Blasedow und seine Söhne. Erster Theil

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Erstes Kapitel.

 

Der lateinische Reiter und die Preisaufgabe.

 

Man findet doch gewöhnlich bei den Thieren, daß sich ihr Aeußeres nach der Nahrung richtet, die ihnen reichlich oder spärlich geboten wird. Gemüthsbewegungen hindern bei ihnen die Wirksamkeit des Hafers und der Gerste nicht. Sie werden fett, wenn man ihnen beim Dreschen nicht das Maul verbindet. Doch leidet diese Regel, wie jede, eine Ausnahme, nämlich bei geistlichem Vieh. Der Gaul, welcher dort so eben in das Kreishauptstädtchen hineintrabt und gerade auf den Marktplatz zu seine Richtung nimmt, gehört dem geistlichen Herrn, welcher auf ihm sitzt, ohne Zweifel eigenthümlich zu. An Stroh, Hafer und Heu, an Menschenliebe oder Erbarmen für alle Geschöpfe kann es im Stall eines Pfarrers wahrlich nicht fehlen; allein es muß auf den Zehntengaben ein Fluch liegen: sie gedeihen nicht, sie schlagen nicht an. Deßhalb verhandeln die Geistlichen lieber ihre Zehnten und kaufen sich nachher selber ein, was sie und ihr Gesinde und ihre Ställe bedürfen. Unser Mann da aber ist kein Oekonom, er thut?s nicht; sein Gaul und er selbst brennen vor Magerkeit.

Der Reiter hält vor einem kleinen Laden inne, steigt ab und producirt eine äußerst ausgedehnte Figur. Seine Haltung ist stolz und aufrecht. Seine Mienen verrathen eine gewisse Dürre seines Innern. Man kann ihn weit mehr mit abgesenktem, als frischem Grase vergleichen. Er thut, was er beim Absteigen und Festbinden seines Gaules an einen Baum, der vor dem Laden steht, nicht lassen kann; es kümmert ihn weder der Roland auf dem Markte, noch der Gruß einiger Frauen, die vom Raths- und Rolands-Brunnen in der Mitte des Platzes Wasser holen; er stöhnt und flucht sogar, was von einem Pfarrer und selbst von dem einer Dorfgemeinde schwer zu glauben, aber doch erwiesen ist. Endlich greift er in die Halfter des alten Sattels, den er bei einer Militär-Effecten-Auction einmal erstanden hatte, und zieht nicht etwa Pistolen heraus, wohl aber geistliche Schutz- und Trutzwaffen, eine kleine Bibliothek grau gebundener Bücher, die er in den Laden trägt.

Herr Pauli war schon im Begriffe gewesen, der Ausleerung des Büchermagazins zu Hülfe zu kommen. »Im Pistolenhalfter, Herr Pfarrer?« rief er dem Eintretenden entgegen; »doch freilich die besten Waffen gegen den bösen Feind sind Bücher.«

»Die da, die ich Ihnen zurückbringe, sind aber keinen Schuß Pulver werth,« sagte der Pfarrer sehr trocken. »Hier sind auch die Journale. Wir sind damit immer ein halbes Jahr im Rückstande. Das Christenthum ist schon in den Städten immer hinter der Zeit zurück; nun kann man sich denken, wo wir auf dem Lande damit stehen.«

»Ja, wie soll ich es machen, Herr Pfarrer;« sagte der Papier-, Landkarten-, Schreibmaterialien-Buchhändler und Leihbibliothekar Pauli; »Ihre Herren Collegen sind in der Runde auf zehen Meilen Weges zerstreut. Der theologische Journal-Zirkel verursacht mir die meiste Weitläuftigkeit! Daß die Herren auch das böse Glossenmachen nicht lassen können. Sehen Sie, Herr Pfarrer, hier ist die evangelische Kirchen-Zeitung! Da haben Sie etwas beigeschrieben; ja, ja, ich kenne Ihre Hand!«

Herr Pauli machte eine sehr böse Miene, als er fand, daß der Pfarrer ganze Abhandlungen neben die evangelische Kirchenzeitung niedergeschrieben hatte. »Kann ich so ein Exemplar wieder verkaufen?« fuhr er schmollend fort; »reib? ich alle diese Notizen, da sie glücklicherweise noch mit Bleistift geschrieben sind, ab, so wird das Papier so runzlig, als wär? es durch Wasser gezogen. Herr Blasedow, ach, Sie sollten doch auch auf meinen Vortheil etwas besser bedacht seyn.«

Pfarrer Blasedow hatte diese Standrede erwartet. Er hätte gern Jemand anders mit den Journalen zu Herrn Pauli geschickt; allein er hatte diesmal eine zweite Angelegenheit, die er betreiben wollte, und risquirte die Vorwürfe eines Mannes, der zu vielen Umgang mit Geistlichen pflegte, als daß er Alles, was von ihnen ausging, als zur Ehre Gottes gethan, angesehen hätte. Er suchte Herrn Pauli zu beruhigen: »Lieber Herr Pauli,« sagte er unerschrocken, »meine Bemerkungen, die ich neben die evangelische Kirchenzeitung und die Missionsblätter, neben Tholucks literarischen Anzeiger und ähnliche Geistesvögel schreibe, nützen Ihnen mehr, als wenn Sie sie nach einigen Jahren wieder ausflattern lassen. Ich führe nun schon seit sechs Jahren einen heimlichen Krieg mit allen Pfarrern der Umgegend, eine Fehde, die mir glücklicherweise kein Briefporto kostet. Der ist Rationalist, der Supernaturalist, der glaubt an die persönliche Gegenwart Christi beim Abendmahle, der nicht, der will die Union, der weigert sich; kurz, Herr Pauli, wenn ich nach einem Jahre mir die Journale wieder geben lasse, so hab ich immer das Vergnügen zu sehen, was ich durch meine Randglossen wirke. Ein ganzes Disputatorium wimmelt um die gedruckten Spalten herum, ein Meinungsgesumme schwirrt um diese langweiligen und kopfhängerischen Auseinandersetzungen, das weit interessanter ist, als der Gegenstand selbst. Ich kenne Niemanden von meinen Collegen ? Tobianus ausgenommen ? aber an den bissigen Redensarten in den Journalen werd ich ihrer gewahr. Allein jetzt etwas Anderes. Sie wissen, Pauli: an der Religion oder vielmehr den religiösen Streitigkeiten ist mir wenig gelegen. Mein Fach ist die Erziehung. Sie kennen meine Angelegenheit.«

»Leider hab ich derentwegen,« entgegnete Herr Pauli, »die schlesischen Provincialblätter in meinen Zirkel nehmen müssen. Niemand liest die. Es ist rein nur für Sie, Herr Pfarrer, daß ich die halte.«

Damit überreichte er ihm das neueste Heft. Blasedow ergriff es hastig und schalt in seiner gewohnten heftigen Weise, daß es noch nicht aufgeschnitten war. Eine Scheere in der Hand haltend und gierig in dem Hefte suchend, fiel er endlich auf die Stelle, die ihn am meisten interessirte.

»Es ist gewiß nichts,« bemerkte Herr Pauli mit etwas boshaftem Lächeln; »sonst müßten die dreihundert Preußen schon einmarschirt seyn.«

»Ja, wahrhaftig,« sagte Blasedow, indem er das Heft wegwarf, »es ist in der That nichts. Ein Professor Fritz aus Straßburg hat die Aufgabe gelöst, oder vielmehr die Schafsköpfe von Preisrichtern haben ihm den Vorrang gegeben. Schreiben Sie, Pauli, sogleich, daß man mir meine Arbeit zurückschickt. Wer weiß, was hierbei für Motive obgewaltet haben.«

Man muß nämlich wissen, daß vor mehreren Jahren ein Regierungsrath in Oppeln, dessen Kinder wahrscheinlich eine verfehlte Lebensbahn eingeschlagen hatten, eine Preisaufgabe von dreihundert Thalern in den Zeitungen bekannt machte über die Frage: Wonach sollen Eltern, Vormünder und Erzieher verfahren, um über die künftige Bestimmung und den einzuschlagenden Beruf ihrer Kinder und Pflegbefohlenen zu entscheiden? Blasedow, von einer Ideen-Verwicklung ergriffen, die uns noch länger in diesem Buche beschäftigen, ja, die vielleicht gar die ganze Grundlage desselben bilden wird, Blasedow hatte die Frage in seiner Art zu lösen versucht und erfuhr nun eben, daß die von ihm eingereichte Abhandlung mit dem Motto: Labor improbus omnia vincit, an dem Ziele vorbeigeschossen hatte. Nicht einmal das Accessit hatte er bekommen. Er war sehr niedergeschlagen, nahm an Büchern ohne Wahl hin, was ihm Herr Pauli ausgesucht hatte, und verließ den Laden, um zu seinem Gaul und Dorfe zurückzukehren. Herr Pauli beschwor ihn, indem er ihm zu Roß half und die Steigbügel hinhielt, inständigst: »Lassen Sie doch lieber ihre Bemerkungen unter dem Titel: Randglossen zum heutigen Christenthum, drucken, als daß Sie mir, in der Absicht, ein stillschweigendes tridentinisches Concilium in der Umgegend anzufachen, meine Blätter ?« hier zog sich Pauli zurück und fügte erst, als er schon die Klinke seiner Ladenthüre gefaßt hatte, und des Pfarrers Gaul die ersten Sprünge machte, schnell und sehr laut hinzu ? »ja, verunreinigen! Herr Pfarrer!«

Jeder Mensch hat eine doppelte Geschichte. Die genaueste Aufzählung aller unserer Lebensschicksale ist immer noch unvollständig, es sey denn, daß wir all unser Leben wie einen Ausschlag auf die Haut hinaustreiben und nichts weiter sind, als unser Ruf. Wir müssen mit Blasedow bekannter werden. Wir müssen sein Leben und sein Herz kennen, um ihm manchen Irrthum und manche Thorheit zu Gute zu halten. Das, was wir zu erklären wissen, wissen wir auch zum Theil schon zu entschuldigen. Blasedow ist ein Mann, der wenig Freunde und auch wenig Neider hat. Feinde zu haben und keine Neider ? dann muß man nur reich seyn an abstoßenden Eigenschaften und einen großen Theil der übeln Nachrede, welcher man unterworfen ist, auch wirklich verdienen.

Ich will versuchen, meine Leser Schritt vor Schritt mit einem Manne bekannt zu machen, von welchem ich von vornherein gestehen will, daß er zu den Menschen gehört, von denen die Alten sagten, sie hätten Haare auf ihrem Herzen. Ja, Blasedow hatte sogar Haare auf den Zähnen. Er war so gerüstet und gewappnet, nicht bloß gegen die Außenwelt, was man gewöhnlich so nennt, sondern leider auch gegen jeden Umgang, daß er die einsamste Stellung von der Welt einnahm. Ein Dorf ist nicht ganz so verlassen, daß sich nicht hie und da noch ein Meierhof, eine Fabrik, eine Amtswohnung findet, wo man sich zuweilen am Kamin ein Rendezvous mit Kaffee oder Punsch geben kann. College Tobianus war noch der Einzige, welcher die verödete Pfarrwohnung von Kleinbetteln Eine für die bettelhaften Umstände des Dorfes sehr ominöse Abkürzung für Kleinbethlehem. zuweilen besuchte. Ja, und von ihm sagte sogar das Gerücht, daß es ihm weit mehr um die Mutter von Blasedows Kindern (von seiner Frau sprach Blasedow ungern), als um deren Vater zu thun war.

Wir sind im Stande, über Blasedow sogar eine officielle Notiz zu geben. Unter dem Buchstaben B in dem Blaustrumpfschen Lexikon Sayn-Saynscher Schriftsteller heißt es:

»Blasedow (A[dam?] G[ottlieb?]) geb..... besuchte das Gymnasium in.... die Universität..... ward Hauslehrer.... Pfarrersadjunct in.... Pfarrer in Kleinbetteln.«

Man irrt sich, wenn man glaubt, daß die durch Punkte bezeichneten Auslassungen in dieser Notiz von uns aus Discretion herrühren; nein, gerade so unvollständig, wie hier, lautet auch die Notiz in dem besagten Lexikon. Blaustrumpf, der Consistorialrath, der geistliche Chef unseres Helden, schrieb mehreremal vergebens an denselben um vollständige Ausfüllung des ihm übersandten Schemas. Blasedow weigerte sich, es zu thun, bis er zuletzt durch folgendes kurze Schreiben alle fernere Verhandlungen abgebrochen hatte:

 

Sehr verehrter Herr Consistorialrath!

In Erwägung, daß auf meinen Namen Blasedow unmittelbar der Ihrige in dem Lexikon Blaustrumpf folgen wird, in Erwägung, daß Sie die Welt schon durch so viele berühmte Schriften bereichert haben, welche Sie alle nicht umgehen können in dem Lexikon zu verzeichnen, in Erwägung, daß Sie Ehren- und wirkliches Mitglied von mehr gelehrten Gesellschaften, als es Gelehrte in der Welt gibt, sind; bitt ich Sie, zur vollständigen Aufführung derselben sich auch des mir in dem Lexikon bestimmt gewesenen Raumes bedienen zu wollen, und zeichne

Hochachtungsvoll            
Ihren ergebenen Diener
A. G. Blasedow.  

 

Blaustrumpf begnügte sich, aus dem A. G. wenigstens eine Conjectur auf die Vornamen des spröden und schnöden Mannes zu machen, und nahm sich vor, bei jeder nur eintretenden Vacanz auch anzunehmen, daß Blasedow gar nicht im Lande existire. »Wer nicht in meinem Lexikon stehen will,« sagte er, »der steht auch nicht auf der Expectantenliste.«

Blasedow wußte das wohl, was er von seinem Vorgesetzten zu erwarten hatte. Er war aber zu stolz und zu sehr Misanthrop, um sich etwas merken zu lassen. Desto größer sein Unmuth, wenn er allein war. Man hatte diesen Mann schon angetroffen, daß er vor innerem Grimm zerbrechliche Gegenstände zertrümmerte, oder daß er Stunden lang in die blaue Luft hinaussah, ohne sich auch im geringsten um seine Umgebung zu kümmern. Seine Frau war seine Magd. Er hatte sie mit der Pfarre, wo sie als Wittwe von seinem Vorgänger sitzen geblieben war, mitgeheirathet. Er hielt sie für unfähig, den Horizont seiner Ideen zu erklimmen. Er hatte Niemanden auf der Welt, der es freundlich mit ihm gemeint hätte. Und so, wie sein Herz dachte, dachte er auch nicht, daß er Jemandes bedürfe.

Wir haben jetzt den wunderlichen Mann allein und wollen im nächsten Kapitel die Gedanken zusammenstellen, die ihn auf seinem Heimritte bestürmten. Wenn er uns dabei nur nicht vom Pferde fällt! Er ist im Stande, sich blutrünstig zu sehen und dabei noch keine Miene zu verziehen. Er ist einmal davon überzeugt, daß er der unglücklichste Mensch von der Welt ist. Sein Unglück ist aber dies, daß er glaubt, seine Bestimmung ganz und gar verfehlt zu haben.


Zweites Kapitel.

 

Reitende Phantasien über die Bestimmung des Menschen.

 

»Gott verdamm mich, was für ein elender Schuft von Leihbibliothekar ist das! Und die durchgefallene Preisaufgabe ? er wird mich bei allen seinen Kunden lächerlich machen..... Nun, es thut nichts, was die eine Schulter bis jetzt getragen hat, trägt wohl auch die andere noch. Auch das Unglück hat sein Angenehmes, wenn es nur sicher und entschieden und im Gleichgewichte ist. Besser, wenn man doch einmal hängen muß, daß einem auch noch die Hände gebunden werden. So zappelt man wenigstens nicht und vermehrt durch die Qual, sich helfen zu wollen, die Qual, sich nicht helfen zu können.«

»Pech ist das beste Wort für meine Lage; wer sich damit besudelt hat und will sich davon befreien, greift, je mehr er greift, sich alle Hände voll. Ist es hier los, so sitzt es da fest. Von der linken Hand bekomm ichs in die rechte; ich will mir den Schweiß abtrocknen, und hab es im Gesicht. Wen der Herr einmal zeichnen will, den zeichnet er in Oel und in Kreide, mit Trübsal und mit Schulden.«

»Ich weiß auch keinen Ausweg zu finden. Ich bin gerade auf mein Unglück losgeritten, wo ich es doch mit klaren Augen vorhersah, ehe ich noch darin war. Ich hätte in irgend einen Graben springen sollen, als das Schicksal so breitspurig auf die Landstraße angefahren kam und über mich wegkrachte. Ich sah ja vorher, was aus der Armen- und Pandora-Büchse des Landpfarrerlebens für Geschenke herauskommen mußten, und schlug doch dieser miserabeln Existenz zu. Denn das ist das Eigene im Unglücke, daß man kleinere Uebel immer durch größere heilen will, daß man schon in der Abwechslung seiner Schicksale eine Verbesserung derselben erblickt, mag man nun auch die Candidaten durch den Landpfarrer, ja, man kann wohl sagen, den Teufel durch Beelzebub heilen und austreiben wollen.«

»Alle unsere Wissenschaften, all unser Lernen und Magisterwerden schneidet nur die Krücke, an welcher wir uns halten müssen bei der Lahmheit und Hinfälligkeit, die wir eben nur durch jene Hülfsmittel selbst bekommen haben. Alles Zeug, was wir treiben müssen ? ja, wir nennen es unsere Rettung, unseren Hafen, und gerade dies ist nur allein Schuld daran, daß wir Schiffbruch leiden. Ueber unserer Sorge für das Alter werden wir alt. Um uns nur in späteren Jahren mit diesem oder jenem heilen zu können, machen wir uns selbst ungesund.«


Als Blasedow bis zu dieser Stelle seiner davidischen Psalmen gekommen war, hatte er schon das Städtchen hinter sich und beugte feldeinwärts über einen sehr holperigen Weg, der ihn aber nicht hinderte, in seinen zornigen Träumereien fortzufahren:

»Schrecklicher Gedanke, wenn sich der Mensch auf der Mittagshöhe seines Lebens gestehen muß: Kerl, du hast deine Bestimmung verfehlt! Nun kann man nicht wieder umkehren. Weib und Kind sitzen herum um einen unglücklichen Mann; das Schicksal schlängelt sich wie zwei Drachen um den schreienden Laokoon; man ist einmal darin in den Verschlingungen der grausen Thiere und muß ersticken, um Trojas Schicksal erfüllen zu helfen. Auf das Auswandern nach Amerika geb ich nichts. Man kann dort nur vorstellen, was man hier gelernt hat. Man hat wenig Concurrenz, man kann bei seinem Unglücke freilich sagen, daß man in dem Pechfache der Einzige ist. Was darin aber für ein Trost liegt, das seh ich nicht ein.«

»Nach Griechenland hätt ich gehen sollen als bayrischer Uhlan. Das Meer und das Vaterland des Pindar und Sophokles zu sehen und dabei sein Pferd zu putzen, zuletzt seinen Kopf zu verlieren, von welchem wenigstens die Ohren (als Zeichen des Gehorsams oder als der Theil, der am sichersten vor der schnellen Verwesung ist) nach Constantinopel wandern: es ist doch ein Zusammenhang darin, man hat doch nicht nöthig, wenn man einmal einen fröhlichen Gedanken haben will, ausschließlich an die Vergangenheit zu denken. Was geschieht mir jetzt? Die Zukunft ist eine alte, zahnlückige Matrone, die mir den Schlafrock und die Pantoffeln bringt und mich mit Ehren, großer Gott! mit Ehren, weil ich Niemanden todtgeschlagen habe! in die Grube bestatten wird. Auf die Postille gebückt, zur Seite des wärmenden Ofens, saß der redliche Hans Kaspar Tamm ? Ach, Gott, was soll daraus werden ?«


Hier war Blasedow so übermannt von der Verzweiflung über seine Lage, daß er unwillkürlich seinen Gaul anhielt. Das Thier verstand ihn anders. Die Betrübniß des Reiters wirkte so magnetisch auf dasselbe, daß es sich jener Function überließ, welche die Fuhrleute gewöhnlich durch ein sanftes Pfeifen hervorzulocken pflegen. Blasedow hörte das Plätschern hinter sich und ergab sich einem ironischen, aus Spott und Leiden zusammengesetzten Lächeln. Indem er das Thier zu einem kleinen Trab anspornte, bildeten sich wieder folgende Gedankengruppen in seinem nächtlichen Innern:

»Ich weiß es, für mich ist jede Hoffnung verloren. Meine Bestimmung ist erfüllt. Mit schweren, eisenbeschlagenen, wasserdichten Pfundstiefeln werd ich von einer Scheune zur andern waten müssen mein Leben lang und mit den zottigen Schäferhunden nicht bloß die Wachsamkeit, sondern auch den Knüppel gemein haben, den ich einmal am Halse trage. Aber an meinen Kindern will ich einholen, was ich versäumt habe. In ihnen will ich noch einmal, dem Geiste nach, wieder jung werden. Meine Kinder sollen erfahren, daß sie von einem Mann erzogen sind, der seine Bestimmung verfehlt hat. Alle meine Fehltritte sollen dazu dienen, daß sie nur desto sicherer gehen. Ich habe fünf Viertel gemacht, um eine Meile zurückzulegen; sie sollen wissen, wie man seine Pfade abkürzt und sich die schnellen Handgriffe aneignet.«

»Ich habe wenig zu thun, bringe aber gerade der menschlichen Gesellschaft mit meinem unvermeidlichen Müßiggange das größte Opfer. Ich muß eine Tradition aufrecht erhalten, für welche die Leute, im Strudel ihrer Geschäfte, gar keine Zeit mehr haben. Der Geistliche ist nicht mehr eingesetzt, die Religion zu mehren, sondern sie zu erhalten. Ich muß dafür sorgen, daß der Himmel nicht abhanden kömmt; ich bin für meine Kirche verantwortlich, ich muß sie in dem Zustande wieder abliefern, wie ich sie erhalten habe. Daß die Glockenstränge nie von den Motten zerfressen werden, soll meine Sorge seyn. Und ihr draußen! ihr rennt und jagt, ihr habt ein schönes Ziel, ihr seyd die Herren und Heroen eures Willens, ihr könnet euren Kreis vergrößern, könnet eure Kunst verbessern! Euch trägt die klare Welle des Tages; mit dem Augenblicke seyd ihr so vertraut, wie mit der Ewigkeit! Ihr Strebende, ihr Glückliche; ach, meine Kinder sollen es auch werden!«

»Der Mensch macht, ehe er das Rechte trifft, es hundertmal verkehrt. Die schönste Zeit geht uns in der Jugend mit den Versuchen verloren. Das Wenigste von dem, was wir lernen, nützt uns späterhin. Natürlich, die Schulen müssen darauf eingerichtet seyn, daß sie Jedem etwas bieten oder eigentlich Allen Alles. Aber nicht Jeder braucht Alles. Jeder braucht nur das Seinige. Wer es möglich machen kann, schicke seine Kinder nicht in die Schule: sonst lernen sie, um Schornsteinfeger zu werden, auch Alles, was sie als Professoren wissen müssen; sonst lernen sie, als einstige Advocaten, auch all die Charlatanerien, die zu dem künftigen Berufe des Arztes nothwendig sind. Ich weiß nicht, wie der Professor Fritz in Straßburg diese Wahrheiten besser hat entwickeln können.«

»Ich habe vier Knaben, glücklicherweise kein einziges Mädchen. Ein Frauenzimmer, und wäre es ein in der Wiege lallendes Kind, könnte alle meine Pläne vernichten. Die Galanterie ist den Menschen so angeboren, daß ältere Brüder sogar schon nach den Launen ihrer kleineren Schwestern sich richten müssen. Schon die Schwäche hat hier etwas, das stärker ist, als die Kraft. Ich habe vier Knaben. Die Auf- und die Ausgaben sind außerordentlich.

 

Ich scheue weder die einen noch die anderen. Ich will meinen Rock tragen, solange noch die Fäden zusammenhängen, ich will mich nicht schämen, Stiefeln zu tragen, welche mit Pflastern dicht belegt sind. Mit meinen Kindern will ich mich an meinem Vater rächen. Sie sollen keinen Schritt in der Ausbildung ihres Geistes vergeblich thun, sie sollen weder griechisch lernen, wenn sie nur Latein, noch die Arithmetik, wenn sie nur die Geometerie brauchen. Ich will ihnen selbst die Lebensroute vorzeichnen, auf welcher sie in kurzer Zeit dicht vor irgend einem glänzenden Ziele stehen. Ich werde mich hüten, sie Prediger werden zu lassen zu einer Zeit, wo die Kirchen so leer stehen, oder Kaufleute in einer Zeit, wo es so viel Bankerutte gibt. Was ich wählen werde, weiß ich noch nicht, aber jedenfalls einen Beruf, der sie nährt, der sie ehrt.«


An dieser Stelle des Blasedowschen Monologen, wo er allmählich vom dithyrambischen Schwunge schon zur besonnenen und nüchternen Erwägung herabgestiegen war, weckte den Träumenden aus seinen Luftschlössern ein verworrenes Geschrei wie Rabengekrächze. Blasedow fuhr erst erschrocken auf, weil er gerade am Galgen des Kreisbezirkes vorbeiritt. Der Lärm kam aber nicht von dem ganz friedlichen Dreibeine her, sondern von einer Karavane gelber großer Wägen, die kurz vor ihm herzog. Es konnten ihrer fünf bis sechs seyn. ? Für Pulverwägen hätte man diese Fuhrwerke zunächst halten können, wenn nicht das Fürstenthum Sayn-Sayn im tiefsten Frieden mit dem Auslande lebte. Auch erinnerte sich Blasedow nicht, daß etwa einem benachbarten Fürsten das Recht einer Militärstraße durch Sayn-Sayn zustände. Er wollte eben seinen Gaul anspornen, um bei den Fuhrleuten die geheimnißvolle Ladung auszukundschaften, als er auch hinter sich eine Cavalcade zu hören glaubte, die ihn jetzt in ein gefährliches Gedränge brachte. Er mußte seinen Gaul etwas abseits lenken, um einer prachtvollen Kutsche, welche vier Pferde zogen, Platz zu machen. Sein Erstaunen wuchs, als er auf dem Bocke und hinten auf dem Tritt der Kutsche drei Mohren wahrnahm. Beinahe hätte er in den Acker hineinreiten müssen, der hier glücklicherweise beim Galgen als Schädelstätte betrachtet wurde und nicht besät war. Die große Carosse wollte nämlich auch jenen gelben Wagenkästen vorzukommen suchen. Der Mohrenkutscher schlug heidnisch auf die Thiere ein, die in dem tiefen Sande ihre Noth hatten fortzukommen. Blasedow hielt an, besonders, um zu sehen, ob ihm ein prüfender Blick in die Glasfenster der Kutsche gelingen würde. Ja, es waren zwei Damen, die im Fond saßen. Die eine wirklich jung, die andere schien es scheinen zu wollen. Die Letztere trug offenbar Schminke auf den Wangen, wie Blasedow deutlich sehen konnte, da sie mit grellen, kecken Augen aus dem Schlage herauslugte. Sie mußte braune Augen haben, Blasedow war ganz erschrocken. Die Kutsche flog aber schnell an ihm vorüber.

Doch jetzt, dacht er schlau, benutz ich die Gelegenheit. Unmittelbar hinter dem Tritt, auf welchem die beiden andern Mohren standen, gab er seinem Thiere die Sporen und ritt lustig hinter der großen Carosse her. Das ging eine Weile ganz gut. Er hat schon drei der gelben Wägen hinter sich; allein in dem Momente hält die Kutsche inne, und Blasedow konnte von Glück sagen, daß er sich mit seinem Thiere nicht Hals und Beine brach. Er war einmal im Zuge und prallte so heftig an das Hintertheil des vorne plötzlich gehemmten Wagens an, daß ihm Hören und Sehen verging. Rechts ein Graben, über ihm die Zweige der Bäume, die den Weg beschatteten, jetzt drei Wägen hinter ihm und der vierte ihm unmittelbar nachbiegend, er wußte selbst nicht, aus was für Ursach. Doch verlor er nur seinen Hut vom Kopfe, nicht den Kopf selbst. Er suchte sich zwischen der Kutsche und dem vierten Wagen durchzudrängen, hätte aber wahrlich ein Unglück haben können vor Schreck über einen Anblick, den ihm die Oeffnungen des vierten gelben Wagens darboten. Zwei fürchterliche Augen glotzten ihn an, ein Rachen gähnte mit der eigenthümlichen tückischen Ueberwachtheit und Verschlafenheit, welche man an den Tigern beobachten kann. Durch eine andere Oeffnung streckte ein unsichtbares Thier seine Tatze; an einer dritten nagte ein Bär ohne Maulkorb. Zum Absteigen war kein Raum. Blasedow mußte wieder zurück und die Oeffnung zwischen dem dritten und vierten Wagen abwarten, um sich dahinein zu spielen: denn auch die Kutsche fuhr plötzlich ganz langsam und machte keinen Platz. So war er genöthigt, mit dieser Karavane wilder Thiere, wahrscheinlich einer reisenden Menagerie, auszuhalten und mit den Wölfen zu heulen. Es war schon Abend, als er endlich mit dem schreienden, brummenden und nicht selten brüllenden Spectakel zu gleicher Zeit in seinem Dorfe anlangte. »Jesus, was bringt uns da der Herr Pfarrer mit!« riefen die Weiber zu den kleinen Bleifenstern heraus. Der aber bog seitwärts und eilte, endlich in seinen Stall zu kommen.


Drittes Kapitel.

 

Die vier Wände.

 

Sowie Blasedow den ersten Fuß in seine Wohnung gesetzt hatte, fiel ihm wieder eine centnerschwere Last auf die Brust. Die durchgefallene Preisschrift fing jetzt erst an zu wirken. Die kleine Hausflur, die niedrigen rothen Thüren, die verbrannten Fensterscheiben, die halsgefährliche Treppe in dem obern Stocke bildeten wieder einen dunkeln Hintergrund, auf welchen er seine zornigen und grollenden Phantasien zeichnete, die Verwünschungen seines Schicksals, die Ironien über seinen Stand. Gertrud, seine Frau, lärmte im Hinterhofe, wo sie den Knechten, die eben vom Felde kamen, ihr morgendes Pensum aufgab; seine Kinder sprangen ihm wohl wie die Hasen über den Weg, allein sie interessirten ihn nur als Stoff, nicht als Person. Er sah in ihnen nur, was sie werden konnten; ihr eigenes Wesen zog ihn nicht an. So blieb er verschlossen gegen alle Welt und wurde von dieser in der That für einen recht bösen Mann gehalten.

»Es liegt oben ein Brief an dich;« schrie Gertrud vom Hofe her und fügte, unbekümmert über das Gesinde, hinzu: »wer weiß, was du dir schon wieder eingebrockt hast. Es ist ein Schinken und kommt gewiß vom Amte oder vom Consistori.«

»Satan!« brummte Blasedow vor sich hin und dachte: »Was ist die Frau roh! Wenn ich todt bin, heirathet sie noch einmal meinen Nachfolger. Sie hält die Pfarrei für eine Wirthschaft und ihre Männer bloß für einkehrende Reisende. Großer Gott! wo bin ich hingerathen? Lag dies denn Alles in deinen Plänen?«

Der Gedanke einer Scheidung beschlich ihn oft. Nur die Rücksicht für seine Kinder hielt ihn ab, den Gedanken weiter zu verfolgen. Eines Tages hatte er seiner Frau schon eine Anzeige vorgelegt, die sie Beide unterschreiben wollten, mit folgenden Worten:

»Wir Endesunterzeichnete setzen all unsere Freunde und Verwandte davon in Kenntniß, daß wir nach reiflicher Ueberlegung uns entschlossen haben, unsere Ehe factisch für null und nichtig zu erklären. Freud- oder Beileidbezeugungen werden verbeten.«

Allein Gertruden kam bei Lesung dieses Zettel-Grabsteines ihrer zweiten Hochzeit so sehr das Weinen und Schluchzen an, daß Blasedow einen Blick gen Himmel warf und ausrief: »Also, Herr, du lässest diesen Kelch nicht an mir vorübergehen!« Mit jener Entsagung, die immer bei Verzweifelnden das höchste Stadium ihrer Leidenschaft ist, steckte er den Zettel in die Tasche und begnügte sich nur, sie leise und vornehm mit dem kleinen Finger zu bedrohen. Wie sie ihn so groß und stolz sah und den goldenen Siegelring am Finger, hemmten sich ihre Thränen und sie sah ihn mit einem eben so dummen, als stieren Blick an. Er trat feierlich aus dem Wohnzimmer, wo diese Scene vorfiel, und begab sich oben in sein Studirzimmer. Sie aber, beschämt von ihrem Schmerze und ergrimmt über seinen Stolz, fiel über einen der Hausleute mit den heftigsten Vorwürfen her und dichtete, um sich nur austoben zu können, Jedem, der ihr in den Weg kam, Versehen an, die Niemand begangen hatte. Sie war mit einem Worte eine seelengute Frau, aber etwas roh.

Blasedow stieg auch heute mit Stolz und Verachtung seiner irdischen Verhältnisse in sein Studirzimmer hinauf. Es lagen einige Hindernisse auf der Treppe, die ergriff er und warf sie hinunter. Der Brief machte ihn nicht neugierig: denn er dachte, Schlimmeres könne er nicht enthalten, als seine Absetzung. Diese würde ihm sehr erwünscht gekommen seyn. »Werd ich abgesetzt,« sagte er, als er sich seine Reitstiefeln auszog; »hab ich irgend etwas gethan oder vielmehr noch wahrscheinlicher unterlassen, was ich thun oder nicht thun soll, so würd ich dies als einen Fingerzeig ansehen, daß mein Leben eine bessere Wendung nimmt. So von der Pfarre weglaufen mag ich nicht. Es würde mir keinen Ruf machen. Auf den Ruf eines Religions- oder Dienstprocesses würd ich schon eher meine fernere Zukunft bauen können. Was plag ich mich mit Gedanken und Räthseln!«

Blasedow betrachtete den Brief und das Siegel. Er kam vom Consistorium. »Wahrscheinlich der Text,« sagte er, »den ich am Pfingstfeste der Gemeinde lesen soll, oder vielleicht liest Blaustrumpf mir den Text. Er kann meine Weigerung, der Einzige im Lande, ihm meine Lebensnotizen zu geben, nicht vergessen, denn dadurch ist sein Buch unvollständig und an der Ferse verwundbar geworden. Ich werde meine triviale Lebenslaufbahn noch gar an den Pranger stellen lassen! Ich weiß recht gut, daß ich unter den Menschen bin, was ein Kienapfel unter den Aepfeln; aber mich damit zu brüsten, das fehlte noch.«

Damit streckte sich dieser gefesselte Prometheus auf dem Lande weit über ein hartes Sopha hin, dachte dann einige Augenblicke nach, sprang auf und holte sich einige Bücher aus einem Wandschranke. Aber so schaal waren seine Empfindungen, so abgestorben seine Gefühle, daß Alles, was er unternahm, wie welk von selbst zusammenknickte. Hätte er etwas weniger Galle in seine Stimmung gemischt, so würde er in solchen Augenblicken, die ihn oft beschlichen, zur lyrischen Poesie reif gewesen seyn; aber sein Groll erstickte die Klarheit seiner Gedanken. Er streckte sich wie ein auf Beute lauerndes hungriges Thier.

»Es hilft doch nichts,« gähnte Blasedow endlich und erbrach das Consistorial-Siegel. Er erhielt folgendes Schreiben:

 

Herrn Pfarrer Blasedow in Kleinbethlehem!

Da es das feste Bestreben unserer Hohen Landesregierung ist, innerhalb ihrer Grenzen die Gottesfurcht auf reine, nur in der Vernunft begründete Principien zurückzuführen: so glaubt Ihre Ihnen vorgesetzte Behörde, daß zunächst alles auf dem platten Lande und den Städten verbreitete abergläubische Wesen, alle Ueberreste der finsteren Vorstellungen des Mittelalters, ja, der heidnischen Zeit mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden müssen. Es wird Ihnen zu dem Ende aufgetragen, sich nach der Schrift des Dr. Mörder: Thomasius oder die Religion innerhalb der Grenzen des natürlichen Menschenverstandes umzusehen, und haben Sie besonders auf die anti-abergläubische Erziehung der Kinder in den Schulen zu achten. Ihre Berichte haben Sie von Zeit zu Zeit dem Consistorium einzureichen.

Section des fürstlich Sayn-Saynschen Consistorii
zur Ausrottung des Aberglaubens.              

Blaustrumpf.  

 

Ein spöttisches Lächeln verbreitete sich über Blasedows Mienen, als er dieses Rundschreiben gelesen. Er wußte recht gut, daß Blaustrumpfs Schwiegersohn sein Substitut Dr. Mörder war, und daß die von Thomasius gemachte Auflage, bei welcher sich der Schwiegervater in Kosten gesetzt hatte, durch diese Empfehlung flott gemacht werden sollte. »Das ist eine saubere Clique!« dachte er; »der Eine hebelt die Anderen in die Höhe, während die Religion dabei zu Grunde geht. Nun wollen sie die stillen und abgelegenen Seen des menschlichen Gemüthes für grüne Morastlaken ausgeben und in das hohe rauschende Schilf des Glaubens ihre eigenen Kukuks- und Windeier legen! Da die Religion vom Himmel ist, so hat sie keine Sprache; aber sie wollen sie ganz und gar in die Grenzen der Heinsiusschen Sprachlehre einzwängen und ihren Geheimnissen keine andere Laute gönnen, als die im Adelung verzeichnet sind! Es soll bei ihnen Alles auf der Zunge liegen, damit statt der Religion ihr Ehrgeiz Platz hat, sich im Herzen einzunisten. Ich werde mich hüten, ihren Thomasius zu kaufen und damit die Gespenster zu bannen. Diese Leute auf dem Lande, ja, ich selbst bin so verbauert, daß wir das ganze Jahr hindurch nichts Neues zu sehen bekommen, als höchstens einmal ein Gespenst. Es fällt mir nicht ein, mein ganzes Dorf nun gar noch mit rationalistischen Mäusefallen zu umstellen und dem Aberglauben hinter allen Kirchhofsmauern Fußangeln zu legen. Was kann ich denn den Leuten groß für Christenthum predigen! Ich bin froh, und das Consistorium sollte es auch seyn, daß vom Mittelalter und dem Wodanglauben soviel noch übrig geblieben ist, daß die Menschen, wenn sie doch keine rechte Christen sind, wenigstens einen gewissen Respect vor der Finsterniß und dem Geheimnißvollen erhalten. Könnte ich meine Michel alle in den Mailänder Dom führen, dann brauchten sie nur etwas Weihrauchnebel, einige Lichter und Musik, um einen gewissen religiösen Flor vor die Augen zu bekommen; so aber sitzen sie ja im Wirthshause besser, als in der alten eingefallenen Kirche mit weißen Wänden und grünen Fensterscheiben, und ich danke Gott, damit sie mir nicht ganz verwildern, daß hinter den Hecken des Nachts die Kobolte lauern und sie ein wenig zusammenschauern, wenn sie um Mitternacht einen heiseren Hund in der Ferne bellen hören.«

Blasedow war gewohnt, mit dem Consistorium in stetem Hader zu liegen. Seit der Unvollständigkeit, welche durch ihn in das oft erwähnte Lexikon gekommen, suchte sich, wie er selbst sagte, der fette Consistorialrathskäse immer an der trockenen Brodrinde seiner winzigen Landpfarrer-Existenz zu reiben und hinterließ doch nur denen einen guten Appetit, denen jener ihn verderben wollte. Blasedow warf wie ein kecker Grönländerfahrer eine Harpune nach der andern in den dicken Wallfischbauch des Consistoriums und erzürnte dieses so heftig, daß er wenigstens durch sein eines Nasenloch, durch Blaustrumpf, mannsdicke Ströme von allgemein gesundvernünftigen und menschenverständlichen Redensarten spritzen mußte. Bald galt es einer Reparatur des Glaubens, bald einer Reparatur der Beichtschemel. Bald war ein Dogma, bald eine Orgelpfeife heiser geworden. Wenn irgend ein theologischer Streit auf den Tennen der Literaturzeitungen durchgedroschen wurde, so turbirte Blasedow seine Vorgesetzten, wie er sich gegen das Resultat dieser Kämpfe zu verhalten hätte. Ueber das Gebet des Herrn z. B. wurden zwischen Blasedow und Blaustrumpf Aktenstöße gewechselt. Die Regierung wollte durchaus das moderne Unservater in dem Lande einführen; alle Geistliche beugten sich unter die grammatische Zuchtruthe derselben, nur Blasedow behauptete: das Vaterunser sey wenigstens in seiner Gemeinde der letzte Hoffnungsanker für Leute, die ihn, und die er nicht verstände. Wollt er nun auch daran noch rütteln, so riss er ihn vielleicht aus dem Boden heraus und könnte dann bei manchem Individuum sein Leben lang warten, bis er ihm wieder beikäme. Auch würden, fuhr er fort, die Leute des Abends vor Schlafengehen doch immer wieder den Vater voransetzen und dadurch gegen die Kirche eine Opposition unterhalten, die für das Muckerwesen recht das Feld ackere. Auch sey es nur eines so egoistischen Zeitalters, wie das unsere wäre, würdig, vor Gott, dem Geber alles Guten, dem Schöpfer der Welt und dem Vater unser Aller, erst uns wieder vorangehen zu lassen. Mit einem Worte, er würde niemals die Religion gegen die Grammatik in Nachtheil bringen. Dixit.

Was wollte das Consistorium machen? Es konnte doch wahrlich keine Amtsentsetzung durch grammatikalische Gründe motiviren. Blasedow behielt hierin seinen Willen und setzte ihn sonst noch öfter durch.

Es war schon spät geworden. Er hörte, wie man unten die Vorbereitungen zum Nachtessen traf. War er aber einmal in einen Irrgarten von lebhaften Vorstellungen gerathen, so lief er die verschlungenen Pfade alle durch, statt daß er mit einem Sprunge über den grünen Rasen hin den Ausweg gefunden hätte. Er hätte ja das Schreiben ignoriren dürfen. Allein dies schien ihm Feigheit. Er war gewohnt, sich fortwährend Rechenschaft über seine Gedanken zu geben, und würde, wenn er nicht so gewissenhaft gegen sich selbst gewesen wäre, auch nicht so viel gelitten haben. Für diesen Brief grübelte er jetzt nach einem passenden Schlusse und nahm sich vor, nicht eher zu Nacht zu essen, bis er seinen Appetit durch den Caviar einer pikanten Polemik gereizt hätte. Er schnitt sich mit jenem Schmunzeln eine Feder, welches wir immer haben, wenn wir nicht die Zeit erwarten können, um einen guten Gedanken aufzuschreiben. Blasedow begann:

Hochwürdiges Consistorium!

Vor etwa drei Tagen starb in meinem Kirchsprengel eine Katze, hochbetagt, mäusemüde, auf ihren Lorbeeren ruhend. Der Tod ereilte sie mitten auf der Landstraße, welche das Eigene hat, daß sie Kleinbethlehem in vier Viertel theilt, weil nämlich noch eine andere Straße hindurchgeht. Sie streckte alle Viere aus und konnte nicht begraben werden. Die Gemeindeglieder verweigerten ihr das Begräbniß, nicht, weil sie kein ehrliches verdient hätte, sondern weil der Volksglaube besteht, daß man gewisse Thiere, unter anderen die Katzen, verwesen lassen müsse, wo sie der Tag ihres Verhängnisses ereilt. Auch ohne die Instruction eines hochwürdigen Consistorii würde ich gegen diese Katze eingeschritten seyn. Wenn der Aberglaube auf die Höhe kommt, daß er nicht bloß mehr eine moralische, sondern schon physikalische und atmosphärische Pest ist, wenn man Gefahr läuft, bei der Spinnstubenweisheit nicht bloß die Ohren, sondern auch die Nase sich zuhalten zu müssen, dann ist es Zeit, sich ins Mittel zu legen. Ich ließ die Katze aus dem Wege räumen. Ich ließ sie begraben.

Wenn ich nun aber auch den Sonntag darauf über die todte Katze hätte predigen sollen; ja, dann hätt ich wohl von einem hochwürdigen Consistorio einen dazu passenden Bibeltext gewünscht. Meines Wissens steckt in der heiligen Schrift so viel Aberglaube, so viel dämonisches Besessenseyn und Teufelaustreiben, daß mir die Gemeinde auch wohl hätte erwidern können, so gut der Teufel in die Säue von Genezareth fuhr, eben so gut kann auch dem ein Leids angeblasen werden, welcher seine Hand an ein Thier legt, das in Egypten, dem Vaterlande der Zigeuner, göttliche Verehrung genoß.

Allein ein Hochwürdiges Consistorium scheint selbst daran zu verzweifeln, mit Hülfe der Bibel den Hexenspuck auszutreiben. Mit dem Glauben kann man wohl den Unglauben, aber nicht den Aberglauben widerlegen. Solange das Christenthum nicht anerkennen will, daß mit seiner Stiftung auch das böse Princip ausgerottet ist, solange die Macht des Bösen sogar noch auf einen einzigen Repräsentanten und Fürsten der Hölle übertragen wird, kann auch das Hexenwesen nicht durch die Bibel getilgt werden, Bonifacius und Dr. Mörder mögen noch so viel heilige Eichen umhauen.

Ein Hochwürdiges Consistorium deutet auf die Erziehung, als das beste Hülfsmittel gegen den Aberglauben hin; und dies ist der Nagel, für welchen ich einen besseren Kopf gewünscht hätte. Was wird uns Landpfarrern nicht Alles als Zweck der Schule angegeben? Bald sollen wir schon die zarte Jugend auf die Inoculation der Bäume und die Zucht der Seidenraupe aufmerksam machen. Dies rührt vom Finanz-Collegio her. Bald sollen die Kleinen auf die Ausbildung ihrer körperlichen Kräfte angewiesen und zu militärischen Spielen angehalten werden. Das ist ein Fingerzeig des Kriegs-Collegii. Dann erhalten wir die Weisung, auf die Belebung vaterländischer Gesinnung zu achten und früh in die Kinderseelen einzupflanzen die Anhänglichkeit an das angestammte Fürstenhaus. Dies ist specielle Cabinets-Vorschrift. Nun kommen noch die Ansprüche der Geistlichkeit und der Juristen, die Ansprüche der Polizei wegen des Nesterausnehmens und der Baumschulen-Beschädigung. Das Kind wird gezerrt und gezogen nach den verschiedensten Seiten hin. Was der Eine befiehlt, widerräth der Andere. Was da passend ist, ist dort schon ungereimt. Die Kinder gleichen hier jenem grünen weichen Serpentinsteine, aus welchem man Tintenfässer, Speinäpfe, Leuchterknechte, Apothekermörser, alles Mögliche schneiden will.

Statt daß ich nun ein Hochwürdiges Consistorium gegen dieses Gebrechen, welches nicht nur die Erziehung in Sayn-Sayn, sondern beinahe schon in der ganzen Welt auf eine Hanswurstsposse zurückführen wird, kämpfen sehe, tritt dasselbe gleichfalls für jene Hopfenstangen auf, welche man neben zarte zolllange Blümchen stecken will, damit sie sich daran heraufranken. Den Kindern den Aberglauben nehmen, heißt sie mit Braunbier statt mit Milch säugen. Ich vertheidige die Spinnstube nicht und den Hexenbesen, welchen die alten Weiber beharnen, um ihm für die Walpurgis-Nacht, wahrscheinlich durch die dadurch erzeugten Flöhe, jene Sprungkraft zu geben, die sich von einem Schornsteine aus nach dem Brocken versetzen kann; allein den Kindern die ganze Natur zusammenzusetzen, wie mit einem Dominospiel, ihnen zu beschreiben, wie alle geheimnißvolle Dinge sich unter der Luftpumpe der Aufklärung kümmern und schwach werden, das heißt gerade, die Kinder schwimmen lehren, noch ehe sie laufen, oder griechisch, noch ehe sie sprechen können. Ich erkläre mich hiemit für unfähig, in Kleinbetteln den Aberglauben zu vertilgen, wenigstens durch die Erziehung; es sey denn, daß der Aberglaube die Luft verpestet, wie bei der unbegrabenen Katze zu fürchten stand.

Ueberhaupt ist es ein Jammer, zu sehen, was man jetzt in der Schule sieht. Man überhäuft die Schule und das Haus mit so entsetzlich vielen Vorschriften, daß die Kinder unter dem Wust ersticken. Alle Wege, welche die Kinder einschlagen müssen, um Menschen zu werden, führen erst immer zum Engel oder Vieh; keiner geht gerade auf die Bestimmung los, welche die Natur jedem ihrer Erzeugnisse schon auf die Stirne gedrückt hat. Der Beruf bleibt nicht selten dem Zufall überlassen, und der Zufall macht oft, daß sich ein Bube, der längst über seine Zukunft im Reinen seyn sollte, erst dann darüber besinnt, wo es fast zu spät ist, und er eine Laufbahn einschlägt, die entweder unter oder über seine Kräfte ist. Die Erziehung ist keine absolute Wahrheit, die etwa bei Plato und dem Hochwürdigen Consistorio ganz gleichlautend seyn sollte; nein! sie ist immer die arithmetische Wurzel, welche man aus den Quadrat- und Cubik-Verhältnissen einer gegebenen Zeit ausziehen soll. Die Erziehung soll zwar dahin streben, Menschen zu bilden, die besser sind, als ihre Zeit; aber sie thut es verkehrt genug, wenn sie nur Menschen schafft, die die Zeit lieber gar nicht verstehen.

Blick ich auf die Zeit, wie sie vor mir liegt, so finde ich, daß alle Fächer außerordentlich besetzt sind. Ich finde eben so, daß man sich allmählich der sonst so gerühmten Vielseitigkeit entwöhnen und sich vielmehr auf eine außerordentliche Virtuosität in einem einzelnen Fache beschränken muß. Sonst staunte man Leute an, die zu gleicher Zeit mit Händen und Füßen, mit Mund und Nasenlöchern alle Instrumente eines Orchesters spielen können; jetzt muß man es auf seiner einzigen G-Saite bis zu dem Seiltanz eines Paganini bringen können. Kurz, der Egoismus, das gefräßige Ungeheuer, das Alles in sich selbst verwandelt, worauf es sich lagert, der Materialismus, dieser ungeheuere Mastkoben, wo der erstere immer mit seinem Rüssel hineinwühlen kann und immer Stoff findet zu jener Aneignung, die sogar ein Göthe gelehrt hat: dies sind leider die Gesichtspunkte, von welchen man heute bei der Erziehung ausgehen muß. Der Himmel vergeb es uns! Wir erziehen unsere Kinder für Rom und Griechenland und werfen sie dann, nachdem wir in philologischer Wollust die Keuschheit der Kinder für uns bekommen haben, abgenutzt und der Welt entfremdet, in eine Zeit, die sie nicht versteht, und die sie nicht verstehen. Diese Bosheit der jetzigen Erziehung, diese Veruntreuung anvertrauter Existenzen, dies Erbschleichen und Mündelprellen, dieses gemeine Abnutzen jener edeln Fähigkeiten, welche die Kinder brauchen werden, um sich einmal durch den drängenden, stoßenden Matrosenlärm des großen Seehafens unserer Zeit hindurch zu finden ? o, es pocht gewaltig in meiner Brust und lockt mich, Hand anzulegen und die Subtilitäten-Krämer und pädagogischen Wechsler aus dem Tempel der Menschheits-Hoffnungen auszutreiben. Das Schulhaus ist ein Bethaus, möchte man mit dem großen Nazarener sagen, aber ihr macht eine Mördergrube daraus. Ja, Mördergruben sind unsere Schulen: nämlich bis zu einem gewissen Alter der Kinder, wo sie anfangen müssen, mit Rücksicht auf das Nothwendige und Ueberflüssige behandelt zu werden. Ein Hochwürdiges Consistorium verzeihe mir diese schroffen Aussprüche. Ich bin Vater von vier bis jetzt noch unerzogenen Kindern; ich werde sie erziehen, ich werde den Beweis liefern, was man aus dem Wachse der Kindheit für Gestalten bilden kann. Bin ich mit meinen Kindern zu gewissen Resultaten gekommen, so werd ich ein Buch darüber herausgeben zu Nutz und Frommen der Welt. Ich werde darin ein vollständiges Seitenstück zu Karl Witte aufstellen: denn dieser junge Mustermensch ist nach dem Principe der Alleskönnerei erzogen; mein Princip ist das der Vereinzelung. Der Knabe soll Alles wissen, aber nur Eines können; er soll Jeden verstehen, aber nicht Jedes verstehen; er soll jede Fähigkeit zu schätzen, aber nur eine auszuüben wissen. Das ist mein Ideal, meine blumige Zukunft, das ist mein Trost für die schlechte Pfarre, auf der ich noch immer sitzen muß trotz der vielen Vacanzen, bei welchen ich regelmäßig von dem Hochwürdigen Consistorium übergangen werde. Ich zürne Niemanden. Gott, meinetwegen macht mich zum Zuchthaus-Prediger oder besetzt eure Pfarren mit fürstlichen Reitknechten: ich lasse euch in Frieden; aber schreibt mir auch in Unterrichtssachen nichts vor; laßt die Mägde binden und lösen, zu St. Andres, zu Sylvester, wann sie wollen, wenn sie nur die Milch nicht überkochen lassen und sich sonst hübsch reinlich und sauber halten. Ob meine Frau das Brod auf den Rücken oder den Bauch legt, das soll das Wenigste seyn, was ich ihr nachtrage, wenn es nur gut gebacken ist, und es nach dem Bäckersprüchworte nicht heißen darf, ich hätte sie durchgejagt, weil es nämlich abgebacken ist. Nein, ein Hochwürdiges Consistorium möge mir verzeihen, daß ich hiermit nach reiflichem Erwägen meine Weigerung erkläre, dem Rundschreiben eines Hochwürdigen Consistoriums die gewünschte Folge zu geben.

A. G. Blasedow,        
Pfarrer in Kleinbethlehem.

 

Nachdem wir nun den Inhalt dieses aufsätzigen Briefes kennen, wollen wir unsere Verwunderung nicht verschweigen, daß es zehn Uhr Nachts geworden ist, daß Weib und Kinder mit großem Spectakel zu Bette gingen, und Niemand dachte, dem Hausherrn eine Einladung zum Essen zu schicken. So sehen wir, daß die Lebensglocke im Pfarrhause schon lange einen tiefen Riß und nicht einmal mehr so viel Klang hat, daß sie ihm zum Essen läuten kann. Die Herzen und Empfindungen in dem Hause waren schon untereinander geworfen, wie in einer Folterkammer. Jedes war froh, in seinem Winkel nicht gestört zu werden. Wäre hier jede Persönlichkeit, jeder Anspruch ein Instrument gewesen, welch eine Disharmonie würde das gegeben haben! Auch die Kinder paßten wie Milch und Obst zusammen, eine Mischung freilich, die Kinder oft in ihrem Magen zu vereinigen wissen. Ja, Gertrud, so eine gute Frau sie war, so reinlich sie ihre Kinder zweiter Ehe hielt, so viel sie an ihnen wusch und rieb und ihnen nach hohen Festtagen, wo gewöhnlich die Mägen gereinigt werden mußten, Rhabarber eingab, ja, selbst Gertrud hatte noch ein kleines verstecktes Interesse gegen diese Kinder, ja, sogar gegen sich selbst, indem sie dafür darbte und sparte, nämlich ihren Sohn erster Ehe, der ein Handwerk hatte lernen müssen und gegenwärtig auf der Wanderschaft war. Er wäre gerne nach der Schweiz und Paris gegangen, allein die Sayn-Saynsche Diplomatie hatte ihm dorthin nicht den Paß visiren wollen. Peter reiste somit jetzt in Ungarn und Siebenbürgen. Wenn ein Brief von ihm ankam, so küßte sie ihn, ob Blasedow gleich erklärte, er wäre durchstochen und käme direct aus der Pest her. Das legte sie ihm als Lieblosigkeit aus und sagte: »Mein Peter ist viel zu rein gehalten, als daß der je die Pest haben könnte, und überhaupt« ? Wenn Blasedow dies Ueberhaupt und was darauf folgte, hörte, ging er immer mit einem Blicke gen Oben aus dem Wohnzimmer, welches auch allein das Sprechzimmer war.

Heute Nacht jedoch bemerkte der gefesselte Titan die Vernachlässigung nicht einmal. Er hatte in dem Briefe an das Consistorium so gewaltig mit seiner Kette geklirrt, daß er sich fast wie frei vorkam und mit leuchtenden Blicken in sein Bett stieg. Umjubelt und umlacht von den erträumten Wirkungen seines Briefes schlief er ein. Ja, er träumte früher, als er schlief. Das muß man nämlich können, wenn man gut und fest schlafen will.


Viertes Kapitel.

 

Die Mohrentaufe.

 

Die übrigen Hausbewohner schliefen nicht so fest. Sie hatten die Menagerie, welche in dem Wirthshause eingekehrt war, zwar nicht sehen können, aber doch gehört und hörten sie die ganze Nacht hindurch. Die afrikanische Wildniß war in Kleinbethlehem losgelassen. Löwen brüllten, Tiger gähnten, mancher Affe und Papagey fiel mit einem Schrei von seinem Stege herunter, durch Träume geängstigt. Diese Nacht war im ganzen Dorf eine schlaflose.

Als nun etwa um Mitternacht einige sehr heftige Stöße an der Thüre der Pfarrwohnung erfolgten, konnten Knechte und Mägde sie sogleich hören und zitterten vor Schreck. Das Pochen und Rufen um Oeffnung verstärkte sich. Gertrud fuhr aus dem ersten Schlafe hervor und dachte schon, Peter wäre aus Ungarn zurückgekommen. Diese Vorstellung hinderte sie, an Böses zu denken. Sie schlug Licht an und rief ein Mal über das andere: »Sogleich!« Ihren Nachtrock übergeworfen, schob sie die Riegel von der Hausthüre zurück und fragte, ehe sie aufschloß, wer da wäre?

»Der Herr Pfarrer, ins Wirthshaus soll er kommen!«

Nun dachte Frau Gertrud: Dort wüßte ich Keinen, der so in der Eile das Sacrament verlangen oder gar niederkommen könnte. »Was soll er denn,« frug sie.

»Das kann der Teufel wissen, machen Sie doch nur auf!«

Wie nun Frau Gertrud dies that, ließ sie vor Schreck die Lampe fallen: denn ein schwarzer Kerl in einer weißen Schlafmütze wollte ins Haus hinein. Auf ihren Schrei kam jetzt Hülfe. Der Schwarze lachte aber und sagte: »Macht keine Narrenspossen, meine Herrschaft ist krank geworden und will durchaus den Pfarrer sprechen.«

»Wer ist die Herrschaft?« fragte Gertrud beherzt; »das muß wohl des Teufels Großmutter seyn.« Sie wußte nämlich nichts von der Eigenthümerin der Menagerie und dem Wohlgefallen, welches diese schon auf der Landstraße an Blasedow geäußert hatte.

»Jetzt macht nur keine Umstände,« sagte der Schwarze, der für einen Neger fast das Deutsche zu richtig und sogar mit sächsischer Melodie sprach. »Ich denke nun wohl, daß es Zeit ist, den Pfarrer zu rufen ? ins Teufels Namen!«

Gertrud rief von Unten die Treppe hinauf: »Blasedow!« Er hörte nicht. Sie mußte hinauf zu ihm und ihn wecken. Er wollte aber noch immer nicht hören, ob er schon wach war. Er war immer schwer zu seinen Pflichten zu bringen. Er kam gewöhnlich zu Sterbenden erst in dem Augenblicke mit dem Abendmahl an, wenn sie schon todt waren. Er wäre auch jetzt schwerlich aufgestanden, wenn ihm nicht die Wörter: Mohr, Menagerie, Satan, allmählich die heutige Landstraßen-Begegnung wieder ins Gedächtniß zurückgerufen hätten. Daß die beleibte, geschminkte, aber grelläugige Dame krank geworden seyn sollte, that ihm jetzt recht leid. Er stand auf, kleidete sich an und ging mit dem Neger, der aber schwerlich echt war, ins Wirthshaus, wo er erst rechts und links die Menagerie-Fuhrwerke passiren mußte.

Die Scene, welche Blasedow jetzt hier erlebte und mitspielen mußte, hatte auf seine späteren Lebensschicksale eine große Wirkung. Wir wollen nur rundweg eingestehen, daß er sich hier geweigert hat, einen Heiden zu taufen, und daß diese Unterlassungs-Sünde in späteren Jahren das Maß seiner Schuld beim Consistorium vollmachte. Blasedow aber erzählte damals einem Freunde die Sache folgendermaßen:

»Sehen Sie, ich komme da hinein in das Zimmer und finde das genannte Weibsbild in einer dem griechischen Kunstprincip der Nacktheit splitterweg huldigenden krampfhaften Attitüde. Was ihr fehlte, und wessen sie bedurfte, ist mir bis jetzt zu dieser Stunde noch nicht klar geworden. Ja, selbst wenn ich es durchschaut hätte, Herr, ich möchte es gar nicht wissen und am wenigsten wiedersagen. Ein junges Frauenzimmer goß ihr ein Mal über das andere wohlriechende Essenzen auf den Leib und schenkte ihr zuweilen aus einer Terrine ein, die mir weit mehr mit Punsch, als mit Cremor Tartari gefüllt schien. Ich fragte: Aber mein Gott, was ist Ihnen denn, Madame? Sie stöhnte und warf mir einen Blick zu, der entweder vor Fieber oder einer sonstigen Gluth so brennend war, daß er mehr als einen Pfarrer, daß er den ganzen Klerus hätte anstecken können. Ich bekam eine Aengstlichkeit, die ich gar nicht mehr beschreiben kann. Das junge Frauenzimmer verließ uns mit einer so verdächtigen Miene, daß ich wirklich nicht wußte, sollte ich hier als Arzt der Seele oder des Körpers fungiren. Inzwischen war es das Gerathenste, ihren Puls zu fühlen, und diesen erkannte ich freilich für aufgeregt im bedenklichsten Grade. Dennoch wurde mir fast schwindlicht, und ich sah mich genöthigt, neben dem Bett auf einem Stuhle Platz zu nehmen.«

»Sie haben gewiß schon einmal jene Frauen bemerkt auf der Frankfurter Messe oder sonst, wo Wachs-Figuren oder Thiere oder Affen-Komödien gezeigt werden. Gewöhnlich sitzen sie vorn an der Kasse und nehmen die Eintrittsgelder in Empfang. Ihre Augen glänzen aus dem Kopfe heraus, Leidenschaft athmet jede ihrer Bewegungen. Die Wangen sind geschminkt. Die Finger sind mit Ringen vergoldet. Schwere goldene Ketten hängen um den Hals auf einen Busen herab, der etwas Grauenhaftes hat. So stellen Sie sich, in demselben Aufzuge, jedoch im Nachtkleide, meine Patientin vor. Ob sie mich hat verführen wollen oder nur prüfen, ob sie wirklich ein größeres Leiden verspürte, als das meiner Sprödigkeit, weiß ich nicht. Genug, ich behandelte sie pathologisch und frug nachdrücklich, an welchem Theile des Körpers ihr etwas fehle?«

»Als sie mir darauf keine Antwort geben wollte und nur schwere Seufzer ausstieß, fürchtete ich, sie könnte mir, angereizt durch die unwillkürlichen Striche, die ich ihr, um den Puls zu fühlen, auf die Haut gab, unter den Händen somnambül werden. Der Contrast des Magnetismus mit der Herumführerin wilder Bestien und Affen war mir in diesem Augenblicke so gräulich, daß ich aufsprang und fortgehen wollte. Allein wie besessen von dem unglückseligen Rapport, in welchen sie sich durchaus zu mir versetzen wollte, schoß sie auf und hielt mich fest, wie Potiphars Weib den Joseph. Ich erhob jetzt eine Donnerstimme und fragte sie: Was sie denn im Kopfe hätte? Um Gotteswillen, Herr Pfarrer, begann sie nun; ich merke erst jetzt, daß Sie hier sind. Ach, ich habe Sie rufen lassen, weil ich doch wohl fühle, daß es bald an mein Ende geht. Es ist mir gottsjämmerlich schlecht. Ich leide an Magenkrämpfen und neige zu weit mehr Uebeln hin, als ich Namen dafür zu geben weiß.«

»Mein Mitleiden erwachte, und ich blickte voll Rührung auf sie herab. Sie deckte sich anständig zu und fing an zu weinen. Wie nun Frauen dieser Gattung immer in Extremen leben und von einer Leidenschaft zur anderen förmlich hinübernahen, so bekam sie in dem Augenblick eine so gewaltsame Reue, daß ich Gott dankte, wenigstens meiner eigenen Angst, wenn auch nicht ihr selbst, mit den Floskeln helfen zu können, welche man bei langjähriger Praxis für solche Erweckungsmomente in Bereitschaft hat. Sie war überzeugt, in mir nun einen wirklich gottseligen Mann entdeckt zu haben, und dachte wahrscheinlich, da sie einmal die Gnade des Himmels jetzt in der Nähe und zur Hand hatte, sie auch nach Kräften einzuschlürfen und zu benutzen. Mitten unter Reuethränen gestand sie mir nun, daß sie drei Neger um sich hätte, von denen einer ein geborener Sachse und der andere ein Darmstädter wäre. Den ersten würde ich schon an seinem Accente, den zweiten an der absoluten Unfähigkeit, den Buchstaben R auszusprechen, erkannt haben. Der dritte aber sey wirklich echt und noch ein completer Heide. Sie fühle jetzt Gewissensbisse, daß dieser Mensch seit seiner Kindheit in ihren Händen und noch nicht getauft wäre. Ich sollte ihn auf der Stelle taufen. »Ich habe,« sagte sie, »den Lulu gekauft in Genua. Eigentlich erhielt ich ihn als Zugabe bei meinem besten Löwen, für welchen ich die Summe, die man forderte, zu groß fand. Da sagte der Thierbändiger, der jährlich einen Transport wilder Thiere aus den Barbaresken in die südlichen Häfen führt, er wolle mir Lulu noch als Zugabe zu dem Löwen geben, und das konnte ich schon annehmen. Wenn man für die Thiere einmal einen passenden Käufer findet, so kann man mit dem Neger noch immer verdienen. Man fügt einige alte Wallfischzähne, einige Seemuscheln und optische Kunststücke hinzu, meinetwegen auch den Schuh einer Chinesin, den man nur recht klein zu machen braucht, um sogleich die Illusion für sich zu haben, der Neger wird ummalt mit einer Draperie von Palmenbäumen und Paradies- Vögeln, er hält einen Köcher und Bogen und Pfeile in der Hand, ob er gleich niemals ihn gespannt hat. Es ist für die Welt; aber Kinder zahlen die Hälfte.«

»Ich hätte über diese Beichte lächeln mögen, hütete mich aber wohl, dies zu zeigen. Denn sie hätte dann gewiß ihren Ton geändert und sich über die schlechte Rolle geärgert, die sie jetzt in ihrer Reue vor mir durchführte. Ich ließ sie ungestört weiter sprechen.«

»Lulu, sagte sie, ist Christ genug, wenn er es an meinem Lebenswandel und meinen frommen Thieren allmählich hat absehen können. So oft ich ? Gott, welche Sünde bei dem Glauben, ein gutes Werk zu thun! ? so oft ich das Nachtmahl nahm in schwachen Augenblicken, nahm Lulu Theil. Er lachte zwar immer, und der Prediger verwies es ihm; aber ich sagte, es käme von seiner inneren Freudigkeit. Offen gestanden, er wußte nicht, warum er aß und trank. Jesus, ich habe schreckliche Sünden mit dem Menschen auf dem Halse. Er hat das ganze Christenthum schon in sich, aber es ist und bleibt ein beschnittener türkischer Hund. Getauft ist er nicht.«

»Man denke sich diesen Absprung von einer Circe zu einer abergläubischen und halb reuigen, halb verstockten Sünderin, in beiden Momenten die gleiche viehisch-plastische Natur und das mir immer deutlicher werdende hohe Alter, das hinter der Schminke und den falschen Zähnen sich versteckte! Ich werde mich da mit einer Negertaufe einlassen, dachte ich; sie quälte mich nur um ihrer Sünden willen, und dies erregte zuletzt mein Mitleid. Ich sagte: Meine Werthe, darum werden Sie noch nicht in den Himmel kommen oder die ewige Verdammniß vermeiden, daß sie einen Anderen vom Tode zu erretten glauben, indem Sie ihn für sich taufen lassen. Es ist wahr, eine Schuld wird wenigstens getilgt, die auf Ihnen lastet; allein Sie scheinen diese Negertaufe als eine Sühnung für Ihre übrigen Vergehen zu betrachten. Das kann der Kirche nicht genügen. Alles Taufwasser, was ich da über den jungen Mann gieße, wascht Sie selbst noch nicht weiß. Ich würde mit der Taufe gern zur Hand seyn; allein ich finde, daß diese heilige Handlung hier mit unlauteren Motiven verknüpft ist, und halte demnach meine Segnung zurück.«

Blasedow behauptete, daß er nun gegangen wäre, hat jedoch in seinen späteren Lebensjahren eingestanden, daß er schon damals sehr feindselig gegen die positiven Satzungen des Glaubens gestimmt gewesen wäre. Er wäre damals sehr bequem gewesen. Diese Weitläufigkeit, da in der Nacht Jemanden aus dem Stegreife zu taufen, die zur Handlung nöthigen Geräthschaften schnell herbeischaffen und nun gar den verschlafensten Menschen von der Welt, seinen Küster, wecken zu lassen! »Nein,« sagte er zehn Jahre später, als er das Vorige erzählte, »da schien mir der Erfolg nicht belohnend genug dafür. Das Frauenzimmer war eine gemeine Aventurière. Hatte sie mich erst verstricken wollen, so konnte sie ja hernach die Absicht haben, mir einen Zopf zu machen. Sie heulte und schrie: sie könne das Sündenleben nicht so fortsetzen; ich sagte ihr aber, um ihrer nur los zu werden: Liebe Frau, das Wasser macht es nicht. Ich besinne mich selbst nicht, ob ich getauft bin. Wie sollt ich wissen, ob mich auch das Wasser des Pfarrers benetzte? Der mich getauft hat, war so kurzsichtig, daß er beim Nachtmahle den Kelch immer nur aufs Gerathewohl hinausreichte, und die Leute nicht wußten, ob sie den Wein nur riechen oder trinken sollten. Also, meine Gute, wer sich nicht selbst tauft, der bleibt ein Heide und Türke sein Leben lang. Daß man der Gemeinde den Leib Christi reicht, macht dieselbe seiner Herrlichkeit noch nicht theilhaftig. Das Reichen soll nur erinnern, daß Jeder suche, selbst suche, was im Glauben, in der Kirche freilich gefunden ist. Demnach machen Sie sich über den Neger keine Unruhe. Er ist alt und reif genug, selbst nach den Hesperiden-Aepfeln lüstern zu werden, wenn er die christliche Seligkeit dafür zu halten geneigt ist. Was Sie ihm geben wollen, würde vielleicht immer nur ein äußerliches Geschenk seyn, dessen Werth er nicht zu würdigen wüßte.«

Mit diesen Worten zog sich damals Blasedow zurück. Müdigkeit und Hunger hatten ihn so ergriffen, daß er sich nach seiner Wohnung sehnte. Der Trost, den er, allerdings ein Fuchs im Schafskleide, zu spenden wußte, schläferte die Dame allmählich ein, so daß sie tief seufzte und kein Wort verlor, indem Blasedow zur Thüre hinaushuschte. Das Kammermädchen (es war ganz finster) kam ihm auf dem engen Gange zufällig in die Arme. Eiskalt überlief es ihn, da er plötzlich etwas Warmes faßte. Es mußte wohl nur von der engen Localität und der Dunkelheit herkommen: denn er drängte die Verführung sogleich von sich und hatte nicht ohne ein ihn verfolgendes leises Kichern endlich glücklich die Treppe erreicht. Frei athmete er auf, als er im Freien war, und lief mehr, als ging, in seine Wohnung zurück. Es war ihm, als hätt ihn der Satan untergehabt. Er machte auch, indem er nach Essen im Hause herumsuchte, einen Höllenlärm. Gertrud war gemein genug, ihm zu sagen: »Wer nicht herunterkömmt zu gehöriger Zeit, der mag hungern. Uebrigens des Nachts noch anzufangen, das ist recht Versündigung an Gott.«

»Bedenke nur deine Sünden, Frauenzimmer,« entgegnete Blasedow; »wer in Gott freudig seyn will, wird es mit hungerigem Magen schwerlich seyn können.« Damit stieg er, eine Schüssel und ein Brod in der Hand, in sein Zimmer hinauf. Gertrud leuchtete ihm nach. »Ob ich falle,« dachte er, »ist ihr sehr gleichgültig; nur fürchtet sie, wenn ich fehltrete, daß ihr die Schüssel zerschlagen wird. Deßhalb leuchtet sie!« Blasedow war gegen seine Frau mißtrauisch im höchsten Grade. Er sagte oft: »Giftmischer gibt es in der Geschichte der Staaten und der Schaffotte weit weniger, als Giftmischerinnen. Die Frauen würden, wenn man die Aqua toffana so kaufen könnte, wie das Willersche Kräuteröl, schreckliche Verheerungen anstiften. Furcht und Grausamkeit halten sich in dem weiblichen Herzen das Gleichgewicht.« Und Blasedow war gegen Gertrud so mißtrauisch, daß er oft fürchtete, sie würde ihn vergiften. Seine Hypochondrie schlug ihm das Leben, was er führen müsse, als einen schwarzen Trauerpfad aus. Wenn mit seiner Frau eine heftige Scene vorgefallen war, und er allein aß, so lockte er immer die Katze ins Zimmer und setzte ihr von den Speisen vor, um zu sehen, ob sie nicht zuckte. Die Frauen schienen ihm aller Dinge fähig. »Ein Engel,« sagte er, »fällt leicht, und nun gar meine Frau, die nicht einmal ein Engel ist! Frauen, wie Alles, was schön ist, nehmen sich besser in der Entfernung aus. Sie sind auf die Mittelstraße in allen Dingen angewiesen, weil sie Gott gerade aus der Rippengegend des Mannes herausschnitt, aber doch stürzen sie aus Extrem in Extrem.«

Unter ähnlichen Betrachtungen schlief Blasedow ein. Die Mohnköpfe, die Morpheus heute noch über ihn streute, waren mit Milch, Zucker und Brod gerieben gewesen, ein Essen, für welches ich gestehe keinen hochdeutschen Namen zu wissen. Den niederdeutschen aber behalte ich zurück, weil es in der Familiarität auch der komischen Romane eine Grenze geben soll.


Fünftes Kapitel.

 

Die Amtsbrüderschaft.

Wir haben schon öfters des Pfarrers Tobianus erwähnt, eines benachbarten Freundes der Pfarrei in Kleinbethlehem. Jetzt sehen wir ihn mit einer kleinen Kalesche, von Sophien, einem zehnjährigen munteren Mädchen, begleitet, in das vor uns bisher aufgespannte Gemälde mitten hineinfahren, eine große Staubwolke aufwühlend, wie viele Nebenpersonen in Dramen und Romanen auftreten und einen um so größeren Lärm machen, je kleiner ihre spätere Rolle ist. Bei Leibe, ich will das Interesse an Herrn Tobianus nicht gleich bei seinem ersten Auftreten untergraben. Mag sich der Mann entwickeln, mag er sich so breit machen, wie er neben seiner unruhigen Tochter sitzt. Er dampft Tabakswolken aus der Pfeife von Meerschaum. Er ist das lebendige Gegenbild zu unserem noch schlafenden, unglücklichen Freunde, zufrieden, überzufrieden mit seinem Lose. Er hatte nie in den ersten Reihen gestanden und war nie durch den Alp des Ehrgeizes um seine Nächte gekommen. Tobianus hatte sein ganzes Leben hindurch so gerechnet: Bekommt der acht oder zehn, so bin ich mit drei, vier sehr zufrieden. Tobianus ordnete sich jedem stärkeren Willen, jeder höheren Fähigkeit freiwillig unter. Alles, wodurch er sich übertroffen fühlte, fand an ihm seinen ersten Lobredner. Unwillkürlich und ohne Affectation pflegte er oft zu sagen: »Wir andere und gewöhnliche Leute.« Bei jeder Parteiung erklärte er sich für die Gemeinschaft mit Jenen, welche das gezügelte, bevormundete Publicum bilden. Wer hätte glauben sollen, daß dieser Mann Umgang mit den classischen Musen gepflogen und Plato und Demosthenes auf der Schule wenigstens, wenn nicht gelesen, doch buchstabirt hatte!

Tobianus sollte nun aber einen Gelehrten machen. Es war eine Kugel in jenem geistlichen Rosenkranze, der im Fürstenthume Sayn-Sayn äußerlich die Religion vorstellte. Doch auch in diesem Berufe predigte er nichts Anderes, als was er den Leuten vom Gesicht und dem Kanzelpulte vom Papier ablesen konnte. Eine Predigt zu memoriren, hätte ihn um seinen Verstand gebracht. Wie oft vergaß er nicht sein Papier, und wie oft mußte er nicht umkehren, nachdem er auf der Kanzel schon das Eingangsgebet hergesagt hatte! »Ich habe das Gute bei meiner Mittelmäßigkeit,« pflegte er zu sagen, »daß ich niemals aus dem Contexte komme. Meine Predigten haben Hand und Fuß. Sie sind oft weit besser, als ich sie machen kann.« Man sieht, daß Tobianus hier nur von den Reden spricht, die er hielt, nicht einmal von denen, die er machte. Er nahm nicht selten Reinhards und anderer Meister Predigten mit auf die Kanzel mit dem Bemerken: »Ich meine immer, es ist dem Zwecke weit angemessener, fremde Vorzüge einzuräumen, als den Mangel seines eigenen auf halbe Weise zu bemänteln.« Nur gegen Blasedow war Tobianus nicht so tolerant. Er erkannte seinen Geist an, er war weit entfernt, ihm den Vorrang streitig zu machen; allein er hielt ihn auch für eben so confus, als genial, für eben so unklar, als originell. Er stellte seinen kühnen Einfällen und Bestrebungen gewöhnlich die Bürgermiliz seiner eigenen krummbeinigen und blassen Gedanken entgegen. »Blasedows Wahnsinn gegenüber,« sagte er, »will ich den Katechismus als das Werk der tiefsten Weisheit vertheidigen. Besser nüchtern und schaal, als voll und betrunken. Besser auf einem Esel nach Jerusalem reiten, als in einem Luftballon, der in irgend einem Baume hängen bleibt. Besser ein besonnener Schüler, der gesunder die Lehren Anderer nachbetet, als ein fiebernder Prophet, dessen Ideen nahe an Narrheit streifen.« Da sieht man also ? Tobianus konnte bei seiner Trockenheit sogar Feuer fangen. Einem Don Quixote gegenüber fühlte er sich als Maulthier-Treiber stolz. Besser Hafergrütze, dachte er, als eine angebrannte Pastete.

Vorn auf dem Bock der Kalesche saß das ehrlichste Gesicht, welches jemals blonde deutsche Haare beschatteten. Dennoch bemächtigte sich dieser gutmüthigen und einfältigen Züge des Knechtes eine gewisse Schlauheit, als sie in die Nähe des Dorfes kamen. Peter Erich, der Kutscher, blickte einigemale rückwärts, und Tobianus bemerkte sein Lächeln, achtete aber nicht darauf, weil er wußte, daß man ihn als Wittwer im Verdacht hatte, mit Frau Gertrud vertrauter zu seyn, als der Mann derselben. Erst als Peter Erich anfing, über die Maßen langsam zu fahren, schalt er ihn und verwies ihm sein unpassendes Grieflachen. Da hielt Peter Erich sogar die Pferde an, stand von seinem Sitz auf und nahm seine Mütze ab. »Ach,« stotterte er, »da soll im Dorfe jetzt mit einer ganzen Armee wilder Bestien auch ein Papagey angekommen seyn, der ein wahres Wunderthier ist. Spricht Alles und versteht Alles, reist aber heute noch ab. Da sehen Sie, die Wagen sind schon bespannt; wenn wir rechts herum fahren am Wirthshause vorbei, könnte ich das Ding noch zu sehen bekommen.« Als Tobianus nichts dagegen hatte, fuhr Peter Erich, wie schnell es nur auf dem Landwege gehen wollte, dem Dorfe von der Seite zu, wo die Schenke lag.

Hier war die Menagerie eben im Begriff; aufzubrechen. Die Pferde waren schon vor die langen Kästen gespannt, zwei Damen schrien und lärmten umher und beaufsichtigten das Einpacken ihrer Garderobe. Auf dem offenen Kutschenfenster der Seite des herrschaftlichen Wagens, welche zublieb, saß in der That das wunderbare Thier, von welchem Peter Erich durch Michel Meyer gehört, der den Abend vorher das Thier schon angehört hatte und Peter Erich unterweges begegnet war. Sophie fürchtete sich, abzusteigen und dem grünen Vogel mit seinem verdächtigen krummen Schnabel und dem ängstigenden Krauen und Krakeln, welches dem Papagey eigen ist, zu nahe zu kommen. Aber Peter Erich band seinen Gaul fest, stellte die Peitsche ehrfurchtsvoll hin und schickte sich mit besorgten Schritten an, den Wundervogel näher zu betrachten. Das Krächzen des Thieres erschreckte ihn sehr. Doch trat er näher und versenkte sich in staunende Bewunderung vor einem Wesen, das gefiedert war und doch dem Gerüchte nach ordentlich sprechen sollte. Der Papagey betrachtete ihn eine Weile und sagte plötzlich: »Wie heißt du?« Peter Erich zitterte am ganzen Körper und erdreistete sich, mit ehrerbietiger Stimme zu sagen: »Peter Erich.« Der Papagey nahm ihn nun näher in Augenschein, brummte heimlich immer etwas vor sich hin und machte Peter Erich glauben, das Thier besänne sich auf alle schlechte Streiche, die er schon gemacht hätte. Jetzt brach der Vogel heraus: »Mach dein Kompliment!« Wie Peter Erich das hörte, besann er sich erst in der größten Verlegenheit eine Weile. Kaum hatte der Vogel seinen Befehl wiederholt, so griff er an seine Kappe, nahm sie ab und machte in der That eine Reverenz bis tief zur Erde. Peter Erich zog sich dabei langsam zurück; der Schweiß stand ihm auf der Stirne, und obgleich Tobianus und Sophie aus vollen Leibeskräften, diese über den Vogel und jener über das gute, ehrliche Schaf, lachten, konnte er doch immer noch nicht zur Besinnung kommen und fuhr in der festen Ueberzeugung, daß der Vogel ihn gekannt hätte, mechanisch in die Pfarrwohnung von Kleinbethlehem.

Menschen von unzureichender Bildung pflegen die Regungen ihres Herzens mit großer Kunst bemeistern zu können. Vielleicht ist es auch nur Apathie, vielleicht ist nicht einmal eine Kunst dabei vorhanden. Mütter gibt es, die für ihre Söhne das Leben lassen könnten und sie doch nie geküßt haben, ja, vielleicht kaum anders, als zankend mit ihnen sprechen. Bei Ehegatten pflegt sich die Neigung oft hinter Poltern zu verstecken. Sie wählen das Gegentheil ihrer Empfindungen, weil sie für den eigentlichen Ton derselben kein Instrument, keine äußere Form haben und doch gewiß sind, daß hinter dem Poltern unmöglich Ernst verborgen seyn kann. So sehen wir auch, daß Tobianus von Gertrud sehr einfach und kalt empfangen wird, und möchten das Gerede der Welt für eitel Verleumdung erklären, wenn nicht die Art, wie sichs Tobianus nun im Hause bequem macht, eine Freundschaft verriethe, die sich sicher fühlt. Da wird sein Pferd ohne Weiteres in den Stall geführt. Peter Erich putzt den Wagen, alle Handleistung wird ihm gereicht. Tobianus zieht einen Hausrock an, den er immer in Kleinbethlehem zurückläßt; er nimmt Pfeifen aus einem Wandschrank in der Hausflur hervor; seine Tochter, ein wildes Kind, commandirt die etwas jüngeren Knaben; Erfrischungen werden ihm in den Garten nachgetragen, wo er als wahrer Hausvater die Bienenstöcke untersucht, die Fortschritte der reifenden Baumfrüchte vergleicht, kurz, überall nach dem Rechten sieht. Endlich läßt er sich unter einem großen Acacienbaume, unter welchem Tisch und Bänke angebracht waren, nieder und schlägt ein Buch auf, während Frau Gertrud Spargeln absticht und ihm zuweilen von Obstbäumen und Hecken, wo sie vorbei mußte, einige gute Proben auf den Tisch legte.

»Nun, wo ist er denn?« fragte Tobianus endlich ganz trocken.

»Wo ist er? Er schläft noch,« antwortete sie; »das Weibsbild mit den Thieren hat ihn die Nacht zu sich kommen lassen. Ich weiß nicht, was er da gesollt hat. Hungrig, wie ein Wolf, kam er zurück. Nein, aber sehen Sie, Tobianus, diese Spargeln!«

Damit zeigte ihm Gertrud diese wunderliche Wurzelfrucht, welche mit der gräßlichsten Tyrannei von den Menschen behandelt wird, die mit der üppigsten Lebenslust aufschießt, um nur Samen zu produciren, und sich kaum auf der Oberfläche des Erdbodens erblicken lassen darf, um gleich wieder abgestochen zu werden. »Ich denke bei dieser Frucht,« sagte einmal Blasedow, »immer an die Bestrebungen unserer Zeit, welche von der conservativen Partei so sehr gefürchtet und verfolgt werden. Man läßt sie nicht aufkommen, schneidet tief in den Schoß des Uebels hinein, trifft die Wurzel und doch nicht den Beginn der Wurzel, bis man endlich, ermüdet von den vergeblichen Versuchen, dem Wachsthume freien Raum lassen sollte und finden würde, daß diese revolutionären Spargeln eben nichts Anderes zeitigen, als Samenkörner für die Zukunft, nicht eine einzige bestimmte Thatsache also, die sich in der Geschichte nie so organisch entwickelt, wie die Frucht und Blüthenkrone aus dem Pflanzenkeime.«

Tobianus blieb beim Anblicke der Spargeln ganz kalt und ruhig und sagte bloß: »So, so!« indem er in seinem Buche, welches ein ganz gewöhnlicher Leihbibliotheken-Roman war, fortlas. Gertrud ging an ihre Gartenarbeit zurück und fragte nach einer Weile: »Haben Sie denn auch vom Consistori so einen großen Brief bekommen, wie er?«

»Ja freilich,« lachte Tobianus; »nun müssen Sie sich in Acht nehmen, Frau Gertrud, daß Sie Ihren Jungen das Hampeln mit den Beinen beim Sitzen nicht mehr verbieten.«

»O pfui doch,« sagte Gertrud zusammenschauernd, »das bedeutet ja Glockenläuten und bringt immer Einen zu Sarge.«

Tobianus lachte laut auf. »Da haben wirs: Sie treiben selbst den Aberglauben mit, Frau; und von uns soll nun jetzt das Licht der Aufklärung kommen. Blaustrumpf ist schon unterweges und will eine Visitationsreise im ganzen Lande machen, um alles Unkraut des Hexenglaubens auszurotten. Alles Besprechen, alle Wahrsagerei, alles Traumdeuten ? Frau Gertrud, nehmen Sie sich in Acht ? ist jetzt verboten.«

Indem diese sich aufrichtete und den Nachbar mit großen Augen anstarrte, öffnete sich die Gartenthüre, und Blasedow stieg mit feierlicher Würde die Stufen in den Garten herunter. Er trug einen alten Morgenschlafrock von ehemals geblümt gewesenem Zeuge, vorn und hinten geflickt, eine Nachtmütze, wie sie die pommerschen Bauern tragen, durchaus keine Pfeife im Munde; eine lange hagere Gestalt, streng und abstoßend, mürrisch sogar, und auf die Blumenbeete nur deßhalb sehend, um Tobianus nur wie von Ungefähr grüßen zu dürfen. Auf der Stirn aber standen ihm die Gedanken geschrieben: Gott, da ist der Mensch, der Tobianus, schon wieder und liest wahrscheinlich den Hechelkrämer von Spieß. Es gibt doch Leute, die nur deßhalb studirt zu haben scheinen, um sich in ihrer Geistesbeschränktheit nur desto greller zu offenbaren. Denn hätten sie sich an die Masse gehalten, so würden sie auch in der Masse verloren gehen. Als Hechelkrämer könnte der Mann Achtung verdienen, als Geistlicher stellt er sich aber selbst an den Pranger. Wenn die Sprache nach irgend einem Talleyrand und Diplomaten deßhalb erfunden ist, um seine Gedanken zu verbergen, so scheinen dagegen bei Tobianus die Wissenschaften nur deßhalb erfunden zu seyn, um seine Gedankenlosigkeit herauszustellen. Nun retirirt er sich zwar immer hinter seine Bescheidenheit, wie alle die, welche auf nichts Bescheid zu geben wissen; aber nicht dem Schwachen, nur dem Stolzen steht es schön, demüthig zu seyn. Er ist zufrieden ? das nennen die Menschen eine Tugend! ? zufrieden mit sich selbst. Wahrlich, er sollte sich gestehen, daß er nicht Ursache dazu hätte. Und dann die Collegen-Wirthschaft, das wir ? wir ? ja, sieh du nur her, streck nur deinen Hals, lach nur, Kerl! Wenigstens ist sein Tabaksdampf gegen die Raupen gut.

»Guten Morgen, Herr College!« rief Tobianus herüber. Blasedow hob das Haupt vornehm in die Höhe, spitzte verächtlich den Mund, schielte ein wenig hinüber und nickte den Kopf, Alles nur, wie von Ungefähr.

»Haben Sie schon Ihren Text? Eine Trauung? Eine Kindtaufe? Was sagen Sie zu Blaustrumpf?«

Blasedow hörte nicht darauf, und Gertrud warf dem Frager einen verweisenden Blick zu mit den Worten: »Ach, Herr Tobianus, reden Sie doch gar nicht mit ihm!« Blasedow nämlich verachtete alles Handwerkswerkmäßige in seinem Berufe. So mechanisch er ihn trieb, so war er doch unfähig, jenen Schriftstellern zu gleichen, die, wenn sie zusammenkommen, statt über ihre Ideen, nur über den Buchhandel sprechen. Gertrud konnte das am heftigsten erzürnen. Sie sah darin eine gänzliche Vernachlässigung des Geschäfts, eine heillose Verwilderung in dem heiligen Berufe. Sie glaubte, daß der Maschinist und Lampenputzer im Theater das Meiste zum Stück thäte, daß hinter den Coulissen des Cultus die wahre Gottesnähe brausen müsse. »Wie gerne setzte ich ihm nicht,« sagte sie zu Tobianus, »Sonntags immer seine Läppchen zurecht! Was wäre mir das für eine Freude, ihm Alles sauber in die Hand zu geben, das Gesangbuch abzuputzen und überhaupt mit ihm geistlichen und gottgefälligen Staat zu machen. Aber er rennt immer wie ein Heide in die Kirche, wo er doch sollte am feierlichsten auftreten. Was hilft mir alles reines Herzens seyn, wenn man nicht reinlich ist! Gewöhnlich läßt er das Beste, was er braucht, zu Hause, nämlich sein Schnupftuch. Nun denken Sie sich, wenn ich im Beichtstuhle sitze und höre, wie er oben schnauft und in die Verlegenheit kommt. Was der eigentlich im Kopf hat! Glauben Sie, Herr Tobianus, daß er studirt, wie Sie und mein seliger Mann auch? Nie auch nur die Feder angesetzt und ein Wort aufgeschrieben! Sonnabends auch lieber im Walde gelegen, als da ordentlich darüber nachgedacht, was die Menschen erbaut. Ich weiß nicht, ich bin nicht erbaut von seinen Redensarten. Und Keiner versteht ihn: er spricht nicht fürs Herz, auch für den menschlichen Verstand nicht einmal. Es ist gerade so, als wenn er da oben allein steht und mit sich selber spricht. Nein, da kann auch gar kein Christenthum aufkommen, und wundert mich nur, wie hier im Dorfe noch nicht Mord und Todtschlag unter die Leute sich verbreitet hat.«

Indem war Blasedow näher getreten und wurde von Tobianus aufs Neue über den Aberglauben angezapft. Gertrud, wie eine Spindel, die ihren Trill ausschnurrt, mochte weder aufhören, noch ihre Vorwürfe auch gerade gegen Blasedow richten. Sie sprang demnach von dem Lande auf die Stadt über und sagte: »Wenn doch die Herren vom Consistori ihre eigenen Perücken ausklopfen wollten! Statt daß die Leute auf dem Lande zu viel glauben, sollten sie nur darauf sehen, wie sie in der Stadt schon gar nichts glauben. Die Sittenlosigkeit nimmt überhand und wird von den Obern recht gehegt und gepflegt. Ich habs meinem Manne gesagt. Ich mags gar nicht wieder in den Mund nehmen.« Dabei wurde sie hochroth, ob vor Zorn oder Scham, weiß man nicht. Sie packte ihre Spargeln zusammen und ließ die Männer allein.

»Sie meint,« sagte Blasedow mit lächelnder, ruhiger Miene, »sie meint die Verführung, welche von den Friseurs in der Stadt ausgeht. Diese Leute haben nämlich seit einiger Zeit angefangen, statt der alten Haubenstöcke und der Klötze, auf welchen sie ihre haarkräuslerischen Studien machen, sich den schönen Künsten anzuschließen. Ihre Aushänge-Fenster pflegen oft Köpfe zu enthalten, die mit nicht geringer Kunst aus Wachs bossirt oder gegossen sind. Sowohl an den Herren- als Damenköpfen nimmt Gertrud Anstand, oder vielmehr, sie vermißt an ihnen den Anstand. Ich gestehe selbst, daß diese nackten Brust-Partien, diese Turbane und Lockentouren für Knaben von lebhafter Einbildungskraft, für Knaben, die sich jene Geschöpfe, die sich....... Kurz, meine Frau ist ein Narr. Sie will die Sitten des Jahrhunderts durch die Unterdrückung der Friseursköpfe wieder herstellen, sie sieht in diesen schmachtenden Wachsaugen das größte Aergerniß ihrer Zeit. Auch die Herrenköpfe mit den wilden unternehmenden Backenbärten, der entblösten Brust, der Titus-Frisur, auch diese, sagt sie, steigen den jungen Mädchen in den Kopf, wenn sie aus der Schule kommen und Alles begaffen, was ihnen in den Weg kommt. Es ist bei ihr diese Ueberzeugung ein Fanatismus geworden, der an die Zeiten der Bilderstürmer erinnert; nur daß diese gegen die gemalten Tugenden, Gertrud aber gegen das gemalte Laster ihre Hand ausstreckt.«

Tobianus war eine so beschränkte Natur, daß er nicht wußte, ob er lachen durfte. Doch that ers im Vertrauen auf die ironische Miene seines Collegen. Die Acacien waren gerade in der Blüthe, die Blumen rings würzten den blauen Himmel, Bienen summten in ihren Kelchen, Schmetterlinge suchten auf ihren etwas unbeholfenen und spielenden Unsterblichkeits-Flügen sich hier und da einen Ruheplatz. Man muß wissen, daß die Vormittage auf dem Lande die Nachmittage, selbst die Abende bei weitem übertreffen. Am Vormittage ruht über der Natur eine so stille frische Feier: ist es, daß man in der Stunde, wo man alle Thätigkeit der Menschen an der Arbeit weiß, mit größerer Behaglichkeit die müßige Betrachtung der Natur genießt, oder duften und glühen die Farben noch frischer vom Thaue der Nacht, oder sieht man die Natur selbst in einer stillen Thätigkeit begriffen? »Ich habe das Reizende der Frühe bei dem Landleben fast immer nur in der Richtung der Sonnenstrahlen gefunden. Das Ankommen und Heraufsteigen der Sonne theilt sich allem von ihr gezeitigten Leben mit. Jeder Ton der Natur ist in jenen Stunden ein anschwellender, ein steigender, jede Pflanze streckt sich verlangend nach mir aus und lockt mich in den Kreis, wo sie duftet, wo sie wenigstens der Wind hin- und herbewegt. Nach Tisch sind wir selber in die Vegetation mit hineingerissen und fühlen, wie wir dem Organismus der Schöpfung unsern Tribut zollen müssen. Gegen Abend endlich legt sich der Schleier der Melancholie und der wehmüthigen Reflexion vor mein Auge,« sagte öfters Blasedow. »Erst wenn Alles ruht von seinen Werken, fühl ich, wie wenig ich that, fühle, was ich thun möchte. Ich bin einsam und möchte mich in ein Meer von Schmerz, Wehmuth und Vergessenheit stürzen.«

Blasedow ließ sich auf der Bank unter der Acacie nieder und veredelte durch die poetische Würde seines Auftretens wenigstens die Fragen des Tobianus, wenn auch nicht immer seine Antworten.

Wie aus einem Traume auffahrend, fragte Blasedow: »Sind Sie Vater?«

Tobianus verwunderte sich über die Abwesenheit seines Freundes und zeigte bloß lachend auf den Hof hinaus, wo Sophie mit den Knaben des Pfarrers die Fahne auf dem Taubenschlage schwenkte und sich im Pfeifen, sogar mit zwei Fingern im Munde, übte.

»Ich beklage Sie,« sagte Blasedow: »ein Mädchen ist eine Blase, die sich ephemer auf der Oberfläche des Lebens bildet und wieder verschwindet. Ihr Inhalt ist Luft; sie glänzt, wenn zufällig die Sonne der Schönheit sie bescheint. Ich würde zittern, der Vater eines Mädchens zu seyn, weil es nur der Zufall selbst ist, den ich neben mir aufwachsen sähe. Welche Bestimmung können Sie einem Weibe geben? Geben Sie ihr einen Mann; mehr wünscht sie nicht.«

Tobianus war über diese Bemerkungen in sichtbare Unruhe gerathen; er klopfte seine Pfeife aus und setzte sich in die Positur, welche er immer annahm, wenn es galt, die heißen Ideen von Kleinbethlehem mit seinem nüchternen Jordanwasser zu begießen. Er hatte schon den Gemeinplatz, daß die Mädchenerziehung auf die Kunst, einen Mann glücklich zu machen, lossteuern müsse, im Munde, als ihn Blasedow unterbrach: »Erlauben Sie, Frauen haben zwei Pflichten, und beide sind sich nicht selten zwei feindliche Brüder. Einmal soll sie einen Mann locken, und zweitens soll sie ihn fesseln. Dasjenige, womit sie lockt, dies gerade ist oft das, womit sie später abstößt. Was helfen den Frauenzimmern alle fesselnde Eigenschaften, wenn sie noch Niemanden zwischen ihren Krallen haben! Was hilft ihnen das ungeheure Verdauungswerkzeug der Klapperschlangen, wenn sie jenen Ton nicht von sich zu geben wissen, welcher die Männer lockt, blindlings in ihr Verderben zu rennen! Nun sorgen Sie einmal bloß für das Solide, und sagen Sie sich dann, wenn die Zeit der Blüthe und der Reife eingetreten ist, ob Sie mit dem Soliden gerade so weit gekommen sind, daß Sie eine Last weniger auf dem Halse haben!«

»Mädchen brauchen nur Geld und eine glatte Schürze zu haben,« fiel Tobianus ein.

»Geld« ? sprach Blasedow gedehnt; ? »Geld, Sie haben Geld, Tobianus: wenn Ihre Tochter mit diesem Leim einst auf den Vögelstrich gehen wird, dann kann es nicht fehlen. Allein dann wird die Noth immer eine umgekehrte werden. Dann liegt die Wahl in ihrem Schoße. Jetzt soll das Mädchen Verstand haben. Gut, sie hat ihn, sie wählt den Solidesten, gut, das ist dann ein Duckmäuser, ein Accuratessenmeister, der sich des Morgens den ganzen Leib mit kaltem Wasser wascht, der nicht zu rasch ißt, um besser genießen und besser verdauen zu können; ein Frühaufsteher von der unerträglichen Sorte, der nur deßhalb so viel Zeit gewinnen will, weil er viel Zeit braucht, seiner Umstände wegen. Ihre Tochter wird des Mannes überdrüssig werden. Sie wird ihre Angel nach Hülfe auswerfen, ihre schmachtenden, wasserziehenden Blicke werden verstanden werden. Sie wird erst mit ihren Leidenschaften in Brand gesteckt und dann von dem Nachbar, der das Feuer ansteckte, aus dem Unglück gerettet werden, halb nackt, mit fliegendem Haar, nur die Dormeuse auf, und in dessen Armen zum Leben wieder erwachend! Ihr Retter wird bald auch ihr Ritter seyn.«

Hätte Gertrud die Gewohnheit gehabt, Eierkuchen ohne Schnittlauch zu backen, so würde diese Schilderung einer sich lösenden Ehe nur in den verlegenen Worten des betroffenen Tobianus eine Entgegnung gefunden haben. So aber vermißte Gertrud das erwähnte würzige Kraut, war in den Garten zurückgekehrt und hatte den größten Theil der Blasedowschen Ansichten über Mädchenzweck und Frauenschicksal angehört. Die Scene mit dem aufgelösten Haare hätte sie aber beinahe vermocht, ihr eigenes zu zerraufen. Sie klappte, um sich in ihrem Eifer nicht zu verwunden, das Messer zu und schickte ihrem tiefsten Unwillen erst einige Anrufungen des Heilands voraus, um die folgenden, an Flüche grenzenden Redensarten weniger gotteslästerlich zu machen. Das sagte sie auch selbst und fuhr fort: »Bei mir ist die Versündigung weit geringer, als bei einem Diener Gottes, der auf solche Weise des Teufels Werke zu schildern weiß. Wer so, wie du, die Hölle malt, der muß schon einen tiefen Blick hineingethan haben. « Sie entlud sich ihres Unmuths in Ausdrücken, die unsere Darstellung mit den Redefiguren des Junkers Siegfried von Lindenberg in allzunahe Verwandtschaft bringen würden, wollten wir sie wiederholen. Nahm sie doch nach Frauenart Alles, was Blasedow gesagt hatte, als eine persönliche an ihr gemachte Erfahrung und als eine Anspielung auf den werthen Besuch an, der die Augen zu Boden geschlagen hatte, sie aber auch in ihrer ganzen Verlegenheit hätte zeigen können, da Blasedow nichts Böses argwohnte. Dieser fuhr, unbekümmert um seine Frau, die er keines Blickes würdigte, fort: »Mädchenerziehung ist kein Unding, aber ein halbes Ding. Auch bei Knaben wird an der Erziehung immer etwas fehlen; allein diese können es sich doch später noch verschaffen. Das können Mädchen nicht. Sie erlangen niemals einen Horizont. Sie wissen sich keinen Gegenstand so zu objectiviren, daß sie ihn in seinem Zusammenhange verständen. Von Nichts verstehen sie den Werth. Ob Julius Cäsar stirbt, oder sie sich mit der Nähnadel stechen, ist Eins. Auch reicht ihre Phantasie gar nicht hin, sich Entferntes und Vergangenes mit Liebe und Klarheit zu vergegenwärtigen. Wenn nicht die Lebensgeschichte des Heilandes mit so vielen Wundern durchwirkt wäre, so würden sie ihn für einen jungen Beichtvater halten, der langes Haar trug und die weichsten Sammethände von der Welt hatte. Die Zärtlichkeit der Frauen für das Große mißt sich immer darnach ab, ob sie ihm wohl mit einem gestickten Hosenträger einen Gefallen erzeigen würden. Ich habe in meinem Leben mit zwei Frauen Umgang gehabt: mit meiner Mutter und mit dir, Gertrud; glücklicherweise habt ihr beide dasselbe Temperament und seyd euch gleich in euren Tugenden und euren Fehlern. Ich bin der ältere Bruder meiner Söhne, und du bist unsere Mutter, Gertrud. Wir fünf Knaben sind jünger, als du, sind verständiger, auch wieder leichtsinniger, als du; wir lassen uns schmecken, was du kochst, wir nehmen uns in Acht, unsre Unarten vor dir zu zeigen, wir fürchten deinen Zorn, wenn er anfängt, und lachen, wenn er zu Ende ist. Nicht wahr, ihr Orgelpfeifen?«

Alle seine Kinder standen nämlich jetzt um ihn und lachten mit, weil er selbst lachte. Gertrud weinte, daß er ihr die Kinder abwendig mache und die magnetische Kraft ihres Mutterherzens abschwäche. »Nun,« sagte Blasedow, »es sind meine Söhne. Sie sind mein Stolz, meine Zukunft. Du sollst ihnen noch am nächsten Sonntag ein reines Hemd anziehen, waschest sie, reinigst sie noch einmal; dann sind sie mein. Der Augenblick der väterlichen Fürsorge und deiner mütterlichen bloßen Nachsicht ist gekommen. Meine prophetischen Gedanken kommen zur Reife: in kurzer Zeit geht Jeder von ihnen, der Aelteste und der Jüngste (ein neues kömmt nicht mehr), seiner Bestimmung entgegen. Kinder, ihr müßt euch tummeln und die Rockschösse immer in der Hand haben, um schnell an eurem Ziele zu seyn. Das Leben reicht weiter, als von hier an die Gartenthüre, und doch nicht weiter, als von hier bis zum Friedhof drüben. Rüstet euch, daß Gott in euch einziehe. Die Stunde der Weihe ist nahe herbeigekommen.«

Damit wandte sich Blasedow um und verließ den Garten nach Hinten. Er griff in seine Rocktasche; wahrscheinlich suchte er ein Tuch, um sich eine Thräne zu trocknen. Gertrud weinte laut und sah ihm nach. Wie sie bemerkte, was er schon wieder vergessen hatte, wie sie ahnte, wozu er es eben brauchte, wie sie so selbst gelähmt war, nicht toben zu dürfen, hätte sie vor Schmerz vergehen mögen. Tobianus rauchte dabei gemüthlich seinen Meerschaumkopf und schüttelte verwundert seinen eigenen.


Sechstes Kapitel.

 

Begegnungen.

Blasedow ging nicht allein in den Wald. Ein zottiger Schäferhund, ein treues Thier, Wasser genannt (ein auf dem Lande üblicher Hundsname, der entweder, wenn die Türken etwas tiefer nach Deutschland gekommen wären, von Vezier abgeleitet werden müßte oder mit Azur zusammenhängt), Wasser sprang hinter ihm her und wedelte treuherzig mit dem Schweife. Wir dürfen dies Thier nicht aus den Augen lassen; thäten es doch auch die nicht, welche wir bald kennen lernen werden! Der Wald war übrigens sicher. Sayn-Sayn befand sich bei seinem Aberglauben so gut, daß die Gefängnisse oft Jahre lang leer standen. Die Regierung des Fürstenthums kam jährlich in Verlegenheit, wie sie es mit den in andern Staaten üblichen statistischen Tabellen über die Criminalstrafen halten sollte; sie war überzeugt davon, daß diese Veröffentlichungen nach der Abschreckungstheorie Viele, denen es am Hals juckte, abhielt, sich den Strick zu verdienen. Sie half sich da, so gut sie konnte. Sie setzte aufs Gerathewohl in die Landesblätter, daß eine bestimmte Anzahl Verbrecher wegen Raub, Mord, Diebstahl zwanzig, oft noch mehr Jahre ins Zuchthaus gekommen wären; allein es war kein wahres Wort daran. Hatten sie einmal einen Verbrecher erwischt, vielleicht auf der Grenze, der sich im Fürstenthum Sayn-Sayn gesicherter glaubte, so machten sie ordentlich Staat mit ihm. Sie führten ihn durch das ganze Land in geschlossener Kette, gleichsam zur Schau, wohin das Verbrechen führe. Nicht selten auch, wenn die Jahre durchaus nicht gedeihen wollten, ahmte man die auf kleinen Theatern bei Kriegs- und Krönungszügen übliche Sitte nach, daß man auch hier die Statisten der Gerechtigkeit hinter den Coulissen herumlaufen und mehrere Male auftreten ließ, um ihre Zahl zu vergrößern. Als nach der Schlacht bei Jena die Franzosen nach Berlin kamen und ihren Einzug hielten, wollte ihre Anzahl kein Ende nehmen. Die Berliner, die Napoleon noch immer für einen Kaiser aus Pappendeckel hielten, behaupteten damals auch, die Regimenter marschirten um die Mauern und den Ober- und Unterbaum herum und kämen wieder einigemal zum Vorschein, um einer Nation von lauter Alexandern und Bayards Angst einzuflößen. Mit dem Fürstenthum Sayn-Sayn verhielt es sich aber wirklich so, wie wir sagten.

Wenn die alten Weiber in den Dorfstuben die Hände über dem Kopf zusammenschlugen über die Menge von solchem Ungeziefer, die nun geschlossen ins Zuchthaus kämen, so kann man versichert seyn, daß diese Vervielfältigung nur von einem Individuum ausging, welches im ganzen Lande in die Kreuz und Quere als abschreckendes Beispiel für alle Embryone von Uebelthätern herumgeführt wurde.

 

Wie Blasedow, eine Zeit lang in Nachdenken versunken, durch den Kieferwald und sein sandiges Bette gegangen war, hörte er das Knallen einer Peitsche und das breitspurige Schleppen eines Wagens durch den mühseligen Sandweg von Kleinbethlehem nach Dreifelden, einem ansehnlichen Dorfe jenseits des Waldes. Endlich kam der Wagen näher. Der war von drei langgespannten Pferden gezogen und enthielt das ganze Haus des Landraths, seine Kinder, seine Frau, seinen Hauslehrer, nur den Grafen von der Neige, den Landrath selbst, ausgenommen.

Gern wäre Blasedow eingelenkt: denn, dachte er, wenigstens der Landrath meint es nicht zum Besten mit mir, weil ich ein Los auf seine Güterlotterie ausgeschlagen habe. Ein sauberes Aristokratennest! Ob durch Zufall oder Mitleiden, wie mags nur gekommen seyn, daß sie ihre Güter wieder gewonnen haben? Erst bringen sie ihre Ahnen unter den Hammer einer Auction, ja, wenn das noch; nein, sie machen ein Lottospiel, à Los einen Thaler, aus ihrem Grund und Boden, aus Koppelwirthschaft, Patronat, Patrimonial-Gerichtsbarkeit, Alles zusammen von einem Juden in Entreprise genommen und nun Viertel-, halbe, ganze Loose, wers Glück hat! Der Waisenknabe, der in der Residenz aus dem Rade gezogen hat, fühlte gewiß darin herum, wo er sich an einer Nadel stechen würde; daran soll der Hauptgewinn befestigt gewesen seyn, so daß, indem er Au! schrie, die Gräfin beinahe vor Freude umgefallen wäre. Inzwischen hat dieser Glücksstich nur das bedenklich zusammengezogen gewesene Geschwür der Gläubiger aufgestochen.

Die Güter sind nun schuldenfrei; vor den Creditoren, ich wills glauben, auch vor ihrem Gewissen haben sie Ruhe; allein sie wetteifern noch immer an Sparsamkeit mit den Kirchenmäusen, wenn sie auch thun, als hätten wir gemeine Leute die Midasohren, sie aber die allesvergoldenden Midashände. Wie mach ichs nur, daß ich in einem Walde, der kein Gebüsch hat, ihnen aus dem Wege gehe.

Doch inzwischen rief schon die Glockenstimme der Gräfin Sidonie ihn bewillkommend: »Welch ein Glück, Herr Pfarrer!«

»Gnädige Frau Gräfin,« erwiderte Blasedow stillstehend und den Hut lüftend; »Sie haben in allen Dingen Glück. Doch mich zu treffen, ist kein so guter Treffer, wie der, welchen Sie neulich hatten.«

Indem jetzt der Wagen anhielt, und Blasedow dringend ersucht wurde, einzusteigen, grübelte er, wie er wohl das Nadelholz der Fichten mit der Stecknadel ihres Glückes in Verbindung bringen könnte, ohne dabei besonders tief zu stechen. Er mußte sich bequemen, es sich im Wagen unbequem zu machen: denn eine ganze Horde gräflicher Schößlinge, die alle an dem Stammbaume derer von der Neige hinaufkrabbelten, wühlte in dem glücklicherweise ganz offenen Wagen. Auch Herr Ritter, ein junger Candidat, der den Hauslehrer der Kinder und den Cavalier der Gräfin machte, wollte seinen Sitz Sidonien gegenüber nicht aufgeben. Es half nichts, der älteste der jungen Grafen mußte auf den Bock klettern, ein Arrangement, das Wasser dadurch wieder ins Gleichgewicht zu bringen suchte, daß er hinten auf den Tritt des Wagens sprang und zuweilen seine Vorderpfoten vorwitzig über die Lehne streckte, wobei die Schleife und eine Blume auf der gräflichen Haube nicht wenig in Gefahr war, geknickt zu werden.

Ich gestehe, hier in Verlegenheit zu kommen. Ich kann unmöglich die jetzt sich entspinnenden Scenen auf dem Rocken meiner Darstellung zu Fäden drehen, die Alles enthielten, was an Material sich mir darbietet. Ich muß deßhalb vorausschicken, daß mit den größern Gruppen, die ich hier aufführe, parallel laufen eine zahllose Menge kleiner Basreliefs am Fuß der Statuen, die gräflichen Kindertumulte nämlich, die hundert Verwicklungen naseweiser Bemerkungen, die vielen heimlichen Boxduelle und Aufschreie wegen einer möglichen Verwundung, die Streitschlichtungen, die öfters angebrachten Ohnmachten der Gräfin als letztes Rettungsmittel gegen die Erdreistungen dieser durch eine Lotterie und? einen Nadelstich geretteten kleinen aristokratischen Canaille. Blasedow war nachsichtig, denn er gehörte zu den Bewunderern Sidoniens. Sie war auf dem Beresina-Uebergange aus der Jugend in das Alter begriffen, eine Frau, schön wie Rom, in ihren Erinnerungen und Resten nämlich. Ihre Stirn war hoch gewölbt, ihr Auge dunkel und noch schwarz von Augbrauen umringelt, die Beugung des Nackens zum Busen herab, da waren noch so viele Trümmer alter Herrlichkeit, so viel Herculanum und Pompeji begraben, daß man erschrocken wäre, hätte man Nachgrabungen anstellen wollen. Ein offenbarer, der Zeit zugefallener Tribut, war eine Zahnlücke ganz vorn am Munde; doch auch hier wurde das Fehlende durch eine meisterhafte Kokettirung gerade eine Breche, die der Muthige bei einem Eroberungsversuche hätte benützen können. Wenn erst Frauen in die Nothwendigkeit kommen, an sich etwas verbergen zu müssen, so haben sie die Einheit ihres Auftretens verloren und suchen durch Mittheilung oder Hingebung die Angst zu mildern, welche sie die Bewahrung eines lästigen Geheimnisses kostet.

»Sie ziehen sich zu sehr von der Welt und von Ihren besten Freunden zurück;« tadelte Sidonie den Pfarrer.

»Es geht mir bei Ihnen zu geräuschvoll her, meine Gnädige;« bemerkte Blasedow, indem er dabei nur an den Lärm hungriger Kirchenmäuse dachte.

Sidonie verstand ihn anders. Sie glaubte, er spiele auf die tumultuarischen Scenen an, welche früher durch den Besuch der gräflichen Creditoren veranlaßt wurden, und sagte: »Wir leben seit einiger Zeit selbst sehr zurückgezogen, besuchen die Residenz nicht mehr und pflanzen, so zu sagen, unsern eigenen Kohl. An der Hand meiner Kinder will ich in spätern Jahren wieder in die große Welt zurückkehren; jetzt hab ich mit Herrn Ritter, in dem sie einen sehr wissenschaftlich gebildeten jungen Mann kennen lernen werden, die Sorge für die Ausbildung meiner Kinder zu meinem Tagewerk gemacht.«

»Sie sind auch darin glücklich,«, bemerkte Blasedow, größtentheils ernsthaft, »daß Sie bei Ihren Kindern die Grundlage der allgemeinen Bildung zur Hauptsache machen können. Sie erziehen in ihnen Cavaliere, Sie haben nicht nöthig, auf einen bestimmten Zweck für die Zukunft zu sehen. Ihre Privilegien, Ihre Reichthümer erwerben Ihnen für Ihre Kinder ohnehin jenes böse und gute Ding, welches man Versorgung nennt, und worüber wir Bürgerliche uns freilich schlaflose Nächte zu machen haben.«

»Herr Pfarrer, es geht jetzt nur noch nach dem Talent,« erwiderte die Gräfin mit vornehmem Lächeln; »der Adel ist durch sein Wörtchen von jetzt darauf angewiesen, gerade von sich selbst abzuhängen. Wir müssen uns auf die Poesie beschränken, welche für Manchen darin liegt, der Vergangenheit seines Namens bis in dunkle Zeiten nachzuspüren und am eigenen Herd zu sitzen. Wir sind im Staate nichts mehr, als was wir von der Neige sind.«

Neige war der ominöse Name des gräflichen Stammschlosses. Als Blasedow aber wieder von der glücklichen Existenz der Bevorrechteten anfangen wollte, blickte Sidonie äußerst gnädig und drückte ihre zarte Hand auf den Mund des Pfarrers, der, so groß seine Verehrung für die Reize der Dame war, doch zu entschieden demokratische Gesinnungen hegte, als daß er die Hand anders als nur leise angehaucht hätte. Sidonie wußte gewiß Fleisch von Luft zu unterscheiden und rettete den Zusammenhang ihrer vornehmen Rolle durch jenes eigenthümliche Auflachen, welches ich noch immer an Damen von Rang wahrgenommen habe, wenn sie eine ihnen unangenehme Empfindung zu verwischen suchen. »Sie essen mit uns,« hieß es jetzt; »wir wollen den Wirth in Dreifelden um eine Suppe ersuchen. Wir haben die nöthigen Braten und Nachtische im Wagen. Dies Improvisiren der durch ihre Monotonie langweilig werdenden Genüsse reizt immer meinen Appetit. Unter einem Baum, in einer Schenke, bei offenem Wagen, während der langsamsten Fahrt, da hab ichs lieber, als im Zimmer zu Hause mit den weitläufigen Gängen, wo die Tische von Speisen brechen, und das Essen fast eine Beschäftigung wird.«

Blasedow war es so, als lachte vorn der Kutscher. Er kannte die Verhältnisse genug, um sich den Mann unter vier Augen vorzustellen, wie er diese Radomontade mit den von Speisen brechenden Tischen beurtheilt haben würde. Ironisch sagte er: »Das ist doch wieder ein Vorsprung, den die Aristokratie vor uns voraus hat, selbst das Daseyn, was uns andern Leuten eine Last ist, ihrerseits für eine Erholung zu nehmen. Sie lassen sich das Schwarzbrod in Dreifelden schmecken, als wenn ich bei Ihnen Torten genießen würde. Ein Schemel hat für Sie dieselbe Süßigkeit, wie für mich das Glück, auf einer Ihrer seidnen Ottomanen zu sitzen.«

Der Kutscher biß sich in die Lippen, und die Gräfin, über und über roth, warf einen ihrer ehemals glacirt gewesenen Handschuhe dem Spötter auf den Mund und sagte: »Warten Sie, ich schicke meinen Mann über Sie!«

»Freilich,« beantwortete Blasedow, künstlich erschreckend, »das lassen Sie nur, gnädige Frau; ich würde gern ein Los genommen haben, aber ich ahnte, daß Fortuna Ihnen nichts abschlagen würde. Uebrigens sollte Ihr Herr Gemahl, statt mir zu zürnen, jetzt froh seyn, daß ich mit ihm nicht concurrirte. Ein Los mehr würde den Treffer von ihm haben abwendig machen können, und wenn auch nur um eine Nadelspitze weit.«

Die Gräfin lachte übermäßig und sagte mit jener gewöhnlichen Wendung, die man braucht, um seine Verlegenheit zu verdecken: »Sie sind ein ganzer Mann: das muß man gestehen. Vortrefflich, Herr Pfarrer!«

 

Inzwischen war man vom Sand auf einen Holzweg gekommen und stieg Dreifelden recht in die Flanke. Die Gräfin nickte allen Vorübergehenden, obschon Niemand grüßte. »Wie beliebt Sie sind,« bemerkte Blasedow; aber der Wagen bekam in dem Augenblick einen stillen Ruck, weil es über eine Rinne ging. Man war jetzt in Dreifelden und galoppirte gerade auf den rothen Ochsen zu, welches das beste Gasthaus im Orte war und auch das einzige. Blasedow konnte sich die Empfindungen des Wirthes gut zusammenreimen. Jetzt, dacht er, fährt er auf, er hört einen Wagen herankommen. Wie ihn die Peitsche elektrisirt! Jetzt steht er an der Thür, kratzt aber, als er das gräflich von der Neigesche Fuhrwerk bemerkt, sich getäuscht hinterm Ohre, weiß auch noch nicht einmal, ob er Platz (für uns im Zimmer vielleicht), aber, große Frage! ob Platz für die Pferde im Stall hat!

Der Ochsenwirth wurde jedoch nicht ganz richtig von Blasedow beurtheilt. Er rechnete theils auf die wiedergewonnenen Güter, theils auf die hohe Mittagszeit, die es den Herrschaften doch unerläßlich machen sollte, heute an seinem Tische Platz zu nehmen. Ehrerbietig sprang er herzu und wollte den Schlag öffnen; doch der Kutscher, an ein vorläufiges Parlamentiren in solchen Fällen gewöhnt, stand schon unten und verglich die zwischen dem Wirth und der Gräfin gewechselten ungewissen Mienen.

»Ach, guter Mann,« sagte die Gräfin, »nur die eine Frage! Können wir etwa im Garten auf eine gute Suppe, im Nothfall selbst bloße Milch und Brod dazu rechnen?«

»So frugal?« fragte der Ochsenwirth betroffen.

»Ja, ich will Ihnen sagen,« antwortete die Gräfin und lachte, wie bei einer Huldbezeugung, oder als wenn er gleichsam unentgeltlich mitessen könnte; »das Uebrige haben wir alles bei uns!«

Dem Ochsenwirth wurde bei dieser Erklärung so zu Muth, als wär ihm etwas ins Auge geflogen. »Im Garten?« stotterte er etwas derb; »ich danke Ihnen dafür, Excellenz, denn die kleinen Junker möchten an meinen Himbeerstöcken, trotz dem, daß Würmer in der Frucht sind, wenig zu ernten lassen.«

»Nun denn,« entgegnete die Gräfin mit einem kategorischen Satze, und zugleich auch ihren Fuß auf den Tritt des Wagens setzend und hinausspringend, »so machen wirs uns drinnen bequem.« Das ganze Grafennest wurde bei diesen Worten flügge und sprang von allen Seiten aus dem Wagen heraus. Herr Ritter, der bis jetzt ein sehr maliciöses Lächeln beobachtet und der Gräfin zu secundiren, wenn die Bemerkungen Blasedows fortgesetzt werden sollten, nicht übel Lust hatte, complimentirte mit dem Pfarrer, wem der Vorrang gebühre; endlich sprangen sie zu gleicher Zeit auf beiden Seiten des Wagens heraus. Blasedow bestellte sich bei dem vor Zorn und Aerger kreideweißen Ochsenwirth eine vollständige Mahlzeit mit so viel Gängen, als nur gehen wollte. Theils Hunger, theils Hochmuth stachelten ihn, etwas draufgehen zu lassen. Die Gräfin verwies ihm zwar diese Verschwendung, da sie darauf gerechnet hätte, er würde ihr Gast seyn; doch meinte sie, man könne ja theilen, ergriff den Arm des Pfarrers und ließ sich von ihm in die Wirthsstube des rothen Ochsen führen, wo der Tisch aufs sauberste gedeckt war, und die Junker sogleich anfingen, aus den Salzfässern zu naschen.

Man setzte sich auf etwas theatralisch angeordnete Weise: die Töchter neben der Mutter, die Knaben neben dem Hauslehrer, Blasedow gegenüber als Chor der nun kommenden magern Tragödie. Ihm schwammen bald die zartesten Fleischklöße in der dampfenden Suppe. Wie gern hätte er sie an die Kinder vertheilt! Gott, sein Gott war ja nicht der Bauch, er dürstete und hungerte nach ganz anderen Speisen, als sie ihm der rothe Ochsenwirth in Dreifelden aufsetzen konnte! Sein Leben war ja die größte Fasten- und Entbehrungszeit, die nur jemals einer Marterwoche von Zukunft vorherging. Er schämte sich, die Klöße nur anzusehen, und blickte zum Fenster hinaus, gleichsam, als wäre ihm noch die Suppe zu heiß.

Herr Ritter glaubte jetzt, daß es seine Pflicht sey, die gräfliche Familie an dem sybaritischen Landpfarrer zu rächen. Herr Candidat Ritter legte jene Lanze, die die Gräfin schon im Walde empfohlen hatte, als sie von des Hauslehrers wissenschaftlichen Kenntnissen sprach, ein und versuchte, von welcher Seite sich wohl ein Pfarrer umrennen ließe, der vor beinahe zwanzig Jahren die Universität besucht hatte und ihm weder etwas von der Geistesphilosophie, noch von der Theologie des wissenschaftlichen Erkennens zu wissen schien. »Essen Sie doch lieber warm, Herr Pfarrer!« bemerkte er; »die Kantische Philosophie ist auch eine kalt gewordene Suppe, die Niemanden mehr mundet.« Die Gräfin rief den Kindern Ruhe zu, die auch ohnehin der hereingetragenen Milchsuppe wegen erfolgte. Sie dachte, jetzt würden sie Beide an einander gerathen. Die Lanze des Herrn Ritter kannte sie, auch von Blasedows polemischem Talente war ihr der Ruf zu Ohren gekommen ? wenn man von den Ohren einer solchen Dame reden darf!

»Sie irren sich, wenn Sie mich für einen Kantianer halten; ich bin ein Schüler Fichtes, wenn Sie doch etwas darauf geben, daß man, um etwas Verstand zu haben, der Schüler eines Andern muß gewesen seyn.«

»Die Wahrheit,« fiel Herr Ritter, ganz roth geworden, ein, »die Wahrheit erfindet der Eine, und der Andere überliefert sie. Wir haben die größten Meister gehabt, die sich für die Schüler ihrer Vorgänger auszugeben kein Bedenken trugen.«

»Mein System ist einmal dies,« widerholte Blasedow, »daß es keine Wahrheitsperle gibt, die man sich nicht aus dem Meere seines eigenen Innern aufgefischt hat.«

»Dann sind Sie ja noch weit mehr ein Schüler Jakobis;« fiel Herr Ritter ein und sagte außerdem: »Auf diesem Standpunkte werden Sie des beliebigen Meinens und Wähnens niemals ledig werden. Sie werden immer nur Ihre eigene Philosophie in Taschenformat haben und weder überzeugen können, noch heute wissen, was Sie gestern für wahr gehalten haben.«

Der Pfarrer zerlegte ein vortreffliches Stück Rindfleisch; die Gräfin war so weit gekommen, daß sie selbst aß, während die Kinder zum Theil schon fertig waren. Ihre Spannung war so außerordentlich, wie ihr Stolz auf Herrn Ritter, der jedes seiner Worte mit einem vornehmen, wegwerfenden Accent ausstattete. Blasedow sagte in aller Ruhe: »Was Ihnen mißfällt, ist gerade meine Beruhigung. Fragen Sie mich über Gott, über die Natur, über was Sie wollen, ich werde mich hüten, Ihnen mit der Formel einer Schule zu antworten. Ich werde Ihnen immer nur antworten: Gut, daß Sie mich anregen, kommen Sie, wir wollen uns Beide besinnen und sehen, wohin wir mit unserem dummen Verstande gerathen. So that es schon Sokrates.«

»Daß Sie Ihren Verstand dumm nennen,« bemerkte nun Herr Ritter, »ist ganz in der Ordnung und würde auch auf mich passen, wenn ich mir anders auf meinen Verstand etwas zu gut thäte. Mit dem Verstande würden wir Neuere in der Philosophie nicht mehr weit kommen: denn dieser alte, grämliche Gesell ist in dem Schlafrock der alten Philosophie, ja selbst im Schlafrocke Kants sitzen geblieben. Der Verstand zügelt nur die Flüge, welche die Vernunft in das reine, weiße Licht der Ideen wagt. Sokrates erwähnen Sie nur gar nicht: denn jene antiken Unterhaltungen über abstracte Gegenstände waren dem kindischen Frohlocken gleich, wenn es der Jugend geräth, irgend ein nicht zu tief liegendes Buchstabenräthsel zu lösen. Wir sind jetzt namentlich auch in der Theologie auf einem Standpunkte, wo man sich von der logischen Ordnung der Systeme nicht mehr trennen kann.«

»Ich bestreite die Tiefe jener Ideen nicht, von denen Sie natürlich im Augenblick, zwischen der Suppe und dem Rindfleisch, möcht ich fast sagen, wenn Sie nicht Milchsuppe äßen, nur die Oberfläche abschöpfen können; aber deuten Sie mir nur den Gebrauch an, den Sie von Ihren Ideen für die Kanzel machen werden. Sie verstehen mich recht: ich denke nicht daran, bei der Wissenschaft nach dem Nutzen zu fragen; allein ich frage bei der Wissenschaft nach der Möglichkeit, eine Ahnung davon auch in den Gemüthern der Gemeinde zu erwecken. Ich habe einen Prediger aus Ihrer Schule gehört, der beinahe der Stifter derselben ist, und bin über das kleine Nachmittagspublikum erstaunt, was er des Vormittags um neun Uhr hatte.«

»Sie meinen den Consistorialrath Marheineke,« entgegnete Herr Ritter.

»Allerdings,« sagte Blasedow; »vergleichen Sie diesen Redner mit Schleiermacher.«

»Den ich gänzlich verwerfe,« ergänzte Herr Ritter.

»Den Sie verwerfen!« rief Blasedow aus, indem er die kleine Figur des Candidaten mit der allerdings noch kleineren Schleiermachers verglich. »Warum ziehen die Reden Schleiermachers so gewaltsam an? Weil sie die Wahrheit erst in dem Momente erfinden, wo das Gemüth nach Aufklärung lechzt, weil der ganze dialektische Proceß des Geistes, der nach Klarheit ringt, vor unsern Augen durchgemacht wird, und die Zuhörer selbst von den Instanzen dieses Processes instruirt und aufs tiefste ergriffen werden. Ich bin ein schlechter Landpfarrer gegen den Mann, ein Kothsasse, der nur die Taglöhnerarbeit in der Religion verrichtet; aber das nehmen Sie mir nicht übel, Ihre Formeln kann man in keine blühende, vom warmen Leben angehauchte Worte wieder auflösen.«

 

Herr Ritter zog die Lippen verächtlich und sagte: »Ob die Theologie in landwirthschaftlichen Dünger verwandelt werden soll, um das Feld der Religion besser zu befruchten, das entscheidet über das Schicksal der erstern nicht. Ich bin auch weit entfernt, meinen Beruf auf der Kanzel zu finden.«

»Ja,« fiel die Gräfin ein, »Herr Ritter bereitet sich für das akademische Fach vor. Herr Ritter ist auch nicht für das ewige Aufklären der Landleute und sagte gestern sehr witzig: man könne doch die Religion mit der Kuhpockenimpfung nicht auf eine Stufe stellen.«

Herr Ritter lachte selbst über seine witzige Bemerkung und trieb einige düstre Falten auf Blasedows Stirne. In dem Augenblick erhob sich aber ein gewaltiger Lärm vor der Thüre. Man sah hinaus und konnte sich im Nu überzeugen, daß das ganze ländliche Mittagessen der gräflichen Familie in der That zu Wasser geworden war. Denn des Pfarrers Hund hatte so lange an dem kalten Braten, der in der Tasche des Wagens mitgeführt wurde, herumgerochen und die weichste Seite desselben durch das Papier hindurch zu ertappen gesucht, bis er gerade in dem Momente, als der Kutscher kam, um die Milchsuppe des rothen Ochsen durch den Braten der Herrschaft zu vervollständigen, mit seinem Raube gewonnen Spiel hatte. Er schleppte den Braten mit Blitzesschnelle fort, wahrscheinlich nicht aus Naschhaftigkeit (denn die würd ihm Gertrud bald ausgetrieben haben), sondern durch den Hunger und die Vergeßlichkeit Blasedows zu dem Jugendstreiche verführt.

Meine Feder ist unfähig, die Verwirrung zu schildern, welche durch dies hündische Bubenstück veranlaßt wurde. Die Gräfin und ihre Kinder waren außer sich, doch nur die erstere erstickte ihren Zorn. Herr Ritter hatte nicht übel Lust, den Pfarrer für sein Vieh verantwortlich zu machen. Dieser selbst lachte über die Maßen und fragte, mit dem schadenfrohen Wirthe wetteifernd: »ob denn die gräfliche Familie einzig und allein nur diesen Braten im Schilde geführt hätte und sonst ohne alle andere Reserve gewesen wäre?«

Die Gräfin stellte bei dieser Frage eine förmliche Carricatur vor. Stolz, die ungenirte Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit des aristokratischen Wesens, das Unglück selbst, ihr Geiz und die wirklich sehr schwierigen Finanzen ihres Gemahls, der nun gar, wenn er an Ort und Stelle gewesen wäre, den Pfarrer für seinen Hund hätte über die Klinge springen lassen, alles dies mischte sich zu einem Mienenspiele zusammen, welches in Berlin höchstens von Madame Wolff charakteristisch auf der Bühne hätte ausgedrückt werden können. Dazu kam noch ein Entsetzensschrei, als der Wirth ein großes Stück Rindfleisch auf den Tisch brachte und es gerade vor die Gräfin stellte. Sie warf ihm zwei rollende Augen zu und war eben im Begriff auszurufen: »Um Jesus Willen, wer hat denn« ? als Blasedow erklärte, »er halt es für seine Pflicht, die durch seine Schuld gestörte Harmonie des gräflichen Mittagessens mit Hülfe des rothen Ochsen wieder herzustellen.« Die Gräfin mußte sich jetzt Luft machen und konnte es auch. Sie lachte überlaut und sagte mit abweisender Verlegenheit: »wo er denn hindächte!« Blasedow zuckte die Achseln, und die Gräfin kümmerte sich nicht weiter darum, sondern tranchirte, was sie vor sich hatte, und überließ die Bezahlung denen, durch die sie beinahe freventlich hier in Unkosten versetzt worden wäre.

Blasedow war arm und glaubte, sich an der eben so hungrigen, wie unverschämten Landaristokratie rächen zu müssen. Er wußte, wie sehr man die Gräfin auf die Folter spannte, wenn man irgend einen Zug von Geiz und Bettelstolz erzählte, der auf sie hätte angewandt werden können, namentlich auf ihren Mann, der Landrath des Kreises, aber ein wahrer Aventurier war und gar keinen andern Umgang hatte, als mit Juden. Jetzt, dacht er, setz ich wenigstens beim Nachtische, wenn es Aepfel gibt, eine Geschichte auf, die ihr den Appetit um so mehr verderben wird, da sie selbst, mir gleichsam unbewußt, eine Rolle darin spielt. Den Beschluß der Mahlzeit machte in der That ein Teller voll Aepfeln. »Kennen Sie die Geschichte von dem Apfel und dem kunstliebenden Grafen?« fragte Blasedow die Gräfin. Sie erröthete und sagte kleinlaut: »Nein, aber das beste Dessert ist immer, wenn es etwas zum Lachen gibt.« Dies die Gräfin. Blasedow erzählte nun:

»Im hohen Norden lebte ein Bauer, was in Norwegen so viel als ein Edelmann ist, der für seinen Stand (denn auch Grafen sind selten große Musikanten) ganz vortrefflich die Violine spielte. Er hatte aber einen Sohn, der ihn schon in seinem zwölften Jahre bei Weitem übertraf. Der gute Mann bildete sich ein, daß die musikalischen Treibhaus-Pflanzen im Süden eine Seltenheit wären, und schickte sich an, mit seinem Sohne auf Reisen zu gehen und Concerte zu geben. Der kleine Norweger (Olebull war es nicht) fand anfangs vielen Beifall, und die Concert-Einnahmen waren sogar größer, als die Reisekosten. Doch, je mehr nach Deutschland hin, desto mehr durchkreuzten sich die Wunderkinder, desto spärlicher wurden die Einnahmen. Die beiden Virtuosen mußten zusetzen, ja, sie darbten sogar, und der alte Bauer, der aber ganz wie ein Edelmann war, kam sich wie ein hungriger Wallfisch vor, der sich aus dem Meere in einen Fluß verirrte und aus Verzweiflung sich ans Ufer werfen muß. Die Concerte warfen kaum die Kosten ab, geschweige, daß die Kritik durch Bestechungen gewonnen werden konnte. Unter diesen Umständen mußte die ausdrücklich erfolgte Einladung zu einem Concert in unsrer Nähe für die beiden Virtuosen ein blauer Tag nach so vielen grauen seyn. Sie nahmen ihre Geige untern Arm und wanderten (schon längst zu Fuß) nach einem Städtchen hin, dessen Namen ich nicht zu nennen brauche, welches Sie ohnehin kennen werden.«

»Wie soll ich das Städtchen kennen ?« fragte die Gräfin, sich entfärbend.

Blasedow, ohne sich stören zu lassen, fuhr fort: »Einen Tag nach dem ausdrücklich verlangten Concert begegnete mir der Musiker mit seinem Wundersohne, ein blondes, treuherziges Paar, auf der Landstraße. Wir wurden vertrauter, und mit einem Strom von Thränen löste sich das beklommene Herz des Vaters, der mir die üble Lage, in der er sich befand, verrieth. Ich sah wohl, daß dieser Mann nicht zu jenen Armen gehörte, die, ohne darben zu müssen, vor jedem anständigen Rock die Miene annehmen, als müßten sie verhungern, wie es auf Universitäten Adelige gibt, die gern ein Stipendium haben möchten und es in der That durch Mittel und Wege, besonders aber durch keine Scham und Schand dahin zu bringen wissen, daß sie ein testimonium paupertatis erhalten und dann für weit ärmer behandelt werden, als der Sohn des zurückgekommensten Handwerkers. Der Musikant erzählte mir sein gestriges Unglück. Er war von einer Provincialbehörde unseres Fürstenthums eingeladen worden, in der ungenannten Kreisstadt ein Concert zu geben. Wahrscheinlich sollte die Beförderung der Künste und Wissenschaften eine Rubrik in den Berichten an die Regierung bilden, und das Concert sollte diese Rubrik ausfüllen. Der Saal einer lateinischen Schule, der ehemals der Schauplatz geistlicher, von den Scholaren aufgeführter Komödien gewesen war, wurde dem armen Norweger nicht einmal unentgeltlich gegeben. Beleuchtung, Kasse, Alles kam auf seine Rechnung; doch selbst, als die Zahl des Auditotoriums kaum zur Deckung der nothwendigsten Ausgaben hinreichte, als der gute Mann nur ja in einer Loge dieselbe Behörde sah, die ihn eingeladen hatte, hier zu spielen, da ließ er den Muth nicht sinken, sondern vertraute auf Gott, auf seinen Jungen und das gräfliche Paar in der Loge.«

Gräfin Sidonie war an die Persiflage ihrer Vermögensumstände so gewöhnt, daß sie in dieser sie ganz nahe berührenden Anekdote anders nicht die Miene als zum Lachen verzog und Herrn Ritter nicht im entferntesten den Verdacht einer hier als Nachtisch aufgetragenen Anzüglichkeit einflößte.

Blasedow fuhr fort: »Der Knabe spielte vortrefflich; das Publikum, etwas dumm, folgte blind dem Ach! und O! von Entzücken, welches aus der gräflichen Loge verlautete. Klatschte die Gräfin, so fiel das ganze Beamtenpersonal, das ohnedies freien Eintritt hatte, mit einem wahrhaft konservativen Feuer, wie man auf Englisch sagt, ein und trieb den Knaben an, das Unglaubliche zu leisten. Sein Vater inzwischen putzte die Lichter, begleitete zuweilen seinen Sohn mit einem schnell zusammengerafften defecten Orchester und verlor keinen Blick von der gräflichen Loge, auf die um so mehr alle seine Hoffnungen gerichtet waren, als dieselbe in einem (bei uns hätte Einer das gleich vermuthet) unentgeltlichen Entzücken schwamm. Endlich war das Concert zum Schluß gekommen. Der Knabe hatte Variationen von Beriot gespielt, die ganze Scheunen von Beifall ernteten. Das Publikum stand auf, um sich zu entfernen. Der Vater war wie festgebannt, um zu wissen, wie sich die gräfliche Loge nun benehmen würde. Wirklich, der Graf winkt beiden Künstlern. Der Vater nimmt den Sohn an die Hand, und ehrerbietig treten sie an die Brüstung der Loge. Drei Ducaten wären ein Manna vom Himmel gewesen. Mit zweien schon hätte der Vater ruhig schlafen können. Er nimmt die übertrieben gnädigen Lobeserhebungen als schickliche Einleitung des kommenden Geschenkes hin. Der Graf spricht immer mit dem Kleinen, dessen blondes Haar und blaue Augen, dessen gebrochenes Deutsch auf jeden Andern mit Rührung gewirkt hätten. Er lobt sein junges Talent, seine kleinen Hände, seine kleine liebe Geige, seine langen blonden Locken sogar, er lobt immer nur das Winzige an ihm, drückt ihn recht absichtlich in eine Sphäre hinein ? als würd er einen recht guten Spielkameraden für die gräflichen Kinder abgeben, greift endlich in die Tasche und sagt: »Nun, ich muß dir doch auch etwas geben, kleiner Mann!« und gibt ihm ? einen Borsdorfer Apfel!«

Die Erzählung einer vom Grafen von der Neige ausgegangenen Hungerleiderei machte auf seine Gattin noch lange nicht den empfindlichen Eindruck, als daß sogar Herr Ritter in diesem Augenblick seine Lanze streckte und durch lautes Gelächter die Pointe des Blasedowschen Vortrages noch um Vieles greller hervorhob. Inzwischen waren die Kinder schon aufgebrochen, Blasedow bezahlte die Rechnung für sich und das Stück Rindfleisch der Gräfin nebst Zubehör; der Kutscher legte das Geld für die Milchsuppe aus, obschon er nicht gern heran wollte, vielmehr zwischen den Zähnen etwas von Nichtwiederbekommen murmelte. Herr Ritter war von der Geschichte so eingenommen, daß Blasedow ihm sogar haarklein das Gestöhn des Vaters erzählen mußte, als dieser mit dem Geßlerschen Landvogts- (Blasedow sagte: Landraths-) Apfel sein eigenthümliches Tellziel verfehlt hatte. »Beide, Vater und Sohn, leben jetzt in Stockholm,« schloß der Pfarrer.

Die Gräfin war eine Minute abwesend, kehrte aber bald wieder zurück und betrieb den Aufbruch. Sie hatte den Borsdorfer Eris-Apfel vergessen, sie behauptete mit gewohnter Unerschrockenheit ihre Würde. Sie lud den Pfarrer ein, mitzufahren: »Wir wollen nur Ihr Feuer, nicht Ihren Wasser haben;« bemerkte sie sehr gnädig; allein Blasedow behauptete, einen andern Weg einschlagen zu müssen. »Nun denn,« endete die Gräfin, »so versprechen Sie mir wenigstens recht bald Ihren Besuch. Ich wünschte so, daß sich Herrn Ritters wegen die geistreichen Männer der Umgegend auf der Neige zuweilen träfen und, wenn sie sich das Rauchen untersagen können, ein tüchtiges, auch für uns arme Frauen nützliches Gespräch mit einander durchführten. Ich will mich dabei ganz stillschweigend verhalten, soweit ich es beim Theeserviren seyn kann. Nun, geben Sie mir die Hand, Pfarrerchen, ich halte Sie beim Worte.«

Indem trieb der Kutscher die Pferde an, und Blasedow war allein. Er ging verstohlen aus dem Dorfe, weil er fürchtete, bei den Dreifeldern wegen des Umgangs mit der abgerissensten und anspruchvollsten Familie im ganzen Fürstenthume in schlechten Credit zu kommen. Endlich hatte er den Steg erreicht, welcher ihn nach Kleinbethlehem zurückführen sollte. Er mußte aber stillstehen und die Hände zusammenschlagen; dann ging er und blieb wieder stehen, indem er sein Haupt schüttelte. Hätte er einen warmen und redlichen Freund gehabt, so würd er sich gegen ihn in diesem Augenblick gewiß folgendermaßen ausgesprochen haben: »Mir ist es ein Traum; aber diese Menschen leben ewig darin! Heilige Natur, wo ist eine größere Gleichmacherin, als du! Hätten sie auch nur die leiseste Ahnung von deiner Größe und ihrer eigenen Nichtigkeit, sie würden niederfallen und anbeten, sie würden jedes Wort, das aus ihrem Munde kömmt, wie die eingelernte, nicht aus dem Herzen sprießende Phrase des Schauspielers ansehen. Mir käme der Wind gespenstisch vor, der das Echo eines solchen Treibens in mein Ohr leitete! Und was trägt nicht Alles der menschliche Körper! Wie sinkt er nicht unter der ewigen Erregung ihrer lügnerischen Gedanken, ihrer gaukelnden, ja gaunernden Einbildungen zusammen! Ach, ich glaube, er thuts des Abends, des Nachts, wenn sie in ihr Lager sinken und die Schminke von den Wangen waschen, wenn sie sich die falschen Busen abschnallen und Niemanden mehr vor sich haben, der sie prahlen hört, als sich selbst, dies ihnen so wohlbekannte Sich selbst.«

Am Gebüsch, in welches jetzt Blasedow trat, sprang ihm Wasser freudig entgegen und schien ihn bitten zu wollen, es gnädig mit ihm zu machen. Blasedow liebkoste ihn und sagte: »Sey ohne Sorge!« ? Indem blickten durch einzelne Lichtpunkte des Waldes die grünen Fernsichten von Wiesen und Feldern herüber, die tiefer als das Gehölz lagen, dessen Rand er nur bestreifte. Die Sonne war schon tief herabgesunken und blitzte hie und da von den Fensterscheiben einzelner Meierhöfe ab. Auch auf einem fernen Punkte, den Fenstern seiner Kirche, schimmerte die große Kugel. Er konnte zu Haus erst eintreffen, als sie schon herabgerollt war. Dies allmähliche Zufallen der Augenlieder der Natur, die geheimnißvolle Stille, welche dadurch noch feierlicher wurde, daß der Rand des Waldes und der Abhang ganz im Schatten lag, und nur in der Ferne die ebene Gegend von den Sonnenstrahlen glänzte, umschlich auch unsers Freundes einsames und ringendes Innere. »Es gibt einen Frieden,« dacht er, »o, wer ihn hätte!« Es war ihm, als zögen sich magische Kreise um seine Schritte, als säh er sich entrückt aus diesen so friedlichen Sphären, die ihn nur deßhalb zur Wehmuth zu stimmen schienen, weil er ahnte, daß sie nicht die Grenzen seines Daseyns, »ach, sag ich es nur heraus,« dacht er, »die Grenzen meiner Leiden bilden werden.« Die Idee, daß er sein Lebenslos falsch gegriffen, beschäftigte ihn fortwährend. Er wollte etwas seyn, wenigstens mehr, als er war; er wollte etwas leisten, eine Arbeit der Woche, nicht bloß eine Arbeit des Sonntags, wo die Andern ruhen; allein er sagte heute, wie so oft: »Ich bin eine Kartoffel. Ich bringe meine Früchte nur nach Unten, nach der Erde hin. Das Beste von mir wird man erst wieder aus der Erde wühlen müssen. Eitler Traum, an die Schönheit einer Blume, einer an der Sonne meiner Zeit reisenden goldnen Frucht zu denken! Zum Maulwurf und zur Kartoffel bin ich der Dritte.«

Als aber sein Inneres ganz still, und seine Stirne ganz nachdenklich wurde, da dachte er an seine Kinder, mit denen er etwas Großes vorhatte. Er ging mit dem Gedanken um, Kleinbethlehem in ein romantisches Schnepfenthal zu verwandeln und mit Salzmann, Blasedow und Pestalozzi um die Krone wahrhaft tüchtiger Menschenerziehung zu wetteifern. Für diese Krone, um sie aufzuhängen, gab es bei ihm nicht bloß den Kopf; sondern auch einen Haken am Kopf, einen Sparren, einen Sporen nebenbei, der nun bald unsrer Geschichte in die Weichen gesetzt werden und sie selbst etwas beschleunigen wird.


Siebentes Kapitel.

 

Der Brief und die Gespenster.

 

Blasedow kehrte verspätet nach Kleinbethlehem zurück. Er hatte unterwegs einen Aufenthalt in ? einem abgelegenen Vorwerke einen Besuch bei einer Kindbetterin, die nächstens taufen lassen wollte. Er hat sich uns gewiß längst als ein Mann von Gefühl gezeigt. Man konnte ihn auflösen, freilich nur wie Bittersalz, das immer einen festen, körnigen Bodensatz zurücklassen wird. Allein nicht Alles drang in die Poren seines Gemüthes, noch gar, daß er jenen Tropfstein-Menschen geglichen hätte, welche sich immer feucht anfühlen, die immer eine gewisse Nässe der Empfindungen aussickern. Er war weit mehr ein Krystall, in welchen durch ein Wunder der Erdbildung sich ein kleiner Tropfe Wassers eingeschlichen hatte, und den man, wenn man ihn als Linse in ein Vergrößerungsglas gebracht hätte, wahrlich als das rechte Hülfsmittel erkennen mußte, um das Winzige und das dem gewöhnlichen Auge Unsichtbare in der Form der Erhabenheit zu zeigen und die Entfernung des Firmamentes uns näher zu bringen. Dieser eine Tropfe durchrieselte nicht sein ganzes Wesen. Er war weit mehr nur unter gewissen Umständen jener Zugängliche und Anschmiegsame, wie wir ihn in einigen Momenten beobachteten. Sonst war sein Wesen spröde und haushälterisch mit sich selbst. Wär er z. B. bei jenem Besuche der Kindbetterin etwas mittheilender und herzlicher gewesen, hätt ihm der Schutzengel, der zu Häupten des Kindes saß und es bewachte, bis es getauft wurde, nur einen einzigen verklärten Blick abgewinnen können, er würde geglaubt haben, weit mehr die Rolle eines Komödianten, als die eines Geistlichen zu spielen.

Es war schon Nacht, als er in sein Dorf zurückkam. Die Leute saßen in ihren Hütten und waren hie und da um ein weißes Tischtuch mit dem Nachtessen beschäftigt. Manchmal hörte er, daß gebetet wurde. Wasser war schon einige Mal an die Pfarrwohnung gerannt und wieder zurückgekehrt. Jetzt stand Blasedow vor seinen eignen Fenstern und konnte in das Zimmer blicken, wo seine ganze Familie beisammensaß, »so traulich, so heimlich, so ganz unabhängig von mir,« gestand sich Blasedow; »wie schön Tobianus da meine Stelle vertritt!« Und dieser saß in der That, wie der Hausvater angethan, im langen Schlafrock, die Brille auf der Nase, die Nachtmütze darüber gezogen, da und hielt einen Brief gegen den grünen Lichtschirm und las ihn mit lauter Stimme vor. Gertrud haftete, soll man sagen, an den Worten oder an dem Munde des Lesenden und schien, die Hände im Schoß zusammengelegt, sagen zu wollen: »Was er so schön liest!« Blasedow wenigstens las ihr nie etwas vor, am wenigsten Briefe, die sie sich von ihrem ältesten Knaben vorbuchstabiren ließ. Oscar hieß der älteste; aber der beste Leser war es nicht, zumal bei Geschriebenem und den Handschriften, mit denen Gertrud in Verkehr stand. Es kam wohl, daß Oscar eine Phrase vorlas, welche ohne Sinn war, und die Gertrud, die selbst nicht lesen und ihren Namen nur durch drei Kreuze bezeichnen konnte, so hinnehmen mußte, obschon sie eine schlaflose Nacht darüber hatte und dann sich am Morgen die Stelle noch einmal vorlesen ließ. Oft vergingen einige Tage, bis Gertrud durch prophetisches Grübeln auf die Ahnung des Richtigen kam und dann zu Oscar lief, ob es nicht an der und der Stelle heißen sollte: »sechs Paar Strümpfe.«

Blasedow bog das Weinlaub, welches die Wände des Hauses bedeckte, zurück und konnte sich an einer Scene, die ihm Schmerz und Freude verursachte, nicht satt sehen. Er war verdrängt, er war aber auch ersetzt. Man konnte ihn entbehren, gestand er sich, und es tröstete ihn, daß man ihn nicht vermissen würde, wenn er ginge. »Wenn ich ginge!« ? sagte er nachdenklich; er träumte sich in das Gewühl der Weltstädte, er dachte an Amerika. Er hörte deutlich die hölzerne Wanduhr im Zimmer picken. Sie schlug Neun; Niemand sah sich nach ihm um, das Essen dampfte auf dem Tische, der Brief mußte entsetzlich lang seyn: denn Tobianus näselte ihn noch immer vor. Zuweilen setzte auch Tobianus ab und erklärte eine Stelle deutlicher, als sie vielleicht ausgedrückt war, wobei Gertrud nickte, und die Kinder aufmerksam zuhorchten. Nur Oscar, das aufgeweckteste aller seiner Kinder, schien sich an dem Vortrage zu langweilen und sprang gar auf, als er hörte, daß Wasser an der Hausthüre kratzte und Einlaß begehrte. Er ging jedoch auf den Zehen hinaus und machte dem Vater auf. Dieser trat nun mit Stock und Hut in das Zimmer, sagte auf keinen Fall einen guten Abend: denn »es versteht sich von selbst,« pflegte er zu sagen, »daß ich Niemanden einen schlechten wünsche;« und macht es sich bequem. Die Vorlesung war durch diese Ueberraschung plötzlich unterbrochen. Es mußte mit dem Brief eine eigne Bewandniß haben: denn Tobianus legte ihn unter den Teller, nahm seine Brille ab und schien Gertrud zuzuwinken, daß er den Brief ein Andermal beenden wolle.

Wie wir jetzt die ganze Pfarrei an dem wirklichen Brode des Lebens (mit den hohepriesterlichen Schaubroden hielten sie es nicht) arbeiten sehen, könnte es nichts schaden, wenn wir uns mit einigen Personen bekannt zu machen suchen, die in ihren jungen und alten Tagen immer im Vorgrunde dieser Denkwürdigkeiten stehen werden. Dies sind Blasedows Knaben. Es sind ihrer vier. Alle haben sie poetisch-romantische Namen: Oscar, Amandus, Theobald und Alboin. Blasedow hatte über diese Namen vielen Streit, nicht etwa mit der Regierung: denn diese mischte sich nicht in die Vornamen ihrer Unterthanen; wohl aber mit Tobianus und Gertrud, der unglücklichen Mutter, die sich so zu äußern beliebte: »Mein Heiland, man möchte ja bei solchen Komödiantennamen für meine christlichen Kinder glauben, sie rührten, Gott verzeih mir die Sünde, von einem Prinzen her.« Tobianus unterstützte zwar nicht gerade dies Motiv ihrer Verzweiflung, bemerkte aber doch, daß man die Kinder durch solche Namen zwar in der Stadt auszeichnen könne; allein auf dem Lande hinderte die vornehme Bezeichnung an der Vermischung mit den Bauern- und Pächter-Familien; es käme mit einem Worte eine Prätension in die Familie, die dem Herrn Collegen nur die Ausübung seiner Amtspflichten um so schwieriger machen würde. Gertrud sprang sogar von der Vorstellung von Prinzen zu Hunden über und meinte, wenn sie künftig eines ihrer Kinder rufen sollte, so müßte sie in ihren Sünden immer daran denken, ob nicht statt ihres eignen ausgetragenen Kindes ein Hund ankäme: denn das wären weit eher Namen für Hunde, als für christliche und außerdem Pfarrers-Kinder. Auch die Rücksicht auf die Verwandten und Nachbarn mischte sich in ihre Opposition. Sie sagte, daß dann auch alles gute Vernehmen mit der Umgegend hin sey: denn Niemand würde bei einem Kinde Pathe seyn wollen, welchem man nicht den Namen des Gevatters gebe: Peter, Daniel, Friedrich, Wilhelm und ähnliche unserm Herrgott wohlgefällige und wahrhafte Heiligennamen.

Allein Blasedow ließ sich in solchen Dingen keine Vorschriften machen. Er taufte seine Kinder selbst und konnte ihnen einen Namen auf die Stirne sprengen, welchen er wollte. Die Zuhörer, Gertrud selbst, waren dann auch gewöhnlich von der heiligen Handlung so zerknirscht, daß sie über die wunderlichen Namen, die er seinen Knaben gab, mit andächtiger Rührung hinwegsahen. Im Uebrigen erklärte er: »Meine Kinder müssen mich schon durch das Glockenspiel ihrer Namen mit Sanftmuth anklingen. Ihr Name ist ihr Heiligenschein. Je höher man sie zu stellen weiß, desto höher werden sie selber klimmen. Ich erleichtre ihnen durch ihre Vornamen schon den Weg, um sich einen guten Zunamen zu erwerben. Was haben sie wohl, woran sie sich zuerst halten können? Sich selbst, nur den Laut, mit welchem sie gerufen werden. Ist aber dieser Ruf gewöhnlich, so werden sie niemals begreifen, wodurch sie sich vor Andern, die eben so heißen, wie sie, auszuzeichnen haben.«

Dies bestritt Tobianus. Er sagte: »Je mehr Peter und Hansen es gibt, desto mehr werden die bessern unter ihnen ringen, sich durch Thatsachen der Gediegenheit aus der Masse und Menge zu erheben.«

Blasedow lächelte damals, wie er immer zu thun pflegte, wenn Tobianus einmal ein Körnchen gefunden hatte, oder wie ein Hahn auf seinem gewöhnlichen Misthaufen eine Perle. Er entgegnete einmal für allemal: »Eifersucht will ich in meinen Kindern nicht wecken. Wenn ich überzeugt wäre, daß aus dem bloßen Bestreben, die Andern zu übertreffen und eine Folie zu haben, etwas Gutes entstände, so dürfte ich ja allen meinen Kindern nur einen Namen geben: dann würden sie schon ringen, um zu zeigen, wer der rechte Jakob ist.« Er schloß: was überhaupt Erziehung wäre, wolle er ein Andermal sagen.

Nachdem nun so eben die Kinder zu Bett gegangen waren, ohne Unterschied mit der kleinen aber doch älteren Sophie, kam Tobianus auf dasselbe Thema und erinnerte den Pfarrer an jene Erklärung, die er ihm noch immer schuldig wäre. Blasedow sagte: »Es wird Ihnen doch nichts nützen, oder Sie müßten Lust haben, sich noch einmal zu verheirathen. Erziehung, lieber Freund, liegt Ihnen fern, ob ich gleich nach meiner Theorie glaube, daß Sie vortrefflich erzogen sind, ich aber gar nicht. Nämlich Sie sind geworden, was Sie gerade seyn können; ich aber wenigstens das, was zu seyn ich niemals gewünscht habe.«

Tobianus lachte und entgegnete: »Dann muß Ihr Amandus ein Bäcker werden: denn er hat nicht übel Lust dazu.«

Blasedow schlug seine Augen auf und warf sie so grell auf Tobianus, daß dieser seinerseits erschrak, während ihn doch nur der Andre beleidigt hatte. Blitze zuckten aus Blasedows Augen; doch seine Augenbrauen verfinsterten sich nicht, kein Donner schien durch sein Gemüth zu rollen: es war das Blitzen eines Sonnenstrahls, der zum ersten Male Kraft hat, sich durch das Morgengewölk durchzubrechen. Blasedow hatte mit der linken Hand unwillkürlich das Brod und mit der Rechten das Messer ergriffen. In dieser Stellung verharrte er eine Secunde und sagte dann mit unbeschreiblich komischem Ernste: »Gott, Amandus ist zum Bildhauer geboren.«

Dies sprach er aber ganz leise, so leise, daß man draußen auf der Hausflur etwas rascheln hören konnte. Gertrud, die eben die Bemerkung aussprechen wollte, ob denn aber auch ein Bildhauer so viel Brod wie ein Bäcker hätte, schrak innerlich zusammen: denn Blasedows Benehmen war gar zu feierlich, und Tobianus Verlegenheit ängstigte sie selbst. Dazu der Brief und überhaupt Alles, was sie heute schon erlebt hatte. Sie mußte wenigstens an die Thür, um zu sehen, was draußen vorginge. Indem ist es ihr, als flüsterte es von Neuem. Sie denkt doch, daß Alles schon zu Bett ist, sie sieht nach der Uhr und ergreift die Thürklinke. Indem vernimmt man ein starkes Rauschen, wie von weiten Gewändern; Gertrud tritt etwas vor und rennt mit dem Schrei: Herr Jesus! wieder in das Zimmer zurück. Sie behauptet, zwei weiße Gestalten, nicht groß, aber auch nicht klein, im Dunkeln gesehen zu haben, und sagt leichenblaß, es müsse ein Unglück geschehen seyn. Die Männer lachen, Blasedow aus Spott, Tobianus aus Furcht. Der Erste nimmt ein Licht und entdeckt draußen nirgend etwas. »Daß aus dir noch ein Geisterseher werden wird,« bemerkte er zurückkommend, »in deinen alten Tagen, ist stark.« Hätte er zwischen Tobianus und Gertrud etwas gemerkt, so würde er wahrscheinlich von dem magnetischen Einfluß des Erstern auf die Letzte gesprochen haben; so aber erklärte er nur, daß sie närrisch wäre, und ging zu Bett.

»Wenn nur Petern nichts angekommen ist?« fragte Gertrud.

Tobianus zog den Brief unterm Teller vor und sagte: »Er ist ja in Belgrad angekommen.« Und nun las er den Schluß des Briefes vor, der recht herzlich an seine Mutter geschrieben war, des Stiefvaters aber mit keinem Wort erwähnte. Blasedow wollte von einer allzuausgedehnten Verwandtschaft und Freundschaft nichts wissen. Es waren Dolchstiche für Gertrud, wenn er mit Beziehung auf Peter sagte: auf weitläufige Verwandte gäb er nichts. Es waren aber bei Blasedow nur Nadelstiche: denn Peter war früher geboren, ehe sein Vorgänger die Mutter geheirathet hatte. Es war das eine gar dunkle Region, und Blasedow nannte es immer den Sumpf seiner Frau. Peter war ein Irrlicht, welches darauf herumhüpfte.

Endlich nahmen beide Nachbarn und Gastfreunde Abschied. Tobianus bekam immer sein eigenes Bett auf dem Canapee gemacht, wenn er in Kleinbethlehem schlief. Gertrud schlief in der Nähe der Kinder. Die heilige Nacht löst alles Leid. Es ist schon spät. Der Wächter ruft die eilfte Stunde ab.


Achtes Kapitel.

 

Basreliefs.

 

Es war der Rüsttag des Sabbaths angebrochen, der Studirtag der Geistlichkeit, Sonnabend. Tobianus war schon in aller Frühe wieder abgereist, und Gertrud doch lieber gleich aufgeblieben und an eine Arbeit gegangen, welche jeden Wochenschluß dieselbe war. Während Blasedow nämlich oben über das Brod des Lebens nachdachte, pflegte Gertrud unten das wirkliche zu backen. Unten waltete mehr als ein Leib Christi; oben fegte die memorirte Sonntagspredigt den alten Sauerteig aus der Christenheit aus; unten konnte der Sauerteig nicht alt genug seyn: je mehr Fäulniß, desto lockerer und dauerhafter das Gebäck.

Blasedow wußte nie recht in der Zeit sich zu orientiren. Er irrte, wenn er ein Datum suchte, zwischen den Kalendertagen wie ein Abenteurer umher, der, wenn auch keine Menschen, doch die Zeit todtschlägt. Fast alle seine Briefe datirte er aufs Gerathewohl und bekam nicht selten Antworten, worin es unter dem 10. April hieß: Ihren Brief vom 12. April habe ich richtig erhalten. Hätt er kein so feuriges Temperament gehabt, hätt er aus Phlegma nicht ante- sondern postdatirt, so würd er sich durch den russischen Kalender haben helfen können; allein so hatte Gertrud vollkommen Recht, wenn sie sagte, er lebe wie ein Heide in den Tag hinein und würde nicht einmal wissen, wann Sonntag wäre, büke sie nicht den Tag vorher. Eine Spur von Mehl, welches beim besten Willen im Hause zerstreut wurde, war der Ariadnefaden, mit welchem sich Blasedow wöchentlich aus dem Labyrinth des Kalenders rettete.

Heut aber war selbst eine Mehlverschwendung, die alle seine Kinder zu Pierrots machte (da sie durchaus zusehen wollten und gern die Gelegenheit zum Naschen wahrnahmen), nicht im Stande, ihm die Vorstellung des kommenden Sonntags recht dringend zu machen. Er dachte: »Die wahre Kunst des Predigers besteht darin, so kunstlos wie möglich zu seyn. Je mehr ich über mein Thema nachdenke, desto klarer wird es mir, aber desto dunkler meinen Zuhörern. Eine überdachte, in je drei und drei Theile gebrachte Rede kann unmöglich so viel wirken, als eine Betrachtung, wo man, ohne abwesend zu seyn, sich gehen läßt. Je mehr ich meditire, desto reifer sind freilich meine Gedanken; allein meine Dreschergemeinde weiß mit den vollen goldenen Aehren der Abstraction nicht umzugehen. Weit lieber ist es ihr, sie hört das Gras selber wachsen. Ich werde mir einen Text nehmen und ihn in allen möglichen Wendungen eine halbe Stunde lang umschreiben. Vielleicht wirkt dies besser. Wenigstens können sie dann nicht mehr sagen, daß ich vom Text abschweife. Je öfter man diesen Leuten dasselbe sagt, desto reicher scheint ihnen der Inhalt an Gedanken. Die eigentliche Erbauung besteht für sie darin, daß man einen Stein nach dem andern, jeden von demselben Caliber, aufträgt. Den Mörtel, der das Ganze bindet, liefern die Bibelsprüche, welches denn freilich meine Stärke nicht ist.«

Nach diesem letztern Eingeständniß hätte Blasedow mehr Besonnenheit haben und sich einige Stunde Nachdenkens nicht verdrießen lassen sollen. Allein auf der Wage seiner Entschlüsse war die eine Schale so gewichtvoll belastet, daß sie ihn selbst, seine Berufstreue und Amtspflicht, wobei man bei ihm noch immer nicht an eigentliche Verwilderung denken konnte, gänzlich in die Höhe zog. Blasedow hatte dem großen Worte, daß Amandus ein Bäcker werden wollte, eine ganze schlaflose Nacht gewidmet. Er sah voraus, daß ein Knabe, der beim Teige im Backtroge die Idee eines Bäckers bekäme, beim Anblick eines Marmorblockes und des Meißels nicht mehr ausrufen würde: Auch ich bin ein Bäcker! sondern: Auch ich bin ein Phidias! Für die Zukunft des Einen war er jetzt ohne Sorge. Er hatte vier Söhne und wurde so heiter, daß wir, wenn die Sonne, wie der Mond, auch in vier Vierteln aufginge, sagen könnten, bei Blasedow wäre jetzt die Sonne im Neumond eingetreten.

Es fiel wie Schuppen vom Auge unsers Helden. Die Zukunft lockte ihn wie ein fernes Posthorn, von dem man weiß, daß es uns etwas Erwartetes bringen wird. Er stand, wie er am Morgen in seinem Schlafrock durch Haus und Hof waltete, zuweilen wie gebannt still und verlor sich in bunte Visionen, aus welchen ihn nur die sich durchkreuzenden Mägde, die hier das Vieh fütterten, dort scheuerten, dort den Teig kneteten, weckten. Er hatte glücklicherweise wasserdichte Stiefeln an, als er sich auf einen Düngerhaufen zurückzog und den feinsten Sinn des Geruches unten zurückließ und aufschoß wie die Blume aus dem Mistbeet, eine exotische Blume aus der Traumwelt, brasilianischer Mohn, ein langer, gluthvollblühender Cactus. Das Antlitz der Sonne zugewandt, träumte er, auf einem Fuße stehend, wie ein indischer Fakir, von dem, was war, ist und seyn wird, und blickte dabei zwar nicht auf seine eigne Nase, wie der Fakir, wohl aber mit einer stummen, abwesenden Andacht auf die Nase der ersten Küchenmagd, die ein großes Gefäß im Hofe putzte und erstaunt von ihrer Arbeit aufblickte und unverwandt auf dem verzückten Pfarrer ihre von der gebückten Stellung ganz rothe, vollblütige Nase ruhen ließ. Erst als Blasedow den Boden unter sich wanken fühlte, räumte er dem Haushahn seinen Platz und ging in sein Zimmer, um sich zum ersten Versuche der geistigen Taufe eines seiner Kinder anzuschicken.

Bald stand er mit Hut und Stock vor der Küche, wo es am heutigen Backtage nicht so laut herging wie sonst. Die Kinder standen zwar alle um den Trog herum, wo Gertrud mit nackten Armen, wie eine Riesin, in der zähen Masse waltete. Allein Gertrud dachte an ihr gestriges Gesicht und wollte für ein Unglück, das ihr bevorstände, wohl so gut wie gut sagen. Die Kinder schwiegen aus Gier: denn, sowie sich Gertrud umwandte, benützten sie den Augenblick, um etwas von dem rohen Teige, es ist gräßlich zu sagen, in den Mund zu stecken. Indem ruft Blasedow dem zweitältesten Amandus. Amandus sieht sich betroffen um. Er macht das verdrießlichste Gesicht, als er hört, daß er mit dem Vater ins Feld gehen solle. Gertrud sieht Blasedow groß an. »Es ist ja Sonnabend!« sagte sie und schien ihn damit an den Sonntag zu erinnern. Blasedow sagte aber, er wisse wohl, und Alles sey schon in Ordnung, und Amandus solle nur auf der Stelle nachkommen. Amandus dachte, hier gilt es einen raschen Entschluß. Er griff vor den sichtlichen Augen seiner Mutter in den Trog, nahm eine ganze Faust von dem Teige und flüchtete sich damit. Gertrud, den Tod des Jungen und die Erfüllung des gestrigen Spukes leibhaft vor Augen sehend, läuft ihm nach; da er aber flink zum Hause hinaus ist, fällt ihr ein, daß die drei andern Knaben die Gelegenheit benutzen würden. Sie denkt: Einer sind nicht Drei! und wendet sich schnell um, schnell genug, um die Drei, welche inzwischen nicht faul gewesen waren, in der Küche noch abzuschließen und Jedem die Hand voll Teig, die sie sich inzwischen mit Blitzesschnelle angeeignet hatten, wieder abzujagen. Das Ganze war das hurtige Werk einer Minute. Gertrud gerieth in äußersten Zorn und theilte zu den Ohrfeigen, die nun Jeder ohnehin bekam, noch in drei gleichmäßigen Dritteln die vierte Tracht ihrer Entrüstung aus, welcher Amandus glücklicherweise entronnen war.

Inzwischen war es aber auch diesem Knaben nicht gelungen, seinen Raub auf einmal zu verzehren. Blasedow hatte draußen auf ihn gewartet und ergriff seine Hand und sagte ihm, er solle hübsch und nett neben ihm einhergehen und den Kopf zusammennehmen. Er freute sich, daß der Junge über und über mit Mehl bestreut war, und dachte sich um so mehr in die Vorstellung seiner künftigen plastischen Meisterschaft hinein. Das zuweilen von ihm bemerkte verstohlene Essen des Jungen verbat er sich und schlug ihm sogar, da er nicht hören wollte, auf die Hand. Amandus mußte sich daher begnügen, in der Rocktasche hinten mit stummer Resignation sein Gebäck zu kneten, welches denn allerdings zu dem Gespräch über die Bildhauerkunst, welches Blasedow bald beginnen wird, eine recht passende Beschäftigung war.

Der Morgen entfaltete wieder alle im fünften Kapitel aufgezählten Reize. Die schöne Natur auf dem Lande ist etwas ganz Anderes, als das, was man gewöhnlich schöne Natur nennt. Wollte man euch Dichtern glauben, wie ihr uns die freie Luft, den Vogel und die Blume schildert, so würde man sich immer bitter getäuscht fühlen, wenn man in Wahrheit einmal statt Zimmerluft Gottesluft einhaucht. Die Dichter schildern die Natur nur im Festkleide, als wäre die Natur so eitel, daß sie mit Wahl und Absicht hier eine Nelke, dort einen Vogel vor die Brust und ins Haar steckt. Die Natur hat ihren Sonntagsstaat, das ist wahr: sie ist manchmal feierlicher, glätter, als sonst, sie ist reinlicher. Allein sie hat ihn nicht immer vor. Sie hat nicht immer die Glaceehandschuhe an, in welchen sie manche Lyriker schildern.

Es kömmt bei der Natur auf dem Lande weit weniger auf die Farbe, als den Duft an. Die Dichter schildern nur die gemalte Natur, sie geben reizende Landschaften, aber doch immer nur Landschaften, sie glauben die Natur nicht anders schildern zu können, als indem sie sich selbst in Maler verwandeln. Gemälde wissen aber nichts von dem Duften der Natur. Was sie Duft nennen, das ist Farbe. Die Natur hat aber einen noch weit größern Reiz in dem Geruche, als in der Farbe. Diese Frische, wer kann sie schildern? wer hat sie geschildert?

Ich gestehe es, obwohl mit der größten Schüchternheit, daß Blasedow in Betreff dieses Themas längst die Absicht hatte, einmal eine Rettungsapologie des in der That noch lebenden Pfarrers Schmidt in Werneuchen zu schreiben. Denn Blasedow glaubt, daß dieser Mann die Natur in ihrer echten, unverfälschten Wahrheit besser geschildert hat, als Göthe, der ihn als Apollo der Musen und Grazien in der Mark verspottete, als Uhland, der in dem Rufe steht, vorzugsweise ein Dichter der Natur zu seyn. Ich rede von Italien, auch von der Schweiz nicht; allein so wie die Natur von Schmidt in Beziehung auf die Mark Brandenburg geschildert ist, so, konnte Blasedow nicht leugnen, würde auch das Fürstenthum Sayn-Sayn zugestehen müssen, daß es in seinen eigenthümlichen Naturreizen vollkommen getroffen wäre. Sand sogar hatte Blasedow noch überall in Deutschland gefunden, Staub ohne allen Zweifel in Italien auch. Frösche finden sich in allen Sümpfen, und Sümpfe gibt es außerhalb der Mark und Sayn-Sayns sogar noch weit mehr, als innerhalb. Man hat über die Poesien des Pfarrers Schmidt eine ganz falsche Ansicht und verwechselt sie mit den Voßschen Gedichten, die bei Weitem, was die Naturschilderung anlangt, tiefer stehen, als die des Werneuchner Schmidt.

»Es wird in Deutschland so viel nachgebetet,« sagte Blasedow zuweilen, »daß der, welcher seinen eigenen Weg geht, für einen nach Originalität süchtelnden Narren angesehen wird.« Man möge über Blasedows gesunde Vernunft den Stab brechen; allein was dieser einmal gegen Tobianus über den Feldprediger Schmidt sagte, scheint die Rede eines besonnenen Mannes und eines feinen Kenners der wahren Natur zu seyn. Tobianus brüstete sich mit seiner Kenntniß der Gemeinplätze. Er konnte die Natur, die ihn umgab, nicht genießen. Wollt er sich eine Vorstellung über die Schönheit der Natur machen, so mußt er sich erst eine Landschaft zusammensetzen, wobei Italien und der Orient eine größere Rolle spielten als seine Heimath. Was war ihm schöne Natur ohne ein griechisches Tempelchen? Blasedow durchschaute die Rüge der Feldprediger Schmidtschen Poesien und sagte damals: »Daß ich zur Idylle des Landlebens geboren bin, ist unwahrscheinlich; wenigstens wär ich lieber ein Matrose und kletterte allmählich bis in den Mastkorb der Admiralität, als daß ich Candidat wurde und es nie werde weiter bringen, als höchstens dazu, einmal Ihr Superintendent zu werden, Tobianus! Nun ja, Sie scheinen selbst sagen zu wollen: daß es damit gute Wege hätte. Ich glaub es selbst und beneide den Vorzug nicht, den man Ihnen vielleicht geben dürfte. Da ich nun aber einmal auf die Natur angewiesen bin und sie mir nicht so wie meine Haare von der Stirne wegscheiteln kann, so find ich noch immer, daß Schmidt die pittoreske Seite der deutschen Landpfarrer am besten gezeichnet hat.«

Da sich überhaupt Blasedow an jenem Sonnabend besann, wie er seinen plastischen Unterricht mit Amandus beginnen sollte, so wollen wir diese Pause benutzen, um hier in der That seine Meinung über den Feldprediger Schmidt ausführlich einzuschalten. Er entwickelte sie aber folgendermaßen:

»Man hat viel zu überspannte Begriffe von der ländlichen Natur, und selbst von ihren Schönheiten kennt man nicht den eigentlichen Werth. Der Spaziergänger ist hier nur ein Eilwagenreisender. Wer diese Natur schätzen will, muß in ihrem Schoße leben. Das Landleben ist von Schmidt mit jener Gourmandise, die auch dem Kuhmist ein Arom abzugewinnen versteht, durchgekostet worden. Man kann versichert seyn, daß das Naturkätzchen, welches er schildert, sich nicht geleckt und geputzt hat. Er schildert keinen Baum, ohne daß man darauf auch die Raupe kriechen sähe. Er schildert keinen Topf Milch, in dem nicht auch eine Fliege läge.« Diese Wahrheit mag nicht delicat seyn; aber warum sie deßhalb auch unpoetisch ist, begriff Blasedow nicht.

»Wenn Schmidt einen Spaziergang macht, welche unübertreffliche Wahrheit weiß er über seinen Weg zu verbreiten,« fuhr er fort; »der Abschied von seiner Frau, die Perrücke, die sie ihm gesetzt hat, das Grüßen der Bauern über die Hecken, das Flattern der Bienen und Schillebolde um ihn her, die richtige Zeichnung alles dessen, was für nachgiebige Seelen das Landleben so reizend macht, scheint mir einen weit größern Beifall zu verdienen, als ihn Schmidt bisher errungen hat. Man denke sich den Pfarrer, wie er endlich eine kleine Anhöhe erklimmt hat. Oben steht eine Schafheerde und dabei ein kleiner Rollwagen, in welchem der Schäfer sich vor dem Regen zu schützen pflegt. Es zieht ein Gewitter heran, sagt der Schäfer und zeigt drüben hin nach Potsdam. Wie er diese Annäherung zeichnet, glaubt man es wirklich schon tröpfeln zu hören. Schmidt findet seine Zuflucht im Walde bei einem Köhler. Das Weitere läßt sich gar nicht so wieder erzählen. Das Wort Röhricht, von Schmidt ausgesprochen, hat für mich einen unendlichen Reiz, ebenso Bruch, Gehöft, Buchenwald, Eierkuchen. Dies Alles scheint von Poesie entblöst zu seyn. Allein was ist denn zuletzt Poesie, als eine wohnliche, heitere Erregung der Gefühle, namentlich eine heimische Erregung derselben. »Ich bin den Schmidtschen Idyllen,« sagte Blasedow, »so blind gefolgt, daß ich mir von Kindheit an kein größeres Glück, als das des Landpfarrers träumte. Allein so sind die menschlichen Neigungen. Ein Grundton bleibt in ihnen unveränderlich und brummt von den Anfängen des ersten Nachdenkens her, während die Melodie mit den Jahren so variirt, daß man im zwanzigsten Jahre ganz andere Arien singt, als im fünfzehnten. Ich behielt die gemüthliche Neigung zur Idylle, während Alles, was mit meiner Ueberzeugung und Willenskraft zusammenhängt, einen excentrischen Flug bekam, so daß ich die Reize der Entsagung wohl kenne, sie aber niemals über mich gewinnen werde, ich meine, auf die Länge nicht.«

 

»Will man die Unordnung der Natur, ihren Totaleffect sondern und poetisch lichten,« sagte Blasedow ferner, »so muß man es machen, wie Schmidt, oder, was dasselbe ist, wie eine Ziege, die heilsame und schädliche Kräuter durch Instinkt von einander zu trennen weiß. Bei ihm laufen die Blumen und Bäume nicht durcheinander. Er ist Kenner der Gewächse genug, um nicht gerade als Botaniker von ihnen zu sprechen, aber doch zu wissen, um welche Zeit z. B. die Camillenstaude blüht. Diese lyrischen Poeten, welche wir jetzt von Tag zu Tag an der Ofenwärme unsres politischen Bärenhäuterlebens ausbrüten, sprechen nicht selten von den Reizen des Monats Mai und rechnen Blumen zu denselben, welche erst im Herbste blühen. Diese Fehler rüg ich nicht aus Pedantismus. Nein, weil ich daran nur sehe, daß das Entzücken an der Natur bei diesen jungen und alten Hänflingen nicht von dem freien Felde herstammt, sondern aus einem messingenen Drahtbauer, wo sie zwar auch Hanf essen, ihn aber schon gequetscht erhalten. Schmidt kopirte nur die Natur. Wenn er seine Frau auf einem kleinen Kahne über einen Bach fährt, wo er kaum durch das Schilf hindurch kann, wenn er einen Brief bekömmt in dem Moment, wo er in einem noch unbelaubten Baume sitzt und die Zweige desselben stutzt, während seine Frau die Hühner füttert, wenn er mit zugeknöpftem Rock und breitkrämpigem Sebaldus Nothankerschen Hute unter einer Eiche während des heftigsten Regens in der Jungfernhaide steht oder mit übereinandergeschlagenen Beinen vor einem Waldbache auf einem Baumstumpfe sitzt und das Buch aus der Hand verliert, vor Entzückung über den Finken, der aus dem Gehölz so lustig schlägt ? ja, Tobianus, da soll mich der Kukuk holen, wenn Schmidt es nicht richtiger trifft, wo mein Herz sitzt, als all die neuen Poeten, die Sie, närrischer Mann, sich haben so sauber einbinden lassen, die immer vom Vogel in der Luft singen und ihn selber nie gehört haben, ja, nicht einmal wissen, wo die Lerchen im Winter bleiben. Sehen Sie, und was so respectabel an dem Mann ist, er lebt noch und hat nie mehr ein Zeichen von sich gegeben. Er sang sich aus und schilderte soviel, als er wußte, seine Natur. Er hat nie polemisirt gegen seine Gegner, er wurde nicht halsstarrig wie die Nicolais, als man sie nicht rühmen wollte. Er hört noch abendlich die Frösche quacken und denkt nicht einmal dabei an das Heer von Kritikern, die ihn so oft als Stichblatt ihres Witzes benutzt haben.«

Man wundre sich über diese Blasedowsche Apologie nicht! Man findet oft Menschen, die voller Poesie stecken, die einen ganzen Bienenschwarm lyrischer Gedanken, in sich den süßesten Honig webend, verbergen, und deren Begriffe vom Schönen durchaus nicht an das Sublime streifen, während die Oberflächlichen dagegen nicht Worte und Farben genug haben können, ehe sie ihre Bewunderung poetischer Leistungen auszudrücken vermögen. Das größte Talent gefällt sich und spiegelt sich wieder in einem Wassertropfen, während die Mittelmäßigkeit immer einen ganzen Ocean ausschüttet, um die Menge zu berauschen. Da ich mir aber nicht denken kann, daß nicht jeder meiner Leser von Blasedow mit Vergnügen hört, wie zart, trotz seiner rauhen äußern Nußschalennatur, doch sein innerer Kern war, so verschmäh ich auch diese Gelegenheit nicht, in die Jugend unsres Helden zurückzublicken und eine Erzählung wiederzugeben, die er damals, als er vom Feldprediger Schmidt sprach, an Tobianus über seine erste Predigt richtete. Lassen wir nichts unbemerkt, was uns Vertrauen zu unserm Manne einflößt. Wir werden leider noch früh genug wahrnehmen, daß sein ganzes zukünftiges Schicksal auf Thorheiten gegründet ist.

»Ich war kaum vier Monate von der Schule,« erzählte Blasedow, »kaum entwöhnt von den sogenannten Brüsten des classischen Alterthums, als ich in mir den Luftballon meines Ehrgeizes, der wenigstens so hoch steigen wollte, als eine Kanzel ist, nicht mehr zurückhalten konnte. Je leerer der Kopf, desto höher will er hinaus. Ich hatte mich noch ungewiß zwischen dem Christenthum und dem Alterthume gehalten und ließ mich während eines Semesters mehrere Male aus einer Facultät in die andere überschreiben, weil es bald hieß: für dies Stipendium muß man Philosoph, bald: für jenes muß man Theologe seyn. Ich hatte die Kirchengeschichte gerade bis zur ersten Christenverfolgung gebracht und in der Einleitung in die Bibel bis jetzt nur gelernt, welche Bücher unecht waren. Die echten ließ der Professor zurück und wurde am Schluß des Semesters so in die Enge gebracht, daß er in der That seine Vorlesungen mit dem Bedauern schloß, er hätte uns freilich nur die Unechtheit der Bibel während des Halbjahres bewiesen, woll es aber unserm eigenen Studium dringend anempfehlen, uns um die echten Bestandtheile derselben selbst zu kümmern. Das Evangelium Matthäi hatt ich von einem Gelehrten erklären hören, der es mit seinem äzenden Verstande in lauter verbrannte Trümmer verwandelte und uns Allen, als er seine Vorlesung später schloß, vorkam, als stieg er wie Scipio von dem Aschenhaufen des ehemaligen Numanz herab. Das war Schleiermacher. Was wußt ich von der Homiletik? Dennoch wollt ich predigen.«

»Ich begab mich eines Morgens in die Umgegend von.... in das Dörfchen Schwarzensee, welches aber lieber Weißensee hätte heißen sollen, der vortrefflichen Schafmilch wegen, die man dort auf guten Cichoriendecoct erhalten konnte. Ich suche den Pfarrer auf und bitte für den nächsten Sonntag um seine Kanzel. Er bewilligt sie mir unter zwei Bedingungen. Erstens, daß ich meine Predigt vom Probst Reuter unterschreiben ließe, zweitens, daß ich ihm erlaubte, ein wenig zu lachen. Ich wurde roth, weil ich dachte, daß die letzte Bedingung mir galt. Nein, sagt er, ich lache nur, weil Sie keine Zuhörer haben werden. Er wollte damit sagen, daß er selbst keine hätte. Ich versprach also, mir selbst eine Gemeinde mitzubringen.«

»Meine Predigt war schnell hingeworfen. Es war eine kühne Abhandlung über das Nosce te ipsum. Ich wollte zeigen, daß der Reue die Selbsterkenntniß vorangehen müsse, und war ehrlich genug, die Predigt aus meinem innersten Herzen herauszuschreiben. Es waren Rousseausche Selbstbekenntnisse, die ich auf die Kanzel von Schwarzensee bringen wollte. Ich war erst achtzehn Jahre alt, hatte aber geistig viel erlebt und war in der That ein großer Enthusiast für das Christenthum. Ich riß mir das Kleid meiner eigenen Gerechtigkeit vom Leibe. Ich zeigte mich in jener christlichen Blöse und Armuth, die lieber verhungern und erfrieren will, als prächtige Kleider tragen und kostbare Speisen genießen. Das jugendliche Werk übergab ich dem Probst Reuter.«

»Aber wie ritt dieser darüber her! Mensch, Mann, junger Mann, sagte er mit etwas lispelnd westphälischer Stimme, solche Dinge wollen Sie auf eine christliche Kanzel bringen? Wo ist die Eintheilung? Wo ist erster, zweiter, dritter Theil? Groß A, klein a, lateinisch A, dann griechisch ? und sofort? Diese Verwirrung kann Ihnen unmöglich bewilligt werden. Denn, gesetzt auch, Sie hätten ihr Thema statt zu variiren nicht carrikirt, so muß der Gemeinde doch klar werden, wo Sie ihre Ruhepunkte haben. Die Ruhepunkte des Predigers sind die Erweckungspunkte des Zuhörers. Wo Sie einen Absatz machen, macht die Aufmerksamkeit der Zuhörer einen Ansatz. Was Sie da geschrieben haben, flimmert Jedem, der es lesen oder hören soll, vor den Augen. Aber arbeiten Sie es um!«

»Ach, alle selbsterbaute Triumphpforten waren mit dieser pröbstischen Erklärung eingerissen. Die schönen Selbstlobsfestons, die sich über sie hinzogen, verwelkten. All meine Unsterblichkeit verwandelte sich in eine vom Lehrer roth angestrichene Schülerarbeit. Ich hatte allerdings mit so großer Aufrichtigkeit gegen mich selbst in meiner Predigt gepredigt, hatte mich an den langen christlichen Demuthshaaren mit meinem Plato- und Sokratesstolze im Staube der eingestandenen Unzulänglichkeit aller Selbstrechtfertigung geschleift, daß eine Dorfkanzel, von diesen Predigtwolken eingehüllt, sich in den Dreifuß der pythischen Göttin würde verwandelt haben, in ein unauflösbares Räthsel. Ich bemitleidete jedoch den Probst Reuter, der mir noch ganz mit dem alten Geschirr der Wolfschen Philosophie das Christenthum aufzuzäumen schien. Meinen Fixsternhimmel ahnte er nicht, meine Sonnen zogen sich in andern als Krummacherschen Parabeln über das Firmament.«

»Dennoch begann ich die tropische Pflanzenpracht meiner exotischen Abhandlung zu säubern. Der Unterschrift des Probstes opferte ich als Unkraut alle duftende Phantasieblüthen, alle wilde Cactus, die ich in meinem Garten gepflanzt hatte. Ich setzte an ihre Stelle ländliche, perikopische Gänseblümchen. Gegen das Ende zu, wo ich wie ein rasender Ajax am meisten gegen mich gewüthet, wo ich meiner stoischen Selbstgenügsamkeit den Todesstoß versetzt und aus meiner klaffenden Wunde einen ganzen Glockenwald von Hyacinthen hatte hervorklingen und duften lassen, schnitt ich die herrlichen Blumen oben ab, so daß nur noch die Zwiebeln unten zurückblieben, welche auf den Gebrauch der Schnupftücher in der Gemeinde wirken sollten. Ich verflachte meine idealische Schweiz, die dem Probst Reuter wie eine Sammlung logischer Pockennarben erschienen war. Ich warf meinen Rigi in den Zürichersee, steckte von Meile zu Meile eine rothe Fahne der logischen Feldmeß- und Disponirkunst auf und klopfte zum zweiten Mal auf den kahlen Dornenbusch, aus welchem das rothe Antlitz des Probsten leuchtete. Allein er war verreist. Meine Predigt hätte nicht gehalten werden können, wenn ich nicht Muth gehabt hätte, Christi wegen eine Lüge zu wagen.«

»Der Pfarrer von Schwarzensee hatte schon fest auf meine Kreuzesabnahme für den nächsten Sonntag gerechnet. Er ahnte nicht, daß er einem Schismatiker ohne pröbstisches Visa seine Kanzel, seinen Talar und seine Bäffchen einräumte. Er hatte auf meine Logik gerechnet, das Visa als erhalten vorausgesetzt und sich ins freie Feld beurlaubt. Ich fuhr am Morgen des verhängnißvollen Tages in einer großen Familienkutsche, in welcher alle meine Angehörigen Platz genommen hatten, auf den Richtplatz hinaus und grüßte alle Welt nach Art hoffnungsloser Delinquenten. Meine Schwestern und Tanten empfanden heute zum ersten Male eine Art heiliger Scheu vor mir und äußerten zu öftern Malen die Besorgniß, daß ich vielleicht selbst welche hätte. Kurz vor Schwarzensee stieg ich aus, zog noch einmal meinen unvidimirten Paß zur Reise auf die Kanzel hervor und überlas einige Stellen, die ich nicht gut memorirt hatte, weil meine Schwestern den Puppenkopf, vor welchem ich die Rede einstudirte, einige Augenblicke selber brauchten. Damit ich jedoch nicht vom Dorfe aus als noch in meiner geistlichen Toilette und Sonnabendsarbeit begriffen beobachtet würde, ging ich die Landstraße rückwärts voran. Ich mußte endlich die Nähe des Dorfes berücksichtigen und ergab mich denn blindlings meinem Gedächtnisse, indem ich, unbekümmert um die Spottgrüße und Ahasverssatiren einiger akademischer Freunde, mein Kreuz in die Pfarrwohnung hinauftrug. Hier erwartete mich längst der Küster. Nach dem Visa meiner Predigt fragte Niemand, als höchstens mein Gewissen. Ich schlüpfte in die äußern Zeichen meines Amtes hinein, hätte aber beinahe Unglück gehabt mit jener großen calvinistischen Mütze, die, einem umgekehrten Suppennapfe ähnlich, doch weit lieber den Namen eines Hutes verdient hätte. Diese Mauerkrone kommender Verdienste war für meinen Kopf viel zu groß und für die Thätigkeit meines erhitzten und memorirenden Verstandes viel zu schwer. Ich setzte mich nicht ohne Besorgniß in Bewegung, ich möchte das Gleichgewicht meines Oberkörpers und dazu die Mütze selbst verlieren. Indem ich hinten aus der Pfarrwohnung schritt und mich durch die Gräber des Kirchhofs in die schon im vollen Glockenspiel begriffene Kirche begab, hatt ich meine größte Noth, mit dem Kopfe hin und her zu balanciren. Diese äquilibristische Beschäftigung nahm meine Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß ich nicht einmal vor der Kirchthüre daran dachte, mich von der Bürde zu befreien, sondern wie ein jüdischer Hoherpriester zog ich mit meinem Pfannendeckel durch die ganze Kirche hindurch, die glücklicherweise zu klein war, als daß ich mich unterweges noch hätte besinnen und in der Nähe des Altars nun gar noch auffallenderweise erst entblösen können. Der Küster sagte nichts zu dieser jüdischen Neuerung, als ich hinter die spanische Wand, welche die Sacristei vorstellte und mit ländlichen Frescogemälden geschmückt war, trat, sondern er spielte schon tapfer auf der Orgel herum, obschon noch kein Ton vernommen wurde. Mir wurde himmelangst, wie ich den Mann so vergeblich in das lautlose Nichts hineintasten sah. Endlich war aber von Hinten (denn nun bemerkt ich bald auf einer Leiter zwei flachshaarige Bauernbuben, die hinten die Stricke zogen) Luft in die Pfeifen hineingekommen, und ein taumelnder Rhythmus bemächtigte sich allmählich der musikalischen kleinen Maschine. Ich hatte vielleicht acht Zuhörer gezählt. Der Chor würde auch ganz ausgeblieben seyn, wenn nicht ein Schulknabe, der wahrscheinlich ein Stipendium genoß, das »Vom Himmel hoch, da komm ich her!« aus irgend einem entlegenen Winkel des Schiffes, wo ich ihn gar nicht sah, recht dreist hervorgekräht hätte.«

»Auf der Kanzel hätt ich beinahe ein Unglück gehabt. Ihr Pult war nämlich ein so einfaches Brett, daß nicht einmal eine Leiste rings herum ging, und mein Manuscript um ein Haar mit dem langen Priesterrockärmel hinuntergefegt worden wäre. Der Gedanke, daß dies geschehen könnte, brachte mich schon in die größte Verwirrung. Wie sollt ich mich bei einer begeisterten Stelle halten, und wo die Arme? Konnt ich zum Himmel emporsteigen, ohne nicht dabei ein wenig mit den Flügeln zu klatschen? Ich hatte mir ungemein viel Wirkung von einer Glanzstelle versprochen, wo ich den rechten Arm weit in die Kirche hinausstrecken wollte, um gleichsam als Schatzgräber das geweihte Erdreich von Menschenherzen unter mir zu beschwören und eine Vorstellung von dem jüngsten Gericht zu erwecken, zu welchem rechter Hand ein Engel, der die Hauptverzierung der Orgel bildete, schon die Posaune blies. Diese Gebärde mußt ich aufgeben, weil sie mich nicht nur um meine Predigt, sondern auch um das Verzeichniß von Brautpaaren hätte bringen können, die gesonnen waren, in den Stand der heiligen Ehe zu treten. Dennoch erholt ich mich, als ich erst in voller Anstrengung war. Die Rede zündete wie ein Blitz all das verfaulte Holz, was ich mir von Christenseelen aus der Stadt mitgebracht hatte, an; ja, einer Cousine, die sich ganz abseits gesetzt hatte, zerfloß ihr irdischer Mensch in so viel Rührung, daß ich selbst nur um so härter wurde, theils, um mich zu wappnen, theils, weil mirs so gut gelang. Sie liebte mich und gestand mir später, daß ihre Thränen weitmehr mir, als sich selbst gegolten hätten.«

»Ich hatte geendet, und den acht bis zwölf Fischen, die in meinem Petrinetze zappelten, die Freiheit gegeben. Die Orgel spielte ein Recitativ, welches man, weil keine Ordnung darin war, wahrscheinlich für eine Bachsche Fuge halten sollte. Die Armenbüchse vor der Thüre verwandelte sich in meinen Augen in ein ganzes Spital Lahmer und Blinder, so daß ich fast all mein Hab und Gut hineingeworfen, wenn ich mir nicht eingebildet hätte, mein Rock läge in der Pfarrwohnung. Ich hatte vergessen, daß ich ja den Talar nur übergeworfen hatte und keineswegs mit Hemdärmeln darin stack. Der Pfarrer war noch immer von seinem lustigen Urlaub nicht zurück. Ich aber lief spornstreichs, um in die Familienkutsche zu kommen und mich noch recht an der Verheerung zu weiden, die ich so eben unter meinen Anverwandten gestiftet hatte. Meine Cousine, die ich doch am meisten zerknirscht, sprach mir Muth auf dem Wege der Selbstbesserung, den ich nun wohl einschlagen dürfte, zu. Sie ermunterte mich, meine Fehler einzusehen und nach meinen Worten nun auch zu handeln. Die Sonnen, welche sich in ihren Thränen spiegelten, verwandelten sich aber doch alle nur in goldne Fingerringe. Sie gab sich das Ansehen, von der christlichen Märtyrerkrone zu sprechen, und dachte im Grunde dabei nur an die bräutliche Myrthenkrone und an meine ledige Hand.«

»Acht Tage nach diesem geistlichen Debüt,« schloß Blasedow seine Erzählung, »konnt ich das Glück haben, relegirt zu werden. Ich hatte die Kanzel bestiegen ohne Reuter, als geistlichen Vorreuter. Ich hatte den Talar und die weißen Bäffchen erschlichen und wurde in einen weitläufigen Religionsproceß verwickelt, der zwar nicht mit dem Holzstoß Hussens endete, aber doch damit, daß, wenn Huß bekanntlich eine Gans bedeutet, der Pfarrer von Schwarzensee davon ein Paar in die Probstei schicken mußte, um sich selbst von der Strafe zu befreien, die nun auch gegen mich gemildert wurde. Das am Spieß prasselnde Gänsefett genügte dem Probst Reuter, der etwas braten sehen wollte und zu meinem Glücke dasjenige Opfer vorzog, welches er selbst später verzehren konnte.«

Wir sind durch Mittheilung dieser Jugendanekdote unsers Freundes so sehr von seinen gegenwärtigen Schicksalen abgekommen, daß wir, um das Ebenmaß der Erzählung wieder herzustellen, wohl genöthigt sind, ihrem ferneren Verlaufe ein neues Kapitel zu widmen.



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