Allerlei Bayerisches und Böhmisches

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Bayerisches, allzu Bayerisches

Wer in der noch ungeschriebenen Geschichte des deutschen Volksspottes zurückblättert, findet, dass in früheren Zeiten gerade der Bayer am liebsten von seinen nahen und fernen Stammesbrüdern mit dem Namen angeredet worden ist, den er heute gern dem Preußen gibt: »Bayernsau«. In den bayerischen Landschaften wurden ehedem die besten Schweine gemästet und die bayerische Sau war weit über Deutschland hinaus bekannt und begehrt. Wegen der Schweinezucht nun wurde der Bayer selbst »Sau« genannt und die »Bayernsau« zum Sinnbild für den Bayern ausersehen: »Eyn Sau für eyn Baier«, heißt es bei Fischart, einem der größten Spötter aller Zeiten.

Ein altes Priamel, das aus dem 15. Jahrhundert stammen mag, beginnt mit der bayerischen Schweinezucht:

»In Bayern zeucht man vil der schwein,
der treibt man vil hinab an Rhein.«

Ähnlich erzählt der Geograph Sebastian Frank im 16. Jahrhundert in seinem »Weltbuch«: »Beyerland ist so voller eycheln und holzops, das sy allen nachbauren und Anstößern Säw genug ziehen und mästen.« Fischart verulkt schon versteckt die Bayern, wenn er in »Aller Praktik Großmutter«, dem scherzhaften Gegenstück zur Kalenderweisheit, schreibt: »Es ist kein glück im Bayerland, wann die Sew sterben«, oder in der »Geschichtklitterung«, wo ein König also spricht: »Die Baier sind fridsam still Leut, die dingen wir, dass sie dem Läger stets die Säw nachtreiben.« Auf bayerische Eigentümlichkeiten spielt schon stärker Johannes Bohemus an, ein Zeitgenosse Fischarts und Franks, wenn er schreibt, »in den weiten Wäldern Bayerns würden solche Mengen Schweine gemästet, dass die bayerische Schweinezucht für ganz Europa genüge, wie die Rinderzucht Ungarns: der Charakter der Bayern entspreche übrigens ihrer Hauptbeschäftigung, sodass sie, mit den übrigen Deutschen verglichen, Barbaren genannt werden könnten.«

Andere haben sich kein Blatt mehr vor den Mund genommen, jedem Bayern die »Bayernsau« angehängt und alles, was mit dem nützlichen, aber arg verlästerten Haustiere zusammenhängt, den Bayern aufgemützt. »Bavarus et sus ? habent unum corpus«, soll sich nach Schmeller in einem alten Kodex von neuerer Hand eingetragen finden, was deutsch etwa lautet: »Ein Bayer und ein Schwein ? wird kein Unterschied sein.« In Stranitzkys »Ollapatrida des durchgetriebenen Fuchsmundi« spricht der Held: »Ich bin kein Bayer, sonst wäre ich ein Rhetor porcensis«, und die Beispiele ließen sich leicht verhundertfachen. Ja sogar ein Geschütz ist einmal »Bayerische Sau« getauft worden; in einem fliegenden Blatt des 17. Jahrhunderts »Bayerischer Feldtzug« heißt es: »Alsbald hört man die Bayerische Sau und andere Stücke nacher pfeiffen.«

Und erst die Schwänkeschreiber sind mit Witz und Spott über den armen Bayern hergefallen. Da erzählt gleich der gelehrte Heinrich Bebel in vollendetem Latein, als Erzherzog Siegmund von Österreich Elsass, Breisgau und die Landvogtei in Schwaben dem Herzog Jörgen von Bayern verkauft hätte, seien die Einwohner der Verkaufes gar nicht zufrieden gewesen. Wie nun ein bayerischer Ritter vorbeiritt, fand er das Weib des Pflegers vor dem Schloss mit etlichen Säuen sitzen; er grüßt sie und fragt, was sie da täte. »Ich höre«, gab sie höflich zur Antwort, »dass wir müssen bayerisch werden; deshalb bemühe ich mich, ihre Sprache von den Säuen zu lernen.« Der gemeine Mann, erklärt Bebel zuletzt, heißt nämlich die Bayern Säue, weil sie ein großes Einkommen von Schweinen haben.

Köstlicher ist noch, wie die Schwaben die Erschaffung des Menschen erzählen und dabei den Bayern eins am Zeug flicken, wie bei Bronner im »Bayerischen Schelmenbüchlein« zu lesen ist: Als unser Herrgott am ersten Schöpfungstage das helle Licht anstatt der Finsternis wollte, sprach er links zum Lech hinüber gewendet: »Es werde!« Rechts vom Lech hinüber aber: »Es sei!« (»Ös Säu!«)

Wie der Bayer selber am liebsten an das Schwein denkt, verrät ein Schwank, der in vielen Abänderungen bekannt ist ? ich teile ihn mit, wie ihn das Aurbachersche »Volksbüchlein« erzählt: Der Spiegelschwab, ein Tiroler und ein Bayer stritten sich, wer am raschesten drei Vögel nennen könne. Der Schwabe fängt an und sagt, so geschwind er kann: »Zeisle, Meisle, Fink!« Darauf bedächtig und langsam der Tiroler: »Eppermal ein Alster, eppermal ein Amsel, eppermal ein Nachtigall!« Aber der Bayer: »Ein Staal (Staarl), ein Dahl (Dohle)«, und nach langem Besinnen, »und eine Spansau!« Ist doch das »Schweinerne« dem Bayer das liebste Gericht, wie schon ein altes Spruchgedicht »Anzale und geschicklichkeit der kriegsleute« bezeugt, wo Bayern gesucht wurden, »die kein seu hont gessen«.

Man muss immer bedenken, dass der Volksspott, auch was die »Bayernsau« anbelangt, die noch heute unter den Nachbarn der Bayern auf allen vier Seiten gang und gäbe ist, bloß ein Körnlein Wahrheit enthält und alles andere Übertreibung ist. Das Spottwort ist einmal da und der, dem es anhängt, muss es sich gefallen lassen, ob es ihm recht ist oder nicht. Aber der Angegriffene kann sich wehren und mit gleicher Münze heimzahlen, was auch die lieben Bayern gründlich besorgt haben und heute noch besorgen.

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Der Böhme im bayerischen Volksspott

Und nun ohne böse Absicht etliche altbayerische Neckereien und Reimereien über den Böhmen.

Wenn der böhmische Reichsgenosse ? Tscheche, Deutschböhme, ja sogar Grenzbayer, »Vürsamböhm« genannt , wurden meist in einen Topf geworfen ? dabei etwas schlecht wegkommt, so hat das seinen Grund darin, dass man in früheren Zeiten unter den Deutschen alles herumziehende Volk als »Böhm« gezeichnet hat, wie man heute etwa Zigeuner sagen würde. »Einen Böhm und einen Spatzen findet man überall«, heißt es in Bayern. Das Volk verallgemeinert eben, wo es nur kann.

Das derbste aber verbreitetste Spottwort ist »Sauböhm«. Weit verbreitet ist auch der »Böhmak«. Da die Böhmen als Dickschädel gelten, heiß man sie oft auch »Kiesböhm«; sie sollen einen Schädel haben so hart wie Kies; man schimpft auch einen Dickschädel im Wald schlechthin einen »Böhmak«, weshalb es wohl auch in dem Sprüchlein heißt:

»A Böhm und a Stier
ia oa Viah.«

Die bayerischen Wäldler rechnen den Böhmen auch nicht zu den Menschen; man kann an einem Marterl im Wald lesen: »Hier unter diesem Baum hat der Blitz zwei Menschenleben und einen Böhm erschlagen.«

Wegen der Vorliebe für das Zwetschgenmus, das in Böhmen »Powidl« heißt, werden die Böhmen auch »Powidlböhm« genannt; »povidaln« tun die Tschechen und Leute, die halb deutsch, halb tschechisch reden; auch ein Wäldler, der undeutlich spricht, »povidalt was zusammen«.

Von einem, den man den Tschechen in der Rede anmerkt, sagt man, er »böhmelt« oder »dem schlagt der Böhm aufs Gnack (Genick).« Als ich einmal einem alten Weib im Bayerischen von meiner Herkunft erzählte, meinte sie: »Schlogt dir owa nix vüra!« Auch »Zegaböhm« hört man im Wald, was von »Zöger«, einem geflochtenen Handkorb kommt, den die Böhmerwäldler früher gerne trugen; das forderte den Spott der Bayern heraus, die nur Rucksäcke und Kitzen kennen. Aus Böhmen brachten die Bayern auch die schweren Holzschuhe mit, die heute noch weit ins Bayern hinein »Böhmschuah« heißen.

In früheren Jahrhunderten waren die Böhmen als Ketzer verschrien, wovon unsere alten Schwänkeschreiber gar viel zu erzählen wissen (vgl. den schönen Aufsatz »Der Tscheche im deutschen Volksspott« von Albert Wesselski im 13. Jahrgang der Prager »Deutschen Arbeit«.) Hans Sachs beispielsweise fabelte in seiner »Vexation der vierundzwanzig Länder und Völker«:

»Die Beham zeit man Ketzerei
und heimlich mausens auch dabei.«

Heute noch sagt man im bayerischen Wald: »Der ist eiskalt im Glauben wie ein Böhm«. Einmal soll da ein Pfarrherr von der Kanzel herunter seinen gutbayerischen Schäflein gepredigt haben: »Leutel, gehts mir nit zu weit ins Böhm hinein, da werdets ihr abgläubig!« Bei uns ist wiederum die Glaubensstärke der Bayern sprichwörtlich, die in der einen Hand den Rosenkranz und in der andern das lange Messer halten!

Der andere Vorwurf des alten Dichters scheint vor allem auf das herumziehende Volk zurückzugehen: »Trau, schau, wem, nur keinem Böhm«, »Der Böhm hat eine falsche Seite«, »Das Verstellen ist die böhmische Krankheit«, »Böhm bleibt Böhm, wenn du ihn auch neunmal im Schmalz bratst« usw. Hierher gehört auch der Reim, der die Tschechisch-Kenntnisse der Bayern festhält:

»Potschkat (warten) heißt laufen
und gralowat (stehlen) heißt kaufen.«

Sprichwörtlich ist, dass vor dem Böhmen nicht einmal der Nagel an der Wand sicher sei, und Böhme und Nagel werden nun im Volkswitz in vielfache Zusammenhänge gebracht. Selbst der Herrgott am Kreuze, erzählt das Volk, halte in Bayern die Finger ausgestreckt, in Böhmen aber schließe er sie zu einer Faust zusammen, damit ihm die Nägel nicht gestohlen würden.

Sehr beliebt ist der Böhme bei den Bayern dagegen als Musikant! Wenn man über eine Wurzel stolpert, so liege da ein böhmischer Musikant begraben, behauptet die bayerische Volksweisheit. Aber auch der alte Vorwurf kehrt wieder: Wenn in Böhmen ein Kind nach der Geburt die Finger ausstreckt, so wird es ein Dieb, zieht es aber die Finger zusammen, so wird ein Musikant aus ihm.

Von unserem festen Gottvertrauen aber ? ich spreche als Böhmerwäldler, die seit Jahrhunderten die nächsten Nachbarn der Tschechen sind, - zeugt das Sprüchlein: »Unser Herrgott verlässt keine Deutschen, wenn er nur ein wenig böhmisch kann!«

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Böhmerwäldisches Latein

Die Sprache der Alten, wie sie unsere Waldler gelegentlich reden, sieht also aus:

Ein Bauer prüft seinen Sohn, der in der Stadt studiert: »Sag mir auf Lateinisch: Nimm die Gabel in die Hand und fahr Mist aufs Land!« Und der gelehrte Sohn antwortet dem Vater wie schon der mittelalterliche Scholar: »Nimm gablus, fahr mistus auf landus!«

Eine andere Geschichte, die von den beiden Wörtern Leniventantum und Anaventusium, in der das Deutsche aus einem anderen Grund ein lateinisches Gewändlein bekommt: einem Pfarrer fiel während des Gottesdienstes am Tage des Kirchenfestes ein, dass sich die Ente in der Bratpfanne anbrennen könnte; also drehte er sich am Altare um und sang zur Köchin: »Leni, wend d Ant um!« Da aber die Köchin in ihr Gebetbuch vertieft war und auf die Worte nicht aufmerkte, musste sich der Pfarrer noch einmal umkehren und zur Pfarrerdirn singen: »Anna, wend du sie um!« Und die Dirn verstand den Auftrag, ging in den Pfarrhof und wendete den Festbraten auf die andere Seite.

Die lateinischen Kenntnisse unserer Schulkinder beschränken sich auf einige Brocken: Dramasorum (dreh mirs Ohr um) oder Dicurante bisifil (Die Kuh rannte, bis sie fiel), Binidum (bin ich dumm), Oxdradium (Ochs, draah dih um!)

Größer freilich ist der Wortschatz der älteren Kinder, etwa: Simimanto (sieben mähen da), saulato (Sau liegt ? dialektisch laat ? da), relegtsi (Reh legt sich) und krobotsi (Krähe badet sich).

Die Studenten aus dem Wald können auch Sprüche hersagen:

Vena lausam horis,
pax, trux, piscoris.
(wenn a Laus am Haar ist,
packs, drucks bis gar is).

Es könnte noch ein großer scheinlateinischer Wortschatz von der Art aus dem Kindermund, der alten Volkswitz überliefert aufgezeichnet werden.

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Ös und diats

Auf dem größten Teile des bayerischen Sprachgebietes kennt das Volk keine Mehrzahlformen des persönlichen Fürwortes der zweiten Person: ihr, euch. Gewöhnlich duzen einander die Leute. Die Kinder aber sagen zu ihren Eltern noch in vielen Gegenden »dös« und »enk«, und diese Wörtchen sind auch meist die Anredeformen älteren und höher gestellten Personen gegenüber. Dann werden diese Wörtchen auch angewendet, wenn mehrere Personen angesprochen werden, und in diesem Falle sind »dös« und »enk« noch allgemein gang und gäbe. Manchen Leuten aus dem Volke, die sich Gewalt antun, »nach der Schrift« zu reden, kollert oft das Wörtchen »ös« in die Rede wie dem Schützenhauptmann, der seiner Kompagnie beim Empfange eines Erzherzogs zurief: »Wenn ich Vivat schrei, so schreit ös auch!«

Die nachgestellte schwachtonige Form unseres Dialektfürwortes: »s« ist auch unter den Gebildeten im Süden des deutschen Sprachgebietes gewöhnlich; Wendungen wie »Lassts euch Zeit!« kann man genug hören, und kaum weiß einer unter Munderten, dass das »s« im Zeitworte die schwachtonige Form des Dialektfürwortes »ös« ist. Die nachgestellte schwachtonige Form von »ös«, wie das Wörtchen ursprünglich lautet, »s« ist übrigens mit dem Zeitworte meist so verwachsen und wird ganz als Endung gefühlt, dass man überdeutlich sagt: »Habts ös?« oder »dös habts«, im Egerländischen etwa: »Sats diats?« schriftsprachlich: Seid ihr. Wer den Leuten gut aufs Ohr horcht, wird merken, dass in manchen Gegenden in Nebensätzen die Leute das »s« nicht anwenden. Während man im oberen Böhmerwald zum Beispiel sagt: »Passts af, dass guat hoam kemmts«, heißt es in manchen Gegenden des Unterlandes im Nebensatze »dass guat hoam kemmt.«

Die Formen »ös, dös, enk« kommen auf dem größten Teile des bayerischen Sprachgebietes vor, die Nordbayern oder Egerländer sagen »diats« und »enk«. Mittelhochdeutsch-bayerisch lauten die Wörtchen ¸z und ¸nk, und man meint, dass sie Reste alter Zweizahlformen sind.

Wir wollen nun die Dialektformen im Donaubayerischen auf böhmischer Seite beschreiben und den Übergang ins Egerländische feststellen. Die Form »enk« hat sich in den Dialekten nur wenig geändert. Wie ist nun das mittelhochdeutsch-bayerische Wörtchen ¸z zu »dös« geworden? Im oberen Böhmerwald heißt die Form »es«, im unteren ist wie in den anderen Fällen mit altem ? Zerdehnung eingetreten und es wird »e¿s« oder besser mit Lippenrundung »öis« gesprochen; häufiger dagegen ist die Form »des« und »döis«. Der Anlaut ist aus der volkstümlichen falschen Silbentrennung zu erklären, das heißt, der auslautende Mitlaut des vorhergehenden Wortes ist mit dem Anlaut des folgenden Wortes zusammen gewachsen, da das Volk, dem ja das geschriebene Wort nicht so vor Augen schwebt wie dem Gebildeten, die Wortgrenze nicht scharf einhält. Auf solche Art entstanden sind Wörter wie »Nast« (einen Ast, einen Nast). Aus Verbindungen »habet ös« wurde leicht auf dieselbe Weise »habet tös«; »dös« im Donaubayerischen ist leicht zu erklären, da man im Anlaute in der Regel einen weichen Laut spricht. Auch mag, und das besonders in den übrigen bayerischen Dialekten, du, dir, dich usw. mitgeholfen haben, dass neben »ös« die Form »dös« gebräuchlicher wurde. In der Ossergegend ist nur »es« üblich.

Im nordbayerischen Sprachgebiete, das sich ja vom übrigen Bayerischen etwas mehr unterscheidet, hat sich mittelhochdeutsch-bayerisches ?z zu »diats«, oder besser wiedergegeben »tiats«, entwickelt. Das Wörtchen ist die egerländische Form des gewöhnlichen bayerischen »dös«. Wie in manchen altbayerischen Dialekten altes ¸ gedehnt als e¿ erscheint (de¿s, Nest: Ne¿st), so erscheint es im Egerländischen in gewissen Wörtern ebenfalls zerdehnt, jedoch mit der bekannten nordbayerischen Umstellung der Zwielaute: (Nest: Niast), de¿s, diats. Etwas merkwürdig ist, dass der auslautende Reibelaut des Bayerischen (dös) im Oberpfälzischen als z, ts, erscheint: diats. Wahrscheinlich ist der Auslaut aller Zeitwörter in der zweiten Person der Mehrzahl (machts, sagts) infolge Fernangleichung auf das Fürwort übertragen worden; aus Wendungen wie »machts dias« wurde bald »machts diats«; im Egerländischen wurde häufig die Zeitwortendung »ts« auf kleinere Wörter übertragen: dats, dass ihr; wennts, wenn ihr, we?ts, wie ihr; wouts, so ihr usw. Man spricht in solchen Fällen von einer Art Abwandlung des Bindewortes. Ein ähnliches Beispiel aus dem Donaubayerischen wäre der Ausruf: »mein«, in der Mehrzahl »meints« oder »han« und »hants«.

Bis in die Gegen der Schwarzkoppe sagt man »dös, es«, das letzte Dorf südlich der Schwarzkoppe, das »es« spricht, ist Fichtenbach. In der nördlich angrenzenden Gegend von Wassersuppen, Grafenried und Schwarzach sagt man noch nicht »diats«, sondern da wird eine merkwürdige Kreuzung des altbayerischen Wörtchens mit dem bald beginnenden egerländischen gesprochen, nämlich »dets«. Erst nördlich des Zuges Schwarzkoppe, Schauerberg, Hirschstein in den Dörfern Neid, Rindl, Stockau, Fronau beginnt »diats«. Deshalb werden die Deutschen egerländischer Zunge von den Deutschen donaubayerischer Zunge scherzhaft »Diazler« genannt. Wo man »diats« spricht, da beginnt das Egerländische oder das Egerland im weiteren Sinne.

Die Oberpfälzer oder Egerländer sind Angehörige des Bayernstammes, Nordbayern, und die Wörtchen »diats« und »enk«, die überall auftauchen, wo bayerisch gesprochen wird, bezeugen (neben anderen viel wichtigeren Erscheinungen) ihre Zugehörigkeit zum Bayernstamm.

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Der Passauer Tölpel

Glücklich der Ort, der nicht vom Volksmund mit einem Spottnamen bedacht wird! Der Spott, der sich überall eine Ursache sucht, knüpft nicht selten auch an einen Gegenstand an. So ist das neckende Wahrzeichen der Stadt Passau der Passauer Tölpel.

Der Name Tölpel haftet zunächst an einem ungeschlachten steinernen Kopf, der sich heute im Waldvereinsmuseum auf der alten Festung Oberhaus befindet.

Die ältere Auffassung sieht in ihm den Rest einer großen Statue, des Dompatrons, die beim großen Stadtbrande 1662 von der Höhe des Domes herabgestürzt und zerschmettert worden sei. Es lässt sich noch feststellen, dass der Kopf früher in einer Nische der Umfassungsmauer eines Domherrenhofes am Steinweg ? heute Bezirksamt ? aufgestellt war. Als er in das Waldvereinsmuseum gebracht wurde, bewidmete ihn Oberamtsrichter Niederleuthner mit dem Reim, den er noch an seinem Sockel trägt:

»Von Passaus Dom fiel ich herunter,
wobei mein schöner Leib zerbrach.
Bin trotzdem kreuzwohlauf und munter
und nur im Kopf noch etwas schwach!«

Nach neuerer Auffassung ist der Kopf nicht der Rest einer Statue, sondern eines Kragsteines aus dem frühen 15. Jahrhundert. Zu der Auffassung als Stephanuskopf dürfte wohl sein früherer Standort beim Dom und die Form des Haares Anlass gegeben haben. Der Ausdruck des Tölpels ist aber nichts weniger als der eines Heiligen: er zeigt nicht das gotische heilige Lächeln, sondern das täppische einer Fratze; auch die Bartlosigkeit stimmt hierzu. Der geistliche Haarkranz ist nur eine Täuschung, entstanden dadurch, dass das Gesicht zu Boden gerichtet war; bei einem Kragstein braucht nur das Stirnhaar durchgebildet zu werden, das Hinterhaupt diente vermutlich als Träger. Der Tölpel-Kragstein kann ebenso wie die noch erhaltene Kragsteinfratze beim Scheiblingsturm am Inn aus der Ecke eines gewöhnlichen Baues hervorgelugt haben.

Das Spottwort vom Passauer Tölpel hat aber einen weiteren Sinn. Das Wort Tölpel, bekanntlich ein niederdeutscher Eindringling aus der Ritterzeit, bedeutet ursprünglich den Dorfbewohner, den Bauern, den nicht höfisch Gebildeten; weiter dann den plumpen, rohen, namentlich dummen Menschen überhaupt. Man könnte denken, dass die Beziehung des Wortes Tölpel auf Passau in ältere Zeit zurückreicht und erst später mit dem Steinkopf in Zusammenhang gebracht wurde. Vor dem großen Brande hören wir nichts vom Tölpel.

Die erste Erwähnung des Passauer Tölpels findet sich beim Augsburger Pater Gansler um das Jahr 1696: »Die Dölpel von Passau, welche zwar hoch daran seyn, doch an den Thürn (Türmen) kein Spitz abgeben.« Vermutlich liegt in dem Wort von den Türmen eine Anspielung auf den Umstand, dass beim Wiederaufbau der Stadt die Kirchtürme stumpf mit Pultdächern abgeschlossen wurden, weil die eigenartige gotische Vierungskuppel des Domes allein das Stadtbild wie eine Krone beherrschen sollte. Der kurze Schluss der Türme wird den Passauern als Dummheit und Unvermögen ausgelegt. Eine Augsburger Schrift aus dem Jahre 1755 mit dem Titel »Augsburger Dult« empfiehlt dem Passauer Tölpel, dem Abbild der Grobheit, ein Büchlein »Schola urbanitatis oder Schul der Höflichkeit, in Duodez und Form eines Prämii.« Von der Höflichkeit der Passauer kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man aus der Zimmerschen Chronik erfährt, dass die Passauer Domherren die gröbsten unter der ganzen deutschen Geistlichkeit seien: »dombherren: Passow die gröbsten.«

Die Passauer begannen den Spottruf bald abzuwehren und gaben ihn den Spöttern zurück. Man fragte nach dem Tölpel, die Passauer aber gaben ihnen das Bild des Tölpels als Andenken mit.

Das älteste solche Passauer Andenken befindet sich im oberösterreichischen Landesmuseum in Linz. Auf dem reich geätzten Heft eines großen Passauer Klapp-Jagdmessers befindet sich das Bild des Tölpels und dabei stehen die Verse:

»Ich bin der töbl hipsch Und fein,
Ich glaub du wirst Mein bruder sein.
Ich bin der töbl Und ganz bekand,
Verhoff du bist mein Pfandt.
Ich woldt lieber Sauschneider Sein gern,
Wanst vor Mich willst Töbel wern.
lieber bruder geh mit mir
Ein guedten brandtwein zall ich dir
nit weit Von tumb (Dom) Kern mir ein,
Da wirdt ain Töbel bay den andtern Sein.«

Auf der Rückseite des Heftes, das dem ausgehenden 17. Jahrhundert angehört, ist die Darstellung eines Jagdhundes eingeschnitten, der eine Wildsau und zwei Hasen verfolgt.

Ein Stich von dem Augsburger Jeremias Wolf um 1700 zeigt unter dem Titel »Rudera antiqua Passavii« den Tölpel unter Ruinen. Kleine Stiche scheinen im 18. Jahrhundert als Andenken sehr im Umlauf gewesen zu sein. Ein solcher aus der Zeit um 1750 trägt unter dem Bilde die Verse:

»Wann ich in alle Stött dueh gehen,
iberall dueh ich brieder sehen!«

Oder ein anderer mit dem Reim:

»Der Dölbl von Passau wird ich genandt,
desentwegen wird ich in der welt bekanndt,
maniche dhun mich hoch Venerieren,
desentwegen ich dhur Estamieren.«

Viele solche Bilder brachte der geschäftstüchtige Wirt des Gasthauses gegenüber der Nische mit dem Tölpel ? heute Zu den drei Linden ? unter die Leute.

Man hat auch einen Neckreim, an dem in tölpelhafter Sprache der »s«-Laut durch »t« ersetzt ist, in Zusammenhang mit dem Ruf der Passauer als Tölpel gebracht; der Reim, der als Spott des Bauernheeres bei der Belagerung von Linz durch Fadinger im Jahre 1626 gegenüber den bayerisch-passauischen Verteidigern der Stadt erklärt wird, lautet:

»Bit denn du a a Batauer,
bit denn du a a Doldat,
traut dir nit auter für d Mauer,
traut dir nit auter für d Dtadt.«

Heinrich Lautensack, ein geborener Vilshofener, hat wohl daran in seinem Schauspiel »Das Gelübde« angeknüpft, wenn er den Ort der Handlung »Batau« nennt.

Das Denkmal im schöngeistigen Schrifttum hat dem Passauer Tölpel der schwäbische Dichter Ludwig Aurbacher gesetzt, der ihn zu den Sehenswürdigkeiten Bayerns zählt. In den »Abenteuern des Spiegelschwaben«, enthalten im berühmten »Volksbüchlein«, erklärt der Spiegelschwab, er wolle ins Bayerland, eigentlich um erstens ein Weilheimer Stückle zu erfahren, zweitens den Passauer Tölpel zu sehen und drittens einen Münchener Bock zu trinken. In einem bayerischen Wirtshaus findet er auch eine Abbildung des leibhaftigen Passauer Tölpels mit der Unterschrift:

»Ich bin der Tölpel hübsch und fein,
in Passau bin ich nicht allein,
werd ausgeschickt in alle Land,
drum bin ich so wohl bekannt.«

Im Volk ist der Passauer Tölpel weit und breit diesseits und jenseits der böhmisch-bayerischen Grenze tatsächlich gut bekannt: wer nach Passau geht, dem gibt man einen Gruß an den Tölpel mit; zu Dummen sagt man, sie seien Firmlinge des Passauer Tölpels oder sie studieren auf einen Passauer Tölpel; auch recht derbe Ulkgeschichten werden vom Tölpel im Volk erzählt.

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Das Gedächtnis des Volkes

Was weiß das Volk von der Vergangenheit: von Dingen, die sich in unseren Dörfern und Kleinstädten abgespielt haben, und von Ereignissen, deren Kunde aus der Welt bis zu uns gedrungen ist, von der Vergangenheit, die von Mund zu Mund überliefert wird und also bewusst oder unbewusst im Gedächtnis des Volkes lebt?

Unsere Leute ? wir meinen die Deutschen des südwestlichen Böhmen ? sind nicht ungeschichtliche Menschen, sie reden oft und gern von früheren Zeiten; sie wissen aber nicht gerade viel, haben sich doch keine großen Ereignisse bei uns und in unserer Nähe abgespielt und die Vorfahren sind fast ohne Zusammenhang mit der Welt im Göpel des Alltags ihrer Arbeit in Feld und Wald nachgegangen. Die geschichtlichen Erinnerungen in einem Dorfe und in der näheren Umgebung sind zahlreich und lebendig, reichen aber nicht gar weit zurück; kennen doch viele Leute kaum noch ihre Großeltern. Unsere Ortsgeschichtsschreibung sollte nicht nur Akten und Bücher einsehen, sondern auch die Überlieferung des Volkes hören; fast jedes Dorf hat sogenannte »Gedenkmänner«, die über Vorkommnisse der letzten Menschenalter Bescheid wissen. Manches örtliche Ereignis hat im Wandel der Überlieferung freilich eine Umbildung zur Sage erfahren, besonders alles, was von Herren, Burgen und Ruinen erzählt worden ist. Viel weiter zurück reicht natürlich die Kenntnis von Gestalten und Ereignissen der allgemeinen Geschichte, die ihre Schatten auch in unsere Wälder geworfen hat, denn mit Brettern verschlagen war die Welt auch in früheren Zeiten nicht.

Wenn in einer Gesellschaft einfacher Dorfmenschen von den alten Zeiten gesprochen wird, da sitzen wohl noch Leute beim Tisch, die von der Zeit vor zwei Menschenaltern erzählen können; da weiß mancher alte Mann etwas vom Bosnischen Feldzug zum Besten zu geben; hie und da läuft noch bei uns einer um, dem der Name irgendeines Bandenführers als Spottname anhaftet, und mancher verrufenen Winkel trägt heute noch einen serbischen oder türkischen Namen. Nur wenige Dorfleute kennen bei uns den Namen Bismarck. Vom Sechsundsechziger Krieg wird dagegen noch oft erzählt. Da sagt wohl mancher, dass sein Vetter oder Ähnl mitgetan habe. »So schnell schießen die Preußen nicht«, hört man noch oft sagen. Auch von den Kämpfen mit den Wälschen in Italien wird noch viel gesprochen und »der Radetzky« ist den Leuten noch wohl vertraut. Von der Achtundvierziger Revolution sind recht viele Ereignisse, meist heiterer Natur, lebendig geblieben: Nationalgarde, harmlose Schießereien, Aufzüge.

In Rede und Lied ist Napoleon dem Volke gut bekannt. »Der hat Herr sein wollen über die ganze Welt«, geht die Meinung über ihn; auch sonst weiß das Volk noch mancherlei von den Franzosen, besonders von Durchmärschen, zu erzählen. Maria Theresia und Josef sind Gestalten, von denen man oft und gerne im Volke spricht; in vielen Anekdoten, Schwänken und Geschichten bleiben beide dem Volke immer wieder gegenwärtig. Besonders Josef ist immer noch ein Volksliebling; nicht selten findet man auf unseren Dörfern noch alte Anekdotenbüchlein über ihn. Alte Leute reden oft: »Der hat den Robot abgebracht« oder »Das war ein Mann, der hat ein Herz für die kleinen Leute gehabt.« Nach dem Zeugnisse des Geschichtsforschers Pangerl wird in einem Dorfe des Böhmerwaldes bei Prozessionen und ähnlichen Gelegenheiten nie unterlassen, für Kaiser Josef ein Vaterunser aufzuopfern.

Die Robotzeit ist vielfach noch nicht dem Gedächtnis des Volkes entschwunden und die Dorfleute wissen viele und schöne Einzelheiten zu berichten, die nicht vergessen werden sollten. Auch von den alten Säumerwegen wird noch einiges erzählt. Viel weiß das Volk auch von den alten Glashütten und Bergwerken, die im 18. Jahrhundert in Blüte waren. Auch wie unsere Dominikaldörfer »eingebaut« wurden, ist nicht ganz unbekannt. Etliche berüchtigte Mordgesellen und Wildschützen aus nah und fern sind immer noch Volkslieblinge. Die Erinnerung an die Pestzeit um die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts endlich wird durch viele Pestsäulen, Marterln, Sagen und Flurnamen im Volke lebendig gehalten. »Der stinkt wie die Pest«, ist bei uns noch eine häufige Redensart.

Je weiter wir nun in die Vergangenheit zurückblicken, umso mehr verblassen die Gestalten und Ereignisse. Bei Napoleon und Josef weiß das Volk noch, dass sie vor vielleicht hundert, hundertfünfzig Jahren gelebt haben, von den folgenden Ereignissen fehlt jede Zeitvorstellung und die Ereignisse geraten kunterbunt durcheinander. Nur wenig weiß man bei uns noch von der Zeit, wo die Leute »lutherisch gewesen sind«; hie und da geht die Rede in unseren Märkten und Kleinstädten, dass in dieser Kirche die Katholischen, in jener Kapelle die Evangelischen ihre Andachten abgehalten haben; vielleicht erinnert noch der Haus- und Spottname Luther an diese Zeit. Kaum denkt das Volk an den Sinn der Worte aus der Gegenreformation, wenn es noch oft sagt (sogar zum Vieh): »Wart, ich will dich katholisch machen!«

Tief in das Gedächtnis des Volkes eingegraben hat sich der Dreißigjährige Krieg, die sogenannte »Schwedenzeit«; war das Ereignis so gewaltig, oder sollten nicht alle späteren Kriegen mit dem Namen der Schweden verknüpft worden sein? Da gibt es Schwedensprüchlein, die weit und breit (auch in anderen Landschaften), meist als Kinderschreck, bekannt sind:

»Bet Kindei, bet
hiazt kimmt da Schwed,
hiazt kimmt da Oxensterna,
wirds Kindei betn lerna«,

dann Schwedenkreuze, Schanzen und Gräber; Äcker, die oft kurz »d Schwedin« benannt sind. Alles, was die Leute im Wald und Feld an Gewaffen finden, stammt aus der »Schwedenzeit«. Ja, sogar von der Anwesenheit der Schweden da und dort wissen die Leute Bescheid und mancher Bauer redet oft also: »Über unsern Acker ist auch der Schwed gezogen.« Dass unsere Ahnen mit den Schweden auch auf gutem Fuße gestanden haben, bezeugen die Redensarten: »Grüß dich, alter Schwed!« und »Der sauft wie ein Schwed«. Vielleicht reicht auch der Familienname Schwed in diese Zeit zurück. Über den Dreißigjährigen Krieg hinaus kennt unser Volk nur noch die Gestalt Luthers: aus Schmähliedern, närrischen Wirtshauszeremonien und zotigen Sprüchen; hie und da weiß einer auch, »dass der Martin Luther einen neuen Glauben aufgebracht hat.«

Aus Zeiten vor Luther hat unser Volk gewöhnlich keine Kenntnis mehr. Vier Jahrhundert also umfasst das Gedächtnis des Volkes bei uns; ebenso weit in die Vergangenheit zurück reichen auch die volkskundlichen Überlieferungen: bis zu Faust, Eulenspiegel und den Schildbürgern.

Scheinbar weiß mancher im Volk, besonders bei den jüngeren Geschlechtern, mehr und auch aus älteren Zeiten, aber das ist dann sicher Schul-, Zeitungs- oder Bücherweisheit und nicht Überlieferung von Mund zu Mund. Ähnlich steht es mit geschichtlichen Überlieferungen von der Art: die Polletitzer Kirche heißt als die älteste weit und breit »Ahnlkirche« oder: der heilige Adalbert hat die Friedhofskirche von Prachatitz eingeweiht, endlich: der Steig, der von Bayern durch die Senke von Eisenstein nach Böhmen führt, ist von Günther angelegt worden. Solche Geschichten sind von der Kanzel herab, besonders von den Jesuiten zur Zeit der Gegenreformation, immer und immer wieder dem Volke gepredigt worden, sodass das Volk sie schließlich übernommen und von Geschlecht zu Geschlecht weiter erzählt hat. Auch die alten Schulmeister haben manche ähnliche Geschichten dem Volke übermittelt. In so ferne Zeiten reicht die Überlieferung von Mund zu Mund im Volke nicht zurück; wir bezeichnen solche Erzählungen im Volksmunde, die deutlich von einzelnen Männern ausgehen, nicht als Überlieferung, auch wenn ein geschichtlicher Kern zugrunde liegt, sonder eher als geschichtliche Sagen. In unseren Kleinstädten allerdings dürften die geschichtlichen Erinnerungen etwas weiter zurückreichen, da die Bevölkerung beim ständigen Anblick der historischen Denkmäler und im gelegentlichen Gespräche mit Kundigen zu allen Zeiten manches in die Überlieferung übernimmt; so wissen auch die unteren Schichten unserer Kleinstädter etwas von Hus, den Hussitenkriegen und den Rosenbergern und vielleicht noch mancherlei anderes.

Wie steht es in anderen Landschaften? Abgesehen davon, dass der Inhalt oft ein anderer ist, dürfte eine Untersuchung des geschichtlichen Erbes in anderen Landschaften wohl zu ähnlichen Ergebnissen führen wie bei den Deutschen des südwestlichen Böhmen, wenn auch das Gedächtnis des Volkes in Altdeutschland etwas weiter zurückreichen mag als in einem Kolonisationslande.

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Die Libuschka von Prachatitz

In unseren Tagen, wo so viele Gestalten aus dem Dunkel des Dreißigjährigen Krieges auftauchen, darf sich vielleicht auch eine Landsmännin hervorwagen, die wohl für Tausende Schicksalsgenossinnen das Wort führt: die Libuschka von Prachatitz, bekannter unter dem Namen Courasche.

Diese Lubuschka ist die Heldin der Simplicianischen Schrift: Trutz Simplex oder ausführliche und wunderseltsame Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstürzerin Courage, erschienen 1670.

Derb und unverhüllt erzählt sie darin dem Simplicissimus zu Trotz ihr abenteuerliches Leben in der sittenlosen Kriegszeit.

Ihre Laufbahn beginnt im südböhmischen Prachatitz, wo sie bei einer tschechischen Ziehmutter aufwächst. »Dieses weiß ich wohl«, berichtet sie, »dass ich zu Bragoditz zärtlich genug auferzogen, zur Schulen gehalten, und mehr als eine geringe Tochter zum Nähen, Stricken, Sticken und anderer dergleichen Frauenzimmer-Arbeit angeführt worden bin.« In späteren Jahren erfährt sie ihre vornehme Abkunft: der böhmische Graf Heinrich Matthias Thurn soll ihr natürlicher Vater, die Kammerjungfer der Gräfin ihre Mutter gewesen sein.

Als vor der Weißenberger Schlacht unter Buquoy die Kaiserlichen vor Prachatitz erschienen, glaubt die Pflegemutter die 13-jährige Libuschka nicht anders retten zu können, als dass sie ihr Soldatenkleider anzieht; ein deutscher Reiter nimmt sie auf; Libuschka bekennt sich stolz als Tschechin, ein Beweis, dass auch in der Zeit des tiefsten Verfalles das gemeine Volk die Muttersprache dem Deutschen vorgezogen: »Ich nennete mich Janko und konnte ziemlich Teutsch lallen, aber ich ließe michs, aller Böhmen Brauch nach, drumb nicht merken.« Der Reiter übergibt sie seinem Rittmeister; lange bewahrt die tapere Prachatitzerin ihr Geheimnis; ihr heißes Blut aber ist stärker als ihr Wille und der Rittmeister heiratet sie bald.

Nach dessen Tode will das liebestolle Weib das Leben genießen, da es ja heißt:

»Ein jeder Tag bricht dir was ab,
von deiner Schönheit bis ins Grab.«

Sie macht jetzt fast den ganzen Krieg mit, taucht an allen Ecken und Enden mit der kaiserlichen Soldateska auf, heiratet immer wieder und wird immer wieder Witwe, im Ganzen sieben Mal; mit anderen lebt sie bloß zusammen, wie mit dem Springinsfeld, dem Helden einer anderen Simplicianischen Schrift. Allen ihren Männern setzt sie Hörner auf, denn überall schwärmen um sie »die Importune-Hummeln wie umb einen fetten Honighafen, der keinen Deckel hat.«

Da ihr Liebesgeschäft blüht, kann sie Reichtümer anhäufen, die in Prag angelegt werden; etliche Male lernt sie aber auch die Unstetigkeit des Kriegsglücks kennen.

Schließlich gibt sie den Beruf eines Offiziersweibes auf und wird Marketenderin, wozu sie aus ihrer böhmischen Heimat manche Eigenschaften mitbringt.

Schon in vorgerückten Jahren aber immer noch ein bezauberndes Weibsbild, lernt sie im Bade, das sie wegen ihres Lasterlebens aufsuche muss, den berühmten Simplicissimus kennen. Dieser gedenkt ihrer nicht gar freundlich in seiner Lebensbeschreibung. Sie glaubt sich von ihm betrogen und so rächt sie sich ? dies der feine Witz, der sich durch die ganze Geschichte zieht ?, indem sie ihr Lotterleben offen aufdeckt und ihrem großen Liebhaber immer wieder vorhält, mit was für einer Person er sich abgegeben: »Der Troff Simplex nennet mich in seiner Lebensbeschreibung leichtfertig, item, sagt er, ich sey mehr mobilis als nobilis gewesen. Ich gebe beydes zu. Wann er selbst aber nobel oder sonst ein gutes Haar an ihm gewesen wäre, so hätte er sich an so keine leichtfertige und unverschämte Dirne, wie er mich vor eine gehalten, nicht gehänckt, viel weniger seine eigene Unehr und meine Schand also vor der gantzen Welt ausgebreitet und ausgeschrien.«

Zuletzt, schon aller Reize bar, wird das heruntergekommene und abgefeimte Weibsbild die Gattin eines Zigeunerführers und durchstreift als Herrin diebischer Zigeuner »alle Winkel Europae«.

Welches sind die Quellen dieser merkwürdigen Lebensbeschreibung? Manches mag wohl auf erlesene Einflüsse zurückgehen; sicher aber haben wirkliche Erzählungen oder Erlebnisse den Simplicissimus-Dichter Christoph Grimmelshausen, der ja unter Verhältnissen ähnlich denen seines Haupthelden den Krieg und die Kriegszeit erlebte, veranlasst, diese Geschichte niederzuschreiben, die seinen Zeitgenossen ein Spiegel sein sollte, heute aber nur fischartschen Naturen empfohlen werden kann.

Wie mag der Dichter auf unser böhmerwäldisches Städtlein Prachatitz verfallen sein? Die Form Bragoditz, heut mundartlich Brahaditz, scheint auf Berührung mit deutschböhmischen Landsleuten hinzudeuten. Böhmisches kommt auch sonst bei Grimmelshausen nicht selten vor. Sicher ist der Dichter öfter mit böhmischen Kriegsleuten zusammen gekommen und hat so mancherlei von unserer Heimat erfahren. Warum sollte er nicht auch das Urbild seiner Courage selber kennengelernt haben?

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Merkwürdige Tiernamen

Wenn manchmal Tieren, besonders Hunden, die Namen von großen Personen und wichtigen Dingen gegeben werden, so will man damit etwas, was man hasst, dem Spott und der Verachtung preisgeben; denn in den meisten Fällen gelten Tiere als verächtlich.

Wie Janssen in seiner Geschichte des deutschen Volkes seit dem Ausgang des Mittelalters berichtet, gaben die Lutheraner im Kampf um die Anerkennung ihrer Religion mit den Katholiken Hunden und Katzen den Namen »Interim«, um die verhasste Vereinbarung, die »einstweilen« gelten sollte, herabzusetzen. Dieselbe Sache wird von den Bürgern der Stadt Magdeburg in Friedrich von Raumers Historischem Taschenbuch erzählt.

Dass man in früheren Jahrhunderten aus Hass gegen die Juden Ziegenböcke »Moses« benamste, erfahren wir aus dem Ehe und Damenkapitel der Geschichtsklitterung, wie Adolf Hauffen in seinem großen Fischartwerke anführt: »Ein Jud wollt darumb nit Moses heißen, weil wir die Böck also heißen.«

Mit besonderer Vorliebe aber hat man Hunden zu allen Zeiten die Namen verhasster Persönlichkeiten gegeben, z.B. »Prinz Eugen«, »Napoleon«, »Haynau«, denn »canis est miseriae typus«, sagt Praschius da, wo er in seiner Sammlung bayerischer Idiotismen (1689) dialektische Übertreibungen hundselend usw. aufzählt.

Ein nicht seltener Name für Hunde in Süddeutschland war einmal »Bismarck«. Bekannt ist, dass die Bayern ihre Hunde mit Vorliebe »Bismarck« genannt haben.

Ein lustiger Zechkumpan hat mir einmal die folgende Schnurre erzählt: Bismarck ging eines Tages im Bayernlandl mit einigen Freunden zu Fuß über Land; als sie an einer Sauherde vorbei kamen, gerieten die Säue in Unordnung und der Hirt rief dem Hunde zu: »Bismarck! Bismarck!« Bismarck ließ den Sauhirten zu sich rufen und fragte ihn, ob in Bayern alle Hunde Bismarck hießen. »Naa«, gab dieser zur Antwort, »sched (nur) d Sauhund!«

Sicher laufen auch heute noch Tiere mit solch merkwürdigen Namen um.

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Das Wasservogelsingen im Böhmerwald

Eine der schönsten Aufgaben der Volkskunde ist die, den Spuren der Wanderung von Volksgut nachzugehen und so zu zeigen, wie das Volkstum einer Gegend in das einer anderen übergeht. Innerhalb eines und desselben Stammes gibt es ja so viele Verschiedenheiten, dass jeder Landstrich, der halbwegs abgeschlossen ist, ein ganz eigenartig entwickeltes Volkstum aufweist. Wie man etwa der Verbreitung der Volkstrachten und Baustile oder der Familiennamen und Mundarten von Dorf zu Dorf nachgegangen ist, so kann auch das Verbreitungsgebiet bestimmter Sitten und Bräuche scharf abgegrenzt werden. Ja, hier fallen die sonst recht merkwürdigen Übergangsgürtel weg: bei Sitte und Brauch gibt es im Volke kein Aufnehmen oder Austauschen, was in dem einen Dorfe alter Brauch ist, wird allezeit weiter geübt, während es in anderen Dörfern anders gehalten wird.

Im Folgenden will ich das Verbreitungsgebiet des Wasservogelsingens im Böhmerwald abgrenzen und zeigen, wie dieser Brauch vom bayerischen Mutterstamm nach Böhmen übergegriffen hat und bei uns heimisch geworden ist.

Die Pfingstbräuche unseres bayerischen Stammes sind heute recht verschiedene Formen eines und desselben alten Brauches; bekannt sind ja der »Pfingstritt«, die vielen »Pfingstlümmel« und »Pfingstl« oder die verschiedenen »Wasservögel«. Unter letzterem Namen gehen recht verschiedene Bräuche; in vielen Landschaften heißt der Bursche so, der am Pfingstmorgen als der Säumigste befunden, mit Laub umkleidet im Dorfe herumgeführt und zuletzt ins Wasser geworfen wird. Im Böhmerwald wird der »Wossavogl« also geübt: In der Nacht vom Pfingstsonntag auf den Pfingstmontag kommen die Burschen des Dorfes zusammen, wählen aus ihrer Mitte den Wasservogel, der den Vorsinger macht, ziehen dann von Haus zu Haus und singen überall das »Wossavoglliad«. In den Häusern halten die jüngeren Weiber und Mädchen bei einem Dachfenster oder sonst einem Versteck Töpfe und Eimer mit Wasser bereit und nach dem Absingen des Liedes werden die Burschen tüchtig begossen. Dann treten die Sänger ins Haus, wo sie mit Eiern, Mehl, Schmalz und Speck oder auch mit Geld beschenkt werden. Und wenn das ganze Dorf »ogsunga« ist, kommen die Burschen im Wirtshause zusammen, da werden beim Ofen die nassen Kleider getrocknet und mit Hilfe der Wirtin die Gaben aufgekocht und aufgegessen. Manchmal wird auch in Nachbardörfer gezogen, wo der Brauch daheim ist.

Der Vorsinger hebt bei jedem Hause immer an:

»Wir reisen her am Obend spot,
wohl in da heilin Pfingstnoch«,

worauf die übrigen Burschen den Kehrreim singen:

»Z Obend schlofts nit,
z Obend schlofts nit,
weit roasen wir daher.«

Der Vorsinger singt dann etliche Gesätzlein, die den Bauern, die Bäuerin, das Gesinde, die Bauernarbeit loben und preisen, etliche Bettelreime, dann Gesätzlein über die Herkunft einiger Sänger, die andeuten sollen, was die Burschen gern haben möchten, dann folgen Neckereien und Sticheleien auf geizige Bauern oder auf Nachbarorte und zuletzt noch oft ausgelassene Stegreifreimlein.

Unserer Form des Wasservogelsingens ist im größten Teil des bayerischen Waldes daheim und da recht beliebt und im Volk eingewurzelt; oft hört man um die Pfingstzeit alte Leute reden: »Ob ich noch einmal den Wasservogel hören werde!« Im Böhmerwald kommt das Wasservogelsingen nur in der Winterberger Gegend entlang der alten böhmisch-bayerischen Grenze vor, und zwar in dem Lande zwischen Lusen und dem Dreisessel, also in folgenden Siedlungen: Adlerhütte, Birkenhaid, Böhmischröhren, Brandhäuser, Buchwald, Elenbachl, Filz, Fürstenhut, Gansauerhaid, Guthausen, Hirschbergen, Hüblern, Hüttel, Josefstal, Kuschwarda, Landstraßen, Leimsgrub, Mehregarten, Neuelendbachl, Neutal, Oberlichtbuchet, Oberzassau, Pumperle, Röhrenberg, Schillerberg, Schönberg, Scheureck, Schlösslbachl, Tusset, Unterlichtbuchet, Unterzassau und Wolfsgrub.

Das Land um die weite Senke zwischen dem Lusen und dem Dreisessel, wo schon die alten drei Goldenen Steige nach Prachatitz, Winterberg und Bergreichenstein hereinführten, ist alter Urwaldboden. Fast alle Orte hier sind erst gegen Ende des 17., im 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts als Walddörfer, Glashütten oder Holzhauersiedlungen entstanden. Das Volkstum ist stark zusammengewürfelt, und ein großer Hundertsatz der Roder ist aus dem Bayerischen ins Land gekommen. Das weite, offene Tor hat einen regen Verkehr hinüber und herüber zur Folge gehabt, der im 18. Jahrhundert nach der Besiedlung der Gegend am stärksten war. So reicht denn auch zu beiden Seiten des alten Passau-Winterberger Weges um Kuschwarda der Brauch am weitesten ins Land hinein. Hier schlagen die Wellen des wäldlerischen Volkstums am stärksten herüber. Die bayerischen Nachbarn und wohl auch bayerische Wasservogelsinger, die herüber kamen, haben im 18. Jahrhundert den Brauch bei uns eingeführt, und von den Holzhauern, Glashüttenleuten und dem Waldbauernvolk, denen ja Singen und Sagen mehr ansteht als dem schwerblütigen Bauerntum im Getreidelande, wird der Brauch bis heute gepflegt. Dass der Brauch erst in junger Zeit herüber gekommen ist, zeigen auch die folgenden Gesätzlein, die auf nähere und weitere bayerische Orte deuten und bei uns immer noch mitgesungen werden, wenn auch manchmal nur umgedeutet oder verderbt, etwa:

»Oan hom ma da uns aus Fürholz,
der tuat a so ums Küahschmolz.«
»Der onda is a Boja,
der tuat a so um d Oia.«
«Oan hom ma va da Nuiweit,
der tuat a so ums Seiwageid.«
»Und oana is von Reichner Kreis,
der tuat a so ums schweina Fleisch.«
»Umd oana is von Oberzell,
der tuat a so ums Woizen meih.«

Dem Volkskundler ist es eine alte Weisheit, dass jedes junge Volkstum immer und überall dem Einfluss der älteren Nachbarschaft ausgesetzt ist. Und diese Nachbarschaft war für das Land zwischen Lusen und dem Dreisessel das Bayerische mit seinem Wäldlervolk, mit dem unsere Waldleute mehr zusammenhingen als mit den Bauern in unseren alten Dörfern. Halt macht der Brauch erst vor den alten Siedlungen des Böhmerwaldes, die über den Dreißigjährigen Krieg hinaus reichen und wiederum ein ganz anderes Volkstum aufweisen, also vor Außergefild, Obermoldau, Wallern und den Salnauer Dörfern. Die letzen Orte, die unseren Brauch noch kennen, sind Buchwald unterm Lusen und Hirschbergen unterm Dreisessel im Südwesten. Über die Gebirgsstöcke des Lusen-Rachel und des Dreisessel-Blöckenstein hinaus geht im Böhmerwald der Brauch nicht mehr, denn beide Stöcke haben das Volkstum hüben und drüben stärker voneinander getrennt.

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»Auf die Kirchweih laden«

Das Volk kommt ohne eine Redewendung schwer aus, die sich sträubt, auch vom Volkskundler zu Papier gebracht zu werden. In besseren Kreisen wird gewöhnlich die Verblümung »Götzzitat« gebraucht, wenn in einem Berichte von einer solchen menschlichen, allzu menschlichen Angelegenheit die Rede ist. Wer über die Sache selber Näheres erfahren will, schlage das Deutsch Wörterbuch der Brüder Grimm auf.

In den unteren Schichten des Volkes ist die Verlegenheitsverblümung »Götzzitat« noch nicht gedrungen. Unter den vielen, vielen Umschreibungen und Verschleierungen, die sich das Volk für die gröbste aller Beleidigungen ausgedichtet hat, wenn es einmal nicht deutlich sein will, ist wohl die verbreitetste »jemanden auf die Kirchweih laden«, »in den Kirta laden«. Diese beschönigende Redensart wird aber meist nicht unmittelbar im Wortwechsel gebraucht, sondern erst, wenn die Sache breit getreten und weiter erzählt wird; ins Gesicht sagen sich die Menschen aus dem Volke die Beleidigung unverblümt, wie es aristophanische und fischartsche Naturen auch sonst tun; doch wird im Volk eine solche Beleidigung lange nicht für so schwer angesehen wie unter Gebildeten; wenn es einmal doch zu einem »Klagl« kommt, wie man eine Ehrenbeleidigungssache nennt, so hat der Kläger wohl eine günstige Gelegenheit beim Schopf gepackt, seinen Gegner vor den Richter zu ziehen. Doch kommt auch die unmittelbare Aufforderung vor: »Du kimm fei in Kirta!« wie Schmeller im Bayerischen Wörterbuch aus dem bayerischen Walde berichtet. Das höhnische »Kirchweihladen« ist im Süddeutschen weit und breit üblich, am geläufigsten in den egerländisch-oberpfälzischen Landschaften, wo ja bekanntlich nicht die höflichsten Leute wohnen: die »gruam Echalanda« nennen sie sich selber. Nach den Brüdern Grimm ist unsere Redensart auch im Fränkischen und Sächsischen (»einen auf die Kirmst bitten«) nicht unbekannt. Auch die Bauern der Iglauer Sprachinsel verwenden die Redensart oft und gerne. In anderen Landschaften wiederum, wie z.B. im Böhmerwald, ist das höhnende »Kirchweihladen« ganz unbekannt. Die Redensart scheint alt zu sein, sicher bekannt ist sie seit dem 17. Jahrhundert (nach Birlinger, Zum alemannischen und schwäbischen Wortschatze im 10. B. der Alemannia). Im Schrifttum habe ich die Wendung bloß in den köstlichen »Abenteuern der sieben Schwaben«, enthalten im »Volksbüchlein« beim braven Ludwig Aurbacher gefunden, dem Gott ob der Freude, die er bei jung und alt verbreitet hat, eine fröhliche Urständ schenken möge: Da begegnet in der Gegend von Schwabeck im Schwäbischen den sieben Schwaben eine schöne Bauerntochter, die besonders dem Blitzschwaben ins Auge sticht; er stellt sie und redet sie an, spricht gleich vom Heiraten und schwätzt allerhand närrisches Zeug; die Maid lässt sichs eine Zeitlang gefallen und lädt schließlich schnippisch den Zudringlichen »auf die Kirbe«.

Wie mag die Redensart vom »Kirchweihladen« entstanden sein? Vielleicht ist sie eine harmlose Verblümung: anstelle der Beleidigung setzt der Spötter ironisch eine Ehrung, denn auf ein Kirchweihfest geladen zu werden, ist immer ehrenvoll und angenehm. Vielleicht aber ? und das scheint mir wahrscheinlicher ? ist die Wendung eine geschickt versteckte Derbheit, da eine Kirchweih nicht nur etwas Heiliges, sondern auch etwas recht Unheiliges ist. Ist doch der Kirchweihschmaus das Höchste, das sich ein Herz vom Lande vorzustellen vermag, und zu einer Art Schmaus, der allerdings nicht so munden dürfte, wird ja auch der, welcher durch die Beleidigung getroffen werden soll, eingeladen. So sagt das Volk zu allem Möglichen und Unmöglichen gern »Kirchweih«: »Was habts denn da für an Krita auszmacha?« ruft man in recht zweideutigem Sinn nach Schmeller im bayerischen Wald Zankenden zu, wohl erwartend, dass es jeden Augenblich zum »Kirchweihladen« kommen wird.

Mag nun eine oder andere Deutung richtig sein, bei beiden hat sicher mitgewirkt, dass sich das Volk eine Wendung schaffen wollte, die so und so aufgefasst wird, mit der man anstößt und nicht anstößt, wobei der, welcher die Beleidigung ausspricht oder weiter erzählt, selber nicht gepackt werden kann, wie man denn seinem Nächsten, dem man nicht besonders grün ist, gern eins am Zeug flickt, wenn man sich selber sicher weiß.

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Böhmische Wallfahrer

Wenn in früheren Zeiten böhmische Wallfahrer ins Bayerische kamen, da lief in Stadt und Dorf alles herbei. Der Betvater suchte schnell seine Sänger zusammen, und die Pilger gaben den Zuhörern ein Lied zum Besten; die bayerischen Kreuzscharen konnten nämlich nicht singen, die schrien ein ums andere Mal: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr Gott Sabaoth, Himmel und Erde sind seiner Herrlichkeit voll.« Sonst aber wünschte man die böhmischen Wallfahrer überall zum Teufel, denn in Böhmen ? der bayerische Kardinal Faulhaber hat vor einigen Jahren auf dem Münchener Katholikentag die Geschichte erzählt ? steht in einer Kirche der Moses auf dem Altar und hat seine zwei Gesetztafeln in der Hand und deutet mit dem Finger auf Nummer sieben der Gesetztafel.

Als »Böhm« bezeichneten die Bayern nicht nur die tschechischen Wallfahrer, die oft weit aus dem inneren Böhmen zur Passauer Muttergottes »Maria Hilf« pilgerten, sondern auch die »Passaugänger« aus den deutschen Grenzdörfern Böhmens, welche besonders zu Pfingsten scharenweise nach Passau zur Firmung zogen, wobei nach alter Sitte die Paten ihren Firmlingen vorlogen, dass sie vor der Firmung die dicke Eisenkette auf dem Domplatze durchbeißen müssten. Wo also solche »Böhm« erschienen, da erfreuten sich die Bayern an dem schönen Gesang und riegelten Tür und Tor zu.

»Jetzt kommen die gelbhoseten Böhm, jetzt wirds regnend werden!« sagten die Passauer immer, wenn eine böhmische Kreuzschar singend und mit wehenden Fahnen in ihrer Stadt einzog. In dürren Jahren pilgerten nämlich Regenprozessionen aus Böhmen mit Vorliebe zur Passauer Muttergottes. Und wenn sich trotz den Bitten das Wetter nicht änderte, so schimpften die Pilger auf der Heimreise über die bayerischen Heiligen, die sie nicht verstanden hätten. Einmal soll eine heimkehrende Wallfahrerschar beim Sonnenschein gesungen haben:

»Heilige Mutter Anna,
du hast uns nit verstanna,
du hast uns ja überhört,
wir haben einen Regen begehrt!«

Ein anderes Mal wiederum überraschte statt des Regens gar schon der Schnee die Wallfahrer, die damals gesungen haben sollen:

»Heilig Mutter Anna,
du hast uns wieder nit verstanna,
wir haben dich bitt um einen Regen
und du schickst uns ein Schneib entgegen!«

Mit Behagen erzählen die Passauer, dass böhmische Pilger einmal über ihren Domplatz zogen, vor dem Standbilde Max Josephs, der schirmend seine Hand hält, halt machten, auf die Knie niederfielen und wie die Zigeuner laut eine tschechische Litanei herunter gebetet hätten, da sie den bayerischen König für einen Heiligen hielten. Große Angst hatten vor böhmischen Kreuzscharen immer die Passauer Betbüchelkrämer, wie mir der liebe Bieringer aus seiner Lehrzeit beim alten Waldbauer einmal erzählt hat: wenn »Böhm« bei einem Stande eine Zeitlang stehen geblieben waren, so konnten die Lehrburschen nachher immer einen Haufen Schachteln zusammen tragen; die Betbücher waren nirgends mehr aufzufinden.

Der bayerische Volkswitz erzählt auch gerne, wie die böhmischen Wallfahrer in Gesprächen die Heiligennamen verdrehen: für Mariahimmelfahrt, Mariaheimsuchung oder Fronleichnam sagen sie angeblich »Mariasteigafhimmel« oder »Mariaforzafhimmel«, »Mariasuchsmihom« und »Frauleichmisafdnocht«.

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»In vino veritas, im Bier ist auch etwas!«

Es sei einem Volkskundler, der selber trinkfreudig ist, gestattet, einiges von den Sprüchen, Redensarten und Bräuchen mitzuteilen, die im Böhmerwald, wo bekanntlich die Welt gern durch das Bierglas betrachtet wird, mit dem Biertrinken verbunden sind.

Gegenüber dem Weine, der seit eh und je gelobt und besungen wird, kommt ja das Bier entschieden zu kurz, obwohl schon eine alte Weisheit verkündet: »In vino veritas, im Bier ist auch etwas!«

Zutrinksprüche: »Gsundheit!« Häufig auch »Gsellschaft!« In vorgerückter Stunde: »Liederlichkeit!«

Der Gemütsmensch trinkt sich selber zu: »Sollst leben!« und nennt seinen Namen; dann fügt er hinzu: »Mit dem Herrn trink ich nämlich am liebsten!«

Der Wirt fordert die Gäste also zum Trinken auf: »Trinkts, die Brauerei braucht leere Fässer!« Wenn einmal ein Waldler sein Kind vom Biere kosten lässt, so sagt er. »Trink, dass d groß und stark wirst!« Die Saufbrüder rufen einander zu: »Saufts, in hundert Jahren werfen sie mit unseren Knochen die Äpfel vom Baum herunter!«

Die drei Wünsche des Biertrinkers: »Bier, Bier und noch einmal Bier!« Der Stoßseufzer: »Was ist der Mensch ohne Bier?!« Sein Glaubensbekenntnis: »Ich glaube, dass eine Maß Bier mehr ist als eine Halbe.«

Die unentwegten Biertrinker nenne das Bier das »nasse Essen« und sagen gern: »Wenn ich kein Bier trinken kann, dann pfeif ich aufs ganze Leben.« Wir sagen das aber nicht so fein.

Die Genießer reden: »Essen und Trinken hält Leib und Seel zusammen.« Die Draufgänger: »Wer kein Bier trinkt, hat keine Schneid!«

Von einem, der viel Bier trinkt, sagt man mit einer Verblümung: »Der mags Bier nicht«, auch »Der kann kein Bier sehen.«

Der Trübsalbläser meint: »Das Bier ist nicht mehr wert, als dass man es trinkt.«

Von einem, der sich gern ein Glas Bier zahlen lässt, heißt es: »Dem hat der Doktors Bier verboten, nurs Fribier hat er ihm erlaubt.«

Alte Sprichwörter: »Besser ein Rausch als ein Fieber« oder »Besser, man trägts Geld ins Wirtshaus als in die Apotheke«; sprichwörtlich sind auch die ururalten Schulmeister, die tüchtig hinter die Binde gegossen haben müssen, denn unsere Waldlerbauern sagen noch heute: »Wenn ein Kalb nicht saufen will, so hängt man es zwischen zwei Schulmeister.«

Vom großen Durst: »Da wird alleweil vom großen Saufen geredet, aber vom großen Durst, den unsereiner leidet, redet niemand«; sprichwörtlich ist auch im Wald der »bayerische Durst«.

Das Bieranzapfen wird bei uns scherzhaft die bayerische Volkshymne genannt.

Das schlecht eingeschenkte Bier hat eine »Kaiser« ? oder »Generalborte«.

Die bäuerliche Bierprobe: Man schüttet Bier auf die Bank und setzt sich darauf; geht beim Aufstehen die Bank mit in die Höhe, so ist das Bier gut.

Das bäuerliche Zählverfahren: Bei jedem Glas Bier wird ein Knopf der Weste aufgeknöpft; ist die Weste bereits ganz offen, dann wird wieder bei jedem Glas ein Loch nach dem anderen zugeknöpft.

Wird Bier ausgeschüttet, so schreit gewöhnlich alles: »Kindstauf!« Der Griesgram sagt in einem solchen Falle: »Da soll lieber ein Kloster (? in Gesellschft eines geistlichen Herrn »eine Harstube!« ?) abbrennen, bevor ein Bier verschüttet wird.«

Der Lebensgrundsatz des Biertrinkers: »Von der Wiege bis zur Bahre sind die schönsten Lebensjahre.«

Will ein Biertrinker die Gesellschaft verlassen, so heißt es: »Bleib, so jung kommen wir nicht mehr zusammen!« oder »Bleib, bis du gern gehst!« Vielleicht sagt dann der Schwankende zum Wirt: »Also noch eins, zum Abgewöhnen!« Hat er endgültig Schluss gemacht und stellt sein Glas verkehrt auf den Tisch, so bedeutet diese Geste so viel wie das bekannte geflügelte Wort aus dem »Götz von Berlichingen«.

Der Vernünftige aber soll beizeiten sagen, gehört hat es aber noch niemand im Böhmerwald: »Wenns einem am besten schmeckt, hört man auf!«

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Die Prachatitzer Säumerglocke

In der Böhmerwaldstadt Prachatitz, dem mittelalterlichen Salz-Umschlagsplatze an dem Wege von Passau nach Böhmen, der als »Goldener Steig« bekannt ist, läutet tagtäglich auf dem Turme der Stadtkirche um zehn Uhr die sogenannte Säumerglocke in die Nacht hinaus; dieser alte Brauch ist den Einheimischen lieb und bereitet den Fremden, die heute anstatt der Salzsäumer die Stadt gerne aufsuchen, viel Freude.

Gewöhnlich macht der freundliche Gastwirt die Fremden auf das Läuten aufmerksam und erzählt ihnen dabei allerhand von der Säumerglocke, besonders wenn sie sich im Gasthof »Zur Säumerglocke« aufhalten; nachher kann man in den vielen Schriften über den Böhmerwald Schilderungen der Art lesen, wie sie etwa in Franz Höllrigls nun 50 Jahr altem Büchlein »Aus dem Böhmerwald« stehen: »Die Säumerglocke rief in den glücklichen Tagen des Goldenen Steiges, als noch in zahlreichen Handelskarawanen auf Saumrossen die Waren durch den Böhmerwald gingen, die verspäteten Säumer. Eine Stunde lang tönte in früheren Zeiten diese Glocke, bis auch der letzte Verirrte den Pfad zur Stadt gefunden hatte.« Ähnliche Fabeleien sind früher oder später immer wieder aus einem Buch ins andere abgeschrieben worden.

In Wirklichkeit wurde die Glocke in vergangenen Zeiten aus ganz anderen, viel verständlicheren Gründen geläutet: sie ist eine alte Sperrstundglocke, wie sie nach unseren Wörterbüchern und einschlägigen Werken (besonders Paul Sartori, Das Buch von den deutschen Glocken, 1932) in vielen Gegenden in Brauch gewesen sind; in alten deutschen Quellen hießen sie »Bierglocken«, bei den Süddeutschen »Hussausglocken« und in den böhmischen Ländern manchmal »Holomekenglocken« (das tschechische Wort holomek bedeutet Lump, hier wohl im feuchtfröhlichen Sinne, dann aber auch Gerichtsdiener). Die Einheimischen verwenden im Allgemeinen den Ausdruck Säumerglocke nicht; in der Stadt heißt das Geläute »s Zehne-Läuten« oder häufig auch noch wie in früheren Zeiten »s Lumpnglöckl«; nur Fremden gegenüber gebraucht man gerne den neueren Namen Säumerglocke in der schriftdeutschen Lautform.

Jeder Prachatitzer weiß gut, dass man die Glocke nicht weit in der Umgebung hört; auch dass sich in den Wäldern im Umkreise der Stadt kein Salzsäumer verirren konnte; wer sich endlich einmal die gut erhaltenen Reste des Steiges, tiefe, gepflasterte Hohlwege am Abhange des Schwarzberges, im Volk »Samerweg« genannt , angesehen hat, glaubt die Fabel vom Verirren bestimmt nicht. Wohl aber drohten den trinkfreudigen Salzsäumern Gefahren in den vielen Gasthäusern unserer Stadt im Beisammensein mit den recht gemütlichen Prachatitzern; so schrieb denn auch ganz richtig Karl Pröll in seinem schönen Büchlein von den »Vergessenen deutschen Brüdern«, dass die Glocke »einst die in der Stadt wohnenden Treiber und Salzspediteure mahnte, nicht zu spät in die Herberge zu kommen und guten Durstes zu sein.« So ähnlich, nur etwas amtlicher, hat es nach Grimm schon in der alten Erfurter Stadtordnung geheißen: »Dass niemand nach der bierglocken in den schenkhäusern bleibe.«

Ein alter Brauch, sonst wohl überall schon abgekommen ? in einigen anderen Orten am alten »Goldenen Steig« wird er noch geübt ? hat sich also in Prachatitz in unsere Zeit herübergerettet, in der er keinen rechten Sinn und Grund mehr hat; heute besorgt der Gemeindepolizist in mitternächtlicher Stunde das Geschäft der alten Sperrstundglocke. Wider besseres Wissen deutet man aber den alten Brauch aus einer Art Heimatstolz heraus immer wieder gern als »Säumerglocke«; so hat sich die Schlauheit der Prachatitzer, die stark auf den Fremdenverkehr angewiesen sind, einen sinnlos gewordenen Brauch zu Nutze zu machen verstanden. Über die Umdeutung erzählt Josef Meßner, seines Zeichens Wirt in »Meßners Gasthof«, der seit Beginn unseres Jahrhunderts »Säumerglocke« heißt, in seinem Buche »Prachatitz, ein Städtebild«, zum erstenmal erschienen 1885, dass »irgend ein Romantiker zu Anfang der vierziger Jahre der Glocke den Namen beigelegt habe, der vollkommen aus der Luft gegriffen sei.«

Während des großen Krieges war es schon so weit, dass die Glocke abgenommen und weggeschafft werden sollte; doch gelang es der Fürsprache einiger maßgebender Männer im letzten Augenblicke, die Glocke und mit ihr wohl auch den alten Brauch der Stadt zu erhalten, was damals nicht überall geschehen ist. Seither hat der Brauch sogar noch eine Neubelebung erfahren: unsere strebsamen Lichtbildkünstler bringen um die Wette ganz schöne Karten der Kirchturmluke mit der Glocke heraus ? und die Fremden bekommen diese Karten mit der sogenannten Säumerglocke als liebe Erinnerung an Prachatitz, das »böhmische Nürnberg«, angehängt.

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Der Name Sauheitl

Einer der häufigsten Namen unter den Alteingesessenen der an altbayerischen Merkwürdigkeiten überreichen Böhmerwaldstadt Wallern ist der Name Sauheitl, der bei Fremden regelmäßig Kopfschütteln verursacht. Die Einheimischen denken sich nichts dabei; in den letzten Jahren allerdings haben sich einige Sauheitl des Namens geschämt und andere Namen angenommen.

Die Deutung des Namens ist klar, wenn sie auch nicht auf den ersten Blick einleuchtet: um die Wende des 15. und 16. Jahrhunderts ? weiter kann ich die Wallerer Familiengeschichte nicht verfolgen ? lebte nach Rosenbergischen Urbaren, die im Schwarzenbergischen Zentralarchiv in Krummau aufbewahrt werden, in Wallern ein Georg Heidl, der vielleicht der Ahnherr der Sauheitl ist. Heidl ist wohl die Kurzform des alten Namens Haidulf wie etwa Eckl von Eckart (nach dem schönen Bayerischen Namen-Büchlein von J. W. Erberl, Freising 1858). In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts taucht dann schon der Name Sauheitl in Akten und Stadtbüchern auf und ist bald einer der häufigsten Wallerer Namen. In Wallern war neben der Rinderzucht die Schweinezucht daheim und viele Wallerer lebten vom Ochsen- und Sauhandel; an die Schweinezucht erinnern noch heute viele Namen.

Wenn nun etwa ein Heidl ein Wirt war, ein anderer Schulmeister und ein dritter Sauhändler oder Sauzüchter, so hieß man, um die Heidl auseinanderzuhalten, den einen Wirtheidl oder Bierheidl, den anderen Schulheidl und den dritten Sauheidl. Der Name Sauheidl wurde nun später Familienname und bald so, bald so geschrieben und ausgesprochen, am häufigsten Sauheitl, wie sich alle Träger des Namens heute schreiben. Wir haben uns früher über diesen merkwürdigen Namen viel den Kopf zerbrochen; als ich aber einmal in der Prachatitzer Gegend einen Schweinehändler kennen lernte, den das Volk Saudeml nennt nach seinem Berufe und seinem Hausnamen Deml, da leuchtete mir die Deutung des merkwürdigen und einmaligen Familiennamens sofort ein.

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Johannes von Nepomuk im Volksmund

Johannes von Nepomuk ist einer der beliebtesten Volksheiligen: sein Tag wird bei uns festlich begangen und überall in katholischen Gegenden, auch in den fernsten Ländern, verehrt man ihn als den Brückenheiligen.

Lebt nun unser heiliger Landsmann, der einer der weltbekannten Namen der böhmischen Heimat ist, auch außerhalb der Kirche im deutschen Volksmund?

Ja und nein!

Der naheliegende Reim Nepomuk auf Bruck brachte allerhand geistliche und weltliche Reime hervor, unter denen wohl die des »Prager Musikanten« von Wilhelm Müller jedem Deutschen geläufig sind:

»Unser Schutzpatron im Himmel
heißt der heilige Nepomuk,
steht mit seinem Sternenkränzel
mitten auf der Prager Bruck.«

Ein einziges Mal taucht der Heilige auch im deutschen Sprichwörterschatz ? ein alter Spruch in neuem Gewande ? auf:

»Glücklich über die Bruck,
Verlacht man Nepomuk.«

Geläufiger ist in und außerhalb unserer Heimat sein Name: die Kurz- und Koseform »Muckerl« zu Nepomuk bezeugte schon vor einem Jahrhundert im Volk ein bayerischer Sprachforscher; bei den Süddeutschen, vielleicht auch anderswo, macht dieses Wort eine Bedeutungserweiterung mit und wird für jemanden aus Böhmen schlechthin ? ähnlich wie der Name Wenzel ? verwendet: »böhmischer Muckel!« rief mich gern ein bekannter Münchener Gelehrter.

Überall knüpft an die Brückenbilder im Volksmund eine große Anzahl von Geschichten der verschiedensten Art an, von denen drei bezeichnende aus unseren Gegenden mitgeteilt seien.

Ein armer Schuster, heiß es bei den Waldlern, versteckt sich Tag für Tag hinter dem heiligen Nepomuk auf der Prager Brücke seine Sparkreuzerlein; einmal kommt er darauf, dass auch hier das Geld beim Teufel ist; so erhebt er denn die Hand und lässt seinen Zorn an dem Heiligen mit einem landesüblichen Fluche aus.

Unsere Finanzer geben gern die Geschichte von einem durstigen Grenzwächter zum Besten, der nach dem nächtlichen Dienstantritt dem Brückenheiligen Mantel und Gewehr umhängt und sich ins Wirtshaus stiehlt; der Vorgesetzte des Grenzers gibt dem Heiligen, weil er ihm nicht Rede und Antwort steht, einen derben Stoß, und es geht jetzt dem vermeintlichen Grenzwächter haargenau wie dem Heiligen in der Legende, bis sich der Irrtum herausstellt.

In den egerländischen Dörfern wird gern die Ulkgeschichte vom heiligen Nepomuk erzählt, der am Morgen seines Festes Kolatschen mit Powidl als sinnige Weihegabe in der Hand hält.

Die außerkirchliche Volkstümlichkeit des heiligen Johannes von Nepomuk ist also etwas anderer Art als die der meisten Volksheiligen: wenn man von den halbkirchlichen Liedern, Bräuchen und Volksschauspielen bei uns absieht, so ist er als Heiliger mit seinen Wahrzeichen und Legenden nicht volkstümlich, wohl weil er erst 1729 heiliggesprochen wurde; recht bekannt und von allerhand Überlieferungen und Dichtungen, umrankt aber sind im Munde des deutschen Volkes die Standbilder des Heiligen.

Die Häufigkeit und Vielfältigkeit bezeugen die folgenden Goethischen Knittelverse ? in dem Gedicht »Celebrität« ? am schönsten:

»Auf großen und auf kleinen Brucken
stehn vielgestaltete Nepomuken
von Erz, von Holz, gemalt, von Stein,
colossisch hoch und puppisch klein.
Jeder hat seine Andacht davor,
weil Nepomuk auf der Brucken sein Leben verlor.«

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Sankt Siemandl

Die Menschen früherer Zeiten pflegten einander viel mehr als heutzutage mit Lachen die Wahrheit sagen. Der Spott war gang und gäbe und machte nirgends halt. Am ausgelassensten trieben es die Menschen an der Scheide von Mittelalter und Neuzeit.

Wenn da ein Weiblein mit den Pantoffeln das Regiment im Hause führte, so ward sie von aller Welt »Siemann« genannt. Mit demselben Worte konnte man aber auch den armen Mann bezeichnen, wie wir etwa heute einen Pantoffelhelden auch »Siemandl« titulieren. Der Volksspott hat zwei Heilige als Patrone einer Ehe aufgestellt, in der ununterbrochen »Sankt Haderleins Fest« gefeiert wird, wie sich der alte Schwankschreiber Hans Wilhelm Kirchhoff einmal ausdrückt: Sankt Siemann, im Volksmunde Sankt Siemandl genannt, und Sankt Erwei, das heißt: »Sie« ist der Mann und »Er« ist das Weib. Ihrer gedenken gar oft die alten Dichter. Auch heute noch lebt der heilige Siemandl und das heilige Erweibl fröhlich im Volk. Des ähnlichen Klanges halber ist der heilige Siemann in der Volksüberlieferung mit dem heiligen Simon zusammen gewachsen und Sankt Simon also in einen etwas üblen Ruf gekommen. Nach der Volksmeinung soll an Sankt Simons Tag kein Mann seinem Weiblein widersprechen!

Sankt Siemann ist auch der Schutzheilige einer zum Scherz erdichteten Bruderschaft der Pantoffelhelden: in Philipp Hafners Komödie »Megära« wird ein alter Herr vom Hans Wurst »jubilierter Vorsteher der Simonilad« angeredet. Auch Abraham a Santa Clara berichtet im »Judas« von den »Siemandlbruderschaften«, die scherzhafte Diplome versandten und am Tage ihres Patrons Simon ihren Frauen Fesseln anlegten. Noch in unserer Zeit soll es nach dem Biographen Wolfgang Schmeltzls in Österreich solche Brüderschaften geben, in denen arme Ehemänner ihr Herz ausschütten und sich gegenseitig aufrichten.

Hans Sachs kennt einen eigenen wunderlichen Heiligen, der den Pantoffelhelden zu Hilfe kommt und die Prügelkur an herrschsüchtigen Weiberleuten vollzieht: Sankt Kolbmann (Kolbe bedeutet so viel wie Stock). Offenbar als Gegenstück zu Sankt Siemandl und Sankt Erweibl hat Abraham a Santa Clara in seinem »Merks Wien!« auch zwei Schutzpatrone einer einträchtigen Ehe erfunden: er vergleicht das Haus zweier liebender Eheleute einmal am Ende einer langen Reihe von Vergleichen auch einem Kalender, »in dem die größten Heiligen Sankt Pacificus (Friede) und Sankt Concordia (Eintracht) sind.«

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»Erapfi, dir leb ich?«

Was täten unsere Wäldler ? und nicht nur unsere Wäldler ?, wenn es keine Erdäpfel gäbe! Wenn auch bei uns erst etwa hundertfünfzig Jahre allgemein Kartoffeln gebaut werden, so sind sie doch heute die Hauptnahrung bei arm und reich. »Allawal« werden sie scherzhaft von den Waldlern geheißen, weil sie »allawal«, wie man im Wald statt immer sagt, auf den Tisch kommen.

Da wo ich daheim bin, in Fürstenhut, dreht sich fast das ganze Jahr, ja das ganze Leben um die Erdäpfel, weil in dieser hintersten Gegend des Böhmerwaldes bloß die Erdäpfel gedeihen, und gut gedeihen, während Korn und Kraut nicht immer reif werden. Der Kartoffel gilt die meiste Sorge und die größte Arbeit des Jahres, und so wird auch manches Ereignis im Leben mit der Arbeit auf dem Kartoffelacker verquickt, etwa: »Der ist im Erdäpfelgraben gestorben.« Wie ich als Student einmal aus der Großstadt heimkam, fragte mich ein steinaltes Weiblein aus: »Ös in der Pragerstadt seids gwiss voraus, ös werdts d Erapfi schon gsetzt habn?«

Als Kinder haben wir vor der dampfenden Erdäpfelschüssel oft übermütig gebetet: »Erapfi, dir leb ih, Erapfi, dir sterb ih, Erapfi dein bin ih, tout und lewenti, Amen!« Unsere Nachbarn aus den reicheren Dörfern (die eben so viel Kartoffeln essen wie wir) haben uns spöttisch »Erdäpfelbüawein« (etwa Erdäpfelleute) gehänselt, worüber wir uns arg geärgert haben; damals ist es für einen fremden Burschen nicht ratsam gewesen, mit einer Kartoffelblüte im Hut durch unser Dorf zu gehen; wenn es ein Bauernheißsporn doch wagte, so wurde er von uns gehörig verprügelt; manche Rauferei hat mit dem Erdäpfelspott angefangen und im Bezirks- oder Kreisgericht geendet.

Als wir vor etlichen Jahren das große Fest der Heimat als Abschluss der hundertjährigen Zinsgründlerkämpfe feierten, da gingen unsere Holzhauer, jung und alt, mit einer Kartoffelblüte im Hut herum, galt es doch den Tausenden Fremden die Heimat zu zeigen, wie sie wirklich leibt und lebt. Ja, im Festzuge wurde von einem alten Holzhauer an einer Stange ein eigens aus Holz verfertigter Riesenerdapfel getragen als Sinnbild unseres Dorfes; und wenn wir nicht schon drei Fichten in unserem Gemeindesiegel gehabt hätten, damals hätten wir am liebsten eine Kartoffelblüte hineingesetzt, so stolz waren wir jetzt auf unsere Eigenart.

Mir ist die Kartoffel von meiner Jugendzeit in Not und Arbeit treu geblieben und ich ihr. Ich bin als armer Student Jahre lang auf und ab im Wald auf böhmischer und bayerischer Seite herumgewandert, bei armen Arbeitern und reichen Bauern um die Erdäpfelschüssel gesessen und habe mit den braven Leuten die saure Milch zu den Erdäpfeln gelöffelt; habe die Wäldler unterhalten fürs Essen und ausgehorcht und gern bei den Erdäpfeln von den Erdäpfeln selber angefangen.

Das Sprichwort »Der dümmste Bauer hat die größten Erdäpfel«, durfte ich nur bei den kleinen Leuten sagen; ebenso gab ich nur hier das Rätsel auf: »Warum hat unser Herrgott die Erdäpfel erschaffen?« worauf die Antwort lautete: »Damit die armen Leute auch jemandem die Haut abziehen können.« Bei den protzigen Bauern erzählte ich wiederum: »Vor wem bücken sich die Bauern am meisten?« und gab gleich die Antwort: »Vor den Erdäpfeln.«

Der Bäuerin erzählte ich, dass in Fürstenhut einmal eine Hochzeit aus lauter Erdäpfeln ausgerichtet worden sei. Die Mägde ließ ich auf die Kartoffel raten: »Hat viele Augen und kann doch nicht sehen?« und die Knechte fragte ich: »Was ist das Höchste im Glauben?«, ließ sie lange hin und her raten und sagte es ihnen dann: »Das Höchste beim Erdäpfelklauben ist der Weiberbuckel.« In bäuerischer Gesellschaft freilich habe ich etwas anderes als das Höchste bezeichnet.

Im Städtlein Wallern erzählte ich von den Leuten von Kuschwarda: »Die sind notige und verhungerte (sonst aber kreuzbrave) Leute; wenn sie sich mit Erdäpfeln recht angefressen haben, gehen sie alle Mal vor die Haustüren auf die Straße heraus und stochern in ihren Zähnen herum, damit die fremden Leute meinen sollten, sie hätten zu Mittag Fleisch gegessen.« In Kuschwarda wiederum habe ich dieselbe Geschichte haargenau von den Wallerern erzählt.

Unterm Erzählen hat mancher dreingeredet und auch was von den Erdäpfeln zum Besten gegeben, wenn uns nichts anderes eingefallen ist: In Hohenfurth im untersten Wald werden die Menschen nach dem Braten und den Erdäpfeln in bessere und gewöhnliche eingeteilt, da gibt es auf dem langen Marktplatz eine »Bratlseiten« und eine »Erdäpfelseiten«.

Wenn die Kartoffeln in einem Jahr gut geraten, so werden darauf viele Kinder, geht im Wald die Rede. Einmal ist der böhmische Statthalter durch das Dorf Humwald gekommen, und wo er hinsah, überall waren Kinder und wiederum Kinder. Er sagte zum Vorsteher: »Da gibt es aber Kinder!« Darauf hat der Vorsteher von der Leber weg geantwortet: »Weil wir halt viel Erdäpfel haben!« Die Erdäpfel sollen auch sonst »fest treiben« und verschleiernd weiß die Volksweisheit von einer, die in gesegneten Umständen ist, zu sagen, sie habe zu viele Erdäpfel gegessen.

So hat sich unser kleiner amerikanischer Einwanderer schnell Magen und Herz des Wäldlervolkes erobert; wir, die bei den Kartoffeln aufgewachsen sind, sind stark und gesund geworden und auch heiter und lustig, heiterer und lustiger als andere Menschen: was bei Schmeller im Bayerischen Wörterbuch aus einem Briefe des Jahres 1785 über die Pfalz im oberen Wald, die »Stoanpfalz« oder »Erdäpfelpfalz«, mitgeteilt wird, könnte für den ganzen Böhmerwald geschrieben worden sein: »Freund, die obere Pfalz nimmt sich besonders aus in der Laune und Kurzweil. Die Erdäpfel sind ihr, was der Haber den Pferden ist. Sie gumpt (hüpft lustig), wiehert, spitzt die Ohren, da das träge Bayern seinen Pass geht.«

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Die Herkunft der Hirschauer

Der bayrische Stamm weist etliche Örtlichkeiten auf, die im Rufe der Schildbürgerei stehen; am bekanntesten ist das schwänkeumwobene Hirschau. Es gibt im bayerischen Sprachgebiet etliche Orte dieses Namens, der größte ist die Stadt Hirschau im Bezirksamt Amberg in der bayerischen Oberpfalz; nicht der kleinste ist das böhmerwäldlerische Hirschau im Ringe der Schwarzkoppe bei der Stadt Taus auf oberpfälzisch-egerländischem Dialektboden. Als Hirschauer werden im Volksspott ausdrücklich noch die Einwohner vieler, vieler Ortschaften bezeichnet.

»Du bist ein Hirschauer«, »dumm wie ein Hirschauer«, »Hirschauerstücklein« sind weit und breit alltägliche Redensarten. Schmeller lässt die Hirschauer nur in der Oberpfalz beheimatet sein, im Bayerischen Wörterbuch heißt es: »Weilheimer Stücklein, was in der Oberpfalz Hirschauer-Stücklein«; ebenso Ludwig Aurbacher in seinen »Abenteuern des Spiegelschwaben«; auch Bronner hält die Hirschauer für oberpfälzisch, im Bayerischen Schelmenbüchlein bemerkt er: »Hirschau, bei Amberg; allerlei Stückla, das Schilda oder Schöppenstädt der Oberpfalz.«

Wenn auch die Hirschauer im oberpfälzisch-egerländischen Sprachgebiet und den südlich angrenzenden Landschaften am meisten verschrien sind, so kennt der Volksmund doch fast auf dem ganzen bayerischen Stammesgebiet die Hirschauer. Wir haben dafür auch Zeugnisse aus früheren Zeiten. Während die Dichter des 16. Jahrhunderts von den bayerischen Schildbürgernestern Weilheim und Finsing mancherlei zu erzählen wissen, kennt die Hirschauer bloß Hans Sachs, der ja nicht weit weg vom größten Hirschau daheim war; am 1. April 1559 schrieb er einen Schwank, betitelt »Der Aufruhr zu Hirschau«: Ins Wirtshaus des Städtleins Hirschau kamen einmal ? Hans Sachs erzählt aus seinem Wanderleben ? zwei Bürger mit der Mär, dass Reiter gegen das Städtlein heranzögen. Sofort wurden die Tore geschlossen und alle wehrhaften Bürger rückten aus gegen den Feind. Die vermeintlichen Feinde aber waren zwölf Bauern vom nahen Dorf Ehenfeld, die während der Arbeit im Holzschlag zwei Eichhörnchen jagten. Der Irrtum klärte sich bald auf, die Städter blieben im Wirtshaus, das gefangene Eichhörnchen (das andere war entkommen) wurde verspeist und die Bürger von Hirschau redeten nie viel von diesem Ereignis.

Neben den Schildbürgern und Schöppenstädtern nennt die Hirschauer in älterer Zeit noch ein ehedem Schöppenstädter Schulmeister, der 1619 eine »Descriptio Scheppenstadii« schrieb, und M. Zeiler, welcher in seiner »Topographia Superioris Saxoniae« sagt: »Es seyn die von Schilda, gleich wie die von Hirschau in der Oberen Pfaltz, berühmt wegen ihrer einfältigen und lächerlichen Thaten«.

Oft und oft werden in alten süddeutschen Kalendern die Schildbürgerstreiche unter dem Namen »Hirschauerstücklein« erzählt. Von den Hirschauern weiß z.B. der Österreicher Stranitzky; in seiner »Lustigen Reiß-Beschreibung« (1717) redet Hans Wurst einen Gelehrten an, als ihn die Kälte in Kroatien arg plagt: »Hochweiser Mann, gibt es kein Mittl auff denen Universiteten, sich von dem Frost und der Kälte zu retten?« Und erhält die Antwort: »Wäre mein Rath, wann du dich statt des Brustfleck deren neuer Harnisch gebrauchest, welche jüngst von Herrn Vinzenz Zipperlin, uralten Raths-Verwandten zu Hirschau seynd erfunden worden. Die Invention des gedachten Alten thut sich also verhalten: Ein Jeder, welcher bay kaltem Winter zu Reysen gedacht, solle sich in einem grossen Bund Heu verstecken und also fortmarschirn, allermassen ein Bund Heu so bald keine Kälte auf die Brust lasset, ist leichter dann ein Kürass zu tragen, koste auch nicht so viel zu schmieden, letztlich dienet er vor die Pferd.«

Auch dem Wiener sind die Hirschauer gute Bekannte: der Skriptor an der k. k. Hofbibliothek Gottlieb Leon schreibt am 16. August 1786 an seinen Jugendfreund Reinhold Professor der Philosophie in Jena, bekanntlich einen Schwiegersohn Wielands: er rechtfertigt sich, dass er ein Gedicht durch einige Änderungen an den Kaiser »gedreht« habe und schließt: »Gott wahre mich nur in Zukunft vor ähnlichen Hirschauerstreichen«. Und Hügel schreibt in seinem Büchlein, Der Wiener Dialekt, Lexikon der Wiener Volkssprache (1873): »Hirschauerstückl nennt man eine besonders dumme Handlung, einen dummen Streich.«

Dass die Hirschauer also weit und breit im bayerischen, vielleicht im süddeutschen Sprachgebiet überhaupt bekannt sind, hat wohl seinen Grund im Folgenden: »Hirsch« ist hier allgemein ein Schimpfwort für einen dummen Menschen, besonders für eine solchen, der eine dumme Handlung begeht. Gewöhnlich titulieren die Weiber die Männer im Streite mit Vorliebe »Hirschen«. Auch ist, und das kommt nicht zuletzt in Betracht, das Geweih des Hirschen »ein freilich derbes, aber treffliches Sinnbild von der Rohheit und Dummheit des Mannes, der von seinem Weibe betrogen wird«. Der Volksspott hat nun die »Hirschen« zu »Hirschauern« gemacht, als ob sie aus einem Orte stammten, wo die Dummheit daheim ist; die verwendete Ableitungssilbe ist in manchen Gegenden recht beliebt und wird zur Bezeichnung der Herkunft verwendet. Schließlich, und das ist wohl zuletzt eingetreten, hat das Volk den Orten, die zufällig Hirschau hießen (nach den Worten Hirsch oder Hirse, mundartlich Hirsch, oder dem älteren Personennamen Hirz), die Schildbürgerei angedichtet, ohne dass diese dazu irgendetwas beigetragen hätten.

Diese Hirschauer werden nun oft mit ihren Stücklein aufgezogen und rächen sich schlimm an den Spöttern. Davon berichtet schon ein 1765 erschienenes Konversations-Lexikon also: »Hirschau, Städtlein und Amt in der Oberpfalz, unter der Regierung Amberg, zwey Meilen von Sulzbach. Die Einwohner machen manchem, der sie mit ihren Hirschauer-Stücklein vexieret, eine solche Kurzweil dafür, dass ihm das Lachen insgemein vergeht.« Die bekannteste dieser Rachegeschichten steht bei Quirinus Pegaus, »Ars Apophthegmatica« (1662): »Ein Rittmeister reiste durch das Städtlein Hirschau und sagte zum Kellner, der ihm die Stieffel ausgezogen, er möchte wol einen Hirschauer Possen erfahren. Der Keller sagte, er sollte sich gedulden, und gange hinaus, schnitte die Vorfüsse von seinen Stieffeln und bracht sie ihm für Pantoffeln. Als er morgens die entfüsselten Stieffel anziehen will, fragt er, was das seye? Der Keller antwortete: Ein Hirschauer Poß!« Auch das Böhmerwäldler Spottbüchlein erzählt von solchen Rachestücklein der böhmischen Hirschauer.

Meist aber weiß das Volk gar nicht, dass es wirkliche Orte des Namens Hirschau gibt, sondern Hirschauer sind eben dumme Leute, wie sie überall herumlaufen nach dem Spruche: »Unser Herrgott hat mehr Eseln bei Brot als beim Heu.«

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»Böhmische Dörfer«

Von böhmischen Dörfern spricht der Deutsche, wenn er unbekannte, unverständliche, seltsame Dinge meint.

Zweierlei wird zur Erklärung der Wortverbindung angeführt: erstens sollen die tschechischen, im früheren Sprachgebrauche böhmische Dorfnamen, dann die fremde Sprache überhaupt, nach unseren Sprachforschern deutschen Ohren fremd liegen; zum andern wird, besonders von älteren Geschichtsschreibern, auf die Seltenheit und den Zustand der böhmischen Dörfer in der Hussitenzeit hingewiesen, z.B. in den »Hussitenkriegen« des Schlaggenwalder Humanisten Zacharias Theobald aus dem Jahre 1621: »Es war das Land alles verderbt, also dass noch ein Sprüchwort von einem unbekannten Ding ist: Es seyn bohemische Dörfer.«

Diese Redensart, die mehr unter den Gebildeten als im Volke üblich ist, mag entstanden sein, als die böhmischen Länder das meiste Aufsehen bei den Deutschen erregten: also in den Zeiten der Luxemburger und der Hussiten; damals kamen die Deutschen mit den Reichsgenossen in Böhmen am häufigsten in Berührung. Eine Herabsetzung oder gar ein Spott liegt in dem geflügelten Worte kaum, denn in früheren Zeiten verstand der Schwabe beispielsweise den Niedersachsen ebenso wenig wie den Böhmen.

Zum ersten Mal erwähnt wird das Wortbild im »Froschmeuseler« des Georg Rollenhagen gegen Ende des 16. Jahrhunderts; gelegentlich eines alchimistischen Gesprächs heißt es in dieser Tierdichtung:

»Ich sagt ihm, das bei meinen eren
mir das böhmische dörfer weren.«

Seit dem Dreißigjährigen Kriege kommt die Redensart dann immer häufiger vor, wird später in der Blütezeit unserer Dichtkunst von den Großen und Kleinen nicht selten verwendet und ist auch heute noch gang und gäbe. Eine vergnügliche Beschreibung dieses, wie Klopstock einmal meinte, gemeinen Ausdruckes gibt der Vielschreiber Gutzkow: »Bei dem einen sieht ein böhmisches Dorf so aus wie das, wovon gerade die Rede ist, beim andern wie ein Satz aus der Naturgeschichte, beim dritten wie der Pythagoräische Lehrsatz, beim vierten wie die Theorie der Gleichungen vom vierten Grade, beim fünften, einem Minister, wie sein Portefeuille, beim sechsten wie etwas, was man schon wieder vergessen hat oder, bei musikalischen Referenten, wie etwas, wovon man nichts versteht.«

Merkwürdig sind die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in immer bunterer Abwechslung auftauchenden Nebenbildungen zu unserer beliebten bildlichen Wendung: zuerst kommen arabische Dörfer vor; bald darauf ? eine Verquickung der böhmischen Dörfer mit den weit verbreiteten sinnverwandten Wörtern: Das kommt mir spanisch vor ? die spanischen Dörfer, die wohl zuerst in Goethes »Werther« erscheinen: »Das waren dem Gehirne spanische Dörfer.«

Oft werden nun Böhmen und Spanien im Bilde zusammengekoppelt; über die Gedichtzeilen des Hainbündlers Voß im Göttinger Musenalmanach:

»Fremd wie Böhmen und Spanien
sahe das Mädchen mich an,
unter blühenden Kastanien
stand ich lauschend und sann«

machte sich der romantische Kunstrichter August Wilhelm Schlegel mit den folgenden Worten lustig: »Die doppelte Fremdheit lässt sich auf den Vers selbst zurückwenden, und wenn eine andere Lesart stünde, so würde es, denke ich, den Lesern weder viel böhmischer noch spanischer vorkommen, als wie es jetzt lautet.«

Doch die Deutschen hatten mit den bisherigen Dörfern immer noch nicht genug. Ein neueres jüdisch-deutsches Seitenstück sind die polnischen Dörfer, und aus dem 19. Jahrhundert stammen noch die ägyptischen Dörfer. Seit Herder spricht und schreibt man endlich auch neben tiefen und wilden Wäldern sogar von böhmischen Wäldern, wenn man etwas Verworrenes oder Unbekanntes bildlich ausdrücken will.

Hoffentlich ist unser geflügeltes Wort, seit langer Zeit selber etwas rätselhaft, den lieben Lesern nun nach meinen Zeilen kein böhmisches Dorf mehr!

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Nachwort

Diese Aufsätze, die in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften im Laufe einer Reihe von Jahren erschienen sind, bezeugen, dass wir Böhmerwäldler Volkskundler, von der Einheit des bayerischen Stammes hüben und drüben der Grenzberge tief überzeugt, seit eh und je den Spuren des Gemeinsamen nachgegangen sind und unsere Liebe zur böhmischen Heimat mit der Liebe zu unserem bayerischen Mutterstamm in Einklang gebracht haben.

Anders hätte sich ja unsere Arbeit fruchtlos wie ein Göpel bewegen müssen.

Dem Mutterstamme gegenüber sind wir Böhmerwäldler ja nicht nur die Nehmenden, sondern in manchen Dingen sogar die Gebenden. Gerade die vorstehenden Aufsätze können ein klein wenig ? wie alle unsere Volkskunde-Arbeit ? zeigen, dass viel Altbayerisches sich schöner hinter den Bergen des Böhmerwaldes als in den verkehrsreichen Flachlandschaften Altbayerns erhalten hat.

In dieser Gesinnung sei das Büchlein ein bescheidenes Geschenk an den lieben altbayerischen Mutterstamm!

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