Blasedow und seine Söhne. Zweiter Theil

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Erstes Kapitel.

 

Die Anleihe.

 

Der Graf von der Neige, mit welchem Herrn von Lipmanns Geldkatze noch immer Mäuschen spielte, hatte nun allerdings eine große mechanische Saug- und Pumpmaschine erfunden, vermittelst welcher er, wie Herr von Lipmann sagte, mit der Zeit selbst den Ocean hätte ausschöpfen können. Auch benutzte sie der Graf dazu, wenigstens einige Goldwellen aus dem Ocean (denn Herr von Lipmann verstand darunter seinen Credit und sein Vermögen) auszupumpen, weil der Banquier im Grunde doch das Genie des erfinderischen Grafen bewunderte und von der Saugmaschine für die höhere Wasserbaukunst sich keine geringe Resultate versprach. Indessen half Blasedown diese neue Bereicherung des Saug- und Pumpsystems in seiner Arbeit nichts. Er war nämlich seit einiger Zeit ? sechs Jahre nach dem gebannten Gespenste ? in Finanzverlegenheiten und wußte sich um so weniger zu helfen, als das Korn mißrathen war, und Gertrud seit den Heustoppeln, die sie aus Tobianus Haaren zog, aus Mißmuth den Heubau vernachlässigt hatte. Man denke sich nur, wie die Kinder inzwischen herangewachsen waren! Wie frische junge Erlen schwankten sie und wiegten sich in der Luft, wie Maikäfer schwirrten sie auf, sie brummten und summten im Hause herum, daß Gertrud die zehn Thaler, welche nun nöthig waren, um sie in die Stadt zu schicken, um ihrer los zu werden, gern gegeben hätte; doch hatte sie Blasedow nicht. Das wurmte ihm die Ruhe und den Schlaf ab: er war zwar längst eher mit Holzbirnen, als mit Kirschen zu vergleichen; jetzt aber dörrte er gar wie Backobst zusammen und verlor sogar den Muth, weil der einzige Graben, den er noch bis zu seinem Ziele zu überspringen hatte, nicht etwa in einer gesellschaftlichen Rücksicht, in einem Zank mit seiner Frau, in einem Risico seines Amtes, sondern in zehn Thalern bestand, die die Jungen haben mußten, wenn sie in der Stadt nun Dasjenige praktisch weiter ausführen sollten, was sie in der Theorie bei ihm gelernt hatten.

Blasedow sah überall diese zehn Thaler, welche ihm fehlten. Er sah sie im Traume, in der Luft, er nahm sie hundertmal in Gedanken ein, aber er konnte sie nicht wieder ausgeben, er konnte sie dem Schlachtenmaler, als dem Aeltesten, nicht anvertrauen, so viel Schinken und Würste (als Guirlanden der Triumphpforte in die Zukunft hinein) auch schon in Bereitschaft lagen. Wie sie im Rauche hingen, hingen auch die zehn Thaler darin, aber im andern Sinne. Blasedow hatte sogar schon das Küchenmesser ergriffen und Gertrud mit Gefahr ihres Lebens gefragt, ob sie nicht in einem alten Strumpfe spare, und er wisse es, sie lege sich etwas auf seinen Tod zurück, sie solle nur ihr Leben bedenken, denn jetzt müss es heraus! Gertrud vermaß sich hoch und theuer, daß sie immer noch denke, er würde sie unter die Erde bringen, und dort unten würden wohl alle Schmerzen einmal aufhören, alle Schulden bezahlt und alle Sünden vergeben seyn. Blasedow ließ das Messer sinken, und Gertrud weinte bitterlich. Sie könne Bürgen stellen aus dem ganzen Dorfe, sagte sie, wie jämmerlich es ihr ginge. »Ja,« antwortete Blasedow mit verbissenem Spott und drohender Anspielung: »Siebenbürgen.« Nämlich er meinte, daß ihr Erspartes nach Ungarn und Siebenbürgen hinwandre, wo ihr erster Sohn noch immer in Arbeit war. Gertrud merkte dies wohl und fuhr auf ihn zu: »Soll er fechten?« Blasedow ertrug ihren Tigerblick und zermalmte ihn, daß er scheu wurde und es nicht aushielt. »Schlechtes Weib!« seufzte er und ging gravitätisch aus der Küche.

Was half ihm aber sein Stolz? Seine Söhne waren nun im Hafen seiner Wünsche angelangt. Es fehlte nur noch der Schilling, den die Londoner Themsefahrer verlangen, um die Reisenden an den Strand zu setzen. Geldnoth, gestand er sich ohnedies, ist die schmutzigste Lage, in welche ein edler Mensch kommen kann: denn selbst ein weiser und gerechter Mann muß an sich irre werden, wenn ihm sein Geld ausgegangen ist. Er wollte damit gewiß sagen, daß das Unedle der Armuth in dem allgemeinen Nichtigkeitsgefühle liegt, welches uns beherrschen würde, wenn uns Stand und Einkommen nicht hälfen, uns zu isoliren und über uns emporzuheben. Der Normalzustand ist der, daß man kein Geld hat, und dieser ist fürchterlich. Blasedow fühlte es wohl, wie Feld und Flur dann ihre Farbe verlieren, wie selbst die freudigste Botschaft, bringt sie grade das Fehlende nicht, von uns mit Gleichmuth angenommen wird. Das Geld ist die Unruhe der Lebensuhr. Nur durch sie gehen die Stunden mit der Zeit vorwärts. Blasedow wußte aber Mittag von Abend nicht mehr zu unterscheiden. Er war in den Wendepunkt gekommen, wo die Richtung der Augen sich einwärts kehrt, wo sich, wie bei Magnetischen, alles Leben auf das Sonnengeflecht hinzieht, und man Pistolen neben dem Träumenden abschießen kann, ohne ihn zu erschrecken. Blasedow war nebenbei nicht harmlos genug, um an seiner Verlegenheit die bloß persönliche Klemme zu sehen, sondern er bezog die fehlenden zehn Thaler bald auf den ganzen Zusammenhang der Weltordnung, auf die wichtigsten Begebenheiten in der Geschichte und das menschliche Elend im Allgemeinen, auf seinen Pessimismus, der ihn alle Dinge schwarz sehen ließ. Aus zehn Thalern, die ihm fehlten, schlug er sich eine Theodicee über Zweck, Ursache und Mittel der Schöpfung, schlug er sich eine ungeheure Medaille, die er dem vor seinen Augen sich verkörpernden Weltgeiste an einem Armensünderstricke umhängen wollte. Des Nachts schüttete er die zehn Thaler über den gestirnten Himmel aus und lachte, als sie fast alle zu den Füßen der hellglänzenden Venus rollten. Er nahm Dantes Hölle zur Hand, um zehn Thaler zu vergessen. Er las und las, bis sich ihm die Großen, die dort schwitzten, alle in das Brustbild des Landesfürsten verwandelten, welches auf den Thalerstücken geprägt war. Er griff nach Kants Kritik der reinen Vernunft und wollte sich von diesem metallischen Zuge seiner Phantasien befreien, aber die Philosophie verwandelte sich gleich in Numismatik, in den Antinomien erblickte er die sich widersprechenden Einnahmen und Ausgaben, und auf Seite 348 seiner Auflage erblickte er sogar das traurige Schema der Negation: Nichts ist 1) der leere Begriff ohne Gegenstand ( ens rationis), 2) der leere Gegenstand eines Begriffes ( nihil privativum), 3) die leere Anschauung ohne Gegenstand ( ens imaginarium), 4) der leere Gegenstand ohne Begriff ( nihil negativum). In diesem vierten Zustand befand er sich, in einem radicalen oder ratzekahlen Nichts, im nichtigsten Nichts, im nihil negativum. Blasedow schlug das Buch zu und sich vor den Kopf.

Rath mußte nun aber doch geschafft werden. Die Kinder hatten längst die Reifen der väterlichen Erziehung gesprengt; wie junger Wein gährte ihr Uebermuth; sie bedurften neuer Gefäße, um sich zu klären und zu erhalten. Blasedow empfand eine solche Ehrfurcht vor den Schöpfungen seiner Weisheit, daß er sich in Acht nahm, ihnen eine strenge Zumuthung zu machen. Er glich den fürstlichen Vätern junger Regenten, wenn jene selbst nicht an die Regierung gekommen waren; sie nennen ihre eigenen Kinder Majestät. Er ordnete sich ihnen unter, er betete ihr Talent und ihre Zukunft an. Was er ihnen geben konnte, das hatten sie. Konnt er ihnen nun doch nicht einmal zehn Thaler mehr geben! Gertrud rieth zu einer Eingabe an das Consistorium; doch Blasedow entgegnete, daß man dort eher geneigt wäre, ihn um zehn Thaler zu strafen, als damit zu belohnen. Auch würde ihm Blaustrumpf kurz erwidert haben, daß das Consistorium das landesherrliche Münzregal nicht besäße. Dann dachte er an Basse in Quedlinburg und wollte einen Roman schreiben: »Die Geister um Mitternacht;« doch wollte Basse erst das Buch sehen, dann drucken und erst nach Ablauf zweier Messen bezahlen. Herr von Lipmann fiel ihm jetzt ein. Er wollte bei ihm ein Anlehen eröffnen. Wie ein Blitz fuhr dieser Gedanke in den Glockenstuhl seiner Träume. Seine Augenbraunen waren fast versengt vom Lichtglanz dieser Hoffnung. Er setzte sich hin und schrieb an Herrn von Lipmann:

»Kommen Sie, Herr von Lipmann, nur einen Tag zu uns heraus; denken Sie an den Grafen nicht und die Güterlotterie, sondern an jenes Himmelslotto, in dem es nur Nieten gibt für die, welche schmutzigen Herzens sind! Reißen Sie, wenn nicht Ihren Leib, doch Ihren Geist von den Estafetten und Telegraphen, von den Coupons und Pfandbriefen, von Ihrem Garten los, und wär er noch so zaubervoll, Herr von Lipmann! Fragen Sie sich doch nur einen Augenblick: Was bin ich? Was hab ich? Wohin fahr ich? Ach, Herr von Lipmann, hätte ich Sie vor mir, ich zöge Ihnen den blauen Frack von so feinem holländischen Tuche aus, nähme Ihre schwere Uhrkette, Ihre Ringe; ich legte es Alles an einen Gewahrsam und nähme Sie in Hemdärmeln mit hinaus in den Wald, wo das Eichhörnchen knuspert und das Birkhuhn unter den Sträuchern vorüberhuscht! Und eigentlich, Herr von Lipmann, auch das ist nicht der Ort, wohin ich mit Ihnen wallen möchte, sondern hoch hinauf in die Luft, wo es keine Stiege gibt, in die funkelnde Sternennähe, in die Gebirge der Phantasie, wo unsre Hoffnungen wie Sanct Gottharde ragen, unsre Ahnungen Höhlen, unsre Täuschungen Gletschern und Schneelawinen gleichen! Sollten Sie denn nur in die gewöhnlichen Wirthschaftsbücher der göttlichen Weltordnung, nur in das Conto der täglichen Einnahmen und Ausgaben im Himmel verzeichnet seyn und nicht auch, Herr von Lipmann, in jene großen Notizbücher der Gottheit, wo sie ihre besten Gedanken einschreibt, freilich oft flüchtig und nie so sauber und nett, wie im Wirthschaftsbuche der Weltökonomie, aber tiefsinnig dem Inhalte nach ein Gedanke, ein neuer, und wenn nicht dies, doch wenigstens die Bestätigung eines alten? Ach, Herr von Lipmann, es ist schwer, Philosophie zu lehren, wenn man sie für das Räthsel des Lebens hält; aber der Tod und die Ewigkeit, der Kreislauf unsrer Seele durch die Sterne, die Läuterung unsrer Gewänder, die beim Einen von Leinwand, beim Andern von Asbest sind, ihre Läuterung in dem Urlichte der Sonne und der Blick ins Antlitz der Allmacht! Welch eine Stufenleiter, wo schon die unterste Sprosse, der Stein, auf dem Jakob schlief, und der unser Grab decken wird, so schwer zu heben und so unendlich Räthselhaftes zu verschließen scheint! Ach, wir denken beim Tode nur dessen, was er uns nimmt, nicht dessen, was er uns gibt! Wir zittern, es einst nicht mehr zu können, wir weinen, daß einst unsre Augen trocken seyn müssen, es fröstelt uns, daß wir einmal so kalt werden. Da schallt Musik aus den Bäumen eines Palastes, Echo trägt sie dem Echo zu, die Gäste bilden mit ihren Augen eine Reihe Brillanten, die alle à jour gefaßt sind, à jour éternel, auf ewig! Und wie oft denkt man doch in dem Gewirr, daß Einer nach dem Andern sich leise aus ihm fortschleichen muß, daß man ihn, während die Andern zechen, hinaustragen wird, und daß er sagen muß: Leb wohl, du gutes Tageslicht, leb wohl, du seidener Sopha, du Mahagonytisch, du Polsterstuhl, leb wohl, du Feder, die ich eben noch führte, leb wohl, du Rollen eines Wagens, der vorüberfährt, leb wohl, du heiseres Bellen des Hofhundes, leb wohl, Alles, was mit mir nicht stirbt, nein, was so bleibt, wie es ist, wenn mein Auge nicht mehr sieht! Herr von Lipmann, nehmen Sie meine Hand, kommen Sie, ich sehe etwas, was uns aus dem dunkeln Grabe herauswinkt! Blicken Sie nur hin; da ist ja die Höhle des Plato, von der er spricht, um uns die Wesenheit der Ideen zu beweisen! Dunkler Raum um uns her ? Feuchtigkeit tröpfelt von den Wänden der Höhle, aber am äußersten Ende winkt ein heller Sonnenschein. Und am jenseitigen Rande des Felsens, der dicht vor der Höhle steht, wanken ernste Schatten vorüber, stolze, gereifte Gestalten in langen Gewändern. Ja sie sinds, die Unsterblichen, wir hören ja ihren Fußtritt über uns; sie lassen jene Schatten dort an der Wand zurück; hinauf, hinauf, wir wandeln unter ihnen, wir sind im Lichte der Schöpfung mitten inne, wir wandeln kühn durch das Centralfeuer der Ideen, unverwundbar, unsterblich! Und beginnt dies selige Daseyn denn erst nach dem Tode? Flüstert es nicht zu jeder Stunde, wo wir unser Ohr für den Geist der Liebe und Offenbarung spitzen, um uns her, raschelt es nicht hinter den Wänden, lockt es uns nicht hinaus in die freie Welt, preßt es uns nicht die Brust zusammen so liebend und zärtlich, daß wir selbst im Schmerze Seligkeit empfinden? Ach, Herr von Lipmann, es gibt eine schönere Welt, als die wir erleben, eine Zeit, die sich nicht in Tag und Nacht scheidet! Rom, Griechenland kannten sie, die Weisen aller Jahrhunderte schmeckten sie, und wir dürfen ihrer noch immer harren und gewiß seyn, wenn wir weiße Feierkleider anthun und uns auf dem Scheiterhaufen unsrer irdischen Existenz, den Göttern ein seliges Opfer, selbst verbrennen! Wer säete Feindschaft unter uns Menschen? Tragen wir nicht Alle das Abelszeichen der Gottähnlichkeit an unsrer Stirne? Führt die Nabelschnur, der wir als Neulinge entbunden wurden, nicht zurück auf das Geheimniß des ersten Menschen, und sollen wir die Letzten seyn, die sich als Brüder erkennen? Ja, Herr von Lipmann, wenn Sie fühlen, daß die Börse mit all ihren Silberpiastern doch nichts gegen das gestirnte Firmament ist, daß die Staatspapiere zwar so tief fallen können, wie die Hölle, aber nie so hoch steigen, wie der Himmel; wenn Sie es über sich vermöchten, an meine Brust zu sinken und zu rufen: Auch ich bin in Arkadien geboren! ? würden Sie, Herr von Lipmann, dann noch ein Darlehn von zehn Thalern Preuß. Courant für einen Gegenstand halten und nicht vielmehr sagen: Nimm, was du tragen kannst, es ist dein, wie es mein war! Ich aber bin nun stumm, presse mein armes, zerspringendes Herz zusammen und ? hoffe.«

Nun hatte aber leider der erste Geschäftsführer der Firma von Lipmann nur die Procura für den Geld-, nicht für den Herzensbeutel des Hofagenten. Er vertrat ihn in Wien und London, nur nicht in Arkadien. Blasedow bekam in Abwesenheit »unsers Herrn von Lipmann« eine abschlägige Antwort. Der saubere Zettel des Handlungshauses war ein Strichregen am Abend einer schönen Landparthie; von den Wiesen, auf denen man tanzte, mußte man in die stickigen Kammern eines Bauernhauses. Oder wer schämte sich nicht eines Morgens der tollen und verworrenen Dinge, die er im Jubel eines vorangegangenen Festabends ausgesprochen! Dieser moralische Ekel und Jammer, der weit ärger ist, als der physische! Und doch will dies Alles noch nicht Blasedows Schmerz beschreiben: denn bei ihm kam Alles zusammen, Wehmuth und Stolz; er sah, daß er nicht nur nichts bekommen, sondern sogar noch etwas verloren hatte. Er würde geweint haben, hätte er nicht gefühlt, daß man im Comptoir des Hofagenten über ihn lachte.

Für diejenigen, welche am ersten Juli ihren Miethzins zahlen sollen und erst am fünfzehnten das Geld dazu haben, ist dies Kapitel nicht geschrieben. Sie verstehen Blasedows Lage ohne Ausmalung. Ich hätt es auch gern umgangen; allein wie kann Blasedow seine Söhne in die Residenz schicken? Wie kann auch eine Krisis unsers Helden übergangen werden, die schon deßhalb dichterisch ist, weil sie gerade so menschlich ist! Nichts unterwühlt die Einheit des gesellschaftlichen Friedens mehr, als Mangel in einer Lage, wo man auf den Mangel nicht angewiesen ist. Die baare Armuth hat nur für den etwas Rührendes, der sie selbst nicht ertragen könnte; allein eine völlige Auflösung des moralischen Gleichgewichts kann immer dort eintreten, wo der Geist über die Materie weit hinaus ist und das Ideal plötzlich in die Lage kommen soll, einen Wechsel zu bezahlen. Und so wie der arme Knabe, der in eine höhere Klasse versetzt ist, an den Häusern entlang schleicht und nicht weiß, woher er das Geld nehmen soll, um sich die nun nöthig werdenden Bücher zu kaufen, so irrte Blasedow umher, und hatte nun gar noch die Demüthigung mit seinem enthusiastischen Briefe und dem kalten Wasseraufguß der Procura. Er schämte sich schon fast, der Verzweiflung nachzugeben, und war in das zweite Stadium financieller Noth eingetreten, in das der Erfindungsgabe. Er blickte nicht mehr deßhalb so scheu, weil er die zehn Thaler nicht hatte, sondern, weil er wohl darüber nachdenken mußte, wie er sie sich anschaffen sollte. Er mußte sich in die krampfhafte Aufregung versetzen, ohne die man gar nicht den Muth hat, etwas zu borgen. Er mußte den nur zufällig Verlegenen spielen und kam gar nicht mehr zur Besinnung.

Tobianus war es nun, der zu den Präludien der Blasedowschen Erziehung den Schlußstein liefern sollte. Und doch vermochte Blasedow nicht, dabei Gewalt zu brauchen. Ein schnelles Wort würd ihm von Tobianus die zehn Thaler verschafft haben, dieser hätte sie aus Furcht gegeben und ohnehin aus Liebe, wenigstens zu Gertrud. Zu einem Industrieritter war Blasedow trotz dem, daß er genugsam Ritter von der traurigen Gestalt heißen konnte, doch nicht fähig. Er hatte eine edle und verschämte Natur; er fürchtete überdies, Tobianus mehr Zinsen, nämlich moralische und Umgangszinsen, zahlen zu müssen, als das Capital werth war. Er fing indessen, da keine Thür und kein Truhenschloß anders offen war, allmählich an, seine Operationen zu machen. Man muß auf dem Lande leben und noch obenein Pfarrer seyn, um zehn Thaler für etwas Großes zu halten. Wer, wie Blasedow, nur Korn sah, Naturalzehnten und die kleinen baaren Accidenzien für Leben und Tod in der Gemeinde, der glaubte gewiß, jene Summe nur durch eine scharfsinnige Strategie und consequente Belagerungskunst erobern zu können. Blasedow eröffnete ein förmliches Geniewesen, um, wenn nicht Tobianus in die Luft zu sprengen, ihn doch zu bestimmen, daß er zehn Thaler springen ließ. Er zog Lauf- und Schanzgräben um ihn her und rückte den Casematten, wo Tobianus seine Reichthümer feuerfest gelagert hatte, immer näher. Tobianus blühte wie ein dicker Tulpenkelch auf, seitdem Blasedow gegen ihn so viel Sonnenschein entwickelte. Deßhalb dacht er auch, der Schlag sollt ihn rühren, als Blasedow eines Tages ganz leise zu ihm sagte: Tobianus, schießen Sie mir zehn Thaler vor!

Die menschlichen Charaktere geben sich in keiner Lage so frei und natürlich, als wo man ihnen etwas abborgt. Seneca und seine Schule nahmen das Unglück als Prüfstein des Charakters an. Er sagte: Ein weiser und gerechter Mann im Kampf mit dem Schicksal ist ein Schauspiel für Götter. Allein man kann ein großer Stoiker seyn und doch sehr kleinliche Empfindungen verrathen, wenn man ihm etwas abborgt. Es wird nicht gesagt, daß es immer nöthig wäre, das Verlangte zu geben; allein die Ausflucht schon, in der man sein Heil vor Zudringlichen sucht, oder die Art, wie man ein wirkliches Unvermögen entschuldigt, wirft gewiß die grellsten Lichter und die dunkelsten Schatten auf die Menschen. Erinnerte sich doch auch Blasedow aus seiner Jugend, daß er als Kostgänger in der alten gothischen Musenanstalt, die ihn erzog, niemals über sich vermocht hatte, seinem Nebenmann, der Muth oder Noth genug hatte, um borgen zu können und zu müssen, etwas abzuschlagen. Und es war nicht die Gutmüthigkeit, gestand er sich späterhin oft, die ihn so apostolisch mildthätig machte, sondern Ehrgeiz, weil er wohl fühlte, im Kampf mit der Knickerei und den peniblen Empfindungen offenbare sich der Mann. So oft sich Jemand auf der Schule und Universität an ihn festsaugte und unter einem Thaler oder zwölf Groschen nicht wieder losließ, so bekämpfte er ordentlich in sich den angebornen Ameisentrieb der Sparsamkeit und schüttete ohne Weiteres seine Taschen aus, wo sich freilich unter dem gebackenen Korn von Brodkrummen selten viel geschrotetes Korn von Viergroschenstücken vorfand.

Nun hätte ja auch nach dieser Theorie Tobianus immerhin das Geld verweigern können; aber er mußte nicht in jene moralische Epilepsie fallen, die man immer bei den Schlafrocks- und Pantoffelnaturen antrifft, wenn man ihnen den Schreck verursacht, sie um ein Darlehen zu ersuchen. Die Furcht, das Geld nicht wieder zu erhalten, hängt aus den verglasten Augenfenstern eines solchen Menschen plötzlich ein Leichentuch heraus, und die ehrlichsten Leute, die nur grade im Augenblick nicht bei Casse sind, können sich in den Gedanken des Erschrockenen wie Spitzbuben abspiegeln: denn er hält sie dafür. Er gibt das Geld schon auf, was er leihen muß. Zu einer Nothlüge fehlt das Genie und die schnelle Besinnung, bei Tobianus sogar die moralische Erlaubniß. Hätte Tobianus nur gesagt: Ich gebe sie Ihnen; allein in acht Tagen brauch ich selbst zehn Thaler: wollen Sie mir dann zwanzig wieder geben? Nein! So mußte sich Blasedow unter seiner eigenen Pumpe quälen und winden und mußte ganze Stücke Luft, die sich bei der gehemmten Respiration seiner geängsteten Lungen in der Kehle sammelten, hinunter schlucken, ja, mußte sogar die Phrase, die den ganzen zweiten Teil seiner Lebensgeschichte entschied, noch einmal wiederholen, wobei es ihm wie vielen stolzen Leuten ging, daß man nämlich mitten in der Periode plötzlich keine Luft hat, und Einem die Stimme versagt. Wie leicht kann man das nicht Furcht nennen? Da es doch nur Stolz und Adel ist, indem wir nicht gemein seyn wollen, und etwas Bedenkliches mit voller Brust aussprechen und doch grade in der Kehle nicht Kraft genug haben, um anzügliche und entschiedene Erklärungen, z. B. gegen vorlaute Secondelieutenants, gegen bramarbasirende Studenten, gegen grobe Polizei-Inquirenten, in einem mit unsrer Entrüstung parallel laufenden Athem zu Protokoll zu geben. Tobianus verstand nun wohl, wessen Blasedow begehrte. Es scheint, als wollt er nicht Nein sagen; warum aber nicht gleich Ja? Warum erst den armen, zerknirschten Collegen so weit bringen, daß er wie ein ungeduldiges Kind die Karten zusammenwirft, die er so sauber und leise an einander gelehnt hatte, und mit etwas verzerrter Geberde auffährt: »Lassen Sies nur!« Tobianus sagte: »Sie sind wunderlich, ich bin ja bereit;« und ein Saal mit tausend Lichtern wurde mit diesen Worten für den elektrisirten Blasedow aufgerissen. In all seine Adern schoß es wie siedender und wärmender Wein hinein, seine Glieder hatten wieder die alte Länge, und ein stilles seliges Lächeln umspielte wie die aufgehende Sonne den kleinen Montblanc seiner Nase. Tobianus nahm aber dies Lächeln wie die Affenpfote des Schalks, die hinter einem Vorhange plötzlich sichtbar wird, fürchtete Ueberlistung und verlor sich nun in jenes unglückselige Zaudern, welches Darleihern eigenthümlich ist. Denn sie geben nie schnell, was sie sogar schon verwilligt haben, sondern weiden sich erst an der Demüthigung des Andern, steigen eine Staffel nach der andern über ihn hinauf, erlauben sich, was ihnen sonst nie gestattet gewesen wäre, zupfen ihm an den feinsten Haaren, die mit den Gedanken seines Gehirns capillarisiren, bringen zur Sprache, was sie längst einmal für eine passende Gelegenheit auf dem Herzen hatten, und richten sich immer erst die Hildebrands-Schadenfreude eines kleinen Canossa an, ehe sie die Absolution ertheilen. Tobianus bediente sich hier seines Vortheils, wie jeder Philister. Die noch zu zahlenden zehn Thaler Pr. Courant deckten ihm Rücken und Flanken. Nun konnte er operiren militärisch und chirurgisch. Er schlug, ein langweiliger Leporello, ein langes Register von Geschichten auf, die er alle seinem unglücklichen Freunde vorrückte. Er verwies ihm seine Kinder- und Rinderzucht, seine geistliche und leibliche Ackerwirthschaft, sein Benehmen mit Schulmeistern, Küstern und Kindbetterinnen. Er brachte Blasedows Bleistiftspolemik am Rande der Journale, die ihn noch an den Rand irgend eines Abgrunds bringen würde, zur Sprache und schloß, wie der Philister dies dann immer thut, wenn er sich warm und Alles vom Herzen und der Leber herunter geredet hat, mit Enthusiasmus. Er rückte seine Sammtkappe auf ein Ohr, ließ nun erst Wein holen, stopfte zwei thönerne Pfeifen, lud Blasedow ein, die Nacht bei ihm zu bleiben, und zeigte mit lachenden Spiegelblicken in sich selbst, daß er im Grunde doch ein genialer Mensch wäre und zehn Thaler Pr. Courant so ohne Abschied zum Fenster hinauswärfe. Er that, als beständen die Fidibus, mit welchen er seinen Kanaster anzündete, aus zusammengerollten Tresorscheinen, umarmte seinen »Freund, seinen einzigen und wahren Freund,« mehrere Male und gab ihm zuletzt sogar die gewünschte Summe, mit dem Bemerken, ob er nicht noch zwei Thaler acht Groschen mehr haben wolle? Blasedow steckte das Geld mit Zufriedenheit zu sich und riß sich aus den Liebkosungen des Collegen los. Dieser gab aber nicht Ruhe, sondern begleitete ihn noch in tiefer Nacht über sein Dorf hinaus und schied von ihm wie von einer Geliebten. Blasedow aber lief spornstreichs in die Nacht hinein und ließ sich von keinem Irrlicht locken. Er war kalt und nüchtern geblieben. Es fröstelte ihn sogar, weil er ohnedieß nicht wußte, sollt er der Freude oder dem Schmerze nachhängen. Dennoch war er stolz genug, auch diesen Gedanken in sich auszuführen: »Dummköpfen imponiren Männer von Werth, selbst wenn sie Lumpen tragen. Er mußte sich zuletzt noch für die Ehre bedanken, daß man baarfuß vor seine Thüre kömmt und bettelt. Er mußte zu dem Capital, das ihn so schmerzte, noch ein Agio von Begeisterung geben. Großer Genius, wie dank ich dir! Du hast mir ein Adelswappen in den Schild meiner Stirne gesetzt, das mir Achtung selbst da verbürgt, wo ich nicht hehlen kann, daß ich darbe!« Es war die erste Nacht seit langer Zeit, die Blasedow nicht durchstöhnte, sondern durchschlief.

 


 

Zweites Kapitel.

 

Schülerschwänke.

 

Nun durfte auch nicht länger mit der Abreise gesäumt werden. Das geliehene Silber verwandelte sich in Quecksilber und hatte keine Ruhe mehr. Die neuen schönen Thaler wurden auch die Wagenräder, auf welche der Stallknecht die obere Kalesche legte. Rings am Rande des Einspänners wurde ein Bund Stroh ausgelassen, worauf die Brüder ihre Sitze nehmen sollten. An Brod, Schinken und Thränen ließ es Gertrud nicht fehlen. Die Knaben hatten einen Vorrath auf länger als einen Monat. Das Geld lag in einem großen Korbe, in welchem die nothwendigste Wäsche und sonstige Garderobe verpackt war, und einer muß der größern Sicherheit wegen immer auf diesem Korbe sitzen. Ein Umstand, der die Abreise verzögerte, war der, daß Töffel schon so lange verreist war. Er mußte auf den Getreidemarkt in die Residenz fahren ? jetzt will ich auch ihren Namen nennen: sie hieß Kaputh ? und Blasedow hatte keine Lust, ihn abzuwarten. Er überließ den Knaben den Wagen allein und sagte: »Wenn man sich darauf nicht einmal verlassen sollte!« Gertrud meinte nur, sie würden Töffeln, der Wagen und Pferd wieder zurückbringen sollte, verfehlen. »Ach, verfehlen!« äffte sie Blasedow und erntete dafür eine Grobheit, aber auch seinen Zweck. Die Kinder sollten sich selbst fahren und in der Ausspannung den Wagen an Töffeln abgeben. Sie versprachen dies treulich. Sie waren so übervoll von ihrem Glücke, daß Gertrud kaum noch deren Hunger, dafür aber desto mehr ihr eignes Schluchzen zu stillen hatte. Sie sollten nun wirklich in die Welt hinaus. Blasedow war stolz darauf, aber schweigsam und verschlossen wie ein Held vor der Schlacht.

Es war ein frischer Herbstmorgen, als die Söhne reisen sollten. Der Nebel stritt mit der Sonne um den Vorrang, und die Siegesblicke der Letztern zeigten die nach langem Regen fast schon entblätterten oder doch ins Gelbe verfärbten Bäume. Die Jungen mußten eben noch ein Bund Stroh mitnehmen, um sich hineinzuwühlen. Gertrud packte und schnallte an der alten Kalesche und an dem schwachen Verlaß, den sie auf alle vier hätte. Blasedow ließ sich nicht sehen. War er noch oben oder schon so früh ausgegangen? Sein Zimmer fand man verschlossen; aber der Fenstervorhang bewegte sich, ohne daß es vom Winde seyn konnte, mehrere Male. Gertruds Zustand war ein Bittersalz, eine Mischung salziger Abschiedsthränen und bittrer Vorwürfe auf einen Vater, der sich seiner Kinder so wenig erbarme, daß er ihnen nicht noch den Segen mit auf den Weg gebe. »Mütter,« sagte sie, »haben doch immer nur den Schmerz allein. Werden die Kinder groß, so verwandelt sich Alles, was sie thun, in neue Geburtsstunden. Wer sie einmal unterm Herzen getragen hat, der wird an dem Fleck auch nie wieder gesund.« Nun war dies aber ruhmrednerische Verleumdung. Blasedow, der oben hinter der Gardine Alles hörte und eben zu sehen war, weil er einmal die Gardine ergriff, um sich sein Auge zu trocknen, was Gertrud auch veranlaßte, den Abschied zu beschleunigen (nicht der Thränen, sondern der Gardine wegen), ich sage, Blasedow sagte und zwar sich selbst: »Sie ist nur eine halbe Hekuba. Nach Siebenbürgen hin ist immer der eine Herzlappen gerichtet.« Er, ein ganzer Priam, dagegen hatte nicht den Muth, von den Kindern Abschied zu nehmen. Ihm würde das Herz gebrochen seyn. Aber die Jungen waren im Anzuge. Der Schlachtenmaler klatschte mit der Peitsche. Blasedow verhielt sich ganz still, und so fuhr denn die Karavane auf und davon.

Lebe wohl, Blasedow! Auch die Muse vermag dich nicht zu trösten! Was du begonnen, muß sie vollenden! Lebe wohl, alter Murrkopf; predige Geduld! denn es wird lange währen, ehe du die Narben der Zweige, welche das Schicksal von dir abgeschnitten, verschmerzen wirst! Der Winter ist vor der Thür. Kehre unter deinen Büchern zu dem Umgang alter Weisheit zurück und denke, du hast Samen ausgestreut, daß er ihr ähnlich werde! Das Uebrige steht nun in Gottes Hand.

Die vier Dichter- und Künstler-Embryone benutzten die ersten Strahlen einer Mündigkeit, die für sie mit den letzten Hecken des Dorfes anfing, um die eßbaren Reisevorräthe zu untersuchen. Schlachtenmaler nahm zuvörderst die zehn Thaler und steckte sie, da sie, wie er sagte, dem Pferde zu viel zu ziehen gäben und den Wagen nur schwerer machten, in die Tasche. Dann zwang er dem satirischen Schriftsteller die Peitsche auf, indem er ihn daran erinnerte, daß, wenn der Vater so oft gesagt hätte, er müsse eine Geißel der Menschheit werden, er nun gleich mit den Pferden anfangen könne, zog sein Taschenmesser und zerlegte einen Schinken, den die Brüder mit einander theilten. Schlachtenmaler setzte hinzu: »Mutter hat gesagt, wir sollten ungefähr auf diese Art zu Mittag essen; da wir aber geneigt sind, dies Mittagessen in die Frühe zu verlegen, und noch nicht gut für uns sagen können, wenn die Sonne am höchsten steht, so werden wir doch vielleicht in einem Gasthof ?« Hier stockte der Wildfang, weil die Uebrigen ihm keinen Muth machten. Nichts war ihnen so dringend untersagt worden, als in Gasthäusern einzukehren. Sie hätten ja Essen genug im Wagen und Heu für das Pferd und einen Trog sogar zum Wassertrinken für alle fünf zugleich; »den Luxus sollten sie sich nicht unterstehen,« hatte Gertrud gesagt. Der Bildhauer meinte, »man könne es ja auf den Zufall ankommen lassen,« und Schlachtenmaler lachte, indem er sagte: »Was wir heute zuviel ausgeben, können wir ja morgen sparen.«

Ueberhaupt hatten sie noch Ursache, sich zu beobachten. Sie mußten von Vetter Tobianus Abschied nehmen. Als Theobald, der Volksdichter, der Jüngste, nicht einhalten wollte mit dem Schinken, zog ihm Schlachtenmaler mit der Peitsche schnell Eins übers Ohr. Theobald war sich der ungesetzmäßigen Handlung so gewiß, daß er still das Messer fortlegte und sich die verdiente Züchtigung gefallen ließ. »Das sag ich euch gleich,« fing der Schlachtenmaler an: »wenn der Eine mir nach Rom und der Andere nach Jerusalem will, dann bringen wir nichts Gescheites zu Stande. Einigkeit muß seyn, Kinderpossen müssen unbedingt nicht mehr vorfallen. Frei ist der Mann, der sich selbst beschränkt. Wir zählen zusammen einundsechzig Jahre; da könnten wir doch wohl schon einigen Verstand haben. Es geht nach der Mehrheit. Ich bin achtzehn Jahre alt, ihr Andere verhältnißmäßig. Sind wir uneins, so zählen wir die Jahre zusammen. Hab ich z. B. nur einerlei Meinung mit Theobald, der zwölf Jahre zählt, so bin ich von euch Beiden, die ihr zusammen einunddreißig zählt, überstimmt, denn ich und Theobald sind nur dreißig. Das ist nicht mehr wie billig: denn es könnte leicht scheinen, als wäre Theobald von mir bestochen. So wie ich aber mit einem von euch Beiden, Lehmkneter Amandus oder Alboin von Samosata, zusammenstimme, so ist die minderjährige Minorität unterdrückt.« Dies war gleichsam die constitutionelle Verfassung, die sich der kleine Staat gab, und zu deren Besiegelung Schlachtenmaler vorschlug, Einer solle dem Andern eine Ohrfeige geben. Man würde dies gewiß gethan haben, wenn der Wagen nicht schon dicht vor Tobianus Thüre gestanden hätte.

Der Pfarrer kam heraus und reichte jedem der Brüder die Hand, dem ältesten aber einen Brief, welchen er an Sophien abgeben sollte. Sie war nämlich durch Vermittlung der Gräfin Sidonia in eine adelige Familie als Gesellschafterin gezogen worden; diese Familie wohnte gegenwärtig in Kaputh, und Oscar wurde feuerroth, als er dies hörte: denn was hatte er um Sophien nicht gelitten! War sie nicht die erste Neigung seines knabenhaften Gemüthes gewesen und die erste Veranlassung zu einem Gespenste, das seit der Bannungsscene mit Blaustrumpf auch im Dorfe das letzte geblieben? Hatte er sich nicht mit ihr nächtlich in einem Bettlaken über den Hof in den Garten geschlichen und in der Laube mit ihr gesessen, ohne daß sie noch recht wußten, was die Liebe war? Und hatte Blasedow es ihm nicht mit einem entsetzlichen Prügel eingebläut, so daß er mit Sophien allen Geschmack daran verlor? Tobianus brachte außerdem noch einige alte Schulbücher mit, die er den Brüdern schenken und es dann Gertruden zur Freude sagen wollte. Als er denselben Nachmittag Blasedow erzählte, er hätte seinen Jungen einen alten Telemach mitgegeben, einen zerrissenen Bröder, Schellers kleines Wörterbuch, den Horaz mit Gottschlings deutschen Noten und mehreres Andere ad modum Minellii, lachte Blasedow aus drei Gründen laut auf: »erstens brauchten sie das Zeug gar nicht; zweitens wären ganz andere Ausgaben jetzt in den Schulen eingeführt und drittens würde Schlachtenmaler schon nicht faul seyn, die ganze Bescherung beim Antiquar zu verkaufen.« Bitterböse fiel Gertrud ein: »Ja, dann würde es ihr doch leid thun, den Menschen geboren zu haben.«

Gegen Mittag vereinigten sich alle einundsechzig Stimmen, die auf der Kalesche saßen, dahin, daß sie am rothen Ochsen in Dreifelden halten und anständig essen wollten. »Man möchte ja glauben,« sagte der Schlachtenmaler, »wir wären wie die Kirchenmäuse bloß vom Wort Gottes aufgezogen oder hätten uns von den Flöhen ernähren müssen, die die alten Weiber Sonntags aus ihren Unterröcken verlieren und in den Kirchstühlen zurücklassen!« Der Wirth zum rothen Ochsen nahm die ihm wohlbekannten Pastorssöhne freundlichst auf und setzte ihnen wie reisenden Landjunkern vor, die die Universität beziehen. Für dies hätten sie sich auch gern ausgegeben; aber der Wirth sagte: »In Kaputh ist ja noch keine Universität!« »Ja, aber es wird jetzt eine hinkommen,« meinte Schlachtenmaler und fuhr fort: »Eine Akademie ist ohnehin schon dort. Wir sind Alle eigens nach Kaputh eingeladen worden, um die neue Universität gleich beziehen zu können. Man würde sie längst eröffnet haben, wenn es nicht zu sehr an Verbrechern in Sayn-Sayn fehlte.« Der Wirth meinte: »Wie so?« ? »Nun,« entgegnete Schlachtenmaler, »man hat noch kein anatomisches Theater auskochen können, weil hier im Lande Jedermann wenigstens ein ehrliches Begräbniß verdient, wenns auch sonst Schelme genug gibt.« »Ja, das weiß Gott!« sagte der Wirth, indem er die schwarze Tafel anblickte, wo seine Schuldner mit doppelter Kreide verzeichnet standen. Aber erschreckend, daß ers hätte vergessen können, fuhr er fort: »Hat Ihnen denn aber der Vater keinen Empfehlungsbrief an Herrn von Lipmann, seinen alten Bekannten vom Ochsen her, mitgegeben?« ? »Sie meinen einen Wechsel?« fragte Schlachtenmaler stolz, während die dummen Brüder zu seinem Aerger kindisch kicherten. Der Wirth bemerkte ehrerbietig: »Der junge Herr von Lipmann warten auch mit Sehnsucht, daß die Universität in Kaputh eröffnet wird. Der Fürst hat dem Vater gesagt, er solle sie nur gründen, dann könne sein Sohn sogleich daran Professor werden. Und um dieser Professur willen geht der Hofagent wirklich damit um, die Universität an die Börse zu bringen und sie auf Actien zu stiften.« Schlachtenmaler setzte in dieser Art das Gespräch mit dem Wirthe fort und erfuhr dabei Manches über die Kaputher Zustände, wovon er, in der Residenz angelangt, Nutzen zu ziehen hoffte. »Umsonst erhalten wir dies Essen nicht,« flüsterte er seinen Brüdern zu und verstand darunter, daß er fürchte, geprellt zu werden. In der That mußten die Reisenden zwei Thaler sechzehn Groschen zahlen, ihr Pferd mit eingerechnet. Hätte Gertrud diese Verschwendung gesehen, sie würde sich in eine Furie verwandelt haben.

Als die Brüder weiter fuhren, waren sie in die fröhlichste Stimmung gerathen und drückten ihre Freude durch einen Lärm auf der Landstraße aus, der das Pferd hätte scheu machen können. Schlachtenmaler verwies ihnen diese Unbändigkeit, nicht um des Pferdes, sondern um ihrer selbst willen. Er sagte: »Vom Vater haben wir die Philisterei doch nicht gelernt, daß wir gleich einen Höllenlärm verführen, wenn wir einmal gut gegessen und getrunken haben. Je wohler Einem wird, desto stolzer muß man sich benehmen. Die müssen wahrlich kümmerlich genug zu Hause leben, welche man nicht wieder erkennt, wenn sie einmal über Land sind und unter freiem Himmel tafeln.« Amandus, der Bildhauer, zog zur Antwort eine Pfeife hervor, die er in der Rocktasche versteckt hatte, stopfte sie und zündete sie mit Schwamm, Stahl und Feuerstein, das er Alles verborgen bei sich trug, an. Schlachtenmaler bemitleidete ihn: denn er sah die Folgen dieses frühreifen Beginnens voraus; die Uebrigen aber genossen die Freude des Bildhauers mit und weideten sich an dem Glück der Unabhängigkeit, welches sie hinfort genießen würden. »Er wird euch ein Opfer bringen!« warnte der Schlachtenmaler, und Amandus, vom Rauchen schon kreideweiß, aber es doch aus sprossender Männlichkeit nicht unterlassend, bemerkte nur einfach: »Wenn der Wagen nur nicht so rüttelte!« In der That mußte er jenes Opfer bringen, das Schlachtenmaler vorhergesehen hatte. Man wußte keinen bessern Rath, als im nächsten Wirthshaus einen Kaffee zu bestellen. So war dieser kleine speiende Vesuv eine gute Entschuldigung geworden, es sich aufs Neue bequem zu machen und das erhaltene Geld gar nicht anzusehen.

Der Gaul wurde wieder ausgespannt und in den Stall geführt. Schlachtenmaler sagte: »die Mutter würde über die Schonung, die sie dem Thier anthäten, sehr zufrieden seyn.« Hinter dem Wirthshause war eine sanfte Erhöhung, auf welcher einige schattige Linden, Tische und Bänke standen. Hierher wollten sie sich den Kaffee bringen lassen. Alboin erinnerte an den Brief des Vaters. Schlachtenmaler sagte: »Wir wollen sehen, ob die Adresse paßt,« und zog einen starken versiegelten Brief hervor, auf welchem stand: »An meine Kinder. Zu erbrechen,« (mit Amandus war es besser geworden) »wenn ihr an einen grünen anlockenden Platz im Walde gekommen seyd. Steigt dann aus, bindet den Gaul an einen Baum fest, erbrecht das Siegel und lest euch das Vermächtniß eures euch liebenden Vaters vor!« Die Brüder sahen nun wohl, daß die Localität nicht zutreffe. Alboin meinte, »wenn sie länger warteten, so würd es zum Lesen zu finster werden.« Der ermattete Amandus stöhnte: »der Vater hätte gut beschreiben; wenn sich nun ein solcher Fleck gar nicht fände!« Schlachtenmaler meinte: »Der Platz ist ganz richtig. Den fehlenden Wald sehen wir nur vor den vier Lindenbäumen nicht.« Während also der Kaffee gebracht wurde, öffneten sie den Brief, und der Jüngste mußte ihn vorlesen. Er lautete

»Meine Söhne!

»Der Augenblick ist da, wo ihr für mich, wie die Schöpfung für Gott, zeugen sollt. Die goldnen Hörner oder die Eselsohren, die ihr an euren Häuptern tragen werdet, wird man mir aufsetzen. Bedenkt das und macht mir Ehre! Ich erzog euch zuvörderst zur Freiheit. Gemeine Gefühle ließ ich in euren Gemüthern nie überwuchern: Unkraut werden sie noch immer zeitigen; aber es wird nicht höher wachsen, als die Palmen und Cedern, zu welchen ich den Samen in den Libanon eurer Zukunft pflanzte. Ihr seyd frei; ich lehrte euch nur, daß außer euch noch Millionen Menschen in der Welt wären. Das war genug, mehr durftet ihr nicht wissen, um diese Millionen mit stolzem, sich zur Gleichheit vermessendem Auge anzublicken. Ihr hörtet aus meinem Munde nicht früher von Grafen, Präsidenten, Ministern sprechen, als von Menschen. Ihr wißt nichts von den Unterschieden der Stände. Drum werdet ihr mit keckem und echt vornehmem Muthe auftreten. Ihr werdet nicht zittern, wenn ihr in das Vorzimmer eines Mächtigen berufen werdet, ihr werdet euch vorher keine Fragen und Antworten einüben, ihr werdet, wenn ihr sprecht, die Nachsätze der Perioden nicht im Halse stecken behalten; ihr seyd frei, seyd meine, seyd die Söhne Blasedows.

»Daß ihr ein Herz haben werdet, hoff ich zu Gott, zu eurer Mutter und zu manchem Kummer, den ich nicht hindern konnte, daß er durch die Ehestandsgardinen zu eurem Ohre dränge. Kinder erfahren vom Leben meist nur das, wofür sie Gott den Eltern als Trost geschenkt hat. Sie haben ein scharfes Auge für die Witterungen, die auf den Stirnhorizonten der Eltern heraufziehen. Und, wo ihr nicht deutlich sehen konntet, da, weiß ich, lauschtet ihr ? genug, ihr habt empfinden gelernt, wenn ihr auch noch keinen Namen für eure Gefühle habt. Es ist besser, ihr gebt dem Armen schnell ein Stück Brod, eh ihr euch besinnt, ob das Mitleid heißt, was euch dazu treibt. Kinder, wär es von mir nicht zu künstlich, ich würd euch zurufen: Seyd ewig natürlich!

»Was ihr gelernt habt, vorstellen, seyn und werden, davon red ich nicht: denn es ist in euch gepflanzt, euer Herz muß euch dies selber sagen. Jeder von euch hat einen hohen Beruf; Jeder hat, wenn einmal doch der Mantel Christi zertheilt werden soll, einen Rockschoß davon. Euer Wissen ist Stückwerk, aber nicht Alles sind nur Lücken. Einiges habt ihr schon vollständig, und, wenn ihr Neues sammelt, wißt ihr, wo ihrs anlegt. Worauf es beim Lernen ankömmt, ist das Fach, wo hinein man sein Wissen legt. Wer ein Ziel für sein Leben weiß, bearbeitet schnell das rohe Material, das er empfängt, und paßt es in die Fugen ein, wo er es brauchen kann. Ich hab euch in die Karten blicken lassen, mit welchen ich euch gegen das Leben ausspielen wollte. Ich bin nicht eitel, aber stolz darauf, daß ich ein neues pädagogisches System entdeckt habe, das System der unmittelbaren Prädestination. Indem ich euch für bestimmte Fächer erzog, wußtet ihr, wo ihr euren Henkel ansetzen solltet an die Dinge, um sie zu fassen. Und verließet ihr gar die Bahn, die ich euch vorzeichnete (was ich jedoch fürs Erste euch noch verbiete), so habt ihr doch schon eine Consequenz des Lebens mit Ernst durchgemacht und werdet euch um so schneller in einen andern Beruf finden können, wie Ströme sich wohl mit Leichtigkeit ein neues Bett graben, aber nicht Seen. Ein Oekonom wird leichter ein Staatsmann, als ein Student ins Blaue hinein; ein Geistlicher wird eher ein Schauspieler, als ein Kunst-Eleve im Allgemeinen; ja, wie oft geschieht es nicht, daß man, wie auf dem Billard ein Stoß nach Nordost eine Wirkung auf Südwest hervorbringt, auch im Leben erst durch Carambolage zu seiner Bestimmung kömmt!

»Ich benutze die letzten Augenblicke, wo ich doppelt mit euch leben möchte, weil ich euch bald ganz vermissen muß, um euch noch etwas Knigge nach meiner Art mit auf die Wanderschaft zu geben. Was Gott betrifft, so habe ich euch oft genug gesagt, daß weder ein Bild, noch eine Geschichte, selbst, wenns die evangelische wäre, ihn euch zu fassen erleichtern würde. Gewöhnt euch, Kinder, Gott überall da zu finden, wo ihn die andern Menschen nicht sehen! Wollt ihr fromm seyn, so denkt: Alles ist Gott, was euch umgibt! Nennt man euch Pantheisten, so hütet euch wohl, dies zuzugeben: denn ihr erweist ja nicht Allem göttliche Verehrung, ihr meint doch nur, daß Alles in der Hand Gottes stehe, und daß, wo seine Hand, auch sein Finger waltet; ferner: daß selbst das Leblose doch ein treueres Abbild Gottes seyn müsse, als euer Gedanke: denn dieser streite wider Gott, jenes nicht, weil es nicht streiten könne, und, wenn euer Streiten zwar unendlich höher steht, als jene Genügsamkeit, so müßt ihr doch suchen, soviel es geht, das Göttliche von eurem Eigenen auszuscheiden, es nicht zu vermischen: denn das, was nicht denkt, ist gewisser Gottes, als daß dasjenige, was ihr in euren Gedanken für Gott haltet, nicht der Reflex euer selbst ist. Und, wollt ihr ein philosophisches System über Gott haben, so denkt euch das All hinweg, die Geschichte hinweg, die Natur euch hinweg und denkt euch den Moment des Nichts, wenn ihr ihn fassen könnet..... Wer würde da nicht die Hand vor die Stirn schlagen und zur Erde niederfallen und die Allmacht anbeten, die einzige Eigenschaft Gottes, die sein ganzes Wesen ergründet! Habt ihr in diesen Gedanken Klarheit, Consequenz und Zusammenhang gewonnen, dann werdet ihr lächeln zu der Erfahrung, die euch jeder Tag bietet, daß die Menschen nichts so uneins macht, als Gott, in dem wir eins sind. Das Christenthum nehmt als eine ehrwürdige Reliquie, heilig wie einen Dom, der schon in Trümmer fällt, während er noch nicht einmal ausgebaut ist. Von Christus redet mit Andacht und stellet ihn höher als Sokrates. In Luther schätzet den Mönch und den Deutschen, weniger den Theologen. Gegen nichts seyd gleichgültiger, als gegen den theologischen Parteienkampf: denn, mischt man sich ein, so geräth man oft dahin, Alles über den Haufen zu werfen, und es zu bereuen, wenn man sich dadurch um das Recht bringt, theilnehmend über die Religion zu sprechen.

»Den Staat vermeidet! Nichts ist lockender als die Rolle eines Thrasybul. Bieten sich euch Conspirationen, so fragt erst: ob schon die Armee gewonnen sey? Sagt man: Nein, erst einige Recruten; dann erwidert: Wir warten lieber noch eine Weile! Drängt euch die Freisinnigkeit und die Lust nach politischen Märtyrerkronen, so bedenkt, es gibt der gesetzlichen Anknüpfungen genug, um sich das Leben sauer zu machen. Der Liberalismus ist in der Literatur längst ausgebildet, ist sogar in einige Formen der Staatsverfassung übergegangen; man hat also nicht nöthig zu conspirieren. Ich warne euch, doch ich verfluch euch nicht! Es gibt, in eurem Alter zwar noch nicht, aber wie lange dauerts noch! eine Freiheit, die euch Niemand verkümmern kann, die Freiheit, unglücklich zu seyn. Hausbackene Klugheitsregeln euch zu geben, ist meine Sache nicht: ich weiß, daß es der beste Weg zur Weisheit ist, einmal ein Thor gewesen zu seyn; ich weiß, daß diejenigen unter meinen Jugendgenossen, welche immer die Folgen bedachten, meist ein kleines Herz hatten. Wer hielte nicht in seiner Jugend das Gefährlichere für das Edlere! Ich kann nichts, als euch in die Obhut Gottes empfehlen. Macht mir den Kummer nicht!

»Was ich jedem von euch für das Fach, zu dem er geboren wurde, schon gesagt habe, mag ich hier nicht wiederholen. Nur das Allgemeine will ich berühren: Lernt nie anders auswendig als mit den Augen! Was ihr gedruckt vor den Augen reproduciren könnt, das geht auch hinter die Pupille ins Gehirn hinein; der Klang aber ist Wind. Mündliche Vorträge schreibt niemals nach, sondern hört ihnen zu! Wer euch nicht fesselt, von dem würdet ihr auch nichts lernen, selbst wenn ihr ihm nachschriebet. Ergänzt die Vorträge durch Bücher: denn wisset, kein Vortrag enthält so Nothwendiges und Neues, das nicht auch gedruckt wäre. Unser Zeitalter will es so: wer etwas Neues hat, wird nicht lange anstehen, es öffentlich mitzutheilen. An Tendenzschriften geht nicht eher, bis das Buch des Gegners euch zur Seite liegt! Die Jugend widersteht selten der Ueberredung, welche in einer abzweckenden Schrift liegt, und liest sie immer das Für, so stumpft sie sich gegen das Wider ab. Könnt ich jetzt noch einmal meine Jugend erleben, dann würd ich mir vornehmen, vorm einundzwanzigsten Jahre keine feste Meinung zu haben: denn noch im zwanzigsten Jahre hatt ich Meinungen, über die ich mich ein Jahr später von der Achsel ansah. Unsere Zeit weiß für ihre Tendenzen so außerordentlich viel Material in Bewegung zu setzen, die Sprache, die Geschichte, das ist Alles so mobil, damit verbarricadirt man sich so leicht, daß alle Parteien etwas Unangreifbares und noch mehr etwas Verlockendes haben. Wie geistreich wird nicht der Absolutismus, wie genial der Liberalismus motivirt! Denkt also stets bei einem Satze, dessen Wahrheit euch überraschte, daß es von diesem Satze eine Widerlegung geben könne, die noch weit glänzender ist! Endlich werdet ihr doch wohl die Grenze entdecken, wo die Gelehrten sich nicht mehr überbieten können.

»Im Umgang mit Frauen seyd stolz! Das ist das einzige Mittel, hier Strudel, Klippen und Sümpfe zu vermeiden. Wer vor Frauen scheu ist, wird in Gefahr kommen, jede für liebewerth zu halten, und keine Gefahr ist größer. Sprecht ihr mit Frauen, so haltet den Kopf unverrückt in die Höhe und wendet ihn nicht, sondern nur die Augen, je nach euren Einfällen und Affecten. Erwägt noch Eins! Laßt euch von Frauen nicht überflügeln! Denn, da sie nicht nöthig hatten, das zu lernen, was ihr wißt und noch lernen müsset, so konnten sie ihrem kleinen Inhalte bald eine Form geben. Sie imponiren euch durch ihre Abrundung. Bedenkt dies! Was sie haben, bieten sie auf Einmal. Sie haben im Hintergrunde der Vortruppen, mit welchen sie harçeliren, nur noch sich selbst, ihre Person, das, was sie ihr Herz nennen, und was selten mehr als ihre Eitelkeit ist. Wisset ihr das, kann es euch da noch schwer fallen, Frauen für zu unbedeutend zu halten, als daß ihr sie zum Mittelpunkte eures jungen Lebens macht?

»Von besondern Regeln geb ich noch die: In Allem seyd vollständig und immer nach dem Besten strebend: denn selten ist im Leben wie bei Tabakrauchern der wurmstichige Kanaster gesuchter als der gesunde, und nur einem so großen Philosophen, wie Herbart, wird man verzeihen, daß er sein System mit einem Sprachfehler eröffnet: Ich ? Mich statt Mir. Gegen Künstler seyd so nachgiebig, wie gegen Kinder, und wie ihrs gegen euch wünschtet. Gibt ein Dichter euch sein neuestes Werk mit nach Hause, und ihr sehet ihn darauf zum ersten Male wieder, so vergeßt das Urtheil nicht: denn er zittert, wo er eins seiner Werke zur Prüfung vorgelegt weiß; er nimmt euer Stillschweigen für Mißbilligung, eure Nachlässigkeit für absichtliche Kränkung. Ihr werdet selbst genug nach dem Thau der Ermunterung lechzen, ohne welchen phantastische Pflanzen verweilen. Gegen Officiere befleißigt euch einer gesetzten Zurückhaltung. Diese Herren sind nicht allein von sich, sondern auch von ihrer Uniform eingenommen; was sie Kränkendes auf sich beziehen, nehmen sie auch als dem Landesherrn geschehen an. Lacht nicht zu ihren den Dienst betreffenden Bemerkungen: denn wenn dieser Dienst auch ein Spiel ist, so geben ihm doch der Ernst und die Massen, die man dabei verschwendet, ein imposantes Aussehen. Dem Duell entzieht euch nicht, wenn es euch angetragen wird; doch versucht vorher jede List, die euch beweisen kann, ob der Auffordernde nur ein Poltron ist, oder ob er euch dafür hält! Auf Rappiere setzet Säbel, auf Säbel Pistolen: diese Steigerung macht eurem Muthe Ehre und schreckte schon manchen Raufbold ab. Auch unterlaßt nicht, bei jedem Duell auszubedingen, daß die Todtengräber, die euch begleiten, die Zeugen, schwören, niemals den Gegner anzuzeigen, und wenn ihr verheirathet seyd, so wird euch diese Maxime von jedem Duell befreien, daß ihr ausbedingt: der euch Ueberlebende müsse eure Familie ernähren und dies gerichtlich machen. Gegen Adlige braucht so viel Ironie, als ohne Verletzung erlaubt ist. Der Einzelne kann und wird sein von nicht ablegen: behandelt ihn auch immer darnach. Das Wort »gnädige Frau« würd ich nie im feudalistischen, sondern im allgemeinen höflichen Sinne brauchen, wie in Oesterreich geschieht. Für feindselige Conflicte gelten hier dieselben Regeln, wie bei den Officieren. Gegen Juden verfahrt nach ihrer Bildung. Gemeine behandelt mit Entschiedenheit: denn sie sinds gewohnt und sogar weniger von den Christen, als von den Ihrigen. Wollt ich euch eine Lehre geben, wie man sich beliebt macht, so möcht es sehr leicht seyn, sich bei reichen Juden einzuschmeicheln: man darf nur mit Rothschild in seinem Garten spazieren und von theuren Zwiebeln sprechen; Rothschild erwähnt eine kostbare Gattung, die er nicht hätte, und der Andere sagt mit etwas Ironie: Freilich, die ist Ihnen zu theuer! Nein, ich sage euch nur, wie man die Menschen erträgt, und da würdet ihr wohl thun, nicht zu lachen, wenn ihr reiche Juden sich ihres Vermögens rühmen hört, und sie in ihrer kindischen Freude, wie sie bei jedem Gemälde sagen, was es sie kostet, duldsam gewähren zu lassen. Gelehrte Juden nehmt wie andre auf und stoßt euch an etwaige Arroganz nur dann, wenn ihr die Kenntnisse besitzt, ihnen den Widerpart zu halten. Gegen Handwerker seyd freundlich und kommt ihnen in ihren mangelhaften Begriffen entgegen. Mit wie wenig bunten Lappen lassen sich Kinder, mit wie wenig Worten schlichte Bürger beglücken! Nichts erobert Menschen dieser Art mehr, als wenn man in ihre Kreise hinabsteigt, einmal auch in ihrer Sprache redet und nichts verschmäht, was von oder zu ihnen kömmt. Nur hütet euch, den Umgang solcher Leute zu suchen: denn es ist besser, ihr seyd in Athen der Zweite, als in einem böotischen Flecken der Erste. Vollends hütet euch vor weiblichen Sirenenlockungen, die euch, statt auf dem Meere, hier auf einem kleinen Froschteiche angeln zu dürfen wünschten! Das Gemeine, selbst wenn es gut ist, das Philisterhafte, selbst wenn es euch herzlich liebt, verleugnet sich nie und wirkt auf eure Natur zurück. Betrachtet nur junge Theologen und handelt nicht so, wie sie handeln! Flieht diese kleinen Familien, wo es des Abends Kartoffeln und Häring gibt; sonst könnt ihr darauf einen Durst bekommen, den ihr mit eurem ganzen verscherzten Leben stillen müßtet! Von Schauspielern haltet euch fern: denn selbst die Besten unter ihnen wirken unangenehm, da sie kein aufgerolltes Buch sind, sondern sich in Geheimnisse zu begraben pflegen. Sie sind zerstreut und excentrisch in jedem Momente. Auf Bewunderung eingerichtet, schmeicheln sie denen, welche ihnen dienen können, suchen aber Andern zu imponiren. Wenn ein Schauspieler an einen öffentlichen Ort tritt, so glaubt er, die Bäume sogar müßten sich zuflüstern: Das ist Roscius aus Amerika! Wollt ihr für Recensenten gehalten werden, so geht mit ihnen Arm in Arm auf öffentlichen Promenaden. Eure Miethsleute bieten euch zu wenig, Schauspieler zu viel vom Leben. Geht zwischen beiden durch! Gelehrte ferner sind schwierig zu behandeln. Da sie gegen junge Leute geborne Herrscher sind, so verlangen sie wenig mehr, als Hochachtung. Traurig genug, daß auf Universitäten es nur Listen und Pfiffen gelingt, in genauere Berührung mit ihnen zu gelangen. Da es aber von großem geistigen Nutzen ist, gelehrten Männern nahezustehen, so setzt einen Versuch auf, um, wenn sie euch wirklich gefällt, eine der neuesten Schriften des großen Mannes zu beurtheilen, widerlegt einen Gegner und gebt das dem Meister! Schreibt ihm ein altes Manuscript ab und nehmt keine Bezahlung dafür! Könnte man nur hier nicht sogleich in Augendienerei verfallen! Ich gäb euch gern noch mehr Winke, um bei keinem Thee übergangen zu werden: denn Gelehrte glühen wie morsches Holz doch immer etwas Feuriges aus. Bedenkt aber auch, wie verachtet diejenigen jungen Leute von ihren Commilitonen sind, welche sich dadurch in die Gunst der Professoren setzen, daß sie die Schoßhündchen ihrer Frauen tragen. Dem Umgang mit Staatsbeamten entzieht euch: denn diese oft trefflichen Männer leiden so heftig am Kastengeiste, daß ihr nur unnöthige, ja, gefährliche Galle sammelt. Der Staatsbeamte liebt es heutiges Tages, sich in Debatten einzulassen, und die Politik, auch ohne Auftrag seiner Obern, ist sein Steckenpferd. Durch das halsstarrige Festhalten an der vermeintlichen Regierungsansicht wird der jugendliche Widerspruchsgeist aufgeregt, und manchen Freund hatt ich, der nur durch das exclusive Beamtenwesen, in welches ihn die Umstände von Kindheit an einzwängten, zu einer Opposition kam, die ihm zuletzt verderblich wurde. Gegen Gastwirthe seyd taktfest und vornehmeren Scheines, als wovon eure Verhältnisse die Wirklichkeit erlauben möchten. Aber genug, meine Söhne! Das Meiste im Leben und Charakter entspringt Umständen, die sich nicht voraus bestimmen lassen. Wenn meine Lehren euch nur darauf hinbrächten, daß man allerdings trachten soll, Grundsätze in sich zu zeitigen. Doch hütet euch auch hier, zu frühzeitig abzuschließen. Es klingt barock, wenn ein Jüngling von feinem Charakter spricht und erklärt: Ich bin einmal so! Nein, nein; man ist in den Jahren niemals so sehr so, daß man nicht noch anders werden könnte. Wer sich zu früh auf einen hohen Standpunkt begibt, wird, wie jeder Baum auf den Bergen, ein Zwerggewächs. Wollet, was ihr sollt! das ist genug; freilich aber auch Alles! Meidet das Gedräng nicht und haltet nur aneinander, und der Stärkere nehme den Schwächeren auf die Schultern! Nun gehet hin und nehmet den Segen Gottes mit! Er erleuchte euer Antlitz; lass er ewig das Höhere und Edle in eure Mienen hineinscheinen. Seyd offen, seyd gut! Es ist das Allgemeinste, was man wünschen kann; aber Jedermann weiß, wo er die Wahl hat. Nehmt meinen Segen! Ich meint es wahrlich redlich; gebe nur Gott, daß ihr das Ziel erreicht. Es ist groß, erhaben, aber würdig eurer Anstrengungen!

Euer getreuer Vater....

Da der Jüngste geendigt hatte, und inzwischen der Kaffee aufgetragen war, hatte Schlachtenmaler schon mehr davon usurpirt, als auf sein Theil gekommen wäre. Er verbarg diese Eroberung jedoch unter einem Manifeste, das er an den Abschied des Vaters anknüpfte. Er sagte: »Da hört ihrs, ich bin für euch verantwortlich. Wüßte der Vater, was für Kinder ihr noch seyd, er würde diesen schönen Brief nicht geschrieben haben.« Darauf folgten Ermahnungen, die in seinem Munde den Uebrigen so lächerlich waren, daß er sie von der weinerlichen Stimmung, in welche sie die Epistel des Vaters versetzt hatte, erlöste. Die Knaben glichen den armen Kindern im Mährchen, die Däumlings Klugheit rettete. Schlachtenmaler bemerkte dies auch und eignete sich zum Behuf des Ausstreuens von Krümchen im Walde das meiste Backwerk an. Unter den mannigfachen Zwistigkeiten, welche diese neue Usurpation veranlaßte, wurde der Gaul angeschirrt und die Abreise angetreten. »Wir gleichen Jakobs Söhnen,« sagte zuletzt der Schlachtenmaler, »nur mit dem Unterschiede, daß ich, statt einen Joseph, euch alle zusammen an den ersten besten vorüberziehenden Trödeljuden verkaufen möchte.«

Die Ausschweifung mit dem Kaffee hatte acht Groschen gekostet, so daß also der baare Bestand der Kasse sich noch auf sieben Thaler belief. Es war eine gute Stunde auf der fernern Fahrt verstrichen, als die übrigen Brüder verlangten, Schlachtenmaler sollte ihnen einmal den Beutel mit diesem Reste zeigen. Sie dachten sich dabei nichts Böses, aber auch gewiß nichts Gutes, als der Seckelträger erblaßte, in die Rocktasche griff und wie besinnungslos aus dem Stroh auffuhr. War dies nun angebornes Talent zur Verstellung, oder der Schrecken war wirklich begründet, die Brüder hielten das Pferd an und betrachteten sich unter einander wie Geistesabwesende. Schlachtenmaler zog den Rock aus, schüttelte die Hosentaschen und stotterte: das müßte irgendwo liegen geblieben seyn! Der Wagen wurde in allen Ritzen untersucht; aber sieben harte Thaler ließen sich schon eher entdecken, wie der Silbergroschen, den die Frau im Evangelium sucht. Keine Bemühung fruchtete. Man mußte sich entschließen, zurückzufahren und das Geld an dem Orte zu suchen, wo sie mit Kaffee ausgeschweift hatten. Der Jüngste, Theobald, vergoß Thränen und erhielt dafür von Schlachtenmaler eine Züchtigung. »Denn erbärmlich müssen wir nicht seyn!« rief er mit hochrothem Gesichte aus, indem sie untersuchten und den Wagen ruhig zurückschleichen ließen. Bei dem Wirthshause fruchteten die Nachforschungen eben so wenig. Schlachtenmaler warnte, das Dorf in Bewegung zu bringen, weil der Finder eher vorziehen würde, das Geld zu behalten, als eine angemessene Belohnung zu erwarten. Da die Brüder sahen, daß er den Kopf nicht mit den sieben Thalern mitverloren hatte, so beruhigten sie sich und stiegen auf sein Zureden wieder in den Wagen. »Es entgeht euch nichts,« sagte er, »seyd nur verständig und laßt mich nachdenken, was wir thun müssen!«

Die Muse kann nicht verschweigen, daß ihr Schlachtenmalers Benehmen sehr verdächtig ist. Sie hat schärfere Augen, als die Brüder, die der Aelteste als Terrorist behandelte. Wie kann Schlachtenmaler zureden, die Nacht in einem Gasthofe zuzubringen, da sie kein Geld mehr zur Bezahlung der Zeche hatten? Freilich war durch ihr sybaritisches Leben und den Verlust unmöglich geworden, vor Nacht nach Kaputh zu kommen. Der Gaul war zum Umsinken müde; dennoch hätten sie bis tief in die Nacht fahren müssen, schon Töffels wegen, der den Gaul und den Wagen zurückbringen sollte. Den Knaben verging Hören und Sehen. Schlachtenmaler benahm sich wie ein Major, der in seiner Tollkühnheit mit einem Bataillon gegen ein ganzes Armeecorps Stand zu halten wagt.

Es war schon spät Abend, als die Brüder vor einem Wirthshause anfuhren. Je gefälliger die Aufnahme war, desto verlegener das Brüderkleeblatt, welches Schlachtenmaler als Stengel trug. Er flüsterte ihnen zu: sie sollten sich nicht verrathen, er würde Alles ins Gleiche bringen. Mit lauter Stimme forderte er vier Betten und vorher ein Nachtessen, dessen einzelne Schüsseln er sich ohne Sorge zu bestimmen erlaubte. Die Brüder stießen ihn an; aber er maß große Herrscherschritte durch das Gastzimmer, stellte sich an die Kupferstiche und Empfehlungskarten von allen Gasthäusern der Welt, die dort eingerahmt hingen, und machte seine Brüder darauf aufmerksam, wie herrlich es seyn müsse, in allen diesen nicht selten figürlich abgebildeten Rhinish Hotels, Belvederes, goldnen Gänsen, Königen von Holland u. s. w. abzusteigen. Er schob ihnen alle Bequemlichkeiten des Wirthszimmers zu und ließ, noch ehe das Abendessen kam, eine Flasche Moselwein auf den Tisch stellen. Die Brüder, eingedenk, daß sie nicht einen Pfennig zu bezahlen hatten, nahmen Anstand, seine Freigebigkeit zu benutzen. »Es ist einmal bestellt,« antwortete Schlachtenmaler keck und schenkte ein. »Ihr müßt trinken,« fuhr er fort: »Moselwein hält sich nicht lange; nicht wahr, Herr Wirth?« Dieser sagte: »Ja, meine Herren, trinken Sie mir den ganzen Keller aus, so komme ich nicht in Gefahr, daß der Moselwein dick wird. Man kann ihn öfters in Fäden ziehen, so rinnt das Gewächs zusammen. Es ist ein zärtlicher Wein.« Schlachtenmaler ergänzte: »So gleicht dieser Wein mancher originellen Ansicht, die anfangs klar und frisch im Glase perlet; wird sie aber erst in unsre feuchten Keller gebracht, so kann man sie auch in klebrigen Fäden ziehen: die schönsten Weltansichten werden auf diese Art fade und nützen nicht einmal zu Essig mehr.« Die Brüder staunten theils die Wirthschaftskenntnisse ihres Bruders, theils das dampfende Abendessen an, welches jetzt vor ihnen stand. Schlachtenmaler legte vor und verwies Jedem seine Blödigkeit. »Im Nothfall,« flüsterte er, »kann der Wirth ja unser Pferd pfänden.« Aber, statt zu essen, legten die Brüder nun erst recht die Gabeln fort. »Das wäre schön!« fuhr Amandus heraus. Aber Schlachtenmaler stampfte grimmig mit dem Fuße auf, und sie aßen, schon deßhalb, um nicht aufzufallen. Darauf ermunterte sie der älteste Bruder zur Nachtruhe und befahl dem Wirth, Leuchter anzuzünden, fürs Pferd zu sorgen und ihnen ein Frühstück bereit zu halten. Unterwegs auf der Treppe ging das Licht aus und gewiß nicht ohne Ursache, denn Schlachtenmaler hatte schnell etwas auf der Erde zu suchen. Der Wirth holte ein neues Licht, und Schlachtenmaler war einen Augenblick verschwunden. Die drei Brüder harrten oben eine geraume Zeit, bis er endlich kam und sich obenhin entschuldigte. Unternommen hatte er etwas; wer weiß, was!

Inzwischen fingen die Brüder an, zu klagen, wie es ihnen morgen ergehen würde. Sie sahen sich schon alle in ihren eigenen Sprenkeln hangen, und Amandus sagte sogar: »Statt als Kunstjünger werden wir nach Kaputh als Gauner transportirt werden.« Schlachtenmaler schlug mit dem Stiefelknecht auf den Tisch: Männer müßten sie seyn und das Herz nicht in den Beinkleidern haben. Schufte wollten sie an dem Wirth nicht werden und gedächten, ihn von Kaputh aus zu bezahlen. Nur das Nächste erheische Erwägung, die morgende, glücklich zu bewerkstelligende Flucht. So hätten die alten Spartaner auch ihre Söhne erzogen und sie früh gewöhnt, zu ihrer schwarzen Suppe sich Zukost zu stehlen, wo sich nur Einer bestehlen ließ. Auch wären sie am Altar der Diana weniger ihrer Schulden wegen gegeißelt worden, als deßhalb, wenn sie Alles, wie die Heloten, pünktlich bezahlten. Als die Brüder einwendeten, ob er die durch seine Schuld verlorenen sieben Thaler denn ersetzen könne, antwortete er: »Wir müssen auf Mittel sinnen, zu Geld zu kommen; Kaputh ist ein theures Pflaster; die sieben Thaler würden kaum hingereicht haben, uns mit dauerhaftem Schuhwerk zu versehen; sehet, was euch im Traume eingegeben wird!« Damit schlief er ein.

Als die Brüder am folgenden Morgen aufwachten, war Schlachtenmalers Bett leer. Sie fürchteten von seiner Seite Verrath und litten Höllenangst, da sie nicht Lärm zu machen wagten. Eine heimliche Entfernung aus dem Hause hätten sie schon gewagt; nur hatten sie ein Pferd und einen Wagen! In dieser Noth trat Schlachtenmaler ein und sagte seinen Plan: Das Pferd stände bereits angeschirrt vorm Hause. Zwei könnten ohne Weiteres fortfahren, die beiden Uebrigen müßten, gleichsam als Garantie der Bezahlung, zurückbleiben und dann mit List fortzukommen suchen. Er wollte das Schicksal um Rath fragen, wen dies gefährliche Los treffen würde; allein die Brüder beschworen ihn, zurückzubleiben. »Gut!« sagte er; »dann bleibt Amandus bei mir.« Die beiden Jüngeren waren natürlich einverstanden! »So geht ihr nur ohne Sorge hinunter, trinkt im Gastzimmer etwas Kaffee, setzt euch in den Wagen und fahrt langsam voraus. Sowie wir Beide kommen, geht es mit Verzweiflung vorwärts.« Die beiden Brüder befolgten die Vorschrift und fuhren richtig unten wie aus Zerstreuung voraus. Schlachtenmaler und Amandus mußten nun suchen, unbemerkt aus dem Hause zu kommen. Es war sehr geräuschvoll und belebt. Im Hofe bellte der Hund, unten wurden die Dienstboten gezankt. Die beiden Brüder schlichen so weit die Treppe hinunter, bis sie eine freie Aussicht auf die Flur hatten. So eben ging der Wirth mit dem großen Rechnungsbuche in das Gastzimmer. »Benutze den Moment!« raunte der Aelteste dem Andern zu. Dieser stieg auf den Zehen die Treppe hinunter und ging dann mit Behutsamkeit an dem Zimmer vorüber, wo der Wirth ihn zu gutem Glücke nicht sah. Amandus war geborgen.

Am Ende des kleinen Städtchens, in welchem diese Abenteuer vorfielen, harrten die drei Brüder mit Zittern auf den ältesten. Endlich kam dieser athemlos gelaufen, schwang sich auf den Wagen, und in gestrecktem Laufe ging es davon. Wohl eine Viertelstunde war das Pferd zu keinem Trabe begnadigt. Scheu blickten die Brüder auf die Landstraße zurück, ob sich nirgends ein Verfolger zeige. Ein Reiter könne sie im Nu einholen, meinte Schlachtenmaler und trieb das Pferd an. Endlich war dies so mit Schweiß bedeckt, daß er selbst zum Einhalten rieth und nun seine Geschichte erzählte: Er wäre mit der unbesorgtesten Miene von der Welt, wie ein reicher Wollhändler, ins Wirthszimmer getreten und hätte seinen Kaffee geschlürft. »Inzwischen,« fuhr er fort, »ersucht ich den Wirth, mir einen Rechnungsauszug zu besorgen. Dieser stellt sich an sein Schreibepult und kehrt mir den Rücken zu. Den Moment benutzend, ziehe ich mich an ein Fenster zurück, das ich vorher geöffnet hatte, weil es mir zu dunstig in dem Zimmer wäre, und springe mit einer behenden Wendung ohne alles Geräusch hinaus. Der Wirth hat gewiß noch gerechnet, als ich schon am Ende des Nestes war. Wir müssen ja gleich in Kaputh eintreffen.«

Die Brüder hatten aber Kenntniß der göttlichen und menschlichen Gerechtigkeit genug, um zu wissen, daß nichts so fein gesponnen, es käme doch zur Sonnen. Auch war Schlachtenmaler sehr verstimmt und meinte: Vier mit einem Wagen in Kaputh einziehende junge Leute würden von dem geprellten Wirthe bald ausgefragt seyn. Das mußten die Andern leider bestätigen und wurden immer trauriger, je näher sie der Stadt kamen. »Wir wollten ja recht gern bezahlen,« meinte der Aelteste wieder und schien mit diesen verblümten Klagen etwas zu beabsichtigen, »hätten wir nur die Mittel dazu.« Und Amandus sagte: »Betrüger sind wir nicht.« Die beiden Jüngsten weinten. »Nun denn,« sagte Schlachtenmaler, »da liegt Kaputh! Wir sind hier in der Vorstadt, und Gott selbst gibt uns einen Fingerzeig, unsre Sünde wieder gut zu machen.« Nämlich der Schlaue bemerkte, daß hier eben ein Pferdemarkt gehalten wurde. Juden handelten mit den Bauern. Die käuflichen Pferde hüpften munter vor den Roßkämmen vorüber. Es war ein Gewühl und ein Treiben verlockender Art. »Töffel ist doch nicht mehr hier,« meinte der Aelteste. »Ja, wo lassen wir denn das Pferd und den Wagen?« fielen die Brüder ein. Schlachtenmaler, statt Antwort zu geben, rief einen Juden an, den sie fast übergefahren hätten: »Heda!« und hieb ihm über die Ohren. Dieser machte Lärm, und Schlachtenmaler winkte ihm lachend zu: »Nun, haut uns wieder über die Ohren! Was gebt Ihr für Pferd und Wagen?« Der Handelsmann trat näher und fing zu prüfen an. Das Pferd war munter und frisch; kein ausgedientes Cavalleriepferd, wie hier so viele, sondern junge Zucht von Kleinbetteln. Schlachtenmaler war abgestiegen und machte eine Forderung von fünfzig Thalern für Wagen und Pferd. Die Brüder dachten, Gott müßte sie in dem Augenblick verderben; aber der Aelteste und der Jude handelten lustig hin und her, gingen und kamen, priesen an und zuckten die Achseln, kurz, für vierunddreißig Thaler wurden sie handelseins. Schlachtenmaler nahm das Geld und lud jedem Bruder etwas von den Effecten auf. »Komm, kommt!« sagte er; »wollen wir morgen nicht Alle im Thurm sitzen, so müssen wir uns von dem leicht erkennbaren Wahrzeichen befreien. Wir bezahlen den Wirth, schreiben dann den Eltern unsern guten Handel und behalten gleich das Geld als Vorschuß für die nächsten Monate hier. Denn hungern sollen wir doch nicht in Kaputh? Ueberhaupt seyd ihr recht vom Lande. Will der Mensch etwas werden, so muß er wagen, muß er auf einer Pulvermine schlafen können. Vater hat genug an uns gethan, aber das Meiste liegt noch in unserer Hand; und vor allen Dingen werden wir nichts zu Wege bringen, wenn die Hand leer ist.«

Unter solchen Trostgründen zogen die Brüder in Kaputh ein. Da wir aber einen so reichen Stoff vor uns haben, daß wir der weitern Aufklärung dieses Kapitels keinen Raum gestatten können, so erwähnen wir hier gleich, was doch nicht verschwiegen bleiben kann: Schlachtenmaler hatte eingesehen, daß mit sieben Thalern keine Existenz für sie in Kaputh möglich war. Er war klug genug, den Geiz seiner Mutter und die Weltunerfahrenheit, wie die Armuth seines Vaters zu durchschauen, und wieder Philosoph genug, um sich zu helfen, so gut es ging. Mit dem Plane, Wagen und Pferd gleich in Kaputh zu verkaufen, ging er schon lange um. Doch um dies vor seinen Brüdern zu können, mußte er diesen ihr gutes Gewissen nehmen. Er fing deßhalb an, sie durch die Mittagstafel im rothen Ochsen schon zu Genossen ein und desselben Verbrechens und Interessenten ein und desselben Geheimnisses zu machen. Die sieben Thaler verlor er nicht, sondern hatte sie in seinem Stiefel versteckt. Die Zeche im Wirthshause hatte er schon den Abend vor der Abreise bezahlt, seine Flucht war ein Mährchen, mit dem er den endlichen Wagen- und Pferdeverkauf gründlicher motiviren konnte. Wir wollen hoffen, daß sich aus diesem energischen, aber verschlagenen Charakter Gutes entwickelt.

 


 

Drittes Kapitel.

 

Die Akademie und Registrator Wiesecke.

 

Innerhalb der Stadt sagte Schlachtenmaler: »Wir haben so viel Geld, daß ichs kaum tragen kann, und wie kläglich ist unser Aufzug! Scheinen wir nicht von der Zerstörung Ninives zu kommen und gleichen eher Aus-, als Einwanderern?« Die Kaputher wurden neugierig und blickten den vier Knaben nach, die so viel Koffer und Körbe auf dem Kopfe trugen, und blieben stehen. Schlachtenmaler erklärte, es würde noch einen Volksauflauf geben, der sie nicht weniger ins Gefängniß bringen könnte, wie die zur Zeit noch unberichtigte Schuld im letzten Wirthshause. Eine Wohnung würden sie auch nicht finden, wenn sie alle Vier einen Vermiether überstürmten. Deßhalb beschied er die Andern, auf einem leicht wieder auffindbaren Platze zu warten. Er wolle inzwischen durch die Straßen laufen und da eine Stube miethen, wo sie an der Hausthüre am unorthographischsten angekündigt wäre: denn mit Leuten, die noch etwas lernen könnten, ließe sich leichter umgehen, als mit Schönschreibern.

Nach einer halben Stunde kam er zurück und winkte den Brüdern schon aus der Ferne, zu kommen. Sie folgten ihm und fanden, daß er ein herrliches Zimmer bei einem Schuhmacher für sie gemiethet hatte. Noch fehlte es zwar an Betten, aber diese sollten ihnen ohnedies von Hause nachgeschickt werden. Das Zimmer war ein kleiner Reitstall und für ihrer Vier schon geräumig genug. Der Wirth bewunderte den Segen der Landpastoren, vier starke Knaben; die Wirthin zeigte ihnen alle mögliche Bequemlichkeiten an, die sie in und außer dem Zimmer hätten, hing einige Schlüssel auf und sagte: »Sehen Sie, hier an dem Nagel!« Die Brüder verstanden den Lakonismus. Das Essen konnte vom Wirth bezogen werden. Man bestellte es sogleich und überließ sich der ungebundensten Freude. Nur Amandus kam nach einer kurzen Entfernung herein und sagte: »Einen spürnäsigen Nachbar haben wir. Wie ich hinausgehe, kommt eine lange, abgezehrte Figur auf mich zu und sagt mit dürrem Lächeln zu mir: Es freut mich, daß Sie hier wohnen werden, aber sagen Sie doch gefälligst Ihrem Bedienten, er möchte nicht so johlen und lärmen, weil meine Nerven nichts davon vertragen können.« Amandus fuhr fort: »Ich war von der keuchenden Anrede so in Verlegenheit gesetzt, daß ich nichts zu sagen wußte: denn mein Stolz hinderte mich doch, zu erwidern: Ei, wir haben ja gar keinen Bedienten.« Alle Brüder ärgerten sich über diese verdammte Feinheit, ihnen in einer höflichen Papierdevise eine so bittere Pille zu geben, und sie entschlossen sich, ein einstimmiges Hohngelächter aufzuschlagen. Nur Schlachtenmaler hintertrieb dies und sagte: Feinheit müsse man durch Feinheit, den Fuchs durch seinen eigenen Schwanz fangen. Damit kam denn das Mittagessen.

Die Akademie und die lateinische Schule von Kaputh waren die Anknüpfungspunkte, an welchen die Brüder sich zu befestigen suchen mußten. Der Aelteste erbat sich von den Uebrigen, ihm die Auskundschaftung des Terrains zu überlassen. Er machte sich um die Zeit, als die Verdauung der Herren, welche er zu besuchen gedachte, schon im Abnehmen seyn konnte, auf den Weg, und die Jüngeren schlugen inzwischen den ihrigen ein, um von Kaputh einen Begriff zu bekommen. Sie waren einige Stunden lang durch die Stadt im Cirkel gegangen, an der Wohnung Blaustrumpfs, dem Fuchsen und solchen uns schon bekannten Orten mehrere Male vorüber. Schlachtenmaler kam immer noch nicht. Endlich blieben sie zu Hause, um ihn nicht zu verfehlen. Fast war es Abend, als er endlich ankam und erschöpft auf einen Sessel ihres Zimmers sank. Lachen verhinderte ihn, auf die Neugier seiner Brüder zu antworten. Endlich sammelte er sich und erzählte, während die unmündigen Brüder sich die Pfeifen stopften, folgende, hoffentlich nicht erlogene Abenteuer:

»Die Akademie könnte ein schönes Gebäude seyn,« sagte er: »denn Steine sind dazu genug verschwendet; von Außen ist zwar Alles glatt polirt, aber drinnen stößt man sich überall den Kopf. Der Baumeister muß zwei Pläne übereinander gelegt haben, so confus mischen sich hier die Gänge, Treppen und Vorsprünge. Mehrere Male stieß ich mir den Kopf und dachte in Rücksicht auf den auswendigen pompösen Styl des Gebäudes: Hoffahrt will Zwang haben. Genug, ich mußte zunächst suchen, den Galerieinspector aufzufinden. Dieser wohnt in einem Seitenflügel der Akademie. Ich ging in sein Zimmer, und, siehe! ein kleines Männchen springt auf mich zu, mit grimmigen Borsten auf dem Kopfe, in Hemdeärmeln. Ein menschliches Fragezeichen mit aufgesperrtem Rachen, eine Kreuzspinne, der man so viel Füße ausgerissen, bis zwei Arme und Beine übrig geblieben, eine Heuschrecke, scharf bezahnt und immer auf dem Sprung. Ich war so erschrocken, daß ich in der Angst die Rollen verwechselte, auf ihn mit dem ganzen Ingrimm, dessen ich mich versehen konnte, losfuhr und ihn frug: Wer sind Sie? So lebhaft schwebte mir nämlich der Despotismus dieser verschränkten Figur vor, daß ich aus Schrecken sie so anredete, wie ich voraussehen durfte, daß sie mich anreden würde. Wer sind Sie? Diese Frage, von einem jungen unbekannten Menschen ihm aus dem Mund genommen, verblüffte ihn so sehr, daß er zurückprallte, wie Einer, der des Todes seyn will, weil er sich selbst gesehen. Unwillkürlich brach er heraus: Galerie-Inspector Weckenesel. Nun mußte aber der Teufel in mich gefahren seyn: denn, weit entfernt, mich vor meinem Irrthum zu entsetzen, fuhr ich noch in ihm fort und bediente mich all der Barschheit, die ich dem Satansmenschen von der Zunge wegstahl. Führen Sie mich in die Galerie! Der Inspector faßte nach einem Bund Schlüssel und schlorrte mit mir fort. Während eines langen dunkeln Ganges hörte ich ihn nur leise brummen; am Ausgang endlich, wo man eine Stiege hinauftreten muß, und das Sonnenlicht hell durch die langen Fenster scheint, betrachtete er mich und fuhr mir wie eine Dogge fast an den Hals, als ich vergessen hatte, ein Kratzeisen an der Treppe zu beobachten und eine dem Koth gewidmete Strohdecke. ? Wer sind Sie? Sie müssen hier im Hause die Ordnung beobachten! Ich bin für die Reinlichkeit des Gebäudes hier. Legen Sie hier auch erst Ihren Hut ab! Als der Inspector Weckenesel nun gar erst sah, daß ich eine ganz gewöhnliche Mütze und keinen fashionablen Hut in der Hand hatte, sprang er die Stufen, die wir schon gegangen waren, wieder hinunter und schrie: Sie unterstehen sich zu fragen, wer ich bin? Herr, wer sind Sie? Ich hatte eine Lüge im Munde und wurde nur durch meinen schlechten Aufzug abgehalten, eine andere, als die natürliche Rolle zu spielen. Indem ich mich noch besann, was ich sagen sollte, goß Jemand aus einer Thür, die in der Nähe geöffnet wurde, ein Glas Wasser aus und zwar ohne Weiteres auf den steinernen Fußboden, ohne den Inspector zu sehen. Dieser stieß einen unarticulirten Zornesschrei aus und fuhr schlangenartig in das Zimmer hinein: Ist das gesittetes, akademisches Benehmen? Hat man nicht Fälle, daß Tropfen einen Stein aushöhlen, und Sie gießen ganze Gläser Wasser auf die Vliesen? Wofür bin ich hier? Ihr Sinnen und Treiben den ganzen Tag geht auf den Verderb dieses ruhmvollen Gebäudes aus. Die Wände werden mit Figuren bemalt, in die Fenstergläser schneiden Sie Ihre Namen ein, die Thüren werden so heftig geworfen, daß überall der Kalk nachläßt, Ihr Tuschwasser spritzen Sie in die Gänge aus, daß es hier aussieht, wie in einer Waschküche, und ? allmächtiger Gott! ich sehe, Sie haben schon wieder Ihren Hund bei sich? Indem konnt ich in einem Fenster bemerken, daß ein Hund in den Hof sprang und auf einen an die Akademie sich lehnenden Garten zueilte. Der Galerie-Inspector vergaß in seiner Angst für die ihm anvertrauten Gebäulichkeiten meine Gegenwart und sprang unter laut ihm nachschallendem Gelächter dem Thiere nach. Ein in der Eile aufgeraffter Palettenstock, der in der Nähe stand, diente ihm als Wurfspieß. Vater würde glücklich gewesen seyn, dies zu sehen oder zu sehen, daß ich es sehe: denn es war ein kriegerischer Vorwurf, so ergötzlich, wie die Gänseschlachten, die er zu Hause für mich aufführen ließ.«

»Befreit von dem zänkischen Manne, suchte ich mir einen Weg zu bahnen, wo er nur offen stand. Eine Thür öffnete sich, und ein gutmüthiger, dicker Herr mit dampfender Pfeife, eine Brille auf der Nase und in Hemdärmeln, fragte mich, wohin? ? Ich suche den Professor Silberschlag; ? Der bin ich, treten Sie ein! ? Eine undurchdringliche Tabaks-Atmosphäre waltete in dem Zimmer, ich wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte. ? Ja, mein junger Mann, sagte Professor Silberschlag lachend, hier dörren wir junge Gemälde zu alten um. Für Landschaften ist ohnedies nichts besser, als wenn die nassen Farben am Tabaksdampf austrocknen. Setzen Sie sich! ? Herr Professor, fing ich an, ich bin Sohn eines Landgeistlichen und komme mit meinen Brüdern hier in Kaputh an, um für mich die Malerei und den mir nächstgebornen Bruder die Bildhauerei zu lernen. Ich versichere euch, der Mann schlug ein lautes Gelächter auf und erholte sich erst, als wir auf der Flur einen ganz abscheulichen Lärm, ein Laufen und Rennen, Rufen und Toben hörten. Der dicke Mann sprang auf, um nachzusehen, und nun hörte ich, daß ich die Veranlassung des Spectakels war. Weckenesel hatte den Hund glücklich aus dem Garten getrieben und jetzt erst bedacht, wen er oben in der Nähe der Gemäldegalerie preisgegeben hätte. Ein allgemeines Aufgebot aller dienstbaren Geister des Hauses wurde in Bewegung gesetzt, um mich, den Unsichtbargewordenen, aufzutreiben. Es ist ein Dieb, rief Weckenesel, der uns den vermuthlichen Raphael stehlen will! Silberschlag ging hinaus und beruhigte ihn mit meiner Mütze, die er dem bestürzten Galerie-Inspector zeigte. Als dieser mich draußen daran erkannte, sagte Silberschlag: Nun, der Herr ist bei mir; jetzt seyen Sie still. ? Indem kam er zurück und erklärte: Es ist schrecklich, wenn Menschen aus der Erfüllung ihres Berufs einen Fanatismus machen. Dieser Mann möchte verhindern, wenn ers könnte, daß der Regen unsere Akademie naß macht, wenn ein Gewitter ist. Er duldet weder Vogelnester, noch Spinneweben im Hause. Macht sich Jemand den Rock weiß, wenn er durch das verdammt schlecht gebaute Haus geht, so beklagt er nicht den Rock, sondern die Wand, die um ihren Putz käme. Ein weißer Streifen am Aermel der Fremden erzürnt ihn so heftig, als hätten sie eine Decke von Stuccatur eingeschlagen. Aber, um auf Sie und Ihren Herrn Bruder zurückzukommen, so weiß ich nicht, wen ich von Ihnen Beiden mehr beklagen soll, Sie oder ihn? Es ist doch fast besser, daß der Letzte hier gar nicht Gelegenheit hat, Bildhauer zu werden, als daß Sie in der That zeichnen und malen lernen können, ohne daß ich Ihnen jedoch Hoffnung gebe, es darin weit zu bringen. Correggio war ein Töpfer, und das wird auch Ihr Herr Bruder hier werden müssen. Wir haben hier eine wirklich ausgezeichnete Ofenfabrik, wo aus gebranntem Thon wirklich plastische Meisterstücke geliefert werden. Will Ihr Herr Bruder die Anfangsgründe der Bildnerei hier studiren, so muß er mit Oefen beginnen. Sie nun anlangend (damit meinte er mich), so haben leider die schönen Künste in Kaputh eine durchaus praktische Richtung. Ich bin der einzige Lehrer, der etwas von der Theorie versteht, alle meine Gehülfen sind für gewisse angewandte Fächer angestellt. Wir malen in unserer Akademie vortreffliche Theebretter, Dosen, Pfeifenköpfe und Porzellangeschirr. Unsere nicht schlechte Galerie, Sie hörten ja von Weckenesel, daß wir einen nicht unwahrscheinlichen Raphael besitzen, ich sage, unsere Galerie copiren wir auf Blech und Porzellan. Ja selbst, ehe der Rationalismus hier so große Ausdehnung im Consistorium gewonnen hat, war die Glasmalerei nicht ohne geschickte Ausübung. Das Alles hat bisher auch kaum anders seyn können, da meine Eleven alle diese praktischen Ziele hatten. Sie sind hier der erste reine Theoretiker, und wollen Sie dabei bleiben, junger Mann, so könnte mich das allerdings glücklich machen: denn eine neue Malerschule zu stiften ist zeitgemäß und längst mein Wunsch.«

»Ich schlug den Blick mit Verklärung gen Himmel. Diese Entzückung riß den Mann hin. Er zog sich den Rock an, klopfte die Pfeife aus, riß das Fenster auf und sagte: Hören Sie mal, gen Himmel müssen Sie nicht sehen, sonst wird mir das Herz schwer. Zwanzig Jahre sitz ich hier in dem Dampf und betäube mich, um Gefallen an der nüchternen Prosa zu finden, welcher die Akademie sich hingeben mußte. Es gab eine Zeit, wo auch ich mit etrurischen Vasen vertrauter war, als mit Meißnerischen Pfeifenköpfen.«

»Nun denn, sagte ich, fangen Sie mit mir an, und kehren Sie zu den Musen und Grazien wieder zurück. Stiften wir Beide eine neue Malerschule. ? Ja, entgegnete Silberschlag, es ist nur Alles schon so ziemlich vorweggenommen. Es ist schwer, etwas Neues zu erfinden. ? Lassen Sie uns, sagte ich übermüthig, doch den Mann sehr für mich einnehmend, lassen Sie uns Genre und Historie, Historie und Landschaft verbinden, oder sollte es nicht möglich seyn, in die Malerei gleichsam das bürgerliche Trauerspiel einzuführen? Sollte man nicht das vorzugsweise moderne Genre darin finden, die Situationen unserer Zeit auch in unsern Costümen darzustellen, Scenen aus Cabale und Liebe zu schildern, italienische Reisende zu malen, kurz, Alles das auch mit Farbe zu bekleiden, was gewöhnlich nur den Kupferstechern eingeräumt wird?«

»Es ist schwer, sagte Silberschlag nachdenklich, hier die Prosa zu vermeiden. Der Leibrock ist so abscheulich.«

»Nun denn, entgegnete ich, nehmen Sie die Malerei im Uebergange zur Musik; stiften Sie eine Schule, die sich durch den höchstmöglichen Grad von Romantik auszeichnet. Geben Sie die Formen, die Figuren auf und behalten Sie nur noch die Farben zurück. Mystische Seelen haben längst den Regenbogen in Ideen zu deuten gewußt, ja, man hat sogar Personen aus ihnen gemacht und in zwölf verschiedenen möglichen Farben auch die zwölf Apostel nachgewiesen, ihr Temperament, ihre Auffassung des Christenthums, ihren Zweifel und ihren Jähzorn, der dem Malchus das Ohr gekostet hat. So müßte man eine Musikmalerei oder eine gemalte Musik erfinden, Alles in Duft und Töne auflösen und für die Liebe, den Haß, die Hoffnung, die Freude, den Schmerz, für alle Affecte der menschlichen Seele eine eigene Tusche annehmen. Dann hätten unsere mystischen Maler leicht arbeiten. Ein blauer Kreis rings um die Leinwand ist die Liebe Gottes und daran ein grauer Kreis das Chaos; das Grau mildert sich, Sonnenstrahlen brechen durch die Nebel hindurch. Die Erde ist geschaffen, und ein rother Kreis gibt Adam und Eva im ersten Rausche der Freude, Menschen zu seyn, zu erkennen. Dann ein gelber Streifen ? wer würde nicht die Schlange erkennen? Und so die ganze Schöpfung, den Sündenfall, bis auf die neue Zeit hindurch.«

»Als ich das Zeug alles so confus hergesagt hatte ?«

»Das Beste daran,« bemerkte Amandus, der Bildhauer, »ist wohl, daß du uns belügst.«

»Auf Ehre,« vermaß sich der Aelteste, »ich habe wohl noch weit mehr gesagt, weil mir Silberschlag gefiel und ich ihm. Er lachte und meinte: Nun, wir wollen schon etwas aushecken. Damit schenkte er mir gutes Bier ein und wird morgen den Unterricht anfangen. Er soll groß in Thiermalerei seyn. Es gibt auch kein Gemälde von ihm, wo er nicht, wenn es gerade kein Brustbild ist, ein Mäuschen in einem Eck anzubringen wüßte. Er hat daher auch den Namen des Mäuse-Raphael, wie es ja schon längst in der Schweiz einen Katzen-Raphael gibt. Was mich am meisten wundert, ist, daß diese beiden Maler bessere Freunde sind, als die Thiere, die sie so natürlich sollen schildern können.....«

Schlachtenmaler hörte noch lange nicht auf, in dieser Weise mehr seinem guten Genius, als der Wahrheit zu huldigen. Er log nicht, er sagte aber auch nicht die Wahrheit. Er hatte darin etwas mit dem Dichter gemein, der sich auch herausnimmt, seine Lügen für dazu noch preiswürdige Wahrheiten auszusprechen. Inzwischen gingen die Brüder ab und zu; das Essen wurde aufgetragen, und der satirische Schriftsteller, Aesop Alboin, hatte viel heraus- und hereinzuklappen. Endlich kam er mit geheimnißvoller Miene und brachte einen Brief, den er auf der Treppe gefunden. Der Brief war an Niemanden adressirt und so lose versiegelt, daß man rathschlug, ob man sich des Inhalts bemächtigen solle. Schlachtenmaler war deßhalb dagegen, um die Andern desto mehr dafür zu stimmen. Er besah den Brief von allen Seiten und behauptete, es möchten wohl die Geheimnisse ihres höflichen Nachbars, des Registrators Wiesecke, darin ausgesprochen liegen. Diese Vermuthung reizte die Neugier. Man roch und zerrte an dem Briefe herum, bis ihn endlich die Jüngern eröffnet hatten. Das Licht wurde zurechtgestellt. Jeder wollte lesen; Alle lachten, nur der Aelteste fürchtete Verrath. Jubelnd begann Alboin:

»Lieber Freund!

»Wanzen und Flöhe sind für einen einzelnen Herrn, der chambres garnis wohnt, keine solche Plage, wie eine Brut angehender Gymnasiasten, die zufällig seine Nachbarn werden. Ich bin mit diesem Unglück seit Kurzem heimgesucht. Irgend ein verbauerter Landpfarrer hat seine Kälber auf den Markt, diesmal vier seiner eigenen Kinder, in die Stadt geschickt, die wahrscheinlich die Bestimmung haben, dereinst als Candidaten zu allen möglichen Aemtern dem Staate aufzuliegen. Vier Flegel, einer größer als der andere, schlagen im Dreschertakte auf meine häusliche Ruhe ein, an vier Galgenstricken muß ich zwischen Himmel und Erde schweben. Bald gerathen sie in Uneinigkeit und bedrohen sich, mit den Stühlen die Brust einzurennen; aber ihr Zank ist mir noch willkommener, als ihre Einigkeit: denn dann stoßen sie Jubelrufe, Barcarolen vom Lande, grunzende Dithyramben und jene Schmerzenslaute des innern Wohlbehagens aus, die mich in meinem melancholischen Temperamente zwiefach, physisch sowohl wie psychisch, peinigen. Ohne alle Erziehung müssen diese Lümmel bisher einer Freiheit genossen haben, die mir, dem an die stillen friedlichen Registraturfächer unseres Kriegsministeriums gewöhnten Beamten und Geschäftsmann, fabelhaft erscheinen würde, müßt ich nicht selbst ein Ohrenzeuge ihrer saturnalischen Ausbrüche seyn. Bald ergreifen sie Stiefelknechte und benutzen sie als Schalmeien, um ihre Gassenhauer abzuplärren. Ein Anderer schlägt dabei an ein Glas, um gleichsam eine Cymbelbegleitung vorzustellen. Ein Dritter trommelt an den Fensterscheiben, der Letzte rutscht mit dem Tische hin und her, um damit den Posaunenton zu treffen. Von einem Uebermuth gehen sie zum andern über. Sie wälzen sich auf den Betten und kitzeln sich so lange an den Fußsohlen, daß ich gewärtigen muß, einer von ihnen nebenan erstickt. Lesen sie etwas, so thun sies laut und im singenden Tone. Ziehen sie ihre Stiefeln aus, so werfen sie sich damit. Putzen sie sich ihre Kleider aus, so stellen sie mit dem Geklopf ordentlich wieder ein Conzert an. Wie mögen diese Schlingel nun erst mit Licht umgehen? Wann mögen sie des Morgens aufstehen? Wie werden sie sich beim Waschen mit dem Wasser bespritzen und neue Treibjagden anstellen! Der Aelteste von ihnen, eine Hopfenstange, die bald heirathen könnte, scheint sein Vergnügen daran zu finden, die Jüngeren zu verhetzen, sich dann zurückzuziehen und an der entstandenen Verwirrung zu weiden. Sie oder ich ? das wird die Losung werden. Dem Hausherrn werd ich meine Alternative stellen. Ich bin ein stilles Leben gewohnt; ich rasire mich des Morgens gern mit Behaglichkeit, ich setze mich ans Fenster und rauche meine Pfeife, ich habe es gern, wenn man auf der Treppe vom Nachbar einen guten Morgen gewünscht bekömmt. Allein jetzt befürcht ich, auf ihr von den Rangen überlaufen zu werden und einmal des Abends im Dunkeln den Hals zu brechen. Läsen sie nur diese Schilderung ihres Benehmens! Aendert es sich nicht, so ruft die Obrigkeit um Hülfe an

Ihr ergebenster
Registrator Wiesecke.«

Mit vor Wuth erstickter Stimme hatte Alboin diesen Uriasbrief beendigt. Um ihrem ärgerlichen Gefühle Luft zu machen, erhoben sie zuerst hinter dem »Registrator Wiesecke« ein Hohngeschrei, wie es nur bei englischen Parlamentswahlen üblich zu seyn pflegt. Es tröstete sie aber nicht, ihren Unwillen auf diese Art kund zu geben. Sie sannen auf Rache: »denn,« sagte Schlachtenmaler, »das ist einmal gewiß, der Brief war nur auf uns berechnet; wir sollten ihn finden.« Man berieth, was zu thun wäre. Theobald schlug vor, einen Strohhalm zu nehmen, ihn durch das Schlüsselloch ins Nebenzimmer zu stecken und dann anzuzünden. Man fand dies drollig genug, nur fürchtete man, der Registrator würde sogleich Feuer! rufen. Alboin flüsterte leise: »Wir durchbohren die Thür und beschießen ihn, ohne daß er merkt woher, mit Papierkugeln.« Amandus sagte: »Wir wollen hinüberschicken und uns seinen hektischen Husten verbitten.« Der Aelteste aber rieth zu einem einstweiligen Waffenstillstande. Die Gelegenheit zur Rache würde nicht ausbleiben. ? Inzwischen waren die Brüder müde und gingen unter Verwünschungen, die dem Registrator Wiesecke das Haar sträuben machten, zu Bette. Schlachtenmaler lehnte sich noch einmal an das Schlüsselloch und rief donnernd hinein: »Morgen besuch ich Sophie Tobianus!« Da wars, als spräng etwas aus dem Bette und falle über ein Nachtgeschirr, das höchst wahrscheinlich umstürzte. Die ganze Nacht hörte man ein Seufzen und Stöhnen, ein Knarren im Bette und das schlaflose Dehnen eines Menschen, den ein gespenstischer Alp um seine Ruhe zu bringen schien.

 


 

Viertes Kapitel.

 

Wiedersehen und Celinde.

Nicht dem Registrator sahen die beiden Damen in dem Eckzimmer so lange nach, sondern Jemand anders wünschten sie herbei, wie zwei sehnsüchtige Sonnenstrahlen, welche Wasser ziehen. Jener schlängelte, obwohl in gerader Linie, über den Markt, um ins Ministerium zu seinen Acten zurückzukehren. Er hatte Sophien, die so gut als versprochen mit ihm war, vor einer Rotte Landkrabben warnen wollen, welche erst kürzlich in die Stadt und in seine Nähe gekrochen und in vergangener Nacht ihren heiligen Namen auszusprechen gewagt hätten. Sophie glaubte, an der Beschreibung gewiß seyn zu können, daß dies Signalement nur auf ihre Gespielen und besonders ihren Spukgenossen, den Schlachtenmaler, mit welchem sie unter mehr als einer Gespensterdecke stack, passe, und hatte in ihrer Freude die Baronin Celinde mit ihrer Erwartung angesteckt, so daß sie erst auf Kohlen saßen, als der Registrator ihnen wie Jeremias so viel Klägliches declamirte und tragirte, und nun auf Nadeln vor Erwartung und Verlegenheit. Denn ein Bedienter der Baronin hatte gleich laufen müssen, der den Schlachtenmaler, wenn ers war (und er ists! rieb Sophie sich die Hände und steckte noch eine Schleife mehr ins Haar), nur gleich mitbringen sollte. So wogten nun beide Frauen, wie das Meer, das ein Opfer haben will. Sophie breitete außer ihren Armen auch ihre Gedächtnißfalten auf und wußte so viel zu erzählen über das Vergangene, daß die liebe Celinde selbst anfing, sich mit über das Zukünftige zu freuen. Es war Sophien, als hätte sie in ihrem Leichtsinne (und der war groß) irgend eine Kostbarkeit verstellt gehabt und fände sie nun wieder, und als streiche sie alles Spinnenweb, was sich durch den Registrator darüber gezogen hatte, von ihm ab, und Celinde, dieser sanfte, in stiller Feier prangende Morgenstern, diese bescheidene, kleine, weiße Myrthenblüthe auf dem kolossalen Stocke ihrer Ehe (denn die Sanfte trug den fürchterlichen Namen Baronin Satan von Höllenstein), Celinde also wankte selbst wie im Traume durch das große Zimmer und griff nur zuweilen im Vorübergehen in die Saiten einer aufgerichteten Harfe, um nur außer ihrem und Sophiens laut hüpfenden Herzen noch sonst etwas leben zu hören. Endlich kam der Bediente und brachte die Botschaft, daß der Herr schon angezogen sey, nur hätt er Noth gehabt mit der Cravatte, weil er fast keine hätte, auch mit den Handschuhen, die erst noch gekauft werden müßten. »Ach,« sagte Celinde, als sie wieder allein waren, »hätten wir ihm nur von meinem Manne das Alles mitgeschickt!« ? »Vom Baron?« lachte Sophie; »solche wattirte Feldbinden mit eisernen Schnallen und hirschlederne Handschuhe, die im Leben nicht reißen, wird Oscar nicht tragen.« Und Celinden wars dabei, als müßte ein lichter, goldner Engel kommen, als sie hörte, daß es Männer gäbe, die nicht so wie der ihrige wären, weniger barsch und stark, und überhaupt mehr ihr Ebenbild. Unbefangen sagte sie das auch; aber Sophie brach mit einer fast unerlaubten Naturlust hervor, daß Oscar um nichts in der Welt blond, sondern schwarz am Kopf und im Auge wäre. Und Celinde seufzte dabei, als wäre von ihrer Puppe die Rede und dachte: »Um so weißer wird sein Herz seyn.« Ein Papagei im Zimmer kreischte zu dem Tumult von Empfindungen, welcher diese beiden weiblichen Wesen beunruhigte.

Endlich kam über den Platz her Jemand so Bekanntes, daß Sophie aufsprang. Nicht deßhalb, weil es Oscar war, hätte sie Celinden in ihrer wilden Art zerdrücken mögen, sondern, weil er ihr so viel Ehre machte durch seinen anständigen Gang, durch ein paar von unten schon heraufblitzende weiße Handschuhe, durch ein kleines Spazierstöckchen, welches einer so frühen Morgenvisite ganz angemessen war. Je näher er kam, desto mehr schob sie sich vor und Celinde desto mehr zurück. Jene würde das Fenster aufgerissen haben, wenn nicht Schlachtenmaler in vornehmer Gleichgültigkeit rings um sich her geblickt hätte und Sophien, die er längst erkannte, absichtlich vermeiden wollte. Jetzt hatte er das Haus betreten, der Bediente meldete den Herrn Oscar von Blasedow. Celinde saß, ohne Affectation, nur aus angebornem Instinkt, längst mit vornehmer Haltung auf dem Sopha, und Sophie, die dem Ankömmling gern gleich in die Ohren gekniffen hätte, vermochte nichts gegen diese Beobachtung eines gewissen äußern Anstandes auszurichten. Schlachtenmaler ging mit klopfendem Herzen durch die prachtvollen Zimmer. Ueberall auf Decken zu treten, war ihm eine um so peinlichere Empfindung, als er wirklich Sporen an den (von ihm selbst gewichsten!) Stiefeln trug. Doch ein angebornes Talent lehrte ihn, sich dem phantastischen Cavalier, den er vorstellte, ganz gemäß zu benehmen. Die Reitgerte, die Sporen, die Glacéehandschuhe und der gleichfalls eben erst gekaufte Castorhut harmonirten allerliebst zu seinem bloßen Halse, auf welchem ein schwarzes Tuch den weißen Hemdkragen zusammenhielt. Natur und Kunst durchdrangen sich bei ihm so, daß er so nett, wie ein Kupferstich, und doch so wild, wie die Phantasie selbst, aussah.

Wie er nun zu den Frauen ins Zimmer trat, war Celinde ohnehin gefaßt, und auf Sophien wirkte die abgerundete Erscheinung so überwältigend, daß sie keinen der tollen Streiche, mit welchen sie den Jugendfreund empfangen wollte, auszuführen mehr den Muth hatte. Es war ihnen allen Dreien, wie einer Gesellschaft, die eine Glashütte besucht und plötzlich von allen Seiten in gläsernen Ketten und Banden gefangen ist durch die Kunst eines Blasers, der sich ein Trinkgeld verdienen will. Schlachtenmaler trug mit Leichtigkeit seine Grüße vor und überreichte Sophien den Brief, während Celinde Gott dafür dankte, daß sie damit doch etwas Innigeres anknüpfen könnte, da sie schon bei sich verzweifelte: für wie kalt und herzlos wird mich der Gute halten! Sie hatte ein so inniges Herz, daß sies ihm gleich geschenkt hätte, wenn nicht versteckte Genien im altfränkischen Putze, Genien voller Muhmenlehren, sie am Rocke gezupft und ihr eine gewisse Steifheit als standesmäßig vorgeschrieben hätten. Sie frug nun Sophien, was ihr Vater schriebe; doch war diese in den Anblick Oscars so verloren, daß sie den Brief nicht einmal öffnete und sagte: es hätte Zeit damit! Der Schlachtenmaler weidete sich an den Reizen beider Frauen: denn er war schon weltklug genug, um ihre Schwächen zu übersehen; auch fing er gleich an, gegen Sophien eine satirische Petarde loszusprengen. Denn, als ihn Celinde nach seiner häuslichen Einrichtung frug, seufzte er künstlich und sagte: »Alles gut, gnädige Frau, nur wohnt eine in einen Menschen verwandelte Heuschrecke neben uns, die mir und meinen Brüdern viel Gezischels und Grillenfangens macht.« Sophie erröthete und schwur sich zu, noch heute dem Registrator Wiesecke, den ihr der Baron Satan von Höllenstein als die beste Partie beim Kriegsministerium zugewiesen hatte, den Abschied zu geben. Allein Schlachtenmaler, der das Verhältniß zufällig erfahren und gestern noch durch das Rohr des Schlüssellochs so tödtliche Kugeln auf den Gegner damit hatte schleudern können, fuhr fort: »Denken Sie sich, meine Damen, einen Menschen, der die Zunge eines Wagenbalkens zu seyn scheint, der ewig nach dem Gleichgewichte trachtet und nie zu viel oder zu wenig thut, sondern Alles so, wie es seyn muß! Gießt er auf der Flur das Seifenwasser aus, mit dem er sich seinen grauen Bart rasirt hat, so geht das Schritt vor Schritt, ohne etwas zu verschütten, Alles mit edler Besonnenheit und einer ganz in dem Geschäft aufgehenden Hingebung. Raucht er Tabak, so stellt er nicht etwa den Speinapf in seine Nähe, um Alles bequem zu haben, sondern er steht jedes Mal auf und wandelt gravitätisch dorthin, wo der Napf das Recht hat, ihm zu befehlen. Dieser Mensch ist ein sklavischer Götzendiener der Ordnung, die er einmal für sich und seine Umgebung beliebt hat. Kömmt er die Treppe herauf, so geht dies Tritt vor Tritt; an der Stubenthür kratzt er dreimal seine Schuhe am Eisen, dreimal auf der Strohdecke ab; dann erst wird der Schlüssel gesucht, dann eingesteckt, dann gedreht. Das Zimmer geht auf. Nun hört man ihn, wie er erst den Stock wegsetzt, dann den Hut in eine Schachtel thut, dann den Rock auszieht, kurz, man möchte den Mann für einen Professor der Mathematik halten.« Celinde lachte herzlich über diese natürliche Freimüthigkeit, mit welcher sich der Schlachtenmaler über seinen Nachbar aussprach; doch erblaßte sie, als sie Sophie sah, die blutroth dasaß. Und als nun Oscar erst den Namen des Mannes nannte, wußte sie, von wem die Rede war, und schrack ängstlich zusammen, als jener fortfuhr: »Dieser ausgedörrte Aal soll verliebt seyn und sich mit der Frühlingspetersilie eines ganz jungen Mädchens schmücken wollen, wie man in Gasthäusern ihn wohl so auf den Tisch gesetzt bekömmt. Ich denke mirs lächerlich genug, wenn so ein alter Hahn zu seiner jungen Frau sagt: Sophie, mein Haar wird zu lang, schneid es mir! Und nun muß Sophie die Scheere nehmen und dem entnervten Simson, der keine Thür mehr aushebt, selbst, wenn es eine Tapetenthür wäre, hinter der seine Eifersucht einen Nebenbuhler vermuthet, muß, sag ich, ihm die Stoppeln auf dem Kopfe reinigen. Oder des Sonntags setzt sich so ein alter Krämer hin und zieht sich weiße Wäsche an, und seine junge Frau muß dann kommen und ihm vorne die Bänder an den Hemden zubinden, muß ihm die Elsteraugen ausschneiden und dann mit Rühreiern, als zweitem Frühstück, bewirthen. Sophie....«. Hier war aber Celinde so blaß geworden, daß sie sich selbst vor einer Ohnmacht nur durch die Erklärung zu retten wußte: »Ach, ich gehe nur in den Garten, kommen Sie mit Sophien nach!« Nach dieser Flucht vor Schlachtenmalers Rohheit hatte Sophie freies Terrain gewonnen, sprang auf und umarmte den Freund, indem sie lachend erklärte, die Partie wäre erst im Anknüpfen und das Besinnen noch bei ihr gewesen. Der Satan (nämlich der Baron von Höllenstein) wollte es so, und, überroth werdend, fügte sie hinzu, es wäre Alles weit lustiger in der Stadt, als auf dem Lande, und er selbst würde schon mit der Zeit noch klug werden. Schlachtenmaler verstand sie wohl und drückte sie von seinem Schoß fort, weil ihn die Neugier trieb, die Gemälde im Zimmer, den Papagei und die Kostbarkeiten der Toilette Celindens zu bewundern. Er mußte bei dieser Wanderung durch das Zimmer Sophien mitschleppen, die sich an ihn hing und nichts zugeben wollte, als er satirisch lächelnd bemerkte: »Wenn das euer Satan sähe! Der Mann ist Officier und scheint den Registrator als Redoute zu brauchen, um seine eigenen Operationen zu maskiren.« Sophie nahm aber einen Fächer, als er nicht aufhören wollte, und schlug ihm damit so derb auf den Mund, daß er, an Rache denkend, genöthigt war, sie zu verfolgen. Sie floh nämlich wohlweislich durch einige Zimmer in die ihrigen und warf die Thür ihres Schlafcabinets erst da ins Schloß, als Schlachtenmaler mit ihr schon drin war. Sie erzählte ihm da Mancherlei von der Vergangenheit.

Indessen duftete Celinde im Garten mit ihren Blumen um die Wette. Manche Thräne perlte in den dunkeln Augenkelchen, daß Menschen, die so lieb und gut wären, so zornige Falten auf ihrer Stirne sammeln und die Gesichtszüge zu so menschheitsfeindlichem Spottgelächter verzerren könnten. Hätte sie doch von allen Rosen gern die Dornen fortgezaubert! Sie war nur deßhalb geflohen, weil sie, wie durch ein Kaleidoskop sehend, fürchtete, die geringste Bewegung, die Schlachtenmaler nun ferner noch machen würde, könnte sie um das schöne Bild bringen, welches sie von ihm hatte. Sie wollte ihn nicht sehen, um ihn desto lieber zu haben; und wie sehr sie sich nach ihm sehnte, so erschrack sie doch vor jeder knarrenden Bewegung der Gartenthür, weil sie dachte, nun würd er kommen und sich selber wieder nicht mitbringen. Dann dachte sie auch wohl, indem sie sich unter dem kleinen Griechentempel, der auf einer Anhöhe stand und durch einen Laubgang eine Aussicht bot, die schöner war, als sie Kaputh eigentlich gewähren konnte (ein Wunder, das sich erst später wird aufklären müssen), niedersetzte ? sie dachte dann wohl: Er soll ein so himmlischer Zeichner seyn! Die Menschen wollen nur in dem rechten Lichte stehen, um sich gut auszunehmen. Zeichnet er, so wird er nicht mehr spotten. Jedem ist doch dies seine Religion, worin er etwas schaffen kann, und in der Nähe seines Gottes lästert er wahrlich nicht. Inzwischen stand schon Schlachtenmaler, indem sie Papier zurecht legte und einen Bleistift spitzte, neben ihr, und Sophie ging, Blumen mehr abreißend als pflückend, hinter ihm drein. Schlachtenmaler war ganz erstaunt, woher hier die Aussicht in eine Gegend käme, die es bei Kaputh gar nicht gäbe, und Celinde hätte es ihm gleich sagen mögen, da sie die Lüge auch der leblosen Natur nicht leiden konnte. Sophie glaubte aber Wunder wie klug zu seyn, daß sie gleich sagte: »Rath einmal!« denn Schlachtenmaler sagte darauf: »Wenn es dabei etwas zu rathen gibt, so rath ich auf einen Tünchermeister, der die Aussicht mit dem Spritzpinsel gemalt hat, auf ein italienisches Präsepe nicht einmal, wo die Felsen doch von wirklichem Stein und nicht bloß Deckfarbe sind.« Die Frauen lachten; aber Schlachtenmaler drehte den Tisch, den ihm Celinde zurecht gemacht hatte, um und sagte: »Solche Täuschungen sind gut, nur muß man ihnen den Rücken zukehren: wer kann wissen, daß dies eine nur gemalte Aussicht ist, und doch noch hineinsehen!« Damit zeichnete er ein Puppenspiel im Hintergrund und im Vorgrunde zwei gute Bürger, die das Schattenspiel gleichsam für Wahrheit halten und mit kindischer Ueberraschung auf die Figuren deuten, als wenn sie lebten und man ein persönliches Interesse an ihnen nehmen könnte. Celinde lachte über den Wildfang, ob sie gleich lieber gesehen, er hätte zwei Engel gezeichnet, die mit einem Lamme spielen.

So gerade aber Schlachtenmaler den Bleistift spitzte, so wußte Sophie ihn doch in figürlichem Sinne zu krümmen. Sie machte aus ihres Freundes Talent einen Drücker, der ihm zu jeder Zeit das Haus öffnen sollte. Celinde blickte ihn darauf mit einem Auge an, in welchem der ganze Inbegriff aller sieben Bitten zu liegen schien. Ihm wars in dieser ihn überflutenden Bläue, die ihre großen Augen über ihn ausgossen, als taste er blind an dem Azur des Himmels herum und suche eine Pforte, die ihm wieder den Weg zur Erde zeigte. Er verschloß seine Augen, um sich nur wieder zurecht zu finden, und meinte, wie er lehren könne, was er selbst noch lernen müsse! Dabei zeichnete er aber schon etwas Anderes, nämlich Celinden selbst, aus dem Spiegel heraus, der an der Hinterwand des Tempels stand. Sie glaubte erst, es gelte dem Blumenstrauß, der vor dem Spiegel stand, und blickte unverwandt auf ihn, so daß Schlachtenmaler gerad ihr Antlitz fangen konnte. Als er fertig war, erröthete Celinde und Sophie jubelte über die Aehnlichkeit, nämlich ihrer Empfehlung wegen, und weil sie nun ein Document hatte, welches den Beruf Oscars auswies. Celinde aber wagte gar nichts zu erwidern: denn sie dachte gerade: Wie gut er ist! Keine Falten mehr auf der Stirn, kein Zittern mehr am Nasenflügel! Sie faßte Vertrauen zu ihm und seinen Arm und stieg den kleinen Parnaß hinab, um ihm noch zu zeigen, was an dem Garten wäre. Schlachtenmaler fand die Blumen alle frischer und origineller als daheim in seines Vaters Garten, ob sie gleich von einem und demselben Samen waren. Nur zuweilen erging er sich in Betrachtungen, die Celinden fremdartig waren. Ueber die Passionsblumen sprach er wie ein Ungläubiger; über Fuchsschwanz erzählte er vom Eulenspiegel. Die Gärtnerbursche belustigten ihn. Es waren commandirte Soldaten vom Regimente des Barons, die, statt zu exerciren, den Dienst mit der Gießkanne thaten. Einmal sagte er, sie hätten Alle Aehnlichkeit mit ihrem Befehlshaber, den er im Bilde schon vorn im Hause gesehen; dann wunderte er sich über ihre abstehenden Ohren und meinte, das Kriegsministerium müßte einen Befehl ergehen lassen, daß den Kindern in frühester Jugend die Hauben hübsch über die Ohren und nicht hinter ihnen vorgezogen würden: denn nur vom Zusammenbinden hinter den Ohren kämen die abstehenden und die Esels-Aussichten, wenn man ein Regiment von hinten marschiren sähe. Ueber alle diese Possen lachte Sophie; doch verletzten sie Celinden. So oft sie auch Schlachtenmalers Arm fahren ließ, wußte er, daß er wieder einlenken mußte. So ging eine Stunde hin; die Gemüther mußten sich erst an ihre Sprache gewöhnen. Sophien wurde die Schwatzhaftigkeit gern zugestanden; nur, daß der Schlachtenmaler selbst mit dem wilden Mädchen so oft durchging, betrübte Celinden heftig. Inzwischen vertraute sie auf sein Inneres und enthielt ihm beim Scheiden einen ihrer langen, so sichern und sanft auflösenden Blicke nicht vor. Er schämte sich, diesen wieder nicht aushalten zu können, und lief davon, ohne auf Sophien zu achten, die schnell aus Aerger einen Knoten in ihr Schnupftuch machte und es ihm, da er schon über den Hof eilte, noch zum Schrecken der Enten, die auseinanderstoben, nachwarf.

Als unser junger Freund allein war, kam er sich wie ein verfolgter Verbrecher vor. Er lief durch die Stadtviertel Kapuths und suchte eine Stelle, um allein zu seyn. Eine ungeheure Leere verödete seine Brust, es war ihm so hohl und unermeßlich, daß er sich irgendwo mit Besonnenheit sammeln mußte. Vorm Thore war der fürstliche Park zu mathematisch für seine romantische Beklemmung eingerichtet. Die beschnittenen Hecken wollten, was bei beschnittenen Dukaten leichter ist, kein Ende nehmen. Die Seitenwege waren gartenkünstliche Vexirspiele, die man lösen mußte, weil große Strafe darauf stand, wenn man den Rasen betrat und die Knoten durchhieb. Dann kam wieder ein grüner Platz, um den einige Fechter und mythologische Anspielungen aus Sandstein herumstanden, und den Niemand geradezu überschreiten durfte. Dann hieß es wieder, hier dürfen Reiter, hier Fußgänger, dort keine Hunde durch. Hier standen zwei, dort drei Thaler Strafe vom fürstlichen Landesgestüt- und Garten-Amte angedroht. Die Rabatten, die man nicht betreten durfte, waren recht zum Rabatt des Finanzcollegiums eingerichtet. Schlachtenmaler wußte vor weißen Tafeln gar nicht mehr, wohin, und warf sich in ein ihm entlegen dünkendes Buschwerk nieder, um nur Ruhe zu finden. Er schämte sich seines Aufzuges und der feinen Handschuhe, die aber gar keinen Staat mehr machten, da sie längst vom Schweiß gefärbt waren. Er warf allen Prunk von sich, mit dem er sich in einer Lage hatte heben wollen, wo er Alles so menschlich und empfindungsvoll angetroffen. Celinde stand hoch für ihn, aber so, wie die Blume auf dem Gebirge. Um ihr zu nahen, mußte er geistig steigen und über viele zickzackige Klippen, auf denen er sich aber gefiel. Er hatte links und rechts gesteuert, um in das Fahrwasser eines grünen, sanft sich spiegelnden Flusses in seinem Innern zu kommen, dessen Milde gegen seine Anstrengung auf eine ihn nun so demüthigende Weise abstach. Er fühlte, daß ein Wesen, wie Celinde, das engelgleich an goldnen Flügeln hinschwebte, weniger klatschte und lärmte, als er mit seinen großen Ikarus-Flügeln, und ihm doch um jene ganze Weite voraus war, in welche er jetzt mit so ödem und unklarem Schmerze blickte. Auch mochte ein noch tieferer Zwiespalt in ihm geweckt seyn, indem er die eben empfangenen Eindrücke mit seinem ungewissen und planlosen Daseyn verglich, und nicht so sehr den Reichthum dort gegen seine Armuth hier, als den Geist und die Atmosphäre, die über Beidem zu liegen pflegt, gegeneinander verglich. Und was aus ihm werden sollte? aus den Brüdern, mit denen sein eigenes Erz und Herz verquickt war? Und die Heimath! Sein dürrer, trockener, im Auge so glanz- und hoffnungsloser Vater, sein unglücklicher Meister, dessen tiefen Seelenadel er zu ahnen vermochte, und der nun mit so stiller Ergebung des Schicksals harrte, welches über seine Kinder kommen würde! Das Alles floß ihm in eine einzige große Last zusammen, die auf sein Herz drückte und ihn in jene Wehmuth versetzte, wo glücklicherweise selbst der Schmerz aufhört, weh zu thun, und sich zuletzt aus einem Chaos von Gefühlen nur das eine bestimmt und deutlich herausscheidet, daß unsere Seele adelig und unser innerster Werth höher als unser Schicksal ist.

Indem raschelte etwas durch das Gebüsch, und Schlachtenmaler bemerkte einen Mann, der, so wie er, keine Rücksicht auf die Warnungstafeln nahm und querwaldein über die verbotensten Partien ging. Näher den kühnen Irrgänger betrachtend, war es ihm, als wüßt er sich auch in der That nicht zurechtzufinden; sondern zuweilen stand er stille und prüfte mit einem Stocke, wohin er gerathen war. Schlug er auf Bäume, so schlich er leise, traf er die Luft, so ging er dreister. Er muß blind seyn, dachte Schlachtenmaler, und ein Bettler ohnedies, da ihm ein Fascesbündel frischgeschälter Stöcke auffiel, das der Mann unterm Arm trug. So drückte ihm die Noth des verirrten Wanderers schwer aufs Herz, und er hob sich schnell von der Erde. Wie der Blinde das Rascheln hörte, hielt er still und rief mit einer frischen und vertrauensvollen Stimme: »Ach, lieber Herr, wo komm ich denn auf den Weg?« Schlachtenmaler ging auf ihn zu und betrachtete sich den Armen näher. Er trug eine blaue Fuhrmannsblouse, war sonnenverbrannt und lugte mit seinen weißen Augen hinaus, um sich zurechtzufinden. Schlachtenmaler erfuhr mehr von dem Irrgänger. Er war aus Coblenz und hatte Weib und Kind daheim. Beim Felsensprengen nahm ihm das Pulver das Augenlicht, wenn auch nicht gänzlich. Einen leichten, matten Flimmer hatte er immer vor Augen. Feste Körper und die Luft konnte er durch den Grad von Lichtmasse unterscheiden, die auf ihn eindrang. Dabei war er vertrauensvoll und stierte immer in die Luft. Die Stäbe unterm Arme verkaufe er für gute Fußgänger oder auch nur für gute Seelen. Dabei hatte er eine himmlische Ruhe in seinem Wesen, einen klaren, ätherreinen Ton in der Stimme, nichts Bettlerhaftes, keine Mitleid bezweckende Modulation, sondern sein Unglück sprach für ihn. Es lag eine solche männliche Zuversicht und so viel echter, wenn auch durch die Zeit schon überwundener Schmerz in seiner Erzählung, daß Schlachtenmaler die Thränen nicht hemmen konnte, den Armen erst auf den richtigen Weg brachte und ihm dann noch so viel aus seiner Tasche mitgab, als er entbehren konnte. Der blinde Coblenzer dankte freudig und tappte weiter fort, immer den Blick nach Oben gerichtet, vorsichtig und besonnen sich in der Mitte des Weges haltend.

Jetzt mußte sich aber Schlachtenmaler selbst in Bewegung setzen, um nicht in Kummer zu vergehen. Jetzt hatte nur noch das menschliche Elend gefehlt, um ihn im Innersten zu erschüttern. Alle Poren seines Gemüthes gingen auf. Er konnte sich nicht beruhigen, wenn er an den Unglücklichen dachte, der ganz Deutschland mit seiner fast ganz verglommenen Augenlampe durchtastete, und im Vertrauen, daß ihn der matte Lichtschimmer vor seinem erloschenen Blicke nicht täuschen würde, jenes verklärte Lächeln auf seinen Mienen spielen hatte, welches eigentlich kein Lächeln ist, sondern nur die gespannte Aufmerksamkeit seines Schrittes, die lauschend zugespitzte Erwartung, das grübelnde Langen und Horchen in den leeren Raum hinaus. Wer ermißt all das menschliche Leid, das still an den Mauern wuchert, welche unsere prangenden Lustgärten einschließen! Wie viel zitternde Schmerzenstöne werden von der lautrauschenden Melodie des Tages übertäubt! Ach, so kann jeder Kummer, der uns drückt, sich noch als Tröster an das Lager eines größern Elends setzen, so gibt zu den wenigen Vocalen unserer eigenen Leiden erst gleichsam die größere Zahl der Mitlauter die deutlich articulirte Sprache des Lebens. Betrübt hing Oscar den Geheimnissen des menschlichen Daseyns nach und fand im Schmerze mehr, als in der Freude, den Schlüssel derselben. Er irrte lange umher, bis er zu den Seinen zurückkehrte.

 


 

Fünftes Kapitel.

 

Aus der Klaue den Löwen.

 

Wenn Registrator Wiesecke beim Consistorialrath Blaustrumpf (der immer noch nicht den Mispelheimer Kalender redigiren konnte) zum Thee war, und die Gespräche über die neuesten Schicksale der gesunden Vernunft auf dem theologischen Gebiete sich abgekühlt hatten und einige Stadtneuigkeiten als Nachtisch aufgetragen wurden, so wußt er nicht Böses genug von den Kindern des ihm durch Blaustrumpf hinlänglich geschilderten Blasedow zu erzählen. »Was sie in der Schule thun,« sagte er, »weiß ich nicht. Selten vergeht ein Tag, wo nicht Einer von ihnen zu Hause bleibt. Sie führten erst abwechselnd die Gewohnheit ein, daß Einer immer von ihnen selbst gegebene Ferien haben sollte; doch an den Aeltesten kam die Reihe zu selten, und jetzt läßt er sich, wie ich gehört habe, unheilbar krank in der Schule anmelden.« Wiesecke hatte gut erzählen. Wie sollten sich auch diese vier jungen Leute, die an Fleiß und Ordnung nie gewöhnt waren, aller Vorkenntnisse ermangelten und in Klassen saßen, wo sie an Verstand und Jahren allen ihren Mitschülern voraus waren, sich in die Disciplin der Schule fügen? Sie hatten keine wissenschaftliche Grundlage, auf welche sie die Schnörkeleien der Philologie hätten bauen können; sie waren in manchen Fächern selbst den Lehrern gewachsen und in andern die unwissendsten Fibelschützen. Sie wußten von Paris und London zu erzählen und kannten den Weg nicht, auf welchem man dorthin kömmt. Sie hatten das Alterthum schon aus Lessing und Winkelmann kennen gelernt und sollten es nun mit dem Cornelius Nepos und Eutrop erst aus dem Grunde studiren. Sie schrieben lateinische Aufsätze, die von gescheiten Ideen und gräßlichen Sprachfehlern wimmelten. Der kindischen Sphäre durch ihren Verstand längst entwachsen, hatten sie immer die Demüthigung zu ertragen, von den Kleinsten übertroffen zu werden. Es war mit ihnen ein Element in die lateinische Schule gekommen, das die Scholarchen bald als sehr gefährlich erkennen mußten. Mit Niemanden machten sie Gemeinschaft, und doch standen sie bei Allem, was Ungesetzliches und in Masse geschah, an der Spitze. Alle mögliche pädagogische Schröpfköpfe wurden ihnen angesetzt, um ihnen das giftige Blut zu entziehen. Aber Demüthigungen entzündeten ihren Groll nur noch mehr, so daß sie nahe daran waren, für immer mit der Schule zu zerfallen oder, wie Blaustrumpf ihnen schon öfters gedroht hatte, de facto ausgeschlossen zu werden.

Die Noth der Brüder wurde noch gesteigert, als statt Geldes, dessen sie so dringend bedurften, von Hause nur Illusionen, Lebensmittel und zuweilen einige grobe Leinwandhemden ankamen, jetzt aber posttägliche Episteln von Blasedow, der die Zeit nicht erwarten konnte, schon die Früchte auf seinem neuen pädagogischen Erkenntnißbaum reifen zu sehen. »Lieber Vater,« hatt ihm zwar Schlachtenmaler geschrieben, »beim zu frühen Schütteln fallen von den Bäumen nur die wurmstichigen Früchte ab.« Allein Blasedow bestürmte sie mit so dringenden Vorstellungen und Drohungen, daß sie sich entschließen mußten, seinen Zorn durch eine Fiktion zu beschwichtigen, für welche sie Gott und ihr Gewissen um Vergebung hätten bitten sollen. Sie begannen nämlich, aus der Phantasie eine Laufbahn zu erfinden, welche Blasedow so gern in der Wirklichkeit von ihnen eingeschlagen sah. Sie erfanden Fortschritte, die sie noch gar nicht gemacht, Leistungen, zu denen sie kaum die Vorkenntnisse hatten. So schrieb Schlachtenmaler mit einer eignen Mischung von Muthwillen und Betrübniß: »Lieber Vater! Ich kann immer noch nicht sagen, daß ich von der Akademie hier in Kaputh große Hoffnungen habe. Was sie in Pfeifenköpfen leistet, ist nicht ungewöhnlich; ja, man kömmt auch gewiß noch dahinter, Meerschaum zu bemalen und damit jene etrurischen Vasen zu erzielen, für deren einfache Decorationsmalerei wir Talente genug haben. Das neuere Malerleben in Deutschland hat hieher noch wenig Absenker geschickt. Auf dem Rande einer Porzellanschüssel, die der Fürst bestellt hatte, versuchte sich der Director neulich damit, die Nibelungen von Cornelius nach Kupferstichen wiederzugeben. Für den Schüsselrand paßte allerdings die Idee eines Cyklus, und die ganze Akademie that sich nicht wenig darauf zu gute. Die einzige Schüssel hätte beinahe Gelegenheit zu einem Künstleressen mit wenigstens fünf gegeben. Ueberhaupt fehlt es uns gerade an Malerliedern, langen Haaren und weißen Hemdkragen nicht. Sähe man die Herren alle Sonnabend auf ihrem Kränzchen, so glaubte man sich nach den Osterien Roms versetzt, weil nicht nur über den Idealismus sehr viel gesprochen, sondern auch gesungen wird. Jeder hat sich ein Liederbuch kaufen müssen, und, wer noch Köpfe zeichnet, Sonntagsschüler, die sich nicht scheuen, es durch die Fensterscheiben zu thun, Alles, Alles singt hier großartig mit, als sollten sie die Raphaelschen Cartons ausmalen. Der Director Silberschlag grübelt viel darüber nach, eine neue Schule zu stiften; allein, zwischen Cornelius und Schadow das Mittlere zu wählen, scheint ihm seiner nicht würdig. Er verfällt oft auf die wunderlichsten Grillen. Bald sagt er mir, die Malerei müsse sich mehr an die Musik, bald mehr an die Baukunst anschließen. Unzufrieden mit seinem Rufe als Mäuse-Raphael, strebt er nach dem Verworrensten an, um etwas Neues erfunden zu haben, und, da er unwillig genug ist, daß die Akademie nur ein Seitenzweig der Kaputher Porzellanfabrik seyn soll, so wurde ers noch mehr, wie ich ihm darüber sagte: Sie kommen mir wie Bötticher vor, der das Gold suchte und das Porzellan fand. Ueberhaupt, lieber Vater, muß ich suchen, mir einen eignen Weg zu bahnen. Nach dem Vorgange der Düsseldorfer Schule ist hier eine wahre Sucht eingerissen, Trauriges zu malen. Das trauernde Königspaar, Lessing und Bendemann, haben hier einen langen, langen Florstreif hinter sich hergezogen. Alles will Momente der Niedergeschlagenheit zeichnen. Unsre Akademie hat dadurch fast ein Ansehen wie ein Trappistenkloster bekommen. Alle unsere Kaffeebretter und Schnupftabaksdosen enthalten schmerzhafte Empfindungen und trauernde Situationen. Der Director ging selbst mit einer Gruppe trauernder Mäuse voran. Eine Speisekammer, in der nichts zu finden ist, bildete die Scene. Die Mäuse sitzen in Schmerz versunken da und lassen die Schwänze hängen. Komisch ist, daß der Director dieses Bild für Ernst nimmt und weit weniger Lachen als Weinen damit erregen will. Die übrigen Maler überjagen sich nun bald mit trauernden Nonnen, trauernden Blumen, trauernden Wittwen und Waisen, bald mit trauernden Landschaften, ja, trauernde Fruchtstücke werden jetzt bei uns gemalt, nämlich Aepfel, die alle stockig, Weintrauben, die unreif sind. Ein Schüler aus der dritten Klasse (er bildet sie ganz allein) zeichnete in Kreide und in allem Ernst eine trauernde Landpartie, wo nämlich Regen sich mit Staub vermischt und unter einem einzigen Schirm eine ganze Familie Rettung sucht. Lieber Vater, ich weiß nicht, wie ich mir bei diesem Treiben meine hohe Bestimmung erhalten soll. Ich bin der Einzige auf der Akademie, der seinen eignen Weg geht; ? allein selbst Studien nach dem Nackten, die ersten Anfangsgründe der höhern Kunst, sind mir hier durch eine falsch verstandene Sittlichkeit ganz versperrt. Silberschlag, ein so tüchtiger Viehmaler, kann kaum Hunde und Vögel hier für Geld haben, viel weniger Frauenzimmer, die Muth und eine gewisse natürliche Schönheit haben. Hat doch der Mann nicht einmal eine Frau in Kaputh bekommen können, weil er einmal ein Thor gewesen war, laut zu sagen: Nun, so müsse er heirathen, um wenigstens an seiner Frau zu studiren! Wo er anklopfte, bekam der Mann, trotz seiner festen Anstellung, einen Korb: denn jede Mutter hätte sich ja der Sünden geschämt. Nun denke dir, lieber Vater, wie wir hier über die Fleischfarbe und die Wellenlinien im Dunkeln tappen. Kaum daß wir die Frauenzimmergestalt zeichnen können, wenn sie schon todt ist. Selten werden Leichname auf die Anatomie geliefert, und Ertrunkene schwimmen uns auch gar keine zu, weil Kaputh leider an keinem ansehnlicheren Flusse, als an einer unbedeutenden Pferdeschwemme liegt. Unter diesen leidigen Umständen, lieber Vater, hab ich doch nie unterlassen, für die Schlachtenmalerei zu thun, was ich kann. Pferde bieten sich genug dar, und schönere, als das wir zum Schrecken der Mutter (aber es mangelt uns wieder heftig an Geld!) verkauft haben. Ich habe eine jener vielen Schlachten gegenwärtig gemalt, die sich besonders durch ihren Nebel ausgezeichnet haben. Ich hielt mich an jenen Moment, wo die beiderseitigen Heere sich nicht nur beide nicht sehen, sondern auch der Zuschauer in Zweifel ist, was hinter den allein sichtbaren, aus der Erde steigenden Dünsten verborgen seyn mag. Die graue, kahle Fläche meines Gemäldes soll, wie mich Kenner versichern, etwas Ergreifendes haben. Einige bunte Punkte, die durch den Nebel hindurchschimmern, lassen ahnen, was dahinter verborgen ist. Einige keck hingespritzte rothe und gelbe Flecken lassen ein entweder schon begonnenes Feuer oder einen auffliegenden Pulverwagen, am wenigsten aber ein Bivouacfeuer und einen Kochkessel vermuthen, wie Theobald glaubte, der bei solchen Gelegenheiten immer nur an Essen und Trinken denkt. Das ganze Gemälde ist einen Fuß hoch und anderthalb breit und würde sich neben Mutters Spiegel sehr gut ausnehmen, wenn ich nicht hoffte, es bei einem neumodischen Kunstverein, d. h. bei einer Gemäldelotterie, anzubringen. Ueber alles Uebrige, das die Deinen betrifft, mögen die Andern diesmal berichten. Genüge dir, lieber Vater, die Versicherung, daß nach Vollendung strebt dein aufrichtiger Sohn

Oscar, Schlachtenmaler.«

Blasedow wollte erst gar nicht die Briefe der Uebrigen lesen, weil ihn in seiner Freude über den ersten nichts so sehr gestört hatte, als die Dummheit Theobalds, einen auffliegenden Pulverkasten, diesen genialen Gedanken Oscars, für eine gewöhnliche Kartoffelsiederei zu halten. Er sah das Gemälde so deutlich vor sich, er wußte die einzelnen Nebelmassen so zu sichten und zu schichten, daß ihm diese unsinnige Bemerkung die größte Albernheit dünkte, und er sich eine geraume Zeit gar nicht beruhigen konnte. Endlich aber, nachdem er sich das Gemälde nochmals in allen seinen Einzelnheiten recht vergegenwärtigt hatte und mehrere Male mit der Hand die angegebene Höhe und Tiefe ausmaß, ging er auf Amandus Brief über, der ihm mit gleicher Keckheit folgende Unwahrheiten meldete: »Lieber Vater! Ich habe gestern einen kleinen Diskuswerfer vollendet, der zwar nur die Copie des berühmten ist, aber doch schon eine Probe abgeben kann. Der Muskelbau einerseits war das Schwerste, andererseits die gestreckte Haltung, die ich im Thon mit einigen Stäbchen unterstützen mußte. Es ist ein imposanter Anblick, diese gewaltige Ausdehnung vom Fußhaken an bis zur Handwurzel des linken Armes. Stellt man sich gerad in die Richte, wo der rechte Arm seine Kraft erhebt, so glaubt man, umgerannt zu werden, und selbst bei meiner kleinen Copie hält mans nicht lange aus, in der Wurfweite des musculösen Kämpfers stehen zu bleiben. Gott behüte mich nur, daß dem Gebild, so mangelhaft es noch ist, keine unberufene Hand naht; erst neulich ist in Berlin ein junger Bildhauer, der einen Schiller in liegender, nachdenklicher Stellung in Thon geformt hatte, wahnsinnig geworden, weil die Träger beim Ausräumen der Kunstausstellung das herrliche Gebild auf die Erde fallen ließen, so daß ein unförmlicher Thonklumpen aus dem Ruhm und dem Stolz des jungen Mannes im Nu geworden war. Ach, es müßte schmerzlich seyn, wenn mein Diskuswerfer so geworfen würde! Ich würde auch den Verstand verlieren. Als Rabenern in Dresden alle seine Gedichte und Satiren verbrannten, konnte er sie aus dem Gedächtnisse oder aus den Gebrechen der Menschen leicht wieder ergänzen; aber welche Zeit braucht der bildende Künstler für sein Werk! Nein, ich muß mich von diesem schrecklichen Gedanken losreißen..... Geschähe hier in Kaputh nur mehr für meine Kunst. Modelliren und Bossiren werd ich lernen, obgleich mein Lehrer nur ein Töpfer ist; aber, vom Thon auf den Marmor übergehen, das wird hier nicht möglich seyn. Meinen ersten Versuch wollen sie im Ofen brennen. Es ist damit immer gewagt und für nichts gut zu sagen. Was gerade in den Ofen geht, kömmt krumm heraus, wie ja Mutter auch bestätigen wird, daß ihr selten ein Kuchen so gerathen ist und aufgegangen, wie sies wünschte. Uebrigens machen wir in unserer Fabrik aus terra cotta doch manches Werthvolle. Die Statue des verstorbenen Fürsten freilich, die aus gebrannter Erde so vortrefflich gerathen war, hat sich durch einen unsinnig gewählten Platz freilich wie ein Reiter von Lebkuchen aufgeweicht; man wollte sie gern auf offenen Markt stellen und vergaß, daß der Selige ohnehin immer ein milder und weicher Herr gewesen. Jetzt muß man ihn von dem Platze nehmen, weil er sich einer allmählichen Auflösung zu nähern anfing. In aller Liebe verbleib ich übrigens dein treuer Sohn ?Amandus, Bildhauer.«

Blasedow wurde über den Diskuswerfer sehr unruhig: daß er zusammenfallen könnte, wurde ihm, als nervenschwachem Manne, schon ganz gewiß. Er konnte ja so schon nie ein Kind tragen und damit an ein offenes Fenster gehen, ohne die Besinnung zu verlieren, weil es ihm immer war, als müßte ers hinunterwerfen. Bei Kindtaufen zitterte er vor Angst, er könnte den Säugling fallen lassen. So sah er nun auch den fingirten Diskuswerfer immer auf der Kante eines Tisches stehen und hundert Ellenbogen, die auf ein Haarbreit ihn herunterstießen. Seine erhitzte Phantasie mußte sich erst durch einige Gänge durch das Zimmer wieder abkühlen. Nun griff er nach dem Briefe Theobalds, des Volksdichters, welcher also lautete: »Lieber Vater! Ich benutze die wenige Muße, die mir die Abfassung eines Cyklus von Gedichten gestattet, dir diese wenigen Zeilen darüber zu schreiben. Ich will den siebenjährigen Krieg, der Uebung wegen, besingen, aber dabei, wo möglich, die Fehler vermeiden, die Silius Italicus gemacht hat. Es ist ein Unterschied zwischen epischen und historischen Dichtungen. Die erstern sind in die Form gebannt, welche Homer und Virgil einmal erfunden haben, die letztern machen sich lächerlich, wenn sie ihre Thatsachen mit den allegorischen Maschinen der gewöhnlichen Epopöe vermischen. Wie abgeschmackt sind die punischen Kriege des Silius? Wie unsinnig ist die Einmischung der Götter in die Kämpfe des Hannibal? Lucans Pharsalien treffen den richtigeren Ton und überragen vom römischen Standpunkte die Henriade und jede Alte-Fritziade, die sich etwa des poetischen Apparats, wie er sich bei Klopstock findet, bedient haben würde. Mein Gedicht soll jener Poesie der Thatsachen angehören, die nicht einmal Dichtung in die Wahrheit mischt, wie allerdings Lucan auf seinem Standpunkte ganz richtig und zum Aerger der Philologen gethan hat, sondern nur das Factum, aber als Poesie, geben. Ich würde weder Alexandriner, noch Hexameter, noch Nibelungen-Aale zu meinem Gedichte haben brauchen können, sondern frisch und rasch, frank und frei tromml ich vierfüßige Jamben, die sich wie Reveillenschlag und Musketenfeuer anhören. Den langen, wallenden Parnaß von Mars und Minerva und all den mythologischen Hülfstruppen, die zwar bei Rammlern, aber nicht bei Friedrich dem Großen den Ausschlag geben konnten, hab ich nirgends in mein abgestecktes Feldlager eingelassen. Ich gebe ein Gedicht, wo keine Brennen, keine Söhne des Mars und dergleichen Abstractionen auftreten, sondern Husaren, Panduren, Kosaken, Alles echt und authentisch und durch den Zopf eher recht natürlich, als künstlich gemacht. Dennoch, lieber Vater, ist dies Gedicht vom siebenjährigen Kriege nur Uebung, und ich werde davon nichts veröffentlichen, als einige Episoden, die in den nächsten Mispelheimer Kalender kommen werden. Sonst bemüh ich mich, den Geist der Zeit recht zu begreifen und über Dunkles klar zu werden. Ich verstehe noch nicht recht, wo bei unsern Zeitgenossen die Poesie eigentlich hervorbrechen wird. Jetzt höre ich nur ein geheimes Rauschen und Anschlagen, weiß aber das Nähere nicht. Die Hoffnung einiger jungen Dichter unserer Zeit, es möchte auch der Rauch unserer Dampfmaschinen, der bekanntlich in Tropfen niederfällt, die Poesie mit eigenthümlich erquickender Wirkung anfeuchten, scheint mir zur Zeit noch eine Täuschung zu seyn. Ich fürchte sehr, daß die, welche viel auf Eisenbahnen fahren, die Lungensucht bekommen. Nun, es läßt sich übrigens noch gar nichts sagen, und ich will mich bemühen, zur Zeit noch harmlos zu bleiben. Wunderlich ist doch, daß Jean Paul keinen Vers machen konnte? Jean Paul war aber kein thetischer, sondern ein anakoluthischer Geist. Seine Poesien sind Vordersätze ohne Schluß. Wohl spann Jean Paul die Poesie aus seinem Herzen heraus, aber immer nur Fäden; aus diesen Fäden und Gespinnsten konnte er kein Kleid weben. Seine Phantasie war ein Kaleidoskop. Sie hielt eine vereinzelte Anschauung nicht lange fest, sondern mischte ein Gebild ins andre. Mit Bildern und Gleichnissen überhäuft sich nur, wer keine Gestalten fesseln kann. Auch lag Jean Pauls Gefühl nicht in jener Activität, die Entschlüsse fassen will und ermattet in Ohnmacht zurücksinkt, sondern in einer ununterbrochenen Passivität, die nicht selber fühlt, die nur mitfühlt. Das Gefühl des Mannes ist Melancholie, das des Weibes Wehmuth, und Wehmuth nur kannte Jean Paul. Aus der Wehmuth entspringen keine Gedichte, nur aus der Melancholie. Und überhaupt, wenn ich an meinem siebenjährigen Kriege mit Lust gearbeitet habe, dann frage ich mich: Was hindert in der jetzigen Bildung zur Antheilnahme an der Poesie? Früher war die Speculation jene Sphinx, die die Poesie verschlang, weil sie ihre Räthsel freilich nicht rathen konnte. Jetzt ist das Unthier die Tendenz. Die Tendenz ist der Wurm, der sich in die blähendsten Aepfel, in die kräftigsten poetischen Eichenstämme den Weg bahnt und den Kern derselben anfrißt; sie ist der Borkenkäfer, der einen ganzen Wald von gesunder Natur vernichten kann. Die Tendenz spannt ganze Himmel und unermeßliche Horizonte über uns, während das Gedicht am besten geräth, wenn man durch die Bäume nur ein wenig Blau schimmern sieht. Für die Pfeile der Poesie mühsam vorn die kleine Pointe zu spitzen und seine Waffen hübsch blank zu putzen, das ist zu gering für unsere jetzige Bildung, wo die Dichterjünglinge nur die Zeit ausbeuten wollen. Wer echter Dichter seyn will, kann nicht immer präcis eintreffen, wenn die Post abfährt. Er wird oft hören müssen, daß er den Glockenschlag versäumte, und daß das Jahrhundert, eingewickelt in die neuesten nassen Zeitungen, so eben abgefahren ist. Ja, wir Dichter sollen Verwandte der Zeit seyn, Schwäger, aber nicht Brüder und Väter und Söhne. Brennt eine heilige Flamme auf dem Altar deines Herzens, und du lässest dem Sturmwind so freien Zugang: er tost heran und verweht Asche und Kohlen in die Luft. Und wenn die jungen Menschen nur an sich glaubten! Wenn sie nur den Muth hätten, den Flug eines Vogels zu verfolgen und dabei zu sagen: Ich habe gelebt! Wer will noch etwas besingen, das beim letzten Verse schon verblüht ist und in der Dichtung nur ewig wird! Die Menschen suchen sich heute zu sehr durch Charakter und Vollständigkeit geltend zu machen. Sie treten Alle wie Karavanen auf. Die ganze Vergangenheit schleppen sie an ihren Kleidern; sie wollen sich zu neuen Begebenheiten dadurch machen, daß sie die alten an ihren Rockschoß heften. Das Drängen nach der Rednerbühne ist stark. Jeder will das Wort haben und, hat ers, nicht wieder abgeben, weil er weiß, daß bei dem Gedräng nicht alle Tage an ihn die Reihe kömmt. Ein Wort soll eine Welt widerspiegeln. Fand man auch auf einem Spaziergange ein Gleichniß, das ein Gedicht abgeben würde, man steckt es zu sich und vergißt es über die Tendenz, bis man es nach acht Tagen verwelkt in seinen Kleidern findet. Kehrte man doch zum Menschen zurück! Würde man wieder ein Kind, nachdem man ein Greis gewesen! Es läßt sich hierüber noch Vieles sagen; aber ich breche ab, weil ich mir durch Kritik nicht die Lust, selber zu schaffen, verkümmern will. Möchten dir, lieber Vater, diese Bemerkungen ein Unterpfand seyn, ob deine Wünsche einst befriedigen wird dein Sohn

Theobald.«

Blasedow hatte über diesen Brief ein Doppelgefühl, das sich gegeneinander aufhob. Es mißfiel ihm eben so sehr der Stoff, der Theobald gewählt hatte, als er mit Vergnügen die Anlage des jungen Menschen (wüßten wir nur recht, wo Theobalds erster Entwurf aufhörte und Schlachtenmalers Ergänzungen anfingen!) zum Kritiker wahrnahm. Schien es ihm nun zwar, als könnte eine Zeit kommen, wo jeder Dichter seinen eigenen Kritiker hätte, wie jedes Kameel seinen eigenen Höcker, so hoffte er doch, das natürliche Gleichgewicht zwischen Geburten und Sterbefällen (die Todtenlisten der Literaturblätter zeigten ohnehin noch immer auf mehr Erstere, als Zweite) würde sich wiederherstellen müssen, so daß mit der Zeit wieder nur ein kritisches Ichneumon auf die Eier von mehreren Krokodilen (die Thränen derselben sollen den Vergleichungspunkt mit der Dichtung hergeben) kommen dürfte. Inzwischen wußte er hinlänglich, daß unsere Zeit mehr Verstand, als Phantasie hat, und fürchtete dann nur, Theobald und Alboin möchten zusammenstoßen und sich die Kundschaft schmälern. Alboin aber, der satirische kleine Ziegenfuß, hatte geschrieben: »Lieber Vater! Jenes saure, gesichtverziehende Kraut, welches man als Reizmittel zum Lachen gebraucht hat, wie den Stich der Tarantel als Reizmittel zum Tanzen, wächst nicht allein in Sardinien, sondern auch in Kaputh. Ich lache wohl, aber meistens über Thorheiten, welche ich ausbüßen muß. Stoff genug ist vorhanden, um aus mir eine Zuchtruthe zu machen; einstweilen bin ich aber mehr ein Gegenstand für sie, als selber eine. Von dem Meisten könnte man mit Juvenal sagen: Es ist schwer, darüber keine Satire zu schreiben; was bieten nicht die Lehrer allein für Stoff! Der Eine lehrt Geschichte und examinirt uns nicht anders darin, als daß er sich an den Nägeln kaut, auf welche er die Jahreszahlen mit Tinte geschrieben hat. Ein Anderer trägt den Homer wie ein Citharöde vor und hüpft die Hexameter mit Händen und Füßen, so daß ich mir neulich beigehen ließ, ein Spottgedicht auf den Katheder zu legen: die convulsivische Metrik. Meine Hand war leicht erkannt, und der Kopf hatte es zu entgelten. So halte ich mir meine Bestimmung noch ziemlich entfernt; die elastischen Ruthen schlagen zu heftig auf mich zurück, und ich beiße mir in die Lippen, wenn mir etwas Komisches einfällt. Inzwischen hab ich neulich doch wieder Lust bekommen, mein Zwerchfell (wenn auch später dafür meine Rückenhaut) erschüttern zu lassen. Ich schrieb ein satirisches Heldengedicht, eine Groteske, wie ichs nannte, zu der Schlachtenmaler die Bilder machte. Der Rector Schimmelpfennig nämlich ? übrigens längst nicht mein Freund: denn, da er ein großer Mathematiker ist und ewig von Cubikwurzeln spricht, aus denen nie ein frischer Baum ausschlagen wird, so malt ich an die schwarze Tafel ein Wurzelzeichen, hängte ihn in effigie daran auf und schrieb darunter:

 

                   

Mathematisch war sein ganzer Lebenslauf,
Drum hing er sich an einem Wurzelzeichen auf ?

 

also ? Rector Schimmelpfennig duldet nicht, daß wir Scholaren in den Zwischenstunden das Schulgebäude verlassen und uns nebenan mit Lebensmitteln versehen. Da wir es nun aber doch thun, so gibt dieser Zwiespalt der Interessen eine ewige Abwechslung komischer Scenen her. Mein Heldengedicht fängt mit einem Monolog Schimmelpfennigs an:

 

                   

Hilf mir, Muse, auch heut die naschbegierige Jugend
Abzufassen, wenn sie anschleicht, mit verstohlenem Auge
Ringsum späht, das Terrain sondirt, dann plötzlich im Fluge
Durch die Pforte hinstürmt, zu holen Aepfel und Milchbrod.

 

Schimmelpfennig wurde nun von mir wie ein Wegelagerer geschildert, der von seinem Raube auch Nutzen zu ziehen sucht. Denn indem er unser Brod und unsere Würste confiscirte, verwandte er sie für seinen eigenen Haushalt und hatte täglich das Interesse, einen reichen Fang zu thun. Seiner Schlauheit angemessen ist es nun, so viel Schüler wie möglich herauszulassen. Je mehr in die Falle gehen, desto fetter und reichlicher die Bissen. Schnapphahn postirt sich hinter die Thüre. So wie nun ein unglücklicher Fourageur hineinschießt in die Thür, hat ihn Schimmelpfennig beim Kragen und pfändet ihn aus. Mit einigen Ohrfeigen dafür versehen, rennt der Geplünderte in die Klasse, froh, wenn er keiner weiteren Strafe verfällt. Schimmelpfennig straft weiter nicht, auch stellt er sich nicht alle Tage in die hohle Gasse, sondern er macht die jungen Hasen sicher, so daß sie ihm bei einem allgemeinen außerordentlichen Jagen nicht entgehen können. Dies Alles hatte ich in Homerschen Versen besungen und auch zum Schluß jene Scene nicht vergessen, wo Schimmelpfennig an seine Haushälterin und deren Kinder (die ihm sehr ähnlich sehen) die Brödchen und Aepfel vertheilt, die er erbeutete. Lieber Vater, diese Groteske kam heraus, ich meine, sie wurde verrathen, und ich mußte durch achttägigen Carcer die Folgen erkennen lernen, welche ich mir durch die Bestimmung, welche du mir gegeben hast, dereinst noch im Großen zuziehen werde. So viel sah ich ein, wenn ich unbehelligt bleiben will, muß ich mehr dem Geiste eines Lichtenberg, als dem eines Kästner nachstreben. Jener hielt sich an Sachen, dieser an Personen. Jener verspottete Gruppen, dieser Einzelne. Was ich, lieber Vater, noch sonst aus meiner nächsten Sphäre aufgegriffen habe, will ich dir nicht schicken, z. B. eine Satire auf meinen Nachbar. Ich will mich aber in allgemeinen Gegenständen versuchen und dann um dein Urtheil bitten. Ich studire fleißig die Kirchenväter und bleibe dein treuer Sohn ?Alboin.«

Blasedow war über diese Briefe höchlichst zufrieden und trennte sich, da ihm der Gedanke an seine so trefflich gedeihenden Söhne immer heimlicher und wohnlicher wurde, von seiner Frau, dem Amte und der Umgebung immer mehr.

 


 

Sechstes Kapitel.

 

Das Stelldichein.

 

Wo sollt es aber mit den Brüdern hinaus! Kamen doch die wichtigsten und wegen ihres sittlichen Charakters geachteten Personen der Stadt, ein Blaustrumpf, ein Wiesecke, ein Weckenesel, Weckenesel hatte, obschon nur Inspector, mehr Gewalt über die Akademie, als Silberschlag. Wollte man etwas von ihm, so mußte man nicht mit den deutschen Katholiken beten: Heiliger Januarius, bitt für mich bei Gott! sondern mit den neapoletanischen: Lieber Gott, bitt für mich beim heiligen Januarius! ein Schimmelpfennig, darin überein, daß diese jungen Leute das ganze fürstlich Sayn-Saynsche Schul- und Unterrichtswesen von Grund aus verdärben, das Reine ansteckten, die Gemüther halsstarrig und zu Empörungen geneigt machten. Sie waren ein in das Wasserglas der Schulabrichtung geworfenes Salz, das sich allmählich darin auflöste und oben lauter windige Blasen trieb. Sie waren diese Feuchtigkeit, welche die ganze lateinische Jugend Kapuths wie junge Häuser stockig machte. Jener Kreis von allgemein anerkannten Stadt und Landespatrioten zog sich immer enger zusammen und suchte das Quartett des Aufruhrs zu ersticken. Nur dem Aeltesten beizukommen, war schwer, da er sich in einer gewissen anständigen Art zu geben wußte. »Aber,« sagte Blaustrumpf, »gerade dieser Schein von Ehrenhaftigkeit ist es, der die größten Verbrecher aller Zeiten ausgezeichnet hat und namentlich den Räuberhauptleuten jenen Nimbus gab, der ihnen unter ihrer Bande eine meist abergläubische Verehrung verschaffte. Ja, hat sich Catilina nicht gerade durch einen gewissen Adel in seinem Benehmen ausgezeichnet und durch einen äußern Schein alle jene Laster verdeckt, die er im Geheimen und gewiß nicht ohne Mitwissen Cäsars trieb? Wie viele Mörder und vorsätzliche Brandstifter wußten nicht selbst auf dem Galgen noch einen Anstand zu behaupten, der dem Henker mehr Angst machte, als sie in ihrer Verstocktheit selbst empfanden! Ich will,« fuhr er noch jüngst in seinem Kränzchen, welches er gegen die Tractatenverbreitung gestiftet hatte, fort, »ich will nicht mehr viel von dem Vergangenen sprechen; aber gestehen müssen wir doch, daß schon jene Geistererscheinung, welche der Bursche, zum Spott des Consistoriums und der Umgegend, in Kleinbethlehem aufführte, einen Grad von Verruchtheit offenbarte, der, wenn er sich nur wenig gesteigert hat, schon der gefährlichsten Unternehmungen fähig wäre. Die Mitschuldige jener Mummerei, welche mich in die Tage zurückversetzt, wo das Gespenst in Tegel so viel Schrecken verbreitete, die Tochter des sonst vorurtheilsfreien Tobianus, dient jetzt in dem Höllensteinschen Hause als Gesellschafterin; er besucht sie, und wer weiß, ob sie auch hier nicht wieder, und vielleicht in einem gefährlicheren Sinne, unter einer Decke spielen! Aufrichtig gesagt, Herr Registrator, ich begreife nicht, wie Sie Ihre respectable Person mit einem so zweideutigen Wesen haben in Verbindung setzen können!«

Der Registrator hatte sich längst entfärbt und zitterte vor Wuth. Er mochte den Gedanken an Sophien um so weniger aufgeben, als sie ihn dazu noch nicht aufgefordert hatte, und die Schlaue auf alle Fälle einen Rückzug sich offen zu halten schien: einen in die Jugend, einen in das leichtfertige und den dritten in das gesetzte Alter. »Ich bitte um Entschuldigung,« sagte er, um den Consistorialrath zu veranlassen, ihn darum zu bitten, »Sophie ist ein unschuldiges Geschöpf, das nur im Bewußtseyn seiner Reinheit jenen falschen Schimmer nicht zu scheuen braucht, den eine theils schwierige, theils harmlose Stellung wirft. Würde die Baronin Celinde, diese keusche Nachtviole, Sie kennen diesen überirdischen Hauch eines mehr Engels als Weibes.....« ? »Ach,« unterbrach Frau Doctor Mörder diese poetische Schilderung, die auf Sophien einen Abglanz werfen sollte, »wer kann das Innere dieses Hauses errathen! Die stillen Wasser sind die unreinsten. Die Baronin scheint an dem reizenden Burschen« (hier griff Mörder zur Theetasse, um den kalt gewordenen Inhalt zu leeren, und Wiesecke schon beinahe nach dem Stock) »nicht weniger Gefallen zu finden, als die Gesellschafterin. Der würde nicht den Kopf so hoch tragen können und solche rothe Wangen haben (während es ihnen oft am Nöthigsten fehlt, und der Wirth keine Miethe bekömmt), wenn ihm nicht irgendwo die schwarzen Locken gekämmt und die Barthaare gestutzt würden.« Frau Mörder sprach dies mit einem so sichtlichen Verlangen, es in dieser Zutraulichkeit den vermeintlichen Sünderinnen nachthun zu dürfen, daß Registrator Wiesecke, als hätte er sich auf das Nadelkissen der Doctorin gesetzt, aufsprang und das ganze Kriegsministerium vorschützte, um nur freie Luft und Rache schöpfen zu können. Sey es nun, daß er von Sophiens Treue eine so gute Meinung hatte, wie sie gewiß von der seinigen; sey es, daß er von dem Baron Satan von Höllenstein, seinem Vorgesetzten, die gemessensten Befehle hatte: genug, er wollte wenigstens den Schlachtenmaler einen Blick auf das Gemälde seiner noch immer ungetrübten Hoffnungen werfen lassen und ersann sich einen Brief, den er ihn bitten ließ, da er ja täglich das Höllensteinsche Haus besuchte, noch heut Abend mitzunehmen. Die Oblate des Billets feuchtete er mit den Flüssigkeiten seines Mundes so heftig an, daß es lange währte, bis sie getrocknet seyn konnte. Er wünschte, daß Schlachtenmaler sich selbst von dem zuversichtlichen Tone überzeugen sollte, den er das Recht hatte gegen Sophien zu gebrauchen. Nicht einmal ein Petschaft (sonst waren es immer zwei schnäbelnde Tauben) drückte er darauf, damit Schlachtenmaler ganz leicht sehen könne, welchen Uriasbrief er an Sophien hinterbringen müßte. Dieser, eben im Begriff, Celinden zu besuchen, nahm den Brief mit und las ihn, da er offen genug war. Wiesecke sprach wie trockenes Verstandesholz, das durch übermäßiges Reiben plötzlich zu rauchen anfängt und zündet. Eine Wärme, wie von nassem Heu, sprach sich darin aus, die Romantik schweißiger Händedrücke, wie Schlachtenmaler sagte. Das Drolligste war ein Stelldichein, was sich Wiesecke für den Abend so keck bestellte, als wär es ein Fußbad. Er drückte das Papier wieder zu und hoffte dem Stelldichein einen Fuß zu unterstellen. Sophie wollte den Brief nicht nehmen, als er an ihr vorüberging und zu Celinden eilte, mit der er die griechischen Tragiker in deutschen Uebersetzungen las. Sie hielt ihn fest und schalt ihn seiner Zerstreuung wegen. Da er Celinden zueilte, zog sie ihn mit Gewalt in ein von ihr entferntes Zimmer und weinte, weil sie nicht mehr wisse, wohin. Es wäre ihr das Liebste, wenn er mit ihr fortginge. Er machte sie mit Salbung auf die Pflichten aufmerksam, die sie gegen den Registrator hätte; allein dieser war bei ihr immer nur die äußere, schützende Schale für einen Kern, den Schlachtenmaler errieth, aber aus Achtung vor Celinden nicht aussprechen wollte. Geräusch nebenan trennte Beide, und Schlachtenmaler trat beklommen, wie jeden Abend, zu Celinden, die ihn längst erwartet hatte.

Die zartesten Gespinnste hatten sich seither um diese beiden Menschen gelegt. Sie tauschten Alles gegeneinander aus, was die Veranlassung und dauernde Grundlage der Liebe ist, ohne an diese selbst zu denken oder sie gar zu nennen. Beide nahmen sich wie Aufgaben, die sich zu lösen hätten: denn Celinde schwärmte dafür, den jungen Mann von den Uebertreibungen seines Gemüths und all den Narben und Höckern seines Wesens zu befreien. Er dagegen suchte ihr Geschmack an dem Satze beizubringen, daß alle Dinge zwei Seiten haben; sie, daß die Wahrheit und die Schönheit nur eine einzige, ewige und unveränderliche Form hätte. Was er in hundert Falten legte, das zog sie in eine schöne und aufrichtige Ebene auseinander. Sie hatte ganz den Enthusiasmus junger Frauen, Jünglinge, die sich vom Gegebenen allzuweit entfernen, auf das Leben und seine Gesetze zurückzuführen, und sorgsam hütete sie an dem Paradiese ihrer Gespräche, wie ein Engel mit dem feurigen Schwerte, um ihn immer wieder in die Hecken zurückzutreiben, wenn er sie zu überspringen und, wie sies nannte, nicht gut zu seyn drohte. Und er dagegen! Wie gern hätt er sie für den Humor empfänglich gemacht, und wie wenig gelang es ihm mit Jean Paul, sie dahin zu bringen, wohin er sie bringen wollte! Sie hatte ein durchaus klassisches Gemüth, das an dem Humor nie die Doppelstimme unterscheiden konnte, sondern im raschen Umflug ihres pochenden Blutes alle Farben gleich wieder in eine verwandelte, in die blaue, die Farbe des Vertrauens und der treuen Beruhigung, gleich dem Azur des Himmels. Sie ertappte ihn gleich, wenn er, wie strengere Richterinnen würden gesagt haben, in Thorheiten verfiel, oder, wie ers sich oft selbst später im Stillen eingestand, wenn er faselte. Er konnte locken und blasen und die schönsten Töne aus seinem poetischen Wunderhorn zaubern, sie ging nie mit ihm in den Wald der Grübelei, wenn er nicht die gebahnten Fuß- und Fahrwege einschlug. So hatte sie, ohne es zu wissen, sich die keuscheste Unschuld in ihren Gedanken erhalten, den einzigen zauberhaften Brunhildsgürtel, der stark genug ist, Frauen zu wahren selbst gegen Siegfriedsanfechtungen, solange sie nämlich geistig bleiben und nicht, wie in der alten Sage, körperlich werden.

Oft aber, und gerade heute, war Celinde doch nur ein schwaches Weib und der Liebe so nahe, daß nur noch das Geständniß fehlte, was freilich Alles ist, und das nie kommen wird, wo man sich der Schuld nicht bewußt ist. Sie fühlte sich so tief in die Empfindungen ihres Freundes hinein, daß sie ihm ansehen konnte, wie er litt, wenn sie Andern gehörte, die kein größeres Recht auf sie hatten, als er oder ihr Gatte. War er doch schon oft abgewiesen worden, wenn sie Gesellschaft gab, und hatte geschworen, nicht wieder zu kommen! Und nun, statt ihn über das Unumgängliche aufzuklären, litt sie mehr darüber, als er, und schämte sich, wenn sie ihn wiedersah, weil sie doppelt fühlte erstens ihr Unrecht und dann seine Kränkung. So war es gestern gewesen, und heute wagte sie nichts davon zu erwähnen und saß still und fast beschämt da, als er kam. Er trat mit jener vornehmen Entsagung ein, die aber die Mischung einer Entbehrung und eines Stolzes ist, der sich über sie hinwegsetzt und verrathen soll, wie wenig ihm an etwas gelegen, das er nicht haben konnte. Er schlug den Solgerschen Sophokles auf und las die ersten Scenen aus Elektra. Mit erstickter Stimme, die aus einer schwer belasteten Brust sich mühsam hervordrängte, gab sie das Zeichen ihres Verständnisses seiner Erklärungen. Als er schon beim ersten Chor war, und ihr Alles bunt durcheinander lief, fragte sie ihn, ob er zürne, und gerieth, da er antwortete: weßhalb? nun erst recht in Verwirrung: denn sie mußte doch annehmen, daß es ihn kränken könne, ihre Fenster hell erleuchtet und sie nicht selber zu sehen. Es währte lange, bis Schlachtenmaler das ängstliche Schweigen durch ein geborgtes Lachen arithmetisch aufgehen machte, und Celinde dann, um doch etwas zu haben, um sich rächen zu können, ihm sagte: er thäte doch Alles, um ihr den Sophokles zu verleiden! Sie sprach diesen Schmerz, den ihr die griechische Literaturgeschichte einflößte, mit so viel Wahrheit aus, daß Schlachtenmaler fortfahren wollte; aber sie nahm ihm das Buch und schlug es zu. Der junge Mann war einen Augenblick still; dann sagte er: »Und nun seh ich wohl, was ich bin: das Buch ist zu, und die Thür geht auf.... Ich sollte nun gehen und werde es auch.....« Celinde sagte nichts früher, bis er wirklich aufstand. Da sprach sie denn endlich: »Eine Brücke muß es zwischen uns geben, lieber Oscar, eine schnell aufgeschlagene und abgebrochene Schiffbrücke. So unmittelbar würden wir uns auch nie verstehen; unsere elektrische Kraft muß erst einen Leiter haben. So zünden manche Raketen erst, wenn sie ins Wasser kommen. Wir müssen uns wirklich nur durch Bücher, Musikalien und Zeichnungen nähern und in der Sprache dieser Dolmetscher uns unterhalten. Das sehen Sie gewiß ein und rücken mirs nun vor, als hätten wir nur mit einander zu lesen und zu zeichnen und Musik zu machen.« Schlachtenmaler war gewiß harmlos und achtete die Schranken, die ihm die Verhältnisse zogen. Deßhalb kränkte Celinden gerade sein Drängen und sein Ungestüm; sie wußte, wie edel er von sich und ihr dachte, nur hatte sie schon oft an ihm tadeln müssen, daß Männer überhaupt ihre Kraft gern in den Vorgrund schieben und, wie Hercules mit der Keule, bloß spielen, während sie doch gezähmt sind und recht gerne spinnen, wenn es eine Omphale verlangt. »Kein Mann,« sagte sie ihm, »kann doch so groß seyn, daß er ein Weib achtet, ohne mit den Vortheilen zuweilen zu drohen, welche er freilich voraus hat, wenn die Achtung erwidert wird. Nur die Männer sind es, welche gemischte Freundschaften unmöglich machen. Sie sind wie gezähmte Thiere, bei denen man immer gewärtig seyn muß, daß sie einmal plötzlich wieder in den Zustand der Wildheit zurückfallen.« ? »Nun,« sagte Schlachtenmaler, »zähmen Sie diese Leidenschaften!« und führte Celinden ans Klavier. Sie ging widerstrebend und mischte in die Noten, die sie suchte, noch die abgerissenen Worte: »Ich bin wahrhaft unglücklich mit Ihnen. Ich hege für Sie die reinste und innigste Freundschaft, und Ihre Unbeständigkeit macht mir meine Treue so schwer und dornenvoll.« Sie klingelte heftig, um Sophien zu rufen, die doch jetzt, wo sich die Stunde in eine Erholung verwandelt hatte, nicht fehlen durfte. Sie kam nicht. Sie klingelte stärker. Sophie ließ nichts von sich hören. Schlachtenmaler hatte den Hut in der Hand und draußen mit dem Fuß auf und schwur, nie wieder zu kommen.

Es war ein dunkler Abend, herbstfeucht. Schlachtenmaler wandte sich in den Hof und ging in den Garten, weil er gehen und sich doch nicht trennen mochte. Er blickte auf den Hof zurück; Alles war dunkel, nur Sophiens und die Fenster der Dienerschaft waren helle. Wenn die Sentimentalität darin besteht, daß man seine Gefühle nicht nennen kann, so war Schlachtenmaler im höchsten Stadium derselben. Denn was durchkreuzte sich nicht Alles in seinem Innern! Eine Völkerwanderung von Gefühlen und Vorstellungen flutete über ihn her; Altes starb, Neues kam; er war in einer Stimmung, wo man von der Unschuld der Welt überzeugt ist und doch Alles in ihr anklagen möchte. Ueber wen wären so nicht zuweilen die Wellen eines erlebten Tages zusammengeschlagen, bewußtseynraubend, erstickend und doch immer wieder einen Moment ebbend, daß man Athem schöpfen kann zum neuen Andrang der Flut! Sein Stolz und Muth machten ihn zum Götterbild, welches an hundert Stricken geschleift und zertrümmert wird. Hier zog eine Macht, dort stieß eine andre zurück. Er sank wehmüthig auf den feuchten Rasen einer Bank.

Nur zu grell flackerten wie Strohhalme alle seine Verhältnisse vor ihm auf. Bis in die ersten Tummelplätze seiner Jugend grub er sich hin und empfand jetzt erst recht, wie frostig die Hand des Schicksals war, die ihn früh gesegnet. Wo ihm etwas nicht schwarz genug in seinen Erinnerungen schien, da zog er seine Brüder heran und empfand statt ihrer ein Los, das sie noch nicht so reif wie er unterscheiden konnten. Die Thränen stürzten ihm, wie ein unbemerkter Bach, in die Gräben hinein, die er zog, als ihm die graue Gestalt seines Vaters überall in seinen Vorstellungen begegnete, und er sich wohl sagen mußte, welch ein reicher Lebenstrieb an diesem Manne in ein so frostiges Klima gestellt war! »Wie steht er da,« flüsterte er sich zu, »ein Fruchtbaum mitten unter Tannenkiefern, eine indische Palme auf deutschem Sande! Versteinert sind schon seine Gefühle, und das Moos der Kirchhöfe zieht sich über die geborstene Rinde seines Herzens. Er ist eine Cisterne in der Wüste, die Niemanden mehr erquickt, weil ihr Inhalt sich in Salz verwandelt hat. Was hätte er wirken können, wenn er in dem Laub, das von seiner Krone fällt, sich hätte betten und nach und nach seinen nächsten Umkreis mit dem abgelegten Winterschmucke düngen können! Wie fett würde dann sein Boden geworden seyn, während ihm jetzt der Wind des Schicksals oder die Bettlerlage, in der er lebt, Alles gleich fortstiebt, was er zum Schutz seiner Entwickelung hätte brauchen sollen! Nun seh ich ihn einsam in dem Gespinnst seiner Hoffnungen leben und von der Treibhauswärme der falschen Erziehung, die er uns gab, den Emporwuchs eines majestätischen Urwaldes erwarten, unter dessen säuselndem Schatten er selbst wieder die wilde Freiheit der Selbstbestimmung zu gewinnen hofft, die er seinem verfehlten Lose opfern mußte!«

Das mußte dem jungen Manne wie ein krampfhaftes Lächeln über die Wangen fahren: Treibhauswärme! Und doch fühlte er, wie Alles, was er konnte und verstand, nur leise in den Flugsand gedrückt war oder wie Zwiebeln über einem Wasserspitzglase lag, ohne daß man die weißen langen Wurzeln schon hätte sehen können. Er mochte die Welt, die Wissenschaft und Kunst mit starken Armen umfangen, und es fehlte ihm die innere Reife, um den zärtlichen Bund durch tiefe Kenntnisse und geregelte Worte zu befestigen. Nur sein Eifer und sein ungestümer Drang war da. Er fühlte, daß er damit Alles erobern, aber nichts behaupten konnte. Was war überhaupt sein Antheil und seine Hoffnung aufs Leben! Weder für das, was er seyn sollte, noch für das, was er seyn mochte, hatte er die nothwendigsten Voraussetzungen; und wie er ? so seine Brüder, für die er, klar geworden über das verfehlte Erziehungsprincip, eine väterlichere Stimmung hatte, als der Vater.

Und was sind alle diese von den Umständen selbst gegebenen Gefühlsanklänge, diese unvermeidlichen Echos der ausgeführten Lebensmelodien, gegen jene Fülle von verworrenen Dissonanzen, die auf jugendlich-strebende Gemüther eindringen, wenn sich einmal der Nachtthau der Melancholie in ihre Kelche legt! Ach, ein so schwerer Alp lag auf seiner Brust. Es drückte ihm eine so ungeheure Last fast das Herz ab. Es war dies Celinde nicht allein, die wie ein Kranz von entwurzelten Vergißmeinnicht sich um den feuchten Feldstein in der Mitte zog, der sein ganzes Leben und Daseyn bedeutete. Es war mehr als diese Thorheit, welcher sein gesunder Sinn nicht lange nachzuhängen vermochte. Nennen konnte er es aber dennoch nicht. Er hätte es vielleicht ein ander Mal so beschrieben: Gewiß schlägt Gott irgendwo die Saiten der Weltregierung so heftig an, daß ein zitternder Nachhall den ganzen Resonanzboden der Schöpfung erschüttert, und etwas in uns bebt, das vom Zwerchfell gerade das entgegengesetzte Organ ist. Oder sollt es wahr seyn, daß wir einst schon auf einem schönen Planeten gelebt haben, ohne es wissen zu dürfen oder zu können? will sich vielleicht die göttliche Erinnerung des Plato einen Weg über die dicke Hornhaut unseres tellurischen Daseyns bahnen? meldet sich so geheimnißvoll das, was wir vergessen haben? Aber zum Beschreiben ist es nicht und auch unnütz, da ein jedes Herz, das tiefer liegt, als das Niveau der gewöhnlichen Menschennatur, da ein jedes jugendliches Gemüth, welches die Einsamkeit gesucht und die lockende Nixensprache der in ihr schlummernden Geheimnisse nicht gefürchtet hat, fühlen wird, was Schlachtenmaler damals fühlte. Wehe dem Jünglinge, dem es nicht manchmal war, als gingen ihm alle Glieder von seinem Leibe ab, und als wär er nicht mehr!

Indem Schlachtenmaler durch die langen Weinlaubgänge wandelte und, was ein Rheumatiker nicht hätte thun dürfen, die feuchte, nebelhafte Ausdünstung derselben wie Kühlung seiner innern Glut einsog, zuweilen auch wohl ein Spinnengewebe zerreißen mußte, das über dem Wege hing, war es ihm, als bemerkte er in dem Pavillon mit der künstlichen Aussicht Licht. Doch verglomm der Schimmer sogleich, wie er ihn sah. Nun aber war es ihm, als huschte am Ende des Weinlaubganges ein Schatten vorüber, der nur von einer menschlichen Gestalt kommen konnte. Sollte sich wirklich, errieth er sogleich, die Liebe des hektischen Actenmenschen so entzündet haben, daß sie ihn mit Fieberhitze in den feuchten Garten zu dem gewünschten Stelldichein trieb? So hatte Wiesecke nicht bloß eine Anstellung beim Kriegsdepartement, sondern auch Muth! Er wußte nicht bloß ein Register über die Pistolen der Landesarmee zu führen, sondern trug wohl selber welche? Schlachtenmaler konnte der Versuchung nicht widerstehen, auf ihn Jagd zu machen. Als er dort stand, wo er den Schatten erblickt hatte, sah er nur noch den Pavillon wieder ein wenig aufblitzen. Er spitzte seine Sehkraft, um durch das Dunkel, das ihn rings umgab, zu dringen. Er stand, als er nichts mehr sah, selber still und drückte sich zur Erde, ob er wo gehen hörte. Nun war ihm fast, als hörte er Schritte, und bog sich in die Höhe und sah auf Jemanden in der Nähe des Pavillons, der bald hinaus-, bald hineinging. Schlachtenmaler hätte dem Registrator diese Sicherheit nicht zugetraut. Die Wahl des Ortes aber, gestand er sich, machte ihm Ehre: denn der Tempel war nach dem zu Knidus eingerichtet und hatte zwar keine Hierodulen zu Priesterinnen, aber doch Sophas und verschließbare Fenster und Thüren. Indessen ging er auf ihn zu und sah oben die lange Gestalt in einen wahrscheinlich zum Train der Landesarmee gehörigen Reitermantel gehüllt. Der Wartende schien ihn zu bemerken und rief leise: »Sophie!« ? »Wart,« dachte Schlachtenmaler, aus Aerger, daß er sich nicht getäuscht hatte, »ich blase dir das Pulver von der Pfanne.« Damit lief er schnell die Anhöhe zum Pavillon hinauf und trat den Harrenden so heftig und schnell an, daß dieser zurückfuhr und vor Schreck den Mantel von der einen Schulter fallen ließ. Schlachtenmaler schoß aber eilig an ihm vorbei und den andern Theil des Hügels wieder hinunter. Ein Unbekannter, mit dunkelm Barte, hatte ihn angestarrt. Nun fürchtete er Verrath und lief an die Gartenthür zurück, durch welche Sophie so eben hineinschlüpfen wollte. Er zog ihr im Nu die Haube tief auf die Nase hinunter und eilte davon. Er wollte nun gewiß das Haus nicht mehr betreten: denn er zweifelte nicht, daß der Posten am Pavillon der Baron Satan von Höllenstein gewesen war.

 


 

Siebentes Kapitel.

 

»Der Journalismus ist eine Pest.« Löffler über die Gesetzgebung der Presse.

 

Darum gerade mußte die Relegation für die Brüder so schmerzhaft seyn, weil diese Mine in einem Augenblick sprang, wo sie es am wenigsten erwarteten. Sie hatten bei dem bevorstehenden Winter sich vorgenommen, ihre Eingeweide in Erz zu verwandeln, wie es von jenem alexandrinischen Grammatiker heißt: er war so außerordentlich fleißig und konnte so anhaltend arbeiten, daß man glauben mochte, er hätte einen ehernen Unterleib. In dem Augenblick ließ die Clique den Mordschlag springen, und die vier Brüder waren relegirt.

»Ich sage, dies ist ein Glück für uns,« tröstete der Aelteste. »Ein Kaufmann fallirt lieber bei Zeiten, als daß er durch zu langes Hinhalten seines zerrütteten Zustandes sich um alle Möglichkeit bringt, durch Credit wieder aufgerichtet zu werden. Besser, sie weisen uns ab, wo wir noch nichts geleistet haben, als daß sie unsern Fleiß und lange ihrem Reglement geopferte Jahre durch ihren unverbesserlichen Haß zunichte machen. Der Kessel unsers Dampfbootes sprang am Ufer und noch nicht auf der hohen See. Nun gilts einen tiefen und entschlossenen Griff in die Urne des Schicksals.«

Besser, meinten die Brüder, sie könnten recht tief und entschlossen in ihren Geldbeutel greifen: denn in diesen schiene Sonn und Mond hinein. Die Zubuße der Aeltern wäre Wasser auf einen glühenden Stein und hälfe nichts mehr, als durch kleine Bezahlungen die Wunde ihrer Schulden nur in ewiger Eiterung zu erhalten. Das Verhältniß mit Celinden wäre auch abgebrochen, und die Sophokles-Vorlesung trüge nichts mehr ein. Von Sophien zu borgen wäre doppelt schamlos. In ihrer Lebensart könnten sie nichts herabstimmen, da Schmalhans längst ihr Küchenmeister wäre.

Die Brüder Däumlings im Mährchen konnten nicht verzweifelter über ihre Lage rathschlagen, als die Söhne Blasedows über die ihrige. Ueber den kleinen Stock, den man ihnen mit der Relegation vorgehalten hatte, sprangen sie schon hinweg; aber sie waren rasch aufgeschossene Knaben, viel zu alt, um die Scharten ihres Rufes so bald wieder ausbessern zu können und zu hungern vor den Leuten. Alboin sprach von einer Auswanderung nach Amerika, was ihnen nur erst dann lächerlich vorkam, als sie einsahen, daß sie dort Handarbeiten hätten verrichten müssen. Theobald schlug vor, unter die Soldaten zu gehen; allein die Landesuniform war so geschmacklos, daß sie ihrer Phantasie nicht zusagte. Sie ergriffen das Wochenblatt und durchliefen die Reihe von Dienstanerbietungen in den verschiedensten Fächern; aber nichts war dem Adel ihrer, wenn auch noch so mangelhaften, Bildung angemessen. Und nun schlägt wohl zuweilen der Blitz mitten in eine solche Nacht hinein und zündet so schnell, daß im Nu ein ganzes Gebäude in lichterlohen Flammen steht; alle Zweifel sind besiegt, keine Rücksicht wirft uns mehr Hindernisse in den Weg, die Abhülfe einer Noth ist mit der größten Wollust verbunden, und so fuhren Alle, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, empor, als Schlachtenmaler den blitzschnellen Gedanken, der ihnen mehr als blitzhelle aus der Münze kommende Thaler war, auf den Tisch warf und ausrief: »Wir geben ein Journal heraus!«

Die jungen Leute geberdeten sich, als wären sie von der Tarantel gestochen. Sie turnten über Stühle und Tische fort, wieherten vor innerm Jubel wie junge Rosse, schlugen mit geballten Fäusten auf sich ein, drückten sich unter einander, daß ihnen Hören und Sehen verging, trommelten mit Händen und Füßen, als gält es, die ganze Welt auszupochen, und Amandus schlug so viel Räder im Zimmer, daß wirklich eine Wasserflasche darüber verloren ging, und sie sich erst sammelten, als sie die Scherben sammelten. Was hatte nun der Registrator noch nöthig, seine Mißbilligung des Lärms durch ein ihm vom Wirth gestattetes Anpochen auszudrücken? Er mußte noch immer wie der Todtenkäfer, der in der Wand wühlt, sich zu erkennen geben und hatte diesmal eine schlechte Stunde zu seinem memento mori gewählt: denn Schlachtenmaler, der ruhig am Fenster gestanden und die Steine der Straße gezählt hatte, als wären es Abonnenten, wandte sich um und sagte auch: »Der Schuft ahnt nicht, welche Waffe wir in diesen Augenblick gegen ihn gefunden haben. Der Journalismus ist das geistige Recht des Stärkern in unserer Zeit geworden. Dieser Actenschreiber hat mitgeholfen, uns in die Dinte zu bringen; bringen wir ihn in die Druckerschwärze, so wird er den Unterschied merken. Seine aus vertrockneten Galläpfeln gefertigte Verleumdungsdinte schlägt durch das Fließpapier unserer Unschuld hindurch; aber unsere Druckerschwärze könnte ihm Schriften darauf setzen, die allgemein leserlich und unauslöschlich sind.«

Inzwischen setzten die Brüder Stühle um den Tisch und fingen an, über Mittel und Wege nachzudenken, um zur Erfüllung der glänzenden Vorspiegelungen des Schlachtenmalers zu kommen. Er spann ihnen ein Netz von Vorschlägen und daraus begründeten Hoffnungen aus, in welches ganz Kaputh verstrickt war. Er setzte die Stadt auf dem Papier in Belagerungszustand. Er zeigte ihnen Weckenesel, wie er verzweifelte, daß er jede Mücke, die sich auf das Akademiegebäude setzte, tilgen konnte und nur die gedruckten Fliegenflecke nicht, die sie ihm an die Fensterscheiben seiner egoistischen Verwaltung des Instituts machen wollten. Er zeigte ihnen die Entrüstung Blaustrumpfs, wenn sie Elfenmährchen und Hofmannsche Teufelsnovellen in das Journal aufnähmen und über den Somnambulismus berichteten. Und der Registrator, fuhr er fort, müsse immer in der Luft schweben, als geprellter Fuchs nämlich, indem sie alle Vier die Zipfel ihres Papiertuches ergriffen.

Man kann nicht sagen, daß die Brüder höhere Ideen mit diesen niedrigen verbunden hätten. Das Fürstenthum Sayn-Sayn war weit aus dem Zusammenhang mit den politischen und literarischen Wirren des Jahrhunderts herausgerückt. Es litt nicht einmal consensuell an dem fieberhaften Zeitgeiste und hatte gerade in der Chinarinde seiner chinesischen Mandarinenverwaltung auch schon Präservativ genug in sich, um vor dem Fieber der Revolution sicher zu seyn. Die Brüder waren ohnedies, da Sayn-Sayn nicht zum deutschen Bunde gehörte, allerdings der Censur, aber nicht den Weitläufigkeiten von Concessions-Einholungen und erst zu bestehenden Staatsprüfungen ausgesetzt. Sie hatten keine Abgaben zu zahlen, wie andere Blätter, welche neben dem Stempel der Gemeinheit auch immer den Landesstempel als schützendes Wappen auf sich zu stehen haben. Das Fürstenthum hatte bisher nur zwei Journale: das Kaputher und das Mispelheimer Wochenblatt ? zwei Erscheinungen, die zwar an Perioden geknüpft waren, aber keine Epoche machten. Caution wurde keine verlangt, als höchstens vom Buchdrucker. »Der bisherige landesübliche Journalismus,« sagte Schlachtenmaler, »war nur das erste Kindeslallen der periodischen Presse dahier, Hercules in der Wiege, und doch soll er noch vorher eine Schlange erdrücken.« Die Brüder sahen ihn fragend an; aber er erklärte, sein Plan wäre noch nicht reif. Sie fuhren fort, die Umstände zu erwägen. Die Censur war gewiß gelind: denn es geht ihr wie den reißenden Thieren, sie werden erst wild, wenn sie einmal Blut geleckt haben. Noch waren aber von der Censur höchstens sinnentstellende Druckfehler in den Wochenblättern gerügt worden, und ihr Interesse weit weniger politisch, als grammatikalisch. Früher hatte man zwar keine Censur im Lande; allein, da die Kaputher Baulust, wie früher erzählt worden, und die Dichtkunst mit ihr in Schwung kam, wir meinen, da man anfing, auf jedes neue Haus auch eine passende Inschrift zu setzen, und mitunter wohl eine unpassende vorgekommen war, so hatte die Regierung einen eigenen Inschriften-Censor installirt, der den landesüblichen Lapidarstyl beaufsichtigen mußte. Man rechnete zu dem, was diesem Beamten zugewiesen wurde, nicht bloß die Häuser-Inschriften, sondern auch die Grabsteine und die Bibelsprüche, welche die Töpfer auf das Geschirr setzten. Wer möchte hier Blaustrumpfs Einfluß verkennen, und wer möchte zweifeln, daß Mörder dieses wichtige Amt zu versehen hatte! Blaustrumpf suchte die mystischen Wendungen zu hintertreiben, welche gewöhnliche Leute zu nehmen pflegen, wenn sie im Lapidarstyl sprechen. Hatten doch viele Besitzer neuer Häuser geglaubt, sie dürften Christus und seine bekannte Prophezeiung über den in drei Tagen wieder aufzubauenden Tempel auf seine Art mit ihrer Hausthüre in Verbindung bringen; aber Blaustrumpf befolgte den Grundsatz, daß erstens diese Stelle wahrscheinlich untergeschoben sey, und zweitens, daß die Erwähnung der Auferstehung und ähnlicher Beziehungen immer ein zweideutiges Licht auf das Baucollegium fallen lasse, weil dieses nur noch massiv baue, und Wörter wie Staub, Einsturz u. dgl. hier gar keinen passenden Sinn abgäben. Auf diese Art hatte Mörder alle Inschriften und sogar die der Töpfe und Schüsseln (»denn auch hieher,« sagte Blaustrumpf, »passen Sprüche aus Hufelands Kunst, das Leben zu verlängern, und aus Campes Theophron mehr als Bibelverse«) zu beaufsichtigen. Das Kaputher Wochenblatt machte ihm weniger zu schaffen, als der Lapidarstyl.

So ergab sich denn, daß die jungen Journalisten nur eine Schwierigkeit zu beseitigen hatten, nämlich Druck und Papier. Sie hatten schon die lachende Fernsicht in eine mit Abonnenten gesegnete Zukunft aufgezeichnet, ein Tempel von Ruhm und harten Thalern winkte ihnen; aber, um ihre spätern Schlachten zu liefern, mußten sie Vorschüsse haben. Ihre Casse war leer. Der einzige Buchdrucker in Kaputh war Besitzer des Wochenblatts und würde sich gehütet haben, ohne Bezahlung sich durch Beförderung eines Nebenbuhlers selber wehe zu thun. Sie rechneten: Nehmen wir für das Blatt jährlich zwei Thaler, so werden wir hundert und zwanzig Abnehmer haben müssen, um die Kosten zu decken. Diese zu finden, schien ihnen ein Leichtes in einer Stadt, welche sich durch wissenschaftliche und Kunst-Anstalten auszeichnete, Sitz eines feingebildeten Hofes und der höchsten Landescollegien, wie auch gerade jetzt im Winter Sitz eines Theaters war. Es fehlte nur ein Drangeld, ein Anstalt für das Ensemble, welches sie mit dem Buchdrucker aufführen wollten. Schlachtenmaler besann sich, war lange stumm und erklärte dann, er wüßte ein Mittel, zu Geld zu kommen; dasselbe hätte die Eigenschaft, auch noch eine Rache zu kühlen, sonst aber etwas gefährlich zu seyn. »Indessen,« fuhr er fort, »könnte Einer von uns im Nothfalle dazu kommen, acht Tage sitzen zu müssen. Die französische Journalistik kömmt ja aus den Gefängnissen gar nicht heraus, und ich wette noch, daß ich die Sache wenden kann, wie ein Advocat.«

Hätte Schlachtenmaler auch nicht leiser gesprochen, die Brüder würden doch errathen haben, auf wen er sein Vorhaben gemünzt hätte. Sie sahen ihn als die eigentliche Ursache ihrer Relegation an und rechneten ihm sein mehrmaliges Anfragen, ob sie denn heute nicht in die Schule gingen, als heimtückischen Spott an. Schlachtenmaler flüsterte: »Er soll erstens ins Wasser und dann noch Geld zahlen, daß wir ihn wieder herausziehen.« Er sprach so leise, daß die Muse abbrechen muß und nur aus dem, was folgt, auf den Inhalt seiner Worte rathen kann.

Niemanden vergeht die Zeit so schnell, als Schriftstellern, die für sie schreiben. Der Journalist hat nie Langeweile; versteht er seine Aufgabe, er kann nie Hypochonder werden. So jagen jetzt auch schnell die Horen im wilden Tanze an uns vorüber. Die Brüder leben in ihren Planen und üben sich in der Sprache. Sie dichten und beurtheilen sich untereinander. Sie schreiben Recensionen über Bücher, die sie nicht gelesen, über Schauspieler, die sie nicht gesehen haben. Sie gleichen jenen Advocaten in Neapel, die im Gerichtshof, wenn Fremde kommen, über Criminalfälle disputiren, welche nur erfunden sind und ihre Beredsamkeit zeigen sollen. Sie übten sich an Türkenköpfen, um künftig im Turnier christliche zu treffen. Schlachtenmaler vergaß die Akademie, Amandus die Ofenfabrik, die sie doch noch immer besucht hatten. Oscars Talent zu einem zweiten Wouvermann kam immer mehr außer Uebung. Er zeichnete Carricaturen, um das Journal damit zu schmücken. Die Theaterkritik trat er, während die Jüngeren Gedichte und Novellen schrieben, an Amandus ab; er sagte: »Eigentlich sollte sie der schreiben, der am wenigsten Bart hat, oder der sich selbst rasirt.« Er erklärte ihnen dies: Man könne unmöglich humoristischer und satirischer Schriftsteller, d. h. auch Theaterrecensent seyn und zu gleicher Zeit sich von einem Andern rasiren lassen. Wer könnte einen Kopf voll lustiger Einfälle einem Barbier anvertrauen? Alle seine Gesichtsmuskeln wären oft zum Lachen verzerrt, ein drolliges Bild falle ihm unter der Hand des Barbiers ein, und seine Nase wäre stets auf das Spiel seiner Einbildungskraft gestellt! Er könne nicht glauben, daß Swift und Moliere sich hätten rasiren lassen: und der Tyrann Dionysius, wüßte man nicht bestimmt, daß er mehr zum Schauderdrama, als zum Lustspiel geneigt war, würde deßhalb für einen Humoristen gehalten werden können, weil er sich seinen Bart mit heißen Nußschalen abzwicken ließ.

Kaum hatte Schlachtenmaler dies ausgesprochen, als sich im untern Hause ein Lärm erhob, und eine zeternde Stimme die Treppe heraufdrang. Schlachtenmaler hatte das neueste Wochenblatt, das er vom Hauswirth zu leihen pflegte, noch ganz naß in der Hand und warf einen verstohlenen Blick hinein. Indem stürzte der Registrator Wiesecke und der Wirth, dessen Ehehälfte und Geselle ins Zimmer und verlangten im Chor nach dem Wochenblatt. Wiesecke schlug die Hände über den Kopf zusammen: denn er hatte es schon gelesen, und die Brüder wußten gar nicht, was sie zu diesem Ueberfall sagen sollten. »Entschuldigen Sie, Herr Blasedow,« sagte Wiesecke lauernd und leichenblaß; »zeigen Sie einen Augenblick das Wochenblatt. Lasen Sies noch nicht?« Schlachtenmaler entfaltete es und stellte sich, als säh er nicht, was er längst gesehen hatte. Der Hauswirth setzte die Brille auf, seine Frau stand auf den glühendsten Kohlen der Neugierde, und der Gesell blickte schadenfroh auf den Registrator, der mit zitternden Händen in dem Blatte suchte, es dann dem Schuhmacher hinhielt und wie vernichtet ausrief: »Lesen Sie!«

Dieser buchstabirte: »Zehn Thaler Belohnung demjenigen Menschenfreunde, welcher im Stande ist, mir den Verfasser eines frechen, ehrenrührigen, alle meine Privatverhältnisse auf das schimpflichste entstellenden und gestern zugesandten anonymen Briefes nachzuweisen. Wiesecke, Registrator.«

Schlachtenmaler sagte trocken: »Wenn Sie dergleichen schändliche Briefe erhalten, Herr Registrator, so würd ich doch an Ihrer Stelle das Publicum nicht so offenherzig davon in Kenntniß setzen.«

»Ei, so sagen Sie mir nur,« entgegnete Wiesecke, »warum ich das Aufsehen mache? Mein Jesus! Wann hab ich denn jemals einen anonymen Brief bekommen? Diese ganze Geschichte ist ja rein aus der Luft gegriffen und von Jemand anders bloß in das Wochenblatt eingeschwärzt.« Da nun der größte Theil der Anwesenden lachte und damit wie in einem russischen Dampfbade nur auf den feurigen Ofen des Registrators mehr Wasser spritzte und die Schweißtropfen ihm auf die Stirne dicker brachte, so rief er nun, indem er noch einen durchbohrenden Blick auf die Brüder und besonders den Schlachtenmaler warf und dann ging, aus: »Nun aber zwanzig Thaler Belohnung demjenigen, welcher dieses Publicandum geschmiedet hat und, um mich vor der ganzen Stadt in ein falsches Licht zu setzen, den Anwalt gegen Verleumdungen spielt, die mir Niemand auf Gottes Erdboden geschrieben hat!«

Als er hinaus war, und die Wirthsleute kopfschüttelnd ihm nachfolgten, flüsterte Schlachtenmaler: »Bis zu diesem Punkte wollt ich ihn haben. Er setzt das Doppelte auf Entdeckung jenes unberufenen Freundes. Einer von uns muß es freilich gewesen seyn, der die Annonce hat einrücken lassen; allein die zwanzig Thaler sind der Grundstein unserer Hoffnungen; ich wußte keinen andern Weg, sie anzuschaffen. Wir lesen, wer der Thäter gewesen, und ich versichere euch, die Gerechtigkeit wird ihm kein Haar krümmen. Eine Injurie ist die Aufforderung nicht gewesen, sondern nur die Unterstellung einer solchen. Eine Namensfälschung ist sie freilich, allein ohne dolus malus, ohne Interesse. Es kann hier Alles stattfinden, nur keine Klage. Nur den Schwanz zwischen die Beine, die Ohren herunter und dann ? vorwärts!«

Die Brüder fanden den Fall allerdings schwierig; aber Amandus sagte auch: »Was haben wir groß zu verlieren? Alle Wege sind gesperrt; nun laßt Einen von uns auch noch acht Tage in den Thurm kommen. Jetzt möchte ich es selber seyn, um nur recht viel schreiben zu können.« Hatte er ruhmredig gesprochen, so hätte man ihn, da wirklich das Los des Verbrechens auf ihn fiel, muthlos sehen können. Er schlug aber ein Schnippchen und sagte: »Hätte Napoleon den Enghien nicht erschießen lassen, wer weiß, ob dieser nicht ihn!« ? Der dumme Junge!

Der Registrator rannte wie ein angeschossenes Wild über die Flur die Treppe hinunter und trug einen Zettel in der Hand, den er an der Luft trocknete, weil er vielleicht fürchtete, der Streusand könne ihm den Sinn seiner Ankündigung verwirren. Die Brüder waren gefaßt. Sowie der Abdruck im nächsten Wochenblatt erfolgte, entschloß sich Schlachtenmaler, zu dem Preissteller zu gehen und ihm zu sagen: »Mit schmerzlichem Bedauern hab ich sehen müssen, daß die Anstiftung des Scherzes, dem Sie so viel Ernst und Geld widmen, von meinem Bruder ausgegangen ist. Ich kann Ihnen wohl sagen, daß ich glaubte, mich rührt der Schlag, als ich den ersten Entwurf der Anzeige mit Strichen und Verbesserungen unter den Papieren des Schlingels fand. Wenn ich die Summe, die Sie dem glücklichen Entdecker ausgesetzt haben, nicht zurückweise, Herr Registrator, so denk ich dabei nur an meine andern Brüder, die, wenn Sie den Thäter zur Rechenschaft ziehen sollten, um eine unserer Existenz sehr nothwendige, geschickte und gutbelohnte Arbeit desselben gebracht werden. Die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben.« So wollte Schlachtenmaler sprechen. Er, der die Natur seines Vaters geerbt hatte und wegen einer Anleihe von zehn Thalern zehn Nächte nicht hätte schlafen können, entblödete sich nicht, einen Mann, den er und der ihn haßte, zu prellen. Er tröstete sein Gewissen nicht einmal mit der Wendung, die Gelegenheitsdieben von Bildung eigen ist, daß sie hoffen, ihr Verbrechen in Kürze wieder gut zu machen.

Inzwischen wurden die Bausteine zu dem Journal von allen Seiten hergetragen. Man brach die classischen Gebirge der deutschen Literatur an und holte sich Auszüge als Quadersteine für das Backwerk, welches die Brüder aus dem Lehm ihrer eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten zusammenkneteten und im Ofen der Kritik des Schlachtenmalers zu leidlich massiven Steinen brannten. Die Wochenschrift sollte den Titel führen: Nichts. Ein Wochenblatt für Alles. Zu den Vorbereitungen gehörte auch eine künstliche Fehde, welche sie, um dem Publicum Angst und Vergnügen zu machen, aufführen wollten. Sie wollten sich über des Kaisers Bart streiten und griffen sich mit satirischen Lanzen an, welche an der Spitze abgeplattet waren, ohne daß das Publicum es ahnen konnte. Es war ein dramaturgisches Stiergefecht, wo die Wuth der gehörnten Kämpfer lediglich nur von einem bunten Lappen erregt wurde, wobei aber schmerzhafte Wunden vorkamen, aus versteckten Blasen nämlich, die sie mit Fischblut gefüllt hatten. Sie schnitten sich mit Hülfe phantasmagorischer Täuschungen gegenseitig die Hülfe ab und verschluckten die giftigsten Schlangenperioden. Dabei nannten sie sich nicht etwa Hugo, der Rauschebart, Theodor Hell oder Giacomo Descamisado, sondern frischweg Pfarrer Ebeling im W.....schen, Doctor Schnupperer in G., u. s. w. Einstweilen lagen solche künstliche Fehden fertig ausgearbeitet da über 1) die Hundesteuer bei den alten Griechen; 2) das gestrichene F der Primadonna; 3) über die Abschaffung des Klingelbeutels beim Gottesdienste; 4) über die historische Größe des Alterthums; 5) über Deutsch oder Teutsch; 6) über die wichtige Frage: Wer war ein größerer Dichter, Schiller oder Goethe? 7) über Vernunft und Offenbarung; 8) über den Cölibat; 9) über die Emancipation der Juden; 10) über den Dativ oder Accusativ, die das Zeitwort kosten regiert. Und war einstweilen dies nicht Sand genug für die Augen der Abonnenten?

Schlachtenmaler aber wußte, daß ein Prospectus das Schicksal der Zeitschriften entscheidet, und wandte noch die letzten Blätter Papier, die die Brüder, von allen Hülfsmitteln jetzt gänzlich entblößt, aus ihren Schulbüchern vorn und hinten geschnitten hatten, dazu an, die Erscheinung dieses periodischen Nichts-Alles würdig einzuleiten. ? Er schrieb:

 

Denknisse Nicht, um bescheiden zu seyn und uns noch keine Gedanken zuzutrauen, sondern um den Beifall der gelehrten Welt zu gewinnen, machen wir gleich zum ersten Wort unsers Journals eine Note. A. d. R.  über den Journalismus,

als Einleitung in das neue Journal:


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