Bronzegesicht

----------




Kapitel l. Das geheimnisvolle Sterben.

»Ist das nicht furchtbar, Henry? Wann wird das ein Ende nehmen?«

»Was ist furchtbar? Und was soll ein Ende nehmen?«

»Wie? Hast du die heutige Abendzeitung nicht gelesen?«

»Nein.«

»Hier ist sie; lies das!«

Mit diesen Worten überreichte Mrs. Hartsilver ihrem Gatten den Evening Herald und wies mit dem Finger auf einen Abschnitt der Lokalnachrichten hin, der die Aufschrift »Wieder eine Gesellschaftstragödie« trug. Er enthielt die Mitteilung, daß ein bekannter Aristokrat unter höchst geheimnisvollen Umständen erschossen in seinem Bett aufgefunden worden war.

Die Reihe der Trauerfälle, die im Verlauf der letzten acht Monate in der sogenannten »Gesellschaft« stattgefunden hatten, war in der Tat sehr auffallend.

Zuerst hatte ein reicher Lord und Grundbesitzer in Warwickshire, der zugleich eines der schönsten Häuser in London besaß, sich in den Cowriesee gestürzt, ohne irgendeinen Grund anzugeben oder seiner Frau, mit der er seit acht Jahren in den besten Beziehungen lebte, ein Abschiedswort zu hinterlassen.

Dann war Viscount Molesley, ein reicher Junggeselle von zweiunddreißig Jahren, der als Besitzer von Vollblutpferden in Sportkreisen wohlbekannt war, eines Morgens in seinem Schlafzimmer erschossen aufgefunden worden. Ein Revolver lag auf dem Fußboden und im Kamin waren Aschenreste verbrannter Papiere zu sehen: er hatte offenbar nach Empfang seiner Morgenpost seinem Leben ein Ende gemacht.

Darauf folgte der geheimnisvolle Tod von Lord Froissarts jüngerer Tochter, die im Hause ihres Vaters, im Wohnzimmer, plötzlich verschieden war, ohne daß die gerichtliche Untersuchung zu einem anderen Ergebnis geführt hätte, als daß offenbar ein Schlaganfall den Tod verursacht hätte. Madame Vandervelt, deren Ruf durch drei Ehescheidungen ein wenig gelitten hatte, stürzte sich aus dem Fenster eines vornehmen Westendhotels und ein wohlhabender Börsenmakler, Besitzer zweier Finanzblätter, endete sein Leben durch Gift. Es folgten noch vier oder fünf Fälle ähnlicher Art und immer war das Opfer ein Mann oder eine Frau von hoher gesellschaftlicher Stellung und großem Einkommen.

»Genau wie Molesley,« bemerkte Henry Hartsilver trocken, als er den Bericht über Sir Stephen Lethbridges Tod gelesen hatte, der auf seinem Landsitz in Cumberland tot aufgefunden worden war.

Er zuckte die Achseln.

»Du wirst mich vielleicht für hart und gefühllos halten, mein Schatz,« fuhr er zu seiner Frau gewendet fort, »aber diese Menschen, die ihrem Leben selbst ein Ende machen, lassen mich kalt. Sie wecken in mir kein Mitleid, nur ein Gefühl der Verachtung.«

Er schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: »Sieh mich an mein Kind, du weißt, wie ich mein Leben angefangen habe, wenn ich es auch zuweilen vergessen möchte, wie andere Leute es hoffentlich tun. Meine Eltern waren arm und konnten mir nur eine mäßige Erziehung geben. Aber mit Verstand und festem Willen hab ich mich durchgesetzt. Heute sieht alles mit Ehrerbietung zu mir empor. Ich bin kein geborener Gentleman, ich habe mich selbst dazu gemacht. Was kann man mehr verlangen? Wenn wir uns unsere Eltern wählen könnten, so hätte ich mir ebenso echtes blaues Blut ausgesucht wie du, mein Schatz. Und du weißt, daß ich dich aus diesem Grunde geheiratet habe. Schon als Knabe war es mein Traum, eine echte Lady zu heiraten, und als ich dich zum erstenmal sah ? du erinnerst dich doch dieses Tages, nicht wahr? ?, da war mein Entschluß gefaßt.«

Er lehnte sich in den großen Sessel zurück, steckte die beiden Daumen in die Armlöcher seiner Weste und blickte mit äußerster Selbstzufriedenheit auf seine junge Frau.

Sie zuckte zusammen.

»Aber Henry,« erwiderte sie, »was hat das alles mit dem Unglücksfall zu tun? Du vergißt, daß ich den armen Stephen Lethbridge gekannt habe. Unsere Eltern waren Gutsnachbarn und wir sind als Kinder zusammen aufgewachsen. Die Nachricht hat mich tief erschüttert.«

»Ich verstehe das sehr gut, aber du mußt gegen dieses Gefühl ankämpfen, liebe Cora. Ein Mensch, der sich das Leben nimmt, begeht ein schweres Verbrechen, er mag sonst sein, wer er will, und seine Gründe mögen noch so schwer wiegen. Er sündigt nicht nur gegen sich selbst, sondern vor allem gegen die menschliche Gesellschaft. Auch ich habe, weiß Gott, mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, die bisweilen unüberwindlich schienen, aber nie ist mir auch nur der Gedanke des Selbstmordes in den Sinn gekommen.«

Henry Hartsilver war seit drei Jahren verheiratet. Er hatte seine Laufbahn als Häuserspekulant in einer kleinen Provinzstadt begonnen. Als der Weltkrieg ausbrach, hatte er mit dem ihm eigenen kaufmännischen Scharfblick sofort erkannt, daß es sich um einen jahrelangen Kampf handeln würde, und demgemäß große Bauverträge mit der Regierung abgeschlossen, die ihn schon lange vor dem Ende des Krieges zum reichen Mann gemacht hatten. Eine Frau aus guten Kreisen sollte seine gesellschaftliche Stellung fester begründen helfen. So hatte er die Tochter eines durch den Krieg verarmten aber angesehenen Landedelmannes geheiratet, der zwei Söhne im Felde verloren hatte. Ohne es sich selbst ganz offen zu gestehen, heiratete seine Tochter den Emporkömmling, nur um ihrem zärtlich geliebten Vater ein sorgenloses Alter zu sichern.

Hartsilver stand jetzt in seinem sechsundvierzigsten Lebensjahre, während seine Frau siebenundzwanzig Jahre zählte. Die Ehe blieb kinderlos, aber das bekümmerte Hartsilver wenig. Er klagte nur über eines: daß die Regierung ihm bisher einen Adelstitel versagt hatte, trotz seiner Verdienste und der bedeutenden Verträge, die bei Gelegenheit öffentlicher Kriegsspenden aus seiner Tasche geflossen waren.

Dieser gewöhnliche, selbstzufriedene und selbstgerechte Mensch brachte seine junge Frau durch grobe Taktlosigkeiten oft in eine peinliche Lage. Aber ihr angeborenes Feingefühl, ein gewisser Humor und die geheime Empfindung, ihn unter einem falschen Vorwand geheiratet zu haben, hinderten sie, die ironische Antwort auszusprechen, die ihr oft auf den Lippen schwebte.

»Weißt du, liebe Cora,« begann er von neuem und kreuzte die Finger über der breiten Brust, »daß du diesen Lethbridge bedauerst, tut mir natürlich sehr leid, aber ich kann dieses Gefühl nicht sonderlich schätzen. Es muss doch so etwas wie eine Neigung zu diesem Burschen sein, die mir bei einer verheirateten Frau recht ? recht unangebracht erscheint. Eine verheiratete Frau darf keinen Gedanken an einen anderen Mann haben, am wenigsten Gedanken ? hm ? freundschaftlicher Art. Ueberlege das doch ein wenig und sage mir, ob dir nicht dein besseres Ich dasselbe sagt.«

Um Coras Mund zuckte es, doch ihr Gatte bemerkte es nicht. Aber das Lächeln, das einen Augenblick später um ihre Lippen spielte, entging ihm nicht.

»Darf ich fragen, was dich so heiter stimmt?« bemerkte er im trockenen Ton.

»O nichts, gar nichts, Henry«, erwiderte sie schnell und biß sich auf die Zunge, »Mir fiel nur gerade etwas ein.«

»Ah, es war also doch etwas. Warum nennst du es denn gar nichts? Du solltest immer wahrheitsliebend, ganz wahrheitsliebend sein, Cora, auch in den kleinsten Dingen. Und was ist dir denn gerade eingefallen?«

»Ich weiß es nicht mehr. Es ist schon vorbei. Jedenfalls nichts von Bedeutung. Darf ich die Zeitung wieder haben, Henry?«

»Gewiß,« erwiderte er und zuckte die Achseln. Er reichte ihr das Blatt und fuhr fort: »Sage mir, was du über Sir Stephen Lethbridge weißt. Ich kenne ihn nur dem Namen nach.«

»Well, ich habe ihn ein oder zwei Jahre nicht gesehen,« sagte sie leichthin. »Ich glaube, seit unserer Heirat. Er kam zu unserer Hochzeit, wenn es dir noch erinnerlich ist.«

»Ich weiß es nicht mehr. Nun, und ??«

»1914 war er als Artillerist nach Frankreich gegangen und auf Krankheitsurlaub, als wir heirateten. Ich glaube, daß er mich recht gern hatte.«

Henry saß mit offenem Munde da und starrte äußerst erstaunt auf seine Frau.

»Wahrhaftig, Cora ?« begann er, aber sie fuhr fort, ohne auf ihn zu achten.

»Vor einiger Zeit hörte ich, daß er in ziemlich schlechte Gesellschaft geraten war. Irgend jemand sagte mir, daß die Dinge, die er in Frankreich gesehen hatte, ihn aus dem inneren Gleichgewicht brachten ? wie so manchen andern. Aber er war keiner unehrenhaften Handlung fähig, das weiß ich genau. Wenn ich nur wüßte,« rief sie von einem plötzlichen Gefühl überwältigt aus, »wenn ich nur wüßte, was ihn zum Selbstmord getrieben hat!«

»Darüber würde ich mir an deiner Stelle nicht den Kopf zerbrechen,« bemerkte ihr Gatte kühl. »Er war gewiß geistig zerrüttet, ? übergeschnappt, wie man zu sagen pflegt. Die Szenen in den Schützengräben müssen wirklich höchst peinlich gewesen sein. Und doch ? wenn ich jünger und dienstfähig gewesen wäre ?«

Er verstummte und starrte auf seine Frau. Cora sah weit zurückgelehnt auf dem Sofa und vermochte nicht ein krampfhaftes Lachen zu verbergen.

Kapitel II.
Gatte, Gattin ? und Freund.

Am nächsten Morgen machte Cora Hartsilver sich zum Ausgehen bereit, als ihr gemeldet wurde, daß Miß Yootha Hagerston sie zu sehen wünschte.

»Bitten Sie sie gleich heraufzukommen!« rief sie aus, »und, Jackson, ?«

»Gnädige Frau?«

»Wenn Mister Hartsilver heimkommen sollte, während ich fort bin, sagen Sie ihm, daß ich zum Lunch nicht zurückkehre.«

»Jawohl, gnädige Frau.«

Yootha Hagerston war Coras älteste und beste Freundin. Sie war unverheiratet, obwohl es ihr an Anträgen nicht gefehlt hatte. Sie war zwei Jahre jünger als Cora, schlank, anmutig und von höchst ausdrucksvollen Gesichtszügen. Aus ihren klugen Augen leuchtete ein lebhaftes Temperament. Sie hatte ihre Familie vor zwei Jahren auf dem Lande zurückgelassen und eine bescheidene Wohnung in London bezogen, wie sie sagte, »um dem unerträglichen Nichtstuerdasein zu entgehen«, zu dem ihre Angehörigen sie zwingen wollten, in Wahrheit, weil ihre Stiefmutter sie nicht gern hatte und ihr Vater dem Trunk ergeben war. Yootha war das jüngste von drei Kindern: ihre beiden Brüder waren im Feld jenseits des Kanals.

Als sie in Coras Schlafzimmer trat, begrüßten sich die Freundinnen mit einem herzlichen Kuß.

»Wie froh bin ich, dich zu sehen,« rief Cora aus. »Seit einer Woche weiß ich nichts von dir. Wo hast du nur gesteckt?«

»Ach, die Meinigen sind in der Stadt gewesen. Du weißt, was das zu bedeuten hat.«

»Die Deinigen? Du meinst, Vater und Mutter?«

»Stiefmutter, bitte,« verbesserte Yootha. »Schone das Andenken meiner Mutter. Ja, beide kamen ganz unerwartet. Und was glaubst Du. wozu?«

»Keine Ahnung.«

»Um mich zu überreden, zu ihnen zurückzukehren,« rief Yootha lachend. »Kannst du dir vorstellen, daß ich wieder in unserem alten Landhause leben sollte, wo ich meine glückliche Kindheit verlebte und wo jetzt alles so ganz anders ist? Nein, danke! Und was glaubst du, warum wollten sie mich heimholen?«

»Ach, gib mir keine Rätsel mehr zu raten.«

»Weil irgendein Klatschmaul meinem Vater gesagt hat, daß mein Junggesellendasein hier, nicht comme il faut sei und meine Familie in Verruf bringen könnte, wie er glaubt oder zu glauben vorgibt. Hast du Worte? Und jetzt will ich dir, wenn es dich interessiert, den wahren Grund sagen. An meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag trete ich das Erbe einer alten Tante, der einzigen Schwester meines Vaters an, Ein ganz nettes kleines, gut angelegtes Sümmchen ? und ich bin ganz sicher, daß meine Stiefmutter mich dazu bringen wollte, einen Teil davon ihr oder meinem Vater zu überweisen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie freundlich sie war. Das Geld kommt in fünf Monaten in meinen Besitz.«

»Aber wußten sie nicht schon früher von dieser Erbschaft?«

»Offenbar nicht. Bis vor wenigen Wochen wußte ich selbst nichts davon und habe dir absichtlich nichts davon gesagt, weil der Rechtsanwalt, mit dem ich befreundet bin, mich bei der Mitteilung bat, zunächst nicht davon zu sprechen.«

»Du gehst also nicht nach Cumberland zurück?«

»Aber Cora, mein Herz, was für eine Frage!«

»Wie froh mich das macht!« rief Mrs. Hartsilver aus. »Ich weiß nicht, wie ich hier ohne dich leben könnte. Du bist der einzige Mensch, der mir nahesteht. Sag mir, hat dein Vater oder deine Mutter ? vergib, deine Stiefmutter ? irgend etwas von Stephen Lethbridge gesagt? Du hast natürlich den Trauerbericht gelesen.«

»Allerdings, und ich habe gleich an dich gedacht. Ja, sie sprachen gestern abend nur davon. Mein Vater sagte, er hätte Stephen vor kaum zehn Tagen gesehen und wäre über die Aenderung ganz betroffen gewesen, die mit ihm vorgegangen war.«

»Was für eine Aenderung?«

»Er sah um Jahre gealtert aus, was mein Vater gleich zu meiner Stiefmutter bemerkte. Dann sagte mein Vater noch, daß auf Lethbridges Landsitz in der letzten Zeit seltsame Menschen gesehen wurden.«

»Männer oder Frauen?«

»Männer. Wie mein Vater sagte, ging auch das Gerücht, daß Stephen in Geldverlegenheit geraten war.«

»Wirklich? Er war doch so wohlhabend oder galt wenigstens dafür.«

»Das weiß ich. Um so geheimnisvoller ist die Sache. Ich nehme an, daß eine Frau oder Frauen mit im Spiel waren. In der heutigen Zeitung steht, daß eine gerichtliche Untersuchung stattfinden soll.«

Cora gab keine Antwort. Sie starrte mit trüben Augen zum Fenster hinaus, und ihre Gedanken schienen meilenweit entfernt.

»Mach dir keine Gedanken darüber, Cora,« sagte ihre Freundin nach einer Weile. »Ich weiß, daß du ihn gern hattest und er dich auch, aber ?«

»Ach, sprich nicht so,« rief Mrs. Hartsilver heftig und preßte ihre Finger an die Augen.

»Das alles ist zu schrecklich. Ich ertrage es nicht, daran zu denken, und doch denke ich unaufhörlich daran und frage mich immer wieder ?«

Yootha hielt ihre Freundin eng umschlungen und küßte sie.

»Ich weiß ? ich weiß,« sagte sie mit tiefem Mitleid. »Nein, wir wollen nicht davon reden. Hat Henry etwas darüber gesagt?«

»Henry!«

In Coras Stimme lag tiefste Verachtung, beinahe Haß.

»O ja, Henry hat allerdings davon gesprochen. Ich machte ihn auf den Bericht im gestrigen Abendblatt aufmerksam und ? ach, du hättest ihn nur hören sollen. Mir war zum Schreien. Ich hätte ihn schlagen mögen. Er hat kein Herz, Yootha, kein Mitgefühl, für nichts und niemand. Zuweilen frag ich mich, warum ich noch weiter mit ihm zusammenlebe. Er sagte, er hätte für einen Menschen, der sich das Leben nehme, nur Verachtung, die Nebenumstände seien ganz gleichgültig!« ? ?

*

Wie mancher andere, hatte Henry Hartsilver sich auch während des Krieges mit Benzin zu versorgen gewußt, und als etwas später an diesem Morgen seine Limousine, in der er mit den beiden Damen saß, die Bond Street langsam hinabrollte, fragten sich beurlaubte Offiziere, die den Wagen bemerkten, ob die Menschen in London wohl eine Ahnung davon hätten, was auf der Westfront vor sich ging.

»Wieder Kriegsgewinnler mit ihrem Anhang!« bemerkte ein Hauptmann, der mühsam die Straße heraufhinkte, in grimmigem Ton. »Zuweilen wünsch ich, die Deutschen könnten hier ein paar tausend Mann landen, um unseren Landsleuten eine Ahnung von der Sache zu geben. Mit wem sprechen sie? Ich glaube, ich kenne das Gesicht.«

Das Auto hatte im Gedränge haltgemacht, und ein großer, gut aussehender, wohlgepflegter. Mann, der nicht mehr als siebenundzwanzig Jahre zählen konnte, hatte seinen Hut gelüftet und war auf das Trittbrett gesprungen, um mit den Insassen einige Worte zu wechseln.

»Das glaub ich, daß du ihn kennst!« antwortete der Gefährte des Hauptmanns, ein grauhaariger Mann, der wie ein früherer Sportsmann aussah. »Wer kennt ihn nicht? Das ist Archie La Planta, einer der beliebtesten Menschen der Londoner Gesellschaft, manche meinen, weil er so gut aussieht, ich glaube eher, weil er eine so gute Partie ist.«

»Warum ist er nicht Soldat?«

»Ach, Charlie, wozu die Frage? Warum sind die Hälfte der jungen Leute, die man hier sieht, nicht Soldaten? Sie haben es irgendwie verstanden. Bist du mal mit ihm zusammengetroffen?«

»Ich kann mich beim besten Willen nicht darauf besinnen. Ich war ja drei Jahre in Frankreich. Aber ich bin sicher, ihn irgendwo gesehen zu haben.«

»Da kommt er. Ich will dich bekannt machen. Er. kennt alle Weit und ist ein ganz interessanter Bursche.

La Planta war im Begriff über die Straße zu gehen, als er seinen Bekannten bemerkte. Er zauderte einen Moment und blieb dann stehen, bis die Beiden ihn erreicht hatten.

»Guten Morgen, Archie,« rief Hauptmann Prestons Begleiter. »Preston, darf ich dich mit Mr. La Planta bekanntmachen

Die beiden Männer verbeugten sich.

»Archie, wer sind die Damen, mit denen du gesprochen hast, wenn die Frage erlaubt ist?« fragte der Grauhaarige nach einem Augenblick.

La Planta sagte es ihm.

»Du mußt von Henry Hartsilver gehört haben,« fügte er hinzu. »Auf jeder Liste für öffentliche Kriegsspenden findest du seinen Namen. Ich betone das ?öffentlich?. Er hat eine reizende Frau.«

»Der Schuft!« erwiderte der andere. »Ich kenne seine ganze Geschichte: einer unserer Kriegsgewinnler!«

»Jawohl, und dazu ein ganz unmöglicher Bursche. Nach welcher Seite geht ihr?«

Langsam schritten die drei in der Richtung auf Piccadilly zu. Preston sprach kaum ein Wort und schien finsterer Stimmung. La Plantas Persönlichkeit stieß ihn ab, obwohl er nicht hätte sagen können, warum.

»Wo frühstücken die Herren?« fragte La Planta nach einer Weile.

»Wir haben nichts verabredet,« erwiderte Prestons Gefährte, der Blenkiron hieß.

»Well, dann kommen Sie zum Lunch zu Ritz und ich will Sie Mrs. Hartsilver und ihrer Freundin vorstellen. Sie wollen mich dort um ein Uhr treffen. Es ist fast der einzige Ort. wo man noch was Anständiges zu essen kriegt. Die Damen werden Ihnen gefallen.«

Es war zwölf Uhr und La Planta, der eine Verabredung in seinem Klub hatte, trennte sich von den beiden anderen, nachdem sie versprochen hatten, um ein Uhr bei Ritz zu sein.

»Der Bursche gefällt mir nicht,« bemerkte Captain Preston nach einer Weile. »Ich hätte es vorgezogen, mit dir allein zu frühstücken, George. Was ist das für ein Mensch?«

Blenkiron zuckte die Achseln,

»Ein vermögender Müßiggänger ? das wissen wir. Wer er ist ? woher er kommt ...?«

Er machte eine vielsagende Handbewegung.

»Und schließlich, was kommt es darauf an? Weiß man, wer die Hälfte der Menschen sind, die man heutzutage überall trifft? Sie können dir nützlich sein und sind es vielfach, und das ist zwar alles, was die Meisten haben wollen. ?La Planta? ist zwar kein englischer Name, aber der Mann sieht wie ein Engländer aus und ist es auch offenbar. Er hat einen oder vielmehr zwei große Freunde, die fast immer mit ihm zusammen sind. Gottlose Leute nennen sie ?die Dreieinigkeit?. Der eine ist ein Mann mit Namen Aloysius Stapleton, der andere ? eine junge Witwe ? Mrs. Mervyn-Robertson, ein ganz entzückendes Wesen. Weiß der Himmel, was ihre Schneiderrechnungen betragen mögen!«

»Und wer bezahlt sie?«

»Charlie, das ist nicht nett von dir. Warum sollen wir annehmen, daß sie sie nicht selbst bezahlt?«

»Und warum nicht das Gegenteil? Well, es wird mich interessieren Mrs. Hartsilver beim Lunch kennenzulernen. Ich glaube, ich war noch nie mit der Frau eines Kriegsgewinnlers zusammen.«

Trotz der strengen Nahrungsmittelkontrolle ließ der Lunch im Ritzhotel kaum etwas zu wünschen übrig. Es war der 9. August 1918, der zweite Tag der großen englischen Offensive, aber ein Fremder, der sich in dem bekannten Speisesaal umgesehen hätte, wo jedermann bei bester Laune mit Geld um sich zu werfen schien, hätte schwerlich geglaubt, daß wenige hundert Kilometer von London entfernt Tausende von Menschen erschossen, verstümmelt, gequält und in Stücke zerrissen wurden. Captain Preston ließ der Gedanke nicht los; denn er hatte am Morgen aus dem Kriegsministerium durch das Telefon den wachsenden Donner der Geschütze gehört. Und das war wohl der Grund, warum er finster aussah und, wie Mrs. Mervyn-Robertson auf der Heimfahrt zu La Planta bemerkte, »während der ganzen Mahlzeit nur als reiner Spielverderber wirkt.«

Aloysius Stapleton sah zwar nicht besonders vornehm aus, verstand es aber vom ersten Augenblick der Unterhaltung an das Interesse seiner Zuhörer zu fesseln. Trotz seiner zweiundvierzig Jahre sah er höchstens nach fünfunddreißig aus und besaß außer seiner Unterhaltungsgabe auch eine hervorragende Menschenkenntnis. Er war mehrere Mal, wie er sich ausdrückte, »im Zickzack« um die Welt gereist und schien nicht nur in den Hauptstädten Europas und Amerikas, sondern auch im fernen Osten, in China und Japan, viele Freunde oder wenigstens Bekannte zu haben. Das einzige Land, das er noch nicht besucht hatte, war, wie er beim Lunch bemerkte, Neu-Guinea, aber er hatte die Absicht, auch diese Lücke in seiner Bildung auszufüllen.

»Sind Sie jemals in Shanghai gewesen?« fragte Preston leichthin und sah ihm über den Tisch hinweg gerade in die Augen. Da das erst das zweite Mal war, daß Preston ein Wort sprach, seit man sich zu Tisch gesetzt hatte, so richteten sich alle Augen auf ihn.

»Ja,« erwiderte Stapleton, ohne seinem Blick auszuweichen. »Ich bin einige Jahre vor dem Krieg zweimal dort gewesen.«

»Ich hielt mich im Jahre 1911 mehrere Monate dort auf,« sagte Preston, »und glaube Sie dort getroffen zu haben. Als ich Ihnen soeben vorgestellt wurde, kam mir Ihr Gesicht gleich bekannt vor ?.« Er wollte hinzufügen, daß ihm gerade eingefallen war, auch La Planta schon in Shanghai gesehen zu haben, aber er hielt inne.

»Waren Sie im Herbst dort und wohnten Sie im Astorhotel?« fragte Stapleton.

»Allerdings.«

»Dann haben wir uns ohne Zweifel getroffen, obwohl ich mich im Augenblick nicht darauf besinnen kann.«

Einige Sekunden lang sahen sich beide Männer scharf an. Einer schien in den Zügen des anderen lesen zu wollen. Dann lenkte Mrs. Mervyn-Robertson die Unterhaltung schnell auf einen anderen Gegenstand.

»Was haben die Damen und Herren nach dem Lunch vor?« fragte sie.

»Darf ich alle zu mir bitten?« Wir wollen eine Partie Bridge machen, und später kommen einige bekannte Künstler, die etwas singen wollen.«

In Captain Prestons großen Augen lag etwas wie Verachtung, als Mrs. Mervyn-Robertson ihre Einladung ausgesprochen hatte. Das furchtbare Kampfgetöse dort draußen klang ihm wieder in den Ohren. In London, das seine Sicherheit nur dem Heldenmut jener Krieger verdankte, schienen alle ? besonders Mrs. Robertson und ihre Freunde ? nur für Vergnügen und Zerstreuung Sinn zu haben.

»Vielleicht kommen die Deutschen doch noch einmal her, um ihnen eine Lektion zu geben!« murmelte er, als alle sich vom Tisch erhoben.

Die Einzige, die ihn in dieser Gesellschaft interessierte, war Cora Hartsilver, die zwei Brüder im Felde verloren hatte, wie er von La Planta hörte. Auch Yootha Hagerston war ihm sympathisch. Er fühlte sofort, daß beide von den übrigen ganz verschieden waren.

Aber als er sich in Mrs. Mervyn-Robertsons prachtvoll eingerichtetem Hause befand, konnte er sich nicht lange dem Einfluß entziehen, der von dem behaglichen Luxus auszuströmen schien. Er war kein Kartenspieler, aber stets ein großer Musikfreund gewesen, und als er in den weichen Kissen des großen Lehnstuhles lag, den Mrs. Mervyn-Robertson speziell für ihn hergerichtet hatte, und mit Entzücken den herrlichen Klängen des Tschaikowskyschen Liedes »Nur wer die Sehnsucht kennt« lauschte, schwanden die Greuelszenen, die er »draußen« erlebt hatte, ganz aus seinem Sinn, und er vergaß sogar den dumpfen Schmerz in seinem verletzten Bein.

Als die Musik verklungen war, lenkten einige Neuangekommene Gäste, die den Namen Hartsilver wiederholten, seine Aufmerksamkeit auf ihr Gespräch.

»Eine schreckliche Geschichte ? und seine Frau, die sich da drüben unterhält, weiß noch nichts davon.«

»Wann ist es geschehen?«

»Gegen Mittag. Es muß vorher überlegt gewesen sein; denn als er tot im Bade aufgefunden wurde, hatte er sich die Adern mit dem Rasiermesser geöffnet.«

Kapitel III.
Das schleichende Gift.

In den neun Monaten, die seit Henry Hartsilvers unerwartetem Tode verflossen waren, hatte sich gar manches verändert. Der Krieg war vorüber und in London regte sich wieder das gewaltige Treiben, dessen Räder jahrelang beinahe stillgestanden hatten. Tausende verwünschten im stillen den Eifer, mit dem sie »ihre Pflicht« getan hatten, die ihnen Gut und Blut gekostet hatte und Tausende dankten im stillen dem Himmel für den Krieg, durch den sie reich geworden waren und nun ein Leben führen konnten, das zwar nicht gerade geschmackvoll zu nennen war, aber ihre Eitelkeit in hohem Grade befriedigte.

Im Westend der Stadt gab es wenige, die ein verschwenderisches Dasein führten, als Aloysius Stapleton und sein steter Begleiter ? der junge Archie La Planta.

»Ihr wollt also den Ball in der Alberthalle geben,« sagte Mrs. Mervyn-Robertson und blies den Rauch ihrer Zigarette zur Decke ihres Wohnzimmers empor, »und ich soll die Gastgeberin spielen? Well, das will ich nicht.«

»Nicht? Warum nicht?«

»Das geht nicht, Louie,« sagte sie in entschiedenem Ton zu Aloysius Stapleton, der auf dem Sofa vor ihr saß und die Vorbereitungen zu einem großen Maskenball besprechen wollte.

»Ich kann den Grund nicht einsehen. Und du, Archie?« fragte er mit einem Blick auf La Planta.

»Das glaub ich gerne,« bemerkte Mrs. Mervyn-Robertson in trockenem Ton. »Die Männer sind zu dumm, um so etwas zu verstehen. Unsere zahlreichen Freunde geben zwar vor, uns über alles zu schätzen, im Grunde aber empfindet eine große Anzahl von Frauen gegen mich nur Haß.«

»Sie sind einfach neidisch.«

»Das kommt auf dasselbe heraus. Ich weiß, was sie über mich gesagt haben und noch sagen. Oder, was noch schlimmer ist, sie deuten es an. Nein, ich werde nicht eure Gastgeberin sein. Ihr braucht eine Dame in hoher, gesicherter gesellschaftlicher Stellung, sonst wird euer Ball ein Mißerfolg. Viele Leute haben mich natürlich ganz gern, aber sie wissen nichts von mir, wer ich eigentlich bin, und wo ich herkomme. Den meisten genügt das, aber andere sind neugierig und stellen allerhand Nachforschungen an. Mrs. Hartsilver und ihre Freundin Yootha Hagerston zum Beispiel. Wißt ihr, daß sie soweit gegangen sind, einer Privatagentur den Auftrag zu erteilen, ihnen genaue Auskunft über mich zu verschaffen?

»Ich habe so etwas gehört,« sagte Stapleton. »Aber wir haben nichts zu fürchten. Sie kann nichts gegen uns anführen.«

»Du meinst, die Agentur?«

»Ja.«

»Aber sie kann manches erfinden, wenn sie es für nötig, hält.«

»Lügen lassen sich nicht beweisen,« bemerkte La Planta der bisher geschwiegen hatte.

»Wirklich?« rief Mrs. Mervyn-Robertson lachend aus. »Du wirst vielleicht deine Ansicht mit dem Alter ändern. Du bist naiver als ich glaubte, Archie!«

Da einige Besucher eintraten, wandte sich die Unterhaltung anderen Gegenständen zu. Nach einer Weile fragte ein Gast:

»Ist der Fall Hartsilver aufgeklärt worden ? ich meine, weiß man, was ihn in den Tod getrieben hat?«

»Ich habe nichts erfahren,« erwiderte Mrs. Mervyn-Robertson, »obwohl ich viele von seinen Freunden kenne. Die gerichtliche Untersuchung hat nur eine zeitweilige Geistesstörung ergeben.«

»Ja,« sagte die Fragestellerin in Gedanken. »Und doch hätte niemand ihn für geisteskrank halten können.«

»Das kann man nie wissen,« bemerkte Mrs. Mervyn-Robertson und schenkte eine Tasse Tee ein. »Die gesündesten Menschen scheinen heute den Verstand zu verlieren. Denken Sie an die schreckliche Reihe von Selbstmorden, die mit Lord Hope-Cooper und Viscount Molesley begann. Der Fall von Madame Vandervelt war natürlich weniger überraschend ? aber Vera Froissarts Tod hat uns alle tief erschüttert.«

»Sie haben ihr nahe gestanden, nicht wahr?«

»Sie war eine meiner nächsten Freundinnen, meine beste. Und das Gericht hat ?Schlaganfall? als Todesursache hingestellt! Mädchen ihres Alters sterben nicht am Schlage. Ich glaube, sie hatte irgendeine Liebesgeschichte und ? aber ich darf nicht mehr sagen.«

»Nicht möglich!«

»Und doch ist es so. Und mein Verdacht gründet sich nicht nur auf Vermutungen. Kurz nach ihrem Tode sind mir bestimmte Gerüchte zu Ohren gekommen, die aus vertrauenswürdiger Quelle stammten.«

»Wie schrecklich! Ich hoffe, ihr Vater weiß nichts davon.«

»Das hoff ich auch. Als ich ihn vor einigen Tagen traf, sah er furchtbar verändert aus, aber das war wohl dem traurigen Ende seiner Tochter zuzuschreiben.«

Nach wenigen Minuten erhoben sich einige Besucher, unter ihnen auch La Planta.

»Ich bin heute bei Mrs. Hartsilver eingeladen,« sagte er beim Abschiednehmen.

»Ach!«

In Mrs. Mervyn-Robertsons Augen leuchtete ein plötzliches Interesse auf.

»Du wirst mir erzählen, was sie über mich gesagt hat?« fügte sie mit unterdrückter Stimme hinzu.

»Natürlich. Seh ich dich morgen?«

»Gewiß. Ich mache am Vormittag in der Bond Street einige Einkäufe. Treffen wir uns um zwölf bei Asprey?«

»Abgemacht. Uebrigens, eh ichs vergesse: Captain Preston. den ich heute früh in der Regent Street traf, hat nach, dir gefragt.«

»Captain Preston?« wiederholte Mrs. Mervyn-Robertson erstaunt: »Wer ist das? Ich glaube, mich des Namens zu erinnern.«

»Ich stellte ihn vor etwa neun Monaten vor. Er war einen Nachmittag hier, als Bridge gespielt und Musik gemacht wurde.«

»Jetzt besinn ich mich genau. Ein furchtbar öder Kerl, nicht?«

»Er war damals schwer verwundet und eben aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ich glaube, du würdest ihn jetzt weniger ?öde? finden.«

»Vielleicht, aber ich bin nicht sehr begierig, die Bekanntschaft zu erneuern. Er gehört zu den Leuten, die man lieber fallen läßt.«

»Das würde er nicht gerne hören,« sagte La Planta lachend. »Mir fiel auf, daß er dich damals sehr anziehend fand, aber versuchte, es nicht zu zeigen.«

»Dann sag ihm nichts,« erwiderte Mrs. Mervyn-Robertson leichthin. »Leb wohl ? um zwölf bei Asprey.«

Archie La Planta stieg in sein Auto, in Gedanken versunken, die alle seine Bekannten in Erstaunen gesetzt hätten, nur Stapleton und die Dame nicht, deren Haus er soeben verlassen hatte.

Im Albanyviertel, wo seine Wohnung lag, schellte er nach seinem Diener.

»James, bringen Sie mir einige Telegrammformulare,« befahl er und begann darauf in mehreren Adreßbüchern zu blättern, die auf seinem eleganten Schreibtisch lagen. In kurzer Zeit hatte er zwei Depeschen aufgesetzt.

»Schicken Sie das gleich ab, James,« sagte er zu dem Diener, der neben ihm stand. »Sehr wichtige Telegramme.«

Dann zündete er sich vor seinem Riesenspiegel eine Zigarre an und streckte sich, mit dem Rücken zum hohen Fenster, in einen bequemen Lehnstuhl.

Bald war er in tiefes Nachdenken versunken.

Ein Klingeln an der Haustür unterbrach seine Träumerei.

»Sieh da, Preston!« rief er aus, als nach wenigen Augenblicken der Hauptmann, den ein Bedienter angemeldet hatte, hereingehinkt kam. »Das ist eine nette Ueberraschung. Bitte, nehmen Sie Platz,« sagte er und schob ihm einen Lehnstuhl zu.

»Danke,« erwiderte der Besucher. »Ich hoffe, ich störe nicht.«

Er ließ sich langsam in den Sessel nieder und legte seinen Krückstock neben sich auf den Teppich.

»Ich wollte Sie in einer besonderen Angelegenheit sprechen. La Planta,« sagte er nach einigen gleichgültigen Worten, »fand Ihre Wohnung im Adreßbuch und kam her. Ich habe versucht. Sie anzurufen, aber das Telephonfräulein behauptete, es melde sich niemand.«

»Das sagen sie immer,« bemerkte der junge Mann in trockenem Ton. »Ich sitze wenigstens seit einer halben Stunde neben dem Telephon und es war kein Laut zu hören.«

»Um so besser vielleicht, da ich sie zu Hause angetroffen habe. Was ich von Ihnen erfahren möchte ? Um es gleich zu sagen ? betrifft Mrs. Mervyn-Robertson.«

»So? Ich war vor einer Stunde bei ihr.«

»Darf ich Sie fragen, ob Sie viel von ihr wissen ? wer sie ist, wo sie herkommt und so weiter? Bitte halten Sie mich nicht für neugierig. Die Frage klingt vielleicht unverschämt. aber ich habe einen Grund dazu.«

»Natürlich, sonst würden Sie wohl nicht fragen,« bemerkte La Planta kühl.

»Sie sind mit ihr befreundet?«

»Allerdings. Darf ich fragen, Preston, wozu Sie diese Auskunft brauchen?«

»Selbstverständlich. Ein Freund von mir, Lord Froissart, dessen Tochter vor einem Jahr plötzlich verschied, sagt mir, daß diese Tochter Mrs. Mervyn-Robertson recht nahe stand, aber nichts über sie wußte ? das heißt, wer ihre Eltern waren, und so weiter. Der schwer geprüfte Vater scheint die ? meiner Ansicht nach, trügerische Hoffnung zu haben, Mrs. Mervyn-Robertson könnte, wenn sie wollte, einige Aufklärungen über die Todesursache geben, die ganz im Dunkeln liegt. Gestern abend speisten wir zusammen und er bat mich, den Versuch zu machen, von Ihnen Auskunft über Mrs. Mervyn-Robertsons Vergangenheit zu erhalten. Da wir alte Freunde sind, sagte ich ihm zu, obgleich ich, wie Sie sich denken können, an diesem Auftrag kein besonderes Vergnügen finde.«

La Planta schwieg einige Zeit.

»Ja, Mrs. Mervyn-Robertson war mit Vera Froissart sehr befreundet,« sagte er endlich, »und ich glaube, niemanden hat ihr plötzlicher Tod tiefer erschüttert als Mrs. Robertson. Froissarts Hoffnung, sie könne etwas Licht in die dunkele Tragödie bringen, ist natürlich nur das Hirngespinst eines zerrütteten Geistes. Eine Auskunft über Mrs. Robertsons Vergangenheit würde ich von meiner Seite als Vertrauensbruch ansehen, da uns seit Jahren eine enge Freundschaft verbindet. Ich wüßte auch nicht, was eine Auskunft dieser Art in der Frage nach den Gründen nützen könnte, die das junge Mädchen in den Tod trieben. Nur soviel darf ich Ihnen sagen: Mrs. Robertson ist eine Frau, die immer mit schweren Schicksalsschlägen zu kämpfen hatte und dauernd mißverstanden worden ist.«

Eine Zeitlang schwiegen beide Männer.

»Ist das alles, was Sie mir über sie sagen wollen,« fragte Preston plötzlich in scharfem Ton.

»Das ist alles.«

»Dann ist es vielleicht besser, daß ich gehe,« sagte Preston und griff nach seinem Stock.

»Vielleicht.«

Der Hauptmann blickte schnell auf, als hätte etwas in der Stimme des jungen Mannes ihn gereizt. Sie wechselten nur einen schnellen Blick, aber Preston war es wie eine Warnung, vor diesem glatten, höflichern, jungen Mann auf der Hut zu sein, und La Planta fühlte im gleichen Augenblick, daß vor ihm ein Mann stand, der unter Umständen ein furchtbarer Gegner werden konnte.

»Guten Tag,« sagte Captain Preston, als er in der Halle den Hut aufsetzte.

»Guten Tag,« erwiderte La Planta mit eisiger Höflichkeit.

Dann öffnete James die Tür und der Hauptmann hinkte langsam die Straße hinab.

In diesem Augenblick hatte La Planta sich mit Mrs. Mervyn-Robertson telephonisch verbinden lassen und teilte ihr mit, was geschehen war. Er hörte, wie sie kurz auflachte.

»Sagte ich dir nicht heute nachmittag« rief sie aus. »daß es ein Mensch ist, dessen Bekanntschaft man lieber fallen läßt?«

Kapitel IV.
Das Bronzegesicht.

Obwohl Archie La Planta seit dem Abschluß des Waffenstillstandes häufig mit Cora Hartsilver zusammengetroffen war, kannte er sie doch nicht näher, und ihre Einladung hatte ihn nicht wenig überrascht. Er glaubte, daß sie eine größere Gesellschaft gebe, und als er an diesem Abend ihre Wohnung betrat, war er erstaunt, zu sehen, daß außer ihm nur Yootha Hagerston eingeladen war. Während er eine leichte Unterhaltung mit den Damen führte, suchte sein lebhafter Verstand zu erraten, welche Gründe Mrs. Hartsilver dazu bestimmt hatten, ihn einzuladen.

Das Essen war ausgezeichnet und La Planta, ein großer Feinschmecker, fühlte sich am Schluß der Mahlzeit höchst behaglich.

»Wann sehen wir Ihre reizende Freundin wieder,« fragte Yootha Hagerston plötzlich in leichtem Ton »Ich finde sie so sympathisch.«

»Was für eine reizende Freundin?«

»Nun, Mrs. Mervyn-Robertson natürlich. Wer könnte es sonst sein?«

La Planta, der dem vortrefflichen Portwein recht fleißig zugesprochen hatte, war sogleich auf seiner Hut. Es fiel ihm ein, daß Mrs. Mervyn-Robertson gesagt hatte, Mrs. Hartsilver und Yootha Hagerston suchten sich durch eine Privatagentur Auskunft über sie zu verschaffen.

War das der Grund der Einladung? Sollten sie ihn ausfragen wollen, wenn auch mit mehr Geschick als Preston vorhin gezeigt hatte?

Er nahm sich zusammen und erwiderte:

»Mrs. Mervyn-Robertson wird sich gewiß immer freuen, Sie zu sehen.« Dann fügte er hinzu: »Sie hat zwar viele Bekannte, aber nur wenige Freunde.«

»Glauben Sie, daß ich sie zum Essen bitten könnte?« fragte Mrs. Hartsilver schnell. »Wir haben uns nur gelegentlich gesehen.«

»Ohne Zweifel. Sie mag keine Zeremonien. Wie die meisten Menschen, die viel gereist sind, hat sie einen weiten Blick.«

»Ach, sie ist viel gereist?« fragte Yootha.

»Wie interessant! Erzählen Sie, wo sie gewesen ist.«

»Sie sollten lieber fragen, wo sie nicht gewesen ist. Sie war, glaub ich, fast überall.«

»Ich finde sie reizend,« wiederholte Yootha. »Als Mann wäre ich bis über die Ohren in sie verliebt.«

»Manche Männer sind es,« erwiderte La Planta in eigentümlichem Ton. »Aber sie macht sich nicht viel aus Männern im allgemeinen.«

»Sagten Sie nicht, daß sie in China gewesen ist?« fragte Yootha unvermittelt.

»Ich hab es nicht gesagt ? aber sie ist dort gewesen. Sie hat sich längere Zeit in Shanghai aufgehalten.«

»Sie ist Witwe, wie ich höre,« bemerkte Cora.

»Ja.«

»Haben Sie ihren Mann gekannt?«

»Nein. Er ist seit Jahren tot.«

»Aber Sie kennen sie schon lange?«

»Nur zwei Jahre etwa.«

»Ist sie eine richtige Engländerin? Zuweilen scheint mir ?«

»Nun?«

»Ich meine, zuweilen hab ich den Eindruck, daß sie aus der Fremde stammt.«

»Wenn Australien ? die Fremde ist,« sagte La Planta in gleichgültigem Ton. »dann hat sie einen ?fremden? Akzent. Ihre Eltern waren Australier ? Schafzüchter in Queensland.«

»Das erklärt die seltsamen Ausdrücke, die sie zuweilen gebraucht. Es waren gewiß reiche Leute?«

»Wohlhabend, glaub ich, wenn auch nicht sehr reich.«

»Ihr Vermögen stammt also von ihrem Manne?«

La Planta hatte unter der Einwirkung des Weines mehr oder weniger mechanisch geantwortet. Plötzlich schien er aus seiner Betäubung zu erwachen.

»Sie scheinen sich für Mrs. Mervyn-Robertsons Privatleben sehr zu interessieren, Mrs. Hartsilver, und Sie gleichfalls, Miß Hagerston,« sagte er. »Seltsamerweise hat ein Mann, den Sie kennen ? ich habe Sie selbst mit ihm bekannt gemacht ? vor einer Stunde bei mir vorgesprochen und ein Kreuzverhör über dieselbe Dame mit mir angestellt. Natürlich, ein bloßer Zufall, aber ein seltsamer Zufall.«

Der Ton, in dem er diese Worte sprach, war beinahe ebenso scharf, wie bei der Antwort, die er Preston gegeben hatte. Mrs. Hartsilver und Yootha Hagerston zuckten zusammen und gingen schnell auf etwas anderes über.

Nach zehn Minuten begaben sie sich ins Wohnzimmer, und bald darauf nahm er, ziemlich unvermittelt, Abschied. Obgleich er mehr getrunken hatte, als gut für ihn war, so wußte er doch, daß er nichts gesagt hatte, was ihn reuen konnte. Er schritt gemächlich über den Portlandplatz und sah sich nach einem Auto um. Dann beschloß er, zu Fuß nach Hause zu gehen.

In der Regent Street sah er sich plötzlich seinem Freund Stapleton gegenüber.

»Du Archie!« rief der letztere aus. »Ich dachte gerade an dich. Speist du nicht bei Mrs. Hartsilver?«

»Ich war bei ihr,« erwiderte La Planta, »aber sie und Yootha Hagerston fielen mir auf die Nerven, und ich habe mich früh empfohlen.«

»War es keine große Gesellschaft?«

»Nein, es war sonst niemand da.«

»Sonst niemand! Wie kamst du zu der Einladung?«

»Ich weiß es nicht, aber ich glaube es zu erraten. Komm mit mir nach Hause. Ich habe dir einiges zu sagen.«

Nach kurzem Zaudern ging Stapleton auf den Vorschlag ein.

Zwei Depeschen erwarteten La Planta in seinem Wohnzimmer. Nachdem er sie überflogen, reichte er sie seinem Freunde.

Stapleton zog beim Lesen die Augenbrauen hoch.

»Seltsam, nicht wahr?« fragte er.

»Durchaus nicht. Ich hab es nicht anders erwartet.«

Stapleton sagte nichts weiter, trat an den Tisch, auf dem eine Whiskyflasche und Selterwasser stand, und mischte sich einen Trank zurecht. Dann nahm er eine Zigarre aus La Plantas Kiste und zündete sie an.

»Manches gibt mir in der letzten Zelt zu denken,« sagte er endlich, »zum Beispiel, warum dich diese beiden Frauen eingeladen haben, mit ihnen allein zu speisen.«

»Zerbrich dir nicht den Kopf darüber,« erwiderte Archie und erzählte seinem Freunde, wie die beiden Damen versucht hatten, ihn über Mrs. Mervyn-Robertsons Vergangenheit auszufragen.

»Seltsam,« sagte Stapleton mit nachdenklicher Miene. »Das stimmt mit einer Mitteilung, die mir vor einer Stunde gemacht wurde. Du kennst den kleinen Juden, der seinen Freunden Geld leiht ? Levi Schomberg?«

Archie nickte.

»Wir gingen vorhin mit ihm die Jermyn Street hinunter ? er wollte ins Türkische Bad ? und er riet mir, mich vor »Hartsilvers Witwe« in acht zu nehmen. Er meinte, sie sei eine Intrigantin und versuche eine Affäre gegen ? du kannst dir denken wen, ins Werk zu setzen.«

»Was für eine Affäre?«

»Eine Skandalaffäre. Ich muß aus alledem schließen, daß Cora Hartsilver auf unsere Freundin eifersüchtig ist oder sonst einen Groll gegen sie hat.«

So sprachen sie eine Weile fort.

Und während sie sich unterhielten, gingen nicht weit von ihnen interessante Dinge vor.

*

»Das Haus mit dem Bronzegesicht,« wie es in der Nachbarschaft genannt wurde, lag in einer ruhigen Straße, nahe am Russell Square. Es verdankte diese seltsame Bezeichnung einem mächtigen alten Florentiner Klopfer an seiner Vordertür. Es stellte eigentlich eine Bacchantin dar, und allerhand Gerüchte waren darüber im Umlauf. Die einen meinten, das Gesicht habe einen besonderen Sinn und deute auf manches, was hinter dem Portal vor sich gehe. Ein anderes Gerücht besagte, das Gesicht übe einen magischen Zauber aus und mancher Neugierige, der das Haus betreten, sei nie wieder herausgekommen.

Das war natürlich nur unkontrollierbares Gerede, aber es stand fest, daß eine Atmosphäre geheimnisvollen Grauens das Haus umgab. Es hatte früher offenbar einem Privatmann gehört. Jetzt war es der Sitz eines Privatdetektivbureaus, das kurz vor Ausbruch des Krieges eröffnet worden war und sich der Gunst weiter Kreise der reichen Gesellschaft erfreute.

Es war gegen Mitternacht und ein mit bequemen Möbeln ausgestatteter Raum, der in der Mitte des Gebäudes lag, war noch erleuchtet, obgleich das Licht der elektrischen Tischlampe nicht hinausdringen konnte. Ein ehrwürdig aussehender älterer Herr und eine junge hübsche Frau mit semitischer Gesichtsbildung saßen nebeneinander und blätterten in Papieren, die vor ihnen lagen.

Beide waren schweigend in ihre Arbeit vertieft. Wenn der Alte dem Stoß von Papieren ein Dokument entnommen und es aufmerksam durchgelesen hatte, übergab er es seiner Kollegin, die es schnell überflog, ein oder zwei Randbemerkungen dazu machte und es dann, mit einer Etikette versehen, beiseite legte. Nach einer halben Stunde schweigsamer Arbeit war der Stoß von Papieren bewältigt.

Der Mann lehnte sich in seinen Stuhl zurück, streckte seine Glieder und gähnte.

»Für heute haben wir einigermaßen genug davon, was, Camelle?« wandte er sich an seine Gefährtin.

»Nicht zu knapp!« antwortete sie mit einer fremdartigen Aussprache, die nicht zu dem familiären Ausdruck paßte. »Schon über zwölf,« fügte sie mit einem Blick auf ihre Armbanduhr hinzu. »Das ist hart.«

»Das tut nichts; es kann nicht ewig dauern,« sagte er. »Wollen Sie mir eine Ihrer Chiprezigaretten geben?«

Sie zündete sich selbst eine Zigarette an und reichte ihm dann ihr Etui.

Das Zimmer glich in mancher Hinsicht mehr einem Boudoir als einem Bureau, aber an der Wand hingen mit bunter Kreide bezeichnete Karten, und unter jeder Karte war eine Reihe Nummern zu sehen. Auf dem Kaminsims stand das eingerahmte Bild eines Mannes mit dunklem Kraushaar und gewichstem Schnurrbart. In einer Ecke waren etwa zwanzig lackierte Blechkästen aufgestapelt, die Akten enthalten mochten. Einige Luxussessel, ein bequemes Sofa, mehrere kleine Tische und Chippendalestühle vervollständigten die Einrichtung des Zimmers, in das kein Laut hineindrang.

Der Mann erhob sich schweigend und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Plötzlich blieb er stehen.

»Dieser Fall interessiert mich sehr, Camille,« sagte er. »Ich bin überzeugt, daß sie den Mann geheiratet hat.«

» Naturellement,« antwortete die Frau mit einem Achselzucken. »Und jetzt will sie ihn los sein.«

»Aber warum?«

»Ma foi, welche Frage! Er hat viel Geld, nein

»So scheint es, nach seinen Ausgaben zu urteilen.«

»Also! Was sonst?«

»Aber Beweise für die Heirat müssen beschafft werden, sonst kriegt sie das Geld nicht.«

»Ich werde sie verschaffen.«

»Aber wenn ?«

Er hielt plötzlich inne und beide blickten schnell nach der Tür. Kein Laut unterbrach die tiefe Stille.

» Qu est ce que cest que ca?« fragte die Frau mit nervöser Flüsterstimme und faßte seinen Arm. Beide starrten noch immer auf die geschlossene Tür.

»Warten Sie, ich will nachsehen.«

Er erhob sich, aber die Frau hielt ihn fest.

»Nein, nein,« rief sie heiser, »Sie dürfen nicht hinausgehen!«

»Doch, ich gehe.«

Er versuchte sie abzuschütteln, aber sie ließ ihn nicht los.

»Wenn es sein muß ? hier,« rief sie und zog einen kleinen Revolver hervor, den sie ihm in die Hand drückte. Dann ließ sie ihn frei.

Geräuschlos schritt er auf dem dicken Teppich durch das Zimmer, ergriff behutsam die Türklinke und öffnete leise die Tür.

In diesem Augenblick fiel ein Lichtschein, wie von einer elektrischen Taschenlampe in das Zimmer. Der, alte Mann eilte mit überraschender Schnelligkeit ins Treppenhaus hinaus, aber der Lichtschein war bereits verschwunden. Er drehte das elektrische Licht an. Nirgends war jemand zu sehen.

Mit behutsamen Blicken nach allen Seiten und dem Finger auf dem Drücker des Revolvers stieg er vorsichtig die Treppe hinab. Gleich darauf hörte die Frau, die ihm voller Angst in einiger Entfernung folgte, wie er unten in der Halle die Tür, die zu den Wirtschaftsräumen führte, öffnete und mit einem dumpfen Krach zuschlug.

Eine Minute wartete sie mit verhaltenem Atem. Zweifellos befand sich jemand außer ihnen im Hause. Aber wie konnte er hereingekommen sein, da seit den frühen Abendstunden Vorder- und Hintertüren sorgfältig verschlossen und verriegelt waren?

Sie versuchte genügend Mut zu sammeln, um ihrem Gefährten zu folgen, als dicht hinter ihr ein Geräusch entstand. Mit einem Angstschrei wandte sie sich um.

Kapitel V.
Hinter der Tür.

Ein großer, schlanker Mann von aristokratischem Aussehen, in leichtem Anzug und mit dem Hut auf dem Kopf, stand oben auf der Treppe. In der Rechten hielt er einen Spazierstock, in der Linken eine elektrische Taschenlampe, die nicht brannte.

»Ich denke, Sie erinnern sich meiner, Madame Lenoir,« sagte er in ruhigem Ton.

Sie starrte ihn an und ein Blick genügte ihr, den Eindringling zu erkennen.

»Ah, Mylord Froissart!« rief sie mit einem Seufzer der Erleichterung aus. »Wie Sie mich ? uns beide erschreckt haben! Aber wie sind Sie hereingekommen, und was wollen Sie so spät in der Nacht?«

»Ich möchte Ihren Kollegen, Alix Stothert, sprechen. Warum ist er die Treppe hinuntergestiegen?«

»Um zu sehen, wer da sein könnte, Mylord. Wir glaubten zu hören, daß jemand im Hause war. Und das waren Sie! Warum haben Sie kein Wort gesagt?«

»Weil ich einen Revolver in Mr. Stotherts Hand sah, als er die Tür öffnete. Ich fürchtete, er könnte schießen, bevor er mich erkannt hätte. Da kommt er!«

Die Tür in der Halle hatte sich geöffnet und Stothert stand, äußerst überrascht, unten an der Treppe.

»Himmel! Sie ? Lord Froissart!« rief er aus.

Schnell stieg er die Treppe hinauf, und bald saßen alle drei im Bureauzimmer zusammen.

»Das ist höchst erstaunlich,« sagte Stothert. »Vor allem, Lord Froissart, wüßte ich gerne, wie Sie hereingekommen sind.«

»Sehr einfach. Ich kam um sechs Uhr nachmittags her, um Sie zu sprechen und fand die Haustür offen, ? Handwerker schienen an der Beleuchtungsanlage in der Halle zu arbeiten. Ich trat ein und wollte Ihr Bureau finden. Aber ich muß eine Treppe zu hoch gestiegen sein ? denn ich befand mich bald in einem Gang, an dessen Ende ich eine schwere Mahagonitür bemerkte. Ich öffnete sie und beim Schließen blieb die Klinke in meiner Hand. Beim Versuch, sie wieder zu befestigen, muß das Schloß eingeschnappt sein. Ich war gefangen, denn das Zimmer, in dem ich mich befand, hatte keinen anderen Ausgang.«

Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort:

»Als ich sah, daß ich die Tür auf keine Weise öffnen konnte, habe ich gerufen und mit meinem Stock an die Tür gehämmert ? aber kein Mensch schien mich zu hören.«

»Das glaub ich gerne,« erwiderte Stothert, »Das Zimmer ist ganz abgelegen. Und wie sind Sie herausgekommen?«

Lord Froissart wies auf seinen Stock.

»Mit dieser Eisenzwinge gelang es mir, das Schloß zu öffnen. Ich muß es demoliert haben und komme natürlich für den Schaden auf.«

Stothert und seine Kollegin schienen sehr beruhigt.

»Ein höchst bedauerlicher Zufall!« sagte der erstere mit einem Blick auf Madame Lenoir.

»Sie haben uns beide gehörig erschreckt. Wir dachten, es wären Einbrecher im Hause.«

»Das dachte ich auch einen Augenblick,« erwiderte Lord Froissart. »Arbeiten Sie immer so spät in der Nacht, wenn ich fragen darf?« fügte er hinzu und ließ seinen Blick im Zimmer umherschweifen.

»Nein. Wir hatten heute eine sehr dringende Sache zu erledigen. Und in welcher Angelegenheit wollten Sie mich sprechen, Mylord? Ach, verzeihen Sie, nach der langen Gefangenschaft müssen Sie Hunger haben ? ich fühle mich mitschuldig an dem unliebsamen Vorfall. Camille,« wandte er sich an die Französin, vielleicht finden Sie für Lord Froissart etwas zu essen. Ich fürchte, wir haben nicht viel im Hause.«

»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte Lord Froissart in dringendem Ton. »Ich bin wirklich gar nicht hungrig und trage allein alle Schuld. Was mein Anliegen betrifft, so erinnern Sie sich doch der traurigen Umstände, unter denen meine Tochter starb?«

»Natürlich. Die Zeitungen waren voll davon, was Sie sehr schmerzlich berührt haben muß.«

»Allerdings ? sehr schmerzlich. Mir scheint, die Zeitungen sollten mehr Rücksicht auf die Gefühle eines Vaters nehmen ? sie zeigen weder Takt noch Mitgefühl.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung.«

»Nun, Sie wissen, daß die gerichtliche Untersuchung einen Schlaganfall als Todesursache ergeben hat. Trotzdem ist es Ihnen ? und, wie ich fürchte, auch anderen klar, daß das arme Kind sich das Leben genommen hat. Was sie dazu bestimmt haben kann, ist mir ganz unbegreiflich. Aber sie hatte eine Freundin, ich kann sagen, eine nahe Freundin, von der, wie sich jetzt herausstellte, niemand etwas Näheres weiß, außer daß sie eine sehr wohlhabende Frau ist. Seltsame Gerüchte sind mir in der letzten Zeit zu Ohren gekommen ? kurz, es scheint mir nicht ausgeschlossen, daß diese Freundin, wenn sie wollte, das Geheimnis aufklären könnte. Warum sollte sie es nicht tun, nicht wahr?«

»Wer ist diese Frau?« fragte Stothert. »Alles, was Sie uns sagen, gilt selbstverständlich als streng vertraulich.«

»Ja, ich bitte darum. Die Frau werden Sie wahrscheinlich kennen. Ihr Name ist Mervyn-Robertson.« Stothert und seine Kollegin wechselten einen vielsagenden Blick. »Ich sehe, daß Sie sie kennen,« sagte Lord Froissart schnell.

»Allerdings, Mylord, das heißt fast nur dem Namen nach. Wir wissen recht viel über sie.«

»Und ist, was Sie wissen, ? hm ? vorteilhaft oder ? hm ? das Gegenteil?«

»Ohne Zweifel das Gegenteil. Mehr dürfen wir nicht sagen. Und Sie wünschen also, daß wir feststellen, wer und was sie ist, wo sie herkommt und so weiter?«

»Wenn es Ihnen möglich ist.«

»Das wird nicht schwer halten. Wir können Ihnen schon jetzt mitteilen, daß sie in Australien geboren ist, und daß ihre Eltern Schafzüchter in Queensland waren.«

»Ach, das klingt ja ganz ehrbar.«

»Es klingt ehrbar, aber ...«

»Was wollten Sie sagen?«

»Sie wissen, manches ist in Wirklichkeit anders, als es klingt. Eine Frage, Mylord! Haben Sie die Absicht, den Maskenball zu besuchen, der am neunundzwanzigsten dieses Monats in der Alberthalle veranstaltet werden soll?«

»Ich habe nichts davon gehört. Wer gibt diesen Ball?«

»Mr. Stapleton und Mr. La Planta, obwohl sie, wie ich glaube, selbst noch nicht wissen, wer als Gastgeberin fungieren soll. Die Herren sind mit Mrs. Mervyn-Robertson befreundet, wie Ihnen wohl bekannt ist.«

»Ja, ich habe von Ihnen gehört, obwohl ich sie nicht persönlich kenne. Ich erinnere mich, daß wir auf sie zu sprechen kamen, als ich Sie nach dem Tode meiner armen Tochter konsultierte. Ich hatte damals die Hoffnung, daß Sie in diese schreckliche Tragödie etwas Licht bringen könnten. Leider war es Ihnen trotz Ihrer großen Kenntnis der Gesellschaft nicht möglich. Und jetzt sagen Sie mir ? warum wollen Sie wissen, ob ich auf diesen Ball gehe? Ich gehe gar nicht mehr aus, wie Ihnen wohl bekannt ist.«

»Es könnte für Sie von Nutzen sein, Mylord. Mehr darf ich im Augenblick nicht sagen. Ich würde Ihnen sogar dringend raten, hinzugehen. Mylord.«

»Wenn Sie glauben, daß es einen Zweck hat, Stothert, will ich natürlich an dem Ball teilnehmen.«

»Ich glaube es nicht nur, ich bin fest davon überzeugt. Es kann uns indirekt in den Nachforschungen über Miß Froissarts Tod nützlich sein.«

»Dann gehe ich sicher hin.«

»Und Sie teilen uns im Voraus mit, welches Kostüm Sie tragen werden, nicht wahr? Kostüm und Maske sind obligatorisch, wie ich höre.«

Lord Froissart erhob sich. Als er fortgegangen war, atmeten Stothert und seine Gefährtin erleichtert auf. Die »Londoner Geheimagentur«, wie sich ihr Detektivbureau nannte, hatte sich in der Tat durch die Auskünfte, die sie über das Privatleben aller Mitglieder der Gesellschaft vermittelte, einen Namen erworben, aber über ihre Methoden waren Gerüchte im Umlauf. Hochgestellte Frauen, die sich ihrer Ehemänner entledigen wollten, Männer, die für die angebliche Untreue ihrer Frauen Beweise suchten, und viele andere pflegten sich jetzt ohne weiteres an die »Londoner Geheimagentur« zu wenden, und meist innerhalb von acht Tagen lieferte ihnen »das Haus mit dem Bronzegesicht« Beweismittel, die genügten, den schuldigen Teil unwiderruflich zu verurteilen.

Auf welche Weise das Bureau sich die verlangte Auskunft verschaffte, war ein Geheimnis, das auch die Konkurrenz vergebens zu lüften versuchte. Manche machten ihrem Aerger darüber in allerhand erfundenen Märchen Luft, die das Haus mit dem Bronzeklopfer und seine Bewohner in Verruf bringen sollten.

Aber Stothert und seine französische Partnerin kümmerten sich nicht im geringsten um dieses Gerede und der erstere pflegte zu bemerken: »Sie können sagen, was sie wollen, aber nicht die kleinste ihrer Behauptungen beweisen.«

Als Lord Froissart in einer Autodroschke nach Hause fuhr, drehten sich seine Gedanken um das Haus mit dem Bronzeklopfer und seine geheimnisvollen Bewohner. Die Agentur bestand seit wenigen Jahren, und dank der unfehlbaren Sicherheit ihrer Auskünfte kannte sie jeder, obgleich sie nirgends Inserate erscheinen ließ.

Wer war dieser Stothert und Madame Lenoir? Sie waren, wie er hörte, zusammen nach London gekommen und hatten ihre Tätigkeit ohne Freunde und Empfehlungen begonnen. Hatten sie Mitarbeiter und wer konnte es sein? Madame Vandervelt, die schöne Abenteurerin, die sich aus dem Fenster gestürzt hatte, war in drei Fällen vor dem Ehescheidungsgericht durch Beweismittel überführt worden, die das Haus mit dem Bronzeklopfer geliefert hatte. Zweimal hatte sich Mrs. Mervyn-Robertson wegen gewisser Juwelendiebstähle an die Agentur gewandt, und in beiden Fällen war der Dieb gefaßt worden. Ihrem Freund Stapleton war sein Fiat-Auto gestohlen worden, während er sich in einem vornehmen Laden Krawatten aussuchte. Er wandte sich sofort an Alix Stothert, und der Dieb wurde im Wagen selbst verhaftet.

Diese und manche ähnliche Fälle kamen ihm ins Gedächtnis, und je mehr er darüber nachdachte, um so mehr mußte er sich wundern. Das Haus, das er an diesem Nachmittag durchschritten hatte, war offenbar nur zum geringsten Teil bewohnt. Er erinnerte sich, bemerkt zu haben, daß in vielen Zimmern nicht einmal Möbel, nur Teppiche zu sehen waren. Bei einer früheren Gelegenheit hat er sechs bis acht Schreiber an der Arbeit gesehen. Aber eine leitende Stellung nahmen offenbar nur Stothert und seine Gefährtin ein. Auf manche Gerüchte, die ihm zu Ohren gekommen waren, legte er keinen Wert. Aber als das Auto vor seinem Hause in Queen Annes Gate hielt, hatte er gerade den Entschluß gefaßt, im Verkehr mit der Geheimagentur eine gewisse Vorsicht zu beobachten.

Kapitel VI.
Cora Hartsilvers Geständnis.

Obgleich Yootha Hagerston schon seit einiger Zeit im Besitz der kleinen Erbschaft war, die ihre Tante ihr vermacht hatte, hielt sie es doch nicht für nötig ihre Lebensweise zu ändern oder ihre bescheidene Wohnung in Knightsbridge gegen eine vornehmere zu vertauschen, wie manche ihrer snobbischen Bekannten erwartet hatten.

Trotzdem bemerkten manche, daß sie sich in der letzten Zeit verändert hatte. Sie sah nachdenklich und zerstreut aus, und das brachte viele auf allerhand Vermutungen. Einige gaben zu verstehen, daß »ein Mann im Spiele sein müsse,« obwohl niemand imstande war zu sagen, wer es sein könnte, da Yootha durchaus nicht viel in Männergesellschaft verkehrte. Sie gab im Gegenteil häufig zu verstehen, daß die Gesellschaft junger Männer, ja auch solcher mittleren Alters, sie langweile.

»Willst du mir nicht sagen, Yootha, was in der letzten Zeit mit dir los ist?«

So sprach eines Tages Cora Hartsilver zu ihrer Freundin, während sie zärtlich den Arm um ihren Hals legte.

»Kannst du mir nicht ein Wörtchen sagen?« fuhr sie schmeichelnd fort, als Yootha sich sanft loszumachen suchte. »Haben wir uns nicht immer alles gesagt, was wir auf dem Herzen hatten? Sag nicht, daß es gar nichts ist. Seit Wochen bemerke ich eine Aenderung an dir ? und andere haben sie auch bemerkt. Wer ist es, Liebling? Oder ? darf ich vielleicht raten?«

»Cora, was für einen Unsinn du redest!« antwortete das junge Mädchen. »Es geht mir ausgezeichnet und ich habe nichts ? gar nichts auf dem Herzen.«

»Dein Wort?«

»Mein ?«

Sie hielt plötzlich inne.

»Aha! Ich wußte, daß du ? wie Washington ? keine Lüge aussprechen kannst!« rief Cora lachend. »Darf ich also raten?«

»Rate nur soviel du willst, wenn es dir Spaß macht! rief Yootha leicht errötend aus. »Ich nehme an, du glaubst, daß ich verliebt bin. Warum bilden sich verheiratete Frauen immer ein, daß jedes junge Mädchen unbedingt verliebt sein muß! Das ist eine verrückte Idee. Wie ich dir oft gesagt habe, langweilen mich die Männer im allgemeinen. Die meisten von ihnen ? ganz wenige in Bohemekreisen ausgenommen ? scheinen nicht sechs eigene Gedanken zu haben.«

»Natürlich sind viele Männer dumm,« erwiderte Cora lachend. »Aber doch nicht alle? Erinnerst du dich eines kleinen Frühstücks bei Ritz, Yootha?« fuhr sie fort. »Archie La Planta hatte uns eingeladen und unter den Gästen befand sich ein Mann, den alle langweilig fanden ? besonders Mrs. Mervyn-Robertson hatte Mühe ihr Mißfallen zu verbergen ? und doch bin ich gewiß, daß Captain Charlie Preston auch an diesem Tage einen so tiefen Eindruck auf dich machte, wie kein anderer Mann je zuvor und ?«

Sie verstummte plötzlich, denn der Gesichtsausdruck ihrer Freundin hatte sich ganz verändert. Ihre Augen leuchteten und ihre Lippen bebten. Heftig ergriff sie Coras Handgelenk.

»Wer hat es dir gesagt?« fragte sie mit unterdrückter Stimme. »Ich dachte, kein Mensch hätte was geahnt.«

»Natürlich. Himmel. Yootha, ich hab es seit Monaten gewußt! Gleich das erstemal bei Ritz hab ich es bemerkt und mich nur seitdem gewundert, daß du mir kein Wort darüber sagen wolltest. Hat er mit dir gesprochen?«

»Gesprochen? Nein. Welche Frage!«

»Ja, allerdings, es ist töricht, ein Mädchen zu fragen, ob ein Mann, der sie liebt ?«

»Sag das noch einmal!« unterbrach sie Yootha in tiefer Erregung. »Glaubst du wirklich, daß ?«

»Daß er dich liebt? Ich glaub es nicht nur, ich weiß es.«

»Wie? Wer hat es dir gesagt?«

»Ach, Yootha, wir sprachen eben von dummen Menschen. Du bist das dümmste Mädchen, das ich kenne.«

Yootha fiel ihr um den Hals und gestand alles. Sie erzählte der Freundin rückhaltslos, wie sie sich vom ersten Augenblick an in den stummen, schwer verwundeten Offizier verliebt hatte. Und seit der Stunde, als sie zusammen Tschaikowskys ergreifendem Lied »Nur wer die Sehnsucht kennt« gelauscht hatten, war ihre Liebe und ihr Mitleid mit dem verwundeten Mann von Tag zu Tag gewachsen.

Die beiden Frauen hatten sich auf das kleine Sofa niedergelassen. Und jetzt war Cora Hartsilver seltsam einsilbig geworden. Yootha betrachtete sie mit Erstaunen.

»Was ist mit dir, Cora?« fragte sie plötzlich. »Hat ein Wort von mir dich verstimmt?«

»Verstimmt? Nein, wirklich nicht,« sagte Cora und drückte der Freundin die Hand. »Nein, ich dachte nur an ? es war nur ? ?«

Sie rang nach Atem und Yootha hörte einen Seufzer.

»Cora, Cora,« rief sie aus. »Sag mir alles! Woran denkst du?«

Sie hielten sich fest umschlungen. Plötzlich brach Cora Hartsilver in Tränen aus.

»Ich wollte es niemanden sagen,« brachte sie endlich hervor, als Yootha sie ein wenig beruhigt hatte. »Aber was du von deiner Liebe sagtest, hat alles wieder neu erweckt. Versprichst du mir, mit keinem Menschen davon zu reden, wenn ich es dir sage?«

»Natürlich. Ich gebe dir mein Wort darauf. Was ist es, Cora? Du kannst mir vertrauen, wie ich dir alles anvertraut habe. Du weißt doch, daß ich verschwiegen bin, nicht wahr?«

Cora schwieg noch eine Weile und trocknete ihre Tränen. Dann sagte sie leise:

»Du hast doch Sir Stephen Lethbridge nicht vergessen?«

»Vergessen? Wie sollte ich?«

»Yootha, ich hab ihn geliebt. Ich liebte ihn, als ich heiratete, und nach meiner Hochzeit wuchs meine Liebe, so daß ich nicht mehr wußte, was ich tun sollte.«

»Aber warum hast du mir nie ein Wort davon gesagt, Cora? Ich hatte nicht den leisesten Verdacht. Hat Henry etwas vermutet?«

»Nein, aber Henry war zu stumpf, um etwas zu bemerken. Als ich die Todesnachricht in der Zeitung las, war er zugegen, aber es gelang mir ? ich weiß selbst nicht, wie ? meine Gefühle zu verbergen. Und als wir am nächsten Tage mit Captain Preston bei Ritz speisten, ließ ich mir auch nichts merken, nicht wahr? Und doch blutete mir das Herz.«

Sie schwieg einen Augenblick. Dann fuhr sie fort.

»Und an diesem Tage starb Henry! Wenn er nur etwas früher gestorben wäre ? denk doch, Yootha, ich hätte Stephen retten können, er würde heute leben und ?«

Sie brach von neuem in krampfhaftes Schluchzen aus. Geraume Zeit verging, ehe es der Freundin gelang, sie zum zweitenmal zu trösten.

»Aber wie hättest du ihn retten können, selbst wenn Henry früher gestorben wäre?« fragte Yootha.

»Eine Woche vorher hatte Stephen mir geschrieben und mich gebeten, zu ihm zu kommen. Er schrieb, er hätte schwere Sorgen ? irgend etwas, was er brieflich nicht mitzuteilen wagte. Du weißt, wir waren Freunde von Kindheit an ? als Knabe beichtete er mir alle seine Streiche. Aber ich konnte ja nicht fort. Was hätte ich Henry vorschützen können? Daß eine Frau vor ihrem Manne ein Geheimnis haben könnte, wäre ihm nie eingegangen. Aber der Ton von Stephens Brief erschreckte mich. Sofort kam mir der Gedanke, daß er etwas schreckliches im Sinne hatte, wenn ich auch nicht ? an so etwas dachte.«

»Wußte er, daß du ihn liebtest?«

»Ja, seit langer Zeit. Er sah in mir seinen besten Freund. Ich quäle mich mit dem Gedanken, was ihn wohl in den Tod getrieben hat. Er soll in schlechte Gesellschaft geraten sein, zu viel Geld ausgegeben haben. Vielleicht sind das bloß falsche Gerüchte. Aber auch wenn es so wäre, das ist doch kein Grund, sich das Leben zu nehmen! Ich bin überzeugt, daß er mir sagen wollte, was ihn zum Selbstmord trieb.«

»Cora, bei deinen Worten muß ich an Lord Froissart denken. Er setzt wie ich höre, alle Hebel in Bewegung, um herauszufinden, warum Vera, wie alle Welt weiß, sich das Leben genommen hat. Er vermutet irgend ein Geheimnis und glaubt, daß Mrs. Mervyn-Robertson den Grund kennt. Sie war mit Vera nah befreundet.«

»Yootha!« rief Mrs. Hartsilver aus, die sich wieder zu fassen schien, »ich wollte dir sagen, daß Lord Froissart heute abends herkommt. Zuerst hab ich es verschwiegen, weil er auf meine Bitte Captain Preston mitbringt. Ich wollte dich damit überraschen.«

Yootha hatte Mühe, ihre Bewegung zu beherrschen. Im Ueberschwang ihrer Freude zog sie ihre Freundin an sich und küßte sie.

»Wie reizend von dir, Cora!« rief sie. »Das sieht dir ganz ähnlich. Immer machst du anderen Freude. Wann sollen sie hier sein?«

»Lord Froissart speist mit Captain Preston im Klub. Er wollte nach dem Essen herkommen.«

So geschah es, daß drei Tage nach dem letzten Ereignis im Detektivbureau, Lord Froissard sich mit Captain Preston und den beiden Freundinnen in Coras Salon zusammenfand.

Nach einigen gleichgültigen Worten, mit denen man sich begrüßte, ging die Unterhaltung, wie es unvermeidlich war, sogleich zu dem Gegenstand über, der alle aufs höchste interessierte. Lord Froissart hatte gerade von dem unliebsamen Vorkommnis berichtet, das er in dem Hause mit dem Bronzegesichte erlebt hatte, als Cora plötzlich die Frage aufwarf:

»Wäre nicht die Londoner Geheimagentur imstande, irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, der zur Aufklärung der zahlreichen Todesfälle führen könnte, die uns in der letzten Zeit beunruhigen? Sie, Lord Froissart, und ich, wir haben beide allen Grund, eine solche Aufklärung anzustreben.«

Eine Zeitlang sprach keiner ein Wort. Cora Hartsilver und Lord Froissart kannten sich seit Jahren und hatten vor etwa vier Wochen bereits von dieser Frage gesprochen.

»Well, da sie diese Frage aufs Tapet gebracht haben,« sagte er endlich, »so will ich ihnen sagen, daß ich gerade in dieser Absicht die Agentur aufgesucht habe. Diese Reihe von Trauerfällen ist so auffallend, daß jeder nach einer geheimen Ursache suchen muß. Und der Tod ihres Gatten Mrs. Hartsilver, hat mich am meisten verblüfft, wenn ich mich so äußern darf. Ich kann aufrichtig sagen, daß ich ihm von allen meinen Bekannten am wenigsten einen Selbstmord zugetraut hätte. Er schien vor dem bloßen Gedanken daran zu schaudern.«

»Ich wüßte gerne, Mrs. Hartsilver,« sagte Captain Preston und richtete seine großen grauen Augen auf sie, »ob sie mir etwas über die Frau sagen könnten, deren Namen jetzt in aller Munde und deren Bild in allen illustrierten Blättern zu finden ist ? ich meine Mrs. Mervyn-Robertson.«

Ein gespanntes Schweigen folgte diesen Worten.

»Ich fürchte nicht,« sagte Cora nach einer Weile. »Man sagte, sie sei australischer Herkunft und daß ihr Vater Schafzüchter war.«

»Das habe ich auch gehört«, erklärte Lord Froissart.

»Dann haben drei von uns es gehört«, bemerkte Captain Preston, »und zwar aus verschiedenen Quellen. Und doch hat mir mein Freund George Blenkiron, der zwanzig Jahre in Australien gelebt hat und das Land aufs genaueste kennt, heute nachmittags versichert, daß es dort keinen Schafzüchter dieses Namens gibt, noch, soweit er sich entsinnen kann, jemals gegeben hat.«

»Aber Mervyn-Robertson muß doch der Name ihres Mannes sein?« bemerkte Yootha.

»Ganz recht. Aber seltsamerweise ist Robertson ihr Mädchennamen. Blenkiron weiß es ganz genau, obgleich er nicht in London lebt und nicht viel in Londoner Gesellschaft verkehrt. Er hat es zufällig, auf höchst seltsame Weise erfahren.«

Kapitel VII.
Jessica.

Jessica Mervyn-Robertson war eine bemerkenswerte Frau. Ihre wundervolle, hohe Gestalt erschien durch ihre Haltung noch größer. Ihr braunes Haar, das einen kupferroten Schimmer zeigte, leuchtete in der Sonne oder bei künstlichem Licht, wie feuriges Gold. Die blasse Gesichtsfarbe stand in eigentümlichen Gegensatz zu den von Natur tiefroten Lippen, und in ihren tiefliegenden Augen lag ein Ausdruck dem wenige Menschen widerstehen konnten. Am meisten aber fiel allen der eigenartige Ton ihrer Stimme auf, die kein Mann und keine Frau jemals vergessen konnte. Als Sängerin hätte sie eine tiefe Altstimme gehabt.

Sie war vor einigen Jahren zum erstenmal in London erschienen und hatte sich in wenigen Monaten unzählige Freunde gemacht. Zu jener Zeit bewohnte sie eine Flucht von Gemächern im Claridgehotel und führte ein verschwenderisches Dasein. Obgleich keiner wußte, woher sie und ihr Reichtum kam, strömte alles, was Rang und Stellung in der Welt besaß, bei ihr zusammen. Es hieß, daß sie verheiratet war, aber keiner hatte jemals ihren Mann gesehen, und keiner schien sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wo und wer er wäre. Alle Welt war froh, die anziehende Frau zu kennen, und wer sie nicht kannte, zählte bald nicht mehr mit.

Aloysius Stapleton hatte, wie man erzählt, ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft in London, bei einem Rennen in Ascot ihre Bekanntschaft gemacht. Er besaß eine luxuriös eingerichtete Junggesellenwohnung in der Stadt und ein kleines Gut in Sussex. Das Leben zu genießen schien sein einziger Beruf zu sein. In der eleganten Welt war der tadellos gekleidete, liebenswürdige Louie Stapleton überall bekannt und gern gesehen, da er immer bereit war seine Freunde zum Lunch oder Diner oder zum Wochenende auf sein »Nest« in Sussex einzuladen.

Wenige Tage, nachdem sich Lord Froissart, Captain Preston, Yootha und Cora Hartsilver in dem Hause der letzteren zusammengefunden hatten, saß Jessica Mervyn-Robertson in Gesellschaft von Stapleton, Archie La Planta und einigen anderen Freunden in einer Loge der Alhambra, wo das »Russische Ballett« alle Welt in Entzücken versetzte.

Es war die erste Aufführung von »Scheherezade« und das Theater war brechend voll. Schöne Frauen in kostbaren Gewändern und Herren in tadellosem Dreß füllten Parkett und Logen, Ueberall funkelten Diamanten und andere Edelsteine, und als das Orchester die herrliche Ouvertüre begann, verstummte die rauschende Unterhaltung, um gleich nach dem Ende des Balletts von neuem einzusetzen. Die furchtbaren Szenen von Wollust und Gemetzel hatten die Zuschauer in so große Aufregung versetzt, daß man mehrere Frauen hysterisch lachen hörte. Ein älterer Herr in einer Loge, die nicht weit von Jessicas Loge entfernt war, schien sehr erregt: er war offenbar aus der Provinz gekommen und sah zum erstenmal das »Russische Ballett«. Man hörte ihn in einem nordischen Akzent heftig dagegen wettern, »daß solche Aufführungen in einem zivilisierten Lande gestattet würden.«

»Und sieh, wie sie angezogen oder vielmehr nicht angezogen sind!« wandte er sich zu einer ältlichen Dame, die offenbar seine Ehehälfte war. »Das Gesetz sollte solche Aufführungen verbieten. Wenn ich sowas geahnt hätte, wäre ich nicht mit dir hergekommen, Liebling. Wo bleibt die Zensur, wenn so ein Ballett erlaubt ist?«

Andere Zuschauer verlangten Ruhe, und in den benachbarten Logen hörte man leises Kichern. Aber trotz seiner Proteste blieb er im Theater, und das folgende Ballett fand offenbar seine Billigung.

In Mrs. Robertsons Loge klopfte es an die Tür, und La Planta erhob sich, um hinauszusehen. Nachdem er mit der Logenschließerin geflüstert hatte, ging er hinaus und schloss die Tür.

Als das zweite Ballett zu Ende war, und er noch nicht zurückkam, wurde Jessica unruhig.

»Was ist aus Archie geworden?« wandte sie sich an Stapleton, der neben ihr saß. »Weißt du, wer ihn sehen wollte?«

»Nein. Ich will auf einen Augenblick hinausgehen, und die Logenschließerin fragen.«

Aber die Logenschließerin erklärte, daß man nach Mrs. Mervyn-Robertson gefragt hatte, und daß der Herr, dem sie das mitteilte in das Foyer hinausgegangen war, um die Angelegenheit selbst zu erledigen.

»Hat er seinen Hut mitgenommen?« fragte Stapleton.

»Nein, er ist ohne Hut hinausgegangen.«

»Dann kann er das Theater nicht verlassen haben. Sagen Sie ihm bitte, wenn Sie ihn sehen sollten, daß ich ins Foyer gegangen bin, um ihn zu suchen.«

Aber La Planta war nicht im Foyer und offenbar nicht mehr im Theater. Kein Mensch hatte ihn gesehen.

Als Stapleton in die Loge zurückkehrte, war La Planta noch nicht da und zeigte sich auch nicht wieder. Als Jessica von Stapleton erfuhr, daß die Nachfrage ihr gegolten hatte, warf sie ihm nur einen eigentümlichen Blick zu, ohne etwas zu bemerken.

Wie gewöhnlich hatte Mrs. Mervyn-Robertson ? oder wie alle ihre Freunde sie zu nennen pflegten, Jessica ? ihre Logengäste nach der Vorstellung in ihr Haus eingeladen. Sie und Stapleton hofften, La Planta dort wiederzusehen, aber er erschien nicht.

Es war eine große Abendgesellschaft: bis nach ein Uhr hörte man die Wagen herbeirollen, und an den Kartentischen waren bald über dreißig Menschen versammelt.

»Was kann mit ihm passiert sein?« sagte Jessica leise zu Stapleton, den sie beiseite gezogen hatte. »Und ohne Hut! Ich kann mir gar nicht denken, wo er hingegangen ist, oder wer nach mir gefragt hat. Archie hätte es mir sagen sollen!«

»Ich habe zweimal in seine Wohnung telephoniert, aber keine Antwort erhalten.«

»Versuch es noch einmal, Louie. Ich bin sehr besorgt.«

Diesmal hatte Stapleton mehr Erfolg, denn er erhielt endlich Anschluß, und eine schläfrige, ziemlich ärgerliche Stimme fragte in heiserem Ton:

»Hallo! Hallo! Wer spricht dort?«

»Mr. Stapleton, James. Es tut mir leid, Sie aufzuwecken, aber könnten Sie mir sagen, ob Mr. La Planta nach Hause gekommen ist?«

»Einen Augenblick, Sir,« erwiderte die Stimme in verändertem Ton. »Ich sehe nach und teile es ihnen gleich mit.«

Einige Minuten wartete Stapleton mit dem Hörer am Ohr. Er dachte schon der Mann wäre wieder zu Bett gegangen, als er ihn plötzlich kommen hörte. Es klang, als käme er gelaufen.

»Sind Sie da Sir?«

»Ja.«

»Mr. La Planta liegt auf seinem Sofa, Sir, und schläft fest. Ich habe ihn gerufen und geschüttelt, aber er will nicht aufwachen. Sein Zimmer war hell erleuchtet. Er muß ein Schlafmittel oder so etwas bekommen haben. Er atmet sehr schwer. Ich will den Arzt kommen lassen, Sir.«

»Nein, tun Sie das nicht. Ich komme gleich hin und will nach ihm sehen; vielleicht brauchen wir den Arzt nicht. Sorgen Sie dafür, daß ich gleich eingelassen werde.«

Als Jessica ihn kommen sah, erhob sie sich von einem der Kartentische, an denen reges Treiben herrschte, und ging ihm entgegen.

»Komm in die Hall,« sagte er leise und teilte ihr in wenigen Worten mit, was geschehen war.

»Mach dir keine Sorgen,« schloß er. »Ich will gleich hinfahrn und telephoniere dir, was ich erfahre.«

Eine der Autodroschken, die auf den Cavendish Square hielten, brachte ihn in wenigen Minuten in das Albanyviertel.

La Planta lag mit todblassem Gesicht und leicht geöffneten Lippen da und schien schwer zu atmen. Stapleton hob eines der halbgeschlossenen Augenlider empor, ohne daß der Schläfer erwachte.

»Offenbar betäubt,« sagte er zu James.

Er beugte sich dicht über seinen Freund.

»Und ich weiß, womit,« fügte er in Gedanken hinzu. »Sie haben keine Ahnung. James, wie lange er schon hier ist?«

»Keine Ahnung, Sir.«

»Ein Arzt ist nicht nötig,« sagte Stapleton und richtete sich wieder auf. »Gefahr ist nicht vorhanden. Der Puls ist kräftig, und er wird schlafen, bis die Wirkung des Mittels vorüber ist. Uebrigens, hat jemand heute abend, während er fort war, nach ihm gefragt oder ihn angerufen?«

»Es war kein Besuch da, Sir, aber eine Dame hat ihn angerufen.«

»Eine Dame? Um welche Zeit?«

Der Diener besann sich einen Augenblick.

»Es muß etwa um 9 Uhr gewesen sein.«

»War es eine Bekannte? Nannte sie ihren Namen?«

»Nein, Sir. Ich kannte die Stimme nicht.«

»Sollten Sie was ausrichten?«

»Nein, Sir. Sie fragte nur, wo Mr. La Planta wäre, und ich sagte ihr: im Alhambratheater. Dann fragte sie noch, wer mit ihm zusammen wäre, und ich antwortete: Sie, Mrs. Mervyn-Robertson und wohl noch einige andere Herrschaften. Sie dankte und hing ab.«

Plötzlich kam Stapleton ein Gedanke, und er fuhr mit der Hand in die Taschen seines Freundes. Aber offenbar fehlte ihm nichts. Er zog aus dem Rock eine Brieftasche mit Banknoten hervor, und im Beinkleid war noch eine Handvoll Silbergeld vorhanden.

Er ging ans Telephon und ließ sich mit Mrs. Mervyn-Robertson verbinden. Aber es war nicht ihre Stimme, die ihm antwortete.

»Bitten Sie Mrs. Mervyn-Robertson, ans Telephon zu kommen,« sagte er.

»Ist dort Mr. Stapleton?«

»Ja.«

»Hier spricht der Diener John, Sir. Ich fürchte, sie kann eben nicht kommen. Sir. Sie ist plötzlich erkrankt.«

»Kaum fünf Minuten, nachdem Sie fort waren, Sir, fiel sie in eine tiefe Ohnmacht.«

Stapleton schwieg einen Augenblick. Plötzlich fuhr ihm etwas durch den Sinn.

»John!«

»Sir?«

»Ist jemand in der Nähe des Apparats? Kann jemand Sie sprechen hören?«

»Einen Augenblick, Sir.«

Stapleton hörte, wie eine Tür leise geschlossen wurde.

»Jetzt kann mich niemand hören, Sir.

»Dann sagen Sie mir ? sprechen Sie leise ?, hat Mrs. Mervyn-Robertson etwas zu sich genommen, ich meine, etwas gegessen oder getrunken, nachdem ich fortgefahren war?«

Nach einer kurzen Pause kam die Antwort: »Ja, Sir, sie hat am Buffet ein Glas Champagner getrunken.«

»War jemand bei ihr? In ihrer Nähe? Hat jemand sie gefragt, ob sie ein Glas Wein haben wollte?«

»Ja, Sir, ein Herr fragte sie ? ich stand zufällig dabei. Und ich bemerkte eine Dame in ihrer Nähe, als sie das Glas austrank. Jeder von ihnen trank ein Glas Wein.«

»Kennen Sie den Herrn und die Dame?«

»Dem Aussehen nach; aber ich weiß nicht, wie sie heißen. Sie sind schon ein- oder zweimal zum Souper dagewesen, aber sie kommen nicht oft her.«

»Kommen sie zusammen?«

»Ich glaube wohl, Sir.«

»Und Sie könnten mir ihr Aeußeres beschreiben?«

»Ja, sicher, Sir.«

»Danke, John. Sagen Sie keinem Menschen ein Wort. Verstehen Sie?«

»Sie können sich darauf verlassen, Sir.«

»Gut, in einer Stunde bin ich wieder auf dem Cavendish Square und will Sie dann sprechen.«

Kapitel VIII.
Eine Entdeckung.

Es war nach vier Uhr morgens, als Stapleton in seine Wohnung zurückkehrte. Nachdem er beinahe eine Stunde bei La Planta zugebracht hatte, war er zu Jessica Robertson gefahren, die er noch immer bewußtlos, mit ähnlichen Vergiftungssymptomen wie La Planta, vorfand, obgleich ihr Gehirn im Schlaf zu arbeiten schien. Mehrmals hatte sie, wie man ihm sagte, zusammenhanglose Worte gemurmelt, und selbst in seiner Gegenwart schienen ihre Lippen sich leise zu bewegen, als ob sie träumte.

»Wie lange ist es her, daß die Gäste fort sind?« fragte er ihre Kammerjungfer.

»Die letzten sind vor kaum zwanzig Minuten gegangen,« antwortete sie.

»Wissen Sie, wer diese letzten waren?«

»Nein, Sir, ich hörte sie nur fortgehen. Sollen wir sie nicht zu Bett bringen, da Sie nicht nach dem Arzt schicken wollen?«

»Ja, bringen Sie sie hinauf. Am Morgen wird sie wieder wohlauf sein.«

»Ich hoffe es von Herzen. Sie hat niemals so etwas gehabt ? niemals!«

»Schicken Sie mir John her,« befahl er.

Als Mrs. Mervyn-Robertson zu Bett gebracht worden war, nahm Stapleton den Diener beiseite, in das Speisezimmer, und schloß die Tür.

»Wer waren die Gäste, die sich zuletzt aufgemacht haben?« fragte er ihm.

Aus der Beschreibung des Dieners ging hervor, daß unter diesen Gästen sich auch der Herr und die Dame befanden, in deren Gesellschaft Jessica Sekt getrunken hatte, aber ihre Namen kannte er nicht.

Stapleton fuhr nach Hause. Sein Gehirn arbeitete fieberhaft, während er sich im Schlafzimmer entkleidete. Es schien ihm ausgemacht, daß La Planta und Jessica von derselben Hand eingeschläfert worden waren, und der Betreffende mußte sich unter den Gästen in Jessicas Haus befunden haben. Aber wer konnte es sein, und in welcher Absicht war die unheimliche Tat vollbracht worden?

Am nächsten Morgen überzeugte er sich telephonisch davon, daß sowohl Archie wie Jessica sich vollkommen erholt hatten und wieder im Vollbesitz ihrer Geisteskräfte waren. Dann fuhr er zunächst in das Albanyviertel.

Archie nahm gerade, in einen feinen Schlafrock aus japanischer Seide gehüllt, in seinem Bett sein Morgenfrühstück ein. Beim Eintreten in das Zimmer fiel Stapleton auf, daß sein Gesicht ungewöhnlich blaß war und tiefe Ringe unter den Augen zeigte.

»Ich wünschte, Louie,« sagte La Planta, »du könntest mir sagen was gestern abend mit mir passiert ist, und wie ich aus der Alhambra ohne Hut herausgekommen bin. Ich könnte denken, daß ich zu viel getrunken habe ?, wenn es da überhaupt etwas zu trinken gegeben hätte.«

»Ich kann dir nichts sagen, weil ich selbst nichts weiß,« erwiderte Stapleton und setzte ihm auseinander, was geschehen war, nachdem Archie die Loge verlassen hatte.

»Wer hat nach Jessica gefragt und warum bist du hinausgegangen, ohne ihr ein Wort zu sagen?« schloß er.

Sein Freund fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als versuchte er, sich zu besinnen.

»Es tut mir leid, Louie,« sagte er endlich, »aber ich kann mich gar nicht erinnern, die Loge verlassen zu haben. Der erste Teil des Balletts ist mir noch gegenwärtig. Dann kommt eine Lücke in meiner Erinnerung. Ich weiß nur, daß ich heute morgen hier aufgewacht bin und mich ganz zerschlagen fühlte. Noch jetzt dreht sich mir alles im Kopf herum.«

Erst zur Lunchstunde vermochte Stapleton Jessica zu sehen. Sie klagte über Kopfweh und große Schwäche. Auf seine Fragen erwiderte sie, daß sie sich gar nicht darauf besinnen könnte, am Büffett Champagner getrunken, noch überhaupt nach dem Souper mit ihm gesprochen zu haben. Sie erinnerte sich, wie sie sagte, daß sie um Archie besorgt war, im Wagen nach Hause fuhr, beim Souper neben Stapleton saß, und daß später »chemin de fer« und »Roulette« gespielt wurde. Aber hier versagte ihr Gedächtnis.

»Das habe ich erwartet,« bemerkte Stapleton, »ganz wie bei Archie! Ich nehme infolgedessen an, daß ihr beide mit demselben Schlafmittel betäubt worden seid, dessen besondere Wirkung darin besteht, die Erinnerung an alles auszulöschen, was einige Zeit vor dem Einnehmen des Mittels geschehen ist. Die Person, die dich im Theater sprechen wollte, hatte offenbar die Absicht, dir schon dort das Mittel einzugeben. Aber Archie ging statt deiner hinaus. Der Betreffende muß ihn betäubt haben und dann mit den anderen Gästen hergekommen sein. Hier gelang es ihm. auch dich einzuschläfern. Die Frage ist nur: wer ist es gewesen und warum hat er es getan?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Hast du irgend etwas vermißt? Sind deine Juwelen und sonstigen Wertsachen unberührt?«

»Ich hoffe doch. Nachgesehen habe ich noch nicht.«

»Dann müssen wir es gleich tun.«

Jetzt entdeckten sie, daß das Safe im Wohnzimmer geöffnet und ausgeraubt worden war. Es hatte außer einem Perlenkollier von unschätzbarem Wert und einer Menge ungeschliffener Diamanten viertausendfünfhundert Pfund in Banknoten, Schatzscheinen und barem Gelde enthalten. Alles war verschwunden. Das Safe hatte man wieder geschlossen und den Schlüssel wieder in den kleinen Sack getan, den Jessica immer bei sich trug. Denn es war höchst unwahrscheinlich, daß ein Duplikat des Schlüssels angefertigt worden war.

Mrs. Mervyn-Robertson war in Verzweiflung. Aber sie machte keine Szene und wurde nicht hysterisch, wie viele Frauen in ähnlichen Fällen. Sie behielt vielmehr einen klaren Kopf und blieb auffallend ruhig.

Der Diener John trat ein und überreichte einige Briefe.

»Well, was soll ich jetzt tun?« sagte sie in ruhigem Ton zu Stapleton.

»Wir können nichts besseres tun, als uns an die Londoner Privatagentur wenden,« erwiderte er. »Wenn jemand uns helfen kann, sind sie es. Hast du die Nummer der Scheine?«

»Nein.«

»Auf jeden Fall wird die Agentur imstande sein, den Perlen auf die Spur zu kommen. Es gibt in England und auf dem Kontinent nur wenige Plätze, wo solche Perlen angebracht werden können und Stothert kennt alle Abnehmer für gestohlene Güter in Europa, wie er mir noch kürzlich sagte.«

»Wollen wir zu Archie fahren?« sagte sie und wollte sich erheben. »Du sagtest, daß er zu Hause bleiben wollte.«

Aber in diesem Augenblick trat wieder der Diener ins Zimmer und meldete:

»Captain Preston und Mr. Blenkiron.«

Jessica biß sich auf die Lippen. Als die Besucher eintraten, empfing sie sie mit ihrem gewinnenden Lächeln.

»Wie froh bin ich, Sie nach so langer Zeit zu sehen,« rief sie aus. »Mr. Stapleton sprach eben von ihnen, und ich fragte ihn, was aus Ihnen beiden geworden ist ? ich glaubte, Sie hätten London verlassen.«

»Ich bin selten in der Stadt,« sagte Blenkiron. »Wie Sie wissen, lebe ich auf dem Lande.«

»Ja richtig. Ich hatte es vergessen. Aber Sie, Captain Preston! Ich sehe Sie nirgends. Leben Sie auch nicht in der Stadt?«

»Ja, aber ich gehe selten aus; mein Bein ist ein großes Hindernis. Wir kamen gerade hier vorbei, da schlug ich vor, bei Ihnen vorzusprechen, in der Hoffnung, Sie zu Hause anzutreffen. Ich bin seit dem reizenden musikalischen Abend, zu dem Sie mich vor acht ? neun Monaten einluden, nicht wieder hier gewesen. Aber ich vergesse nicht, wie schön Ihre Freundin damals Tschaikowskys »Nur wer die Sehnsucht kennt« sang. Er war herrlich.«

»Lieben Sie so sehr Musik, Sie, ein Soldat?«

»Es ist das einzige, was ich liebe.«

»Das einzige?« wiederholte sie mit schalkhaftem Lachen. »Das kann ich nicht glauben.«

Ihre Blicke trafen sich. In den Augen des Hauptmanns zeigte sich ein harter Ausdruck.

»Irgend jemand sagte mir vor einigen Tagen,« bemerkte Blenkiron, »daß Sie einige Zeit in Queensland gelebt haben, Mrs. Mervyn-Robertson. Ist es lange her? Ich bin viel in Australien gewesen.

»Länger als ich wünschte,« erwiderte sie. »Ich war ein kleines Mädchen, als meine Eltern mich heimschickten.«

»Sie meinen nach England?«

»Ja.«

»In welcher Stadt von Queensland haben Sie gelebt?«

»Bei Monkarra ? wenn man das eine Stadt nennen kann,« antwortete sie.

»Wirklich! Ich kenne Monkarra. Ich bin wiederholt dort gewesen. Merkwürdig, daß ich weder Sie noch Ihre Angehörigen getroffen habe.«

»Australien ist groß, Mr. Blenkiron.«

»Aber seine Bevölkerung ist klein, und Monkarra, wie Sie sagen, nur ein Dorf. Man hat mir gesagt, daß der Name ihres Vaters Robertson war.«

»Man scheint mit Ihnen recht viel über mich gesprochen zu haben,« bemerkte sie schnell.

»Wundert Sie das?«

Die Frage hatte einen doppelten Sinn und Jessica gab dem Gespräch eine andere Wendung.

»Da Sie Musik so gern haben,« sagte sie zu Preston, »so müssen Sie mich beim nächsten musikalischen Abend besuchen. Die meisten hören nur Operetten und Niggertänze gern.«

Sie sprach beinahe mechanisch; denn ihre Gedanken waren mit dem Verlust, den sie erlitten hatte, beschäftigt. Unter ihren gestrigen Gästen konnte sie keinen finden, bei dem nicht jeder Verdacht eines Zusammenhanges mit dem Diebstahl ausgeschlossen war.

Dann fielen ihr plötzlich Cora Hartsilver und ihre Freundin Yootha ein. Beide Frauen mochte sie nicht leiden und sie war sicher, daß ihre Abneigung erwidert wurde. Und jetzt besann sie sich darauf, daß Archie La Planta ihr von Prestons Verehrung für Yootha Hagerston erzählt hatte. Und diese Menschen stellten, wie La Planta ihr gleichfalls mitgeteilt hatte, Nachforschungen über sie an! Es konnte kein Zufall sein, daß die beiden Freunde bei ihr vorsprachen und daß Blenkiron sie über Australien auszufragen suchte. Wer konnte ihm gesagt haben, daß ihr Vater Robertson hieß?«

»Da wir von Australien sprachen,« begann er jetzt von neuem, »darf ich fragen, ob Ihr Vater schon lange tot ist?«

»Zehn Jahre,« hörte sie sich selbst sagen und mußte sich darüber wundern.

»Und Ihre Mutter?«

»Ich war noch ein Kind, als sie starb.«

»Und sie lebten in Monkarra?«

»Mein Vater allerdings. Meine Mutter starb in Charleville.«

»Seltsam,« sagte Blenkiron wie zu sich selbst.

»Ich müßte Ihren Vater oder Ihre Mutter in den Jahren, die ich in Queensland zubrachte, getroffen haben.«

»Warum denn? Was machten Sie in Australien?«

»Alles Mögliche. Jahrelang war ich Goldsucher; dann arbeitete ich als Ingenieur an einer Bahn und eine Zeitlang war ich auch Schafzüchter. Für mich ist es das einzige Land auf der Welt.«

»Und doch haben Sie sich in England niedergelassen?«

»Weil alle meine Interessen jetzt hier konzentriert sind. Der Krieg hat so vieles geändert.«

Preston erhob sich.

»Ich muß gehen, Mrs. Mervyn-Robertson,« sagte er. »Ich hoffe, Sie laden mich zu Ihrem nächsten Musikabend ein.«

»Das vergesse ich nicht ? das heißt, wenn ich Ihre Adresse habe. Kann ich sie aufschreiben?«

Sie ging an ihren Schreibtisch und er folgte ihr. Als sie seine Wohnung notiert hatte, nahmen die Freunde Abschied.

Langsam humpelte Preston die Oxfordstraße hinauf.

»Eine kluge Frau ? eine verdammt kluge Frau!« sagte Blenkiron, der langsam neben seinem Freunde herging. »Was für ein Benehmen! Welche Persönlichkeit! Hast du bemerkt, daß sie für jede Frage, die ich stellte, eine Antwort bereit hatte? Ich glaube kein Wort von dem, was sie gesagt hat. Weder sie noch ihre Eltern sind jemals in Australien gewesen. Mit dieser Frau muß irgendein Geheimnis verbunden sein, und mit diesem Stapleton gleichfalls, der immer mit ihr zusammensteckt.«

An einer Straßenecke hielt Blenkiron seinen Freund am Aermel fest.

»Sieh,« sagte er, »da geht der junge La Planta. Er ist auf dem Wege zu seinen Freunden. Ueber den Burschen bin ich mir auch nicht klar!«

Kapitel IX.
Ein Reporter.

Obgleich mehrere Wochen vergangen waren, hatte man doch nichts von Jessicas gestohlenen Wertsachen entdecken können. Aus bestimmten Gründen hatte sie verhindert, daß der Diebstahl in den Zeitungen erwähnt wurde, und auch die Londoner Privatagentur schien diesmal zu versagen.

Inzwischen wurden bereits Vorbereitungen für den großen Ball getroffen, den Aloysius Stapleton und Archie La Planta in der Alberthalle geben wollten, und da Mrs. Mervyn-Robertson es vorzog, bei dieser Gelegenheit nicht als Gastgeberin aufzutreten, so war eine andere hochgestellte Persönlichkeit dafür gewonnen worden.

Es wurde erwartet, daß ganz London erscheinen würde, und da der Ball zum besten einer wohltätigen Spende veranstaltet wurde, so waren alle Zeitungen um die Wette bemüht, ihn in das rechte Licht zu sehen.

»Wenn ich einen Privatball daraus gemacht hätte,« bemerkte Stapleton eines Abends zu Jessica, »so hätte er mich eine ungeheure Summe gekostet und Hunderte, die jetzt Karten gekauft haben, hätten nicht daran gedacht, es zu tun. Dein Rat war vortrefflich. Um einen Erfolg damit zu haben und ihn aus den Taschen der anderen zu bezahlen mußte man ein Wohltätigkeitsfest daraus machen, die Zeitungen spaltenlange Märchen darüber drucken lassen und bekanntgeben, was für betitelte Persönlichkeiten hinkommen und was für hochgestellte Frauen die Gäste empfangen würden. Die Nachfrage ist so groß, daß wir den Verkauf der Karten bald einstellen werden. Wie wirst du dich anziehen?«

»Die Frage kommt zu spät. Eins kann ich dir sagen ? mein Kostüm wird dich überraschen.«

»Ich liebe Ueberraschungen nicht.«

»Das weiß ich. Aber ich habe meine Gründe dafür, um dich auf deinem »Wohltätigkeitsball« überraschen zu wollen,« sagte sie lachend. »Das wirst du später verstehen. Weißt du übrigens, was Cora Hartsilver und ihre werte Freundin tragen werden?«

»Keine Ahnung. Wie sollte ich? Aber warum interessiert dich das?«

»Es interessiert mich sogar in hohem Grade. Wenn du das nicht begreifst, so habe ich von deinem Scharfsinn eine zu hohe Meinung gehabt.«

Sie lachte von neuem mit ihrer tiefen Altstimme.

Jessica und Cora Hartsilver hatten sich in der Zwischenzeit mehrfach auf Gesellschaften getroffen, und obgleich sie sich äußerlich gut zu stehen schienen, wußte doch jede von ihnen, daß die andere sie haßte. Ja, bei einem Lunch in Mayfair, an dem beide teilnahmen, war es sogar zu scharfen Bemerkungen von jeder Seite gekommen.

Durch einen Journalisten, den sie zufällig auf einer Ausstellung kennen lernte, hatte Cora erfahren, daß Mrs. Mervyn-Robertson und Stapleton alle Hebel in Bewegung setzten, um zu verhindern, daß der Diebstahl in den Zeitungen bekannt gemacht würde. Sie und ihre Freundin zerbrachen sich den Kopf darüber, warum die Angelegenheit vertuscht werden sollte.

Auch Captain Preston hatte davon gehört. Der Journalist, der Harry Hopford hieß und lange Zeit mit ihm in Flandern gedient hatte, war ihm in London wieder begegnet. So erfuhr Preston, daß einige Reporter durch Geldgeschenke dazu bewogen worden waren, nichts über den Diebstahl verlauten zu lassen.

Eines Nachmittags stattete Harry Hopford auch Stapleton einen Besuch ab, um näheres über den großen Ball zu erfahren, der bereits überall das Tagesgespräch bildete. Neugierig wie alle Journalisten lenkte er die Unterhaltung geschickt auf den Juwelendiebstahl in Mrs. Mervyn-Robertsons Hause und fragte Stapleton, ob die Nachforschungen Erfolg gehabt hätten.

»Ich weiß es wirklich nicht« erwiderte Stapleton eilig. »Wie sollte ich auch?«

»Ich dachte, Sie wüßten es,« bemerkte Hopford in ruhigem Ton. »Sie sind ja mit der Dame bekannt und waren in der Nacht, als der Diebstahl verübt wurde, in ihrem Hause beim Souper anwesend.«

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Die Presse ist im allgemeinen über diese Dinge unterrichtet.«

»Die Presse scheint mir zuweilen eine verdammte Pest zu sein,« fuhr Stapleton auf. »Ich kann gar nicht begreifen, warum die Zeitungen über jedes Verbrechen ellenlange Berichte bringen. Solche Berichte können nur das größte Unheil anrichten ? das größte Unheil sag ich Ihnen.«

»Die Zeitungen würden die Berichte nicht drucken, wenn das Publikum sie nicht lesen wollte,« erwiderte Hopford in sicherem Ton. »Sie sollten das Publikum tadeln, Mr. Stapleton, nicht die Presse.«

»Es ist doch kein Wort über den Diebstahl in den Zeitungen erschienen?« fragte Stapleton mit einem eigentümlichen Blick auf den jungen Reporter.

»Soviel ich weiß, kein Wort.«

Stapleton schwieg einen Augenblick und schien nachzudenken.

»Sind Sie zuweilen in Geldverlegenheit, mein junger Freund?« fragte er plötzlich.

Hopford lachte.

»Zeigen Sie mir den Journalisten, der es nicht wäre,« erwiderte er. »Wieso?«

»Angenommen, ich wollte Ihnen Zeit und Mühe vergüten ??«

»Nun?«

»Well, die Sache steht so ? übrigens, wie war Ihr Name?«

»Hopford ? Harry Hopford.«

»Kommen Sie, Hopford ? nehmen Sie eine Zigarre und setzen Sie sich her. Nun also, ich wäre in der Lage, Ihnen von Zeit zu Zeit nützlich zu sein ? mit anderen Worten, Ihnen pekuniär auszuhelfen, wenn Sie Ihrerseits meinen Vorschlag annehmen und zugleich voll« Verschwiegenheit bewahren. Denken Sie nicht, daß ich irgend etwas Schreckliches von Ihnen verlangen will. Durchaus nicht,« sagte er lächelnd.

»Das ließe sich vielleicht machen,« erwiderte Hopford in nachdenklichem Ton, während er sich dem Genuß der vortrefflichen Zigarre hingab.

»Wär es nicht besser, Sie sagten mir genau, was Sie von mir verlangen? Ich könnte Ihnen dann sofort eine ganz offene Antwort geben. Was Sie mir auch sagen, betrachte ich natürlich als streng vertraulich.«

»Sie haben mich verstanden. Es macht mir Freude, einen jungen Mann so vernünftig reden zu hören. Also ? hören Sie zu.«

Stapleton überzeugte sich mit einem Blick, daß die Tür geschlossen war und fuhr dann fort:

»Es gibt manches, was Sie für mich tun können; zunächst handelt es sich um folgendes: ich weiß so gut wie sicher, wer die Banknoten und Wertsachen bei Mrs. Mervyn-Robertson gestohlen hat. Ich habe zwar nicht die Absicht, den Namen der Dame zu nennen, aber ich kann ihn andeuten. Ich glaube, daß der Dieb eine junge Witwe ist, deren Gatte vor neun oder zehn Monaten unter tragischen Umständen starb ? man fand ihn tot im Bade ? vielleicht erinnern Sie sich des Falles?«

»Das glaub ich. Ich wurde ja am selben Tag in das betreffende Haus geschickt, um Näheres über die Tragödie zu erfahren. Das Haus liegt nicht weit vom Portlandplatz ? hab ich nicht recht?«

»Vollkommen.«

»Die Witwe befand sich also unter den Gästen, die Mrs. Mervyn-Robertson an diesem Abend zum Souper eingeladen hatte?«

»Nein. Sie war nicht eingeladen. Aber ich habe gute Gründe, anzunehmen, daß sie hereingelassen wurde, obwohl die Gastgeberin sie nicht gesehen hat.«

»Ist das denkbar?«

»Jawohl. Es war ein großes Gedränge. Eine Zeitlang konnte man kaum hindurch. In diesem Augenblick wurde die Witwe hereingelassen, da der Diener sie für einen geladenen Gast hielt.«

»Könnte ich den Diener sprechen?«

»Ganz unmöglich, mein lieber Freund. Vielleicht hat auch nicht einmal der Diener sie eingelassen. Das war nur meine Vermutung. Es kann auch ein anderer Hausangestellter gewesen sein.«

»Und Sie sind sicher, daß Sie anwesend war? Sie haben Sie gesehen?«

»Nein, nein. Keine übereilten Schlüsse! Ich habe sie nicht ? selbst gesehen.«

»Wer hat sie denn gesehen?«

»Das darf ich Ihnen nicht sagen. Es wäre unklug von mir.«

»Ich habe Ihnen Verschwiegenheit zugesichert.«

»Gewiß, sonst hätte ich Ihnen das alles nicht gesagt. Aber Sie wissen ? Namen soll man nicht nennen. Wenn ich Namen nenne, kann ich später nicht einen Eid darauf leisten, daß ich es nicht getan habe.«

»Ich verstehe Ihren Standpunkt. Well, können Sie mir vielleicht, ohne sich zu verraten, den Grund sagen, der die betreffende Dame zu dem Diebstahl bewogen hat? War es sozusagen der Eigenwert des gestohlenen Gutes oder vielleicht ein tiefer liegendes Motiv?«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel Dokumente, kompromittierende Briefe oder so etwas?«

»Ich fürchte, Ihnen auch darauf keine Antwort geben zu können. Sie verstehen, man kann nicht vorsichtig genug sein. Ich habe Ihnen das alles im der Annahme mitgeteilt, daß Sie ? natürlich ohne irgendetwas Bestimmtes zu behaupten ? in Ihrem Blatt andeuten könnten, daß das Verbrechen von einer jungen, in der Gesellschaft wohlbekannten Witwe verübt worden ist. Sie könnten soweit gehen, hinzuzufügen, daß diese Witwe ihren Mann vor kurzer Zeit unter tragischen Umständen verloren hat, und noch einiges aus ihrer Phantasie hinzudichten, um die Sache interessanter zu machen. Auch dürfen Sie sagen, daß Ihre Mitteilungen aus vertrauenswürdiger Quelle stammen.«

»Das heißt, von Ihnen.«

»Natürlich, von wem sonst?«

»Und was sind Ihre Bedingungen?«

»Ich muß es Ihnen überlassen, einen Vorschlag in dieser Hinsicht zu machen.«

Stapleton zögerte einen Augenblick, dann sagte er:

»Würde eine Zehnpfundnote in diesem Falle Ihren Wünschen entsprechen? Nicht wahr, Sie haben den Vorteil, Ihrem Blatt eine interessante Neuigkeit zu verschaffen?«

»Und laufe der Gefahr, an die Luft gesetzt zu werden, wenn es der betreffenden Dame einfällt, eine gerichtliche Klage gegen mein Blatt zu erheben. Nein, Mr. Stapleton, ich bin nicht gesonnen, irgendetwas zu riskieren, um einen Zehner einzustecken. Wenn Sie achtzig oder hundert Pfund gesagt hätten, so würde ich vielleicht ? vielleicht, sage ich, ? einen Versuch machen, aber ein Zehner ?«

Er erhob sich und machte Anstalten, zu gehen.

»Warten Sie einen Augenblick, Hopford, einen Augenblick,« rief Stapleton aus und versuchte den Eifer zu verbergen, mit dem er die Schulter des jungen Mannes ergriffen hatte, um ihn zurückzuhalten. »Ich bat sie, eine Summe zu nennen, vergessen Sie das nicht ? ich habe keine Ahnung, was für Bedingungen in solchen Fällen üblich sind. Setzen Sie sich wieder, Ich hoffe, Ihre Wünsche erfüllen zu können.«

Mit scheinbarem Widerstreben sank der Reporter in den Stuhl zurück, von dem er sich soeben erhoben hatte und noch zehn Minuten lang unterhielten sich beide angelegentlich. Als Hopford endlich das Haus verließ, trug er in seiner Westentasche fünf neue Zehnpfundscheine und kicherte spöttisch bei dem Gedanken an Stapletons Versprechen, ihm weitere fünf Scheine einzuhändigen, sobald die »Neuigkeit« veröffentlicht wäre.

Kapitel X.
Eine sensationelle Nachricht.

»Leicht verdiente fünfzig Pfund,« sagte Hopford vor sich hin, als er auf der Suche nach einem Auto die Straße hinaufging. »Ich habe den Burschen immer für verdächtig gehalten, obgleich die Zeitungen so viel Wesens aus ihm machen. Er will also, daß die Leute denken, Mrs. Hartsilver habe den Diebstahl begangen oder wenigstens ihre Hand mit im Spiele gehabt. Was kann er nur gegen sie haben?«

Da kein freies Auto zu sehen war, beschloß er zu Fuß zu gehen. Seine Gedanken jagten einander. Aber alles, was ihm einfiel, löste das Rätsel nicht, das ihn beschäftigte. Plötzlich kam ihm ein Einfall. Konnte nicht eine andere Frau mit im Spiel sein? Eine Frau, die auf Mrs. Hartsilver eifersüchtig war?

Sofort kam ihm Jessica Mervyn-Robertsons Name auf die Lippen. Ja, so mußte es sein! Da sie keinen ihrer Gäste verdächtigen konnte, benutzte sie die Gelegenheit, um den Verdacht auf die Frau zu lenken, die mit ihr an Schönheit und Reichtum wetteiferte und ihr ein Dorn im Auge sein mußte. Es war ihr nicht schwer geworden, Stapleton für den Gedanken einzunehmen, und er hatte bei diesem Interview, sofort versucht, ihren Wunsch zu erfüllen.

So weit war die Sache klar. Aber als echter Reporter fühlte Hopford instinktiv, daß er an ein Geheimnis gerührt hatte. Und diesem Geheimnis wollte er auf die Spur kommen.

Keinen Augenblick hatte er daran gedacht, Stapletons Andeutungen für seine Zeitung zu verwerten. Erstens schienen sie ihm höchst zweifelhaft, und zweitens lag es nicht in seinem Charakter, für Geld den Ruf einer Frau zu ruinieren.

Nein, die anderen fünfzig Pfund würde er niemals zu sehen bekommen, dachte er mit einem leisen Seufzer, als er sein Redaktionsbüro betrat.

»Hallo, was ist los?« fragte ihn ein Kollege, der neben ihm zu arbeiten pflegte.

»Ach, halt den Mund!« war die verdrießliche Antwort. Er hatte sich auf seinen Stuhl niedergelassen. »Ich bin todmüde.«

»Das bin ich auch, ohne darum zu stöhnen, wie du!« gab ihm sein Kollege zurück. »Und doch hätte ich das Recht dazu, nachdem ich über eine Leichenschau und zwei Feuerbestattungen ? an einem Nachmittag ? berichtet habe.«

Hopford lachte.

»Ganz gleich,« sagte er. »Gestern hast du zwei Mannequinrevuen beigewohnt und die eine war im Badekostüm. Das hast du mir selbst erzählt. Du brauchst dich also nicht zu beklagen.«

Einige Minuten schwiegen beide und schrieben eifrig ihre Berichte.

»Eigenartig ? dieser Selbstmord, was?« bemerkte Hopfords Freund, legte seinen Füllfederhalter beiseite und ordnete die Bogen seines Berichtes.

»Was für ein Selbstmord?« fragte Hopford, ohne sich im Schreiben stören zu lassen.

»Hast du nichts davon gehört? In allen Klubs wird davon gesprochen, obgleich keine Abendzeitung darüber berichtet hat. Ich habe im Junior-Carlton-Club, wo ich zu Abend speiste, Einzelheiten erfahren. Lord Froissart gehörte diesem Klub an.«

»Froissart! Nicht möglich! Er hat sich das Leben genommen?« rief Hopford und unterbrach seine Arbeit.

»Ja. Man fand seine Leiche heute Abend um sechs am Fuß der Felsen in Bournemouth.«

Am nächsten Morgen stand der Bericht in allen Blättern. Lord Froissart hatte, so hieß es, sein Haus in Queen Annes Gate, wie gewöhnlich, um elf Uhr vormittags verlassen. Kurz vor zwölf hatte er seinen Rechtsanwalt aufgesucht und war von dort zu Fuß in die Londoner Privatagentur gegangen, wo er mit Mr. Alix Stothert eine Besprechung hatte. Dann nahm er den Lunch bei Frascati ein und fuhr mit dem Drei-Uhr-Zuge nach Bournmouth. Hier hatte man ihn nicht mehr gesehen, bis seine Leiche am Fuß der hohen Klippen von Kindern aufgefunden wurde, deren Eltern die Polizei herbeigerufen hatten.

In dem Bericht, den Hopford als persönlicher Bekannter von Lord Froissart verfaßt hatte, standen noch einige besondere Einzelheiten. In der Nacht vor dem Unglück hatte der Verstorbene im Junior-Carlton-Club, dessen Mitglied er war, viele Briefe geschrieben. Ein Diener, den er nach den Zügen nach Bournemouth gefragt hatte, meinte, »Seine Lordschaft sei reizbar und nervös« gewesen und habe ihm beim Weggehen eine Fünfpfundnote in die Hand gedrückt, während es sonst nie vorkam, daß Lord Froissart die Klubregeln verletzte. Außerdem war dem Verfasser des Berichtes bekannt, geworden, daß Lord Froissart in der letzten Zeit wiederholt von Selbstmord gesprochen und einen Bekannten gefragt hätte, wie hoch die Felsklippen am Strande von Bournemouth wären. Bei der Leiche hatte man einen Brief an die älteste Tochter des Verstorbenen gefunden, die mit ihrem Mann, einem Teeplantagenbesitzer, in Ceylon lebte. Der Grund für die Tat konnte nur in dem schweren Schlag gesucht werden, den der Verstorbene vor Jahresfrist durch den Tod seiner Tochter erlitten hatte.

Nach einigen Tagen gab das Gericht seine gewohnte Erklärung ab, die den Selbstmord einer momentanen Geistesstörung zuschrieb, und nach vierzehn Tagen hatten die meisten die Tragödie schon vergessen.

Aber weder Captain Preston, noch Cora Hartsilver und ihre Freundin Yootha gehörten zu ihnen. Das lag nicht allein an den freundschaftlichen Beziehungen, die sie mit dem Verstorbenen verbanden. Es hatte noch seinen besonderen Grund.

Lord Froissart starb als reicher Mann. Seine einzige Erbin hätte seine älteste Tochter sein müssen. Statt dessen ging der größte Teil des Erbes in den Besitz einer Person über, die niemand zu kennen schien. Es war eine gewisse Witwe, Mrs. Timothy Macmahon in Tipperary, und das Testament war, ohne jede Prüfung, schon am Todestage selbst im Bureau der Anwälte Eton, West und Shrubsolte vollstreckt worden.

Nun hatte Preston durch seinen Diener, dessen Bruder als Schreiber in diesem Anwaltsbureau angestellt war, zufällig erfahren, daß dies zugleich die Anwälte von Jessica Mervyn-Robertson waren.

»Vielleicht bloß ein Zufall,« wie Preston wenige Tage nach Froissarts Tod zu Cora Hartsilver bemerkte, »aber doch ein eigenartiger Zufall, wenigstens in meinen Augen.«

Und als zehn Tage später Hopford bei Cora Hartsilver vorsprach und ihr von seinem Interview bei Stapleton und dessen Anschlägen gegen sie erzählte, ? er hielt es für seine Pflicht, diesen Vertrauensbruch zu begehen ? da erschien Stapletons Charakter in eigentümlichem Lichte.

Aber er und seine nahen Vertrauten, Archie La Planta und Jessica Mervyn-Robertson, waren nach wie vor überall zu treffen. In allen illustrierten Blättern sah man ihre Bilder und ausführliche Berichte über alles, was sie taten. Und nirgends erregte Jessica mehr Aufsehen als auf den Rennen in Ascot. Die Bilder zeigten ihre Ankunft auf dem Rennplatz. Man sah sie mit ihren Freunden spazierengehen oder im Stall den Gewinner des Goldpokals beglückwünschen. Bald lächelte sie einer Herzogin zu und drückte einem Pair die Hand, bald unterhielt sie sich mit einem ausländischen Ministerpräsidenten. Die Toiletten, die sie in der Oper, bei den Rennen oder Ausstellungen trug, waren der Gegenstand ausführlicher Erörterungen, so daß endlich auch ihre Freunde sich ernstlich zu fragen begannen, wer diese Frau war, die durch ihre Reize, ihre Persönlichkeit, ihre Schönheit, vor allem aber durch ihre verschwenderische Lebensweise in kurzer Zeit ganz London erobert hatte. Es wurde geflüstert und geheimnisvoll gelächelt, es fielen Bemerkungen über ihre Beziehungen zu Aloysius Stapleton ? aber dieselben Menschen ließen sich ihre Gastfreundschaft gerne gefallen und rechneten es sich zur Ehre, zu ihren Gesellschaften eingeladen zu werden. Warum wollte sie auf dem kommenden Ball in der Alberthalle nicht die Rolle der Gastgeberin übernehmen, ja, wie es hieß, nicht einmal unter den hohen Damen figurieren, die an diesem Abend über dreitausend Gäste empfangen sollten?

Diese Frage richtete Hopford an Captain Preston. Sie beide bildeten mit Cora Hartsilver, Yootha Hagerston und George Blenkiron eine kleine Gruppe von Skeptikern, die entschlossen waren, das Geheimnis aufzudecken, das Jessica und ihre Freunde umgab.

Wenn sie gewusst hätten, welche Ueberraschung ihnen der große Ball bringen sollte, so wären sie vielleicht weniger geneigt gewesen, sich in die Angelegenheiten von Mrs. Mervyn-Robertson einzumischen, die der Abgott der Londoner Gesellschaft war.

Kapitel XI.
Schweigegeld.

»Ich glaube ohne Einbildung sagen zu können, daß dieser Ball das größte Ereignis der Saison wird. Ja, seit vielen Jahren ist so etwas nicht dagewesen!«

Mit Befriedigung richtete, einige Tage vor der großen Nacht, Aloysius Stapleton diese Worte an seine Freundin Jessica Mervyn-Robertson, die in ihrem Wohnzimmer auf einem weichen Lehnstuhl hingestreckt, blaue Zigarettenwolken in die Luft blies, während sie ihm lächelnd zuhörte.

In diesem Augenblick erklang der Ruf des Telefons auf dem Schreibtisch und sie erhob sich, um zu antworten. Es war die Londoner Geheimagentur, die mit Stapleton zu sprechen wünschte.

Kaum hatte er den Hörer ans Ohr geführt, als die Tür sich geräuschlos öffnete und ein Mann in mittleren Jahren und von jüdischem Aussehen in das Zimmer trat.

Es war Levi Schomberg, der, wie Stapleton seinem Freunde La Planta vor einiger Zeit erzählte, »seinen Freunden Geld auslieh und ihn vor Hartsilvers intriganter Witwe« gewarnt hatte.

Stapleton verbarg mit Mühe seinen Aerger über die Störung, brach nach wenigen gleichgültigen Worten das Telefongespräch ab und ging Schomberg entgegen, dem er die Hand drückte.

»Welchem Anlaß verdanke ich die Ehre dieses Besuches?« fragte er und schob dem unerwünschten Gast einen Lehnstuhl zu. »Ist es diesmal Geschäft oder Vergnügen? Und warum sind Sie hierher gekommen statt in meine Wohnung?«

»Beides, lieber Freund,« erwiderte der kleine Jude mit eigentümlichem Grinsen, ? beides! Geschäft ? und Vergnügen. Sie wissen doch, warum ich komme?«

»Es gehört nicht viel Scharfsinn dazu, um es zu erraten,« bemerkte Stapleton in scharfem Ton. »Ich denke, Sie hätten bis nach dem Ball am Donnerstag abend warten können,« fügte er ärgerlich hinzu.

»Das meinten manche, die ich heute aufgesucht habe,« sagte Schomberg kühl. »Aber ich erwidere: warum lieber nach dem Ball als heute? Ist heute nicht ein guter Tag?«

»Gut, also heraus damit? Wieviel wollen Sie diesmal haben?«

»Achttausend. Diesmal ? nur achttausend.«

Stapleton starrte ihn an, und wer Jessica in diesem Augenblick gesehen hätte, wäre über ihr verzerrtes Gesicht erschrocken.

»Achttausend!« rief Stapleton endlich aus. »Das ist lächerlich ? ich habe das Geld nicht.«

Levi Schomberg schnalzte mit der Zunge, was etwas bedeuten sollte.

»Es tut mir leid, das zu hören, Louie,« sagte er achtlos. »Ist das nicht seltsam? Sie scheinen unbeschränkte Mittel zu haben, wenn es sich darum handelt, mit Geld um sich zu werfen und jedesmal, wenn ich zu ihnen komme, ist der Geldschrank leer! Aber ich brauche das Geld, und Sie wissen, daß ich mir immer verschaffe, was ich brauche, auch wenn ich zu diesem Zweck die Schraube fester anziehen sollte. Also, wann können Sie es mir geben? Sagen wir, morgen um zwölf, am gewohnten Ort?«

Stapleton ging im Zimmer auf und ab, Jessicas Finger zuckten nervös. Es war leicht zu sehen, daß der Mann und die Frau sich in ihres Besuchers Gewalt befanden.

So vergingen einige Minuten. Plötzlich blieb Stapleton vor dem Juden stehen und sah ihm ins Gesicht.

»Wenn ich Ihnen die Summe ? sagen wir, am Freitag ? heute ist Dienstag ? übergebe, wollen Sie sich schriftlich verpflichten, uns nicht mehr zu verfolgen?«

»Schriftlich? Nein. Wo sollte ich mir sonst Geld holen? Meine Forderungen sind nicht übertrieben, Louis, wenn man die Größe ihres Portemonnaies in Betracht zieht. Wären Sie weniger reich, so würde ich sie entsprechend Ihrem Einkommen herabsetzen. Sie wissen, das habe ich mir zur Regel gemacht. Ich stelle genau fest, wie hoch das gesamte Einkommen meines Klienten ist und bemesse danach meinen Tarif. Das ist recht und billig. Darf ich also am Freitag darauf rechnen?«

»Machen Sie, daß Sie fortkommen!«

»Nein! Nicht solche Worte! Nicht diesen Ton!« fuhr der Jude fort, ohne sich im geringsten aus der Fassung bringen zu lassen. »Ich habe Neuigkeiten ? gute Nachrichten für Sie, Louie!«

Er kreuzte die Beine und lehnte sich in seinen Sessel zurück. Dann vergrub er seine Hände tief in die Hosentaschen und sagte:

»Louie ? und Jessica,« ? er warf auf beide einen Blick ? »es wird Sie freuen zu hören, daß alle geheimen Nachforschungen, die über Sie angestellt werden, nicht den geringsten Erfolg gehabt haben. Nichts ist bekannt geworden.

»Wer hat Nachforschungen angestellt?« fragte Jessica schnell.

»Nun, wer anders als die Dame, der Sie so ergeben sind ? Cora Hartsilver sowie ihr Schatten, Yootha Hagerston, ferner Captain Preston und ein junger Journalist namens Hopford, endlich ein Freund dieses Kreises, der Blenkiron heißt. Diese fünf haben es sich zur Aufgabe gemacht, alles zu erfahren, was Sie beide und Archie La Planta betrifft, und ich wäre nicht überrascht, wenn sie bald auf die rechte Spur kommen. Wenn nun durch irgendeinen unglücklichen Zufall das Sümmchen, von dem ich sprach, Freitag nicht in meine Hände gelangen sollte, so ?«

»Gott im Himmel, Levi, das würden Sie ? das könnten Sie nicht tun!«

Jessica war aufgesprungen. Sie schien ganz außer sich.

»Natürlich würde ich es nicht tun, Jessica, obwohl ich Ihnen darin nicht beistimmen kann, daß ich es nicht tun könnte,« sagte der kleine Jude in gleichgültigem Ton, während er sie durch seine halbgeschlossenen Augenlider betrachtete.

Jessica war etwas beruhigt.

»Immer vorausgesetzt,« fuhr Schomberg fort, »daß Sie ihren Teil der Abmachung einhalten.«

»Abmachung!« rief Stapleton aus. »Ich habe nie etwas abgemacht. Sie wollten es, aber ich ? wir beide haben uns geweigert. Das können Sie nicht vergessen haben!«

»Ich vergesse alles, woran ich nicht denken will,« erwiderte Levi, mit fast geschlossenen Augen. »Jessica. Sie sind heute sehr schön ? ich habe Sie noch nie so schön gesehen. Es wundert mich nicht, daß London in Sie vernarrt ist.«

Er erhob sich, bevor sie etwas erwidern konnte und ergriff ihre Hand, die sie ihm widerstrebend gab. Er hielt sie einen Augenblick länger fest, als die Umstände zu rechtfertigen schienen, dann ließ er sie los.

»Also Freitag,« sagte er zu Stapleton gewandt. »Donnerstag. abend werden wir uns vielleicht nicht sehen. Sie werden beide zu viel zu tun haben oder vielmehr zu sehr in Anspruch genommen sein. Es sei denn, daß Sie mich einladen. Also ? für heute guten Abend!«

Stapleton begleitete ihn nicht hinaus und schellte auch nicht nach dem Diener. Sobald der kleine Jude fort war, schloß er eilig die Tür.

Man hörte die Haustür ins Schloß fallen, und immer noch saßen beide schweigend da. Endlich sagte Jessica mit harter Stimme:

»Aloysius, was sollen wir machen?«

»Da ist nichts zu machen,« erwiderte er. »Wir müssen zahlen, zahlen, bis ?«

»Bis ??«

Sein Gesicht nahm plötzlich einen anderen Ausdruck an. Nach einer Pause sagte er:

»Angenommen, Levi könnte unvorhergesehenerweise sterben, wie ? passend wäre das!«

»Die Menschen sterben an allerhand unvorhergesehenen Krankheiten. Herzfehler, Schlaganfall, natürliche Ursachen ?. Angenommen, er stürbe an ? einer natürlichen Ursache,« fügte er leise hinzu.

»Angenommen! Nun, was wäre dabei? Ein Jude weniger auf der Welt ? nichts weiter!«

»Und viele tausend Pfund würden in unserer Tasche bleiben, statt wie bisher hinauszugleiten.«

»Es ist zu überlegen.«

»Allerdings.«

»Solange er lebt, sind wir solchen Besuchen ausgesetzt, wie der heutige, vergiß das nicht!«

Kapitel XII.
Yoothas Vorgefühl.

Yootha Hagerston hatte über Frauen, die verliebt waren, immer gelacht und behauptet, Liebe wäre ein »närrisches Gefühl« und ein »Zeichen geringer Klugheit«. Aber jetzt konnte sie sich über die tiefe Zuneigung, die sie zu Captain Preston gefaßt hatte, nicht mehr täuschen. Sie suchte jede Gelegenheit auf, mit ihm zusammenzukommen und hatte bald gemerkt, daß ihr Gefühl von dem schweigsamen, zurückhaltenden Mann erwidert wurde.

Ein Freund, der auf Reisen ging, hatte dem Hauptmann ein kleines Ruderboot auf der Themse zur freien Benutzung überlassen und so traf es sich, daß an dem schönen Julinachmittag, als Levi Schomberg Jessica besuchte, Preston und Yootha in dem kleinen Nachen einander gegenüber saßen, auf dem sie in eine abgelegene Bucht, fern vom Getriebe der Großstadt, hinausgefahren waren. Das Boot war an einem Baum am Ufer befestigt, und kein Laut unterbrach die tiefe Stille. Auch die Singvögel in den Bäumen waren verstummt, und die Luft war schwül, als ob ein Gewitter herannahte. Beide schwiegen.

»Wie gut, daß ich damals La Plantas Einladung bei Ritz zu frühstücken, gefolgt bin!« sagte Preston plötzlich. »Ich hatte keine Lust dazu und jetzt bin ich so froh darüber.«

»Warum?« fragte sie mit einem ernsten Blick.

Sie trug ein leichtes Ruderkleid, das ihre schlanke Gestalt deutlich sehen ließ, und saß, in weiche Kissen gelehnt, auf der Rückseite des Bootes.

Er sah sie an, ohne zu antworten. Dann begann er seine Pfeife in Brand zu stecken, als wollte er seine Verlegenheit verbergen.

»Ich weiß nicht,« sagte er endlich und warf das Streichholz ins Wasser. »Es war das erstemal, daß ich Sie traf, wenn Sie sich erinnern.«

Ob sie sich erinnerte! Hätte sie es jemals vergessen können? Das waren ihre Gedanken, aber sie äußerte sie nicht, sondern sagte in gleichgültigem Ton:

»Mir schien, daß sie damals nur für Cora Hartsilver Interesse hatten. Sie ist Ihnen doch sympathisch?«

»Wie sollte sie nicht? Alle Menschen müssen sie gerne haben.«

»Wie froh bin ich, das von Ihnen zu hören. Sie ist meine einzige Freundin, und der edelste, aufrichtigste Mensch, den ich kenne.«

Preston zog einige Augenblicke an seiner Pfeife, ohne etwas zu sagen. Ihre Augen trafen sich. Vergebens suchte er wegzusehen. Plötzlich lachte Yootha auf. Ein Lachen ohne sichtbaren Grund war bei ihr so ungewöhnlich, daß Preston auch lachen mußte.

»Worüber lachen wir eigentlich?« rief sie aus. Sie war rot geworden und Preston sah, daß ihre Hand, die sie über den Bootrand hängen ließ, zitterte.

»Ich weiß nicht,« sagte er. »Ich glaube, ich lache, weil ich mich so glücklich fühle.«

»Wirklich?« fragte sie und hatte Mühe ihre Erregung zu verbergen.

»Ihre Zigarette ist ausgegangen,« sagte er unvermittelt. »Versuchen Sie eine von meinen hier.«

Vorsichtig, um das Gleichgewicht des Bootes nicht zu stören, ging er zu Tür hinüber, setzte sich an ihre Seite und hielt ihr sein Etui hin. Er wollte sprechen, aber die Worte versagten ihm.

In diesem Augenblick fiel ein schwerer Regentropfen auf das Boot. Sie hatten nicht bemerkt, daß der Himmel, der bei ihrer Abfahrt wolkenlos war, sich bezogen hatte. Jetzt folgten die Tropfen schnell aufeinander und ein Blitz, den ein gewaltiger Donnerschlag begleitete, schreckte sie empor.

Sie hatten weder Mäntel noch Decken mitgenommen. Preston riß schnell seinen Rock herunter, warf ihn um Yoothas Schultern und zog das Boot dicht ans Ufer heran, um etwas Schutz zu finden. Schon fiel ein wolkenbruchartiger Regen herab, und besorgt blickte Preston auf seine Gefährtin. Yootha lächelte zu ihm empor und sah vollkommen glücklich aus. Nur die Besorgnis, er könnte ganz durchnäßt werden, machte sie unruhig.

Blitz auf Blitz leuchtete auf, der Donner rollte fast ununterbrochen, und bald erhob sich auch ein heftiger Wind.

Manche werden noch wissen, daß dieser Sturm der heftigste war, der seit zwanzig Jahren im Themsetal gewütet hatte. Er richtete in der Umgegend von London furchtbare Verwüstungen an.

Auch Preston und Yootha haben ihn nie vergessen können: denn er riß die Widerstände hinweg, die zwischen ihnen gelegen hatten, und als es ihnen mit großer Mühe gelungen war, einen Wagen zu finden und nach London zu gelangen, da waren sie ? verlobt.

Und beide waren glücklich und dankbar, denn sie hatten gefunden, was jedem von ihnen fehlte.

Als sie ihn am nächsten Tage in seiner kleinen Wohnung besuchte, hielt er sie lange fest umschlungen und sagte ihr, wie glücklich er wäre.

Sie klammerte sich an ihn und stieß einen Seufzer aus. Voll Besorgnis sah er in ihre Augen.

»Nur eins ängstigt mich, Charlie,« sagte sie leise, »daß irgend etwas uns trennen könnte ? noch vor unserer Hochzeit. Ich weiß nicht, warum, aber ein Gefühl sagt mir ... ein Vorgefühl, daß unser Glück nicht dauern kann. Ich bin ja so glücklich, so vollkommen glücklich! Könnten wir die Hochzeit nicht beschleunigen? Mit einer besonderen Erlaubnis ohne Aufgebot heiraten? Das Leben ist so ungewiß. Es geschehen so seltsame, unvorhergesehene Dinge. Sag mir, Charlie, müssen wir am Donnerstag auf den Ball gehen?«

»In die Alberthalle? Ich fürchte, Liebling, es wird nicht anders gehen, wir bilden ja eine kleine Gesellschaft, wie du weißt. Möchtest du nicht hingehen? Ich dachte, du freutest dich darauf.«

»Zuerst freute ich mich, aber jetzt würde ich lieber nicht hingehen. Wenn du hingehst, komm ich natürlich mit. Aber ich werde froh sein, wenn es vorüber ist. Seitdem wir verlobt sind, fürchte ich mich vor diesem Ball.«

Preston suchte ihre Bedenken zu zerstreuen. Er meinte, sie wäre erschöpft und nervös. »Was kann uns denn auf einem Ball in der Alberthalle passieren?« rief er lachend. Aber er stimmte ihrem Vorschlag bei, die Verlobung erst dann bekanntzumachen, wenn sie Yoothas Eltern verständigt hätten.

»Werden sie sich darüber freuen?« fragte er.

»Schwerlich,« sagte sie in kühlem Ton. »Du weißt, daß meine Stiefmutter auf einen Teil meiner kleinen Erbschaft gerechnet hatte ? und der geht ihnen durch unsere Heirat verloren,« fügte sie lachend hinzu.

Als sie nach einer Weile auf die Straße hinaustraten, eilte Harry Hopford auf dem Wege in sein Redaktionsbüro an ihnen vorbei.

»Ich hab es leider sehr eilig,« sagte er, »aber ich hoffe Sie beide Donnerstag abend auf dem Ball zu sehen, nicht wahr? Ich habe Neuigkeiten, die auch Sie interessieren werden.«

»Sie sind mit uns zum Souper geladen, vergessen Sie das nicht!« rief Preston lachend dem Journalisten nach, der wie ein Wirbelwind fortstürmte.

»Ich habe um sechs eine Verabredung in Bloomsbery,« sagte er zu Yootha gewendet. »Es ist erst halb sechs. Würdest du mich ein Stück begleiten?«

Sie willigte gerne ein, und als sie um eine Ecke bogen, wies er auf ein Haus, das auf der anderen Seite der Straße lag.

»Das ist das Haus mit dem Bronzegesicht,« sagte er. »der Sitz der bekannten Londoner Privatagentur.«

Yootha sah mit Interesse hin.

»Ein schrecklicher Klopfer!« rief sie aus. »Ist das Gesicht nicht abscheulich? Cora hat mir schon davon erzählt. Aber die Gerüchte, die über das Haus verbreitet werden, sind doch Unsinn?«

»Natürlich, obwohl die Tatsache, daß Lord Froissart an dem Tage seines Todes dort gewesen ist, diesen Gerüchten gewiß wieder neue Nahrung gegeben hat.«

»Das Haus sieht finster aus,« bemerkte Yootha. »Aber ein Detektivbüro hat immer etwas Geheimnisvolles.«

Sie waren an das Haus gekommen, in dem Preston eine Verabredung hatte. Er rief eine Autodroschke heran.

»Also Donnerstag abend,« sagte er. als er sie hineingesetzt und die Wagentür geschlossen hatte. »Cora holt mich um zehn Uhr in ihrem Auto ab und wir fahren mit dir zusammen in die Alberthalle.«

Kapitel XIII.
Loge 13.

Stapleton hatte mit seiner Prophezeiung recht behalten. Von allen Maskenbällen, die in den letzten zehn oder zwölf Jahren in der Alberthalle gegeben worden waren, konnte sich keiner an Glanz und luxuriöser Ausstattung mit dem Kostümfest vergleichen, das im Juli 1919 stattfand, und, wie in allen Zeitungen zu lesen war, »an verschwenderischer Pracht an die Zeiten der römischen Kaiser gemahnte.«

Das ganze Innere des Riesenbaus war mit Malereien und Dekorationen versehen, die von erlesenem Kunstgeschmack zeugten und bewiesen, daß die Veranstalter keine Kosten gescheut hatten. Ein gewaltiges Panorama zeigte alle Jahreszeiten, deren Darstellung mit den gewagtesten Liebesszenen des klassischen Altertums ausgeschmückt war. Einige Londoner Zeitungen und viele Provinzblätter warfen allerdings die Frage auf, warum so große Ausgaben bei einem Ball nötig waren der »angeblich zu einem wohltätigen Zweck« veranstaltet wurde; aber die Kritiker erhielten keine Antwort. Und auf die Sticheleien eines sozialistischen Parlamentsmitgliedes hatte Stapleton gleichmütig erwidert: »Wenn man darauf ausgeht viel Geld einzunehmen, so soll man den Anfang damit machen, kein Geld zu sparen.« Der Erfolg bewies die Triftigkeit dieses Arguments: die Abrechnung ergab eine Riesensumme, die voll und ganz der Wohltätigkeit zugute kam.

Schon lange vor dem Fest waren alle Karten ausverkauft und der Eintritt auch mit Geld und guten Worten nicht mehr zu erlangen. Um Mitternacht erstrahlte der ungeheure Logenkranz im Licht unzähliger Diamanten, die nicht, wie es gewöhnlich in der Oper der Fall ist, von abgelebten Standeswitwen, sondern zumeist von jungen, ausnehmend schönen Frauen getragen wurden.

Man konnte sagen, daß alles zugegen war, was in London eine Rolle spielte, aber auch der geschickteste Detektiv hätte keine Persönlichkeit feststellen können, da alle Gesichter hinter Masken steckten, die jedermann die ganze Nacht hindurch anbehalten konnte, wenn er wollte.

Captain Preston hatte mit seiner Gesellschaft, zu der außer Cora Hartsilver und Yootha Hagerston, auch Harry Hopford, George Blenkiron und einige andere gehörten, eine Loge eingenommen, die nur sechs Nummern von Mrs. Mervyn-Robertsons Loge entfernt war, wo gleichfalls eine größere Zahl von Gästen Platz genommen hatten.

Jessicas erstes Auftreten rief eine Sensation hervor, die wohl nur wenige von den Anwesenden vergessen werden.

Ihr Kostüm! Zunächst, woraus bestand es? Sicherlich aus wenig genug, aber dieses Wenige ?

Eine gefleckte Schlange mit ungeheuren Augen, die im Lichte der elektrischen Beleuchtung wie ein Chamäleon bald eine tiefschwarze, bald eine meergrüne, dann wieder eine goldene oder blutrote Färbung annahmen.

Das war der erste Eindruck, den der Zuschauer empfing wenn Jessica auf ihn zukam.

Das Kostüm war in Wirklichkeit eine gefleckte Haut, die dem Körper wie ein Handschuh angepaßt war, und in einiger Entfernung den Eindruck wirklicher Schuppen machte. Bei näherer Betrachtung sah man, daß die Haut an Brust und Rücken nur ein Stück hinaufreichte und dann in eine Nachahmung überging, die auf das nackte Fleisch mit so viel Geschick gemalt war, daß der Uebergang kaum bemerkt werden konnte. Die schillernden Riesenaugen, die sogleich die Aufmerksamkeit aller Beschauer auf sich zogen, gehörten zur Maske selbst, die das Gesicht vollkommen verdeckte und ganz dem Kopf einer Riesenschlange glich. Jessicas Kostüm, wenn man es noch so nennen konnte, war in der Tat das bizarrste, das in dieser großen Versammlung zu sehen war, wo es an Erzeugnissen eines seltsamen und entarteten Geschmacks nicht fehlte.

»Wer kann diese Frau mit den Riesenaugen im schrecklichen Schlangenkostüm sein?« fragte Yootha und beugte sich aus ihrer Loge vor, um die überraschende Erscheinung durch Opernglas zu betrachten. »Hast du je was Schauderhafteres gesehen, Charlie?«

»Ich finde hier viele Kostüme abscheulich,« antwortete Preston, »und die Männer sehen nicht besser aus, Sieh dieses Geschöpf, das nur ein weibliches Badekostüm aus Seide anzuhaben scheint. Ich frage mich, was der Kerl während des Krieges gemacht hat?«

»Immer deine alte Leier, Charlie,« sagte Yootha fast ungeduldig. »Der Krieg ist doch nun einmal vorbei, warum sollen sich denn die Leute auf einem Kostümfest nicht anziehen, wie sie wollen, solange ihr Aufzug nicht einfach dekadent und anstößig ist, wie die Schlangenhaut dieser Frau? Sieh mal, sie kommt auf uns zu.«

Von einigen Männern begleitet, kam die »Schlange« näher. Als sie an Prestons Loge vorbeigingen, verlangsamten sie ihren Schritt und starrten durch ihre Masken hindurch direkt auf seine Gesellschaft. Die Schlangenaugen färbten sich dunkelrot und Yootha fühlte, wie ihr ein leichter Schauder über den Rücken lief.

»Ich muß um jeden Preis herauskriegen, wer das ist,« flüsterte Hopford. »Ich habe schon meinen Verdacht: die Haltung des großen Mannes neben ihr ist mir ganz vertraut.«

»Ach, finden Sie es doch heraus,« rief Yootha aus. »Ich sterbe vor Neugierde. Sie haben diese Loge, nicht weit von uns,« fügte sie hinzu, als Jessica und ihre Begleiter zu ihrer Gesellschaft zurückkehrten. »Der Logenschließer wird Ihnen sicher Auskunft geben können.«

»Der kleine Mann im Hintergrunde ist auf jeden Fall unverkennbar,« sagte Hopford, der die Loge nicht aus den Augen ließ. »Zwanzig Masken könnten ihn nicht verstecken! Das ist Levi Schomberg, der jüdische Wucherer, der den »ersten« Leuten der Gesellschaft, sogar Ministern Geld leiht. Dann kann es nicht schwer sein, die Sache festzustellen.«

Er erhob sich mit einer Entschuldigung und verließ die Loge. Bald fand er den Logenschließer von Nr. 13, ließ ein Geldstück in die Hand des Mannes gleiten und bat ihn, Mr. Levi Schomberg mitzuteilen, daß man ihn zu sprechen wünschte.

»Wen darf ich melden, Sir?« fragte der Schließer und suchte die Augen zu erspähen, die ihn durch die Maske fixierten.

»Sagen Sie ?ein Herr? in sehr wichtiger Angelegenheit.«

Nach einer Minute kehrte der Schließer mit dem kleinen Juden zurück, der sich in der Tracht eines Troubadours komischer ausnahm, als er selber glaubte.

»Sie wünschen, mich zu sprechen?« sagte er, als er herauskam. »Wer sind Sie?«

Er hatte seine Maske nicht abgenommen und die kleinen schwarzen Augen dahinter schienen vor Neugier zu brennen.

»Verzeihen Sie die Störung,« sagte Hopford, »aber der »Evening Herald« würde gerne wissen, ob es möglich wäre, ein Blitzlichtbild von Mrs. Mervyn-Robertson in ihrem auffallenden Kostüm von heute abend zu erhalten.«

Schomberg fuhr auf.

»Ich bin sicher,« erwiderte er, »daß Mrs. Mervyn-Robertson sich weder vom »Evening Herold«, noch von einer anderen Zeitung photographieren lassen wird, es wäre also überflüssig, sie danach zu fragen.«

Er wollte Hopford schon den Rücken kehren, besann sich aber.

»Warum haben Sie sich an mich gewandt, statt an Mrs. Mervyn-Robertson?« fragte er in scharfem Ton.

Hopford lachte.

»Die Lösung dieses Rätsels überlasse ich Ihnen,« sagte er. »Guten Abend, Mr. Schomberg!« Und stolz auf seinen Erfolg verließ er den kleinen Wucherer, der hinter seiner Maske ein finsteres Gesicht machte.

Mit der vorgerückten Nachtzeit wuchsen Lärm und Ausgelassenheit. Sicherlich hatte es noch nie in der Alberthalle einen Ball gegeben, der so wenig Zurückhaltung sehen ließ. In schneller Folge wechselten die neuesten und eigenartigsten Tänze. Aber obwohl das Parkett voll schien, gab es doch kein Gedränge.

Blenkiron stand mit seinem Freunde Preston abseits, dessen Beinschuß ihn am Tanzen hinderte.

»Ich würde gern als Kapital die Jahreszinsen der Summe besitzen, die in Diamanten und anderem Schmuck heute nacht hier getragen wird,« sagte er in leichtem Ton. »Das würde manchem von uns fürs ganze Leben genügen!«

»Und da sagt man, daß das Land durch den Krieg verarmt sei!« bemerkte Preston trocken. »Diese Feste sind nicht nach meinem Geschmack, George.«

»Nach meinem ebensowenig. Aber Cora amüsiert sich dabei und Yootha auch ... Schlau von Hopford, das »Schlangenweib« festgestellt zu haben, was? Sie wird wenig erfreut sein, glaub ich, wenn sie morgen ihren Namen in den Zeitungen liest.

»Glaubst du? Warum?«

»Lieber Freund, würde sich nicht jede Frau, die eine Spur von Selbstachtung besitzt, schämen, wenn es bekannt wird, daß sie sich in so einem Kostüm öffentlich gezeigt hat?«

»Hat Jessica auch nur »eine Spur« von Selbstachtung?«

»Well, uns ist nichts Nachteiliges bekannt« nicht wahr? Wir glauben nur einigen Grund zu der Annahme zu haben, daß sie ? nun, nicht ganz das ist, was sie vorstellt. Kommt es dir nicht auch seltsam vor, daß sie diesen jüdischen Wucherer eingeladen hat?«

»Sie wird ihre Gründe haben.«

»Eine Frau mit ihrem Einkommen!«

»Was wissen wir von ihrem Einkommen? Eine Menge Menschen, die gar kein Geld haben, geben Riesensummen aus. Sie kann bis über die Ohren in Schulden stecken, und ihr Freund Stapleton ebenso. Der schlanke Mann, der mit Stapleton spricht, ist wohl La Planta?«

Sie blickten auf zwei maskierte Männer, die in ein ernstes Gespräch vertieft schienen.

»Ich habe meinen Widerwillen gegen diesen jungen Mann noch nicht überwinden können,« sagte Preston. »Alles, was er sagt, klingt falsch. Ah, da kommen Yootha und Harry.«

Yootha hatte wohl nie besser ausgesehen. Ihre Wangen glühten, und ihre Augen leuchteten vor Vergnügen, denn Hopford war ein vortrefflicher Tänzer. Es war beinahe zwei Uhr morgens und die Ausgelassenheit hatte ihren Höhepunkt erreicht.

Plötzlich begann das Orchester den neuesten Jazztanz, ein wildes Durcheinander fast aller Töne, die durch musikalische und unmusikalische Instrumente hervorgebracht werden können, ein tolles Klanggewirr von klingenden, schmetternden Lauten, die von menschlichen Schreien und Posaunengetöse begleitet wurden. Von dieser sogenannten Musik dahingetragen, führten die Tänzer, die sich jetzt dicht aneinander drängten, die seltsamsten Bewegungen aus. Manche Paare, die sich eng umschlungen hielten, schienen alles um sich her vergessen zu haben und nur an ihre eigenen Empfindungen zu denken, während sie sich endlos im Kreise drehten. Andere berührten sich kaum und verdrehten ihren Körper in einer Weise, die an jedem anderen Ort und unter anderen Umständen die Beschauer mit Empörung und Ekel erfüllt oder zum Lachen hingerissen hätte.

Mitten in dieser Feststimmung geschah etwas Merkwürdiges. Als Prestons Blick zufällig auf Jessicas Loge fiel, sah er, daß sie beinahe leer war. Nur zwei Männer waren darin zu sehen. Den einen erkannte er sofort an seinem Kostüm als Levi Schomberg; der andere ...

»George,« wandte er sich an Blenkiron, »dieser Mann, der sich über Levi Schomberg ? du weißt, den Troubadour, ? beugt, ist das nicht La Planta?«

Blenkiron sah nach der Loge hin.

»Hopford erklärte ihn für La Planta,« sagte er.

»Well, was macht Schomberg ? der Mann, der sitzt?«

Blenkiron betrachtete ihn einen Augenblick.

»Ich würde sagen, daß er betrunken ist,« antwortete er.

»Betrunken! Keine Spur. Sieh wie er sich hält.«

»Es ist wirklich eigentümlich. Ah, La Planta geht weg. Ich sehe Jessica, die vor der Loge auf ihn wartet.«

Der Mann, den sie für La Planta hielten, verschwand eben mit »dem Schlangenweib« im Korridor hinter den Logen.

Levi Schomberg war inzwischen in der Loge sitzen geblieben. Er lehnte sich auf die Samtbalustrade und schien auf die Menge hinabzustarren. Niemand schien ihn zu beachten, außer Preston und Blenkiron, deren Aufmerksamkeit er jetzt ganz gefangen nahm.

»Seltsam,« sagte Blenkiron endlich, »wie regungslos er dasitzt. Er hat sich fünf Minuten lang nicht gerührt.«

Sie beobachteten ihn noch eine Weile. Als er immer noch unbeweglich blieb, faßte Preston seinen Freund am Arm.

»Wollen wir hingehen und sehen, ob er nicht krank ist,« sagte er. »Ich bin sicher, da ist etwas nicht in Ordnung.«

Sie stiegen die Treppe hinauf und gingen durch den Korridor bis zu der Loge, die sie suchten. Die Tür war geschlossen. Nachdem sie wiederholt angeklopft hatten, ohne eine Antwort zu erhalten, machten sie sich auf die Suche nach dem Logenschließer.

»Da ist ein Herr allein in Loge 13«, sagte Preston zu dem Mann, »der krank zu sein scheint. Wir haben wiederholt geklopft, konnten aber keine Antwort erhalten.«

»Ein Freund von Ihnen?« fragte der Logenschließer.

»Wir kennen ihn, ja.«

Der Jazztanz war noch nicht zu Ende, als Preston und sein Freund in Begleitung des Schließers in die Loge traten. Sie riefen Schomberg bei Namen, aber er gab keine Antwort. Dann traten sie an ihn heran und Blenkiron legte die Hand auf seine Schulter.

Er rührte sich nicht. Ganz erschreckt riß Preston Schombergs Maske weg.

Allen war es sofort klar, daß der kleine Jude tot war.

Kapitel XIV.
Ein Halsband.

»Sehen Sie den, besoffenen Kerl, der aus der Loge hinausgetragen wird.«

Ein Tänzer im Saal machte diese Bemerkung zu seiner Dame, während er ihr mit einer Straußenfeder Kühlung zufächelte.

Das junge Mädchen lachte.

»Warum könnt ihr Männer niemals nüchtern bleiben?« sagte sie nur halb im Scherz. Sie beobachteten die Menschen, die sich um Levi Schomberg bemühten, bis die Gruppe hinter der Logentür verschwunden war.

Auch andere waren darauf aufmerksam geworden. Aber da alle gleich auf den Gedanken verfielen, daß der Mann, wer er auch sein mochte, zuviel getrunken hatte, so rief der Zwischenfall kein weiteres Aufheben hervor, und das ausgelassene Treiben nahm seinen Fortgang, als wenn nichts geschehen wäre.

Schomberg lag auf einem Sofa im Büro des Sekretariats hingestreckt. Der Körper war schon starr geworden, was auffallend schien, da der Tod vor kaum einer halben Stunde eingetreten sein konnte. Unter den Tänzern hatte sich ein Arzt gefunden, der in seinem Kostüm einen bekannten Schauspieler darstellte und eine höchst komische Figur machte, als er sich über den Toten beugte, um ihn mit seinem Stethoskop zu untersuchen. Kopfschüttelnd richtete er sich auf.

»Tot,« sagte er. »Wer ist es? Weiß jemand etwas von ihm?«

Er blickte auf die Menschen um ihn herum.

»Es ist Levi Schomberg,« sagte Preston. »Er gehörte zu Mrs. Mervyn-Robertsons Gästen. Wir haben ihn in ihrer Loge gefunden.«

»Mervyn-Robertson? Sie meinen die Frau, die Jessica genannt wird?« fragte der Doktor mit einem eigentümlichen Blick.

»Ja.«

»Darf ich Sie fragen, ob Sie mit ihr befreundet sind?«

»Ich kenne sie,« erwiderte Preston, »und mein Freund hier ebenfalls, aber ich kann nicht sagen, daß wir mit ihr befreundet sind. Woran ist er gestorben, Herr Doktor?«

»Ich kann es nicht ohne weiteres sagen. Wahrscheinlich am Herzschlag: die Hitze und Erregung mögen den Anfall verursacht haben. Wir müssen seine Freunde in Kenntnis setzen. Sind sie hier?«

»Ich glaube, ja. Ich kenne Schomberg nicht persönlich.«

»Ich dachte, der Logenschließer meinte, Sie seien beide mit ihm befreundet.«

»Wir sagten dem Schließer, daß wir mit ihm bekannt wären, um in die Loge zu kommen. Wir konnten vom Saal aus sehen, daß etwas mit ihm geschehen war.«

»Auf welche Weise? Hatte er keine Maske an?«

»Doch, aber wir hatten ihn schon bei Beginn des Balles erkannt.«

»So? Verzeihen Sie die Frage, aber warum interessierten Sie sich so sehr für einen Menschen, den Sie nur dem Aussehen nach kannten?«

Preston zauderte. Dann sagte er etwas verlegen:

»Wir hatten keinen besonderen Grund.«

»Gehen Sie doch,« rief der Arzt aus. »Sie müssen einen Grund gehabt haben. Kein Mensch sucht die Persönlichkeit eines anderen festzustellen, ohne einen Grund zu haben. Sie täten besser daran, es mir zu sagen.«

»Warum wollen Sie es wissen?«

»Well, wenn Sie es so nehmen, will ich Ihnen lieber sagen, daß die Umstände, unter denen dieser Mann gestorben ist, nicht ganz unverdächtig sind. Nach dem Gesicht zu urteilen, ist er eines natürlichen Todes gestorben. Aber der rigor mortis ? die Totenstarre ? ist für eine natürliche Todesursache, wie einen Herzschlag, zum Beispiel, zu früh eingetreten. Es wird eine gerichtliche Untersuchung stattfinden müssen.«

Nachdem die Behörden von dem Zwischenfall verständigt worden waren, kehrten Preston und Blenkiron eine halbe Stunde später mit dem Doktor in den Saal zurück, wo das Gedränge noch ebenso groß war, wie als sie ihn verlassen hatten.

»In welcher Loge haben Sie ihn gefunden?« fragte Doktor Johnson.

Blenkiron wies auf Loge 13.

»Es sind jetzt Menschen darin,« bemerkte Johnson. »Kennen Sie sie? Die eine ist das »Schlangenweib«, von dem heute abend alle sprachen.«

»Wir sind zwar nicht ganz sicher, glauben aber zu wissen,« erwiderte Preston vorsichtig, »daß das »Schlangenweib« Mrs. Mervyn-Robertson selbst ist, und daß der Mann, der mit ihr spricht, Stapleton heißt.«

»Meinen Sie Aloysius Stapleton, den Veranstalter des Balles?«

»Ja.«

»Well, wenn Schomberg zu ihrer Gesellschaft gehörte, so haben sie wohl noch nicht gehört, was geschehen ist, und jemand müßte es ihnen sagen.«

»Wollen Sie es nicht tun, Doktor Johnson?«

»Ich glaube, ich muß es tun. Und da Sie und Ihr Freund die »erste Hilfe« geleistet haben, wäre es gut, wenn Sie mitkämen und meine Mitteilungen bestätigten.«

Jessica und ihre Gäste trugen noch ihre Masken, obwohl manche Tänzer sie bereits abgelegt hatten. Als Doktor Johnson und seine Gefährten sich der Loge 13 näherten, herrschte darin die fröhlichste Stimmung, Jessica selbst lachte laut, und zwei von ihren Begleitern benahmen sich recht lärmend. Der Arzt schickte seine Karte hinein und ließ fragen, ob er Mrs. Mervyn-Robertson allein sprechen könnte, aber sie ließ ihn in die Loge bitten.

»Mrs. Mervyn-Robertson, nicht wahr?« wandte er sich an sie.

»Wer hat Ihnen das gesagt, Doktor Johnson?« rief sie lachend aus, während ihre Gäste gleichfalls lachten. »Ich habe die ganze Nacht versucht mein Incognito zu wahren, aber einer nach dem andern hat es erraten. Setzen Sie sich und trinken Sie ein Glas Champagner mit, nicht wahr?« Sie schob ihm einen Stuhl zu. Er sah sofort, daß sie recht viel getrunken hatte.

»Ich danke Ihnen sehr,« sagte er, »aber Sie werden mich entschuldigen. Ich hätte Ihnen lieber allein gesagt, Mrs. Mervyn-Robertson, was ich zu sagen habe, aber da Sie darauf bestanden, daß ich hereinkam, muß ich es Ihnen hier sagen. Ich glaube, einer Ihrer heutigen Gäste war ein Mr. Schomberg?«

»Ja«, antwortete sie. »Was ist aus ihm geworden?« Sie sah sich um. »Wir haben ihn schon ziemlich lange nicht gesehen. Mr. Johnson, wollen Sie nicht Ihre Freunde vorstellen?«

Preston und Blenkiron standen noch im Hintergrund.

»Gleich, Mrs. Mervyn-Robertson. Ich muß Ihnen zuerst eine recht ? traurige Nachricht bringen. Machen Sie sich bitte auf einen Schreck gefaßt. Mr. Schomberg ist plötzlich gestorben. Er starb vor kaum einer Stunde ? hier in dieser Loge.«

Preston und Blenkiron standen noch im Hintergrund.

Eine feierliche Stille folgte diesen Worten. Alle schwiegen.

»Levi ? tot!« rief Jessica nach einer Weile.

»Das ist unmöglich. Er war noch eben hier und fühlte sich ganz wohl!«

»Vor einer Stunde,« verbesserte Johnson. »Es wurde nach mir geschickt und ich fand Mr. Schomberg tot auf dem Sofa des Sekretariatsbüros.«

»Aber wo starb er? Wer fand ihn?«

»Er starb, wie ich sage, in dieser Loge, wo ihn diese beiden Herren fanden, die Sie, glaube ich, kennen.« Er drehte sich nach den maskierten Gestalten hinter ihm um. »Mr. Blenkiron und Captain Preston.«

Preston bemerkte, daß Jessica zusammenzuckte, als sein Name genannt wurde.

Jessica grüßte.

»Aber wie kamen Sie in diese Loge?« fragte sie und sah von ihrem Platz zu ihnen empor.

»Wir müssen uns für unser Eindringen bei Ihnen entschuldigen, Mrs. Mervyn-Robertson,« sagte Preston, »aber es kam so.« und er setzte ihr auseinander, wie Blenkiron und er den erkrankten Mann erblickt und Einlaß in die Loge verlangt hatten.

»Das war sehr freundlich von Ihnen,« sagte Jessica, als er mit seinem Bericht zu Ende war. »Aber das ist zu schrecklich. Ich kann es nicht begreifen. Der arme Levi! Und er sah heute abend so gesund aus und war so guter Stimmung!«

Sie hielt plötzlich inne.

»Ich frage mich, wer das war, der ihn heute abend sprechen wollte?« sagte sie nach einer Weile. »Er schien erregt. als er zurückkam und wollte keinem ein Wort darüber sagen. Aber nach einiger Zeit schien er alles wieder vergessen zu haben.«

»Das dürfte wohl nichts mit der Todesursache zu tun haben, Mrs. Mervyn-Robertson,« sagte Johnson, der sie durch seine Maske hindurch scharf beobachtete. Er hatte offenbar vergessen sie abzunehmen.

»Nein, natürlich nicht,« antwortete Jessica mechanisch. Sie schien an etwas anderes zu denken. »Sagen Sie, Doktor Johnson,« fragte sie plötzlich in ganz verändertem Ton. »was halten Sie für die Ursache des unerwarteten Todes?«

»Zuerst vermutete ich eine natürliche Todesursache, aber später habe ich meine Ansicht geändert,« erwiderte er langsam, während sein Blick unbeweglich auf ihr ruhte.

»Und was veranlaßte Sie, ihre Meinung zu ändern?«

»Ein oder zwei Symptome. Es wäre zu weitläufig, das auseinanderzusetzen. Die gerichtliche Untersuchung wird ohne Zweifel alles aufklären.«

»Es wird also eine Untersuchung stattfinden?«

Preston schien es, als ob ihre Stimme ein wenig zitterte.

»Unter diesen Umständen ? jedenfalls, sagte Johnson.

»Sie glauben daß er sich das Leben genommen hat ? mit Gift?«

»O nein, Mrs. Mervyn-Robertson. Sie haben mich falsch verstanden. Aber wir brauchen im Augenblick auf die Sache nicht näher einzugehen. Wünschen Sie vielleicht, die Leiche zu sehen?«

»Muß ich das?«

»Durchaus nicht, wenn es nicht Ihr Wunsch ist. Ich dachte, Sie wollten es vielleicht.«

»Nein, lieber nicht. Es hat mich ? uns alle so erschüttert!

Sie schenkte sich schnell ein Glas Champagner ein und leerte es auf einen Zug.

»Captain Preston und Mr. Blenkiron,« sagte sie. »Bitte trinken Sie auch einen Schluck. Es wird Ihnen gewiß nach dem Schreck gut tun.«

Die drei Männer verabschiedeten sich schweigend. Bald befanden sich Preston und sein Freund wieder im Gedränge. Doktor Johnson hatte sich von ihnen getrennt, nachdem er ihnen für ihre Dienste gedankt und sie darauf vorbereitet hatte, daß sie bei der Untersuchung als Zeugen auftreten müßten.

Eine kleine Gruppe an einem Tisch im großen Speisesaal unterhielt sich in lebhaftem Ton und Preston schnappte zufällig einige Brocken der Unterhaltung auf.

»Ja, eine Dame ist verhaftet worden ... vor etwa zehn Minuten ... die Perlen wurden in ihrem Besitz vorgefunden. Ihr Tänzer ... geriet in furchtbare Aufregung, erklärte, er wäre die ganze Zeit mit ihr zusammengewesen. Dann wurde sie der Besitzerin, des Halsbandes gegenübergestellt, die darauf schwor, daß sie beim Souper neben ihr gesessen hatte ... die Diebin oder angebliche Diebin ist ein ganz junges Mädchen ... Ja, ich war dabei, als man ihr die Maske abnahm ...«

»Haben Sie eine Ahnung, wer es ist?«

»Nicht die geringste. Aber man kann seinen Kopf darauf geben, daß bei einem solchen Fest auch berufsmäßige Gauner dabei sind. Sehen Sie nur die Menge von Diamanten! Es stecken viele Millionen drin! Da gibt es für manchen was zu holen ...«

Soviel kam Preston zu Gehör, ohne gerade ein besonderes Interesse bei ihm zu erwecken. Als er Jessicas Loge verließ, war er bemüht gewesen. Yootha ausfindig zu machen, die er in Cora Hartsilvers Gesellschaft zurückgelassen hatte. Aber ihre Loge war jetzt leer, und er schloß daraus, daß alle zum Tanz gegangen waren. Auch Hopford hatte er schon längere Zeit nicht mehr gesehen. Er hatte, wie Preston wußte, Yootha zu mehreren Tänzen engagiert.

Im Gedränge verlor Preston Blenkiron aus den Augen und suchte jetzt allein seinen Weg durch die Tänzer hindurch, die in kleinen Gruppen beisammenstanden und ein wenig ausruhen wollten.

Während er so umherwanderte, kehrten seine Gedanken immer wieder zu Schombergs seltsamem Ende zurück. Immer wieder tauchte vor seinem Geiste das Bild des schlanken jungen Mannes auf, der sich über die regungslose Gestalt beugte. War Schomberg in diesem Augenblick schon tot Und wenn ?, warum hatte der junge Mann nicht gleich Lärm geschlagen und nach dem Arzt geschickt?

Und dieser schlanke Mann war, wie Hopford meinte, La Planta. Natürlich konnte Hopford sich irren. Und Jessica! Wie verstört sah sie aus, als Doktor Johnson ihr die Nachricht brachte! Das war allerdings sehr begreiflich. Und doch ? ?

Was war aus Yootha geworden? Wo in aller Welt konnte sie nur stecken? Wo waren Cora und Hopford? Vielleicht war er in seine Redaktion gegangen. Er hatte von dieser Möglichkeit gesprochen.

Vergebens blickte er unter den Tänzern umher, die an ihm vorüberschwebten und sich drehten, bis ihm beim Zuschauen schwindlig wurde. Weder von Yootha noch von einem anderen aus seiner Gesellschaft war irgend etwas zu sehen. Auch seine Loge, auf die er von Zeit zu Zeit einen Blick warf, blieb leer. Er hatte von dem ganzen Treiben genug und wäre gern heimgefahren. Aber zuerst mußte er Yootha sehen. Er fühlte, daß er an diesem Abend weniger von ihr gehabt hatte, als er erwartete. Aber sie liebte ja zu tanzen und er wäre ? so sagte er sich ? ein rechter Bär gewesen, sie am Tanzen zu hindern, weil er selbst durch sein verwundetes Bein daran gehindert war.

Plötzlich erblickte er Hopford. Er befand sich in einiger Entfernung ? verschwand und kam wieder zum Vorschein. Er schien jemanden zu suchen. Und jetzt hatte Hopford ihn erblickt.

»Charlie, ums Himmels willen ? ich suche dich überall,« rief Hopford, als sie endlich zusammentrafen. »Was Furchtbares ist passiert ? du wirst einen Schreck kriegen. Aber rege dich bitte nicht auf; denn ich bin sicher, daß alles bald wieder in Ordnung ist. Cora weiß es und ist eben bei Yootha.«

»Yootha? Wo ist sie, Harry? Ich suche sie seit einer halben Stunde.«

»Das glaub ich,« antwortete Hopford. Jetzt hör zu, Charlie, und bewahre deine Ruhe. Einer Frau ist heute abend ein Perlenhalsband gestohlen worden, und das Halsband wurde in Yoothas Handtasche gefunden. Sie mußte infolgedessen ? verhaftet werden.«

»Verhaftet? Yootha verhaftet?«

»Nun ja. Du verstehst, die Perlen wurden in ihrem Besitz gefunden. Hast du von Levi Schomberg gehört und ?«

»Zum Teufel mit Levi Schomberg!« rief Preston aus. »Was geht mich Levi Schomberg an? Vergib, Harry! Bring mich gleich zu Yootha. Ich muß die Polizei sofort über dieses lächerliche Mißverständnis aufklären!«


Akzeptieren

Diese Website benutzt Google Analytics um seinen Nutzen zu messen. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren