand seine Vermuthung bestätigt, daß Corilla Jemanden unter Weges in ihrer Gondel bei sich gehabt hatte. Aber er konnte nicht erfahren, wer dieser Begleiter war, der Gondelier wußte es selbst nicht. Er hatte den Anzoleto wohl hundertmal bei dem Theater und dem Pallaste Zustiniani gesehen, hatte ihn aber in der Dunkelheit unter seinem schwarzen Anzuge und dem Puder nicht erkannt.

Dieses undurchdringliche Geheimniß verstimmte den Grafen vollends. Er hatte Trost gesucht im Bespötteln seines Nebenbuhlers, der einzigen, nach den Regeln des guten Geschmackes erlaubten Rache, die aber in Zeiten der eiteln Schaustellung nicht minder grausam ist als der Mord in den Epochen ernstlicher Leidenschaft. Er konnte nicht einschlafen, und noch ehe die Stunde schlug, da Porpora im Conservatorium für die armen Töchter seinen Musikunterricht zu beginnen hatte, machte er sich auf den Weg nach der Scuola dei Mendicanti und trat in den Saal, in welchem sich die jungen Mädchen versammeln sollten.

Die Stellung des Grafen zu dem gelehrten Professor war seit einigen Jahren eine ganz andere geworden. Zustiniani war nicht mehr der musikalische Gegner Porporas, sondern sein Verbündeter und gewissermaßen sein Vorgesetzter; er hatte dem Institute, welches dieser geschickte Meister leitete, beträchtliche Schenkungen gemacht, und aus Dankbarkeit hatte man ihm die obere Aufsicht über dasselbe anvertraut. Die beiden Freunde lebten von der Zeit an in so gutem Einvernehmen als es die Unduldsamkeit des Professors gegen die modische Musik nur immer zuließ, eine Unduldsamkeit, die übrigens in demselben Maße sich verminderte, als der Graf mehr und mehr, mit seinen Bemühungen und mit seinem Gelde, für die Förderung und Ausbreitung der ernsten Musik that. Dazu kam noch, daß er eine Oper Porporas, welche dieser Meister soeben beendet hatte, in Sau Samuel aufführen ließ.

? Lieber Meister, sagte Zustiniani, indem er ihn bei Seite nahm, ihr müßt euch nicht allein entschließen euch eine eurer Schülerinnen für das Theater wegnehmen zu lassen, sondern ihr müßt mir sogar diejenige bezeichnen, welche Euch selbst am besten geeignet scheint, die Stelle der Corilla auszufüllen. Diese Sängerin wird matt, ihre Stimme nimmt ab, ihre Capricen richten uns zu Grunde und das Publicum wird ihrer bald überdrüßig sein. Wir müssen wahrhaftig daran denken, ihr eine Succeditrice zu geben. (Verzeihe, lieber Leser, es ist dies der hergebrachte Ausdruck in Italien, kein neu vom Grafen gebildetes Wort.)

? Ich kann euch nicht dienen, gab Porpora trocken zur Antwort.

? Was alle Welt, Meister! rief der Graf, wollt ihr wieder in eueren gallichten Humor zurückfallen? Ist es wohl recht, daß ihr nach einem so großen Aufwand von Geld und Mühe, wie ich ihn an die Beförderung euerer musikalischen Zwecke gesetzt habe, mir den ersten kleinen Gefallen abschlagt, den ich in Rath und That von euch für die meinigen in Anspruch nehme?

? Nein, dazu habe ich kein Recht mehr, Graf, erwiderte der Professor; und was ich euch gesagt habe, ist die lautere Wahrheit, wie ich sie dem Freunde sage, dem ich mit Freuden einen Dienst leiste. Ich habe in meiner Singeschule keine einzige Person, welche euch die Corilla ersetzen könnte. Ich schlage sie nicht höher an, als nöthig: aber während ich erklären muß, daß das Talent dieses Mädchens in meinen Augen gar keinen reellen Werth hat, darf ich doch auch nicht verhehlen, daß sie ein Savoir-faire, eine Routine, eine Leichtigkeit, ein Eingehen auf die Stimmung des Publicums besitzt, wie sich das nur durch jahrelange Uebung erreichen läßt, und wie es andere Debütantinnen nicht so bald erringen werden.

? Das ist wahr, sagte der Graf, aber am Ende haben wir die Corilla gebildet, wir haben ihre Anfänge gesehen, wir haben sie in die Gunst des Publikums eingeführt: drei Viertel von ihrem Erfolge verdankt sie ihrer Schönheit und ihr habt in euerer Schule noch eben so reizende Wesen. Das werdet ihr nicht in Abrede stellen, lieber Meister! Zum Beispiel, die Clorinda, müßt ihr gestehen, ist doch das schönste Geschöpf der Erde.

? Ja, aber verschroben, geziert, unleidlich ... Zwar, es ist möglich, daß das Publicum diese lächerlichen Grimassen entzückend finde ... aber sie singt falsch, hat keine Seele, keine Auffassung ... Zwar, das Publicum hat deren ebenso wenig als Gehör  ... Aber sie hat kein Gedächtniß, keine Gewandtheit, und sie wird sich nicht einmal durch die glückliche Charlatanerie vor dem Fiasko retten, die ? so vielen Leuten zu statten kommt.

Bei diesen Worten fiel des Professors Blick unwillkürlich auf Anzoleto, der auf seinen Anspruch als Günstling des Grafen gestützt und unter dem Vorgehen, daß er diesen sprechen müßte, sich in die Klasse eingeschlichen hatte und in geringer Entfernung stand, der Unterredung horchend.

? Thut nichts, sagte der Graf, ohne auf die boshafte Anspielung des Meisters zu achten: ich gebe meine Idee nicht auf. Es ist lange, daß ich die Clorinda nicht gehört habe. Wir wollen sie kommen lassen, und noch fünf oder sechs andere, die hübschesten, die da sind. Schau, Anzoleto, setzte er lachend hinzu, du bist recht gut ausstaffirt um dir das Ansehen eines jungen Professors zu geben. Gehe in den Garten und suche dir die schönsten unter diesen jungen Damen aus; denen sage, daß wir sie hier erwarten, der Herr Professor und ich.

Anzoleto that wie ihm geheißen war, aber er brachte, entweder aus Schalkheit, oder weil er seine Absichten dabei hatte, die häßlichsten von Allen, man hätte mit Jean-Jacques ausrufen können: Einäugig war Sofia, die Cattina war lahm.

Dieses Quiproquo wurde mit Heiterkeit aufgenommen, und nachdem die Herren sich ins Fäustchen gelacht, bezeichnete der Professor den jungen Mädchen diejenigen ihrer Gefährtinnen, welche sie an ihrer Stelle schicken sollten. Eine allerliebste Gruppe erschien alsbald, in ihrer Mitte die schöne Clorinda. ?

? Welch prächtiges Haar! sagte der Graf dem Professor ins Ohr, als er die reichen blonden Flechten der letzteren an sich vorüber gehen sah.

? Es ist ein Kopf, der vielmehr auf sich als in sich hat, antwortete der grobe Kritiker, ohne im mindesten seine Stimme zu dämpfen.

Nachdem eine Stunde probirt worden war, hielt es der Graf nicht länger aus; er entfernte sich mißmüthig, während er den jungen Mädchen einige Artigkeiten zu ihrem Lobe sagte und dem Professor zuflüsterte: An diese Papageien ist nicht zu denken!

? Wenn Ew. Gnaden mir vergönnen wollte, in dieser Sache, welche Sie beschäftigt, ein Wort mit zu reden ... hob Anzoleto leise an, als sie mit einander die Treppe hinabstiegen.

? Rede, entgegnete der Graf; wüßtest du das Wunder nachzuweisen, das wir suchen?

? Ja, Excellenz!

? Und in der Tiefe welches Meeres wirst du diese Perle auffischen?

? Nur in der Tiefe der Klasse, in welcher der schlaue Professor Porpora sie versteckt hält, so oft Sie ihr Mädchencorps die Revüe passiren lassen.

? Wie? Giebt es in der Scuola einen Edelstein, dessen Glanz meine Augen noch nie wahrgenommen haben? Wenn Meister Porpora mir einen solchen Streich gespielt hat! ...

? Gnaden, der Diamant, den ich meine, gehört nicht zu der Scuola. Es ist ein armes Mädchen, das nur im Chore mitsingt, wenn man es verlangt: der Professor giebt ihr aus Mildthätigkeit und mehr noch aus Liebe zur Kunst, Privatstunden.

? Wenn das ist, so muß dies ein Mädchen von ausgezeichneten Anlagen sein, denn der Professor ist schwer zu befriedigen und ist mit seiner Zeit und Mühe nicht eben freigebig. Sollte ich sie vielleicht schon einmal gehört haben, ohne sie zu kennen?

? Ew. Herrlichkeit hat sie vor langer Zeit einmal gehört, sie war damals noch ein Kind. Jetzt ist sie ein großes, starkes Mädchen, voller Fleiß, und weiß schon so viel wie der Professor selbst; wenn diese einmal nur drei Takte auf dem Theater neben der Corilla sänge, so würde die Corilla sicherlich ausgezischt.

? Ist sie denn niemals öffentlich aufgetreten? Hat der Professor sie nicht irgend einmal in den Vespern eine Motette singen lassen?

? Früher, Excellenz, machte es dem Professor Freude, sie in der Kirche singen zu lassen; aber seitdem die Scolari aus Neid und Rachsucht gedroht haben, sie wollten schon machen, daß diese von dem Orgelchore hinweggejagt würde, wenn sie sich noch einmal unter ihnen blicken ließe ...

? Es ist also wohl ein Mädchen von üblem Rufe ...

? Gerechter Gott, Excellenz! eine Jungfrau so rein wie die Himmelspforte! aber arm ist sie und gemeiner Leute Kind ... gerade wie ich, Excellenz, und mich haben doch Sie durch ihre Güte bis zu sich hinauf gehoben! Aber diese bösen Harpyen haben dem Professor gedroht, sie würden sich bei Ihnen darüber beschweren, daß er gegen die Vorschriften eine Schülerin in der Klasse zuließe, die nicht dazu gehörte.

? Wo könnte ich wol dieses Wunder einmal hören?

? Ew. Herrlichkeit darf ja nur dem Professor befehlen, daß er sie einmal in Ihrer Gegenwart singen lasse; Sie werden dann über ihre Stimme und die Größe ihres Talentes urtheilen können.

? Deine Zuversicht flößt mir in der That Vertrauen ein. Du sagst also, ich hätte sie schon vor langer Zeit einmal gehört ... Kann ich mich doch durchaus nicht erinnern ...!

? In der Kirche der Mendicanti, bei einer Generalprobe, das Salve Regina von Pergolese ...

? Halt! ich habs, rief der Graf. Stimme, Ton, Auffassung bewundernswürdig!

? Und sie war damals erst vierzehn Jahre alt, Monsignore, ein bloßes Kind.

? Ja, aber ... ich glaube mich zu erinnern, daß sie nicht hübsch war.

? Nicht hübsch, Excellenz? sagte Anzoleto bestürzt.

? Hieß sie nicht ...? Hm, ja, es war eine Spanierin, ein närrischer Name ...

? Consuelo, Monsignore!

? Recht! Du wolltest sie damals heirathen, und wir lachten über eure Liebschaft, der Professor und ich. Consuelo! Ja, diese wars: der Liebling des Professors, ein sehr fähiges Mädchen, aber sehr häßlich.

? Sehr häßlich? wiederholte Anzoleto ganz erstarrt.

? Allerdings, mein Kind! bist du denn noch immer in sie verliebt?

? Sie ist meine Freundin, Ew. Gnaden.

? Freundin bedeutet bei uns so viel als Schwester und so viel als Geliebte. Welches nun von beidem?

? Schwester, Herr!

? Wohl, so kann ich, ohne dich zu kränken, dir sagen was ich von der Sache denke. In deinem Einfall ist kein Menschenverstand. Um die Corilla zu ersetzen, muß man ein Engel von Schönheit sein, und deine Consuelo, ich erinnere mich ihrer jetzt ganz gut, ist mehr als häßlich, sie ist abscheulich.

Der Graf wurde in diesem Augenblicke von einem seiner Freunde angehalten, welcher ihn auf die andere Seite nahm, und er ließ Anzoleto wie betäubt zurück; der arme Junge stieß einen Seufzer aus und wiederholte vor sich hin:

? Sie ist abscheulich! ...

7.

Es nimmt dich vielleicht Wunder, lieber Leser, und nichts desto minder ist es durchaus richtig, daß sich Anzoleto niemals eine Meinung darüber gebildet hatte, ob Consuelo häßlich oder schön wäre. Abgesondert von den Menschen und in Venedig unbeachtet, wie Consuelo lebte, war sie noch von Keinem darauf angesehen worden, ob im Schatten dieser Versäumniß und Verborgenheit Geist und Gemüth sich eine angenehme oder eine unscheinbare Form herausgearbeitet hatten. Porpora, der für nichts Sinn hatte, als für seine Kunst, sah in ihr nur die Künstlerin. Den Nachbarn auf der Corte Minelli war ihr unschuldiges Verhältniß zu Anzoleto nie anstößig gewesen. In Venedig ist man über diesen Punkt nicht sehr bedenklich. Sie sagten ihr wohl manchmal, daß sie sich mit diesem Menschen ohne Halt und Habe unglücklich machen würde und gaben ihr den Rath, sie sollte sich lieber mit einem braven, friedfertigen Handwerker zu verbinden suchen. Da sie ihnen aber immer antwortete, sie wäre ja selbst ohne Familie und Stütze, und so wäre ihr Anzoleto eben recht, da seit sechs Jahren kein Tag vergangen war, wo man sie nicht bei einander gesehen hätte und zwar immer offen, ohne Heimlichthun und ohne Streit und Zank, so hatte man sich zuletzt an ihre freie und unzertrennliche Verbindung gewöhnt. Kein Nachbar hatte es sich je einfallen lassen, der Amica des Anzoleto den Hof zu machen. Kam dies daher, daß man sie nun einmal für gebunden achtete, oder war ihre große Dürftigkeit daran schuld? Oder endlich, dünkte ihr Aeußeres keinem von ihnen verführerisch? Das Letztere ist sehr wahrscheinlich.

Es ist indessen eine bekannte Sache, daß die jungen Mädchen zwischen zwölf und vierzehn Jahren gewöhnlich mager, ohne Haltung und ohne Harmonie in Zügen, Verhältnissen und Bewegungen sind. Um die funfzehn Jahre »mustern sie sich heraus« (wie der volksthümliche Ausdruck der älteren Frauen lautet), und die welche zuvor abscheulich aussah, zeigt sich, nach diesem kurzen Bildungsacte, wenn nicht schön, zum wenigsten angenehm. Man hat sogar die Bemerkung gemacht, daß kleine Mädchen, welche zu früh hübsch sind, nichts für die Zukunft versprechen.

Auch unserer Consuelo war die Wohlthat des jungfräulichen Alters zu Gute gekommen, man nannte sie nicht mehr häßlich und wirklich war sie es nicht mehr. Nur weil sie keine Prinzessin oder Infantin war, hatte sie auch keinen Höflingskreis um sich, der der Welt die sichtliche Verschönerung des königlichen Sprossen verkündet hätte; und da kein zärtlich bekümmertes Herz da war, um für ihre Zukunft Sorge zu tragen, so nahm sich auch Niemand die Mühe, dem Anzoleto zu sagen, daß er sich seiner Braut vor der Welt nicht zu schämen brauchte.

Da nun Anzoleto sie nur in einem Alter hatte garstig nennen hören, wo dieser Tadel nicht den mindesten Eindruck auf ihn machte, während in späterer Zeit weder Gutes noch Böses von Consuelos Aeußerem gesagt wurde, so hatte er in der That an diesen Punkt noch nicht gedacht. Seine Eitelkeit hatte einen andern Flug genommen. Sein Traum war, aufzutreten und berühmt zu werden, und er konnte gar nicht dazu kommen, viel Aufhebens von seinen Eroberungen zu machen. Den Gelüsten der ersten Jugend ist ein gutes Theil Neugierde beigemischt: bei ihm war diese befriedigt; ich habe schon gesagt, daß er in einem Alter von achtzehn Jahren nichts mehr zu lernen hatte. In seinem zwei und zwanzigsten Jahre war er fast abgestumpft, während seine Anhänglichkeit an Consuelo in seinem zwei und zwanzigsten Jahre, wie im achtzehnten, einiger keuschen Küsse ungeachtet, welche ohne Unruhe gegeben und ohne Scham genommen wurden, noch ganz so still und traulich wie zuvor war.

Diese Ruhe und Reinheit bei einem Jünglinge, dessen Ruhm nicht gerade Zurückhaltung war, möchte leicht zu auffallend erscheinen, wenn hier nicht bemerkt würde, daß die große Freiheit, in welcher wir unsere jungen Leute beim Beginne dieser Geschichte mit einander umgehen sahen, sich im Laufe der Zeit verändert und allmählig eingeschränkt hatte. Consuelo war fast sechszehn Jahre alt und führte noch ein ziemlich unstätes Leben, indem sie allein aus dem Conservatorium ging und sich auf den Stufen der Piazzetta zu Anzoleto setzte, um ihre Lection zu lernen und ihren Reis zu essen, ? als plötzlich ihre Mutter in eine solche Erschöpfung fiel, daß sie nicht mehr Abends mit der Guitarre im Arm und einem Eimerchen vor sich, in den Cafés singen konnte. Das arme Weib zog sich in einen der armseligsten Schuppen der Corte Minelli zurück und lag dort kümmerlich auf einem schlechten Bette. Die gute Consuelo wollte nun nicht mehr von der Seite ihrer Mutter weichen und änderte ihre ganze Lebensart.

Wenn sie nicht im Unterrichte war, den ihr der Professor aus Güte gab, so saß sie, entweder mit der Nadel oder mit dem Contrapunkte beschäftigt, stets neben dem Kopfkissen dieser herrischen und schlimmen Mutter, welche sie in ihrer Kindheit grausam mißhandelt hatte und ihr jetzt das schreckliche Schauspiel einer Todesstunde ohne Muth und ohne Tugend gab. Die Kindesliebe und ruhige Ergebenheit wichen von Consuelo nicht einen Augenblick. Ihre Jugendfreuden, ihre Freiheit, ihr ungebundenes Leben, selbst ihre Liebe, alles opferte sie ohne Klage und ohne Bedenken.

Anzoleto beschwerte sich lebhaft darüber, und entschloß sich, als er seine Vorwürfe erfolglos sah, zu vergessen und sich zu zerstreuen; aber es war ihm unmöglich. Anzoleto war nicht ausdauernd bei der Arbeit wie Consuelo: flüchtig und schlecht nahm er den verkehrten Unterricht an, den sein Lehrer um das Honorar, das Zustiniani zahlte, zu verdienen, eben so schlecht und flüchtig gab. Das war übrigens ein großes Glück für Anzoleto, denn seine reichen natürlichen Anlagen glichen, so gut es geschehen konnte, die verlorene Zeit und die Wirkungen eines schlechten Unterrichtes aus, aber es blieben ihm viele müßige Stunden, in welchen die treue und heitere Gesellschaft Consuelos ihm entsetzlich fehlte. Er versuchte, sich den Vergnügungen seines Alters und Standes hinzugeben: er ging in die Schenken und verspielte mit Herumtreibern das wenige Taschengeld, das ihm Graf Zustiniani von Zeit zu Zeit schenkte. Zwei bis drei Wochen lang gefiel ihm diese Lebensart, dann aber merkte er, daß dabei sein Wohlbehagen, seine Gesundheit und seine Stimme merklich litten: denn es ist ein Unterschied zwischen dem Far-niente und einem lüderlichen Leben, das lüderliche Leben aber sagte ihm nicht zu. Eine heilsame Selbstliebe hütete ihn vor schlechten Leidenschaften, er zog sich in die Einsamkeit zurück und strengte sich an, fleißig zu sein, aber die traurige Einsamkeit und die Schwierigkeiten machten ihm bange. Er sah nun ein, daß ihm Consuelo eben so unentbehrlich zu seinem Talente als zu seinem Glücke war.

Consuelo war ämsig und ausdauernd, sie lebte in der Musik wie der Vogel in der Luft, wie der Fisch im Wasser; Schwierigkeiten zu besiegen machte ihr Freude, ohne daß sie sich, mehr als ein Kind pflegt, über die Wichtigkeit des Sieges Rechenschaft gegeben hätte, denn die Hindernisse zu überwinden und in die Tiefen der Kunst einzudringen, zwang sie von innen heraus der unwiderstehliche Trieb, welcher auch das Saamenkorn zwingt den Schooß der Erde zu durchbrechen und an die Luft zu dringen; Consuelo war eine jener seltenen und glücklichen Naturen, für welche die Arbeit ein Genuß ist, eine wahre Ruhe, ein unentbehrlicher Normalzustand, und für welche die Unthätigkeit eine Anstrengung, eine Abspannung, ein krankhafter Zustand sein würde, wenn ihnen Unthätigkeit überhaupt möglich wäre. Aber sie kennen diese nicht: scheinbar müßig arbeiten sie; ihr Träumen ist kein inhaltloses, sondern ein Nachdenken. Wenn man sie wirken sieht, so meint man ihr Schaffen wahrzunehmen, während sie nur das schon Geschaffene offenbaren. Du wirst mir einwenden, lieber Leser, daß dir solche ungewöhnliche Naturen nie begegnet seien. Ich werde dir antworten, theuerer Leser, daß ich auch nur Eine kennen gelernt habe, nur Eine, und bin ich auch älter als du. Warum kann ich dir nicht sagen, daß ich an meinem armen Kopfe das göttliche Geheimniß dieser geistigen Regsamkeit ausgeforscht habe. Aber leider werden wir beide, Freund Leser, es nicht an uns studiren.

Consuelo arbeitete stets, und fand in der Arbeit ihre Erholung; Stundenlang war sie hartnäckig bemüht, frei a capriccio singend oder Musik lesend, Schwierigkeiten zu bekämpfen, vor welchen Anzoleto, sich selbst überlassen, zurückgebebt wäre; und ohne Bedacht und Absicht, ohne im geringsten an Wetteifer zu denken, zwang sie ihn, ihr zu folgen, ihr zu helfen, ihren Sinn zu fassen, ihr zu antworten, bald mitten unter kindischem Gelächter, bald mit ihm hingerissen von jener dichterischen und schöpferischen Fantasie, die den Volksnaturen in Italien und in Spanien eigen ist.

So hatte sich Anzoleto seit mehreren Jahren mit Consuelos Genius befruchtet, indem er ihn aus der Quelle schöpfte, ohne ihn zu erkennen, und ihn in sich aufnahm, ohne es zu wissen, und war in der Musik ein seltsames Gemisch von Kenntniß und Unwissenheit, von Eingebung und Leichtsinn, von Herrschaft und Unbehülflichkeit, von Kühnheit und Schwäche geworden, was eben damals bei der Probe den Professor Porpora in ein Labyrinth von Betrachtungen und Vermuthungen verwickelte. Dieser Meister kannte das Geheimniß aller der Reichthümer nicht, welche der Consuelo abgeborgt waren; denn seitdem er eines Tages die Kleine über ihre Vertraulichkeit mit diesem großen Taugenichts hart gescholten, hatte er die beiden nie wieder beisammen gesehn. Consuelo, welcher viel daran lag, sich ihres Lehrers Gunst zu erhalten, hatte Sorge getragen, sich ihm nie in Anzoletos Gesellschaft zu zeigen, und so oft sie ihn, wenn Anzoleto bei ihr war, von weitem die Straße herabkommen sah, sprang sie flink wie ein Kätzchen hinter eine Säule oder duckte sich in eine Gondel.

Diese Vorsicht dauerte fort als Consuelo Krankenhüterin geworden war und als Anzoleto, der, fern von ihr, nicht mehr aushalten konnte, weil ihm Leben, Hoffnung, Geist und fast der Athem zu fehlen schien, sich einfand, um ihr eingeengtes Leben zu theilen und jeden Abend ihr die Verdrießlichkeiten und Aufwallungen der Todtkranken tragen zu helfen.

Einige Monate vor ihrem Ende fühlte diese Unglückliche sich in ihren Leiden erleichtert, und besiegt von der frommen Liebe ihrer Tochter öffnete sich ihre Seele sanfteren Regungen. Sie gewöhnte sich daran, Hülfleistungen von Anzoleto anzunehmen, der, wiewohl zu einer solchen hingebenden Rolle wenig geschaffen, doch zu einer Art heiteren Eifers und zuvorkommender Freundlichkeit gegen die Schwäche und das Leiden sich auch seinerseits gewöhnte. Anzoleto hatte einen stätigen Charakter und ein freundliches Wesen. Seine Ausdauer bei ihr und Consuelo gewann zuletzt das Herz der Alten, und in ihrer letzten Stunde ließ sie die Kinder schwören, einander nicht zu verlassen. Anzoleto versprach es, ja er empfand sogar in diesem Augenblicke eine Art ernster Rührung, welche er noch nicht gekannt hatte. Die Sterbende erleichterte ihm seine Zusage, indem sie sprach: Laß sie deine Freundin, deine Schwester, deine Liebste oder dein Weib sein; da sie Keinen kennt als dich und von einem Andern nie hat hören wollen, so verlasse sie nicht. Im Geheimen wollte sie dann ihrer Tochter noch einen recht klugen und heilsamen Rath geben, ohne viel zu überlegen, ob er auch ausführbar sein werde, und sie nahm ihr, wie wir schon wissen, das Gelübde ab, sich ihrem Geliebten vor der kirchlichen Einsegnung ihrer Ehe nie zu überlassen. Consuelo gelobte es, ohne die Hindernisse zu ahnen, welche der unabhängige und unfromme Charakter Anzoletos dieser Absicht entgegenstellen könnte.

Als sie Waise war, setzte Consuelo ihre Nadelarbeit fort, um zu erwerben, was der Augenblick erforderte, und ihre Musikstudien, um an Anzoletos Zukunft die ihrige knüpfen zu können. Während der zwei Jahre, daß sie ihren Schuppen allein bewohnte, hatte er sie unverändert jeden Tag besucht, er fühlte keine Leidenschaft für sie, konnte aber auch für andere Frauen keine fühlen, weil sein stiller, traulicher Umgang und das Vergnügen »an ihrer Seite zu leben,« ihm, wie ihm däuchte, über alles ging.

Zwar war er sich der hohen Geistesgaben seiner Freundin nie bewußt geworden, jedoch er hatte seither Geschmack und Urtheil genug erworben, um zu wissen, daß sie an Kunstverstand und Mitteln alle Sängerinnen von San Samuel und die Corilla selbst überragte. Seiner gewohnten Zuneigung hatte sich daher die Hoffnung und beinahe die Gewißheit beigesellt, daß eine Vereinigung der Interessen ihnen vortheilhaft sein würde, um sich mit der Zeit ein glänzendes Auskommen zu schaffen. Consuelo dagegen hatte sich nicht gewöhnt, an die Zukunft zu denken. Voraussicht gehörte nicht in den Kreis dessen, was ihre Gedanken beschäftigte. Sie hätte Musik getrieben ohne einen andern Zweck als den, ihrem Berufe zu folgen, und die Gemeinsamkeit der Interessen, welche die Ausübung dieser Kunst zwischen ihr und ihrem Freunde nothwendig schuf, hatte für sie keinen andern Sinn als den ? verbundenen Glückes und gemeinschaftlicher Neigung.

So hatte er denn, ohne ihr davon ein Wort zu sagen, auf einmal Hoffnung gefaßt, daß die Verwirklichung seiner Träume sich beschleunigen ließe, und in derselben Zeit als Zustiniani damit umging, sich eine Stellvertreterin für die Corilla zu verschaffen, war Anzoleto, welcher mit seltenem Scharfblick die Stimmung seines Gönners errieth, auf den Gedanken gekommen, ihm Consuelo vorzuschlagen.

Aber daß Consuelo häßlich sein sollte, dieses ungeahnte, seltsame, und, wofern der Graf sich nicht irrte, unübersteigliche Hinderniß hatte Schrecken und Bestürzung in seine Seele geworfen. Er machte sich sogleich auf den Weg nach der Corte Minelli, aber bei jedem Schritte blieb er stehen, um sich das Bild seiner Freundin in einem neuen Lichte vor die Seele zu rufen, und um zu wiederholen, mit einem Fragezeichen hinter jedem Worte: Nicht hübsch? Sehr häßlich? Abscheulich?


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