Blasedow und seine Söhne. Zweiter Theil

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Achtes Kapitel.

 

Erinnerungen an Justinian. Die journalistischen Flitterwochen und Polyhymniens Nase.

 

Dies Programm wurde bald gedruckt. Es waren die Propyläen der spanischen Schlösser, von denen die Brüder träumten. Es war die Bajazzomütze, die erst aufs Theater fliegt, ehe der Lustigmacher selber kommt, oder die Herculeskeule, die der Alcide vorauswirft, um mit größerm Effect dann selbst auf die Bühne zu stürzen. Den Druck aber hatte Niemand so eifrig betrieben, als der Buchdrucker selbst, der auch für seine eigene Bezahlung sorgte und dem Schlachtenmaler das unangenehme Geschäft abnahm, seinen Bruder in die Löwengrube der Wieseckeschen Rache zu werfen. Der Buchdrucker zeigte, auf seine Vorstellung, den relegirten Musensohn Amandus als Thäter an und schrieb dem neuen Wochenblatte, welches das seinige nicht zu beeinträchtigen schien, die erhaltenen zwanzig Thaler zu gute. Der Registrator aber schäumte (auch rasirte er sich eben) vor Rache, als er diese Bestätigung seiner Vermuthungen mit so vielem Gelde bezahlen mußte. Daß das Publicum gehört hatte, er wolle zahlen, darin lag für ihn schon Genugthuung genug. Da er nun wirklich zahlen mußte (wie mancher Almanach setzte nicht einen Preis für die beste Erzählung aus und behielt ihn zurück, weil keine seinen gespannten Anforderungen, die aber wenigstens ein ihm vortheilhaftes Aufsehen erregt hatten, entsprach!), so wollte er den Thäter wenigstens am Kreuze sehen. Er bedauerte jetzt, selbst dazu beigetragen zu haben, daß der junge Mensch nicht mehr unter dem Birkenstock der renovirten Gymnasialgerichts-Ordnung, sondern unter dem gewöhnlichen und allgemeinen Pranger der Justiz stand. Hätte er Muth oder der Thäter nicht drei Brüder gehabt, er würde die Justiz selbst geübt haben, sagte er wenigstens. So aber war er ein leidender Mann und trug Flanell auf bloßem Leibe und ging bei der scharfen Novemberluft nie aus der Stube auf die Hausflur, ohne einen Barometer mitzunehmen, um gleich zu wissen, wie lange er in dem Abfall der Temperatur verweilen könne, und wie viel Grad sie betrage. Ja, war er doch oft genug überzeugt, daß ihn die Schwindsucht, die er noch nicht hatte, im Sturmschritt als gallopirende überreiten könne, und saß er nicht stundenlang mit seinem kleinen Barbierspiegel, um den geheimnißvollen hippokratischen Zug zu suchen, mit welchem der Tod herbeischleiche! Genug, er eilte zu seinem Vetter, dem Advocaten Sportelhahn, und wollte Arm in Arm mit ihm den Rechtsweg in dieser Sache betreten. Sportelhahn, ein kerzengerader, trockner Mann, neigte sich mehr zum theoretischen, als praktischen Rechte, obgleich ihm die Carolina schon manchen Carolin eingebracht hatte. Dieser Tribonian von Kaputh schlorrte den ganzen Tag im langen Camisol und der schmutzigsten Schlafmütze durch seine Wohnung, die nichts als Bibliothek war. Tabaksrauch und Staub gaben die Mischung der Atmosphäre ab, von welcher (er war Junggesell) seine Umgebung geschwängert wurde. Er war übrigens geneigt zu jedem Processe und nur zu diesem nicht, weil Wiesecke sein Vetter war. »Guter Junge,« sagte Sportelhahn, indem er sich eine neue Pfeife stopfte, da ihm die alte vor Schreck über die Leichenfarbe seines Vetters ausgegangen war, »was ich dir rathen werde, kömmt vom Herzen, nicht vom Geldbeutel. Wärest du nicht mein eigen Blut, alter Kerl, ich würde dir schon meine Schröpfköpfe ansetzen und in die eine Wagschale der Gerechtigkeit deine glänzende Rechtsaussicht und in die andere meine Sportelrechnung legen. Allein, setze dich und höre!« Dabei schob er dem Registrator, statt einer Befriedigung seiner Rache, einen Stuhl hin und stützte seinen linken Ellenbogen auf den ungeheuren Quartanten des Johann Samuel von Böhmer, dem er, das Titelkupfer war aufgeschlagen, den feinen Geheimeraths-Spitzenkragen (man möchte die Brüsseler Spitzen, mit denen J. S. Böhmer immer gezeichnet wird, für allegorische römische Rechtswendungen und das Labyrinth der von Justinian gestatteten Einreden halten!) zu zerknittern drohte. »Altes Herz,« sagte Sportelhahn, »der Bubenstreich ist zunächst ein Falsum. Aber bei der Fälschung spricht die lex cornelia nicht schlechtweg vom dolus natur, und die deutsche Halseisenorduung, unser gemeines Criminalrecht, gestattet sogar, dem Kaiser seine Brabanter Thaler nachzuschlagen, wenn mans nur nicht »böslicher und gefährlicher Weise« thut. Nun ist auch von jeher gesagt worden: Man solle nur immer das Gute annehmen, bis das Gegentheil erwiesen ist ( quisquis præsumitur u. s. w.); und nun müßte bei deinem Falsum die böswillige Absicht erst erwiesen werden! Wie ?«

Und hier hat der Menschenkenner nebenbei Gelegenheit, eine feine Bemerkung zu machen. Sportelhahn war von seinem Rechte so in Anspruch genommen, wenn er darüber sprach, daß er die andere Person, als Person, immer vergaß und Bruder und Schwester nicht mehr unterschied. So fing er auch an, in der Ekstase seiner Gelehrsamkeit, seinen eigenen Vetter mit dem höflicheren Sie zu apostrophiren ? »Wie erweisen Sie das?« fragte er den Registrator, dem sich bei dieser Vergeßlichkeit die Person seines Verwandten in die Gerechtigkeit selbst zu verwandeln schien. »Aber abgesehen davon,« fuhr Sportelhahn fort, »sind auch alle Autoritäten gegen Sie.« Nun griff er blindlings in die Zimmerwände hinein und zog einen alten Tröster nach dem andern hervor. »Hier sind die Abhandlungen von Krebs und Engelschall! Was läßt sich gegen solche Namen ausrichten! ? Hier der Codextitel de mutatione nominis und der Kaiser Diocletian: Alles ist gegen Sie! Und was sagt Perez ad Codicem? At vero, si fraus et dolus malus absit , unicuique liberum est, quodcunque nomen assumere, nec eo, quod novum sumpserit, ulla actione tenetur. Außer diesen feuerfesten Beweisstellen kommen noch eine Menge anderer Umstände zur Frage. Lieber Vetter, dein angeblicher Falsar ist minorenn: wie leicht würde es seinem Rechtsbeistande nicht werden, ihn noch als völlig unzurechnungsfähig darzustellen? Ferner: du, als Denunciant, müßtest Caution, bedeutende Caution stellen, ja, bei einem nur irgend mangelhaften Ausgange des Processes gewärtigen, obenein von deinem Gegner als Calumniant verklagt zu werden. Dies ist der eine Gesichtspunkt der Sache« ? Und, obgleich dem Registrator schon aller Muth entfallen war, so hob der Vetter doch auch noch den andern hervor und fuhr fort: »Zu einer Injurienklage schritt ich nun gar erst mit verzagtem Herzen. Deine moralische, Ihre bürgerliche Ehre ist weder in der Ankündigung, noch in der Unterstellung eines anonymen Briefes verletzt, ja, im Gegentheil würde Beklagter entgegnen können, er hätte ja zehn Thaler daran setzen wollen, um diese Ehre wieder herzustellen! Auch ist das bloße Briefempfängniß, mag es nun ein Brief nach allen möglichen Schemen des Briefstellers seyn, wenn man davon spricht, keine Injurie; etwas ganz Anderes wäre es, wenn der vorlaute junge Freund Ihres Rufes den Inhalt jenes eingebildeten Briefes gebilligt und etwa gesagt hätte: Wer u. s. w..... eines Briefes, dessen Inhalt ich übrigens billige u. s. w..... Allein, im Gegentheil, er setzt eine Prämie darauf, wer den Verleumder entdeckt. Der Einwand, daß ja die Möglichkeit eines begründeten Angriffs in der Annonce vorausgesetzt werde, ist irrelevant oder, wie wir Juristen das nennen, impertinent. Endlich, lieber Vetter....«

Hier mußte Sportelhahn selber lächeln, weniger, weil der Registrator wie ein armer Sünder aussah, als, weil er sich dem Arsenal näherte, wo die Juristen ihre Hauptwaffen versteckt haben, und wo die ungeheuren endlosen Schiffstaue von ewigen Processen gedreht werden. »Gesetzt,« sagte er, »der Schlingel muß Abbitte thun (ich nehme da den glücklichsten Erfolg unserer Bemühungen an), so hast du vielleicht zehn Jahre darüber processiren müssen, bist durch alle Instanzen die Spießruthen der Advocatenkünste und Richterbedenklichkeiten gelaufen, hast auf dein väterliches Erbe Hypotheken annehmen müssen, weil der Proceß viele hundert Thaler baar an Gebühren kosten würde, hast keinen ruhigen Augenblick im Leben mehr und gehst einst mit dem schmerzlichen Bewußtseyn ins Grab, daß du nicht bloß deinen Proceß, sondern auch dein Leben verloren hast. Denn, hat der Schlingel einen guten Advocaten, etwa einen jungen, der mit dem Proceß weniger Geld, als Ruhm verdienen und seine ganze Collegiens-Weisheit hier plötzlich in ein Prakticum umsetzen will, so kommen erst die Flankenangriffe, die bei unsern Gerichten gestatteten Einreden. Wissen Sie, daß man bei uns die Einrede des Spoliums der Injurienklage so in den Weg stellen kann, daß Sie mit dem besten Rechte darauf stolpern? Der Gegner fingirt ein Spolium; er sagt: Sie hätten von ihm aus Rache eine Uhr genommen und sie noch nicht wiedergegeben..... Diese Einrede bildet nun erst einen Proceß im Processe. Sie wird durch alle Instanzen durchgejagt. Man geht darauf ein, wenn das Spolium erwiesen ist. Jetzt schiebt Ihnen ein pfiffiger Advocat den Eid zu. Ich excipire, daß dieses kein deutliches Beweismittel wäre, und, siehe, eine neue Schachtel in der Schachtel ist da, und wir müssen wieder erst durch alle Instanzen die Meinung der Gerichte hierüber abwarten. Dieser Aufenthalt macht schon einige Jahre. Man kann inzwischen gestorben seyn oder sich in dem Gegner gänzlich geirrt haben. Man söhnt sich mit ihm aus. Die Welt hat die gekränkte Ehre des Registrators ganz vergessen. Mit einem Wort, Freund, ich rathe zur Besinnung!«

Als der Registrator auf diese Schilderung eines möglichen Processes nur mit verbissenem Schmerz und einigen von seiner Versteinerung sich losbrechenden schleimigen Verwünschungs-Austerschalen dem jungen Verbrecher ordentlich ein Golgatha ausrichtete, schloß Sportelhahn endlich folgendermaßen: »Nun stehen wir vielleicht bei der Excecutions-Instanz. Nun soll der Schlingel Abbitte thun. Statt dessen schützt er wieder die Einrede der Compensation vor. Er erfindet irgend eine Injurie, die Sie ihm angethan hätten. Der alte Walzer geht von vorn an, und wir tanzen mit unsern gelehrten Juristen, die Alles beweisen, was wir bewiesen wünschen, in ewigen Kreisen herum, bis der Gegner am Ende noch replicirt, die Annonce hätte er aus Liebe zu dir gemacht; er betrachtet deine Ehre als sein Mantelkind und erklärt, er hätte als negotiorum gestor deines guten Rufs gehandelt, und schickt dir noch eine Rechnung ins Haus für gehabte Auslagen. Die Schmerzensgelder fielen von ihm auf dich, und du würdest noch obenein vom Publicum ausgelacht werden.«

Dies war zu viel für den Registrator. Er raffte sich auf und lief davon. In das nächste Wochenblatt ließ er mit Schwabacher Schrift und einer Hand, als gäb es irgendwo Rosinen zu kaufen, drucken: ? Der Verräther ist entlarvt! Dann folgte darunter: »Er ist zu jung für das Schwert der Gerechtigkeit; die Ruthe eines Zuchtmeisters sollte ihn für eine Schandthat strafen, welche meinen Ruf nicht beflecken kann. Hier nicht, aber vor Gottes Thron! Ich verachte ihn (nämlich den Verbrecher)!« Im Stillen dachte er nur noch: Besser, ein Backenstreich mit Großmuth hingenommen, als hundert Abbitten und Ehrenerklärungen auf dem Dache! Er zahlte die Prämie und verachtete den Empfänger.

Inzwischen flatterten die ersten flüggen Nummern der Zeitschrift ins Freie hinaus, und Kaputh erstaunte über diese Zugvögelschwärme, wo sich ein Exemplar nach dem andern an die verschiedenen Fenster der Stadt nistete, um das ganze, allerdings vorauszubezahlende Quartal hindurch regelmäßig den Leuten etwas vorzwitschern zu können. Wo man in diesen Tagen bei zahlungsfähigen Leuten Besuche machte, hatte man Vorsicht nöthig, auf der Treppe nicht über die neuen Nummern des Nichts zu stolpern, welche die Colporteure dorthin geworfen hatten, in der Hoffnung, daß das Meiste zwar auf den Weg falle, Einiges aber doch hundertfältige Früchte tragen dürfte. Es war für die Krämer gut: sie brauchten nicht die alten vergilbten Regierungsacten zu kaufen (Wiesecken entging hier schon wieder durch die Brüder eine bedeutende Summe, da er sich gar nicht scheute, das ganze Kriegsministerium unter der Hand ballenweise an die Victualienhändler zu verkaufen), um ihre Butter und schwarze Seife einzuwickeln. Die Friseure machten von den Probeblättern manche Papillote, und Celinde, die so wenig Lebenstact hatte, daß sie den Schlachtenmaler durch ein Abonnement zu erfreuen nicht verstand (wie selten kaufen die besten Freunde der Schriftsteller deren Werke!), trug des Morgens in ihren Haaren die rührendsten Klagen ihres Freundes; seine Thränen lachten wie Frühlingsblüthen auf ihrem Haupte ? und sie ahnete nichts davon! Es ist eine der größten Künste, mit Künstlern umzugehen. Wie man mit den Damen und Ministern, mit Fürstinnen linker oder rechter Hand umzugehn habe, ja, nach Rumohr selbst mit Bettlern und Vagabunden, das lehrten die Knigge. Nur der Umgang mit Dichtern ist sich selbst überlassen und jenen großen Fehlern ausgesetzt, welche wir täglich gegen die Lieblinge Minervens begehen. Erscheinen neue Werke von ihnen, so will man sie von ihnen geliehen haben; und, leiht man sie, so widmet man nicht einmal, um das Interesse zu verrathen, gleich die erste Nacht ihrer Lectüre; und, tadelt man, statt endlich ein mattes Lob zu stammeln, so ist der Dichter unser guter Freund, von dem wir ja wissen, daß der Gott in ihm zuweilen ausgeht oder sich sieben Stunden ruht, wenn er sechs gearbeitet hat. Celinde hatte keine Ahnung davon, wie es Schlachtenmalern schmerzte, daß sie die Unterzeichnungsliste bloß ansah, um die Freunde ihres Freundes kennen zu lernen, nicht, selbst zu unterschreiben. Celinde dachte: Der Bogen ist ja nicht sein Herz ? Schlachtenmaler knirschte die Zähne und flüsterte: »Aber er ist mein Magen!«

Der Erfolg des Blattes war zweifelhaft. Der Abnehmer waren zu viel, um es eingehen, und zu wenig, um es fortbestehen zu lassen. Die gewöhnliche Aushülfe in solchen Fällen, Regierungsunterstützung, konnte von dem fürstlichen Gouvernement nicht erwartet werden, da man eben erst mit Herrn von Lipmann eine Anleihe geschlossen hatte, scheinbar, um die Chausséen zu verbessern, edeln Riesenkohl und die fürstlich Rohansche Kartoffel in die Landesökonomie einzuführen, in Wahrheit aber, weil bei der Cavallerie das Riem- und Sattelzeug durchgescheuert war, und die Gensdarmerie neue lederne Stulpen bekommen mußte, wofür die Landstände nichts bewilligen wollten, der beruhigenden Criminalstatistik wegen. War doch, ungeachtet dieser Mißhelligkeiten, das Vertrauen zwischen Fürst und Ständen größer, als sies Beide nöthig gehabt hätten; war doch die Demagogie, die auch nach dem bekannten Ausspruche nur die Reise um, nicht durch die Welt machen sollte, noch nicht bis hieher gedrungen. Höchstens würde sich Blaustrumpf beim Consistorium verwendet haben, wenn ihm nicht gleich die erste Nummer des Nichts einen Schrecken verursacht hätte, in welchem ein Mährchen abgedruckt war, worin eine Hexe und zwei Kobolde spielten. Mörder bekam im Gegentheil eine Instruction, nach der er Alles streichen mußte, was unverständlich wäre: denn, wäre es auch nicht mystisch gemeint, so könnt es doch mystisch wirken. Mörder schrieb einige Male an den Rand der Censur: »Oden auf die Erfindung der Buchdruckerkunst wären doch wahrhaftig auch zeitgemäßer, als Balladen im Geschmack des Erlkönigs, wodurch nur der pietistische Unfug noch mehr befördert würde.« Ja, bei einer Vergleichung zwischen Schiller und Goethe schrieb eine zweite Hand (gewiß Blaustrumpfs) an den Rand: »Großer Schiller, dein »Taucher« eröffnet einen tiefen Blick in die Lehre von den Polypen, deine »Glocke« wird ein unvergeßliches Denkmal für jeden redlichen Gelbgießer, und dein »Gang nach dem Eisenhammer« ein ewig unschätzbarer Beitrag zur Berg- und Hüttenkunde bleiben.« Also von dieser Seite hatte das Nichts eher Hindernisse, als Begünstigungen zu erwarten.

Der Muth stieg indessen den Brüdern, als sich auch in diesem Jahre die Ankunft der Schauspielertruppe bestätigte, die schon im vorigen so schlechte Geschäfte in Kaputh gemacht haben sollte. Die dramatischen Künstler hatten es ja hauptsächlich dem Mangel einer dramaturgischen Publicität zugeschrieben, daß ihre Leistungen weder bewundert, noch besucht wurden; im Wochenblatt war man gewohnt, daß der Director der Truppe sich selber lobte, aber mit Namensunterschrift und mit dem Ausrufe: »Edle Menschenfreunde, wenn Sie fortfahren, unsern Tempel nicht zu besuchen, so verdiene ich weder das Oel, welches meine Lampen fressen, noch gar das, mit welchem ich meine Menschen-Marionetten schmieren muss, damit sie in den Gelenken geschmeidig bleiben. Drei Familienväter haben bei mir die Ihrigen, und ich Alle zu ernähren. Die erste Tänzerin ist im Kindbett, und das Nothdürftigste geht dem armen Wurme ab, Menschenfreunde, u. s. w.« In diesem Tone war das Kaputher Publicum gewohnt von den Coulissen her angeredet zu werden, und, da es immer dieselbe Litanei war, so ließ sie der Drucker des Wochenblatts stereotypiren. Noch einige andere Schmerzenslaute standen immer bereits fertig gesetzt, z. B. »Dank den edeln Gönnern, welche uns in der Verlegenheit, den fabelhaften Kaiser Altoum von China zu costumiren, einige noch ganz brauchbare Warschauer Schlafröcke geschickt haben!« Zu andern Annoncen verstand sich der Drucker des Wochenblatts gar nicht. Diese waren einmal von früher her gesetzt, und, da die Schauspieler keine Mittel hatten, einen neuen Artikel zu bezahlen, so mußten sie, selbst, wenn sie Turandot nie mehr spielten oder auch sonst erträglichere Geschäfte machten, doch immer jene stereotypirten Schmerzenslaute in dem Wochenblatt ausstoßen, weil auch das Publicum von Kaputh ein für alle Mal gewohnt war, auf diese Art an die Wiederankunft der Künstlergesellschaft erinnert zu werden.

Jetzt aber hatte die Truppe einen bessern Stand. Sie war von der Tyrannei des Wochenblatts erlöst. Die stolzen Theaterkönige hatten nicht mehr nöthig, den Armen Kapuths gleichsam jährlich die Füße zu waschen. Der Maßstab, der an ihre Leistungen gelegt wurde, war nicht mehr der, ob sie im Wirthshause ihre Rechnungen bezahlten, hübsch anständig auf der Straße gingen und uneheliche Kinder erzeugten, sondern der, ob sie Schlegel und Franz Horn gelesen hatten. Es handelte sich nicht mehr um den Aerger der in den Logen strickenden Damen, daß die Schauspielerin, welche die Ophelia spiele, schon wieder schwanger sey, sondern, ob Tieck Recht hatte, Ophelien wirklich einen solchen Zustand zuzuschreiben. Die junge Kritik hatte unter diesen Umständen nur noch den einen Wunsch, ihre äußere Lage möchte anständiger seyn, um die Besuche der Künstler anzunehmen. Ja, Amandus, der recht eigentlich über die Oper berichten wollte, war eines Tages untröstlich, als er hörte, die auf Gastrollen engagirte Primadonna könne jede Stunde eintreffen und ihn besuchen. »Wenn mich Madame Binder-Bürsten,« so hieß die berühmte Sängerin, obgleich, da das Bürsten auf ihren Mann geht (von dem sie geschieden war), sie sich eigentlich hätte nennen sollen: Madame Bürsten-Binder ? »wenn sie mich nun besucht,« stöhnte Amandus, »und sie tritt hier in den Reitstall, wo unsere Betten, Kleiderriegel und in einer Ecke gar die Vorrichtungen zum selbstgefälligen Stiefelputzen stehen ? welche Schande für das dramaturgische Feuilleton und die wöchentliche musikalische Revue!« ? »Nun,« sagte Schlachtenmaler, »wir wollen hier vorne gleich an der Thür ein kleines Redactionszimmer improvisiren mit einer spanischen Wand von Papier, an die sich aber Keiner anlehnen darf.« Dieser Vorschlag gefiel, und man kochte Stärkmehl. Dicht am Eingang wurde ein Raum, einige Fuß breit, und die ganze Tiefe des Zimmers bis zum Fenster abgemessen, mit Hülfe einer Leiter wurden einige Nägel in die obere Decke geklopft, und nun Bindfäden hin- und hergezogen, damit das Papier einen Anhalt hatte. Man benutzte die unverkauft gebliebenen Nummern des Journals zu dieser Scheidewand zwischen der Kunst und der Kritik, klebte weißes Papier darüber, und Schlachtenmaler zeichnete einige Cartons, die der Wand einen verhältnißmäßigen Werth gaben. Grau in Grau führte er recht artig die Musen im schaffenden Verein unter der Oberaufsicht Apollos aus und richtete es so ein, daß gerade in einen Tempel auch der Leinwandvorhang führt, der zu dem größern Rest des Zimmers die Thür abgab. Es war die höchste Zeit, daß das Redactionszimmer fertig und mit einigen Stühlen meublirt war: denn, horch, schon klopft Madame Binder-Bürsten an die Thür!

Amandus stand der Dame verlegen genug gegenüber. Es ängstigte ihn am meisten, daß seine drei Brüder hinter der Papierwand standen und lauschten. Man setzte sich, und Amandus wurde bleich, als die Sängerin Miene machte, sich an die künstliche Mauer anzulehnen. Sie rückte den Stuhl immer dichter an die Wand, und leichenblaß sah er, wie sie den ungewöhnlich breiten Rücken keck an einen Widerstand anstemmte, den sich der junge Kritiker nicht erklären konnte. Der Sängerin mußte die Elasticität der Wand selber sonderbar vorkommen, sie drehte sich um, und Amandus merkte an den vollständig auf dem Papier ausgeprägten Conturen eines Menschen, daß die Brüder seine Verlegenheit errathen und einen von ihnen sich mit dem Rücken gerade gegen die Primadonna hatten anstemmen lassen, so daß sie allerdings auf einen gewissermaßen festen Widerstand traf. Amandus zitterte über die Möglichkeit, daß die junge Kritik hinten nachließe, und die Künstlerin recht eigentlich hier durchfiele. Sie sah ihm auch seine Verwirrung an, schrieb sie aber nur seiner Jugend und ihrer Schönheit zu. Als sie einige Worte über die Coloraturen und den Geist des Kaputher Publicums gewechselt hatten, erschrack sie über das Rascheln hinter der Wand und knüpfte daran einige Bemerkungen über ihre Furcht vor Mäusen an. Auch erzählte sie von einem Schauspieldirector, der den Hamlet deßhalb nicht aufführen ließ, weil er sich des Polonius wegen die Coulissen nicht wollte zerstechen lassen. Amandus, unbeholfen wie ein junger Mann, der zum ersten Male eine Dame zum Tanz auffordert, lächelte und ging auf den Charakter Hamlets über. Die Sängerin war eben im Begriff, eine boshafte Miene durch eine Seitenwendung zu verbergen, als ihre Blicke auf die grau façonirte Muse Polyhymnia fielen, und sie an deren Gesicht etwas bemerkte, was sie erblassen machte. Todtenstille herrschte nebenan, Amandus drehte sich um und sah mit Entsetzen, daß Polyhymnia eine natürliche Nase bekommen hatte. Die Sängerin konnte in ihren Scherzen nicht fortfahren. Amandus stotterte und wußte sich nicht zu helfen. Beide sahen bald die fleischerne, keck aus der Wand hervorspringende Nase Polyhymniens an, bald mit der größten Verlegenheit sich. Madame Binder-Bürsten griff nach ihrem Shwal und floh mehr, als sie ging. Amandus stand wie vom Schlage getroffen da. Das Blut stürzte ihm in den Kopf, und, da Schlachtenmaler doch nun einmal das Loch in die Wand gebohrt hatte und noch immer Polyhymniens Nase figurirte, da er nicht wußte, daß die Sängerin ganz kleinmüthig davongegangen war, so schlug Amandus so gewaltsam auf die gespenstische Farce ein, daß dem Schlachtenmaler hinten Hören und Sehen verging, und er von dem Transparent der Tapete mit blutendem Antlitz zurücktaumelte. Die Scene verwandelte sich in ein so lautes Handgemenge, daß der Registrator zum Wirth lief und seine Wohnung nun unwiderruflich aufkündigte.

 


 

Neuntes Kapitel.

 

Moderne Literatur. Morgen- und Abendroth.

 

Als die Kämpfer ermattet vom Streite ruhten, und sie in Gruppen, mehrere Töpfe Wassers aber in Strömen hingegossen lagen, während ein unglücklicher Fall noch überdies Breche in die Tapete gelegt hatte, und der Polyhymnia noch immer die fehlende Nase blutete; während die Brüder sich jetzt erst mit abgekühltem Humor und in Hemdärmeln den Zusammenhang der künstlichen Hinterwand und der gespenstischen Nase erzählten, und nur die vor einer ersten Sängerin erlebte Demüthigung von dem musikalischen Referenten bedauert wurde, öffnete sich wieder die Thür des Redactionsbureaus und einige mattangelaufene Knöpfe eines blauen Fracks blinkten durch die künstlichen, aber zufälligen Schießscharten der Tapetenwand hindurch. Saßen sie doch wie Krieger in massiven Casematten, ruhigen Blicks den eintretenden jungen Herrn von Lipmann erwartend, den sie nicht einmal besonders würden bewillkommt haben, selbst wenn sie ihn gekannt hätten. Guido von Lipmann war ein jüdisches Reis, das durch Erziehung, Glück und eigne Neigung sich auf das Christenthum hatte pfropfen lassen, oder er war eigentlich ein Herz- und Judenkirschenbaum, der aber nichts als christliche Passionsblumen trieb. Er konnte über Raphael und den heiligen Christ zu Weihnachten sprechen, wie der Dichter Novalis. Die Romantik und das Sanskrit hatte er trotz Schlegel und den indischen Elephanten los, und mancher belletristischen Zeitschrift hatte er schon Sonnettenkränze gewunden, auch Minnelieder gesungen, was ihn auch bei allen Herausgebern solcher Blätter beliebt machte, da er ehrenhalber kein Honorar nahm. Guido von Lipmann gehörte zu jenen jüngern Juden, die mit dem orientalischen Feuer ihres Blutes schon die germanische Gefühlstiefe verbinden. Er hüpfte von Palmen auf deutsche Eichen hin- und herüber und warf dabei die Vorübergehenden bald mit den duftenden Blumen der Sentimentalität, bald wohl auch einmal mit den faulen Mispeln der Satire. Verstand und Phantasie berührten sich bei ihm in Punkten, wo alle Lehrbücher der Psychologie nur von der weitesten Entfernung wissen wollten. Guido von Lipmann war auch schon um so mehr über die Emancipation der Juden hinaus, als er erstens allerdings getauft und, wenn er wollte, Referendarius war, zweitens aber seinem Vater nicht Unrecht geben konnte, der in seiner kalten Manier ja immer schon sagte: »Wer nur Geld hat, braucht nicht zu werden emancipirt!« Guido war, wie gesagt, ein so leidenschaftlicher Christ, wie nur Felix Mendelsohn-Bartholdy, und es war längst seine Devise gewesen, daß es nur eine Emancipation gäbe, nämlich die, sich taufen zu lassen. Schlachtenmaler wird Noth mit ihm haben: denn hatte er nicht in Nro. 3 seines Blattes einrücken lassen: »Wer hätte geglaubt, daß die Juden noch einmal den Golgatha zu ihrem Parnaß machen und sich aus dem Kreuze Christi Pinselstöcke schneiden würden, wenn sie anfangen, Madonnen zu malen!«

Schlachtenmaler erhob sich aber gar nicht, weil ihn sein geschundenes Antlitz ärgerte. So wandte sich denn Guido von Lipmann an Amandus und fragte ihn: ob er sich seiner wohl noch erinnere? Freilich war er mit seinem Vater, dem Hofagenten, öfters durch Klein-Bethlehem gekommen, wenn sie nach der Neige fuhren und dort Wechsel präsentiren wollten, wo der Hofagent immer einen Zeugen brauchte: »denn,« sagte er, »der Graf ist der größten Verbrechen fähig; wer stellt mich sicher, daß er nicht meinen Wechsel nimmt, ihn in den Mund steckt und verschluckt?« Amandus aber sagte: »Gott, wie haben Sie sich verändert!« »Ich war auf Reisen,« entgegnete Guido von Lipmann, »und finde es sehr angewandt, daß Sie Ihre Bestimmung zum Bildhauer mit dem Journalismus vertauscht haben. Glauben Sie mir, ich habe in Liverpool einer Sitzung der British Association beigewohnt, wo ein Gelehrter einen kleinen Napoleon zeigte, den kein Schüler Canovas, sondern eine einfache Drechselbank hervorgebracht hatte. Der Marmorblock kommt nach allen vorher zu bestimmenden Richtungen einem höllischscharfen Messer in die Quere, und, wenn der Mechanicus vorher alle Walzen und Räder passend eingefugt hat, so brauchen Sie nur einen Drehorgelmann, der Ihnen in kurzer Zeit so viel medicäische und belvederische Götter zaubert, als nöthig sind, um einen Park vollkommen damit auszuschmücken.«

Guido von Lipmann setzte sich nun und behauptete, daß von allen Künsten nur die Poesie unfähig sey, durch Mechanik hervorgebracht zu werden. Er wäre auf seinen Reisen vor dem immer mehr um sich greifenden Geist der äußerlichen mechanischen Zusammensetzungen geflohen, die Fabriken und die Sonntagsschulen hätten ihn angeekelt, und, wenn alle Künste schon so gesunken wären, daß sie ihre Jungfräulichkeit an die Macht der Dämpfe verkauft hätten, so wäre die Poesie doch die einzige, die sich ihre Keuschheit in allen Ländern erhalten hätte. Und, wenn die Bildhauer, Maler und Ingenieure das Christenthum untergehen ließen, so würde die Poesie jener Joseph von Arimathia werden und das Kreuz des Herrn tragen .....

Amandus war nun froh, daß Guido von Lipmann Nro. 3 noch nicht gelesen hatte, und ängstigte sich erst (da der Gast wirklich abonnirt hatte), als Schlachtenmaler anfing und ohne alle Ironie folgende Worte unter dem blutigen Schnupftuche hervorfallen ließ: Wenn es gegen den so mächtig hereinbrechenden Materialismus einen Widerstand gebe, so könne er nur von dem combinirten Germanen- und Judenthum ausgehen. Was Moses und Tacitus von beiden Völkern geschrieben hätten, wäre ihnen noch immer gegenwärtig: heilige Scheu vor dem Unsichtbaren, Verachtung des rohen Stoffes, Mißtrauen gegen das bloß Natürliche. Es wäre eine eigene Ironie des Weltgeistes, daß sich hauptsächlich die Juden an die Spitze der neuern industriellen Unternehmungen stellten und dadurch das Geld gewännen, für welches ihre Kinder Generalbaß studiren und Bachsche Fugen und Orlando Cassische Messen componiren lernten. Wäre nicht schon der Papierhandel ein Idealismus von überfliegenderer Art, als die Lehre des Duns Scotus, und hätte Platos Timäus wohl eine so imaginäre Stelle aufzuweisen, wie jeder Börsentag der Frankfurter Courszettel? Alle romanische Völker, ja, selbst die Engländer, geschweige die Nordamerikaner, wechselten das Gold ihrer Naturanlagen in das leichte Courant der Abstraction aus; nur die Deutschen und die Juden schienen die Bestimmung zu haben, das Gemüth unter allen Umständen als die Pforte des Himmels nicht verschütten zu lassen; ja, wenn selbst nicht geleugnet werden könne, daß auch die Deutschen nun mannigfach von den Eisenbahnen angesteckt wären, und unsere Träume sich so selig in der Vorstellung möglichst bei uns zu entdeckender Steinkohlenlager wiegten, so möchten zuletzt wohl gerade nur noch die zerstreuten Juden die Bestimmung haben, die Künste in der Welt aufrecht zu erhalten und die Priester aller übrigen Religionen und Literaturen zu werden.

Guido von Lipmann war in der That Dichter genug, um nicht an der Idee, daß die Juden der poetische Sauerteig Europas und die Garantie des Supranaturalimus seyn dürften, nur das Süße, nicht des Schlachtenmalers Bitterkeit zu schmecken. Er arbeitete ja im Stillen ? bis auf einige schon in Almanachen abgedruckte Fragmente ? an einem Ahasver, und, da er Kunde hatte, daß zwei junge Dichter, Namens Schmeißer und Püsser, sich schon zur Bearbeitung desselben Stoffes vereinigt hätten, so freute es ihn sichtlich, hier auf eine Idee zu stoßen, welche wahrscheinlich von jenen noch nicht benutzt wurde. Er malte sich die Möglichkeit aus, eine Scene zu schreiben, wo Christus zum ewigen Juden käme und sich bei ihm für die Erhaltung seiner Lehre bedankte, wo denn die Genien einige Musikstücke von Felix Mendelsohn-Bartholdy spielen, und Herr von Eckstein in Paris, August Neander in Berlin, Frau von Schlegel und ihr Sohn, der Maler Ph. Veit in Frankfurt a. M. und Andere dabei die christlichen Chorführer der getauften Judenpietisten machen müßten. Guido von Lipmann war in den Moment ganz versunken, wo Ahasver eben zum Cardinal ernannt und mit dem großen rothen Hute bekrönt werden würde. Ein ungeheures Gedicht, eine göttliche Farce à la Dante war ihm so eben aufgegangen, er erschien sich wie Johannes, als dieser auf den schönen Gedanken kam, die Apokalypse zu schreiben. Um aber das Gemälde von Domenichino vollständig zu machen, kroch Schlachtenmaler auch wie die Schlange aus dem Kelche und lockte Guido von Lipmann aus seinem Pathmos heraus, indem er ihn bat, ihnen als jungen Anfängern doch einige Gesichtspunkte aus der neuern Aesthetik zu geben, da sie freilich nicht viel mehr als den Homer, Virgil und Horaz gelesen hätten und in der deutschen Literatur noch merkwürdig in Klopstock und Hölty befangen wären. Theobald schämte sich, indem er an den Schäfer Schumacher dachte und an seine Bestimmung, Volksdichter zu werden, und Alboin war eher ein Gegenstand des Satirikers, als selbst einer.

Guido von Lipmann fuhr jetzt mächtig heraus und vergaß sogar, mit seinem adeligen Siegelring zu spielen. »Ich habe,« sagte er, »mit Vergnügen bemerkt, daß sich in Pathmos ? wollt ich sagen, in Kaputh allmählich auch ein literarisches Leben zu regen anfängt. Der Reichspostreiter wird doch künftig nicht mehr der einzige Buchhändler seyn, noch weniger wäre zu hoffen, daß wir Wörterbücher und größere Sachen, immer nur nach Häringen riechend, kaufen müssen, wo die Thran- und Häringshändler sich noch den schönsten Dank ausbitten, daß sie uns den Gefallen thun und in Bremen und Hamburg für uns von ihren Commissionären Bücher aufkaufen lassen. Und, da sie zu gleicher Zeit für ihr Detailgeschäft Maculatur brauchen, wie oft ist es mir nicht passirt, daß ich statt meiner Bestellung das verwechselte Papier bekam und mit genauer Noth das Kostbarste aus der deutschen und fremden Literatur, wie manchen Schiller und Goethe, vor der Berührung mit frischen holländischen Häringen rettete! Bekommen wir doch die Literaturzeitungen aus Leipzig immer nur zu gleicher Zeit mit aufgespießten Leipziger Lerchen, wo man die Hunderte der armen Thierchen immer versucht wird für eine Satire auf die Inhaltsverzeichnisse der in dem Monatsheft aufgespießten Bücher und Autoren zu halten. Meine Herren, Ihr Unternehmen wird hierin eine Aenderung bewirken. Es kann nicht fehlen, daß die Gemüther allmählich warm werden und eine andere Erquickung und Durststillung wünschen werden, als Blaustrumpfs Predigten, die Charaden des Wochenblatts und den jährlichen Mispelheimer Kalender. Meine Herren, ich wünschte nur Eines. Ich möchte Sie nicht in einer so großen Unbefangenheit über Ihr eigentliches Streben und Wollen angetroffen haben; ich wünschte, daß Sie auf dem Stamm Ihrer Blätter auch etwas von einer knospenden Tendenz blühen hätten, eine innigere Beziehung zu dem bestimmt ausgesprochenen Charakter der modernen Literatur.«

Schlachtenmaler war es bei diesen Worten, als würde irgendwo im Zimmer mit elektrischen Stäben gestrichen, so zuckten und hüpften ihm die Nerven. Gern hätte er etwas Boshaftes erwidert; nun konnte er wirklich nicht anders, als sich unmächtig krümmen, da er wenig von dem gleich fort hatte, was Guido von Lipmann eigentlich meinte. Das sagte er aber denn doch: »Ich danke Gott, daß ich hierüber mal ein wahres Wort höre. Ich kann nicht der Meinung seyn, daß hinter dem Horaz, Virgil, Sophokles mehr steckt, als die Ruthe der Philologie, die unsre schlechten Vorbereitungen darauf so nachdrücklich strafte!«

»Ein Hauptkennzeichen,« bemerkte Guido von Lipmann, »für die neue Literatur ist ihre reizende Prosa. Wir haben die Poesie von dem Schnürleib des Metrums endlich befreit; ohnmächtig sank die seit Jahrtausenden gefesselte Muse in unsern Arm, und erst im Dufte unserer neuen blumenreichen Prosa scheint sie allmählich wieder zum Leben zu erwachen. Unter dem Namen Zustände haben wir eine ganz eigenthümliche Art erfunden, Massen von Lebenserfahrungen, wie sie der Tag und die Geschichte darbietet, in die anmuthigsten Gruppen zu vertheilen, Könige und Bettler, Hermelin und Lumpen, Frauen und Courtisanen, Zellen, Gazellen, Ghaselen, Giraffen, Caraffen, Caravanen, Girandolen, Mandolinen und Knackmandeln, Alles in Eins zu mischen, so daß Sie Ihren Augen nicht trauen, wenn Sie etwas von unsern musischen, modernen Zuständen lesen, welche verschiedenartige Schaalen von früher in ihr metrisches Gehäuse abgeschlossen gewesenen Taschenkrebsen, Hummern, Meerspinnen, Ammonshörnern, welche Unzahl von Fleischabgängen, grünen Erbsen, Capern und Austern hier alle in eine, durch die Ironie stark gepfefferte Krebs- und Mockturtlesuppe vereinigt sind! Diese neue Prosa vereinigt den Werth der abgezogenen Speculation mit den anmuthigen Abwechselungen einer zuweilen sich selbst überlassenen Phantasie. Die Schreibart der Zustände muß von Berg zu Thal wandern, hier steinig und chaussirt, wo eine Thatsache zu entwickeln ist, dort grün und kosend, wo es gilt, sie in ihren mannigfachen »Bezügen« zu schildern. Die Poesie der Vergangenheit steht neben dieser Prosa nackt und hülflos da.«

»Mein Gott!« fiel Schlachtenmaler ein, »drum las ich doch neulich etwas, was mir wie Blumenbouquets vorkam, die man aus einem blühenden Garten gebrochen und auf eine schwere englische Tafel neben blaubrennendem Plumpudding gestellt hatte. Die Italiener, Herr von Lipmann, sollen es meisterhaft verstehen, mit Würsten und Schinken ebenfalls ganze Gruppen und Genrebilder auszumalen; ja, sogar eine Kreuzigung Christi soll in allen Klöstern aus Würsten, Schinken, Käse und Butter wohlgelitten und ohne alle Blasphemie verzehrt werden. Umgekehrt scheint mir nun diese neue Prosa auch aus Blumenkränzen künstliche Würste nachmachen und dunkelrothe Georginen, hellere Centifolien, mattrothe Federnelken und weiße Schneeglöckchen so in einander schattiren zu können, daß man das Ensemble in der Ferne wahrhaftig für einen Schinken ansehen möchte. Dem Gemeinsten scheint diese Prosa eine geschmackvolle Tournure geben zu können.« ? »Sie übertreiben zusehends,« bemerkte Guido von Lipmann, weniger um die neue Prosa, als die Würste und Schinken empfindlich; »Sie vergessen, daß wir gerade durch diese außerordentliche Schönheit und Gewandtheit unserer jetzigen Prosa dahin gekommen sind, selbst unpoetische Gegenstände mit Interesse zu behandeln.« Damit zog er ein Manuscript aus der Tasche und las ihnen folgende Passagen aus einer Abhandlung über den diesjährigen Getreide- und Wollhandel vor:

»Säen ? oder nicht säen ? das war im verflossenen Jahre bei allen Landwirthen die Frage. Der größte Reichthum kann unsre größte Armuth werden. Je üppiger das Korn draußen sich auf den Feldern wiegt, je weniger blaue Cyanen den grünen Ceresähren das Wachsthum beeinträchtigen, desto reicher die Ernte, desto wohlfeiler der Preis. Da fahren die Kornwagen, mit Blumen bekränzt, vom Felde ins Dorf; die Sense ist mit bunten Bändern geschmückt, die Schalmei ruft zur Feier des Erntefestes die schmucken Burschen und Mädchen; aber der redliche Landwirth steht einsam an eine Ecke der Scheune gelehnt, mitten unter seinem Segen, und hat die Arme kreuzweis in einander verschränkt und lächelt bitter zu all der Lust und seufzt in der beklommenen Brust. Ha! da kommen Rothschilds Boten und kündigen das Capital, das auf jenem eben abgemähten Hügel stand; Ahasver steht blinzelnd vor dem redlichen Landwirth und zieht seine Capitalien aus einem Zweige der Nationalwohlfahrt, der, wenn er tausendfältig trägt, nur zwei, trüge er zehnfach, sechs Procent Zinsen einbringen würde. Die Capitalien wandern aus den Armen der Ceres in die Schmiedeessen des Vulcan, oder ein geheimnißvoller Magier, der Zauberer Credit, berührt sie mit einem Königsscepter, und die Metalle verwandeln sich in Metalliques, die Capitalien in Papier. ? Was hat aber die Geschichte von jeher bewiesen? Welches sind ihre ewigen Gesetze in Betreff des Kornhandels? Läßt nicht schon die alte Sage auf sieben fette sieben magere Jahre folgen? Ja, der Weltgeist steigt von den Alpen herunter und bringt Lawinen mit, Erdstürze und ungeheure Ueberschwemmungen, die Bäche treten aus, die Scheunen schwimmen mit den rasenden Flüssen fort, Feuer züngelt als Bundsgenosse der Zerstörung hier, dort, an allen Ecken auf, Hagel kömmt im Cürassier-Anlaufen geschmettert, die Fenster der Mistbeete klirren wie Kriegsdrommeten, und die Beutel füllen sich, je leerer die Scheunen werden. Schon haben Preußen und Polen sparsamer geerntet, und, wenn auch über das Land der Magyaren der Himmel noch seinen reichsten Segen goß, so wird ein Theil dieses Ueberflusses doch schon diesmal in die k. k. österreichischen Erbstaaten fließen müssen. ? Und, wie sich hier die Negation als das eigentlich geltende Element im Getreidehandel bewies, so auch in den Oelsaaten, deren Anbau trotz der Gaserleuchtung zunimmt: denn wo könnte jetzt Lessing seinen Wunsch, die Natur nicht ewig grün zu sehen, nicht befriedigt finden? wo sind jetzt nicht meilenweite Rapsfelder mit ihrer buttergelben Blüthe? In dem reißend stark umsichgreifenden Anbau des Raps und Rübsen bekömmt die Geschichte unseres Jahrhunderts einen ganz neuen Einschnitt, und es früge sich, ob nicht diese Menge Oel, die man erzeugt, dazu erfordert wird, um den steigenden Mechanismus unserer europäischen Verhältnisse einzuschmieren und all die wichtigen eisernen Maschinen, die Menschen- und Pferdekraft jetzt ersetzen, in glatter Uebung zu erhalten? So ist die Geschichte groß in dem, was sie erfindet, aber die Natur oft noch größer in dem, womit sie das Erfundene compensirt und dem neuen Gedankenbesuch auf halbem Wege immer entgegen kömmt. Endlich hat der Wollhandel ?«

Hier unterbrach sich Guido von Lipmann selbst und fragte die erstaunten Brüder, ob sie Adam Smith kennten? Als sie es verneinten, sagte er: »Nun, Sie werden die Rechnungen ihrer Wäscherin kennen; aber Dante kennen Sie doch?« ? »Ja!« log Alboin ganz keck für alle Uebrige. »Nun,« schloß Guido von Lipmann, »so würde Dante den Adam Smith in Poesie verwandelt haben, wenn er die neue Literatur der »Charaktere und Zustände« hätte ahnen können.«

Als die Brüder vor Erstaunen kein Wort redeten, und Guido von Lipmann stolz durchs Zimmer schritt und immer stolzer und stolzer seinen blauen Frack immer enger und enger knöpfte, ermannte sich wenigstens Schlachtenmaler und gestand mit kleinlautem Spotte: Wenn bei Goethe der Schüler sagt, es werde ihm von dem Allen so dumm, als ging ihm ein Mühlrad im Kopf herum, so müßte er das auch von sich sagen, nur mit dem Unterschied, daß er auf die Mühle Korn schütten möchte. Es gäbe Gedichte, die kämen ihm wie gesammelte Collecten vor, andre wie Wassersuppen, ja dem Verfasser der Klagen eines Juden solle ja sein eigener Vetter, dem er sie vorgelesen, aufgefordert, seine Meinung zu sagen, geantwortet haben: diese Gerichte kämen ihm wie Bittschriften an den Kronprinzen vor! Ebenso möchte er, nämlich Schlachtenmaler, auf die ganze von Herrn von Lipmann ihm entwickelte Pracht nichts Besseres thun, als darauf Actien nehmen.

Guido von Lipmann entgegnete: »Sie sind ein närrischer Kauz.« ? »Nein, in vollem Ernst,« fuhr Schlachtenmaler fort, »ich wünschte, Sie zögen sich nicht zurück, wenn es sich nun wirklich einmal darum handeln soll, aus unserm Nichts Etwas zu machen. Lassen Sie uns Actien bilden, tausend Stück an der Zahl, jede im Werth von zehn holländischen Ducaten; Sie nehmen die Verbindungen Ihres Vaters zu Hülfe; das müßte doch nicht natürlich zugehen, wenn nicht, im Verein mit einigen jüdischen Freimaurerlogen, einigen Emancipations-Clubbs, Courszetteln und evangelischen Kirchenzeitungen, die Möglichkeit da wäre, alle Actien anzubringen, die Kosten des Journals zu bestreiten und den großen Gewinn, den es abwerfen wird, zum Besten einer Literaturverjüngungstontine und eines größern prosaischen Nationalstylisticums anzulegen.«

»Wie verstehen Sie denn das?« fragte Herr von Lipmann erstaunt. »Nun,« entgegnete Schlachtenmaler, »fünf Procent sind den Capitalisten sicher; aber, da wir weit mehr machen werden, so müßte gerade dieser Ueberschuß zu einer Akademie verwandt werden, welche ?« ? »Nur nicht die Sprache fixieren!« fuhr Herr von Lipmann auf. »Ums Himmelswillen, nein!« beruhigte ihn Schlachtenmaler; »könnte aber nicht viel gewirkt und begossen werden, was kümmerlich am Boden schmachtet? Wie viel poetische Mücken und Fliegen zittern nicht, in die blitzenden Krystallisationen der Jahrhundertsfragen mit ihrem winzigen Talente eingeschlossen zu werden? Wie viel literarische Kutscher und Bediente gibt es nicht, die sich geschmeichelt fühlen würden, daß sie, wenn in ihren Staatskarossen die großen fürstlichen Ideen und majestätischen Tendenzen an den Wachen vorüberfahren, den Trommellärm und die Ehrensalven des Geschützes auch auf sich beziehen dürfen? Wie manchem armen Zwerg, der bisher nur einen kleinen Fransenfaden an dem Riesenmantel der Zeit vorstellte, wäre nicht geholfen, wenn er wagen dürfte, sich an dem Mantel etwas Wesentliches zu dünken! Herr von Lipmann, es ist eine schändliche Verleumdung der jetzigen Literatur, daß die unbedeutenden Talente deßhalb, weil sie Zeitgemäßes verarbeiten, die Achtung genießen wollen, die das Zeitgemäße verdient ? Verleumdung, wenn man wünschen möchte, die große Pedalharfe der Zeit wäre wieder von dem Isisschleier der ungelösten Räthsel bedeckt, bloß, damit nicht die Fliegen und Spinnen, die zwischen den Riesensaiten hin- und herkrabbeln, sich einbilden, ihnen gebühre der Ruhm, dem Jahrhundert einen Ton entlockt zu haben! Sagen Sie mir, ist nicht so mancher Wald in Polen schon mit einem Dreierlicht angezündet worden, und brennen die großen Kaiserpaläste in Petersburg durch etwas Anderes ab, als durch die Nachläßigkeit der Ofenheizer? Nein, unsere Unternehmung sollte gerade dahin wirken, daß die Federposen vom Adler Jupiters schon zum ersten Schreibunterricht in den Schulen verwandt, und daß die Napoleonshüte, welche sich unsere kleinen Dichter aus Papier machen, für echt erklärt würden, und daß Napoleons erster Hutmacher eigens dafür wieder aufgesucht und bezahlt wird, um den falschen Eid zu schwören, Herr von Lipmann.«

Dieser kniff die Augen zusammen und bemerkte piquirt: »Herr Blasedow, Sie machen unserer neuen Literatur den Vorwurf, daß sie große Ideen und nur kleine Talente zeitigte.«... »Vorwürfe?« fiel Schlachtenmaler ein; »im Gegentheil wünscht ich, unser Extra-Fond könnte noch ganz andere Dinge in die Reihe bringen. Wenn ich Ihre Literatur der Zustände, feinen Bezüge und bedeutenden Persönlichkeiten erwäge, diese feine Mischung von Diplomatie und Prosa, so wünscht ich ja nichts sehnlicher, als daß die jungen Dichter, wie sie eben aus dem Weltei kriechen, gleich ihre Memoiren schreiben dürften, ohne lächerlich zu werden; wünschte nichts sehnlicher, als daß ihnen der Pabst Ablaß und Indulgenz nicht bloß für alle Persönlichkeiten gäbe, die noch vom Wiener und Aachener Congreß herrühren, sondern für alle Charakterzeichnungen, hergenommen aus dem unmittelbaren Moment, vom kaum verschlafenen Abendcirkel, von einer kaum zurückgelegten Reise. Herr von Lipmann, wie gern ließ ich die jungen diplomatisirenden Demokraten auf Reisen gehen und improvisirte ihnen mitten zwischen Halle und Leipzig ein paar Esel in der Löwenhaut, damit sie doch nicht zu sehr hinter dem in Afrika privatisirenden Fürsten Pückler zurückbleiben. Wie gern ließ ich sie beim Fürsten Metternich Schreibstunde nehmen und fertigte ihnen Nebelkappen an, daß sie ungesehen aus den Umarmungen der Freiheit manchmal in die Umarmungen der Diplomatie, aus dem Kriegslager der Entsagung in die k. k. Hofkriegskanzlei in Wien sich schleichen dürften ? bloß ? des Styles wegen! Wie gern würd ich von unserm Ueberschuß die Patente und Taufscheine bezahlen, wenn es sich z. B. nur irgendwo beweisen ließe, daß Heinrich Laube der natürliche Sohn Napoleons und der Fürstin von Hatzfeld wäre; und wie gern bezahlte sie unsere Commission nicht, selbst, wenn sie falsch wäre, und ließe doch wenigstens ein Wappen darnach stechen, einen Glacéehandschuh z. B. im blauen Feld, als Symbol des neuen Styles und irgend eines der wunderthätigen Prosa-Magier. Welche Fortschritte in den Naturwissenschaften ließen sich nicht befördern, wenn man einige neuere Bücher in ihre chemischen Bestandtheile auflöste, z. B. »das junge Europa« in eine Dosis aristokratischen Freiheitsalkohol, in eine zweite fixer moderner Lebensluft, in eine dritte, bestehend aus etwas neunmonatlichem Gefängnißstickstoffgas à la Silvio Pellico. Oder wenn wir für unser beliebtes Reisenovellen-Genre folgende chemische Formel entdeckten: Sieben Loth Zustände, sieben Loth feine Bezüge und drei Loth heilige, nicht ganz zu verwerfende Pietätsstoffe ? das Ganze in einen diplomatischen Brei gerührt, abgekühlt und im Zustande des Bestehenden gelassen. Kurz, Herr von Lipmann, die Wirksamkeit könnte unermeßlich, und der Nutzen ohne Berechnung seyn: wollen wir Actien emittiren?«

Guido von Lipmann war aber recht ergrimmt und sagte zu dem Spötter, der mehr von der neuen Prosa zu wissen schien, als man nach dem Stande des Kaputher Buchhandels hätte glauben sollen: »Sie rechnen also der Idee die kleinen persönlichen Thorheiten einiger ihrer Bekenner an? Sind Sie dem Schmerze des Jahrhunderts nicht verwandt?« Darauf aber erhob sich Schlachtenmaler, schlank, fast ein Riese, und seine Augen glänzten, wie Leuchtwürmer in der Nacht, so unheimlich und so magisch in seinem Zorn und in seiner Schwermuth. Ohne daß er ein Wort sagte, war es, als lägen, wie am Pfingstfeste, tausend Sprachen auf der Zunge, tausend Reden in seinen Blicken, und, wie er so stand, groß und stolz und melancholisch, siehe, da fielen die glutrothen Strahlen der untergehenden Sonne in das Zimmer und umzüngelten mit einem hüpfenden Verklärungsschimmer die schmerzhaft bewegten Züge des Jünglings, der mit über einander gekreuzten Armen dastand, wie ein Priester der Feuerreligion. Und es war, als zögen lange Reiterschaaren auf feurigen Rossen durch die untergehende Sonne und eilten, über diese Brücke fortzukommen, in das zum Schlummer sich neigende Weltall sich zu vertheilen und während der Nacht die rings im Aufbau begriffenen Tempel zu schützen. Und, als gäbe ihnen die Sonne die Befehle, so theilten sie sich links und rechts und eilten hierhin und dorthin, dem zum Trost, dem zum Schutz, dem zur Hoffnung, dem zum Beistand. Und auf Schlachtenmalers Antlitz spiegelten sich alle die wunderbaren Sonnen wieder, seine Augen riefen freudig: Dies sind die Boten Gottes, die Ideen auf feurigen Rossen; nun kommen sie und lösen die Menschenheroen ab, die am Tag für das Jahrhundert geblutet haben, und bewachen das Schlachtfeld für den nächsten Morgen, trösten die Verwundeten, begraben die Todten und halten wie Gespenster die schleichenden Spione zurück. In scheinbar ungleichem Kampfe stehen sich zwei Lager gegenüber, Jünglinge und Greise; aber die Greise ersetzen ihre mangelnde Kraft durch die Schreckbilder verwester Vorurtheile, die sie aus den Gräbern holten, und mancher bezauberte Knabe, Mancher, der das Verjährte als das Ewige anbeten lernte, ließ sich bethören, zu ihnen zu halten. Und drüben das Lager der Jünglinge ist nicht fest genug. Sie prangen in Mannesschönheit, aber Helena und der Würfel und der Becher gehen durch ihre Reihen und verführen sie. Löse, großer Geist, die Religion aus der Fesseln des Aberglaubens, gib dem Staate ein neues, ideales, griechisches Leben, laß die Kronen nur Sinnbilder, keine Lasten seyn, zertrümmere den Reichthum da, wo er todt aufgehäuft ist, oder laß den Armen wenigstens ein Evangelium predigen, welches aus ihnen Märtyrer, nicht Sklaven des Schicksals zieht! Die Pfeile des Gedankens knicke, wenn sophistisches Gift an ihrer Spitze lauert, und die Schwungkraft lähme denen, die sie mit zu vielen bunten Federn der Coquetterie schmücken! Vergib uns, Herr, wenn wir dem Neuen nachjagen und nicht immer geradezu das Wild in deinen Himmel hinein pirschen; vergib uns, wenn auch einmal ein dunkler Geist mit uns zu Tische sitzt, und wir auf unsern Gedankenirrwegen einmal am Eingang der Hölle stehen und Dantes flammende Inschrift mit Entsetzen lesen! Dem bösen Geist das Gute abgewinnen und Mephistopheles zu täuschen, indem wir, statt seiner falschen Würfel, ihm einmal richtige hinstellen und ihn auffordern, nun es mit uns zu wagen! ? sollte das nicht eine höhere Seligkeit werden, als die unmittelbare des Glaubens, die salzlos, dumm gewordene Seligkeit des bloßen Anschauens und einer Tugend, die die Probe deßhalb aushält, weil sie ? sie nicht wagt? »Ja, Herr von Lipmann, Befreiung von Hergebrachten, keine Fesseln, die wir mit der Nabelschnur, der Wiege, dem Fallhut, dem Gängelbande, der Schulruthe, dem Confirmandenunterricht und dem Copulationsscheine mitbekommen ? sondern Alles nur durch uns und in Gott ? und, schaffen wir nichts Neues, kommen wir auf das Alte zurück, gut, dann hat die Welt und die Gesellschaft den Frieden, und die Literatur den Glanz davon ? Ihre Zustände aber und feinen Bezüge locken weder Hunde, noch Philister vom Ofen!«

Schlachtenmaler sagte das Letzte, und das Erste fühlte er bloß. Herr von Lipmann bemerkte: sie wären Beide ganz einverstanden, und der Jokey der Primadonna, der die Herren Blasedow so eben zum Thee eingeladen hatte, konnte es bezeugen, daß er Schlachtenmalern die Hand drückte und eine Rolle auf dem Tische zurückließ, wohl nicht von Ducaten, aber doch von Gedichten, die in die nächste Nummer der Zeitschrift eingerückt werden sollten. Den Jokey mußten die andern Brüder abfertigen: denn Schlachtenmaler sagte, er hätte rothe und blaue Flecken ? Amandus zitterte, weil er dachte: auf dem Gesichte; nein, sein Bruder sagte: vor den Augen, weil er zu lange in die Sonne gesehen. Weil er sie aber in das Bett drückte, so konnte Niemand sehen, wie feucht sie von großen stolzen Thränen waren.

 


 

Zehntes Kapitel.

 

Die Anatomie und der Mumienzahn.

 

Es war ja vorauszusehen, daß die jungen Waghälse sich in dem Verstand und der Liberalität der Bewohner von Kaputh verrechnet hatten, selbst, wenn man nicht in den Umtrieben Blaustrumpfs das Haupthinderniß sehen will, an welchem das journalistische Unternehmen scheiterte. Es war ja auch weniger das Urtheil, welches den Kaputhern fehlte, als die Fertigkeit, Gedrucktes so schnell zu lesen, als nöthig war, wenn ein Exemplar acht Abnehmer hatte (denn einer eines? das geschah nicht einmal bei Herrn von Lipmann, der das Journal mit seinem Sohne, und bei Celinden, die es gar nicht hielt!) und es seine Wochenrunde machen sollte, und jeder Bürger dann nur einen Tag daran buchstabiren konnte? Der Hof hielt ein Exemplar, aber nicht einmal auf Velinpapier, und der Finanzminister schrieb eigenhändig an die Redaction, als sie darüber die Rechnung eingesandt hätte, ob er für dieses Exemplar nicht auch den gewöhnlichen Buchhändlerrabatt in Anspruch nehmen dürfe? In Wirths- und Kaffeehäuser hätten die Brüder es gern eingeführt, wenn sie nur Geld genug gehabt hätten, dorthin zu gehen und sich ein Glas Zuckerwasser und das neue Journal auszubitten und im Fall der Erklärung, daß man es nicht halte, auszurufen: Sie halten diese Zeitschrift nicht? und dem Wirthe soviel Angst zu machen, daß er fürchten mußte, seine Kundschaft zu verlieren.

Jetzt hätte eigentlich Guido von Lipmann zeigen müssen, wie werthvoll für ihn die neue prosaische Dichterschule war, und was für Trümpfe er ausspielen konnte, wo es sich um etwas Schöngeistiges handelte. Aber, sey es nun, daß er den Ehrgeiz hatte, nur so viel auszugeben, als er sich selbst erwarb, oder, daß die ewige Zumuthung an reiche Leute, als wenn sie nie nöthig hätten, ihr Geld anzusehen, ihm den Ellenbogen steif gemacht hatte: genug, er fuhr nie in den Beutel, sondern immer in die blaue Luft und die großen Fragen der Zukunft, wenn ihm die Brüder ihre Noth klagten. Schlachtenmaler dachte ganz bestimmt, daß er die Wochenschrift mit der Andeutung erhalten könne, die inzwischen von Guido von Lipmann erschienenen Proben seines Ahasver im nächsten Quartale, für das aber gar keine Aussicht war, anzeigen und ihn mit Dante, wenn auch nur entfernt (denn Guido von Lipmann erröthete dabei), vergleichen zu wollen; allein selbst diese Aussicht bestach den weltumfassenden Dichter nicht; im Gegentheil frug er, ob er für seine Beiträge nicht eine angemessene Entschädigung in Anspruch nehmen dürfe? Alle Brüder schrien aus einem Tone auf, wie wenn auf dem Wasser ein Kahn umbiegt, und alle Passagiere mit einem Rufe ihren Schrecken zeigen. Nur Schlachtenmaler erholte sich bald und sagte, indem ihm das Blut bis an die Ohren drang: »Nein, Herr von Lipmann, wir glauben sogar, daß Ihnen der Drucker eine Rechnung für Insertionsgebühren, Zeile für Zeile, Buchstab für Buchstab schicken wird!« Des jungen Dichters Züge bewegten sich krampfhaft, er wollte etwas sagen, schlug mit dem goldnen Knopf seines spanischen Rohres einige Male auf den Tisch (spräng er ihm nur ab, dachte Amandus, er sollte ihn wohl wiederfinden!) und schwieg, indem er die kleine Räuberhöhle schleunigst verließ. »Die Millionäre,« sagte Schlachtenmaler zur Beruhigung seiner höchst gewaltthätig überlegenden Brüder, »sind ärmer, als wir. Es hat einen Namen, hunderttausend Thaler zu besitzen, aber nur der Logarithmus davon ist wahr, nur die Zinsen sind reell und machen, daß der reiche Mann doch nur denkt: Ich habe dreitausend Thaler zu verzehren! Wer einmal auf hohen Fuß eingerichtet ist, hält sich, wenn ihm das Geld fehlt, ein diplomatisches Essen nicht mit dem außerordentlichsten Feenzauber zu bekränzen, für einen größern Bettler, als wir in dem Augenblicke, wo wir nicht wissen, wovon morgen leben, geschweige die nun bis auf zwanzig Thaler angesammelte Miethe zahlen!«.....

Und in allen diesen Nöthen kam von Klein-Bethlehem nur Zufuhr von Schinken und Würsten, von Brod und Käse, nie baares Geld. Wie oft schnitten die Brüder die Brode auf und hofften (wie Diebe auf Feilen!), die Mutter würde ihnen einige Thaler hineingebacken haben, oder in den Briefen des Vaters würden außer Lebens- auch einmal Geldanweisungen kommen; aber Blasedow wünschte ihnen ja immer Glück zu dem Erfolge ihrer Studien und bat sie, ihre Diskuswerfer, ihre marathonischen Schlachten, satirischen Froschmäusler und Volkslieder nicht zu wohlfeil in Cours zu setzen; ja, sie waren in ihren Lügen an den glücklichen Mann so folgerichtig gewesen, daß er ihnen einmal eine lange Epistel schrieb über die beste Art, im Kaufe vorzuschlagen, Gebote anzunehmen, mit Anstand zu handeln und den Werth der Goldmünzen ohne Waage zu schätzen. Er rechnete ihnen nicht selten vor, wieviel sie je an hundert Stück Friedrichsdor, die sie à neun Gulden sechsundfünfzig Kreuzer annehmen, verdienten, wenn sie sie für zehn Gulden in Bausch und Bogen wieder ausgäben. Und in seinem Edelmuth hatte er nie etwas von ihnen verlangt, nie ein baares Agio zu der Dankbarkeit, welche sie ihm für die glücklichen Folgen seiner Erziehungsmethode schuldig wären, nie ein Geschenk, nie einen Abguß der classischen Arbeiten seines zweiten Sohnes, weil sie ihm doch nur Gyps und Geld kosten würden: Zeichnungen davon, die Schlachtenmaler verfertigte, genügten ihm ja! Er rieth ihnen, unter allen Umständen nie an ihn, sondern immer nur an Italien zu denken.

Celinde hatte den Schlachtenmaler oft genug einladen lassen, und Sophie schickte ihm immer die Briefe, die sie von ihrem Vater bekam. Er sollte ihre Unschuld bewundern, ihren reinen Charakter, mit dem sie vor ihrem Vater dastehe. Aber Schlachtenmaler vermied das Haus und war einst unglücklich genug, als Celinde ihm den Bedienten mit der Bitte schickte, ihr die bereits erschienenen Nummern seiner Wochenschrift zu leihen. »So soll mich Gott strafen!« rief er aus, als seine Augen über diese unzarte aristokratische Behandlung trocken waren: »sie soll sie haben!« Damit packte er die Nummern zusammen und schrieb über jede derselben mit zusammenrinnenden Dintenklecksen: Freiexemplar für die Armen, und ließ mit seinem jüngsten Bruder sagen: er bedauere, jetzt kein anderes zu Hause zu haben. Celinde war auch so gutmüthig, den Spott nicht zu verstehen, und seufzte tief für sich: »Wie gut er ist: selbst den Armen predigt er sein liebes, goldnes, herziges Evangelium!«

Der Hauswirth, unsrer armen Ritter längst überdrüssig, hatte schon oft geschworen, sie, bis zu einem bestimmten Termin, wo er bezahlt seyn wollte, vor die Thüre zu setzen. Nur die mehrfach wiederholten Besuche des jungen Herrn von Lipmann, die ihm einige Achtung vor seinen jungen Miethsleuten einflößten, hatten ihn bewogen, den Termin auf eine fernere Zeit hinauszuschieben. Nun aber auch diese aufhörten, hatten sie nur noch zwei Tage Zeit, über ein Rettungsmittel nachzudenken, und, um die Leser nicht zu ängstigen, wollen wir nur gleich sagen, daß auch Schlachtenmaler eines gefunden hatte.

Wir dürfen nicht vergessen, daß Schlachtenmaler noch immer die Akademie besuchte und an Professor Silberschlag, der aber leider zu arm war, Silber schlagen zu lassen, einen edelmüthigen Freund besaß. Der Galerie-Inspector verfolgte ihn allerdings mit Ingrimm. Weckenesel beschuldigte ihn, daß er im Winter bloß in die Akademie käme, um sich zu wärmen, und im Sommer, um sich abzukühlen. Er hatte ihn stark im Verdacht, daß er wohl gar im Winter unter dem Mantel Holz forttrüge, um sichs auch zu Hause warm zu machen, eine Vermuthung, die ihm bei jedem Akademiker mehr als gewiß schien und ihn längst auf die Idee gebracht hatte, die Mäntel an der Thür abfordern und beim Herausgehen wieder ausliefern zu lassen, was jedoch keinen Beifall fand, da die jungen Künstler behaupteten, die großen Säle heizten sich nicht gut, und ohne Mäntel könnten sie in ihnen nicht warm werden. Damit die jungen Akademiker das Licht, welches sie bei langen Abenden bekamen, nicht zur Hälfte mitnähmen, so pflegte Weckenesel sie unten, wo sie hätten abgeschnitten werden können, bunt zu bemalen. Als nun ein fremder Herr eines Tages die Galerie besuchte, und Weckenesel ihm ganz zuletzt schon den vermuthlichen Raphael gezeigt hatte, trat Schlachtenmaler mit einem jener bunten Lichter herein und zeigte dem Fremden zu allgemeinem Ergötzen (Silberschlags und der andern in der Galerie beschäftigten Eleven) die Fortschritte in der Talgmalerei, welche die Kunst dem Herrn Galerie-Inspector verdanke. Durch solche und ähnliche Vorfälle hatte sich Schlachtenmaler Weckeneseln verleidet; aber die dritte Person der Akademie, der Anatom Sägenreißer, liebte ihn, und hier ist es, wo Schlachtenmaler Hülfe fand, auf eine Art freilich, die schauderhaft ist, da unser junger Freund viel zu stolz war, etwas geschenkt zu nehmen.

Bei einer allein auf das Praktische gerichteten Kunstakademie konnte Sägenreißers Wirksamkeit nicht groß in der Lehre über Muskelbau und Knochenwesen bestehen. Die jungen Akademiker benutzten seine Anstellung weit mehr, um sich unentgeltlich die Zähne ausreißen zu lassen, als von ihm zu lernen, wodurch Zähne eigentlich hohl werden. Nur bei dem Zweige der Akademie, welcher der Tapetenmalerei und Musterzeichnung (namentlich für Cattundrucker) gewidmet war, nützte sein Vortrag in allen jenen Beziehungen, die man versteht, wenn man Leonardo da Vincis und Hogarths Vorliebe für die menschlichen Knochen kennt: beide Künstler haben ja in ihren theoretischen Werken darauf aufmerksam gemacht, daß die schönsten Arabesken zu Gemälderahmen und Commoden und Kaminen von den menschlichen Steißbeinen und Backenknochen hergenommen würden; daß selbst die Form der Petersilie und Raute, so beliebt zu Randverzierungen, übertroffen würde von den sanften Biegungen und Verschlingungen der Zwickelbeinchen, der Pflugschar (ein Schädelknochen), des Hammers, des Ambos und des Steigbügels (im Ohr) und nun gar erst, mit Respect zu sagen, des weiblichen Beckens mit den Kuckusbeinchen und Schamknöchelchen. Sägenreißer verband in der That die Aesthetik mit der Anatomie. Er bestritt es, daß die Muster zu Möbeln und Kleidercattunen, die Tischlerzeichnungen immer und immer nur von der Botanik hergenommen wurden, und brachte es in der That dahin, daß man seine Vorschläge befolgte und seinen osteologischen Arabesken künftig den Vorzug gab.

Dennoch war Sägenreißer sehr unglücklich. Für seine Leidenschaft zur Anatomie war das Land zu moralisch, waren die Gefängnisse zu leer, waren auch die Vorstände der Armenhäuser und der Spitäler zu religiös, als daß ihm der Stoff zu einem tüchtigen Skelett oft geboten wurde. Die Skelette, welche er besaß, waren alle nicht echt. Sie waren alle nur aus hundert verschiedenen Menschen zusammengesetzt, und manches werthvolle Stück, das man nicht hatte auftreiben können, war wohl gar daran nur aus Wachs bossirt. Er hätte so gern ein ganzes, ein frei in sich selbst zusammenhängendes Individuum besessen; aber, wenn er auch den Kopf erst hätte darauf setzen sollen, wer wurde denn in Sayn-Sayn hingerichtet? Wer konnte denn jenen Capitalverbrecher im anatomischen Kochkessel brauchen, der als das Paradepferd der göttlichen Gerechtigkeit, wie wir schon wissen, immer im Lande herumgeführt wurde, da ihm von den vielen mit Eisen beschirrten Mustermärschen die Füße ganz krumm geworden waren? Alte Spittelweiber, verkümmerte Invaliden ? was verlohnten diese die Mühe! Schmerzhaft pflegte Sägenreißer schöne, menschliche Gestalten, z. B. den jungen Erbprinzen, den Finanzminister, den Präsidenten des Gerichtshofes und ähnliche adelige Figuren, zu betrachten und dabei im Stillen seine eigenen Gedanken zu hegen.

Das Vertrauen aber, welches Schlachtenmaler in den Professor setzte, rührte von einer Sage her, die den gelehrten Mann vielleicht nicht ohne Grund verfolgte. Sein Thurm (er wohnte in einem) war nicht allein deßwegen sehr verrufen, weil man des Nachts dort mehrere Male wollte ein Wimmern und Rufen gehört haben, sondern es war ganz erwiesen, daß Sägenreißer jeden unheilbaren Arm, jedes Bein, ja jeden hohlen Zahn, wo er mit der Säge oder der Zange hatte auftreten müssen, in seiner Sammlung aufbewahrte. Gab dies nun schon seiner Erscheinung etwas Unheimliches, indem man ihn ordentlich für den Archivar aller amputirten Glieder der Stadt und des Fürstenthums (denn er war ein großer Chirurg und schnell mit dem Abnehmen zur Hand!) halten durfte, so wollte man auch für ganz gewiß ausgeben, daß Sägenreißern mancher Christ auf Leben und Tod verpfändet wäre. Man behauptete, da er ein reicher Mann war, daß verunglückte Spieler, bankerutte Familienväter, junge Mädchen, die nicht in Gefahr kommen wollten, niederzukommen, ja, selbst einige Officiere von den Landestruppen ihm entweder ganz oder theilweise verschrieben waren. Er hatte im Stillen ordentlich eine Gothaische Lebensversicherung eingerichtet, wo man sich verpflichtete, gegen eine bestimmte Summe als Leibrente, ihm, falls er der überlebende Theil sey, ein Bein, einen Arm, eine Hand oder wohl gar den ganzen Körper zu überlassen. Vom Grafen von der Neige erzählte man, daß er im Verlauf mehrerer Jahre sein ganzes Knochensystem an Sägenreißern verkauft hatte: erst seinen rechten Arm, dann den linken, dann die Füße und endlich sich mit Haut und Haar, und die Sage fügte hinzu, in der Verzweiflung auch schon den linken Oberarm der Gräfin! Man denke sich die unheimliche Erscheinung eines so eigenthümlichen Speculanten, wenn er in Gesellschaft war oder sich auf der Straße sehen ließ und sein Lächeln immer verrieth, wer bei ihm auf Pfänder geborgt hatte, die sie selber bis zu ihrem Tode aufbewahren mußten! Die närrischen Leute hatten Sägenreißern nun zwar nie bei einem Begräbnisse mit seinem Versatzzettel auftreten und das verfallene Gut abschneiden sehen; aber gerade, um das Unheimliche seines Treibens vollkommen zu bezeichnen, hatten sie kein Hehl, daß Sägenreißer schon die Mittel wüßte, sich vom Kirchhof kommen zu lassen, was ihm gebührt: denn umsonst, behauptete man, wäre des Nachts nicht so viel Rennens und Laufens an seinem Thurm. Schlachtenmaler war ein Narr, diesen Dingen Glauben zu schenken. Bedachte er denn nicht, daß er, selbst, wenn sie wahr seyn sollten, viel zu jung war, um mit irgend einem Gliede seines Körpers dem in Jahren schon vorgerückten Professor eine Perspective zu eröffnen! Sollte er auch die Absicht haben, unter die Soldaten zu gehen: wie konnten denn in Friedenszeiten für Sägenreißern jemals Chancen entstehen! Die Verzweiflung jedoch, in der er und seine Brüder sich befanden, trieb ihn an, die Stufen des unheimlichen Thurmes zu besteigen, die hämischen Blicke einer alten Aufwärterin zu ertragen und mit gefaßtem Herzen einzutreten.

Sägenreißer winkte ihm, als einem ihm sehr lieben Schüler und Bekannten, sich zu setzen und einem Experimente zuzusehen, das nicht gestört seyn wollte. Es war Mittagszeit gewesen. Die Reste der Mahlzeit standen noch alle auf dem mit Knochen und Schädeln besetzten Tische. Rings an den Wänden hingen, wie in katholischen Kapellen in Wachs, so hier in Natur, eine Menge schöner, weißgebleichter Arme und Beine. Es wurde Schlachtenmalern so unheimlich, als müßte er im Mondenschein über einen Kirchhof wandeln. Sägenreißer hatte eine lebendige Taube in der Hand und in einer Schachtel mehrere rothe Kügelchen, die er dem Thiere einzwängte. »Sie sollen hier ein rothes Wunder zu sehen bekommen,« sagte der Professor und winkte Schlachtenmalern, näher zu treten. Die Taube mochte mehrere rothe Kügelchen verschluckt haben, als sich eine wunderbare Veränderung ihrer Farbe beobachten ließ. »Diese Kugeln,« sagte der Professor, »sind aus Krapp, und nun geben Sie Acht, je mehr das Thierchen sie verdaut, desto durchsichtiger wird es. Seine Knochen nehmen alle eine blutrothe Farbe an und schimmern durch die Federn hindurch.« Das Letzte sah nun freilich Schlachtenmaler nicht; wohl aber, daß der Schnabel, die Krallen blutroth wurden, ohne daß sich dabei das Wohlbefinden des Thierchens zu verändern schien. Die Haushälterin nahm es schnell fort, und Sägenreißer lachte laut auf, weil sie ihm einen schnurrigen Blick dafür zuwarf, und nun fragte er doch Schlachtenmalern noch immer nicht, was er wolle. »Sie sollen meine Schätze kennen lernen, junger Freund,« unterbrach er den sich zur Anrede Räuspernden: »fassen Sie an!« Damit zog er eine Schublade aus dem Wandschranke und trug sie mit Schlachtenmalern auf den inzwischen etwas aufgeräumten Tisch. Ein wirres Gemisch von osteologischen Gegenständen lag in diesem Kasten, und Sägenreißer schickte sich an, seinem jungen Freunde jede Einzelnheit derselben zu erklären. Wir müssen uns auf einen kurzen Auszug seines langen Vortrags beschränken und mit Bedauern die feinen wissenschaftlichen Bemerkungen unterdrücken, die Sägenreißer gleich z. B. an das erste Stück seiner Sammlung anreihte, nämlich den Milchbackenzahn eines jungen Elephanten, ein Thema, über das Sägenreißer ordentlich kindlich wurde. Dann zeigte er dem Schlachtenmaler die beiden, leider nicht zum Durchbruch gekommenen Weisheitszähne des enthaupteten Königs Karl I. von England. Hierauf die verkleinerte Copie des berühmten Skeletts eines donischen Kosaken, dessen Sitzbeine vom vielen Reiten eine ganz auffallende Mißbildung bekommen hatten. Sägenreißer bemerkte übrigens, daß er auf diesen Kosaken weit weniger gäbe, als Blumenbach: denn er müßte sich sehr irren, wenn nicht jeder deutsche Postillon, auf Routen, wo es viel Extraposten gäbe, z. B. zwischen Frankfurt und Wiesbaden, hinten eben so geformt wäre, wie jener Kosak. Dann zeigte er Schlachtenmalern einen Hirnschädel ohne Nähte, der um so auffallender war, als er einem Schneider angehörte. Auch der Schädel eines rhachitischen Kindskopfes war ohne Naht. Hierauf kam der berühmte natürliche Stelzfuß jenes unglücklichen Morandschen Hasen, dem ein Bein in seiner Jugend verloren ging, und die Natur aus einer wunderbaren Verknorpelung dafür ein neues gab; natürlich war dieser Stelzfuß auch nur eine Copie. Wie Sägenreißer an dem donischen Kosakenskelett etwas auszusetzen hatte, so mäkelte er (ein Beweis für seine Wahrheitsliebe) an Blumenbachs Schneidezahn eines jungen anthropophagischen Neuholländers und sagte: »Wer weiß, ob dies nicht ein ganz einfacher, ungeschlachter, deutscher Bauernzahn von einem Schlingel ist, der, um keine Patronen beißen zu können und von der Conscription frei zu werden, ihn sich mit einer Drahtzange ausgerissen hat.« Hierauf zeigte er Schlachtenmalern einen kleinen Erdglobus, gut ausgeführt, und fügte hinzu: »Das ist das Gestell eines ehemaligen Matrosen der englischen Marine!« Als Schlachtenmaler über diese sonderbare Verwandlung erstaunte, erklärte ihm Sägenreißer, wie man Knochen im Papinianischen Topf zu einem flüssigen Teig kochen könne und aus diesem Matrosen, aus Anerkennung seines geographischen Berufes, deßhalb auch einen Erdglobus geformt hätte. Schlachtenmaler faßte den verwandelten Matrosen an, und er war ordentlich elastisch, wie ein Gummiball. Nun kamen einige von den hundert und sechsunddreißig Knorpeln an die Reihe, die der Veterinärarzt Havemann in Hannover in dem sogenannten Luftbeutel an der eustachischen Röhre einer vierzehnjährigen königl. hannöverschen Stute entdeckt hatte. Dann einige Splitter aus dem Hirnschädel eines Troglodytenaffen und, in Ermangelung eines Kamschadalenkopfes, nach dem Sägenreißer behauptete so außerordentlich begierig gewesen zu seyn, leider nur ein gewöhnlicher Filzhut von jenem Transport modischer Hüte, die ein Pariser Hutmacher angefertigt hatte und in den Norden schicken wollte. »Da diese Hüte jedoch alle nach Pariser Schädeln modellirt waren, und keiner in Kamschatka und Spitzbergen passen wollte, so können Sie allerdings,« sagte Sägenreißer, »von diesem Filzhut auf die Form der dortigen Schädel schließen, indem man ja nur anzunehmen braucht, daß dieser Hut einem Kamschadalen nicht paßt.« Und er hatte Recht: wie oft muß sich die Wissenschaft nicht damit begnügen, bloß zu bestimmen, was eine Sache nicht ist, während das, was sie ist, sich nicht erweisen läßt. Auf eine Schädelguirlande, theils von Cretins, theils von Blödsinnigen, folgte eine Copie des berühmten Waglerschen Wasserkopfes, dann ein höchst merkwürdiges Original, nämlich die wunderbare Feuerassel ( scolopendra electrica), dies auffallende Thierchen, welches ein Frauenzimmer in den besten Jahren, die jedoch immer am Kopfe litt, zur glücklichen Stunde und zu ihrer Genesung einmal ausschnäuzte. Hierauf lächelte Sägenreißer: denn er war im Begriff, einen Witz zu machen. Er zeigte Schlachtenmalern einen Schädel, dessen Fontanelle weit auseinander stand, und sagte dann: »Dies ist gewiß ein offener Kopf gewesen,« worüber Schlachtenmaler, in Erwartung seines eigentlichen Handels, viel Munterkeit und Beifall bezeugte. Beim folgenden Schädel lachte Sägenreißer schon wieder. »Sehen Sie,« sagte er, »die Alten hatten nicht Unrecht, das Hinterhauptbein, diese muschelförmige Schale, ? Teufel, bei Ihnen ist sie stark,« unterbrach er sich, weil er Schlachtenmalern dort hinfaßte, ? »ich sage, diesen Theil den Gedächtnißknochen zu nennen. Mein alter Schulmeister hatte immer die Gewohnheit; wenn ihm neue Kinder zugeführt wurden, sie hinten am Kopfe zu betasten und ihnen gleich aus der Stärke dieses Knochens ein Prognostikon zu stellen, ob sie vergebens oder mit Erfolg studiren würden. Dieser Schädel ist von einem berühmten, mehrmals gesessenen und endlich gehängten Spitzbuben, bei dem sich merkwürdigerweise ein kaum andeutungsweise ausgebildeter Gedächtnißknochen befindet. Man sieht hieraus, daß nie eine Strafe bei ihm fruchten konnte, und daß der arme Schelm eigentlich für alle gute Lehren, Warnungen und Strafen gar kein Gedächtniß hatte. Wäre der Schädel nicht zu interessant, ich trüge jetzt darauf an, den Hallunken von der Instanz zu absolviren und ehrlich zu begraben.« Hierauf zeigte Sägenreißer, jedoch mit etwas ungläubiger Miene, die Thränenfistel des unglücklichen Klostergeistlichen Siegwart vor; und mit noch größerm komischen Kopfschütteln einige Knorpel aus dem berühmten Buckel des Aesop. Einen Türkenschädel, klagte er, hätte er nie ergattern können, dafür nur diesen Pfeifenkopf aus Adrianopel, der wenigstens ein schönes, lebendes Türkenhaupt vorstelle. Bei einigen Wirbelbeinchen, deren nähere Bedeutung Schlachtenmaler überhörte, faltete Sägenreißer die Hände und sagte: »Wissen Sie, wer bei der Aufgabe, die höchste Zahl der menschlichen Lendenwirbel zu bestimmen, eines kläglichen Todes gestorben ist?« Als Schlachtenmaler darauf ein sehr natürliches Stillschweigen beobachtete, sagte Sägenreißer: »La Peyrouse! Den unglücklichen Mann schickte die Pariser Akademie nach Afrika, um zu sehen, ob Völkerschaften von großer Statur mehr als sechs Lendenwirbel haben; und noch immer fehlt La Peyrouse und eine Antwort auf jene Frage!« ?

Sägenreißers Merkwürdigkeiten waren jetzt bald zu Ende. Es kam nur noch das, wie Sägenreißer versicherte, sehr auffallende Kuckusbein einer abiponischen Dame, von der der Pater Dobritzhofer die Versicherung gegeben hat, daß sie, wie der obige donische Kosak, in ihrem Leben nur geritten hatte. Kleine Skelette von chinesischen Weiberfüßen machten den Schluß, so wie die Zehen jenes berühmten Schwaben, Namens Grieben, der ohne Arme geboren war und sich mit den Zehen nicht nur musikalisch, sondern auch schriftlich ausdrücken konnte. Der Zehe war in ein Stück Papier gewickelt, auf welchem etwas zu lesen stand. Es lautete:

 

                   

Ihr sollt Gott fürchten und lieben!
Dieses hier ist ohne Hand geschrieben
Von Johann Christian Grieben.

 

»Sie sehen,« schloß Sägenreißer den Kasten mit gutmüthiger Ironie, »der Mann war mit den Zehen auch ein Dichter!«

Schlachtenmaler aber freute sich ausnehmend, daß Johann Christian Grieben ohne Arme geboren war: denn nun konnte er doch mit seinem Plane vorrücken und, um das Terrain zu sondiren, Sägenreißern fragen: »Irgend einen merkwürdigen Arm hab ich in der Sammlung nicht gefunden?« »Ach,« entgegnete Sägenreißer ganz harmlos, »selten bieten diese Extremitäten etwas Anomales dar; es müßten denn gerade Hände mit sechs oder nur vier Fingern vorkommen oder die abgeschlagene Hand des Götz von Berlichingen, die er aber selbst nicht hatte, geschweige ich, oder ich müßte denn einmal den Arm eines Schriftstellers bekommen, um zu sehen, ob der Processus styliformis, in dem ja bekanntlich (er griff nach Schlachtenmalers Arm) die Hand hängt, von dem guten Styl, den ein solcher Mann schreibt, eine andere Gestalt bekömmt, als er gewöhnlich bei Spitzbuben hat: denn ich muß sagen, bei Gaunern und Taschendieben sind die Greifknochen des rechten Armes fast immer wunderbar schön und ungemein gelenkig geformt.« ? »Nun,« sagte Schlachtenmaler mit der größten Seelenruhe und wie im Scherz, »Herr Professor, ich bin ja im besten Zuge, ein großer Schriftsteller zu werden, und Maler bin ich ohnehin schon, kaufen Sie mir meinen Arm ab!« Sägenreißer streifte den dargebotenen rechten Arm Schlachtenmalers bis oben an die Oberarmröhre auf und sagte gar nichts, sondern lachte nur über den schalkhaften jungen Mann. Er maß mit Wohlgefallen an den schönen Formen und Muskeln und prüfte und wog und drückte und brummte dann: »Hätt ich Sie nur unter dem Messer, Freundchen; die Haut so mit einem Schnitt herunter, und nun all die zappelnden Muskeln, Nerven und Arterien ? das sollte eine Freude seyn! Aber gesetzt, ich wollte menschlicher seyn und Sie nur als Leiche besitzen, Freund, so sind Sie doch zu jung und werden mich früher begraben, als ich Sie präpariren kann.« Schlachtenmaler bemerkte hierauf, indem er den Arm bis an das Schulterblatt entblößte: »Es handelt sich nur um meinen Arm, und ich verspreche Ihnen ja, Chancen zu geben. Ich will nicht allein nächstens unter die Soldaten gehen, sondern gebe Ihnen auch das Versprechen, daß, wenn ich hundert Thaler jetzt für meinen Arm bekomme, Sie sich in fünf Jahren entweder meines Armes bemächtigen dürfen oder die hundert Thaler nebst den Zinsen zurückerhalten!« Alles dies wurde von Schlachtenmalern so nachdrücklich und fast krampfhaft bestimmt ausgesprochen, daß Sägenreißer ihn groß anblickte und in die Chatoulle griff mit den Worten: »Sind Sie toll, Blasedow, Sie scheinen Geld zu brauchen.....« »Nein, nein,« wehrte Schlachtenmaler seine Herzensgüte ab; »nein, ich kann ohne Verdienst nichts annehmen; ich opfre mich gern der Wissenschaft. Entweder ist der Processus styliformis in fünf Jahren in Ihrer Hand oder das Geld. Ich bitte um Papier und Feder.....« Sägenreißer lachte, übrigens doch nicht so laut, daß man nicht hätte ein leises Klopfen an der Thür hören sollen. »Eine Dame, die mit mir Geheimnisse hat,« flüsterte Sägenreißer, drückte Schlachtenmalern die Geldrollen in die Hand und ihn selbst hinter einen Vorhang, der eine Art Alkoven bedeckte. Mechanisch nahm er das Geld und die Weisung und stand mit klopfendem Herzen hinter dem Vorhange in einem Kreise von Gerippen, kaum wissend, wie ihm geschah.

Das schwere Geld beschämte ihn so, daß er fühlte, er müsse etwas dafür leisten, und zu seiner Freude fand er in seinem durch ein kleines Fenster erhellten Versteck ein Pult mit allen Schreibbedürfnissen. Er setzte eine deutliche Erklärung darüber auf, daß er dem Professor Sägenreißer für hundert Thaler schulde und binnen fünf Jahren ihm entweder diese Summe mit Zinsen zurückzahlen oder seinen rechten Arm geben wolle. Sein Name beschloß dieses Instrument, und nun erst ward ihm wohl und heiter, obschon, was im Zimmer geschah, seine Aufmerksamkeit noch immer nicht fesselte. Endlich horchte er auch dorthin. Sägenreißer ließ eben erst die Dame ein und sagte: »Entschuldigen Sie, Kind, ich mußte hier erst die Beckenlehre, die für ein unverheirathetes Frauenzimmer unpassend zu sehen ist, bei Seite bringen und die nachgemachten Gebeine Abälards und Heloisens einpacken, die bekanntlich in einem Sarge wild unter einander lagen und nur durch gewisse Kennzeichen von einander getrennt werden konnten. Die Aebtissin des Klosters zum Paraklet in Paris wollte nicht zugeben, daß dies anstößige Verhältniß, welches fünfhundert Jahre lang im Sarge gedauert hatte, nun noch ferner fortgesetzt würde, und, da die Aerzte nichts als Knochen in ganz wilder Ehe fanden, woran sollten sie Abälard, der doch gewissermaßen auch ein Frauenzimmer geworden war, woran Heloisen erkennen? Nun, sie verfuhren eben so vernünftig, wie galant. Alle zarte, feine, rundlich schön gewölbte Knochen wurden Heloisen zugeschrieben: denn allerdings bei Frauen sind die Röhrenknochen schwächer, die Ecken und Fortsätze sind nicht so scharf ausgewürkt (Blumenbach), die Furchen sind nicht so tief, die Insertion der Sehnen ist nicht so rauh, die Artikulationen sind flächer, wenn auch die Rippen dicker und rundlicher; und nun, setzen Sie sich, Sophiechen!«

Als Schlachtenmaler den Namen hörte, lauschte er durch die Spalte des Vorhangs und erstaunte, in der That seine Jugendfreundin leichenblaß anzutreffen; sie legte eben den Mantel ab und hatte ein Tuch um den Kopf. Begierig, welche Operation hier vorgehen würde, zog er sich doch schnell zurück, weil Sägenreißer aufsprang und Sophien ein Buch von dem Stuhle wegnahm, worauf sie sich eben setzen wollte. »Nicht des Buches wegen,« sagte Sägenreißer schelmisch; »aber es sind Hallers berühmte Beobachtungen des Fötus im Ei; das ist nichts für Sie: auf dergleichen Bücher müssen junge Frauenzimmer nicht einmal sitzen!« Nun ging er zu ihr heran und that ihr den Mund auf. Da sie Miene machte, zu schreien, sagte er mit künstlichem Aerger: »Potz Velten! der Zahn ist gestern ausgezogen, und, den neuen einzusetzen, das ist Kinderspiel. Sehen Sie, Sophiechen, da Sie doch die Lücke nicht haben wollen, welcher Zahnarzt würde Ihnen einen solchen Ersatz bieten können, wie ich? Die Andern fertigen ihre Gebisse entweder von guillotinirten Köpfen oder von Elephanten-Zähnen an oder gar aus gewöhnlichen Knochen. Sonst thu ich es auch, will ich Ihnen nur gestehen, Sophiechen; aber, weil Sie es sind ?« Hier brach er ab, trippelte an seine Schubladen und suchte etwas. Sophie, ganz Resignation, blickte in einen kleinen Handspiegel, den sie an der Klappe ihres Pompadours hatte, und betrachtete eine Zahnlücke, die ihr Sägenreißer ausfüllen sollte. In ihrer wilden Art stampfte sie mit dem Fuß auf und rief abgestoßen: »Abscheulich, schändlich!« ? »Nun, nun,« kam Sägenreißer jetzt an, »solche Zähne haben Sie in Ihrem Leben keine gehabt, wie Sie hier einen bekommen sollen!« Damit wickelte er vorsichtig ein kleines Papier auf, worin, in Wolle gewickelt, ein Zahn lag, den Sophie selbst nicht umhin konnte ungemein liebenswürdig zu finden. »Wie alt, glauben Sie wohl,« frug Sägenreißer pfiffig, »daß dieser Zahn seyn kann?« ? »Lieber Gott,« sagte Sophie, »der ist ja durchsichtig wie Elfenbein und scheint ganz natürlich.« ? »Wozu die Umschweife?« konnte sich Sägenreißer nicht länger halten; »dieser Zahn ist älter als dreitausend Jahre! Er ist der Augenzahn einer beispiellos schönen Mumie, die ich vor einigen Jahren in London auf einer Auction egyptischer Gegenstände erstehen ließ. Wollen Sie, Sophiechen, die eigentliche Besitzerin des Zahnes sehen?«; »Ums Himmelswillen, nein,« erklärte Sophie, sie könne dann unmöglich den Zahn im Munde haben, es würde ihr immer vorkommen, als könne sie sich in ein ähnliches Scheusal verwandeln. Sägenreißer neckte sie, daß sie aber den Zahn des Scheusals nicht verschmähe, gab ihm eine Golddrahtbefestigung und setzte ihn Sophien ein, die vollends erst glücklich wurde, als er noch dies hinzufügte: »Sie wissen, Kind, daß falsche Zähne den Nachtheil haben, daß sie einen Geruch im Munde verbreiten, den ich ? pfui! ?« Sophie blickte mit gebrochnen Augen gen Himmel und seufzte, daß es einen Stein, viel mehr Schlachtenmalern erweichen mußte. »Allein,« fuhr Sägenreißer fort, der sich von der Vorstellung des Geruches falscher Zähne bald erholt hatte, »hier ist nichts zu fürchten. In diesen Zahn ist die Materie, durch welche die egyptische Dame vor dreitausend Jahren noch sich zu einer Mumie verschönerte, so balsamisch im Grabe eingedrungen, daß er ? riechen Sie ? ordentlich eine wohlriechende Ausdünstung hat.« Sophie ließ nun Alles an ihrem Munde geschehen, und der Mumienzahn, mußte sie am Spiegel gestehen, war weißer und glänzender als alle übrige. Sie sagte, als sie jetzt ihr Umschlagetuch ergriff und sich zu gehen anschickte, leise: »Herr Professor, Sie wissen, wem Sie diese Geschichte in Rechnung stellen?« Sägenreißer bückte sich und antwortete ironisch: »Dem Baron von Höllenstein!« Sophie aber, um den Spott ertragen zu können, erhob sich stolz und empfahl sich mit affectirter Würde.

Schlachtenmaler trat nun hervor, und Sägenreißer bedauerte ihn, daß er den Mumienzahn nicht auch gesehen hätte. »Ei, ich seh ihn wohl noch,« entgegnete dieser: »der Mund dieser Dame hängt gerade nicht sehr hoch; aber lassen Sie uns auf unsern Handel zurückkommen!.....« ? »Sie sind ein Narr,« entgegnete Sägenreißer, nahm Hut und Stock, drängte den Schlachtenmaler zur Thür hinaus und begleitete ihn die Treppe hinunter. »Ich habe Eile,« erklärte er und flog unten hurtig davon. Schlachtenmaler aber war sehr vergnügt: erstens über die hundert Thaler; zweitens darüber, daß er sie nur geliehen und etwas Bedeutendes dafür verpfändet hatte; drittens über den Zufall, der es fügte, daß Sophie sich gerade in dem Augenblick (sie ging schnell über den Platz, an dem Sägenreißer wohnte) umsehen mußte, wo er mit dem Professor aus dem Thurm trat. Erschrocken blickte sie wieder vorwärts und lief spornstreichs quer durch die Straßen, als sich Schlachtenmaler anschickte, sie zu verfolgen. Sie hatte ein neues Interesse für ihn gewonnen, seitdem sie ein Stück egyptischer Antiquitäten im Munde führte und gebrannte Mandeln und Rosinen mit einem Zahn essen wollte, der vielleicht dem König Sesostris angehörte. Er beschloß, wieder Celindens Haus zu besuchen und sich für Sophiens Untreue, Flatterhaftigkeit, Eitelkeit und Intrigue dadurch an ihr zu rächen, daß er jetzt methodisch anfangen wollte, ihr fortwährend auf diesen eingesetzten Mumienzahn zu fühlen. Er kaufte sich auch gleich bei dem ersten Buchbinder Kapuths, der auch zugleich der beste Buchhändler des Orts war, Morizens Götterlehre und fing schon auf der Straße an, das Kapitel über den Vogel Ibis und den Gott Osiris zu lesen. Was werden seine Brüder für Freude haben, nicht an Morizens Götterlehre, sondern an Schlachtenmalers metallisirten Rock- und Westentaschen!

 


 

Elftes Kapitel.

 

Militärische Schicksalswendung.

 

Wie ist aber doch der lederne Schmachtriemen der Armuth ein weit festeres Band für Freundesherzen, als die goldene Kette des Reichthums! Die Brüder nahmen Schlachtenmalers Eroberung mit Jubel auf; aber keiner von ihnen wollte ihm eine Triumphpforte bauen, keiner ihn auf seinem tapfern Schilde in die Höhe heben; sondern ihre Freiheit benutzten sie nur, wie so oft in der Staatengeschichte, gegen den, der sie ihnen verschafft hatte! Schon lange glühte unter der Asche, in der sie bis zu dieser Stunde ihre Kartoffeln hatten braten müssen, eine dunkle Zornesglut gegen den Aeltesten, die jetzt als lodernde Flamme aufschlug. Schlachtenmaler hatte das Geld nur unter der Bedingung auf den Tisch geschüttet, daß sie das Wochenblatt eingehen ließen. Er machte ihnen Vorstellungen über den Geist des Kaputher Publikums, über die mannigfachen Hindernisse, die ihnen Blaustrumpf, Wiesecke, Mörder, die Schule, der Hof und die Censur legten, und, als diese nichts fruchteten, über ihre eigene Unreife, die Nutzlosigkeit verschwendeter Knabenkräfte, über die Druckfehler, die sie stehen ließen, über ihren affectirten Witz ? und, als diese Steine, die Schlachtenmaler in ihre Gemüthsteiche warf, erst Blasen und, da sie sich häuften, einen ordentlich reißenden Wasserfall von Zank erregten, sprang er, wie Mephistopheles in der Hexenküche, auf und schlug zwar nicht die wenigen Gläser und Schüsseln entzwei, die sie hatten, wohl aber fuhr er mit einem Rappier, das über seinem Bett hing, in die von ihm selbst gezogene und bemalte Redactionstapete, durchlöcherte sie und riß allen Musen die Fetzen vom Leibe herunter. Seine Waffe schützte ihn gegen die mit mehr Zorn als List ausgeführten Angriffe der Brüder. Er hielt sich den Rücken und den Mund frei und konnte, indem er nach allen Seiten parirte, ihnen einige donnernde Philippiken halten. »Schande über euch!« rief er und wiederholte es mehrere Male als Text seines Vortrags. Dann umschrieb er ihn: »Ihr habt,« sagte er, »alle Berechnungen unseres armen Vaters Lügen gestraft; bin ich auch kein Wouwermann geworden, so könnt ich doch unsern Kampf hier eben so gut zeichnen, wie ich ihn führe; aber euch hat weder das Lakiren, noch Schumacher, noch der künstliche Aesopbuckel zu etwas Ordentlichem gebracht. Nüsse könnt ihr knacken und Charaden für Poesie ausgeben, Das schlechteste Trauerspiel, hatte Schlachtenmaler früher schon einmal nicht ohne Anspielung gesagt, bietet noch einen reizenden Anblick, so schön wie ein Feuerwerk, dar, ? wenn man es nämlich in den Ofen steckt! gleichsam literarische Lehmkügelchen kneten und in schönen Frühlingstagen in die warme Erde eure poetischen Löcher graben, um damit zu spielen. Was seyd ihr? Drahtpuppen ohne meine lenkende Hand.« In dieser Art parirte er und griff an zu gleicher Zeit. Gedemüthigt, aber nicht gebessert, ließen die Empörer endlich von ihren mörderischen Plänen, zu deren Ausführung sie keine Schüssel, kein Glas, Alles, was Schlachtenmaler so besonnen geschont hatte, unbenutzt ließen. Amandus aber, nichts so schmerzlich empfindend, als die Zerstörung der Redactionstapete, entschädigte sich auf die keckste Art und strich die auf den Tisch noch aufgezählten Thaler ein. Man konnte Schlachtenmalern nicht verdenken, daß er jetzt das Rappier fortwarf: denn wie leicht hätt er vor Zorn seinen Bruder niedergestoßen! Mit der Linken packte er Amandus Genick, und mit der Rechten ? die sank ihm plötzlich wie abgestorben nieder; er trat einen Schritt zurück, der Gedanke, wie wunderbar jenes Geld und dieser rechte Arm zusammenhingen, hatte sein ohnehin zur Reflexion geneigtes Gemüth so heftig erschüttert, daß er jetzt als schlafend im Schoße Delilens angesehen werden konnte, wenn ihn die Philister oder seine Brüder binden wollten. Der Anblick, den er darbot, hatte viel Aehnlichkeit mit jenem Momente, als ihn Guido von Lipmann gefragt hatte: ob er denn den Schmerz des Jahrhunderts nicht verstünde? Es wurde Abend, wie damals, nur schien die Sonne nicht. Die Brüder, innerlich furchtsam und ahnungsvoll, was ihm wohl in den Sinn gekommen wäre, halfen sich durch unmächtige Renommistereien, pfiffen sich Muth, nahmen Hut und Stock und nur einen Thaler von der Summe, die sie wohlweislich doch unangerührt ließen, und stürmten tobend und hohnlachend zur Thür hinaus. Schlachtenmaler rief ihnen nach. Sie standen, wie gebannt, doch verächtliche Blicke lügend. »Nehmt Alles,« sagte Schlachtenmaler feierlich; »von heute an tret ich aus eurem Kreis, ihr trefft mich in diesem Zimmer nicht wieder!« Ein grelles Lachen nahm diese Erklärung auf. Sie stürzten fort.

Schlachtenmaler war zu Thränen reif; aber er vergoß keine, weil er sich vorgenommen hatte, etwas Männliches und Entschlossenes auszuführen. Es wurde immer grauer im Zimmer, und er vergriff sich oft, indem er seine Sachen zusammensuchte, um sie zu einem Bündel zu packen. Er war noch dabei beschäftigt, als sich die Thür öffnete, und der jüngste Bruder Alboin noch einmal zurückkehrte, ganz keck und frech, und etwas vergessen zu haben schien. Schlachtenmaler hörte nicht auf ihn. Alboin kam ihm beim Suchen in den Weg und fragte ihn barsch, was er da suche. Als Schlachtenmaler kein Gehör gab, fragte Alboin sanfter, was ihm denn fehle. Und, als sich nun der Aelteste aufrichtete und ihn mit seinen dunkeln, durchbohrenden, seelenvollen Augen, die in der Nacht des Zimmers wie Sterne funkelten, anblickte, fiel die geborgte Maske des Uebermuths von dem kleinen Mann, und er fing bitterlich an zu weinen. Schlachtenmaler blieb ruhig und weidete sich an dieser Selbsthülfe des Gemüths, welche das Zeichen aller noch unverdorbenen Gemüther ist, wie auch der Körper noch nicht verloren ist, der sich, etwa durch Hautreactionen, selber helfen kann. Alboin drückte sein schluchzendes Antlitz an die Brust des Bruders und fragte ihn: ob er denn ziehen wolle? »Ja,« sagte Schlachtenmaler mild und doch entschlossen: ihm selbst wollte das Herz vergehen. Alboin fühlte das starke Klopfen seines Herzens und umschlang ihn mit all jener Zärtlichkeit, die unter Geschwistern rührend ist, weil sie zwar immer im Hintergrunde liegt, nicht aber, wie bei Liebenden, immer und immer in äußern Geberden sichtbar. Schlachtenmaler setzte sich und nahm den Bruder halb auf den Schoß, halb an die Brust, ohne daß Beide sprechen konnten. Und auch da, als sie, von einem Gedanken geleitet, seufzten: »Der arme Vater!« vermochten sie keine Worte für das, was sie fühlten, zu finden. Sie ahnten, wie sie in dem Netz einer verfehlten Bestimmung gefangen waren, und hatten doch weit weniger Mitleid mit sich selbst, als mit Blasedow, dem trübsinnigen, schwermüthigen Fischer, der Wunder dachte, was er gefangen hatte! »Sein Netz,« sagte Schlachtenmaler leise, »ist so falsch gestrickt, daß wir jungen Fische wohl noch Maschen finden, aus denen wir heraus können; aber was hat er dann?«..... »Die Mutter,« dachten Beide, und es war ihnen, als spalte sich die Erde, und hier stände der Vater, und dort weit, weit am jenseitigen Ufer des Abgrundes die Mutter, und eine Welt, ein großes verlorenes Leben läge zwischen Beiden! So saßen sie eine Weile und hielten still, daß die Engel durch ihre Herzen zogen und ihnen Weihwasser in die Augen sprengten und jene seligen Chöre anstimmten, von denen so oft des Jünglings Herz zerspringen möchte. Liegen nicht im Gemüth der Jugend mehr elegische Klaglaute, als im Herzen des Mannes, der schon gelernt hat, dem Himmel die Stirn zu bieten? Wird nicht das Knabenherz von so seligen Schmerzen oft beängstigt, wie wir später sie nie mehr empfinden? Es ist der ängstliche Traum eines Engels, der in ihnen schlummert; ein unnennbares Weh, das sich in so süße, überwältigende Gefühle auflösen kann. Es ist, als läse sich Gott selbst die Messe in einem so bewegten Jünglingsherzen.

Sanft lehnte jetzt Schlachtenmaler den Bruder zurück und nahm sein Bündel von der Erde. Seine besten Kleider, um sie nicht zu zerdrücken, zog er an; auf Alboins besorgte Fragen und Zureden antwortete er nichts, weil sein Entschluß fest stand, und er das Uebrige, was nun werden sollte, selbst noch nicht wußte. So stiegen Beide die Treppe hinunter und hätten beinahe Celindens Bedienten verfehlt, der sich mit einer Klage über die schlechte Beleuchtung in Kaputh bei ihnen meldete und dann erst sagte, daß er Herrn Oscar Blasedow zu heut Abend einladen solle! »Zu Celinden?« fragte Schlachtenmaler erstaunt. »Nein, zum Baron; die Baronin jedoch läßt hinzufügen: sogleich!« Schlachtenmaler sagte, er würde kommen, und sann, indem er mit Alboin in den Straßen schlenderte, über das Vorhaben des Barons nach. Nie hatte er den Baron Satan von Höllenstein, der, wie er hörte, vom Kriegscollegium an die Spitze eines reitenden Scharfschützenregiments (wegen welches Scharfschießens auch manche von diesen Jägern eine Brille auf dem Pferde trugen) versetzt war, anders als in zweideutiger Beleuchtung gesehen. Wie kam er heute und so in aller Eile zu dieser Einladung! »Sieh,« bemerkte jetzt Alboin, »deßwegen waren wir dir auch gram, daß du immer deine eignen Wege gingst und uns nur zu den hellen Fenstern aufblicken ließest, wo du zum Besuche warst.« Schlachtenmaler, voller Erwartung, hörte kaum darauf und ließ sich bis an den Platz begleiten, an dem die Wohnung des Barons lag. Alboin wollte ihm hier sein Bündel abnehmen, weil er Psychologie genug verstand, um zu wissen, daß große Entschlüsse oft durch die kleinsten Querbegebenheiten gelähmt werden, und die, welche kurz zuvor etwas Außerordentliches leisten wollten, bald, durch eine glückliche Begegnung erfreut, Gott danken, wenn man vergißt, sie beim Wort zu halten. Doch Schlachtenmaler umarmte ihn, ließ seine Rückkehr zweifelhaft und eilte schnell mit seinem Bündel in das Haus. Alboin begriff nicht, wo er es daselbst, ohne beschämt zu werden, verstecken würde.

Schlachtenmaler fand aber unter der Treppe den Versteck für sein Reisebündel und trat Celinden und Sophien, die Beide schon auf ihn warteten, mit einem Lächeln gegenüber, in dessen Falten und Furchen mehr Saatkörner von Vorwürfen und Spott lagen, als er hoffen durfte heute noch reifen zu sehen. Ja, er hatte auch kaum Celinden gegenüber Platz genommen, als ihre sanften, besorgten, neugierigen Blicke sich ihm in kleine Vögel verwandelten, die alle die Saatkörner aus dem Antlitz und Herzen pickten, soweit sie wenigstens für Celinden in Rache und Spott (besonders des Abonnements wegen) hatten aufgehen sollen. Sie sagte ihm, daß sie an eine Art Seelenwanderung, selbst unter den Lebenden schon, glaube, und meinte damit, daß ihr Schlachtenmaler zwar wie ein abgestorbener und begrabener Freund vorgekommen wäre, daß aber sein Geist und sein Herz ihr in hundert sie umgebende Dinge gefahren geschienen hätte, und sie nur den von der letzten Lection noch liegen gebliebenen Solgerschen Sophokles hätte anblicken dürfen, um das große wunderliche Buch seines Herzens gleich aufgeschlagen zu finden. Schlachtenmaler dachte aber weder an Solger, noch an die Hieroglyphen seines Herzens, sondern an die Seelenwanderung und an die Katze, welche Sophie so eben mit falschen Blicken streichelte. Er war ja nun durch die Seelenwanderung schon dicht bei Egypten und fing rasch an, Sophien auf den eingesetzten Mumienzahn zu fühlen. »Ja,« sagte er (nach einigen Betrachtungen über die Seelenwanderung, die Celinde so gern in ihr Tagebuch eingeschrieben, wenn sie nicht gefürchtet hätte, indem er sprach, etwas von seinen Worten zu verlieren), »wie leicht wär es möglich, Sophie, daß diese Katze die Seele eines Egyptiers enthält, von dem Sie, als von einer zerstoßenen Mumie, wenn Sie krank würden, alle Stunden zwei Eßlöffel voll nehmen müssen!« Sophie, glücklich, daß er nicht an ihrem Zahne stocherte, bat um Erklärung dieses Witzes, wie sie spöttisch die Bemerkung nannte. Und Schlachtenmaler erklärte ihr, daß man Mumien in den Apotheken brauche, sie zerstoße und, nach der Meinung des Paracelsus, in dem sich ergebenden Pulver die Quintessenz der menschlichen Substantialität finden wolle. Celinde sah hierin etwas so Wunderbares, daß sie Sophiens Zorn gar nicht begriff, als Schlachtenmaler hinzusetzte: nur die Zähne der Mumien würden von der Chirurgie benutzt, und es bleibe noch immer möglich, daß diese Katze die Seele eines Egyptiers enthalte, von dem Sophie einen Zahn im Munde trüge. Schlachtenmaler überhörte alle Einreden der beleidigten Kammerzofe und fuhr fort, alle Katzenbeziehungen der egyptischen Mythen vor den beiden Frauen auszukramen; er schilderte, während Celinde vor Erstaunen die Arbeit einstellte, und Sophie die seelenwanderische Katze vom Tische jagte, die reizenden Attribute der Göttin Bubastis, welche, statt eines menschlichen, einen Katzenkopf trug; er fing, da Sophie alle diese Bemerkungen als Lügen in Abrede stellen wollte, von ihren, nämlich Sophiens, blendenden Zähnen zu sprechen an und setzte lachend, gleichsam, um sie nur leise zu necken, hinzu: er wisse ja, wie falsch sie wären, und der egyptische Gott Knuphis, der das weiße blendende Ei im Munde trage, wäre ja auch bekannt genug dafür, daß er ? der Schlangengott wäre! Und, als Sophie jetzt keine andere Hülfe mehr wußte, als einen krampfhaften, stieren Blick, gefährlich wie die Spitze eines Dolches, auf ihn zu richten, legte er mit mitleidsloser Bosheit den Finger an den Mund und sagte ruhig: »Harpokrates, der egyptische Gott des Stillschweigens, wird so mit einem Finger am Munde gezeichnet, und ich möchte doch weit öfter glauben, daß diese Geberde eher von Zahnschmerzen, als von einem ? Geheimniß kömmt.« Sophie suchte jetzt die immer deutlicher werdenden Anspielungen, die ihr seine Mitwissenschaft um ihr Geheimniß entschieden verriethen, auf andere Art unschädlich zu machen. Sie ließ die vornehme Maske einer dem Adel gleichsam zur linken Hand angetrauten Weltdame fallen und versuchte es mit der Jungfer Tobianus und der jugendlichen Gespensterdecke, unter welcher sie mit Schlachtenmaler einst gesteckt hatte. Sie nannte ihn plötzlich wieder du und griff ihm dabei so heftig in die schwarzen, krausen Haare, daß Celinde erschrocken auffuhr und sich ? wie sie vorgab ? des Anstandes wegen diesen Rückfall in die frühere Vertraulichkeit verbat. Doch that sie dies mit so wenigen Worten und so vieldeutigen Blicken, daß man auch Eifersucht oder Besorgniß, wenigstens in ihrer Rüge, finden konnte. Schlachtenmaler flüchtete um einige Zoll in ihre Nähe und verbat sich bei Sophien mit komischer Entrüstung, ihn doch nicht in seinen wissenschaftlichen Untersuchungen zu stören. Es wäre doch lehrreicher, wenn er mit ihr über Mumien spräche, als über ihre Toilette: was ihn denn ihre Zahnbürsten angingen! Er glaube auch nicht einmal, daß alle Mumien echt wären, daß die von hinten einbalsamirten Egyptier besser ihre Zähne erhalten hätten, als die von vorne, und daß diejenigen Zähne sich gar nicht erhielten, welche von Pseudomumien kämen und statt in einer egyptischen Pyramide allmählich im Bleikeller von Bremen vertrocknet wären. So könne Mancher glauben, er trüge den Zahn einer egyptischen Mumie, und er gehörte jenem gedörrten und von der Luft in Leder verwandelten Dachdecker an, der im Bremer Rathskeller so viel Epoche mache. Ein Zahn, von dem wir uns einbilden, daß er nur Datteln und Feigen im schönen Morgenlande gegessen hätte, könne gerade vom Tabakskauen so weiß sich erhalten haben. Und in dieser Art hätte sich Schlachtenmalers Spott in eine Schraube ohne Ende verwandelt und Sophiens Ehrgeiz bis zur Ohnmacht durchbohrt, wäre ihr nicht ein Mann zu Hülfe gekommen, den Schlachtenmaler bisher nur im Mantel gesehen hatte und auch heute nicht sogleich erkannte. Indessen war es der Obrist Satan von Höllenstein.

Der Oberst saß in seinem Namen drin, wie ein Kind in ein paar Courierstiefeln. Der Name war viel zu weit für seine schmächtige Figur, viel zu dunkel für seine gutmüthigen wasserblauen Augen, viel zu donnernd für eine wunderbar zirpende Stimme, von der Schlachtenmaler gleich dachte: Ist sein Regiment nicht akustisch aufgestellt, dann weiß ich nicht, wie es ihn hören wird. Jedoch hielt diese Widersprüche ein geheimer Draht zusammen, den man bald als militärisch-aristokratische Conduite erkennen konnte. Wie mancher berühmte Husarenobrist der preußischen Armee sitzt nicht in einem orthopädisch-elastischen Schnürgestell auf seinem Pferde, worunter ich hier etwas ganz Anderes verstehe, als eine Anspielung auf die künstlichen Taillen der Gardelieutenants. Nein, alte Spieler, alte Badbesucher von Aachen, rheumatische Jäger, wilde, tolle Husarenknaster sitzen nicht selten nur noch durch Stahlfedern auf dem Pferde fest, während sich freilich Baron Satan von Höllenstein früher auf dem Kriegsministerium nicht daran gewöhnt hatte, mit Stahlfedern zu reiten, sondern eher wohl, damit zu schreiben. Nun war er aber einmal in die active Armee übergegangen und commandirte die berittene Scharfschützengarde. Jetzt war Alles knapp und eng an ihn anliegend, Sporen rasselten ihm an den Füßen, keine Stubendecke war mehr sicher vor ihm. Es währte auch lange, als er ins Zimmer trat, daß er einen Knäul von den Stiefeln loswurde, in den er sich gleich (er gehörte zu Sophiens Strickstrumpf) auf der Schwelle verwickelt hatte. Mit jenen gerundeten Formen, die dem Adel so vielen Vorsprung vor der Canaille geben, winkte er Schlachtenmalern, sich zu setzen, und fixirte ihn wiederum mit einem jener Blicke, die nicht die Stärke der Seele, sondern die kecke Schule des Privilegiums dem Auge des Vornehmen eingeübt hat. Ganz kurz abgestoßen, wie Einer, dem etwas gut schmeckt, schnalzte er mit der Zunge: »Sind Herr Blasedow?« Und, als dieser sich leise verneigte, nickte der Obrist drei-, viermal mit dem Kopf und stieß noch kürzer ab: »Freut mich; Vergnügen gehabt; sehr angenehm; sehr angenehm; längst gewünscht; sehr angenehm!«

Schlachtenmaler erklärte mit Würde, seine Befehle zu erwarten; doch der Obrist erwiderte lächelnd: »Findet sich, findet sich!« und erstaunte, keine Zurüstungen zum Thee anzutreffen. Sophie erhob sich mißlaunig und klingelte; doch Celinde war selig, daß sich ein so behagliches, trauliches Band um sie Alle knüpfen sollte. Der Obrist erwähnte einige Unerheblichkeiten und wandte sich dann wieder an den jungen Mann mit holdseliger Protectormiene und denselben Lakonismen des Styls und derselben Geschwätzigkeit des Vortrags (denn die kurzen Sätze wurden alle dreimal wiederholt): »Sind Maler? ? Weißs; sind Maler; guter Maler; Renommée, haben Renommée; Maler, gute Pferde, Militärmaler, weißs: ? Silberschlag hats gesagt, tüchtiger Mann, Director Silberschlag, tüchtiger Mann ? sehr gelobt, sehr gelobt, ? gute Pferde malen, habe Pläne, Pläne, große Pläne.....« Doch verschwieg er sie noch, und Schlachtenmaler biß so lange in die Theetasse, als er nöthig hatte, sich an die Manieren des Obristen zu gewöhnen. Dieser rückte endlich in seiner kurzen, mehr im Infinitiv als im Indicativ redenden Sprechweise, die beinahe auf eine gründliche Lecture des Tacitus schließen ließ, mit einem vollständigen Feldzugsplan heraus, den der Fürst von Sayn-Sayn, jedoch nur in friedlichen Absichten gegen seinen Nachbarn, den Fürsten von Vierhufen, entworfen hatte. Es war der beiderseitige Wunsch dieser Fürsten, ihre Truppen einmal wieder an die Strapazen des Feldlagers zu gewöhnen, wie auch einige neuere Fortschritte der Kriegskunst, statt auf dem Excercirplatze, im offnen Felde zu versuchen. Der Obrist war zum Generalissimus der diesseitigen Truppen ernannt worden und wünschte, um der Geschichte von diesen vorhabenden denkwürdigen Manoeuvres eine deutlichere Erinnerung zu hinterlassen, einige Hauptcoups, mit denen er das Schicksal der künstlichen Schlachten zu entscheiden sich kluglächelnd schmeichelte, in dem Moment, wo sie gemacht wurden, von einem geschickten Maler in Sepia oder Oelfarbe oder auch vorläufig nur in Kreide sich aufnehmen zu lassen. Schlachtenmaler sollte den Generalissimus in nächster Nähe begleiten und jeden malerischen Moment benutzen, um die Gruppen und die Conflicte der Truppen aufzufassen und vorläufig wenigstens in Umrissen wiederzugeben. Er würde schon Sorge tragen, bemerkte der Obrist, daß Schlachtenmaler immer einen sichern Punkt träfe, wo er das Ganze am besten treffen könnte, und selbst, wenn es mit scharfen Patronen herginge (was jedoch gänzlich unterbliebe), so wäre sein Reisewagen so gut als bombenfest. Celinde, die schon wußte, daß sie mit Sophien bestimmt sey, das Manoeuvre ihres Mannes mit anzusehen, schwoll wie eine gepflückte Rose im Wasserglase auf, ein unnennbares Gefühl der süßesten Vertraulichkeit überkam sie, sie hätte ihren Gemahl, um wieder ihres seligen Dranges nur auf eine passende Weise loszuwerden, gern an ihr Herz drücken mögen, wenn er sich gerade nicht im Momente so wunderlich geberdete. Er zog nämlich Tranchéen und Verhaue um sich und that, als koste es den Hals, bis zu ihm heranzukommen. Er signalisirte seine Frau als das feindliche Hauptquartier, Sophien als einen Pulk künstlicher Kosaken, den sich der benachbarte Fürst, aus Sympathie für Rußland, hielt, Schlachtenmalern als das ästhetische Gewissen aller seiner Bewegungen und commandirte mit so großer Geistesgegenwart, als wenn er schon im Feuer stände. Er suchte den jungen Künstler schon im Voraus mit den Glanzstellen seiner eingelernten Manoeuvrerollen bekannt zu machen und griff in der That in die Tasche, wo er den ganzen Plan schon vorgezeichnet und nur nöthig hatte, ihn auswendig zu lernen. Schlachtenmaler bemerkte, er wisse allerdings, daß es bei Manoeuvres nicht auf Improvisationsgabe ankäme, sondern auf die gewandte Ausführung einer mechanischen Vorschrift; doch könne vielleicht der jenseitige Kriegsplan von dem diesseitigen sehr verschieden seyn. »Gott bewahre!« fiel der Generalissimus ein, »Alles diplomatisch vermittelt, Alles schon vermittelt, keine Verwirrung, Alles bis auf Linie und Schritt berechnet, keine Tücke, keine Hinterlist, Alles reines Kunstmanoeuvre!« ? »Nun,« bemerkte Schlachtenmaler, »dann, seh ich, ist für die beibehaltene Fassung und Geistesgegenwart des Commandirenden wohl unter allen Umständen gesorgt; aber, ob dabei die malerische Gruppe auch berücksichtigt ist, ob das logische Rechen-Exempel auf dem Papier auch bildlich sich gleich interessant machen wird!«..... Der Obrist sah ihn halb bös, halb verlegen an und fuhr ihn dann (nur die Contenance nicht verlieren! war ja sein Wahlspruch) barsch an: »Herr, Sie müssen Standpunkt haben; Massen sind immer schön... Uebersicht; Perspective... Die bunten Monturen, die Pferde, die Pferde, die geraden Linien, die Tornister hinten, Alle wie Einer, Alle wie Einer, ganz präcis, und die Kamaschen unten, hundert wie eine, sehr malerisch, ausnehmend malerisch!« ? »Ach,« seufzte Schlachtenmaler, »ich denke immer noch, wenn doch die rechten Verschiebungen der Lichter nicht kommen wollen, so springen, mir zu Liebe, ein paar Pulverwagen in die Luft, und die Scene bekommt plötzlich eine ganz andere Beleuchtung!« ?»Sind Sie des Teufels!« mischte der Generalissimus seinen Unwillen in das Geschrei der beiden Frauenzimmer; »darauf keine Rechnung machen, gar keine Rechnung; ist bestens gesorgt; kein Trainknecht die Pfeife rauchen, keiner, absolut keiner; wollen doch sehen, wer Generalissimus ist! Fünfzig Schritt von jedem Pulverwagen darf Niemand mit etwas Feuerfangendem vorübergehen. Wer stählerne Schnallen an seinen Hosenträgern hat, setzt sich einer empfindlichen Untersuchung aus; nichts Feuerfangendes ? fünfzig Schritt von jedem Pulverwagen ? unter keiner Bedingung. Niemand, der eine stählerne Brille trägt, darf in die Nähe kommen; bei wem ein Messer attrapirt wird, verfällt in Strafe; wer von den Zuschauern in der Nähe eines Pulverwagens zuviel auf- und abgeht, muß seine Schuhe ausziehen: denn die Friction von Leder auf frischem Grase ist merkwürdig. Also diese Hoffnung lassen Sie sich vergehen! Kein Pulverwagen wird in die Luft springen. Dem Fürsten hab ich meine Ehre verpfändet, daß kein Unglück geschieht. Die Generalsepaulettes stehen darauf. ? Mich nicht unglücklich machen.«..... Schlachtenmaler erwiderte sehr ruhig, daß er dann aber auch seine Bleistifte nur mit beklommenem Herzen würde spitzen können, geschweige, daß er nun gar Kohle zu den Hauptumrissen würde ganz entbehren müssen. Der Baron zuckte die Achseln und wiederholte, daß er seine Tressen und seine Ehre verpfändet hätte; doch fügte er gnädig hinzu, daß er dennoch aus Schlachtenmalers Art, sich in das Manoeuvre hineinzudenken, zu seiner Phantasie nun wahrhaftes Zutrauen gefaßt hätte; nur bät er ihn, in der Ausführung seiner Bilder weniger auf die Gruppirung, als auf die authentische Treue der einzelnen Montirungen zu sehen. Der Fürst hätte an der Uniformirung seiner Armee einen Narren gefressen, ja, seine Teller bei Tafel wären ja auch alle mit den Monturen seiner Armee bemalt. Die Suppe schmecke ihm einmal nicht, wenn er, als Belohnung seiner Mühe, den Löffel zu führen, nicht unten immer auch ein Portrait von der fürstlichen, gleichsam Löffelgarde erblicke. Der Baron (der also noch nicht einmal General, aber doch schon Generalissimus war) sprach dies sehr leise: denn er konnte, ein umgekehrter alter Dessauer, die Infanterie nicht so gut leiden, wie die Cavallerie, und fügte, die Conduite ganz vergessend, etwas grimmig hinzu: »Fürstliche Durchlaucht haben die Pferde nicht so gern, weil sie etwas schwieriger auf Suppenteller zu malen sind, oder wenigstens die Cavallerie nicht in so angenehmer Größe das Gewehr präsentirt, wie auf den Präsentirtellern die Infanterie.« Celinde bekam Herzklopfen, weil sie wußte, daß ihr Mann hier etwas von seinen innersten Geheimnissen, die ihm fast den Charakter eines Staatsunzufriedenen gaben, verrieth. Doch besann er sich bald darauf, wen er vor sich hatte, und lobte auch wohl wieder den Fürsten als eine musterhafte Ausnahme. Er rühmte das Talent desselben für die Oekonomieverwaltung der Armee, seinen umsichtigen Scharfblick für das Bekleidungsfach, das Train- und Proviantwesen. Er rühmte sein Talent und seinen Muth in durchgreifenden Veränderungen, die er manchmal mit der ganzen Armee anstellte. Ein Wink, und alle Soldaten haben im Nu einen Knopf mehr oder weniger auf dem Leibe. Der Obrist nannte das, was den Fürsten so sehr auszeichnete, seinen »militärischen Geschmack,« seinen Sinn für Propreté und Zweckgemäßes. Er erzählte, daß der Fürst Tagelang an einigen mit Haaren beklebten Holzköpfen mit der Friseurscheere herumgeschnitten hätte, bis er die eigentliche militärische Tour der Haare erfunden, die noch jetzt die Landestruppen trügen, und die sogar in die preußische Armee übergegangen wäre. Wenn es einen bedeutenden Regenten gegeben habe, der wohl nur deßhalb die Liebhaberei gehabt, Siegellak zu gießen, weil unter seinen Auspicien die Diplomatie und das Briefgeheimniß in so großer Blüthe standen, so könnte sich bei dem Landesfürsten Niemand wohler befinden, als wem es gelänge, neue Firnißmethoden und Lakmischungen zu entdecken. Wolle Schlachtenmaler sein Glück machen, so müßten auf seinen Zeichnungen die feinsten Unterscheidungen der verschiedenen Truppentheile angebracht seyn, müßte jeder Hosenknopf getroffen, jeder Riemen, selbst unter der Montur, in einer gewissen Spannung angedeutet seyn. ? Schlachtenmaler antwortete darauf: o, er hätte davon Erstaunliches gehört; der Fürst hätte zwar nicht die Haare auf dem Haupte jedes seiner Unterthanen gezählt, wohl aber die Haare auf dem Haupte jedes seiner Soldaten: denn er wisse ja genau, wie viel Haare jeder Federbusch auf dem Tschako ordonnanzmäßig enthalten müsse. Uebermorgen, sagte endlich der Obrist, würden die Truppen ausrücken, und Schlachtenmaler solle sich theils an das Hauptquartier, theils an die bombenfeste Kutsche halten, welche die Damen führe, und, als Schlachtenmaler erklärte, aus gewissen Gründen, namentlich aber, um sich an das Soldatenwesen zu gewöhnen, möchte er diese und die folgende Nacht in der Kaserne der Scharfschützen schlafen, gab ihm der Obrist, erfreut über diesen Beweis der engsten Anschließung an seine Pläne, einige Bleistift-Bemerkungen an seinen Adjutanten mit und verließ dann, ermüdet von den langen Auseinandersetzungen, das Zimmer. Sophie folgte ihm, und gleich hinterher die Katze, die in andern Umständen war. Schlachtenmaler stand noch einige Minuten Celinden gegenüber und blickte ihr mit Schmerz in die himmlischen Augen. Sie verstand es nicht, daß dieser Schmerz dem Generalissimus, ihrem Manne, galt, und daß eine verstohlene Thräne seines Auges, die aber nicht zum Vorschein kam, sie bemitleiden sollte. Sie war selig über die Annäherung, die zwischen Schlachtenmalern und ihrem Manne so eben stattgefunden, und das Echo des Beifalls, den jener in der That bei diesem gefunden, klang in seligen Blicken aus ihrem Auge nach. Nur, daß er ihre Freundin Sophie so schneidend behandelte, hatte sie selbst verwundet, und im Tone des zärtlichsten Vorwurfs sagte sie nur noch: »Glänzt denn die Oberfläche ihres (Sophiens) Herzens nicht wie das blaue Meer, wenn zuckende, muthwillige Sonnenblicke darauf hinweggleiten? Ist sie nicht, wenn auch keine immer naturgemäße, aber darum doch immer wunderbare Erscheinung, wie man deren im Naturleben so viele hat?« ? »Ja,« sagte Schlachtenmaler, »wie die Galläpfel, die auch etwas Wunderbares, aber eine Krankheit der Bäume sind.« Celinde hätte ihm die Hand mit ihren beiden gedrückt, wenn er diese feindselige Vergleichung nicht ausgestoßen hätte. Sie blickte ihn lang und starr an und prüfte, wie es in der Tiefe seines Herzens wohl rauschen und wallen möchte. Da er aber den Blick mit übereinandergebissenen Lippen erwiderte, und seine feinen satirischen Mundwinkel- und Nasenfalten immer maliciöser hervorzuckten, seufzte sie wie eine Verzweifelnde auf und ging mit den Worten in ihr Zimmer: »Oscar, Sie sinken immer tiefer; bald wird im Lucifer keine Spur mehr vom Engel seyn.«

Schlachtenmaler dachte aber bloß an die Scharfschützenkaserne und packte schnell, da er allein war und sich schon als Marodeur fühlte, die übriggebliebenen Theezwiebacke in die Tasche und lief fort, da auch längst Appell geschlagen war. Unten fiel ihm sein Bündel ein. Er griff blindlings unter die Treppe und nahm seinen Sack, der ihm etwas schwerer geworden schien, unter den Arm. Unterwegs fing es in dem Bündel an lebendig zu werden, und ein eigenes Gewimmer drang aus demselben bei der Stille des Abends an sein Ohr. Eben wollte er über eine Brücke gehen, als ihm das Gewühl seines Bündels so ängstlich wurde, daß ers, wie Einer, der sich zu verbrennen fürchtet, fortwarf. Beim Schein einer Laterne, sah er die Bescherung: Sophiens Katze hatte ihm, aus Dankbarkeit für die Vermuthung, daß ihre Seele demselben Egyptier angehören möchte, von dem Sophie einen Zahn im Munde trug, ihre Entbindung zum Geschenk gemacht. Das warme Päckchen unter der Treppe war in den fünf Secunden, wo Schlachtenmaler und Celinde sich noch über ein Bild erzürnten, Hätte sie mit ihren Augen ihn doch früher schon einmal vernichten mögen, als er, einem englischen Dichter nachsprechend, die Morgenröthe mit einem gesottenen Hummer verglich! ihr Wochenbett geworden, und nun hatte der glückliche Vater nicht einmal den Muth, die Thierchen anzufassen und ins Wasser zu werfen. Er sah, als ihm die Nothwendigkeit, den ganzen Bündel zu opfern, nun einleuchtete, in der Katze die Verbündete Sophiens und in den Jungen ihre beiderseitige Rache. Schaudernd faßte er einen Zipfel seiner Wäsche und warf mit einer krampfhaften Anstrengung das ganze Gewühl über das Geländer der Brücke hinunter und lief, als wenn ihm Gespenster folgten, nun ganz nackt und arm, nichts als ein Manoeuvremaler geworden, spornstreichs und von allen abwechselnden Eindrücken dieses Tages übermannt, in das einzige ihm übrig gebliebene Asyl der reitenden Scharfschützenkaserne. Der Namenszug des Generalissimus verschaffte ihm Einlaß; er fand ein Zimmer und legte sich auf eine leidliche Matratze.

 


 

Zwölftes Kapitel.

 

Die Revue, die aufgerissenen Nähte und ein Vorabend großer Ereignisse.

 

Wie gern hätte Schlachtenmaler zwei Tage darauf lieber auch ein Pferd bestiegen, als daß er in die bombenfeste Kutsche, wenn auch zu Celinden, kriechen sollte. Der Generalissimus hatte mit ihm gleich einen Beschützer seiner Frauen und bemerkte, daß die besten Pelzhandschuhe auf dem Pferde ihm die Hände zum Zeichnen ja nicht so warm halten würden, als die geschlossenen Wagenfenster, und am Tage des Ausmarsches selbst war auch gar keine Unterhandlung mit dem Feldherrn möglich, da dieser kaum wußte, wo seine Armee, geschweige, wo ihm der Kopf stand. Ganz Kaputh war in Bewegung. Vom Lande strömten Neugierige herbei, um diesen Ausmarsch der Landesjugend, diese Entwickelung von Kerntruppen und gleich dabei den Fürsten zu beobachten, dessen vielfache Geschäfte in der Militär-Oekonomieverwaltung, dessen lebhafte Correspondenzen ? mit den Commisschneidern und Posamentirern ihm selten Zeit ließen, sich seinem Volke vorzustellen. Heute war der Balcon des Schlosses mit Teppichen behängt, und, als sollte darauf gefrühstückt werden, eine Anzahl von Schüsseln und Tellern aufgestellt, von welchen jedoch Hoffähige wußten, daß sie nur die Modelle der verschiedenen Truppentheile enthielten und dem Fürsten zur Vergleichung der Wirklichkeit mit seinen Phantasien gleich bei der Hand seyn mußten. Die Truppen hatten Mühe, durch die Straßen sich Bahn zu machen: denn auch die Schuljugend kam unter dem Rector und die ganze männliche und weibliche Kinderlehre unter Blaustrumpf und Mörder angewallt und hatten alle die Landesfarben am Arm und auf einigen Wimpeln, welche vorangetragen wurden. Die Waisenkinder gingen Paar für Paar mit Gesangbüchern hinterher und rührten manches kinderlose Ehepaar, die sich das Gelübde gaben, eins an Kindesstatt davon auszuwählen. Die Akademie der Porzellanmaler und der Töpfer feierte; Silberschlag suchte mit der Brille nach plastischen Gestalten; Sägenreißer kochte mit seinen Blicken die Menge aus und sah nur die Skelette derselben. Nur Weckenesel bewachte die Akademie und litt nicht, daß Einer in diesen tumultuarischen Zeiten die Warnung vergaß: Dieser Ort darf nicht verunreinigt werden! Selbst gegen Hunde litt ers nicht. Die Adjutanten des Generalissimus sprengten durch die Straßen, daß die Funken stoben, und der Lärm wurde immer größer, da der Anführer sich öfters verbessern und, nachdem er kaum seine Gallopins entsendet hatte, ihnen nachsprengen und seine Vorschriften wieder abändern mußte. Dazwischen läuteten die Glocken von allen Kirchen, nur von denen nicht, wo es das Baucollegium schon seit Jahren, des morschen Thurmstuhls wegen, verboten hatte. Die Currende sang vor dem Schlosse so schön und hoch, daß der Präfect heute nicht nöthig hatte, sich den Baß so heftig aus dem Leibe zu pressen, als wollte er die Seele von sich geben. Das dauerte aber Alles nur bis zu dem Augenblick, wo der Fürst gefrühstückt hatte, und er, sich noch den Mund wischend, in Interimsuniform aus den großen Flügelthüren auf den Balcon trat und vom Hurrah! der Armee und dem Parademarsch aller Orchester begrüßt wurde. Jetzt kam ein Geschick in die Parade. Der Generalissimus hatte bisher auf seinem Sattel wie auf Kohlen gesessen: denn der Fürst, erfuhr er ja noch ganz in der Frühe, hatte in der Nacht einen Traum gehabt, daß die rothen Streifen an den Hosen seiner Truppen zu schmal wären und sich, etwas vergrößert, schöner ausnehmen würden. Man hatte im Generalstab und von Seiten des Kriegsministeriums, ja, zuletzt durch einen Fußfall der Fürstin und ihrer Kinder es jedoch dahin gebracht, daß sich der Fürst beruhigte und den Feldzug nicht bis auf die Fertigung der neuen Musterbeinkleider aussetzte. Ein Vergrößerungsglas, in Form eines Dolland, wurde nun schnell auf den Balcon geschoben, und ein langes Sprachrohr von hier aus bis hinunter zu der Stelle des Schloßplatzes, wo der Generalstab hielt, angebracht. Durch jenes beobachtete der Fürst die seine Revue passirenden Truppen, und wehe dem Unterofficier, dessen Gemeine irgend einen Knopf zu wenig zugeknöpft hatten! Das Sprachrohr dröhnte unmittelbar die allerhöchste Entrüstung an das Ohr des Generalissimus, der, ach! nicht bloß an die Parade, sondern noch weit mehr an den Operationsplan und Montecuculi dachte.

Das Zeichen zum Brechen der rings am Platz aufgestellten Linien war gegeben, und ein zweckmäßiges Commando richtete es ein, daß ein Defilée nach dem andern recht artig langsam vor dem Schlosse vorbeizog. Zuerst kam die Cavallerie, welche ausschließlich aus den berittenen Scharfschützen bestand. Wir haben uns früher immer des Ausdrucks Regiment bedient, was jedoch nur so zu verstehen ist, daß die active Truppenzahl, welche die Bezeichnung führte, nur den Stamm eines Regiments bildete, welches der Fürst in Kriegszeiten sich zu complettiren noch vorbehielt. Wäre diese Einrichtung nicht in der ganzen Armee durchgreifend gewesen, so würde man erstens nicht begreifen können, wie sie nur aus vierhundert Mann und doch aus einem Regiment Cavallerie, drei Regimentern Infanterie und zwei Batterien Artillerie, nebst einigen Sappeuren und Pioniers, bestehen konnte; zweitens noch weniger, woher der Fürst die Titel für seine ausgezeichneten Militärs hätte entnehmen sollen, die Obristen alle, die Majore, die Capitäne und die Lieutenants? So bestand das Scharfschützenregiment aus achtzig Mann und theilte sich in vier Escadrons, jede von zwanzig. Sie machten sich prächtig, die Scharfschützen, auf ihren muthigen Pferden, mit ihrem geschulten Wesen und den paar Brillen, die einige unter ihnen deßhalb trugen, um nicht bloß scharf zu schießen, sondern auch zu treffen. Der Generalissimus wäre jetzt schon von dem Schall einer Kanone vom Pferde gefallen, so geängstigt saß er auf dem Pferde da, und sein Adjutant mußte ihm das Lob des Fürsten aus dem Sprachrohr erst übersetzen, so verworren wurde ihm zu Muth, als er aus dem Sprachrohr etwas brummen hörte. Nun kam die Infanterie. Zuerst das Garderegiment, roth, mit gelben Krägen und Vorstößen und weißen Kamaschen, ganz wie eine bewaffnete Bande Lakayen aussehend. Hier donnerte mit einem Male das Sprachrohr: Halt! und der ganze Generalstab, was den Generalissimus so sehr verdroß und dem ihn umgebenden Officier später auch eine Disciplinarnote zuzog, rief diesen Befehl im Unisono nach. Der Fürst behauptete, daß im zweiten Gliede dem sechsten Mann die Naht unterm rechten Arme (den er doch gar nicht sehen konnte!) aufgerissen sey. Der Adjutant hin, der Gardist heraus, wahrhaftig, der Fürst konnte, in Militärgarderobe-Angelegenheiten, durch Bretter sehen. An der ganzen Verschiebung der Uniform hatte er gleich wahrgenommen, daß unterm Arm die Naht zerrissen seyn mußte. Der Gardist wurde in das Depot der Verwundeten abgeliefert und mußte dort von den Regimentsschneidern wieder hergestellt werden. Aber er sollte der Einzige nicht seyn. Der Fürst war mit seinem Teleskop jetzt in den Zug gekommen, und kaum war aus dem Sprachrohr hinten eine Verwünschung heraus, so setzte er vorne schon wieder eine hinein. Das zweite Regiment, das Regiment Mispelheim (Halbgarde), zeisiggrün, roth und gelb, hatte gestern den Marsch von Mispelheim nach Kaputh machen müssen und ließ allerdings Manches zu wünschen übrig. Drei Grenadiere mußten aus dem Glied treten, weil sie sich nicht gewaschen hatten. Zwei hatten an der Patrontasche, statt Lederriemen, schwarzgefärbte Bindfäden genommen. Einer hatte sogar Wolle im Ohr, weil er behauptete, an Rheumatismus zu leiden, was ihm aber der Fürst unter keiner Bedingung gestattete. Er wolle ihn lehren, sagte das Sprachrohr, ihm den Totaleffect zu verderben: es müsse Alles wie über den Kamm geschoren seyn. Das dritte Infanterieregiment, Regiment Kronprinz, gelb, blau und schwarz, hatte weniger Fehler im Einzelnen; meinte der Fürst, seine ganze Haltung mißfalle ihm, es wäre kein Schwung, keine Begeisterung, keine Grazie drin. Denn, natürlich, dies Regiment cantonnirte immer in Dörfern und sah sich nur selten als Ganzes. Auffallend liederlich war aber wahrhaftig die Artillerie! Die beiden Batterien, welche jede aus einer Kanone bestand, zogen mit einer Plumpheit auf, die Se. Durchlaucht zu dem Ausruf trieb: ob diese Artilleristen vielleicht verkleidete Postreiter wären? Ob es ihm so miserabel ginge, wie der bewaffneten Macht von Frankfurt am Main und allen neumodischen Bürgergarden, welche zu ihren Paraden und Manoeuvres immer Extrapost für die Artillerie nehmen und die Postillone in Artilleristen umkleiden müßten? Wenn man bedenkt, daß der Fürst das Militär weit mehr auf dem Papier oder in seinen Suppenschüsseln liebte, als in der Wirklichkeit, daß ferner die Artillerie diejenige militärische Waffe ist, bei welcher sich jetzt am leidenschaftlichsten der Sinn für seine Kriegsführung zu erkennen gibt, so kann man sich erklären, daß ihm das ganze Corps eigentlich verhaßt war. Wie die Spritzenreiter! schrie es hohnlachend aus dem Sprachrohre: denn alles Einzelne zu rügen, wurde der Fürst nach gerade überdrüssig. Hätte er nicht immer in den Zeitungen gelesen, daß die Empörer in Spanien, Paris und Brüssel gewonnen Spiel hatten, sobald ihnen Kanonen zu Gebote standen; hätte er nicht selbst erfahren, daß Napeleon gerade durch die Artillerie die Königreiche der Welt in die Luft sprengte und seinen Vater auch, er würde das ganze Corps aufgelöst und aus den Kanonen eine Statue für diesen seinen höchstseligen Vater haben gießen lassen. Der Generalissimus bekam, als er zum Abschied noch einmal an den Balcon heranritt, eine abweisende Handbewegung in das Manoeuvre mit. Der Fürst war mißgestimmt und fing wieder von den rothen Streifen der Hosen an, die ihm keine Ruhe ließen, und er wolle Gott danken, wenn das Possenspiel mit dem künstlichen Feldzuge erst zu Ende wäre. Erst sein Obertuchscheerer konnte ihn trösten, indem er athemlos mit einer Musterkarte so eben aus Holland angekommener Doppel-Casimire in den Balconsaal trat. Während unten die Musikchöre den Abschied spielten und sich die Züge zum Thor in Bewegung setzten, fing der Fürst zu messen an und sann, einer Gliederpuppe gegenüber, über die neuen Methoden der Militär-Oekonomieverwaltung nach. Neue Säbel und Flintenschlösser wurden untersucht, ein neuer Firniß wurde am Ofen getrocknet, und der Fürst nahm zuletzt einen behaarten Holzkopf vor, band sich eine weiße Schürze um und erfand wieder einen neuen militärischen Haarschnitt, den er nach der Rückkehr seiner Armee bei ihr durchgängig einführen wollte.

Die bombenfeste Kutsche fuhr ganz in der Nähe des Generalstabs, was Schlachtenmalern, der zürnenden Celinde und der mit der ganzen Armee kokettirenden Sophie aus vielen Gründen unbequem war. Besonders hatte er sich in der Kaserne erkältet und mußte den Wagen öfters verlassen, als es der Anstand gebot. Ueberdrüssig dieser Lage, griff er alle seine Papiere und Bleifedern zusammen und wartete den Pulverwagen ab, um sich, weil dieser den Beschluß des ganzen Zuges machte, darauf zu setzen. Man hatte der größern Vorsicht wegen die Pferde nicht dicht an diesen Wagen gespannt, sondern ließ sie einige dreißig Schritte vorausziehen, indem Stricke von dieser Länge das vordere Gespann mit dem Wagen verbanden. Der Generalissimus, der sich oft nach dem Wagen umsah, erblickte Schlachtenmalern, wie er sich eben lustig auf alle die Patronen und Cartouchen, die der Pulverwagen enthielt, setzte. Er sprengte zurück und wies ihn von diesem Posten weg. »Ich muß mit meinen Arbeiten beginnen,« erklärte Schlachtenmaler, und der Generalissimus gestattete ihm seine Tollkühnheit erst, nachdem ihm Dreierlei eingefallen war: erstens, Schlachtenmaler gehörte nicht zur Armee, und der Fürst verlangte ihn nicht zurück; zweitens konnte durch einen längern hitzigen Wortwechsel sich die Luft entzünden, und drittens hatte er ihm wohlweislich seine Zeichenpapiere, von denen er behauptete, sie enthielten Schwefelstoff, mit andern milchblauen und unschädlicheren Papieren vertauscht. Schlachtenmaler dankte Gott, daß er jetzt frei athmen und absteigen konnte; seine Erkältung setzte ihm viel zu, und, so unpassend es ist, können wir doch nicht verschweigen, daß er aus den Papieren, die ihm der Generalissimus gegeben hatte, die weichsten herausgriff und dabei ein merkwürdiges Aktenstück, wir wollens nur gleich gestehen, den diplomatisch constatirten Operationsplan der beiderseitigen Armeen, unwissentlich zu einem unsäglichen Zwecke mißbrauchte. Schlachtenmaler bemerkte das Unglück erst, als es zu spät war. Er ließ den Plan auf freiem Felde zurück und mußte ohnehin laufen, bis er die Armee und den Pulverwagen wieder einholte.

Je länger der Weg dauerte, desto leichter wurde Schlachtenmalers Gangliensystem und desto schwerer sein Herz. Sie näherten sich den classischen Stellen seiner ersten Jugendzeit und die Hoffnung, seinen Vater wiederzusehen, versetzte alle seine Gefühle in eine andere Tonart, als der Spott über die Revue und die Kunstcampagne sie in ihm aufspielte. Um sich zu zerstreuen, zeichnete er zuweilen eine im Zug entstehende Unordnung, worüber ihm der Generalissimus, der zu Oefterem an ihn heranritt, Vorwürfe, soweit der Pulverwagen gestattete, heftig genug machte. »Um unsere Armee zum Besten zu haben« ? ließ der Baron sehr deutlich hören, »hätte man ihn nicht mitgenommen,« und Schlachtenmaler hatte Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß die Verschiebung der Glieder im Zuge der Kunst willkommener wäre, als die gerade Linie. In der Nähe von Mispelheim bezog endlich die Armee ein Dorf, welches bereits für den Empfang der Truppen gemiethet war und einen Anbau von Zelten und Hütten für diejenigen, welche in den Bauerhäusern und Scheunen nicht unterzubringen waren, bekommen hatte. Für den Generalissimus und seine Familie war eine Herberge eingerichtet worden; der Generalstab wohnte dicht nebenan und Schlachtenmaler zog in eine Dachkammer über dem Baron und seinen Frauen. Celindens Freude war unbeschreiblich, als sie Schlachtenmalern wohlgemuth durch das Gewühl sich drängen sah: denn, hatte sie bisher die Rache gehabt, sich nicht nach seiner Aufopferung des Wagensitzes zu erkundigen und zu fragen, wo er hingekommen wäre, so konnte sie sich gegen Abend doch nicht bewältigen und frug, wo er wäre? Von dem Augenblicke an, als sie wußte, er säße auf dem Pulverwagen und zeichne, hatte sie keine Ruhe mehr; das Blut gerann ihr zu Eis, sie wäre krank geworden, wenn jetzt nicht das Ziel des Feldzuges erreicht gewesen wäre, und sie Schlachtenmalern vor dem ganzen Generalstab hätte an beiden Händen ergreifen können und fragen: »Gott, welchen Gefahren setzen Sie sich aus!« Aber es war wie eine höhere Bestimmung, daß sie Beide immer durch ihre Herzen und Blicke zusammengeführt wurden und aus ihren Worten und Wendungen doch nichts als Haß entnahmen. Kaum hatte Schlachtenmaler Folgendes gesagt: »Der Muthige schläft dicht am Kessel einer Dampfmaschine, so heiter lächelnd, wie das Kind an der Mutterbrust. Ist nicht jede Unternehmung, die von einem beherzten Manne kommt, ein geladenes Pistol, das man sorglos in den Mund steckt? In die Mündung einer Kanone, die geladen ist, und wo die Lunte schon um das Zündloch tänzelt, muß Jeder hineinblicken können, der etwas einzusetzen wagt in die Lotterie des Lebens, um zu gewinnen. Sind wir nicht alle blind und wanken mit verbundenen Augen an Abgründen? Sind nicht überall Minen gelegt, wo wir mit allen unsern Plänen und Hoffnungen durch Zufall in die Luft springen können? Sind Sie sicher, daß wir nicht morgen Alle in den Trümmern dieses schlechtgebauten Hauses begraben liegen?.....« ich sage, kaum hatte Schlachtenmaler mit frischer Entsagung kalt und achselzuckend diese Worte gesagt, als auch alle feurige Empfindungen, die ihm eben Celinde entgegengetragen hatte, schon wieder in Asche verwandelt waren, und gerade in so viel, um zeigen zu können, wie sie um ihn ? trauerte. Mit einem Blick des tiefsten Mitleids wankte sie dem kleinen Hause zu; ja, als sie ihn in der Dunkelheit nicht mehr sah, floh sie mehr, als sie ging: denn er wurde ihr immer bis zum Entsetzen unheimlich, wenn sie nicht sehen konnte, wie seine dämonischen Worte durch die Sanftmuth seines Auges gemildert wurden.

Es währte lange, bis sich die Armee in dem Dorfe und dem Zeltbau zurecht und ihr Abendessen gefunden hatte. Die tapfern Krieger wurden alle warm gespeist und mit einer Sorgfalt behandelt, die selbst lauwarmes Mund-Spülwasser nach der Mahlzeit nicht vergessen hatte. Gegen Typhus, Scorbut, Krätze waren alle erdenkliche Vorrichtungen getroffen, Obst durfte nur zum Nachtisch gegessen werden: denn es war schon weit im Herbste, und der Luft und Witterung leicht die Cholera zuzumuthen. Einige Tausend Schritte weit, jenseits der Grenze, verrieth eine im Nebel sich wiegende Lichtmasse das Lager des Feindes. Eben schlug man drüben den Zapfenstreich, und auch bei den Unsrigen wurde eine große Trommelmesse und hernach ordentlich ein Hochaltar von Trommeln aufgeführt, hinter welchen die Fahnen in ihrer weißtafftnen Unschuld, gleichsam als segnende Priester, standen. Vielen Anstand verrieth es auch von dem Stabstrompeter der Scharfschützen, daß er seine Leute erst noch vor den Fenstern des Generalissimus oder vielmehr seiner Frauen Variationen auf das Thema: »Schöne Minka, ich muß scheiden,« und andere beliebte neue Stücke mit Baßposaunenbegleitung und brillanten Klappenhornsolis aufführen ließ. Schlachtenmaler lag oben im offnen Dachfenster und trommelte mit den Fingern sanft den Takt dazu. Hernach ward es stille ringsum, und ein Licht verlöschte nach dem andern. Hie und da reckte sich noch Einer im Hemde am Fenster oder holte sich frisches Wasser vom Brunnen. Schlachtenmaler beobachtete Alles und legte sich dann, von der Nacht und ihrer Wehmuth übermannt, mit dem Haupt auf das Brett des offenen Fensters. Wie genoß er einmal wieder den Reiz eines kühlen Herbstabends mit seinen Nebeln und seinem aus den Gärten dringenden reifen Apfelgeruch! Wie verschmolzen, mit seinen frühsten Jugenderinnerungen, in das stille, geisterhafte Weben der Natur, in die stummen, wachsamen Sterne, in das ferne Bellen eines Hundes und hier, um den Zauber zu vollenden, in das abwechselnde Wiehern und Schnauben der Rosse, die vor Träumen nicht gleich zur Ruhe kommen konnten. »Nein,« gestand sich Schlachtenmaler, »das Pferd ist ein so edles Thier, daß es über die Carricatur jedes Reiters erhaben ist, selbst, wenn es hinfällig wäre und ausgedient, wie Rozinante! Können Pferde, wie die Scharfschützen, Brillen tragen? So wenig, als es Horaz konnte, der doch auch kurzsichtig war.....« So träumte Schlachtenmaler in seiner Art fort und schmiegte sich wie ein frommes Kind unter die Decke seiner Mutter, der Natur, und schauerte süß zusammen, wenn sich die Schlummernde regte und sich irgend ein Zauber der Herbstnacht entfaltete. Die Frösche fuhren im Sumpfe zuweilen auf und ließen etwas von ihrer aufgeblähten Luft fahren; die Weidenbäume leuchteten im Phosphorschimmer herüber. Der Hahn im Hühnerstall irrte sich alle Augenblick in der Zeit und wachte zu früh auf und krähte ganz verstohlen, wie Einer, der im Dunkeln seine Uhr repetiren läßt, weil er das Zifferblatt nicht sehen kann. In den Kohlbeeten wird es von Hasen lebhaft; eine Katze schleicht behend durch den Garten, dicht unter der duftenden Spikeneinfassung der Beete fort und findet, statt Feldmäusen, einen Maulwurf, der schnell in seine Höhle flieht. Ach, auch wohl ein Windelkind kräht in der Ferne, und deutlich hört man, wie die Mutter sich müht, es zu beruhigen, und der Vater zuweilen mit einem Fluch dazwischen fährt, oder der Wächter auf der Straße unterredet sich mit seinem Hunde oder hetzt ihn hinter die Katzen her. Dies Alles zog in bunten phantastischen Bildern an Schlachtenmalern vorüber, und die Sterne glitzerten so prächtig über diesem seligen Frieden, daß er das Fenster nicht verlassen konnte, sondern, an das nahe Vaterhaus denkend, sanft einschlummerte.

Bedenkt man jedoch die feuchte Nachtluft, so war es ein Glück für Schlachtenmalers Kopf, daß der Generalissimus eben seinen verloren hatte. Kaum war jener vom Schlaf überwunden, als sich ein Geräusch im Hause erhob, und eine Grabesstimme alles Lebendige wach rief. Schlachtenmaler fuhr auf und vernahm nicht ohne Schrecken, wie Jemand die Treppe heraufstolperte, und eine lange Figur, wie aus dem Sarge kommend, todtenbleich und verstört in sein Zimmer stürzte. Es war der Generalissimus im Hemde, seinen dreieckigen Hut auf, ein großes Nachttuch um den Hals, Cavalleriestiefel an den Füßen, blaß wie eine Kalkwand. Er stürzte dem jungen Manne mit dem Verzweiflungsausrufe entgegen: »Um Gotteswillen, ich kann den Operationsplan nicht finden. Ich habe das ganze Haus schon umgekehrt; war er nicht unter den Papieren, die ich Ihnen gegeben habe?« Schlachtenmalern fiel etwas dunkel ein; doch besann er sich nur schwach darauf und half dem unglücklichen Feldherrn unter seinen Papieren suchen. Wir finden ihn nicht! war das Resultat, und der Baron fiel in dem Aufzuge, wie er war, während seine Ordonnanzen und Adjutanten ins Zimmer traten, halb ohnmächtig in einen Schemel, der sich an das Bett lehnte. Schlachtenmaler meinte, man könne ja doch den Plan schnell wieder zeichnen; aber mit heller, verzweifelter Lache schrie der Feldherr auf, daß er sich ja einmal auf das Teufelspapier verlassen und den Plan sich um so weniger zur Gedächtnißsache gemacht hätte, als er die Frucht einer langen diplomatischen Erörterung wäre und in keiner Linie ohne empfindlichste Störung der eher neutralen, als feindlichen Verhältnisse zwischen den Fürstenthümern Sayn-Sayn und Vierhufen könnte übertreten werden. Die erste unplanmäßige Demonstration seinerseits würde man für eine Verletzung des Völkerrechts erklären und als das Signal zum Rückzuge. Eine Reihe von Grenzstreitigkeiten, deren Lösung von dem guten Erfolge des Kunstfeldzuges abhinge, stände auf dem Spiele. Ja, würde er durch irgend einen operationswidrigen Coup wohl gar Sieger über den Feind, dann wär er erst gar ein geschlagener Mann. Alle seine Instructionen liefen eben darauf hinaus, das Feld zu räumen und die verabredete Scharte nur durch einen meisterhaften Rückzug nach den Principien des Xenophon und Moreau auszuwetzen.

Man fing noch einmal an, die Papiere Schlachtenmalers Bogen für Bogen zu untersuchen; ach! er hätt ihnen ja zuschwören können, daß der Operationsplan auf ewig und zwar im freien Felde, nicht weit von der Landstraße, verloren ging. Der Generalissimus beruhigte sich aber nicht, sondern ließ die Lärmkanonen lösen und Appell blasen. Es dauerte etwas lange, ehe die Soldaten aus dem ersten Schlaf in die Höhe und gar erst in die Kleider fuhren. Fackeln wurden angezündet, der Generalissimus in einem langen Mantel, den ihm die aufgewachte Sophie noch schnell über das Hemd geworfen hatte, mit dem Degen an der Seite und eine Brille auf der Nase, durchsuchte das ganze Dorf, wo er sich besann einen Augenblick gestanden zu haben. Alle Mitglieder des Generalstabes, in tumultuarischer Bekleidung, halfen mit den Operationsplan suchen, und manches Papier, mit dem es nicht recht richtig war, wurde für das richtige angesehen. Generalissimus, alle Hoffnung verlierend, kehrte fröstelnd in das Hauptquartier zurück, mußte aber erst noch einen Spion examiniren, den die Vorposten, da sie ja doch einmal nicht schlafen sollten, eingebracht hatten. Der Mann saß zu Pferde und verbat sich den Spion, und allerdings war es der Mispelheimer Postreiter, der das Briefpaket und viele andere Papiere, wie er sagte, nach Kaputh brachte. Generalissimus konnte von Papieren nichts hören, ohne gleich eine Untersuchung anzustellen. Der Postreiter mußte den Briefsack aufschnallen, und Schlachtenmaler half dem Baron, indem er ihm das Licht hielt. Man fand nichts, ausgenommen, daß Schlachtenmaler that, als läge dort in einem Winkel etwas; aber indem fiel ihm das Licht vom Leuchter und schenkte Finsterniß genug, um ein Schreiben mit Taschenspielergewandtheit auf die Seite zu bringen. Schlachtenmaler, der den Operationsplan verdorben und mißbraucht hatte, wußte auch hier wieder nicht, was er that, als er den Brief einsteckte. Die Aufschrift an Se. Hochwürden, den Consistorialrath Blaustrumpf, hatte ihn verführt. Sein Raub geschah so instinctmäßig, daß er wie mit dem reinsten Gewissen darüber schlafen konnte. Der Postreiter wurde entlassen, Generalissimus schlug sich noch einmal vor den Kopf, der Generalstab ließ ihn vor Verdruß, die Armee vor Müdigkeit hängen, und einige Minuten darauf lag Alles in tieferem Schlaf, als die Preußen im siebenjährigen Kriege bei Hochkirch. Doch waren nächtliche Ueberfälle, obschon von Seiten des Fürsten von Vierhufen beantragt, nicht für zweckmäßig gehalten worden. Die Diplomatie hatte keine Ueberfälle in den Operationsplan aufgenommen.

 


 

Dreizehntes Kapitel.

 

Verleumdungen. Das offene Kriegstheater.

 

Am Morgen einer Schlacht ? wer würde da noch so seine Rücksichten genommen haben! Konnte doch Schlachtenmaler ihn wieder schließen ? er war freilich mit einer Abendmahlsoblate versiegelt ? und ihn (den Brief) immer noch an Blaustrumpf abgehen lassen! Es war auch gewissenlos ? wir können die Handlung gar nicht in Schutz nehmen; aber Schlachtenmaler thats, erst an der Seite lauschend, dann auf Namen stoßend, die ihm theuer waren, endlich fest entschlossen und überzeugt, daß ihn das Schicksal in eine Intrigue wollte blicken lassen, die seinem Herzen galt. ? Der Brief war erbrochen, und, da noch alles schlief, noch kein Aufbruch der Armee, kein Generalissimus im Anzuge war, wurde er, wie ein Becher voll brausenden Sodawassers, wo man das Versiegen des Schaumes fürchtet, hinunter gestürzt. Er lautete:

»Hochwürdiger Herr und Gönner!

»Die letzten Nachrichten, die ich aus Klein-Bethlehem bekommen habe, versprechen dem dortigen pädagogischen Messias eine bald bevorstehende moralische Auflösung. Es ist nur zu gewiß, daß Blasedow, von seinem Hochmuth und seinen fragmentarischen Kenntnissen hingerissen, sich dem Bedlam näher befindet, als der gesunden Vernunft, und daß er längst den Rasenden zuzurechnen wäre, wenn die Nüchternheit seines Lebenswandels ihn nicht noch vor physischen und diätetischen Ausschweifungen schützte. Seiner Gemeinde wird er bei diesem trocknen, vorsätzlichen Irrsinn fast noch unheimlicher, als wenn er, wie wir leider an Collegen das Beispiel haben, nur in Folge momentaner Ueberladungen mit Speis und Trank den Verstand verlöre. Wir haben genug solcher Collegen, die dann wenigstens im Zustande der Nüchternheit sich den Ruf guter Kanzelredner zu erhalten wissen, die sehr erbaulich predigen und auf das weibliche Geschlecht nicht ohne beseligenden Einfluß bleiben. Es gibt neologische Geistliche, welche nichts glauben, aber vortreffliche Reden halten, andere, die Weltleute genug sind, zu erklären: Ich predige nicht, was ich glaube, sondern, was die Schrift lehrt! Allein bei Blasedow mischen sich Neologie und Mysticismus ineinander, Sucht nach Originalität und wirkliche Abnahme der Geisteskräfte. Indem er nur seine Ueberzeugungen vortragen will, macht er die Kanzel zu einem schattigen Spaziergange in einer Denkerallee und trägt in die einfachsten Episteltexte Philosopheme hinein, die ihn selbst wohl ergreifen mögen, während sie von seiner Gemeinde nicht verstanden werden. Das neuliche Erntefest, wo in allen Kirchen Gott für seinen Segen gepriesen wird, benutzte er zu einem Gebet um Mißwachs, Hungersnoth und alle sieben egyptische Plagen, weil er behauptete, Gott würde in Trübsal besser erkannt, als in Glück, und die echte Religion würde nur aus dem Schmerze geboren. Dem Orthodoxen gegenüber ist er Ketzer, dem Ketzer gegenüber ein Frömmler. Er sagte neulich zu mehreren Collegen, es wäre ein Privilegium, Ketzer zu seyn: der Atheismus dürfe auch deßhalb niemals eine Religion werden, weil die Massen nur flach, tief nur Einzelne seyn könnten. Die geistlichen Verrichtungen werden von ihm so mechanisch vollzogen, daß er bei den Kindtaufen Knaben und Mädchen verwechselt und manchen Jungen schon Maria getauft hat, als wären wir katholisch. Bei Aufgeboten zerreißt er den Bräuten ihren Jungfernkranz, indem er sie schlichtweg Anna Maria nennt, als wenn sie keine Jungfrauen mehr wären. Stellt man ihn zur Rede, so bekömmt man nichts Anderes zur Antwort, als: Sprachgebrauch, Sprachgebrauch! Bei Leichen spricht er nie zum Herzen der Zurückbleibenden, nie von dem Unglück der elternlosen Waisen; sondern er lächelt dem Himmel zu, dankt ihm für seine neue Liebesoffenbarung und fordert die Umstehenden auf, sich im Herrn recht zu freuen. Ueberhaupt benutzt er die Bibel zu einem ganz eigenthümlichen Christenthum, wie es nie gelehrt worden ist. Er kehrt die Jahrtausende lang bestandene Bedeutung der Verse um und legt einen Sinn in die Vorschriften des Heilands, den dieser mit ihnen nie verknüpft hat. Wär es nach mir und dem hiesigen Journalcirkelbesitzer gegangen, er gehörte längst nicht mehr zu den Interessenten desselben. Aber, wie ein Narr immer hundert macht, so fanden sich einige wunderliche Käuze im Vierhufenschen, welche seine Randglossen nicht missen wollten, und erklärten, sie wären nicht auf die Journale, sondern auf Blasedows Commentare dazu abonnirt. So müssen wir ihm noch ordentlich zureden, daß er seine Bleistiftpolemik fortsetzt und jede Nummer der Röhrschen, Bretschneiderschen und anderer Zeitschriften mit seinen Frage- und Ausrufungszeichen besäet. So oft ein Autor schreibt: immer, z. B. »Es wird sich immer wiederholen,« so unterstreicht er immer und macht Fragezeichen dazu. Ebenso bei nie, zuweilen, manchmal und ähnlichen Assertionen, die man einem Autor doch ruhig zugestehen könnte. Die pietistischen Blätter verfolgt er mit Rationalismen, die rationalen mit mystischen Hieroglyphen. Sie wissen, hochwürdiger Gönner, was wir Beide vom Teufel halten; allein selbst wir, die wir nicht an ihn glauben, müssen doch erschrecken, wenn Blasedow neulich von einem Kupferstiche Veranlassung nahm, ganz wilde, titanisch vermessene Sätze aufzustellen. Einem Journale lag die Copie einer Zeichnung bei, die mich ungemein gerührt, die Alle, welche sie sahen, entzückt hat. Der Teufel spielt nämlich mit einem Jüngling um dessen Seele Schach. Der Knabe spielt mit englischen Figuren, der Teufel mit geilen Fratzenbildern. Der Teufel hat schon die meisten von den Unschuldsfiguren gewonnen; nachsinnend übersieht der Jüngling den kleinen Rest, der ihm noch geblieben; Ist ja eine Zeichnung von Retzsch, bemerkte Schlachtenmaler. Blasedow schrieb unter das Bild: Tugendprahlerei! und hinten auf die Rückseite wörtlich Folgendes: Das Ganze, guter Maler, ist eine Allegorie, und in die Allegorie muß keine andre, die kleiner, winziger ist, hineinspielen; ich meine deine Schachfigürchen, deine Engelchen, deine Böckchen und indischen Phalluspriesterchen. Ferner, guter Maler, wenn du den Teufel kennst, er spielt nie Schach, sondern immer nur Würfel, und, was das Beste an seiner Bosheit ist, er spielt falsch. Es ist seine Natur, falsch zu spielen, aber nicht die Natur des Schachs. Im Schach, du dummer Teufel, läßt sich gar nicht falsch spielen. Der junge Mensch sollte die trockne Moral des Malers nicht durchschauen, und die Schachfigürchen, diese handgreiflichen Symbole, durchschauen? Du dummer Teufel, wenn der Junge verliert, so verliert er freilich seine Unschuld, seine rothen Wangen, seinen Himmel; aber gewinnt er dafür gleich deine Hölle? Deine Hölle bleibt dir ja stehen, Teufel, sonst würdest du nicht gewinnen! Man kann, Gott sey Lob und Dank, seine Unschuld verlieren, ohne darum des Teufels zu werden. Es gibt einen Zustand der negativen Tugend, der, das ist mein Abweichen von der Christuslehre, darum noch nicht das Laster ist. Man kann gegen den Teufel verspielen, ohne darum nöthig zu haben, gleich die Hölle zu gewinnen. Aber zurück auf den moralischen Maler! Wenn der Jüngling gewinnt, wenn er alle die Teufelsfratzen schlägt, eincassirt und nun Wunder denkt, was er hat ? sieh, Satan, auch dann hat weder Blasedow, noch einer seiner Söhne nöthig, dir ihre Seligkeit zu lassen: denn im Schach handelt sichs weit weniger um den Gewinn, als ums Spiel. Das Eigne des Schachs ist nicht, was man erspielt, sondern, daß man spielt. Hat der Junge die Fratzen gewonnen, dann hat er die Hölle auch überwunden, sie schadet ihm nichts. Wer nur denkt, und dächt er selbst nicht an Gott, des Teufels wird er nicht sogleich. Darum ist Goethes Faust, zweiter Theil, so häßlich, weil dort Faust durch die Gnade in den Himmel kömmt. Faust hat diese Gnade des Herrn von Goethe nicht nöthig; Faust kömmt vielleicht nicht in den Himmel, aber auch nicht in die Hölle. Faust betrügt den Teufel immer, wenn er nur tüchtig philosophirt und Schach spielt. Denken ? denken ? wer denkt, mit dem hats gute Wege. Glaubst du, dummer Maler, daß der Teufel mit uns philosophirt, wie man mit einander Schach spielt? Trunken macht er uns, würfeln thut er, und hier noch würfelt er falsch ? anders, als durch die Sinnlichkeit, kömmt er uns gar nicht bei, nie durch Gedanken, durch Schachspielen. O, wie kindisch ist da auf dem Bilde die kleine Schachfigur, welche die Tugend vorstellen soll und sich vor Rührung die Augen mit der Schürze wischt! Nein, Malerchen, um den schmucken Jungen hab ich keine Bange. Gewinnt ? oder verliert er: der Teufel kriegt ihn nicht. Sela.«

»Nun frag ich Sie, hochwürdiger Gönner, welch eine Sprache ist dies, was für Ideen, was für ein Mischmasch! Finden Sie in einem solchen Labyrinth von Worten Logik, geschweige Moral und Grundsätze? Es ist kein Wunder, daß.....«

Hier stockte Schlachtenmaler. Häusliche Verhältnisse, die er längst geahnt hatte, wurden berührt. Das Papier zitterte ihm in der Hand. Das Herz pochte. Nachdem er einige Augenblicke die Hand vor die Augen gehalten, fuhr er fort: »..... daß solche Maximen aus einem Hause kommen, welches vom Unfrieden umzäunt ist und die gelbe Fahne des Hasses aus dem Schornstein stecken hat. Tobianus beschränkter Verstand vermochte es, den überspannten eines Blasedow seit Jahren zu täuschen. Die Frau des Don Quixote steht im Begriff, ihn zu verlassen und es mit dem Andern zu halten, wozu, wenn die Formen beobachtet werden, der Segen der Kirche nicht länger ausbleiben darf. Blasedow, wie man sagt, an Tobianus verschuldet, wagt nicht, sie zur Rede zu stellen; die Frau macht kein Hehl davon, daß sie geboren sey, um einer häuslichen Wirthschaft, die ihren Zank, aber auch ihre Sonntagsküche und ihre Weihnachtsfreuden hätte, vorzustehen. Sie findet dies bei Blasedow um so weniger, als ihre vier Söhne in der Hauptstadt leben und, wie sich Blasedow einbildet, von keinerlei häuslicher Zumuthung in ihren großen Anläufen zur Unsterblichkeit gehindert werden dürfen. Das Herz der Kinder ist der Mutter durch Blasedows Narrheit entfremdet; so steht sie allein und sucht, was sie ja bei Tobianus finden kann. Ob nun alle diese Vorgänge geeignet sind, dem religiösen Leben in meiner nächsten Umgebung Vorschub zu leisten, ob es nicht höchste Zeit ist, Blasedow einstweilen seiner geistlichen Functionen zu entheben und mir, bis auf weitern Entscheid, seinen Sprengel als Filial zuzutheilen, das zu entscheiden, überlasse ich Ihrer Einsicht, hochwürdiger Gönner, und nenne mich, wie immer, Ihren in Leben und Tod dankbaren Verehrer und Schüler

Geigenspinner,
Pfarrer in Mispelheim.«

Dem heiligen Stephanus, der doch darum gesteinigt wurde, mochten die Lästerzungen der gegen ihn auftretenden falschen Zeugen nicht so peinlich gewesen seyn, als Schlachtenmalern diese gleißnerische Wolfshirtenpredigt eines Geistlichen. Daß er den Brief zerriß und, da er unfrankirt war, die Postverwaltung des Landes um einige Groschen, sich aber, wenn es entdeckt wurde, um einige Jahre Freiheit brachte, kümmerte ihn wenig. Der beginnende Lärm des Aufbruchs, die Trommeln und Querpfeifen, die Fanfaren des Stabstrompeters legten seinem Ingrimm die passenden Noten und Töne unter; er fühlte jetzt, wie grausam man im Lärm kriegerischer Instrumente werden kann, und wie gewisse Trompetenmärsche nur erfunden sind, um mit mehr als Muth, um fast mit Blutgier in den Feind zu stürzen. Celindens Morgengruß, der heute sich wie ein langer Klingelzug ausnahm, indem sie um tausend Hülfeleistungen in dem anbrechenden Gewühle schellte, kümmerte ihn so wenig, wie Sophiens zweideutiges Lächeln: er wußte recht gut, daß die Frauen nie charakterloser sind, als wenn sie Männerschutzes bedürfen, nie schmeichlerischer, als wenn sie Furcht haben. Sophiens lockendes Girren konnte er nur mit gleichem, aber höhnischem Lächeln erwidern. Obgleich heute geschossen wurde, und die beiden Lunten zu den Kanonen schon lustig im Dorfe brannten und einstweilen noch, bis zum Beginn der Feindseligkeiten, als Fidibus für holländische Thonpfeifen dienten, so dachte doch Schlachtenmaler nicht, sich in die bombenfeste Kutsche zurückzuziehen. Wäre der Feldzug nur ernstlich gemeint gewesen, er hätte sich als Freiwilliger gern einreihen lassen, um sich nur auf unschädliche Weise (unschädlich für seine Umgebung) seines Ingrimms zu entleeren! Der Verlust des Operationsplans ließ ihn hoffen, daß sich vielleicht doch noch eine Collision entspinnen dürfte, wo eine äußere Verwirrung die innere heilen könnte.

Indeß sah man ja den Generalissimus nicht! Das jenseitige Lager wurde lebendig, erst wie ein Schlaftrunkener, der sich noch einige Male im Bette dreht und wälzt, bis er aufsteht, dann wie ein Gähnender und in aller Eile seine Toilette macht, endlich, wie wenn die Fenster aufgerissen werden, und man die Hand hinausstreckt, um zu sehen, was für Wetter ist. Auf einige Raketen, die drüben aufflogen und trotz der feuchten und regnerischen Luft (die uns ja immer stört, wenn wir einmal etwas Ordentliches vorhaben!) einen angenehmen Effect machten, antworteten die Unsrigen mit gleichem Gruße. Hätte es in den französischen Revolutionskriegen nur gut gethan, so würden auch hier zwei Luftbälle sich erhoben haben, um die feindlichen Stellungen zu übersehen! Die Truppen standen in Reih und Glied schon im Dorfe aufgestellt, öfters genöthigt, dem auf die Waide getriebenen Vieh Platz zu machen: denn es war ausdrücklicher Befehl, daß die Armee weder Ackerbau, noch Viehzucht, diese Quellen der Landeswohlfahrt, stören und trüben durfte. Da drüben hörte man die fürstlich Vierhufensche Capelle, die heute in Uniform gesteckt war, einige Couplets aus dem Barbier von Sevilla spielen; vielleicht rasirt sich der Feldherr noch, dachte man. Da aber die Pferde sich vor Muth den Gaumen auf den Kandaren zerbissen, und die Infanterie schon so lange stand, daß alle Augenblicke Einer aus dem Glied treten und seine Nothdurft verrichten mußte, so wurde jetzt beschlossen, bei dem Hauptquartier einmal leise anzupochen und dem Feldherrn ein: Wohlgeruht? zuzurufen. Einige Officiere vom Stabe betraten den Vorplatz seines Zimmers ? kein Laut ? sie traten ein und erstaunten, den Generalissimus noch im Hemde zu treffen, bei heruntergebranntem Lichte und wie eine Versteinerung in einem großen Quartanten lesend. »Herr Obrist!« rief man leise, fürchtend, die Gestalt möchte, wie einst vor Gallieranruf der römische Senator, in Staub zerfallen..... Gespenstisch wandte er sich zurück, gläsern blickte er den Generalstab an, sah zum Fenster hin und erstaunte, daß es schon so zeitig sey. Wer das Leiden mit dem Manne sah, hätte weinen mögen: der Verlust des Operationsplans hatte ihm selbst den Kopf benommen; doch lächelte er ironisch, wie es die Art Geistesabwesender ist, und winkte blinzelnd dem Quartanten zu, der auf dem Tische lag. »Glücklicher Fund,« stieß er in seiner kurzen Manier ab ? »angenehmes Zusammentreffen, sehr angenehmes ? Höhere Fügung, reiner Zufall; Folards, Ritter Folards, Ritter Folards Commentars zum Polybius, angenehmes Zusammentreffen; die ganze Nacht ? sehr, sehr willkommen!« Der Generalstab zog nun dem Generalissimus die Stiefeln, Hosen und Rock an. Er hätte, indem er ihm den Degen umschnallte, weinen mögen: denn der große Feldherr hatte die Nacht über alle Schlachten der Macedonier gegen den achäischen Bund als Freiwilliger mitgemacht; er hatte den Kopf so voll schiefer und keilförmiger Schlachtordnungen, so voll thebanischer und atheniensischer Finten, daß es einer Tasse Kaffee bedurfte, um den Generalissimus aus den Umarmungen des Epaminondas zu reißen und wieder in die mittlere und neuere Geschichte zurückzuführen. Mechanisch wurde der Feldherr auf sein Roß gehoben. Mit unheimlichem Lächeln ritt er an jedes Regiment heran und grüßte es. Endlich hieß es: Rechts schwenkt! Der Zug setzte sich in Bewegung, und Allen denen, welche wußten, daß dem Generalissimus nach dem Verlust des Operationsplans wenig zu trauen war, schlug in ängstlicher Erwartung das Herz. Nur Schlachtenmaler war guter Laune aus Vergnügen sowohl, wie aus Aerger. ? Die ersten Aufzüge des sich jetzt hier auf Stoppelfeldern und drüben auf der Gemeindetrift entwickelnden Kriegsschauspieles liefen trotz der Plan- und Kopflosigkeit der diesseitigen Bewegungen zu allgemeiner Freude ab. Tausende von Zuschauern aus den umliegenden Dörfern und Städten hatten sich eingefunden und bewunderten die graziöse Art, wie sich die beiden Armeen auswichen und begegneten. Es war ordentlich ein Menuett, das die beiden Parteien gegeneinander tanzten, und wer hätte nicht in seinem Leben einmal, ohne je tanzen gelernt zu haben, doch eine Française und Quadrille mitgetanzt! Bot der Fürst von Vierhufen, der seine Armee selbst befehligte, dem Generalissimus die Hand, so ergriff sie dieser aus natürlichem Instinct und rückte in die Stellung hinein, die die Feinde eben verlassen hatten. Schlugen sie drüben Pirouetten, so machten sie sie hier nach. Verschränkten sich die Paare, hob der Fürst von Vierhufen gleichsam den Arm in die Höhe, so schlüpfte die Sayn-Saynsche Armee hurtig darunter weg, und jedes Corps tanzte mit Würde und Geschmack seinen Pas ab, die Trompete klatschte gleichsam, und ? rechts um! die Tänzer standen sich wieder gegenüber und avancirten, glissirten, marschirten, chargirten. Der Fürst von Vierhufen war in der Kriegsquadrille gleichsam die Tänzerin, die ihren etwas schwerfälligern Galan immer mit einem energischen Druck auf den Posten hinstellte, wo er stehen mußte. Kam dann die Partie an den Generalissimus, nun auch Solo zu tanzen, so benahm er sich freilich dabei etwas linkisch und machte sein Debut weit mehr im Gehen, als im Springen ab.

Mit einem Worte jedoch, die beiden ersten Aufzüge des Kriegsdramas entwickelten sich zu beiderseitiger Zufriedenheit. Der Fürst von Vierhufen schickte auch nach Beendigung desselben seine goldene Tabaksdose aus Höflichkeit zum Generalissimus hinüber und ließ diesem eine Prise anbieten. Es geschah dies ordentlich mit einem Parlamentär, dem sie die Augen verbunden hatten, und einem Trompeter, der aber bei den Vorposten zurückbleiben mußte. Der dritte Aufzug begann, und dieser erforderte schon eine verstärkte Aufmerksamkeit, da dabei geschossen wurde. Indessen waren es doch dieselben Touren, die man hier nur wiederholte. Es war eine Art Fackeltanz, zu dem vier Kanonen den Tact schossen. Schlachtenmaler saß auf einem Baume und zeichnete jetzt mit Leidenschaft. Das Pelotonfeuer zuerst, dann die Salven und die tactgemäßen Chargen gaben der Menuett jetzt einen prächtigen Effect. Aus der bombenfesten Kutsche, die in der Nähe stand, lachte Sophie über das Schießen, wie ein Kobold, Celinde lächelte auch, aber aus Furcht, es möchte ein Unglück geschehen. Da Alles so bunt und keck einherging, und solch ein Höllenlärm gemacht wurde, grüßte sie auch Schlachtenmalern einige Male freundlichst, so daß er sich lachend gestehen mußte: »Sie denkt, nun geht die Welt unter!« Den Pulvergeruch schlürfte er wie ein Arom ein. Und, da das Schießen einhielt, weidete er sich noch lange an den phantastischen Verschiebungen, in welche der Rauch gerieth, bis er sich verzogen hatte. Es war so viel geschossen worden, daß sich die Regenwolken vertheilten, und ein heiterer Abend zu erwarten stand.

Die Pause vom dritten zum vierten Act dauerte, eines im Stehen eingenommenen Frühstücks wegen, etwas länger; aber zu dem Pfeffer, welchen der Generalissimus zu seinem Schinken nahm, kam die Prise des Fürsten von Vierhufen doch sehr zur Unzeit hinzu. Es war nämlich diesmal nicht die goldne Dose, die ihm der Feind schickte, sondern eine gefällige Bitte, in seine Bewegungen doch ein wenig mehr Präcision zu legen! Himmel, der Obrist ließ das Taschenmesser fallen, als ihm der Parlamentär diese Prise anbot, und er hatte nicht eine Sylbe im Rücken, als der Parlamentär, dem glücklicherweise für die blassen Wangen des Generalissimus die Augen verbunden waren, fortfuhr: Es könne zwar den fürstlich Vierhufenschen Truppen nur zur Ehre gereichen, daß sie in ihren Manoeuvres adretter wären, als die jenseitigen; doch fürchte Seine Durchlaucht, daß der Feind, durch zu große Schonung seiner selbst, etwas im vierten und fünften Act bezwecke, was gegen die diplomatisch vermittelten und durch einen förmlichen Rastadter Congreß festgesetzten Operationen verstieße. Bei dieser Wendung erholte sich der Feldherr: denn es machte ihn stolz, daß der Fürst sein Zögern und blindes Tasten für Fabius-Cunctator-Klugheit hielt und ihm jetzt den Parlamentär schickte, um zu bemänteln, daß der Feind sich in den drei ersten Acten gleichsam schon heiser gesungen hätte und nun erst recht an Präcision übertroffen zu werden fürchtete. Der Obrist gab, als officiell, eine ausweichende Antwort und nahm sich vor, den Operationsplan durch sein Genie zu ersetzen und, sollte er in Ungnade fallen, wie die Urheber der Schlacht von Navarin, sich damit zu trösten, daß er Polybius erst kürzlich und Montecuculi längst studirt hätte. Er vergaß dabei, daß der Feind, nun auch schon ermüdet, immer den Vorsprung eines consequenten Planes hatte, und daß ein in stiller Muße entworfenes Gedicht doch immer die interessanteste Improvisation übertrifft.

Das kleine Mißverständniß schuf größere. Wir stehen am Vorabend großer Ereignisse und werden für das politische Gleichgewicht zweier, durch ihre Enclaven fast zur Eintracht verpflichteter Staaten schwere Besorgnisse hegen müssen. Gegen die ersten Scenen des vierten Actes, der hauptsächlich der Lehre von den Quarrés gewidmet war, ließ sich noch nichts Erhebliches sagen. Der pythagoräische Lehrsatz wurde recht anständig von den Truppen bewiesen: sie verwandelten sich in Katheten und Hypotenusen, sie verlängerten sich mit Gewandtheit in Parallelogramme und verschoben sich mit Geläufigkeit in die auffallendsten Parallelepipeda. Die einfache Planimetrie der Stellungen und Bewegungen ließ dem Fürsten von Vierhufen nichts zu wünschen übrig, wenn er auch gestehen mußte, es wär ihm, als hätte der Feind manchmal seine Lection vergessen und schlüge erst rasch im Euklides nach, wie viel Seiten das Quadrat hätte. Nun kam aber die Reihe an die in einer zum Theil doch etwas schiefen Ebene angebrachte Curvenlehre. Jetzt fingen jene prächtigen Schwenkungen und kreisförmigen Bewegungen an, und hier war es, wo der Feind Unrath merkte. Die Sehnen und Tangenten wurden vom Generalissimus gleichsam mit zitternder Hand gezogen. Das Gefühl des Mittelpunktes, des unverrückbaren, den alle seine Schwenkungen haben sollten, verließ ihn, und die plötzlichen Wendungen der Flügel, die Flankenangriffe konnten schwerlich zu etwas Gutem führen. War ein Kreisausschnitt zu bilden, so übersah er die Sehnen und machte sie größer, als die Peripherie duldete. Sollten zwei Kreise sich berühren, so maß er den Durchmesser des Fürsten nicht ab und nahm den seinigen bald zu weit, bald zu eng und durchschnitt die Bewegungen desselben, statt sie nur leise zu berühren. Parallaxen- und Parabelbewegungen, Ellipsen und spiralförmige Märsche in der Ebene wurden schon mit einer Verwirrung ausgeführt, wo der Fürst immer noch nicht wußte, sollte er sie dem schlechten Exercitium des Feindes oder einem böswilligen Bruche der Verträge zuschreiben. Er war im Völkerrechte ungemein kitzlich und schüttelte so oft den Kopf, daß seine Generäle sich verwunderten, wie er die Geduld hätte, nicht auf der Stelle den Rückzug blasen zu lassen. Die Truppen waren ermüdet und wurden es auch, durch die unaufhörlichen Fehler des Feindes gegen die Curvenlehre, unnützerweise. Der Generalissimus seinerseits hing kaum noch an einem Seidenhärchen am Leben. Er sah alle die Fehler ein, die er machte, und commandirte mit derselben Verzweiflung, wie ein Schauspieler declamiren würde, dem der Souffleur ausbleibt. Er ahnte, daß es bei dem planlosen Verfahren, wie er den Cirkel der Taktik ausspannte und links und rechts Striche und Ovale ohne Zusammenhang zog, zu einem gefährlichen Zusammenstoße kommen mußte, und fiel ohnmächtig vom Pferde, als dieser Moment eintrat. Nämlich die Cavallerie hatte einige Solo-Manoeuvres auszuführen, auf welche sich der Fürst von Vierhufen seit einem Jahre schon gefreut hatte. Es handelte sich um geschickte Schwenkungen, zu denen bald der Radius, bald der ganze Durchmesser der zu beschreibenden Kreisangriffe und Kreisvertheidigungen genommen wurde. Es kam darauf an, daß die beiden Regimenter immer dicht aneinander vorbeisausten, ohne sich zu treffen. Hier geschah es nun, daß Generalissimus das ganze Kartenspiel zusammenschüttete und einen Fehler machte, bei welchem Blut floß, wenigstens aus dem Maul einiger hartgetroffenen Pferde und der Nase einiger Reiter dies- und jenseits. Er hatte so eben die Aufgabe zu lösen, eine Radiusbewegung durchzuführen, und nahm, darin lag das Unglück, statt dieser den ganzen Durchmesser. Die Halbcolonne würde die Flankenbewegung des Feindes nur leise gestreift haben; aber die ganze Fronte, die er mit verhängtem Zügel ansprengen ließ, prallte so heftig gegen den linken Flügel des Feindes an, daß Mann gegen Mann fuhr, Pferd gegen Pferd sich bäumte, einige Reiter stürzten, und die beiderseitigen Corps in eine Verwirrung geriethen, die dem Generalissimus das Bewußtseyn benahm und dem Fürsten von Vierhufen jetzt die ganze abgekartete Intrigue, den treulosen Völkerrechtsbruch, die Verhöhnung einer diplomatischen Convention einleuchtend machte. Während noch die beiden demoralisirten linken Flügel sich auseinander warfen, die Verwundeten ihre blutigen Nasen wischten, die aus dem Sattel Gehobenen nach den verlornen Steigbügeln angelten, kopfüber gestürzte Tschakos mit genauer Noth wieder aufgestülpt wurden, und einige Scharfschützen, die, um den Feind desto besser aufs Korn zu nehmen, Brillen trugen, in den thränenden Augen wischten, ob ihnen auch keine Splitter von den zerschmetterten Gläsern hineingekommen: blies man schon drüben zum Rückzug. Alle Corps wurden schnell eingezogen, die künstlichen Feindseligkeiten mit wirklichen vertauscht, die Verhandlungen über ein zufälliges Mißverständniß gänzlich zurückgewiesen. Der jenseitige Fürst schnob Rache und gab sich nicht eher zur Ruhe, bis man ihm sagte, daß es noch ein Glück wäre, bei Zeiten das falsche Spiel entdeckt zu haben. Der Justizminister schlug eine Stelle aus Hugo Grotius de jure belli et pacis auf, und das diplomatische Corps, welches sich mit den Damen des Hofes in der Nähe des Lagers befand, bekam schnell einige Noten über das treulos verletzte Völkerrecht. Der Sayn-Saynsche Gesandte wurde auch gleich nicht mit zur Tafel gelassen (denn es war drei Uhr, und zum Essen Alles so vorbereitet, daß man dies doch noch mitnahm), und, da der Diplomat zu verhungern fürchtete, so mußte er seine Beglaubigungsschreiben zurücknehmen und in das Lager der Seinigen fahren, wo er den Generalissimus mit Vorwürfen überschütten wollte, während ihn aber schon der ganze Generalstab mit Wasser beschüttete, um ihn aus seiner Ohnmacht zu erwecken. Es war ein schmerzlicher Anblick, wie sich der siegreiche Feldherr allmählich erholte und in der That die ihm tödtliche Nachricht bestätigt bekam, daß er das Schlachtfeld behauptet hätte. In dem Xenophontischen Rückzuge hatte er seine Stärke gesucht und sie da gefunden, wo sie den Verträgen, der Etikette, dem geleisteten Schwure widersprach! Der Gesandte fertigte sogleich einen Courier nach Kaputh ab und hätte wohl noch damit warten können: denn einmal war es gar zu grausam gegen den Generalissimus, seine Streiche gleich anzuzeigen, und sodann kam auch eben noch ein außerordentlicher Bevollmächtigter von drüben, der den Auftrag hatte, alle die Vortheile und wenigstens die Verhandlungen darüber aufzuzählen, die nun der Sayn-Sayner Hof bei dem Vierhufener verwirkt hätte. Abgebrochen und einseitig entschieden war nun hiemit erstens die Agnaten-Frage. Der Fürst von Vierhufen erklärte, seine agnatische Zustimmung zu dem neuen Sayn-Saynschen Hausgesetze nun und nimmermehr geben zu wollen. Eine gewisse Ehe, die sich einer ihrer Ahnen im sechzehnten Jahrhundert erlaubt hätte, könne er nun keineswegs für legitim halten; das Inventarium des Familienschatzes, welches bei dem Tode des Urgroßvaters der jetzt regierenden Durchlaucht von Sayn-Sayn aufgenommen wäre, schiene ihm jetzt ganz mangelhaft: da fehlten zwanzig Schweizeruhren des verstorbenen Familienhauptes und eine besonders, die einen immerwährenden Kalender auf dem Zifferblatt gehabt hätte; da fehlten viele Duzende von Servietten, sämmtliche Hüte des Seligen, da es bekannt war, daß er immer zweiundfünfzig im Gange hatte, alle Woche einen anderen; es fehlte ein berühmter Bettwärmer von massivem Silber, den ein Schüler Benvenuto Cellinis mit allerhand Künstlichkeiten ausgelegt hätte, eine große Wildschur von Eisbärenpelz, drei stark vergoldete Nachttöpfe, und den berühmten chinesischen Puppen, die der Selige so gern um sich gehabt hätte, wären ja alle die diamantenen Augen bei seinem Tode ausgestochen gewesen! Das Inventarium werde nicht anerkannt, das Hausgesetz bleibe ohne agnatische Zustimmung. ? Zweitens die Enclavenfrage mit dem Zollanschlußprojecte. Der Souverain von Vierhufen wolle nun keinen Austausch der Enclaven. Die Zersplitterung seines Landes wäre ihm jetzt gerade lieb, weil er im Sayn-Saynschen festen Fuß damit fasse. Die kleine Felsengrotte im fürstlichen Park von Kaputh, die ihm gehöre, wolle er nun keineswegs austauschen, sondern im Gegentheil eine kleine Caserne und Casematte daraus hauen lassen, um auf Schußweite dem Herrn Vetter immer nahe zu seyn. Den bezweckten Ausbau eines Flügels vom Schlosse werde er auch nicht zugeben, weil dadurch ein Gartenbeet verletzt würde, welches zwar nur sechs Fuß lang und drei breit wäre, aber seit Jahrhunderten ihm und seinen Ahnen gehörte und noch von der Zärtlichkeit einer Urgroßmutter herrührte. Die Zollvereinigung werde der Souverain eben so wenig bewilligen, wie sich das Recht entziehen lassen, in seine Enclaven sowohl eine freie Militär-, wie Handelsstraße zu haben. Auf jenem Beete im Park des Fürsten von Kaputh solle das Pfund Zucker nach wie vor drei Kreuzer weniger kosten, als sechs Schritte davon. Endlich drittens würden sie sich in keinerlei neuerdings verlangte Administrativgegenseitigkeit einlassen. Die körperliche Züchtigung der Verbrecher würden sie nicht abschaffen, würden sich nicht die Verbrecher der Umgegend damit auf den Hals laden, die, wenn es zum Fangen kömmt, am liebsten sich da abfangen ließen, wo eine mißverstandene Humanität ihnen den Willkomm und Abschied erspare. Den neuen, durch allerhand Moralitäten verwässerten Mispelheimer Kalender würden sie im Vierhufenschen nicht zulassen, sondern sich lieber den »Frankfurter hinkenden, aber nicht stolpernden Boten« verschreiben, um den Unterthanen zu zeigen, wie hochs an der Zeit ist, und wann der Mond aufgeht. Sayn-Sayner unfrankirte Briefe würden sie nicht durch ihr Gebiet lassen, sondern im Vierhufenschen selbst erst bestimmen, was für einen jeden, der das diesseitige Gebiet passirt, nach dem Gewicht zu bezahlen ist. Wild, das sich auf diesseitiges Gebiet flüchte, gehöre dem Souverain von Vierhufen, und, wenn sich die Parforcereiter erlaubten, einen Hasen, der sich zu ihnen flüchte, zu verfolgen, so würden sie die Herren, statt ? wie sonst im Völkerrecht üblich ? nur mit Schrot, bei ihnen von jetzt an mit Rehposten zurücktreiben. Man würde eine Grenzlinie zwischen beiden Gebieten bis tief in die Erde ziehen, damit der Bergbau sie unter der Erde nicht überschritte. Genug, die Vierhufenschen Wasser-, Forst-, Jagd-, Berg-, Salz-, Fluß-, Fähr- und Fischereiregalien, keines sollte sich ferner noch einem freundnachbarlichen Verhältnisse anbequemen, geschweige, daß von Trauringen, fürstlichen Brautportraits und neuen Verschwägerungen die Rede seyn könne. Der Gesandte empfahl auch den Generalissimus, der, wie ein halbtodter Widerspruch, wie der geschlagene Varus auf seinen Arminiuslorbeeren lag, der Sorgfalt des Generalstabs und reiste schnell nach Kaputh ab, um den traurigen Erfolg dieses inzwischen schon berühmt gewordenen Kunstmanoeuvres zu berichten. Bis auf Weiteres blieb die Armee in dem Dorfe, und der Baron von Höllenstein behandelte sich selbst wie einen Staatsgefangenen. Den Degen hatte er immer in der Hand, um ihn gleich ausliefern zu können, wenn ein Courier seines Fürsten von Kaputh ankäme.

Schlachtenmaler hatte auf seinem Baume der Entwickelung dieser merkwürdigen Kriegsfarce mit Theilnahme zugesehen und erst da am lebhaftesten gezeichnet, als die Verwirrung der Stellungen anfing, und die Montecuculischen Parallelepipeda nicht recht sich schließen und öffnen wollten. Bald aber sollte für ihn eine Scene eintreten, die ihn aus diesem interessanten Zusammenhang mit der Weltgeschichte aufschreckte. Nämlich Celinde, die das Unglück der zusammenstoßenden Cavallerie verpaßt hatte, blickte mit großer Theilnahme auf die zahlreichen Zuschauer, welche sich am Rande des Schlachtfeldes aus umliegenden Städten und Dörfern versammelt hatten. Besonders fiel ihr ein kleiner Wagen auf, der von einem wahrscheinlich geistlichen Herrn gefahren wurde, der eine schon ältliche Frau neben sich sitzen hatte. Die Frau, die in ihren Urtheilen zwar vielen Verstand, aber wenig Gefühl und noch weniger Bildung verrieth, fing, als die Truppen sich verspielten, an, den im Baum sitzenden Schlachtenmaler zu mustern und von so verschiedenen Seiten zu besehen, als seine gebückte Haltung, indem er zeichnete, gestattete. Sophie hatte nur Augen für die Soldaten; doch schreckte sie plötzlich der Ruf des geistlichen Herrn auf, der in den bombenfesten Kutschenschlag blickte und seine Tochter erkannte. Tobianus war zu stark und seinen Pferden nicht zu trauen, sonst hätte er schon in den Armen seiner Tochter gelegen. Celinde, die mit Recht das Wiedersehen der Eltern und Kinder für eine Feierstunde der Engel hielt, drängte Sophien zum Wagen hinaus. Indem hatte aber die Frau neben Tobianus den Schlachtenmaler erkannt und rief, indem dieser, da ja nun der Vorhang des Dramas gefallen war, vom Baume sprang: »Oscar, mein Sohn!« Jetzt war Celinde von ihren Gefühlen überwältigt, sie lachte freudig auf; und verließ hurtig den Wagen, um sich von diesen Himmelsscenen nichts entgehen zu lassen. Schlachtenmaler kam heran; Gertrud, seine Mutter, breitete die Arme aus und trug sogar einen Hut, was früher ihre Mode nicht war; sie schickte sich an, von Tobianus bekannter Kalesche herunter zu klettern; doch Schlachtenmaler, den Mann in so engem Verhältniß mit seiner Mutter sehend, den Geigenspinnerschen Brief bedenkend und die zerrissene, einsame Lage seines unendlich geliebten Vaters sich vorstellend, fühlte in dem Momente einen Zorn in sich auflodern, daß er es für die redlichste Erfüllung seiner Kindespflicht hielt, die Beine in die Hand zu nehmen und hurtig davon zu laufen. Als Gertrud ihn querfeldein laufen sah, fing sie zwar nicht zu weinen, aber doch zu schluchzen an und machte, wahrscheinlich von echtem Gefühl über ihr Unglück gefoltert, einen Lärm, als sollte ihr einziger Sohn unter die Recruten gesteckt werden. Celinde suchte sie mit der wunderlichen Natur ihres Sohnes zu trösten, war aber selbst von seiner Herzlosigkeit so empört, daß sie ihn von Stund an verachtete. So sanft ihr Sinnen war, jetzt hätte sie wünschen können, daß sich der Himmel an dem gefühllosen jungen Mann rächen möchte.


Letztes Kapitel.

 

Der Sturmwind reißt die Pforte der Zukunft auf.

 

Schlachtenmaler hatte sich schon am nächsten Morgen in aller Frühe ? es war ein Sonntag ? aus der Nähe des halbstaatsgefangenen Feldherrn, dem er zu einigem Troste seine Zeichnungen zurückließ, entfernt. Klein-Bethlehem, das er wiedersehen wollte, war vom Schauplatz der Begebenheiten eine Meile entfernt; und noch hüllte Nebelduft den kalten Herbstmorgen ein. Von nah und fern läuteten die Sonntagsglocken, und selbst die Glocken von Mispelheim glaubte er ganz in der Ferne zu hören. Doch klangen diese ihm wie das Geigenspinnersche Sendschreiben, wie das Zischen und Locken einer Schlange. Rüstig schritt Schlachtenmaler vorwärts und beobachtete die Sonne, die sich endlich Bahn brach und den Nebelschleier fallen ließ, was immer bessere Hoffnung für das Wetter gibt, als wenn die Sonne sich die Nebel in die Höhe zieht, wie eine Capuze, und darunter wegschlüpfen will, wo es ohne Regen nie abgeht. Schlachtenmaler konnte jetzt die Gegend bald unterscheiden, und, je weiter er schritt, desto vertrauter wurde sie ihm, desto banger sein Herz.

Der Himmel hat uns manche Freude gegeben, die man mit Worten nur in ihren äußersten Umrissen bezeichnet. Nicht Alles ist namenlos, was die Dichter an Schmerz und Freude so nennen; aber namenlos ist wohl die wonnevolle Wehmuth, nach langer Abwesenheit, die einer neuen sich entwickelnden und kräftigenden Menschwerdung gewidmet war, wieder in die heimathlichen Kreise seines ersten Jugendlebens zu treten und ihre Veränderung mit ihrem frühern Aussehen, ihr Gleichgebliebenseyn mit der Veränderung unsrer eignen Schicksale und Ideen zu vergleichen. Schlachtenmaler hätte an jedem Maulwurfshügel, auf den er jetzt trat, stehen bleiben mögen: denn jetzt wurd ihm Alles so vertraut, wie der Garten seines Hauses. Jeder Baum schien ihn zu grüßen, in jedem Gebüsch flüsterte es wie eine bewußte Erinnerung, die ihm freudig entgegenraschelte. Das falbe Gras eines Waldweges, den er eben ging, die Kienäpfel, die zur Seite lagen, die Tannennadeln, die, vertrocknet am Boden, dem Weg eine ihm so wohlbekannte Glätte gaben, die Laubblätter im Gehölze selbst, die ausgebrannten Stellen rechts und links, wo man starke Wurzelstämme in Kohlen verwandelt hatte ? ach, das tönte Alles eine so wehmüthige, selige Musik für sein Herz aus, daß er öfter still stehen und die Masse der auf ihn einstürmenden Eindrücke lichten und ordnen mußte. Nicht nur, daß er die wohlbekannten Waldesplätze, die sich durchkreuzenden Wege, eine Sandfurth, einen kleinen Bach mit seiner weißen Erlenholzbrücke, einen grünen Rasenplatz und drüben einen rauchenden Schornstein wiedersah und selbst die gewohnten Fußboten und Landgänger, die ihm gerade an der Stelle begegneten, wo er sie so oft gesehen hatte ? es knüpften sich auch an alle diese Einzelnheiten Geschichten und Erlebnisse an, die, so unbedeutend und kindisch sie waren, doch in ein Ganzes zusammenrannen und eine Lebhaftigkeit der Erinnerung schufen, die sich unmittelbar gleichsam als Fortsetzung in eine abgebrochene Periode versetzen konnte. Das Kleinste tauchte mit einem grünen frischen Kranze aus den Lethewellen auf, und es bestätigte sich Schlachtenmalern auch, daß ihm von den Dingen, die er sah, nicht bloß das bei ihnen Erlebte, sondern selbst das bei ihnen Gedachte entgegen rief. Das Gedächtniß ist eine wunderbare Geisteskraft. Es knüpft die Erinnerung eines Dinges oft an das Ungleichartigste an, so daß ein grüner Rasenplatz oder das Bellen eines Hundes in der Ferne immer dieselbe eigenthümliche und sich gleichbleibende Gedankenreihe in uns erweckt. Beim Hammerschlag eines Schmiedes, beim Rauschen einer Mühle, bei einem See, dessen ganzer Spiegel uns bei der Wendung um ein die Aussicht verhinderndes Haus entgegenlacht, bei zahllosen Zufälligkeiten, die sich einem tiefern Gemüthe aus dem Naturleben einprägen, strömen uns Darstellungen zu, die gleichsam etwas Vergessenes sind, was wir einstens dort zurückließen und nun immer und immer wiederfinden. So lag auf Schlachtenmalers Antlitz, ob ihm gleich mehr bang, als freudig über das Wiedersehn des Vaters sein Herz schlug, ein lächelnder, seliger Friede, den das bunte poetische Ineinanderspiel der Natur und des Geistes von selbst auf seine Mienen goß. Was er fühlte, gehörte wahrlich zu jenen namenlosen Dingen, für welche man wohl annähernde, aber keine erschöpfende Worte hat.

Sowie jedoch Schlachtenmaler in die unmittelbare Nähe seines Dorfes kam, hörte der ungeordnete Andrang der Erinnerungen auf seine Brust plötzlich auf, und der Gedanke, wie, wo er seinen Vater finden würde, drängte alle andere Stimmungen seiner Seele zurück. Da stieß gleichsam jede Egge und Pflugschar, jede Wagendeichsel, die in einem Winkel an einem Zaune lag, einen grellen Schrei der Bewillkommung aus; wohin Schlachtenmaler trat, es war sein eignes Herz, das er traf; er fiel über seine eignen Schritte; doch hing er keinem dieser Eindrücke lange nach, sondern sammelte sich für den Augenblick, wo er einen Seitenweg im Dorfe einschlagen und das Vaterhaus vor sich würde liegen sehen. Indem fing die wohlbekannte Morgengottesdienstglocke zu läuten an. Er mußte einen Augenblick stille stehen, um durch dieses kurze, hellstimmige Bimmeln nicht um alle Fassung zu kommen. Was ihn wieder schnell aufrichtete, war die schmerzliche Erfahrung, daß er, ach! Niemanden in die Kirche gehen sah; keine weiße Haube, kein Gesangbuchsgoldschnitt, wie früher, ließ sich sehen, selbst keinem Kinde rief die Mutter nach, Acht zu haben und sich den Text zu merken ? wie früher! Die Bauern standen in Hemdärmeln unter der Thür und rauchten ihre Pfeife, Andere waren ihm auf dem Wege ins Lager begegnet, er brauchte alle mögliche Wendungen, um nicht erkannt zu werden. Die Glocke hüpfte zum zweiten Mal im Kirchendachstuhl, es war bald sieben Uhr; Niemand durchschritt die Kirchhofsmauerpforte, die jetzt vor ihm lag. Unmöglich konnte er seinen Vater vor der Predigt stören; er mußte sich bis zum Schluß des Gottesdienstes gedulden und schritt mit wehmüthigen Gefühlen unter den Gräbern des Kirchhofs, der keine andere Blumen, als gelbe Todtenblumen und kalte, wenn auch bunte Astern trug. Als es zum dritten Male läutete, ging Schlachtenmaler in die Kirche, die er so schlicht und einfach wiederfand, als er sie verlassen hatte. Die Thränen stürzten ihm in die Augen, als er Niemanden, auch nicht eine Bettlerin, nicht Kind oder Kegel darin sah. Er fühlte das Elend seines Vaters wie die heftigste Kränkung, die seinem eignen Ehrgefühl angethan war; er weinte um den Schmerz, der in seines Vaters Innerm wühlen mußte. Die Orgel begann nicht, ob er gleich den hallenden Tritt des Küsters hörte. Er drückte sich hinter einen hölzernen Pfeiler; der Küster war nicht mehr der alte, es war ein junger Mann, ein neumodischer Seminarküster, der das Lautiren einführte und die Dorfjugend singen nach Zahlen lehrte. Der Küster trat auf Schlachtenmalern zu und sagte: »Mein Herr, ich möchte Sie bitten.....« Schlachtenmaler sah ihn stark an, um seinen verweinten Augen wieder einige Kraft zu geben. »Sie werden entschuldigen,« fing der Küster mit komischem Lächeln an, »es ist Niemand in der Kirche außer Ihnen; es wird dem Pfarrer angenehmer seyn, Sie gingen auch, weil er sonst nur vor Ihnen und mir predigen müßte.« Es war nicht Lachen, was Schlachtenmalers Mienen auf diesen originellen Vorschlag zeigten, sondern ein Krampf, der tief aus seinem wie von einem Stich sich krümmenden Herzen kam. Der Küster verstand es als Lachen und führte Schlachtenmalern auf den Kirchhof hinaus, indem er, nach Art dieser jungen pestalozzisirenden Seminaristen, es für angemessen hielt, den Fremden einen Blick in seinen höhern Beruf werfen zu lassen. Schlachtenmaler wollte aber von der Peter Schmidschen Zeichenmethode von Harnisch, Diesterweg und Türck nichts wissen, bat ihn, die Neuzeller Singmethode und die Seidenwürmerzucht ihm ein ander Mal zu erklären, und wünschte nur zu wissen, wo er den Pfarrer Blasedow antreffen würde. Der Küster schloß die Kirche zu und lud Schlachtenmalern ein, ihm an die Sacristeithüre zu folgen, die noch offen stände und doch verschlossen werden müßte. Schlachtenmaler war von dieser Erfahrung, die er über die gänzlich untergrabene geistliche Wirksamkeit seines Vaters machte, so übermannt, daß er erschöpft auf eine Bank niedersank, welche eine fromme Mutter hatte zimmern lassen, um ihr Kind, das hier begraben lag, öfters besuchen zu können. Der Küster schloß die Sacristei zu, kam wieder zurück und sagte, indem er sich im Haar kratzte: er könne nicht sagen, wo man wohl jetzt den Pfarrer träfe..... Schlachtenmaler würd ihn noch haben weiter reden lassen, wenn der Seminarist nicht weltweise genug gewesen wäre und sich mit Maß und Ziel ungefähr so über seinen geistlichen Vorstand ausgesprochen hätte. »Es würde bei den großen Geistesgaben des Pfarrers,« sagte er, »ein anderes Gewächs aus ihm geworden seyn, wenn er sich mehr an Pestalozzi gehalten und seine eigenen pädagogischen Träume unterdrückt hätte. Statt auf die Natur zurückzugehen und die Menschen zunächst als Menschen zu erziehen, hat er die Vorstellung, man müsse die Menschen für das erziehen, was man werden solle: denn das Menschliche entwickle sich von selbst. Ja, von selbst! Da würden wir schöne Seminarien haben, wenn alle Lehrer für verschiedene Unterrichtsfächer und nicht jeder für alle gebildet würde! Der Pfarrer will den Menschen behülflich seyn, die Masse des Wissens schneller zu überwinden; aber dafür haben wir ja Aussicht, eine neue Gedächtnißtheorie zu erfinden, nach welcher Namen und Jahreszahlen leichter eingeprägt sind, und man die Logarithmen, die Cubikwurzeln und Gleichungen von den höchsten Graden ohne viel Mühe im Kopf behält. Haben wir nicht schon durch das Lautiren, durch das Singen nach Zahlen.....« ? »Nein, nein,« unterbrach Schlachtenmaler den Küster, »führen Sie mich zum Pfarrer!« Der Küster meinte, sie gingen erst am Schulhause vorüber, wo er ihm die neuen Wandtafeln, einen Kummerschen Globus und eine eigne Erfindung, die noch nicht ganz fertig wäre, nämlich eine Maschine zur Erleichterung des Kopfrechnens, zeigen wollte; doch wußte Schlachtenmaler recht gut den Weg zum Pfarrhause und zog ihn dorthin. »Die Pfarrerin,« sagte der Küster mit einer herzdurchbohrenden Wirkung für Schlachtenmaler, »werden Sie nicht antreffen: sie führt seit längerer Zeit einem Prediger in der Nähe die Wirthschaft; überhaupt ist das Haus kirchhofsstille, und, außer einer alten Magd, wird es nur vom Pfarrer bewohnt.« Indem standen sie schon dicht an der Thür, und Schlachtenmaler drückte zitternd auf das Schloß. Im Flur, dem Schauplatz seiner Gespensterrolle, war Alles leer; der einst so geräuschvolle, lärmende Sitz seiner ersten Jugend war verwaist. Sie öffneten einige Thüren. Niemand da; der Küster rief ? keine Antwort! So traten sie in den Hof und waren dicht am Garten, als der Küster Schlachtenmalern ergriff und ihm zuflüsterte: »Nein, sehen Sie um Gotteswillen die Tollheit!« und ihn an die Gartenmauer zog. Hier hatte Schlachtenmaler einen Anblick, als wenn er in den Garten eines Irrenhauses sähe. Blasedow lief, indem er sich die Rockschösse zusammenhielt, wie ein Windspiel durch den Raum zwischen den Beeten, sprang über Hecken und Sträucher fort, rannte im Cirkel mit Biegungen rechts und links, setzte hoch von Leitern, die er erkletterte, herab und geberdete sich wie ein Seiltänzer, der seinen Gliedern durch diese gymnastischen Uebungen Gelenkigkeit zu geben wünscht. Dann stand er vom Springen ab und lief durch den ganzen Umkreis des Gartens, wie ein Wiesel; man denke die lange Gestalt, den Kopf voraus, die Rockschösse oft der Hand entgleitend und hintenaus fliegend, wunderlich genug, um den Küster zu entschuldigen, daß er recht von Herzen darüber lachte. Aber Schlachtenmaler faßte ihn vor die Brust: »Mensch ?« Der Seminarist sah ihn groß an und hielt es für Scherz; Schlachtenmaler schüttelte ihn aber, und sagte: »Es ist mein Vater!« Indem meinte der verwunderte Schullehrer: »Ach, es ist auch nur ein Gesundheitsspaß von Ihrem Herrn Vater; das ewige Sitzen und Grübeln fährt ihm öfters in den Unterleib, und dann sucht er sich durch diese gymnastischen Uebungen wieder die erschlafften Ganglien aufzurütteln, und es gelingt immer, besonders durch den Schweiß!« Nun dankte Schlachtenmaler Gott und hielt sich an seinen Begleiter, um in den Garten zu gehen. Blasedow saß hinten in einer verfallenen Laube und keuchte von seinem ambulanten russischen Bade, indem er sich mit einem Tuche die Stirn trocknete. Der Garten war theils zerstört, theils gar nicht mehr bebaut. Ueberall im Aeußern der Widerschein des zerrütteten Innern dieser Familie. Schlachtenmaler stand einige Male still, um sich zu fassen und den Küster ohnedies, der voreilig mit der Kunde durchgehen wollte. Da stand Blasedow auf und kam den Beiden mit großer Ruhe entgegen. Schlachtenmaler konnte nicht weiter und hielt sich, von Wehmuth durchzittert, an einen Baum. Blasedow hatte ihn erkannt, und mit sanfter, innerlich erbebender Stimme rief er ihm zu: »Ermanne dich, mein Sohn! wir gehören doch Beide zu den Leuten, die in rührenden Lagen erst dann weinen, wenn die Andern schon wieder getrockneten Auges Kaffee trinken und Buttersemmeln essen. Mein guter Junge!« Damit drückte er Schlachtenmalern an sein Herz und ließ sich die trocken ausgedörrte Wange so lange von ihm küssen, bis sie von dessen Thränen ganz durchnäßt war. Nun erst hielt er ihn gleichsam gegen die Sonne, schüttelte ihn wie einen alten, treuen Bekannten und zog ihn mit sich auf die morsche, von Wind und Wetter halb zerstörte Bank der Laube. Der Küster ging, um seine Kopfrechnungsmaschine weiter auszuführen.

Nun fing Blasedow ordentlich erst an, mit seinem Sohn Parole auszuwechseln und gleichsam sein Signalement zu prüfen. Er frug ihn: »Was denkst du denn nun vom Leben?« Schlachtenmaler sagte: »Es gibt uns nur das, was wir ihm opfern. Was es uns schenkt, darum verkürzt es uns. Je glücklicher wir sind, desto ärmer werden wir.«

»Was denkst du nun wohl von den Menschen?« fragte Blasedow. »Besseres,« antwortete Schlachtenmaler, »als sie selbst. Jeder wäre des Höchsten fähig, aber es wird nicht geweckt. Der größte Feind der Menschen ist die hergebrachte Ordnung. In der Harmonie derselben aufzugehen, dahin drängt sie die Erziehung und der Staat; die Moral nennt es Tugend, sich nicht hervorzuthun, sondern im Ganzen zu verschwimmen. Die Menschen bedürfen seiner neuen Erlösung. Die Hebel der sittlichen und gesellschaftlichen Ordnung sind ermattet, es müssen neue elastische Springfedern kommen, um die Menschen lebendiger in den bewußten Gebrauch ihrer Kräfte zu versetzen.«

»Was denkst du von Gott?« fuhr Blasedow fort. »Daß er überall gewiß da vorhanden ist,« sagte Schlachtenmaler, »wo ich einen Raum, eine Lücke nicht auszufüllen weiß.«

»Was denkst du von der Bildung?« »Daß Kenntnisse nur ihr Einmaleins sind; die höheren Rechenspecies müssen anderswoher entnommen, aber die Kenntnisse doch die sich von selbst verstehenden Voraussetzungen seyn.«

»Was denkst du von der zukünftigen Civilisation?« ? »Daß sie damit beginnen wird, unsre gegenwärtigen tiefsten Begriffe eben so leicht zu nehmen, wie wir jetzt die Begriffe des Reformationszeitalters uns schon an den Kinderschuhen ablaufen. Das neue Stadium der Bildung beginnt, wenn das, was jetzt bestritten wird, sich von selbst versteht.«

»Was denkst du von den Fürsten und Monarchien?« ? »Daß sie immer bereit seyn müssen, die Throne zu verlassen, und nur deßhalb bleiben, weil sie beauftragt und gebeten sind, die Repräsentantenrolle eines nothwendigen Begriffs zu spielen.«

»Und von der Liebe?« ? »Daß die Ehe zwar zu vermeiden, aber nicht zu umgehen ist.«

»Was denkst du von der Literatur?« ? »Daß Shakespeare todt ist.«

»Und von der Kunst?« ? »Daß sie nach Brod geht.«

Blasedow lachte und sagte: »Keine einzige Antwort ist richtig, die du gegeben hast; aber, wenn deine Gedanken Werth für dich selber haben, so sind sie unwiderleglich.« Damit zog er ihn in die Höhe, ergriff seinen Arm und verließ den Garten und das Haus. »Du wirst dich wundern,« begann jetzt Blasedow, indem sie gingen, »daß ich dich und deine Brüder so lange Zeit euch selbst überließ. Da ich aber für euer Wohl nicht sorgen konnte, wollt ich wenigstens nicht, daß eure Eltern für eure Plage sorgen. Es ist das traurigste Unrecht, das man in der Erziehung begeht, wenn man der Jugend seine eignen Verwirrungen, Leiden und Leidenschaften als eine Zwangsmitgift aufdrängt, wenn Eltern ihren Kindern zumuthen, die ganze Reihenfolge ihrer eigenen unbefriedigten Wünsche und nicht selten verzweifelnden Hoffnungen mit durchzukosten und überhaupt unter dem Ausdruck »Kindesliebe« mitverstehen, daß die Ihrigen sich an all dem Jammer und Elend mitbetheiligen, was sie sich selbst schufen und noch weniger mildern können dadurch, daß sie Andere mit hineinziehen! Mein lieber Sohn, wie du mich hier siehst, jetzt erst klar geworden über die Welt, und was ich von ihr zu hoffen habe, bin ich einer Mispel zu vergleichen, die erst reif ist, wenn sie schon fault. Jetzt, wo ich ein recht morscher, wurmzerfressener alter Weidenstamm bin, jetzt leucht ich erst recht und bin mir in meiner Lebensnacht selbst eine Laterne, die findet, was sie sucht. Mein Sohn, wenn man in der großen Welt lebt, vielen Menschen begegnet und mit ihnen zu thun hat, wenn man Buckligen, Lahmen, Blinden, Tauben Rücksichten zu schenken, auf Stumme zu hören, auf Abwesende zu sehen hat, wenn der Eine originell, der Andre empfindsam, der Dritte diplomatisch seyn will, dann kann man es selbst bei einem verwundeten und mißvergnügten Herzen aushalten, zu leben, wie die Andern, und aus der Verworrenheit sich einen Antrieb zu schaffen, für das eigne Mitfortkommen zu sorgen; schlägt aber Alles in dich hinein, hast du keine äußere Aufforderung, dem Unmuth an diesem und jenem Luft zu machen, dann muß sich allmählich deiner eine sanfte, stille, sonntägliche Grabesruhe bemächtigen. Siehe, so hab ich mit der Welt abgeschlossen, und euch nun, euch, meine Kinder, wollt ich eben nicht belästigen und stören.«

Blasedow war bei dieser rührenden Erklärung ruhig und gefaßt; nur der heftige Druck der Hand, den Schlachtenmaler in der seinigen fühlte, verrieth seine tiefe Bewegung. So kamen sie an den Kirchhof, und Blasedow machte seinen Sohn mit lächelnder Miene auf die Mauer desselben aufmerksam. »Ich hab es noch immer zu verhindern gesucht,« sagte er, »daß man deine ersten Kohlencartons überkalkte, was die geistlichen Inspectionsreisenden längst wollten.« Schlachtenmalers Herz wurde beklommen, weil es nun nicht fehlen konnte, daß die künstlerischen und dichterischen Leistungen der Brüder zur Sprache kamen. Blasedow fuhr mit Ruhe fort, indem sie weiter gingen und das freie Feld suchten. »Ich hab euch um so weniger durch meine Zudringlichkeit stören wollen, als ihr Alle eure eignen Bahnen zu messen und euren Talenten zu leben hattet! Die jungen Keime müssen nun Knospen getrieben haben; die weitere Entfaltung wird sich bei den schönen Tagen, die jetzt überall für die Kunst anzubrechen scheinen, nicht verspäten. Eine Zeit, welche sich lange mühte, ein philosophisches und gesellschaftliches Räthsel zu lösen, und die Lösung nur in der Revolution findet, welche doch Niemand will, kann nicht anders, als das Gute und Wahre zuletzt unter der Form der Schönheit auffassen. Der Meinung und der Leidenschaft muß sich eine edle Rücksicht, die Grazie der Verhältnisse, zugesellen. Wo wir uns noch bekämpfen im Augenblick, die, welche das Grelle, Nackte, rein Leidenschaftliche mit den Waffen in der Hand wollen, sind verhaßt, und die, welche die Ueberzeugung an gewisse unveränderliche Bedingungen des menschlichen Herzens oder der Grazie knüpfen, sind allein willkommen. Oder soll der sich immer mehr entfaltende Flor der Kunst vielleicht nur der Ueberwurf seyn, den man auf Lampen und Kronleuchter hängt, so lange man sie nicht braucht, da ich gestehen muß, daß so Vieles im socialen und politischen Leben noch nicht gelöst ist, daß so manche usurpatorische Begriffe sich wieder zu einer Herrschaft aufgeworfen haben, welche ihnen die philosophische Vernunft und unsre jüngste Geschichte ja eigentlich schon aus den Händen gewunden hatte; da es nicht unwahrscheinlich ist, daß der Beschluß unsers Jahrhunderts die Fragen wieder aufnimmt, welche am Beginne desselben jetzt so ängstlich abgebrochen und vertagt werden, so möchte wohl dem Edeln und Wahren kein günstigeres Intermezzo haben kommen können, als ein ästhetisches, als eine Feuerprobe der Schönheit, die die Leidenschaft und die Ueberzeugung aushalten müssen, so daß sich den Gemüthern durch äußere Reize dasjenige einschmeichelt, was sie seiner innern Glut nach vielleicht weniger richtig verstanden hätten. Die Berechnung, mein Sohn, die ich mit dir und deinen Brüdern anstellte, wird mich nicht täuschen. Eure Jahre werden gerade so lange währen, bis vielleicht wieder eine Barbarei, ein bilderstürmender Fanatismus seine Geißel über die Erde schwingt. Ihr habt eine Zeit, wo die Sonne der Wahrheit von manchen noch nicht zerrissenen Ideen-Vorhängen eine Beleuchtung erhält, die wenigstens für die Künste die rechte ist.«

Schlachtenmaler ging stumm neben seinem Vater und wußte nicht, wie und wo er ging. Die Gegenstände hatten ihre Umrisse verloren; das Auge war ganz in sein Inneres gekehrt, er wußte und hörte nichts, als die Stimme Blasedows und die seines Gewissens, die ihm, wie mit Riemen, immer fester die Glieder zusammenschnürte, so daß er alle Kraft und Haltung verlor. Blasedow fuhr fort: »Eure Berichte über das, was ihr geleistet, waren bald etwas monoton, bald zu ausschweifend. Ich tröstete mich, daß wohl die Wahrheit in der Mitte liegt. Ich machte noch kaum die Ansprüche, die ihr schon zuweilen befriedigt haben wolltet: denn der Künstler gedeiht nur im Maß einer fortschreitenden Abrechnung mit der Welt. Die Phantasie will Land gewonnen haben, ehe sie darauf Paläste zaubern kann. Kenntnisse ist ein triviales Wort; und doch ist mir noch nie ein vollendeter Schauspieler vorgekommen, der nicht mit dem Genie, das ihm durch Geburt kommen mußte, auch eine anständige Sicherheit im Gebiet der Bildung besaß. So erst kann er das Blendende, was ihm schnell in die Augen springt für die Auffassung einer Rolle, vergleichen mit andern möglichen Auffassungen, die das Resultat des nüchternen Verstandes sind, und es wird ihm oft genug widerfahren, daß er eine erst reizende Idee aufgeben muß, weil sie eine längere Prüfung und Zergliederung nicht aushielt. Bildung ist Sicherheit in den Bewegungen rechts und links; Bildung heißt: Nichts anstaunen! Bildung ist da nicht, wo ein einziger genialer Funke, der in eine Vorstellung fällt, gleich einen lichterlohen Brand verursacht; sondern Bildung schreitet langsam vorwärts, hört das Neue wie etwas Altes und Bekanntes an und sucht sich still mit Maß und Ziel das anzueignen, was ihr bisher entgangen war. Nur die auf solche Bildung fußenden Dichter und Künstler wußten das wahrhaft Große zu schaffen; wie im Gegentheil alle diejenigen nur etwas Unvollendetes geschaffen haben, die wohl ihr griechisches Feuer, aber nur kleine Behälter dafür hatten, nur ihre elektrischen Funken und keine Vehikel. So solltet ihr auch, liebe Jungen, namentlich darüber nachdenken, was es heißt: sich arrondiren! Erst, wer schon etwas Land und Eigenthum hat, kann Eroberungen machen, die sich unterstützen lassen; eine Rückwand muß der Künstler haben, wie mich denn keine Gemälde auf Ausstellungen kläglicher angesprochen haben, als die, wo in einem einzigen Bilde der Künstler seinen ganzen geistigen Fond untergebracht zu haben schien. Striche, Schatten, Lichter, Alles verräth, daß der oft geniale Kopf in dem Einen auch gleich Alles geben wollte und für ein neues Bild wahrscheinlich auch einer ganz neuen Vorbereitung bedurft hätte. Es wäre nun aber bald Zeit für euch, daß ihr eine gewisse Sicherheit in euren Arbeiten gewännet.«

Blasedow sah Schlachtenmalern fragend an; dieser schlug die Augen zur Erde und fühlte, wie Alles um ihn her gleichsam von ihm abfiel, und ihm die Welt als Anlehnungspunkt so sehr entzogen wurde, daß er seiner nicht mehr mächtig war. Nicht die Entdeckung scheute er, daß sie noch nichts geleistet hätten, sondern das Geständniß, daß sie Leistungen gelogen hätten. Er sah mit Zittern dem Moment entgegen, wo die Katastrophe wie ein angezündetes Pulverfaß in die Luft springen mußte, und kam mit seinen gereizten Nerven schon in jenen Heroismus hinein, der mitten in der Gefahr selbst die Schwächsten überfällt, in den Heroismus der Selbstaufopferung. Blasedow begann aufs Neue: »Ich bin wohl neugierig, einmal eine der Satiren Alboins zu lesen: Was er davon bis jetzt mir dem Thema nach genannt hat, ist wohl zunächst nur Moquerie und noch keine Satire. Diese muß einen großartigen Hintergrund haben und Welten ahnen lassen, die im Gemüth des Satirikers auf und nieder gehen. Die Satire ist eine natürliche Tochter der Nacht, während die Melancholie zunächst die legitime derselben ist. Auf Theobalds Gedichte gebe ich gar nichts; ich glaube, die Welt muß ihn erst wie Wirbelwind fassen, einige Mal umdrehen und in die Höhe schleudern. Gedichte müssen einen Schwerpunkt haben und sich eine Macht sichern, die trotz scherzhafter Reime und kurzer Strophen Niemand zu bezweifeln wagt; welcher Dichter nicht etwas Souveraines und beinahe Aristokratisches in seiner Art aufzutreten hat, dem werden auch die Völker nicht zuströmen. Was hat Amandus denn in neuester Zeit gemacht?«

Hier standen die beiden Spaziergänger an einem Abhange. Oben eine mit Bäumen besetzte Erdschicht, die, in der durchaus nicht gebirgigen Gegend eine Seltenheit, über dem thalwärts sich unten hinziehenden Wege fortragte. Die Tiefe bis unten war nicht gerade schwindlig, machte aber einen Sprung doch gewagt, und am wenigsten hätte man Jemanden dazu bereden dürfen. Schlachtenmaler, zermalmt von Schmerz um die Täuschung des Vaters, von Scham über seinen und der Brüder Leichtsinn, trat mit Entschlossenheit dicht an den Rand des Abhanges und sagte mit krampfhafter Verzweiflung: »Vater, denke dir den Augenblick, wir ständen auf dem Straßburger Münster..... und du hörtest von mir..... daß alle deine Hoffnungen betrogen sind..... daß Keiner von uns geworden ist, was du dachtest, Keiner das, was zu seyn wir dich belogen haben, daß wir Alle noch in der Irre gehen und für Alles, vielleicht höchstens für die Schauspielkunst nicht, verdorben sind, und ich, um meine Scham und Reue zu verbergen, machte, beim allmächtigen Gott! Miene, mich nun hinunterzustürzen.« ? Schlachtenmalers junges Blut war in der That in einer Aufregung, daß er den Sprung auf das erste Wort des Betrogenen, wie eine Curtiusthat, vollzogen hätte. Blasedow starrte ihn mit einem halbtodten, gebrochenen Blicke an, durch welchen eine dunkle Zornesflamme über die Lüge zuckte; dann preßten sich massenhafte Gedankenreihen im Sturme durch seine Gehirnkammern, er stand wie vernichtet, sann und sann und hauchte zuletzt, wie einen Sterbeseufzer, die Worte aus: ? »Ich würde dich zurückhalten!«

Schlachtenmaler konnte seine Augen nicht aufschlagen, sondern warf sich ins Gras, um sie zu verbergen. Für Thränen war der Moment viel zu furchtbar ernst. Blasedows Lungen hörte man an, wie krampfhaft ihnen der gepreßte Athem entströmte. Er hielt sich an einen Baum, nicht schwach und ohnmächtig, sondern sinnend, ernst, grübelnd. Eine ganze Welt von Hoffnungen lag verschüttet vor ihm, in allen seinen Blumen hatte der Sturm gewüthet, die Fenster seines pädagogischen Treibhauses waren vom Hagel zerschmettert. Gerade das aber, was ihn hätte recht vernichten sollen, daß er die Schuld dieser Scene trug, gab ihm wieder einigen Muth, weil er darin den Glauben an die sich selbst ergänzende und heilende Kraft der Natur und des menschlichen Geistes gewann. Schlachtenmalers Reue traf ihn hart: denn er war gerecht genug, einzusehen, daß der Erzieher selbst die meiste Schuld trug. Sein Zorn und sein Entsetzen lösten sich in Wellenschläge auf, die erst noch stürmten und das Gleichgewicht nicht finden konnten, dann aber immer wehmüthiger und sanfter fluteten, so daß er den herbeieilenden Küster, der ihm einen großen, rothgesiegelten Brief brachte, mit lächelnder Ruhe abfertigen konnte. Er erbrach das Schreiben, dessen Siegel officiell war, und, als wenn die Schicksale und Erfahrungen homöopathisch sich zu heilen suchten, dem einen Schmerz wurde hier ein anderer beigesellt, und einer durch den andern allmählich geheilt.

Er ging zu Schlachtenmaler heran, hob ihn auf, küßte ihn und sagte, indem er den Brief zeigte: »Ich bin meines Amtes entsetzt! Die ganze Welt steht mir nun offen. Komm, wir haben ja so viel nachzuholen, so viel zu verbessern! Wir wollen nun Alle, und ich zum meisten, noch einmal von vorne anfangen.«

Als sie gingen, ergriff Schlachtenmaler den Brief und commentirte ihn mit Heftigkeit. Es ist ein bewährtes Heilmittel für erzürnte und gekränkte Gemüther, daß man ihre Empfindungen auf Gegenstände lenkt, wo sie Fug und Recht haben, ihren Groll auszusprechen. Wie manche Tochter versöhnte die über ihre Tanzlust erbitterte Mutter dadurch, daß sie zufällig das Gespräch auf die Toilette einer Rivalin bringt und die Mutter in einen andern Harnisch jagt, wo die Tochter nicht anders als immer Recht geben kann, und die Mutter über der neuen Invective die alte vergißt. Auch Blasedow war bei allem Mißtrauen und bei aller Menschenkenntniß im Grunde ein kindlich gestimmtes, leicht behandeltes Gemüth. Seine Gedanken kamen alle in die Richtung des Consistoriums, seine Zunge spitzte und vergiftete sich gegen Blaustrumpf, ja, die Aussicht, so schnell in eine nun ganz neue Lebensbahn geworfen zu werden, erheiterte ihn zusehends. Alle Zurüstungen zur Abreise wurden getroffen. Das Nothwendigste kam schnell zusammen und wurde auf einen Leiterwagen gepackt, den einzigen, den das Pfarrhaus noch besaß. Schlachtenmaler griff thätig mit ein, ob er gleich innerlich besorgt genug war, was sich aus dem Allen mit der Zeit ergeben sollte.

Am folgenden Morgen fuhren sie Beide der Residenz zu. Sie waren selbst begierig, was nun noch Alles auf dem Blatt stehen würde, welches eben das Schicksal mit so großer Schnelle in ihrem Lebensbuch umgeschlagen hatte.

 

Ende des zweiten Theils.

 


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