Anmerkungen zur Krankenpflege

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Vorwort

Die hier folgenden Anmerkungen sind keineswegs dazu bestimmt, Personen, welchen die Erziehung Anderer obliegt, eine Reihe maßgebender Vorschriften zu geben; noch weniger sollen sie ein Handbuch sein, um eigentliche Krankenwärterinnen in der Krankenwartung zu unterrichten. Sie haben vielmehr einfach den Zweck, Frauenzimmern, welche persönlich die Aufsicht über die Gesundheit anderer Personen haben, Andeutungen zum reiferen Nachdenken zu geben.

Jedes Frauenzimmer, oder beinahe jedes Frauenzimmer in unserer Gesellschaft, hat zu einer oder der andern Zeit ihres Lebens die Obsorge über die Gesundheit irgend einer Person, seis ein Kind, oder sonst ein hülfloses Wesen, oder mit andern Worten: jedes Frauenzimmer ist eine Pflegerin. Mit jedem Tage erlangt auch die Sanitätskenntniß, oder die Kenntniß der Körperpflege, oder mit andern Worten: die Kenntniß, wie man die Leibesbeschaffenheit in einen Zustand versetzt, in welchem sie von Krankheit frei, oder im Stande ist, Krankheit zu überwinden, ein höheres Ansehen.

Sie ist, wie anerkannt, die Kenntniß, die jeder Mensch besitzen sollte, und verschieden vom ärztlichen Wissen, das nur ein gelehrter Beruf haben kann.

Wenn demnach jedes Frauenzimmer zu einer oder der andern Zeit ihres Lebens eine Pflegerin werden, das heißt die Obsorge über die Gesundheit irgend einer Person erhalten muß, wie unermeßlich und wie werthvoll wäre die Frucht der vereinigten Erfahrung aller, wenn jede Frauensperson darüber nachdächte, wie sie pflegen soll?

Ich beanspruche nicht, sie darüber zu belehren, aber ich ersuche sie, sich selbst zu belehren, und zu diesem Zweck wage ich es, ihr einige Winke zu geben.

Florence Nightingale

(Biographische Skizze nach Ingoldsby Scott und andern Daten. Aus Dr. Adolph Wiesners Monatsschrift.)

In England ist gegenwärtig keine Frau, die Königin ausgenommen, so bekannt, so gefeiert und geliebt, als Florence Nightingale. Am Hofe, wie in der Hütte, im Kabinet der Minister, wie in den Kasernen der Soldaten, in der reichen City von London, wie in dem kleinsten Dorfe des Landes, wird diese »Krankenwärterin par excellence« gleichmäßig bewundert und geliebt. Doch auch im Auslande hat sie ihre zahlreichen Verehrer, die sich ihres edlen großen Wirkens im Dienste der Humanität erinnern, und von ihrem Geiste, wie von ihrem Herzen angezogen werden.

Wir wollen nun hier den Versuch machen, unsern Lesern eine Lebensskizze dieses herrlichen Frauenkarakters zu entwerfen.

Florence Nightingale stammt aus einer wohlhabenden Familie der englischen Gentry. Sie genoß eine vortreffliche Erziehung. Die ältern Mitglieder ihres Hauses, von väterlicher und mütterlicher Seite, zeichneten sich durch Karakterstärke, frankes Wesen und freien Sinn aus, und auch ihre Gouvernante war eine Person von hohem Geradsinn und fleckenloser Wahrheitsliebe. Sie hatte auch gute Meister, und später noch alle Leichtigkeiten, ihren Geist durch Studium und ausgedehnten gesellschaftlichen Verkehr auszubilden. Schon in der Kindheit erschloß ein Unfall, der sich im Hause ereignete, der liebevollen Kleinen, was dem Zuge ihres Herzens entsprach, und sie folgte von da an der Leitung ihres natürlichen Geschmackes. Sie übernahm die Behandlung aller Schnitte und Quetschungen, die im Bereich ihres Lebenskreises vorfielen, und pflegte dort alle Kranken. Zur Jungfrau herangereift, ging sie, wie englische Damen pflegen, in guter Begleitung auf Reisen. So sah sie Italien, Egypten und Griechenland, und wurde nach ihrer Rückkehr dem Hofe vorgestellt.

Doch Reisen zum Vergnügen, Zerstreuungen, Glanz der Gesellschaft, in der sie sich oft bewegte, ja auch die Kunst befriedigte nicht Florences Herz. In der Literatur ergriffen Bücher, welche das Leben mit seinem Elend und mit ihren Leiden kämpfende Karaktere schildern, mächtig ihr Gemüt und veranlassen auch theilweise ihre späteren Anstrengungen, menschliches Elend zu lindern, oder zu beseitigen.

Bei ihrem starken, frühentwickelten Karakter blieb sie frei von aller Empfindsamkeit, die sie wie Seichtheit und Selbstsucht mit aller Macht der Ironie, die ihr zu Gebote steht, nachdrücklich geißelte.

Zur Zeit der großen Weltindustrie-Ausstellung, die auch so viele junge Damen von allen Theilen Englands nach London zog, weilte Florence Nightingale im Spitale zu Kaiserswerth am Rhein, lernte, wie sie auch in andern Spitälern that, die Kranken warten und studirte die dort bestehenden Einrichtungen.

Nach ihrer Rückkehr überraschte sie ihre persönlichen Bekannten aufs Höchste, als sie es nun übernahm, das Sanitarium in Harley Street in London zu errichten, und das Haus ihres Vaters verließ, um die Aufsicht über die Anstalt zu übernehmen. Gewöhnliche Menschen schlugen darüber die Hände zusammen und geberdeten sich, als ob die junge Dame damit etwas fast Anstößiges unternommen habe. In dieser Anstalt entwickelte sie zuerst ihr großes Organisations- und Verwaltungstalent, indem sie das Rechnungswesen ordnete, Schulden bezahlte und Alles in Richtigkeit brachte, wobei sie immer noch Muße behielt, den kranken Damen in der Anstalt Hülfe und Trost zu bringen.

»Zu einer Zeit,« sagt Herr Scott, »war da, wie ich mich erinnere, nicht ein einziger Krankheitsfall, der nicht hoffnungslos gewesen wäre, aber Florence Nightingale verrieth kein Zeichen des Schreckens. Sie erfüllte ihre Aufgabe und zeigte, ohne sichs bewußt zu sein, daß ein Weib eben so gut, wie ein Mann, zur Verwaltung und Regierung geboren sein kann.«

Doch bald sollte sich ihrer menschenfreundlichen, so hingebenden Thätigkeit ein weit größeres Feld öffnen. Im orientalischen Kriege richtete nämlich Herbert Sidney ein Schreiben an sie, worin er sie bat, sich nach der Türkei zu begeben, um dort die kranken und verwundeten britischen Soldaten zu pflegen. Sie war sogleich bereit, die schwierige Mission zu übernehmen, sammelte in der Eile eine Anzahl Krankenwärterinnen, und begab sich mit ihnen und einigen Damen, die sich ihr freiwillig anschlossen, nicht in die Türkei, sondern auf das Kriegstheater in der Krim selbst.

»Wie sie dies Alles that, wie sie gerade zu rechter Zeit in der Krim ankam, um die in der Schlacht bei Inkermann verwundeten Krieger in Empfang zu nehmen, wird kein Engländer je vergessen. Kein Krieger, von was immer für einer dabei betheiligten Nation, wird auch je vergessen, welche Dienste sie später leistete. Sie hatte nicht blos vor ihren Augen ein Chaos von Unordnung, in welchem sie sich bewegen, und eine Hölle von Elend, dem sie abhelfen sollte, sondern kämpfte noch mit besondern Schwierigkeiten, welche ihr theils die Eifersucht der Sanitätsbeamten, theils die Unerfahrenheit der in der Eile gesammelten Krankenwärterinnen, sowie die Damen bereiteten, welche freiwillig sie begleitet hatten, oder ihr später nachgefolgt waren, sich aber dem Dienste nicht gewachsen zeigten.«

Es gab aber noch andere, große Uebelstände, an die wir hier erinnern müssen. Die britischen Krieger geriethen bekanntlich durch ein fehlerhaftes Kriegskommissariat und durch pedantische Formalitäten, die man für unverbrüchlich hielt, in die peinlichste Lage. Vor ihren Augen lagen die Schiffe, welche Proviant, Kleidungsstücke, Verbandzeug, Arzneien etc. in großer Fülle herbeigebracht hatten; aber gesunde, wie kranke Krieger erhielten davon schwer oder gar nicht, was sie so nothwendig hatten, weil ohne strenge Beobachtung jener pedantischen Verwaltungsformalitäten nichts verabreicht wurde. Da wagte Florence Nightingale, was der Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte, was der Admiral der Flotte nicht wagte: sie brach im Namen der Humanität, im Namen der gesunden Vernunft, den gefährlichen Kanzleibann, und bemächtigte sich mit Gewalt der nothwendigen Vorräthe für ihre Kranken.

Für diese wirkte sie mit Mut und Aufopferung, mit Energie und Weisheit. Unter ihrer Aufsicht wurden die Spitäler rein und wohl gelüftet, erhielten ihre Kranken reine Wäsche, die entsprechende Nahrung und die liebevollste Pflege. Sie zeigte, wie ein zartes Weib fähig und willig war, in der Pflege verwundeter Krieger und vieler Cholerakranken die abstoßendsten und schwierigsten Dienste zu leisten. Mit der Lampe in der Hand wandelte sie Nacht um Nacht durch endlose Reihen von Krankenbetten; bemerkte sie jeden Kranken und reichte ihm, was er eben am nöthigsten hatte. Vom Fieber, das in der Krim herrschte, endlich selbst ergriffen, lag sie im Spital auf den Klippen von Balaklava, bis ihr Zustand sich besserte. Man brachte sie darauf zu Schiff und wollte sie nach England führen, allein sie hielt ihre Aufgabe noch nicht für gelöst, und wurde auf ihr Verlangen nach Scutari gebracht, wo ein großes Spital für die Kranken etablirt worden war. Hier setzte sie ihre Wirksamkeit fort, und verließ Scutari erst zu Ende des Krieges. Sie und ihre militärischen und ärztlichen Mitgehülfen haben gezeigt, was Hospitäler sein können, und wie klein man selbst in Kriegszeiten das Verhältniß der Sterblichkeit in einer Armee machen kann.

Von dem Krim-Fieber genas sie nie, ja für einige Jahre litt sie an ernster zunehmender Krankheit. Ihr Geist verlor dadurch nichts an seiner Strahlkraft, ihr Herz nichts von seiner praktischen Menschenliebe. Indeß wurde sie durch dies Siechthum verhindert, ihren Lieblingsplan, eine Anstalt zur Heranbildung von Krankenwärterinnen zu stiften, in Ausführung zu bringen. Das dankbare Volk von England wußte dies, gab ohne ihr Wissen, ohne ihren Wunsch, die dazu nöthigen Geldmittel her, und Florence Nightingale sollte die Leitung der schönen Stiftung übernehmen. Sie wünschte dies Vertrauen abzulehnen, da sie keine Hoffnung hatte, ihre Gesundheit sich bessern zu sehen. Ihr in diesem Sinne an die Verwalter des gesammelten Fonds gerichtetes Schreiben machte einen tiefen Eindruck, und sie erhielt zur Antwort, daß die Geldmittel sich fortwährend vermehrten, und daß das Publikum ihre Genesung abwarten wolle. Wenn sie dieses besondere Werk nicht ausführen konnte, so vollendete sie doch viele andere. Ihr schriftliches Gutachten, das sie der Sanitäts-Kommission für die Armee unterbreitete, wird als ein großes Werk gelobt. Ebenso wichtig sind verschiedene Reformen, die sie gemeinschaftlich mit ihren Mitgehülfen den Militärbehörden dringend empfahl, und die vom Kriegsministerium adoptirt wurden. Aehnliche Reformen werden nächstens in die indische Armee eingeführt werden und auch dort einen segensreichen Erfolg haben. Wird es ihr doch großentheils zugeschrieben, daß sich in Friedenszeit das Sterblichkeitsverhältniß in der britischen Armee, das früher wie 19 zu 1000 stand, auf 8 von Tausend verminderte.

Bei all ihrem öffentlichen, wir können sagen, weltgeschichtlichen Wirken, bei all ihrem Ruhm, der ihr in reichem Maaße zu Theil wurde, kannte man bisher dieses merkwürdige Weib doch nur sehr unvollständig.

Erst ihr herrliches, jüngst veröffentlichtes Buch mit dem bescheidenen Titel: »Anmerkungen zur Krankenpflege« ( Notes on Nursing), zeigt uns Florence Nightingale in ihrer ganzen geistigen und moralischen Macht. Sie schildert darin nichts weniger, als die Beziehungen des Gesunden zu dem Kranken, über die man selten ernstlich nachdenkt, und entwickelt dabei nicht nur die größte Humanität, sondern auch philosophischen Geist, scharfe Beobachtung, und über Alles den herrlichsten gesunden Menschenverstand.

Florence Nightingale, die den armen britischen Soldaten in der Krim eine Lichterscheinung voll Trost und Hülfe war, sie, die bis jetzt nur für England zu wirken Gelegenheit hatte, dehnt in diesem Werke ihre segensvolle Thätigkeit auf die ganze Welt aus, deren Leiden sie, obgleich selbst leidend, zu lindern, oder durch Beseitigung ihrer Ursachen zu vermindern sucht.

Schon ist ihr kleines Buch, kaum daß es die Presse verlassen, in ganz England heimisch, wird es dort in allen Schichten der Gesellschaft, namentlich von den Frauen, begierig gelesen und wieder gelesen, und Niemand liest es, ohne im Innersten seines Wesens bewegt zu werden.

Auch in Amerika fand es gleich nach seinem Erscheinen eine sehr günstige Aufnahme, und ist hier bereits in Tausenden von Exemplaren verbreitet. Erhebend und veredelnd wirkt darin eine der edelsten, originellsten, aufopferndsten Frauen, die je gelebt, auf ihr ganzes Geschlecht ein. »Noch in folgenden Jahrhunderten,« sagt ihr Biograph, »werden ganze Generationen von Frauen besser, hülfreicher und aufopfernder sein, weil Florence Nightingale gelebt hat, und nicht wenige von jeder Generation werden ihre Kraft auf dem schwierigen Pfade der Wohlthätigkeit versuchen, den sie eröffnete, und auf welchem ihr Bild stets wegweisend stehen wird.«

Anmerkungen zur Krankenpflege

Was Krankenpflege ist, und was sie nicht ist.

Krankheit, ein Wiederherstellungs-Prozeß.

Wollen wir damit beginnen, daß wir als allgemeinen Grundsatz annehmen: jede Krankheit ist in einer oder der andern Periode ihres Verlaufes mehr oder weniger ein Wiederherstellungs-Prozeß, der nicht nothwendig von Leiden begleitet wird: eine Anstrengung der Natur, einem Prozeß der Vergiftung oder des Verfalles abzuhelfen, welcher vor Wochen, Monaten, zuweilen vor Jahren, unbemerkt eingetreten, worauf dann die Beendigung der Krankheit, während der vorhergehende Proceß fortschritt, beschlossen wird?

Wenn wir das als allgemeinen Grundsatz annehmen, so wird man uns sogleich Anekdoten und Beispiele entgegen stellen, um das Gegentheil zu beweisen. Gerade so würde man, falls wir als Grundsatz aufstellten: Alle Zonen der Erde sind bestimmt, durch menschliche Anstrengungen für Menschen bewohnbar gemacht zu werden, sogleich den Einwurf erheben: Wird je der Gipfel des Mont Blanc bewohnbar gemacht werden? Unsere Antwort würde lauten: Es wird viele tausend Jahre brauchen, bevor wir in unserm Bestreben, die Erde gesund zu machen, den Fuß des Mont Blanc erreichen; wartet, bis wir den Fuß erreicht haben, bevor wir über den Gipfel disputiren.

Krankheit ist nicht immer die Ursache der Leiden der Kranken.

Bei Bewachung von Krankheiten in Privathäusern, wie in Hospitälern, fällt dem erfahrenen Beobachter der Umstand am stärksten auf, daß die Symptome (Merkmale) oder die Leiden, die man gemeiniglich für unvermeidlich oder zufällig mit der Krankheit verbunden hält, sehr oft keinesfalls Symptome der Krankheit sind, sondern irgend etwas ganz Verschiedenes anzeigen, nämlich Mangel an frischer Luft, oder an Licht, oder an Wärme, oder an Ruhe, Mangel an Pünktlichkeit und Sorgfalt in Verabreichung der Diät, oder an allen diesen Erfordernissen. Das kömmt eben so häufig bei der Krankenpflege in Privathäusern, als bei der Krankenpflege in Hospitälern, vor.

Der Wiederherstellungs-Prozeß, den die Natur eingesetzt hat, und den wir Krankheit nennen, ist dann durch irgend einen Mangel an Wissen oder Aufmerksamkeit in Betreff eines oder aller dieser Erfordernisse gestört worden, und es stellt sich Schmerz, Pein oder Unterbrechung des ganzen Prozesses ein.

Was Krankenpflege wirken sollte.

Wenn es einem Kranken kalt ist, wenn ein Kranker fieberhaft, wenn ein Kranker matt ist, wenn ihm, nachdem er Nahrung genommen, übel wird, wenn er sich wund gelegen hat, so rührt dies gemeiniglich nicht von der Krankheit, sondern von der fehlerhaften Pflege her. Ich gebrauche das Wort pflegen nur, weil mir kein besseres zu Gebot steht. Man hat den Sinn desselben beschränkt, so daß es wenig mehr, als Verabreichung von Arzneien und Anwendung von Umschlägen bedeutet. Es sollte jedoch den richtigen Gebrauch von frischer Luft, von Licht, Wärme, Reinlichkeit, sowie die gehörige Auswahl und Verabreichung der Krankenkost ? alles bei größter Schonung der Lebenskraft des Kranken ? in sich begreifen.

Die Pflege der Kranken noch wenig begriffen.

Man hat unzähligemale gesagt und geschrieben, jede Frau sei eine gute Krankenpflegerin. Ich im Gegentheil glaube, daß die eigentlichen Anfangsgründe der Krankenpflege nichts weniger als bekannt sind.

Damit meine ich nicht, daß die Krankenwärterin stets zu tadeln sei. Schlechte Anstalten in Betreff der Gesundheitszustände, schlechte Bauart, und schlechte Einrichtungen in der Verwaltung machen oft die Krankenpflege unmöglich. Doch die Kunst der Krankenpflege sollte solche Einrichtungen in sich schließen, ohne die eine Krankenpflege, wie ich sie verstehe, nicht möglich ist.

Wie die Kunst der Krankenpflege gegenwärtig ausgeübt wird, scheint sie geradezu darauf eingerichtet zu sein, der Krankheit die Bestimmung, ein Wiederherstellungs-Prozeß zu sein, die Gott ihr gab, zu entziehen.

Die Krankenpflege soll den Wiederherstellungsprozeß unterstützen.

Kommen wir jetzt auf den ersten Einwurf zurück. Wenn man uns fragt: »Ist diese oder jene Krankheit ein Wiederherstellungsprozeß?« ? »Kann eine solche Krankheit auch ohne Leiden sich äußern?« ? »Wird irgend eine Sorgfalt diesem Kranken dies oder jenes Leiden ersparen?« ? dann sage ich demüthig: »ich weiß es nicht.« Wenn Ihr aber alle jene Schmerzen und Leiden entfernt habt, welche bei Kranken nicht Symptome ihrer Krankheit, sondern Merkmale der Abwesenheit eines oder aller der oben erwähnten wesentlichen Erfordernisse für den Erfolg des Wiederherstellungsprozesses der Natur sind, dann werden wir wissen, welche Symptome und Leiden von der Krankheit nicht getrennt werden können.

Eine andere Ausrufung der allergewöhnlichsten Art, die man sogleich hier machen wird, lautet: »Wollten Sie also nichts in Fällen von Cholera, Fieber etc. thun?« ? So tief eingewurzelt und allgemein ist nämlich die Ueberzeugung, daß man Etwas oder eigentlich Alles thue, wenn man Arznei gibt, und daß man Nichts thue, wenn man für Licht, Wärme, Reinlichkeit u.s. w. sorgt. Die Antwort lautet: Bei den genannten, wie bei vielen andern Krankheiten ist der genaue Werth besonderer Heilmittel und Behandlungsarten noch keineswegs mit Sicherheit festgestellt, während man in Betreff der äußersten Wichtigkeit, welche eine sorgfältige Krankenpflege für die Bestimmung des Ausgangs der Krankheit hat, eine allgemeine Erfahrung besitzt.

Pflege der Gesunden.

II. Die eigentlichen Anfangsgründe der Kenntniß dessen, was wesentlich zu einer guten Pflege gehört, sind in Bezug auf Gesunde ebenso wenig bekannt, als in Bezug auf Kranke.

Dieselben Gesetze der Gesundheit oder Krankenpflege ? denn sie sind in Wirklichkeit dieselben ? herrschen unter den Gesunden wie unter den Kranken vor. Nur zieht die Verletzung derselben bei den Ersteren weniger heftige Folgen nach sich, als bei den Letzteren ? und dies zuweilen, nicht immer.

Wenig verstanden.

Man wendet beständig ein: »Wie aber kann ich dies ärztliche Wissen erlangen? Ich bin kein Doktor. Ich muß das den Doktoren überlassen.«

Seltsame Folgerungen aus einer enormen Sterblichkeit.

O Familienmütter! Wißt ihr, die ihr so sprecht, daß in diesem zivilisirten Lande von England von je sieben Kindern eins zu Grunde geht, bevor es Ein Jahr alt wird? Daß in London zwei Kinder von je fünf sterben, bevor sie ihre Lebenszeit auf fünf Jahre brachten? Und in den andern großen Städten fast eins von je zweien? Aus dieser Thatsache hat man die wundersamsten Folgerungen gezogen. Eine geraume Zeit hindurch ging eine etwa wie folgt lautende Anzeige durch die Zeitungen: »Mehr als 25.000 Kinder unter zehn Jahren sterben jährlich in London, wir brauchen daher ein Kinderhospital.« ? In diesem Frühjahr (1860) erschien ein Prospektus, wurden mehrere andere Vorkehrungen in folgender Absicht getroffen: »Frauen zeigen einen großen Mangel an Sanitätskenntniß, wir brauchen daher ein Frauenhospital.« ? Nun, beide oben erwähnte Thatsachen sind leider wahr. Aber was folgte daraus? Die Ursachen der enormen Sterblichkeit der Kinder sind vollständig bekannt; sie liegen hauptsächlich in Mangel an Reinlichkeit. Mangel an Ventilation, Mangel an Kalktünche, in einem Wort, in einer mangelhaften Haushaltungs-Gesundheitspflege. Die Gegenmittel sind eben so gut bekannt; und unter denselben befindet sich gewiß nicht die Gründung eines Kinder-Hospitals. Dies mag ein Bedürfniß sein, gerade so, wie es in den Hospitälern an Raum für Erwachsene fehlen mag. Aber der General-Registrator wird gewiß nie auf den Einfall kommen, uns als eine Ursache der großen Sterblichkeit der Kinder, z. B. in Liverpool, anzugeben, daß es in den dortigen Spitälern keinen hinreichenden Raum für Kinder gebe, noch würde er uns als Heilmittel die Gründung eines Hospitals für sie aufdrängen.
Ich wiederhole es, Frauen, und die besten Frauen zeigen einen kläglichen Mangel an Kenntniß alles dessen, was die Gesundheit betrifft; obgleich in der ersten und letzten Instanz die Anwendung dieser Kenntniß, soweit die Gesundheitspflege des Hauses in Betracht kommt, von den Frauen erwartet werden muß. Wer aber wird je daran denken, sich auf Gründung eines Frauen-Hospitals zur Abhülfe dieses Bedürfnisses zu berufen?
Wir hörten in der That von einer sehr hohen Autorität, daß man einigermaßen befürchtet, ob nicht etwa Hospitäler, wie sie bisher gewesen, die Sterblichkeitsverhältnisse, namentlich bei Kindern, im Allgemeinen mehr erhöht als vermindert haben.

»Die Lebensdauer zarter Säuglinge ist« (wie irgend ein Saturn, der analytischer Chemiker wurde, sich ausdrückt) »die zarteste Probe der Gesundheitszustände.« ? Ist all das frühreife Leiden und Sterben nothwendig? Oder beabsichtigte die Natur, Mütter stets von Doktoren begleiten zu lassen? Oder ist es besser, Klavier spielen zu lernen, als die Gesetze zu lernen, mit deren Hülfe man die Nachkömmlinge am Leben erhalten kann?

Macaulay sagt irgendwo, »es sei ganz auffallend, daß wir die Gesetze, nach welchen sich die Himmelskörper bewegen, obgleich diese so weit von uns entfernt sind, doch vollständig kennen, während die Gesetze des menschlichen Geistes, die den ganzen Tag und jeden Tag von uns beobachtet werden können, jetzt noch nicht besser begriffen seien, als vor 1000 Jahren.«

Doch um wie viel auffallender ist es, daß während gegenwärtig ? was wir Lächerlichkeiten der Erziehung nennen möchten ? jedes Schulmädchen in den Anfangsgründen der Astronomie unterrichtet wird, weder Familienmütter irgend eines Standes, noch Schullehrerinnen irgend einer Klasse, noch Kinderwärterinnen, noch Wärterinnen in Spitälern, irgendwie über jene Gesetze belehrt werden, nach welchen Gott die Beziehungen unserer Körper zu der Welt, in welche er sie setzte, regelte. In andern Worten: Man lernt gar nicht die Gesetze, welche diese Körper, in welche Gott unsere Seelen gesetzt hat, zu gesunden oder ungesunden Organen jener Seelen machen. Aber nicht genug, daß diese Gesetze, welche Gesetze des Lebens sind, nicht einmal in einem gewissen Grade bekannt sind; selbst Mütter halten es nicht der Mühe werth, sie einige Zeit zu studiren, zu studiren, wie sie ihren Kindern ein gesundes Leben geben können. Sie nennen das ärztliches oder physiologisches Wissen, das blos für Doktoren passe.

Ein anderer Einwurf. Man sagt uns immerwährend: »Wir können ja nicht die Umstände beherrschen, von welchen die Gesundheit unserer Kinder abhängt. Was können wir gegen Winde thun? Da ist der Ostwind. Die meisten Leute können, bevor sie des Morgens aufstehen, angeben, ob der Wind von Osten weht.«

Darauf kann man mit größerer Sicherheit, als auf die früher erwähnten Einwürfe antworten. Wer ist es, der weiß, daß es Ostwind gibt? Nicht der Hirt im Hochlande, der gewiß dem Ostwind ausgesetzt ist, wohl aber die junge Dame, die ganz erschöpft ist, weil man es eben vermeidet, sie der frischen Luft, dem Sonnenschein etc. auszusetzen.

Stellt Letztere in ebenso gute der Gesundheit günstige Verhältnisse, als sie Ersterer hat, und auch sie wird nicht empfinden, daß der Wind von Osten weht.

I. Lüften und Erwärmen

Erste Regel der Krankenpflege ist die Luft in den Zimmern so rein zu halten, wie die Luft im Freien ist.

Die erste Regel der Krankenpflege, das Erste und Letzte, worauf die Aufmerksamkeit der Krankenwärterin gerichtet sein muß, der Hauptpunkt für einen Kranken, ohne welchen alles Uebrige, was ihr auch für ihn thun könnt, so viel wie Nichts ist, bei dessen Beobachtung ihr alles Uebrige, möchte ich beinahe sagen, unterlassen könnt, besteht darin: die Luft, welche er athmet, so rein zu halten, wie sie im Freien ist, ohne ihn zu erkälten. Doch wie wenig wird dies beachtet? Selbst, wo wirklich daran gedacht wird, herrschen die auffallendsten Mißverständnisse darüber. Wenige Leute bedenken sogar, wenn sie Luft in das Krankenzimmer oder in den Krankensaal einströmen lassen, woher diese Luft kommt. Sie mag von einem Korridor kommen, in welchen bereits andere Krankensäle ihre verdorbene Luft abgaben; von einer Halle, die nie gelüftet, stets voll von den Dünsten des Gases, des Mittagsmahles und von verschiedenen Arten muffiger Gerüche ist; sie mag ferner kommen von einer unterirdischen Küche, Rinne, einem Waschhaus, Abtritt, oder gar, wie ich selbst schon die traurige Erfahrung gemacht habe, von einem offenen Abzugs-Kanal, voll von Unrath; und damit wird das Krankenzimmer oder der Krankensaal gelüftet, wie man es heißt, oder wie man richtiger sagen sollte, vergiftet.

Immer komme die Luft aus dem Freien, und zwar durch jene Fenster, durch welche sie am frischesten eindringt. Von einem abgeschlossenen Hofraum, besonders, wenn der Wind nicht auf jener Seite weht, kann ebenso verderbte Luft kommen, als von irgend einer Halle oder einem Corridor.

Warum sind unbewohnte Zimmer verschlossen?

Ich erwähne ferner eines Umstandes, den ich sowohl in Privathäusern, als auch in öffentlichen Anstalten wahrnahm: ein Zimmer bleibt unbewohnt, die Kaminfeuerstelle ist sorgfältig mit einem Brette verschlossen, die Fenster werden nie geöffnet, wahrscheinlich bleiben die Fensterladen stets geschlossen, vielleicht werden irgend welche Vorräthe in dem Zimmer aufbewahrt; kein Hauch frischer Luft, kein Sonnenstrahl kann in dies Zimmer dringen. Die Luft in demselben ist so stockend, dumpfig und verdorben, als sie möglicherweise gemacht werden kann. Sie ist reif genug, die Blattern, das Scharlachfieber, Diphteria oder irgend eine andere Krankheit auszubrüten. In unbewohnten Zimmern, glaubt man allgemein, könne man in aller Sicherheit Thüren, Fenster, Fensterladen und Kamin verschließen ? wo möglich gar hermetisch ? um, wie es heißt, den Staub von ihnen fern zu halten, und daraus entstehe kein Nachtheil, wenn nur die Thüre eine Stunde, bevor die Bewohner wieder einziehen, offen gehalten wird. Ich bin oft gefragt worden, wie es mit unbewohnten Zimmern zu halten sei. ? Wann sollen da die Fenster geöffnet werden? Die Antwort lautet: Wann sollen sie geschlossen werden? ?

Doch das anstoßende Kinderzimmer, der Krankensaal oder das Krankenzimmer wird gewiß gelüftet werden (?), indem man die Thüre öffnet, die zu jenem Zimmer führt. Oder Kinder werden in jenes Zimmer zum Schlafen gelegt, ohne daß es hiezu erst vorbereitet wurde.

Neulich drang ein Mann in eine Kellerküche auf Queens Square und schnitt einer mit der Auszehrung behafteten Creatur, die dort beim Feuer saß, den Hals ab. Der Mörder läugnete die That nicht, sondern sagte einfach: »Es ist Alles in der Ordnung.« Natürlich war er wahnsinnig. Aber in unserem Falle ist das auffallend, daß das Opfer sagt: »Es ist Alles in der Ordnung,« und daß wir nicht wahnsinnig sind. Obschon wir die Mörder in dem dumpfigen, ungelüfteten, von der Sonne nie beschienenen Zimmer wittern und ebenso das Scharlachfieber, das hinter der Thüre lauert, oder das Fieber und den kalten Brand, welche zwischen den dicht an einander gedrängten Betten eines Spitalsaales einherschreiten, so sagen wir doch: »Es ist Alles in der Ordnung.«

Ohne Erkältung.

Bei angemessener Anzahl von Fenstern und der nöthigen Menge von Brennmaterial in der offenen Feuerstelle könnt ihr leicht frische Luft erlangen, wenn eure Kranken zu Bette sind. Seid alsdann nie in Angst über offene Fenster. Niemand erkältet sich im Bette. Dies ist ein beim Volk beliebter Trugschluß. Mit geeignetem Bettzeug und, wenn nöthig, mit heißen Flaschen, könnt ihr jedoch den Kranken im Bette immer warm halten und ihn zu gleicher Zeit der frischen Luft aussetzen. ? Aber eine unbedachtsame Pflegerin, von was immer für einem Range, wohl oder schlecht erzogen, wird jede Ritze verstopfen und eine Treibhaushitze unterhalten, während ihr Kranker im Bette liegt ? und wenn er fähig ist, aufzustehen, ihn verhältnißmäßig ungeschützt lassen.

Die Zeit, in welcher Kranke sich erkälten (und man kann sich, den Schnupfen ungerechnet, auf vielfältige Art erkälten), tritt ein, wenn sie zuerst aufstehen, denn sie sind dann doppelt erschöpft, theils durch das Ankleiden, theils, weil durch das Liegen im Bette, das viele Stunden, vielleicht viele Tage lang anhielt, die Haut erschlaffte und dadurch noch ungeeigneter für die Gegenwirkung (Reaktion) wurde. Dann kann dieselbe Temperatur, welche den Kranken im Bette erfrischt, dem eben aufgestandenen Kranken tödtlich werden. Gesunder Menschenverstand weist darauf hin, daß, während reine Luft wesentlich nothwendig ist, eine Temperatur erzielt werden muß, die in dem Kranken nicht das Gefühl des Frostes erregt. Sonst wird im besten Falle, den man erwarten kann, eine fieberhafte Reaktion eintreten. ? Um die Zimmerluft so rein, wie die Luft im Freien zu haben, ist es nicht, wie man oft zu glauben scheint, nothwendig, daß man sie ebenso kalt machen müsse. Am Nachmittag dagegen findet der Kranke, dessen Lebenskräfte sich dann gesteigert haben, oft, wo die nöthige Sorgfalt fehlt, sein Zimmer so verschlossen und bedrückend, als er es am Morgen kalt gefunden hatte. Doch die Wärterin wird erschrecken, wenn man ein Fenster öffnet. Es ist wünschenswerth, daß die Fenster in einem Krankenzimmer so eingerichtet sind, daß der Kranke, wenn er sich umherbewegen kann, im Stande sei, sie leicht selbst zu öffnen und zu schließen. Ist dies nicht der Fall, so ist in der That das Krankenzimmer sehr selten gehörig gelüftet ? so wenige Menschen begreifen, was gesunde Atmosphäre für die Kranken ist. Der Kranke sagt oft: »Dieses Zimmer, in dem ich von 24 Stunden 22 zugebracht, ist frischer, als das andere, worin ich nur 2 Stunden verweilt habe, weil ich hier die Fenster selbst handhaben kann.« Und es ist wahr. ?

Offene Fenster.

Ich kenne einen verständigen, humanen Spital-Wundarzt, der gewohnt ist, die Fenster der Krankensäle offen zu halten. Die Aerzte und Wundärzte schließen sie regelmäßig, wenn sie die Runde machen, doch jener Wundarzt öffnet sie ganz zweckmäßig und beharrlich wieder, sobald die Doktoren ihm den Rücken gekehrt haben.

In einem kleinen Buche über Krankenpflege, das kürzlich erschien, wird uns gesagt, »daß bei gehöriger Sorgfalt es selten vorkomme, daß die Fenster nicht auf wenige Minuten zweimal des Tages geöffnet werden könnten, um frische Luft hereinzulassen.« Ich sollte denken, zweimal in einer Stunde würde auch nicht schaden. Die oben angeführte Bemerkung zeigt, wie wenig man den Gegenstand erwogen hat. ?

Welche Art Wärme ist wünschenswerth?

Von allen Methoden, Kranke warm zu halten, ist sicher die schlechteste diejenige, welche das Zimmer blos durch den Athem und die Ausdünstung der Kranken erwärmt. Ich habe einen Spitalarzt gekannt, welcher die Fenster der Krankensäle luftdicht verschlossen hielt; auf diese Weise setzte er die Kranken allen den Gefahren einer verpesteten Atmosphäre aus, weil er befürchtete, durch Zulassung frischer Luft die Wärme des Saales allzusehr zu vermindern. Dies ist ein verderblicher Trugschluß. Der Versuch, einen Krankensaal damit warm zu halten, indem man die Kranken ihre eigene heiße, feuchte, faule Atmosphäre wieder und wieder einathmen läßt, ist ein sicheres Mittel, die Genesung zu verzögern oder das Leben zu zerstören.

Schlafzimmer beinahe überall unrein.

Ein Lufterprober von wesentlichen Folgen.

Geht ihr je in die Schlafzimmer von irgend welchen Personen jeden Standes, die eine, zwei oder auch zwanzig Personen, Kranke oder Gesunde beherbergen, zur Nachtzeit oder am Morgen, ehe die Fenster geöffnet wurden, ohne die Luft darin anders, als ungesunderweise drückend und unrein zu finden? Und warum soll es so sein? Und von welch großer Wichtigkeit ist es, daß es nicht so sein sollte! Während des Schlafes wird der menschliche Körper, selbst im gesunden Zustande, weit mehr als im Wachen durch den Einfluß verderbter Luft benachteiligt. Warum könnt ihr deshalb nicht die ganze Nacht über in euern Schlafzimmern die Luft so rein halten, wie sie im Freien ist? Aber zu diesem Zwecke müßt ihr für die reine Luft aus dem Freien hinlänglichen Eingang und für die unreine Luft, die ihr ausathmet, hinlänglichen Ausgang haben. Ihr bedürft offener Kamine, offener Fenster oder Ventilatoren; beseitigt dichte, anliegende Vorhänge um eure Betten, verseht eure Fenster weder mit Laden, noch mit Gardinen, gebraucht keine jener Erfindungen, womit ihr eure eigene Gesundheit untergrabt oder die Möglichkeit der Wiedergenesung eurer Kranken vernichtet. Dr. Angus Smiths Lufterprober würde in jedem Schlaf-, oder Krankenzimmer von unschätzbarem Nutzen sein, wenn er eine leichtere Anwendbarkeit erhielte. Gerade so, wie keine Krankenwärterin ohne Anwendung des Wärmemessers einen Kranken ins Bad setzen sollte, so sollte keine Wärterin, keine Mutter und kein Spital-Inspektor im Kinderzimmer, Schlafzimmer oder Krankensaal des Luft-Erprobers entbehren. ? Wenn die hauptsächlichste Pflicht einer Krankenwärterin darin besteht, die Luft innerhalb des Zimmers in derselben Reinheit zu erhalten, wie die Luft im Freien ist, ohne die Temperatur übermäßig abzukühlen, so muß sie mit einem Thermometer versehen sein, der ihr die Wärme, mit einem Lufterprober, der ihr die organischen Bestandtheile der Luft anzeigt. Aber um gebraucht werden zu können, müßte dieser ein ebenso einfaches, kleines Instrument sein, wie jener, und wie der Thermometer selbst registriren. Die Sinne der Wärterinnen und Mütter werden nach und nach so abgestumpft gegen die unreine Luft, daß sie zuletzt ganz und gar nicht inne werden, in welcher Atmosphäre sie ihre Kinder, Patienten oder Dienstleute schlafen lassen. Wenn jedoch der schwatzhafte Lufterprober am Morgen den Wärterinnen sowohl, als den Kranken und dem die Runde machenden Spital-Direktor anzeigte, wie die Atmosphäre während der verflossenen Nacht war, so zweifle ich, ob irgendwie eine größere Sicherheit gegen die Wiederholung solcher Pflichtverletzung gewährt worden könnte. Und oh, welche Geschichte würde der Lufterprober in der dicht gedrängten National-Schule erzählen, wo so viele ansteckende Kinder-Krankheiten entstehen! Eltern würden dann sagen und mit Recht sagen: »Ich will mein Kind nicht in jene Schule schicken; der Lufterprober zeigt auf »Schauerlich.« ? Und die Schlafsäle unserer großen Boarding-Schulen! Scharlachfieber würde nicht mehr der Ansteckung zugeschrieben werden, sondern der wahren Ursache, da der Lufterprober auf »Unrein« zeigte.
Wir würden nicht länger mehr von »geheimnißvollen Heimsuchungen, von Weh und Pestilenz aus der Hand Gottes« hören, wenn er sie, so viel wir wissen, in unsere eigenen Hände gelegt hat. Der kleine Lufterprober würde ebenso die Ursache dieser »geheimnißvollen Pestilenzen« verrathen, als auch uns auffordern, sie zu beseitigen.

Wann für größte Aufmerksamkeit gesorgt werden muß.

Eine sorgfältige Wärterin wird beständig ihre Kranken bewachen, namentlich die schwachen, sowie langwierige und erschöpfende Krankheitsfälle aufmerksam beobachten, um die Patienten vor den Wirkungen des Verlustes ihrer eigenen Lebenswärme zu bewahren.

In gewissen krankhaften Zuständen wird viel weniger Wärme erzeugt, als im gesunden Zustand, und da zeigt sich denn eine beständige Neigung zur Abnahme und endlichen Erlöschung der Lebenskräfte, herbeigeführt durch die Anforderung, die an sie gemacht wird, die Wärme des Körpers zu erhalten. Fälle, bei welchen dies vorkommt, sollten mit der größten Sorgfalt von Stunde zu Stunde, fast hätte ich gesagt, von Minute zu Minute, bewacht werden.

Die Füße und Beine sind von Zeit zu Zeit zu befühlen und sobald als man entdeckt, daß eine Neigung zum Erkalten sich zeigt, so sind heiße Backsteine, warmer Flanell und ein warmes Getränk so lange anzuwenden, bis die Wärme wieder hergestellt ist. Wenn es nothwendig, so muß auch das Feuer geschürt werden. Kranke gehen häufig in den letzten Stadien der Krankheit aus Mangel an solchen einfachen Vorsichtsmaßregeln verloren. Während sich die Wärterin auf die Wirkung der Krankenkost, der Arznei oder der gelegentlichen Dosis eines Reizmittels verläßt, das sie nach Anweisung des Arztes dem Kranken gab, geht der Kranke in Ermangelung von ein wenig äußerer Wärme zu Grunde. Solche Fälle ereignen sich zu jeder Jahreszeit, selbst mitten im Sommer. Diese lebensgefährlichen Erkältungen finden meistens gegen Morgen statt, zur Zeit der niedrigsten Temperatur in den 24 Stunden, wo die Diät des vorigen Tages zu wirken aufgehört hat.

Allgemein gesagt, könnt ihr erwarten, daß schwache Kranke viel mehr am Morgen als am Abend von Kälte leiden werden. Die Lebenskräfte sind da viel schwächer. Wenn die schwachen Kranken bei Nacht fieberhaft, ihre Hände und Füße brennend heiß sind, so werden sie gewiß am Morgen vor Kälte schauern. Dennoch sind Wärterinnen sehr dafür eingenommen, den Fußwärmer des Nachts zu erhitzen und dies am Morgen, wenn sie sehr beschäftigt sind, zu vernachlässigen. Ich würde es umgekehrt machen.

Alle diese Dinge erfordern gesunden Menschenverstand und Sorgfalt und dennoch wird vielleicht in keiner einzigen Angelegenheit, in allen Schichten der Gesellschaft, so wenig gesunder Menschenverstand gezeigt, als in der Krankenpflege. Bei Kranken in Privathäusern, dächte ich, ganz gewiß aber in Spitälern, sollte sich die Wärterin nicht eher über die Reinheit der Atmosphäre zufrieden stellen, bis sie bei ruhigem Verhalten empfindet, daß ihr die Luft sanft über das Gesicht streicht. Allein man hat beobachtet, daß Wärterinnen, welche über ein offenes Fenster am meisten schreien, jene sind, die sich die wenigste Mühe geben, gefährliche Zugluft zu verhüten. Die Thüre des Krankensaales oder Krankenzimmers muß zuweilen offen stehen, um aus- und eingehenden Personen oder schweren Gegenständen, die aus- oder eingetragen werden, Raum zu geben. Die sorgfältige Wärterin wird die Thüre indessen geschlossen halten, während sie die Fenster zumacht und dann nicht zuvor die Thüren aufmachen, so daß ein Patient, der vielleicht schweißtriefend aufrecht im Bette sitzt, nicht in der Zugluft zwischen der offenen Thüre und Fenster gelassen wird. Auch sollte selbstverständlich kein Kranker, während er gewaschen oder sonst entblößt ist, in der Zugluft zwischen einem offenen Fenster und einer offenen Thüre verbleiben.

Kalte Luft ist nicht Lüftung, noch erkaltete frische Luft.

Ein Beispiel davon geben selbst gebildete Leute, welche auf ganz absonderliche Art die Begriffe von Abkühlung und Lüftung mit einander vermengen. Um ein Zimmer abzukühlen ist es keineswegs nothwendig, es zu lüften, und um ein Zimmer zu lüften ist es nicht nothwendig, es abzukühlen. Dennoch wird eine Wärterin, wenn sie ein Zimmer dunstig findet, um die Ventilation zu verbessern, das Feuer ausgehen lassen und es dadurch noch dunstiger machen, oder sie wird die Thüre öffnen, die in ein kaltes Zimmer, ohne Feuer oder offenes Fenster, führt. Die dem Kranken heilsamste Atmosphäre erlangt man, die Extreme der Temperatur ausgenommen, bei einem guten Feuer und einem offenen Fenster. (Das läßt sich aber keiner Krankenwärterin begreiflich machen.) Das Auslüften eines kleinen Zimmers ohne Luftzug erfordert natürlich mehr Sorgfalt, als das Auslüften eines großen.

Nachtluft.

Luft von außen.

Oeffnet die Fenster, schließt die Thüren.

Nach einer andern außerordentlichen Täuschung fürchtet man sich vor der Nachtluft. Was für andere Luft können wir Nachts einathmen, als Nachtluft? Die Wahl ist nur zwischen reiner Nachtluft von außen und unreiner Nachtluft von innen. Die meisten Leute ziehen die letztere vor. Eine unverantwortliche Wahl. Was werden sie sagen, wenn sie hören, daß es bewiesen ist, daß die volle Hälfte aller unserer Krankheiten durch Leute veranlaßt wird, die bei geschlossenen Fenstern schlafen? Ein offenes Fenster kann in den meisten Nächten des Jahres Niemanden schaden. Damit will ich nicht sagen, daß Licht zur Genesung nicht nothwendig ist. In großen Städten ist oft die Nachtluft die beste und reinste, welche man in den 24 Stunden des Tages athmen kann. Daß man in Städten der Kranken wegen die Fenster am Tage schließt, könnte ich eher begreifen, als daß man sie des Nachts schließt. Die Abwesenheit von Rauch, die Ruhe, alles macht die Nachtzeit für den Kranken zum Luftschöpfen am geeignetsten. Eine unserer höchsten medizinischen Autoritäten über Auszehrung und Klima, hat mir mitgetheilt, daß die Luft in London nie so gut ist, als nach 10 Uhr Nachts. Lüftet also euere Zimmer womöglich immer mit äußerer Luft. Die Fenster sind gemacht, daß man sie öffne, die Thüren, daß man sie schließe ? eine Wahrheit, deren Verständniß, wie es scheint, große Schwierigkeiten im Wege stehen.

Ich sah eine sonst sorgsame Wärterin das Zimmer ihrer Kranken durch die geöffnete Thüre lüften, nahebei waren zwei Gaslichter, deren jedes so viel Luft als elf Menschen konsumirt; ferner gab es da eine Küche, einen Korridor voll verderbter, nie erneuerter Luft, die auch von einer schlecht angebrachten Senkgrube in einem fortwährenden Strom die Wendeltreppe empor stieg und in das geöffnete Zimmer der Kranken drang. Hätte man hier das Fenster geöffnet, so hätte man alles gethan, was zu einer guten Lüftung gehörte. ? Nochmals, jedes Zimmer muß von Außen gelüftet werden, ebenso jeder Durchgang; doch je weniger Durchgänge in einem Spital, desto besser.

Rauch.

Wenn es unser Bestreben sein soll, die Luft innerhalb der Zimmer so rein zu halten, als die Luft im Freien ist, so ist es wohl nicht nöthig, zu sagen, daß das Kamin nicht rauchen darf. Beinahe allen rauchenden Kaminen ist abzuhelfen, von unten herauf, nicht von oben herab. Oft bedarf es nur einer Oeffnung zum Einlaß der Luft, um das Feuer zu unterhalten, welches sich sonst, wo eine solche fehlt, von der Kaminluft selbst nährt. Hingegen kann wieder eine nachlässige Wärterin machen, daß jeder Kamin raucht, indem sie das Feuer sinken läßt und dann mit Kohlen überladet; sie thut dies nicht, wie wir gerne glauben, um sich Mühe zu ersparen, denn Unfreundlichkeit gegen Kranke ist sehr selten, aber aus Mangel an Ueberlegung.

Trocknen feuchter Wäsche in einem Krankenzimmer.

Nachdem wir den Grundsatz festgestellt haben, daß es die erste Sorge der Krankenwärterin sein muß, den Kranken nur solche Luft athmen zu lassen, die der freien an Reinheit gleichkommt, so darf nicht vergessen werden, daß Alles, was außer dem Patienten im Zimmer, schädliche Ausdünstung erzeugt, in seine Luft ausdampft. Daraus folgt, daß außer ihm Nichts im Zimmer geduldet werden soll, was schädliche Ausdünstungen oder Feuchtigkeit hervorbringen kann. Fort mit den nassen Handtüchern etc., die in dem Zimmer trocknen, wobei die Feuchtigkeit natürlich in die Luft des Kranken übergeht. Daran scheint man freilich so wenig zu denken, als ob es ein abgedroschenes Märchen wäre. Wie überaus selten trefft ihr eine Wärterin an, die durch die That anerkennt, daß in des Kranken Zimmer gar nichts getrocknet, bei des Kranken Feuer gar nichts gekocht werden soll. In der That, die vorhandenen Einrichtungen machen die Befolgung dieser Regel oft unmöglich. Ist die Wärterin sorgsam, so wird sie, sobald der Kranke das Bett verläßt, jedoch im Zimmer bleibt, das Leintuch weit aufdecken und die Bettdecke zurückschlagen, um das Bett zu lüften; sie wird die nassen Handtücher oder Flanelle sorgfältig auf Böcke ausbreiten, um sie zu trocknen. Nun werden aber entweder Bettzeug und Handtücher nicht gelüftet und getrocknet, oder sie werden es im Zimmer des Kranken, wobei sich der Dunst mit seiner Luft vermengt. Ob ihm nun die Feuchtigkeit und schädlichen Ausdünstungen in seiner Luft oder in seinem Bett mehr schaden, überlasse ich euch zu entscheiden, denn ich kann es nicht.

Ausdünstung von Absonderungen.

Selbst im gesunden Zustande kann Niemand ohne Nachtheil für die Gesundheit eine und dieselbe Luft wieder einathmen, weil diese mit ungesunden Stoffen aus der Lunge und der Haut beladen ist.

In Krankheiten, wo Alles was vom Körper abgeht höchst verderblich und gefährlich ist, muß nicht allein vollständige Auslüftung die schädlichen Ausdünstungen entfernen, sondern es muß auch Alles, was vom Kranken abgegangen, augenblicklich fortgetragen werden, weil diese Ausleerungen noch weit verderblicher sind, als seine Ausdünstungen.

Es wäre unnöthig, von der höchst schädlichen Wirkung der Ausdünstung solcher Ausleerungen zu sprechen, wenn sie nicht gar so häufig unbeachtet blieben. Die Behälter unter das Bett zu verstecken, scheint alle Vorsicht zu sein, die man in einem Privathause nöthig erachtet. Würdet ihr nur einen Augenblick nachdenken über die Luft unter jenem Bette, über die Sättigung der untern Seite der Matratze mit den warmen Dämpfen, ihr würdet bestürzt werden und erschrecken.

Behälter ohne Deckel.

Macht eure Krankenzimmer zu keinem Abzugkanal.

Der Gebrauch irgend eines Zimmergeschirrs ohne Deckel Nie und nimmermehr sollte dieser durchaus nothwendige Deckel euch in der Gewohnheit bestärken, mit dem Ausleeren des Geschirrs bis zur Zeit des Bettmachens zu warten, das alle 24 Stunden einmal stattfindet. Ja, so unmöglich es auch scheinen mag, ich habe die besten und aufmerksamsten Wärterinnen gekannt, die dagegen gefehlt haben; noch mehr, ich habe einen Kranken gekannt, der 10 Tage an der Diarrhöe litt, und die Wärterin (eine sehr gute) wußte nichts davon, weil der Behälter (mit einem Deckel versehen) nur einmal in 24 Stunden von der Hausmagd, die dem Kranken jeden Abend das Bett machte, ausgeleert wurde. Ihr möget ebensowohl einen Abzugskanal unter dem Zimmer haben, oder es für genügend halten, die Klappe im Abtritte des Tags nur einmal zu öffnen. So seht auch darauf, daß die Deckel der Geschirre immer rein seien.
Sollte sich eine Wärterin weigern, diese Dinge für ihren Kranken zu besorgen, »weil es nicht ihr Geschäft ist,« so ist auch die Krankenpflege nicht ihr Beruf. ? Ich habe barmherzige Schwestern gesehen, welche sich der Pflege Verwundeter widmeten, Frauen, die mit ihren Händen 2-3 Guineen per Woche verdienen konnten, wie sie auf den Knieen rutschend, Zimmer oder Hütten scheuerten, weil sie sie sonst nicht für geeignet hielten, ihre Kranken zu beherbergen.
Ich bin weit davon entfernt, zu wünschen, daß Krankenwärterinnen den Boden scheuern; es ist Kräfte-Verlust. Aber ich sage, daß diese Frauen ihren wahren Beruf zur Krankenpflege dadurch an den Tag legten, daß sie zuerst an das Wohl der Kranken und zuletzt an ihre »Stellung« dachten, ich sage, daß diejenigen Frauen, welche, während der Kranke leidet, auf die Hausmagd oder die Scheuerfrau warten, zur Krankenpflege nicht taugen.
sollte bei Kranken und Gesunden durchaus abgeschafft werden. Ihr könnt Euch von dieser Nothwendigkeit überzeugen, wenn ihr die untere Seite des Deckels prüft. Ist der Behälter noch nicht geteert, so werdet ihr dann finden, daß sich eine übelriechende Feuchtigkeit daran angesetzt hat. Wohin zieht sich diese, wenn kein Deckel vorhanden ist?

Die einzigen zum Gebrauch im Krankenzimmer tauglichen Geschirre sind die aus Thon verfertigten; sind welche von Holz vorhanden, so müssen sie gut polirt oder lackirt sein. Schon der Deckel des alten abscheulichen Nachtstuhls kann Pestilenz erzeugen. Uebelriechender Stoff wird in die Holzporen eindringen, welcher kaum durch tüchtiges Scheuern wieder daraus entfernt werden kann. Ich ziehe einen thönernen Deckel vor, weil er immer rein gehalten werden kann. Jedoch gibt es jetzt verschiedene gute neue Einrichtungen.

Beseitige Spülicht-Eimer.

Ein Spülicht-Eimer sollte nie ins Krankenzimmer gebracht werden. Es sollte unabänderliche Regel sein, und zwar mehr noch in Privathäusern als sonst irgendwo, daß das Geschirr sogleich in den Abtritt getragen, dort ausgeleert und gereinigt und dann erst zurückgebracht werde. Zu diesem Zwecke sollte in jedem Abtritte ein Behälter mit Wasser, der mit einem Hahn versehen, angebracht sein. Wo diese Einrichtung fehlt, müßt ihr Wasser zum Spülen dahin tragen. Ich habe es mit angesehen, wie in Krankenzimmern die Geschirre in die Fußwärmpfanne ausgeleert und ungespült wieder unter das Bett gestellt wurden. Ich weiß nicht, ob es abscheulicher ist, dies zu thun, oder das Geschirr im Krankenzimmer zu spülen. In den besten Spitälern ist es jetzt Vorschrift, daß kein Unrath-Eimer in die Krankensäle gebracht werden darf, sondern daß die Geschirre unmittelbar, um ausgeleert und gespült zu werden, an den dazu geeigneten Ort zu tragen sind. Ich wollte es wäre in Privathäusern ebenso. ?

Räucherungen.

Niemand verlasse sich, wenn er die Luft reinigen will, auf Räuchern, auf sogenannte »Luftreinigungsmittel« und ähnliche Dinge. Der widerwärtige Stoff, nicht sein Geruch, muß entfernt werden, Ein berühmter Professor der Heilkunde begann eines Tages seine Vorlesung wie folgt: »Räucherungen, meine Herren, sind von wesentlicher Wichtigkeit; sie verursachen einen solchen Gestank, daß man genöthigt ist, die Fenster zu öffnen.«

Ich wünsche, alle die erfundenen flüssigen Luftreinigungsmittel machten einen solchen Gestank, daß ihr gezwungen wäret, frische Luft einzulassen. Das wäre eine nützliche Erfindung.

Gesundsein der Kutschen.

II. Gesundsein der Häuser

Der Einfluß der Kutschen, besonders der verschlossenen, auf die Gesundheit ist nicht von so hinreichend allgemeiner Bedeutung, als daß dessen hier mehr als flüchtig erwähnt werden müßte. Kinder, die stets die schärfste Probe der Gesundheitszustände darbieten, fahren selten in einer geschlossenen Kutsche, ohne von Unwohlsein befallen zu werden ? und gut für sie. daß dem so ist. ?
Eine geschlossene Kutsche mit Roßhaarkissen und Ueberzügen, die immer von organischen Stoffen durchdrungen sind, und wenn wir noch hinzusetzen, mit geschlossenen Fenstern, ist einer der ungesundesten menschlichen Aufenthaltsorte. Der Gedanke, darin »die frische Luft zu genießen,« ist etwas Widersinniges. Dr. Angus Smith hat uns gezeigt, daß ein überfüllter Eisenbahnwagen, der 30 Meilen in einer Stunde macht, der Gesundheit so nachtheilig ist, wie der scharfe Geruch von einem Abzugskanal, oder wie der Hintergrund in einem der ungesundesten Hofräume abseits einer der ungesundesten Straßen in Manchester.]

Gesundsein der Häuser.

Fünf wesentliche Dinge sind zur Gesundheit in den Häusern nothwendig, nämlich:

Fünf wesentliche Punkte.

1) reine Luft,

2) reines Wasser,

3) wirksame Ableitung,

4) Reinlichkeit,

5) Helle.

Ohne diese kann kein Haus gesund sein. Und in demselben Maße, als sie fehlen, ist es ungesund.

Reine Luft.

1. Um reine Luft zu haben, sei euer Haus so gebaut, daß die freie Luft ohne Hinderniß in jeden Winkel dringen kann. Daran denken die Baumeister kaum. Der Zweck beim Häuserbau besteht eben darin, hohe Miethen zu erlangen, nicht, den Miethsleuten Doktor-Rechnungen zu ersparen.

Doch, wenn je Miethsleute so klug werden würden, daß sie sich weigerten, ungesund gebaute Häuser zu beziehen, und wenn Versicherungsgesellschaften ihren Vortheil so gründlich verstehen lernten, daß sie einen Gesundheits-Beamten besoldeten, damit er die Häuser untersuche, in denen ihre Versicherten wohnen, so würden geldgierige Bauherren bald zur Vernunft kommen. Jetzt bauen sie, was die höchsten Zinsen einbringt; und es giebt immer noch Leute, die thöricht genug sind, solche Häuser zu miethen.

Wenn nun im Laufe der Zeit die Familien schnell wegsterben, wie dies oft der Fall ist, so fällt es Niemandem ein, jemand anderes, als die Vorsehung Gott gab gewisse Naturgesetze. Von der Ueberzeugung, daß er diese Gesetze durchführt, hängt unsere Verantwortlichkeit ? ein Wort, das häufig mißbraucht wird ? ab; denn wie könnten wir irgendwie für Handlungen verantwortlich sein, deren Folgen wir nicht vorherzusehen im Stande wären? In diesem Falle befänden wir uns, wenn wir auf die Ausführung seiner Gesetze nicht mit Bestimmtheit rechnen könnten. Doch wir scheinen immer zu erwarten, daß Gott ein Wunder thun werde, d. h. daß er seine eigenen Gesetze brechen werde, um uns von aller Verantwortlichkeit zu befreien. dafür zu tadeln. Schlecht unterrichtete Aerzte halten diesen Aberglauben aufrecht, indem sie »umlaufenden Seuchen« die Schuld geben. Schlecht gebaute Häuser wirken gegen die Gesunden, wie schlecht gebaute Spitäler gegen die Kranken wirken. Wo die Luft im Hause stille steht, wird Krankheit gewiß nicht ausbleiben.

Reines Wasser.

2. Reines Wasser wird jetzt, Dank den Bemühungen der Gesundheits-Reformer, im Allgemeinen mehr in die Häuser geleitet, als früher. Während der letzten Jahre pflegte ein großer Theil der Einwohner von London täglich Wasser in Gebrauch zu nehmen, das durch die Ableitung der Kloaken und Abtritte verunreinigt war. Diesem Uebel ist jetzt glücklicherweise abgeholfen. Jedoch wird in manchen Theilen des Landes zu häuslichen Zwecken Brunnenwasser verwendet, das sehr unrein ist. Wenn dann epidemische Krankheiten sich einstellen, so werden die Personen, welche solches Wasser genießen, beinahe gewiß davon befallen werden.

Ableitung.

3. Es wäre höchst wünschenswerth, durch genaue Besichtigung zu ermitteln, wie viele Häuser in London mit wirklich guter Ableitung versehen sind. Viele Leute werden sagen, daß es gewiß alle oder die meisten Häuser sind. Viele Leute haben jedoch keinen Begriff davon, worin eine gute Ableitung besteht. Sie meinen, eine Kloake in der Straße und eine vom Hause dahin gehende Röhre mache eine gute Ableitung. Indessen soll die Ableitungsröhre weiter nichts, als ein Laboratorium sein, aus welchem epidemische Krankheiten oder Siechthum in das Haus überdestillirt werden. Kein Haus, dessen Ableitungsröhre, sei sie mit dem Abtritte, einer Grube oder einem Rinnstein in Verbindung, nicht mit einer Klappe versehen ist, kann jemals gesund sein. Eine Grube ohne Klappe kann zu jeder Zeit Fieber und Pyämia unter die Bewohner eines Palastes verbreiten.

Gruben.

Die gewöhnliche länglich viereckige Abflußgrube ist etwas Abscheuliches. Jene große steinerne Oberfläche, die stets naß gelassen ist, theilt fortwährend ihren Dunst der Luft mit. In einem großen Hause in London ist mir an einer Hinterhaustreppe ein ebenso starker Dunst aus der Abzugsgrube entgegengekommen, als ich solchen je zu Scutari wahrgenommen hatte; und in jenem Hause wurden alle Zimmer vermittelst der geöffneten Thüren gelüftet, die Hausgänge aber bei geschlossenen Fenstern ungelüftet gelassen, damit so viel Abtrittluft als möglich in die Schlafzimmer geleitet und da zurückgehalten werde. Es ist wunderbar.

Ein anderes großes Uebel bei der Errichtung der Häuser besteht in der Anlegung von Abzugsgräben unter dem Hause. Solche Abzugsgräben sind niemals zuverlässig. Sie sollten außerhalb der Hausmauer beginnen und enden. In der Theorie werden manche Leute die Wichtigkeit dieser Dinge zugeben. Aber wie Wenige sind so einsichtsvoll, diesen Ursachen der Krankheit in ihren Familien auf die Spur zu kommen. Ist es nicht Thatsache, daß, wenn Kinder vom Scharlachfieber, Masern oder Blattern befallen werden, zuerst nachgesonnen wird, »wo« die Kinder die Krankheit »geholt« haben könnten? Und sogleich mustern die Eltern in ihrem Sinn alle die Familien, mit denen die Kinder verkehrt hatten. Sie denken aber nie daran, die Quelle des Uebels im eigenen Hause aufzusuchen. Wenn des Nachbars Kind von Blattern befallen, so wird zuerst gefragt, ob es geimpft sei. Niemand wird die Impfung unterschätzen; allein ihr Nutzen in der Gesellschaft wird zweifelhaft, wenn sich die Menschen dadurch verleiten lassen, die Quelle von Uebeln, die im Hause entspringt, außerhalb desselben zu suchen.

Reinlichkeit.

4. Ohne Reinlichkeit innerhalb und außerhalb des Hauses ist Auslüften verhältnißmäßig nutzlos; in gewissen, unreinen Stadttheilen von London wandten arme Leute gegen das Oeffnen der Fenster und Thüren ein, daß sie damit nur üble Gerüche in ihre Wohnung ziehen würden. Reiche Leute lieben es, ihre Ställe und Dunghaufen in der Nähe ihrer Häuser zu haben. Fällt es ihnen aber je ein, ob es bei vielen Einrichtungen dieser Art nicht sicherer wäre, sie hielten die Fenster geschlossen, statt geöffnet? Mit Dunghaufen unter den Fenstern könnt ihr keine reine Luft im Hause haben. In ganz London ist dies gewöhnlich. Und dennoch wundern sich die Leute, daß ihre Kinder, aufgezogen in geräumigen, »wohlgelüfteten« Kinderstuben und Schlafzimmern, an Kinder-Epidemien leiden. Wenn sie in Beziehung auf die Gesundheit der Kinder die Naturgesetze studirten, so würden sie sich nicht so wundern.

Nebst aufgehäuftem Unrath giebt es noch Schmutz anderer Art im Hause. Alte Tapetenwände, schmutzige Teppiche, ungereinigter Hausrath sind ebensowohl Quellen unreiner Luft, als ein Dunghaufen im Erdgeschoß. ? Erziehung und Gebräuche haben die Menschen so verwöhnt, daß sie gar nicht darüber nachdenken, wie sie ihr Wohnhaus der Gesundheit förderlich machen könnten, und jede Krankheit für etwas Unabwendbares halten, in das man sich geduldig ergeben müsse, weil es von der Hand der Vorsehung komme. Wenn sie es aber jemals für eine Pflicht erachten, die Gesundheit ihrer Familien zu bewahren, so sind sie sehr geneigt, in der Ausübung dieser Pflicht allerlei »Nachlässigkeiten und Dummheiten« zu begehen.

Helle.

5. Ein dunkles Haus ist immer ein ungesundes Haus, immer ein schlecht gelüftetes, immer ein schmutziges Haus. Mangel an Licht verkümmert Wachsthum und befördert Scropheln, englische Krankheit etc. bei den Kindern.

Man verliert die Gesundheit in einem dunklen Hause und kann sie in demselben nicht wiedererlangen. Später mehr über diesen Punkt.

Drei gewöhnliche Fehler gegen die Gesundheitsregeln in Häusern.

Von den mannigfaltigen »Nachlässigkeiten und Dummheiten,« die im Allgemeinen gegen die Gesundheitsregeln in Häusern begangen werden, will ich hier drei Beispiele anführen:

1. Daß die Frau, welche an der Spitze der Hausverwaltung steht, es nicht für nöthig hält, jedes Loch und jeden Winkel desselben jeden Tag nachzusehen. Wie kann sie erwarten, daß ihre Untergebenen mehr Sorgfalt entwickeln werden, ihr Haus gesund zu erhalten, als sie, welche darin die Aufsicht führt? ?

2. Daß man es nicht für einen Hauptpunkt hält, unbewohnte Zimmer zu lüften, dem Sonnenlichte auszusetzen, und zu reinigen. Dies heißt einfach, die Anfangsgründe der Gesundheitslehre nicht kennen, dies heißt, den Grund zu allen Arten von Krankheiten legen.

3. Daß man dafür hält, das Fenster, und zwar Ein Fenster reiche hin, ein Zimmer zu lüften. Habt ihr nie beobachtet, daß jedes Zimmer ohne Feuerstelle stets dumpf ist? Und wenn ihr eine Feuerstelle habt, werdet ihr sie nicht mit einem Kaminbrett blos, sondern vielleicht auch mit einem großen Bündel braunen Papiers im Halse des Kamins verstopfen, um, wie ihr sagt, zu verhindern, daß nicht Ruß herunter komme? Ist euer Kamin schmutzig, so fegt ihn; erwartet aber nicht, daß ihr je ein Zimmer blos durch eine Oeffnung lüften könnt; glaubt nicht, daß es ein Zimmer rein halten heißt, wenn man es verschließt. Es ist im Gegentheil das beste Mittel, ein Zimmer, und was darin ist, unrein zu machen. Bildet euch nicht ein, daß wenn ihr, die ihr die Aufsicht führt, nicht selbst für alle diese Dinge sorgt, eure Untergebenen sorgfältiger sein werden, als ihr. Es scheint, als ob es jetzt das Amt einer Hausfrau sei, sich über ihre Dienstboten zu beklagen, und ihre Entschuldigungen anzuhören, statt daß sie ihnen zeigen sollte, wie Klagen und Entschuldigungen vermieden werden könnten.

Die Leiterin des Hauswesens muß für die Gesundheit des Hauses sorgen, ohne die damit verbundenen Dienste zu verrichten.

Wenn ihr selbst auf alle diese Dinge sehen sollt, so ist damit nicht gesagt, daß ihr selbst sie verrichten sollt. »Ich öffne stets die Fenster,« sagt oft die Leiterin des Hauswesens. Wenn ihr es thut, so ist es sicherlich um so besser, als wenn es sonst gar nicht gethan würde. Könnt ihr euch aber nicht versichern, daß man es thut, wenn ihr selbst es nicht thut? Könnt ihr euch versichern, daß man es nicht unterlasse, wenn ihr euch abwendet? Das ists, was die »Aufsicht führen« bedeutet. Und diese Bedeutung ist auch eine sehr wichtige; denn sie zeigt an, daß das, was gethan werden soll, auch stets gethan wird, nicht aber, daß nur gerade das geschieht, was ihr mit eigener Hand verrichten könnt.

Denkt Gott im Ernst so von diesen Dingen?

Ihr werdet diese Dinge für Kleinigkeiten oder wenigstens für übertrieben halten. Doch es kömmt wenig darauf an, was ihr »meint,« oder was ich »meine.« Sehen wir, was Gott darüber meint. Gott rechtfertigt stets seine Wege. Während wir meinten, hat er gelehrt. Ich sah in schönen Privathäusern Fälle von Spital-Pyämia, die so schwer waren, als sie in dem schlechtesten Krankenhause vorkommen, und sie kamen dort von derselben Ursache, nämlich von unreiner Luft. Doch Niemand verstand die Lehre, Niemand lernte etwas von ihr. Sie fingen an zu meinen ? meinten, daß der Leidende seinen Daumen gekratzt habe, oder daß es sonderbar war, daß alle Dienstpersonen »Nagelgeschwüre« bekamen; oder meinten, »es muß irgend etwas in diesem Jahre los sein, denn es gibt stets Krankheit in unserm Hause.«

Diese Art zu meinen ist sehr beliebt, leitet aber nicht darauf, zu untersuchen, was die gleichmäßige Ursache dieser so verbreiteten »Nagelgeschwüre« sei, sondern unterdrückt alle Untersuchung. In welchem Sinne ist die Redensart »dort ist stets Krankheit« eine Rechtfertigung, daß sie »dort« überhaupt ist?

Wie führt er seine Gesetze durch?

Wie lehrt er seine Gesetze.

Dienstboten-Zimmer.

Ich will euch sagen, was die Ursache jener Spital-Pyämia in einem großen Privathause war, denn ich verweilte daselbst. Sie lag darin, daß die Luft der Abzugsgrube von einer schlecht angebrachten Schleuse sorgfältig in alle Zimmer geleitet wurde, indem man fleißig alle Thüren öffnete, und alle Fenster in den Durchgängen verschloß. Sie lag darin, daß man das Zimmergeschirr voll Unrath in die Fuß-Wärmepfanne ausleerte; daß man die Geschirre nie gehörig ausspülte; daß man die Teller, Tassen etc. im Zimmer mit schmutzigem Wasser spülte; daß man die Betten nie gehörig schüttelte, lüftete, stückweise durchklopfte oder wechselte. Die Ursache lag ferner darin, daß die Teppiche und Vorhänge stets dumpfig, daß die Möbeln stets staubig waren, daß die mit Tapeten versehenen Wände mit Schmutz gesättigt waren, daß die Fußböden nie gereinigt wurden, daß die unbewohnten Zimmer nie gesonnt, oder gereinigt, oder gelüftet wurden, daß die Schränke Behälter von unreiner Luft waren, daß man die Fenster bei Nacht stets fest verschlossen hielt, daß man nicht bei Tag systematisch ein Fenster öffnete, oder daß man nicht das rechte Fenster öffnete. Eine Person, die nach Luft schnappt, kann selbst ein Fenster öffnen; aber die Dienstleute (in jenem Hause) lehrte man nicht, die Fenster öffnen, die Thüren zumachen; oder sie öffneten die Fenster über einem dumpfigen Brunnen zwischen hohen Mauern, nicht nach dem luftigeren Hofraume zu. Dies Alles ist nicht Einbildung, sondern Thatsache. In jenem schönen Hause sah ich in einem Sommer drei Fälle von Spital-Pyämia, zwei von Plebitis, zwei von auszehrendem Husten, die alle die unmittelbaren Produkte schlechter Luft waren. Wenn in einem gemäßigten Klima ein Haus im Sommer ungesunder ist, als im Winter, so ist das ein sicheres Zeichen, daß irgend etwas darin schlecht bestellt ist. Doch Niemand lernt etwas daraus. Gott aber rechtfertigt stets seine Wege. Er lehrt, während ihr nichts lernt. Dieser arme Leib verliert einen Finger, jener verliert sein Leben. Dienstboten-Zimmer. Ich muß hier ein Wort in Bezug auf Schlafzimmer der Dienstboten sagen. Infolge ihrer Bauart, noch mehr aber infolge der Art, wie sie gehalten werden, und weil man sie nie verständig beaufsichtigt, sind sie stets voll unreiner Luft, und des »Dienstboten Gesundheit« leidet selbst auf dem Lande auf »unerklärbare« (?) Weise. Ich spreche nämlich keineswegs blos von Häusern in London, wo man nur zu oft Dienstboten entweder unter der Erde oder über dem Dache ihre Wohnung anweist. In einem »Herrenhause« auf dem Lande kannte ich drei Mägde, die das Scharlachfieber hatten, und in demselben Zimmer schliefen. Natürlich bemerkte man: »Wie ansteckend ist es!« Ein Blick in das Zimmer, der Geruch aus demselben, reichte vollkommen hin, die Sache nicht mehr » unerklärbar« zu finden. Das Zimmer war nicht klein; es lag in einem der oberen Stockwerke, und hatte zwei Fenster ? aber fast jede der oben aufgezählten Vernachlässigungen war da zu finden. Und dies Alles geschieht aus Ursachen, denen auf die leichteste Weise vorgebeugt werden könnte.

Physische Entartung in Familien. Ihre Ursachen.

Die Häuser der Großmütter und Urgroßmütter dieses Geschlechts, wenigstens die Landhäuser, mit ihrer im Winter wie im Sommer stets offenen Front- und Hinterthür, durch welche immer ein starker Luftzug zieht ? mit all dem Reiben, Reinigen, Poliren, Scheuern, das man darin vorzunehmen gewohnt war ? so wie die Großmütter, und noch mehr die Urgroßmütter, die stets im Freien sind, und nur eine Haube aufsetzen, wenn sie in die Kirche gehen, erklären die so oft gesehene Tatsache, daß man von einer Urgroßmutter, die ein Thurm von physischer Kraft war, und einer von ihr stammenden Großmutter, die vielleicht etwas weniger stark, aber doch fest wie eine Glocke und kerngesund war, eine kraftlose Mutter abstammen sieht, die auf ihr Haus, auf ihren Wagen beschränkt ist, und die endlich eine schwächliche Tochter hat, die auf ihr Bett beschränkt ist. Erinnert euch nämlich, daß, selbst wenn die Sterblichkeit allgemein abnimmt, ihr doch oft ein Geschlecht, und noch öfter eine Familie antreffen könnt, die auf die gedachte Weise entarten.

Ihr könnt arme, kleine, schwache, ausgewaschene Lappen, Sprößlinge eines edlen Stammes, sehen, die durch ihr ganzes nutzloses, entartetes Leben moralisch und physisch leiden, und doch werden solche Leute, welche sich verheirathen, um mehr ähnliche Geschöpfe in die Welt zu setzen, nichts als ihre eigene Gemächlichkeit zu Rathe ziehen, wenn es sich darum handelt, wo oder wie sie leben sollen.

Macht euer Krankenzimmer nicht zu einem Ventilations-Schlauch für das ganze Haus.

In Bezug auf die Gesundheit von Häusern, worin es eine kranke Person gibt, kommt es oft vor, daß man des Kranken Zimmer zum Ventilations-Schlauch des ganzen Hauses macht, denn während man das Haus so verschlossen, ungelüftet und schmutzig, wie gewöhnlich, läßt, wird das Fenster des Kranken-Zimmers stets ein wenig, und die Thüre gelegentlich geöffnet gehalten.

Nun gibt es gewisse Opfer, welche ein Haus, worin eine einzige kranke Person ist, dieser kranken Person bringt: man bindet den Klopfer an der Pforte auf, legt Stroh vor dem Hause auf die Straße. Warum kann das Haus aus Rücksicht für den Kranken nicht durchaus rein und ungewöhnlich gut gelüftet gehalten werden?

Ansteckung.

Krankheiten sind nicht, wie Hunde und Katzen, in Klassen gebrachte Individuen, sondern Zustände, deren einer aus dem andern entsteht.

Wir müssen nicht vergessen, was man in gewöhnlicher Sprache Ansteckung Leben wir nicht in einem beständigen Irrthum, wenn wir, wie jetzt der Fall ist, Krankheiten als besondere Wesen ansehen, die da sein müssen, wie Katze und Hund. Wir sollen sie doch im Gegentheil als Zustände betrachten, wie einen schmutzigen und reinen Zustand, Zustände, über die wir ebensowohl Gewalt haben, als Schmutz und Reinlichkeit von uns selbst abhängen; oder besser noch, wir betrachten Krankheiten als Gegenwirkungen der gütigen Natur gegen die Zustände in welche wir uns selbst versetzt haben. Sowohl wissenschaftlich gebildeten Männern, als auch unwissenden Weibern, brachten wir frühzeitig den Glauben bei, daß Blattern zum Beispiel ein Ding seien, von welchem es einst ein erstes Exemplar gab, das sich sodann in fortlaufender Kette der Abstammung selbst fortpflanzte, gerade so, wie es einst einen ersten Hund oder ein erstes Hundepaar gab, und daß Blattern sonst ebensowenig aufzutreten beginnen könnten, als ein neuer Hund ohne vorher dagewesenen Mutterhund entstehen könnte.
Seitdem habe ich mit meinen Augen gesehen und mit meiner Nase gerochen, daß Blattern als erste Exemplare entweder in verschlossenen Zimmern, oder in überfüllten Krankensälen ausbrachen, wo es durchaus unmöglich war, die Krankheit durch Ansteckung zu erhalten, und wo sie demnach angefangen haben mußte.
Ja, noch mehr! ich sah Krankheiten beginnen, wachsen, und in einander übergehen. Nun gehen aber Hunde nicht in Katzen über.
So sah ich beispielsweise, wie bei einer kleinen Ueberfüllung anhaltendes Fieber entstand, bei etwas größerer typhusartiges, und bei wieder etwas größerer Typhus ausbrach, was Alles in demselben Krankensaal oder in derselben Hütte vorkam.
Wäre es nicht weit besser, wahrer und praktischer, wenn wir Krankheit in diesem Lichte betrachteten?
Sind doch Krankheiten, wie alle Erfahrung zeigt, Beschaffenheiten der Dinge, nicht die Dinge selbst.
nennt ? ein Ding, das die Leute überhaupt so fürchten, daß sie in Ansehung desselben gerade das thun, was sie vermeiden sollen. Nichts pflegt man für so ansteckend zu halten, als Blattern; und die Leute pflegten vor nicht sehr langer Zeit ihre Blatternkranken mit schweren Bettstücken zu bedecken, während sie große Feuer anmachten, und die Fenster verschlossen hielten. Bei solchem Verfahren sind Blattern natürlich sehr »ansteckend.« Die Leute sind in der Behandlung dieser Krankheit gegenwärtig etwas weiser. Sie wagen es, den Kranken nur leicht zu bedecken und die Fenster geöffnet zu halten, und wir hören weit weniger, als sonst, von der »Ansteckung« durch Blattern. Benehmen sich aber die Leute in unseren Tagen mit mehr Weisheit, wo es sich um »Ansteckung« bei Fiebern, Scharlachfieber, Masern u. s. w. handelt, als sich ihre Vorväter den Blattern gegenüber benahmen? Liegt es nicht in dem volksmäßigen Begriff von »Ansteckung,« daß die Leute sich selbst mehr in Acht nehmen sollten, als die Kranken? Daß es zum Beispiel sicherer ist, nicht zu viel um den Kranken zu sein, und nicht zu viel auf seine Bedürfnisse Acht zu geben?

Warum müssen Kinder die Masern haben.

Am besten wird vielleicht die äußerste Abgeschmacktheit der Pflichten bei der Pflege »ansteckender« Krankheiten durch das erläutert, was jüngst erst, wenn es nicht noch jetzt sogar vorkömmt, in einigen Lazarethen von Europa, üblich war. Dort wurde nämlich der Pestkranke zu all den Abscheulichkeiten verurtheilt, welche mit Schmutz, Ueberfüllung des Krankensaals und Mangel an gehöriger Auslüftung verbunden sind, während der ärztliche Gehilfe beauftragt wurde, die Zunge des Patienten (von Ferne) durch ein Opernglas zu betrachten, und ihm eine Lanzette zuzuwerfen, um damit seine Eiterbeulen zu öffnen.

Die wahre Krankenpflege nimmt von Ansteckung nur insofern Notiz, als sie ihr vorzubeugen sucht. Eine wahre Krankenwärterin verlangt und bedarf auch dagegen keinen andern Schutz, als jenen, den Reinlichkeit, frische Luft von offenen Fenstern und unermüdliche Aufmerksamkeit auf den Kranken, gewähren.

Verständige und menschenfreundliche Behandlung des Kranken ist das beste Schutzmittel gegen Ansteckung.

Es giebt nicht wenige im Volke verbreitete Meinungen, hinsichtlich deren es zuweilen von Nutzen ist, eine oder zwei Fragen aufzuwerfen. So hegt man zum Beispiel gemeiniglich die Ansicht, daß Kinder, was man gewöhnlich »Kinder-Epidemien« oder umlaufende ansteckende Krankheiten u. s. w. nennt, haben müssen; mit andern Worten, daß sie geboren seien, um Masern, Keuchhusten, vielleicht gar Scharlachfieber zu bekommen, und zwar gerade so, wie sie geboren sind, um Zähne zu bekommen, wenn sie am Leben bleiben.

Nun, so sagt mir doch, warum muß ein Kind die Masern haben?

Oh! sagt ihr, weil wir es nicht vor Ansteckung bewahren können; ? andere Kinder haben die Masern ? und es muß sie bekommen ? und es ist besser, daß es sie bekomme.

Warum aber müssen andere Kinder die Masern haben? Und wenn sie sie haben, warum müssen die eurigen sie auch haben?

Wenn ihr an die Gesetze zur Erhaltung der Gesundheit der Häuser, welche Reinlichkeit, Weißen der Wände, Auslüftung und andere Mittel einschärfen, weil sie eben Gesetze sind, mit derselben Bestimmtheit unbedingt glauben, und sie auch befolgen würdet, wie ihr an die im Volke verbreitete Meinung glaubt ? denn es ist nichts mehr, als eine Meinung, daß euer Kind von Kinder-Epidemien befallen werden muß ? denkt ihr nicht, daß, Alles erwogen, euer Kind wahrscheinlicher der Gefahr ganz und gar entrinnen werde?

Kleine Verwaltung

Kleine Verwaltung.

Alle Wirkungen guter Krankenpflege, wie wir sie in diesen Bemerkungen umständlich erwähnten, können sehr beeinträchtigt oder gänzlich vereitelt werden, wenn es an der kleinen Verwaltung gebricht, oder mit andern Worten, wenn ihr nicht wißt, wie ihr es anzustellen habt, daß das, was in eurer Anwesenheit geschieht, auch in eurer Abwesenheit geschehe. Die hingebendste Freundin oder Krankenwärterin kann nicht immer bei ihrem Kranken sein. Es ist auch gar nicht wünschenswerth, daß sie es sein soll. Sie kann übrigens ihre Gesundheit opfern, und alle ihre andern Pflichten vernachlässigen, und doch, weil sie ihre Angelegenheiten nicht einzurichten versteht, nicht bald so wirksam sein, als eine Andere, die nicht halb so hingebend ist, aber die Kunst besitzt, sich zu vervielfältigen; das heißt: der Kranke der Ersteren wird in Wirklichkeit nicht so gut gepflegt sein, als der Kranke der Letzteren.

Es ist ebenso unmöglich, eine Person, welche die Aufsicht über einen Kranken hat, in einem Buche zu unterrichten, wie sie verwalten soll, als es unmöglich ist, sie darin zu unterweisen, wie sie den Kranken zu warten habe. Die Umstände sind nämlich nothwendig nach Maßgabe der verschiedenen sich darbietenden Fälle verschieden. Es ist jedoch möglich, die betreffende Person anzuregen, daß sie von selbst denke: Was fällt denn während meiner Abwesenheit vor? Ich bin genöthigt, am Dienstag abwesend zu sein, aber mein Kranker braucht am Dienstag frische Luft und Pünktlichkeit in der Abwartung ebenso gut, als er sie am Montag gebraucht hat. Oder: Um zehn Uhr des Abends bin ich nie bei meinem Kranken, aber Ruhe ist ihm um zehn Uhr eben so wichtig, als sie es zehn Minuten vor zehn war.

So seltsam es scheinen mag, so ist es doch wahr, daß solche nahe liegende Erwägungen verhältnißmäßig nur wenigen Krankenpflegerinnen in den Sinn kommen; kommen sie ihnen aber wirklich in den Sinn, so fühlt sich die hingebende Freundin oder Wärterin dadurch blos bewogen, einige Stunden oder Minuten weniger von ihrem Kranken entfernt zu bleiben, ohne daß sie zugleich daran dächte, es so einzurichten, daß ihr Kranker weder eine Stunde, noch eine Minute lang das Wesentliche ihrer Pflege vermisse.

Erläuterungen, wie nothwendig sie ist.

Nur sehr wenige Beispiele werden hier nicht als Vorschriften, wohl aber als Erläuterungen, hinreichen.

Fremde gerathen in das Krankenzimmer.

Eine fremde Waschfrau, die noch spät des Abends die schmutzige Wäsche abholen will, wird aus Irrthum in das Zimmer des Kranken platzen, als er eben einschlummerte, und verursacht ihm eine Erschütterung, deren Wirkungen unheilbar sind, obgleich er selbst über ihre Ursache lacht und ihrer wahrscheinlich nie erwähnt. Die Krankenwärterin war daneben, und zwar nach ihrem vollen Recht, bei ihrem Abendbrod, hatte aber keine Vorkehrung getroffen, daß die Waschfrau nicht ihren Weg verfehle, und in das unrechte Zimmer komme.

Das Krankenzimmer zur Auslüftung des ganzen Hauses benützt.

In dem Zimmer des Kranken ist vielleicht das Fenster stets offen; aber in dem Durchgang vor seinem Zimmer sind vielleicht die dort vorhandenen großen Fenster alle geschlossen. Man begreift nämlich nicht, daß die Aufsicht im Krankenzimmer sich auch auf die Aufsicht auf den Durchgang vor demselben erstrecken müsse. So macht es sich denn die Krankenwärterin, wie oft vorkommt, zum Geschäft, das Zimmer des Kranken zu einem Ventilationsschlauch für die verderbte Luft des ganzen Hauses zu machen.

Ein unbewohntes Zimmer verdirbt die Luft im ganzen Hause.

Lange verweilender Geruch vom Anstrich verräth Mangel an Sorgfalt.

Ein unbewohntes Zimmer, ein eben erst geweißtes Zimmer, Die ausgezeichnete Zeitschrift, » The Builder«, weist darauf hin, daß es mangelnde Auslüftung verrathe, wenn der Geruch der Farbe des Anstrichs Monate hindurch im Hause verspürt wird. Sicherlich! Wo es aber Fenster genug gibt, die man öffnen sollte, um den Geruch der Farbe des Anstrichs zu entfernen, aber nie öffnet, da gibt sich ohne Zweifel ein Fehler in der Verwaltung kund, welche die Mittel zur Ausrüstung unbenützt läßt. Natürlich bleibt der Geruch Monate hindurch. Warum sollte er sich entfernen? eine ungereinigte Kammer, oder ein schmutziger Speiseschrank kann oft für das ganze Haus ein Behälter verderbter Luft werden, weil die Krankenpflegerin nie daran denkt, es so einzurichten, daß diese Räume stets gelüftet, stets gereinigt würden; sie öffnet blos selbst das Fenster im Krankenzimmer, sobald sie dasselbe betreten hat.

Überbringung und Nichtüberbringung von Briefen und Botschaften.

Ein aufregender Brief, eine aufregende Botschaft kann dem Kranken mitgetheilt, ein wichtiger Brief, eine wichtige Botschaft ihm nicht überbracht werden; ein Besucher, den zu sehen von Einfluß für den Kranken war, kann abgewiesen, oder ein anderer, den nicht zu sehen für ihn von noch größerem Einfluß war, kann zugelassen werden, weil sich eben die abwartende Person nie die Frage stellt: Was geschieht, wenn ich nicht da bin? Warum laßt ihr euern Kranken je von andern Leuten, als Dieben überraschen? Bei uns kommen doch die Leute, es seien denn Diebe, nicht durch den Schornstein oder durchs Fenster ins Haus. Die Leute kommen durch die Hausthüre und Jemand muß sie ihnen öffnen. Der »Jemand« nun, der beauftragt ist, die Hausthüre zu öffnen, ist eine von zwei, drei oder höchstens vier Personen. Warum kann man nun diesen vier oder weniger Personen nicht auftragen, was geschehen müsse, wenn Jemand an der Hausthür schellt?
Die Schildwache auf einem Posten wird öfter gewechselt, als man irgend eine Dienstperson in einem Privathause oder Spital wechseln kann. Was aber sollten wir von einer Entschuldigung halten, die so lautete: der Feind habe einen solchen Posten überrumpelt, weil A. und nicht B. dort Schildwache stand? Dennoch hörte ich stets eine ähnliche Entschuldigung in Privathäusern, wie in Spitälern machen und annehmen, daß nämlich eine gewisse Person eingelassen oder nicht eingelassen, ein Packet unrichtig abgeliefert wurde oder verloren ging, weil A. und nicht B. die Hausthüre geöffnet habe!

Jedenfalls kann man mit aller Sicherheit sagen: eine Wärterin kann nicht zu einer und derselben Zeit bei dem Kranken sein, die Hausthüre öffnen, bei ihrem Essen verweilen und eine Botschaft ausrichten.

Fügen wir noch dazu, daß der Versuch, dies Unmögliche zu thun, mehr als irgend etwas Anderes die Gemüthsunruhe des Kranken erhöht und seine Nerven anstrengt.

Warum laßt ihr es zu, daß euer Kranker überrascht wird.

Man bedenkt nie, daß der Kranke sich aller dieser Dinge erinnert, wenn ihr sie vergeßt. Er hat dann nicht blos zu denken, ob der Besuch oder Brief eintreffen werde, sondern auch, ob ihr gerade an dem bestimmten Tage, und zur bestimmten Stunde, wo sie eintreffen können, am Platz sein werdet. So erhöhen eure einseitigen Maßregeln, selbst »stets am Platz zu sein,« nur die Nothwendigkeit, daß der Kranke selbst darüber nachdenke. Wenn ihr es aber nur so einrichten könntet, daß die Sache stets gethan würde, und zwar gleichviel, ob ihr anwesend oder abwesend seid, so hätte er auf keinen Fall je nöthig, selbst darüber nachzudenken.

Aus den oben angeführten Gründen ist es für den Kranken besser, das heißt, weniger beängstigend, daß er für sich selbst thue, was er nur immer thun kann, es sei denn, die ihn abwartende Person hätte Verwaltungsgeist.

Es ist für einen Kranken offenbar weniger anstrengend, einen Brief mit umgehender Post selbst zu beantworten, als vier Unterredungen zu haben, fünf Tage zu warten, sechsmal ängstlich besorgt zu sein, bevor er die Sache aus dem Sinn bringt, bevor die Person, welche den Briefe zu beantworten hat, dies auch gethan hat.

Besorgniß, Ungewißheit, Harren, Erwarten, Furcht, überrascht zu werden, schaden einem Kranken mehr, als irgend eine Anstrengung. Erinnere dich, er steht die ganze Zeit über seinem Feind gerade gegenüber, kämpft innerlich mit ihm, hat in seiner Phantasie lange Besprechungen mit ihm. Ihr denkt indessen an etwas ganz Anderes. »Befreit ihn schnell von seinem Gegner,« gilt als eine der ersten Regeln um den Kranken. Es gibt viele ärztliche Operationen, bei welchen ceteris paribus (bei übrigens gleichen Umständen) die Gefahr im geraden Verhältnisse zu der Zeitdauer der Operation steht, und cæteris paribus wird der Erfolg des Operateurs im geraden Verhältniß zu seiner Schnelligkeit stehen. Nun gibt es viele geistige Operationen (Handlungen) auf welche gerade bei dem Kranken genau dieselbe Regel anwendbar ist; cæteris paribus hängt (nämlich) ihre Fähigkeit, solche Operationen zu ertragen, von der Schnelligkeit, ohne Hast, ab, mit welcher sie durch sie hinweggelangen können.

Aus denselben Gründen sagt stets eurem Kranken, und sagt es ihm einige Zeit zuvor, wann ihr ausgehen und wann ihr zurückkehren werdet, gleich viel, ob ihr einen Tag, eine Stunde oder nur zehn Minuten ausbleiben wollt. Ihr bildet euch vielleicht ein, es sei besser für ihn, wenn er gar nicht bemerkt, daß ihr euch überhaupt entfernt, besser für ihn, wenn ihr euch nicht »allzuwichtig« für ihn macht; sonst könnt ihr es nicht übers Herz bringen, ihm die Pein oder Beängstigung der zeitweiligen Trennung von euch zu verursachen.

Laßt das bleiben. Ich will annehmen, daß ihr ausgehen müßt, daß Gesundheit oder Pflicht es gebieten, dann sagt es dem Kranken aufrichtig. Geht ihr ohne sein Wissen fort, und bemerkt er es, dann wird er sich nie wieder sicher suhlen, daß die Dinge, die von euch abhängen, auch in eurer Abwesenheit versehen werden, und in neun Fällen von zehn wird er Recht haben. Geht ihr aus, ohne ihm zu sagen, wann ihr zurückkehrt, so kann er in Betreff der Angelegenheiten, die euch beide angehen, oder die ihr für ihn verrichtet, keine Maßregel, keine Vorsicht treffen.

Einseitige Maßregeln, um stets selbst »am Platz« zu sein, erhöhen die Unruhe des Kranken, statt sie zu vermindern, weil sie eben nur einseitig wirken können.

Was ist die Ursache der Hälfte der vorgefallenen Unfälle.

In Spitälern versteht man die kleine Verwaltung besser als in Privathäusern. Welche Spitäler machen hier eine Ausnahme?

Krankenwartung in Regiments-Spitälern.

Blick ihr in die Berichte über gerichtliche Untersuchungen oder über Unfälle, und besonders in jene über Selbstmorde, oder lest ihr die medizinische Geschichte verhängnißvoller Krankheitsfälle, so ist es fast unglaublich, wie oft die ganze Sache sich um etwas dreht, das sich ereignete, weil »er,« oder öfter noch, weil »sie« nicht da war. Doch noch unglaublicher ist es, daß man diese Abwesenheit fast immer als einen hinlänglichen Grund, ja als eine Rechtfertigung annimmt. Die Person, welche den Dienst hatte, war ganz in ihrem Recht, wenn sie nicht da war; sie wurde aus einer ganz triftigen Ursache abgerufen, oder hatte sich aus einem unabweisbaren, täglich zurückkehrenden Bedürfniß entfernt, aber es war keine Vorkehrung getroffen worden, sie in ihrer Abwesenheit zu vertreten. Der Fehler lag nicht darin, daß sie »nicht da war,« wohl aber darin, daß es an einer Einrichtung fehlte, sie in ihrer Abwesenheit zu ersetzen. Wenn die Sonne vollständig verfinstert, oder des Nachts abwesend ist, zünden wir Kerzen an; aber es hat den Anschein, als ob es uns gar nicht einfalle, daß wir auch die Person, welche die Aufsicht über Kranke oder Kinder hat, ersetzen müssen, wenn sie zufällig oder regelmäßig von ihrem Posten abwesend ist. In öffentlichen Instituten, in welchen beim Mangel einer solchen Verwaltung viele Leben verloren gehen, und die Folgen eines solchen Mangels furchtbar und offenkundig sein würden, trifft man ihn auch weniger an, als in Privathäusern. Dies ist so wahr, daß ich zwei Fälle bei Frauen von sehr hohem Range erwähnen könnte, die beide aus dieselbe Art an den Folgen einer chirurgischen Operation, starben, und in beiden Fällen sagten mir die angesehensten Aerzte. daß sich dies verhängnißvolle Resultat in einem Londoner Spital nicht ergeben haben würde.
Was die Kunst der kleinen Verwaltung in Spitälern betrifft, so trifft man sie nicht in allen Militär-Spitälern, die ich kennen lernte. Ich spreche aus eigener Erfahrung, und erkläre feierlich, daß ich verhängnißvolle Unfälle kannte, wie Selbstmorde in delirium tremens, Verblutungen zu Tod, Fälle, in welchen sterbende Kranke von betrunkenen Leuten des ärztlichen Stabs-Corps aus ihren Betten geschleppt wurden, was Alles in Civilspitälern Londons, wo Frauenzimmer die Kranken pflegen, nicht vorgefallen sein würde. Die ärztlichen Beamten sollten bei diesen Unfällen von allem Tadel freigesprochen werden. Wie kann auch ein Spitalarzt den ganzen Tag, die ganze Nacht über bei einem Patienten, z. B. in delirium tremens, Wache stehen? Der Fehler liegt darin, daß es dort kein organisirtes System der Abwartung gibt. Hätte ein Mann, der Vertrauen verdient, die Aufsicht über jeden Krankensaal, oder eine Reihe von Krankensälen, nicht als Kanzlei-Commis, sondern als Oberkrankenwärter (und Oberkrankenwärter ist nicht und kann bei dem Mangel an Anordnungen auch der beste Spital-Sergeant, oder Aufseher im Krankensaal, nicht sein), so wäre die Sache, aller Wahrscheinlichkeit nach, nicht vorgefallen. In andern Worten, so was fällt nicht vor, wo ein zuverlässiges Frauenzimmer wirklich die Aufsicht führt. Bei diesen Bemerkungen beziehe ich mich keineswegs blos auf Ausnahmszeiten von großen Nothfällen in Kriegsspitälern, sondern auch und mit demselben Nachdruck auf den gewöhnlichen Lauf in Militärspitälern zur Zeit des Friedens, oder auf eine Zeit im Kriege, in welcher unsere Armee wirklich gesünder als zu Hause in Friedenszeit war, und der Zudrang zu unsern Spitälern daher sehr abnahm.
Man sagt oft, daß die Kranken in Regiments-Spitälern einander selbst abwarten sollten; denn gibt es etwa zusammen blos dreißig Kranke, so ist vielleicht blos einer von ihnen ernstlich krank, die übrigen 29 sind es nur leicht, haben nichts zu thun, und sollen daher angehalten werden, den einen ernstlich Kranken zu pflegen. Dabei bringt man ferner vor, sind sie so zum Gehorchen abgerichtet, daß sie die gehorsamsten und daher die besten Krankenwärter abgeben werden, da sie auch, wie ihr hinzufügen sollt, gütig gegen ihre Kameraden sind.
Haben aber Jene, die so sprechen, auch erwogen, daß ihr, um gehorchen zu können, wissen müßt, wie ihr gehorchen sollt, und daß diese Soldaten gewiß nicht wissen, wie sie in der Krankenabwartung gehorchen sollen? Ich habe diese »gütigen« Burschen (und Niemand weiß so gut, wie ich, wie gütig sie sind) ihre Kameraden so wegschaffen sehen, daß in Einem Falle wenigstens der Mann dabei starb. Ich habe gesehen, wie die kameradschaftliche Güte eine Menge geistiger Getränke herbeischaffte, um sie insgeheim zu trinken. Glaube deshalb Niemand, daß wir hiemit sagen wollen, daß man weibliche Wärter in Regimentsspitälern anstellen solle oder könne. Je unerfahrener hier die Krankenwärter sind, desto wesentlicher, desto wichtiger ist es, daß ein Spital-Sergeant Oberkrankenwärter sei. Ohne Zweifel etablirt eine »Schwester« in einem Londoner Spital zuweilen einen Vorspann von Patienten, um einen gefährlichen Kranken zu bewachen, aber dies geschieht auch unzweifelhaft unter ihrer eigenen Oberaufsicht; sie wird auch herbeigerufen, sobald etwas gethan werden soll, und sie weiß, wie sie es thun soll. Die wachenden Patienten dürfen es, so »gütig« und willfährig sie auch sein mögen, nicht nach ihrem eigenen ununterstützten Genie thun.

Doch hier wie dort frage sich, wer immer die Aufsicht über den Kranken hat, still in Gedanken, nicht: wie kann ich stets diese gute Sache selbst thun, sondern: wie kann ich dafür sorgen, daß diese gute Sache nie unterlassen werde?

Wenn sodann infolge ihrer Abwesenheit, die, wie wir annehmen wollen, ganz gerechtfertigt war, wirklich irgend etwas Unrechtes vorfiel, so frage sie sich wieder: nicht, wie kann ich in Zukunft eine solche Abwesenheit vermeiden? (was weder möglich, noch wünschenswerth) sondern sie frage sich: welche Vorkehrungen kann ich treffen, daß nicht irgend etwas Unrechtes gerade in meiner Abwesenheit vorfalle?

Was es heiße die Aufsicht zu führen.

Wie wenige Männer oder selbst Frauenzimmer verstehen in großen, wie in kleinen Dingen, was es bedeute, »die Aufsicht haben« ? wissen, meine ich, wie sie eine Aufsicht führen sollen.

Spürt man, was eigentlich selten geschieht, den Folgen der kolossalsten wie den kleinsten Unglücksfällen nach, so findet man oft ihre Ursache in der Abwesenheit einer Person, welche die Aufsicht führen sollte, oder darin, daß eine solche Person nicht hinlänglich wußte, wie sie ihr Amt zu verwalten hatte. Vor einiger Zeit barst das Dampfrohr-Gehäuse an Bord des schönsten und stärksten Schiffes, das je gebaut wurde, als das Schiff seine Probefahrt machte, vernichtete mehrere Menschenleben und brachte mehrere hundert andere in Gefahr. Dies Unglück veranlasste nicht irgend ein verborgener Fehler in den neuen unversuchten Maschinen, sondern ein Ventil, das geschlossen wurde, aber nicht geschlossen sein sollte. Das Unglück kam also von Etwas, das, wie jedes Kind weiß, den Theekessel seiner Mutter sprengen würde. Und dies geschah einfach, weil Niemand zu wissen schien, was es heißt, »die Aufsicht haben,« oder wer die Aufsicht hatte. Ja auch die Jury, welche die Sache untersuchte, verkannte dies ebenfalls, und war offenbar der Meinung, das Ventil habe Aufsicht gehabt, denn ihr Wahrspruch lautete: »Zufälliger Tod.«

Das ist die Bedeutung des Wortes im Großen.

Bei weitem nicht so ausgedehnt war das Unglück, das sich vor Kurzem ereignete, als eine wahnsinnige Person sich langsam und absichtlich zu Tode verbrannte, während ihr Arzt sie behandelte, und fast in Gegenwart ihrer Wärterin; doch weder den Einen, noch die Andere hielt man für tadelnswerth. Schon der Umstand, daß das Unglück sich ereignen konnte, sprach gegen beide deutlich genug. Man kann darüber nichts mehr sagen. Entweder, sie verstanden ihr Geschäft nicht, oder wußten nicht, wie sie es auszuüben hatten.

»Die Aufsicht haben« heißt gewiß nicht blos, daß ihr selbst die geeigneten Maßregeln trefft, sondern daß ihr auch darauf achtet, daß sonst jeder Andere dasselbe thue; es begreift auch, daß man darüber wache, daß Niemand aus Absicht oder Irrthum solche Maßregeln kreuze oder verhindere. »Die Aufsicht haben« verlangt auch nicht, daß ihr selbst Alles thuet, oder daß ihr eine Anzahl Personen für jede Dienstleistung anstellet, wohl aber, daß ihr euch versichert, daß Jeder den Dienst verrichte, für welchen er angestellt ist.

Dies ist die Bedeutung, welche vor Allen Jene, welche die Aufsicht über Kranke haben, mit dem Wort verbinden müssen, mögen diese Personen viele Kranke oder nur einen einzigen zu besorgen haben, wobei ich die Meinung ausspreche, daß diese Regel bei einzelnen Hauskranken am wenigsten verstanden wird.

Eine einzige kranke Person wird oft von vier Personen mit weniger Pünktlichkeit abgewartet und ist schlechter versorgt, als zehn Kranke, welche von einer einzigen Person gepflegt werden, oder wenigstens als vierzig, die von vier Personen gewartet werden, und dies Alles ergibt sich, weil es an dieser einzigen Person fehlt, die richtig die Aufsicht zu führen wüßte.

Warum gemiethete Krankenwärterinnen so viel Verdruß machen.

Man sagt oft: »Es gibt jetzt wenig gute Dienstboten« ? ich sage: »es gibt jetzt wenig gute Dienstfrauen.« So wie die Jury der Meinung war, das Ventil habe über die Sicherheit des Schiffes zu wachen gehabt, so scheinen Hausfrauen jetzt zu glauben, daß das Haus die Aufsicht über sich selbst führen müsse. Sie verstehen weder, Befehle zu geben, noch ihre Dienstboten zu unterweisen, wie sie Befehlen gehorchen, das heißt, verständig gehorchen sollen, wie es der wahre Geist jeder Zucht verlangt. Man klagt oft, daß Krankenwärterinnen von Beruf, wenn sie bei vorfallenden Krankheiten in Privathäuser genommen werden, sich durch ihr »Herumbefehlen,« unter dem Vorwand, daß sie ihren Kranken nicht vernachlässigen könnten, unter den Dienstboten ganz unerträglich machen. Beides ist wahr. Der Kranke wird oft vernachlässigt und die Dienstleute werden oft ganz ungebührlich herumgehetzt. Der Fehler liegt aber gewöhnlich in der mangelhaften Leitung seitens der Person, welche die Oberaufsicht im Hause führt. Ihr käme es ohne Zweifel zu, es so einzurichten, daß die Wärterin, wenn sie sich von ihrem Posten entfernen muß, ersetzt und der Kranke nie vernachlässigt werde ? Dinge, die mit einer kleinen Vorsicht leicht vereinbar, und in Wirklichkeit nur zusammen erreichbar sind. Der Wärterin kommt es gewiß nicht zu, unter der Dienerschaft »herumzubefehlen.«

Noch Eins. Leute, welche die Aufsicht führen, scheinen oft stolz in dem Gefühl, daß man sie vermissen werde, daß Niemand ihre Einrichtungen, ihr System, ihre Bücher, Rechnungen etc. verstehen oder fortführen könne. Es scheint mir nun, daß man lieber einen Stolz darin setzen sollte, in Betreff der Aufsicht über Vorräthe, Wandschränke, Bücher, Rechnungen etc. ein solches System zu befolgen, das jede Person verstehen und weiter führen kann, so daß man in Fällen der Abwesenheit oder Krankheit Andern Alles mit dem Bewußtsein zu übergeben vermöchte, daß Alles wie gewöhnlich vor sich gehen könne, und daß man nie vermißt werden würde.

IV. Lärm

Unnöthiger Lärm.

Unnöthiger Lärm, oder Lärm, welcher eine Erwartung im Gemüt hervorruft, ist einem Kranken schädlich. Es ist selten das Laute im Lärm, die Wirkung auf das Gehörorgan selbst, das den Kranken anzugreifen scheint. Wie gut kann z. B. ein Kranker gemeiniglich die Aufrichtung eines Gerüstes ganz dicht am Hause ertragen, während er das Geplauder und noch weniger das Gelispel vor seiner Thüre, namentlich, wenn es von einer bekannten Stimme herrührt, nicht zu ertragen vermag.

Es gibt ohne Zweifel gewisse Kranke, namentlich solche, die an leichter Erschütterung oder einer andern Störung des Gehirns leiden, die durch bloßen Lärm angegriffen werden. Abwechselnder Lärm aber, oder plötzlicher und durchdringender Lärm greift in den erwähnten, wie in allen andern Krankheitsfällen weit mehr an, als fortwährender, und Lärm voll Mißton weit mehr, als Lärm ohne Mißton. Eines mögt ihr als sicher annehmen, daß nämlich Alles, was einen Kranken plötzlich dem Schlaf entreißt, ihn unabänderlich in einen Zustand größerer Aufregung versetzen, und ihm mehr ernstlichen, ja dauernden Nachtheil zufügen wird, als irgend ein anhaltender Lärm, sei er auch noch so laut.

Laßt nie einen Kranken aus seinem ersten Schlafe wecken.

Es ist eine unerläßliche Bedingung guter Krankenpflege, daß man nie zugebe, daß ein Kranker absichtlich oder zufällig geweckt werde. Wird er aus seinem ersten Schlaf erweckt, so weiß er fast mit Gewißheit, daß er nicht mehr schlafen werde. Es ist eine merkwürdige, aber ganz begreifliche Thatsache, daß ein Kranker, wenn man ihn nach einem Schlaf von einigen Stunden weckt, viel wahrscheinlicher wieder einschlafen wird, als wenn man ihn einige Minuten, nachdem er eingeschlummert, erweckt. Die Ursache liegt darin, weil Schmerz, wie Reizbarkeit des Gehirns, sich fortsetzt und heftiger wird. Habt ihr im Schlaf einen Aufschub von beiden gewonnen, so habt ihr mehr als den bloßen Aufschub gewonnen. Die Wahrscheinlichkeit der Wiederkehr sowohl, wie derselben Heftigkeit (des Uebels) wird dann vermindert sein, während sie durch Mangel an Schlaf furchtbar gesteigert wird. Dies ist der Grund, weshalb Schlaf so überaus wichtig ist. Dies ist auch der Grund, warum ein Patient, der in der ersten Zeit seines Schlafes geweckt wird, nicht blos seinen Schlaf, sondern auch die Fähigkeit, wieder einzuschlafen, verliert. Eine gesunde Person, die sich im Laufe des Tages zu schlafen erlaubt, verliert ihren Schlaf bei Nacht. Bei den Kranken gilt aber gemeiniglich gerade das Entgegengesetzte; je mehr sie schlafen, desto besser werden sie schlafen können.

Lärm, der Erwartung erweckt.

Flüsterndes Gespräch im Zimmer.

Ich wurde oft bestürzt über die Gedankenlosigkeit (die ohne Absicht grausam wirkt), mit welcher Freunde oder Doktoren gerade in dem an das Krankenzimmer anstoßenden Gemach oder Korridor lange Gespräche führen, während der Kranke jeden Augenblick ihr Hereinkommen erwartet, oder sie eben erst gesehen hat, und weiß, daß sie von ihm sprechen. Ist er ein liebenswürdiger Patient, so wird er versuchen, seine Aufmerksamkeit anderweitig zu beschäftigen, und nicht zu lauschen; das aber macht die Sache nur schlimmer, denn die Herausforderung seiner Aufmerksamkeit, und die Anstrengung, die er macht, sie wo anders hinzulenken, sind so groß, daß es noch gut ist, wenn er sich darauf nicht stundenlang schlechter befindet. Wird das Gespräch in dem Krankenzimmer selbst flüsternd geführt, so ist es ganz grausam; denn der Kranke wird dann genöthigt, seine Aufmerksamkeit unwillkürlich anzustrengen, um zu hören. Aus denselben Ursachen ist es für den Kranken nachtheilig, wenn man in seinem Zimmer auf den Zehen geht und Alles sehr langsam verrichtet. Einen festen, leichten, raschen Schritt, eine feste, rasche Hand bedarf man da, nicht aber einen langsamen, zögernden oder auffallend geschwinden Schritt, oder eine furchtsame, unsichere Berührung.

Langsamkeit ist nicht Leutseligkeit, wofür sie oft irrthümlich gehalten wird; Schnelligkeit, Leichtigkeit und Leutseligkeit sind recht gut mit einander zu vereinigen.

Wenn Freunde und Doktoren die sich schärfenden Züge, die fast wild werdenden Augen von Fieberkranken ebenso bewachen würden, wie Krankenwärterinnen sie bewachen können und sollen, so würden sie gewiß nicht mehr wagen, solche Erwartung oder Aufreizung des Gemütes hervorzurufen. Ein solches unnöthiges Geräusch hat ohne Zweifel in vielen Fällen Delirium herbeigeführt oder vermehrt. Ich kannte einen Fall, in welchem der Tod erfolgte. Dieser wurde, offen gesagt, einem Schrecken zugeschrieben, war aber die Folge eines langen, flüsternd geführten Gespräches, das im Gesichtskreise des Kranken über eine bevorstehende Operation stattfand; denn Jeder, der die freudige, den Stoicismus übertreffende Ruhe kennt, mit welcher ein Patient, der überhaupt eine Operation ertragen kann, die Gewißheit einer Operation, auf die man ihn gehörig vorbereitet, aufnimmt, der wird schwer glauben, daß in dem angeführten Falle bloßer Schrecken, wie man behauptete, die verhängnißvolle Folge hatte. Hier wirkte vielmehr die Ungewißheit, die gespannte Erwartung, was beschlossen werden würde, auf so verhängnißvolle Weise.

Oder gerade vor der Thüre.

Am schlimmsten wirkt es jedoch, wie ich kaum zu sagen brauche, wenn, wie so oft vorkommt, ein Arzt oder Freund den Patienten verläßt, und dann seine Meinung über das Resultat seines Besuches den Freunden gerade vor der Thür des Kranken, oder in dem anstoßenden Zimmer mittheilt, so daß es der Kranke hören oder sonst erkennen kann, was gesprochen wird.

Lärm der Frauenkleider.

Es ist, denk ich, ganz erschrecklich, besonders in dieser Zeit, wo weibliche Federn uns fortwährend des »Weibes besonderen Werth und Beruf für das Missionswesen« einprägen, daß der Anzug der Frauen sie täglich mehr untauglich für irgend eine »Mission« oder nützliche Thätigkeit überhaupt macht. Er taugt ebenso wenig für irgend einen poetischen, als für einen häuslichen Zweck. Jetzt ist ein Mann im Krankenzimmer geschickter und weniger anstößig, als ein Frauenzimmer. In Folge ihrer Tracht muß jedes Frauenzimmer schleifen oder watscheln, und nur ein Mann kann über den Fußboden des Krankenzimmers gehen, ohne ihn zu erschüttern. Was wurde aus des Weibes leichtem Schritt? aus dem festen, leichten, schnellen Schritt, den wir eben verlangten?

Unnöthiger Lärm zeugt sonach von Mangel an Sorgfalt, durch welchen Gesunde wie Kranke auf die grausamste Art leiden. (In allen diesen Anmerkungen werden die Kranken blos als solche erwähnt, die von genau denselben Ursachen im größeren Maße leiden, als die Gesunden.)

Unnöthiger (obschon unbedeutender) Lärm schadet einer kranken Person viel mehr, als nothwendiger Lärm (von weit größerer Stärke.)

Des Patienten Abneigung gegen rauschende Wärterinnen.

Alle Lehren über geheimnißvolle Wahlverwandtschaften und Abneigungen lassen sich großentheils, wenn nicht gänzlich, durch Anwesenheit oder Abwesenheit von Sorgfalt in diesen Dingen erklären.

Eine Wärterin, die, wenn sie sich bewegt, rauscht (ich spreche nicht blos von Wärterinnen von Beruf, sondern von Wärterinnen überhaupt), ist der Schrecken des Patienten, obgleich er vielleicht nicht weiß, weshalb.

Die rastlose Unruhe der Seide und Krinolinen, das Klirren mit Schlüsseln, das Geknarr von Schnürleibern und Schuhen, wird einem Kranken mehr schaden, als ihm alle Arzeneien der Welt nützen werden.

Der geräuschlose Gang des Weibes, der geräuschlose Anzug des Weibes, sind in unserer Zeit bloße Redefiguren. Wenn sie sich bewegt, so ist es noch gut, wenn ihre Unterröcke nicht irgend ein Stück der Einrichtung herabwerfen, aber jedenfalls werden sie wenigstens gegen jeden Artikel im Zimmer anstreifen.

Ein Glück noch, wenn ihre Röcke nicht Feuer fangen, ? wenn sich die Wärterin nicht zugleich mit ihrem Patienten opfert, indem sie sich in ihren eigenen Unterröcken verbrennt. Ich wollte, der General-Registrator wollte uns genau die Zahl der Todesfälle durch Verbrennung angeben, die durch diese abgeschmackte und häßliche Mode herbeigeführt wurden. Wenn aber die Leute dumm sein wollen, so mögen sie doch Maßregeln ergreifen, um sich gegen ihre eigene Dummheit zu schützen ? Maßregeln, die jeder Chemiker kennt. Man mische Alaun in die Stärke, denn dies verhindert, daß gestärkte Kleider auflodern.

Unanständigkeit der Krinoline.

Ich wollte auch, daß Frauenzimmer, welche Krinolinen tragen, das Unanständige ihrer Kleidung ebenso sähen, als andere Leute es sehen.

Eine achtbare, ältliche Frau, die in ihrer Krinoline sich vorwärts bückt, enthüllt so viel von ihrer eigenen Person dem im Zimmer liegenden Kranken, als eine Operntänzerin auf der Bühne dem Publikum enthüllt. Niemand aber wird ihr je diese unangenehme Wahrheit sagen.

Da ist wieder eine Wärterin, die keine Thüre öffnen kann, ohne Alles im Zimmer zum Klappern zu bringen. Oder sie öffnet unnöthig oft die Thüre, weil sie sich nicht erinnert, welche Artikel alle zugleich hereingebracht werden können.

Eine gute Wärterin wird stets dafür sorgen, daß keine Thüre, daß kein Fenster im Zimmer ihres Kranken klappere oder knarre, daß kein Fensterladen oder Vorhang bei irgend einem Wechsel des Windes bei offenem Fenster schlottern kann; namentlich wird sie für Alles dies sorgen, bevor sie ihre Kranken für die Nacht über verläßt. Wenn ihr wartet, bis eure Kranke euch dies Alles sagen, oder euch daran erinnern, welchen Vortheil haben sie dann, eine Wärterin zu besitzen? Es gibt unter allen Klassen mehr schüchterne, als vielverlangende Patienten, und viele Patienten bringen lieber einmal über das andere eine schlechte Nacht zu, als daß sie ihre Wärterin jeden Abend an all die Dinge erinnerten, die sie vergessen hat.

Sind nun Fenster mit Laden versehen, so sorgt stets dafür, sie, wenn sie nicht geschlossen werden müssen, wohl zu befestigen. Ein kleines Stück daran, das herabschlüpft und bei jedem Luftzuge klappert, wird einen Kranken aufs Höchste beunruhigen.

Hast schadet namentlich einem Kranken.

Alle Hast, alles Gelaufe ist für einen Kranken besonders schmerzhaft. Wird ein Kranker von dringenden Geschäften in Anspruch genommen, anstatt sich einfach unterhalten zu können, so wirkt Hast doppelt nachtheilig auf ihn.

Der Freund, der sich nicht niedersetzt, sondern herumläuft, um dem Patienten, welcher mit ihm über Geschäfte spricht, das Sprechen zu ersparen, oder der Freund, der sitzt und langweilig erzählt, weil er ihn damit zu unterhalten meint, handeln gleich unbedachtsam.

Setze dich stets nieder, wenn eine kranke Person mit dir über Geschäfte spricht, zeige keine Zeichen der Hast, sei ganz aufmerksam und überlegend, wenn dein Rath gefordert wird, und gehe, sobald der Gegenstand erschöpft ist, augenblicklich fort.

Wie sich ein Besucher beim Kranken benehmen soll, um ihm nicht zu schaden.

Sitze immer im Gesichtskreis des Kranken, damit er, wenn du zu ihm sprichst, nicht genöthigt sei, sein Haupt mühselig herumzudrehen, um dich anzublicken. Jedermann blickt unwillkürlich die sprechende Person an. Machst du diesen Akt dem Kranken beschwerlich, so fügst du ihm Nachtheil zu. Dasselbe ist der Fall, wenn du fortwährend stehst, und ihn so nöthigst, beständig sein Auge zu dir zu erheben. Sei so regungslos, als möglich, und mache nie seltsame Geberden, wenn du zu dem Kranken sprichst. Lasse nie einen Patienten eine Botschaft oder Bitte wiederholen, besonders nicht einige Zeit darauf. Beschäftigte Patienten werden oft beschuldigt, daß sie sich zu viel mit ihrem eigenen Geschäft befassen. Sie haben instinktiv Recht. Wie oft hört ihr die Person, welche ersucht wurde, eine Botschaft zu überbringen, oder einen Brief zu schreiben, eine halbe Stunde darauf zu dem Kranken sagen: »Bestimmten Sie die Zeit auf 12 Uhr?« oder: »Wie lautete die Adresse, die Sie mir angaben?« ? oder man hört sie mehr aufregende Fragen stellen, wo dann der Kranke genöthigt wird, sein Gedächtniß anzustrengen, oder was schlimmer ist, sich wieder entscheiden muß. In der That, es strengte ihn weniger an, seinen Brief selbst zu schreiben. Diese Erfahrung machen fast alle beschäftigte Kranke.

Das bringt uns auf eine andere Vorsicht. Sprich nie zu einem Patienten von hinten, noch von der Thür aus, noch aus irgend einer Entfernung von ihm, noch wenn er irgend etwas thut.

Die amtliche Höflichkeit, welche Diener in diesen Sachen zeigen, ist den Kranken so angenehm, daß viele von ihnen, ohne zu wissen weshalb, es vorziehen, nur Diener um sich zu haben.

Dies sind keine Grillen.

Diese Dinge entspringen nicht aus Grillen. Wenn wir erwägen, daß bei Kranken, wie bei Gesunden, jeder Gedanke ein wenig Nervenstoff zersetzt, daß Zersetzung sowohl wie Wiederzusammensetzung von Nervenstoff stets vor sich geht, und beim Kranken schneller, als beim Gesunden ? daß plötzlich dem Gehirn, während es eben Nervenstoff durch Denken zerstört, einen andern Gedanken aufdringen, es zu einer neuen Anstrengung herausfordern heißt ? wenn wir diese Dinge erwägen, die Thatsachen, und nicht Grillen sind, so sollen wir uns erinnern, daß wir bestimmt Nachtheil zufügen, wenn wir eine sogenannte »fantastische Person« unterbrechen oder erschrecken. Ach, es ist keine Phantasterei!

Unterbrechung fügt dem Kranken Nachteil zu.

Wird der Kranke durch seinen Beruf gezwungen, Beschäftigungen, welche viel Denken erfordern, fortzusetzen, so ist der Nachtheil doppelt groß.

Sie ist auch dem Gesunden schädlich.

Bei Nährung eines unter Delirium oder Betäubung ( stupor) leidenden Kranken könnt ihr ihn ersticken, wenn ihr ihm seine Nahrung plötzlich gebt; wenn ihr aber seine Lippen sanft mit einem Schwamm reibt und so seine Aufmerksamkeit erregt, so wird er die Nahrung unbewußt aber mit vollkommener Sicherheit hinunterschlucken. So ist es auch mit dem Gehirn. Wenn ihr ihm plötzlich einen Gedanken anbietet, namentlich einen, der einen Entschluß erheischt, so fügt ihr ihm einen wirklichen, nicht eingebildeten Nachtheil zu. Sprecht niemals plötzlich zu einer kranken Person. Haltet aber ebensowenig seine Erwartung gespannt. Diese Regel gilt in der That ebenso bei Gesunden als bei Kranken. Alle Personen, welche sich jahrelang solchen fortwährenden Unterbrechungen der Gedanken aussetzten, trübten dadurch zuletzt, wie ich weiß, ihre geistigen Kräfte. Gesunde empfinden dabei vielleicht keinen Schmerz, bei den Kranken hingegen kündigt Schmerz den Nachtheil an.

Regel, wenn der Kranke sich Bewegung macht.

Wenn ein Patient sich Bewegung macht, so suche ihm weder zu begegnen, noch ihn einzuholen, um mit ihm zu sprechen oder ihm irgend eine Botschaft oder einen Brief mitzutheilen. Gerade so gut könnt ihr ihm eine Ohrfeige geben. Ich sah einen Patienten, der aufrecht stand, flach auf den Boden fallen, als seine Wärterin ins Zimmer kam. Letzteres war eine Zufälligkeit, welche die sorgfältigste Wärterin nicht vermeiden konnte, aber Ersteres geschieht mit Absicht. Ein Patient geht in solchem Zustande nicht nach Ostindien. Würdet ihr zehn Minuten warten oder zehn Ellen weiter gehen, so würde seine ganze Promenade zu Ende sein. Ihr wißt nicht, wie sich ein Patient anstrengen muß, um euch nur ¼ Minute stehend anzuhören. Hätte ich nicht dies von den gütigsten Wärterinnen und Freunden thun sehen, so würde ich diese Warnung hier für überflüssig gehalten haben.

Sprich nie mit einem Kranken, wenn er sich Bewegung macht.

So lange eine Wärterin so wenig Beobachtung zeigt, daß sie nicht weiß, ob ein Kranker es ertragen kann, oder nicht, ist es unerläßlich nothwendig, daß sie sichs zur unverbrüchlichen Regel mache, nie zu irgend einem Patienten, der steht oder geht, zu sprechen. Ich bin überzeugt, daß viele von den Unfällen, die sich ereignen, wenn ein schwacher Patient die Treppe hinabfällt oder nach dem Aufstehen ohnmächtig wird, sich blos deshalb ereignen, weil eine Wärterin aus einer Thüre hervorrannte, um den Patienten gerade in diesem Augenblick zu sprechen, oder weil er fürchtete, daß sie dies thun werde. Ebenso bin ich überzeugt, daß sogar in dem Falle, daß der Patient sich selbst überlassen bliebe, bis er sich niederzusetzen vermag, solche Unfälle viel seltener vorkommen würden. Begleitet die Wärterin den Patienten, so fordere sie ihn nicht zum Sprechen auf. Es klingt unglaublich, daß Wärterinnen sich nicht vorstellen können, wie sehr der Akt der Bewegung bei jedem schwachen Kranken das Herz, die Lunge und das Gehirn anstrengt.

Kranke fürchten Überraschung.

Man beschuldigt oft Kranke, daß sie viel mehr zu leisten im Stande sind, wenn Niemand gegenwärtig ist. Es ist ganz wahr, daß sie es können. So lange man Wärterinnen nicht dahin bringt, Erwägungen der Art zu beachten, von welcher wir hier nur einige Beispiele angeführt haben, findet es ein sehr schwacher Patient wirklich viel weniger anstrengend, manche Dinge selbst zu thun, als darum zu ersuchen, und er wird, um sie zu verrichten (ganz unschuldig und aus Instinkt), die Zeit berechnen, welche seine Wärterin wahrscheinlich ausbleiben wird, und zwar aus Furcht, daß sie auf ihn herankomme oder zu ihm spreche, gerade in dem Augenblicke, als er so gut er eben kann, von seinem Bett zu seinem Lehnsessel, oder von einem Zimmer zum andern, oder für einige Minuten ins Freie kriecht. Irgend etwas, was in diesem Augenblick unerwartet seine Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen will, wird ihn ganz umwerfen.

In diesen Fällen mögt ihr sicher sein, daß ein sehr schwacher Patient solche Anstrengungen nicht mehr als ein- oder zweimal des Tags macht und wahrscheinlich fast um dieselbe Stunde machen wird. Es ist nun in der That hart, wenn Wärterinnen und Freunde es nicht am Besten finden, ihn diese Anstrengungen ungestört machen zu lassen. Vergeßt nicht, daß viele Patienten, welche weder stehen noch selbst aufrecht sitzen können, zu gehen im Stande sind. Stehen ist für einen schwachen Patienten die anstrengendste aller Stellungen.

Alles, was ihr in eines Kranken Zimmer thut, nachdem er für die Nachtruhe vorbereitet ist, verzehnfacht die Gefahr einer schlechten Nacht für ihn. Wenn ihr ihn aber, nachdem er eingeschlafen ist, aufweckt, so setzt ihr euch nicht der Gefahr aus, ihm eine böse Nacht zu bereiten, so sichert ihr sie ihm.

Allen jenen, welche die Kranken pflegen oder besuchen, sowie Allen, welche eine Meinung über die Krankheit oder ihre Fortschritte zu äußern haben, möchte ich einen Wink geben. Kommt zurück und seht euern Patienten an, nachdem er eine Stunde lang mit euch im lebhaften Gespräche zugebracht hatte.

Es ist dies die beste Probe seines wahren Zustandes, die wir kennen. Urtheilet aber nie über ihn, wenn ihr blos während eines solchen Gespräches sehet was er thut oder wie er aussieht. Erkundigt euch sorgfältig und genau, wenn ihr könnt, wie er die Nacht nach diesem Gespräch zugebracht hat.

Wirkungen der Ueberanstrengung auf Kranke.

Menschen werden selten oder nie ohnmächtig, während sie Anstrengung machen, sondern erst nachdem sie vorüber ist. In der That zeigt sich auch jedwede Wirkung der Ueberanstrengung nicht während, sondern nach derselben. Es ist die höchste Thorheit, die Kranken zu beurtheilen, wie so oft geschieht, wenn man sie nur während einer Periode der Aufregung sieht. Leute sterben sehr oft an dem, was, wie zur Zeit erklärt wurde, ihnen »nicht geschadet hat.«

Unbedachte Auslassungen über die Resultate unbedachter Besuche.

Als eine alte erfahrene Krankenwärterin verwerfe ich entschieden alle solche unbedachte Worte. Ich kannte Patienten, welche die ganze Nacht phantasirten, nachdem ein Besucher sie für, besser erklärt und gedacht hatte, daß sie nur einer kleinen Unterhaltung bedürften und die beim Wiederkommen sagten: »Ich hoffe, mein Besuch hat Ihren Zustand nicht verschlimmert« und dabei auf keine Antwort warteten, ja nicht einmal sahen, welche Krankheit sie vor sich hatten. Kein wirklicher Kranker wird je antworten: »Ja, indessen fand ich mich doch um Vieles schlimmer.«

Weder Tod noch Delirium sind in diesen Fällen am meisten für den Kranken zu fürchten. Weit wahrscheinlicher können nicht wahrgenommene Folgen eintreten. Ihr werdet dabei straflos ausgehen, der arme Kranke nicht. Ich will sagen, der Kranke wird darunter leiden, aber weder er noch der Urheber des Nachtheils wird Letzterm seine wahre Ursache zuschreiben; diese wird nur von einer sehr sorgfältig beobachtenden Krankenwärterin sogleich erforscht werden können. Der Kranke wird nicht einmal erwähnen, was ihm am meisten geschadet hat.

Gedenke, du sollst dich nie an das Bett, in welchem ein Kranker liegt, lehnen, nie darauf sitzen, es nie ohne Not schütteln oder selbst berühren. Alles dies ist nämlich stets eine peinliche Störung. Schüttelt ihr den Stuhl, auf welchem er sitzt, so gewähren ihm die Füße einen Stützpunkt; auf einem Bette oder Sopha dagegen hängt er ganz von euch ab; und er fühlt jede Mißhelligkeit, die ihr verursacht, durch seinen ganzen Körper.

Unterschied zwischen wirklichen und eingebildeten Kranken.

Man beachte wohl, daß wir weder hier noch sonst in dieser Schrift von Hypochondern sprechen; es bildet einen mächtigen Zweig in der Heranbildung einer Krankenwärterin, daß sie wahre Krankheit von eingebildeter unterscheiden lerne. Es bildet einen wichtigen Theil ihrer Pflichten, daß sie mit eingebildeten Kranken umzugehen verstehe, denn die Pflege, welche einerseits wirkliche und andererseits eingebildete Kranke erfordern, ist von verschiedener oder vielmehr entgegengesetzter Natur. Von letzterer sprechen wir hier nicht. In der That sind viele der hier erwähnten Symptome solche, welche wirkliche von eingebildeter Krankheit unterscheiden. Es ist wahr, daß Hypochonder sehr oft das hinter dem Rücken der Wärterin thun, was sie nicht vor ihren Augen thun wollen. Ich selbst hatte viele solche Patienten, die bei ihren regelmäßigen Mahlzeiten kaum etwas aßen, wenn ihr aber Nahrung für sie in einem Schranke verbärget, so würden sie dieselbe bei Nacht oder heimlich nehmen. Aber dies geschieht bei solchen eingebildeten Kranken aus einem ganz verschiedenen Beweggrund; sie thun dies nämlich, weil sie zu verhehlen wünschen, während der wirkliche Kranke sich oft seiner Wärterin oder seinem Arzt gegenüber, falls sie ihn nicht durch Kopfschütteln abschrecken, rühmen wird, wie viel er that, aß oder ging. Doch kehren wir zu den wirklichen Krankheiten zurück.

Bündigkeit bei Kranken nothwendig.

Bündigkeit und Entschiedenheit sind bei Kranken im höchsten Grade nothwendig. Was ihr ihnen sagt, das sagt ihnen bündig und entschieden. Was immer für Zweifel und Zögerung in eurem eigenen Gemüt sich kund gibt, ihr müßt sie nie ihren Gemütern mittheilen, selbst nicht (ich wollte lieber sagen, besonders nicht), wenn es sich um Kleinigkeiten handelt. Behaltet euern Zweifel für euch, ihnen gebt nur Entschiedenheit kund. Leute, die laut denken, deren ganzer Gedankengang, wie der Homers, im Akt der Absonderung erscheint, die alles und jedes sagen, was sie zu einem Schlusse führte, und davon ableitete, sollen nie um Kranke sein.

Unentschlossenheit ist ihnen sehr schmerzhaft.

Unentschlossenheit fürchten alle Kranken ungemein. Um nicht bei Andern auf sie zu stoßen, werden sie lieber alle ihnen bekannten Thatsachen sammeln, und selber darüber nachdenken, schmerzhaft. Eine Sinnesänderung bei Anderen, betreffe sie eine Operation, oder das zweimalige Schreiben eines Briefes, schadet dem Kranken stets mehr, als wenn er aufgefordert wird, über einen höchst gefürchteten und schwierigen Entschluß nachzudenken. Ueberdies ist in sehr vielen Fällen die Einbildungskraft bei Kranken viel thätiger und lebhafter, als bei Gesunden. Wenn ihr dem Kranken zu einer Stunde eine Luftveränderung an einem gewissen Platze, und in der nächsten auf einem andern vorschlagt, so hat er in einem wie in dem andern Falle sich in seiner Phantasie als Inhaber des Platzes eingerichtet, ging er als solcher in der Idee über den ganzen Grund und Boden desselben, und ihr habt ihn durch Verrückung seiner Phantasie ebenso ermüdet, als hättet ihr ihn tatsächlich über beide Plätze geführt.

Verlaß das Krankenzimmer schnell, und kehre auch schnell ? nicht plötzlich, nicht mit Ungestüm ? in dasselbe zurück. Laß aber den Kranken sich nicht müde warten, bis du aus dem Zimmer gehst, oder in dasselbe zurückkehrst. Bündigkeit und Entschiedenheit in euren Bewegungen, wie in euren Worten, sind im Krankenzimmer nothwendig, so nothwendig, als Abwesenheit von Hast und Geräusch. Gänzliche Selbstbeherrschung wird euch davor bewahren, daß ihr weder durch Zögern, noch durch Hast fehlt.

Worauf ein Kranker nicht zu sehen haben soll.

Wenn ein Kranker nicht blos für seine eigene, sondern auch für seiner Wärterin Pünktlichkeit, oder Ausdauer, oder Bereitschaft, oder Ruhe, oder für alle diese Eigenschaften sorgen soll, so würde er sich ohne Wärterin weit besser stehen, als mit ihr, so werthvoll und bequem ihre Dienste sonst für ihn sein mögen, und wie unfähig er auch sein mag, selbige sich selbst zu leisten.

Lautes Lesen.

Meine Erfahrung in Bezug auf lautes Lesen im Krankenzimmer sagt mir, daß, wenn die Kranken zu siech sind, um selbst zu lesen, sie selten vorlesen ertragen können. Kinder, Augenkranke und ungebildete Personen, sowie jene, welche irgend eine mechanische Schwierigkeit zu lesen verhindert, bilden eine Ausnahme von diesem Satze. Leute, die es lieben, daß man ihnen vorlese, beachten gemeiniglich die Sache, die ihnen vorgelesen wird, nicht viel, während die Anstrengung, dem Vorleser zu folgen, bei Fieberkranken, oder wo das Gehirn eine große Reizbarkeit verräth, oft Delirium herbeiführte. Ich spreche hier mit großer Schüchternheit, weil man fast allgemein glaubt, daß es die Kranken schonen heißt, wenn man ihnen laut vorliest.

Lies dem Kranken sorgsam, deutlich und gleichmäßig vor.

1. Muß eine Sache einer kranken Person vorgelesen werden, so thue es langsam. Die Leute glauben oft, das Mittel, ihn mit der geringsten Ermüdung über die Sache hinwegzubringen, bestehe darin, sie in kürzester Zeit abzumachen. Sie schnattern, sinken mit der Stimme, und galoppiren dann wieder im Vorlesen. Nie beging man einen größern Irrthum. Houdin, der Taschenspieler, sagt: »Das Mittel, eine Geschichte kurz scheinen zu lassen, bestehe darin, sie langsam zu erzählen.« Dies gilt auch, wenn man Kranken vorliest. Ich hörte oft einen Kranken zu so einem verkehrten Vorleser sagen: »Lesen Sie mir es nicht vor, erzählen Sie mirs.« Ohne sichs bewußt zu sein, weiß er, daß so das Sinken der Stimme, das ungleiche Tempo im Lesen, das Bemänteln von Stellen, die man, wenn sie unwichtig sind, lieber ganz auslassen sollte, und das Herbrummen anderer, vermieden werden wird. Verliert der Vorleser seine eigene Aufmerksamkeit, und hält dann ein, um für sich selbst zu lesen, oder findet er, daß er das unrechte Stück gelesen, dann muß der arme Kranke nothwendig leiden. Sehr wenig Leute wissen, wie man dem Kranken vorzulesen habe, sehr wenige lesen sogar so angenehm vor, als sie sprechen. Wer Kranken vorliest, soll es ziemlich langsam und sehr deutlich thun, und alles Herausschreien vermeiden; er soll ziemlich eintönig sein, aber nicht ins Singen verfallen, ziemlich laut, aber ohne Lärm, und vor Allem nicht zu lange lesen. Ueberzeuge dich wohl, was dein Kranker ertragen kann.

Lies nur dem Kranken stück- oder ruckweise vor.

2. Die außerordentliche Gewohnheit, in einem Krankenzimmer für sich zu lesen, und dem Kranken dabei Stücke vorzulesen, welche ihn, oder öfter den Leser unterhalten sollen, ist unverantwortlich unbesonnen. Was meint ihr, denkt der Kranke in der Zwischenzeit, in welcher ihr ihm nicht vorleset? Meint ihr, daß er sich genau die ganze Zeit über, während es euch beliebt, wieder für euch fortzulesen, mit dem vergnügt, was ihr ihm vorgelesen, und daß seine Aufmerksamkeit genau zu der Zeit, wo es euch beliebt, euer lautes Lesen wieder zu beginnen, für etwas Anderes bereit sei? Sei die Person, der man auf diese Weise vorliest, krank oder gesund, thue sie nichts oder irgend etwas Anderes, während man ihr auf diese Weise vorliest, so ist die Selbstvertiefung der Person, die dies thut, ebenso unbegreiflich, als ihr Mangel an Beobachtung, obgleich sehr oft die Person, der vorgelesen wird, zu liebreich ist, um zu sagen, wie peinlich es ihr fällt.

Leute über unsern Häuptern.

Noch eins: Von der losen Bauart der meisten neuen Häuser, in welchen man jeden Schritt auf der Treppe, oder in den einzelnen Stockwerken, im ganzen Hause empfindet, rührt es her, daß, je höher das Stockwerk, desto größer auch die Schwingung ist. Es ist unbegreiflich, wie sehr der Kranke darunter leidet, daß er Jemand über seinem Kopf hat. In den fest gebauten alten Häusern, zu welchen glücklicherweise die meisten Hospitäler gehören, ist das Geräusch und Schütteln unbedeutend. In leicht gebauten Häusern aber und bei der manchen Krankheiten eigenthümlichen Reizbarkeit sind beide eine ernste Ursache von Leiden. Könnt ihr es nicht bewerkstelligen, daß das Zimmer über solchen Kranken unbewohnt bleibe, so ist es weit besser, ihr bringt sie, ohne selbst die durch Treppen erhöhte Mühseligkeit (des Krankendienstes) zu scheuen, in den höchsten Raum des Hauses; sonst könnt ihr einen Zustand der Schlaflosigkeit herbeiführen, den kein Opium besiegen wird. Mißachtet nicht die Warnung, wenn ein Kranker euch sagt, »er fühle jeden Schritt über seinem Haupt durch sein Herz gehen.« Gedenkt, daß jedes Geräusch, welches ein Kranker nicht sehen kann, für ihn den Karakter der Plötzlichkeit hat; ich bin auch überzeugt, daß es Patienten mit so besonders reizbaren Nerven bestimmt weniger nachtheilig ist, wenn Personen mit ihnen in demselben Zimmer wohnen, als wenn sie über ihrem Kopf wohnen, oder nur durch eine dünne Abtheilung von ihnen getrennt sind. Jedes Opfer, um Ruhe in diesen Fällen zu sichern, ist der Mühe werth, die es erfordert, weil keine Luft, sei sie noch so gut, keine Abwartung, sei sie noch so sorgfältig, in solchen Fällen, ohne Ruhe, etwas wirken wird.

Musik.

Die Wirkung der Musik auf Kranke ist bisher kaum beachtet worden. In der That macht auch ihre gegenwärtige Kostspieligkeit irgend eine allgemeine Anwendung derselben zu keinem Gegenstande der Untersuchung. Ich will hier nur bemerken, daß Wind-Instrumente, die menschliche Stimme inbegriffen, und Saiten-Instrumente, die zusammenhängenden Laut geben können, gemeiniglich eine wohlthätige Wirkung hervorbringen, während das Pianoforte und solche Instrumente, welche keinen Zusammenhang des Tones haben, gerade die entgegengesetzte hervorbringen. Das schönste Klavierspiel wird den Kranken nachtheilig sein, während ein Lied, wie » Home, sweet home« oder » Assise à pié d un salice« mit der gemeinsten Dreh-Orgel vorgebracht, sie auf merkliche Weise besänftigen wird ? und dies ganz unabhängig von ihrer Gesellschaft.

V. Mannigfaltigkeit

Mannigfaltigkeit, ein Mittel zur Wiederherstellung.

Nur eine alte Krankenwärterin, oder ein lange Zeit über Kranker, kann begreifen, in welchem Grade die Nerven der Patienten darunter leiden, wenn sie stets dieselben Wände, dieselbe Zimmerdecke, dieselben Gegenstände in ihrer Umgebung sehen, während sie selbst lange Zeit auf ein oder zwei Zimmer beschränkt sind.

Man hat oft bemerkt, wie Personen, welche an schweren Fieberanfällen leiden, eine größere Heiterkeit zeigen, als Personen, die an Nervenschwäche leiden, und hat dies dem Genuß zugeschrieben, den erstere in der Zeit finden, wo das Fieber sie nicht plagt. Ich bin geneigt, zu denken, daß man die Mehrzahl dieser heitern Kranken unter jenen finden wird, die nicht auf ein Zimmer beschränkt sind, sei übrigens ihr Leiden was immer für eins, und daß man wieder die Mehrzahl niedergedrückter Patienten unter jenen antreffen wird, die lange Zeit nur dieselben eintönigen Gegenstände um sich herum sehen.

Farbe und Form. Mittel zur Wiederherstellung.

Der Nervenbau leidet davon wirklich so viel, als die Verdauungsorgane von langer Eintönigkeit der Nahrung leiden.

Die Wirkung, welche schöne Gegenstände, Mannigfaltigkeit der Gegenstände, und besonders Farbenglanz, in Krankheit hervorbringen, ist kaum noch irgendwie gewürdigt.

Dringende Bitten um solche Gegenstände nennt man gewöhnlich »Grillen« der Patienten. Oft haben ohne Zweifel Patienten »Hirngespinste,« wenn sie z. B. zwei sich widersprechende Dinge verlangen; öfter jedoch sind ihre sogenannten Grillen die werthvollsten Anzeigen dessen, was zu ihrer Wiederherstellung nothwendig ist. Es wäre daher gut, wenn Krankenwärterinnen diese sogenannten Grillen der Patienten genau beobachten würden.

Ich sah bei Fiebern (und fühlte es, als ich selbst fieberkrank war), daß Patienten, die in einer Hütte lagen, den schärfsten Schmerz empfanden, der daraus entstand, daß sie nicht aus dem Fenster sehen konnten, und nur die Aussicht auf die Knorren im Holz hatten. Ich werde nie vergessen, in welches Entzücken Kranke über ein Bündel Blumen von glänzender Farbe geriethen. Aus meiner eigenen Krankheit erinnere ich mich, wie mir ein Strauß wilder Blumen gesandt wurde, und wie von diesem Augenblick an meine Genesung viel rascher fortschritt.

Das ist kein Hirngespinst.

Die Leute sagen, die Wirkung äußere sich blos auf den Geist; das ist nicht der Fall. Die Wirkung äußert sich auch auf den Körper. So wenig wir auch wissen, auf welche Weise Form, Farbe, Licht auf uns wirken, so wissen wir doch, daß sie in der That eine sinnliche Wirkung auf uns äußern.

Abwechslung der Form, und Glanz der Farbe, bei den dem Kranken vor Augen befindlichen Gegenständen, sind wirkliche Mittel zur Genesung. Es muß jedoch eine langsame Abwechslung sein, denn wenn ihr zum Beispiel einem Kranken zehn oder zwölf Kupferstiche nach einander zeigt, so wett ich zehn gegen eins, daß er kalt und matt und fieberhaft werden, ja selbst Uebelkeit verspüren wird. Hängst du aber ihm gegenüber einen Kupferstich auf, und einen andern an jedem folgenden Tage, oder in jeder folgenden Woche, oder allmonatlich einen, so wird er im Genuß der Abwechslung schwelgen.

Blumen.

Thorheit und Dummheit, welche so oft unbeschränkt das Krankenzimmer beherrschen, wird folgende Anführung am besten erläutern. Während die Wärterin den Kranken in einer verderbten Luft schmoren läßt, deren bester Bestandtheil Kohlen-Säure ist, wird sie ihm mit dem Einwand, daß es ungesund sei, ein Glas mit gepflückten Blumen, oder eine lebende Pflanze im Topfe verweigern. Man sah auch nie in einem Krankenzimmer oder Krankensaal, wo zu viel Kranke sind, zu viel Blumen. Die Kohlen-Säure, welche sie bei Nacht aushauchen, würde auch nicht eine Fliege vergiften. In überfüllten Zimmern saugen sie vielmehr tatsächlich die Kohlen-Säure ein, und geben Sauerstoff von sich. Auch abgeschnittene Blumen zersetzen Wasser und erzeugen Sauerstoffgas. Es ist wahr, es gibt gewisse Blumen, wie z. B. Lilien, deren Duft, wie man sagt, niederdrückend auf das Nervensystem wirkt; diese können aber leicht schon an ihrem Duft erkannt und vermieden werden.

Wirkung des Körpers auf die Seele.

Kranke leiden bis zum Uebermaß von geistiger, wie von körperlicher Pein.

Man schreibt und spricht jetzt ganze Bände über die Wirkung des Geistes auf den Körper. Viel davon ist gegründet. Ich wünschte jedoch, daß man etwas mehr über die Wirkung des Körpers auf den Geist nachdächte. Ihr, die ihr meint, von Beklemmungen überwältigt zu sein, dabei aber im Stande seid, täglich viel in der Stadt herumzuspazieren, oder aufs Land zu gehen; ihr, die ihr eure Mahlzeiten mit Andern abwechselnd in verschiedenen Zimmern nehmt, ihr wißt wenig, wie sehr eure Beklemmungen dadurch erleichtert werden; ihr wißt wenig, wie quälend sie für Jene werden, die keine Abwechslung erlangen können; Selbst Kranke bemerken mit schmerzlicher Verwunderung, wie sehr bei ihren Eindrücken peinliche Vorstellungen die angenehmen überwiegen. Sie sprechen mit sich selbst; sie halten sich für undankbar: was sie Alles nicht erleichtert. Diese peinlichen Eindrücke werden auf viel wirksamere Art durch ein herzliches Lachen verbannt, wenn ihr es durch ein Buch oder Gespräch erregen könnt, als durch Vernünfteln. Ist der Kranke zu schwach, um lachen zu können, so bedarf er irgend eines Eindrucks der Natur. Ich erwähnte, wie grausam es ist, ihn eine leere Wand anstarren zu lassen. In vielen Krankheiten, namentlich in der Genesung vom Fieber, wird es ihm scheinen, daß ihm von dieser leeren Wand allerlei Gesichter entgegengrinsen. Blumen bewirken so was nie. Zeigt sie ihm. Form und Farbe werden besser als jedes Argument euern Kranken von seinen quälenden Vorstellungen befreien. wie selbst die Wände ihrer Krankenzimmer mit ihren Sorgen behängt scheinen; wie die Gespenster ihrer Leiden um ihr Bett spuken, und wie es ihnen unmöglich ist, einem sie verfolgenden Gedanken, ohne einige zerstreuende Abwechslung der Gegenstände um sie her, zu entrinnen.

So wenig ein Kranker sein Bein, wenn es gebrochen ist, zu bewegen vermag, ebenso wenig kann er ohne äußere Hülfe, welche ihm eine dargebotene Abwechslung der Gegenstände gewährt, seine Gedanken ändern. Diese Ohnmacht ist in der That eines der Hauptleiden der Krankheit, gerade so, wie die befestigte Stellung eines der Hauptleiden ist, welche das gebrochene Bein verursacht.

Helft den Kranken, ihre Gedanken verändern.

Verzweifelte Sehnsucht der Kranken, aus dem Fenster zu sehen.

Es ist erstaunlich, wie oft man gebildete Personen, die sich Wärterinnen nennen, hierin fehlen sieht. Sie verändern sehr oft im Laufe des Tages die Gegenstände in ihrer Umgebung, ja auch ihre Verrichtungen, während sie einen ans Bett gefesselten Kranken, den sie warten (!), die leere Wand anstarren lassen, ohne irgendwie vor ihm die Gegenstände zu wechseln, die ihn in den Stand setzen würden, seine Gedanken zu verändern. Es fällt ihnen auch nie ein, wenigstens sein Bett so zu rücken, daß er durch das Fenster sehen könnte. Nein, das Bett muß stets im dunkelsten, langweiligsten, entferntesten Theil des Zimmers bleiben. Ich erinnere mich hier an einen hier zutreffenden Fall. Ein Mann erlitt durch einen Zufall eine Verletzung des Rückgrats, welche nach langem Liegen seinen Tod herbeiführte. Es war ein Arbeiter, in dessen Wesen nicht ein Funke von dem lag, was man »Enthusiasmus für die Natur« nennt ? er sehnte sich aber ganz rasend, »noch einmal zum Fenster hinauszusehen.« Seine Wärterin nahm ihn auf ihren Rücken und setzte ihn ans Fenster, um für einen Augenblick hinauszublicken. Die Folge davon war, daß die arme Wärterin ernstlich erkrankte, und fast gestorben wäre. Der Mann selbst erfuhr dies nie. Wohl aber wußten es viele andere Personen. Aber keiner derselben fiel es meines Wissens ein, daß die heiße Sehnsucht nach Abwechslung für das darbende Auge ebenso verzweifelt ist, als die heiße Sehnsucht nach Nahrung für den darbenden Magen, und daß sie in einem, wie in dem andern Falle das hungernde Geschöpf reizt, für ihre Befriedigung »zu stehlen.« »Verzweiflung« ist das allein passende Wort zur Bezeichnung dieses Zustandes. Wenn die Vorsteher und Wärter in einem Spital nicht dafür sorgen, daß der Kranke von seinem Bett aus irgend eine »Aussicht« habe, so zeugt dies ebenso von ihrer Unwissenheit und Dummheit, als wenn sie nicht daran denken würden, das Spital mit einer Küche zu versehen.

Sehr verbreitet ist, wie mir däucht, unter den Gesunden die irrthümliche Ansicht, daß die Kranken, wenn sie nur wollen, »quälende Gedanken, die ihren Zustand verschlimmern,« mit ein wenig Selbstbeherrschung verscheuchen können etc. Dem setze ich entgegen, und glaubt mir: Fast jede kranke Person, die sich anständig benimmt, übt in jedem Augenblick des Tages mehr Selbstbeherrschung aus, als ihr, bevor ihr selbst erkrankt, je begreifen werdet. Fast jeder Schritt durch sein Zimmer verursacht ihm Pein; fast jeder Gedanke, der sein Gehirn durchkreuzt, verursacht ihm Pein, und wenn er dabei, ohne wild zu sein, spricht, und ohne Unfreundlichkeit herumblickt, so zeigt er wohl Selbstbeherrschung.

Nimm an, du habest die ganze Nacht gewacht, und man sagte dir, wie du eben deine Tasse Thee nehmen wolltest, du sollest das sein lassen, und dich selbst beherrschen. Was würdest du dazu sagen? Nun sind aber die Nerven der Kranken stets in dem Zustande, in welchem sich die deinigen nach einer durchwachten Nacht befinden.

Schaffe dem Kranken Ersatz für die fehlende Handarbeit.

Natürliche Wirkung von Farben.

Dieser Zustand der Nerven kann sehr häufig dadurch gelindert werden, daß ihr dafür sorgt, ihnen verschiedene, verständig ausgewählte Blumen Wer je Kranke bewacht hat, wird nicht an der Tatsache zweifeln, daß einige Patienten bei dem Anblick von scharlachfarbenen Blumen Anregung, und beim Anblick dunkelblauer etc. Erschöpfung verspüren. und andere hübsche Gegenstände vor Augen zu stellen. Die heiße Sehnsucht nach Rückkehr des Tages, welche der Kranke Nachts beständig kundgibt, ist gewöhnlich nichts, als die Sehnsucht nach Licht, die Erinnerung an die Erleichterung, welche eine Mannigfaltigkeit von Gegenständen, die man dann vor Augen hat, dem ermüdeten, kranken Geist gewährt.

Noch eins! Jeder Mann, jedes Frauenzimmer hat irgend welche bestimmte Handarbeiten; ausgenommen sind nur wenige Damen, die sich nicht einmal selbst ankleiden, und die in Betreff der Kraft ihrer Nerven in derselben Kategorie, wie Kranke stehen. Nun könnt ihr euch keine Vorstellung machen, welch eine große Erholung Handarbeit für euch selbst ist, und in welchem Grade der Mangel derselben die besondere Reizbarkeit, an welcher viele Kranke leiden, erhöht.

Eine kleine Nadelarbeit, ein wenig Schreiben, ein wenig Säubern wäre für den Kranken, der daran gewöhnt war, die größte Erholung, falls er nur im Stande wäre, so was vorzunehmen. Solche Arbeiten sind, obgleich ihr es nicht wißt, für euch selbst die größte Erholung. Lesen, oft die einzige Beschäftigung, die dem Kranken möglich ist, gewährt diese Erholung nicht. Erinnert euch an dies Alles, erinnert euch, daß ihr alle Abwechslung der Beschäftigung habt, die Kranke nicht haben können, und erinnert euch auch, daß ihr ihnen alle Abwechslung verschaffet, deren sie sich zu erfreuen im Stande sind.

Ich brauche hier kaum zu bemerken, daß ich wohl weiß, daß jedes Uebermaß bei Nadelarbeiten, Schreiben, oder bei jeder andern anhaltenden Beschäftigung dieselbe Reizbarkeit hervorbringen wird, welche Mangel an Handarbeit (als eine Ursache) bei Kranken hervorbringt.


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